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Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + Geschwister Tanner + + Roman + von + Robert Walser + + Zweite Auflage + + Verlag von Bruno Cassirer + Berlin + + + + +Erstes Kapitel. + + +Eines Morgens trat ein junger, knabenhafter Mann bei einem Buchhändler +ein und bat, daß man ihn dem Prinzipal vorstellen möge. Man tat, was er +wünschte. Der Buchhändler, ein alter Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen, +sah den etwas schüchtern vor ihm Stehenden scharf an und forderte ihn +auf, zu sprechen. »Ich will Buchhändler werden,« sagte der jugendliche +Anfänger, »ich habe Sehnsucht darnach und ich weiß nicht, was mich davon +abhalten könnte, mein Vorhaben ins Werk zu setzen. Unter dem Buchhandel +stellte ich mir von jeher etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht, +warum ich immer noch außerhalb dieses Lieblichen und Schönen schmachten +muß. Sehen Sie, mein Herr, ich komme mir, so wie ich jetzt vor Ihnen +dastehe, außerordentlich dazu geeignet vor, Bücher aus Ihrem Laden zu +verkaufen, so viele, als Sie nur wünschen können zu verkaufen. Ich bin +der geborene Verkäufer: galant, hurtig, höflich, schnell, +kurzangebunden, raschentschlossen, rechnerisch, aufmerksam, ehrlich und +doch nicht so dumm ehrlich, wie ich vielleicht aussehe. Ich kann Preise +herabsetzen, wenn ich einen armen Teufel von Studenten vor mir habe, und +kann Preise hochschrauben, um den reichen Leuten ein Wohlgefallen zu +erweisen, von denen ich annehmen muß, daß sie manches Mal nicht wissen, +was sie mit dem Geld anfangen sollen. Ich glaube, so jung ich noch bin, +einige Menschenkenntnis zu besitzen, außerdem liebe ich die Menschen, so +verschiedenartig sie auch sein mögen; ich werde also meine Kenntnis der +Menschen nie in den Dienst der Übervorteilung stellen, aber auch +ebensowenig daran denken, durch allzu übertriebene Rücksichtnahme auf +gewisse arme Teufel Ihr wertes Geschäft zu schädigen. Mit einem Wort: +meine Liebe zu den Menschen wird angenehm balancieren auf der Wage des +Verkaufens mit der Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir +ebenso notwendig erscheint für das Leben wie eine Seele voll Liebe: Ich +werde schönes Maß halten, dessen seien Sie zum voraus versichert.« -- +Der Buchhändler sah den jungen Mann aufmerksam und verwundert an. Er +schien im Zweifel darüber zu sein, ob sein _Vis-à-vis_, das so hübsch +sprach, einen guten Eindruck auf ihn mache, oder nicht. Er wußte es +nicht genau zu beurteilen, es verwirrte ihn einigermaßen und aus dieser +Befangenheit heraus frug er sanft: »Kann ich mich denn, mein junger +Mann, geeigneten Ortes über Sie erkundigen?« Der Angeredete erwiderte: +»Geeigneten Ortes? Ich weiß nicht, was Sie einen geeigneten Ort nennen! +Mir würde es passend erscheinen, wenn Sie sich gar nicht erkundigen +wollten. Bei wem sollte das sein, und was für einen Zweck könnte das +haben? Man würde Ihnen allerlei über mich hersagen, aber genügte denn +das auch, Sie meinetwegen zu beruhigen? Was wüßten Sie von mir, wenn man +Ihnen zum Beispiel auch sagte, ich sei aus einer sehr guten Familie +entsprossen, mein Vater sei ein achtbarer Mann, meine Brüder tüchtige, +hoffnungsvolle Menschen und ich selber sei ganz brauchbar, ein bißchen +flatterhaft, aber zu Hoffnungen nicht unberechtigt, ein bißchen dürfe +man mir schon vertrauen, und so weiter? Sie wüßten doch nichts von mir +und hätten absolut nicht die kleinste Ursache, mich nun mit mehr Ruhe in +Ihr Geschäft als Verkäufer anzunehmen. Nein, Herr, Erkundigungen taugen +in der Regel keinen Pfifferling, ich rate Ihnen, wenn ich mir Ihnen, dem +alten Herrn gegenüber einen Ratschlag herausnehmen darf, entschieden +davon ab, weil ich weiß, daß, wenn ich geeignet und beschaffen wäre, Sie +zu hintergehen und die Hoffnungen, die Sie, gestützt auf Informationen, +auf mich setzen, zu täuschen, ich dies in um so größerem Maße täte, je +besser besagte Erkundigungen lauten würden, die dann nur gelogen hätten, +weil sie Gutes von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn Sie gedenken, +mich zu verwenden, so bitte ich Sie, etwas mehr Mut zu bezeigen als die +meisten andern Prinzipale, mit denen ich zu tun hatte, und mich einfach +auf den Eindruck hin anzustellen, den ich Ihnen hier mache. Außerdem +würden einzuziehende Erkundigungen über mich nur schlecht lauten, um +offen die Wahrheit zu sagen.« + +»So? Warum denn? --« + +»Ich bin noch überall, wo ich gewesen bin,« fuhr der junge Mensch fort, +»bald weitergegangen, weil es mir nicht behagt hat, meine jungen Kräfte +versauern zu lassen in der Enge und Dumpfheit von Schreibstuben, wenn es +auch, nach aller Leute Meinung, die vornehmsten Schreibstuben waren, zum +Beispiel gerade Bankanstalten. Gejagt hat man mich bis jetzt noch +nirgends, ich bin immer aus freier Lust am Austreten ausgetreten, aus +Stellungen und Ämtern heraus, die zwar Karriere und weiß der Teufel was +versprachen, die mich aber getötet hätten, wenn ich darin verblieben +wäre. Man hat, wo ich auch immer gewesen bin, regelmäßig meinen Austritt +bedauert und mein Tun beklagt, mir eine schlimme Zukunft versprochen, +aber doch den Anstand besessen, mir Glück auf meine fernere Laufbahn zu +wünschen. Bei Ihnen (und des jungen Mannes Stimme wurde auf einmal +treuherzig), Herr Buchhändler, werde ich es sicherlich jahrelang +aushalten können. Jedenfalls spricht vieles dafür, Sie zu veranlassen, +einmal einen Versuch mit mir zu machen.« Der Buchhändler sagte: »Ihre +Offenherzigkeit gefällt mir, ich will Sie probeweise acht Tage in meinem +Geschäft arbeiten lassen. Taugen Sie, und machen Sie dann Miene, weiter +bei mir zu bleiben, so wollen wir weiter miteinander reden.« Mit diesen +Worten, die zugleich des jungen Stellesuchers vorläufige Entlassung +bedeuteten, klingelte der alte Herr an der elektrischen Leitung, worauf, +wie von einem Strom herbeigeweht, ein kleiner, ältlicher, bebrillter +Mann erschien. + +»Geben Sie diesem jungen Herrn eine Beschäftigung!« + +Die Brille nickte. Damit war nun Simon Buchhandlungsgehilfe geworden. +Simon, ja so hieß er nämlich. -- + + * * * * * + +Um diese Zeit herum machte sich einer der Brüder Simons, der in einer +Residenzstadt wohnhafte und dort namhaft bekannte Doktor Klaus, Sorgen +wegen seines jungen Bruders Betragen. Es war dies ein guter, stiller, +pflichttreuer Mensch, der gar zu gern gesehen hätte, wenn seine Brüder +so wie er, der Älteste, im Leben einen festen, achtunggebietenden Boden +unter die Füße bekommen hätten. Dies war aber so sehr nicht der Fall, +wenigstens bis jetzt, ja so sehr war das Gegenteil der Fall, daß Doktor +Klaus anfing, in seinem Herzen sich Selbstvorwürfe zu machen. Er sagte +sich zum Beispiel: »ich hätte derjenige sein sollen, der schon längst +allen Grund hätte haben müssen, diese Brüder auf die rechte Bahn zu +leiten. Ich habe es bis jetzt versäumt. Wie konnte ich nur diese Pflicht +versäumen und so weiter.« Doktor Klaus kannte tausende von kleinen und +großen Pflichten, und es mochte bisweilen den Anschein tragen, als sehne +er sich nach noch mehr Pflichten. Er war einer von den Menschen, die +sich, aus Pflichterfüllungsbedürfnis, in ein ganzes, beinahe +zusammenstürzendes Gebäude von lauter sauren Pflichten stürzen, aus +Angst, es möchte vorkommen, daß ihnen eine geheime, wenig bemerkbare +Pflicht davonliefe. Sie schaffen sich viele unruhige Stunden wegen +solcher unerfüllten Pflichten, denken nicht daran, daß eine Pflicht +immer eine neue auf den Übernehmer der ersten ladet und glauben, schon +etwas wie eine Pflicht erfüllt zu haben, wenn sie sich wegen deren +dunklen Vorhandenseins ängstigen und beunruhigt fühlen. Sie mengen sich +leicht in Vieles, was sie, wenn sie weniger sorgenvoll darüber +nachdächten, in Gottes Welt gar nichts angeht, und wollen auch gern +andere so sorgenbelastet sehen. Sie pflegen mit Neid auf Unbefangene und +Pflichtenfreie zu blicken und sie dann leichtfertige Menschenbrüder zu +schelten, weil sie so schön, mit so leicht erhobenem Kopf, durch das +Leben ziehen. Doktor Klaus zwang sich des öftern zu einer gewissen +kleinen, bescheidenen Sorglosigkeit, aber immer wieder kehrte er zu den +grauen, trüben Pflichten zurück, in deren Bann er wie in einem dunklen +Gefängnis schmachtete. Er hatte vielleicht einmal die Lust zum +Abbrechen, damals als er noch jung war, aber ihm fehlte die Kraft, +etwas, das wie eine mahnende Pflicht aussah, unerledigt hinter sich zu +lassen und darüber mit einem Lächeln der Wegwerfung hinwegzuschreiten. +Wegwerfung? O, er warf nie etwas weg! Es hätte ihn, so deuchte ihn, wenn +er es einmal versuchen wollte, von unten bis oben zerschnitten; er würde +immer des Weggeworfenen mit Schmerz gedacht haben. Er warf nie etwas weg +und er verlor sein junges Leben damit, zurechtzulegen und zu +untersuchen, was nie der Untersuchung, Prüfung, Liebe und Beachtung wert +war. So war er denn älter geworden, und weil er denn doch durchaus nicht +etwa ein empfindungs- und phantasieloser Mensch war, machte er sich oft +schwere Vorwürfe darüber, daß er die Pflicht versäumte, selbst ein +bißchen glücklich zu sein. Das war nun wieder ein neues +Pflichtversäumnis und bewies nur auf das Allertreffendste, daß es eben +Pflichtmenschen nie gelingt, alle ihre Pflichten zu erfüllen, ja, daß es +solchen am leichtesten vorkommen kann, über ihre Hauptpflichten +hinwegzusehen, um erst später, wenn es vielleicht schon zu spät geworden +ist, ihrer wieder zu gedenken. Doktor Klaus war mehr als einmal traurig +über sich, wenn er des lieblichen Glücks gedachte, das ihm entschwunden +war, des Glücks, sich mit einem jungen, lieben Mädchen verbunden zu +sehen, das natürlich ein Mädchen aus tadelloser Familie hätte sein +müssen. Um diese Zeit herum, als er mit Wehmut seiner selber gedachte, +schrieb er an seinen Bruder Simon, den er aufrichtig lieb hatte und +dessen Betragen in der Welt ihn beunruhigte, einen Brief, der ungefähr +folgendermaßen lautete: + +Lieber Bruder. Du scheinst gar nichts über Dich schreiben zu wollen. +Vielleicht geht es Dir nicht gut und schreibst deshalb nicht. Du bist +wieder, wie nun schon so oftmals, ohne eine feste, fixierte Tätigkeit, +ich habe es zu meinem Leidwesen erfahren müssen, und zwar von fremden +Menschen. Von Dir darf ich, wie es scheint, keine aufrichtigen Berichte +mehr erwarten. Glaube nur, dies schmerzt mich. Es sind jetzt so viele +Dinge, die mich nur unangenehm berühren, mußt auch Du, von dem ich mir +immer vieles versprach, dazu beitragen, meine Stimmung, die aus vielen +Ursachen keine rosige ist, zu verdunkeln? Ich hoffe noch, aber laß mich, +wenn Du Deinen Bruder noch ein bißchen lieb hast, nicht allzulang +vergeblich auf Dich hoffen. Mache doch einmal etwas, das einen +berechtigen könnte, an Dich, sei es in dieser oder jener Hinsicht, noch +zu glauben. Du hast Talent und besitzest, wie ich mir gerne einbilde, +einen hellen Kopf, bist auch sonst klug, und in allen Deinen Äußerungen +spiegelte sich immer der gute Kern wieder, den ich in Deiner Seele von +jeher wußte. Warum nun aber, da Du doch die Einrichtungen dieser Welt +einmal kennst, immer wieder so wenig Ausdauer, so rasch wieder der +Sprung in etwas anderes? Ängstigt Dich Dein eigenes Betragen gar nicht? +Ich muß Kraft in Dir vermuten, daß Du diesen immerwährenden +Berufswechsel, der zu nichts in der Welt taugt, ertragen kannst. Ich an +Deiner Stelle würde längst an mir verzweifelt haben. Ich verstehe Dich +wirklich nicht in diesem Punkt, aber ich gebe gerade aus diesem Grunde +keineswegs die Hoffnung auf, Dich nun einmal energisch eine Laufbahn +ergreifen zu sehen, nachdem Du sattsam genug mußtest die Erfahrung +gemacht haben, daß ohne Geduld und guten Willen auf der Welt nichts zu +erreichen ist. Und Du willst doch sicher etwas erreichen. So ganz +unehrgeizig kenne ich Dich wenigstens nicht. Mein Rat ist nun der: Harre +aus, füge Dich drei oder vier kurze Jahre unter eine strenge Arbeit, +folge Deinen Vorgesetzten, zeige, daß Du etwas leisten kannst, aber +auch, daß Du Charakter besitzest, dann wird sich Dir eine Bahn eröffnen, +die Dich durch die ganze bekannte Welt führt, wenn Du Lust zum Reisen +hast. Welt und Menschen werden sich Dir in ganz anderer Weise zu +erkennen geben, wenn Du wirklich etwas bist, wenn Du der Welt etwas +bedeuten kannst. So, scheint es mir, wirst Du vielleicht weit mehr +Genugtuung am Leben finden, als selbst der Gelehrte, der, obschon er die +Fäden, an denen alles Leben und Wirken hängt, genau erkennt, doch an die +enge Welt seines Studierzimmers gefesselt bleibt, wo ihm, wie ich aus +eigener Erfahrung sagen darf, oft nicht behaglich zumute ist. Noch ist +es Zeit, daß Du ein ganz hervorragend tüchtiger Kaufmann werden kannst, +und Du weißt gar nicht, in welchem Maße gerade der Kaufmann Gelegenheit +hat, sein Leben zu einem von Grund aus lebensvollen Leben zu gestalten. +Wie Du jetzt bist, schleichst Du nur so um die Ecken und durch die +Spalten des Lebens: das soll aufhören. Vielleicht hätte ich da früher, +viel früher eingreifen, hätte Dir mehr mit Taten als mit bloßen, +ermahnenden Worten emporhelfen sollen, aber ich weiß nicht bei Deinem +stolzen Sinn, der darauf gerichtet ist, Dir immer und überall selber zu +helfen, hätte ich Dich vielleicht eher kränken als Dich wirklich +überzeugen können. Was tust Du jetzt mit Deinen Tagen? Erzähle mir doch +davon. Ich verdiene es vielleicht, um der Sorge willen, die ich mir +Deinetwegen mache, daß Du etwas gesprächiger und mitteilsamer mir +gegenüber wirst. Ich selber, was bin ich denn für einer, daß man sich +hüten sollte, mir unbefangen und vertraulich in die Nähe zu treten? Bin +ich Dir ein Gefürchteter? Was gibt es an mir zu meiden? Etwa den +Umstand, daß ich der »Ältere« bin und vielleicht etwas mehr weiß, als +Du? Nun denn, so wisse, daß ich froh wäre, noch einmal jung zu werden, +und unvernünftig und unwissend. Ich bin nicht ganz so froh, lieber +Bruder, wie es der Mensch sein sollte. Ich bin nicht glücklich. +Vielleicht ist es zu spät für mich, noch glücklich zu werden. Ich bin +jetzt in einem Alter, wo der Mann, der noch kein eigenes Heim hat, nicht +ohne die schmerzlichste Sehnsucht der Glücklichen gedenkt, die die Wonne +genießen, über der Leitung ihres Haushaltes eine junge Frau besorgt zu +sehen. Ein Mädchen zu lieben, das ist schön, Bruder. Und es ist mir +versagt. -- Nein, Du brauchst mich gar nicht zu fürchten, ich bin es, +der Dich wieder aufsucht, der Dir schreibt, der hofft, es werde ihm +freundlich und zutraulich geantwortet. Du stehst vielleicht reicher da, +als ich, hast mehr Hoffnungen und viel mehr Recht, solche zu hegen, hast +Pläne und Aussichten, von denen ich mir nicht einmal etwas träume, ich +kenne Dich eben nicht mehr ganz, und wie wäre das auch möglich nach +Jahren der Trennung. Laß mich Dich wieder kennen lernen und zwinge Dich, +mir zu schreiben. Vielleicht erlebe ich es noch, meine Brüder alle +glücklich zu sehen; Dich möchte ich jedenfalls froh wissen. Was macht +Kaspar? Schreibt Ihr Euch? Was macht seine Kunst? Ich möchte gerne auch +von ihm etwas erfahren. Lebe wohl, Bruder. Vielleicht sprechen wir bald +einmal miteinander. Dein Klaus. + +Nach Ablauf von acht Tagen trat Simon, als es Abend wurde, zu seinem +Prinzipal ins Kabinett und hielt diesem folgende Ansprache: »Sie haben +mich enttäuscht, machen Sie nur nicht solch ein verwundertes Gesicht, es +läßt sich nicht ändern, ich trete heute aus Ihrem Geschäft wieder aus +und bitte Sie, mir meinen Lohn auszubezahlen. Bitte, lassen Sie mich +ausreden. Ich weiß nur zu genau, was ich will. In den acht Tagen ist mir +der ganze Buchhandel zum Greuel geworden, wenn er darin bestehen soll, +vom frühen Morgen bis am späten Abend, während draußen die sanfteste +Wintersonne scheint, an einem Pult zu stehen, den Buckel zu krümmen, +weil das Pult viel zu klein für meine Figur ist, zu schreiben wie der +verflucht-erst-beste Schreiber und eine Beschäftigung zu erfüllen, die +sich für meinen Geist nicht ziemt. Ich kann ganz anderes leisten, mein +Herr Buchhändler, als was man hier glaubt, für mich erübrigen zu können. +Ich glaubte, ich könne bei Ihnen Bücher verkaufen, elegante Menschen +bedienen, einen Bückling machen und adieu sagen zu Käufern, wenn sie im +Begriffe sind, den Laden zu verlassen. Auch dachte ich, ich bekäme +Gelegenheit, einen Blick in das geheimnisvolle Wesen des Buchhandels zu +werfen und die Züge der Welt im Gesichte und Gang des Geschäftes zu +erhaschen. Aber nichts von alledem. Glauben Sie, es stände so schlimm +mit meiner Jugend, daß ich nötig hätte, sie in einem nichtsnutzigen +Bücherladen zu verkrümmen und zu ersticken? Sie irren sich zum Beispiel +auch, wenn Sie der Meinung sind, der Buckel eines jungen Menschen sei +dazu da, um krumm zu werden. Warum haben Sie mir nicht ein gutes, +anständiges, mir angemessenes Sitz- oder Stehpult angewiesen? Gibt es +nicht prachtvolle Schreibpulte nach amerikanischem Schnitt? Wenn man +schon einen Angestellten will, so meine ich, muß man ihn auch +unterzubringen wissen. Das wußten Sie, wie es scheint, nicht. Weiß Gott, +es wird alles mögliche von einem jungen Anfänger verlangt: Fleiß, Treue, +Pünktlichkeit, Takt, Nüchternheit, Bescheidenheit, Maß und +Zielbewußtheit und wer weiß was noch alles. Wem aber fiele es je ein, +irgend welche Tugenden von einem Herrn Prinzipal zu verlangen. Soll ich +meine Kräfte, meine Lust, tätig zu sein, meine Freude an mir selber, und +das Talent, daß ich das so glänzend imstande bin, an ein altes, mageres, +enges Buchladenpult wegwerfen? Nein, ehe ich das täte, könnte es mir +vorher einfallen, unter die Soldaten zu gehen und meine Freiheit +vollends zu verkaufen, nur um sie überhaupt nicht mehr zu besitzen. Ich +bin nicht gern, gnädiger Herr, der Besitzer von etwas Halbem, lieber +will ich zu den ganz Besitzlosen gehören, dann gehört mir meine Seele +wenigstens noch an. Sie werden denken, es zieme sich wenig, so heftig zu +reden, und dies sei auch nicht der schickliche Ort zu einer Rede: +Wohlan, ich schweige, bezahlen Sie mich, wie es mir zukommt, und Sie +werden mich nie wieder zu Gesicht bekommen.« + +Der alte Buchhändler war ganz erstaunt, den jungen, stillen, +schüchternen Menschen, der während der acht Tage so zuverlässig +gearbeitet hatte, nun in solcher Weise sprechen zu hören. Aus dem +anstoßenden Arbeitsraume sahen und horchten einige fünf +zusammengedrängte Köpfe von Beamten und Handlungsdienern der Szene zu. +Der alte Herr sprach: »Wenn ich das von Ihnen vermutet hätte, Herr +Simon, würde ich mich besonnen haben, Ihnen in meinem Geschäfte Arbeit +zu geben. Sie scheinen ja ganz merkwürdig wankelmütig zu sein. Weil +Ihnen ein Schreibpult nicht paßt, will Ihnen gleich das Ganze nicht +passen. Aus welcher Gegend der Welt kommen Sie denn her und gibt es dort +lauter junge Leute von Ihrem Schlag? Sehen Sie, wie Sie nun vor mir +altem Manne dastehen. Sie wissen wohl selbst nicht, was Sie in Ihrem +unreifen Kopf eigentlich wollen. Nun, ich halte Sie nicht davon ab, von +mir wegzugehen, hier ist Ihr Geld, aber offen gestanden, es hat mir +nicht Freude gemacht.« Der Buchhändler zahlte ihm sein Geld aus, Simon +strich es ein. + +Als er nach Hause kam, sah er den Brief seines Bruders auf dem Tisch +liegen, er las ihn und dachte dann bei sich: »Er ist ein guter Mensch, +aber ich werde ihm nicht schreiben. Ich verstehe es nicht, meine Lage zu +schildern, sie ist auch gar nicht des Beschreibens wert. Zu Klagen habe +ich keinen Anlaß, zu Freudesprüngen ebensowenig, zu schweigen allen +Grund. Es ist wahr, was er schreibt, aber eben deshalb will ich es bei +der Wahrheit bewenden lassen. Daß er unglücklich ist, hat er mit sich +selbst abzumachen, aber ich glaube gar nicht, daß er so sehr unglücklich +ist. Das klingt in Briefen so. Man wird während des Schreibens einfach +fortgerissen zu unvorsichtigen Äußerungen. In den Briefen will die Seele +immer zu Wort kommen und sie blamiert sich in der Regel. Ich schreibe +also lieber nicht.« -- Damit war die Sache abgetan. Simon war voller +Gedanken, schöner Gedanken. Wenn er dachte, kam er ganz unwillkürlich +auf schöne Gedanken. Am nächsten Morgen, die Sonne blendete hell, +meldete er sich beim Stellenvermittlungsbureau. Der Mann, der dort saß +und schrieb, stand auf. Der Mann kannte Simon sehr gut und pflegte mit +ihm mit einer Art spöttischer, hübscher Vertrautheit zu verkehren. »Ah, +Herr Simon! Sind Sie wieder da! In welcher Angelegenheit kommen Sie +denn?« + +»Ich suche eine Stelle.« + +»Sie haben schon zu wiederholten Malen Stelle gesucht bei uns, man +möchte versucht sein, zu sagen: Sie suchen mit einer unheimlichen +Schnelligkeit Stellen.« Der Mann lachte, aber leise, denn eines groben +Lachens war er doch nicht fähig. »Wo waren Sie denn zuletzt beschäftigt, +wenn man Sie fragen darf?« + +Simon erwiderte: »Ich war Krankenwärter, und es stellte sich heraus, daß +ich alle Eigenschaften besitze, um die Kranken pflegen zu können. Warum +staunen Sie so sehr bei dieser Eröffnung? Ist es so fürchterlich +seltsam, wenn ein Mann in meinem Alter verschiedenen Berufsarten +nachgeht, wenn er den Versuch macht, sich den verschiedenartigsten +Menschen nützlich zu erweisen? Ich finde das hübsch an mir, weil ich +dabei etwas tue, was einen gewissen Mut erfordert. Mein Stolz wird in +keiner Weise verletzt dadurch, im Gegenteil, ich bilde mir etwas darauf +ein, allerhand Lebensaufgaben lösen zu können und nicht vor +Schwierigkeiten zu zittern, vor denen die meisten Menschen +zurückschrecken. Man kann mich brauchen, diese Gewißheit genügt mir, um +meinen Stolz zu befriedigen. Ich will nützlich sein.« + +»Warum sind Sie denn nicht bei dem Krankenwärterberuf geblieben?« fragte +der Mann. + +»Ich habe keine Zeit, bei einem und demselben Beruf zu verbleiben,« +erwiderte Simon, »und es fiele mir niemals ein, wie so viele andere, auf +einer Berufsart ausruhen zu wollen wie auf einem Sprungfederbett. Nein, +das bringe ich, und wenn ich tausend Jahre alt werde, nicht fertig. +Lieber gehe ich unter die Soldaten.« + +»Passen Sie auf, daß es nicht mit Ihnen noch so weit kommt.« + +»Es gibt auch noch andere Auswege. Das mit den Soldaten ist eine +flüchtige Redensart von mir, die ich mir angewöhnt habe, um meine Reden +zu beschließen. Was hat ein junger Mann, wie ich, nicht für Auswege. Ich +kann, wenn es Sommer ist, zu einem Bauern gehen, ihm auf dem Felde +helfen, daß die Ernte beizeiten unter Dach kommt, er wird mich +willkommen heißen und meine Kraft schätzen. Er wird mir zu essen geben, +gutes Essen, denn man kocht gut auf dem Lande, er wird mir, wenn ich von +ihm wegziehe, etwas Bargeld in die Hand drücken, und seine junge +Tochter, ein frisches, bildschönes Mädchen, wird mir zum Abschied +zulächeln, in einer Weise, daß ich lange daran denken muß, während ich +weiter wandere. Was schadet es, zu wandern, auch wenn es regnet oder gar +schneit, wenn man seine gesunden Glieder hat und sich weiter keine +Sorgen macht. Sie, in Ihrer gedrückten Enge, stellen sich nicht vor, wie +köstlich das Laufen auf Landstraßen ist. Sind sie staubig, so sind sie +es eben, wer frägt da lange darnach. Nachher sucht man sich an einem +Waldrande ein kühles Plätzchen aus, wo der Blick, wenn man so daliegt, +die herrlichste Aussicht genießt, wo die Sinne auf eine natürliche Weise +ausruhen und die Gedanken nach Lust und Geschmack denken können. Sie +werden mir entgegenhalten, das könne ein anderer, zum Beispiel Sie +selber, auch haben, während Ihrer Ferien. Aber Ferien, was ist das! +Darüber kann ich nur lachen. Ich will mit Ferien nichts zu tun haben. +Ich hasse die Ferien geradezu. Verschaffen Sie mir nur nicht einen +Posten mit Ferien. Das hat nicht den geringsten Reiz für mich, ja ich +würde sterben, wenn ich Ferien bekäme. Ich will mit dem Leben kämpfen, +bis ich meinetwegen umsinke, will weder Freiheit noch Bequemlichkeit +kosten, ich hasse die Freiheit, wenn ich sie so hingeworfen bekomme, wie +man einem Hund einen Knochen hinwirft. Da haben Sie Ihre Ferien. Wenn +Sie etwa denken, Sie hätten in mir einen Menschen vor sich, den es nach +Ferien gelüstet, so irren Sie sich, aber ich habe leider alle Ursache, +zu vermuten, Sie denken so von mir.« + +»Hier ist eine Aushilfsstelle bei einem Advokaten zu besetzen, für +ungefähr einen Monat. Paßt Ihnen das?« + +»Gewiß, mein Herr.« + +Damit war Simon beim Advokaten. Er verdiente dort ein ganz hübsches Geld +und war ganz glücklich. Nie erschien ihm die Welt schöner, als während +dieser Advokatenzeit. Er machte angenehme Bekanntschaften, schrieb +leicht und mühelos den Tag über, rechnete Rechnungen nach, schrieb nach +dem Diktat, was er außerordentlich gut verstand, betrug sich, zu seinem +Erstaunen ganz reizend, so daß sein Vorgesetzter sich lebhaft um ihn +bekümmerte, trank jeweilen nachmittags seine Tasse Tee, und träumte, +während er schrieb, zum luftigen, hellen Fenster hinaus. Träumen, und +doch seine Pflicht nicht hintenansetzen, das verstund er prächtig. »Ich +verdiene so viel Geld, dachte er bei sich, daß ich eine junge Frau damit +haben könnte.« Der Mond schien oft, wenn er arbeitete, zum Fenster +hinein, das entzückte ihn sehr. + +Seiner kleinen Freundin Rosa gegenüber äußerte sich Simon +folgendermaßen: »Mein Advokat hat eine lange, rote Nase und ist ein +Tyrann, aber ich komme sehr gut aus mit ihm. Ich empfinde sein +mürrisches, gebieterisches Wesen als Humor und wundere mich, wie gut ich +mich allen seinen, und oft ungerechten Geboten unterziehe. Ich liebe es, +wenn es ein wenig scharf zugeht, das paßt mir, das schwingt mich bis zu +einer gewissen warmen Höhe hinauf und reizt meine Arbeitslust. Er hat +eine schöne, schlanke Frau, die ich malen möchte, wenn ich ein Maler +wäre. Sie hat, glauben Sie es nur, wunderbar große Augen und herrliche +Arme. Oft macht sie sich etwas bei uns im Bureau zu schaffen; wie muß +sie da auf mich armen Schreibteufel herabsehen. Ich zittere, wenn ich +solche Frauen sehe und bin doch glücklich. Lachen Sie? Ihnen gegenüber +bin ich leider gewöhnt, ohne Schranken offen zu sein, und ich hoffe, Sie +sehen das gerne an mir.« + +Rosa liebte es in der Tat, wenn man offen zu ihr war. Sie war ein +merkwürdiges Mädchen. Ihre Augen hatten einen wundervollen Glanz, und +ihre Lippen waren geradezu schön. + +Simon fuhr fort: »Wenn ich morgens um acht Uhr zur Arbeit gehe, fühle +ich mich so schön verwandt mit allen denen, die ebenfalls morgens um +acht Uhr anzutreten haben. Welche große Kaserne, dieses moderne Leben! +Und doch wie schön und gedankenvoll ist gerade diese Einförmigkeit. Man +sehnt sich beständig nach etwas, das an einen herantreten sollte, das +einem begegnen müßte. Man hat ja so sehr nichts, ist so sehr armer +Teufel, kommt sich so verloren vor in all der Gebildetheit, Geordnetheit +und Exaktheit. Ich steige die vier Treppen hinauf und trete ein, sage +guten Tag und beginne mit meiner Arbeit. Du guter Gott, wie wenig muß +ich leisten, wie wenig Kenntnisse verlangt man doch von mir. Wie wenig +scheint man zu ahnen, daß ich noch ganz anderes fähig wäre. Aber mir +behagt jetzt diese reizende Anspruchslosigkeit seitens meiner +Arbeitgeber. Ich kann, während ich arbeite, denken, ich habe alle +Aussicht ein Denker zu werden. Ich denke oft an Sie!« + +Rosa lachte: »Sie sind ein Schlingel! Aber fahren Sie fort, es +interessiert mich, was Sie da sagen.« + +»Die Welt ist eigentlich herrlich,« sprach Simon weiter, »ich kann da +bei Ihnen sitzen, und es hindert mich niemand daran, stundenlang mit +Ihnen zu plaudern. Ich weiß, daß Sie mir gerne zuhören. Sie finden, daß +ich nicht ohne Anmut spreche, und ich muß jetzt innerlich furchtbar +lachen, weil ich das gesagt habe. Aber ich sage eben alles, was mir +gerade durch den Sinn schießt, wäre es auch zum Beispiel gerade ein +Eigenlob. Ich kann mich auch mit ebensolcher Leichtigkeit tadeln, und es +freut mich sogar, wenn ich dazu Gelegenheit habe. Sollte man denn nicht +alles aussprechen dürfen? Wie vieles geht verloren, wenn man es erst +langsam prüfen will. Ich mag nicht lange überlegen, bevor ich spreche, +und ob es sich schickt oder nicht, es muß eben heraus. Wenn ich eitel +bin, so muß eben meine Eitelkeit ans Licht treten, wäre ich geizig, der +Geiz spräche aus meinen Worten, bin ich anständig, so wird ohne Zweifel +die Honettheit aus meinem Munde tönen, und würde mich Gott zu einem +braven Menschen gemacht haben, so redete die Tüchtigkeit aus mir, was +ich auch immer spräche. Ich bin in dieser Beziehung ganz sorglos, weil +ich mich und uns ein wenig kenne und weil ich mich davor schäme, im +Gespräch Furcht zu bezeigen. Wenn ich beispielsweise mit Worten jemanden +beleidige, verletze, kränke oder ärgere, kann ich den üblen Eindruck +nicht mit den paar nächsten Worten wieder gutmachen? Ich denke über mein +Sprechen erst nach, wenn ich auf dem Gesicht meines Zuhörers unangenehme +Falten sehe, so wie jetzt auf Ihrem Gesicht, Rosa.« + +»Das ist etwas anderes.« -- + +»Sind Sie müde?« + +»Gehen Sie nach Hause, nicht wahr, Simon. Ich bin allerdings jetzt müde. +Sie sind hübsch, wenn Sie sprechen. Ich habe Sie sehr lieb.« + +Rosa streckte ihrem jungen Freund ihre kleine Hand entgegen, dieser +küßte die Hand, sagte gute Nacht und ging fort. Als er weg war, weinte +die kleine Rosa lange still für sich. Sie weinte um ihren Geliebten, +einen jungen Mann mit Locken auf dem Kopf, elegantem Schritt, +edelgeschnittenem Mund, aber liederlicher Lebensart. »So liebt man die, +die es nicht wert sind,« sagte sie für sich, »und doch, liebt man etwas +deshalb, weil man einen Wert abschätzen möchte? Wie lächerlich. Was geht +mich das Wertvolle an, wo ich das Geliebte haben möchte.« Dann ging sie +zu Bett. + + + + +Zweites Kapitel. + + +Eines Tages klingelte Simon, es war in der Mittagsstunde, vor einem +eleganten, freigelegenen Hause, das einen Garten hatte, ziemlich +schüchtern an. Ihm war, als ob da ein Bettler geklingelt hätte, wie er +es läuten hörte. Wenn er jetzt drinnen im Hause zum Beispiel als +Hausinhaber gesessen hätte, vielleicht gerade beim Mittagstisch, würde +er, sich zu seiner Frau träge umwendend, gefragt haben: Wer klingelt +denn jetzt, gewiß ein Bettler! »Vornehme Leute,« dachte er, während er +wartete, »denkt man sich immer an der Tafel, oder in der Kutsche, oder +beim Anziehen, wo ihnen Diener und Dienerinnen behilflich sind, dagegen +Arme immer draußen in der Kälte, mit emporgezogenen Mantelkragen, wie +ich jetzt, vor einer Gartentür herzpochend wartend. Arme Leute haben in +der Regel schnelle, pochende, hitzige Herzen, Reiche kalte, weite, +geheizte, gepolsterte und vernagelte! Ach, wenn nur rasch jemand +herbeigesprungen käme, wie würde ich aufatmen. Dieses vor einer reichen +Türe Warten hat etwas Beengendes. Wie stehe ich doch, trotz meinem +bißchen Welterfahrung, auf schwachen Beinen.« -- In der Tat, er +zitterte, als ein Mädchen herbeisprang, um dem Draußenstehenden zu +öffnen. Simon mußte immer lächeln, wenn jemand ihm eine Tür öffnete und +ihn zum Eintreten ersuchte, auch jetzt ging es nicht ohne dieses Lächeln +ab, das wie eine leise Bitte im Gesicht aussah, und das vielleicht bei +vielen Menschen zu beobachten ist. + +»Ich suche ein Zimmer.« + +Simon nahm seinen Hut vor einer schönen Dame ab, die den Ankommenden +aufmerksam prüfte. Simon war es lieb, daß sie das tat; denn er fühlte, +daß sie ein Recht dazu hatte, und weil er sah, daß sie dabei ihre +Freundlichkeit nicht verlor. + +»Wollen Sie kommen? Da! Die Treppe hinauf.« + +Simon bat die Dame, voranzugehen. Er machte dabei zum ersten Male in +seinem Leben mit der Hand eine Handbewegung. Die Dame zeigte dem jungen +Mann das Zimmer, indem sie eine Tür öffnete. + +»Welch ein schönes Zimmer,« rief Simon, der wirklich überrascht war, +»viel zu schön für mich, leider, viel zu fein für mich. Sie müssen +wissen, ich bin ein so wenig für ein so feines Zimmer geeigneter Mensch. +Und doch, ich würde sehr gerne darin wohnen, allzugerne, viel, +vielzugerne. Es ist eigentlich von Ihnen nicht gut getan gewesen, mir +dieses Gemach zu zeigen. Viel besser, Sie würden mich zu Ihrem Hause +hinausgewiesen haben. Wie komme ich dazu, meine Blicke in einen so +heiteren, schönen, wie als Wohnung für einen Gott geschaffenen Raum zu +werfen. Welch schöne Wohnungen bewohnen doch die Wohlhabenden, die, die +etwas besitzen. Ich habe nie etwas besessen, bin nie etwas gewesen, und +werde trotz den Hoffnungen meiner Eltern nie etwas sein. Welch schöne +Aussicht aus den Fenstern, und so hübsche, glänzende Möbel, und so +reizende Vorhänge, die dem Zimmer etwas Mädchenhaftes geben. Ich würde +hier vielleicht ein guter, zarter Mensch werden, wenn es wahr ist, wie +man sagen hört, daß Umgebungen den Menschen verändern können. Darf ich +es noch ein wenig anschauen, hier noch eine Minute stehen bleiben?« + +»Gewiß dürfen Sie das.« + +»Ich danke Ihnen.« + +»Was sind Ihre Eltern, und, wenn ich fragen darf, inwiefern sind Sie +»nichts«, wie Sie sich vorhin ausdrückten?« + +»Ich bin ohne Stelle!« + +»Das würde mir ganz gleichgültig sein. Es kommt drauf an!« + +»Nein, ich habe wenig Hoffnungen. Zwar, das darf ich, wenn ich ohne +Falsch sprechen soll, auch nicht sagen. Ich bin voll Hoffnung. Nie, nie +verläßt sie mich. -- Mein Vater ist ein armer, aber lebensfröhlicher +Mensch, dem es nicht einmal von ferne einfällt, seine jetzigen kargen +Tage mit den früheren glänzenden zu vergleichen. Er lebt wie ein Junger +von fünfundzwanzig Jahren und gibt sich in keiner Weise Gedanken über +seine Lage hin. Ich bewundere ihn und suche ihn nachzuahmen. Wenn er bei +seinem schneeweißen Alter noch munter sein kann, so muß es dreißig-, ja +hundertmal seines jungen Sohnes Pflicht sein, den Kopf hoch zu tragen +und die Menschen mit Augen wie der Blitz anzuschauen. Aber die Mutter +gab mir, und meinen Brüdern weit mehr als mir, Gedanken mit auf die +Welt. Die Mutter ist gestorben.« + +Der Dame, die sehr lieb dastand, kam ein klagendes Ach aus dem Munde. + +»Sie war eine herzlich gute Frau. Wir Kinder sprechen immer und immer +über sie, wann und wo wir auch immer zusammentreffen. Wir leben +zerstreut auf dieser runden, weiten Welt, und das ist sehr gut, denn wir +haben alle solche Köpfe, wissen Sie, die nicht lange zueinander taugen. +Wir haben alle eine etwas schwere Art, die hinderlich sein würde, wenn +wir verbunden unter den Menschen aufträten. Das tun wir gottlob nicht, +und jedes von uns weiß genau, warum wir es nicht tun wollen. Doch lieben +wir uns, wie es sich geziemt. Einer meiner Brüder ist ein nicht +unbekannter Gelehrter, ein anderer ist ein Spezialist im Börsenfach, +wieder ein anderer ist weiter nichts als mein Bruder, weil ich ihn mehr +als einen Bruder liebe, und es mir, wenn ich an ihn denke, nicht +einfiele, noch sonst etwas anderes hervorzuheben an ihm, als eben den +Umstand, daß er der meinige ist, der, der so aussieht, wie er, sonst +nichts. Mit diesem Bruder zusammen möchte ich hier bei Ihnen wohnen. +Groß genug wäre das Zimmer. Aber es geht wohl nicht gut. Wieviel kostet +es?« + +»Was ist Ihr Bruder?« + +»Landschaftsmaler! Wieviel würden Sie für das Zimmer verlangen? -- -- So +viel? Es ist sicherlich nicht zu viel für dieses Zimmer, aber für uns +ist es viel zu viel. Auch, wenn ich recht bedenke, und wenn ich Sie +eindringlich anschaue, sind wir zwei Menschen nicht dazu geeignet, in +diesem Hause aus- und einzugehen, als ob wir darin ansässig wären. Wir +sind noch so grob, wir würden Sie enttäuschen. Auch haben wir die +Gewohnheit, mit Bettbezügen, Möbelstücken, Wäschegegenständen, +Fenstervorhängen, Türklinken, Treppenabsätzen hart umzugehen, das würde +Sie erschrecken, Sie würden uns böse werden, oder Sie würden vielleicht +verzeihen, ein Auge bemühen zuzudrücken, was noch schmählicher wäre. Ich +möchte nicht veranlassen, daß Sie später mit uns Ärger hätten. Sicher, +sicher! Wehren Sie nur nicht ab. Ich sehe es zu deutlich. Wir haben, im +Grunde genommen, für alles feine Wesen auf die Länge wenig Hochachtung +übrig. Dergleichen Menschen, wie wir sind, müssen vor reichen +Gartengittern stehen, wo ihnen die Freiheit gelassen wird, über den +Glanz und die Sorgfalt spöttische Bemerkungen zu machen. Wir sind +Spötter! Adieu!« + +Die Augen der schönen Frau hatten einen tiefen Glanz angenommen, und nun +sagte sie auf einmal: »Ich möchte doch Ihren Herrn Bruder und Sie +annehmen. Ich werde, was den Preis betrifft, mit Ihnen schon einig +werden.« + +»Nein lieber nicht!« + +Simon schritt schon die Treppe hinunter. Da rief ihm die Stimme der Dame +nach: »Bitte, bleiben Sie doch noch.« Und sie eilte ihm nach. Unten +holte sie ihn ein und veranlaßte ihn, stehen zu bleiben und auf sie zu +horchen: »Was fällt Ihnen ein, so schnell wegzugehen. Sehen Sie, ich +will, ich möchte Sie beide dabehalten. Und wenn Sie auch nicht bezahlen! +Was macht das? Gar nichts, gar nichts, kommen Sie doch, kommen Sie. +Treten Sie mit mir in dieses Zimmer. Marie! Wo bist du? Bringe doch +gleich den Kaffee hier ins Zimmer.« + +Drinnen sagte sie zu Simon: »Ich habe den Wunsch, Sie und Ihren Bruder +näher kennen zu lernen. Wie konnten Sie nur davonrennen. Ich bin oft so +allein in diesem abgelegenen Hause, daß es mich ängstigt. Mein Mann ist +die ganze Zeit abwesend, auf weiten Reisen, er ist Forscher, segelt auf +allen Meeren, von deren bloßem Vorhandensein seine arme Frau keine +Ahnung hat. Bin ich nicht eine arme Frau? Wie heißen Sie? Wie heißt der +andere, Ihr Bruder? Ich heiße Klara. Nennen Sie mich einfach: Frau +Klara. Ich mag gern diesen einfachen Namen hören. Sind Sie nun etwas +zutraulicher geworden? Würde mich sehr, so sehr freuen. Glauben Sie +nicht, das wir miteinander leben und auskommen können? Gewiß, das wird +schon gehen. Ich halte Sie für einen zarten Menschen. Ich fürchte mich +nicht, Sie in meinem Hause zu haben. Sie haben ehrliche Augen. Ist Ihr +Bruder älter als Sie?« + +»Ja, er ist älter und ein viel besserer Mensch, als ich.« + +»Sie sind ein braver Mensch, daß Sie das sagen dürfen.« + +»Ich heiße Simon und mein Bruder heißt Kaspar.« + +»Mein Mann heißt Agappaia.« + +Sie erbleichte, als sie das sagte, doch sammelte sie sich rasch und +lächelte. + +Simon schrieb an seinen Bruder Kaspar: »Wir sind eigentlich seltsame +Käuze, wir zwei. Wir treiben uns auf diesem Erdboden umher, als ob nur +wir, und sonst keine anderen Menschen darauf lebten. Wir haben +eigentlich eine verrückte Freundschaft geschlossen, als ob es sonst +unter den Männern nichts ausfindig zu machen gäbe, was wert könnte +genannt werden, Freund zu heißen. Eigentlich sind wir gar keine Brüder, +sondern Freunde, wie zwei sich einmal auf der Welt zusammenfinden. Ich +bin wirklich nicht für die Freundschaft gemacht und begreife nicht, was +ich so Tolles an Dir nur finde, das mich zwingt, mich immer wieder an +Deine Seite, gleichsam an Deinen Rücken heranzudenken. Dein Kopf kommt +mir jetzt bald wie der meinige vor, so sehr bist Du schon in meinem +Kopf; ich werde vielleicht im Verlauf einiger Zeit, wenn es so weiter +geht, mit Deinen Händen greifen, mit Deinen Beinen laufen und mit Deinem +Mund essen. Unsere Freundschaft hat sicher etwas Geheimnisvolles, wenn +ich Dir sage, daß es gar nicht so unmöglich ist, daß im Grunde genommen +unsere Herzen voneinander wegstreben, daß sie nur nicht können. Ich bin +ja nun noch recht froh, daß Du noch immer nicht zu können scheinst, denn +Deine Briefe klingen sehr artig und ich wünsche vorläufig auch von mir, +daß ich im Banne dieses Geheimnisvollen sitzen bleibe. Für uns ist es ja +gut, aber, wie kann ich nur gar so trocken reden: ich finde es einfach, +um nicht zu lügen, entzückend. Warum sollten nicht einmal zwei Brüder +über das Maß hauen. Wir passen ganz gut zusammen, wir paßten auch schon +damals zusammen, als wir uns haßten und beinahe totprügelten. Weißt Du +noch? Es braucht nichts als diesen Aufruf, mit einer Portion gesunden +Lachens vermischt, um in Dir Bilder aufzurühren, zu leimen, zu malen, zu +heften, die wahrhaftig der Rückerinnerung mehr als wert sind. Wir waren, +ich weiß nicht mehr aus welcher Ursache heraus, Todfeinde geworden. O, +wir verstunden es, einander zu hassen. Unser Haß war entschieden +erfinderisch im Auffinden von Qualen und Demütigungen, die wir uns +gegenseitig bereiteten. Beim Eßtisch warfst Du mir einmal, um nur ein +einziges Beispiel dieses jammervollen und kindischen Zustandes +anzuführen, eine Platte mit Sauerkraut entgegen, weil Du mußtest, und +sagtest dazu: »Da, pack!« Ich muß Dir sagen, damals zitterte ich vor +Wut, schon deshalb, weil es für Dich eine schöne Gelegenheit war, mich +aufs grimmigste zu kränken, und ich dazu nichts sagen konnte. Ich packte +die Platte an, und war eben dumm genug, den Schmerz der Kränkung bis zur +Kehle hinauf voll auszukosten. Weißt Du noch, wie eines Mittags, es war +ein stiller, totenstiller, sommerheißer, vor Totenstille ganz toller +Sonntagnachmittag, dann einer zu Dir in die Küche herangezaudert kam und +Dich bat, mir wieder gut zu sein. Es war ein unglaubliches Werk der +Überwindung, kann ich Dir sagen, sich so durch das Gefühl der Beschämung +und des Trotzes hindurchzuwinden, bis zu Dir, der Gestalt des zur +ablehnenden Verachtung neigenden Feindes. Ich tat es, und ich bin mir +dankbar dafür. Ob Du auch mir, ist mir freudig und duftig egal. Das kann +nur ich abschätzen. Geh mir weg, da willst Du mir was dazwischenreden. +Einfach nicht möglich. Weg da! -- Wie viele köstliche Stunden habe ich +von da an mit Dir genossen. Ich fand dich auf einmal zart, liebend +rücksichtsvoll. Ich glaube, die Wonne der Freude brannte uns beiden auf +den Wangen. Wir streiften, Du als Maler, ich als Zuschauer und +Dreinreder, über die Matten auf den breiten Bergen, wateten im Duft des +Grases, in der Nässe des kühlen Morgens, in der Hitze des Mittags und im +feuchten, verliebten Untergehen der Sonne. Die Bäume sahen uns zu, was +wir da oben trieben und die Wolken ballten sich zusammen, gewiß aus +Zorn, daß sie keine Macht besaßen, unsere neugebackene Liebe zu brechen. +Abends kamen wir gräßlich zerbrochen, verstaubt, verhungert und vermüdet +nach Hause, und auf einmal gingst Du dann weg. Weiß der Teufel, ich half +Dir wegreisen, als ob ich dazu durch Handgeld verpflichtet gewesen wäre, +oder als hätte ich Eile gehabt, Dich verduften zu sehen. Gewiß war es +mir eine heilige Freude, Dich abreisen zu sehen, denn Du reistest der +großen Welt entgegen. Wie wenig groß ist die große Welt, Bruder. + +Komm doch ja bald hierher. Ich kann Dich beherbergen, wie ich eine Braut +beherbergen würde, von der ich annehmen müßte, daß sie gewohnt sei, auf +Seide zu liegen und von Bedienten bedient zu werden. Ich habe zwar keine +Dienerschaft, aber doch ein Zimmer wie für einen gebornen Herrn. Ich und +Du, wir beide haben ein prachtvolles Chambre einfach geschenkt, vor die +Füße gelegt bekommen. Du kannst hier ebensogut Bilder malen, wie dort in +Deiner dicken, fernen Landschaft, Du hast ja Phantasie. Eigentlich +sollte es jetzt Sommer sein, daß ich Deinetwegen im Garten ein +Gartenfest mit chinesischen Lichtern und Bändern von lauter Blumen +veranstalten könnte, um Dich einigermaßen Deiner würdig zu empfangen. +Komm eben so, aber mach nur, daß dieses Kommen rasch vorwärtskommt, +sonst komme ich und hole Dich. Meine Herrin und Wirtin drückt Dir die +Hand. Sie ist davon überzeugt, daß sie Dich bereits aus meinen +Schilderungen von Dir kennt. Wenn sie Dich erst kennen wird, wird sie +weiter auf der Erde niemand mehr kennen lernen wollen. Hast Du einen +stattlichen Anzug? Schlottern Dir Deine Hosen nicht gar so sehr um die +Kniee herum und darf man Deine Kopfbedeckung noch Hut nennen? Sonst +darfst Du nicht vor mir erscheinen. Alles Spaß, alles Dummheiten. Laß +Dich von Deinem Simönchen umarmen. Leb wohl, Bruder. Hoffentlich kommst +Du bald.« -- + + * * * * * + +Einige Wochen waren verflossen, es fing an, wieder Frühling zu werden, +die Luft war feuchter und weicher, es meldeten sich unbestimmte Düfte +und Klänge, die aus der Erde herauszukommen schienen. Die Erde war +weich, man schritt auf ihr wie auf dicken, biegsamen Teppichen. Man +glaubte, Vögel singen hören zu müssen. »Es will Frühling werden,« so +redeten sich die empfindungsvollen Menschen auf der Straße an. Selbst +die kahlen Häuser bekamen einen gewissen Duft, eine sattere Farbe. Es +ging ganz sonderbar zu, und war doch eine so alte, bekannte Erscheinung, +aber man empfand es als gänzlich neu, es regte zu einem seltsamen, +stürmischen Denken an, die Glieder, die Sinne, die Köpfe, die Gedanken, +alles regte sich, wie wenn es hätte von neuem wachsen mögen. Das Wasser +des Sees glänzte so warm und die Brücken, die sich über den Fluß +schlangen, schienen einen kühneren Bogen bekommen zu haben. Die Fahnen +flatterten im Winde, und es machte den Menschen Vergnügen, sie flattern +zu sehen. Die Sonne erst trieb die Leute in Reihen und Gruppen auf die +schöne, weiße, saubere Straße, wo sie stehen blieben und den Kuß der +Wärme begierig fühlten. Viele Mäntel von vielen Menschen wurden +abgelegt. Man konnte die Männer wieder freier sich bewegen sehen und die +Frauen machten so sonderbare Augen, als möchte ihnen etwas Seeliges zu +den Herzen herauskommen. In den Nächten hörte man wieder zum ersten Mal +den Klang der vagabondierenden Gitarren, und Männer und Frauen standen +im Gewühl der fröhlichen, spielenden Kinder. Die Lichter der Laterne +flackten wie Kerzen in stillen Stuben, und man empfand, wenn man über +nachtdunkle Wiesen hinschritt, das Blühen und Regen der Blumen. Das Gras +wird bald wieder wachsen, die Bäume werden ihr Grün bald wieder über die +niederen Hausdächer schütten und den Fenstern die Aussicht nehmen. Der +Wald wird prangen, üppig, schwer, o, der Wald. -- -- Simon arbeitete +wieder in einem großen Handelsinstitut. + +Es war ein Bankhaus von weltbedeutendem Umfang, ein großes Gebäude von +palastähnlichem Aussehen, in welchem hunderte von jungen und alten, +männlichen und weiblichen Leuten beschäftigt waren. Diese Leute +schrieben alle mit emsigen Fingern, rechneten mit Rechnungsmaschinen, +auch wohl bisweilen mit ihren Gedächtnissen, dachten mit ihren Gedanken +und machten sich nützlich mit ihren Kenntnissen. Es gab da etliche +junge, elegante Korrespondenten, die vier bis sieben Sprachen schreiben +und sprechen konnten. Diese schieden sich durch ihr feineres, +ausländisches Wesen von dem übrigen Rechnervolk aus. Sie waren schon auf +Meerschiffen gefahren, kannten die Theater in Paris und New-York, hatten +in Jokohama die Teehäuser besucht und wußten, wie man sich in Kairo +vergnügte. Nun besorgten sie hier die Korrespondenz und warteten auf +Gehaltserhöhung, während sie spöttisch von der Heimat sprachen, die +ihnen ganz klein und lausig vorkam. Das Rechnervolk bestund zumeist aus +älteren Leuten, die sich an ihre Posten und Pöstlein wie an Balken und +Pflöcken festhielten. Sie hatten alle lange Nasen von dem vielen Rechnen +und gingen in zersessenen, zerschabten, zerglätteten, zerfalteten und +zerknickten Kleidern. Es gab aber etliche intelligente Leute unter +ihnen, die vielleicht im Geheimen seltsamen, kostbaren Liebhabereien +frönten und so ein wenn auch stilles und abgelegenes so doch immerhin +würdiges Leben führten. Viele von den jungen Angestellten waren dagegen +feinerer Zeitvertreibe nicht fähig, diese stammten meist von ländlichen +Grundbesitzern, Gastwirten, Bauern und Handwerkern ab, waren, da sie in +die Stadt kamen, sofort bemüht, städtisch-feines Wesen anzunehmen, was +ihnen jedoch schlecht gelang, und kamen über eine gewisse tölpische +Grobheit nicht hinaus. Indessen, es gab da auch stille Bürschchen von +zartem Betragen, die seltsam abstachen von den andern Flegeln. Der +Direktor der Bank war ein alter, stiller Mann, der überhaupt nie gesehen +wurde. In seinem Kopfe schienen die Fäden und Wurzeln des ganzen +ungeheuren Geschäftsganges ineinandergeworfen zu liegen. Wie der Maler +in Farben, der Musiker in Tönen, der Bildhauer in Stein, der Bäcker in +Mehl, der Dichter in Worten, der Bauer in Strichen Landes, so schien +dieser Mann in Geld zu denken. Ein guter Gedanke von ihm, zur guten Zeit +ausgedacht, brachte in einer halben Stunde dem Geschäft eine halbe +Million. Vielleicht! Vielleicht mehr, vielleicht weniger, vielleicht +nichts, und gewiß, manchmal verlor dieser Mann ganz im stillen, und alle +seine Untergebenen wußten nichts davon, gingen, wenn die Glocke zwölf +schlug, zum Essen, kamen um zwei Uhr wieder, arbeiteten vier Stunden, +gingen fort, schliefen, erwachten, standen zum Frühstück auf, gingen +wieder, wie am gestrigen Tag ins Gebäude, nahmen die Arbeit wieder auf +und keiner wußte, denn keiner hatte Zeit, etwas von diesem +Geheimnisvollen in Erfahrung zu bringen. Und der stille, alte, grämliche +Mann dachte im Direktionszimmer. Für die Angelegenheiten seiner +Angestellten hatte er nur ein mattes, halbes Lächeln. Es hatte etwas +Dichterisches, Erhabenes, Entwerfendes und Gesetzgeberisches. Simon +versuchte oft, sich in Gedanken an die Stelle des Direktors zu setzen. +Aber im allgemeinen verschwand ihm dieses Bild, und wenn er darüber +nachdachte, verschwand ihm überhaupt jeder Begriff: »Etwas Stolzes und +Erhabenes ist dabei, aber auch etwas Unbegreifliches und beinahe +Unmenschliches. Warum gehen nur alle diese Leute, Schreiber und Rechner, +ja sogar die Mädchen im zartesten Alter, zu demselben Tor in dasselbe +Gebäude hinein, um zu kritzeln, Federn anzuprobieren, zu rechnen und zu +fuchteln, zu büffeln und nasenschneuzen, zu bleistiftspitzen und Papier +in den Händen herumtragen. Tun sie das etwa gern, tun sie es +notgedrungen, tun sie es mit dem Bewußtsein, etwas Vernünftiges und +Fruchtbringendes zu verrichten? Sie kommen alle aus ganz verschiedenen +Richtungen, ja einige fahren sogar mit der Eisenbahn aus entfernten +Gegenden daher, sie spitzen die Ohren, ob es noch Zeit ist, vor Antritt +einen privaten Gang zu unternehmen, sie sind so geduldig dabei wie eine +Herde von Lämmern, verstreuen sich, wenn es Abend wird, wieder in ihre +speziellen Richtungen, und morgen, um dieselbe Zeit, finden sie sich +alle wieder ein. Sie sehen sich, erkennen sich am Gang, an der Stimme, +an der Manier, eine Türe zu öffnen, aber sie haben wenig miteinander zu +tun. Sie gleichen sich alle und sind sich doch alle fremd und wenn einer +unter ihnen stirbt oder eine Unterschlagung macht, so verwundern sie +sich einen Vormittag lang darüber, und dann geht es weiter. Es kommt +vor, daß einer einen Schlaganfall bekommt während des Schreibens. Was +hat er dann davon gehabt, daß er fünfzig Jahre lang im Geschäft +»arbeitete«. Er ist fünfzig Jahre lang jeden Tag zu derselben Türe ein +und ausgegangen, er hat tausend und tausendmal in seinen +Geschäftsbriefen dieselbe Redewendung geübt, hat etliche Anzüge +gewechselt und sich öfters darüber gewundert, wie wenig Stiefel er des +Jahres verbrauche. Und jetzt? Könnte man sagen, daß er gelebt hat? Und +leben nicht tausende von Menschen so? Sind vielleicht seine Kinder ihm +der Lebensinhalt, ist seine Frau die Lust seines Daseins gewesen? Ja, +das kann es sein. Ich will lieber über solche Dinge nicht klugreden, +denn mir will scheinen, als zieme es mir nicht, da ich noch jung bin. +Draußen ist jetzt Frühling und ich könnte zum Fenster hinausspringen, so +weh tut mir dieses lange, lange Glieder-Nicht-Bewegen-dürfen. Ein +Bankgebäude ist doch ein dummes Ding im Frühling. Wie nähme sich eine +Bankanstalt etwa auf einer grünen, üppigen Wiese aus? Vielleicht würde +meine Schreibfeder mir wie eine junge, eben aus der Erde gesprossene +Blume vorkommen. Ach, nein, spotten mag ich nicht. Vielleicht muß das +alles so sein, vielleicht hat alles einen Zweck. Ich erblicke nur nicht +den Zusammenhang, weil ich zu sehr den Anblick erblicke. Der Anblick ist +wenig entmutigend: vor den Fenstern dieser Himmel, im Gehör dieses süße +Singen. Die weißen Wolken gehen am Himmel und ich muß da schreiben. +Warum habe ich ein Auge für die Wolken. Wenn ich ein Schuhmacher wäre, +so machte ich doch wenigstens Schuhe für Kinder, Männer und Damen, diese +gingen im Frühlingstag in meinen Schuhen auf der Gasse spazieren. Ich +würde den Frühling empfinden, wenn ich meinen Schuh an dem fremden Fuß +erblickte. Hier kann ich den Frühling nicht empfinden, er stört mich.« + +Simon ließ seinen Kopf hängen und war zornig über seine weichen Gefühle. + + * * * * * + +Eines Abends, als er nach Hause ging, fiel Simon auf der abendlich +beleuchteten Brücke ein Mensch, der vor ihm mit langen Schritten +daherging, auf. Die Gestalt in ihrer bemäntelten Schlankheit flößte ihm +einen süßen Schrecken ein. Er glaubte diesen Gang, dieses Paar Hosen, +diesen sonderbaren Kessel von Hut, die flatternden Haare erkennen zu +sollen. Der fremde Mann trug eine leichte Malmappe unter dem Arm. Simon +ging mit etwas rascheren Schritten, von zitternden Ahnungen befallen, +und plötzlich, mit dem Schrei »Bruder«, stürzte er dem Gehenden an den +Hals. Kaspar umarmte seinen Bruder. Sie gingen laut miteinander +plaudernd nach Hause, das heißt, sie hatten einen ziemlich steilen Weg +den Berg hinauf zu machen, über dessen Abhang sich die Stadt mit Gärten +und Villen hinzog. Ganz oben am Berge schauten ihnen die kleinen, +verfallenen Vorstadthäuschen entgegen. Die untergehende Sonne flammte in +den Fenstern und machte sie zu strahlenden Augen, die starr und schön in +die Ferne blickten. Unten lag die Stadt, weit und wohllüstig über die +Ebene gebreitet, wie ein flimmernder, glitzernder Teppich, die +Abendglocken, die immer anders sind als Morgenglocken, tönten herauf, +der See lag schwach gezeichnet, in seiner zarten unaussprechlichen Form +zu Füßen der Stadt, des Berges und der vielen Gärten. Noch blitzten +viele Lichter nicht, aber die, die leuchteten, brannten mit einer +herrlichen, fremdartigen Schärfe. Die Menschen gingen und liefen jetzt +da unten in all den krummen, versteckten Straßen, man sah sie nicht, +aber man wußte es. »In der eleganten Bahnhofstraße würde es jetzt +herrlich zu gehen sein,« dachte Simon. Kaspar ging schweigend. Er war +ein prachtvoller Kerl geworden. »Wie er daherschreitet,« dachte Simon. +Endlich kamen sie vor ihrem Hause an. »Wie? Am Waldesrande wohnst du?« +lachte Kaspar. Sie traten beide ins Haus. + +Als Klara Agappaia den neuen Ankömmling erblickte, ging in ihren großen +müden Augen ein seltsames Flammen auf. Sie schloß ihre Augen und bog +ihren schönen Kopf auf die Seite. Es schien nicht, daß sie sehr große +Freude empfunden hätte, diesen jungen Mann zu sehen, es erschien wie +etwas ganz anderes. Sie versuchte unbefangen zu sein, zu lächeln, wie +man zu lächeln pflegt, wenn man jemanden willkommen heißt. Aber sie +vermochte es nicht. »Geht hinauf,« sagte sie, »heute bin ich so müde. +Wie sonderbar. Ich weiß wirklich nicht, was ich habe.« Die beiden +suchten ihr Zimmer auf: Der Mond beleuchtete es. »Wir zünden gar kein +Licht an,« sagte Simon, »laß uns so zu Bette gehen.« -- Da klopfte +jemand an die Türe, es war Klara, sie sagte, draußen stehend: »Habt ihr +auch alles Notwendige, fehlt euch nun nichts?« -- »Nein, wir liegen +schon im Bett, was könnte uns fehlen.« -- »Gute Nacht, Freunde,« sagte +sie, und öffnete ein wenig die Türe, schloß sie wieder und ging. »Sie +scheint eine seltsame Frau zu sein,« meinte Kaspar. Dann schliefen sie +beide. + + + + +Drittes Kapitel. + + +Am andern Morgen packte der Maler seine Landschaften aus der Mappe und +es fiel zuerst ein ganzer Herbst heraus, dann ein Winter, alle +Stimmungen der Natur wurden wieder lebendig. »Wie wenig das ist von +allem dem, was ich gesehen habe. So schnell das Auge eines Malers ist, +so langsam, so träge ist seine Hand. Was muß ich noch alles schaffen! +Ich meine oft, ich müßte verrückt werden.« Alle drei, Klara, Simon und +der Maler, umstanden die Bilder. Es wurde wenig, aber nur in Ausrufen +des Entzückens gesprochen. Plötzlich sprang Simon zu seinem Hut, der auf +dem Boden des Zimmers lag, setzte ihn wild und zornig auf den Kopf, +stürzte zur Türe hinaus, mit dem Ausruf: »Ich habe mich verspätet.« + +»Eine Stunde zu spät! Das sollte bei einem jungen Manne nicht +vorkommen!« wurde ihm auf der Bank gesagt. + +»Wenn es aber doch vorkommt?« fragte der Gescholtene trotzig. + +»Wie, Sie wollen noch aufbegehren? Meinetwegen! Machen Sie, was Sie +wollen!« + +Das Betragen Simons wurde dem Direktor gemeldet. Dieser beschloß, den +jungen Mann zu entlassen, er rief ihn zu sich und sagte es ihm mit ganz +leiser, sogar gütiger Stimme. Simon sprach: + +»Ich bin recht froh, daß es ein Ende hat. Glaubt man vielleicht, daß man +mir damit einen Schlag versetzt, daß man meinen Mut knickt, mich +vernichtet, oder dergleichen? Im Gegenteil, man erhebt mich, man +schmeichelt mir damit, man flößt mir wieder, nach so langer Zeit, einen +Tropfen Hoffnung ein. Ich bin nicht dazu geschaffen, eine Schreib- und +Rechenmaschine zu sein. Ich schreibe ganz gern, rechne ganz gern, +betrage mich mit Vorliebe unter meinen Mitmenschen mit Anstand, bin gern +fleißig und gehorche, wo es mein Herz nicht verletzt, mit Leidenschaft. +Ich würde mich auch bestimmten Gesetzen zu unterwerfen wissen, wenn es +darauf ankäme, aber es kommt mir hier seit einiger Zeit nicht mehr +darauf an. Als ich mich heute morgen verspätete, wurde ich nur zornig +und ärgerlich, war mit gar keiner ehrlichen, gewissenhaften Besorgnis +erfüllt, machte mir keine Vorwürfe, oder höchstens den Vorwurf, daß ich +noch immer der dumme, feige Kerl sei, der, wenn es acht Uhr schlägt, +springt, in Bewegung kommt, wie eine Uhr, die man aufzieht und die eben +läuft, wenn sie aufgezogen wird. Ich danke Ihnen, daß Sie die Energie +besitzen, mich zu entlassen, und bitte Sie, von mir zu denken, was Ihnen +beliebt. Sie sind gewiß ein schätzenswerter, verdienstvoller, großer +Mann, aber, sehen Sie, ich möchte auch so einer sein, und deshalb ist es +gut, daß Sie mich fortschicken, deshalb war es eine segensreiche Tat, +daß ich mich heute, wie man sich ausdrückt, unstatthaft benommen habe. +In Ihren Bureaus, von denen man solches Aufheben macht, in denen so gern +jeder beschäftigt sein möchte, ist von einer Entwicklung eines jungen +Mannes nicht zu reden. Ich pfeife darauf, den Vorzug zu genießen, der +mit der Auszahlung eines festen monatlichen Gehaltes verbunden ist. Ich +verkomme, verdumme, verfeige, verknöchere dabei. Sie werden es +überraschend finden, mich solcher Ausdrücke bedienen zu hören, aber Sie +werden es zugeben, daß ich die völlige Wahrheit spreche. Hier kann nur +einer ein Mann sein: Sie! -- Kommt Ihnen nie der Gedanke, es möchten +sich unter Ihren armen Untergebenen Leute befinden, die den Drang haben, +auch Männer zu sein, wirkende, schaffende, achtunggebietende Männer. Ich +kann es unmöglich hübsch finden, so ganz in der Welt auf der Seite zu +stehen, nur um nicht in den Ruf zu gelangen, ein unzufriedener und wenig +anstellbarer Mensch zu sein. Wie groß ist hier die Versuchung zur Furcht +und wie klein die Verlockung, sich aus dieser jämmerlichen Furcht +loszureißen. Daß ich es heute herbeigeführt habe, dieses beinahe +Unmögliche, das schätze ich an mir, mag man dazu sagen, was man nur +immer will. Sie, Herr Direktor, verschanzen sich hier, Sie sind nie +sichtbar, man weiß nicht, wessen Befehlen man gehorcht, man gehorcht gar +nicht, sondern stumpft nur seinen eigenen schwachen Angewöhnungen nach, +die das richtige treffen. Welch eine Falle für junge, zur Bequemlichkeit +und Trägheit neigende junge Leute. Hier wird nichts verlangt von all den +Kräften, die möglicherweise den jungen Mannesgeist beseelen, nichts +erforderlich gemacht, was einen Mann und Menschen auszeichnen könnte. +Weder Mut noch Geist, weder Treue noch Fleiß, weder Schaffenslust noch +Begierde nach Anstrengungen können einem hier helfen, sich +vorwärtszubringen: ja, es ist sogar verpönt, Kraft und Fülle zu zeigen. +Natürlich, es muß ja verpönt sein, bei diesem langsamen, trägen, +trocknen, erbärmlichen Arbeitssystem. Leben Sie wohl, mein Herr, ich +gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre es auch, um Erde zu schaufeln +oder etliche Säcke Kohlen auf meinem Rücken zu schleppen. Ich liebe +jedwelche Arbeit, nur solche nicht, bei deren Ausübung nicht sämtliche +verfügbare Kräfte angespannt werden.« + +»Soll ich Ihnen, trotzdem Sie es eigentlich nicht verdient haben, ein +Zeugnis ausstellen?« + +»Ein Zeugnis? Nein, stellen Sie mir keines aus. Wenn ich kein Zeugnis, +als höchstens ein schlechtes verdient habe, will ich gar keines. Ich +selbst stelle mir von jetzt an meine Zeugnisse aus. Ich will mich von +nun an nur noch auf mich selbst berufen, wenn jemand nach meinen +Zeugnissen fragt, das wird bei vernünftigen, klarblickenden Menschen den +allerbesten Eindruck hervorrufen. Ich freue mich, zeugnislos von Ihnen +wegzugehen, denn ein Zeugnis von Ihnen würde mich nur an meine eigene +Feigheit und Furcht erinnern, an einen Zustand der Trägheit und +Kraftentäußerung, an die Zeit der nutzlos dahingelebten Tage, an die +Nachmittage voll wütender Befreiungsversuche, an die Abende der schönen, +aber zwecklosen Sehnsucht. Ich danke Ihnen, daß Sie die Absicht hatten, +mich in freundlicher Weise zu entlassen, das zeigt mir, daß ich einem +Manne gegenübergestanden bin, der vielleicht einiges von dem, was ich +sprach, begriffen hat.« + +»Junger Mann, Sie sind viel zu heftig,« sprach der Direktor, »Sie +untergraben sich Ihre Zukunft!« + +»Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart haben. Das erscheint +mir wertvoller. Eine Zukunft hat man nur, wenn man keine Gegenwart hat, +und hat man eine Gegenwart, so vergißt man, an eine Zukunft überhaupt +nur zu denken.« + +»Leben Sie wohl. Ich fürchte, Sie werden etwas Schlimmes erleben. Sie +interessierten mich, deshalb habe ich Ihre Worte angehört. Sonst würde +ich mit Ihnen nicht so viel Zeit verloren haben. Vielleicht haben Sie +Ihren Beruf verfehlt, vielleicht wird etwas aus Ihnen. Lassen Sie es +sich immerhin gut gehen.« + +Mit einer Neigung des Kopfes war Simon entlassen, und er befand sich +bald draußen auf der Straße. Vor einer Konditorei erblickte er einen +Mann auf- und abgehen, wahrscheinlich in Erwartung von irgend jemandem, +vielleicht einer Frau, was konnte er wissen. Aber der Mann erweckte sein +Interesse. Es war, auf den ersten Blick, ein abschreckend häßlicher +Mensch, mit einem ganz ungewöhnlich großen und gebogenen Schädel, einem +Vollbart im Gesicht und etwas müdem, ja tierischem Ausdruck in den +Augen. Sein Gang war geziert, aber edel, seine Kleidung fein und +geschmackvoll. In der Hand trug er einen gelben Spazierstock; er schien +ein Gelehrter zu sein, aber ein noch junger Gelehrter. Der ganze Mann, +wie er sich bewegte, hatte etwas Sanftes, Herzenbewegendes. Es schien, +daß man es wagen durfte, diesen Herrn ohne weiteres anzusprechen, und +Simon tat es. + +»Verzeihen Sie, mein Herr, Sie so ohne weiteres anzureden. Ich habe eine +Vorliebe für Sie gewonnen, sowie ich Sie nur anblickte. Ich wünsche ihre +Bekanntschaft zu machen. Sollte dieser lebhafte Wunsch nicht genügender +Anlaß sein, um einen Menschen, wie Sie sind, auf offener Straße +anzusprechen? Sie sehen so aus, als ob Sie jemand suchten, als ob Sie +irgend jemanden vermuteten, der auf diesem Platze Sie erwartete. Es ist +ein solches Gewimmel von Menschen hier, daß es schwer sein wird für Sie +allein, die betreffende Person zu entdecken. Ich will Ihnen suchen +helfen, wenn Sie das Vertrauen haben, mir mit einigen Merkmalen den +Menschen zu schildern, zu dem es Sie hinzieht. Ist es eine Dame?« + +»Es ist allerdings eine Dame,« erwiderte der Herr lächelnd. + +»Wie sieht sie aus?« + +»Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füßen. Große, schlanke +Erscheinung. Große Augen, die, wenn Sie sie erblicken, Ihnen noch +nachsehen, lange, lange, wenn es auch gar nicht der Fall ist. Um den +Hals trägt sie eine Kette von großen, weißen Perlen, an den Ohren lange, +herabhängende Ohrringe. Ihre Knöchel sind von goldenen, einfachen Reifen +umschlossen. Ich meine die Knöchel der Hände; das Gesicht hat etwas +Volles, Ovales, Üppiges. Sie werden es schon sehen. Um ihren Mund, +obgleich man sich darin täuscht, spielt etwas Verschlossenes und +Listiges, es ist ein etwas zugekniffener Mund. Übrigens trägt sie gern +einen breiten Hut mit herabhängenden Federn. Der Hut scheint dem Kopf +und dem Haar nur so angeflogen. Genügt Ihnen diese Beschreibung noch +nicht, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß sie ein Windspiel bei +sich an einer dünnen, schwarzen Leine führt. Sie geht nie aus ohne den +Hund. Ich werde auf diesen Posten bleiben und Sie zurückerwarten. Ich +bin Ihnen dankbar für Ihr Anerbieten, ganz abgesehen davon, daß Sie mich +schon Ihrer Anrede halber lebhaft interessieren. Das Gewirr von Menschen +wird wirklich immer größer. Es scheint hier ein Fest zu sein.« + +»Ja, ich glaube, es ist so etwas. Ich pflege mich um Feste wenig zu +bekümmern.« + +»Warum denn?« + +»Man geht so seine eigenen Wege! Auf Wiedersehen!« Damit ging Simon +durch die dichten Menschenmassen so schnell als möglich hindurch. Von +allen Seiten wurde er gedrängt und geschoben, beinahe gehoben. Aber auch +er drängte und er fand es höchst belustigend, so das Gewühl von Leibern +und Gesichtern langsam zu durchqueren. Endlich gelangte er auf eine Art +Insel, das heißt, auf einen kleinen, leeren Platz, und wie er sich +umsah, erblickte er plötzlich Frau Klara. Sie hatte wirklich einen Hund +bei sich. Seit er bei ihr wohnte, hatte er sich nie um die Frau näher +gekümmert, wußte also auch nicht, daß sie die Gewohnheit hatte, mit +ihrem Hund auszugehen. + +»Es sucht Sie ein Herr,« sagte er als sie ihn bemerkte. + +»Mein Mann wahrscheinlich,« erwiderte sie, »kommen Sie, wir gehen +zusammen. Er ist von der Reise plötzlich zurückgekehrt, ohne mir nur ein +Wort zu schreiben. So macht er es immer. Wie haben Sie seine +Bekanntschaft gemacht? Wie kommen Sie dazu, in seinem Auftrag Damen zu +suchen? Sie sind doch ein sonderbarer Mensch, Simon. Was? Ihre Stellung +haben Sie aufgegeben? Nun, was wollen Sie jetzt unternehmen? Kommen Sie! +Hier durch! Hier ist besser durchkommen. Ich werde Sie meinem Mann +vorstellen.« + + * * * * * + +Man beschloß, den Abend im Theater zu verbringen. Kaspar wurde davon +benachrichtigt und er fand sich zur bestimmten Stunde vor dem Theater, +das sich als ein weißes, herrliches Gebäude am Ufer des Sees erhob, ein. +Als der Vorhang aufging, sah man nur in einen grauen, leeren Raum hin. +Doch der Raum belebte sich alsobald, denn es erschien eine Tänzerin mit +nackten Beinen und Armen, die zu einer leisen Musik tanzte. Ihr Leib war +von einem durchschimmernden, flatternden, fließenden Gewand umhüllt, +das, so schien es, die Linien des Tanzes noch einmal für sich, in der +schwebenden Luft, nachzeichnete. Man empfand die völlige Unschuld und +Grazie dieses Tanzes und es würde niemandem eingefallen sein, in der +Nacktheit des Mädchens etwas Unkeusches und unrein-Beabsichtigtes zu +finden. Ihr Tanz löste sich oft in ein bloßes Schreiten auf, doch auch +dieses blieb Tanz, und ein anderes Mal wieder schien die Tanzende von +ihren eigenen Wellen in die Höhe erhoben zu werden. Wenn sie zum +Beispiel ein Bein erhob und den schönen Fuß krümmte, so geschah das in +einer so neuen, unbefangenen Weise, daß jedermann dachte: wo habe ich +das einmal gesehen, wo? Oder habe ich das nur irgend einmal geträumt? +Der Tanz dieses Mädchens hatte etwas Schweres und Naturgemäßes. Gewiß, +ihre Kunst war vielleicht, streng nach Ballettregeln genommen, nicht +allzugroß, ihr Können mochte weit zurückbleiben hinter dem Können und +Leisten anderer Tänzerinnen. Aber sie besaß die Kunst, mit ihrer bloßen, +mädchenscheuen Anmut zu entzücken. Wenn sie niederflog, so geschah es so +süß-schwer, und das Emporfliegen zu höherem Schwung berauschte alle +Seelen durch die Wildheit und Unschuld dieser Bewegung. Wenn sie sich +bewegte, war sie auch erregt von dieser ihrer flüchtigen Bewegung, und +ihre Erregung erfand zu den Tönen immer neue Schwingungen. Ihre Hände +glichen zwei schönen weißen, flatternden Tauben. Das Mädchen lächelte, +wenn es tanzte, es mußte glücklich dabei sein. Ihre Kunstlosigkeit wurde +als höchste Kunst empfunden. Einmal flog sie in großen weichen Sprüngen, +wie ein gejagter Hirsch, von einem Takt in den andern. Sie schien wie +ein Wellengesprudel zu tanzen, daß sich an einem niedern Ufer zerschlägt +und verspritzt, bald floß sie wie eine breite, sonnige, machtvolle Welle +dahin, wie eine Welle mitten im See, bald war es wieder wie ein Geriesel +von Flocken und Steinchen, immer war es anders, und immer so seelenvoll. +Die Empfindungen aller Zuschauer tanzten mit Lust und mit Schmerzen mit. +Einigen preßte der Tanz Tränen in die Augen, reine Tränen des +Mit-Entzückens, Mit-Tanzens. Wie schön war es, zu sehen, daß, da das +Mädchen seinen Tanz beendete, bejahrte, ehrfurchtgebietende Frauen sich +stürmisch erhoben, dem Mädchen mit Tüchern zuwinkten und ihr Blumen in +den Bühnen-Abgrund hinabwarfen. »Sei unsere Schwester,« schien aller +Lächeln zu bitten. »Welche Freude, dich meine Tochter, wenn du's +wolltest, zu nennen,« schienen die Damen zu jubeln. Das hundertköpfige +Zuschauerpublikum sah die Kleine auf der einsamen Bühne und vergaß die +Grenze, überhaupt alle Scheidewand. Viele Arme bogen sich, wie wenn sie +hätten liebkosen mögen, in die Luft; die Hände, die zuwinkten, bebten. +Man rief Worte hinab, die die bloße Freude erfand. Selbst die kalten, +goldenen Figuren der Dekoration schienen lebendig werden zu wollen und +den Lorbeer, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen +zu lassen. So schön hatte Simon das Theater noch nie gesehen. Klara war +sehr entzückt, wer hätte es an diesem Abend nicht sein können. Nur Herr +Agappaia blieb still und sagte kein Wort. Kaspar sagte: »Ich will eine +solche Ovation malen, das müßte ein herrliches Bild werden.« »Aber +schwer zu malen,« sagte Simon, »dieser Duft und Glanz der Freude, dieses +Schimmern des Entzückens, das Kalte und Warme, das Bestimmte und +Verschwommene, Farben und Formen in diesem Duft, das Gold und das +schwere Rot, so untergehend in allen Farben, und die Bühne, der kleine +Brennpunkt und das kleine, selige Mädchen darauf, die Kleider der Damen, +die Gesichter der Männer, die Logen und alles andere, wirklich, Kaspar, +es würde sehr schwer sein.« + +Klara sagte: »Wenn man jetzt an eine stille Landschaft denkt, da draußen +liegen sie, die Wälder und Hügel und die weiten Wiesen, und man sitzt +hier in einem glitzernden Theater. Wie sonderbar. Vielleicht ist aber +alles Natur. Nicht nur das Große und Stille da draußen, sondern auch das +Bewegliche und Kleine, was die Menschen erschaffen. Ein Theater ist auch +Natur. Was die Natur uns heißt zu bauen, kann auch nur Natur, etwas +freilich wie Abart der Natur sein. Mag die Kultur so fein werden wie sie +will, sie bleibt doch Natur, denn sie ist doch nur die langsame +Erfindung durch Zeiten, und zwar von Wesen, die an der Natur immer +hangen werden. Wenn Sie ein Bild malen, Kaspar, so wird es Natur, denn +Sie malen mit Ihren Sinnen und Fingern und diese haben Sie doch von der +Natur bekommen. Nein, wir tun gut daran, sie zu lieben, immer ihrer +recht zu gedenken, sie, wenn ich so sagen darf, anzubeten, denn irgendwo +müssen die Menschen gebetet haben, sonst werden sie schlecht. Wenn wir +nun lieben, was uns am nächsten ist, so ist das ein Vorteil, der unsere +Jahrhunderte stürmischer vorwärts treibt, der uns mit der Erde +gedankenvoll rollen läßt, ein Vorteil, der uns das Leben schneller und +seliger empfinden macht, den wir also packen und ergreifen müssen, +tausendmal, in tausend Momenten, was weiß ich!« -- -- -- + +Sie war ganz feurig geworden im Sprechen. »Habe ich auch etwas +Vernünftiges gesprochen?« fragte sie Kaspar. + +Kaspar antwortete nicht. Sie waren längst aus dem Theater heraus und +befanden sich auf dem Nachhauseweg. + +Simon war mit Herrn Agappaia ein Stück vorausgegangen. + +»Erzählen Sie mir etwas,« bat Klara ihren Begleiter. + +»Ich habe einen Kollegen, Erwin mit Namen,« erzählte Kaspar, indem er +neben der Frau herging, »er ist wenig talentvoll, oder vielleicht war er +in seiner frühesten Jugend einmal talentvoll. Dagegen ist er noch immer, +trotzdem ihm das Malen nicht den geringsten Erfolg verspricht, wie ein +Satan in seine Kunst verliebt. Alle seine Bilder nennt er schlecht, und +sie sind es auch, aber er arbeitet jahrelang an ihnen. Er kratzt immer +wieder ab und malt von neuem. So die Natur zu lieben, wie er, muß eine +Qual sein und ist eine Schande; denn ein Mann von Vernunft läßt sich +nicht lange von einem Gegenstand, und sei es auch die Natur selber, +foppen und narren und peinigen. Natürlich ist nicht die Kunst seine +Peinigerin, sondern er selber ist sein Quäler mit seiner armseligen +Auffassung von Kunst und Welt. Dieser Erwin liebt mich. Ich malte, als +wir beide Anfänger waren, zusammen mit ihm. Wir tummelten uns auf den +Wiesen herum, unter den Bäumen, die ich immer nur in vollster +prangendster Blütenpracht vor mir sehe, wenn ich an jene »gottvolle« +Zeit denke. Dieses Wort »gottvoll« ist eines, das Erwin in seiner +blinden Überschwenglichkeit geprägt hat, wenn er vor Landschaften stand, +deren Schönheit seine Fassungskraft überstieg. »Kaspar, sieh einmal +diese gottvolle Landschaft,« das hat er, ich weiß nicht wie viel +hundertmal, zu mir gesagt. Schon damals, obgleich er ganz hübsche Bilder +zustande brachte, die mit Talent gemacht waren, kritisierte er sich +bissig und schonungslos. Er vernichtete seine gelungenen Bilder und hob +nur die mißlungenen auf, weil er nur diese als wertvoll empfand. Sein +Talent litt furchtbar unter diesem beständigen Mißtrauen, bis es +schließlich unter solcher schlechter Behandlung eintrocknete und +versiegte wie ein Quell, der von der Sonne verbrannt und ausgesogen +wird. Ich riet ihm öfters, fertige Bilder zu einem bescheidenen Preis zu +verkaufen, aber er hätte mir für diese Zumutung beinahe die Freundschaft +aufgekündet. Über mich verwunderte er sich täglich mehr, wie ich nur so +leicht und ziemlich frivol vor mich hinmalen konnte, aber er achtete +mein Talent, das er zugeben mußte. Er wünschte, ich möchte meine Kunst +mit mehr Ernst betreiben, ich antwortete, daß es bei der Kunstausübung +nur des Fleißes, des fröhlichen Eifers und der Naturbeobachtung bedürfe, +um zu etwas zu kommen, und machte ihn auf den Schaden aufmerksam, den +der übertriebene, heilige Ernst um eine Sache der Sache antun könne und +müsse. Er glaubte mir wirklich, war aber zu schwach, um sich von seinem +verbohrten Ernst, in den er festgebissen war, loszureißen. Dann reiste +ich weg, und bekam die sehnsüchtigsten Briefe von ihm, die voll Trauer +über meine Abreise klangen. Ich sei noch derjenige gewesen, der ihn noch +ein wenig munter erhalten hätte. Ich möchte doch zurückkehren, oder wenn +nicht, so bäte er mich, daß ich ihm erlaube, mir nachzureisen. Er tat es +auch. Er war immer hinter mir wie mein leibeigener Schatten, so oft ich +ihn auch kalt, spöttisch und von oben herab behandelte. Er vermied die +Frauen, ja er haßte sie, denn er befürchtete, von ihnen von der +Heiligkeit seiner Lebensaufgabe abgelenkt zu werden. Infolgedessen +lachte ich ihn aus und es kann sein, daß ich ihn ziemlich verächtlich +behandelt habe. Er malte immer schwerfälliger und war immer versessener +in die Studien. Ich riet ihm, nicht so sehr zu studieren und mehr die +Hand an den Pinsel zu gewöhnen. Er versuchte es und weinte beim Anblick +meines sorglosen In-den-Tag-hinein-Schaffens. Da unternahmen wir +zusammen eine Reise nach meiner Heimat, Sie wissen! Über die breiten +hohen Berge geht es da, in tiefe Täler steil hinunter und sogleich +wieder hinauf. Mir war es ein Spaß zum Handausstrecken, ein Genießen, +ein etwas schnelleres Atmen, eine größere Inanspruchnahme der Beine, +weiter nichts. Erwin kam kaum vorwärts: wirklich, seine Kräfte waren +bereits zerrüttet von der Ausschweifung seines Kunstsehnens. Eines Tages +erblickten wir, es war gegen Abend, auf einer hohen Bergweide stehend, +vor uns, durch Tannengeäst hindurch die drei Seen meiner Heimat. Erwin +schrie bei diesem Schauspiel auf. Es war in der Tat unvergeßlich schön. +Unten klang das Gelärm der Eisenbahnen, und Glocken tönten herauf. Die +Stadt konnte man noch nicht sehen, aber ich wies Erwin mit der +ausgestreckten Hand auf die Stelle, wo sie liegen mußte. Wie die +Gewänder von Fürstinnen lagen blitzend und sanft leuchtend die Seen +ausgebreitet, von edlen Berglinien umschlossen, mit entzückend +zierlichen Uferbildungen, und so weit in der Ferne, und doch so nah. +Noch an diesem Abend rückten wir, verstaubt und ausgehungert, zu Hause +an. Meine Schwester freute sich über den stillen Gast, den ich brachte. +Es mag jetzt etwa drei Jahre her sein. Sie schloß sich mit der Zeit an +ihn an, und ich darf glauben, daß eine stille Liebe zu Erwin in ihr +brannte. Es schmerzte sie, zu sehen, in welcher Weise ich mit ihrem +Schutzbefohlenen umging. Sie bat mich, freundlicher und achtungsvoller +von ihm zu reden, wenn ich von ihm in etwas lustigem Tone sprach. Lange +hielt es der arme Kerl auch nicht aus. Eines Tages nahm er Abschied. +Meiner Schwester hat er einen Spruch ins Tagebuch schreiben müssen. Wie +komisch das alles ist und doch wie tief. Vielleicht hatte er, da er ihr +ins Buch schrieb, die Hand gedankenvoll gestützt, und sich eine Zukunft +mit meiner Schwester ausgedacht. Was versprach ihm die Kunst? Ich hatte +einige Sorge, meine Schwester würde etwas wie eine Szene machen. Aber +sie schaute ihn bloß innig und gütig an beim Abschiednehmen. Er durfte +sie nicht anschauen, er wagte es nicht. Kam er sich vor wie ein +Erbärmlicher? Leicht möglich. Vielleicht glaubte er überhaupt nicht, daß +Mädchen ihn lieben und zum Mann begehren könnten, denn er hatte ein +Muttermal quer über das ganze Gesicht. Aber in meinen Augen hat ihn das +immer veredelt. Ich sah ihn sehr gerne an. Wir reisten, und dann frug er +mich einmal, ob er meiner Schwester schreiben dürfe. »Was geht das mich +an,« rief ich aus. »Schreibe, wenn du Lust hast!« Er ging wieder nach +Hause, in die ganz tote, düstere Umgebung seiner Akademieprofessoren. +Ich bemitleidete ihn, aber trennte mich kalt von ihm, wenigstens zeigte +ich ihm die Kälte, denn es war mir unangenehm, einem Bemitleidenswerten +gegenüber warm zu werden. Er schrieb einige Briefe, die ich nicht +beantwortete, und er schreibt auch jetzt, und auch jetzt antworte ich +nicht. Er hängt zum Verzweifeln an mir. Ist es da nötig, noch zu +antworten? Er ist verloren, er macht absolut keinen Fortschritt. Seine +gegenwärtigen Bilder sind schrecklich. Und doch hat kein Mensch ein so +inniges Bündnis mit mir gehabt wie er, und wenn ich an jene Tage denke, +wo wir zusammen an der Natur hingen! Was geht alles in der Welt vorüber. +Man muß schaffen, schaffen und nochmals schaffen, dazu ist man da, nicht +zum Bemitleiden.« + +»Der arme Mensch,« sagte Klara, »ich habe Mitleid mit ihm. Ich möchte, +daß er hier wäre, und wenn er krank wäre, wie gerne möchte ich ihn +pflegen. Ein unglücklicher Künstler ist wie ein unglücklicher König. Wie +tief in der Seele muß es ihn schmerzen, sich so talentlos zu wissen. Ich +kann es mir so gut denken. Armer Kerl. Ich möchte ihm Freundin sein, da +Sie keine Zeit haben, Mitleid mit ihm zu empfinden. Ich hätte Zeit. Was +für arme Menschen gibt es doch auf der Welt!« + +Kaspar sagte leise zu ihr und ergriff zum ersten Mal ihre Hand: »Wie gut +Sie sind!« -- + +Der Wald war tiefschwarz, alles war dunkel, das Haus war ein dunkler +Fleck im Dunkel. Simon und Agappaia warteten auf die beiden andern an +der Haustür. + +»Sie kommen nicht. Kommen Sie, wir wollen hineingehen.« + +»Ich möchte mich gleich schlafen legen,« sagte Simon. + +Als er bereits im Bett lag und die Augen zuschließen wollte hörte er +plötzlich einen Schuß fallen. Erschreckt bis zum äußersten sprang er +auf, riß das Fenster auf und schaute hinaus. »Was ist das,« rief er +hinunter. Aber nur seine eigene Stimme widerhallte vom Walde her. Der +Wald war in eine schauerliche Totenstille gehüllt. Plötzlich vernahm er, +wie unten eine Männerstimme sprach: »Es ist nichts, schlafen Sie. +Verzeihen Sie, daß ich Sie erschreckt habe. Ich pflege des Nachts öfters +im Walde zu schießen, es macht mir Vergnügen, so den Schuß knallen und +widerhallen zu hören. Der eine pfeift gern eine Melodie, um sich, wenn +alles so still um ihn ist, zu zerstreuen. Ich schieße. Tragen Sie +Sorgfalt, daß Sie sich nicht erkälten so am offenen Fenster. Die Nächte +sind jetzt noch kühl. Gleich werden Sie wieder schießen hören und dann +werden Sie sich wohl nicht mehr ängstigen. Ich erwarte noch meine Frau. +Gute Nacht. Schlafen Sie wohl.« Simon legte sich wieder nieder. Dennoch +fand er keinen Schlaf. Die Stimme des Mannes hatte ihm so merkwürdig +geklungen, so ruhig, und das eben war das Eigentümliche. So eisig, +eigentlich ganz gewöhnlich freundlich, aber eben darin lag das Eisige. +Es mußte etwas dahinter stecken. Aber vielleicht kannte er nur dieses +Mannes Gewohnheiten nicht. »Es gibt,« dachte er für sich, »heutzutage ja +sonderbare Käuze genug. Das Leben ist ja so langweilig, das fördert das +Anwachsen der Käuze. Man wird, ehe man es recht weiß, zum seltsamen +Kauz. So mag auch dieser Agappaia gar nichts Wunderliches mehr in seinen +Wunderlichkeiten sehen. Man nennt es einfach Sport und schlägt alle +fremden Gedanken damit nieder. Immerhin, ich will jetzt versuchen, zu +schlafen.« -- aber es kamen andere Gedanken, die alle mit Nächten zu tun +hatten. Er dachte an kleine Kinder, die nicht in dunkle Zimmer zu gehen +wagen, die nicht einschlafen können im Dunkel. Die Eltern prägen den +Kindern die fürchterliche Angst vor dem Dunkel ein und schicken dann zur +Strafe die Unartigen in stille, schwarze Kammern. Da greift nun das Kind +im Dunkel, im dicken Dunkel und stößt nur auf Dunkel. Des Kindes Angst +und das Dunkel kommen ganz gut miteinander aus, aber nicht das Kind mit +der Angst. Das Kind hat soviel Talent, Angst zu haben, daß die Angst +immer größer wird. Sie bemächtigt sich des kleinen Kindes, denn sie ist +etwas so Großes, Dickes, Schweratmendes; das Kind würde zum Beispiel +gern schreien wollen, aber es wagt es nicht. Dieses Nicht-Wagen +vergrößert noch seine Angst; denn etwas Furchtbares muß da sein, wenn +man nicht einmal vor Angst Angstschreie ausstoßen darf. Das Kind glaubt, +jemand horche im Dunkel. Wie schwermütig einen das macht, sich solch ein +armes Kind vorzustellen. Wie die armen Öhrchen sich anstrengen, ein +Geräusch zu erhorchen: nur den tausendsten Teil eines Geräuschleins. +Nichts hören ist viel angstvoller als etwas hören, wenn man schon einmal +im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen und beinahe +das eigene Horchen hören. Das Kind hört nicht auf, zu hören. Manchmal +horcht es, und manchmal hört es nur, denn das Kind weiß zu unterscheiden +in seiner namenlosen Angst. Wenn man sagt: hören, so wird eigentlich +etwas gehört, aber wenn man sagt: horchen, so horcht man vergeblich, man +hört nichts, man möchte hören. Horchen ist Sache des Kindes, das in eine +dunkle Kammer eingesperrt wird, zur Strafe für Unarten. Denke man sich +jetzt, daß jemand herankäme, leise, fürchterlich leise. Nein, das lieber +nicht denken. Lieber das nicht denken. Derjenige, der das denkt, stirbt +mit dem Kinde vor Schreck. So zarte Seelen haben Kinder, und solchen +Seelen solche Schrecknisse zudenken! Eltern, Eltern, stecket nie eure +unartigen Kinder in dunkle Kammern, wenn ihr sie vorher gelehrt habt, +Angst vor dem sonst so lieben, lieben Dunkel zu empfinden. -- -- + +Jetzt hatte Simon keine Angst mehr, es möchte noch in dieser Nacht etwas +vorkommen. Er schlief ein, und als er am Morgen erwachte, sah er seinen +Bruder ruhig neben sich im Bett schlafen. Er hätte ihn küssen mögen. Er +zog sich, um den Schlafenden nicht zu wecken, so behutsam wie möglich +an, öffnete leise die Türe und ging die Treppe hinunter. Auf der Treppe +begegnete er Klara. Sie schien schon eine ganze Weile da gewartet zu +haben. Simon hatte jedoch kaum guten Morgen gesagt, als ihn auch schon +die Frau, die heftig bewegt schien, um den Hals faßte und an sich zog +und voll Liebe küßte. »Ich will dich auch küssen, du bist ja sein +Bruder,« sagte sie mit leiser, gepreßter, glückseliger Stimme. + +»Er schläft noch,« sagte Simon. Es war seine Gewohnheit, Zärtlichkeiten, +die nicht ihm galten, sanft abzuweisen. Diese Ruhe brachte ihre Seele +erst recht in Bewegung. Sie ließ ihn nicht weitergehen, sondern schloß +ihn fester an sich, indem sie seinen Kopf in ihre beiden Hände nahm und +Küsse auf seine Stirne und auf seine Wangen drückte. »Ich habe dich so +lieb wie einen Bruder. Du bist jetzt mein Bruder. Ich habe so wenig und +so viel, siehst du! Ich habe gar nichts, ich habe alles gegeben. Wirst +du mich meiden? Nein, nicht wahr, nein! Ich besitze dein Herz, ich weiß +es. Ich bin reich mit einem solchen Vertrauten. Du liebst deinen Bruder, +wie keiner ihn liebt. Mit so viel Stärke und Willen. Erzähle mir von +dir. Wie schön kommst du mir vor. Du bist ganz anders, als er. Man kann +dich nicht beschreiben. Er sagte es auch, man könne dich kaum fassen. +Und doch, wie vertrauensvoll wirft man sich dir entgegen. Küsse mich. +Ich bin dein, in dem Sinne, wie dein Herz es will. Dein Herz ist das +Schöne an dir. Sage nur nichts. Ich verstehe, daß man dich nicht +versteht. Du verstehst alles. Du bist gut zu mir, sage, sage ja. Nein, +sage nicht ja. Es ist nicht nötig, ist gar, gar nicht nötig. Deine Augen +haben schon ja gesagt. Ich wußte es schon lange. Ich wußte schon lange, +daß es solche Menschen gäbe, zwinge dich nur nicht zur Kälte. Schläft +er? O nein, gehe noch nicht. Ich muß mich noch ein wenig zanken mit dir. +Ich bin eine dumme, dumme, dumme Frau, nicht wahr.« + +In diesem Tone würde sie fortgeredet haben, aber Simon wehrte ihr ab, +ganz sanft, wie es seine Art war. Er sagte, er wolle einen Spaziergang +machen. Sie sah ihm nach, wie er davonging, aber er bekümmerte sich +nicht im geringsten um ihren Blick. »Ich diene ihr, wenn sie mich zu +einem Dienst braucht; selbstverständlich!« sagte er zu sich. »Ich würde +wahrscheinlich mein Leben hinwerfen für sie, wenn es ihr diente zu ihrem +Wohlsein, es zu fordern; sehr wahrscheinlich! Ja, es ist ziemlich +sicher, daß ich das täte, gerade für so eine. Sie hat so etwas +Derartiges. Mit einem Wort: sie beherrscht mich natürlich, aber was ist +da weiter zu grübeln. Ich habe an andere Sachen zu denken. Zum Beispiel +heute morgen bin ich glücklich, ich spüre meine Glieder wie feine, +geschmeidige Drähte. Wenn ich meine Glieder spüre, bin ich glücklich, +und da denke ich an keinen Menschen auf der Welt, weder an ein Weib, +noch an einen Mann, einfach an nichts. Ach, ist das schön hier im Wald +so am sonnigen Morgen. Ist das schön, frei zu sein. Mag jetzt eine Seele +an mich denken, mag sie, oder mag sie nicht, jedenfalls denkt die +meinige an gar nichts. Ein solcher Morgen weckt immer eine gewisse +Brutalität in mir, aber das schadet nichts, im Gegenteil, ist die +Grundlage zum selbstlosen Naturgenuß. Herrlich, herrlich. Wie das Gras +in der Sonne blitzt. Wie der weiße Himmel um die Erde brennt. Es kann ja +auch heute noch kommen, dieses Weichwerden. Wenn ich an jemand denke, +dann tu ich es heftig. Aber köstlicher ist es, so wie ich jetzt bin. +Lieblicher Morgen. Soll ich dir ein Lied singen. Ja, du bist selber ein +Lied. Viel lieber möchte ich schreien und laufen wie der Teufel, oder +Schüsse abknallen wie der dumme Teufel Agappaia.« -- + +Er warf sich auf die Matte nieder und träumte. + + + + +Viertes Kapitel. + + +An diesem Morgen fuhren Kaspar und Klara in einem kleinen, farbigen Boot +auf dem See. Der See war ganz ruhig wie ein glänzender, stiller Spiegel. +Ab und zu kreuzten sie einen kleinen Dampfer, dann gab es für eine kurze +Zeit breite, sanfte Wellen, und sie durchschnitten diese Wellen. Klara +war in ein ganz schneeweißes Kleid gehüllt, die weiten Ärmel hingen an +den schönen Armen und Händen träge herunter. Den Hut hatte sie +abgenommen: die Haare hatte sie aufgelöst, ganz unabsichtlich, mit einer +schönen Bewegung der Hand. Ihr Mund lächelte zu dem Munde des jungen +Mannes hinüber. Sie wußte nichts zu sagen, sie mochte nichts sagen. »Wie +schön das Wasser ist, es ist wie ein Himmel,« sagte sie. Ihre Stirne war +heiter wie die Umgebung von See, Ufer und wolkenlosem Himmel. Das Blau +des Himmels war von einem duftenden und schimmernden Weiß durchzogen. +Das Weiß trübte ein wenig das Blau, verfeinerte es, machte es +sehnsüchtiger und schwankender und milder. Die Sonne schien halb durch, +wie Sonne in Träumen. Es lag eine Zaghaftigkeit in allem, die Luft +fächelte ihnen um das Haar und das Gesicht, Kaspars Gesicht war ernst, +doch ohne Sorgen. Er ruderte eine Weile stark, dann jedoch ließ er die +Ruder fahren, das Schiff schaukelte ohne Führung weiter. Er bog sich +nach der versinkenden Stadt um, sah die Türme und Dächer in der halben +Sonne leicht glitzern, sah, wie die emsigen Menschen über die Brücken +liefen. Die Karren und Wagen kamen nach, die elektrische Trambahn sprang +mit ihrem eigenartigen Geräusch vorüber. Die Drähte sausten, die +Peitschen knallten, Pfeifen hörte man und große schallende Klänge von +irgend woher. Auf einmal tönten die Elfuhr-Glocken in all die Stille und +in all das ferne, zitternde Geräusch hinein. Sie empfanden beide eine +unaussprechliche Freude am Tag, am Morgen, an den Tönen und Farben. Es +wurde alles zu einem Erfassen, zu einem Ton! Liebende, wie sie waren, +hörten sie alles in einen einzigen Ton überschlagen. Ein Strauß von +einfachen Blumen lag in Klaras Schoße. Kaspar hatte seinen Rock +ausgezogen und ruderte wieder weiter. Da schlug es Mittag, und alle +diese Arbeits- und Berufsmenschen liefen wie ein Haufen von Ameisen nach +allen Straßenrichtungen auseinander. Es wimmelte auf der weißen Brücke +von schwarzen, beweglichen Punkten. Und wenn man daran dachte, daß jeder +dieser schwarzen Punkte einen Mund hatte, mit dem er jetzt das +Mittagessen essen wollte, so mußte man unwillkürlich lachen. Wie so ein +Bild des Lebens einzig sei, empfanden sie, und lachten dabei. Auch sie +kehrten jetzt um, denn schließlich waren sie auch Menschen, die Hunger +bekamen; und je näher sie dem Ufer kamen, desto größer wurden wieder die +Ameisen; und dann stiegen sie aus und waren ebenfalls Punkte, wie die +andern. Aber sie spazierten selig unter den hellgrünen Bäumen auf und +ab. Viele Neugierige schauten sich nach dem seltsamen Paare um: der Frau +in dem langen, nachschleppenden, weißen Gewande und dem Flegel von +Burschen, der nicht mal eine ordentliche Hose trug, der so seltsam frech +abstach von der Dame, die er begleitete. So pflegen sich die Menschen zu +empören und zu irren in ihren Mitmenschen. Auf einmal kam jemand auf +Kaspar lebhaft zugeschritten. Es war in der Tat einer, der Grund hatte, +ihn auf diese Weise zu begrüßen, nämlich Klaus, der seinen Bruder schon +seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hinter ihm kam die Schwester und +ein anderer Herr, und nun begrüßte sich alles gegenseitig. Der fremde +Herr hieß Sebastian. + + * * * * * + +Simon saß unterdessen, kaum tausend Schritte weit entfernt, in einer +Speisehalle, einem kleinen Raum, vollgepfropft mit essenden Menschen. +Hier pflegte allerhand Volk zu essen, das billig und schnell essen +mußte. Simon liebte gerade diesen Ort, wo doch jede Bequemlichkeit und +Eleganz durchaus fehlte. Auch hatte er ja mit dem Gelde zu rechnen. Das +Speisehaus war von einer Gruppe von Frauen gegründet, die sich, alle +zusammen gerechnet, Verein für Mäßigkeit und Volkswohl nannten. In der +Tat, wer da hineinging, der mußte mit einem mäßigen und dünnen Essen +zufrieden sein. Meistens waren auch alle zufrieden, wenn man die +kleinen, bornierten Unzufriedenheiten abrechnet. Allen, die hier +verkehrten, schien das Essen zu behagen, das aus einem Teller Suppe, +einem Stück Brot, einer Portion Fleisch, dito Gemüse und einem winzigen +und zierlichen Dessert bestand. Die Bedienung ließ nichts zu wünschen +übrig, als ein wenig mehr Behendigkeit, aber im Grunde genommen war sie +schnell genug in Anbetracht der zahlreichen hungrigen Esser. Jeder bekam +sein Essen frühzeitig genug, auch wenn jeder eine kleine Ungeduld nach +noch frühzeitigerem Verabreichen verspürte. Es war ein immerwährendes +Essen-Austeilen, Essen-In-Empfangnehmen und Essen-Verschlingen. Mancher, +der verschlungen hatte, mochte den Wunsch empfinden, noch nicht soweit +zu sein, und sah neidisch auf solche, die zu erwarten hatten, was doch +eigentlich ganz nett war hinunterzuschlingen. Warum aßen sie so schnell. +Eine absurde Gewohnheit, so schnell sein Essen zu essen. Die Bedienung +bestand aus ganz lieblichen Mädchen aus der ländlichen Umgebung der +Stadt. Eine kurze Zeit waren diese Geschöpfe ziemlich unbeholfen, aber +sie lernten es, abzuwehren und mit dem Ablehnen Zeit zu gewinnen, ganz +dringende, brennende Wünsche zu befriedigen. Wo so viele Wünsche waren, +mußte unter den Wünschen fein unterschieden und gewählt werden. Ab und +zu kam eine der Erfinderinnen dieses Geschäftes, eine der +Wohltäterinnen, und sah sich das Volk an, wie es aß. Eine solche Dame +setzte ihre Lorgnette ans Auge und musterte das Essen und diejenigen, +die es verzehrten. + +Simon empfand eine Vorliebe für diese Damen und freute sich immer, wenn +sie kamen, denn es kam ihm so vor, als besuchten diese lieben, gütigen +Frauen einen Saal voll kleiner, armer Kinder, um zu sehen, wie diese +sich an einem Festmahl ergötzten. »Ist denn das Volk nicht ein großes, +armes, kleines Kind das bevormundet und überwacht werden muß?« rief es +in ihm, »und ist es nicht besser, es wird überwacht von Frauen, die doch +vornehme Damen sind und gütige Herzen haben, als von Tyrannen im alten, +freilich heroischeren Sinn?« -- Was aß nicht alles in der Eßstube, zu +einer friedlichen Familie vereint! Studentinnen in erster Linie. Hatten +Studentinnen Zeit und Geld, um im Hotel Continental zu essen? Und dann +Dienstmänner in blauen, leichten Kitteln mit Stiefeln an den Beinen, +großen, borstigen Schnurrbärten und ziemlich eckigen Mäulern im Gesicht. +Was konnten sie dafür, daß sie eckige Mäuler hatten? Mancher im Hotel +Royal hatte gewiß auch ein eckiges Gebaren rund um den Schnurrbart +herum. Freilich war dort das Eckige übertüncht mit einer Rundung, aber +was hatte das wohl zu heißen? Auch Dienstmädchen ohne Stellung waren da, +arme Schreiber, überhaupt Weggejagte, Brotlose, Heimatlose und auch +solche, die nicht einmal eine Adresse besaßen. Ebenso verkehrten hier +Frauen von schlechtem Lebenswandel, Weiber mit seltsamen Frisuren und +blauen Gesichtern, dicken Händen und frechen aber verschämten Blicken. +Alle diese Leute, allen voran natürlich die heiligen Betbrüder, die +ebenfalls zu sehen waren, benahmen sich in der Regel schüchtern und +zuvorkommend. Alle schauten allen ins Gesicht während des Essens; kein +Wort wurde gesprochen, nur hin und wieder ein leises und höfliches. Das +war der sichtbare Segen des Volkswohles und der Mäßigkeit. Etwas +Drolliges, etwas Einfaches, etwas Gedrücktes und wiederum etwas +Befreites lag auf den armseligen Menschen, in ihren Manieren, die bunt +waren wie die Farben eines Sommervogels. Wie mancher benahm sich hier +feiner als der Feinste sonst in vornehmen Häusern. Wer konnte wissen, +wer er war, was er gewesen, vordem, ehe er ins Volksspeisezimmer +gelangte. Würfelte denn nicht das Leben die Schicksale der Menschen +heftig durcheinander wie mit einem Würfelbecher? Simon saß in einer +kleinen Ecke, einer Art Erker, und aß Butter mit Honig, auf ein Stück +Brot zusammengestrichen, und trank eine Tasse Kaffee dazu: »Was brauche +ich mehr zu essen an einem so schönen Tage. Blickt nicht der blaue +Frühsommerhimmel holdselig durch das Fenster auf mein goldnes Essen +herab. Freilich ist mein Essen ein goldenes. Man erblicke nur den Honig: +hat er nicht ein hellgelbes, süßgoldenes Aussehen? Dieses Gold fließt so +angenehm auf dem kleinen, weißen Tellerchen herum, und wenn ich mit dem +spitzen Messer davon absteche, so komme ich mir vor wie ein Goldgräber, +der einen Schatz entdeckt hat. Das Weiß der Butter liegt entzückend +daneben, dann folgt die braune Farbe des wohlschmeckenden Brotes, und +über alles schön ist das Dunkelbraun des Kaffees in der zierlichen, +sauberen Tasse. Gibt es ein Essen auf der Welt, das schöner und +appetitlicher aussehen könnte? Und ich stille meinen Hunger damit ganz +vortrefflich, und was brauche ich mehr, als meinen Hunger zu stillen, um +sagen zu können: ich habe gegessen? Es soll Menschen geben, die sich aus +dem Essen eine Kultur, eine Kunst machen; nun, kann ich das etwa nicht +auch von mir sagen? Freilich! Nur ist meine Kunst eine bescheidene und +meine Kultur eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer +und üppiger als jene das Viele und Nicht-Aufhören-Wollende. Ich ziehe +außerdem nicht gern Mahlzeiten so sehr in die Länge, ich könnte sonst +leicht den Appetit darnach verlieren. Mir liegt daran, immer und immer +wieder Lust zum Essen zu verspüren, deshalb esse ich spärlich und fein. +Außerdem habe ich noch etwas: eine pikante Unterhaltung mit immer neuen +Menschen.« + +Kaum hatte Simon dieses gemurmelt oder gedacht, als ein alter Mann in +weißen Haaren sich auf den freien Platz zu ihm hinsetzte. Des alten +Mannes Gesicht war von einer grauen, abgemagerten Blässe, die Nase +tropfte, oder vielmehr, es hing ein großer Tropfen an seiner Nase, der +nicht fallen konnte, der aber doch schwer zum Fallen war. Beständig +glaubte man ihn herunterfallen sehen zu sollen. Aber der Tropfen hing +immer noch. Der Mann bestellte sich einen Teller mit gesottenen +Kartoffeln, sonst weiter nichts, und aß dieselben, indem er mit der +Messerspitze sorgfältig Salz darauf streute, mit umständlichem Behagen. +Aber vorher hatte er die Hände zusammengefaltet, um ein Gebet an seinen +Herrgott zu verrichten. Simon erlaubte sich folgenden kleinen Spaß: er +bestellte heimlich ein Stück Braten bei dem aufwartenden Mädchen und als +das Bratenstück herankam, mußte er über des Mannes Staunen, als es ihm +und keinem andern hingereicht wurde, herzlich lachen. + +»Warum beten Sie, bevor sie essen,« fragte Simon einfach. + +»Ich bete, weil ich dessen bedarf,« erwiderte der alte Mann. + +»Dann freut es mich, Sie beten gesehen zu haben. Ich interessierte mich +bloß, welches Gefühl Sie dazu könnte veranlaßt haben.« + +»Man hat viele Gefühle dabei, mein junger Herr! Sie zum Beispiel beten +gewiß nicht. Dazu haben junge Leute von heute keine Zeit und auch kein +Verlangen mehr. Ich kann es begreifen. Wenn ich bete, so fahre ich bloß +in meiner Gewohnheit fort, denn ich habe mir das angewöhnt und es hat +mir Trost gespendet.« + +»Waren Sie immer ein armer Mann?« + +»Immer.« -- + +Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich +sauberen, so doch armseligen Speiselokal die schöne Gestalt der Frau +Klara. Sämtliche Hände, die eine Gabel, einen Löffel oder ein Messer, +oder den Henkel einer Tasse festhielten, zögerten einen Augenblick, in +ihrem Geschäft fortzufahren. Alle Mäuler sperrten sich auf, alle Augen +hefteten sich fest auf eine Erscheinung, die so wenig geeignet schien, +etwas in diesem Raume zu suchen zu haben. Sie war eine vollendete Dame +und war es in diesem Moment noch viel mehr. Es war gerade, auch für +Simons Augen und Sinne, als wenn sich aus einem offenen, flatternden +Himmel ein Engel loslöse und nun zur Erde niederschwebe und dort irgend +ein dunkles Loch aufsuche, um die Menschen, die dort wohnen, mit seinem +bloßen seligen Anblick zu beglücken. So dachte sich Simon immer eine +Wohltäterin, die hingeht, zu den Elenden und Armen, die nichts besitzen, +als den zweideutigen Vorzug, von Moment zu Moment mit Sorgen wie mit +Ruten gepeitscht zu werden. Klara benahm sich in dem Volkshause, ganz +wie wenn es sich von selber ergäbe, als ein höheres, fernes, +zugeflogenes Wesen aus anderen Grenzen, aus einer andern Schicht und +Welt. Das war ja das Herrliche, Strahlende, das alle diese schüchternen +Menschen veranlaßte, die Augen aufzureißen, mit dem Atem zu kämpfen und +die Hände zu halten mit der andern Hand, daß das Messer nicht herausfiel +vor heftigem Erbeben. Klaras Schönheit gab den Menschen urplötzlich mit +Schmerz etwas zu denken. Es kam ihnen plötzlich allen in den Sinn, was +es noch, außer rauher Arbeit und Kummer um das tägliche Brot, auf der +Welt gäbe. Von dieser Art Gesundheit und völligen, üppigen, lächelnden +Reizes hatten sie alle beinahe keine Vorstellung mehr, so sehr zerfloß +ihnen das Leben in schwarzen, unsauberen Alltäglichkeiten, zerrieb sich +in Sorgen, klammerte sich um Niedrigkeiten. Das alles fiel ihnen jetzt, +wenn vielleicht nicht jedem so deutlich, mit Qualen ein; denn eine Qual +ist es, eine Schönheit zu erblicken, an deren bloßem Duft man sich zu +berauschen meint, die einen tötet, wenn der Gedanke sich dazu versteigt, +mit ihrem Lächeln mitzulächeln. Deshalb machten sie unwillkürlich auch +alle Grimassen, verzerrten ihre Gesichter zu der Frau hinauf, die sie +alle überragte, da alle auf niederen Stühlen, an engen Plätzen +festgeklemmt saßen, während sie, die Hohe, hoch aufrecht stand. Sie +schien jemand zu suchen. Simon hielt sich still in seiner Ecke und +lächelte die Umherblickende unverwandt an. Sie bemerkte ihn lange nicht, +obschon der Raum verhältnismäßig klein war; denn es mochte sie +anstrengen, ihre Augen an das zerwürfelte dunkle, vermischte Bild zu +gewöhnen und Gestalten zu fixieren, die ihre Augen gewohnt waren, sonst +überhaupt nicht zu beachten. Schon wollte sie sich, etwas unwillig +geworden, wieder entfernen, als sie Simon mit einem Blick streifte und +erkannte. »Also hier sitzen Sie, und noch dazu in solch eine Ecke +gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größten Freude neben ihn +nieder, auf den Platz zwischen ihrem jungen Freunde und dem alten Mann, +dessen Nase immer noch den großen glitzernden Tropfen trug. Der Greis +schlief. Es war nicht gestattet, in solchen Lokalen zu schlafen, aber es +war ein alltägliches Vorkommnis, daß alte Leute hier, nachdem sie +gegessen hatten, einschliefen, aus einfacher, nicht mehr zu bezähmender +Müdigkeit. Dieser Greis hatte vielleicht eine lange nutzlose +Fußwanderung durch alle Straßen der Stadt hinter sich. Er mochte +vielleicht um Arbeit nachgefragt haben, überall, wo ihn seine Gedanken +nur leise hinweisen konnten. Immer müder geworden, hatte er es +vielleicht trotzdem versucht, etwas an diesem Tag zu erreichen, hatte +seine äußersten Kräfte angespannt, um einen Berg zu erklimmen, denn die +Stadt liegt den Berg hinan, und war dort oben eben so schnell abgewiesen +worden, als hier unten; zog wieder abwärts, den Tod im Herzen, mit +zerbrochenen Kräften, bis hierher. Daß sich der Greis überhaupt +vielleicht, wie man vermuten durfte, noch um Arbeit umgeschaut hatte, +daß er noch den Willen hegte, zu arbeiten, er, der Greis, das nur zu +denken hatte etwas Klägliches und Erschreckendes. Aber man konnte auf +diesen Gedanken sehr wohl kommen. Dieser Greis hatte nirgends eine +Heimat, als hier in diesem Lokal, aber auch hier nur auf Stunden, denn +dann wurde das Lokal geschlossen. Deshalb vielleicht betete er, um dem +furchtbaren Ernst seiner Lage eine leise, besänftigende Melodie zu +verschaffen. Deshalb sagte er: »Ich bedarf des Gebetes.« Also nichts +weniger als Hang zur Frömmelei war es, sondern das überaus traurige +Bedürfnis, eine Hand zu spüren, die ihn liebkosen möchte, eine Kinder- +oder Tochterhand zu fühlen, die leise und trostvoll über seine arme, +zerfaltete Stirne hinstrich. Vielleicht hatte der alte Mann Töchter +gezeugt, -- und nun er selber? Mit solchen Gedanken konnte sich leicht +einer abgeben, der neben dem Alten saß und ihn so schlafen sah, den Kopf +seltsam unbeweglich, die Hände den Kopf stützend. Klara sagte: »Ihr +Bruder ist gekommen, Simon, in der Offiziersuniform, auch Ihre Schwester +und dann noch ein Herr, mit Namen Sebastian.« Darauf bezahlte Simon, was +er schuldig war, und sie gingen zusammen fort. Als sie fortgegangen +waren, bemerkte eines der bedienenden Mädchen den schlafenden Mann, sie +rüttelte und schüttelte ihn und sagte mit komischer Strenge: »Nicht +schlafen da! Sie! Hören Sie nicht? Hier dürfen Sie nicht schlafen!« Da +erwachte der alte Mann. + + * * * * * + +Es gab einen herrlichen Abend nach diesem Tag. Alle Welt lustwandelte am +schönen Seeufer entlang, unter den breiten, großblättrigen Bäumen. Wenn +man hier, unter so vielen aufgeräumten, leise plaudernden Menschen, +spazierte, fühlte man sich in ein Märchen versetzt. Die Stadt loderte im +Feuer der untergehenden Sonne und später brannte sie, schwarz und +dunkel, in der Glut und Nachglut der Untergegangenen. Die Sonne im +Sommer hat etwas Wundervolles und Hinreißendes. Der See glitzerte im +Dunkel, und die vielen Lichter schimmerten in der Tiefe des stillen +Wassers. Herrlich sahen die Brücken aus; und wenn man über die Brücken +ging, so sah man unten im Wasser die kleinen, dunklen Boote +vorbeischießen; Mädchen in hellen Kleidern saßen in den Nachen, oft auch +erklang aus einem größeren, langsam und feierlich dahinschwebenden, +flachen Boote der warme, zur Nacht stimmende Ton einer Handharfe. Der +Ton verlor sich in Schwarz und tauchte wieder tönend heraus, hell und +warm, dunkel und herzenergreifend. Wie weit klang das einfache +Instrument, von irgend einem Schiffsmann gespielt! Die Nacht schien noch +größer und tiefer dadurch zu werden. Aus der weiten Uferferne +schimmerten die Lichter der ländlichen Ansiedelungen herüber, als wären +sie blitzende, rötliche Steine im dunklen, schweren Gewand von +Königinnen. Die ganze Erde schien zu duften und still zu liegen wie ein +schlafendes Mädchen. Das große, dunkle Rund des nächtlichen Himmels +breitete sich über alle Augen aus, über die Berge und die Lichter. Der +See hatte etwas Raumloses bekommen und der Himmel etwas den See +Umspannendes, Einschließendes und Überwölbendes. Ganze Gruppen von +Menschen bildeten sich. Junge Leute schienen zu schwärmen, und auf allen +Bänken saßen dichtgedrängt ruhende, stille Menschen. Auch an +flatterhaften, stolz kokettierenden Frauen fehlte es nicht und auch +nicht an Männern, die nur diese Frauen im Auge behielten, die hinter +ihnen hergingen, immer etwas zögernd und dann wieder vorstürmend, bis +sie schließlich den Mut oder das Wort fanden, ihre Damen anzusprechen. +Manch einem wurde an diesem Abend der Kopf gewaschen, wie man sich +auszudrücken pflegt. + +Simon ging neben Klaus und war glücklich, seinem Bruder, der beständig +fragte und fragte, durch treffende und einfache Antworten die +Überzeugung beizubringen, daß er ein noch durchaus nicht verlorner +Mensch sei. Er sprach mit einem gewissen Stolz und zugleich mit einem +Tone der Demut vor dem reiferen Bruder, der nach manchen Dingen doch wie +ein ungeschultes Kind fragte, aber eine liebevolle Besorgnis an den Tag +legte. Sie sprachen in schönen, langen, gewundenen Sätzen, ganz wie von +selber, und Klaus freute sich über seines Bruders Einsicht in so +manches, wo er zuerst angenommen hatte, daß Simon, seinen Verhältnissen +gemäß, darüber spotten und lachen würde. »Ich habe dich lange nicht für +so ernst gehalten, als wie du dich zeigst!« Simon antwortete: »Es ist +nicht meine Gewohnheit, zu zeigen, daß ich Ehrfurcht vor vielen Dingen +besitze. So etwas pflege ich für mich zu behalten, denn ich denke, was +nützt es, eine ernste Miene aufzusetzen, wenn man vom Schicksal dazu +bestimmt, ich meine, vielleicht dazu erwählt ist, den Narren zu spielen. +Es gibt viele, viele Schicksale, und vor ihnen will ich in allererster +Linie meinen Nacken beugen. Es bleibt nicht anderes zu tun übrig. Im +übrigen soll mir einer kommen mit der Zumutung, verdutzt und mutlos den +Kopf hängen zu lassen. Ich habe es schon Verschiedenen gesagt, wie es in +dieser Beziehung mit meinem Inneren steht.« -- Wenn Simon so sprach, +redete er in fließenden Sätzen und mit richtiger Betonung, aber völlig +ruhig und freundlich, so daß Klaus diese Aussprüche nicht als Weltgroll +empfand, sondern als ein gewisses Suchen in seines jungen Bruders Seele +nach Klarlegung seines eigenen Zustandes in Beziehung zur Welt. Er +überzeugte sich davon, daß Simon tüchtige Eigenschaften besaß, aber er +fürchtete ein bißchen, daß diese Eigenschaften nur oberflächlich, +scheinbar nur spielend und lockend und tanzend ihn umgaben, während er +wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rede redete sich +solch eine Seele ja so leicht in eine Welt der Bravheit und schönen +Tüchtigkeit hinein, um sich daran selber für Stunden zu berauschen, +namentlich in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennoch +hatte Klaus Freude an seinem Bruder und sprach mit sichtlichem Vergnügen +allerhand Schönes und Tröstendes zu ihm. Hinter ihnen, in einiger +Entfernung, gingen, eng aneinander gedrängt, Klara und Kaspar. Der Maler +war berauscht von der Schönheit und von der Musik der Nacht. Er +phantasierte von Pferden, die durch nächtliche Gärten galoppierten, +schöne, schlanke Reiterinnen tragend, deren Röcke am Boden mit den Hufen +der Pferde spielten. Dann lachte er über alles mit einem frechen, +unbändigen Lachen, über die Menschen, über die Landschaft, einfach über +alles, was ihm vor das Auge kam. Klara versuchte gar nicht, ihn zu +besänftigen, im Gegenteil, sie hatte Freude an dieser Ungebundenheit +eines schönen Geistes. Wie liebte sie das Jugendliche, das Freche, ja +sogar das Sich-Überhebende in dieser Knabennatur, die sich +hinüberarbeitete zur Mannesnatur. Er mochte das Tollste schwatzen, das +ihr wahrscheinlich aus dem Munde eines anderen würde lächerlich und +blöde geklungen haben, aber an ihm liebte sie es. Was hatte dieser +Mensch, daß sie ihn so ohne Bedingung schön finden mußte, in allen +Lagen, in jeder Gebärde, im Benehmen, Tun, Lassen, Reden und +Stillschweigen? Er schien ihr allen übrigen Menschen gewachsen, allen +andern Männern überlegen zu sein, und er war kaum ein Mann. Sein +Schritt, wie sollte sie sagen, hatte für sie etwas Läppisches und +zugleich Gebietendes. Der ganze junge Mensch nicht die Spur des +Aufgeregtseins und doch etwas Schüchternes, Dummes, Tief-Kindliches. So +gelassen und so schnell in Flammen! Sie sah, wie seine Haare im Dunkel +hell hervorleuchteten, jugendlich und wellenhaft. Dazu sein Schritt und +das Tragen des Kopfes mit solchem bescheidenen, fragenden, sinnenden +Stolz. Wie dieser Jüngling träumen mußte, wenn er an jemand dachte. +Kaspar war stiller geworden. Sie sah ihn immer an, immer! Hier, in +dieser Nacht voll umherwandelnder Menschen war es schön, zum vergehen +schön, ihn anzuschauen. Ihn anzuschauen, das fand sie schöner, als ihn +küssen. Seinen Mund sah sie schmerzvoll geöffnet; gewiß dachte er weiter +nichts, nein, gar keine Rede; es war eben nur die Stellung der Lippen, +die den Eindruck des Schmerzlichen hervorrief. Seine Augen waren kalt +und ruhig in die Ferne gerichtet, als wüßten sie dort Besseres zu sehen. +Sie schienen zu sprechen: »Wir, wir sehen Schönes; quält euch doch +nicht, ihr andern Menschenaugen, ihr werdet es ja doch nie sehen, was +wir sehen!« Seine Augenbrauen bogen sich entzückend leicht und wie +besorgt, als wenn sie Engel gewesen wären, über ihre Kinder, die Augen, +die so aussahen und in die Welt blickten, als könnten sie jeden +Augenblick verletzt werden. »Gewiß, eines jeden Menschen Auge ist leicht +verletzbar, aber wenn ich seine betrachte, so tut es mir auf einmal so +weh, so, als sähe ich sie schon von Splittern verletzt. Sie sind so +groß, treten so weit hervor, scheinen sich um nichts zu kümmern, sind so +achtlos und immer so groß geöffnet; wie leicht können sie verletzt +werden!« jammerte sie. Sie wußte nicht einmal, ob er sie liebte, aber +was machte das aus, sie, sie liebte ihn ja, das genügte, ja, das mußte +so sein, sie war dem Weinen nahe. Da kamen Simon und Klaus +zurückgegangen, um die andern aufzusuchen. Klara beherrschte sich, so +gut sie konnte, nahm Simon beim Arm und ging mit ihm voraus. »Laß mich +in deine Augen sehen, du hast so schöne Augen, Simon, Augen, in deren +Anblick man liegt wie im Bett, wenn alles beruhigt ist und man betet,« +sprach sie zu ihm. + +Klaus und Kaspar gingen schweigend. Sie wollten einander nicht mehr +verstehen, seit vor ein paar Jahren ein kleiner Zwist zwischen ihnen +ausgebrochen war, und seither hatten sie sich nie mehr gesehen und auch +nie geschrieben. Klaus nahm sich das sehr zu Herzen, während Kaspar es +einfach als eine Art Notwendigkeit hingehen ließ. Er sagte sich, daß es +ganz in der Ordnung der Dinge liege, einmal auch von einem Bruder nicht +begriffen zu werden. Er mochte nicht den Kopf zurückwenden nach +vergangenen Angelegenheiten, die er übrigens, eben weil sie vorüber +waren, als für weiterer Gedanken nicht wert hielt. Seine Art war, +geradeaus zu marschieren; er hielt das Zurückblicken auf alte +Beziehungen für schädlich. Nun fing, da ihm das Schweigen Kaspar +gegenüber unerträglich wurde, Klaus an, von der Kunst des Bruders zu +sprechen und ermunterte ihn, doch einmal nach Italien zu gehen, um da +die gehörige Reife als Künstler zu erlangen. + +Kaspar rief aus: »Lieber will ich gleich vom Teufel geholt werden! Nach +Italien! Warum nach Italien? Bin ich krank, und soll ich etwa gesund +werden in dem Lande der Orangen und Pinien? Was brauche ich denn nach +Italien zu gehen, wenn ich hier sein kann und es mir hier ganz gut +gefällt? Könnte ich in Italien vielleicht Besseres tun, als malen, und +kann ich etwa hier nicht malen? Du meinst, weil es so schön in Italien +ist, müsse ich dahin gehen. Ist es denn etwa hier nicht schön genug? +Kann es dort schöner sein, als hier, da, wo ich bin, wo ich schaffe, wo +ich tausend Schönheiten sehe, die fortleben, wenn ich längst vermodert +bin? Ist es möglich, nach Italien zu gehen, wenn man schaffen will? Sind +in Italien die Schönheiten schöner als hier? Sie sind vielleicht nur +anspruchsvoller, und eben deshalb will ich sie lieber gar nicht sehen. +Wenn ich in sechzig Jahren so weit bin, eine Welle oder eine Wolke, +einen Baum oder ein Feld malen zu können, so wollen wir sehen, ob es +klug getan war, nicht in Italien gewesen zu sein. Kann mir etwas +entgehen, diese Tempelsäulen, diese Allerweltsrathäuser, diese Brunnen +und Bogen, diese Pinien und Lorbeerbäume, diese italienischen Trachten +und Prachtbauten nicht gesehen zu haben? Muß man mit den Augen denn +alles auffressen wollen? Ich könnte jedesmal außer mir geraten, wenn man +mir zumutet, die Absicht zu haben, in Italien ein besserer Künstler zu +werden. Italien, das ist unsere Falle, in die wir hineinpatschen, wenn +wir turmhoch dumm sind. Kommen die Italiener zu uns, wenn sie malen oder +dichten wollen? Was nützt es mir, wenn ich mich an vergangenen Kulturen +berausche? Habe ich damit meinen Geist, wenn ich ehrlich mit mir +abrechnen will, bereichert? Nein, ich habe ihn bloß verpfuscht und feige +gemacht. Mag eine alte, untergegangene Kultur noch so herrlich gewesen +sein, mag sie immerhin die unsrige an Stärke und Pracht überragen, so +schnüffle ich deshalb noch lange nicht wie ein Maulwurf darin herum, +sondern betrachte sie eben, wenn es angeht und es mir Spaß macht, aus +Büchern, die mir zu jeder Zeit zu Diensten sind. So sehr schätzenswert +ist übrigens das Verlorene und Vergangene niemals; denn ich erblicke +rund um mich, in unserer oft als so unschön und unhold verschrieenen +Gegenwart Bilder die Menge, die mich entzücken, und Schönheiten, beide +Augen zum Überfließen voll. Ich könnte zornig werden und aus der Haut +fahren bei dieser Italienraserei, die etwas seltsam Beschämendes für uns +ist. Es kann sein, daß ich mich irre, aber keine zwanzig borstigen +Teufel, und wenn sie die Luft neben mir verpesteten und ihre +scheußlichen Gabeln schwenkten, brächten mich nach Italien.« + +Klaus wurde betroffen und traurig über Kaspars Heftigkeit, die Dinge zu +messen. So war er immer gewesen, und auf diese Art konnte es nicht +vorauszusehen sein, wie man in eine ersprießliche Verbindung mit ihm +treten könnte. Er schwieg und reichte ihm die Hand; denn man war vor der +Wohnung Klausens angekommen. + +In seinem einförmigen Zimmer angekommen, sagte er sich: »So habe ich ihn +nun zum zweiten Male verloren, durch eine ganz unschuldige, gutgemeinte, +aber in der Tat etwas unvorsichtige Äußerung. Ich kenne ihn zu wenig, +das ist alles, und ich werde ihn vielleicht nie kennen lernen. Unsere +Lebensläufe sind zu verschieden. Aber vielleicht führt uns ein anderes +Mal die Zukunft, die man ja nie ergründet, zusammen. Man muß warten und +es ertragen, langsam ein reiferer, besserer Mensch zu werden.« Er kam +sich so einsam vor und beschloß, bald wieder abzureisen, an seinen +Wirkungsort zurück. + + + + +Fünftes Kapitel. + + +Sebastian war ein junger Poet, der seine Verse von einer kleinen Bühne +herab dem Publikum vortrug. Er pflegte sich dabei durch sein Ungestüm +immer ein wenig lächerlich zu machen. Er war in jungen Jahren seinen +Eltern durchgebrannt, hatte mit sechzehn Jahren in Paris gelebt und war +mit zwanzig zurückgekommen. Sein Vater war Musikdirektor in der kleinen +Stadt, wo auch Hedwig, die Schwester der drei Brüder, zu Hause war. Dort +trieb Sebastian ein merkwürdig tagediebisches Wesen, saß oder lag +tagelang in einer hochgelegenen, verstaubten Kammer, ausgestreckt auf +einem schmalen Bett, in dem er des Nachts schlief, ohne sich die Mühe zu +nehmen, es für den Schlaf in Ordnung zu bringen. Seine Eltern hielten +ihn für verloren und ließen ihn tun, was er wollte. Geld gaben sie ihm +nicht, denn sie hielten es für unangebracht, mit Geldspenden den +Ausschweifungen ihres Sohnes entgegenzukommen, denen sie ihn ausgesetzt +wußten. Zu einem ernsthaften Studium war Sebastian nicht mehr zu +bewegen; er trieb sich, irgend ein Buch unter dem Arm oder in der +Tasche, auf den Bergen, in den Wäldern umher, kam oft mehrere Tage lang +nicht nach Hause, übernachtete, wenn das Wetter nur einigermaßen es +gestattete, in verfallenen, von keinem Menschen, nicht einmal von wilden +und rauhen Hirten benutzten Hütten, auf Weiden, die dem Himmel näher +lagen als irgend einer menschlichen Zivilisation. Er trug immer +denselben zerschossenen Anzug aus hellgelbem Tuch, ließ sich den Bart +wachsen, legte aber sonst sehr viel Wert darauf, angenehm und sauber zu +erscheinen. Seine Fingernägel pflegte er mehr als seinen Verstand, den +er einfach verwildern ließ. Er war schön, und da es bekannt war, daß er +dichtete, so verbreitete sich um seine Person ein halb lächerlicher, +halb wehmütiger Zauberschein, und es gab viele vernünftige Menschen in +der Stadt, die den jungen Mann aufrichtig bemitleideten und sich seiner, +wo sie nur konnten, aufs herzlichste annahmen. Man lud ihn, da er ein +vortrefflicher Gesellschafter war, öfters zu Abendgeselligkeiten ein, +und entschädigte ihn solchermaßen ein wenig dafür, daß ihm die Welt +weiter keine Aufgaben stellte, die seinen Drang nach Betätigung hätten +befriedigen können. Sebastian besaß in hohem Grade diesen Drang, aber er +war zu sehr aus dem Geleise des allgemein gültigen und vorgeschriebenen +Strebens hinausgekommen. Er strebte vielleicht zu wild, und nun, da er +einsah, daß sein Streben ihm nichts half, mochte er gar nicht mehr +streben. Er spielte seine eigenen Lieder, die er gedichtet hatte, auch +auf der Laute und sang mit angenehmer, weicher Stimme dazu. Das einzige +Unrecht, allerdings ein großes, das man ihm angetan hatte, bestand +darin, daß man ihn, schon als Schulknaben, verhätschelte und ihm half, +sich einzubilden, daß er so etwas wie ein genialer Bursche sei. Wie +bohrte sich solch eine stolze Einbildung in das empfängliche Knabenherz +hinein! Erwachsene Frauen bevorzugten den Umgang mit dem frühreifen, +allesverstehenden Knaben, der ihnen einen unvergleichlichen Reiz +einflößte, auf Kosten seiner eigenen menschlichen Entwicklung. Sebastian +pflegte oft zu sagen: »Meine Glanzzeit liegt längst hinter mir.« Es war +schrecklich, einen so jungen Mann so sprechen zu hören. In der Tat, was +er auch machte, bezweckte, einleitete und tat, er tat es mit müdem, +kaltem, halbem Herzen, und so tat er eben nichts, er spielte bloß noch +mit sich. Hedwig sagte einmal zu ihm: »Sebastian, hören Sie, ich glaube, +Sie weinen oft über sich selber.« Er nickte mit dem Kopf und bestätigte +es. Hedwig bemitleidete ihn und steckte ihm manchmal etwas an Geld oder +dergleichen zu, um ihm das Leben etwas freundlicher zu machen. So nahm +sie ihn auch diesmal auf die kleine Reise mit, zu ihren Brüdern. An dem +Abend, an dem Klara so selig war, Klaus traurig und einsam, Simon +glücklich, Kaspar aufgebracht und übermütig, wandelten die beiden, +Hedwig und ihr Poet, langsam und stillschweigend, ebenfalls am Ufer +entlang. Was konnte man sprechen; so schwieg man eben. Kaspar kam ihnen +entgegen: + +»Wie ich höre, arbeiten Sie an einem Gedicht, das den Inhalt Ihres +Lebens widerspiegeln soll. Wie können Sie ein Leben wiedergeben wollen, +wo Sie doch kaum eines erlebt haben. Sehen Sie sich einmal an: wie stark +und jung Sie sind, und das will sich hinter den Schreibtisch verkriechen +und in Versen sein Leben besingen. Machen Sie das, wenn Sie fünfzig alt +sind. Ich finde es übrigens beschämend für einen jungen Mann, Verse zu +verfertigen. Das ist keine Arbeit, sondern nur ein Schlupfwinkel für +Müßiggänger. Ich wollte nichts sagen, wenn Ihr Leben fertig und +abgeschlossen wäre durch irgend ein großes besänftigendes Erlebnis, das +den Menschen berechtigt, Rückschau zu halten auf Fehler, Tugenden und +Verirrungen. Sie aber scheinen noch nie gefehlt zu haben und scheinen +auch noch nie eine gute Tat begangen zu haben. Dichten Sie erst, wenn +Sie als Sünder oder als Engel dastehen. Dichten Sie lieber überhaupt gar +nicht.« -- + +Kaspar hatte keine gute Meinung von Sebastian; deshalb machte er sich +auch über ihn lustig. Für tragische Menschen fehlte ihm überhaupt jedes +Verständnis, oder vielmehr, weil er sie zu leicht und zu gut verstand, +achtete er sie nicht. Überdies befand er sich heute abend in einer +diabolischen Laune. + +Hedwig ergriff für den armen Beleidigten, der sich nicht wehren konnte, +das Wort: »Das war nichts weniger als schön gesprochen von dir, Kaspar,« +rief sie ihrem Bruder mit der Wärme, die ihr die Lust an der +Verteidigung gab, zu, »und nichts weniger als klug. Es macht dir Freude, +einen Menschen zu verletzen, den alle Menschen um seines Unglücks willen +schonen und achten sollten. Lache, so viel du willst. Du bereust doch, +was du gesagt hast. Kennte ich dich nicht so genau, so müßte ich dich +für einen rohen Burschen halten, für einen Quäler. So gut man einen +armen Menschen, einen Wehrlosen, peinigen kann, so gut kann man auch ein +armes Tier quälen. Wehrlose reizen nur zu leicht in den Starken die Lust +am Schmerzzufügen. Sei doch froh, wenn du dich stark fühlen kannst und +laß Schwächere in Frieden. Es wirft einen schlechten Schein auf deine +Stärke, wenn du sie mißbrauchst, um Schwache zu plagen. Warum genügt es +dir nicht, auf festen Füßen zu stehen, mußt du deinen Fuß noch auf den +Nacken von Schwankenden und Suchenden setzen, daß sie noch mehr irr an +sich werden und hinab, ganz hinab taumeln in die Wellen des +An-Sich-Selbst-Verzweifelns? Müssen denn Selbstvertrauen, Mut, Stärke +und Zielbewußtheit immer die Sünde begehen, roh und mitleidlos und so +taktlos gegen die andern zu verfahren, die ihnen doch gar nicht im Wege +sind, die dastehen und begierig auf die Töne des Ruhmes, der Achtung und +des Erfolges horchen, die andern gelten? Ist es edel und gut, eine sich +sehnende Seele zu beleidigen? Dichter sind so leicht verletzbar; o man +verletze nie die Dichter. Übrigens spreche ich jetzt gar nicht von dir, +Kasparchen; denn was bist du denn schon so Großes in der Welt? Auch du +bist vielleicht noch nichts und hast keine Ursache, Menschen zu +verhöhnen, die ebenfalls noch nichts sind. Wenn du mit dem Schicksal +ringst, so laß doch andere, so wie sie's eben verstehen, auch ringen. +Ihr seid beide Ringende und bekämpft euch? Das ist sehr töricht und +unklug. Es gibt für euch beide, durch allerhand Tücken und Verirrungen +und Verheißungen und Mißerfolge in eurer Kunst Schmerzen genug, müßt ihr +es da darauf abgesehen haben, euch noch mehr Schmerz zuzufügen? Ich +würde in Wahrheit Bruder zu einem Dichter sein, wenn ich ein Maler wäre. +Man blicke auch nie zu früh verächtlich auf einen Fehlenden oder +scheinbar Trägen und Tatlosen hernieder. Wie schnell kann sich aus +langen, dumpfen Träumen seine Sonne, seine Dichtung erheben! Nun dann: +wie stehen dann die voreiligen Verächter da? Sebastian ringt ehrlich mit +dem Leben, schon das sollte ein Grund zur Achtung und Liebe sein. Wie +kann man sich über sein weiches Herz lustig machen? Schäm' dich nur, +Kaspar, und gib mir nie wieder Anlaß, wenn du eine Spur von Liebe für +deine Schwester hegst, mich so über dich zu ereifern. Ich tu es nicht +gern. Ich schätze Sebastian, weil ich weiß, daß er den Mut hat, seine +vielen Fehler einzugestehen. Übrigens, das ist alles geschwatzt und +wieder geschwatzt, du kannst ja gehen, wenn es dir nicht paßt, mit uns +zu gehen. Was machst du nun für ein Gesicht, Kaspar! Weil dir ein +Mädchen, das den Vorzug genießt, deine Schwester sein zu dürfen, einen +Vortrag hält, willst du böse sein? Nein, sei es nicht. Bitte. Und du +darfst dich ja gewiß auch über den Dichter lustig machen. Warum nicht. +Ich nahm es zu ernst vorhin. Vergib mir.« -- + +Ein feines, schüchternes, aber zärtliches Lächeln spielte im Dunkeln um +Sebastians Lippen. Hedwig machte sich mit dem Bruder solange +schmeichelnd zu schaffen, bis er wieder heiter wurde. Er gab dann eine +komische Nachahmung ihrer schwungvollen Rede zum besten, daß alle drei +in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Sebastian namentlich krümmte +sich vor Lachen. Allmählich war unter den Bäumen alles still und leer +geworden; die Menschen waren in ihre Häuser zurückgegangen, die Lichter +träumten, aber es waren viele Lichter gelöscht worden, die Ferne +glitzerte nicht mehr. Dort, auf dem ländlichen Boden, schien man die +Lichter früher zu löschen; die fernen Berge lagen jetzt wie tote, +schwarze Körper, aber noch gab es einzelne Menschenpaare, die nicht heim +gingen, sondern die Absicht zu haben schienen, die ganze Nacht unter dem +Himmel plaudernd und wachend zu verbringen. + + * * * * * + +Simon und Klara saßen, in stille, lange Gespräche versunken, auf einer +Bank. Sie hatten sich so viel zu sagen, hätten eigentlich endlos +plaudern mögen. Klara würde immer über Kaspar gesprochen haben und Simon +immer über die, die neben ihm saß. Er hatte eine seltsame, freie, offene +Manier, über Menschen zu reden, die gerade seine Gefährten waren, die +neben ihm saßen oder standen und ihm zuhorchten. Es kam von selber, er +fühlte immer für die am stärksten, die ihn zum Sprechen veranlaßten, und +sprach infolgedessen über sie und nicht über Abwesende. Klara dachte nur +an den Abwesenden. »Quält es dich nicht,« fragte sie, »daß wir nur über +ihn sprechen?« »Nein,« erwiderte Simon, »seine Liebe ist die meine. Ich +habe mich immer gefragt, wird nie einer von uns lieben? Ich betrachtete +es immer als etwas Wundervolles, für das wir beide zu schlecht wären. +Ich las viel in Büchern über Liebe, ich liebte immer die Liebenden. +Schon als Schulknabe lag ich über solchen Büchern stundenlang gebeugt +und bebte und zitterte und erschrak mit meinen Liebenden. Da war fast +immer eine stolze Frau und ein noch unbeugsamerer Charakter von Mann, +ein Arbeiter in der Bluse oder ein simpler Soldat. Die Frau war immer +eine vornehme Dame. Für ein Liebespaar von einfachen Leuten hätte ich +damals keinen Sinn gehabt. Meine Sinne wuchsen mit diesen Büchern auf +und gingen darin unter, wenn ich das Buch schloß. Dann kam ich ins Leben +und vergaß das alles. Ich biß mich in Freiheitsgedanken fest, aber ich +träumte davon, eine Liebe zu erleben. Was nützt es mir, böse zu sein, +daß die Liebe nun da ist und nicht mir gilt? Wie kindisch. Beinahe bin +ich sogar froh, daß sie nicht mich will, sondern einen andern, ich +möchte sie zuerst gesehen haben und sie erst dann erleben. Doch ich +erlebe sie nie. Ich glaube, das Leben will anderes von mir, hat anderes +mit mir vor. Es läßt mich alles lieben, was es nur an Erscheinungen mir +zuwirft. Ich darf dich doch lieben, Klara, auf andere, vielleicht +dümmere Weise. Ist es nicht dumm, daß ich so genau weiß, daß ich, wenn +du es willst, sterben könnte für dich, sterben wollte? Kann ich nicht +sterben für dich? Ich würde es ganz selbstverständlich finden. Ich lege +keinen Wert auf mein Leben, nur Wert auf anderer ihr Leben, und trotzdem +liebe ich das Leben, aber ich liebe es deshalb, weil ich hoffe, daß es +mir Gelegenheit verschafft, es anständigerweise wegzuwerfen. Nicht wahr, +das ist töricht gesprochen? Laß mich deine beiden Hände küssen, damit du +die Empfindung hast, daß ich dir angehöre. Natürlich bin ich nicht dein +und du wirst nie etwas von mir verlangen wollen, denn was könnte dir +einfallen, von mir zu verlangen. Aber ich liebe Frauen von deinem +Schlag, und einer Frau, die man liebt, macht man gerne ein Geschenk, und +so schenke ich dir mich, weil ich kein besseres Geschenk weiß. Ich kann +dir vielleicht nützlich sein, ich kann springen für dich mit diesen +meinen Beinen, ich kann den Mund halten, wo du wünschen solltest, daß +einer für dich schweigen möchte, ich kann lügen, wenn du in den Fall +kommst, dich eines schamlosen Lügners bedienen zu müssen. Es gibt edle +Fälle dieser Art. Ich kann dich tragen in meinen Armen, wenn du umfallen +solltest, und ich kann dich über Pfützen heben, damit du deinen Fuß +nicht beschmutzest. Sieh einmal meine Arme an. Kommen sie dir nicht vor, +als höben, als trügen sie dich schon? Was würdest du lächeln, wenn ich +dich trüge, und ich würde ebenfalls lächeln, denn ein Lächeln, wenn es +kein unzartes ist, zwingt immer das andere hervor. Dieses Geschenk, das +ich dir mache, ist ein bewegliches und ewiges; denn der Mensch, auch der +simpelste, ist ewig. Ich werde dir noch angehören, wenn du längst nichts +mehr bist, nicht einmal ein Stäubchen; denn das Geschenk überdauert +immer den Beschenkten, damit es trauern kann, das es seinen Besitzer +verloren hat. Ich bin zum Geschenk geboren, ich gehörte immer jemandem +an, es verdroß mich, wenn ich einen Tag lang umherirrte und niemanden +fand, dem ich mich anbieten konnte. Nun gehöre ich dir an, obgleich ich +weiß, daß du dir wenig machst aus mir. Du bist gezwungen, dir wenig aus +mir zu machen. Geschenke pflegt man bisweilen zu verachten. Ich zum +Beispiel, wie verächtlich denke ich in meiner Seele von Geschenken. Ich +hasse förmlich das Beschenktwerden. Deshalb will es auch das Schicksal, +daß mich niemand liebt; denn gut und allsehend ist das Schicksal. Ich +würde Liebe nicht ertragen können, denn ich kann Lieblosigkeit ertragen. +Den darf man nicht lieben, der lieben will, sonst würde man ihn nur +stören in seiner Andacht. Ich möchte nicht, daß du mich liebtest. Und +sieh, daß du den andern liebst, macht mich so glücklich; denn nun, +versteh mich, gibst du mir die Bahn frei, dich lieben zu dürfen. Ich +liebe Gesichter, die sich von mir ab, einem andern Gegenstand zu wenden. +Die Seele, die eine Malerin ist, liebt diesen Reiz. Ein Lächeln ist so +schön, wenn es über eine Lippe geht, die man ahnt, nicht sieht. So wirst +du mir gefallen. Glaubst du, daß du nicht nötig hättest, mir zu +gefallen? Doch jetzt fällt es mir ein: Du brauchst mir nicht zu +gefallen, du hast es wirklich nicht nötig; denn ich bin dir gegenüber +keines Urteils fähig, höchstens einer Bitte; doch ich weiß nicht mehr, +was ich rede.« + +Klara weinte über seine Erklärung. Sie hatte ihn längst nahe zu sich +herangezogen und befühlte mit ihren schönen Händen, die von der +Nachtluft kühl geworden waren, seine brennenden Wangen. »Was du mir da +sagtest, hättest du gar nicht zu sagen brauchen, ich wußte es ja doch, +wußte es ja doch, wußte -- es -- ja -- doch.« -- Ihre Stimme nahm +diejenige Zärtlichkeit an, die man anwendet, wenn man Tieren, denen man +ein bißchen weh getan hat, wieder Liebe und Zutraulichkeit einflößen +will. Sie war glücklich, und ihre Stimme lispelte in den langgezogenen +und hohen Tönen der Freudigkeit. Ihr ganzer Körper schien mitzusprechen, +als sie sagte: »Du tust so gut daran, mich zu lieben, jetzt, da ich +lieben muß. Ich werde jetzt noch einmal so freudig lieben. Vielleicht +werde ich einmal unglücklich sein, aber mit welcher Wonne werde ich +unglücklich sein. Es macht uns Frauen nur einmal im Leben Freude, +unglücklich zu sein, aber wir verstehen es, das Unglück auszukosten. +Aber wie kann ich von Schmerzen zu dir sprechen. Sieh, es empört mich +bereits, davon nur gesprochen zu haben. Wie kann ich es wagen, dich bei +mir zu haben und nicht an mein Glück zu glauben? Du machst einen +glauben, du machst, daß man glauben darf. Bleibe immer mein Freund. Du +bist mein süßer Knabe. Deine Haare gleiten durch meine Hände, und dein +Kopf voll so unergründlicher Gedanken der Freundschaft liegt mir im +Schoße. Ich komme mir schön vor so; du machst mich das empfinden. Du +mußt mich küssen. Auf meinen Mund mußt du mich küssen. Ich will eure +Küsse vergleichen, Kaspars und deine. Ich will denken, daß er mich küßt, +wenn du mich küssest. Ein Kuß ist doch etwas Wundervolles. Wenn du mich +jetzt küssest, küßt mich eine Seele, kein Mund. Hat dir Kaspar gesagt, +wie ich ihn geküßt habe und wie ich ihn bat, daß er mich küssen solle? +Er muß anders küssen, er soll küssen lernen wie du, doch nein, warum +sollte er küssen wie du? Er küßt so, daß ich ihn gleich wieder küssen +muß, du küssest so, daß man sich noch einmal von dir küssen läßt, so, +wie du es jetzt tust. Behalte mich lieb, sei immer so lieb, und küsse +mich noch einmal, daß ich, wie du vorhin gesagt hast, die Empfindung +habe, daß du mir angehörst. Ein Kuß macht das so verständlich. Wir +Frauen wollen so belehrt werden. Du verstehst Frauen eigentlich sehr +gut, Simon. Man sollte es dir nicht anmerken. Komm nun, wir wollen +gehen!« + +Sie erhoben sich, und als sie eine Weile gegangen waren, trafen sie auf +die drei andern. Hedwig nahm Abschied von ihren Brüdern und Frau Klara. +Sebastian begleitete das Mädchen. Als die beiden sich entfernt hatten, +fragte Klara Kaspar leise: »Darfst du deine Schwester der Begleitung +dieses Herrn anvertrauen?« Kaspar antwortete: »Würde ich es tun lassen, +wenn ich es nicht ruhig dürfte?« + +Als sie nach Hause kamen, hörten sie im Wald einen Schuß fallen. »Er +schießt wieder,« sagte leise Klara. »Was will er mit seinem Schießen?« +fragte Kaspar, und Simon kam lachend mit der raschen Antwort zuvor: »Er +schießt, weil es ihm noch sonderbar vorkommt. Es liegt noch bis jetzt +eine Art Idee dahinter. Wann es aufgehört hat, interessant zu sein, wird +er es schon bleiben lassen.« Schon hörte man wieder einen Schuß. Klara +runzelte die Stirn und seufzte, und versuchte dann, die Ahnungen, die +sie hatte, in einem Lachen zu ersticken. Aber es war ein grelles Lachen, +und die Brüder erbebten auf einen Augenblick. + +»Du benimmst dich seltsam,« sagte Agappaia, der plötzlich unter der +Haustüre erschien, eben, als sie eintreten wollten, zu seiner Frau. +Diese schwieg, als hätte sie nichts gehört. Dann legten sie sich alle +schlafen. + +Noch in derselben Nacht schrieb Klara, die keinen Schlaf fand, an +Hedwig: + +»Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben. +Ich kann nicht schlafen, finde keine Ruhe. Ich sitze hier, halb +ausgezogen, vor meinem Schreibtisch, und bin gezwungen, so hin und her +zu träumen. Es deucht mich, daß ich an alle Menschen Briefe schreiben +könnte, an jeden beliebigen Unbekannten, an jedes Herz; denn alle +Menschenherzen zittern für mich vor Wärme. Heute, als Sie mir die Hand +reichten, sahen Sie mich so lange an, fragend, und mit einer gewissen +Strenge, als wüßten Sie bereits, wie es mit mir steht, als fänden Sie, +daß es schlimm mit mir stehe. Sollte es in Ihren Augen schlimm mit mir +stehen? Nein, ich glaube nicht, daß Sie mich verdammen, wenn Sie alles +wissen werden. Sie sind so ein Mädchen, vor dem man keine Geheimnisse +haben mag, dem man alles sagen will, und ich will Ihnen alles sagen, +damit Sie alles wissen, damit Sie mich lieben können; denn Sie werden +mich lieb haben, wenn Sie mich kennen, und ich begehre darnach, von +Ihnen geliebt zu werden. Ich träume davon, alle schönen und klugen +Mädchen um mich geschart zu sehen, als Freundinnen und Beraterinnen und +auch als meine Schülerinnen. Sie wollen, hat mir Kaspar gesagt, Lehrerin +werden und sich der Erziehung der kleinen Kinder opfern. Ich möchte auch +Lehrerin werden, denn Frauen sind zu Erzieherinnen wie geboren. Sie +wollen etwas werden, wollen etwas sein: das paßt zu Ihnen, das +entspricht dem Bilde, das ich mir von Ihnen mache. Er entspricht auch +der Zeit, in der wir leben, und der Welt, die ein Kind dieser Zeit ist. +Das ist schön von Ihnen, und wenn ich ein Kind hätte, würde ich es zu +Ihnen in die Schule schicken, würde es ganz Ihnen überlassen, so daß es +sich daran gewöhnen müßte, Sie als eine Mutter zu verehren und zu +lieben. Wie werden die Kinder zu Ihnen emporblicken, um zu sehen, an +Ihren Augen, ob Sie strenge blicken oder gütig. Wie werden sie jammern +in ihren kleinen, blühenden Herzen, wenn sie Sie mit Sorgen im Gesicht +in die Stunde kommen sehen; denn Kindern ist Ihre Seele verständlich. +Sie werden nicht lange mit unartigen Kindern zu tun haben; denn ich +denke mir, selbst die unartigsten und verzogensten unter ihnen werden +sich in kurzer Zeit ihrer Unarten vor Ihnen schämen und es bereuen, +Ihnen Schmerz eingeflößt zu haben. Ihnen gehorchen, Hedwig, wie muß das +süß sein. Ich möchte Ihnen gehorchen, möchte ein Kind werden und die +Lust empfinden, Ihnen folgsam sein zu dürfen. Sie wollen in ein kleines, +stilles Dorf ziehen! Um so schöner. Dann werden Sie Dorfkinder zu +unterrichten haben, die noch besser zu erziehen sind als die Kinder der +Städte. Aber Sie würden auch in der Stadt Erfolge erzielen. Sie sehnen +sich nach dem Lande, nach den niederen Häusern, nach den Gärtchen vor +den Häusern, nach den Menschengesichtern, die man dort sieht, nach dem +Fluß, der vorbeirauscht, nach dem einsamen, entzückenden Seeufer, nach +den Pflanzen, die man im stillen Walde sucht und findet, nach den Tieren +auf dem Lande, nach der Welt auf dem Lande. Sie werden alles finden; +denn Sie passen dahin. Man paßt dahin, wohin man sich sehnt. Gewiß +finden Sie dort eines Tages die Antwort auf die Frage, wie man es zu +machen habe, daß man glücklich sei. Sie sind jetzt schon glücklich, und +ich fühle wohl, wie gern ich Ihre Munterkeit besitzen möchte. Wenn man +Sie sieht, möchte man glauben, daß man Sie schon längst gekannt hätte +und daß man auch wüßte, wie Ihre Mutter aussieht. Andere Mädchen findet +man hübsch, ja schön, aber von Ihnen möchte man gekannt und geliebt +sein, sowie man Sie nur ansieht. Sie haben etwas Lockendes, beinahe +Großmütterliches in Ihrem jungen, hellen Gesicht; vielleicht ist das das +Ländliche, was Sie an sich haben. Ihre Mutter war Bäuerin? Sie muß eine +schöne, liebe Bäuerin gewesen sein. Sie hat viel gelitten in der Stadt, +sagte mir einmal Kaspar; das glaube ich; denn ich meine sie vor mir +sehen zu sollen, diese Ihre Mutter. Sie soll sich stolz betragen haben +und darunter gelitten haben. Freilich; denn in der Stadt darf sich ein +Mensch nicht so stolz betragen wie auf dem Lande, wo sich eine Frau +leicht als freie Herrin vorkommt. Ich möchte Ihnen ein bißchen damit +gefallen daß ich von Ihrer Mutter spreche, die Sie, als die Arme +gebrochen und krank war, gepflegt und besorgt haben. Ich habe auch ein +Bild Ihrer Mutter gesehen und verehre und liebe sie, wenn Sie mir +erlauben, das zu tun. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich es dann noch viel +inniger tun. Könnte ich sie sehen, könnte ich ihr zu Füßen fallen und +ihre Hand nehmen und meine Lippen darauf pressen. Wie wohl würde mir das +tun. Es gliche einem einstweiligen, teilweisen, armen Schuldenbezahlen; +denn ich bin ihre Schuldnerin und auch Ihre, Hedwig. Ihr Bruder Kaspar +wird oft lieblos und rauh zu Ihnen gewesen sein; denn junge Männer +müssen oft hart zu denen sein, von denen sie am meisten geliebt werden, +um sich eine Bahn in die offene Welt zu brechen. Ich begreife, daß ein +Künstler oft Liebe als etwas ihn Hemmendes abschütteln muß. Sie haben +ihn als ganz jung gesehen, als einen Schulknaben, der zur Schule +gegangen ist, haben ihm seine Unarten vorgehalten, haben sich mit ihm +gestritten, haben ihn bemitleidet und beneidet, beschützt und gewarnt, +ausgescholten und gelobt, haben mit ihm seine ersten, erwachenden +Empfindungen geteilt und ihm gesagt, daß es schön sei, Empfindungen zu +hegen; haben sich von ihm zurückgezogen, als Sie merkten, daß er +anderes, als Sie, im Sinne trug; haben ihn gehen und machen lassen und +gehofft, daß er gedeihen möchte und nicht fallen möchte. Sie sehnten +sich, als er fort war, nach ihm und flogen ihm an den Hals, als er eines +Tages zurückkehrte, und fingen auch schon wieder an, ihn in Ihre Obhut +zu nehmen; denn er ist solch ein Mensch, daß er der Obhut zu bedürfen, +beständig zu bedürfen scheint. Ich danke Ihnen. Ich habe nicht Atem +genug, nicht Herz genug und kein Wort, um Ihnen zu danken. Und ich weiß +nicht, ob ich Ihnen danken darf. Vielleicht wollen Sie nichts von mir +wissen. Ich bin eine Sünderin, aber vielleicht verdienen Sünderinnen, +daß man ihnen gestattet, zu lernen, was man zu tun hat, um demütig zu +erscheinen. Ich bin demütig, nicht geknickt, nicht etwa gebrochen, aber +voll flammender, bittender, flehender Demut. Ich will mit Demut gut +machen, was ich mit Liebe verbrochen habe. Wenn Sie Wert darauf legen, +eine Schwester zu haben, die froh ist, Ihre Schwester zu sein, so +gehorche ich Ihnen. Wissen Sie, was Ihr Bruder Simon mir gegeben hat? +Sich selbst hat er mir geschenkt, er hat sich weggeworfen an mich, und +ich möchte mich wegwerfen an Sie. Aber, Hedwig, wegwerfen kann man sich +an Sie nicht. Das hieße ja: Ihnen wenig geben zu wollen. Doch ich bin +viel, seit ich Kaspar umarmt habe. Ich fange an, mich zu brüsten und +stolz reden, das will ich nicht. Ich will jetzt versuchen, ob ich +schlafen kann. Der Wald schläft ja auch, warum müssen Menschen nicht +schlafen können. Doch ich weiß, daß ich jetzt schlafen kann!« -- Während +die Frau den Brief schrieb, saßen Simon und Kaspar bei der Lampe, die +sie angezündet hatten. Sie hatten noch keine Lust, sich zu Bett zu legen +und sprachen noch miteinander. Kaspar sagte: »Seit den letzten Tagen +male ich überhaupt nicht mehr, und ich werde, wenn das so weiter geht, +meine ganze Kunst an den Nagel hängen und Bauer werden. Warum nicht? Muß +es denn gerade die Kunst sein? Könnte man denn nicht anders leben? +Vielleicht ist es nur eine Angewohnheit, daß man sich einbildet, um +alles willen künstlerisch zu arbeiten. Ja, vielleicht nach zehn Jahren +wieder damit beginnen! Man würde alles anders ansehen, viel einfacher, +viel weniger phantastisch, und das könnte nicht schaden. Man müßte den +Mut und das Vertrauen besitzen. Das Leben ist kurz, wenn man mißtraut, +aber lang, wenn man vertraut. Was kann einem entgehen? Ich fühle, daß +ich von Tag zu Tag träger werde. Sollte ich mich da aufraffen und wie +ein Schulbub mich zwingen, meine Pflicht zu erfüllen? Habe ich der Kunst +gegenüber irgend eine Pflicht zu erfüllen? Das ließe sich so oder so +umwenden, man könnte es drehen, wie es einem gerade behagte. Bilder +malen! Das kommt mir jetzt so stupide vor, ist mir so gleichgültig. Man +muß sich gehen lassen. Ob ich hundert Landschaften male oder zwei, ist +das nicht ganz gleichgültig? Es kann einer immer malen und bleibt doch +ein Stümper, dem es nie einfällt, seinen Bildern einen Hauch von seinen +Erfahrungen einzugeben, weil er keine Erfahrungen gemacht hat, so lange +er lebte. Wenn ich erfahrener sein werde, werde ich auch den Pinsel +geistvoller und gedankenvoller führen, und dieses ist mir nicht +gleichgültig. Was kommt's auf die Anzahl an. Und trotzdem: irgend ein +Gefühl sagt mir, daß es nicht gut ist, auch nur einen Tag lang außer +Übung zu bleiben. Das ist die Faulheit, die verdammte Faulheit!« -- -- -- + +Er sprach nicht weiter; denn in diesem Augenblick tönte durch die Wände +ein langer, furchtbarer Schrei. Simon ergriff die Lampe und beide +stürzten die Treppe hinunter, in das Gemach, wo sie wußten, daß sie +schlief. Den Schrei hatte Klara ausgestoßen. Agappaia war auch +herbeigesprungen, und sie fanden die Frau ausgestreckt am Boden liegen. +Sie hatte sich, wie es schien, ausziehen wollen, um zu Bett zu gehen, +und war, von einem heftigen Anfall gepackt, umgefallen. Ihre Haare waren +aufgelöst und die herrlichen Arme zuckten fieberisch am Boden. Ihre +Brust hob und senkte sich stürmisch, während ein verwirrtes Lächeln um +ihren Mund flog, der weit geöffnet war. Alle drei Männer bogen sich zu +ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zuckungen allmählich sich +verloren. Weh hatte sie sich beim Umfallen nicht getan, was leicht hätte +geschehen können. Man hob die Bewußtlose auf und legte sie, halb +angekleidet, wie sie war, auf ihr Bett, das säuberlich abgedeckt war. +Sie wurde ruhiger, als man ihr das Korsett öffnete. Sie atmete +erleichtert auf und schien jetzt zu schlafen. Und immer schöner lächelte +sie und fing an zu schwärmen in Lispeltönen, die wie Glocken aus weiter +Ferne daherklangen, scharf, und doch kaum vernehmbar. Man horchte +gespannt und beratschlagte, ob es einen Zweck hätte, aus der Stadt einen +Arzt heraufzuholen. »Bleiben Sie doch noch,« sagte Agappaia ruhig zu +Simon, der sogleich sich auf den Weg machen wollte, »es wird +vorübergehen. Es ist nicht das erste Mal.« Sie saßen und horchten weiter +und sahen einander bedeutend an. Aus Klaras Munde war nicht viel zu +verstehen, als etwa kurze, abgerissene, halb gesungene, halb gesprochene +Sätze: »Im Wasser, nein, sieh doch, tief, tief. Das hat lange gebraucht, +lange, lange. Und du weinst nicht. Wenn du wüßtest. Es ist so schwarz +und so schlammig um mich herum. Aber sieh doch. Ein Veilchen wächst mir +zum Munde heraus. Es singt. Hörst du? Hörst du's? Man sollte meinen ich +wäre ertrunken. So schön, so schön. Gibt es nicht ein Liedlein darauf? +Die Klara! Wo ist sie nun? Such sie, such sie doch. Aber du müßtest ins +Wasser gehen. Hu, schauert dich, nicht wahr? Schauert mich gar nicht +mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmen. Ich bin ganz still, +ich mache gar nichts mehr. Sei doch lieb, sei gut. Du blickst böse. Die +Klara liegt da, da. Siehst du, siehst du? Ich hätte dir noch etwas sagen +wollen, aber ich bin froh. Was hätte ich dir sagen wollen? Weißt es +nicht mehr. Hörst du mich klingen? Mein Veilchen ist es, das klingelt. +Ein Glöckchen. Das habe ich immer gewußt. Sage es nur nicht. Ich höre ja +nichts mehr. Bitte, bitte« -- -- + +»Gehen Sie nur zu Bett. Wenn es schlimmer wird, werde ich Sie wecken,« +sagte Agappaia. + +Es wurde nicht schlimm. Am andern Morgen war Klara wieder munter und +wußte nichts davon, was mit ihr geschehen war. Sie hatte etwas +Kopfschmerzen, das war alles. + + * * * * * + +Klara fühlte sich himmlisch. Sie saß in einem dunkelblauen Morgengewand, +das in edlen Falten frei an ihrem Leibe herunterfloß, auf dem Balkon, +der eine Aussicht auf Tannen gewährte, die an diesem Morgen, wo ein +leiser Windzug daherwehte, sich sanft in ihren Spitzen hin und herbogen. +Der Wald ist doch herrlich, dachte sie und beugte sich, über das +zierlich gearbeitete Geländer gelehnt, mehr nach ihm zu, um seinen Duft +näher zu haben. »Wie er daliegt, der Wald, als schlummerte er schon +jetzt der Nacht entgegen. Am Tag, mitten im Sonnenschein, geht man in +einen Wald, wie in einen Abend hinein, wo die Geräusche schärfer und +leiser sind und die Düfte feuchter und empfindsamer, wo man ruhen kann +und beten. Im Wald betet man unwillkürlich, und es ist auch der einzige +Ort in der Welt, wo Gott nahe ist; Gott scheint die Wälder erschaffen zu +haben, daß man wie in heiligen Tempeln darin bete; der eine betet nun +so, der andere so, aber alle beten. Wenn man unter einer Tanne liegt und +ein Buch liest, so betet man da, wenn Beten dasselbe ist wie das +Verlorensein in Gedanken. Mag Gott immer sein, wo er sein mag, im Wald +ahnt man ihn und gibt ihm das bißchen Glauben mit stillem Entzücken hin. +Gott will nicht, daß man so sehr an ihn glaubt, er will, daß man ihn +vergißt, es freut ihn sogar, wenn er geschmäht wird; denn er ist über +alle Begriffe gütig und groß; Gott ist das Nachgiebigste was es im +Weltraum gibt. Er besteht auf nichts, will nichts, bedarf nichts. Etwas +wollen, das mag für uns Menschen sein, aber für ihn ist das nichts. Für +ihn ist nichts. Er ist froh, wenn man ihn anbetet. O dieser Gott ist +entzückt und weiß sich vor Seligkeit nicht zu fassen, wenn ich jetzt +hingehe und ihm danke, nur ein bißchen, wenn auch ganz oberflächlich, +danke. Gott ist so dankbar. Ich möchte wissen, wer dankbarer wäre. Er +hat uns alles gegeben, der Unvorsichtige, Gütige, und nun ist er so, daß +er froh sein muß, wenn seine Geschöpfe seiner ein wenig gedenken. Das +ist das Einzige an unserem Gott, daß er nur dann Gott sein will, wenn es +uns gefällt, ihn als unseren Gott zu erhöhen. Wer lehrt mehr +Bescheidenheit als Er? Wer ist ahnungsvoller und stiller? Vielleicht hat +Gott auch nur Ahnungen über uns, so wie wir über ihn, und ich spreche +zum Beispiel hier bloß meine Ahnungen aus über ihn. Ahnt er auch, daß +ich jetzt hier auf dem Balkon sitze und seinen Wald wundervoll finde? +Wüßte er doch, wie schön sein Wald ist. Aber ich glaube, Gott hat seine +Schöpfung vergessen, nicht etwa aus Gram, denn wie könnte er des Grames +fähig sein, nein, er hat einfach vergessen, oder es scheint wenigstens, +daß er uns vergessen hat. Man kann alles empfinden über Gott; denn er +läßt alle Gedanken zu. Aber man verliert ihn leicht, wenn man über ihn +denkt, deshalb betet man zu ihm. Großer Gott, führe uns nicht in +Versuchung. So habe ich als Kind gebetet, wenn ich im Bettchen lag, und +ich habe mich immer über mich gefreut, wenn ich gebetet habe. Wie bin +ich heute glücklich und froh; alles an mir ist ein Lächeln, ein seliges +Lächeln. Das ganze Herz lächelt, die Luft ist so frisch, ich glaube, es +ist Sonntag heute, da werden die Leute aus der Stadt kommen und im Wald +spazieren, und ich werde mir irgend ein Kind aussuchen, es mir von +seinen Eltern auf eine kleine Weile erbitten, und mit ihm spielen. Wie +ich so dasitzen kann und Freude empfinden kann um mein bloßes Dasein, +Dasitzen, Mich-über-das-Geländer-lehnen! Wie ich mir schön vorkomme so. +Fast könnte ich Kaspar vergessen, alles vergessen. Ich begreife jetzt +nicht, wie ich jemals über etwas weinen, wie mich jemals etwas +erschüttern konnte. Wie unerschütterlich ist der Wald und doch so +biegsam, warm, lebendig und süß. Welch ein Atmen aus den Tannen, welch +ein Rauschen! Das Rauschen der Bäume macht jede Musik überflüssig. +Überhaupt, nur in der Nacht möchte ich Musik hören, aber am Morgen nie, +denn der Morgen ist mir zu heilig dafür. Wie merkwürdig frisch ich mich +fühle. Wie geheimnisvoll das ist, sich schlafen legen, nein, zuerst müde +sein, dann sich schlafen legen, und dann erwachen und sich wie +neugeboren fühlen. Jeder Tag ist ein Geburtstag für uns. Wie wenn man in +ein Bad stiege, so steigt man aus den Schleiern der Nacht in die Wellen +des blauen Tages. Nun wird bald die Glut des Mittags kommen, bis wieder +die Sonne sehnsüchtig versinkt. Welche Sehnsucht, welches Wunder vom +Abend zum Morgen, vom Mittag zu Abend, von der Nacht zum Morgen. Alles +würde man wundervoll finden, wenn man alles empfände, denn es kann ja +nicht eines wundervoll sein und das andere nicht. Ich glaube, ich muß +gestern krank gewesen sein, und man sagt es mir nur nicht. Wie schön und +unschuldig noch immer meine Hände aussehen. Wenn sie Augen hätten, so +würde ich ihnen einen Spiegel entgegenhalten, damit sie sähen, wie schön +sie sind. Der kann glücklich sein, den ich liebkose mit meinen Händen. +Was für seltsame Gedanken ich doch habe. Wenn Kaspar jetzt käme, müßte +ich weinen, mich so sehen zu lassen. Ich habe nicht an ihn gedacht, und +er würde es fühlen, daß ich nicht an ihn gedacht habe. Wie elend mich +das auf einmal macht, zu denken, daß ich ihn vernachlässigt habe. Bin +ich denn seine Sklavin? Was geht er mich an?« + +Sie weinte. Da kam Kaspar: »Was fehlt dir, Klara?« + +»Nichts! Was sollte mir fehlen? Du bist ja da. Du hattest mir gefehlt. +Ich bin glücklich, aber ich leide es nicht, daß ich allein glücklich +bin, ohne dich. Deshalb weinte ich. Komm, komm,« und sie preßte ihn fest +an sich. + + + + +Sechstes Kapitel. + + +Simon fing an, das träge, schlenderische Leben, das er führte, als etwas +Unerträgliches zu empfinden. Er fühlte, daß er bald wieder schaffen und +tagewerken mußte: »Es hat doch etwas für sich, zu leben wie die Meisten. +Es beginnt mich zu ärgern, so müßig und absonderlich zu sein. Das Essen +schmeckt mir nicht mehr, die Spaziergänge ermüden mich, und was ist denn +Großes und Erhebendes daran, sich auf heißen Landstraßen von Fliegen und +Bremsen zerstechen zu lassen, durch Dörfer zu laufen, steile Wände +hinunter zu springen, auf erratischen Felsblöcken zu hocken, den Kopf zu +stützen, ein Buch anzufangen zu lesen und es nicht bis zu Ende lesen zu +können, dann in einem, wenn auch schönen, so doch abgelegenen See zu +baden, sich wieder anzuziehen und auf den Heimweg zu machen und dann zu +Hause den Kaspar zu finden, der ebenfalls vor Trägheit nicht mehr weiß, +auf welchem Bein er stehen und mit welcher Nase er denken soll, oder +welchen Finger er an eine seiner Nasen legen soll. Man bekommt bei +diesem Leben leicht eine Menge Nasen und möchte den ganzen Tag seine +zehn Finger an seine zehn Nasen legen und denken. Dabei lachen einen die +eigenen Nasen nur aus und machen die lange Nase. Nun, was ist das etwa +Göttliches, wenn man sieht, wie einem zehn Nasen oder mehr die lange +Nase machen. Ich illustrierte damit nur die Tatsache, daß man bei diesem +Herumlungerleben dumm wird. Nein, ich fange an, mir wieder so etwas wie +ein Gewissen zu machen, und zu denken, daß es wiederum bei dem +Gewissenmachen nicht bleiben darf, sondern daß man irgend etwas tun muß. +In der Sonne herumlaufen, kann auf die Dauer kein Tun sein, und Bücher +liest nur ein Tropf; denn das ist man, wenn man sonst weiter nichts tut. +Das Schaffen unter Menschen ist doch schließlich das allein und einzig +Bildende. Was nun tun? Vielleicht Gedichte schreiben? Wenn ich das tun +möchte bei dieser Sommerhitze, müßte ich zuerst Sebastian heißen, dann +täte ich's vielleicht. Der tut es, das bin ich überzeugt. Das ist ein +Mensch, der erst einen Ausflug macht, See, Wald, Berge, Bäche, Pfützen +und Sonnenschein genau studiert, eventuell Notizen macht, dann heimgeht +und einen Aufsatz darüber schreibt, den dann die Zeitungen drucken, die +die Welt bedeuten. Kann das ein Tun für mich sein? Wohl, wenn ich es +verstünde, aber ich bin Stümper in diesen Sachen. Also hingehen und +wieder Buchstaben kratzen, Rechnungen ausradieren und Tinte verbrauchen. +Ja, ich glaube, daß ich das tun muß, obwohl es keine Ehre für mich ist, +wieder von vorne anzufangen, was ich einst verlassen habe. Aber es muß +sein. In diesem Falle denkt man nicht an die Ehre, sondern an das +Notwendige und Unabänderliche. Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt. Wie +komme ich dazu, schon zwanzig Jahre alt zu sein? Welche Entmutigung +müßte für einen anderen darin liegen, zwanzig Jahre alt zu sein und nun +von vorne anzufangen, da, wo man bei der Entlassung aus der Schule +stand. Aber ich will es so lustig wie nur möglich nehmen, da es doch +einmal sein muß. Ich will ja auch gar nicht vorwärtskommen im Leben, ich +will nur leben, daß es ein bißchen eine Art und Weise hat. Weiter gar +nichts. Eigentlich will ich nur leben, bis es wieder Winter wird, und +dann, wenn es schneit und Winter ist, werde ich weiter zu leben wissen, +wird es mir zum Bewußtsein kommen, wie ich am besten weiter zu leben +habe. Es macht mir viel Vergnügen, so das Leben in kleine, einfache, +leicht zu lösende Rechnungen einzuteilen, die kein Kopfzerbrechen +machen, die sich von selber lösen. Im Winter bin ich übrigens immer +klüger und unternehmender als im Sommer. Bei der Wärme, bei all dem +Blühen und Duften ist nichts anzufangen, während die Kälte und der Frost +schon von selber vorwärtstreiben. Also bis im Winter etwas Geld +zusammenscharren, und im schönen Winter dann das Geld zu irgend etwas +Nützlichem verbrauchen. Es käme mir nicht drauf an, im Winter Sprachen +zu studieren, tagelang, in ungeheizten Zimmern, bis mir die Finger +abgefrören, aber der Sommer ist für diejenigen, die Ferien erhalten, für +solche, die sich in Sommerfrischen gütlich tun, die ein Vergnügen darin +finden, barfuß, ja nackt auf heißen Wiesen herumzuspringen, höchstens +einen ledernen Schurz um die Lenden, wie Johannes der Täufer, der +außerdem Heuschrecken soll gegessen haben. So will ich mich jetzt auf +das Bett der täglichen Arbeit in Schlaf legen und erst wieder erwachen, +wenn der Schnee über die Erde fliegt und die Berge weiß werden und die +Nordstürme dahersausen, daß einem die Ohren erfrieren und in Flammen des +Frostes und Eises zergehen. Die Kälte ist mir eine Glut, +unbeschreiblich, nicht auszudrücken! So wird's gemacht, oder ich müßte +nicht Simon heißen. Klara wird im Winter eingehüllt sein in dicke, +weiche Pelze, ich werde sie durch die Straßen begleiten, es wird auf uns +herabschneien, so leise, so heimlich, so lautlos und so warm. O, +Einkäufe zu machen, wenn es schneit in den schwarzen Straßen und die +Magazine mit Lichtern erhellt sind. In einen Laden hineinzutreten mit +Klara oder hinter Klaras Gestalt her und zu sagen: die Dame wünscht dies +und das zu kaufen. Klara duftet in ihren Pelzen und ihr Gesicht, wie +wird das schön sein, wenn wir dann wieder auf die Straße hinausgehen. +Vielleicht wird sie im Winter dann irgendwo in einem feinen Geschäft +arbeiten, wie ich, und ich werde sie jede Nacht abholen können, außer +sie beföhle mir einmal, sie lieber nicht abzuholen. Agappaia jagt seine +Frau vielleicht fort, und sie wird dann gezwungen sein, irgendwo eine +Anstellung anzunehmen, was ihr leicht sein wird, da sie eine vornehme +Erscheinung ist. Weiter denke ich nicht. Weiter als so denkt vielleicht +Herr Spielhagen von der Aktiengesellschaft für elektrische Leuchtkörper, +aber ich nicht; denn ich bin nicht so gestellt und häufe mir nicht so +viele Verpflichtungen in der Welt an, daß ich gezwungen wäre, weiter als +so zu denken. Ach, der Winter! Wenn er nur bald kommt.« -- + +Schon am nächsten Tag arbeitete er in einer großen Maschinenfabrik, die +zur Inventuraufnahme eine ganze Anzahl von jungen Leuten brauchte. Den +Abend verbrachte er dann lesend an einem Fenster, oder er verlängerte +seinen Heimweg von der Fabrik nach Klaras Hause, indem er einen weiten +Bogen um den ganzen Berg herummachte, in dem dunklen Grün der vielen +Waldschluchten, welche den breiten Berg durchschnitten. An einer Quelle, +bei der er stets vorbeikam, löschte er jedesmal seinen großen Durst und +lag dann auf einer einsam gelegenen Waldwiese, bis ihn die Nacht daran +erinnerte, endlich nach Hause zu gehen. Er liebte das Übergehen des +Sommerabends in die Sommernacht, dieses langsame, rötliche Sinken der +Farben des Waldes in das Dunkel der gänzlichen Nacht. Er pflegte dann +ohne Worte und Gedanken zu träumen, sich keinen Vorwurf mehr zu machen +und sich der schönen Müdigkeit zu überlassen. Oft schien es ihm, als +zische neben ihm, in den dunklen Büschen, eine feurig-rote große Kugel +aus der schlafenden Erde empor, und wenn er dahin blickte, war es der +Mond, der schwebend und schwer aus dem Welt-Hintergrund hervortanzte. +Wie hing dann sein Auge an der bleichen, leichten Gestalt dieses schönen +Gestirnes. Es war ihm so sonderbar, daß diese ferne Welt gleich hinter +dem Gebüsch versteckt zu sein schien, zum befühlen und daran fassen +nahe. Alles schien ihm nahe zu sein. Was war denn dieser Begriff der +Ferne gegen solche Fernen und Nähen. Das Unendliche schien ihm plötzlich +das Nächste. Wenn er nach Hause kam, durch all das schwere, singende, +duftende Grün der Nacht hindurch, empfand er es als etwas +Geheimnisvolles und Liebes, wenn ihm Klara, was sie jeden Abend tat, +entgegentrat, um ihn zu empfangen. Ihre Augen schienen immer geweint zu +haben, wenn sie so kam oder auf diese Weise wartete. Dann saßen sie +zusammen, bis tief in die Nacht hinein, auf dem kleinen Balkon, der in +eine Art Sommerhäuschen in schwebender Höhe verwandelt war und spielten +mit winzigen Karten ein Spiel, oder die Frau sang irgend eine Melodie, +oder sie ließ sich von ihm etwas vorerzählen. Wenn sie ihm zu guter +Letzt Gute Nacht sagte, so schlief er so wohl, als wenn es ein +Zauberwort gewesen wäre, dieses ›Gute Nacht‹ von ihr, mit dem sie die +Macht besessen hätte, ihn an einen besonders tiefen und schönen Schlaf +zu fesseln. Am Morgen glitzerte der silberne Tau an den Gesträuchen, an +den Gräsern und Blättern, wenn er in sein Geschäft lief, um zu schreiben +und das Inventar der Maschinenfabrik aufnehmen zu helfen. Einmal, an +einem Sonntag, da er von einem Spaziergang zurückkehrte, fand er Klara +schlafend auf dem Diwan in seinem Zimmer. Von draußen tönte eine +Handharfe aus einem der armseligen Berg-Vorstadthäuschen, in denen arme +Arbeiter wohnten. Die Fensterläden waren zugezogen, und ein grünes, +heißes Licht befand sich im Zimmer. Er setzte sich neben die Schlafende +ans Fußende und sie berührte ihn leise mit ihren Füßen. Dieser Druck tat +ihm so wohl, und er sah unverwandt das Gesicht der Schlummernden an. Wie +schön war sie, wenn sie schlief. Sie gehörte zu den Frauen, die am +schönsten sind, wenn ihre Gesichtszüge unbeweglich ruhen. Klara atmete +in ruhigen Wellen; ihre Brust, die halb entblößt war, bewegte sich sanft +auf und ab; ihren herabhängenden Händen war ein Buch entfallen. In Simon +stieg der Gedanke auf, hinzuknieen und diese schönen Hände still zu +küssen, aber er tat es nicht. Er würde es vielleicht getan haben, wenn +sie wach dagelegen wäre, aber schlafend? Nein! Geheime, verstohlene, +erschelmte Zärtlichkeiten sind nicht meine Sachen, dachte er. Ihr Mund +lächelte, als schliefe sie nur so und wüßte, daß sie schliefe. Dieses +Lächeln der Schlafenden verbot jeden unzarten Gedanken, aber es zwang, +hinzusehen auf diesen Mund, auf dieses Gesicht, auf dieses Haar und auf +diese länglichen Wangen. Im Schlaf preßte Klara plötzlich ihre Füße +stärker an Simon, dann erwachte sie und schaute sich fragend um und +blieb lange an Simons Augen hängen, als verstände sie irgend etwas +nicht. Dann sagte sie: »Du, Simon! Höre einmal.« + +»Was denn?« + +»Wir werden nicht mehr lange in diesem Hause wohnen. Agappaia hat alles +verspielt und verloren. Er ist in die Hände von Schwindlern geraten. Das +Haus ist bereits verkauft und zwar an deinen Frauenverein für Volkswohl +und Mäßigkeit. Die Damen gründen hier ein Waldkurhaus für das arbeitende +Volk. Agappaia hat sich einer Gesellschaft von Asienforschern +angeschlossen und wird bald wegreisen, um dort irgendwo in Indien eine +versunkene griechische Stadt zu entdecken. An mich denkt er schon gar +nicht mehr. Wie seltsam, es kränkt mich gar nicht einmal. Mein Mann war +überhaupt nie fähig, mich zu kränken. Genug! Ich werde in einem +einfachen Zimmer wohnen, in der Stadt unten, und Kaspar und du, ihr +werdet mich besuchen. Ich werde eine Stelle bekleiden, irgend eine +Stelle, so wie du. Im Herbst ziehen wir aus, dann soll auch sogleich +dieses Haus umgebaut werden. Was sagst du dazu?« + +»Mir ist das sehr lieb. Ich dachte auch schon daran, mich zu +›verändern‹. Jetzt kommt es ja von selbst. Ich freue mich sehr darauf, +dich in deinem zukünftigen Heim besuchen zu können.« + +Und beide malten sich die Zukunft aus und lachten dabei. + + * * * * * + +Kaspar befand sich in einem kleinen Landstädtchen, wo er den Auftrag zu +erledigen hatte, einen Tanzsaal zu dekorieren, das heißt, dessen Wände +von oben bis unten zu bemalen. Es war inzwischen Herbst geworden und +eines Tages machte sich Simon, es war ein Sonnabend, nach Feierabend auf +den Weg, um die Nacht durch die Strecke zu Fuß zu gehen, die ihn von +Kaspar trennte. Warum sollte er nicht eine ganze Nacht lang wandern +können. Er hatte eine Landkarte zur Hand genommen und darauf mit dem +Zirkel die Zahl der Stunden, die er brauchte, um nach dem Städtchen zu +gelangen, scharf abgemessen und hatte wahrgenommen, daß er gerade in +einer Nacht, wenn er die Zeit ausnutzte, hingelangen konnte. Der Weg +führte ihn zuerst durch die Vorstadt, wo Rosa, seine alte Freundin, +wohnte, und er verschmähte nicht, ihr im Vorbeilaufen einen kurzen +Besuch abzustatten. Sie war sehr erfreut, ihn nach so langer Zeit wieder +einmal zu sehen, nannte ihn einen bösen, treulosen Menschen, daß er sie +so habe im Stich lassen können, sagte das aber mehr in einem +schmollenden als in einem gereizten Ton und ließ es sich nicht nehmen, +Simon ein Glas Rotwein zu trinken zu geben, das, wie sie sagte, ihn für +seine Nachtwanderung stärken solle. Auch briet sie ihm auf ihrem +Gasherde schnell eine Wurst, stichelte den Dastehenden, während sie +kochte, mit nicht unartigen, aber wohlgesetzten Worten, sagte, er müsse +ja sehr gut mit Frauen versehen sein und machte ihn lachend darauf +aufmerksam, daß er eigentlich die Wurst nicht verdiene, sie nun aber +doch haben solle, wenn er künftig fleißiger zu ihr käme. Das versprach, +während er sich das Essen schmecken ließ, Simon und trat bald darauf +seine Wanderung mit einigem Bangen vor der Anstrengung, die ihm +bevorstand, an. Aber jetzt noch feige zurückkehren und die Eisenbahn +benutzen, das mochte er doch nicht. So lief er denn vorwärts und fragte +immer wieder nach dem richtigen Weg, um ja sicher zu gehen. Bei den +Wegweisern zündete er ein Streichhölzchen an, hielt es in die nötige +Höhe, um zu sehen, wo der Weg weiter hinliefe. Er ging mit einer ganz +rasenden Schnelligkeit, als fürchtete er, der Weg möchte ihm unter +seinen Füßen entgehen und davonlaufen. Der Rotwein Rosas hatte ihn +befeuert und er wünschte nur, daß bald die Berge kämen, die zu +überwinden ihm eine Lust und Leichtigkeit gewesen wäre. So kam er in das +erste Dorf und hatte Mühe, sich auf den verschiedenen Dorfwegen, die +alle kreuz und quer liefen, zurechtzufinden. Er rief deshalb einen +Schmied an, der noch hämmerte, und von diesem erfuhr er, daß er richtig +ging. Nun kam eine Landschaft, die ganz verschwommen war, weil sie aus +lauter Gebüschen bestand; es ging bergaufwärts; dann kam eine Art +Hochebene, die etwas Schauerliches an sich hatte. Es war tiefdunkel, +kein Stern am ganzen Himmel, hin und wieder kam der Mond hervor, aber +die Wolken verdeckten sein Licht wieder. Nun lief Simon durch einen +finsteren Tannenwald, er fing an zu keuchen und paßte besser auf seine +Schritte auf; denn er stieß immer wieder an Steine, die im Wege lagen, +und das langweilte ihn doch ein wenig. Der Tannenwald hörte auf, Simon +atmete freier; denn in dunklen Wäldern zu gehen, so allein, ist nicht +immer ungefährlich. Ein großes Bauernhaus stand plötzlich vor ihm wie +aus der Erde emporgewachsen und engte seinen Blick ein, ein großer Hund +schoß hervor, sprang auf den Wanderer los, aber biß nicht. Simon blieb +ganz still und ruhig stehen, starrte den Hund nur an, und so wagte der +Hund nicht zu beißen. Weiter ging es! Brücken kamen, die donnerten in +der Stille unter den raschen Schritten, denn sie waren von Holz, es +waren alte Holzbrücken mit Dächern und Heiligenbildern am Ein- und +Ausgange. Simon fing an, gezierte Schritte zu machen, um sich +Unterhaltung zu verschaffen. Plötzlich, auf ganz offenem, aber düsterem +Feld stand ein starker Mann vor ihm, der ihn anschrie und ihn dabei +fürchterlich anstarrte. »Was wollen Sie?« schrie Simon seinerseits, aber +er machte eine Schwenkung rund um den Mann herum und lief fort, ohne +hören zu wollen, was der Mann wollte. Sein Herz klopfte, es war die +Plötzlichkeit der Erscheinung, nicht der Mann selber, die ihn erschreckt +hatte. Dann marschierte er durch ein schlafendes, endlos langes Dorf. +Ein weißes, langes Kloster sah ihm entgegen und verschwand wieder. Es +ging wieder bergauf. Simon dachte an gar nichts mehr, die zunehmende +Anstrengung lähmte seine Gedanken; stille Brunnen wechselten mit +einsamen Baumgruppen, Wälder mit Wolken, Steine mit Quellen, es schien +alles mit ihm zu gehen und hinter ihm zu versinken. Die Nacht war +feucht, finster und kalt, seine Wangen aber brannten und seine Haare +wurden naß vom Schweiß. Auf einmal erblickte er zu seinen Füßen etwas +gestreckt Liegendes, Weites, Schimmerndes und Glänzendes: es war ein +See; Simon blieb stehen. Von da an ging es abwärts auf einem +fürchterlich schlechten Weg. Zum ersten Mal taten ihm seine Füße weh, +aber er achtete nicht darauf, sondern ging weiter. Äpfel hörte er dumpf +auf die Wiesen fallen. Wie geheimnisvoll schön die Wiesen waren: +undurchsichtbar und dunkel. Das Dorf, das nun folgte, erweckte sein +Interesse durch die vornehmen Häuser, die es zur Schau trug. Aber hier +wußte Simon nicht mehr weiter. So sehr er suchte, den rechten Weg fand +er nicht. Da es ihn erbitterte, wählte er, ohne sich lange zu besinnen, +die Hauptstraße. Eine Stunde mochte er gegangen sein, als ihm ein +deutliches Gefühl sagte, daß er eine falsche Richtung eingeschlagen +hatte, er kehrte wieder um, weinte beinahe vor Zorn und schlug seine +Füße gegen die Straße, als hätten sie die Schuld getragen. Er kam wieder +ins Dorf zurück: zwei Stunden versäumt: welche Schmach! Er fand auch +sogleich den rechten Weg, nun, da er die Augen besser auftat, lief fort, +unter Bäumen, die ihr Laub fallen ließen, auf einem schmalen Seitenwege, +der ganz mit raschelnden Blättern bedeckt war. Er gelangte in einen +Wald, es war ein Bergwald, der schroff in die Höhe strebte, und da Simon +keinen Weg mehr vor sich sah, ging er einfach gerade aus, suchte sich, +immer höher steigend, durch das dichteste Tannengeäst seine Bahn, +zerkratzte sich sein Gesicht, zerrieb seine Hände, aber es ging +wenigstens hinauf, bis endlich der Wald aufhörte, durch den er sich +stöhnend und fluchend hindurchgerungen, und eine freie Weide vor seinen +Augen lag. Er ruhte einen Moment: »Herrgott, wenn ich zu spät komme: +welche Blamage!« Weiter! Er ging nicht mehr, er sprang, indem er +rücksichtslos seine Beine in die weiche Ackererde stampfte. Ein +bleiches, schüchternes Morgenlicht streifte von irgendwoher seine Augen. +Er sprang über Hecken, die ihn zu höhnen schienen. Auf einen Weg achtete +er schon längst nicht mehr. Eine anständige, breite Straße, das blieb in +seiner Phantasie als etwas Köstliches hängen, nach dem er sich von +Herzen sehnte. Es ging wieder bergabwärts, in schmale, kleine +Schluchten, wo die Häuser an den Halden wie Spielzeuge klebten. Er roch +die Nußbäume, unter denen er lief; unten im Tal schien so etwas wie eine +Stadt zu sein, aber das war nur eine gierige Ahnung. Endlich fand er die +Straße. Seine Beine selbst schienen mitzujubeln über den Fund und er +ging ruhiger, bis er einen Brunnen fand, zu dessen Röhre er sich wie ein +Wahnsinniger hinstürzte. Unten gelangte er in eine kleine Stadt, kam bei +einem weißglänzenden, zierlichen, anscheinend geistlichen Palais vorbei, +dessen Verfallenheit ihn tief rührte, und wieder ging es ins offene Land +hinaus. Hier fing der Tag an zu grauen. Die Nacht schien zu erbleichen; +die lange, stille Nacht machte ein Zeichen der Bewegung. Simon stürmte +jetzt den Weg nur so beiseite. Wie bequem erschien ihm das Gehen auf +einer solchen glatten Straße, die in großen Windungen zuerst aufwärts, +dann prachtvoll gedehnt bergab führte. Nebel sanken auf die Wiesen +nieder und gewisse Tagesgeräusche meldeten sich dem Ohr. Wie lang doch +eine Nacht war. Durch diese Nacht, die er auf der Erde durchgelaufen, +saß vielleicht ein Gelehrter, vielleicht gar sein Bruder Klaus, bei der +Lampe am Schreibtisch, und wachte ebenso sauer und mühsam. Ebenso +wundervoll mußte einem solchen Stillesitzenden der erwachende Tag +vorkommen, wie jetzt ihm, dem Landstraßenläufer. Schon zündete man in +kleinen Häusern die Frühmorgenlichter an. Eine zweite, größere Stadt +erschien, zuerst mit Vorhäusern, dann mit Gassen, dann mit Toren und +einer breiten Hauptstraße, in der Simon ein herrliches Haus mit Statuen +von Sandstein auffiel. Es war eine alte Stadtburg, die jetzt als +Postgebäude diente. Schon gingen Menschen auf der Straße, die er fragen +konnte nach dem Weg, wie am Abend zuvor. Es ging wieder ins flache, +freie Land hinaus. Der Nebel zerstob, Farben zeigten sich, entzückte +Farben, entzückende Farben, Morgenfarben! Es schien ein herrlicher, +blauer Herbstsonntag werden zu wollen. Nun begegnete Simon Leuten, +namentlich Frauen, sonntäglich geputzten, die vielleicht schon von weit +herkamen, um in die Stadt zur Kirche zu gehen. Immer bunter wurde der +Tag. Jetzt sah man die roten, glühenden Früchte neben der Straße in der +Wiese liegen, auch fielen beständig reife Früchte von den Bäumen. Es war +das reine Obstland, durch das Simon nun weiterschritt. Handwerksburschen +begegneten ihm, ganz bequemlich; die nahmen das Gehen nicht so ernst wie +er. Eine ganze Gesellschaft dieser Burschen lag ausgestreckt an einem +Wiesenrand in den ersten Strahlen der Sonne: welches Bild der +Behaglichkeit! Eine Kuh wurde vorbeigeführt, und die Frauen sagten so +schön ›guten Tag‹. Simon aß Äpfel auf dem Weg, auch er wanderte jetzt +ruhig durch das fremde, schöne, reiche Land. Die Häuser an der Straße +waren so einladend, aber noch schöner und zierlicher waren die Häuser, +die mitten unter den Bäumen, tiefer im Land, mitten im Grün steckten. +Die Hügel gingen anmutig und sanft in die Höhe, die Höhen lockten, alles +war blau, von einem herrlichen, feurigen Blau durchzogen, auf Wagen +fuhren ganze Gesellschaften von Leuten daher und endlich sah Simon ein +kleines Häuschen am Weg, dahinter eine Stadt, und sein Bruder steckte +den Kopf durch das Fenster des Hauses. Er war zur rechten Zeit +angekommen, kaum eine Viertelstunde nach der vereinbarten Zeit. Und er +ging mit Frohlocken in das Haus hinein. + +Drinnen im Zimmer, beim Bruder, betrachtete er alles mit großen Augen, +obschon gar nicht viel zu betrachten war. In einer Ecke stand das Bett, +aber es war ein interessantes Bett; denn Kaspar schlief darin, und das +Fenster war ein wunderbares Fenster; obgleich es nur aus einfachem Holz +war und simple Vorhänge hatte, schaute doch eben erst Kaspar durch +dieses Fenster hinaus. Am Boden, auf dem Tisch, auf der Bettdecke, auf +Stühlen herum lagen Zeichnungen und Bilder. Jedes einzelne Blatt glitt +durch des Besuchers Finger, alles war schön und so vollendet. Es war +Simon beinahe unbegreiflich, was für ein Arbeiter der Maler war, es lag +so viel vor seinen Augen, er konnte kaum mit Ansehen fertig werden. »Wie +das die Natur selber ist, was du malst!« rief er aus: »Es wird mir immer +halb traurig zumute, wenn ich neue Bilder von dir betrachte. Jedes ist +so schön, glänzt von Empfindung und trifft die Natur wie in ihr Herz, +und du malst immer Neues, willst immer Besseres, vernichtest womöglich +Vieles, das in deinen Augen schlecht geworden ist. Ich kann keines von +deinen Bildern schlecht finden, alle rühren mich und bezaubern meine +Seele. Nur ein Strich von dir oder eine Farbe geben mir von deinem +schlechthin wundervollen Talent eine feste und unerschütterliche +Überzeugung. Und wenn ich deine Landschaften, die so breit und warm mit +dem Pinsel gemalt sind, ansehe, sehe ich immer dich, und ich fühle eine +Art Weh mit dir, das mir sagt, daß es nie ein Ende gibt in der Kunst. +Ich verstehe die Kunst so gut und das Drängen der Menschen, das sie +ihretwegen empfinden, und die Sehnsucht, so um die Liebe und Gnade der +Natur zu werben. Was wollen wir, wenn wir es entzückend finden, eine +Landschaft abgebildet zu sehen? Ist es nur ein Genuß? Nein, wir wollen +damit etwas erklärt finden, aber etwas, das gewiß immer unerklärlich +bleiben wird. Es schneidet so tief in uns hinein, wenn wir, an einem +Fenster liegend, träumend eine untergehende Sonne betrachten, aber das +ist noch gar nichts gegen eine Straße, in der es regnet, wo die Frauen +ihre Röcke zierlich hochheben, oder gegen den Anblick eines Gartens oder +Sees unter dem leichten Morgenhimmel oder gegen eine einfache Tanne im +Winter oder gegen eine Gondelfahrt bei Nacht oder gegen eine +Alpenansicht. Nebel und Schnee entzücken uns nicht minder als Sonne und +Farben; denn der Nebel verfeinert wieder die Farben, und der Schnee ist +doch, zum Beispiel unter dem Blau des erwärmenden Vorfrühlingshimmels, +eine tiefe, wundervolle, beinahe unverständliche Sache. Wie schön ich +das von dir finde, Kaspar, daß du malst und so schön malst. Ich möchte +ein Stück Natur sein und mich lieben lassen, so wie du jedes Stück Natur +liebst. Der Maler muß doch wohl die Natur am heftigsten und am +schmerzlichsten lieben, viel stürmischer und zitternder und aufrichtiger +als selbst der Dichter, als zum Beispiel so ein Sebastian, von dem ich +doch hörte, daß er sich eine Hütte auf den Weiden zum Wohnen +eingerichtet hat, damit er ungestört, wie ein Einsiedler in Japan, die +Natur anbeten kann. Die Dichter hangen sicher weniger treu an der Natur, +als ihr Maler; denn sie treten in der Regel mit verbildeten und +verstopften Köpfen an sie heran. Doch vielleicht irre ich mich, und ich +würde mich in diesem Fall gerne geirrt haben. Wie mußt du gearbeitet +haben, Kaspar. Du hast doch gewiß keine Ursache, dir selber Vorwürfe zu +machen. Das würde ich nicht tun. Nicht einmal ich tue es, und +wahrhaftig, ich hätte es sicher nötig. Aber ich tu es deshalb nicht, +weil es einen unruhig macht und weil die Unruhe ein häßlicher, des +Menschen unwürdiger Zustand ist.« -- + +»Da hast du recht,« sprach Kaspar. + +Sie gingen dann beide durch die kleine Stadt, sahen alles an, was bald, +und wiederum bei der Innigkeit, womit sie es taten, doch nicht bald +geschehen war, begegneten dem Briefträger, der Kaspar einen Brief +einhändigte und eine Grimasse dazu schnitt. Der Brief war von Klara. Die +Kirche wurde bewundert und die Majestät der Stadttürme, die trotzigen +Stadtmauern, welche oft durchbrochen worden waren, die Rebhäuser und +Lusthäuser am Berge, in denen das Leben ausstarb seit so langer Zeit. +Die Tannen schauten ernst auf das alte Städtchen herab, dazu war der +Himmel so süß und die Häuser schienen zu trotzen und verdrießlich zu +sein in ihrer Dicke und Breite. Die Wiesen schimmerten, und die Hügel +mit den goldenen Buchenwäldern lockten in die Höhe und Ferne hinein. Am +Nachmittag gingen die jungen Männer in den Wald. Viel sagten sie nicht +mehr. Kaspar war still geworden, sein Bruder fühlte, an was er dachte +und wollte ihn nicht aufwecken; denn ihm schien es wichtiger, daß +gedacht werde, als wenn geredet worden wäre. Sie setzten sich auf eine +Bank. »Sie will nicht von mir lassen,« sagte Kaspar, »sie ist +unglücklich.« Simon sagte nichts, aber er empfand eine gewisse Freude +für seinen Bruder, daß die Frau unglücklich um ihn war. Er dachte: »Ich +finde es schön, daß sie unglücklich ist.« Diese Liebe entzückte ihn. +Bald wurde jedoch Abschied genommen; denn Simon mußte, und diesmal mit +der Bahn, zurückreisen. + + + + +Siebentes Kapitel. + + +Es wurde Winter. Simon, der sich selber überlassen war, saß in einem +kleinen Zimmer, mit einem Mantel bekleidet, am Tische und schrieb. Er +wußte nicht, was er mit der Zeit beginnen sollte, und weil er von seinem +Beruf her zu schreiben gewöhnt war, so schrieb er jetzt ganz wie +absichtslos von selber und zwar auf kleine Papierstreifen, die er sich +mit der Schere zurechtgeschnitten hatte. Draußen war nasses Wetter, und +der Mantel, mit dem Simon umhüllt war, diente dazu, einen Ofen zu +ersetzen. Ihm behagte dieses In-der-Stube-sitzen, während draußen +heftige Winde wehten, die Schnee versprachen. Es war ihm behaglich +zumute, so zu sitzen und etwas zu machen und sich der Einbildung zu +überlassen, ein vergessener Mensch zu sein. Er dachte zurück an seine +Kindheit, die noch gar nicht so weit rückwärts entfernt war, und die +doch so fern lag wie ein Traum, und schrieb: + +»Ich will mich an die Kindheit zurückerinnern, da dies, in meinem +jetzigen Falle, eine spannende und belehrende Aufgabe ist. Ich war ein +Knabe, der sich gern an warme Öfen mit dem Rücken lehnte. Ich kam mir +dabei wichtig und traurig vor und machte ein zufriedenes und zugleich +wehmütiges Gesicht. Auch zog ich, wenn ich nur immer konnte, weiche +Filzschuhe für die Stube an, das heißt, das Wechseln der Schuhe, das +Tauschen der nassen mit den warmen, machte mir die größte Freude. Eine +warme Stube hatte etwas Zauberhaftes für mich. Ich war nie krank und +beneidete immer die, die krank sein konnten, die man pflegte, für die +man etwas feinere Worte hatte, wenn man zu ihnen sprach. Deshalb dachte +ich mich öfters krank und war gerührt, wenn ich in meiner Einbildung +vernahm, wie meine Eltern zärtlich zu mir redeten. Ich hatte ein +Bedürfnis darnach, zärtlich behandelt zu werden, und es geschah nie. Vor +meiner Mutter fürchtete ich mich, weil sie so selten zärtlich sprach. +Ich hatte das Renommee eines Spitzbuben, und ich glaube, nicht mit +Unrecht, aber es war doch manchmal verletzend für mich, immer daran +erinnert zu werden. Ich hätte gern verzärtelt werden mögen; als ich aber +einsah, daß es unmöglich war, daß man mir diese Aufmerksamkeit schenke, +wurde ich ein Flegel und verlegte mich darauf, diejenigen zu ärgern, +welche den Vorzug genossen, brave, geliebte Kinder zu sein. Das war +meine Schwester Hedwig und mein Bruder Klaus. Nichts machte mir größeres +Vergnügen, als Ohrfeigen von ihnen zu bekommen; denn daran sah ich, daß +ich das Geschick dazu hatte, sie zornig auf mich zu machen. Von der +Schule habe ich keine große Erinnerung mehr, aber ich weiß, daß sie mir +eine Art Entgeltung wurde für die kleine Zurücksetzung, die ich im +elterlichen Hause erfuhr: ich konnte mich auszeichnen. Es war mir eine +Genugtuung, gute Zeugnisse nach Hause zu tragen. Ich fürchtete die +Schule und verhielt mich infolgedessen dort brav; ich blieb in der +Schule überhaupt immer zurückhaltend und zaghaft. Die Schwächen der +Lehrer blieben mir indessen nicht lange verhüllt, doch kamen sie mir +mehr schrecklich als lächerlich vor. Einer der Lehrer, ein plumper, +ungeheurer Mensch, hatte ein wahres Säufergesicht; trotzdem fiel es mir +nie ein, daß er ein Säufer hätte sein können, dagegen von einem andern +ging ein rätselhaftes Gerücht in der Schulwelt umher, daß er am Trunk +untergegangen wäre. Dieses Mannes Leidensgesicht vergesse ich nie. Die +Juden hielt ich für vornehmere Menschen als die Christen; denn es gab +etliche entzückend schöne Judenfrauen, vor denen ich, wenn ich ihnen auf +der Gasse begegnete, erbebte. Öfters mußte ich, im Auftrage meines +Vaters, in eines der eleganten Judenhäuser gehen, und es roch immer wie +nach Milch in diesem Hause, und die Dame, die mir dort die Tür +aufzuschließen pflegte, hatte weiße, weite Kleider an und brachte einen +warmen, gewürzigen Duft mit sich heraus, vor dem ich anfangs einen +Abscheu hatte, den ich aber nachher lieben lernte. Ich glaube, ich trug +nicht gerade hübsche Kleider als Knabe, jedenfalls sah ich mit boshafter +Bewunderung einige andere Knaben an, die hohe schöne Schuhe trugen, +glatte Strümpfe und gutsitzende Anzüge. Ein Knabe besonders machte mir +tiefen Eindruck wegen seiner Zartheit an Gesicht und Händen, wegen der +Weichheit seiner Bewegungen und der Stimme aus seinem Munde. Er glich +völlig einem Mädchen, war immer in weiche Stoffe gekleidet und genoß bei +den Lehrern eine Achtung, die mich stutzig machte. Ich sehnte mich +krankhaft danach, von ihm eines Wortes gewürdigt zu werden und war +glücklich, als er mich eines Tages vor dem Schaufenster einer +Papierhandlung unvermittelt ansprach. Er schmeichelte mir, weil ich so +schön schrieb, und sprach das Verlangen danach aus, eine ebenso schöne +Schrift wie ich zu besitzen. Wie freute mich das, diesem jungen Gott von +Knaben in einem Stück wenigstens überlegen zu sein, und ich wehrte seine +Schmeicheleien errötend und selig von mir ab. Dieses Lächeln! Ich +erinnere mich noch, wie er lächelte. Seine Mutter war lange Zeit mein +Traum. Ich überschätzte sie zu Ungunsten meiner eigenen Mutter. Welches +Unrecht! Diesen Knaben griffen einige Spottvögel in unserer Klasse an, +indem sie die Köpfe zusammensteckten und sagten, er sei ein Mädchen und +zwar ein wirkliches, nur verkleidet in den Kleidern eines Knaben. +Natürlich war es nur Unsinn, aber mich traf das wie ein Donnerschlag und +ich glaubte lange Zeit, in diesem Knaben ein verkleidetes Mädchen +verehren zu sollen. Seine überweiche Figur gab mir allen Anlaß zu +überspannten romantischen Empfindungen. Natürlich war ich zu schüchtern +und stolz, ihm meine Vorliebe für ihn zu erklären, und so hielt er mich +für einen seiner Feinde. Wie vornehm wußte er sich abzusondern. Wie +merkwürdig, jetzt das zu denken! -- Im Religionsunterricht entzückte ich +einmal meinen Lehrer, weil ich für eine bestimmte Empfindung ein +bestimmtes treffendes Wort fand; auch das ist mir unvergeßlich +geblieben. In verschiedenen Fächern war ich überhaupt sehr gut, aber es +war immer beschämend für mich, als Muster dazustehen, und ich bemühte +mich oft förmlich, schlechte Resultate zu erzielen. Mein Instinkt sagte +mir, daß mich die Überflügelten hassen könnten, und ich war gerne +beliebt. Ich fürchtete mich davor, von den Kameraden gehaßt zu werden, +weil ich das für ein Unglück hielt. Es war in unserer Klasse Mode +geworden, die Streber zu verachten, deshalb kam es öfters vor, daß sich +intelligente und kluge Schüler aus Vorsicht einfach dumm stellten. +Dieses Verhalten, wenn es bekannt wurde, galt als musterhaftes Betragen +unter uns, und in der Tat, es hatte wohl einen Anstrich von Heroismus, +wenn auch in mißverstandenem Sinne. Von Lehrern ausgezeichnet zu werden, +war also mit der Gefahr der Mißachtung verbunden. Welch eine seltsame +Welt: die Schule. In einer der frühesten Schulklassen hatte ich einen +Schulkameraden, einen kleinen Knirps mit Flecken im spitzigen Gesicht, +dessen Vater ein herumsaufender Korbflechter war, den alle Leute +kannten. Da mußte nun der kleine Kerl immer vor der ganzen höhnenden +Klasse das Wort Schnaps aussprechen, was er nicht konnte, da er immer +Snaps statt Schnaps sagte, infolge eines armseligen Zungenfehlers. Wie +gab uns das zu lachen. Und wenn ich jetzt daran denke: wie roh war doch +das. Ein anderer, ein gewisser Bill, ein drolliger kleiner Bursche, kam +immer zu spät in die Schulstunde, weil seine Eltern ein Haus in einer +einsamen, wilden, weit von der Stadt entfernten Berggegend bewohnten. +Dieser Spätling mußte jedes Mal für sein Zuspätkommen die Hand +ausstrecken, um einen bissigen, scharf schmerzenden Schlag mit dem +Meerrohr darauf zu empfangen. Der Schmerz preßte dem Kleinen jedes Mal +Tränen zu den Augen heraus. Welche Spannung rief in uns diese Abstrafung +hervor. Ich hebe übrigens hervor, daß ich hier nicht irgend jemand, +vielleicht den betreffenden Lehrer, wie man leicht glauben könnte, +anklagen will, sondern einfach mitteile, was ich noch weiß aus jenen +Zeiten. -- Auf dem Berge, im Wald, oberhalb der Stadt, pflegte sich, +damals mehr als heutzutage, wie ich annehme, allerhand arbeitsloses, +wildes, verkommenes Volk anzusammeln, um aus Schnapsflaschen im Dickicht +zu trinken, Karten zu spielen, oder um mit den Weibern zu buhlen, denen +das Elend und der Jammer zum Gesicht herausglotzten, und die aus den +Fetzen von Kleidern, die sie trugen, erkenntlich waren. Man nannte diese +Menschen Vaganten. Eines Sonntag Abends gingen wir, Hedwig, Kaspar und +ich mit einem Mädchen, das wir Anna nannten, und das unserem Hause treu +war, auf einem schmalen Weg über diesen Berg und sahen, als wir in eine +Waldlichtung voll Felsstücken hinaustraten, wie ein Mann eben eines +dieser Felsstücke mit seiner Faust ergriff und es einem andern Mann, +seinem Gegner, ins Gesicht schleuderte, daß es einen Krach gab und das +Blut des Getroffenen, der alsobald zu Boden stürzte, herausspritzte. Der +Streit, dessen Ende, da wir sogleich flohen, wir nicht sahen, schien aus +Anlaß eines Weibes entstanden zu sein, wenigstens ist mir eine düstere, +große Weibsfigur noch immer deutlich vor Augen, die damals gelassen +dagestanden ist und dem Streit mit böser Haltung zusah. Ich trug ein +tiefes Weh und einen Schauder nach Hause, der mich am Essen verhinderte +und noch lange Zeit jene Waldstelle meiden ließ. Es lag etwas +Furchtbares, Uranfängliches in diesem Männerkampf. -- + +Kaspar und ich hatten einen gemeinschaftlichen Freund, Sohn eines +Großrates und angesehenen Kaufmanns, den wir wegen seiner +Bereitwilligkeit und Unterwürfigkeit gegen unsere Pläne sehr liebten. Zu +diesem gingen wir oft in das elterliche, großrätliche Haus, wo uns eine +zierliche Dame, seine Mutter, jedes Mal freundlich willkommen hieß. Wir +spielten mit unseres Freundes Baukasten und Bleisoldaten stundenlang und +unterhielten uns vortrefflich. Kaspar zeichnete sich im Bauen von +Festungen und Palästen und im Entwerfen von Schlachtenplänen aus. Unser +Freund hing sehr an uns; an Kaspar, wie es mir schien, noch mehr als an +mir; und er besuchte auch uns öfters in unserem Hause, wo es freilich +nicht ganz so fein war. Hedwig hatte ihn sehr lieb. Seine Mutter war von +der unsrigen ganz verschieden, die Zimmer waren glänzender als bei uns, +der Ton war ein anderer, ich meine: der Ton der Umgangssprache; aber bei +uns war es in allem lebhafter. Damals lebte in unserer Stadt eine reiche +Dame für sich allein in einem herrlichen Garten, natürlich in einem +Haus, aber das Haus sah man nicht vor lauter Efeu und Bäumen und +Springbrunnen, die es verdeckten. Diese Dame hatte drei Töchter, schöne, +blasse Mädchen, von denen es hieß, daß sie alle zwei Wochen ein neues +Kleid anzögen. Die Kleider behielten sie nicht im Schrank, sondern +ließen sie durch besondere Botenläufer unter den Leuten der Stadt +verkaufen. Hedwig besaß einmal ein Seidenkleid und ein paar Schuhe von +einem dieser Mädchen, und diese schon getragenen Sachen flößten mir, als +ich sie betrachtete und anrührte, einen geheimen Abscheu ein, vermischt +mit dem höchsten Interesse und einer Teilnahme, wegen der ich oft +ausgelacht wurde. Die Dame saß immer in ihrem Hause oder höchstens +einmal im Theater, wo sie erschreckend weiß aussah in ihrer dunkelroten +Loge. Das mittlere von den drei Mädchen war wohl das schönste. Ich sah +sie in meiner Phantasie immer zu Pferde; sie hatte so ein Gesicht, das +dazu geschaffen war, vom Rücken eines tanzenden Pferdes auf eine +gaffende Volksmenge herabzublicken und alle die Augen niederschlagen zu +machen. Alle drei Mädchen sind jetzt wohl längst verheiratet. -- Einmal +hatten wir eine Feuersbrunst, und zwar nicht in der Stadt selber, +sondern in einem Nachbardorfe. Der ganze Himmel in der Runde war gerötet +von den Flammen, es war eine eisige Winternacht. Die Menschen liefen auf +dem gefrorenen, knirschenden Schnee, auch ich und Kaspar; denn unsere +Mutter schickte uns weg, um zu erfahren, wo es brenne. Wir kamen zu den +Flammen, aber es langweilte uns, so lang in das brennende Gebälk zu +schauen, auch froren wir, und so liefen wir bald wieder nach Hause, wo +uns Mutter mit all der Strenge einer Geängstigten empfing. Meine Mutter +war damals schon krank. Kaspar trat ein wenig später aus der Schule aus, +in der er keinen Erfolg mehr hatte. Ich hatte noch ein Jahr vor mir, +aber eine gewisse Melancholie ergriff mich und hieß mich auf die Dinge +der Schule mit Bitterkeit herabsehen. Ich sah das nahe Ende kommen und +den nahen Anfang von etwas Neuem. Was es sein sollte, darüber konnte ich +mir nur allerhand unkluge Gedanken machen. Ich sah meinen Bruder öfters, +mit Paketen beladen, in seinem Geschäftsleben, und dachte darüber nach, +warum er so niedergeschlagen dabei aussah und sein Gesicht zur Erde +niederhing. Es mußte nicht schön sein, dieses Neue, wenn man dabei die +Augen nicht aufschlagen durfte. Aber Kaspar hatte damals sich auf seinen +Beruf zu besinnen angefangen, er schien immer zu träumen und war von +einer sonderbaren Gelassenheit, was dem Vater nichts weniger als gefiel. +Wir bewohnten jetzt ein geringeres Vorstadthaus, dessen Anblick ein +erkältender war. Die Wohnung war Mutter nicht recht. Sie hatte überhaupt +eine eigentümliche Krankheit, sich von ihrer jeweiligen Umgebung +verletzt zu fühlen. Sie mochte von vornehmen kleinen Häusern in Gärten +schwärmen. Was kann ich wissen. Sie war eine sehr unglückliche Frau. +Wenn wir zum Beispiel alle beim Essen saßen, ziemlich schweigsam, wie +wir es gewohnt waren, erfaßte sie plötzlich eine Gabel oder ein Messer +und warf es von sich weg, über den Tisch hinaus, so daß alle mit den +Köpfen zur Seite bogen; wenn man sie dann beruhigen wollte, kränkte es +sie, und wenn man ihr Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte einen +schweren Stand mit der Kranken. Wir Kinder erinnerten uns mit Wehmut und +Schmerz der Zeiten, wo sie eine Frau war, der alles mit einem Gemisch +von Hochachtung und Zärtlichkeit begegnete, wo, wenn sie die helle +Stimme ansetzte und einen rief, man sich beglückt fühlte zu ihr +hinzueilen. Alle Damen der Stadt erwiesen ihr Artigkeiten, die sie mit +Grazie und Bescheidenheit abzulehnen wußte; diese entschwundene Zeit +erschien mir schon damals wie ein zaubervolles Märchen voll entzückender +Düfte und Bilder. Ich lernte also schon früh, mich schönen Erinnerungen +mit Leidenschaft hinzugeben. Ich sah wieder das hohe Haus, wo die Eltern +ein reizendes Galanteriewarengeschäft hatten, wo viele Menschen zu uns +hineinkamen, um zu kaufen, wo wir Kinder eine helle, große Kinderstube +besaßen, in welche die Sonne mit einer Art Vorliebe hineinzuscheinen +schien. Dicht neben unserem hohen Hause kauerte ein kleines, schräges, +zerdrücktes, uraltes Haus mit einem spitzigen Giebeldach, darin wohnte +eine Witwe. Sie hatte einen Hutladen, einen Sohn und eine Verwandte und, +ich glaube, noch einen Hund, wenn ich mich recht erinnere. Wenn man zu +ihr in den Laden trat, begrüßte sie einen so freundlich, daß man das +bloße dieser Dame Gegenüberstehen als einen Wohlgenuß empfand. Sie +preßte einem dann verschiedene Hüte auf den Kopf, führte einen vor den +Spiegel und lächelte dazu. Ihre Hüte rochen alle so wunderbar, daß man +wie gebannt dastehen mußte. Sie war eine gute Freundin meiner Mutter. +Dicht daneben, das heißt, dicht neben dem Hutladen glitzerte und lockte +eine schneeweiße Konditorei, eine Zuckerbäckerei. Die Zuckerbäckersfrau +schien uns ein Engel zu sein, nicht eine Frau. Sie hatte das zarteste, +ovalste Gesicht, das man sich denken kann; die Güte und die Reinheit +schienen diesem Gesicht die Formen gegeben zu haben. Ein Lächeln, das +einen zum frommen Kinde machte, wenn es einen traf, bezauberte und +versüßte noch ihre süßen Züge. Die ganze Frau schien wie geschaffen +dazu, Süßigkeiten zu verkaufen, Sachen und Sächelchen, die man nur mit +Nadelspitzenfingern anrühren durfte, wenn man ihnen den köstlichen +Geschmack nicht rauben wollte. Das war auch eine Freundin meiner Mutter. +Sie hatte viele Freundinnen.« -- + +Simon hörte auf zu schreiben. Er ging zu einer Photographie seiner +Mutter, die an der schmutzigen Wand seines Zimmers hing, und preßte, +indem er sich auf die Fußspitzen erhob, einen Kuß darauf. Dann zerriß er +das Geschriebene, weder mit Unmut noch mit vielem Besinnen, einfach +deshalb, weil es keinen Wert mehr für ihn besaß. Dann ging er zu Rosa, +in die Vorstadt hinaus und sagte zu ihr: »Ich werde nun vielleicht bald +eine Anstellung in einer kleinen Landstadt bekommen, was für mich jetzt +das Schönste wäre, was es geben könnte. Eine kleine Stadt ist doch etwas +Entzückendes. Man hat da sein altes, behagliches Zimmer, das man für +merkwürdig wenig Geld bekommt. Vom Geschäft ins Zimmer zu gelangen, wäre +mit ein paar Schritten leicht abgetan. Alle Leute grüßen einen in der +Gasse und denken sich, wer der junge Herr wohl sein könne. Diejenigen +Weiber, die Töchter haben, geben einem schon im Geiste eine ihrer +Töchter zur Frau. Das wird die jüngste Tochter sein mit den Ringellocken +und den herabhängenden, schweren Ohrringen an den kleinen Ohren. Im +Geschäft würde man sich langsam unentbehrlich machen, und der Chef wäre +glücklich, eine solche Erwerbung wie mich gemacht zu haben. Abends nach +Hause gekommen, säße man im geheizten Zimmer, und die Bilder an den +Wänden würden angesehen, von denen eines vielleicht die schöne Kaiserin +Eugenie darstellen dürfte und ein anderes eine Revolution. Die Tochter +des Hauses käme vielleicht herein und brächte mir Blumen, warum nicht? +Ist dies alles in einer Kleinstadt nicht möglich, wo die Menschen +einander so zärtlich begegnen? Eines Tages aber, in der warmen, hellen +Mittagspause, würde dasselbe Mädchen schüchtern an meiner Tür anklopfen, +einer Tür, nebenbei gesagt, die aus der Rokokozeit herstammte, würde sie +aufmachen und zu mir in das Zimmer treten und zu mir, unter einer +unendlich feinen Seitenbeugung des schönen Kopfes, sagen: »Wie sind Sie +immer so still, Simon. Sie sind so bescheiden und machen gar keine +Ansprüche. Sie sagen nicht: mir fehlt dieses oder jenes. Sie lassen +alles so gehen. Ich fürchte, Sie sind unzufrieden.« Ich würde lachen und +sie beruhigen. Dann plötzlich, wie von seltsamen Gefühlen ergriffen, +könnte es ihr einfallen zu sagen: »Wie still und schön die Blumen sind, +da auf dem Tische. Sie sehen aus, als ob sie Augen hätten und es ist +mir, als ob sie lächelten.« Ich würde überrascht sein, so etwas aus dem +Munde einer Kleinstädterin zu hören. Dann würde ich es plötzlich +natürlich finden, in langsamen Schritten zu der Dastehenden und +Zaudernden hinzugehen, meinen Arm um ihre Figur zu legen und das Mädchen +zu küssen. Sie würde es geschehen lassen, aber nicht so, daß man +versucht wäre, auf unschöne Gedanken zu verfallen. Sie würde die Augen +tief niederschlagen und ich hörte das Pochen ihres Herzens, das Wogen +ihren schönen, runden Brust. Ich würde sie bitten, mir ihre Augen zu +zeigen, und daraufhin würde sie sie aufmachen und ich würde in den +Himmel ihrer geöffneten, fragenden Augen hineinschauen. Das würde ein +langes Bitten und Schauen sein. Erst wäre es ein flehender Blick von +ihr, dann würde es mich reizen, sie ebenso anzusehen, dann würde ich +natürlich lachen müssen und sie würde mir trotzdem vertrauen. Wie +wunderbar könnte das sein, und das kann sein in einer kleinen Stadt, wo +die Menschen mit Blicken so viel sagen. Ich würde sie wieder küssen auf +ihren seltsam gebogenen und geschweiften Mund und ihr schmeicheln, so, +daß sie meinen Schmeicheleien glauben müßte und es also dann wieder +keine bloßen Schmeicheleien wären, und ihr sagen, daß ich sie als mein +Weib betrachtete, worauf sie, wieder den Kopf so wundervoll zur Seite +biegend, ja sagen würde. Denn was könnte sie mir entgegnen, wenn ich ihr +den Mund zudrückte, wie einem Kind, wenn ich sie nun mit Küssen +bedeckte, die Herrliche, die ein Lächeln des Übermutes und des +Siegesgefühles nicht zu unterdrücken vermöchte? Freilich, Siegerin wäre +sie und ich ihr Besiegter, das würde sich ja bald zeigen, denn ich würde +ihr Mann werden und ihr damit mein ganzes Leben, meine Freiheit und alle +Gelüste, die Welt zu sehen, opfern und schenken. Nun würde ich sie immer +betrachten und sie immer schöner finden. Bis zu unserer Vermählung würde +ich wie ein Schelm hinter ihren Reizen, die sie hinter sich fallen +ließe, her sein. Ich würde ihr zusehen, wenn sie auf den Zimmerboden +hinkniete, abends, um im Ofen Feuer anzufachen. Ich würde viel lachen, +wie ein Blödsinniger, nur um nicht immer allzu feine Worte des +Zärtlichseins zu gebrauchen, und vielleicht würde ich sie öfters auch +roh behandeln, um die Züge des Schmerzes aus ihrem Gesicht abzufangen. +Nach solcher Handlungsweise käme es mir nicht darauf an, heimlich, wenn +sie es nicht sähe, vor ihrem Bette hinzuknieen und die Abwesende mit +heißem Herzen anzubeten. Ich würde mich vielleicht sogar dazu +versteigen, ihren Schuh, der doch mit Wichse bedeckt wäre, an meinen +Mund zu pressen; denn der Gegenstand, in den sie ihre kleinen weißen +Füße steckte, würde für das Gefühl der Anbetung vollkommen genügen, zum +Beten braucht es ja nicht viel. Ich stiege öfters auf die nahen, hohen +Felsenberge hinauf, sorglos mich hinaufziehend an kleinen Baumstämmchen, +über Abgründe hinauf, und würde mich oben über einen Felssturz auf die +gelbliche Weide hinlegen und mich darauf besinnen, wo ich denn +eigentlich wäre, und mich fragen, ob mir ein solches Leben in der Enge +mit einer allerdings geliebten, aber doch alles heischenden Frau wohl +genügen würde. Ich schüttelte auf solche Fragen nur mit dem Kopf und +träumte mit herrlich gesunden Sinnen in die Ebene hinab, wo die kleine +Stadt ausgebreitet läge. Vielleicht würde ich eine halbe Stunde lang +weinen, warum nicht, um meine Sehnsucht zu versöhnen und würde wieder +ruhig und glücklich daliegen, bis die Sonne untersänke, dann +hinuntergehen und meinem Mädchen die Hand reichen. Es wäre alles +beschlossen und hinter mir zugeriegelt, aber ich wäre von Herzen froh +über die feste, gebietende Abgeschlossenheit. Alsdann würde ich Hochzeit +feiern und so meinem Leben ein neues Leben geben. Das alte würde wie +eine schöne Sonne untergehen, und nicht einmal einen Blick würde ich ihm +nachwerfen, weil ich das für gefährlich und schwach hielte. Die Zeit +verginge, und nun würden wir uns, um für unsere Zärtlichkeit eine +Abbildung zu haben, nicht mehr über Blumen beugen, sondern über Kinder +und uns entzücken über ihr Lächeln und Fragenstellen. Die Liebe zu +unseren Kindern und die tausend Sorgen, die sie heischen würden, machte +unsere eigene Liebe sanfter und nur größer, aber stiller. Mich zu +fragen, ob mir meine Frau noch gefalle, würde mir niemals einfallen, und +mir einzureden, daß ich ein kleines, dürftiges Leben führte, käme mir +nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahren, was an Erfahrung das Leben +gibt und würde gern auf den Gedanken verzichten, der mir allerhand +elegante Abenteuer vorhielte und vorspiegelte, die ich versäumt hätte. +»Was ist noch ein Versäumnis zu nennen?« würde ich mich ruhig und +überlegen fragen. Ich wäre ein fester Mensch geworden, das wäre alles +und bliebe alles bis zu meiner Frau Tode, der es vielleicht bestimmt +wäre, früher als ich zu sterben. Doch weiter mag ich nicht denken; denn +das liegt doch zu fernab im Dunkel der schönen Zukunft. Was sagen Sie +dazu? Ich träume jetzt immer so viel, aber Sie müssen wenigstens +zugeben, daß ich mit einer gewissen Aufrichtigkeit und mit dem Verlangen +träume, ein besserer Mensch zu werden, als ich jetzt bin.« + +Rosa lächelte. Sie schwieg eine Weile, indem sie Simon aufmerksam +betrachtete und fragte dann: + +»Was macht Ihr Herr Bruder, der Maler?« + +»Er will nächstens nach Paris gehen.« + +Rosa erblaßte, schloß die Augen und atmete schwer. Simon dachte: Also +auch sie liebt ihn. + +»Sie lieben ihn,« sagte er leise. + + * * * * * + +Am nächsten Morgen trat Simon in einem kurzen, dunkelblauen Mantel, mit +einem zierlichen, unbehülflichen Stöckchen in der Hand, aus dem Hause +heraus. Ein dicker, schwerer Nebel empfing ihn und es war noch +vollständige Nacht. Nach einer Stunde aber erhellte es sich, als er auf +einer Anhöhe stand und auf die große Stadt zu seinen Füßen +zurückblickte. Es war kalt, aber die Sonne, die eben jetzt feurig und +hellrot über den verschneiten Büschen und Feldern emporstieg, versprach +einen wundervollen Tag. Er blieb in den Anblick des immer höher +fliegenden roten Balles gebannt und sagte sich, daß die Sonne im Winter +noch drei Mal so schön sei, wie eine Sonne mitten im Sommer. Der Schnee +brannte bald in dieser eigentümlich hellroten, warmen Farbe, und dieser +wärmende Anblick und die wirkliche Kälte dazwischen wirkten belebend und +anspornend auf den Wanderer, der sich auch nicht allzu lange mehr +aufhalten ließ, sondern tüchtig weiterschritt. Der Weg war derselbe, den +Simon damals in der Herbstnacht gegangen war, er hätte ihn jetzt beinahe +schlafend gefunden. So lief er den ganzen Tag. Im Mittag spendete die +Sonne schöne Wärme auf die Gegend herab, der Schnee wollte schon wieder +zerrinnen, und das Grün blickte an einigen Stellen naß hervor. Die +rieselnden Quellen verstärkten den Eindruck der Wärme, aber gegen Abend, +als der Himmel in dunkelblauer Farbe prangte und der rote Schein der +Sonne sich über dem Bergrücken verlor, wurde es auch gleich wieder +grimmig kalt. Simon stieg wieder den Berg hinauf, den er schon einmal, +aber in wilderer Hast, in der Nacht erklommen hatte; der Schnee +knirschte unter seinen Schritten. Die Tannen waren so voll mit Schnee +beladen, daß sie ihre starken Äste herrlich zur Erde niederhängen +ließen. Ungefähr in der Mitte des Aufstieges sah Simon plötzlich einen +jungen Mann mitten im Wege im Schnee daliegen. Es war noch so viel +letzte Helle im Wald, daß er den schlafenden Mann ins Auge fassen +konnte. Was veranlaßte diesen Menschen, sich hier in der bitteren Kälte +und an einer so einsamen Stelle im Tannenwald niederzulegen? Des Mannes +breiter Hut lag quer über dessen Gesicht, wie es oft im heißen, +schattenlosen Sommer vorkommt, daß ein Liegender und Ausruhender sich +auf diese Weise gegen die Sonnenstrahlen schützt, um einschlafen zu +können. Das hatte etwas Unheimliches an sich, dieses Gesichtverdecken +mitten im Winter, zu einer Zeit, wo es wahrhaftig keine Lust konnte +genannt werden, es sich hier im Schnee bequem zu machen. Der Mann lag +unbeweglich und schon fing es an, immer dunkler im Walde zu werden. +Simon studierte des Mannes Beine, Schuhe, Kleider. Die Kleider waren +hellgelb, es war ein Sommeranzug, ein ganz dünner und fadenscheiniger. +Simon zog den Hut von des Mannes Gesicht, es war erstarrt und sah +schrecklich aus, und jetzt erkannte er auf einmal das Gesicht, es war +Sebastians Gesicht, kein Zweifel, das waren Sebastians Züge, das war +sein Mund, sein Bart, seine etwas breite, gedrückte Nase, seine +Augenbildungen, seine Stirn und seine Haare. Und er war hier erfroren, +ohne Zweifel, und er mußte schon etliche Zeit liegen, hier am Wege. Der +Schnee zeigte hier keine Fußspuren, es war also denkbar, daß er schon +lange liege. Gesicht und Hände waren längst erstarrt, und die Kleider +klebten an dem erfrorenen Leib. Sebastian mochte hier, durch große, +nicht mehr zu ertragende Müdigkeit, hingesunken sein. Allzukräftig war +er nie gewesen. Er ging immer in gebückter Haltung, als ertrüge er die +aufrechte nicht, als täte es ihm weh, seinen Rücken und seinen Kopf +stramm zu halten. Wenn man ihn ansah, empfand man, daß er dem Leben und +seinen kalten Anforderungen nicht gewachsen war. Simon schnitt +Tannenäste von einer Tanne und bedeckte den Körper damit, doch zog er +vorher noch ein kleines dünnes Heft aus der Rocktasche des Toten, das +dort hervorgeschaut hatte. Es schien Gedichte zu enthalten, Simon +unterschied die Schriftzeichen nicht mehr. Es war mittlerweile völlige +Nacht geworden. Die Sterne funkelten durch die Lücken der Tannen und der +Mond schaute in einem schmalen, zierlichen Reifen der Szene zu. »Ich +habe keine Zeit,« sagte Simon still vor sich, »ich muß mich beeilen, daß +ich die nächste Stadt noch erreiche, ich würde sonst keine Bangigkeit +verspüren, noch etwas längere Zeit bei diesem armen Kerl von Toten zu +verweilen, der ein Dichter und Schwärmer war. Wie nobel er sich sein +Grab ausgesucht hat. Mitten unter herrlichen, grünen, mit Schnee +bedeckten Tannen liegt er. Ich will niemanden davon Anzeige erstatten. +Die Natur sieht herab auf ihren Toten, die Sterne singen leise ihm zu +Häupten, und die Nachtvögel schnarren, das ist die beste Musik für +einen, der kein Gehör und kein Gefühl mehr hat. Deine Gedichte, lieber +Sebastian, will ich in die Redaktion tragen, wo man sie vielleicht lesen +und dem Abdruck übergeben wird, damit von dir wenigstens dein armer, +funkelnder, schönklingender Name der Welt erhalten bleibt. Eine +prachtvolle Ruhe, dieses Liegen und Erstarren unter den Tannenästen, im +Schnee. Das ist das beste, was du tun konntest. Die Menschen sind immer +geneigt, derartigen Käuzen, wie =du= einer warst, weh zu tun und ihre +Schmerzen zu verlachen. Grüße die lieben, stillen Toten unter der Erde +und brenne nicht zu sehr in den ewigen Flammen des Nichtmehrseins. Du +bist anderswo. Du bist sicher an einem herrlichen Ort, du bist jetzt ein +reicher Kerl, und es verlohnt sich, die Gedichte eines reichen, +vornehmen Kerls herauszugeben. Lebe wohl. Wenn ich Blumen hätte, ich +schüttete sie über dich aus. Für einen Dichter hat man nie Blumen genug. +Du hattest zu wenig. Du erwartetest welche, aber du hörtest sie nicht +über deinem Nacken schwirren, und sie fielen nicht auf dich nieder, wie +du geträumt hast. Siehst du, ich träume auch viel, und viele, viele +Menschen, denen man es nicht zutrauen würde, träumen, aber du glaubtest, +ein Recht zu haben auf das Träumen, während wir anderen nur träumen, +wenn wir uns recht elend vorkommen, aber froh sind, es einstellen zu +können. Du verachtetest deine Mitmenschen, Sebastian! Aber, Lieber, das +darf sich nur ein Starker erlauben, und du warst schwach! Doch ich will +nicht dein heiliges Grab gefunden haben, um es zu beschmähen. Was weiß +ich, was du gelitten hast. Dein Tod unter den offenen Sternen ist schön, +ich werde das lange nicht vergessen können. Ich will Hedwig dein Grab +unter diesen edlen Tannen schildern, und ich werde sie damit weinen +machen. Die Menschen werden wenigstens noch deine Gedichte lesen, wenn +sie mit dir doch einmal nichts anzufangen wußten.« -- Simon schritt von +dem Toten weg, warf einen letzten Blick auf das Häufchen Tannenäste, +unter denen jetzt der Dichter schlief, wandte sich mit einer schnellen +Drehung seines schmiegsamen Körpers von dem Bilde ab und lief, was er +konnte, im Schnee weiter, den Berg hinauf. Er mußte also zum zweiten Mal +den Berg bei Nacht ersteigen, aber dieses Mal schauerten Leben und Tod +heiß durch seinen ganzen Körper. Er hätte jubeln mögen in dieser +eisigen, sternengeschmückten Nacht. Das Feuer des Lebens trug ihn vom +sanften, blassen Bild des Todes stürmisch hinweg. Er spürte keine Beine +mehr, nur noch Adern und Sehnen, und diese gehorchten biegsam seinem +vorwärtseilenden Willen. Droben auf der freien Bergmatte genoß er den +erhabenen Anblick der herrlichen Nacht erst ganz, und er lachte laut +auf, wie ein Knabe, der noch nie einen Toten gesehen hat. Was war denn +ein Toter? Ei, eine Mahnung ans Leben. Weiter gar nichts. Eine köstliche +zurückrufende Erinnerung und zugleich ein Treiben in die ungewisse, +schöne Zukunft. Simon spürte, daß seine Zukunft noch recht weit und +offen vor ihm liegen mußte, wenn er so ruhig mit Toten umgehen konnte. +Es machte ihm eine tiefe Freude, diesen armen, unglücklichen Menschen +noch einmal gesehen zu haben und so geheimnisvoll angetroffen zu haben, +so schweigend, so beredt, so dunkel und ruhig und so vornehm fertig. +Jetzt gab es gottlob über diesen Dichter nichts mehr zu lächeln und zu +naserümpfen, bloß noch zu fühlen. -- Simon schlief herrlich in einem +Gasthausbett, nämlich in demselben Gasthaus, dessen Tanzsaal sein Bruder +bemalt hatte. Den andern Tag benutzte er zu frischem Laufen auf +beschwerlichen Straßen voll Schnee. Er sah immer einen blauen Himmel +über sich, Häuser zu beiden Seiten der Straßen, schöne große Häuser die +auf eine wohlhabende und stolze Landbevölkerung schließen ließen, Hügel +mit schwarzen, zerzausten Bäumen besetzt, in die der blaue Himmel +hineinkroch, und Menschen, die an ihm vorübergingen und solche, die mit +ihm die gleiche Richtung liefen, die er aber überholte; denn er lief, +während die andern gemächlich gingen. Als es Nacht wurde, ging er durch +ein stilles, enges, sonderbares Tal, ganz von Wäldern umschlossen und +voll Windungen und seltsamer Ausblicke in erhöhte Dörfer, wo die +Nachtlichter brannten und die Menschen spärlich umherliefen. Da ihn nun +doch eine ernstliche Müdigkeit zu plagen anfing, kehrte er im nächsten +Gasthaus wieder ein. Die Wirtsstube war mit Menschen angefüllt, und die +Wirtin sah eher wie eine vornehme Frau aus feinem Haus aus als wie eine +Wirtin, die Gäste bediente. Er verlangte schüchtern, was er begehrte, +worauf ihn die schöne Frau mit seltsamen Blicken maß. Er aber war so +müde, so zerschlagen, daß er nur froh war, als er bald darauf in sein +Zimmer geführt wurde, wo er sich mit Wonne in ein eiskaltes Bett legte, +um sogleich einzuschlafen. Der dritte Tag brachte ihn in eine schöne, +mächtige Stadt, wo er nur ein Geschäft hatte: einen Redakteur ausfindig +zu machen, um Sebastians Gedichte abzugeben. Vor dem ihm bezeichneten +Hause angekommen, fiel ihm ein, daß es nicht klug wäre, selber +hineinzugehen und Gedichte eines Totaufgefundenen abzugeben. Er schrieb +daher auf den Umschlag des blauen Heftes den Titel: »Gedichte eines im +Tannenwald erfroren aufgefundenen jungen Mannes zur Veröffentlichung, +wenn es möglich ist«, und warf das Heft in den großen, plumpen +Briefkasten, in den es hinunterprallte. Dieses getan machte sich Simon +neuerdings auf den Weg. Das Wetter war milder geworden, Schnee wirbelte +in großen, nassen Flocken auf die Straßen, zu denen hinaus es ihn +drängte. Die unbekannten Menschen dieser Stadt sahen ihn so sonderbar +groß an, daß er beinahe glauben mußte, sie kennten ihn, den völlig +Fremden. Bald kam er zur eigentlichen Stadt hinaus in die vornehme +Villenvorstadt, und zu dieser auch wieder hinaus, in einen Wald, auf ein +Feld, auf ein anderes, wieder in einen kleineren Wald, dann in ein Dorf, +in ein zweites und drittes, bis es Nacht wurde. + + + + +Achtes Kapitel. + + +In dem kleinen Dorfe schneite es am Morgen. Die Schulkinder kamen alle +mit nassen, verschneiten Schuhen, Hosen, Röcken und Köpfen und Kappen in +die Schule. Sie brachten Schneeduft in die Schulstube und allerhand +Geröll von den schmutzigen, aufgeweichten Wegen. Die Schar der Kleinen +war infolge des Schneefalles zerstreut und angenehm aufgeregt, zu +Aufmerksamsein wenig geneigt, worüber die Lehrerin ein wenig unmutig +wurde. Sie wollte eben mit Religion beginnen, als sie einen dunklen, +schlanken, beweglichen, gehenden Fleck vor dem Fenster gewahrte, einen +Fleck, den kein Bauer hätte machen können, denn er war zu zierlich und +beweglich. Es flog nur so an der Fensterreihe vorüber, und auf einmal +sahen die Kinder ihre Lehrerin, alles vergessend, zur Stube hinauseilen. +Hedwig trat nur zur Schulstubentür hinaus, um ihrem Bruder, der dicht +davor stand, in die Arme zu fliegen. Sie weinte und küßte Simon und +führte ihn in eines von den zwei Zimmern, die ihr zur Verfügung standen. +»Du kommst unerwartet, aber es ist gut, daß du kommst,« sagte sie, »lege +deine Sachen hier ab. Ich muß noch Schule halten, aber ich will die +Kinder heute eine Stunde früher nach Hause schicken. Das wird nichts +ausmachen. Sie sind heute doch sonst so unaufmerksam, daß ich einen +Grund habe, böse zu sein und sie früher abzufertigen.« -- Sie ordnete +sich ihr Haar, das bei der heftigen Begrüßung ziemlich aus den Fugen +geraten war, sagte Auf Wiedersehen zu ihrem Bruder und ging wieder +zurück an ihr Geschäft. + + * * * * * + +Simon fing an, sich auf dem Lande einzurichten. Seine Koffer kamen mit +der Post nach, worauf er alle seine Sachen auspackte. Vieles besaß er +nicht mehr, ein paar alte Bücher, die er nicht hatte veräußern oder +weggeben mögen, Wäsche, einen schwarzen Anzug und einen Knäuel von +Kleinigkeiten wie Bindfaden, Seidenreste, Krawatten, Schuhbändel, +Kerzenstümpchen, Knöpfe und Fadenteile. Man lieh sich bei der +Nachbarsschullehrerin eine alte eiserne Bettlade, dazu eine +Strohmatratze, das genügte, um auf dem Lande schlafen zu können. Diese +Bettstelle wurde auf einem breiten Schlitten in der Nacht vom nächsten +Dorf herbeigeführt. Hedwig und Simon setzten sich auf das sonderbare +Fahrzeug; der Sohn der befreundeten Lehrerin, ein strammer Bursche, der +eben den Militärdienst verlassen hatte, leitete den Schlitten bergab in +die Einsenkung, in der sich das Schulhaus befand. Man lachte viel. Das +Bett wurde im zweiten Zimmer aufgeschlagen und mit dem nötigen Bettzeug +versehen und so für einen Menschen hergerichtet, der keine zu +überspannten Ansprüche an ein Bett machte, was auch Simon keineswegs +tat. Hedwig dachte im Anfang eine Weile: »Da kommt er nun zu mir, weil +er sonst nirgendswo anders zu leben hat in der weiten Welt. Dafür bin +ich ihm gut. Wenn er wüßte, wo schlafen und essen, er würde sich sicher +seiner Schwester nicht erinnert haben.« Aber sie verscheuchte diesen +Gedanken bald, der nur in einem Anflug von Trotz entstand, der +ausgedacht wurde, weil er so kam, nicht, weil man ihn gerne dachte. +Simon seinerseits schämte sich ein wenig, die Güte seiner Schwester in +solcher Weise zu beanspruchen, aber auch nicht sehr lange; denn die +Gewohnheit schluckte diese Empfindung bald auf, er gewöhnte sich daran, +ganz einfach! Geld hatte er wirklich keines mehr, aber er ließ sofort, +in den ersten Tagen schon, ein Schreiben an alle umliegenden Notare +ergehen, mit der Bitte, ihm, einem gewandten Schönschreiber, Arbeiten +zuzuweisen. Und was brauchte man auf dem Lande Geld! Viel jedenfalls +nicht. Nach und nach sank jede empfindliche Scheidewand zwischen den +beiden Bewohnern des Schulhauses, sie lebten, als wenn sie immer +miteinander gelebt hätten, und teilten Entbehrung sowie Lustbarkeiten +fröhlich miteinander. + +Es war Vorfrühling. Man durfte schon mit weniger Zagheit die Fenster +offen stehen lassen und brauchte den Ofen nur noch leichter zu heizen. +Die Kinder brachten Hedwig ganze Sträuße von Schneeglöckchen mit in die +Schule, so daß man in Verlegenheit geriet, wohin sie alle setzen, da +nicht genug kleine Gefäße vorhanden waren. Die Ahnung des Frühlings +duftete beklemmend in der Dorfluft. In der Sonne gingen schon Menschen +spazieren. Simon war den einfachen Leuten bekannt geworden, ganz +spurlos, so ganz nebenher, man fragte nicht viel, wer er sei, es hieß, +es sei einer der Brüder der Lehrerin, das genügte, um ihm hier Achtung +zu verschaffen. Er wird einige Zeit zu Besuch bleiben, dachte man. Simon +ging ziemlich abgerissen umher, aber mit einer gewissen leichten, +kleidsamen Eleganz, die die Ärmlichkeit der Stoffe, die er trug, hübsch +verdeckte. Seine zerrissenen Schuhe machten nicht viel Aufsehen. Simon +fand es reizend, auf dem Lande in defekten Schuhen zu gehen; denn darin +spürte er eine der hervorragenden Annehmlichkeiten des ländlichen +Lebens. Wenn er Geld bekäme, würde er leise daran denken, das Schuhwerk +aufbessern zu lassen, nur ganz gemach und leise! Vielleicht würde er +vierzehn Tage lang hinzaudern damit; denn was kommt es auf dem Lande auf +vierzehn Tage an! In der Stadt mußte man alles schnell tun, aber hier +hatte man die schöne Verpflichtung, alles von einem Tag auf den anderen +zu verschieben, ja, es verschob sich ganz von selber; denn die Tage +kamen so still und ehe man es denken konnte, war der Abend schon wieder +da, dem eine innige Nacht folgte, ein wahrer Schlaf von einer Nacht, den +der Tag leise wieder aufweckte, sorgsam und zärtlich. Simon liebte auch +die meist schmutzigen Dorfwege, die kleinen, die über Geröll führten, +und die großen, in denen man im Kot versank, wenn man nicht aufpaßte. +Aber das war es ja eben! Man hatte Gelegenheit, aufzupassen, man konnte +den Städter herauszeigen, der daran gewöhnt war, mit Sorgfalt und etwas +posiertem Schrecken vor dem Schmutz eine Straße zu passieren. Die +älteren Dorfweiber konnten denken, das sei ein reinlicher und achtsamer +junger Mann und die Mädchen konnten lachen über die weiten Sprünge, mit +denen Simon über Gräben und Pfützen hinübersetzte. Der Himmel war +vielmals dunkel umwölkt, mit Wolken besetzt, die dick aufgeblasen waren, +und köstliche Stürme wehten oft und schüttelten den Wald und rasten über +das Moos, wo die Leute arbeiteten, die Erde stachen und die Pferde +geduldig daneben standen. Oft auch lächelte der Himmel, daß alle +Menschen, die es sahen, augenblicklich mitlächeln mußten. Hedwigs +Gesicht nahm einen frohlockenden Ausdruck an, der Lehrer, der im oberen +Stock wohnte, steckte seine Brille neugierig zum Fenster hinaus und +genoß auf seine Weise das Entzücken eines freundlichen Himmels. Simon +hatte sich in einem kleinen Laden eine billige Pfeife und dazu Tabak +gekauft. Es erschien ihm schön und angemessen, auf dem Lande nur Pfeife +zu rauchen, denn eine Pfeife konnte man stopfen, und dieses Stopfen war +eine Bewegung, die zum offenen Feld, zum Wald paßte, wo er beinahe den +ganzen hellen Tag verbrachte. Am warmen Mittag lag er im hellgelben Gras +unter dem herrlichen sanften Himmel, am Flußufer hingestreckt und durfte +nicht nur, sondern mußte sogar träumen. Aber er träumte von nichts +Weitem, Entfernterem und Schönerem, sondern er sann und träumte +glücklich in seine Umgebung hinein; denn er wußte von nichts Schönerem. +Hedwig, die Nahe, war der Gegenstand seiner Träume. Er hatte die ganze +übrige Welt vergessen und der Pfeifentabak, den er rauchte, führte ihn +nur wieder ins Dorf, zu dem Schulhause, zu Hedwig. Er dachte von ihr: +»Sie fährt mit einem in einem Nachen, der sie entführt hat. Der See ist +klein wie ein Parkteich. Sie sieht immer in die großen, schwarzen, +düsteren Augen des Mannes, der unbeweglich im Nachen sitzt, und denkt: +»Wie doch seine Augen ins Wasser blicken. Mich sieht er nicht an. Aber +das ganze, weite Wasser blickt mich mit seinen Augen an!« Der Mann hat +einen struppigen Bart, wie die Räuber Bärte zu tragen pflegen. Dieser +Mann kann galant sein, wie keiner. Er kann die Galanterie bis zum +Verlust seines Lebens treiben, ohne mit einer Wimper zu zucken und gewiß +ohne die Hand aufs Herz zu legen und sich mit seiner Tat zu brüsten. +Dieser Mann würde sich nie brüsten. Er hat eine warme, wundervolle +Männerstimme, aber er gebraucht sie nie, um eine Artigkeit zu sagen. Nie +kommt eine Schmeichelei über seine stolzen Lippen und seine Stimme +verdirbt er mit Absicht, daß sie rauh und herzlos töne. Aber das Mädchen +weiß, daß er ein grenzenlos gutes Herz hat, und wagt es dennoch nicht, +an sein Herz mit einer Bitte anzuschlagen. Eine Saite tönt über das +Wasser mit langen Tonwellen. Hedwig meint sterben zu sollen in dieser +tönenden Luft. Der Himmel über dem Wasser ist so, wie dieser leichte, +wasserfarbene Himmel ist, der jetzt über mir schwebt. Ein schwebender, +hängender See da oben, das paßt gut. Die Parkbäume im Bilde entsprechen +den hohen, schwankenden Bäumen in dieser Gegend. Sie haben etwas +Parkartiges, Herrschaftliches. Im Bilde jedoch ist alles gedrängter und +zusammengesetzter, und ich schweife jetzt wieder darein hinüber, ohne +den stillen Zusammenhang mit mir und dieser Gegend weiter zu würdigen. +Der Mann erfaßt nun das Ruder und gibt damit dem Nachen einen +rücksichtslosen Stoß. Hedwig fühlt, daß er seiner eigenen Wärme und +Liebe in solcher Weise entgegenhandeln könnte. Wenn er Liebe und +Zärtlichkeit in sich spürt, ist er beleidigt und er straft sich +unbarmherzig, daß er sich erlaubt hat, ein weiches Gefühl in der Brust +gehegt zu haben. So unnatürlich stolz ist er. Kein Mann, sondern eine +Mischung von Knabe und Riese. Einen Mann verletzt es nicht, sich von +Empfindungen überwältigt zu finden, aber einen Knaben, der mehr sein +will als ein aufrichtig fühlender Mann, der ein Riese sein will, der nur +stark sein will und nicht auch zuweilen schwach. Ein Knabe besitzt +Tugenden der Ritterlichkeit, die der vernünftig und reif denkende Mann +immer zur Seite wirft als unnütze Beigaben zum Feste der Liebe. Ein +Knabe ist weniger feige als ein Mann, weil er weniger reif ist, denn die +Reife macht leicht niederträchtig und selbstisch. Man muß nur die +harten, bösen Lippen eines Knaben betrachten: der ausgesprochene Trotz +und das bildliche Versteifen auf ein einmal sich selber im stillen +gegebenes Wort. Ein Knabe hält Wort, ein Mann findet es passender, es zu +brechen. Der Knabe findet Schönheit an der Härte des Worthaltens +(Mittelalter) und der Mann findet Schönheit darin, ein gegebenes +Versprechen in ein neues aufzulösen, das er männlich verspricht zu +halten. Er ist der Versprecher, jener ist der Vollstrecker des Wortes. +Locken um die jugendliche Stirne und einen Todestrotz auf den +geschwungenen Lippen. Augen wie Dolche. Hedwig zittert. Die Parkbäume +sind so weich, sie verschwimmen in der hellblauen Luft. Dort unter den +Bäumen sitzt der Mann, den sie verachtet. Den, der bei ihr ist und der +lieblos ist, muß sie lieben, trotzdem er nichts verspricht. Er hat noch +den Mund zu keinem Versprechen aufgetan, hat sich erlaubt, sie zu +entführen, ohne ihr zum Ersatz auch nur eine Zärtlichkeit ins Ohr +hineinzuflüstern. Flüstern, das ist des andern Sache, der da versteht es +nicht. Und wenn er es auch verstünde, so würde er es doch nie tun, oder +zu einer Gelegenheit tun, wo andere nicht mehr daran denken, noch etwas +zu äußern. Aber sie gibt sich ihm, ohne zu wissen, warum. Sie hat nichts +davon, darf sich keine Hoffnungen machen, wie Weiber sie sich gerne +machen, sie darf nur auf schonungslose Behandlung gefaßt sein, auf die +wilden Launen, womit ein Herrscher mit seinem Besitztum umzugehen +pflegt. Aber sie fühlt sich beglückt, wenn er mit einer Stimme zu ihr +spricht, barsch und achtlos, als ob sie schon die Seinige wäre. Sie ist +es ja, und das weiß dieser Mann. Er achtet nicht mehr, was schon sein +ist. Ihre Haare sind ihr aufgegangen, es sind wundervolle Haare, die an +ihren schmalen, rötlichen Wangen wie flüssige Stoffe niederstürzen. +»Binde sie,« befiehlt er, und sie bemüht sich, seinem Befehl zu +gehorchen. Sie gehorcht mit Entzücken, und er sieht es natürlich, auch +wenn er die Augen schlösse; denn dann würde er einen Seufzer von ihr +hören wie ihn nur Glückliche ausstoßen können, und solche, die dabei +hastig eine Arbeit verrichten, die ihren Händen vielleicht beschwerlich +fällt, aber ihren Herzen schmeichelt. Sie steigen aus dem Nachen hinaus +und treten ans Land. Das Land ist weich und senkt sich leicht unter den +Tritten, wie ein Teppich, oder wie mehrere aufeinandergelegte Teppiche. +Das Gras ist das gelbliche, dürre vom Vorjahre, wie es hier, wo ich +meine Pfeife rauche, zu sehen ist. Da erscheint plötzlich ein Mädchen, +ein ganz kleines, blasses, düster blickendes Mädchen auf der Szene. Es +scheint eine Prinzessin zu sein; denn ihre Kleider sind prachtvoll und +in die Breite gebauscht in einem schweren Bogen, aus dem die Brust wie +eine kleine, prangende Knospe herausspringt. Die Kleider sind dunkelrot, +sie haben das getrocknete Rot des Blutes. Ihr Gesicht ist von einer +durchsichtigen Blässe, es hat die Farbe des Winterabendhimmels in den +Gebirgen. »Du kennst mich!« Mit diesen Worten wendet sie sich an den +betroffenen Mann, der starr dasteht. »Du wagst es, mich noch +anzublicken? Geh, töte dich. Ich befehle es dir!« So spricht sie zu ihm. +Der Mann macht Miene zu gehorchen. Was für eine Miene? Ja, eine solche +Miene, die man macht, wenn etwas Unabänderliches getan werden soll. Man +pflegt dabei eine Grimasse zu schneiden. Das Gesicht zuckt und man muß +es zerbeißen und einkneten mit der ganzen Willenskraft. Es will +auseinanderreißen. Ein Stück Nase will abfallen. Ähnliches geschieht +jedenfalls bei solchen Gelegenheiten. Aber weiter mag ich mit dem tollen +Mann nicht Miene machen, mich zu töten; denn es müßte mit einem langen +Messer geschehen, und ich glaube, ich habe nur eine Tabakspfeife und +kein Messer. Mein Traum hat mir im Anfang gefallen, aber jetzt, merke +ich, will er ausarten und das paßt nicht zu Hedwig; denn Hedwig ist +sanft und wenn sie leidet, leidet sie auf schönere und stillere Weise. +Meinen Mann da im struppigen Bart würde sie schön auslachen, wenn er ihr +so frech käme. Die Landschaft, die ich da gemalt habe, war indessen sehr +nett, aber auch nur deshalb, weil ich sie in den großen Zügen dieser +natürlichen Gegend hier herum entnommen habe. Man darf beim Träumen nie +den Boden des Natürlichen aufgeben, auch bei Menschen nicht, denn sonst +gelangt man sehr leicht zu dem Punkt, wo man eine der Figuren sprechen +läßt: »Geh, töte dich.« Und dann muß einer Miene machen, und das Machen +einer Miene ist lächerlich und ist geeignet, den schönsten Traum zu +verderben!« -- + +Simon ging nach Hause. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden +Tag gegen Abend zu einer bestimmten Zeit nach Hause zu schlendern, den +Blick meist zu der braunen, schwärzlichen Erde gesenkt, um zu Hause den +Tee zu kochen, und hatte im Teekochen eine Handfertigkeit bekommen, die +stets das richtige Maß traf, denn es kam darauf an, nicht zu wenig und +nicht zu viel von der feinen, wohlriechenden Pflanze für einmal zu +gebrauchen, das Geschirr stets ziemlich sauber zu halten und es in +appetitlicher und anmutiger Art auf den Tisch zu stellen, das Wasser auf +der Weingeistflamme nicht zerkochen zu lassen und es mit dem Tee in +vorgeschriebener Weise zu vermischen. Für Hedwig war das eine kleine +Erleichterung, da sie jetzt nur schnell aus der Schulstube hinaus zum +Tee zu eilen brauchte, um wieder zur Arbeit zu gehen. Am Morgen, nach +dem Aufstehen, brachte Simon sein Bett in Ordnung, ging dann in die +Küche und bereitete den Kakao, und zwar zu Hedwigs Vergnügen sehr +schmackhaft; denn er lauerte auch bei dieser Arbeit auf den richtigen +Kniff, der immer einer Verrichtung, und wäre sie noch so geringfügig, +die nötige Vollendung gibt. Auch übernahm er es, und zwar ganz wie von +selbst, ohne jede Vorstudien oder Anstrengungen, den Ofen zu feuern und +das Feuer zu unterhalten, Hedwigs Zimmer zu reinigen, wobei ihm die +Gewandtheit, mit der er einen langen Besen zu handhaben wußte, sehr +zustatten kam. Die Fenster öffnete er, um frische Luft in die Stube +hineinzulassen, aber er schloß sie, wenn es ihm Zeit schien, auch +gehörig wieder zu, damit er eine warme und zugleich angenehm duftende +Stube bekäme. Überall im Zimmer, in kleinen Töpfen, blühten die Blumen +weiter, die der Natur draußen entrissen wurden, und verbreiteten Duft in +die Enge der vier Wände. Die Fenster hatten einfache aber zierliche +Gardinen die zu der Helligkeit und Freundlichkeit im Zimmer vieles +beitrugen. Am Boden lagen warme Teppiche, die Hedwig aus +zusammengerafften Stoffresten von armen Zuchthäuslern hatte verfertigen +lassen, die dergleichen Arbeiten vortrefflich ausführten. Ein Bett stand +in einer Ecke und in der andern ein Piano, dazwischen ein altes Sofa mit +geblümtem Tuchüberzug, ein genügend großer Tisch davor, Stühle daneben; +und dann befand sich im Zimmer noch ein Waschtisch, ein kleiner +Schreibtisch mit Schreibunterlage und Büchergestell, das vollbesetzt mit +Büchern war, eine kleine umgestürzte Kiste am Boden, mit weichem Tuch +überzogen zum Sitzen und Lesen, da manchmal beim Lesen das Bedürfnis +entstand, nahe am Boden zu sein und sich orientalisch vorzukommen, +weiter ein Nähtischchen mit Nähkörbchen, in denen sich all das +wunderliche Zeug befand, das einem Mädchen mit häuslichen Sitten +unentbehrlich ist, ein runder merkwürdiger Stein mit Poststempel und +Marke versehen, ein Vogel, ein Haufen Briefe und Ansichtskarten und an +der Wand ein Horn zum Blasen, ein Becher zum Trinken, ein Stock mit +einem großen Hacken, ein Rucksack mit Feldflasche und eine Schwanzfeder +von einem Falken. An den Wänden hingen außerdem noch Bilder, die Kaspar +gemalt hatte, darunter eine Abendlandschaft mit Wald, ein Dach, von +einem Fenster aus gesehen, eine neblige, graue Stadt (besonders schön +für Hedwig), eine Flußpartie in üppigen Abendfarben, ein Feld im Sommer, +ein Ritter Don Quichote und ein Haus, das so an einen Hügel gedrückt +war, daß man wohl mit einem Dichter sprechen konnte: »Da hinten liegt +ein Haus.« Auf dem Piano, dessen Deckel mit einem Seidentuch überdeckt +war, befand sich eine Büste von Beethoven in grünlichem Bronceton, +einige Photographieen und ein kleines, feines Schmuckkästchen ohne +Inhalt, eine Erinnerung an die Mutter. Ein Vorhang, der wie ein +Bühnenvorhang aussah, trennte beide Zimmer voneinander und beide +Schlafenden. Am Abend sah das Zimmer der Lehrerin besonders traulich +aus, wenn die Lampe angezündet wurde und die Läden zugedrückt wurden; +und am Morgen weckte die Sonne dort eine Schläferin, die nicht gern aus +dem Bett herauswollte und doch am Ende mußte. + +Die Notare ließen Simon im Stich, keiner ließ etwas von sich hören. +Infolgedessen sah er sich gedrängt, auf andere Weise etwas Geld zu +verdienen, womit er hoffte, seiner Schwester den guten Willen zu zeigen, +auch etwas zum Haushalte mitzusteuern. Er nahm ein Blatt Papier zur Hand +und schrieb darauf: + + =Landleben.= + +Ich bin hier mit dem Schnee in ein Haus auf dem Lande gekommen, und +obschon ich nicht der Herr dieses Hauses bin, noch die Absicht hege, es +zu werden, kann ich mich doch als solcher fühlen und bin vielleicht +glücklicher als der Besitzer einer Staatswohnung. Nicht einmal das +Zimmer, in dem ich wohne, gehört mir, sondern einer sanften, lieben +Lehrerin, die mich beherbergt und mir, wenn ich hungrig bin, zu essen +gibt. Ich bin gerne ein solcher Kerl, der von anderer Menschen +freundlicher Gnade abhängt, weil ich überhaupt gerne von jemandem +abhängig bin, um den Jemand lieb zu haben und aufzuhorchen, ob ich seine +Güte noch nicht verscherzt habe. Man muß ein eigenes Betragen für diesen +Zustand der holdesten aller Unfreiheiten annehmen, ein Benehmen zwischen +Frechheit und zarter, leiser, natürlicher Aufmerksamkeit, und ich +verstehe das vortrefflich. Man darf vor allen Dingen den Gastgeber nie +fühlen lassen, daß man ihm dankbar ist; damit zeigte man eine +Schüchternheit und Feigheit, die den Gebenden beleidigen müßte. Im +Herzen betet man den Gütigen an, der einen unter das Dach ruft, aber es +spräche von wenig Empfindung, wollte man ihm so vorlaut den Dank zeigen, +den er gar nicht empfangen will, da er nicht gegeben hat und noch gibt, +um irgend etwas Bettelhaftes dafür einzuheimsen. Dank unter gewissen +Umständen ist einfach Bettel. Weiter nichts. Und dann noch eines: Auf +dem Lande ist der Dank mehr schweigend und still als geschwätzig. Der +zum Dank Verpflichtete hat seine Art Betragen, weil er sieht, daß sein +Gegenstück ebenfalls so eine Art hat. Feine Geber sind beinahe noch +schüchterner als der Nehmer, und sie sind froh, wenn die Nehmer +unbefangen hinnehmen, damit sie, die Geber, mit Anstand und ohne viel +Federlesens geben können. Meine Lehrerin ist übrigens meine Schwester, +aber dieser Umstand hinderte sie nicht daran, mich Tagedieb fortzujagen, +wenn sie den Wunsch dazu in sich verspürte. Sie ist tapfer und +aufrichtig. Sie hat mich mit einem Gemisch von Liebe und Mißtrauen +empfangen, freilich, denn sie mußte denken, daß der Lump von Bruder nur +daher gesegelt und gewackelt komme, zu ihr, der seßhaften Schwester, +weil er in Gottes Welt nicht mehr wußte, wohin! Das mußte etwas +Störendes und Verletzendes für sie haben, der ich, wenn es darauf ankam, +monate-, ja jahrelang keinen Brief geschrieben habe. Sie mußte ja +denken, daß ich nur komme, um meinen eigenen Leib zu pflegen, für den es +wahrhaftig zeitweise nicht schade wäre, wenn er geprügelt würde, und +nicht deshalb, um mit Sorgen eine Schwester aufzusuchen. Das hat sich +indessen geändert, die Empfindlichkeiten sind gestorben und wir leben +jetzt nicht mehr wie Blutsverwandte, sondern wie Kameraden zusammen, die +trefflich miteinander auskommen. Ach, auf dem Lande ist es zwei Menschen +leicht, gut miteinander auszukommen. Es gibt da eine Art, schneller alle +Heimlichkeiten und alles Mißtrauen abzuwerfen und eine Art, sich heller +und lustiger zu lieben, als in der gedrängten Stadt voll drängender +Menschen und Tagessorgen. Auf dem Lande kennt selbst der Ärmste weniger +Sorgen, als der viel weniger Arme in der Stadt; denn dort wird alles am +Gerede und Tun der Menschen gemessen, während hier die Sorge ruhig +weitersorgt und der Schmerz in Schmerzen seinen natürlichen Untergang +findet. In der Stadt geht alles darauf los, reich zu werden, deshalb +sind so viele, die sich bitter arm vorkommen, aber auf dem Lande wird, +wenigstens zum großen Teil, der Arme nicht durch den immerwährenden +Vergleich mit dem Reichtum verletzt. Er kann ruhig mit seiner Armut +weiteratmen; denn er hat einen Himmel, zu dem er aufatmen kann. Was ist +in der Stadt der Himmel! -- Ich selbst besitze nur noch ein kleines +Silberstück an Geld, und das muß für die Wäsche reichen. Auch meine +Schwester, die vor mir keinerlei Geheimnisse, als ganz unsagbare, hat, +gesteht mir, daß ihr Geld ausgegangen sei. Nun, wir sind ganz ruhig. Wir +bekommen saftiges Brot und frische Eier und duftenden Kuchen, soviel wir +nur wollen. Die Kinder bringen uns das alles, denen es die Eltern für +die Lehrerin mitgeben. Auf dem Lande weiß man noch zu geben, daß es +denjenigen ehrt, der nimmt. In der Stadt muß man sich nachgerade vor dem +Geben fürchten, weil es den Nehmer zu schänden angefangen hat, ich weiß +wahrhaftig nicht aus welchen Gründen, vielleicht, weil man in der Stadt +unverschämt wird dem gütigen Geber gegenüber. Man hütet sich da, ein +edles Mitempfinden für den Darbenden an den Tag zu legen und gibt nur +verstohlen, oder unter unschönen Reklamen. Welch eine heillose Schwäche, +sich vor den Armen zu fürchten und seinen Reichtum so selbst zu +verzehren, statt ihm den Glanz zu verleihen, den eine Königin bekommt, +wenn sie ihre Hand einer schlechten Bettlerin entgegenstreckt. Ich halte +es für ein Unglück, in der Stadt arm zu sein, weil man nicht bitten +darf, da man fühlt, daß das Geben voll Güte nicht an der Tagesordnung +ist. Eines bleibt wenigstens wahr: Lieber nicht geben und gar kein +Mitleiden mehr fühlen, als es unwillig tun, mit dem Bewußtsein, sich +einer Schwäche hingegeben zu haben. Auf dem Lande ist man nicht schwach, +wenn man gibt, sondern man will geben und gibt sich manchmal geradezu +eine Ehre, geben zu dürfen. Wer sich vor dem Geben hütet, wird +sicherlich einmal, wenn der Fall eintritt, daß er niedergeworfen von +Schicksalen aller Art wird, und bitten muß, schlecht bitten und +ungraziös und verlegen, also wirklich bettelhaft in Empfang nehmen. Wie +abscheulich von den mit Gütern Gesegneten, die Armen ignorieren zu +wollen. Besser, man peinige sie, zwinge sie zu Fronen, lasse sie Druck +und Schläge fühlen, so entsteht doch ein Zusammenhang, eine Wut, ein +Herzklopfen und das ist auch eine Art Verbindung. Aber sich in eleganten +Häusern, hinter goldenen Gartengittern verkrochen zu halten und sich zu +fürchten, den Hauch warmer Menschen zu spüren, keinen Aufwand mehr +treiben zu dürfen, aus Furcht, er könnte von den erbitterten Gedrückten +wahrgenommen werden, drücken und doch den Mut nicht besitzen, zu zeigen, +daß man ein Unterdrücker ist, seine Unterdrückten noch zu fürchten, sich +in seinem Reichtum weder wohl zu fühlen, noch andere wohl sein zu +lassen, unschöne Waffen zu gebrauchen, die keinen echten Trotz und +Mannesmut voraussetzen, Geld zu haben, nur Geld, und doch damit keine +Pracht: Das ist gegenwärtig das Bild der Städte, und es scheint mir ein +unschönes, der Verbesserung bedürftiges Bild zu sein. Auf dem Lande ist +es noch nicht so. Hier weiß der arme Teufel besser, woran er ist; er +darf mit einem gesunden Neid zu den Reichen und Wohlhabenden +emporblicken und man gestattet ihm das, denn das vermehrt die Würde +desjenigen, der von solchen Blicken betroffen wird. Die Sehnsucht, ein +eigenes Heim zu besitzen, ist auf dem Lande eine tiefbegründete und +reicht bis zu Gott hinauf. Denn hier, unter dem geöffneten weiten +Himmel, ist es eine Wonne, ein schönes geräumiges Haus zu besitzen. Das +ist in der Stadt nicht so. Dort kann der Emporkömmling neben dem Grafen +aus uraltem Geschlecht wohnen, ja, das Geld kann Wohnungen und heilige +alte Gebäude wegreißen, wie es will. Wer möchte in der Stadt Besitzer +eines Hauses sein? Das ist dort bloß ein Geschäft, nicht ein Stolz und +eine Freude. Die Häuser sind bis oben hinauf von den verschiedenartigsten +Menschen bewohnt, die alle aneinander vorübergehen, ohne +sich zu kennen, ohne den Wunsch zu äußern, sich kennen lernen zu +dürfen. Ist das ein Haus? Und lange, lange Straßen sind dort voll +solcher Häuser, denen man, um sie richtig zu bezeichnen, einen +merkwürdigen neuen Namen geben müßte. Auf dem Lande geschieht im Grunde +genommen auch mehr, als in der Stadt; denn dort liest man die +Geschehnisse kalt und gelangweilt aus der Zeitung, während sie hier von +Mund zu Mund fieberisch und atemlos erzählt werden. Vielleicht kommt auf +dem Lande jedes Jahr einmal etwas vor, aber dann war es ein Miterlebnis +für alle. Ein Dorf in allen seinen versteckten Winkeln ist überhaupt +fast immer belebter und mit Intelligenz gefüllter, als der Städter meist +anzunehmen beliebt. Wie manche alte Frau mit Gesichtszügen, die für +eines jeden Menschen Großmutter vielleicht passen würden, sitzt nicht +hinter der weißen Gardine eines Fensters und könnte Dinge von innigem +Zauber erzählen, und manches Dorfkind ist viel weiter vorgeschritten in +der Bildung des Gemütes und Verstandes als man gerne voraussetzen +möchte. Schon oft ist es vorgekommen, daß ein solches Dorfkind, wenn es +in die Stadtschule versetzt wurde, seine neuen Kameradinnen in Erstaunen +ob seines gut entwickelten Geistes gesetzt hat. Aber ich will die Stadt +nicht schmähen und das Land nicht über Gebühr preisen. Hier sind die +Tage nur so schön, daß man leicht die Stadt vergessen lernt. Sie wecken +eine stille Sehnsucht in die Weite, aber man möchte doch nicht +weitergehen. Es ist ein Gehen in allem und ein Kommen in allem. Wenn die +Tage Abschied nehmen, so geben sie die wundervollen Abende dafür, an +denen man spazieren geht, auf Wegen, die der Abend scheint entdeckt zu +haben, und die man entdeckt für den Abend. Die Häuser treten weiter +hervor, und die Fenster glänzen. Selbst wenn es regnet, bleibt es schön; +denn da denkt man, es ist gut, daß es regnet. Seit ich hierher gekommen +bin, ist es beinahe Frühling geworden und es wird immer mehr Frühling, +die Türen und Fenster dürfen offen gelassen werden, wir fangen an, den +Garten umzustechen, die andern haben es alle schon getan. Wir sind die +Spätesten, und das schickt sich auch für uns. Ein ganzes Fuder +schwarzer, feuchter, teurer Erde hat man bei uns abgeladen, diese Erde +muß mit der bereits vorhandenen Gartenerde vermengt werden. Das wird +eine Arbeit für mich geben, auf die ich mich, so unwahrscheinlich es +klingt, wenn ich es sage, freue. Ich bin kein geborner Faulenzer, nein, +ich bin nur ein Tagedieb, weil mich verschiedene Amtstuben und Notare +nicht beschäftigen wollen, weil sie keine Ahnung davon haben, was ich +ihnen nützen könnte. Ich klopfe alle Sonnabende die Teppiche aus, auch +eine Arbeit, und bin befleißigt, das Kochen zu lernen, auch ein Streben. +Nach dem Essen trockne ich das Geschirr ab und plaudere mit der +Lehrerin; denn es gibt vieles zu sagen und zu erörtern zwischen uns und +ich plaudere gern mit einer Schwester. Am Morgen kehre ich die Stube aus +und trage Pakete auf die Post, komme heim und sinne darüber nach, was +weiter zu tun ist. Gewöhnlich ist nichts zu tun und so gehe ich in den +Wald hinunter und sitze dort solange unter den Buchen, bis es Zeit ist, +oder bis ich glaube, daß es Zeit ist, wieder nach Hause zu gehen. Wenn +ich die Menschen arbeiten sehe, so schäme ich mich unwillkürlich, keine +Beschäftigung zu haben, aber ich finde, daß ich nicht mehr tun kann, als +das eben empfinden. Der Tag kommt mir vor wie mir zugeworfen von einem +gütigen Gott, der gern einem Taugenichts etwas hinwirft. Mehr als +arbeiten wollen und eine Arbeit ergreifen, sobald ich eine vor mir sehe, +verlange ich nicht von mir, da ich sehe, daß es so ganz gut geht. Das +paßt nämlich wundervoll zum Leben auf dem Lande. Man darf hier nicht +allzuviel tun, sonst verlöre man den Überblick über das schöne Ganze, +verlöre den Anstand des Zuschauenden, der nun einmal auch in der Welt +sein muß. Der einzige Schmerz wird mir von meiner Schwester bereitet, +der ich die Schuld nicht abzahlen kann und die ich mühsam ihre saure +Pflicht erfüllen sehe, während ich träume. Die spätesten Zeiten werden +mich strafen für diese Schlenderei, wenn es die früheren nicht tun, aber +ich glaube, ich bin meinem Gott angenehm so; Gott liebt die Glücklichen, +er haßt die Traurigen. Meine Schwester ist niemals lange traurig; denn +ich heitere sie fortwährend auf und gebe ihr zu lachen, indem ich mich +vor ihr lächerlich mache, worin ich Talent habe. Aber es ist auch nur +meine Schwester, die über mich lacht, in deren Augen ich eine +freundliche Komik besitze, den andern gegenüber benehme ich mich mit +Würde, wenn auch nicht steif. Man hat die Pflicht, nach außen hin sein +Dasein durch ein ernsthaftes Betragen zu rechtfertigen, wenn man nicht +als Gauner gelten will. Das Landvolk ist sehr empfindlich für das +Benehmen junger Leute, die es gerne gesetzt, zuvorkommend und bescheiden +sehen will. Ich schließe ab und hoffe, mit diesem Aufsatz einiges Geld +verdient zu haben, wenn nicht, so hat es mich doch lebhaft interessiert, +ihn zu schreiben, und einige Stunden sind mir über dem Schreiben +dahingeflossen. Einige Stunden? Jawohl! Denn auf dem Lande schreibt man +langsam, man wird öfters unterbrochen, die Finger sind ungelenkiger +geworden und die Gedanken wollen auch in ländlicher Weise denken. Lebt +wohl Städter! + + + + +Neuntes Kapitel. + + +Simon trug den Brief zur Post. Am nächsten Sonntag erschien Klaus, der +ältere Bruder, zu Besuch. Es war ein regnerischer Tag, es fror einen, zu +sehen, wie die kalten Regentropfen die schon erwachten Blüten +peitschten. Klaus machte ein ziemlich erstauntes Gesicht, als er bei +seiner Schwester den Simon eingerichtet sah, den er irgendwo im Ausland +vermutet hatte, doch blieb er so freundlich, als er nur vermochte; denn +er mochte den Sonntag nicht verderben. Sie blieben alle drei ziemlich +still, standen sich oft gegenüber, ohne zu sprechen, und schienen nach +Worten zu suchen. Mit Klaus kam eine gewisse nachdenkliche Befremdung in +die Wohnung Hedwigs hinein. Man drehte und fand allerlei, das allerdings +nicht am Platze war. Der Gegenstand war natürlich Simons Hiersein. Klaus +wollte heute keine Vorwürfe machen, obgleich es ihn wahrlich lebhaft +genug dazu antrieb, aber er vermied die entzweiende Bemerkung. Er sah +seinen Bruder fragend und bedeutsam an, als wolle er sagen: »Ich bin +erstaunt über dein Betragen. Sollte man glauben, daß du ein erwachsener +Mensch bist. Ist es ehrenhaft für dich, die Lage deiner Schwester dazu +zu benutzen, um den Müßiggänger zu spielen? Wahrlich, keine Ehre, das! +Ich würde es dir auch offen heraussagen, aber ich schone Hedwig, die ich +dadurch verletzte. Ich will nicht den Sonntag verderben!« Simon verstand +ihn schon. Er wußte ganz genau, was dieser Blick, diese steife, +unnatürliche Wärme beim Wiedersehen, dieses Schweigen und Verlegensein +bedeuteten. Er war nur froh, daß Klaus schwieg; denn er hätte antworten +müssen, was ihm längst zuwider war, als Rechtfertigung vorzubringen. +Freilich, freilich! Verdammenswert war seine Lage für einen jungen Mann, +wie er war, und sein Betragen gewiß nicht zu entschuldigen. Aber schön +war es auch, hier zu sein, schön, schön. Plötzlich von Weichheit +ergriffen, sagte er zu Klaus: »Ich weiß wohl, was und wie du denkst über +mich, aber ich schwöre dir, daß es bald aufhört. Ich glaube, du kennst +mich ein wenig. Glaubst du mir?« Klaus reichte ihm die Hand und der +Sonntag war gerettet. Es wurde bald zu Mittag gegessen, und Hedwig +merkte wohl, heimlich lächelnd, die veränderte Lage zwischen den +Brüdern. »Er ist doch gut, Klaus! Klaus ist gut,« dachte sie und sie +trug das wohlschmeckende Essen mit größerem Vergnügen auf. Es gab eine +herrliche Suppe, auf deren feine Zubereitung sich Hedwig trefflich +verstand, dann Schweinefleisch mit Sauerkohl und zuletzt einen mit Speck +gespickten Braten. Simon plauderte unbefangen über Welt und Menschen, +zog seinen Bruder in Gespräche von der verschiedensten Art und lobte mit +komischer Begeisterung wieder das herrliche Essen, was Hedwig jedes Mal, +wenn er es tat, so zum Lachen brachte, daß sie ganz fröhlich wurde und +alles vergaß, was etwa noch hätte eine Sorge genannt werden können. Am +Nachmittag, trotz des trüben Wetters, wurde ein kleinerer Spaziergang +gemacht. Das Feld, durch das man langsam ging, war naß, so daß man bald +wieder zurückkehrte. Alle waren wieder still am Abend. Simon versuchte +eine Zeitung zu lesen, Klaus sprach wie absichtlich von den +nebensächlichsten Dingen, worauf Hedwig zerstreut antwortete. Vor dem +Abschiednehmen sagte Klaus zu dem Mädchen, das er in die Küche rief, ein +paar Worte, auf die der Drinnenstehende nicht horchen mochte. Was mochte +es denn sein. Mochte es sein, was es wollte. Dann ging Klaus. Als die +beiden, nachdem sie ein Stück Weges den zu Gast Dagewesenen auf den +Heimweg begleitet hatten, wieder allein zu Hause saßen, war ihnen +unwillkürlich wieder froher ums Herz, wie Schülern, die den gestrengen +Inspektor wieder fort wissen. Sie atmeten freier und fühlten sich wieder +als die Alten. Hedwig sprach, und eine Besorgnis um dessen, was sie +jetzt sprechen wollte, machte ihre Stimme inniger und höher klingen: +»Klaus ist doch immer derselbe. Man hat immer eine kleine Angst +auszustehen, wenn er da ist. Seine Gegenwart macht einen unwillkürlich +zur schuldbewußten Schülerin, die eine Strafrede erwartet, weil sie +leichtsinnig gewesen ist. Man ist immer leichtsinnig gewesen in seinen +Augen, wenn man noch so ernsthaft meint gehandelt zu haben. Seine Augen +sehen ganz anders, sehen die Welt so seltsam besorgniserregend an, als +müßte man sich beständig vor irgend etwas fürchten. Er schafft sich +selber und andern immer Sorgen. Aus seinem Munde kommt solch ein Ton +heraus, der aus tausend rücksichtsvollen Bedenken zusammengesetzt ist, +so wenig vertrauensvoll ist er zur Welt und zu den Fäden, die einen an +die Welt spannen, ganz von selber. Er sieht aus, als ob er schulmeistern +möchte, und sieht doch wieder so genau ein, daß er schulmeistert, ohne +es zu wissen: er möchte nicht schulmeistern und tut's doch, wider seinen +Willen, aus seiner Natur heraus, wofür man ihn nicht schuldig machen +darf. Er ist so über alle Bedenken gut und zart, aber er bedenkt immer, +ob es wohl angebracht sei, gut und milde zu sein. Die Strenge steht ihm +absolut nicht, und doch glaubt er, mit der Strenge etwas erreichen zu +sollen, was er glaubt, mit Güte verfehlt zu haben. Er meint: Güte sei +unvorsichtig, und ist doch so gütig. Er verbietet sich, harmlos und +gütig zu sein, was er doch am liebsten sein möchte, weil er immer +fürchtet, dadurch etwas zu verderben, dadurch in den Augen der Welt als +leichtsinnig dazustehen. Er sieht nur Augen, die ihn betrachten, und +nicht Augen, die ruhig in seine sehen möchten. Man kann nicht ruhig in +seine Augen blicken, weil man fühlt, daß ihn das beunruhigt. Er denkt +immer, man denke etwas über ihn, und er möchte heraus haben, was man +denkt. Wenn er nicht irgend einen Fehler an einem bemerkt, den er tadeln +kann, scheint ihm nicht wohl zu sein. Und er ist doch so gut! Er ist +nicht glücklich. Wenn er das wäre, würde er anders reden, im Nu, ich +weiß es. Er neidet anderer Glück nicht gerade, aber es reizt ihn doch +beständig, das Glück und die Unbefangenheit anderer zu bekritteln, was +ihm doch sicher nur weh tut. Er mag nicht von Glück reden hören, ich +begreife, warum nicht. Das liegt auf der Hand, und jedes Kind kann es +verstehen: Selbst nicht froh, haßt man die Fröhlichkeit anderer. Wie muß +ihn das oft schmerzen, ihn, der edel genug ist, um zu fühlen, daß er +damit ein Unrecht begeht. Er ist durchaus edel, aber, wie soll ich +sagen, ein bißchen verdorben in seinem Innern, ein ganz klein wenig, +durch das Zurückgesetztsein und durch das Bemühen, sich nichts aus +diesem Zurückgesetztsein zu machen. Ach, freilich ist er zurückgesetzt +vom Schicksal, für dessen Launen und Kälten er viel zu wertvoll ist. So +möchte ich es sagen; denn er tut mir weh! Zum Beispiel du, Simon! Ach +Gott. Für dich empfindet man ganz anders, du ewig lustiger Bruder! Weißt +du, über dich denkt man immer: Er sollte Prügel bekommen, so recht +scharfe Prügel, das verdiente er! Man erstaunt über dich und begreift +nicht, daß du noch nicht in einen Abgrund gefahren bist. Mitleid für +dich empfinden, käme einem nie in den Sinn. Man hält dich allgemein für +einen sorglosen, frechen, glücklichen Burschen. Ist das wahr?« -- + +Simon lachte laut auf, und damit war ein Ton angeschlagen, der eine +Stunde lang anhielt. Da klopfte es draußen an der Türe. Die beiden +erhoben sich, Simon ging, um zu sehen, wer draußen sei. Es war die +Nachbarslehrerin. Sie kam verweint dahergelaufen. Ihr Mann, ein roher, +rücksichtsloser Mensch, hatte die Frau wieder einmal geprügelt. Man +suchte sie zu trösten, und es gelang. + + * * * * * + +Das Wetter wurde nun immer wärmer und die Erde üppiger, sie war mit +einem dicken, blühenden Teppich von Wiesen überzogen, die Felder und +Äcker dampften, die Wälder boten in ihrem schönen, frischen, reichen +Grün einen entzückenden Anblick dar. Die ganze Natur bot sich dar, zog +sich hin, dehnte, krümmte, bäumte sich, sauste und summte und rauschte, +duftete und lag still wie ein schöner, farbiger Traum. Das Land war ganz +dick, fett, undurchsichtig und satt geworden. Es streckte sich +gewissermaßen aus in seiner üppigen Sattheit. Es war grünlich, +dunkelbraun, schwarz gefleckt, weiß, gelb und rot und blühte mit einem +heißen Atem, kam fast um vor Blühen. Es lag wie eine verschleierte +Faulenzerin da, unbeweglich und zuckend mit seinen Gliedern und duftend +mit seinen Düften. Die Gärten dufteten in die Straßen und hinaus ins +Feld, wo Männer und Frauen arbeiteten; die Fruchtbäume waren ein helles, +zwitscherndes Singen, und der nahe, runde, gewölbte Wald war ein +Chorgesang von jungen Männern; die hellen Wege kamen kaum durch das Grün +hindurch. In Waldlichtungen betrachtete man den weißen, verträumten, +trägen Himmel, den man meinte herabsinken zu sehen und jubilieren zu +hören, wie Vögel jubilieren, kleine Vögel, die man nie sah und die so +natürlich paßten in die Natur. Man bekam Erinnerungen und man mochte sie +doch nicht zergliedern und ausdenken, man vermochte es nicht, es tat +einem süß weh, aber man war zu träge, um einen Schmerz ganz zu +durchfühlen. Man ging so und blieb wieder so stehen und drehte sich so +nach allen Seiten um, schaute in die Ferne, hinauf, hinweg, hinab, +hinüber und zu Boden und fühlte sich betroffen von all der Mattigkeit +dieses Blühens. Das Summen im Wald war nicht das Summen in der nackteren +Lichtung, es war anders und erforderte wieder neue Stellungnahme zu +neuen Träumereien. Man hatte immer zu kämpfen damit, zu trotzen, leise +abzulehnen, zu sinnen und zu schwanken. Denn ein Schwanken war alles, +ein Bemühen, und Sich-schwach-Finden. Aber es war süß so, nur süß, ein +bißchen schwer, und dann wieder ein bißchen knauserig, dann +scheinheilig, dann listig, dann nichts mehr, dann ganz dumm; zuletzt +wurde es ganz schwer, noch irgend etwas schön zu finden, man konnte sich +gar nicht mehr dazu veranlaßt finden, man saß, ging, schlenderte, trieb, +lief und säumte so, man war ein Stück Frühling geworden. Konnte das +Summen über sein Summen und Girren und Singen entzückt sein? War es dem +Gras gegeben, seine eigenen schönen Schwankungen zu betrachten? Wäre es +der Buche möglich gewesen, sich in ihren eigenen Anblick zu vergaffen? +Man wurde nicht müde und stumpf, aber man ließ es so sein, so gehen, so +hin und her schwanken. Die ganze Natur, so wie sie aussah, war eine +Säumerin, ein Harren und Hangen! Die Düfte hingen und die ganze Erde +harrte und wartete. Die Farben waren der selige Ausdruck davon. Man +konnte etwas Frühmüdes und Ahnungsvolles im blühenden Strauch finden. Es +war eine Art Nicht-mehr-weiter-Wollen, ein einziges Lächeln. Die blauen, +verhauchten Waldberge klangen wie ferne, ferne Hörner, man fühlte die +Landschaft ein wenig englisch, es war wie ein üppiger, englischer +Garten, die Üppigkeit und das Weben und das Wogen der Stimmen führte die +Sinne auf diese Verwandtschaft. Man dachte, so könnte es nun da und da +auch aussehen, wie jetzt hier, die Gegend rief alle andern Gegenden +einem ins Herz herbei. Es war komisch und weithintragend, forttragend +und herbeibringend: Ein Bringen, wie junge Knaben bringen, ein Darbieten +wie Kinder darbieten, ein Gehorchen und Aufhorchen. Man konnte sagen und +denken, was man wollte, es blieb immer dasselbe Unausgesprochene, +Unausgedachte! Es war leicht und schwer, wonnig und schmerzhaft, +dichterisch und natürlich. Man begriff die Dichter, nein, eigentlich +begriff man sie nicht, denn man wäre doch, indem man so ging, viel zu +träge gewesen, um zu denken, daß man sie begriffe. Man hatte nicht +nötig, irgend etwas zu begreifen, es begriff sich nie, und wieder +begriff es sich ganz von selbst, indem es sich in das Horchen nach einem +Klang auflöste, oder in das Sehen in die Ferne hinein, oder in die +Erinnerung, daß es jetzt eigentlich Zeit sei, nach Hause zu gehen und +eine, wenn auch ganz geringfügige Pflicht zu erfüllen, denn Pflichten +wollen auch im Frühling erfüllt sein. + +Die Nächte wurden herrlich. Der Mond verliebte sich in das Weiß der +blühenden Gebüsche und Bäume und in die langen Windungen der Straßen, +die er blenden machte. In den Brunnen spiegelte er sich und im +fließenden Flußwasser. Den Kirchhof mit den stillen Gräbern machte er zu +einem weißen Feenort, so daß man die Toten vergaß, die dort begraben +lagen. Er drängte sich zwischen das Gewirr der herabfallenden, schmalen, +haarähnlichen Äste und machte, daß man auf den Denksteinen die +Inschriften lesen konnte. Simon ging um den Kirchhof herum, einige Male, +dann schlug er einen weiteren Weg ins erhöhte, flache Feld hinein, drang +durch niedriges, erleuchtetes Buschwerk, kam auf eine kleine abstürzende +Wiese mitten in den Büschen und setzte sich da auf einen Stein, um +darüber nachzudenken, wie lange er wohl dieses Leben des bloßen +Beschauens und Sinnens noch weitertreiben werde. Bald mußte es gewiß ein +Ende nehmen, denn es konnte nicht weitergehen. Er war ein Mann und +gehörte einer strengen Pflichterfüllung an. Es mußte bald wieder +gehandelt werden, das wurde ihm klar. Als er nach Hause kam, sagte er +das in passenden Worten seiner Schwester. Er solle doch gar nicht an das +denken, wenigstens jetzt noch nicht, sagte sie. Gut, erwiderte er, ich +will noch nicht daran denken. Es war auch zu verlockend, noch ferner +hier zu bleiben. Was wollte er denn eigentlich, und wonach trieb es ihn? +Er würde kaum Reisegeld haben, irgendwohin zu reisen, und dort, wohin er +gehen sollte, was erwartete ihn dort? Nein, er blieb gerne noch auf eine +unbestimmte kleine Zeit da. Wahrscheinlich würde er sich toll +zurücksehnen, wenn er fort wäre, und was wäre dann das? Nein, mit dem +Sehnen müßte dann natürlich aufgeräumt werden; denn das würde sich ihm +nicht ziemen. Aber machte man denn nicht oft Unziemliches? Übrigens, er +blieb ja, und weiter wollte er sich den Gedanken die ihn belästigten, +nicht hingeben. + +So kamen wieder ein paar Tage und schwanden wieder. Die Zeit kam so +geräuschlos und entfernte sich, ohne daß man es merkte. Auf diese Art +verging sie eigentlich schnell, obgleich sie lange zauderte, ehe sie +ging. Die beiden, Simon und Hedwig, schlossen sich jetzt noch lebhafter +aneinander. Sie verbrachten plaudernd die Abende bei der Lampe und +wurden nie des Redens müde. Sie sprachen während des Essens über das +Essen, dessen Einfachheit und Delikatesse sie mit gesuchten Worten +priesen, und während der Arbeit über die Arbeit, die sie mit Worten +begleiteten, und während des Spazierens über die Freude und den Genuß +des Spazierens. Sie vergaßen längst, daß sie nur Geschwister waren, sie +kamen sich mehr durch das Schicksal als durch das gleiche Blut verbunden +vor und verkehrten miteinander ungefähr wie zwei angeschlossene +Gefangene, die sich bemühen, das Leben über der Freundschaft zu +vergessen. Sie vertändelten viel Zeit, aber sie wollten sie so +vertändelt wissen, weil jedes fühlte, daß der Ernst nur dahinter sich +verborgen hielt, und daß jedes sehr wohl ernsthaft zu handeln und zu +reden verstände, wenn es nur wollte. Hedwig empfand, daß sie sich ihrem +Bruder immer mehr zu erkennen gab, und verhehlte sich den Trost nicht, +den diese Empfindung ihr bereitete. Es schmeichelte ihr, daß er es nicht +nur für klug und seiner Lage angemessen hielt, mit ihr zusammenzuleben, +sondern auch für interessant, und sie dankte ihm dafür, indem sie ihn +inniger, als früher, in das Herz schloß. Beide kamen sich so vor, als ob +sie jedes für das andere bedeutend genug wären, um mit Stolz miteinander +ein Stück Leben zu verbringen. Sie sprachen und dachten viel in +Erinnerungen und versprachen sich, alles aufzutischen, was ihnen aus der +frühen, entschwundenen Zeit, wo sie beide noch klein waren, noch +einfiel. Weißt du noch! So fingen öfters ihre Gespräche an. So versanken +sie in die köstlichen Bilder der Vergangenheit und waren immer bemüht, +was es auch sein mochte, ihr Gefühl und ihren Verstand daran zu +belehren, auch ihr Lachen daran zu wetzen und bei traurigen Anlässen +heiter zu bleiben, wie es sich auch ziemte. Die Vergangenheit selbst +machte ihnen wiederum die Gegenwart deutlicher und empfindlicher, und +diese empfundene Gegenwart war, wie von einem Spiegel verdoppelt und +verdreifacht, inhaltsreicher und lebhafter und zeigte auch gerader und +sichtbarer den Weg in die Zukunft, die sie sich oft ausmalten, um sich +daran auf eine leichte Art zu berauschen. Eine erträumte Zukunft war +immer eine schöne, und die Gedanken, die sie dachten, heitere und +leichte. + + + + +Zehntes Kapitel. + + +Hedwig sagte eines Abends: »Ich möchte bald meinen, daß ich wie durch +eine leichte, aber undurchsichtbare Scheidewand vom Leben getrennt bin. +Aber ich kann nicht traurig darüber sein, sondern ich kann nur darüber +nachdenken. Andern Mädchen geht es vielleicht ebenso, ich weiß es nicht. +Vielleicht habe ich meinen Lebensberuf verfehlt, als ich meinte, einen +Beruf für das Leben lernen zu sollen. Wir Mädchen lernen ja doch nur +halb, es ist uns nicht um das Lernen zu tun. Wie sonderbar mir das jetzt +vorkommt, daß ich Lehrerin geworden bin. Warum bin ich nicht Modistin +geworden oder sonst etwas? Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, +welche Gefühle mich dazu getrieben haben, einen solchen Beruf zu +ergreifen, wie diesen. Was war es denn so Wunderbares, so +Verheißungsvolles, das mich damals erfaßte? Glaubte ich gar, eine +Wohltäterin zu werden, und glaubte ich, es werden zu müssen, die +Verpflichtung, die Sendung spüren zu müssen, es zu werden? Man glaubt so +Vieles, wenn man unerfahren ist, und die Erfahrungen machen einen wieder +an anderes glauben. Wie merkwürdig. Es liegt eine Härte gegen sich +selbst darin, das Leben so ernst aufzufassen, wie ich es aufgefaßt habe. +Ich muß es dir sagen, Simon: ich habe es zu ernst und zu heilig +aufgefaßt; ich habe nicht daran gedacht, daß ich ein Mädchen bin, als +ich unternahm, was nur Männer unternehmen sollten. Niemand hat mir +gesagt, daß ich ein Mädchen bin. Niemand hat mir geschmeichelt mit einer +solchen Bemerkung. Es hat niemand meiner so gedankenvoll gedacht, als es +wäre nötig gewesen, mir eine solche einfache Bemerkung zu machen, auf +die ich gehorcht hätte, wenn ich im ersten Augenblick auch die Empörte +gespielt hätte. Ich würde darauf gehorcht haben, wenn der Ton aus einem +Herzen gekommen wäre. Aber ich hörte nur Worte, oberflächliche und +leicht hingesprochene: »Tu das, tu das. Das ist gut, daß du einen Beruf +ergreifen willst. Macht dir alle Ehre.« Und so weiter. Eine sonderbare +Ehre, ein unglückliches, innerlich armes und sehnsüchtiges Mädchen zu +sein, wie jetzt ich mit dieser Ehre von Beruf. Ein Beruf ist eine Last +durchs Leben für einen Mann mit starken Schultern und vorwärtsstrebendem +Willen, ein Mädchen wie mich erdrückt er. Habe ich Freude an meinem +Beruf? Gar keine Spur, und ich bitte dich, erschrick nur nicht über +dieses Geständnis, das ich dir mache, weil du einer bist, dem man mit +einer Art Lust Geständnisse macht. Du verstehst mich, ich weiß es. +Andere würden mich vielleicht ebensogut verstehen, aber nicht gern, aus +diesem oder jenem Grunde. Du verstehst gern, weil du keine Gründe hast, +über einfache und offene Geständnisse zu erschrecken. Du lebst mein +ganzes Leben in dir mit, mit mir, deiner Schwester. Du bist eigentlich +zu gut dazu, nur mein Bruder zu sein. Es ist schade, daß du mir nicht +mehr sein kannst: Auch das würdest du gerne sein; denn du nickst mit +deinem Kopfe. Laß mich weiter erzählen. Wenn man dich als Zuhörer hat, +erzählt man gerne. So höre denn weiter, daß ich entschlossen bin, meine +Schulkarriere aufzugeben, und zwar bald; denn meine Kräfte halten dies +Leben nicht lange mehr aus. Ich glaubte, es wäre ein schönes Leben, +Kinder in die Welt hineinzuführen, sie zu unterrichten, ihnen die Seelen +für die Tugenden zu öffnen, sie zu überwachen und zu belehren. Es ist ja +auch eine ganz schöne Aufgabe, aber sie ist viel zu schwer für mich +Schwache; ich bin ihr nicht gewachsen, lange nicht. Ich glaubte, ich +wäre es, aber ich sehe das Gegenteil ein: mich zusammensinken sehe ich +unter meiner Aufgabe, die mir eine tägliche Erholung sein sollte und die +mir nur eine Last ist, die ich als ungebührlich und ungerecht empfinde. +Das, was einen niederdrückt, empfindet man als ungerecht. Unrecht, +dieses zu empfinden, sollte ich haben? Liegt nicht in meiner Empfindung +das Maß für mir zugefügtes Unrecht? Und was kann ich denn dafür, daß das +Unrecht in seiner Art unschuldig und süß ist: die Kinder? Die Kinder! +Ich kann sie nicht mehr ertragen. Ich freute mich in der ersten Zeit +über alle ihre Gesichter, über ihre kleinen Bewegungen, über ihren Eifer +und selbst über ihre Fehler. Ich freute mich über den Gedanken, mich +dieser jungen, schüchternen und hilflosen Menschenschar gewidmet zu +haben. Aber kann ein solcher einziger Gedanke über ein Leben +hinwegtäuschen, kann man ein ganzes Leben mit einer Idee hinwegdenken? +Wehe, wenn diese Idee und dieses Opfer einem eines Tages gleichgültig +werden, wenn man den Gedanken, der einem alles ersetzen soll, nicht mehr +mit so inniger Leidenschaft zu denken vermag, als es nötig ist, um den +Tausch in der Seele zu rechtfertigen. Wehe, wenn man überhaupt einen +Tausch merkt. Dann fängt man an zu grübeln, zu unterscheiden, +abzuschätzen, mit Wehmut und Zorn zu vergleichen, und ist unglücklich, +so wankelmütig und untreu geworden zu sein, und ist froh, wenn nur immer +ein Tag zu Ende ist, um in der Stille weinen zu können. Einmal nur mit +einem Hauch treulos, will man mit dem Lebensgedanken, der nur auf +vollkommener Hingabe beruht, nichts mehr zu tun haben und sagt sich: Ich +tu meine Pflicht, weiter denke ich an nichts mehr! Die Kinder blieben +mir immer lieb, sie sind mir immer lieb geblieben. Wem könnten Kinder +nicht lieb sein? Aber wenn ich unterrichte, denke ich an anderes, an +ferneres und weiteres, als ihre kleinen Seelen sind, und das ist der +Verrat, den ich an ihnen begehe, den ich nicht mehr mit ansehen will. +Eine Schullehrerin muß in den kleinen Dingen mit ihrer ganzen Liebe +untergehen, sonst vermag sie nicht Gewalt auszuüben, und ohne Gewalt +bleibt sie wertlos. Vielleicht ist das übertrieben gesprochen, und ich +bin auch fest davon überzeugt, daß alle, oder die meisten Menschen, zu +denen ich so spräche, diese Sprache übertrieben finden würden. Diese +Sprache aber entspricht meiner Auffassung vom Leben; da ist es wohl +unmöglich, daß ich anders sprechen könnte. Ich habe es noch nicht +gelernt, eine Zufriedenheit, eine Genugtuung, ein Wohlbefinden zu lügen, +das ich nicht empfinde, und ich glaube, man irrt sich, wenn man annimmt, +daß ich das je lernen werde. Ich bin zu schwach, um täuschen und +heucheln zu können, und ich erblicke, so scharf ich auch nachdenke, +keine Gründe, die das Vorlügen rechtfertigten. Wenn ich mit dir jetzt so +rede, so ist das nur die Ausnutzung eines Augenblickes, nach dem ich +mich schon lange gesehnt habe, um meine ganze Schwäche einmal entladen +zu können. Es tut einem so wohl, seine Schwäche eingestehen zu dürfen, +nach den Monaten der peinigenden Zurückhaltung, die eine Stärke +verlangte, deren ich nicht fähig bin. Ich bin der Pflichterfüllung, die +mir nicht schmeichelt, auf die Dauer nicht fähig, und ich suche jetzt +nach einer Arbeit, die meinem Stolz und meiner Schwäche zusagen wird. Ob +es mir gelingen wird? Ich weiß es wahrhaftig nicht, aber ich weiß nur, +und das bestimmt, daß ich suchen muß, bis ich die Überzeugung gefunden +habe, daß es ein Glück und eine Pflicht gibt, beides eines! Ich will +Erzieherin werden und habe bereits einer reichen, italienischen Dame +brieflich meine Dienste angeboten, in einem vielleicht zu langen Briefe, +in welchem ich ihr geschrieben habe, daß ich imstande sei, zwei Kinder, +ein Mädchen und einen Knaben, in allem Wünschenswerten zu unterrichten. +Ich habe in dem Briefe, ich weiß nicht, was alles, gesagt, daß ich die +Schulstube gerne mit der Kinderstube vertauschen möchte, daß ich die +Kinder liebe und achte, daß ich Klavier spielen und schöne Sachen +sticken könne und daß ich ein Mädchen sei, dem man nur mit Strenge zu +begegnen brauche, um ihm eine Wohltat zu erweisen. Ich habe mich sehr +stolz in dem Schreiben ausgedrückt, habe der Dame gesagt, daß ich zu +lieben, zu gehorchen verstände, aber nicht zu schmeicheln, daß ich wohl +schmeicheln könnte, aber nur dann, wenn ich es selber mir beföhle; daß +ich mir meine zukünftige Herrin lieber stolz und streng, als nachgiebig +vorstelle, daß es mir Schmerz und Enttäuschung bereiten würde, wenn ich +sie so fände, daß man sie, wenn man die Absicht hätte, leicht und frech +hintergehen könnte; daß ich nicht die Absicht hätte, zu ihr zu kommen, +um bei ihr auszuruhen, sondern daß ich hoffe, Arbeit für mein Herz und +auch für meine Hände zu bekommen. Ich habe ihr das Geständnis gemacht, +daß ich schon jetzt, in der Vorausahnung, ihre beiden Kinder innig +liebe, daß es mir an der nötigen Achtung vor Kindern nicht fehle, um +dieselben streng und zugleich hingebungsvoll zu erziehen, daß ich +erwarte, daß man mich gewähren lasse, ihr, der Dame, in diesem Sinn zu +dienen, daß ich eine zugleich heftige und gelassene Auffassung vom +Dienen hätte und daß ich nicht dazu zu bewegen wäre, von meiner +Auffassung abzuweichen. Zu glattem und speichelleckerischem Dienst sei +ich nicht zu gebrauchen, ebensowenig hätte ich das Talent, auf eine +unzarte, unstolze Weise zuvorkommend zu sein. Daß ich aber auf eine +milde Behandlung zu Gunsten einer kalten und strengen, wenn es nur +zugleich keine beleidigende sei, gern verzichtete, daß ich meinen Stand +sehr wohl und zu jeder Zeit von dem ihrigen abzumessen verstände, daß +ich keine Gerechtigkeit aber Stolz verlange, der ihr verbieten würde, +mir ungerecht zu begegnen und daß ich in meiner Seele entzückt wäre, +wenn sie mir, wenn auch nur einmal im Jahr, ein Zeichen gütiger +Zufriedenheit gäbe, das ich mehr zu schätzen wüßte als Vertraulichkeit, +die für mich erniedrigend und keine Gnade wäre, daß ich hoffe, eine Dame +zu finden, an der ich emporblicken könne, um zu lernen, wie man sich in +allen Fällen zu benehmen habe und daß sie nicht zu fürchten brauche, in +mir eine Schwätzerin in ihren Dienst zu nehmen, der es ein Vergnügen +wäre, ihre Geheimnisse auszuplaudern. Ich sagte ihr, daß ich nicht +imstande sei, zu sagen, wie gern ich sie bewundern und ihr gehorchen +möchte und ihr zeigen möchte, in welcher Weise ich es verstünde, ihr +niemals lästig zu fallen. Ich sprach dann die Befürchtung und zugleich +die Hoffnung aus, daß ich die Sprache ihres Landes, obwohl ich sie noch +gar nicht kenne, doch sicher bald lernen würde, wenn man mir nur zeigte, +wie ich mich dabei zu verhalten habe. Sonst wisse ich nichts, was mich +nicht dazu berechtige, in ihr Haus zu treten, sagte ich zum Schluß, als +vielleicht die Schüchternheit, die meinem Auftreten noch anklebe, die +ich aber zu überwinden hoffe; das Linkische und Unbeholfene sei sonst +nicht meine Natur -- --« + +»Hast du den Brief schon abgeschickt?« fragte Simon. + +»Ja,« fuhr Hedwig fort »was hätte mich daran sollen verhindern können. +Ich werde vielleicht bald von hier fortgehen, und die Abreise macht mir +Kummer; denn ich verlasse viel und werde vielleicht nichts dafür +bekommen, das mich das Weggeworfene und im Stich Gelassene vergessen +ließe. Trotzdem bin ich fest entschlossen wegzugehen; denn ich mag nicht +mehr allein sein mit meinen Träumen. Auch du gehst ja bald fort, und was +sollte ich dann noch hier? Du lassest mich wie einen Brocken, wie einen +schlecht gewordenen Gegenstand zurück, oder vielmehr so: der ganze Ort, +das Dorf, alles hier ist dann der Brocken, der verlassene, unbeachtete +und weggeworfene Gegenstand, und ich dann noch mitten drin? Nein, ich +habe mich zu sehr daran gewöhnt, das Leben, das wir hier führen, mit +Hilfe deiner Augen anzusehen, es schön zu finden, so lange du es schön +fandest; und du fandest es schön, und so fand ich es auch noch schön. +Aber weiter würde ich es nicht mehr schön und groß genug für mich +finden, ich würde es verachten, weil es eng und stumpf wäre, und es wäre +auch eng und stumpf durch meine gleichgültige Verachtung. Ich kann nicht +leben und mein Leben verachten. Ich muß mir ein Leben suchen, ein neues, +und wenn das ganze Leben auch nur in einem einzigen Suchen nach Leben +bestehen sollte. Was ist das: geachtet zu sein, gegen das andere: +glücklich zu sein und den Stolz des Herzens befriedigt zu haben. Auch +unglücklich zu sein ist noch schöner als geachtet zu sein. Ich bin +unglücklich, trotz der Achtung, die ich genieße; ich verdiene vor mir +diese Achtung also nicht; denn in meinen Augen ist nur das Glück +achtenswert. Infolgedessen muß ich versuchen, ob es möglich ist, +glücklich zu sein, ohne Achtung zu beanspruchen. Vielleicht gibt es ein +Glück dieser Art für mich und eine Achtung, die man der Liebe und der +Sehnsucht zollt, nicht der Klugheit. Ich will nicht deshalb unglücklich +sein, weil mir der Mut fehlte, mir einzugestehen, daß man unglücklich +werden kann, weil man versuchte, glücklich zu werden. Solches Unglück +ist achtenswert, das andere nicht; denn Mangel an Mut kann man nicht +achten. Wie kann ich länger zusehn, daß ich mich zu einem solchen Leben +verdamme, das nur Achtung einbringt und nur Achtung von Andern, die +einen immer so haben wollen, wie es ihnen am besten paßt! Warum soll es +das? Und warum muß man die Erfahrung machen, daß das, was es einem +eingebracht hat, zum Schluß nichts wert ist? Da hat man dann gesorgt und +gehütet und gewartet und ist nur genarrt worden. Es ist bitter unklug, +auf etwas warten zu wollen; es kommt nicht zu uns, wenn wir nicht +hingehen und es uns holen. Freilich, es wird einem so viel Furcht +eingejagt von Fürchtlingen, die um einen besorgt scheinen. Ich hasse sie +jetzt beinahe, die den Kopf schütteln, sobald man nur etwas Mutiges +sagt. Wie würden die sich erst betragen, wenn sie hörten, daß man das +Mutheischende zur Ausführung gebracht hat. Wie diese vielen Ratgeber +schwinden vor der Herzensgewalt einer frei vollbrachten Tat! Und wie sie +einen knechten mit ihrer süßlichen Liebe, wenn man diesen Mut nicht +findet und sich ihnen ausliefert. Man wird mich hier mit vielem Bedauern +wegziehen sehen und es nicht verstehen wollen, warum ich einen so +angenehmen und ersprießlichen Platz verlasse; und auch ich verlasse das +Land mit einem Gefühl, das mich noch immer überreden möchte, hier zu +bleiben. Ich habe geträumt, Bäuerin zu werden, einem Mann anzugehören, +einem einfachen und zarten Menschen, ein Heim zu besitzen mit einem +Stück Land und Stück Garten, wozu ein Stück Himmel gehört hätte, zu +bauen und zu pflanzen, keine weitere Liebe als Achtung zu verlangen und +das Entzücken zu haben, meine Kinder aufwachsen zu sehen, womit ich mich +für allen Verlust einer tieferen Liebe entschädigt gefunden hätte. Der +Himmel würde die Erde berührt haben, ein Tag hätte den andern in die +Zeiten hinuntergerollt, und ich wäre unter Sorgen eine alte Frau +geworden, die an sonnigen Sonntagen unter der Haustüre gestanden und die +Vorübergehenden beinahe schon verständnislos angeblickt hätte. Ich würde +dann nie wieder nach Glück gestrebt und heißere Empfindungen vergessen +haben, hätte meinem Manne und seinen Geboten und dem gehorcht, was mir +als Pflicht würde vorgeschwebt haben. Und ich hätte gewußt, was einer +Bäuerin Pflicht wäre. Meine Träume wären mit den Tagen wie Abende +eingeschlafen und würden nie mehr wieder etwas gefordert haben. Ich +würde zufrieden und heiter gewesen sein, zufrieden, weil ich nichts +anderes gewußt, und heiter, weil es sich nicht geziemt hätte, meinem +Manne eine unmutige Stirne mit dunklen Sorgen zu zeigen. Mein Mann würde +vielleicht den Takt besessen haben, in der ersten Zeit, da noch vieles +heißer gedrängt und gepocht hätte, mich zu schonen und mich sanft für +meine kommende Aufgabe zu erziehen, was ich dankbar würde haben +geschehen lassen mit mir; dann wäre es auch gegangen, und eines Tages +würde ich verwundert an mir die Beobachtung gemacht haben, daß ich +innerlich Frauen von heftiger und sehnsüchtiger Gemütsart, das heißt, +solche von meinem eigenen früheren Schlag, nicht mehr dulden mochte, +weil ich sie für gefährlich und schädlich hielte. Mit einem Wort: ich +würde geworden sein wie die andern und würde das Leben verstanden haben, +wie die andern es verstehen. Doch das alles blieb nur ein Traum. Einem +andern als dir würde ich mich hüten, so etwas zu sagen. Vor dir werden +Träumende nicht lächerlich, auch verachtest du niemanden, weil er +träumt, denn du verachtest überhaupt niemanden. Ich bin auch sonst gar +nicht ein so überspanntes Mädchen. Wie käme ich dazu! Ich habe jetzt nur +ein wenig zu viel gesprochen, und wenn ich so spreche, spreche ich +leicht etwas zu viel. Man möchte alle seine Gefühle erläutern und kann +es doch nie, man redet sich nur in eine Heftigkeit hinein. Komm, gehen +wir zu Bett.« -- + +Sie sagte sanft und ruhig Gute Nacht. + +»Ich bin doch froh,« sagte sie am andern Morgen, »daß ich noch hier bin. +Wie kann man sich nur so stürmisch von einer Stelle wegwünschen. Als ob +es hierauf ankäme! Ich muß beinahe lachen und schäme mich ein wenig, +gestern so mitteilsam gewesen zu sein. Und doch bin ich froh; denn +einmal muß man sich aussprechen. Wie du gestern mir nur so geduldig +zuhören konntest, Simon! So beinahe andächtig! Und doch bin ich auch +darüber froh. Am Abend ist man nicht wie am Morgen, nein, so ganz +anders, so verschieden im Ausdruck und im Empfinden. Eine einzige Nacht +ruhig geschlafen zu haben, das kann, habe ich gehört, einen Menschen +ganz verändern. Ich glaube es wohl. Gestern so gesprochen zu haben, +kommt mir heute am hellen Morgen wie ein ängstlicher, übertriebener, +trauriger Traum vor. Was war es denn nur! Soll man denn die Dinge so +reizbar schwernehmen? Denke gar nicht mehr daran! Ich muß gestern müde +gewesen sein, so wie ich immer des Abends müde bin, aber jetzt bin ich +so leicht, so gesund, so frisch, wie neu geboren. Ich habe ein so +gelenkiges Gefühl, als hebe mich jemand empor, als trüge mich etwas, wie +man jemand trägt in einer Sänfte. Mach die Fenster auf, indes ich noch +im Bett liege. Es ist so schön, im Bett zu liegen, wenn die Fenster +aufgemacht werden, so wie du es jetzt tust. Wo nehme ich nur all die +Fröhlichkeit her, die mich jetzt ganz einhüllt. Draußen scheint mir die +schöne Gegend zu tanzen, die Luft dringt zu mir hinein. Ist es heute +Sonntag? Wenn nicht, so ist es ein Tag wie geschaffen zum Sonntag. +Siehst du die Geranien? Sie stehen so schön vor dem Fenster. Was wollte +ich gestern? Glück? Habe ich es denn nicht schon jetzt? Soll man erst +suchen müssen in der unbekannten Ferne, unter den Menschen, die gewiß +gar keine Zeit haben, an das Glück zu denken? Es ist gut, wenn man für +Vieles nicht Zeit hat, recht gut, denn, hätte man Zeit, so würde man ja +sterben vor lauter Anmaßung. Wie hell ist mir jetzt im Kopf. Nicht ein +einziger Gedanke mehr, der nicht, wie seine Herrin, nämlich ich, froh +und leicht daläge, ganz ebenso wie ich. Willst du mir das Frühstück ans +Bett bringen, Simon? Es würde mir Spaß machen, mich von dir bedienen zu +lassen, wie wenn ich eine portugiesische Noblesse wäre und du ein +Mohrenkind, das meinen leisesten Wink verstände. Natürlich bringst du +mir das Verlangte. Warum solltest du dich weigern, mir eine +Aufmerksamkeit zu erweisen? Seit wie lange bist du jetzt bei mir? Warte +einmal, es war Winter, als du ankamst, der Schnee fiel, ich weiß es noch +so gut, und seitdem, wie viele schöne und regnerische Tage sind schon +vorbeigegangen. Jetzt wirst du bald gehen; aber mir das Vergnügen +stehlen, dich noch ein paar weitere Tage bei mir zu haben, das darfst du +nicht. Nach drei Tagen werde ich zu dir sagen: »Bleib noch drei«, und du +wirst dich ebensowenig widersetzen können, als jetzt, da du mir das +Frühstück an mein Bett bringst. Du bist ein merkwürdig widerstandsloser +und skrupelloser Mensch. Was man von dir verlangt, das tust du. Du +willst alles, was man will. Ich glaube, man könnte von dir viel +Ungebührliches verlangen, ehe du es einem übel nähmest. Man kann sich +eines gewissen verächtlichen Gefühles dir gegenüber nicht enthalten. Ein +ganz klein wenig verachte ich dich, Simon! Aber ich weiß, es macht dir +nichts wenn man so zu dir spricht. Ich halte dich übrigens für einer +Heldentat fähig, wenn es dir darauf ankommt. Sieh, ich denke doch ganz +gut von dir. Dir gegenüber erlaubt man sich alles. Dein Betragen erlöst +anderer Betragen von jeder Art Unfreiheit. Ich habe dir früher Ohrfeigen +gegeben, ich habe dich stets der Mutter zur Bestrafung angezeigt, wenn +du Übeltaten verrichtetest, jetzt bitte ich dich, mir einen Kuß zu +geben, oder so: laß mich dir lieber einen geben. Auf die Stirn, ganz +behutsam! So! Ich bin wie eine Heilige heute am Tag gegen gestern am +Abend. Ich habe ein Gefühl für kommende Zeiten und lasse nun alles +kommen. Lache nur nicht! Es würde mich übrigens freuen, wenn du +lachtest; denn das ist für den frühen, blauen Morgen der passendste +Laut. Nun bitte ich dich, aus dem Zimmer zu gehen und mir die Freiheit +zu lassen, mich anzukleiden.« -- + +Simon ließ sie allein. + +»Ich bin immer daran gewöhnt gewesen,« sagte Hedwig im Laufe des Tages +zu Simon, »dich als etwas mir Unterlegenes zu behandeln. Vielleicht +halten es andere Menschen mit dir auch so. Du machst wenig den Eindruck +der Klugheit, viel mehr den der Liebe, und du weißt, wie man diese +Empfindung ungefähr einschätzt. Ich glaube nicht, daß du je mit deinem +Tun und Trachten Erfolg haben wirst unter den Menschen, aber du wirst +dir sicher auch nie deswegen einen kummervollen Gedanken machen, was +dir, so wie ich dich kenne, wenigstens nicht ähnlich sähe. Nur die dich +kennen, werden dich tieferer Empfindung und kühner Gedanken für fähig +erachten, die andern nicht. Das ist der Schwerpunkt und die Ursache, +weshalb du sehr wahrscheinlich im Leben erfolglos bleibst: Man muß dich +immer erst kennen lernen, ehe man dir glaubt, und das nimmt Zeit in +Anspruch. Der erste Eindruck, der den Erfolg macht, wird dir immer +versagen, aber du wirst deswegen deine Ruhe keineswegs verlieren. Dich +werden nicht viele Menschen lieben, aber es wird etliche unter ihnen +geben, die sich alles von dir versprechen. Das werden einfache und gute +Menschen sein, denen du gefallen wirst; denn deine Blödigkeit kann sehr +weit gehen. Du hast etwas Blödes an dir, etwas Unzurechnungsfähiges, +etwas, wie soll ich sagen, Unbekümmert-Läppisches. Das wird Viele +beleidigen, man wird dich frech nennen, und du wirst viele unfeine, früh +mit ihrem Urteil über dich fertige Feinde haben, die dir zu schwitzen +geben können; doch wird dir das nie Angst einjagen. Andere werden dir +immer unzart und du wirst andern immer unverschämt vorkommen; das wird +Reibereien geben, sieh dich vor! In einer größeren Gesellschaft von +Menschen, wo es doch darauf ankommt, daß man sich zeigt und beliebt +macht durch hervorragendes Sprechen, wirst du immer stumm bleiben, weil +es dich nicht reizt, den Mund noch aufzutun, wo schon so viele +durcheinanderschwatzen. Man wird dich infolgedessen übersehen: du wirst +dann trotzig und benimmst dich unschicklich. Dagegen werden es manche +Menschen, die dich kennen gelernt haben, für einen Vorzug halten, mit +dir allein ein herzliches Gespräch zu führen; denn du verstehst es, +zuzuhorchen, und das ist im Gespräch vielleicht wichtiger, als selbst +das Sprechen. Man wird gern einem verschwiegenen Menschen, wie dir, +Geheimnisse und Seelenangelegenheiten anvertrauen, und du wirst dich im +diskreten Verschweigen und Aussprechen meist als Meister erweisen, +unbewußt, meine ich, nicht als ob du dir irgendwelche Mühe dabei gäbest. +Du sprichst ein bißchen schwerfällig, hast einen etwas plumpen Mund, der +sich zuerst öffnet und offen bleibt, ehe du zu sprechen anfängst, als +erwartetest du die Worte von außen aus irgend einer Richtung her, daß +sie dir in den Mund hineinflögen. Du wirst den meisten Menschen eine +uninteressante Erscheinung sein, fade für die Mädchen, unbedeutend für +Frauen, absolut unvertrauensvoll und unenergisch für Männer. Ändere dich +doch da ein wenig, wenn es in deiner Macht steht! Gib etwas mehr acht +auf dich und sei eitler; denn ganz und gar nicht eitel sein, das wirst +du bald selbst für einen Fehler halten müssen. Zum Beispiel, Simon, sieh +dir doch einmal wieder deine Hosen an: Unten zerfetzt! Allerdings, und +ich weiß schon: es sind nur Hosen, aber Hosen sollen ebensogut in Stand +gesetzt sein wie Seelen, denn es zeugt doch von Nachlässigkeit, +zerrissene und zerfetzte Hosen zu tragen, und die Nachlässigkeit kommt +aus der Seele. Du mußt also auch eine zerfetzte Seele haben. Was ich dir +noch sagen wollte: Du glaubst doch nicht etwa, daß ich dies im Scherz +gesagt habe? Da lacht er. Hältst du mich nicht für ein bißchen +erfahrener als dich? Doch nein! Du bist erfahrener, aber indem ich sage, +daß dir noch vieles zu erfahren bevorsteht, beweise ich doch sicher auch +wiederum Erfahrung. Oder etwa nicht?« -- + +Sie dachte eine Weile nach, und fuhr dann fort: + +»Wenn du nun, was ja bald geschehen muß, von mir fort bist, so schreibe +mir nicht. Ich will es nicht. Du sollst nicht meinen, du müßtest +verpflichtet sein, mir von deinem ferneren Treiben eine Nachricht +zukommen zu lassen. Vernachlässige mich, wie du es früher auch getan +hast. Was sollte uns beiden das Schreiben nützen? Ich werde hier weiter +leben und es als einen Genuß empfinden, öfters daran zu denken, daß du +drei Monate lang da warst. Die Gegend wird mich emportragen und mir dein +Bild zeigen. Ich werde alle die Orte aufsuchen, die wir zusammen schön +gefunden haben, und ich werde sie noch schöner finden; denn ein Fehler, +ein Verlust macht die Dinge noch schöner. Mir und der ganzen Gegend wird +etwas fehlen, aber diese Lücke und selbst dieser Fehler werden meinem +Leben noch innigere Empfindungen aufdrücken. Ich bin nicht aufgelegt, +einen Mangel als einen Druck zu empfinden. Wie käme ich dazu! Im +Gegenteil: etwas Befreiendes, Erleichterndes liegt darin. Und dann: +Lücken sind dazu da, um mit etwas Neuem gefüllt zu werden. Am Morgen +werde ich, wenn ich im Begriffe bin aufzustehen, glauben, deinen Schritt +und deinen Kopf und deine Stimme zu vernehmen, und lächeln über die +Täuschung. Weißt du was: ich habe die Täuschungen lieb, und du mußt sie +ebenfalls lieb haben, ich weiß es. Merkwürdig, wie viel ich zusammenrede +in diesen Tagen. Diese Tage! Ich meine, die Tage müßten jetzt selber +fühlen, wie kostbar sie mir sind und müssen, aus Rücksicht auf mich, +langsamer, gedehnter, träger und verweilerischer auftreten, auch leiser! +Sie tun es auch. Ich spüre ihr Nahen wie einen Kuß und ihr dunkles sich +Entfernen wie einen Händedruck, wie ein Winken mit einer lieben, +bekannten Hand. Die Nächte! Wie viele Nächte hast du bei mir geschlafen, +schön geschlafen; denn du verstehst zu schlafen, da drüben in der +Kammer, im Strohbett, das bald nun herrenlos und schlaflos sein wird. +Die Nächte, die jetzt noch kommen, werden nur schüchtern herankommen zu +mir, wie kleine, schuldbewußte Kinder mit gesenkten Augen zum Vater oder +zur Mutter kommen. Die Nächte werden weniger still sein, Simon, wenn du +fort bist und ich will dir sagen warum: du warst so still in der Nacht, +du vermehrtest mit deinem Schlaf die Stille. Wir waren zwei stille, +ruhige Menschen während allen diesen Nächten; nun werde ich allein still +sein müssen, etwas gezwungen, und es wird weniger still sein; denn ich +werde mich öfters im Dunkel im Bett aufrichten und auf irgend etwas +aufhorchen. Dann werde ich fühlen, daß es viel weniger still mehr ist. +Vielleicht werde ich dann weinen, gar nicht etwa wegen dir, und ich +bitte dich, dir nichts darauf einzubilden. Seh einer doch, da will er +sich gleich etwas vormachen. Nein, nein, Simon, wegen dir wird niemand +weinen. Wenn du fort bist, bist du fort. Das ist alles. Glaubst du, um +dich könnte man weinen? Keine Rede. Das darf dir nie in den Sinn kommen. +Man spürt, daß du fort bist, man merkt es sich, aber weiter? Etwa +Sehnsucht, oder dergleichen? Nach einem Menschen von deinem Schlag +empfindet niemand Sehnsucht. Du weckst keine. Kein Herz wird dir je +nachzittern! Dir einen Gedanken weihen? I, was! Ja, nachlässig, so wie +man eine Nadel aus der Hand fallen läßt, wird man gelegentlich deiner +gedenken. Mehr verdienst du auch nicht, und wenn du hundert Jahre alt +würdest. Du hast nicht das mindeste Talent, Andenken zu hinterlassen. Du +hinterlässest auch gar nichts. Ich wüßte nicht, was du hinterlassen +könntest; denn du besitzest ja gar nichts. Du hast keine Ursache, so +frech zu lachen, ich spreche im Ernst. Geh mir aus den Augen! +Marsch!« -- + + * * * * * + +Während der folgenden Tage war schlechtes, regnerisches Wetter, auch das +war wiederum ein Anlaß zum Dableiben. Simon konnte doch nicht bei diesem +Wetter seine Reise antreten. Er hätte gekonnt, ja, aber mußte es denn +gerade bei schlechtem Wetter sein? So blieb er noch. Einen oder zwei +Tage, mehr nicht, dachte er. Er saß beinahe den ganzen Tag in dem +leeren, großen Schulzimmer und las in einem Roman, den er noch fertig zu +lesen wünschte, ehe er ging. Manchmal lief er zwischen den Reihen von +Bänken auf und ab, immer das Buch in der Hand, dessen Inhalt ihn so sehr +fesselte, daß er mit seinen Gedanken nicht davon wegkam. Er kam nicht +vorwärts mit seinem Lesen; denn immer blieb er stecken in Gedanken. Ich +lese noch so lange, als es noch regnet, dachte er; wenn es schönes +Wetter wird, muß ich fortfahren, aber nicht mit Lesen, sondern +fortfahren, und zwar wirklich. + +Hedwig sagte am letzten Tag zu ihm: + +»Nun gehst du wohl, nun ist es wohl abgemacht. Leb wohl. Komm ganz in +meine Nähe und gib mir die Hand. Ich werde mich vielleicht in kurzer +Zeit einem Mann hinwerfen, der mich nicht verdient. Ich werde das Leben +verspielt haben. Ich werde viel Achtung genießen. Man wird sagen: das +ist eine tüchtige Frau. Eigentlich habe ich nicht den Wunsch, jemals +wieder etwas von dir zu hören. Versuche ein braver Mann zu werden. +Mische dich in öffentliche Angelegenheiten, mach von dir reden, es würde +mir Vergnügen machen, aus der Leute Mund von dir zu hören. Oder lebe +dahin, wie du es kannst und verstehst, bleibe im Dunkel, kämpfe im +Dunkel mit den vielen Tagen, die noch kommen werden. Ich mute dir nie +Schwächlichkeiten zu. Was soll ich noch sagen, um dir Glück mit auf +deine Reise zu wünschen? Bedanke dich doch. Ja, du! Denkst du nicht +daran, mir zu danken für das Hiersein, das ich dir gewährt habe? Nein, +laß es, denn es stünde dir nicht gut an. Du verstehst nicht, eine +Verbeugung zu machen und zu sagen, daß du gar nicht wüßtest, wie du +danken solltest. Dein Betragen war deine Dankbarkeit. Ich habe mit dir +die Zeit gejagt und getrieben, daß es ihr heiß wurde vor uns. Hast du +wirklich nicht mehr Sachen, als da in diesen kleinen Koffer hineingehen? +Du bist wirklich arm. Ein Reisekoffer ist das ganze Haus, das du in der +Welt bewohnst. Das hat etwas Hinreißendes aber auch etwas Erbärmliches. +Geh jetzt. Ich werde dir aus dem Fenster nachschaue. Wenn du oben auf +dem Hügelrand bist, wende dich um und blicke noch einmal nach mir. Was +sollten wir noch mehr Zärtlichkeiten tauschen? Du Bruder zu mir +Schwester? Was hat es zu sagen, wenn eine Schwester ihren Bruder auch +nie mehr wiedersieht? Ich entlasse dich ziemlich kalt, weil ich dich +kenne und weiß, daß du die Wärme beim Abschied hassest. Zwischen uns +bedeutet das nichts. So sage mir denn adieu und geh denn.« -- + + + + +Elftes Kapitel. + + +Es war ungefähr zwei Uhr am Nachmittag, als Simon in der großen Stadt, +die er vor ungefähr drei Monaten verlassen hatte, mit der Eisenbahn +wieder ankam. Der Bahnhof war voll Menschen und ganz schwarz, mit jenem +Geruch angefüllt, der nur in kleinen, ländlichen Bahnhöfen nicht +anzutreffen ist. Simon zitterte, als er aus dem Wagen ausstieg, er war +hungrig, steif, matt, traurig und mutlos und konnte eine gewisse +Beklemmung nicht los werden, obschon er sich sagte, daß es eine dumme +Beklemmung sei, die er da empfand. Er gab, wie es die meisten Reisenden +tun, sein Gepäck am Gepäckschalter ab und verlor sich unter die +Menschen. So wie er freie Bewegung bekam, fühlte er sich auch sofort +besser und wurde wieder auf seine leichte Gesundheit aufmerksam, die vom +Landaufenthalt her in vollkommen gutem Zustand war. Er aß etwas in einem +jener seltsamen Volkslokale. Da aß er nun wieder, ohne vielen Appetit; +denn das Essen war mager und schlecht, ganz gut für einen armen Städter, +aber nicht für einen verwöhnten Landbewohner. Die Menschen betrachteten +ihn aufmerksam, als ahnten sie, daß er vom Lande herkomme. Simon dachte: +»Diese Menschen müssen sicher fühlen, daß ich gewöhnt bin, besser zu +speisen; denn es liegt so etwas in der Art, wie ich mit diesem Essen +umgehe.« In der Tat, er ließ die Hälfte davon stehen, bezahlte und +konnte nicht umhin, der Kellnerin leichthin zu bemerken, wie wenig es +ihm gemundet habe. Diese schaute den Spötter nur so verächtlich an, +freundlich verächtlich, ganz leicht, als hätte sie es nicht nötig, +deswegen empört zu sein, da es doch so einer gesagt hatte und nicht ein +anderer. Eines andern wegen, ja, dann schon, aber eines solchen! -- +Simon trat hinaus. Er war doch glücklich, trotz dem minderwertigen Essen +und der beleidigenden Miene des Mädchens. Der Himmel war leicht blau. +Simon schaute ihn an: ja, er hatte hier doch auch einen Himmel. In +dieser Beziehung war es doch dumm, so sehr zu Ungunsten der Städte für +das Land eingenommen zu sein. Er nahm sich vor, jetzt nicht mehr an das +Land zurückzudenken, sondern sich an die neue Welt zu gewöhnen. Er sah, +wie die Menschen vor ihm her gingen, viel schneller als er; denn er +hatte sich auf dem Lande einen schlenderischen, bedächtigen Schritt +angewöhnt, als fürchtete er, zu rasch vorwärts zu kommen. Nun, für heute +wollte er es sich noch gestatten, bäuerisch zu gehen, von morgen ab +sollte es dann anders vorwärts gehen. Aber er betrachtete die Menschen +mit Liebe, ganz ohne jede Scheu, sah ihnen in die Augen, an die Beine, +um zu sehen, wie sie die Beine bewegten, an die Hüte, um den Fortschritt +der Mode zu beobachten, an die Kleider, um die seinen immer noch gut +genug zu finden im Vergleich mit den vielen unschönen, die er emsig +studierte. Wie sie eilig gingen, diese Menschen. Er hätte Lust gehabt, +einen von ihnen aufzuhalten und ihn mit den Worten anzureden: Wohin so +schnell? Aber er hatte doch nicht den Mut zu einer so törichten +Handlung. Er fühlte sich wohl, sonst aber ein wenig matt und gespannt. +Eine kleine, nicht zu verhehlende Trauer hielt ihn gefangen, aber sie +harmonierte mit dem leichten, glücklichen, etwas getrübten Himmel. Sie +harmonierte auch mit der Stadt, wo es beinahe unschicklich ist, ein +allzusonniges Gesicht zu machen. Simon mußte sich gestehen, daß er da +ginge und absolut nichts suche, aber er hielt es für angebracht, wie +alle andern solch eine Sucher- und Vorwärtsdrängermiene zu machen, um +nicht den eben angekommenen, beschäftigungslosen Menschen darstellen zu +müssen. Er mochte nicht auffallen und es tat ihm wohl, zu bemerken, daß +er weiter keinem Menschen durch sein Betragen auffiel. Er schloß daraus, +daß er noch immer befähigt sei, in der Stadt zu leben, trug sich ein +wenig strammer noch, als zuvor, und tat, als trüge er eine kleine, +elegante Absicht mit sich, die er gleichmütig verfolge, die ihm keine +Sorgen, nur Interesse entlocke, die seine Schuhe nicht beschmutzen und +seine Hände nicht anstrengen würde. Eben ging er jetzt durch eine +schöne, reiche Straße, die auf beiden Seiten mit blühenden Bäumen +besetzt war, in der man, da sie breit war, den Himmel freier vor Augen +hatte. Es war wirklich eine herrliche, lichte Straße, die einem das +angenehmste Leben vorgaukeln konnte und jeden Traum gestatten durfte. +Simon vergaß jetzt sein Vorhaben, durch diese Straße mit gesetzten, +gezierten Bewegungen zu gehen, völlig. Er ließ sich gehen und tragen, +schaute bald zu Boden, bald hinauf, bald zur Seite in eines der vielen +Schaufenster, vor deren einem er endlich stehen blieb, ohne eigentlich +etwas zu betrachten. Er fand es angenehm, den Lärm der schönen, +lebhaften Straße hinter seinem Rücken und doch in seinen Ohren zu haben. +Er unterschied in seinen Sinnen die Schritte der einzelnen Passanten, +die wohl alle denken mußten, er stehe da, um etwas so recht ins Auge zu +fassen, das im Schaufenster liege. Plötzlich hörte er sich von jemand +angesprochen. Er drehte sich um und erblickte eine Dame, die ihn +aufforderte, ein Paket, das sie ihm hinstreckte, bis in ihr Haus zu +tragen. Es war keine besonders schöne Dame, aber in diesem Augenblick +hatte Simon sich nicht lange zu besinnen, ob sie schön war oder nicht, +sondern hatte, wie ihm eine innere Stimme zurief, ihrer Aufforderung +lebhaft nachzukommen. Er ergriff das Paket, das gar nicht schwer war, +und trug es der Dame nach, die quer über die Straße mit kleinen, +gemessenen Schritten ging, ohne sich nur einmal nach dem jungen Manne +umzudrehen. Vor einem, wie es schien, prachtvollen Hause angekommen, +befahl ihm die Frau, mit hinauf zu kommen, und er tat es. Er sah keinen +Grund, warum er nicht hätte gehorchen sollen. Mit dieser Dame in deren +Haus zu gehen, das war etwas ganz Natürliches, und der Stimme der Dame +zu gehorchen war seiner Lage, die ihm nichts vorschrieb, durchaus +angemessen. Er würde vielleicht jetzt noch vor dem Schaufenster stehen +und gaffen, dachte er, indem er die Treppen hinaufstieg. Oben +angekommen, hieß ihn die Frau eintreten. Sie ging voran und ließ ihn +nachkommen und in ein Zimmer hineingehen, dessen Türe sie öffnete. Simon +schien es ein prächtiges Zimmer zu sein. Die Frau kam wieder hinein, +setzte sich in einen der Stühle, räusperte sich ein wenig, sah den vor +ihr Stehenden an und fragte ihn dann, ob er sich entschließen könne, bei +ihr in Dienste zu treten. Er mache ihr, fuhr sie fort, den Eindruck +eines müßig in der Welt stehenden Menschen, dem man eine Wohltat +erweise, wenn man ihm Arbeit gebe. Im übrigen gefalle er ihr soweit und +er möchte ihr sagen, ob er gewillt sei, das Anerbieten, das sie ihm +mache, anzunehmen. + +»Warum nicht,« antwortete Simon. + +Sie sagte: »Ich scheine mich also nicht geirrt zu haben, wenn ich von +Ihnen gleich im ersten Augenblick angenommen habe, daß Sie ein junger +Mensch sind, der froh ist, irgendwo unterzukommen. Sagen Sie mir einmal, +wie heißen Sie, und was haben Sie bis jetzt getan in der Welt?« + +»Ich heiße Simon, und ich habe bis jetzt nichts getan!« + +»Wie kommt das?« + +Simon sagte: »Ich habe von meinen Eltern ein kleines Vermögen bekommen, +das ich soeben bis auf den letzten Heller verzehrt habe. Ich habe es +nicht für nötig gefunden, zu arbeiten. Etwas zu lernen hatte ich keine +Lust. Ich habe den Tag als zu schön empfunden, als daß ich den Übermut +hätte besitzen können, ihn durch Arbeit zu entweihen. Sie wissen, wie +viel durch tägliche Arbeit verloren geht. Ich war nicht imstande, mir +eine Wissenschaft anzueignen und dafür den Anblick der Sonne und des +abendlichen Mondes zu entbehren. Ich brauchte Stunden, um eine +Abendlandschaft zu betrachten, und habe Nächte durch, statt am +Schreibtisch oder im Laboratorium, im Grase gesessen, während zu meinen +Füßen ein Fluß vorüberfloß und der Mond durch die Äste der Bäume +blickte. Sie werden befremdend auf eine solche Aussage herabblicken, +aber, sollte ich Ihnen eine Unwahrheit berichten? Ich habe auf dem Lande +und in der Stadt gelebt, aber ich habe bis jetzt noch keinem Menschen +auf der Welt einen einigermaßen bemerkenswerten Dienst erwiesen. Ich +habe Lust, das zu tun, jetzt, wo es scheinen will, daß ich Gelegenheit +dazu habe.« + +»Wie konnten Sie so liederlich leben?« + +»Ich habe das Geld nie geachtet, gnädige Frau! Dagegen könnte es mir, +wenn ich dazu veranlaßt würde, einfallen, ja, sogar am Herzen liegen, +anderer Menschen Geld für wertvoll zu erachten. Es will den Anschein +haben, daß Sie den Wunsch hegen, mich in Ihre Dienste zu nehmen: Nun, in +diesem Fall würde ich Ihre Interessen natürlich streng beobachten; denn +in einem solchen Falle hätte ich dann keine andern Interessen mehr, als +die Ihrigen, die die meinen wären. Meine eigenen Interessen! Wo wäre ich +je dazu gekommen, eigene Interessen zu haben! Wann hätte ich je eigene +ernstliche Angelegenheiten gehabt. Ich habe mein Leben bis jetzt +vertändelt, weil ich es so wollte, da es mir immer ganz als wertlos +erschien. In fremden Interessen würde ich aufgehen, es versteht sich von +selber; denn wer keine eigenen Ziele hat, lebt eben für die Zwecke, +Interessen und Absichten Anderer.« -- + +»Sie müssen doch irgend eine Zukunft vor Augen haben wollen!« -- + +»Habe noch keinen Augenblick daran gedacht! Sie sehen mich etwas besorgt +und ziemlich unfreundlich an. Sie mißtrauen mir und trauen mir keine +ernstliche Absicht zu. Ich muß gestehen, ich habe bis zum heutigen Tage +auch noch nie irgend welche Absicht mit mir herumgetragen, weil mich bis +jetzt noch niemand zu der Pflege einer Absicht aufgefordert hat. Ich +trete zum ersten Mal einem Menschen gegenüber, der meine Dienste in +Anspruch nehmen will; das schmeichelt mir und veranlaßt mich, Ihnen kühn +die Wahrheit zu sagen. Was schadet es, daß ich bis dahin ein +liederlicher Mensch gewesen bin, wenn ich nun ein besserer werden will? +Können Sie glauben, ich möchte nicht den Wunsch haben, mich Ihnen +dankbar dafür zu erweisen, daß Sie mich von der offenen Straße weg in +Ihr Zimmer ziehen, um mir ein Menschenlos zu geben? Ich habe nicht eine +Zukunft vor Augen, nur die Absicht, Ihnen zu gefallen. Ich weiß auch, +daß man gefällt, wenn man seine Pflicht erfüllt. Nun, diese Zukunft habe +ich vor Augen: meine Pflicht, die Sie mir aufgeben werden, zu erfüllen. +Ich mag nicht gern in eine viel weitere, als in die ganz nächste Zukunft +hineindenken. Meine Laufbahn interessiert mich nicht, die mag ausfallen, +wie sie will, wenn ich nur den Menschen gefalle.« -- + +Die Dame sagte hierauf: »Obschon es eigentlich eine Unvorsichtigkeit +ist, einen Menschen, der nichts ist und nichts kann, in Dienst zu +nehmen, will ich es doch tun; denn ich glaube, Sie haben den Wunsch, zu +arbeiten. Sie werden mein Diener sein und tun, was ich Ihnen auftragen +werde. Sie können es als ein besonderes Glück betrachten, Gnade gefunden +zu haben, und ich will hoffen, daß Sie sich Mühe geben werden, sie zu +verdienen. Sie haben ja keinerlei Zeugnisse bei sich, sonst stände es +mir an, Sie nach Ihren Zeugnissen zu fragen. Wie alt sind Sie?« -- + +»Zwanzig Jahre und etwas darüber!« + +Die Dame nickte mit dem Kopf: »Das ist ein Alter, wo der Mensch daran +denken muß, sich für das Leben eine Aufgabe zu stellen. Nun, ich will +vieles, das mir an Ihrem Wesen nicht recht paßt, vorläufig übersehen und +Ihnen Gelegenheit geben, ein zuverlässiger Mann zu werden. Wir werden +sehen!« -- + +Damit war diese Unterredung beendigt. + +Die Dame führte Simon durch eine Flucht eleganter Zimmer, bemerkte, +indem sie ihrem jungen Begleiter voranschritt, daß es eine seiner +Aufgaben sei, die Zimmer zu reinigen, fragte, ob er imstande sei, einen +Zimmerboden mit Stahlspänen aufzureiben, ohne jedoch seine Antwort +abzuwarten, als wüßte sie schon, daß er das könne, als ob sie das nur +gefragt hätte, um irgend eine Frage an ihn zu richten, daß es ein +bißchen ausforscherisch und hochmütig um seine Ohren herum sause, +öffnete eine Türe, ließ ihn in ein kleineres, warm mit Teppichen aller +Art ausgefüttertes Zimmer treten, wo sie ihn einem Knaben, der im Bett +lag, mit kurzen Worten vorstellte: Diesen kleinen Herrn, der krank sei, +werde er bedienen, wie, das werde ihm noch gesagt werden. Es war ein +blasser, hübscher, wenngleich von der Krankheit entstellter Knabe, der +seine Augen kalt auf diejenigen Simons richtete, ohne etwas zu sprechen. +Man ahnte, daß er nicht sprechen, vielleicht etwa nur lallen konnte, +wenn man seinen Mund ansah, der unbehilflich in dem Gesicht lag, als +gehörte er gar nicht dazu, als klebe er dort nur an und sei nicht immer +dagewesen. Die Hände des Knaben indessen waren sehr schön, sahen so aus, +als trügen sie den ganzen Schmerz und die ganze Schmach der Krankheit, +als hätten sie es übernommen, den ganzen Umfang, die ganze schöne Last +weinender Trauer zu tragen. Simon konnte nicht umhin, diese Hände einen +Moment länger, als ihm gestattet war, liebend zu betrachten; denn schon +wurde er aufgefordert, der Dame zu folgen, die ihn durch einen Korridor +in die Küche führte, wo sie sagte, daß er der Köchin, wenn keine +wichtigere Arbeit für ihn vorliege, behülflich zu sein hätte. Das tue er +sehr gern, entgegnete Simon, wobei er das Mädchen anblickte, das die +Herrin in der Küche zu sein schien. Darauf, am nächsten Morgen nämlich, +trat er seinen Dienst an, das heißt, der Dienst trat an ihn heran und +verlangte von ihm dieses und jenes und ließ ihm keine Zeit mehr übrig, +zu denken, ob es ein netter Dienst sei oder nicht. Die Nacht hatte er +bei dem Knaben, seinem jungen Herrn, zugebracht, schlafend und immer +wieder aufwachend; denn es war ihm befohlen worden, nur ganz leicht, +leise und oberflächlich, also absichtlich schlecht zu schlafen, damit er +sich daran gewöhne, schnell, bei jedem nur geflüsterten Ruf des Kranken, +aus dem Bett zu springen und nach des Knaben Befehle zu fragen. Simon +glaubte der Mann zu einem solchen Schlaf zu sein; denn wenn er gelinde +nachdachte, verachtete er den Schlaf und nahm gerne die Gelegenheit +wahr, die ihn nötigte, sich aus einem dichten und tiefen Schlaf nichts +zu machen. Am nächsten Morgen sodann spürte er nicht im geringsten, daß +er schlecht geschlafen habe, konnte aber auch nicht nachzählen, wie +oftmals er aus dem Bett aufgesprungen sei, und ging munter an die +Arbeit. Vorerst hatte er mit einem weißen, dicken Topf in der Hand auf +die Straße zu springen, um denselben dort von einer Frau mit frischer +Milch füllen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit konnte er einen +Augenblick lang den erwachenden, feuchtglänzenden Tag betrachten, seine +beiden Augen damit trunken und feurig machen und wiederum die Treppe +hinaufspringen. Er machte die Beobachtung, daß ihm seine Glieder gut und +geschmeidig gehorchten, wenn er hinauf und hinunter eilte. Alsdann hatte +er, bevor die Frau noch aus ihrem Schlafe erwachte, mit dem Mädchen +gemeinschaftlich diejenigen Zimmer aufzuräumen, die ihm vorgeschrieben +waren: das Eßzimmer, den Salon und das Schreibzimmer. Der Boden mußte +mit einem Besen abgekehrt, die Teppiche abgebürstet, Tisch und Stühle +abgewischt, Fenster angehaucht und abgeputzt und alle im Zimmer +befindlichen Gegenstände angerührt, in die Hand genommen, gesäubert und +wieder an Ort und Stelle gelegt werden. Das alles mußte blitzschnell vor +sich gehen, aber Simon dachte, wenn er das dreimal gemacht habe, würde +er es mit geschlossenen Augen tun können. Nachdem diese Arbeit getan +war, bedeutete ihm das Mädchen, daß er jetzt ein Paar Schuhe reinigen +könne. Simon nahm die Schuhe in die Hand, wahrhaftig, es waren der Dame +ihre Schuhe. Schöne Schuhe waren es, zierliche Schuhe mit Pelzbesatz und +von so zartem Leder wie Seide. Simon hatte immer für Schuhe geschwärmt, +nicht für alle, nicht für grobe, aber für so seine immer, und nun hielt +er solch einen Schuh in der Hand und hatte die Pflicht, ihn zu säubern, +obgleich er eigentlich nichts daran zu säubern bemerkte. Immer schienen +ihm Füße von Frauen etwas Heiliges zu sein, und Schuhe glichen in seinen +Augen und Sinnen Kindern, glücklichen, bevorzugten Kindern, die das +Glück hatten, den feinbeweglichen, empfindlichen Fuß zu bekleiden und zu +umschließen. Welch eine schöne Erfindung der Menschen, solch ein Schuh, +dachte er, indem er daran mit einem Tuch herumwischte, um so zu tun, als +ob er putzte. Da wurde er von der Frau selber überrascht, die in die +Küche kam und ihn mit einem strengen Blick maß; Simon beeilte sich, ihr +Guten Tag zu sagen, worauf sie nur mit ihrem Kopf nickte. Simon fand das +allerliebst, ja entzückend, sich Guten Morgen sagen zu lassen und nur so +mit dem Kopf zu nicken als Erwiderung, als wolle man sagen: ja, lieber +Bursche, ja, ich danke dir, ich habe es gehört, es war sehr nett gesagt, +es hat mir gefallen! + +»Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Frau. + +Simon war sehr glücklich über ihren Tadel. Wie oft, wenn er durch heiße, +verbrannte, menschenleere Gassen geschlendert, absichtslos +herumgewandert war, empfand er in seinem Herzen Sehnsucht nach einem +bösen, bissigen Tadel, nach einem Schimpfwort, nach einem Fluch und +beleidigenden Ausruf, nur um die Gewißheit zu haben, nicht ganz allein, +nicht ganz ohne Teilnahme zu sein, und wenn die Teilnahme auch eine rohe +und verneinende gewesen wäre. »Wie lieb klingt dieser Tadel aus ihrem +Frauenmund,« dachte er, »wie bindet mich das an sie, wie sehr verbindet +und verknüpft und fesselt es, man fühlt solch einen Tadel wie eine +kleine, gar nicht sehr schmerzende Ohrfeige, eines Fehlers wegen, den +man begangen hat«; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch Fehler +zu begehen, nein, nicht gerade ausschließlich, denn das würde ihn zum +Tölpel gestempelt haben, aber regelmäßig kleinere Versehen, schön +beabsichtigt, um den Genuß zu haben, eine empfindliche und an Ordnung +gewöhnte Dame entrüstet zu sehen. Entrüstung, nein, nicht gerade +Entrüstung, sondern mehr ein Fragen, ein Staunen über seine, Simons +Ungeschicklichkeit. Dann hätte man Gelegenheit, in andern Punkten zu +glänzen, und so durfte man das Vergnügen haben, zu beobachten, wie sich +ein strenges und ärgerliches Gesicht in ein freundlicheres und +befriedigtes verwandelte. Welche Freude, sich einen Menschen zur +Zufriedenheit innig umzustimmen, wenn man ihn vorher gekränkt gesehen +hat. »Heute morgen bereits einen lieben Tadel geerntet,« dachte Simon, +und weiter: »wie angenehm ist es, der Getadelte zu sein, es ist +gewissermaßen ein reiferer, überlegener Zustand. Ich bin wie geschaffen +dazu, getadelt zu werden; denn ich empfinde den Tadel dankbar, und nur +solche verdienen freundschaftlich getadelt zu werden, die dafür durch +entsprechende Körperhaltung, die sie anzunehmen haben, zu danken +wissen.« + +Simon stand wirklich entsprechend da, und er fühlte: »Nun erst bin ich +der Diener dieser Frau; denn sie tadelt mich, weil sie ein Recht in sich +fühlt, mich ohne viel Überlegen zurechtzuweisen, und dabei von mir ein +korrektes Schweigen erwartet. Wenn man einen untergebenen Beamten +tadelt, so schmerzt man ihn, und man trägt immer die geheime Absicht, +ihm auch wirklich weh zu tun durch das Merkenlassen der höheren Stufe, +die man einnimmt. Einen Diener tadelt man nur in der Absicht, ihn zu +belehren und zu erziehen, so wie man ihn haben will; denn ein Diener +gehört einem, während man mit einem untergebenen Beamten, wenn die +Feierabendstunde schlägt, menschlich weiter nichts mehr zu tun hat. Ich +zum Beispiel jetzt bin mit der Wärme des Herzens getadelt worden, dazu +kommt noch, daß der Tadel von einer Frau kommt, die zu den Frauen +gehört, die immer lieblich sind, wenn sie sich so etwas herausnehmen. In +der Tat, Damen muß man einen Tadel aussprechen hören, um zu der +Überzeugung zu gelangen, daß sie es besser verstehen als die Männer, +ohne kleinliche Kränkung einen Fehler zu rügen. Vielleicht ist das aber +falsch, und ich sehe, was, wenn es von einem Mann kommt, mich verletzt, +von Damen herkommend, nicht für beleidigend, sondern für aufmunternd an. +Einem Mann gegenüber empfinde ich immer die stolze Gleichstellung, einer +Dame gegenüber niemals, weil ich ein Mann bin, oder weil ich mich darauf +vorbereite, einer zu werden. Vor Frauen muß man sich entweder überlegen +oder unterlegen fühlen! -- Einem Kinde zu gehorchen, wenn es reizend +befiehlt, ist mir etwas Leichtes, dagegen einem Mann: Pfui! Nur Feigheit +und geschäftliche Interessen mögen einen Mann dazu veranlassen, vor +einem andern Mann zu kriechen: Niedrige Gründe, das! Aus diesem Grunde +bin ich froh, daß ich einer Frau zu gehorchen habe; denn das ist +natürlich, weil es niemals ehrverletzend sein kann. Eine Frau kann die +Ehre eines Mannes niemals verletzen, es sei denn beim Ehebruch, aber da +benimmt sich der in Frage kommende Mann meist als ein schwacher Tölpel, +den es gar nicht entehrt, wenn er betrogen wird, da ihn schon die +Möglichkeit des Betruges längst vorher in den Augen derer entehrt hat, +die ihn kannten. Unglücklich können Frauen machen, aber entehren können +sie niemals; denn das wirkliche Unglück ist keine Schande und kann nur +auf rohe Gemüter und Sinnesarten komisch wirken, auf solche Menschen, +die sich allerdings ihrerseits dann eine Unehre antun, es zu verlachen.« + +»Kommen Sie!« + +Mit diesem Wort riß die Dame ihren Diener aus seiner anmaßlichen +Gedankenreihe und befahl ihm, nun den kranken Knaben ankleiden zu gehen. +Er gehorchte und tat, was sie verlangte. Er trug ein Becken voll +frischen Wassers an das Bett und wusch mit einem Waschschwamm sorgsam +das Gesicht des Knaben, reichte ihm ein Glas, halbgefüllt mit klarem +Wasser, und ließ ihn den Mund damit wässern, was der Knabe mit seinen +schönen Händen sehr hübsch tat, nahm dann eine Bürste und einen Kamm zur +Hand, brachte das Haar des im Bett Liegenden in Ordnung und reichte ihm +zum Schluß das Frühstück auf einem silbernen Tablett dar, schaute zu, +wie es bedächtig, mit vielem Absetzen, verzehrt wurde, ohne müde oder +gar ungeduldig zu werden; denn wie häßlich und unpassend würde Ungeduld +hier gewesen sein; trug das Geschirr wieder hinaus und kam wieder, um +nun den Kranken, der sich nicht selbst anziehen konnte, anzukleiden. Er +hob den leichten, dünnen Körper mit einiger Scheu zum Bette heraus, +nachdem er schon vorher den Füßen und Beinen die Strümpfe übergezogen +hatte, steckte an die Füße kleine Hausschuhe, nahm die Beinkleider zur +Hand, um sie anzuziehen, schnallte den Gurt der Hose zu, warf die +Hosenträger, wie es sich schickte, von hinten über, alles schnell, alles +geräuschlos, und so, daß jede Bewegung auch wirklich gleich etwas tat, +legte dem Hals des Knaben jetzt den Kragen um, einen breiten, umgelegten +Knabenkragen, befestigte mit gutem Geschick eine Krawatte an den +Hemdknopf; das Hemd war natürlich längst übergeworfen worden; reichte +jetzt die Weste, ließ die Arme hineinschlüpfen, ebenso den Rock und die +paar Gegenstände, die der Knabe bei sich zu tragen pflegte, als Uhr, +Uhrgehänge, Messer, Taschentuch und Notizbuch, und das Werk war fertig. +Nun mußte Simon des kleinen Herrn Bett in Ordnung bringen, sowie das +ganze Schlafzimmer in der Weise, wie es ihm die Dame zeigte, aufräumen, +die Fenster öffnen, die Kissen, Bettdecke und das Laken ans Fenster +legen und alles so machen, wie es getan wird und wie er merkte, daß es +getan werden mußte. Die Dame verfolgte alle seine Bewegungen, wie ein +Fechtmeister den Bewegungen seines Schülers folgt, und fand, daß er sich +mit Talent in die Arbeit schickte. Sie sagte nicht etwa ein Wort der +Anerkennung. Würde ihr nicht von ferne eingefallen sein. Außerdem mochte +ihr Diener an ihrem Schweigen merken, daß sie seine Art und Weise +billige. Es freute sie, wie zart er mit ihrem Sohn umgegangen war, da +sie bemerkt hatte, wie jede Bewegung Simons beim Ankleiden dessen +Achtung für den Kranken aussprach. Sie mußte lächeln, als sie gewahrt +hatte, mit welcher Scheu er zuerst angefaßt, und wie er dann später die +Scheu überwunden hatte und mit seinem Tun kräftiger, ruhiger und +gleichmäßiger geworden war. Dieser junge Mann gefiel ihr vorläufig, +mußte sie sich sagen. »Wenn er fortfährt, wie er angefangen hat, so will +ich ihn dafür lieb haben, daß er mich nicht in meinem Gefühl, das ich +mir gleich von Anfang an von ihm machte, betrogen hat,« dachte sie. »Er +ist sehr still und anständig und scheint das Talent zu besitzen, sich +mit jeder Lage gleich vertraut machen zu können. Und da er, wie ich +glaube aus seinen Manieren schließen zu dürfen, aus gutem Hause +herstammt, will ich ihn, um seiner Mutter willen, die vielleicht noch +lebt, und um seiner Geschwister willen, die vielleicht geachtete +Stellungen einnehmen und besorgt sind um sein Schicksal, zu einem klugen +und schönen Betragen anhalten und will Freude haben, wenn ich sehe, daß +er einschlägt und sich so benimmt, wie man es von ihm erwartet. +Vielleicht darf ich ihn in kurzem etwas zutraulicher behandeln, als man +gezwungen ist, mit seinen Dienstboten zu verkehren. Aber ich will acht +geben und ihm keinen Anlaß geben, durch zu frühes freundliches +Entgegenkommen, mir unverschämt zu begegnen. In seinem Charakter sitzt +eine leise Beigabe von Unverschämtheit und Trotz, und diese darf nicht +geweckt werden. Ich werde immer mein Gefallen, das ich an ihm habe, +unterdrücken müssen, wenn ich will, daß er immer die Lust hat, mir zu +gefallen. Ich glaube, er liebt mein strenges Gesicht, ich erriet so +etwas, als er vorhin lächelte, wo ich ihn doch ziemlich unfreundlich +getadelt habe. Die Menschen muß man erraten, wenn man sie von ihrer +schönen Seite haben will. Er hat Seele, dieser junge Mann, man muß ihm +deshalb auch seelenvoll und seelenbewußt entgegentreten, um etwas bei +ihm zu erreichen. Man nimmt Rücksicht, und tut doch so, als ob man keine +nähme, wie man ja auch wirklich keine zu nehmen nötig hätte. Aber es ist +besser und klüger, man nimmt, wenn man mit Ruhe kann.« -- Sie beschloß, +den Simon ein bißchen abenteuerlich zu nehmen, und schickte ihn jetzt +aus, um Einkäufe zu machen. + +Das war nun wieder etwas ganz Neues für Simon, durch die Straßen zu +eilen, mit einem Korb oder mit einer ledernen Tragtasche in der Hand, +Fleisch und Gemüse zu kaufen, in die Läden zu treten und dann wieder +nach Hause zu springen. In den Straßen sah er die Menschen ihren +verschiedenartigen Geschäften nachgehen, jeder trug sich mit einer +Absicht und er selber auch. Es schien ihm, daß die Leute sich über seine +Gestalt verwunderten. Sollte sein Gang etwa nicht zu dem gefüllten +Korbe, den er leicht trug, passen? Waren seine Bewegungen zu frei, als +daß sie zu seinem Auftrage, nämlich zum Botenlaufen, gestimmt hätten? +Aber es waren freundliche Blicke, die er bekam; denn man sah ihn eilig +und geschäftig, und er mußte den Eindruck eines pflichteifrigen Mannes +machen. »Wie schön ist es doch,« dachte Simon, »so mit einer Pflicht im +Kopf durch die Straßen neben den wimmelnden Menschen her zu laufen, von +einigen überholt zu werden, die längere Beine haben, und andere wieder +zu überflügeln, die träger gehen, als wenn sie Blei in ihren Schuhen +hätten. Wie hübsch ist es, von den sauberen Mägden für ihresgleichen +angeblickt zu werden, zu beobachten, welchen Scharfblick diese einfachen +Wesen haben, zu sehen, daß sie beinahe Lust hätten, bei einem schnell +stehen zu bleiben, um zehn Minuten lang plaudern zu können. Wie die +Hunde auf der Straße laufen, als wären sie hinter dem Wind her, wie +Greise noch geschäftig sind mit ihren gebeugten Nacken und Rücken! Und +da möchte man noch schlendern! Wie entzückend sind die einzelnen Frauen, +an denen man, ohne beachtet zu werden, vorüberrennen darf. Was sollte +man von ihnen beachtet werden. Wäre noch schöner! Es genügt doch, selber +Beobachteraugen zu haben. Hat man etwa die Sinne nur, daß sie gestachelt +werden, und nicht, damit man sie selber stachle? Die Augen der Frauen an +einem solchen Straßenmorgen, wie dieser, wenn sie so in die Ferne +blicken, sind etwas Herrliches. Augen, die an einem vorbeisehen, sind +schöner, als solche, die einen ansehen. Es ist, als verlören sie +dadurch. Wie man rasch denkt und fühlt, wenn man so rasch läuft. Nur den +Himmel nicht betrachten! Nein, lieber nur empfinden, daß da oben, über +dem Kopf und über den Häusern etwas Schönes und Weites schwebt, etwas +Schwebendes, vielleicht Blaues, ganz gewiß Duftiges. Man hat Pflichten, +und das ist auch etwas Schwebendes, Fliegendes, Hinreißendes. Man trägt +etwas mit sich, das man nachzählen und abliefern muß, um als +zuverlässiger Mensch dastehen zu können, und ich bin gegenwärtig so, daß +es mir mein einziges Vergnügen ist, als zuverlässiger Mensch dazustehen. +Die Natur? Mag sie sich einstweilen verstecken. Ja, es ist mir, als ob +sie sich verborgen hielte, da, hinter den langen Häuserreihen. Der Wald, +er reizt mich vorläufig nicht mehr, soll mich nicht reizen. Immerhin, es +hat etwas Schönes, zu denken, daß alles doch noch da ist, während ich +flüchtig und geschäftig durch die blendende Straße eile, mich um nichts +bekümmere, als um das, was ich mit meiner Nase denken könnte, so einfach +ist es.« -- Er zählte das Geld in der Westentasche mit fühlenden Fingern +nach, ohne es heraus zu nehmen, und ging nach Hause. + +Nun hatte er den Tisch zu decken. + +Er mußte ein sauberes, weißes Tischtuch über den Tisch breiten, daß die +Falten nach oben zu liegen kamen, dann die Teller hinlegen, so, daß der +Tellerrand nicht über den Tischrand hinausragte, dann Gabel, Messer und +Löffel hinlegen, Gläser aufstellen und eine Karaffe mit frischem Wasser, +Servietten auf die Teller legen und das Salzgefäß auf den Tisch stellen. +Stellen und legen, hinlegen und anfassen und hinstellen, zart anfassen, +dann wieder gröber, Tücher mit Fingerspitzen anfassen und Teller nur mit +Vorsicht berühren, ausbreiten und ausrichten, nämlich die Bestecke, +keinen Lärm dabei verursachen, schnell sein und doch wiederum behutsam, +vorsichtig und kühn, steif und glatt, ruhig und doch energisch, Gläser +nicht aneinanderklirren, und Teller nicht klappern lassen, aber über ein +vorkommendes Klappern und Klirren auch nicht erstaunt sein, sondern es +begreiflich finden, dann der Herrschaft melden, daß der Tisch gedeckt +sei, und dann die Speisen auftragen und dann zur Tür hinausgehen, um +wieder hineinzugehen, wenn geklingelt wurde, zusehen, wie gegessen wurde +und Freude dabei empfinden, sich zu sagen, daß es hübscher sei, zu +sehen, wie gegessen werde, als selber zu essen, dann den Tisch wieder +abräumen, das Geschirr hinaustragen, einen Rest Braten in den Mund +stecken und dabei eine frohlockende Miene machen, als wäre es etwas, um +dabei eine frohlockende Miene machen zu müssen, dann selber essen und +finden, daß man jetzt wirklich verdiene, selber etwas zu essen: das +alles mußte Simon. Er mußte nicht alles, zum Beispiel mußte er nicht +gefrohlockt haben, wenn er stahl, aber es war sein erster, zarter +Diebstahl, und deswegen mußte er frohlocken; denn es erinnerte ihn +lebhaft an die Kindheit, wo man stiehlt, irgend etwas aus dem +Speiseschrank, und dabei frohlockt. + +Nach dem Essen hatte er dem Mädchen zu helfen, das Geschirr zu säubern, +abzuwaschen und abzutrocknen, und das Mädchen war nicht wenig erstaunt, +zu sehen, wie behend er das machte. Wo er das gelernt hätte? »Ich war +doch auf dem Lande,« antwortete Simon, »und auf dem Lande tut man +dergleichen. Ich habe dort eine Schwester, die Lehrerin ist, der habe +ich beim Geschirrtrocknen immer geholfen.« + +»Das war hübsch von Ihnen.« + + + + +Zwölftes Kapitel. + + +Simon kam es ganz wunderbar vor, in dieser stillen Küche, mitten in +einer großen Stadt, zu handwerken. Wer hätte das je gedacht. Nein, der +Mensch kam doch nie dazu, sich eine Zukunft zu malen. Er, der früher +frei über die Bergweiden streifte, wie ein Jäger unter dem offenen +Himmel schlief und die Luft zu eng fand, wenn er Ausblicke genoß, die +die vor ihm liegende Erde auseinanderbreiteten und dehnten, der die +Sonne heißer, den Wind stürmischer, die Nacht dunkler und die Kälte +grimmiger wünschte, wenn er draußen, zu jeder Jahreszeit und bei jeder +Witterung, suchend, händereibend und atempustend herumlief, er steckte +jetzt in einer kleinen Küche und trocknete einen tropfenden Teller warm +ab. Er war froh. »Ich bin froh, so gehemmt, so eingesteckt, so eingeengt +zu sein,« sagte er zu sich, »was will der Mensch nur immer die Weite +haben, und dazu doch Sehnsucht, die doch so was Beengendes ist! Hier bin +ich eng eingeklemmt zwischen vier Küchenwände, aber mein Herz ist weit +und erfüllt von der Lust an meiner bescheidenen Pflicht.« + +Es war ein wenig erniedrigend für ihn, sich in einer Küche zu wissen, +mit einer Arbeit beschäftigt, die sonst nur Mädchen verrichten. Ein +wenig erniedrigend und ein wenig lächerlich war es, aber es war +entschieden geheimnisvoll und absonderlich. Kein Mensch konnte sich +jetzt diese Lage von ihm austräumen. Dieser Gedanke hatte wiederum etwas +Genugtuerisches und Stolzes. Man konnte bei diesem Gedanken lächeln. Das +Mädchen fragte ihn, was er denn früher in seinem Leben gewesen sei, und +er antwortete: »Schreiber!« Sie konnte nicht begreifen, wie man so wenig +Ehrgeiz besitzen könne, das Schreibpult aufzugeben, um in eine +Haushaltung hineinzukriechen. Simon sagte darauf, es gäbe in diesem +Falle erstens nichts zu kriechen, wie sie sich da so lieblich ausdrücke, +und zweitens sei es noch eine Frage, was besser wäre: ein Sitz hinter +einem Pult oder der Zustand eines Geschirrabwischers. Er zöge bei weitem +die freie, luftige, heiße, dampfige, interessante Küche dem öden Bureau +vor, in dem die Luft meist schlecht und die Laune eine verbitterte sei. +Hier sei kein Anlaß, bitter zu sein, hier, wo der Braten in der Pfanne +schmore, das Gemüse koche, die Suppe dampfe, das Kupfer so lieblich +herabblinke vom Gestell und die Teller so freundlich klängen, wenn man +sie aneinanderschlüge. Aber Diener sein, das sei doch nicht viel, das +bedeute doch gar nichts, meinte das muntere Mädchen. Er wolle nichts +bedeuten, erwiderte Simon sanft. Sie ließ es dabei bewenden, doch fand +sie, daß er ein kurioser, schwer begreiflicher Mensch sei. Aber sie +dachte: »er ist anständig,« und fühlte, »er dürfte sich viel erlauben!« +Simon war eben fertig geworden mit seiner Arbeit, als die Dame in die +Küche trat und zu ihm sagte, er möge hineinkommen, sie habe eine +Beschäftigung für ihn. »Was für eine schöne Beschäftigung hat sie wohl +für mich,« dachte Simon, und er folgte der Voranschreitenden. »Sie haben +jetzt, während des Nachmittages, weiter nichts zu tun, da können Sie +meinem Knaben und mir aus einem Buche vorlesen. Verstehen Sie +vorzulesen?« + +Simon bejahte. + +Und dann las er eine volle Stunde lang vor, mit etwas gepreßtem Atem, +aber mit richtiger, scharfer, schöner Aussprache und mit einer warmen +Stimme, die anzeigte, daß der Leser miterlebte, was er las. Der Dame +schien es zu gefallen, und der Knabe war ganz nur Ohr bis zum Schluß, wo +er sich anmutig für den Genuß bedankte. Simon, dessen Wangen hochrot vor +Bewegung glühten, fand es schön, daß man ihm dankte. Er verfügte sich, +da er weiter vorläufig nichts zu treiben wußte, in das Domestikenzimmer, +das die Abendsonne rötlich beleuchtete, und fing an, zum Fenster hinaus +zu rauchen. + +»Ich sehe es unlieb, wenn Sie hier rauchen,« sprach die hereintretende +Frau. + +Er rauchte aber weiter, und sie ging wieder, etwas ärgerlich, hinaus. +»Ich begreife allerdings, daß es ihr nicht lieb ist, aber, muß ihr denn +alles lieb an mir sein? Das Rauchen gebe ich nicht auf. Nein! Zum +Teufel, nein! Und wenn zwanzig Damen kämen und eine nach der andern es +mir verböten.« Er war wütend, aber er wurde sofort wieder sanft und +sprach zu sich: »Ich hätte die Zigarette wegwerfen sollen; das war +unverschämt!« + +In diesem Augenblick, den er dazu benutzen wollte, ein Selbstgespräch zu +führen, tönte im Korridor ein Schrei und unmittelbar darauf ein heftiger +Knall von einem zu Boden stürzenden Geschirr. Simon öffnete die Tür und +erblickte die Frau, wie sie mit wehklagendem, stummem und betrübtem +Gesicht zu Boden sah, wo die Scherben einer ihr gewiß teuer gewesenen +Porzellanplatte herumlagen. Sie hatte die Platte mit einem Stück Torte +drauf vom Eisschrank weg in ihr Zimmer tragen wollen und dieselbe fallen +lassen, sie konnte selber nicht sagen, wie. Es brauchte ja nur eine +kleine Täuschung der Sinne gewesen zu sein, oder sonst etwas, und das +Unglück war eben geschehen. Als die Frau den Simon bemerkte, der hinter +ihrem Rücken stand, verwandelte sich sogleich ihr betrübtes Gesicht in +ein zürnendes und anklagendes, und sie sagte zu ihm, in einem Tone, der +genug sagte, was sie empfand: »Lesen Sie zusammen!« Simon bückte sich zu +Boden und las die Scherben zusammen. Während er es tat, streifte seine +Wange das Kleid seiner Herrin und er dachte: »Verzeih mir, daß ich +gerade dastehen mußte, um zu sehen, daß du dich ungeschickt benommen +hast. Ich begreife deinen Zorn. Ich bekenne mich schuldig, die Platte, +die du hast fallen lassen, zerbrochen zu haben. Ich habe sie zerbrochen. +Wie muß es dir doch weh tun. Eine so schöne Platte. Gewiß war sie dir +lieb. Du tust mir leid. Meine Wangen streifen dein Kleid. Jede Scherbe, +die ich zusammenlese, sagt mir: »Elender,« und der Saum von deinem Rock +sagt mir: »Glücklicher!« Ich lese absichtlich langsam zusammen. Versetzt +es dich nicht in neuen Zorn, dies bemerken zu müssen? Es macht mir Spaß, +der Übeltäter gewesen zu sein. Du gefällst mir, wenn du mir zürnst. +Weißt du, warum mir dein Zorn gefällt? Weil er so zart ist, dein Zorn! +Nur weil ich dich sah, wie du dich ungeschickt benahmst, zürnst du mir. +Du mußt einige Achtung vor mir haben, da es dich kränken kann, wenn du +dich vor mir blamierst. Du Hohe, vor mir Niedrigem. Wie entzückend +zornig befahlst du mir, die Scherben zusammenzulesen. Und ich beeile +mich damit gar nicht; denn ich möchte, daß du recht ärgerlich und böse +würdest, weil ich so lange bei den Scherben verweile, die mir doch sagen +müssen, wie ungeschickt du warst, die es dir auch sagen müssen. Du +stehst immer noch da? Es muß jetzt eine Mischung von seltsamen +Empfindungen in dir sein: Scham, Schmerz, Zorn, Ärger, Gleichmut, +Gereiztheit, Gelassenheit, Überraschung und Hoheit und so viel kleines, +nebenherschleichendes Unsagbares, das der Moment wegnimmt, ehe man es +nur recht hat empfinden können, das da war wie ein Nadelstich oder wie +ein Duft oder wie ein Blinzeln von einem Augenpaar. -- Dein seidenes +Kleid ist schön, wenn man denkt, daß es einen Frauenleib einhüllt, der +vor Aufregung und vor Schwäche zittern kann. Deine Hände sind schön, die +so lang zu mir herabhängen. Ich hoffe, daß du mir einmal eine Ohrfeige +damit gibst. Jetzt gehst du schon weg, ohne mich gescholten zu haben. +Wenn du gehst, kichert und flüstert dein Kleid auf dem Boden. Vorhin +verbotest du mir zu rauchen. Aber ich werde die Frechheit besitzen, zu +rauchen, wenn ich hinter dir auf den Markt gehe, um mit dir Einkäufe zu +machen. Da sollst du mich rauchen sehen, weiße, blendende Zigaretten, +und ich will hoffen, daß du alsdann die Geistesgegenwart besitzest, sie +mir aus dem Mund zu schlagen. Jetzt eben mußte ich dich mit allen meinen +mir zu Gebote stehenden Gebärden dafür um Verzeihung bitten, daß du eine +Platte zerschlagen hast. Ich wollte, ich könnte Gelegenheit haben, etwas +zu verüben, das dich veranlassen würde, mich zum Teufel zu jagen. O +nein, nein! Was denke ich da. Ich bin schon verrückt. Wahrhaftig, diese +Scherbenangelegenheit hat mich verrückt gemacht. Jetzt wird es Abend +sein draußen auf der Straße. Die Laternen werden hellgelb brennen in den +verlöschenden Tag hinein. Jetzt möchte ich auf die Straße. Es geht nicht +anders, ich muß auf die Straße hinunter.« -- + +»Ich möchte einen kleinen Ausgang machen,« sagte er, in ihr Zimmer +tretend, »darf ich?« + +»Ja! Aber daß Sie mir nicht zu lange bleiben!« + +Simon stürzte hinaus, die Treppe hinunter, wo ihm eine verschleierte +Frauengestalt staunend nachblickte, zum Haus hinaus, auf die Straße, an +die Luft, in die bewegliche, feuchte, glitzernde, abendliche Freiheit. +Seltsam sei doch, dachte er, dieses Gehören an ein Haus, wo man recht +wie ein Gefangener lebe. Seltsam sei es, ein erwachsener Mensch zu sein +und als ein erwachsener Mensch hingehen zu müssen, zu einer Dame, in ein +dunkles Zimmer, wo man die Frau nur halb im Dunkel sähe, und sie um +Erlaubnis zu fragen, ausgehen zu dürfen. Als ob man ein Möbel von ihr +wäre, ein Gegenstand, ein gekauftes Stück, ein Etwas, ein irgend Etwas, +und als ob dieses Etwas nichts wäre, oder nur insofern etwas, als es +sich dazu eigne, so ein Etwas zu sein, ihres zu sein! Seltsam sei es +auch, daß man trotzdem diesen Zustand als eine Art Heimat und +Zuhausesein fühle. Man liefe jetzt eigentlich zehnmal gehobener auf der +Straße umher, weil jemand, den man darum bitten mußte, es einem erlaubt +habe. Ein Erlaubnisbekommen, das sei allerdings etwas Schülerhaftes, +aber es müßten, dachte er, selbst Greise oft noch, und unter +kränkenderen Umständen, um eine Erlaubnis fragen. So sei alles wunderbar +im Leben, und man müsse sich in das Wunderbare schicken, wenn es oft +auch seltsam aussähe. + +Er ging die Straße hinunter und verliebte sich in das süße Straßenbild +mit den aufgehenden Sternen, mit den dichten Bäumen, die in langer, +gerader Reihe davonliefen, mit den ruhiger gehenden Menschen, mit der +Pracht des Abends, mit der tiefen, beweglichen Ahnung der Nacht. Auch er +ging ruhig, beinahe träumerisch. Am Abend war es keine Schande, ein +träumerisches Aussehen zu machen, wo unwillkürlich alle träumen mußten +in dieser Atmosphäre voll von dem Duft des Frühsommerabends. Viele +Frauen spazierten umher, mit kleinen, eleganten Täschchen in der +behandschuhten Hand, mit Augen, in denen das Licht des Abends +fortleuchtete, in engen Kleidern von englischem Schnitt oder in +faltigen, schleppenden Röcken und Roben, die sich wundervoll breit in +der Straße bewegten. Die Frau, dachte Simon, wie verherrlicht sie das +Bild der städtischen Straße. Sie ist wie geschaffen zum promenieren. Man +fühlt, sie promeniert, sie genießt ihr eigenes, wiegendes, schönes +Gehen. Am Abend geben die Frauen den Ton des Abends an, dazu passen ihre +Figuren mit diesen Armen voll Wehmut und Fülle und diesen Brüsten voll +atmender Beweglichkeit. Ihre Hände in Handschuhen sehen wie Kinder in +Masken aus, mit denen sie winken, in denen sie immer etwas halten. Ihre +ganze Haltung setzt die abendliche Welt in tönende Musik um. Wenn man +jetzt, so wie ich es tue, hinter ihnen hergeht, so gehört man schon zu +ihnen, in Gedanken, in fühlenden Schwankungen, in schlagenden Wellen, +die an das Herz schlagen. Sie winken nicht, und doch winken sie einem. +Obschon sie keine Fächer tragen, sieht man in einer ihrer Hände einen +Fächer und er blitzt und blendet wie getriebenes Silber in dem +verlorenen, verschwommenen Abendlicht. Die reifen, üppigen Frauen passen +besonders schön zum Abend, so wie Greisinnen in den Winter und blühende +Mädchen in den eben erwachten Tag hineinpassen, wie Kinder in den +dämmernden Morgen und junge Ehegattinnen in den heißen Mittag, wo die +Sonne der Welt am glühendsten scheint. + +Es war neun Uhr, als Simon wieder nach Hause kam. Er hatte sich +verspätet und mußte Vorwürfe anhören, wie dieser: wenn das noch einmal, +noch ein einziges Mal vorkomme, so -- -- dann --. Er hörte eigentlich +nicht, sondern vernahm nur den Klang des Vorwurfes, innerlich lachte er, +äußerlich schien er betrübt, das heißt, er setzte ein dummes Gesicht auf +und fand es nicht für notwendig, den Mund aufzutun, um etwas zu +erwidern. Er zog den Knaben aus, legte ihn in das Bett und zündete ein +kleines Nachtlicht an. + +»Dürfte ich um ein Licht für mich bitten,« fragte er die Dame. + +»Was wollen Sie mit dem Licht?« + +»Einen Brief schreiben.« + +»Kommen Sie zu mir herein, da können Sie schreiben!« sagte die Dame. + +Und er durfte sich an ihren Schreibtisch setzen. Sie gab ihm einen +Briefbogen, einen Briefumschlag für die Adresse, eine Marke, eine Feder +und erlaubte ihm, ihre Briefmappe als Unterlage zu benutzen. Sie saß +dicht daneben, in einem Sessel, eine Zeitung lesend, während er schrieb: + +Lieber Kaspar. Ich bin wieder in der dir bekannten Stadt und sitze an +einem schönen, dunkelgefärbten Schreibtisch in einem hellerleuchteten +Zimmer, während unten in der Straße, in der Sommernacht, unter den +Bäumen voll herunterhängender Blätter die Menschen lustwandeln. Ich kann +leider nicht mitpromenieren, denn ich bin an ein Haus gefesselt, nicht +gerade mit Händen und Füßen, aber mit dem Pflichtbewußtsein, das ich +nach und nach ausbilde, und das auch schließlich einmal da sein will. +Ich bin der Diener einer Frau geworden, die einen kranken, kleinen +Knaben hat, den ich pflegen muß, nicht viel anders, als wie eine Mutter +ihren Sohn pflegt, denn seine Mutter, meine Herrin, wacht über jeder +meiner Bewegungen, als wäre ihr Auge der Leiter meines Tuns und als +flöße sie mir ihre eigene Sorgfalt ein, wenn ich mit dem Knaben +beschäftigt bin. Sie sitzt jetzt, während ich an dich schreibe, neben +mir, in einem Sessel, denn es ist ihr eigenes Kabinett, in dem ich sitze +durch ihre Erlaubnis. Die Dinge liegen jetzt so, daß ich jedesmal, wenn +mich eine persönliche Sache hinaustreibt, zuerst fragen muß, darf ich +ausgehen?, wie ein Lehrjunge, der seinen Meister fragen muß. Immerhin, +es ist doch wenigstens eine Dame, die ich um so etwas bitten muß, und +das versüßt ein wenig die Sache. Unter Dienen versteht man das Aufpassen +auf Befehle, die Vorausahnung der Wünsche, die fertige Fixheit und fixe +Fertigkeit im Tafeldecken und Teppichabbürsten, mußt du wissen, wenn du +es noch nicht weißt. Ich habe bereits eine gewisse Vollkommenheit darin +erlangt, meiner Frau, die ich schlechthin meine Frau heiße, die Schuhe +zu putzen. Es ist nur ein kleines, geringes Geschäft, und doch verlangt +es auch Streben nach Vollendung, wie das Größte. Mit dem kleinen, jungen +Herrn werde ich, wenn es schönes Wetter ist, in Zukunft spazieren gehen +müssen. Dazu ist ein braunes Wägelchen da, in dem ich den Knaben +ausfahren kann, worauf ich mich, wenn ich recht nachdenke, eigentlich +wenig freue, da es langweilig sein wird. Du lieber Gott, ich werde es +tun müssen. Meine Herrin gehört zu der Sorte von Weibern, an denen das +Hervorstechende und Markante das Bürgerliche ist. Sie ist durch und +durch Hausfrau, aber in so strengem und schlichtem Sinn, daß man sagen +kann: es ist vornehm. Zu zürnen versteht sie meisterlich und ich +wiederum bin Meister darin, ihr dazu Anlaß zu geben. Zum Beispiel heute +zerschlug sie einen reichen Porzellannapf aus Gedankenlosigkeit und ward +böse auf mich, daß ich es nicht war, der ihn zerschlug. Sie zürnte mich +an, weil ich der unangenehme Zeuge ihrer Ungeschicktheit war und sie +machte ein Gesicht, wie es die Fliegenden Blätter öfters in ihren +Darstellungen bringen. Ein reines Fliegende-Blätter-Gesicht. Ich habe +die Scherben recht zärtlich-langsam aufgehoben, um die Frau zu ärgern, +denn ich muß sagen, ich ärgere sie gern. Sie ist reizend im Ärger. Schön +ist sie nicht, aber solche strenge Frauen atmen, wenn sie in lebhafte +Bewegung kommen, einen tiefen Zauber aus. Die ganze sittsame +Vergangenheit solcher Frauen zittert in ihren Erregungen, die deshalb +köstlich anzuschauen sind, weil sie aus so zarten Ursachen entflammen. +Für mich ist das nun einmal so, ich muß solche Weiber lieb haben, denn +ich bewundere und bemitleide sie zu gleicher Zeit. Hochmütig können +solche Frauen sein in Sprache und Gebaren, daß die Wangen beinahe +platzen und sich der Mund zu schmerzendstem Hohn zuspitzt. Ich liebe +solchen Hohn, denn er macht mich zittern, und ich bin gern voll Scham +und Wut: das treibt zu Höherem, das reizt zu Taten. Aber meine Frau da, +die höhnische, ist doch nur ein gutes, sanftes Weib, ich weiß es, und +das ist die Schurkerei an der Sache: daß ich es weiß. Wenn ich ihr, auf +ihren befehlenden Ton hin, gehorche, so muß ich dabei lachen, denn ich +bemerke, es freut sie, zu sehen, wie gern und schnell ich gehorche. Wenn +ich sie nun um etwas bitte, so schnauzt sie mich an und gewährt doch +gütig, vielleicht mit ein wenig Ärger darüber, daß ich in solch einer +Art und Weise bitte, der man gewähren muß. Ich tu ihr immer ein bißchen +weh, und denke: ganz recht! Tu das! Tu ihr immer ein bißchen weh. Das +ist amüsant für sie. Das will sie. Das erwartet sie nicht anders! Frauen +sind so leicht erkennbar, und doch haben sie so viel Unerkennbares. +Nicht wahr, das ist seltsam, lieber Bruder! Sie sind jedenfalls das +Belehrendste, was es auf der Welt für einen Mann gibt. -- Wenn die +wüßte, die neben mir sitzt, was ich schreibe! Einer meiner brennendsten +Wünsche ist, so bald wie möglich von ihr eine Ohrfeige zu erhalten, aber +ich muß leider zu meinem Schmerz daran zweifeln, daß sie dazu imstande +ist. Eine klatschende Ohrfeige ins Gesicht: ich möchte alle Küsse, die +ich noch erwarten darf, dafür weggeben. Dieses mit der Ohrfeige ist nun +eigentlich eine abscheuliche, aber dafür eine echt bourgeoise +Empfindung: sie lenkt in die Kindheit zurück, und wann hätte man nicht +öfters Sehnsucht nach dem Weit-zurückliegenden? Meine Frau hat so etwas +Zurückliegendes, etwas, bei dessen Anschauen man weit, weit zurückdenkt, +an eine vielleicht noch frühere Zeit als die Kindheit ist. Ich werde ihr +wahrscheinlich einmal die Hand küssen und dann wird sie mich zum Kuckuck +jagen, zum Tempel hinaus, wie man sagt. Mag ich's und mag sie's dann. +Was wird daran liegen. -- O ich verteufle hier, kann ich dir nur sagen, +ich merke es schon jetzt. Mein Geist gibt sich mit Serviettenfalten und +Messerputzen ab und das Schiefe ist, es gefällt mir. Kannst du dir eine +größere Versimplung denken! Wie geht es dir? Ich war drei Monate lang +auf dem Land, aber es ist mir, als sei diese Zeit schon weit hinter mir +zurück. Ich habe alle Aussicht, ein Mensch zu werden, der sich völlig +dem Tag hingibt, ohne seiner Verwandtschaft mit schwebenderen Dingen +mehr zu gedenken. Manchmal bin ich sogar zu faul, an dich zu denken, und +das scheint mir schon eine große Trägheit zu sein. Klara hoffe ich bald +einmal wieder zu sehen. Vielleicht hast du sie bereits vergessen, und +dann habe ich nicht an diesen Gegenstand zu rühren. Ich tue es auch +nicht. Adieu, mein Bruder. + +»An wen haben Sie geschrieben,« fragte die Frau, ermüdet vom +Zeitungslesen, als sie sah, daß Simon den Brief beendet hatte. + +»An einen Freund von mir, der jetzt in Paris lebt.« + +»Was ist er?« + +»Er war zuerst Buchbinder, da er aber mit diesem Beruf nicht reüssierte, +ist er Restaurationskellner geworden. Ich liebe ihn sehr, er ist mit mir +in die Schule gegangen, und dort habe ich mich ihm angeschlossen, weil +er unglücklich war schon als Knabe. Ich habe eines Tages gesehen, wie er +von seinen Klassengenossen verhöhnt, und dann eine steinerne Treppe +hinuntergeworfen wurde, wobei ich gerade in seine schönen, erschreckten, +gramvollen Augen sehen mußte. Seit diesem Tage bin ich sein innigster +Freund geworden, und wenn das Mitleid wirklich bindet, so muß ich mich +ihm verbunden fühlen, auch ohne darüber nachzudenken, für immer! Er ist +ein Jahr älter als ich, aber mir um Jahre vorgeschritten in Sitte und +Lebensart, denn er hat immer in Weltstädten gelebt, wo der Mensch +schneller reif wird. Früher hat er viel von der Malerei geschwärmt, hat +oft auch, während der Ausübung seines Buchbindergewerbes, versucht, +Bilder zu malen, ist aber damit zu seinem Schmerz nicht +vorwärtsgekommen, und hat mir eines Tages schamhaft zugestanden, daß er +sich entschlossen habe, sich ganz in den Strudel der Welt zu werfen, die +Kunst, seine Träumerei, zu vergessen, und ist Kellner geworden. Welch +ein Absturz, und zugleich: welch ein bewundernswerter Aufschwung! Ich +habe ihm gesagt, daß ich ihn dafür liebe und bewundere, um ihn zu +trösten, wenn er in stillen, einsamen Stunden sich dem Weh der +Erinnerung verfallen sehen mußte. Das ist klar, daß er oft Sehnsucht +nach jenem Besseren empfinden muß, während um ihn das Leben lärmt. Aber +sehen Sie, gnädige Frau, dieser Mensch ist stolz und gut. Zu stolz, um +einem verpaßten Leben nachzutrauern, und zu gut, um es ganz beiseite +lassen zu können. Ich kenne jede seiner Empfindungen. Einmal hat er mir +geschrieben, er sterbe wohl bald vor Öde und Langeweile. Das war seine +Seele. Und ein anderes Mal schrieb er mir: »Die dumme Träumerei! Das +Leben ist das Süße. Ich trinke Absinth und bin selig!« Das war sein +Mannesstolz. Sie müssen wissen: Die Frauen schwärmen für ihn, denn er +hat etwas Herzenherausforderndes an sich und wieder etwas Eisig-Kaltes. +Seine ganze Erscheinung, trotz des Kellnerfrackes, atmet Liebe und +Takt.« + +»Wie heißt er, dieser verunglückte Mensch,« fragte die Frau. + +»Kaspar Tanner.« + +»Wie? Tanner? So heißen ja Sie auch. Er ist also Ihr Bruder und Sie +sagten vorhin, er sei Ihr Freund.« + +»Freilich, mein Bruder, aber viel mehr mein Freund! Solch einen Bruder +muß man Freund nennen, wenn man die richtige Bezeichnung haben will. Wir +sind nur zufällig Brüder, aber Freunde sind wir mit Bewußtsein, und das +ist viel wertvoller. Was ist Bruderliebe? Als wir noch Brüder waren, +packten wir uns eines Tages am Halse, beidseitig, und wollten uns den +Garaus machen. Hübsche Liebe! Unter Brüdern ist der Neid und der Haß +nichts Außerordentliches. Wenn Freunde sich hassen, gehen sie +auseinander, wenn Brüder sich hassen, denen das Geschick das +Zusammenleben unter einem Dache vorschreibt, geht es nicht so gelinde +zu. Aber das ist eine alte und unschöne Geschichte.« + +»Warum schließen Sie Ihren Brief nicht zu?« + +»Ich möchte Sie bitten, von dem, was ich geschrieben habe, Kenntnis zu +nehmen.« + +Die Frau lächelte: + +»Nein, das tu ich nicht.« + +»Ich habe unziemlich von Ihnen gesprochen in dem Brief.« + +»Es wird nicht so schlimm sein,« bemerkte sie und stand auf: »Gehen Sie +zu Bett.« + +Simon tat, was sie befahl, und dachte, indem er hinausging: + +»Ich werde immer frecher. Bald jagt sie mich noch zum Haus hinaus!« -- + + + + +Dreizehntes Kapitel. + + +Nach Verlauf von drei Wochen befand sich Simon, frei aller +Verpflichtungen, in einer engen, steilen, heißen Gasse und überlegte, ob +er in ein Haus treten solle, oder nicht. Die Mittagssonne brannte +hinunter und preßte alle üblen Dünste aus den Mauern heraus. Kein +Lüftchen wehte. Wo hätte ein Lüftchen in diese Gasse eindringen können. +Draußen in den modernen Straßen mochte es wehen, aber hier schien schon +seit Jahrhunderten kein Windzug mehr getrieben und gefegt zu haben. +Simon hatte eine kleine Summe Geld in der Tasche. Sollte er in die +Eisenbahn steigen und in die Berge reisen? Es reiste jetzt alles in die +Berge. Seltsame, fremde Menschen, Männer und Frauen, zogen einzeln, +paar- oder gruppenweise durch die weißen, hellen Straßen. Von den Hüten +der Damen flatterten lustige Schleier herab und die Männer gingen in +Kniehosen, und gelben Sommerschuhen. Sollte sich nicht Simon dazu +entschließen, diesen Fremden in die Berge nachzureisen? Kühl wäre es +sicher dort oben, und in einem hochgelegenen Hotel würde er sicher +Arbeit finden. Er konnte ja den Führer spielen, stark war er genug dazu, +und auch klug genug, um bei Gelegenheit sagen zu können: »Sehen Sie, +meine Damen und Herren, diesen Wasserfall, oder diesen Bergsturz, oder +dieses Dorf, oder diese Felswand, oder diesen blauen, schimmernden +Fluß.« Er würde das Zeugs dazu haben, um den reisenden Herrschaften mit +Worten eine Landschaft zu schildern. Auch könnte er ja, wenn der Fall +einträte, eine ermüdete und ängstliche Engländerin in seinen Armen +tragen, wenn es gälte, einen Paß von drei Schuh Breite zu überschreiten. +Lust dazu hätte er ja. Überhaupt, die Amerikanerinnen und die +Engländerinnen: er würde englisch sprechen lernen, und das war nach +seinen Begriffen eine süße Sprache, die so gelispelt und gehaucht klang, +so schroff und weich zugleich. + +Aber er ging nicht in die Berge, sondern in das alte, hohe, dicke, +finstere Haus in der Gasse, klopfte an eine Türe, und fragte eine Frau, +die herauskam, um zu sehen, wer klopfe, ob hier ein Zimmer zu vergeben +sei. + +»Ja, es sei eines.« + +»Ob er es wohl ansehen könne, und ob es wohl ein Zimmer sei, nicht zu +groß, nicht zu teuer, für einen ärmeren Menschen?« + +Nachdem sie ihm das Zimmer gezeigt hatte, fragte die Frau: + +»Was sind Sie?« + +»O, ich bin nichts. Stellenlos bin ich. Aber ich werde mir eine Stelle +suchen. Seien sie unbesorgt. Ich bezahle Ihnen diese Summe hier zum +voraus, damit Sie einigermaßen ruhig sein können. Hier, bitte!« + +Und er gab ihr ein größeres Geldstück als Vorausbezahlung in die Hand. +Es war eine fette Frauenhand, und die Frau, die zufrieden war, sagte: + +»Leider ist das Zimmer nicht sonnig, es geht auf die Gasse.« + +»Das ist mir sehr lieb,« erwiderte Simon, »ich liebe den Schatten. Ich +würde jetzt die Sonne im Zimmer nur hassen, bei dieser warmen +Jahreszeit. Das Zimmer ist sehr hübsch, und ich muß sagen, sehr billig. +Es ist für mich wie geschaffen. Das Bett scheint gut zu sein. O ja. +Bitte. Untersuchen wir es nicht erst lange. Hier ist auch ein +Kleiderschrank, der mehr Kleider fassen könnte, als ich besitze, und +hier bemerke ich zu meinem freudigen Erstaunen einen Lehnsessel zum +bequemen Sitzen. In der Tat, wenn das Zimmer solch einen Sessel +aufweist, so ist es in meinen Augen überreich ausgestattet. Dort hängt +sogar ein Bild an der Wand: ich liebe das, wenn nur ein einziges Bild im +Zimmer hängt, man kann es um so inniger betrachten. Einen Spiegel sehe +ich auch, um mein Gesicht darin zu betrachten. Es ist ein gutes Glas und +gibt die Züge deutlich wieder. Es gibt viele Spiegelgläser, die die Züge +verzerrt wiedergeben, wenn man hineinschaut. Dieser Spiegel ist ganz +vortrefflich. Hier an diesem Tisch werde ich meine Offertschreiben +abfassen, die ich an verschiedene Geschäftshäuser absenden will, um eine +Anstellung zu erlangen. Ich hoffe, es wird mir glücken. Ich sehe gar +nicht ein, warum es mir nicht glücken sollte, da es mir schon so oft +geglückt ist. Sie müssen wissen, ich habe öfters die Stellen gewechselt. +Das ist ein Fehler, den ich hoffe beiseite legen zu können. Sie lächeln! +Ja, das ist aber sehr ernst. Mit dem Zimmer haben Sie mir sozusagen eine +Gnade erwiesen, denn es ist ein Zimmer, worin sich ein Mensch, wie ich +bin, glücklich fühlen kann. Ich werde mich immer bemühen, meinen +Verpflichtungen Ihnen gegenüber prompt nachzukommen.« + +»Ich glaube es auch,« sagte die Frau. + +»Ich wollte,« fuhr Simon fort, »zuerst in die Berge gehen. Aber dieses +schattige Zimmer ist schöner als selbst die weißesten Berge. Ich fühle +mich ein bißchen matt und möchte mich eine Stunde hinlegen, darf ich +das?« + +»Ei, freilich! Es ist doch jetzt Ihr Zimmer!« + +»Nicht doch!« + +Und dann legte er sich schlafen. + +Er hatte einen sonderbaren Traum, der ihn noch lange nachher +beschäftigte: + +Es war in Paris, aber warum es in Paris war, das wußte er nicht mehr. +Zuerst ging er durch eine Straße, die war ganz mit grünem, saftigem Laub +bedeckt, so daß die Schleppen der Damen das Laub rauschend hinter sich +nachzogen. Immer fiel ein leiser grüner Regen von kleinen, flüsternden +Blättern, und ein unaussprechlich sanfter Wind wehte daher, wie ein +Hauch von Wolken. Die Häuser waren wunderbar hoch, bald grau, bald +gelblich, bald schneeweiß. Die Männer, die auf der Straße dahergingen, +trugen die Locken lang herunter, wo sie über die Schultern fielen, auch +Zwerge mit schwarzen Fräcken und roten Hüten liefen, sie konnten den +anderen zwischen den gekreuzten Beinen durchschlüpfen. Die Damen in +ihren Schleppen waren herrliche Figuren, groß, viel größer als die +Männer, die doch auch schlank erschienen. An den schlanken Büsten der +Damen hingen Lorgnetten bis zum Leib hinunter und ein Bogen von +schweren, üppigen Haaren überspannte ihre lieblichen Köpfe. Obenauf +saßen winzige Hütchen mit noch winzigeren Federchen, aber einzelne +trugen große, weit und herrlich herunterfallende Federn, die den ganzen +Kopf zurückzubiegen schienen. Etwas Wundervolles waren die Hände und die +Arme der Frauen, die mit langen, schwarzen Handschuhen bis über die +zierlichen Ellbogen hinaus bedeckt waren. Es schien überhaupt, so weit +man blickte, alles wundervoll. Die großen Häuser wollten sich immer auf +und nieder bewegen wie seltsame natürliche Kulissen in einem Theater. +Das Licht gehörte halb dem Tag und halb wieder der vorgerückten Nacht. +Jetzt gelangte man zu einem Haus, das ganz mit wildem Grün überdeckt +war. »Dort wohnen die schönsten Frauen von Paris«, wurde einem gesagt, +wenn man frug. Auf einmal bog sich eine duftige, weiße Wolke in die +Straße herunter. Wenn man erstaunt fragte: »Was ist das?« wurde +geantwortet: »Sie sehen, es ist eine Wolke. Eine Wolke ist in den +Pariserstraßen keine seltene Erscheinung. Sie aber sind wohl Ausländer, +daß Sie sich noch darüber verwundern können.« Die Wolke blieb als ein +weißer Schaum, ähnlich einem großen Schwane, auf der Straße liegen. +Viele Damen liefen zu ihr hin und rupften kleine Stücke davon ab und +setzten sie sich, unter wundervollen Armbewegungen, auf die Hüte oder +warfen sie einander scherzend zu, daß sie an den Kleidern hängen +blieben. Man dachte: »Seht doch, diese Pariser! Da lächeln sie leicht +über den Ausländer, der sich wundert. Aber wundern sich die Pariser +nicht selber jeden neuen Tag über die Schönheiten ihrer Stadt!« Dann +kamen die bösen Pariser-Gassenjungen und kitzelten die Wolke mit +brennenden Streichhölzchen, da flog die Wolke wieder auf, leicht und +majestätisch in die Höhe, bis sie über den Häusern verschwand. Wieder +beobachtete man die Straße. In den schönen, vorspringenden Restaurants +servierten die Kellner in hellgrauen Fräcken und die Damen tranken +Kaffee und plauderten mit ihren entzückenden Stimmen. Poeten standen auf +erhöhten Brettern und sangen die Lieder, die sie zu Hause gedichtet +hatten. Sie waren in braunen, edlen Samt gekleidet. Es waren keine +lächerlichen Erscheinungen, nichts weniger als das. Man amüsierte sich +mit dem, was sie zum besten gaben, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit +zu schenken, was in Paris unmöglich wäre. Schöne, schlanke Hunde liefen +hinter den Menschen her und betrugen sich so, als wüßten sie, daß man +sich in Paris gut aufführen muß. Jegliche Figur und Erscheinung schien +mehr zu schweben, als zu gehen, mehr zu tanzen, als zu schreiten, mehr +zu fliegen als zu laufen. Und doch lief, ging, sprang, schritt und +marschierte alles ganz natürlich. Die Natur schien sich in dieser Straße +niedergesetzt zu haben. Ganze Schafherden durchzogen mit Geläute, das +immer bim-bim machte, die Straße wie ein abendliches Tal, den +dunkelgekleideten Hirten voran. Dann kamen Kühe mit großen Glocken: +bim-bam und: bum-bum! Und doch war es eine Straße und gar keine +Bergweide, mitten in Paris war es, im Herzen der europäischen Eleganz. +Allerdings, die Straße war breit wie ein großer, breiter Strom. Jetzt +auf einmal wurden die Lichter angezündet, von kleinen, behenden Jungen, +die lange Anzünderstäbe trugen. Mit diesen machten sie die Hähne oben an +den Laternen auf, daß das Gas herausströmte aus den Leitungen und +zündeten dann an. So sprangen sie von einer Laterne zur andern, bis alle +angezündet waren. Nun schimmerten die Lichter überall hervor und +schienen zu wandern mit den beweglichen Menschen. Was war das für ein +zauberhaftes, weißes Licht, und diese Teufelsjungen, die es entzündeten, +wo sprangen sie her, wo hin, wo weg, wo hinaus? Wo waren sie zu Hause, +hatten sie auch Eltern, Brüder, Schwestern, gingen sie auch zur Schule, +konnten sie auch groß werden, Frauen heiraten, Kinder erzeugen, alt +werden und sterben? Sie waren alle in blaue kurze Röcke gekleidet +gewesen und schienen Gummischuhe getragen zu haben, denn man hörte sie +nur huschen, nicht gehen. Weg waren sie. Nun sah man, so wie es Abend +wurde, wunderbar-merkwürdige Frauengestalten auf der wandelnden Straße. +Sie trugen übergroße Haarfüllen, mit hellgelben und tiefschwarzen +Haaren. Ihre Augen glänzten und schimmerten, daß es einem weh tat. Das +Herrlichste an ihnen waren die Beine, die nicht von Schleppen oder +Röcken bedeckt waren, sondern sich zeigten bis zur Kniehöhe, von wo an +eine spitzenrauschende Hose sie umhüllte. Die Füße, bis hinauf beinahe +zu den biegsamen Knieen, waren mit hohen, aus feinstem Leder +geschaffenen Schuhen bekleidet. Die Schuhe selbst waren das Zarteste, +was sich dazu eignen konnte, einen bewegsamen Frauenfuß zu umschließen. +Man mußte nur sehen und aus dem Herzen heraus lachen. Der Gang dieser +Frauen hatte etwas zum Jubeln Schwebendes, wieder Schweres und wieder +Tanzendes. Wie die gingen, das war zum Nachzeichnen und Mitfühlen, das +hob einen mit, und zog einen nach, machte einen mit den Augen das Süße +anträumen, machte die Seele erwachen und nachdenken darüber, wie es +komme, daß Gott die Frauen so schön erschaffen. Man fühlte lebhaft: +»Wenn die Götter irgendwo heimisch sein könnten auf der Erde, was zwar +nicht denkbar, so müßte dieser Ort Paris sein.« Auf einmal, ohne daß er +es sich versah, befand sich Simon auf einer aus dunklem Holz gezimmerten +und geschnitzten Treppe, die ihn in ein Zimmer hinaufführte, wo auf +einem Diwan ein schlafendes Mädchen lag. Wie er näher zusah, war es +Klara. Ein Kätzchen schlummerte neben ihr, und die Schlafende hielt es +mit dem Arm umschlungen. Ein Diener, ein Neger, trug ein Abendessen +herein, und Simon setzte sich an den Tisch, während aus der Zimmerdecke +hernieder, wie das Geplätscher eines kostbaren, erfinderischen Brunnens, +eine leise, gedämpfte Musik rauschte, die bald in der Ferne und bald +neben seinem Ohr erklang. »In Paris wird seltsam serviert,« dachte +Simon, indem er es sich, wie in einem Märchen von Gebrüder Grimm, +wohlschmecken ließ. Da erwachte die Schlafende. »Komm, ich will dir +etwas zeigen,« lispelte sie ihm zu. Er erhob sich, und sie öffnete mit +einem Zauberstab, wie es schien, eine Flügeltüre, wenigstens sah man +nicht, daß sie eine ihrer Hände dazu gebrauchte. »Ich bin jetzt eine +Zauberin geworden,« lächelte sie den erstaunten Simon an, »zweifle nicht +daran, aber laß es dich auch keineswegs erschrecken. Ich zeige dir +nichts Abstoßendes.« Er ging mit ihr in das andere Zimmer, sie hauchte +ihn mit ihrem duftenden, warmen Atem an, und auf einmal erblickte er +seinen Bruder Klaus, wie er dasaß und an seinem Schreibtische schrieb. +»Er ist fleißig und schreibt an seinem Lebenswerke,« sprach Klara mit +leiser, hindeutender Stimme. »Siehst du, wie er ein gedankenvolles +Gesicht macht. Er geht in seinen Betrachtungen über den Lauf der Flüsse, +die Geschichte und das Alter der Berge, die Windungen der Täler und der +Erdschichten unter. Aber dazwischen denkt er jetzt seines Bruders, er +denkt an dich! Sieh, wie seine Stirne sich faltet. Du scheinst ihm +Sorgen zu machen, du Böser! Er kann leider nicht sprechen, sonst würden +wir beide hören, wie er denkt über dich und was er zu deinem Tun meint, +das ihn bekümmert. Er liebt dich, sieh ihn nur an! Ein solcher Mensch +liebt seinen Bruder und möchte ihn in der Welt als braven, geachteten +Mann wissen. Aber das Bild löst sich, wie ich sehe, schon auf. Komm. Ich +zeige dir jetzt etwas anderes.« -- Indem sie das sagte, öffnete sie +zugleich eine zweite, etwas kleinere Türe mit ihrem Stäbchen, das sie +wirklich in der Hand trug, und Simon erblickte seine Schwester Hedwig +ausgestreckt auf einem mit weißen Linnen bedeckten Lager. Es duftete +wundervoll nach Kräutern und Blumen in diesem Gemach. »Sieh sie an,« +sagte Klara, und ein Zittern ließ ihre klare, leise Stimme erbeben, »sie +ist gestorben. Das Leben tat ihr zu weh. Weißt du, was es heißt, Mädchen +sein und leiden? Ich habe ihr einen Brief geschrieben, einen langen, +heißen, sehnsuchtsvollen Brief, damals, du weißt, und sie hebt nie mehr +die Hand, um mir zu antworten. Sie geht, ohne auf die Frage der Welt: +»Warum kommst du nicht?« geantwortet zu haben. Wie sie wortlos scheidet: +so mädchen- und blumenhaft! Wie lieb sie war. Du als Bruder empfindest +das lange nicht so, wie ich als Freundin. Siehst du, wie sie lächelt! +Wenn sie noch reden könnte, würde sie sicher freundlich reden. Sie +redete streng. Sie hat sich jammernd auf die Lippen gebissen. Das siehst +du aber ihrem Mund nicht an. Der Tod muß sie geküßt haben, daß sie immer +noch lächeln kann, im Tode! Es war ein tapferes Mädchen. Wie eine Blume +ist sie gestorben, die stirbt, wenn sie welkt. Laß uns weiter gehen. In +meinem Zauberreich darf man nicht gaffen. Habe ich dir weh getan, sag +mal? Nein doch: was ist Schmerzendes an einem so schönen Tod? Ihr ließt +sie leiden, das, das war schmerzhaft. Ich will dir nicht weh tun. Komm, +jetzt wirst du noch etwas anderes sehen.« Und mit diesen Worten ließ sie +eine dritte Tür aufspringen, und Simon schaute in ein geräumiges +Maleratelier. Er spürte den Geruch von Ölfarben, und an den Wänden sah +er seines Bruders Bilder herumhängen, er selber, Kaspar, arbeitete, den +Rücken zeigend, an einer Staffelei, ganz versunken, wie es schien, in +die Arbeit. »Still, störe ihn nicht, er arbeitet,« sagte Klara, »man +darf Schaffende nicht stören. Ich wußte immer, daß er nur für die Kunst +lebte, schon damals, als ich noch glaubte, ihm zu folgen, ihm folgen zu +können. Nein, es ist besser so. Ich würde ihn nur aufgehalten und +gehindert haben. Er muß alles um sich her vergessen, selbst das Liebste, +wenn er will, daß er schaffen kann. Solch ein Schaffen verlangt Abtötung +alles Lieben und Innigen, um eine Liebe und eine Innigkeit ganz auf das +Schaffen zu übertragen. Das verstehst du nicht, das versteht nur er. +Wenn du mich ihn so sehen siehst, glaubst du da nicht, daß es mich +drängt, mich ihm in die Arme zu werfen? Zu hören, was er mir sagt, wenn +ich ihn flüsternd und voll Bangen frage: »Liebst du mich, Kaspar?« Er +würde mich dann sicher streicheln, aber ich würde voll Ahnung einen Zug +des Mißmutes auf seiner schönen Stirne entdecken. Und diese Entdeckung +würde mich, wie eine für immer Verdammte, tausend Höhen vor ihm in einen +unwürdigen, schmutzigen Abgrund hinunterwerfen. Nein, das macht Klara +nicht. Sie ist mir zu gut zu so etwas, und er ist mir zu gut und zu +lieb, so, wie er ist. So stehe ich hinter seinem Rücken, und darf ruhig +ahnen, wie er schafft, wie er die große, feurige, dampfende Kugel, die +Kunst, vorwärtswälzt, einem herrlichen Ringer gleich, der seinen letzten +Atemzug hergibt, um zum Siege über den Gegner zu gelangen. Siehst du, +wie es ihn hinreißt, den Pinsel zu führen, womit er an der +tausendtönigen Glocke seiner Farben läutet, jede Linie linienhafter, +jede Farbe farbiger, jeden Druck bestimmter, und jede Sehnsucht +sehnsuchtsvoller hinzumalen. Sein Blick, den ich so liebte, war von +jeher in den Formen, und er bedarf hier in Paris nur einer einfachen +Stube, um die Welt in Bildern zu erfassen. Die Natur hat er wie eine +üppige Geliebte in seine Arme gefaßt und drückt nun Küsse um Küsse auf +ihren Mund, daß beiden der Atem vergeht, ihm und der Natur. Es will mir +beinahe scheinen, als sei die Natur, echten Künstlern gegenüber, +machtlos und ohnmächtig vor Hingebung, wie eine solche Geliebte, von der +man alles verlangt, was man will. Auf jeden Fall, und du siehst es, hat +Kaspar zu tun, mit Kopf, Gefühl und mit beiden Händen; wie ein wildes, +ungebändigtes Pferd zerrt und arbeitet er, und wenn er nachts schläft, +so arbeitet er in wilden Träumen noch immer fort; denn die Kunst ist +hart und scheint mir die schwerste Aufgabe, die sich ein ehrenhafter und +aufrichtiger Mensch stellen kann. Störe ihn nie an seiner heiligen +Aufgabe; denn er schafft für die Lust späterer Geschlechter. Wenn ich +ihm nun so meine schwache, arme Liebe aufdrängen wollte, was wäre das +für eine unschöne, verdammenswerte Sache. Eine Frau mag auch nicht gerne +da küssen, wo sie fühlen muß, daß verletzte Gedanken zwischen den Küssen +zucken, die sterben, die von den Küssen erwürgt werden. Welch eine +unüberlegte Mörderin wäre man! So aber ist alles schön; ein bißchen weh +tut es einem, hinter einem Rücken und hinter Schultern und Locken stehen +zu sollen, aber man hört in seiner Seele dafür Glocken läuten und +empfindet die süße Berechtigung und Makellosigkeit seiner Stellung in +der Welt. Irgendwo müssen die Gefühle gedämpft und geordnet werden und +Stellung behaupten. Selbst eine schwache Frau wird genau wissen, was sie +in einem solchen Fall zu tun hat. Einem Künstler zuzuschauen, jeder +seiner Bewegungen gedankenvoll zu folgen, ist schöner, als ihn +beeinflussen zu wollen, als ob man gierig wollte, daß man auch etwas +abbekäme, etwas bedeutete für ihn und die Welt. Jede Stellung hat ihre +Bedeutung, aber das unbefugte Dreinreden und Einmischen niemals! Vieles +müßte ich dir noch sagen. Aber komm jetzt.« -- Wieder tönte eine +wundersame, unbegreifliche Musik, aus allen Zimmern, zu allen Decken und +Wänden heraus, wie ein fernes, aus einem kleinen Wäldchen kommendes, +tausendstimmiges Vogelgezwitscher, als Simon von Klara weggeführt wurde. +Sie traten wieder in das erste Gemach und sahen das schwarze Kätzchen +mit seiner Pfote in einen dünnhalsigen Milchkrug hineingreifen. Als es +aber die beiden Menschen sah, sprang es fort und kauerte sich hinter +einen Stuhl, wo es mit seinen brennend-gelben Augen aufmerksam +hervorguckte. Klara öffnete ein Fenster, und: wunderbarer Anblick! Es +schneite in der sommerlichen, grünen Straße, und zwar so dicht, so sehr +Flocke an Flocke, daß ein Hindurchschauen unmöglich war. »Das ist hier +in Paris keine Seltenheit,« sagte Klara, »es schneit hier mitten im +heißen Jahr, es gibt hier keine bestimmten Jahreszeiten, so wie es auch +keine bestimmten Redensarten gibt. In Paris muß man auf alles schnell +gefaßt sein. Wenn du längere Zeit hier wohnst, wirst du es auch lernen +und wirst dir das Staunen, das nicht am Platz ist, abgewöhnen. Hier ist +alles ein schnelles, graziöses, bescheidenes Erfassen. Achtung vor der +Welt: das gilt hier als das Höchste und Feinste. Du wirst es schon +lernen. Zum Beispiel, dieser Schnee: Was glaubst du wohl; wirst du dir +denken können, daß er bis über die hohen Häuser hinaufkommen wird? Es +ist so, und aller Wahrscheinlichkeit nach liegen wir jetzt einen Monat +lang im Schnee begraben. Was tut es viel: wir haben Beleuchtung und eine +warme Stube. Ich werde meistens schlafen; denn eine Zauberin muß eben +viel schlafen; du wirst mit dem Kätzchen spielen oder ein Buch lesen, +ich habe die schönsten Pariserromane hier in meiner Bibliothek. Die +Pariserdichter schreiben entzückend, du wirst sehen. Und dann nach einem +Monat, apropos: wir haben ja auch Musik, nicht wahr, und dann, wie +gesagt, nach einem Monat ist Frühling in den Pariserstraßen. Da wirst du +sehen, wie nach der langen Eingeschlossenheit sich die Menschen auf +offener Straße umhalsen und Tränen der Wiedersehensfreude weinen werden. +Es wird alles ein Umschlingen sein. Die Lust, die lange zurückgehaltene, +wird zu den glänzenden Augen, zu den Lippen und Stimmen herausbrechen, +und geküßt wird werden im Mai, aber du wirst es an dir selber erfahren. +Stelle dir vor, die Luft wird ganz blau und warmfeucht in die Straßen +hinuntersinken, der Himmel geht dann in Paris spazieren und mischt sich +unter die entzückten Menschen. Die Bäume blühen an einem Tag empor und +duften wunderbar, Vögel werden singen, Wolken werden tanzen und Blumen +durch die Luft schwirren wie ein Regen. Und das Geld wird sich in den +Taschen, selbst in den ärmsten und zerrissensten vorfinden. Aber ich +will jetzt schlafen. Siehst du, wie ich schon schläfrig werde. Benutze +du indessen die Zeit und studiere eines der Werke, das du finden wirst +und das geeignet ist, dich einen ganzen Monat lang zu fesseln. Es gibt +solche Bücher. Gute Nacht!« -- Und damit schlief sie ein. Die Katze aber +wollte sich zu ihr hinauf legen, Simon sprang ihr nach, sie entfloh, er +ihr nach, und immer entwischte sie ihm aus den Händen, wenn er sie schon +erfaßt hatte. Er sprang sich in eine furchtbare Atembeklemmung hinein, +aus der er schließlich erwachte. + +»Ich habe da einen wehmütigen Traum gehabt,« dachte er, als er sich vom +Bette erhob. + + * * * * * + +Es war inzwischen Abend geworden. Er ging an das Fenster und schaute zum +ersten Mal in die Gasse hinunter, die tief unter ihm lag. Zwei Männer +gingen dort unten, sie hatten gerade Platz zwischen den hohen Mauern, um +bequem nebeneinander herzugehen. Sie sprachen, und der Klang ihrer Worte +drang seltsam deutlich zu seinen Ohren hinauf, die Mauern entlang die +den Klang weitertrugen. Der Himmel war von einem goldenen, tief-satten +Blau, das eine unbestimmte Sehnsucht erweckte. Simon gerade gegenüber +tauchten jetzt im Fenster des andern Hauses zwei Weibergestalten auf und +berührten ihn mit ihren ziemlich frechen, lachenden Blicken. Es war ihm, +als würde er mit unsauberen Händen angerührt. Die eine der Gestalten +sagte zu ihm hinüber, mit ganz gewöhnlich-lauter Stimme, -- denn es war, +als säße man zusammen zu Dritt in einem Zimmer, in dem sich nur zufällig +ein schmales Band freier Himmelsluft befände: »Sie sind wohl sehr +einsam!« + +»O ja! Aber es ist hübsch, einsam zu sein!« + +Und er schloß das Fenster, während die beiden Weiber in ein Gelächter +ausbrachen. Was konnte er mit ihnen reden, was nicht unflätig gewesen +wäre. Heute war er nicht aufgelegt. Die Veränderung, die wieder in sein +Leben eingerissen war, hatte ihn ernst gestimmt. Er zog die weißen +Vorhänge vor, zündete die Lampe an, und las in dem Roman von Stendhal +weiter, den er auf dem Land, bei Hedwig, nicht hatte fertig lesen +können. + + + + +Vierzehntes Kapitel. + + +Nachdem er eine Stunde gelesen hatte, löschte er die Lampe aus, öffnete +das Fenster, ging zum Zimmer hinaus, zu der Haustüre hinaus, auf die +steile Straße. Eine schwere, warme Dunkelheit empfing ihn. Das alte +Stadtviertel war voll von kleinen Wirtschaften, so daß einem beim Gehen +die Wahl schwer werden konnte. Er ging noch einige Schritte in der +lebhaft von Menschen erfüllten Straße und trat dann in eine Kneipe ein. +Um einen runden Tisch herum war eine kleine, fröhliche Gesellschaft +versammelt, deren Mittelpunkt ein kleiner Spaßmacher sein mußte; denn +alles lachte, sowie er nun den Mund auftat. Es mußte einer jener +Menschen sein, die, was sie auch sagen mochten, stets komisch und +lachmuskelerregend wirkten. Simon setzte sich zu zwei noch jungen +Männern an den gleichen Tisch und horchte unwillkürlich auf das, was sie +sprachen. Sie sprachen ernsthaft und in ziemlich klugen Ausdrücken +miteinander. Der Gegenstand ihrer Auseinandersetzung schien ein junger, +unglücklicher Mann zu sein, den sie beide mochten näher gekannt haben. +Jetzt aber ließ der eine von ihnen den andern, ohne ihn zu unterbrechen, +erzählen, und Simon hörte folgendes: + +»Ja, er war ein prachtvoller Kerl! Schon als Knabe, als er noch langes +Haar und kurze Hosen trug und an der Hand eines Kindermädchens durch die +Straßen der kleinen Stadt spazieren ging. Die Leute sagten, indem sie +sich nach ihm umsahen: »Welch ein bildhübscher, kleiner Kerl!« Seine +Aufgaben hat er mit viel Talent gemacht, ich meine seine +Schüleraufgaben. Seine Lehrer haben ihn geliebt; denn er war sanft und +gut zu erziehen. Seine Klugheit machte es ihm spielend leicht, seine +Pflichten in der Schule zu erfüllen. Er hat prachtvoll geturnt, +gezeichnet und gerechnet. Wenigstens weiß ich, daß ihn die Lehrer den +später nachkommenden Schülergenerationen und sogar den weiter +vorgeschrittenen Klassen als ein Muster gepriesen haben. Seine weichen +Gesichtszüge mit den wundervollen Augen voll männlicher Ahnung +bestrickten alle, die mit dem Knaben zu tun hatten. Er genoß eine +gewisse Berühmtheit, als ihn seine Eltern auf die höhere Schule +schickten. Von der Mutter verzärtelt, was jedermann begriff, und von +allen bewundert, mußte sein Geist frühzeitig jene Weichheit der +Bevorzugten und Anerkannten erhalten, jenes Gehenlassen, jene schöne +Sorglosigkeit, die dem jungen Menschen gestattet, sich der Genüsse des +Lebens spielend zu bemeistern. In die Ferien brachte er glänzende +Zeugnisse und eine Schar junger Kameraden mit nach Hause und berauschte +das Ohr seiner Mutter mit Erzählungen von seinen mannigfachen Erfolgen. +Natürlich verschwieg er seiner Mutter die Erfolge, die er schon damals +begann, bei den leichtfertigen Mädchen zu machen, die ihn schön und +liebenswürdig fanden. Die Ferien benutzte er zu Wanderungen im Tiefland; +auf den ausgedehnten, hohen Bergen, die ihn lockten, weil sie so hoch +hinauf und so weit in die unbestimmteste Ferne sich hineindehnten, +verbrachte er Tage, nicht nur Stunden, mit der ausgelassenen +Gesellschaft von gleich schwärmerisch Gesinnten wie er selber. Er bannte +und bezauberte sie alle. -- Er glich in seiner Gesundheit und +Schmiegsamkeit, sowohl seelisch wie körperlich, einem Gott, der nur zum +Vergnügen eine Zeitlang auf dem Gymnasium zu studieren schien. Wenn er +ging, sahen ihm die Mädchen nach, als würden sie von seinen +zurückgeworfenen Blicken an ihn herangezogen. Auf seinem blonden, +schönen Kopf trug er kokett die blaue Studentenmütze. Er war entzückend +leichtsinnig. Einmal, es war gerade Jahrmarkt, und der große Platz, wo +sonst das Vieh zusammengetrieben wird, stand voller Buden, Hütten, +Karussells, Rutschbahnen und Reitbahnen, schoß er mit einem scharf +geladenen Vogelgewehr, statt mit einer der üblichen, unschädlichen +Flinten, in eine Schießbude hinein, vor der er immer zu sehen war, da +ihn das Mädchen, das dort die Gewehre darreichte, entzückte. Die kleine +Kugel drang durch die Leinewand der Bude hindurch, in den Wagen hinein, +der dicht dahinter stand, und soll dort um ein Haar ein in einer Wiege +schlafendes, kleines Kind verletzt haben. Es war der Wagen, den diese +herumziehenden Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam +natürlich aus, mehrere andere Streiche kamen zu dem einen, und das +nächste Mal, als wieder Ferien waren, stand in dem Zeugnis des jungen +Studenten eine bissige Bemerkung des Rektors, der gleichzeitig den +Eltern einen Brief, großzügig und voll Feierlichkeit, schrieb, worin er +ihnen ans Herz legte, ihren Sohn freiwillig aus der Schule zu nehmen, da +sonst die Notwendigkeit bevorstünde, denselben auszuweisen. Gründe: +sinnloses Betragen, Ansteckung, böse Einwirkung, Unverantwortlichkeit, +hohe Verantwortung, Pflichten und doch Rücksichten und alles jenes, was +eben für einen solchen Fall immer Gründe sind: die Sittlichkeit in +Gefahr und: Schutz der noch Unverdorbenen, und so weiter.« -- + +Der erzählende Mann schwieg eine Weile. + +Diese Gelegenheit benutzte Simon, um sich bemerkbar zu machen und sagte: + +»Ihre Erzählung interessiert mich aus manchem Standpunkt. Bitte, +gestatten Sie mir, daß ich Ihnen ferner zuhören darf. Ich bin ein +junger, eben aus seiner Lebensstellung herausgetretener Mann und lerne +vielleicht einiges aus Ihrer Erzählung; denn mir scheint, daß man immer +gewinnt beim Anhören einer wahrhaften Geschichte.« -- + +Die beiden Männer sahen sich Simon aufmerksam an, doch schien er ihnen +keinen unguten Eindruck zu machen, vielmehr bat ihn der, der erzählt +hatte, nur zuzuhören, wenn es ihm Spaß machen könne, und jener erzählte +weiter: + +»Die Eltern des Jünglings gerieten natürlich ob dieser Ausweisung in +große Bestürzung und in noch größeren Kummer; denn wo gäbe es Eltern, +die so gleichgültig wären, daß sie sich in einem so betrübenden Fall, +wie dieser war, in alltäglicher Weise benehmen könnten. Sie meinten +zuerst, daß es am besten sei, den Schlingel ganz aus der gelehrten +Laufbahn fortzunehmen, und ihn einen harten Beruf, wie Mechaniker oder +Schlosser, lernen zu lassen. Das Wort und Land Amerika kam ihnen schon +in den Sinn, es mußte ihnen angesichts der Lage ihres Sohnes beinahe von +selbst zufliegen. Aber es kam anders. Wiederum siegte die Zärtlichkeit +der Mutter, wie schon so oft, wenn der Vater energisch einzuschreiten +gesonnen war, so auch bei dieser Gelegenheit. Der junge Mann wurde in +ein entlegenes, einsames Seminar geschickt, wo er sich auf den +Lehrerberuf vorzubereiten hatte. Es war ein französisches Seminar, wo +der Junge gar nicht anders konnte, als sich, wie es sich geziemte, +aufzuführen. Wenigstens ging er von da aus, nach Ablauf seiner Zeit, als +praktischer, jugendlicher Lehrer in die Welt. In der Nähe seiner +Heimatstadt bekam er eine vorläufige Stelle als Lehrer. Er unterrichtete +die Kinder so gut, als er nur vermochte, las, wenn es ihm die Zeit +erlaubte, zu Hause die französischen und englischen Klassiker in ihrer +Sprache; denn er hatte für Sprachen ein wahrhaft wunderbares Talent, +dachte heimlich an eine andere Karriere, schrieb Briefe nach Amerika +zwecks einer Anstellung als Hauslehrer, die indessen erfolglos blieben, +und trieb ein Leben zwischen Pflicht und scheuer Ungebundenheit. Da es +Sommer war, ging er mit seinen Schülern öfters im tiefen, reißenden +Kanal baden. Er badete dann selber mit, um seinen Schülern zu zeigen, +wie man es anzustellen hatte, wenn man schwimmen lernen wollte. Eines +Tages aber riß ihn der Wasserstrudel derart fort, daß es aussah, wie +wenn er jetzt ertrinken mußte. Die Schüler rannten schon in das +Städtchen zurück, wo sie schrieen: »Unser Lehrer ist ertrunken.« Aber +der junge, kräftige Mann arbeitete sich aus den Wirbeln des tückischen +Wassers heraus und kam wieder nach Hause. Nach einiger Zeit befand er +sich indessen an einem anderen Ort, und zwar mitten in den Bergen, in +einem kleinen, aber doch reichen Dorf, wo er angenehme Menschen fand, +die ihn weniger als Lehrer wie vielmehr als Menschen respektierten. Er +war ein vorzüglicher Klavierspieler und flotter Geselle überhaupt, der +in einer Gesellschaft von einigen Menschen den Zauberfaden der +Unterhaltung ganz nur um sich herum zu drehen verstand. Ein sehr liebes, +aber schon nicht mehr junges Fräulein verliebte sich in den Lehrer, +derart, daß sie ihm alles nur Mögliche an Bequemlichkeit und Komfort +zukommen ließ und ihn mit den ersten Leuten im Dorf bekannt machte. Sie +stammte aus einer alten Offiziersfamilie, deren Vorfahren einst in +fremden Ländern Kriegsdienste verrichtet hatten. So schenkte sie ihm +denn eines Tages zum Andenken einen zierlichen Galanterie-Degen, der +immerhin eine nicht ungefährliche Waffe gewesen sein mochte und der +vielleicht gar zu seiner Zeit einmal in Blut getaucht worden war. Es war +ein feines Stück, und das gute, liebe Fräulein überreichte ihm den +Zierrat mit niedergeschlagenen Augen, wobei sie vielleicht einen tiefen +Seufzer unterdrückte. Sie hörte ihm zu, wenn er, in romantisch edler +Haltung, am Klavier saß und darauf spielte, und konnte kein Auge von +seiner Gestalt abwenden. Oft fuhr sie mit ihm zusammen, da es Winter +war, auf dem hochgelegenen, kleinen Bergsee Schlittschuh, und beide +freuten sich dieses schönen Vergnügens. Aber der junge Mann wünschte +bald wieder abzureisen, um so mehr, da er nur zu lebhaft die warmen, +verlockenden Bande fühlte, die ihn so gern für immer an das Dorf +gefesselt hätten, denen er aber entfliehen mußte, wenn er irgendwie noch +den Wunsch besaß, nach etwas Großem in der Welt zu streben. Er reiste, +und zwar mit dem Gelde des Fräuleins, die reich war, und die sich eine +wehmütige und kummervolle Freude daraus machte, es ihm ohne jeden +Vorbehalt zu geben. So ging er nach München, wo er ein ziemlich flottes +Leben führte, nach Art der dortigen Studenten, kam wieder heim, sah sich +nach einer Stelle um, und erhielt eine solche in einem Privatinstitut, +das am Fuße einer tannenwaldgeschmückten Bergkette lag. Dort mußte er +junge Bürschlein aus allen Erdteilen, reicher Leute Kinder, +unterrichten, tat es eine Zeitlang mit großer Liebe und viel Interesse, +bekam Händel mit seinem Vorgesetzten, dem Inhaber des Institutes, und +reiste wieder weg. Dann kam Italien an die Reihe, wohin er sich als +Hauslehrer begab, und dann England, wo er auf einem Gutsitze zwei +aufwachsende Mädchen unterrichtete, mit denen er indessen nur Tollheiten +trieb. Er kam wieder heim, wilde Ideen spukten in seinem Kopf, und in +seinem leer gewordenen Herzen brannten nur noch hilflose Phantasieen, +die keine Rechte auf die Wirklichkeit besaßen. Seine Mutter, in deren +Schoß sich zu werfen es ihn verlangte, starb zu dieser Zeit. Er war leer +und trostlos. Er bildete sich ein, sich jetzt auf die Politik werfen zu +sollen, aber er besaß für dieses Fach weder die genügende Übersicht und +Ruhe, noch auch nur den nötigen Schliff und Takt mehr. Er schrieb auch +Börsenberichte, aber ohne Sinn; denn er dichtete sie, und zwar aus einem +bereits zerstörten Geiste heraus. Er verfaßte Gedichte, Dramen und +musikalische Kompositionen, malte, zeichnete, aber dilettantisch und +kindlich. Inzwischen hatte er wiederum Stellung genommen, freilich nur +für kurze Zeit, und dann wieder Stellung, und dann wieder! An einem +halben Dutzend Orten trieb er sich herum, glaubte und sah sich überall +betrogen und verletzt, verlor den Anstand vor den Schülern, lieh Geld +von ihnen; denn er besaß nie Geld. Noch war er ein schlanker, schöner +Mensch, sanft und vornehm von Ansehen und immer noch edel in seinem +Betragen, solange er mit seinem Kopf oben war. Aber das war nur noch +selten der Fall. Nirgends in der Welt konnte man ihn lange gebrauchen, +man schickte ihn fort, sowie man hinter sein Wesen kam, oder er ging von +selber aus ganz absonderlichen, selbst zusammengedichteten Ursachen. Das +mattete und lähmte ihn natürlich vollends herunter. Aus Italien hatte er +noch begeisterungsfrohe, ideale Briefe an seinen Bruder geschrieben. In +London, wo er Not litt, war er einmal in das Kontor eines sehr reichen +Seidenhändlers, eines Onkels von ihm, mit der Bitte getreten, man möchte +ihm in seiner elenden Lage beistehen, und bat um Geld, vielleicht nicht +gerade mit Worten, aber man merkte, was er wollte, und schickte ihn +achselzuckend fort, ohne ihm etwas zu geben. Wie mußte sein schöner, +sanfter Menschenstolz schon gelitten haben, wenn er den Mut fand, +Unwürdige anbetteln zu gehen. Doch was mußte er nicht tun, da er Not +litt! Man kann von Stolz sprechen, man muß aber auch all der Zufälle des +Lebens gedenken, wo es unmenschlich ist, von einem Menschen noch Stolz +zu verlangen. Und der, der gebeten hatte, war weich! Er hatte von jeher +ein kindlich weiches Herz, und dem Schmerz und der Reue über ein +verlornes Leben war es ein Leichtes, dieses Herz zu zerstören. Eines +Tages, nach all den Umherwanderungen, erschien er wieder zu Hause, blaß, +matt, müde und in seinen Kleidern heruntergerissen. Sein Vater empfing +ihn wahrscheinlich herzlos, seine Schwester so gut, als sie durfte vor +des entrüsteten Vaters Augen. Er gedachte, einen kleinen Redakteurposten +zu erhalten, und trieb sich inzwischen in der Stadt herum, wo er allen +Mädchen Ringe schenkte und zu ihnen sagte, er wolle sie heiraten. Er war +ganz offenbar schon kindisch. Man munkelte natürlich und lachte. Dann +ging er noch einmal fort, in eine Lehrerstelle, aber dort erwies es +sich, daß er für die Welt unmöglich geworden war. Er kam eines Tages mit +einem nackten Fuß in die Schulstunde, Schuh und Strumpf fehlten an dem +einen seiner Füße. Er wußte nicht mehr, was er tat, oder er tat eben +das, was sein anderer, irrer Geist ihm zu tun befahl. Zu derselben Zeit +radierte er in seinem militärischen Dienstbuch die dort notierte +Degradation aus, die ihm eines begangenen, schweren Fehlers wegen schon +früher zudiktiert worden war. Infolgedessen wurde er, da dieses kühne +Vergehen ans Licht kam, ins Gefängnis gesperrt. Von dort wurde er, da +man über seinen Geisteszustand zur Klarheit gelangte, in ein Irrenhaus +gebracht, wo er heute noch ist. Ich weiß das alles, da ich oft mit ihm +zusammen gewesen bin, in vielen Jahren, im Zivil sowohl wie beim +Militär, und auch geholfen habe, ihn dahin abzuführen, wo er sich jetzt +befindet und wohin er leider gebracht werden mußte.« + +»Traurig!« sprach der andere der beiden Männer. + +»Wir wollen austrinken und gehen,« sagte der Erzähler und fügte noch +hinzu: »Manche wollen behaupten, daß die leichtfertigen Weiber, zu denen +er Beziehungen hatte, ihn zugrunde gerichtet hätten, aber ich glaube es +nicht, da ich überzeugt bin, daß man den schlimmen Einfluß, den diese +Weiber auf einen Mann ausüben, meistens überschätzt. So schlimm ist das +alles nicht, aber vielleicht liegt es in der Familie.« + +Simon sprang auf, lebhaft angeregt und mit der Röte des Unwillens auf +den Wangen: + +»Was da? In der Familie? Da irren Sie sich, mein edler Herr Erzähler. +Sehen Sie mich, bitte, einmal gründlich an. Entdecken Sie an mir +vielleicht auch so etwas, das in der Familie liegen könnte? Muß ich auch +ins Irrenhaus kommen? Das müßte ich ohne Zweifel, wenn es in der Familie +läge, denn ich bin auch aus der Familie. Der junge Mann ist mein Bruder. +Ich schäme mich durchaus nicht, einen nur unglücklichen und keineswegs +verderblichen Menschen offen meinen Bruder zu nennen. Heißt er nicht +Emil, Emil Tanner? Könnte ich das wissen, wenn er nicht mein leiblicher +lieber Bruder wäre? Ist sein Vater, der auch der meinige ist, etwa nicht +Mehlhändler, der auch in Burgunderweinen und Provencer-Öl einen ganz +stattlichen Handel treibt?« + +»In der Tat, das stimmt alles,« sagte der Mann, der vorhin erzählt +hatte. + +Simon fuhr fort: »Nein, in der Familie kann es nicht liegen. Ich leugne +das, solange ich lebe. Es ist einfach das Unglück. Die Weiber können es +nicht sein. Da haben Sie recht, wenn Sie sagen, die Weiber seien es +nicht. Müssen daran die armen Weiber immer schuld sein, wenn die Männer +ins Unglück geraten? Warum denken wir darüber nicht etwas einfacher? +Kann es nicht im Charakter, in einem Stäubchen der Seele liegen? So und +immer so: und deshalb so? Schauen Sie, bitte, was ich jetzt für eine Art +von Handbewegung mache: So, so! Darin liegt es. Der Mensch fühlt so, und +dann handelt er so, und alsdann stößt er an mancherlei Mauern und +Unebenheiten so an. Die Menschen denken immer gleich an grausige +Vererbung und so weiter. Mir erscheint das lächerlich. Und welche +Feigheit und welche Unehrerbietung, den Eltern und Voreltern an seinem +Unglück Schuld geben zu wollen. Mangel an Anstand und Mut und noch +etwas: unziemliche Weichherzigkeit ist das! Wenn das Unglück über einen +herbricht, so bringt man eben die erforderliche Manier mit, die es dem +Schicksal bequem macht, daraus ein Unglück zu formen. Wissen Sie, was +mein Bruder mir war, mir und Kaspar, dem andern Bruder, uns Jüngeren? +Gelehrt hat er uns auf gemeinschaftlichen Spaziergängen Schönes und +Hohes zu empfinden, zu einer Zeit, da wir noch die wüstesten Schlingel +waren, die nur auf schlechte Streiche ausgingen. Aus seinen Augen +tranken wir das Feuer der Begeisterung für die Kunst. Können Sie sich +denken, was für eine herrliche, verständnissuchende, streberische, im +schönsten und kühnsten Sinn streberische Zeit das war? Wir wollen noch +eine Flasche Wein trinken, ich will sie bezahlen, ja, ich, obschon ich +ein lumpiger Stellenloser bin. Heda! Herr Wirt, ein Flasche Wadtländer. +Und zwar vom besten, den Sie haben. -- Ich bin ein ganz mitleidloser +Mensch. Meinen armen Bruder Emil habe ich schon längst vergessen. Ich +komme auch gar nicht dazu, an ihn zu denken, denn sehen Sie, ich bin +einer, der so in der Welt steht, daß er sich mit Händen und Füßen wehren +muß, um aufrecht zu stehen. Umfallen mag ich nur dann, wenn ich nicht +mehr den Gedanken ans Aufstehen habe. Ja, dann habe ich vielleicht Zeit, +an die Unglücklichen zu denken, und Mitleid zu haben, wenn ich selber +des Mitleids würdig geworden bin. Noch bin ich es aber nicht, und ich +gedenke noch zu lachen und Scherz zu treiben angesichts meines Todes. +Sie sehen in mir einen ziemlich unverwüstlichen Menschen, der allerhand +Mißgeschick zu ertragen versteht. Das Leben, es braucht mir gar nicht so +sehr zu glänzen, so glänzt es doch schon in meinen Augen. Es ist mir +meistens schön und ich verstehe die Menschen nicht, die es unschön +nennen und es damit beschimpfen. Jetzt kommt der Wein. Ich komme mir +immer ganz vornehm vor, wenn ich Wein trinke. Mein armer Bruder lebt +noch! Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie mein Gedächtnis heute auf +einen Unglücklichen gestoßen haben. Und nun: ganz ohne jede +Weichherzigkeit: stoßen Sie an, meine Herren: Es lebe das Unglück! --« + +»Warum, wenn ich fragen darf?« + +»Sie übertreiben!« + +»Das Unglück bildet, deshalb bitte ich Sie, es mit diesem funkelnden +Glase Wein hochleben zu lassen. Noch einmal! So. Ich danke Ihnen. Lassen +Sie mich Ihnen sagen, daß ich ein Freund des Unglücks bin, und zwar ein +sehr inniger Freund, denn es verdient die Gefühle der Vertrautheit und +Freundschaft. Es macht uns besser, und das ist ein großer Dienst, den es +uns da erweist. Es ist ein echter Freundschaftsdienst, der erwidert +werden muß, will man anständig heißen. Das Unglück ist der etwas +mürrische, aber desto ehrlichere Freund unseres Lebens. Es wäre ziemlich +frech und ehrlos von uns, das zu übersehen. Im ersten Augenblick +verstehen wir das Unglück nie, deshalb hassen wir es im Moment seines +Kommens. Es ist ein so feiner, leiser, unangemeldeter Geselle, der uns +immer überrascht, wie wenn wir nur Tölpel wären, die man immer +überraschen kann. Wer das Talent hat, zu überraschen, der muß schon, was +er auch sei und woher er auch komme, etwas ganz außerordentlich Feines +sein. Nichts von sich ahnen lassen, und auf einmal da sein, nicht den +leisesten neugierigen, vorauseilenden Geschmack und Duft an sich haben, +und dann einem so plötzlich vertraulich auf die Achsel klopfen, »Du« zu +einem sagen und dazu lächeln und einem in ein blasses, mildes, +alleswissendes, schönes Gesicht blicken lassen: dazu gehört mehr als +Brotessen, dazu gehören andere Apparate als nur Flugapparate, mit deren +halber Erfindung wir Menschen schon zum voraus in großtönenden, +schicksalumwerfenden Worten prahlen. Ja, das Schicksal, das Unglück ist +schön. Es ist gut; denn es enthält auch das Glück, sein Gegenteil. Es +erscheint mit beiderlei Waffen bewaffnet. Es hat eine zornige und +vernichtende, aber auch eine sanfte und liebliche Stimme. Es weckt neues +Leben, wenn es altes erschlagen hat, das ihm nicht gefallen hat. Es +reizt zum Besser-Leben. Alle Schönheit, wenn wir noch hoffen, Schönes zu +erleben, verdanken wir ihm. Es läßt uns Schönheiten überdrüssig werden +und zeigt uns mit seinen ausgestreckten Fingern neue! Ist eine +unglückliche Liebe nicht die gefühlvollste und deshalb zarteste, feinste +und schönste? Tönt nicht noch das Verlassensein in weichen, +schmeichelnden und wohltuenden Tönen? Ist das alles neu, was ich Ihnen +da sage, meine Herren? Freilich ist es neu, wenn man es sagt; denn es +sagt es selten einer. Den meisten mangelt der Mut, das Unglück zu +begrüßen, als etwas, worin man die Seele baden kann, wie Glieder im +Wasser. Man sehe sich doch nur einmal an, wenn man sich nackt ausgezogen +hat und jetzt nackt dasteht: Welch eine Pracht: ein nackter, gesunder +Mensch! Welch ein Glück: das mit nichts mehr bekleidet-Sein, das +nackt-Dastehn! Ein Glück ist es schon, auf die Welt zu kommen, und kein +weiteres Glück zu haben, als gesund zu sein, ist ein Glück, das die +edelsten Steine, alle schönen Teppiche und Blumen, die Paläste und die +Wunder überglitzert und überstrahlt. Das Wundervollste ist die +Gesundheit, es ist ein Glück, zu dem kein weiteres, ähnliches +hinzugefügt werden kann, es sei denn, daß der Mensch im Laufe der Zeiten +roh genug geworden ist, um zu wünschen, daß er doch nur krank sein +möchte und dafür einen Geldbeutel voll Geld besitzen. Zu dieser Fülle +von Pracht und Glück, wenn man wirklich geneigt ist, das nackte, +straffe, bewegliche, warme, mit auf das Erdenleben gekommene Glied als +eine solche Fülle zu betrachten, muß eine Art Gegengewicht treten: das +Unglück! Es kann uns hindern überzuschäumen, es schenkt uns die Seele. +Es bildet unsere Ohren dafür aus, den schönen Klang zu vernehmen, der +tönt, wenn Seele und Körper, ineinandervermischt, ineinanderübergetreten, +zusammen atmen. Es macht aus unserem Körper etwas Körperlich-Seelenvolles +und die Seele bringt es zu einem festen Dasein mitten in +uns, daß wir, wenn wir wollen, unseren ganzen Körper als +eine Seele empfinden, das Bein als eine springende, den Arm als eine +tragende, das Ohr als eine horchende, die Füße als eine edel gehende, +das Auge als die sehende und den Mund als die küssende Seele. Es macht +uns erst lieben, denn wo liebte man, mit nicht auch ein wenig Unglück? +In den Träumen ist es noch schöner als in der Wirklichkeit, denn wenn +wir träumen, verstehn wir auf einmal die Wollust und entzückende Güte +des Unglücks. Sonst ist es uns meist hinderlich, namentlich, wenn es in +Form eines Geldverlustes zu uns kommt. Aber kann das ein Unglück sein? +Wenn wir auch einen Kassenschein verlieren, was verlieren wir? Recht +unangenehm freilich ist das, aber es ist kein Grund zu längerer +Trostlosigkeit, als es braucht, um einzusehen, daß es kein wirkliches +Unglück ist. Und so weiter! Man könnte viel reden darüber. Zuletzt wird +man es doch müde. --« + +»Sie sprechen wie ein Dichter, mein Herr,« bemerkte lächelnd einer der +Männer. + +»Das kann sein. Der Wein macht mich immer dichterisch reden,« entgegnete +Simon, »so wenig ich sonst Dichter bin. Ich pflege mir Vorschriften zu +machen und bin im allgemeinen wenig geneigt, mich von Phantasieen und +Idealen hinreißen zu lassen, da ich das für äußerst unklug und für +anmaßend halte. Glauben Sie mir nur, ich kann ein sehr trockener Mensch +sein. Es ist auch keineswegs statthaft, jeden Menschen, den man einmal +von Schönheit reden hört, gleich für einen schwärmenden Dichter zu +halten, wie Sie es zu tun scheinen; denn ich denke, daß es sogar einmal +einem sonst ganz kalt überlegenden Pfandleihhändler oder Bankkassier +einfallen kann, über anderes nachzudenken, als über Sachen seines +geldzusammenkratzenden Berufes. Man nimmt in der Regel zu wenig +gefühlsinnige und der Nachdenklichkeit fähige Menschen an, weil man sie +nicht anders beobachten gelernt hat. Ich mache es mir zur Aufgabe, mit +einem jeden Menschen ein kühnes, herzliches Gespräch zu führen, damit +ich am schnellsten sehe, mit wem ich es zu tun habe. Man blamiert sich +mit einer solchen Lebensregel des öftern, und manchmal kriegt man dafür +sogar, beispielsweise von einer zarten Dame, eine Ohrfeige, aber was +schadet das! Mir macht es Vergnügen, mich bloßzustellen, und ich darf +immer überzeugt sein, daß die Achtung von solchen, bei denen man sich +mit dem ersten freien Wort etwas vergibt, nicht gar so sehr viel wert +ist, als daß man deshalb Ursache zum Betrübtsein hätte. Menschenachtung +muß immer leiden unter der Menschenliebe. Das wollte ich Ihnen auf Ihre +etwas spöttische Bemerkung sagen, womit Sie mich zu treffen meinten.« + +»Ich wollte Sie keineswegs verletzen.« + +»So war es hübsch von Ihnen,« sagte Simon und lachte dazu. Dann sagte er +plötzlich nach einigem Stillschweigen: »Was übrigens Ihre Erzählung von +meinem Bruder betrifft, so hat diese mich allerdings getroffen. Er lebt +noch, mein Bruder, und kaum ein Mensch denkt jetzt an ihn; denn wer sich +wegstiehlt, namentlich an einen so düsteren Ort, wie er, der wird +gestrichen aus den Gedächtnissen. Armer Kerl! Sehen Sie, ich könnte +sagen, daß es nur einer kleinen Änderung in seinem Herzen, vielleicht +eines Pünktchens mehr in seiner Seele bedurft hätte, um ihn zum +schaffenden Künstler zu machen, dessen Werke die Menschen entzückt +hätten. So wenig braucht es, um stark zu werden, und so wenig wiederum, +um sein Unglück zu vollenden. Was will man reden. Er ist krank und steht +auf der Seite, wo keine Sonne mehr ist. Ich werde jetzt mehr an ihn +denken, denn sein Unglück ist doch ein zu grausames. Es ist ein Elend, +das zehn Verbrecher nicht einmal verdienen, geschweige denn er, der +solch ein Herz hatte. Ja, das Unglück ist manchmal nicht schön, jetzt +bekenne ich es gerne. Sie müssen wissen, mein Herr, ich bin trotzig und +behaupte gern etwas wild in die Welt hinein, was gar keine Art hat. Mein +Herz ist zuweilen ganz hart, besonders hart ist es, wenn ich andere +Menschen voll Mitleid sehe. Da möchte ich immer so hineinwettern, +hineinlachen in das warme Mitleid. Sehr schlecht von mir, sehr, sehr +schlecht! Ich bin überhaupt noch lange kein guter Mensch, aber ich hoffe +es noch zu werden. Es hat mich sehr gefreut, mit Ihnen haben reden zu +dürfen. Das Zufällige ist immer das Wertvollste. Ich scheine etwas viel +getrunken zu haben, und es ist hier so heiß im Lokale, mich verlangt +hinaus. Leben Sie wohl, meine Herren. Nein! Nicht auf Wiedersehen. +Durchaus nicht. Das habe ich nicht im Sinne. Mich verlangt durchaus +nicht darnach. Viele Menschen habe ich noch kennen zu lernen, da darf +ich nicht so frivol sagen: auf Wiedersehen. Das hieße nur lügen; denn +ich begehre Sie nicht wiederzusehen, außer zufällig, und dann wird es +mir eine Freude sein, wenn auch eine maßvolle. Ich mache nicht gern +Umstände, und bin gern wahr, und das zeichnet mich vielleicht aus. Ich +hoffe, daß es mich auch in Ihren Augen auszeichnet, wiewohl Sie mich +jetzt ziemlich erstaunt und dumm ansehen, als wären Sie beleidigt. Gut, +seien Sie es. Zum Teufel noch einmal, womit habe ich Sie beleidigt. +Sie?« + +Der Wirt trat herzu und mahnte Simon zur Ruhe: + +»Gehen Sie lieber, es ist Zeit mit Ihnen.« + +Und er ließ sich sanft in die dunkle Gasse hinausbefördern. + +Es war eine tiefe, schwarze, schwüle Nacht. Es war, als schleiche sie +als etwas Schleichendes die Wände entlang. Bisweilen stand ein hohes +Haus ganz dunkel da, und dann war wieder eines, das gelblich und +weißlich leuchtete, als besäße es den besonderen Zauber, in einer so +dunklen Nacht zu leuchten. Die Mauern der Häuser rochen so seltsam. Es +war etwas Feuchtes und Dumpfiges, das ihnen entströmte. Einzelne Lichter +erhellten zuweilen einen Fleck der Gasse. Oben ragten die kühnen Dächer +über die glatte, hohe Wand der Häuser hinaus. Die ganze weite Nacht +schien sich in dieses kleine Gassengewirr gelegt zu haben, um hier zu +schlafen, oder um hier zu träumen. Es gingen noch einzelne späte +Menschen umher. Hier taumelte einer und sang dabei, ein anderer fluchte, +daß es den Himmel zerreißen mochte, ein dritter lag schon am Boden, +während der Tschako eines Polizisten hinter einer Hausecke +hervorblitzte. Wenn man schritt, tönten einem die Schritte unter den +Füßen. Simon begegnete einem alten, betrunkenen Mann, der in der ganzen +Breite der Gasse hin und her schwankte. Es war ein elendes und zugleich +fröhliches Bild: wie die dunkle, plumpe Gestalt so hin und her +geschleudert wurde, als bekäme sie Stöße von einer geschmeidigen, +unsichtbaren Hand. Da ließ der alte, weißbärtige Mann seinen Stock +fallen, wollte denselben vom Boden wieder aufheben, was ja für den +Betrunkenen eine schreckliche Aufgabe sein mußte, und schien +infolgedessen selber zu Boden stürzen zu wollen. Aber Simon, von einem +lächelnden Erbarmen ergriffen, eilte auf den Mann und auf den Stock zu, +hob diesen auf und drückte ihn dem Mann in die Hand, der einen Dank in +der merkwürdigen Sprache der Betrunkenen murmelte, in einem Ton, als +hätte er Grund, noch beleidigt zu sein. Dieser Anblick wirkte sofort +ernüchternd auf Simon, und er bog aus dem alten Stadtviertel ab in die +neuere, elegantere Gegend. Als er über eine Brücke, die beide Stadtteile +voneinander trennte, hinüberging, sog er den seltsamen Duft des +fließenden Flußwassers ein. Er schritt die Straße hinunter, in der er +vor drei Wochen von jener Dame vor dem Schaufenster angesprochen wurde, +sah in dem Haus seiner früheren Herrin noch Licht brennen, dachte daran, +daß sie noch gestern seine Herrin gewesen war, schritt weiter unter den +Bäumen, bis er zu dem breit und dunkel liegenden See kam, der zu +schlafen schien in seiner ganzen, herrlichen Ausdehnung. Ein solcher +Schlaf! Wenn so ein ganzer See schlief mit all seinen Abgründen, das +machte Eindruck. Ja, das war doch etwas Seltsames, kaum zu Verstehendes. +Simon schaute noch eine Zeitlang hinaus, bis er Sehnsucht bekam, selber +zu schlafen. O, er würde jetzt herrlich schlafen. So ruhig würde es über +ihn kommen, und morgen würde er lang im Bett bleiben, morgen war ja +Sonntag. Simon ging heim. + + + + +Fünfzehntes Kapitel. + + +Am nächsten Morgen erwachte er erst, als die Glocken klangen. Er +bemerkte von seinem Bette aus, daß ein herrlicher, blauer Tag draußen +sein mußte. In den Fensterscheiben blitzte so ein Licht, das auf einen +wunderbaren Morgenhimmel hoch über der Gasse schließen ließ. Etwas +Hellgoldenes ließ sich ahnen, wenn man die gegenüberliegende Hausmauer +länger ansah. Man mußte bedenken, wie schwarz und düster diese fleckige +Wand bei beflecktem Himmel aussehen mußte. Man sah lange dahin und +stellte sich vor, wie jetzt der See, mit den Segeln darauf, sich +ausnähme, in dem goldenen, blauen Morgenwetter. Gewisse Waldwiesen, +gewisse Aussichten und gewisse Bänke unter den grünen, üppigen Bäumen, +der Wald, die Straßen, die Promenaden, die Wiesen auf dem Rücken des +breiten Berges, vollbesetzt mit Bäumen, die Abhänge und Waldschluchten, +in denen das Grün nur so wucherte, die Quelle und der Waldbach mit den +großen Steinen und dem leise singenden Wasser, wenn man daran saß und +sich davon einschläfern ließ. Das alles war zu sehen, deutlich, wenn +Simon auf die Wand hinüberblickte, die doch nur eine Wand war, aber die +heute das ganze Bild eines seligen Menschensonntages widerspiegelte, nur +weil etwas wie ein Hauch von blauem Himmel darauf auf und ab schwebte. +Dazu klangen ja die Glocken in den bekannten Tönen, und Glocken, ja, die +verstanden es, Bilder aufzuwecken. + +Er nahm sich, immer noch im Bett liegend, vor, von jetzt ab fleißiger zu +sein, etwas zu studieren, zum Beispiel eine Sprache, und überhaupt +geregelter zu leben. Wie viel hatte er versäumt! Das Lernen mußte einem +doch viel Freude machen. Es war so schön, sich das vorzustellen, recht +innig und lebhaft, wie das wäre, wenn man emsig lernte und lernte, und +gar nicht aus dem Lernen herauskäme. Er fühlte eine gewisse menschliche +Reife in sich: nun wohl, um so schöner müßte das Lernen werden, wenn mit +der ganzen, bereits erworbenen Reife gelernt würde. Ja, das wollte er +nun tun: lernen, sich Aufgaben stellen, und einen Reiz darin finden, +Lehrer und Schüler in eigener Person zu sein. Zum Beispiel, wie würde es +mit einer fremden, wohlklingenden Sprache sein, etwa mit der +französischen? »Ich würde Wörter lernen und sie meinem Gedächtnisse fest +einprägen. Wie käme mir da meine allezeit lebhafte Einbildungskraft zu +Hilfe. Der Baum: _l'arbre_. Ich würde in meinem ganzen Gefühl den Baum +sehen. Klara käme mir in den Sinn. Ich würde sie in einem weißen, +weitgefalteten Kleid unter einem breiten, schattigen, dunkelgrünen Baum +sehen. So käme mir wieder vieles, beinahe schon ganz vergessenes in den +Sinn. Der Sinn würde stärker und lebhafter im Erfassen. So, wenn man +nichts lernt, stumpft man zusammen. Wie süß ist gerade die Kleinheit, +das Anfängerische! Ich erblicke jetzt einen hohen Reiz darin und +begreife nicht, wie ich so lange, so lange trotzig und träge sein +konnte. O, die ganze Trägheit liegt nur im Trotz des Mehrwissen-wollens +und des vermeintlichen Besser-wissens. Wenn man nur recht weiß, wie +wenig man weiß, kann es noch gut kommen. Ich würde mir bei dem Klang des +fremden Wortes das deutsche inniger denken und mir seinen Sinn weiter +ausbreiten in Gedanken, so würde mir auch die eigene Sprache ein neuer, +reicherer Laut voll ungekannter Bilder werden. _Le jardin_: der Garten. +Hier würde ich an den ländlichen Garten Hedwigs denken, den ich doch +mitgeholfen habe, anzupflanzen, als es Frühling wurde. Hedwig! Alles +würde mir wieder einfallen, blitzschnell, was sie gesagt, getan, +gelitten und gedacht hat, während all der Tage, die ich bei ihr +verbracht habe. Ich habe keine Ursache, so schnell Menschen und Dinge zu +vergessen und meine Schwester erst recht nicht. Damals, als wir den +Garten schon bepflanzt hatten, schneite es nachts wieder, und wir hatten +großen Kummer, es würde uns nichts wachsen in unserem Garten. Für uns +bedeutete das viel; denn wir versprachen uns aus dem Garten recht viel +schönes Gemüse. Wie schön ist es doch, mit einem Menschen den gleichen +Kummer teilen zu können. Wie müßte es erst sein, wenn man die Schmerzen +und das Ringen eines ganzen Volkes mitlitte und mitkämpfte. Ja, das +alles würde mir einfallen beim Lernen einer Sprache, und noch so viel +mehr, so vieles, das ich mir jetzt noch gar nicht ausdenken kann. Nur +lernen, nur lernen, gleichviel, was! Ich will mich auch in die +Naturgeschichte versenken, ich ganz allein, ohne Lehrer, an Hand eines +billigen Buches, das ich gleich morgen kaufen werde, denn heute ist +Sonntag, da sind freilich alle Läden geschlossen. Das geht alles, ganz +gewiß. Wozu ist man auf der Welt. Bin ich mir etwa seit einiger Zeit gar +nichts mehr schuldig? Aufraffen muß ich mich endlich, es ist wahrlich +die höchste Zeit.« + +Und er sprang aus dem Bett, als wenn es ihm ein Bedürfnis wäre, gleich +jetzt mit den neuen Plänen anzufangen. Rasch kleidete er sich an. Der +Spiegel sagte ihm, daß er wirklich ganz nett aussähe, das befriedigte +ihn. + +Wie er eben die Treppe hinuntergehen wollte, begegnete ihm Frau Weiß, +seine Wirtin und Zimmervermieterin. Sie war ganz in Schwarz gekleidet +und trug ein kleines Gebetbuch in der Hand, sie kam soeben aus der +Kirche. Sie lachte, als sie den Simon erblickte, recht munter, und +fragte ihn, ob er denn nicht auch zur Kirche hätte gehen mögen. + +Er sei schon seit Jahren in keiner Kirche mehr gewesen, erwiderte er. + +Die Frau erschrak über ihr ganzes, gutes Gesicht hinweg, als sie solche +Worte vernahm, die ihr ungebührlich erschienen zum Munde eines jungen +Mannes heraus. Sie wurde nicht böse; denn sie war durchaus keine +unduldsame Frömmlerin, aber sie mußte doch zu Simon sagen, da täte er +doch nicht ganz recht. Sie glaube es übrigens gar nicht. Er sähe ihr +durchaus nicht so aus. Aber wenn es wahr wäre, so möchte er bedenken, +daß er nicht gut handle, niemals in die Kirche zu gehen. + +Simon versprach ihr, um sie bei guter Laune zu erhalten, nächstens in +die Kirche zu gehen, worauf sie ihn ganz freundlich anschaute. Er +indessen ging die Treppe hinunter, ohne sich weiter bei ihr aufzuhalten. +»Ein liebes Weib,« dachte er, »und ich gefalle ihr, ich merke es immer, +wenn ich einer Frau gefalle. Wie lustig sie mit mir wegen der Kirche +geschmollt hat. So übers ganze Gesicht ein Schmollen: das kleidet eine +Frau immer. Das sehe ich sehr gern. Sie hat außerdem Respekt vor mir. +Ich werde mir den ferner zu erhalten wissen bei ihr. Aber ich werde +nicht viel und nicht oft zu ihr reden. Sie wird dann wünschen, ein +Gespräch mit mir anzufangen, und wird froh über jedes Wort sein, das ich +mit ihr spreche. Ich mag gern solche Frauen, wie sie eine ist. Das +Schwarz steht ihr herrlich. Wie lieb das kleine Gebetbuch aussah, das +sie in ihrer üppigen Hand trug. Eine Frau, die betet, erhält eigentlich +einen sinnlichen Reiz mehr. Wie schön diese blasse Hand aus dem Schwarz +des Ärmels heraustrat. Und ihr Gesicht! Nun, schon gut! Es ist +jedenfalls sehr angenehm, etwas Liebes für die Reserve zu haben, so +gleichsam im Hinterhalt. Man besitzt dann eine Art Heim, ein Zuhausesein +bei jemandem, einen Rückhalt, einen Zauber, da ich doch einmal ohne +einen gewissen vorhandenen Zauber nicht leben kann. Sie hatte noch den +Wunsch, vorhin, auf der Treppe, weiter mit mir zu sprechen. Ich habe +aber abgebrochen; denn ich hinterlasse bei Frauen gern unerfüllt +gebliebene Wünsche. So setzt man seinen Wert nicht herab, sondern +schraubt ihn in die Höhe. Die Frauen wollen das übrigens selber, daß man +so handelt.« + +Die Straße wimmelte von sonntäglich geputzten Menschen. Die Frauen +gingen alle in hellen, weißen Kleidern, die Mädchen trugen an ihren +weißen Röcken farbige, breite Schleifen, die Männer waren einfach +gekleidet in hellere Sommerstoffe, Knaben trugen Matrosenkleider, Hunde +liefen hinter ein paar Menschen her; im Wasser, in ein Drahtgitter +eingeschlossen, schwammen Schwäne herum, etliche junge Leute beugten +sich über das Geländer der Brücke und sahen ihnen aufmerksam zu, wieder +andere Männer gingen ziemlich feierlich zur Urne und gaben dort ihre +Stimmzettel zu den Wahlen ab, die Glocken läuteten zum zweiten oder zum +dritten Mal, der See schimmerte blau und die Schwalben flogen hoch oben +in der Luft, über die Dächer hinweg, die in der Sonne strahlten; die +Sonne war zuerst eine Sonntag-Vormittagsonne, dann eine Sonne +schlechthin und dann noch eine Extrasonne für ein paar Künstleraugen, +die wohl mit unter der Menge sein mochten; dazwischen grünten und +breiteten sich die Bäume der städtischen Parkanlagen aus; unter der +dunkleren Baumschattenwelt spazierten wieder andere Frauen und andere +Männer; Segelschiffe flogen im Wind auf dem blauen, fernen Wasser, und +träge, an Fässer angebundene Boote schaukelten am Ufer; hier flogen +wieder andere Vögel und Menschen standen hier still, die die blaue, +weißliche Ferne und die Berggipfel betrachteten, die am fernen Himmel +wie köstliche, weiße, beinahe unsichtbare Spitzen herunterhingen, als ob +der ganze Himmel eine hellblaue Morgenmantille gewesen wäre. Alles hatte +etwas zu betrachten, zu plaudern, zu empfinden, zu zeigen, hinzuweisen, +zu bemerken und zu lächeln. Aus einem Pavillon klangen jetzt die Töne +einer Musikkapelle wie flatternde, zwitschernde Vögel aus dem Grün +heraus. Dort im Grün spazierte auch Simon. Die Sonne warf durch das +Blätterwerk helle Flecken auf den Weg, auf den Rasen, auf die Bank, wo +Kindermädchen Kinderwägelchen hin und her rollten, auf die Hüte der +Damen und auf die Achseln der Männer. Alles plauderte, schaute, blickte, +grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karossen rollten auf +der Straße, die elektrische Straßenbahn sauste ab und zu vorbei, und die +Dampfschiffe pfiffen und man sah durch die Bäume ihren Rauch dick und +schwer davonfliegen. Draußen im See badeten junge Menschen. Die sah man +allerdings, unter dem Grün auf und ab spazierend, nicht, aber man wußte +es, daß dort nackte Leiber im flüssigen Blau herumschwammen und +herausleuchteten. Was leuchtete eigentlich heute nicht? Was flimmerte +nicht? Alles flimmerte, blitzte, leuchtete, schwamm in Farben und +verschwamm zu Tönen vor den Augen. Simon sagte mehrere Male +hintereinander zu sich: »Wie schön ist ein Sonntag!« Er sah den Kindern +und allen Menschen in die Augen, er sah alles selig und verwirrt an, +bald erhaschte er eine schöne, einzelne Bewegung, und bald trat ihm das +Ganze vor die Augen. Er setzte sich zu einem anscheinend noch jungen +Manne auf eine Bank und blickte dem Mann in die Augen. Es entspann sich +ein Gespräch zwischen ihnen, denn es war so leicht, mit reden +anzufangen, wo alles so glücklich war. + +Der andere Mann sprach zu Simon: + +»Ich bin Krankenwärter, aber gegenwärtig bin ich nichts als Bummler. Ich +komme aus Neapel, wo ich im Fremdenhospital die Kranken pflegte. +Vielleicht werde ich schon in zehn Tagen irgendwo in Inner-Amerika sein, +oder in Rußland; denn man schickt uns überall da hin, wo ein Wärter +verlangt wird, sei es auch auf den Südseeinseln. Man sieht auf diese +Weise die Welt, das ist wahr, aber die Heimat wird einem so fremd, ich +kann mich da nicht genügend ausdrücken. Sie zum Beispiel leben +wahrscheinlich immer in Ihrer Heimat, sie umgibt Sie immerwährend, Sie +fühlen sich von den Bekannten umschlossen, Sie schaffen hier, Sie sind +hier glücklich und erleben sicher hier auch Ihr Mißgeschick, gleichviel, +Sie dürfen wenigstens an einen Boden, an ein Land, an einen Himmel, wenn +ich es so sagen darf, gebunden sein. Es ist schön, an etwas gefesselt zu +sein. Man fühlt sich wohl, hat ein Recht, sich wohl zu fühlen und darf +auf das Verständnis und die Liebe seiner Mitmenschen hoffen. Aber ich? +Nein! Sehen Sie, ich bin zu schlecht geworden für meine engere Heimat, +vielleicht auch zu gut, zu alles verstehend. Ich kann nicht mehr +mitempfinden mit meinen Landsleuten. Ihre Vorliebe verstehe ich +ebensowenig mehr wie ihren Zorn und ihre Abneigung. Jedenfalls bin ich +fremd. Und ich fühle, es wird einem übel genommen, daß man fremd +geworden ist. Und gewiß hat man recht, das zu tun; denn ich habe unrecht +getan, mich zu entfremden. Was nützt es mir, wenn auch meine Ansichten +über Vieles weltmännischer und klüger sind, wenn ich mit meinen +Ansichten nur verletze? Dann sind es schlechte Ansichten, wenn sie +verletzen. Eines Landes Sitten und Anschauungen sind etwas, das man +heilig halten muß, wenn man nicht eines Tages ein Fremdling darin werden +will, wie es mit mir geschehen ist. Nun, ich reise ja sehr bald wieder +weg, zu meinen Kranken.« + +Er lächelte und fragte Simon: »Was sind Sie?« + +»Ich bin in meinem eigenen Lande ein sonderbarer Geselle,« antwortete +Simon, »ich bin eigentlich Schreiber, und Sie können sich leicht denken, +was ich da für eine Rolle in meinem Vaterlande spiele, wo der Schreiber +so ziemlich der letzte Mensch ist, den es in der Rangordnung der Klassen +gibt. Andere junge Handelsbeflissene reisen, um sich auszubilden, in das +ferne Ausland, und kommen dann mit einem ganzen Sack voller Kenntnisse +wieder heim, wo ihnen ehrenvolle Stellen offen gehalten werden. Ich nun, +müssen Sie wissen, bleibe immer im Lande. Es ist gerade so, als fürchte +ich, daß in anderen Ländern keine oder nur eine minderwertige Sonne +scheine. Ich bin wie festgebunden und sehe immer Neues im Alten, deshalb +vielleicht gehe ich so ungern fort. Ich verkomme hier, ich sehe es wohl, +und trotzdem, ich muß, so scheint es, unter dem Himmel meiner Heimat +atmen, um überhaupt leben zu können. Ich genieße natürlich wenig +Achtung, man hält mich für liederlich, aber das macht mir so nichts, so +gar nichts aus. Ich bleibe und werde wohl bleiben. Es ist so süß, zu +bleiben. Geht denn die Natur etwa ins Ausland? Wandern Bäume, um sich +anderswo grünere Blätter anzuschaffen und dann heimzukommen und sich +prahlend zu zeigen? Die Flüsse und die Wolken gehen, aber das ist ein +anderes, tieferes Davongehen, das kommt nie mehr wieder. Es ist auch +kein Gehen sondern nur ein fliegendes und fließendes Ruhen. Ein solches +Gehen, das ist schön, meine ich! Ich blicke immer die Bäume an, und sage +mir, die gehen ja auch nicht, warum sollte ich nicht bleiben dürfen? +Wenn ich im Winter in einer Stadt bin, so reizt es mich, sie auch im +Frühling zu sehen, einen Baum im Winter, ihn auch im Frühling prangen +und seine ersten, entzückenden Blätter ausbreiten zu sehen. Nach dem +Frühling kommt immer der Sommer, unerklärlich schön und leise, wie eine +glühende, große, grüne Welle aus dem Abgrund der Welt herauf, und den +Sommer will ich doch hier genießen, verstehen Sie mich, mein Herr, hier, +wo ich den Frühling habe blühen sehen. Da ist zum Beispiel dieses kleine +Wiesen- oder Rasenbord. Wie süß ist das im Vorfrühling anzusehen, wenn +der Schnee eben unter der Sonne darauf zerronnen ist. Aber um diesen +Baum und um dieses Bord und um diese Welt handelt es sich: ich glaube, +ich würde an anderen Orten den Sommer nicht bemerken. Die Sache ist die: +ich habe eine recht verteufelte Lust, hier am Fleck zu bleiben und eine +ganze Menge unlustiger Gründe, die mir das Reisen ins Ausland verbieten. +Zum Beispiel: hätte ich etwa Reisegeld? Sie werden wissen, man braucht +Geld, um mit der Eisenbahn oder mit dem Schiff zu fahren. Ich habe noch +Geld für etwa zwanzig Mahlzeiten; aber ich habe kein Reisegeld. Und ich +bin froh, daß ich keines habe. Mögen andere reisen und klüger +heimkommen. Ich bin klug genug, eines Tages hier im Lande mit Anstand zu +sterben.« + +Nach einem kurzen Stillschweigen, während dessen der Krankenwärter ihn +unverwandt anblickte, fuhr er fort: + +»Und dann habe ich auch gar kein Verlangen darnach, Karriere zu machen. +Was andern das meiste ist, ist mir das mindeste. Ich kann das +Karrieremachen in Gottes Namen nicht achten. Ich mag leben, aber ich mag +nicht in eine Laufbahn hineinlaufen, was so etwas Großartiges sein soll. +Was ist Großartiges dabei: frühzeitig krumme Rücken vom Stehen an zu +kleinen Pulten, faltige Hände, blasse Gesichter, zerschundene +Werktagshosen, zittrige Beine, dicke Bäuche, verdorbene Mägen, kahle +Platten auf den Schädeln, grimmige, anschnauzige, lederne, verblaßte, +glutlose Augen, abgemergelte Stirnen und das Bewußtsein, ein +pflichtgetreuer Narr gewesen zu sein. Ich danke! Ich bleibe lieber arm +aber gesund, verzichte auf eine Staatswohnung, zugunsten eines billigen +Zimmers, wenn es auch auf die dunkelste Gasse hinausgeht, lebe lieber in +Geldverlegenheiten als in der Verlegenheit, wo ich sommers hinreisen +soll, um meine verdorbene Gesundheit aufzuputzen, bin allerdings nur von +einem einzigen Menschen geachtet, nämlich von mir selber, aber das ist +einer, an dessen Achtung mir am meisten liegt, bin frei und kann +jedesmal, wenn es die Notwendigkeit verlangt, meine Freiheit für einige +Zeitlang verkaufen, um nachher wieder frei zu sein. Es lohnt sich, um +der Freiheit willen arm zu bleiben. Ich habe zu essen; denn ich besitze +das Talent, mit ganz Wenigem satt zu werden. Ich werde rasend, wenn man +mir mit dem Wort und mit der Zumutung kommt, die in dem Worte +»Lebensstellung« liegt. Ich will Mensch bleiben. Mit einem Wort: ich +liebe das Gefährliche, das Abgründige, Schwebende und das +Nicht-Kontrollierbare!« + +»Sie gefallen mir,« sagte der Krankenwärter. + +»Ich wollte durchaus nicht Ihr Gefallen erwecken, aber es freut mich +trotzdem, wenn ich Ihnen gefalle, da ich einigermaßen von der Leber +wegrede. Übrigens hätte ich nicht nötig gehabt, heftig auf andere zu +werden. Das ist immer dumm, und man hat kein Recht, Verhältnisse zu +beschimpfen, weil sie einem nicht behagen. Man kann ja fortgehen, ich +kann ja fortgehen! Aber nein, es behagt mir eben. Meine Lage gefällt +mir. Die Menschen gefallen mir, so wie sie sind. Ich meinesteils suche +auch mit allen Mitteln meinen Mitmenschen zu gefallen. Ich bin fleißig +und arbeitsam, wenn ich einen Auftrag zu erfüllen habe, aber meine Lust +an der Welt opfere ich niemandem zu Gefallen, höchstens würde ich sie +dem heiligen Vaterlande hinopfern, wozu bis jetzt die Gelegenheit noch +immer ausgeblieben ist und wohl auch ausbleiben wird. Mögen sie immerzu +Karriere machen, ich begreife sie, sie wollen bequem leben, sie wollen +sorgen, daß ihre Kinder auch etwas haben, sie sind vorsehende Väter, +deren Tun nur achtenswert ist, mich mögen sie eben auch machen lassen, +sie mögen mich auf meine Weise dem Leben seinen Reiz abzureißen +versuchen lassen, das versuchen alle, alle, nur nicht alle auf die +gleiche Art. Es ist ja so wundervoll, reif genug zu sein, um alle machen +zu lassen in ihrer Art, so wie es jeder versteht. Nein, wenn einer +dreißig Jahre lang sein Amt treu verwaltet hat, ist er am Ende seiner +Lebensbahn durchaus kein Narr gewesen, wie ich vorhin in der Heftigkeit +sagte, sondern ein Ehrenmann, der verdient, daß man ihm Kränze aufs Grab +legt. Sehen Sie, ich will keine Kränze auf mein Grab bekommen, das ist +der ganze Unterschied. Mein Ende ist mir gleichgültig. Sie sagen mir +immer, jene andern, ich werde meinen Übermut noch schwer büßen müssen. +Nun wohl, dann büße ich und erfahre dann doch, was büßen heißt. Ich +erfahre gern alles und deshalb fürchte ich nicht so viel, wie die, die +um eine glatte Zukunft besorgt sind. Ich habe immer Angst, es möchte mir +eine einzige Lebenserfahrung entgehen. Darauf bin ich ehrgeizig wie zehn +Napoleone. Doch jetzt bin ich hungrig, ich möchte essen gehen, kommen +Sie mit? Es würde mich freuen.« + +Und sie gingen zusammen. + +Nach dem etwas wilden Gerede war Simon plötzlich weich und sanft +geworden. Er sah mit entzückten Augen die schöne Welt an, die runden, +üppigen Kronen der hohen Bäume und die Straßen, wo die Menschen gingen. +»Die lieben, geheimnisvollen Menschen!« dachte er bei sich und +gestattete es, daß sein neuer Freund ihm die Schulter mit der Hand +berührte. Er sah es gerne, daß der andere so vertraulich wurde, es +paßte, es verband und löste auf. Er sah alles mit lachenden, glücklichen +Augen an, wobei er wieder dachte: »Wie sind doch Augen schön!« Ein Kind +hatte zu ihm den Blick erhoben. Mit so einem Kameraden zu gehen, wie der +Krankenwärter war, erschien ihm als etwas ganz Neues, noch nie Erlebtes, +als etwas jedenfalls Angenehmes. Auf dem Wege kaufte derselbe bei einem +Gemüsehändler ein Gericht frischer Bohnen und in einer Metzgerei Speck +und lud Simon zu sich zum Mittagessen ein. Gerne wurde das Angebot +angenommen. + +»Ich koche immer selbst,« sagte der Krankenwärter, als sie beide in +dessen Wohnung anlangten, »ich habe mir das angewöhnt. Es macht Spaß, +glauben Sie es mir nur. Passen Sie auf, wie vortrefflich Ihnen die +Bohnen mit dem schönen Speck schmecken werden. Ich stricke mir zum +Beispiel auch selber meine Strümpfe und wasche meine Wäsche selber. So +erspart man viel Geld. Ich habe das alles gelernt, und warum sollten +sich solche Arbeiten nicht auch ausnahmsweise einmal für einen Mann +schicken, wenn er ausgesprochenen Sinn dafür hat. Ich sehe nicht ein, +was in einer solchen Beschäftigung Beschämendes liegen sollte. Ich +fertige mir auch selber Hausschuhe, wie diese hier sind, an. Einige +Aufmerksamkeit erfordert schon solch eine Arbeit. Pulswärmer für den +Winter zu stricken oder Westen zu machen, bietet mir keine besonderen +Schwierigkeiten. Wenn man immer so allein ist, und auf Reisen, wie ich, +kommt man auf wunderliche Sachen. Machen Sie es sich, oder, mach es dir +bequem, Simon! Sollte ich mir nicht gestatten dürfen, dir das »Du« +anzutragen?« -- + +»Warum nicht? Gern!« Und Simon errötete auf ihm ganz unbegreifliche +Weise. + +»Ich habe dich sehr lieb vom ersten Augenblick an gewonnen,« sprach der +Wärter, der sich Heinrich nannte, weiter, »man braucht dich nur +anzusehen, um überzeugt zu sein, daß du ein lieber Kerl bist. Ich hätte +Lust, dich zu küssen, Simon.« -- + +Simon wurde es schwül in dem Zimmer. Er stand vom Stuhle auf. Er ahnte, +was es für einer sei, der ihn so merkwürdig zärtlich ansah. Aber was +schadete das. »Ich will es gehen lassen,« dachte er. »Ich mag dem +Heinrich, der sonst nett ist, deswegen nicht grob kommen!« Und er gab +seinen Mund her und ließ sich darauf küssen. + +Was war es denn weiter! + +Übrigens fand er es hübsch und dem Zustand von Weichheit, in dem er sich +befand, angemessen, sich so zärtlich behandeln zu lassen. Wenn es auch +diesmal nur ein Mann war! Er fühlte deutlich, daß dessen seltsame +Neigung zu ihm der schonenden und vorläufig dahin gehen lassenden +Rücksicht bedurfte, und er hätte es nie vermocht, die Hoffnungen des +Mannes zu zerstören, wenn es nun einmal auch unwürdige Hoffnungen waren. +Mußte er denn deswegen empört tun? »Keine Rede,« dachte sich Simon, »ich +lasse ihn einstweilen gewähren, es paßt zu allem, was jetzt um mich +herum vorgeht!« + +Den Abend verbrachten beide mit einer Wanderung von Kneipe zu Kneipe; +denn der Wärter war ein ziemlich leidenschaftlicher Trinker, weil er mit +seiner freien Zeit nicht viel anderes anzufangen wußte. Simon fand es +für passend, in jeder Beziehung mitzumachen. Er lernte dort in den +kleinen, dumpfigen Wirtschaften Menschen kennen, die mit unglaublicher +Ausdauer Karten spielten. Das Kartenspiel schien solchen eine ganz +eigene Welt zu sein, in der sie sich nicht gern stören ließen. Andere +saßen den ganzen Abend da und klemmten einen spitzen, langen +Zigarrenstengel zwischen den Zähnen herum, ohne sich weiter bemerkbar zu +machen, als etwa dadurch, daß sie den Zigarrenrest, wenn er zu kurz +geworden war, um zwischen den Lippen noch weiter gepreßt zu werden, an +die Spitze ihres Sackmessers steckten, um ihn bis zu der kleinsten Kürze +herunterrauchen zu können. Eine abgemagerte, wüste Klavierspielerin +erzählte ihm, daß ihre Schwester eine schlechte Schwester aber eine +berühmte Konzertsängerin sei, mit der sie längst aufgehört habe, +familiär zu verkehren. Simon fand es begreiflich, aber er benahm sich +zart und sagte ihr nicht, daß er es begreiflich fände. Er hielt die +Person mehr für unglücklich als verdorben, und das Unglück ehrte er +immer, während er die Verdorbenheit für die Folge des Unglückes hielt, +das wenigstens Anstand erforderte. Er sah dicke, kleine, furchtbar +lebhafte Wirtinnen, die sich den Gästen unter allerhand Zutraulichkeiten +nahten, während ihre Männer auf Sofas und in Lehnstühlen schliefen. Oft +wurde ein gutes, altes Volkslied gesungen, von einem, der im Singen +solcher alter Lieder, was die Tonart und den Wechsel der Stimme betraf, +Meister war. Diese Lieder klangen schön und wehmütig, man spürte +unwillkürlich, wie manche rauhe und helle Kehle sie schon, einstmals und +viel früher, gesungen haben mußte. Einer riß beständig Witze, es war ein +kleiner, junger Mensch in einem alten, großen, breiten, hohen, tiefen +Hut, den er irgendwo beim Trödler erstanden haben mußte. Sein Mund war +schmierig und seine Witze nicht minder, aber sie zwangen zum Lachen, ob +man wollte oder nicht. Einer sagte ihm: »Ich bewundere Ihren Witz, Sie!« +Aber der Witzige lehnte die dumme Bewunderung mit gut gespielter +Verwunderung ab, und das war ein wirklicher Witz, der jeden Gebildeten +hätte freuen können. Der Wärter erzählte allen Menschen, die neben ihn +zu sitzen kamen, er sei im Grunde genommen zu schlecht und wieder, wenn +er es recht bedenke, zu gut für seine Heimat. Simon dachte: »Wie dumm!« +Aber von Neapel stattete der Krankenpfleger weit hübscheren Bericht ab, +so sagte er zum Beispiel, daß dort in den Museen wundervolle Überreste +von antiken Menschen zu sehen seien, und man könne daran sehen, daß die +früheren Menschen uns an Größe, Breite und Dicke weit übertroffen +hätten. Arme hätten diese Menschen gehabt wie wir Beine etwa! Das müsse +ein Geschlecht von Weibern und Männern gewesen sein, das! Was wir +dagegen seien? Einfach eine heruntergekommene, verkrüppelte, +verkümmerte, zugespitzte, in die Länge und Dünne gesprungene und +zerrissene und zerfetzte und abgemagerte Generation. Auch den Golf von +Neapel wußte er in anmutigen Worten zu schildern. Viele hörten ihm +aufmerksam zu, aber viele schliefen und weil sie schliefen, konnten sie +nichts hören. + +Simon kam sehr spät nach Hause, fand die Haustüre verschlossen, hatte +aber keinen Schlüssel bei sich und klingelte an der Hausglocke ziemlich +unverschämt; denn er war in einem Zustand, in welchem man stets +rücksichtslos zu sein pflegt. Ein Fenster öffnete sich sogleich auf den +heftigen Schall, den die Glocke verursachte, und eine weiße Gestalt, +ohne Zweifel die Frau in ihrer Nachtjacke, warf den in dickes Papier +gewickelten Schlüssel hinunter. + +Am nächsten Morgen lächelte sie ihm, statt erzürnt über ihn zu sein, in +der freundlichsten Weise »Guten Morgen« entgegen, und erwähnte mit +keinem Wort die Störung in der Nacht. Simon fand es deshalb auch nicht +am Platz, ein Wort darüber zu sagen und entschuldigte sich, halb aus +Zartheit und halb aus Bequemlichkeit, nicht. + +Er ging weg und suchte den Wärter auf. Der Montagmorgen war wiederum +prachtvoll. Die Menschen waren alle an ihrer Arbeit, die Gassen waren +infolgedessen leer und hell, er trat in das Zimmer, wo der Wärter noch +schläfrig im Bette lag. Simon bemerkte an den Wänden des Zimmers heute, +was er gestern nicht beobachtet hatte, eine Menge ziemlich süßlicher, +christlicher Wanddekorationen: Engelchen mit rötlichen Köpfchen aus +Papier geschnitten und Tafeln mit Sprüchen, die in geheimnisvolle, +trockene Blumen gerahmt waren. Er las sämtliche Sprüche, es waren tiefe +darunter, die zum Nachdenken reizten, Sprüche, die vielleicht älter +waren als acht alte Menschen miteinander, aber auch glättliche, neue +Sprüche, die sich so lasen, als ob sie zu Tausenden in einer Fabrik +fabriziert worden wären. Er dachte: »Wie seltsam ist das! Überall, in +vielen einzelnen Zimmern und Zimmerchen, wohin man auch kommen mag, und +was man auch gerade verüben mag, sieht man solche Stücke alter +Religionen an Wänden hängen, die teils viel sagen, und teils wieder +weniger, teils auch gar nichts mehr. Was glaubt der Wärter? Sicher +nichts! Vielleicht ist die Religion bei vielen, heutigen Menschen nur +noch so halbe, oberflächliche und unbewußte Geschmackssache, eine Art +Interesse und Gewohnheit, wenigstens bei den Männern. Vielleicht hat +eine Schwester des Wärters dieses Zimmer auf diese Weise ausgeschmückt. +Ich glaube es; denn die Mädchen haben innigeren Grund zur Frömmigkeit +und zum religiösen Nachsinnen als die Männer, deren Leben immer mit der +Religion gestritten hat, von jeher, wenn es nicht gerade Mönche waren. +Aber ein protestantischer Pfarrer in schneeweißen Haaren, mit mildem, +geduldigem Lächeln und edlem Gang, wenn er durch einsame Waldlichtungen +schreitet, ist und bleibt etwas Schönes. In der Stadt ist die Religion +weniger schön als auf dem Land, wo Bauern leben, deren Lebensart schon +an und für sich etwas Tiefreligiöses hat. In der Stadt gleicht die +Religion einer Maschine, was etwas Unschönes ist, auf dem Lande dagegen +empfindet man den Gottesglauben als dasselbe wie ein blühendes Kornfeld, +oder wie eine ausgedehnte, üppige Wiese, oder wie das entzückende +Anschwellen leicht gebogener Hügel, auf deren Höhe ein verstecktes Haus +steht, mit stillen Menschen, denen das Nachsinnen wie ein Freund ist. +Ich weiß nicht, mir kommt vor, als ob in der Stadt der Pfarrer zu dicht +neben dem Börsenspekulanten und dem glaubenslosen Künstler wohne. Es +mangelt in der Stadt dem Gottesglauben an der gehörigen Entfernung. Die +Religion hat hier zu wenig Himmel und zu wenig Geruch von Erde. Ich kann +es nicht so gut sagen, und was kümmert es mich überhaupt. Religion ist +nach meiner Erfahrung Liebe zum Leben, inniges Hangen an der Erde, +Freude am Moment, Vertrauen in die Schönheit, Glauben an die Menschen, +Sorglosigkeit beim Gelage mit Freunden, Lust zum Sinnen und das Gefühl +der Verantwortungslosigkeit in Unglücksfällen, Lächeln beim Tode und Mut +in jeder Art Unternehmungen, die das Leben bietet. Zuletzt ist tiefer, +menschlicher Anstand unsere Religion geworden. Wenn die Menschen +voreinander den Anstand bewahren, bewahren sie ihn auch vor Gott. Was +will Gott mehr wollen? Das Herz und die feinere Empfindung können +zusammen einen Anstand hervorbringen, der Gott wohlgefälliger sein +dürfte, als finsterer, fanatischer Glaube, der den Himmlischen selbst +beirren muß, so daß er am Ende noch wünschen wird, keine Gebete mehr zu +seinen Wolken hinaufdonnern zu hören. Was kann ihm unser Gebet sein, +wenn es derart anmaßlich und plump zu ihm hinaufdringt, als ob er +schwerhörig wäre? Muß man ihn sich nicht mit den allerfeinsten Ohren +vorstellen, wenn man ihn überhaupt denken kann? Ob ihm die Predigten und +die Orgeltöne recht angenehm sind, ihm, dem Unaussprechlichen? Nun, er +wird eben lächeln zu unsern immer noch so finsteren Bemühungen und er +wird hoffen, daß es uns eines Tages einfällt, ihn ein wenig mehr in Ruhe +zu lassen.« + +»Sie sind ja so nachdenklich, Simon,« sagte der Wärter. + +»Gehen wir?« fragte Simon. + +Der Krankenwärter war fertig geworden, und beide gingen zusammen die +steilen Wege den Berg hinauf. Die Sonne schien glühend heiß. Sie traten +in einen kleinen, üppig verwachsenen Biergarten hinein und ließen sich +einen Frühschoppen reichen. Als sie indessen gehen wollten, ermunterte +sie die Wirtin, eine hübsche Frau, zum Dableiben, und sie blieben, bis +es Abend wurde. »So vertrinkt man, ehe man es denkt, den hellen +Sommertag,« dachte Simon mit einem Gefühl, das mit taumelnder Lust und +mit einem sanften, schönen, melodiösen Weh gemischt war. Die Farben des +Abends im Grün machten ihn trunken. Sein Freund schaute ihm tief und +verlangend in die Augen und schlang den Arm um seinen Hals. »Eigentlich +ist das häßlich,« dachte Simon. Auf dem Wege wurden alle Weiber und +Mädchen in der auffallendsten Weise von den beiden angesprochen. Die +Arbeiter kamen von der Arbeit heim, Menschen, die noch rüstig gingen, +die Schultern seltsam wiegten, als atmeten sie jetzt befreit auf. Simon +entdeckte prachtvolle Gestalten unter ihnen. Als sie in den heißen, aber +schon dunkel gefärbten Wald kamen, der den Berg krönte, sank unten in +der fernen Welt die Sonne unter. Sie lagerten sich in grüne Blätter und +Gesträuch hinein und schwiegen und atmeten nur so. Dann kam, was Simon +jetzt erwartete, die Annäherung seines Kameraden, die ihn aber durchaus +erkältete. + +»Es hat keinen Sinn,« sagte er, »hören Sie auf oder so: höre doch auf.« + +Der Wärter ließ sich beschwichtigen, aber er war unmutig geworden, Leute +kamen vorbei, sie mußten aufstehen und den Platz verlassen. Simon +dachte: »Warum verbringe ich den Tag mit einem solchen Menschen?« Aber +er gestand sich gleich darauf, daß er eine gewisse Freude an ihm habe, +trotz seiner seltsamen, unschönen Neigungen. »Ein anderer würde den +Wärter verachten,« dachte er weiter, indem sie den Rückweg einschlugen, +»aber ich bin so einer, der einen jeden Menschen in seiner Art und Unart +interessant und liebenswert findet. Ich komme nicht bis zur +Menschenverachtung, oder ich verachte eigentlich nur die Feigheit und +Leblosigkeit, aber ich finde an der Verdorbenheit sehr leicht etwas +Interessantes. Und in der Tat, sie klärt über vieles auf, läßt tiefer in +die Welt blicken und macht einen erfahrener und macht milder und +treffender urteilen. Man muß mit allem bekannt werden, und man lernt es +nur kennen, wenn man es tapfer berührt. Irgend jemandem ausweichen, aus +Furcht, das würde ich meiner für unwürdig halten. Überdies: einen Freund +haben, ist unschätzbar! Was schadet es, wenn es ein etwas merkwürdiger +Freund ist.« -- + +Simon fragte: + +»Bist du mir böse, Heinrich?« + +Der aber sprach nichts mehr. Sein Gesicht hatte einen finsteren Ausdruck +angenommen. Wieder langten sie an dem Biergarten an, der jetzt in seinen +zierlichen Umrissen dunkel war. Farbige, schimmernde Lampions +erleuchteten das dunkle Grün an einigen Stellen, Geräusch und Gelächter +drang heraus, und die beiden, angelockt von dem lustigen, feurigen +Leben, gingen wieder hinein, wo sie von der Wirtin freundschaftlich +begrüßt wurden. + +Der rote, dunkle Wein funkelte in den hellen Gläsern, die Lichtschimmer +vermengten sich mit den erhitzten Gesichtern, die Blätter von dem +Gebüsch berührten die Kleider der Frauen, es schien so selbstverständlich, +daß man die heiße Sommernacht in einem lispelnden Garten +mit Trinken, Singen und Lachen verbrachte. Aus dem tief gelegenen +Bahnhof drang das Gelärm der Eisenbahnen herauf an die Ohren der +Schwärmenden. Ein reicher, langer, rotbäckiger Weinhändlerssohn machte +sich mit Simon in einem kühnen, philosophierenden Gespräch zu schaffen. +Der Wärter widersprach in allem, weil er unmutig und ärgerlich war. Die +Kellnerin, ein schlankes, brünettes Mädchen, setzte sich zu Simon und +ließ es sich gefallen, daß er sie eng an sich heranzog, um sie zu +küssen. Sie ertrug den Kuß gern, mit stolzen, geschwungenen Lippen, die +wie dazu geschaffen schienen, Wein zu schlürfen, zu lachen und zu +küssen. Der Wärter wurde noch böser und wollte aufbrechen, woran man ihn +aber verhindern konnte. Da sang einer, ein junger, braungefärbter, +dunkler Bursche mit grünem Jägerhut ein Lied, während sein Mädchen, das +sich, an seine Brust angeschmiegt, eng an ihn lehnte, in leisen, +glücklichen Tönen mitsang. Das klang so berauschend, dunkel und südlich. +Simon dachte: »Lieder sind doch immer wehmütig, wenigstens die schönen. +Sie mahnen ans Aufbrechen!« Aber er blieb noch lange in dem nächtlichen +Garten. + + + + +Sechzehntes Kapitel. + + +Noch die ganze Woche lang verkehrte Simon in dieser müßiggängerischen +Weise mit dem Krankenwärter, mit dem er sich bald stritt und dann wieder +versöhnte. Er spielte Karten, wie einer, der es schon jahrelang trieb +und rollte die Billardkugeln, mitten am heißen Tag, während alles, was +Hände hatte, arbeitete. Er sah die sonnenbeschienenen Straßen und die +Gassen im Regenwetter, aber durch ein Fenster und mit einem Glas Bier in +der Hand, führte lange, nutzlose, wilde Reden nachts, mittags und abends +mit allerhand unbekannten Menschen, bis er sah, daß er nichts mehr zum +Leben besaß. Und eines Morgens ging er nicht mehr zu Heinrich, sondern +trat in eine Stube hinein, wo verschiedene junge und alte Männer an +Pulten saßen und schrieben. Es war die Schreibstube für Stellenlose, wo +diejenigen hinkamen, die durch irgend einen Umstand in die Lage geraten +waren, wo es ein Ding der Undenkbarkeit geworden ist, noch in einem +Geschäfte Anstellung zu erhalten. Diese Sorte von Menschen schrieb dort +im kargen Tagelohn mit hastigen Fingern, unter der strengen Aufsicht +eines Aufsehers oder Sekretärs, Adressen, meist geschäftliche Adressen +zu Tausenden, die von großen Firmen in dieser Schreibstube bestellt +wurden. Schriftsteller gaben dort ihre hingesudelten Manuskripte und +Studentinnen ihre beinahe unleserlichen Doktorarbeiten ab, um sie +entweder mit der Schreibmaschine abtypen, oder mit der geläufigen, +sauberen Feder abschreiben zu lassen. Des Schreibens unkundige Leute, +die irgend etwas zu schreiben hatten, brachten ihre Schreibereien +dorthin, wo sie in Kürze befriedigt wurden. Büffetdamen, Kellnerinnen, +Plätterinnen und Kammerzofen ließen sich ihre Zeugnisse dort ins Reine +schreiben, um sie präsentieren zu können. Wohltätigkeitsvereine gaben +tausende von Jahresberichten ab, die adressiert und in die umliegende +Welt versandt werden mußten. Der Naturheilverein ließ dort die +Einladungen zu volkstümlichen Vorträgen ins Mehrfache schreiben, und +Professoren hatten Arbeit genug für die Schreiber, die wiederum froh +waren, wenn sie Arbeit hatten. Das ganze Schreibergeschäft wurde von der +Gemeinde mit jährlichen Beiträgen unterstützt und von einem Verwalter +geleitet, einem ehemals ebenfalls Stellenlosen, für den man diese Stelle +schuf, um dem Mann in seinen alten Tagen eine passende Beschäftigung zu +geben. Er stammte gewissermaßen aus einer alten, patrizischen Familie, +hatte reiche Verwandte im Stadtrat, die nicht gern mitansehen mochten, +wie eines ihrer Familienglieder auf schmachvolle Weise verdarb. So ward +der Mann der König und Beschützer aller Vagabunden, verlorenen Menschen +und traurigen Existenzen, und er versah dieses Amt mit lässiger Würde, +als ob er niemals in seinem wilden Leben, das ihn auch eine Zeitlang in +Amerika herumschweifen ließ, die Bitternisse der Not geschmeckt hätte. + +Simon machte eine Verbeugung vor dem Verwalter der Schreibstube. + +»Was wollen Sie?« + +»Arbeit!« + +»Heute ist nichts los. Kommen Sie morgen früh wieder, da wird sich +vielleicht etwas für Sie Passendes finden. Schreiben Sie vorläufig heute +Ihren Namen, Wohnort, Heimatort, Beruf und Ihr Alter sowie Ihre Adresse +auf dieses Blatt Papier, und kommen Sie morgen pünktlich um acht Uhr, +sonst wird keine Arbeit mehr da sein,« sagte der Verwalter. + +Er pflegte immer zu lächeln und zu näseln, wenn er sprach. Gegenüber +Stellenlosen nahm er außerdem immer einen sanftmütig-höhnischen Ton an, +ganz ohne jegliche Absicht, es kam einfach so und nicht anders aus des +Mannes Mund heraus. Sein Gesicht war eingefallen und vermergelt, hatte +die Farbe des kalten, weißen Kalkes und endete in einem zerzausten +grauen Spitzbart, als ob der Bart der herunterhängende und spitzige +Gesichtsfetzen gewesen wäre. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen und des +Mannes Hände zeugten von Krankheit und leiblicher Verwüstung. + +Simon arbeitete schon am nächsten Tag, frühmorgens um acht Uhr, in der +Schreibstube, und nach ein paar Tagen hatte er sich an die Gesellen, die +dort arbeiteten, gewöhnt. Es waren Menschen, die sich im Leben einmal +irgend eine Liederlichkeit zuschulden kommen ließen und den Boden dann +unter ihren schwankenden Füßen verloren hatten. Es waren Menschen da, +die um eines begangenen, schweren Vergehens willen früher einmal im +Gefängnis gesessen hatten. Von einem alten, sehr gut aussehenden Manne +wußte man, daß er jahrelang im Zuchthaus gesessen hatte, eines schweren +sittlichen Verbrechens wegen, das er an seiner eigenen, leiblichen +Tochter verübte, die ihn dem Richter verklagte. Er verzog, so lange +Simon ihn sah, nie eine Miene seines stillen, sonderbaren Gesichtes, als +ob das Schweigen und Horchen dort in dem Gesicht einheimisch und zur +Notwendigkeit geworden wäre. Er arbeitete ruhig, friedlich und langsam, +sah gut aus, blickte einen ruhig an, wenn man ihn anschaute, und schien +sich einer quälenden Erinnerung nicht im leisesten bewußt zu sein. Sein +Herz schien so still zu schlagen, wie seine alte Hand arbeitete. Nichts +von Verzerrung eines einzigen Zuges war in seinem Gesicht zu bemerken. +Alles schien er gebüßt, alles abgewaschen zu haben, was ihn je +verunzierte und beschmutzt hatte. Seine Kleider waren ordentlicher als +die des Verwalters, obschon er arm sein mußte. Merkwürdig gepflegt waren +seine Zähne und seine Hände, seine Schuhe und seine Kleider. Seine Seele +schien ruhig und außerordentlich rein zu sein. Simon dachte über ihn: +»Warum nicht? Ist denn eine Sünde nicht abzuwaschen und soll eine Strafe +das ganze Leben vernichten? Nein, diesem Manne sieht man weder eine +begangene Sünde noch eine erduldete Strafe an. Er scheint beides völlig +vergessen zu haben. Es mußte Güte und Liebe in dem Mann stecken, und +viel, sehr viel Kraft. Aber immerhin: wie sonderbar!« -- + +Unterschlagung, Diebstahl, Hochstapel und Landstreichertum hatten in der +Schreibstube ihre Vertreter. Daneben gab es nur Unglückliche, +Ungeschickte, die das Leben übertölpelte, und Fremde aus dem Ausland, +die einfach brotlos dastanden, weil sie sich in ihren Hoffnungen +betrogen sahen. Notorische Faulenzer und ewig Unzufriedene waren gewiß +auch da. Jede Mischung von Selbstschuld und Pech war vorhanden, nicht +minder die Frivolität, die sich ein Vergnügen daraus machte, so +heruntergekommen zu sein. Simon konnte hier den Mann in seinen +verschiedenen Charakteren kennen lernen, doch dachte er selber nicht so +sehr ans Beobachten, weil er auch einer der anderen war, der eben auch +ausfüllte und in dem Leben und Treiben der Schreibstube, in deren +Sorgen, Mühen und kleinen Fragen und Vorkommnissen wie in einem Strom +untersank. Als ein selber in die Sache Versunkener dachte er nicht so +sehr an die Sache, als an das leibliche Bedürfnis, wie alle andern. Alle +verdienten hier mit Schreiben, was sie auch sogleich wieder vertrinken +und veressen mußten, wenn sie leben wollten. Der Verdienst floß in die +Kehlen hinunter, von der Hand in den Mund. Simon kam dazu, sich außerdem +noch einen Strohhut und ein Paar billige Schuhe zu kaufen. Aber wenn er +an die Zimmermiete dachte, so mußte er sich gestehn, daß er nicht +imstande sein würde, auch das Geld für diese noch flüssig zu machen. +Jeweilen abends, wenn er fertig geschrieben hatte, war er müde und +glücklich. Er ging dann, in Gesellschaft eines seiner Schreibgesellen, +mit hocherhobenem Kopf durch die Straßen und lächelte mit +Gedankenlosigkeit die vorübergehenden Menschen an. Er brauchte sich gar +nicht einer schönen und stolzen Haltung zu befleißigen, es kam von +selber, die Brust dehnte sich und reckte sich ihm wie ein gespannter +Bogen, wenn er zur Schreibstubentür hinaus an die Luft trat. Über seine +Glieder fühlte er sich auf einmal als geborner Herr und Meister und er +achtete auf seine Schritte mit Bewußtheit. Die Hände hielt er jetzt +nicht mehr in der Hosentasche, das würde ihm würdelos vorgekommen sein. +Überhaupt schlenderte er sich nicht mehr, sondern spazierte mit +gemessenem Bewußtsein, als übe er erst jetzt, in seinem +einundzwanzigsten Lebensjahre, die Glieder an einem schönen, festen +Gange. Man sollte ihm keinerlei Armut anmerken, aber man sollte spüren, +daß er ein junger Mann sei, der eben von der Arbeit herkomme und nun +sich einen Abendspaziergang gönne. An der emsigen, beweglichen +Straßenwelt hing sein Auge mit Entzücken. Wenn eine Karosse mit einem +Paar tanzender, zierlicher Pferde vorbeikam, so musterte er mit scharfem +Blick nur den Gang der trabenden Tiere und verschmähte es, den +Herrschaften im Wagen einen Blick zuzuwerfen, so, als hätte er nur +Interesse für die Pferde, weil er ein Kenner sei. »Das ist angenehm,« +dachte er, »und man muß lernen, seine Blicke zu beherrschen und sie +dahin zu führen, wo es anständig und männlich ist, sie hinzulenken.« +Viele Damen streifte er mit Seitenblicken und mußte innerlich lachen, zu +bemerken, welchen Eindruck das machte. Und er träumte dabei, wie immer! +Nur daß er jetzt auf die Zähne biß beim Träumen und sich keine träge, +müde Haltung mehr gestattete: »Wenn ich auch einer der ärmsten Teufel +bin, so fällt es mir doch nicht ein, mir das merken zu lassen, im +Gegenteil, die Geldverlegenheit verpflichtet gewissermaßen zu einem +stolzen Benehmen. Wäre ich reich, so dürfte ich mir vielleicht den +Schlendrian noch erlauben. So aber nicht, weil der Mensch auf ein +Gleichgewicht bedacht sein muß. Ich bin hundemüde: aber ich muß immer +denken: andere haben auch Ursache, müde zu sein. Man lebt nicht für sich +allein, sondern für alle. Man hat die Verpflichtung, eine musterhafte, +stramme Erscheinung zu sein, so lange man beobachtet wird, so daß sich +weniger Mutige ein Beispiel daran nehmen können. Man soll den Eindruck +der sorglosen Festigkeit machen, wenn einem auch die Kniee dabei zittern +und der Magen einem in die Kehle hinauf singt vor Leere. Solches kann +einem heranwachsenden Manne Vergnügen machen! Die Glocke hat noch nicht +zwölfe geschlagen, für keinen; denn jeder hat jedesmal, wenn er arm +daniederliegt, die Aussicht, hoch zu kommen. Eine Ahnung sagt mir, daß +eine freie, stolze Haltung schon allein das Lebensglück an sich zieht +wie ein elektrischer Strom, und in der Tat, man fühlt sich gehobener und +reicher, wenn man anständig einhergeht. Ist man in Begleitung eines +andern schlecht gekleideten, armen Teufels, wie es hier der Fall ist, so +hat man umsomehr Veranlassung, kopfhoch zu gehen, indem man damit +gewissermaßen des anderen schlechte Frisur und Haltung sanft und +energisch entschuldigt, vor Menschen, die darüber verwundert sind, zwei +so ungleich sich betragende Gesellen miteinander innig verbunden, auf Du +und Du, in der eleganten Straße spazieren zu sehen. So etwas bringt +Achtung ein, wenn auch nur flüchtige. Reizend ist es ja, zu denken, daß +man angenehm absticht von einem Begleiter, der das Zeug noch nicht so +los hat oder nie los haben wird. Übrigens ist mein Geselle ein älterer, +unglücklicher Mann, ehemaliger Korbflechtereibesitzer, heruntergekommen +durch allerlei Mißgeschick und jetzt Schreiber im Taglohn, wie ich, nur +daß ich nicht ganz wie ein Schreiber und Taglöhner aussehe, sondern eher +wie ein toller Engländer, während mein Kamerad aussieht wie einer, der +sich schmerzlich zurücksehnt nach einstigen besseren Tagen. Sein Gang +und sein immerwährendes, liebes, rührendes Kopfnicken erzählen sein +Unglück mit ganz schamloser Sprache. Er ist ein älterer Mann und will +nicht mehr imponieren, nur noch sich ein bißchen aufrecht halten. Mir +imponiert er; denn ich kenne seinen Schmerz und weiß, welche drückende +Last er mit sich trägt. Ich bin stolz darauf, mit ihm so durch ein +schönes Straßenviertel zu gehen und drücke mich ganz unverschämt nahe an +ihn an, um meine ungenierte Vorliebe für seinen geringen Anzug zu +demonstrieren. Ich erhalte viele erstaunte Blicke, manches wundervolle +Auge sieht mich seltsam fragend an, das muß mir Spaß machen, der und +jener soll's holen! Ich spreche laut und mit Nachdruck. Der Abend ist so +schön geeignet zum Sprechen. Ich habe gearbeitet den Tag über. Etwas +Herrliches ist es, den Tag über gearbeitet zu haben und dann am Abend so +schön müde und ausgesöhnt mit allem zu sein. So gar keine Sorgen, kaum +einen Gedanken zu haben. So leichtfertig spazieren zu dürfen, mit dem +Gefühl, keinem Menschen weh getan zu haben. Sich umzusehen, ob man +vielleicht jemandem gefalle. Zu fühlen, daß man jetzt ein bißchen +liebenswerter und achtenswerter sei, als früher, da man ein Tagedieb +war, dessen Tage wie in einen Abgrund dahinsanken und verrauchten wie +Rauch vertrieben wird. Viel zu fühlen, viel, an so einem geschenkten +Abend! Den Abend wie ein Geschenk zu empfinden, denn das ist er denen, +die den Tag für die Arbeit hergeben. So schenkt man und wird +beschenkt.« -- + + * * * * * + +Simon machte immer mehr die Beobachtung, daß die Schreibstube eine +kleine Welt für sich war, in der großen. Neid und Streberei, Haß und +Liebe, Übervorteilung und Ehrlichkeit, heftiges und bescheidenes Wesen +machten sich hier im Kleinen, um ganz lumpiger Vorteile willen, +ebensogut und scharf bemerkbar, wie überall, wo es dem Kampf um das +tägliche Auskommen galt. Jede Empfindung und jeder Drang konnte hier +seine Betätigung finden, wenn auch in geringfügigem Maßstab. Glänzende +Kenntnisse nützten allerdings in der Schreibstube nicht viel. Ein Träger +von solchen konnte sie hier höchstens improvisatorisch zum besten geben, +es half ihm zum Ansehen, aber es half ihm nicht dazu, sich dafür einen +besseren Anzug anschaffen zu können. Es gab etliche unter den +Schreibstubenburschen, die drei Sprachen perfekt sprachen und schrieben. +Diese wurden zum Übersetzen verwendet, aber sie verdienten damit nicht +mehr als die plumpen Adressenschreiber und die Abschreiber von +Manuskripten; denn die Schreibstube ließ keinen einzigen hochkommen, +sonst würde sie ja ihre Zwecke und ihren ganzen Sinn verfehlt haben. +Bestand sie doch immer nur, um Stellenlosen ein kümmerliches Leben zu +gestatten, und nicht deshalb, um hohe, unverschämte Löhne auszubezahlen. +Wenn einer überhaupt des Morgens um acht Uhr nur Arbeit fand, so mußte +er froh sein. Oft kam es vor, daß der Verwalter zu einer Gruppe von +Wartenden die Worte sprach: »Tut mir sehr leid. Heute leider nichts da. +Kommen Sie um zehn Uhr wieder. Möglich, daß dann Aufträge eingelaufen +sind!« und um zehn Uhr: »Es ist besser, Sie fragen morgen früh wieder +nach. Heute wird wohl kaum noch etwas einlaufen!« Diese Abgewiesenen, +unter denen sich auch Simon mehr als einmal befand, gingen dann langsam, +Mann für Mann, trübselig die Treppe hinunter, wieder auf die Straße, wo +sie einstweilen, als ob sie sich erst besinnen müßten, in einer runden, +hübschen Gruppe stehen blieben und sich dann, einer nach dem andern, in +alle Richtungen zerstreuten. Es war kein Vergnügen, ohne Geld in den +Straßen der Stadt zu bummeln, jeder wußte das, und ein jeder dachte: +»Wie wird das erst im Winter werden?« + +Manchmal kamen ganz fein gekleidete Leute von eleganten Manieren in die +Schreibstube, um nach Arbeit zu fragen. Denen pflegte der Verwalter zu +sagen: »Wie es mir den Anschein macht, passen Sie besser in das Getriebe +des Weltlebens als in die Schreibstube. Hier muß einer den ganzen Tag +still sitzen, den Rücken krümmen und fleißig arbeiten, wenn er eine +Kleinigkeit verdienen will. Ich spreche so offen zu Ihnen, weil ich die +Empfindung habe, daß Ihnen das doch nicht passen würde. Und dann machen +Sie mir auch nicht den Eindruck der trübseligen, notdürftigen Armut. Ich +aber bin verpflichtet, zu allererst die Armen zu beschäftigen, das heißt +solche, an denen man die Kleider womöglich in Fetzen herunterhängen +sieht als Beweis ihrer Verkommenheit. Sie dagegen sehen mir zu stattlich +aus, so daß es eine Sünde wäre, Ihnen hier Arbeit geben zu wollen. +Mischen Sie sich unter die feine Welt, rate ich Ihnen. Es scheint, daß +Sie die Düsterkeit der Schreibstuben verkennen, wenn Sie mit so munterem +Gesicht hierherkommen, um nach Arbeit zu fragen, als wollten Sie auf den +Tanzboden gehen. Hier pflegt man linkische, trotzige Verbeugungen zu +machen, meistens aber gar keine, Sie aber verbeugten sich vorhin vor mir +wie ein vollendeter Weltmann. Das geht nicht, ich kann Sie nicht +gebrauchen, ich habe weder eine Arbeit, die Ihnen genügen könnte, noch +eine Welt, in die Sie hineinpassen, für Sie. Sie werden als Verkäufer +oder als Hotelsekretär jede Stunde Anstellung finden, wenn Sie es nicht +nur darauf abgesehen haben, in dieser Stadt nach Abenteuern zu suchen, +wie es mir beinahe den Anschein hat. Hier erlebt ein junger Mann nur +Entmutigung, aber sonst weiter kein Abenteuer. Wer hierherkommt, der +weiß, warum er gekommen ist. Sie scheinen es sicherlich nicht gewußt zu +haben. Ihre ganze Erscheinung ist beleidigend für meine Arbeiter, das +müssen Sie zugeben, wenn Sie nur einen Blick in die Stube werfen. Sehen +Sie mich an: ich habe auch die Welt gesehen, kenne alle Großstädte der +Welt, ich würde auch nicht hier sitzen, wenn ich nicht müßte. Wer +hierher kommt, hat schon Unglück und mannigfaches Mißgeschick erlitten. +Hierher kommen die Taugenichtse, Bettler, Schelme und Schiffbrüchigen: +mit einem Wort, die Unglücklichen. Nun frage ich Sie: sind Sie ein +solcher? Nein, und deshalb verlassen Sie jetzt, bitte, dieses Lokal, das +keine Luft enthält, die Sie imstande wären, auf die Länge einzuatmen. +Ich kenne die Figuren, die hierher gehören! Und zur Genüge! Leben Sie +wohl!« + +Und mit einer Handbewegung pflegte er solche für die Schreibstube nicht +passende Menschen lächelnd zu entlassen. Der Verwalter besaß Schliff und +Bildung, und er zeigte beides gelegentlich gerne vor solchen +hereingeschneiten und hergewehten Besuchern, die mehr der Neugierde, als +der Not wegen hierherkamen. + +An der Schreibstube vorüber floß ein stiller, grüner, tiefer und alter +Kanal, ehemaliger Festungsgraben und Bindemittel zwischen dem See und +dem fließenden Fluß, dem man das Seewasser auf solche Weise auf die +Reise in die fernen Meere mitgab. Es war überhaupt die stillste +Stadtgegend, die etwas Zurückgezogenes und Dörfliches an sich hatte. +Wenn nun die Abgewiesenen die Treppe hinuntertrampelten, so setzten sie +sich gerne noch eine Weile auf das Geländer am Bord dieses Kanals, was +dann aussah, als wenn eine Reihe von großen, seltsamen, ausländischen +Vögeln darauf säße. Etwas Philosophisches hatte das, und in der Tat, +manch einer schaute hinab in die grüne, tote Wasserwelt und grübelte +ebenso vergeblich über die Unerbittlichkeit des Schicksals nach, wie ein +Philosoph in seinem Studierzimmer zu tun pflegt. Der Kanal hatte etwas, +das zum Träumen und Nachsinnen aufforderte, und dazu hatten die +Stellenlosen reichlich Gelegenheit. + +Die Schreibstube war zugleich ein Arbeitsmarkt für Kaufleute. Es kam zum +Beispiel ein Herr oder eine Dame in die Stube, trat zu dem Verwalter ins +Kabinett und wünschte auf einen oder auf ein paar Tage einen Mann, das +heißt, eine Kraft zur Aushilfe ins Haus hinein. Dann kam der Verwalter +in die Türeinrahmung, musterte seine Gesellen, und rief nach einiger +Überlegung einen Mann beim Namen: dieser hatte dann eine kleine, acht-, +ein-, zwei- oder vierzehntägige Anstellung gefunden. Das war immer ein +neiderweckendes Ereignis, wenn einer beim Namen aufgerufen wurde, denn +auswärts arbeitete ein jeder gern, weil der Verdienst größer und die +Arbeit kurzweiliger war. Außerdem bekam solch ein Mann bei gutherzigen +Leuten vormittags und nachmittags einen schönen Imbiß zum Frühstück und +zur Vesper, was unter keinen Umständen zu verachten war. Da bestand nun +immer ein Streben nach solchen Stellen und ein Liebäugeln mit dem +Aufgerufenwerden. Viele glaubten sich stets ungerechterweise +zurückgesetzt, und andere glaubten wieder, dem Verwalter und seinem +Unterbeamten recht hofieren und schmeicheln zu sollen, um das Ersehnte +zu erlangen. Es war ungefähr dasselbe, wie wenn ein Rudel abgerichteter +Hunde nach einer an einem Bindfaden immer wieder hochgezogenen Wurst +springt, wo auch einer immer glaubt, der andere hätte nicht das Recht, +nach der Wurst zu schnappen, ohne indessen Gründe dafür angeben zu +können. So knurrte auch hier einer den andern um des erschnappten +Vorteiles willen an, ganz wie in der großen Handels-, Gelehrten-, +Künstler- und Diplomatenwelt, wo es auch nicht viel anders, nur etwas +geriebener, hochfahrender und kultivierter zugeht. + +Simon arbeitete auch einige Male auswärts, wie es in der abgekürzten +Schreibstubensprache hieß, aber er hatte kein Glück damit. Das eine Mal +wurde er von seinem Prinzipal, einem pfiffigen und ziemlich brutalen +Liegenschafts- und Rechtsagenten, der sich beinahe als der liebe Gott +selber vorkam, zum Teufel gejagt, weil er in einer Zeitung las, statt +mit der Feder zu arbeiten, und das andere Mal warf er selber seinem +Chef, einem Frucht- und Gemüsehändler _en gros_ die Feder vor die Nase +und sagte ihm nur die Worte: »Machen Sie's selber!« Die Frau des +Fruchthändlers wollte Simon allerhand Vorschriften machen; da brach er +einfach ab; denn, nach seinem Gefühl, wollte ihn das Weib nur verletzen +und demütigen, was er aber schließlich doch nicht nötig hatte sich +bieten zu lassen; so empfand er wenigstens. + + + + +Siebzehntes Kapitel. + + +So vergingen einige Wochen in dem wundervollen Sommer. Simon hatte den +Sommer noch nie so sehr als Wunder empfunden, wie dieses Jahr, wo er +vielfach auf der Straße arbeitsuchend lebte. Es kam nichts dabei heraus, +trotz den Bemühungen, aber es war wenigstens schön. Wenn er abends durch +die modernen, blätterzitternden, schattenhaften, lichterzuckenden +Straßen lief, war er immer daran, Menschen ohne weiteres mit törichten +Worten anzusprechen, nur um zu erfahren, wie es ihm dabei erginge. Aber +die Menschen zeigten alle nur ein verblüfftes Gesicht, weiter sagten sie +nichts. Warum sprachen sie den Gehenden und Herumstehenden nicht an, +forderten ihn nicht auf, mit dunkler Stimme, mitzukommen, in ein +seltsames Haus hineinzutreten, und dort etwas zu tun, was nur müßige +Menschen tun, Menschen, die keinen weiteren Lebenszweck im Sinne haben, +so wie er, als den Tag vorübergehen und es Abend werden zu sehen, um am +Abend Wunderdinge voll Taten zu erwarten? »Ich wäre zu jeder Tat bereit, +wenn es nur eine kühne Tat wäre, die eines Unerschrockenen bedürfte,« +sagte er zu sich. Stundenlang saß er auf einer Bank und hörte der Musik +zu, die aus irgend einem vornehmen Hotelgarten herausrauschte, als ob +die Nacht zu leisen Tönen sich umgewandelt hätte. Die nächtlichen +Weibsbilder gingen an dem Einsamen vorüber, aber sie brauchten ihn nur +schärfer zu beobachten, um sogleich zu wissen, wie es mit des jungen +Mannes Kasse stand. »Wenn ich nur einen einzigen Menschen wüßte, den ich +um eine Geldsumme angehen könnte,« dachte er. »Meinen Bruder Klaus? Das +wäre nicht ehrenhaft; denn ich bekäme das Geld, aber zugleich einen +leisen, traurigen Verweis. Es gibt Menschen, die man nicht anbetteln +kann, weil sie zu schön denken. Wenn ich nur einen wüßte, an dessen +Achtung mir nicht gar so sehr viel läge. Nein, ich kenne keinen. Es +liegt mir an der Achtung aller. Ich muß warten. Eigentlich braucht man +ja im Sommer nicht viel, aber es wird Winter! Ich habe ein wenig Furcht +vor dem Winter. Ich zweifle nicht daran, daß es mir im kommenden Winter +schlecht gehen wird. Nun, dann laufe ich im Schnee herum, wenn auch mit +nackten Füßen. Was kann daran liegen. Ich laufe solange, bis mir die +Füße brennen. Im Sommer ist das Ruhen so schön, das Liegen auf einer +Bank unter den Bäumen. Der ganze Sommer ist wie eine erwärmte, duftende +Stube. Der Winter ist ein Fensteraufreißen, der Wind und der Sturm +blasen und sausen hinein, das macht einen dann sich bewegen. Da wird mir +das Faulenzen vergehen. Es soll mir recht sein, was auch immer kommen +mag! Wie der Sommer mir lang vorkommt. Erst einige Wochen lebe ich jetzt +doch im Sommer, und schon so lang scheint er mir. Ich glaube, die Zeit +schläft und dehnt sich im Schlafe aus, wenn man immer denken muß, was +machen, um einen Tag lang mit seinem bißchen Geld auszukommen. Auch +glaube ich, die Zeit schläft und träumt im Sommer. Die Blätter an den +hohen Bäumen werden immer größer, in der Nacht lispeln sie, und am Tage +schlafen sie unter dem heißen Sonnenschein. Ich zum Beispiel, was tue +ich? Ich liege ganze Tage, wenn ich keine Arbeit habe, bei geschlossenen +Läden im Bett, in meinem Zimmer, und lese beim Schein einer Kerze. +Kerzen riechen so entzückend, und wenn man sie ausbläst, fließt ein +feiner, feuchter Rauch durch das dunkle Zimmer, und es ist einem dann so +ruhig zumute, so neu, wie einem Auferstandenen. Wie komme ich dazu, +meine Miete zu bezahlen? Morgen müßte ich es tun. Die Nächte sind so +lang im Sommer, weil man den Tag verbummelt und verschläft, und, sobald +es Nacht wird, aus allerlei Sumsum und Wirrwarr aufwacht und zu leben +anfängt. Es würde mir jetzt wie eine Sünde vorkommen, wenn ich nur eine +einzige Sommernacht verschliefe. Überdies ist es zu schwül zum Schlafen. +Im Sommer sind die Hände feucht und blaß, als spürten sie die +Kostbarkeit der duftenden Welt, im Winter sind sie rot und dick, als +wären sie über die Kälte zornig. Ja, es ist so. Der Winter macht einen +zornig umherstampfen, im Sommer wüßte man nicht, worüber man zornig sein +sollte, als vielleicht über den Umstand, daß man seine Miete nicht zu +bezahlen imstande ist. Aber das hat mit dem schönen Sommer nichts zu +tun. Ich bin auch nicht mehr zornig, ich glaube, ich habe das Talent +verloren, mich zu erzürnen. Es ist Nacht, und der Zorn, das ist etwas so +Taghelles, Rotes, Feuriges, wie nur irgend etwas sein kann. Morgen werde +ich mit meiner Wirtin reden.« -- + +Am nächsten Morgen schob er seinen Kopf in die Türe des Zimmers, wo +seine Wirtin wohnte und fragte sie in absichtlich scharfer Betonung, ob +er ein Wort mit ihr reden dürfe, ob sie dazu Zeit habe. + +»Freilich! Was es denn sei?« + +Simon sprach: »Ich kann Ihnen den Mietzins für diesen Monat nicht +bezahlen. Ich versuche gar nicht, Ihnen begreiflich machen zu wollen, +wie peinlich mir das ist. Das kann ein jeder sagen in einem derartigen +Fall. Dagegen setze ich voraus, daß Sie mir das Bestreben zutrauen, +Mittel und Wege zu ersinnen, um zu einer ansehnlichen Summe Geldes zu +gelangen, damit ich meine Schuld so bald wie möglich tilgen kann. Ich +wüßte Menschen, von denen ich Geld bekäme, wenn ich nur wollte, aber +mein Stolz verbietet mir, von Menschen, die ich mir verbunden wissen +will, Geld auf Darlehn anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen +an, sehr gerne sogar; denn Frauen gegenüber habe ich ganz besondere, +nach einer anderen Ehre abzumessende Empfindungen. Wollen Sie mir, Sie, +Frau Weiß meine ich, das Geld vorstrecken, erstens das Geld für die +Miete, und dann noch eine kleine Zugabe zum Weiterexistieren? -- Haben +Sie nun das Gefühl, daß ich Ihnen unverschämt komme? Sie schütteln den +Kopf. Ich glaube, daß Sie Zutrauen zu mir haben. Sie sehen, wie ich bei +einer solchen Zumutung erröte, Sie erblicken mich nicht ohne +Verlegenheit in diesem Moment. Aber ich pflege etwas rasch Entschlüsse +zu fassen und sie prompt auszuführen, müßten sich mir dabei auch die +Lungen zusammenschnüren. Von einer Frau nehme ich gern auf Vorschuß an, +weil ich einer Frau gegenüber keiner Betrügereien fähig bin. Männer kann +ich, wenn es die Lage erfordert, belügen, ohne Erbarmen, glauben Sie mir +das. Frauen niemals. Wollen Sie mir wirklich so viel Zuschuß geben? +Damit lebe ich einen halben Monat lang. Bis dahin wird sich Vieles +verbessern in meiner jetzigen Lage. Ich danke Ihnen noch gar nicht +einmal. Sehen Sie, so einer bin ich. Ich habe noch selten einmal im +Leben einem Menschen die Gefühle meiner Dankbarkeit ausgedrückt. Ich bin +Stümper im Danken. Nun, ich muß da allerdings sagen, Wohltaten habe ich +auch, wo nur möglich, immer verschmäht. Eine Wohltat! Ich empfinde es +wahrhaftig in diesem Moment, was eine Wohltat ist. Ich sollte eigentlich +das Geld nicht annehmen.« + +»Sie sind einer, Sie!« + +»Nun, ich behalte es auch. Besorgen Sie nur nicht, daß es Ihnen nicht +zurückgegeben wird. Ich bin vorläufig ganz glücklich durch das Geld. +Geld ist doch eine Sache, die nur Strohköpfe verachten können.« + +»Wollen Sie schon wieder gehen?« + +Simon war bereits wieder zur Türe hinausgegangen und hatte sich in sein +Zimmer zurückgezogen. Es war ihm unangenehm, oder er tat so, als ob es +ihm unangenehm wäre, weiter über diesen Gegenstand zu reden. Übrigens +hatte er ja erreicht, was er wollte, und er liebte es nicht, sich lange +zu entschuldigen, oder Versprechungen zu geben, wenn er jemand um einen +Dienst gebeten hatte, der ihm erwiesen wurde. Er würde, falls er einmal +der Geber wäre, auch keine Exküsen und Beteuerungen verlangen; fiele ihm +niemals ein. Entweder habe man Vertrauen und Sympathie und gebe, oder +man drehe dem Bittenden einfach kalt den Rücken, weil er einem widerlich +sei. »Ich bin ihr keineswegs widerlich gewesen, denn ich habe bemerkt, +daß sie mir mit einer Art schneller Freude das Geld gegeben hat. Es +kommt alles auf das Benehmen an, wenn man seine Zwecke erreichen will. +Es machte dieser Frau Vergnügen, mich ihr zu verpflichten, weil ich +wahrscheinlich in ihren Augen ein passabler Mensch bin. Unangenehmen +Menschen will man nichts geben, weil man sie sich nicht gern verbindet; +denn eine Verpflichtung, wie das Abbezahlen einer Schuld ist, verbindet, +bringt in Berührung, nähert, traut sich heran, muß nahe sein und ist +beständig nahe. Wie wenig beneidenswert ist es, widerliche Schuldner zu +haben. Solche Menschen sitzen förmlich auf dem Nacken der Gläubiger, man +möchte ihnen die Schuld erlassen, nur um sie von sich abzuschütteln. Es +ist ganz reizend, zu sehen, wie unbedenklich und behende einem gegeben +wird; denn das ist das beste Zeugnis dafür, daß man noch Menschen um +sich hat, denen man angenehm ist.« -- + +Er trat, indem er das erhaltene Geld in die Westentasche gleiten ließ, +an das Fenster und bemerkte unten in der engen Gasse eine +schwarzgekleidete Dame, die irgend etwas zu suchen schien; denn sie bog +öfters ihren Kopf gegen die Höhe hinauf, wobei einmal ihre Augen +diejenigen Simons trafen. Es waren große, dunkle Augen, echte +Frauenaugen, und Simon mußte unwillkürlich an Klara denken, die er schon +so lang nicht mehr gesehen, ja beinahe schon vergessen hatte. Aber es +war Klara nicht. Die schöne Erscheinung in der tiefen Gasse mit ihrem +vornehmen, üppigen Kleid bildete einen sonderbaren Gegensatz zu den +finstern und schmutzigen Mauern, zwischen denen sie langsam +dahinschritt. Simon hätte ihr zurufen mögen: »Bist du's, Klara?« Aber +schon verschwand die Gestalt um eine Ecke herum, und nichts blieb von +ihr in der Gasse zurück als ein Duft von Wehmut, den Schönes an +finsteren Orten immer hinterläßt. »Wie schön wäre es gewesen, und wie +passend in dem Moment, als sie hinaufschaute, ihr eine große, dunkelrote +Rose hinabzuwerfen, daß sie sich darnach gebückt und sie aufgehoben +hätte. Sie würde dazu gelächelt haben und würde sehr erstaunt gewesen +sein, in einer so armseligen Gasse einem so freundlichen Gruß zu +begegnen. Eine Rose würde zu ihr gepaßt haben, wie ein bittendes und +weinendes Kind zu seiner Mutter. Aber woher teure Rosen nehmen, wenn man +eben erst die Güte Anderer hat in Anspruch nehmen müssen, und wie +vorausmerken, daß gerade um neun Uhr vormittags eine schöne +Frauengestalt durch die Gasse kommt, die doch die dunkelste aller Gassen +ist, während diese Frau das Vornehmste zu sein scheint, was ich je an +Frauen erblickt habe?« + +Er träumte noch lange Zeit der Dame nach, die ihn so seltsam an die +vergessene und verschwundene Klara erinnert hatte, und verließ dann das +Zimmer, eilte die Treppen hinunter, lief die Straßen entlang, verbrachte +den Tag mit Nichtstun und befand sich gegen Abend in einem äußersten +Viertel der weit sich erstreckenden Stadt. Hier wohnten die Arbeiter in +verhältnismäßig schönen, hohen Häusern; wenn man aber die Häuser +schärfer betrachtete, so fiel einem eine gewisse kahle Verwahrlostheit +auf, die die Wände hinauflief, zu den eintönigen, kalten +Fenstervierecken hinausschaute und auch auf den Dächern saß. Die hier +beginnende Wald- und Wiesenlandschaft bildete einen sonderbaren +Gegensatz zu den hohen und doch armseligen Baukästen, die diese Gegend +eher verunzierten als schmückten. Daneben bemerkte man noch etliche, +liebenswürdig gebaute, niedere, alte Landhäuser, die in der Gegend lagen +wie Kinder im warmen Mutterschoß. Hier bildete das Land einen +waldbedeckten Hügel, unter dem die Eisenbahn durch einen Tunnel +durchfuhr, nachdem sie eben das Häusergewirr verlassen hatte. Der Abend +beleuchtete die Wiesen, man fühlte sich hier schon auf dem Lande, die +Stadt mit ihrem Geräusche lag hinten. Simon empfand die Unschönheit der +Arbeiterhäuser nicht, denn er empfand das ganze Gemisch von Stadt und +Land, das hier ein sonderbares, anmutvolles Bild darbot, als schön. Wenn +er durch eine kahle, steinerne Straße ging und dicht daneben die warme +Wiese spürte, so war ihm das eigenartig, und wenn er gleich darauf einen +schmalen, erdigen Weg durch Wiesen hindurchschritt, was schadete es +dann, zu wissen, daß es eigentlich Stadtboden, nicht Landboden war. »Die +Arbeiter wohnen hier sehr schön,« dachte er, »sie haben durch jedes +ihrer Fenster waldige, grüne Aussicht und wenn sie auf ihren kleinen +Balkonen sitzen, so genießen sie eine gute, starke, würzige Luft und +eine unterhaltende Rundsicht über Hügel und Rebberge. Wenn die neuen, +hohen Häuser auch die alten erdrücken und schließlich vom Boden +verjagen, so muß man bedenken, daß die Erde nie still steht, und daß +sich die Menschen immer regen müssen, sei es auch in einer für den +Moment nicht gerade lieblichen Form. Eine Gegend ist immer schön, weil +sie immer von der Lebendigkeit der Natur und der Baukunst Zeugnis +ablegt. So in eine hübsche Wiesen- und Waldgegend hineinzubauen, scheint +zuerst etwas barbarisch, aber jedes Auge findet sich am Ende mit der +Vereinigung von Haus und Welt ab, findet allerhand reizvolle +Durchsichten an Hauswänden vorbei und vergißt das ärgerlich-kritische +Urteil, das doch nie Besseres stiftet. Man braucht die alten Häuser +nicht wie ein Baugelehrter mit den neuen zu vergleichen und kann an +beiden Arten seine Freude haben, an dem Demutvollen und am Hochmütigen. +Wenn ich ein Haus stehen sehe, so muß ich nicht meinen, es, weil es mir +nicht schön genug vorkommt, umblasen zu können; denn es steht doch +ziemlich fest da, beherbergt viele fühlende Menschen und ist deshalb +immerhin eine respektable Erscheinung, an deren Erstehen zahlreiche +fleißige Hände gearbeitet haben. Die Schönheitssucher müssen vielfach +empfinden, daß es allein mit dem Suchen nach Schönheit in der Welt noch +lange nicht getan ist, daß da noch anderes zu finden ist, als das Glück, +vor einer reizenden Antiquität stehen zu bleiben. Das Ringen der armen +Leute nach ein bißchen Frieden, ich meine die sogenannte Arbeiterfrage, +ist doch sozusagen auch etwas Interessantes und muß einen wackeren Geist +mehr beleben als die Frage, ob ein Haus schlecht oder gut in der +Landschaft steht. Was gibt es nur für müßige, schönredende Köpfe auf der +Welt. Gewiß: jeder denkende Kopf ist wichtig und jede Frage kostbar, +aber es dürfte anständiger und für die Köpfe ehrender sein, zuerst +Lebensfragen zu erledigen, bevor die zierlichen Kunstfragen erledigt +werden. Nun sind aber allerdings Kunstfragen bisweilen auch +Lebensfragen, aber Lebensfragen sind in noch weit höherem und edlerem +Sinne Kunstfragen. Ich denke jetzt natürlich so, weil für mich das +Weiterexistieren zu allererst in Frage kommt, weil ich Adressen schreibe +im kargen Tagelohn, und ich kann mit der hochnäsigen Kunst nicht +sympathisieren, weil sie mir im Augenblick als das Nebensächlichste in +der Welt vorkommt; und in der Tat, man denke einmal, was ist sie gegen +die sterbende und immer wieder erwachende Natur. Was hat die Kunst für +Mittel, wenn sie einen blühenden, duftenden Baum darstellen will, oder +das Gesicht eines Menschen? Gut, ich denke jetzt ein bißchen frech, von +oben herab, nein, eher ein wenig wütend von unten herauf, aus der Tiefe, +wo einem das Geld fehlt. Das ganze ist, ich bin kritisch und zugleich +wehmütig, weil ich kein Geld habe. Ich muß zu Geld gelangen, das ist +ganz einfach. Geliehenes Geld ist kein Geld, man muß es verdienen oder +stehlen oder geschenkt bekommen. -- Und dann ist noch eines: der Abend! +Am Abend bin ich meist müde und mutlos.« + +Während er auf diese Weise dachte, war er eine ziemlich ansteigende, +kurze Straße hinaufgegangen, und blieb jetzt vor einem Hause stehen, aus +dem ihn, zu einem geöffneten Fenster hinaus, ein Frauenkopf anschaute. +Simon meinte in die Augen der Frau wie in eine ferne, versunkene Welt zu +blicken, als ihm schon eine wunderbar bekannte Stimme zurief: »Ach, +Simon, du bist es! Komm doch herauf!« + +Es war Klara Agappaia. + +Er erblickte sie, als er hinaufgesprungen war, in einem schweren, +dunkelroten Kleid am Fenster sitzen. Die Arme und die Brust waren nur +halb von dem herrlichen Stoff bedeckt. Das Gesicht war blasser geworden, +seit der Zeit, da er sie zum letzten Mal gesehen. In ihren Augen brannte +ein tieferes Feuer, aber der Mund war zugekniffen. Sie lächelte und gab +ihm die Hand. In ihrem Schoße lag ein geöffnetes Buch, offenbar ein +Roman, den sie zu lesen angefangen hatte. Zuerst vermochte sie nicht zu +reden. Es schien ihr Scham und Mühe zu bereiten, zu fragen, zu erzählen. +Sie schien bemüht zu sein, eine Fremdheit abzuschütteln, die sie in sich +fühlen mochte vor ihrem jungen, einstigen Freund. Ihr Mund schien zu +weinen, sobald er sich öffnen und weicher werden wollte. Ihre schönen, +langen, üppigen Hände schienen die Sprache übernommen zu haben, +wenigstens so lange, bis ihr Mund sich aus der Befangenheit löste. Sie +musterte Simon absolut nicht, so wie man lange nicht Gesehene zu +beobachten pflegt, sondern sah nur in seine Augen, deren ruhiger +Ausdruck ihr wohltat. Sie ergriff wieder seine Hand und sagte endlich: + +»Gib mir die Hand, laß mich zu dir sein, wie zu meinem Knaben, der mich +schon versteht, so wie er nur das Rauschen meines Gewandes aus dem +Nebenzimmer nahen hört, der mich mit dem Blick seiner Augen erfaßt, dem +ich nichts zu sagen, nicht einmal etwas in die Ohren zu flüstern +brauche, um ihm Geheimnisse zu verstehen zu geben; dessen Dasitzen, +Kommen, Gehen, Stehen und Liegen mir sagt, daß er sein ganzes Gefühl nur +hat, um seine Mutter zu verstehen; zu dem man sich herabneigt, zur Erde, +vor seine Füße, um ihm die Schuhe besser zu binden, wenn die Bändel sich +gelockert haben; dem man einen Kuß gibt, wenn er mutig und brav gewesen +ist; für den man alles Geheime offen hat; vor dem man nicht wüßte irgend +noch Geheimes zu haben; dem man alles gibt, auch wenn er ein kleiner +Verräter ist und seine Mutter lange, lange hat vernachlässigen können, +so wie du, auch wenn er sie hat vergessen können, wie du. Nein, du +konntest mich nie vergessen. Du hast mich wohl öfters im Trotz +abschütteln wollen, aber wenn dir eine Frau begegnete, die mir nur in +einem kleinen Härchen ähnlich sah, so glaubtest du mich zu sehen und +gefunden zu haben. Hast du da nicht gezittert, ist dir nicht gewesen, +bei solch einem täuschenden Begegnen, als wenn sich dir plötzlich über +einer hellen, in Stein gehauenen, herrlichen Treppe Flügeltüren geöffnet +hätten, um dich in ein Gemach voll Wiedersehenslust einzulassen? Was ist +Wiedersehen für eine Freude! Wenn man sich verloren hat, auf der Straße +oder auf dem Lande, und nach einem Jahr sich dann, so ohne weiteres, so +still wiederfindet, an einem solchen Abend, wo schon die Glocken die +Ahnung des Wiedersehens in die Welt hinausläuten, so gibt man sich die +Hände und denkt nicht mehr an die Trennung und an die Ursache der langen +Abschweifung. Laß mir deine Hände! Deine Augen sind noch eben so gut und +schön. Du bleibst dir gleich. Jetzt kann ich dir erzählen: + +Als wir alle, Kaspar, ich und du, im letzten Sommer aus dem Waldhaus, +weißt du noch, herausgehen mußten, und ihr Brüder dann verschwandet, +wohin, wußte ich nicht, mietete ich mir unten in der Stadt ein elegantes +Zimmer, sehnte mich nach euch und blieb eine Zeitlang trostlos. Gegen +den Winter schien alles um mich herum in ein rotes Licht getaucht zu +sein, ich vergaß alles, und warf mich in das Gewirr der Vergnügungen; +denn ich besaß noch einen kleinen, aber für die hiesigen Verhältnisse +ziemlich großen Rest meines Vermögens. Ich verbrauchte ihn und bekam +dafür die Erkenntnis, daß man oft des Rausches bedarf, um sich über den +Wellen des Lebens einigermaßen hoch zu halten. Ich hatte eine Loge im +Theater, aber das Theater interessierte mich weit weniger, als die +Bälle, wo ich zeigen konnte, daß ich schön und voll Laune war. Die +jungen Männer schwärmten um mich herum, und ich erblickte nichts, das +mir hätte verbieten können, sie alle zu verachten und sie meine Launen +fühlen zu lassen. Ich dachte an euch beide und wünschte oft mitten unter +all den Anschwärmungen, die so sehr aller Männlichkeit entbehrten, eure +ruhigen Gesichter und offenen Manieren herbei. Da kam ein dunkler, +schwarzer Mann auf mich zu, Student am Polytechnikum, schwer und +täppisch von Ansehen, Türke, große, bezwingende Augen, und tanzte mit +mir. Nach dem Tanze besaß er mich mit Seele und Leib, ich war sein. Es +gibt für uns Frauen, wenn wir in Vergnügungen dahinrauschen, eine Art +Männer, die uns nur im Tanzsaal bezwingen können. Wäre er mir an einem +andern Ort begegnet, ich hätte ihn vielleicht ausgelacht. Er benahm sich +vom ersten Augenblick an mir gegenüber als mein Herr und ich wußte nur +zu erstaunen über seine Frechheit, nicht, mich zu wehren. Er befahl mir: +so: und jetzt so! Und ich gehorchte. Im Gehorchen können wir Frauen, +wenn es uns danach hinzieht, Außerordentliches leisten. Wir nehmen dann +alles hin und wünschen uns, vielleicht aus Scham und Zorn, den Geliebten +noch brutaler, als er ist. Er kann uns dann nicht grausam genug +entgegentreten. Dieser Mann sah mein letztes Geld absolut als das seine +an, ich auch, und ich gab es ihm, ich gab ihm alles. Als er mich genug +gedrückt, tyrannisiert, ausgesogen und ausgebeutet hatte, ging er eines +Tages fort, in sein Heimatland, nach Armenien zurück. Seine Knechtin, +ich, versuchte nicht, ihn daran zu verhindern. Ich fand alles, was er +tat, in der Ordnung. Auch wenn ich ihn weniger geliebt hätte, als wie es +der Fall war, so hätte ich ihn ziehen lassen; denn dann würde mein Stolz +es mir verboten haben, ihn aufzuhalten. So hatte ich ihm einfach zu +gehorchen, als er mir befahl, ihm zur Abreise behülflich zu sein: meine +Liebe gehorchte gern. Es erniedrigte mich nicht, ihn zum Abschied zu +küssen, ihn, der mich kaum noch eines Blickes würdigte. Er sprach die +Hoffnung aus, mich später, wenn seine Verhältnisse es ihm erlauben +würden, mit in seine Heimat zu nehmen, um mich zu seiner Ehefrau zu +machen. Ich empfand, daß es eine Lüge war, aber ich fühlte keine +Bitterkeit. Gegen diesen Mann war jede unschöne Empfindung in mir ein +Ding der Unmöglichkeit. Ich habe von ihm ein Kind, ein Mädchen, es +schläft dort im Nebenzimmer.« + +Klara hielt einen Augenblick inne, lächelte Simon an, und fuhr dann +fort: + +»Ich war gezwungen, eine Stelle zu suchen, und fand sie bei einem +Photographen als Empfangsdame. Die Bewerbungen und Heiratsanträge, die +man mir vielfach entgegenbrachte, da ich mit einem großen Publikum zu +tun bekam, schlug ich alle lächelnd ab. Alle Männer dachten von mir: +»Sie hat etwas so Zartes, Hausmütterliches, das wäre eine!« Aber ich +wurde für keinen eine! Meine Stellung gestattete mir noch einen +ziemlichen Aufwand, wenigstens konnte ich die schönen Kleider alle +behalten, was mir jetzt noch zustatten kommt. Mein Prinzipal war ein +Mann, den ich achten durfte, das erleichterte mir um vieles meine +Arbeit, die ich, wie in einem leisen, angenehmen Traum befangen, +verrichtete. Ich hatte mir für das Publikum ein ganz bestimmtes, +zuckendes Lächeln angewöhnt, ich machte mich damit beliebt, allen +erschien ich liebenswürdig und ich lockte Kunden heran, was meinen Chef +zu einer Salär-Erhöhung veranlaßte. Damals war ich beinahe glücklich. +Alles schwand mir in schöne, süße Erinnerungen dahin. Ich fühlte +das Herannahen des Mutterschmerzes, und das trug zu einer +wehmutvoll-glücklichen Stimmung bei. Es schneite, daß die Straße ganz +in Flocken eingehüllt wurde. Und wenn ich abends durch die verschneiten +Straßen hinging, dachte ich an euch Brüder, an dich und an Kaspar und +viel, sehr viel an Hedwig, der ich in Gedanken und Gefühlen dankbare +Huldigungen darbrachte. »Ich hab ihr doch ein einziges Mal schreiben +dürfen. Sie hat nicht geantwortet. Aber es ist doch schön so,« dachte +ich. Dann kam ich mir selber so schön vor, wenn ich so dachte. Ich wurde +immer mehr erfüllt von allem, und ging immer in ganz langsamen +Schritten, jeden Schritt fühlte ich als Menschenwohltat. Ich gab +indessen das elegante Zimmer im Zentrum der Stadt auf und mietete mich +hier ein, da, wo du mich jetzt siehst. Ich fuhr morgens und abends mit +der »Elektrischen« hin und zurück und lenkte immer die Blicke aller +Mitfahrenden auf mich. Es war etwas Seltsames an mir, ich fühlte es +selber. Viele fingen unbewußt mit mir zu sprechen an, einige, nur um ein +Wort mit mir zu wechseln, andere, um meine Bekanntschaft zu machen. Aber +das letztere hatte wenig Reiz mehr für mich. Ich glaubte alles von +vornherein kennen zu sollen, ich hatte ein so bestimmtes, ablehnendes, +aber zugleich sanftes, mir selber wohltuendes Gefühl dabei. Die Männer! +Wie oft wurde ich von ihnen angesprochen. Sie glichen neugierigen +Kindern, die wissen wollten, was ich machte, wo ich wohnte, wen ich +kannte, wo ich zu Mittag aß und was ich abends zu treiben pflegte. Sie +erschienen mir wie unschuldige, etwas vorwitzige Kinder; so war ich +damals. Nie begegnete ich einem einzigen grob, ich hatte es nicht nötig; +denn es wurde mir gegenüber kein einziger unverschämt: ich war ihnen +eine Dame, die zugleich verlockte und erkältete. Einmal sprach mich ein +kleines, geistreich aussehendes Mädchen an, es war Rosa, du kennst sie +ja. Sie enthüllte mir ihr ganzes Leiden und Leben, wir wurden +Freundinnen, und jetzt hat sie sich verheiratet, obschon ich ihr davon +abgeraten hatte. Sie besucht mich öfters, mich, die Königin der +Armen!« -- + +Wieder schwieg Klara einen Augenblick, während sie Simon kindlich-lustig +anblickte, und sprach dann weiter: + +»Die Königin der Armen! Ja, das bin ich. Siehst du nicht, wie deine +Klara fürstlich angezogen ist? Das ist noch ein Stück aus meiner +Ballgarderobe: hinten ausgeschnitten! Ich bin meinem Stand als Fürstin +schon etwas Aufwand schuldig. Das sehen meine Angehörigen gerne, sie +haben Sinn für Hoheit, die Pracht eines Ballkleides nimmt sich in dieser +Gegend der fleckigen, grauen Frauengewänder einzig aus. Man muß +abstechen, lieber Simon, wenn man beeinflussen will, doch höre der Reihe +nach ruhig weiter. Was bist du für ein flotter, angenehmer Zuhörer. Das +verstehst du, einem zuzuhören, wie keiner! Das ist einer deiner Vorzüge! +Es erzählt sich dir so natürlich, so schön: Ich lernte, als ich hier in +dieses entlegene Viertel hinauszog, langsam aber immer wachsend, die +Armen lieben, die auf die andere, dunkle Seite der Welt Gedrängten, das +Pack, wie der Titel lautet, mit dem man eine Welt voll Sehnen und Mühsal +tituliert. Ich sah, daß ich hier nötig sein konnte, und ich richtete +mich, ganz ohne Zwang und Aufsehen, so ein, daß ich nötig geworden bin. +Wenn ich sie heute verlasse, so jammern diese Leute, diese Weiber, +Kinder und Männer. Im Anfang hatte ich Abscheu und Ekel vor ihrem +Schmutz, aber ich sah, daß dieser Schmutz gar nicht so garstig in der +Nähe war, als wie er aus der steifen, hochtrabenden Entfernung aussieht. +Ich lehrte meine Hände, ja, meinen Mund sogar, wie man diese Kinder zu +berühren hatte, deren Gesichter nicht die saubersten waren. Ich gewöhnte +mich daran, die rauhen Hände der Arbeiter und Taglöhner zu drücken, und +bemerkte rasch die Zartheit, womit diese Leute einem die Hand reichen. +Ich fand vieles in dieser Welt, was mich an euch, an dich und Kaspar, +erinnerte. Es war jedenfalls viel Feinheit und viel Verborgenes, das +mich lockte, mich zur Herrin und Bevormundin dieser Menschen zu machen. +Es war leicht und schwer zugleich zu machen. Da waren die Weiber! Wie +viel Mühe brauchte es, sie von ihren Gebrechen und abscheulichen Fehlern +so zu überzeugen, daß sie allmählich Lust bekamen, sich von ihrer +Schmach zu befreien. Ich gewöhnte sie an den Segen und an die Lust der +Reinlichkeit, und ich sah, daß sie nach langem, mißtrauischem Zaudern +endlich Freude dabei empfanden. Die Männer erwiesen sich als lenksamer; +denn ich war schön: so gehorchten sie mir besser, waren talentvoller im +Erfassen meiner so einfachen Lehren. Simon! Wenn du wüßtest, wie es mich +glücklich macht, diesen Armen eine innige Erzieherin zu werden! Wie +wenig braucht man zu wissen, um an Kenntnissen noch Ärmere zu finden, +die man leiten kann. Nein, die Wissenschaft macht es nicht allein aus. +Hier bedarf es des Mutes und der Lust, energisch Stellung zu nehmen, +sich die Stellung durch Stolz und Milde zu sichern und leidenschaftlich +aufzutreten. Ich gewöhnte mir eine Sprache an, die alle Bildung, die ich +besaß und die ich schenken konnte, leicht faßlich erklärte, in +Ausdrücken, wie das niedrige, erniedrigte Volk sie liebt. So wurde ich +ihre Herrscherin, indem ich mich ihren Gedanken und Gefühlen, oft gegen +meinen Geschmack, anpaßte. Aber nach und nach wurde es mein Geschmack. +Wenn ein Mensch beeinflußt, hat er zugleich auch die Gabe, sich +unmerklich ebenfalls von den Beeinflußten beeinflussen zu lassen. Das +Herz und die Gewohnheit besorgen das leicht. Als ich dann eines Tages im +Bett lag, um mit Schmerzen das Kind zu erwarten, das dort nebenan +schläft, kamen sie zu mir, die Frauen und Mädchen, besorgten und +pflegten mich und taten mir Gutes, bis ich wieder aufstehen konnte. Ihre +Männer fragten voll Kummer nach mir, während der Zeit, und als sie mich +wieder sahen, schienen sie beglückt zu sein, mich noch schöner als +früher zu finden. So ehrten sie ihre Fürstin. Das war im Frühling. Ich +saß, noch etwas schwach von der Geburt, in meinem Zimmer wie unter +Blumen; denn sie brachten mir alle Blumen, soviel sie nur bringen +konnten. Ein junger reicher Mann aus der Nachbarschaft besuchte mich oft +und ich litt es, wenn er mir zu Füßen saß; denn ich empfand darin eine +Ehrung, und von ihm war es zart. Eines Tages flehte er mich an, ich möge +seine Frau werden, ich wies auf das Kind, doch das ermunterte ihn nur, +seine Anträge, die mich auf einmal seltsam berührten, an den folgenden +Tagen zu wiederholen. Er erzählte mir sein ganzes, leeres, umhergejagtes +Leben, ich fühlte Mitleid mit ihm und habe ihm versprochen, seine Frau +zu werden. Er ist mit einem Wink, einem Blick von mir zufrieden und +liebt mich so, daß ich es jeden Augenblick fühlen muß. Wenn ich ihm +sage: »Artur, es ist unmöglich,« so erbleicht er, und ich muß ein +Unglück erwarten. Er steht unvergleichbar hilflos vor mir in der Welt +da. Ich habe nicht die Kraft, ihn unglücklich zu machen. Außerdem ist er +reich, und ich brauche Geld für mein Volk, er wird es dazu hergeben. Er +tut alles, was ich will. Er erlaubt mir nicht, zu bitten, er bittet +mich, ihm zu gebieten. So steht es mit ihm. Er wird jetzt gleich kommen, +dann werde ich dich ihm vorstellen. Oder willst du gehen? Du machst +Miene dich zu entfernen. Dann geh! Es ist vielleicht besser. Ja, es ist +besser. Er würde mißtrauisch werden. Er ist schrecklich in dieser +Hinsicht. Er ist imstande und schlägt sich den Kopf an der Wand blutig, +wenn er einen jungen Mann bei mir sieht. Außerdem will ich niemanden bei +mir sehen, wenn du da bist. Und wenn andere da sind, sollst du nicht da +sein. Ich will dich allein, ganz allein für mich haben. Ich muß dir noch +vieles sagen, wie alles kam. Die Menschen sagen so viel, aber das +richtige? -- Geh jetzt. Ich weiß, daß du bald wiederkommst. Übrigens +werde ich dir schreiben. Hinterlasse mir deine Adresse. So, leb wohl!« + +Auf der Treppe, als er hinunterstieg, begegnete Simon einer dunklen, +fliegenden Gestalt: »Das wird wohl dieser Artur sein,« dachte er und +ging seines Weges weiter. Es war Nacht geworden. Er schlug einen +kleinen, schmalen Feldweg ein und drehte sich, nachdem er ein paar +Schritte gegangen war, zurück, das Fenster war jetzt geschlossen, +dunkelrote Vorhänge hinter demselben waren vorgezogen, die seltsam +düster leuchteten im Lichte einer Lampe, die wohl eben angezündet wurde. +Ein Schatten bewegte sich hinter der Gardine, es war Klaras Schatten. +Simon ging weiter, langsam, in tiefen Gedanken. Er hatte es durchaus +nicht eilig, in die Stadt zu gelangen. Dort wartete niemand auf ihn. +Morgen würde er wieder in der Schreibstube schreiben. Es war höchste +Zeit, nun endlich stramm ins Zeug zu gehen, zu arbeiten, etwas Geld zu +verdienen. Vielleicht bekäme er auch endlich wieder einmal einen Posten. +Er lachte, als er das Wort »Posten« ausdachte. Als er in der Stadt +ankam, war es bereits sehr spät geworden. Er trat in eine noch offene +Singspielhalle ein, um sich zu zerstreuen, bekam aber nicht viel Gutes +zu sehen. Ein Komiker trat auf, den er wünschte, als ganz gewöhnlichen +Menschen unter dem zuschauenden Publikum verschwinden zu sehen, der +eigentlich für das, was er darbot, verdient hätte, geohrfeigt zu werden. +Doch nein! Simon empfand bald das lebhafteste Mitleid mit diesem armen +Schlucker, der die Beine, die Arme, die Nase, den Mund, die Augen und +sogar die armseligen, knochigen Wangen verrenken mußte, um nicht einmal, +nach solchen Qualen, zu erzielen, was sein Ziel war: Komik! Er hätte +»Pfui« ausrufen mögen und doch wieder nur »Ach«! Man sah dem Manne +deutlich an, daß er ein ehrlicher, braver und nicht besonders geriebener +Mann sein mußte: um so abscheulicher wirkte sein Tun auf der Bühne, das +nur für Menschen paßt, die eben so geschmeidig wie liederlich sein +müssen, wenn sie ein abgerundetes, wohltuendes Bild darbieten wollen. +Eine Ahnung sagte Simon, daß dieser Komiker vor kurzem vielleicht noch +einen stillen, festen Beruf ausgeübt hatte, von dem er wohl wegen irgend +eines Versehens oder Vergehens verdrängt worden war. Ihm war der ganze +Mann tief beschämend und widerlich. Dann trat eine kleine, junge +Sängerin auf, in der knappen, anschließenden Tracht eines +Husarenoffiziers. Das war besser; denn es streifte an Kunst, was das +Mädchen darbot. Alsdann zeigte sich ein Jongleur, der aber besser daran +würde getan haben, Korke aus Flaschen zu ziehen, als Flaschen auf seiner +Nasenspitze balancieren zu lassen, was er überaus kindisch und +geschmacklos verrichtete. Er stellte eine brennende Lampe auf seinen +flachen Kopf und stellte an die Zuschauer die Zumutung, das als ein +Kunstwerk aufzufassen. Simon hörte noch einen Knaben ein Lied singen, +das gefiel ihm, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem guten +Eindruck. Er trat wieder auf die Straße. + +Es gingen nur noch spärlich Menschen umher. In einer Seitengasse schien +Streit zu sein, und in der Tat, als Simon näher heranging, sah er eine +wüste Szene: zwei Mädchen schlugen, die eine mit der Faust, die andere +mit dem roten Sonnenschirmchen, aufeinander los. Den Kampf beleuchtete +eine einsame, melancholische Laterne, die die Gesichter teilweise +erhellte. Die Kleider und Hüte der Mädchen waren nur noch Fetzen, und +dabei schrieen sie beide, nicht so sehr aus Wut, als aus Schmerz und +zwar auch nicht wegen der Hiebe, sondern aus einem Rest von Schamgefühl +heraus, sich so tierisch elend benehmen zu sehen. Es war ein +schrecklicher aber nur kurzer Kampf, dem ein erscheinender Schutzmann +ein Ende machte. Er führte beide Mädchen ab, sowie einen elegant +gekleideten Herrn ebenfalls, der die Ursache des Streites zu sein +schien. Ein Briefbote hatte den Anzeiger gespielt und bildete sich jetzt +viel darauf ein. Die Mädchen kehrten ihre ganze Wut nun dem Briefträger +zu, der sich infolgedessen aus dem Staube machte. + +Simon ging nach Hause. Als er aber in seiner Gasse ankam, bemerkte er +einen Trupp Menschen, die lachten und schrieen, und zwar war es ein +Weib, das die Aufmerksamkeit der nächtlichen Käuze auf sich lenkte. Sie +hieb nämlich mit einer Gerte auf einen betrunkenen Mann los, der wohl +ihr eigener sein mochte und den sie aus irgend einer kleinen Kneipe +herausgeschleppt hatte. Dabei schrie sie in einem fort, und als Simon in +die Nähe kam, klagte sie diesem in lauten, schreienden Worten vor, was +sie für einen Lump von Mann hätte. Mit einem Male schoß aus der Höhe des +Hauses, unter welchem die Gruppe stand, ein Strahl Wasser herunter und +netzte die Köpfe und Kleider der Untenstehenden auf eine boshafte Weise. +Es war Sitte in diesem Viertel der Altstadt, auf Nachtschwärmer, die +Lärm verübten, Wasser hinunterzuleeren. Die Sitte mochte schon ein +ehrwürdiges geheiligtes Alter besitzen, aber es war doch jedesmal für +die Betroffenen eine empörend neue und überraschende Sache. Alles +fluchte gegen die Weibsperson hinauf, die in weißer Nachtjacke oben im +Fensterrahmen stand und wie ein übelwollender, böser Geist +hinunterschaute. Simon vor allen andern schrie hinauf: »Was fällt Ihnen +ein da oben, Sie Weib oder Mann im Fensterrahmen? Wenn Sie zu viel +Wasser haben, so gießen Sie's doch auf Ihren eigenen Kopf, statt auf die +Köpfe anderer. Ihr Kopf dürfte es vielleicht nötiger haben. Was ist das +für eine Manier, in der Nachmitternacht die Straße zu bespritzen und +Leute hinterrücks in ein Bad, samt den Kleidern, zu stürzen. Wären Sie +nicht so hoch oben und ich nicht so tief unten, ich wollte in Ihren +Apfel von Kopf beißen, daß es Ihnen um den Mund herum wässern sollte. +Bei Gott, wenn es eine Gerechtigkeit gäbe, Sie müßten mir für jeden +Tropfen, der meine Schulter bespritzt hat, einen Taler geben, da ich +vermute, daß Ihnen dann der Spaß verleiden müßte. Ziehen Sie sich nur +zurück, Gespenst da oben, oder Sie machen mich noch die Hauswände +hinaufklettern, um zu untersuchen, ob Sie Weibs- oder Mannshaare haben. +Gleich könnte man zum Teufel werden vor Wut über eine solche +Spritzerei.« + +Simon berauschte sich selber an seinem schlechten Gerede. Es tat ihm +wohl, schreien und wettern zu können. Einen Augenblick später würde er +doch im Bett liegen und schlafen. Wie langweilig war das, immer dasselbe +zu tun. Von morgen ab müßte er entschieden ein anderer Mensch werden. Am +nächsten Tag, in der Schreibstube, erfüllt und zerstreut von Gedanken an +Klara, machte er viele Flüchtigkeitsfehler, so daß der Sekretär der +Schreibstube, ein ehemaliger Hauptmann des Stabes, sich veranlaßt +fühlte, ihm Vorwürfe zu machen und ihm zu drohen, daß er keine Arbeit +mehr erhalte, wenn er sie nicht gewissenhafter, als nur so, erledigen +wolle. + + + + +Achtzehntes Kapitel. + + +Der Herbst kam. Simon war noch oft durch die nächtliche heiße Gasse +gegangen, und er ging auch jetzt noch, aber die Jahreszeit war rauher +geworden. Man wußte, daß draußen in den Wiesen die Bäume sich +entblättern mußten, wenn man auch nicht selber hinging und zusah, wie +die Blätter fielen. In der Gasse spürte man es auch. An einem sonnigen +Herbsttag war Klaus angekommen, eine wissenschaftliche Arbeit und +Absicht hatte ihn für einen Tag in diese Gegend geführt. Sie waren +zusammen hinaus auf das erhöhte, hügelige Feld gegangen, angelockt von +der schönen Sonne, ziemlich schweigsam und allzu intime Gespräche +vorsichtig vermeidend. Der Weg führte sie durch Wald und wieder über +langgestreckte Wiesen, deren spätes, saftiges Gras Klaus bewunderte, +ebenso die braungefleckten Kühe, die hier weideten. Es war hübsch +gewesen für Simon, ein wenig gedankenvoll, aber doch sehr hübsch, so mit +Klaus ohne viel Gerede und viel Wesens, durch die herbstliche Niederung +zu wandern, die Glocken der Kuhherden läuten zu hören, ein paar Worte zu +sagen, aber doch mehr in die Ferne zu schauen, als zu sprechen. Alsdann +waren sie einen waldigen Hügel emporgegangen, sachte und wohlig; denn +Klaus wollte alles, jeden Zweig und jede Beere, liebevoll betrachtet +wissen, und waren dann zu der Höhe gekommen, an einen schönen Waldrand, +wo eine unsäglich milde und liebkosende abendliche Herbstsonne sie +empfing, und wo ihnen die Freiheit des Blickes wiedergegeben war, eine +Aussicht in ein Tal hinunter, in welchem ein weißlich schimmernder Fluß +sich dahinschlängelte, zwischen gelben Baumkronen und vorspringenden +Waldungen hindurch, wo ein anmutiges, rotdächiges Dorf inmitten der +braunen Rebhügel lag, das anzuschauen eine Herzenslust sein mußte. Hier +hatten sie sich auf die Matte geworfen, waren lange still, ohne ein Wort +zu sprechen, geblieben, hatten mit den Augen an der weit sich +ausbreitenden Gegend und mit den Ohren an den Tönen der Glocken gehangen +und hatten beide gefunden, daß immer irgendwie und wo Töne in allen +Landschaften zu vernehmen seien, ohne gerade Glocken zu hören, und +hatten dann eines jener stillen, mehr empfundenen als geradezu +gesprochenen Gespräche miteinander geführt, die nicht aufgeschrieben +werden können, die keinen weiteren Zweck als das Wohlwollen haben, die +nichts sagen wollen, deren Duft nur und Ton und Absicht unvergeßlich +bleiben. Klaus hatte gesagt: »Gewiß, wenn ich mir denken darf, daß noch +alles mit dir gut kommen kann, so darf ich auch wieder mehr frohen Mut +haben. Zu denken, daß du ein nützlicher, zweckerfüllter Mensch würdest, +das hat immer in meinem Herzen ein besonders schönes Getön verursacht. +Du bist so sehr darauf angelegt, die Achtung der Menschen zu genießen, +wie nur irgend einer, und mehr noch, da du Eigenschaften hast, nur +eigentlich zu viel wollende und zu flammende, die andere nicht besitzen. +Du mußt nur nicht zu vieles wollen und mußt nicht allzu reizbar sein im +Forderungen an dich stellen. Das schadet und reibt ab und macht +schließlich kalt, glaube es mir nur. Weil du nicht alles, jede kleine +Sache in der Welt, so vorfindest, wie du es wünschest, so darfst du +deswegen noch lange nicht grollen. Anderer Meinungen und Neigungen +herrschen eben auch, und zu gute Vorsätze vergiften viel eher das Herz +eines Mannes als das Gegenteil, was freilich ein Übel ist. Du hast, wie +mir scheint, zu sehr Springlust. Dich nach einem Ziele außer Atem zu +laufen, macht dir Vergnügen. Das taugt nicht. Laß doch jeden Tag in +seiner ruhigen, natürlichen Abrundung nur bestehen und sei ein bißchen +mehr stolz darauf, es dir bequem, wie schließlich einem Menschen auch +ziemt, gemacht zu haben. Wir haben die Pflicht, uns vor den Mitmenschen +das Leben mit Anstand und einiger Würde leicht zu machen; denn wir leben +in einer Fülle von stillen, gedankenvollen Kultursorgen, die mit dem +grollenden, heißen Atem der Raufer nichts zu tun haben. Du hast, ich muß +es dir sagen, etwas zu Wildes an dir, und dann, im Handumkehren, +springst du in eine Zartheit über, die wieder viel zu viel Zartheit von +den Menschen fordert, um bestehen zu können. Vieles, das dich verletzen +sollte, kränkt dich in keiner Weise, und verletzen läßt du dich von ganz +selbstverständlichen, aus Welt und Leben herausgewachsenen Dingen. Du +mußt versuchen, Mensch unter Menschen zu werden, dann wird es dir sicher +gut gehen; denn im Erfüllen von allerhand Anforderungen kennst du keine +Ermattung, und einmal die Liebe der Menschen gewonnen, wird es dich dann +reizen, ihnen zu zeigen, daß du sie verdient hast. So, wie du jetzt +bist, drückst du dich um die Ecken herum und gehst in Sehnsuchten unter, +die eines Bürgers, Menschen und vor allem eines Mannes nicht recht +würdig sind. Wie viel habe ich schon gedacht, das du tun und unternehmen +könntest, um dich zu befestigen, aber ich muß dir doch am Ende die +Arbeit an dem Herausformen deines Lebens selbst überlassen; denn +Ratschläge taugen selten etwas.« -- Simon sagte dann: »Warum bist du +sorgenvoll an einem so schönen Tage, wo das Hinschauen in die Ferne +einen in Glück zerfließen macht?« -- + +Dann hatten sie über die Natur geplaudert und das Schwere vergessen. + +Am andern Tag war Klaus wieder abgereist. + + * * * * * + +Es wurde Winter. Merkwürdig: die Zeit ging über alle guten Vorsätze +ebenso sicher hinweg wie über die schlechten Eigenschaften, deren man +nicht Herr werden konnte. Es lag etwas Schönes, Hinwegnehmendes und +Verzeihendes in diesem Gehen der Zeit. Sie ging über den Bettler wie +über den Präsidenten der Republik hinweg, über die Sünderin und über die +Anstandsdame. Sie ließ vieles als klein und unbedeutend empfinden; denn +sie allein stellte das Erhabene und Große dar. Was war denn das ganze +Treiben und Leben, was all das Sich-Rühren, was das Vorwärtsstreben +gegen die Höhe, die sich keineswegs darum bekümmerte, ob einer ein Mann +wurde oder ein Simpel, der es gleichgültig war, ob man das Rechte und +Gute wünschte oder nicht? Simon liebte dieses Rauschen der Jahreszeiten +über seinem Kopf, und als eines Tages Schnee in die dunkle, schwärzliche +Gasse hinabflog, freute er sich des Fortschrittes der ewigen, +erwärmenden Natur. »Sie schneit, das ist der Winter, und ich Törichter +habe geglaubt, den Winter nicht mehr erleben zu sollen,« dachte er. Es +kam ihm wie ein Märchen vor: »Es waren einmal Schneeflocken, die flogen, +weil sie nichts Besseres zu tun wußten, auf die Erde nieder. Viele +flogen aufs Feld und blieben dort liegen, andere fielen auf die Dächer +und blieben dort liegen, wieder etliche und andere fielen auf Hüte und +Kapuzen von schnell vorwärtseilenden Menschen und blieben dort liegen, +bis sie abgeschüttelt wurden, einige und wenige flogen einem Pferd, das +vor einem Karren angebunden stand, ins treue, liebe Antlitz und blieben +auf den langen Wimpern der Pferdsaugen liegen, ein Schneeflocken flog in +ein Fenster hinein, aber was er dort machte, ist nicht erzählt worden, +jedenfalls blieb er dort liegen. In der Gasse schneit's, im Wald oben, +o, wie schön muß es jetzt im Wald sein. Da könnte man hingehen. +Hoffentlich schneit es noch bis in den Abend, wenn die Laternen +angezündet werden. Es war einmal ein Mann, der war ganz schwarz, da +wollte er sich waschen, aber er hatte kein Seifenwasser. Als er nun sah, +daß es schneite, ging er auf die Straße und wusch sich mit Schneewasser +und davon wurde sein Gesicht weiß wie Schnee. Da konnte er prahlen +damit, und das tat er. Aber er bekam den Husten, und nun hustete er +immer, ein ganzes Jahr lang mußte der arme Mann husten, bis zum nächsten +Winter. Da lief er den Berg hinauf, bis er schwitzte, und noch immer +hustete er. Das Husten wollte gar nicht mehr aufhören. Da kam ein +kleines Kind zu ihm, es war ein Bettelkind, das hatte einen +Schneeflocken in der Hand, der Flocken sah aus wie eine kleine zarte +Blume. »Iß den Schneeflocken,« sprach das Kind. Und nun aß der große +Mann den Schneeflocken, und weg war der Husten. Da ging die Sonne unter, +und alles war dunkel. Das Bettelkind saß im Schnee und fror doch nicht. +Es hatte zu Hause Schläge bekommen, warum, das wußte es selber nicht. Es +war eben ein klein Kind und wußte noch nichts. Seine Füßchen froren ihm +auch nicht, und doch waren sie nackt. In des Kindes Auge glänzte eine +Träne, aber es war noch nicht gescheit genug, um zu wissen, daß es +weinte. Vielleicht erfror das Kind in der Nacht, aber es spürte nichts, +spürte gar nichts, es war zu klein, um etwas zu spüren. Gott sah das +Kind, aber es rührte ihn nicht, er war zu groß, um etwas zu spüren.« -- + +Simon spornte sich in dieser Zeit an, trotz der Winterkälte, die in +seinem Zimmer herrschte, früh aus dem Bett zu springen, wenn er auch +weiter nichts zu tun hatte. Er würde dann einfach dastehen, sich auf die +Zähne beißen, und das Anspannende würde schon kommen müssen. Irgend +etwas gäbe es immer zu tun. Er könnte sich ja zum Zeitvertreib die Hände +oder den Rücken reiben, oder versuchen, auf den Händen am Boden zu +gehen. Irgend eine Willensübung, sei es auch die allerlächerlichste, +müßte er stets treiben, das vertriebe die Gedanken und stählte und +ermunterte den Körper. Er wusch sich alle Morgen mit kaltem Wasser ab, +von oben bis unten, bis ihm heiß wurde, und verschmähte es, den Mantel +anzuziehen, wenn er ausging. Er wollte sich jetzt lehren, zu parieren in +dieser Jahreszeit! Den Mantel benutzte er als Fußumhüllung, wenn er am +Tische saß und las. Ein Paar breite, grobe Schuhe, wie sie die Rekruten +beim Militär tragen, schaffte er sich an, um zu jeder Zeit über den Berg +im tiefen Schnee zu waten. Das sollte ihn lehren, jetzt noch auf +elegante Schuhe zu sehen. Mit so einem derben Schuhpaar mochte man um +eins noch so fest in der Welt dastehen. Es kam jetzt darauf an, oberhalb +zu bleiben und festen Fuß zu fassen. Wenn er nur den Nacken nicht +beugte, mußte sich sicher, ja, von selbst, etwas für ihn zeigen, das er +ergreifen konnte. Wieder anfangen, von vorne, seinetwegen fünfzig Mal, +was schadete das jetzt. Er mußte nur gespannten Blicks und gespannten +Sinnes bleiben, dann würde es schon kommen, was er haben mußte. + +Er glich in dieser Zeit einem Menschen, der Geld verloren hat und der +seinen ganzen Willen einsetzt, es wieder zu gewinnen, der aber zur +Wiedergewinnung weiter nichts tut, als nur eben den Willen einsetzen, +und sonst nichts macht. + +Um die Weihnachtszeit herum ging er den breiten Berg hinauf. Es war +gegen Abend und furchtbar kalt. Ein beißender Wind pfiff den Menschen um +die Nasen und Ohren, die gerötet und von der Kälte entzündet wurden. +Simon schlug unwillkürlich den Weg ein, der einstmals zu Klaras Waldhaus +hinaufführte und der jetzt gangbarer gemacht worden war. Überall zeigte +sich eine Spur von umwandelnden Menschenhänden. Er sah ein großes, doch +nicht unzierliches Haus vor sich stehen, an der Stelle, an der früher +das Chalet aus Holz stand, in das er so oft hineingegangen war, als noch +Kaspar hier malte, zu der lieben merkwürdigen Frau, die es bewohnte. +Jetzt war hier ein Kurhaus für das Volk errichtet worden, und es wurde, +wie es den Anschein hatte, fleißig besucht; denn etliche wohlgekleidete +Menschen gingen aus und ein. Simon besann sich eine Weile, ob er +ebenfalls hineingehen sollte, aber schon die grimmige Kälte machte ihm +den Gedanken an einen erwärmten, menschenerfüllten Saal angenehm. So +trat er hinein. Ein warmer, scharfer Duft von Tannenzweigen schlug ihm +entgegen, das ganze große, helle Zimmer, eigentlich ein Saal, war mit +Tannengrün geziert und ausgefüttert, gleichsam tapeziert. Nur die +Sprüche, die an die weißen Wände gemalt waren, befanden sich frei, und +man konnte sie lesen. An allen Tischen saßen heitere und ernste +Menschen, viele Frauen, aber auch Männer und Kinder, einzeln an einem +runden Tischchen sitzend oder zu Gesellschaften um einen länglichen +Tisch herum vereinigt. Der Duft von Getränken und Speisen vermischte +sich mit dem weihnachtlichen Tannenduft. Hübsch gekleidete Mädchen +gingen umher, und bedienten die Gäste auf eine freundliche und zugleich +überaus gelassene Weise, die nichts Kellnerinnenhaftes an sich hatte. Es +sah aus, als ob diese zierlichen Mädchen nur, um ein lächelndes Spiel +aufzuführen, hier bedienten, oder so, als ob sie nur ihren Eltern, +Verwandten, Brüdern, Schwestern oder ihren Kindern diesen Dienst +erwiesen: so elterlich und kindlich zugleich sah es aus. Eine kleine, +ebenfalls dicht mit Tannenzweigen umrahmte Bühne befand sich an einem +anderen Ende des Saales, vielleicht zur Aufführung irgend eines +Weihnachtsstückes oder eines Stückes mit sonst irgend einem lieblichen +Inhalt. Auf jeden Fall war es ein warmer, freundlicher, gastlich +aussehender Raum, und Simon setzte sich, als einzelner, an ein rundes +Tischchen nieder, wartend, ob eines der Mädchen zu ihm herankäme, um zu +fragen, was er wünsche. Aber es kam vorläufig keines. So blieb er denn +eine geraume Zeit still, das Kinn in die Hand gestützt, wie es junge +Männer zu machen pflegen, an dem Tischchen sitzen, als mit einem Mal +eine schlankgewachsene Dame auf ihn zukam, ihm freundlich entgegennickte +und dann, zu einem der Mädchen gewendet, ausrief und frug, wie man nur +den jungen Herrn so lange ohne Bedienung lassen könne. Dieser Vorwurf +war eher lachend und liebenswürdig geschehen, als ernsthaft, aber +jedenfalls war diese Dame hier im Hause eine Art Direktorin oder +Leiterin oder wie man das nennen konnte. + +»Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte sie sich wieder zu +Simon. + +»O, ich wüßte nicht, was da zu entschuldigen wäre. Vielmehr ich habe +mich zu entschuldigen, daß ich der Anlaß bin, daß Sie einem von Ihren +Mädchen einen Vorwurf machen müssen. Ich sitze hier übrigens ganz gern, +ohne daß man sich um mich bekümmert; denn offen gestanden: was ich an +Bestellungen für das bedienende Mädchen aufzuwenden habe, ist +blutwenig.« -- + +»Essen und trinken Sie nur so viel, als Sie wollen. Sie brauchen nichts +zu bezahlen,« sagte die Dame. + +»Gilt das für mich allein oder gilt das hier für alle?« + +»Natürlich nur für Sie allein, und nur deshalb, weil ich die bezügliche +Ordre erteilen werde, daß man Ihnen nichts abfordern soll.« + +Sie setzte sich zu ihm an den kleinen, braunen Tisch: + +»Ich habe einen Augenblick Zeit, mit Ihnen zu plaudern, und sehe nicht +ein, warum ich es nicht tun sollte. Sie scheinen ein vereinsamter junger +Mann zu sein, das sagen mir Ihre Augen, und sie sagen mir auch, und das +deutlich genug, daß der, dem sie gehören, den Wunsch fühlt, mit Menschen +in Berührung zu kommen. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich Sie für +einen wohlgebildeten Menschen halten muß. Als ich Sie sah, reizte es +mich schon, mit Ihnen zu sprechen. Wenn ich Sie mit der scharfen +Lorgnette hätte betrachten wollen, würde ich vielleicht entdeckt haben, +daß Sie ziemlich verwahrlost aussehen, aber wer wollte Menschen erkennen +lernen und sich dazu des Augenglases bedienen? Als Vorsteherin dieses +Hauses habe ich ein Interesse daran, möglichst genau zu erfahren, wer +alles meine Gäste sind. Ich habe mich daran gewöhnt, die Menschen nicht +nach einem schäbigen Filzhut, sondern nach ihren Bewegungen, die ihr +Wesen besser erklären, als gute oder schlechte Kleidungsstücke, zu +beurteilen, und habe im Laufe der Zeit gefunden, daß ich den richtigen +Weg nehme. Gott soll mich doch, wenn er es je gut mit mir meint, daran +verhindern, hochnäsig und hochmütig zu werden. Eine Geschäftsfrau, die +nicht Menschenkennerin ist, macht mit der Zeit schlechte Geschäfte, und +was lehrt denn die zunehmende Menschenkenntnis? Das Einfachste von der +Welt: Alle mit Freundlichkeit zu behandeln! Sind wir nicht alle +zusammen, wir Menschen auf diesem einsamen, verlorenen Planeten, +Geschwister? Brüder und Schwestern? Brüder zu Schwestern, Schwestern zu +Schwestern und wieder Schwestern zu Brüdern? Ganz zart kann ja das sein +und muß es wohl auch immer sein: in Gedanken vor allem! Aber dann muß es +auch anschwellen und getan werden. Kommt mir ein roher Mann vor oder ein +einfältiges Weib, was kann ich da tun? Muß ich mich sogleich +abgeschreckt und unsympathisch berührt fühlen? O, noch lange nicht. Ich +denke dann: nein, ganz angenehm ist mir dieser Mensch nicht, er stößt +mich ab, er ist ungebildet und anmaßend, aber ich muß ihn und mich das +nicht in so allzudeutlicher Weise merken lassen. Ich muß mich ein wenig +verstellen, er verstellt sich dann vielleicht auch ein wenig, wenn auch +nur aus Trägheit oder Dummheit. Wie lieb ist es, Rücksichten zu nehmen. +Ich bin innerlich heilig und mit Flammen davon überzeugt, daß es lieb +ist, weiter weiß ich über diesen Punkt nichts zu sagen. Oder dieses +noch: ein Bruder muß ja nicht gerade zu den feinsten und erlesensten +Menschen gehören und kann doch, vielleicht aus, sagen wir, etwas +abgemessener Entfernung, Bruder sein. So mache ich es mir zum Gesetz, +und ich stehe ordentlich gut dabei. Viele Menschen gewinnen mich lieb, +die vordem die Schultern gezuckt und mir ihr Gesicht verzogen haben. +Warum sollte ich nicht, was eine so reizende Lehre, wie das Üben der +liebenden und beobachtenden Geduld ist, betrifft, ein klein wenig +Christin sein? Wir alle haben das Christentum jetzt vielleicht wieder +nötiger als je zuvor; aber das ist dumm gesprochen. Sie lächelten, und +ich weiß ganz gut, warum Sie lächeln. Sie haben recht, weshalb habe ich +mit Christentum zu kommen, wo nur einfache, kluge Freundlichkeit in +Frage kommt. Wissen Sie was? Ich denke mir so manchmal: Christenpflicht, +das geht jetzt in unseren Tagen leise und kaum spürbar in +Menschenpflicht über, und das ist viel einfacher und ist besser +auszuführen. Doch ich muß gehen. Man ruft mich. Bleiben Sie sitzen, ich +komme wieder.« -- + +Damit ging sie fort. + +Nach einigen Minuten kam sie wieder und fing schon aus der Entfernung +von ein paar Schritten das Gespräch von neuem an, indem sie ausrief: +»Wie doch hier alles von Neuheit umspannt ist. Sehen Sie sich doch um: +alles ist neu, frisch und erst eben geboren. Keine einzige Erinnerung an +Altes! Sonst befindet sich in jedem Hause und in jeder Familie wohl +irgend ein altes Möbel, ein Hauch und Stück aus alten Zeiten, das man +noch immer liebt und ehrt, weil man es schön findet, wie man eine +Abschiedsszene oder einen wehmutvollen Sonnenuntergang schön findet. +Erblicken Sie hier etwas Ähnliches, auch nur eine Andeutung davon? Es +kommt mir wie eine schwindelnde, gebogene, leichte Brücke in die noch +unerklärliche Zukunft vor. O, in die Zukunft zu blicken, ist schöner, +als der Vergangenheit nachzuträumen. Man träumt auch, wenn man in eine +Zukunft hineindenkt. Hat das nicht etwas Wunderbares? Sollte es nicht +klüger von den feindenkenden Menschen sein, ihre Wärme und ihre Ahnungen +den noch kommenden, als den vergangenen Tagen zu schenken? Kommende +Zeiten sind uns wie Kinder, die eher der Aufmerksamkeit bedürfen als die +Gräber der Gestorbenen, die wir vielleicht nur mit etwas zu +übertriebener Liebe schmücken: die vergangenen Zeiten! Der Maler wird +jetzt gut daran tun, Kostüme für ferne Menschen zu entwerfen, die die +Grazie besitzen werden, sie mit Anstand und Freiheit zu tragen, der +Dichter träumt Tugenden aus für starke, von keiner Sehnsucht +angefressene Menschen, der Baumeister erfindet, so gut es geht, Formen, +die dem Stein und dem Bauen einen entzückenderen Schwung verleihen, er +geht in den Wald und merkt sich da, wie hoch und edel die Tannen aus dem +Boden herauswachsen, um sie als Muster für künftige Bauten zu nehmen, +und der Mann im allgemeinen wirft, in der Vorausahnung des Kommenden, +viel Gemeines, Unedles und Undienliches ab und flüstert seiner Gattin, +wenn sie ihm den Mund zum Kuß darreicht, seine Gedanken ins Ohr, so gut +er es versteht, und die Frau lächelt. Wir verstehen es, euch Männer mit +einem Lächeln zu Taten anzuspornen, und wir bilden uns ein, unsere +Aufgabe getan zu haben, wenn wir es dahin gebracht haben, euch die +eurige ganz lebhaft und reizvoll vor die Sinne zu lächeln. Wir sind +froher über das, was ihr gemacht habt, als über Selbst-Vollbrachtes. Wir +lesen die Bücher, die ihr schreibt, und denken: wenn sie doch nur etwas +mehr tun und etwas weniger schreiben wollten. Im allgemeinen wissen wir +nicht viel Ersprießlicheres, als uns euch zu unterwerfen. Was können wir +anderes! Und wie gern tun wir es. Aber von der Zukunft zu reden, habe +ich natürlich vergessen, von diesem kühnen Bogen über einem dunklen +Gewässer, von diesem Wald voller Bäume, von diesem Kind mit den +strahlenden Augen, von diesem Unsagbaren, das einen immer reizt, es in +Worte wie in ein Netz zu fangen. Nein ich glaube, die Gegenwart ist die +Zukunft. Finden Sie nicht, daß hier herum alles nur Gegenwart atmet?« + +»Ja,« sagte Simon. + +»Und draußen ist jetzt furchtbar strenger Winter, und hier drinnen ist +es so warm, so eben recht, daß man Gespräche führen kann, und ich sitze +hier bei Ihnen, einem ganz jungen, scheinbar etwas verkommenen Menschen, +und versäume am Ende noch meine Pflichten. Ihr Benehmen hat etwas +Fesselndes, wissen Sie das? Man möchte Ihnen gleich eine Ohrfeige geben, +aus heimlicher Wut darüber, daß sie so dumm dasitzen, und einen in so +sonderbarer Weise verführen können, die kostbare Zeit mit Ihnen +Hereingeschneitem zu verlieren. Wissen Sie was: Sie könnten trotzdem +noch eine Weile dasitzen. Es kommt Ihnen gewiß nicht drauf an. Ich werde +dann noch einmal einen Anlauf nehmen auf Ihre Ohren. Jetzt hab' ich +Pflichten.« -- + +Und fort war sie. + +Simon betrachtete seine Umgebung, während die Dame fortblieb. Die Lampen +gaben ein helles und warmes Licht. Die Menschen plauderten unbefangen +miteinander. Einzelne, da es schon Nacht war, gingen jetzt fort, weil +sie noch den Berg hinuntergehen mußten, um in die Stadt zu kommen. Zwei +alte Männer, die gemütlich an einem Tische saßen, fielen ihm durch ihre +Ruhe auf. Sie hatten beide weiße Bärte und ziemlich frische Gesichter +und rauchten aus ihren Pfeifen, was ihnen etwas Altväterisches verlieh. +Sie sprachen nicht miteinander, sie schienen das für überflüssig zu +halten. Ab und zu trafen sich ihre gegenseitigen Augenpaare und dann +zuckten sie so mit ihren Pfeifen und Mundwinkeln, aber ganz ruhig und +wahrscheinlich ganz gewohnheitsmäßig. Es schienen Müßiggänger zu sein, +aber berechnende, ausgedachte und überlegene Müßiggänger, aus dem +Wohlstand heraus müßig. Gewiß hatten sie sich beide angeschlossen, nur +deshalb, weil sie dieselben Gewohnheiten betrieben: Pfeife rauchen, +Spaziergängchen machen, Vorliebe für Wind, Wetter und Natur, das +Gesundsein, das gerne lieber Schweigen als Plaudern und endlich das +Alter und die mit demselben verbundenen Spezialsächelchen. Simon +erschienen die beiden nicht ohne Würde. Man mußte ein wenig lächeln bei +ihrem abgezirkelten, hübschen Anblick, aber dieser Anblick schloß die +Ehrfurcht nicht aus, die schon das Alter allein für sich herausfordert. +Etwas Zielbewußtes sprach aus ihren ruhigen Mienen, etwas Fertiges und +in keiner Weise mehr Anzufechtendes. Beirren ließen sich diese Alten +gewiß nicht mehr in ihrer Sache, die vielleicht ein Irrtum war. Aber was +war denn eigentlich Irrtum? Wenn man sich mit sechzig und siebzig Jahren +noch einen Irrtum als Leitstern anschaffte, so war das eine unantastbare +Sache, die dem Jüngling Achtung abringen mußte. Diese beiden Käuze, denn +etwas Kauzartiges hatten sie immerhin an sich, mußten irgend ein +Verfahren, ein System haben, nach welchem sie sich schworen zu leben bis +ans Lebensende; so sahen sie aus, so wie zwei, die für sich etwas +gefunden hatten, das ihnen diente und das sie veranlaßte, ruhig ihrem +Ende entgegenzusehen. »Wir zwei haben's herausgefunden, euer Geheimnis,« +so drückten sich ihre Mienen und Haltungen aus. Es war lustig und +rührend und des Nachdenkens wohl wert, ihnen zuzuschauen und sich zu +bestreben, ihre Gedanken zu erraten. So erriet man unter anderem +sogleich, so wie man sie eine Weile betrachtet hatte, daß diese zwei +immer würden zusammen gesehen werden können, nie anders, nie einzeln, +sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke, den man ihnen aus +ihren weißen Köpfen ablauschte. Zu zweien durchs Leben, womöglich zu +zweien hinunter in den Abgrund des Todes: das schien ihr Prinzip zu +sein. In der Tat, sie sahen auch aus wie zwei lebendige, alt gewordene, +aber immer noch lustige und muntere Prinzipien. Wenn es wieder Sommer +würde, so würde man sie draußen auf der schattigen Terrasse sitzen +sehen, aber eben so geheimnisvoll Pfeifen stopfend und das Schweigen dem +Reden bevorzugend. Wenn sie fortgingen, gingen immer zweie fort, nicht +erst einer und dann der andere: das schien undenkbar. Ja, gemütlich +sahen sie aus, das mußte Simon ihnen lassen: gemütlich und eigensinnig, +dachte er, indem er von ihnen weg, wo andershin, blickte. + +Er ließ über verschiedene Menschen seine Blicke streifen, entdeckte eine +englische Familie mit sonderbaren Gesichtern, Männer, die Gelehrte zu +sein schienen und andere, denen man nur schwer ein Amt oder eine +Berufsart zudichten konnte, sah Frauen mit weißen Haaren und Mädchen mit +ihrem Bräutigam, bemerkte Leute, denen man ansah, daß sie sich hier +nicht recht wohlfühlten, und wieder andere, die wie zu Hause im +Familienkreis hier saßen. Aber der Saal leerte sich zusehends. Draußen +pfiff der Winter, und man konnte die Tannen aneinanderächzen hören. Der +Wald lag nur zehn Schritte weg vom Hause entfernt, das wußte Simon aus +alten Tagen genau. + +Indem er sich so seinen Gedanken überließ, erschien die Vorsteherin +wieder. + +Sie setzte sich zu ihm. + +Es schien eine stille Veränderung mit ihr vorgegangen zu sein. Sie +erfaßte Simons Hand: das war etwas Unerwartetes. -- Darauf sprach sie +leise, von niemandem gehört und von niemandem beobachtet: + +»Jetzt wird man mich wohl kaum noch stören, bei Ihnen zu sitzen, die +Leute entfernen sich allmählich. Sagen Sie mir, wer sind Sie, wie heißen +Sie, woher kommen Sie? Sie sehen so aus, als ob man das fragen müßte. +Ein Fragen und ein Verwundern geht von Ihnen aus, nicht ein Verwundern, +das Sie selbst haben, sondern der, der Ihnen gegenübersitzt, und über +Sie. Man fragt sich und verwundert sich über Sie, und dann bekommt man +eine Sehnsucht darnach, Sie reden zu hören, und stellt sich vor, daß es +etwas sein müßte, was da aus Ihnen herausspräche. Man macht sich +unwillkürlich Kummer wegen Ihnen. Man geht von Ihnen fort, macht seine +Arbeit, und plötzlich erbarmt man sich Ihrer, indem man an Sie denkt. +Mitleid ist es nicht, denn das fordern Sie absolut nicht heraus, und +Erbarmen schlechtweg ebenfalls nicht. Ich weiß nicht, was es sein kann: +Neugierde vielleicht? Lassen Sie mich einen Moment nachdenken. +Neugierde? Ein Begehren, etwas über Sie zu wissen, nur etwas, nur einen +Ton oder einen Laut. Man glaubt Sie bereits zu kennen, findet Sie nicht +sehr interessant und lauscht und lauscht doch, ob Sie da etwas gesagt +haben, was vielleicht wert gewesen wäre, noch einmal zu Ihrem Mund +heraus vernommen zu werden. Wenn man Sie anblickt, bedauert man Sie +unwillkürlich leichthin, obenhin, von oben herab. Sie müssen etwas +Tiefes an sich haben, und das scheint niemand zu bemerken, weil Sie sich +keinerlei Mühe geben, es hervortreten und leuchten zu lassen. Ich möchte +Sie erzählen hören. Haben Sie noch Eltern, und haben Sie Geschwister? +Von Ihnen vermutet man, wenn man Sie bloß erblickt, daß Sie bedeutende +Menschen zu Geschwistern haben müssen. Sie selbst aber hält man und muß +man für unbedeutend halten. Wie kommt das? Man fühlt sich Ihnen +gegenüber leicht als Überlegener. Und doch, wenn man sich mit Ihnen +eingelassen hat, sieht man, daß man einen jener Fehler begangen hat, der +deshalb vorkam, weil man es mit einem durchaus gelassenen Menschen zu +tun gehabt hat, der es nur verschmähte, sich in Position zu werfen, und +nicht wollte besser und gefährlicher aussehen, als er ist. Sie sehen +wenig interessant und noch weniger gefährlich aus, und die Frauen, das +ist so ein Gemengsel von Zartheitsbedürfnis und Lust an der rohen +Gefahr, die sie beständig bedrohen soll. Sie nehmen natürlich nicht +übel, was ich Ihnen soeben gesagt habe, denn Sie nehmen nichts übel. Man +weiß nicht, wie man mit Ihnen dran ist. Möchten Sie mir erzählen, ich +bin so gespannt darauf! Wissen Sie, ich möchte gerne Ihre Vertraute +sein, wenn auch nur für eine Stunde, meinetwegen in der Einbildung bloß. +Als ich oben war, eben vorhin, hatte ich einen solchen Drang darnach, zu +Ihnen hinunterzueilen, als wären Sie gar eine Persönlichkeit von Belang, +die man unter keinen Umständen warten lassen darf, vor der man froh sein +muß, in Gnade und in einiger herablassender Achtung zu stehen. Und sitzt +da einer, dessen Wangen höher glühen, wenn ich daher zu springen komme! +Welch eine Verwechslung, aber ist es nicht seltsam? So, jetzt will ich +still sitzen und Ihnen zuhören.« -- + +Simon erzählte: + +»Ich heiße Tanner, Simon Tanner, und habe vier Geschwister, von denen +ich der Jüngste bin und derjenige, der zu den wenigsten Hoffnungen +berechtigt. Ein Bruder ist Maler, der lebt in Paris, und er lebt dort +stiller und zurückgezogener als in einem Dorf; denn er malt. Jetzt muß +er sich schon ein wenig verändert haben, es ist über ein Jahr her, daß +ich ihn zuletzt gesehen habe, aber ich denke, wenn Sie ihm begegnen +würden, bekämen Sie den Eindruck von einem bedeutenden und in sich +abgeschlossenen Menschen. Es ist nicht ohne Gefahr, mit ihm zu tun zu +haben, er bestrickt, und das in einer Weise, daß man um seinetwillen +Torheiten begehen kann. Er ist ganz und gar Künstler, und wenn ich, sein +Bruder, etwas von der Kunst verstehe, so ist er daran schuld, nicht mein +Verständnis, das sich nur, angezogen von ihm, einigermaßen entfalten +konnte. Ich glaube, er trägt jetzt lange Locken, aber die Locken stehen +ihm so natürlich, wie einem Offizier der kurzgeschorene Kopf, man findet +es nicht auffällig. Unter den Menschen verschwindet er, und er begehrt +auch, unter ihnen zu verschwinden, um ruhig arbeiten zu können. Früher +einmal hat er mir in einem Briefe etwas von einem Adler geschrieben, der +seine Schwingen breite über Felsenkanten und der sich über Abgründen am +wohlsten fühle, und ein anderes Mal schrieb er mir, der Mensch und +Künstler müsse arbeiten, wie ein Pferd, umsinken sei noch gar nichts, +umsinken müsse er und sogleich wieder aufstehen und frisch ans Werk +gehen. Er war damals noch ein Knabe, und jetzt malt er Bilder. Wenn er +nicht mehr wird malen können, wird er auch kaum noch leben. Er heißt +Kaspar und ist als Schulknabe in der Schule und im elterlichen Hause +fortwährend für einen faulen Bengel angesehen worden, glauben Sie das +nur, und nur deshalb, weil sein ganzes Wesen ein gelassenes und mildes +war. Er wurde früh aus der Schule genommen, weil er darin nicht +reüssierte, und mußte Schachteln und Kisten herumschleppen, und dann kam +er aus der Heimat fort und lernte dort draußen, den Menschen die +Achtung, die er verdiente, abzunötigen. Das ist einer meiner Brüder, ein +anderer heißt Klaus. Dieser ist der Älteste, und ich halte ihn für den +besten und bedachtsamsten Menschen auf der Welt. Die Nachsicht, das +Bedenkentragen und das Nachdenken schauen ihm zu den Augen heraus. Er +ist ein tüchtiger Mensch, so tüchtig, daß niemand jemals hinter seine +bescheidene, verborgene Tüchtigkeit kommen wird. Er hat uns Jüngere +aufwachsen und uns unsern Begierden und Leidenschaften nachhängen sehen, +er hat geschwiegen dazu und gewartet, bisweilen ein Wort der Sorge und +des Rates gesprochen, aber er hat immerfort eingesehen, daß jeder seinen +eigenen Weg gehen muß, er hat nur Schlimmes zu verhüten gesucht, und das +Gute an einem hat er stets mit sonderbarem Scharfblick herausgefunden. +Dieser Bruder macht sich wegen mir stille Sorgen, ich weiß das ganz +genau; denn er liebt mich, er liebt überhaupt die Menschen und hat eine +sonderbar schüchterne Achtung vor ihnen, die wir Jüngere nicht besitzen. +Obschon er eine bedeutende Stellung in der Gelehrtenwelt einnimmt, +bin ich doch überzeugt, daß nur seine Gewissenhaftigkeit, die immer +mit Schüchternheit verbunden ist, daran schuld ist, daß er eine +nicht noch höhere bekleidet; denn er verdiente die höchste und +verantwortungsreichste. Nun habe ich noch einen dritten Bruder, der nur +unglücklich ist, weiter nichts, und der nur noch das ist, was die +Erinnerung von ihm an seine früheren Tage einem erzählen kann. Er ist +im Irrenhaus. -- Sollte ich das vielleicht vor Ihnen nicht offen haben +heraussagen dürfen? Sie haben sicher ein Interesse daran, wenn Sie nun +schon dasitzen und mir mit so aufmerksam lauschendem Ohr zuhören, alles +der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst lieber gar nichts, nicht wahr! Sie +nicken und sagen mir damit, daß ich Sie schon ziemlich kenne, wenn ich +den Mut habe, von Ihnen anzunehmen, daß Sie eine tapfere und zugleich +herzensgütige Frau sind. Hören Sie weiter. Dieser unglückliche Bruder +war wohl, ich darf es ruhig sagen, das Ideal eines jungen schönen +Mannes, und Talente besaß er, die eher in das galante, zierliche +achtzehnte Jahrhundert hineingepaßt haben würden, als in unsere Zeit mit +den viel härteren und trockneren Anforderungen. Lassen Sie mich über +sein Unglück schweigen; denn erstens würde ich Sie damit verstimmen, und +zweitens und drittens und meinetwegen auch sechstens schickt es sich +nicht, die Falten des Unglücks auseinander zu ziehen, alle Feierlichkeit +wegzunehmen, alle schöne, verschleierte Trauer, die nur dann ist, wenn +man schweigt über solches. Ich habe Ihnen nun leise und skizzenhaft +meine Brüder gezeigt, es tritt jetzt ein Mädchen auf, eine einsame, in +einem Dörfchen mit Strohdächern vergrabene Schullehrerin, meine +Schwester Hedwig. Möchten Sie sie kennen lernen? Sie würden mit Ihrer +ganzen Empfindung Freude an dem Mädchen haben. Es gibt kein stolzeres +Geschöpf als sie auf der Erde. Ich lebte drei volle Monate lang als +Müßiggänger bei ihr auf dem Lande, sie hat geweint, als ich ankam und +mich ausgelacht, als ich, mit dem Reisekoffer in der Hand, zärtlich +Abschied nehmen wollte. Fortgejagt hat sie mich und mir zugleich einen +Kuß gegeben. Sie hat mir gesagt, daß sie für mich nur eine leise, nicht +abzuwehrende Verachtung hege, aber sie hat es so schön gesagt, daß ich +mich wie geliebkost geglaubt habe. Denken Sie, sie hat mich bei ihr +geduldet, als ich zu ihr kam, bettelhafter und frecher als ein +aufdringlicher Landstreicher, der sich nur seiner Schwester einmal +erinnerte, weil er dachte: »da kannst du hingehen, bis du wieder auf +zwei Füßen stehst«. -- Aber wir haben die drei Monate hindurch wie in +einem heiteren Lustgarten voll Laubengänge zusammen gelebt. So etwas +kann man niemals vergessen. Wenn ich ausging und im Walde spazierte und +nicht wußte vor Trägheit, ob ich mich am Kinn oder hinter den Ohren +kratzen sollte, träumte ich von ihr, nur von ihr, als von dem Nächsten +und dem Fernsten zugleich. Sie war mir fern aus Ehrfurcht und nahe aus +Liebe. Sie war so stolz, wissen Sie, daß sie mich niemals fühlen ließ, +wie lumpig ich ihr vorkommen mußte. Sie hat sich nur gefreut, als ich +mich bei ihr wohlgefühlt und eingenistet hatte. Das dauerte bis zu der +letzten Stunde, den Abschied schnitt sie mir einfach vom Munde weg, in +dem Vorausgefühl, daß ich nur Kränkendes und Dummes sagen würde. Als +ich, schon weggegangen, hinter mich den Hügel herabblickte, sah ich sie +mir mit der Hand nachwinken, so freundlich und einfach, als ginge ich +nur bis zum nächsten Dorfschuhmacher und käme nach einer Stunde wieder +zurück. Und doch wußte sie, daß sie allein in der Verlassenheit +zurückbleiben und die Aufgabe vorfinden würde, sich eines +Gesellschafters zu entwöhnen, was immerhin eine Aufgabe und ein Stück +innerlicher Arbeit war. Wir haben uns, wenn wir abends zusammensaßen, +das Leben erzählt und haben die Flügel der Kindheit wieder rauschen +hören, wie das Kleid unserer Mutter auf dem Zimmerboden rauschte, wenn +sie den Kindern entgegenkam. Meine Mutter und meine Schwester Hedwig +ergeben in meinem Kopf immer ein innig verbundenes und zusammengewobenes +Bild. Hedwig hat die Mutter, als diese krank wurde, besorgt und +gepflegt, wie man ein kleines Kind pflegen muß. Denken Sie: ein Kind +sieht seine Mutter zum Kinde werden und wird Mutter an der Mutter. +Welche seltsame Verschiebung der Gefühle. Meine Mutter war eine +hochgeachtete Frau, und die Hochachtung, die man ihr allgemein +entgegenbrachte, war rein und kam aus dem Herzen heraus. Sie hat immer +den Eindruck des Ländlichen und zugleich Vornehmen gemacht. Demutvoll +und zugleich abweisend, wußte sie jeden Ungehorsam und jede +Lieblosigkeit zu dämpfen. Der Ausdruck ihres Gesichts bat und gebot zu +gleicher Zeit. Wie scharten sich die Damen in unserer Stadt um sie, und +wenn sie spazieren ging, wie viele Herrenhüte wurden vor ihr gelüftet. +Dann, als sie krank wurde, fiel sie in Vergessenheit und wurde der +Gegenstand der Sorge und der Scham. Man schämt sich eben kranker +Familienglieder wegen und ist beinahe zornig, wenn man der Tage gedenkt, +wo man die Gesunde und ringsumher Achtunggebietende gesehen hat. Kurz +vor ihrem Tode, ich war damals vierzehn Jahre alt, schrieb sie eines +Mittags einen Brief: »Mein lieber Sohn!« Aber glauben Sie, sie wäre mit +ihrer wunderlich-schlanken Handschrift weiter gekommen als über die +Anrede hinaus? Nein, sie lächelte müde und irr, murmelte etwas und war +gezwungen, die Feder wieder wegzulegen. Da saß sie, da lag der +angefangene Sohnesbrief, da die Feder, die Sonne schien draußen, und ich +beobachtete das alles. Eines Nachts dann klopfte Hedwig an meiner +Kammertüre: ich solle aufstehen, Mutter sei gestorben! Ein dünner +Lichtstrahl fiel durch die Türritze zu mir hinein, während ich zum Bett +hinaussprang. Meine Mutter war als Mädchen unglücklich und schlecht +bestellt gewesen. Sie kam aus dem abgelegenen Gebirge zu ihrer +Schwester, meiner Tante, in die Stadt, wo sie beinahe Magdsdienste +verrichten mußte. Als Kind ging sie einen weiten, tief mit Schnee +bedeckten Weg in die Schule, und ihre Schulaufgaben machte sie in einer +kleinen Stube, bei einem armseligen Lichtstümpfchen, daß ihr die Augen +weh taten, weil sie die Buchstaben im Buch kaum lesen konnte. Ihre +Eltern waren nicht gut zu ihr, so lernte sie früh die Schwermut kennen +und stand, als sie Mädchen war, eines Tages an ein Brückengeländer +angelehnt und dachte darüber nach, ob es nicht besser wäre, in den Fluß +hinab zu springen. Man muß sie vernachlässigt, hin und her geschoben und +auf diese Art mißhandelt haben. Als ich als Knabe einmal von ihrer bösen +Jugend hörte, schoß mir der Zorn ins Gesicht, ich bebte vor Empörung und +haßte von nun an die unbekannten Gestalten meiner Großeltern. Für uns +Kinder hatte die Mutter, als sie noch gesund war, etwas beinahe +Majestätisches, vor dem wir uns fürchteten und zurückscheuten; als sie +krank im Geist wurde, bemitleideten wir sie. Es war ein toller Sprung, +so von der ängstlichen, geheimnisvollen Ehrfurcht ins Mitleid +überspringen zu müssen. Was dazwischen lag: die Zärtlichkeit und +Vertraulichkeit zu ihr, war uns unbekannt geblieben. So kam es, daß +unser Mitleid mit einem unsäglichen Bedauern über das Nie-Empfundene +stark gemischt wurde, was uns dann eigentlich sie um so inniger +bemitleiden ließ. Alle Flegeleien fielen mir wieder ein und alles +unehrerbietige Betragen, und dann die Stimme der Mutter, mit der sie +einen schon aus der Entfernung strafte, so daß die nachher erfolgende, +handliche und wirkliche Abstrafung nur noch süßes, lächerliches +Zuckerzeug dagegen war. Sie hat solch eine Stimme anzuschlagen gewußt, +die einen im Nu den begangenen Fehler bereuen und einen wünschen ließ, +die heftig Gekränkte so schnell wie nur möglich wieder besänftigt zu +sehen. Ihre Sanftheit hatte etwas wunderbar Sanftes für uns, es war ein +Geschenk; denn wir sahen es selten. Gereizt und allzu empfindlich war +meine Mutter immer. Unsern Vater fürchteten wir alle lange nicht so, wie +die Mutter, wir fürchteten nur immer, daß er etwas gesagt oder getan +haben mochte, worüber Mutter in Zorn geraten konnte. Er war ihr +gegenüber machtlos, eine Natur, die das Energische nicht so sehr liebte +wie das Sich-wohl-sein-lassen. Als munterer Gesellschafter war er gerne +gesehen, aber zu schweren Geschäften war er nicht der Mann. Jetzt ist er +achtzig Jahre alt, und wenn er sterben wird, so stirbt ein Stück +Stadtgeschichte mit ihm; die alten Leute werden ihren Kopf bedenklicher +und müder schütteln, wenn sie den alten Mann nicht mehr sehen seinen +Geschäften nachgehen, was er immer noch, und mit ziemlich rüstigen +Beinen, tut. In seiner Jugend war er ein ziemlich wilder Geselle +gewesen, den das Stadtleben allmählich abschliff, aber auch zum +Wohlleben verführte. Beide Eltern, Mutter sowohl wie Vater, kamen aus +rauhen, stillen Gebirgsgegenden her, in eine Stadt, die schon damals +ihrer Großzügigkeit und Lebensfreude wegen im ganzen Lande einen +gemischten Ruhm genoß. Die Industrie blühte damals wie eine feurige +Pflanze auf und gestattete ein leichtes, gedankenloses Leben, viel Geld +wurde verdient, viel ausgegeben. Wenn in der Woche fünf bis sechs Tage +gearbeitet wurde, so galt das als fleißiges Wesen. Der Arbeiter lag +tagelang am sonnigen Flußufer und angelte Fische, wenn er nichts +Schlimmeres trieb. Sobald er Geld nötig hatte, zum Weiterleben, +arbeitete er ein paar Tage und verdiente soviel, daß er wieder müßig +gehen konnte. Der Handwerker verdiente vom Arbeiter, denn wenn die armen +Leute Geld haben, so kann es den Wohlhabenden um so weniger fehlen. Die +Stadt schien in einer Nacht zehntausend Einwohner mehr bekommen zu +haben, alles strömte aus dem umliegenden Lande herbei, in die Häuser, +die schon besetzt und bewohnt wurden, sobald sie nur äußerlich das +fertige Aussehen hatten, mochten sie innen feucht und schmutzig sein, so +viel sie wollten. Die Bauunternehmer hatten eine prachtvolle Zeit, sie +brauchten nur immer bauen zu lassen, und sie taten es so liederlich, als +es nur anging. Die Fabrikanten ritten zu Pferd und ihre Damen fuhren in +Kaleschen, während der alte Stadtadel die Nase dazu rümpfte. An +Festtagen tat sich die Stadt, wie keine andere, hervor und entfaltete +bei solcher Gelegenheit alles, was ihr zu Gebote stand, um sich überall +als die beste Feststadt rühmen zu lassen. Die Kaufleute konnten unter +solchen Umständen nicht klagen, die Schulkinder ebensowenig, nur einige +Einsichtsvolle, die nicht den Mut fanden, sich auf dem schwankenden, +rosenbestreuten Boden der Lust und Oberflächlichkeit mit fortzubewegen. +In solche Verhältnisse hinein kamen meine Eltern, Mutter mit ihrer +empfindlichen Reizbarkeit und mit ihrem Sinn für das Einfach-Vornehme, +und Vater mit seinem Anpassungstalent an alles Bestehende. Für Kinder +ist eine jede Gegend lieblich und reizvoll, aber diese, die uns empfing, +war ihrer Lage nach für Kinder, die gerne Schlupfwinkel, wie Felsen, +Höhlen, Flüsseufer, Weiden, Niederungen, Schluchten und Waldstürze zu +ihren Spielen haben, wie geschaffen. So genoß man die ganze Gegend +spielend und Spiele erfindend, bis man aus der Schule kam. Ich wurde, +als die Mutter starb, in eine Bank als Lehrling gegeben. Im ersten Jahr +hielt ich mich vortrefflich; denn das Neue, das mir begegnete in dieser +Welt, jagte mir Furcht und Scheu ein. Das zweite Jahr sah mich als +Muster-Lehrling, aber im dritten Lehrjahr jagte mich der Direktor in +Forma zum Teufel und behielt mich nur gnadenshalber aus Rücksicht auf +meinen Vater, dem er seit vielen Jahren ein guter Bekannter war. Ich war +unlustig geworden zu jeder Arbeit und frech zu den Vorgesetzten, die ich +nicht für würdig befand, mir Befehle zu erteilen. Es war etwas mir jetzt +Unbegreifliches in mir. Ich besinne mich, daß mir alles, jedes Möbel, +jeder Gegenstand, jedes Wort weh tat. Ich war so scheu geworden, daß es +Zeit war, mich fortzuschicken, und man tat es. Man suchte mir eine +Stelle in einer entfernten Stadt, nur um mich loszuwerden, mit dem doch +nichts anzufangen war. So kam ich fort. -- Aber jetzt will ich nicht +mehr an all das Frühere denken, auch nicht mehr sprechen davon. Es ist +etwas Wunderbares, der frühen Jugend entronnen zu sein; denn sie ist +nicht das gar nur Schöne, Liebliche und Leichte, sondern oft schwerer +und gedankenvoller als manches alten Mannes Leben. Je mehr man gelebt +hat, desto sanfter lebt man. Wer heftig in der Jugend gelebt hat, der +mag sich später nur noch selten, am liebsten nie mehr wieder heftig +gebärden. Wenn ich so denke, wie wir Kinder, immer eines dem andern +nach, so durch mußten, durch den Irrtum und durch die jähe, schnelle +Empfindung hindurch, und daß das alle Kinder der Erde müssen, mit so +viel jugendlicher Gefahr, so möchte ich die Kindheit nicht so voreilig +als etwas Süßes preisen, und doch preisen; denn sie ist doch eine +kostbare Erinnerung. Wie schwer wird es oft Eltern gemacht, gute und +behütende Eltern zu sein; und ein artiges, folgsames Kind zu sein, das +ist für die meisten Kinder nur eine billige, oberflächliche Phrase. Sie +wissen das übrigens besser; denn Sie sind eine Frau. Was mich betrifft, +so bin ich bis jetzt noch der untüchtigste aller Menschen geblieben. Ich +besitze nicht einmal einen Anzug am Leibe, der von mir aussagen könnte, +daß ich einigermaßen mein Leben geordnet hätte. Sie erblicken nichts an +mir, das auf eine bestimmte Wahl im Leben hindeutete. Ich stehe noch +immer vor der Türe des Lebens, klopfe und klopfe, allerdings mit wenig +Ungestüm, und horche nur gespannt, ob jemand komme, der mir den Riegel +zurückschieben möchte. So ein Riegel ist etwas schwer, und es kommt +nicht gern jemand, wenn er die Empfindung hat, daß es ein Bettler ist, +der draußen steht und anklopft. Ich bin nichts als ein Horchender und +Wartender, als solcher allerdings vollendet, denn ich habe es gelernt, +zu träumen, während ich warte. Das geht Hand in Hand, und tut wohl, und +man bleibt dabei anständig. Ob ich meinen Beruf etwa verfehlt habe, +darnach frage ich mich nicht mehr, das fragt sich der Jüngling, aber der +Mann nicht. Ich wäre mit jedem Beruf so weit gekommen, wie ich jetzt +bin. Was kümmert mich das! Ich bin mir meiner Tugenden und Schwächen +bewußt und verhüte es, mit der Tugend sowohl, als mit der Schwäche zu +prahlen. Ich biete einem jeden mein Wissen, meine Kraft, meine Gedanken, +meine Leistungen und meine Liebe an, wenn er einen Gebrauch davon machen +kann. Streckt er den Finger aus und winkt mir, so ist einer, der +vielleicht in einem solchen Falle heranhumpeln würde, ich aber springe, +sehen Sie, so wie der Wind pfeift, und überschlage und trete achtlos auf +alle Erinnerungen, nur um noch ungehinderter laufen zu können. Die ganze +Welt saust mit, das ganze Leben! So ist es schön. Nur so! Nichts in der +Welt ist mein, aber ich sehne mich auch nach nichts mehr. Ich kenne +keine Sehnsucht mehr. Als ich noch eine bestimmte Sehnsucht trug, waren +mir die Menschen gleichgültig und hinderlich, und ich verabscheute sie +bisweilen, jetzt liebe ich sie, weil ich sie brauche und weil ich mich +zum Verbrauchen ihnen anbiete. Dazu ist man da. Es kommt einer und sagt +zu mir: »Du da! Komm! Ich brauche dich. Ich kann dir Arbeit geben!« Der +macht mich glücklich. Dann weiß ich, was Glück ist! Glück und Schmerz +sind vollständig verändert, sie sind mir deutlicher und ersichtlicher +geworden, sie erklären sich mir, sie gestatten mir, in Liebe und Weh mit +ihnen zu buhlen, um sie zu werben. Wenn ich jemandem eine Dienst-Offerte +einzureichen habe, so weise ich immer auf meine Brüder und deute an, +daß, wenn diese sich als nützliche und schaffensfreudige Menschen +erwiesen haben, ich vielleicht auch noch zu gebrauchen sei, worüber ich +jedesmal lachen muß. Es ist mir keineswegs bange, daß aus mir nicht auch +noch eine Form wird, aber mich endgültig formen möchte ich so spät als +nur möglich. Und dann sollte das besser von selber, ohne, daß man es +gerade beabsichtigte, kommen. Nun habe ich mir vorläufig ein paar grobe, +breite Schuhe anmessen lassen, um fester aufzutreten und den Menschen +schon mit meinen Schritten zeigen zu können, daß ich einer bin, der +etwas will und wahrscheinlich auch etwas kann. Erprobt zu werden, das +ist mir eine Lust! Kaum eine höhere kenne ich. Daß ich augenblicklich +arm bin, was heißt das? Das will gar nichts heißen, das ist nur eine +kleine Verzeichnung in der äußeren Komposition, der mit ein paar +energischen Strichen abgeholfen werden kann. Es setzt höchstens einen +gesunden Menschen in Verlegenheit, in einigen Kummer vielleicht, aber in +keine Aufregung. Sie lachen. Nein? Sie wollen nicht gelacht haben? Dann +wäre es schade; denn Ihr Lachen ist etwas Schönes. Eine Zeitlang war es +immer mein Gedanke, unter die Soldaten zu gehen, aber ich traue diesem +romantischen Gedanken nicht mehr recht. Warum nicht bleiben, wo man ist! +Kann sich mir hier im Lande etwa keine Gelegenheit bieten, wenn ich +Gelegenheit haben will, unterzugehen? Ich kann hier einen würdigeren +Anlaß finden, meine Gesundheit, Kraft und Lebenslust aufs Spiel zu +setzen. Zunächst bin ich meiner Gesundheit froh, der Lust, meine Beine +und Arme nach Belieben zu gebrauchen, dann meines Geistes, der mir immer +noch sehr munter erscheint, dann endlich des aufreizenden Bewußtseins, +daß ich der Welt gegenüber als tief belasteter Schuldner dastehe, der +alle Ursache hat, den Atem endlich anzuspannen, um sich in der Liebe der +Welt hinaufzuarbeiten. Ich bin gern Schuldner! Wenn ich mir sagen müßte, +daß mich die Menschen gekränkt hätten, das wäre trostlos für mich. Da +müßte ich mich ja in Stumpfheit und Abneigung und Bitternis versteifen. +Nein, die Sache steht anders, sie steht glänzend, wie sie glänzender für +einen angehenden Mann nicht stehen kann: ich, ich bin es, der die Welt +gekränkt hat. Sie steht mir gegenüber wie eine erzürnte, beleidigte +Mutter: wundervolles Antlitz, in das ich vernarrt bin: das Antlitz der +Sühne fordernden, mütterlichen Erde! Ich zahle ab, was ich +vernachlässigt, verspielt, verträumt, versäumt und verbrochen habe. Ich +werde die Beleidigte zufriedenstellen und meinen Geschwistern dann +einmal, einer schönen, traulichen Abendstunde erzählen, wie ich es +gemacht habe, daß es gekommen ist, daß ich den Kopf so hoch trage. Es +kann Jahre dauern, aber eine Arbeit ist mir nur um so viel entzückender, +je längere und je schwerere Anspannung der Kräfte sie fordert. Jetzt +kennen Sie mich einigermaßen.« + +Die Dame küßte ihn. + +»Nein,« sagte sie, »Sie werden nicht untersinken. Sonst, wenn das +geschähe, wäre es schade, schade für Sie. Sie dürfen niemals wieder so +verbrecherisch, so sündhaft über Sie selber aburteilen. Sie achten sich +zu wenig und andere zu hoch. Ich will Sie davor behüten, gegen sich +selber so allzustreng vorzugehen. Wissen Sie, was Ihnen fehlt? Sie +müssen es eine Zeitlang ein bißchen wieder gut haben. Sie müssen in ein +Ohr hineinflüstern und Zärtlichkeiten erwidern lernen. Sie werden sonst +zu zart. Ich will Sie lehren; das alles, was Ihnen fehlt, will ich Sie +lehren. Kommen Sie. Wir gehen hinaus in die Winternacht. In den +brausenden Wald. Ich muß Ihnen so viel sagen. Wissen Sie, daß ich Ihre +arme, glückliche Gefangene bin? Kein Wort mehr, kein Wort mehr. Kommen +Sie nur.« -- + + + Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + sprach einen guten Eindruck auf ihn mache, oder nicht. Er wußte es + sprach, einen guten Eindruck auf ihn mache, oder nicht. Er wußte es + + weil sie Gutes von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn sie gedenken, + weil sie Gutes von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn Sie gedenken, + + Gewiß, mein Herr.« + »Gewiß, mein Herr.« + + es? + es?« + + erblickte. Hier kann ich den Frühling nicht empfinden, er stört mich. + erblickte. Hier kann ich den Frühling nicht empfinden, er stört mich.« + + gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre, es auch, um Erde zu schaufeln + gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre es auch, um Erde zu schaufeln + + den Lorber, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen + den Lorbeer, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen + + im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen uud beinahe + im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen und beinahe + + meine Kulter eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer + meine Kultur eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer + + »Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich + Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich + + gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größen Freude neben ihn + gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größten Freude neben ihn + + wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rede redetete sich + wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rede redete sich + + namentlich in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennnoch + namentlich in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennoch + + Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben. + »Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben. + + ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zukungen allmählich sich + ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zuckungen allmählich sich + + mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmmen. Ich bin ganz still, + mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmen. Ich bin ganz still, + + Schritte auf; dem er stieß immer wieder an Steine, die im Wege lagen, + Schritte auf; denn er stieß immer wieder an Steine, die im Wege lagen, + + sie, und wenn man ihre Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte + sie, und wenn man ihr Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte + + nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahrene was an Erfahrung das Leben + nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahren, was an Erfahrung das Leben + + Bettstelle wurde auf einem breitem Schlitten in der Nacht vom nächsten + Bettstelle wurde auf einem breiten Schlitten in der Nacht vom nächsten + + fröhlich miteiander. + fröhlich miteinander. + + umgehe.« In der Tat, er ließ die Häfte davon stehen, bezahlte und + umgehe.« In der Tat, er ließ die Hälfte davon stehen, bezahlte und + + »Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Fau. + »Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Frau. + + man begangen hat; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch Fehler + man begangen hat«; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch Fehler + + offener Straße umhalsen und Tränen der Widersehensfreude weinen werden. + offener Straße umhalsen und Tränen der Wiedersehensfreude weinen werden. + + aus der er schließlich erwachte.« + aus der er schließlich erwachte. + + herumziehendie Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam + herumziehenden Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam + + grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karrossen rollten + grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karossen rollten + + viel früher, gesungen haben muße. Einer riß beständig Witze, es war ein + viel früher, gesungen haben mußte. Einer riß beständig Witze, es war ein + + ein-, zwei- oder vierzehntätige Anstellung gefunden. Das war immer ein + ein-, zwei- oder vierzehntägige Anstellung gefunden. Das war immer ein + + will, Geld auf Dahrlehn anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen + will, Geld auf Darlehn anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen + + das gefiel im, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem guten + das gefiel ihm, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem guten + + vermute, daß Ihnen dann der Spaß verleien müßte. Ziehen Sie sich nur + vermute, daß Ihnen dann der Spaß verleiden müßte. Ziehen Sie sich nur + + fragen, was er wünsche Aber es kam vorläufig keines. So blieb er denn + fragen, was er wünsche. Aber es kam vorläufig keines. So blieb er denn + + Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte sie sich wieder zu + »Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte sie sich wieder zu + + hier bei Ihnen, einem ganz jungen, scheinbar etwas vorkommenen Menschen, + hier bei Ihnen, einem ganz jungen, scheinbar etwas verkommenen Menschen, + + sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke den man ihnen aus + sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke, den man ihnen aus + + der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst lieber gar nichts, nicht war! Sie + der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst lieber gar nichts, nicht wahr! Sie + + Kaleschen, während der alte Stadtadel die Nase dazu rümpfte. Am + Kaleschen, während der alte Stadtadel die Nase dazu rümpfte. An + + kann Streckt er den Finger aus und winkt mir, so ist einer, der + kann. Streckt er den Finger aus und winkt mir, so ist einer, der + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Geschwister Tanner, by Robert Walser + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHWISTER TANNER *** + +***** This file should be named 36172-0.txt or 36172-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/1/7/36172/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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