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+The Project Gutenberg EBook of Geschwister Tanner, by Robert Walser
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Geschwister Tanner
+
+Author: Robert Walser
+
+Release Date: May 21, 2011 [EBook #36172]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHWISTER TANNER ***
+
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+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
+ Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+ Geschwister Tanner
+
+ Roman
+ von
+ Robert Walser
+
+ Zweite Auflage
+
+ Verlag von Bruno Cassirer
+ Berlin
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+Eines Morgens trat ein junger, knabenhafter Mann bei einem Buchhändler
+ein und bat, daß man ihn dem Prinzipal vorstellen möge. Man tat, was er
+wünschte. Der Buchhändler, ein alter Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen,
+sah den etwas schüchtern vor ihm Stehenden scharf an und forderte ihn
+auf, zu sprechen. »Ich will Buchhändler werden,« sagte der jugendliche
+Anfänger, »ich habe Sehnsucht darnach und ich weiß nicht, was mich davon
+abhalten könnte, mein Vorhaben ins Werk zu setzen. Unter dem Buchhandel
+stellte ich mir von jeher etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht,
+warum ich immer noch außerhalb dieses Lieblichen und Schönen schmachten
+muß. Sehen Sie, mein Herr, ich komme mir, so wie ich jetzt vor Ihnen
+dastehe, außerordentlich dazu geeignet vor, Bücher aus Ihrem Laden zu
+verkaufen, so viele, als Sie nur wünschen können zu verkaufen. Ich bin
+der geborene Verkäufer: galant, hurtig, höflich, schnell,
+kurzangebunden, raschentschlossen, rechnerisch, aufmerksam, ehrlich und
+doch nicht so dumm ehrlich, wie ich vielleicht aussehe. Ich kann Preise
+herabsetzen, wenn ich einen armen Teufel von Studenten vor mir habe, und
+kann Preise hochschrauben, um den reichen Leuten ein Wohlgefallen zu
+erweisen, von denen ich annehmen muß, daß sie manches Mal nicht wissen,
+was sie mit dem Geld anfangen sollen. Ich glaube, so jung ich noch bin,
+einige Menschenkenntnis zu besitzen, außerdem liebe ich die Menschen, so
+verschiedenartig sie auch sein mögen; ich werde also meine Kenntnis der
+Menschen nie in den Dienst der Übervorteilung stellen, aber auch
+ebensowenig daran denken, durch allzu übertriebene Rücksichtnahme auf
+gewisse arme Teufel Ihr wertes Geschäft zu schädigen. Mit einem Wort:
+meine Liebe zu den Menschen wird angenehm balancieren auf der Wage des
+Verkaufens mit der Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir
+ebenso notwendig erscheint für das Leben wie eine Seele voll Liebe: Ich
+werde schönes Maß halten, dessen seien Sie zum voraus versichert.« --
+Der Buchhändler sah den jungen Mann aufmerksam und verwundert an. Er
+schien im Zweifel darüber zu sein, ob sein _Vis-à-vis_, das so hübsch
+sprach, einen guten Eindruck auf ihn mache, oder nicht. Er wußte es
+nicht genau zu beurteilen, es verwirrte ihn einigermaßen und aus dieser
+Befangenheit heraus frug er sanft: »Kann ich mich denn, mein junger
+Mann, geeigneten Ortes über Sie erkundigen?« Der Angeredete erwiderte:
+»Geeigneten Ortes? Ich weiß nicht, was Sie einen geeigneten Ort nennen!
+Mir würde es passend erscheinen, wenn Sie sich gar nicht erkundigen
+wollten. Bei wem sollte das sein, und was für einen Zweck könnte das
+haben? Man würde Ihnen allerlei über mich hersagen, aber genügte denn
+das auch, Sie meinetwegen zu beruhigen? Was wüßten Sie von mir, wenn man
+Ihnen zum Beispiel auch sagte, ich sei aus einer sehr guten Familie
+entsprossen, mein Vater sei ein achtbarer Mann, meine Brüder tüchtige,
+hoffnungsvolle Menschen und ich selber sei ganz brauchbar, ein bißchen
+flatterhaft, aber zu Hoffnungen nicht unberechtigt, ein bißchen dürfe
+man mir schon vertrauen, und so weiter? Sie wüßten doch nichts von mir
+und hätten absolut nicht die kleinste Ursache, mich nun mit mehr Ruhe in
+Ihr Geschäft als Verkäufer anzunehmen. Nein, Herr, Erkundigungen taugen
+in der Regel keinen Pfifferling, ich rate Ihnen, wenn ich mir Ihnen, dem
+alten Herrn gegenüber einen Ratschlag herausnehmen darf, entschieden
+davon ab, weil ich weiß, daß, wenn ich geeignet und beschaffen wäre, Sie
+zu hintergehen und die Hoffnungen, die Sie, gestützt auf Informationen,
+auf mich setzen, zu täuschen, ich dies in um so größerem Maße täte, je
+besser besagte Erkundigungen lauten würden, die dann nur gelogen hätten,
+weil sie Gutes von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn Sie gedenken,
+mich zu verwenden, so bitte ich Sie, etwas mehr Mut zu bezeigen als die
+meisten andern Prinzipale, mit denen ich zu tun hatte, und mich einfach
+auf den Eindruck hin anzustellen, den ich Ihnen hier mache. Außerdem
+würden einzuziehende Erkundigungen über mich nur schlecht lauten, um
+offen die Wahrheit zu sagen.«
+
+»So? Warum denn? --«
+
+»Ich bin noch überall, wo ich gewesen bin,« fuhr der junge Mensch fort,
+»bald weitergegangen, weil es mir nicht behagt hat, meine jungen Kräfte
+versauern zu lassen in der Enge und Dumpfheit von Schreibstuben, wenn es
+auch, nach aller Leute Meinung, die vornehmsten Schreibstuben waren, zum
+Beispiel gerade Bankanstalten. Gejagt hat man mich bis jetzt noch
+nirgends, ich bin immer aus freier Lust am Austreten ausgetreten, aus
+Stellungen und Ämtern heraus, die zwar Karriere und weiß der Teufel was
+versprachen, die mich aber getötet hätten, wenn ich darin verblieben
+wäre. Man hat, wo ich auch immer gewesen bin, regelmäßig meinen Austritt
+bedauert und mein Tun beklagt, mir eine schlimme Zukunft versprochen,
+aber doch den Anstand besessen, mir Glück auf meine fernere Laufbahn zu
+wünschen. Bei Ihnen (und des jungen Mannes Stimme wurde auf einmal
+treuherzig), Herr Buchhändler, werde ich es sicherlich jahrelang
+aushalten können. Jedenfalls spricht vieles dafür, Sie zu veranlassen,
+einmal einen Versuch mit mir zu machen.« Der Buchhändler sagte: »Ihre
+Offenherzigkeit gefällt mir, ich will Sie probeweise acht Tage in meinem
+Geschäft arbeiten lassen. Taugen Sie, und machen Sie dann Miene, weiter
+bei mir zu bleiben, so wollen wir weiter miteinander reden.« Mit diesen
+Worten, die zugleich des jungen Stellesuchers vorläufige Entlassung
+bedeuteten, klingelte der alte Herr an der elektrischen Leitung, worauf,
+wie von einem Strom herbeigeweht, ein kleiner, ältlicher, bebrillter
+Mann erschien.
+
+»Geben Sie diesem jungen Herrn eine Beschäftigung!«
+
+Die Brille nickte. Damit war nun Simon Buchhandlungsgehilfe geworden.
+Simon, ja so hieß er nämlich. --
+
+ * * * * *
+
+Um diese Zeit herum machte sich einer der Brüder Simons, der in einer
+Residenzstadt wohnhafte und dort namhaft bekannte Doktor Klaus, Sorgen
+wegen seines jungen Bruders Betragen. Es war dies ein guter, stiller,
+pflichttreuer Mensch, der gar zu gern gesehen hätte, wenn seine Brüder
+so wie er, der Älteste, im Leben einen festen, achtunggebietenden Boden
+unter die Füße bekommen hätten. Dies war aber so sehr nicht der Fall,
+wenigstens bis jetzt, ja so sehr war das Gegenteil der Fall, daß Doktor
+Klaus anfing, in seinem Herzen sich Selbstvorwürfe zu machen. Er sagte
+sich zum Beispiel: »ich hätte derjenige sein sollen, der schon längst
+allen Grund hätte haben müssen, diese Brüder auf die rechte Bahn zu
+leiten. Ich habe es bis jetzt versäumt. Wie konnte ich nur diese Pflicht
+versäumen und so weiter.« Doktor Klaus kannte tausende von kleinen und
+großen Pflichten, und es mochte bisweilen den Anschein tragen, als sehne
+er sich nach noch mehr Pflichten. Er war einer von den Menschen, die
+sich, aus Pflichterfüllungsbedürfnis, in ein ganzes, beinahe
+zusammenstürzendes Gebäude von lauter sauren Pflichten stürzen, aus
+Angst, es möchte vorkommen, daß ihnen eine geheime, wenig bemerkbare
+Pflicht davonliefe. Sie schaffen sich viele unruhige Stunden wegen
+solcher unerfüllten Pflichten, denken nicht daran, daß eine Pflicht
+immer eine neue auf den Übernehmer der ersten ladet und glauben, schon
+etwas wie eine Pflicht erfüllt zu haben, wenn sie sich wegen deren
+dunklen Vorhandenseins ängstigen und beunruhigt fühlen. Sie mengen sich
+leicht in Vieles, was sie, wenn sie weniger sorgenvoll darüber
+nachdächten, in Gottes Welt gar nichts angeht, und wollen auch gern
+andere so sorgenbelastet sehen. Sie pflegen mit Neid auf Unbefangene und
+Pflichtenfreie zu blicken und sie dann leichtfertige Menschenbrüder zu
+schelten, weil sie so schön, mit so leicht erhobenem Kopf, durch das
+Leben ziehen. Doktor Klaus zwang sich des öftern zu einer gewissen
+kleinen, bescheidenen Sorglosigkeit, aber immer wieder kehrte er zu den
+grauen, trüben Pflichten zurück, in deren Bann er wie in einem dunklen
+Gefängnis schmachtete. Er hatte vielleicht einmal die Lust zum
+Abbrechen, damals als er noch jung war, aber ihm fehlte die Kraft,
+etwas, das wie eine mahnende Pflicht aussah, unerledigt hinter sich zu
+lassen und darüber mit einem Lächeln der Wegwerfung hinwegzuschreiten.
+Wegwerfung? O, er warf nie etwas weg! Es hätte ihn, so deuchte ihn, wenn
+er es einmal versuchen wollte, von unten bis oben zerschnitten; er würde
+immer des Weggeworfenen mit Schmerz gedacht haben. Er warf nie etwas weg
+und er verlor sein junges Leben damit, zurechtzulegen und zu
+untersuchen, was nie der Untersuchung, Prüfung, Liebe und Beachtung wert
+war. So war er denn älter geworden, und weil er denn doch durchaus nicht
+etwa ein empfindungs- und phantasieloser Mensch war, machte er sich oft
+schwere Vorwürfe darüber, daß er die Pflicht versäumte, selbst ein
+bißchen glücklich zu sein. Das war nun wieder ein neues
+Pflichtversäumnis und bewies nur auf das Allertreffendste, daß es eben
+Pflichtmenschen nie gelingt, alle ihre Pflichten zu erfüllen, ja, daß es
+solchen am leichtesten vorkommen kann, über ihre Hauptpflichten
+hinwegzusehen, um erst später, wenn es vielleicht schon zu spät geworden
+ist, ihrer wieder zu gedenken. Doktor Klaus war mehr als einmal traurig
+über sich, wenn er des lieblichen Glücks gedachte, das ihm entschwunden
+war, des Glücks, sich mit einem jungen, lieben Mädchen verbunden zu
+sehen, das natürlich ein Mädchen aus tadelloser Familie hätte sein
+müssen. Um diese Zeit herum, als er mit Wehmut seiner selber gedachte,
+schrieb er an seinen Bruder Simon, den er aufrichtig lieb hatte und
+dessen Betragen in der Welt ihn beunruhigte, einen Brief, der ungefähr
+folgendermaßen lautete:
+
+Lieber Bruder. Du scheinst gar nichts über Dich schreiben zu wollen.
+Vielleicht geht es Dir nicht gut und schreibst deshalb nicht. Du bist
+wieder, wie nun schon so oftmals, ohne eine feste, fixierte Tätigkeit,
+ich habe es zu meinem Leidwesen erfahren müssen, und zwar von fremden
+Menschen. Von Dir darf ich, wie es scheint, keine aufrichtigen Berichte
+mehr erwarten. Glaube nur, dies schmerzt mich. Es sind jetzt so viele
+Dinge, die mich nur unangenehm berühren, mußt auch Du, von dem ich mir
+immer vieles versprach, dazu beitragen, meine Stimmung, die aus vielen
+Ursachen keine rosige ist, zu verdunkeln? Ich hoffe noch, aber laß mich,
+wenn Du Deinen Bruder noch ein bißchen lieb hast, nicht allzulang
+vergeblich auf Dich hoffen. Mache doch einmal etwas, das einen
+berechtigen könnte, an Dich, sei es in dieser oder jener Hinsicht, noch
+zu glauben. Du hast Talent und besitzest, wie ich mir gerne einbilde,
+einen hellen Kopf, bist auch sonst klug, und in allen Deinen Äußerungen
+spiegelte sich immer der gute Kern wieder, den ich in Deiner Seele von
+jeher wußte. Warum nun aber, da Du doch die Einrichtungen dieser Welt
+einmal kennst, immer wieder so wenig Ausdauer, so rasch wieder der
+Sprung in etwas anderes? Ängstigt Dich Dein eigenes Betragen gar nicht?
+Ich muß Kraft in Dir vermuten, daß Du diesen immerwährenden
+Berufswechsel, der zu nichts in der Welt taugt, ertragen kannst. Ich an
+Deiner Stelle würde längst an mir verzweifelt haben. Ich verstehe Dich
+wirklich nicht in diesem Punkt, aber ich gebe gerade aus diesem Grunde
+keineswegs die Hoffnung auf, Dich nun einmal energisch eine Laufbahn
+ergreifen zu sehen, nachdem Du sattsam genug mußtest die Erfahrung
+gemacht haben, daß ohne Geduld und guten Willen auf der Welt nichts zu
+erreichen ist. Und Du willst doch sicher etwas erreichen. So ganz
+unehrgeizig kenne ich Dich wenigstens nicht. Mein Rat ist nun der: Harre
+aus, füge Dich drei oder vier kurze Jahre unter eine strenge Arbeit,
+folge Deinen Vorgesetzten, zeige, daß Du etwas leisten kannst, aber
+auch, daß Du Charakter besitzest, dann wird sich Dir eine Bahn eröffnen,
+die Dich durch die ganze bekannte Welt führt, wenn Du Lust zum Reisen
+hast. Welt und Menschen werden sich Dir in ganz anderer Weise zu
+erkennen geben, wenn Du wirklich etwas bist, wenn Du der Welt etwas
+bedeuten kannst. So, scheint es mir, wirst Du vielleicht weit mehr
+Genugtuung am Leben finden, als selbst der Gelehrte, der, obschon er die
+Fäden, an denen alles Leben und Wirken hängt, genau erkennt, doch an die
+enge Welt seines Studierzimmers gefesselt bleibt, wo ihm, wie ich aus
+eigener Erfahrung sagen darf, oft nicht behaglich zumute ist. Noch ist
+es Zeit, daß Du ein ganz hervorragend tüchtiger Kaufmann werden kannst,
+und Du weißt gar nicht, in welchem Maße gerade der Kaufmann Gelegenheit
+hat, sein Leben zu einem von Grund aus lebensvollen Leben zu gestalten.
+Wie Du jetzt bist, schleichst Du nur so um die Ecken und durch die
+Spalten des Lebens: das soll aufhören. Vielleicht hätte ich da früher,
+viel früher eingreifen, hätte Dir mehr mit Taten als mit bloßen,
+ermahnenden Worten emporhelfen sollen, aber ich weiß nicht bei Deinem
+stolzen Sinn, der darauf gerichtet ist, Dir immer und überall selber zu
+helfen, hätte ich Dich vielleicht eher kränken als Dich wirklich
+überzeugen können. Was tust Du jetzt mit Deinen Tagen? Erzähle mir doch
+davon. Ich verdiene es vielleicht, um der Sorge willen, die ich mir
+Deinetwegen mache, daß Du etwas gesprächiger und mitteilsamer mir
+gegenüber wirst. Ich selber, was bin ich denn für einer, daß man sich
+hüten sollte, mir unbefangen und vertraulich in die Nähe zu treten? Bin
+ich Dir ein Gefürchteter? Was gibt es an mir zu meiden? Etwa den
+Umstand, daß ich der »Ältere« bin und vielleicht etwas mehr weiß, als
+Du? Nun denn, so wisse, daß ich froh wäre, noch einmal jung zu werden,
+und unvernünftig und unwissend. Ich bin nicht ganz so froh, lieber
+Bruder, wie es der Mensch sein sollte. Ich bin nicht glücklich.
+Vielleicht ist es zu spät für mich, noch glücklich zu werden. Ich bin
+jetzt in einem Alter, wo der Mann, der noch kein eigenes Heim hat, nicht
+ohne die schmerzlichste Sehnsucht der Glücklichen gedenkt, die die Wonne
+genießen, über der Leitung ihres Haushaltes eine junge Frau besorgt zu
+sehen. Ein Mädchen zu lieben, das ist schön, Bruder. Und es ist mir
+versagt. -- Nein, Du brauchst mich gar nicht zu fürchten, ich bin es,
+der Dich wieder aufsucht, der Dir schreibt, der hofft, es werde ihm
+freundlich und zutraulich geantwortet. Du stehst vielleicht reicher da,
+als ich, hast mehr Hoffnungen und viel mehr Recht, solche zu hegen, hast
+Pläne und Aussichten, von denen ich mir nicht einmal etwas träume, ich
+kenne Dich eben nicht mehr ganz, und wie wäre das auch möglich nach
+Jahren der Trennung. Laß mich Dich wieder kennen lernen und zwinge Dich,
+mir zu schreiben. Vielleicht erlebe ich es noch, meine Brüder alle
+glücklich zu sehen; Dich möchte ich jedenfalls froh wissen. Was macht
+Kaspar? Schreibt Ihr Euch? Was macht seine Kunst? Ich möchte gerne auch
+von ihm etwas erfahren. Lebe wohl, Bruder. Vielleicht sprechen wir bald
+einmal miteinander. Dein Klaus.
+
+Nach Ablauf von acht Tagen trat Simon, als es Abend wurde, zu seinem
+Prinzipal ins Kabinett und hielt diesem folgende Ansprache: »Sie haben
+mich enttäuscht, machen Sie nur nicht solch ein verwundertes Gesicht, es
+läßt sich nicht ändern, ich trete heute aus Ihrem Geschäft wieder aus
+und bitte Sie, mir meinen Lohn auszubezahlen. Bitte, lassen Sie mich
+ausreden. Ich weiß nur zu genau, was ich will. In den acht Tagen ist mir
+der ganze Buchhandel zum Greuel geworden, wenn er darin bestehen soll,
+vom frühen Morgen bis am späten Abend, während draußen die sanfteste
+Wintersonne scheint, an einem Pult zu stehen, den Buckel zu krümmen,
+weil das Pult viel zu klein für meine Figur ist, zu schreiben wie der
+verflucht-erst-beste Schreiber und eine Beschäftigung zu erfüllen, die
+sich für meinen Geist nicht ziemt. Ich kann ganz anderes leisten, mein
+Herr Buchhändler, als was man hier glaubt, für mich erübrigen zu können.
+Ich glaubte, ich könne bei Ihnen Bücher verkaufen, elegante Menschen
+bedienen, einen Bückling machen und adieu sagen zu Käufern, wenn sie im
+Begriffe sind, den Laden zu verlassen. Auch dachte ich, ich bekäme
+Gelegenheit, einen Blick in das geheimnisvolle Wesen des Buchhandels zu
+werfen und die Züge der Welt im Gesichte und Gang des Geschäftes zu
+erhaschen. Aber nichts von alledem. Glauben Sie, es stände so schlimm
+mit meiner Jugend, daß ich nötig hätte, sie in einem nichtsnutzigen
+Bücherladen zu verkrümmen und zu ersticken? Sie irren sich zum Beispiel
+auch, wenn Sie der Meinung sind, der Buckel eines jungen Menschen sei
+dazu da, um krumm zu werden. Warum haben Sie mir nicht ein gutes,
+anständiges, mir angemessenes Sitz- oder Stehpult angewiesen? Gibt es
+nicht prachtvolle Schreibpulte nach amerikanischem Schnitt? Wenn man
+schon einen Angestellten will, so meine ich, muß man ihn auch
+unterzubringen wissen. Das wußten Sie, wie es scheint, nicht. Weiß Gott,
+es wird alles mögliche von einem jungen Anfänger verlangt: Fleiß, Treue,
+Pünktlichkeit, Takt, Nüchternheit, Bescheidenheit, Maß und
+Zielbewußtheit und wer weiß was noch alles. Wem aber fiele es je ein,
+irgend welche Tugenden von einem Herrn Prinzipal zu verlangen. Soll ich
+meine Kräfte, meine Lust, tätig zu sein, meine Freude an mir selber, und
+das Talent, daß ich das so glänzend imstande bin, an ein altes, mageres,
+enges Buchladenpult wegwerfen? Nein, ehe ich das täte, könnte es mir
+vorher einfallen, unter die Soldaten zu gehen und meine Freiheit
+vollends zu verkaufen, nur um sie überhaupt nicht mehr zu besitzen. Ich
+bin nicht gern, gnädiger Herr, der Besitzer von etwas Halbem, lieber
+will ich zu den ganz Besitzlosen gehören, dann gehört mir meine Seele
+wenigstens noch an. Sie werden denken, es zieme sich wenig, so heftig zu
+reden, und dies sei auch nicht der schickliche Ort zu einer Rede:
+Wohlan, ich schweige, bezahlen Sie mich, wie es mir zukommt, und Sie
+werden mich nie wieder zu Gesicht bekommen.«
+
+Der alte Buchhändler war ganz erstaunt, den jungen, stillen,
+schüchternen Menschen, der während der acht Tage so zuverlässig
+gearbeitet hatte, nun in solcher Weise sprechen zu hören. Aus dem
+anstoßenden Arbeitsraume sahen und horchten einige fünf
+zusammengedrängte Köpfe von Beamten und Handlungsdienern der Szene zu.
+Der alte Herr sprach: »Wenn ich das von Ihnen vermutet hätte, Herr
+Simon, würde ich mich besonnen haben, Ihnen in meinem Geschäfte Arbeit
+zu geben. Sie scheinen ja ganz merkwürdig wankelmütig zu sein. Weil
+Ihnen ein Schreibpult nicht paßt, will Ihnen gleich das Ganze nicht
+passen. Aus welcher Gegend der Welt kommen Sie denn her und gibt es dort
+lauter junge Leute von Ihrem Schlag? Sehen Sie, wie Sie nun vor mir
+altem Manne dastehen. Sie wissen wohl selbst nicht, was Sie in Ihrem
+unreifen Kopf eigentlich wollen. Nun, ich halte Sie nicht davon ab, von
+mir wegzugehen, hier ist Ihr Geld, aber offen gestanden, es hat mir
+nicht Freude gemacht.« Der Buchhändler zahlte ihm sein Geld aus, Simon
+strich es ein.
+
+Als er nach Hause kam, sah er den Brief seines Bruders auf dem Tisch
+liegen, er las ihn und dachte dann bei sich: »Er ist ein guter Mensch,
+aber ich werde ihm nicht schreiben. Ich verstehe es nicht, meine Lage zu
+schildern, sie ist auch gar nicht des Beschreibens wert. Zu Klagen habe
+ich keinen Anlaß, zu Freudesprüngen ebensowenig, zu schweigen allen
+Grund. Es ist wahr, was er schreibt, aber eben deshalb will ich es bei
+der Wahrheit bewenden lassen. Daß er unglücklich ist, hat er mit sich
+selbst abzumachen, aber ich glaube gar nicht, daß er so sehr unglücklich
+ist. Das klingt in Briefen so. Man wird während des Schreibens einfach
+fortgerissen zu unvorsichtigen Äußerungen. In den Briefen will die Seele
+immer zu Wort kommen und sie blamiert sich in der Regel. Ich schreibe
+also lieber nicht.« -- Damit war die Sache abgetan. Simon war voller
+Gedanken, schöner Gedanken. Wenn er dachte, kam er ganz unwillkürlich
+auf schöne Gedanken. Am nächsten Morgen, die Sonne blendete hell,
+meldete er sich beim Stellenvermittlungsbureau. Der Mann, der dort saß
+und schrieb, stand auf. Der Mann kannte Simon sehr gut und pflegte mit
+ihm mit einer Art spöttischer, hübscher Vertrautheit zu verkehren. »Ah,
+Herr Simon! Sind Sie wieder da! In welcher Angelegenheit kommen Sie
+denn?«
+
+»Ich suche eine Stelle.«
+
+»Sie haben schon zu wiederholten Malen Stelle gesucht bei uns, man
+möchte versucht sein, zu sagen: Sie suchen mit einer unheimlichen
+Schnelligkeit Stellen.« Der Mann lachte, aber leise, denn eines groben
+Lachens war er doch nicht fähig. »Wo waren Sie denn zuletzt beschäftigt,
+wenn man Sie fragen darf?«
+
+Simon erwiderte: »Ich war Krankenwärter, und es stellte sich heraus, daß
+ich alle Eigenschaften besitze, um die Kranken pflegen zu können. Warum
+staunen Sie so sehr bei dieser Eröffnung? Ist es so fürchterlich
+seltsam, wenn ein Mann in meinem Alter verschiedenen Berufsarten
+nachgeht, wenn er den Versuch macht, sich den verschiedenartigsten
+Menschen nützlich zu erweisen? Ich finde das hübsch an mir, weil ich
+dabei etwas tue, was einen gewissen Mut erfordert. Mein Stolz wird in
+keiner Weise verletzt dadurch, im Gegenteil, ich bilde mir etwas darauf
+ein, allerhand Lebensaufgaben lösen zu können und nicht vor
+Schwierigkeiten zu zittern, vor denen die meisten Menschen
+zurückschrecken. Man kann mich brauchen, diese Gewißheit genügt mir, um
+meinen Stolz zu befriedigen. Ich will nützlich sein.«
+
+»Warum sind Sie denn nicht bei dem Krankenwärterberuf geblieben?« fragte
+der Mann.
+
+»Ich habe keine Zeit, bei einem und demselben Beruf zu verbleiben,«
+erwiderte Simon, »und es fiele mir niemals ein, wie so viele andere, auf
+einer Berufsart ausruhen zu wollen wie auf einem Sprungfederbett. Nein,
+das bringe ich, und wenn ich tausend Jahre alt werde, nicht fertig.
+Lieber gehe ich unter die Soldaten.«
+
+»Passen Sie auf, daß es nicht mit Ihnen noch so weit kommt.«
+
+»Es gibt auch noch andere Auswege. Das mit den Soldaten ist eine
+flüchtige Redensart von mir, die ich mir angewöhnt habe, um meine Reden
+zu beschließen. Was hat ein junger Mann, wie ich, nicht für Auswege. Ich
+kann, wenn es Sommer ist, zu einem Bauern gehen, ihm auf dem Felde
+helfen, daß die Ernte beizeiten unter Dach kommt, er wird mich
+willkommen heißen und meine Kraft schätzen. Er wird mir zu essen geben,
+gutes Essen, denn man kocht gut auf dem Lande, er wird mir, wenn ich von
+ihm wegziehe, etwas Bargeld in die Hand drücken, und seine junge
+Tochter, ein frisches, bildschönes Mädchen, wird mir zum Abschied
+zulächeln, in einer Weise, daß ich lange daran denken muß, während ich
+weiter wandere. Was schadet es, zu wandern, auch wenn es regnet oder gar
+schneit, wenn man seine gesunden Glieder hat und sich weiter keine
+Sorgen macht. Sie, in Ihrer gedrückten Enge, stellen sich nicht vor, wie
+köstlich das Laufen auf Landstraßen ist. Sind sie staubig, so sind sie
+es eben, wer frägt da lange darnach. Nachher sucht man sich an einem
+Waldrande ein kühles Plätzchen aus, wo der Blick, wenn man so daliegt,
+die herrlichste Aussicht genießt, wo die Sinne auf eine natürliche Weise
+ausruhen und die Gedanken nach Lust und Geschmack denken können. Sie
+werden mir entgegenhalten, das könne ein anderer, zum Beispiel Sie
+selber, auch haben, während Ihrer Ferien. Aber Ferien, was ist das!
+Darüber kann ich nur lachen. Ich will mit Ferien nichts zu tun haben.
+Ich hasse die Ferien geradezu. Verschaffen Sie mir nur nicht einen
+Posten mit Ferien. Das hat nicht den geringsten Reiz für mich, ja ich
+würde sterben, wenn ich Ferien bekäme. Ich will mit dem Leben kämpfen,
+bis ich meinetwegen umsinke, will weder Freiheit noch Bequemlichkeit
+kosten, ich hasse die Freiheit, wenn ich sie so hingeworfen bekomme, wie
+man einem Hund einen Knochen hinwirft. Da haben Sie Ihre Ferien. Wenn
+Sie etwa denken, Sie hätten in mir einen Menschen vor sich, den es nach
+Ferien gelüstet, so irren Sie sich, aber ich habe leider alle Ursache,
+zu vermuten, Sie denken so von mir.«
+
+»Hier ist eine Aushilfsstelle bei einem Advokaten zu besetzen, für
+ungefähr einen Monat. Paßt Ihnen das?«
+
+»Gewiß, mein Herr.«
+
+Damit war Simon beim Advokaten. Er verdiente dort ein ganz hübsches Geld
+und war ganz glücklich. Nie erschien ihm die Welt schöner, als während
+dieser Advokatenzeit. Er machte angenehme Bekanntschaften, schrieb
+leicht und mühelos den Tag über, rechnete Rechnungen nach, schrieb nach
+dem Diktat, was er außerordentlich gut verstand, betrug sich, zu seinem
+Erstaunen ganz reizend, so daß sein Vorgesetzter sich lebhaft um ihn
+bekümmerte, trank jeweilen nachmittags seine Tasse Tee, und träumte,
+während er schrieb, zum luftigen, hellen Fenster hinaus. Träumen, und
+doch seine Pflicht nicht hintenansetzen, das verstund er prächtig. »Ich
+verdiene so viel Geld, dachte er bei sich, daß ich eine junge Frau damit
+haben könnte.« Der Mond schien oft, wenn er arbeitete, zum Fenster
+hinein, das entzückte ihn sehr.
+
+Seiner kleinen Freundin Rosa gegenüber äußerte sich Simon
+folgendermaßen: »Mein Advokat hat eine lange, rote Nase und ist ein
+Tyrann, aber ich komme sehr gut aus mit ihm. Ich empfinde sein
+mürrisches, gebieterisches Wesen als Humor und wundere mich, wie gut ich
+mich allen seinen, und oft ungerechten Geboten unterziehe. Ich liebe es,
+wenn es ein wenig scharf zugeht, das paßt mir, das schwingt mich bis zu
+einer gewissen warmen Höhe hinauf und reizt meine Arbeitslust. Er hat
+eine schöne, schlanke Frau, die ich malen möchte, wenn ich ein Maler
+wäre. Sie hat, glauben Sie es nur, wunderbar große Augen und herrliche
+Arme. Oft macht sie sich etwas bei uns im Bureau zu schaffen; wie muß
+sie da auf mich armen Schreibteufel herabsehen. Ich zittere, wenn ich
+solche Frauen sehe und bin doch glücklich. Lachen Sie? Ihnen gegenüber
+bin ich leider gewöhnt, ohne Schranken offen zu sein, und ich hoffe, Sie
+sehen das gerne an mir.«
+
+Rosa liebte es in der Tat, wenn man offen zu ihr war. Sie war ein
+merkwürdiges Mädchen. Ihre Augen hatten einen wundervollen Glanz, und
+ihre Lippen waren geradezu schön.
+
+Simon fuhr fort: »Wenn ich morgens um acht Uhr zur Arbeit gehe, fühle
+ich mich so schön verwandt mit allen denen, die ebenfalls morgens um
+acht Uhr anzutreten haben. Welche große Kaserne, dieses moderne Leben!
+Und doch wie schön und gedankenvoll ist gerade diese Einförmigkeit. Man
+sehnt sich beständig nach etwas, das an einen herantreten sollte, das
+einem begegnen müßte. Man hat ja so sehr nichts, ist so sehr armer
+Teufel, kommt sich so verloren vor in all der Gebildetheit, Geordnetheit
+und Exaktheit. Ich steige die vier Treppen hinauf und trete ein, sage
+guten Tag und beginne mit meiner Arbeit. Du guter Gott, wie wenig muß
+ich leisten, wie wenig Kenntnisse verlangt man doch von mir. Wie wenig
+scheint man zu ahnen, daß ich noch ganz anderes fähig wäre. Aber mir
+behagt jetzt diese reizende Anspruchslosigkeit seitens meiner
+Arbeitgeber. Ich kann, während ich arbeite, denken, ich habe alle
+Aussicht ein Denker zu werden. Ich denke oft an Sie!«
+
+Rosa lachte: »Sie sind ein Schlingel! Aber fahren Sie fort, es
+interessiert mich, was Sie da sagen.«
+
+»Die Welt ist eigentlich herrlich,« sprach Simon weiter, »ich kann da
+bei Ihnen sitzen, und es hindert mich niemand daran, stundenlang mit
+Ihnen zu plaudern. Ich weiß, daß Sie mir gerne zuhören. Sie finden, daß
+ich nicht ohne Anmut spreche, und ich muß jetzt innerlich furchtbar
+lachen, weil ich das gesagt habe. Aber ich sage eben alles, was mir
+gerade durch den Sinn schießt, wäre es auch zum Beispiel gerade ein
+Eigenlob. Ich kann mich auch mit ebensolcher Leichtigkeit tadeln, und es
+freut mich sogar, wenn ich dazu Gelegenheit habe. Sollte man denn nicht
+alles aussprechen dürfen? Wie vieles geht verloren, wenn man es erst
+langsam prüfen will. Ich mag nicht lange überlegen, bevor ich spreche,
+und ob es sich schickt oder nicht, es muß eben heraus. Wenn ich eitel
+bin, so muß eben meine Eitelkeit ans Licht treten, wäre ich geizig, der
+Geiz spräche aus meinen Worten, bin ich anständig, so wird ohne Zweifel
+die Honettheit aus meinem Munde tönen, und würde mich Gott zu einem
+braven Menschen gemacht haben, so redete die Tüchtigkeit aus mir, was
+ich auch immer spräche. Ich bin in dieser Beziehung ganz sorglos, weil
+ich mich und uns ein wenig kenne und weil ich mich davor schäme, im
+Gespräch Furcht zu bezeigen. Wenn ich beispielsweise mit Worten jemanden
+beleidige, verletze, kränke oder ärgere, kann ich den üblen Eindruck
+nicht mit den paar nächsten Worten wieder gutmachen? Ich denke über mein
+Sprechen erst nach, wenn ich auf dem Gesicht meines Zuhörers unangenehme
+Falten sehe, so wie jetzt auf Ihrem Gesicht, Rosa.«
+
+»Das ist etwas anderes.« --
+
+»Sind Sie müde?«
+
+»Gehen Sie nach Hause, nicht wahr, Simon. Ich bin allerdings jetzt müde.
+Sie sind hübsch, wenn Sie sprechen. Ich habe Sie sehr lieb.«
+
+Rosa streckte ihrem jungen Freund ihre kleine Hand entgegen, dieser
+küßte die Hand, sagte gute Nacht und ging fort. Als er weg war, weinte
+die kleine Rosa lange still für sich. Sie weinte um ihren Geliebten,
+einen jungen Mann mit Locken auf dem Kopf, elegantem Schritt,
+edelgeschnittenem Mund, aber liederlicher Lebensart. »So liebt man die,
+die es nicht wert sind,« sagte sie für sich, »und doch, liebt man etwas
+deshalb, weil man einen Wert abschätzen möchte? Wie lächerlich. Was geht
+mich das Wertvolle an, wo ich das Geliebte haben möchte.« Dann ging sie
+zu Bett.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+Eines Tages klingelte Simon, es war in der Mittagsstunde, vor einem
+eleganten, freigelegenen Hause, das einen Garten hatte, ziemlich
+schüchtern an. Ihm war, als ob da ein Bettler geklingelt hätte, wie er
+es läuten hörte. Wenn er jetzt drinnen im Hause zum Beispiel als
+Hausinhaber gesessen hätte, vielleicht gerade beim Mittagstisch, würde
+er, sich zu seiner Frau träge umwendend, gefragt haben: Wer klingelt
+denn jetzt, gewiß ein Bettler! »Vornehme Leute,« dachte er, während er
+wartete, »denkt man sich immer an der Tafel, oder in der Kutsche, oder
+beim Anziehen, wo ihnen Diener und Dienerinnen behilflich sind, dagegen
+Arme immer draußen in der Kälte, mit emporgezogenen Mantelkragen, wie
+ich jetzt, vor einer Gartentür herzpochend wartend. Arme Leute haben in
+der Regel schnelle, pochende, hitzige Herzen, Reiche kalte, weite,
+geheizte, gepolsterte und vernagelte! Ach, wenn nur rasch jemand
+herbeigesprungen käme, wie würde ich aufatmen. Dieses vor einer reichen
+Türe Warten hat etwas Beengendes. Wie stehe ich doch, trotz meinem
+bißchen Welterfahrung, auf schwachen Beinen.« -- In der Tat, er
+zitterte, als ein Mädchen herbeisprang, um dem Draußenstehenden zu
+öffnen. Simon mußte immer lächeln, wenn jemand ihm eine Tür öffnete und
+ihn zum Eintreten ersuchte, auch jetzt ging es nicht ohne dieses Lächeln
+ab, das wie eine leise Bitte im Gesicht aussah, und das vielleicht bei
+vielen Menschen zu beobachten ist.
+
+»Ich suche ein Zimmer.«
+
+Simon nahm seinen Hut vor einer schönen Dame ab, die den Ankommenden
+aufmerksam prüfte. Simon war es lieb, daß sie das tat; denn er fühlte,
+daß sie ein Recht dazu hatte, und weil er sah, daß sie dabei ihre
+Freundlichkeit nicht verlor.
+
+»Wollen Sie kommen? Da! Die Treppe hinauf.«
+
+Simon bat die Dame, voranzugehen. Er machte dabei zum ersten Male in
+seinem Leben mit der Hand eine Handbewegung. Die Dame zeigte dem jungen
+Mann das Zimmer, indem sie eine Tür öffnete.
+
+»Welch ein schönes Zimmer,« rief Simon, der wirklich überrascht war,
+»viel zu schön für mich, leider, viel zu fein für mich. Sie müssen
+wissen, ich bin ein so wenig für ein so feines Zimmer geeigneter Mensch.
+Und doch, ich würde sehr gerne darin wohnen, allzugerne, viel,
+vielzugerne. Es ist eigentlich von Ihnen nicht gut getan gewesen, mir
+dieses Gemach zu zeigen. Viel besser, Sie würden mich zu Ihrem Hause
+hinausgewiesen haben. Wie komme ich dazu, meine Blicke in einen so
+heiteren, schönen, wie als Wohnung für einen Gott geschaffenen Raum zu
+werfen. Welch schöne Wohnungen bewohnen doch die Wohlhabenden, die, die
+etwas besitzen. Ich habe nie etwas besessen, bin nie etwas gewesen, und
+werde trotz den Hoffnungen meiner Eltern nie etwas sein. Welch schöne
+Aussicht aus den Fenstern, und so hübsche, glänzende Möbel, und so
+reizende Vorhänge, die dem Zimmer etwas Mädchenhaftes geben. Ich würde
+hier vielleicht ein guter, zarter Mensch werden, wenn es wahr ist, wie
+man sagen hört, daß Umgebungen den Menschen verändern können. Darf ich
+es noch ein wenig anschauen, hier noch eine Minute stehen bleiben?«
+
+»Gewiß dürfen Sie das.«
+
+»Ich danke Ihnen.«
+
+»Was sind Ihre Eltern, und, wenn ich fragen darf, inwiefern sind Sie
+»nichts«, wie Sie sich vorhin ausdrückten?«
+
+»Ich bin ohne Stelle!«
+
+»Das würde mir ganz gleichgültig sein. Es kommt drauf an!«
+
+»Nein, ich habe wenig Hoffnungen. Zwar, das darf ich, wenn ich ohne
+Falsch sprechen soll, auch nicht sagen. Ich bin voll Hoffnung. Nie, nie
+verläßt sie mich. -- Mein Vater ist ein armer, aber lebensfröhlicher
+Mensch, dem es nicht einmal von ferne einfällt, seine jetzigen kargen
+Tage mit den früheren glänzenden zu vergleichen. Er lebt wie ein Junger
+von fünfundzwanzig Jahren und gibt sich in keiner Weise Gedanken über
+seine Lage hin. Ich bewundere ihn und suche ihn nachzuahmen. Wenn er bei
+seinem schneeweißen Alter noch munter sein kann, so muß es dreißig-, ja
+hundertmal seines jungen Sohnes Pflicht sein, den Kopf hoch zu tragen
+und die Menschen mit Augen wie der Blitz anzuschauen. Aber die Mutter
+gab mir, und meinen Brüdern weit mehr als mir, Gedanken mit auf die
+Welt. Die Mutter ist gestorben.«
+
+Der Dame, die sehr lieb dastand, kam ein klagendes Ach aus dem Munde.
+
+»Sie war eine herzlich gute Frau. Wir Kinder sprechen immer und immer
+über sie, wann und wo wir auch immer zusammentreffen. Wir leben
+zerstreut auf dieser runden, weiten Welt, und das ist sehr gut, denn wir
+haben alle solche Köpfe, wissen Sie, die nicht lange zueinander taugen.
+Wir haben alle eine etwas schwere Art, die hinderlich sein würde, wenn
+wir verbunden unter den Menschen aufträten. Das tun wir gottlob nicht,
+und jedes von uns weiß genau, warum wir es nicht tun wollen. Doch lieben
+wir uns, wie es sich geziemt. Einer meiner Brüder ist ein nicht
+unbekannter Gelehrter, ein anderer ist ein Spezialist im Börsenfach,
+wieder ein anderer ist weiter nichts als mein Bruder, weil ich ihn mehr
+als einen Bruder liebe, und es mir, wenn ich an ihn denke, nicht
+einfiele, noch sonst etwas anderes hervorzuheben an ihm, als eben den
+Umstand, daß er der meinige ist, der, der so aussieht, wie er, sonst
+nichts. Mit diesem Bruder zusammen möchte ich hier bei Ihnen wohnen.
+Groß genug wäre das Zimmer. Aber es geht wohl nicht gut. Wieviel kostet
+es?«
+
+»Was ist Ihr Bruder?«
+
+»Landschaftsmaler! Wieviel würden Sie für das Zimmer verlangen? -- -- So
+viel? Es ist sicherlich nicht zu viel für dieses Zimmer, aber für uns
+ist es viel zu viel. Auch, wenn ich recht bedenke, und wenn ich Sie
+eindringlich anschaue, sind wir zwei Menschen nicht dazu geeignet, in
+diesem Hause aus- und einzugehen, als ob wir darin ansässig wären. Wir
+sind noch so grob, wir würden Sie enttäuschen. Auch haben wir die
+Gewohnheit, mit Bettbezügen, Möbelstücken, Wäschegegenständen,
+Fenstervorhängen, Türklinken, Treppenabsätzen hart umzugehen, das würde
+Sie erschrecken, Sie würden uns böse werden, oder Sie würden vielleicht
+verzeihen, ein Auge bemühen zuzudrücken, was noch schmählicher wäre. Ich
+möchte nicht veranlassen, daß Sie später mit uns Ärger hätten. Sicher,
+sicher! Wehren Sie nur nicht ab. Ich sehe es zu deutlich. Wir haben, im
+Grunde genommen, für alles feine Wesen auf die Länge wenig Hochachtung
+übrig. Dergleichen Menschen, wie wir sind, müssen vor reichen
+Gartengittern stehen, wo ihnen die Freiheit gelassen wird, über den
+Glanz und die Sorgfalt spöttische Bemerkungen zu machen. Wir sind
+Spötter! Adieu!«
+
+Die Augen der schönen Frau hatten einen tiefen Glanz angenommen, und nun
+sagte sie auf einmal: »Ich möchte doch Ihren Herrn Bruder und Sie
+annehmen. Ich werde, was den Preis betrifft, mit Ihnen schon einig
+werden.«
+
+»Nein lieber nicht!«
+
+Simon schritt schon die Treppe hinunter. Da rief ihm die Stimme der Dame
+nach: »Bitte, bleiben Sie doch noch.« Und sie eilte ihm nach. Unten
+holte sie ihn ein und veranlaßte ihn, stehen zu bleiben und auf sie zu
+horchen: »Was fällt Ihnen ein, so schnell wegzugehen. Sehen Sie, ich
+will, ich möchte Sie beide dabehalten. Und wenn Sie auch nicht bezahlen!
+Was macht das? Gar nichts, gar nichts, kommen Sie doch, kommen Sie.
+Treten Sie mit mir in dieses Zimmer. Marie! Wo bist du? Bringe doch
+gleich den Kaffee hier ins Zimmer.«
+
+Drinnen sagte sie zu Simon: »Ich habe den Wunsch, Sie und Ihren Bruder
+näher kennen zu lernen. Wie konnten Sie nur davonrennen. Ich bin oft so
+allein in diesem abgelegenen Hause, daß es mich ängstigt. Mein Mann ist
+die ganze Zeit abwesend, auf weiten Reisen, er ist Forscher, segelt auf
+allen Meeren, von deren bloßem Vorhandensein seine arme Frau keine
+Ahnung hat. Bin ich nicht eine arme Frau? Wie heißen Sie? Wie heißt der
+andere, Ihr Bruder? Ich heiße Klara. Nennen Sie mich einfach: Frau
+Klara. Ich mag gern diesen einfachen Namen hören. Sind Sie nun etwas
+zutraulicher geworden? Würde mich sehr, so sehr freuen. Glauben Sie
+nicht, das wir miteinander leben und auskommen können? Gewiß, das wird
+schon gehen. Ich halte Sie für einen zarten Menschen. Ich fürchte mich
+nicht, Sie in meinem Hause zu haben. Sie haben ehrliche Augen. Ist Ihr
+Bruder älter als Sie?«
+
+»Ja, er ist älter und ein viel besserer Mensch, als ich.«
+
+»Sie sind ein braver Mensch, daß Sie das sagen dürfen.«
+
+»Ich heiße Simon und mein Bruder heißt Kaspar.«
+
+»Mein Mann heißt Agappaia.«
+
+Sie erbleichte, als sie das sagte, doch sammelte sie sich rasch und
+lächelte.
+
+Simon schrieb an seinen Bruder Kaspar: »Wir sind eigentlich seltsame
+Käuze, wir zwei. Wir treiben uns auf diesem Erdboden umher, als ob nur
+wir, und sonst keine anderen Menschen darauf lebten. Wir haben
+eigentlich eine verrückte Freundschaft geschlossen, als ob es sonst
+unter den Männern nichts ausfindig zu machen gäbe, was wert könnte
+genannt werden, Freund zu heißen. Eigentlich sind wir gar keine Brüder,
+sondern Freunde, wie zwei sich einmal auf der Welt zusammenfinden. Ich
+bin wirklich nicht für die Freundschaft gemacht und begreife nicht, was
+ich so Tolles an Dir nur finde, das mich zwingt, mich immer wieder an
+Deine Seite, gleichsam an Deinen Rücken heranzudenken. Dein Kopf kommt
+mir jetzt bald wie der meinige vor, so sehr bist Du schon in meinem
+Kopf; ich werde vielleicht im Verlauf einiger Zeit, wenn es so weiter
+geht, mit Deinen Händen greifen, mit Deinen Beinen laufen und mit Deinem
+Mund essen. Unsere Freundschaft hat sicher etwas Geheimnisvolles, wenn
+ich Dir sage, daß es gar nicht so unmöglich ist, daß im Grunde genommen
+unsere Herzen voneinander wegstreben, daß sie nur nicht können. Ich bin
+ja nun noch recht froh, daß Du noch immer nicht zu können scheinst, denn
+Deine Briefe klingen sehr artig und ich wünsche vorläufig auch von mir,
+daß ich im Banne dieses Geheimnisvollen sitzen bleibe. Für uns ist es ja
+gut, aber, wie kann ich nur gar so trocken reden: ich finde es einfach,
+um nicht zu lügen, entzückend. Warum sollten nicht einmal zwei Brüder
+über das Maß hauen. Wir passen ganz gut zusammen, wir paßten auch schon
+damals zusammen, als wir uns haßten und beinahe totprügelten. Weißt Du
+noch? Es braucht nichts als diesen Aufruf, mit einer Portion gesunden
+Lachens vermischt, um in Dir Bilder aufzurühren, zu leimen, zu malen, zu
+heften, die wahrhaftig der Rückerinnerung mehr als wert sind. Wir waren,
+ich weiß nicht mehr aus welcher Ursache heraus, Todfeinde geworden. O,
+wir verstunden es, einander zu hassen. Unser Haß war entschieden
+erfinderisch im Auffinden von Qualen und Demütigungen, die wir uns
+gegenseitig bereiteten. Beim Eßtisch warfst Du mir einmal, um nur ein
+einziges Beispiel dieses jammervollen und kindischen Zustandes
+anzuführen, eine Platte mit Sauerkraut entgegen, weil Du mußtest, und
+sagtest dazu: »Da, pack!« Ich muß Dir sagen, damals zitterte ich vor
+Wut, schon deshalb, weil es für Dich eine schöne Gelegenheit war, mich
+aufs grimmigste zu kränken, und ich dazu nichts sagen konnte. Ich packte
+die Platte an, und war eben dumm genug, den Schmerz der Kränkung bis zur
+Kehle hinauf voll auszukosten. Weißt Du noch, wie eines Mittags, es war
+ein stiller, totenstiller, sommerheißer, vor Totenstille ganz toller
+Sonntagnachmittag, dann einer zu Dir in die Küche herangezaudert kam und
+Dich bat, mir wieder gut zu sein. Es war ein unglaubliches Werk der
+Überwindung, kann ich Dir sagen, sich so durch das Gefühl der Beschämung
+und des Trotzes hindurchzuwinden, bis zu Dir, der Gestalt des zur
+ablehnenden Verachtung neigenden Feindes. Ich tat es, und ich bin mir
+dankbar dafür. Ob Du auch mir, ist mir freudig und duftig egal. Das kann
+nur ich abschätzen. Geh mir weg, da willst Du mir was dazwischenreden.
+Einfach nicht möglich. Weg da! -- Wie viele köstliche Stunden habe ich
+von da an mit Dir genossen. Ich fand dich auf einmal zart, liebend
+rücksichtsvoll. Ich glaube, die Wonne der Freude brannte uns beiden auf
+den Wangen. Wir streiften, Du als Maler, ich als Zuschauer und
+Dreinreder, über die Matten auf den breiten Bergen, wateten im Duft des
+Grases, in der Nässe des kühlen Morgens, in der Hitze des Mittags und im
+feuchten, verliebten Untergehen der Sonne. Die Bäume sahen uns zu, was
+wir da oben trieben und die Wolken ballten sich zusammen, gewiß aus
+Zorn, daß sie keine Macht besaßen, unsere neugebackene Liebe zu brechen.
+Abends kamen wir gräßlich zerbrochen, verstaubt, verhungert und vermüdet
+nach Hause, und auf einmal gingst Du dann weg. Weiß der Teufel, ich half
+Dir wegreisen, als ob ich dazu durch Handgeld verpflichtet gewesen wäre,
+oder als hätte ich Eile gehabt, Dich verduften zu sehen. Gewiß war es
+mir eine heilige Freude, Dich abreisen zu sehen, denn Du reistest der
+großen Welt entgegen. Wie wenig groß ist die große Welt, Bruder.
+
+Komm doch ja bald hierher. Ich kann Dich beherbergen, wie ich eine Braut
+beherbergen würde, von der ich annehmen müßte, daß sie gewohnt sei, auf
+Seide zu liegen und von Bedienten bedient zu werden. Ich habe zwar keine
+Dienerschaft, aber doch ein Zimmer wie für einen gebornen Herrn. Ich und
+Du, wir beide haben ein prachtvolles Chambre einfach geschenkt, vor die
+Füße gelegt bekommen. Du kannst hier ebensogut Bilder malen, wie dort in
+Deiner dicken, fernen Landschaft, Du hast ja Phantasie. Eigentlich
+sollte es jetzt Sommer sein, daß ich Deinetwegen im Garten ein
+Gartenfest mit chinesischen Lichtern und Bändern von lauter Blumen
+veranstalten könnte, um Dich einigermaßen Deiner würdig zu empfangen.
+Komm eben so, aber mach nur, daß dieses Kommen rasch vorwärtskommt,
+sonst komme ich und hole Dich. Meine Herrin und Wirtin drückt Dir die
+Hand. Sie ist davon überzeugt, daß sie Dich bereits aus meinen
+Schilderungen von Dir kennt. Wenn sie Dich erst kennen wird, wird sie
+weiter auf der Erde niemand mehr kennen lernen wollen. Hast Du einen
+stattlichen Anzug? Schlottern Dir Deine Hosen nicht gar so sehr um die
+Kniee herum und darf man Deine Kopfbedeckung noch Hut nennen? Sonst
+darfst Du nicht vor mir erscheinen. Alles Spaß, alles Dummheiten. Laß
+Dich von Deinem Simönchen umarmen. Leb wohl, Bruder. Hoffentlich kommst
+Du bald.« --
+
+ * * * * *
+
+Einige Wochen waren verflossen, es fing an, wieder Frühling zu werden,
+die Luft war feuchter und weicher, es meldeten sich unbestimmte Düfte
+und Klänge, die aus der Erde herauszukommen schienen. Die Erde war
+weich, man schritt auf ihr wie auf dicken, biegsamen Teppichen. Man
+glaubte, Vögel singen hören zu müssen. »Es will Frühling werden,« so
+redeten sich die empfindungsvollen Menschen auf der Straße an. Selbst
+die kahlen Häuser bekamen einen gewissen Duft, eine sattere Farbe. Es
+ging ganz sonderbar zu, und war doch eine so alte, bekannte Erscheinung,
+aber man empfand es als gänzlich neu, es regte zu einem seltsamen,
+stürmischen Denken an, die Glieder, die Sinne, die Köpfe, die Gedanken,
+alles regte sich, wie wenn es hätte von neuem wachsen mögen. Das Wasser
+des Sees glänzte so warm und die Brücken, die sich über den Fluß
+schlangen, schienen einen kühneren Bogen bekommen zu haben. Die Fahnen
+flatterten im Winde, und es machte den Menschen Vergnügen, sie flattern
+zu sehen. Die Sonne erst trieb die Leute in Reihen und Gruppen auf die
+schöne, weiße, saubere Straße, wo sie stehen blieben und den Kuß der
+Wärme begierig fühlten. Viele Mäntel von vielen Menschen wurden
+abgelegt. Man konnte die Männer wieder freier sich bewegen sehen und die
+Frauen machten so sonderbare Augen, als möchte ihnen etwas Seeliges zu
+den Herzen herauskommen. In den Nächten hörte man wieder zum ersten Mal
+den Klang der vagabondierenden Gitarren, und Männer und Frauen standen
+im Gewühl der fröhlichen, spielenden Kinder. Die Lichter der Laterne
+flackten wie Kerzen in stillen Stuben, und man empfand, wenn man über
+nachtdunkle Wiesen hinschritt, das Blühen und Regen der Blumen. Das Gras
+wird bald wieder wachsen, die Bäume werden ihr Grün bald wieder über die
+niederen Hausdächer schütten und den Fenstern die Aussicht nehmen. Der
+Wald wird prangen, üppig, schwer, o, der Wald. -- -- Simon arbeitete
+wieder in einem großen Handelsinstitut.
+
+Es war ein Bankhaus von weltbedeutendem Umfang, ein großes Gebäude von
+palastähnlichem Aussehen, in welchem hunderte von jungen und alten,
+männlichen und weiblichen Leuten beschäftigt waren. Diese Leute
+schrieben alle mit emsigen Fingern, rechneten mit Rechnungsmaschinen,
+auch wohl bisweilen mit ihren Gedächtnissen, dachten mit ihren Gedanken
+und machten sich nützlich mit ihren Kenntnissen. Es gab da etliche
+junge, elegante Korrespondenten, die vier bis sieben Sprachen schreiben
+und sprechen konnten. Diese schieden sich durch ihr feineres,
+ausländisches Wesen von dem übrigen Rechnervolk aus. Sie waren schon auf
+Meerschiffen gefahren, kannten die Theater in Paris und New-York, hatten
+in Jokohama die Teehäuser besucht und wußten, wie man sich in Kairo
+vergnügte. Nun besorgten sie hier die Korrespondenz und warteten auf
+Gehaltserhöhung, während sie spöttisch von der Heimat sprachen, die
+ihnen ganz klein und lausig vorkam. Das Rechnervolk bestund zumeist aus
+älteren Leuten, die sich an ihre Posten und Pöstlein wie an Balken und
+Pflöcken festhielten. Sie hatten alle lange Nasen von dem vielen Rechnen
+und gingen in zersessenen, zerschabten, zerglätteten, zerfalteten und
+zerknickten Kleidern. Es gab aber etliche intelligente Leute unter
+ihnen, die vielleicht im Geheimen seltsamen, kostbaren Liebhabereien
+frönten und so ein wenn auch stilles und abgelegenes so doch immerhin
+würdiges Leben führten. Viele von den jungen Angestellten waren dagegen
+feinerer Zeitvertreibe nicht fähig, diese stammten meist von ländlichen
+Grundbesitzern, Gastwirten, Bauern und Handwerkern ab, waren, da sie in
+die Stadt kamen, sofort bemüht, städtisch-feines Wesen anzunehmen, was
+ihnen jedoch schlecht gelang, und kamen über eine gewisse tölpische
+Grobheit nicht hinaus. Indessen, es gab da auch stille Bürschchen von
+zartem Betragen, die seltsam abstachen von den andern Flegeln. Der
+Direktor der Bank war ein alter, stiller Mann, der überhaupt nie gesehen
+wurde. In seinem Kopfe schienen die Fäden und Wurzeln des ganzen
+ungeheuren Geschäftsganges ineinandergeworfen zu liegen. Wie der Maler
+in Farben, der Musiker in Tönen, der Bildhauer in Stein, der Bäcker in
+Mehl, der Dichter in Worten, der Bauer in Strichen Landes, so schien
+dieser Mann in Geld zu denken. Ein guter Gedanke von ihm, zur guten Zeit
+ausgedacht, brachte in einer halben Stunde dem Geschäft eine halbe
+Million. Vielleicht! Vielleicht mehr, vielleicht weniger, vielleicht
+nichts, und gewiß, manchmal verlor dieser Mann ganz im stillen, und alle
+seine Untergebenen wußten nichts davon, gingen, wenn die Glocke zwölf
+schlug, zum Essen, kamen um zwei Uhr wieder, arbeiteten vier Stunden,
+gingen fort, schliefen, erwachten, standen zum Frühstück auf, gingen
+wieder, wie am gestrigen Tag ins Gebäude, nahmen die Arbeit wieder auf
+und keiner wußte, denn keiner hatte Zeit, etwas von diesem
+Geheimnisvollen in Erfahrung zu bringen. Und der stille, alte, grämliche
+Mann dachte im Direktionszimmer. Für die Angelegenheiten seiner
+Angestellten hatte er nur ein mattes, halbes Lächeln. Es hatte etwas
+Dichterisches, Erhabenes, Entwerfendes und Gesetzgeberisches. Simon
+versuchte oft, sich in Gedanken an die Stelle des Direktors zu setzen.
+Aber im allgemeinen verschwand ihm dieses Bild, und wenn er darüber
+nachdachte, verschwand ihm überhaupt jeder Begriff: »Etwas Stolzes und
+Erhabenes ist dabei, aber auch etwas Unbegreifliches und beinahe
+Unmenschliches. Warum gehen nur alle diese Leute, Schreiber und Rechner,
+ja sogar die Mädchen im zartesten Alter, zu demselben Tor in dasselbe
+Gebäude hinein, um zu kritzeln, Federn anzuprobieren, zu rechnen und zu
+fuchteln, zu büffeln und nasenschneuzen, zu bleistiftspitzen und Papier
+in den Händen herumtragen. Tun sie das etwa gern, tun sie es
+notgedrungen, tun sie es mit dem Bewußtsein, etwas Vernünftiges und
+Fruchtbringendes zu verrichten? Sie kommen alle aus ganz verschiedenen
+Richtungen, ja einige fahren sogar mit der Eisenbahn aus entfernten
+Gegenden daher, sie spitzen die Ohren, ob es noch Zeit ist, vor Antritt
+einen privaten Gang zu unternehmen, sie sind so geduldig dabei wie eine
+Herde von Lämmern, verstreuen sich, wenn es Abend wird, wieder in ihre
+speziellen Richtungen, und morgen, um dieselbe Zeit, finden sie sich
+alle wieder ein. Sie sehen sich, erkennen sich am Gang, an der Stimme,
+an der Manier, eine Türe zu öffnen, aber sie haben wenig miteinander zu
+tun. Sie gleichen sich alle und sind sich doch alle fremd und wenn einer
+unter ihnen stirbt oder eine Unterschlagung macht, so verwundern sie
+sich einen Vormittag lang darüber, und dann geht es weiter. Es kommt
+vor, daß einer einen Schlaganfall bekommt während des Schreibens. Was
+hat er dann davon gehabt, daß er fünfzig Jahre lang im Geschäft
+»arbeitete«. Er ist fünfzig Jahre lang jeden Tag zu derselben Türe ein
+und ausgegangen, er hat tausend und tausendmal in seinen
+Geschäftsbriefen dieselbe Redewendung geübt, hat etliche Anzüge
+gewechselt und sich öfters darüber gewundert, wie wenig Stiefel er des
+Jahres verbrauche. Und jetzt? Könnte man sagen, daß er gelebt hat? Und
+leben nicht tausende von Menschen so? Sind vielleicht seine Kinder ihm
+der Lebensinhalt, ist seine Frau die Lust seines Daseins gewesen? Ja,
+das kann es sein. Ich will lieber über solche Dinge nicht klugreden,
+denn mir will scheinen, als zieme es mir nicht, da ich noch jung bin.
+Draußen ist jetzt Frühling und ich könnte zum Fenster hinausspringen, so
+weh tut mir dieses lange, lange Glieder-Nicht-Bewegen-dürfen. Ein
+Bankgebäude ist doch ein dummes Ding im Frühling. Wie nähme sich eine
+Bankanstalt etwa auf einer grünen, üppigen Wiese aus? Vielleicht würde
+meine Schreibfeder mir wie eine junge, eben aus der Erde gesprossene
+Blume vorkommen. Ach, nein, spotten mag ich nicht. Vielleicht muß das
+alles so sein, vielleicht hat alles einen Zweck. Ich erblicke nur nicht
+den Zusammenhang, weil ich zu sehr den Anblick erblicke. Der Anblick ist
+wenig entmutigend: vor den Fenstern dieser Himmel, im Gehör dieses süße
+Singen. Die weißen Wolken gehen am Himmel und ich muß da schreiben.
+Warum habe ich ein Auge für die Wolken. Wenn ich ein Schuhmacher wäre,
+so machte ich doch wenigstens Schuhe für Kinder, Männer und Damen, diese
+gingen im Frühlingstag in meinen Schuhen auf der Gasse spazieren. Ich
+würde den Frühling empfinden, wenn ich meinen Schuh an dem fremden Fuß
+erblickte. Hier kann ich den Frühling nicht empfinden, er stört mich.«
+
+Simon ließ seinen Kopf hängen und war zornig über seine weichen Gefühle.
+
+ * * * * *
+
+Eines Abends, als er nach Hause ging, fiel Simon auf der abendlich
+beleuchteten Brücke ein Mensch, der vor ihm mit langen Schritten
+daherging, auf. Die Gestalt in ihrer bemäntelten Schlankheit flößte ihm
+einen süßen Schrecken ein. Er glaubte diesen Gang, dieses Paar Hosen,
+diesen sonderbaren Kessel von Hut, die flatternden Haare erkennen zu
+sollen. Der fremde Mann trug eine leichte Malmappe unter dem Arm. Simon
+ging mit etwas rascheren Schritten, von zitternden Ahnungen befallen,
+und plötzlich, mit dem Schrei »Bruder«, stürzte er dem Gehenden an den
+Hals. Kaspar umarmte seinen Bruder. Sie gingen laut miteinander
+plaudernd nach Hause, das heißt, sie hatten einen ziemlich steilen Weg
+den Berg hinauf zu machen, über dessen Abhang sich die Stadt mit Gärten
+und Villen hinzog. Ganz oben am Berge schauten ihnen die kleinen,
+verfallenen Vorstadthäuschen entgegen. Die untergehende Sonne flammte in
+den Fenstern und machte sie zu strahlenden Augen, die starr und schön in
+die Ferne blickten. Unten lag die Stadt, weit und wohllüstig über die
+Ebene gebreitet, wie ein flimmernder, glitzernder Teppich, die
+Abendglocken, die immer anders sind als Morgenglocken, tönten herauf,
+der See lag schwach gezeichnet, in seiner zarten unaussprechlichen Form
+zu Füßen der Stadt, des Berges und der vielen Gärten. Noch blitzten
+viele Lichter nicht, aber die, die leuchteten, brannten mit einer
+herrlichen, fremdartigen Schärfe. Die Menschen gingen und liefen jetzt
+da unten in all den krummen, versteckten Straßen, man sah sie nicht,
+aber man wußte es. »In der eleganten Bahnhofstraße würde es jetzt
+herrlich zu gehen sein,« dachte Simon. Kaspar ging schweigend. Er war
+ein prachtvoller Kerl geworden. »Wie er daherschreitet,« dachte Simon.
+Endlich kamen sie vor ihrem Hause an. »Wie? Am Waldesrande wohnst du?«
+lachte Kaspar. Sie traten beide ins Haus.
+
+Als Klara Agappaia den neuen Ankömmling erblickte, ging in ihren großen
+müden Augen ein seltsames Flammen auf. Sie schloß ihre Augen und bog
+ihren schönen Kopf auf die Seite. Es schien nicht, daß sie sehr große
+Freude empfunden hätte, diesen jungen Mann zu sehen, es erschien wie
+etwas ganz anderes. Sie versuchte unbefangen zu sein, zu lächeln, wie
+man zu lächeln pflegt, wenn man jemanden willkommen heißt. Aber sie
+vermochte es nicht. »Geht hinauf,« sagte sie, »heute bin ich so müde.
+Wie sonderbar. Ich weiß wirklich nicht, was ich habe.« Die beiden
+suchten ihr Zimmer auf: Der Mond beleuchtete es. »Wir zünden gar kein
+Licht an,« sagte Simon, »laß uns so zu Bette gehen.« -- Da klopfte
+jemand an die Türe, es war Klara, sie sagte, draußen stehend: »Habt ihr
+auch alles Notwendige, fehlt euch nun nichts?« -- »Nein, wir liegen
+schon im Bett, was könnte uns fehlen.« -- »Gute Nacht, Freunde,« sagte
+sie, und öffnete ein wenig die Türe, schloß sie wieder und ging. »Sie
+scheint eine seltsame Frau zu sein,« meinte Kaspar. Dann schliefen sie
+beide.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+Am andern Morgen packte der Maler seine Landschaften aus der Mappe und
+es fiel zuerst ein ganzer Herbst heraus, dann ein Winter, alle
+Stimmungen der Natur wurden wieder lebendig. »Wie wenig das ist von
+allem dem, was ich gesehen habe. So schnell das Auge eines Malers ist,
+so langsam, so träge ist seine Hand. Was muß ich noch alles schaffen!
+Ich meine oft, ich müßte verrückt werden.« Alle drei, Klara, Simon und
+der Maler, umstanden die Bilder. Es wurde wenig, aber nur in Ausrufen
+des Entzückens gesprochen. Plötzlich sprang Simon zu seinem Hut, der auf
+dem Boden des Zimmers lag, setzte ihn wild und zornig auf den Kopf,
+stürzte zur Türe hinaus, mit dem Ausruf: »Ich habe mich verspätet.«
+
+»Eine Stunde zu spät! Das sollte bei einem jungen Manne nicht
+vorkommen!« wurde ihm auf der Bank gesagt.
+
+»Wenn es aber doch vorkommt?« fragte der Gescholtene trotzig.
+
+»Wie, Sie wollen noch aufbegehren? Meinetwegen! Machen Sie, was Sie
+wollen!«
+
+Das Betragen Simons wurde dem Direktor gemeldet. Dieser beschloß, den
+jungen Mann zu entlassen, er rief ihn zu sich und sagte es ihm mit ganz
+leiser, sogar gütiger Stimme. Simon sprach:
+
+»Ich bin recht froh, daß es ein Ende hat. Glaubt man vielleicht, daß man
+mir damit einen Schlag versetzt, daß man meinen Mut knickt, mich
+vernichtet, oder dergleichen? Im Gegenteil, man erhebt mich, man
+schmeichelt mir damit, man flößt mir wieder, nach so langer Zeit, einen
+Tropfen Hoffnung ein. Ich bin nicht dazu geschaffen, eine Schreib- und
+Rechenmaschine zu sein. Ich schreibe ganz gern, rechne ganz gern,
+betrage mich mit Vorliebe unter meinen Mitmenschen mit Anstand, bin gern
+fleißig und gehorche, wo es mein Herz nicht verletzt, mit Leidenschaft.
+Ich würde mich auch bestimmten Gesetzen zu unterwerfen wissen, wenn es
+darauf ankäme, aber es kommt mir hier seit einiger Zeit nicht mehr
+darauf an. Als ich mich heute morgen verspätete, wurde ich nur zornig
+und ärgerlich, war mit gar keiner ehrlichen, gewissenhaften Besorgnis
+erfüllt, machte mir keine Vorwürfe, oder höchstens den Vorwurf, daß ich
+noch immer der dumme, feige Kerl sei, der, wenn es acht Uhr schlägt,
+springt, in Bewegung kommt, wie eine Uhr, die man aufzieht und die eben
+läuft, wenn sie aufgezogen wird. Ich danke Ihnen, daß Sie die Energie
+besitzen, mich zu entlassen, und bitte Sie, von mir zu denken, was Ihnen
+beliebt. Sie sind gewiß ein schätzenswerter, verdienstvoller, großer
+Mann, aber, sehen Sie, ich möchte auch so einer sein, und deshalb ist es
+gut, daß Sie mich fortschicken, deshalb war es eine segensreiche Tat,
+daß ich mich heute, wie man sich ausdrückt, unstatthaft benommen habe.
+In Ihren Bureaus, von denen man solches Aufheben macht, in denen so gern
+jeder beschäftigt sein möchte, ist von einer Entwicklung eines jungen
+Mannes nicht zu reden. Ich pfeife darauf, den Vorzug zu genießen, der
+mit der Auszahlung eines festen monatlichen Gehaltes verbunden ist. Ich
+verkomme, verdumme, verfeige, verknöchere dabei. Sie werden es
+überraschend finden, mich solcher Ausdrücke bedienen zu hören, aber Sie
+werden es zugeben, daß ich die völlige Wahrheit spreche. Hier kann nur
+einer ein Mann sein: Sie! -- Kommt Ihnen nie der Gedanke, es möchten
+sich unter Ihren armen Untergebenen Leute befinden, die den Drang haben,
+auch Männer zu sein, wirkende, schaffende, achtunggebietende Männer. Ich
+kann es unmöglich hübsch finden, so ganz in der Welt auf der Seite zu
+stehen, nur um nicht in den Ruf zu gelangen, ein unzufriedener und wenig
+anstellbarer Mensch zu sein. Wie groß ist hier die Versuchung zur Furcht
+und wie klein die Verlockung, sich aus dieser jämmerlichen Furcht
+loszureißen. Daß ich es heute herbeigeführt habe, dieses beinahe
+Unmögliche, das schätze ich an mir, mag man dazu sagen, was man nur
+immer will. Sie, Herr Direktor, verschanzen sich hier, Sie sind nie
+sichtbar, man weiß nicht, wessen Befehlen man gehorcht, man gehorcht gar
+nicht, sondern stumpft nur seinen eigenen schwachen Angewöhnungen nach,
+die das richtige treffen. Welch eine Falle für junge, zur Bequemlichkeit
+und Trägheit neigende junge Leute. Hier wird nichts verlangt von all den
+Kräften, die möglicherweise den jungen Mannesgeist beseelen, nichts
+erforderlich gemacht, was einen Mann und Menschen auszeichnen könnte.
+Weder Mut noch Geist, weder Treue noch Fleiß, weder Schaffenslust noch
+Begierde nach Anstrengungen können einem hier helfen, sich
+vorwärtszubringen: ja, es ist sogar verpönt, Kraft und Fülle zu zeigen.
+Natürlich, es muß ja verpönt sein, bei diesem langsamen, trägen,
+trocknen, erbärmlichen Arbeitssystem. Leben Sie wohl, mein Herr, ich
+gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre es auch, um Erde zu schaufeln
+oder etliche Säcke Kohlen auf meinem Rücken zu schleppen. Ich liebe
+jedwelche Arbeit, nur solche nicht, bei deren Ausübung nicht sämtliche
+verfügbare Kräfte angespannt werden.«
+
+»Soll ich Ihnen, trotzdem Sie es eigentlich nicht verdient haben, ein
+Zeugnis ausstellen?«
+
+»Ein Zeugnis? Nein, stellen Sie mir keines aus. Wenn ich kein Zeugnis,
+als höchstens ein schlechtes verdient habe, will ich gar keines. Ich
+selbst stelle mir von jetzt an meine Zeugnisse aus. Ich will mich von
+nun an nur noch auf mich selbst berufen, wenn jemand nach meinen
+Zeugnissen fragt, das wird bei vernünftigen, klarblickenden Menschen den
+allerbesten Eindruck hervorrufen. Ich freue mich, zeugnislos von Ihnen
+wegzugehen, denn ein Zeugnis von Ihnen würde mich nur an meine eigene
+Feigheit und Furcht erinnern, an einen Zustand der Trägheit und
+Kraftentäußerung, an die Zeit der nutzlos dahingelebten Tage, an die
+Nachmittage voll wütender Befreiungsversuche, an die Abende der schönen,
+aber zwecklosen Sehnsucht. Ich danke Ihnen, daß Sie die Absicht hatten,
+mich in freundlicher Weise zu entlassen, das zeigt mir, daß ich einem
+Manne gegenübergestanden bin, der vielleicht einiges von dem, was ich
+sprach, begriffen hat.«
+
+»Junger Mann, Sie sind viel zu heftig,« sprach der Direktor, »Sie
+untergraben sich Ihre Zukunft!«
+
+»Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart haben. Das erscheint
+mir wertvoller. Eine Zukunft hat man nur, wenn man keine Gegenwart hat,
+und hat man eine Gegenwart, so vergißt man, an eine Zukunft überhaupt
+nur zu denken.«
+
+»Leben Sie wohl. Ich fürchte, Sie werden etwas Schlimmes erleben. Sie
+interessierten mich, deshalb habe ich Ihre Worte angehört. Sonst würde
+ich mit Ihnen nicht so viel Zeit verloren haben. Vielleicht haben Sie
+Ihren Beruf verfehlt, vielleicht wird etwas aus Ihnen. Lassen Sie es
+sich immerhin gut gehen.«
+
+Mit einer Neigung des Kopfes war Simon entlassen, und er befand sich
+bald draußen auf der Straße. Vor einer Konditorei erblickte er einen
+Mann auf- und abgehen, wahrscheinlich in Erwartung von irgend jemandem,
+vielleicht einer Frau, was konnte er wissen. Aber der Mann erweckte sein
+Interesse. Es war, auf den ersten Blick, ein abschreckend häßlicher
+Mensch, mit einem ganz ungewöhnlich großen und gebogenen Schädel, einem
+Vollbart im Gesicht und etwas müdem, ja tierischem Ausdruck in den
+Augen. Sein Gang war geziert, aber edel, seine Kleidung fein und
+geschmackvoll. In der Hand trug er einen gelben Spazierstock; er schien
+ein Gelehrter zu sein, aber ein noch junger Gelehrter. Der ganze Mann,
+wie er sich bewegte, hatte etwas Sanftes, Herzenbewegendes. Es schien,
+daß man es wagen durfte, diesen Herrn ohne weiteres anzusprechen, und
+Simon tat es.
+
+»Verzeihen Sie, mein Herr, Sie so ohne weiteres anzureden. Ich habe eine
+Vorliebe für Sie gewonnen, sowie ich Sie nur anblickte. Ich wünsche ihre
+Bekanntschaft zu machen. Sollte dieser lebhafte Wunsch nicht genügender
+Anlaß sein, um einen Menschen, wie Sie sind, auf offener Straße
+anzusprechen? Sie sehen so aus, als ob Sie jemand suchten, als ob Sie
+irgend jemanden vermuteten, der auf diesem Platze Sie erwartete. Es ist
+ein solches Gewimmel von Menschen hier, daß es schwer sein wird für Sie
+allein, die betreffende Person zu entdecken. Ich will Ihnen suchen
+helfen, wenn Sie das Vertrauen haben, mir mit einigen Merkmalen den
+Menschen zu schildern, zu dem es Sie hinzieht. Ist es eine Dame?«
+
+»Es ist allerdings eine Dame,« erwiderte der Herr lächelnd.
+
+»Wie sieht sie aus?«
+
+»Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füßen. Große, schlanke
+Erscheinung. Große Augen, die, wenn Sie sie erblicken, Ihnen noch
+nachsehen, lange, lange, wenn es auch gar nicht der Fall ist. Um den
+Hals trägt sie eine Kette von großen, weißen Perlen, an den Ohren lange,
+herabhängende Ohrringe. Ihre Knöchel sind von goldenen, einfachen Reifen
+umschlossen. Ich meine die Knöchel der Hände; das Gesicht hat etwas
+Volles, Ovales, Üppiges. Sie werden es schon sehen. Um ihren Mund,
+obgleich man sich darin täuscht, spielt etwas Verschlossenes und
+Listiges, es ist ein etwas zugekniffener Mund. Übrigens trägt sie gern
+einen breiten Hut mit herabhängenden Federn. Der Hut scheint dem Kopf
+und dem Haar nur so angeflogen. Genügt Ihnen diese Beschreibung noch
+nicht, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß sie ein Windspiel bei
+sich an einer dünnen, schwarzen Leine führt. Sie geht nie aus ohne den
+Hund. Ich werde auf diesen Posten bleiben und Sie zurückerwarten. Ich
+bin Ihnen dankbar für Ihr Anerbieten, ganz abgesehen davon, daß Sie mich
+schon Ihrer Anrede halber lebhaft interessieren. Das Gewirr von Menschen
+wird wirklich immer größer. Es scheint hier ein Fest zu sein.«
+
+»Ja, ich glaube, es ist so etwas. Ich pflege mich um Feste wenig zu
+bekümmern.«
+
+»Warum denn?«
+
+»Man geht so seine eigenen Wege! Auf Wiedersehen!« Damit ging Simon
+durch die dichten Menschenmassen so schnell als möglich hindurch. Von
+allen Seiten wurde er gedrängt und geschoben, beinahe gehoben. Aber auch
+er drängte und er fand es höchst belustigend, so das Gewühl von Leibern
+und Gesichtern langsam zu durchqueren. Endlich gelangte er auf eine Art
+Insel, das heißt, auf einen kleinen, leeren Platz, und wie er sich
+umsah, erblickte er plötzlich Frau Klara. Sie hatte wirklich einen Hund
+bei sich. Seit er bei ihr wohnte, hatte er sich nie um die Frau näher
+gekümmert, wußte also auch nicht, daß sie die Gewohnheit hatte, mit
+ihrem Hund auszugehen.
+
+»Es sucht Sie ein Herr,« sagte er als sie ihn bemerkte.
+
+»Mein Mann wahrscheinlich,« erwiderte sie, »kommen Sie, wir gehen
+zusammen. Er ist von der Reise plötzlich zurückgekehrt, ohne mir nur ein
+Wort zu schreiben. So macht er es immer. Wie haben Sie seine
+Bekanntschaft gemacht? Wie kommen Sie dazu, in seinem Auftrag Damen zu
+suchen? Sie sind doch ein sonderbarer Mensch, Simon. Was? Ihre Stellung
+haben Sie aufgegeben? Nun, was wollen Sie jetzt unternehmen? Kommen Sie!
+Hier durch! Hier ist besser durchkommen. Ich werde Sie meinem Mann
+vorstellen.«
+
+ * * * * *
+
+Man beschloß, den Abend im Theater zu verbringen. Kaspar wurde davon
+benachrichtigt und er fand sich zur bestimmten Stunde vor dem Theater,
+das sich als ein weißes, herrliches Gebäude am Ufer des Sees erhob, ein.
+Als der Vorhang aufging, sah man nur in einen grauen, leeren Raum hin.
+Doch der Raum belebte sich alsobald, denn es erschien eine Tänzerin mit
+nackten Beinen und Armen, die zu einer leisen Musik tanzte. Ihr Leib war
+von einem durchschimmernden, flatternden, fließenden Gewand umhüllt,
+das, so schien es, die Linien des Tanzes noch einmal für sich, in der
+schwebenden Luft, nachzeichnete. Man empfand die völlige Unschuld und
+Grazie dieses Tanzes und es würde niemandem eingefallen sein, in der
+Nacktheit des Mädchens etwas Unkeusches und unrein-Beabsichtigtes zu
+finden. Ihr Tanz löste sich oft in ein bloßes Schreiten auf, doch auch
+dieses blieb Tanz, und ein anderes Mal wieder schien die Tanzende von
+ihren eigenen Wellen in die Höhe erhoben zu werden. Wenn sie zum
+Beispiel ein Bein erhob und den schönen Fuß krümmte, so geschah das in
+einer so neuen, unbefangenen Weise, daß jedermann dachte: wo habe ich
+das einmal gesehen, wo? Oder habe ich das nur irgend einmal geträumt?
+Der Tanz dieses Mädchens hatte etwas Schweres und Naturgemäßes. Gewiß,
+ihre Kunst war vielleicht, streng nach Ballettregeln genommen, nicht
+allzugroß, ihr Können mochte weit zurückbleiben hinter dem Können und
+Leisten anderer Tänzerinnen. Aber sie besaß die Kunst, mit ihrer bloßen,
+mädchenscheuen Anmut zu entzücken. Wenn sie niederflog, so geschah es so
+süß-schwer, und das Emporfliegen zu höherem Schwung berauschte alle
+Seelen durch die Wildheit und Unschuld dieser Bewegung. Wenn sie sich
+bewegte, war sie auch erregt von dieser ihrer flüchtigen Bewegung, und
+ihre Erregung erfand zu den Tönen immer neue Schwingungen. Ihre Hände
+glichen zwei schönen weißen, flatternden Tauben. Das Mädchen lächelte,
+wenn es tanzte, es mußte glücklich dabei sein. Ihre Kunstlosigkeit wurde
+als höchste Kunst empfunden. Einmal flog sie in großen weichen Sprüngen,
+wie ein gejagter Hirsch, von einem Takt in den andern. Sie schien wie
+ein Wellengesprudel zu tanzen, daß sich an einem niedern Ufer zerschlägt
+und verspritzt, bald floß sie wie eine breite, sonnige, machtvolle Welle
+dahin, wie eine Welle mitten im See, bald war es wieder wie ein Geriesel
+von Flocken und Steinchen, immer war es anders, und immer so seelenvoll.
+Die Empfindungen aller Zuschauer tanzten mit Lust und mit Schmerzen mit.
+Einigen preßte der Tanz Tränen in die Augen, reine Tränen des
+Mit-Entzückens, Mit-Tanzens. Wie schön war es, zu sehen, daß, da das
+Mädchen seinen Tanz beendete, bejahrte, ehrfurchtgebietende Frauen sich
+stürmisch erhoben, dem Mädchen mit Tüchern zuwinkten und ihr Blumen in
+den Bühnen-Abgrund hinabwarfen. »Sei unsere Schwester,« schien aller
+Lächeln zu bitten. »Welche Freude, dich meine Tochter, wenn du's
+wolltest, zu nennen,« schienen die Damen zu jubeln. Das hundertköpfige
+Zuschauerpublikum sah die Kleine auf der einsamen Bühne und vergaß die
+Grenze, überhaupt alle Scheidewand. Viele Arme bogen sich, wie wenn sie
+hätten liebkosen mögen, in die Luft; die Hände, die zuwinkten, bebten.
+Man rief Worte hinab, die die bloße Freude erfand. Selbst die kalten,
+goldenen Figuren der Dekoration schienen lebendig werden zu wollen und
+den Lorbeer, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen
+zu lassen. So schön hatte Simon das Theater noch nie gesehen. Klara war
+sehr entzückt, wer hätte es an diesem Abend nicht sein können. Nur Herr
+Agappaia blieb still und sagte kein Wort. Kaspar sagte: »Ich will eine
+solche Ovation malen, das müßte ein herrliches Bild werden.« »Aber
+schwer zu malen,« sagte Simon, »dieser Duft und Glanz der Freude, dieses
+Schimmern des Entzückens, das Kalte und Warme, das Bestimmte und
+Verschwommene, Farben und Formen in diesem Duft, das Gold und das
+schwere Rot, so untergehend in allen Farben, und die Bühne, der kleine
+Brennpunkt und das kleine, selige Mädchen darauf, die Kleider der Damen,
+die Gesichter der Männer, die Logen und alles andere, wirklich, Kaspar,
+es würde sehr schwer sein.«
+
+Klara sagte: »Wenn man jetzt an eine stille Landschaft denkt, da draußen
+liegen sie, die Wälder und Hügel und die weiten Wiesen, und man sitzt
+hier in einem glitzernden Theater. Wie sonderbar. Vielleicht ist aber
+alles Natur. Nicht nur das Große und Stille da draußen, sondern auch das
+Bewegliche und Kleine, was die Menschen erschaffen. Ein Theater ist auch
+Natur. Was die Natur uns heißt zu bauen, kann auch nur Natur, etwas
+freilich wie Abart der Natur sein. Mag die Kultur so fein werden wie sie
+will, sie bleibt doch Natur, denn sie ist doch nur die langsame
+Erfindung durch Zeiten, und zwar von Wesen, die an der Natur immer
+hangen werden. Wenn Sie ein Bild malen, Kaspar, so wird es Natur, denn
+Sie malen mit Ihren Sinnen und Fingern und diese haben Sie doch von der
+Natur bekommen. Nein, wir tun gut daran, sie zu lieben, immer ihrer
+recht zu gedenken, sie, wenn ich so sagen darf, anzubeten, denn irgendwo
+müssen die Menschen gebetet haben, sonst werden sie schlecht. Wenn wir
+nun lieben, was uns am nächsten ist, so ist das ein Vorteil, der unsere
+Jahrhunderte stürmischer vorwärts treibt, der uns mit der Erde
+gedankenvoll rollen läßt, ein Vorteil, der uns das Leben schneller und
+seliger empfinden macht, den wir also packen und ergreifen müssen,
+tausendmal, in tausend Momenten, was weiß ich!« -- -- --
+
+Sie war ganz feurig geworden im Sprechen. »Habe ich auch etwas
+Vernünftiges gesprochen?« fragte sie Kaspar.
+
+Kaspar antwortete nicht. Sie waren längst aus dem Theater heraus und
+befanden sich auf dem Nachhauseweg.
+
+Simon war mit Herrn Agappaia ein Stück vorausgegangen.
+
+»Erzählen Sie mir etwas,« bat Klara ihren Begleiter.
+
+»Ich habe einen Kollegen, Erwin mit Namen,« erzählte Kaspar, indem er
+neben der Frau herging, »er ist wenig talentvoll, oder vielleicht war er
+in seiner frühesten Jugend einmal talentvoll. Dagegen ist er noch immer,
+trotzdem ihm das Malen nicht den geringsten Erfolg verspricht, wie ein
+Satan in seine Kunst verliebt. Alle seine Bilder nennt er schlecht, und
+sie sind es auch, aber er arbeitet jahrelang an ihnen. Er kratzt immer
+wieder ab und malt von neuem. So die Natur zu lieben, wie er, muß eine
+Qual sein und ist eine Schande; denn ein Mann von Vernunft läßt sich
+nicht lange von einem Gegenstand, und sei es auch die Natur selber,
+foppen und narren und peinigen. Natürlich ist nicht die Kunst seine
+Peinigerin, sondern er selber ist sein Quäler mit seiner armseligen
+Auffassung von Kunst und Welt. Dieser Erwin liebt mich. Ich malte, als
+wir beide Anfänger waren, zusammen mit ihm. Wir tummelten uns auf den
+Wiesen herum, unter den Bäumen, die ich immer nur in vollster
+prangendster Blütenpracht vor mir sehe, wenn ich an jene »gottvolle«
+Zeit denke. Dieses Wort »gottvoll« ist eines, das Erwin in seiner
+blinden Überschwenglichkeit geprägt hat, wenn er vor Landschaften stand,
+deren Schönheit seine Fassungskraft überstieg. »Kaspar, sieh einmal
+diese gottvolle Landschaft,« das hat er, ich weiß nicht wie viel
+hundertmal, zu mir gesagt. Schon damals, obgleich er ganz hübsche Bilder
+zustande brachte, die mit Talent gemacht waren, kritisierte er sich
+bissig und schonungslos. Er vernichtete seine gelungenen Bilder und hob
+nur die mißlungenen auf, weil er nur diese als wertvoll empfand. Sein
+Talent litt furchtbar unter diesem beständigen Mißtrauen, bis es
+schließlich unter solcher schlechter Behandlung eintrocknete und
+versiegte wie ein Quell, der von der Sonne verbrannt und ausgesogen
+wird. Ich riet ihm öfters, fertige Bilder zu einem bescheidenen Preis zu
+verkaufen, aber er hätte mir für diese Zumutung beinahe die Freundschaft
+aufgekündet. Über mich verwunderte er sich täglich mehr, wie ich nur so
+leicht und ziemlich frivol vor mich hinmalen konnte, aber er achtete
+mein Talent, das er zugeben mußte. Er wünschte, ich möchte meine Kunst
+mit mehr Ernst betreiben, ich antwortete, daß es bei der Kunstausübung
+nur des Fleißes, des fröhlichen Eifers und der Naturbeobachtung bedürfe,
+um zu etwas zu kommen, und machte ihn auf den Schaden aufmerksam, den
+der übertriebene, heilige Ernst um eine Sache der Sache antun könne und
+müsse. Er glaubte mir wirklich, war aber zu schwach, um sich von seinem
+verbohrten Ernst, in den er festgebissen war, loszureißen. Dann reiste
+ich weg, und bekam die sehnsüchtigsten Briefe von ihm, die voll Trauer
+über meine Abreise klangen. Ich sei noch derjenige gewesen, der ihn noch
+ein wenig munter erhalten hätte. Ich möchte doch zurückkehren, oder wenn
+nicht, so bäte er mich, daß ich ihm erlaube, mir nachzureisen. Er tat es
+auch. Er war immer hinter mir wie mein leibeigener Schatten, so oft ich
+ihn auch kalt, spöttisch und von oben herab behandelte. Er vermied die
+Frauen, ja er haßte sie, denn er befürchtete, von ihnen von der
+Heiligkeit seiner Lebensaufgabe abgelenkt zu werden. Infolgedessen
+lachte ich ihn aus und es kann sein, daß ich ihn ziemlich verächtlich
+behandelt habe. Er malte immer schwerfälliger und war immer versessener
+in die Studien. Ich riet ihm, nicht so sehr zu studieren und mehr die
+Hand an den Pinsel zu gewöhnen. Er versuchte es und weinte beim Anblick
+meines sorglosen In-den-Tag-hinein-Schaffens. Da unternahmen wir
+zusammen eine Reise nach meiner Heimat, Sie wissen! Über die breiten
+hohen Berge geht es da, in tiefe Täler steil hinunter und sogleich
+wieder hinauf. Mir war es ein Spaß zum Handausstrecken, ein Genießen,
+ein etwas schnelleres Atmen, eine größere Inanspruchnahme der Beine,
+weiter nichts. Erwin kam kaum vorwärts: wirklich, seine Kräfte waren
+bereits zerrüttet von der Ausschweifung seines Kunstsehnens. Eines Tages
+erblickten wir, es war gegen Abend, auf einer hohen Bergweide stehend,
+vor uns, durch Tannengeäst hindurch die drei Seen meiner Heimat. Erwin
+schrie bei diesem Schauspiel auf. Es war in der Tat unvergeßlich schön.
+Unten klang das Gelärm der Eisenbahnen, und Glocken tönten herauf. Die
+Stadt konnte man noch nicht sehen, aber ich wies Erwin mit der
+ausgestreckten Hand auf die Stelle, wo sie liegen mußte. Wie die
+Gewänder von Fürstinnen lagen blitzend und sanft leuchtend die Seen
+ausgebreitet, von edlen Berglinien umschlossen, mit entzückend
+zierlichen Uferbildungen, und so weit in der Ferne, und doch so nah.
+Noch an diesem Abend rückten wir, verstaubt und ausgehungert, zu Hause
+an. Meine Schwester freute sich über den stillen Gast, den ich brachte.
+Es mag jetzt etwa drei Jahre her sein. Sie schloß sich mit der Zeit an
+ihn an, und ich darf glauben, daß eine stille Liebe zu Erwin in ihr
+brannte. Es schmerzte sie, zu sehen, in welcher Weise ich mit ihrem
+Schutzbefohlenen umging. Sie bat mich, freundlicher und achtungsvoller
+von ihm zu reden, wenn ich von ihm in etwas lustigem Tone sprach. Lange
+hielt es der arme Kerl auch nicht aus. Eines Tages nahm er Abschied.
+Meiner Schwester hat er einen Spruch ins Tagebuch schreiben müssen. Wie
+komisch das alles ist und doch wie tief. Vielleicht hatte er, da er ihr
+ins Buch schrieb, die Hand gedankenvoll gestützt, und sich eine Zukunft
+mit meiner Schwester ausgedacht. Was versprach ihm die Kunst? Ich hatte
+einige Sorge, meine Schwester würde etwas wie eine Szene machen. Aber
+sie schaute ihn bloß innig und gütig an beim Abschiednehmen. Er durfte
+sie nicht anschauen, er wagte es nicht. Kam er sich vor wie ein
+Erbärmlicher? Leicht möglich. Vielleicht glaubte er überhaupt nicht, daß
+Mädchen ihn lieben und zum Mann begehren könnten, denn er hatte ein
+Muttermal quer über das ganze Gesicht. Aber in meinen Augen hat ihn das
+immer veredelt. Ich sah ihn sehr gerne an. Wir reisten, und dann frug er
+mich einmal, ob er meiner Schwester schreiben dürfe. »Was geht das mich
+an,« rief ich aus. »Schreibe, wenn du Lust hast!« Er ging wieder nach
+Hause, in die ganz tote, düstere Umgebung seiner Akademieprofessoren.
+Ich bemitleidete ihn, aber trennte mich kalt von ihm, wenigstens zeigte
+ich ihm die Kälte, denn es war mir unangenehm, einem Bemitleidenswerten
+gegenüber warm zu werden. Er schrieb einige Briefe, die ich nicht
+beantwortete, und er schreibt auch jetzt, und auch jetzt antworte ich
+nicht. Er hängt zum Verzweifeln an mir. Ist es da nötig, noch zu
+antworten? Er ist verloren, er macht absolut keinen Fortschritt. Seine
+gegenwärtigen Bilder sind schrecklich. Und doch hat kein Mensch ein so
+inniges Bündnis mit mir gehabt wie er, und wenn ich an jene Tage denke,
+wo wir zusammen an der Natur hingen! Was geht alles in der Welt vorüber.
+Man muß schaffen, schaffen und nochmals schaffen, dazu ist man da, nicht
+zum Bemitleiden.«
+
+»Der arme Mensch,« sagte Klara, »ich habe Mitleid mit ihm. Ich möchte,
+daß er hier wäre, und wenn er krank wäre, wie gerne möchte ich ihn
+pflegen. Ein unglücklicher Künstler ist wie ein unglücklicher König. Wie
+tief in der Seele muß es ihn schmerzen, sich so talentlos zu wissen. Ich
+kann es mir so gut denken. Armer Kerl. Ich möchte ihm Freundin sein, da
+Sie keine Zeit haben, Mitleid mit ihm zu empfinden. Ich hätte Zeit. Was
+für arme Menschen gibt es doch auf der Welt!«
+
+Kaspar sagte leise zu ihr und ergriff zum ersten Mal ihre Hand: »Wie gut
+Sie sind!« --
+
+Der Wald war tiefschwarz, alles war dunkel, das Haus war ein dunkler
+Fleck im Dunkel. Simon und Agappaia warteten auf die beiden andern an
+der Haustür.
+
+»Sie kommen nicht. Kommen Sie, wir wollen hineingehen.«
+
+»Ich möchte mich gleich schlafen legen,« sagte Simon.
+
+Als er bereits im Bett lag und die Augen zuschließen wollte hörte er
+plötzlich einen Schuß fallen. Erschreckt bis zum äußersten sprang er
+auf, riß das Fenster auf und schaute hinaus. »Was ist das,« rief er
+hinunter. Aber nur seine eigene Stimme widerhallte vom Walde her. Der
+Wald war in eine schauerliche Totenstille gehüllt. Plötzlich vernahm er,
+wie unten eine Männerstimme sprach: »Es ist nichts, schlafen Sie.
+Verzeihen Sie, daß ich Sie erschreckt habe. Ich pflege des Nachts öfters
+im Walde zu schießen, es macht mir Vergnügen, so den Schuß knallen und
+widerhallen zu hören. Der eine pfeift gern eine Melodie, um sich, wenn
+alles so still um ihn ist, zu zerstreuen. Ich schieße. Tragen Sie
+Sorgfalt, daß Sie sich nicht erkälten so am offenen Fenster. Die Nächte
+sind jetzt noch kühl. Gleich werden Sie wieder schießen hören und dann
+werden Sie sich wohl nicht mehr ängstigen. Ich erwarte noch meine Frau.
+Gute Nacht. Schlafen Sie wohl.« Simon legte sich wieder nieder. Dennoch
+fand er keinen Schlaf. Die Stimme des Mannes hatte ihm so merkwürdig
+geklungen, so ruhig, und das eben war das Eigentümliche. So eisig,
+eigentlich ganz gewöhnlich freundlich, aber eben darin lag das Eisige.
+Es mußte etwas dahinter stecken. Aber vielleicht kannte er nur dieses
+Mannes Gewohnheiten nicht. »Es gibt,« dachte er für sich, »heutzutage ja
+sonderbare Käuze genug. Das Leben ist ja so langweilig, das fördert das
+Anwachsen der Käuze. Man wird, ehe man es recht weiß, zum seltsamen
+Kauz. So mag auch dieser Agappaia gar nichts Wunderliches mehr in seinen
+Wunderlichkeiten sehen. Man nennt es einfach Sport und schlägt alle
+fremden Gedanken damit nieder. Immerhin, ich will jetzt versuchen, zu
+schlafen.« -- aber es kamen andere Gedanken, die alle mit Nächten zu tun
+hatten. Er dachte an kleine Kinder, die nicht in dunkle Zimmer zu gehen
+wagen, die nicht einschlafen können im Dunkel. Die Eltern prägen den
+Kindern die fürchterliche Angst vor dem Dunkel ein und schicken dann zur
+Strafe die Unartigen in stille, schwarze Kammern. Da greift nun das Kind
+im Dunkel, im dicken Dunkel und stößt nur auf Dunkel. Des Kindes Angst
+und das Dunkel kommen ganz gut miteinander aus, aber nicht das Kind mit
+der Angst. Das Kind hat soviel Talent, Angst zu haben, daß die Angst
+immer größer wird. Sie bemächtigt sich des kleinen Kindes, denn sie ist
+etwas so Großes, Dickes, Schweratmendes; das Kind würde zum Beispiel
+gern schreien wollen, aber es wagt es nicht. Dieses Nicht-Wagen
+vergrößert noch seine Angst; denn etwas Furchtbares muß da sein, wenn
+man nicht einmal vor Angst Angstschreie ausstoßen darf. Das Kind glaubt,
+jemand horche im Dunkel. Wie schwermütig einen das macht, sich solch ein
+armes Kind vorzustellen. Wie die armen Öhrchen sich anstrengen, ein
+Geräusch zu erhorchen: nur den tausendsten Teil eines Geräuschleins.
+Nichts hören ist viel angstvoller als etwas hören, wenn man schon einmal
+im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen und beinahe
+das eigene Horchen hören. Das Kind hört nicht auf, zu hören. Manchmal
+horcht es, und manchmal hört es nur, denn das Kind weiß zu unterscheiden
+in seiner namenlosen Angst. Wenn man sagt: hören, so wird eigentlich
+etwas gehört, aber wenn man sagt: horchen, so horcht man vergeblich, man
+hört nichts, man möchte hören. Horchen ist Sache des Kindes, das in eine
+dunkle Kammer eingesperrt wird, zur Strafe für Unarten. Denke man sich
+jetzt, daß jemand herankäme, leise, fürchterlich leise. Nein, das lieber
+nicht denken. Lieber das nicht denken. Derjenige, der das denkt, stirbt
+mit dem Kinde vor Schreck. So zarte Seelen haben Kinder, und solchen
+Seelen solche Schrecknisse zudenken! Eltern, Eltern, stecket nie eure
+unartigen Kinder in dunkle Kammern, wenn ihr sie vorher gelehrt habt,
+Angst vor dem sonst so lieben, lieben Dunkel zu empfinden. -- --
+
+Jetzt hatte Simon keine Angst mehr, es möchte noch in dieser Nacht etwas
+vorkommen. Er schlief ein, und als er am Morgen erwachte, sah er seinen
+Bruder ruhig neben sich im Bett schlafen. Er hätte ihn küssen mögen. Er
+zog sich, um den Schlafenden nicht zu wecken, so behutsam wie möglich
+an, öffnete leise die Türe und ging die Treppe hinunter. Auf der Treppe
+begegnete er Klara. Sie schien schon eine ganze Weile da gewartet zu
+haben. Simon hatte jedoch kaum guten Morgen gesagt, als ihn auch schon
+die Frau, die heftig bewegt schien, um den Hals faßte und an sich zog
+und voll Liebe küßte. »Ich will dich auch küssen, du bist ja sein
+Bruder,« sagte sie mit leiser, gepreßter, glückseliger Stimme.
+
+»Er schläft noch,« sagte Simon. Es war seine Gewohnheit, Zärtlichkeiten,
+die nicht ihm galten, sanft abzuweisen. Diese Ruhe brachte ihre Seele
+erst recht in Bewegung. Sie ließ ihn nicht weitergehen, sondern schloß
+ihn fester an sich, indem sie seinen Kopf in ihre beiden Hände nahm und
+Küsse auf seine Stirne und auf seine Wangen drückte. »Ich habe dich so
+lieb wie einen Bruder. Du bist jetzt mein Bruder. Ich habe so wenig und
+so viel, siehst du! Ich habe gar nichts, ich habe alles gegeben. Wirst
+du mich meiden? Nein, nicht wahr, nein! Ich besitze dein Herz, ich weiß
+es. Ich bin reich mit einem solchen Vertrauten. Du liebst deinen Bruder,
+wie keiner ihn liebt. Mit so viel Stärke und Willen. Erzähle mir von
+dir. Wie schön kommst du mir vor. Du bist ganz anders, als er. Man kann
+dich nicht beschreiben. Er sagte es auch, man könne dich kaum fassen.
+Und doch, wie vertrauensvoll wirft man sich dir entgegen. Küsse mich.
+Ich bin dein, in dem Sinne, wie dein Herz es will. Dein Herz ist das
+Schöne an dir. Sage nur nichts. Ich verstehe, daß man dich nicht
+versteht. Du verstehst alles. Du bist gut zu mir, sage, sage ja. Nein,
+sage nicht ja. Es ist nicht nötig, ist gar, gar nicht nötig. Deine Augen
+haben schon ja gesagt. Ich wußte es schon lange. Ich wußte schon lange,
+daß es solche Menschen gäbe, zwinge dich nur nicht zur Kälte. Schläft
+er? O nein, gehe noch nicht. Ich muß mich noch ein wenig zanken mit dir.
+Ich bin eine dumme, dumme, dumme Frau, nicht wahr.«
+
+In diesem Tone würde sie fortgeredet haben, aber Simon wehrte ihr ab,
+ganz sanft, wie es seine Art war. Er sagte, er wolle einen Spaziergang
+machen. Sie sah ihm nach, wie er davonging, aber er bekümmerte sich
+nicht im geringsten um ihren Blick. »Ich diene ihr, wenn sie mich zu
+einem Dienst braucht; selbstverständlich!« sagte er zu sich. »Ich würde
+wahrscheinlich mein Leben hinwerfen für sie, wenn es ihr diente zu ihrem
+Wohlsein, es zu fordern; sehr wahrscheinlich! Ja, es ist ziemlich
+sicher, daß ich das täte, gerade für so eine. Sie hat so etwas
+Derartiges. Mit einem Wort: sie beherrscht mich natürlich, aber was ist
+da weiter zu grübeln. Ich habe an andere Sachen zu denken. Zum Beispiel
+heute morgen bin ich glücklich, ich spüre meine Glieder wie feine,
+geschmeidige Drähte. Wenn ich meine Glieder spüre, bin ich glücklich,
+und da denke ich an keinen Menschen auf der Welt, weder an ein Weib,
+noch an einen Mann, einfach an nichts. Ach, ist das schön hier im Wald
+so am sonnigen Morgen. Ist das schön, frei zu sein. Mag jetzt eine Seele
+an mich denken, mag sie, oder mag sie nicht, jedenfalls denkt die
+meinige an gar nichts. Ein solcher Morgen weckt immer eine gewisse
+Brutalität in mir, aber das schadet nichts, im Gegenteil, ist die
+Grundlage zum selbstlosen Naturgenuß. Herrlich, herrlich. Wie das Gras
+in der Sonne blitzt. Wie der weiße Himmel um die Erde brennt. Es kann ja
+auch heute noch kommen, dieses Weichwerden. Wenn ich an jemand denke,
+dann tu ich es heftig. Aber köstlicher ist es, so wie ich jetzt bin.
+Lieblicher Morgen. Soll ich dir ein Lied singen. Ja, du bist selber ein
+Lied. Viel lieber möchte ich schreien und laufen wie der Teufel, oder
+Schüsse abknallen wie der dumme Teufel Agappaia.« --
+
+Er warf sich auf die Matte nieder und träumte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+
+An diesem Morgen fuhren Kaspar und Klara in einem kleinen, farbigen Boot
+auf dem See. Der See war ganz ruhig wie ein glänzender, stiller Spiegel.
+Ab und zu kreuzten sie einen kleinen Dampfer, dann gab es für eine kurze
+Zeit breite, sanfte Wellen, und sie durchschnitten diese Wellen. Klara
+war in ein ganz schneeweißes Kleid gehüllt, die weiten Ärmel hingen an
+den schönen Armen und Händen träge herunter. Den Hut hatte sie
+abgenommen: die Haare hatte sie aufgelöst, ganz unabsichtlich, mit einer
+schönen Bewegung der Hand. Ihr Mund lächelte zu dem Munde des jungen
+Mannes hinüber. Sie wußte nichts zu sagen, sie mochte nichts sagen. »Wie
+schön das Wasser ist, es ist wie ein Himmel,« sagte sie. Ihre Stirne war
+heiter wie die Umgebung von See, Ufer und wolkenlosem Himmel. Das Blau
+des Himmels war von einem duftenden und schimmernden Weiß durchzogen.
+Das Weiß trübte ein wenig das Blau, verfeinerte es, machte es
+sehnsüchtiger und schwankender und milder. Die Sonne schien halb durch,
+wie Sonne in Träumen. Es lag eine Zaghaftigkeit in allem, die Luft
+fächelte ihnen um das Haar und das Gesicht, Kaspars Gesicht war ernst,
+doch ohne Sorgen. Er ruderte eine Weile stark, dann jedoch ließ er die
+Ruder fahren, das Schiff schaukelte ohne Führung weiter. Er bog sich
+nach der versinkenden Stadt um, sah die Türme und Dächer in der halben
+Sonne leicht glitzern, sah, wie die emsigen Menschen über die Brücken
+liefen. Die Karren und Wagen kamen nach, die elektrische Trambahn sprang
+mit ihrem eigenartigen Geräusch vorüber. Die Drähte sausten, die
+Peitschen knallten, Pfeifen hörte man und große schallende Klänge von
+irgend woher. Auf einmal tönten die Elfuhr-Glocken in all die Stille und
+in all das ferne, zitternde Geräusch hinein. Sie empfanden beide eine
+unaussprechliche Freude am Tag, am Morgen, an den Tönen und Farben. Es
+wurde alles zu einem Erfassen, zu einem Ton! Liebende, wie sie waren,
+hörten sie alles in einen einzigen Ton überschlagen. Ein Strauß von
+einfachen Blumen lag in Klaras Schoße. Kaspar hatte seinen Rock
+ausgezogen und ruderte wieder weiter. Da schlug es Mittag, und alle
+diese Arbeits- und Berufsmenschen liefen wie ein Haufen von Ameisen nach
+allen Straßenrichtungen auseinander. Es wimmelte auf der weißen Brücke
+von schwarzen, beweglichen Punkten. Und wenn man daran dachte, daß jeder
+dieser schwarzen Punkte einen Mund hatte, mit dem er jetzt das
+Mittagessen essen wollte, so mußte man unwillkürlich lachen. Wie so ein
+Bild des Lebens einzig sei, empfanden sie, und lachten dabei. Auch sie
+kehrten jetzt um, denn schließlich waren sie auch Menschen, die Hunger
+bekamen; und je näher sie dem Ufer kamen, desto größer wurden wieder die
+Ameisen; und dann stiegen sie aus und waren ebenfalls Punkte, wie die
+andern. Aber sie spazierten selig unter den hellgrünen Bäumen auf und
+ab. Viele Neugierige schauten sich nach dem seltsamen Paare um: der Frau
+in dem langen, nachschleppenden, weißen Gewande und dem Flegel von
+Burschen, der nicht mal eine ordentliche Hose trug, der so seltsam frech
+abstach von der Dame, die er begleitete. So pflegen sich die Menschen zu
+empören und zu irren in ihren Mitmenschen. Auf einmal kam jemand auf
+Kaspar lebhaft zugeschritten. Es war in der Tat einer, der Grund hatte,
+ihn auf diese Weise zu begrüßen, nämlich Klaus, der seinen Bruder schon
+seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hinter ihm kam die Schwester und
+ein anderer Herr, und nun begrüßte sich alles gegenseitig. Der fremde
+Herr hieß Sebastian.
+
+ * * * * *
+
+Simon saß unterdessen, kaum tausend Schritte weit entfernt, in einer
+Speisehalle, einem kleinen Raum, vollgepfropft mit essenden Menschen.
+Hier pflegte allerhand Volk zu essen, das billig und schnell essen
+mußte. Simon liebte gerade diesen Ort, wo doch jede Bequemlichkeit und
+Eleganz durchaus fehlte. Auch hatte er ja mit dem Gelde zu rechnen. Das
+Speisehaus war von einer Gruppe von Frauen gegründet, die sich, alle
+zusammen gerechnet, Verein für Mäßigkeit und Volkswohl nannten. In der
+Tat, wer da hineinging, der mußte mit einem mäßigen und dünnen Essen
+zufrieden sein. Meistens waren auch alle zufrieden, wenn man die
+kleinen, bornierten Unzufriedenheiten abrechnet. Allen, die hier
+verkehrten, schien das Essen zu behagen, das aus einem Teller Suppe,
+einem Stück Brot, einer Portion Fleisch, dito Gemüse und einem winzigen
+und zierlichen Dessert bestand. Die Bedienung ließ nichts zu wünschen
+übrig, als ein wenig mehr Behendigkeit, aber im Grunde genommen war sie
+schnell genug in Anbetracht der zahlreichen hungrigen Esser. Jeder bekam
+sein Essen frühzeitig genug, auch wenn jeder eine kleine Ungeduld nach
+noch frühzeitigerem Verabreichen verspürte. Es war ein immerwährendes
+Essen-Austeilen, Essen-In-Empfangnehmen und Essen-Verschlingen. Mancher,
+der verschlungen hatte, mochte den Wunsch empfinden, noch nicht soweit
+zu sein, und sah neidisch auf solche, die zu erwarten hatten, was doch
+eigentlich ganz nett war hinunterzuschlingen. Warum aßen sie so schnell.
+Eine absurde Gewohnheit, so schnell sein Essen zu essen. Die Bedienung
+bestand aus ganz lieblichen Mädchen aus der ländlichen Umgebung der
+Stadt. Eine kurze Zeit waren diese Geschöpfe ziemlich unbeholfen, aber
+sie lernten es, abzuwehren und mit dem Ablehnen Zeit zu gewinnen, ganz
+dringende, brennende Wünsche zu befriedigen. Wo so viele Wünsche waren,
+mußte unter den Wünschen fein unterschieden und gewählt werden. Ab und
+zu kam eine der Erfinderinnen dieses Geschäftes, eine der
+Wohltäterinnen, und sah sich das Volk an, wie es aß. Eine solche Dame
+setzte ihre Lorgnette ans Auge und musterte das Essen und diejenigen,
+die es verzehrten.
+
+Simon empfand eine Vorliebe für diese Damen und freute sich immer, wenn
+sie kamen, denn es kam ihm so vor, als besuchten diese lieben, gütigen
+Frauen einen Saal voll kleiner, armer Kinder, um zu sehen, wie diese
+sich an einem Festmahl ergötzten. »Ist denn das Volk nicht ein großes,
+armes, kleines Kind das bevormundet und überwacht werden muß?« rief es
+in ihm, »und ist es nicht besser, es wird überwacht von Frauen, die doch
+vornehme Damen sind und gütige Herzen haben, als von Tyrannen im alten,
+freilich heroischeren Sinn?« -- Was aß nicht alles in der Eßstube, zu
+einer friedlichen Familie vereint! Studentinnen in erster Linie. Hatten
+Studentinnen Zeit und Geld, um im Hotel Continental zu essen? Und dann
+Dienstmänner in blauen, leichten Kitteln mit Stiefeln an den Beinen,
+großen, borstigen Schnurrbärten und ziemlich eckigen Mäulern im Gesicht.
+Was konnten sie dafür, daß sie eckige Mäuler hatten? Mancher im Hotel
+Royal hatte gewiß auch ein eckiges Gebaren rund um den Schnurrbart
+herum. Freilich war dort das Eckige übertüncht mit einer Rundung, aber
+was hatte das wohl zu heißen? Auch Dienstmädchen ohne Stellung waren da,
+arme Schreiber, überhaupt Weggejagte, Brotlose, Heimatlose und auch
+solche, die nicht einmal eine Adresse besaßen. Ebenso verkehrten hier
+Frauen von schlechtem Lebenswandel, Weiber mit seltsamen Frisuren und
+blauen Gesichtern, dicken Händen und frechen aber verschämten Blicken.
+Alle diese Leute, allen voran natürlich die heiligen Betbrüder, die
+ebenfalls zu sehen waren, benahmen sich in der Regel schüchtern und
+zuvorkommend. Alle schauten allen ins Gesicht während des Essens; kein
+Wort wurde gesprochen, nur hin und wieder ein leises und höfliches. Das
+war der sichtbare Segen des Volkswohles und der Mäßigkeit. Etwas
+Drolliges, etwas Einfaches, etwas Gedrücktes und wiederum etwas
+Befreites lag auf den armseligen Menschen, in ihren Manieren, die bunt
+waren wie die Farben eines Sommervogels. Wie mancher benahm sich hier
+feiner als der Feinste sonst in vornehmen Häusern. Wer konnte wissen,
+wer er war, was er gewesen, vordem, ehe er ins Volksspeisezimmer
+gelangte. Würfelte denn nicht das Leben die Schicksale der Menschen
+heftig durcheinander wie mit einem Würfelbecher? Simon saß in einer
+kleinen Ecke, einer Art Erker, und aß Butter mit Honig, auf ein Stück
+Brot zusammengestrichen, und trank eine Tasse Kaffee dazu: »Was brauche
+ich mehr zu essen an einem so schönen Tage. Blickt nicht der blaue
+Frühsommerhimmel holdselig durch das Fenster auf mein goldnes Essen
+herab. Freilich ist mein Essen ein goldenes. Man erblicke nur den Honig:
+hat er nicht ein hellgelbes, süßgoldenes Aussehen? Dieses Gold fließt so
+angenehm auf dem kleinen, weißen Tellerchen herum, und wenn ich mit dem
+spitzen Messer davon absteche, so komme ich mir vor wie ein Goldgräber,
+der einen Schatz entdeckt hat. Das Weiß der Butter liegt entzückend
+daneben, dann folgt die braune Farbe des wohlschmeckenden Brotes, und
+über alles schön ist das Dunkelbraun des Kaffees in der zierlichen,
+sauberen Tasse. Gibt es ein Essen auf der Welt, das schöner und
+appetitlicher aussehen könnte? Und ich stille meinen Hunger damit ganz
+vortrefflich, und was brauche ich mehr, als meinen Hunger zu stillen, um
+sagen zu können: ich habe gegessen? Es soll Menschen geben, die sich aus
+dem Essen eine Kultur, eine Kunst machen; nun, kann ich das etwa nicht
+auch von mir sagen? Freilich! Nur ist meine Kunst eine bescheidene und
+meine Kultur eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer
+und üppiger als jene das Viele und Nicht-Aufhören-Wollende. Ich ziehe
+außerdem nicht gern Mahlzeiten so sehr in die Länge, ich könnte sonst
+leicht den Appetit darnach verlieren. Mir liegt daran, immer und immer
+wieder Lust zum Essen zu verspüren, deshalb esse ich spärlich und fein.
+Außerdem habe ich noch etwas: eine pikante Unterhaltung mit immer neuen
+Menschen.«
+
+Kaum hatte Simon dieses gemurmelt oder gedacht, als ein alter Mann in
+weißen Haaren sich auf den freien Platz zu ihm hinsetzte. Des alten
+Mannes Gesicht war von einer grauen, abgemagerten Blässe, die Nase
+tropfte, oder vielmehr, es hing ein großer Tropfen an seiner Nase, der
+nicht fallen konnte, der aber doch schwer zum Fallen war. Beständig
+glaubte man ihn herunterfallen sehen zu sollen. Aber der Tropfen hing
+immer noch. Der Mann bestellte sich einen Teller mit gesottenen
+Kartoffeln, sonst weiter nichts, und aß dieselben, indem er mit der
+Messerspitze sorgfältig Salz darauf streute, mit umständlichem Behagen.
+Aber vorher hatte er die Hände zusammengefaltet, um ein Gebet an seinen
+Herrgott zu verrichten. Simon erlaubte sich folgenden kleinen Spaß: er
+bestellte heimlich ein Stück Braten bei dem aufwartenden Mädchen und als
+das Bratenstück herankam, mußte er über des Mannes Staunen, als es ihm
+und keinem andern hingereicht wurde, herzlich lachen.
+
+»Warum beten Sie, bevor sie essen,« fragte Simon einfach.
+
+»Ich bete, weil ich dessen bedarf,« erwiderte der alte Mann.
+
+»Dann freut es mich, Sie beten gesehen zu haben. Ich interessierte mich
+bloß, welches Gefühl Sie dazu könnte veranlaßt haben.«
+
+»Man hat viele Gefühle dabei, mein junger Herr! Sie zum Beispiel beten
+gewiß nicht. Dazu haben junge Leute von heute keine Zeit und auch kein
+Verlangen mehr. Ich kann es begreifen. Wenn ich bete, so fahre ich bloß
+in meiner Gewohnheit fort, denn ich habe mir das angewöhnt und es hat
+mir Trost gespendet.«
+
+»Waren Sie immer ein armer Mann?«
+
+»Immer.« --
+
+Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich
+sauberen, so doch armseligen Speiselokal die schöne Gestalt der Frau
+Klara. Sämtliche Hände, die eine Gabel, einen Löffel oder ein Messer,
+oder den Henkel einer Tasse festhielten, zögerten einen Augenblick, in
+ihrem Geschäft fortzufahren. Alle Mäuler sperrten sich auf, alle Augen
+hefteten sich fest auf eine Erscheinung, die so wenig geeignet schien,
+etwas in diesem Raume zu suchen zu haben. Sie war eine vollendete Dame
+und war es in diesem Moment noch viel mehr. Es war gerade, auch für
+Simons Augen und Sinne, als wenn sich aus einem offenen, flatternden
+Himmel ein Engel loslöse und nun zur Erde niederschwebe und dort irgend
+ein dunkles Loch aufsuche, um die Menschen, die dort wohnen, mit seinem
+bloßen seligen Anblick zu beglücken. So dachte sich Simon immer eine
+Wohltäterin, die hingeht, zu den Elenden und Armen, die nichts besitzen,
+als den zweideutigen Vorzug, von Moment zu Moment mit Sorgen wie mit
+Ruten gepeitscht zu werden. Klara benahm sich in dem Volkshause, ganz
+wie wenn es sich von selber ergäbe, als ein höheres, fernes,
+zugeflogenes Wesen aus anderen Grenzen, aus einer andern Schicht und
+Welt. Das war ja das Herrliche, Strahlende, das alle diese schüchternen
+Menschen veranlaßte, die Augen aufzureißen, mit dem Atem zu kämpfen und
+die Hände zu halten mit der andern Hand, daß das Messer nicht herausfiel
+vor heftigem Erbeben. Klaras Schönheit gab den Menschen urplötzlich mit
+Schmerz etwas zu denken. Es kam ihnen plötzlich allen in den Sinn, was
+es noch, außer rauher Arbeit und Kummer um das tägliche Brot, auf der
+Welt gäbe. Von dieser Art Gesundheit und völligen, üppigen, lächelnden
+Reizes hatten sie alle beinahe keine Vorstellung mehr, so sehr zerfloß
+ihnen das Leben in schwarzen, unsauberen Alltäglichkeiten, zerrieb sich
+in Sorgen, klammerte sich um Niedrigkeiten. Das alles fiel ihnen jetzt,
+wenn vielleicht nicht jedem so deutlich, mit Qualen ein; denn eine Qual
+ist es, eine Schönheit zu erblicken, an deren bloßem Duft man sich zu
+berauschen meint, die einen tötet, wenn der Gedanke sich dazu versteigt,
+mit ihrem Lächeln mitzulächeln. Deshalb machten sie unwillkürlich auch
+alle Grimassen, verzerrten ihre Gesichter zu der Frau hinauf, die sie
+alle überragte, da alle auf niederen Stühlen, an engen Plätzen
+festgeklemmt saßen, während sie, die Hohe, hoch aufrecht stand. Sie
+schien jemand zu suchen. Simon hielt sich still in seiner Ecke und
+lächelte die Umherblickende unverwandt an. Sie bemerkte ihn lange nicht,
+obschon der Raum verhältnismäßig klein war; denn es mochte sie
+anstrengen, ihre Augen an das zerwürfelte dunkle, vermischte Bild zu
+gewöhnen und Gestalten zu fixieren, die ihre Augen gewohnt waren, sonst
+überhaupt nicht zu beachten. Schon wollte sie sich, etwas unwillig
+geworden, wieder entfernen, als sie Simon mit einem Blick streifte und
+erkannte. »Also hier sitzen Sie, und noch dazu in solch eine Ecke
+gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größten Freude neben ihn
+nieder, auf den Platz zwischen ihrem jungen Freunde und dem alten Mann,
+dessen Nase immer noch den großen glitzernden Tropfen trug. Der Greis
+schlief. Es war nicht gestattet, in solchen Lokalen zu schlafen, aber es
+war ein alltägliches Vorkommnis, daß alte Leute hier, nachdem sie
+gegessen hatten, einschliefen, aus einfacher, nicht mehr zu bezähmender
+Müdigkeit. Dieser Greis hatte vielleicht eine lange nutzlose
+Fußwanderung durch alle Straßen der Stadt hinter sich. Er mochte
+vielleicht um Arbeit nachgefragt haben, überall, wo ihn seine Gedanken
+nur leise hinweisen konnten. Immer müder geworden, hatte er es
+vielleicht trotzdem versucht, etwas an diesem Tag zu erreichen, hatte
+seine äußersten Kräfte angespannt, um einen Berg zu erklimmen, denn die
+Stadt liegt den Berg hinan, und war dort oben eben so schnell abgewiesen
+worden, als hier unten; zog wieder abwärts, den Tod im Herzen, mit
+zerbrochenen Kräften, bis hierher. Daß sich der Greis überhaupt
+vielleicht, wie man vermuten durfte, noch um Arbeit umgeschaut hatte,
+daß er noch den Willen hegte, zu arbeiten, er, der Greis, das nur zu
+denken hatte etwas Klägliches und Erschreckendes. Aber man konnte auf
+diesen Gedanken sehr wohl kommen. Dieser Greis hatte nirgends eine
+Heimat, als hier in diesem Lokal, aber auch hier nur auf Stunden, denn
+dann wurde das Lokal geschlossen. Deshalb vielleicht betete er, um dem
+furchtbaren Ernst seiner Lage eine leise, besänftigende Melodie zu
+verschaffen. Deshalb sagte er: »Ich bedarf des Gebetes.« Also nichts
+weniger als Hang zur Frömmelei war es, sondern das überaus traurige
+Bedürfnis, eine Hand zu spüren, die ihn liebkosen möchte, eine Kinder-
+oder Tochterhand zu fühlen, die leise und trostvoll über seine arme,
+zerfaltete Stirne hinstrich. Vielleicht hatte der alte Mann Töchter
+gezeugt, -- und nun er selber? Mit solchen Gedanken konnte sich leicht
+einer abgeben, der neben dem Alten saß und ihn so schlafen sah, den Kopf
+seltsam unbeweglich, die Hände den Kopf stützend. Klara sagte: »Ihr
+Bruder ist gekommen, Simon, in der Offiziersuniform, auch Ihre Schwester
+und dann noch ein Herr, mit Namen Sebastian.« Darauf bezahlte Simon, was
+er schuldig war, und sie gingen zusammen fort. Als sie fortgegangen
+waren, bemerkte eines der bedienenden Mädchen den schlafenden Mann, sie
+rüttelte und schüttelte ihn und sagte mit komischer Strenge: »Nicht
+schlafen da! Sie! Hören Sie nicht? Hier dürfen Sie nicht schlafen!« Da
+erwachte der alte Mann.
+
+ * * * * *
+
+Es gab einen herrlichen Abend nach diesem Tag. Alle Welt lustwandelte am
+schönen Seeufer entlang, unter den breiten, großblättrigen Bäumen. Wenn
+man hier, unter so vielen aufgeräumten, leise plaudernden Menschen,
+spazierte, fühlte man sich in ein Märchen versetzt. Die Stadt loderte im
+Feuer der untergehenden Sonne und später brannte sie, schwarz und
+dunkel, in der Glut und Nachglut der Untergegangenen. Die Sonne im
+Sommer hat etwas Wundervolles und Hinreißendes. Der See glitzerte im
+Dunkel, und die vielen Lichter schimmerten in der Tiefe des stillen
+Wassers. Herrlich sahen die Brücken aus; und wenn man über die Brücken
+ging, so sah man unten im Wasser die kleinen, dunklen Boote
+vorbeischießen; Mädchen in hellen Kleidern saßen in den Nachen, oft auch
+erklang aus einem größeren, langsam und feierlich dahinschwebenden,
+flachen Boote der warme, zur Nacht stimmende Ton einer Handharfe. Der
+Ton verlor sich in Schwarz und tauchte wieder tönend heraus, hell und
+warm, dunkel und herzenergreifend. Wie weit klang das einfache
+Instrument, von irgend einem Schiffsmann gespielt! Die Nacht schien noch
+größer und tiefer dadurch zu werden. Aus der weiten Uferferne
+schimmerten die Lichter der ländlichen Ansiedelungen herüber, als wären
+sie blitzende, rötliche Steine im dunklen, schweren Gewand von
+Königinnen. Die ganze Erde schien zu duften und still zu liegen wie ein
+schlafendes Mädchen. Das große, dunkle Rund des nächtlichen Himmels
+breitete sich über alle Augen aus, über die Berge und die Lichter. Der
+See hatte etwas Raumloses bekommen und der Himmel etwas den See
+Umspannendes, Einschließendes und Überwölbendes. Ganze Gruppen von
+Menschen bildeten sich. Junge Leute schienen zu schwärmen, und auf allen
+Bänken saßen dichtgedrängt ruhende, stille Menschen. Auch an
+flatterhaften, stolz kokettierenden Frauen fehlte es nicht und auch
+nicht an Männern, die nur diese Frauen im Auge behielten, die hinter
+ihnen hergingen, immer etwas zögernd und dann wieder vorstürmend, bis
+sie schließlich den Mut oder das Wort fanden, ihre Damen anzusprechen.
+Manch einem wurde an diesem Abend der Kopf gewaschen, wie man sich
+auszudrücken pflegt.
+
+Simon ging neben Klaus und war glücklich, seinem Bruder, der beständig
+fragte und fragte, durch treffende und einfache Antworten die
+Überzeugung beizubringen, daß er ein noch durchaus nicht verlorner
+Mensch sei. Er sprach mit einem gewissen Stolz und zugleich mit einem
+Tone der Demut vor dem reiferen Bruder, der nach manchen Dingen doch wie
+ein ungeschultes Kind fragte, aber eine liebevolle Besorgnis an den Tag
+legte. Sie sprachen in schönen, langen, gewundenen Sätzen, ganz wie von
+selber, und Klaus freute sich über seines Bruders Einsicht in so
+manches, wo er zuerst angenommen hatte, daß Simon, seinen Verhältnissen
+gemäß, darüber spotten und lachen würde. »Ich habe dich lange nicht für
+so ernst gehalten, als wie du dich zeigst!« Simon antwortete: »Es ist
+nicht meine Gewohnheit, zu zeigen, daß ich Ehrfurcht vor vielen Dingen
+besitze. So etwas pflege ich für mich zu behalten, denn ich denke, was
+nützt es, eine ernste Miene aufzusetzen, wenn man vom Schicksal dazu
+bestimmt, ich meine, vielleicht dazu erwählt ist, den Narren zu spielen.
+Es gibt viele, viele Schicksale, und vor ihnen will ich in allererster
+Linie meinen Nacken beugen. Es bleibt nicht anderes zu tun übrig. Im
+übrigen soll mir einer kommen mit der Zumutung, verdutzt und mutlos den
+Kopf hängen zu lassen. Ich habe es schon Verschiedenen gesagt, wie es in
+dieser Beziehung mit meinem Inneren steht.« -- Wenn Simon so sprach,
+redete er in fließenden Sätzen und mit richtiger Betonung, aber völlig
+ruhig und freundlich, so daß Klaus diese Aussprüche nicht als Weltgroll
+empfand, sondern als ein gewisses Suchen in seines jungen Bruders Seele
+nach Klarlegung seines eigenen Zustandes in Beziehung zur Welt. Er
+überzeugte sich davon, daß Simon tüchtige Eigenschaften besaß, aber er
+fürchtete ein bißchen, daß diese Eigenschaften nur oberflächlich,
+scheinbar nur spielend und lockend und tanzend ihn umgaben, während er
+wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rede redete sich
+solch eine Seele ja so leicht in eine Welt der Bravheit und schönen
+Tüchtigkeit hinein, um sich daran selber für Stunden zu berauschen,
+namentlich in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennoch
+hatte Klaus Freude an seinem Bruder und sprach mit sichtlichem Vergnügen
+allerhand Schönes und Tröstendes zu ihm. Hinter ihnen, in einiger
+Entfernung, gingen, eng aneinander gedrängt, Klara und Kaspar. Der Maler
+war berauscht von der Schönheit und von der Musik der Nacht. Er
+phantasierte von Pferden, die durch nächtliche Gärten galoppierten,
+schöne, schlanke Reiterinnen tragend, deren Röcke am Boden mit den Hufen
+der Pferde spielten. Dann lachte er über alles mit einem frechen,
+unbändigen Lachen, über die Menschen, über die Landschaft, einfach über
+alles, was ihm vor das Auge kam. Klara versuchte gar nicht, ihn zu
+besänftigen, im Gegenteil, sie hatte Freude an dieser Ungebundenheit
+eines schönen Geistes. Wie liebte sie das Jugendliche, das Freche, ja
+sogar das Sich-Überhebende in dieser Knabennatur, die sich
+hinüberarbeitete zur Mannesnatur. Er mochte das Tollste schwatzen, das
+ihr wahrscheinlich aus dem Munde eines anderen würde lächerlich und
+blöde geklungen haben, aber an ihm liebte sie es. Was hatte dieser
+Mensch, daß sie ihn so ohne Bedingung schön finden mußte, in allen
+Lagen, in jeder Gebärde, im Benehmen, Tun, Lassen, Reden und
+Stillschweigen? Er schien ihr allen übrigen Menschen gewachsen, allen
+andern Männern überlegen zu sein, und er war kaum ein Mann. Sein
+Schritt, wie sollte sie sagen, hatte für sie etwas Läppisches und
+zugleich Gebietendes. Der ganze junge Mensch nicht die Spur des
+Aufgeregtseins und doch etwas Schüchternes, Dummes, Tief-Kindliches. So
+gelassen und so schnell in Flammen! Sie sah, wie seine Haare im Dunkel
+hell hervorleuchteten, jugendlich und wellenhaft. Dazu sein Schritt und
+das Tragen des Kopfes mit solchem bescheidenen, fragenden, sinnenden
+Stolz. Wie dieser Jüngling träumen mußte, wenn er an jemand dachte.
+Kaspar war stiller geworden. Sie sah ihn immer an, immer! Hier, in
+dieser Nacht voll umherwandelnder Menschen war es schön, zum vergehen
+schön, ihn anzuschauen. Ihn anzuschauen, das fand sie schöner, als ihn
+küssen. Seinen Mund sah sie schmerzvoll geöffnet; gewiß dachte er weiter
+nichts, nein, gar keine Rede; es war eben nur die Stellung der Lippen,
+die den Eindruck des Schmerzlichen hervorrief. Seine Augen waren kalt
+und ruhig in die Ferne gerichtet, als wüßten sie dort Besseres zu sehen.
+Sie schienen zu sprechen: »Wir, wir sehen Schönes; quält euch doch
+nicht, ihr andern Menschenaugen, ihr werdet es ja doch nie sehen, was
+wir sehen!« Seine Augenbrauen bogen sich entzückend leicht und wie
+besorgt, als wenn sie Engel gewesen wären, über ihre Kinder, die Augen,
+die so aussahen und in die Welt blickten, als könnten sie jeden
+Augenblick verletzt werden. »Gewiß, eines jeden Menschen Auge ist leicht
+verletzbar, aber wenn ich seine betrachte, so tut es mir auf einmal so
+weh, so, als sähe ich sie schon von Splittern verletzt. Sie sind so
+groß, treten so weit hervor, scheinen sich um nichts zu kümmern, sind so
+achtlos und immer so groß geöffnet; wie leicht können sie verletzt
+werden!« jammerte sie. Sie wußte nicht einmal, ob er sie liebte, aber
+was machte das aus, sie, sie liebte ihn ja, das genügte, ja, das mußte
+so sein, sie war dem Weinen nahe. Da kamen Simon und Klaus
+zurückgegangen, um die andern aufzusuchen. Klara beherrschte sich, so
+gut sie konnte, nahm Simon beim Arm und ging mit ihm voraus. »Laß mich
+in deine Augen sehen, du hast so schöne Augen, Simon, Augen, in deren
+Anblick man liegt wie im Bett, wenn alles beruhigt ist und man betet,«
+sprach sie zu ihm.
+
+Klaus und Kaspar gingen schweigend. Sie wollten einander nicht mehr
+verstehen, seit vor ein paar Jahren ein kleiner Zwist zwischen ihnen
+ausgebrochen war, und seither hatten sie sich nie mehr gesehen und auch
+nie geschrieben. Klaus nahm sich das sehr zu Herzen, während Kaspar es
+einfach als eine Art Notwendigkeit hingehen ließ. Er sagte sich, daß es
+ganz in der Ordnung der Dinge liege, einmal auch von einem Bruder nicht
+begriffen zu werden. Er mochte nicht den Kopf zurückwenden nach
+vergangenen Angelegenheiten, die er übrigens, eben weil sie vorüber
+waren, als für weiterer Gedanken nicht wert hielt. Seine Art war,
+geradeaus zu marschieren; er hielt das Zurückblicken auf alte
+Beziehungen für schädlich. Nun fing, da ihm das Schweigen Kaspar
+gegenüber unerträglich wurde, Klaus an, von der Kunst des Bruders zu
+sprechen und ermunterte ihn, doch einmal nach Italien zu gehen, um da
+die gehörige Reife als Künstler zu erlangen.
+
+Kaspar rief aus: »Lieber will ich gleich vom Teufel geholt werden! Nach
+Italien! Warum nach Italien? Bin ich krank, und soll ich etwa gesund
+werden in dem Lande der Orangen und Pinien? Was brauche ich denn nach
+Italien zu gehen, wenn ich hier sein kann und es mir hier ganz gut
+gefällt? Könnte ich in Italien vielleicht Besseres tun, als malen, und
+kann ich etwa hier nicht malen? Du meinst, weil es so schön in Italien
+ist, müsse ich dahin gehen. Ist es denn etwa hier nicht schön genug?
+Kann es dort schöner sein, als hier, da, wo ich bin, wo ich schaffe, wo
+ich tausend Schönheiten sehe, die fortleben, wenn ich längst vermodert
+bin? Ist es möglich, nach Italien zu gehen, wenn man schaffen will? Sind
+in Italien die Schönheiten schöner als hier? Sie sind vielleicht nur
+anspruchsvoller, und eben deshalb will ich sie lieber gar nicht sehen.
+Wenn ich in sechzig Jahren so weit bin, eine Welle oder eine Wolke,
+einen Baum oder ein Feld malen zu können, so wollen wir sehen, ob es
+klug getan war, nicht in Italien gewesen zu sein. Kann mir etwas
+entgehen, diese Tempelsäulen, diese Allerweltsrathäuser, diese Brunnen
+und Bogen, diese Pinien und Lorbeerbäume, diese italienischen Trachten
+und Prachtbauten nicht gesehen zu haben? Muß man mit den Augen denn
+alles auffressen wollen? Ich könnte jedesmal außer mir geraten, wenn man
+mir zumutet, die Absicht zu haben, in Italien ein besserer Künstler zu
+werden. Italien, das ist unsere Falle, in die wir hineinpatschen, wenn
+wir turmhoch dumm sind. Kommen die Italiener zu uns, wenn sie malen oder
+dichten wollen? Was nützt es mir, wenn ich mich an vergangenen Kulturen
+berausche? Habe ich damit meinen Geist, wenn ich ehrlich mit mir
+abrechnen will, bereichert? Nein, ich habe ihn bloß verpfuscht und feige
+gemacht. Mag eine alte, untergegangene Kultur noch so herrlich gewesen
+sein, mag sie immerhin die unsrige an Stärke und Pracht überragen, so
+schnüffle ich deshalb noch lange nicht wie ein Maulwurf darin herum,
+sondern betrachte sie eben, wenn es angeht und es mir Spaß macht, aus
+Büchern, die mir zu jeder Zeit zu Diensten sind. So sehr schätzenswert
+ist übrigens das Verlorene und Vergangene niemals; denn ich erblicke
+rund um mich, in unserer oft als so unschön und unhold verschrieenen
+Gegenwart Bilder die Menge, die mich entzücken, und Schönheiten, beide
+Augen zum Überfließen voll. Ich könnte zornig werden und aus der Haut
+fahren bei dieser Italienraserei, die etwas seltsam Beschämendes für uns
+ist. Es kann sein, daß ich mich irre, aber keine zwanzig borstigen
+Teufel, und wenn sie die Luft neben mir verpesteten und ihre
+scheußlichen Gabeln schwenkten, brächten mich nach Italien.«
+
+Klaus wurde betroffen und traurig über Kaspars Heftigkeit, die Dinge zu
+messen. So war er immer gewesen, und auf diese Art konnte es nicht
+vorauszusehen sein, wie man in eine ersprießliche Verbindung mit ihm
+treten könnte. Er schwieg und reichte ihm die Hand; denn man war vor der
+Wohnung Klausens angekommen.
+
+In seinem einförmigen Zimmer angekommen, sagte er sich: »So habe ich ihn
+nun zum zweiten Male verloren, durch eine ganz unschuldige, gutgemeinte,
+aber in der Tat etwas unvorsichtige Äußerung. Ich kenne ihn zu wenig,
+das ist alles, und ich werde ihn vielleicht nie kennen lernen. Unsere
+Lebensläufe sind zu verschieden. Aber vielleicht führt uns ein anderes
+Mal die Zukunft, die man ja nie ergründet, zusammen. Man muß warten und
+es ertragen, langsam ein reiferer, besserer Mensch zu werden.« Er kam
+sich so einsam vor und beschloß, bald wieder abzureisen, an seinen
+Wirkungsort zurück.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+
+Sebastian war ein junger Poet, der seine Verse von einer kleinen Bühne
+herab dem Publikum vortrug. Er pflegte sich dabei durch sein Ungestüm
+immer ein wenig lächerlich zu machen. Er war in jungen Jahren seinen
+Eltern durchgebrannt, hatte mit sechzehn Jahren in Paris gelebt und war
+mit zwanzig zurückgekommen. Sein Vater war Musikdirektor in der kleinen
+Stadt, wo auch Hedwig, die Schwester der drei Brüder, zu Hause war. Dort
+trieb Sebastian ein merkwürdig tagediebisches Wesen, saß oder lag
+tagelang in einer hochgelegenen, verstaubten Kammer, ausgestreckt auf
+einem schmalen Bett, in dem er des Nachts schlief, ohne sich die Mühe zu
+nehmen, es für den Schlaf in Ordnung zu bringen. Seine Eltern hielten
+ihn für verloren und ließen ihn tun, was er wollte. Geld gaben sie ihm
+nicht, denn sie hielten es für unangebracht, mit Geldspenden den
+Ausschweifungen ihres Sohnes entgegenzukommen, denen sie ihn ausgesetzt
+wußten. Zu einem ernsthaften Studium war Sebastian nicht mehr zu
+bewegen; er trieb sich, irgend ein Buch unter dem Arm oder in der
+Tasche, auf den Bergen, in den Wäldern umher, kam oft mehrere Tage lang
+nicht nach Hause, übernachtete, wenn das Wetter nur einigermaßen es
+gestattete, in verfallenen, von keinem Menschen, nicht einmal von wilden
+und rauhen Hirten benutzten Hütten, auf Weiden, die dem Himmel näher
+lagen als irgend einer menschlichen Zivilisation. Er trug immer
+denselben zerschossenen Anzug aus hellgelbem Tuch, ließ sich den Bart
+wachsen, legte aber sonst sehr viel Wert darauf, angenehm und sauber zu
+erscheinen. Seine Fingernägel pflegte er mehr als seinen Verstand, den
+er einfach verwildern ließ. Er war schön, und da es bekannt war, daß er
+dichtete, so verbreitete sich um seine Person ein halb lächerlicher,
+halb wehmütiger Zauberschein, und es gab viele vernünftige Menschen in
+der Stadt, die den jungen Mann aufrichtig bemitleideten und sich seiner,
+wo sie nur konnten, aufs herzlichste annahmen. Man lud ihn, da er ein
+vortrefflicher Gesellschafter war, öfters zu Abendgeselligkeiten ein,
+und entschädigte ihn solchermaßen ein wenig dafür, daß ihm die Welt
+weiter keine Aufgaben stellte, die seinen Drang nach Betätigung hätten
+befriedigen können. Sebastian besaß in hohem Grade diesen Drang, aber er
+war zu sehr aus dem Geleise des allgemein gültigen und vorgeschriebenen
+Strebens hinausgekommen. Er strebte vielleicht zu wild, und nun, da er
+einsah, daß sein Streben ihm nichts half, mochte er gar nicht mehr
+streben. Er spielte seine eigenen Lieder, die er gedichtet hatte, auch
+auf der Laute und sang mit angenehmer, weicher Stimme dazu. Das einzige
+Unrecht, allerdings ein großes, das man ihm angetan hatte, bestand
+darin, daß man ihn, schon als Schulknaben, verhätschelte und ihm half,
+sich einzubilden, daß er so etwas wie ein genialer Bursche sei. Wie
+bohrte sich solch eine stolze Einbildung in das empfängliche Knabenherz
+hinein! Erwachsene Frauen bevorzugten den Umgang mit dem frühreifen,
+allesverstehenden Knaben, der ihnen einen unvergleichlichen Reiz
+einflößte, auf Kosten seiner eigenen menschlichen Entwicklung. Sebastian
+pflegte oft zu sagen: »Meine Glanzzeit liegt längst hinter mir.« Es war
+schrecklich, einen so jungen Mann so sprechen zu hören. In der Tat, was
+er auch machte, bezweckte, einleitete und tat, er tat es mit müdem,
+kaltem, halbem Herzen, und so tat er eben nichts, er spielte bloß noch
+mit sich. Hedwig sagte einmal zu ihm: »Sebastian, hören Sie, ich glaube,
+Sie weinen oft über sich selber.« Er nickte mit dem Kopf und bestätigte
+es. Hedwig bemitleidete ihn und steckte ihm manchmal etwas an Geld oder
+dergleichen zu, um ihm das Leben etwas freundlicher zu machen. So nahm
+sie ihn auch diesmal auf die kleine Reise mit, zu ihren Brüdern. An dem
+Abend, an dem Klara so selig war, Klaus traurig und einsam, Simon
+glücklich, Kaspar aufgebracht und übermütig, wandelten die beiden,
+Hedwig und ihr Poet, langsam und stillschweigend, ebenfalls am Ufer
+entlang. Was konnte man sprechen; so schwieg man eben. Kaspar kam ihnen
+entgegen:
+
+»Wie ich höre, arbeiten Sie an einem Gedicht, das den Inhalt Ihres
+Lebens widerspiegeln soll. Wie können Sie ein Leben wiedergeben wollen,
+wo Sie doch kaum eines erlebt haben. Sehen Sie sich einmal an: wie stark
+und jung Sie sind, und das will sich hinter den Schreibtisch verkriechen
+und in Versen sein Leben besingen. Machen Sie das, wenn Sie fünfzig alt
+sind. Ich finde es übrigens beschämend für einen jungen Mann, Verse zu
+verfertigen. Das ist keine Arbeit, sondern nur ein Schlupfwinkel für
+Müßiggänger. Ich wollte nichts sagen, wenn Ihr Leben fertig und
+abgeschlossen wäre durch irgend ein großes besänftigendes Erlebnis, das
+den Menschen berechtigt, Rückschau zu halten auf Fehler, Tugenden und
+Verirrungen. Sie aber scheinen noch nie gefehlt zu haben und scheinen
+auch noch nie eine gute Tat begangen zu haben. Dichten Sie erst, wenn
+Sie als Sünder oder als Engel dastehen. Dichten Sie lieber überhaupt gar
+nicht.« --
+
+Kaspar hatte keine gute Meinung von Sebastian; deshalb machte er sich
+auch über ihn lustig. Für tragische Menschen fehlte ihm überhaupt jedes
+Verständnis, oder vielmehr, weil er sie zu leicht und zu gut verstand,
+achtete er sie nicht. Überdies befand er sich heute abend in einer
+diabolischen Laune.
+
+Hedwig ergriff für den armen Beleidigten, der sich nicht wehren konnte,
+das Wort: »Das war nichts weniger als schön gesprochen von dir, Kaspar,«
+rief sie ihrem Bruder mit der Wärme, die ihr die Lust an der
+Verteidigung gab, zu, »und nichts weniger als klug. Es macht dir Freude,
+einen Menschen zu verletzen, den alle Menschen um seines Unglücks willen
+schonen und achten sollten. Lache, so viel du willst. Du bereust doch,
+was du gesagt hast. Kennte ich dich nicht so genau, so müßte ich dich
+für einen rohen Burschen halten, für einen Quäler. So gut man einen
+armen Menschen, einen Wehrlosen, peinigen kann, so gut kann man auch ein
+armes Tier quälen. Wehrlose reizen nur zu leicht in den Starken die Lust
+am Schmerzzufügen. Sei doch froh, wenn du dich stark fühlen kannst und
+laß Schwächere in Frieden. Es wirft einen schlechten Schein auf deine
+Stärke, wenn du sie mißbrauchst, um Schwache zu plagen. Warum genügt es
+dir nicht, auf festen Füßen zu stehen, mußt du deinen Fuß noch auf den
+Nacken von Schwankenden und Suchenden setzen, daß sie noch mehr irr an
+sich werden und hinab, ganz hinab taumeln in die Wellen des
+An-Sich-Selbst-Verzweifelns? Müssen denn Selbstvertrauen, Mut, Stärke
+und Zielbewußtheit immer die Sünde begehen, roh und mitleidlos und so
+taktlos gegen die andern zu verfahren, die ihnen doch gar nicht im Wege
+sind, die dastehen und begierig auf die Töne des Ruhmes, der Achtung und
+des Erfolges horchen, die andern gelten? Ist es edel und gut, eine sich
+sehnende Seele zu beleidigen? Dichter sind so leicht verletzbar; o man
+verletze nie die Dichter. Übrigens spreche ich jetzt gar nicht von dir,
+Kasparchen; denn was bist du denn schon so Großes in der Welt? Auch du
+bist vielleicht noch nichts und hast keine Ursache, Menschen zu
+verhöhnen, die ebenfalls noch nichts sind. Wenn du mit dem Schicksal
+ringst, so laß doch andere, so wie sie's eben verstehen, auch ringen.
+Ihr seid beide Ringende und bekämpft euch? Das ist sehr töricht und
+unklug. Es gibt für euch beide, durch allerhand Tücken und Verirrungen
+und Verheißungen und Mißerfolge in eurer Kunst Schmerzen genug, müßt ihr
+es da darauf abgesehen haben, euch noch mehr Schmerz zuzufügen? Ich
+würde in Wahrheit Bruder zu einem Dichter sein, wenn ich ein Maler wäre.
+Man blicke auch nie zu früh verächtlich auf einen Fehlenden oder
+scheinbar Trägen und Tatlosen hernieder. Wie schnell kann sich aus
+langen, dumpfen Träumen seine Sonne, seine Dichtung erheben! Nun dann:
+wie stehen dann die voreiligen Verächter da? Sebastian ringt ehrlich mit
+dem Leben, schon das sollte ein Grund zur Achtung und Liebe sein. Wie
+kann man sich über sein weiches Herz lustig machen? Schäm' dich nur,
+Kaspar, und gib mir nie wieder Anlaß, wenn du eine Spur von Liebe für
+deine Schwester hegst, mich so über dich zu ereifern. Ich tu es nicht
+gern. Ich schätze Sebastian, weil ich weiß, daß er den Mut hat, seine
+vielen Fehler einzugestehen. Übrigens, das ist alles geschwatzt und
+wieder geschwatzt, du kannst ja gehen, wenn es dir nicht paßt, mit uns
+zu gehen. Was machst du nun für ein Gesicht, Kaspar! Weil dir ein
+Mädchen, das den Vorzug genießt, deine Schwester sein zu dürfen, einen
+Vortrag hält, willst du böse sein? Nein, sei es nicht. Bitte. Und du
+darfst dich ja gewiß auch über den Dichter lustig machen. Warum nicht.
+Ich nahm es zu ernst vorhin. Vergib mir.« --
+
+Ein feines, schüchternes, aber zärtliches Lächeln spielte im Dunkeln um
+Sebastians Lippen. Hedwig machte sich mit dem Bruder solange
+schmeichelnd zu schaffen, bis er wieder heiter wurde. Er gab dann eine
+komische Nachahmung ihrer schwungvollen Rede zum besten, daß alle drei
+in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Sebastian namentlich krümmte
+sich vor Lachen. Allmählich war unter den Bäumen alles still und leer
+geworden; die Menschen waren in ihre Häuser zurückgegangen, die Lichter
+träumten, aber es waren viele Lichter gelöscht worden, die Ferne
+glitzerte nicht mehr. Dort, auf dem ländlichen Boden, schien man die
+Lichter früher zu löschen; die fernen Berge lagen jetzt wie tote,
+schwarze Körper, aber noch gab es einzelne Menschenpaare, die nicht heim
+gingen, sondern die Absicht zu haben schienen, die ganze Nacht unter dem
+Himmel plaudernd und wachend zu verbringen.
+
+ * * * * *
+
+Simon und Klara saßen, in stille, lange Gespräche versunken, auf einer
+Bank. Sie hatten sich so viel zu sagen, hätten eigentlich endlos
+plaudern mögen. Klara würde immer über Kaspar gesprochen haben und Simon
+immer über die, die neben ihm saß. Er hatte eine seltsame, freie, offene
+Manier, über Menschen zu reden, die gerade seine Gefährten waren, die
+neben ihm saßen oder standen und ihm zuhorchten. Es kam von selber, er
+fühlte immer für die am stärksten, die ihn zum Sprechen veranlaßten, und
+sprach infolgedessen über sie und nicht über Abwesende. Klara dachte nur
+an den Abwesenden. »Quält es dich nicht,« fragte sie, »daß wir nur über
+ihn sprechen?« »Nein,« erwiderte Simon, »seine Liebe ist die meine. Ich
+habe mich immer gefragt, wird nie einer von uns lieben? Ich betrachtete
+es immer als etwas Wundervolles, für das wir beide zu schlecht wären.
+Ich las viel in Büchern über Liebe, ich liebte immer die Liebenden.
+Schon als Schulknabe lag ich über solchen Büchern stundenlang gebeugt
+und bebte und zitterte und erschrak mit meinen Liebenden. Da war fast
+immer eine stolze Frau und ein noch unbeugsamerer Charakter von Mann,
+ein Arbeiter in der Bluse oder ein simpler Soldat. Die Frau war immer
+eine vornehme Dame. Für ein Liebespaar von einfachen Leuten hätte ich
+damals keinen Sinn gehabt. Meine Sinne wuchsen mit diesen Büchern auf
+und gingen darin unter, wenn ich das Buch schloß. Dann kam ich ins Leben
+und vergaß das alles. Ich biß mich in Freiheitsgedanken fest, aber ich
+träumte davon, eine Liebe zu erleben. Was nützt es mir, böse zu sein,
+daß die Liebe nun da ist und nicht mir gilt? Wie kindisch. Beinahe bin
+ich sogar froh, daß sie nicht mich will, sondern einen andern, ich
+möchte sie zuerst gesehen haben und sie erst dann erleben. Doch ich
+erlebe sie nie. Ich glaube, das Leben will anderes von mir, hat anderes
+mit mir vor. Es läßt mich alles lieben, was es nur an Erscheinungen mir
+zuwirft. Ich darf dich doch lieben, Klara, auf andere, vielleicht
+dümmere Weise. Ist es nicht dumm, daß ich so genau weiß, daß ich, wenn
+du es willst, sterben könnte für dich, sterben wollte? Kann ich nicht
+sterben für dich? Ich würde es ganz selbstverständlich finden. Ich lege
+keinen Wert auf mein Leben, nur Wert auf anderer ihr Leben, und trotzdem
+liebe ich das Leben, aber ich liebe es deshalb, weil ich hoffe, daß es
+mir Gelegenheit verschafft, es anständigerweise wegzuwerfen. Nicht wahr,
+das ist töricht gesprochen? Laß mich deine beiden Hände küssen, damit du
+die Empfindung hast, daß ich dir angehöre. Natürlich bin ich nicht dein
+und du wirst nie etwas von mir verlangen wollen, denn was könnte dir
+einfallen, von mir zu verlangen. Aber ich liebe Frauen von deinem
+Schlag, und einer Frau, die man liebt, macht man gerne ein Geschenk, und
+so schenke ich dir mich, weil ich kein besseres Geschenk weiß. Ich kann
+dir vielleicht nützlich sein, ich kann springen für dich mit diesen
+meinen Beinen, ich kann den Mund halten, wo du wünschen solltest, daß
+einer für dich schweigen möchte, ich kann lügen, wenn du in den Fall
+kommst, dich eines schamlosen Lügners bedienen zu müssen. Es gibt edle
+Fälle dieser Art. Ich kann dich tragen in meinen Armen, wenn du umfallen
+solltest, und ich kann dich über Pfützen heben, damit du deinen Fuß
+nicht beschmutzest. Sieh einmal meine Arme an. Kommen sie dir nicht vor,
+als höben, als trügen sie dich schon? Was würdest du lächeln, wenn ich
+dich trüge, und ich würde ebenfalls lächeln, denn ein Lächeln, wenn es
+kein unzartes ist, zwingt immer das andere hervor. Dieses Geschenk, das
+ich dir mache, ist ein bewegliches und ewiges; denn der Mensch, auch der
+simpelste, ist ewig. Ich werde dir noch angehören, wenn du längst nichts
+mehr bist, nicht einmal ein Stäubchen; denn das Geschenk überdauert
+immer den Beschenkten, damit es trauern kann, das es seinen Besitzer
+verloren hat. Ich bin zum Geschenk geboren, ich gehörte immer jemandem
+an, es verdroß mich, wenn ich einen Tag lang umherirrte und niemanden
+fand, dem ich mich anbieten konnte. Nun gehöre ich dir an, obgleich ich
+weiß, daß du dir wenig machst aus mir. Du bist gezwungen, dir wenig aus
+mir zu machen. Geschenke pflegt man bisweilen zu verachten. Ich zum
+Beispiel, wie verächtlich denke ich in meiner Seele von Geschenken. Ich
+hasse förmlich das Beschenktwerden. Deshalb will es auch das Schicksal,
+daß mich niemand liebt; denn gut und allsehend ist das Schicksal. Ich
+würde Liebe nicht ertragen können, denn ich kann Lieblosigkeit ertragen.
+Den darf man nicht lieben, der lieben will, sonst würde man ihn nur
+stören in seiner Andacht. Ich möchte nicht, daß du mich liebtest. Und
+sieh, daß du den andern liebst, macht mich so glücklich; denn nun,
+versteh mich, gibst du mir die Bahn frei, dich lieben zu dürfen. Ich
+liebe Gesichter, die sich von mir ab, einem andern Gegenstand zu wenden.
+Die Seele, die eine Malerin ist, liebt diesen Reiz. Ein Lächeln ist so
+schön, wenn es über eine Lippe geht, die man ahnt, nicht sieht. So wirst
+du mir gefallen. Glaubst du, daß du nicht nötig hättest, mir zu
+gefallen? Doch jetzt fällt es mir ein: Du brauchst mir nicht zu
+gefallen, du hast es wirklich nicht nötig; denn ich bin dir gegenüber
+keines Urteils fähig, höchstens einer Bitte; doch ich weiß nicht mehr,
+was ich rede.«
+
+Klara weinte über seine Erklärung. Sie hatte ihn längst nahe zu sich
+herangezogen und befühlte mit ihren schönen Händen, die von der
+Nachtluft kühl geworden waren, seine brennenden Wangen. »Was du mir da
+sagtest, hättest du gar nicht zu sagen brauchen, ich wußte es ja doch,
+wußte es ja doch, wußte -- es -- ja -- doch.« -- Ihre Stimme nahm
+diejenige Zärtlichkeit an, die man anwendet, wenn man Tieren, denen man
+ein bißchen weh getan hat, wieder Liebe und Zutraulichkeit einflößen
+will. Sie war glücklich, und ihre Stimme lispelte in den langgezogenen
+und hohen Tönen der Freudigkeit. Ihr ganzer Körper schien mitzusprechen,
+als sie sagte: »Du tust so gut daran, mich zu lieben, jetzt, da ich
+lieben muß. Ich werde jetzt noch einmal so freudig lieben. Vielleicht
+werde ich einmal unglücklich sein, aber mit welcher Wonne werde ich
+unglücklich sein. Es macht uns Frauen nur einmal im Leben Freude,
+unglücklich zu sein, aber wir verstehen es, das Unglück auszukosten.
+Aber wie kann ich von Schmerzen zu dir sprechen. Sieh, es empört mich
+bereits, davon nur gesprochen zu haben. Wie kann ich es wagen, dich bei
+mir zu haben und nicht an mein Glück zu glauben? Du machst einen
+glauben, du machst, daß man glauben darf. Bleibe immer mein Freund. Du
+bist mein süßer Knabe. Deine Haare gleiten durch meine Hände, und dein
+Kopf voll so unergründlicher Gedanken der Freundschaft liegt mir im
+Schoße. Ich komme mir schön vor so; du machst mich das empfinden. Du
+mußt mich küssen. Auf meinen Mund mußt du mich küssen. Ich will eure
+Küsse vergleichen, Kaspars und deine. Ich will denken, daß er mich küßt,
+wenn du mich küssest. Ein Kuß ist doch etwas Wundervolles. Wenn du mich
+jetzt küssest, küßt mich eine Seele, kein Mund. Hat dir Kaspar gesagt,
+wie ich ihn geküßt habe und wie ich ihn bat, daß er mich küssen solle?
+Er muß anders küssen, er soll küssen lernen wie du, doch nein, warum
+sollte er küssen wie du? Er küßt so, daß ich ihn gleich wieder küssen
+muß, du küssest so, daß man sich noch einmal von dir küssen läßt, so,
+wie du es jetzt tust. Behalte mich lieb, sei immer so lieb, und küsse
+mich noch einmal, daß ich, wie du vorhin gesagt hast, die Empfindung
+habe, daß du mir angehörst. Ein Kuß macht das so verständlich. Wir
+Frauen wollen so belehrt werden. Du verstehst Frauen eigentlich sehr
+gut, Simon. Man sollte es dir nicht anmerken. Komm nun, wir wollen
+gehen!«
+
+Sie erhoben sich, und als sie eine Weile gegangen waren, trafen sie auf
+die drei andern. Hedwig nahm Abschied von ihren Brüdern und Frau Klara.
+Sebastian begleitete das Mädchen. Als die beiden sich entfernt hatten,
+fragte Klara Kaspar leise: »Darfst du deine Schwester der Begleitung
+dieses Herrn anvertrauen?« Kaspar antwortete: »Würde ich es tun lassen,
+wenn ich es nicht ruhig dürfte?«
+
+Als sie nach Hause kamen, hörten sie im Wald einen Schuß fallen. »Er
+schießt wieder,« sagte leise Klara. »Was will er mit seinem Schießen?«
+fragte Kaspar, und Simon kam lachend mit der raschen Antwort zuvor: »Er
+schießt, weil es ihm noch sonderbar vorkommt. Es liegt noch bis jetzt
+eine Art Idee dahinter. Wann es aufgehört hat, interessant zu sein, wird
+er es schon bleiben lassen.« Schon hörte man wieder einen Schuß. Klara
+runzelte die Stirn und seufzte, und versuchte dann, die Ahnungen, die
+sie hatte, in einem Lachen zu ersticken. Aber es war ein grelles Lachen,
+und die Brüder erbebten auf einen Augenblick.
+
+»Du benimmst dich seltsam,« sagte Agappaia, der plötzlich unter der
+Haustüre erschien, eben, als sie eintreten wollten, zu seiner Frau.
+Diese schwieg, als hätte sie nichts gehört. Dann legten sie sich alle
+schlafen.
+
+Noch in derselben Nacht schrieb Klara, die keinen Schlaf fand, an
+Hedwig:
+
+»Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben.
+Ich kann nicht schlafen, finde keine Ruhe. Ich sitze hier, halb
+ausgezogen, vor meinem Schreibtisch, und bin gezwungen, so hin und her
+zu träumen. Es deucht mich, daß ich an alle Menschen Briefe schreiben
+könnte, an jeden beliebigen Unbekannten, an jedes Herz; denn alle
+Menschenherzen zittern für mich vor Wärme. Heute, als Sie mir die Hand
+reichten, sahen Sie mich so lange an, fragend, und mit einer gewissen
+Strenge, als wüßten Sie bereits, wie es mit mir steht, als fänden Sie,
+daß es schlimm mit mir stehe. Sollte es in Ihren Augen schlimm mit mir
+stehen? Nein, ich glaube nicht, daß Sie mich verdammen, wenn Sie alles
+wissen werden. Sie sind so ein Mädchen, vor dem man keine Geheimnisse
+haben mag, dem man alles sagen will, und ich will Ihnen alles sagen,
+damit Sie alles wissen, damit Sie mich lieben können; denn Sie werden
+mich lieb haben, wenn Sie mich kennen, und ich begehre darnach, von
+Ihnen geliebt zu werden. Ich träume davon, alle schönen und klugen
+Mädchen um mich geschart zu sehen, als Freundinnen und Beraterinnen und
+auch als meine Schülerinnen. Sie wollen, hat mir Kaspar gesagt, Lehrerin
+werden und sich der Erziehung der kleinen Kinder opfern. Ich möchte auch
+Lehrerin werden, denn Frauen sind zu Erzieherinnen wie geboren. Sie
+wollen etwas werden, wollen etwas sein: das paßt zu Ihnen, das
+entspricht dem Bilde, das ich mir von Ihnen mache. Er entspricht auch
+der Zeit, in der wir leben, und der Welt, die ein Kind dieser Zeit ist.
+Das ist schön von Ihnen, und wenn ich ein Kind hätte, würde ich es zu
+Ihnen in die Schule schicken, würde es ganz Ihnen überlassen, so daß es
+sich daran gewöhnen müßte, Sie als eine Mutter zu verehren und zu
+lieben. Wie werden die Kinder zu Ihnen emporblicken, um zu sehen, an
+Ihren Augen, ob Sie strenge blicken oder gütig. Wie werden sie jammern
+in ihren kleinen, blühenden Herzen, wenn sie Sie mit Sorgen im Gesicht
+in die Stunde kommen sehen; denn Kindern ist Ihre Seele verständlich.
+Sie werden nicht lange mit unartigen Kindern zu tun haben; denn ich
+denke mir, selbst die unartigsten und verzogensten unter ihnen werden
+sich in kurzer Zeit ihrer Unarten vor Ihnen schämen und es bereuen,
+Ihnen Schmerz eingeflößt zu haben. Ihnen gehorchen, Hedwig, wie muß das
+süß sein. Ich möchte Ihnen gehorchen, möchte ein Kind werden und die
+Lust empfinden, Ihnen folgsam sein zu dürfen. Sie wollen in ein kleines,
+stilles Dorf ziehen! Um so schöner. Dann werden Sie Dorfkinder zu
+unterrichten haben, die noch besser zu erziehen sind als die Kinder der
+Städte. Aber Sie würden auch in der Stadt Erfolge erzielen. Sie sehnen
+sich nach dem Lande, nach den niederen Häusern, nach den Gärtchen vor
+den Häusern, nach den Menschengesichtern, die man dort sieht, nach dem
+Fluß, der vorbeirauscht, nach dem einsamen, entzückenden Seeufer, nach
+den Pflanzen, die man im stillen Walde sucht und findet, nach den Tieren
+auf dem Lande, nach der Welt auf dem Lande. Sie werden alles finden;
+denn Sie passen dahin. Man paßt dahin, wohin man sich sehnt. Gewiß
+finden Sie dort eines Tages die Antwort auf die Frage, wie man es zu
+machen habe, daß man glücklich sei. Sie sind jetzt schon glücklich, und
+ich fühle wohl, wie gern ich Ihre Munterkeit besitzen möchte. Wenn man
+Sie sieht, möchte man glauben, daß man Sie schon längst gekannt hätte
+und daß man auch wüßte, wie Ihre Mutter aussieht. Andere Mädchen findet
+man hübsch, ja schön, aber von Ihnen möchte man gekannt und geliebt
+sein, sowie man Sie nur ansieht. Sie haben etwas Lockendes, beinahe
+Großmütterliches in Ihrem jungen, hellen Gesicht; vielleicht ist das das
+Ländliche, was Sie an sich haben. Ihre Mutter war Bäuerin? Sie muß eine
+schöne, liebe Bäuerin gewesen sein. Sie hat viel gelitten in der Stadt,
+sagte mir einmal Kaspar; das glaube ich; denn ich meine sie vor mir
+sehen zu sollen, diese Ihre Mutter. Sie soll sich stolz betragen haben
+und darunter gelitten haben. Freilich; denn in der Stadt darf sich ein
+Mensch nicht so stolz betragen wie auf dem Lande, wo sich eine Frau
+leicht als freie Herrin vorkommt. Ich möchte Ihnen ein bißchen damit
+gefallen daß ich von Ihrer Mutter spreche, die Sie, als die Arme
+gebrochen und krank war, gepflegt und besorgt haben. Ich habe auch ein
+Bild Ihrer Mutter gesehen und verehre und liebe sie, wenn Sie mir
+erlauben, das zu tun. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich es dann noch viel
+inniger tun. Könnte ich sie sehen, könnte ich ihr zu Füßen fallen und
+ihre Hand nehmen und meine Lippen darauf pressen. Wie wohl würde mir das
+tun. Es gliche einem einstweiligen, teilweisen, armen Schuldenbezahlen;
+denn ich bin ihre Schuldnerin und auch Ihre, Hedwig. Ihr Bruder Kaspar
+wird oft lieblos und rauh zu Ihnen gewesen sein; denn junge Männer
+müssen oft hart zu denen sein, von denen sie am meisten geliebt werden,
+um sich eine Bahn in die offene Welt zu brechen. Ich begreife, daß ein
+Künstler oft Liebe als etwas ihn Hemmendes abschütteln muß. Sie haben
+ihn als ganz jung gesehen, als einen Schulknaben, der zur Schule
+gegangen ist, haben ihm seine Unarten vorgehalten, haben sich mit ihm
+gestritten, haben ihn bemitleidet und beneidet, beschützt und gewarnt,
+ausgescholten und gelobt, haben mit ihm seine ersten, erwachenden
+Empfindungen geteilt und ihm gesagt, daß es schön sei, Empfindungen zu
+hegen; haben sich von ihm zurückgezogen, als Sie merkten, daß er
+anderes, als Sie, im Sinne trug; haben ihn gehen und machen lassen und
+gehofft, daß er gedeihen möchte und nicht fallen möchte. Sie sehnten
+sich, als er fort war, nach ihm und flogen ihm an den Hals, als er eines
+Tages zurückkehrte, und fingen auch schon wieder an, ihn in Ihre Obhut
+zu nehmen; denn er ist solch ein Mensch, daß er der Obhut zu bedürfen,
+beständig zu bedürfen scheint. Ich danke Ihnen. Ich habe nicht Atem
+genug, nicht Herz genug und kein Wort, um Ihnen zu danken. Und ich weiß
+nicht, ob ich Ihnen danken darf. Vielleicht wollen Sie nichts von mir
+wissen. Ich bin eine Sünderin, aber vielleicht verdienen Sünderinnen,
+daß man ihnen gestattet, zu lernen, was man zu tun hat, um demütig zu
+erscheinen. Ich bin demütig, nicht geknickt, nicht etwa gebrochen, aber
+voll flammender, bittender, flehender Demut. Ich will mit Demut gut
+machen, was ich mit Liebe verbrochen habe. Wenn Sie Wert darauf legen,
+eine Schwester zu haben, die froh ist, Ihre Schwester zu sein, so
+gehorche ich Ihnen. Wissen Sie, was Ihr Bruder Simon mir gegeben hat?
+Sich selbst hat er mir geschenkt, er hat sich weggeworfen an mich, und
+ich möchte mich wegwerfen an Sie. Aber, Hedwig, wegwerfen kann man sich
+an Sie nicht. Das hieße ja: Ihnen wenig geben zu wollen. Doch ich bin
+viel, seit ich Kaspar umarmt habe. Ich fange an, mich zu brüsten und
+stolz reden, das will ich nicht. Ich will jetzt versuchen, ob ich
+schlafen kann. Der Wald schläft ja auch, warum müssen Menschen nicht
+schlafen können. Doch ich weiß, daß ich jetzt schlafen kann!« -- Während
+die Frau den Brief schrieb, saßen Simon und Kaspar bei der Lampe, die
+sie angezündet hatten. Sie hatten noch keine Lust, sich zu Bett zu legen
+und sprachen noch miteinander. Kaspar sagte: »Seit den letzten Tagen
+male ich überhaupt nicht mehr, und ich werde, wenn das so weiter geht,
+meine ganze Kunst an den Nagel hängen und Bauer werden. Warum nicht? Muß
+es denn gerade die Kunst sein? Könnte man denn nicht anders leben?
+Vielleicht ist es nur eine Angewohnheit, daß man sich einbildet, um
+alles willen künstlerisch zu arbeiten. Ja, vielleicht nach zehn Jahren
+wieder damit beginnen! Man würde alles anders ansehen, viel einfacher,
+viel weniger phantastisch, und das könnte nicht schaden. Man müßte den
+Mut und das Vertrauen besitzen. Das Leben ist kurz, wenn man mißtraut,
+aber lang, wenn man vertraut. Was kann einem entgehen? Ich fühle, daß
+ich von Tag zu Tag träger werde. Sollte ich mich da aufraffen und wie
+ein Schulbub mich zwingen, meine Pflicht zu erfüllen? Habe ich der Kunst
+gegenüber irgend eine Pflicht zu erfüllen? Das ließe sich so oder so
+umwenden, man könnte es drehen, wie es einem gerade behagte. Bilder
+malen! Das kommt mir jetzt so stupide vor, ist mir so gleichgültig. Man
+muß sich gehen lassen. Ob ich hundert Landschaften male oder zwei, ist
+das nicht ganz gleichgültig? Es kann einer immer malen und bleibt doch
+ein Stümper, dem es nie einfällt, seinen Bildern einen Hauch von seinen
+Erfahrungen einzugeben, weil er keine Erfahrungen gemacht hat, so lange
+er lebte. Wenn ich erfahrener sein werde, werde ich auch den Pinsel
+geistvoller und gedankenvoller führen, und dieses ist mir nicht
+gleichgültig. Was kommt's auf die Anzahl an. Und trotzdem: irgend ein
+Gefühl sagt mir, daß es nicht gut ist, auch nur einen Tag lang außer
+Übung zu bleiben. Das ist die Faulheit, die verdammte Faulheit!« -- -- --
+
+Er sprach nicht weiter; denn in diesem Augenblick tönte durch die Wände
+ein langer, furchtbarer Schrei. Simon ergriff die Lampe und beide
+stürzten die Treppe hinunter, in das Gemach, wo sie wußten, daß sie
+schlief. Den Schrei hatte Klara ausgestoßen. Agappaia war auch
+herbeigesprungen, und sie fanden die Frau ausgestreckt am Boden liegen.
+Sie hatte sich, wie es schien, ausziehen wollen, um zu Bett zu gehen,
+und war, von einem heftigen Anfall gepackt, umgefallen. Ihre Haare waren
+aufgelöst und die herrlichen Arme zuckten fieberisch am Boden. Ihre
+Brust hob und senkte sich stürmisch, während ein verwirrtes Lächeln um
+ihren Mund flog, der weit geöffnet war. Alle drei Männer bogen sich zu
+ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zuckungen allmählich sich
+verloren. Weh hatte sie sich beim Umfallen nicht getan, was leicht hätte
+geschehen können. Man hob die Bewußtlose auf und legte sie, halb
+angekleidet, wie sie war, auf ihr Bett, das säuberlich abgedeckt war.
+Sie wurde ruhiger, als man ihr das Korsett öffnete. Sie atmete
+erleichtert auf und schien jetzt zu schlafen. Und immer schöner lächelte
+sie und fing an zu schwärmen in Lispeltönen, die wie Glocken aus weiter
+Ferne daherklangen, scharf, und doch kaum vernehmbar. Man horchte
+gespannt und beratschlagte, ob es einen Zweck hätte, aus der Stadt einen
+Arzt heraufzuholen. »Bleiben Sie doch noch,« sagte Agappaia ruhig zu
+Simon, der sogleich sich auf den Weg machen wollte, »es wird
+vorübergehen. Es ist nicht das erste Mal.« Sie saßen und horchten weiter
+und sahen einander bedeutend an. Aus Klaras Munde war nicht viel zu
+verstehen, als etwa kurze, abgerissene, halb gesungene, halb gesprochene
+Sätze: »Im Wasser, nein, sieh doch, tief, tief. Das hat lange gebraucht,
+lange, lange. Und du weinst nicht. Wenn du wüßtest. Es ist so schwarz
+und so schlammig um mich herum. Aber sieh doch. Ein Veilchen wächst mir
+zum Munde heraus. Es singt. Hörst du? Hörst du's? Man sollte meinen ich
+wäre ertrunken. So schön, so schön. Gibt es nicht ein Liedlein darauf?
+Die Klara! Wo ist sie nun? Such sie, such sie doch. Aber du müßtest ins
+Wasser gehen. Hu, schauert dich, nicht wahr? Schauert mich gar nicht
+mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmen. Ich bin ganz still,
+ich mache gar nichts mehr. Sei doch lieb, sei gut. Du blickst böse. Die
+Klara liegt da, da. Siehst du, siehst du? Ich hätte dir noch etwas sagen
+wollen, aber ich bin froh. Was hätte ich dir sagen wollen? Weißt es
+nicht mehr. Hörst du mich klingen? Mein Veilchen ist es, das klingelt.
+Ein Glöckchen. Das habe ich immer gewußt. Sage es nur nicht. Ich höre ja
+nichts mehr. Bitte, bitte« -- --
+
+»Gehen Sie nur zu Bett. Wenn es schlimmer wird, werde ich Sie wecken,«
+sagte Agappaia.
+
+Es wurde nicht schlimm. Am andern Morgen war Klara wieder munter und
+wußte nichts davon, was mit ihr geschehen war. Sie hatte etwas
+Kopfschmerzen, das war alles.
+
+ * * * * *
+
+Klara fühlte sich himmlisch. Sie saß in einem dunkelblauen Morgengewand,
+das in edlen Falten frei an ihrem Leibe herunterfloß, auf dem Balkon,
+der eine Aussicht auf Tannen gewährte, die an diesem Morgen, wo ein
+leiser Windzug daherwehte, sich sanft in ihren Spitzen hin und herbogen.
+Der Wald ist doch herrlich, dachte sie und beugte sich, über das
+zierlich gearbeitete Geländer gelehnt, mehr nach ihm zu, um seinen Duft
+näher zu haben. »Wie er daliegt, der Wald, als schlummerte er schon
+jetzt der Nacht entgegen. Am Tag, mitten im Sonnenschein, geht man in
+einen Wald, wie in einen Abend hinein, wo die Geräusche schärfer und
+leiser sind und die Düfte feuchter und empfindsamer, wo man ruhen kann
+und beten. Im Wald betet man unwillkürlich, und es ist auch der einzige
+Ort in der Welt, wo Gott nahe ist; Gott scheint die Wälder erschaffen zu
+haben, daß man wie in heiligen Tempeln darin bete; der eine betet nun
+so, der andere so, aber alle beten. Wenn man unter einer Tanne liegt und
+ein Buch liest, so betet man da, wenn Beten dasselbe ist wie das
+Verlorensein in Gedanken. Mag Gott immer sein, wo er sein mag, im Wald
+ahnt man ihn und gibt ihm das bißchen Glauben mit stillem Entzücken hin.
+Gott will nicht, daß man so sehr an ihn glaubt, er will, daß man ihn
+vergißt, es freut ihn sogar, wenn er geschmäht wird; denn er ist über
+alle Begriffe gütig und groß; Gott ist das Nachgiebigste was es im
+Weltraum gibt. Er besteht auf nichts, will nichts, bedarf nichts. Etwas
+wollen, das mag für uns Menschen sein, aber für ihn ist das nichts. Für
+ihn ist nichts. Er ist froh, wenn man ihn anbetet. O dieser Gott ist
+entzückt und weiß sich vor Seligkeit nicht zu fassen, wenn ich jetzt
+hingehe und ihm danke, nur ein bißchen, wenn auch ganz oberflächlich,
+danke. Gott ist so dankbar. Ich möchte wissen, wer dankbarer wäre. Er
+hat uns alles gegeben, der Unvorsichtige, Gütige, und nun ist er so, daß
+er froh sein muß, wenn seine Geschöpfe seiner ein wenig gedenken. Das
+ist das Einzige an unserem Gott, daß er nur dann Gott sein will, wenn es
+uns gefällt, ihn als unseren Gott zu erhöhen. Wer lehrt mehr
+Bescheidenheit als Er? Wer ist ahnungsvoller und stiller? Vielleicht hat
+Gott auch nur Ahnungen über uns, so wie wir über ihn, und ich spreche
+zum Beispiel hier bloß meine Ahnungen aus über ihn. Ahnt er auch, daß
+ich jetzt hier auf dem Balkon sitze und seinen Wald wundervoll finde?
+Wüßte er doch, wie schön sein Wald ist. Aber ich glaube, Gott hat seine
+Schöpfung vergessen, nicht etwa aus Gram, denn wie könnte er des Grames
+fähig sein, nein, er hat einfach vergessen, oder es scheint wenigstens,
+daß er uns vergessen hat. Man kann alles empfinden über Gott; denn er
+läßt alle Gedanken zu. Aber man verliert ihn leicht, wenn man über ihn
+denkt, deshalb betet man zu ihm. Großer Gott, führe uns nicht in
+Versuchung. So habe ich als Kind gebetet, wenn ich im Bettchen lag, und
+ich habe mich immer über mich gefreut, wenn ich gebetet habe. Wie bin
+ich heute glücklich und froh; alles an mir ist ein Lächeln, ein seliges
+Lächeln. Das ganze Herz lächelt, die Luft ist so frisch, ich glaube, es
+ist Sonntag heute, da werden die Leute aus der Stadt kommen und im Wald
+spazieren, und ich werde mir irgend ein Kind aussuchen, es mir von
+seinen Eltern auf eine kleine Weile erbitten, und mit ihm spielen. Wie
+ich so dasitzen kann und Freude empfinden kann um mein bloßes Dasein,
+Dasitzen, Mich-über-das-Geländer-lehnen! Wie ich mir schön vorkomme so.
+Fast könnte ich Kaspar vergessen, alles vergessen. Ich begreife jetzt
+nicht, wie ich jemals über etwas weinen, wie mich jemals etwas
+erschüttern konnte. Wie unerschütterlich ist der Wald und doch so
+biegsam, warm, lebendig und süß. Welch ein Atmen aus den Tannen, welch
+ein Rauschen! Das Rauschen der Bäume macht jede Musik überflüssig.
+Überhaupt, nur in der Nacht möchte ich Musik hören, aber am Morgen nie,
+denn der Morgen ist mir zu heilig dafür. Wie merkwürdig frisch ich mich
+fühle. Wie geheimnisvoll das ist, sich schlafen legen, nein, zuerst müde
+sein, dann sich schlafen legen, und dann erwachen und sich wie
+neugeboren fühlen. Jeder Tag ist ein Geburtstag für uns. Wie wenn man in
+ein Bad stiege, so steigt man aus den Schleiern der Nacht in die Wellen
+des blauen Tages. Nun wird bald die Glut des Mittags kommen, bis wieder
+die Sonne sehnsüchtig versinkt. Welche Sehnsucht, welches Wunder vom
+Abend zum Morgen, vom Mittag zu Abend, von der Nacht zum Morgen. Alles
+würde man wundervoll finden, wenn man alles empfände, denn es kann ja
+nicht eines wundervoll sein und das andere nicht. Ich glaube, ich muß
+gestern krank gewesen sein, und man sagt es mir nur nicht. Wie schön und
+unschuldig noch immer meine Hände aussehen. Wenn sie Augen hätten, so
+würde ich ihnen einen Spiegel entgegenhalten, damit sie sähen, wie schön
+sie sind. Der kann glücklich sein, den ich liebkose mit meinen Händen.
+Was für seltsame Gedanken ich doch habe. Wenn Kaspar jetzt käme, müßte
+ich weinen, mich so sehen zu lassen. Ich habe nicht an ihn gedacht, und
+er würde es fühlen, daß ich nicht an ihn gedacht habe. Wie elend mich
+das auf einmal macht, zu denken, daß ich ihn vernachlässigt habe. Bin
+ich denn seine Sklavin? Was geht er mich an?«
+
+Sie weinte. Da kam Kaspar: »Was fehlt dir, Klara?«
+
+»Nichts! Was sollte mir fehlen? Du bist ja da. Du hattest mir gefehlt.
+Ich bin glücklich, aber ich leide es nicht, daß ich allein glücklich
+bin, ohne dich. Deshalb weinte ich. Komm, komm,« und sie preßte ihn fest
+an sich.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+
+Simon fing an, das träge, schlenderische Leben, das er führte, als etwas
+Unerträgliches zu empfinden. Er fühlte, daß er bald wieder schaffen und
+tagewerken mußte: »Es hat doch etwas für sich, zu leben wie die Meisten.
+Es beginnt mich zu ärgern, so müßig und absonderlich zu sein. Das Essen
+schmeckt mir nicht mehr, die Spaziergänge ermüden mich, und was ist denn
+Großes und Erhebendes daran, sich auf heißen Landstraßen von Fliegen und
+Bremsen zerstechen zu lassen, durch Dörfer zu laufen, steile Wände
+hinunter zu springen, auf erratischen Felsblöcken zu hocken, den Kopf zu
+stützen, ein Buch anzufangen zu lesen und es nicht bis zu Ende lesen zu
+können, dann in einem, wenn auch schönen, so doch abgelegenen See zu
+baden, sich wieder anzuziehen und auf den Heimweg zu machen und dann zu
+Hause den Kaspar zu finden, der ebenfalls vor Trägheit nicht mehr weiß,
+auf welchem Bein er stehen und mit welcher Nase er denken soll, oder
+welchen Finger er an eine seiner Nasen legen soll. Man bekommt bei
+diesem Leben leicht eine Menge Nasen und möchte den ganzen Tag seine
+zehn Finger an seine zehn Nasen legen und denken. Dabei lachen einen die
+eigenen Nasen nur aus und machen die lange Nase. Nun, was ist das etwa
+Göttliches, wenn man sieht, wie einem zehn Nasen oder mehr die lange
+Nase machen. Ich illustrierte damit nur die Tatsache, daß man bei diesem
+Herumlungerleben dumm wird. Nein, ich fange an, mir wieder so etwas wie
+ein Gewissen zu machen, und zu denken, daß es wiederum bei dem
+Gewissenmachen nicht bleiben darf, sondern daß man irgend etwas tun muß.
+In der Sonne herumlaufen, kann auf die Dauer kein Tun sein, und Bücher
+liest nur ein Tropf; denn das ist man, wenn man sonst weiter nichts tut.
+Das Schaffen unter Menschen ist doch schließlich das allein und einzig
+Bildende. Was nun tun? Vielleicht Gedichte schreiben? Wenn ich das tun
+möchte bei dieser Sommerhitze, müßte ich zuerst Sebastian heißen, dann
+täte ich's vielleicht. Der tut es, das bin ich überzeugt. Das ist ein
+Mensch, der erst einen Ausflug macht, See, Wald, Berge, Bäche, Pfützen
+und Sonnenschein genau studiert, eventuell Notizen macht, dann heimgeht
+und einen Aufsatz darüber schreibt, den dann die Zeitungen drucken, die
+die Welt bedeuten. Kann das ein Tun für mich sein? Wohl, wenn ich es
+verstünde, aber ich bin Stümper in diesen Sachen. Also hingehen und
+wieder Buchstaben kratzen, Rechnungen ausradieren und Tinte verbrauchen.
+Ja, ich glaube, daß ich das tun muß, obwohl es keine Ehre für mich ist,
+wieder von vorne anzufangen, was ich einst verlassen habe. Aber es muß
+sein. In diesem Falle denkt man nicht an die Ehre, sondern an das
+Notwendige und Unabänderliche. Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt. Wie
+komme ich dazu, schon zwanzig Jahre alt zu sein? Welche Entmutigung
+müßte für einen anderen darin liegen, zwanzig Jahre alt zu sein und nun
+von vorne anzufangen, da, wo man bei der Entlassung aus der Schule
+stand. Aber ich will es so lustig wie nur möglich nehmen, da es doch
+einmal sein muß. Ich will ja auch gar nicht vorwärtskommen im Leben, ich
+will nur leben, daß es ein bißchen eine Art und Weise hat. Weiter gar
+nichts. Eigentlich will ich nur leben, bis es wieder Winter wird, und
+dann, wenn es schneit und Winter ist, werde ich weiter zu leben wissen,
+wird es mir zum Bewußtsein kommen, wie ich am besten weiter zu leben
+habe. Es macht mir viel Vergnügen, so das Leben in kleine, einfache,
+leicht zu lösende Rechnungen einzuteilen, die kein Kopfzerbrechen
+machen, die sich von selber lösen. Im Winter bin ich übrigens immer
+klüger und unternehmender als im Sommer. Bei der Wärme, bei all dem
+Blühen und Duften ist nichts anzufangen, während die Kälte und der Frost
+schon von selber vorwärtstreiben. Also bis im Winter etwas Geld
+zusammenscharren, und im schönen Winter dann das Geld zu irgend etwas
+Nützlichem verbrauchen. Es käme mir nicht drauf an, im Winter Sprachen
+zu studieren, tagelang, in ungeheizten Zimmern, bis mir die Finger
+abgefrören, aber der Sommer ist für diejenigen, die Ferien erhalten, für
+solche, die sich in Sommerfrischen gütlich tun, die ein Vergnügen darin
+finden, barfuß, ja nackt auf heißen Wiesen herumzuspringen, höchstens
+einen ledernen Schurz um die Lenden, wie Johannes der Täufer, der
+außerdem Heuschrecken soll gegessen haben. So will ich mich jetzt auf
+das Bett der täglichen Arbeit in Schlaf legen und erst wieder erwachen,
+wenn der Schnee über die Erde fliegt und die Berge weiß werden und die
+Nordstürme dahersausen, daß einem die Ohren erfrieren und in Flammen des
+Frostes und Eises zergehen. Die Kälte ist mir eine Glut,
+unbeschreiblich, nicht auszudrücken! So wird's gemacht, oder ich müßte
+nicht Simon heißen. Klara wird im Winter eingehüllt sein in dicke,
+weiche Pelze, ich werde sie durch die Straßen begleiten, es wird auf uns
+herabschneien, so leise, so heimlich, so lautlos und so warm. O,
+Einkäufe zu machen, wenn es schneit in den schwarzen Straßen und die
+Magazine mit Lichtern erhellt sind. In einen Laden hineinzutreten mit
+Klara oder hinter Klaras Gestalt her und zu sagen: die Dame wünscht dies
+und das zu kaufen. Klara duftet in ihren Pelzen und ihr Gesicht, wie
+wird das schön sein, wenn wir dann wieder auf die Straße hinausgehen.
+Vielleicht wird sie im Winter dann irgendwo in einem feinen Geschäft
+arbeiten, wie ich, und ich werde sie jede Nacht abholen können, außer
+sie beföhle mir einmal, sie lieber nicht abzuholen. Agappaia jagt seine
+Frau vielleicht fort, und sie wird dann gezwungen sein, irgendwo eine
+Anstellung anzunehmen, was ihr leicht sein wird, da sie eine vornehme
+Erscheinung ist. Weiter denke ich nicht. Weiter als so denkt vielleicht
+Herr Spielhagen von der Aktiengesellschaft für elektrische Leuchtkörper,
+aber ich nicht; denn ich bin nicht so gestellt und häufe mir nicht so
+viele Verpflichtungen in der Welt an, daß ich gezwungen wäre, weiter als
+so zu denken. Ach, der Winter! Wenn er nur bald kommt.« --
+
+Schon am nächsten Tag arbeitete er in einer großen Maschinenfabrik, die
+zur Inventuraufnahme eine ganze Anzahl von jungen Leuten brauchte. Den
+Abend verbrachte er dann lesend an einem Fenster, oder er verlängerte
+seinen Heimweg von der Fabrik nach Klaras Hause, indem er einen weiten
+Bogen um den ganzen Berg herummachte, in dem dunklen Grün der vielen
+Waldschluchten, welche den breiten Berg durchschnitten. An einer Quelle,
+bei der er stets vorbeikam, löschte er jedesmal seinen großen Durst und
+lag dann auf einer einsam gelegenen Waldwiese, bis ihn die Nacht daran
+erinnerte, endlich nach Hause zu gehen. Er liebte das Übergehen des
+Sommerabends in die Sommernacht, dieses langsame, rötliche Sinken der
+Farben des Waldes in das Dunkel der gänzlichen Nacht. Er pflegte dann
+ohne Worte und Gedanken zu träumen, sich keinen Vorwurf mehr zu machen
+und sich der schönen Müdigkeit zu überlassen. Oft schien es ihm, als
+zische neben ihm, in den dunklen Büschen, eine feurig-rote große Kugel
+aus der schlafenden Erde empor, und wenn er dahin blickte, war es der
+Mond, der schwebend und schwer aus dem Welt-Hintergrund hervortanzte.
+Wie hing dann sein Auge an der bleichen, leichten Gestalt dieses schönen
+Gestirnes. Es war ihm so sonderbar, daß diese ferne Welt gleich hinter
+dem Gebüsch versteckt zu sein schien, zum befühlen und daran fassen
+nahe. Alles schien ihm nahe zu sein. Was war denn dieser Begriff der
+Ferne gegen solche Fernen und Nähen. Das Unendliche schien ihm plötzlich
+das Nächste. Wenn er nach Hause kam, durch all das schwere, singende,
+duftende Grün der Nacht hindurch, empfand er es als etwas
+Geheimnisvolles und Liebes, wenn ihm Klara, was sie jeden Abend tat,
+entgegentrat, um ihn zu empfangen. Ihre Augen schienen immer geweint zu
+haben, wenn sie so kam oder auf diese Weise wartete. Dann saßen sie
+zusammen, bis tief in die Nacht hinein, auf dem kleinen Balkon, der in
+eine Art Sommerhäuschen in schwebender Höhe verwandelt war und spielten
+mit winzigen Karten ein Spiel, oder die Frau sang irgend eine Melodie,
+oder sie ließ sich von ihm etwas vorerzählen. Wenn sie ihm zu guter
+Letzt Gute Nacht sagte, so schlief er so wohl, als wenn es ein
+Zauberwort gewesen wäre, dieses ›Gute Nacht‹ von ihr, mit dem sie die
+Macht besessen hätte, ihn an einen besonders tiefen und schönen Schlaf
+zu fesseln. Am Morgen glitzerte der silberne Tau an den Gesträuchen, an
+den Gräsern und Blättern, wenn er in sein Geschäft lief, um zu schreiben
+und das Inventar der Maschinenfabrik aufnehmen zu helfen. Einmal, an
+einem Sonntag, da er von einem Spaziergang zurückkehrte, fand er Klara
+schlafend auf dem Diwan in seinem Zimmer. Von draußen tönte eine
+Handharfe aus einem der armseligen Berg-Vorstadthäuschen, in denen arme
+Arbeiter wohnten. Die Fensterläden waren zugezogen, und ein grünes,
+heißes Licht befand sich im Zimmer. Er setzte sich neben die Schlafende
+ans Fußende und sie berührte ihn leise mit ihren Füßen. Dieser Druck tat
+ihm so wohl, und er sah unverwandt das Gesicht der Schlummernden an. Wie
+schön war sie, wenn sie schlief. Sie gehörte zu den Frauen, die am
+schönsten sind, wenn ihre Gesichtszüge unbeweglich ruhen. Klara atmete
+in ruhigen Wellen; ihre Brust, die halb entblößt war, bewegte sich sanft
+auf und ab; ihren herabhängenden Händen war ein Buch entfallen. In Simon
+stieg der Gedanke auf, hinzuknieen und diese schönen Hände still zu
+küssen, aber er tat es nicht. Er würde es vielleicht getan haben, wenn
+sie wach dagelegen wäre, aber schlafend? Nein! Geheime, verstohlene,
+erschelmte Zärtlichkeiten sind nicht meine Sachen, dachte er. Ihr Mund
+lächelte, als schliefe sie nur so und wüßte, daß sie schliefe. Dieses
+Lächeln der Schlafenden verbot jeden unzarten Gedanken, aber es zwang,
+hinzusehen auf diesen Mund, auf dieses Gesicht, auf dieses Haar und auf
+diese länglichen Wangen. Im Schlaf preßte Klara plötzlich ihre Füße
+stärker an Simon, dann erwachte sie und schaute sich fragend um und
+blieb lange an Simons Augen hängen, als verstände sie irgend etwas
+nicht. Dann sagte sie: »Du, Simon! Höre einmal.«
+
+»Was denn?«
+
+»Wir werden nicht mehr lange in diesem Hause wohnen. Agappaia hat alles
+verspielt und verloren. Er ist in die Hände von Schwindlern geraten. Das
+Haus ist bereits verkauft und zwar an deinen Frauenverein für Volkswohl
+und Mäßigkeit. Die Damen gründen hier ein Waldkurhaus für das arbeitende
+Volk. Agappaia hat sich einer Gesellschaft von Asienforschern
+angeschlossen und wird bald wegreisen, um dort irgendwo in Indien eine
+versunkene griechische Stadt zu entdecken. An mich denkt er schon gar
+nicht mehr. Wie seltsam, es kränkt mich gar nicht einmal. Mein Mann war
+überhaupt nie fähig, mich zu kränken. Genug! Ich werde in einem
+einfachen Zimmer wohnen, in der Stadt unten, und Kaspar und du, ihr
+werdet mich besuchen. Ich werde eine Stelle bekleiden, irgend eine
+Stelle, so wie du. Im Herbst ziehen wir aus, dann soll auch sogleich
+dieses Haus umgebaut werden. Was sagst du dazu?«
+
+»Mir ist das sehr lieb. Ich dachte auch schon daran, mich zu
+›verändern‹. Jetzt kommt es ja von selbst. Ich freue mich sehr darauf,
+dich in deinem zukünftigen Heim besuchen zu können.«
+
+Und beide malten sich die Zukunft aus und lachten dabei.
+
+ * * * * *
+
+Kaspar befand sich in einem kleinen Landstädtchen, wo er den Auftrag zu
+erledigen hatte, einen Tanzsaal zu dekorieren, das heißt, dessen Wände
+von oben bis unten zu bemalen. Es war inzwischen Herbst geworden und
+eines Tages machte sich Simon, es war ein Sonnabend, nach Feierabend auf
+den Weg, um die Nacht durch die Strecke zu Fuß zu gehen, die ihn von
+Kaspar trennte. Warum sollte er nicht eine ganze Nacht lang wandern
+können. Er hatte eine Landkarte zur Hand genommen und darauf mit dem
+Zirkel die Zahl der Stunden, die er brauchte, um nach dem Städtchen zu
+gelangen, scharf abgemessen und hatte wahrgenommen, daß er gerade in
+einer Nacht, wenn er die Zeit ausnutzte, hingelangen konnte. Der Weg
+führte ihn zuerst durch die Vorstadt, wo Rosa, seine alte Freundin,
+wohnte, und er verschmähte nicht, ihr im Vorbeilaufen einen kurzen
+Besuch abzustatten. Sie war sehr erfreut, ihn nach so langer Zeit wieder
+einmal zu sehen, nannte ihn einen bösen, treulosen Menschen, daß er sie
+so habe im Stich lassen können, sagte das aber mehr in einem
+schmollenden als in einem gereizten Ton und ließ es sich nicht nehmen,
+Simon ein Glas Rotwein zu trinken zu geben, das, wie sie sagte, ihn für
+seine Nachtwanderung stärken solle. Auch briet sie ihm auf ihrem
+Gasherde schnell eine Wurst, stichelte den Dastehenden, während sie
+kochte, mit nicht unartigen, aber wohlgesetzten Worten, sagte, er müsse
+ja sehr gut mit Frauen versehen sein und machte ihn lachend darauf
+aufmerksam, daß er eigentlich die Wurst nicht verdiene, sie nun aber
+doch haben solle, wenn er künftig fleißiger zu ihr käme. Das versprach,
+während er sich das Essen schmecken ließ, Simon und trat bald darauf
+seine Wanderung mit einigem Bangen vor der Anstrengung, die ihm
+bevorstand, an. Aber jetzt noch feige zurückkehren und die Eisenbahn
+benutzen, das mochte er doch nicht. So lief er denn vorwärts und fragte
+immer wieder nach dem richtigen Weg, um ja sicher zu gehen. Bei den
+Wegweisern zündete er ein Streichhölzchen an, hielt es in die nötige
+Höhe, um zu sehen, wo der Weg weiter hinliefe. Er ging mit einer ganz
+rasenden Schnelligkeit, als fürchtete er, der Weg möchte ihm unter
+seinen Füßen entgehen und davonlaufen. Der Rotwein Rosas hatte ihn
+befeuert und er wünschte nur, daß bald die Berge kämen, die zu
+überwinden ihm eine Lust und Leichtigkeit gewesen wäre. So kam er in das
+erste Dorf und hatte Mühe, sich auf den verschiedenen Dorfwegen, die
+alle kreuz und quer liefen, zurechtzufinden. Er rief deshalb einen
+Schmied an, der noch hämmerte, und von diesem erfuhr er, daß er richtig
+ging. Nun kam eine Landschaft, die ganz verschwommen war, weil sie aus
+lauter Gebüschen bestand; es ging bergaufwärts; dann kam eine Art
+Hochebene, die etwas Schauerliches an sich hatte. Es war tiefdunkel,
+kein Stern am ganzen Himmel, hin und wieder kam der Mond hervor, aber
+die Wolken verdeckten sein Licht wieder. Nun lief Simon durch einen
+finsteren Tannenwald, er fing an zu keuchen und paßte besser auf seine
+Schritte auf; denn er stieß immer wieder an Steine, die im Wege lagen,
+und das langweilte ihn doch ein wenig. Der Tannenwald hörte auf, Simon
+atmete freier; denn in dunklen Wäldern zu gehen, so allein, ist nicht
+immer ungefährlich. Ein großes Bauernhaus stand plötzlich vor ihm wie
+aus der Erde emporgewachsen und engte seinen Blick ein, ein großer Hund
+schoß hervor, sprang auf den Wanderer los, aber biß nicht. Simon blieb
+ganz still und ruhig stehen, starrte den Hund nur an, und so wagte der
+Hund nicht zu beißen. Weiter ging es! Brücken kamen, die donnerten in
+der Stille unter den raschen Schritten, denn sie waren von Holz, es
+waren alte Holzbrücken mit Dächern und Heiligenbildern am Ein- und
+Ausgange. Simon fing an, gezierte Schritte zu machen, um sich
+Unterhaltung zu verschaffen. Plötzlich, auf ganz offenem, aber düsterem
+Feld stand ein starker Mann vor ihm, der ihn anschrie und ihn dabei
+fürchterlich anstarrte. »Was wollen Sie?« schrie Simon seinerseits, aber
+er machte eine Schwenkung rund um den Mann herum und lief fort, ohne
+hören zu wollen, was der Mann wollte. Sein Herz klopfte, es war die
+Plötzlichkeit der Erscheinung, nicht der Mann selber, die ihn erschreckt
+hatte. Dann marschierte er durch ein schlafendes, endlos langes Dorf.
+Ein weißes, langes Kloster sah ihm entgegen und verschwand wieder. Es
+ging wieder bergauf. Simon dachte an gar nichts mehr, die zunehmende
+Anstrengung lähmte seine Gedanken; stille Brunnen wechselten mit
+einsamen Baumgruppen, Wälder mit Wolken, Steine mit Quellen, es schien
+alles mit ihm zu gehen und hinter ihm zu versinken. Die Nacht war
+feucht, finster und kalt, seine Wangen aber brannten und seine Haare
+wurden naß vom Schweiß. Auf einmal erblickte er zu seinen Füßen etwas
+gestreckt Liegendes, Weites, Schimmerndes und Glänzendes: es war ein
+See; Simon blieb stehen. Von da an ging es abwärts auf einem
+fürchterlich schlechten Weg. Zum ersten Mal taten ihm seine Füße weh,
+aber er achtete nicht darauf, sondern ging weiter. Äpfel hörte er dumpf
+auf die Wiesen fallen. Wie geheimnisvoll schön die Wiesen waren:
+undurchsichtbar und dunkel. Das Dorf, das nun folgte, erweckte sein
+Interesse durch die vornehmen Häuser, die es zur Schau trug. Aber hier
+wußte Simon nicht mehr weiter. So sehr er suchte, den rechten Weg fand
+er nicht. Da es ihn erbitterte, wählte er, ohne sich lange zu besinnen,
+die Hauptstraße. Eine Stunde mochte er gegangen sein, als ihm ein
+deutliches Gefühl sagte, daß er eine falsche Richtung eingeschlagen
+hatte, er kehrte wieder um, weinte beinahe vor Zorn und schlug seine
+Füße gegen die Straße, als hätten sie die Schuld getragen. Er kam wieder
+ins Dorf zurück: zwei Stunden versäumt: welche Schmach! Er fand auch
+sogleich den rechten Weg, nun, da er die Augen besser auftat, lief fort,
+unter Bäumen, die ihr Laub fallen ließen, auf einem schmalen Seitenwege,
+der ganz mit raschelnden Blättern bedeckt war. Er gelangte in einen
+Wald, es war ein Bergwald, der schroff in die Höhe strebte, und da Simon
+keinen Weg mehr vor sich sah, ging er einfach gerade aus, suchte sich,
+immer höher steigend, durch das dichteste Tannengeäst seine Bahn,
+zerkratzte sich sein Gesicht, zerrieb seine Hände, aber es ging
+wenigstens hinauf, bis endlich der Wald aufhörte, durch den er sich
+stöhnend und fluchend hindurchgerungen, und eine freie Weide vor seinen
+Augen lag. Er ruhte einen Moment: »Herrgott, wenn ich zu spät komme:
+welche Blamage!« Weiter! Er ging nicht mehr, er sprang, indem er
+rücksichtslos seine Beine in die weiche Ackererde stampfte. Ein
+bleiches, schüchternes Morgenlicht streifte von irgendwoher seine Augen.
+Er sprang über Hecken, die ihn zu höhnen schienen. Auf einen Weg achtete
+er schon längst nicht mehr. Eine anständige, breite Straße, das blieb in
+seiner Phantasie als etwas Köstliches hängen, nach dem er sich von
+Herzen sehnte. Es ging wieder bergabwärts, in schmale, kleine
+Schluchten, wo die Häuser an den Halden wie Spielzeuge klebten. Er roch
+die Nußbäume, unter denen er lief; unten im Tal schien so etwas wie eine
+Stadt zu sein, aber das war nur eine gierige Ahnung. Endlich fand er die
+Straße. Seine Beine selbst schienen mitzujubeln über den Fund und er
+ging ruhiger, bis er einen Brunnen fand, zu dessen Röhre er sich wie ein
+Wahnsinniger hinstürzte. Unten gelangte er in eine kleine Stadt, kam bei
+einem weißglänzenden, zierlichen, anscheinend geistlichen Palais vorbei,
+dessen Verfallenheit ihn tief rührte, und wieder ging es ins offene Land
+hinaus. Hier fing der Tag an zu grauen. Die Nacht schien zu erbleichen;
+die lange, stille Nacht machte ein Zeichen der Bewegung. Simon stürmte
+jetzt den Weg nur so beiseite. Wie bequem erschien ihm das Gehen auf
+einer solchen glatten Straße, die in großen Windungen zuerst aufwärts,
+dann prachtvoll gedehnt bergab führte. Nebel sanken auf die Wiesen
+nieder und gewisse Tagesgeräusche meldeten sich dem Ohr. Wie lang doch
+eine Nacht war. Durch diese Nacht, die er auf der Erde durchgelaufen,
+saß vielleicht ein Gelehrter, vielleicht gar sein Bruder Klaus, bei der
+Lampe am Schreibtisch, und wachte ebenso sauer und mühsam. Ebenso
+wundervoll mußte einem solchen Stillesitzenden der erwachende Tag
+vorkommen, wie jetzt ihm, dem Landstraßenläufer. Schon zündete man in
+kleinen Häusern die Frühmorgenlichter an. Eine zweite, größere Stadt
+erschien, zuerst mit Vorhäusern, dann mit Gassen, dann mit Toren und
+einer breiten Hauptstraße, in der Simon ein herrliches Haus mit Statuen
+von Sandstein auffiel. Es war eine alte Stadtburg, die jetzt als
+Postgebäude diente. Schon gingen Menschen auf der Straße, die er fragen
+konnte nach dem Weg, wie am Abend zuvor. Es ging wieder ins flache,
+freie Land hinaus. Der Nebel zerstob, Farben zeigten sich, entzückte
+Farben, entzückende Farben, Morgenfarben! Es schien ein herrlicher,
+blauer Herbstsonntag werden zu wollen. Nun begegnete Simon Leuten,
+namentlich Frauen, sonntäglich geputzten, die vielleicht schon von weit
+herkamen, um in die Stadt zur Kirche zu gehen. Immer bunter wurde der
+Tag. Jetzt sah man die roten, glühenden Früchte neben der Straße in der
+Wiese liegen, auch fielen beständig reife Früchte von den Bäumen. Es war
+das reine Obstland, durch das Simon nun weiterschritt. Handwerksburschen
+begegneten ihm, ganz bequemlich; die nahmen das Gehen nicht so ernst wie
+er. Eine ganze Gesellschaft dieser Burschen lag ausgestreckt an einem
+Wiesenrand in den ersten Strahlen der Sonne: welches Bild der
+Behaglichkeit! Eine Kuh wurde vorbeigeführt, und die Frauen sagten so
+schön ›guten Tag‹. Simon aß Äpfel auf dem Weg, auch er wanderte jetzt
+ruhig durch das fremde, schöne, reiche Land. Die Häuser an der Straße
+waren so einladend, aber noch schöner und zierlicher waren die Häuser,
+die mitten unter den Bäumen, tiefer im Land, mitten im Grün steckten.
+Die Hügel gingen anmutig und sanft in die Höhe, die Höhen lockten, alles
+war blau, von einem herrlichen, feurigen Blau durchzogen, auf Wagen
+fuhren ganze Gesellschaften von Leuten daher und endlich sah Simon ein
+kleines Häuschen am Weg, dahinter eine Stadt, und sein Bruder steckte
+den Kopf durch das Fenster des Hauses. Er war zur rechten Zeit
+angekommen, kaum eine Viertelstunde nach der vereinbarten Zeit. Und er
+ging mit Frohlocken in das Haus hinein.
+
+Drinnen im Zimmer, beim Bruder, betrachtete er alles mit großen Augen,
+obschon gar nicht viel zu betrachten war. In einer Ecke stand das Bett,
+aber es war ein interessantes Bett; denn Kaspar schlief darin, und das
+Fenster war ein wunderbares Fenster; obgleich es nur aus einfachem Holz
+war und simple Vorhänge hatte, schaute doch eben erst Kaspar durch
+dieses Fenster hinaus. Am Boden, auf dem Tisch, auf der Bettdecke, auf
+Stühlen herum lagen Zeichnungen und Bilder. Jedes einzelne Blatt glitt
+durch des Besuchers Finger, alles war schön und so vollendet. Es war
+Simon beinahe unbegreiflich, was für ein Arbeiter der Maler war, es lag
+so viel vor seinen Augen, er konnte kaum mit Ansehen fertig werden. »Wie
+das die Natur selber ist, was du malst!« rief er aus: »Es wird mir immer
+halb traurig zumute, wenn ich neue Bilder von dir betrachte. Jedes ist
+so schön, glänzt von Empfindung und trifft die Natur wie in ihr Herz,
+und du malst immer Neues, willst immer Besseres, vernichtest womöglich
+Vieles, das in deinen Augen schlecht geworden ist. Ich kann keines von
+deinen Bildern schlecht finden, alle rühren mich und bezaubern meine
+Seele. Nur ein Strich von dir oder eine Farbe geben mir von deinem
+schlechthin wundervollen Talent eine feste und unerschütterliche
+Überzeugung. Und wenn ich deine Landschaften, die so breit und warm mit
+dem Pinsel gemalt sind, ansehe, sehe ich immer dich, und ich fühle eine
+Art Weh mit dir, das mir sagt, daß es nie ein Ende gibt in der Kunst.
+Ich verstehe die Kunst so gut und das Drängen der Menschen, das sie
+ihretwegen empfinden, und die Sehnsucht, so um die Liebe und Gnade der
+Natur zu werben. Was wollen wir, wenn wir es entzückend finden, eine
+Landschaft abgebildet zu sehen? Ist es nur ein Genuß? Nein, wir wollen
+damit etwas erklärt finden, aber etwas, das gewiß immer unerklärlich
+bleiben wird. Es schneidet so tief in uns hinein, wenn wir, an einem
+Fenster liegend, träumend eine untergehende Sonne betrachten, aber das
+ist noch gar nichts gegen eine Straße, in der es regnet, wo die Frauen
+ihre Röcke zierlich hochheben, oder gegen den Anblick eines Gartens oder
+Sees unter dem leichten Morgenhimmel oder gegen eine einfache Tanne im
+Winter oder gegen eine Gondelfahrt bei Nacht oder gegen eine
+Alpenansicht. Nebel und Schnee entzücken uns nicht minder als Sonne und
+Farben; denn der Nebel verfeinert wieder die Farben, und der Schnee ist
+doch, zum Beispiel unter dem Blau des erwärmenden Vorfrühlingshimmels,
+eine tiefe, wundervolle, beinahe unverständliche Sache. Wie schön ich
+das von dir finde, Kaspar, daß du malst und so schön malst. Ich möchte
+ein Stück Natur sein und mich lieben lassen, so wie du jedes Stück Natur
+liebst. Der Maler muß doch wohl die Natur am heftigsten und am
+schmerzlichsten lieben, viel stürmischer und zitternder und aufrichtiger
+als selbst der Dichter, als zum Beispiel so ein Sebastian, von dem ich
+doch hörte, daß er sich eine Hütte auf den Weiden zum Wohnen
+eingerichtet hat, damit er ungestört, wie ein Einsiedler in Japan, die
+Natur anbeten kann. Die Dichter hangen sicher weniger treu an der Natur,
+als ihr Maler; denn sie treten in der Regel mit verbildeten und
+verstopften Köpfen an sie heran. Doch vielleicht irre ich mich, und ich
+würde mich in diesem Fall gerne geirrt haben. Wie mußt du gearbeitet
+haben, Kaspar. Du hast doch gewiß keine Ursache, dir selber Vorwürfe zu
+machen. Das würde ich nicht tun. Nicht einmal ich tue es, und
+wahrhaftig, ich hätte es sicher nötig. Aber ich tu es deshalb nicht,
+weil es einen unruhig macht und weil die Unruhe ein häßlicher, des
+Menschen unwürdiger Zustand ist.« --
+
+»Da hast du recht,« sprach Kaspar.
+
+Sie gingen dann beide durch die kleine Stadt, sahen alles an, was bald,
+und wiederum bei der Innigkeit, womit sie es taten, doch nicht bald
+geschehen war, begegneten dem Briefträger, der Kaspar einen Brief
+einhändigte und eine Grimasse dazu schnitt. Der Brief war von Klara. Die
+Kirche wurde bewundert und die Majestät der Stadttürme, die trotzigen
+Stadtmauern, welche oft durchbrochen worden waren, die Rebhäuser und
+Lusthäuser am Berge, in denen das Leben ausstarb seit so langer Zeit.
+Die Tannen schauten ernst auf das alte Städtchen herab, dazu war der
+Himmel so süß und die Häuser schienen zu trotzen und verdrießlich zu
+sein in ihrer Dicke und Breite. Die Wiesen schimmerten, und die Hügel
+mit den goldenen Buchenwäldern lockten in die Höhe und Ferne hinein. Am
+Nachmittag gingen die jungen Männer in den Wald. Viel sagten sie nicht
+mehr. Kaspar war still geworden, sein Bruder fühlte, an was er dachte
+und wollte ihn nicht aufwecken; denn ihm schien es wichtiger, daß
+gedacht werde, als wenn geredet worden wäre. Sie setzten sich auf eine
+Bank. »Sie will nicht von mir lassen,« sagte Kaspar, »sie ist
+unglücklich.« Simon sagte nichts, aber er empfand eine gewisse Freude
+für seinen Bruder, daß die Frau unglücklich um ihn war. Er dachte: »Ich
+finde es schön, daß sie unglücklich ist.« Diese Liebe entzückte ihn.
+Bald wurde jedoch Abschied genommen; denn Simon mußte, und diesmal mit
+der Bahn, zurückreisen.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+
+Es wurde Winter. Simon, der sich selber überlassen war, saß in einem
+kleinen Zimmer, mit einem Mantel bekleidet, am Tische und schrieb. Er
+wußte nicht, was er mit der Zeit beginnen sollte, und weil er von seinem
+Beruf her zu schreiben gewöhnt war, so schrieb er jetzt ganz wie
+absichtslos von selber und zwar auf kleine Papierstreifen, die er sich
+mit der Schere zurechtgeschnitten hatte. Draußen war nasses Wetter, und
+der Mantel, mit dem Simon umhüllt war, diente dazu, einen Ofen zu
+ersetzen. Ihm behagte dieses In-der-Stube-sitzen, während draußen
+heftige Winde wehten, die Schnee versprachen. Es war ihm behaglich
+zumute, so zu sitzen und etwas zu machen und sich der Einbildung zu
+überlassen, ein vergessener Mensch zu sein. Er dachte zurück an seine
+Kindheit, die noch gar nicht so weit rückwärts entfernt war, und die
+doch so fern lag wie ein Traum, und schrieb:
+
+»Ich will mich an die Kindheit zurückerinnern, da dies, in meinem
+jetzigen Falle, eine spannende und belehrende Aufgabe ist. Ich war ein
+Knabe, der sich gern an warme Öfen mit dem Rücken lehnte. Ich kam mir
+dabei wichtig und traurig vor und machte ein zufriedenes und zugleich
+wehmütiges Gesicht. Auch zog ich, wenn ich nur immer konnte, weiche
+Filzschuhe für die Stube an, das heißt, das Wechseln der Schuhe, das
+Tauschen der nassen mit den warmen, machte mir die größte Freude. Eine
+warme Stube hatte etwas Zauberhaftes für mich. Ich war nie krank und
+beneidete immer die, die krank sein konnten, die man pflegte, für die
+man etwas feinere Worte hatte, wenn man zu ihnen sprach. Deshalb dachte
+ich mich öfters krank und war gerührt, wenn ich in meiner Einbildung
+vernahm, wie meine Eltern zärtlich zu mir redeten. Ich hatte ein
+Bedürfnis darnach, zärtlich behandelt zu werden, und es geschah nie. Vor
+meiner Mutter fürchtete ich mich, weil sie so selten zärtlich sprach.
+Ich hatte das Renommee eines Spitzbuben, und ich glaube, nicht mit
+Unrecht, aber es war doch manchmal verletzend für mich, immer daran
+erinnert zu werden. Ich hätte gern verzärtelt werden mögen; als ich aber
+einsah, daß es unmöglich war, daß man mir diese Aufmerksamkeit schenke,
+wurde ich ein Flegel und verlegte mich darauf, diejenigen zu ärgern,
+welche den Vorzug genossen, brave, geliebte Kinder zu sein. Das war
+meine Schwester Hedwig und mein Bruder Klaus. Nichts machte mir größeres
+Vergnügen, als Ohrfeigen von ihnen zu bekommen; denn daran sah ich, daß
+ich das Geschick dazu hatte, sie zornig auf mich zu machen. Von der
+Schule habe ich keine große Erinnerung mehr, aber ich weiß, daß sie mir
+eine Art Entgeltung wurde für die kleine Zurücksetzung, die ich im
+elterlichen Hause erfuhr: ich konnte mich auszeichnen. Es war mir eine
+Genugtuung, gute Zeugnisse nach Hause zu tragen. Ich fürchtete die
+Schule und verhielt mich infolgedessen dort brav; ich blieb in der
+Schule überhaupt immer zurückhaltend und zaghaft. Die Schwächen der
+Lehrer blieben mir indessen nicht lange verhüllt, doch kamen sie mir
+mehr schrecklich als lächerlich vor. Einer der Lehrer, ein plumper,
+ungeheurer Mensch, hatte ein wahres Säufergesicht; trotzdem fiel es mir
+nie ein, daß er ein Säufer hätte sein können, dagegen von einem andern
+ging ein rätselhaftes Gerücht in der Schulwelt umher, daß er am Trunk
+untergegangen wäre. Dieses Mannes Leidensgesicht vergesse ich nie. Die
+Juden hielt ich für vornehmere Menschen als die Christen; denn es gab
+etliche entzückend schöne Judenfrauen, vor denen ich, wenn ich ihnen auf
+der Gasse begegnete, erbebte. Öfters mußte ich, im Auftrage meines
+Vaters, in eines der eleganten Judenhäuser gehen, und es roch immer wie
+nach Milch in diesem Hause, und die Dame, die mir dort die Tür
+aufzuschließen pflegte, hatte weiße, weite Kleider an und brachte einen
+warmen, gewürzigen Duft mit sich heraus, vor dem ich anfangs einen
+Abscheu hatte, den ich aber nachher lieben lernte. Ich glaube, ich trug
+nicht gerade hübsche Kleider als Knabe, jedenfalls sah ich mit boshafter
+Bewunderung einige andere Knaben an, die hohe schöne Schuhe trugen,
+glatte Strümpfe und gutsitzende Anzüge. Ein Knabe besonders machte mir
+tiefen Eindruck wegen seiner Zartheit an Gesicht und Händen, wegen der
+Weichheit seiner Bewegungen und der Stimme aus seinem Munde. Er glich
+völlig einem Mädchen, war immer in weiche Stoffe gekleidet und genoß bei
+den Lehrern eine Achtung, die mich stutzig machte. Ich sehnte mich
+krankhaft danach, von ihm eines Wortes gewürdigt zu werden und war
+glücklich, als er mich eines Tages vor dem Schaufenster einer
+Papierhandlung unvermittelt ansprach. Er schmeichelte mir, weil ich so
+schön schrieb, und sprach das Verlangen danach aus, eine ebenso schöne
+Schrift wie ich zu besitzen. Wie freute mich das, diesem jungen Gott von
+Knaben in einem Stück wenigstens überlegen zu sein, und ich wehrte seine
+Schmeicheleien errötend und selig von mir ab. Dieses Lächeln! Ich
+erinnere mich noch, wie er lächelte. Seine Mutter war lange Zeit mein
+Traum. Ich überschätzte sie zu Ungunsten meiner eigenen Mutter. Welches
+Unrecht! Diesen Knaben griffen einige Spottvögel in unserer Klasse an,
+indem sie die Köpfe zusammensteckten und sagten, er sei ein Mädchen und
+zwar ein wirkliches, nur verkleidet in den Kleidern eines Knaben.
+Natürlich war es nur Unsinn, aber mich traf das wie ein Donnerschlag und
+ich glaubte lange Zeit, in diesem Knaben ein verkleidetes Mädchen
+verehren zu sollen. Seine überweiche Figur gab mir allen Anlaß zu
+überspannten romantischen Empfindungen. Natürlich war ich zu schüchtern
+und stolz, ihm meine Vorliebe für ihn zu erklären, und so hielt er mich
+für einen seiner Feinde. Wie vornehm wußte er sich abzusondern. Wie
+merkwürdig, jetzt das zu denken! -- Im Religionsunterricht entzückte ich
+einmal meinen Lehrer, weil ich für eine bestimmte Empfindung ein
+bestimmtes treffendes Wort fand; auch das ist mir unvergeßlich
+geblieben. In verschiedenen Fächern war ich überhaupt sehr gut, aber es
+war immer beschämend für mich, als Muster dazustehen, und ich bemühte
+mich oft förmlich, schlechte Resultate zu erzielen. Mein Instinkt sagte
+mir, daß mich die Überflügelten hassen könnten, und ich war gerne
+beliebt. Ich fürchtete mich davor, von den Kameraden gehaßt zu werden,
+weil ich das für ein Unglück hielt. Es war in unserer Klasse Mode
+geworden, die Streber zu verachten, deshalb kam es öfters vor, daß sich
+intelligente und kluge Schüler aus Vorsicht einfach dumm stellten.
+Dieses Verhalten, wenn es bekannt wurde, galt als musterhaftes Betragen
+unter uns, und in der Tat, es hatte wohl einen Anstrich von Heroismus,
+wenn auch in mißverstandenem Sinne. Von Lehrern ausgezeichnet zu werden,
+war also mit der Gefahr der Mißachtung verbunden. Welch eine seltsame
+Welt: die Schule. In einer der frühesten Schulklassen hatte ich einen
+Schulkameraden, einen kleinen Knirps mit Flecken im spitzigen Gesicht,
+dessen Vater ein herumsaufender Korbflechter war, den alle Leute
+kannten. Da mußte nun der kleine Kerl immer vor der ganzen höhnenden
+Klasse das Wort Schnaps aussprechen, was er nicht konnte, da er immer
+Snaps statt Schnaps sagte, infolge eines armseligen Zungenfehlers. Wie
+gab uns das zu lachen. Und wenn ich jetzt daran denke: wie roh war doch
+das. Ein anderer, ein gewisser Bill, ein drolliger kleiner Bursche, kam
+immer zu spät in die Schulstunde, weil seine Eltern ein Haus in einer
+einsamen, wilden, weit von der Stadt entfernten Berggegend bewohnten.
+Dieser Spätling mußte jedes Mal für sein Zuspätkommen die Hand
+ausstrecken, um einen bissigen, scharf schmerzenden Schlag mit dem
+Meerrohr darauf zu empfangen. Der Schmerz preßte dem Kleinen jedes Mal
+Tränen zu den Augen heraus. Welche Spannung rief in uns diese Abstrafung
+hervor. Ich hebe übrigens hervor, daß ich hier nicht irgend jemand,
+vielleicht den betreffenden Lehrer, wie man leicht glauben könnte,
+anklagen will, sondern einfach mitteile, was ich noch weiß aus jenen
+Zeiten. -- Auf dem Berge, im Wald, oberhalb der Stadt, pflegte sich,
+damals mehr als heutzutage, wie ich annehme, allerhand arbeitsloses,
+wildes, verkommenes Volk anzusammeln, um aus Schnapsflaschen im Dickicht
+zu trinken, Karten zu spielen, oder um mit den Weibern zu buhlen, denen
+das Elend und der Jammer zum Gesicht herausglotzten, und die aus den
+Fetzen von Kleidern, die sie trugen, erkenntlich waren. Man nannte diese
+Menschen Vaganten. Eines Sonntag Abends gingen wir, Hedwig, Kaspar und
+ich mit einem Mädchen, das wir Anna nannten, und das unserem Hause treu
+war, auf einem schmalen Weg über diesen Berg und sahen, als wir in eine
+Waldlichtung voll Felsstücken hinaustraten, wie ein Mann eben eines
+dieser Felsstücke mit seiner Faust ergriff und es einem andern Mann,
+seinem Gegner, ins Gesicht schleuderte, daß es einen Krach gab und das
+Blut des Getroffenen, der alsobald zu Boden stürzte, herausspritzte. Der
+Streit, dessen Ende, da wir sogleich flohen, wir nicht sahen, schien aus
+Anlaß eines Weibes entstanden zu sein, wenigstens ist mir eine düstere,
+große Weibsfigur noch immer deutlich vor Augen, die damals gelassen
+dagestanden ist und dem Streit mit böser Haltung zusah. Ich trug ein
+tiefes Weh und einen Schauder nach Hause, der mich am Essen verhinderte
+und noch lange Zeit jene Waldstelle meiden ließ. Es lag etwas
+Furchtbares, Uranfängliches in diesem Männerkampf. --
+
+Kaspar und ich hatten einen gemeinschaftlichen Freund, Sohn eines
+Großrates und angesehenen Kaufmanns, den wir wegen seiner
+Bereitwilligkeit und Unterwürfigkeit gegen unsere Pläne sehr liebten. Zu
+diesem gingen wir oft in das elterliche, großrätliche Haus, wo uns eine
+zierliche Dame, seine Mutter, jedes Mal freundlich willkommen hieß. Wir
+spielten mit unseres Freundes Baukasten und Bleisoldaten stundenlang und
+unterhielten uns vortrefflich. Kaspar zeichnete sich im Bauen von
+Festungen und Palästen und im Entwerfen von Schlachtenplänen aus. Unser
+Freund hing sehr an uns; an Kaspar, wie es mir schien, noch mehr als an
+mir; und er besuchte auch uns öfters in unserem Hause, wo es freilich
+nicht ganz so fein war. Hedwig hatte ihn sehr lieb. Seine Mutter war von
+der unsrigen ganz verschieden, die Zimmer waren glänzender als bei uns,
+der Ton war ein anderer, ich meine: der Ton der Umgangssprache; aber bei
+uns war es in allem lebhafter. Damals lebte in unserer Stadt eine reiche
+Dame für sich allein in einem herrlichen Garten, natürlich in einem
+Haus, aber das Haus sah man nicht vor lauter Efeu und Bäumen und
+Springbrunnen, die es verdeckten. Diese Dame hatte drei Töchter, schöne,
+blasse Mädchen, von denen es hieß, daß sie alle zwei Wochen ein neues
+Kleid anzögen. Die Kleider behielten sie nicht im Schrank, sondern
+ließen sie durch besondere Botenläufer unter den Leuten der Stadt
+verkaufen. Hedwig besaß einmal ein Seidenkleid und ein paar Schuhe von
+einem dieser Mädchen, und diese schon getragenen Sachen flößten mir, als
+ich sie betrachtete und anrührte, einen geheimen Abscheu ein, vermischt
+mit dem höchsten Interesse und einer Teilnahme, wegen der ich oft
+ausgelacht wurde. Die Dame saß immer in ihrem Hause oder höchstens
+einmal im Theater, wo sie erschreckend weiß aussah in ihrer dunkelroten
+Loge. Das mittlere von den drei Mädchen war wohl das schönste. Ich sah
+sie in meiner Phantasie immer zu Pferde; sie hatte so ein Gesicht, das
+dazu geschaffen war, vom Rücken eines tanzenden Pferdes auf eine
+gaffende Volksmenge herabzublicken und alle die Augen niederschlagen zu
+machen. Alle drei Mädchen sind jetzt wohl längst verheiratet. -- Einmal
+hatten wir eine Feuersbrunst, und zwar nicht in der Stadt selber,
+sondern in einem Nachbardorfe. Der ganze Himmel in der Runde war gerötet
+von den Flammen, es war eine eisige Winternacht. Die Menschen liefen auf
+dem gefrorenen, knirschenden Schnee, auch ich und Kaspar; denn unsere
+Mutter schickte uns weg, um zu erfahren, wo es brenne. Wir kamen zu den
+Flammen, aber es langweilte uns, so lang in das brennende Gebälk zu
+schauen, auch froren wir, und so liefen wir bald wieder nach Hause, wo
+uns Mutter mit all der Strenge einer Geängstigten empfing. Meine Mutter
+war damals schon krank. Kaspar trat ein wenig später aus der Schule aus,
+in der er keinen Erfolg mehr hatte. Ich hatte noch ein Jahr vor mir,
+aber eine gewisse Melancholie ergriff mich und hieß mich auf die Dinge
+der Schule mit Bitterkeit herabsehen. Ich sah das nahe Ende kommen und
+den nahen Anfang von etwas Neuem. Was es sein sollte, darüber konnte ich
+mir nur allerhand unkluge Gedanken machen. Ich sah meinen Bruder öfters,
+mit Paketen beladen, in seinem Geschäftsleben, und dachte darüber nach,
+warum er so niedergeschlagen dabei aussah und sein Gesicht zur Erde
+niederhing. Es mußte nicht schön sein, dieses Neue, wenn man dabei die
+Augen nicht aufschlagen durfte. Aber Kaspar hatte damals sich auf seinen
+Beruf zu besinnen angefangen, er schien immer zu träumen und war von
+einer sonderbaren Gelassenheit, was dem Vater nichts weniger als gefiel.
+Wir bewohnten jetzt ein geringeres Vorstadthaus, dessen Anblick ein
+erkältender war. Die Wohnung war Mutter nicht recht. Sie hatte überhaupt
+eine eigentümliche Krankheit, sich von ihrer jeweiligen Umgebung
+verletzt zu fühlen. Sie mochte von vornehmen kleinen Häusern in Gärten
+schwärmen. Was kann ich wissen. Sie war eine sehr unglückliche Frau.
+Wenn wir zum Beispiel alle beim Essen saßen, ziemlich schweigsam, wie
+wir es gewohnt waren, erfaßte sie plötzlich eine Gabel oder ein Messer
+und warf es von sich weg, über den Tisch hinaus, so daß alle mit den
+Köpfen zur Seite bogen; wenn man sie dann beruhigen wollte, kränkte es
+sie, und wenn man ihr Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte einen
+schweren Stand mit der Kranken. Wir Kinder erinnerten uns mit Wehmut und
+Schmerz der Zeiten, wo sie eine Frau war, der alles mit einem Gemisch
+von Hochachtung und Zärtlichkeit begegnete, wo, wenn sie die helle
+Stimme ansetzte und einen rief, man sich beglückt fühlte zu ihr
+hinzueilen. Alle Damen der Stadt erwiesen ihr Artigkeiten, die sie mit
+Grazie und Bescheidenheit abzulehnen wußte; diese entschwundene Zeit
+erschien mir schon damals wie ein zaubervolles Märchen voll entzückender
+Düfte und Bilder. Ich lernte also schon früh, mich schönen Erinnerungen
+mit Leidenschaft hinzugeben. Ich sah wieder das hohe Haus, wo die Eltern
+ein reizendes Galanteriewarengeschäft hatten, wo viele Menschen zu uns
+hineinkamen, um zu kaufen, wo wir Kinder eine helle, große Kinderstube
+besaßen, in welche die Sonne mit einer Art Vorliebe hineinzuscheinen
+schien. Dicht neben unserem hohen Hause kauerte ein kleines, schräges,
+zerdrücktes, uraltes Haus mit einem spitzigen Giebeldach, darin wohnte
+eine Witwe. Sie hatte einen Hutladen, einen Sohn und eine Verwandte und,
+ich glaube, noch einen Hund, wenn ich mich recht erinnere. Wenn man zu
+ihr in den Laden trat, begrüßte sie einen so freundlich, daß man das
+bloße dieser Dame Gegenüberstehen als einen Wohlgenuß empfand. Sie
+preßte einem dann verschiedene Hüte auf den Kopf, führte einen vor den
+Spiegel und lächelte dazu. Ihre Hüte rochen alle so wunderbar, daß man
+wie gebannt dastehen mußte. Sie war eine gute Freundin meiner Mutter.
+Dicht daneben, das heißt, dicht neben dem Hutladen glitzerte und lockte
+eine schneeweiße Konditorei, eine Zuckerbäckerei. Die Zuckerbäckersfrau
+schien uns ein Engel zu sein, nicht eine Frau. Sie hatte das zarteste,
+ovalste Gesicht, das man sich denken kann; die Güte und die Reinheit
+schienen diesem Gesicht die Formen gegeben zu haben. Ein Lächeln, das
+einen zum frommen Kinde machte, wenn es einen traf, bezauberte und
+versüßte noch ihre süßen Züge. Die ganze Frau schien wie geschaffen
+dazu, Süßigkeiten zu verkaufen, Sachen und Sächelchen, die man nur mit
+Nadelspitzenfingern anrühren durfte, wenn man ihnen den köstlichen
+Geschmack nicht rauben wollte. Das war auch eine Freundin meiner Mutter.
+Sie hatte viele Freundinnen.« --
+
+Simon hörte auf zu schreiben. Er ging zu einer Photographie seiner
+Mutter, die an der schmutzigen Wand seines Zimmers hing, und preßte,
+indem er sich auf die Fußspitzen erhob, einen Kuß darauf. Dann zerriß er
+das Geschriebene, weder mit Unmut noch mit vielem Besinnen, einfach
+deshalb, weil es keinen Wert mehr für ihn besaß. Dann ging er zu Rosa,
+in die Vorstadt hinaus und sagte zu ihr: »Ich werde nun vielleicht bald
+eine Anstellung in einer kleinen Landstadt bekommen, was für mich jetzt
+das Schönste wäre, was es geben könnte. Eine kleine Stadt ist doch etwas
+Entzückendes. Man hat da sein altes, behagliches Zimmer, das man für
+merkwürdig wenig Geld bekommt. Vom Geschäft ins Zimmer zu gelangen, wäre
+mit ein paar Schritten leicht abgetan. Alle Leute grüßen einen in der
+Gasse und denken sich, wer der junge Herr wohl sein könne. Diejenigen
+Weiber, die Töchter haben, geben einem schon im Geiste eine ihrer
+Töchter zur Frau. Das wird die jüngste Tochter sein mit den Ringellocken
+und den herabhängenden, schweren Ohrringen an den kleinen Ohren. Im
+Geschäft würde man sich langsam unentbehrlich machen, und der Chef wäre
+glücklich, eine solche Erwerbung wie mich gemacht zu haben. Abends nach
+Hause gekommen, säße man im geheizten Zimmer, und die Bilder an den
+Wänden würden angesehen, von denen eines vielleicht die schöne Kaiserin
+Eugenie darstellen dürfte und ein anderes eine Revolution. Die Tochter
+des Hauses käme vielleicht herein und brächte mir Blumen, warum nicht?
+Ist dies alles in einer Kleinstadt nicht möglich, wo die Menschen
+einander so zärtlich begegnen? Eines Tages aber, in der warmen, hellen
+Mittagspause, würde dasselbe Mädchen schüchtern an meiner Tür anklopfen,
+einer Tür, nebenbei gesagt, die aus der Rokokozeit herstammte, würde sie
+aufmachen und zu mir in das Zimmer treten und zu mir, unter einer
+unendlich feinen Seitenbeugung des schönen Kopfes, sagen: »Wie sind Sie
+immer so still, Simon. Sie sind so bescheiden und machen gar keine
+Ansprüche. Sie sagen nicht: mir fehlt dieses oder jenes. Sie lassen
+alles so gehen. Ich fürchte, Sie sind unzufrieden.« Ich würde lachen und
+sie beruhigen. Dann plötzlich, wie von seltsamen Gefühlen ergriffen,
+könnte es ihr einfallen zu sagen: »Wie still und schön die Blumen sind,
+da auf dem Tische. Sie sehen aus, als ob sie Augen hätten und es ist
+mir, als ob sie lächelten.« Ich würde überrascht sein, so etwas aus dem
+Munde einer Kleinstädterin zu hören. Dann würde ich es plötzlich
+natürlich finden, in langsamen Schritten zu der Dastehenden und
+Zaudernden hinzugehen, meinen Arm um ihre Figur zu legen und das Mädchen
+zu küssen. Sie würde es geschehen lassen, aber nicht so, daß man
+versucht wäre, auf unschöne Gedanken zu verfallen. Sie würde die Augen
+tief niederschlagen und ich hörte das Pochen ihres Herzens, das Wogen
+ihren schönen, runden Brust. Ich würde sie bitten, mir ihre Augen zu
+zeigen, und daraufhin würde sie sie aufmachen und ich würde in den
+Himmel ihrer geöffneten, fragenden Augen hineinschauen. Das würde ein
+langes Bitten und Schauen sein. Erst wäre es ein flehender Blick von
+ihr, dann würde es mich reizen, sie ebenso anzusehen, dann würde ich
+natürlich lachen müssen und sie würde mir trotzdem vertrauen. Wie
+wunderbar könnte das sein, und das kann sein in einer kleinen Stadt, wo
+die Menschen mit Blicken so viel sagen. Ich würde sie wieder küssen auf
+ihren seltsam gebogenen und geschweiften Mund und ihr schmeicheln, so,
+daß sie meinen Schmeicheleien glauben müßte und es also dann wieder
+keine bloßen Schmeicheleien wären, und ihr sagen, daß ich sie als mein
+Weib betrachtete, worauf sie, wieder den Kopf so wundervoll zur Seite
+biegend, ja sagen würde. Denn was könnte sie mir entgegnen, wenn ich ihr
+den Mund zudrückte, wie einem Kind, wenn ich sie nun mit Küssen
+bedeckte, die Herrliche, die ein Lächeln des Übermutes und des
+Siegesgefühles nicht zu unterdrücken vermöchte? Freilich, Siegerin wäre
+sie und ich ihr Besiegter, das würde sich ja bald zeigen, denn ich würde
+ihr Mann werden und ihr damit mein ganzes Leben, meine Freiheit und alle
+Gelüste, die Welt zu sehen, opfern und schenken. Nun würde ich sie immer
+betrachten und sie immer schöner finden. Bis zu unserer Vermählung würde
+ich wie ein Schelm hinter ihren Reizen, die sie hinter sich fallen
+ließe, her sein. Ich würde ihr zusehen, wenn sie auf den Zimmerboden
+hinkniete, abends, um im Ofen Feuer anzufachen. Ich würde viel lachen,
+wie ein Blödsinniger, nur um nicht immer allzu feine Worte des
+Zärtlichseins zu gebrauchen, und vielleicht würde ich sie öfters auch
+roh behandeln, um die Züge des Schmerzes aus ihrem Gesicht abzufangen.
+Nach solcher Handlungsweise käme es mir nicht darauf an, heimlich, wenn
+sie es nicht sähe, vor ihrem Bette hinzuknieen und die Abwesende mit
+heißem Herzen anzubeten. Ich würde mich vielleicht sogar dazu
+versteigen, ihren Schuh, der doch mit Wichse bedeckt wäre, an meinen
+Mund zu pressen; denn der Gegenstand, in den sie ihre kleinen weißen
+Füße steckte, würde für das Gefühl der Anbetung vollkommen genügen, zum
+Beten braucht es ja nicht viel. Ich stiege öfters auf die nahen, hohen
+Felsenberge hinauf, sorglos mich hinaufziehend an kleinen Baumstämmchen,
+über Abgründe hinauf, und würde mich oben über einen Felssturz auf die
+gelbliche Weide hinlegen und mich darauf besinnen, wo ich denn
+eigentlich wäre, und mich fragen, ob mir ein solches Leben in der Enge
+mit einer allerdings geliebten, aber doch alles heischenden Frau wohl
+genügen würde. Ich schüttelte auf solche Fragen nur mit dem Kopf und
+träumte mit herrlich gesunden Sinnen in die Ebene hinab, wo die kleine
+Stadt ausgebreitet läge. Vielleicht würde ich eine halbe Stunde lang
+weinen, warum nicht, um meine Sehnsucht zu versöhnen und würde wieder
+ruhig und glücklich daliegen, bis die Sonne untersänke, dann
+hinuntergehen und meinem Mädchen die Hand reichen. Es wäre alles
+beschlossen und hinter mir zugeriegelt, aber ich wäre von Herzen froh
+über die feste, gebietende Abgeschlossenheit. Alsdann würde ich Hochzeit
+feiern und so meinem Leben ein neues Leben geben. Das alte würde wie
+eine schöne Sonne untergehen, und nicht einmal einen Blick würde ich ihm
+nachwerfen, weil ich das für gefährlich und schwach hielte. Die Zeit
+verginge, und nun würden wir uns, um für unsere Zärtlichkeit eine
+Abbildung zu haben, nicht mehr über Blumen beugen, sondern über Kinder
+und uns entzücken über ihr Lächeln und Fragenstellen. Die Liebe zu
+unseren Kindern und die tausend Sorgen, die sie heischen würden, machte
+unsere eigene Liebe sanfter und nur größer, aber stiller. Mich zu
+fragen, ob mir meine Frau noch gefalle, würde mir niemals einfallen, und
+mir einzureden, daß ich ein kleines, dürftiges Leben führte, käme mir
+nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahren, was an Erfahrung das Leben
+gibt und würde gern auf den Gedanken verzichten, der mir allerhand
+elegante Abenteuer vorhielte und vorspiegelte, die ich versäumt hätte.
+»Was ist noch ein Versäumnis zu nennen?« würde ich mich ruhig und
+überlegen fragen. Ich wäre ein fester Mensch geworden, das wäre alles
+und bliebe alles bis zu meiner Frau Tode, der es vielleicht bestimmt
+wäre, früher als ich zu sterben. Doch weiter mag ich nicht denken; denn
+das liegt doch zu fernab im Dunkel der schönen Zukunft. Was sagen Sie
+dazu? Ich träume jetzt immer so viel, aber Sie müssen wenigstens
+zugeben, daß ich mit einer gewissen Aufrichtigkeit und mit dem Verlangen
+träume, ein besserer Mensch zu werden, als ich jetzt bin.«
+
+Rosa lächelte. Sie schwieg eine Weile, indem sie Simon aufmerksam
+betrachtete und fragte dann:
+
+»Was macht Ihr Herr Bruder, der Maler?«
+
+»Er will nächstens nach Paris gehen.«
+
+Rosa erblaßte, schloß die Augen und atmete schwer. Simon dachte: Also
+auch sie liebt ihn.
+
+»Sie lieben ihn,« sagte er leise.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Morgen trat Simon in einem kurzen, dunkelblauen Mantel, mit
+einem zierlichen, unbehülflichen Stöckchen in der Hand, aus dem Hause
+heraus. Ein dicker, schwerer Nebel empfing ihn und es war noch
+vollständige Nacht. Nach einer Stunde aber erhellte es sich, als er auf
+einer Anhöhe stand und auf die große Stadt zu seinen Füßen
+zurückblickte. Es war kalt, aber die Sonne, die eben jetzt feurig und
+hellrot über den verschneiten Büschen und Feldern emporstieg, versprach
+einen wundervollen Tag. Er blieb in den Anblick des immer höher
+fliegenden roten Balles gebannt und sagte sich, daß die Sonne im Winter
+noch drei Mal so schön sei, wie eine Sonne mitten im Sommer. Der Schnee
+brannte bald in dieser eigentümlich hellroten, warmen Farbe, und dieser
+wärmende Anblick und die wirkliche Kälte dazwischen wirkten belebend und
+anspornend auf den Wanderer, der sich auch nicht allzu lange mehr
+aufhalten ließ, sondern tüchtig weiterschritt. Der Weg war derselbe, den
+Simon damals in der Herbstnacht gegangen war, er hätte ihn jetzt beinahe
+schlafend gefunden. So lief er den ganzen Tag. Im Mittag spendete die
+Sonne schöne Wärme auf die Gegend herab, der Schnee wollte schon wieder
+zerrinnen, und das Grün blickte an einigen Stellen naß hervor. Die
+rieselnden Quellen verstärkten den Eindruck der Wärme, aber gegen Abend,
+als der Himmel in dunkelblauer Farbe prangte und der rote Schein der
+Sonne sich über dem Bergrücken verlor, wurde es auch gleich wieder
+grimmig kalt. Simon stieg wieder den Berg hinauf, den er schon einmal,
+aber in wilderer Hast, in der Nacht erklommen hatte; der Schnee
+knirschte unter seinen Schritten. Die Tannen waren so voll mit Schnee
+beladen, daß sie ihre starken Äste herrlich zur Erde niederhängen
+ließen. Ungefähr in der Mitte des Aufstieges sah Simon plötzlich einen
+jungen Mann mitten im Wege im Schnee daliegen. Es war noch so viel
+letzte Helle im Wald, daß er den schlafenden Mann ins Auge fassen
+konnte. Was veranlaßte diesen Menschen, sich hier in der bitteren Kälte
+und an einer so einsamen Stelle im Tannenwald niederzulegen? Des Mannes
+breiter Hut lag quer über dessen Gesicht, wie es oft im heißen,
+schattenlosen Sommer vorkommt, daß ein Liegender und Ausruhender sich
+auf diese Weise gegen die Sonnenstrahlen schützt, um einschlafen zu
+können. Das hatte etwas Unheimliches an sich, dieses Gesichtverdecken
+mitten im Winter, zu einer Zeit, wo es wahrhaftig keine Lust konnte
+genannt werden, es sich hier im Schnee bequem zu machen. Der Mann lag
+unbeweglich und schon fing es an, immer dunkler im Walde zu werden.
+Simon studierte des Mannes Beine, Schuhe, Kleider. Die Kleider waren
+hellgelb, es war ein Sommeranzug, ein ganz dünner und fadenscheiniger.
+Simon zog den Hut von des Mannes Gesicht, es war erstarrt und sah
+schrecklich aus, und jetzt erkannte er auf einmal das Gesicht, es war
+Sebastians Gesicht, kein Zweifel, das waren Sebastians Züge, das war
+sein Mund, sein Bart, seine etwas breite, gedrückte Nase, seine
+Augenbildungen, seine Stirn und seine Haare. Und er war hier erfroren,
+ohne Zweifel, und er mußte schon etliche Zeit liegen, hier am Wege. Der
+Schnee zeigte hier keine Fußspuren, es war also denkbar, daß er schon
+lange liege. Gesicht und Hände waren längst erstarrt, und die Kleider
+klebten an dem erfrorenen Leib. Sebastian mochte hier, durch große,
+nicht mehr zu ertragende Müdigkeit, hingesunken sein. Allzukräftig war
+er nie gewesen. Er ging immer in gebückter Haltung, als ertrüge er die
+aufrechte nicht, als täte es ihm weh, seinen Rücken und seinen Kopf
+stramm zu halten. Wenn man ihn ansah, empfand man, daß er dem Leben und
+seinen kalten Anforderungen nicht gewachsen war. Simon schnitt
+Tannenäste von einer Tanne und bedeckte den Körper damit, doch zog er
+vorher noch ein kleines dünnes Heft aus der Rocktasche des Toten, das
+dort hervorgeschaut hatte. Es schien Gedichte zu enthalten, Simon
+unterschied die Schriftzeichen nicht mehr. Es war mittlerweile völlige
+Nacht geworden. Die Sterne funkelten durch die Lücken der Tannen und der
+Mond schaute in einem schmalen, zierlichen Reifen der Szene zu. »Ich
+habe keine Zeit,« sagte Simon still vor sich, »ich muß mich beeilen, daß
+ich die nächste Stadt noch erreiche, ich würde sonst keine Bangigkeit
+verspüren, noch etwas längere Zeit bei diesem armen Kerl von Toten zu
+verweilen, der ein Dichter und Schwärmer war. Wie nobel er sich sein
+Grab ausgesucht hat. Mitten unter herrlichen, grünen, mit Schnee
+bedeckten Tannen liegt er. Ich will niemanden davon Anzeige erstatten.
+Die Natur sieht herab auf ihren Toten, die Sterne singen leise ihm zu
+Häupten, und die Nachtvögel schnarren, das ist die beste Musik für
+einen, der kein Gehör und kein Gefühl mehr hat. Deine Gedichte, lieber
+Sebastian, will ich in die Redaktion tragen, wo man sie vielleicht lesen
+und dem Abdruck übergeben wird, damit von dir wenigstens dein armer,
+funkelnder, schönklingender Name der Welt erhalten bleibt. Eine
+prachtvolle Ruhe, dieses Liegen und Erstarren unter den Tannenästen, im
+Schnee. Das ist das beste, was du tun konntest. Die Menschen sind immer
+geneigt, derartigen Käuzen, wie =du= einer warst, weh zu tun und ihre
+Schmerzen zu verlachen. Grüße die lieben, stillen Toten unter der Erde
+und brenne nicht zu sehr in den ewigen Flammen des Nichtmehrseins. Du
+bist anderswo. Du bist sicher an einem herrlichen Ort, du bist jetzt ein
+reicher Kerl, und es verlohnt sich, die Gedichte eines reichen,
+vornehmen Kerls herauszugeben. Lebe wohl. Wenn ich Blumen hätte, ich
+schüttete sie über dich aus. Für einen Dichter hat man nie Blumen genug.
+Du hattest zu wenig. Du erwartetest welche, aber du hörtest sie nicht
+über deinem Nacken schwirren, und sie fielen nicht auf dich nieder, wie
+du geträumt hast. Siehst du, ich träume auch viel, und viele, viele
+Menschen, denen man es nicht zutrauen würde, träumen, aber du glaubtest,
+ein Recht zu haben auf das Träumen, während wir anderen nur träumen,
+wenn wir uns recht elend vorkommen, aber froh sind, es einstellen zu
+können. Du verachtetest deine Mitmenschen, Sebastian! Aber, Lieber, das
+darf sich nur ein Starker erlauben, und du warst schwach! Doch ich will
+nicht dein heiliges Grab gefunden haben, um es zu beschmähen. Was weiß
+ich, was du gelitten hast. Dein Tod unter den offenen Sternen ist schön,
+ich werde das lange nicht vergessen können. Ich will Hedwig dein Grab
+unter diesen edlen Tannen schildern, und ich werde sie damit weinen
+machen. Die Menschen werden wenigstens noch deine Gedichte lesen, wenn
+sie mit dir doch einmal nichts anzufangen wußten.« -- Simon schritt von
+dem Toten weg, warf einen letzten Blick auf das Häufchen Tannenäste,
+unter denen jetzt der Dichter schlief, wandte sich mit einer schnellen
+Drehung seines schmiegsamen Körpers von dem Bilde ab und lief, was er
+konnte, im Schnee weiter, den Berg hinauf. Er mußte also zum zweiten Mal
+den Berg bei Nacht ersteigen, aber dieses Mal schauerten Leben und Tod
+heiß durch seinen ganzen Körper. Er hätte jubeln mögen in dieser
+eisigen, sternengeschmückten Nacht. Das Feuer des Lebens trug ihn vom
+sanften, blassen Bild des Todes stürmisch hinweg. Er spürte keine Beine
+mehr, nur noch Adern und Sehnen, und diese gehorchten biegsam seinem
+vorwärtseilenden Willen. Droben auf der freien Bergmatte genoß er den
+erhabenen Anblick der herrlichen Nacht erst ganz, und er lachte laut
+auf, wie ein Knabe, der noch nie einen Toten gesehen hat. Was war denn
+ein Toter? Ei, eine Mahnung ans Leben. Weiter gar nichts. Eine köstliche
+zurückrufende Erinnerung und zugleich ein Treiben in die ungewisse,
+schöne Zukunft. Simon spürte, daß seine Zukunft noch recht weit und
+offen vor ihm liegen mußte, wenn er so ruhig mit Toten umgehen konnte.
+Es machte ihm eine tiefe Freude, diesen armen, unglücklichen Menschen
+noch einmal gesehen zu haben und so geheimnisvoll angetroffen zu haben,
+so schweigend, so beredt, so dunkel und ruhig und so vornehm fertig.
+Jetzt gab es gottlob über diesen Dichter nichts mehr zu lächeln und zu
+naserümpfen, bloß noch zu fühlen. -- Simon schlief herrlich in einem
+Gasthausbett, nämlich in demselben Gasthaus, dessen Tanzsaal sein Bruder
+bemalt hatte. Den andern Tag benutzte er zu frischem Laufen auf
+beschwerlichen Straßen voll Schnee. Er sah immer einen blauen Himmel
+über sich, Häuser zu beiden Seiten der Straßen, schöne große Häuser die
+auf eine wohlhabende und stolze Landbevölkerung schließen ließen, Hügel
+mit schwarzen, zerzausten Bäumen besetzt, in die der blaue Himmel
+hineinkroch, und Menschen, die an ihm vorübergingen und solche, die mit
+ihm die gleiche Richtung liefen, die er aber überholte; denn er lief,
+während die andern gemächlich gingen. Als es Nacht wurde, ging er durch
+ein stilles, enges, sonderbares Tal, ganz von Wäldern umschlossen und
+voll Windungen und seltsamer Ausblicke in erhöhte Dörfer, wo die
+Nachtlichter brannten und die Menschen spärlich umherliefen. Da ihn nun
+doch eine ernstliche Müdigkeit zu plagen anfing, kehrte er im nächsten
+Gasthaus wieder ein. Die Wirtsstube war mit Menschen angefüllt, und die
+Wirtin sah eher wie eine vornehme Frau aus feinem Haus aus als wie eine
+Wirtin, die Gäste bediente. Er verlangte schüchtern, was er begehrte,
+worauf ihn die schöne Frau mit seltsamen Blicken maß. Er aber war so
+müde, so zerschlagen, daß er nur froh war, als er bald darauf in sein
+Zimmer geführt wurde, wo er sich mit Wonne in ein eiskaltes Bett legte,
+um sogleich einzuschlafen. Der dritte Tag brachte ihn in eine schöne,
+mächtige Stadt, wo er nur ein Geschäft hatte: einen Redakteur ausfindig
+zu machen, um Sebastians Gedichte abzugeben. Vor dem ihm bezeichneten
+Hause angekommen, fiel ihm ein, daß es nicht klug wäre, selber
+hineinzugehen und Gedichte eines Totaufgefundenen abzugeben. Er schrieb
+daher auf den Umschlag des blauen Heftes den Titel: »Gedichte eines im
+Tannenwald erfroren aufgefundenen jungen Mannes zur Veröffentlichung,
+wenn es möglich ist«, und warf das Heft in den großen, plumpen
+Briefkasten, in den es hinunterprallte. Dieses getan machte sich Simon
+neuerdings auf den Weg. Das Wetter war milder geworden, Schnee wirbelte
+in großen, nassen Flocken auf die Straßen, zu denen hinaus es ihn
+drängte. Die unbekannten Menschen dieser Stadt sahen ihn so sonderbar
+groß an, daß er beinahe glauben mußte, sie kennten ihn, den völlig
+Fremden. Bald kam er zur eigentlichen Stadt hinaus in die vornehme
+Villenvorstadt, und zu dieser auch wieder hinaus, in einen Wald, auf ein
+Feld, auf ein anderes, wieder in einen kleineren Wald, dann in ein Dorf,
+in ein zweites und drittes, bis es Nacht wurde.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+
+In dem kleinen Dorfe schneite es am Morgen. Die Schulkinder kamen alle
+mit nassen, verschneiten Schuhen, Hosen, Röcken und Köpfen und Kappen in
+die Schule. Sie brachten Schneeduft in die Schulstube und allerhand
+Geröll von den schmutzigen, aufgeweichten Wegen. Die Schar der Kleinen
+war infolge des Schneefalles zerstreut und angenehm aufgeregt, zu
+Aufmerksamsein wenig geneigt, worüber die Lehrerin ein wenig unmutig
+wurde. Sie wollte eben mit Religion beginnen, als sie einen dunklen,
+schlanken, beweglichen, gehenden Fleck vor dem Fenster gewahrte, einen
+Fleck, den kein Bauer hätte machen können, denn er war zu zierlich und
+beweglich. Es flog nur so an der Fensterreihe vorüber, und auf einmal
+sahen die Kinder ihre Lehrerin, alles vergessend, zur Stube hinauseilen.
+Hedwig trat nur zur Schulstubentür hinaus, um ihrem Bruder, der dicht
+davor stand, in die Arme zu fliegen. Sie weinte und küßte Simon und
+führte ihn in eines von den zwei Zimmern, die ihr zur Verfügung standen.
+»Du kommst unerwartet, aber es ist gut, daß du kommst,« sagte sie, »lege
+deine Sachen hier ab. Ich muß noch Schule halten, aber ich will die
+Kinder heute eine Stunde früher nach Hause schicken. Das wird nichts
+ausmachen. Sie sind heute doch sonst so unaufmerksam, daß ich einen
+Grund habe, böse zu sein und sie früher abzufertigen.« -- Sie ordnete
+sich ihr Haar, das bei der heftigen Begrüßung ziemlich aus den Fugen
+geraten war, sagte Auf Wiedersehen zu ihrem Bruder und ging wieder
+zurück an ihr Geschäft.
+
+ * * * * *
+
+Simon fing an, sich auf dem Lande einzurichten. Seine Koffer kamen mit
+der Post nach, worauf er alle seine Sachen auspackte. Vieles besaß er
+nicht mehr, ein paar alte Bücher, die er nicht hatte veräußern oder
+weggeben mögen, Wäsche, einen schwarzen Anzug und einen Knäuel von
+Kleinigkeiten wie Bindfaden, Seidenreste, Krawatten, Schuhbändel,
+Kerzenstümpchen, Knöpfe und Fadenteile. Man lieh sich bei der
+Nachbarsschullehrerin eine alte eiserne Bettlade, dazu eine
+Strohmatratze, das genügte, um auf dem Lande schlafen zu können. Diese
+Bettstelle wurde auf einem breiten Schlitten in der Nacht vom nächsten
+Dorf herbeigeführt. Hedwig und Simon setzten sich auf das sonderbare
+Fahrzeug; der Sohn der befreundeten Lehrerin, ein strammer Bursche, der
+eben den Militärdienst verlassen hatte, leitete den Schlitten bergab in
+die Einsenkung, in der sich das Schulhaus befand. Man lachte viel. Das
+Bett wurde im zweiten Zimmer aufgeschlagen und mit dem nötigen Bettzeug
+versehen und so für einen Menschen hergerichtet, der keine zu
+überspannten Ansprüche an ein Bett machte, was auch Simon keineswegs
+tat. Hedwig dachte im Anfang eine Weile: »Da kommt er nun zu mir, weil
+er sonst nirgendswo anders zu leben hat in der weiten Welt. Dafür bin
+ich ihm gut. Wenn er wüßte, wo schlafen und essen, er würde sich sicher
+seiner Schwester nicht erinnert haben.« Aber sie verscheuchte diesen
+Gedanken bald, der nur in einem Anflug von Trotz entstand, der
+ausgedacht wurde, weil er so kam, nicht, weil man ihn gerne dachte.
+Simon seinerseits schämte sich ein wenig, die Güte seiner Schwester in
+solcher Weise zu beanspruchen, aber auch nicht sehr lange; denn die
+Gewohnheit schluckte diese Empfindung bald auf, er gewöhnte sich daran,
+ganz einfach! Geld hatte er wirklich keines mehr, aber er ließ sofort,
+in den ersten Tagen schon, ein Schreiben an alle umliegenden Notare
+ergehen, mit der Bitte, ihm, einem gewandten Schönschreiber, Arbeiten
+zuzuweisen. Und was brauchte man auf dem Lande Geld! Viel jedenfalls
+nicht. Nach und nach sank jede empfindliche Scheidewand zwischen den
+beiden Bewohnern des Schulhauses, sie lebten, als wenn sie immer
+miteinander gelebt hätten, und teilten Entbehrung sowie Lustbarkeiten
+fröhlich miteinander.
+
+Es war Vorfrühling. Man durfte schon mit weniger Zagheit die Fenster
+offen stehen lassen und brauchte den Ofen nur noch leichter zu heizen.
+Die Kinder brachten Hedwig ganze Sträuße von Schneeglöckchen mit in die
+Schule, so daß man in Verlegenheit geriet, wohin sie alle setzen, da
+nicht genug kleine Gefäße vorhanden waren. Die Ahnung des Frühlings
+duftete beklemmend in der Dorfluft. In der Sonne gingen schon Menschen
+spazieren. Simon war den einfachen Leuten bekannt geworden, ganz
+spurlos, so ganz nebenher, man fragte nicht viel, wer er sei, es hieß,
+es sei einer der Brüder der Lehrerin, das genügte, um ihm hier Achtung
+zu verschaffen. Er wird einige Zeit zu Besuch bleiben, dachte man. Simon
+ging ziemlich abgerissen umher, aber mit einer gewissen leichten,
+kleidsamen Eleganz, die die Ärmlichkeit der Stoffe, die er trug, hübsch
+verdeckte. Seine zerrissenen Schuhe machten nicht viel Aufsehen. Simon
+fand es reizend, auf dem Lande in defekten Schuhen zu gehen; denn darin
+spürte er eine der hervorragenden Annehmlichkeiten des ländlichen
+Lebens. Wenn er Geld bekäme, würde er leise daran denken, das Schuhwerk
+aufbessern zu lassen, nur ganz gemach und leise! Vielleicht würde er
+vierzehn Tage lang hinzaudern damit; denn was kommt es auf dem Lande auf
+vierzehn Tage an! In der Stadt mußte man alles schnell tun, aber hier
+hatte man die schöne Verpflichtung, alles von einem Tag auf den anderen
+zu verschieben, ja, es verschob sich ganz von selber; denn die Tage
+kamen so still und ehe man es denken konnte, war der Abend schon wieder
+da, dem eine innige Nacht folgte, ein wahrer Schlaf von einer Nacht, den
+der Tag leise wieder aufweckte, sorgsam und zärtlich. Simon liebte auch
+die meist schmutzigen Dorfwege, die kleinen, die über Geröll führten,
+und die großen, in denen man im Kot versank, wenn man nicht aufpaßte.
+Aber das war es ja eben! Man hatte Gelegenheit, aufzupassen, man konnte
+den Städter herauszeigen, der daran gewöhnt war, mit Sorgfalt und etwas
+posiertem Schrecken vor dem Schmutz eine Straße zu passieren. Die
+älteren Dorfweiber konnten denken, das sei ein reinlicher und achtsamer
+junger Mann und die Mädchen konnten lachen über die weiten Sprünge, mit
+denen Simon über Gräben und Pfützen hinübersetzte. Der Himmel war
+vielmals dunkel umwölkt, mit Wolken besetzt, die dick aufgeblasen waren,
+und köstliche Stürme wehten oft und schüttelten den Wald und rasten über
+das Moos, wo die Leute arbeiteten, die Erde stachen und die Pferde
+geduldig daneben standen. Oft auch lächelte der Himmel, daß alle
+Menschen, die es sahen, augenblicklich mitlächeln mußten. Hedwigs
+Gesicht nahm einen frohlockenden Ausdruck an, der Lehrer, der im oberen
+Stock wohnte, steckte seine Brille neugierig zum Fenster hinaus und
+genoß auf seine Weise das Entzücken eines freundlichen Himmels. Simon
+hatte sich in einem kleinen Laden eine billige Pfeife und dazu Tabak
+gekauft. Es erschien ihm schön und angemessen, auf dem Lande nur Pfeife
+zu rauchen, denn eine Pfeife konnte man stopfen, und dieses Stopfen war
+eine Bewegung, die zum offenen Feld, zum Wald paßte, wo er beinahe den
+ganzen hellen Tag verbrachte. Am warmen Mittag lag er im hellgelben Gras
+unter dem herrlichen sanften Himmel, am Flußufer hingestreckt und durfte
+nicht nur, sondern mußte sogar träumen. Aber er träumte von nichts
+Weitem, Entfernterem und Schönerem, sondern er sann und träumte
+glücklich in seine Umgebung hinein; denn er wußte von nichts Schönerem.
+Hedwig, die Nahe, war der Gegenstand seiner Träume. Er hatte die ganze
+übrige Welt vergessen und der Pfeifentabak, den er rauchte, führte ihn
+nur wieder ins Dorf, zu dem Schulhause, zu Hedwig. Er dachte von ihr:
+»Sie fährt mit einem in einem Nachen, der sie entführt hat. Der See ist
+klein wie ein Parkteich. Sie sieht immer in die großen, schwarzen,
+düsteren Augen des Mannes, der unbeweglich im Nachen sitzt, und denkt:
+»Wie doch seine Augen ins Wasser blicken. Mich sieht er nicht an. Aber
+das ganze, weite Wasser blickt mich mit seinen Augen an!« Der Mann hat
+einen struppigen Bart, wie die Räuber Bärte zu tragen pflegen. Dieser
+Mann kann galant sein, wie keiner. Er kann die Galanterie bis zum
+Verlust seines Lebens treiben, ohne mit einer Wimper zu zucken und gewiß
+ohne die Hand aufs Herz zu legen und sich mit seiner Tat zu brüsten.
+Dieser Mann würde sich nie brüsten. Er hat eine warme, wundervolle
+Männerstimme, aber er gebraucht sie nie, um eine Artigkeit zu sagen. Nie
+kommt eine Schmeichelei über seine stolzen Lippen und seine Stimme
+verdirbt er mit Absicht, daß sie rauh und herzlos töne. Aber das Mädchen
+weiß, daß er ein grenzenlos gutes Herz hat, und wagt es dennoch nicht,
+an sein Herz mit einer Bitte anzuschlagen. Eine Saite tönt über das
+Wasser mit langen Tonwellen. Hedwig meint sterben zu sollen in dieser
+tönenden Luft. Der Himmel über dem Wasser ist so, wie dieser leichte,
+wasserfarbene Himmel ist, der jetzt über mir schwebt. Ein schwebender,
+hängender See da oben, das paßt gut. Die Parkbäume im Bilde entsprechen
+den hohen, schwankenden Bäumen in dieser Gegend. Sie haben etwas
+Parkartiges, Herrschaftliches. Im Bilde jedoch ist alles gedrängter und
+zusammengesetzter, und ich schweife jetzt wieder darein hinüber, ohne
+den stillen Zusammenhang mit mir und dieser Gegend weiter zu würdigen.
+Der Mann erfaßt nun das Ruder und gibt damit dem Nachen einen
+rücksichtslosen Stoß. Hedwig fühlt, daß er seiner eigenen Wärme und
+Liebe in solcher Weise entgegenhandeln könnte. Wenn er Liebe und
+Zärtlichkeit in sich spürt, ist er beleidigt und er straft sich
+unbarmherzig, daß er sich erlaubt hat, ein weiches Gefühl in der Brust
+gehegt zu haben. So unnatürlich stolz ist er. Kein Mann, sondern eine
+Mischung von Knabe und Riese. Einen Mann verletzt es nicht, sich von
+Empfindungen überwältigt zu finden, aber einen Knaben, der mehr sein
+will als ein aufrichtig fühlender Mann, der ein Riese sein will, der nur
+stark sein will und nicht auch zuweilen schwach. Ein Knabe besitzt
+Tugenden der Ritterlichkeit, die der vernünftig und reif denkende Mann
+immer zur Seite wirft als unnütze Beigaben zum Feste der Liebe. Ein
+Knabe ist weniger feige als ein Mann, weil er weniger reif ist, denn die
+Reife macht leicht niederträchtig und selbstisch. Man muß nur die
+harten, bösen Lippen eines Knaben betrachten: der ausgesprochene Trotz
+und das bildliche Versteifen auf ein einmal sich selber im stillen
+gegebenes Wort. Ein Knabe hält Wort, ein Mann findet es passender, es zu
+brechen. Der Knabe findet Schönheit an der Härte des Worthaltens
+(Mittelalter) und der Mann findet Schönheit darin, ein gegebenes
+Versprechen in ein neues aufzulösen, das er männlich verspricht zu
+halten. Er ist der Versprecher, jener ist der Vollstrecker des Wortes.
+Locken um die jugendliche Stirne und einen Todestrotz auf den
+geschwungenen Lippen. Augen wie Dolche. Hedwig zittert. Die Parkbäume
+sind so weich, sie verschwimmen in der hellblauen Luft. Dort unter den
+Bäumen sitzt der Mann, den sie verachtet. Den, der bei ihr ist und der
+lieblos ist, muß sie lieben, trotzdem er nichts verspricht. Er hat noch
+den Mund zu keinem Versprechen aufgetan, hat sich erlaubt, sie zu
+entführen, ohne ihr zum Ersatz auch nur eine Zärtlichkeit ins Ohr
+hineinzuflüstern. Flüstern, das ist des andern Sache, der da versteht es
+nicht. Und wenn er es auch verstünde, so würde er es doch nie tun, oder
+zu einer Gelegenheit tun, wo andere nicht mehr daran denken, noch etwas
+zu äußern. Aber sie gibt sich ihm, ohne zu wissen, warum. Sie hat nichts
+davon, darf sich keine Hoffnungen machen, wie Weiber sie sich gerne
+machen, sie darf nur auf schonungslose Behandlung gefaßt sein, auf die
+wilden Launen, womit ein Herrscher mit seinem Besitztum umzugehen
+pflegt. Aber sie fühlt sich beglückt, wenn er mit einer Stimme zu ihr
+spricht, barsch und achtlos, als ob sie schon die Seinige wäre. Sie ist
+es ja, und das weiß dieser Mann. Er achtet nicht mehr, was schon sein
+ist. Ihre Haare sind ihr aufgegangen, es sind wundervolle Haare, die an
+ihren schmalen, rötlichen Wangen wie flüssige Stoffe niederstürzen.
+»Binde sie,« befiehlt er, und sie bemüht sich, seinem Befehl zu
+gehorchen. Sie gehorcht mit Entzücken, und er sieht es natürlich, auch
+wenn er die Augen schlösse; denn dann würde er einen Seufzer von ihr
+hören wie ihn nur Glückliche ausstoßen können, und solche, die dabei
+hastig eine Arbeit verrichten, die ihren Händen vielleicht beschwerlich
+fällt, aber ihren Herzen schmeichelt. Sie steigen aus dem Nachen hinaus
+und treten ans Land. Das Land ist weich und senkt sich leicht unter den
+Tritten, wie ein Teppich, oder wie mehrere aufeinandergelegte Teppiche.
+Das Gras ist das gelbliche, dürre vom Vorjahre, wie es hier, wo ich
+meine Pfeife rauche, zu sehen ist. Da erscheint plötzlich ein Mädchen,
+ein ganz kleines, blasses, düster blickendes Mädchen auf der Szene. Es
+scheint eine Prinzessin zu sein; denn ihre Kleider sind prachtvoll und
+in die Breite gebauscht in einem schweren Bogen, aus dem die Brust wie
+eine kleine, prangende Knospe herausspringt. Die Kleider sind dunkelrot,
+sie haben das getrocknete Rot des Blutes. Ihr Gesicht ist von einer
+durchsichtigen Blässe, es hat die Farbe des Winterabendhimmels in den
+Gebirgen. »Du kennst mich!« Mit diesen Worten wendet sie sich an den
+betroffenen Mann, der starr dasteht. »Du wagst es, mich noch
+anzublicken? Geh, töte dich. Ich befehle es dir!« So spricht sie zu ihm.
+Der Mann macht Miene zu gehorchen. Was für eine Miene? Ja, eine solche
+Miene, die man macht, wenn etwas Unabänderliches getan werden soll. Man
+pflegt dabei eine Grimasse zu schneiden. Das Gesicht zuckt und man muß
+es zerbeißen und einkneten mit der ganzen Willenskraft. Es will
+auseinanderreißen. Ein Stück Nase will abfallen. Ähnliches geschieht
+jedenfalls bei solchen Gelegenheiten. Aber weiter mag ich mit dem tollen
+Mann nicht Miene machen, mich zu töten; denn es müßte mit einem langen
+Messer geschehen, und ich glaube, ich habe nur eine Tabakspfeife und
+kein Messer. Mein Traum hat mir im Anfang gefallen, aber jetzt, merke
+ich, will er ausarten und das paßt nicht zu Hedwig; denn Hedwig ist
+sanft und wenn sie leidet, leidet sie auf schönere und stillere Weise.
+Meinen Mann da im struppigen Bart würde sie schön auslachen, wenn er ihr
+so frech käme. Die Landschaft, die ich da gemalt habe, war indessen sehr
+nett, aber auch nur deshalb, weil ich sie in den großen Zügen dieser
+natürlichen Gegend hier herum entnommen habe. Man darf beim Träumen nie
+den Boden des Natürlichen aufgeben, auch bei Menschen nicht, denn sonst
+gelangt man sehr leicht zu dem Punkt, wo man eine der Figuren sprechen
+läßt: »Geh, töte dich.« Und dann muß einer Miene machen, und das Machen
+einer Miene ist lächerlich und ist geeignet, den schönsten Traum zu
+verderben!« --
+
+Simon ging nach Hause. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden
+Tag gegen Abend zu einer bestimmten Zeit nach Hause zu schlendern, den
+Blick meist zu der braunen, schwärzlichen Erde gesenkt, um zu Hause den
+Tee zu kochen, und hatte im Teekochen eine Handfertigkeit bekommen, die
+stets das richtige Maß traf, denn es kam darauf an, nicht zu wenig und
+nicht zu viel von der feinen, wohlriechenden Pflanze für einmal zu
+gebrauchen, das Geschirr stets ziemlich sauber zu halten und es in
+appetitlicher und anmutiger Art auf den Tisch zu stellen, das Wasser auf
+der Weingeistflamme nicht zerkochen zu lassen und es mit dem Tee in
+vorgeschriebener Weise zu vermischen. Für Hedwig war das eine kleine
+Erleichterung, da sie jetzt nur schnell aus der Schulstube hinaus zum
+Tee zu eilen brauchte, um wieder zur Arbeit zu gehen. Am Morgen, nach
+dem Aufstehen, brachte Simon sein Bett in Ordnung, ging dann in die
+Küche und bereitete den Kakao, und zwar zu Hedwigs Vergnügen sehr
+schmackhaft; denn er lauerte auch bei dieser Arbeit auf den richtigen
+Kniff, der immer einer Verrichtung, und wäre sie noch so geringfügig,
+die nötige Vollendung gibt. Auch übernahm er es, und zwar ganz wie von
+selbst, ohne jede Vorstudien oder Anstrengungen, den Ofen zu feuern und
+das Feuer zu unterhalten, Hedwigs Zimmer zu reinigen, wobei ihm die
+Gewandtheit, mit der er einen langen Besen zu handhaben wußte, sehr
+zustatten kam. Die Fenster öffnete er, um frische Luft in die Stube
+hineinzulassen, aber er schloß sie, wenn es ihm Zeit schien, auch
+gehörig wieder zu, damit er eine warme und zugleich angenehm duftende
+Stube bekäme. Überall im Zimmer, in kleinen Töpfen, blühten die Blumen
+weiter, die der Natur draußen entrissen wurden, und verbreiteten Duft in
+die Enge der vier Wände. Die Fenster hatten einfache aber zierliche
+Gardinen die zu der Helligkeit und Freundlichkeit im Zimmer vieles
+beitrugen. Am Boden lagen warme Teppiche, die Hedwig aus
+zusammengerafften Stoffresten von armen Zuchthäuslern hatte verfertigen
+lassen, die dergleichen Arbeiten vortrefflich ausführten. Ein Bett stand
+in einer Ecke und in der andern ein Piano, dazwischen ein altes Sofa mit
+geblümtem Tuchüberzug, ein genügend großer Tisch davor, Stühle daneben;
+und dann befand sich im Zimmer noch ein Waschtisch, ein kleiner
+Schreibtisch mit Schreibunterlage und Büchergestell, das vollbesetzt mit
+Büchern war, eine kleine umgestürzte Kiste am Boden, mit weichem Tuch
+überzogen zum Sitzen und Lesen, da manchmal beim Lesen das Bedürfnis
+entstand, nahe am Boden zu sein und sich orientalisch vorzukommen,
+weiter ein Nähtischchen mit Nähkörbchen, in denen sich all das
+wunderliche Zeug befand, das einem Mädchen mit häuslichen Sitten
+unentbehrlich ist, ein runder merkwürdiger Stein mit Poststempel und
+Marke versehen, ein Vogel, ein Haufen Briefe und Ansichtskarten und an
+der Wand ein Horn zum Blasen, ein Becher zum Trinken, ein Stock mit
+einem großen Hacken, ein Rucksack mit Feldflasche und eine Schwanzfeder
+von einem Falken. An den Wänden hingen außerdem noch Bilder, die Kaspar
+gemalt hatte, darunter eine Abendlandschaft mit Wald, ein Dach, von
+einem Fenster aus gesehen, eine neblige, graue Stadt (besonders schön
+für Hedwig), eine Flußpartie in üppigen Abendfarben, ein Feld im Sommer,
+ein Ritter Don Quichote und ein Haus, das so an einen Hügel gedrückt
+war, daß man wohl mit einem Dichter sprechen konnte: »Da hinten liegt
+ein Haus.« Auf dem Piano, dessen Deckel mit einem Seidentuch überdeckt
+war, befand sich eine Büste von Beethoven in grünlichem Bronceton,
+einige Photographieen und ein kleines, feines Schmuckkästchen ohne
+Inhalt, eine Erinnerung an die Mutter. Ein Vorhang, der wie ein
+Bühnenvorhang aussah, trennte beide Zimmer voneinander und beide
+Schlafenden. Am Abend sah das Zimmer der Lehrerin besonders traulich
+aus, wenn die Lampe angezündet wurde und die Läden zugedrückt wurden;
+und am Morgen weckte die Sonne dort eine Schläferin, die nicht gern aus
+dem Bett herauswollte und doch am Ende mußte.
+
+Die Notare ließen Simon im Stich, keiner ließ etwas von sich hören.
+Infolgedessen sah er sich gedrängt, auf andere Weise etwas Geld zu
+verdienen, womit er hoffte, seiner Schwester den guten Willen zu zeigen,
+auch etwas zum Haushalte mitzusteuern. Er nahm ein Blatt Papier zur Hand
+und schrieb darauf:
+
+ =Landleben.=
+
+Ich bin hier mit dem Schnee in ein Haus auf dem Lande gekommen, und
+obschon ich nicht der Herr dieses Hauses bin, noch die Absicht hege, es
+zu werden, kann ich mich doch als solcher fühlen und bin vielleicht
+glücklicher als der Besitzer einer Staatswohnung. Nicht einmal das
+Zimmer, in dem ich wohne, gehört mir, sondern einer sanften, lieben
+Lehrerin, die mich beherbergt und mir, wenn ich hungrig bin, zu essen
+gibt. Ich bin gerne ein solcher Kerl, der von anderer Menschen
+freundlicher Gnade abhängt, weil ich überhaupt gerne von jemandem
+abhängig bin, um den Jemand lieb zu haben und aufzuhorchen, ob ich seine
+Güte noch nicht verscherzt habe. Man muß ein eigenes Betragen für diesen
+Zustand der holdesten aller Unfreiheiten annehmen, ein Benehmen zwischen
+Frechheit und zarter, leiser, natürlicher Aufmerksamkeit, und ich
+verstehe das vortrefflich. Man darf vor allen Dingen den Gastgeber nie
+fühlen lassen, daß man ihm dankbar ist; damit zeigte man eine
+Schüchternheit und Feigheit, die den Gebenden beleidigen müßte. Im
+Herzen betet man den Gütigen an, der einen unter das Dach ruft, aber es
+spräche von wenig Empfindung, wollte man ihm so vorlaut den Dank zeigen,
+den er gar nicht empfangen will, da er nicht gegeben hat und noch gibt,
+um irgend etwas Bettelhaftes dafür einzuheimsen. Dank unter gewissen
+Umständen ist einfach Bettel. Weiter nichts. Und dann noch eines: Auf
+dem Lande ist der Dank mehr schweigend und still als geschwätzig. Der
+zum Dank Verpflichtete hat seine Art Betragen, weil er sieht, daß sein
+Gegenstück ebenfalls so eine Art hat. Feine Geber sind beinahe noch
+schüchterner als der Nehmer, und sie sind froh, wenn die Nehmer
+unbefangen hinnehmen, damit sie, die Geber, mit Anstand und ohne viel
+Federlesens geben können. Meine Lehrerin ist übrigens meine Schwester,
+aber dieser Umstand hinderte sie nicht daran, mich Tagedieb fortzujagen,
+wenn sie den Wunsch dazu in sich verspürte. Sie ist tapfer und
+aufrichtig. Sie hat mich mit einem Gemisch von Liebe und Mißtrauen
+empfangen, freilich, denn sie mußte denken, daß der Lump von Bruder nur
+daher gesegelt und gewackelt komme, zu ihr, der seßhaften Schwester,
+weil er in Gottes Welt nicht mehr wußte, wohin! Das mußte etwas
+Störendes und Verletzendes für sie haben, der ich, wenn es darauf ankam,
+monate-, ja jahrelang keinen Brief geschrieben habe. Sie mußte ja
+denken, daß ich nur komme, um meinen eigenen Leib zu pflegen, für den es
+wahrhaftig zeitweise nicht schade wäre, wenn er geprügelt würde, und
+nicht deshalb, um mit Sorgen eine Schwester aufzusuchen. Das hat sich
+indessen geändert, die Empfindlichkeiten sind gestorben und wir leben
+jetzt nicht mehr wie Blutsverwandte, sondern wie Kameraden zusammen, die
+trefflich miteinander auskommen. Ach, auf dem Lande ist es zwei Menschen
+leicht, gut miteinander auszukommen. Es gibt da eine Art, schneller alle
+Heimlichkeiten und alles Mißtrauen abzuwerfen und eine Art, sich heller
+und lustiger zu lieben, als in der gedrängten Stadt voll drängender
+Menschen und Tagessorgen. Auf dem Lande kennt selbst der Ärmste weniger
+Sorgen, als der viel weniger Arme in der Stadt; denn dort wird alles am
+Gerede und Tun der Menschen gemessen, während hier die Sorge ruhig
+weitersorgt und der Schmerz in Schmerzen seinen natürlichen Untergang
+findet. In der Stadt geht alles darauf los, reich zu werden, deshalb
+sind so viele, die sich bitter arm vorkommen, aber auf dem Lande wird,
+wenigstens zum großen Teil, der Arme nicht durch den immerwährenden
+Vergleich mit dem Reichtum verletzt. Er kann ruhig mit seiner Armut
+weiteratmen; denn er hat einen Himmel, zu dem er aufatmen kann. Was ist
+in der Stadt der Himmel! -- Ich selbst besitze nur noch ein kleines
+Silberstück an Geld, und das muß für die Wäsche reichen. Auch meine
+Schwester, die vor mir keinerlei Geheimnisse, als ganz unsagbare, hat,
+gesteht mir, daß ihr Geld ausgegangen sei. Nun, wir sind ganz ruhig. Wir
+bekommen saftiges Brot und frische Eier und duftenden Kuchen, soviel wir
+nur wollen. Die Kinder bringen uns das alles, denen es die Eltern für
+die Lehrerin mitgeben. Auf dem Lande weiß man noch zu geben, daß es
+denjenigen ehrt, der nimmt. In der Stadt muß man sich nachgerade vor dem
+Geben fürchten, weil es den Nehmer zu schänden angefangen hat, ich weiß
+wahrhaftig nicht aus welchen Gründen, vielleicht, weil man in der Stadt
+unverschämt wird dem gütigen Geber gegenüber. Man hütet sich da, ein
+edles Mitempfinden für den Darbenden an den Tag zu legen und gibt nur
+verstohlen, oder unter unschönen Reklamen. Welch eine heillose Schwäche,
+sich vor den Armen zu fürchten und seinen Reichtum so selbst zu
+verzehren, statt ihm den Glanz zu verleihen, den eine Königin bekommt,
+wenn sie ihre Hand einer schlechten Bettlerin entgegenstreckt. Ich halte
+es für ein Unglück, in der Stadt arm zu sein, weil man nicht bitten
+darf, da man fühlt, daß das Geben voll Güte nicht an der Tagesordnung
+ist. Eines bleibt wenigstens wahr: Lieber nicht geben und gar kein
+Mitleiden mehr fühlen, als es unwillig tun, mit dem Bewußtsein, sich
+einer Schwäche hingegeben zu haben. Auf dem Lande ist man nicht schwach,
+wenn man gibt, sondern man will geben und gibt sich manchmal geradezu
+eine Ehre, geben zu dürfen. Wer sich vor dem Geben hütet, wird
+sicherlich einmal, wenn der Fall eintritt, daß er niedergeworfen von
+Schicksalen aller Art wird, und bitten muß, schlecht bitten und
+ungraziös und verlegen, also wirklich bettelhaft in Empfang nehmen. Wie
+abscheulich von den mit Gütern Gesegneten, die Armen ignorieren zu
+wollen. Besser, man peinige sie, zwinge sie zu Fronen, lasse sie Druck
+und Schläge fühlen, so entsteht doch ein Zusammenhang, eine Wut, ein
+Herzklopfen und das ist auch eine Art Verbindung. Aber sich in eleganten
+Häusern, hinter goldenen Gartengittern verkrochen zu halten und sich zu
+fürchten, den Hauch warmer Menschen zu spüren, keinen Aufwand mehr
+treiben zu dürfen, aus Furcht, er könnte von den erbitterten Gedrückten
+wahrgenommen werden, drücken und doch den Mut nicht besitzen, zu zeigen,
+daß man ein Unterdrücker ist, seine Unterdrückten noch zu fürchten, sich
+in seinem Reichtum weder wohl zu fühlen, noch andere wohl sein zu
+lassen, unschöne Waffen zu gebrauchen, die keinen echten Trotz und
+Mannesmut voraussetzen, Geld zu haben, nur Geld, und doch damit keine
+Pracht: Das ist gegenwärtig das Bild der Städte, und es scheint mir ein
+unschönes, der Verbesserung bedürftiges Bild zu sein. Auf dem Lande ist
+es noch nicht so. Hier weiß der arme Teufel besser, woran er ist; er
+darf mit einem gesunden Neid zu den Reichen und Wohlhabenden
+emporblicken und man gestattet ihm das, denn das vermehrt die Würde
+desjenigen, der von solchen Blicken betroffen wird. Die Sehnsucht, ein
+eigenes Heim zu besitzen, ist auf dem Lande eine tiefbegründete und
+reicht bis zu Gott hinauf. Denn hier, unter dem geöffneten weiten
+Himmel, ist es eine Wonne, ein schönes geräumiges Haus zu besitzen. Das
+ist in der Stadt nicht so. Dort kann der Emporkömmling neben dem Grafen
+aus uraltem Geschlecht wohnen, ja, das Geld kann Wohnungen und heilige
+alte Gebäude wegreißen, wie es will. Wer möchte in der Stadt Besitzer
+eines Hauses sein? Das ist dort bloß ein Geschäft, nicht ein Stolz und
+eine Freude. Die Häuser sind bis oben hinauf von den verschiedenartigsten
+Menschen bewohnt, die alle aneinander vorübergehen, ohne
+sich zu kennen, ohne den Wunsch zu äußern, sich kennen lernen zu
+dürfen. Ist das ein Haus? Und lange, lange Straßen sind dort voll
+solcher Häuser, denen man, um sie richtig zu bezeichnen, einen
+merkwürdigen neuen Namen geben müßte. Auf dem Lande geschieht im Grunde
+genommen auch mehr, als in der Stadt; denn dort liest man die
+Geschehnisse kalt und gelangweilt aus der Zeitung, während sie hier von
+Mund zu Mund fieberisch und atemlos erzählt werden. Vielleicht kommt auf
+dem Lande jedes Jahr einmal etwas vor, aber dann war es ein Miterlebnis
+für alle. Ein Dorf in allen seinen versteckten Winkeln ist überhaupt
+fast immer belebter und mit Intelligenz gefüllter, als der Städter meist
+anzunehmen beliebt. Wie manche alte Frau mit Gesichtszügen, die für
+eines jeden Menschen Großmutter vielleicht passen würden, sitzt nicht
+hinter der weißen Gardine eines Fensters und könnte Dinge von innigem
+Zauber erzählen, und manches Dorfkind ist viel weiter vorgeschritten in
+der Bildung des Gemütes und Verstandes als man gerne voraussetzen
+möchte. Schon oft ist es vorgekommen, daß ein solches Dorfkind, wenn es
+in die Stadtschule versetzt wurde, seine neuen Kameradinnen in Erstaunen
+ob seines gut entwickelten Geistes gesetzt hat. Aber ich will die Stadt
+nicht schmähen und das Land nicht über Gebühr preisen. Hier sind die
+Tage nur so schön, daß man leicht die Stadt vergessen lernt. Sie wecken
+eine stille Sehnsucht in die Weite, aber man möchte doch nicht
+weitergehen. Es ist ein Gehen in allem und ein Kommen in allem. Wenn die
+Tage Abschied nehmen, so geben sie die wundervollen Abende dafür, an
+denen man spazieren geht, auf Wegen, die der Abend scheint entdeckt zu
+haben, und die man entdeckt für den Abend. Die Häuser treten weiter
+hervor, und die Fenster glänzen. Selbst wenn es regnet, bleibt es schön;
+denn da denkt man, es ist gut, daß es regnet. Seit ich hierher gekommen
+bin, ist es beinahe Frühling geworden und es wird immer mehr Frühling,
+die Türen und Fenster dürfen offen gelassen werden, wir fangen an, den
+Garten umzustechen, die andern haben es alle schon getan. Wir sind die
+Spätesten, und das schickt sich auch für uns. Ein ganzes Fuder
+schwarzer, feuchter, teurer Erde hat man bei uns abgeladen, diese Erde
+muß mit der bereits vorhandenen Gartenerde vermengt werden. Das wird
+eine Arbeit für mich geben, auf die ich mich, so unwahrscheinlich es
+klingt, wenn ich es sage, freue. Ich bin kein geborner Faulenzer, nein,
+ich bin nur ein Tagedieb, weil mich verschiedene Amtstuben und Notare
+nicht beschäftigen wollen, weil sie keine Ahnung davon haben, was ich
+ihnen nützen könnte. Ich klopfe alle Sonnabende die Teppiche aus, auch
+eine Arbeit, und bin befleißigt, das Kochen zu lernen, auch ein Streben.
+Nach dem Essen trockne ich das Geschirr ab und plaudere mit der
+Lehrerin; denn es gibt vieles zu sagen und zu erörtern zwischen uns und
+ich plaudere gern mit einer Schwester. Am Morgen kehre ich die Stube aus
+und trage Pakete auf die Post, komme heim und sinne darüber nach, was
+weiter zu tun ist. Gewöhnlich ist nichts zu tun und so gehe ich in den
+Wald hinunter und sitze dort solange unter den Buchen, bis es Zeit ist,
+oder bis ich glaube, daß es Zeit ist, wieder nach Hause zu gehen. Wenn
+ich die Menschen arbeiten sehe, so schäme ich mich unwillkürlich, keine
+Beschäftigung zu haben, aber ich finde, daß ich nicht mehr tun kann, als
+das eben empfinden. Der Tag kommt mir vor wie mir zugeworfen von einem
+gütigen Gott, der gern einem Taugenichts etwas hinwirft. Mehr als
+arbeiten wollen und eine Arbeit ergreifen, sobald ich eine vor mir sehe,
+verlange ich nicht von mir, da ich sehe, daß es so ganz gut geht. Das
+paßt nämlich wundervoll zum Leben auf dem Lande. Man darf hier nicht
+allzuviel tun, sonst verlöre man den Überblick über das schöne Ganze,
+verlöre den Anstand des Zuschauenden, der nun einmal auch in der Welt
+sein muß. Der einzige Schmerz wird mir von meiner Schwester bereitet,
+der ich die Schuld nicht abzahlen kann und die ich mühsam ihre saure
+Pflicht erfüllen sehe, während ich träume. Die spätesten Zeiten werden
+mich strafen für diese Schlenderei, wenn es die früheren nicht tun, aber
+ich glaube, ich bin meinem Gott angenehm so; Gott liebt die Glücklichen,
+er haßt die Traurigen. Meine Schwester ist niemals lange traurig; denn
+ich heitere sie fortwährend auf und gebe ihr zu lachen, indem ich mich
+vor ihr lächerlich mache, worin ich Talent habe. Aber es ist auch nur
+meine Schwester, die über mich lacht, in deren Augen ich eine
+freundliche Komik besitze, den andern gegenüber benehme ich mich mit
+Würde, wenn auch nicht steif. Man hat die Pflicht, nach außen hin sein
+Dasein durch ein ernsthaftes Betragen zu rechtfertigen, wenn man nicht
+als Gauner gelten will. Das Landvolk ist sehr empfindlich für das
+Benehmen junger Leute, die es gerne gesetzt, zuvorkommend und bescheiden
+sehen will. Ich schließe ab und hoffe, mit diesem Aufsatz einiges Geld
+verdient zu haben, wenn nicht, so hat es mich doch lebhaft interessiert,
+ihn zu schreiben, und einige Stunden sind mir über dem Schreiben
+dahingeflossen. Einige Stunden? Jawohl! Denn auf dem Lande schreibt man
+langsam, man wird öfters unterbrochen, die Finger sind ungelenkiger
+geworden und die Gedanken wollen auch in ländlicher Weise denken. Lebt
+wohl Städter!
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+
+Simon trug den Brief zur Post. Am nächsten Sonntag erschien Klaus, der
+ältere Bruder, zu Besuch. Es war ein regnerischer Tag, es fror einen, zu
+sehen, wie die kalten Regentropfen die schon erwachten Blüten
+peitschten. Klaus machte ein ziemlich erstauntes Gesicht, als er bei
+seiner Schwester den Simon eingerichtet sah, den er irgendwo im Ausland
+vermutet hatte, doch blieb er so freundlich, als er nur vermochte; denn
+er mochte den Sonntag nicht verderben. Sie blieben alle drei ziemlich
+still, standen sich oft gegenüber, ohne zu sprechen, und schienen nach
+Worten zu suchen. Mit Klaus kam eine gewisse nachdenkliche Befremdung in
+die Wohnung Hedwigs hinein. Man drehte und fand allerlei, das allerdings
+nicht am Platze war. Der Gegenstand war natürlich Simons Hiersein. Klaus
+wollte heute keine Vorwürfe machen, obgleich es ihn wahrlich lebhaft
+genug dazu antrieb, aber er vermied die entzweiende Bemerkung. Er sah
+seinen Bruder fragend und bedeutsam an, als wolle er sagen: »Ich bin
+erstaunt über dein Betragen. Sollte man glauben, daß du ein erwachsener
+Mensch bist. Ist es ehrenhaft für dich, die Lage deiner Schwester dazu
+zu benutzen, um den Müßiggänger zu spielen? Wahrlich, keine Ehre, das!
+Ich würde es dir auch offen heraussagen, aber ich schone Hedwig, die ich
+dadurch verletzte. Ich will nicht den Sonntag verderben!« Simon verstand
+ihn schon. Er wußte ganz genau, was dieser Blick, diese steife,
+unnatürliche Wärme beim Wiedersehen, dieses Schweigen und Verlegensein
+bedeuteten. Er war nur froh, daß Klaus schwieg; denn er hätte antworten
+müssen, was ihm längst zuwider war, als Rechtfertigung vorzubringen.
+Freilich, freilich! Verdammenswert war seine Lage für einen jungen Mann,
+wie er war, und sein Betragen gewiß nicht zu entschuldigen. Aber schön
+war es auch, hier zu sein, schön, schön. Plötzlich von Weichheit
+ergriffen, sagte er zu Klaus: »Ich weiß wohl, was und wie du denkst über
+mich, aber ich schwöre dir, daß es bald aufhört. Ich glaube, du kennst
+mich ein wenig. Glaubst du mir?« Klaus reichte ihm die Hand und der
+Sonntag war gerettet. Es wurde bald zu Mittag gegessen, und Hedwig
+merkte wohl, heimlich lächelnd, die veränderte Lage zwischen den
+Brüdern. »Er ist doch gut, Klaus! Klaus ist gut,« dachte sie und sie
+trug das wohlschmeckende Essen mit größerem Vergnügen auf. Es gab eine
+herrliche Suppe, auf deren feine Zubereitung sich Hedwig trefflich
+verstand, dann Schweinefleisch mit Sauerkohl und zuletzt einen mit Speck
+gespickten Braten. Simon plauderte unbefangen über Welt und Menschen,
+zog seinen Bruder in Gespräche von der verschiedensten Art und lobte mit
+komischer Begeisterung wieder das herrliche Essen, was Hedwig jedes Mal,
+wenn er es tat, so zum Lachen brachte, daß sie ganz fröhlich wurde und
+alles vergaß, was etwa noch hätte eine Sorge genannt werden können. Am
+Nachmittag, trotz des trüben Wetters, wurde ein kleinerer Spaziergang
+gemacht. Das Feld, durch das man langsam ging, war naß, so daß man bald
+wieder zurückkehrte. Alle waren wieder still am Abend. Simon versuchte
+eine Zeitung zu lesen, Klaus sprach wie absichtlich von den
+nebensächlichsten Dingen, worauf Hedwig zerstreut antwortete. Vor dem
+Abschiednehmen sagte Klaus zu dem Mädchen, das er in die Küche rief, ein
+paar Worte, auf die der Drinnenstehende nicht horchen mochte. Was mochte
+es denn sein. Mochte es sein, was es wollte. Dann ging Klaus. Als die
+beiden, nachdem sie ein Stück Weges den zu Gast Dagewesenen auf den
+Heimweg begleitet hatten, wieder allein zu Hause saßen, war ihnen
+unwillkürlich wieder froher ums Herz, wie Schülern, die den gestrengen
+Inspektor wieder fort wissen. Sie atmeten freier und fühlten sich wieder
+als die Alten. Hedwig sprach, und eine Besorgnis um dessen, was sie
+jetzt sprechen wollte, machte ihre Stimme inniger und höher klingen:
+»Klaus ist doch immer derselbe. Man hat immer eine kleine Angst
+auszustehen, wenn er da ist. Seine Gegenwart macht einen unwillkürlich
+zur schuldbewußten Schülerin, die eine Strafrede erwartet, weil sie
+leichtsinnig gewesen ist. Man ist immer leichtsinnig gewesen in seinen
+Augen, wenn man noch so ernsthaft meint gehandelt zu haben. Seine Augen
+sehen ganz anders, sehen die Welt so seltsam besorgniserregend an, als
+müßte man sich beständig vor irgend etwas fürchten. Er schafft sich
+selber und andern immer Sorgen. Aus seinem Munde kommt solch ein Ton
+heraus, der aus tausend rücksichtsvollen Bedenken zusammengesetzt ist,
+so wenig vertrauensvoll ist er zur Welt und zu den Fäden, die einen an
+die Welt spannen, ganz von selber. Er sieht aus, als ob er schulmeistern
+möchte, und sieht doch wieder so genau ein, daß er schulmeistert, ohne
+es zu wissen: er möchte nicht schulmeistern und tut's doch, wider seinen
+Willen, aus seiner Natur heraus, wofür man ihn nicht schuldig machen
+darf. Er ist so über alle Bedenken gut und zart, aber er bedenkt immer,
+ob es wohl angebracht sei, gut und milde zu sein. Die Strenge steht ihm
+absolut nicht, und doch glaubt er, mit der Strenge etwas erreichen zu
+sollen, was er glaubt, mit Güte verfehlt zu haben. Er meint: Güte sei
+unvorsichtig, und ist doch so gütig. Er verbietet sich, harmlos und
+gütig zu sein, was er doch am liebsten sein möchte, weil er immer
+fürchtet, dadurch etwas zu verderben, dadurch in den Augen der Welt als
+leichtsinnig dazustehen. Er sieht nur Augen, die ihn betrachten, und
+nicht Augen, die ruhig in seine sehen möchten. Man kann nicht ruhig in
+seine Augen blicken, weil man fühlt, daß ihn das beunruhigt. Er denkt
+immer, man denke etwas über ihn, und er möchte heraus haben, was man
+denkt. Wenn er nicht irgend einen Fehler an einem bemerkt, den er tadeln
+kann, scheint ihm nicht wohl zu sein. Und er ist doch so gut! Er ist
+nicht glücklich. Wenn er das wäre, würde er anders reden, im Nu, ich
+weiß es. Er neidet anderer Glück nicht gerade, aber es reizt ihn doch
+beständig, das Glück und die Unbefangenheit anderer zu bekritteln, was
+ihm doch sicher nur weh tut. Er mag nicht von Glück reden hören, ich
+begreife, warum nicht. Das liegt auf der Hand, und jedes Kind kann es
+verstehen: Selbst nicht froh, haßt man die Fröhlichkeit anderer. Wie muß
+ihn das oft schmerzen, ihn, der edel genug ist, um zu fühlen, daß er
+damit ein Unrecht begeht. Er ist durchaus edel, aber, wie soll ich
+sagen, ein bißchen verdorben in seinem Innern, ein ganz klein wenig,
+durch das Zurückgesetztsein und durch das Bemühen, sich nichts aus
+diesem Zurückgesetztsein zu machen. Ach, freilich ist er zurückgesetzt
+vom Schicksal, für dessen Launen und Kälten er viel zu wertvoll ist. So
+möchte ich es sagen; denn er tut mir weh! Zum Beispiel du, Simon! Ach
+Gott. Für dich empfindet man ganz anders, du ewig lustiger Bruder! Weißt
+du, über dich denkt man immer: Er sollte Prügel bekommen, so recht
+scharfe Prügel, das verdiente er! Man erstaunt über dich und begreift
+nicht, daß du noch nicht in einen Abgrund gefahren bist. Mitleid für
+dich empfinden, käme einem nie in den Sinn. Man hält dich allgemein für
+einen sorglosen, frechen, glücklichen Burschen. Ist das wahr?« --
+
+Simon lachte laut auf, und damit war ein Ton angeschlagen, der eine
+Stunde lang anhielt. Da klopfte es draußen an der Türe. Die beiden
+erhoben sich, Simon ging, um zu sehen, wer draußen sei. Es war die
+Nachbarslehrerin. Sie kam verweint dahergelaufen. Ihr Mann, ein roher,
+rücksichtsloser Mensch, hatte die Frau wieder einmal geprügelt. Man
+suchte sie zu trösten, und es gelang.
+
+ * * * * *
+
+Das Wetter wurde nun immer wärmer und die Erde üppiger, sie war mit
+einem dicken, blühenden Teppich von Wiesen überzogen, die Felder und
+Äcker dampften, die Wälder boten in ihrem schönen, frischen, reichen
+Grün einen entzückenden Anblick dar. Die ganze Natur bot sich dar, zog
+sich hin, dehnte, krümmte, bäumte sich, sauste und summte und rauschte,
+duftete und lag still wie ein schöner, farbiger Traum. Das Land war ganz
+dick, fett, undurchsichtig und satt geworden. Es streckte sich
+gewissermaßen aus in seiner üppigen Sattheit. Es war grünlich,
+dunkelbraun, schwarz gefleckt, weiß, gelb und rot und blühte mit einem
+heißen Atem, kam fast um vor Blühen. Es lag wie eine verschleierte
+Faulenzerin da, unbeweglich und zuckend mit seinen Gliedern und duftend
+mit seinen Düften. Die Gärten dufteten in die Straßen und hinaus ins
+Feld, wo Männer und Frauen arbeiteten; die Fruchtbäume waren ein helles,
+zwitscherndes Singen, und der nahe, runde, gewölbte Wald war ein
+Chorgesang von jungen Männern; die hellen Wege kamen kaum durch das Grün
+hindurch. In Waldlichtungen betrachtete man den weißen, verträumten,
+trägen Himmel, den man meinte herabsinken zu sehen und jubilieren zu
+hören, wie Vögel jubilieren, kleine Vögel, die man nie sah und die so
+natürlich paßten in die Natur. Man bekam Erinnerungen und man mochte sie
+doch nicht zergliedern und ausdenken, man vermochte es nicht, es tat
+einem süß weh, aber man war zu träge, um einen Schmerz ganz zu
+durchfühlen. Man ging so und blieb wieder so stehen und drehte sich so
+nach allen Seiten um, schaute in die Ferne, hinauf, hinweg, hinab,
+hinüber und zu Boden und fühlte sich betroffen von all der Mattigkeit
+dieses Blühens. Das Summen im Wald war nicht das Summen in der nackteren
+Lichtung, es war anders und erforderte wieder neue Stellungnahme zu
+neuen Träumereien. Man hatte immer zu kämpfen damit, zu trotzen, leise
+abzulehnen, zu sinnen und zu schwanken. Denn ein Schwanken war alles,
+ein Bemühen, und Sich-schwach-Finden. Aber es war süß so, nur süß, ein
+bißchen schwer, und dann wieder ein bißchen knauserig, dann
+scheinheilig, dann listig, dann nichts mehr, dann ganz dumm; zuletzt
+wurde es ganz schwer, noch irgend etwas schön zu finden, man konnte sich
+gar nicht mehr dazu veranlaßt finden, man saß, ging, schlenderte, trieb,
+lief und säumte so, man war ein Stück Frühling geworden. Konnte das
+Summen über sein Summen und Girren und Singen entzückt sein? War es dem
+Gras gegeben, seine eigenen schönen Schwankungen zu betrachten? Wäre es
+der Buche möglich gewesen, sich in ihren eigenen Anblick zu vergaffen?
+Man wurde nicht müde und stumpf, aber man ließ es so sein, so gehen, so
+hin und her schwanken. Die ganze Natur, so wie sie aussah, war eine
+Säumerin, ein Harren und Hangen! Die Düfte hingen und die ganze Erde
+harrte und wartete. Die Farben waren der selige Ausdruck davon. Man
+konnte etwas Frühmüdes und Ahnungsvolles im blühenden Strauch finden. Es
+war eine Art Nicht-mehr-weiter-Wollen, ein einziges Lächeln. Die blauen,
+verhauchten Waldberge klangen wie ferne, ferne Hörner, man fühlte die
+Landschaft ein wenig englisch, es war wie ein üppiger, englischer
+Garten, die Üppigkeit und das Weben und das Wogen der Stimmen führte die
+Sinne auf diese Verwandtschaft. Man dachte, so könnte es nun da und da
+auch aussehen, wie jetzt hier, die Gegend rief alle andern Gegenden
+einem ins Herz herbei. Es war komisch und weithintragend, forttragend
+und herbeibringend: Ein Bringen, wie junge Knaben bringen, ein Darbieten
+wie Kinder darbieten, ein Gehorchen und Aufhorchen. Man konnte sagen und
+denken, was man wollte, es blieb immer dasselbe Unausgesprochene,
+Unausgedachte! Es war leicht und schwer, wonnig und schmerzhaft,
+dichterisch und natürlich. Man begriff die Dichter, nein, eigentlich
+begriff man sie nicht, denn man wäre doch, indem man so ging, viel zu
+träge gewesen, um zu denken, daß man sie begriffe. Man hatte nicht
+nötig, irgend etwas zu begreifen, es begriff sich nie, und wieder
+begriff es sich ganz von selbst, indem es sich in das Horchen nach einem
+Klang auflöste, oder in das Sehen in die Ferne hinein, oder in die
+Erinnerung, daß es jetzt eigentlich Zeit sei, nach Hause zu gehen und
+eine, wenn auch ganz geringfügige Pflicht zu erfüllen, denn Pflichten
+wollen auch im Frühling erfüllt sein.
+
+Die Nächte wurden herrlich. Der Mond verliebte sich in das Weiß der
+blühenden Gebüsche und Bäume und in die langen Windungen der Straßen,
+die er blenden machte. In den Brunnen spiegelte er sich und im
+fließenden Flußwasser. Den Kirchhof mit den stillen Gräbern machte er zu
+einem weißen Feenort, so daß man die Toten vergaß, die dort begraben
+lagen. Er drängte sich zwischen das Gewirr der herabfallenden, schmalen,
+haarähnlichen Äste und machte, daß man auf den Denksteinen die
+Inschriften lesen konnte. Simon ging um den Kirchhof herum, einige Male,
+dann schlug er einen weiteren Weg ins erhöhte, flache Feld hinein, drang
+durch niedriges, erleuchtetes Buschwerk, kam auf eine kleine abstürzende
+Wiese mitten in den Büschen und setzte sich da auf einen Stein, um
+darüber nachzudenken, wie lange er wohl dieses Leben des bloßen
+Beschauens und Sinnens noch weitertreiben werde. Bald mußte es gewiß ein
+Ende nehmen, denn es konnte nicht weitergehen. Er war ein Mann und
+gehörte einer strengen Pflichterfüllung an. Es mußte bald wieder
+gehandelt werden, das wurde ihm klar. Als er nach Hause kam, sagte er
+das in passenden Worten seiner Schwester. Er solle doch gar nicht an das
+denken, wenigstens jetzt noch nicht, sagte sie. Gut, erwiderte er, ich
+will noch nicht daran denken. Es war auch zu verlockend, noch ferner
+hier zu bleiben. Was wollte er denn eigentlich, und wonach trieb es ihn?
+Er würde kaum Reisegeld haben, irgendwohin zu reisen, und dort, wohin er
+gehen sollte, was erwartete ihn dort? Nein, er blieb gerne noch auf eine
+unbestimmte kleine Zeit da. Wahrscheinlich würde er sich toll
+zurücksehnen, wenn er fort wäre, und was wäre dann das? Nein, mit dem
+Sehnen müßte dann natürlich aufgeräumt werden; denn das würde sich ihm
+nicht ziemen. Aber machte man denn nicht oft Unziemliches? Übrigens, er
+blieb ja, und weiter wollte er sich den Gedanken die ihn belästigten,
+nicht hingeben.
+
+So kamen wieder ein paar Tage und schwanden wieder. Die Zeit kam so
+geräuschlos und entfernte sich, ohne daß man es merkte. Auf diese Art
+verging sie eigentlich schnell, obgleich sie lange zauderte, ehe sie
+ging. Die beiden, Simon und Hedwig, schlossen sich jetzt noch lebhafter
+aneinander. Sie verbrachten plaudernd die Abende bei der Lampe und
+wurden nie des Redens müde. Sie sprachen während des Essens über das
+Essen, dessen Einfachheit und Delikatesse sie mit gesuchten Worten
+priesen, und während der Arbeit über die Arbeit, die sie mit Worten
+begleiteten, und während des Spazierens über die Freude und den Genuß
+des Spazierens. Sie vergaßen längst, daß sie nur Geschwister waren, sie
+kamen sich mehr durch das Schicksal als durch das gleiche Blut verbunden
+vor und verkehrten miteinander ungefähr wie zwei angeschlossene
+Gefangene, die sich bemühen, das Leben über der Freundschaft zu
+vergessen. Sie vertändelten viel Zeit, aber sie wollten sie so
+vertändelt wissen, weil jedes fühlte, daß der Ernst nur dahinter sich
+verborgen hielt, und daß jedes sehr wohl ernsthaft zu handeln und zu
+reden verstände, wenn es nur wollte. Hedwig empfand, daß sie sich ihrem
+Bruder immer mehr zu erkennen gab, und verhehlte sich den Trost nicht,
+den diese Empfindung ihr bereitete. Es schmeichelte ihr, daß er es nicht
+nur für klug und seiner Lage angemessen hielt, mit ihr zusammenzuleben,
+sondern auch für interessant, und sie dankte ihm dafür, indem sie ihn
+inniger, als früher, in das Herz schloß. Beide kamen sich so vor, als ob
+sie jedes für das andere bedeutend genug wären, um mit Stolz miteinander
+ein Stück Leben zu verbringen. Sie sprachen und dachten viel in
+Erinnerungen und versprachen sich, alles aufzutischen, was ihnen aus der
+frühen, entschwundenen Zeit, wo sie beide noch klein waren, noch
+einfiel. Weißt du noch! So fingen öfters ihre Gespräche an. So versanken
+sie in die köstlichen Bilder der Vergangenheit und waren immer bemüht,
+was es auch sein mochte, ihr Gefühl und ihren Verstand daran zu
+belehren, auch ihr Lachen daran zu wetzen und bei traurigen Anlässen
+heiter zu bleiben, wie es sich auch ziemte. Die Vergangenheit selbst
+machte ihnen wiederum die Gegenwart deutlicher und empfindlicher, und
+diese empfundene Gegenwart war, wie von einem Spiegel verdoppelt und
+verdreifacht, inhaltsreicher und lebhafter und zeigte auch gerader und
+sichtbarer den Weg in die Zukunft, die sie sich oft ausmalten, um sich
+daran auf eine leichte Art zu berauschen. Eine erträumte Zukunft war
+immer eine schöne, und die Gedanken, die sie dachten, heitere und
+leichte.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+
+Hedwig sagte eines Abends: »Ich möchte bald meinen, daß ich wie durch
+eine leichte, aber undurchsichtbare Scheidewand vom Leben getrennt bin.
+Aber ich kann nicht traurig darüber sein, sondern ich kann nur darüber
+nachdenken. Andern Mädchen geht es vielleicht ebenso, ich weiß es nicht.
+Vielleicht habe ich meinen Lebensberuf verfehlt, als ich meinte, einen
+Beruf für das Leben lernen zu sollen. Wir Mädchen lernen ja doch nur
+halb, es ist uns nicht um das Lernen zu tun. Wie sonderbar mir das jetzt
+vorkommt, daß ich Lehrerin geworden bin. Warum bin ich nicht Modistin
+geworden oder sonst etwas? Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen,
+welche Gefühle mich dazu getrieben haben, einen solchen Beruf zu
+ergreifen, wie diesen. Was war es denn so Wunderbares, so
+Verheißungsvolles, das mich damals erfaßte? Glaubte ich gar, eine
+Wohltäterin zu werden, und glaubte ich, es werden zu müssen, die
+Verpflichtung, die Sendung spüren zu müssen, es zu werden? Man glaubt so
+Vieles, wenn man unerfahren ist, und die Erfahrungen machen einen wieder
+an anderes glauben. Wie merkwürdig. Es liegt eine Härte gegen sich
+selbst darin, das Leben so ernst aufzufassen, wie ich es aufgefaßt habe.
+Ich muß es dir sagen, Simon: ich habe es zu ernst und zu heilig
+aufgefaßt; ich habe nicht daran gedacht, daß ich ein Mädchen bin, als
+ich unternahm, was nur Männer unternehmen sollten. Niemand hat mir
+gesagt, daß ich ein Mädchen bin. Niemand hat mir geschmeichelt mit einer
+solchen Bemerkung. Es hat niemand meiner so gedankenvoll gedacht, als es
+wäre nötig gewesen, mir eine solche einfache Bemerkung zu machen, auf
+die ich gehorcht hätte, wenn ich im ersten Augenblick auch die Empörte
+gespielt hätte. Ich würde darauf gehorcht haben, wenn der Ton aus einem
+Herzen gekommen wäre. Aber ich hörte nur Worte, oberflächliche und
+leicht hingesprochene: »Tu das, tu das. Das ist gut, daß du einen Beruf
+ergreifen willst. Macht dir alle Ehre.« Und so weiter. Eine sonderbare
+Ehre, ein unglückliches, innerlich armes und sehnsüchtiges Mädchen zu
+sein, wie jetzt ich mit dieser Ehre von Beruf. Ein Beruf ist eine Last
+durchs Leben für einen Mann mit starken Schultern und vorwärtsstrebendem
+Willen, ein Mädchen wie mich erdrückt er. Habe ich Freude an meinem
+Beruf? Gar keine Spur, und ich bitte dich, erschrick nur nicht über
+dieses Geständnis, das ich dir mache, weil du einer bist, dem man mit
+einer Art Lust Geständnisse macht. Du verstehst mich, ich weiß es.
+Andere würden mich vielleicht ebensogut verstehen, aber nicht gern, aus
+diesem oder jenem Grunde. Du verstehst gern, weil du keine Gründe hast,
+über einfache und offene Geständnisse zu erschrecken. Du lebst mein
+ganzes Leben in dir mit, mit mir, deiner Schwester. Du bist eigentlich
+zu gut dazu, nur mein Bruder zu sein. Es ist schade, daß du mir nicht
+mehr sein kannst: Auch das würdest du gerne sein; denn du nickst mit
+deinem Kopfe. Laß mich weiter erzählen. Wenn man dich als Zuhörer hat,
+erzählt man gerne. So höre denn weiter, daß ich entschlossen bin, meine
+Schulkarriere aufzugeben, und zwar bald; denn meine Kräfte halten dies
+Leben nicht lange mehr aus. Ich glaubte, es wäre ein schönes Leben,
+Kinder in die Welt hineinzuführen, sie zu unterrichten, ihnen die Seelen
+für die Tugenden zu öffnen, sie zu überwachen und zu belehren. Es ist ja
+auch eine ganz schöne Aufgabe, aber sie ist viel zu schwer für mich
+Schwache; ich bin ihr nicht gewachsen, lange nicht. Ich glaubte, ich
+wäre es, aber ich sehe das Gegenteil ein: mich zusammensinken sehe ich
+unter meiner Aufgabe, die mir eine tägliche Erholung sein sollte und die
+mir nur eine Last ist, die ich als ungebührlich und ungerecht empfinde.
+Das, was einen niederdrückt, empfindet man als ungerecht. Unrecht,
+dieses zu empfinden, sollte ich haben? Liegt nicht in meiner Empfindung
+das Maß für mir zugefügtes Unrecht? Und was kann ich denn dafür, daß das
+Unrecht in seiner Art unschuldig und süß ist: die Kinder? Die Kinder!
+Ich kann sie nicht mehr ertragen. Ich freute mich in der ersten Zeit
+über alle ihre Gesichter, über ihre kleinen Bewegungen, über ihren Eifer
+und selbst über ihre Fehler. Ich freute mich über den Gedanken, mich
+dieser jungen, schüchternen und hilflosen Menschenschar gewidmet zu
+haben. Aber kann ein solcher einziger Gedanke über ein Leben
+hinwegtäuschen, kann man ein ganzes Leben mit einer Idee hinwegdenken?
+Wehe, wenn diese Idee und dieses Opfer einem eines Tages gleichgültig
+werden, wenn man den Gedanken, der einem alles ersetzen soll, nicht mehr
+mit so inniger Leidenschaft zu denken vermag, als es nötig ist, um den
+Tausch in der Seele zu rechtfertigen. Wehe, wenn man überhaupt einen
+Tausch merkt. Dann fängt man an zu grübeln, zu unterscheiden,
+abzuschätzen, mit Wehmut und Zorn zu vergleichen, und ist unglücklich,
+so wankelmütig und untreu geworden zu sein, und ist froh, wenn nur immer
+ein Tag zu Ende ist, um in der Stille weinen zu können. Einmal nur mit
+einem Hauch treulos, will man mit dem Lebensgedanken, der nur auf
+vollkommener Hingabe beruht, nichts mehr zu tun haben und sagt sich: Ich
+tu meine Pflicht, weiter denke ich an nichts mehr! Die Kinder blieben
+mir immer lieb, sie sind mir immer lieb geblieben. Wem könnten Kinder
+nicht lieb sein? Aber wenn ich unterrichte, denke ich an anderes, an
+ferneres und weiteres, als ihre kleinen Seelen sind, und das ist der
+Verrat, den ich an ihnen begehe, den ich nicht mehr mit ansehen will.
+Eine Schullehrerin muß in den kleinen Dingen mit ihrer ganzen Liebe
+untergehen, sonst vermag sie nicht Gewalt auszuüben, und ohne Gewalt
+bleibt sie wertlos. Vielleicht ist das übertrieben gesprochen, und ich
+bin auch fest davon überzeugt, daß alle, oder die meisten Menschen, zu
+denen ich so spräche, diese Sprache übertrieben finden würden. Diese
+Sprache aber entspricht meiner Auffassung vom Leben; da ist es wohl
+unmöglich, daß ich anders sprechen könnte. Ich habe es noch nicht
+gelernt, eine Zufriedenheit, eine Genugtuung, ein Wohlbefinden zu lügen,
+das ich nicht empfinde, und ich glaube, man irrt sich, wenn man annimmt,
+daß ich das je lernen werde. Ich bin zu schwach, um täuschen und
+heucheln zu können, und ich erblicke, so scharf ich auch nachdenke,
+keine Gründe, die das Vorlügen rechtfertigten. Wenn ich mit dir jetzt so
+rede, so ist das nur die Ausnutzung eines Augenblickes, nach dem ich
+mich schon lange gesehnt habe, um meine ganze Schwäche einmal entladen
+zu können. Es tut einem so wohl, seine Schwäche eingestehen zu dürfen,
+nach den Monaten der peinigenden Zurückhaltung, die eine Stärke
+verlangte, deren ich nicht fähig bin. Ich bin der Pflichterfüllung, die
+mir nicht schmeichelt, auf die Dauer nicht fähig, und ich suche jetzt
+nach einer Arbeit, die meinem Stolz und meiner Schwäche zusagen wird. Ob
+es mir gelingen wird? Ich weiß es wahrhaftig nicht, aber ich weiß nur,
+und das bestimmt, daß ich suchen muß, bis ich die Überzeugung gefunden
+habe, daß es ein Glück und eine Pflicht gibt, beides eines! Ich will
+Erzieherin werden und habe bereits einer reichen, italienischen Dame
+brieflich meine Dienste angeboten, in einem vielleicht zu langen Briefe,
+in welchem ich ihr geschrieben habe, daß ich imstande sei, zwei Kinder,
+ein Mädchen und einen Knaben, in allem Wünschenswerten zu unterrichten.
+Ich habe in dem Briefe, ich weiß nicht, was alles, gesagt, daß ich die
+Schulstube gerne mit der Kinderstube vertauschen möchte, daß ich die
+Kinder liebe und achte, daß ich Klavier spielen und schöne Sachen
+sticken könne und daß ich ein Mädchen sei, dem man nur mit Strenge zu
+begegnen brauche, um ihm eine Wohltat zu erweisen. Ich habe mich sehr
+stolz in dem Schreiben ausgedrückt, habe der Dame gesagt, daß ich zu
+lieben, zu gehorchen verstände, aber nicht zu schmeicheln, daß ich wohl
+schmeicheln könnte, aber nur dann, wenn ich es selber mir beföhle; daß
+ich mir meine zukünftige Herrin lieber stolz und streng, als nachgiebig
+vorstelle, daß es mir Schmerz und Enttäuschung bereiten würde, wenn ich
+sie so fände, daß man sie, wenn man die Absicht hätte, leicht und frech
+hintergehen könnte; daß ich nicht die Absicht hätte, zu ihr zu kommen,
+um bei ihr auszuruhen, sondern daß ich hoffe, Arbeit für mein Herz und
+auch für meine Hände zu bekommen. Ich habe ihr das Geständnis gemacht,
+daß ich schon jetzt, in der Vorausahnung, ihre beiden Kinder innig
+liebe, daß es mir an der nötigen Achtung vor Kindern nicht fehle, um
+dieselben streng und zugleich hingebungsvoll zu erziehen, daß ich
+erwarte, daß man mich gewähren lasse, ihr, der Dame, in diesem Sinn zu
+dienen, daß ich eine zugleich heftige und gelassene Auffassung vom
+Dienen hätte und daß ich nicht dazu zu bewegen wäre, von meiner
+Auffassung abzuweichen. Zu glattem und speichelleckerischem Dienst sei
+ich nicht zu gebrauchen, ebensowenig hätte ich das Talent, auf eine
+unzarte, unstolze Weise zuvorkommend zu sein. Daß ich aber auf eine
+milde Behandlung zu Gunsten einer kalten und strengen, wenn es nur
+zugleich keine beleidigende sei, gern verzichtete, daß ich meinen Stand
+sehr wohl und zu jeder Zeit von dem ihrigen abzumessen verstände, daß
+ich keine Gerechtigkeit aber Stolz verlange, der ihr verbieten würde,
+mir ungerecht zu begegnen und daß ich in meiner Seele entzückt wäre,
+wenn sie mir, wenn auch nur einmal im Jahr, ein Zeichen gütiger
+Zufriedenheit gäbe, das ich mehr zu schätzen wüßte als Vertraulichkeit,
+die für mich erniedrigend und keine Gnade wäre, daß ich hoffe, eine Dame
+zu finden, an der ich emporblicken könne, um zu lernen, wie man sich in
+allen Fällen zu benehmen habe und daß sie nicht zu fürchten brauche, in
+mir eine Schwätzerin in ihren Dienst zu nehmen, der es ein Vergnügen
+wäre, ihre Geheimnisse auszuplaudern. Ich sagte ihr, daß ich nicht
+imstande sei, zu sagen, wie gern ich sie bewundern und ihr gehorchen
+möchte und ihr zeigen möchte, in welcher Weise ich es verstünde, ihr
+niemals lästig zu fallen. Ich sprach dann die Befürchtung und zugleich
+die Hoffnung aus, daß ich die Sprache ihres Landes, obwohl ich sie noch
+gar nicht kenne, doch sicher bald lernen würde, wenn man mir nur zeigte,
+wie ich mich dabei zu verhalten habe. Sonst wisse ich nichts, was mich
+nicht dazu berechtige, in ihr Haus zu treten, sagte ich zum Schluß, als
+vielleicht die Schüchternheit, die meinem Auftreten noch anklebe, die
+ich aber zu überwinden hoffe; das Linkische und Unbeholfene sei sonst
+nicht meine Natur -- --«
+
+»Hast du den Brief schon abgeschickt?« fragte Simon.
+
+»Ja,« fuhr Hedwig fort »was hätte mich daran sollen verhindern können.
+Ich werde vielleicht bald von hier fortgehen, und die Abreise macht mir
+Kummer; denn ich verlasse viel und werde vielleicht nichts dafür
+bekommen, das mich das Weggeworfene und im Stich Gelassene vergessen
+ließe. Trotzdem bin ich fest entschlossen wegzugehen; denn ich mag nicht
+mehr allein sein mit meinen Träumen. Auch du gehst ja bald fort, und was
+sollte ich dann noch hier? Du lassest mich wie einen Brocken, wie einen
+schlecht gewordenen Gegenstand zurück, oder vielmehr so: der ganze Ort,
+das Dorf, alles hier ist dann der Brocken, der verlassene, unbeachtete
+und weggeworfene Gegenstand, und ich dann noch mitten drin? Nein, ich
+habe mich zu sehr daran gewöhnt, das Leben, das wir hier führen, mit
+Hilfe deiner Augen anzusehen, es schön zu finden, so lange du es schön
+fandest; und du fandest es schön, und so fand ich es auch noch schön.
+Aber weiter würde ich es nicht mehr schön und groß genug für mich
+finden, ich würde es verachten, weil es eng und stumpf wäre, und es wäre
+auch eng und stumpf durch meine gleichgültige Verachtung. Ich kann nicht
+leben und mein Leben verachten. Ich muß mir ein Leben suchen, ein neues,
+und wenn das ganze Leben auch nur in einem einzigen Suchen nach Leben
+bestehen sollte. Was ist das: geachtet zu sein, gegen das andere:
+glücklich zu sein und den Stolz des Herzens befriedigt zu haben. Auch
+unglücklich zu sein ist noch schöner als geachtet zu sein. Ich bin
+unglücklich, trotz der Achtung, die ich genieße; ich verdiene vor mir
+diese Achtung also nicht; denn in meinen Augen ist nur das Glück
+achtenswert. Infolgedessen muß ich versuchen, ob es möglich ist,
+glücklich zu sein, ohne Achtung zu beanspruchen. Vielleicht gibt es ein
+Glück dieser Art für mich und eine Achtung, die man der Liebe und der
+Sehnsucht zollt, nicht der Klugheit. Ich will nicht deshalb unglücklich
+sein, weil mir der Mut fehlte, mir einzugestehen, daß man unglücklich
+werden kann, weil man versuchte, glücklich zu werden. Solches Unglück
+ist achtenswert, das andere nicht; denn Mangel an Mut kann man nicht
+achten. Wie kann ich länger zusehn, daß ich mich zu einem solchen Leben
+verdamme, das nur Achtung einbringt und nur Achtung von Andern, die
+einen immer so haben wollen, wie es ihnen am besten paßt! Warum soll es
+das? Und warum muß man die Erfahrung machen, daß das, was es einem
+eingebracht hat, zum Schluß nichts wert ist? Da hat man dann gesorgt und
+gehütet und gewartet und ist nur genarrt worden. Es ist bitter unklug,
+auf etwas warten zu wollen; es kommt nicht zu uns, wenn wir nicht
+hingehen und es uns holen. Freilich, es wird einem so viel Furcht
+eingejagt von Fürchtlingen, die um einen besorgt scheinen. Ich hasse sie
+jetzt beinahe, die den Kopf schütteln, sobald man nur etwas Mutiges
+sagt. Wie würden die sich erst betragen, wenn sie hörten, daß man das
+Mutheischende zur Ausführung gebracht hat. Wie diese vielen Ratgeber
+schwinden vor der Herzensgewalt einer frei vollbrachten Tat! Und wie sie
+einen knechten mit ihrer süßlichen Liebe, wenn man diesen Mut nicht
+findet und sich ihnen ausliefert. Man wird mich hier mit vielem Bedauern
+wegziehen sehen und es nicht verstehen wollen, warum ich einen so
+angenehmen und ersprießlichen Platz verlasse; und auch ich verlasse das
+Land mit einem Gefühl, das mich noch immer überreden möchte, hier zu
+bleiben. Ich habe geträumt, Bäuerin zu werden, einem Mann anzugehören,
+einem einfachen und zarten Menschen, ein Heim zu besitzen mit einem
+Stück Land und Stück Garten, wozu ein Stück Himmel gehört hätte, zu
+bauen und zu pflanzen, keine weitere Liebe als Achtung zu verlangen und
+das Entzücken zu haben, meine Kinder aufwachsen zu sehen, womit ich mich
+für allen Verlust einer tieferen Liebe entschädigt gefunden hätte. Der
+Himmel würde die Erde berührt haben, ein Tag hätte den andern in die
+Zeiten hinuntergerollt, und ich wäre unter Sorgen eine alte Frau
+geworden, die an sonnigen Sonntagen unter der Haustüre gestanden und die
+Vorübergehenden beinahe schon verständnislos angeblickt hätte. Ich würde
+dann nie wieder nach Glück gestrebt und heißere Empfindungen vergessen
+haben, hätte meinem Manne und seinen Geboten und dem gehorcht, was mir
+als Pflicht würde vorgeschwebt haben. Und ich hätte gewußt, was einer
+Bäuerin Pflicht wäre. Meine Träume wären mit den Tagen wie Abende
+eingeschlafen und würden nie mehr wieder etwas gefordert haben. Ich
+würde zufrieden und heiter gewesen sein, zufrieden, weil ich nichts
+anderes gewußt, und heiter, weil es sich nicht geziemt hätte, meinem
+Manne eine unmutige Stirne mit dunklen Sorgen zu zeigen. Mein Mann würde
+vielleicht den Takt besessen haben, in der ersten Zeit, da noch vieles
+heißer gedrängt und gepocht hätte, mich zu schonen und mich sanft für
+meine kommende Aufgabe zu erziehen, was ich dankbar würde haben
+geschehen lassen mit mir; dann wäre es auch gegangen, und eines Tages
+würde ich verwundert an mir die Beobachtung gemacht haben, daß ich
+innerlich Frauen von heftiger und sehnsüchtiger Gemütsart, das heißt,
+solche von meinem eigenen früheren Schlag, nicht mehr dulden mochte,
+weil ich sie für gefährlich und schädlich hielte. Mit einem Wort: ich
+würde geworden sein wie die andern und würde das Leben verstanden haben,
+wie die andern es verstehen. Doch das alles blieb nur ein Traum. Einem
+andern als dir würde ich mich hüten, so etwas zu sagen. Vor dir werden
+Träumende nicht lächerlich, auch verachtest du niemanden, weil er
+träumt, denn du verachtest überhaupt niemanden. Ich bin auch sonst gar
+nicht ein so überspanntes Mädchen. Wie käme ich dazu! Ich habe jetzt nur
+ein wenig zu viel gesprochen, und wenn ich so spreche, spreche ich
+leicht etwas zu viel. Man möchte alle seine Gefühle erläutern und kann
+es doch nie, man redet sich nur in eine Heftigkeit hinein. Komm, gehen
+wir zu Bett.« --
+
+Sie sagte sanft und ruhig Gute Nacht.
+
+»Ich bin doch froh,« sagte sie am andern Morgen, »daß ich noch hier bin.
+Wie kann man sich nur so stürmisch von einer Stelle wegwünschen. Als ob
+es hierauf ankäme! Ich muß beinahe lachen und schäme mich ein wenig,
+gestern so mitteilsam gewesen zu sein. Und doch bin ich froh; denn
+einmal muß man sich aussprechen. Wie du gestern mir nur so geduldig
+zuhören konntest, Simon! So beinahe andächtig! Und doch bin ich auch
+darüber froh. Am Abend ist man nicht wie am Morgen, nein, so ganz
+anders, so verschieden im Ausdruck und im Empfinden. Eine einzige Nacht
+ruhig geschlafen zu haben, das kann, habe ich gehört, einen Menschen
+ganz verändern. Ich glaube es wohl. Gestern so gesprochen zu haben,
+kommt mir heute am hellen Morgen wie ein ängstlicher, übertriebener,
+trauriger Traum vor. Was war es denn nur! Soll man denn die Dinge so
+reizbar schwernehmen? Denke gar nicht mehr daran! Ich muß gestern müde
+gewesen sein, so wie ich immer des Abends müde bin, aber jetzt bin ich
+so leicht, so gesund, so frisch, wie neu geboren. Ich habe ein so
+gelenkiges Gefühl, als hebe mich jemand empor, als trüge mich etwas, wie
+man jemand trägt in einer Sänfte. Mach die Fenster auf, indes ich noch
+im Bett liege. Es ist so schön, im Bett zu liegen, wenn die Fenster
+aufgemacht werden, so wie du es jetzt tust. Wo nehme ich nur all die
+Fröhlichkeit her, die mich jetzt ganz einhüllt. Draußen scheint mir die
+schöne Gegend zu tanzen, die Luft dringt zu mir hinein. Ist es heute
+Sonntag? Wenn nicht, so ist es ein Tag wie geschaffen zum Sonntag.
+Siehst du die Geranien? Sie stehen so schön vor dem Fenster. Was wollte
+ich gestern? Glück? Habe ich es denn nicht schon jetzt? Soll man erst
+suchen müssen in der unbekannten Ferne, unter den Menschen, die gewiß
+gar keine Zeit haben, an das Glück zu denken? Es ist gut, wenn man für
+Vieles nicht Zeit hat, recht gut, denn, hätte man Zeit, so würde man ja
+sterben vor lauter Anmaßung. Wie hell ist mir jetzt im Kopf. Nicht ein
+einziger Gedanke mehr, der nicht, wie seine Herrin, nämlich ich, froh
+und leicht daläge, ganz ebenso wie ich. Willst du mir das Frühstück ans
+Bett bringen, Simon? Es würde mir Spaß machen, mich von dir bedienen zu
+lassen, wie wenn ich eine portugiesische Noblesse wäre und du ein
+Mohrenkind, das meinen leisesten Wink verstände. Natürlich bringst du
+mir das Verlangte. Warum solltest du dich weigern, mir eine
+Aufmerksamkeit zu erweisen? Seit wie lange bist du jetzt bei mir? Warte
+einmal, es war Winter, als du ankamst, der Schnee fiel, ich weiß es noch
+so gut, und seitdem, wie viele schöne und regnerische Tage sind schon
+vorbeigegangen. Jetzt wirst du bald gehen; aber mir das Vergnügen
+stehlen, dich noch ein paar weitere Tage bei mir zu haben, das darfst du
+nicht. Nach drei Tagen werde ich zu dir sagen: »Bleib noch drei«, und du
+wirst dich ebensowenig widersetzen können, als jetzt, da du mir das
+Frühstück an mein Bett bringst. Du bist ein merkwürdig widerstandsloser
+und skrupelloser Mensch. Was man von dir verlangt, das tust du. Du
+willst alles, was man will. Ich glaube, man könnte von dir viel
+Ungebührliches verlangen, ehe du es einem übel nähmest. Man kann sich
+eines gewissen verächtlichen Gefühles dir gegenüber nicht enthalten. Ein
+ganz klein wenig verachte ich dich, Simon! Aber ich weiß, es macht dir
+nichts wenn man so zu dir spricht. Ich halte dich übrigens für einer
+Heldentat fähig, wenn es dir darauf ankommt. Sieh, ich denke doch ganz
+gut von dir. Dir gegenüber erlaubt man sich alles. Dein Betragen erlöst
+anderer Betragen von jeder Art Unfreiheit. Ich habe dir früher Ohrfeigen
+gegeben, ich habe dich stets der Mutter zur Bestrafung angezeigt, wenn
+du Übeltaten verrichtetest, jetzt bitte ich dich, mir einen Kuß zu
+geben, oder so: laß mich dir lieber einen geben. Auf die Stirn, ganz
+behutsam! So! Ich bin wie eine Heilige heute am Tag gegen gestern am
+Abend. Ich habe ein Gefühl für kommende Zeiten und lasse nun alles
+kommen. Lache nur nicht! Es würde mich übrigens freuen, wenn du
+lachtest; denn das ist für den frühen, blauen Morgen der passendste
+Laut. Nun bitte ich dich, aus dem Zimmer zu gehen und mir die Freiheit
+zu lassen, mich anzukleiden.« --
+
+Simon ließ sie allein.
+
+»Ich bin immer daran gewöhnt gewesen,« sagte Hedwig im Laufe des Tages
+zu Simon, »dich als etwas mir Unterlegenes zu behandeln. Vielleicht
+halten es andere Menschen mit dir auch so. Du machst wenig den Eindruck
+der Klugheit, viel mehr den der Liebe, und du weißt, wie man diese
+Empfindung ungefähr einschätzt. Ich glaube nicht, daß du je mit deinem
+Tun und Trachten Erfolg haben wirst unter den Menschen, aber du wirst
+dir sicher auch nie deswegen einen kummervollen Gedanken machen, was
+dir, so wie ich dich kenne, wenigstens nicht ähnlich sähe. Nur die dich
+kennen, werden dich tieferer Empfindung und kühner Gedanken für fähig
+erachten, die andern nicht. Das ist der Schwerpunkt und die Ursache,
+weshalb du sehr wahrscheinlich im Leben erfolglos bleibst: Man muß dich
+immer erst kennen lernen, ehe man dir glaubt, und das nimmt Zeit in
+Anspruch. Der erste Eindruck, der den Erfolg macht, wird dir immer
+versagen, aber du wirst deswegen deine Ruhe keineswegs verlieren. Dich
+werden nicht viele Menschen lieben, aber es wird etliche unter ihnen
+geben, die sich alles von dir versprechen. Das werden einfache und gute
+Menschen sein, denen du gefallen wirst; denn deine Blödigkeit kann sehr
+weit gehen. Du hast etwas Blödes an dir, etwas Unzurechnungsfähiges,
+etwas, wie soll ich sagen, Unbekümmert-Läppisches. Das wird Viele
+beleidigen, man wird dich frech nennen, und du wirst viele unfeine, früh
+mit ihrem Urteil über dich fertige Feinde haben, die dir zu schwitzen
+geben können; doch wird dir das nie Angst einjagen. Andere werden dir
+immer unzart und du wirst andern immer unverschämt vorkommen; das wird
+Reibereien geben, sieh dich vor! In einer größeren Gesellschaft von
+Menschen, wo es doch darauf ankommt, daß man sich zeigt und beliebt
+macht durch hervorragendes Sprechen, wirst du immer stumm bleiben, weil
+es dich nicht reizt, den Mund noch aufzutun, wo schon so viele
+durcheinanderschwatzen. Man wird dich infolgedessen übersehen: du wirst
+dann trotzig und benimmst dich unschicklich. Dagegen werden es manche
+Menschen, die dich kennen gelernt haben, für einen Vorzug halten, mit
+dir allein ein herzliches Gespräch zu führen; denn du verstehst es,
+zuzuhorchen, und das ist im Gespräch vielleicht wichtiger, als selbst
+das Sprechen. Man wird gern einem verschwiegenen Menschen, wie dir,
+Geheimnisse und Seelenangelegenheiten anvertrauen, und du wirst dich im
+diskreten Verschweigen und Aussprechen meist als Meister erweisen,
+unbewußt, meine ich, nicht als ob du dir irgendwelche Mühe dabei gäbest.
+Du sprichst ein bißchen schwerfällig, hast einen etwas plumpen Mund, der
+sich zuerst öffnet und offen bleibt, ehe du zu sprechen anfängst, als
+erwartetest du die Worte von außen aus irgend einer Richtung her, daß
+sie dir in den Mund hineinflögen. Du wirst den meisten Menschen eine
+uninteressante Erscheinung sein, fade für die Mädchen, unbedeutend für
+Frauen, absolut unvertrauensvoll und unenergisch für Männer. Ändere dich
+doch da ein wenig, wenn es in deiner Macht steht! Gib etwas mehr acht
+auf dich und sei eitler; denn ganz und gar nicht eitel sein, das wirst
+du bald selbst für einen Fehler halten müssen. Zum Beispiel, Simon, sieh
+dir doch einmal wieder deine Hosen an: Unten zerfetzt! Allerdings, und
+ich weiß schon: es sind nur Hosen, aber Hosen sollen ebensogut in Stand
+gesetzt sein wie Seelen, denn es zeugt doch von Nachlässigkeit,
+zerrissene und zerfetzte Hosen zu tragen, und die Nachlässigkeit kommt
+aus der Seele. Du mußt also auch eine zerfetzte Seele haben. Was ich dir
+noch sagen wollte: Du glaubst doch nicht etwa, daß ich dies im Scherz
+gesagt habe? Da lacht er. Hältst du mich nicht für ein bißchen
+erfahrener als dich? Doch nein! Du bist erfahrener, aber indem ich sage,
+daß dir noch vieles zu erfahren bevorsteht, beweise ich doch sicher auch
+wiederum Erfahrung. Oder etwa nicht?« --
+
+Sie dachte eine Weile nach, und fuhr dann fort:
+
+»Wenn du nun, was ja bald geschehen muß, von mir fort bist, so schreibe
+mir nicht. Ich will es nicht. Du sollst nicht meinen, du müßtest
+verpflichtet sein, mir von deinem ferneren Treiben eine Nachricht
+zukommen zu lassen. Vernachlässige mich, wie du es früher auch getan
+hast. Was sollte uns beiden das Schreiben nützen? Ich werde hier weiter
+leben und es als einen Genuß empfinden, öfters daran zu denken, daß du
+drei Monate lang da warst. Die Gegend wird mich emportragen und mir dein
+Bild zeigen. Ich werde alle die Orte aufsuchen, die wir zusammen schön
+gefunden haben, und ich werde sie noch schöner finden; denn ein Fehler,
+ein Verlust macht die Dinge noch schöner. Mir und der ganzen Gegend wird
+etwas fehlen, aber diese Lücke und selbst dieser Fehler werden meinem
+Leben noch innigere Empfindungen aufdrücken. Ich bin nicht aufgelegt,
+einen Mangel als einen Druck zu empfinden. Wie käme ich dazu! Im
+Gegenteil: etwas Befreiendes, Erleichterndes liegt darin. Und dann:
+Lücken sind dazu da, um mit etwas Neuem gefüllt zu werden. Am Morgen
+werde ich, wenn ich im Begriffe bin aufzustehen, glauben, deinen Schritt
+und deinen Kopf und deine Stimme zu vernehmen, und lächeln über die
+Täuschung. Weißt du was: ich habe die Täuschungen lieb, und du mußt sie
+ebenfalls lieb haben, ich weiß es. Merkwürdig, wie viel ich zusammenrede
+in diesen Tagen. Diese Tage! Ich meine, die Tage müßten jetzt selber
+fühlen, wie kostbar sie mir sind und müssen, aus Rücksicht auf mich,
+langsamer, gedehnter, träger und verweilerischer auftreten, auch leiser!
+Sie tun es auch. Ich spüre ihr Nahen wie einen Kuß und ihr dunkles sich
+Entfernen wie einen Händedruck, wie ein Winken mit einer lieben,
+bekannten Hand. Die Nächte! Wie viele Nächte hast du bei mir geschlafen,
+schön geschlafen; denn du verstehst zu schlafen, da drüben in der
+Kammer, im Strohbett, das bald nun herrenlos und schlaflos sein wird.
+Die Nächte, die jetzt noch kommen, werden nur schüchtern herankommen zu
+mir, wie kleine, schuldbewußte Kinder mit gesenkten Augen zum Vater oder
+zur Mutter kommen. Die Nächte werden weniger still sein, Simon, wenn du
+fort bist und ich will dir sagen warum: du warst so still in der Nacht,
+du vermehrtest mit deinem Schlaf die Stille. Wir waren zwei stille,
+ruhige Menschen während allen diesen Nächten; nun werde ich allein still
+sein müssen, etwas gezwungen, und es wird weniger still sein; denn ich
+werde mich öfters im Dunkel im Bett aufrichten und auf irgend etwas
+aufhorchen. Dann werde ich fühlen, daß es viel weniger still mehr ist.
+Vielleicht werde ich dann weinen, gar nicht etwa wegen dir, und ich
+bitte dich, dir nichts darauf einzubilden. Seh einer doch, da will er
+sich gleich etwas vormachen. Nein, nein, Simon, wegen dir wird niemand
+weinen. Wenn du fort bist, bist du fort. Das ist alles. Glaubst du, um
+dich könnte man weinen? Keine Rede. Das darf dir nie in den Sinn kommen.
+Man spürt, daß du fort bist, man merkt es sich, aber weiter? Etwa
+Sehnsucht, oder dergleichen? Nach einem Menschen von deinem Schlag
+empfindet niemand Sehnsucht. Du weckst keine. Kein Herz wird dir je
+nachzittern! Dir einen Gedanken weihen? I, was! Ja, nachlässig, so wie
+man eine Nadel aus der Hand fallen läßt, wird man gelegentlich deiner
+gedenken. Mehr verdienst du auch nicht, und wenn du hundert Jahre alt
+würdest. Du hast nicht das mindeste Talent, Andenken zu hinterlassen. Du
+hinterlässest auch gar nichts. Ich wüßte nicht, was du hinterlassen
+könntest; denn du besitzest ja gar nichts. Du hast keine Ursache, so
+frech zu lachen, ich spreche im Ernst. Geh mir aus den Augen!
+Marsch!« --
+
+ * * * * *
+
+Während der folgenden Tage war schlechtes, regnerisches Wetter, auch das
+war wiederum ein Anlaß zum Dableiben. Simon konnte doch nicht bei diesem
+Wetter seine Reise antreten. Er hätte gekonnt, ja, aber mußte es denn
+gerade bei schlechtem Wetter sein? So blieb er noch. Einen oder zwei
+Tage, mehr nicht, dachte er. Er saß beinahe den ganzen Tag in dem
+leeren, großen Schulzimmer und las in einem Roman, den er noch fertig zu
+lesen wünschte, ehe er ging. Manchmal lief er zwischen den Reihen von
+Bänken auf und ab, immer das Buch in der Hand, dessen Inhalt ihn so sehr
+fesselte, daß er mit seinen Gedanken nicht davon wegkam. Er kam nicht
+vorwärts mit seinem Lesen; denn immer blieb er stecken in Gedanken. Ich
+lese noch so lange, als es noch regnet, dachte er; wenn es schönes
+Wetter wird, muß ich fortfahren, aber nicht mit Lesen, sondern
+fortfahren, und zwar wirklich.
+
+Hedwig sagte am letzten Tag zu ihm:
+
+»Nun gehst du wohl, nun ist es wohl abgemacht. Leb wohl. Komm ganz in
+meine Nähe und gib mir die Hand. Ich werde mich vielleicht in kurzer
+Zeit einem Mann hinwerfen, der mich nicht verdient. Ich werde das Leben
+verspielt haben. Ich werde viel Achtung genießen. Man wird sagen: das
+ist eine tüchtige Frau. Eigentlich habe ich nicht den Wunsch, jemals
+wieder etwas von dir zu hören. Versuche ein braver Mann zu werden.
+Mische dich in öffentliche Angelegenheiten, mach von dir reden, es würde
+mir Vergnügen machen, aus der Leute Mund von dir zu hören. Oder lebe
+dahin, wie du es kannst und verstehst, bleibe im Dunkel, kämpfe im
+Dunkel mit den vielen Tagen, die noch kommen werden. Ich mute dir nie
+Schwächlichkeiten zu. Was soll ich noch sagen, um dir Glück mit auf
+deine Reise zu wünschen? Bedanke dich doch. Ja, du! Denkst du nicht
+daran, mir zu danken für das Hiersein, das ich dir gewährt habe? Nein,
+laß es, denn es stünde dir nicht gut an. Du verstehst nicht, eine
+Verbeugung zu machen und zu sagen, daß du gar nicht wüßtest, wie du
+danken solltest. Dein Betragen war deine Dankbarkeit. Ich habe mit dir
+die Zeit gejagt und getrieben, daß es ihr heiß wurde vor uns. Hast du
+wirklich nicht mehr Sachen, als da in diesen kleinen Koffer hineingehen?
+Du bist wirklich arm. Ein Reisekoffer ist das ganze Haus, das du in der
+Welt bewohnst. Das hat etwas Hinreißendes aber auch etwas Erbärmliches.
+Geh jetzt. Ich werde dir aus dem Fenster nachschaue. Wenn du oben auf
+dem Hügelrand bist, wende dich um und blicke noch einmal nach mir. Was
+sollten wir noch mehr Zärtlichkeiten tauschen? Du Bruder zu mir
+Schwester? Was hat es zu sagen, wenn eine Schwester ihren Bruder auch
+nie mehr wiedersieht? Ich entlasse dich ziemlich kalt, weil ich dich
+kenne und weiß, daß du die Wärme beim Abschied hassest. Zwischen uns
+bedeutet das nichts. So sage mir denn adieu und geh denn.« --
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+
+Es war ungefähr zwei Uhr am Nachmittag, als Simon in der großen Stadt,
+die er vor ungefähr drei Monaten verlassen hatte, mit der Eisenbahn
+wieder ankam. Der Bahnhof war voll Menschen und ganz schwarz, mit jenem
+Geruch angefüllt, der nur in kleinen, ländlichen Bahnhöfen nicht
+anzutreffen ist. Simon zitterte, als er aus dem Wagen ausstieg, er war
+hungrig, steif, matt, traurig und mutlos und konnte eine gewisse
+Beklemmung nicht los werden, obschon er sich sagte, daß es eine dumme
+Beklemmung sei, die er da empfand. Er gab, wie es die meisten Reisenden
+tun, sein Gepäck am Gepäckschalter ab und verlor sich unter die
+Menschen. So wie er freie Bewegung bekam, fühlte er sich auch sofort
+besser und wurde wieder auf seine leichte Gesundheit aufmerksam, die vom
+Landaufenthalt her in vollkommen gutem Zustand war. Er aß etwas in einem
+jener seltsamen Volkslokale. Da aß er nun wieder, ohne vielen Appetit;
+denn das Essen war mager und schlecht, ganz gut für einen armen Städter,
+aber nicht für einen verwöhnten Landbewohner. Die Menschen betrachteten
+ihn aufmerksam, als ahnten sie, daß er vom Lande herkomme. Simon dachte:
+»Diese Menschen müssen sicher fühlen, daß ich gewöhnt bin, besser zu
+speisen; denn es liegt so etwas in der Art, wie ich mit diesem Essen
+umgehe.« In der Tat, er ließ die Hälfte davon stehen, bezahlte und
+konnte nicht umhin, der Kellnerin leichthin zu bemerken, wie wenig es
+ihm gemundet habe. Diese schaute den Spötter nur so verächtlich an,
+freundlich verächtlich, ganz leicht, als hätte sie es nicht nötig,
+deswegen empört zu sein, da es doch so einer gesagt hatte und nicht ein
+anderer. Eines andern wegen, ja, dann schon, aber eines solchen! --
+Simon trat hinaus. Er war doch glücklich, trotz dem minderwertigen Essen
+und der beleidigenden Miene des Mädchens. Der Himmel war leicht blau.
+Simon schaute ihn an: ja, er hatte hier doch auch einen Himmel. In
+dieser Beziehung war es doch dumm, so sehr zu Ungunsten der Städte für
+das Land eingenommen zu sein. Er nahm sich vor, jetzt nicht mehr an das
+Land zurückzudenken, sondern sich an die neue Welt zu gewöhnen. Er sah,
+wie die Menschen vor ihm her gingen, viel schneller als er; denn er
+hatte sich auf dem Lande einen schlenderischen, bedächtigen Schritt
+angewöhnt, als fürchtete er, zu rasch vorwärts zu kommen. Nun, für heute
+wollte er es sich noch gestatten, bäuerisch zu gehen, von morgen ab
+sollte es dann anders vorwärts gehen. Aber er betrachtete die Menschen
+mit Liebe, ganz ohne jede Scheu, sah ihnen in die Augen, an die Beine,
+um zu sehen, wie sie die Beine bewegten, an die Hüte, um den Fortschritt
+der Mode zu beobachten, an die Kleider, um die seinen immer noch gut
+genug zu finden im Vergleich mit den vielen unschönen, die er emsig
+studierte. Wie sie eilig gingen, diese Menschen. Er hätte Lust gehabt,
+einen von ihnen aufzuhalten und ihn mit den Worten anzureden: Wohin so
+schnell? Aber er hatte doch nicht den Mut zu einer so törichten
+Handlung. Er fühlte sich wohl, sonst aber ein wenig matt und gespannt.
+Eine kleine, nicht zu verhehlende Trauer hielt ihn gefangen, aber sie
+harmonierte mit dem leichten, glücklichen, etwas getrübten Himmel. Sie
+harmonierte auch mit der Stadt, wo es beinahe unschicklich ist, ein
+allzusonniges Gesicht zu machen. Simon mußte sich gestehen, daß er da
+ginge und absolut nichts suche, aber er hielt es für angebracht, wie
+alle andern solch eine Sucher- und Vorwärtsdrängermiene zu machen, um
+nicht den eben angekommenen, beschäftigungslosen Menschen darstellen zu
+müssen. Er mochte nicht auffallen und es tat ihm wohl, zu bemerken, daß
+er weiter keinem Menschen durch sein Betragen auffiel. Er schloß daraus,
+daß er noch immer befähigt sei, in der Stadt zu leben, trug sich ein
+wenig strammer noch, als zuvor, und tat, als trüge er eine kleine,
+elegante Absicht mit sich, die er gleichmütig verfolge, die ihm keine
+Sorgen, nur Interesse entlocke, die seine Schuhe nicht beschmutzen und
+seine Hände nicht anstrengen würde. Eben ging er jetzt durch eine
+schöne, reiche Straße, die auf beiden Seiten mit blühenden Bäumen
+besetzt war, in der man, da sie breit war, den Himmel freier vor Augen
+hatte. Es war wirklich eine herrliche, lichte Straße, die einem das
+angenehmste Leben vorgaukeln konnte und jeden Traum gestatten durfte.
+Simon vergaß jetzt sein Vorhaben, durch diese Straße mit gesetzten,
+gezierten Bewegungen zu gehen, völlig. Er ließ sich gehen und tragen,
+schaute bald zu Boden, bald hinauf, bald zur Seite in eines der vielen
+Schaufenster, vor deren einem er endlich stehen blieb, ohne eigentlich
+etwas zu betrachten. Er fand es angenehm, den Lärm der schönen,
+lebhaften Straße hinter seinem Rücken und doch in seinen Ohren zu haben.
+Er unterschied in seinen Sinnen die Schritte der einzelnen Passanten,
+die wohl alle denken mußten, er stehe da, um etwas so recht ins Auge zu
+fassen, das im Schaufenster liege. Plötzlich hörte er sich von jemand
+angesprochen. Er drehte sich um und erblickte eine Dame, die ihn
+aufforderte, ein Paket, das sie ihm hinstreckte, bis in ihr Haus zu
+tragen. Es war keine besonders schöne Dame, aber in diesem Augenblick
+hatte Simon sich nicht lange zu besinnen, ob sie schön war oder nicht,
+sondern hatte, wie ihm eine innere Stimme zurief, ihrer Aufforderung
+lebhaft nachzukommen. Er ergriff das Paket, das gar nicht schwer war,
+und trug es der Dame nach, die quer über die Straße mit kleinen,
+gemessenen Schritten ging, ohne sich nur einmal nach dem jungen Manne
+umzudrehen. Vor einem, wie es schien, prachtvollen Hause angekommen,
+befahl ihm die Frau, mit hinauf zu kommen, und er tat es. Er sah keinen
+Grund, warum er nicht hätte gehorchen sollen. Mit dieser Dame in deren
+Haus zu gehen, das war etwas ganz Natürliches, und der Stimme der Dame
+zu gehorchen war seiner Lage, die ihm nichts vorschrieb, durchaus
+angemessen. Er würde vielleicht jetzt noch vor dem Schaufenster stehen
+und gaffen, dachte er, indem er die Treppen hinaufstieg. Oben
+angekommen, hieß ihn die Frau eintreten. Sie ging voran und ließ ihn
+nachkommen und in ein Zimmer hineingehen, dessen Türe sie öffnete. Simon
+schien es ein prächtiges Zimmer zu sein. Die Frau kam wieder hinein,
+setzte sich in einen der Stühle, räusperte sich ein wenig, sah den vor
+ihr Stehenden an und fragte ihn dann, ob er sich entschließen könne, bei
+ihr in Dienste zu treten. Er mache ihr, fuhr sie fort, den Eindruck
+eines müßig in der Welt stehenden Menschen, dem man eine Wohltat
+erweise, wenn man ihm Arbeit gebe. Im übrigen gefalle er ihr soweit und
+er möchte ihr sagen, ob er gewillt sei, das Anerbieten, das sie ihm
+mache, anzunehmen.
+
+»Warum nicht,« antwortete Simon.
+
+Sie sagte: »Ich scheine mich also nicht geirrt zu haben, wenn ich von
+Ihnen gleich im ersten Augenblick angenommen habe, daß Sie ein junger
+Mensch sind, der froh ist, irgendwo unterzukommen. Sagen Sie mir einmal,
+wie heißen Sie, und was haben Sie bis jetzt getan in der Welt?«
+
+»Ich heiße Simon, und ich habe bis jetzt nichts getan!«
+
+»Wie kommt das?«
+
+Simon sagte: »Ich habe von meinen Eltern ein kleines Vermögen bekommen,
+das ich soeben bis auf den letzten Heller verzehrt habe. Ich habe es
+nicht für nötig gefunden, zu arbeiten. Etwas zu lernen hatte ich keine
+Lust. Ich habe den Tag als zu schön empfunden, als daß ich den Übermut
+hätte besitzen können, ihn durch Arbeit zu entweihen. Sie wissen, wie
+viel durch tägliche Arbeit verloren geht. Ich war nicht imstande, mir
+eine Wissenschaft anzueignen und dafür den Anblick der Sonne und des
+abendlichen Mondes zu entbehren. Ich brauchte Stunden, um eine
+Abendlandschaft zu betrachten, und habe Nächte durch, statt am
+Schreibtisch oder im Laboratorium, im Grase gesessen, während zu meinen
+Füßen ein Fluß vorüberfloß und der Mond durch die Äste der Bäume
+blickte. Sie werden befremdend auf eine solche Aussage herabblicken,
+aber, sollte ich Ihnen eine Unwahrheit berichten? Ich habe auf dem Lande
+und in der Stadt gelebt, aber ich habe bis jetzt noch keinem Menschen
+auf der Welt einen einigermaßen bemerkenswerten Dienst erwiesen. Ich
+habe Lust, das zu tun, jetzt, wo es scheinen will, daß ich Gelegenheit
+dazu habe.«
+
+»Wie konnten Sie so liederlich leben?«
+
+»Ich habe das Geld nie geachtet, gnädige Frau! Dagegen könnte es mir,
+wenn ich dazu veranlaßt würde, einfallen, ja, sogar am Herzen liegen,
+anderer Menschen Geld für wertvoll zu erachten. Es will den Anschein
+haben, daß Sie den Wunsch hegen, mich in Ihre Dienste zu nehmen: Nun, in
+diesem Fall würde ich Ihre Interessen natürlich streng beobachten; denn
+in einem solchen Falle hätte ich dann keine andern Interessen mehr, als
+die Ihrigen, die die meinen wären. Meine eigenen Interessen! Wo wäre ich
+je dazu gekommen, eigene Interessen zu haben! Wann hätte ich je eigene
+ernstliche Angelegenheiten gehabt. Ich habe mein Leben bis jetzt
+vertändelt, weil ich es so wollte, da es mir immer ganz als wertlos
+erschien. In fremden Interessen würde ich aufgehen, es versteht sich von
+selber; denn wer keine eigenen Ziele hat, lebt eben für die Zwecke,
+Interessen und Absichten Anderer.« --
+
+»Sie müssen doch irgend eine Zukunft vor Augen haben wollen!« --
+
+»Habe noch keinen Augenblick daran gedacht! Sie sehen mich etwas besorgt
+und ziemlich unfreundlich an. Sie mißtrauen mir und trauen mir keine
+ernstliche Absicht zu. Ich muß gestehen, ich habe bis zum heutigen Tage
+auch noch nie irgend welche Absicht mit mir herumgetragen, weil mich bis
+jetzt noch niemand zu der Pflege einer Absicht aufgefordert hat. Ich
+trete zum ersten Mal einem Menschen gegenüber, der meine Dienste in
+Anspruch nehmen will; das schmeichelt mir und veranlaßt mich, Ihnen kühn
+die Wahrheit zu sagen. Was schadet es, daß ich bis dahin ein
+liederlicher Mensch gewesen bin, wenn ich nun ein besserer werden will?
+Können Sie glauben, ich möchte nicht den Wunsch haben, mich Ihnen
+dankbar dafür zu erweisen, daß Sie mich von der offenen Straße weg in
+Ihr Zimmer ziehen, um mir ein Menschenlos zu geben? Ich habe nicht eine
+Zukunft vor Augen, nur die Absicht, Ihnen zu gefallen. Ich weiß auch,
+daß man gefällt, wenn man seine Pflicht erfüllt. Nun, diese Zukunft habe
+ich vor Augen: meine Pflicht, die Sie mir aufgeben werden, zu erfüllen.
+Ich mag nicht gern in eine viel weitere, als in die ganz nächste Zukunft
+hineindenken. Meine Laufbahn interessiert mich nicht, die mag ausfallen,
+wie sie will, wenn ich nur den Menschen gefalle.« --
+
+Die Dame sagte hierauf: »Obschon es eigentlich eine Unvorsichtigkeit
+ist, einen Menschen, der nichts ist und nichts kann, in Dienst zu
+nehmen, will ich es doch tun; denn ich glaube, Sie haben den Wunsch, zu
+arbeiten. Sie werden mein Diener sein und tun, was ich Ihnen auftragen
+werde. Sie können es als ein besonderes Glück betrachten, Gnade gefunden
+zu haben, und ich will hoffen, daß Sie sich Mühe geben werden, sie zu
+verdienen. Sie haben ja keinerlei Zeugnisse bei sich, sonst stände es
+mir an, Sie nach Ihren Zeugnissen zu fragen. Wie alt sind Sie?« --
+
+»Zwanzig Jahre und etwas darüber!«
+
+Die Dame nickte mit dem Kopf: »Das ist ein Alter, wo der Mensch daran
+denken muß, sich für das Leben eine Aufgabe zu stellen. Nun, ich will
+vieles, das mir an Ihrem Wesen nicht recht paßt, vorläufig übersehen und
+Ihnen Gelegenheit geben, ein zuverlässiger Mann zu werden. Wir werden
+sehen!« --
+
+Damit war diese Unterredung beendigt.
+
+Die Dame führte Simon durch eine Flucht eleganter Zimmer, bemerkte,
+indem sie ihrem jungen Begleiter voranschritt, daß es eine seiner
+Aufgaben sei, die Zimmer zu reinigen, fragte, ob er imstande sei, einen
+Zimmerboden mit Stahlspänen aufzureiben, ohne jedoch seine Antwort
+abzuwarten, als wüßte sie schon, daß er das könne, als ob sie das nur
+gefragt hätte, um irgend eine Frage an ihn zu richten, daß es ein
+bißchen ausforscherisch und hochmütig um seine Ohren herum sause,
+öffnete eine Türe, ließ ihn in ein kleineres, warm mit Teppichen aller
+Art ausgefüttertes Zimmer treten, wo sie ihn einem Knaben, der im Bett
+lag, mit kurzen Worten vorstellte: Diesen kleinen Herrn, der krank sei,
+werde er bedienen, wie, das werde ihm noch gesagt werden. Es war ein
+blasser, hübscher, wenngleich von der Krankheit entstellter Knabe, der
+seine Augen kalt auf diejenigen Simons richtete, ohne etwas zu sprechen.
+Man ahnte, daß er nicht sprechen, vielleicht etwa nur lallen konnte,
+wenn man seinen Mund ansah, der unbehilflich in dem Gesicht lag, als
+gehörte er gar nicht dazu, als klebe er dort nur an und sei nicht immer
+dagewesen. Die Hände des Knaben indessen waren sehr schön, sahen so aus,
+als trügen sie den ganzen Schmerz und die ganze Schmach der Krankheit,
+als hätten sie es übernommen, den ganzen Umfang, die ganze schöne Last
+weinender Trauer zu tragen. Simon konnte nicht umhin, diese Hände einen
+Moment länger, als ihm gestattet war, liebend zu betrachten; denn schon
+wurde er aufgefordert, der Dame zu folgen, die ihn durch einen Korridor
+in die Küche führte, wo sie sagte, daß er der Köchin, wenn keine
+wichtigere Arbeit für ihn vorliege, behülflich zu sein hätte. Das tue er
+sehr gern, entgegnete Simon, wobei er das Mädchen anblickte, das die
+Herrin in der Küche zu sein schien. Darauf, am nächsten Morgen nämlich,
+trat er seinen Dienst an, das heißt, der Dienst trat an ihn heran und
+verlangte von ihm dieses und jenes und ließ ihm keine Zeit mehr übrig,
+zu denken, ob es ein netter Dienst sei oder nicht. Die Nacht hatte er
+bei dem Knaben, seinem jungen Herrn, zugebracht, schlafend und immer
+wieder aufwachend; denn es war ihm befohlen worden, nur ganz leicht,
+leise und oberflächlich, also absichtlich schlecht zu schlafen, damit er
+sich daran gewöhne, schnell, bei jedem nur geflüsterten Ruf des Kranken,
+aus dem Bett zu springen und nach des Knaben Befehle zu fragen. Simon
+glaubte der Mann zu einem solchen Schlaf zu sein; denn wenn er gelinde
+nachdachte, verachtete er den Schlaf und nahm gerne die Gelegenheit
+wahr, die ihn nötigte, sich aus einem dichten und tiefen Schlaf nichts
+zu machen. Am nächsten Morgen sodann spürte er nicht im geringsten, daß
+er schlecht geschlafen habe, konnte aber auch nicht nachzählen, wie
+oftmals er aus dem Bett aufgesprungen sei, und ging munter an die
+Arbeit. Vorerst hatte er mit einem weißen, dicken Topf in der Hand auf
+die Straße zu springen, um denselben dort von einer Frau mit frischer
+Milch füllen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit konnte er einen
+Augenblick lang den erwachenden, feuchtglänzenden Tag betrachten, seine
+beiden Augen damit trunken und feurig machen und wiederum die Treppe
+hinaufspringen. Er machte die Beobachtung, daß ihm seine Glieder gut und
+geschmeidig gehorchten, wenn er hinauf und hinunter eilte. Alsdann hatte
+er, bevor die Frau noch aus ihrem Schlafe erwachte, mit dem Mädchen
+gemeinschaftlich diejenigen Zimmer aufzuräumen, die ihm vorgeschrieben
+waren: das Eßzimmer, den Salon und das Schreibzimmer. Der Boden mußte
+mit einem Besen abgekehrt, die Teppiche abgebürstet, Tisch und Stühle
+abgewischt, Fenster angehaucht und abgeputzt und alle im Zimmer
+befindlichen Gegenstände angerührt, in die Hand genommen, gesäubert und
+wieder an Ort und Stelle gelegt werden. Das alles mußte blitzschnell vor
+sich gehen, aber Simon dachte, wenn er das dreimal gemacht habe, würde
+er es mit geschlossenen Augen tun können. Nachdem diese Arbeit getan
+war, bedeutete ihm das Mädchen, daß er jetzt ein Paar Schuhe reinigen
+könne. Simon nahm die Schuhe in die Hand, wahrhaftig, es waren der Dame
+ihre Schuhe. Schöne Schuhe waren es, zierliche Schuhe mit Pelzbesatz und
+von so zartem Leder wie Seide. Simon hatte immer für Schuhe geschwärmt,
+nicht für alle, nicht für grobe, aber für so seine immer, und nun hielt
+er solch einen Schuh in der Hand und hatte die Pflicht, ihn zu säubern,
+obgleich er eigentlich nichts daran zu säubern bemerkte. Immer schienen
+ihm Füße von Frauen etwas Heiliges zu sein, und Schuhe glichen in seinen
+Augen und Sinnen Kindern, glücklichen, bevorzugten Kindern, die das
+Glück hatten, den feinbeweglichen, empfindlichen Fuß zu bekleiden und zu
+umschließen. Welch eine schöne Erfindung der Menschen, solch ein Schuh,
+dachte er, indem er daran mit einem Tuch herumwischte, um so zu tun, als
+ob er putzte. Da wurde er von der Frau selber überrascht, die in die
+Küche kam und ihn mit einem strengen Blick maß; Simon beeilte sich, ihr
+Guten Tag zu sagen, worauf sie nur mit ihrem Kopf nickte. Simon fand das
+allerliebst, ja entzückend, sich Guten Morgen sagen zu lassen und nur so
+mit dem Kopf zu nicken als Erwiderung, als wolle man sagen: ja, lieber
+Bursche, ja, ich danke dir, ich habe es gehört, es war sehr nett gesagt,
+es hat mir gefallen!
+
+»Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Frau.
+
+Simon war sehr glücklich über ihren Tadel. Wie oft, wenn er durch heiße,
+verbrannte, menschenleere Gassen geschlendert, absichtslos
+herumgewandert war, empfand er in seinem Herzen Sehnsucht nach einem
+bösen, bissigen Tadel, nach einem Schimpfwort, nach einem Fluch und
+beleidigenden Ausruf, nur um die Gewißheit zu haben, nicht ganz allein,
+nicht ganz ohne Teilnahme zu sein, und wenn die Teilnahme auch eine rohe
+und verneinende gewesen wäre. »Wie lieb klingt dieser Tadel aus ihrem
+Frauenmund,« dachte er, »wie bindet mich das an sie, wie sehr verbindet
+und verknüpft und fesselt es, man fühlt solch einen Tadel wie eine
+kleine, gar nicht sehr schmerzende Ohrfeige, eines Fehlers wegen, den
+man begangen hat«; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch Fehler
+zu begehen, nein, nicht gerade ausschließlich, denn das würde ihn zum
+Tölpel gestempelt haben, aber regelmäßig kleinere Versehen, schön
+beabsichtigt, um den Genuß zu haben, eine empfindliche und an Ordnung
+gewöhnte Dame entrüstet zu sehen. Entrüstung, nein, nicht gerade
+Entrüstung, sondern mehr ein Fragen, ein Staunen über seine, Simons
+Ungeschicklichkeit. Dann hätte man Gelegenheit, in andern Punkten zu
+glänzen, und so durfte man das Vergnügen haben, zu beobachten, wie sich
+ein strenges und ärgerliches Gesicht in ein freundlicheres und
+befriedigtes verwandelte. Welche Freude, sich einen Menschen zur
+Zufriedenheit innig umzustimmen, wenn man ihn vorher gekränkt gesehen
+hat. »Heute morgen bereits einen lieben Tadel geerntet,« dachte Simon,
+und weiter: »wie angenehm ist es, der Getadelte zu sein, es ist
+gewissermaßen ein reiferer, überlegener Zustand. Ich bin wie geschaffen
+dazu, getadelt zu werden; denn ich empfinde den Tadel dankbar, und nur
+solche verdienen freundschaftlich getadelt zu werden, die dafür durch
+entsprechende Körperhaltung, die sie anzunehmen haben, zu danken
+wissen.«
+
+Simon stand wirklich entsprechend da, und er fühlte: »Nun erst bin ich
+der Diener dieser Frau; denn sie tadelt mich, weil sie ein Recht in sich
+fühlt, mich ohne viel Überlegen zurechtzuweisen, und dabei von mir ein
+korrektes Schweigen erwartet. Wenn man einen untergebenen Beamten
+tadelt, so schmerzt man ihn, und man trägt immer die geheime Absicht,
+ihm auch wirklich weh zu tun durch das Merkenlassen der höheren Stufe,
+die man einnimmt. Einen Diener tadelt man nur in der Absicht, ihn zu
+belehren und zu erziehen, so wie man ihn haben will; denn ein Diener
+gehört einem, während man mit einem untergebenen Beamten, wenn die
+Feierabendstunde schlägt, menschlich weiter nichts mehr zu tun hat. Ich
+zum Beispiel jetzt bin mit der Wärme des Herzens getadelt worden, dazu
+kommt noch, daß der Tadel von einer Frau kommt, die zu den Frauen
+gehört, die immer lieblich sind, wenn sie sich so etwas herausnehmen. In
+der Tat, Damen muß man einen Tadel aussprechen hören, um zu der
+Überzeugung zu gelangen, daß sie es besser verstehen als die Männer,
+ohne kleinliche Kränkung einen Fehler zu rügen. Vielleicht ist das aber
+falsch, und ich sehe, was, wenn es von einem Mann kommt, mich verletzt,
+von Damen herkommend, nicht für beleidigend, sondern für aufmunternd an.
+Einem Mann gegenüber empfinde ich immer die stolze Gleichstellung, einer
+Dame gegenüber niemals, weil ich ein Mann bin, oder weil ich mich darauf
+vorbereite, einer zu werden. Vor Frauen muß man sich entweder überlegen
+oder unterlegen fühlen! -- Einem Kinde zu gehorchen, wenn es reizend
+befiehlt, ist mir etwas Leichtes, dagegen einem Mann: Pfui! Nur Feigheit
+und geschäftliche Interessen mögen einen Mann dazu veranlassen, vor
+einem andern Mann zu kriechen: Niedrige Gründe, das! Aus diesem Grunde
+bin ich froh, daß ich einer Frau zu gehorchen habe; denn das ist
+natürlich, weil es niemals ehrverletzend sein kann. Eine Frau kann die
+Ehre eines Mannes niemals verletzen, es sei denn beim Ehebruch, aber da
+benimmt sich der in Frage kommende Mann meist als ein schwacher Tölpel,
+den es gar nicht entehrt, wenn er betrogen wird, da ihn schon die
+Möglichkeit des Betruges längst vorher in den Augen derer entehrt hat,
+die ihn kannten. Unglücklich können Frauen machen, aber entehren können
+sie niemals; denn das wirkliche Unglück ist keine Schande und kann nur
+auf rohe Gemüter und Sinnesarten komisch wirken, auf solche Menschen,
+die sich allerdings ihrerseits dann eine Unehre antun, es zu verlachen.«
+
+»Kommen Sie!«
+
+Mit diesem Wort riß die Dame ihren Diener aus seiner anmaßlichen
+Gedankenreihe und befahl ihm, nun den kranken Knaben ankleiden zu gehen.
+Er gehorchte und tat, was sie verlangte. Er trug ein Becken voll
+frischen Wassers an das Bett und wusch mit einem Waschschwamm sorgsam
+das Gesicht des Knaben, reichte ihm ein Glas, halbgefüllt mit klarem
+Wasser, und ließ ihn den Mund damit wässern, was der Knabe mit seinen
+schönen Händen sehr hübsch tat, nahm dann eine Bürste und einen Kamm zur
+Hand, brachte das Haar des im Bett Liegenden in Ordnung und reichte ihm
+zum Schluß das Frühstück auf einem silbernen Tablett dar, schaute zu,
+wie es bedächtig, mit vielem Absetzen, verzehrt wurde, ohne müde oder
+gar ungeduldig zu werden; denn wie häßlich und unpassend würde Ungeduld
+hier gewesen sein; trug das Geschirr wieder hinaus und kam wieder, um
+nun den Kranken, der sich nicht selbst anziehen konnte, anzukleiden. Er
+hob den leichten, dünnen Körper mit einiger Scheu zum Bette heraus,
+nachdem er schon vorher den Füßen und Beinen die Strümpfe übergezogen
+hatte, steckte an die Füße kleine Hausschuhe, nahm die Beinkleider zur
+Hand, um sie anzuziehen, schnallte den Gurt der Hose zu, warf die
+Hosenträger, wie es sich schickte, von hinten über, alles schnell, alles
+geräuschlos, und so, daß jede Bewegung auch wirklich gleich etwas tat,
+legte dem Hals des Knaben jetzt den Kragen um, einen breiten, umgelegten
+Knabenkragen, befestigte mit gutem Geschick eine Krawatte an den
+Hemdknopf; das Hemd war natürlich längst übergeworfen worden; reichte
+jetzt die Weste, ließ die Arme hineinschlüpfen, ebenso den Rock und die
+paar Gegenstände, die der Knabe bei sich zu tragen pflegte, als Uhr,
+Uhrgehänge, Messer, Taschentuch und Notizbuch, und das Werk war fertig.
+Nun mußte Simon des kleinen Herrn Bett in Ordnung bringen, sowie das
+ganze Schlafzimmer in der Weise, wie es ihm die Dame zeigte, aufräumen,
+die Fenster öffnen, die Kissen, Bettdecke und das Laken ans Fenster
+legen und alles so machen, wie es getan wird und wie er merkte, daß es
+getan werden mußte. Die Dame verfolgte alle seine Bewegungen, wie ein
+Fechtmeister den Bewegungen seines Schülers folgt, und fand, daß er sich
+mit Talent in die Arbeit schickte. Sie sagte nicht etwa ein Wort der
+Anerkennung. Würde ihr nicht von ferne eingefallen sein. Außerdem mochte
+ihr Diener an ihrem Schweigen merken, daß sie seine Art und Weise
+billige. Es freute sie, wie zart er mit ihrem Sohn umgegangen war, da
+sie bemerkt hatte, wie jede Bewegung Simons beim Ankleiden dessen
+Achtung für den Kranken aussprach. Sie mußte lächeln, als sie gewahrt
+hatte, mit welcher Scheu er zuerst angefaßt, und wie er dann später die
+Scheu überwunden hatte und mit seinem Tun kräftiger, ruhiger und
+gleichmäßiger geworden war. Dieser junge Mann gefiel ihr vorläufig,
+mußte sie sich sagen. »Wenn er fortfährt, wie er angefangen hat, so will
+ich ihn dafür lieb haben, daß er mich nicht in meinem Gefühl, das ich
+mir gleich von Anfang an von ihm machte, betrogen hat,« dachte sie. »Er
+ist sehr still und anständig und scheint das Talent zu besitzen, sich
+mit jeder Lage gleich vertraut machen zu können. Und da er, wie ich
+glaube aus seinen Manieren schließen zu dürfen, aus gutem Hause
+herstammt, will ich ihn, um seiner Mutter willen, die vielleicht noch
+lebt, und um seiner Geschwister willen, die vielleicht geachtete
+Stellungen einnehmen und besorgt sind um sein Schicksal, zu einem klugen
+und schönen Betragen anhalten und will Freude haben, wenn ich sehe, daß
+er einschlägt und sich so benimmt, wie man es von ihm erwartet.
+Vielleicht darf ich ihn in kurzem etwas zutraulicher behandeln, als man
+gezwungen ist, mit seinen Dienstboten zu verkehren. Aber ich will acht
+geben und ihm keinen Anlaß geben, durch zu frühes freundliches
+Entgegenkommen, mir unverschämt zu begegnen. In seinem Charakter sitzt
+eine leise Beigabe von Unverschämtheit und Trotz, und diese darf nicht
+geweckt werden. Ich werde immer mein Gefallen, das ich an ihm habe,
+unterdrücken müssen, wenn ich will, daß er immer die Lust hat, mir zu
+gefallen. Ich glaube, er liebt mein strenges Gesicht, ich erriet so
+etwas, als er vorhin lächelte, wo ich ihn doch ziemlich unfreundlich
+getadelt habe. Die Menschen muß man erraten, wenn man sie von ihrer
+schönen Seite haben will. Er hat Seele, dieser junge Mann, man muß ihm
+deshalb auch seelenvoll und seelenbewußt entgegentreten, um etwas bei
+ihm zu erreichen. Man nimmt Rücksicht, und tut doch so, als ob man keine
+nähme, wie man ja auch wirklich keine zu nehmen nötig hätte. Aber es ist
+besser und klüger, man nimmt, wenn man mit Ruhe kann.« -- Sie beschloß,
+den Simon ein bißchen abenteuerlich zu nehmen, und schickte ihn jetzt
+aus, um Einkäufe zu machen.
+
+Das war nun wieder etwas ganz Neues für Simon, durch die Straßen zu
+eilen, mit einem Korb oder mit einer ledernen Tragtasche in der Hand,
+Fleisch und Gemüse zu kaufen, in die Läden zu treten und dann wieder
+nach Hause zu springen. In den Straßen sah er die Menschen ihren
+verschiedenartigen Geschäften nachgehen, jeder trug sich mit einer
+Absicht und er selber auch. Es schien ihm, daß die Leute sich über seine
+Gestalt verwunderten. Sollte sein Gang etwa nicht zu dem gefüllten
+Korbe, den er leicht trug, passen? Waren seine Bewegungen zu frei, als
+daß sie zu seinem Auftrage, nämlich zum Botenlaufen, gestimmt hätten?
+Aber es waren freundliche Blicke, die er bekam; denn man sah ihn eilig
+und geschäftig, und er mußte den Eindruck eines pflichteifrigen Mannes
+machen. »Wie schön ist es doch,« dachte Simon, »so mit einer Pflicht im
+Kopf durch die Straßen neben den wimmelnden Menschen her zu laufen, von
+einigen überholt zu werden, die längere Beine haben, und andere wieder
+zu überflügeln, die träger gehen, als wenn sie Blei in ihren Schuhen
+hätten. Wie hübsch ist es, von den sauberen Mägden für ihresgleichen
+angeblickt zu werden, zu beobachten, welchen Scharfblick diese einfachen
+Wesen haben, zu sehen, daß sie beinahe Lust hätten, bei einem schnell
+stehen zu bleiben, um zehn Minuten lang plaudern zu können. Wie die
+Hunde auf der Straße laufen, als wären sie hinter dem Wind her, wie
+Greise noch geschäftig sind mit ihren gebeugten Nacken und Rücken! Und
+da möchte man noch schlendern! Wie entzückend sind die einzelnen Frauen,
+an denen man, ohne beachtet zu werden, vorüberrennen darf. Was sollte
+man von ihnen beachtet werden. Wäre noch schöner! Es genügt doch, selber
+Beobachteraugen zu haben. Hat man etwa die Sinne nur, daß sie gestachelt
+werden, und nicht, damit man sie selber stachle? Die Augen der Frauen an
+einem solchen Straßenmorgen, wie dieser, wenn sie so in die Ferne
+blicken, sind etwas Herrliches. Augen, die an einem vorbeisehen, sind
+schöner, als solche, die einen ansehen. Es ist, als verlören sie
+dadurch. Wie man rasch denkt und fühlt, wenn man so rasch läuft. Nur den
+Himmel nicht betrachten! Nein, lieber nur empfinden, daß da oben, über
+dem Kopf und über den Häusern etwas Schönes und Weites schwebt, etwas
+Schwebendes, vielleicht Blaues, ganz gewiß Duftiges. Man hat Pflichten,
+und das ist auch etwas Schwebendes, Fliegendes, Hinreißendes. Man trägt
+etwas mit sich, das man nachzählen und abliefern muß, um als
+zuverlässiger Mensch dastehen zu können, und ich bin gegenwärtig so, daß
+es mir mein einziges Vergnügen ist, als zuverlässiger Mensch dazustehen.
+Die Natur? Mag sie sich einstweilen verstecken. Ja, es ist mir, als ob
+sie sich verborgen hielte, da, hinter den langen Häuserreihen. Der Wald,
+er reizt mich vorläufig nicht mehr, soll mich nicht reizen. Immerhin, es
+hat etwas Schönes, zu denken, daß alles doch noch da ist, während ich
+flüchtig und geschäftig durch die blendende Straße eile, mich um nichts
+bekümmere, als um das, was ich mit meiner Nase denken könnte, so einfach
+ist es.« -- Er zählte das Geld in der Westentasche mit fühlenden Fingern
+nach, ohne es heraus zu nehmen, und ging nach Hause.
+
+Nun hatte er den Tisch zu decken.
+
+Er mußte ein sauberes, weißes Tischtuch über den Tisch breiten, daß die
+Falten nach oben zu liegen kamen, dann die Teller hinlegen, so, daß der
+Tellerrand nicht über den Tischrand hinausragte, dann Gabel, Messer und
+Löffel hinlegen, Gläser aufstellen und eine Karaffe mit frischem Wasser,
+Servietten auf die Teller legen und das Salzgefäß auf den Tisch stellen.
+Stellen und legen, hinlegen und anfassen und hinstellen, zart anfassen,
+dann wieder gröber, Tücher mit Fingerspitzen anfassen und Teller nur mit
+Vorsicht berühren, ausbreiten und ausrichten, nämlich die Bestecke,
+keinen Lärm dabei verursachen, schnell sein und doch wiederum behutsam,
+vorsichtig und kühn, steif und glatt, ruhig und doch energisch, Gläser
+nicht aneinanderklirren, und Teller nicht klappern lassen, aber über ein
+vorkommendes Klappern und Klirren auch nicht erstaunt sein, sondern es
+begreiflich finden, dann der Herrschaft melden, daß der Tisch gedeckt
+sei, und dann die Speisen auftragen und dann zur Tür hinausgehen, um
+wieder hineinzugehen, wenn geklingelt wurde, zusehen, wie gegessen wurde
+und Freude dabei empfinden, sich zu sagen, daß es hübscher sei, zu
+sehen, wie gegessen werde, als selber zu essen, dann den Tisch wieder
+abräumen, das Geschirr hinaustragen, einen Rest Braten in den Mund
+stecken und dabei eine frohlockende Miene machen, als wäre es etwas, um
+dabei eine frohlockende Miene machen zu müssen, dann selber essen und
+finden, daß man jetzt wirklich verdiene, selber etwas zu essen: das
+alles mußte Simon. Er mußte nicht alles, zum Beispiel mußte er nicht
+gefrohlockt haben, wenn er stahl, aber es war sein erster, zarter
+Diebstahl, und deswegen mußte er frohlocken; denn es erinnerte ihn
+lebhaft an die Kindheit, wo man stiehlt, irgend etwas aus dem
+Speiseschrank, und dabei frohlockt.
+
+Nach dem Essen hatte er dem Mädchen zu helfen, das Geschirr zu säubern,
+abzuwaschen und abzutrocknen, und das Mädchen war nicht wenig erstaunt,
+zu sehen, wie behend er das machte. Wo er das gelernt hätte? »Ich war
+doch auf dem Lande,« antwortete Simon, »und auf dem Lande tut man
+dergleichen. Ich habe dort eine Schwester, die Lehrerin ist, der habe
+ich beim Geschirrtrocknen immer geholfen.«
+
+»Das war hübsch von Ihnen.«
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+
+Simon kam es ganz wunderbar vor, in dieser stillen Küche, mitten in
+einer großen Stadt, zu handwerken. Wer hätte das je gedacht. Nein, der
+Mensch kam doch nie dazu, sich eine Zukunft zu malen. Er, der früher
+frei über die Bergweiden streifte, wie ein Jäger unter dem offenen
+Himmel schlief und die Luft zu eng fand, wenn er Ausblicke genoß, die
+die vor ihm liegende Erde auseinanderbreiteten und dehnten, der die
+Sonne heißer, den Wind stürmischer, die Nacht dunkler und die Kälte
+grimmiger wünschte, wenn er draußen, zu jeder Jahreszeit und bei jeder
+Witterung, suchend, händereibend und atempustend herumlief, er steckte
+jetzt in einer kleinen Küche und trocknete einen tropfenden Teller warm
+ab. Er war froh. »Ich bin froh, so gehemmt, so eingesteckt, so eingeengt
+zu sein,« sagte er zu sich, »was will der Mensch nur immer die Weite
+haben, und dazu doch Sehnsucht, die doch so was Beengendes ist! Hier bin
+ich eng eingeklemmt zwischen vier Küchenwände, aber mein Herz ist weit
+und erfüllt von der Lust an meiner bescheidenen Pflicht.«
+
+Es war ein wenig erniedrigend für ihn, sich in einer Küche zu wissen,
+mit einer Arbeit beschäftigt, die sonst nur Mädchen verrichten. Ein
+wenig erniedrigend und ein wenig lächerlich war es, aber es war
+entschieden geheimnisvoll und absonderlich. Kein Mensch konnte sich
+jetzt diese Lage von ihm austräumen. Dieser Gedanke hatte wiederum etwas
+Genugtuerisches und Stolzes. Man konnte bei diesem Gedanken lächeln. Das
+Mädchen fragte ihn, was er denn früher in seinem Leben gewesen sei, und
+er antwortete: »Schreiber!« Sie konnte nicht begreifen, wie man so wenig
+Ehrgeiz besitzen könne, das Schreibpult aufzugeben, um in eine
+Haushaltung hineinzukriechen. Simon sagte darauf, es gäbe in diesem
+Falle erstens nichts zu kriechen, wie sie sich da so lieblich ausdrücke,
+und zweitens sei es noch eine Frage, was besser wäre: ein Sitz hinter
+einem Pult oder der Zustand eines Geschirrabwischers. Er zöge bei weitem
+die freie, luftige, heiße, dampfige, interessante Küche dem öden Bureau
+vor, in dem die Luft meist schlecht und die Laune eine verbitterte sei.
+Hier sei kein Anlaß, bitter zu sein, hier, wo der Braten in der Pfanne
+schmore, das Gemüse koche, die Suppe dampfe, das Kupfer so lieblich
+herabblinke vom Gestell und die Teller so freundlich klängen, wenn man
+sie aneinanderschlüge. Aber Diener sein, das sei doch nicht viel, das
+bedeute doch gar nichts, meinte das muntere Mädchen. Er wolle nichts
+bedeuten, erwiderte Simon sanft. Sie ließ es dabei bewenden, doch fand
+sie, daß er ein kurioser, schwer begreiflicher Mensch sei. Aber sie
+dachte: »er ist anständig,« und fühlte, »er dürfte sich viel erlauben!«
+Simon war eben fertig geworden mit seiner Arbeit, als die Dame in die
+Küche trat und zu ihm sagte, er möge hineinkommen, sie habe eine
+Beschäftigung für ihn. »Was für eine schöne Beschäftigung hat sie wohl
+für mich,« dachte Simon, und er folgte der Voranschreitenden. »Sie haben
+jetzt, während des Nachmittages, weiter nichts zu tun, da können Sie
+meinem Knaben und mir aus einem Buche vorlesen. Verstehen Sie
+vorzulesen?«
+
+Simon bejahte.
+
+Und dann las er eine volle Stunde lang vor, mit etwas gepreßtem Atem,
+aber mit richtiger, scharfer, schöner Aussprache und mit einer warmen
+Stimme, die anzeigte, daß der Leser miterlebte, was er las. Der Dame
+schien es zu gefallen, und der Knabe war ganz nur Ohr bis zum Schluß, wo
+er sich anmutig für den Genuß bedankte. Simon, dessen Wangen hochrot vor
+Bewegung glühten, fand es schön, daß man ihm dankte. Er verfügte sich,
+da er weiter vorläufig nichts zu treiben wußte, in das Domestikenzimmer,
+das die Abendsonne rötlich beleuchtete, und fing an, zum Fenster hinaus
+zu rauchen.
+
+»Ich sehe es unlieb, wenn Sie hier rauchen,« sprach die hereintretende
+Frau.
+
+Er rauchte aber weiter, und sie ging wieder, etwas ärgerlich, hinaus.
+»Ich begreife allerdings, daß es ihr nicht lieb ist, aber, muß ihr denn
+alles lieb an mir sein? Das Rauchen gebe ich nicht auf. Nein! Zum
+Teufel, nein! Und wenn zwanzig Damen kämen und eine nach der andern es
+mir verböten.« Er war wütend, aber er wurde sofort wieder sanft und
+sprach zu sich: »Ich hätte die Zigarette wegwerfen sollen; das war
+unverschämt!«
+
+In diesem Augenblick, den er dazu benutzen wollte, ein Selbstgespräch zu
+führen, tönte im Korridor ein Schrei und unmittelbar darauf ein heftiger
+Knall von einem zu Boden stürzenden Geschirr. Simon öffnete die Tür und
+erblickte die Frau, wie sie mit wehklagendem, stummem und betrübtem
+Gesicht zu Boden sah, wo die Scherben einer ihr gewiß teuer gewesenen
+Porzellanplatte herumlagen. Sie hatte die Platte mit einem Stück Torte
+drauf vom Eisschrank weg in ihr Zimmer tragen wollen und dieselbe fallen
+lassen, sie konnte selber nicht sagen, wie. Es brauchte ja nur eine
+kleine Täuschung der Sinne gewesen zu sein, oder sonst etwas, und das
+Unglück war eben geschehen. Als die Frau den Simon bemerkte, der hinter
+ihrem Rücken stand, verwandelte sich sogleich ihr betrübtes Gesicht in
+ein zürnendes und anklagendes, und sie sagte zu ihm, in einem Tone, der
+genug sagte, was sie empfand: »Lesen Sie zusammen!« Simon bückte sich zu
+Boden und las die Scherben zusammen. Während er es tat, streifte seine
+Wange das Kleid seiner Herrin und er dachte: »Verzeih mir, daß ich
+gerade dastehen mußte, um zu sehen, daß du dich ungeschickt benommen
+hast. Ich begreife deinen Zorn. Ich bekenne mich schuldig, die Platte,
+die du hast fallen lassen, zerbrochen zu haben. Ich habe sie zerbrochen.
+Wie muß es dir doch weh tun. Eine so schöne Platte. Gewiß war sie dir
+lieb. Du tust mir leid. Meine Wangen streifen dein Kleid. Jede Scherbe,
+die ich zusammenlese, sagt mir: »Elender,« und der Saum von deinem Rock
+sagt mir: »Glücklicher!« Ich lese absichtlich langsam zusammen. Versetzt
+es dich nicht in neuen Zorn, dies bemerken zu müssen? Es macht mir Spaß,
+der Übeltäter gewesen zu sein. Du gefällst mir, wenn du mir zürnst.
+Weißt du, warum mir dein Zorn gefällt? Weil er so zart ist, dein Zorn!
+Nur weil ich dich sah, wie du dich ungeschickt benahmst, zürnst du mir.
+Du mußt einige Achtung vor mir haben, da es dich kränken kann, wenn du
+dich vor mir blamierst. Du Hohe, vor mir Niedrigem. Wie entzückend
+zornig befahlst du mir, die Scherben zusammenzulesen. Und ich beeile
+mich damit gar nicht; denn ich möchte, daß du recht ärgerlich und böse
+würdest, weil ich so lange bei den Scherben verweile, die mir doch sagen
+müssen, wie ungeschickt du warst, die es dir auch sagen müssen. Du
+stehst immer noch da? Es muß jetzt eine Mischung von seltsamen
+Empfindungen in dir sein: Scham, Schmerz, Zorn, Ärger, Gleichmut,
+Gereiztheit, Gelassenheit, Überraschung und Hoheit und so viel kleines,
+nebenherschleichendes Unsagbares, das der Moment wegnimmt, ehe man es
+nur recht hat empfinden können, das da war wie ein Nadelstich oder wie
+ein Duft oder wie ein Blinzeln von einem Augenpaar. -- Dein seidenes
+Kleid ist schön, wenn man denkt, daß es einen Frauenleib einhüllt, der
+vor Aufregung und vor Schwäche zittern kann. Deine Hände sind schön, die
+so lang zu mir herabhängen. Ich hoffe, daß du mir einmal eine Ohrfeige
+damit gibst. Jetzt gehst du schon weg, ohne mich gescholten zu haben.
+Wenn du gehst, kichert und flüstert dein Kleid auf dem Boden. Vorhin
+verbotest du mir zu rauchen. Aber ich werde die Frechheit besitzen, zu
+rauchen, wenn ich hinter dir auf den Markt gehe, um mit dir Einkäufe zu
+machen. Da sollst du mich rauchen sehen, weiße, blendende Zigaretten,
+und ich will hoffen, daß du alsdann die Geistesgegenwart besitzest, sie
+mir aus dem Mund zu schlagen. Jetzt eben mußte ich dich mit allen meinen
+mir zu Gebote stehenden Gebärden dafür um Verzeihung bitten, daß du eine
+Platte zerschlagen hast. Ich wollte, ich könnte Gelegenheit haben, etwas
+zu verüben, das dich veranlassen würde, mich zum Teufel zu jagen. O
+nein, nein! Was denke ich da. Ich bin schon verrückt. Wahrhaftig, diese
+Scherbenangelegenheit hat mich verrückt gemacht. Jetzt wird es Abend
+sein draußen auf der Straße. Die Laternen werden hellgelb brennen in den
+verlöschenden Tag hinein. Jetzt möchte ich auf die Straße. Es geht nicht
+anders, ich muß auf die Straße hinunter.« --
+
+»Ich möchte einen kleinen Ausgang machen,« sagte er, in ihr Zimmer
+tretend, »darf ich?«
+
+»Ja! Aber daß Sie mir nicht zu lange bleiben!«
+
+Simon stürzte hinaus, die Treppe hinunter, wo ihm eine verschleierte
+Frauengestalt staunend nachblickte, zum Haus hinaus, auf die Straße, an
+die Luft, in die bewegliche, feuchte, glitzernde, abendliche Freiheit.
+Seltsam sei doch, dachte er, dieses Gehören an ein Haus, wo man recht
+wie ein Gefangener lebe. Seltsam sei es, ein erwachsener Mensch zu sein
+und als ein erwachsener Mensch hingehen zu müssen, zu einer Dame, in ein
+dunkles Zimmer, wo man die Frau nur halb im Dunkel sähe, und sie um
+Erlaubnis zu fragen, ausgehen zu dürfen. Als ob man ein Möbel von ihr
+wäre, ein Gegenstand, ein gekauftes Stück, ein Etwas, ein irgend Etwas,
+und als ob dieses Etwas nichts wäre, oder nur insofern etwas, als es
+sich dazu eigne, so ein Etwas zu sein, ihres zu sein! Seltsam sei es
+auch, daß man trotzdem diesen Zustand als eine Art Heimat und
+Zuhausesein fühle. Man liefe jetzt eigentlich zehnmal gehobener auf der
+Straße umher, weil jemand, den man darum bitten mußte, es einem erlaubt
+habe. Ein Erlaubnisbekommen, das sei allerdings etwas Schülerhaftes,
+aber es müßten, dachte er, selbst Greise oft noch, und unter
+kränkenderen Umständen, um eine Erlaubnis fragen. So sei alles wunderbar
+im Leben, und man müsse sich in das Wunderbare schicken, wenn es oft
+auch seltsam aussähe.
+
+Er ging die Straße hinunter und verliebte sich in das süße Straßenbild
+mit den aufgehenden Sternen, mit den dichten Bäumen, die in langer,
+gerader Reihe davonliefen, mit den ruhiger gehenden Menschen, mit der
+Pracht des Abends, mit der tiefen, beweglichen Ahnung der Nacht. Auch er
+ging ruhig, beinahe träumerisch. Am Abend war es keine Schande, ein
+träumerisches Aussehen zu machen, wo unwillkürlich alle träumen mußten
+in dieser Atmosphäre voll von dem Duft des Frühsommerabends. Viele
+Frauen spazierten umher, mit kleinen, eleganten Täschchen in der
+behandschuhten Hand, mit Augen, in denen das Licht des Abends
+fortleuchtete, in engen Kleidern von englischem Schnitt oder in
+faltigen, schleppenden Röcken und Roben, die sich wundervoll breit in
+der Straße bewegten. Die Frau, dachte Simon, wie verherrlicht sie das
+Bild der städtischen Straße. Sie ist wie geschaffen zum promenieren. Man
+fühlt, sie promeniert, sie genießt ihr eigenes, wiegendes, schönes
+Gehen. Am Abend geben die Frauen den Ton des Abends an, dazu passen ihre
+Figuren mit diesen Armen voll Wehmut und Fülle und diesen Brüsten voll
+atmender Beweglichkeit. Ihre Hände in Handschuhen sehen wie Kinder in
+Masken aus, mit denen sie winken, in denen sie immer etwas halten. Ihre
+ganze Haltung setzt die abendliche Welt in tönende Musik um. Wenn man
+jetzt, so wie ich es tue, hinter ihnen hergeht, so gehört man schon zu
+ihnen, in Gedanken, in fühlenden Schwankungen, in schlagenden Wellen,
+die an das Herz schlagen. Sie winken nicht, und doch winken sie einem.
+Obschon sie keine Fächer tragen, sieht man in einer ihrer Hände einen
+Fächer und er blitzt und blendet wie getriebenes Silber in dem
+verlorenen, verschwommenen Abendlicht. Die reifen, üppigen Frauen passen
+besonders schön zum Abend, so wie Greisinnen in den Winter und blühende
+Mädchen in den eben erwachten Tag hineinpassen, wie Kinder in den
+dämmernden Morgen und junge Ehegattinnen in den heißen Mittag, wo die
+Sonne der Welt am glühendsten scheint.
+
+Es war neun Uhr, als Simon wieder nach Hause kam. Er hatte sich
+verspätet und mußte Vorwürfe anhören, wie dieser: wenn das noch einmal,
+noch ein einziges Mal vorkomme, so -- -- dann --. Er hörte eigentlich
+nicht, sondern vernahm nur den Klang des Vorwurfes, innerlich lachte er,
+äußerlich schien er betrübt, das heißt, er setzte ein dummes Gesicht auf
+und fand es nicht für notwendig, den Mund aufzutun, um etwas zu
+erwidern. Er zog den Knaben aus, legte ihn in das Bett und zündete ein
+kleines Nachtlicht an.
+
+»Dürfte ich um ein Licht für mich bitten,« fragte er die Dame.
+
+»Was wollen Sie mit dem Licht?«
+
+»Einen Brief schreiben.«
+
+»Kommen Sie zu mir herein, da können Sie schreiben!« sagte die Dame.
+
+Und er durfte sich an ihren Schreibtisch setzen. Sie gab ihm einen
+Briefbogen, einen Briefumschlag für die Adresse, eine Marke, eine Feder
+und erlaubte ihm, ihre Briefmappe als Unterlage zu benutzen. Sie saß
+dicht daneben, in einem Sessel, eine Zeitung lesend, während er schrieb:
+
+Lieber Kaspar. Ich bin wieder in der dir bekannten Stadt und sitze an
+einem schönen, dunkelgefärbten Schreibtisch in einem hellerleuchteten
+Zimmer, während unten in der Straße, in der Sommernacht, unter den
+Bäumen voll herunterhängender Blätter die Menschen lustwandeln. Ich kann
+leider nicht mitpromenieren, denn ich bin an ein Haus gefesselt, nicht
+gerade mit Händen und Füßen, aber mit dem Pflichtbewußtsein, das ich
+nach und nach ausbilde, und das auch schließlich einmal da sein will.
+Ich bin der Diener einer Frau geworden, die einen kranken, kleinen
+Knaben hat, den ich pflegen muß, nicht viel anders, als wie eine Mutter
+ihren Sohn pflegt, denn seine Mutter, meine Herrin, wacht über jeder
+meiner Bewegungen, als wäre ihr Auge der Leiter meines Tuns und als
+flöße sie mir ihre eigene Sorgfalt ein, wenn ich mit dem Knaben
+beschäftigt bin. Sie sitzt jetzt, während ich an dich schreibe, neben
+mir, in einem Sessel, denn es ist ihr eigenes Kabinett, in dem ich sitze
+durch ihre Erlaubnis. Die Dinge liegen jetzt so, daß ich jedesmal, wenn
+mich eine persönliche Sache hinaustreibt, zuerst fragen muß, darf ich
+ausgehen?, wie ein Lehrjunge, der seinen Meister fragen muß. Immerhin,
+es ist doch wenigstens eine Dame, die ich um so etwas bitten muß, und
+das versüßt ein wenig die Sache. Unter Dienen versteht man das Aufpassen
+auf Befehle, die Vorausahnung der Wünsche, die fertige Fixheit und fixe
+Fertigkeit im Tafeldecken und Teppichabbürsten, mußt du wissen, wenn du
+es noch nicht weißt. Ich habe bereits eine gewisse Vollkommenheit darin
+erlangt, meiner Frau, die ich schlechthin meine Frau heiße, die Schuhe
+zu putzen. Es ist nur ein kleines, geringes Geschäft, und doch verlangt
+es auch Streben nach Vollendung, wie das Größte. Mit dem kleinen, jungen
+Herrn werde ich, wenn es schönes Wetter ist, in Zukunft spazieren gehen
+müssen. Dazu ist ein braunes Wägelchen da, in dem ich den Knaben
+ausfahren kann, worauf ich mich, wenn ich recht nachdenke, eigentlich
+wenig freue, da es langweilig sein wird. Du lieber Gott, ich werde es
+tun müssen. Meine Herrin gehört zu der Sorte von Weibern, an denen das
+Hervorstechende und Markante das Bürgerliche ist. Sie ist durch und
+durch Hausfrau, aber in so strengem und schlichtem Sinn, daß man sagen
+kann: es ist vornehm. Zu zürnen versteht sie meisterlich und ich
+wiederum bin Meister darin, ihr dazu Anlaß zu geben. Zum Beispiel heute
+zerschlug sie einen reichen Porzellannapf aus Gedankenlosigkeit und ward
+böse auf mich, daß ich es nicht war, der ihn zerschlug. Sie zürnte mich
+an, weil ich der unangenehme Zeuge ihrer Ungeschicktheit war und sie
+machte ein Gesicht, wie es die Fliegenden Blätter öfters in ihren
+Darstellungen bringen. Ein reines Fliegende-Blätter-Gesicht. Ich habe
+die Scherben recht zärtlich-langsam aufgehoben, um die Frau zu ärgern,
+denn ich muß sagen, ich ärgere sie gern. Sie ist reizend im Ärger. Schön
+ist sie nicht, aber solche strenge Frauen atmen, wenn sie in lebhafte
+Bewegung kommen, einen tiefen Zauber aus. Die ganze sittsame
+Vergangenheit solcher Frauen zittert in ihren Erregungen, die deshalb
+köstlich anzuschauen sind, weil sie aus so zarten Ursachen entflammen.
+Für mich ist das nun einmal so, ich muß solche Weiber lieb haben, denn
+ich bewundere und bemitleide sie zu gleicher Zeit. Hochmütig können
+solche Frauen sein in Sprache und Gebaren, daß die Wangen beinahe
+platzen und sich der Mund zu schmerzendstem Hohn zuspitzt. Ich liebe
+solchen Hohn, denn er macht mich zittern, und ich bin gern voll Scham
+und Wut: das treibt zu Höherem, das reizt zu Taten. Aber meine Frau da,
+die höhnische, ist doch nur ein gutes, sanftes Weib, ich weiß es, und
+das ist die Schurkerei an der Sache: daß ich es weiß. Wenn ich ihr, auf
+ihren befehlenden Ton hin, gehorche, so muß ich dabei lachen, denn ich
+bemerke, es freut sie, zu sehen, wie gern und schnell ich gehorche. Wenn
+ich sie nun um etwas bitte, so schnauzt sie mich an und gewährt doch
+gütig, vielleicht mit ein wenig Ärger darüber, daß ich in solch einer
+Art und Weise bitte, der man gewähren muß. Ich tu ihr immer ein bißchen
+weh, und denke: ganz recht! Tu das! Tu ihr immer ein bißchen weh. Das
+ist amüsant für sie. Das will sie. Das erwartet sie nicht anders! Frauen
+sind so leicht erkennbar, und doch haben sie so viel Unerkennbares.
+Nicht wahr, das ist seltsam, lieber Bruder! Sie sind jedenfalls das
+Belehrendste, was es auf der Welt für einen Mann gibt. -- Wenn die
+wüßte, die neben mir sitzt, was ich schreibe! Einer meiner brennendsten
+Wünsche ist, so bald wie möglich von ihr eine Ohrfeige zu erhalten, aber
+ich muß leider zu meinem Schmerz daran zweifeln, daß sie dazu imstande
+ist. Eine klatschende Ohrfeige ins Gesicht: ich möchte alle Küsse, die
+ich noch erwarten darf, dafür weggeben. Dieses mit der Ohrfeige ist nun
+eigentlich eine abscheuliche, aber dafür eine echt bourgeoise
+Empfindung: sie lenkt in die Kindheit zurück, und wann hätte man nicht
+öfters Sehnsucht nach dem Weit-zurückliegenden? Meine Frau hat so etwas
+Zurückliegendes, etwas, bei dessen Anschauen man weit, weit zurückdenkt,
+an eine vielleicht noch frühere Zeit als die Kindheit ist. Ich werde ihr
+wahrscheinlich einmal die Hand küssen und dann wird sie mich zum Kuckuck
+jagen, zum Tempel hinaus, wie man sagt. Mag ich's und mag sie's dann.
+Was wird daran liegen. -- O ich verteufle hier, kann ich dir nur sagen,
+ich merke es schon jetzt. Mein Geist gibt sich mit Serviettenfalten und
+Messerputzen ab und das Schiefe ist, es gefällt mir. Kannst du dir eine
+größere Versimplung denken! Wie geht es dir? Ich war drei Monate lang
+auf dem Land, aber es ist mir, als sei diese Zeit schon weit hinter mir
+zurück. Ich habe alle Aussicht, ein Mensch zu werden, der sich völlig
+dem Tag hingibt, ohne seiner Verwandtschaft mit schwebenderen Dingen
+mehr zu gedenken. Manchmal bin ich sogar zu faul, an dich zu denken, und
+das scheint mir schon eine große Trägheit zu sein. Klara hoffe ich bald
+einmal wieder zu sehen. Vielleicht hast du sie bereits vergessen, und
+dann habe ich nicht an diesen Gegenstand zu rühren. Ich tue es auch
+nicht. Adieu, mein Bruder.
+
+»An wen haben Sie geschrieben,« fragte die Frau, ermüdet vom
+Zeitungslesen, als sie sah, daß Simon den Brief beendet hatte.
+
+»An einen Freund von mir, der jetzt in Paris lebt.«
+
+»Was ist er?«
+
+»Er war zuerst Buchbinder, da er aber mit diesem Beruf nicht reüssierte,
+ist er Restaurationskellner geworden. Ich liebe ihn sehr, er ist mit mir
+in die Schule gegangen, und dort habe ich mich ihm angeschlossen, weil
+er unglücklich war schon als Knabe. Ich habe eines Tages gesehen, wie er
+von seinen Klassengenossen verhöhnt, und dann eine steinerne Treppe
+hinuntergeworfen wurde, wobei ich gerade in seine schönen, erschreckten,
+gramvollen Augen sehen mußte. Seit diesem Tage bin ich sein innigster
+Freund geworden, und wenn das Mitleid wirklich bindet, so muß ich mich
+ihm verbunden fühlen, auch ohne darüber nachzudenken, für immer! Er ist
+ein Jahr älter als ich, aber mir um Jahre vorgeschritten in Sitte und
+Lebensart, denn er hat immer in Weltstädten gelebt, wo der Mensch
+schneller reif wird. Früher hat er viel von der Malerei geschwärmt, hat
+oft auch, während der Ausübung seines Buchbindergewerbes, versucht,
+Bilder zu malen, ist aber damit zu seinem Schmerz nicht
+vorwärtsgekommen, und hat mir eines Tages schamhaft zugestanden, daß er
+sich entschlossen habe, sich ganz in den Strudel der Welt zu werfen, die
+Kunst, seine Träumerei, zu vergessen, und ist Kellner geworden. Welch
+ein Absturz, und zugleich: welch ein bewundernswerter Aufschwung! Ich
+habe ihm gesagt, daß ich ihn dafür liebe und bewundere, um ihn zu
+trösten, wenn er in stillen, einsamen Stunden sich dem Weh der
+Erinnerung verfallen sehen mußte. Das ist klar, daß er oft Sehnsucht
+nach jenem Besseren empfinden muß, während um ihn das Leben lärmt. Aber
+sehen Sie, gnädige Frau, dieser Mensch ist stolz und gut. Zu stolz, um
+einem verpaßten Leben nachzutrauern, und zu gut, um es ganz beiseite
+lassen zu können. Ich kenne jede seiner Empfindungen. Einmal hat er mir
+geschrieben, er sterbe wohl bald vor Öde und Langeweile. Das war seine
+Seele. Und ein anderes Mal schrieb er mir: »Die dumme Träumerei! Das
+Leben ist das Süße. Ich trinke Absinth und bin selig!« Das war sein
+Mannesstolz. Sie müssen wissen: Die Frauen schwärmen für ihn, denn er
+hat etwas Herzenherausforderndes an sich und wieder etwas Eisig-Kaltes.
+Seine ganze Erscheinung, trotz des Kellnerfrackes, atmet Liebe und
+Takt.«
+
+»Wie heißt er, dieser verunglückte Mensch,« fragte die Frau.
+
+»Kaspar Tanner.«
+
+»Wie? Tanner? So heißen ja Sie auch. Er ist also Ihr Bruder und Sie
+sagten vorhin, er sei Ihr Freund.«
+
+»Freilich, mein Bruder, aber viel mehr mein Freund! Solch einen Bruder
+muß man Freund nennen, wenn man die richtige Bezeichnung haben will. Wir
+sind nur zufällig Brüder, aber Freunde sind wir mit Bewußtsein, und das
+ist viel wertvoller. Was ist Bruderliebe? Als wir noch Brüder waren,
+packten wir uns eines Tages am Halse, beidseitig, und wollten uns den
+Garaus machen. Hübsche Liebe! Unter Brüdern ist der Neid und der Haß
+nichts Außerordentliches. Wenn Freunde sich hassen, gehen sie
+auseinander, wenn Brüder sich hassen, denen das Geschick das
+Zusammenleben unter einem Dache vorschreibt, geht es nicht so gelinde
+zu. Aber das ist eine alte und unschöne Geschichte.«
+
+»Warum schließen Sie Ihren Brief nicht zu?«
+
+»Ich möchte Sie bitten, von dem, was ich geschrieben habe, Kenntnis zu
+nehmen.«
+
+Die Frau lächelte:
+
+»Nein, das tu ich nicht.«
+
+»Ich habe unziemlich von Ihnen gesprochen in dem Brief.«
+
+»Es wird nicht so schlimm sein,« bemerkte sie und stand auf: »Gehen Sie
+zu Bett.«
+
+Simon tat, was sie befahl, und dachte, indem er hinausging:
+
+»Ich werde immer frecher. Bald jagt sie mich noch zum Haus hinaus!« --
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+
+Nach Verlauf von drei Wochen befand sich Simon, frei aller
+Verpflichtungen, in einer engen, steilen, heißen Gasse und überlegte, ob
+er in ein Haus treten solle, oder nicht. Die Mittagssonne brannte
+hinunter und preßte alle üblen Dünste aus den Mauern heraus. Kein
+Lüftchen wehte. Wo hätte ein Lüftchen in diese Gasse eindringen können.
+Draußen in den modernen Straßen mochte es wehen, aber hier schien schon
+seit Jahrhunderten kein Windzug mehr getrieben und gefegt zu haben.
+Simon hatte eine kleine Summe Geld in der Tasche. Sollte er in die
+Eisenbahn steigen und in die Berge reisen? Es reiste jetzt alles in die
+Berge. Seltsame, fremde Menschen, Männer und Frauen, zogen einzeln,
+paar- oder gruppenweise durch die weißen, hellen Straßen. Von den Hüten
+der Damen flatterten lustige Schleier herab und die Männer gingen in
+Kniehosen, und gelben Sommerschuhen. Sollte sich nicht Simon dazu
+entschließen, diesen Fremden in die Berge nachzureisen? Kühl wäre es
+sicher dort oben, und in einem hochgelegenen Hotel würde er sicher
+Arbeit finden. Er konnte ja den Führer spielen, stark war er genug dazu,
+und auch klug genug, um bei Gelegenheit sagen zu können: »Sehen Sie,
+meine Damen und Herren, diesen Wasserfall, oder diesen Bergsturz, oder
+dieses Dorf, oder diese Felswand, oder diesen blauen, schimmernden
+Fluß.« Er würde das Zeugs dazu haben, um den reisenden Herrschaften mit
+Worten eine Landschaft zu schildern. Auch könnte er ja, wenn der Fall
+einträte, eine ermüdete und ängstliche Engländerin in seinen Armen
+tragen, wenn es gälte, einen Paß von drei Schuh Breite zu überschreiten.
+Lust dazu hätte er ja. Überhaupt, die Amerikanerinnen und die
+Engländerinnen: er würde englisch sprechen lernen, und das war nach
+seinen Begriffen eine süße Sprache, die so gelispelt und gehaucht klang,
+so schroff und weich zugleich.
+
+Aber er ging nicht in die Berge, sondern in das alte, hohe, dicke,
+finstere Haus in der Gasse, klopfte an eine Türe, und fragte eine Frau,
+die herauskam, um zu sehen, wer klopfe, ob hier ein Zimmer zu vergeben
+sei.
+
+»Ja, es sei eines.«
+
+»Ob er es wohl ansehen könne, und ob es wohl ein Zimmer sei, nicht zu
+groß, nicht zu teuer, für einen ärmeren Menschen?«
+
+Nachdem sie ihm das Zimmer gezeigt hatte, fragte die Frau:
+
+»Was sind Sie?«
+
+»O, ich bin nichts. Stellenlos bin ich. Aber ich werde mir eine Stelle
+suchen. Seien sie unbesorgt. Ich bezahle Ihnen diese Summe hier zum
+voraus, damit Sie einigermaßen ruhig sein können. Hier, bitte!«
+
+Und er gab ihr ein größeres Geldstück als Vorausbezahlung in die Hand.
+Es war eine fette Frauenhand, und die Frau, die zufrieden war, sagte:
+
+»Leider ist das Zimmer nicht sonnig, es geht auf die Gasse.«
+
+»Das ist mir sehr lieb,« erwiderte Simon, »ich liebe den Schatten. Ich
+würde jetzt die Sonne im Zimmer nur hassen, bei dieser warmen
+Jahreszeit. Das Zimmer ist sehr hübsch, und ich muß sagen, sehr billig.
+Es ist für mich wie geschaffen. Das Bett scheint gut zu sein. O ja.
+Bitte. Untersuchen wir es nicht erst lange. Hier ist auch ein
+Kleiderschrank, der mehr Kleider fassen könnte, als ich besitze, und
+hier bemerke ich zu meinem freudigen Erstaunen einen Lehnsessel zum
+bequemen Sitzen. In der Tat, wenn das Zimmer solch einen Sessel
+aufweist, so ist es in meinen Augen überreich ausgestattet. Dort hängt
+sogar ein Bild an der Wand: ich liebe das, wenn nur ein einziges Bild im
+Zimmer hängt, man kann es um so inniger betrachten. Einen Spiegel sehe
+ich auch, um mein Gesicht darin zu betrachten. Es ist ein gutes Glas und
+gibt die Züge deutlich wieder. Es gibt viele Spiegelgläser, die die Züge
+verzerrt wiedergeben, wenn man hineinschaut. Dieser Spiegel ist ganz
+vortrefflich. Hier an diesem Tisch werde ich meine Offertschreiben
+abfassen, die ich an verschiedene Geschäftshäuser absenden will, um eine
+Anstellung zu erlangen. Ich hoffe, es wird mir glücken. Ich sehe gar
+nicht ein, warum es mir nicht glücken sollte, da es mir schon so oft
+geglückt ist. Sie müssen wissen, ich habe öfters die Stellen gewechselt.
+Das ist ein Fehler, den ich hoffe beiseite legen zu können. Sie lächeln!
+Ja, das ist aber sehr ernst. Mit dem Zimmer haben Sie mir sozusagen eine
+Gnade erwiesen, denn es ist ein Zimmer, worin sich ein Mensch, wie ich
+bin, glücklich fühlen kann. Ich werde mich immer bemühen, meinen
+Verpflichtungen Ihnen gegenüber prompt nachzukommen.«
+
+»Ich glaube es auch,« sagte die Frau.
+
+»Ich wollte,« fuhr Simon fort, »zuerst in die Berge gehen. Aber dieses
+schattige Zimmer ist schöner als selbst die weißesten Berge. Ich fühle
+mich ein bißchen matt und möchte mich eine Stunde hinlegen, darf ich
+das?«
+
+»Ei, freilich! Es ist doch jetzt Ihr Zimmer!«
+
+»Nicht doch!«
+
+Und dann legte er sich schlafen.
+
+Er hatte einen sonderbaren Traum, der ihn noch lange nachher
+beschäftigte:
+
+Es war in Paris, aber warum es in Paris war, das wußte er nicht mehr.
+Zuerst ging er durch eine Straße, die war ganz mit grünem, saftigem Laub
+bedeckt, so daß die Schleppen der Damen das Laub rauschend hinter sich
+nachzogen. Immer fiel ein leiser grüner Regen von kleinen, flüsternden
+Blättern, und ein unaussprechlich sanfter Wind wehte daher, wie ein
+Hauch von Wolken. Die Häuser waren wunderbar hoch, bald grau, bald
+gelblich, bald schneeweiß. Die Männer, die auf der Straße dahergingen,
+trugen die Locken lang herunter, wo sie über die Schultern fielen, auch
+Zwerge mit schwarzen Fräcken und roten Hüten liefen, sie konnten den
+anderen zwischen den gekreuzten Beinen durchschlüpfen. Die Damen in
+ihren Schleppen waren herrliche Figuren, groß, viel größer als die
+Männer, die doch auch schlank erschienen. An den schlanken Büsten der
+Damen hingen Lorgnetten bis zum Leib hinunter und ein Bogen von
+schweren, üppigen Haaren überspannte ihre lieblichen Köpfe. Obenauf
+saßen winzige Hütchen mit noch winzigeren Federchen, aber einzelne
+trugen große, weit und herrlich herunterfallende Federn, die den ganzen
+Kopf zurückzubiegen schienen. Etwas Wundervolles waren die Hände und die
+Arme der Frauen, die mit langen, schwarzen Handschuhen bis über die
+zierlichen Ellbogen hinaus bedeckt waren. Es schien überhaupt, so weit
+man blickte, alles wundervoll. Die großen Häuser wollten sich immer auf
+und nieder bewegen wie seltsame natürliche Kulissen in einem Theater.
+Das Licht gehörte halb dem Tag und halb wieder der vorgerückten Nacht.
+Jetzt gelangte man zu einem Haus, das ganz mit wildem Grün überdeckt
+war. »Dort wohnen die schönsten Frauen von Paris«, wurde einem gesagt,
+wenn man frug. Auf einmal bog sich eine duftige, weiße Wolke in die
+Straße herunter. Wenn man erstaunt fragte: »Was ist das?« wurde
+geantwortet: »Sie sehen, es ist eine Wolke. Eine Wolke ist in den
+Pariserstraßen keine seltene Erscheinung. Sie aber sind wohl Ausländer,
+daß Sie sich noch darüber verwundern können.« Die Wolke blieb als ein
+weißer Schaum, ähnlich einem großen Schwane, auf der Straße liegen.
+Viele Damen liefen zu ihr hin und rupften kleine Stücke davon ab und
+setzten sie sich, unter wundervollen Armbewegungen, auf die Hüte oder
+warfen sie einander scherzend zu, daß sie an den Kleidern hängen
+blieben. Man dachte: »Seht doch, diese Pariser! Da lächeln sie leicht
+über den Ausländer, der sich wundert. Aber wundern sich die Pariser
+nicht selber jeden neuen Tag über die Schönheiten ihrer Stadt!« Dann
+kamen die bösen Pariser-Gassenjungen und kitzelten die Wolke mit
+brennenden Streichhölzchen, da flog die Wolke wieder auf, leicht und
+majestätisch in die Höhe, bis sie über den Häusern verschwand. Wieder
+beobachtete man die Straße. In den schönen, vorspringenden Restaurants
+servierten die Kellner in hellgrauen Fräcken und die Damen tranken
+Kaffee und plauderten mit ihren entzückenden Stimmen. Poeten standen auf
+erhöhten Brettern und sangen die Lieder, die sie zu Hause gedichtet
+hatten. Sie waren in braunen, edlen Samt gekleidet. Es waren keine
+lächerlichen Erscheinungen, nichts weniger als das. Man amüsierte sich
+mit dem, was sie zum besten gaben, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit
+zu schenken, was in Paris unmöglich wäre. Schöne, schlanke Hunde liefen
+hinter den Menschen her und betrugen sich so, als wüßten sie, daß man
+sich in Paris gut aufführen muß. Jegliche Figur und Erscheinung schien
+mehr zu schweben, als zu gehen, mehr zu tanzen, als zu schreiten, mehr
+zu fliegen als zu laufen. Und doch lief, ging, sprang, schritt und
+marschierte alles ganz natürlich. Die Natur schien sich in dieser Straße
+niedergesetzt zu haben. Ganze Schafherden durchzogen mit Geläute, das
+immer bim-bim machte, die Straße wie ein abendliches Tal, den
+dunkelgekleideten Hirten voran. Dann kamen Kühe mit großen Glocken:
+bim-bam und: bum-bum! Und doch war es eine Straße und gar keine
+Bergweide, mitten in Paris war es, im Herzen der europäischen Eleganz.
+Allerdings, die Straße war breit wie ein großer, breiter Strom. Jetzt
+auf einmal wurden die Lichter angezündet, von kleinen, behenden Jungen,
+die lange Anzünderstäbe trugen. Mit diesen machten sie die Hähne oben an
+den Laternen auf, daß das Gas herausströmte aus den Leitungen und
+zündeten dann an. So sprangen sie von einer Laterne zur andern, bis alle
+angezündet waren. Nun schimmerten die Lichter überall hervor und
+schienen zu wandern mit den beweglichen Menschen. Was war das für ein
+zauberhaftes, weißes Licht, und diese Teufelsjungen, die es entzündeten,
+wo sprangen sie her, wo hin, wo weg, wo hinaus? Wo waren sie zu Hause,
+hatten sie auch Eltern, Brüder, Schwestern, gingen sie auch zur Schule,
+konnten sie auch groß werden, Frauen heiraten, Kinder erzeugen, alt
+werden und sterben? Sie waren alle in blaue kurze Röcke gekleidet
+gewesen und schienen Gummischuhe getragen zu haben, denn man hörte sie
+nur huschen, nicht gehen. Weg waren sie. Nun sah man, so wie es Abend
+wurde, wunderbar-merkwürdige Frauengestalten auf der wandelnden Straße.
+Sie trugen übergroße Haarfüllen, mit hellgelben und tiefschwarzen
+Haaren. Ihre Augen glänzten und schimmerten, daß es einem weh tat. Das
+Herrlichste an ihnen waren die Beine, die nicht von Schleppen oder
+Röcken bedeckt waren, sondern sich zeigten bis zur Kniehöhe, von wo an
+eine spitzenrauschende Hose sie umhüllte. Die Füße, bis hinauf beinahe
+zu den biegsamen Knieen, waren mit hohen, aus feinstem Leder
+geschaffenen Schuhen bekleidet. Die Schuhe selbst waren das Zarteste,
+was sich dazu eignen konnte, einen bewegsamen Frauenfuß zu umschließen.
+Man mußte nur sehen und aus dem Herzen heraus lachen. Der Gang dieser
+Frauen hatte etwas zum Jubeln Schwebendes, wieder Schweres und wieder
+Tanzendes. Wie die gingen, das war zum Nachzeichnen und Mitfühlen, das
+hob einen mit, und zog einen nach, machte einen mit den Augen das Süße
+anträumen, machte die Seele erwachen und nachdenken darüber, wie es
+komme, daß Gott die Frauen so schön erschaffen. Man fühlte lebhaft:
+»Wenn die Götter irgendwo heimisch sein könnten auf der Erde, was zwar
+nicht denkbar, so müßte dieser Ort Paris sein.« Auf einmal, ohne daß er
+es sich versah, befand sich Simon auf einer aus dunklem Holz gezimmerten
+und geschnitzten Treppe, die ihn in ein Zimmer hinaufführte, wo auf
+einem Diwan ein schlafendes Mädchen lag. Wie er näher zusah, war es
+Klara. Ein Kätzchen schlummerte neben ihr, und die Schlafende hielt es
+mit dem Arm umschlungen. Ein Diener, ein Neger, trug ein Abendessen
+herein, und Simon setzte sich an den Tisch, während aus der Zimmerdecke
+hernieder, wie das Geplätscher eines kostbaren, erfinderischen Brunnens,
+eine leise, gedämpfte Musik rauschte, die bald in der Ferne und bald
+neben seinem Ohr erklang. »In Paris wird seltsam serviert,« dachte
+Simon, indem er es sich, wie in einem Märchen von Gebrüder Grimm,
+wohlschmecken ließ. Da erwachte die Schlafende. »Komm, ich will dir
+etwas zeigen,« lispelte sie ihm zu. Er erhob sich, und sie öffnete mit
+einem Zauberstab, wie es schien, eine Flügeltüre, wenigstens sah man
+nicht, daß sie eine ihrer Hände dazu gebrauchte. »Ich bin jetzt eine
+Zauberin geworden,« lächelte sie den erstaunten Simon an, »zweifle nicht
+daran, aber laß es dich auch keineswegs erschrecken. Ich zeige dir
+nichts Abstoßendes.« Er ging mit ihr in das andere Zimmer, sie hauchte
+ihn mit ihrem duftenden, warmen Atem an, und auf einmal erblickte er
+seinen Bruder Klaus, wie er dasaß und an seinem Schreibtische schrieb.
+»Er ist fleißig und schreibt an seinem Lebenswerke,« sprach Klara mit
+leiser, hindeutender Stimme. »Siehst du, wie er ein gedankenvolles
+Gesicht macht. Er geht in seinen Betrachtungen über den Lauf der Flüsse,
+die Geschichte und das Alter der Berge, die Windungen der Täler und der
+Erdschichten unter. Aber dazwischen denkt er jetzt seines Bruders, er
+denkt an dich! Sieh, wie seine Stirne sich faltet. Du scheinst ihm
+Sorgen zu machen, du Böser! Er kann leider nicht sprechen, sonst würden
+wir beide hören, wie er denkt über dich und was er zu deinem Tun meint,
+das ihn bekümmert. Er liebt dich, sieh ihn nur an! Ein solcher Mensch
+liebt seinen Bruder und möchte ihn in der Welt als braven, geachteten
+Mann wissen. Aber das Bild löst sich, wie ich sehe, schon auf. Komm. Ich
+zeige dir jetzt etwas anderes.« -- Indem sie das sagte, öffnete sie
+zugleich eine zweite, etwas kleinere Türe mit ihrem Stäbchen, das sie
+wirklich in der Hand trug, und Simon erblickte seine Schwester Hedwig
+ausgestreckt auf einem mit weißen Linnen bedeckten Lager. Es duftete
+wundervoll nach Kräutern und Blumen in diesem Gemach. »Sieh sie an,«
+sagte Klara, und ein Zittern ließ ihre klare, leise Stimme erbeben, »sie
+ist gestorben. Das Leben tat ihr zu weh. Weißt du, was es heißt, Mädchen
+sein und leiden? Ich habe ihr einen Brief geschrieben, einen langen,
+heißen, sehnsuchtsvollen Brief, damals, du weißt, und sie hebt nie mehr
+die Hand, um mir zu antworten. Sie geht, ohne auf die Frage der Welt:
+»Warum kommst du nicht?« geantwortet zu haben. Wie sie wortlos scheidet:
+so mädchen- und blumenhaft! Wie lieb sie war. Du als Bruder empfindest
+das lange nicht so, wie ich als Freundin. Siehst du, wie sie lächelt!
+Wenn sie noch reden könnte, würde sie sicher freundlich reden. Sie
+redete streng. Sie hat sich jammernd auf die Lippen gebissen. Das siehst
+du aber ihrem Mund nicht an. Der Tod muß sie geküßt haben, daß sie immer
+noch lächeln kann, im Tode! Es war ein tapferes Mädchen. Wie eine Blume
+ist sie gestorben, die stirbt, wenn sie welkt. Laß uns weiter gehen. In
+meinem Zauberreich darf man nicht gaffen. Habe ich dir weh getan, sag
+mal? Nein doch: was ist Schmerzendes an einem so schönen Tod? Ihr ließt
+sie leiden, das, das war schmerzhaft. Ich will dir nicht weh tun. Komm,
+jetzt wirst du noch etwas anderes sehen.« Und mit diesen Worten ließ sie
+eine dritte Tür aufspringen, und Simon schaute in ein geräumiges
+Maleratelier. Er spürte den Geruch von Ölfarben, und an den Wänden sah
+er seines Bruders Bilder herumhängen, er selber, Kaspar, arbeitete, den
+Rücken zeigend, an einer Staffelei, ganz versunken, wie es schien, in
+die Arbeit. »Still, störe ihn nicht, er arbeitet,« sagte Klara, »man
+darf Schaffende nicht stören. Ich wußte immer, daß er nur für die Kunst
+lebte, schon damals, als ich noch glaubte, ihm zu folgen, ihm folgen zu
+können. Nein, es ist besser so. Ich würde ihn nur aufgehalten und
+gehindert haben. Er muß alles um sich her vergessen, selbst das Liebste,
+wenn er will, daß er schaffen kann. Solch ein Schaffen verlangt Abtötung
+alles Lieben und Innigen, um eine Liebe und eine Innigkeit ganz auf das
+Schaffen zu übertragen. Das verstehst du nicht, das versteht nur er.
+Wenn du mich ihn so sehen siehst, glaubst du da nicht, daß es mich
+drängt, mich ihm in die Arme zu werfen? Zu hören, was er mir sagt, wenn
+ich ihn flüsternd und voll Bangen frage: »Liebst du mich, Kaspar?« Er
+würde mich dann sicher streicheln, aber ich würde voll Ahnung einen Zug
+des Mißmutes auf seiner schönen Stirne entdecken. Und diese Entdeckung
+würde mich, wie eine für immer Verdammte, tausend Höhen vor ihm in einen
+unwürdigen, schmutzigen Abgrund hinunterwerfen. Nein, das macht Klara
+nicht. Sie ist mir zu gut zu so etwas, und er ist mir zu gut und zu
+lieb, so, wie er ist. So stehe ich hinter seinem Rücken, und darf ruhig
+ahnen, wie er schafft, wie er die große, feurige, dampfende Kugel, die
+Kunst, vorwärtswälzt, einem herrlichen Ringer gleich, der seinen letzten
+Atemzug hergibt, um zum Siege über den Gegner zu gelangen. Siehst du,
+wie es ihn hinreißt, den Pinsel zu führen, womit er an der
+tausendtönigen Glocke seiner Farben läutet, jede Linie linienhafter,
+jede Farbe farbiger, jeden Druck bestimmter, und jede Sehnsucht
+sehnsuchtsvoller hinzumalen. Sein Blick, den ich so liebte, war von
+jeher in den Formen, und er bedarf hier in Paris nur einer einfachen
+Stube, um die Welt in Bildern zu erfassen. Die Natur hat er wie eine
+üppige Geliebte in seine Arme gefaßt und drückt nun Küsse um Küsse auf
+ihren Mund, daß beiden der Atem vergeht, ihm und der Natur. Es will mir
+beinahe scheinen, als sei die Natur, echten Künstlern gegenüber,
+machtlos und ohnmächtig vor Hingebung, wie eine solche Geliebte, von der
+man alles verlangt, was man will. Auf jeden Fall, und du siehst es, hat
+Kaspar zu tun, mit Kopf, Gefühl und mit beiden Händen; wie ein wildes,
+ungebändigtes Pferd zerrt und arbeitet er, und wenn er nachts schläft,
+so arbeitet er in wilden Träumen noch immer fort; denn die Kunst ist
+hart und scheint mir die schwerste Aufgabe, die sich ein ehrenhafter und
+aufrichtiger Mensch stellen kann. Störe ihn nie an seiner heiligen
+Aufgabe; denn er schafft für die Lust späterer Geschlechter. Wenn ich
+ihm nun so meine schwache, arme Liebe aufdrängen wollte, was wäre das
+für eine unschöne, verdammenswerte Sache. Eine Frau mag auch nicht gerne
+da küssen, wo sie fühlen muß, daß verletzte Gedanken zwischen den Küssen
+zucken, die sterben, die von den Küssen erwürgt werden. Welch eine
+unüberlegte Mörderin wäre man! So aber ist alles schön; ein bißchen weh
+tut es einem, hinter einem Rücken und hinter Schultern und Locken stehen
+zu sollen, aber man hört in seiner Seele dafür Glocken läuten und
+empfindet die süße Berechtigung und Makellosigkeit seiner Stellung in
+der Welt. Irgendwo müssen die Gefühle gedämpft und geordnet werden und
+Stellung behaupten. Selbst eine schwache Frau wird genau wissen, was sie
+in einem solchen Fall zu tun hat. Einem Künstler zuzuschauen, jeder
+seiner Bewegungen gedankenvoll zu folgen, ist schöner, als ihn
+beeinflussen zu wollen, als ob man gierig wollte, daß man auch etwas
+abbekäme, etwas bedeutete für ihn und die Welt. Jede Stellung hat ihre
+Bedeutung, aber das unbefugte Dreinreden und Einmischen niemals! Vieles
+müßte ich dir noch sagen. Aber komm jetzt.« -- Wieder tönte eine
+wundersame, unbegreifliche Musik, aus allen Zimmern, zu allen Decken und
+Wänden heraus, wie ein fernes, aus einem kleinen Wäldchen kommendes,
+tausendstimmiges Vogelgezwitscher, als Simon von Klara weggeführt wurde.
+Sie traten wieder in das erste Gemach und sahen das schwarze Kätzchen
+mit seiner Pfote in einen dünnhalsigen Milchkrug hineingreifen. Als es
+aber die beiden Menschen sah, sprang es fort und kauerte sich hinter
+einen Stuhl, wo es mit seinen brennend-gelben Augen aufmerksam
+hervorguckte. Klara öffnete ein Fenster, und: wunderbarer Anblick! Es
+schneite in der sommerlichen, grünen Straße, und zwar so dicht, so sehr
+Flocke an Flocke, daß ein Hindurchschauen unmöglich war. »Das ist hier
+in Paris keine Seltenheit,« sagte Klara, »es schneit hier mitten im
+heißen Jahr, es gibt hier keine bestimmten Jahreszeiten, so wie es auch
+keine bestimmten Redensarten gibt. In Paris muß man auf alles schnell
+gefaßt sein. Wenn du längere Zeit hier wohnst, wirst du es auch lernen
+und wirst dir das Staunen, das nicht am Platz ist, abgewöhnen. Hier ist
+alles ein schnelles, graziöses, bescheidenes Erfassen. Achtung vor der
+Welt: das gilt hier als das Höchste und Feinste. Du wirst es schon
+lernen. Zum Beispiel, dieser Schnee: Was glaubst du wohl; wirst du dir
+denken können, daß er bis über die hohen Häuser hinaufkommen wird? Es
+ist so, und aller Wahrscheinlichkeit nach liegen wir jetzt einen Monat
+lang im Schnee begraben. Was tut es viel: wir haben Beleuchtung und eine
+warme Stube. Ich werde meistens schlafen; denn eine Zauberin muß eben
+viel schlafen; du wirst mit dem Kätzchen spielen oder ein Buch lesen,
+ich habe die schönsten Pariserromane hier in meiner Bibliothek. Die
+Pariserdichter schreiben entzückend, du wirst sehen. Und dann nach einem
+Monat, apropos: wir haben ja auch Musik, nicht wahr, und dann, wie
+gesagt, nach einem Monat ist Frühling in den Pariserstraßen. Da wirst du
+sehen, wie nach der langen Eingeschlossenheit sich die Menschen auf
+offener Straße umhalsen und Tränen der Wiedersehensfreude weinen werden.
+Es wird alles ein Umschlingen sein. Die Lust, die lange zurückgehaltene,
+wird zu den glänzenden Augen, zu den Lippen und Stimmen herausbrechen,
+und geküßt wird werden im Mai, aber du wirst es an dir selber erfahren.
+Stelle dir vor, die Luft wird ganz blau und warmfeucht in die Straßen
+hinuntersinken, der Himmel geht dann in Paris spazieren und mischt sich
+unter die entzückten Menschen. Die Bäume blühen an einem Tag empor und
+duften wunderbar, Vögel werden singen, Wolken werden tanzen und Blumen
+durch die Luft schwirren wie ein Regen. Und das Geld wird sich in den
+Taschen, selbst in den ärmsten und zerrissensten vorfinden. Aber ich
+will jetzt schlafen. Siehst du, wie ich schon schläfrig werde. Benutze
+du indessen die Zeit und studiere eines der Werke, das du finden wirst
+und das geeignet ist, dich einen ganzen Monat lang zu fesseln. Es gibt
+solche Bücher. Gute Nacht!« -- Und damit schlief sie ein. Die Katze aber
+wollte sich zu ihr hinauf legen, Simon sprang ihr nach, sie entfloh, er
+ihr nach, und immer entwischte sie ihm aus den Händen, wenn er sie schon
+erfaßt hatte. Er sprang sich in eine furchtbare Atembeklemmung hinein,
+aus der er schließlich erwachte.
+
+»Ich habe da einen wehmütigen Traum gehabt,« dachte er, als er sich vom
+Bette erhob.
+
+ * * * * *
+
+Es war inzwischen Abend geworden. Er ging an das Fenster und schaute zum
+ersten Mal in die Gasse hinunter, die tief unter ihm lag. Zwei Männer
+gingen dort unten, sie hatten gerade Platz zwischen den hohen Mauern, um
+bequem nebeneinander herzugehen. Sie sprachen, und der Klang ihrer Worte
+drang seltsam deutlich zu seinen Ohren hinauf, die Mauern entlang die
+den Klang weitertrugen. Der Himmel war von einem goldenen, tief-satten
+Blau, das eine unbestimmte Sehnsucht erweckte. Simon gerade gegenüber
+tauchten jetzt im Fenster des andern Hauses zwei Weibergestalten auf und
+berührten ihn mit ihren ziemlich frechen, lachenden Blicken. Es war ihm,
+als würde er mit unsauberen Händen angerührt. Die eine der Gestalten
+sagte zu ihm hinüber, mit ganz gewöhnlich-lauter Stimme, -- denn es war,
+als säße man zusammen zu Dritt in einem Zimmer, in dem sich nur zufällig
+ein schmales Band freier Himmelsluft befände: »Sie sind wohl sehr
+einsam!«
+
+»O ja! Aber es ist hübsch, einsam zu sein!«
+
+Und er schloß das Fenster, während die beiden Weiber in ein Gelächter
+ausbrachen. Was konnte er mit ihnen reden, was nicht unflätig gewesen
+wäre. Heute war er nicht aufgelegt. Die Veränderung, die wieder in sein
+Leben eingerissen war, hatte ihn ernst gestimmt. Er zog die weißen
+Vorhänge vor, zündete die Lampe an, und las in dem Roman von Stendhal
+weiter, den er auf dem Land, bei Hedwig, nicht hatte fertig lesen
+können.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+
+Nachdem er eine Stunde gelesen hatte, löschte er die Lampe aus, öffnete
+das Fenster, ging zum Zimmer hinaus, zu der Haustüre hinaus, auf die
+steile Straße. Eine schwere, warme Dunkelheit empfing ihn. Das alte
+Stadtviertel war voll von kleinen Wirtschaften, so daß einem beim Gehen
+die Wahl schwer werden konnte. Er ging noch einige Schritte in der
+lebhaft von Menschen erfüllten Straße und trat dann in eine Kneipe ein.
+Um einen runden Tisch herum war eine kleine, fröhliche Gesellschaft
+versammelt, deren Mittelpunkt ein kleiner Spaßmacher sein mußte; denn
+alles lachte, sowie er nun den Mund auftat. Es mußte einer jener
+Menschen sein, die, was sie auch sagen mochten, stets komisch und
+lachmuskelerregend wirkten. Simon setzte sich zu zwei noch jungen
+Männern an den gleichen Tisch und horchte unwillkürlich auf das, was sie
+sprachen. Sie sprachen ernsthaft und in ziemlich klugen Ausdrücken
+miteinander. Der Gegenstand ihrer Auseinandersetzung schien ein junger,
+unglücklicher Mann zu sein, den sie beide mochten näher gekannt haben.
+Jetzt aber ließ der eine von ihnen den andern, ohne ihn zu unterbrechen,
+erzählen, und Simon hörte folgendes:
+
+»Ja, er war ein prachtvoller Kerl! Schon als Knabe, als er noch langes
+Haar und kurze Hosen trug und an der Hand eines Kindermädchens durch die
+Straßen der kleinen Stadt spazieren ging. Die Leute sagten, indem sie
+sich nach ihm umsahen: »Welch ein bildhübscher, kleiner Kerl!« Seine
+Aufgaben hat er mit viel Talent gemacht, ich meine seine
+Schüleraufgaben. Seine Lehrer haben ihn geliebt; denn er war sanft und
+gut zu erziehen. Seine Klugheit machte es ihm spielend leicht, seine
+Pflichten in der Schule zu erfüllen. Er hat prachtvoll geturnt,
+gezeichnet und gerechnet. Wenigstens weiß ich, daß ihn die Lehrer den
+später nachkommenden Schülergenerationen und sogar den weiter
+vorgeschrittenen Klassen als ein Muster gepriesen haben. Seine weichen
+Gesichtszüge mit den wundervollen Augen voll männlicher Ahnung
+bestrickten alle, die mit dem Knaben zu tun hatten. Er genoß eine
+gewisse Berühmtheit, als ihn seine Eltern auf die höhere Schule
+schickten. Von der Mutter verzärtelt, was jedermann begriff, und von
+allen bewundert, mußte sein Geist frühzeitig jene Weichheit der
+Bevorzugten und Anerkannten erhalten, jenes Gehenlassen, jene schöne
+Sorglosigkeit, die dem jungen Menschen gestattet, sich der Genüsse des
+Lebens spielend zu bemeistern. In die Ferien brachte er glänzende
+Zeugnisse und eine Schar junger Kameraden mit nach Hause und berauschte
+das Ohr seiner Mutter mit Erzählungen von seinen mannigfachen Erfolgen.
+Natürlich verschwieg er seiner Mutter die Erfolge, die er schon damals
+begann, bei den leichtfertigen Mädchen zu machen, die ihn schön und
+liebenswürdig fanden. Die Ferien benutzte er zu Wanderungen im Tiefland;
+auf den ausgedehnten, hohen Bergen, die ihn lockten, weil sie so hoch
+hinauf und so weit in die unbestimmteste Ferne sich hineindehnten,
+verbrachte er Tage, nicht nur Stunden, mit der ausgelassenen
+Gesellschaft von gleich schwärmerisch Gesinnten wie er selber. Er bannte
+und bezauberte sie alle. -- Er glich in seiner Gesundheit und
+Schmiegsamkeit, sowohl seelisch wie körperlich, einem Gott, der nur zum
+Vergnügen eine Zeitlang auf dem Gymnasium zu studieren schien. Wenn er
+ging, sahen ihm die Mädchen nach, als würden sie von seinen
+zurückgeworfenen Blicken an ihn herangezogen. Auf seinem blonden,
+schönen Kopf trug er kokett die blaue Studentenmütze. Er war entzückend
+leichtsinnig. Einmal, es war gerade Jahrmarkt, und der große Platz, wo
+sonst das Vieh zusammengetrieben wird, stand voller Buden, Hütten,
+Karussells, Rutschbahnen und Reitbahnen, schoß er mit einem scharf
+geladenen Vogelgewehr, statt mit einer der üblichen, unschädlichen
+Flinten, in eine Schießbude hinein, vor der er immer zu sehen war, da
+ihn das Mädchen, das dort die Gewehre darreichte, entzückte. Die kleine
+Kugel drang durch die Leinewand der Bude hindurch, in den Wagen hinein,
+der dicht dahinter stand, und soll dort um ein Haar ein in einer Wiege
+schlafendes, kleines Kind verletzt haben. Es war der Wagen, den diese
+herumziehenden Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam
+natürlich aus, mehrere andere Streiche kamen zu dem einen, und das
+nächste Mal, als wieder Ferien waren, stand in dem Zeugnis des jungen
+Studenten eine bissige Bemerkung des Rektors, der gleichzeitig den
+Eltern einen Brief, großzügig und voll Feierlichkeit, schrieb, worin er
+ihnen ans Herz legte, ihren Sohn freiwillig aus der Schule zu nehmen, da
+sonst die Notwendigkeit bevorstünde, denselben auszuweisen. Gründe:
+sinnloses Betragen, Ansteckung, böse Einwirkung, Unverantwortlichkeit,
+hohe Verantwortung, Pflichten und doch Rücksichten und alles jenes, was
+eben für einen solchen Fall immer Gründe sind: die Sittlichkeit in
+Gefahr und: Schutz der noch Unverdorbenen, und so weiter.« --
+
+Der erzählende Mann schwieg eine Weile.
+
+Diese Gelegenheit benutzte Simon, um sich bemerkbar zu machen und sagte:
+
+»Ihre Erzählung interessiert mich aus manchem Standpunkt. Bitte,
+gestatten Sie mir, daß ich Ihnen ferner zuhören darf. Ich bin ein
+junger, eben aus seiner Lebensstellung herausgetretener Mann und lerne
+vielleicht einiges aus Ihrer Erzählung; denn mir scheint, daß man immer
+gewinnt beim Anhören einer wahrhaften Geschichte.« --
+
+Die beiden Männer sahen sich Simon aufmerksam an, doch schien er ihnen
+keinen unguten Eindruck zu machen, vielmehr bat ihn der, der erzählt
+hatte, nur zuzuhören, wenn es ihm Spaß machen könne, und jener erzählte
+weiter:
+
+»Die Eltern des Jünglings gerieten natürlich ob dieser Ausweisung in
+große Bestürzung und in noch größeren Kummer; denn wo gäbe es Eltern,
+die so gleichgültig wären, daß sie sich in einem so betrübenden Fall,
+wie dieser war, in alltäglicher Weise benehmen könnten. Sie meinten
+zuerst, daß es am besten sei, den Schlingel ganz aus der gelehrten
+Laufbahn fortzunehmen, und ihn einen harten Beruf, wie Mechaniker oder
+Schlosser, lernen zu lassen. Das Wort und Land Amerika kam ihnen schon
+in den Sinn, es mußte ihnen angesichts der Lage ihres Sohnes beinahe von
+selbst zufliegen. Aber es kam anders. Wiederum siegte die Zärtlichkeit
+der Mutter, wie schon so oft, wenn der Vater energisch einzuschreiten
+gesonnen war, so auch bei dieser Gelegenheit. Der junge Mann wurde in
+ein entlegenes, einsames Seminar geschickt, wo er sich auf den
+Lehrerberuf vorzubereiten hatte. Es war ein französisches Seminar, wo
+der Junge gar nicht anders konnte, als sich, wie es sich geziemte,
+aufzuführen. Wenigstens ging er von da aus, nach Ablauf seiner Zeit, als
+praktischer, jugendlicher Lehrer in die Welt. In der Nähe seiner
+Heimatstadt bekam er eine vorläufige Stelle als Lehrer. Er unterrichtete
+die Kinder so gut, als er nur vermochte, las, wenn es ihm die Zeit
+erlaubte, zu Hause die französischen und englischen Klassiker in ihrer
+Sprache; denn er hatte für Sprachen ein wahrhaft wunderbares Talent,
+dachte heimlich an eine andere Karriere, schrieb Briefe nach Amerika
+zwecks einer Anstellung als Hauslehrer, die indessen erfolglos blieben,
+und trieb ein Leben zwischen Pflicht und scheuer Ungebundenheit. Da es
+Sommer war, ging er mit seinen Schülern öfters im tiefen, reißenden
+Kanal baden. Er badete dann selber mit, um seinen Schülern zu zeigen,
+wie man es anzustellen hatte, wenn man schwimmen lernen wollte. Eines
+Tages aber riß ihn der Wasserstrudel derart fort, daß es aussah, wie
+wenn er jetzt ertrinken mußte. Die Schüler rannten schon in das
+Städtchen zurück, wo sie schrieen: »Unser Lehrer ist ertrunken.« Aber
+der junge, kräftige Mann arbeitete sich aus den Wirbeln des tückischen
+Wassers heraus und kam wieder nach Hause. Nach einiger Zeit befand er
+sich indessen an einem anderen Ort, und zwar mitten in den Bergen, in
+einem kleinen, aber doch reichen Dorf, wo er angenehme Menschen fand,
+die ihn weniger als Lehrer wie vielmehr als Menschen respektierten. Er
+war ein vorzüglicher Klavierspieler und flotter Geselle überhaupt, der
+in einer Gesellschaft von einigen Menschen den Zauberfaden der
+Unterhaltung ganz nur um sich herum zu drehen verstand. Ein sehr liebes,
+aber schon nicht mehr junges Fräulein verliebte sich in den Lehrer,
+derart, daß sie ihm alles nur Mögliche an Bequemlichkeit und Komfort
+zukommen ließ und ihn mit den ersten Leuten im Dorf bekannt machte. Sie
+stammte aus einer alten Offiziersfamilie, deren Vorfahren einst in
+fremden Ländern Kriegsdienste verrichtet hatten. So schenkte sie ihm
+denn eines Tages zum Andenken einen zierlichen Galanterie-Degen, der
+immerhin eine nicht ungefährliche Waffe gewesen sein mochte und der
+vielleicht gar zu seiner Zeit einmal in Blut getaucht worden war. Es war
+ein feines Stück, und das gute, liebe Fräulein überreichte ihm den
+Zierrat mit niedergeschlagenen Augen, wobei sie vielleicht einen tiefen
+Seufzer unterdrückte. Sie hörte ihm zu, wenn er, in romantisch edler
+Haltung, am Klavier saß und darauf spielte, und konnte kein Auge von
+seiner Gestalt abwenden. Oft fuhr sie mit ihm zusammen, da es Winter
+war, auf dem hochgelegenen, kleinen Bergsee Schlittschuh, und beide
+freuten sich dieses schönen Vergnügens. Aber der junge Mann wünschte
+bald wieder abzureisen, um so mehr, da er nur zu lebhaft die warmen,
+verlockenden Bande fühlte, die ihn so gern für immer an das Dorf
+gefesselt hätten, denen er aber entfliehen mußte, wenn er irgendwie noch
+den Wunsch besaß, nach etwas Großem in der Welt zu streben. Er reiste,
+und zwar mit dem Gelde des Fräuleins, die reich war, und die sich eine
+wehmütige und kummervolle Freude daraus machte, es ihm ohne jeden
+Vorbehalt zu geben. So ging er nach München, wo er ein ziemlich flottes
+Leben führte, nach Art der dortigen Studenten, kam wieder heim, sah sich
+nach einer Stelle um, und erhielt eine solche in einem Privatinstitut,
+das am Fuße einer tannenwaldgeschmückten Bergkette lag. Dort mußte er
+junge Bürschlein aus allen Erdteilen, reicher Leute Kinder,
+unterrichten, tat es eine Zeitlang mit großer Liebe und viel Interesse,
+bekam Händel mit seinem Vorgesetzten, dem Inhaber des Institutes, und
+reiste wieder weg. Dann kam Italien an die Reihe, wohin er sich als
+Hauslehrer begab, und dann England, wo er auf einem Gutsitze zwei
+aufwachsende Mädchen unterrichtete, mit denen er indessen nur Tollheiten
+trieb. Er kam wieder heim, wilde Ideen spukten in seinem Kopf, und in
+seinem leer gewordenen Herzen brannten nur noch hilflose Phantasieen,
+die keine Rechte auf die Wirklichkeit besaßen. Seine Mutter, in deren
+Schoß sich zu werfen es ihn verlangte, starb zu dieser Zeit. Er war leer
+und trostlos. Er bildete sich ein, sich jetzt auf die Politik werfen zu
+sollen, aber er besaß für dieses Fach weder die genügende Übersicht und
+Ruhe, noch auch nur den nötigen Schliff und Takt mehr. Er schrieb auch
+Börsenberichte, aber ohne Sinn; denn er dichtete sie, und zwar aus einem
+bereits zerstörten Geiste heraus. Er verfaßte Gedichte, Dramen und
+musikalische Kompositionen, malte, zeichnete, aber dilettantisch und
+kindlich. Inzwischen hatte er wiederum Stellung genommen, freilich nur
+für kurze Zeit, und dann wieder Stellung, und dann wieder! An einem
+halben Dutzend Orten trieb er sich herum, glaubte und sah sich überall
+betrogen und verletzt, verlor den Anstand vor den Schülern, lieh Geld
+von ihnen; denn er besaß nie Geld. Noch war er ein schlanker, schöner
+Mensch, sanft und vornehm von Ansehen und immer noch edel in seinem
+Betragen, solange er mit seinem Kopf oben war. Aber das war nur noch
+selten der Fall. Nirgends in der Welt konnte man ihn lange gebrauchen,
+man schickte ihn fort, sowie man hinter sein Wesen kam, oder er ging von
+selber aus ganz absonderlichen, selbst zusammengedichteten Ursachen. Das
+mattete und lähmte ihn natürlich vollends herunter. Aus Italien hatte er
+noch begeisterungsfrohe, ideale Briefe an seinen Bruder geschrieben. In
+London, wo er Not litt, war er einmal in das Kontor eines sehr reichen
+Seidenhändlers, eines Onkels von ihm, mit der Bitte getreten, man möchte
+ihm in seiner elenden Lage beistehen, und bat um Geld, vielleicht nicht
+gerade mit Worten, aber man merkte, was er wollte, und schickte ihn
+achselzuckend fort, ohne ihm etwas zu geben. Wie mußte sein schöner,
+sanfter Menschenstolz schon gelitten haben, wenn er den Mut fand,
+Unwürdige anbetteln zu gehen. Doch was mußte er nicht tun, da er Not
+litt! Man kann von Stolz sprechen, man muß aber auch all der Zufälle des
+Lebens gedenken, wo es unmenschlich ist, von einem Menschen noch Stolz
+zu verlangen. Und der, der gebeten hatte, war weich! Er hatte von jeher
+ein kindlich weiches Herz, und dem Schmerz und der Reue über ein
+verlornes Leben war es ein Leichtes, dieses Herz zu zerstören. Eines
+Tages, nach all den Umherwanderungen, erschien er wieder zu Hause, blaß,
+matt, müde und in seinen Kleidern heruntergerissen. Sein Vater empfing
+ihn wahrscheinlich herzlos, seine Schwester so gut, als sie durfte vor
+des entrüsteten Vaters Augen. Er gedachte, einen kleinen Redakteurposten
+zu erhalten, und trieb sich inzwischen in der Stadt herum, wo er allen
+Mädchen Ringe schenkte und zu ihnen sagte, er wolle sie heiraten. Er war
+ganz offenbar schon kindisch. Man munkelte natürlich und lachte. Dann
+ging er noch einmal fort, in eine Lehrerstelle, aber dort erwies es
+sich, daß er für die Welt unmöglich geworden war. Er kam eines Tages mit
+einem nackten Fuß in die Schulstunde, Schuh und Strumpf fehlten an dem
+einen seiner Füße. Er wußte nicht mehr, was er tat, oder er tat eben
+das, was sein anderer, irrer Geist ihm zu tun befahl. Zu derselben Zeit
+radierte er in seinem militärischen Dienstbuch die dort notierte
+Degradation aus, die ihm eines begangenen, schweren Fehlers wegen schon
+früher zudiktiert worden war. Infolgedessen wurde er, da dieses kühne
+Vergehen ans Licht kam, ins Gefängnis gesperrt. Von dort wurde er, da
+man über seinen Geisteszustand zur Klarheit gelangte, in ein Irrenhaus
+gebracht, wo er heute noch ist. Ich weiß das alles, da ich oft mit ihm
+zusammen gewesen bin, in vielen Jahren, im Zivil sowohl wie beim
+Militär, und auch geholfen habe, ihn dahin abzuführen, wo er sich jetzt
+befindet und wohin er leider gebracht werden mußte.«
+
+»Traurig!« sprach der andere der beiden Männer.
+
+»Wir wollen austrinken und gehen,« sagte der Erzähler und fügte noch
+hinzu: »Manche wollen behaupten, daß die leichtfertigen Weiber, zu denen
+er Beziehungen hatte, ihn zugrunde gerichtet hätten, aber ich glaube es
+nicht, da ich überzeugt bin, daß man den schlimmen Einfluß, den diese
+Weiber auf einen Mann ausüben, meistens überschätzt. So schlimm ist das
+alles nicht, aber vielleicht liegt es in der Familie.«
+
+Simon sprang auf, lebhaft angeregt und mit der Röte des Unwillens auf
+den Wangen:
+
+»Was da? In der Familie? Da irren Sie sich, mein edler Herr Erzähler.
+Sehen Sie mich, bitte, einmal gründlich an. Entdecken Sie an mir
+vielleicht auch so etwas, das in der Familie liegen könnte? Muß ich auch
+ins Irrenhaus kommen? Das müßte ich ohne Zweifel, wenn es in der Familie
+läge, denn ich bin auch aus der Familie. Der junge Mann ist mein Bruder.
+Ich schäme mich durchaus nicht, einen nur unglücklichen und keineswegs
+verderblichen Menschen offen meinen Bruder zu nennen. Heißt er nicht
+Emil, Emil Tanner? Könnte ich das wissen, wenn er nicht mein leiblicher
+lieber Bruder wäre? Ist sein Vater, der auch der meinige ist, etwa nicht
+Mehlhändler, der auch in Burgunderweinen und Provencer-Öl einen ganz
+stattlichen Handel treibt?«
+
+»In der Tat, das stimmt alles,« sagte der Mann, der vorhin erzählt
+hatte.
+
+Simon fuhr fort: »Nein, in der Familie kann es nicht liegen. Ich leugne
+das, solange ich lebe. Es ist einfach das Unglück. Die Weiber können es
+nicht sein. Da haben Sie recht, wenn Sie sagen, die Weiber seien es
+nicht. Müssen daran die armen Weiber immer schuld sein, wenn die Männer
+ins Unglück geraten? Warum denken wir darüber nicht etwas einfacher?
+Kann es nicht im Charakter, in einem Stäubchen der Seele liegen? So und
+immer so: und deshalb so? Schauen Sie, bitte, was ich jetzt für eine Art
+von Handbewegung mache: So, so! Darin liegt es. Der Mensch fühlt so, und
+dann handelt er so, und alsdann stößt er an mancherlei Mauern und
+Unebenheiten so an. Die Menschen denken immer gleich an grausige
+Vererbung und so weiter. Mir erscheint das lächerlich. Und welche
+Feigheit und welche Unehrerbietung, den Eltern und Voreltern an seinem
+Unglück Schuld geben zu wollen. Mangel an Anstand und Mut und noch
+etwas: unziemliche Weichherzigkeit ist das! Wenn das Unglück über einen
+herbricht, so bringt man eben die erforderliche Manier mit, die es dem
+Schicksal bequem macht, daraus ein Unglück zu formen. Wissen Sie, was
+mein Bruder mir war, mir und Kaspar, dem andern Bruder, uns Jüngeren?
+Gelehrt hat er uns auf gemeinschaftlichen Spaziergängen Schönes und
+Hohes zu empfinden, zu einer Zeit, da wir noch die wüstesten Schlingel
+waren, die nur auf schlechte Streiche ausgingen. Aus seinen Augen
+tranken wir das Feuer der Begeisterung für die Kunst. Können Sie sich
+denken, was für eine herrliche, verständnissuchende, streberische, im
+schönsten und kühnsten Sinn streberische Zeit das war? Wir wollen noch
+eine Flasche Wein trinken, ich will sie bezahlen, ja, ich, obschon ich
+ein lumpiger Stellenloser bin. Heda! Herr Wirt, ein Flasche Wadtländer.
+Und zwar vom besten, den Sie haben. -- Ich bin ein ganz mitleidloser
+Mensch. Meinen armen Bruder Emil habe ich schon längst vergessen. Ich
+komme auch gar nicht dazu, an ihn zu denken, denn sehen Sie, ich bin
+einer, der so in der Welt steht, daß er sich mit Händen und Füßen wehren
+muß, um aufrecht zu stehen. Umfallen mag ich nur dann, wenn ich nicht
+mehr den Gedanken ans Aufstehen habe. Ja, dann habe ich vielleicht Zeit,
+an die Unglücklichen zu denken, und Mitleid zu haben, wenn ich selber
+des Mitleids würdig geworden bin. Noch bin ich es aber nicht, und ich
+gedenke noch zu lachen und Scherz zu treiben angesichts meines Todes.
+Sie sehen in mir einen ziemlich unverwüstlichen Menschen, der allerhand
+Mißgeschick zu ertragen versteht. Das Leben, es braucht mir gar nicht so
+sehr zu glänzen, so glänzt es doch schon in meinen Augen. Es ist mir
+meistens schön und ich verstehe die Menschen nicht, die es unschön
+nennen und es damit beschimpfen. Jetzt kommt der Wein. Ich komme mir
+immer ganz vornehm vor, wenn ich Wein trinke. Mein armer Bruder lebt
+noch! Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie mein Gedächtnis heute auf
+einen Unglücklichen gestoßen haben. Und nun: ganz ohne jede
+Weichherzigkeit: stoßen Sie an, meine Herren: Es lebe das Unglück! --«
+
+»Warum, wenn ich fragen darf?«
+
+»Sie übertreiben!«
+
+»Das Unglück bildet, deshalb bitte ich Sie, es mit diesem funkelnden
+Glase Wein hochleben zu lassen. Noch einmal! So. Ich danke Ihnen. Lassen
+Sie mich Ihnen sagen, daß ich ein Freund des Unglücks bin, und zwar ein
+sehr inniger Freund, denn es verdient die Gefühle der Vertrautheit und
+Freundschaft. Es macht uns besser, und das ist ein großer Dienst, den es
+uns da erweist. Es ist ein echter Freundschaftsdienst, der erwidert
+werden muß, will man anständig heißen. Das Unglück ist der etwas
+mürrische, aber desto ehrlichere Freund unseres Lebens. Es wäre ziemlich
+frech und ehrlos von uns, das zu übersehen. Im ersten Augenblick
+verstehen wir das Unglück nie, deshalb hassen wir es im Moment seines
+Kommens. Es ist ein so feiner, leiser, unangemeldeter Geselle, der uns
+immer überrascht, wie wenn wir nur Tölpel wären, die man immer
+überraschen kann. Wer das Talent hat, zu überraschen, der muß schon, was
+er auch sei und woher er auch komme, etwas ganz außerordentlich Feines
+sein. Nichts von sich ahnen lassen, und auf einmal da sein, nicht den
+leisesten neugierigen, vorauseilenden Geschmack und Duft an sich haben,
+und dann einem so plötzlich vertraulich auf die Achsel klopfen, »Du« zu
+einem sagen und dazu lächeln und einem in ein blasses, mildes,
+alleswissendes, schönes Gesicht blicken lassen: dazu gehört mehr als
+Brotessen, dazu gehören andere Apparate als nur Flugapparate, mit deren
+halber Erfindung wir Menschen schon zum voraus in großtönenden,
+schicksalumwerfenden Worten prahlen. Ja, das Schicksal, das Unglück ist
+schön. Es ist gut; denn es enthält auch das Glück, sein Gegenteil. Es
+erscheint mit beiderlei Waffen bewaffnet. Es hat eine zornige und
+vernichtende, aber auch eine sanfte und liebliche Stimme. Es weckt neues
+Leben, wenn es altes erschlagen hat, das ihm nicht gefallen hat. Es
+reizt zum Besser-Leben. Alle Schönheit, wenn wir noch hoffen, Schönes zu
+erleben, verdanken wir ihm. Es läßt uns Schönheiten überdrüssig werden
+und zeigt uns mit seinen ausgestreckten Fingern neue! Ist eine
+unglückliche Liebe nicht die gefühlvollste und deshalb zarteste, feinste
+und schönste? Tönt nicht noch das Verlassensein in weichen,
+schmeichelnden und wohltuenden Tönen? Ist das alles neu, was ich Ihnen
+da sage, meine Herren? Freilich ist es neu, wenn man es sagt; denn es
+sagt es selten einer. Den meisten mangelt der Mut, das Unglück zu
+begrüßen, als etwas, worin man die Seele baden kann, wie Glieder im
+Wasser. Man sehe sich doch nur einmal an, wenn man sich nackt ausgezogen
+hat und jetzt nackt dasteht: Welch eine Pracht: ein nackter, gesunder
+Mensch! Welch ein Glück: das mit nichts mehr bekleidet-Sein, das
+nackt-Dastehn! Ein Glück ist es schon, auf die Welt zu kommen, und kein
+weiteres Glück zu haben, als gesund zu sein, ist ein Glück, das die
+edelsten Steine, alle schönen Teppiche und Blumen, die Paläste und die
+Wunder überglitzert und überstrahlt. Das Wundervollste ist die
+Gesundheit, es ist ein Glück, zu dem kein weiteres, ähnliches
+hinzugefügt werden kann, es sei denn, daß der Mensch im Laufe der Zeiten
+roh genug geworden ist, um zu wünschen, daß er doch nur krank sein
+möchte und dafür einen Geldbeutel voll Geld besitzen. Zu dieser Fülle
+von Pracht und Glück, wenn man wirklich geneigt ist, das nackte,
+straffe, bewegliche, warme, mit auf das Erdenleben gekommene Glied als
+eine solche Fülle zu betrachten, muß eine Art Gegengewicht treten: das
+Unglück! Es kann uns hindern überzuschäumen, es schenkt uns die Seele.
+Es bildet unsere Ohren dafür aus, den schönen Klang zu vernehmen, der
+tönt, wenn Seele und Körper, ineinandervermischt, ineinanderübergetreten,
+zusammen atmen. Es macht aus unserem Körper etwas Körperlich-Seelenvolles
+und die Seele bringt es zu einem festen Dasein mitten in
+uns, daß wir, wenn wir wollen, unseren ganzen Körper als
+eine Seele empfinden, das Bein als eine springende, den Arm als eine
+tragende, das Ohr als eine horchende, die Füße als eine edel gehende,
+das Auge als die sehende und den Mund als die küssende Seele. Es macht
+uns erst lieben, denn wo liebte man, mit nicht auch ein wenig Unglück?
+In den Träumen ist es noch schöner als in der Wirklichkeit, denn wenn
+wir träumen, verstehn wir auf einmal die Wollust und entzückende Güte
+des Unglücks. Sonst ist es uns meist hinderlich, namentlich, wenn es in
+Form eines Geldverlustes zu uns kommt. Aber kann das ein Unglück sein?
+Wenn wir auch einen Kassenschein verlieren, was verlieren wir? Recht
+unangenehm freilich ist das, aber es ist kein Grund zu längerer
+Trostlosigkeit, als es braucht, um einzusehen, daß es kein wirkliches
+Unglück ist. Und so weiter! Man könnte viel reden darüber. Zuletzt wird
+man es doch müde. --«
+
+»Sie sprechen wie ein Dichter, mein Herr,« bemerkte lächelnd einer der
+Männer.
+
+»Das kann sein. Der Wein macht mich immer dichterisch reden,« entgegnete
+Simon, »so wenig ich sonst Dichter bin. Ich pflege mir Vorschriften zu
+machen und bin im allgemeinen wenig geneigt, mich von Phantasieen und
+Idealen hinreißen zu lassen, da ich das für äußerst unklug und für
+anmaßend halte. Glauben Sie mir nur, ich kann ein sehr trockener Mensch
+sein. Es ist auch keineswegs statthaft, jeden Menschen, den man einmal
+von Schönheit reden hört, gleich für einen schwärmenden Dichter zu
+halten, wie Sie es zu tun scheinen; denn ich denke, daß es sogar einmal
+einem sonst ganz kalt überlegenden Pfandleihhändler oder Bankkassier
+einfallen kann, über anderes nachzudenken, als über Sachen seines
+geldzusammenkratzenden Berufes. Man nimmt in der Regel zu wenig
+gefühlsinnige und der Nachdenklichkeit fähige Menschen an, weil man sie
+nicht anders beobachten gelernt hat. Ich mache es mir zur Aufgabe, mit
+einem jeden Menschen ein kühnes, herzliches Gespräch zu führen, damit
+ich am schnellsten sehe, mit wem ich es zu tun habe. Man blamiert sich
+mit einer solchen Lebensregel des öftern, und manchmal kriegt man dafür
+sogar, beispielsweise von einer zarten Dame, eine Ohrfeige, aber was
+schadet das! Mir macht es Vergnügen, mich bloßzustellen, und ich darf
+immer überzeugt sein, daß die Achtung von solchen, bei denen man sich
+mit dem ersten freien Wort etwas vergibt, nicht gar so sehr viel wert
+ist, als daß man deshalb Ursache zum Betrübtsein hätte. Menschenachtung
+muß immer leiden unter der Menschenliebe. Das wollte ich Ihnen auf Ihre
+etwas spöttische Bemerkung sagen, womit Sie mich zu treffen meinten.«
+
+»Ich wollte Sie keineswegs verletzen.«
+
+»So war es hübsch von Ihnen,« sagte Simon und lachte dazu. Dann sagte er
+plötzlich nach einigem Stillschweigen: »Was übrigens Ihre Erzählung von
+meinem Bruder betrifft, so hat diese mich allerdings getroffen. Er lebt
+noch, mein Bruder, und kaum ein Mensch denkt jetzt an ihn; denn wer sich
+wegstiehlt, namentlich an einen so düsteren Ort, wie er, der wird
+gestrichen aus den Gedächtnissen. Armer Kerl! Sehen Sie, ich könnte
+sagen, daß es nur einer kleinen Änderung in seinem Herzen, vielleicht
+eines Pünktchens mehr in seiner Seele bedurft hätte, um ihn zum
+schaffenden Künstler zu machen, dessen Werke die Menschen entzückt
+hätten. So wenig braucht es, um stark zu werden, und so wenig wiederum,
+um sein Unglück zu vollenden. Was will man reden. Er ist krank und steht
+auf der Seite, wo keine Sonne mehr ist. Ich werde jetzt mehr an ihn
+denken, denn sein Unglück ist doch ein zu grausames. Es ist ein Elend,
+das zehn Verbrecher nicht einmal verdienen, geschweige denn er, der
+solch ein Herz hatte. Ja, das Unglück ist manchmal nicht schön, jetzt
+bekenne ich es gerne. Sie müssen wissen, mein Herr, ich bin trotzig und
+behaupte gern etwas wild in die Welt hinein, was gar keine Art hat. Mein
+Herz ist zuweilen ganz hart, besonders hart ist es, wenn ich andere
+Menschen voll Mitleid sehe. Da möchte ich immer so hineinwettern,
+hineinlachen in das warme Mitleid. Sehr schlecht von mir, sehr, sehr
+schlecht! Ich bin überhaupt noch lange kein guter Mensch, aber ich hoffe
+es noch zu werden. Es hat mich sehr gefreut, mit Ihnen haben reden zu
+dürfen. Das Zufällige ist immer das Wertvollste. Ich scheine etwas viel
+getrunken zu haben, und es ist hier so heiß im Lokale, mich verlangt
+hinaus. Leben Sie wohl, meine Herren. Nein! Nicht auf Wiedersehen.
+Durchaus nicht. Das habe ich nicht im Sinne. Mich verlangt durchaus
+nicht darnach. Viele Menschen habe ich noch kennen zu lernen, da darf
+ich nicht so frivol sagen: auf Wiedersehen. Das hieße nur lügen; denn
+ich begehre Sie nicht wiederzusehen, außer zufällig, und dann wird es
+mir eine Freude sein, wenn auch eine maßvolle. Ich mache nicht gern
+Umstände, und bin gern wahr, und das zeichnet mich vielleicht aus. Ich
+hoffe, daß es mich auch in Ihren Augen auszeichnet, wiewohl Sie mich
+jetzt ziemlich erstaunt und dumm ansehen, als wären Sie beleidigt. Gut,
+seien Sie es. Zum Teufel noch einmal, womit habe ich Sie beleidigt.
+Sie?«
+
+Der Wirt trat herzu und mahnte Simon zur Ruhe:
+
+»Gehen Sie lieber, es ist Zeit mit Ihnen.«
+
+Und er ließ sich sanft in die dunkle Gasse hinausbefördern.
+
+Es war eine tiefe, schwarze, schwüle Nacht. Es war, als schleiche sie
+als etwas Schleichendes die Wände entlang. Bisweilen stand ein hohes
+Haus ganz dunkel da, und dann war wieder eines, das gelblich und
+weißlich leuchtete, als besäße es den besonderen Zauber, in einer so
+dunklen Nacht zu leuchten. Die Mauern der Häuser rochen so seltsam. Es
+war etwas Feuchtes und Dumpfiges, das ihnen entströmte. Einzelne Lichter
+erhellten zuweilen einen Fleck der Gasse. Oben ragten die kühnen Dächer
+über die glatte, hohe Wand der Häuser hinaus. Die ganze weite Nacht
+schien sich in dieses kleine Gassengewirr gelegt zu haben, um hier zu
+schlafen, oder um hier zu träumen. Es gingen noch einzelne späte
+Menschen umher. Hier taumelte einer und sang dabei, ein anderer fluchte,
+daß es den Himmel zerreißen mochte, ein dritter lag schon am Boden,
+während der Tschako eines Polizisten hinter einer Hausecke
+hervorblitzte. Wenn man schritt, tönten einem die Schritte unter den
+Füßen. Simon begegnete einem alten, betrunkenen Mann, der in der ganzen
+Breite der Gasse hin und her schwankte. Es war ein elendes und zugleich
+fröhliches Bild: wie die dunkle, plumpe Gestalt so hin und her
+geschleudert wurde, als bekäme sie Stöße von einer geschmeidigen,
+unsichtbaren Hand. Da ließ der alte, weißbärtige Mann seinen Stock
+fallen, wollte denselben vom Boden wieder aufheben, was ja für den
+Betrunkenen eine schreckliche Aufgabe sein mußte, und schien
+infolgedessen selber zu Boden stürzen zu wollen. Aber Simon, von einem
+lächelnden Erbarmen ergriffen, eilte auf den Mann und auf den Stock zu,
+hob diesen auf und drückte ihn dem Mann in die Hand, der einen Dank in
+der merkwürdigen Sprache der Betrunkenen murmelte, in einem Ton, als
+hätte er Grund, noch beleidigt zu sein. Dieser Anblick wirkte sofort
+ernüchternd auf Simon, und er bog aus dem alten Stadtviertel ab in die
+neuere, elegantere Gegend. Als er über eine Brücke, die beide Stadtteile
+voneinander trennte, hinüberging, sog er den seltsamen Duft des
+fließenden Flußwassers ein. Er schritt die Straße hinunter, in der er
+vor drei Wochen von jener Dame vor dem Schaufenster angesprochen wurde,
+sah in dem Haus seiner früheren Herrin noch Licht brennen, dachte daran,
+daß sie noch gestern seine Herrin gewesen war, schritt weiter unter den
+Bäumen, bis er zu dem breit und dunkel liegenden See kam, der zu
+schlafen schien in seiner ganzen, herrlichen Ausdehnung. Ein solcher
+Schlaf! Wenn so ein ganzer See schlief mit all seinen Abgründen, das
+machte Eindruck. Ja, das war doch etwas Seltsames, kaum zu Verstehendes.
+Simon schaute noch eine Zeitlang hinaus, bis er Sehnsucht bekam, selber
+zu schlafen. O, er würde jetzt herrlich schlafen. So ruhig würde es über
+ihn kommen, und morgen würde er lang im Bett bleiben, morgen war ja
+Sonntag. Simon ging heim.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+
+Am nächsten Morgen erwachte er erst, als die Glocken klangen. Er
+bemerkte von seinem Bette aus, daß ein herrlicher, blauer Tag draußen
+sein mußte. In den Fensterscheiben blitzte so ein Licht, das auf einen
+wunderbaren Morgenhimmel hoch über der Gasse schließen ließ. Etwas
+Hellgoldenes ließ sich ahnen, wenn man die gegenüberliegende Hausmauer
+länger ansah. Man mußte bedenken, wie schwarz und düster diese fleckige
+Wand bei beflecktem Himmel aussehen mußte. Man sah lange dahin und
+stellte sich vor, wie jetzt der See, mit den Segeln darauf, sich
+ausnähme, in dem goldenen, blauen Morgenwetter. Gewisse Waldwiesen,
+gewisse Aussichten und gewisse Bänke unter den grünen, üppigen Bäumen,
+der Wald, die Straßen, die Promenaden, die Wiesen auf dem Rücken des
+breiten Berges, vollbesetzt mit Bäumen, die Abhänge und Waldschluchten,
+in denen das Grün nur so wucherte, die Quelle und der Waldbach mit den
+großen Steinen und dem leise singenden Wasser, wenn man daran saß und
+sich davon einschläfern ließ. Das alles war zu sehen, deutlich, wenn
+Simon auf die Wand hinüberblickte, die doch nur eine Wand war, aber die
+heute das ganze Bild eines seligen Menschensonntages widerspiegelte, nur
+weil etwas wie ein Hauch von blauem Himmel darauf auf und ab schwebte.
+Dazu klangen ja die Glocken in den bekannten Tönen, und Glocken, ja, die
+verstanden es, Bilder aufzuwecken.
+
+Er nahm sich, immer noch im Bett liegend, vor, von jetzt ab fleißiger zu
+sein, etwas zu studieren, zum Beispiel eine Sprache, und überhaupt
+geregelter zu leben. Wie viel hatte er versäumt! Das Lernen mußte einem
+doch viel Freude machen. Es war so schön, sich das vorzustellen, recht
+innig und lebhaft, wie das wäre, wenn man emsig lernte und lernte, und
+gar nicht aus dem Lernen herauskäme. Er fühlte eine gewisse menschliche
+Reife in sich: nun wohl, um so schöner müßte das Lernen werden, wenn mit
+der ganzen, bereits erworbenen Reife gelernt würde. Ja, das wollte er
+nun tun: lernen, sich Aufgaben stellen, und einen Reiz darin finden,
+Lehrer und Schüler in eigener Person zu sein. Zum Beispiel, wie würde es
+mit einer fremden, wohlklingenden Sprache sein, etwa mit der
+französischen? »Ich würde Wörter lernen und sie meinem Gedächtnisse fest
+einprägen. Wie käme mir da meine allezeit lebhafte Einbildungskraft zu
+Hilfe. Der Baum: _l'arbre_. Ich würde in meinem ganzen Gefühl den Baum
+sehen. Klara käme mir in den Sinn. Ich würde sie in einem weißen,
+weitgefalteten Kleid unter einem breiten, schattigen, dunkelgrünen Baum
+sehen. So käme mir wieder vieles, beinahe schon ganz vergessenes in den
+Sinn. Der Sinn würde stärker und lebhafter im Erfassen. So, wenn man
+nichts lernt, stumpft man zusammen. Wie süß ist gerade die Kleinheit,
+das Anfängerische! Ich erblicke jetzt einen hohen Reiz darin und
+begreife nicht, wie ich so lange, so lange trotzig und träge sein
+konnte. O, die ganze Trägheit liegt nur im Trotz des Mehrwissen-wollens
+und des vermeintlichen Besser-wissens. Wenn man nur recht weiß, wie
+wenig man weiß, kann es noch gut kommen. Ich würde mir bei dem Klang des
+fremden Wortes das deutsche inniger denken und mir seinen Sinn weiter
+ausbreiten in Gedanken, so würde mir auch die eigene Sprache ein neuer,
+reicherer Laut voll ungekannter Bilder werden. _Le jardin_: der Garten.
+Hier würde ich an den ländlichen Garten Hedwigs denken, den ich doch
+mitgeholfen habe, anzupflanzen, als es Frühling wurde. Hedwig! Alles
+würde mir wieder einfallen, blitzschnell, was sie gesagt, getan,
+gelitten und gedacht hat, während all der Tage, die ich bei ihr
+verbracht habe. Ich habe keine Ursache, so schnell Menschen und Dinge zu
+vergessen und meine Schwester erst recht nicht. Damals, als wir den
+Garten schon bepflanzt hatten, schneite es nachts wieder, und wir hatten
+großen Kummer, es würde uns nichts wachsen in unserem Garten. Für uns
+bedeutete das viel; denn wir versprachen uns aus dem Garten recht viel
+schönes Gemüse. Wie schön ist es doch, mit einem Menschen den gleichen
+Kummer teilen zu können. Wie müßte es erst sein, wenn man die Schmerzen
+und das Ringen eines ganzen Volkes mitlitte und mitkämpfte. Ja, das
+alles würde mir einfallen beim Lernen einer Sprache, und noch so viel
+mehr, so vieles, das ich mir jetzt noch gar nicht ausdenken kann. Nur
+lernen, nur lernen, gleichviel, was! Ich will mich auch in die
+Naturgeschichte versenken, ich ganz allein, ohne Lehrer, an Hand eines
+billigen Buches, das ich gleich morgen kaufen werde, denn heute ist
+Sonntag, da sind freilich alle Läden geschlossen. Das geht alles, ganz
+gewiß. Wozu ist man auf der Welt. Bin ich mir etwa seit einiger Zeit gar
+nichts mehr schuldig? Aufraffen muß ich mich endlich, es ist wahrlich
+die höchste Zeit.«
+
+Und er sprang aus dem Bett, als wenn es ihm ein Bedürfnis wäre, gleich
+jetzt mit den neuen Plänen anzufangen. Rasch kleidete er sich an. Der
+Spiegel sagte ihm, daß er wirklich ganz nett aussähe, das befriedigte
+ihn.
+
+Wie er eben die Treppe hinuntergehen wollte, begegnete ihm Frau Weiß,
+seine Wirtin und Zimmervermieterin. Sie war ganz in Schwarz gekleidet
+und trug ein kleines Gebetbuch in der Hand, sie kam soeben aus der
+Kirche. Sie lachte, als sie den Simon erblickte, recht munter, und
+fragte ihn, ob er denn nicht auch zur Kirche hätte gehen mögen.
+
+Er sei schon seit Jahren in keiner Kirche mehr gewesen, erwiderte er.
+
+Die Frau erschrak über ihr ganzes, gutes Gesicht hinweg, als sie solche
+Worte vernahm, die ihr ungebührlich erschienen zum Munde eines jungen
+Mannes heraus. Sie wurde nicht böse; denn sie war durchaus keine
+unduldsame Frömmlerin, aber sie mußte doch zu Simon sagen, da täte er
+doch nicht ganz recht. Sie glaube es übrigens gar nicht. Er sähe ihr
+durchaus nicht so aus. Aber wenn es wahr wäre, so möchte er bedenken,
+daß er nicht gut handle, niemals in die Kirche zu gehen.
+
+Simon versprach ihr, um sie bei guter Laune zu erhalten, nächstens in
+die Kirche zu gehen, worauf sie ihn ganz freundlich anschaute. Er
+indessen ging die Treppe hinunter, ohne sich weiter bei ihr aufzuhalten.
+»Ein liebes Weib,« dachte er, »und ich gefalle ihr, ich merke es immer,
+wenn ich einer Frau gefalle. Wie lustig sie mit mir wegen der Kirche
+geschmollt hat. So übers ganze Gesicht ein Schmollen: das kleidet eine
+Frau immer. Das sehe ich sehr gern. Sie hat außerdem Respekt vor mir.
+Ich werde mir den ferner zu erhalten wissen bei ihr. Aber ich werde
+nicht viel und nicht oft zu ihr reden. Sie wird dann wünschen, ein
+Gespräch mit mir anzufangen, und wird froh über jedes Wort sein, das ich
+mit ihr spreche. Ich mag gern solche Frauen, wie sie eine ist. Das
+Schwarz steht ihr herrlich. Wie lieb das kleine Gebetbuch aussah, das
+sie in ihrer üppigen Hand trug. Eine Frau, die betet, erhält eigentlich
+einen sinnlichen Reiz mehr. Wie schön diese blasse Hand aus dem Schwarz
+des Ärmels heraustrat. Und ihr Gesicht! Nun, schon gut! Es ist
+jedenfalls sehr angenehm, etwas Liebes für die Reserve zu haben, so
+gleichsam im Hinterhalt. Man besitzt dann eine Art Heim, ein Zuhausesein
+bei jemandem, einen Rückhalt, einen Zauber, da ich doch einmal ohne
+einen gewissen vorhandenen Zauber nicht leben kann. Sie hatte noch den
+Wunsch, vorhin, auf der Treppe, weiter mit mir zu sprechen. Ich habe
+aber abgebrochen; denn ich hinterlasse bei Frauen gern unerfüllt
+gebliebene Wünsche. So setzt man seinen Wert nicht herab, sondern
+schraubt ihn in die Höhe. Die Frauen wollen das übrigens selber, daß man
+so handelt.«
+
+Die Straße wimmelte von sonntäglich geputzten Menschen. Die Frauen
+gingen alle in hellen, weißen Kleidern, die Mädchen trugen an ihren
+weißen Röcken farbige, breite Schleifen, die Männer waren einfach
+gekleidet in hellere Sommerstoffe, Knaben trugen Matrosenkleider, Hunde
+liefen hinter ein paar Menschen her; im Wasser, in ein Drahtgitter
+eingeschlossen, schwammen Schwäne herum, etliche junge Leute beugten
+sich über das Geländer der Brücke und sahen ihnen aufmerksam zu, wieder
+andere Männer gingen ziemlich feierlich zur Urne und gaben dort ihre
+Stimmzettel zu den Wahlen ab, die Glocken läuteten zum zweiten oder zum
+dritten Mal, der See schimmerte blau und die Schwalben flogen hoch oben
+in der Luft, über die Dächer hinweg, die in der Sonne strahlten; die
+Sonne war zuerst eine Sonntag-Vormittagsonne, dann eine Sonne
+schlechthin und dann noch eine Extrasonne für ein paar Künstleraugen,
+die wohl mit unter der Menge sein mochten; dazwischen grünten und
+breiteten sich die Bäume der städtischen Parkanlagen aus; unter der
+dunkleren Baumschattenwelt spazierten wieder andere Frauen und andere
+Männer; Segelschiffe flogen im Wind auf dem blauen, fernen Wasser, und
+träge, an Fässer angebundene Boote schaukelten am Ufer; hier flogen
+wieder andere Vögel und Menschen standen hier still, die die blaue,
+weißliche Ferne und die Berggipfel betrachteten, die am fernen Himmel
+wie köstliche, weiße, beinahe unsichtbare Spitzen herunterhingen, als ob
+der ganze Himmel eine hellblaue Morgenmantille gewesen wäre. Alles hatte
+etwas zu betrachten, zu plaudern, zu empfinden, zu zeigen, hinzuweisen,
+zu bemerken und zu lächeln. Aus einem Pavillon klangen jetzt die Töne
+einer Musikkapelle wie flatternde, zwitschernde Vögel aus dem Grün
+heraus. Dort im Grün spazierte auch Simon. Die Sonne warf durch das
+Blätterwerk helle Flecken auf den Weg, auf den Rasen, auf die Bank, wo
+Kindermädchen Kinderwägelchen hin und her rollten, auf die Hüte der
+Damen und auf die Achseln der Männer. Alles plauderte, schaute, blickte,
+grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karossen rollten auf
+der Straße, die elektrische Straßenbahn sauste ab und zu vorbei, und die
+Dampfschiffe pfiffen und man sah durch die Bäume ihren Rauch dick und
+schwer davonfliegen. Draußen im See badeten junge Menschen. Die sah man
+allerdings, unter dem Grün auf und ab spazierend, nicht, aber man wußte
+es, daß dort nackte Leiber im flüssigen Blau herumschwammen und
+herausleuchteten. Was leuchtete eigentlich heute nicht? Was flimmerte
+nicht? Alles flimmerte, blitzte, leuchtete, schwamm in Farben und
+verschwamm zu Tönen vor den Augen. Simon sagte mehrere Male
+hintereinander zu sich: »Wie schön ist ein Sonntag!« Er sah den Kindern
+und allen Menschen in die Augen, er sah alles selig und verwirrt an,
+bald erhaschte er eine schöne, einzelne Bewegung, und bald trat ihm das
+Ganze vor die Augen. Er setzte sich zu einem anscheinend noch jungen
+Manne auf eine Bank und blickte dem Mann in die Augen. Es entspann sich
+ein Gespräch zwischen ihnen, denn es war so leicht, mit reden
+anzufangen, wo alles so glücklich war.
+
+Der andere Mann sprach zu Simon:
+
+»Ich bin Krankenwärter, aber gegenwärtig bin ich nichts als Bummler. Ich
+komme aus Neapel, wo ich im Fremdenhospital die Kranken pflegte.
+Vielleicht werde ich schon in zehn Tagen irgendwo in Inner-Amerika sein,
+oder in Rußland; denn man schickt uns überall da hin, wo ein Wärter
+verlangt wird, sei es auch auf den Südseeinseln. Man sieht auf diese
+Weise die Welt, das ist wahr, aber die Heimat wird einem so fremd, ich
+kann mich da nicht genügend ausdrücken. Sie zum Beispiel leben
+wahrscheinlich immer in Ihrer Heimat, sie umgibt Sie immerwährend, Sie
+fühlen sich von den Bekannten umschlossen, Sie schaffen hier, Sie sind
+hier glücklich und erleben sicher hier auch Ihr Mißgeschick, gleichviel,
+Sie dürfen wenigstens an einen Boden, an ein Land, an einen Himmel, wenn
+ich es so sagen darf, gebunden sein. Es ist schön, an etwas gefesselt zu
+sein. Man fühlt sich wohl, hat ein Recht, sich wohl zu fühlen und darf
+auf das Verständnis und die Liebe seiner Mitmenschen hoffen. Aber ich?
+Nein! Sehen Sie, ich bin zu schlecht geworden für meine engere Heimat,
+vielleicht auch zu gut, zu alles verstehend. Ich kann nicht mehr
+mitempfinden mit meinen Landsleuten. Ihre Vorliebe verstehe ich
+ebensowenig mehr wie ihren Zorn und ihre Abneigung. Jedenfalls bin ich
+fremd. Und ich fühle, es wird einem übel genommen, daß man fremd
+geworden ist. Und gewiß hat man recht, das zu tun; denn ich habe unrecht
+getan, mich zu entfremden. Was nützt es mir, wenn auch meine Ansichten
+über Vieles weltmännischer und klüger sind, wenn ich mit meinen
+Ansichten nur verletze? Dann sind es schlechte Ansichten, wenn sie
+verletzen. Eines Landes Sitten und Anschauungen sind etwas, das man
+heilig halten muß, wenn man nicht eines Tages ein Fremdling darin werden
+will, wie es mit mir geschehen ist. Nun, ich reise ja sehr bald wieder
+weg, zu meinen Kranken.«
+
+Er lächelte und fragte Simon: »Was sind Sie?«
+
+»Ich bin in meinem eigenen Lande ein sonderbarer Geselle,« antwortete
+Simon, »ich bin eigentlich Schreiber, und Sie können sich leicht denken,
+was ich da für eine Rolle in meinem Vaterlande spiele, wo der Schreiber
+so ziemlich der letzte Mensch ist, den es in der Rangordnung der Klassen
+gibt. Andere junge Handelsbeflissene reisen, um sich auszubilden, in das
+ferne Ausland, und kommen dann mit einem ganzen Sack voller Kenntnisse
+wieder heim, wo ihnen ehrenvolle Stellen offen gehalten werden. Ich nun,
+müssen Sie wissen, bleibe immer im Lande. Es ist gerade so, als fürchte
+ich, daß in anderen Ländern keine oder nur eine minderwertige Sonne
+scheine. Ich bin wie festgebunden und sehe immer Neues im Alten, deshalb
+vielleicht gehe ich so ungern fort. Ich verkomme hier, ich sehe es wohl,
+und trotzdem, ich muß, so scheint es, unter dem Himmel meiner Heimat
+atmen, um überhaupt leben zu können. Ich genieße natürlich wenig
+Achtung, man hält mich für liederlich, aber das macht mir so nichts, so
+gar nichts aus. Ich bleibe und werde wohl bleiben. Es ist so süß, zu
+bleiben. Geht denn die Natur etwa ins Ausland? Wandern Bäume, um sich
+anderswo grünere Blätter anzuschaffen und dann heimzukommen und sich
+prahlend zu zeigen? Die Flüsse und die Wolken gehen, aber das ist ein
+anderes, tieferes Davongehen, das kommt nie mehr wieder. Es ist auch
+kein Gehen sondern nur ein fliegendes und fließendes Ruhen. Ein solches
+Gehen, das ist schön, meine ich! Ich blicke immer die Bäume an, und sage
+mir, die gehen ja auch nicht, warum sollte ich nicht bleiben dürfen?
+Wenn ich im Winter in einer Stadt bin, so reizt es mich, sie auch im
+Frühling zu sehen, einen Baum im Winter, ihn auch im Frühling prangen
+und seine ersten, entzückenden Blätter ausbreiten zu sehen. Nach dem
+Frühling kommt immer der Sommer, unerklärlich schön und leise, wie eine
+glühende, große, grüne Welle aus dem Abgrund der Welt herauf, und den
+Sommer will ich doch hier genießen, verstehen Sie mich, mein Herr, hier,
+wo ich den Frühling habe blühen sehen. Da ist zum Beispiel dieses kleine
+Wiesen- oder Rasenbord. Wie süß ist das im Vorfrühling anzusehen, wenn
+der Schnee eben unter der Sonne darauf zerronnen ist. Aber um diesen
+Baum und um dieses Bord und um diese Welt handelt es sich: ich glaube,
+ich würde an anderen Orten den Sommer nicht bemerken. Die Sache ist die:
+ich habe eine recht verteufelte Lust, hier am Fleck zu bleiben und eine
+ganze Menge unlustiger Gründe, die mir das Reisen ins Ausland verbieten.
+Zum Beispiel: hätte ich etwa Reisegeld? Sie werden wissen, man braucht
+Geld, um mit der Eisenbahn oder mit dem Schiff zu fahren. Ich habe noch
+Geld für etwa zwanzig Mahlzeiten; aber ich habe kein Reisegeld. Und ich
+bin froh, daß ich keines habe. Mögen andere reisen und klüger
+heimkommen. Ich bin klug genug, eines Tages hier im Lande mit Anstand zu
+sterben.«
+
+Nach einem kurzen Stillschweigen, während dessen der Krankenwärter ihn
+unverwandt anblickte, fuhr er fort:
+
+»Und dann habe ich auch gar kein Verlangen darnach, Karriere zu machen.
+Was andern das meiste ist, ist mir das mindeste. Ich kann das
+Karrieremachen in Gottes Namen nicht achten. Ich mag leben, aber ich mag
+nicht in eine Laufbahn hineinlaufen, was so etwas Großartiges sein soll.
+Was ist Großartiges dabei: frühzeitig krumme Rücken vom Stehen an zu
+kleinen Pulten, faltige Hände, blasse Gesichter, zerschundene
+Werktagshosen, zittrige Beine, dicke Bäuche, verdorbene Mägen, kahle
+Platten auf den Schädeln, grimmige, anschnauzige, lederne, verblaßte,
+glutlose Augen, abgemergelte Stirnen und das Bewußtsein, ein
+pflichtgetreuer Narr gewesen zu sein. Ich danke! Ich bleibe lieber arm
+aber gesund, verzichte auf eine Staatswohnung, zugunsten eines billigen
+Zimmers, wenn es auch auf die dunkelste Gasse hinausgeht, lebe lieber in
+Geldverlegenheiten als in der Verlegenheit, wo ich sommers hinreisen
+soll, um meine verdorbene Gesundheit aufzuputzen, bin allerdings nur von
+einem einzigen Menschen geachtet, nämlich von mir selber, aber das ist
+einer, an dessen Achtung mir am meisten liegt, bin frei und kann
+jedesmal, wenn es die Notwendigkeit verlangt, meine Freiheit für einige
+Zeitlang verkaufen, um nachher wieder frei zu sein. Es lohnt sich, um
+der Freiheit willen arm zu bleiben. Ich habe zu essen; denn ich besitze
+das Talent, mit ganz Wenigem satt zu werden. Ich werde rasend, wenn man
+mir mit dem Wort und mit der Zumutung kommt, die in dem Worte
+»Lebensstellung« liegt. Ich will Mensch bleiben. Mit einem Wort: ich
+liebe das Gefährliche, das Abgründige, Schwebende und das
+Nicht-Kontrollierbare!«
+
+»Sie gefallen mir,« sagte der Krankenwärter.
+
+»Ich wollte durchaus nicht Ihr Gefallen erwecken, aber es freut mich
+trotzdem, wenn ich Ihnen gefalle, da ich einigermaßen von der Leber
+wegrede. Übrigens hätte ich nicht nötig gehabt, heftig auf andere zu
+werden. Das ist immer dumm, und man hat kein Recht, Verhältnisse zu
+beschimpfen, weil sie einem nicht behagen. Man kann ja fortgehen, ich
+kann ja fortgehen! Aber nein, es behagt mir eben. Meine Lage gefällt
+mir. Die Menschen gefallen mir, so wie sie sind. Ich meinesteils suche
+auch mit allen Mitteln meinen Mitmenschen zu gefallen. Ich bin fleißig
+und arbeitsam, wenn ich einen Auftrag zu erfüllen habe, aber meine Lust
+an der Welt opfere ich niemandem zu Gefallen, höchstens würde ich sie
+dem heiligen Vaterlande hinopfern, wozu bis jetzt die Gelegenheit noch
+immer ausgeblieben ist und wohl auch ausbleiben wird. Mögen sie immerzu
+Karriere machen, ich begreife sie, sie wollen bequem leben, sie wollen
+sorgen, daß ihre Kinder auch etwas haben, sie sind vorsehende Väter,
+deren Tun nur achtenswert ist, mich mögen sie eben auch machen lassen,
+sie mögen mich auf meine Weise dem Leben seinen Reiz abzureißen
+versuchen lassen, das versuchen alle, alle, nur nicht alle auf die
+gleiche Art. Es ist ja so wundervoll, reif genug zu sein, um alle machen
+zu lassen in ihrer Art, so wie es jeder versteht. Nein, wenn einer
+dreißig Jahre lang sein Amt treu verwaltet hat, ist er am Ende seiner
+Lebensbahn durchaus kein Narr gewesen, wie ich vorhin in der Heftigkeit
+sagte, sondern ein Ehrenmann, der verdient, daß man ihm Kränze aufs Grab
+legt. Sehen Sie, ich will keine Kränze auf mein Grab bekommen, das ist
+der ganze Unterschied. Mein Ende ist mir gleichgültig. Sie sagen mir
+immer, jene andern, ich werde meinen Übermut noch schwer büßen müssen.
+Nun wohl, dann büße ich und erfahre dann doch, was büßen heißt. Ich
+erfahre gern alles und deshalb fürchte ich nicht so viel, wie die, die
+um eine glatte Zukunft besorgt sind. Ich habe immer Angst, es möchte mir
+eine einzige Lebenserfahrung entgehen. Darauf bin ich ehrgeizig wie zehn
+Napoleone. Doch jetzt bin ich hungrig, ich möchte essen gehen, kommen
+Sie mit? Es würde mich freuen.«
+
+Und sie gingen zusammen.
+
+Nach dem etwas wilden Gerede war Simon plötzlich weich und sanft
+geworden. Er sah mit entzückten Augen die schöne Welt an, die runden,
+üppigen Kronen der hohen Bäume und die Straßen, wo die Menschen gingen.
+»Die lieben, geheimnisvollen Menschen!« dachte er bei sich und
+gestattete es, daß sein neuer Freund ihm die Schulter mit der Hand
+berührte. Er sah es gerne, daß der andere so vertraulich wurde, es
+paßte, es verband und löste auf. Er sah alles mit lachenden, glücklichen
+Augen an, wobei er wieder dachte: »Wie sind doch Augen schön!« Ein Kind
+hatte zu ihm den Blick erhoben. Mit so einem Kameraden zu gehen, wie der
+Krankenwärter war, erschien ihm als etwas ganz Neues, noch nie Erlebtes,
+als etwas jedenfalls Angenehmes. Auf dem Wege kaufte derselbe bei einem
+Gemüsehändler ein Gericht frischer Bohnen und in einer Metzgerei Speck
+und lud Simon zu sich zum Mittagessen ein. Gerne wurde das Angebot
+angenommen.
+
+»Ich koche immer selbst,« sagte der Krankenwärter, als sie beide in
+dessen Wohnung anlangten, »ich habe mir das angewöhnt. Es macht Spaß,
+glauben Sie es mir nur. Passen Sie auf, wie vortrefflich Ihnen die
+Bohnen mit dem schönen Speck schmecken werden. Ich stricke mir zum
+Beispiel auch selber meine Strümpfe und wasche meine Wäsche selber. So
+erspart man viel Geld. Ich habe das alles gelernt, und warum sollten
+sich solche Arbeiten nicht auch ausnahmsweise einmal für einen Mann
+schicken, wenn er ausgesprochenen Sinn dafür hat. Ich sehe nicht ein,
+was in einer solchen Beschäftigung Beschämendes liegen sollte. Ich
+fertige mir auch selber Hausschuhe, wie diese hier sind, an. Einige
+Aufmerksamkeit erfordert schon solch eine Arbeit. Pulswärmer für den
+Winter zu stricken oder Westen zu machen, bietet mir keine besonderen
+Schwierigkeiten. Wenn man immer so allein ist, und auf Reisen, wie ich,
+kommt man auf wunderliche Sachen. Machen Sie es sich, oder, mach es dir
+bequem, Simon! Sollte ich mir nicht gestatten dürfen, dir das »Du«
+anzutragen?« --
+
+»Warum nicht? Gern!« Und Simon errötete auf ihm ganz unbegreifliche
+Weise.
+
+»Ich habe dich sehr lieb vom ersten Augenblick an gewonnen,« sprach der
+Wärter, der sich Heinrich nannte, weiter, »man braucht dich nur
+anzusehen, um überzeugt zu sein, daß du ein lieber Kerl bist. Ich hätte
+Lust, dich zu küssen, Simon.« --
+
+Simon wurde es schwül in dem Zimmer. Er stand vom Stuhle auf. Er ahnte,
+was es für einer sei, der ihn so merkwürdig zärtlich ansah. Aber was
+schadete das. »Ich will es gehen lassen,« dachte er. »Ich mag dem
+Heinrich, der sonst nett ist, deswegen nicht grob kommen!« Und er gab
+seinen Mund her und ließ sich darauf küssen.
+
+Was war es denn weiter!
+
+Übrigens fand er es hübsch und dem Zustand von Weichheit, in dem er sich
+befand, angemessen, sich so zärtlich behandeln zu lassen. Wenn es auch
+diesmal nur ein Mann war! Er fühlte deutlich, daß dessen seltsame
+Neigung zu ihm der schonenden und vorläufig dahin gehen lassenden
+Rücksicht bedurfte, und er hätte es nie vermocht, die Hoffnungen des
+Mannes zu zerstören, wenn es nun einmal auch unwürdige Hoffnungen waren.
+Mußte er denn deswegen empört tun? »Keine Rede,« dachte sich Simon, »ich
+lasse ihn einstweilen gewähren, es paßt zu allem, was jetzt um mich
+herum vorgeht!«
+
+Den Abend verbrachten beide mit einer Wanderung von Kneipe zu Kneipe;
+denn der Wärter war ein ziemlich leidenschaftlicher Trinker, weil er mit
+seiner freien Zeit nicht viel anderes anzufangen wußte. Simon fand es
+für passend, in jeder Beziehung mitzumachen. Er lernte dort in den
+kleinen, dumpfigen Wirtschaften Menschen kennen, die mit unglaublicher
+Ausdauer Karten spielten. Das Kartenspiel schien solchen eine ganz
+eigene Welt zu sein, in der sie sich nicht gern stören ließen. Andere
+saßen den ganzen Abend da und klemmten einen spitzen, langen
+Zigarrenstengel zwischen den Zähnen herum, ohne sich weiter bemerkbar zu
+machen, als etwa dadurch, daß sie den Zigarrenrest, wenn er zu kurz
+geworden war, um zwischen den Lippen noch weiter gepreßt zu werden, an
+die Spitze ihres Sackmessers steckten, um ihn bis zu der kleinsten Kürze
+herunterrauchen zu können. Eine abgemagerte, wüste Klavierspielerin
+erzählte ihm, daß ihre Schwester eine schlechte Schwester aber eine
+berühmte Konzertsängerin sei, mit der sie längst aufgehört habe,
+familiär zu verkehren. Simon fand es begreiflich, aber er benahm sich
+zart und sagte ihr nicht, daß er es begreiflich fände. Er hielt die
+Person mehr für unglücklich als verdorben, und das Unglück ehrte er
+immer, während er die Verdorbenheit für die Folge des Unglückes hielt,
+das wenigstens Anstand erforderte. Er sah dicke, kleine, furchtbar
+lebhafte Wirtinnen, die sich den Gästen unter allerhand Zutraulichkeiten
+nahten, während ihre Männer auf Sofas und in Lehnstühlen schliefen. Oft
+wurde ein gutes, altes Volkslied gesungen, von einem, der im Singen
+solcher alter Lieder, was die Tonart und den Wechsel der Stimme betraf,
+Meister war. Diese Lieder klangen schön und wehmütig, man spürte
+unwillkürlich, wie manche rauhe und helle Kehle sie schon, einstmals und
+viel früher, gesungen haben mußte. Einer riß beständig Witze, es war ein
+kleiner, junger Mensch in einem alten, großen, breiten, hohen, tiefen
+Hut, den er irgendwo beim Trödler erstanden haben mußte. Sein Mund war
+schmierig und seine Witze nicht minder, aber sie zwangen zum Lachen, ob
+man wollte oder nicht. Einer sagte ihm: »Ich bewundere Ihren Witz, Sie!«
+Aber der Witzige lehnte die dumme Bewunderung mit gut gespielter
+Verwunderung ab, und das war ein wirklicher Witz, der jeden Gebildeten
+hätte freuen können. Der Wärter erzählte allen Menschen, die neben ihn
+zu sitzen kamen, er sei im Grunde genommen zu schlecht und wieder, wenn
+er es recht bedenke, zu gut für seine Heimat. Simon dachte: »Wie dumm!«
+Aber von Neapel stattete der Krankenpfleger weit hübscheren Bericht ab,
+so sagte er zum Beispiel, daß dort in den Museen wundervolle Überreste
+von antiken Menschen zu sehen seien, und man könne daran sehen, daß die
+früheren Menschen uns an Größe, Breite und Dicke weit übertroffen
+hätten. Arme hätten diese Menschen gehabt wie wir Beine etwa! Das müsse
+ein Geschlecht von Weibern und Männern gewesen sein, das! Was wir
+dagegen seien? Einfach eine heruntergekommene, verkrüppelte,
+verkümmerte, zugespitzte, in die Länge und Dünne gesprungene und
+zerrissene und zerfetzte und abgemagerte Generation. Auch den Golf von
+Neapel wußte er in anmutigen Worten zu schildern. Viele hörten ihm
+aufmerksam zu, aber viele schliefen und weil sie schliefen, konnten sie
+nichts hören.
+
+Simon kam sehr spät nach Hause, fand die Haustüre verschlossen, hatte
+aber keinen Schlüssel bei sich und klingelte an der Hausglocke ziemlich
+unverschämt; denn er war in einem Zustand, in welchem man stets
+rücksichtslos zu sein pflegt. Ein Fenster öffnete sich sogleich auf den
+heftigen Schall, den die Glocke verursachte, und eine weiße Gestalt,
+ohne Zweifel die Frau in ihrer Nachtjacke, warf den in dickes Papier
+gewickelten Schlüssel hinunter.
+
+Am nächsten Morgen lächelte sie ihm, statt erzürnt über ihn zu sein, in
+der freundlichsten Weise »Guten Morgen« entgegen, und erwähnte mit
+keinem Wort die Störung in der Nacht. Simon fand es deshalb auch nicht
+am Platz, ein Wort darüber zu sagen und entschuldigte sich, halb aus
+Zartheit und halb aus Bequemlichkeit, nicht.
+
+Er ging weg und suchte den Wärter auf. Der Montagmorgen war wiederum
+prachtvoll. Die Menschen waren alle an ihrer Arbeit, die Gassen waren
+infolgedessen leer und hell, er trat in das Zimmer, wo der Wärter noch
+schläfrig im Bette lag. Simon bemerkte an den Wänden des Zimmers heute,
+was er gestern nicht beobachtet hatte, eine Menge ziemlich süßlicher,
+christlicher Wanddekorationen: Engelchen mit rötlichen Köpfchen aus
+Papier geschnitten und Tafeln mit Sprüchen, die in geheimnisvolle,
+trockene Blumen gerahmt waren. Er las sämtliche Sprüche, es waren tiefe
+darunter, die zum Nachdenken reizten, Sprüche, die vielleicht älter
+waren als acht alte Menschen miteinander, aber auch glättliche, neue
+Sprüche, die sich so lasen, als ob sie zu Tausenden in einer Fabrik
+fabriziert worden wären. Er dachte: »Wie seltsam ist das! Überall, in
+vielen einzelnen Zimmern und Zimmerchen, wohin man auch kommen mag, und
+was man auch gerade verüben mag, sieht man solche Stücke alter
+Religionen an Wänden hängen, die teils viel sagen, und teils wieder
+weniger, teils auch gar nichts mehr. Was glaubt der Wärter? Sicher
+nichts! Vielleicht ist die Religion bei vielen, heutigen Menschen nur
+noch so halbe, oberflächliche und unbewußte Geschmackssache, eine Art
+Interesse und Gewohnheit, wenigstens bei den Männern. Vielleicht hat
+eine Schwester des Wärters dieses Zimmer auf diese Weise ausgeschmückt.
+Ich glaube es; denn die Mädchen haben innigeren Grund zur Frömmigkeit
+und zum religiösen Nachsinnen als die Männer, deren Leben immer mit der
+Religion gestritten hat, von jeher, wenn es nicht gerade Mönche waren.
+Aber ein protestantischer Pfarrer in schneeweißen Haaren, mit mildem,
+geduldigem Lächeln und edlem Gang, wenn er durch einsame Waldlichtungen
+schreitet, ist und bleibt etwas Schönes. In der Stadt ist die Religion
+weniger schön als auf dem Land, wo Bauern leben, deren Lebensart schon
+an und für sich etwas Tiefreligiöses hat. In der Stadt gleicht die
+Religion einer Maschine, was etwas Unschönes ist, auf dem Lande dagegen
+empfindet man den Gottesglauben als dasselbe wie ein blühendes Kornfeld,
+oder wie eine ausgedehnte, üppige Wiese, oder wie das entzückende
+Anschwellen leicht gebogener Hügel, auf deren Höhe ein verstecktes Haus
+steht, mit stillen Menschen, denen das Nachsinnen wie ein Freund ist.
+Ich weiß nicht, mir kommt vor, als ob in der Stadt der Pfarrer zu dicht
+neben dem Börsenspekulanten und dem glaubenslosen Künstler wohne. Es
+mangelt in der Stadt dem Gottesglauben an der gehörigen Entfernung. Die
+Religion hat hier zu wenig Himmel und zu wenig Geruch von Erde. Ich kann
+es nicht so gut sagen, und was kümmert es mich überhaupt. Religion ist
+nach meiner Erfahrung Liebe zum Leben, inniges Hangen an der Erde,
+Freude am Moment, Vertrauen in die Schönheit, Glauben an die Menschen,
+Sorglosigkeit beim Gelage mit Freunden, Lust zum Sinnen und das Gefühl
+der Verantwortungslosigkeit in Unglücksfällen, Lächeln beim Tode und Mut
+in jeder Art Unternehmungen, die das Leben bietet. Zuletzt ist tiefer,
+menschlicher Anstand unsere Religion geworden. Wenn die Menschen
+voreinander den Anstand bewahren, bewahren sie ihn auch vor Gott. Was
+will Gott mehr wollen? Das Herz und die feinere Empfindung können
+zusammen einen Anstand hervorbringen, der Gott wohlgefälliger sein
+dürfte, als finsterer, fanatischer Glaube, der den Himmlischen selbst
+beirren muß, so daß er am Ende noch wünschen wird, keine Gebete mehr zu
+seinen Wolken hinaufdonnern zu hören. Was kann ihm unser Gebet sein,
+wenn es derart anmaßlich und plump zu ihm hinaufdringt, als ob er
+schwerhörig wäre? Muß man ihn sich nicht mit den allerfeinsten Ohren
+vorstellen, wenn man ihn überhaupt denken kann? Ob ihm die Predigten und
+die Orgeltöne recht angenehm sind, ihm, dem Unaussprechlichen? Nun, er
+wird eben lächeln zu unsern immer noch so finsteren Bemühungen und er
+wird hoffen, daß es uns eines Tages einfällt, ihn ein wenig mehr in Ruhe
+zu lassen.«
+
+»Sie sind ja so nachdenklich, Simon,« sagte der Wärter.
+
+»Gehen wir?« fragte Simon.
+
+Der Krankenwärter war fertig geworden, und beide gingen zusammen die
+steilen Wege den Berg hinauf. Die Sonne schien glühend heiß. Sie traten
+in einen kleinen, üppig verwachsenen Biergarten hinein und ließen sich
+einen Frühschoppen reichen. Als sie indessen gehen wollten, ermunterte
+sie die Wirtin, eine hübsche Frau, zum Dableiben, und sie blieben, bis
+es Abend wurde. »So vertrinkt man, ehe man es denkt, den hellen
+Sommertag,« dachte Simon mit einem Gefühl, das mit taumelnder Lust und
+mit einem sanften, schönen, melodiösen Weh gemischt war. Die Farben des
+Abends im Grün machten ihn trunken. Sein Freund schaute ihm tief und
+verlangend in die Augen und schlang den Arm um seinen Hals. »Eigentlich
+ist das häßlich,« dachte Simon. Auf dem Wege wurden alle Weiber und
+Mädchen in der auffallendsten Weise von den beiden angesprochen. Die
+Arbeiter kamen von der Arbeit heim, Menschen, die noch rüstig gingen,
+die Schultern seltsam wiegten, als atmeten sie jetzt befreit auf. Simon
+entdeckte prachtvolle Gestalten unter ihnen. Als sie in den heißen, aber
+schon dunkel gefärbten Wald kamen, der den Berg krönte, sank unten in
+der fernen Welt die Sonne unter. Sie lagerten sich in grüne Blätter und
+Gesträuch hinein und schwiegen und atmeten nur so. Dann kam, was Simon
+jetzt erwartete, die Annäherung seines Kameraden, die ihn aber durchaus
+erkältete.
+
+»Es hat keinen Sinn,« sagte er, »hören Sie auf oder so: höre doch auf.«
+
+Der Wärter ließ sich beschwichtigen, aber er war unmutig geworden, Leute
+kamen vorbei, sie mußten aufstehen und den Platz verlassen. Simon
+dachte: »Warum verbringe ich den Tag mit einem solchen Menschen?« Aber
+er gestand sich gleich darauf, daß er eine gewisse Freude an ihm habe,
+trotz seiner seltsamen, unschönen Neigungen. »Ein anderer würde den
+Wärter verachten,« dachte er weiter, indem sie den Rückweg einschlugen,
+»aber ich bin so einer, der einen jeden Menschen in seiner Art und Unart
+interessant und liebenswert findet. Ich komme nicht bis zur
+Menschenverachtung, oder ich verachte eigentlich nur die Feigheit und
+Leblosigkeit, aber ich finde an der Verdorbenheit sehr leicht etwas
+Interessantes. Und in der Tat, sie klärt über vieles auf, läßt tiefer in
+die Welt blicken und macht einen erfahrener und macht milder und
+treffender urteilen. Man muß mit allem bekannt werden, und man lernt es
+nur kennen, wenn man es tapfer berührt. Irgend jemandem ausweichen, aus
+Furcht, das würde ich meiner für unwürdig halten. Überdies: einen Freund
+haben, ist unschätzbar! Was schadet es, wenn es ein etwas merkwürdiger
+Freund ist.« --
+
+Simon fragte:
+
+»Bist du mir böse, Heinrich?«
+
+Der aber sprach nichts mehr. Sein Gesicht hatte einen finsteren Ausdruck
+angenommen. Wieder langten sie an dem Biergarten an, der jetzt in seinen
+zierlichen Umrissen dunkel war. Farbige, schimmernde Lampions
+erleuchteten das dunkle Grün an einigen Stellen, Geräusch und Gelächter
+drang heraus, und die beiden, angelockt von dem lustigen, feurigen
+Leben, gingen wieder hinein, wo sie von der Wirtin freundschaftlich
+begrüßt wurden.
+
+Der rote, dunkle Wein funkelte in den hellen Gläsern, die Lichtschimmer
+vermengten sich mit den erhitzten Gesichtern, die Blätter von dem
+Gebüsch berührten die Kleider der Frauen, es schien so selbstverständlich,
+daß man die heiße Sommernacht in einem lispelnden Garten
+mit Trinken, Singen und Lachen verbrachte. Aus dem tief gelegenen
+Bahnhof drang das Gelärm der Eisenbahnen herauf an die Ohren der
+Schwärmenden. Ein reicher, langer, rotbäckiger Weinhändlerssohn machte
+sich mit Simon in einem kühnen, philosophierenden Gespräch zu schaffen.
+Der Wärter widersprach in allem, weil er unmutig und ärgerlich war. Die
+Kellnerin, ein schlankes, brünettes Mädchen, setzte sich zu Simon und
+ließ es sich gefallen, daß er sie eng an sich heranzog, um sie zu
+küssen. Sie ertrug den Kuß gern, mit stolzen, geschwungenen Lippen, die
+wie dazu geschaffen schienen, Wein zu schlürfen, zu lachen und zu
+küssen. Der Wärter wurde noch böser und wollte aufbrechen, woran man ihn
+aber verhindern konnte. Da sang einer, ein junger, braungefärbter,
+dunkler Bursche mit grünem Jägerhut ein Lied, während sein Mädchen, das
+sich, an seine Brust angeschmiegt, eng an ihn lehnte, in leisen,
+glücklichen Tönen mitsang. Das klang so berauschend, dunkel und südlich.
+Simon dachte: »Lieder sind doch immer wehmütig, wenigstens die schönen.
+Sie mahnen ans Aufbrechen!« Aber er blieb noch lange in dem nächtlichen
+Garten.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+
+Noch die ganze Woche lang verkehrte Simon in dieser müßiggängerischen
+Weise mit dem Krankenwärter, mit dem er sich bald stritt und dann wieder
+versöhnte. Er spielte Karten, wie einer, der es schon jahrelang trieb
+und rollte die Billardkugeln, mitten am heißen Tag, während alles, was
+Hände hatte, arbeitete. Er sah die sonnenbeschienenen Straßen und die
+Gassen im Regenwetter, aber durch ein Fenster und mit einem Glas Bier in
+der Hand, führte lange, nutzlose, wilde Reden nachts, mittags und abends
+mit allerhand unbekannten Menschen, bis er sah, daß er nichts mehr zum
+Leben besaß. Und eines Morgens ging er nicht mehr zu Heinrich, sondern
+trat in eine Stube hinein, wo verschiedene junge und alte Männer an
+Pulten saßen und schrieben. Es war die Schreibstube für Stellenlose, wo
+diejenigen hinkamen, die durch irgend einen Umstand in die Lage geraten
+waren, wo es ein Ding der Undenkbarkeit geworden ist, noch in einem
+Geschäfte Anstellung zu erhalten. Diese Sorte von Menschen schrieb dort
+im kargen Tagelohn mit hastigen Fingern, unter der strengen Aufsicht
+eines Aufsehers oder Sekretärs, Adressen, meist geschäftliche Adressen
+zu Tausenden, die von großen Firmen in dieser Schreibstube bestellt
+wurden. Schriftsteller gaben dort ihre hingesudelten Manuskripte und
+Studentinnen ihre beinahe unleserlichen Doktorarbeiten ab, um sie
+entweder mit der Schreibmaschine abtypen, oder mit der geläufigen,
+sauberen Feder abschreiben zu lassen. Des Schreibens unkundige Leute,
+die irgend etwas zu schreiben hatten, brachten ihre Schreibereien
+dorthin, wo sie in Kürze befriedigt wurden. Büffetdamen, Kellnerinnen,
+Plätterinnen und Kammerzofen ließen sich ihre Zeugnisse dort ins Reine
+schreiben, um sie präsentieren zu können. Wohltätigkeitsvereine gaben
+tausende von Jahresberichten ab, die adressiert und in die umliegende
+Welt versandt werden mußten. Der Naturheilverein ließ dort die
+Einladungen zu volkstümlichen Vorträgen ins Mehrfache schreiben, und
+Professoren hatten Arbeit genug für die Schreiber, die wiederum froh
+waren, wenn sie Arbeit hatten. Das ganze Schreibergeschäft wurde von der
+Gemeinde mit jährlichen Beiträgen unterstützt und von einem Verwalter
+geleitet, einem ehemals ebenfalls Stellenlosen, für den man diese Stelle
+schuf, um dem Mann in seinen alten Tagen eine passende Beschäftigung zu
+geben. Er stammte gewissermaßen aus einer alten, patrizischen Familie,
+hatte reiche Verwandte im Stadtrat, die nicht gern mitansehen mochten,
+wie eines ihrer Familienglieder auf schmachvolle Weise verdarb. So ward
+der Mann der König und Beschützer aller Vagabunden, verlorenen Menschen
+und traurigen Existenzen, und er versah dieses Amt mit lässiger Würde,
+als ob er niemals in seinem wilden Leben, das ihn auch eine Zeitlang in
+Amerika herumschweifen ließ, die Bitternisse der Not geschmeckt hätte.
+
+Simon machte eine Verbeugung vor dem Verwalter der Schreibstube.
+
+»Was wollen Sie?«
+
+»Arbeit!«
+
+»Heute ist nichts los. Kommen Sie morgen früh wieder, da wird sich
+vielleicht etwas für Sie Passendes finden. Schreiben Sie vorläufig heute
+Ihren Namen, Wohnort, Heimatort, Beruf und Ihr Alter sowie Ihre Adresse
+auf dieses Blatt Papier, und kommen Sie morgen pünktlich um acht Uhr,
+sonst wird keine Arbeit mehr da sein,« sagte der Verwalter.
+
+Er pflegte immer zu lächeln und zu näseln, wenn er sprach. Gegenüber
+Stellenlosen nahm er außerdem immer einen sanftmütig-höhnischen Ton an,
+ganz ohne jegliche Absicht, es kam einfach so und nicht anders aus des
+Mannes Mund heraus. Sein Gesicht war eingefallen und vermergelt, hatte
+die Farbe des kalten, weißen Kalkes und endete in einem zerzausten
+grauen Spitzbart, als ob der Bart der herunterhängende und spitzige
+Gesichtsfetzen gewesen wäre. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen und des
+Mannes Hände zeugten von Krankheit und leiblicher Verwüstung.
+
+Simon arbeitete schon am nächsten Tag, frühmorgens um acht Uhr, in der
+Schreibstube, und nach ein paar Tagen hatte er sich an die Gesellen, die
+dort arbeiteten, gewöhnt. Es waren Menschen, die sich im Leben einmal
+irgend eine Liederlichkeit zuschulden kommen ließen und den Boden dann
+unter ihren schwankenden Füßen verloren hatten. Es waren Menschen da,
+die um eines begangenen, schweren Vergehens willen früher einmal im
+Gefängnis gesessen hatten. Von einem alten, sehr gut aussehenden Manne
+wußte man, daß er jahrelang im Zuchthaus gesessen hatte, eines schweren
+sittlichen Verbrechens wegen, das er an seiner eigenen, leiblichen
+Tochter verübte, die ihn dem Richter verklagte. Er verzog, so lange
+Simon ihn sah, nie eine Miene seines stillen, sonderbaren Gesichtes, als
+ob das Schweigen und Horchen dort in dem Gesicht einheimisch und zur
+Notwendigkeit geworden wäre. Er arbeitete ruhig, friedlich und langsam,
+sah gut aus, blickte einen ruhig an, wenn man ihn anschaute, und schien
+sich einer quälenden Erinnerung nicht im leisesten bewußt zu sein. Sein
+Herz schien so still zu schlagen, wie seine alte Hand arbeitete. Nichts
+von Verzerrung eines einzigen Zuges war in seinem Gesicht zu bemerken.
+Alles schien er gebüßt, alles abgewaschen zu haben, was ihn je
+verunzierte und beschmutzt hatte. Seine Kleider waren ordentlicher als
+die des Verwalters, obschon er arm sein mußte. Merkwürdig gepflegt waren
+seine Zähne und seine Hände, seine Schuhe und seine Kleider. Seine Seele
+schien ruhig und außerordentlich rein zu sein. Simon dachte über ihn:
+»Warum nicht? Ist denn eine Sünde nicht abzuwaschen und soll eine Strafe
+das ganze Leben vernichten? Nein, diesem Manne sieht man weder eine
+begangene Sünde noch eine erduldete Strafe an. Er scheint beides völlig
+vergessen zu haben. Es mußte Güte und Liebe in dem Mann stecken, und
+viel, sehr viel Kraft. Aber immerhin: wie sonderbar!« --
+
+Unterschlagung, Diebstahl, Hochstapel und Landstreichertum hatten in der
+Schreibstube ihre Vertreter. Daneben gab es nur Unglückliche,
+Ungeschickte, die das Leben übertölpelte, und Fremde aus dem Ausland,
+die einfach brotlos dastanden, weil sie sich in ihren Hoffnungen
+betrogen sahen. Notorische Faulenzer und ewig Unzufriedene waren gewiß
+auch da. Jede Mischung von Selbstschuld und Pech war vorhanden, nicht
+minder die Frivolität, die sich ein Vergnügen daraus machte, so
+heruntergekommen zu sein. Simon konnte hier den Mann in seinen
+verschiedenen Charakteren kennen lernen, doch dachte er selber nicht so
+sehr ans Beobachten, weil er auch einer der anderen war, der eben auch
+ausfüllte und in dem Leben und Treiben der Schreibstube, in deren
+Sorgen, Mühen und kleinen Fragen und Vorkommnissen wie in einem Strom
+untersank. Als ein selber in die Sache Versunkener dachte er nicht so
+sehr an die Sache, als an das leibliche Bedürfnis, wie alle andern. Alle
+verdienten hier mit Schreiben, was sie auch sogleich wieder vertrinken
+und veressen mußten, wenn sie leben wollten. Der Verdienst floß in die
+Kehlen hinunter, von der Hand in den Mund. Simon kam dazu, sich außerdem
+noch einen Strohhut und ein Paar billige Schuhe zu kaufen. Aber wenn er
+an die Zimmermiete dachte, so mußte er sich gestehn, daß er nicht
+imstande sein würde, auch das Geld für diese noch flüssig zu machen.
+Jeweilen abends, wenn er fertig geschrieben hatte, war er müde und
+glücklich. Er ging dann, in Gesellschaft eines seiner Schreibgesellen,
+mit hocherhobenem Kopf durch die Straßen und lächelte mit
+Gedankenlosigkeit die vorübergehenden Menschen an. Er brauchte sich gar
+nicht einer schönen und stolzen Haltung zu befleißigen, es kam von
+selber, die Brust dehnte sich und reckte sich ihm wie ein gespannter
+Bogen, wenn er zur Schreibstubentür hinaus an die Luft trat. Über seine
+Glieder fühlte er sich auf einmal als geborner Herr und Meister und er
+achtete auf seine Schritte mit Bewußtheit. Die Hände hielt er jetzt
+nicht mehr in der Hosentasche, das würde ihm würdelos vorgekommen sein.
+Überhaupt schlenderte er sich nicht mehr, sondern spazierte mit
+gemessenem Bewußtsein, als übe er erst jetzt, in seinem
+einundzwanzigsten Lebensjahre, die Glieder an einem schönen, festen
+Gange. Man sollte ihm keinerlei Armut anmerken, aber man sollte spüren,
+daß er ein junger Mann sei, der eben von der Arbeit herkomme und nun
+sich einen Abendspaziergang gönne. An der emsigen, beweglichen
+Straßenwelt hing sein Auge mit Entzücken. Wenn eine Karosse mit einem
+Paar tanzender, zierlicher Pferde vorbeikam, so musterte er mit scharfem
+Blick nur den Gang der trabenden Tiere und verschmähte es, den
+Herrschaften im Wagen einen Blick zuzuwerfen, so, als hätte er nur
+Interesse für die Pferde, weil er ein Kenner sei. »Das ist angenehm,«
+dachte er, »und man muß lernen, seine Blicke zu beherrschen und sie
+dahin zu führen, wo es anständig und männlich ist, sie hinzulenken.«
+Viele Damen streifte er mit Seitenblicken und mußte innerlich lachen, zu
+bemerken, welchen Eindruck das machte. Und er träumte dabei, wie immer!
+Nur daß er jetzt auf die Zähne biß beim Träumen und sich keine träge,
+müde Haltung mehr gestattete: »Wenn ich auch einer der ärmsten Teufel
+bin, so fällt es mir doch nicht ein, mir das merken zu lassen, im
+Gegenteil, die Geldverlegenheit verpflichtet gewissermaßen zu einem
+stolzen Benehmen. Wäre ich reich, so dürfte ich mir vielleicht den
+Schlendrian noch erlauben. So aber nicht, weil der Mensch auf ein
+Gleichgewicht bedacht sein muß. Ich bin hundemüde: aber ich muß immer
+denken: andere haben auch Ursache, müde zu sein. Man lebt nicht für sich
+allein, sondern für alle. Man hat die Verpflichtung, eine musterhafte,
+stramme Erscheinung zu sein, so lange man beobachtet wird, so daß sich
+weniger Mutige ein Beispiel daran nehmen können. Man soll den Eindruck
+der sorglosen Festigkeit machen, wenn einem auch die Kniee dabei zittern
+und der Magen einem in die Kehle hinauf singt vor Leere. Solches kann
+einem heranwachsenden Manne Vergnügen machen! Die Glocke hat noch nicht
+zwölfe geschlagen, für keinen; denn jeder hat jedesmal, wenn er arm
+daniederliegt, die Aussicht, hoch zu kommen. Eine Ahnung sagt mir, daß
+eine freie, stolze Haltung schon allein das Lebensglück an sich zieht
+wie ein elektrischer Strom, und in der Tat, man fühlt sich gehobener und
+reicher, wenn man anständig einhergeht. Ist man in Begleitung eines
+andern schlecht gekleideten, armen Teufels, wie es hier der Fall ist, so
+hat man umsomehr Veranlassung, kopfhoch zu gehen, indem man damit
+gewissermaßen des anderen schlechte Frisur und Haltung sanft und
+energisch entschuldigt, vor Menschen, die darüber verwundert sind, zwei
+so ungleich sich betragende Gesellen miteinander innig verbunden, auf Du
+und Du, in der eleganten Straße spazieren zu sehen. So etwas bringt
+Achtung ein, wenn auch nur flüchtige. Reizend ist es ja, zu denken, daß
+man angenehm absticht von einem Begleiter, der das Zeug noch nicht so
+los hat oder nie los haben wird. Übrigens ist mein Geselle ein älterer,
+unglücklicher Mann, ehemaliger Korbflechtereibesitzer, heruntergekommen
+durch allerlei Mißgeschick und jetzt Schreiber im Taglohn, wie ich, nur
+daß ich nicht ganz wie ein Schreiber und Taglöhner aussehe, sondern eher
+wie ein toller Engländer, während mein Kamerad aussieht wie einer, der
+sich schmerzlich zurücksehnt nach einstigen besseren Tagen. Sein Gang
+und sein immerwährendes, liebes, rührendes Kopfnicken erzählen sein
+Unglück mit ganz schamloser Sprache. Er ist ein älterer Mann und will
+nicht mehr imponieren, nur noch sich ein bißchen aufrecht halten. Mir
+imponiert er; denn ich kenne seinen Schmerz und weiß, welche drückende
+Last er mit sich trägt. Ich bin stolz darauf, mit ihm so durch ein
+schönes Straßenviertel zu gehen und drücke mich ganz unverschämt nahe an
+ihn an, um meine ungenierte Vorliebe für seinen geringen Anzug zu
+demonstrieren. Ich erhalte viele erstaunte Blicke, manches wundervolle
+Auge sieht mich seltsam fragend an, das muß mir Spaß machen, der und
+jener soll's holen! Ich spreche laut und mit Nachdruck. Der Abend ist so
+schön geeignet zum Sprechen. Ich habe gearbeitet den Tag über. Etwas
+Herrliches ist es, den Tag über gearbeitet zu haben und dann am Abend so
+schön müde und ausgesöhnt mit allem zu sein. So gar keine Sorgen, kaum
+einen Gedanken zu haben. So leichtfertig spazieren zu dürfen, mit dem
+Gefühl, keinem Menschen weh getan zu haben. Sich umzusehen, ob man
+vielleicht jemandem gefalle. Zu fühlen, daß man jetzt ein bißchen
+liebenswerter und achtenswerter sei, als früher, da man ein Tagedieb
+war, dessen Tage wie in einen Abgrund dahinsanken und verrauchten wie
+Rauch vertrieben wird. Viel zu fühlen, viel, an so einem geschenkten
+Abend! Den Abend wie ein Geschenk zu empfinden, denn das ist er denen,
+die den Tag für die Arbeit hergeben. So schenkt man und wird
+beschenkt.« --
+
+ * * * * *
+
+Simon machte immer mehr die Beobachtung, daß die Schreibstube eine
+kleine Welt für sich war, in der großen. Neid und Streberei, Haß und
+Liebe, Übervorteilung und Ehrlichkeit, heftiges und bescheidenes Wesen
+machten sich hier im Kleinen, um ganz lumpiger Vorteile willen,
+ebensogut und scharf bemerkbar, wie überall, wo es dem Kampf um das
+tägliche Auskommen galt. Jede Empfindung und jeder Drang konnte hier
+seine Betätigung finden, wenn auch in geringfügigem Maßstab. Glänzende
+Kenntnisse nützten allerdings in der Schreibstube nicht viel. Ein Träger
+von solchen konnte sie hier höchstens improvisatorisch zum besten geben,
+es half ihm zum Ansehen, aber es half ihm nicht dazu, sich dafür einen
+besseren Anzug anschaffen zu können. Es gab etliche unter den
+Schreibstubenburschen, die drei Sprachen perfekt sprachen und schrieben.
+Diese wurden zum Übersetzen verwendet, aber sie verdienten damit nicht
+mehr als die plumpen Adressenschreiber und die Abschreiber von
+Manuskripten; denn die Schreibstube ließ keinen einzigen hochkommen,
+sonst würde sie ja ihre Zwecke und ihren ganzen Sinn verfehlt haben.
+Bestand sie doch immer nur, um Stellenlosen ein kümmerliches Leben zu
+gestatten, und nicht deshalb, um hohe, unverschämte Löhne auszubezahlen.
+Wenn einer überhaupt des Morgens um acht Uhr nur Arbeit fand, so mußte
+er froh sein. Oft kam es vor, daß der Verwalter zu einer Gruppe von
+Wartenden die Worte sprach: »Tut mir sehr leid. Heute leider nichts da.
+Kommen Sie um zehn Uhr wieder. Möglich, daß dann Aufträge eingelaufen
+sind!« und um zehn Uhr: »Es ist besser, Sie fragen morgen früh wieder
+nach. Heute wird wohl kaum noch etwas einlaufen!« Diese Abgewiesenen,
+unter denen sich auch Simon mehr als einmal befand, gingen dann langsam,
+Mann für Mann, trübselig die Treppe hinunter, wieder auf die Straße, wo
+sie einstweilen, als ob sie sich erst besinnen müßten, in einer runden,
+hübschen Gruppe stehen blieben und sich dann, einer nach dem andern, in
+alle Richtungen zerstreuten. Es war kein Vergnügen, ohne Geld in den
+Straßen der Stadt zu bummeln, jeder wußte das, und ein jeder dachte:
+»Wie wird das erst im Winter werden?«
+
+Manchmal kamen ganz fein gekleidete Leute von eleganten Manieren in die
+Schreibstube, um nach Arbeit zu fragen. Denen pflegte der Verwalter zu
+sagen: »Wie es mir den Anschein macht, passen Sie besser in das Getriebe
+des Weltlebens als in die Schreibstube. Hier muß einer den ganzen Tag
+still sitzen, den Rücken krümmen und fleißig arbeiten, wenn er eine
+Kleinigkeit verdienen will. Ich spreche so offen zu Ihnen, weil ich die
+Empfindung habe, daß Ihnen das doch nicht passen würde. Und dann machen
+Sie mir auch nicht den Eindruck der trübseligen, notdürftigen Armut. Ich
+aber bin verpflichtet, zu allererst die Armen zu beschäftigen, das heißt
+solche, an denen man die Kleider womöglich in Fetzen herunterhängen
+sieht als Beweis ihrer Verkommenheit. Sie dagegen sehen mir zu stattlich
+aus, so daß es eine Sünde wäre, Ihnen hier Arbeit geben zu wollen.
+Mischen Sie sich unter die feine Welt, rate ich Ihnen. Es scheint, daß
+Sie die Düsterkeit der Schreibstuben verkennen, wenn Sie mit so munterem
+Gesicht hierherkommen, um nach Arbeit zu fragen, als wollten Sie auf den
+Tanzboden gehen. Hier pflegt man linkische, trotzige Verbeugungen zu
+machen, meistens aber gar keine, Sie aber verbeugten sich vorhin vor mir
+wie ein vollendeter Weltmann. Das geht nicht, ich kann Sie nicht
+gebrauchen, ich habe weder eine Arbeit, die Ihnen genügen könnte, noch
+eine Welt, in die Sie hineinpassen, für Sie. Sie werden als Verkäufer
+oder als Hotelsekretär jede Stunde Anstellung finden, wenn Sie es nicht
+nur darauf abgesehen haben, in dieser Stadt nach Abenteuern zu suchen,
+wie es mir beinahe den Anschein hat. Hier erlebt ein junger Mann nur
+Entmutigung, aber sonst weiter kein Abenteuer. Wer hierherkommt, der
+weiß, warum er gekommen ist. Sie scheinen es sicherlich nicht gewußt zu
+haben. Ihre ganze Erscheinung ist beleidigend für meine Arbeiter, das
+müssen Sie zugeben, wenn Sie nur einen Blick in die Stube werfen. Sehen
+Sie mich an: ich habe auch die Welt gesehen, kenne alle Großstädte der
+Welt, ich würde auch nicht hier sitzen, wenn ich nicht müßte. Wer
+hierher kommt, hat schon Unglück und mannigfaches Mißgeschick erlitten.
+Hierher kommen die Taugenichtse, Bettler, Schelme und Schiffbrüchigen:
+mit einem Wort, die Unglücklichen. Nun frage ich Sie: sind Sie ein
+solcher? Nein, und deshalb verlassen Sie jetzt, bitte, dieses Lokal, das
+keine Luft enthält, die Sie imstande wären, auf die Länge einzuatmen.
+Ich kenne die Figuren, die hierher gehören! Und zur Genüge! Leben Sie
+wohl!«
+
+Und mit einer Handbewegung pflegte er solche für die Schreibstube nicht
+passende Menschen lächelnd zu entlassen. Der Verwalter besaß Schliff und
+Bildung, und er zeigte beides gelegentlich gerne vor solchen
+hereingeschneiten und hergewehten Besuchern, die mehr der Neugierde, als
+der Not wegen hierherkamen.
+
+An der Schreibstube vorüber floß ein stiller, grüner, tiefer und alter
+Kanal, ehemaliger Festungsgraben und Bindemittel zwischen dem See und
+dem fließenden Fluß, dem man das Seewasser auf solche Weise auf die
+Reise in die fernen Meere mitgab. Es war überhaupt die stillste
+Stadtgegend, die etwas Zurückgezogenes und Dörfliches an sich hatte.
+Wenn nun die Abgewiesenen die Treppe hinuntertrampelten, so setzten sie
+sich gerne noch eine Weile auf das Geländer am Bord dieses Kanals, was
+dann aussah, als wenn eine Reihe von großen, seltsamen, ausländischen
+Vögeln darauf säße. Etwas Philosophisches hatte das, und in der Tat,
+manch einer schaute hinab in die grüne, tote Wasserwelt und grübelte
+ebenso vergeblich über die Unerbittlichkeit des Schicksals nach, wie ein
+Philosoph in seinem Studierzimmer zu tun pflegt. Der Kanal hatte etwas,
+das zum Träumen und Nachsinnen aufforderte, und dazu hatten die
+Stellenlosen reichlich Gelegenheit.
+
+Die Schreibstube war zugleich ein Arbeitsmarkt für Kaufleute. Es kam zum
+Beispiel ein Herr oder eine Dame in die Stube, trat zu dem Verwalter ins
+Kabinett und wünschte auf einen oder auf ein paar Tage einen Mann, das
+heißt, eine Kraft zur Aushilfe ins Haus hinein. Dann kam der Verwalter
+in die Türeinrahmung, musterte seine Gesellen, und rief nach einiger
+Überlegung einen Mann beim Namen: dieser hatte dann eine kleine, acht-,
+ein-, zwei- oder vierzehntägige Anstellung gefunden. Das war immer ein
+neiderweckendes Ereignis, wenn einer beim Namen aufgerufen wurde, denn
+auswärts arbeitete ein jeder gern, weil der Verdienst größer und die
+Arbeit kurzweiliger war. Außerdem bekam solch ein Mann bei gutherzigen
+Leuten vormittags und nachmittags einen schönen Imbiß zum Frühstück und
+zur Vesper, was unter keinen Umständen zu verachten war. Da bestand nun
+immer ein Streben nach solchen Stellen und ein Liebäugeln mit dem
+Aufgerufenwerden. Viele glaubten sich stets ungerechterweise
+zurückgesetzt, und andere glaubten wieder, dem Verwalter und seinem
+Unterbeamten recht hofieren und schmeicheln zu sollen, um das Ersehnte
+zu erlangen. Es war ungefähr dasselbe, wie wenn ein Rudel abgerichteter
+Hunde nach einer an einem Bindfaden immer wieder hochgezogenen Wurst
+springt, wo auch einer immer glaubt, der andere hätte nicht das Recht,
+nach der Wurst zu schnappen, ohne indessen Gründe dafür angeben zu
+können. So knurrte auch hier einer den andern um des erschnappten
+Vorteiles willen an, ganz wie in der großen Handels-, Gelehrten-,
+Künstler- und Diplomatenwelt, wo es auch nicht viel anders, nur etwas
+geriebener, hochfahrender und kultivierter zugeht.
+
+Simon arbeitete auch einige Male auswärts, wie es in der abgekürzten
+Schreibstubensprache hieß, aber er hatte kein Glück damit. Das eine Mal
+wurde er von seinem Prinzipal, einem pfiffigen und ziemlich brutalen
+Liegenschafts- und Rechtsagenten, der sich beinahe als der liebe Gott
+selber vorkam, zum Teufel gejagt, weil er in einer Zeitung las, statt
+mit der Feder zu arbeiten, und das andere Mal warf er selber seinem
+Chef, einem Frucht- und Gemüsehändler _en gros_ die Feder vor die Nase
+und sagte ihm nur die Worte: »Machen Sie's selber!« Die Frau des
+Fruchthändlers wollte Simon allerhand Vorschriften machen; da brach er
+einfach ab; denn, nach seinem Gefühl, wollte ihn das Weib nur verletzen
+und demütigen, was er aber schließlich doch nicht nötig hatte sich
+bieten zu lassen; so empfand er wenigstens.
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+Siebzehntes Kapitel.
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+So vergingen einige Wochen in dem wundervollen Sommer. Simon hatte den
+Sommer noch nie so sehr als Wunder empfunden, wie dieses Jahr, wo er
+vielfach auf der Straße arbeitsuchend lebte. Es kam nichts dabei heraus,
+trotz den Bemühungen, aber es war wenigstens schön. Wenn er abends durch
+die modernen, blätterzitternden, schattenhaften, lichterzuckenden
+Straßen lief, war er immer daran, Menschen ohne weiteres mit törichten
+Worten anzusprechen, nur um zu erfahren, wie es ihm dabei erginge. Aber
+die Menschen zeigten alle nur ein verblüfftes Gesicht, weiter sagten sie
+nichts. Warum sprachen sie den Gehenden und Herumstehenden nicht an,
+forderten ihn nicht auf, mit dunkler Stimme, mitzukommen, in ein
+seltsames Haus hineinzutreten, und dort etwas zu tun, was nur müßige
+Menschen tun, Menschen, die keinen weiteren Lebenszweck im Sinne haben,
+so wie er, als den Tag vorübergehen und es Abend werden zu sehen, um am
+Abend Wunderdinge voll Taten zu erwarten? »Ich wäre zu jeder Tat bereit,
+wenn es nur eine kühne Tat wäre, die eines Unerschrockenen bedürfte,«
+sagte er zu sich. Stundenlang saß er auf einer Bank und hörte der Musik
+zu, die aus irgend einem vornehmen Hotelgarten herausrauschte, als ob
+die Nacht zu leisen Tönen sich umgewandelt hätte. Die nächtlichen
+Weibsbilder gingen an dem Einsamen vorüber, aber sie brauchten ihn nur
+schärfer zu beobachten, um sogleich zu wissen, wie es mit des jungen
+Mannes Kasse stand. »Wenn ich nur einen einzigen Menschen wüßte, den ich
+um eine Geldsumme angehen könnte,« dachte er. »Meinen Bruder Klaus? Das
+wäre nicht ehrenhaft; denn ich bekäme das Geld, aber zugleich einen
+leisen, traurigen Verweis. Es gibt Menschen, die man nicht anbetteln
+kann, weil sie zu schön denken. Wenn ich nur einen wüßte, an dessen
+Achtung mir nicht gar so sehr viel läge. Nein, ich kenne keinen. Es
+liegt mir an der Achtung aller. Ich muß warten. Eigentlich braucht man
+ja im Sommer nicht viel, aber es wird Winter! Ich habe ein wenig Furcht
+vor dem Winter. Ich zweifle nicht daran, daß es mir im kommenden Winter
+schlecht gehen wird. Nun, dann laufe ich im Schnee herum, wenn auch mit
+nackten Füßen. Was kann daran liegen. Ich laufe solange, bis mir die
+Füße brennen. Im Sommer ist das Ruhen so schön, das Liegen auf einer
+Bank unter den Bäumen. Der ganze Sommer ist wie eine erwärmte, duftende
+Stube. Der Winter ist ein Fensteraufreißen, der Wind und der Sturm
+blasen und sausen hinein, das macht einen dann sich bewegen. Da wird mir
+das Faulenzen vergehen. Es soll mir recht sein, was auch immer kommen
+mag! Wie der Sommer mir lang vorkommt. Erst einige Wochen lebe ich jetzt
+doch im Sommer, und schon so lang scheint er mir. Ich glaube, die Zeit
+schläft und dehnt sich im Schlafe aus, wenn man immer denken muß, was
+machen, um einen Tag lang mit seinem bißchen Geld auszukommen. Auch
+glaube ich, die Zeit schläft und träumt im Sommer. Die Blätter an den
+hohen Bäumen werden immer größer, in der Nacht lispeln sie, und am Tage
+schlafen sie unter dem heißen Sonnenschein. Ich zum Beispiel, was tue
+ich? Ich liege ganze Tage, wenn ich keine Arbeit habe, bei geschlossenen
+Läden im Bett, in meinem Zimmer, und lese beim Schein einer Kerze.
+Kerzen riechen so entzückend, und wenn man sie ausbläst, fließt ein
+feiner, feuchter Rauch durch das dunkle Zimmer, und es ist einem dann so
+ruhig zumute, so neu, wie einem Auferstandenen. Wie komme ich dazu,
+meine Miete zu bezahlen? Morgen müßte ich es tun. Die Nächte sind so
+lang im Sommer, weil man den Tag verbummelt und verschläft, und, sobald
+es Nacht wird, aus allerlei Sumsum und Wirrwarr aufwacht und zu leben
+anfängt. Es würde mir jetzt wie eine Sünde vorkommen, wenn ich nur eine
+einzige Sommernacht verschliefe. Überdies ist es zu schwül zum Schlafen.
+Im Sommer sind die Hände feucht und blaß, als spürten sie die
+Kostbarkeit der duftenden Welt, im Winter sind sie rot und dick, als
+wären sie über die Kälte zornig. Ja, es ist so. Der Winter macht einen
+zornig umherstampfen, im Sommer wüßte man nicht, worüber man zornig sein
+sollte, als vielleicht über den Umstand, daß man seine Miete nicht zu
+bezahlen imstande ist. Aber das hat mit dem schönen Sommer nichts zu
+tun. Ich bin auch nicht mehr zornig, ich glaube, ich habe das Talent
+verloren, mich zu erzürnen. Es ist Nacht, und der Zorn, das ist etwas so
+Taghelles, Rotes, Feuriges, wie nur irgend etwas sein kann. Morgen werde
+ich mit meiner Wirtin reden.« --
+
+Am nächsten Morgen schob er seinen Kopf in die Türe des Zimmers, wo
+seine Wirtin wohnte und fragte sie in absichtlich scharfer Betonung, ob
+er ein Wort mit ihr reden dürfe, ob sie dazu Zeit habe.
+
+»Freilich! Was es denn sei?«
+
+Simon sprach: »Ich kann Ihnen den Mietzins für diesen Monat nicht
+bezahlen. Ich versuche gar nicht, Ihnen begreiflich machen zu wollen,
+wie peinlich mir das ist. Das kann ein jeder sagen in einem derartigen
+Fall. Dagegen setze ich voraus, daß Sie mir das Bestreben zutrauen,
+Mittel und Wege zu ersinnen, um zu einer ansehnlichen Summe Geldes zu
+gelangen, damit ich meine Schuld so bald wie möglich tilgen kann. Ich
+wüßte Menschen, von denen ich Geld bekäme, wenn ich nur wollte, aber
+mein Stolz verbietet mir, von Menschen, die ich mir verbunden wissen
+will, Geld auf Darlehn anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen
+an, sehr gerne sogar; denn Frauen gegenüber habe ich ganz besondere,
+nach einer anderen Ehre abzumessende Empfindungen. Wollen Sie mir, Sie,
+Frau Weiß meine ich, das Geld vorstrecken, erstens das Geld für die
+Miete, und dann noch eine kleine Zugabe zum Weiterexistieren? -- Haben
+Sie nun das Gefühl, daß ich Ihnen unverschämt komme? Sie schütteln den
+Kopf. Ich glaube, daß Sie Zutrauen zu mir haben. Sie sehen, wie ich bei
+einer solchen Zumutung erröte, Sie erblicken mich nicht ohne
+Verlegenheit in diesem Moment. Aber ich pflege etwas rasch Entschlüsse
+zu fassen und sie prompt auszuführen, müßten sich mir dabei auch die
+Lungen zusammenschnüren. Von einer Frau nehme ich gern auf Vorschuß an,
+weil ich einer Frau gegenüber keiner Betrügereien fähig bin. Männer kann
+ich, wenn es die Lage erfordert, belügen, ohne Erbarmen, glauben Sie mir
+das. Frauen niemals. Wollen Sie mir wirklich so viel Zuschuß geben?
+Damit lebe ich einen halben Monat lang. Bis dahin wird sich Vieles
+verbessern in meiner jetzigen Lage. Ich danke Ihnen noch gar nicht
+einmal. Sehen Sie, so einer bin ich. Ich habe noch selten einmal im
+Leben einem Menschen die Gefühle meiner Dankbarkeit ausgedrückt. Ich bin
+Stümper im Danken. Nun, ich muß da allerdings sagen, Wohltaten habe ich
+auch, wo nur möglich, immer verschmäht. Eine Wohltat! Ich empfinde es
+wahrhaftig in diesem Moment, was eine Wohltat ist. Ich sollte eigentlich
+das Geld nicht annehmen.«
+
+»Sie sind einer, Sie!«
+
+»Nun, ich behalte es auch. Besorgen Sie nur nicht, daß es Ihnen nicht
+zurückgegeben wird. Ich bin vorläufig ganz glücklich durch das Geld.
+Geld ist doch eine Sache, die nur Strohköpfe verachten können.«
+
+»Wollen Sie schon wieder gehen?«
+
+Simon war bereits wieder zur Türe hinausgegangen und hatte sich in sein
+Zimmer zurückgezogen. Es war ihm unangenehm, oder er tat so, als ob es
+ihm unangenehm wäre, weiter über diesen Gegenstand zu reden. Übrigens
+hatte er ja erreicht, was er wollte, und er liebte es nicht, sich lange
+zu entschuldigen, oder Versprechungen zu geben, wenn er jemand um einen
+Dienst gebeten hatte, der ihm erwiesen wurde. Er würde, falls er einmal
+der Geber wäre, auch keine Exküsen und Beteuerungen verlangen; fiele ihm
+niemals ein. Entweder habe man Vertrauen und Sympathie und gebe, oder
+man drehe dem Bittenden einfach kalt den Rücken, weil er einem widerlich
+sei. »Ich bin ihr keineswegs widerlich gewesen, denn ich habe bemerkt,
+daß sie mir mit einer Art schneller Freude das Geld gegeben hat. Es
+kommt alles auf das Benehmen an, wenn man seine Zwecke erreichen will.
+Es machte dieser Frau Vergnügen, mich ihr zu verpflichten, weil ich
+wahrscheinlich in ihren Augen ein passabler Mensch bin. Unangenehmen
+Menschen will man nichts geben, weil man sie sich nicht gern verbindet;
+denn eine Verpflichtung, wie das Abbezahlen einer Schuld ist, verbindet,
+bringt in Berührung, nähert, traut sich heran, muß nahe sein und ist
+beständig nahe. Wie wenig beneidenswert ist es, widerliche Schuldner zu
+haben. Solche Menschen sitzen förmlich auf dem Nacken der Gläubiger, man
+möchte ihnen die Schuld erlassen, nur um sie von sich abzuschütteln. Es
+ist ganz reizend, zu sehen, wie unbedenklich und behende einem gegeben
+wird; denn das ist das beste Zeugnis dafür, daß man noch Menschen um
+sich hat, denen man angenehm ist.« --
+
+Er trat, indem er das erhaltene Geld in die Westentasche gleiten ließ,
+an das Fenster und bemerkte unten in der engen Gasse eine
+schwarzgekleidete Dame, die irgend etwas zu suchen schien; denn sie bog
+öfters ihren Kopf gegen die Höhe hinauf, wobei einmal ihre Augen
+diejenigen Simons trafen. Es waren große, dunkle Augen, echte
+Frauenaugen, und Simon mußte unwillkürlich an Klara denken, die er schon
+so lang nicht mehr gesehen, ja beinahe schon vergessen hatte. Aber es
+war Klara nicht. Die schöne Erscheinung in der tiefen Gasse mit ihrem
+vornehmen, üppigen Kleid bildete einen sonderbaren Gegensatz zu den
+finstern und schmutzigen Mauern, zwischen denen sie langsam
+dahinschritt. Simon hätte ihr zurufen mögen: »Bist du's, Klara?« Aber
+schon verschwand die Gestalt um eine Ecke herum, und nichts blieb von
+ihr in der Gasse zurück als ein Duft von Wehmut, den Schönes an
+finsteren Orten immer hinterläßt. »Wie schön wäre es gewesen, und wie
+passend in dem Moment, als sie hinaufschaute, ihr eine große, dunkelrote
+Rose hinabzuwerfen, daß sie sich darnach gebückt und sie aufgehoben
+hätte. Sie würde dazu gelächelt haben und würde sehr erstaunt gewesen
+sein, in einer so armseligen Gasse einem so freundlichen Gruß zu
+begegnen. Eine Rose würde zu ihr gepaßt haben, wie ein bittendes und
+weinendes Kind zu seiner Mutter. Aber woher teure Rosen nehmen, wenn man
+eben erst die Güte Anderer hat in Anspruch nehmen müssen, und wie
+vorausmerken, daß gerade um neun Uhr vormittags eine schöne
+Frauengestalt durch die Gasse kommt, die doch die dunkelste aller Gassen
+ist, während diese Frau das Vornehmste zu sein scheint, was ich je an
+Frauen erblickt habe?«
+
+Er träumte noch lange Zeit der Dame nach, die ihn so seltsam an die
+vergessene und verschwundene Klara erinnert hatte, und verließ dann das
+Zimmer, eilte die Treppen hinunter, lief die Straßen entlang, verbrachte
+den Tag mit Nichtstun und befand sich gegen Abend in einem äußersten
+Viertel der weit sich erstreckenden Stadt. Hier wohnten die Arbeiter in
+verhältnismäßig schönen, hohen Häusern; wenn man aber die Häuser
+schärfer betrachtete, so fiel einem eine gewisse kahle Verwahrlostheit
+auf, die die Wände hinauflief, zu den eintönigen, kalten
+Fenstervierecken hinausschaute und auch auf den Dächern saß. Die hier
+beginnende Wald- und Wiesenlandschaft bildete einen sonderbaren
+Gegensatz zu den hohen und doch armseligen Baukästen, die diese Gegend
+eher verunzierten als schmückten. Daneben bemerkte man noch etliche,
+liebenswürdig gebaute, niedere, alte Landhäuser, die in der Gegend lagen
+wie Kinder im warmen Mutterschoß. Hier bildete das Land einen
+waldbedeckten Hügel, unter dem die Eisenbahn durch einen Tunnel
+durchfuhr, nachdem sie eben das Häusergewirr verlassen hatte. Der Abend
+beleuchtete die Wiesen, man fühlte sich hier schon auf dem Lande, die
+Stadt mit ihrem Geräusche lag hinten. Simon empfand die Unschönheit der
+Arbeiterhäuser nicht, denn er empfand das ganze Gemisch von Stadt und
+Land, das hier ein sonderbares, anmutvolles Bild darbot, als schön. Wenn
+er durch eine kahle, steinerne Straße ging und dicht daneben die warme
+Wiese spürte, so war ihm das eigenartig, und wenn er gleich darauf einen
+schmalen, erdigen Weg durch Wiesen hindurchschritt, was schadete es
+dann, zu wissen, daß es eigentlich Stadtboden, nicht Landboden war. »Die
+Arbeiter wohnen hier sehr schön,« dachte er, »sie haben durch jedes
+ihrer Fenster waldige, grüne Aussicht und wenn sie auf ihren kleinen
+Balkonen sitzen, so genießen sie eine gute, starke, würzige Luft und
+eine unterhaltende Rundsicht über Hügel und Rebberge. Wenn die neuen,
+hohen Häuser auch die alten erdrücken und schließlich vom Boden
+verjagen, so muß man bedenken, daß die Erde nie still steht, und daß
+sich die Menschen immer regen müssen, sei es auch in einer für den
+Moment nicht gerade lieblichen Form. Eine Gegend ist immer schön, weil
+sie immer von der Lebendigkeit der Natur und der Baukunst Zeugnis
+ablegt. So in eine hübsche Wiesen- und Waldgegend hineinzubauen, scheint
+zuerst etwas barbarisch, aber jedes Auge findet sich am Ende mit der
+Vereinigung von Haus und Welt ab, findet allerhand reizvolle
+Durchsichten an Hauswänden vorbei und vergißt das ärgerlich-kritische
+Urteil, das doch nie Besseres stiftet. Man braucht die alten Häuser
+nicht wie ein Baugelehrter mit den neuen zu vergleichen und kann an
+beiden Arten seine Freude haben, an dem Demutvollen und am Hochmütigen.
+Wenn ich ein Haus stehen sehe, so muß ich nicht meinen, es, weil es mir
+nicht schön genug vorkommt, umblasen zu können; denn es steht doch
+ziemlich fest da, beherbergt viele fühlende Menschen und ist deshalb
+immerhin eine respektable Erscheinung, an deren Erstehen zahlreiche
+fleißige Hände gearbeitet haben. Die Schönheitssucher müssen vielfach
+empfinden, daß es allein mit dem Suchen nach Schönheit in der Welt noch
+lange nicht getan ist, daß da noch anderes zu finden ist, als das Glück,
+vor einer reizenden Antiquität stehen zu bleiben. Das Ringen der armen
+Leute nach ein bißchen Frieden, ich meine die sogenannte Arbeiterfrage,
+ist doch sozusagen auch etwas Interessantes und muß einen wackeren Geist
+mehr beleben als die Frage, ob ein Haus schlecht oder gut in der
+Landschaft steht. Was gibt es nur für müßige, schönredende Köpfe auf der
+Welt. Gewiß: jeder denkende Kopf ist wichtig und jede Frage kostbar,
+aber es dürfte anständiger und für die Köpfe ehrender sein, zuerst
+Lebensfragen zu erledigen, bevor die zierlichen Kunstfragen erledigt
+werden. Nun sind aber allerdings Kunstfragen bisweilen auch
+Lebensfragen, aber Lebensfragen sind in noch weit höherem und edlerem
+Sinne Kunstfragen. Ich denke jetzt natürlich so, weil für mich das
+Weiterexistieren zu allererst in Frage kommt, weil ich Adressen schreibe
+im kargen Tagelohn, und ich kann mit der hochnäsigen Kunst nicht
+sympathisieren, weil sie mir im Augenblick als das Nebensächlichste in
+der Welt vorkommt; und in der Tat, man denke einmal, was ist sie gegen
+die sterbende und immer wieder erwachende Natur. Was hat die Kunst für
+Mittel, wenn sie einen blühenden, duftenden Baum darstellen will, oder
+das Gesicht eines Menschen? Gut, ich denke jetzt ein bißchen frech, von
+oben herab, nein, eher ein wenig wütend von unten herauf, aus der Tiefe,
+wo einem das Geld fehlt. Das ganze ist, ich bin kritisch und zugleich
+wehmütig, weil ich kein Geld habe. Ich muß zu Geld gelangen, das ist
+ganz einfach. Geliehenes Geld ist kein Geld, man muß es verdienen oder
+stehlen oder geschenkt bekommen. -- Und dann ist noch eines: der Abend!
+Am Abend bin ich meist müde und mutlos.«
+
+Während er auf diese Weise dachte, war er eine ziemlich ansteigende,
+kurze Straße hinaufgegangen, und blieb jetzt vor einem Hause stehen, aus
+dem ihn, zu einem geöffneten Fenster hinaus, ein Frauenkopf anschaute.
+Simon meinte in die Augen der Frau wie in eine ferne, versunkene Welt zu
+blicken, als ihm schon eine wunderbar bekannte Stimme zurief: »Ach,
+Simon, du bist es! Komm doch herauf!«
+
+Es war Klara Agappaia.
+
+Er erblickte sie, als er hinaufgesprungen war, in einem schweren,
+dunkelroten Kleid am Fenster sitzen. Die Arme und die Brust waren nur
+halb von dem herrlichen Stoff bedeckt. Das Gesicht war blasser geworden,
+seit der Zeit, da er sie zum letzten Mal gesehen. In ihren Augen brannte
+ein tieferes Feuer, aber der Mund war zugekniffen. Sie lächelte und gab
+ihm die Hand. In ihrem Schoße lag ein geöffnetes Buch, offenbar ein
+Roman, den sie zu lesen angefangen hatte. Zuerst vermochte sie nicht zu
+reden. Es schien ihr Scham und Mühe zu bereiten, zu fragen, zu erzählen.
+Sie schien bemüht zu sein, eine Fremdheit abzuschütteln, die sie in sich
+fühlen mochte vor ihrem jungen, einstigen Freund. Ihr Mund schien zu
+weinen, sobald er sich öffnen und weicher werden wollte. Ihre schönen,
+langen, üppigen Hände schienen die Sprache übernommen zu haben,
+wenigstens so lange, bis ihr Mund sich aus der Befangenheit löste. Sie
+musterte Simon absolut nicht, so wie man lange nicht Gesehene zu
+beobachten pflegt, sondern sah nur in seine Augen, deren ruhiger
+Ausdruck ihr wohltat. Sie ergriff wieder seine Hand und sagte endlich:
+
+»Gib mir die Hand, laß mich zu dir sein, wie zu meinem Knaben, der mich
+schon versteht, so wie er nur das Rauschen meines Gewandes aus dem
+Nebenzimmer nahen hört, der mich mit dem Blick seiner Augen erfaßt, dem
+ich nichts zu sagen, nicht einmal etwas in die Ohren zu flüstern
+brauche, um ihm Geheimnisse zu verstehen zu geben; dessen Dasitzen,
+Kommen, Gehen, Stehen und Liegen mir sagt, daß er sein ganzes Gefühl nur
+hat, um seine Mutter zu verstehen; zu dem man sich herabneigt, zur Erde,
+vor seine Füße, um ihm die Schuhe besser zu binden, wenn die Bändel sich
+gelockert haben; dem man einen Kuß gibt, wenn er mutig und brav gewesen
+ist; für den man alles Geheime offen hat; vor dem man nicht wüßte irgend
+noch Geheimes zu haben; dem man alles gibt, auch wenn er ein kleiner
+Verräter ist und seine Mutter lange, lange hat vernachlässigen können,
+so wie du, auch wenn er sie hat vergessen können, wie du. Nein, du
+konntest mich nie vergessen. Du hast mich wohl öfters im Trotz
+abschütteln wollen, aber wenn dir eine Frau begegnete, die mir nur in
+einem kleinen Härchen ähnlich sah, so glaubtest du mich zu sehen und
+gefunden zu haben. Hast du da nicht gezittert, ist dir nicht gewesen,
+bei solch einem täuschenden Begegnen, als wenn sich dir plötzlich über
+einer hellen, in Stein gehauenen, herrlichen Treppe Flügeltüren geöffnet
+hätten, um dich in ein Gemach voll Wiedersehenslust einzulassen? Was ist
+Wiedersehen für eine Freude! Wenn man sich verloren hat, auf der Straße
+oder auf dem Lande, und nach einem Jahr sich dann, so ohne weiteres, so
+still wiederfindet, an einem solchen Abend, wo schon die Glocken die
+Ahnung des Wiedersehens in die Welt hinausläuten, so gibt man sich die
+Hände und denkt nicht mehr an die Trennung und an die Ursache der langen
+Abschweifung. Laß mir deine Hände! Deine Augen sind noch eben so gut und
+schön. Du bleibst dir gleich. Jetzt kann ich dir erzählen:
+
+Als wir alle, Kaspar, ich und du, im letzten Sommer aus dem Waldhaus,
+weißt du noch, herausgehen mußten, und ihr Brüder dann verschwandet,
+wohin, wußte ich nicht, mietete ich mir unten in der Stadt ein elegantes
+Zimmer, sehnte mich nach euch und blieb eine Zeitlang trostlos. Gegen
+den Winter schien alles um mich herum in ein rotes Licht getaucht zu
+sein, ich vergaß alles, und warf mich in das Gewirr der Vergnügungen;
+denn ich besaß noch einen kleinen, aber für die hiesigen Verhältnisse
+ziemlich großen Rest meines Vermögens. Ich verbrauchte ihn und bekam
+dafür die Erkenntnis, daß man oft des Rausches bedarf, um sich über den
+Wellen des Lebens einigermaßen hoch zu halten. Ich hatte eine Loge im
+Theater, aber das Theater interessierte mich weit weniger, als die
+Bälle, wo ich zeigen konnte, daß ich schön und voll Laune war. Die
+jungen Männer schwärmten um mich herum, und ich erblickte nichts, das
+mir hätte verbieten können, sie alle zu verachten und sie meine Launen
+fühlen zu lassen. Ich dachte an euch beide und wünschte oft mitten unter
+all den Anschwärmungen, die so sehr aller Männlichkeit entbehrten, eure
+ruhigen Gesichter und offenen Manieren herbei. Da kam ein dunkler,
+schwarzer Mann auf mich zu, Student am Polytechnikum, schwer und
+täppisch von Ansehen, Türke, große, bezwingende Augen, und tanzte mit
+mir. Nach dem Tanze besaß er mich mit Seele und Leib, ich war sein. Es
+gibt für uns Frauen, wenn wir in Vergnügungen dahinrauschen, eine Art
+Männer, die uns nur im Tanzsaal bezwingen können. Wäre er mir an einem
+andern Ort begegnet, ich hätte ihn vielleicht ausgelacht. Er benahm sich
+vom ersten Augenblick an mir gegenüber als mein Herr und ich wußte nur
+zu erstaunen über seine Frechheit, nicht, mich zu wehren. Er befahl mir:
+so: und jetzt so! Und ich gehorchte. Im Gehorchen können wir Frauen,
+wenn es uns danach hinzieht, Außerordentliches leisten. Wir nehmen dann
+alles hin und wünschen uns, vielleicht aus Scham und Zorn, den Geliebten
+noch brutaler, als er ist. Er kann uns dann nicht grausam genug
+entgegentreten. Dieser Mann sah mein letztes Geld absolut als das seine
+an, ich auch, und ich gab es ihm, ich gab ihm alles. Als er mich genug
+gedrückt, tyrannisiert, ausgesogen und ausgebeutet hatte, ging er eines
+Tages fort, in sein Heimatland, nach Armenien zurück. Seine Knechtin,
+ich, versuchte nicht, ihn daran zu verhindern. Ich fand alles, was er
+tat, in der Ordnung. Auch wenn ich ihn weniger geliebt hätte, als wie es
+der Fall war, so hätte ich ihn ziehen lassen; denn dann würde mein Stolz
+es mir verboten haben, ihn aufzuhalten. So hatte ich ihm einfach zu
+gehorchen, als er mir befahl, ihm zur Abreise behülflich zu sein: meine
+Liebe gehorchte gern. Es erniedrigte mich nicht, ihn zum Abschied zu
+küssen, ihn, der mich kaum noch eines Blickes würdigte. Er sprach die
+Hoffnung aus, mich später, wenn seine Verhältnisse es ihm erlauben
+würden, mit in seine Heimat zu nehmen, um mich zu seiner Ehefrau zu
+machen. Ich empfand, daß es eine Lüge war, aber ich fühlte keine
+Bitterkeit. Gegen diesen Mann war jede unschöne Empfindung in mir ein
+Ding der Unmöglichkeit. Ich habe von ihm ein Kind, ein Mädchen, es
+schläft dort im Nebenzimmer.«
+
+Klara hielt einen Augenblick inne, lächelte Simon an, und fuhr dann
+fort:
+
+»Ich war gezwungen, eine Stelle zu suchen, und fand sie bei einem
+Photographen als Empfangsdame. Die Bewerbungen und Heiratsanträge, die
+man mir vielfach entgegenbrachte, da ich mit einem großen Publikum zu
+tun bekam, schlug ich alle lächelnd ab. Alle Männer dachten von mir:
+»Sie hat etwas so Zartes, Hausmütterliches, das wäre eine!« Aber ich
+wurde für keinen eine! Meine Stellung gestattete mir noch einen
+ziemlichen Aufwand, wenigstens konnte ich die schönen Kleider alle
+behalten, was mir jetzt noch zustatten kommt. Mein Prinzipal war ein
+Mann, den ich achten durfte, das erleichterte mir um vieles meine
+Arbeit, die ich, wie in einem leisen, angenehmen Traum befangen,
+verrichtete. Ich hatte mir für das Publikum ein ganz bestimmtes,
+zuckendes Lächeln angewöhnt, ich machte mich damit beliebt, allen
+erschien ich liebenswürdig und ich lockte Kunden heran, was meinen Chef
+zu einer Salär-Erhöhung veranlaßte. Damals war ich beinahe glücklich.
+Alles schwand mir in schöne, süße Erinnerungen dahin. Ich fühlte
+das Herannahen des Mutterschmerzes, und das trug zu einer
+wehmutvoll-glücklichen Stimmung bei. Es schneite, daß die Straße ganz
+in Flocken eingehüllt wurde. Und wenn ich abends durch die verschneiten
+Straßen hinging, dachte ich an euch Brüder, an dich und an Kaspar und
+viel, sehr viel an Hedwig, der ich in Gedanken und Gefühlen dankbare
+Huldigungen darbrachte. »Ich hab ihr doch ein einziges Mal schreiben
+dürfen. Sie hat nicht geantwortet. Aber es ist doch schön so,« dachte
+ich. Dann kam ich mir selber so schön vor, wenn ich so dachte. Ich wurde
+immer mehr erfüllt von allem, und ging immer in ganz langsamen
+Schritten, jeden Schritt fühlte ich als Menschenwohltat. Ich gab
+indessen das elegante Zimmer im Zentrum der Stadt auf und mietete mich
+hier ein, da, wo du mich jetzt siehst. Ich fuhr morgens und abends mit
+der »Elektrischen« hin und zurück und lenkte immer die Blicke aller
+Mitfahrenden auf mich. Es war etwas Seltsames an mir, ich fühlte es
+selber. Viele fingen unbewußt mit mir zu sprechen an, einige, nur um ein
+Wort mit mir zu wechseln, andere, um meine Bekanntschaft zu machen. Aber
+das letztere hatte wenig Reiz mehr für mich. Ich glaubte alles von
+vornherein kennen zu sollen, ich hatte ein so bestimmtes, ablehnendes,
+aber zugleich sanftes, mir selber wohltuendes Gefühl dabei. Die Männer!
+Wie oft wurde ich von ihnen angesprochen. Sie glichen neugierigen
+Kindern, die wissen wollten, was ich machte, wo ich wohnte, wen ich
+kannte, wo ich zu Mittag aß und was ich abends zu treiben pflegte. Sie
+erschienen mir wie unschuldige, etwas vorwitzige Kinder; so war ich
+damals. Nie begegnete ich einem einzigen grob, ich hatte es nicht nötig;
+denn es wurde mir gegenüber kein einziger unverschämt: ich war ihnen
+eine Dame, die zugleich verlockte und erkältete. Einmal sprach mich ein
+kleines, geistreich aussehendes Mädchen an, es war Rosa, du kennst sie
+ja. Sie enthüllte mir ihr ganzes Leiden und Leben, wir wurden
+Freundinnen, und jetzt hat sie sich verheiratet, obschon ich ihr davon
+abgeraten hatte. Sie besucht mich öfters, mich, die Königin der
+Armen!« --
+
+Wieder schwieg Klara einen Augenblick, während sie Simon kindlich-lustig
+anblickte, und sprach dann weiter:
+
+»Die Königin der Armen! Ja, das bin ich. Siehst du nicht, wie deine
+Klara fürstlich angezogen ist? Das ist noch ein Stück aus meiner
+Ballgarderobe: hinten ausgeschnitten! Ich bin meinem Stand als Fürstin
+schon etwas Aufwand schuldig. Das sehen meine Angehörigen gerne, sie
+haben Sinn für Hoheit, die Pracht eines Ballkleides nimmt sich in dieser
+Gegend der fleckigen, grauen Frauengewänder einzig aus. Man muß
+abstechen, lieber Simon, wenn man beeinflussen will, doch höre der Reihe
+nach ruhig weiter. Was bist du für ein flotter, angenehmer Zuhörer. Das
+verstehst du, einem zuzuhören, wie keiner! Das ist einer deiner Vorzüge!
+Es erzählt sich dir so natürlich, so schön: Ich lernte, als ich hier in
+dieses entlegene Viertel hinauszog, langsam aber immer wachsend, die
+Armen lieben, die auf die andere, dunkle Seite der Welt Gedrängten, das
+Pack, wie der Titel lautet, mit dem man eine Welt voll Sehnen und Mühsal
+tituliert. Ich sah, daß ich hier nötig sein konnte, und ich richtete
+mich, ganz ohne Zwang und Aufsehen, so ein, daß ich nötig geworden bin.
+Wenn ich sie heute verlasse, so jammern diese Leute, diese Weiber,
+Kinder und Männer. Im Anfang hatte ich Abscheu und Ekel vor ihrem
+Schmutz, aber ich sah, daß dieser Schmutz gar nicht so garstig in der
+Nähe war, als wie er aus der steifen, hochtrabenden Entfernung aussieht.
+Ich lehrte meine Hände, ja, meinen Mund sogar, wie man diese Kinder zu
+berühren hatte, deren Gesichter nicht die saubersten waren. Ich gewöhnte
+mich daran, die rauhen Hände der Arbeiter und Taglöhner zu drücken, und
+bemerkte rasch die Zartheit, womit diese Leute einem die Hand reichen.
+Ich fand vieles in dieser Welt, was mich an euch, an dich und Kaspar,
+erinnerte. Es war jedenfalls viel Feinheit und viel Verborgenes, das
+mich lockte, mich zur Herrin und Bevormundin dieser Menschen zu machen.
+Es war leicht und schwer zugleich zu machen. Da waren die Weiber! Wie
+viel Mühe brauchte es, sie von ihren Gebrechen und abscheulichen Fehlern
+so zu überzeugen, daß sie allmählich Lust bekamen, sich von ihrer
+Schmach zu befreien. Ich gewöhnte sie an den Segen und an die Lust der
+Reinlichkeit, und ich sah, daß sie nach langem, mißtrauischem Zaudern
+endlich Freude dabei empfanden. Die Männer erwiesen sich als lenksamer;
+denn ich war schön: so gehorchten sie mir besser, waren talentvoller im
+Erfassen meiner so einfachen Lehren. Simon! Wenn du wüßtest, wie es mich
+glücklich macht, diesen Armen eine innige Erzieherin zu werden! Wie
+wenig braucht man zu wissen, um an Kenntnissen noch Ärmere zu finden,
+die man leiten kann. Nein, die Wissenschaft macht es nicht allein aus.
+Hier bedarf es des Mutes und der Lust, energisch Stellung zu nehmen,
+sich die Stellung durch Stolz und Milde zu sichern und leidenschaftlich
+aufzutreten. Ich gewöhnte mir eine Sprache an, die alle Bildung, die ich
+besaß und die ich schenken konnte, leicht faßlich erklärte, in
+Ausdrücken, wie das niedrige, erniedrigte Volk sie liebt. So wurde ich
+ihre Herrscherin, indem ich mich ihren Gedanken und Gefühlen, oft gegen
+meinen Geschmack, anpaßte. Aber nach und nach wurde es mein Geschmack.
+Wenn ein Mensch beeinflußt, hat er zugleich auch die Gabe, sich
+unmerklich ebenfalls von den Beeinflußten beeinflussen zu lassen. Das
+Herz und die Gewohnheit besorgen das leicht. Als ich dann eines Tages im
+Bett lag, um mit Schmerzen das Kind zu erwarten, das dort nebenan
+schläft, kamen sie zu mir, die Frauen und Mädchen, besorgten und
+pflegten mich und taten mir Gutes, bis ich wieder aufstehen konnte. Ihre
+Männer fragten voll Kummer nach mir, während der Zeit, und als sie mich
+wieder sahen, schienen sie beglückt zu sein, mich noch schöner als
+früher zu finden. So ehrten sie ihre Fürstin. Das war im Frühling. Ich
+saß, noch etwas schwach von der Geburt, in meinem Zimmer wie unter
+Blumen; denn sie brachten mir alle Blumen, soviel sie nur bringen
+konnten. Ein junger reicher Mann aus der Nachbarschaft besuchte mich oft
+und ich litt es, wenn er mir zu Füßen saß; denn ich empfand darin eine
+Ehrung, und von ihm war es zart. Eines Tages flehte er mich an, ich möge
+seine Frau werden, ich wies auf das Kind, doch das ermunterte ihn nur,
+seine Anträge, die mich auf einmal seltsam berührten, an den folgenden
+Tagen zu wiederholen. Er erzählte mir sein ganzes, leeres, umhergejagtes
+Leben, ich fühlte Mitleid mit ihm und habe ihm versprochen, seine Frau
+zu werden. Er ist mit einem Wink, einem Blick von mir zufrieden und
+liebt mich so, daß ich es jeden Augenblick fühlen muß. Wenn ich ihm
+sage: »Artur, es ist unmöglich,« so erbleicht er, und ich muß ein
+Unglück erwarten. Er steht unvergleichbar hilflos vor mir in der Welt
+da. Ich habe nicht die Kraft, ihn unglücklich zu machen. Außerdem ist er
+reich, und ich brauche Geld für mein Volk, er wird es dazu hergeben. Er
+tut alles, was ich will. Er erlaubt mir nicht, zu bitten, er bittet
+mich, ihm zu gebieten. So steht es mit ihm. Er wird jetzt gleich kommen,
+dann werde ich dich ihm vorstellen. Oder willst du gehen? Du machst
+Miene dich zu entfernen. Dann geh! Es ist vielleicht besser. Ja, es ist
+besser. Er würde mißtrauisch werden. Er ist schrecklich in dieser
+Hinsicht. Er ist imstande und schlägt sich den Kopf an der Wand blutig,
+wenn er einen jungen Mann bei mir sieht. Außerdem will ich niemanden bei
+mir sehen, wenn du da bist. Und wenn andere da sind, sollst du nicht da
+sein. Ich will dich allein, ganz allein für mich haben. Ich muß dir noch
+vieles sagen, wie alles kam. Die Menschen sagen so viel, aber das
+richtige? -- Geh jetzt. Ich weiß, daß du bald wiederkommst. Übrigens
+werde ich dir schreiben. Hinterlasse mir deine Adresse. So, leb wohl!«
+
+Auf der Treppe, als er hinunterstieg, begegnete Simon einer dunklen,
+fliegenden Gestalt: »Das wird wohl dieser Artur sein,« dachte er und
+ging seines Weges weiter. Es war Nacht geworden. Er schlug einen
+kleinen, schmalen Feldweg ein und drehte sich, nachdem er ein paar
+Schritte gegangen war, zurück, das Fenster war jetzt geschlossen,
+dunkelrote Vorhänge hinter demselben waren vorgezogen, die seltsam
+düster leuchteten im Lichte einer Lampe, die wohl eben angezündet wurde.
+Ein Schatten bewegte sich hinter der Gardine, es war Klaras Schatten.
+Simon ging weiter, langsam, in tiefen Gedanken. Er hatte es durchaus
+nicht eilig, in die Stadt zu gelangen. Dort wartete niemand auf ihn.
+Morgen würde er wieder in der Schreibstube schreiben. Es war höchste
+Zeit, nun endlich stramm ins Zeug zu gehen, zu arbeiten, etwas Geld zu
+verdienen. Vielleicht bekäme er auch endlich wieder einmal einen Posten.
+Er lachte, als er das Wort »Posten« ausdachte. Als er in der Stadt
+ankam, war es bereits sehr spät geworden. Er trat in eine noch offene
+Singspielhalle ein, um sich zu zerstreuen, bekam aber nicht viel Gutes
+zu sehen. Ein Komiker trat auf, den er wünschte, als ganz gewöhnlichen
+Menschen unter dem zuschauenden Publikum verschwinden zu sehen, der
+eigentlich für das, was er darbot, verdient hätte, geohrfeigt zu werden.
+Doch nein! Simon empfand bald das lebhafteste Mitleid mit diesem armen
+Schlucker, der die Beine, die Arme, die Nase, den Mund, die Augen und
+sogar die armseligen, knochigen Wangen verrenken mußte, um nicht einmal,
+nach solchen Qualen, zu erzielen, was sein Ziel war: Komik! Er hätte
+»Pfui« ausrufen mögen und doch wieder nur »Ach«! Man sah dem Manne
+deutlich an, daß er ein ehrlicher, braver und nicht besonders geriebener
+Mann sein mußte: um so abscheulicher wirkte sein Tun auf der Bühne, das
+nur für Menschen paßt, die eben so geschmeidig wie liederlich sein
+müssen, wenn sie ein abgerundetes, wohltuendes Bild darbieten wollen.
+Eine Ahnung sagte Simon, daß dieser Komiker vor kurzem vielleicht noch
+einen stillen, festen Beruf ausgeübt hatte, von dem er wohl wegen irgend
+eines Versehens oder Vergehens verdrängt worden war. Ihm war der ganze
+Mann tief beschämend und widerlich. Dann trat eine kleine, junge
+Sängerin auf, in der knappen, anschließenden Tracht eines
+Husarenoffiziers. Das war besser; denn es streifte an Kunst, was das
+Mädchen darbot. Alsdann zeigte sich ein Jongleur, der aber besser daran
+würde getan haben, Korke aus Flaschen zu ziehen, als Flaschen auf seiner
+Nasenspitze balancieren zu lassen, was er überaus kindisch und
+geschmacklos verrichtete. Er stellte eine brennende Lampe auf seinen
+flachen Kopf und stellte an die Zuschauer die Zumutung, das als ein
+Kunstwerk aufzufassen. Simon hörte noch einen Knaben ein Lied singen,
+das gefiel ihm, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem guten
+Eindruck. Er trat wieder auf die Straße.
+
+Es gingen nur noch spärlich Menschen umher. In einer Seitengasse schien
+Streit zu sein, und in der Tat, als Simon näher heranging, sah er eine
+wüste Szene: zwei Mädchen schlugen, die eine mit der Faust, die andere
+mit dem roten Sonnenschirmchen, aufeinander los. Den Kampf beleuchtete
+eine einsame, melancholische Laterne, die die Gesichter teilweise
+erhellte. Die Kleider und Hüte der Mädchen waren nur noch Fetzen, und
+dabei schrieen sie beide, nicht so sehr aus Wut, als aus Schmerz und
+zwar auch nicht wegen der Hiebe, sondern aus einem Rest von Schamgefühl
+heraus, sich so tierisch elend benehmen zu sehen. Es war ein
+schrecklicher aber nur kurzer Kampf, dem ein erscheinender Schutzmann
+ein Ende machte. Er führte beide Mädchen ab, sowie einen elegant
+gekleideten Herrn ebenfalls, der die Ursache des Streites zu sein
+schien. Ein Briefbote hatte den Anzeiger gespielt und bildete sich jetzt
+viel darauf ein. Die Mädchen kehrten ihre ganze Wut nun dem Briefträger
+zu, der sich infolgedessen aus dem Staube machte.
+
+Simon ging nach Hause. Als er aber in seiner Gasse ankam, bemerkte er
+einen Trupp Menschen, die lachten und schrieen, und zwar war es ein
+Weib, das die Aufmerksamkeit der nächtlichen Käuze auf sich lenkte. Sie
+hieb nämlich mit einer Gerte auf einen betrunkenen Mann los, der wohl
+ihr eigener sein mochte und den sie aus irgend einer kleinen Kneipe
+herausgeschleppt hatte. Dabei schrie sie in einem fort, und als Simon in
+die Nähe kam, klagte sie diesem in lauten, schreienden Worten vor, was
+sie für einen Lump von Mann hätte. Mit einem Male schoß aus der Höhe des
+Hauses, unter welchem die Gruppe stand, ein Strahl Wasser herunter und
+netzte die Köpfe und Kleider der Untenstehenden auf eine boshafte Weise.
+Es war Sitte in diesem Viertel der Altstadt, auf Nachtschwärmer, die
+Lärm verübten, Wasser hinunterzuleeren. Die Sitte mochte schon ein
+ehrwürdiges geheiligtes Alter besitzen, aber es war doch jedesmal für
+die Betroffenen eine empörend neue und überraschende Sache. Alles
+fluchte gegen die Weibsperson hinauf, die in weißer Nachtjacke oben im
+Fensterrahmen stand und wie ein übelwollender, böser Geist
+hinunterschaute. Simon vor allen andern schrie hinauf: »Was fällt Ihnen
+ein da oben, Sie Weib oder Mann im Fensterrahmen? Wenn Sie zu viel
+Wasser haben, so gießen Sie's doch auf Ihren eigenen Kopf, statt auf die
+Köpfe anderer. Ihr Kopf dürfte es vielleicht nötiger haben. Was ist das
+für eine Manier, in der Nachmitternacht die Straße zu bespritzen und
+Leute hinterrücks in ein Bad, samt den Kleidern, zu stürzen. Wären Sie
+nicht so hoch oben und ich nicht so tief unten, ich wollte in Ihren
+Apfel von Kopf beißen, daß es Ihnen um den Mund herum wässern sollte.
+Bei Gott, wenn es eine Gerechtigkeit gäbe, Sie müßten mir für jeden
+Tropfen, der meine Schulter bespritzt hat, einen Taler geben, da ich
+vermute, daß Ihnen dann der Spaß verleiden müßte. Ziehen Sie sich nur
+zurück, Gespenst da oben, oder Sie machen mich noch die Hauswände
+hinaufklettern, um zu untersuchen, ob Sie Weibs- oder Mannshaare haben.
+Gleich könnte man zum Teufel werden vor Wut über eine solche
+Spritzerei.«
+
+Simon berauschte sich selber an seinem schlechten Gerede. Es tat ihm
+wohl, schreien und wettern zu können. Einen Augenblick später würde er
+doch im Bett liegen und schlafen. Wie langweilig war das, immer dasselbe
+zu tun. Von morgen ab müßte er entschieden ein anderer Mensch werden. Am
+nächsten Tag, in der Schreibstube, erfüllt und zerstreut von Gedanken an
+Klara, machte er viele Flüchtigkeitsfehler, so daß der Sekretär der
+Schreibstube, ein ehemaliger Hauptmann des Stabes, sich veranlaßt
+fühlte, ihm Vorwürfe zu machen und ihm zu drohen, daß er keine Arbeit
+mehr erhalte, wenn er sie nicht gewissenhafter, als nur so, erledigen
+wolle.
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel.
+
+
+Der Herbst kam. Simon war noch oft durch die nächtliche heiße Gasse
+gegangen, und er ging auch jetzt noch, aber die Jahreszeit war rauher
+geworden. Man wußte, daß draußen in den Wiesen die Bäume sich
+entblättern mußten, wenn man auch nicht selber hinging und zusah, wie
+die Blätter fielen. In der Gasse spürte man es auch. An einem sonnigen
+Herbsttag war Klaus angekommen, eine wissenschaftliche Arbeit und
+Absicht hatte ihn für einen Tag in diese Gegend geführt. Sie waren
+zusammen hinaus auf das erhöhte, hügelige Feld gegangen, angelockt von
+der schönen Sonne, ziemlich schweigsam und allzu intime Gespräche
+vorsichtig vermeidend. Der Weg führte sie durch Wald und wieder über
+langgestreckte Wiesen, deren spätes, saftiges Gras Klaus bewunderte,
+ebenso die braungefleckten Kühe, die hier weideten. Es war hübsch
+gewesen für Simon, ein wenig gedankenvoll, aber doch sehr hübsch, so mit
+Klaus ohne viel Gerede und viel Wesens, durch die herbstliche Niederung
+zu wandern, die Glocken der Kuhherden läuten zu hören, ein paar Worte zu
+sagen, aber doch mehr in die Ferne zu schauen, als zu sprechen. Alsdann
+waren sie einen waldigen Hügel emporgegangen, sachte und wohlig; denn
+Klaus wollte alles, jeden Zweig und jede Beere, liebevoll betrachtet
+wissen, und waren dann zu der Höhe gekommen, an einen schönen Waldrand,
+wo eine unsäglich milde und liebkosende abendliche Herbstsonne sie
+empfing, und wo ihnen die Freiheit des Blickes wiedergegeben war, eine
+Aussicht in ein Tal hinunter, in welchem ein weißlich schimmernder Fluß
+sich dahinschlängelte, zwischen gelben Baumkronen und vorspringenden
+Waldungen hindurch, wo ein anmutiges, rotdächiges Dorf inmitten der
+braunen Rebhügel lag, das anzuschauen eine Herzenslust sein mußte. Hier
+hatten sie sich auf die Matte geworfen, waren lange still, ohne ein Wort
+zu sprechen, geblieben, hatten mit den Augen an der weit sich
+ausbreitenden Gegend und mit den Ohren an den Tönen der Glocken gehangen
+und hatten beide gefunden, daß immer irgendwie und wo Töne in allen
+Landschaften zu vernehmen seien, ohne gerade Glocken zu hören, und
+hatten dann eines jener stillen, mehr empfundenen als geradezu
+gesprochenen Gespräche miteinander geführt, die nicht aufgeschrieben
+werden können, die keinen weiteren Zweck als das Wohlwollen haben, die
+nichts sagen wollen, deren Duft nur und Ton und Absicht unvergeßlich
+bleiben. Klaus hatte gesagt: »Gewiß, wenn ich mir denken darf, daß noch
+alles mit dir gut kommen kann, so darf ich auch wieder mehr frohen Mut
+haben. Zu denken, daß du ein nützlicher, zweckerfüllter Mensch würdest,
+das hat immer in meinem Herzen ein besonders schönes Getön verursacht.
+Du bist so sehr darauf angelegt, die Achtung der Menschen zu genießen,
+wie nur irgend einer, und mehr noch, da du Eigenschaften hast, nur
+eigentlich zu viel wollende und zu flammende, die andere nicht besitzen.
+Du mußt nur nicht zu vieles wollen und mußt nicht allzu reizbar sein im
+Forderungen an dich stellen. Das schadet und reibt ab und macht
+schließlich kalt, glaube es mir nur. Weil du nicht alles, jede kleine
+Sache in der Welt, so vorfindest, wie du es wünschest, so darfst du
+deswegen noch lange nicht grollen. Anderer Meinungen und Neigungen
+herrschen eben auch, und zu gute Vorsätze vergiften viel eher das Herz
+eines Mannes als das Gegenteil, was freilich ein Übel ist. Du hast, wie
+mir scheint, zu sehr Springlust. Dich nach einem Ziele außer Atem zu
+laufen, macht dir Vergnügen. Das taugt nicht. Laß doch jeden Tag in
+seiner ruhigen, natürlichen Abrundung nur bestehen und sei ein bißchen
+mehr stolz darauf, es dir bequem, wie schließlich einem Menschen auch
+ziemt, gemacht zu haben. Wir haben die Pflicht, uns vor den Mitmenschen
+das Leben mit Anstand und einiger Würde leicht zu machen; denn wir leben
+in einer Fülle von stillen, gedankenvollen Kultursorgen, die mit dem
+grollenden, heißen Atem der Raufer nichts zu tun haben. Du hast, ich muß
+es dir sagen, etwas zu Wildes an dir, und dann, im Handumkehren,
+springst du in eine Zartheit über, die wieder viel zu viel Zartheit von
+den Menschen fordert, um bestehen zu können. Vieles, das dich verletzen
+sollte, kränkt dich in keiner Weise, und verletzen läßt du dich von ganz
+selbstverständlichen, aus Welt und Leben herausgewachsenen Dingen. Du
+mußt versuchen, Mensch unter Menschen zu werden, dann wird es dir sicher
+gut gehen; denn im Erfüllen von allerhand Anforderungen kennst du keine
+Ermattung, und einmal die Liebe der Menschen gewonnen, wird es dich dann
+reizen, ihnen zu zeigen, daß du sie verdient hast. So, wie du jetzt
+bist, drückst du dich um die Ecken herum und gehst in Sehnsuchten unter,
+die eines Bürgers, Menschen und vor allem eines Mannes nicht recht
+würdig sind. Wie viel habe ich schon gedacht, das du tun und unternehmen
+könntest, um dich zu befestigen, aber ich muß dir doch am Ende die
+Arbeit an dem Herausformen deines Lebens selbst überlassen; denn
+Ratschläge taugen selten etwas.« -- Simon sagte dann: »Warum bist du
+sorgenvoll an einem so schönen Tage, wo das Hinschauen in die Ferne
+einen in Glück zerfließen macht?« --
+
+Dann hatten sie über die Natur geplaudert und das Schwere vergessen.
+
+Am andern Tag war Klaus wieder abgereist.
+
+ * * * * *
+
+Es wurde Winter. Merkwürdig: die Zeit ging über alle guten Vorsätze
+ebenso sicher hinweg wie über die schlechten Eigenschaften, deren man
+nicht Herr werden konnte. Es lag etwas Schönes, Hinwegnehmendes und
+Verzeihendes in diesem Gehen der Zeit. Sie ging über den Bettler wie
+über den Präsidenten der Republik hinweg, über die Sünderin und über die
+Anstandsdame. Sie ließ vieles als klein und unbedeutend empfinden; denn
+sie allein stellte das Erhabene und Große dar. Was war denn das ganze
+Treiben und Leben, was all das Sich-Rühren, was das Vorwärtsstreben
+gegen die Höhe, die sich keineswegs darum bekümmerte, ob einer ein Mann
+wurde oder ein Simpel, der es gleichgültig war, ob man das Rechte und
+Gute wünschte oder nicht? Simon liebte dieses Rauschen der Jahreszeiten
+über seinem Kopf, und als eines Tages Schnee in die dunkle, schwärzliche
+Gasse hinabflog, freute er sich des Fortschrittes der ewigen,
+erwärmenden Natur. »Sie schneit, das ist der Winter, und ich Törichter
+habe geglaubt, den Winter nicht mehr erleben zu sollen,« dachte er. Es
+kam ihm wie ein Märchen vor: »Es waren einmal Schneeflocken, die flogen,
+weil sie nichts Besseres zu tun wußten, auf die Erde nieder. Viele
+flogen aufs Feld und blieben dort liegen, andere fielen auf die Dächer
+und blieben dort liegen, wieder etliche und andere fielen auf Hüte und
+Kapuzen von schnell vorwärtseilenden Menschen und blieben dort liegen,
+bis sie abgeschüttelt wurden, einige und wenige flogen einem Pferd, das
+vor einem Karren angebunden stand, ins treue, liebe Antlitz und blieben
+auf den langen Wimpern der Pferdsaugen liegen, ein Schneeflocken flog in
+ein Fenster hinein, aber was er dort machte, ist nicht erzählt worden,
+jedenfalls blieb er dort liegen. In der Gasse schneit's, im Wald oben,
+o, wie schön muß es jetzt im Wald sein. Da könnte man hingehen.
+Hoffentlich schneit es noch bis in den Abend, wenn die Laternen
+angezündet werden. Es war einmal ein Mann, der war ganz schwarz, da
+wollte er sich waschen, aber er hatte kein Seifenwasser. Als er nun sah,
+daß es schneite, ging er auf die Straße und wusch sich mit Schneewasser
+und davon wurde sein Gesicht weiß wie Schnee. Da konnte er prahlen
+damit, und das tat er. Aber er bekam den Husten, und nun hustete er
+immer, ein ganzes Jahr lang mußte der arme Mann husten, bis zum nächsten
+Winter. Da lief er den Berg hinauf, bis er schwitzte, und noch immer
+hustete er. Das Husten wollte gar nicht mehr aufhören. Da kam ein
+kleines Kind zu ihm, es war ein Bettelkind, das hatte einen
+Schneeflocken in der Hand, der Flocken sah aus wie eine kleine zarte
+Blume. »Iß den Schneeflocken,« sprach das Kind. Und nun aß der große
+Mann den Schneeflocken, und weg war der Husten. Da ging die Sonne unter,
+und alles war dunkel. Das Bettelkind saß im Schnee und fror doch nicht.
+Es hatte zu Hause Schläge bekommen, warum, das wußte es selber nicht. Es
+war eben ein klein Kind und wußte noch nichts. Seine Füßchen froren ihm
+auch nicht, und doch waren sie nackt. In des Kindes Auge glänzte eine
+Träne, aber es war noch nicht gescheit genug, um zu wissen, daß es
+weinte. Vielleicht erfror das Kind in der Nacht, aber es spürte nichts,
+spürte gar nichts, es war zu klein, um etwas zu spüren. Gott sah das
+Kind, aber es rührte ihn nicht, er war zu groß, um etwas zu spüren.« --
+
+Simon spornte sich in dieser Zeit an, trotz der Winterkälte, die in
+seinem Zimmer herrschte, früh aus dem Bett zu springen, wenn er auch
+weiter nichts zu tun hatte. Er würde dann einfach dastehen, sich auf die
+Zähne beißen, und das Anspannende würde schon kommen müssen. Irgend
+etwas gäbe es immer zu tun. Er könnte sich ja zum Zeitvertreib die Hände
+oder den Rücken reiben, oder versuchen, auf den Händen am Boden zu
+gehen. Irgend eine Willensübung, sei es auch die allerlächerlichste,
+müßte er stets treiben, das vertriebe die Gedanken und stählte und
+ermunterte den Körper. Er wusch sich alle Morgen mit kaltem Wasser ab,
+von oben bis unten, bis ihm heiß wurde, und verschmähte es, den Mantel
+anzuziehen, wenn er ausging. Er wollte sich jetzt lehren, zu parieren in
+dieser Jahreszeit! Den Mantel benutzte er als Fußumhüllung, wenn er am
+Tische saß und las. Ein Paar breite, grobe Schuhe, wie sie die Rekruten
+beim Militär tragen, schaffte er sich an, um zu jeder Zeit über den Berg
+im tiefen Schnee zu waten. Das sollte ihn lehren, jetzt noch auf
+elegante Schuhe zu sehen. Mit so einem derben Schuhpaar mochte man um
+eins noch so fest in der Welt dastehen. Es kam jetzt darauf an, oberhalb
+zu bleiben und festen Fuß zu fassen. Wenn er nur den Nacken nicht
+beugte, mußte sich sicher, ja, von selbst, etwas für ihn zeigen, das er
+ergreifen konnte. Wieder anfangen, von vorne, seinetwegen fünfzig Mal,
+was schadete das jetzt. Er mußte nur gespannten Blicks und gespannten
+Sinnes bleiben, dann würde es schon kommen, was er haben mußte.
+
+Er glich in dieser Zeit einem Menschen, der Geld verloren hat und der
+seinen ganzen Willen einsetzt, es wieder zu gewinnen, der aber zur
+Wiedergewinnung weiter nichts tut, als nur eben den Willen einsetzen,
+und sonst nichts macht.
+
+Um die Weihnachtszeit herum ging er den breiten Berg hinauf. Es war
+gegen Abend und furchtbar kalt. Ein beißender Wind pfiff den Menschen um
+die Nasen und Ohren, die gerötet und von der Kälte entzündet wurden.
+Simon schlug unwillkürlich den Weg ein, der einstmals zu Klaras Waldhaus
+hinaufführte und der jetzt gangbarer gemacht worden war. Überall zeigte
+sich eine Spur von umwandelnden Menschenhänden. Er sah ein großes, doch
+nicht unzierliches Haus vor sich stehen, an der Stelle, an der früher
+das Chalet aus Holz stand, in das er so oft hineingegangen war, als noch
+Kaspar hier malte, zu der lieben merkwürdigen Frau, die es bewohnte.
+Jetzt war hier ein Kurhaus für das Volk errichtet worden, und es wurde,
+wie es den Anschein hatte, fleißig besucht; denn etliche wohlgekleidete
+Menschen gingen aus und ein. Simon besann sich eine Weile, ob er
+ebenfalls hineingehen sollte, aber schon die grimmige Kälte machte ihm
+den Gedanken an einen erwärmten, menschenerfüllten Saal angenehm. So
+trat er hinein. Ein warmer, scharfer Duft von Tannenzweigen schlug ihm
+entgegen, das ganze große, helle Zimmer, eigentlich ein Saal, war mit
+Tannengrün geziert und ausgefüttert, gleichsam tapeziert. Nur die
+Sprüche, die an die weißen Wände gemalt waren, befanden sich frei, und
+man konnte sie lesen. An allen Tischen saßen heitere und ernste
+Menschen, viele Frauen, aber auch Männer und Kinder, einzeln an einem
+runden Tischchen sitzend oder zu Gesellschaften um einen länglichen
+Tisch herum vereinigt. Der Duft von Getränken und Speisen vermischte
+sich mit dem weihnachtlichen Tannenduft. Hübsch gekleidete Mädchen
+gingen umher, und bedienten die Gäste auf eine freundliche und zugleich
+überaus gelassene Weise, die nichts Kellnerinnenhaftes an sich hatte. Es
+sah aus, als ob diese zierlichen Mädchen nur, um ein lächelndes Spiel
+aufzuführen, hier bedienten, oder so, als ob sie nur ihren Eltern,
+Verwandten, Brüdern, Schwestern oder ihren Kindern diesen Dienst
+erwiesen: so elterlich und kindlich zugleich sah es aus. Eine kleine,
+ebenfalls dicht mit Tannenzweigen umrahmte Bühne befand sich an einem
+anderen Ende des Saales, vielleicht zur Aufführung irgend eines
+Weihnachtsstückes oder eines Stückes mit sonst irgend einem lieblichen
+Inhalt. Auf jeden Fall war es ein warmer, freundlicher, gastlich
+aussehender Raum, und Simon setzte sich, als einzelner, an ein rundes
+Tischchen nieder, wartend, ob eines der Mädchen zu ihm herankäme, um zu
+fragen, was er wünsche. Aber es kam vorläufig keines. So blieb er denn
+eine geraume Zeit still, das Kinn in die Hand gestützt, wie es junge
+Männer zu machen pflegen, an dem Tischchen sitzen, als mit einem Mal
+eine schlankgewachsene Dame auf ihn zukam, ihm freundlich entgegennickte
+und dann, zu einem der Mädchen gewendet, ausrief und frug, wie man nur
+den jungen Herrn so lange ohne Bedienung lassen könne. Dieser Vorwurf
+war eher lachend und liebenswürdig geschehen, als ernsthaft, aber
+jedenfalls war diese Dame hier im Hause eine Art Direktorin oder
+Leiterin oder wie man das nennen konnte.
+
+»Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte sie sich wieder zu
+Simon.
+
+»O, ich wüßte nicht, was da zu entschuldigen wäre. Vielmehr ich habe
+mich zu entschuldigen, daß ich der Anlaß bin, daß Sie einem von Ihren
+Mädchen einen Vorwurf machen müssen. Ich sitze hier übrigens ganz gern,
+ohne daß man sich um mich bekümmert; denn offen gestanden: was ich an
+Bestellungen für das bedienende Mädchen aufzuwenden habe, ist
+blutwenig.« --
+
+»Essen und trinken Sie nur so viel, als Sie wollen. Sie brauchen nichts
+zu bezahlen,« sagte die Dame.
+
+»Gilt das für mich allein oder gilt das hier für alle?«
+
+»Natürlich nur für Sie allein, und nur deshalb, weil ich die bezügliche
+Ordre erteilen werde, daß man Ihnen nichts abfordern soll.«
+
+Sie setzte sich zu ihm an den kleinen, braunen Tisch:
+
+»Ich habe einen Augenblick Zeit, mit Ihnen zu plaudern, und sehe nicht
+ein, warum ich es nicht tun sollte. Sie scheinen ein vereinsamter junger
+Mann zu sein, das sagen mir Ihre Augen, und sie sagen mir auch, und das
+deutlich genug, daß der, dem sie gehören, den Wunsch fühlt, mit Menschen
+in Berührung zu kommen. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich Sie für
+einen wohlgebildeten Menschen halten muß. Als ich Sie sah, reizte es
+mich schon, mit Ihnen zu sprechen. Wenn ich Sie mit der scharfen
+Lorgnette hätte betrachten wollen, würde ich vielleicht entdeckt haben,
+daß Sie ziemlich verwahrlost aussehen, aber wer wollte Menschen erkennen
+lernen und sich dazu des Augenglases bedienen? Als Vorsteherin dieses
+Hauses habe ich ein Interesse daran, möglichst genau zu erfahren, wer
+alles meine Gäste sind. Ich habe mich daran gewöhnt, die Menschen nicht
+nach einem schäbigen Filzhut, sondern nach ihren Bewegungen, die ihr
+Wesen besser erklären, als gute oder schlechte Kleidungsstücke, zu
+beurteilen, und habe im Laufe der Zeit gefunden, daß ich den richtigen
+Weg nehme. Gott soll mich doch, wenn er es je gut mit mir meint, daran
+verhindern, hochnäsig und hochmütig zu werden. Eine Geschäftsfrau, die
+nicht Menschenkennerin ist, macht mit der Zeit schlechte Geschäfte, und
+was lehrt denn die zunehmende Menschenkenntnis? Das Einfachste von der
+Welt: Alle mit Freundlichkeit zu behandeln! Sind wir nicht alle
+zusammen, wir Menschen auf diesem einsamen, verlorenen Planeten,
+Geschwister? Brüder und Schwestern? Brüder zu Schwestern, Schwestern zu
+Schwestern und wieder Schwestern zu Brüdern? Ganz zart kann ja das sein
+und muß es wohl auch immer sein: in Gedanken vor allem! Aber dann muß es
+auch anschwellen und getan werden. Kommt mir ein roher Mann vor oder ein
+einfältiges Weib, was kann ich da tun? Muß ich mich sogleich
+abgeschreckt und unsympathisch berührt fühlen? O, noch lange nicht. Ich
+denke dann: nein, ganz angenehm ist mir dieser Mensch nicht, er stößt
+mich ab, er ist ungebildet und anmaßend, aber ich muß ihn und mich das
+nicht in so allzudeutlicher Weise merken lassen. Ich muß mich ein wenig
+verstellen, er verstellt sich dann vielleicht auch ein wenig, wenn auch
+nur aus Trägheit oder Dummheit. Wie lieb ist es, Rücksichten zu nehmen.
+Ich bin innerlich heilig und mit Flammen davon überzeugt, daß es lieb
+ist, weiter weiß ich über diesen Punkt nichts zu sagen. Oder dieses
+noch: ein Bruder muß ja nicht gerade zu den feinsten und erlesensten
+Menschen gehören und kann doch, vielleicht aus, sagen wir, etwas
+abgemessener Entfernung, Bruder sein. So mache ich es mir zum Gesetz,
+und ich stehe ordentlich gut dabei. Viele Menschen gewinnen mich lieb,
+die vordem die Schultern gezuckt und mir ihr Gesicht verzogen haben.
+Warum sollte ich nicht, was eine so reizende Lehre, wie das Üben der
+liebenden und beobachtenden Geduld ist, betrifft, ein klein wenig
+Christin sein? Wir alle haben das Christentum jetzt vielleicht wieder
+nötiger als je zuvor; aber das ist dumm gesprochen. Sie lächelten, und
+ich weiß ganz gut, warum Sie lächeln. Sie haben recht, weshalb habe ich
+mit Christentum zu kommen, wo nur einfache, kluge Freundlichkeit in
+Frage kommt. Wissen Sie was? Ich denke mir so manchmal: Christenpflicht,
+das geht jetzt in unseren Tagen leise und kaum spürbar in
+Menschenpflicht über, und das ist viel einfacher und ist besser
+auszuführen. Doch ich muß gehen. Man ruft mich. Bleiben Sie sitzen, ich
+komme wieder.« --
+
+Damit ging sie fort.
+
+Nach einigen Minuten kam sie wieder und fing schon aus der Entfernung
+von ein paar Schritten das Gespräch von neuem an, indem sie ausrief:
+»Wie doch hier alles von Neuheit umspannt ist. Sehen Sie sich doch um:
+alles ist neu, frisch und erst eben geboren. Keine einzige Erinnerung an
+Altes! Sonst befindet sich in jedem Hause und in jeder Familie wohl
+irgend ein altes Möbel, ein Hauch und Stück aus alten Zeiten, das man
+noch immer liebt und ehrt, weil man es schön findet, wie man eine
+Abschiedsszene oder einen wehmutvollen Sonnenuntergang schön findet.
+Erblicken Sie hier etwas Ähnliches, auch nur eine Andeutung davon? Es
+kommt mir wie eine schwindelnde, gebogene, leichte Brücke in die noch
+unerklärliche Zukunft vor. O, in die Zukunft zu blicken, ist schöner,
+als der Vergangenheit nachzuträumen. Man träumt auch, wenn man in eine
+Zukunft hineindenkt. Hat das nicht etwas Wunderbares? Sollte es nicht
+klüger von den feindenkenden Menschen sein, ihre Wärme und ihre Ahnungen
+den noch kommenden, als den vergangenen Tagen zu schenken? Kommende
+Zeiten sind uns wie Kinder, die eher der Aufmerksamkeit bedürfen als die
+Gräber der Gestorbenen, die wir vielleicht nur mit etwas zu
+übertriebener Liebe schmücken: die vergangenen Zeiten! Der Maler wird
+jetzt gut daran tun, Kostüme für ferne Menschen zu entwerfen, die die
+Grazie besitzen werden, sie mit Anstand und Freiheit zu tragen, der
+Dichter träumt Tugenden aus für starke, von keiner Sehnsucht
+angefressene Menschen, der Baumeister erfindet, so gut es geht, Formen,
+die dem Stein und dem Bauen einen entzückenderen Schwung verleihen, er
+geht in den Wald und merkt sich da, wie hoch und edel die Tannen aus dem
+Boden herauswachsen, um sie als Muster für künftige Bauten zu nehmen,
+und der Mann im allgemeinen wirft, in der Vorausahnung des Kommenden,
+viel Gemeines, Unedles und Undienliches ab und flüstert seiner Gattin,
+wenn sie ihm den Mund zum Kuß darreicht, seine Gedanken ins Ohr, so gut
+er es versteht, und die Frau lächelt. Wir verstehen es, euch Männer mit
+einem Lächeln zu Taten anzuspornen, und wir bilden uns ein, unsere
+Aufgabe getan zu haben, wenn wir es dahin gebracht haben, euch die
+eurige ganz lebhaft und reizvoll vor die Sinne zu lächeln. Wir sind
+froher über das, was ihr gemacht habt, als über Selbst-Vollbrachtes. Wir
+lesen die Bücher, die ihr schreibt, und denken: wenn sie doch nur etwas
+mehr tun und etwas weniger schreiben wollten. Im allgemeinen wissen wir
+nicht viel Ersprießlicheres, als uns euch zu unterwerfen. Was können wir
+anderes! Und wie gern tun wir es. Aber von der Zukunft zu reden, habe
+ich natürlich vergessen, von diesem kühnen Bogen über einem dunklen
+Gewässer, von diesem Wald voller Bäume, von diesem Kind mit den
+strahlenden Augen, von diesem Unsagbaren, das einen immer reizt, es in
+Worte wie in ein Netz zu fangen. Nein ich glaube, die Gegenwart ist die
+Zukunft. Finden Sie nicht, daß hier herum alles nur Gegenwart atmet?«
+
+»Ja,« sagte Simon.
+
+»Und draußen ist jetzt furchtbar strenger Winter, und hier drinnen ist
+es so warm, so eben recht, daß man Gespräche führen kann, und ich sitze
+hier bei Ihnen, einem ganz jungen, scheinbar etwas verkommenen Menschen,
+und versäume am Ende noch meine Pflichten. Ihr Benehmen hat etwas
+Fesselndes, wissen Sie das? Man möchte Ihnen gleich eine Ohrfeige geben,
+aus heimlicher Wut darüber, daß sie so dumm dasitzen, und einen in so
+sonderbarer Weise verführen können, die kostbare Zeit mit Ihnen
+Hereingeschneitem zu verlieren. Wissen Sie was: Sie könnten trotzdem
+noch eine Weile dasitzen. Es kommt Ihnen gewiß nicht drauf an. Ich werde
+dann noch einmal einen Anlauf nehmen auf Ihre Ohren. Jetzt hab' ich
+Pflichten.« --
+
+Und fort war sie.
+
+Simon betrachtete seine Umgebung, während die Dame fortblieb. Die Lampen
+gaben ein helles und warmes Licht. Die Menschen plauderten unbefangen
+miteinander. Einzelne, da es schon Nacht war, gingen jetzt fort, weil
+sie noch den Berg hinuntergehen mußten, um in die Stadt zu kommen. Zwei
+alte Männer, die gemütlich an einem Tische saßen, fielen ihm durch ihre
+Ruhe auf. Sie hatten beide weiße Bärte und ziemlich frische Gesichter
+und rauchten aus ihren Pfeifen, was ihnen etwas Altväterisches verlieh.
+Sie sprachen nicht miteinander, sie schienen das für überflüssig zu
+halten. Ab und zu trafen sich ihre gegenseitigen Augenpaare und dann
+zuckten sie so mit ihren Pfeifen und Mundwinkeln, aber ganz ruhig und
+wahrscheinlich ganz gewohnheitsmäßig. Es schienen Müßiggänger zu sein,
+aber berechnende, ausgedachte und überlegene Müßiggänger, aus dem
+Wohlstand heraus müßig. Gewiß hatten sie sich beide angeschlossen, nur
+deshalb, weil sie dieselben Gewohnheiten betrieben: Pfeife rauchen,
+Spaziergängchen machen, Vorliebe für Wind, Wetter und Natur, das
+Gesundsein, das gerne lieber Schweigen als Plaudern und endlich das
+Alter und die mit demselben verbundenen Spezialsächelchen. Simon
+erschienen die beiden nicht ohne Würde. Man mußte ein wenig lächeln bei
+ihrem abgezirkelten, hübschen Anblick, aber dieser Anblick schloß die
+Ehrfurcht nicht aus, die schon das Alter allein für sich herausfordert.
+Etwas Zielbewußtes sprach aus ihren ruhigen Mienen, etwas Fertiges und
+in keiner Weise mehr Anzufechtendes. Beirren ließen sich diese Alten
+gewiß nicht mehr in ihrer Sache, die vielleicht ein Irrtum war. Aber was
+war denn eigentlich Irrtum? Wenn man sich mit sechzig und siebzig Jahren
+noch einen Irrtum als Leitstern anschaffte, so war das eine unantastbare
+Sache, die dem Jüngling Achtung abringen mußte. Diese beiden Käuze, denn
+etwas Kauzartiges hatten sie immerhin an sich, mußten irgend ein
+Verfahren, ein System haben, nach welchem sie sich schworen zu leben bis
+ans Lebensende; so sahen sie aus, so wie zwei, die für sich etwas
+gefunden hatten, das ihnen diente und das sie veranlaßte, ruhig ihrem
+Ende entgegenzusehen. »Wir zwei haben's herausgefunden, euer Geheimnis,«
+so drückten sich ihre Mienen und Haltungen aus. Es war lustig und
+rührend und des Nachdenkens wohl wert, ihnen zuzuschauen und sich zu
+bestreben, ihre Gedanken zu erraten. So erriet man unter anderem
+sogleich, so wie man sie eine Weile betrachtet hatte, daß diese zwei
+immer würden zusammen gesehen werden können, nie anders, nie einzeln,
+sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke, den man ihnen aus
+ihren weißen Köpfen ablauschte. Zu zweien durchs Leben, womöglich zu
+zweien hinunter in den Abgrund des Todes: das schien ihr Prinzip zu
+sein. In der Tat, sie sahen auch aus wie zwei lebendige, alt gewordene,
+aber immer noch lustige und muntere Prinzipien. Wenn es wieder Sommer
+würde, so würde man sie draußen auf der schattigen Terrasse sitzen
+sehen, aber eben so geheimnisvoll Pfeifen stopfend und das Schweigen dem
+Reden bevorzugend. Wenn sie fortgingen, gingen immer zweie fort, nicht
+erst einer und dann der andere: das schien undenkbar. Ja, gemütlich
+sahen sie aus, das mußte Simon ihnen lassen: gemütlich und eigensinnig,
+dachte er, indem er von ihnen weg, wo andershin, blickte.
+
+Er ließ über verschiedene Menschen seine Blicke streifen, entdeckte eine
+englische Familie mit sonderbaren Gesichtern, Männer, die Gelehrte zu
+sein schienen und andere, denen man nur schwer ein Amt oder eine
+Berufsart zudichten konnte, sah Frauen mit weißen Haaren und Mädchen mit
+ihrem Bräutigam, bemerkte Leute, denen man ansah, daß sie sich hier
+nicht recht wohlfühlten, und wieder andere, die wie zu Hause im
+Familienkreis hier saßen. Aber der Saal leerte sich zusehends. Draußen
+pfiff der Winter, und man konnte die Tannen aneinanderächzen hören. Der
+Wald lag nur zehn Schritte weg vom Hause entfernt, das wußte Simon aus
+alten Tagen genau.
+
+Indem er sich so seinen Gedanken überließ, erschien die Vorsteherin
+wieder.
+
+Sie setzte sich zu ihm.
+
+Es schien eine stille Veränderung mit ihr vorgegangen zu sein. Sie
+erfaßte Simons Hand: das war etwas Unerwartetes. -- Darauf sprach sie
+leise, von niemandem gehört und von niemandem beobachtet:
+
+»Jetzt wird man mich wohl kaum noch stören, bei Ihnen zu sitzen, die
+Leute entfernen sich allmählich. Sagen Sie mir, wer sind Sie, wie heißen
+Sie, woher kommen Sie? Sie sehen so aus, als ob man das fragen müßte.
+Ein Fragen und ein Verwundern geht von Ihnen aus, nicht ein Verwundern,
+das Sie selbst haben, sondern der, der Ihnen gegenübersitzt, und über
+Sie. Man fragt sich und verwundert sich über Sie, und dann bekommt man
+eine Sehnsucht darnach, Sie reden zu hören, und stellt sich vor, daß es
+etwas sein müßte, was da aus Ihnen herausspräche. Man macht sich
+unwillkürlich Kummer wegen Ihnen. Man geht von Ihnen fort, macht seine
+Arbeit, und plötzlich erbarmt man sich Ihrer, indem man an Sie denkt.
+Mitleid ist es nicht, denn das fordern Sie absolut nicht heraus, und
+Erbarmen schlechtweg ebenfalls nicht. Ich weiß nicht, was es sein kann:
+Neugierde vielleicht? Lassen Sie mich einen Moment nachdenken.
+Neugierde? Ein Begehren, etwas über Sie zu wissen, nur etwas, nur einen
+Ton oder einen Laut. Man glaubt Sie bereits zu kennen, findet Sie nicht
+sehr interessant und lauscht und lauscht doch, ob Sie da etwas gesagt
+haben, was vielleicht wert gewesen wäre, noch einmal zu Ihrem Mund
+heraus vernommen zu werden. Wenn man Sie anblickt, bedauert man Sie
+unwillkürlich leichthin, obenhin, von oben herab. Sie müssen etwas
+Tiefes an sich haben, und das scheint niemand zu bemerken, weil Sie sich
+keinerlei Mühe geben, es hervortreten und leuchten zu lassen. Ich möchte
+Sie erzählen hören. Haben Sie noch Eltern, und haben Sie Geschwister?
+Von Ihnen vermutet man, wenn man Sie bloß erblickt, daß Sie bedeutende
+Menschen zu Geschwistern haben müssen. Sie selbst aber hält man und muß
+man für unbedeutend halten. Wie kommt das? Man fühlt sich Ihnen
+gegenüber leicht als Überlegener. Und doch, wenn man sich mit Ihnen
+eingelassen hat, sieht man, daß man einen jener Fehler begangen hat, der
+deshalb vorkam, weil man es mit einem durchaus gelassenen Menschen zu
+tun gehabt hat, der es nur verschmähte, sich in Position zu werfen, und
+nicht wollte besser und gefährlicher aussehen, als er ist. Sie sehen
+wenig interessant und noch weniger gefährlich aus, und die Frauen, das
+ist so ein Gemengsel von Zartheitsbedürfnis und Lust an der rohen
+Gefahr, die sie beständig bedrohen soll. Sie nehmen natürlich nicht
+übel, was ich Ihnen soeben gesagt habe, denn Sie nehmen nichts übel. Man
+weiß nicht, wie man mit Ihnen dran ist. Möchten Sie mir erzählen, ich
+bin so gespannt darauf! Wissen Sie, ich möchte gerne Ihre Vertraute
+sein, wenn auch nur für eine Stunde, meinetwegen in der Einbildung bloß.
+Als ich oben war, eben vorhin, hatte ich einen solchen Drang darnach, zu
+Ihnen hinunterzueilen, als wären Sie gar eine Persönlichkeit von Belang,
+die man unter keinen Umständen warten lassen darf, vor der man froh sein
+muß, in Gnade und in einiger herablassender Achtung zu stehen. Und sitzt
+da einer, dessen Wangen höher glühen, wenn ich daher zu springen komme!
+Welch eine Verwechslung, aber ist es nicht seltsam? So, jetzt will ich
+still sitzen und Ihnen zuhören.« --
+
+Simon erzählte:
+
+»Ich heiße Tanner, Simon Tanner, und habe vier Geschwister, von denen
+ich der Jüngste bin und derjenige, der zu den wenigsten Hoffnungen
+berechtigt. Ein Bruder ist Maler, der lebt in Paris, und er lebt dort
+stiller und zurückgezogener als in einem Dorf; denn er malt. Jetzt muß
+er sich schon ein wenig verändert haben, es ist über ein Jahr her, daß
+ich ihn zuletzt gesehen habe, aber ich denke, wenn Sie ihm begegnen
+würden, bekämen Sie den Eindruck von einem bedeutenden und in sich
+abgeschlossenen Menschen. Es ist nicht ohne Gefahr, mit ihm zu tun zu
+haben, er bestrickt, und das in einer Weise, daß man um seinetwillen
+Torheiten begehen kann. Er ist ganz und gar Künstler, und wenn ich, sein
+Bruder, etwas von der Kunst verstehe, so ist er daran schuld, nicht mein
+Verständnis, das sich nur, angezogen von ihm, einigermaßen entfalten
+konnte. Ich glaube, er trägt jetzt lange Locken, aber die Locken stehen
+ihm so natürlich, wie einem Offizier der kurzgeschorene Kopf, man findet
+es nicht auffällig. Unter den Menschen verschwindet er, und er begehrt
+auch, unter ihnen zu verschwinden, um ruhig arbeiten zu können. Früher
+einmal hat er mir in einem Briefe etwas von einem Adler geschrieben, der
+seine Schwingen breite über Felsenkanten und der sich über Abgründen am
+wohlsten fühle, und ein anderes Mal schrieb er mir, der Mensch und
+Künstler müsse arbeiten, wie ein Pferd, umsinken sei noch gar nichts,
+umsinken müsse er und sogleich wieder aufstehen und frisch ans Werk
+gehen. Er war damals noch ein Knabe, und jetzt malt er Bilder. Wenn er
+nicht mehr wird malen können, wird er auch kaum noch leben. Er heißt
+Kaspar und ist als Schulknabe in der Schule und im elterlichen Hause
+fortwährend für einen faulen Bengel angesehen worden, glauben Sie das
+nur, und nur deshalb, weil sein ganzes Wesen ein gelassenes und mildes
+war. Er wurde früh aus der Schule genommen, weil er darin nicht
+reüssierte, und mußte Schachteln und Kisten herumschleppen, und dann kam
+er aus der Heimat fort und lernte dort draußen, den Menschen die
+Achtung, die er verdiente, abzunötigen. Das ist einer meiner Brüder, ein
+anderer heißt Klaus. Dieser ist der Älteste, und ich halte ihn für den
+besten und bedachtsamsten Menschen auf der Welt. Die Nachsicht, das
+Bedenkentragen und das Nachdenken schauen ihm zu den Augen heraus. Er
+ist ein tüchtiger Mensch, so tüchtig, daß niemand jemals hinter seine
+bescheidene, verborgene Tüchtigkeit kommen wird. Er hat uns Jüngere
+aufwachsen und uns unsern Begierden und Leidenschaften nachhängen sehen,
+er hat geschwiegen dazu und gewartet, bisweilen ein Wort der Sorge und
+des Rates gesprochen, aber er hat immerfort eingesehen, daß jeder seinen
+eigenen Weg gehen muß, er hat nur Schlimmes zu verhüten gesucht, und das
+Gute an einem hat er stets mit sonderbarem Scharfblick herausgefunden.
+Dieser Bruder macht sich wegen mir stille Sorgen, ich weiß das ganz
+genau; denn er liebt mich, er liebt überhaupt die Menschen und hat eine
+sonderbar schüchterne Achtung vor ihnen, die wir Jüngere nicht besitzen.
+Obschon er eine bedeutende Stellung in der Gelehrtenwelt einnimmt,
+bin ich doch überzeugt, daß nur seine Gewissenhaftigkeit, die immer
+mit Schüchternheit verbunden ist, daran schuld ist, daß er eine
+nicht noch höhere bekleidet; denn er verdiente die höchste und
+verantwortungsreichste. Nun habe ich noch einen dritten Bruder, der nur
+unglücklich ist, weiter nichts, und der nur noch das ist, was die
+Erinnerung von ihm an seine früheren Tage einem erzählen kann. Er ist
+im Irrenhaus. -- Sollte ich das vielleicht vor Ihnen nicht offen haben
+heraussagen dürfen? Sie haben sicher ein Interesse daran, wenn Sie nun
+schon dasitzen und mir mit so aufmerksam lauschendem Ohr zuhören, alles
+der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst lieber gar nichts, nicht wahr! Sie
+nicken und sagen mir damit, daß ich Sie schon ziemlich kenne, wenn ich
+den Mut habe, von Ihnen anzunehmen, daß Sie eine tapfere und zugleich
+herzensgütige Frau sind. Hören Sie weiter. Dieser unglückliche Bruder
+war wohl, ich darf es ruhig sagen, das Ideal eines jungen schönen
+Mannes, und Talente besaß er, die eher in das galante, zierliche
+achtzehnte Jahrhundert hineingepaßt haben würden, als in unsere Zeit mit
+den viel härteren und trockneren Anforderungen. Lassen Sie mich über
+sein Unglück schweigen; denn erstens würde ich Sie damit verstimmen, und
+zweitens und drittens und meinetwegen auch sechstens schickt es sich
+nicht, die Falten des Unglücks auseinander zu ziehen, alle Feierlichkeit
+wegzunehmen, alle schöne, verschleierte Trauer, die nur dann ist, wenn
+man schweigt über solches. Ich habe Ihnen nun leise und skizzenhaft
+meine Brüder gezeigt, es tritt jetzt ein Mädchen auf, eine einsame, in
+einem Dörfchen mit Strohdächern vergrabene Schullehrerin, meine
+Schwester Hedwig. Möchten Sie sie kennen lernen? Sie würden mit Ihrer
+ganzen Empfindung Freude an dem Mädchen haben. Es gibt kein stolzeres
+Geschöpf als sie auf der Erde. Ich lebte drei volle Monate lang als
+Müßiggänger bei ihr auf dem Lande, sie hat geweint, als ich ankam und
+mich ausgelacht, als ich, mit dem Reisekoffer in der Hand, zärtlich
+Abschied nehmen wollte. Fortgejagt hat sie mich und mir zugleich einen
+Kuß gegeben. Sie hat mir gesagt, daß sie für mich nur eine leise, nicht
+abzuwehrende Verachtung hege, aber sie hat es so schön gesagt, daß ich
+mich wie geliebkost geglaubt habe. Denken Sie, sie hat mich bei ihr
+geduldet, als ich zu ihr kam, bettelhafter und frecher als ein
+aufdringlicher Landstreicher, der sich nur seiner Schwester einmal
+erinnerte, weil er dachte: »da kannst du hingehen, bis du wieder auf
+zwei Füßen stehst«. -- Aber wir haben die drei Monate hindurch wie in
+einem heiteren Lustgarten voll Laubengänge zusammen gelebt. So etwas
+kann man niemals vergessen. Wenn ich ausging und im Walde spazierte und
+nicht wußte vor Trägheit, ob ich mich am Kinn oder hinter den Ohren
+kratzen sollte, träumte ich von ihr, nur von ihr, als von dem Nächsten
+und dem Fernsten zugleich. Sie war mir fern aus Ehrfurcht und nahe aus
+Liebe. Sie war so stolz, wissen Sie, daß sie mich niemals fühlen ließ,
+wie lumpig ich ihr vorkommen mußte. Sie hat sich nur gefreut, als ich
+mich bei ihr wohlgefühlt und eingenistet hatte. Das dauerte bis zu der
+letzten Stunde, den Abschied schnitt sie mir einfach vom Munde weg, in
+dem Vorausgefühl, daß ich nur Kränkendes und Dummes sagen würde. Als
+ich, schon weggegangen, hinter mich den Hügel herabblickte, sah ich sie
+mir mit der Hand nachwinken, so freundlich und einfach, als ginge ich
+nur bis zum nächsten Dorfschuhmacher und käme nach einer Stunde wieder
+zurück. Und doch wußte sie, daß sie allein in der Verlassenheit
+zurückbleiben und die Aufgabe vorfinden würde, sich eines
+Gesellschafters zu entwöhnen, was immerhin eine Aufgabe und ein Stück
+innerlicher Arbeit war. Wir haben uns, wenn wir abends zusammensaßen,
+das Leben erzählt und haben die Flügel der Kindheit wieder rauschen
+hören, wie das Kleid unserer Mutter auf dem Zimmerboden rauschte, wenn
+sie den Kindern entgegenkam. Meine Mutter und meine Schwester Hedwig
+ergeben in meinem Kopf immer ein innig verbundenes und zusammengewobenes
+Bild. Hedwig hat die Mutter, als diese krank wurde, besorgt und
+gepflegt, wie man ein kleines Kind pflegen muß. Denken Sie: ein Kind
+sieht seine Mutter zum Kinde werden und wird Mutter an der Mutter.
+Welche seltsame Verschiebung der Gefühle. Meine Mutter war eine
+hochgeachtete Frau, und die Hochachtung, die man ihr allgemein
+entgegenbrachte, war rein und kam aus dem Herzen heraus. Sie hat immer
+den Eindruck des Ländlichen und zugleich Vornehmen gemacht. Demutvoll
+und zugleich abweisend, wußte sie jeden Ungehorsam und jede
+Lieblosigkeit zu dämpfen. Der Ausdruck ihres Gesichts bat und gebot zu
+gleicher Zeit. Wie scharten sich die Damen in unserer Stadt um sie, und
+wenn sie spazieren ging, wie viele Herrenhüte wurden vor ihr gelüftet.
+Dann, als sie krank wurde, fiel sie in Vergessenheit und wurde der
+Gegenstand der Sorge und der Scham. Man schämt sich eben kranker
+Familienglieder wegen und ist beinahe zornig, wenn man der Tage gedenkt,
+wo man die Gesunde und ringsumher Achtunggebietende gesehen hat. Kurz
+vor ihrem Tode, ich war damals vierzehn Jahre alt, schrieb sie eines
+Mittags einen Brief: »Mein lieber Sohn!« Aber glauben Sie, sie wäre mit
+ihrer wunderlich-schlanken Handschrift weiter gekommen als über die
+Anrede hinaus? Nein, sie lächelte müde und irr, murmelte etwas und war
+gezwungen, die Feder wieder wegzulegen. Da saß sie, da lag der
+angefangene Sohnesbrief, da die Feder, die Sonne schien draußen, und ich
+beobachtete das alles. Eines Nachts dann klopfte Hedwig an meiner
+Kammertüre: ich solle aufstehen, Mutter sei gestorben! Ein dünner
+Lichtstrahl fiel durch die Türritze zu mir hinein, während ich zum Bett
+hinaussprang. Meine Mutter war als Mädchen unglücklich und schlecht
+bestellt gewesen. Sie kam aus dem abgelegenen Gebirge zu ihrer
+Schwester, meiner Tante, in die Stadt, wo sie beinahe Magdsdienste
+verrichten mußte. Als Kind ging sie einen weiten, tief mit Schnee
+bedeckten Weg in die Schule, und ihre Schulaufgaben machte sie in einer
+kleinen Stube, bei einem armseligen Lichtstümpfchen, daß ihr die Augen
+weh taten, weil sie die Buchstaben im Buch kaum lesen konnte. Ihre
+Eltern waren nicht gut zu ihr, so lernte sie früh die Schwermut kennen
+und stand, als sie Mädchen war, eines Tages an ein Brückengeländer
+angelehnt und dachte darüber nach, ob es nicht besser wäre, in den Fluß
+hinab zu springen. Man muß sie vernachlässigt, hin und her geschoben und
+auf diese Art mißhandelt haben. Als ich als Knabe einmal von ihrer bösen
+Jugend hörte, schoß mir der Zorn ins Gesicht, ich bebte vor Empörung und
+haßte von nun an die unbekannten Gestalten meiner Großeltern. Für uns
+Kinder hatte die Mutter, als sie noch gesund war, etwas beinahe
+Majestätisches, vor dem wir uns fürchteten und zurückscheuten; als sie
+krank im Geist wurde, bemitleideten wir sie. Es war ein toller Sprung,
+so von der ängstlichen, geheimnisvollen Ehrfurcht ins Mitleid
+überspringen zu müssen. Was dazwischen lag: die Zärtlichkeit und
+Vertraulichkeit zu ihr, war uns unbekannt geblieben. So kam es, daß
+unser Mitleid mit einem unsäglichen Bedauern über das Nie-Empfundene
+stark gemischt wurde, was uns dann eigentlich sie um so inniger
+bemitleiden ließ. Alle Flegeleien fielen mir wieder ein und alles
+unehrerbietige Betragen, und dann die Stimme der Mutter, mit der sie
+einen schon aus der Entfernung strafte, so daß die nachher erfolgende,
+handliche und wirkliche Abstrafung nur noch süßes, lächerliches
+Zuckerzeug dagegen war. Sie hat solch eine Stimme anzuschlagen gewußt,
+die einen im Nu den begangenen Fehler bereuen und einen wünschen ließ,
+die heftig Gekränkte so schnell wie nur möglich wieder besänftigt zu
+sehen. Ihre Sanftheit hatte etwas wunderbar Sanftes für uns, es war ein
+Geschenk; denn wir sahen es selten. Gereizt und allzu empfindlich war
+meine Mutter immer. Unsern Vater fürchteten wir alle lange nicht so, wie
+die Mutter, wir fürchteten nur immer, daß er etwas gesagt oder getan
+haben mochte, worüber Mutter in Zorn geraten konnte. Er war ihr
+gegenüber machtlos, eine Natur, die das Energische nicht so sehr liebte
+wie das Sich-wohl-sein-lassen. Als munterer Gesellschafter war er gerne
+gesehen, aber zu schweren Geschäften war er nicht der Mann. Jetzt ist er
+achtzig Jahre alt, und wenn er sterben wird, so stirbt ein Stück
+Stadtgeschichte mit ihm; die alten Leute werden ihren Kopf bedenklicher
+und müder schütteln, wenn sie den alten Mann nicht mehr sehen seinen
+Geschäften nachgehen, was er immer noch, und mit ziemlich rüstigen
+Beinen, tut. In seiner Jugend war er ein ziemlich wilder Geselle
+gewesen, den das Stadtleben allmählich abschliff, aber auch zum
+Wohlleben verführte. Beide Eltern, Mutter sowohl wie Vater, kamen aus
+rauhen, stillen Gebirgsgegenden her, in eine Stadt, die schon damals
+ihrer Großzügigkeit und Lebensfreude wegen im ganzen Lande einen
+gemischten Ruhm genoß. Die Industrie blühte damals wie eine feurige
+Pflanze auf und gestattete ein leichtes, gedankenloses Leben, viel Geld
+wurde verdient, viel ausgegeben. Wenn in der Woche fünf bis sechs Tage
+gearbeitet wurde, so galt das als fleißiges Wesen. Der Arbeiter lag
+tagelang am sonnigen Flußufer und angelte Fische, wenn er nichts
+Schlimmeres trieb. Sobald er Geld nötig hatte, zum Weiterleben,
+arbeitete er ein paar Tage und verdiente soviel, daß er wieder müßig
+gehen konnte. Der Handwerker verdiente vom Arbeiter, denn wenn die armen
+Leute Geld haben, so kann es den Wohlhabenden um so weniger fehlen. Die
+Stadt schien in einer Nacht zehntausend Einwohner mehr bekommen zu
+haben, alles strömte aus dem umliegenden Lande herbei, in die Häuser,
+die schon besetzt und bewohnt wurden, sobald sie nur äußerlich das
+fertige Aussehen hatten, mochten sie innen feucht und schmutzig sein, so
+viel sie wollten. Die Bauunternehmer hatten eine prachtvolle Zeit, sie
+brauchten nur immer bauen zu lassen, und sie taten es so liederlich, als
+es nur anging. Die Fabrikanten ritten zu Pferd und ihre Damen fuhren in
+Kaleschen, während der alte Stadtadel die Nase dazu rümpfte. An
+Festtagen tat sich die Stadt, wie keine andere, hervor und entfaltete
+bei solcher Gelegenheit alles, was ihr zu Gebote stand, um sich überall
+als die beste Feststadt rühmen zu lassen. Die Kaufleute konnten unter
+solchen Umständen nicht klagen, die Schulkinder ebensowenig, nur einige
+Einsichtsvolle, die nicht den Mut fanden, sich auf dem schwankenden,
+rosenbestreuten Boden der Lust und Oberflächlichkeit mit fortzubewegen.
+In solche Verhältnisse hinein kamen meine Eltern, Mutter mit ihrer
+empfindlichen Reizbarkeit und mit ihrem Sinn für das Einfach-Vornehme,
+und Vater mit seinem Anpassungstalent an alles Bestehende. Für Kinder
+ist eine jede Gegend lieblich und reizvoll, aber diese, die uns empfing,
+war ihrer Lage nach für Kinder, die gerne Schlupfwinkel, wie Felsen,
+Höhlen, Flüsseufer, Weiden, Niederungen, Schluchten und Waldstürze zu
+ihren Spielen haben, wie geschaffen. So genoß man die ganze Gegend
+spielend und Spiele erfindend, bis man aus der Schule kam. Ich wurde,
+als die Mutter starb, in eine Bank als Lehrling gegeben. Im ersten Jahr
+hielt ich mich vortrefflich; denn das Neue, das mir begegnete in dieser
+Welt, jagte mir Furcht und Scheu ein. Das zweite Jahr sah mich als
+Muster-Lehrling, aber im dritten Lehrjahr jagte mich der Direktor in
+Forma zum Teufel und behielt mich nur gnadenshalber aus Rücksicht auf
+meinen Vater, dem er seit vielen Jahren ein guter Bekannter war. Ich war
+unlustig geworden zu jeder Arbeit und frech zu den Vorgesetzten, die ich
+nicht für würdig befand, mir Befehle zu erteilen. Es war etwas mir jetzt
+Unbegreifliches in mir. Ich besinne mich, daß mir alles, jedes Möbel,
+jeder Gegenstand, jedes Wort weh tat. Ich war so scheu geworden, daß es
+Zeit war, mich fortzuschicken, und man tat es. Man suchte mir eine
+Stelle in einer entfernten Stadt, nur um mich loszuwerden, mit dem doch
+nichts anzufangen war. So kam ich fort. -- Aber jetzt will ich nicht
+mehr an all das Frühere denken, auch nicht mehr sprechen davon. Es ist
+etwas Wunderbares, der frühen Jugend entronnen zu sein; denn sie ist
+nicht das gar nur Schöne, Liebliche und Leichte, sondern oft schwerer
+und gedankenvoller als manches alten Mannes Leben. Je mehr man gelebt
+hat, desto sanfter lebt man. Wer heftig in der Jugend gelebt hat, der
+mag sich später nur noch selten, am liebsten nie mehr wieder heftig
+gebärden. Wenn ich so denke, wie wir Kinder, immer eines dem andern
+nach, so durch mußten, durch den Irrtum und durch die jähe, schnelle
+Empfindung hindurch, und daß das alle Kinder der Erde müssen, mit so
+viel jugendlicher Gefahr, so möchte ich die Kindheit nicht so voreilig
+als etwas Süßes preisen, und doch preisen; denn sie ist doch eine
+kostbare Erinnerung. Wie schwer wird es oft Eltern gemacht, gute und
+behütende Eltern zu sein; und ein artiges, folgsames Kind zu sein, das
+ist für die meisten Kinder nur eine billige, oberflächliche Phrase. Sie
+wissen das übrigens besser; denn Sie sind eine Frau. Was mich betrifft,
+so bin ich bis jetzt noch der untüchtigste aller Menschen geblieben. Ich
+besitze nicht einmal einen Anzug am Leibe, der von mir aussagen könnte,
+daß ich einigermaßen mein Leben geordnet hätte. Sie erblicken nichts an
+mir, das auf eine bestimmte Wahl im Leben hindeutete. Ich stehe noch
+immer vor der Türe des Lebens, klopfe und klopfe, allerdings mit wenig
+Ungestüm, und horche nur gespannt, ob jemand komme, der mir den Riegel
+zurückschieben möchte. So ein Riegel ist etwas schwer, und es kommt
+nicht gern jemand, wenn er die Empfindung hat, daß es ein Bettler ist,
+der draußen steht und anklopft. Ich bin nichts als ein Horchender und
+Wartender, als solcher allerdings vollendet, denn ich habe es gelernt,
+zu träumen, während ich warte. Das geht Hand in Hand, und tut wohl, und
+man bleibt dabei anständig. Ob ich meinen Beruf etwa verfehlt habe,
+darnach frage ich mich nicht mehr, das fragt sich der Jüngling, aber der
+Mann nicht. Ich wäre mit jedem Beruf so weit gekommen, wie ich jetzt
+bin. Was kümmert mich das! Ich bin mir meiner Tugenden und Schwächen
+bewußt und verhüte es, mit der Tugend sowohl, als mit der Schwäche zu
+prahlen. Ich biete einem jeden mein Wissen, meine Kraft, meine Gedanken,
+meine Leistungen und meine Liebe an, wenn er einen Gebrauch davon machen
+kann. Streckt er den Finger aus und winkt mir, so ist einer, der
+vielleicht in einem solchen Falle heranhumpeln würde, ich aber springe,
+sehen Sie, so wie der Wind pfeift, und überschlage und trete achtlos auf
+alle Erinnerungen, nur um noch ungehinderter laufen zu können. Die ganze
+Welt saust mit, das ganze Leben! So ist es schön. Nur so! Nichts in der
+Welt ist mein, aber ich sehne mich auch nach nichts mehr. Ich kenne
+keine Sehnsucht mehr. Als ich noch eine bestimmte Sehnsucht trug, waren
+mir die Menschen gleichgültig und hinderlich, und ich verabscheute sie
+bisweilen, jetzt liebe ich sie, weil ich sie brauche und weil ich mich
+zum Verbrauchen ihnen anbiete. Dazu ist man da. Es kommt einer und sagt
+zu mir: »Du da! Komm! Ich brauche dich. Ich kann dir Arbeit geben!« Der
+macht mich glücklich. Dann weiß ich, was Glück ist! Glück und Schmerz
+sind vollständig verändert, sie sind mir deutlicher und ersichtlicher
+geworden, sie erklären sich mir, sie gestatten mir, in Liebe und Weh mit
+ihnen zu buhlen, um sie zu werben. Wenn ich jemandem eine Dienst-Offerte
+einzureichen habe, so weise ich immer auf meine Brüder und deute an,
+daß, wenn diese sich als nützliche und schaffensfreudige Menschen
+erwiesen haben, ich vielleicht auch noch zu gebrauchen sei, worüber ich
+jedesmal lachen muß. Es ist mir keineswegs bange, daß aus mir nicht auch
+noch eine Form wird, aber mich endgültig formen möchte ich so spät als
+nur möglich. Und dann sollte das besser von selber, ohne, daß man es
+gerade beabsichtigte, kommen. Nun habe ich mir vorläufig ein paar grobe,
+breite Schuhe anmessen lassen, um fester aufzutreten und den Menschen
+schon mit meinen Schritten zeigen zu können, daß ich einer bin, der
+etwas will und wahrscheinlich auch etwas kann. Erprobt zu werden, das
+ist mir eine Lust! Kaum eine höhere kenne ich. Daß ich augenblicklich
+arm bin, was heißt das? Das will gar nichts heißen, das ist nur eine
+kleine Verzeichnung in der äußeren Komposition, der mit ein paar
+energischen Strichen abgeholfen werden kann. Es setzt höchstens einen
+gesunden Menschen in Verlegenheit, in einigen Kummer vielleicht, aber in
+keine Aufregung. Sie lachen. Nein? Sie wollen nicht gelacht haben? Dann
+wäre es schade; denn Ihr Lachen ist etwas Schönes. Eine Zeitlang war es
+immer mein Gedanke, unter die Soldaten zu gehen, aber ich traue diesem
+romantischen Gedanken nicht mehr recht. Warum nicht bleiben, wo man ist!
+Kann sich mir hier im Lande etwa keine Gelegenheit bieten, wenn ich
+Gelegenheit haben will, unterzugehen? Ich kann hier einen würdigeren
+Anlaß finden, meine Gesundheit, Kraft und Lebenslust aufs Spiel zu
+setzen. Zunächst bin ich meiner Gesundheit froh, der Lust, meine Beine
+und Arme nach Belieben zu gebrauchen, dann meines Geistes, der mir immer
+noch sehr munter erscheint, dann endlich des aufreizenden Bewußtseins,
+daß ich der Welt gegenüber als tief belasteter Schuldner dastehe, der
+alle Ursache hat, den Atem endlich anzuspannen, um sich in der Liebe der
+Welt hinaufzuarbeiten. Ich bin gern Schuldner! Wenn ich mir sagen müßte,
+daß mich die Menschen gekränkt hätten, das wäre trostlos für mich. Da
+müßte ich mich ja in Stumpfheit und Abneigung und Bitternis versteifen.
+Nein, die Sache steht anders, sie steht glänzend, wie sie glänzender für
+einen angehenden Mann nicht stehen kann: ich, ich bin es, der die Welt
+gekränkt hat. Sie steht mir gegenüber wie eine erzürnte, beleidigte
+Mutter: wundervolles Antlitz, in das ich vernarrt bin: das Antlitz der
+Sühne fordernden, mütterlichen Erde! Ich zahle ab, was ich
+vernachlässigt, verspielt, verträumt, versäumt und verbrochen habe. Ich
+werde die Beleidigte zufriedenstellen und meinen Geschwistern dann
+einmal, einer schönen, traulichen Abendstunde erzählen, wie ich es
+gemacht habe, daß es gekommen ist, daß ich den Kopf so hoch trage. Es
+kann Jahre dauern, aber eine Arbeit ist mir nur um so viel entzückender,
+je längere und je schwerere Anspannung der Kräfte sie fordert. Jetzt
+kennen Sie mich einigermaßen.«
+
+Die Dame küßte ihn.
+
+»Nein,« sagte sie, »Sie werden nicht untersinken. Sonst, wenn das
+geschähe, wäre es schade, schade für Sie. Sie dürfen niemals wieder so
+verbrecherisch, so sündhaft über Sie selber aburteilen. Sie achten sich
+zu wenig und andere zu hoch. Ich will Sie davor behüten, gegen sich
+selber so allzustreng vorzugehen. Wissen Sie, was Ihnen fehlt? Sie
+müssen es eine Zeitlang ein bißchen wieder gut haben. Sie müssen in ein
+Ohr hineinflüstern und Zärtlichkeiten erwidern lernen. Sie werden sonst
+zu zart. Ich will Sie lehren; das alles, was Ihnen fehlt, will ich Sie
+lehren. Kommen Sie. Wir gehen hinaus in die Winternacht. In den
+brausenden Wald. Ich muß Ihnen so viel sagen. Wissen Sie, daß ich Ihre
+arme, glückliche Gefangene bin? Kein Wort mehr, kein Wort mehr. Kommen
+Sie nur.« --
+
+
+ Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ sprach einen guten Eindruck auf ihn mache, oder nicht. Er wußte es
+ sprach, einen guten Eindruck auf ihn mache, oder nicht. Er wußte es
+
+ weil sie Gutes von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn sie gedenken,
+ weil sie Gutes von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn Sie gedenken,
+
+ Gewiß, mein Herr.«
+ »Gewiß, mein Herr.«
+
+ es?
+ es?«
+
+ erblickte. Hier kann ich den Frühling nicht empfinden, er stört mich.
+ erblickte. Hier kann ich den Frühling nicht empfinden, er stört mich.«
+
+ gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre, es auch, um Erde zu schaufeln
+ gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre es auch, um Erde zu schaufeln
+
+ den Lorber, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen
+ den Lorbeer, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen
+
+ im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen uud beinahe
+ im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen und beinahe
+
+ meine Kulter eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer
+ meine Kultur eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer
+
+ »Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich
+ Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich
+
+ gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größen Freude neben ihn
+ gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größten Freude neben ihn
+
+ wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rede redetete sich
+ wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rede redete sich
+
+ namentlich in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennnoch
+ namentlich in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennoch
+
+ Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben.
+ »Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben.
+
+ ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zukungen allmählich sich
+ ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zuckungen allmählich sich
+
+ mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmmen. Ich bin ganz still,
+ mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmen. Ich bin ganz still,
+
+ Schritte auf; dem er stieß immer wieder an Steine, die im Wege lagen,
+ Schritte auf; denn er stieß immer wieder an Steine, die im Wege lagen,
+
+ sie, und wenn man ihre Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte
+ sie, und wenn man ihr Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte
+
+ nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahrene was an Erfahrung das Leben
+ nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahren, was an Erfahrung das Leben
+
+ Bettstelle wurde auf einem breitem Schlitten in der Nacht vom nächsten
+ Bettstelle wurde auf einem breiten Schlitten in der Nacht vom nächsten
+
+ fröhlich miteiander.
+ fröhlich miteinander.
+
+ umgehe.« In der Tat, er ließ die Häfte davon stehen, bezahlte und
+ umgehe.« In der Tat, er ließ die Hälfte davon stehen, bezahlte und
+
+ »Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Fau.
+ »Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Frau.
+
+ man begangen hat; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch Fehler
+ man begangen hat«; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch Fehler
+
+ offener Straße umhalsen und Tränen der Widersehensfreude weinen werden.
+ offener Straße umhalsen und Tränen der Wiedersehensfreude weinen werden.
+
+ aus der er schließlich erwachte.«
+ aus der er schließlich erwachte.
+
+ herumziehendie Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam
+ herumziehenden Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam
+
+ grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karrossen rollten
+ grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karossen rollten
+
+ viel früher, gesungen haben muße. Einer riß beständig Witze, es war ein
+ viel früher, gesungen haben mußte. Einer riß beständig Witze, es war ein
+
+ ein-, zwei- oder vierzehntätige Anstellung gefunden. Das war immer ein
+ ein-, zwei- oder vierzehntägige Anstellung gefunden. Das war immer ein
+
+ will, Geld auf Dahrlehn anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen
+ will, Geld auf Darlehn anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen
+
+ das gefiel im, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem guten
+ das gefiel ihm, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem guten
+
+ vermute, daß Ihnen dann der Spaß verleien müßte. Ziehen Sie sich nur
+ vermute, daß Ihnen dann der Spaß verleiden müßte. Ziehen Sie sich nur
+
+ fragen, was er wünsche Aber es kam vorläufig keines. So blieb er denn
+ fragen, was er wünsche. Aber es kam vorläufig keines. So blieb er denn
+
+ Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte sie sich wieder zu
+ »Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte sie sich wieder zu
+
+ hier bei Ihnen, einem ganz jungen, scheinbar etwas vorkommenen Menschen,
+ hier bei Ihnen, einem ganz jungen, scheinbar etwas verkommenen Menschen,
+
+ sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke den man ihnen aus
+ sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke, den man ihnen aus
+
+ der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst lieber gar nichts, nicht war! Sie
+ der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst lieber gar nichts, nicht wahr! Sie
+
+ Kaleschen, während der alte Stadtadel die Nase dazu rümpfte. Am
+ Kaleschen, während der alte Stadtadel die Nase dazu rümpfte. An
+
+ kann Streckt er den Finger aus und winkt mir, so ist einer, der
+ kann. Streckt er den Finger aus und winkt mir, so ist einer, der
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Geschwister Tanner, by Robert Walser
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHWISTER TANNER ***
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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