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diff --git a/35999-h/35999-h.htm b/35999-h/35999-h.htm new file mode 100644 index 0000000..5ec5bf5 --- /dev/null +++ b/35999-h/35999-h.htm @@ -0,0 +1,10145 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Seelenverkäufer, by M. Gontard-Schuck. + </title> + <style type="text/css"> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +p { + margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; +text-indent:1em; +} + + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; +} + +hr.hr45 { +width: 45%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; +} + +hr.hr65 { +width: 65%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; +} + + +.smcap {font-variant: small-caps;} + +/* Images */ +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; +} + +td.wide {width: 200px;} +td.short {width: 20px;} + + +/* Poetry */ +.poem { + margin-left:10%; + margin-right:10%; + text-align: left; +} + +.poem br {display: none;} + +.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + +.poem span.i0 { + display: block; + margin-left: 0em; + padding-left: 3em; + text-indent: -3em; +} + +.poem span.i2 { + display: block; + margin-left: 2em; + padding-left: 3em; + text-indent: -3em; +} + + + +.poem span.i14 {display: block; margin-left: 14em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + +em.gesperrt { + font-style: normal; + font-weight: normal; + letter-spacing: .2em; + padding-left: .2em; + } + +p.noindent { +text-align: center; +text-indent: 0em; } + +p.bottomspace { + +text-align: center; +margin-bottom: 4em; + +} + +p.u1 { +font-size: 1.1em; +font-weight: bold; +text-align: center; + +} + +table { +margin-left: auto; +margin-right: auto; +} + + +ins {text-decoration:none; border-bottom: thin dotted gray;}.tnote {border: dashed 1px; margin-left: 10%; margin-right: 10%;padding-bottom: .5em; padding-top: .5em; padding-left: .5em; padding-right: .5em;} + + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Seelenverkäufer, by M. Gontard-Schuck + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Seelenverkäufer + Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin + +Author: M. Gontard-Schuck + +Release Date: April 30, 2011 [EBook #35999] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEELENVERKÄUFER *** + + + + +Produced by Heike Leichsenring, Alexander Bauer, Jana Srna +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + + + + +<p class="u1">M. GONTARD-SCHUCK</p> + +<h1><span class="smcap">Seelenverkäufer</span></h1> + +<p class="bottomspace">DAS SCHICKSAL +EINER DEUTSCH-AMERIKANERIN</p> + + + +<p class="noindent">VIERTES UND FÜNFTES TAUSEND</p> + +<p class="figcenter" style="width: 150px;"> +<img src="images/verlagslogo_pg.png" width="150" height="168" alt="F.F.&C." title="" /> +</p> + +<p class="bottomspace">BERLIN / F. FONTANE & CO.</p> + + + +<blockquote><p><em class="gesperrt">Das erste bis dritte Tausend erschien als +erste Auflage im Juni 1914, das vierte und +fünfte Tausend im darauffolgenden Monat.</em></p> + + + +<p><em class="gesperrt">Auf Grund des U. G. vom</em> 19. <em class="gesperrt">Mai</em> 1909 <em class="gesperrt">gegen Nachdruck geschützt.</em></p> + + + + +<p class="bottomspace"><em class="gesperrt">Copyright</em> 1914 <em class="gesperrt">by F. Fontane & Co</em>.</p></blockquote> + + + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i2">Per me si va nella città dolente,<br /></span> +<span class="i2">Per me si va nell' eterno dolore,<br /></span> +<span class="i2">Per me si va tra la perduta gente.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen,<br /></span> +<span class="i0">Der Eingang bin ich zu den ew'gen Qualen,<br /></span> +<span class="i0">Der Eingang bin ich zum verlorenen Volke ...<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i14">(<em class="gesperrt">Dante, Inferno.</em>)<br /></span> +</div></div> + + + + + +<hr class="hr65" /> +<h2><a name="Inhalt" id="Inhalt"></a>Inhalt</h2> + + + + +<table border="0" summary="Inhaltsverzeichnis"> + + +<tr> +<td class="wide"> </td> +<td class="short"> </td> +</tr> +<tr> +<td class="wide"><a href="#I">I. Kindheit</a></td> +<td class="short">1</td> +</tr> +<tr> +<td class="wide"><a href="#II">II. Der neuen Welt zu</a></td> +<td class="short">24</td> +</tr> +<tr> +<td class="wide"><a href="#III">III. Nacht</a></td> +<td class="short">36</td> +</tr> +<tr> +<td class="wide"><a href="#IV">IV. Sonnenaufgang</a></td> +<td class="short">94</td> +</tr> +<tr> +<td class="wide"><a href="#V">V. Als Stewardeß</a></td> +<td class="short">131</td> +</tr> +<tr> +<td class="wide"><a href="#VI">VI. Im sichern Hafen</a></td> +<td class="short">183</td> +</tr> +<tr> +<td class="wide"><a href="#VII">VII. Eine Abrechnung</a></td> +<td class="short">224</td> +</tr> +<tr> +<td class="wide"><a href="#VIII">VIII. Ans Werk</a></td> +<td class="short">255</td> +</tr> +</table> + + + + + +<hr class="hr65" /> +<h2><a name="I" id="I"></a>I.<br /> + +Kindheit.</h2> + + +<p>Zum letzten Male liegst du vor mir, mein treuer +Weggenoß. Zum letzten Male, ehe ich dich +hinausschicke in die Welt.</p> + +<p>Sinnend ruhen meine Blicke auf den ersten Aufzeichnungen +aus jener Zeit, da die verschlossenen +Türen des Lebens sich für mich öffneten.</p> + +<p>Ein Kind war ich noch damals, und wie hart hat +mich das Schicksal in die Schmiede genommen, um +einen Menschen aus mir zu machen, der Menschen und +menschliche Schwächen versteht.</p> + +<p>Und war es nicht gut, daß ich noch so jung war? +Wie wäre es mir sonst möglich gewesen, die furchtbaren +Erlebnisse meiner ersten Jugend so vollständig +verwinden zu können?</p> + +<p>Die kindlich unfertigen Schriftzüge da vor mir, +die noch so gar keine Charakteristik zeigen, wecken +nur eine leise, wehmütige Rührung in mir. Von dem +Schmerz, der Bitterkeit jener Tage spüre ich nichts, +gar nichts mehr.</p> + +<p>Vielleicht, weil ich jetzt verstehe, wie alles kommen +konnte, ja, wie alles kommen mußte. Wie eine Schuld, +die andere nach sich zog, und wie auch an mir der uralte +Fluch sich erfüllte, wie in mir das Vergehen der +Eltern seine Sühne fand.</p> + +<p>Und war es denn überhaupt ein Vergehen? War +es Sünde?</p> + +<p>Meine arme Mutter, was wußte sie von Sünde in +ihrer Waldeinsamkeit?</p> + +<p>Ihre Eltern waren stille, wortkarge Menschen, und +sie fühlte sich oft sehr einsam in dem großen, alten +Jagdhause oben im Gebirge. Und der Erbprinz, der +als leidenschaftlicher Jäger oft ganze Wochen dort +oben zubrachte, hatte nach den Pirschgängen am +frühen Morgen Zeit und Muße genug, sich mit der +schönen Försterstochter zu beschäftigen.</p> + +<p>Mehr als für Ruhe und Glück des Mädchens gut +war. — — —</p> + +<p>Der Prinz war ein schöner Mann, und das Försterkind +liebte ihn.</p> + +<p>Sie mußte ihn ja lieben!</p> + +<p>Wie selten kamen Fremde in ihre Waldeinsamkeit; +und wie begreiflich ist es, daß ihr junges Herz dem +ersten, der sich um sie bemühte, zuflog.</p> + +<p>Wer will da von Schuld und Sünde sprechen?</p> + +<p>Aber der rosenrote Traumhimmel des jungen Mädchens +wurde gar rauh zerstört, als die Folgen sich +zeigten. Und Lisbeth mußte heiraten. Zwar nicht +den Prinzen, wohl aber seinen Büchsenspanner.</p> + +<p>Alles Sträuben half nichts, der Vater war unerbittlich!</p> + +<p>Hoheit wünschte es, so war es für ihn Befehl.</p> + +<p>Der Büchsenspanner erhielt die Pachtung der Domäne +Neuhof, und ich wurde als Tochter des Herzoglichen +Domänenpächters Georg Albrecht geboren. —</p> + +<p>Ich beneide jeden, der auf eine frohe, ungetrübte +Kindheit zurückblicken kann.</p> + +<p>Meine ersten Erinnerungen haften an einzelnen +häßlichen Szenen im Elternhause. Die weinende, betrübt +einherschleichende Mutter, der zornig scheltende +Vater sind die am fernsten liegenden Bilder. +Später entsinne ich mich, daß die Mutter immer krank +war. Häßliche Auftritte gab es auch da noch. Ich +fürchte, ich habe die Mutter nicht so geliebt, wie sie +es um mich verdient hat.</p> + +<p>Ihr stilles Dulden lag meiner wilden, aufbrausenden +Natur nicht. Am liebsten wäre ich ihrem Peiniger +an die Kehle gesprungen, wenn er ihr harte +Worte gab, wenn er mich Wechselbalg oder Kuckucksei +nannte. Obgleich ich die Bedeutung der Worte gar +nicht verstand. —</p> + +<p>Ich war noch nicht zwölf Jahre alt, als meine +Mutter starb. Für die arme Dulderin war es eine Erlösung +– für mich ein Unglück, dessen Tragweite ich +erst in späteren Jahren voll ermessen konnte. Erst +viel später, Jahrzehnte später, habe ich verstehen gelernt, +was mir an jenem Tage genommen worden war.</p> + +<p>Die Jahre nach dem Tode meiner Mutter, bis zu +meinem fünfzehnten Jahre sind mir wie eine ununterbrochene +Kette von Unannehmlichkeiten in Erinnerung. +Lichtblicke waren es, wenn ich zu den Großeltern +durfte. Bei ihnen war ich daheim.</p> + +<p>Und als ich eines Tages von meinem Vater gezüchtigt +worden war – ungerecht, wie ich meinte – +da riß ich aus, und wanderte zu Fuß die neun Stunden +über den Wald zu den Großeltern.</p> + +<p>Einige Tage durfte ich bei ihnen bleiben, dann +kam mein Vater, und ich mußte wieder mit nach +Hause.</p> + +<p>Liebe zu mir war es nicht, die ihn dazu trieb, mich +wieder zu holen. Erst viel später habe ich begriffen, +daß, solange er mich bei sich hatte, immer eine gewisse +Nachsicht mit ihm geübt wurde, wenn er mit +der Pacht im Rückstande war. Und das war wohl +meistens der Fall.</p> + +<p>Das flotte Leben, das er führte, verschlang zu +viel.</p> + +<p>Oft hörte ich damals des Abends Gläserklingen +und lustiges Frauenlachen aus den unteren Räumen +zu mir herauftönen.</p> + +<p>Ich war neugierig ndash; sehr neugierig.</p> + +<p>Aber die alte Rosine schalt mich aus, wenn ich sie +fragte.</p> + +<p>»Du hast geträumt, Kind! In der Nacht schläft +man. Wo sollten hier denn Damen herkommen?«</p> + +<p>Ich hatte aber doch nicht geträumt. Ich weiß +es jetzt.</p> + + +<p class="noindent"><big><em class="gesperrt"><b>Mein Tagebuch.</b></em></big></p> + +<p>Ich habe mir ein Tagebuch gekauft, und heute +will ich es einweihen, heute am Todestage meiner lieben, +toten Mutter.</p> + +<p>Nun ich aber davorsitze, weiß ich gar nicht, was +ich schreiben soll. Ich erlebe so gar nichts. Soll ich +schreiben, daß ich sehr unglücklich bin? Das kann +ich nicht! Ich bin mir selbst nicht recht klar über +mein Empfinden. Ich habe etwas sehr Böses getan +und weiß nicht, was aus mir werden wird, und darüber +müßte ich doch traurig sein, aber ich bin es nicht.</p> + +<p>Die Großeltern werden schon für mich sorgen, sie +haben es ja immer getan. — Und Rudolph? Wie +kommt es, daß ich so wenig an ihn denke in meiner +Verbannung? Und wie kommt es, daß ich keine Nachricht +von ihm bekomme? Ist sein Vater noch immer +nicht gesund? —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 4. Februar.</p> + +<p>Ich sitze wieder vor meinem Tagebuch und weiß +nicht, was ich schreiben soll. Ich will deshalb eintragen, +warum ich hier in E. bin und warum ich +eigentlich unglücklich sein sollte. — —</p> + +<p>Ich war im Frühjahr fünfzehn Jahre alt und sollte +Ostern konfirmiert werden. Unser Inspektor war zum +1. Januar gegangen, und Vater war immer in einer +fürchterlichen Laune.</p> + +<p>Ich ging mit den andern Dorfkindern zu Pastor +Eckebrecht in die Konfirmandenstunde. Der Pastor +war immer sehr gut zu mir, er fragte mich oft nach +den Großeltern und auch, wie es bei uns zu Hause +ginge. Auch ob Vater oft abends zur Stadt führe.</p> + +<p>Am Palmsonntag kamen die Großeltern; das war +mir das Liebste an der ganzen Konfirmation. Die +Großmutter backte immer so schönen Rosinenkuchen.</p> + +<p>Wir haben aber gar nicht viel gefeiert, denn der +Vater fuhr nach dem Kaffee gleich wieder in die Stadt, +und darüber schien Großvater ärgerlich zu sein. +Ich freute mich, als er weg war. Mit den Großeltern +allein war es viel schöner.</p> + +<p>Großmutter sagte mir, daß ich bis zum Herbst im +Hause bleiben solle, dann solle ich fort, um etwas zu +lernen. Was, das wußte ich nicht, war mir auch einerlei. +Mir war die Hauptsache, daß ich fortkam. Auch +über das Wohin machte ich mir keine Sorgen, jedenfalls +in eine schöne, große Stadt, wo es Schaufenster +gab, die man sich besehen konnte.</p> + +<p>Anna Marie Walter war einmal in Dresden gewesen +und hatte mir so viel davon erzählt, daß ich +ganz neugierig war. — —</p> + +<p>Ich bin auch fortgekommen – aber schön ist es +hier nicht. — —</p> + +<p>Am ersten April war ein Volontär bei uns eingetreten. +Der Sohn eines Gutsbesitzers aus dem Hessischen. Er +war sehr hübsch, so flott und lustig, daß wir bald gute +Freunde waren. —</p> + +<p>Warum Rudolph Schönewald gerade zu uns gekommen war, +weiß ich nicht, denn lernen konnte er +bei uns wahrhaftig nicht viel. Rosine sagte mir, daß +er schon auf verschiedenen Gütern gewesen sei, aber +nirgends ausgehalten habe.</p> + +<p>Bei uns kam es nicht so genau darauf an. Er bezahlte +eine schöne Summe dazu, und das konnte mein +Vater gut gebrauchen. — —</p> + +<p>Rudolph war noch nicht vier Wochen bei uns, als +wir uns schon heimlich trafen. Bald im Feld, bald im +nahen Gehölz.</p> + +<p>Ich liebte ihn sehr, und er nannte mich seine süße, +kleine Lotte. Ob er mich ebensosehr geliebt, wie ich +ihn? Ich zweifle jetzt oft daran. Wenn ich darüber +nachdenke, ist mir, als ob er viel kühler und ruhiger +gewesen sei als ich.</p> + +<p>Er hat wohl schon mehr junge Mädchen gekannt +und geliebt. —</p> + +<p>Für mich war es etwas Neues, Überwältigendes.</p> + +<p>Ich war in jenen seligen, duftschweren Sommerwochen +wie im Fieber. Ich war gar nicht ich selbst.</p> + +<p>Dieses heimliche Suchen und Finden. — — —</p> + +<p>Ich war so selig, alles in mir drängte diesem Manne +entgegen. — —</p> + +<p>Heuernte! Sonnenflimmer und Blumenduft!</p> + +<p>Seit Tagen war schönes Wetter; die Heuernte war +im vollen Gange. Alles was Arme hatte, mußte helfen. +Auch ich half.</p> + +<p>Ob ich auch geholfen haben würde, wenn der Verwalter +nicht Rudolph Schönewald gewesen wäre? —</p> + +<p>Wir waren beim Heuabladen. Auf dem Wagen +unten stand der Großknecht, und in der Luke stand +Rudolph und nahm ab. Ich stand etwas zurück und +nahm Rudolph das Heu ab. Oben auf dem Heu +waren noch zwei Kleinmägde, die es verstauten. Alle +anderen, Tagelöhner, Knechte, Mägde und Schnitter, +waren auf dem Feld beim Dörren.</p> + +<p>Als der Wagen leer war, schickte Rudolph die +beiden Mädchen nach dem Heuboden über der großen +Scheune, wo gerade ein Wagen vorfuhr. Im Scherz +nahm er einen Arm voll Heu und warf es über mich, +so daß ich ganz darunter begraben war.</p> + +<p>Ich krabbelte mich heraus, nahm einen Arm voll +und tat das gleiche. —</p> + +<p>Erhitzt und keuchend setzten wir das Spiel eine +Zeitlang so fort, dann sank ich ermattet von der +Anstrengung und dem betäubenden Duft ins Heu.</p> + +<p>Rudolph warf sich über mich und küßte mich, +heiß, leidenschaftlich, sinnverwirrend — — — —</p> + +<p>Den nächsten Wagen lud ich nicht mit ab. — —</p> + +<p>Tagelang war ich wie betäubt. Ob man mir etwas +ansah?</p> + +<p>Ich wagte mich gar nicht aus dem Hause. +Konnte mir denn nicht jeder von der Stirne lesen, +was ich getan?</p> + +<p>Doch nichts geschah, alles war wie bisher.</p> + +<p>Alles war wie bisher, nur ich war eine andere. —</p> + +<p>Drei Tage ließ ich mich nicht vor Rudolph sehen, +dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich mußte ihn +sehen, ich mußte wissen, was er von mir dachte.</p> + +<p>War er auch in einer solch kläglichen Stimmung? +Schämte er sich auch?</p> + +<p>Ich mußte ihn sprechen, aber nicht am Tage. Ich +würde ihm nicht in die Augen sehen können. — —</p> + +<p>Gegen Abend, als es dunkel war, ging ich den +gewohnten, ihm bekannten Weg.</p> + +<p>Meine Hoffnung trog mich nicht, schon nach kurzer +Zeit kam er mir nach.</p> + +<p>Ich konnte die Augen nicht aufschlagen, als er zu +mir trat.</p> + +<p>»Wo bist du gewesen, Lotte? Warum bist du +die ganzen Tage nicht einmal herausgekommen?« +fragte er.</p> + +<p>Ich hob die Augen und sah ihm ins Gesicht. Doch +da stand nichts als ein leichtes Verwundern über mein +ihm unerklärliches Fernbleiben. War es denn möglich! +War das, was mich bis ins Innerste aufgerüttelt, für +ihn gar nichts?</p> + +<p>Ich war eine andere seit jener Stunde, und er?</p> + +<p>Ich wußte nicht, was ich sagen sollte und +stammelte: »Ich – ich schämte mich.«</p> + +<p>»Du bist mein kleines Schäfchen,« sagte er +lachend und schloß mich in die Arme. »Komm, laß +uns noch ein wenig weitergehen.«</p> + +<p>Wir trafen uns nun täglich und – bald schämte +ich mich nicht mehr. — —</p> + +<p>Alles wird zur Gewohnheit, und Rudolph verstand +es, meine Gewissensbisse und Selbstvorwürfe +einzuschläfern.</p> + +<p>Liebten wir uns denn nicht?</p> + +<p>Wen ging es etwas an, wenn wir die heimliche +Süßigkeit der Liebe auskosteten?</p> + +<p>»Wenn ich noch einige Jahre älter bin, wenn ich +ausgelernt habe und vom Militär frei bin, dann wirst +du ja doch meine Frau, meine süße, kleine Frau!«</p> + +<p>Ich war sehr jung, sehr verliebt, und die +Sommernächte waren schwül und voller Düfte. — —</p> + +<p>Der Sommer ist hin und mit ihm meine rosenrote, +geheimnisvolle Verliebtheit. — —</p> + +<p>In den ersten Oktobertagen kam eine Depesche +an Rudolph, daß sein Vater plötzlich sehr schwer +erkrankt sei; er müsse sofort nach Hause kommen.</p> + +<p>Wir konnten kaum Abschied nehmen, so rasch +ging alles. Ich war ganz unglücklich. Kam er wieder, +ehe ich fortging? Würde ich ihn noch einmal sehen, +ehe ich in ein Pensionat kam?</p> + +<p>Ich war überhaupt in einer ganz schrecklichen +Stimmung. Schon seit einigen Wochen fühlte ich +mich gar nicht besonders wohl. Mir war oft so übel +des Morgens, daß ich kaum den Kopf erheben konnte.</p> + +<p>Am liebsten wäre ich jetzt hier geblieben. So sehr +ich mich Ostern auf die Pension gefreut hatte, jetzt +hatte ich gar kein Verlangen mehr danach. Rosine +war auch gar nicht gut zu mir, den ganzen Tag schalt +sie mit mir herum. Am liebsten wäre ich zur +Großmutter gegangen.</p> + +<p>Da, am zweiten Sonntag nach Rudolphs Abreise, +kam plötzlich ganz unerwartet die Großmutter.</p> + +<p>Ich weiß nicht, mir war seltsam beklommen, als +sie mir in die Augen sah. Das gütige, alte Gesicht +sah so kummervoll auf mich.</p> + +<p>»Kind, Kind, was hast du getan,« sagte sie dann +weinend.</p> + +<p>Ich konnte nicht antworten, ich weinte mit; +obgleich ich gar nicht wußte worüber. Mir war nur +plötzlich so bange, so seltsam ahnungsvoll zumute.</p> + +<p>Und dann erfuhr ich den Grund von Großmutters +Kommen.</p> + +<p>Rosine hatte ihr geschrieben: Sie habe schon den +ganzen Sommer bemerkt, daß der Windhund, der +Schönewald, hinter mir hergelaufen sei, und sie habe +längst bemerkt, daß nicht mehr alles mit mir in Ordnung +sei. — —</p> + +<p>»Erzähle, Kind, alles Weinen hilft nun nichts +mehr, und verheimlichen läßt es sich auch nicht,« +sagte die Großmutter.</p> + +<p>Ich erzählte. Die Großmutter saß ganz still. Sie +sah so gramvoll vor sich nieder, daß ich hätte laut +aufschreien können.</p> + +<p>Als ich geendet, nickte sie einige Male still vor sich +hin, dann löste ein Seufzer die beklommene Stille, und +Großmutter sagte:</p> + +<p>»Du gehst heut' abend mit mir, Lottchen. Mach' +einstweilen deine Sachen fertig, ich werde mit dem +Vater sprechen, was später wird, das müssen wir noch +sehen.«</p> + +<p>Was dann da unten über mich verhandelt wurde, +ich weiß es nicht. Oft drang die scheltende Stimme +des Vaters zu mir herauf, aber auch die sonst so sanfte +Stimme der Großmutter war seltsam hart und klar.</p> + +<p>Am andern Tage war ich in der Försterei. Der +tiefe Friede, der um das liebe, alte Haus lag, tat mir +wohl. Der Waldbach, der durch den Garten rauschte, +sang mir sein wundersames Lied. Ich fühlte mich geborgen.</p> + +<p>Nach einigen Tagen erwartete ich, daß der Großvater +oder die Großmutter mit mir sprechen, vielleicht +mit mir schelten würden. Doch nichts von alledem +geschah. Der Großvater sagte gar nichts. – Nur +schien mir, sein Gang sei noch gebückter und sein +Haar noch weißer geworden. — —</p> + +<p>Was würde aus mir werden?</p> + +<p>Ich wollte an Rudolph schreiben und wurde zu +meinem Schrecken gewahr, daß ich nicht einmal seine +Adresse wußte. Den Namen seines väterlichen Gutes +wußte ich, aber wo lag es?</p> + +<p>Oder war Rudolph schon wieder in Neuhof?</p> + +<p>Die Großeltern wagte ich gar nicht zu fragen. +Hätten sie mich doch gescholten, ich glaube, mir wäre +wohler gewesen. Diese schweigende Güte erdrückte +mich.</p> + +<p>Am Ende der Woche reiste der Großvater nach E. +Großmutter sagte mir, daß er eine Pension für mich +suchen wolle; hier könne ich nicht bleiben, weil die +Försterei zu einsam im Walde liege. — —</p> + +<p>Eigentlich ist es gar keine Försterei, es ist ein +Jagdhaus, das einst ein Vorfahr des jetzigen Herzogs +für seine Geliebte erbaut hat. Wenn der Herzog im +Sommer auf Schloß Ringhardt residierte, dann wollte +er sie immer in der Nähe haben. Nach Schloß Ringhardt +durfte er sie nicht bringen, dort wohnte seine +Mutter, so baute er ihr mitten im Walde, dreiviertel +Stunden entfernt von Schloß Ringhardt, das Jagdschloß +Finsterberg.</p> + +<p>Es ist ein zweistöckiges Gebäude mit weit +vorspringendem Dach und kleinen, bleigefaßten +Fensterscheiben.</p> + +<p>Im Untergeschoß wohnte jeweilig ein Förster, zu +dessen Obliegenheiten es gehörte, die oberen Räume +in Ordnung zu halten. — —</p> + +<p>Jene Zeiten sind lange vorbei. Es wohnt keine +geheimnisvolle Unbekannte mehr da oben, und auf der +schönen Chaussee, die damals angelegt wurde, klingt +selten der Hufschlag eines Vollblutes. — — —</p> + +<p>Weihnachten durfte ich noch bei den Großeltern +bleiben, doch es war ein trauriges Fest; keines von +uns dreien hatte Mut und Lust zur lauten Freude. +Lautlos, als läge ein Toter im Hause, gingen wir +aneinander hin.</p> + +<p>Es lag wie ein Bann über uns allen. — — —</p> + +<p>Einige Tage nach Neujahr hat mich der Großvater +hierher gebracht. Hier, bei Frau Martin, soll +ich bleiben bis Anfang März, dann komme ich in die +Entbindungsanstalt, die hier in der Stadt ist. Was +dann mit mir werden soll, wenn alles vorüber ist, ich +weiß es nicht. Mir ist unsäglich bange.</p> + +<p>Als der Großvater von mir ging, meinte ich, das +Herz müßte mir brechen vor Weh. Und vergebens +versuchte er mich zu trösten. Ihm selbst war auch gar +weh ums Herz, denn kaum konnte er sprechen vor +Rührung.</p> + +<p>Großmutter soll mich bald besuchen. — — —</p> + +<p>Nun bin ich allein.</p> + +<p>Ich habe ein ganz einfaches, sauberes Stübchen. +Frau Martin, bei der ich wohne, ist die Witwe eines +Beamten und lebt in ziemlich beschränkten Verhältnissen. +Sie ist vom Großvater wohl in meine Geschichte +eingeweiht worden, sie quält mich nicht mit +Fragen. Sie ist lieb und gut zu mir und tröstet +mich, wenn mich das Heimweh gar zu sehr packt.</p> + +<p>Ich helfe ihr ein wenig in der kleinen Wirtschaft, +dann vergesse ich wenigstens für kurze Zeit meinen +Kummer.</p> + +<p>Was soll ich auch immer tun?</p> + +<p>Ich habe so viel überflüssige Zeit zum Denken.</p> + +<p>Ich schreibe Briefe an Rudolph, ohne je einen abzusenden.</p> + +<p>Und nun habe ich mir sogar ein Tagebuch gekauft, +obgleich ich sonst nicht für solch überflüssigen +Kram bin. Tagebücher und Poesiealbums waren mir +immer greulich. —</p> + +<p>Aber die Langeweile! Die vielen unausgefüllten +Stunden! —</p> + +<p>Mit wem soll ich sprechen? Wem soll ich mein +Herz ausschütten? Wenn ich älter wäre, hätte ich +wohl nicht solches Anlehnungsbedürfnis.</p> + +<p>Warum bin ich noch so jung? So furchtbar jung?</p> + +<p>Ob ich wohl auch hier wäre, wenn meine Mutter +noch lebte? — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 8. Februar.</p> + +<p>Heute hatte ich einen Brief und ein Paket von der +Großmutter. Ein schöner, warmer Schlafrock für +mich war darin und dann noch eine Menge kleiner +Sächelchen. Kinderwäsche! Ach, und von mir! Ich +mußte weinen. Das alles habe <em class="gesperrt">ich</em> angehabt, als ganz +kleines Würmchen. Ob wohl meine Mutter alles selbst +gemacht hat? Ob sie sich wohl sehr gefreut hat, als +sie mich in den Armen hielt? Ich freue mich gar nicht! +Wie könnte ich auch! Ich wünschte, mein Kind wäre +tot. Frau Martin sagt mir auch, die bedauernswertesten +Geschöpfe auf der Welt seien diese unehelichen +Kinder. Niemand liebe sie. Überall würden sie herumgestoßen. +Vielleicht nimmt Großmutter mich mit dem +Kinde zu sich, ich wollte es schon recht gern haben. +Aber es soll doch niemand wissen, daß ich ein Kind habe, +deshalb haben sie mich doch gerade hierher gebracht.</p> + +<p>Und Rudolph schreibt noch immer nicht!</p> + +<p>Ob er nicht weiß, wo ich bin? — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 20. Februar.</p> + +<p>Ich glaube, es war doch Unsinn, daß ich mir ein +Tagebuch gekauft habe. Manchmal abends, wenn ich +es öffne und hineinschreiben will, dann weiß ich nichts. +Ich kann doch nicht bloß hineinschreiben, was ich den +Tag über esse und trinke! Und sonst erlebe ich ganz +und gar nichts. In die Stadt bin ich noch nicht +einmal gekommen. Wenn ich abends im Dunkeln +spazieren gehe, suche ich immer die Anlagen auf, die +hierhinaus liegen. Da begegne ich fast nie einem +Menschen.</p> + +<p>Am 1. März soll ich wahrscheinlich schon in die +Anstalt. Der Arzt kommt morgen und untersucht +mich, dann wird er sagen, wann ich hinkommen soll. +Wenn alles vorüber ist, bleibe ich noch einige Wochen +bei Frau Martin, bis ich mich wieder ganz erholt +habe.</p> + +<p>Wenn ich nur wüßte, was dann aus mir werden +soll! — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 22. Februar.</p> + +<p>Ich darf noch acht Tage länger bei Frau Martin +bleiben. Gestern war der Doktor hier, es war gräßlich! +Ich habe mich so geschämt. Aber als ich mich nicht +anfassen lassen wollte, wurde er grob. Er ist ein +widerlicher Kerl mit wässerigen Schellfischaugen, ich +mag ihn gar nicht. Hoffentlich ist er gerade krank, +wenn es so weit mit mir ist, und es ist ein anderer da.</p> + +<p>Überhaupt fand ich es häßlich von ihm, gleich so +grob zu mir zu sein. Das kann er sich doch denken, +daß man sich schämt! Er ist doch ein Mann.</p> + +<p>Ob es wohl sehr schlimm ist? Es soll sehr wehe +tun. Maria Rettberg sagte es einmal, als wir noch zu +Fräulein Fischer gingen. Ihre große Schwester hatte +ein Baby, und da hatte sie hinter der Portiere versteckt +zugehört, wie die es ihrer Freundin erzählt +hatte. Sie wäre beinahe gestorben.</p> + +<p>Aber ich will nicht sterben! Ich bin noch so +jung. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 28. April.</p> + +<p>Acht Wochen sind es her, seit ich zuletzt in mein +Büchlein geschrieben. Nun ist alles vorüber. Ich +mußte doch früher in die Anstalt, als bestimmt war; +die Niederkunft kam etwas zu früh.</p> + +<p>Es war furchtbar! Zuletzt habe ich gar nichts +mehr davon gewußt, ich war besinnungslos. Und das +war gut. Es wäre vielleicht auch besser gewesen, +wenn ich gar nicht wieder zu mir gekommen wäre, ist +doch auch mein Kind tot. Sie sagen wenigstens so. +Aber ich glaub' es nicht, sie machen alle so sonderbare +Gesichter dabei. Als ich fragte, ob es schon totgeboren +sei, sagte die Schwester ja. Und als ich Frau +Martin gestern fragte, wie lange es gelebt habe, da +sagte sie, sie wisse es nicht genau, einige Stunden nur.</p> + +<p>Das widerspricht sich doch!</p> + +<p>Ein Knabe ist es gewesen. Mein Kind! Wie mir +zumute ist bei dem Gedanken. Ich habe früher wohl +oft gedacht, es sei besser, wenn es tot wäre, und nun +möchte ich es doch so gerne haben. Ich würde es +doch sehr liebhaben.</p> + +<p>Wenn ich nur die Wahrheit wüßte! Aber wer wird +sie mir sagen?</p> + +<p>Seit gestern bin ich nun wieder bei Frau Martin. +Ich sehe jetzt wie ein Junge aus, ganz kurze Haare +habe ich. Das kommt von der Krankheit, sagt Frau +Martin, da gehen einem immer die Haare aus. Ich +bin sehr krank gewesen, Kindbettfieber! Es soll sehr +schlimm sein, und manchmal haben sie nicht gedacht, +daß ich durchkommen würde. Großmutter ist lange +bei mir gewesen, ich hab's aber nicht gewußt.</p> + +<p>Ich bin jetzt sehr mager und blaß, und Frau Martin +sagt, ich sei noch gewachsen. Das ist ja auch gut +möglich, mit sechzehn Jahren kann man noch lange +wachsen.</p> + +<p>Morgen will ich an Vater schreiben, damit er mir +Rudolphs Adresse schreibt. Ich hätte es schon früher +tun sollen, denn Großmutter sagt's mir doch nicht. +Wir müssen doch nun bald heiraten.</p> + +<p>Mir ist ganz sonderbar bei dem Gedanken. Ich +weiß nicht – das alles liegt mir jetzt +so weit ab – so gar nicht mehr, als ob +ich die wäre, die in jenen schwülen, duftschweren +Sommertagen heimliche Wege gewandelt. Mein Blut ist +so ruhig, und wenn ich an Rudolph denke, ist mir gar +nicht mehr sehnsüchtig zu Sinn. Es ist schrecklich! +Ich glaube zuweilen, er ist mir ganz gleichgültig. +Ich verstehe mich selbst nicht. Denn das ist doch +unmöglich! Ich muß ihn doch heiraten! Oder muß ich +vielleicht gar nicht? Könnte ich doch einmal mit der +Großmutter sprechen! Lange bleibe ich nicht mehr hier; +im Walde unter meinen schönen Bäumen kann ich mich viel +besser erholen. Gibt es ein schöneres Plätzchen, als +unter meinen geliebten Tannen? Ich könnte Ziegenmilch +trinken und weite Spaziergänge machen. Wo geht +es sich schöner, als auf den schmalen moosgepolsterten +Pirschwegen, zwischen den schlanken Stämmen der +Kiefern, wo es so kühl und rein ist! Ich will schreiben, +sie sollen mich heimnehmen, sonst werde ich wieder +krank. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe viel zu schreiben diesmal. Ob ich noch +alles genau weiß?</p> + +<p>Schon acht Tage nach meiner Entlassung aus der +Anstalt holte Großvater mich nach Hause. Sie waren +noch immer sehr gut zu mir, alle beide. Viel zu gut, +ich weiß es wohl. Aber Großmutter sagt, ich sei zu +jung und unerfahren gewesen, und Rudolph trüge +ganz allein die Schuld.</p> + +<p>»Muß ich ihn denn nicht heiraten, Großmutter?« +fragte ich zagend.</p> + +<p>»Ach Kind, das ist ja gerade das Schlimme. Er +denkt nicht dran. Sein Vater ist doch gestorben, er +hat nun zum Großvater gesagt, er müsse seine beiden +Schwestern auszahlen, könne also nur eine reiche Frau +heiraten. Ein Landwirt, der kein Geld in den Händen +habe, könne sich nicht lange halten.«</p> + +<p>Einen Augenblick saß ich ganz still, ich wußte +nicht, sollte ich mich freuen oder sollte ich betrübt +sein. Was aber nun? Wieder zum Vater? Der würde +schön mit mir umspringen!</p> + +<p>Aber das war noch nicht alles, was die Großmutter +mir zu sagen hatte. Vater ist gar nicht mehr auf Neuhof. +Die ganze Geschichte ist bald nach meiner Abreise +zusammengebrochen.</p> + +<p>Großmutter sagte: »Du bist zwar noch sehr jung, +aber in Anbetracht aller Umstände und weil ich annehme, +daß dich das, was du jetzt hinter dir hast, +über deine Jahre hinaus gereift hat, so will ich dir erzählen, +was du, wenn alles anders gekommen wäre, +nie hättest erfahren dürfen.«</p> + +<p>Und so erfuhr ich alles. Es wurde mir jetzt klar, +was ich schon oft geahnt, wenn ich des Vaters Redensarten +und Scheltworte hörte. —</p> + +<p>Er ist gar nicht mein rechter Vater. Mein Vater +ist ein ganz hoher Herr, der mein Mütterchen nicht +hat heiraten dürfen, weil sie nur ein armes Bürgermädchen +gewesen ist.</p> + +<p>Damit ich aber nicht als uneheliches Kind geboren wurde, +hat die Mutter Georg Albrecht geheiratet. +Dafür hat er die Pachtung der Domäne Neuhof +sehr billig bekommen. Für mich selbst ist eine +Summe von 50 000 Mark deponiert worden, von der +er bis zu meiner Großjährigkeit die Nutznießung gehabt +hätte.</p> + +<p>Und nun? Alles ist fort! Der Vater hat schon +lange keine Pacht mehr bezahlt, immer ist sie ihm +wieder gestundet worden, und jetzt ist es herausgekommen, +daß er auch mein Geld durchgebracht hat. +Alles mit leichtsinnigen Weibern in Champagner umgesetzt. +So geht es mir nun. Weil der Vater mein Geld +mit leichtsinnigen Weibern durchgebracht hat, kann +Rudolph mich nicht heiraten. Denn hätte ich die +50 000 Mark, dann wäre ich eine reiche Frau.</p> + +<p>Aber bin ich denn überhaupt traurig, daß Rudolph +mich nicht haben will? Eigentlich nicht! Wenn ich +es mir recht überlege, dann fühle ich mich eher erleichtert +bei dem Gedanken. Wenn ich nur erst +wüßte, was aus mir werden soll! Ein anderer Mann +wird mich auch nicht wollen, denn ich glaube, die +Leute hier wissen doch alles. Und überhaupt, ich +will auch gar keinen haben, die Männer sind alle +schlecht! Alle! Nur Großvater ist gut! —</p> + +<p>Ich will etwas lernen, dann brauch' ich keinen +Mann zu heiraten. — —</p> + +<p>Ob ich Großmutter mal frage, ob mein Kind wirklich +tot ist?</p> + +<p>Warum mir nur so sonderbar ist, wenn ich daran +denke. Ich habe doch in meiner Ohnmacht, in der +halben Bewußtlosigkeit das Schreien eines Kindes gehört! +— —</p> + +<p>Mein Haar wächst wieder! Ich fühle mich mit +jedem Tage wohler. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich bin glücklich! Gerade, wenn man keinen Ausweg sieht, +kommt manchmal von einer Seite, an die +man am wenigsten gedacht, die rettende Hand. —</p> + +<p>Ich gehe nach <em class="gesperrt">Amerika</em>!</p> + +<p>Mit vier Worten ist es gesagt, und birgt doch so +viel in sich.</p> + +<p>Aber nur ruhig und vernünftig!</p> + +<p>Also: Die Großmutter hat ihre einzige Schwester +drüben. Lange schon. Geschrieben haben die +Schwestern sich zuweilen, aber sehr lebhaft ist der +Briefwechsel gerade nicht gewesen in den letzten +Jahren.</p> + +<p>Die Großmutter hat nun auch mein Unglück nach +drüben berichtet, und da hat die Großtante geschrieben, +ich solle nach drüben kommen. Sie habe sich +schon immer ein Töchterchen gewünscht. Nach einigen +Jahren, wenn ich Sehnsucht nach den Großeltern +habe, könnte ich ja auch einmal wieder zu ihnen +fahren.</p> + +<p>Ich freute mich sehr, ich lachte und weinte in +einem Atem. Da war die Großmutter sehr traurig, +aber dann sagte sie, auch sie sähe ein, daß es das beste +für mich sei, und ich solle in Zukunft so leben, daß +ich täglich und stündlich bestrebt sei, das auszulöschen, +was ich unbewußt gesündigt. Das sei die +beste Sühne. — —</p> + +<p>Nun weiß ich nicht recht, wie mir ist. Ich freue +mich und bin doch auch wieder traurig. Aber die +Freude überwiegt. —</p> + +<p>Ich werde sehr fleißig sein in Amerika, damit ich +bald reich werde, dann komme ich wieder, aber Rudolph +Schönewald heirate ich dann auch nicht. Ich +hasse ihn! —</p> + +<p>Großmutter kauft mir jetzt allerlei schöne Sachen, +Wäsche und Kleider. Schon am 28. Mai soll ich +fahren. Ein Brief an die Großtante ist schon fort, +und ein Platz auf dem Dampfer ist auch bestellt. +Die Großeltern fahren beide mit nach Bremen.</p> + +<p>Ich habe sehr viel zu tun jetzt, da werde ich lange +nicht einschreiben können.</p> + + + +<hr class="hr65" /> +<h2><a name="II" id="II"></a>II.<br/> + +Der neuen Welt zu.</h2> + + +<p>Den ersten Tag auf See.</p> + +<p>Der Abschied von den lieben Alten war schrecklich! +Die Großmutter weinte zum Erbarmen. Und ich? +Ich weiß nicht, es tat mir ja auch sehr leid, aber trotzdem +– ich komme mir beinahe schlecht vor – ich +freute mich! Freute mich auf die große, unbekannte +Welt und auf all das Schöne, das sie mir vielleicht +bringt.</p> + +<p>Ich bin jung, und ein klein wenig von all den Herrlichkeiten +der Welt ist das Leben mir doch auch +schuldig.........?!</p> + +<p>Das Wetter ist sehr schön, nur gegen Abend wurde +es etwas bewegter. Hoffentlich behalten wir es so, +daß ich nicht seekrank werde. Die Großeltern haben +mich dem Kapitän sehr empfohlen, und er will gut +auf mich aufpassen.</p> + +<p>Er ist ein reizender Mensch und auch noch gar +nicht so alt. Ich habe früher immer gedacht, die +Kapitäne wären alle alt und grau. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 29. Mai.</p> + +<p>Ich habe kein Auge zugetan die ganze Nacht. +Das Bett war entsetzlich hart. Ich bin nicht gewöhnt, +nur auf der Matratze zu liegen. Und die +Wolldecken zum Zudecken sind auch nicht besonders +hübsch.</p> + +<p>Ich bin mit einer Dame zusammen im Zimmer, +einer Amerikanerin. Das heißt, eigentlich ist sie aus +Wien, aber sie ist schon sehr lange in Amerika. Sie +fährt jedes Jahr zweimal nach Europa. Ich glaube, +sie ist sehr reich. Sie hat die ganzen Hände voll +feiner Ringe. Mit mir ist sie sehr freundlich und gibt +mir allerlei gute Ratschläge.</p> + +<p>Hübsch ist sie nicht, aber sehr fein; sie hat so +feine Nachthemden, wie ich noch gar keine gesehen +habe. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Donnerstag, den 30.</p> + +<p>Heute ist schlechtes Wetter, tüchtig Wind und +Regen. Gegen Abend wurde es sogar sehr stürmisch +– nach unsrer Ansicht.</p> + +<p>Zum Mittagessen lag schon alles krank. An unserem +Tisch waren nur ganz wenige erschienen, und +während des Essens verschwanden auch die noch zum +Teil sehr rasch. Es war mir auch ein wenig sonderbar, +ich hab' aber doch gut gegessen, nur keinen Fisch, der +Geruch war mir zu widerlich.</p> + +<p>Ich bin gestern abend erst um elf Uhr zu Bett gegangen, +habe dann aber ganz fein geschlafen.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 1. Juni.</p> + +<p>Heute war das Wetter wieder schön; den ganzen +Tag sehr ruhig, und trotzdem sind noch Einige seekrank. +Mir schmeckt jetzt wieder alles. Heute nachmittag +zwischen vier und fünf Uhr fuhr auch ein +Dampfer an uns vorbei, nach Hause zu. Mir war ein +klein wenig sonderbar zumute, ob es wohl Heimweh ist? +Ich habe recht nette Gesellschaft gefunden. Meine +Zimmergenossin – Frau Fröhlich heißt sie – hat +einen Neffen mit an Bord; gleich am ersten Tage hat +sie ihn mir vorgestellt. Er sieht sehr gut aus, und ich +glaube, er mag mich auch gern, denn er ist immer um +mich herum.</p> + +<p>Ich glaube, wenn ich nicht so furchtbar viel durchgemacht +hätte mit den Männern – ich meine mit +Rudolph – so könnte ich ihn vielleicht liebhaben, +aber so! Nein! Ich werde niemals wieder einen +Mann lieben. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mr. Smith – so heißt der Neffe – gibt sich sehr +viel Mühe mit mir. Er will mich Englisch lehren. Die +paar Brocken, die ich bei Fräulein Fischer gelernt +habe, die helfen mir gar nichts.</p> + +<p>An Deck haben wir immer viel Spaß. Wenn +wir in den Stühlen liegen, kommt zuweilen der Kapitän +und fragt, ob wir auch gut zugedeckt seien oder +ob er den vierten Offizier schicken solle, damit er den +Damen die Füße schön einwickele. Dann gibt es +immer großes Gelächter. — — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 2., abends.</p> + +<p>Endlich haben wir das lange prophezeite schlechte +Wetter. Heut' gegen Abend waren wir auf der Brücke; +es sah wunderschön aus, wenn das Wasser vorn über +Deck kam und sogar bis zu uns heraufspritzte. Herr +Smith ist sehr aufmerksam, stets ist er in meiner +Nähe. Heute früh saß er im Stuhl neben mir – +seine Tante war im Damenzimmer, da sie sich nicht +besonders wohl fühlte. Er hat mir so viel dummes Zeug +vorgeschwatzt. Er sagt, ich sei sehr schön – ob das +wohl wahr ist? – Er ist der einzige Erbe seiner Tante, +die sehr reich ist, und kann seiner Frau jeden Wunsch +erfüllen. Und wenn er eine so schöne Frau hätte, wie +ich, so würde er sie in Samt und Seide kleiden, das +muß fein sein. – Und Geld braucht sie gar nicht zu +haben, er hat nicht nötig, darauf zu sehen.</p> + +<p>Wenn ich dagegen an Rudolph denke! Jetzt +könnte ich mich schon rächen. Wenn ich Mr. Smith +heiratete, so könnte ich schon nächstes Jahr wieder +zu Besuch nach Hause reisen, und dann könnte ich +Rudolph zeigen, daß ich auch ohne Geld einen reichen +und hübschen Mann bekommen habe. – Denn hübsch +ist Herr Smith, hübscher als Rudolph. Aber ich liebe +ihn nicht, kann ihn also auch nicht heiraten. Das +habe ich ihm auch gesagt.</p> + +<p>Er war sehr traurig – und da tat er mir wieder +leid. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 3., morgens.</p> + +<p>Die Nacht war schrecklich! Das Innere wurde +mir förmlich umgedreht. Scheußlich! Ich fürchtete +wirklich, ich würde auch noch krank. Um zwei +Uhr bin ich aufgestanden, ich konnte nicht mehr +liegen, bald stand ich nahezu Kopf, bald wieder auf +den Füßen. Ich habe mich auf das Sofa gesetzt und +eine Apfelsine gegessen, dann war mir etwas menschlicher.</p> + +<p>Frau Fröhlich ist sehr krank, jetzt sieht sie gar +nicht mehr fein aus. Auch viel älter kommt sie mir +vor. Erst dachte ich, sie wäre kaum dreißig.</p> + +<p>Aber natürlich, sie hat doch einen Neffen, der +27 Jahre alt ist. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 4.</p> + +<p>Heute ist wieder prachtvolles Wetter. Trotzdem +sind noch immer Einige krank. Ich selbst fühle mich +großartig. Ich habe zwar noch nicht ein einziges Mal +bei Tisch gefehlt, aber gestern war's doch nicht so +ganz richtig.</p> + +<p>Riesigen Spaß haben wir gestern nachmittag gehabt, +als wir im Salon zum Kaffee waren. Ohne daß +man vorher viel gemerkt hatte, holte das Schiff plötzlich +so stark über, daß unsere Kuchenteller, Kaffeetassen +und alles was nicht fest war, mit einem Male +auf der Erde herumflog. Natürlich großes Geschrei. +Alle suchten Zwiebäcke zusammen. Kaffee wurde +dann nicht mehr getrunken. Heute abend ist großes +Konzert, sogenanntes Seemannskonzert. Ich gehe +auch hin. Alle wollen sich sehr elegant machen, und +ich habe nur ein einfaches weißes Kleid, das ich anziehen +kann. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Da sitz' ich nun und halte schon eine ganze Weile +die Feder in der Hand, ohne daß ich weiß, wo ich +beginnen soll. Und doch habe ich so viel zu schreiben, +wie noch nie während der ganzen Reise.</p> + +<p>Zwischen gestern und heute liegt eine Ewigkeit +oder ein ganzes Menschenschicksal, ich weiß es nicht.</p> + +<p>Mir ist so sonderbar – so bange. Ist es das Neue, +das Unbekannte, dem ich entgegengehe?</p> + +<p>Es ist wohl hauptsächlich der Gedanke: hast du +auch recht getan, der mich quält. —</p> + +<p>Ist es doch das erstemal, daß ich bewußt mein +Schicksal in die eigenen Hände genommen habe. — —</p> + +<p>Also ich habe mich nun doch mit Herbert Smith +verlobt. —</p> + +<p>Ich war gestern abend in dem Konzert und hatte +mein weißes Kleid an. Alle andern Damen waren +feiner, denn das Kleid ist sehr einfach. Frau Fröhlich +und ihr Neffe saßen mit mir am Tisch, außerdem noch +eine junge Dame aus Baltimore, Miß Pfort, und ein +Herr aus Köln. Schon als ich in den Salon kam, sah +ich, daß Herberts Augen aufleuchteten; er sprang auf +und kam mir entgegen; er sagte mir gleich so viel +Schönes, daß ich ganz rot und verlegen wurde.</p> + +<p>Eine Schönheit wie ich, habe nicht nötig, sich noch +mit kostbaren Kleidern zu schmücken, ich sei die +Schönste im Saal trotz meiner Einfachheit. — — —</p> + +<p>Ich müßte kein Mädchen sein, wenn ich mich nicht +gefreut hätte. —</p> + +<p>Zuweilen dachte ich wohl, es seien nur Redensarten, +aber mir scheint doch, es ist etwas Wahres +daran, denn ich habe wohl bemerkt, daß alle Herren +nach mir sahen. Und ich muß sagen, ich gefalle mir +selbst, wenn ich im Gesellschaftszimmer an den großen +Spiegeln vorübergehe. Ich bin groß und schlank, und +mein goldbraun leuchtendes Haar sieht sehr apart +aus. —</p> + +<p>Ein bißchen eitel darf ich wohl sein. —</p> + +<p>Nach dem Konzert saßen wir noch etwas zusammen, +es kamen noch einige Herren dazu, und als +im Salon die Lichter ausgelöscht werden sollten, +beschlossen alle, ins Rauchzimmer zu gehen. Frau +Fröhlich bat so lange, bis ich mitging. —</p> + +<p>Wir haben sehr viel Champagner getrunken – ich +trinke ihn gern – und ich glaube, ich habe einen regelrechten +kleinen Schwips gehabt. Ja – und heute +früh war ich verlobt. – Wenigstens sagen es alle. Und +Herbert war schon um acht Uhr an unserer Zimmertüre +und nannte mich seine schöne Braut, seinen stolzen +Schwan und was der dummen Dinge mehr sind. – +Aber gern hör' ich's doch. — —</p> + +<p>Ich kann's jetzt verstehen, daß mein Vater gern +Champagner trinkt; mir hat er auch geschmeckt. —</p> + +<p>Herbert sagt, wenn ich erst seine Frau sei, könne +ich trinken, so viel ich wolle. —</p> + +<p>Ich bin doch etwas stark benommen im Kopf. +Frau Fröhlich sagt, das komme vom ungewohnten +Trinken; sie ließ eine Flasche Sherry kommen, da +habe ich auch ein Glas mitgetrunken, und es ist mir +wirklich etwas besser geworden. —</p> + +<p>Wenn ich über alles klar nachdenke, dann ist mir +ganz miserabel zumute. – Soll ich Herbert mein – +mein – ja was ist es eigentlich, was hinter mir liegt? +Ein Erlebnis – ein Unglück – oder was sonst? Es +ist schrecklich! Nein, ich kann es nicht sagen. Würde +er dann noch zu mir sagen – mein stolzer Schwan? +Schwäne sind rein – weiß – unnahbar. Ach, ich +komme mir manchmal so gar nicht mehr rein vor. – +Ich sage nichts, lieber will ich ihn überhaupt nicht +heiraten.</p> + +<p>Aber wird er mich wieder freigeben?</p> + +<p>Er hat mir heute nachmittag schon seinen Plan +entwickelt. —</p> + +<p>Sowie wir in New York ankommen, fahren wir beide +im Automobil zum Pfarrer und lassen uns trauen. +Das geht in Amerika ganz leicht. Herbert kennt einen +Pfarrer in der 2. Avenue, zu dem fahren wir. Papiere +brauchen wir nicht.</p> + +<p>Die Tante besorgt währenddessen das Gepäck, +und ehe alles fertig ist, sind wir schon wieder zurück, +dann kann ich meinen Großonkel, der mich abholen +will, immer noch begrüßen.</p> + +<p>Herbert meint, es wäre möglich, daß wir beide mit +zur Großtante reisten, aber es sei besser, daß wir uns +sofort trauen ließen, dann könne der Onkel nichts +mehr daran ändern.</p> + +<p>Wenn wir nicht gleich mit dem Onkel gehen, dann +wollen wir aber später einige Wochen zu ihm und der +Tante. —</p> + +<p>Und nächstes Jahr kann ich schon wieder nach +Deutschland zu Besuch. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Herbert hat mich gebeten, dem Kapitän nichts +von unserem Plan zu erzählen. Es wäre ihm vielleicht +nicht recht, weil ich noch so jung sei, und weil er +doch den Großeltern versprochen habe, auf mich zu +achten.</p> + +<p>Ich werde es ihm nicht sagen, ich sehe ihn ja auch +so selten. – Ich quäle mich immer mit dem Gedanken, +daß ich Herbert doch meinen Fehltritt sagen müßte. +Ich warte immer auf einen günstigen Augenblick. +Wenn ich einmal längere Zeit ganz allein mit ihm +wäre, dann hätte ich den Mut. Aber hier am Schiff +ist man ja nie allein. —</p> + +<p>Ob ich Herbert liebe, weiß ich wirklich nicht. +Manchmal glaube ich es ja, aber trotzdem – wenn +er jetzt plötzlich von mir gehen würde, ich glaube +kaum, daß es besonders wehe tät'. —</p> + +<p>Es ist vielleicht gut so. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Morgen sind wir dort. Eben sagte mir der Kapitän +im Vorübergehen, daß wir morgen früh 10 Uhr am +Pier in Hoboken sind.</p> + +<p>Jetzt sitzt nun alles im Salon und schreibt Briefe, +und auch ich will die letzten Zeilen in mein Buch +schreiben, ehe ich es weglege. Vielleicht komme ich +in nächster Zeit doch nicht zum Schreiben. Und +wenn ich wieder schreibe, bin ich schon Frau. Frau! +Komisch. Mir ist, als könnt ich's kaum glauben. —</p> + +<p>Gleich will ich noch einen Brief an die Großeltern +schreiben, denen werde ich aber doch alles berichten, +obgleich Herbert mich bat, vorläufig noch nichts davon +zu erwähnen. —</p> + +<p>Um mich herum sitzt alles und schreibt. Briefe +und Karten.</p> + +<p>Adressen werden ausgetauscht, Versprechungen +gemacht usw.</p> + +<p>Ich möchte wohl wissen, wie viele von diesen +Adressen benutzt werden. Wer denkt nach einem +halben Jahre noch an die geschlossene Freundschaft?</p> + +<p>Es sind auch eine ganze Anzahl Liebespärchen hier +an Bord, alle erst von dieser Reise.</p> + +<p>Die Seeluft muß eine stark aufreizende Wirkung +haben.</p> + +<p>Bei manchen sollte man es kaum glauben, daß sie +sich erst seit kaum acht Tagen kennen.</p> + +<p>Da ist zum Beispiel ein Pärchen an unserem Tisch. +Alle Anzeichen sprechen dafür, daß sie sehr intim miteinander +sind. – Ich hielt sie für Mann und Frau.</p> + +<p>Gestern sprach ich mit dem Zahlmeister darüber, +der lachte. —</p> + +<p>»Das ist jede Reise so, zuweilen mehr, zuweilen +weniger. Diese beiden haben sich vordem nie gesehen. +Sie ist Rheinländerin und er ist aus Thüringen. Überdies +wird sie von ihrem Bräutigam erwartet.« — —</p> + +<p>Der Zahlmeister wird wohl recht haben. — —</p> + +<p>Ich möchte keinen Seemann heiraten. Die Damen +hier am Schiff sind teilweise sehr entgegenkommend +gegen die Herren. — —</p> + +<p>Herbert, der schon oft gefahren, lacht mich aus +und sagt, das sei nicht so schlimm. Ein bißchen +amüsieren dürfe sich jeder Mann. — —</p> + +<p>Die See wird manchmal so unruhig, lange wird's +nicht dauern, dann gibt's wieder Seekranke.</p> + +<p>Allzu schlimm kann's nicht mehr werden, denn es +sind jetzt nur noch zwölf Stunden. —</p> + +<p>Wenn ich dann wieder einschreibe, ist es in der +Neuen Welt. — —</p> + + + +<hr class="hr65" /> +<h2><a name="III" id="III"></a>III.<br/> + +Nacht.</h2> + + +<p>Vier Wochen später.</p> + +<p>Ach ja, es ist eine neue Welt, in der ich lebe – +aber was für eine!</p> + +<p>Furchtbare Wochen liegen hinter mir – fürchterlichere +vielleicht noch vor mir!</p> + +<p>Ich will schreiben – und weiß nicht, wo beginnen +– ich weiß weder Anfang noch Ende.</p> + +<p>Mit einem einzigen Schrei der Qual möchte ich +alles in die Welt hinausrufen. —</p> + +<p>In die Welt! In welche Welt?</p> + +<p>Die Welt, die mich jetzt umgibt, lacht über meine +Klagen. Und eine andere aufzusuchen, in der ich nicht +verlacht werde, liegt nicht in meiner Macht. — —</p> + +<p>Ich bin gefangen! Wo? Ich weiß es nicht. —</p> + +<p>Doch ich will es dir schlicht und der Reihe nach erzählen, +kleines Buch. Du allein bist ohne Falsch. —</p> + +<p>Alles spielte sich so ab, wie Herbert es mir gesagt. +Wir beide gingen nach Ankunft des Schiffes sofort +ohne Aufenthalt durch die Zollschranke. Gepäck +hatten wir nicht. Im Automobil fuhren wir dann +ein ziemliches Stück, auch auf einem großen Fährboot +über den Fluß und dann noch eine kurze Strecke +weiter.</p> + +<p>Wir sind dann in ein großes Haus gegangen. Wie +Herbert mir sagte, zu seinem Freunde, dem Pfarrer. —</p> + +<p>Ob es eine Vorahnung war? – Als die Tür hinter +mir zuschlug, überkam mich plötzlich eine Angst, daß +ich am liebsten wieder hinausgelaufen wäre. Doch +Herbert legte den Arm um mich und führte mich +in ein auf der linken Seite des Flures gelegenes +Zimmer.</p> + +<p>Sonderbar, ich sah keinen Menschen, und Herbert +schien hier wie zu Hause zu sein.</p> + +<p>Auch im Zimmer war niemand. Herbert geleitete +mich zu einem Sessel, welcher der Tür gegenüberstand. —</p> + +<p>Ich war plötzlich so müde. —</p> + +<p>Einen Augenblick nur solle ich ihn entschuldigen, +er komme sofort zurück, sagte er mir, und ging durch +eine andere Tür hinaus.</p> + +<p>Ich sah mich im Zimmer um. Die Wände waren +mit einigen Bildern geschmückt – Dutzendware –, +gegenüber der Tür stand eine Chaiselongue, kein Tisch, +nur noch einige Sessel. —</p> + +<p>Aber was mir jetzt erst auffiel – das Zimmer +hatte ja gar kein Fenster! Eine elektrische Krone erhellte +es, es war aber doch Tag. Es konnte höchstens +zwölf Uhr sein! —</p> + +<p>Noch immer kam Herbert nicht wieder.</p> + +<p>Hinter mir rauschte ein Seidenkleid – eine Tür +hatte ich nicht gehen hören. Ich drehte mich aufhorchend +um, eine Dame stand vor mir und lächelte +mich an.</p> + +<p>Es war eine große, kräftig gebaute Frau im Alter +von ungefähr fünfzig Jahren. Sie war sehr elegant +gekleidet, sah aber trotzdem sehr gewöhnlich aus, +denn ihr Gesicht war unangenehm und brutal. —</p> + +<p>»Sie müssen Herrn Smith einen Augenblick entschuldigen. +Er hat erst noch rasch etwas zu erledigen, +wird aber sofort hier sein. Darf ich Ihnen einstweilen +eine kleine Erfrischung anbieten?«</p> + +<p>Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, trat sie +an einen kleinen Seitenschrank und goß zwei Gläser +voll Wein, von denen sie mir das eine anbot; das andere +stellte sie auf ein kleines Ziertischchen, in dessen +Nähe sie sich niederließ. —</p> + +<p>Ich hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen.</p> + +<p>Ich saß da mit meinem Weinglas in der Hand und +sah mich hilflos um. Ich hätte es gern hingesetzt, +aber ein Tisch schien in diesem Zimmer ein überflüssiges +Möbel zu sein. —</p> + +<p>»Trinken Sie, liebes Kind, Sie werden erschöpft +sein. Ich nehme Ihnen dann das Glas wieder ab,« +sagte meine liebenswürdige Wirtin – die Gattin des +Pfarrers, wie ich damals annahm.</p> + +<p>Ich war wirklich durstig, aber noch mehr hungrig. +Ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr genossen, +und auch da vor lauter Aufregung nur wenig. Ich +tat deshalb einen guten Zug aus meinem Glase, dann +nahm sie mir das Glas ab und setzte sich mir gegenüber.</p> + +<p>Was sie zu mir gesprochen, weiß ich nicht; mich +überfiel eine seltsame, bleierne Müdigkeit, ich riß +einige Male mit Gewalt die Augen auf, aber dann +konnte ich nicht mehr dagegen ankämpfen. Ich bin +dann wohl eingeschlafen. — —</p> + +<p>Als ich erwachte, war es Nacht. Ich lag ausgezogen +auf einem Bett. Im Zimmer war es ganz finster.</p> + +<p>Ich versuchte mühsam, meine Gedanken zu +sammeln. Wo war ich? Was war mit mir geschehen? +War ich krank gewesen? Mir war sonderbar benommen +im Kopf. Ich sann und sann und kam zu +keiner Klarheit.</p> + +<p>Müde schlief ich endlich wieder ein. — —</p> + +<p>Das Geräusch einer schließenden Tür weckte mich. +Als ich die Augen aufschlug, war es Tag, und die Frau +von gestern stand vor meinem Bett.</p> + +<p>»Nun, ausgeschlafen?« fragte sie.</p> + +<p>Ich sah sie verständnislos an.</p> + +<p>»Wo ist Herbert?« fragte ich, nachdem ich meine +Gedanken einigermaßen gesammelt hatte.</p> + +<p>»Sie meinen Herrn Smith? Der hat noch gestern +wieder abreisen müssen, liebes Kind. Aber er kommt +wieder, sobald er nur irgend kann. Seien Sie nur zufrieden, +Sie sind bei Freunden. Sie werden es gut bei +uns haben, wenn Sie schön artig und vernünftig sind.«</p> + +<p>»Aber wo bin ich denn! Bei wem?« fragte ich +dringend. »Ich muß doch zu meiner Tante!«</p> + +<p>»Es ist leider niemand gekommen, der Sie hat abholen +wollen. Wir haben gestern sofort nachfragen +lassen. Sie müssen deshalb schon bei uns bleiben. +Nun ruhen Sie sich nur noch recht schön aus, ich +schicke Ihnen gleich etwas Frühstück herauf. Später +kommen Sie dann auch mal herunter in den Salon. +Vorläufig ruhen Sie noch.« — —</p> + +<p>Sie ging, und ich war wieder allein. Doch nicht +lange.</p> + +<p>Ein Mädchen kam und brachte mir Kaffee und +Gebäck.</p> + +<p>Aber wie sah die Person denn aus! Schrecklich! +Wie konnte man denn so ein Geschöpf um sich haben? +Ganz entzündete Augen und auch sonst so ekelhaft.</p> + +<p>Sie sah mir den Widerwillen wohl an und lachte +häßlich.</p> + +<p>»Wenn du Glück hast, mein Engel, so siehst du +eines Tages auch so hübsch aus,« sagte sie frech.</p> + +<p>»Wie meinen Sie das?« fragte ich.</p> + +<p>Sie antwortete nicht, drehte sich um und ging +hinaus.</p> + +<p>Ich mochte nichts anrühren von dem, was dieses +Geschöpf in den Händen gehabt hatte. Der Kaffee +wurde kalt.</p> + +<p>Doch in meinen Eingeweiden wühlte der Hunger; +ich war jung und gesund und hatte seit vierundzwanzig +Stunden nichts gegessen. Nach und nach +trank ich den kalten Kaffee und aß auch das Gebäck. +Ich wollte endlich aufstehen und mich nach meinen +Wirten umsehen. – Ich suchte nach meinen Kleidern, +sie waren nicht da. Ich sah mich um, nichts war zu +sehen, auch keine Klingel, um jemand herbeizurufen.</p> + +<p>Mein Gott, was bedeutete das alles?! Wo war ich +nur? Ich tat das einzige, was mir übrig blieb, ich +kroch wieder ins Bett.</p> + +<p>Wie lange ich gelegen – ich weiß es nicht, ich +mußte wohl wieder eingeschlafen sein. —</p> + +<p>Ein Geräusch schreckte mich auf, meine Wirtin +stand wieder vor mir. Ich sprang rasch aus dem Bett +und fragte nach meinen Kleidern.</p> + +<p>»Ihre Kleider sind ganz verdorben, liebes Kind. +Sie sind ein wenig krank gewesen gestern. Aber ich +habe Ihnen hier ein schönes neues Kleid mitgebracht, +das ziehen Sie an.«</p> + +<p>Mit diesen Worten legte sie ein wunderbares Gebilde +von Spitzen und durchsichtigem Mull auf das +Bett.</p> + +<p>In meiner grenzenlosen Dummheit freute ich mich +über das schöne Zeug.</p> + +<p>»Oh, von Herbert!« rief ich erfreut.</p> + +<p>Ich dachte an die versprochenen Kleider aus Samt +und Seide. — —</p> + +<p>Meine Wirtin antwortete nicht, sie lächelte nur zustimmend. +--</p> + +<p>Ich zog mich rasch an, es paßte wie für mich +gemacht.</p> + +<p>Ich suchte mit den Augen nach einem Spiegel, +denn ich hätte mich gern gesehen in meiner neuen +Herrlichkeit, aber ich sah keinen.</p> + +<p>»Kommen Sie, Kind,« sagte die Frau, die meinem +Blick gefolgt war, und faßte mich um. »Wenn Sie +recht vernünftig und artig sind, bekommen Sie bald +ein schönes großes Zimmer mit großen Spiegeln.«</p> + +<p>Wenn ich artig und vernünftig bin – schon +wieder diese Redensart. Was soll das? Weshalb sollte +ich <em class="gesperrt">nicht</em> artig sein? — —</p> + +<p>Lange dachte ich aber nicht über dieses Rätsel +nach, ich verstand es einfach nicht. —</p> + +<p>Ich ging mit meiner Führerin eine schöne, breite +Treppe hinunter – ich war also in meinem gestrigen +Zustand die Treppe hinauf getragen worden – dann +trat sie mit mir in einen Salon, der, nach meiner Berechnung, +in entgegengesetzter Richtung von dem +Eingang liegen mußte.</p> + +<p>Ein merkwürdiges Haus. Auch hier brannten +wieder die elektrischen Flammen. Anscheinend war +gerade eine größere Gesellschaft. Im Zimmer saßen +elegante Damen und Herren. —</p> + +<p>Und fein war es hier, überall standen bequeme +Sofas und Tischchen. – Lauschige Ecken, schwellende +Polster; kurz und gut, ich kam mir vor wie im +Märchen.</p> + +<p>Meine Führerin, deren Namen ich noch nicht +einmal wußte, stellte mich mit den Worten vor: +»Meine Herrschaften, hier bringe ich Ihnen Fräulein +Lotti. Gestern erst frisch von Europa angekommen.«</p> + +<p>Das war ja eine sonderbare Sitte hier in diesem +Lande. Aber alle schienen das in der Ordnung zu +finden. Alle lachten und schwatzten durcheinander. +Einige kamen auf mich zu und sprachen einige Worte +mit mir. Doch ich verstand sehr wenig, sie sprachen +fast alle englisch.</p> + +<p>Ich war ganz verlegen. Ich setzte mich auf ein +Sofa in der Nähe der Tür.</p> + +<p>Bald setzte sich ein Herr zu mir, ein kleiner, dicker +Kerl mit einer Glatze und vorstehenden, wässerigen +Augen.</p> + +<p>Ein ganz frecher Patron! Setzte sich sofort zu +mir auf das Sofa, ganz dicht an mich heran.</p> + +<p>Ich rückte von ihm ab, da lachte er so widerlich +und sagte:</p> + +<p>»Na, Kleine! Noch so spröde? Wird bald besser. +Komm, wir trinken ein Fläschchen zusammen. Dann +gibt's Mut.«</p> + +<p>Ich sah mich hilflos um. Was bedeutete das? War +ich in einem Narrenhaus? Da sah ich an der anderen +Seite des Salons meine Wirtin.</p> + +<p>Ich wollte aufspringen, sie fragen, um Aufklärung +bitten. Aber ich weiß nicht, wie mir plötzlich war; +auf halbem Wege blieb ich stehen. Die Frau sah mich +so sonderbar stechend, so lauernd an. — —</p> + +<p>Ich mußte an den Blick einer Schlange denken, +die ihr Opfer hypnotisiert. Ich sah mich um. Alle +hatten jetzt Wein auf den Tischen, nur noch einige +Damen saßen so da. Ich machte ein paar Schritte +und wollte zu einer alleinsitzenden Dame hingehen, +da stand der alte, eklige Kerl wieder neben mir.</p> + +<p>»Mach' keine Dummheiten, Kleine, komm setz' +dich,« sagte er zu mir und faßte zugleich nach meinem +Arm.</p> + +<p>Ich riß mich los und stürmte nach der Tür. Als +ich draußen stand, wußte ich nicht wohin. Ich hatte +den Gedanken, nach unten zu laufen, hinaus aus +diesem sonderbaren Hause – da stand die Frau neben +mir.</p> + +<p>»Was soll das?« sagte sie kurz, »warum laufen +Sie weg?«</p> + +<p>»Ich will mich nicht von dem alten Kerl anfassen +lassen! Ich kenne ihn ja gar nicht! Man ist doch nicht +gleich so dreist!«</p> + +<p>»Da wirst du dich dran gewöhnen müssen, liebes +Kind. Das ist bei uns nun mal so. Und überhaupt, +gerade mit diesem Herrn wirst du sehr freundlich +sein, der hat sehr viel Geld. Komm!«</p> + +<p>Jetzt sagte sie schon Du zu mir! Und wie schroff +sie war! Hier blieb ich nicht!</p> + +<p>»Dann will ich hier fort,« sagte ich rasch. »Ich +kenne ja die Leute alle gar nicht. Lassen Sie mich +gehen, ich laufe ans Schiff zu dem Kapitän, der wird +an meine Verwandten telegraphieren.«</p> + +<p>»Schlag dir das aus dem Kopf,« sagte die Frau. +»Du kannst hier nicht fort. Ich habe gestern deine +Koffer holen lassen, die standen noch drüben am +Pier, das kostet Geld. Das Kleid hier habe ich +für dich bezahlt, kannst du mir das alles wiedergeben?« +— —</p> + +<p>Ach Gott, mein Geld! Daß ich daran nicht gedacht +hatte! —</p> + +<p>Ich hatte ja noch zweihundert Mark gehabt. Wo +war meine Tasche? Alles fort!</p> + +<p>»Wo ist mein Geld, meine Tasche! Ich hab' es +doch mit hierher gebracht!« rief ich angstvoll.</p> + +<p>»Du glaubst doch nicht, daß du hier bestohlen +worden bist?« sagte die Frau höhnisch. »Wenn du +Geld bringst, kannst du gehen; so lange bleibst du +hier.«</p> + +<p>Mit diesen Worten faßte sie mich an der Hand und +zog mich wieder in den Salon.</p> + +<p>Da ging es jetzt lustig zu. Sie sangen und tanzten +wild durcheinander. – Und wie waren die Mädchen +angezogen! Das war mir vorhin noch gar nicht so +aufgefallen. —</p> + +<p>Ich setzte mich ratlos wieder hin. Da kam auch +schon wieder dieser Mensch und setzte sich neben +mich.</p> + +<p>Ich sah ihn gar nicht an. —</p> + +<p>Es wurde Champagner gebracht, ich nippte kaum. +So gut er mir unterwegs geschmeckt hatte, der Appetit +war mir vergangen. — —</p> + +<p>Wäre ich nicht gar so dumm gewesen, hätte ich +nur einmal über etwas derartiges gelesen oder gehört, +ich würde endlich gewußt haben, wo ich war. So aber +saß ich noch immer und zermarterte mir den Kopf, +was das eigentlich für eine Gesellschaft sei, in der +ich mich befand. — — —</p> + +<p>Es gab an dem Abend noch einen furchtbaren +Skandal. Ich begriff endlich, wo ich mich befand und +was man von mir wollte. Als der alte Kerl einige Glas +Champagner getrunken hatte, wurde er zudringlich, +und ich schlug ihn ins Gesicht. Da wurde er wütend, +er tobte wie ein Wahnsinniger. Mir war es einerlei, +ich verstand auch nicht, was er sagte.</p> + +<p>Die Frau verstand ich dann um so besser. Sie wurde +furchtbar heftig und ließ endlich die Maske fallen.</p> + +<p>Ich sei in diesem Hause zu keinem anderen Zweck, +als den Herren, die hierher kämen und die ihr schweres +Geld dafür bezahlten, gefällig zu sein. Sie habe ein +anständiges Stück Geld für mich bezahlt und sie +würde schon dafür sorgen, daß sie keinen Schaden +habe. Sie wolle mich schon zahm kriegen. Sie habe +da ganz schöne Mittelchen. Sie gebe mir aber den +guten Rat, mich gleich zu fügen, denn nützen würde +mir mein Widerstand doch nichts. —</p> + +<p>Ein paar Tage früher oder später, es sei nur mein +eigener Schaden. —</p> + +<p>»Willst du also vernünftig sein und mit dem Herrn +recht freundlich sprechen?«</p> + +<p>»Nein! Lieber spring ich aus dem Fenster!« rief +ich außer mir.</p> + +<p>»Wie du willst! Dann spring aus dem Fenster!« +rief sie, faßte mich am Arm und schob mich in ein +Zimmer.</p> + +<p>»Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen +hast,« rief sie mir nach und schloß die Tür zu.</p> + +<p>Im Zimmer war es dunkel, ich konnte nicht die +Hand vor den Augen sehen.</p> + +<p>Ich tastete umher, ich suchte an der Wand entlang, +vorsichtig schritt ich weiter. Ein Bett war da. +Gott sei Dank.</p> + +<p>Ich zog das feine Kleid aus und legte mich nieder. +Ich sann und sann, was konnte ich tun? Hier im +fremden Land, in der großen fremden Stadt, ohne +Geld, ohne Freunde! Und doch! Wenn ich nur hinaus +könnte, jemand würde sich schon meiner annehmen.</p> + +<p>Zuletzt kamen die Tränen, ich weinte so heiß und +schmerzlich, daß ich gar nicht wieder aufhören konnte.</p> + +<p>Sie müssen mein verzweifeltes Weinen gehört +haben, aber kein Mensch kümmerte sich um mich; +die sind alle hart wie Stein. —</p> + +<p>Zuletzt bin ich wohl vor Ermattung eingeschlafen.</p> + +<p>Als ich erwachte, war es noch immer dunkel um +mich. Ich wußte gar nicht mehr, war es Tag oder +Nacht. Wie lange war ich schon hier? War es ein +Tag oder waren es mehrere?</p> + +<p>Mich quälte schon wieder der Hunger. War ich +denn immer hungrig? Bei all meinem Elend und bei +all dem Kummer – die Natur verlangte ihr Recht.</p> + +<p>In Geschichten hatte ich so oft gelesen, wenn sie +traurig waren oder Kummer hatten, dann nahmen +sie tagelang keine Nahrung zu sich. Ich hatte immer +Hunger.</p> + +<p>Ich konnte nicht mehr schlafen, vorsichtig erhob +ich mich und tastete nach der Tür, sie war noch immer +verschlossen. Ich klopfte, niemand kam. Ich klopfte +stärker, alles umsonst.</p> + +<p>Ich ging wieder ins Bett und wartete. Ich meinte, +Stunden gelegen zu haben, und nichts ließ sich hören.</p> + +<p>Ich konnte es zuletzt gar nicht mehr aushalten +und stand wieder auf. Ich hatte Kopfschmerz und +war ganz zittrig auf den Beinen, so elend war ich.</p> + +<p>Was hatte man mit mir vor? Wollte man mich +hier verhungern lassen?</p> + +<p>Ich schlug mit den Fäusten gegen die Tür und +schrie aus Leibeskräften. Niemand kam.</p> + +<p>Jetzt kam die Furcht langsam gekrochen! Was +wollte man mit mir machen? Oder hatten sie mich +vergessen?</p> + +<p>Wieder kroch ich ins Bett. —</p> + +<p>Ob ich dann vor Erschöpfung ohnmächtig geworden +bin oder ob ich wieder eingeschlafen bin, ich +weiß es nicht.</p> + +<p>Nur daß ich, als das schreckliche Weib wieder zu +mir kam und mich fragte, ob ich gehorchen wolle, +ganz apathisch zu allem ja gesagt habe.</p> + +<p>Ich glaube, sie haben mich lange hungern lassen, +denn ich bekam zuerst ein wenig warmen Wein und +dann ein rohes Ei. — —</p> + +<p>Zwei Tage danach war ich wieder im Salon. Der +ekelhafte Kerl war wieder da, und alles ging seinen +Gang. — —</p> + +<p>Jetzt habe ich ein schönes Zimmer, und der Mensch +kommt jeden Abend. Es ist ein reicher Pelzhändler +aus der 8. Straße.</p> + +<p>Ich weiß jetzt auch, wo ich bin. – Es ist ein +Mädchen hier – die »schwarze Katze« sagen alle zu +ihr – sie ist vom ersten Tage an sehr freundlich zu +mir gewesen. Sie riet mir auch, als ich wieder in +den Salon kam, mich zu fügen. Ich sei doch machtlos.</p> + +<p>»Jedenfalls bist du Mädchenhändlern in die Hände +gefallen,« sagte sie.</p> + +<p>Ich erzählte ihr alles. Von Frau Fröhlich, von +Herbert Smith, von der Heirat, alles!</p> + +<p>»Es ist so! Das saubere Paar ist mit frischer +Ladung von Europa gekommen. Entweder, sie haben +im Zwischendeck noch Mädchen gehabt, oder aber +sie haben auf einem anderen Dampfer, der langsamer +fährt, die Mädchen eingeschifft und sind dann selbst +mit dem Schnelldampfer gefahren, um die Ware hier +in Empfang zu nehmen. Du bist ihnen als Leckerbissen +unterwegs noch in die Arme gelaufen.«</p> + +<p>»Aber können wir denn nicht zur Polizei?«</p> + +<p>»Die Polizei? Du kommst vorläufig überhaupt +nicht an die Luft, eher nicht, bis du erst richtig zahm +bist. Und dann! Die Polizei! Da mach dir nur nicht +zu viel Hoffnung. Weißt du, ich könnte dir Sachen +erzählen. Die Policeleute hier im Viertel werden alle +von »ihr« bezahlt. Denn die versteht ihr Geschäft. – +Und uns glaubt man ja doch nicht. Aber trotz alledem, +wenn wir Geld hätten, und du bist nach einigen +Monaten noch derselben Ansicht, so will ich dir wohl +helfen. Nur jetzt ist noch nichts zu machen.« —</p> + +<p>»Und warum gehst du nicht fort, wenn du doch +kannst?« fragte ich sie.</p> + +<p>»Gott, ich! Wo soll ich hin? Es ist immer noch +besser als auf der Straße, da laufen hier in New York +sowieso genug herum. Ich bin ja mal 'ne Zeitlang +'raus gewesen; solange man ein festes Verhältnis hat, +mag's gehen. Hat man das nicht, dann gibt's Tage, +da kann man hungern.«</p> + +<p>Ich war ganz benommen. Das war ja schrecklich.</p> + +<p>»Aber du kannst doch in Stellung gehen. Nicht +immer so etwas,« sagte ich beschwörend.</p> + +<p>»Du bist ein kleines Schäfchen,« lachte sie mich +aus. »Das ist bei mir zu spät. Ich habe dies Leben +schon zu lange gelebt. – Und – ich will auch nichts +anderes mehr. Wir werden ja sehen, vielleicht geht +es dir eines Tages ebenso.«</p> + +<p>»Nein, o nein. Ich will hier nicht bleiben, lieber +sterben,« rief ich verzweifelt.</p> + +<p>»Na, na, nur ruhig, Kleines. Ich gebe dir einen +guten Rat: Lerne vor allen Dingen Englisch, das ist +die Hauptsache. Dann sauf' nicht zu viel, das ist +auch 'ne Hauptsache. Dann halte die Augen gut +offen, möglich, daß mal einer kommt, der so viel Gefallen +an dir findet, daß er dich auskauft. Alles schon +dagewesen. Und hübsch bist du ja, das muß dir der +Neid lassen. Du hast so was Besonderes, so was Vornehmes +an dir. Vielleicht hast du Glück.«</p> + +<p>Ich faßte wieder Hoffnung. Ich war dem Mädchen +so dankbar für seine Ratschläge und habe sie bisher +getreulich befolgt. — — — —</p> + +<p>Bis jetzt gehöre ich noch immer dem alten, dicken +Ekel. Er scheint großes Gefallen an mir zu finden, +denn er bezahlt alles, was sie verlangt.</p> + +<p>Ich hatte einige Tage die Hoffnung, daß er mich +vielleicht herausnehmen würde. Als er einmal +sehr guter Laune war, bat ich ihn darum. Ich versprach, +bei ihm zu bleiben, so lange er mich haben +wolle – natürlich sagte ich das nur, denn ich wäre +sofort ausgerissen, wenn ich das Haus hinter mir gehabt +hätte. Aber er lachte mich nur aus.</p> + +<p>»Nee, Kleine, auf den Leim kriech' ich nicht. Ich +habe das hier viel besser und bequemer. Solange ich +nicht will, kriegt dich kein anderer. In dieser Weise +ist die Rottmann anständig, da betrügt sie nicht.« —</p> + +<p>Bis jetzt habe ich also nur diesem einen gehört, +aber wie lange wird es dauern und ich gehöre jedem, +der mich will!</p> + +<p>Der Gedanke ist mir furchtbar!</p> + +<p>Ich liebe das Leben so sehr. Ich bin jung, und jede +Kreatur hängt am Leben. Und doch – wenn ich +irgendein Mittel hätte, ich würde mich töten. – Aber +hier ist auch auf solche Stimmungen Rücksicht +genommen, ich bin gewiß nicht die erste Anfängerin. —</p> + +<p>Wenn ich jetzt einmal an die lieben, alten Großeltern +denke, so könnte ich laut aufweinen vor Qual.</p> + +<p>Nie wieder werde ich sie sehen, nie wieder die lieben, +alten Gesichter küssen dürfen. —</p> + +<p>Auch wenn ich Glück habe und wieder herauskomme, +es soll kein bekanntes Gesicht das meine +wiedersehen. – Ich will tot sein, tot für alle! — —</p> + +<p>Es ist eine furchtbare Einrichtung, daß es Menschen +gibt, denen erlaubt wird, andere Menschen +gegen ihren Willen festzuhalten und Geld mit ihnen +zu verdienen. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Es ist schrecklich! Ich fange an, mich vor mir +selbst zu fürchten. Ich habe oft den kaum zu unterdrückenden +Wunsch, diesem Menschen die Hände +um den Hals zu krallen und ihn so lange zu würgen, +bis er tot ist. Es zuckt mir dann förmlich in den +Fingern vor Begierde. —</p> + +<p>Ob wohl einem Manne nie der Gedanke kommt, +daß er eigentlich in Lebensgefahr schwebt, wenn er +sich so ein geknechtetes Wesen leibeigen macht? Wäre +es nicht möglich, daß in einem solchen Geschöpf einmal +der Rachedurst überschäumt?</p> + +<p>Sich und ihr ganzes zertretenes Geschlecht würde +sie rächen. —</p> + +<p>Ach, ich glaube, ich werde wahnsinnig oder +schlecht. — —</p> + +<p>Daß ein Mensch sich in kurzer Zeit so sehr verändern +kann!</p> + +<p>Noch vor einem Jahre war ich ein dummes, +leidenschaftlich verliebtes Ding. Und nun? Mir ist +zuweilen, als ob ich das gar nicht bin. Mir ist, als +sei das alles schon eine Ewigkeit. Bin ich es wirklich, +deren Herz einst aufjubelte bei den törichten Liebesworten, +die man mir ins Ohr flüsterte?</p> + +<p>Und jetzt! Ich glaube, ich kann nie wieder Liebe +und Leidenschaft empfinden. – Mögen sie mit +meinem Körper Schacher treiben, meine Seele gehört +mir. Meine Seele bleibt rein. —</p> + +<p>Ich bin keine Dirne und will auch keine werden. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich sinne und sinne, wie aus diesem Hause herauszukommen +ist, aber alle meine Bemühungen sind erfolglos.</p> + +<p>In einem Gefängnis könnte ich nicht sicherer verwahrt +sein.</p> + +<p>Die Tür ist Tag und Nacht gut bewacht, und Neuankömmlingen +wird nur unter gewissen Vorsichtsmaßregeln +geöffnet.</p> + +<p>Nur alte Bekannte, die das bestimmte Klingelzeichen +geben, können ohne weiteres herein.</p> + +<p>Ich habe mir gestern die Rückseite des Hauses +angesehen, ich hoffte, vielleicht von da auf ein Nebengrundstück +kommen zu können, aber auch diese +Hoffnung muß ich aufgeben.</p> + +<p>Eine glatte, hohe Mauer umgibt einen kleinen, +dreieckigen Hof, und die Fenster, die nach diesem +Hofe gehen, sind nicht zu öffnen, sondern haben nur +oben eine kleine Luftscheibe. Jenseits der Mauer sind +sehr hohe Häuser; auf der einen Seite ein kleineres, +das aber, wie es scheint, unbewohnt ist.</p> + +<p>An dem einen großen Hause laufen schmale eiserne +Leitern empor, wenn ich die erreichen könnte, dann +wäre Rettung möglich.</p> + +<p>Aber die Mauer ist hoch und der Zugang zum Hofe +ist bewacht. —</p> + +<p>Das Schlimmste aber sind die Kleider! Kann ich +halbnackt auf die Straße gehen?</p> + +<p>Es ist ein raffiniert einfaches Mittel, uns unsere +Straßenkleider wegzuschließen, um uns an der Flucht +zu hindern. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Heute erzählte mir die Bronja aus ihrem Leben. +Bronja, so heißt die schwarze Katze. —</p> + +<p>Sie ist verheiratet gewesen und hat sogar ein Kind, +ein kleines Mädchen. Es lebt noch, bei ihren Eltern +in Posen. Ihr Mann hat Gelder bei irgendeiner Kasse +unterschlagen, und als es entdeckt wurde, haben sie +ihn eingesperrt. Als er dann wieder freigekommen ist, +sind die beiden nach Amerika gegangen, da der Mann +nirgends wieder eine Stelle bekam. Bronja ging mit +ihm. Sie hat ihn sehr geliebt! Das Kind sollte bei +den Eltern bleiben, bis die beiden hier festen Fuß +gefaßt hatten. —</p> + +<p>Aber hier in Amerika ist es für solche verkrachten +Existenzen auch schwer. Die beiden mußten sich +trennen. Bronja nahm eine Stelle als Empfangsdame +bei einem Arzte an, und ihr Mann ließ sich vorläufig +von ihr ernähren.</p> + +<p>Schließlich fand er eine Stelle in einer deutschen +Wirtschaft als Kellner. Doch dann fing er das Trinken +an und sank immer tiefer. Als er die Stelle verloren, +trieb er sich überall herum, war bald da, bald dort an +der Ostseite. Und jetzt sitzt er wegen Einbruchdiebstahls +im Gefängnis. —</p> + +<p>Bronja lernte in ihrer Stellung einen reichen Herrn +kennen und wurde dessen Freundin – ein Wunder +ist es ja nicht, denn sie ist eine Schönheit in ihrer +Art.</p> + +<p>Als ihr Gönner ihrer eines Tages überdrüssig geworden +war, verlor sie allen Halt und alle Selbstachtung.</p> + +<p>Durch den Verkehr in den Lokalen, wo der Herr +sie hingeführt, war sie in der Lebewelt bekannt geworden, +und es fehlte ihr nicht an Zuspruch. Sie +bekam Geld, kaufte sich feine Kleider und Schmuck +und war eines der am meisten gesuchten Mädchen in +dem berüchtigten Viertel New Yorks. —</p> + +<p>Eines Abends war sie noch ziemlich spät in der +14. Straße ohne Begleitung, als ihr ein Seemann in +die Hände fiel. Sie geht mit ihm in eines der bekannten +Häuser, wo sie sich ein Zimmer geben läßt, +nachdem natürlich vorher fürchterlich getrunken +worden war. – In der Nacht ist dann dem Fremden +seine ganze Barschaft gestohlen worden. Bronja sagt, +sie habe es nicht getan, sie sei selbst viel zu betrunken +gewesen. Der Fremde schlug aber Lärm, die +Polizei kam ins Haus, und Bronja wurde verhaftet.</p> + +<p>Man ließ sie nach einiger Zeit wieder frei, da man +ihr nichts nachweisen konnte. Zu allem Unglück war +aber ihre Wirtin während der Zeit mit ihrem ganzen +Kram, Kleidern und Wäsche und ihren paar Dollars +verschwunden. Um wenigstens ein Unterkommen zu +haben, ging sie in ein öffentliches Haus. —</p> + +<p>»Diese Häuser können unsereinen immer gebrauchen, +wenigstens solange man gesund und hübsch +ist. Und was ist denn auch weiter dabei? Mir gefällt +es! Früher, als ich mit meinem Manne noch zusammen +war, war es auch nicht viel besser, wenn er +besoffen nach Hause kam.«</p> + +<p>»Aber was soll aus dir werden, wenn du älter +bist?« fragte ich sie mitleidig.</p> + +<p>»Dann mache ich's wie die Rottmann. Glaub' mir, +das bringt am meisten Geld. Je feiner, desto besser. +Was bringen allein die Getränke schon. Nur mit +Mädchenhändlern laß ich mich nicht ein, da werde +ich, glaub' ich, nie hart genug dazu. Du solltest klug +sein und deinem alten Pelzhändler richtig um den +Bart gehen, daß er dir ordentlich was schenkt. Nur +wenn du Geld hast, kannst du hier herauskommen.«</p> + +<p>»Und willst du nie mehr zu deinem Manne, wenn +er wieder freikommt?« fragte ich sie.</p> + +<p>»Nie wieder! Er wird mich hoffentlich nicht +finden. Ich glaube nicht mehr an ihn. Und wenn er +so lange in Sing-Sing gewesen ist, dann ist es überhaupt +ausgeschlossen.«</p> + +<p>Arme Bronja. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 4. Juli.</p> + +<p>Nun bin ich schon über vier Wochen in diesem +Hause und bin heute zum ersten Male in der frischen +Luft gewesen. Mit »Madame« zusammen. Wir haben +im Automobil eine Ausfahrt gemacht, ganz weit hinaus +nach Bronxpark. Die Bronja sagt, das sei alles +Berechnung von »ihr«.</p> + +<p>Amerika feiert heute ein großes Nationalfest, +da zeigt sie den Herren, was sie für gutes und +schönes Material auf Lager hat.</p> + +<p>Denn unter der Herrenwelt ist sie gut bekannt.</p> + +<p>Sie fürchtet also wohl, daß mein Dicker bald wegbleibt. +Ich wollte mich freuen, denn widerlicher kann +keiner sein.</p> + +<p>Und er hilft mir ja doch nicht heraus. — —</p> + +<p>Ich habe also heute zum ersten Male dieses Land +gesehen. Gesehen? Nein! Gesehen habe ich nichts +davon. Ich wagte kaum aufzublicken. Ich meine, +jeder Mensch muß es mir vom Gesicht ablesen, was +ich bin. Sehr hohe Häuser sind hier, so viel wenigstens +habe ich gesehen. Als ich die Bäume und Büsche im +Bronxpark sah, mußte ich an zu Hause denken, und +das Heimweh packte mich furchtbar.</p> + +<p>Ich habe mich nachher sattgeweint. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 5. Juli.</p> + +<p>Gestern abend ist es toll hergegangen. Es war +furchtbar voll, denn es ist nichts Seltenes, daß auch +Herren mit fremden Mädchen kommen, ordentlich +zechen und dann ein Zimmer nehmen. So auch gestern +abend. Es waren sehr viele und auch sehr elegante +Damen da. Aber Bronja sagt, ich steche alle aus. +Wenn ich so dabei bliebe, sei ich mit zwanzig Jahren +eine königliche Schönheit.</p> + +<p>Wenn ich dann nicht schon tot bin. — —</p> + +<p>Mir kommt es vor, als ob auch zuweilen verheiratete +Frauen hierher kämen, und Bronja meint, das +sei schon so. Das seien solche, denen es zu gut ginge, +oder auch solche, die sich etwas Taschengeld nebenbei +verdienten.</p> + +<p>Ich möchte sie an meine Stelle wünschen. — —</p> + +<p>Der Dicke war auch da gestern abend. Ich habe +wohl bemerkt, daß die Herren sehr viel nach mir +guckten, aber er wich nicht von meiner Seite. Er +war ordentlich stolz, daß er der Besitzer war. Als ob +er das seiner Schönheit zu verdanken hätte.</p> + +<p>Ich dachte an Bronjas Mahnung, ich solle schön +mit ihm tun – ich kann es nicht. Ich werde +Gott danken, wenn er nicht mehr kommt. Ich habe +gestern auch zu viel getrunken. Es läßt sich nicht +ganz vermeiden, so sehr ich mich auch in acht nehme.</p> + +<p>Und dann die Hauptsache: man kommt besser +darüber weg, wenn man nicht ganz bei Sinnen ist. —</p> + +<p>Wie soll man es sonst nur auf die Dauer aushalten?</p> + +<p>Die Madame schimpft noch dazu immer, daß ich +nicht genug trinke.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 16.</p> + +<p>Gott sei Dank, das Scheusal ist fort. Vorgestern +war er zum letzten Male hier. Er ist heute nach +Europa gefahren.</p> + +<p>Ich habe ihn noch einmal gebeten, fußfällig habe +ich ihn angefleht, mich herauszunehmen. Ich habe +die Zähne zusammengebissen und habe getan, als +ob ich ihn furchtbar gern hätte, als ob mich +sein Fortgehen ganz unglücklich machte – es war +alles umsonst. – Da war ich zuletzt so wütend, daß +ich ihm ins Gesicht gespuckt habe. Es war mir auch +alles einerlei. Aber er ist doch dageblieben, der furchtbare +Mensch! Ich weiß nicht, ob sich jemand das +Widerliche, das in einer solch erzwungenen Vereinigung +liegt, voll ausdenken kann. Ich fühle Gott +sei Dank nichts dabei, das ist ein Glück für mich. +Aber ich liege dann und analysiere jede Bewegung +des Verhaßten, der glaubt, durch sein Geld mir +meinen Körper abkaufen zu können. —</p> + +<p>Wenn die Liebe oder der Sinnenrausch die Ursache +einer Vereinigung sind, so ist sie geadelt durch +das Gefühl. Hier aber! Es ist mir unfaßbar, wie +Männer – Männer mit Geist und Herz – eine solch +furchtbare Sünde begehen können und kraft ihres +Geldes und ihrer physischen Überlegenheit diese +armen Geschöpfe so foltern. —</p> + +<p>Denn freiwillig oder nicht – die hier sind, haben +alle einmal den Anfang machen müssen – und der +ist furchtbar.</p> + +<p>Gewohnheit und Alkohol tun viel – doch bis +man so weit ist — —.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 17.</p> + +<p>Ein Übel bin ich los und dem andern bin ich verfallen.</p> + +<p>In meinem Haß gegen den alten dicken Kerl habe +ich nicht daran gedacht, daß noch Widerlichere +kommen könnten.</p> + +<p>Jetzt muß ich jeden nehmen, der mich begehrt, +und wenn es in einem Abend ein Dutzend sind.</p> + +<p>Bronja gibt mir gute Ratschläge. Gut essen und +trinken. Geld sparen und Englisch lernen.</p> + +<p>Geld sparen – bis jetzt habe ich noch keinen Cent +zu sehen bekommen. Ich brauche nichts – sagt Madame. +Sie will es für mich sparen. – Die ist immer +noch nicht mit mir zufrieden. Ich trinke nicht genug +und animiere nicht genug zum Trinken. —</p> + +<p>Obgleich es ja wirklich das beste ist, man kommt +aus dem Alkoholdusel gar nicht heraus.</p> + +<p>Das Schlimme ist: ich gefalle –, alle wollen mich +haben. Ich möchte nur wissen, was sie an mir finden.</p> + +<p>Einige von den Mädchen sind schon neidisch. Die +dummen Gänse, als ob ich etwas dazu könnte! Ich +wäre zufrieden, wenn keiner zu mir käme. Nur Bronja +hält treu zu mir. Als ich ihr gestern meine Not klagte, +lachte sie mich aus.</p> + +<p>»Du bist ein kleines Schaf,« sagte sie. »Deine +hoheitsvolle, unnahbare Miene und deine großartige +Figur reizen die Männer. Freue dich! Denn, wenn +eine keinen Anklang findet, ist es erst recht schlimm. +Die schaffen sie dann fort in ein anderes Loch. Frei +kommt sie deshalb doch nicht. Erst muß sie ausgenutzt +sein. Die ganze Bande hier im Land steckt +unter einer Decke. Die Mädchenhändler, die Wirte +und, nicht zu vergessen, die wohllöbliche Polizei. Ich +bin überzeugt, der Policemann, der hier an der Ecke +patrouilliert, verdient mehr als ein Bankdirektor.</p> + +<p>Er hört nichts, er sieht nichts, kurz und gut, er +versteht sein Geschäft. Deshalb würde es dir auch +nichts helfen, wenn du wirklich fortlaufen könntest. +Keine Viertelstunde wärst du draußen. Unter dem +Vorwand, dich zu beschützen und Erkundigungen +einzuziehen, liefert er dich wieder dahin ab, woher du +gekommen. Ich weiß ja, wie's gemacht wird. Die ganze +Bande ist organisiert. Es ist die reine Aktiengesellschaft.« +— — — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Welch seltsame Verirrungen doch das Tier im +Menschen haben kann! – Es ist hier im Hause eine +Wienerin, Kathinka heißt sie. Ein Monstrum von +einer Frau. Sonst ist sie gar nicht außergewöhnlich +groß und dick, aber einen Busen hat sie – unbeschreiblich!</p> + +<p>Und ist es zu glauben, daß dieses Mädchen, das +weder schön ist noch sonst besondere Anziehungskraft +besitzt, nur wegen ihres abnormen Busens eine Art +Zugnummer dieses gesegneten Hauses ist?</p> + +<p>Sie selbst ist dabei kreuzfidel und spart sich Geld.</p> + +<p>»Es gibt halt Mannsleut', die gern auf'm Fettpolster +liegen, wann's viel getrunken haben,« sagt +sie lachend. — — —</p> + +<p>Wenn ich doch auch erst etwas gleichgültiger +werden könnte. – Aber nein – ich will es gar nicht +werden. Ich will nicht jeden moralischen Halt verlieren. +Ich muß hier wieder fort oder sterben. – +Ich darf gar nicht denken – nicht nach Hause an die +alten Leute, dann schäme ich mich furchtbar, obgleich +ich schuldlos an meiner Schande bin.</p> + +<p>Ich habe nun schon wiederholt versucht, einen +meiner Käufer für meine Lage zu interessieren. +Keiner glaubt mir. Sie lachen und sagen: Das sagt +jede. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 22.</p> + +<p>Wie soll ich es ertragen!</p> + +<p>Gestern abend war es wieder einmal recht voll, +aber es wurde der Alten nicht genug verzehrt. Hauptsächlich +Mixed-drinks sollen viel verkauft werden, +denn daran wird verdient.</p> + +<p>An mir ließ sie ihre Wut wieder aus, weil an +meinem Tisch am wenigsten verzehrt worden war. +Ich war bis elf Uhr schon viermal oben im Zimmer +gewesen und hatte keine Lust mehr. —</p> + +<p>Sie hat mich nun beobachtet. Und behauptet, ich +sei viel zu unfreundlich. Kurz und gut, sie hat mir +gedroht, wenn ich mich nicht bessere, käme ich +nächste Woche ins Hafenviertel, an den Eastriver, +da haben sie auch noch ein Haus.</p> + +<p>Bronja kennt es. Es sei fürchterlich dort. Heizer +und Kohlenzieher, betrunkene Seeleute aus aller +Herren Länder. Kein weißbezogenes Bett, schmutzige +Schlafsofas und dazu an manchem Tage zwanzig Besucher. +Krankheiten unausbleiblich. Kontrolle gibt's +nicht. —</p> + +<p>Übrigens gibt es die auch hier nicht, denn ich habe +noch nie einen Arzt gesehen. —</p> + +<p>Aber das tue ich nicht, nein, das nicht! Dann wird +sich schon ein Weg finden, wie ich ein Ende machen +kann. —</p> + +<p>Ich bete zu Gott, aber ich glaube, es gibt gar keinen +mehr.</p> + +<p>Wenn es wirklich einen allmächtigen Gott im +Himmel gäbe, dann könnte er nicht zugeben, daß so +furchtbare Dinge auf seiner Erde geschähen.</p> + +<p>Bronja tröstet mich.</p> + +<p>»Sei nur nicht bange, du kommst hier nicht fort, +sie will dich nur erschrecken. Aber du solltest wirklich +ein klein wenig mehr trinken. Es ist besser. Du +brauchst deshalb immer noch nicht zu saufen. Du +kommst aber viel besser über alles fort.«</p> + +<p>Ich will es tun, ja, ich will es tun. Später, wenn +ich wieder frei bin, werde ich desto enthaltsamer sein.</p> + +<p>Ich mochte früher nie Bier und Wein, nur der +Champagner hat mir geschmeckt – zu meinem Verhängnis.</p> + +<p>Hätte ich an Bord nicht zu viel Sekt getrunken, +so hätte ich mich nicht von dieser Bande umgarnen +lassen.</p> + +<p>Überhaupt der Alkohol. Ich habe nun schon +manche hier kennen gelernt – wir sind für beständig +fünfundzwanzig bis achtundzwanzig, ohne die Vorübergehenden +– und es sind wenige darunter, bei +denen der erste Fehltritt – der erste Fall – nicht +im Alkohol geschehen ist. —</p> + +<p>In der Bibel ist die verbotene Frucht der Apfel – +wollten doch alle nur Äpfel essen, es wäre besser.</p> + +<p>Es ist vielleicht auch nicht recht berichtet, es war +vielleicht auch schon der Sekt.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Seit vierzehn Tagen ist eine Neue da. Ein kleines +zartes Ding von kaum Mittelgröße.</p> + +<p>Solange sie nichts getrunken hat, sieht sie immer +so traurig aus, aber abends ist sie die Schlimmste. +Sie trinkt wie ein Irländer und kann furchtbar viel +vertragen.</p> + +<p>Sie hat mir vor einigen Tagen ihre Geschichte erzählt.</p> + +<p>Sie ist glücklich verheiratet gewesen. Ihr Mann, +der für eine große Firma jedes Jahr zweimal nach +Berlin reiste, um Herrenstoffe einzukaufen, war gut +und lieb zu ihr.</p> + +<p>Im vergangenen Herbst, als sie wieder für einige +Wochen allein war, ging sie mit einer befreundeten +Familie zu einem Picknick.</p> + +<p>Ein Herr, der mit von der Partie war, hatte +sich den ganzen Tag sehr aufmerksam gegen sie gezeigt. +Am Tage haben sie noch fast nichts getrunken, +doch abends, als sie in einem Auto nach Hause fuhren, +sind sie noch am Broadway in einem Hotel eingekehrt, +um zu Abend zu essen. Bis in die Nacht hinein ist +gegessen und getrunken worden. — —</p> + +<p>Als sie am andern Morgen aufwachte, lag der Herr +neben ihr im Bett. – Ihr Mann hat es erfahren, und +sie sind geschieden.</p> + +<p>»Hat mich der Alkohol hineingebracht, soll er +mich auch wieder herausbringen, ich sauf' mich tot,« +sagt sie lachend.</p> + +<p>Aber dabei könnte man weinen. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich bin krank, und ich möchte sagen, Gott sei +Dank. Zumal auch der Arzt sagt, daß es nicht +schlimm sein soll. Nur einige Tage Ruhe.</p> + +<p>Der Doktor war erst recht ungezogen zu mir. So +barsch und grob, daß mir die Tränen in die Augen +traten.</p> + +<p>Ich drehte mein Gesicht nach der Wand, damit +er – und hauptsächlich die Madame – nichts sehen +sollten.</p> + +<p>Denn sie ist nicht aus dem Zimmer gegangen, solange +der Arzt da war. Wahrscheinlich fürchtete sie, +daß ich etwas sagen würde. —</p> + +<p>Nachher war er ganz nett und manierlich.</p> + +<p>Ich schämte mich aber doch ganz fürchterlich.</p> + +<p>Es sei nicht so schlimm. Überreizung – was +Wunder. Einige Tage Ruhe, dann sei alles wieder gut.</p> + +<p>Er kommt noch einmal wieder. — —</p> + +<p>Wenn er dann doch allein ins Zimmer käme. Ich +würde ihn bitten, mir herauszuhelfen. Aber er wird's +auch nicht wollen. Die Menschen machen sich nicht +gern Unannehmlichkeiten mit Leuten, die sie nichts +angehen. —</p> + +<p>Wenn ich so allein hier liege, mache ich mir allerlei +Gedanken.</p> + +<p>Dumm bin ich doch gewesen, sehr dumm.</p> + +<p>Wie kann man als junges Mädchen mit einem wildfremden +Menschen in die Welt hineingehen! Wenn ich +auch erst sechzehn Jahre alt bin, so viel hätte ich doch +bedenken müssen. Freilich, besser wäre es gewesen, +ich hätte schon früher etwas von solchen Sachen gelesen, +dann wäre mir vielleicht doch der Gedanke gekommen, +könnten das womöglich auch solche Menschen +sein? — —</p> + +<p>Aber soviel weiß ich, komme ich je hier aus diesem +Hause – und ich habe den festen Glauben daran – +dann soll das, was ich hier erlebt, nicht umsonst gewesen +sein. — —</p> + +<p>Ich freue mich jetzt so, daß ich mein Tagebuch +habe; da kann ich doch so recht mein Herz ausschütten. +Etwas muß der Mensch haben. Briefe +kann ich nicht schreiben, und ich glaube auch kaum, +daß ein Brief von mir aus dem Hause gelassen würde.</p> + +<p>An wen sollte ich auch schreiben?</p> + +<p>Für die Großeltern bin ich tot, und hier im Lande +habe ich keine Seele, die sich um mich sorgt.</p> + +<p>Was mögen wohl die lieben, alten Leute für +Kummer gehabt haben, als sie erfahren haben, daß +ich nicht bei den Verwandten angekommen bin? +Vielleicht haben sie gedacht, ich bin kurz vorher über +Bord gefallen. Denn ich bin doch spurlos verschwunden. +Nur Frau Fröhlich und ihr sauberer Neffe +könnten Auskunft geben, und die werden sich hüten.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich möchte nur wissen, wo mein Koffer ist. Die +Rottmann sagte doch damals, sie hätte ihn holen lassen.</p> + +<p>Mich wundert nur, daß die beiden ihn nicht behalten +haben, jedenfalls ist ihnen der Inhalt zu gewöhnlich +gewesen. —</p> + +<p>Wie froh wäre ich, könnte ich meine Wäsche anziehen, +die darin war. Wie gern würfe ich den ganzen +Plunder von mir.</p> + +<p>Damit will ich nicht sagen, daß ich die feinen +Sachen nicht mag, ganz gewiß nicht! Schön ist es, so +zarte Stoffe zu tragen – aber unter diesen Umständen! +Ja, wenn ich reich wäre – recht reich –, dann würde +ich auch feine seidene Hemden tragen und mich an +meiner Schönheit freuen – aber so!</p> + +<p>Ich sei schön, sagen sie – und wenn ich mich zuweilen +im Spiegel betrachte, komme ich mir so unrein +vor, so fleckig, so – pfui Teufel, habe ich dann einen +merkwürdigen Geschmack auf der Zunge. —</p> + +<p>Dann hätte ich auch Lust, mir dicken Puder an +Gesicht und Hals zu schmieren, wie sie's alle hier +machen. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich hab's gewagt!</p> + +<p>Also, der Doktor war wieder da. Die Madame +stand dabei, und trotzdem habe ich sie angeführt. —</p> + +<p>Ach, ich bin so froh, so glücklich, vielleicht hilft +es was.</p> + +<p>Weil ich mir denken konnte, daß die Alte wieder +dabeistehen würde, hatte ich schon vorher ein kleines +Stückchen Papier ganz eng beschrieben. Alles hatte +ich darauf geschrieben, was wichtig war. —</p> + +<p>Ich flehte den Doktor an, mir zu helfen. —</p> + +<p>Als er mich nun wieder untersuchte und gerade +mit einem Arm über mich hinreichte, habe ich ihm +das Röllchen in die Hand geschoben. Er verstand +meine Absicht sofort, schloß die Hand und fuhr in +seiner Untersuchung fort. — —</p> + +<p>Die Alte hat nichts bemerkt, und ich bin so froh, +so glücklich. Wenn er mir doch helfen wollte! Er +brauchte ja nur zur Polizei zu gehen. — —</p> + +<p>Ich glaube, ich kann nicht eher wieder ruhig +schlafen, ehe ich nicht weiß, ob ich mich an keinen +Unwürdigen gewandt habe.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 4. August.</p> + +<p>Gestern war ich wieder im Salon. Ich bin wieder +gesund, nun kann die Tierquälerei von neuem +beginnen.</p> + +<p>Tierquälerei! – Ich sage das so leichtsinnig – +ein Tier würde sich nicht gefallen lassen, was ich mir +gefallen lassen muß. Und was das beste ist, sein Artgenosse +würde es auch nicht in dieser Weise mißbrauchen.</p> + +<p>Die Tiere sind klüger und besser als die Menschen.</p> + +<p>Ich komme auf ganz, ganz dumme Gedanken.</p> + +<p>Früher habe ich zu wenig nachgedacht und jetzt +denke ich zuviel. Wäre ich früher mehr zum Nachdenken +gezwungen gewesen, so brauchte ich jetzt +meine Gedanken nicht auf diese Weise spazieren zu +führen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Von dem Doktor habe ich noch nichts gehört, aber +eine andere interessante Bekanntschaft habe ich gemacht. +Ein junger Landsmann war da, ein lieber +Mensch. Er gefiel mir gleich, als er kam, und weil ich +gerade allein saß, ging ich sofort zu ihm. Er bestellte +eine Flasche Rüdesheimer. »Aber echten,« rief er +mir noch zu.</p> + +<p>Wir kamen ins Gespräch und plötzlich entdeckten +wir, daß wir Landsleute waren. Gar nicht weit voneinander +zu Hause.</p> + +<p>In meiner Freude und Aufregung vergaß ich ganz, +daß ich ja nie jemand hatte sagen wollen, wer +ich war.</p> + +<p>Er ging dann mit mir nach oben, und da – als +wir allein waren – faßte ich mir ein Herz und erzählte +ihm alles, mein ganzes Unglück.</p> + +<p>Er glaubte mir gleich und lachte gar nicht über +mich.</p> + +<p>Ich habe ihn auch gefragt, ob er mir nicht heraushelfen +könne.</p> + +<p>Er meinte, leicht würde es nicht sein, ich sei noch +zu kurze Zeit hier, und die Besitzer dieser Häuser +müßten die Schlepper wohl gut bezahlen und wollten +dann natürlich ihr Geld auch wieder heraus haben. +Gutwillig würde mich die Rottmann nicht gehen +lassen, auch wenn sie Geld geboten kriegte.</p> + +<p>Er will sich alles überlegen.</p> + +<p>Mit der Polizei sei nichts zu machen, da müsse +man Geld haben, sehr viel Geld. Denn da hieße es, +wer am besten bezahlt, wird am besten bedient. Und +die Rottmann kenne ihre Leute, die würde schon anständig +bezahlen. — — — —</p> + +<p>Das ist ja ganz schrecklich! Das sieht ja trostlos +für mich aus. Aber mein neuer Freund kommt +wieder – heute noch nicht, damit es nicht auffällt, +aber morgen. Dann werden wir weiter beraten.</p> + +<p>Ich habe jetzt Hoffnung.</p> + +<p>Dem kann ich vertrauen, er hat ein so gutes Auge.</p> + +<p>Als ich ihm sagte, wie alt ich sei, da sah er mich +so mitleidig an und sagte: »Du armes Ding.« Da +mußte ich natürlich weinen. Das Mitleid mit mir +selbst trieb mir die Tränen in die Augen.</p> + +<p>Und habe ich nicht wirklich ein Recht, über mich +zu weinen?</p> + +<p>Gibt es ein zweites Geschöpf, das so unglücklich, +so armselig ist wie ich! Mit noch nicht siebzehn +Jahren eine Dirne, eine Verworfene!</p> + +<p>Und doch bin ich das Kind eines Fürsten!</p> + +<p>Aber das ist ja gerade mein Unglück. —</p> + +<p>Ich fühle einen Haß in mir, ich kann es gar nicht +sagen. Ich weiß nur nicht, wen ich mehr hassen soll: +die Rottmann, Herbert Smith, Rudolph Schönewald +oder den Urheber meines Daseins.</p> + +<p>Ich bin überhaupt zuweilen ganz wirr von all dem +Denken. – Ich bin wohl auch noch zu jung und +habe zu wenig praktischen Verstand.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe jetzt doch wenigstens etwas Schönes, an +das ich denken kann. Ich freue mich so darauf, daß +mein neuer Freund wiederkommt.</p> + +<p>Ob er Wort hält?</p> + +<p>Wenn ich daran denke, daß er nicht kommen +könnte, dann wird mir siedendheiß vor Angst. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Er war da! Schon am zweiten Abend kam er +wieder. —</p> + +<p>So früh er aber auch kam, ich war schon vergeben.</p> + +<p>Aber ich hatte dann doch noch Glück, ich konnte +mich freimachen und zu ihm gehen.</p> + +<p>Er hatte keine andere angenommen.</p> + +<p>Ich konnte ihm an den Augen ansehen, wie widerlich +es ihm war, daß ich direkt aus den Armen eines +anderen Mannes zu ihm kam.</p> + +<p>Aber ich kann's doch nicht ändern, ist es mir doch +nicht weniger widerlich.</p> + +<p>Es war trotzdem ein so glücklicher Abend. —</p> + +<p>Wir saßen noch nicht lange zusammen, da kam +der Doktor – mein Doktor.</p> + +<p>Er ging nicht gleich zu mir, er saß erst eine Zeitlang +bei Lizzi und hat mit der eine Flasche Wein getrunken. +Dann trat er ganz harmlos auf uns zu und +rief schon von weitem: »Ah, da ist ja auch meine +Patientin! Wie geht's uns denn?«</p> + +<p>Dann hat er sich zu uns gesetzt. Wie bin ich +glücklich! Wie ist es gut, daß ich ihn gebeten habe. +Der ist klug und kennt die hiesigen Verhältnisse. Er +spricht ganz nett Deutsch, da seine Eltern geborene +Deutsche sind.</p> + +<p>Er sagt, auf geradem Wege, mit der Polizei, sei +gar nichts zu machen. Wir müßten überhaupt äußerst +vorsichtig sein. Wendeten wir uns an die Polizei, so +bekomme die Rottmann sofort einen Wink, und wenn +dann die Polizei offiziell ins Haus komme, sei ich verschwunden.</p> + +<p>Entweder würde ich versteckt oder ich sei schon +an ein anderes Haus verschickt, was noch viel +schlimmer sei. Denn dieses Haus hier am Broadway +sei noch eines der besten.</p> + +<p>Herr Werner, mein neuer Freund, fragte, ob ich +nicht herauszukaufen sei. Da meinte der Doktor, +auch das habe wenig Aussicht.</p> + +<p>Erstens würde sie einen unverschämten Preis +fordern, und zweitens sei noch die Frage, ob sie es +überhaupt tue.</p> + +<p>Ich verdiene ihr vorläufig doch ein gutes Stück +Geld, und so sehr junge Mädchen bekäme sie auch +nicht alle Tage. — —</p> + +<p>Aber er hat doch einen Plan. Sie wollen mich +entführen. —</p> + +<p>Wenn Herr Werner jetzt wieder kommt, will er all +sein Geld mitbringen, das er auf der Sparkasse hat. +Aber es soll nicht für die Rottmann, sondern zu +andern Zwecken verwendet werden.</p> + +<p>Geld müßten wir in Händen haben, sonst sei nichts +zu machen.</p> + +<p>Der Doktor will alles besorgen in der Zeit, da +Werner fort ist, und er will währenddem auch noch +einige Male wiederkommen.</p> + +<p>Ich hätte laut aufjubeln mögen, dabei mußte ich +ein gleichgültiges Gesicht machen. — —</p> + +<p>Werner ging mit mir nach oben, und der Doktor +wartete unten, bis wir wiederkamen.</p> + +<p>Ich habe Werner fast erdrückt vor Zärtlichkeit, +und gern gab ich mich ihm an diesem Abend. —</p> + +<p>Ich hab' ihm soviel gelobt, heiraten darf er mich +nicht – obgleich er eine Andeutung machte – dazu +bin ich zu schlecht. Aber dienen will ich ihm, dienen +wie eine Magd, damit ich die Schuld abtrage. —</p> + +<p>Ich hätte so gern einmal aufgejubelt, nur einmal – +aber ich mußte still sein. — —</p> + +<p>Als wir nach unten kamen, saß der Doktor noch +da. Er ist dann zum Schein mit mir nach oben gegangen. +Er hat sein Geld aber umsonst bezahlt, wir +haben nur noch ein wenig geplaudert. —</p> + +<p>Die beiden Herren sind dann zusammen fortgegangen, +sie wollten nach Lüchow, um noch ein +Glas Pilsener zu trinken und alles Nötige zu besprechen. — —</p> + +<p>Die »Augusta Viktoria« fährt morgen, und mein +Freund kommt nicht wieder. Aber nächste Reise! +Ob ich es wohl aushalte?</p> + +<p>Und dabei muß ich so gleichgültig tun, damit +nichts auffällt, sonst bin ich womöglich fort, wenn das +Schiff wiederkommt. —</p> + +<p>Aber wenn ich allein im Zimmer bin und an die +Zukunft denke, dann krieche ich oft unter die Bettdecke, +balle das Taschentuch vor dem Munde zusammen +und schreie laut auf; und wenn es auch +nur ein undeutliches Grunzen wird, ich habe mich +doch erleichtert. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 20. August.</p> + +<p>Schrecklich ist es doch, was das Leben aus all +diesen Mädchen gemacht hat. Sie betrachten ihr +Handwerk als etwas ganz Selbstverständliches. Alle +wollen Geld verdienen, und die Wenigsten haben +etwas. —</p> + +<p>Bronja sagt auch, daß es nur sehr Wenige gibt, die +sich hier wieder herausarbeiten. Die weitaus Meisten +enden an der Ostseite, am Fluß unten, in den Verbrecherkellern.</p> + +<p>Wenn sie zu nichts sonst mehr taugen, dann verdienen +sie immer noch einige Cents für ihre Zuhälter, +bis sie eines Tages abgefangen werden oder bei einer +Schlägerei umkommen. —</p> + +<p>Mir ist das unbegreiflich. Es muß herauszukommen +sein, wenn der feste Wille da ist.</p> + +<p>Ich glaube nur, die meisten der Mädchen wollen +auch nicht ernstlich. Das faule Leben, das Saufen +– denn trinken kann man es wirklich nicht mehr +nennen – gefällt ihnen. Des Nachts wird gefeiert +dann bis in den Nachmittag hinein geschlafen und +dann geht's von neuem los. – Viele sind auch schon +nach kurzer Zeit derart verdorben, daß sie für ein anständiges +bürgerliches Leben gar nicht mehr zu gebrauchen +sind. Auch die Mädchen untereinander sind +oft widerlich. Das ist ein Küssen und Umarmen, als +ob sie noch nicht genug an dem aufgezwungenen Verkehr +hätten. —</p> + +<p>Ich bin nicht genug in die Geheimnisse des Geschlechtslebens +eingeweiht, aber so viel merke ich +doch, daß da etwas vorgeht, was <em class="gesperrt">nicht</em> sein darf. +Etwas Unerlaubtes, Anormales.</p> + +<p>Die Rottmann paßt aber auf, und ich habe schon +verschiedene Male gehört, wie sie die eine aus dem +Zimmer der anderen holte. Ich glaube sogar, sie +schlägt sie, schimpfen tut sie wenigstens genug.</p> + +<p>Mir ist die ganze Sache überaus widerlich!</p> + +<p>Überhaupt mag ich das ewige Küssen untereinander +nicht. Die Ulli ist darin schrecklich. —</p> + +<p>Kürzlich fragte sie mich sogar, ob ich nicht ihre +Freundin sein wolle. Ich habe mich bestens bedankt.</p> + +<p>Ich bin mit Bronjas Freundschaft vollständig zufrieden. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Gestern habe ich wieder etwas erlebt – eine +traurige Abwechslung in diesem Geist und Körper +mordenden Einerlei.</p> + +<p>Ich glaube, wenn ich noch lange in diesem Hause +bin, dann bleibt mir kein Abgrund der Natur verborgen.</p> + +<p>Zu den ständigen Besuchern gehört ein Herr +Vaillant, der Besitzer eines großen Warenhauses. Die +Mädchen sagen alle Bobbi zu ihm. Wenn er kommt, +dann ist ordentlich was los. Er läßt immer so viel +anfahren, daß sich bald alles auf dem Teppich +wälzt. —</p> + +<p>Gestern wollte er nun haben, die Sofia und die +kleine, zarte Mary sollten im Evakostüm vor ihm +tanzen.</p> + +<p>Es reize ihn nichts mehr, und nun wolle er sehen, +wer mehr Reiz auf ihn ausübe, die große, stattliche +Sofia, oder die kleine, zierliche Mary.</p> + +<p>Jede bekam zehn Dollar extra.</p> + +<p>Erst natürlich ordentlich getrunken und dann +ging es los. —</p> + +<p>Die Rottmann saß an der Seite, mit einem alten +verkommenen Kerl – es soll ein früherer Lehrer +sein, jetzt führt er ihr die Bücher. Ihre Augen +funkelten wie bei einer Katze; wenn ich es nicht zu +unglaublich fände, so möchte ich sagen, daß sie selbst +das ekle Schauspiel mit lüsternen Blicken betrachtete.</p> + +<p>Die beiden Mädchen hatten sich bei ihrem Tanzen +und Drehen derartig erhitzt und aufgeregt, daß ihnen +die Haare wirr ums Gesicht flogen. Plötzlich stieß +die kleine Mary einen Schrei aus und stürzte hin.</p> + +<p>Dann lachte und schrie sie immerzu. Sie hatte +Krämpfe. Es war schrecklich! – Die allgemeine +Lust wurde aber nicht dadurch gestört. —</p> + +<p>Mary wurde weggetragen und Bobbi ging mit +Sofia nach oben. —</p> + +<p>Sie habe noch zehn Dollar Strumpfgeld von ihm +bekommen, sagte sie uns später. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 28.</p> + +<p>Jetzt sind es schon beinahe drei Wochen, seit ich +Werner kenne. Ich verfolge im Geiste seine Reise +nach Deutschland. Zwölf bis vierzehn Tage dauert +die Fahrt, dann die Zeit, da das Schiff im Hafen +liegt, und endlich die Herreise. —</p> + +<p>Ich habe zuweilen solche Angst, daß Werner nicht +wiederkommt.</p> + +<p>Wenn auch diese Hoffnung scheitert, dann glaube +ich an nichts mehr. – Aber nein, diese Augen können +nicht lügen. Er ist ein guter Mensch, einer von den +Wenigen, die es gibt. — — — — —</p> + +<p>Der Doktor hat auch nicht Wort gehalten. Noch +nicht ein einziges Mal war er hier, und ich hatte doch +so darauf gehofft. Er wird mich vergessen haben +oder er will nicht kommen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mir kommt es vor, als ob wieder irgend etwas im +Hause vor sich ginge. Wenn mich nicht alles täuscht, +sind wieder Neue eingebracht worden. Das alte, +schreckliche Geschöpf, das mir am ersten Morgen +mein Frühstück brachte, begegnete mir heute früh +auf der Treppe. Ich habe es Bronja erzählt, und die +meint, das würde wohl so sein. Wenn neu Aufgegriffene +ankommen, dann muß immer diese Person +die Bedienung besorgen. Sie ist der Rottmann ergeben +auf Tod und Leben, weil sie sonst nirgends mehr +hin kann. Sie ist unheilbar geschlechtskrank. – Die +Rottmann behält sie aber, weil sie für diese Henkersdienste +jemand haben muß, der verschwiegen und +ihr blindlings ergeben ist.</p> + +<p>Und dieses Mädchen – anstatt jede Geschlechtsgenossin +zu warnen und ihr Gelegenheit zu geben, aus +diesem Hause wieder hinauszukommen – hilft mit +einer wahren Wollust dabei, sie zu verderben. —</p> + +<p>Sonderbare Seelenabgründe sind es, die das Leben +zeitigt. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>4. September.</p> + +<p>Ich habe richtig vermutet. Gestern waren zwei +Neue im Salon. —</p> + +<p>Die armen Dinger! Ich bin überzeugt, es sind ein +paar arme Dienstmädchen vom Lande oder so was +Ähnliches. Sie waren so schüchtern und linkisch, und +an ihren Händen und Armen konnte man noch sehen, +daß sie bis jetzt wenig gepflegt worden waren.</p> + +<p>Mein eigenes Unglück steht mir mit erneuter Klarheit +und Stärke wieder vor Augen. Könnte ich doch +mit ihnen sprechen, sie fragen, ob sie sich in ihr +Schicksal ergeben, oder ob sie auch versuchen wollen, +hier wieder fortzukommen.</p> + +<p>Aber ich darf noch nicht einmal gleich zu ihnen +hingehen, sonst erwecke ich das Mißtrauen der Rottmann, +und ich muß jetzt doppelt auf der Hut sein. —</p> + +<p>Die Viola sagte kürzlich zu mir, ich sei noch gut +behandelt worden, wenn ich bloß hätte hungern +müssen. Sie selbst sei noch viel schlimmer hereingefallen. —</p> + +<p>Vor fünf Jahren hatte sie eine Stelle als Erzieherin +nach New Orleans angenommen.</p> + +<p>Alles sei sehr schön abgemacht gewesen, freie +Überfahrt auf einem französischen Dampfer. Drüben +sei sie von einem Diener in Livree abgeholt worden, +kurz und gut, alles habe sich aufs feinste angelassen. +Auch beim Betreten des Hauses sei ihr noch kein +Zweifel gekommen.</p> + +<p>Aber dann! Schon am ersten Abend wollte man +sie einkleiden, und da waren ihr plötzlich die Augen +geöffnet worden.</p> + +<p>Sie hatte dann sofort gewußt, wo sie war, da sie +schon öfter derartige Sachen gelesen hatte.</p> + +<p>Sie hat geweint, gebeten, gedroht und Gott weiß +was versucht, es hat alles nichts genützt. Und als sie +sich geweigert hat, »Dienst« zu tun, da hat sie ein +Kerl – jedenfalls der extra dafür angestellte Bändiger +– gebunden und geknebelt und derart mit +einem Gummischlauch geschlagen, daß sie tagelang +nicht hat liegen können ohne die fürchterlichsten +Schmerzen.</p> + +<p>Als sie nach sechs Tagen wieder aufstehen konnte, +hat die Madame gesagt: »Na, mein Kind, hast du +dich besonnen?« Da hat sie schaudernd zu allem ja +gesagt.</p> + +<p>Sie sagt, nie in ihrem Leben würde sie diese +Züchtigung vergessen; sie habe das Gefühl gehabt, +als hinge ihr das Fleisch in Streifen vom +Körper. —</p> + +<p>Also ist es mir im Verhältnis noch gut ergangen. — —</p> + +<p>Die Viola will aber auch nicht beim Gewerbe +bleiben. Sie spart sich etwas Geld und will dann +sehen, ob sie nicht heiraten kann.</p> + +<p>Irgend jemand, und wenn es der geringste +Arbeiter ist, nur damit sie wieder in anständige Umgebung +kommt.</p> + +<p>Sie spricht nie von ihren Eltern oder ihrer +Heimat.</p> + +<p>Ich glaube aber, sie ist aus ganz guter Familie, +man merkt es an der Sprache. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Gestern war Marys Geburtstag. Als die letzten +Besucher in der Nacht oder vielmehr gegen Morgen +fortgingen, war es eben nach fünf Uhr.</p> + +<p>»Nun wird Geburtstag gefeiert,« sagte Mary. +»Keine darf zu Bett, ich halte alle frei.« —</p> + +<p>Da haben wir denn gefeiert! Gegen neun Uhr +hatte Mary schon eine Zeche von dreißig Dollar und +noch dachte keine ans Schlafengehen. Auch ich habe +tüchtig mitgetrunken – man wird wirklich so langsam +in den Strudel gezogen. Es wird höchste Zeit, +daß ich fortkomme. – Zuletzt konnten wir uns kaum +noch auf den Beinen halten, und die Alte, die sich +sonst immer freut, wenn gut verzehrt wird, gab nichts +mehr heraus.</p> + +<p>Wir sollten zu Bett, damit wir abends wieder +frisch wären. —</p> + +<p>Ja, ja, das Geschäft! Das ist die Hauptsache. Ob +dabei sonst etwas zugrunde geht, das kümmert sie +wenig. —</p> + +<p>Heut' tut mir die arme Mary leid, sie hat sicher +den Verdienst von einigen Wochen geopfert und niemand +genützt. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich glaube, ich liebe Werner. Ich sehne mich so +nach ihm, daß ich es bald nicht mehr aushalte. Oder +ist es die Sehnsucht nach Freiheit? Ich weiß es wirklich +nicht. Meine Gedanken gehen zuweilen ganz +absonderliche Wege.</p> + +<p>Wenn er mich liebte! Wenn er mich doch heiratete! +Ich selbst mag ihn gern leiden – sollte es +Liebe sein? Es wäre ein großes Glück für mich. Aus +aller Not und allem Schlamm wäre ich heraus. Und +niemand kennt mich dort, wo er mich hinführt, niemand +weiß, woher ich komme. —</p> + +<p>Aber nein, das darf nicht sein. Ich darf seine Güte +nicht mißbrauchen. Es wäre schlechter Lohn für +ihn – und vielleicht auch für mich, wollte ich den +lockenden Stimmen meines Innern nachgeben. —</p> + +<p>Das Bewußtsein, wo ich gewesen – von welchem +Ort er mich geholt, würde in jede Stunde, auf jede +harmlose Freude einen Schatten werfen.</p> + +<p>Meine Träume aber kann mir niemand rauben. +Sie sind so tröstend, aber ach so unwirklich, wenn ich +meinen jetzigen Aufenthalt bedenke.</p> + +<p>Die Nächte sind so heiß – so wollüstig – so voll +prickelnder Unruhe. Ist es Sünde, wenn ich an den +fernen Freund denke, wenn mein Blut aufgepeitscht +wird durch aufreizende Getränke und die Berührung +heißer, sinnenzuckender Körper?</p> + +<p>Ist es Sünde, wenn ich ihn vor mein geistiges Auge +zaubere, um damit die erzwungene Umarmung erträglicher +zu machen? —</p> + +<p>Ich liebe ihn! Ganz gewiß, ich liebe ihn. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Noch zwei Tage, dann muß Werners Schiff wieder +hier sein, und meine Erlösung ist nahe. Dann ist alles +überstanden, auch diese letzten ekelhaften Episoden +sind vergessen.</p> + +<p>Den Gedanken, was werden soll, wenn Werner +nicht Wort hält, kann ich gar nicht ausdenken. Ich +habe dann ein Gefühl, als ob mir jemand die Kehle +zuschnürt. Heiß und kalt überläuft es mich.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Der Doktor war hier. Er ist doch treu. —</p> + +<p>Aber klug ist er, das muß ich sagen; na, er +muß es ja am besten wissen, er kennt die Verhältnisse +hier im Lande und wird schon alles gut +einrichten.</p> + +<p>Zuerst kümmerte er sich scheinbar gar nicht um +mich, trank mit der Mary ein Flasche Wein und kam +dann erst zu mir.</p> + +<p>Er hatte einen Brief für mich – von Werner – +nur einige Zeilen.</p> + +<p>Ich bin so glücklich, obgleich es nun noch etwas +länger dauert.</p> + +<p>Werner schreibt mir, daß sein Schiff zehn Tage +überliegt, aber dann holt er mich bestimmt, ich soll +ihm vertrauen.</p> + +<p>Der Doktor war sehr vorsichtig, er gab mir den +Brief erst, nachdem er mit mir im Zimmer war, und +als ich ihn gelesen, mußte ich ihn zerreißen, und er +steckte die Stückchen in die Tasche. —</p> + +<p>Er selbst hat Werner geraten, nicht an mich +direkt zu schreiben, denn es hätte auffallen +müssen, wenn ich einen Brief von Europa bekommen +hätte.</p> + +<p>Er hat recht, daran habe ich gar nicht gedacht. +Überhaupt habe ich mir noch gar nicht überlegt, daß +ja niemand meinen Familiennamen weiß. Man vergißt +ihn hier beinahe. Man ist wie im Zuchthaus – +nur eine Nummer.</p> + +<p>Ich hatte überhaupt meinen guten Tag heute, +nur anständigen Besuch. Von einem habe ich sogar +ein wunderschönes Geschenk bekommen, eine reizende, +brillantenbesetzte Uhr.</p> + +<p>Ich war ganz sprachlos.</p> + +<p>Ich habe sie später Bronja gezeigt, die hat aber +meine Freude mächtig gedämpft.</p> + +<p>»Der hat sie sicher erst gestohlen,« sagte sie +trocken. »Denn sonst verschenken sie nicht so leicht +so kostbare Dinger.«</p> + +<p>Meinetwegen, ich freue mich trotzdem.</p> + +<p>Aber recht könnte Bronja schon haben, etwas +sonderbar ist es. Kennt mich nicht weiter und +schenkt mir gleich eine Uhr?</p> + +<p>Na einerlei!</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Es gibt auch kleine Lichtblicke im Dunkel unserer +Existenzen. Wenigstens muß ich es so nennen, wenn +ich jemand sagen höre, daß er gern hier ist.</p> + +<p>Die Lilly wenigstens sagt, ihr gefiele das Leben +ganz gut und sie wünsche sich auch nie etwas +anderes. —</p> + +<p>Geschmacksache ist es natürlich, aber ihr bekommt +es ja auch anscheinend, denn sie wird dick +und fett dabei. —</p> + +<p>Wie ein Roman hört sich's an, wenn sie ihre Geschichte +erzählt. — —</p> + +<p>In einem kleinen mährischen Dörfchen im Armenhaus +groß geworden, wird sie von Deutsch-Amerikanern, +die zu Besuch in der Heimat weilen, als +Mädchen für alles mit nach Amerika genommen.</p> + +<p>Sie, die bis dahin kaum satt zu essen bekommen, +blüht bei der guten Kost auf wie eine Rose. —</p> + +<p>Sie hatte es gut in ihrer Stelle. Der Mann, der +eine gutgehende Bäckerei in Pittsburg hatte, hielt die +Familie gut – aber – aber. – Die Frau war ziemlich +verblüht – war wohl auch nie eine Schönheit gewesen +– und nun gar – neben der üppig aufblühenden +achtzehnjährigen Lilly!</p> + +<p>Was Wunder, daß die Augen des Mannes immer +häufiger und unruhiger auf Lilly hafteten. —</p> + +<p>Lilly schlief mit der ältesten Tochter ihrer Herrschaft +in einem Bett, einem jener breiten amerikanischen +Betten, in denen bequem ein halbes Dutzend +Kinder liegen könnte.</p> + +<p>Die Sommernächte waren schwül und heiß. Die +gute Kost hatte alles in ihr zur Entfaltung gebracht, +die Sinne forderten ihr Recht.</p> + +<p>Und eines Nachts – genau als ob es in ihren +wollüstigen Traum paßte, kommt ihr Dienstherr und +nimmt sich, was ihm ohne Widerstreben gegeben +wurde. —</p> + +<p>Wie eine Frucht, die sich überreif vom Baume löst, +so fällt Lillys Jungfräulichkeit dem alternden Manne +in den Schoß. —</p> + +<p>Die Tochter daneben ist nicht einmal gestört +worden in ihrem kindlichen Schlummer. — —</p> + +<p>Doch die inbrünstige Umarmung hatte Folgen – +was nun?</p> + +<p>Der Mann war nicht schlecht, er versprach für +Lilly zu sorgen.</p> + +<p>Als die Frau merkte, was los war, mußte sie aus +dem Hause. —</p> + +<p>Als ein Glück betrachteten es beide, daß der Geselle, +ein häßlicher, pockennarbiger Ungar, der Lilly +schon immer gern gesehen hatte, ihr aber nicht +hübsch genug gewesen war, nun aufs neue um sie +warb. – Lilly war froh, mit seinem Namen ihre +Schande zudecken zu können. – Der Meister gab eine +gute Aussteuer und Lilly wurde Frau Allasch. Sie +eröffneten einen Laden, und alles wäre gut gewesen, +wenn nicht der junge Ehemann so eifersüchtig gewesen +wäre. Er war sich wohl bewußt, daß er Lillys +Besitz nicht nur seiner Schönheit zu danken hatte. —</p> + +<p>Es gab häßliche Szenen, und da zudem das Kind +kurze Zeit nach der Geburt gestorben war, ließ Lilly +eines Tages ihren pockennarbigen Herrn Gemahl +sitzen und fuhr nach New York. —</p> + +<p>Hier ist sie zuerst in einem deutschen Haushalt in +Brooklyn in Stellung gewesen, es hat ihr aber gar +nicht gefallen.</p> + +<p>»Die Deutschen wollen nichts bezahlen, aber +arbeiten soll man wie ein Pferd,« sagt sie. —</p> + +<p>Dann war sie in einem Hotel in der 8. Straße +Zimmermädchen, und da hat sie so nach und nach +Geschmack am leichten Leben gefunden.</p> + +<p>Sie fühlt sich ganz wohl dabei und legt sich sogar +noch Geld zurück. Doch ich glaube, es gibt nicht +viele Lillys. — —</p> + +<p>Ich muß oft darüber nachdenken, was zu tun ist, +um solch armen Teufeln zu helfen, die in diese Häuser +verschleppt werden.</p> + +<p>Das einzig Richtige würde sein, wenn diese Häuser +gesetzlich nicht geduldet würden. Es würde trotz +alledem noch genug derartige Mädchen geben, wie +man an Lilly sehen kann.</p> + +<p>Aber Leute wie die Rottmann, die sich von der +Schande und dem Elend anderer mästen, die dürfte +es nicht geben. – Und wenn es wirklich nicht ohne +diese Häuser geht, dann sollte der Staat sie bauen, +genau wie er Gefängnisse, Zuchthäuser und Idiotenanstalten +baut. —</p> + +<p>Doch ich phantasiere. Mit meinen siebzehn Jahren +fange ich an und will die Welt verbessern. —</p> + +<p>Man hört so vieles in diesem Hause, so manches +Schicksal geht an einem vorüber, und immer, oder +doch zum weitaus größten Teil, ist an dem ersten Fall +die Hauptschuld auf seiten des Mannes und des +Alkohols.</p> + +<p>Mag die Gefallene später werden wie sie will – +zuerst ist sie verführt worden. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich fühle mich seit einigen Tagen gar nicht wohl. +Ist es die Unruhe wegen Werner, die mich quält, oder +steckt mir eine Krankheit in den Gliedern? Das +Essen will mir gar nicht schmecken, obgleich es im +allgemeinen ganz gut ist.</p> + +<p>Auch Bronja meint, daß es in dieser Weise bei der +Rottmann recht anständig sei. Es gibt reichlich und +gut zu essen und wenigstens einmal am Tage – abends +um sechs Uhr – eine gemeinsame Tafel.</p> + +<p>Wie ich von den anderen schon gehört habe, gibt +es Häuser, wo die Mädchen noch nicht einmal ausreichend +beköstigt werden und wo sie sich noch zum +Teil von ihrem eigenen Geld unterhalten müssen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich werde immer unruhiger. Wenn ich richtig +rechne und sonst nichts dazwischen kommt, muß +das Schiff bald ankommen.</p> + +<p>Ich bin förmlich wie im Fieber, es kann nicht +allein die Sehnsucht nach Freiheit sein.</p> + +<p>Wenn ich an Werner denke, überläuft mich ein so +sonderbares Gefühl, ein traumhaftes Glücksempfinden +überkommt mich, das ich aber immer rasch wieder +abschüttele. —</p> + +<p>Ich bin abergläubisch geworden, ich fürchte, wenn +ich schon zu fest an mein Glück glaube, so zerrinnt es +wie eine Fata Morgana vor meinem sehnsüchtigen +Blick. — —</p> + +<p>Die beiden zuletzt Angekommenen habe ich auch +einmal unbeobachtet gesprochen. Es sind ein paar +Süddeutsche. Sie haben sich unterwegs bereden +lassen, als Kellnerinnen hierher zu kommen. Anfangs +sind sie ziemlich unglücklich gewesen, ergeben sich +aber jetzt in ihr Schicksal. Die eine, die Sepha, anscheinend +die Schlauere, sagt: »Mir werden uns halt +a Geld sparen und hernach gehn m'r wieder ham, da +waß ka Mensch net, wo m'rs Geld her ham.« —</p> + +<p>Auch ein Standpunkt. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe heute die Madame um Geld gebeten +und habe ihr gesagt, daß die Mädchen alle ihr +Geld selbst aufbewahrten, nur ich bekäme keinen +Pfennig.</p> + +<p>»So, Geld willst du haben? Dann komm mal mit +ins Garderobenzimmer, da will ich dir zeigen, wo dein +Geld ist,« war die Antwort. —</p> + +<p>Ach ja, das Garderobenzimmer. Ein riesenhaftes +Kapital steckt in diesem Raum. Alle vierzehn Tage +heißt es: es müssen neue Kleider angeschafft werden, +in diesen vertragenen Fähnchen kannst du nicht +jeden Abend dasitzen. —</p> + +<p>Ich habe Kleider über Kleider, und doch nicht ein +einziges, um als anständiger Mensch auf die Straße +gehen zu können. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Heute war der Doktor wieder da, und morgen +kommt Werner!</p> + +<p>Ich bin wie von Sinnen. Ich muß wenigstens mein +Buch zum Vertrauten machen, sonst, glaube ich, +sprengt es mir die Brust.</p> + +<p>Heute abend muß ich wieder unter die Decke +kriechen und mein Glück in diese kleine Welt hinausschreien. —</p> + +<p>Ach, wenn es doch gelingen wollte! —</p> + +<p>An ein Scheitern darf ich gar nicht denken, dann +stockt mein Herzschlag. Es muß gelingen oder – ich +werde wahnsinnig. —</p> + +<p>O, guter Gott, guter Gott, ich will wieder an dich +glauben, wenn du mir diesmal hilfst – nur dies eine +Mal hilf mir, ich bin doch auch dein Geschöpf. —</p> + +<p>Ich muß aufhören mit Schreiben, meine Sinne verwirren +sich, ich glaube, ich habe in Wirklichkeit Fieber.</p> + +<p>Wenn ich doch ein Mittel hätte, um schlafen zu +können, ich werde sonst morgen ganz krank und +elend sein, und vielleicht habe ich meine Kräfte +nötig. —</p> + +<p>Ob auch kein Mensch etwas ahnt? Hat mich nicht +die Rottmann vorhin so sonderbar angesehen? Oder +bilde ich es mir nur ein?</p> + +<p>Wenn es mißlingt, gibt es ein Unglück! Mir ist +dann alles einerlei – ich könnte das Weib kalten +Blutes ermorden.</p> + +<p>Mag man mich dann ins Gefängnis stecken, +wenigstens ist eines dieser Scheusale weniger auf der +Erde. — —</p> + +<p>Ich kann nicht mehr – ich glaube, ich bin krank.</p> + + + +<hr class="hr65" /> +<h2><a name="IV" id="IV"></a>IV.<br /> + +Sonnenaufgang.</h2> + + +<p>Auf See, den 2. November.</p> + +<p>Seit fünf Tagen habe ich dich nicht geöffnet, +mein kleiner Tröster in der Not.</p> + +<p>Jetzt will ich dir aber auch sehr vieles, sehr +Schönes und sehr Wichtiges erzählen. —</p> + +<p>Ich bin auf der Fahrt nach Deutschland.</p> + +<p>Das sagt eigentlich alles. Trotzdem will ich ausführlich +erzählen, wie alles zugegangen ist; ist es mir +doch selbst noch wie ein Märchen.</p> + +<p>Als Werner kam, hielt er sich nicht lange unten +auf, sondern ging gleich mit mir hinauf. Die Flasche +Wein, die er hatte bringen lassen, blieb fast unberührt +stehen. Er rief dem Charly zu, er solle alles so stehen +lassen, er käme gleich wieder.</p> + +<p>Oben teilte er mir hastig seinen Plan mit. Ich +mußte rasch zu mir stecken, was ich gerne mitnehmen +wollte.</p> + +<p>Es war wenig genug. Dich, mein kleines Buch, +steckte Werner in die Brusttasche, dann saßen wir +atemlos und warteten.</p> + +<p>Das Schlimmste war, daß ich keine Kleider hatte. +Ich mußte in dem dünnen, spitzenübersäten Kunstwerk, +das meinen Körper mehr preisgab als verhüllte, +auf die Straße.</p> + +<p>Alles war auf die Minute festgelegt.</p> + +<p>Werner war um zehn Uhr gekommen, bis um +einhalb elf Uhr kamen vier junge Männer, die in den +großen Salon gingen. Bis drei viertel elf kamen vier, +die in den kleinen Salon hinter der Bar gingen.</p> + +<p>Alle diese Leute waren vom Doktor angeworben +und wurden mit dem Gelde Werners bezahlt. —</p> + +<p>Fünf Minuten vor elf mußten die im kleinen Salon +untereinander Streit anfangen, einer davon mußte +einen blinden Schuß abgeben, zu gleicher Zeit mußten +die im großen Salon so agieren, daß alles nach dem +kleinen Salon hinstürzte.</p> + +<p>Und genau auf die Minute – elf Uhr – gab der +Doktor an der Eingangstür das bekannte Einlaßzeichen, +so daß der Portier wußte, es war ein eingeweihter +Besucher.</p> + +<p>Genau in diesem Augenblick kamen wir, Werner +und ich, die Treppe herunter. Die Tür durfte nicht +wieder ins Schloß fallen. Ein Auto stand draußen, +und fort ging es – ich war <em class="gesperrt">frei</em>!!!</p> + +<p>Alles klappte. Der Doktor hatte noch einen handfesten +Kerl bei sich, und als der Schließer auf +mich zustürzen wollte, faßte ihn der Begleiter des +Doktors an der Kehle und sagte leise aber bestimmt: +»Keep quiet! Einen Laut und du bist ein +toter Mann!«</p> + +<p>Der Doktor sprang zurück und war mit einem +Satz bei uns im Auto, dann ging es vorwärts.</p> + +<p>Wir sind erst ganz nach oben bis zur +128. Straße gefahren, um etwaige Verfolger irrezuführen, +dann ging es durch den Zentralpark und +an der anderen Seite herunter nach Hoboken.</p> + +<p>Es war bereits nach Mitternacht, als wir im Zentralhotel +ankamen.</p> + +<p>Der Doktor hatte an alles gedacht. Im Auto lag +ein Mantel, in den ich schlüpfen mußte, damit meine +Kleidung bei den Hotelbediensteten nicht auffiele +und etwaigen Nachforschungen Vorschub geleistet +würde. Ich bekam ein Zimmer, Werner ließ sich +eines daneben geben, dann schloß er mich ein und, ich +war allein – allein und in Freiheit.</p> + +<p>Am anderen Morgen – Werner hatte einen +Tag Urlaub genommen – telephonierte er an ein +Konfektionsgeschäft und ließ mir etwas anständige +Garderobe kommen.</p> + +<p>Unter dem Vorwand, daß ich mit dem Schiff gekommen +sei und unglücklicherweise meinen Koffer eingebüßt +habe, wurde ich vollständig neu ausgestattet.</p> + +<p>Ein einfaches, dunkelblaues Kostüm, ein Reisehut +und Stiefel waren das Nötigste. Dann bekam ich +noch ein einfaches Straßenkleid, und die bürgerlich +einfache Dame war fertig.</p> + +<p>Ich nahm alles widerspruchslos an. Es waren +Wohltaten, die ich vielleicht nie würde vergelten +können; ich mußte sie annehmen.</p> + +<p>Vorläufig dachte ich nur an den Augenblick. —</p> + +<p>Als ich mit allem fertig war, und wir in meinem +Zimmer beim Lunch saßen, sagte Werner: »Heute +nachmittag fahren wir nach New York hinüber zu +Pastor Schneider und lassen uns trauen.«</p> + +<p>»Nein, o nein!« rief ich, »tun Sie das nicht!«</p> + +<p>»Nun, nun,« sagte Werner, »warum denn nicht?«</p> + +<p>»Sie – werden es später bereuen, bitter bereuen. +Ich darf Ihre Güte so nicht ausnutzen. Das Mitleid +mit meiner verzweifelten Lage hat Sie handeln +lassen, aber nun ist es genug.«</p> + +<p>»Und meinen Sie, ich hätte dies alles getan, wenn +ich nicht von Anfang an die Absicht gehabt hätte, +Sie zu heiraten? Ich weiß alles, was Sie mir sagen +wollen; ich weiß, daß Hunderte von jenen Mädchen +nicht verdienen, daß ein anständiger Mann auch nur +den Finger um sie rührt, ich weiß aber auch, daß Sie +keine von denen sind. Sie haben Unglück gehabt – +es wird bei Ihnen liegen, zu beweisen, daß es unverdientes +war.« — —</p> + +<p>Es ist nicht schwer für einen jungen Mann, ein +junges Mädchen, das ihm sowieso schon zugetan ist, +zu bereden, ihn zu heiraten, ihr plausibel zu machen, +daß sie nicht zu schlecht für ihn ist.</p> + +<p>Ich erinnerte mich so mancher, mit der ich zusammen +war, die sich keinen Augenblick besonnen +haben würde. Ich dachte auch an manche, die wirklich +besser war, als so viele verheiratete Damen, die +geachtet dastanden und doch innerlich nichts taugten, +und all meine großen und festen Vorsätze schmolzen +dahin wie Butter an der Sonne. — – Wenn ich von +jetzt ab ein tadelloses Leben führte, war dann nicht +alles gut? Was aber, wenn später bei Werner die +Reue kam?</p> + +<p>»Sie werden es später bereuen, lieber Freund! +Gesetzt den Fall, es käme durch irgendeinen Zufall +heraus, wo Sie mich hergeholt haben, ich könnte es +nicht ertragen, Schande über Sie gebracht zu haben!«</p> + +<p>»Das brauchen wir nicht zu befürchten. Kein +Mensch von unserem Schiff ist drüben in jenem Hause +gewesen, keiner hat Sie gesehen.«</p> + +<p>»Und wenn doch? Sie kennen die Menschen nicht, +mein Freund! Ich will Ihre Freundin sein, Ihre +Dienerin, alles will ich für Sie tun, und wenn Sie mich +nicht mehr wollen, dann schicken Sie mich fort – +dann –« Ich fing an zu weinen. Das ganze Elend +meiner jungen Jahre kam mir mit Allgewalt zum +Bewußtsein.</p> + +<p>Wäre es nicht besser, ich wäre tot? Wem nützte +mein Dasein?</p> + +<p>»Weine nicht, Liebling! Du mußt mein Weib +werden. Es ist unmöglich, wie du dir das denkst. Ich +kann so nicht neben dir leben, ich habe dich lieb – +komm, sei vernünftig und gib nach. Magst du mich +denn nicht auch ein wenig leiden? Ich schwöre dir, +ich rühre dich nicht eher wieder an, bis du mein Weib +bist; bedenke – ich bin ein Mensch von Fleisch und +Blut – und ich liebe dich – quäle mich nicht länger.«</p> + +<p>»Wenn ich nur wüßte, daß es zu deinem Glücke +wäre, daß ich dadurch nur etwas von der großen +Schuld abtragen könnte, wie gern würde ich dir gehören. +Aber deine Zukunft, dein Glück!« entgegnete +ich, nur noch schwach widerstrebend.</p> + +<p>»Mein Glück und meine Zukunft bist du! Laß +die Menschen sagen und tun was sie wollen, wenn nur +wir beide zufrieden sind. Komm, sag' ja!«</p> + +<p>»Aber — — —«</p> + +<p>»Kein Aber mehr, Liebling,« sagte da Werner und +nahm mich in seine Arme. Und jauchzend flog ich an +seinen Hals, und er vergrub sein Gesicht in meinen +Haaren.</p> + +<p>»Mein Liebling, mein alles!« flüsterte er, und +küßte mich immer und immer wieder. »Wie schön du +bist! Und jetzt bist du mein! Jetzt gehört diese +Schönheit, dieser entzückende Körper mir – mir +ganz allein!«</p> + +<p>Willenlos hing ich in seinem Arm. Mein ganzes +Herz schlug ihm entgegen. Wie war er gut! Das war +endlich ein Mann von jener Sorte, die wir nötig haben. +Nun war auch für mich die Sonne eines besseren +Tages aufgegangen.</p> + +<p>Ja, ich wollte sein Weib sein, und mein ganzes +ferneres Leben sollte ein einziges Dankgebet – ein +einziges Opferfeuer für meinen Retter sein. — — —</p> + +<p>Zwei Stunden später waren wir Mann und Frau.</p> + +<p>Der alte, würdige Pfarrer und seine Gattin nahmen +uns sehr liebevoll auf. Werner kannte das Ehepaar +schon seit langem, da sie schon wiederholt mit seinem +Schiff gefahren waren.</p> + +<p>Nach der Trauung hatten wir ein schönes Diner bei +Reißenwebers, und fuhren dann wieder nach Hoboken.</p> + +<p>Ich hatte große Angst, und Werner mußte ein geschlossenes +Auto nehmen, weil ich immer noch Sorge +hatte, daß ich entdeckt würde. —</p> + +<p>Auch als wir wieder im Hotel waren, wollte die +Ruhe noch nicht kommen; erst hier auf dem Schiff, +als einige Meilen Wasser zwischen mir und jener Stadt +mit den hohen Häusern lagen, konnte ich aufatmen.</p> + +<p>Also wirklich und wahrhaftig frei! Frei, und so +Gott will, ein anständiger Mensch! — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Es gefiel mir erst sehr auf dem Schiff, aber das +hat nicht lange gedauert. Wir hatten Sturm, und ich +bin tüchtig seekrank gewesen, jetzt geht es aber +wieder.</p> + +<p>Ich fahre in der zweiten Kajüte, und Werner hat +dafür gesorgt, daß ich allein im Zimmer bin. Ich +freue mich sehr darüber, ich mußte immer wieder an +meine Herfahrt denken und an meine Zimmernachbarin, +diese alte Seelenverkäuferin.</p> + +<p>Ich bin aber doch auch zu dumm gewesen, jetzt +könnte mir das nicht wieder passieren, jetzt kenne +ich den Geruch.</p> + +<p>Ich bilde mir immer ein, ich selbst rieche auch +noch nach diesem verfluchten süßlichen Zeug, mit +dem die ganze Luft in jenem Hause durchtränkt war. +Es kann aber gar nicht möglich sein – denn ich habe +nichts mehr von jenem Zeug am Leibe und habe +schon drei Bäder genommen – und doch – sehen +mich nicht auch die Männer mit besonderen Blicken +an?</p> + +<p>Werner, dem ich meine Befürchtungen mitteilte, +lachte.</p> + +<p>»Ich glaub' es wohl, daß sie dich angucken, +Süßes! Du weißt wohl gar nicht, wie schön du +bist!« —</p> + +<p>Ich bin sehr glücklich! Werner und ich machen +Pläne – wonnige Pläne für die Zukunft.</p> + +<p>Eine kleine Wohnung werden wir uns mieten, drei +Zimmer nur, denn Werner verdient noch nicht viel – +aber wir werden trotzdem glücklich sein – so glücklich.</p> + +<p>Wir brauchen niemand, ganz allein für uns beide +wollen wir sein. Ich werde sehr viel zu tun haben für +die erste Zeit, die ganze Wohnung muß eingerichtet +werden, und ich habe doch so gar nichts.</p> + +<p>Ärmer als ich ist wohl nie ein Mädchen in die Ehe +gegangen. Alles verdanke ich der Güte dieses Mannes +– es wird mir schwer – »meines Mannes« zu sagen, +es ist mir, als ob ich noch kein Recht dazu hätte.</p> + +<p>Und doch habe ich es, er selbst hat es mir gegeben. —</p> + +<p>Wenn ich alles recht überdenke, dann möchte ich +seine Hände küssen, er macht vieles wieder gut, was +andere gesündigt. —</p> + +<p>Wenn ich doch nicht immer wieder ins Grübeln +kommen wollte! Wenn ich mich doch uneingeschränkt +der Stunde freuen könnte!</p> + +<p>Aber ich kann es nicht. Eine Angst verzehrt mich, +für die ich keinen Namen habe.</p> + +<p>Bald sind wir in Deutschland – wenn ich nach +der Heimat könnte! Nur einmal meinen Kopf im +Schoße der lieben alten Frau zu vergraben.</p> + +<p>Aber nein, fort mit diesen Gedanken – ich bin +tot – muß tot sein!</p> + +<p>Würden sie mich nicht fragen? Würde ich der Großmutter +in die lieben, alten, reinen Augen sehen können?</p> + +<p>Ach, hätte ich doch meine Mutter noch! Zu ihr +könnte ich kommen! – Hätte ich meine Mutter noch, +dann wäre alles anders, und ich brauchte nicht so +vor sie zu treten. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Morgen kommen wir an. Man merkt es an der +Unruhe unter den Passagieren. Alle haben zu packen, +zu schreiben und zu besprechen; wie in einem Bienenkorb +ist es.</p> + +<p>Ich allein habe nichts zu packen und zu schreiben +– ich besitze nichts, auch habe ich mich dieses Mal +mit keinem Menschen bekanntgemacht. Ich bin +mißtrauisch geworden. Was ich früher zu offen und +zu vertrauensselig war, bin ich nun zu scheu. — —</p> + +<p>Ich weiß nicht, wie mir ist – ein sonderbares +Angstgefühl quält mich die letzten Tage. Ich will mir +mit Gewalt das Glücksempfinden, das mich zu +Beginn der Reise beseelte, zurückzwingen – ich +kann es nicht.</p> + +<p>Ich sollte mich freuen, der Heimat näherzukommen +und kann es nicht.</p> + +<p>Schlaflos wälze ich mich des Nachts auf meinem +Lager, sonderbare beängstigende Träume quälen +mich, ich habe versucht zu beten – ich kann es nicht. +Will Gott nichts mehr von mir wissen, weil ich sein +Dasein angezweifelt habe? Aber hatte ich nicht ein +Recht dazu? Kann man an Gott und seine Allmacht +glauben, wenn man so entsetzliche Dinge erlebt?</p> + +<p>Warum läßt dieser Gott, der doch ein Gott der +Liebe sein soll, zu, daß ein schuldloses, unerfahrenes +Mädchen so vergewaltigt, gemartert und gepeinigt +wird! Und doch will ich mir Mühe geben, aufs neue +an seine Güte und Allmacht zu glauben. Ich will gut +sein. Doch dann darf ich nicht mehr an das Vergangene +denken. Erst wenn ich das Entsetzliche ganz +aus meiner Erinnerung ausgelöscht habe, wird es mir +möglich sein, den alten Kinderglauben wiederzufinden. +--</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Im eigenen Heim!</p> + +<p>Wer kennt nicht den Zauber dieses Wortes?</p> + +<p>Für mich ist es doppelt heilig: Daheim!</p> + +<p>Ich, die Ausgestoßene, bin daheim.</p> + +<p>Und doch ist mein Glück nicht ohne bitteren Beigeschmack, +denn ich bin schon wieder allein.</p> + +<p>Allein im eigenen Heim, ohne ihn, der es mir +geschaffen.</p> + +<p>»Du mußt dich daran gewöhnen, Lottchen! Sieh, +du hast nun einmal einen Seemann zum Manne, da +mußt du dir sagen, daß es unmöglich für ihn ist, zu +Hause zu bleiben. Und mit der Zeit gewöhnst du dich +daran. Alle Seemannsfrauen müssen sich darein +finden; in vier Wochen bin ich ja wieder da und dann +ist es um so schöner.« —</p> + +<p>Er hat recht, ich muß mich daran gewöhnen. +Aber schwer ist es doch. Daran habe ich gar nicht +gedacht, an dieses immerwährende Alleinsein. Aber +selbst wenn ich daran gedacht hätte, würde es nichts +genützt haben, Werner kann eben nicht an Land +bleiben. Sobald er aber Oberzahlmeister ist, kann er +mich einmal mitnehmen.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wenn ich nur nicht gar so fremd hier wäre!</p> + +<p>Und doch, bin ich nicht kindisch mit meinen +unnützen Klagen?</p> + +<p>Ist es nicht im Gegenteil recht gut, daß ich fremd bin?</p> + +<p>Wie furchtbar würde es für Werner sein, wenn +mich jemand erkennen sollte. —</p> + +<p>Zum Glück habe ich nicht viel Zeit zu dummen +Gedanken und nutzlosen Klagen. Ich muß arbeiten, +muß meine Wohnung einrichten.</p> + +<p>Vorläufig haben wir nur Küche und Schlafzimmer. +Alles in Eile und provisorisch hingestellt. +Aber wenn Werner wiederkommt, soll er alles hübsch +und gemütlich vorfinden, er soll sich freuen über +seine Frau und sein Heim. —</p> + +<p>Eine ganze Menge Geld hat er mir hier gelassen. +Zweihundert Mark! Was kann ich dafür alles kaufen! +Töpfe und Pfannen, auch einige Deckchen und Läufer, +um alles recht schön zu machen. —</p> + +<p>Die Möbel für das Wohnzimmer kaufen wir erst, +wenn Werner wiederkommt, die müssen wir auf Abzahlung +nehmen, Werner hatte gar kein Geld mehr. —</p> + +<p>Eigentlich ist es schrecklich, daß er all das viele +Geld für mich hat ausgeben müssen; was hätte man +alles dafür kaufen können!</p> + +<p>Eine Wut überkommt mich, wenn ich an die +Rottmann denke – nur einmal möchte ich sie +wiedersehen, einmal möchte ich ihr gegenübertreten, +um ihr meinen ganzen Zorn, meine ganze Verachtung +ins Gesicht zu schleudern.</p> + +<p>Aber was nützt es, wenn ich gegen dieses Weib +wüte, ist sie doch nicht allein schuld an diesen +Zuständen. —</p> + +<p>Nicht ein Unternehmer allein, das ganze System +muß bekämpft werden. Ich will klug und reich +werden, ich will Geld sammeln. Überall müssen +Warnungstafeln angebracht werden.</p> + +<p>Es muß anders werden, ganz anders. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Eine Woche lang habe ich nicht an mein Büchlein +gedacht, aber heute ist ein so kalter, stürmischer +Tag, da habe ich mir Feuer im Herd angezündet, +damit die Küche schön durchwärmt ist, +und nun will ich mich wieder einmal mit dir unterhalten. +--</p> + +<p>Ich habe mich nun schon ganz nett und behaglich +eingerichtet.</p> + +<p>Auch außerhalb meiner kleinen Wohnung habe +ich mich schon umgesehen. Die Stadt ist nicht groß, +und man ist bald zu Ende mit den Sehenswürdigkeiten. +Landschaftliche Reize kann ich an der +flachen, eintönigen Gegend wenig entdecken. Trotz +alledem wäre es unrecht, ihr jede Schönheit absprechen +zu wollen.</p> + +<p>Wie wunderschön allein ist ein Spaziergang bei +Sonnenuntergang am Außendeich. Ein ganz wunderbares +Schauspiel ist es, wenn der Sonnenball langsam +im Wasser versinkt. Der Horizont, das Wasser, +alles glüht tiefrot, um dann langsam, blasser und +blasser werdend, in rosa und bläulichen Tönen zu +verglimmen.</p> + +<p>Und dann der Heimweg; hier und da auf dem +Wasser ragt gespenstisch ein Mast empor, dann blitzt +da und dort ein Lichtlein rot, grün oder grellweiß, +das Blinklicht des Leuchtturmes alles überragend, +und weit, weit unten in ununterbrochener Reihe die +Lichter des Hafens.</p> + +<p>Aber diese einsamen Spaziergänge sind nichts für +mich, sie machen mich melancholisch und heimwehkrank.</p> + +<p>Heimwehkrank nach einer Heimat, die ich nicht +habe.</p> + +<p>Meine Heimat ist jetzt hier, ist bei dem Manne, +der mir einen ehrlichen Namen gab. —</p> + +<p>Ich bin immer noch ängstlich, wenn ich auf der +Straße gehe.</p> + +<p>Wie leicht ist es möglich, daß mich jemand gesehen +hat. Es ist eine Hafenstadt, und der Weg nach +Amerika ist sehr kurz – über die Planken eines +Dampfers. —</p> + +<p>Nicht um mich bin ich besorgt, um ihn.</p> + +<p>Und noch etwas anderes macht mir Sorge.</p> + +<p>Fast hätte ich über dem letzten großen Unglück, +das mich betroffen, meinen Fehltritt von zu Hause +vergessen. Nicht ein einziges Mal in den letzten +Wochen habe ich daran gedacht.</p> + +<p>Aber nun, wo ich in Ruhe bin, quält es mich um +so mehr. —</p> + +<p>Muß ich es Werner sagen? Hat er ein Anrecht an +das Leben, das so weit zurückliegt? So weit!</p> + +<p>Und doch ist es noch kein Jahr her, seit ich von +den Großeltern fort bin. – Mir scheinen es Ewigkeiten.</p> + +<p>Ich bin in einem furchtbaren Zwiespalt.</p> + +<p>Ist es meine Pflicht, es meinem Manne zu sagen +oder darf ich schweigen?</p> + +<p>Wird er nicht an mir zweifeln, wenn ich es sage? +Wird er nicht denken, daß der Ort, an dem er mich +getroffen, dann gar nicht so unrecht für mich gewesen +sei?</p> + +<p>Hätte ich doch einen einzigen Menschen, mit +dem ich sprechen könnte! – Ich glaube nicht, +daß ich den Mut habe, es ihm zu sagen; ich +fürchte seine Liebe und Achtung – jawohl seine +Achtung, so paradox es auch klingen mag – zu +verlieren. —</p> + +<p>Denn trotz alledem und alledem, Werner achtet +mich. Er weiß, ich war unschuldig dort hingekommen; +und er achtet mich deshalb, weil ich mit allen +Mitteln versucht habe, herauszukommen. —</p> + +<p>Erführe er meinen ersten, dummen, kindischen +Streich – wer weiß, ob dann nicht dieses Gefühl, +das mich so sehr erhebt, für immer verloren wäre.</p> + +<p>Ich muß das Geheimnis mit mir herumtragen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Der Schlaf, der mich auch in den schlimmsten +Augenblicken meines Lebens nicht verlassen, scheint +mich jetzt zu fliehen.</p> + +<p>Ich liege oft stundenlang und grübele über Dinge, +die ich nicht ändern kann. Ruhelos wälze ich mich +hin und her. —</p> + +<p>Ist es die Einsamkeit um mich? Ist es das geheime +innere Schuldgefühl, das mich quält? Diese stillen, +schwarzen Nächte erdrücken mich. Wäre doch Werner +erst wieder hier! Ich eigne mich nicht zur Seemannsfrau.</p> + +<p>Immer allein!</p> + +<p>Abends beim Schlafengehen und morgens beim +Aufstehen. —</p> + +<p>Oft schrecke ich Nachts aus unruhigem Schlummer +auf, dann ist mir, als hörte ich ruhige, schwere Atemzüge +neben mir – ich fasse hinüber, aber da ist nichts, +ich bin allein – immer allein. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Letzte Nacht hatte ich einen entsetzlichen Traum.</p> + +<p>Mir träumte, ich stand allein auf einem weiten, +endlos weiten Platz und wußte nicht, wohin ich mich +wenden sollte.</p> + +<p>Da kam ein Mann in einem langen, schwarzen +Mantel, den großen Hut tief in die Stirn gedrückt, so +daß ich nichts von dem Gesicht sehen konnte, und +faßte mich bei der Hand.</p> + +<p>Er führte mich über Felder und Auen weit, weit, +und dann zuletzt in ein großes, palastartiges Haus, +viele, viele Treppen empor.</p> + +<p>Als wir schon sehr hoch gestiegen waren, öffnete +mein Führer eine Tür, ließ mich los und sagte mit +dumpfer Stimme: »Gehe diesen Weg, und du wirst +rein wie eine Lilie sein.«</p> + +<p>Ich hob den Fuß und wollte vorwärts schreiten, +doch mit einem entsetzten Schrei fuhr ich zurück. +Vor mir breitete sich endlos, unabsehbar das Meer.</p> + +<p>Durch den Schrei war ich erwacht, entsetzt starrte +ich ins Dunkel. Ich fürchtete mich so, daß ich nicht +einmal wagte, mir Licht anzuzünden. —</p> + +<p>Was bedeutete dieser unheimliche Traum?</p> + +<p>Was wollte dieser unheimliche Mensch?</p> + +<p>Und dieses große Wasser? Soll ich sterben? Soll +ich im Wasser sterben?</p> + +<p>Aber ich will nicht! Jetzt nicht! Dann hätte mich +das Wasser vor sieben Monaten verschlingen sollen!</p> + +<p>Ach Werner, mein Liebster, ich sehne mich nach +dir, wärest du bei mir, du würdest mich trösten.</p> + +<p>Die Sehnsucht, das Verlangen nach dir brennt +mir wie Feuer in den Adern. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Schon wieder einmal bin ich allein.</p> + +<p>Selige Tage waren es, als Werner hier war, ach, +wie ist er gut! So gut, daß ich fast beschämt bin.</p> + +<p>Ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll. —</p> + +<p>Nun haben wir auch die Möbel für unsere Wohnstube, +fein!</p> + +<p>Wie könnt' ich glücklich sein, wenn – ja wenn +die bösen Gedanken nicht wären.</p> + +<p>Ein jedes Vergehen trägt die Strafe gleich in sich +– habe ich einmal irgendwo gelesen. Wie wahr das +ist, das fühle ich jetzt nur zu gut. Ich bin bestraft +durch die fortwährende Angst, daß Werner auch +<em class="gesperrt">das</em> noch erfahren könnte.</p> + +<p>Ich machte eine kleine Andeutung, daß ich gern +einmal die Heimat sehen würde. Gleich war er bereit.</p> + +<p>»Warum nicht, Lieb! Nächste Reise, oder +Pfingsten. Fahre ruhig hin; wenn ich wiederkomme, +bist du längst wieder hier. Denn zu den Großeltern +willst du ja doch nicht.«</p> + +<p>Ich könnte also reisen! Aber nein, es geht nicht! +Das habe ich auch Werner gesagt; ich habe ihm gesagt, +daß es Wünsche bleiben müssen.</p> + +<p>»Mir ist es recht, Lieb,« sagte er, »ich will nur +dich zufrieden wissen.«</p> + +<p>Ich soll mir ein Hündchen kaufen, damit ich nicht +mehr so verlassen bin.</p> + +<p>Ich freue mich, ich mag Tiere so gern. Gleich +heute werde ich ausgehen und mir einige ansehen, die +in der Zeitung standen.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Meine einsamen Spaziergänge am Außendeich muß +ich aufgeben. Es ist hier wie überall. —</p> + +<p>Ein Weib, das allein auf einsamen Wegen geht, +ist ein Stück Freiwild. Oder habe ich etwas an mir? +Trage ich ein Kainszeichen mit mir herum?</p> + +<p>Wie kann ein Mann sich einfach erlauben, einer Frau, +die ruhig ihres Weges geht, seine Begleitung anzubieten!</p> + +<p>Woher nimmt er sich das Recht? Ist das auch +ein Stück Herrenmoral?</p> + +<p>Mich kostet es leider eine schöne, liebgewordene +Gewohnheit. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wenn ich doch einmal nach Hause in meine Berge +könnte!</p> + +<p>Jetzt liegt wohl noch Schnee, aber nicht lange +mehr, und es beginnt zu grünen und zu blühen.</p> + +<p>Die Täler fangen früh an, sich zu schmücken, +wenn auch die Berge noch lange ihre winterliche +Haube aufbehalten. —</p> + +<p>In Großmutters Garten die Schneeglöckchen und +Veilchen haben es immer am eiligsten.</p> + +<p>Wie schön würde es sein, könnte ich hingehen!</p> + +<p>Zu schön, um wahr zu werden. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nun habe ich wirklich einen kleinen vierfüßigen +Hausgenossen.</p> + +<p>Wie ist das schön! So gesellig!</p> + +<p>Jetzt kann ich wenigstens mal ein Wort sprechen.</p> + +<p>Pit, mein kleiner Pit versteht alles. Er ist so klug, +und wenn er sich erst vollständig an mich gewöhnt +hat, versteht er gewiß jedes Wort. Abends stelle ich +sein Körbchen vor mein Bett – nun bin ich doch +nicht mehr so allein. —</p> + +<p>Ob Werner ihn auch mag? Ganz sicher! Er ist +zu niedlich.</p> + +<p>Wenn ich im Bett liege, kann ich ihn immer beobachten, +wie er sein Bettchen für die Nacht zurecht +macht. Und wenn ich seine Decke noch so schön +hingelegt habe, er fängt doch noch selbst an, alles +zurechtzuzerren. Er kratzt mit den Füßchen und +stuppst mit dem Näschen, bis alles nach Wunsch ist, +dann legt er sich sehr befriedigt hin und wirft mir +einen Blick zu aus seinen blanken Äugelchen, als +wollte er sagen: So gehört sich das, du verstehst +auch rein gar nichts davon. —</p> + +<p>Ich bin so zufrieden, das Leben ist doch ganz schön.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Morgen kommt Werner.</p> + +<p>Heute will ich alles schön sauber machen, damit +unser kleines Reich würdig ist, seinen Herrn aufzunehmen.</p> + +<p>Wenn das Wetter schön ist, werde ich an den +Hafen gehen, um das Schiff hereinkommen zu sehen. +Pit geht mit. —</p> + +<p>Was Werner wohl sagen wird über meinen kleinen +Freund?</p> + +<p>Noch eine Nacht, dann ist er bei mir. Ich freue +mich sehr auf ihn.</p> + +<p>Ob er sich ebenso nach mir sehnt?</p> + +<p>Ich will ihn doch fragen, ob er auch so unruhig +nach mir ist.</p> + +<p>Werner macht so wenig Worte; es ist mir schon +wiederholt aufgefallen. Seine Handlungen sind um +so besser. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Da ist es, das Geahnte, Gefürchtete.</p> + +<p>Meine Angst, meine Scheu vor den Menschen war +berechtigt.</p> + +<p>Wäre ich nicht mit ausgegangen! — — —</p> + +<p>Werner kam vorgestern von See. Er war so glücklich +und zufrieden, er hatte eine schöne Reise gehabt +und auch gut verdient, da er hin und zurück sein +Zimmer vermietet hatte. —</p> + +<p>Gestern Abend wollte er eine Stunde mit mir in +ein Café gehen. Ich hatte keine rechte Lust und +bat: »Laß uns zu Hause bleiben, da ist es viel +schöner.«</p> + +<p>Er hörte nicht auf mich.</p> + +<p>»Du mußt auch mal raus, Schatz; du wirst mir +sonst noch ganz melancholisch.«</p> + +<p>Um ihm die Freude nicht zu verderben, gab ich +nach, und wir gingen nach dem Viktoria-Café.</p> + +<p>Anfangs war es nur schwach besucht, später setzte +sich an den Tisch neben uns ein Trupp Herren.</p> + +<p>Ich kannte niemand im ganzen Lokal.</p> + +<p>Plötzlich fühlte ich, daß mich jemand beobachtete. +Mir wurde unbehaglich, ohne zu wissen, warum.</p> + +<p>Ich wandte den Kopf etwas zur Seite und sah, +daß ein Herr mich ziemlich ungeniert anstarrte.</p> + +<p>Ich kannte ihn nicht; aber – mein schlechtes +Gewissen! Ich wurde blutrot und drehte den +Kopf zur Seite; wie unter einem hypnotischen Zwang +mußte ich nach einiger Zeit wieder hinsehen; noch +immer dieses fatale Anstarren. —</p> + +<p>Ein bartloses Gesicht mit einigen Schmissen an +der linken Backe und hellen, erbarmungslosen Augen.</p> + +<p>Wer war es nur? —</p> + +<p>»Laß uns gehen, Werner,« bat ich.</p> + +<p>Werner, der nichts von meiner Not merkte, sagte: +»Aber warum denn, Schatz? 's ist doch ganz nett +hier!«</p> + +<p>»Ich muß hier heraus,« sagte ich angstvoll und +sah ihn flehend an. Sofort sprang er auf und beugte +sich über mich.</p> + +<p>»Ist dir nicht gut, Lieb?« fragte er besorgt. —</p> + +<p>Da stand der Herr, der wohl bemerkt hatte, +daß ich fort wollte, auf und ging langsam an unserem +Tisch vorüber, mich immerzu scharf und dreist +anstarrend.</p> + +<p>Auch Werner wurde aufmerksam. Er faßte sich +an die Stirne, warf dann einen Blick auf mich, der zu +fragen schien: »Kennst du ihn?«</p> + +<p>Ich schüttelte den Kopf und sah ihn hilflos an. —</p> + +<p>»Wie ist mir denn,« murmelte Werner vor sich +hin, »den muß ich doch kennen!« Dann wandte er +sich und schritt dem andern nach zur Toilette.</p> + +<p>Ich wollte ihn zurückhalten, doch meine Hand fiel +kraftlos in den Schoß.</p> + +<p>Was hätte es auch genützt. Ich hatte geahnt, +daß es so kommen mußte.</p> + +<p>Die Welt ist so groß, so unendlich groß, und doch +zu klein für ein wundgeschossenes Geschöpf, um sich +verkriechen zu können. — —</p> + +<p>Als Werner kam, stand ich sofort auf; schweigend +half er mir in den Mantel; schweigend verließen wir +das Lokal.</p> + +<p>Als wir einige Schritte gegangen waren, nahm er +meinen Arm und zog ihn unter den seinen; ich wagte +kaum, ihm in die Augen zu sehen. —</p> + +<p>»Es war ein Schiffsarzt,« sagte er nach einigen +Minuten, »ich habe ihn zur Rede gestellt wegen +seiner Ungebührlichkeit; er kennt dich – leider; er +ist einmal drüben gewesen bei der Rottmann. Na, +weine nur nicht, diesem edlen Herrn können wir ja +aus dem Wege gehen. Aber meine Meinung habe ich +ihm wenigstens gesagt!«</p> + +<p>Ich antwortete nicht. Ich schluchzte krampfhaft +in mein Taschentuch. Die Vorübergehenden sahen +uns nach, sie hielten uns wohl für ein Liebespaar, +das sich verzankt hatte. —</p> + +<p>Als wir zu Hause ankamen, warf ich mich angekleidet +aufs Bett und schluchzte jammervoll; Werner +hatte Mühe, mich zu beruhigen.</p> + +<p>»Was ist denn weiter geschehen, Liebling? Rege dich +doch nicht so furchtbar auf. Was liegt an diesem Laffen? +Wir beide sind zufrieden, das ist die Hauptsache.«</p> + +<p>Du Armer! Zufrieden, ich und zufrieden! Ja, +wenn die Schatten der Vergangenheit nicht so unbarmherzig +auf das bißchen Licht fielen, das mich +jetzt umleuchtet.</p> + +<p>Nun mache ich auch ihn noch unglücklich! Diesen +Einzigen, der mir den Glauben an die Menschheit +wiedergeben konnte.</p> + +<p>Es ist zum Wahnsinnigwerden!</p> + +<p>Immer und immer wieder möchte ich rufen: Warum +mir das alles? Warum dies übervolle Maß für mich?</p> + +<p>Ach, könnt' ich schlafen, schlafen, um nie mehr +aufzuwachen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nun bin ich wieder allein. Das bißchen Ruhe, in +das ich mich nach und nach hineingeträumt habe, ist +wieder hin.</p> + +<p>Auch um Werner bin ich sehr in Sorge, er war gar +nicht besonders auf dem Posten die letzten Tage; +eine starke Erkältung hatte ihn befallen. Wenn +er mir nur nicht ernstlich krank wird! Er freilich +lachte mich aus, als ich ihn bat, zu Hause zu bleiben.</p> + +<p>»Das würde eine schöne Geschichte werden, wenn +jeder Seemann wegen einer kleinen Erkältung gleich +an Land bleiben wollte; da könnten unsere Dampfer +bald leer losfahren,« sagte er lachend. —</p> + +<p>Er hat recht, aber trotzdem – was kann nicht +alles passieren während einer solchen Reise. —</p> + +<p>Und läßt sich nicht alles besser tragen, wenn man +es gemeinsam trägt?</p> + +<p>An <em class="gesperrt">die</em> Schattenseiten des Seemannslebens habe +ich nicht gedacht. Als ich auf dem Schiff war und +dort alles wie am Schnürchen ging, als die Besatzung +mit immer freundlichen Mienen auf die manchmal +recht unsinnigen Wünsche der Passagiere einging, da +habe ich nicht daran gedacht, daß diese Leute ein +Doppelleben führen, um das sie wirklich nicht zu beneiden +sind.</p> + +<p>Ich möchte meinen Mann gerne an Land behalten; +lieber wenig Verdienst, aber beisammen. —</p> + +<p>Wie ist das zum Beispiel schrecklich mit meiner +Flurnachbarin: der Mann fährt nach Ostasien; während +der letzten Reise hat sie ein Töchterchen bekommen +und hat es auch wieder verloren; das Kindchen +ist nur sechs Wochen alt geworden.</p> + +<p>Der Vater aber hat das Kind gar nicht gesehen.</p> + +<p>Und das alles hat die arme Frau allein durchmachen +müssen. —</p> + +<p>Wirklich, auch eine Art Heldentum, von dem die +Außenwelt nichts weiß. Ich werde Werner bitten, +doch lieber im Bureau der Gesellschaft zu arbeiten, +wenn er auch weniger verdient, es wird schon gehen. +Oder vielleicht können wir ganz von hier fort, an +einen Ort, wo niemand uns kennt.</p> + +<p>Hier kennt mich nun doch schon ein Mensch, und +nicht lange wird es dauern, so kennen mich noch +mehr.</p> + +<p>Was habe ich diesem Menschen getan, daß er mich +so brandmarkt? Muß ich immer auf der Flucht vor +meiner Vergangenheit sein? Wenn ich anders geartet +wäre! Gleichgültiger gegen das Urteil der +Menschen.</p> + +<p>Nein, nein, das kann ich nicht – ich kann nicht +leben ohne die Achtung meiner Mitmenschen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wäre doch die Reise erst zu Ende. —</p> + +<p>Ich bin in einer furchtbaren Unruhe. Kommt es +davon, daß Werner nicht ganz wohl war, oder kommt +es, weil ich gar nicht aus dem Hause komme? Beides +wirkt wohl zusammen.</p> + +<p>Ich gehe auch des Morgens nicht mehr aus; wie +leicht könnte mir dieser Mensch begegnen und mich +auf offener Straße insultieren. – Und doch kann ich +nicht immer eingeschlossen sein!</p> + +<p>Was soll nur werden? — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Soeben war ein Herr vom Kontor bei mir. —</p> + +<p>Was mag das nur zu bedeuten haben? Ich verstehe +das gar nicht. Ich bin wie betäubt. —</p> + +<p>Das Schiff ist drüben angekommen, und unter den +telegraphischen Berichten, die an die Direktion gekommen +sind, ist auch die Nachricht gewesen, daß +mein Mann erkrankt ist und wahrscheinlich in Hoboken +ins Hospital müsse; ich solle mich nicht ängstigen, +wenn das Schiff ohne ihn zurückkäme, er +sei drüben sehr gut aufgehoben. — —</p> + +<p>Nicht ängstigen! – Wie ruhig er das sagt! —</p> + +<p>Ich soll mir keine Sorgen machen, es sei nicht +schlimm! Mein Mann komme vielleicht schon mit +dem nächsten Dampfer. —</p> + +<p>Sind das nun Worte – nur Worte? Was ist daran +wahr? —</p> + +<p>Was kann ich tun? Nichts!</p> + +<p>Könnt' ich rasch hinlaufen; aber ich kann ja nicht!</p> + +<p>Und wenn ich wirklich Geld hätte und hinfahren +könnte, so wäre Werner möglicherweise schon wieder +fort, wenn ich dort ankäme. —</p> + +<p>Aber wenn man mir nun gar nicht die Wahrheit +gesagt hat? Wenn es schlimm ist – viel schlimmer?</p> + +<p>Ach, wer gibt mir Klarheit?</p> + +<p>Ruhig warten, wenn jeder Blutstropfen kocht vor +Angst. Die Hände in den Schoß legen, wenn man +Berge versetzen möchte. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Zwei Stunden später.</p> + +<p>Ich kann nicht schlafen. Es ist eine so warme, +schwüle Nacht.</p> + +<p>Ich bin wieder aufgestanden und sitze im Nachthemd +am offenen Fenster. Kein Mondstrahl durchbricht +das Dunkel; der Himmel hängt wie eine große, +grauschwarze Glocke über der Erde.</p> + +<p>Nirgends ein heller Schein.</p> + +<p>Ist diese dunkle, schwüle Nacht das Abbild meines +Lebens – meiner Zukunft? — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mutter! Meine liebe tote Mutter, woher plötzlich +der Gedanke an dich! Bist du mir nah?</p> + +<p>Wenn du es bist, o, so gib mir ein Zeichen von deiner +Nähe; sage mir, daß du bei mir bist und mich leitest. —</p> + +<p>Ich war dir ein schlechtes, liebloses Kind, ich +fühle es.</p> + +<p>Gedankenlos ging ich neben dir – gedankenlos +und ohne rechtes Verständnis nahm ich dein frühes +Scheiden.</p> + +<p>Und doch hast du so viel um mich gelitten.</p> + +<p>Ach, Mutter, hätte ich dich jetzt, du würdest mir +helfen und raten. – Mutter, komm zu mir, ich +brauche dich, nie brauchte ich eine liebende Hand +nötiger. Ich fühle, etwas Schreckliches steht vor mir +und droht, sich auf mich zu stürzen.</p> + +<p>Mutter, hilf mir! — — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Noch einmal habe ich versucht, zu schlafen, ich +kann es nicht. Der Morgen dämmert schon im Osten, +und noch fand ich keinen Schlaf. – Auch mein kleiner +Freund findet keine Ruhe. Oder ist es nur meine +Aufregung, die sich ihm mitteilt?</p> + +<p>Sonst liegt er die ganze Nacht still in seinem +Körbchen, und jetzt läuft er ruhelos umher und heult +zuweilen so seltsam schauerlich. Ich glaube, ich +fürchte mich.</p> + +<p>Aber wovor?</p> + +<p>Ich wünschte, ich wäre anders geartet; wäre gleichgültiger, +dann könnte ich ruhig schlafen und säße +nicht um vier Uhr morgens am Fenster meines Schlafzimmers +und starrte mit brennenden, übernächtigen +Augen in den langsam heraufsteigenden Tag. —</p> + +<p>Mein Traum, mein Traum; sollte das seine Lösung +sein? Stehe ich jetzt vielleicht vor der endlosen +Wasserwüste, die mir mein Alles verschlungen hat? —</p> + +<p>Ich fürchte, ich bin krank, sonst würde ich mich nicht +so entsetzlich ängstigen – um ein Nichts vielleicht.</p> + +<p>Mein Mann ist wohl längst wieder gesund, und +wenn ich ihm meine Sorgen erzähle, wird er mich +schelten, daß ich so wenig Seemannsfrau bin. Ich +werde versuchen, noch eine Stunde zu schlafen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wenn ich oft noch im Zweifel war, ob ich Werner +wirklich liebte, so wie man sich Gattenliebe untereinander +vorstellt, so sind diese Zweifel jetzt geschwunden.</p> + +<p>Wäre es nur Dankbarkeit gewesen, ich würde +nicht so um sein Leben zittern.</p> + +<p>Werner, Werner, mein Lieb, mein Alles, wo bist +du? Wie lange hörte ich nichts von dir! Bist du noch +krank? Rufe mich, und ich eile zu dir, um dich zu +pflegen, und wenn ich durch Welten von dir getrennt +wäre. – Ich muß Gewißheit haben, ich ertrage keine +Nacht mehr wie die vergangene. —</p> + +<p>Und doch, was kann ein Weib tun in meiner Lage! +Was kann sie tun? Ein Telegramm wird mir Erlösung +und Gewißheit bringen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nun habe ich Gewißheit. Entsetzliche Gewißheit!</p> + +<p>Nun liegt es wieder vor mir, das Leben, unnütz +und von niemand gewollt. Was soll ich damit?</p> + +<p>Wem frommt es?</p> + +<p>Nun er <em class="gesperrt">tot</em> ist!</p> + +<p>Tot, der einzige Mensch, der mich geliebt, der an +mich geglaubt, der mich dem Schlamm entrissen hat.</p> + +<p>Ach Mutter, Mutter, warum hast du mich geboren? +Wo bist du, um dein Kind zu schützen?</p> + +<p>Gib ihn mir wieder, Gott, aus deinem Himmel +oder nimm auch mich zu dir!</p> + +<p>Ich kann nicht mehr – würde ich doch krank – könnte +ich sterben –.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Heute habe ich die Sachen meines Mannes bekommen. —</p> + +<p>Gestern kam sein Schiff zurück – ohne ihn – ohne +ihn!</p> + +<p>Nur die paar armseligen Sachen bezeugen mir, daß +er gewesen. —</p> + +<p>Ein kleiner Kasten mit seinen intimen, kleinen +Sachen: Briefe – sein Taschenbuch – seine Brieftasche – eine +Photographie – meine eigene.</p> + +<p>Bin ich das wirklich? Dies unschuldige Gesichtchen +mit den großen, fragenden Augen? Nein, ich bin es +nicht.</p> + +<p>Seine Börse, das alte, abgegriffene Ding, von dem +er sich nicht trennen mochte. Sonst nichts, nichts!</p> + +<p>Kein letzter Gruß, kein Zeichen, daß er mein gedacht +in seiner letzten Stunde.</p> + +<p>In seinem Taschenbuch nichts. Aufzeichnungen, +mir unverständlich. —</p> + +<p>Ist das alles? Ist das das Ende? Es ist unmöglich!</p> + +<p>Ein Wort, ein letztes Wort!</p> + +<p>Laß mich wissen, ob du noch immer in Liebe mein +gedacht.</p> + +<p>Der Gedanke läßt mich nicht los, foltert mich bis +zu körperlicher Pein, daß du freiwillig gingst.</p> + +<p>Jene Begegnung im Café – war sie dir so furchtbar?</p> + +<p>Konntest du die Verachtung nicht ertragen, die +dein Weib traf?</p> + +<p>Erbarme dich, du Unbarmherziger da oben, und +gib mir Gewißheit. —</p> + +<p>Ah, ein Brief!</p> + +<p>Ich kann ihn kaum öffnen, so zittern mir die +Finger. Ein Brief von ihm, mit zitternder Hand geschrieben:</p> + +<blockquote><p>»Gott schütze Dich, Liebling! Ich fürchte, ich +bin sehr krank. – Wenn wir uns nicht wiedersehen +sollten? – Lotti, mein süßes Weib, ich habe Dich +sehr geliebt. Bleibe gut, wenn ich von Dir gehen +sollte. Du bist ein seltenes Geschöpf, laß Dich nicht +zerbrechen, laß den Gedanken an mich Dein +Leitstern sein, damit Du nicht wieder untergehst. +Möchtest Du nicht doch zu Deinen Großeltern +gehen? —</p> + +<p>Lottchen, Liebling, seit ich erwachsen bin, habe +ich nicht oft an meinen Gott gedacht – ich hatte +ihn fast vergessen; heut' ist er mir nah, darum bin +ich gefaßt. Er wird auch Dich beschützen. Was +er tut, ist gut. Ich umarme Dich im Geiste und +küsse Deinen süßen, warmen Mund und Deine +strahlenden Augen.</p> + +<p> +Gott schütze Dich!<br /> +Dein Werner.«<br /> +</p> +</blockquote> + +<p>Ist das das Ende von meinem Paradies? Es ist +ja nicht möglich – nicht möglich!</p> + +<p>Er kann mich nicht verlassen haben!</p> + +<p>Ist all das warme pulsierende Leben tot? Hinweggeweht?</p> + +<p>Wo ist es? Wo ist sein lieber Körper? Wo ist +das, was von ihm übrig blieb? – Ich will zu ihm. +Wenn ich sonst nichts kann, so will ich an seinem +Grabe knien und will ihm mein Leid klagen.</p> + +<p>Zu ihm, zu ihm! Das soll jetzt meine Aufgabe +sein! —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich bin matt bis zum Sterben, und doch ist eine +Zentnerlast von mir genommen. —</p> + +<p>Er ging nicht freiwillig; eine bösartige Mandelentzündung +hat ihn dahingerafft. —</p> + +<p>Die besten Menschen sterben früh, heißt es. An +ihm hat es sich bewahrheitet.</p> + +<p>Er war der Besten einer. — —</p> + +<p>Ich nehme sein Kopfkissen, so wie ich es bekommen, +und lege mein müdes Haupt darauf. Ich +will darauf schlafen heute nacht. Vielleicht kommt +er zu mir und hält geheime Zwiesprache mit mir.</p> + +<p>Ich werde inbrünstig flehen, daß er zu mir kommt.</p> + +<p>Ich grabe meinen Kopf in das Kissen, auf welchem +er geruht, und denke an ihn und seine große Liebe, +und er wird kommen und wird mir raten, wohin ich +mein Lebensschifflein steuern soll. – Zur Großmutter +gehe ich nicht; weiß ich doch nicht einmal, ob sie +noch lebt. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Er ist nicht gekommen. All mein Bitten, all +mein Flehen war umsonst. Niemand kommt wieder, +der in jene geheimnisvollen Fernen ging. —</p> + +<p>Ich bin allein mit meinem Gram und meiner Liebe.</p> + +<p>Er ist tot, und ich habe ihn verloren.</p> + +<p>Ich habe oft darüber gelächelt, wenn ich hörte, +daß es Leute gibt, die vermeinen, sich mit ihren toten +Lieben in Verbindung setzen zu können, jetzt verstehe +ich sie. Auch dieser Wahn ist ein Trost. – +Nur zu mir kommt niemand, weder die Mutter noch er.</p> + +<p>Und doch wird er unvergessen sein. Er soll leben +in meiner Erinnerung und in meinem Herzen.</p> + +<p>– Der Tote ist tot und nur der Lebende hat +Rechte, sagt man ja wohl. Bei mir soll auch der +Tote sein Recht behalten. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich bin so fremd hier geblieben, und das rächt sich +jetzt. Kein Mensch kommt zu mir, niemand sagt +mir ein liebes, tröstendes Wort.</p> + +<p>In solchen Zeiten merkt man doch, daß es gut ist, +wenn der Mensch zum Menschen geht.</p> + +<p>Nur vom Kontor kommt ab und zu ein Herr zu +mir. Er hat mir auch Werners noch ausstehendes Gehalt +gebracht und zudem eine kleine Summe, die jede +Witwe beim Tode ihres Mannes von der Gesellschaft +erhält.</p> + +<p>Ich bin also nicht ganz mittellos, für einige Monate +hätte ich zu leben. Aber was dann?</p> + +<p>Die Frage wird immer dringender. Das Leben ist +brutal in seinen Forderungen.</p> + +<p>In meinen Schmerz und in meine Trauer drängt +sich gewaltsam die Sorge ums tägliche Brot. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Als ich heute Herrn Rehm meinen Wunsch andeutete, +daß ich so gern nach drüben an das Grab +meines Gatten möchte, macht er mir einen Vorschlag, +der mir zuerst ganz ungeheuerlich, bei längerem +Nachdenken aber gar nicht so übel erscheint.</p> + +<p>Er meint, ich solle bei der Kompanie als Stewardeß +fahren. —</p> + +<p>Ein verlockender Vorschlag.</p> + +<p>Ich komme umsonst an das Ziel meiner Wünsche, +und wenn es mir auf dem Schiff nicht gefällt, so kann +ich zu jeder Zeit wieder abgehen; eine passende Stelle +wird sich finden.</p> + +<p>Ein unangenehmes Gefühl beschleicht mich zwar, +wenn ich an New York denke, doch die Verlockung ist +zu groß. Und bin ich jetzt nicht gefeit gegen alles?</p> + +<p>Ein Fall wie der im vergangenen Jahre bei meiner +Ausreise kann mir nicht wieder passieren. — —</p> + +<p>Nur meine Jugend! Werde ich einem so verantwortungsvollen +Posten gewachsen sein? — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Die Würfel sind gefallen. Ich komme auf einen +neugebauten Dampfer, der noch im Herbst seine erste +Reise macht. —</p> + +<p>Nun habe ich wieder alle möglichen neuen Sorgen.</p> + +<p>Die Wohnung aufgeben, ein Zimmer mieten, was +nicht so leicht sein wird, denn ich will meinen kleinen +Pit behalten, und muß mir Leute aussuchen, die gut +zu ihm sind.</p> + +<p>Er ist so klug; alles versteht er. Und wenn ich +ihm erzähle, daß Frauchen ausgehen muß, dann weint +er wie ein Kind. Er kuschelt sich in meinem Schoß +wie ein Igel zusammen. Es ist doch etwas Lebendes, +das ich um mich habe. Hoffentlich finde ich gute +Pflege für ihn. Es gibt mir wirklich ein wenig das +Gefühl des Gehobenseins, wenn ich mir sage, ich habe +für etwas zu sorgen, ich muß Geld verdienen – und +wenn es auch nur ein Hund ist.</p> + +<p>Nur ein Hund – man sagt das so – und welch +ein Trost war er mir! Wenigstens ein Geschöpf, +das mich lieb hatte, das mein war und nicht +mit unbarmherzigem Forschen nach meiner Vergangenheit +fragte.</p> + +<p>Oft sind Tiere besser als Menschen.</p> + + + +<hr class="hr65" /> +<h2><a name="V" id="V"></a>V.<br /> + +Als Stewardeß.</h2> + + +<p>Eine neue Phase meines Lebens.</p> + +<p>Seit drei Tagen bin ich auf der »Nirwana« +als Stewardeß. —</p> + +<p>Noch kann ich nicht viel sagen, es wäre verfrüht, +schon jetzt über irgend etwas urteilen zu wollen.</p> + +<p>Der Dienst ist nicht so schwer wie ich gedacht. +Kranke Damen bedienen, ihnen etwas zu essen bringen +und sonstige intimere Hilfeleistungen, bei denen sie +keine männliche Bedienung brauchen können, ab und +zu ein Bad fertig machen und den Damensalon in +Ordnung halten, das wären so bis jetzt meine Pflichten. +Ob noch andere dazu kommen, muß ich abwarten.</p> + +<p>Das einfache schwarze Kleid, das ich trage, habe +ich durch einen weißen Kragen etwas freundlicher +gestalten müssen.</p> + +<p>Ich gebe zu, daß das nötig war, man muß doch +leicht kenntlich sein zwischen den vielen Passagieren, +aber es hat so was Zofenmäßiges an sich, und das +mag ich nicht. —</p> + +<p>Meine Kollegin, mit der ich die Kabine teile, ist +eine ältere Frau, die Witwe eines früheren I. Offiziers +der Gesellschaft. Sie hat vier Kinder großzuziehen, +und da sie bei dem Tode ihres Mannes vollständig +ohne Mittel zurückgeblieben ist, so hat sie die günstige +Gelegenheit benutzt. Sie hat recht, was soll +eine Frau anfangen, die nichts weiter gelernt hat als +einen Haushalt zu führen, wenn sie in eine derartige +Situation gerät? Die Beschäftigung hier kommt +der häuslichen am nächsten. —</p> + +<p>Und von den weißen Häubchen kann man auch +eine andere Auffassung haben. Auch Krankenschwestern +tragen Häubchen. —</p> + +<p>Ja, ja, Frau Marie hat ganz recht, alles hat seine +zwei Seiten. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Alles hat seine zwei Seiten, das merke ich auch +im Dienst.</p> + +<p>Ich bin in Trauer um meinen Mann, der kaum +zehn Wochen tot ist, aber das hält die Männer nicht +ab, mich mit begehrlichen Blicken zu verfolgen.</p> + +<p>Ich tue doch nun gewiß nichts, um sie zu ermuntern, +aber auch gar nichts. Ich war so ruhig, so +zufrieden. Mein schwarzes Kleid schien mir Schutz +genug zu sein.</p> + +<p>Oft muß ich denken, ob ich wohl etwas Besonderes +an mir habe, das die Männer reizt? Ich bin doch nicht +anders in meinem Auftreten als andere Frauen auch.</p> + +<p>Haben die Männer eine besonders feine Nase für +gewisse Dinge? Es ist doch beinahe ein Jahr, daß +ich aus jener Atmosphäre heraus bin. —</p> + +<p>Aber nein, ich brauche keine Angst zu haben, +niemand weiß etwas, niemand kann etwas wissen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe meiner Kollegin meine Not geklagt. Sie +sagt, das mache meine Jugend und Schönheit. —</p> + +<p>Also muß ich wirklich schön sein, wenn sogar die +Geschlechtsgenossinnen es unumwunden zugeben.</p> + +<p>Ich könnte stolz darauf sein, denn Schönheit +ist bekanntlich die größte Macht eines Weibes. +Aber Schönheit ist auch eine Gefahr, und für mich +war sie die letztere. —</p> + +<p>Gewiß, wer klug ist und seine Waffen und Mittel +zu gebrauchen versteht, aber ich war bislang eben +nicht klug. – Doch werde ich mir jetzt Mühe geben, +es zu sein.</p> + +<p>Ich bin jetzt alt genug, habe genug durchgemacht, +und wenn ich wirklich noch etwas Gutes und Nützliches +aus meinem Leben zimmern will, so ist es +Zeit. —</p> + +<p>Ich muß für mich selbst denken und handeln, ich +muß das Andenken meines Mannes ehren.</p> + +<p>Mittwoch sind wir in New York, an seinem Grabe +werde ich beten. Nicht zu Gott, dem Unsichtbaren, +der mich bisher immer verlassen, nein, zu ihm, zu +Werner, zu meinem Retter. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Gestern war ich endlich bei ihm.</p> + +<p>Sie haben ihn schön gebettet, und noch waren die +Schleifen und Kränze nicht zerstört, die man ihm +von allen Seiten dargebracht hatte.</p> + +<p>Lange habe ich an seinem Grabe gekniet und +leise Zwiesprache mit ihm gehalten. Er hat mich +gehört und verstanden.</p> + +<p>Mir war ganz anders zu Sinn, so froh, so voller +Zuversicht ging ich auf den Weg.</p> + +<p>Er wird mir beistehen, sein Geist wird um mich +sein. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wir haben nicht viel Passagiere, ich bin also +nicht sehr beschäftigt. Ich bin froh, daß die Tage in +New York vorüber sind, ich hatte doch immer noch +etwas Furcht, obgleich es ja Unsinn ist. —</p> + +<p>Und wenn mich wirklich jemand erkannt hätte, +was wollten sie mir tun? Überhaupt, wo drüben die +Frauen so viel Rechte haben – das heißt – wenn +sie frei sind und Gebrauch davon machen können; +denn ich habe damals sehr wenig davon bemerkt. —</p> + +<p>Ich habe mich schon ganz nett eingearbeitet. Der +Kapitän ist ein vornehmer alter Herr, der mir immer +sehr freundlich zunickt, wenn er mir mal begegnet.</p> + +<p>Auch der Obersteward, mein direkter Vorgesetzter, +ist ganz nett. Sie haben alle Mitleid mit mir, weil ich +nach so kurzer Ehe und so jung schon auf mich +selbst angewiesen bin.</p> + +<p>Überhaupt finde ich, die Männer können unter +Umständen ganz nett sein, wenn sie nur nicht immer +gleich das Weibchen in der Frau suchen würden. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Unter den Passagieren ist ein Rechtsanwalt aus +Patterson; schon am dritten Tage machte er mir einen +regelrechten Heiratsantrag. Er will meinetwegen +wieder mit der »Nirwana« zurück, dann will er mich +auf einen Tag abholen, will mir sein Haus zeigen usw. +Ich sage zu allem ja. Er kann lange warten; lieber +gehe ich nach der Reise gar nicht an Land. —</p> + +<p>Gebranntes Kind scheut's Feuer. —</p> + +<p>Auf Steuerbordseite in Nr. 65 wohnt ein berühmter +Sänger mit seiner Frau. Er ist in Amerika +auf einer Gastspieltournee gewesen.</p> + +<p>Gestern hatten wir etwas hohe See, da war seine +Frau krank, und ich mußte verschiedene Male zu ihr +ins Zimmer.</p> + +<p>Gegen Abend traf ich auch den berühmten Mann. +Er war sehr freundlich und sagte dann zu seiner Frau: +ich sei viel zu schade für dieses Leben hier, ob ich +kein Talent hätte, um zur Bühne zu gehen. Ich hätte +eine wundervolle elegante Figur und sei sehr schön. —</p> + +<p>Seine Frau schalt ihn aus und sagte, er solle mir +keine Dummheiten in den Kopf setzen. —</p> + +<p>Eifersüchtig scheint sie aber nicht zu sein.</p> + +<p>Sie hat mich dann gefragt, wie es komme, daß ich so +jung schon einen solchen Platz einnehme, da habe ich +ihr von meiner kurzen Ehe und von meinem Verlust +erzählt; das, was vorherging, habe ich verschwiegen.</p> + +<p>Sie sagte, ich sei sehr tapfer. Ob ich gar keine +Angehörigen mehr habe? Ich sagte: Nein.</p> + +<p>Wozu soll ich mehr sagen? Ich muß lernen, Herz +und Zunge im Zaume zu halten. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe mir in der Bibliothek etwas zu lesen geholt. +Die Abende sind so lang, wenn man nicht genug +zu tun hat, und für Handarbeiten war ich nie.</p> + +<p>Es ist ein englisches Buch und heißt: Wenn die +Liebe stirbt.</p> + +<p>Eigentlich schrecklich, dieses langsame gegenseitige +Erkalten zwischen zwei Menschen, die sich +einst so heiß geliebt.</p> + +<p>Ist das immer so? Und muß das sein?</p> + +<p>Dann müßte ich ja glücklich sein, daß Werner +von mir gegangen ist. Unsere Liebe war neu, groß, +noch täglich im Wachsen.</p> + +<p>Sie war wie ein Sonnenaufgang.</p> + +<p>Zuerst war ich noch furchtsam und glaubte nicht +an mein Glück, bis es dann strahlend wie das Sonnenwunder +vor mir stand.</p> + +<p>Aber doch – etwas länger hätte es schon währen +dürfen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wieder zu Hause. Ich habe mich so über meinen +kleinen Pit gefreut, daß ich wohl geweint habe. +Wie war das Tier glücklich! Es konnte mir gar nicht +genug seine Freude und Liebe zeigen; den ganzen +Abend ist es nicht von meinem Schoß gegangen. Und +fein war Pit! Frau Meyer hatte ihm extra ein blaues +Schleifchen umgebunden. — —</p> + +<p>Ich könnte nun eigentlich ganz zufrieden sein; +verdient habe ich auch ganz schön – aber trotzdem, +bleiben werde ich nicht in dieser Stellung. Ich betrachte +sie nur als Übergang.</p> + +<p>Ich werde mir etwas Geld sparen, da ich meine +Kost an Bord habe, brauche ich ja wenig, und ich will +mich offenen Auges umsehen, um vor allen Dingen +einige Bekanntschaften zu machen. —</p> + +<p>Wenn ich mit einer älteren Dame aus der ersten +Kajüte gehen könnte, wäre es das beste.</p> + +<p>Ich muß doch wieder drüben bleiben, so böse mir +auch das erste Mal die Neue Welt mitgespielt hat. +Nur drüben ist die Möglichkeit für mich, hoch zu +kommen.</p> + +<p>Man wird doch nicht so sehr nach dem Woher +und Wohin gefragt wie in Deutschland. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Weihnacht auf See.</p> + +<p>Es war wunderschön. In jedem Salon war ein +Baum auch im Zwischendeck und in den Mannschaftsräumen.</p> + +<p>Im ersten Salon ging der Baum bis hinauf durch +das große Skylight.</p> + +<p>Die Musik spielte überall den Weihnachtschoral, +der Kapitän hielt eine kleine Ansprache, es war wirklich +wunderschön.</p> + +<p>Ich habe natürlich geweint, ganz furchtbar, ich +mußte der beiden vergangenen Weihnachten gedenken. —</p> + +<p>Als alles vorüber war, habe ich mir ein Tuch umgeworfen +und bin noch für einige Augenblicke auf +Deck gegangen.</p> + +<p>Die Nacht war kalt und klar. Kein Wind und +kein Schnee, hoch und rein wölbte sich der Himmel +über der unendlichen Weite. —</p> + +<p>Es sind meine schönsten Augenblicke, die ich mir +auch beim schlechtesten Wetter nicht nehmen lasse.</p> + +<p>Auf dem Bootsdeck ist ein wunderschönes Plätzchen +zwischen dem Maschinenskylight und dem +Rauchzimmer. Hier ist es stets geschützt, auch bei +dem schlechtesten Wetter.</p> + +<p>Hier kann ich Ich sein. Hier auf diesem stillen +Plätzchen, um mich die Unendlichkeit, läßt es sich +träumen. Mir ist dann, als ob meine Seele Schwingen +bekäme und über die Wellen eilte, um gleichgestimmte +Genossen zu suchen. —</p> + +<p>Wenn schlechtes Wetter ist, schlinge ich den Arm +um den eisernen Pfeiler und lasse mich von den Wellen +hin und her wiegen.</p> + +<p>Es ist ein Gefühl des Gehobenseins in mir. Losgelöst +von aller Erdenschwere schwebe ich mit meiner +Seele über die unendlichen Weiten. —</p> + +<p>Heut' ist niemand auf den Decks. Was noch nicht +schläft, sitzt in den Rauchzimmern und feiert Weihnachten. +— —</p> + +<p>Auch ich feiere Weihnacht – heimlich und still +mit meinem Liebsten. Ob er wohl um mich ist heute? +Und du, Mutter?</p> + +<p>Ob die abgeschiedenen Seelen sich begegnen im +unendlichen Raum?</p> + +<p>Dann müßten jene beiden, die mir die liebsten +waren auf dieser Welt, zusammen sein. —</p> + +<p>Ich muß so viel an das denken, was hinter jenem +undurchdringlichen Vorhang liegt, seit er von mir +ging. Und doch werde ich auch mit all meinem Grübeln +nichts erforschen.</p> + +<p>Ist es nicht, als ob jemand auf mich zuschritte, +als ob eine strahlende Gestalt auf dem hellen Streif +stünde, der über dem Wasser liegt? – Und der Geist +Gottes schwebte über den Wassern. Kinderglaube +– du bist so tröstlich. —</p> + +<p>Ich bin müde, so müde! Ich will schlafen gehen. —</p> + +<p>Ich weiß nicht – ich war immer so gesund und +stark. Hunger und Schlaf verließen mich auch in den +schlimmsten Lagen meines Lebens nicht, und nun? +Ich grüble und habe schlaflose Nächte.</p> + +<p>Was ist mit mir?</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wir haben diese Reise einen Pfarrer an Bord, +einen behäbigen Herrn in mittleren Jahren.</p> + +<p>Leider widmet er meiner Person mehr Aufmerksamkeit +als mir lieb ist. Er scheint zu glauben, daß +die Pflichten einer Stewardeß, noch dazu wenn sie +jung und hübsch ist, sich auch auf ein anderes Gebiet +erstrecken.</p> + +<p>Er ist strenger Temperenzler – nur Champagner +trinkt er ziemlich viel – because the Doctor +says so.</p> + +<p>Gestern abend ist er mir auf Deck gefolgt und hat +mir einen kleinen Vortrag über seine Gesundheit gehalten, +und was ihm außer dem Champagner der Arzt +noch verordnet hat.</p> + +<p>Dann lud er mich zu einem Glase Sekt ein. Ich +lehnte ab, auch sein anderes Angebot mußte ich leider +ablehnen.</p> + +<p>Ich fühlte ganz und gar kein Bedürfnis, bei dem +geistlichen Herrn als Medizin zu fungieren. —</p> + +<p>Aber natürlich ist mir mein Erholungsplätzchen +für diese Reise verleidet. —</p> + +<p>Wir legen auf – vielmehr das Schiff legt auf —: +vier Wochen. Ich könnte mich eigentlich auch ein +wenig freuen und im Grunde meines Herzens tue +ich es wirklich, denn es ist doch ganz schön, +wenn man wieder einmal ganz sich selbst gehört, +nur wird diese Auflegezeit wieder ein kleines Loch in +meine Ersparnisse reißen.</p> + +<p>Ein paar hundert Mark habe ich doch schon zusammen, +zum Drübenbleiben langt es aber noch +nicht. Und die Gelegenheit, mit einer Dame zu gehen, +hat sich noch nicht geboten. —</p> + +<p>Ich werde in diesen Wochen allerlei ordnen. Vor +allen Dingen muß ich Werners Sachen einmal gut +durchsehen. Ich muß mich über mich selbst wundern, +daß ich so ruhig sein kann bei diesem Gedanken. Vor +einigen Monaten hätte ich nichts anrühren können +ohne vor Schmerz zu vergehen. Und nun! Sein liebes +Bild rückt in immer weitere Fernen.</p> + +<p>Die Zeit ist doch die beste Trösterin. Nie hätte +ich geglaubt, als ich mein Haupt verzweiflungsvoll in +sein Kissen grub, daß ich einmal wieder so ruhig an +ihn denken könnte.</p> + +<p>Oder bin ich gar nicht fähig, die rechte Liebe zu +empfinden und Treue zu halten? Bald werde ich an +mir selbst irre.</p> + +<p>Ist ein Weib wirklich ein so sonderbares, unergründliches +Geschöpf, wie die Buddhisten sagen?</p> + +<p>Sind andere Frauen besser oder sind sie nur klüger?</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Es ist totenstill im Hause. Die Wirtsleute sind +aus, und ich bin ganz allein. Pit liegt auf meinem +Schoß, und ich freue mich der Nähe des kleinen, +warmen Geschöpfes.</p> + +<p>Soeben las ich in einem französischen Buche den +Satz: Glücklich sein ist eine Kunst. – Eine Kunst? +Ich habe geglaubt, es sei ein Geschenk der Götter.</p> + +<p>Ich bin leider kein Liebling der Götter! — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich werde aufatmen, wenn die Auflegezeit vorüber +ist. Ich bin nicht geschaffen für ein stilles, ruhiges +Leben ohne Zweck und Ziel. —</p> + +<p>Als Werner noch lebte, drehte sich alles um ihn. +Was ich tat, tat ich für ihn und freute mich immer, +wenn alles recht schön bei seiner Heimkehr war.</p> + +<p>Jetzt hab' ich niemand, für den ich sorge, nur +meinen kleinen, süßen Pit, und der braucht so +wenig.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wieder auf der Fahrt. Ich bin froh, daß die einsamen +Tage vorüber sind. Es geht auf das Frühjahr +zu, und wie alle an Bord sagen, gibt es nun bald +viel zu tun. Schon mit dieser Reise beginnt der Passagierandrang +von drüben.</p> + +<p>Mir ist es recht. Denn erstens habe ich dann +keine Zeit zum Grübeln, und die Unruhe in mir wird +durch die Arbeit zum Schweigen gebracht, und +zweitens verdiene ich hoffentlich bald recht viel Geld +und komme meinem Ziele immer näher. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Seit Tagen fühle ich mich nicht recht wohl. Es +ist eine Hitze im Schiff zum Ersticken, an Schlaf ist +kaum zu denken.</p> + +<p>Dazu diese Unruhe in mir! Ich fühle mich so unsicher, +eine unbestimmte Sehnsucht quält mich, wonach? +— — —</p> + +<p>Ich will meinen Schlafrock überwerfen, um noch +ein Stündchen auf Deck zu gehen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Das hilft immer. Es ist etwas Großes um diese +unendliche Einsamkeit. Nur das Stampfen der mächtigen +Riesen im Innern des Schiffes stört. Wie schön +muß es auf einem Segler sein!</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich bin in einer schrecklichen Stimmung in diesen +Tagen.</p> + +<p>Unzufriedenheit, Mitleid mit mir selbst und ein +unbestimmtes Sehnen liegen mir wie eine Krankheit +in den Gliedern.</p> + +<p>Und habe ich nicht recht, Mitleid mit mir zu haben? +Ist es nicht wirklich etwas Bedauernswertes, so ein +einsames, verlassenes, junges Geschöpf, wie ich es bin?!</p> + +<p>Ein wenig Liebe, ein wenig Güte und Selbstlosigkeit +würden mir gut tun, aber wo sie finden?</p> + +<p>Man sagt: die Jugend ist nur glücklich in der Erwartung +all des Großen und Schönen, was das Leben +bringen soll, und das Alter ist glücklich, daß alles +vorüber ist. —</p> + +<p>Ich habe nicht bemerkt, daß ich jung war, soll +ich mir wünschen, alt zu sein? — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe eine neue Bekanntschaft gemacht.</p> + +<p>Ein Deutschamerikaner, der zu Besuch nach der +alten Heimat geht. Vom ersten Tage an habe ich +bemerkt, daß er nach mir sah, wenn ich über Deck +oder durch den Salon ging.</p> + +<p>Schon zu verschiedenen Malen hat er versucht, +mit mir zu sprechen. Seine Augen hängen voll unverhohlener +Bewunderung an meinem Gesicht. Wenn +er jetzt wieder mit mir anfängt, werde ich ihn fragen, +warum er ohne seine Frau reist.</p> + +<p>Ich muß auf der Hut sein, nicht noch einmal darf +ich das Recht zu Selbstvorwürfen haben. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mr. Siegel ist nicht verheiratet. Ich habe ihn gefragt, +als er heute mit mir zu sprechen anfing.</p> + +<p>Ich glaube, er hatte mich abgefangen, als ich von +der alten Frau Fletcher kam. Sie ist so krank, daß +sie gar nicht aus dem Bett kann, ich muß sie nun +immer für die Nacht fertig machen und tue das meist +so gegen neun Uhr. —</p> + +<p>Als ich nun vorhin von der alten Dame kam, stand +Mr. Siegel vor dem Salon und wartete.</p> + +<p>Er fragte sofort, warum ich ihm aus dem Wege gehe.</p> + +<p>Er scheint ziemlich gerade auf sein Ziel los zu +steuern.</p> + +<p>Ich sagte ihm, daß ich mich nicht entsinnen könne, +ihm aus dem Wege gegangen zu sein, ich wüßte aber +auch nicht, daß es zu meinen Pflichten gehöre, mich +mit den Herren zu beschäftigen. — —</p> + +<p>»Sie wissen ganz genau, was ich von Ihnen will. +Sie wissen, daß ich Sie suche vom ersten Tage an. Sie +müßten kein Weib sein, wenn Sie das nicht bemerkt +hätten.«</p> + +<p>»Und wenn ich es bemerkt hätte? Was +dann?«</p> + +<p>»Dann müssen Sie einen Grund haben, mir auszuweichen. +Bin ich Ihnen unsympathisch?«</p> + +<p>»Das weiß ich nicht! Darüber nachzudenken +hatte ich keine Gelegenheit. Im übrigen kann es +Ihnen ja auch gleichgültig sein, ob ich Sie gern oder +weniger gern mag. In einigen Tagen sind wir in +Europa, dann gehen Sie fort und denken nicht mehr +an uns hier. Und für uns kommen andere Passagiere, +so daß auch wir nicht mehr lange über die Fortgegangenen +nachdenken können.«</p> + +<p>»Ich werde aber an Sie denken! Und damit auch +Sie mich nicht so rasch vergessen, gebe ich Ihnen hier +ein kleines Andenken. In zwei Monaten komme ich +zurück, ich hatte eigentlich schon einen Platz auf +dem »Moltke« belegt, aber das mache ich sofort rückgängig. +Ich fahre wieder mit diesem Dampfer.«</p> + +<p>»Das wird wahrscheinlich nichts werden; wir sind +ausverkauft bis zum Herbst hinein.«</p> + +<p>»Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer +auf dem <ins title="Transcriber's Note: Im Original (inkonsistent) 'Sopha'">Sofa</ins> schlafen soll, ich komme schon +mit.«</p> + +<p>Es kamen Passagiere, und ich lief durch den Salon, +unwillkürlich das lange, flache Kästchen, das Mr. +Siegel mir in die Hand gedrückt hatte, unter der +Schürze verbergend.</p> + +<p>Ich lief in mein Zimmer; ich war neugierig, was +es war.</p> + +<p>Eine wunderhübsche kleine Tasche aus rötlichem +Leder mit altsilbernen Beschlägen – so wie sie die +Damen in Amerika statt des Portemonnaies tragen, war +in dem Kasten. Wunderhübsch! Ja, aber – warum +habe ich es angenommen? Ich darf das Ding doch +nicht behalten, auf keinen Fall! Und wie kommt dieser +Mensch dazu, mir ein solches Geschenk zu machen? Ob +er die Tasche an Bord gekauft hat? Oder drüben?</p> + +<p>Einerlei, was geht es mich an. Sofort morgen früh +werde ich mich erkundigen, wo er wohnt, und werde +ihm die Tasche durch seinen Zimmersteward wieder +zurückgeben lassen.</p> + +<p>Schade! Sie ist reizend! — — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich war noch ein Stündchen auf Deck. Ach, es +ist wundervoll.</p> + +<p>Allein mit der Natur! Gibt es etwas Erfrischenderes +als diese herbe, kräftige Seeluft? Wenn man +barhäuptig dasteht und sich anblasen läßt?</p> + +<p>Ich fühle mich dann wie ein Mann, stark, kräftig, +unternehmungslustig. Ach ja, ein Mann! Ich möchte +ein Mann sein. Ein Seemann!</p> + +<p>Fechten mit Sturm und Wetter. Die Kräfte messen +an den Aufgaben, die Natur und Technik uns stellt. —</p> + +<p>Aber ich bin nur ein Weib – ein schwaches +Weib – wie man sagt.</p> + +<p>Warum sind wir schwächer als die Männer?</p> + +<p>Und sind wir es denn wirklich?</p> + +<p>Könnte ich nicht ebensogut mit Ölrock und Südwester +da oben stehen, wie der vierte Offizier, dieser +kleine dicke Junge, der aussieht wie ein recht gut gefüttertes +Muttersöhnchen?</p> + +<p>Aber nein, ich bin ein Mädchen, ich muß recht +schön hier unten bleiben, muß zufrieden sein, wenn +ein Mann sich herbeiläßt, mir seine Aufmerksamkeit +zu schenken. —</p> + +<p>Der Teufel hole sie alle! Was will nun dieser +Siegel wieder von mir? Warum stört er meine Ruhe?</p> + +<p>Ich könnte ihn schon leiden, er ist ein rechter Mann. —</p> + +<p>Ein offenes, schönes Auge, kurzes, starkes Haar +und einen wunderhübschen Mund, eigentlich viel zu +schön für einen Mann.</p> + +<p>Auch seine ganze Art und Weise gefällt mir.</p> + +<p>Wie alt er wohl sein mag? Nicht mehr sehr jung. +Fünf-, sechsunddreißig? Viel zu alt für mich mit +meinen achtzehn Jahren. – Lotte, Lotte, wohin verirrst +du dich! Geh schlafen, dann vergehen dir die +dummen Gedanken. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Der Steward hat mir die Tasche wiedergebracht, +Mr. Siegel kenne sie nicht; es sei wohl ein Irrtum. —</p> + +<p>Nun liegt sie wieder in meiner Koje. Was mache +ich damit? Ich kann das hübsche Ding doch nicht +einfach über Bord werfen! Der Mann zwingt mich +wirklich dazu, an ihn zu denken. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Morgen kommen wir an. Mr. Siegel hat mich diese +Tage nicht wieder angesprochen, nur heute abend +war er mir auf Deck gefolgt.</p> + +<p>Er muß doch also gewußt haben, daß ich abends +immer noch nach oben gehe. Nett von ihm, daß er +mich bis jetzt nicht gestört hat. Er will allen Ernstes +mit uns zurück und hofft, daß ich dann etwas liebenswürdiger +zu ihm bin.</p> + +<p>Ich habe ihm gesagt, daß ich niemals anders zu ihm +sein würde. Überhaupt solle er mich in Ruhe lassen. Die +Männer seien alle schlecht, er auch – gewiß, er auch! —</p> + +<p>»Liebes Kind, wer sagt Ihnen, daß die Männer so +schlecht sind? Haben Sie so früh schon böse Erfahrungen +gemacht?«</p> + +<p>Ich antwortete nicht. Ich wurde ganz verlegen – +– wenn er wüßte – –!</p> + +<p>»Ich habe gehört, daß Ihnen Ihr Mann nach kurzer +Ehe gestorben ist. War er nicht gut zu Ihnen? Undenkbar!«</p> + +<p>»Oh, mein Mann!« rief ich, und stockte, in diesem +Ausruf lag schon viel zu viel. —</p> + +<p>»Ich will Ihnen jetzt Lebewohl sagen,« fuhr Mr. +Siegel fort. »Lebewohl und auf Wiedersehen. Denn +ich werde Sie wiedersehen. Und versuchen Sie einstweilen, +ohne Vorurteil an mich zu denken. Ich war +bis jetzt noch nie schlecht gegen eine Frau. – Ich +hatte keine Zeit, mich mit ihnen zu beschäftigen, +weder im Guten noch im Bösen. Jetzt habe ich Zeit, +da dürfen Sie es mir nicht verdenken, wenn ich mich +freue, daß mir ein solches Prachtexemplar in die +Hände läuft. Doch nun Adio. Auf Wiedersehen +in acht Wochen.«</p> + +<p>Er gab mir nicht die Hand, er zog nur seinen Hut +und blieb stehen, bis ich die Treppe zum Bootsdeck hinauf +war. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Zwei Stunden später.</p> + +<p>Ich kann wieder mal nicht schlafen. Ich liege +und simuliere und grüble, bis mir die Schläfen +hämmern.</p> + +<p>Diese Männer! Warum beunruhigt mich nur das +alles? Was will er von mir?</p> + +<p>Welche Frage! Was sie alle von uns wollen. Außer +ihm, außer Werner.</p> + +<p>Schütze du mich, Liebster, schütze mich vor mir +selbst, vor meinen eigenen, jungen, sehnsüchtigen Gedanken. +--</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Herrn Siegel habe ich nicht mehr gesehen bei der +Ankunft. Es war solch ein Trubel. Die Empfangs- und +Zollhalle ist viel zu klein bei so vielen Passagieren.</p> + +<p>Ein prachtvoller Rosenstrauß wurde mir heute +früh von einem Gärtnerburschen gebracht.</p> + +<p>Nur eine Karte war dabei. »C. W. Siegel« – sonst +nichts.</p> + +<p>Herr Siegel sorgt also dafür, daß ich ihn nicht +vergesse. —</p> + +<p>Mein kleiner Pit freut sich immer, wenn ich komme. +Es ist merkwürdig, wie anhänglich so ein Tier ist.</p> + +<p>Es ist für mich ein Trost, doch etwas zu haben, +was mir ganz und gar gehört; ich möchte mich nie +von ihm trennen, ist es doch auch noch ein Stück Erinnerung +an mein kurzes Eheglück. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Seit drei Tagen sind wir wieder auf See.</p> + +<p>Ich habe diesesmal ein kleines, dreijähriges Mädchen +in meinem Zimmer, ein reizendes, kleines Ding.</p> + +<p>Die Mutter ist in New York und erwartet dort +ihren Liebling.</p> + +<p>Eine ältere Dame brachte das Kind in Southampton +an Bord. Ich habe sehr viel zu tun, jede freie +Minute muß ich dem Kinde widmen. Es ist nur gut, daß +wir nach drüben zu jetzt nicht so viel Passagiere haben, +so bleibt mir doch etwas mehr Zeit für die Kleine. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Tagsüber setze ich die Kleine oft ein Stündchen +in den Damensalon. Die Damen beschäftigen sich +dann alle gern ein wenig mit ihr, und ich kann in +dieser Zeit etwas anderes erledigen. Auch ein Herr ist +zwischen den Passagieren, der sich oft eine ganze +Weile mit dem Kinde beschäftigt.</p> + +<p>So nett und lieb spielt er mit ihm, wie ich es einem +Manne gar nicht zugetraut hätte. Heute Nachmittag +habe ich ihm eine Zeitlang zugesehen, ohne daß er +mich bemerkte. —</p> + +<p>Mir kam Werner in den Sinn. Wie schön, wenn +mir dieses Glück beschieden gewesen wäre. —</p> + +<p>Vorbei – für mich scheint kein ruhiges Glück im +Schoße der Zeit zu harren. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Heute morgen um zehn Uhr waren wir bei Sandy +Hook Feuerschiff und sollten schon gegen zwölf Uhr +am Pier in Hoboken sein.</p> + +<p>Aber es wurde nachmittags zwei Uhr, ehe wir anlegten. +Wie auf Bestellung kam ein Nebel, dick wie +ein Londoner Novembernebel.</p> + +<p>Wir mußten warten, bis es sich wenigstens ein +klein wenig aufgeklärt hatte, um durch die hier stets +massenhaft aus- und einfahrenden Schiffe durchzukommen.</p> + +<p>Schrecklich ist so eine Verzögerung. Die Passagiere +stellen sich dann an, als wäre der Kapitän und +die ganze Schiffsbesatzung für das Wetter verantwortlich, +und sie verlören durch die kleine Verzögerung +mindestens ein halbes Vermögen.</p> + +<p>Unangenehm ist das Warten ja, aber am unangenehmsten +doch für die am Pier stehenden Angehörigen. +Diesesmal speziell für die in Angst und +Sorge wartende Mutter der kleinen Elsie.</p> + +<p>Sie stand unten, als das Schiff anlegte. Ich hatte +das Kind auf dem Arm und lehnte mich an die +Reeling. Durch ihr heftiges Winken wurde ich aufmerksam +und zeigte der Kleinen die Mutter, doch +das Kind schien sie nicht mehr zu kennen.</p> + +<p>Der Steg war noch nicht fest, da versuchte die +Mutter als erste heraufzulaufen; man hielt sie fest. +Der erste Offizier, der am Fallreep stand, hatte Mitleid +mit der Ärmsten und holte sie herauf.</p> + +<p>Nie werde ich den Schrei vergessen, mit dem sie +auf mich zustürzte. Sie wollte mir das Kind aus dem +Arm nehmen, brach aber buchstäblich vor meinen +Füßen zusammen. —</p> + +<p>O, Mutterliebe, du rätselvolles Heiligtum, wirst +du auch mir noch aufgehen? — —</p> + +<p>Den Bemühungen des Arztes gelang es bald, die +junge Frau zur Besinnung zu bringen. Sie saß dann +noch ein Stündchen im Damensalon, ihr kleines Mädchen +neben sich, und freute sich, es glücklich hier zu +haben.</p> + +<p>Sie wußte gar nicht, wie sie mir danken sollte, daß +ich ihr ihren Liebling gebracht.</p> + +<p>Als sie fortging, wollte sie mir etwas geben – +Geld – ich habe es nicht genommen. So gern ich +Geld verdiene, hier war es mir unmöglich, etwas zu +nehmen. Die Frau sah überdies nicht danach aus, als +ob sie mit Glücksgütern allzu reichlich gesegnet sei. —</p> + +<p>Sie will mich in den nächsten Tagen noch einmal +besuchen. Darauf freue ich mich.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mr. Siegel hatte ich ganz vergessen über meinem +kleinen Passagier. Heute wurde ich wieder an ihn +erinnert.</p> + +<p>Ein Korb wundervoller Rosen wurde für mich abgegeben. +Alle tiefdunkelrot. – Der Brief, der die Bestellung +enthalten hat, muß mit uns gegangen sein.</p> + +<p>Es ist doch wirklich zu reizend von ihm! Aber – +Vorsicht! War nicht Herbert Smith auch sehr aufmerksam?</p> + +<p>Wir sind in Amerika, im Lande der Freiheit!</p> + +<p>Man hüte sich also!</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wir haben noch mehr Passagiere auf der Rückfahrt +als wir erwartet hatten. Alles drängt aus +diesem Fegefeuer fort. Uns wird es schon die paar +Tage zu viel.</p> + +<p>Im Pier ist aber die Hitze auch zeitweise unerträglich.</p> + +<p>Kein Luftzug, dazu nachts diese hochbeinigen +Plagegeister, die Moskitos. —</p> + +<p>Am Tage vor der Abfahrt war ein Kohlenzieher +an Land gewesen und hatte des Guten etwas zuviel +getan; in seinem Dusel legt er sich zwischen die Warenballen +im Pier und schläft ein.</p> + +<p>Am andern Morgen konnte er nicht aus den Augen +sehen, so zerstochen war er. Sein Gesicht sah aus wie +eine riesige Melone. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Bald sind wir wieder daheim. —</p> + +<p>Ich bin wirklich begierig, ob mich auch da wieder +ein blühender Gruß erwartet. Es würde mir etwas +fehlen, wenn dem nicht so wäre..........</p> + +<p>Dieser Mann kennt die Frauen, obgleich er sagt, +daß er bis jetzt noch keine Zeit für sie gehabt +habe. —</p> + +<p>Ich kann mich gar nicht mehr darauf besinnen, +was er für Augen hat. In den Augen liegt das +Herz........</p> + +<p>Ich bin eine zu schlechte Menschenkennerin, da +wird es mir wohl mit den Augen ebenso gehen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wir haben nichts Besonderes an Bord diese Reise. +Nach und nach habe ich mich auch schon so eingelebt, +daß ich gar nicht mehr nach dem Einzelnen +hinsehe.</p> + +<p>Irgend etwas passiert ja jede Reise. Auch nette +Damen, die den Herren gern gefällig sind, gibt es fast +immer dabei, man wird als Stewardeß doch so +manches gewahr. —</p> + +<p>Ich bin ja nun auch nicht mehr so dumm. —</p> + +<p>Diesesmal ist in Nr. 42 eine Jüdin, ein schönes, +üppiges Weib, ich möchte darauf wetten, daß der +Geigenvirtuose aus Nr. 10 nicht nur zu einer Tasse +Tee zu ihr geht, wenn er abends um zehn Uhr immer +so rasch ins Zimmer schlüpft. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Morgen sind wir da. Ich bin ganz unruhig vor +lauter Erwartung, ob ein duftender Gruß da ist.</p> + +<p>Dieser böse Mensch bringt mit seinen Rosen meine +ganze, mühsam erzwungene Ruhe wieder in Aufruhr.</p> + +<p>Was er wohl ist? Ob er ein Geschäft hat? Oder +vielleicht Farmer? Das wäre schön! Ich mochte +immer gern auf dem Lande sein, nur einmal hatte +ich Sehnsucht nach der Stadt. —</p> + +<p>Aber was fällt mir denn ein! Ich glaube, ich +träume wachenden Auges. Was geht es mich an, was +dieser Mann ist?</p> + +<p>Aber seine Rosen sind doch schön.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Rote Rosen! Rot wie Rubinen oder wie Blutstropfen, +die aus dem Herzen eines liebenden Weibes +strömen.</p> + +<p>Gleich bei meiner Ankunft wurde mir ein Korb +gebracht.</p> + +<p>Ich war ordentlich zufrieden als sie ankamen. Als +ob ich ein Recht darauf hätte.</p> + +<p>Das Herz ist ein sonderbares Ding, die besten Vorsätze +wirft es über den Haufen. —</p> + +<p>Ich will noch bis Oktober fahren, dann bleibe ich +drüben. —</p> + +<p>Ich werde auf dieser Reise einmal zu den Pfarrersleuten +gehen in der II. Avenue; die sind lange im +Lande, über dreißig Jahre, die werden mir gewiß raten.</p> + +<p>Bis jetzt war ich noch nicht ein einziges Mal in +New York; es war mir immer noch etwas unbehaglich +bei dem Gedanken. Nur Hoboken und der Kirchhof +auf dem Berge, das waren meine Ausgehziele.</p> + +<p>Nach Werners Grab mochte ich die letzte Zeit gar +nicht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. – Ich habe +immer das Gefühl, als ob Werner es wissen müßte, daß +ich ihm untreu war, wenn auch nur in Gedanken. Doch +wenn er es weiß und als verklärter Geist oder als Astralkörper +um mich ist, dann wird er auch mein Inneres +kennen, wird die Leidenschaften und Triebe verstehen, +die die Natur in mich gelegt – und mir verzeihen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Der Rechtsanwalt ist diese Reise wieder hier.</p> + +<p>Er kam gleich auf mich zu, als die Passagiere ankamen, +und schien sich wirklich zu freuen.</p> + +<p>Es kann ja sein, daß er ein ganz guter Mensch ist +und absolut nichts Böses mit mir im Sinne hat, aber +nach meiner schlimmen Erfahrung von damals sehe ich +beinahe in jedem männlichen Wesen einen Schuft. —</p> + +<p>Wir haben auch schon wieder allerlei Passagiere +nach drüben zu, da die Heimkehr der Vergnügungsreisenden +bereits wieder einsetzt. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Abends elf Uhr.</p> + +<p>Ich habe wieder einmal ein Stündchen auf meinem +Lieblingsplätzchen gesessen. Wir haben so wunderbar +schönes, klares Wetter, daß man meint, die hellen, leichten +Wölkchen, die da und dort eilend am Himmel hinziehen, +wären von der Hand eines gottbegnadeten Künstlers +auf diesen durchsichtigen Hintergrund gemalt.</p> + +<p>Mit sehnsüchtigen Blicken folgen ihnen meine +Augen.</p> + +<p>Was drängt und treibt in meiner Brust? Wo liegt +für mich die Zukunft? Die Zukunft und das Glück?</p> + +<p>Wenn ich nur nicht mehr so gar jung wäre! Wie +ruhig und zufrieden ist meine Kollegin, sie freut sich, +wenn sie so viel verdient, daß sie gut für ihre Kinder +sorgen kann, weiter gehen ihre Wünsche nicht. Wäre +ich wenigstens vierzig Jahre alt. Vierzig Jahre! Eine +lange Wegstrecke liegt vor mir bis dahin. Werde ich +sie allein zurücklegen oder –?</p> + +<p>Die Luft ist klar und rein, ich aber stehe wie in +einem dicken, undurchdringlichen Nebel.</p> + +<p>Was verbirgt er vor mir? —</p> + +<p>Geh schlafen, Lotte, geh schlafen! Was hilft dein +Grübeln über Jugend und Alter, solange noch das +Blut heiß und verlangend durch die Adern pulst.</p> + +<p>Ach, es ist schwer, den ruhig abgemessenen Schritt +der reiferen Jahre zu wandern. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mr. Turner, der Rechtsanwalt, bat mich heute, +ihm einen Tag zu bestimmen, an dem ich mit ihm +ausgehen wolle.</p> + +<p>Ich habe ihm gesagt, ich ginge nicht mit fremden +Herren spazieren.</p> + +<p>Er machte mir darauf den Vorschlag, noch jemand +von Bord mitzunehmen, falls ich nicht mit +ihm allein gehen wolle.</p> + +<p>Wir sollten bei ihm zu Mittag essen und Nachmittags +würden wir eine schöne Ausfahrt machen, in +den Centralpark oder nach Coney Island hinüber. Da +hätte ich nun wirklich Lust. Von Coney Island habe ich +schon so viel gehört. – Aber wen soll ich mitnehmen?</p> + +<p>Ich muß mal mit meiner Kollegin sprechen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Gestern abend hatten wir ein tragikomisches Erlebnis +in der zweiten Kajüte. Im zweiten Salon war +Konzert; ich ging über den Vorplatz, um noch einige +Minuten auf Deck zu gehen; da wurde gerade der +Brautchor aus Lohengrin gespielt.</p> + +<p>Ich blieb an der Treppe stehen und hörte zu. Da +kam eine Dame aus dem Salon und verwickelte mich +in ein Gespräch; wir setzten uns auf das Sofa und +plauderten immer weiter.</p> + +<p>Im Salon wurde mittlerweile ein Gassenhauer +oder so etwas Ähnliches gespielt, bei dem die Musiker +mitsangen. Am Schluß kam immer der Refrain: +Aujust, sollst mal runter kommen! Aujust! Aujust! —</p> + +<p>Neben dem Salon am Fuße der Treppe liegt auf +der Backbordseite die Herrentoilette. —</p> + +<p>In dem Augenblick als im Salon das Singen aufhörte, +flog die Tür zur Toilette auf; der Rechtsanwalt, +notdürftig sein Beinkleid mit den Händen haltend, +stürzt angsterfüllt einige Stufen die Treppe herauf +auf uns zu und stammelt: »Feuer? Feuer im Schiff?« +Dann brach er zusammen.</p> + +<p>Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was los +war, dann begriff ich den Zusammenhang. —</p> + +<p>Aujust – Feuer. So hatte er mißverstanden.</p> + +<p>Der arme Kerl, er schämte sich hernach seiner +Furcht, und am andern Tage war er ganz krank, er +hatte einen richtigen Nervenchock gehabt. Der Vorfall +kam auch vor den Kapitän, und in Zukunft dürfen +solche Sachen nicht mehr gespielt werden. Obgleich +die Passagiere, wenn sie in Stimmung sind, immer +gerade diesen Blödsinn haben wollen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mr. Turner ist wieder wohlauf. Zuerst schien es ihm +ein wenig peinlich zu sein, daß ich ihn in dieser Verfassung +gesehen, aber am zweiten Tage hatte er sein +ganzes Selbstbewußtsein wiedergefunden. Er läßt nicht +nach mit Bitten, einen Tag mit ihm auszugehen. —</p> + +<p>Frau Martens, meine Kollegin, will mich begleiten, +und außerdem will unser Kapellmeister, +der ein Landsmann von Frau Martens ist, auch +noch mit.</p> + +<p>Er sagte zwar zu mir: »Wenn der Mensch etwas +Böses im Schilde führt, nützt unsere Begleitung auch +nichts. Wenn er mit Ihnen allein sein will, braucht +er bloß einen Schutzmann anzurufen und ihm zu +sagen, daß wir ihn belästigen, und sofort werden wir +beide mitgenommen. Der Rechtsanwalt gibt seine +Adresse an, und der ehrenwerte Hüter des Gesetzes +weiß, daß er am anderen Tage ein schönes Geschäft +macht. —</p> + +<p>Uns beide lassen sie nach einigen Stunden laufen, +sie haben sich dann eben geirrt.« —</p> + +<p>Ja, ja, in Amerika wird alles gemacht. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wir gehen doch! Der Kapellmeister ist schon +öfter in Coney Island gewesen und sagt, es sei sehr +interessant. Und ich möchte zu gern mal hin. Seit +ich hier an Bord bin, war ich noch nicht ein einziges +Mal an Land, außer auf dem Kirchhof. Auch da will +ich hin in diesen Tagen. Ich muß zu Werner, um in +seiner Nähe meine Gefühle zu prüfen. Ich bin über +mich selbst in Unruhe.</p> + +<p>Acht Monate sind es her, seit Werner tot ist; ich +dachte damals, ich würde nie wieder lachen können, +würde nie wieder an ein Vergnügen denken, und jetzt?</p> + +<p>Ich schäme mich manchmal meiner selbst. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Heute, am Ankunftstag, war auch wieder ein Korb +Rosen für mich da. Ich hatte beinahe nicht daran +gedacht über all dem Ankunftstrubel. —</p> + +<p>Wir hatten einen Ausreißer an Bord und wußten +nichts davon. Erst als bei Sandy Hook Bundesmarschall +Bernhard an Bord kam, erfuhren wir, was +wir für interessante Ladung gehabt hatten.</p> + +<p>Einen Bankdirektor mit seiner Geliebten.</p> + +<p>Dieser Bernhard ist ein schrecklicher Spürhund, +er hatte die beiden sofort.</p> + +<p>Der Herr, der unter anderm Namen in die Passagierliste +eingetragen war, wurde leichenblaß, als Bernhard +ihn plötzlich ganz jovial mit seinem rechten +Namen anredete. Er tat mir ordentlich leid.</p> + +<p>Nun müssen beide wieder mit zurück, aber dieses +Mal nicht in der ersten Kajüte. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe erst heute, nachdem wir schon wieder +zwei Tage auf See sind, einige Minuten Zeit, ein wenig +mit dir zu plaudern. —</p> + +<p>Ich bin also wirklich mit Mr. Turner ausgewesen. +Frau Martens und der Kapellmeister sind mit mir +gegangen.</p> + +<p>Mr. Turner holte uns am Ferryboot ab und ging +erst mit uns nach dem Hoffmannhaus, wo wir ein +Glas Wein tranken. Dann rief er ein Auto und fuhr +mit uns durch den Park. —</p> + +<p>Ich wäre furchtbar gern mal den Broadway hinauf +gefahren und hätte nach dem Hause gesehen, aber +ich wagte nicht, etwas davon zu sagen.</p> + +<p>Wer weiß auch, ob ich es gefunden hätte. Ich +bin bei Nacht heraus, ich weiß nicht mal, wie es +aussieht. —</p> + +<p>Nach der Fahrt haben wir dann am oberen Broadway +gegessen; geluncht, wie man hier sagt.</p> + +<p>Mittags um eins lunchen sie und abends um sechs +essen sie zu Mittag. —</p> + +<p>Nachdem fuhren wir hinüber nach Coney Island.</p> + +<p>Mr. Turner war sehr nett und ganz anständig zu +mir. Aber – aber – ein Wolf im Schafspelz ist er +doch. —</p> + +<p>Unterwegs hat er mir erzählt, er habe keine Frau, +und nun ist er doch verheiratet, deshalb hat er auch +im Restaurant mit uns gegessen. Er sagt natürlich, +er lebe schon seit Jahren getrennt von seiner Frau, +innerlich seien sie schon längst geschieden und +nur der Kinder wegen dränge er auf keine öffentliche +Scheidung.</p> + +<p>»Bis jetzt ist es mir auch gleichgültig gewesen,« +sagte er im Laufe des Gesprächs. »Aber seit ich Sie +gesehen, drückt mich die Fessel. Noch nie habe ich +ein Weib gekannt, das all meine Sinne und Gedanken +so gefangen genommen hat wie Sie. Könnten Sie +mich lieben? Könnten Sie vergessen, daß ich kein +freier Mann bin, und könnten Sie trotzdem Ihr Geschick +in meine Hände legen? Ich würde alles für +Sie tun!«</p> + +<p>»Wie meinen Sie das? Sie sagten doch selbst, daß +Ihre Frau noch lebt.«</p> + +<p>»Ich sagte Ihnen doch, heiraten kann ich Sie nicht, +so gern ich auch möchte. Aber trotz alledem, Sie +sollen leben wie eine Fürstin, wenn Sie mich nur ein +klein wenig wiederlieben.........</p> + +<p>Ich bin reich, reicher als die Welt vermutet. Sie +sollen alles haben, was Ihnen das Leben angenehm +machen kann. Reisen, Schmuck, Toiletten, eine +reizende kleine Wohnung, und nichts anderes sollen +Sie mir dafür geben als sich selbst, Ihren schönen +jugendlichen Körper, Ihre Liebe.«</p> + +<p>– Nichts anderes?!! – Ah!</p> + +<p>»Und Ihre Frau?«</p> + +<p>»Oh, meine Frau!« sagte er mit einer wegwerfenden +Handbewegung. »Was geht sie mich an? Ich +gebe ihr genug, daß sie ein vornehmes Leben führen +kann, mehr verlangt sie nicht von mir. Das einzige, +was mich an unser Haus fesselt, sind die Kinder. +Keinen Augenblick würde ich mich besinnen, meine +Ehe zu lösen, wenn die Kinder nicht wären.« — —</p> + +<p>Er sprach gut, der Herr Rechtsanwalt, und vielleicht +hätte er Erfolg gehabt, hätte eine andere +neben ihm gesessen, ein harmloses, dummes Ding. +Aber so!</p> + +<p>Doch es hieß vorsichtig sein, ihn nicht vor den +Kopf stoßen, damit unser schöner Ausflug nicht mit +einem Mißton endete. —</p> + +<p>Frau Härtens und Herr Lünsberg saßen auf der +andern Seite des Fährbootes – wir waren auf der +Rückfahrt von Coney Island – und unterhielten sich; +sie ahnten nicht, was Herr Turner für wunderschöne +Luftschlösser vor mir aufbaute.</p> + +<p>»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Turner. Aber +Sie werden verstehen, es ist eine Sache, die überlegt +sein will. Geben Sie mir eine Reise Bedenkzeit, ich +will mit mir zu Rate gehen, es ist doch immerhin eine +einschneidende Frage, die Sie da an mich stellen.«</p> + +<p>»Gewiß, gewiß, das kann ich verstehen. Nur +sagen Sie mir das eine, lieben Sie einen andern Mann?«</p> + +<p>»Nein,« sagte ich mit voller Überzeugung, »ich +liebe keinen Lebenden. Der einzige, den ich geliebt, +der liegt drüben in Jersey City unterm kühlen Rasen.«</p> + +<p>Er schwieg einen Augenblick, die Erinnerung an +den Tod war ihm wohl etwas unbehaglich. Dann fuhr +er rasch fort:</p> + +<p>»Dann bin ich beruhigt. Wenn mir sonst nichts +im Wege steht, werden Sie mich lieben lernen. Ich +werde so gut zu Ihnen sein, daß Sie gar nicht anders +können.«</p> + +<p>Ich schwieg. Was sollte ich darauf erwidern? +Mochte er glücklich sein in dem Gedanken. —</p> + +<p>Als wir in New York ankamen, war es bereits neun +Uhr. Doch Mr. Turner in seiner frohen, siegesgewissen +Stimmung ließ uns noch nicht los. Wir +mußten noch mit ihm dinieren. Er fuhr uns zum +Atlantic-Garden, einer kleinen Oase in dem Steinmeer +der Großstadt, und da haben wir noch ein paar +wirklich vergnügte Stunden verlebt.</p> + +<p>New York kann also auch schön sein, wenn man +es in der rechten Gesellschaft und in der rechten Beleuchtung +sieht. —</p> + +<p>Unser splendider Gastgeber ließ ein Menü zusammenstellen, +das sich essen ließ. Dazu einen wirklich +guten Chambertin. —</p> + +<p>Wir waren alle in bester Stimmung, unser Kapellmeisterchen +hatte sogar einen regelrechten kleinen Spitz.</p> + +<p>Alle unsere guten Vorsätze waren vergessen, und +wenn jetzt der Rechtsanwalt etwas Böses im Schilde +geführt hätte, wäre es ihm nicht schwer geworden, +es auszuführen. —</p> + +<p>Aber er selbst war viel zu selig, zweimal selig: +vom Wein und von der Liebe. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Es war ein schöner Tag, ich kann nicht anders +sagen, und es hat mich nicht gereut, mitgegangen zu +sein. Die Arbeit geht noch einmal so gut von der +Hand, wenn man dazwischen auch einmal ein wenig +Vergnügen hat. Schwarzbrot allein schmeckt auch +nicht immer. —</p> + +<p>Wir haben zur Heimreise das Schiff nicht mehr +sehr voll; im August flaut es immer stark ab. Auf +der nächsten Ausreise werden wir dafür um so mehr +Passagiere haben; sicher sind auch alle Offizierszimmer +vermietet. —</p> + +<p>Ob wohl Mr. Siegel mitkommt? Ob er noch +einen Platz erhalten hat? Ich muß doch sehen, +daß ich so bald wie möglich eine Passagierliste +bekomme. —</p> + +<p>Ich bin wirklich neugierig – nur neugierig. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich will froh sein, wenn diese Reise zu Ende ist. +Ich habe eine Unruhe in mir, die mich kaum schlafen +läßt. —</p> + +<p>Ist es die Ahnung vor etwas Unbestimmtem?</p> + +<p>Wenn ich jemand hätte, der mir nahe stünde, +so würde ich fürchten, es sei etwas passiert, aber so? +Wessen Geschick geht mich etwas an? Nur mein +kleiner Pit freut sich auf mein Kommen, sonst niemand. +— —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Der übliche Rosenstrauß erwartete mich, aber +kein Wort, ob er kommt. Ich bin so erregt, daß ich +gar nicht weiß, wie ich die Tage hinbringen soll.</p> + +<p>Warum beunruhigt mich dieser Mann so mit seinen +Blumen?</p> + +<p>Eine leichtsinnige Tändelei sieht ihm nicht ähnlich.</p> + +<p>Dieser breitschultrige, kräftige Mann mit den +scharfen Zügen hat mir nicht den Eindruck gemacht, +als ob er seine Zeit mit Nichtigkeiten hinbrächte.</p> + +<p>Wäre es doch schon Mittwoch! Die Tasche habe +ich noch nicht ein einziges Mal gebraucht, wann +sollte ich auch? Noch bin ich in Trauer um meinen +Gatten, und meine schwarzen Kleider vertragen keine +so prunkvollen Beigaben. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Morgen fahren wir ab. Ich bin in einer Unruhe, +für die ich mir selbst am liebsten die Erklärung +schuldig bliebe.</p> + +<p>Ich kann nicht sagen, daß ich mich glücklich +fühle, im Gegenteil, mir ist ganz miserabel zumute. +--</p> + +<p>Ich habe mir die Passagierliste beim Obersteward +durchgesehen, sein Name ist nicht darin. —</p> + +<p>Aber was geht es schließlich auch mich an, mit +welchem Schiff Mr. C. W. Siegel aus Chikago nach +Hause fährt.</p> + +<p>Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, +Lotte, und schäme dich! Jawohl, schäme dich! +Schreib' es ruhig nieder, damit du es schwarz auf +weiß vor dir hast. Gefällt es dir? Ganz ohne beschönigendes +Mäntelchen? Denkst schon wieder an +einen Mann und läßt dich durch den Gedanken an +ihn beunruhigen, noch ehe dein Gatte ein Jahr tot ist!</p> + +<p>Er, der so gut zu dir war und den du nie vergessen +wolltest! —</p> + +<p>Gewiß, ich schäme mich. Aber gibt es nicht +doch eine Entschuldigung für mich? Ist es +nicht natürlich, wenn ich in meinem Alter den +Wunsch habe, noch einmal wieder in andere Verhältnisse +zu kommen. Und daß ich dies nur an der +Hand eines guten, starken Mannes kann, weiß ich +jetzt. Hätte ich etwas Tüchtiges gelernt, dann wäre +es etwas anderes, aber so?</p> + +<p>Ich möchte recht stark und selbständig sein. +Ein Weib wie Katharina die Zweite oder, um in der +Jetztzeit zu bleiben, wie Henriette Goldsmith. Zielbewußt +und kraftvoll.</p> + +<p>Vielleicht werde ich es noch. Schicksal und Schicksalsschläge +schmieden Charaktere.</p> + +<p>Und ich will mir Mühe geben, ein ganzer Mensch +zu werden. —</p> + +<p>Die Männer sind besser daran als wir Frauen, +schon von klein auf wird mehr Selbstbewußtsein in +sie hineingepflanzt. —</p> + +<p>An uns rächt sich die alte Vernachlässigung. —</p> + +<p>Nur ein Mädchen!</p> + +<p>Ich habe mir immer gewünscht, ein Mann zu sein, +nun will ich mein Bestes tun, um ein kraftvolles, +selbstbewußtes Weib zu werden. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Er ist doch da. Und ich habe mich gefreut, als +ich ihn das Fallreep heraufkommen sah, als ob mir +Gott weiß was widerfahren wäre. —</p> + +<p>Wenn ich mir selbst Rechenschaft ablegen sollte, +warum ich mich so gefreut, so kann ich es nicht +sagen, und doch ist es so; dich, mein kleines Buch, +brauche ich ja nicht zu belügen.</p> + +<p>Es war mir, als würde ein Druck von meinem +Herzen genommen.</p> + +<p>Auch seine Augen leuchteten auf, ich sah es wohl, +bin dann aber rasch nach unten gegangen in mein +Zimmer.</p> + +<p>Mittags ein Uhr gingen wir in See, und jetzt ist +es vier Uhr.</p> + +<p>Ich habe eine abergläubische Furcht, aus der +Kabine zu gehen, und doch muß ich mich +jetzt nach meinen Passagieren umsehen. Also geh' +an die Arbeit, Lotte, wovor fürchtest du dich? +Fürchtest du dich vor etwas, das du herbeigesehnt?</p> + +<p>Das Herz ist ein sonderbares Ding, es will oft +ganz etwas anderes als – als – Lotte, Lotte – sag' +ruhig die Wahrheit. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mr. Siegel hat meine Gewohnheit nicht vergessen.</p> + +<p>Nachdem ich ihn den ganzen Nachmittag nicht +gesehen, stand er auf Deck, als ich etwas nach neun +Uhr nach oben ging. —</p> + +<p>Um die Wahrheit zu sagen – ich hatte es erwartet. +Es wäre widersinnig gewesen, wenn er mich +nicht gesucht hätte. —</p> + +<p>Die Rosengaben wären dann nur einer Laune entsprungen, +und danach sieht er mir nicht aus. —</p> + +<p>Als ich die Treppe zum Bootsdeck heraufkam, +war ich vom Licht noch etwas geblendet und konnte +die dunkle Gestalt an der Ecke des Skylights nicht +gleich entdecken. —</p> + +<p>»Guten Abend, Frau Lotti,« scholl eine gedämpfte +Stimme aus dem Halbdunkel.</p> + +<p>Ich war im Augenblick doch etwas erschrocken.</p> + +<p>»Oh! Sie sind es, Mr. Siegel! Wie geht es Ihnen?«</p> + +<p>»Ausgezeichnet! Und Ihnen? Haben Sie zuweilen +an mich gedacht?«</p> + +<p>»Dafür haben Sie ja gesorgt. Ich muß mich wohl +bedanken für die schönen Blumen – aber – warum +haben Sie das getan? Warum —«.</p> + +<p>»Warum? Das fragen Sie noch? Aber ich will +es Ihnen erklären, wenn es einer Erklärung bedarf, +wenn Ihnen Ihr Herz nicht selbst die Antwort gibt. +Sagen Sie mir die Wahrheit, Frau Lotti, muß ich Ihnen +wirklich mein Tun mit dürren Worten erklären?«</p> + +<p>Ich wurde über und über rot, es war gut, daß es +dunkel war, so sah er meine Verlegenheit nicht. Ich +wußte nicht, was ich ihm antworten sollte.</p> + +<p>Es ist schrecklich! Vorläufig bin ich noch weit +von meinem Ideal entfernt. —</p> + +<p>Mr. Siegel fuhr fort: »Sagen Sie mir nur das eine: +Haben Sie zuweilen an mich gedacht?«</p> + +<p>»Das mußte ich schon. Ihre schönen Rosen sorgten +dafür, daß ich den Spender nicht vergaß.«</p> + +<p>»Und haben sie Ihnen Freude gemacht?«</p> + +<p>»Gewiß, das heißt bedingungsweise. Um die +Wahrheit zu sagen, haben sie mich mehr beunruhigt +als erfreut. Kurz und gut – Sie hätten es +nicht tun sollen, Mr. Siegel.« —</p> + +<p>Ich hatte meine Verlegenheit überwunden und +sprach nun ruhig und sachlich.</p> + +<p>Einen Augenblick schwieg er und sah mich forschend +an, dann sagte er kurz und ohne Umschweife: +»Wollen Sie meine Frau werden?«</p> + +<p>Das war kurz und bündig.</p> + +<p>Einen Augenblick blieb es still zwischen uns, dann +sagte ich langsam: »Wissen Sie denn auch, wen Sie +zu Ihrer Frau begehren?«</p> + +<p>Einen Moment stutzte er, dann sagte er: »Ich +frage nicht nach dem Woher. Ich verlasse mich auf +meine Augen und auf meinen Instinkt. Ich habe +mich bis jetzt noch nie geirrt, wenn ich mir jemand +für eine wichtige Sache ausgesucht habe. Ich nehme +auch hier die Verantwortung auf mich.«</p> + +<p>»Und daß ich nach Woher und Wohin fragen +könnte, daran denken Sie wohl nicht? Leiden Sie +auch an der allgemein verbreiteten Einbildung der +Herren, wonach ein Weib froh sein muß, wenn ein +Mann es begehrt?«</p> + +<p>»Aber, teure Frau, Sie tun mir unrecht. Im Gegenteil, +ich würde es als ein ganz unerhörtes Glück betrachten, +wenn Sie mich nur ein wenig, ein ganz klein +wenig lieben könnten. Und alles, was Sie über meine +Person wissen müssen, das sollen Sie erfahren.</p> + +<p>Ich bin kein Mann von vielen Worten, aber das +muß ich Ihnen sagen: vom ersten Sehen an stand +es bei mir fest: Die soll es sein. – Ich glaube, Sie +können ein guter Kamerad sein, Frau Lotti! Nicht +wahr?«</p> + +<p>Ich stand wortlos da.</p> + +<p>Was sollte ich sagen? Hier war Erlösung aus dem +jetzigen Verhältnis. Aber – noch liebte ich diesen +Mann nicht, so sehr ich mich auch auf ihn gefreut +hatte. Noch liebte ich ihn nicht, das war mir klar. +Er ist mir sehr sympathisch, er hat ein schönes Organ, +und überhaupt sein ganzes Wesen ist mir überaus +angenehm.</p> + +<p>Er ist nicht hübsch, kein sogenannter schöner +Mann. Aber das ist auch nicht nötig; meist sind +schöne Männer unausstehlich eitel. —</p> + +<p>»Haben Sie keine Antwort für mich, Frau Lotti?« +fragte die Stimme neben mir.</p> + +<p>»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Geben Sie +mir Zeit. Und dann – Sie wissen, daß mein Mann +erst seit elf Monaten tot ist, ich habe ihn sehr geliebt.«</p> + +<p>»Ich weiß es. Ich bin nicht eifersüchtig auf den +Toten. Ich gönne ihm gern Ihr schmerzliches Gedenken. +Sie selbst aber gehören dem Leben, dem +roten, leuchtenden, vollpulsierenden Leben.«</p> + +<p>Er griff nach meiner schlaff herniederhängenden +Hand und drückte einen feurigen Kuß darauf.</p> + +<p>Hastig zog ich sie zurück.</p> + +<p>»Lassen Sie mich jetzt allein, Mr. Siegel. Ich muß +noch ein Stündchen allein mit dem Meere sein. +Morgen, übermorgen, sprechen wir weiter darüber.«</p> + +<p>»Lassen Sie mich nicht zu lange warten, teure +Frau. Ich warte, warte mit Ungeduld.«</p> + +<p>Als er gegangen, lehnte ich mich über die Reeling +und sah in das schäumende Wasser. Wie Myriaden +kleiner Fünkchen brach es sich in den Wellen am +Bug des Schiffes. —</p> + +<p>Auch das Meer hat seine Sterne! Oder sind es +Sterne, die vom Himmel gefallen sind?</p> + +<p>Gefallene Sterne?</p> + +<p>Gefallene Sterne – und doch leuchten sie noch.</p> + +<p>Könnte ich es als Sinnbild betrachten! Als Sinnbild +meines Lebens?.........</p> + +<p>Was für eine Antwort werde ich diesem Manne +geben? Was für eine Antwort darf ich ihm geben?</p> + +<p>Ist es Betrug, wenn ich sein Weib werde, ohne +ihm zu sagen, was hinter mir liegt?</p> + +<p>Hat er ein Recht auf meine Vergangenheit?</p> + +<p>— – Nein, er hat kein Recht darauf. — —</p> + +<p>Ich weiß, ich stehe im Widerspruch mit unseren +herrschenden Anschauungen, ich weiß, ich muß diesen +Entschluß mit meiner Ruhe erkaufen. —</p> + +<p>Sei es drum!</p> + +<p>Nie würde es dem Manne einfallen, dem Weibe, +das er erwählt, vor der Hochzeit alle dunklen Punkte +seiner Vergangenheit aufzudecken. Er fühlt sich +viel zu wohl in der Rolle des Helden, zu dem man +hinaufsieht, um diesen Nimbus von selbst zu zerstören. +--</p> + +<p>Warum soll ein Weib nicht dieselben Rechte +haben?</p> + +<p>Gleiches Recht für alle!</p> + +<p>Der Mann ist aus genau demselben Stoff wie die +Frau. Das, was er als Vorrecht für sich in Anspruch +nimmt, hat er sich selbst angemaßt. Ich will dieselben +Rechte beanspruchen. —</p> + +<p>Das Weib befindet sich dem Manne gegenüber +sowieso in ständiger Notwehr – und da sind alle +Mittel erlaubt. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Liebe und Glück! Sind sie immer zusammen, diese +beiden?</p> + +<p>Oder kann ich auch ohne Liebe ein wenig Glück +in der Ehe finden? Ich bin schon jetzt entschlossen, +den Antrag dieses Mannes anzunehmen. Ich bin +ihm zugetan und ich glaube, er ist ein Mann, den man +achten muß. Daß ich zu ihm aufsehe, wie zu einem +Halbgott, wie man es so oft in überschwenglichen +Romanen liest, das verlangt er nicht von mir. – +Und ich würde es auch nicht tun. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mr. Siegel schickt mir soeben einen Brief. —</p> + +<p>Nicht eigentlich einen Brief, es sind vielmehr Aufzeichnungen +über sein Leben und Wirken. Kurz und +prägnant, ganz wie er selbst. —</p> + +<p>Als sechzehnjähriger Junge aus Deutschland ausgewandert, +hat er in Amerika so ziemlich alles versucht, +was Arbeit heißt, bis er durch Zufall nach +Chikago verschlagen worden ist.</p> + +<p>Mit fünf Cents in der Tasche ist er dort angekommen, +heute besitzt er eine große Fleischkonservenfabrik +und beschäftigt bereits über hundert Personen.</p> + +<p>Das ist gewiß etwas! Für mich ist es die erste +Staffel auf der Leiter. – Ich bin mir bewußt, daß +wir, falls ich die Gattin dieses Mannes werde, auf +dieser Staffel nicht stehen bleiben werden. —</p> + +<p>Hat mich das Leben um das Schönste betrogen, +so soll es mir dafür etwas anderes geben: Reichtum.</p> + +<p>Und dieser Mann ist dazu wie geschaffen, mit ihm +muß es sich gut und sicher wandern lassen. —</p> + +<p>Aber noch will ich warten. Ein Jahr wenigstens +will ich den Witwenschleier tragen.</p> + +<p>Obgleich – wenn ich mir gegenüber ehrlich sein +will – es ja doch nur äußerlich ist. In Wirklichkeit +war ich dem Toten doch schon längst untreu. Denn +auch der Gedanke an einen anderen Mann ist Treulosigkeit. +--</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Heute, am Tage vor der Ankunft in New York habe +ich mich mit Mr. Siegel ausgesprochen.</p> + +<p>Ich bin sehr zufrieden, ich glaube, daß ich diesen +Schritt nicht bereuen werde.</p> + +<p>Mr. Siegel ist ein Mann von außergewöhnlicher +Regsamkeit, den das Leben ganz gehörig zwischen +die Scheren genommen hat.</p> + +<p>Daß er sich nicht hat unterkriegen lassen, ist ein +gutes Zeichen. Wir passen in gewisser Weise sehr gut +zusammen, auch ich habe mich nicht zermalmen lassen.</p> + +<p>Nur darf er das nicht wissen. —</p> + +<p>Hoffentlich fragt er mich nie nach meiner Vergangenheit. +Sagen würde ich ihm doch nichts, aber +es ist gut, wenn ich nicht zu lügen brauche. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wir haben soeben einen recht heftigen Gewittersturm +gehabt.</p> + +<p>Niemand dachte mehr an schlechtes Wetter so +kurz vor der Ankunft, und alles freute sich schon auf +morgen, da kam noch einmal ganz unerwartet die +Seekrankheit. Beim Diner waren fast alle Plätze leer, +sogar die Herren konnten nicht widerstehen. —</p> + +<p>Ich bin nachher noch auf Deck gewesen, es war +wunderbar klare, schöne Luft, nachdem es ausgetobt.</p> + +<p>Mr. Siegel suchte mich auf und hat allerlei mit mir +besprochen.</p> + +<p>Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, +meine überflüssigen Sachen verkaufen und als Passagier +mit der »<ins title="Transcriber's Note: Im Original (inkonsistent) 'Nirvana'">Nirwana</ins>« zurückkommen. —</p> + +<p>Das erstere werde ich tun, das letztere nicht, +wozu?</p> + +<p>Ich fahre als Stewardeß und mustere in New York +ab, wozu unnütz Geld ausgeben?</p> + +<p>Vorläufig habe ich sowieso nicht allzu viel, und +es widerstrebt mir, etwas von ihm anzunehmen, +bevor ich sein Weib bin.</p> + +<p>Auf der Rückreise können sie mich an Bord ganz +gut entbehren, wir haben nach draußen zu jetzt doch +wenig Passagiere. —</p> + +<p>Aber meinen süßen, kleinen Pit muß ich mitnehmen. +Ob er wohl seekrank wird?</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Gestern bin ich noch einmal an Werners Grab gewesen. +Ich habe Abschied genommen auf lange Zeit, +vielleicht für immer.</p> + +<p>Es war, trotz aller schlimmen Erfahrungen, ein +seliges Stück meiner Jugend, das da oben auf dem stillen +Friedhof auf der Höhe ruht. Die schmerzlichen +Tränen, die ich geweint, bringen es mir nicht zurück.</p> + +<p>Und doch, wie wandelbar ist der Mensch!</p> + +<p>Wer mir vor elf Monaten gesagt hätte, daß ich +einmal wieder so ruhig über alles denken würde, ich +hätte ihn für roh und gefühllos gehalten. Und nun? +Ja, ja, es ist schon so, das Leben ist brutal. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Zum letzten Male zu Hause.</p> + +<p>Noch einmal bin ich um den Außendeich gegangen. +--</p> + +<p>Es wird Herbst. Kalt und unfreundlich bläst der +Wind über das Wasser. Die Sonne hat ihre strahlende +Glut verloren, fahl und glanzlos versinkt sie in den +Wellen.</p> + +<p>Lange starre ich in die verglimmenden Farben.</p> + +<p>Könnte ich schauend vergessen, was mir das Leben +getan!</p> + +<p>Doch Kopf hoch! Ich werde es vergessen, denn +ich muß. Das Leben ist zu hart, um nur zu schauen +und zu träumen. —</p> + +<p>Das alles sage ich mir, und doch wende ich mich +traurig um und lenke meine Schritte heimwärts. —</p> + +<p>Wie das Laub zu meinen Füßen starb mein schöner +Sommertraum. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Die letzte Reise!</p> + +<p>Eigentlich ist es mir trotz alledem etwas wehmütig +zu Sinn. Es war doch ein interessanter +Abschnitt meines wechselvollen Daseins. – Was für +Gestalten gehen an einem vorüber! In wie manches +Schicksal sieht man hinein!</p> + +<p>Glück und Unglück, Haß und Neid, Liebe und +Abneigung, Gleichgültigkeit und Verachtung – wie +nahe kommt es einem, und wie eng zusammengedrängt +ist es zwischen den Wänden dieser schwimmenden +Riesen. Mancher Bund wird geschlossen und +manches noch so fest scheinende Band löst sich.</p> + +<p>Kaleidoskopartig wechselt es von Reise zu Reise.</p> + +<p>Vorbei! —</p> + +<p>Meinen kleinen Pit darf ich leider nicht bei mir +haben. Er ist ganz oben auf dem obersten Deck in +der Hundevilla. Noch zwei kleine reizende Kerls sind +bei ihm und eine prachtvolle siamesische Katze, die +einer älteren Dame gehört.</p> + +<p>Gesellschaft hat er also genug. Trotzdem sitzen +alle Bewohner der Villa verdrossen in ihrem Käfig, +und Pit ist immer halb wahnsinnig, wenn ich hinaufkomme +und ihn ein halbes Stündchen auf Deck lasse.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Um zehn Uhr waren wir am Pier; Mr. Siegel war +schon da und winkte von weitem.</p> + +<p>Als die Passagiere gelandet, kam er sofort an Bord +und brachte mir einen Strauß roter Rosen, dieselbe +Farbe wie immer.</p> + +<p>Ich freute mich doch sehr, ihn zu sehen; obgleich +ich keinen Augenblick daran gezweifelt habe, daß er +Wort halten würde, war es mir doch immer, als ob +es gar nicht wahr sein könnte. —</p> + +<p>Heute nachmittag mustere ich ab und morgen +gehe ich vom Schiff.</p> + +<p>Mr. Siegel war beim Kapitän und hat mit ihm gesprochen, +er wird morgen mit uns fahren und unser +Trauzeuge sein.</p> + +<p>Es war mir sehr angenehm, denn trotz aller Vernunftgründe +beschlich mich zuweilen doch ein unangenehmes +Gefühl, wenn ich an meine erste amerikanische +Trauungsfahrt dachte. —</p> + +<p>Dies ist nun die dritte, der Himmel mag mir beistehen, +daß es zum Guten ausfällt.</p> + + + +<hr class="hr65" /> +<h2><a name="VI" id="VI"></a>VI.<br /> + +Im sichern Hafen.</h2> + + +<p>In der kleinen evangelischen Kirche auf dem Berge +sind wir getraut. Nach der Trauung sind wir +alle – Kapitän Heymann, Pastor Morris, seine Frau +und wir beide – nach New York gefahren, wo Mr. +Siegel, vielmehr mein Mann, im Astoria ein exquisites +kleines Diner bestellt hatte. Wir waren recht vergnügt +zusammen, und Kapitän Heymann hielt sogar +noch eine launige Rede, in der er bedauerte, daß er +nicht jede Reise eine junge, hübsche Stewardeß zu +verheiraten habe. —</p> + +<p>Ich fürchte nur, es wird auch nicht oft einen +Mr. Siegel geben. —</p> + +<p>Nach dem Essen, als wir allein waren, bat ich +meinen Mann, noch eine kleine Ausfahrt mit mir zu +machen. —</p> + +<p>Ich bin mir selbst nicht klar über das, was in mir +vorging.</p> + +<p>Ein beinahe krankhaftes Verlangen beherrschte +mich, jenes Haus einmal wiederzusehen.</p> + +<p>Wie es den Verbrecher unwiderstehlich an den Ort +seiner Schandtat treibt, so geht es mir mit jenem Hause.</p> + +<p>Langsam fuhren wir am Broadway hinauf, durch den +Centralpark und die fünfte Avenue wieder herunter.</p> + +<p>Aufmerksam habe ich jedes Haus geprüft, ich +konnte es nicht finden. Manchmal meinte ich wohl, +das muß es sein, dann wurde ich wieder irre. Alle +Häuser haben Fenster, und ich meine, dieser Kerker +habe nach der Straße zu keine Fenster gehabt. —</p> + +<p>Auch an den Doktor muß ich denken; wüßte ich nur +seinen Namen und seine Adresse, so würde ich ihn von +meinen veränderten Verhältnissen in Kenntnis setzen.</p> + +<p>Auch Werners Tod hätte ich ihm melden müssen, +er hat es um mich verdient. Es ist schade, daß ich +nicht weiß, wie er heißt. — —</p> + +<p>Heute Abend fahren wir weiter. —</p> + +<p>Leb' wohl für einige Zeit, mein treuer Weggenoß; +möchte es nur Gutes sein, was ich dir ferner anzuvertrauen +habe. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Sechs Wochen später.</p> + +<p>Wir sind noch für drei Wochen in dem idyllisch +gelegenen Seebad Bar Harbour gewesen. Wie ein +kleines Paradies ist dieses Fleckchen Erde, und ich +war glücklich, restlos glücklich.</p> + +<p>Keine Angst, keine Sorgen, ein Gatte, der mir +jeden Wunsch an den Augen absieht – es ist doch +schön auf der Welt. —</p> + +<p>Schön, solange man jung ist. Auch ohne die vielgepriesene +Liebe.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Chikago, den 28. Oktober.</p> + +<p>Mein Gatte muß doch reicher sein als ich gedacht. +Das »kleine Häuschen«, das er nach seiner Rückkehr +von Europa gekauft, ist ein ganz stattlicher Bau und +liegt in einem prachtvollen, alten Garten am Lake +Shore Drive. Das Haus hat früher einem reichen +Schweinezüchter gehört, und mein Mann hat es +hauptsächlich meinetwegen gekauft, da ihm sein altes +Haus an Sheridan Road nicht hübsch genug war.</p> + +<p>Ich bin ihm sehr dankbar, wir leben in glücklichster +Gemeinschaft und kein Schatten trübt unser +Leben.</p> + +<p>Ich will ihm eine treue und gute Gefährtin sein. +Nie soll er empfinden, daß nicht mein volles Herz +ihm gehört. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe dich lange nicht in Händen gehabt, +kleines Buch. Mein Leben läuft so glatt und ereignislos +dahin, daß ich kaum etwas aufzuzeichnen +habe. Ich lebe, wie eine Amerikanerin der besseren +Stände lebt. —</p> + +<p>Mit meinem Manne verbindet mich innigste +Freundschaft.</p> + +<p>Er bespricht alles mit mir und freut sich, daß ich +seinem Wirken und Schaffen so lebhaftes Interesse +entgegenbringe. —</p> + +<p>Und mir wiederum macht es Freude, daß ich teilhaben +darf an seiner Arbeit. —</p> + +<p>Trotzdem bin ich nicht voll befriedigt, ich habe +noch zu viel unausgefüllte Zeit.</p> + +<p>Ja, wenn ich ein Kind hätte! Ob ich vergebens +auf dies höchste Glück warte? Auch mein Mann +würde sich freuen, und ich würde ihm doch so gern +einmal eine recht große Freude machen. —</p> + +<p>Ich muß jetzt oft wieder an den 20. Februar vor +zwei Jahren denken. Welches Glück empfände mein +Mann, wenn ich ihm einen Knaben schenkte, und +wie unwillkommen war das arme Kind damals! Ob +es wirklich tot ist?</p> + +<p>Ich habe ein so sonderbares Gefühl, eine Art Unterbewußtsein, +das mir sagt, mein Kind lebt. —</p> + +<p>Wer gibt mir Gewißheit? —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich bin einige Monate recht faul gewesen. —</p> + +<p>Im Unglück und in der Einsamkeit habe ich mich +immer zu dir geflüchtet, jetzt, in meinem wohleingerichteten +Leben vergesse ich dich oft, kleiner Freund.</p> + +<p>Eine Entschuldigung habe ich wenigstens: ich +hatte keine Zeit.</p> + +<p>Wir sind einige Monate auf Reisen gewesen. Drei +Wochen in Ägypten und drei Wochen in Italien, von +wo aus wir einen kleinen Abstecher nach Paris gemacht +haben. —</p> + +<p>Mein Mann ist zu gut, die ganze Welt möchte er +mir zeigen, er weiß gar nicht, was er mir alles Liebes +erweisen soll. Und ich stehe so bettelarm daneben +und kann ihm gar nichts geben, nicht einmal ein +ganzes volles Herz. —</p> + +<p>Ob er nie etwas vermißt? Glühende Küsse, stürmische +Umarmungen?</p> + +<p>Ich bin ihm sehr gut – aber ich bin mir zuweilen +selbst ein Rätsel. Nichts treibt mich zum Manne.</p> + +<p>Ich bin doch jung, sehr jung!</p> + +<p>Aber nie mehr seit jenen heißen, schwülen Sommernächten +auf dem heimatlichen Gut fiebert mein Blut +dem Manne entgegen. —</p> + +<p>Auch bei aller Liebe zu Werner, es war nichts +Stürmisches, kein leidenschaftliches Begehren in +meiner Liebe.</p> + +<p>Ruhig und still wie ein linder Sommerabend.</p> + +<p>Oft denke ich, ich habe zu früh vom Baume der +Erkenntnis gegessen. Vielleicht war mein Körper +doch noch nicht entwickelt genug, um den Anforderungen +ohne Schaden gerecht zu werden, die +das Mutterwerden an das Weib stellt. — —</p> + +<p>Oder ist es das verdorbene, degenerierte Blut des +Vaters, das dies sonderbare Wesen aus mir gemacht hat?</p> + +<p>Ich erzähle dir wieder allen möglichen Unsinn, du +mein kleiner, verschwiegener Freund; und ich wollte +dir doch nur sagen, daß ich sehr, sehr glücklich sein +könnte, wenn —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mein kleiner, süßer Pit. Ich hatte ihn zurückgelassen, +nun war er wie von Sinnen, als ich heimkam, +und ging mir nicht vom Schoß. Ich werde ihn +jetzt immer mitnehmen, wenn ich auf Reisen gehe. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Heute ist mein zwanzigster Geburtstag; ich wollte, +es wäre der vierzigste. Ich fühle mich auch viel eher +wie vierzig. —</p> + +<p>Ich weiß nicht, ich kann in der letzten Zeit gar +nicht so recht von Herzen froh sein. Ich bin im +Gegenteil sonderbar trüb gestimmt.</p> + +<p>Ich möchte schreiben und kann nicht. Ein geheimnisvolles +Glücksgefühl keimt leise, ganz leise in +meinem Innern. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe nie leicht geweint. Es war mir immer +unsympathisch, wenn Frauen um jede Kleinigkeit in +Tränen zerflossen. Aber jetzt bin ich selbst die reine +Trauerweide. Um nichts muß ich weinen. —</p> + +<p>Pit tröstet mich, er will mir immer die Tränen von +den Wangen küssen. Sonderbar, gerade als ob er +wüßte, daß Tränen an den Wimpern etwas Schmerzliches +bedeuten. —</p> + +<p>Und müde bin ich, so müde. —</p> + +<p>Mein Mann ist von einer Aufmerksamkeit, die +geradezu rührend ist. Ob er etwas ahnt? Noch habe +ich ihm nichts gesagt, die Enttäuschung wäre sonst +zu groß. Später. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Weihnachten!</p> + +<p>Ich bin beschenkt worden wie eine Fürstin, und +doch sagt mein Mann, ich habe ihm noch viel mehr +gegeben.</p> + +<p>Er ist außer sich vor Glück. Aber ich glaube, er +wünscht sehr, daß es ein Junge ist. Ich nicht, ich +möchte viel lieber ein Mädchen. Jungens gehören +der Mutter nie so lange wie ein Mädchen. —</p> + +<p>Und doch sollte ich andererseits gar nicht den +Wunsch haben, der Welt ein solches Wesen zu +schenken. Wie leicht kann ihm einmal mein eigenes +Schicksal zustoßen. —</p> + +<p>Aber nein! Das sind Hirngespinste.</p> + +<p>Ich werde dafür sorgen, daß meine Tochter einst +gewappnet ins Leben tritt. Meine Tochter! Meine +Tochter! Welch süßer Klang in meinem Ohr!</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Heute bin ich zum ersten Male wieder vollständig +außer Bett, und da sollst du, mein geduldiger Freund, +auch sogleich mein neues Glück erfahren.</p> + +<p>Ich bin Mutter!</p> + +<p>Weißt du, was dieses Wort bedeutet? Was es für +mich bedeutet?</p> + +<p>Und auch mein innigster Wunsch ist erfüllt. Es +ist ein Mädchen, ein kleines, süßes Mädchen.</p> + +<p>Ob mein Mann enttäuscht war? Ich weiß es nicht, +gefühlt habe ich es nicht. Seine Liebe und Fürsorge +gehen ins Ungemessene. —</p> + +<p>Und ich? Muß ich dir sagen, <em class="gesperrt">wie</em> glücklich ich +bin? Das süße, kleine Geschöpf, dem ich jetzt alles bin!</p> + +<p>Mein Mann wollte eine Amme, um mich zu schonen, +aber ich gebe mein Kind keiner fremden Person; das +höchste Glück, das kleine Wesen an der Brust zu +haben, gönne ich niemand. —</p> + +<p>Drollig ist es, Pit zu beobachten. Er ist richtig +eifersüchtig. Wenn ich das Kind auf dem Schoß habe, +weint und jammert er, kratzt an meinem Kleid und +geberdet sich ganz unsinnig. Lege ich das Kind in +sein Bettchen, so springt er mit einem Seufzer der +Erleichterung auf meinen Schoß und kuschelt sich +umständlich zurecht, dabei fortwährend entrüstete +Blicke nach dem kleinen Eindringling werfend.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mein Mann findet, daß mich die Pflege des Kindes +zu sehr anstrengt. Ich soll es nicht mehr stillen oder +soll an einen schönen Platz aufs Land, wo ich gute, +frische Milch und reine Luft habe.</p> + +<p>Ich gehe also lieber aufs Land, damit ich meinen +kleinen Liebling noch länger ganz für mich allein habe.</p> + +<p>Das Kind entwickelt sich prächtig, und mein +Mann ist ganz vernarrt. Seine Enttäuschung über +den ausgebliebenen Thronfolger hat er verschmerzt. +Oder hofft er noch? —</p> + +<p>Nein, ich möchte keinen Jungen haben. Ein +Junge, der mir aus den Händen wächst und vielleicht +auch einmal Wege geht, auf denen die Weiblichkeit +durch den Schlamm gezogen wird. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mowbray, Rocky Mountains, den 6. Juni.</p> + +<p>Ich habe heute eine Begegnung gehabt, die mich +bis ins Innerste erschüttert hat. Alles, die ganze +Vergangenheit ist mit einem Schlage wieder lebendig +geworden. —</p> + +<p>Ich habe den Doktor getroffen, meinen Doktor!</p> + +<p>Er ist für einige Wochen hier zur Erholung. —</p> + +<p>Nun weiß ich auch seinen Namen. Curtis heißt er.</p> + +<p>Doktor Curtis freute sich sehr, als er mich sah, +war aber natürlich ebenso sehr verwundert, mich hier +im Westen zu sehen.</p> + +<p>Zuerst war ich natürlich doch etwas beunruhigt, +aber ich brauche ihn nicht zu fürchten, er ist ein anständiger +Mensch, und niemand wird etwas durch +ihn erfahren. Warum hätte er sich auch wohl so viel +Mühe mit meiner Rettung gegeben?</p> + +<p>Ich bin jetzt auch lange nicht mehr so in Sorge +wegen meiner Vergangenheit; wer soll mich hier wohl +erkennen? In einer Hafenstadt ist es doch schon +anders. —</p> + +<p>Lange haben wir auf der Bank gesessen, meine +ganze Geschichte habe ich ihm erzählt, und herzliche +Worte sprach er über den armen Werner.</p> + +<p>Auch über die schrecklichen Verhältnisse in diesen +Häusern, hauptsächlich in den Hafenstädten, haben wir +gesprochen. Eine Änderung wäre nur mit Hilfe der Regierung +und einer eingreifenden Gesetzgebung möglich.</p> + +<p>Der Doktor ist nie wieder bei der Rottmann gewesen. +Auf meine Bitte will er nach seiner Heimkehr +einmal hin. Wenn die Bronja noch da ist und sie +will heraus, soll er ihr behilflich sein.</p> + +<p>Ich habe Geld genug, und mein Mann gibt mir +gern ein paar tausend Dollars, wenn ich ihn darum +bitte, ohne zu fragen wofür.</p> + +<p>Nur meinen Namen darf der Doktor nicht +nennen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich bin ganz allein im Wald. Mein Töchterchen +ist mit der Wärterin im Garten; ich war so unruhig, +ich mußte eine Strecke laufen. —</p> + +<p>Hier ist es himmlisch, die Unruhe fällt von mir +wie ein schwerer, stickender Dunst.</p> + +<p>Wie ein Dom wölben sich die Jahrhunderte alten +Bäume über mir. Die Hände eines Künstlers hätten +es nicht schöner schaffen können. Wie sanft spielt +das grünliche Licht in den Zweigen. Von Baum zu +Baum winden sich Schmarotzerpflanzen mit leuchtenden +Blumen. Eine fast tropische Überschwenglichkeit +herrscht. Der Fuß versinkt wie in dicken Teppichen.</p> + +<p>Kann man sich unglücklich fühlen in solcher Umgebung? +— —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Der Doktor ist abgereist, er wird mir schreiben, +sobald er mir etwas zu berichten hat.</p> + +<p>Auch ich werde mich zur Heimkehr rüsten, ich +sehne mich nach meinem Heim und seinem Herrn.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>— — — — — — — — — — — —</p> + +<p>Lange Jahre sind es her, seit ich nicht mehr in +mein Büchlein geschrieben habe. Oft hatte ich es in +Händen und ließ die eng beschriebenen Seiten durch +die Finger gleiten, doch nichts, was mir des Aufzeichnens +wert schien, ist in diesen Jahren durch +mein Leben gegangen. —</p> + +<p>Einfache tägliche Erlebnisse, kleine Freuden, +kleine Leiden. —</p> + +<p>Mein Töchterchen wächst heran und verspricht +körperlich und geistig das Beste. Meinem Manne +bin ich in den letzten Jahren immer unentbehrlicher +geworden bei seinen ausgedehnten Geschäften, und +das erfüllt mich mit ganz besonderem Stolz. Es +zeigt mir, daß ein Weib doch auch zu etwas anderem +zu gebrauchen ist, als nur zu inhaltlosen Tändeleien.</p> + +<p>Ich habe also in gewisser Weise erreicht, was ich +erreichen wollte, und könnte dich nun endgültig zur +Seite legen, mein kleiner papierener Freund.</p> + +<p>Aber – ich kann es doch nicht. Es ist mir wie +ein Unrecht, das ich an dir begehe. —</p> + +<p>Und dann, ich möchte, falls ich früher sterbe als +mein Mann, das Buch in seine Hände legen, damit +er sieht, wen er an sein Herz genommen hatte. +Stirbt mein Mann vor mir, so soll meine Tochter die +Aufzeichnungen ihrer Mutter lesen, sie wird daraus +ersehen, wie viel ein Weib ertragen kann, ohne daß +es seelisch zugrunde geht. —</p> + +<p>Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, +daß Bronja wieder in ihrer Heimat ist. Der Doktor +hat ihr zweitausend Dollars gegeben, hat ihr ein +Billett besorgt und sie auch nach dem Dampfer gebracht. +Sie hat so große Sehnsucht nach ihrem Kinde +gehabt.</p> + +<p>Mögen die guten Wünsche, die sie für die unbekannte +Wohltäterin ausgesprochen, sich an ihr selbst +erfüllen! —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wir gehen in diesem Frühjahr nach Europa. Mein +Mann ist gar nicht recht wohl; ein Herzleiden, das +er schon längere Jahre hat, macht ihm viel zu schaffen.</p> + +<p>Die Geschäfte bringen zuviel Aufregung, er muß +deshalb einmal vollständig ausspannen. —</p> + +<p>In Bad Nauheim werde ich dafür sorgen, daß ihm +jede Aufregung fern bleibt.</p> + +<p>Wir sind reich, sehr reich.</p> + +<p>Daran, daß ich mir in keiner Weise Beschränkungen +aufzulegen brauchte, merkte ich schon früher, +daß wir über reiche Mittel zu verfügen hatten. In +den letzten Jahren, wo ich mich um alle geschäftlichen +Angelegenheiten kümmere, weiß ich, daß wir +nicht mehr zu arbeiten brauchten. Aber es geht mir +genau wie meinem Manne, ich könnte mich nicht +darein denken, daß alles, sein ganzes Lebenswerk, +für andere geschaffen sein sollte.</p> + +<p>Und ist nicht die Arbeit eine herrliche +Trösterin?</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Lou freut sich furchtbar auf unsere Reise. Sie +ist nun zehn Jahre alt und hat schon einiges Verständnis +dafür. —</p> + +<p>Doch für mich gibt es nun wieder allerlei heikle +Punkte.</p> + +<p>Das Fragen nimmt kein Ende.</p> + +<p>»Wo ist deine Heimat, Pa?«</p> + +<p>»Bist du in einem Dorf zu Hause oder in einer +Stadt, Ma?«</p> + +<p>Was soll ich antworten? Ich fürchte auch, mein +Mann denkt sich etwas dabei, wenn ich zu sehr ausweiche.</p> + +<p>Ich selbst fiebere förmlich bei dem Gedanken, daß +ich von Bad Nauheim aus in einigen Stunden da sein +kann, wo das stille alte Haus der Großeltern im dunkeln +Tannenwald träumt.</p> + +<p>Ob ich es einmal wage? Unerkannt könnte ich +sie vielleicht sehen. – Ach, ich glaube, ich würde +mich verraten, wenn ich sie vor mir sähe. – Und +Prinz, der alte Hühnerhund! Er würde mich sofort +erkennen, wenn er noch lebt. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Dienstag, den 28. Mai sind wir mit der »Spree« +von New York abgefahren. Mein Mann hat ein hübsches +Pullmanset für uns belegt, und wir sind ganz begeistert +von der Bequemlichkeit und Eleganz der +Einrichtung. Man merkt kaum, daß man auf See ist.</p> + +<p>Lou ist ganz und gar aus dem Häuschen. Ihr +Vater erfreut sich, glaub' ich, zum ersten Male vollkommen +ohne irgendwelche Ablenkung an ihrer +frischen, kindlichen Heiterkeit.</p> + +<p>Ich finde, er erholt sich schon jetzt von Tag zu Tag.</p> + +<p>Mir selbst geht es sonderbar. Von der ersten +Stunde an, da ich das Schiff betrat, ist mir so +sonderbar unruhig zu Sinn.</p> + +<p>Ich suche etwas und weiß nicht was. —</p> + +<p>Gleich am ersten Abend bin ich ein Stündchen +auf Deck gewesen.</p> + +<p>Wie wunderbar ist die reine, salzige Luft! Welch +wunderbare Farben verglimmen am Horizont und +wecken tausend Erinnerungen, süße und schmerzliche, +in meiner Brust!</p> + +<p>Sonnenuntergang! Der ganze Horizont ist von +einem satten, tiefen Rot. Der Himmel scheint wie +ein einziger großer ausgehöhlter Rubin über uns zu +hängen.</p> + +<p>Das Wasser ist so ruhig wie ein See, nur hie und +da tanzen rotgoldene Lichter; gibt es Schöneres?</p> + +<p>Doch alles Schöne ist vergänglich. Kaum eine +halbe Stunde, und grau und fahl, gespensterhaft +liegt die unabsehbare Fläche vor mir. —</p> + +<p>Mich friert trotz des warmen Wetters.</p> + +<p>Es macht traurig, immer an die Vergänglichkeit +alles wahrhaft Schönen erinnert zu werden. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Bad Nauheim.</p> + +<p>Deutschland bekommt mir nicht. Mein Mann erholt +sich von Tag zu Tag, und ich verzehre mich +selbst vor Unruhe.</p> + +<p>Die Luft hier ist erfüllt von Erinnerungen.</p> + +<p>Diese ganzen Jahre hatte ich alles vergessen, die +Heimat, die Großeltern und – die Schuld!</p> + +<p>Nun wacht alles wieder auf, und ich stehe schwindelnd +am Wege und weiß nicht, wohin er mich führen +wird.</p> + +<p>Ich sehe ein, daß eine Schuld wie ein Schmutzfleck +auf der Vergangenheit liegt, der sich nie wieder +auslöschen läßt.</p> + +<p>Mag man zuweilen glauben, daß er verblaßt, mag +man sein Vorhandensein für einige Zeit vergessen, er +kommt wieder. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich kann es nicht mehr aushalten, ich muß hin!</p> + +<p>Ich muß wenigstens versuchen, die alten Leute +von weitem zu sehen.</p> + +<p>Ob sie noch leben? Aber warum nicht? Vierzehn +Jahre sind es her, seit ich von ihnen ging, und +die Leute in meiner Heimat werden alt. —</p> + +<p>Ob ich es wage und unter dem Deckmantel einer +Fremden das Jagdschloß besehe?</p> + +<p>Werde ich mich beherrschen können?</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich war da!</p> + +<p>Unter dem Vorwand, etwas in Frankfurt besorgen +zu wollen, bin ich hingefahren.</p> + +<p>Ich habe meinen Mann belogen; diesen besten, +gütigsten aller Männer habe ich belogen! So gebiert +noch nach Jahren die alte Schuld neue Konflikte und +Verwicklungen.</p> + +<p>Ich bin froh, daß ich es getan. Ich werde Ruhe +finden, nun ich die alten lieben Großeltern gesehen. +--</p> + +<p>Und doch hätte ich aufschreien können, als ich +die gebückte Gestalt des Großvaters an mir vorübergehen +sah.</p> + +<p>Ob sie sich gewundert haben über die fremde Frau, +die so gern das alte Jagdschloß sehen wollte, und die +gar so dicht verschleiert war?......</p> + +<p>Wie glücklich würde es mich machen, wenn ich +ihnen meine Lou bringen könnte, mein prächtiges, +liebes Mädchen!</p> + +<p>Und wie würden sie sich freuen!</p> + +<p>Aber das ist alles für mich unmöglich, es ist ein +verlorenes Paradies, in das ich mit brennenden, +sehnsüchtigen Augen starre.</p> + +<p>Und warum? War es nur <em class="gesperrt">meine</em> Schuld, daß ich +diesen Weg der Lüge und der Verstellung wandern +muß?</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Morgen fahren wir nach E., um von da aus die +Heimat meines Mannes zu besuchen.</p> + +<p>Lou freut sich königlich. Sie denkt sich wohl das +Häuschen, in dem ihr Vater geboren, als eine niedliche, +kleine Villa. —</p> + +<p>Hoffentlich ist sie nicht zu sehr enttäuscht. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Seit fünf Tagen sind wir auf Capri. Der Arzt +hält die Fahrt von hier aus für besser. Ich freue mich +über das gute Aussehen meines Mannes; hoffentlich +hält es an.</p> + +<p>Am Siebzehnten fahren wir von Genua aus mit +der »Prinzeß Irene« wieder nach Hause. —</p> + +<p>Die letzten Tage in Deutschland sind uns wie im +Fluge vergangen. —</p> + +<p>Die paar Stunden, die wir in der Heimat meines +Mannes zugebracht haben, waren auch für mich eine +Erquickung.</p> + +<p>Lou war gar nicht enttäuscht. Im Gegenteil, +alles war ihr neu und köstlich.</p> + +<p>Und ich?</p> + +<p>Ich beneide meinen Mann um seine arme, aber +fleckenreine Vergangenheit. Welch ein Triumph war +es für den armen, herumgestoßenen Waisenknaben, +daß er so vor seine Landsleute hintreten konnte! —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich bin des Reisens müde und freue mich, heimzukommen.</p> + +<p>Heim? Wohin zieht es mich?</p> + +<p>Bald reißt die alte Heimat an meinem Herzen, +bald die neue.</p> + +<p>Ich habe Heimweh und bin nirgends zu Hause. —</p> + +<p>Und doch ist meine Heimat da drüben in dem +Lande, das mich trotz aller Schuld der bürgerlichen +Gesellschaft wiedergegeben hat.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nach zwei Jahren.</p> + +<p>Amerika hat nicht gehalten, was Europa versprochen.</p> + +<p>Das Befinden meines Mannes ist wieder ebenso +schwankend wie vor unserer Reise.</p> + +<p>Er muß sich schonen, und um ihm dazu Gelegenheit +zu geben, habe ich nach und nach die Geschäfte +fast ganz in meine Hände genommen. Es war ein +schweres Stück Arbeit, aber es ist mir gelungen.</p> + +<p>Der alte Thomas, der schon seit Jahren meines +Gatten rechte Hand ist, bespricht alles mit mir. +Und nur wenn etwas ganz besonders Wichtiges vorliegt, +müssen wir erst seinen Rat einholen.</p> + +<p>Aber wir sorgen schon dafür, daß es keine aufregenden +Sachen sind, die wir mit ihm besprechen. —</p> + +<p>Oft sagt mein Mann zu mir: »Du hast mich schon +gar nicht mehr nötig, Liebling. Du bist so entschlossen +und umsichtig, wie nur je ein Mann es sein könnte.«</p> + +<p>Das macht mich stolz. Es erfüllt mich mit ungeahnter +Befriedigung, daß ich meine Kräfte so entfalten +kann. Daß ich diesem Manne, der mich genommen, +ohne viel zu fragen, einen Teil der Schuld +abtragen kann.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nun muß ich die Geschäfte Thomas überlassen +und mich ganz meinem Manne widmen. Werde +ich ihn mir erhalten? Er ist sehr krank.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Meine Lou, mein liebes, gutes Kind; sie ist mir +ein rechter Trost in diesen schweren Tagen.</p> + +<p>Wie liebt sie ihren Vater! Sie weicht kaum von +seinem Lager. Ich hätte dem kleinen, lustigen Vogel +gar nicht so viel tiefes Gefühl zugetraut. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Das Schlimmste ist vorüber.</p> + +<p>Es waren lange, schwere Wochen, aber noch einmal +haben wir gesiegt. Und nun gehen wir wieder +nach Europa; noch einmal soll Nauheim seine Wunderkraft +beweisen.</p> + +<p>Lou freut sich wieder sehr auf die Fahrt, wenn +auch die Freude etwas gedämpft wird durch des +guten Vaters Krankheit. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wieder einmal bin ich auf meiner geliebten See. +Sie zeigt sich mir diesmal nicht von der besten Seite. +Wir haben Sturm und Regen, und der Wind rast über +Deck, daß es kaum möglich ist, nach oben zu gehen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe eine Begegnung gehabt, die alles, was +langsam zur Ruhe gekommen war, wieder in Aufruhr +gebracht hat.</p> + +<p>Ich müßte mich sehr irren, wenn nicht Smith, +Herbert Smith, an Bord wäre. Er trägt einen kurz +verschnittenen Vollbart, und doch habe ich ihn sofort +erkannt.</p> + +<p>Wie ein elektrischer Schlag ging es durch meinen +Körper. Und auch er muß mich erkannt haben, denn +ein leichter Schreck huschte über seine Züge.</p> + +<p>Das Geschäft muß sehr viel einbringen, denn er +fährt erste Kajüte. —</p> + +<p>Was soll ich tun?</p> + +<p>Soll ich diesen Menschen ungehindert seines Weges +ziehen lassen?</p> + +<p>Ist es nicht vielmehr meine Pflicht, ihn zu entlarven?</p> + +<p>Alles in mir ist in Aufruhr. Wird man mir +glauben?</p> + +<p>Nein, man wird mir nicht glauben, oder doch nur +dann, wenn ich mich selbst preisgebe.</p> + +<p>Und mein Mann! Wie würde er es ertragen?</p> + +<p>Ach, und mein Kind, meine Lou!</p> + +<p>Nein, ich kann es nicht, jetzt noch nicht!</p> + +<p>Ich kann in den reinen Augen meines Kindes +nicht als eine Verworfene dastehen! —</p> + +<p>Ein Vorfall kam mir ins Gedächtnis, den ich vor +einigen Jahren erlebte.</p> + +<p>Quälende Selbstvorwürfe peinigten mich; ich +fühlte mich unsäglich elend und unglücklich und +weinte still in meinem Zimmer.</p> + +<p>Da kam Lou zu mir herein, und als sie meine +Tränen sah, war sie ganz Mitleid. Stürmisch umschlang +sie meinen Hals.</p> + +<p>»Mama, süße Mama, warum weinst du?« rief sie +zärtlich.</p> + +<p>Ich schüttelte mit dem Kopfe, ich konnte kein +Wort hervorbringen vor lauter Schluchzen.</p> + +<p>Als ich mich etwas gefaßt hatte, sagte ich:</p> + +<p>»Laß mich, Kind, laß mich allein!«</p> + +<p>»Mama, sei gut; sage mir, warum du weinst. Wer +hat dir etwas zuleide getan?«</p> + +<p>»Niemand, Liebling. Mama muß an früher denken. +Damals als sie noch nicht ihren Liebling, ihre Lou, +hatte.«</p> + +<p>»Darüber brauchst du doch nicht zu weinen, +süße Ma!«</p> + +<p>»Aber Mama hat damals sehr viel Schweres durchgemacht, +und darüber muß sie weinen.«</p> + +<p>»Aber du sollst nicht weinen, Ma. Wer hat dir +etwas getan? Ich werde es Pa sagen. Niemand darf +dir etwas tun!«</p> + +<p>»Aber die Mama war nicht gut gewesen und hatte +Strafe verdient, Liebling.«</p> + +<p>»Aber Mama! Wenn das der Papa hörte! Du +bist doch meine liebste, beste, einzigste Mama.«</p> + +<p>»Hast du mich denn so lieb, mein Engel?«</p> + +<p>»So lieb!« jauchzte das kleine Geschöpf und umschlang +mich mit ihren Armen. — —</p> + +<p>Nein, ich kann es nicht von mir wälzen. Um des +Kindes willen nicht.</p> + +<p>Was sollte aus ihr werden, wenn sie den Glauben +an die Mutter verlieren müßte? — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Meinem Manne geht es schlecht. Er leidet stark +an Atemnot.</p> + +<p>Wären wir erst in Nauheim. Ich darf ihn nicht +verlieren, jetzt noch nicht. Ich würde wieder ganz +einsam sein – denn noch kann mir mein Kind, +meine Lou, den Gatten nicht ersetzen. —</p> + +<p>Ich habe mich nie nach einer Freundin gesehnt, +mein Gatte war mir alles.</p> + +<p>Doch sollte er von mir gehen, und ich allein die +Strecke wandern müssen, die ich noch vor mir habe, +so werde ich Trost in der Arbeit und bei meinem +Kinde suchen.</p> + +<p>Nur jetzt laß ihn mir noch, noch ist es zu früh. —</p> + +<p>Wenn es wahr ist, daß <em class="gesperrt">die</em> Ehen am glücklichsten +sind, in denen die Liebe des Mannes größer ist als +die der Frau, so mag es davon kommen, daß die +unsere so überaus glücklich war.</p> + +<p>Sicher muß aber auch die Frau danach sein, +wenn eine solche Ehe wirklich glücklich sein soll.</p> + +<p>Was ihr an Liebe fehlt, muß sie durch Pflichtgefühl +ersetzen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mein Mann erholt sich nicht wieder. Der Arzt +läßt mir keine Hoffnung.</p> + +<p>Es kann noch Monate währen, es kann auch plötzlich +kommen, ich muß auf alles gefaßt sein. —</p> + +<p>Es ist Arterienverkalkung dazugekommen.</p> + +<p>Der Ärmste, er hat in seiner Jugend zu viel gearbeitet +und entbehrt.</p> + +<p>Ich bin jetzt ganz gefaßt und zeige meinem Manne +immer ein fröhliches Gesicht; er darf nicht ahnen, wie +es um ihn steht.</p> + +<p>Ob er wirklich nichts ahnt? – Seine sonderbaren +Reden machen mich manchmal stutzig.</p> + +<p>»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Liebling,« +sagte er kürzlich zu mir.</p> + +<p>»Tu' ich es denn jetzt nicht mehr, Liebster?« +fragte ich scherzend.</p> + +<p>»Immer! Aber wenn ich einmal von dir gehen sollte, +Lotti, wirst du mich auch nicht so bald vergessen?«</p> + +<p>»Ich dich vergessen? Wie redest du nur? Du +bleibst noch lange bei uns. Denk' an Lou! An deine +Lou! Du mußt noch bei uns bleiben! Hörst du?«</p> + +<p>Tränen liefen mir über die Wangen, und auch ihm +verging vor Rührung die Stimme. »Wie gerne möchte +ich! Und doch, kann ich nicht ohne Sorge gehen? +Ruht nicht mein Lebenswerk in guten Händen? +Du bist ein ganzer Mensch geworden, meine Lotti.«</p> + +<p>»Du warst mein Lehrer, ich war in guten Händen.«</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich möchte gern wieder einmal in meinen Wald, +darf aber nicht wagen, meinen Mann zu verlassen.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Gestern hatte ich eine Begegnung, die mich +gleicherweise erschreckte und erfreute.</p> + +<p>Der Herzog ist hier, der Herzog von B.</p> + +<p>Das also ist mein Vater! Dieser blasse, schmale +Herr!</p> + +<p>Ich hab' ihn mir anders vorgestellt. Als einen +ritterlichen, sieghaften Mann. —</p> + +<p>Er wird anders gewesen sein, als meine Mutter +ihn geliebt hat. Nun ist er krank, herzleidend +natürlich.</p> + +<p>Er hat keine Kinder und eine kalte, unsympathische +Gattin.</p> + +<p>Das ist die Strafe! Die gerechte Strafe für meine +zerstörte Jugend und den frühen Tod meiner Mutter.</p> + +<p>Ich möchte ihn hassen – und doch – ich kann +es nicht. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Gestern hat er mit Lou gesprochen, mit meiner +Lou.</p> + +<p>Ob wirklich etwas daran ist, an dem Märchen von +der Stimme des Blutes? Ich glaub' es nicht. Wenn +ihm Lou gefällt, so ist das nur natürlich. Jedermann +mag das entzückende, natürliche Geschöpfchen gern.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wir saßen gestern abend auf der Terrasse, mein +Mann und ich.</p> + +<p>Wenn es nicht so sonderbar wäre, so möchte ich +sagen, mein Mann ist mir jetzt teurer als je zuvor.</p> + +<p>Es ist ein solch inniges Verhältnis zwischen uns, +wie es kaum zwischen jungen Liebesleuten sein +kann.</p> + +<p>Ich mag gar nicht von seiner Seite gehen.</p> + +<p>Ist es das nahe Scheiden, das uns so innig vereint? +Hat uns etwas, das mehr ist als Liebe, zusammengeführt?</p> + +<p>Der Rückblick auf meine Ehe läßt mich keinen +Augenblick den Schritt bereuen, den ich getan, trotzdem +es ohne Liebe geschah.</p> + +<p>Könnte ich ebenso sagen von dem, was früher +geschah! — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Heute waren wir zusammen im Wald. Lou suchte +Blumen, und wir beide waren allein unter dem +grünen Gewölbe.</p> + +<p>Die Luft schien geschwängert mit Wohlgerüchen, +und die Ruhe, die uns umgab, hob uns über den Alltag +hinaus.</p> + +<p>»Gibt es etwas Schöneres als unseren deutschen +Wald?« sagte mein Mann sinnend, nachdem er eine +Weile regungslos den Blick nach oben gewandt +hatte.</p> + +<p>Mir traten die Tränen in die Augen. Wer wußte +es besser als ich, wie schön er war. Mit einem Schlage +stand alles vor mir. Das Forsthaus, die Großeltern, +die dunkeln Tannen, alles, alles!</p> + +<p>»Ich möchte im deutschen Walde ruhen, wenn ich +einmal nicht mehr bin, Lottchen. Versprich mir, +daß du mir hier oder in der Heimat ein schönes +Plätzchen unter den rauschenden Tannen aussuchen +willst,« fuhr er fort.</p> + +<p>»Sprich nicht immer vom Sterben, Liebster,« +sagte ich schluchzend.</p> + +<p>»Weine nicht, Lotti. Ich will nicht mehr davon +sprechen, wenn es dich aufregt. Nur versprich mir, +daß du mir meinen Wunsch erfüllen willst. Willst +du, Liebling?«</p> + +<p>»Ich verspreche es dir. Du sollst unter den schönsten +Tannen schlafen, die unser deutscher Hochwald +hat,« sagte ich feierlich.</p> + +<p>Wie eine Vision stieg der Platz vor mir auf. Ich +kannte ihn! Oh, ich kannte ihn!</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich sehe den Herzog fast täglich. Ich möchte vor +ihn hintreten und ihm sagen, wer ich bin.</p> + +<p>Doch wem würde es nützen! Mir? Ich brauche +ihn nicht.</p> + +<p>Meiner Lou? Auch in Deutschland duckt man +sich vor amerikanischen Millionen genau so sehr wie +vor Herzogskronen, das habe ich kennen gelernt.</p> + +<p>Und wenn mein Sinn nach einer Krone stände, +so könnte ich einst eine kaufen für meinen Liebling; +tun es doch so viele. —</p> + +<p>Kronen drücken schwer, das sehe ich jetzt wieder +an dem Fürsten und seiner Gattin. Sie sehen beide +nicht eben glücklich aus.</p> + +<p>Und mein Kind soll glücklich sein.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Das Verhängnis kommt zusehends näher. Mein +Mann hat seine Anfälle immer häufiger. Es ist mir entsetzlich, +ihn so leiden zu sehen und nicht helfen zu +können. Aber hier muß auch die Kunst der Ärzte +Halt machen. Nur erleichtern läßt sich sein Leiden.</p> + +<p>Rührend ist seine Mühe, mit der er mir seine +Schmerzen zu verbergen sucht. —</p> + +<p>Er fürchtet, mir wehe zu tun.</p> + +<p>Gibt es größere Liebe? —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Wie langsam und bleiern die Stunden in die +Ewigkeit rinnen!</p> + +<p>Wie furchtbar muß ein Mensch kämpfen, ehe er +die Hülle abwerfen kann, die doch zuweilen so unsäglich +schwer drückt.</p> + +<p>Stunden hatte ich bereits am Lager meines +Mannes gesessen. Er schien zu schlummern, langsam +und stoßweise nur ging sein Atem.</p> + +<p>Plötzlich bewegte er sich, sah mich einen Augenblick +sinnend an und sagte dann langsam und schwerfällig:</p> + +<p>»Küsse mich, Lotti, und küsse unsere süße Lou +von mir. Sie soll nicht hierherkommen jetzt. Es +ist kein Anblick für ein Kind, wenn ein Mensch mit +dem Tode ringt.«</p> + +<p>Er machte eine kleine Pause und winkte abwehrend +mit der Hand, als ich ihn unterbrechen wollte. +Dann fuhr er fort:</p> + +<p>»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Lotti. +Du hast die Sonne in den grauen Alltag meines +Lebens gebracht, ich danke dir dafür.</p> + +<p>Mit der Fabrik wirst du gut fertig werden, Thomas +steht dir zur Seite. Es wäre mir sehr lieb, +wenn du sie behalten wolltest, meine besten Jahre +hat sie mir gekostet.</p> + +<p>Mich aber laß hier in der Heimat, und willst du +lieber bei mir bleiben, so sei auch dafür gesegnet.«</p> + +<p>Erschöpft schwieg er.</p> + +<p>Sanft strich ich ihm den Schweiß von der Stirn +und drückte einen Kuß auf die Lippen, die nur Worte +der Liebe und Güte für mich gehabt hatten.</p> + +<p>»Alles soll werden, wie du es wünschest,« sagte +ich tröstend, »ich werde in allem deinem Sinne +gemäß handeln.«</p> + +<p>Er lag still und ruhig in den Kissen. Die Atembeschwerden +schienen etwas nachzulassen, das Atmen +ging leichter.</p> + +<p>Um zwölf Uhr wollte der Arzt noch einmal +kommen. —</p> + +<p>Ich nahm seine Hand in die meine und saß still +und bewegungslos neben ihm.</p> + +<p>Die Hand wurde kälter und kälter. Ruhig und +ohne weiteren Kampf schlief er hinüber. Als der +Doktor kam, war alles vorbei. —</p> + +<p>Ich kann nicht weinen, und doch sitzt es mir in +der Kehle, daß ich ersticken möchte.</p> + +<p>Zu lange habe ich es kommen sehen, um ungefaßt +dem Entsetzlichen gegenüberzustehen. —</p> + +<p>Doch ich habe keine Zeit zum Klagen, ich muß +den Platz suchen, wo mein Gatte ruhen soll im +rauschenden Tannenwald.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mein armes Kind, sie ist ganz aufgelöst.</p> + +<p>Ihr junges Herzchen ist gebrochen von dem +ersten, schweren Leid.</p> + +<p>Ihr Vater! Ihr einziger, lieber Vater!</p> + +<p>Sie kann es nicht fassen. —</p> + +<p>Die Natur ist grausam in ihrer ausgleichenden +Arbeit. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich will heute noch nach Jagdhaus Finsterberg, +zu den Großeltern. Dort in ihrem Walde soll mein +Mann ruhen. —</p> + +<p>Ich habe keine Zeit zu müßigem, tatenlosem +Jammern. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ob ich mein Kind mit mir nehme?</p> + +<p>Nein! Ich will noch warten! Den ersten Ansturm +will ich allein ertragen.</p> + +<p>Später vielleicht – vielleicht kann ich mein +Kind in die Arme der Großeltern legen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Unser Chauffeur hat gute Tage gehabt. Seit +Wochen ist das Auto nicht aus der Garage gekommen, +heute soll es mich hinübertragen in die Heimat, in +das dunkle, heimliche Grün des Waldes.</p> + +<p>Ob ich unvermutet vor sie hintrete?</p> + +<p>Nein, ich würde sie zu sehr erschrecken, den Tod +könnten sie davon haben!</p> + +<p>Den Tod! Mich friert trotz der Sonnenglut.</p> + +<p>Wenn ich niemand mehr fände? Wenn fremde +Gesichter mir entgegensähen! — —</p> + +<p>Ich bin nervös; die lange, aufreibende Pflege hat +mich selbst auch krank gemacht. Und doch darf ich +nicht schwach werden. Ich muß meine Kräfte hochhalten, +bis ich dich gebettet habe, du guter, du treuer +Weggenoß.</p> + +<p>Wie ein Zwang ist es über mir, seit er den Wunsch +geäußert.</p> + +<p>Ich muß ihn unter die Tannen der Heimat betten.</p> + +<p>Ich bin inkonsequent, ich weiß es. Nie wieder +wollte ich in der Heimat weilen als die, die ich wirklich +bin.</p> + +<p>Und doch fühle ich schon jetzt eine Freudigkeit, +eine Zuversicht in mir, wie seit langem nicht.</p> + +<p>Es muß also doch wohl das Rechte sein, trotz der +scheinbaren Inkonsequenz. —</p> + +<p>Umstände ändern die Sache.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nun ist auch das vorüber.</p> + +<p>Mein Wagen trägt mich rasch wieder zu meinem +Kinde, das ich schon morgen den Großeltern bringen +will.</p> + +<p>Wenn ich alles überdenke, dann weiß ich selbst +nicht, wie es gekommen ist.</p> + +<p>Unter dem Vorwande, Grüße von einer Dame aus +Amerika überbringen zu wollen, bat ich um eine +Unterredung.</p> + +<p>Ich vermochte kaum zu sprechen vor Aufregung, +als ich endlich den lieben Alten gegenübersaß.</p> + +<p>Wiederholt fing ich an, ohne doch ein Wort über +die Lippen zu bringen. Wohl sah ich den prüfenden +Blick des Großvaters, die nervös zitternden Hände +der Großmutter.</p> + +<p>Und als mir dann statt aller Worte Tränen aus +den Augen stürzten, da war es auch um die Zurückhaltung +der Großmutter geschehen.</p> + +<p>Mit dem schluchzenden Ruf: »Lottchen, du bist +es, Lottchen, mein Kind!« hielt sie mich umschlungen, +und ich schluchzte den Jammer meiner Seele an ihrer +treuen Brust aus.</p> + +<p>Wäre ich doch schon früher zu ihnen gegangen!</p> + +<p>Keine Frage nach dem, was ich gefürchtet! Ihnen +war es genug, daß ich da war. —</p> + +<p>Ach, ich bin so froh, so glücklich! Ich habe einen +Platz gefunden, wo ich meinen Schmerz ausweinen +kann. — —</p> + +<p>Zeit zu langem Reden hatten wir nicht, dafür +wird später übergenug Muße sein. Ich mußte vor +allem meine Bitte anbringen, mir ein Plätzchen zu +geben für meinen armen, toten Gatten.</p> + +<p>Der Großvater wurde ernst.</p> + +<p>»Das kann ich nicht, Liebling. Ich habe hier +keine Rechte zu vergeben. Hier hat nur der Herzog +zu bestimmen.«</p> + +<p>Der Herzog? Oh, mein Gott! Daß ich daran +nicht gedacht!</p> + +<p>Mein Kopf brannte, meine Augen glühten.</p> + +<p>»Der Herzog! So gehe ich zum Herzog!« rief ich aus.</p> + +<p>»Du wolltest?« rief der Großvater.</p> + +<p>»Weißt du, zu wem du gehst?« fragte die Großmutter.</p> + +<p>»Ich weiß es. Und eben deshalb hoffe ich keine +Fehlbitte zu tun. Und warum sollte ich nicht gehen? +Nicht ich bin es, die sich hier zu schämen hat.«</p> + +<p>Der Großvater neigte das Haupt.</p> + +<p>»Mach' was du willst, Kind. Ich bin alt, ich habe +nicht mehr viel zu verlieren.«</p> + +<p>»Ach, Großvater! Was sollte dir denn passieren? +Und wenn der hohe Herr wirklich unzufrieden sein +sollte, so kommst du mit mir.«</p> + +<p>»Nein, nein, mein Kind! Alte Bäume verpflanzt +man nicht mehr. Bring' uns dein Kind, damit wir +uns an ihm freuen können. Aber bald!«</p> + +<p>»So komm mit und hole sie!« sagte ich rasch. +»Du würdest auch mir eine Stütze sein in diesen +Tagen.« — — —</p> + +<p>Er ist mitgekommen, und Lou ist ganz glücklich +über den prächtigen, alten Großvater. —</p> + +<p>Morgen gehe ich zum Herzog. Sonderbares Gefühl! +Ob sich etwas regt in seiner Brust bei meinem Anblick?</p> + +<p>Ob ich meiner Mutter gleiche?</p> + +<p>Ich weiß nicht, soll ich ihn hassen oder lieben? —</p> + +<p>Keines von beiden! Er ist mir gleichgültig.</p> + +<p>Wenn er mir meinen Wunsch erfüllt, bin ich zufrieden.</p> + +<p>Sonderbar: mein Vater! Es verbinden sich mir +gar keine lieben, herzlichen Gefühle mit diesem Wort.</p> + +<p>Eine unharmonische Kindheit, eine schmutzige, +traurige Jugend, und doch – wie wunderschön ist +es, einen Vater zu haben. Einen Vater, wie er meiner +Lou starb. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Auch dieser Schritt ist getan: ich habe mein Ziel +erreicht.</p> + +<p>Ich habe an gar nichts gerührt. Ich habe nur gebeten. +Als die Enkelin des alten Försters Ruhland. —</p> + +<p>Um den letzten, innigen Wunsch meines sterbenden +Gatten zu erfüllen, sei ich hier, ich wisse keinen +schöneren und passenderen Platz als den in der +Heimat, die ich nie vergessen könne. —</p> + +<p>»Förster Ruhland hatte nur ein Kind, eine +Tochter?« fragte der Fürst mit unterdrückter Stimme.</p> + +<p>»Nur eine Tochter, Hoheit. Sie war meine Mutter.«</p> + +<p>»Ihre Mutter!« flüsterte er. »Wie alt sind Sie, +gnädige Frau?«</p> + +<p>»Wie alt? Ich bin schon sehr alt! Geboren bin +ich im Juni 1872.«</p> + +<p>»Achtzehnhundertzweiundsiebzig,« murmelte er +und stützte sich schwer auf die Lehne seines Sessels.</p> + +<p>Dann ruhten seine Augen einige Minuten forschend +auf meinem Gesicht.</p> + +<p>»Ihr Wunsch ist Ihnen erfüllt. Suchen Sie sich +den schönsten Platz aus, gnädige Frau – oder darf +ich »liebes Kind« sagen? Sie sind doch die Enkelin +meines alten, treuen Ruhland....... Ich werde mich +bei der Beerdigung Ihres Gatten vertreten lassen.«</p> + +<p>Er reichte mir die Hand, und ich drückte dankbar +meine Lippen darauf. Ein sonderbares Gefühl arbeitete +in mir. Ich hatte ihn hassen wollen. Und +nun? Dieser Mann war nicht schlecht, er hatte im +jugendlichen Leichtsinn gesündigt. — —</p> + +<p>Und jetzt war er nicht glücklich.</p> + +<p>Kronen drücken schwer. — — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>»Die Schrulle eines Millionärs« nennen sie hier +den Wunsch meines Gatten.</p> + +<p>Mein lieber, einfacher Mann. Kann ein Mensch +anspruchsloser sein? Er beanspruchte so wenig für +sich von seinem Reichtum.</p> + +<p>Ist er nicht ganz natürlich dieser Wunsch nach +einem stillen, einsamen Ruheplätzchen, wenn man ein +so arbeitsreiches, unruhiges Leben hinter sich hat? —</p> + +<p>Nun haben wir ihn gebettet. Nichts wird ihn +stören als der Schrei eines Nachtvogels oder das +Brüllen der Hirsche in ihrer Kampfzeit.</p> + +<p>Die Vögel in den Zweigen singen ihm das +Schlummerlied. Ihm ist wohl, für uns ist es hart. +Wer sich zu der Religion flüchten kann mit seinem +Schmerz, der ist wohl daran.</p> + +<p>Ach, ich beneide mein Kind, das voller Inbrunst +und Hingebung am Grabe des geliebten Vaters betet.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nun ist wieder Ruhe um mich her.</p> + +<p>Wir bleiben noch einige Tage hier bei den Großeltern.</p> + +<p>Lou würde am liebsten immer hier bleiben, hier, +bei dem toten Vater und bei den lieben alten +Leuten.</p> + +<p>Nur mir wühlt die Unruhe im Blut.</p> + +<p>Eine Aussprache ist unvermeidlich, und ich – +ich fürchte sie.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Die Großeltern haben mir das Geständnis leicht +gemacht.</p> + +<p>Sie schienen zu ahnen, was hinter mir lag.</p> + +<p>Ich hatte den Brief vergessen, den ich am Vorabend +jenes unseligen Ankunftstages an sie geschrieben +hatte. Dieser Brief war das letzte Lebenszeichen +von mir. —</p> + +<p>War es verwunderlich, daß sie ahnten, in welche +Hände ich gefallen?</p> + +<p>Sie haben Erkundigungen angestellt, der Onkel +in Amerika hat mit Hilfe des deutschen Konsuls alles +mögliche versucht – ohne Erfolg.</p> + +<p>Mich hatten sie fest und sicher hinter den Mauern +jenes verfluchten Hauses. — — — —</p> + +<p>Und während meine Lou, mein Liebling, draußen +im Walde umherstreift, rollt sich noch einmal die +Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen vor mir +auf. — — —</p> + +<p>Wir haben uns ausgesprochen und alles ist – +oder vielmehr soll begraben sein.</p> + +<p>Zu vergeben hatten sie mir im Grunde nichts – +der alte Fluch hatte sich auch an mir erfüllt. —</p> + +<p>Die Sünden der Väter. — —</p> + +<p>Mir liegt auch alles so weit ab jetzt, der erneute +schwere Verlust läßt mir alles klein erscheinen.</p> + +<p>Ich habe kein rechtes Glück in der Welt. Alles +wird mir genommen.</p> + +<p>Ich muß daran denken, wie hoffnungsfreudig ich +war, als mein Mann damals um mich warb. Noch +einmal lag das Leben schön und begehrenswert vor +mir. Nun liegt auch das wieder eingesargt drüben +unterm Rasen. — —</p> + +<p>Habe ich mein Gelöbnis gehalten?</p> + +<p>War ich ihm ein gutes, treues Weib?</p> + +<p>Ein guter Kamerad?</p> + +<p>Ich war es! Ich habe meine Pflicht erfüllt. Nicht +einmal den Mangel an Liebe hat er empfunden.</p> + +<p>Ich habe ihn sehr hoch geschätzt, er war der +Besten einer. —</p> + +<p>Daß ich ihm keinen Sohn schenken konnte, einen +Erben für sein Lebenswerk!</p> + +<p>Trotzdem ich zuerst erfreut darüber war, keinem +Jungen das Leben geschenkt zu haben, hat es mich +die letzten Jahre doch oft betrübt. So sehr er auch +sein Mädchen geliebt, ein Sohn hat ihm doch gefehlt.</p> + +<p>Dort kommt der Mond langsam über die Wipfel +der Tannen und wirft sein blasses, kaltes Licht auf +das schmale Bett da drüben.</p> + +<p>Wo stand ein Bett wie dieses, so schmal, so kalt +und schmucklos!</p> + +<p>Und ich lag darin – vor langen, langen Jahren – +oder war ich es nicht? War es mein Schatten?</p> + +<p>Morgen werde ich vor die Großmutter hintreten +und Rechenschaft über jene Tage fordern. —</p> + +<p>Was man dem Kinde damals vorenthielt, der +reifen, geprüften Frau wird man es nicht mehr weigern.</p> + +<p>Ich will Aufschluß über Leben und Tod meines +Kindes. —</p> + +<p>In all den langen Jahren bin ich das quälende Bewußtsein +nicht losgeworden, daß ich damals nicht die +Wahrheit erfahren habe.</p> + +<p>Ich bin jetzt auf einem Punkt angelangt, daß ich +auf nichts und niemand mehr Rücksicht nehme.</p> + +<p>Noch kurze Zeit, und das große Wasser liegt wieder +zwischen mir und der Heimat.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich kann nicht schlafen. Die Geister der Vergangenheit +umschweben mich und lassen mich nicht +zur Ruhe kommen. —</p> + +<p>Bist auch du mir nahe, teure Mutter? Und du, +Werner, mein Geliebter, mein Retter?</p> + +<p>Seid ihr zufrieden mit mir, so gebt mir ein Zeichen!</p> + +<p>Fern, ganz fern und schwach tönt feines Klingen +im Dunkel des Waldes, wie eine Stimme aus dem +Jenseits.</p> + +<p>Oder fiel ein Stern klingend vom Himmel?</p> + +<p>Ich will schlafen und träumen, vielleicht kommen +im Traum die Lieben zu mir, die mir das Wachen +versagt. — —</p> + + + +<hr class="hr65" /> +<h2><a name="VII" id="VII"></a>VII.<br /> + +Eine Abrechnung.</h2> + + +<p>Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, ich habe +einen Sohn!</p> + +<p>Er lebt, ist gesund, und ich – ich wußte es nicht!</p> + +<p>Warum hat man es mir verheimlicht? —</p> + +<p>Sie haben es gut mit mir gemeint, sagen die Großeltern. +Ich sollte, selbst noch ein Kind, nicht diese +Bürde tragen. —</p> + +<p>Später, wenn ich älter geworden, wenn die Umstände +danach waren, hätten sie mir die Wahrheit +sagen wollen.</p> + +<p>Und dann sei ich verschollen gewesen. —</p> + +<p>Sie haben es gut gemeint! Gewiß, ich muß wohl +noch dankbar sein. —</p> + +<p>Aber nun? Wo ist mein Kind? Jetzt hält mich +nichts mehr zurück, führt mich hin! —</p> + +<p>Sie schweigen – sind verlegen – was soll das +bedeuten? —</p> + +<p>Und so erfahre ich denn das Unglaubliche, das +Unfaßbare!</p> + +<p>Mein Sohn, mein Kind, ist auf Gut Koppenbruch, +bei Rudolph Schönewald, seinem Vater!</p> + +<p>Es ist kaum auszudenken, und doch ist es wahr!</p> + +<p>Es klingt gleich einem Märchen, und doch ist es +Wahrheit. Der Mann, der vor allen anderen daran +schuld ist, daß ich in dieses Labyrinth geriet, der es +ablehnte, der Mutter seines Kindes einen ehrlichen +Namen zu geben, dieser Mann nimmt den Sohn eben +dieser Frau an Kindes Statt an, weil seine Gattin ihm +keinen Erben geschenkt.</p> + +<p>Meinen Sohn! — —</p> + +<p>Meine Gedanken wandern hinweg, weit fort, zu +den Tagen, wo mein Mann hoffte – vergebens hoffte, +daß ihm ein Erbe für sein Lebenswerk geboren würde.</p> + +<p><em class="gesperrt">Er</em> hoffte vergebens!</p> + +<p>Und Rudolph Schönewald sollte sich in meinem +Sohne den Erben heranziehen?</p> + +<p>Das Kind der Frau, die er verschmäht, weil sie +nicht Geld genug hatte, um die Gattin eines Gutsbesitzers +zu werden!</p> + +<p>Nein! Ich werde es nicht zugeben! Ich selbst +will mein Kind zu mir nehmen, und keine Macht der +Welt wird mich daran hindern. —</p> + +<p>Vor acht Jahren erst hat er den Knaben zu sich +genommen, als ihm selbst keine Hoffnung geblieben, +daß ihm ein Erbe geboren würde.</p> + +<p>Die Großeltern haben es als die glücklichste +Lösung der ganzen Angelegenheit betrachtet.</p> + +<p>Kann ich sie tadeln?</p> + +<p>Nein, gewiß nicht!</p> + +<p>Die Mutter verschollen, sie selbst alt und gebrechlich, +ist es da nicht zu begreifen, wenn sie es +als ein Glück ansahen, daß der Knabe auf diese Weise +gewissermaßen zu seinem Rechte kam? —</p> + +<p>Seine Gattin weiß natürlich nichts von der Herkunft +ihres Adoptivsohnes. Für sie ist es ein entfernter +Verwandter. —</p> + +<p>Nun aber bin ich da, und sofort werde ich Schritte +tun, um mir mein Kind zurückzuholen. —</p> + +<p>Wem bin ich Rechenschaft schuldig? Niemand.</p> + +<p>Meiner Lou?</p> + +<p>Fürchte ich die fragenden Augen meines Töchterchens?</p> + +<p>Es wird sich ein Ausweg finden; später, wenn sie +es besser versteht, soll sie alles erfahren, die ganze +Wahrheit.</p> + +<p>Nur jetzt noch nicht, noch ist sie nicht reif genug +dafür. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe an Rudolph Schönewald geschrieben +und ihn ersucht, mir Zeit und Ort anzugeben, wo +ich mein Kind in Empfang nehmen kann, um es +mit nach Amerika zu nehmen. —</p> + +<p>Wer mir gesagt hätte, daß ich noch einmal an +diesen Mann schreiben würde! Ich versuche vergebens, +mir sein Bild ins Gedächtnis zurückzurufen.</p> + +<p>Weit, weit ab, in fernem, undurchdringlichem +Nebel liegen jene heißen, schwülen Tage, in denen +zuerst meine Sinne erwacht. —</p> + +<p>Nichts regt sich mehr in mir, was für diesen +Mann spricht. Nur ein Gefühl der Genugtuung beschleicht +mich bei dem Gedanken, ihm wehe zu tun. —</p> + +<p>Er wird den Knaben liebgewonnen haben. Er +wird ihn mir nicht geben wollen. Aber er muß! Das +Recht ist auf meiner Seite.</p> + +<p>Und wäre es nicht so, dann würde ich mich nicht +scheuen, noch einmal die Hilfe des Herzogs in Anspruch +zu nehmen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Was ist es, das mich so rastlos macht, seit ich den +Brief geschrieben?</p> + +<p>Ist es die Sehnsucht nach dem Kinde, das ich +nicht kenne?</p> + +<p>Nein! Vor mir selbst will ich wahr sein!</p> + +<p>Gewiß, ich sehne mich nach dem Knaben. Wie +wird er sein? Werde ich ihn lieb haben – und er +mich?</p> + +<p>Er wird mich lieben lernen.</p> + +<p>Ob man ihm je von seiner Mutter sprach?</p> + +<p>Ich wage gar nicht zu fragen, wem er ähnlich sieht.</p> + +<p>Nur nicht jenem Menschen, dem ich jetzt mit +Freuden die größte Enttäuschung seines Lebens +bereite.</p> + +<p>Vielleicht nicht nur eine Enttäuschung, vielleicht +einen Schmerz, einen wirklichen, großen +Schmerz. —</p> + +<p>Ja, das ist es! Ich freue mich darüber! Ich will +ihm wehe tun! —</p> + +<p>Ist das schlecht?</p> + +<p>Es ist nur menschlich! Wer hat nach <em class="gesperrt">meinen</em> +Gefühlen gefragt? —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Heute früh war er da!</p> + +<p>So rasch hatte ich die Wirkung meines Briefes +nicht erwartet. —</p> + +<p>Ich war sehr erschrocken, als mir Rudolph Schönewald +gemeldet wurde. Ich warf einen Blick in den +Spiegel und erschrak noch mehr über das blasse Gesicht, +das mir aus der schwarzen Umrahmung doppelt +blaß entgegenschien.</p> + +<p>Es klopfte an die Tür. Ich trat einen Schritt vor +– es war mir nicht möglich, »Herein« zu rufen – +da stand er auch schon vor mir. —</p> + +<p>Was hatte ich mir alles vorgenommen! Was +wollte ich diesem Manne ins Gesicht schleudern, +jahrelang angehäuften Groll, Verachtung, alles, +alles – und nun sagte ich gar nichts.</p> + +<p>Er stand vor mir, den Hut in der Hand, das +blonde Haar an den Schläfen stark gelichtet, mit unsicheren, +ängstlichen Augen, und sagte ebenfalls +nichts.</p> + +<p>So mußte ich anfangen.</p> + +<p>»Sie wünschten mich zu sprechen, Herr Schönewald?«</p> + +<p>»Ja – Sie schrieben mir, gnädige Frau, und – +da – ich – dachte —«</p> + +<p>Er stotterte und schwieg.</p> + +<p>»Da wollten Sie mir meinen Jungen selbst +bringen, nicht wahr?« sagte ich kühl. Ich hatte mich +gefaßt und mich darauf besonnen, wer vor mir +stand. —</p> + +<p>Er zog sein Taschentuch heraus und wischte sich +den Schweiß von der Stirn, dann sagte er:</p> + +<p>»Warum wollen Sie mir das antun, gnädige Frau? +Sie kennen den Jungen gar nicht, und ich, ich habe +ihn lieb.«</p> + +<p>»Sie hätten ihn seinerzeit für immer haben +können, nun ist es zu spät. Uneheliche Kinder gehören, +soviel ich weiß, der Mutter. Und ich gedenke +mein Recht geltend zu machen.«</p> + +<p>»Aber ich habe ihn adoptiert!«</p> + +<p>»Ohne meine Einwilligung!«</p> + +<p>»Er wird nicht von mir wollen, haben Sie Erbarmen!«</p> + +<p>»Haben <em class="gesperrt">Sie</em> Erbarmen gehabt? Ich tue nur, +was die Bibel lehrt: Auge um Auge, Zahn um Zahn.«</p> + +<p>»So kann Sie nichts von Ihrem Vorhaben abbringen?«</p> + +<p>»Nichts! Es ist nutzlos, weiter darüber zu reden. +Adieu!«</p> + +<p>Er ging. Merkwürdig gebückt, trotz seiner noch +jungen Jahre. —</p> + +<p>Mir ist so wohl! Es ist ein schönes Gefühl, wenn +man so abrechnen kann. — — —</p> + +<p>Nur dürfte der Grund zu dieser Abrechnung nicht +das Schicksal meines Kindes sein.</p> + +<p>Das ist der bittere Nachgeschmack.</p> + +<p>Aber das weiß nur ich allein. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich will heute nachmittag nach Nauheim fahren +und alles zur Abreise vorbereiten. Wenn ich meinen +Sohn bei mir habe, will ich so bald als möglich nach +drüben.</p> + +<p>Es ist auf alle Fälle besser, diese Entfernung +zwischen ihn und seinen Vater zu legen. —</p> + +<p>Mir ist ganz sonderbar zumute, wenn ich mir vergegenwärtige, +wie es werden wird.</p> + +<p>Wenn er nicht zu mir will? Möglich wäre auch +das.</p> + +<p>Wie soll er diese so plötzlich aufgetauchte Mutter +lieben?</p> + +<p>Aber er ist noch jung, ist aufnahmefähig für alles +Neue und Absonderliche.</p> + +<p>Lou ist fünfzehn Jahre und er achtzehn. —</p> + +<p>Achtzehn Jahre! Was hatte ich mit achtzehn +Jahren schon alles hinter mir! — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Die Großeltern gehen mit sonderbar vorwurfsvollen +Blicken einher. Sie scheinen nicht mit meinem +Tun zufrieden. —</p> + +<p>Bis zu seinem zehnten Jahre ist der Knabe hier +bei ihnen gewesen.</p> + +<p>Ich glaub' es wohl, daß sie ihn ungern hergegeben +haben, daß sie nur das Wohl des Knaben im Auge +hatten.</p> + +<p>Sie können mich nicht begreifen, daß ich ihn nicht +dort lasse, wo nach ihrer Meinung sein rechter Platz ist.</p> + +<p>Sind es nur Rachegefühle, die mich leiten?</p> + +<p>Gilt mir das Wohl meines Kindes nicht in erster +Linie?</p> + +<p>Wenn ich ganz wahr gegen mich sein will, so weiß +ich es selbst nicht einmal.</p> + +<p>Ich will mein Kind haben, will es umarmen, herzen, +küssen, und fürchte mich doch vor diesem Augenblick.</p> + +<p>Das aber weiß ich gewiß, daß mich ein wohliges +Gefühl beschleicht, wenn ich an den Schmerz denke, +den ich dem Vater dieses Kindes zufüge.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Lou will im Walde bleiben, bis alles fertig zur +Abreise ist.</p> + +<p>Mich trägt mein Wagen schnell zur Stadt; es ist +schön, so schnell zum Ziele zu kommen.</p> + +<p>Ich lehne mich im Wagen zurück und lasse +meine Augen über die alten, vielhundertjährigen +Bäume gleiten. Es träumt sich gut unter euch. +Und du wirst still und friedlich ruhen, mein treuer +Freund.</p> + +<p>Ich aber will dir noch jetzt den Mann erziehen, +den du dir für deine Werke so oft gewünscht hast. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Die Dämmerung zieht herauf. Die Stimmen der +spielenden Kinder tönen von der Straße zu mir ins +Zimmer.</p> + +<p>Selige Tage der Kindheit.</p> + +<p>So gut es meine Lou hat, etwas hat sie nicht +kennen gelernt.</p> + +<p>Diese wundervollen Spiele an lauen Sommerabenden, +wenn jeder Augenblick vorm Zubettgehen +noch im Spiel mit den Nachbarskindern ausgenutzt +wird. —</p> + +<p>Auch Millionäre können ihren Kindern nicht alles +geben. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nun ist alles erledigt. Ich bin wieder im Walde +und erwarte nur noch meinen Jungen.</p> + +<p>Großvater ist gestern hingefahren, ihn zu holen.</p> + +<p>Schönewald hat an ihn geschrieben, es ginge über +seine Kraft, selbst den Jungen aus seinem Hause zu +bringen.</p> + +<p>Ich will es glauben, es ist vielleicht auch besser so.</p> + +<p>Großvater kann ihn wenigstens etwas vorbereiten +unterwegs.</p> + +<p>Und Lou? Ich muß es ihr endlich sagen, daß sie +einen Kameraden bekommt, einen Bruder!</p> + +<p>Wird es mir doch zu schwer, das rechte Wort zu +finden — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nun ist es gesagt! Sie ist doch noch ein rechter +Kindskopf.</p> + +<p>Sie freut sich! Freut sich unbändig über +den Bruder, und fragt nicht nach dem Wie +und Wo.</p> + +<p>Schon immer hat sie sich einen Bruder gewünscht, +mit dem sie Spaziergänge und Streifzüge unternehmen +könne.</p> + +<p>Es ist gut so. Später, wenn sie vernünftiger ist, +werde ich es ihr besser erklären können.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nun ist er da!</p> + +<p>Mein Junge! Mein großer, schöner Junge! Ach, +ich bin doch glücklich. So hatte ich ihn mir nicht +vorgestellt, so groß und hübsch. Ein rechter Herr +schon!</p> + +<p>Ach, und gottlob nichts, aber auch gar nichts +von dem, was ich gefürchtet. Sein Aussehen ruft +mir keine unangenehmen Erinnerungen wach. Dunkelbraunes +Haar, schöne Nase, etwas gebogen, und +prächtige, dunkle Augen.</p> + +<p>Aber so scheu, so ungelenk ist der große Bursche, +immer und immer wieder guckt er sich die neue Mutter +an. —</p> + +<p>Ich war ganz aufgeregt. Ich habe gelacht und geweint, +und all meine Ruhe war verflogen. Hätte ich +ihn doch schon früher gehabt, meinen Jungen! Wird +er sich jetzt noch an mich gewöhnen?</p> + +<p>Früher? Aber ich vergesse ja ganz, daß mein +Mann von der Existenz dieses Kindes gar nichts +hätte wissen dürfen.</p> + +<p>So war es also gerade die rechte Zeit. —</p> + +<p>Ja, ja, ich finde mich durch mein eigenes Leben +bald nicht mehr hindurch.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Morgen reisen wir ab. Ich freue mich diesmal +sehr auf die Reise.</p> + +<p>Die letzten Tage waren unerträglich.</p> + +<p>Der Knabe ist mir fremd, und alle meine Annäherungsversuche +waren erfolglos. Noch ist kein +gemeinsames Band zwischen uns. Nur mit Lou ist +er bereits gut Freund.</p> + +<p>Doch ist wenigstens sein Name mir vertraut. Sie +haben ihm Großvaters Namen gegeben.</p> + +<p>Konrad, ein schöner Name, und so echt deutsch.</p> + +<p>Und ich will seinen Träger zum Amerikaner machen!</p> + +<p>Ob es mir gelingen wird?</p> + +<p>Ich hoffe es, ist er doch noch jung. —</p> + +<p>Ich glaube überhaupt, es ist in erster Linie die +Freude an der Reise, an dem Unbekannten, die ihn +bewogen hat, so rasch und widerstandslos einzuwilligen.</p> + +<p>Steckt doch in jedem jungen Menschen der Hang +zum Abenteuerlichen.</p> + +<p>Mag es sein, ich muß es hinnehmen. Später, im +steten Umgang, und drüben, wo er ganz auf mich +angewiesen ist, werden wir schon das heimliche Band +finden, das uns verbindet.</p> + +<p>Es muß gelingen! Es war mir ein unerträglicher +Gedanke, die Fabrik und die großen Viehzüchtereien +in fremde Hände zu legen, wenn ich einmal gehe. —</p> + +<p>Lou? Sie wird heiraten, und ich möchte ihr keinen +Mann aufzwingen aus Rücksicht aufs Geschäft.</p> + +<p>Ergibt es sich von selbst, daß sie eine passende +Heirat macht, dann um so besser; es ist Platz für +zwei Herren. —</p> + +<p>Auch die großen Weideflächen brauchen Aufsicht, +und wir könnten etwas mehr Ruhe walten lassen.</p> + +<p>Aber Ruhe in Amerika, und noch dazu in einem +Geschäft – das ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit.</p> + +<p>Es wäre deshalb doppelt gut, wenn die Arbeit +geteilt würde. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Auf See.</p> + +<p>Wieder einmal die goldene Klarheit eines schönen +Herbsttages auf See. Die Luft ist mild und wunderbar +rein.</p> + +<p>Erquickende Tage, erquickende Nächte, noch +einmal ist es eine Zeit für mich, von der ich sagen +kann, das Leben ist doch lebenswert. —</p> + +<p>Der Kinder wegen nehmen wir die Mahlzeiten im +großen Salon, was wir in den letzten Jahren wegen +meines Mannes Krankheit nie getan haben. Die +schön geschmückten Tische, der Luxus der Ausstattung, +die harmonisch abgestimmten Farben, das +ist stets wie ein Fest.</p> + +<p>Wir sitzen am Kapitänstisch, sind also bevorzugt, +gewissermaßen. —</p> + +<p>Mein Junge kommt aus der Verwunderung gar +nicht heraus. Er staunt noch immer die Annehmlichkeiten +des Reichtums als etwas Unwirkliches an. +Lou ist das gewöhnt, sie nimmt es als selbstverständlich +hin.</p> + +<p>Was wohl der Kapitän und all die hohen Herrschaften +sagen würden, speziell der deutsche Gesandte +Graf B., der mir gegenüber sitzt, wenn ich +ihnen verriete, daß ich vor nun sechzehn Jahren +auf genau solchem Schiff als Stewardeß tätig +war?</p> + +<p>Das Geld ist doch eine große Macht. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich kann mich nicht überwinden, ich muß auch +diesmal wieder nach alter Gewohnheit des Abends +ein Stündchen auf Deck.</p> + +<p>Heute abend traf ich Konrad, allein und auf +meinem alten Plätzchen. Es berührt mich sonderbar; +begegnen wir uns hier in einem Empfinden?</p> + +<p>Ich legte den Arm um ihn und sah ihm in die +Augen.</p> + +<p>Heimweh? Armer Junge! Ich hätte es mir denken +können......</p> + +<p>»Nächstes Jahr gehen wir wieder nach draußen, +mein Junge! Wenn du brav lernst, dann sollst du +als Belohnung eine Europareise haben. Auch Lou +wird gern wieder mitgehen, meinst du nicht auch?«</p> + +<p>Es leuchtete freudig auf in seinem von Tränen +verdunkelten Blick.</p> + +<p>Ich selbst habe auch den Wunsch, schon nächstes +Jahr wieder an mein geliebtes Grab zu eilen. Bin ich +doch jetzt, durch die Umstände gezwungen, viel zu +früh fortgegangen.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe mich entschlossen, erst noch einige +Wochen in New York zu bleiben. Es ist besser für +Konrad, er muß erst einigermaßen die Sprache beherrschen.</p> + +<p>Wir haben schon unterwegs nur noch Englisch +mit ihm gesprochen. Ich glaube, es wird ihm leicht +werden. Nur muß er einen tüchtigen Lehrer haben. +Wir beide, Lou und ich, wir sind nicht energisch genug. +Wenn er es gar nicht verstehen kann, dann sprechen +wir doch immer wieder Deutsch. Am besten ist es aber, +wenn er überhaupt kein Wort Deutsch mehr hört.</p> + +<p>Ich werde den Doktor aufsuchen, er wird mir +raten. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nun bin ich doch schon zu Hause. Aus den +Wochen in New York sind nur einige Tage geworden. +Aber ich bin allein mit Lou, denn Konrad ist in New +York geblieben.</p> + +<p>Doktor Curtis hielt es für das beste, und ich muß +ihm recht geben. Hätte ich doch auch nicht gedacht, +daß es sich so wunderschön einrichten ließe. —</p> + +<p>Doktor Curtis ist verheiratet, schon seit vierzehn +Jahren.</p> + +<p>Er hat eine liebe, kleine Frau und ein Töchterchen, +das an Ausgelassenheit meiner Lou nichts nachgibt.</p> + +<p>Ich habe ihn in alles eingeweiht, was Konrad +betrifft. Und er meint, daß es auf alle Fälle besser +ist, wenn der Junge erst noch einige Zeit für sich hat. +Eine Zeit des Besinnens, der Einkehr.</p> + +<p>Er wächst auch leichter in das Fremde hinein, +das ihn dort erwartet, wenn er die Sprache schon +einigermaßen beherrscht. —</p> + +<p>Ich bin zuweilen voller Hoffnung für die Zukunft, +zuweilen bin ich wieder ganz mutlos. —</p> + +<p>Und doch – war der Abschied von meinem +großen Jungen nicht ganz vielversprechend? Kann +ich mehr verlangen? — —</p> + +<p>Ich will arbeiten, dann vergehen die Grillen. Zu +lange hat der Herr gefehlt, ich muß viel nachholen. —</p> + +<p>Nach dem Westen will ich erst, wenn Konrad hier +ist, es soll mein erstes Alleinsein mit ihm werden.</p> + +<p>Lou muß diesmal in Chikago bleiben, obgleich +sie für ihr Leben gern in den Ranchos herumwirtschaftet; +sie muß diesmal verzichten.</p> + +<p>Ich muß die Gelegenheit wahrnehmen, um endlich +das Vertrauen meines Jungen zu gewinnen. —</p> + +<p>Auch im Betrieb habe ich bereits vorgearbeitet. +Den alten Thomas habe ich ins Vertrauen gezogen. +Es schien mir, als ob er im Anfang etwas verstimmt +sei, doch es wird sich geben, er ist ein treuer Diener.</p> + +<p>Auch ihm ist am letzten Ende <em class="gesperrt">ein</em> Herr lieber +als mehrere.</p> + +<p>Und was wäre uns schließlich weiter übrig geblieben +als eine Aktiengesellschaft? Denn ganz will +ich meine Kräfte nicht aufreiben und ich möchte +auch gern endlich an die Verwirklichung meiner +lange gehegten Pläne gehen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Nun ich allein bin, komme ich erst wieder so recht +zu mir selbst und denke die letzten Monate noch einmal +in Ruhe durch.</p> + +<p>Der Tod meines Mannes – es ist, als ob schon +eine Ewigkeit seitdem verflossen wäre.</p> + +<p>Zuweilen bin ich über mich selbst verwundert, +daß mich das alles nicht tiefer getroffen hat.</p> + +<p>Gewiß, es war mir sehr schmerzlich, es hat sehr +wehgetan, ein Stück meines besseren Ich ist von mir +gegangen. Und doch – ich meine, andere Frauen +empfinden viel tiefer, sind viel untröstlicher. Ich +glaube, in mir ist eine Saite zerbrochen, die nie mehr +klingen kann. —</p> + +<p>Es ist schade, man wird so hart und liebt +die Menschen so wenig. Die Menschheit im +allgemeinen will ich damit sagen – denn im besonderen +habe ich einige recht innig in mein Herz +geschlossen.</p> + +<p>Und doch muß ich noch zufrieden sein. Denn +besser hart und kalt als untergehen im Sumpf. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe eine lange Pause in meinen Aufzeichnungen +gemacht. Monate sind seitdem vergangen, +nun bin ich mit Konrad im Westen.</p> + +<p>Ich freue mich über meinen Entschluß, hier geht +das Herz des Jungen so recht auf. —</p> + +<p>Heimweh und Fremdheit sind verschwunden, das +Kind hat sich zur Mutter gefunden.</p> + +<p>Wenn wir abends nach stundenlangem Umherstreifen +müde und hungrig in unser Blockhaus +kommen, wo uns ein einfaches, aber leckeres Mahl erwartet, +dann sind wir so glücklich, daß wir mit +keinem Könige tauschen möchten.</p> + +<p>Am meisten freut sich Konrad über die schöne +Büchse, die ich ihm geschenkt. Er ist schon so geübt +und ein so passionierter Jäger, daß ich manchmal +glaube, er würde am liebsten immer hier bleiben. +Aber das geht nicht. Chikago bleibt vorläufig die +Hauptsache.</p> + +<p>Nur manchmal einige Wochen der Erholung hier +im Westen, das will ich ihm versprechen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ein Jahr ist Konrad nun schon bei uns, und, +Gott sei Dank, er scheint nicht mehr nach Hause zu +denken, wenigstens sagt er nie etwas davon.</p> + +<p>Wir kommen sehr gut miteinander aus. Natürlich +ist das Verhältnis nicht so, wie zwischen mir und Lou, +das kann ich auch nicht verlangen, aber ich darf +zufrieden sein. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Heute kam ein Brief vom Großvater mit einer +Einlage, einem amtlichen Schriftstück. Konrad muß +Soldat werden. Wer hätte daran gedacht? —</p> + +<p>Was nun?</p> + +<p>Ich will zum Konsul gehen, er wird mir helfen. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Es ist alles nicht so schlimm. Der Junge hat zum +Glück sein Einjährigenzeugnis, braucht also nur ein +Jahr zu dienen.</p> + +<p>Er läßt sich nun noch vorläufig zwei Jahre zurückstellen +und fährt dann im August oder September +hinüber, damit er im Oktober eintreten kann. Er ist +jetzt neunzehn Jahre, also auch noch jung genug, +wenn er mit zweiundzwanzig Jahren wieder zurückkommt.</p> + +<p>Es ist gut, daß er als Einjähriger dienen kann; +im anderen Falle hätten wir doch wohl vorgezogen, +nicht auf die Zuschrift zu antworten. Besser ist es +natürlich so, dann ist ihm wenigstens später der +Aufenthalt in Deutschland zu jeder Zeit gestattet.</p> + +<p>Lou macht die Sache am meisten Spaß.</p> + +<p>Es ist ihr ganz was Neues, daß ihr Bruder Soldat +sein soll, und sie will ihn durchaus besuchen während +seiner Dienstzeit.</p> + +<p>Dieser Wunsch soll ihr erfüllt werden. Nach Ablauf +seines Dienstjahres werden wir uns unseren +Jungen wieder holen.</p> + +<p>Schon lange habe ich Sehnsucht nach dem stillen +Plätzchen unter den dunkeln Tannen. Nur die +Arbeit hält mich zurück. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Zwei Jahre später.</p> + +<p>Nun ist Konrad schon seit Wochen fort, und wir +merken beide so recht, wie sehr wir ihn lieben, wie +sehr er uns fehlt.</p> + +<p>Sogar der alte Thomas stöhnt zuweilen und sagt: +»Wenn doch der junge Herr erst wieder hier wäre! He +is the smartest young chap, I ever saw.«</p> + +<p>– Das will gewiß viel sagen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Den 10. Juli.</p> + +<p>Wir sind schon auf der Reise, wir können es +gar nicht mehr erwarten, wir müssen unsern Jungen +besuchen.</p> + +<p>Lou zumal ließ keine Ruhe mehr.</p> + +<p>»I should like to see the boy in this funny uniform« +ist ihr ständiger Ausspruch.</p> + +<p>Er dient in Hannover, und ich freue mich, die +Stadt bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Meine Lou ist eine erwachsene junge Dame geworden, +und ich habe es beinahe nicht bemerkt.</p> + +<p>Es wird mir schwer, mich darein zu finden, für +mich ist sie noch immer das Kind, mein kleiner Liebling, +mein Wildfang. —</p> + +<p>Aber was hilft es mir? Sie ist neunzehn Jahre, +und ich denke mit Schrecken daran, daß eines Tages +ein Mann kommt und sie mir fortnimmt.</p> + +<p>Elternlos! Man zieht die Kinder für andere groß, +um im Alter einsamer zu sein als je zuvor. —</p> + +<p>Ich werde in Cherbourg den Dampfer verlassen +und mich einige Wochen in Paris aufhalten. Wir +müssen neue Kleider haben, damit mein Junge mit +seiner Schwester Staat machen kann. Und für Lou +will ich eine gewandte Zofe engagieren, die auch mir +etwas behilflich sein kann. Meine alte Hannah wird +zu steif, ich konnte sie diesmal gar nicht mitnehmen. +Ich muß die alte, treue Seele sowieso etwas entlasten. +Wenn wir nach Hannover kommen, muß Lou als +vollendete Dame auftreten, und diese Französinnen +verstehen ihr Geschäft. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Das Wiedersehen zwischen Konrad und uns +beiden war sehr herzlich.</p> + +<p>Gott sei Dank, der Junge hat mich doch lieb!</p> + +<p>Kein Gedanke daran, daß er wieder in Deutschland +bleiben möchte, wie ich oft im stillen befürchtet.</p> + +<p>Nun kann ich ruhig sein, dies war der Prüfstein. —</p> + +<p>Wir haben es gut getroffen. Das Regiment, bei +dem Konrad dient, hat irgendeine Gedenkfeier. Es +gibt allerlei Festlichkeiten und Aufführungen, und +Konrad freut sich, seine schöne Schwester überall +zeigen zu können. —</p> + +<p>Lou ist natürlich ganz Feuer und Flamme.</p> + +<p>Ich selbst bin davon weniger erbaut, doch ich +muß dem Kinde auch etwas gönnen; habe ich doch +drüben viel zu zurückgezogen gelebt.</p> + +<p>Ich wollte Lou recht lange ihre Kindheit erhalten.</p> + +<p>Wenn ich daran denke, was ich in dem Alter hinter +mir hatte, dann überläuft's mich heiß und kalt.</p> + +<p>War ich denn das wirklich?</p> + +<p>Ich wollte, es wäre ein Traum gewesen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Konrad ist befördert worden. Ich verstehe nicht +viel davon, aber hier scheinen sie ja großes Gewicht +auf diese Auszeichnung zu legen. – Es hat wenig +Zweck, aber mag es sein, den Jungen freut's. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Alle die Einladungen und Festlichkeiten habe ich +gestern mit einem Diner im Bristol erwidert.</p> + +<p>Einige Kameraden, die Konrad besonders nahegetreten +waren, einige Offiziere des Regiments mit +ihren Damen und sogar der Herr Oberst waren +erschienen. —</p> + +<p>Wir sind ja Amerikaner, und anscheinend schweben +unsere paar Millionen tausendfach vergrößert um +uns.</p> + +<p>Ich könnte mir sonst die übergroße Liebenswürdigkeit +von allen Seiten nicht erklären.</p> + +<p>Alles ist sehr gut gelungen. Der Wirt hatte alles +aufgeboten, da ich ihm in pekuniärer Beziehung keinerlei +Beschränkung auferlegt hatte. —</p> + +<p>Und doch bin ich verstimmt heute.</p> + +<p>Lou ist wie ausgewechselt in den letzten Wochen. +Ich fürchte, ich fürchte, es hängt mit dem Oberleutnant +von Foltmer zusammen. — —</p> + +<p>In aller Frühe schon kam ein Strauß dunkelroter +Rosen. —</p> + +<p>Ich weiß, was diese Rosen für eine Sprache reden.</p> + +<p>Mir rufen sie die Jahre der Vergangenheit mit +Allgewalt zurück.</p> + +<p>Lou selbst wurde wie ein Röschen so rot. Es ist +Zeit, daß wir abreisen, ehe es zu spät ist. —</p> + +<p>Hätte ich nur nicht versprochen, noch zu dem +Feste zu gehen, das der Oberst nächste Woche auf +seinem Gut in Wolfshagen geben will. —</p> + +<p>Es ist nur dreißig Minuten von Hannover, und es +werden sehr viele aus der Stadt dasein. Gewiß auch +dieser Foltmer.</p> + +<p>Er scheint ja ein ganz netter Mensch zu sein, aber +er sollte sich nicht um meine Lou kümmern, dann +wäre er mir noch viel angenehmer. Auf alle Fälle +werden wir nach dem Fest gleich abreisen.</p> + +<p>Ich will das Glück meines Kindes; doch es wäre +mir lieber, wenn sie es jenseits des großen Wassers +finden würde. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Meine Befürchtungen waren nicht unbegründet.</p> + +<p>Und der Herr Oberst oder vielmehr seine Gattin +scheinen mit den Wünschen des jungen Offiziers vertraut +zu sein.</p> + +<p>Schon als er Lou den Arm bot, um sie zu Tisch zu +führen, sah ich, wie es in ihren Augen aufleuchtete. +Bei Tisch konnte ich wenig von ihr sehen; da mich +der Oberst zu Tisch geführt, war ich ziemlich weit +von ihr entfernt. Als aber die Tafel aufgehoben war, +und ich sie zuerst wiedersah, da strahlten ihre großen +Augen wie zwei Sonnen.</p> + +<p>Glückliches Kind! — —</p> + +<p>Ich kam einen Augenblick in Versuchung, den +Leuten da zuzurufen, <em class="gesperrt">wen</em> sie als hochgeehrten Gast +hier in ihrer Mitte hatten. —</p> + +<p>Schrecklich! Daß mir in den schönsten Augenblicken +meines Lebens immer wieder diese Gedanken kommen.</p> + +<p>Es ist wie ein unerträglicher Zwang. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Lou schläft noch, doch ich sitze schon seit Stunden +hier am Fenster. Wir wollen mit Schluß dieser +Woche abreisen. Einen Platz auf dem Dampfer habe +ich bestellt, wir werden uns aber erst in Cherbourg +einschiffen, um vorher noch ein oder zwei Tage für +Paris zu haben. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Doch schon zu spät!</p> + +<p>Als Lou erwachte, flüsterte sie mir verschämt +ins Ohr, daß Oberleutnant Foltmer mir heut' früh +einen Besuch machen wolle. —</p> + +<p>Also doch! Und so rasch!</p> + +<p>Das lag nicht in meiner Berechnung.</p> + +<p>Soll ich alles widerstandslos gehen lassen, wie es +will, oder soll ich ihn gar nicht empfangen?</p> + +<p>Doch nein, das darf ich nicht tun. Will ich denn +nicht das Glück meines Lieblings? Darf ich es ihr +wehren, wenn sie es an der Seite dieses Mannes zu +finden hofft?</p> + +<p>Ich werde mich eines Tages damit abfinden müssen, +daß sie von mir geht. Nicht für uns erziehen wir +unsere Kinder. —</p> + +<p>Aber es ist trotzdem so schwer, auch wenn ich +es mir täglich vorsage.</p> + +<p>Ich will mich nicht unnütz quälen, ich will abwarten, +was mir der Oberleutnant zu sagen hat.</p> + +<p>Es wäre ja immerhin möglich, daß ich mich +irre.</p> + +<p>Und doch – Lou war sonst so ganz anders.</p> + +<p>Das Kindliche, das harmlos Fröhliche ist verschwunden, +das Weib in ihr ist erwacht.</p> + +<p>Ich werde trotz alledem sehr vorsichtig sein. Ich +werde mich nicht überrumpeln lassen. Ich muß +wissen, ob der Charakter dieses Mannes Garantien +bietet.</p> + +<p>Ist es nicht auch möglich, daß die überseeischen +Reichtümer ihn locken? Man sagt, daß Offiziere viel +Geld gebrauchen können. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Meine Lou ist so glücklich, anscheinend ist der +Oberleutnant ein tüchtiger Mann; er ist selbst sehr +wohlhabend, da fällt wohl von selbst der Gedanke +fort, ihn für einen Mitgiftjäger zu halten.</p> + +<p>Er ist der Sohn eines Großindustriellen, der erst +neuerdings geadelt worden ist.</p> + +<p>Ich freue mich, daß er aus denselben Kreisen +stammt wie Lou; es paßt besser als wenn er der +Abkömmling irgendeines verarmten, feudalen Geschlechts +wäre, um nun mit den Millionen seiner +Frau sein Wappen neu zu vergolden.</p> + +<p>Nur daß ich mein Kind in Deutschland lassen soll, +das wird mir schwer.</p> + +<p>Ob Foltmer gern Soldat ist? Ob er sich vielleicht +entschließen könnte, die glänzende Uniform auszuziehen?</p> + +<p>»This funny uniform«, jetzt sagt's der Schlingel +nicht mehr. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Mit der Abreise ist es nun doch nicht so schnell +gegangen. Wir haben erst noch einen Besuch bei +Foltmers Eltern gemacht. Ich bin mit einigem Widerstreben +hierhergegangen, konnte aber auch keinen +triftigen Grund für eine Ablehnung finden. —</p> + +<p>Mit offenen Armen, äußerst liebenswürdig hat +man uns aufgenommen.</p> + +<p>Sonderbar, lebten wir hier in Deutschland, so +wäre gewiß des Fragens kein Ende gewesen nach der +Familie, der Herkunft und so weiter.</p> + +<p>Nun wir aber Fremde sind, fragt man uns +nicht.</p> + +<p>Ich bin, trotzdem ich nie wieder für immer in +Deutschland leben möchte, im Herzen gut deutsch +geblieben, und da verdrießt es mich doch manchmal, +daß der Deutsche alles, was aus dem Ausland kommt, +als etwas Besonderes ansieht. —</p> + +<p>Im übrigen freue ich mich doch, hierher gekommen +zu sein. Wenn der Betrieb auch nicht an die amerikanischen +Verhältnisse heranreicht, so muß ich doch +gestehen, daß ich gestaunt habe über die Einrichtungen, +deren endgültige Entwicklung noch lange +nicht abgeschlossen ist. Aber die Automobilfabrikation +ist hier ja auch noch lange nicht so weit wie +drüben bei uns. — —</p> + +<p>Der Abschied des Brautpaares war recht schwer. +Ich habe mich täglich mehr davon überzeugt, daß +mein Kind wirklich von Herzen um seiner selbst +willen geliebt wird. Was bei diesem lieben, sonnigen +Geschöpf ja auch kein Wunder ist.</p> + +<p>Am liebsten hätte Foltmer schon jetzt geheiratet.</p> + +<p>Aber da war ich unerbittlich. Ein Jahr müssen sie +noch warten.</p> + +<p>Es wäre überhaupt mein größter Wunsch, daß +Foltmer erst einmal zu uns nach Chikago käme, +vielleicht ließe er sich dann dazu bewegen, seinen Abschied +zu nehmen.</p> + +<p>Wir werden sehen. — — – Nach einem kleinen +Abstecher in die Heimat zu den Großeltern wollen +wir am 28. Oktober mit dem »Kaiser Wilhelm« +wieder nach New York. — —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Es ist wie ein Verhängnis auf dieser Reise. Nicht +allein, daß mein Liebling, meine Lou, mich verlassen +will, hat sich jetzt auch Konrad noch verlobt. Und +gerade jetzt, wo ich mich so gefreut habe über seine +Heimkehr.</p> + +<p>Eigentlich habe ich mir schon in Deutschland Gedanken +gemacht über Konrads Sehnsucht nach +Amerika, die mir, offen gestanden, etwas unnatürlich +war – nun habe ich die Erklärung +dafür. —</p> + +<p>Helen Curtis war der Magnet. Helen, das Töchterchen +meines alten Freundes. —</p> + +<p>So leid es mir einerseits tut, daß ich den Jungen, +den ich so spät erst gefunden, nun schon wieder an +eine andere verlieren soll, so sage ich mir doch auch, +daß es sich gar nicht glücklicher hätte gestalten +können.</p> + +<p>Schon damals, als Konrad im Hause des Doktors +gewesen ist, haben sich die ersten Anzeichen der +jungen, knospenden Liebe bemerkbar gemacht.</p> + +<p>Im vergangenen Jahre, ehe er nach Deutschland +fuhr, um seiner Militärpflicht zu genügen, war er noch +einige Tage als Gast am Madison Square, und schon +damals haben die beiden sich ausgesprochen.</p> + +<p>Doktor Curtis ist sehr zufrieden. Er setzt große +Hoffnungen in Konrads Können und ist überzeugt, +daß er noch einmal einer der ersten Männer unserer +Industrie sein wird. —</p> + +<p>Schon im Frühjahr möchte Konrad heiraten. Mir +ist es etwas zu rasch, aber der Doktor meint, allzu +langes Warten sei nicht nach seinem Geschmack. +Wenn ich aber triftige Gründe habe, so wolle er sie +selbstverständlich respektieren.</p> + +<p>Die habe ich nicht, und ich könnte mir auch keine +Liebere als Ersatz für meine Lou wünschen als die +zierliche, blonde Helen. —</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Es gibt Arbeit daheim, und das ist gut.</p> + +<p>Wenn Konrad heiraten will, so muß ich zuvor +genau wissen, was ich Lou als der Tochter ihres Vaters +schuldig bin.</p> + +<p>Mein Gerechtigkeitsgefühl läßt es nicht zu, daß +ich meinen Sohn, der doch meinem Gatten völlig +fremd war, als seinen Erben hier hinsetze.</p> + +<p>Ich habe mit Thomas darüber gesprochen, und er +billigt meine Ansicht vollständig.</p> + +<p>Ist mir doch sogar, als ob er seit der Zeit merklich +wärmer gegen Konrad sei.</p> + +<p>Ich habe immer das Gefühl gehabt, als empfände +er es als ein Unrecht gegen Lou, daß ich Konrad als +zukünftigen Herrn hierhergebracht habe. —</p> + +<p>Der gute Alte!</p> + +<p>Ich habe selbst zu viel Unrecht erlitten, um leichtsinnig +mit den Rechten anderer zu spielen.</p> + +<p>Lous Anteil soll ihr ungeschmälert werden, und +nur das, was mein Rechtsanteil an dem Vermögen +meines Mannes ist, soll die Basis bilden, auf der Konrad +weiterbauen kann. Habe ich mich nicht in ihm +getäuscht, so wird er ganz im Sinne meines Mannes +weiterarbeiten und wird in nicht zu ferner Zeit auf +eigenen Füßen stehen können.</p> + +<p>Vier bis fünf Jahre werde ich noch allein Herrin +der Werke bleiben, bis dahin wird es sich gezeigt +haben, ob ich mich ohne Sorgen zur Ruhe setzen +kann. —</p> + + + +<hr class="hr65" /> +<h2><a name="VIII" id="VIII"></a>VIII.<br /> + +Ans Werk.</h2> + + +<p>New York, Dezember 1906.</p> + +<p>Ich sitze in meinem Arbeitszimmer. Das Haus +ist still, wie ausgestorben.</p> + +<p>Nach Jahren halte ich mein altes Tagebuch wieder +einmal in den Händen.</p> + +<p>Erinnerungen! Die lieben Gäste der Einsamkeit.</p> + +<p>Sind es auch mir liebe Gäste?</p> + +<p>Sie sind es! Aus vollem, aufrichtigem Herzen +kann ich es sagen. Die Einsamkeit, die viele Menschen +lastend empfinden, mir ist sie eine Erholung; ein köstliches +Insichselbstversenken. —</p> + +<p>Auch die bösen Erinnerungen meiner frühesten +Jugend schrecken mich nicht mehr, obgleich es ein +köstlich Ding sein muß, beim Rückblick auf die durchwanderte +Strecke nur Gutes und Schönes zu sehen.</p> + +<p>Doch ich will nicht ungerecht sein; es ist wohl +wenigen beschieden, nur Rosen im Garten des Lebens +zu pflücken. —</p> + +<p>Als ich vor sechs Jahren am Sterbebette der Großmutter +stand – und sie mir sagte: »Du hast alles +wieder gut gemacht, mein Kind,« da habe ich mich +sehr gefreut. Die Anerkennung aus diesem Munde +tat mir wohl.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Auch ich selbst habe das Bewußtsein, daß ich vor +dem strengsten Richter bestehen könnte, wenn die +Abrechnung kommt. —</p> + +<p>Ich wohne nun in New York und widme mich ganz +meinen schon lange gehegten Lieblingsplänen, der +Bekämpfung des Mädchenhandels. —</p> + +<p>Wo fände sich ein dankbareres Feld als gerade hier?</p> + +<p>Und doch, es ist schwer zu arbeiten: bei so wenig +Entgegenkommen von Seiten der Behörden, besonders +der Polizei. —</p> + +<p>Ich weiß nicht, wie schlimm es in anderen Großstädten +ist, ich weiß nur, daß es hier sehr schlimm ist.</p> + +<p>Ich habe jetzt gelernt, daß da, wo ich einst war, +noch der Himmel unter diesen Höllen ist.</p> + +<p>Ein Gang durch die Bowery, Hell's Kitchen, the +Stovepipe und wie diese entsetzlichen Orte alle heißen, +hat mir gezeigt, wie schlimm ich es hätte treffen +können.</p> + +<p>Fürchterliche Zustände herrschen auch in den sogenannten +Teehäusern des Chinesenviertels. Das +sind die Orte, wo mit Vorliebe halbwüchsige Kinder +hinverschleppt werden.</p> + +<p>Ein Wesen, das dahinein kommt, findet wohl nie +wieder den Weg zurück. —</p> + +<p>Mit einem zuverlässigen Detektiv als Führer, in +einen Herrenmantel gehüllt, habe ich selbst es gewagt, +in ein solches Haus zu gehen, in dem kein +Mensch ohne das bestimmte Paßwort Einlaß +findet.</p> + +<p>Durch einen engen Torweg gelangten wir in einen +engen, schmutzigen Hof. Am Ende des Hofes stiegen +wir eine steile Treppe hinan und kamen in einen +schmalen, niedrigen Gang, der fast ganz dunkel +war; nur am Ende brannte eine gedämpfte rote +Ampel.</p> + +<p>Am Ende des Ganges, da wo die rote Ampel +brannte, mußten wir um eine Ecke biegen und anscheinend +denselben Weg zurückgehen. Dann, nach +einer kleinen Biegung nach rechts, standen wir vor +einer schweren eichenen Tür.</p> + +<p>In ungefähr Kopfhöhe war eine kleine Klappe in +der Tür, nicht größer als zwanzig Zentimeter im +Geviert. —</p> + +<p>Ich klopfte und wartete.</p> + +<p>Da öffnete sich geräuschlos die Klappe, ein verwittertes +Gesicht mit scharfen, stechenden Augen +wurde einen Augenblick sichtbar, dann, ehe ich noch +ein Wort sagen konnte, hatte sich die Öffnung schon +wieder geschlossen.</p> + +<p>»Lassen Sie mich einmal klopfen,« flüsterte mein +Begleiter, »dieser Tsung Lee ist vorsichtig. Er hat +sofort gemerkt, daß Sie ein Fremder sind.«</p> + +<p>Ich trat zurück und ließ ihn vortreten.</p> + +<p>Ein kurzes, dreimal wiederholtes Klopfen wurde +hörbar, die Klappe flog auf, einige leise geflüsterte +Worte trafen mein Ohr, dann bewegte sich die schwere +Tür lautlos in ihren Angeln und wir traten ein. Wir +standen in einem Raum, in dem ich im ersten Augenblick +gar nichts unterscheiden konnte. Ein ungewisses +Dämmer herrschte, und ich hörte nirgends +einen Laut. —</p> + +<p>»Sie scheinen uns noch nicht recht zu trauen,« +flüsterte mein Begleiter. »Man ist hier sehr vorsichtig. +Dafür bieten diese Häuser aber auch, was +man an keinem Platze der Welt schöner haben +kann. Hier findet jeder seine Rechnung. Sogar +der — —«</p> + +<p>Ein Geräusch ließ ihn verstummen. Wir drehten +uns nach der Seite, ein blaßgrüner Vorhang ging auseinander, +und dahinter, auf schwellendem Diwan, wie +aus der Erde gestiegen, lag, von rosigem Licht umflossen +ein Weib, vielmehr ein Kind noch, und streckte +die Arme nach uns aus. Ich wollte darauf zutreten +um mit dem Kinde zu sprechen, mein Begleiter hielt +mich zurück.</p> + +<p>»Warten,« flüsterte er, »es kommt noch besser.«</p> + +<p>Und es kam besser. —</p> + +<p>Die armen Wesen! Ich bin gewiß, nicht ein einziges +von all den armen Kindern hat gewußt, was man +mit ihm vorhatte, wohin man es bringen würde. Das +alte Lied, das alte Leid. —</p> + +<p>Wir verließen das Haus auf einem anderen Wege, +nicht ohne vorher fünfzig Dollars für den Besuch bezahlt +zu haben.</p> + +<p>Die ganze Einrichtung dieser Häuser läßt unschwer +erkennen, daß es vollständig ausgeschlossen ist für +jemand, der wider seinen Willen darin festgehalten +wird, zu entkommen.</p> + +<p>Auch die Polizei würde nie etwas anderes finden, +wenn sie wirklich suchen würde, als eine harmlose +Teestube im unteren Stock.</p> + +<p>Alles, was nicht gesehen werden soll, wird über +die Leiter entfernt.</p> + +<p>Aber der Polizei ist all dies bekannt!</p> + +<p>Es ist ihr bekannt, daß gerade diese Pesthöhlen in +Chinatown das Schlimmste sind, was es in diesem +Genre geben kann. Und doch werden sie geduldet.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Ich habe die Aufzeichnungen in meinem Tagebuch +noch einmal durchgelesen und, obgleich mein +Blut jetzt ruhiger und schwerer durch die Adern +fließt, stimme ich auch jetzt noch meinen damaligen +Ausführungen zu: Daß ein Hauptteil der Schuld +an den unseligen Verhältnissen auf dem Gebiete der +Prostitution auf Seiten des Mannes liegt. – Die Konjunktur +richtet sich hier, wie überall, nach Angebot +und Nachfrage.</p> + +<p>Hier allein liegt der Kern des Übels. Würden die +Männer jene Häuser nicht so frequentieren, so +wäre ihre Existenzmöglichkeit stark beschränkt. Der +Mädchenhandel, diese Pestbeule unserer Kultur, +müßte naturgemäß von selbst aufhören. —</p> + +<p>Nun habe ich so oft die Entgegnung hören müssen: +der Mann kann nicht anders, er muß in diese Häuser +gehen, will er nicht seine Gesundheit arg gefährden.</p> + +<p>Zugegeben, dem wäre so, warum heiratet er nicht, +wenn er nicht ohne geschlechtlichen Verkehr leben +kann?</p> + +<p>Und ist es anderseits nicht wieder eine sehr einseitige Auffassung der Herren, daß auf Kosten ihres +Wohlbefindens, auf Kosten ihrer Genußsucht, die +andere Hälfte der Menschheit Opfer bringen muß? +Wer fragt die unverheiratete Frau danach, ob sie geschlechtlichen +Verkehr nötig hat?</p> + +<p>Im Gegenteil, sie ist verfemt, ausgestoßen aus der +Gesellschaft, wenn sie ihren Sinnen gehorcht.</p> + +<p>Und hat doch nur dasselbe getan, wozu der Mann +volle Berechtigung hat. —</p> + +<p>Aber angenommen, man könnte wirklich nicht +ohne öffentliche Häuser auskommen – was ich, wie +gesagt, bestreite – so wäre es immerhin das Beste +und meiner Meinung nach einzig Richtige, wenn sie +verstaatlicht würden.</p> + +<p>Man komme nicht mit Einwänden, daß es nicht +geht. Es geht alles! Wo ein Wille ist, da ist auch ein +Weg. —</p> + +<p>Natürlich müßten internationale Abkommen getroffen werden, +deren wir ja auf allen anderen Gebieten +übergenug haben.</p> + +<p>Nur auf diesem Gebiet, wo es sich um die Frau +handelt, um die eigentliche Trägerin der Zukunft, da +ist man lässig.</p> + +<p>Würden alle, aber auch alle derartigen Pesthöhlen +plötzlich aufgehoben, und diejenigen, die freiwillig +ihren Körper den Lüsten des Mannes zur Verfügung +stellen wollen, in staatlich verwaltete Häuser +gesteckt, wo es keinen Sekt, sondern nur alkoholfreie +Getränke geben dürfte, man würde staunen, wie sehr +die Unsittlichkeit abnehmen würde.</p> + +<p>Hier allein wäre der Weg für die Regierungen, um +Abhilfe zu schaffen. Dem Mädchenhandel wäre damit +ein für allemal der Nährboden entzogen.</p> + +<p>Warum wird dieser Weg nicht beschritten?</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>Doktor Curtis, mein alter Freund, ist mir ein +treuer Helfer in meinen Bestrebungen. Er findet da, +wo die Frau nur verschlossene Türen finden würde, +immer noch einen Weg.</p> + +<p>Der größte Erfolg unserer Bestrebungen, die +Aufhebung eines der schlimmsten Nester – des sogenannten +Katzenkellers in der unteren Bowery – +ist sein Werk.</p> + +<p>Wenn die Mächtigen dieser Erde lässig sind, so +müssen die Frauen sich selbst helfen, sie müssen +kämpfen für diese Ärmsten der Frauen.</p> + +<hr class="hr45" /> + +<p>— — — — — — — — — — — — — — — +— — — — — — — — — — — — — — —</p> + +<p>Der sehnlichste Wunsch meiner Jugend hat sich +erfüllt. Ich habe die Mittel und auch die Zeit, mich +jenen Unglücklichen zu widmen.</p> + +<p>Meine Kinder sind glücklich. Bei Konrad durfte +ich im vergangenen Frühjahr das erste Enkelchen bei +der Taufe halten, und auch mein Liebling, meine Lou, +die eine prächtige deutsche Offiziersfrau ist, hat bereits +einen Jungen und ein Mädchen. —</p> + +<p>Aber sie alle brauchen mich nicht. Ich kann meine +Kraft und meine Zeit ungehindert den Unglücklichen +widmen, die mich nötig haben.</p> + +<p>Wir leben in einer Zeit, in der man von Überkultur +redet. Die Nordstaaten haben Millionen geopfert, +um die Neger zu befreien. In den Augen der +humanen Amerikaner war die geduldete Sklaverei +eine Schande.</p> + +<p>Was aber sind die allein hier in New York +lebenden 35 000 unglücklichen Geschöpfe anderes?</p> + +<p>Der farbige Sklave hatte es tausendmal besser +als sie.</p> + +<p>Ich darf mich nicht allzu tief in diese Abgründe +menschlicher Schwächen versenken. Mein ganzes +Blut empört sich gegen das unheilvolle System. Nur +das Weib kann dem Weibe helfen. Gemeinsam müssen +sie vorgehen gegen diese Schurken, die sich in so unerhörter +Weise gegen die heiligsten Güter der Menschheit +versündigen. Die da Wucher treiben mit Körper +und Seele ahnungsloser Geschöpfe. —</p> + +<p>Denn sie gehören ja doch zu uns, diese Armen – +trotz alledem und alledem. — —</p> + +<p class="noindent"><big><em class="gesperrt">Ende.</em></big> +</p> + +<p class="bottomspace"><small>Druck: Berliner Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H., Berlin SW 48 – Zossen (Mark) +</small></p> + + + +<p class="noindent">F. FONTANE & Co., BERLIN/DAHLEM (Post Grunewald)</p> + +<hr class="h45" /> + +<p class="noindent">AMERIKA-LITERATUR</p> + +<hr class="h45" /> + +<p class="noindent"><b>Kurt Aram:</b></p> + +<p class="noindent"><b>Mit 100 Mark nach Amerika</b></p> + +<p class="noindent">Ratschläge und Erlebnisse</p> + +<p class="noindent">Ausg. A. (mit einem Katechismus für Auswand.) cart. M. 1.—</p> + +<p class="noindent">Ausg. B. Brosch. M. 3.—, gebund. M. 4.—</p> + +<hr class="h45" /> + +<p class="noindent"><b>Ludwig Max Goldberger:</b></p> + +<p class="noindent"><b>Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten</b></p> + +<p class="noindent">VIII. Aufl. Brosch. M. 5.—, geb. M. 6.50</p> + +<hr class="h45" /> + +<p class="noindent"><b>Geh. Reg.-Rat Dr. Hintrager:</b></p> + +<p class="noindent"><b>Wie lebt und arbeitet man +in den Vereinigten Staaten?</b></p> + +<p class="noindent">Nordamerikanische Reiseskizzen</p> + +<p class="noindent">II. Aufl. Brosch. M. 5.—, geb. M. 6.50</p> + +<hr class="h45" /> + +<p class="noindent"><b>Orla Holm:</b></p> + +<p class="noindent"><b>Aus Mexiko</b></p> + +<p class="noindent">Reisebriefe</p> + +<p class="noindent">Brosch. M. 3.50, geb. M. 5.—</p> + +<hr class="h45" /> + +<p class="noindent"><b>Wilhelm von Polenz:</b></p> + +<p class="noindent"><b>Das Land der Zukunft</b></p> + +<p class="noindent">(Was können Amerika und Deutschland von einander lernen?)</p> + +<p class="noindent">VIII. Aufl. Brosch. M. 4.—, geb. M. 5.—</p> + +<p class="noindent"><b>Dasselbe Werk auch in englischer Übersetzung</b></p> + +<hr class="h45" /> + +<p class="noindent"><b>Ernst von Wolzogen:</b></p> + +<p class="noindent"><b>Der Dichter in Dollarica</b></p> + +<p class="noindent">IV. Aufl. Brosch. M. 5.—, geb. M. 6.50</p> + +<p class="noindent"><b>Was Onkel Oskar mit seiner +Schwiegermutter in Amerika passierte</b></p> + +<p class="noindent">VII. Aufl. Brosch. M. 1.—, cart. M. 2.—</p> + +<hr class="hr65" /> + +<div class='tnote'><h3>Anmerkungen zur Transkription:</h3> + +<p>Offensichtliche Interpunktionsfehler wurden berichtigt.</p> + +<p>Die übrigen Korrekturen sind durch eine gepunktete Linie unter dem korrigierten Wort markiert und <ins title="Transcriber's Note: Im Original 'erschenen'">erscheinen</ins>, wenn Sie den Mauszeiger +auf das Wort richten.</p></div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Seelenverkäufer, by M. Gontard-Schuck + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEELENVERKÄUFER *** + +***** This file should be named 35999-h.htm or 35999-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/5/9/9/35999/ + +Produced by Heike Leichsenring, Alexander Bauer, Jana Srna +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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