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+ The Project Gutenberg eBook of Seelenverkäufer, by M. Gontard-Schuck.
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+The Project Gutenberg EBook of Seelenverkäufer, by M. Gontard-Schuck
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Seelenverkäufer
+ Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin
+
+Author: M. Gontard-Schuck
+
+Release Date: April 30, 2011 [EBook #35999]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEELENVERKÄUFER ***
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+Produced by Heike Leichsenring, Alexander Bauer, Jana Srna
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
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+<p class="u1">M. GONTARD-SCHUCK</p>
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+<h1><span class="smcap">Seelenverkäufer</span></h1>
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+<p class="bottomspace">DAS SCHICKSAL
+EINER DEUTSCH-AMERIKANERIN</p>
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+<p class="noindent">VIERTES UND FÜNFTES TAUSEND</p>
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+</p>
+
+<p class="bottomspace">BERLIN / F. FONTANE &amp; CO.</p>
+
+
+
+<blockquote><p><em class="gesperrt">Das erste bis dritte Tausend erschien als
+erste Auflage im Juni 1914, das vierte und
+fünfte Tausend im darauffolgenden Monat.</em></p>
+
+
+
+<p><em class="gesperrt">Auf Grund des U. G. vom</em> 19. <em class="gesperrt">Mai</em> 1909 <em class="gesperrt">gegen Nachdruck geschützt.</em></p>
+
+
+
+
+<p class="bottomspace"><em class="gesperrt">Copyright</em> 1914 <em class="gesperrt">by F. Fontane &amp; Co</em>.</p></blockquote>
+
+
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i2">Per me si va nella città dolente,<br /></span>
+<span class="i2">Per me si va nell' eterno dolore,<br /></span>
+<span class="i2">Per me si va tra la perduta gente.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen,<br /></span>
+<span class="i0">Der Eingang bin ich zu den ew'gen Qualen,<br /></span>
+<span class="i0">Der Eingang bin ich zum verlorenen Volke ...<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i14">(<em class="gesperrt">Dante, Inferno.</em>)<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="Inhalt" id="Inhalt"></a>Inhalt</h2>
+
+
+
+
+<table border="0" summary="Inhaltsverzeichnis">
+
+
+<tr>
+<td class="wide">&nbsp;</td>
+<td class="short">&nbsp;</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="wide"><a href="#I">I. Kindheit</a></td>
+<td class="short">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="wide"><a href="#II">II. Der neuen Welt zu</a></td>
+<td class="short">24</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="wide"><a href="#III">III. Nacht</a></td>
+<td class="short">36</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="wide"><a href="#IV">IV. Sonnenaufgang</a></td>
+<td class="short">94</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="wide"><a href="#V">V. Als Stewardeß</a></td>
+<td class="short">131</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="wide"><a href="#VI">VI. Im sichern Hafen</a></td>
+<td class="short">183</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="wide"><a href="#VII">VII. Eine Abrechnung</a></td>
+<td class="short">224</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="wide"><a href="#VIII">VIII. Ans Werk</a></td>
+<td class="short">255</td>
+</tr>
+</table>
+
+
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="I" id="I"></a>I.<br />
+
+Kindheit.</h2>
+
+
+<p>Zum letzten Male liegst du vor mir, mein treuer
+Weggenoß. Zum letzten Male, ehe ich dich
+hinausschicke in die Welt.</p>
+
+<p>Sinnend ruhen meine Blicke auf den ersten Aufzeichnungen
+aus jener Zeit, da die verschlossenen
+Türen des Lebens sich für mich öffneten.</p>
+
+<p>Ein Kind war ich noch damals, und wie hart hat
+mich das Schicksal in die Schmiede genommen, um
+einen Menschen aus mir zu machen, der Menschen und
+menschliche Schwächen versteht.</p>
+
+<p>Und war es nicht gut, daß ich noch so jung war?
+Wie wäre es mir sonst möglich gewesen, die furchtbaren
+Erlebnisse meiner ersten Jugend so vollständig
+verwinden zu können?</p>
+
+<p>Die kindlich unfertigen Schriftzüge da vor mir,
+die noch so gar keine Charakteristik zeigen, wecken
+nur eine leise, wehmütige Rührung in mir. Von dem
+Schmerz, der Bitterkeit jener Tage spüre ich nichts,
+gar nichts mehr.</p>
+
+<p>Vielleicht, weil ich jetzt verstehe, wie alles kommen
+konnte, ja, wie alles kommen mußte. Wie eine Schuld,
+die andere nach sich zog, und wie auch an mir der uralte
+Fluch sich erfüllte, wie in mir das Vergehen der
+Eltern seine Sühne fand.</p>
+
+<p>Und war es denn überhaupt ein Vergehen? War
+es Sünde?</p>
+
+<p>Meine arme Mutter, was wußte sie von Sünde in
+ihrer Waldeinsamkeit?</p>
+
+<p>Ihre Eltern waren stille, wortkarge Menschen, und
+sie fühlte sich oft sehr einsam in dem großen, alten
+Jagdhause oben im Gebirge. Und der Erbprinz, der
+als leidenschaftlicher Jäger oft ganze Wochen dort
+oben zubrachte, hatte nach den Pirschgängen am
+frühen Morgen Zeit und Muße genug, sich mit der
+schönen Försterstochter zu beschäftigen.</p>
+
+<p>Mehr als für Ruhe und Glück des Mädchens gut
+war.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Prinz war ein schöner Mann, und das Försterkind
+liebte ihn.</p>
+
+<p>Sie mußte ihn ja lieben!</p>
+
+<p>Wie selten kamen Fremde in ihre Waldeinsamkeit;
+und wie begreiflich ist es, daß ihr junges Herz dem
+ersten, der sich um sie bemühte, zuflog.</p>
+
+<p>Wer will da von Schuld und Sünde sprechen?</p>
+
+<p>Aber der rosenrote Traumhimmel des jungen Mädchens
+wurde gar rauh zerstört, als die Folgen sich
+zeigten. Und Lisbeth mußte heiraten. Zwar nicht
+den Prinzen, wohl aber seinen Büchsenspanner.</p>
+
+<p>Alles Sträuben half nichts, der Vater war unerbittlich!</p>
+
+<p>Hoheit wünschte es, so war es für ihn Befehl.</p>
+
+<p>Der Büchsenspanner erhielt die Pachtung der Domäne
+Neuhof, und ich wurde als Tochter des Herzoglichen
+Domänenpächters Georg Albrecht geboren. &mdash;</p>
+
+<p>Ich beneide jeden, der auf eine frohe, ungetrübte
+Kindheit zurückblicken kann.</p>
+
+<p>Meine ersten Erinnerungen haften an einzelnen
+häßlichen Szenen im Elternhause. Die weinende, betrübt
+einherschleichende Mutter, der zornig scheltende
+Vater sind die am fernsten liegenden Bilder.
+Später entsinne ich mich, daß die Mutter immer krank
+war. Häßliche Auftritte gab es auch da noch. Ich
+fürchte, ich habe die Mutter nicht so geliebt, wie sie
+es um mich verdient hat.</p>
+
+<p>Ihr stilles Dulden lag meiner wilden, aufbrausenden
+Natur nicht. Am liebsten wäre ich ihrem Peiniger
+an die Kehle gesprungen, wenn er ihr harte
+Worte gab, wenn er mich Wechselbalg oder Kuckucksei
+nannte. Obgleich ich die Bedeutung der Worte gar
+nicht verstand.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich war noch nicht zwölf Jahre alt, als meine
+Mutter starb. Für die arme Dulderin war es eine Erlösung
+&ndash; für mich ein Unglück, dessen Tragweite ich
+erst in späteren Jahren voll ermessen konnte. Erst
+viel später, Jahrzehnte später, habe ich verstehen gelernt,
+was mir an jenem Tage genommen worden war.</p>
+
+<p>Die Jahre nach dem Tode meiner Mutter, bis zu
+meinem fünfzehnten Jahre sind mir wie eine ununterbrochene
+Kette von Unannehmlichkeiten in Erinnerung.
+Lichtblicke waren es, wenn ich zu den Großeltern
+durfte. Bei ihnen war ich daheim.</p>
+
+<p>Und als ich eines Tages von meinem Vater gezüchtigt
+worden war&nbsp;&ndash; ungerecht, wie ich meinte&nbsp;&ndash;
+da riß ich aus, und wanderte zu Fuß die neun Stunden
+über den Wald zu den Großeltern.</p>
+
+<p>Einige Tage durfte ich bei ihnen bleiben, dann
+kam mein Vater, und ich mußte wieder mit nach
+Hause.</p>
+
+<p>Liebe zu mir war es nicht, die ihn dazu trieb, mich
+wieder zu holen. Erst viel später habe ich begriffen,
+daß, solange er mich bei sich hatte, immer eine gewisse
+Nachsicht mit ihm geübt wurde, wenn er mit
+der Pacht im Rückstande war. Und das war wohl
+meistens der Fall.</p>
+
+<p>Das flotte Leben, das er führte, verschlang zu
+viel.</p>
+
+<p>Oft hörte ich damals des Abends Gläserklingen
+und lustiges Frauenlachen aus den unteren Räumen
+zu mir herauftönen.</p>
+
+<p>Ich war neugierig&nbsp;ndash; sehr neugierig.</p>
+
+<p>Aber die alte Rosine schalt mich aus, wenn ich sie
+fragte.</p>
+
+<p>»Du hast geträumt, Kind! In der Nacht schläft
+man. Wo sollten hier denn Damen herkommen?«</p>
+
+<p>Ich hatte aber doch nicht geträumt. Ich weiß
+es jetzt.</p>
+
+
+<p class="noindent"><big><em class="gesperrt"><b>Mein Tagebuch.</b></em></big></p>
+
+<p>Ich habe mir ein Tagebuch gekauft, und heute
+will ich es einweihen, heute am Todestage meiner lieben,
+toten Mutter.</p>
+
+<p>Nun ich aber davorsitze, weiß ich gar nicht, was
+ich schreiben soll. Ich erlebe so gar nichts. Soll ich
+schreiben, daß ich sehr unglücklich bin? Das kann
+ich nicht! Ich bin mir selbst nicht recht klar über
+mein Empfinden. Ich habe etwas sehr Böses getan
+und weiß nicht, was aus mir werden wird, und darüber
+müßte ich doch traurig sein, aber ich bin es nicht.</p>
+
+<p>Die Großeltern werden schon für mich sorgen, sie
+haben es ja immer getan.&nbsp;&mdash; Und Rudolph? Wie
+kommt es, daß ich so wenig an ihn denke in meiner
+Verbannung? Und wie kommt es, daß ich keine Nachricht
+von ihm bekomme? Ist sein Vater noch immer
+nicht gesund?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 4. Februar.</p>
+
+<p>Ich sitze wieder vor meinem Tagebuch und weiß
+nicht, was ich schreiben soll. Ich will deshalb eintragen,
+warum ich hier in E. bin und warum ich
+eigentlich unglücklich sein sollte.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich war im Frühjahr fünfzehn Jahre alt und sollte
+Ostern konfirmiert werden. Unser Inspektor war zum
+1. Januar gegangen, und Vater war immer in einer
+fürchterlichen Laune.</p>
+
+<p>Ich ging mit den andern Dorfkindern zu Pastor
+Eckebrecht in die Konfirmandenstunde. Der Pastor
+war immer sehr gut zu mir, er fragte mich oft nach
+den Großeltern und auch, wie es bei uns zu Hause
+ginge. Auch ob Vater oft abends zur Stadt führe.</p>
+
+<p>Am Palmsonntag kamen die Großeltern; das war
+mir das Liebste an der ganzen Konfirmation. Die
+Großmutter backte immer so schönen Rosinenkuchen.</p>
+
+<p>Wir haben aber gar nicht viel gefeiert, denn der
+Vater fuhr nach dem Kaffee gleich wieder in die Stadt,
+und darüber schien Großvater ärgerlich zu sein.
+Ich freute mich, als er weg war. Mit den Großeltern
+allein war es viel schöner.</p>
+
+<p>Großmutter sagte mir, daß ich bis zum Herbst im
+Hause bleiben solle, dann solle ich fort, um etwas zu
+lernen. Was, das wußte ich nicht, war mir auch einerlei.
+Mir war die Hauptsache, daß ich fortkam. Auch
+über das Wohin machte ich mir keine Sorgen, jedenfalls
+in eine schöne, große Stadt, wo es Schaufenster
+gab, die man sich besehen konnte.</p>
+
+<p>Anna Marie Walter war einmal in Dresden gewesen
+und hatte mir so viel davon erzählt, daß ich
+ganz neugierig war.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin auch fortgekommen&nbsp;&ndash; aber schön ist es
+hier nicht.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Am ersten April war ein Volontär bei uns eingetreten.
+Der Sohn eines Gutsbesitzers aus dem Hessischen. Er
+war sehr hübsch, so flott und lustig, daß wir bald gute
+Freunde waren.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Warum Rudolph Schönewald gerade zu uns gekommen war,
+weiß ich nicht, denn lernen konnte er
+bei uns wahrhaftig nicht viel. Rosine sagte mir, daß
+er schon auf verschiedenen Gütern gewesen sei, aber
+nirgends ausgehalten habe.</p>
+
+<p>Bei uns kam es nicht so genau darauf an. Er bezahlte
+eine schöne Summe dazu, und das konnte mein
+Vater gut gebrauchen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Rudolph war noch nicht vier Wochen bei uns, als
+wir uns schon heimlich trafen. Bald im Feld, bald im
+nahen Gehölz.</p>
+
+<p>Ich liebte ihn sehr, und er nannte mich seine süße,
+kleine Lotte. Ob er mich ebensosehr geliebt, wie ich
+ihn? Ich zweifle jetzt oft daran. Wenn ich darüber
+nachdenke, ist mir, als ob er viel kühler und ruhiger
+gewesen sei als ich.</p>
+
+<p>Er hat wohl schon mehr junge Mädchen gekannt
+und geliebt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Für mich war es etwas Neues, Überwältigendes.</p>
+
+<p>Ich war in jenen seligen, duftschweren Sommerwochen
+wie im Fieber. Ich war gar nicht ich selbst.</p>
+
+<p>Dieses heimliche Suchen und Finden.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich war so selig, alles in mir drängte diesem Manne
+entgegen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Heuernte! Sonnenflimmer und Blumenduft!</p>
+
+<p>Seit Tagen war schönes Wetter; die Heuernte war
+im vollen Gange. Alles was Arme hatte, mußte helfen.
+Auch ich half.</p>
+
+<p>Ob ich auch geholfen haben würde, wenn der Verwalter
+nicht Rudolph Schönewald gewesen wäre?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir waren beim Heuabladen. Auf dem Wagen
+unten stand der Großknecht, und in der Luke stand
+Rudolph und nahm ab. Ich stand etwas zurück und
+nahm Rudolph das Heu ab. Oben auf dem Heu
+waren noch zwei Kleinmägde, die es verstauten. Alle
+anderen, Tagelöhner, Knechte, Mägde und Schnitter,
+waren auf dem Feld beim Dörren.</p>
+
+<p>Als der Wagen leer war, schickte Rudolph die
+beiden Mädchen nach dem Heuboden über der großen
+Scheune, wo gerade ein Wagen vorfuhr. Im Scherz
+nahm er einen Arm voll Heu und warf es über mich,
+so daß ich ganz darunter begraben war.</p>
+
+<p>Ich krabbelte mich heraus, nahm einen Arm voll
+und tat das gleiche.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Erhitzt und keuchend setzten wir das Spiel eine
+Zeitlang so fort, dann sank ich ermattet von der
+Anstrengung und dem betäubenden Duft ins Heu.</p>
+
+<p>Rudolph warf sich über mich und küßte mich,
+heiß, leidenschaftlich, sinnverwirrend&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Den nächsten Wagen lud ich nicht mit ab.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Tagelang war ich wie betäubt. Ob man mir etwas
+ansah?</p>
+
+<p>Ich wagte mich gar nicht aus dem Hause.
+Konnte mir denn nicht jeder von der Stirne lesen,
+was ich getan?</p>
+
+<p>Doch nichts geschah, alles war wie bisher.</p>
+
+<p>Alles war wie bisher, nur ich war eine andere.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Drei Tage ließ ich mich nicht vor Rudolph sehen,
+dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich mußte ihn
+sehen, ich mußte wissen, was er von mir dachte.</p>
+
+<p>War er auch in einer solch kläglichen Stimmung?
+Schämte er sich auch?</p>
+
+<p>Ich mußte ihn sprechen, aber nicht am Tage. Ich
+würde ihm nicht in die Augen sehen können.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Gegen Abend, als es dunkel war, ging ich den
+gewohnten, ihm bekannten Weg.</p>
+
+<p>Meine Hoffnung trog mich nicht, schon nach kurzer
+Zeit kam er mir nach.</p>
+
+<p>Ich konnte die Augen nicht aufschlagen, als er zu
+mir trat.</p>
+
+<p>»Wo bist du gewesen, Lotte? Warum bist du
+die ganzen Tage nicht einmal herausgekommen?«
+fragte er.</p>
+
+<p>Ich hob die Augen und sah ihm ins Gesicht. Doch
+da stand nichts als ein leichtes Verwundern über mein
+ihm unerklärliches Fernbleiben. War es denn möglich!
+War das, was mich bis ins Innerste aufgerüttelt, für
+ihn gar nichts?</p>
+
+<p>Ich war eine andere seit jener Stunde, und er?</p>
+
+<p>Ich wußte nicht, was ich sagen sollte und
+stammelte: »Ich&nbsp;&ndash; ich schämte mich.«</p>
+
+<p>»Du bist mein kleines Schäfchen,« sagte er
+lachend und schloß mich in die Arme. »Komm, laß
+uns noch ein wenig weitergehen.«</p>
+
+<p>Wir trafen uns nun täglich und&nbsp;&ndash; bald schämte
+ich mich nicht mehr.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Alles wird zur Gewohnheit, und Rudolph verstand
+es, meine Gewissensbisse und Selbstvorwürfe
+einzuschläfern.</p>
+
+<p>Liebten wir uns denn nicht?</p>
+
+<p>Wen ging es etwas an, wenn wir die heimliche
+Süßigkeit der Liebe auskosteten?</p>
+
+<p>»Wenn ich noch einige Jahre älter bin, wenn ich
+ausgelernt habe und vom Militär frei bin, dann wirst
+du ja doch meine Frau, meine süße, kleine Frau!«</p>
+
+<p>Ich war sehr jung, sehr verliebt, und die
+Sommernächte waren schwül und voller Düfte.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Sommer ist hin und mit ihm meine rosenrote,
+geheimnisvolle Verliebtheit.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In den ersten Oktobertagen kam eine Depesche
+an Rudolph, daß sein Vater plötzlich sehr schwer
+erkrankt sei; er müsse sofort nach Hause kommen.</p>
+
+<p>Wir konnten kaum Abschied nehmen, so rasch
+ging alles. Ich war ganz unglücklich. Kam er wieder,
+ehe ich fortging? Würde ich ihn noch einmal sehen,
+ehe ich in ein Pensionat kam?</p>
+
+<p>Ich war überhaupt in einer ganz schrecklichen
+Stimmung. Schon seit einigen Wochen fühlte ich
+mich gar nicht besonders wohl. Mir war oft so übel
+des Morgens, daß ich kaum den Kopf erheben konnte.</p>
+
+<p>Am liebsten wäre ich jetzt hier geblieben. So sehr
+ich mich Ostern auf die Pension gefreut hatte, jetzt
+hatte ich gar kein Verlangen mehr danach. Rosine
+war auch gar nicht gut zu mir, den ganzen Tag schalt
+sie mit mir herum. Am liebsten wäre ich zur
+Großmutter gegangen.</p>
+
+<p>Da, am zweiten Sonntag nach Rudolphs Abreise,
+kam plötzlich ganz unerwartet die Großmutter.</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, mir war seltsam beklommen, als
+sie mir in die Augen sah. Das gütige, alte Gesicht
+sah so kummervoll auf mich.</p>
+
+<p>»Kind, Kind, was hast du getan,« sagte sie dann
+weinend.</p>
+
+<p>Ich konnte nicht antworten, ich weinte mit;
+obgleich ich gar nicht wußte worüber. Mir war nur
+plötzlich so bange, so seltsam ahnungsvoll zumute.</p>
+
+<p>Und dann erfuhr ich den Grund von Großmutters
+Kommen.</p>
+
+<p>Rosine hatte ihr geschrieben: Sie habe schon den
+ganzen Sommer bemerkt, daß der Windhund, der
+Schönewald, hinter mir hergelaufen sei, und sie habe
+längst bemerkt, daß nicht mehr alles mit mir in Ordnung
+sei.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Erzähle, Kind, alles Weinen hilft nun nichts
+mehr, und verheimlichen läßt es sich auch nicht,«
+sagte die Großmutter.</p>
+
+<p>Ich erzählte. Die Großmutter saß ganz still. Sie
+sah so gramvoll vor sich nieder, daß ich hätte laut
+aufschreien können.</p>
+
+<p>Als ich geendet, nickte sie einige Male still vor sich
+hin, dann löste ein Seufzer die beklommene Stille, und
+Großmutter sagte:</p>
+
+<p>»Du gehst heut' abend mit mir, Lottchen. Mach'
+einstweilen deine Sachen fertig, ich werde mit dem
+Vater sprechen, was später wird, das müssen wir noch
+sehen.«</p>
+
+<p>Was dann da unten über mich verhandelt wurde,
+ich weiß es nicht. Oft drang die scheltende Stimme
+des Vaters zu mir herauf, aber auch die sonst so sanfte
+Stimme der Großmutter war seltsam hart und klar.</p>
+
+<p>Am andern Tage war ich in der Försterei. Der
+tiefe Friede, der um das liebe, alte Haus lag, tat mir
+wohl. Der Waldbach, der durch den Garten rauschte,
+sang mir sein wundersames Lied. Ich fühlte mich geborgen.</p>
+
+<p>Nach einigen Tagen erwartete ich, daß der Großvater
+oder die Großmutter mit mir sprechen, vielleicht
+mit mir schelten würden. Doch nichts von alledem
+geschah. Der Großvater sagte gar nichts.&nbsp;&ndash; Nur
+schien mir, sein Gang sei noch gebückter und sein
+Haar noch weißer geworden.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Was würde aus mir werden?</p>
+
+<p>Ich wollte an Rudolph schreiben und wurde zu
+meinem Schrecken gewahr, daß ich nicht einmal seine
+Adresse wußte. Den Namen seines väterlichen Gutes
+wußte ich, aber wo lag es?</p>
+
+<p>Oder war Rudolph schon wieder in Neuhof?</p>
+
+<p>Die Großeltern wagte ich gar nicht zu fragen.
+Hätten sie mich doch gescholten, ich glaube, mir wäre
+wohler gewesen. Diese schweigende Güte erdrückte
+mich.</p>
+
+<p>Am Ende der Woche reiste der Großvater nach E.
+Großmutter sagte mir, daß er eine Pension für mich
+suchen wolle; hier könne ich nicht bleiben, weil die
+Försterei zu einsam im Walde liege.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Eigentlich ist es gar keine Försterei, es ist ein
+Jagdhaus, das einst ein Vorfahr des jetzigen Herzogs
+für seine Geliebte erbaut hat. Wenn der Herzog im
+Sommer auf Schloß Ringhardt residierte, dann wollte
+er sie immer in der Nähe haben. Nach Schloß Ringhardt
+durfte er sie nicht bringen, dort wohnte seine
+Mutter, so baute er ihr mitten im Walde, dreiviertel
+Stunden entfernt von Schloß Ringhardt, das Jagdschloß
+Finsterberg.</p>
+
+<p>Es ist ein zweistöckiges Gebäude mit weit
+vorspringendem Dach und kleinen, bleigefaßten
+Fensterscheiben.</p>
+
+<p>Im Untergeschoß wohnte jeweilig ein Förster, zu
+dessen Obliegenheiten es gehörte, die oberen Räume
+in Ordnung zu halten.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Jene Zeiten sind lange vorbei. Es wohnt keine
+geheimnisvolle Unbekannte mehr da oben, und auf der
+schönen Chaussee, die damals angelegt wurde, klingt
+selten der Hufschlag eines Vollblutes.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Weihnachten durfte ich noch bei den Großeltern
+bleiben, doch es war ein trauriges Fest; keines von
+uns dreien hatte Mut und Lust zur lauten Freude.
+Lautlos, als läge ein Toter im Hause, gingen wir
+aneinander hin.</p>
+
+<p>Es lag wie ein Bann über uns allen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Einige Tage nach Neujahr hat mich der Großvater
+hierher gebracht. Hier, bei Frau Martin, soll
+ich bleiben bis Anfang März, dann komme ich in die
+Entbindungsanstalt, die hier in der Stadt ist. Was
+dann mit mir werden soll, wenn alles vorüber ist, ich
+weiß es nicht. Mir ist unsäglich bange.</p>
+
+<p>Als der Großvater von mir ging, meinte ich, das
+Herz müßte mir brechen vor Weh. Und vergebens
+versuchte er mich zu trösten. Ihm selbst war auch gar
+weh ums Herz, denn kaum konnte er sprechen vor
+Rührung.</p>
+
+<p>Großmutter soll mich bald besuchen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nun bin ich allein.</p>
+
+<p>Ich habe ein ganz einfaches, sauberes Stübchen.
+Frau Martin, bei der ich wohne, ist die Witwe eines
+Beamten und lebt in ziemlich beschränkten Verhältnissen.
+Sie ist vom Großvater wohl in meine Geschichte
+eingeweiht worden, sie quält mich nicht mit
+Fragen. Sie ist lieb und gut zu mir und tröstet
+mich, wenn mich das Heimweh gar zu sehr packt.</p>
+
+<p>Ich helfe ihr ein wenig in der kleinen Wirtschaft,
+dann vergesse ich wenigstens für kurze Zeit meinen
+Kummer.</p>
+
+<p>Was soll ich auch immer tun?</p>
+
+<p>Ich habe so viel überflüssige Zeit zum Denken.</p>
+
+<p>Ich schreibe Briefe an Rudolph, ohne je einen abzusenden.</p>
+
+<p>Und nun habe ich mir sogar ein Tagebuch gekauft,
+obgleich ich sonst nicht für solch überflüssigen
+Kram bin. Tagebücher und Poesiealbums waren mir
+immer greulich.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber die Langeweile! Die vielen unausgefüllten
+Stunden!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mit wem soll ich sprechen? Wem soll ich mein
+Herz ausschütten? Wenn ich älter wäre, hätte ich
+wohl nicht solches Anlehnungsbedürfnis.</p>
+
+<p>Warum bin ich noch so jung? So furchtbar jung?</p>
+
+<p>Ob ich wohl auch hier wäre, wenn meine Mutter
+noch lebte?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 8. Februar.</p>
+
+<p>Heute hatte ich einen Brief und ein Paket von der
+Großmutter. Ein schöner, warmer Schlafrock für
+mich war darin und dann noch eine Menge kleiner
+Sächelchen. Kinderwäsche! Ach, und von mir! Ich
+mußte weinen. Das alles habe <em class="gesperrt">ich</em> angehabt, als ganz
+kleines Würmchen. Ob wohl meine Mutter alles selbst
+gemacht hat? Ob sie sich wohl sehr gefreut hat, als
+sie mich in den Armen hielt? Ich freue mich gar nicht!
+Wie könnte ich auch! Ich wünschte, mein Kind wäre
+tot. Frau Martin sagt mir auch, die bedauernswertesten
+Geschöpfe auf der Welt seien diese unehelichen
+Kinder. Niemand liebe sie. Überall würden sie herumgestoßen.
+Vielleicht nimmt Großmutter mich mit dem
+Kinde zu sich, ich wollte es schon recht gern haben.
+Aber es soll doch niemand wissen, daß ich ein Kind habe,
+deshalb haben sie mich doch gerade hierher gebracht.</p>
+
+<p>Und Rudolph schreibt noch immer nicht!</p>
+
+<p>Ob er nicht weiß, wo ich bin?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 20. Februar.</p>
+
+<p>Ich glaube, es war doch Unsinn, daß ich mir ein
+Tagebuch gekauft habe. Manchmal abends, wenn ich
+es öffne und hineinschreiben will, dann weiß ich nichts.
+Ich kann doch nicht bloß hineinschreiben, was ich den
+Tag über esse und trinke! Und sonst erlebe ich ganz
+und gar nichts. In die Stadt bin ich noch nicht
+einmal gekommen. Wenn ich abends im Dunkeln
+spazieren gehe, suche ich immer die Anlagen auf, die
+hierhinaus liegen. Da begegne ich fast nie einem
+Menschen.</p>
+
+<p>Am 1. März soll ich wahrscheinlich schon in die
+Anstalt. Der Arzt kommt morgen und untersucht
+mich, dann wird er sagen, wann ich hinkommen soll.
+Wenn alles vorüber ist, bleibe ich noch einige Wochen
+bei Frau Martin, bis ich mich wieder ganz erholt
+habe.</p>
+
+<p>Wenn ich nur wüßte, was dann aus mir werden
+soll!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 22. Februar.</p>
+
+<p>Ich darf noch acht Tage länger bei Frau Martin
+bleiben. Gestern war der Doktor hier, es war gräßlich!
+Ich habe mich so geschämt. Aber als ich mich nicht
+anfassen lassen wollte, wurde er grob. Er ist ein
+widerlicher Kerl mit wässerigen Schellfischaugen, ich
+mag ihn gar nicht. Hoffentlich ist er gerade krank,
+wenn es so weit mit mir ist, und es ist ein anderer da.</p>
+
+<p>Überhaupt fand ich es häßlich von ihm, gleich so
+grob zu mir zu sein. Das kann er sich doch denken,
+daß man sich schämt! Er ist doch ein Mann.</p>
+
+<p>Ob es wohl sehr schlimm ist? Es soll sehr wehe
+tun. Maria Rettberg sagte es einmal, als wir noch zu
+Fräulein Fischer gingen. Ihre große Schwester hatte
+ein Baby, und da hatte sie hinter der Portiere versteckt
+zugehört, wie die es ihrer Freundin erzählt
+hatte. Sie wäre beinahe gestorben.</p>
+
+<p>Aber ich will nicht sterben! Ich bin noch so
+jung.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 28. April.</p>
+
+<p>Acht Wochen sind es her, seit ich zuletzt in mein
+Büchlein geschrieben. Nun ist alles vorüber. Ich
+mußte doch früher in die Anstalt, als bestimmt war;
+die Niederkunft kam etwas zu früh.</p>
+
+<p>Es war furchtbar! Zuletzt habe ich gar nichts
+mehr davon gewußt, ich war besinnungslos. Und das
+war gut. Es wäre vielleicht auch besser gewesen,
+wenn ich gar nicht wieder zu mir gekommen wäre, ist
+doch auch mein Kind tot. Sie sagen wenigstens so.
+Aber ich glaub' es nicht, sie machen alle so sonderbare
+Gesichter dabei. Als ich fragte, ob es schon totgeboren
+sei, sagte die Schwester ja. Und als ich Frau
+Martin gestern fragte, wie lange es gelebt habe, da
+sagte sie, sie wisse es nicht genau, einige Stunden nur.</p>
+
+<p>Das widerspricht sich doch!</p>
+
+<p>Ein Knabe ist es gewesen. Mein Kind! Wie mir
+zumute ist bei dem Gedanken. Ich habe früher wohl
+oft gedacht, es sei besser, wenn es tot wäre, und nun
+möchte ich es doch so gerne haben. Ich würde es
+doch sehr liebhaben.</p>
+
+<p>Wenn ich nur die Wahrheit wüßte! Aber wer wird
+sie mir sagen?</p>
+
+<p>Seit gestern bin ich nun wieder bei Frau Martin.
+Ich sehe jetzt wie ein Junge aus, ganz kurze Haare
+habe ich. Das kommt von der Krankheit, sagt Frau
+Martin, da gehen einem immer die Haare aus. Ich
+bin sehr krank gewesen, Kindbettfieber! Es soll sehr
+schlimm sein, und manchmal haben sie nicht gedacht,
+daß ich durchkommen würde. Großmutter ist lange
+bei mir gewesen, ich hab's aber nicht gewußt.</p>
+
+<p>Ich bin jetzt sehr mager und blaß, und Frau Martin
+sagt, ich sei noch gewachsen. Das ist ja auch gut
+möglich, mit sechzehn Jahren kann man noch lange
+wachsen.</p>
+
+<p>Morgen will ich an Vater schreiben, damit er mir
+Rudolphs Adresse schreibt. Ich hätte es schon früher
+tun sollen, denn Großmutter sagt's mir doch nicht.
+Wir müssen doch nun bald heiraten.</p>
+
+<p>Mir ist ganz sonderbar bei dem Gedanken. Ich
+weiß nicht&nbsp;&ndash; das alles liegt mir jetzt
+so weit ab&nbsp;&ndash; so gar nicht mehr, als ob
+ich die wäre, die in jenen schwülen, duftschweren
+Sommertagen heimliche Wege gewandelt. Mein Blut ist
+so ruhig, und wenn ich an Rudolph denke, ist mir gar
+nicht mehr sehnsüchtig zu Sinn. Es ist schrecklich!
+Ich glaube zuweilen, er ist mir ganz gleichgültig.
+Ich verstehe mich selbst nicht. Denn das ist doch
+unmöglich! Ich muß ihn doch heiraten! Oder muß ich
+vielleicht gar nicht? Könnte ich doch einmal mit der
+Großmutter sprechen! Lange bleibe ich nicht mehr hier;
+im Walde unter meinen schönen Bäumen kann ich mich viel
+besser erholen. Gibt es ein schöneres Plätzchen, als
+unter meinen geliebten Tannen? Ich könnte Ziegenmilch
+trinken und weite Spaziergänge machen. Wo geht
+es sich schöner, als auf den schmalen moosgepolsterten
+Pirschwegen, zwischen den schlanken Stämmen der
+Kiefern, wo es so kühl und rein ist! Ich will schreiben,
+sie sollen mich heimnehmen, sonst werde ich wieder
+krank.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe viel zu schreiben diesmal. Ob ich noch
+alles genau weiß?</p>
+
+<p>Schon acht Tage nach meiner Entlassung aus der
+Anstalt holte Großvater mich nach Hause. Sie waren
+noch immer sehr gut zu mir, alle beide. Viel zu gut,
+ich weiß es wohl. Aber Großmutter sagt, ich sei zu
+jung und unerfahren gewesen, und Rudolph trüge
+ganz allein die Schuld.</p>
+
+<p>»Muß ich ihn denn nicht heiraten, Großmutter?«
+fragte ich zagend.</p>
+
+<p>»Ach Kind, das ist ja gerade das Schlimme. Er
+denkt nicht dran. Sein Vater ist doch gestorben, er
+hat nun zum Großvater gesagt, er müsse seine beiden
+Schwestern auszahlen, könne also nur eine reiche Frau
+heiraten. Ein Landwirt, der kein Geld in den Händen
+habe, könne sich nicht lange halten.«</p>
+
+<p>Einen Augenblick saß ich ganz still, ich wußte
+nicht, sollte ich mich freuen oder sollte ich betrübt
+sein. Was aber nun? Wieder zum Vater? Der würde
+schön mit mir umspringen!</p>
+
+<p>Aber das war noch nicht alles, was die Großmutter
+mir zu sagen hatte. Vater ist gar nicht mehr auf Neuhof.
+Die ganze Geschichte ist bald nach meiner Abreise
+zusammengebrochen.</p>
+
+<p>Großmutter sagte: »Du bist zwar noch sehr jung,
+aber in Anbetracht aller Umstände und weil ich annehme,
+daß dich das, was du jetzt hinter dir hast,
+über deine Jahre hinaus gereift hat, so will ich dir erzählen,
+was du, wenn alles anders gekommen wäre,
+nie hättest erfahren dürfen.«</p>
+
+<p>Und so erfuhr ich alles. Es wurde mir jetzt klar,
+was ich schon oft geahnt, wenn ich des Vaters Redensarten
+und Scheltworte hörte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er ist gar nicht mein rechter Vater. Mein Vater
+ist ein ganz hoher Herr, der mein Mütterchen nicht
+hat heiraten dürfen, weil sie nur ein armes Bürgermädchen
+gewesen ist.</p>
+
+<p>Damit ich aber nicht als uneheliches Kind geboren wurde,
+hat die Mutter Georg Albrecht geheiratet.
+Dafür hat er die Pachtung der Domäne Neuhof
+sehr billig bekommen. Für mich selbst ist eine
+Summe von 50 000 Mark deponiert worden, von der
+er bis zu meiner Großjährigkeit die Nutznießung gehabt
+hätte.</p>
+
+<p>Und nun? Alles ist fort! Der Vater hat schon
+lange keine Pacht mehr bezahlt, immer ist sie ihm
+wieder gestundet worden, und jetzt ist es herausgekommen,
+daß er auch mein Geld durchgebracht hat.
+Alles mit leichtsinnigen Weibern in Champagner umgesetzt.
+So geht es mir nun. Weil der Vater mein Geld
+mit leichtsinnigen Weibern durchgebracht hat, kann
+Rudolph mich nicht heiraten. Denn hätte ich die
+50 000 Mark, dann wäre ich eine reiche Frau.</p>
+
+<p>Aber bin ich denn überhaupt traurig, daß Rudolph
+mich nicht haben will? Eigentlich nicht! Wenn ich
+es mir recht überlege, dann fühle ich mich eher erleichtert
+bei dem Gedanken. Wenn ich nur erst
+wüßte, was aus mir werden soll! Ein anderer Mann
+wird mich auch nicht wollen, denn ich glaube, die
+Leute hier wissen doch alles. Und überhaupt, ich
+will auch gar keinen haben, die Männer sind alle
+schlecht! Alle! Nur Großvater ist gut!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich will etwas lernen, dann brauch' ich keinen
+Mann zu heiraten.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ob ich Großmutter mal frage, ob mein Kind wirklich
+tot ist?</p>
+
+<p>Warum mir nur so sonderbar ist, wenn ich daran
+denke. Ich habe doch in meiner Ohnmacht, in der
+halben Bewußtlosigkeit das Schreien eines Kindes gehört!
+&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mein Haar wächst wieder! Ich fühle mich mit
+jedem Tage wohler.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich bin glücklich! Gerade, wenn man keinen Ausweg sieht,
+kommt manchmal von einer Seite, an die
+man am wenigsten gedacht, die rettende Hand.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich gehe nach <em class="gesperrt">Amerika</em>!</p>
+
+<p>Mit vier Worten ist es gesagt, und birgt doch so
+viel in sich.</p>
+
+<p>Aber nur ruhig und vernünftig!</p>
+
+<p>Also: Die Großmutter hat ihre einzige Schwester
+drüben. Lange schon. Geschrieben haben die
+Schwestern sich zuweilen, aber sehr lebhaft ist der
+Briefwechsel gerade nicht gewesen in den letzten
+Jahren.</p>
+
+<p>Die Großmutter hat nun auch mein Unglück nach
+drüben berichtet, und da hat die Großtante geschrieben,
+ich solle nach drüben kommen. Sie habe sich
+schon immer ein Töchterchen gewünscht. Nach einigen
+Jahren, wenn ich Sehnsucht nach den Großeltern
+habe, könnte ich ja auch einmal wieder zu ihnen
+fahren.</p>
+
+<p>Ich freute mich sehr, ich lachte und weinte in
+einem Atem. Da war die Großmutter sehr traurig,
+aber dann sagte sie, auch sie sähe ein, daß es das beste
+für mich sei, und ich solle in Zukunft so leben, daß
+ich täglich und stündlich bestrebt sei, das auszulöschen,
+was ich unbewußt gesündigt. Das sei die
+beste Sühne.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nun weiß ich nicht recht, wie mir ist. Ich freue
+mich und bin doch auch wieder traurig. Aber die
+Freude überwiegt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich werde sehr fleißig sein in Amerika, damit ich
+bald reich werde, dann komme ich wieder, aber Rudolph
+Schönewald heirate ich dann auch nicht. Ich
+hasse ihn!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Großmutter kauft mir jetzt allerlei schöne Sachen,
+Wäsche und Kleider. Schon am 28. Mai soll ich
+fahren. Ein Brief an die Großtante ist schon fort,
+und ein Platz auf dem Dampfer ist auch bestellt.
+Die Großeltern fahren beide mit nach Bremen.</p>
+
+<p>Ich habe sehr viel zu tun jetzt, da werde ich lange
+nicht einschreiben können.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="II" id="II"></a>II.<br/>
+
+Der neuen Welt zu.</h2>
+
+
+<p>Den ersten Tag auf See.</p>
+
+<p>Der Abschied von den lieben Alten war schrecklich!
+Die Großmutter weinte zum Erbarmen. Und ich?
+Ich weiß nicht, es tat mir ja auch sehr leid, aber trotzdem
+&ndash; ich komme mir beinahe schlecht vor&nbsp;&ndash; ich
+freute mich! Freute mich auf die große, unbekannte
+Welt und auf all das Schöne, das sie mir vielleicht
+bringt.</p>
+
+<p>Ich bin jung, und ein klein wenig von all den Herrlichkeiten
+der Welt ist das Leben mir doch auch
+schuldig.........?!</p>
+
+<p>Das Wetter ist sehr schön, nur gegen Abend wurde
+es etwas bewegter. Hoffentlich behalten wir es so,
+daß ich nicht seekrank werde. Die Großeltern haben
+mich dem Kapitän sehr empfohlen, und er will gut
+auf mich aufpassen.</p>
+
+<p>Er ist ein reizender Mensch und auch noch gar
+nicht so alt. Ich habe früher immer gedacht, die
+Kapitäne wären alle alt und grau.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 29. Mai.</p>
+
+<p>Ich habe kein Auge zugetan die ganze Nacht.
+Das Bett war entsetzlich hart. Ich bin nicht gewöhnt,
+nur auf der Matratze zu liegen. Und die
+Wolldecken zum Zudecken sind auch nicht besonders
+hübsch.</p>
+
+<p>Ich bin mit einer Dame zusammen im Zimmer,
+einer Amerikanerin. Das heißt, eigentlich ist sie aus
+Wien, aber sie ist schon sehr lange in Amerika. Sie
+fährt jedes Jahr zweimal nach Europa. Ich glaube,
+sie ist sehr reich. Sie hat die ganzen Hände voll
+feiner Ringe. Mit mir ist sie sehr freundlich und gibt
+mir allerlei gute Ratschläge.</p>
+
+<p>Hübsch ist sie nicht, aber sehr fein; sie hat so
+feine Nachthemden, wie ich noch gar keine gesehen
+habe.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Donnerstag, den 30.</p>
+
+<p>Heute ist schlechtes Wetter, tüchtig Wind und
+Regen. Gegen Abend wurde es sogar sehr stürmisch
+&ndash; nach unsrer Ansicht.</p>
+
+<p>Zum Mittagessen lag schon alles krank. An unserem
+Tisch waren nur ganz wenige erschienen, und
+während des Essens verschwanden auch die noch zum
+Teil sehr rasch. Es war mir auch ein wenig sonderbar,
+ich hab' aber doch gut gegessen, nur keinen Fisch, der
+Geruch war mir zu widerlich.</p>
+
+<p>Ich bin gestern abend erst um elf Uhr zu Bett gegangen,
+habe dann aber ganz fein geschlafen.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 1. Juni.</p>
+
+<p>Heute war das Wetter wieder schön; den ganzen
+Tag sehr ruhig, und trotzdem sind noch Einige seekrank.
+Mir schmeckt jetzt wieder alles. Heute nachmittag
+zwischen vier und fünf Uhr fuhr auch ein
+Dampfer an uns vorbei, nach Hause zu. Mir war ein
+klein wenig sonderbar zumute, ob es wohl Heimweh ist?
+Ich habe recht nette Gesellschaft gefunden. Meine
+Zimmergenossin&nbsp;&ndash; Frau Fröhlich heißt sie&nbsp;&ndash; hat
+einen Neffen mit an Bord; gleich am ersten Tage hat
+sie ihn mir vorgestellt. Er sieht sehr gut aus, und ich
+glaube, er mag mich auch gern, denn er ist immer um
+mich herum.</p>
+
+<p>Ich glaube, wenn ich nicht so furchtbar viel durchgemacht
+hätte mit den Männern&nbsp;&ndash; ich meine mit
+Rudolph&nbsp;&ndash; so könnte ich ihn vielleicht liebhaben,
+aber so! Nein! Ich werde niemals wieder einen
+Mann lieben.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mr. Smith&nbsp;&ndash; so heißt der Neffe&nbsp;&ndash; gibt sich sehr
+viel Mühe mit mir. Er will mich Englisch lehren. Die
+paar Brocken, die ich bei Fräulein Fischer gelernt
+habe, die helfen mir gar nichts.</p>
+
+<p>An Deck haben wir immer viel Spaß. Wenn
+wir in den Stühlen liegen, kommt zuweilen der Kapitän
+und fragt, ob wir auch gut zugedeckt seien oder
+ob er den vierten Offizier schicken solle, damit er den
+Damen die Füße schön einwickele. Dann gibt es
+immer großes Gelächter.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 2., abends.</p>
+
+<p>Endlich haben wir das lange prophezeite schlechte
+Wetter. Heut' gegen Abend waren wir auf der Brücke;
+es sah wunderschön aus, wenn das Wasser vorn über
+Deck kam und sogar bis zu uns heraufspritzte. Herr
+Smith ist sehr aufmerksam, stets ist er in meiner
+Nähe. Heute früh saß er im Stuhl neben mir&nbsp;&ndash;
+seine Tante war im Damenzimmer, da sie sich nicht
+besonders wohl fühlte. Er hat mir so viel dummes Zeug
+vorgeschwatzt. Er sagt, ich sei sehr schön&nbsp;&ndash; ob das
+wohl wahr ist?&nbsp;&ndash; Er ist der einzige Erbe seiner Tante,
+die sehr reich ist, und kann seiner Frau jeden Wunsch
+erfüllen. Und wenn er eine so schöne Frau hätte, wie
+ich, so würde er sie in Samt und Seide kleiden, das
+muß fein sein.&nbsp;&ndash; Und Geld braucht sie gar nicht zu
+haben, er hat nicht nötig, darauf zu sehen.</p>
+
+<p>Wenn ich dagegen an Rudolph denke! Jetzt
+könnte ich mich schon rächen. Wenn ich Mr. Smith
+heiratete, so könnte ich schon nächstes Jahr wieder
+zu Besuch nach Hause reisen, und dann könnte ich
+Rudolph zeigen, daß ich auch ohne Geld einen reichen
+und hübschen Mann bekommen habe.&nbsp;&ndash; Denn hübsch
+ist Herr Smith, hübscher als Rudolph. Aber ich liebe
+ihn nicht, kann ihn also auch nicht heiraten. Das
+habe ich ihm auch gesagt.</p>
+
+<p>Er war sehr traurig&nbsp;&ndash; und da tat er mir wieder
+leid.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 3., morgens.</p>
+
+<p>Die Nacht war schrecklich! Das Innere wurde
+mir förmlich umgedreht. Scheußlich! Ich fürchtete
+wirklich, ich würde auch noch krank. Um zwei
+Uhr bin ich aufgestanden, ich konnte nicht mehr
+liegen, bald stand ich nahezu Kopf, bald wieder auf
+den Füßen. Ich habe mich auf das Sofa gesetzt und
+eine Apfelsine gegessen, dann war mir etwas menschlicher.</p>
+
+<p>Frau Fröhlich ist sehr krank, jetzt sieht sie gar
+nicht mehr fein aus. Auch viel älter kommt sie mir
+vor. Erst dachte ich, sie wäre kaum dreißig.</p>
+
+<p>Aber natürlich, sie hat doch einen Neffen, der
+27 Jahre alt ist.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 4.</p>
+
+<p>Heute ist wieder prachtvolles Wetter. Trotzdem
+sind noch immer Einige krank. Ich selbst fühle mich
+großartig. Ich habe zwar noch nicht ein einziges Mal
+bei Tisch gefehlt, aber gestern war's doch nicht so
+ganz richtig.</p>
+
+<p>Riesigen Spaß haben wir gestern nachmittag gehabt,
+als wir im Salon zum Kaffee waren. Ohne daß
+man vorher viel gemerkt hatte, holte das Schiff plötzlich
+so stark über, daß unsere Kuchenteller, Kaffeetassen
+und alles was nicht fest war, mit einem Male
+auf der Erde herumflog. Natürlich großes Geschrei.
+Alle suchten Zwiebäcke zusammen. Kaffee wurde
+dann nicht mehr getrunken. Heute abend ist großes
+Konzert, sogenanntes Seemannskonzert. Ich gehe
+auch hin. Alle wollen sich sehr elegant machen, und
+ich habe nur ein einfaches weißes Kleid, das ich anziehen
+kann.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Da sitz' ich nun und halte schon eine ganze Weile
+die Feder in der Hand, ohne daß ich weiß, wo ich
+beginnen soll. Und doch habe ich so viel zu schreiben,
+wie noch nie während der ganzen Reise.</p>
+
+<p>Zwischen gestern und heute liegt eine Ewigkeit
+oder ein ganzes Menschenschicksal, ich weiß es nicht.</p>
+
+<p>Mir ist so sonderbar&nbsp;&ndash; so bange. Ist es das Neue,
+das Unbekannte, dem ich entgegengehe?</p>
+
+<p>Es ist wohl hauptsächlich der Gedanke: hast du
+auch recht getan, der mich quält.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ist es doch das erstemal, daß ich bewußt mein
+Schicksal in die eigenen Hände genommen habe.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Also ich habe mich nun doch mit Herbert Smith
+verlobt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich war gestern abend in dem Konzert und hatte
+mein weißes Kleid an. Alle andern Damen waren
+feiner, denn das Kleid ist sehr einfach. Frau Fröhlich
+und ihr Neffe saßen mit mir am Tisch, außerdem noch
+eine junge Dame aus Baltimore, Miß Pfort, und ein
+Herr aus Köln. Schon als ich in den Salon kam, sah
+ich, daß Herberts Augen aufleuchteten; er sprang auf
+und kam mir entgegen; er sagte mir gleich so viel
+Schönes, daß ich ganz rot und verlegen wurde.</p>
+
+<p>Eine Schönheit wie ich, habe nicht nötig, sich noch
+mit kostbaren Kleidern zu schmücken, ich sei die
+Schönste im Saal trotz meiner Einfachheit.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich müßte kein Mädchen sein, wenn ich mich nicht
+gefreut hätte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Zuweilen dachte ich wohl, es seien nur Redensarten,
+aber mir scheint doch, es ist etwas Wahres
+daran, denn ich habe wohl bemerkt, daß alle Herren
+nach mir sahen. Und ich muß sagen, ich gefalle mir
+selbst, wenn ich im Gesellschaftszimmer an den großen
+Spiegeln vorübergehe. Ich bin groß und schlank, und
+mein goldbraun leuchtendes Haar sieht sehr apart
+aus.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein bißchen eitel darf ich wohl sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nach dem Konzert saßen wir noch etwas zusammen,
+es kamen noch einige Herren dazu, und als
+im Salon die Lichter ausgelöscht werden sollten,
+beschlossen alle, ins Rauchzimmer zu gehen. Frau
+Fröhlich bat so lange, bis ich mitging.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir haben sehr viel Champagner getrunken&nbsp;&ndash; ich
+trinke ihn gern&nbsp;&ndash; und ich glaube, ich habe einen regelrechten
+kleinen Schwips gehabt. Ja&nbsp;&ndash; und heute
+früh war ich verlobt.&nbsp;&ndash; Wenigstens sagen es alle. Und
+Herbert war schon um acht Uhr an unserer Zimmertüre
+und nannte mich seine schöne Braut, seinen stolzen
+Schwan und was der dummen Dinge mehr sind.&nbsp;&ndash;
+Aber gern hör' ich's doch.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich kann's jetzt verstehen, daß mein Vater gern
+Champagner trinkt; mir hat er auch geschmeckt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Herbert sagt, wenn ich erst seine Frau sei, könne
+ich trinken, so viel ich wolle.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin doch etwas stark benommen im Kopf.
+Frau Fröhlich sagt, das komme vom ungewohnten
+Trinken; sie ließ eine Flasche Sherry kommen, da
+habe ich auch ein Glas mitgetrunken, und es ist mir
+wirklich etwas besser geworden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn ich über alles klar nachdenke, dann ist mir
+ganz miserabel zumute.&nbsp;&ndash; Soll ich Herbert mein&nbsp;&ndash;
+mein&nbsp;&ndash; ja was ist es eigentlich, was hinter mir liegt?
+Ein Erlebnis&nbsp;&ndash; ein Unglück&nbsp;&ndash; oder was sonst? Es
+ist schrecklich! Nein, ich kann es nicht sagen. Würde
+er dann noch zu mir sagen&nbsp;&ndash; mein stolzer Schwan?
+Schwäne sind rein&nbsp;&ndash; weiß&nbsp;&ndash; unnahbar. Ach, ich
+komme mir manchmal so gar nicht mehr rein vor.&nbsp;&ndash;
+Ich sage nichts, lieber will ich ihn überhaupt nicht
+heiraten.</p>
+
+<p>Aber wird er mich wieder freigeben?</p>
+
+<p>Er hat mir heute nachmittag schon seinen Plan
+entwickelt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sowie wir in New York ankommen, fahren wir beide
+im Automobil zum Pfarrer und lassen uns trauen.
+Das geht in Amerika ganz leicht. Herbert kennt einen
+Pfarrer in der 2. Avenue, zu dem fahren wir. Papiere
+brauchen wir nicht.</p>
+
+<p>Die Tante besorgt währenddessen das Gepäck,
+und ehe alles fertig ist, sind wir schon wieder zurück,
+dann kann ich meinen Großonkel, der mich abholen
+will, immer noch begrüßen.</p>
+
+<p>Herbert meint, es wäre möglich, daß wir beide mit
+zur Großtante reisten, aber es sei besser, daß wir uns
+sofort trauen ließen, dann könne der Onkel nichts
+mehr daran ändern.</p>
+
+<p>Wenn wir nicht gleich mit dem Onkel gehen, dann
+wollen wir aber später einige Wochen zu ihm und der
+Tante.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und nächstes Jahr kann ich schon wieder nach
+Deutschland zu Besuch.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Herbert hat mich gebeten, dem Kapitän nichts
+von unserem Plan zu erzählen. Es wäre ihm vielleicht
+nicht recht, weil ich noch so jung sei, und weil er
+doch den Großeltern versprochen habe, auf mich zu
+achten.</p>
+
+<p>Ich werde es ihm nicht sagen, ich sehe ihn ja auch
+so selten.&nbsp;&ndash; Ich quäle mich immer mit dem Gedanken,
+daß ich Herbert doch meinen Fehltritt sagen müßte.
+Ich warte immer auf einen günstigen Augenblick.
+Wenn ich einmal längere Zeit ganz allein mit ihm
+wäre, dann hätte ich den Mut. Aber hier am Schiff
+ist man ja nie allein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ob ich Herbert liebe, weiß ich wirklich nicht.
+Manchmal glaube ich es ja, aber trotzdem&nbsp;&ndash; wenn
+er jetzt plötzlich von mir gehen würde, ich glaube
+kaum, daß es besonders wehe tät'.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es ist vielleicht gut so.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Morgen sind wir dort. Eben sagte mir der Kapitän
+im Vorübergehen, daß wir morgen früh 10 Uhr am
+Pier in Hoboken sind.</p>
+
+<p>Jetzt sitzt nun alles im Salon und schreibt Briefe,
+und auch ich will die letzten Zeilen in mein Buch
+schreiben, ehe ich es weglege. Vielleicht komme ich
+in nächster Zeit doch nicht zum Schreiben. Und
+wenn ich wieder schreibe, bin ich schon Frau. Frau!
+Komisch. Mir ist, als könnt ich's kaum glauben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Gleich will ich noch einen Brief an die Großeltern
+schreiben, denen werde ich aber doch alles berichten,
+obgleich Herbert mich bat, vorläufig noch nichts davon
+zu erwähnen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Um mich herum sitzt alles und schreibt. Briefe
+und Karten.</p>
+
+<p>Adressen werden ausgetauscht, Versprechungen
+gemacht usw.</p>
+
+<p>Ich möchte wohl wissen, wie viele von diesen
+Adressen benutzt werden. Wer denkt nach einem
+halben Jahre noch an die geschlossene Freundschaft?</p>
+
+<p>Es sind auch eine ganze Anzahl Liebespärchen hier
+an Bord, alle erst von dieser Reise.</p>
+
+<p>Die Seeluft muß eine stark aufreizende Wirkung
+haben.</p>
+
+<p>Bei manchen sollte man es kaum glauben, daß sie
+sich erst seit kaum acht Tagen kennen.</p>
+
+<p>Da ist zum Beispiel ein Pärchen an unserem Tisch.
+Alle Anzeichen sprechen dafür, daß sie sehr intim miteinander
+sind.&nbsp;&ndash; Ich hielt sie für Mann und Frau.</p>
+
+<p>Gestern sprach ich mit dem Zahlmeister darüber,
+der lachte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Das ist jede Reise so, zuweilen mehr, zuweilen
+weniger. Diese beiden haben sich vordem nie gesehen.
+Sie ist Rheinländerin und er ist aus Thüringen. Überdies
+wird sie von ihrem Bräutigam erwartet.«&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Zahlmeister wird wohl recht haben.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich möchte keinen Seemann heiraten. Die Damen
+hier am Schiff sind teilweise sehr entgegenkommend
+gegen die Herren.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Herbert, der schon oft gefahren, lacht mich aus
+und sagt, das sei nicht so schlimm. Ein bißchen
+amüsieren dürfe sich jeder Mann.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die See wird manchmal so unruhig, lange wird's
+nicht dauern, dann gibt's wieder Seekranke.</p>
+
+<p>Allzu schlimm kann's nicht mehr werden, denn es
+sind jetzt nur noch zwölf Stunden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn ich dann wieder einschreibe, ist es in der
+Neuen Welt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="III" id="III"></a>III.<br/>
+
+Nacht.</h2>
+
+
+<p>Vier Wochen später.</p>
+
+<p>Ach ja, es ist eine neue Welt, in der ich lebe&nbsp;&ndash;
+aber was für eine!</p>
+
+<p>Furchtbare Wochen liegen hinter mir&nbsp;&ndash; fürchterlichere
+vielleicht noch vor mir!</p>
+
+<p>Ich will schreiben&nbsp;&ndash; und weiß nicht, wo beginnen
+&ndash; ich weiß weder Anfang noch Ende.</p>
+
+<p>Mit einem einzigen Schrei der Qual möchte ich
+alles in die Welt hinausrufen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In die Welt! In welche Welt?</p>
+
+<p>Die Welt, die mich jetzt umgibt, lacht über meine
+Klagen. Und eine andere aufzusuchen, in der ich nicht
+verlacht werde, liegt nicht in meiner Macht.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin gefangen! Wo? Ich weiß es nicht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Doch ich will es dir schlicht und der Reihe nach erzählen,
+kleines Buch. Du allein bist ohne Falsch.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Alles spielte sich so ab, wie Herbert es mir gesagt.
+Wir beide gingen nach Ankunft des Schiffes sofort
+ohne Aufenthalt durch die Zollschranke. Gepäck
+hatten wir nicht. Im Automobil fuhren wir dann
+ein ziemliches Stück, auch auf einem großen Fährboot
+über den Fluß und dann noch eine kurze Strecke
+weiter.</p>
+
+<p>Wir sind dann in ein großes Haus gegangen. Wie
+Herbert mir sagte, zu seinem Freunde, dem Pfarrer.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ob es eine Vorahnung war?&nbsp;&ndash; Als die Tür hinter
+mir zuschlug, überkam mich plötzlich eine Angst, daß
+ich am liebsten wieder hinausgelaufen wäre. Doch
+Herbert legte den Arm um mich und führte mich
+in ein auf der linken Seite des Flures gelegenes
+Zimmer.</p>
+
+<p>Sonderbar, ich sah keinen Menschen, und Herbert
+schien hier wie zu Hause zu sein.</p>
+
+<p>Auch im Zimmer war niemand. Herbert geleitete
+mich zu einem Sessel, welcher der Tür gegenüberstand.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich war plötzlich so müde.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Einen Augenblick nur solle ich ihn entschuldigen,
+er komme sofort zurück, sagte er mir, und ging durch
+eine andere Tür hinaus.</p>
+
+<p>Ich sah mich im Zimmer um. Die Wände waren
+mit einigen Bildern geschmückt&nbsp;&ndash; Dutzendware&nbsp;&ndash;,
+gegenüber der Tür stand eine Chaiselongue, kein Tisch,
+nur noch einige Sessel.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber was mir jetzt erst auffiel&nbsp;&ndash; das Zimmer
+hatte ja gar kein Fenster! Eine elektrische Krone erhellte
+es, es war aber doch Tag. Es konnte höchstens
+zwölf Uhr sein!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Noch immer kam Herbert nicht wieder.</p>
+
+<p>Hinter mir rauschte ein Seidenkleid&nbsp;&ndash; eine Tür
+hatte ich nicht gehen hören. Ich drehte mich aufhorchend
+um, eine Dame stand vor mir und lächelte
+mich an.</p>
+
+<p>Es war eine große, kräftig gebaute Frau im Alter
+von ungefähr fünfzig Jahren. Sie war sehr elegant
+gekleidet, sah aber trotzdem sehr gewöhnlich aus,
+denn ihr Gesicht war unangenehm und brutal.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Sie müssen Herrn Smith einen Augenblick entschuldigen.
+Er hat erst noch rasch etwas zu erledigen,
+wird aber sofort hier sein. Darf ich Ihnen einstweilen
+eine kleine Erfrischung anbieten?«</p>
+
+<p>Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, trat sie
+an einen kleinen Seitenschrank und goß zwei Gläser
+voll Wein, von denen sie mir das eine anbot; das andere
+stellte sie auf ein kleines Ziertischchen, in dessen
+Nähe sie sich niederließ.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen.</p>
+
+<p>Ich saß da mit meinem Weinglas in der Hand und
+sah mich hilflos um. Ich hätte es gern hingesetzt,
+aber ein Tisch schien in diesem Zimmer ein überflüssiges
+Möbel zu sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Trinken Sie, liebes Kind, Sie werden erschöpft
+sein. Ich nehme Ihnen dann das Glas wieder ab,«
+sagte meine liebenswürdige Wirtin&nbsp;&ndash; die Gattin des
+Pfarrers, wie ich damals annahm.</p>
+
+<p>Ich war wirklich durstig, aber noch mehr hungrig.
+Ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr genossen,
+und auch da vor lauter Aufregung nur wenig. Ich
+tat deshalb einen guten Zug aus meinem Glase, dann
+nahm sie mir das Glas ab und setzte sich mir gegenüber.</p>
+
+<p>Was sie zu mir gesprochen, weiß ich nicht; mich
+überfiel eine seltsame, bleierne Müdigkeit, ich riß
+einige Male mit Gewalt die Augen auf, aber dann
+konnte ich nicht mehr dagegen ankämpfen. Ich bin
+dann wohl eingeschlafen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als ich erwachte, war es Nacht. Ich lag ausgezogen
+auf einem Bett. Im Zimmer war es ganz finster.</p>
+
+<p>Ich versuchte mühsam, meine Gedanken zu
+sammeln. Wo war ich? Was war mit mir geschehen?
+War ich krank gewesen? Mir war sonderbar benommen
+im Kopf. Ich sann und sann und kam zu
+keiner Klarheit.</p>
+
+<p>Müde schlief ich endlich wieder ein.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das Geräusch einer schließenden Tür weckte mich.
+Als ich die Augen aufschlug, war es Tag, und die Frau
+von gestern stand vor meinem Bett.</p>
+
+<p>»Nun, ausgeschlafen?« fragte sie.</p>
+
+<p>Ich sah sie verständnislos an.</p>
+
+<p>»Wo ist Herbert?« fragte ich, nachdem ich meine
+Gedanken einigermaßen gesammelt hatte.</p>
+
+<p>»Sie meinen Herrn Smith? Der hat noch gestern
+wieder abreisen müssen, liebes Kind. Aber er kommt
+wieder, sobald er nur irgend kann. Seien Sie nur zufrieden,
+Sie sind bei Freunden. Sie werden es gut bei
+uns haben, wenn Sie schön artig und vernünftig sind.«</p>
+
+<p>»Aber wo bin ich denn! Bei wem?« fragte ich
+dringend. »Ich muß doch zu meiner Tante!«</p>
+
+<p>»Es ist leider niemand gekommen, der Sie hat abholen
+wollen. Wir haben gestern sofort nachfragen
+lassen. Sie müssen deshalb schon bei uns bleiben.
+Nun ruhen Sie sich nur noch recht schön aus, ich
+schicke Ihnen gleich etwas Frühstück herauf. Später
+kommen Sie dann auch mal herunter in den Salon.
+Vorläufig ruhen Sie noch.«&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sie ging, und ich war wieder allein. Doch nicht
+lange.</p>
+
+<p>Ein Mädchen kam und brachte mir Kaffee und
+Gebäck.</p>
+
+<p>Aber wie sah die Person denn aus! Schrecklich!
+Wie konnte man denn so ein Geschöpf um sich haben?
+Ganz entzündete Augen und auch sonst so ekelhaft.</p>
+
+<p>Sie sah mir den Widerwillen wohl an und lachte
+häßlich.</p>
+
+<p>»Wenn du Glück hast, mein Engel, so siehst du
+eines Tages auch so hübsch aus,« sagte sie frech.</p>
+
+<p>»Wie meinen Sie das?« fragte ich.</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht, drehte sich um und ging
+hinaus.</p>
+
+<p>Ich mochte nichts anrühren von dem, was dieses
+Geschöpf in den Händen gehabt hatte. Der Kaffee
+wurde kalt.</p>
+
+<p>Doch in meinen Eingeweiden wühlte der Hunger;
+ich war jung und gesund und hatte seit vierundzwanzig
+Stunden nichts gegessen. Nach und nach
+trank ich den kalten Kaffee und aß auch das Gebäck.
+Ich wollte endlich aufstehen und mich nach meinen
+Wirten umsehen.&nbsp;&ndash; Ich suchte nach meinen Kleidern,
+sie waren nicht da. Ich sah mich um, nichts war zu
+sehen, auch keine Klingel, um jemand herbeizurufen.</p>
+
+<p>Mein Gott, was bedeutete das alles?! Wo war ich
+nur? Ich tat das einzige, was mir übrig blieb, ich
+kroch wieder ins Bett.</p>
+
+<p>Wie lange ich gelegen&nbsp;&ndash; ich weiß es nicht, ich
+mußte wohl wieder eingeschlafen sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein Geräusch schreckte mich auf, meine Wirtin
+stand wieder vor mir. Ich sprang rasch aus dem Bett
+und fragte nach meinen Kleidern.</p>
+
+<p>»Ihre Kleider sind ganz verdorben, liebes Kind.
+Sie sind ein wenig krank gewesen gestern. Aber ich
+habe Ihnen hier ein schönes neues Kleid mitgebracht,
+das ziehen Sie an.«</p>
+
+<p>Mit diesen Worten legte sie ein wunderbares Gebilde
+von Spitzen und durchsichtigem Mull auf das
+Bett.</p>
+
+<p>In meiner grenzenlosen Dummheit freute ich mich
+über das schöne Zeug.</p>
+
+<p>»Oh, von Herbert!« rief ich erfreut.</p>
+
+<p>Ich dachte an die versprochenen Kleider aus Samt
+und Seide.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Meine Wirtin antwortete nicht, sie lächelte nur zustimmend.
+--</p>
+
+<p>Ich zog mich rasch an, es paßte wie für mich
+gemacht.</p>
+
+<p>Ich suchte mit den Augen nach einem Spiegel,
+denn ich hätte mich gern gesehen in meiner neuen
+Herrlichkeit, aber ich sah keinen.</p>
+
+<p>»Kommen Sie, Kind,« sagte die Frau, die meinem
+Blick gefolgt war, und faßte mich um. »Wenn Sie
+recht vernünftig und artig sind, bekommen Sie bald
+ein schönes großes Zimmer mit großen Spiegeln.«</p>
+
+<p>Wenn ich artig und vernünftig bin&nbsp;&ndash; schon
+wieder diese Redensart. Was soll das? Weshalb sollte
+ich <em class="gesperrt">nicht</em> artig sein?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Lange dachte ich aber nicht über dieses Rätsel
+nach, ich verstand es einfach nicht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich ging mit meiner Führerin eine schöne, breite
+Treppe hinunter&nbsp;&ndash; ich war also in meinem gestrigen
+Zustand die Treppe hinauf getragen worden&nbsp;&ndash; dann
+trat sie mit mir in einen Salon, der, nach meiner Berechnung,
+in entgegengesetzter Richtung von dem
+Eingang liegen mußte.</p>
+
+<p>Ein merkwürdiges Haus. Auch hier brannten
+wieder die elektrischen Flammen. Anscheinend war
+gerade eine größere Gesellschaft. Im Zimmer saßen
+elegante Damen und Herren.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und fein war es hier, überall standen bequeme
+Sofas und Tischchen.&nbsp;&ndash; Lauschige Ecken, schwellende
+Polster; kurz und gut, ich kam mir vor wie im
+Märchen.</p>
+
+<p>Meine Führerin, deren Namen ich noch nicht
+einmal wußte, stellte mich mit den Worten vor:
+»Meine Herrschaften, hier bringe ich Ihnen Fräulein
+Lotti. Gestern erst frisch von Europa angekommen.«</p>
+
+<p>Das war ja eine sonderbare Sitte hier in diesem
+Lande. Aber alle schienen das in der Ordnung zu
+finden. Alle lachten und schwatzten durcheinander.
+Einige kamen auf mich zu und sprachen einige Worte
+mit mir. Doch ich verstand sehr wenig, sie sprachen
+fast alle englisch.</p>
+
+<p>Ich war ganz verlegen. Ich setzte mich auf ein
+Sofa in der Nähe der Tür.</p>
+
+<p>Bald setzte sich ein Herr zu mir, ein kleiner, dicker
+Kerl mit einer Glatze und vorstehenden, wässerigen
+Augen.</p>
+
+<p>Ein ganz frecher Patron! Setzte sich sofort zu
+mir auf das Sofa, ganz dicht an mich heran.</p>
+
+<p>Ich rückte von ihm ab, da lachte er so widerlich
+und sagte:</p>
+
+<p>»Na, Kleine! Noch so spröde? Wird bald besser.
+Komm, wir trinken ein Fläschchen zusammen. Dann
+gibt's Mut.«</p>
+
+<p>Ich sah mich hilflos um. Was bedeutete das? War
+ich in einem Narrenhaus? Da sah ich an der anderen
+Seite des Salons meine Wirtin.</p>
+
+<p>Ich wollte aufspringen, sie fragen, um Aufklärung
+bitten. Aber ich weiß nicht, wie mir plötzlich war;
+auf halbem Wege blieb ich stehen. Die Frau sah mich
+so sonderbar stechend, so lauernd an.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich mußte an den Blick einer Schlange denken,
+die ihr Opfer hypnotisiert. Ich sah mich um. Alle
+hatten jetzt Wein auf den Tischen, nur noch einige
+Damen saßen so da. Ich machte ein paar Schritte
+und wollte zu einer alleinsitzenden Dame hingehen,
+da stand der alte, eklige Kerl wieder neben mir.</p>
+
+<p>»Mach' keine Dummheiten, Kleine, komm setz'
+dich,« sagte er zu mir und faßte zugleich nach meinem
+Arm.</p>
+
+<p>Ich riß mich los und stürmte nach der Tür. Als
+ich draußen stand, wußte ich nicht wohin. Ich hatte
+den Gedanken, nach unten zu laufen, hinaus aus
+diesem sonderbaren Hause&nbsp;&ndash; da stand die Frau neben
+mir.</p>
+
+<p>»Was soll das?« sagte sie kurz, »warum laufen
+Sie weg?«</p>
+
+<p>»Ich will mich nicht von dem alten Kerl anfassen
+lassen! Ich kenne ihn ja gar nicht! Man ist doch nicht
+gleich so dreist!«</p>
+
+<p>»Da wirst du dich dran gewöhnen müssen, liebes
+Kind. Das ist bei uns nun mal so. Und überhaupt,
+gerade mit diesem Herrn wirst du sehr freundlich
+sein, der hat sehr viel Geld. Komm!«</p>
+
+<p>Jetzt sagte sie schon Du zu mir! Und wie schroff
+sie war! Hier blieb ich nicht!</p>
+
+<p>»Dann will ich hier fort,« sagte ich rasch. »Ich
+kenne ja die Leute alle gar nicht. Lassen Sie mich
+gehen, ich laufe ans Schiff zu dem Kapitän, der wird
+an meine Verwandten telegraphieren.«</p>
+
+<p>»Schlag dir das aus dem Kopf,« sagte die Frau.
+»Du kannst hier nicht fort. Ich habe gestern deine
+Koffer holen lassen, die standen noch drüben am
+Pier, das kostet Geld. Das Kleid hier habe ich
+für dich bezahlt, kannst du mir das alles wiedergeben?«
+&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ach Gott, mein Geld! Daß ich daran nicht gedacht
+hatte!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich hatte ja noch zweihundert Mark gehabt. Wo
+war meine Tasche? Alles fort!</p>
+
+<p>»Wo ist mein Geld, meine Tasche! Ich hab' es
+doch mit hierher gebracht!« rief ich angstvoll.</p>
+
+<p>»Du glaubst doch nicht, daß du hier bestohlen
+worden bist?« sagte die Frau höhnisch. »Wenn du
+Geld bringst, kannst du gehen; so lange bleibst du
+hier.«</p>
+
+<p>Mit diesen Worten faßte sie mich an der Hand und
+zog mich wieder in den Salon.</p>
+
+<p>Da ging es jetzt lustig zu. Sie sangen und tanzten
+wild durcheinander.&nbsp;&ndash; Und wie waren die Mädchen
+angezogen! Das war mir vorhin noch gar nicht so
+aufgefallen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich setzte mich ratlos wieder hin. Da kam auch
+schon wieder dieser Mensch und setzte sich neben
+mich.</p>
+
+<p>Ich sah ihn gar nicht an.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es wurde Champagner gebracht, ich nippte kaum.
+So gut er mir unterwegs geschmeckt hatte, der Appetit
+war mir vergangen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wäre ich nicht gar so dumm gewesen, hätte ich
+nur einmal über etwas derartiges gelesen oder gehört,
+ich würde endlich gewußt haben, wo ich war. So aber
+saß ich noch immer und zermarterte mir den Kopf,
+was das eigentlich für eine Gesellschaft sei, in der
+ich mich befand.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es gab an dem Abend noch einen furchtbaren
+Skandal. Ich begriff endlich, wo ich mich befand und
+was man von mir wollte. Als der alte Kerl einige Glas
+Champagner getrunken hatte, wurde er zudringlich,
+und ich schlug ihn ins Gesicht. Da wurde er wütend,
+er tobte wie ein Wahnsinniger. Mir war es einerlei,
+ich verstand auch nicht, was er sagte.</p>
+
+<p>Die Frau verstand ich dann um so besser. Sie wurde
+furchtbar heftig und ließ endlich die Maske fallen.</p>
+
+<p>Ich sei in diesem Hause zu keinem anderen Zweck,
+als den Herren, die hierher kämen und die ihr schweres
+Geld dafür bezahlten, gefällig zu sein. Sie habe ein
+anständiges Stück Geld für mich bezahlt und sie
+würde schon dafür sorgen, daß sie keinen Schaden
+habe. Sie wolle mich schon zahm kriegen. Sie habe
+da ganz schöne Mittelchen. Sie gebe mir aber den
+guten Rat, mich gleich zu fügen, denn nützen würde
+mir mein Widerstand doch nichts.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein paar Tage früher oder später, es sei nur mein
+eigener Schaden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Willst du also vernünftig sein und mit dem Herrn
+recht freundlich sprechen?«</p>
+
+<p>»Nein! Lieber spring ich aus dem Fenster!« rief
+ich außer mir.</p>
+
+<p>»Wie du willst! Dann spring aus dem Fenster!«
+rief sie, faßte mich am Arm und schob mich in ein
+Zimmer.</p>
+
+<p>»Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen
+hast,« rief sie mir nach und schloß die Tür zu.</p>
+
+<p>Im Zimmer war es dunkel, ich konnte nicht die
+Hand vor den Augen sehen.</p>
+
+<p>Ich tastete umher, ich suchte an der Wand entlang,
+vorsichtig schritt ich weiter. Ein Bett war da.
+Gott sei Dank.</p>
+
+<p>Ich zog das feine Kleid aus und legte mich nieder.
+Ich sann und sann, was konnte ich tun? Hier im
+fremden Land, in der großen fremden Stadt, ohne
+Geld, ohne Freunde! Und doch! Wenn ich nur hinaus
+könnte, jemand würde sich schon meiner annehmen.</p>
+
+<p>Zuletzt kamen die Tränen, ich weinte so heiß und
+schmerzlich, daß ich gar nicht wieder aufhören konnte.</p>
+
+<p>Sie müssen mein verzweifeltes Weinen gehört
+haben, aber kein Mensch kümmerte sich um mich;
+die sind alle hart wie Stein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Zuletzt bin ich wohl vor Ermattung eingeschlafen.</p>
+
+<p>Als ich erwachte, war es noch immer dunkel um
+mich. Ich wußte gar nicht mehr, war es Tag oder
+Nacht. Wie lange war ich schon hier? War es ein
+Tag oder waren es mehrere?</p>
+
+<p>Mich quälte schon wieder der Hunger. War ich
+denn immer hungrig? Bei all meinem Elend und bei
+all dem Kummer&nbsp;&ndash; die Natur verlangte ihr Recht.</p>
+
+<p>In Geschichten hatte ich so oft gelesen, wenn sie
+traurig waren oder Kummer hatten, dann nahmen
+sie tagelang keine Nahrung zu sich. Ich hatte immer
+Hunger.</p>
+
+<p>Ich konnte nicht mehr schlafen, vorsichtig erhob
+ich mich und tastete nach der Tür, sie war noch immer
+verschlossen. Ich klopfte, niemand kam. Ich klopfte
+stärker, alles umsonst.</p>
+
+<p>Ich ging wieder ins Bett und wartete. Ich meinte,
+Stunden gelegen zu haben, und nichts ließ sich hören.</p>
+
+<p>Ich konnte es zuletzt gar nicht mehr aushalten
+und stand wieder auf. Ich hatte Kopfschmerz und
+war ganz zittrig auf den Beinen, so elend war ich.</p>
+
+<p>Was hatte man mit mir vor? Wollte man mich
+hier verhungern lassen?</p>
+
+<p>Ich schlug mit den Fäusten gegen die Tür und
+schrie aus Leibeskräften. Niemand kam.</p>
+
+<p>Jetzt kam die Furcht langsam gekrochen! Was
+wollte man mit mir machen? Oder hatten sie mich
+vergessen?</p>
+
+<p>Wieder kroch ich ins Bett.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ob ich dann vor Erschöpfung ohnmächtig geworden
+bin oder ob ich wieder eingeschlafen bin, ich
+weiß es nicht.</p>
+
+<p>Nur daß ich, als das schreckliche Weib wieder zu
+mir kam und mich fragte, ob ich gehorchen wolle,
+ganz apathisch zu allem ja gesagt habe.</p>
+
+<p>Ich glaube, sie haben mich lange hungern lassen,
+denn ich bekam zuerst ein wenig warmen Wein und
+dann ein rohes Ei.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Zwei Tage danach war ich wieder im Salon. Der
+ekelhafte Kerl war wieder da, und alles ging seinen
+Gang.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Jetzt habe ich ein schönes Zimmer, und der Mensch
+kommt jeden Abend. Es ist ein reicher Pelzhändler
+aus der 8. Straße.</p>
+
+<p>Ich weiß jetzt auch, wo ich bin.&nbsp;&ndash; Es ist ein
+Mädchen hier&nbsp;&ndash; die »schwarze Katze« sagen alle zu
+ihr&nbsp;&ndash; sie ist vom ersten Tage an sehr freundlich zu
+mir gewesen. Sie riet mir auch, als ich wieder in
+den Salon kam, mich zu fügen. Ich sei doch machtlos.</p>
+
+<p>»Jedenfalls bist du Mädchenhändlern in die Hände
+gefallen,« sagte sie.</p>
+
+<p>Ich erzählte ihr alles. Von Frau Fröhlich, von
+Herbert Smith, von der Heirat, alles!</p>
+
+<p>»Es ist so! Das saubere Paar ist mit frischer
+Ladung von Europa gekommen. Entweder, sie haben
+im Zwischendeck noch Mädchen gehabt, oder aber
+sie haben auf einem anderen Dampfer, der langsamer
+fährt, die Mädchen eingeschifft und sind dann selbst
+mit dem Schnelldampfer gefahren, um die Ware hier
+in Empfang zu nehmen. Du bist ihnen als Leckerbissen
+unterwegs noch in die Arme gelaufen.«</p>
+
+<p>»Aber können wir denn nicht zur Polizei?«</p>
+
+<p>»Die Polizei? Du kommst vorläufig überhaupt
+nicht an die Luft, eher nicht, bis du erst richtig zahm
+bist. Und dann! Die Polizei! Da mach dir nur nicht
+zu viel Hoffnung. Weißt du, ich könnte dir Sachen
+erzählen. Die Policeleute hier im Viertel werden alle
+von »ihr« bezahlt. Denn die versteht ihr Geschäft.&nbsp;&ndash;
+Und uns glaubt man ja doch nicht. Aber trotz alledem,
+wenn wir Geld hätten, und du bist nach einigen
+Monaten noch derselben Ansicht, so will ich dir wohl
+helfen. Nur jetzt ist noch nichts zu machen.«&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Und warum gehst du nicht fort, wenn du doch
+kannst?« fragte ich sie.</p>
+
+<p>»Gott, ich! Wo soll ich hin? Es ist immer noch
+besser als auf der Straße, da laufen hier in New York
+sowieso genug herum. Ich bin ja mal 'ne Zeitlang
+'raus gewesen; solange man ein festes Verhältnis hat,
+mag's gehen. Hat man das nicht, dann gibt's Tage,
+da kann man hungern.«</p>
+
+<p>Ich war ganz benommen. Das war ja schrecklich.</p>
+
+<p>»Aber du kannst doch in Stellung gehen. Nicht
+immer so etwas,« sagte ich beschwörend.</p>
+
+<p>»Du bist ein kleines Schäfchen,« lachte sie mich
+aus. »Das ist bei mir zu spät. Ich habe dies Leben
+schon zu lange gelebt.&nbsp;&ndash; Und&nbsp;&ndash; ich will auch nichts
+anderes mehr. Wir werden ja sehen, vielleicht geht
+es dir eines Tages ebenso.«</p>
+
+<p>»Nein, o nein. Ich will hier nicht bleiben, lieber
+sterben,« rief ich verzweifelt.</p>
+
+<p>»Na, na, nur ruhig, Kleines. Ich gebe dir einen
+guten Rat: Lerne vor allen Dingen Englisch, das ist
+die Hauptsache. Dann sauf' nicht zu viel, das ist
+auch 'ne Hauptsache. Dann halte die Augen gut
+offen, möglich, daß mal einer kommt, der so viel Gefallen
+an dir findet, daß er dich auskauft. Alles schon
+dagewesen. Und hübsch bist du ja, das muß dir der
+Neid lassen. Du hast so was Besonderes, so was Vornehmes
+an dir. Vielleicht hast du Glück.«</p>
+
+<p>Ich faßte wieder Hoffnung. Ich war dem Mädchen
+so dankbar für seine Ratschläge und habe sie bisher
+getreulich befolgt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Bis jetzt gehöre ich noch immer dem alten, dicken
+Ekel. Er scheint großes Gefallen an mir zu finden,
+denn er bezahlt alles, was sie verlangt.</p>
+
+<p>Ich hatte einige Tage die Hoffnung, daß er mich
+vielleicht herausnehmen würde. Als er einmal
+sehr guter Laune war, bat ich ihn darum. Ich versprach,
+bei ihm zu bleiben, so lange er mich haben
+wolle&nbsp;&ndash; natürlich sagte ich das nur, denn ich wäre
+sofort ausgerissen, wenn ich das Haus hinter mir gehabt
+hätte. Aber er lachte mich nur aus.</p>
+
+<p>»Nee, Kleine, auf den Leim kriech' ich nicht. Ich
+habe das hier viel besser und bequemer. Solange ich
+nicht will, kriegt dich kein anderer. In dieser Weise
+ist die Rottmann anständig, da betrügt sie nicht.«&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Bis jetzt habe ich also nur diesem einen gehört,
+aber wie lange wird es dauern und ich gehöre jedem,
+der mich will!</p>
+
+<p>Der Gedanke ist mir furchtbar!</p>
+
+<p>Ich liebe das Leben so sehr. Ich bin jung, und jede
+Kreatur hängt am Leben. Und doch&nbsp;&ndash; wenn ich
+irgendein Mittel hätte, ich würde mich töten.&nbsp;&ndash; Aber
+hier ist auch auf solche Stimmungen Rücksicht
+genommen, ich bin gewiß nicht die erste Anfängerin.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn ich jetzt einmal an die lieben, alten Großeltern
+denke, so könnte ich laut aufweinen vor Qual.</p>
+
+<p>Nie wieder werde ich sie sehen, nie wieder die lieben,
+alten Gesichter küssen dürfen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch wenn ich Glück habe und wieder herauskomme,
+es soll kein bekanntes Gesicht das meine
+wiedersehen.&nbsp;&ndash; Ich will tot sein, tot für alle!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es ist eine furchtbare Einrichtung, daß es Menschen
+gibt, denen erlaubt wird, andere Menschen
+gegen ihren Willen festzuhalten und Geld mit ihnen
+zu verdienen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Es ist schrecklich! Ich fange an, mich vor mir
+selbst zu fürchten. Ich habe oft den kaum zu unterdrückenden
+Wunsch, diesem Menschen die Hände
+um den Hals zu krallen und ihn so lange zu würgen,
+bis er tot ist. Es zuckt mir dann förmlich in den
+Fingern vor Begierde.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ob wohl einem Manne nie der Gedanke kommt,
+daß er eigentlich in Lebensgefahr schwebt, wenn er
+sich so ein geknechtetes Wesen leibeigen macht? Wäre
+es nicht möglich, daß in einem solchen Geschöpf einmal
+der Rachedurst überschäumt?</p>
+
+<p>Sich und ihr ganzes zertretenes Geschlecht würde
+sie rächen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ach, ich glaube, ich werde wahnsinnig oder
+schlecht.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Daß ein Mensch sich in kurzer Zeit so sehr verändern
+kann!</p>
+
+<p>Noch vor einem Jahre war ich ein dummes,
+leidenschaftlich verliebtes Ding. Und nun? Mir ist
+zuweilen, als ob ich das gar nicht bin. Mir ist, als
+sei das alles schon eine Ewigkeit. Bin ich es wirklich,
+deren Herz einst aufjubelte bei den törichten Liebesworten,
+die man mir ins Ohr flüsterte?</p>
+
+<p>Und jetzt! Ich glaube, ich kann nie wieder Liebe
+und Leidenschaft empfinden.&nbsp;&ndash; Mögen sie mit
+meinem Körper Schacher treiben, meine Seele gehört
+mir. Meine Seele bleibt rein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin keine Dirne und will auch keine werden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich sinne und sinne, wie aus diesem Hause herauszukommen
+ist, aber alle meine Bemühungen sind erfolglos.</p>
+
+<p>In einem Gefängnis könnte ich nicht sicherer verwahrt
+sein.</p>
+
+<p>Die Tür ist Tag und Nacht gut bewacht, und Neuankömmlingen
+wird nur unter gewissen Vorsichtsmaßregeln
+geöffnet.</p>
+
+<p>Nur alte Bekannte, die das bestimmte Klingelzeichen
+geben, können ohne weiteres herein.</p>
+
+<p>Ich habe mir gestern die Rückseite des Hauses
+angesehen, ich hoffte, vielleicht von da auf ein Nebengrundstück
+kommen zu können, aber auch diese
+Hoffnung muß ich aufgeben.</p>
+
+<p>Eine glatte, hohe Mauer umgibt einen kleinen,
+dreieckigen Hof, und die Fenster, die nach diesem
+Hofe gehen, sind nicht zu öffnen, sondern haben nur
+oben eine kleine Luftscheibe. Jenseits der Mauer sind
+sehr hohe Häuser; auf der einen Seite ein kleineres,
+das aber, wie es scheint, unbewohnt ist.</p>
+
+<p>An dem einen großen Hause laufen schmale eiserne
+Leitern empor, wenn ich die erreichen könnte, dann
+wäre Rettung möglich.</p>
+
+<p>Aber die Mauer ist hoch und der Zugang zum Hofe
+ist bewacht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das Schlimmste aber sind die Kleider! Kann ich
+halbnackt auf die Straße gehen?</p>
+
+<p>Es ist ein raffiniert einfaches Mittel, uns unsere
+Straßenkleider wegzuschließen, um uns an der Flucht
+zu hindern.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Heute erzählte mir die Bronja aus ihrem Leben.
+Bronja, so heißt die schwarze Katze.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sie ist verheiratet gewesen und hat sogar ein Kind,
+ein kleines Mädchen. Es lebt noch, bei ihren Eltern
+in Posen. Ihr Mann hat Gelder bei irgendeiner Kasse
+unterschlagen, und als es entdeckt wurde, haben sie
+ihn eingesperrt. Als er dann wieder freigekommen ist,
+sind die beiden nach Amerika gegangen, da der Mann
+nirgends wieder eine Stelle bekam. Bronja ging mit
+ihm. Sie hat ihn sehr geliebt! Das Kind sollte bei
+den Eltern bleiben, bis die beiden hier festen Fuß
+gefaßt hatten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber hier in Amerika ist es für solche verkrachten
+Existenzen auch schwer. Die beiden mußten sich
+trennen. Bronja nahm eine Stelle als Empfangsdame
+bei einem Arzte an, und ihr Mann ließ sich vorläufig
+von ihr ernähren.</p>
+
+<p>Schließlich fand er eine Stelle in einer deutschen
+Wirtschaft als Kellner. Doch dann fing er das Trinken
+an und sank immer tiefer. Als er die Stelle verloren,
+trieb er sich überall herum, war bald da, bald dort an
+der Ostseite. Und jetzt sitzt er wegen Einbruchdiebstahls
+im Gefängnis.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Bronja lernte in ihrer Stellung einen reichen Herrn
+kennen und wurde dessen Freundin&nbsp;&ndash; ein Wunder
+ist es ja nicht, denn sie ist eine Schönheit in ihrer
+Art.</p>
+
+<p>Als ihr Gönner ihrer eines Tages überdrüssig geworden
+war, verlor sie allen Halt und alle Selbstachtung.</p>
+
+<p>Durch den Verkehr in den Lokalen, wo der Herr
+sie hingeführt, war sie in der Lebewelt bekannt geworden,
+und es fehlte ihr nicht an Zuspruch. Sie
+bekam Geld, kaufte sich feine Kleider und Schmuck
+und war eines der am meisten gesuchten Mädchen in
+dem berüchtigten Viertel New Yorks.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Eines Abends war sie noch ziemlich spät in der
+14. Straße ohne Begleitung, als ihr ein Seemann in
+die Hände fiel. Sie geht mit ihm in eines der bekannten
+Häuser, wo sie sich ein Zimmer geben läßt,
+nachdem natürlich vorher fürchterlich getrunken
+worden war.&nbsp;&ndash; In der Nacht ist dann dem Fremden
+seine ganze Barschaft gestohlen worden. Bronja sagt,
+sie habe es nicht getan, sie sei selbst viel zu betrunken
+gewesen. Der Fremde schlug aber Lärm, die
+Polizei kam ins Haus, und Bronja wurde verhaftet.</p>
+
+<p>Man ließ sie nach einiger Zeit wieder frei, da man
+ihr nichts nachweisen konnte. Zu allem Unglück war
+aber ihre Wirtin während der Zeit mit ihrem ganzen
+Kram, Kleidern und Wäsche und ihren paar Dollars
+verschwunden. Um wenigstens ein Unterkommen zu
+haben, ging sie in ein öffentliches Haus.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Diese Häuser können unsereinen immer gebrauchen,
+wenigstens solange man gesund und hübsch
+ist. Und was ist denn auch weiter dabei? Mir gefällt
+es! Früher, als ich mit meinem Manne noch zusammen
+war, war es auch nicht viel besser, wenn er
+besoffen nach Hause kam.«</p>
+
+<p>»Aber was soll aus dir werden, wenn du älter
+bist?« fragte ich sie mitleidig.</p>
+
+<p>»Dann mache ich's wie die Rottmann. Glaub' mir,
+das bringt am meisten Geld. Je feiner, desto besser.
+Was bringen allein die Getränke schon. Nur mit
+Mädchenhändlern laß ich mich nicht ein, da werde
+ich, glaub' ich, nie hart genug dazu. Du solltest klug
+sein und deinem alten Pelzhändler richtig um den
+Bart gehen, daß er dir ordentlich was schenkt. Nur
+wenn du Geld hast, kannst du hier herauskommen.«</p>
+
+<p>»Und willst du nie mehr zu deinem Manne, wenn
+er wieder freikommt?« fragte ich sie.</p>
+
+<p>»Nie wieder! Er wird mich hoffentlich nicht
+finden. Ich glaube nicht mehr an ihn. Und wenn er
+so lange in Sing-Sing gewesen ist, dann ist es überhaupt
+ausgeschlossen.«</p>
+
+<p>Arme Bronja.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 4. Juli.</p>
+
+<p>Nun bin ich schon über vier Wochen in diesem
+Hause und bin heute zum ersten Male in der frischen
+Luft gewesen. Mit »Madame« zusammen. Wir haben
+im Automobil eine Ausfahrt gemacht, ganz weit hinaus
+nach Bronxpark. Die Bronja sagt, das sei alles
+Berechnung von »ihr«.</p>
+
+<p>Amerika feiert heute ein großes Nationalfest,
+da zeigt sie den Herren, was sie für gutes und
+schönes Material auf Lager hat.</p>
+
+<p>Denn unter der Herrenwelt ist sie gut bekannt.</p>
+
+<p>Sie fürchtet also wohl, daß mein Dicker bald wegbleibt.
+Ich wollte mich freuen, denn widerlicher kann
+keiner sein.</p>
+
+<p>Und er hilft mir ja doch nicht heraus.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich habe also heute zum ersten Male dieses Land
+gesehen. Gesehen? Nein! Gesehen habe ich nichts
+davon. Ich wagte kaum aufzublicken. Ich meine,
+jeder Mensch muß es mir vom Gesicht ablesen, was
+ich bin. Sehr hohe Häuser sind hier, so viel wenigstens
+habe ich gesehen. Als ich die Bäume und Büsche im
+Bronxpark sah, mußte ich an zu Hause denken, und
+das Heimweh packte mich furchtbar.</p>
+
+<p>Ich habe mich nachher sattgeweint.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 5. Juli.</p>
+
+<p>Gestern abend ist es toll hergegangen. Es war
+furchtbar voll, denn es ist nichts Seltenes, daß auch
+Herren mit fremden Mädchen kommen, ordentlich
+zechen und dann ein Zimmer nehmen. So auch gestern
+abend. Es waren sehr viele und auch sehr elegante
+Damen da. Aber Bronja sagt, ich steche alle aus.
+Wenn ich so dabei bliebe, sei ich mit zwanzig Jahren
+eine königliche Schönheit.</p>
+
+<p>Wenn ich dann nicht schon tot bin.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mir kommt es vor, als ob auch zuweilen verheiratete
+Frauen hierher kämen, und Bronja meint, das
+sei schon so. Das seien solche, denen es zu gut ginge,
+oder auch solche, die sich etwas Taschengeld nebenbei
+verdienten.</p>
+
+<p>Ich möchte sie an meine Stelle wünschen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Dicke war auch da gestern abend. Ich habe
+wohl bemerkt, daß die Herren sehr viel nach mir
+guckten, aber er wich nicht von meiner Seite. Er
+war ordentlich stolz, daß er der Besitzer war. Als ob
+er das seiner Schönheit zu verdanken hätte.</p>
+
+<p>Ich dachte an Bronjas Mahnung, ich solle schön
+mit ihm tun&nbsp;&ndash; ich kann es nicht. Ich werde
+Gott danken, wenn er nicht mehr kommt. Ich habe
+gestern auch zu viel getrunken. Es läßt sich nicht
+ganz vermeiden, so sehr ich mich auch in acht nehme.</p>
+
+<p>Und dann die Hauptsache: man kommt besser
+darüber weg, wenn man nicht ganz bei Sinnen ist.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wie soll man es sonst nur auf die Dauer aushalten?</p>
+
+<p>Die Madame schimpft noch dazu immer, daß ich
+nicht genug trinke.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 16.</p>
+
+<p>Gott sei Dank, das Scheusal ist fort. Vorgestern
+war er zum letzten Male hier. Er ist heute nach
+Europa gefahren.</p>
+
+<p>Ich habe ihn noch einmal gebeten, fußfällig habe
+ich ihn angefleht, mich herauszunehmen. Ich habe
+die Zähne zusammengebissen und habe getan, als
+ob ich ihn furchtbar gern hätte, als ob mich
+sein Fortgehen ganz unglücklich machte&nbsp;&ndash; es war
+alles umsonst.&nbsp;&ndash; Da war ich zuletzt so wütend, daß
+ich ihm ins Gesicht gespuckt habe. Es war mir auch
+alles einerlei. Aber er ist doch dageblieben, der furchtbare
+Mensch! Ich weiß nicht, ob sich jemand das
+Widerliche, das in einer solch erzwungenen Vereinigung
+liegt, voll ausdenken kann. Ich fühle Gott
+sei Dank nichts dabei, das ist ein Glück für mich.
+Aber ich liege dann und analysiere jede Bewegung
+des Verhaßten, der glaubt, durch sein Geld mir
+meinen Körper abkaufen zu können.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn die Liebe oder der Sinnenrausch die Ursache
+einer Vereinigung sind, so ist sie geadelt durch
+das Gefühl. Hier aber! Es ist mir unfaßbar, wie
+Männer&nbsp;&ndash; Männer mit Geist und Herz&nbsp;&ndash; eine solch
+furchtbare Sünde begehen können und kraft ihres
+Geldes und ihrer physischen Überlegenheit diese
+armen Geschöpfe so foltern.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Denn freiwillig oder nicht&nbsp;&ndash; die hier sind, haben
+alle einmal den Anfang machen müssen&nbsp;&ndash; und der
+ist furchtbar.</p>
+
+<p>Gewohnheit und Alkohol tun viel&nbsp;&ndash; doch bis
+man so weit ist&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 17.</p>
+
+<p>Ein Übel bin ich los und dem andern bin ich verfallen.</p>
+
+<p>In meinem Haß gegen den alten dicken Kerl habe
+ich nicht daran gedacht, daß noch Widerlichere
+kommen könnten.</p>
+
+<p>Jetzt muß ich jeden nehmen, der mich begehrt,
+und wenn es in einem Abend ein Dutzend sind.</p>
+
+<p>Bronja gibt mir gute Ratschläge. Gut essen und
+trinken. Geld sparen und Englisch lernen.</p>
+
+<p>Geld sparen&nbsp;&ndash; bis jetzt habe ich noch keinen Cent
+zu sehen bekommen. Ich brauche nichts&nbsp;&ndash; sagt Madame.
+Sie will es für mich sparen.&nbsp;&ndash; Die ist immer
+noch nicht mit mir zufrieden. Ich trinke nicht genug
+und animiere nicht genug zum Trinken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Obgleich es ja wirklich das beste ist, man kommt
+aus dem Alkoholdusel gar nicht heraus.</p>
+
+<p>Das Schlimme ist: ich gefalle&nbsp;&ndash;, alle wollen mich
+haben. Ich möchte nur wissen, was sie an mir finden.</p>
+
+<p>Einige von den Mädchen sind schon neidisch. Die
+dummen Gänse, als ob ich etwas dazu könnte! Ich
+wäre zufrieden, wenn keiner zu mir käme. Nur Bronja
+hält treu zu mir. Als ich ihr gestern meine Not klagte,
+lachte sie mich aus.</p>
+
+<p>»Du bist ein kleines Schaf,« sagte sie. »Deine
+hoheitsvolle, unnahbare Miene und deine großartige
+Figur reizen die Männer. Freue dich! Denn, wenn
+eine keinen Anklang findet, ist es erst recht schlimm.
+Die schaffen sie dann fort in ein anderes Loch. Frei
+kommt sie deshalb doch nicht. Erst muß sie ausgenutzt
+sein. Die ganze Bande hier im Land steckt
+unter einer Decke. Die Mädchenhändler, die Wirte
+und, nicht zu vergessen, die wohllöbliche Polizei. Ich
+bin überzeugt, der Policemann, der hier an der Ecke
+patrouilliert, verdient mehr als ein Bankdirektor.</p>
+
+<p>Er hört nichts, er sieht nichts, kurz und gut, er
+versteht sein Geschäft. Deshalb würde es dir auch
+nichts helfen, wenn du wirklich fortlaufen könntest.
+Keine Viertelstunde wärst du draußen. Unter dem
+Vorwand, dich zu beschützen und Erkundigungen
+einzuziehen, liefert er dich wieder dahin ab, woher du
+gekommen. Ich weiß ja, wie's gemacht wird. Die ganze
+Bande ist organisiert. Es ist die reine Aktiengesellschaft.«
+&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Welch seltsame Verirrungen doch das Tier im
+Menschen haben kann!&nbsp;&ndash; Es ist hier im Hause eine
+Wienerin, Kathinka heißt sie. Ein Monstrum von
+einer Frau. Sonst ist sie gar nicht außergewöhnlich
+groß und dick, aber einen Busen hat sie&nbsp;&ndash; unbeschreiblich!</p>
+
+<p>Und ist es zu glauben, daß dieses Mädchen, das
+weder schön ist noch sonst besondere Anziehungskraft
+besitzt, nur wegen ihres abnormen Busens eine Art
+Zugnummer dieses gesegneten Hauses ist?</p>
+
+<p>Sie selbst ist dabei kreuzfidel und spart sich Geld.</p>
+
+<p>»Es gibt halt Mannsleut', die gern auf'm Fettpolster
+liegen, wann's viel getrunken haben,« sagt
+sie lachend.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn ich doch auch erst etwas gleichgültiger
+werden könnte.&nbsp;&ndash; Aber nein&nbsp;&ndash; ich will es gar nicht
+werden. Ich will nicht jeden moralischen Halt verlieren.
+Ich muß hier wieder fort oder sterben.&nbsp;&ndash;
+Ich darf gar nicht denken&nbsp;&ndash; nicht nach Hause an die
+alten Leute, dann schäme ich mich furchtbar, obgleich
+ich schuldlos an meiner Schande bin.</p>
+
+<p>Ich habe nun schon wiederholt versucht, einen
+meiner Käufer für meine Lage zu interessieren.
+Keiner glaubt mir. Sie lachen und sagen: Das sagt
+jede.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 22.</p>
+
+<p>Wie soll ich es ertragen!</p>
+
+<p>Gestern abend war es wieder einmal recht voll,
+aber es wurde der Alten nicht genug verzehrt. Hauptsächlich
+Mixed-drinks sollen viel verkauft werden,
+denn daran wird verdient.</p>
+
+<p>An mir ließ sie ihre Wut wieder aus, weil an
+meinem Tisch am wenigsten verzehrt worden war.
+Ich war bis elf Uhr schon viermal oben im Zimmer
+gewesen und hatte keine Lust mehr.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sie hat mich nun beobachtet. Und behauptet, ich
+sei viel zu unfreundlich. Kurz und gut, sie hat mir
+gedroht, wenn ich mich nicht bessere, käme ich
+nächste Woche ins Hafenviertel, an den Eastriver,
+da haben sie auch noch ein Haus.</p>
+
+<p>Bronja kennt es. Es sei fürchterlich dort. Heizer
+und Kohlenzieher, betrunkene Seeleute aus aller
+Herren Länder. Kein weißbezogenes Bett, schmutzige
+Schlafsofas und dazu an manchem Tage zwanzig Besucher.
+Krankheiten unausbleiblich. Kontrolle gibt's
+nicht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Übrigens gibt es die auch hier nicht, denn ich habe
+noch nie einen Arzt gesehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber das tue ich nicht, nein, das nicht! Dann wird
+sich schon ein Weg finden, wie ich ein Ende machen
+kann.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bete zu Gott, aber ich glaube, es gibt gar keinen
+mehr.</p>
+
+<p>Wenn es wirklich einen allmächtigen Gott im
+Himmel gäbe, dann könnte er nicht zugeben, daß so
+furchtbare Dinge auf seiner Erde geschähen.</p>
+
+<p>Bronja tröstet mich.</p>
+
+<p>»Sei nur nicht bange, du kommst hier nicht fort,
+sie will dich nur erschrecken. Aber du solltest wirklich
+ein klein wenig mehr trinken. Es ist besser. Du
+brauchst deshalb immer noch nicht zu saufen. Du
+kommst aber viel besser über alles fort.«</p>
+
+<p>Ich will es tun, ja, ich will es tun. Später, wenn
+ich wieder frei bin, werde ich desto enthaltsamer sein.</p>
+
+<p>Ich mochte früher nie Bier und Wein, nur der
+Champagner hat mir geschmeckt&nbsp;&ndash; zu meinem Verhängnis.</p>
+
+<p>Hätte ich an Bord nicht zu viel Sekt getrunken,
+so hätte ich mich nicht von dieser Bande umgarnen
+lassen.</p>
+
+<p>Überhaupt der Alkohol. Ich habe nun schon
+manche hier kennen gelernt&nbsp;&ndash; wir sind für beständig
+fünfundzwanzig bis achtundzwanzig, ohne die Vorübergehenden
+&ndash; und es sind wenige darunter, bei
+denen der erste Fehltritt&nbsp;&ndash; der erste Fall&nbsp;&ndash; nicht
+im Alkohol geschehen ist.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In der Bibel ist die verbotene Frucht der Apfel&nbsp;&ndash;
+wollten doch alle nur Äpfel essen, es wäre besser.</p>
+
+<p>Es ist vielleicht auch nicht recht berichtet, es war
+vielleicht auch schon der Sekt.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Seit vierzehn Tagen ist eine Neue da. Ein kleines
+zartes Ding von kaum Mittelgröße.</p>
+
+<p>Solange sie nichts getrunken hat, sieht sie immer
+so traurig aus, aber abends ist sie die Schlimmste.
+Sie trinkt wie ein Irländer und kann furchtbar viel
+vertragen.</p>
+
+<p>Sie hat mir vor einigen Tagen ihre Geschichte erzählt.</p>
+
+<p>Sie ist glücklich verheiratet gewesen. Ihr Mann,
+der für eine große Firma jedes Jahr zweimal nach
+Berlin reiste, um Herrenstoffe einzukaufen, war gut
+und lieb zu ihr.</p>
+
+<p>Im vergangenen Herbst, als sie wieder für einige
+Wochen allein war, ging sie mit einer befreundeten
+Familie zu einem Picknick.</p>
+
+<p>Ein Herr, der mit von der Partie war, hatte
+sich den ganzen Tag sehr aufmerksam gegen sie gezeigt.
+Am Tage haben sie noch fast nichts getrunken,
+doch abends, als sie in einem Auto nach Hause fuhren,
+sind sie noch am Broadway in einem Hotel eingekehrt,
+um zu Abend zu essen. Bis in die Nacht hinein ist
+gegessen und getrunken worden.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als sie am andern Morgen aufwachte, lag der Herr
+neben ihr im Bett.&nbsp;&ndash; Ihr Mann hat es erfahren, und
+sie sind geschieden.</p>
+
+<p>»Hat mich der Alkohol hineingebracht, soll er
+mich auch wieder herausbringen, ich sauf' mich tot,«
+sagt sie lachend.</p>
+
+<p>Aber dabei könnte man weinen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich bin krank, und ich möchte sagen, Gott sei
+Dank. Zumal auch der Arzt sagt, daß es nicht
+schlimm sein soll. Nur einige Tage Ruhe.</p>
+
+<p>Der Doktor war erst recht ungezogen zu mir. So
+barsch und grob, daß mir die Tränen in die Augen
+traten.</p>
+
+<p>Ich drehte mein Gesicht nach der Wand, damit
+er&nbsp;&ndash; und hauptsächlich die Madame&nbsp;&ndash; nichts sehen
+sollten.</p>
+
+<p>Denn sie ist nicht aus dem Zimmer gegangen, solange
+der Arzt da war. Wahrscheinlich fürchtete sie,
+daß ich etwas sagen würde.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nachher war er ganz nett und manierlich.</p>
+
+<p>Ich schämte mich aber doch ganz fürchterlich.</p>
+
+<p>Es sei nicht so schlimm. Überreizung&nbsp;&ndash; was
+Wunder. Einige Tage Ruhe, dann sei alles wieder gut.</p>
+
+<p>Er kommt noch einmal wieder.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn er dann doch allein ins Zimmer käme. Ich
+würde ihn bitten, mir herauszuhelfen. Aber er wird's
+auch nicht wollen. Die Menschen machen sich nicht
+gern Unannehmlichkeiten mit Leuten, die sie nichts
+angehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn ich so allein hier liege, mache ich mir allerlei
+Gedanken.</p>
+
+<p>Dumm bin ich doch gewesen, sehr dumm.</p>
+
+<p>Wie kann man als junges Mädchen mit einem wildfremden
+Menschen in die Welt hineingehen! Wenn ich
+auch erst sechzehn Jahre alt bin, so viel hätte ich doch
+bedenken müssen. Freilich, besser wäre es gewesen,
+ich hätte schon früher etwas von solchen Sachen gelesen,
+dann wäre mir vielleicht doch der Gedanke gekommen,
+könnten das womöglich auch solche Menschen
+sein?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber soviel weiß ich, komme ich je hier aus diesem
+Hause&nbsp;&ndash; und ich habe den festen Glauben daran&nbsp;&ndash;
+dann soll das, was ich hier erlebt, nicht umsonst gewesen
+sein.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich freue mich jetzt so, daß ich mein Tagebuch
+habe; da kann ich doch so recht mein Herz ausschütten.
+Etwas muß der Mensch haben. Briefe
+kann ich nicht schreiben, und ich glaube auch kaum,
+daß ein Brief von mir aus dem Hause gelassen würde.</p>
+
+<p>An wen sollte ich auch schreiben?</p>
+
+<p>Für die Großeltern bin ich tot, und hier im Lande
+habe ich keine Seele, die sich um mich sorgt.</p>
+
+<p>Was mögen wohl die lieben, alten Leute für
+Kummer gehabt haben, als sie erfahren haben, daß
+ich nicht bei den Verwandten angekommen bin?
+Vielleicht haben sie gedacht, ich bin kurz vorher über
+Bord gefallen. Denn ich bin doch spurlos verschwunden.
+Nur Frau Fröhlich und ihr sauberer Neffe
+könnten Auskunft geben, und die werden sich hüten.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich möchte nur wissen, wo mein Koffer ist. Die
+Rottmann sagte doch damals, sie hätte ihn holen lassen.</p>
+
+<p>Mich wundert nur, daß die beiden ihn nicht behalten
+haben, jedenfalls ist ihnen der Inhalt zu gewöhnlich
+gewesen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wie froh wäre ich, könnte ich meine Wäsche anziehen,
+die darin war. Wie gern würfe ich den ganzen
+Plunder von mir.</p>
+
+<p>Damit will ich nicht sagen, daß ich die feinen
+Sachen nicht mag, ganz gewiß nicht! Schön ist es, so
+zarte Stoffe zu tragen&nbsp;&ndash; aber unter diesen Umständen!
+Ja, wenn ich reich wäre&nbsp;&ndash; recht reich&nbsp;&ndash;, dann würde
+ich auch feine seidene Hemden tragen und mich an
+meiner Schönheit freuen&nbsp;&ndash; aber so!</p>
+
+<p>Ich sei schön, sagen sie&nbsp;&ndash; und wenn ich mich zuweilen
+im Spiegel betrachte, komme ich mir so unrein
+vor, so fleckig, so&nbsp;&ndash; pfui Teufel, habe ich dann einen
+merkwürdigen Geschmack auf der Zunge.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Dann hätte ich auch Lust, mir dicken Puder an
+Gesicht und Hals zu schmieren, wie sie's alle hier
+machen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich hab's gewagt!</p>
+
+<p>Also, der Doktor war wieder da. Die Madame
+stand dabei, und trotzdem habe ich sie angeführt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ach, ich bin so froh, so glücklich, vielleicht hilft
+es was.</p>
+
+<p>Weil ich mir denken konnte, daß die Alte wieder
+dabeistehen würde, hatte ich schon vorher ein kleines
+Stückchen Papier ganz eng beschrieben. Alles hatte
+ich darauf geschrieben, was wichtig war.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich flehte den Doktor an, mir zu helfen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als er mich nun wieder untersuchte und gerade
+mit einem Arm über mich hinreichte, habe ich ihm
+das Röllchen in die Hand geschoben. Er verstand
+meine Absicht sofort, schloß die Hand und fuhr in
+seiner Untersuchung fort.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Alte hat nichts bemerkt, und ich bin so froh,
+so glücklich. Wenn er mir doch helfen wollte! Er
+brauchte ja nur zur Polizei zu gehen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich glaube, ich kann nicht eher wieder ruhig
+schlafen, ehe ich nicht weiß, ob ich mich an keinen
+Unwürdigen gewandt habe.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 4. August.</p>
+
+<p>Gestern war ich wieder im Salon. Ich bin wieder
+gesund, nun kann die Tierquälerei von neuem
+beginnen.</p>
+
+<p>Tierquälerei!&nbsp;&ndash; Ich sage das so leichtsinnig&nbsp;&ndash;
+ein Tier würde sich nicht gefallen lassen, was ich mir
+gefallen lassen muß. Und was das beste ist, sein Artgenosse
+würde es auch nicht in dieser Weise mißbrauchen.</p>
+
+<p>Die Tiere sind klüger und besser als die Menschen.</p>
+
+<p>Ich komme auf ganz, ganz dumme Gedanken.</p>
+
+<p>Früher habe ich zu wenig nachgedacht und jetzt
+denke ich zuviel. Wäre ich früher mehr zum Nachdenken
+gezwungen gewesen, so brauchte ich jetzt
+meine Gedanken nicht auf diese Weise spazieren zu
+führen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Von dem Doktor habe ich noch nichts gehört, aber
+eine andere interessante Bekanntschaft habe ich gemacht.
+Ein junger Landsmann war da, ein lieber
+Mensch. Er gefiel mir gleich, als er kam, und weil ich
+gerade allein saß, ging ich sofort zu ihm. Er bestellte
+eine Flasche Rüdesheimer. »Aber echten,« rief er
+mir noch zu.</p>
+
+<p>Wir kamen ins Gespräch und plötzlich entdeckten
+wir, daß wir Landsleute waren. Gar nicht weit voneinander
+zu Hause.</p>
+
+<p>In meiner Freude und Aufregung vergaß ich ganz,
+daß ich ja nie jemand hatte sagen wollen, wer
+ich war.</p>
+
+<p>Er ging dann mit mir nach oben, und da&nbsp;&ndash; als
+wir allein waren&nbsp;&ndash; faßte ich mir ein Herz und erzählte
+ihm alles, mein ganzes Unglück.</p>
+
+<p>Er glaubte mir gleich und lachte gar nicht über
+mich.</p>
+
+<p>Ich habe ihn auch gefragt, ob er mir nicht heraushelfen
+könne.</p>
+
+<p>Er meinte, leicht würde es nicht sein, ich sei noch
+zu kurze Zeit hier, und die Besitzer dieser Häuser
+müßten die Schlepper wohl gut bezahlen und wollten
+dann natürlich ihr Geld auch wieder heraus haben.
+Gutwillig würde mich die Rottmann nicht gehen
+lassen, auch wenn sie Geld geboten kriegte.</p>
+
+<p>Er will sich alles überlegen.</p>
+
+<p>Mit der Polizei sei nichts zu machen, da müsse
+man Geld haben, sehr viel Geld. Denn da hieße es,
+wer am besten bezahlt, wird am besten bedient. Und
+die Rottmann kenne ihre Leute, die würde schon anständig
+bezahlen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das ist ja ganz schrecklich! Das sieht ja trostlos
+für mich aus. Aber mein neuer Freund kommt
+wieder&nbsp;&ndash; heute noch nicht, damit es nicht auffällt,
+aber morgen. Dann werden wir weiter beraten.</p>
+
+<p>Ich habe jetzt Hoffnung.</p>
+
+<p>Dem kann ich vertrauen, er hat ein so gutes Auge.</p>
+
+<p>Als ich ihm sagte, wie alt ich sei, da sah er mich
+so mitleidig an und sagte: »Du armes Ding.« Da
+mußte ich natürlich weinen. Das Mitleid mit mir
+selbst trieb mir die Tränen in die Augen.</p>
+
+<p>Und habe ich nicht wirklich ein Recht, über mich
+zu weinen?</p>
+
+<p>Gibt es ein zweites Geschöpf, das so unglücklich,
+so armselig ist wie ich! Mit noch nicht siebzehn
+Jahren eine Dirne, eine Verworfene!</p>
+
+<p>Und doch bin ich das Kind eines Fürsten!</p>
+
+<p>Aber das ist ja gerade mein Unglück.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich fühle einen Haß in mir, ich kann es gar nicht
+sagen. Ich weiß nur nicht, wen ich mehr hassen soll:
+die Rottmann, Herbert Smith, Rudolph Schönewald
+oder den Urheber meines Daseins.</p>
+
+<p>Ich bin überhaupt zuweilen ganz wirr von all dem
+Denken.&nbsp;&ndash; Ich bin wohl auch noch zu jung und
+habe zu wenig praktischen Verstand.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe jetzt doch wenigstens etwas Schönes, an
+das ich denken kann. Ich freue mich so darauf, daß
+mein neuer Freund wiederkommt.</p>
+
+<p>Ob er Wort hält?</p>
+
+<p>Wenn ich daran denke, daß er nicht kommen
+könnte, dann wird mir siedendheiß vor Angst.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Er war da! Schon am zweiten Abend kam er
+wieder.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>So früh er aber auch kam, ich war schon vergeben.</p>
+
+<p>Aber ich hatte dann doch noch Glück, ich konnte
+mich freimachen und zu ihm gehen.</p>
+
+<p>Er hatte keine andere angenommen.</p>
+
+<p>Ich konnte ihm an den Augen ansehen, wie widerlich
+es ihm war, daß ich direkt aus den Armen eines
+anderen Mannes zu ihm kam.</p>
+
+<p>Aber ich kann's doch nicht ändern, ist es mir doch
+nicht weniger widerlich.</p>
+
+<p>Es war trotzdem ein so glücklicher Abend.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir saßen noch nicht lange zusammen, da kam
+der Doktor&nbsp;&ndash; mein Doktor.</p>
+
+<p>Er ging nicht gleich zu mir, er saß erst eine Zeitlang
+bei Lizzi und hat mit der eine Flasche Wein getrunken.
+Dann trat er ganz harmlos auf uns zu und
+rief schon von weitem: »Ah, da ist ja auch meine
+Patientin! Wie geht's uns denn?«</p>
+
+<p>Dann hat er sich zu uns gesetzt. Wie bin ich
+glücklich! Wie ist es gut, daß ich ihn gebeten habe.
+Der ist klug und kennt die hiesigen Verhältnisse. Er
+spricht ganz nett Deutsch, da seine Eltern geborene
+Deutsche sind.</p>
+
+<p>Er sagt, auf geradem Wege, mit der Polizei, sei
+gar nichts zu machen. Wir müßten überhaupt äußerst
+vorsichtig sein. Wendeten wir uns an die Polizei, so
+bekomme die Rottmann sofort einen Wink, und wenn
+dann die Polizei offiziell ins Haus komme, sei ich verschwunden.</p>
+
+<p>Entweder würde ich versteckt oder ich sei schon
+an ein anderes Haus verschickt, was noch viel
+schlimmer sei. Denn dieses Haus hier am Broadway
+sei noch eines der besten.</p>
+
+<p>Herr Werner, mein neuer Freund, fragte, ob ich
+nicht herauszukaufen sei. Da meinte der Doktor,
+auch das habe wenig Aussicht.</p>
+
+<p>Erstens würde sie einen unverschämten Preis
+fordern, und zweitens sei noch die Frage, ob sie es
+überhaupt tue.</p>
+
+<p>Ich verdiene ihr vorläufig doch ein gutes Stück
+Geld, und so sehr junge Mädchen bekäme sie auch
+nicht alle Tage.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber er hat doch einen Plan. Sie wollen mich
+entführen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn Herr Werner jetzt wieder kommt, will er all
+sein Geld mitbringen, das er auf der Sparkasse hat.
+Aber es soll nicht für die Rottmann, sondern zu
+andern Zwecken verwendet werden.</p>
+
+<p>Geld müßten wir in Händen haben, sonst sei nichts
+zu machen.</p>
+
+<p>Der Doktor will alles besorgen in der Zeit, da
+Werner fort ist, und er will währenddem auch noch
+einige Male wiederkommen.</p>
+
+<p>Ich hätte laut aufjubeln mögen, dabei mußte ich
+ein gleichgültiges Gesicht machen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Werner ging mit mir nach oben, und der Doktor
+wartete unten, bis wir wiederkamen.</p>
+
+<p>Ich habe Werner fast erdrückt vor Zärtlichkeit,
+und gern gab ich mich ihm an diesem Abend.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich hab' ihm soviel gelobt, heiraten darf er mich
+nicht&nbsp;&ndash; obgleich er eine Andeutung machte&nbsp;&ndash; dazu
+bin ich zu schlecht. Aber dienen will ich ihm, dienen
+wie eine Magd, damit ich die Schuld abtrage.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich hätte so gern einmal aufgejubelt, nur einmal&nbsp;&ndash;
+aber ich mußte still sein.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als wir nach unten kamen, saß der Doktor noch
+da. Er ist dann zum Schein mit mir nach oben gegangen.
+Er hat sein Geld aber umsonst bezahlt, wir
+haben nur noch ein wenig geplaudert.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die beiden Herren sind dann zusammen fortgegangen,
+sie wollten nach Lüchow, um noch ein
+Glas Pilsener zu trinken und alles Nötige zu besprechen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die »Augusta Viktoria« fährt morgen, und mein
+Freund kommt nicht wieder. Aber nächste Reise!
+Ob ich es wohl aushalte?</p>
+
+<p>Und dabei muß ich so gleichgültig tun, damit
+nichts auffällt, sonst bin ich womöglich fort, wenn das
+Schiff wiederkommt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber wenn ich allein im Zimmer bin und an die
+Zukunft denke, dann krieche ich oft unter die Bettdecke,
+balle das Taschentuch vor dem Munde zusammen
+und schreie laut auf; und wenn es auch
+nur ein undeutliches Grunzen wird, ich habe mich
+doch erleichtert.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 20. August.</p>
+
+<p>Schrecklich ist es doch, was das Leben aus all
+diesen Mädchen gemacht hat. Sie betrachten ihr
+Handwerk als etwas ganz Selbstverständliches. Alle
+wollen Geld verdienen, und die Wenigsten haben
+etwas.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Bronja sagt auch, daß es nur sehr Wenige gibt, die
+sich hier wieder herausarbeiten. Die weitaus Meisten
+enden an der Ostseite, am Fluß unten, in den Verbrecherkellern.</p>
+
+<p>Wenn sie zu nichts sonst mehr taugen, dann verdienen
+sie immer noch einige Cents für ihre Zuhälter,
+bis sie eines Tages abgefangen werden oder bei einer
+Schlägerei umkommen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mir ist das unbegreiflich. Es muß herauszukommen
+sein, wenn der feste Wille da ist.</p>
+
+<p>Ich glaube nur, die meisten der Mädchen wollen
+auch nicht ernstlich. Das faule Leben, das Saufen
+&ndash; denn trinken kann man es wirklich nicht mehr
+nennen&nbsp;&ndash; gefällt ihnen. Des Nachts wird gefeiert
+dann bis in den Nachmittag hinein geschlafen und
+dann geht's von neuem los.&nbsp;&ndash; Viele sind auch schon
+nach kurzer Zeit derart verdorben, daß sie für ein anständiges
+bürgerliches Leben gar nicht mehr zu gebrauchen
+sind. Auch die Mädchen untereinander sind
+oft widerlich. Das ist ein Küssen und Umarmen, als
+ob sie noch nicht genug an dem aufgezwungenen Verkehr
+hätten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin nicht genug in die Geheimnisse des Geschlechtslebens
+eingeweiht, aber so viel merke ich
+doch, daß da etwas vorgeht, was <em class="gesperrt">nicht</em> sein darf.
+Etwas Unerlaubtes, Anormales.</p>
+
+<p>Die Rottmann paßt aber auf, und ich habe schon
+verschiedene Male gehört, wie sie die eine aus dem
+Zimmer der anderen holte. Ich glaube sogar, sie
+schlägt sie, schimpfen tut sie wenigstens genug.</p>
+
+<p>Mir ist die ganze Sache überaus widerlich!</p>
+
+<p>Überhaupt mag ich das ewige Küssen untereinander
+nicht. Die Ulli ist darin schrecklich.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Kürzlich fragte sie mich sogar, ob ich nicht ihre
+Freundin sein wolle. Ich habe mich bestens bedankt.</p>
+
+<p>Ich bin mit Bronjas Freundschaft vollständig zufrieden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Gestern habe ich wieder etwas erlebt&nbsp;&ndash; eine
+traurige Abwechslung in diesem Geist und Körper
+mordenden Einerlei.</p>
+
+<p>Ich glaube, wenn ich noch lange in diesem Hause
+bin, dann bleibt mir kein Abgrund der Natur verborgen.</p>
+
+<p>Zu den ständigen Besuchern gehört ein Herr
+Vaillant, der Besitzer eines großen Warenhauses. Die
+Mädchen sagen alle Bobbi zu ihm. Wenn er kommt,
+dann ist ordentlich was los. Er läßt immer so viel
+anfahren, daß sich bald alles auf dem Teppich
+wälzt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Gestern wollte er nun haben, die Sofia und die
+kleine, zarte Mary sollten im Evakostüm vor ihm
+tanzen.</p>
+
+<p>Es reize ihn nichts mehr, und nun wolle er sehen,
+wer mehr Reiz auf ihn ausübe, die große, stattliche
+Sofia, oder die kleine, zierliche Mary.</p>
+
+<p>Jede bekam zehn Dollar extra.</p>
+
+<p>Erst natürlich ordentlich getrunken und dann
+ging es los.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Rottmann saß an der Seite, mit einem alten
+verkommenen Kerl&nbsp;&ndash; es soll ein früherer Lehrer
+sein, jetzt führt er ihr die Bücher. Ihre Augen
+funkelten wie bei einer Katze; wenn ich es nicht zu
+unglaublich fände, so möchte ich sagen, daß sie selbst
+das ekle Schauspiel mit lüsternen Blicken betrachtete.</p>
+
+<p>Die beiden Mädchen hatten sich bei ihrem Tanzen
+und Drehen derartig erhitzt und aufgeregt, daß ihnen
+die Haare wirr ums Gesicht flogen. Plötzlich stieß
+die kleine Mary einen Schrei aus und stürzte hin.</p>
+
+<p>Dann lachte und schrie sie immerzu. Sie hatte
+Krämpfe. Es war schrecklich!&nbsp;&ndash; Die allgemeine
+Lust wurde aber nicht dadurch gestört.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mary wurde weggetragen und Bobbi ging mit
+Sofia nach oben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sie habe noch zehn Dollar Strumpfgeld von ihm
+bekommen, sagte sie uns später.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 28.</p>
+
+<p>Jetzt sind es schon beinahe drei Wochen, seit ich
+Werner kenne. Ich verfolge im Geiste seine Reise
+nach Deutschland. Zwölf bis vierzehn Tage dauert
+die Fahrt, dann die Zeit, da das Schiff im Hafen
+liegt, und endlich die Herreise.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich habe zuweilen solche Angst, daß Werner nicht
+wiederkommt.</p>
+
+<p>Wenn auch diese Hoffnung scheitert, dann glaube
+ich an nichts mehr.&nbsp;&ndash; Aber nein, diese Augen können
+nicht lügen. Er ist ein guter Mensch, einer von den
+Wenigen, die es gibt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Doktor hat auch nicht Wort gehalten. Noch
+nicht ein einziges Mal war er hier, und ich hatte doch
+so darauf gehofft. Er wird mich vergessen haben
+oder er will nicht kommen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mir kommt es vor, als ob wieder irgend etwas im
+Hause vor sich ginge. Wenn mich nicht alles täuscht,
+sind wieder Neue eingebracht worden. Das alte,
+schreckliche Geschöpf, das mir am ersten Morgen
+mein Frühstück brachte, begegnete mir heute früh
+auf der Treppe. Ich habe es Bronja erzählt, und die
+meint, das würde wohl so sein. Wenn neu Aufgegriffene
+ankommen, dann muß immer diese Person
+die Bedienung besorgen. Sie ist der Rottmann ergeben
+auf Tod und Leben, weil sie sonst nirgends mehr
+hin kann. Sie ist unheilbar geschlechtskrank.&nbsp;&ndash; Die
+Rottmann behält sie aber, weil sie für diese Henkersdienste
+jemand haben muß, der verschwiegen und
+ihr blindlings ergeben ist.</p>
+
+<p>Und dieses Mädchen&nbsp;&ndash; anstatt jede Geschlechtsgenossin
+zu warnen und ihr Gelegenheit zu geben, aus
+diesem Hause wieder hinauszukommen&nbsp;&ndash; hilft mit
+einer wahren Wollust dabei, sie zu verderben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sonderbare Seelenabgründe sind es, die das Leben
+zeitigt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>4. September.</p>
+
+<p>Ich habe richtig vermutet. Gestern waren zwei
+Neue im Salon.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die armen Dinger! Ich bin überzeugt, es sind ein
+paar arme Dienstmädchen vom Lande oder so was
+Ähnliches. Sie waren so schüchtern und linkisch, und
+an ihren Händen und Armen konnte man noch sehen,
+daß sie bis jetzt wenig gepflegt worden waren.</p>
+
+<p>Mein eigenes Unglück steht mir mit erneuter Klarheit
+und Stärke wieder vor Augen. Könnte ich doch
+mit ihnen sprechen, sie fragen, ob sie sich in ihr
+Schicksal ergeben, oder ob sie auch versuchen wollen,
+hier wieder fortzukommen.</p>
+
+<p>Aber ich darf noch nicht einmal gleich zu ihnen
+hingehen, sonst erwecke ich das Mißtrauen der Rottmann,
+und ich muß jetzt doppelt auf der Hut sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Viola sagte kürzlich zu mir, ich sei noch gut
+behandelt worden, wenn ich bloß hätte hungern
+müssen. Sie selbst sei noch viel schlimmer hereingefallen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Vor fünf Jahren hatte sie eine Stelle als Erzieherin
+nach New Orleans angenommen.</p>
+
+<p>Alles sei sehr schön abgemacht gewesen, freie
+Überfahrt auf einem französischen Dampfer. Drüben
+sei sie von einem Diener in Livree abgeholt worden,
+kurz und gut, alles habe sich aufs feinste angelassen.
+Auch beim Betreten des Hauses sei ihr noch kein
+Zweifel gekommen.</p>
+
+<p>Aber dann! Schon am ersten Abend wollte man
+sie einkleiden, und da waren ihr plötzlich die Augen
+geöffnet worden.</p>
+
+<p>Sie hatte dann sofort gewußt, wo sie war, da sie
+schon öfter derartige Sachen gelesen hatte.</p>
+
+<p>Sie hat geweint, gebeten, gedroht und Gott weiß
+was versucht, es hat alles nichts genützt. Und als sie
+sich geweigert hat, »Dienst« zu tun, da hat sie ein
+Kerl&nbsp;&ndash; jedenfalls der extra dafür angestellte Bändiger
+&ndash; gebunden und geknebelt und derart mit
+einem Gummischlauch geschlagen, daß sie tagelang
+nicht hat liegen können ohne die fürchterlichsten
+Schmerzen.</p>
+
+<p>Als sie nach sechs Tagen wieder aufstehen konnte,
+hat die Madame gesagt: »Na, mein Kind, hast du
+dich besonnen?« Da hat sie schaudernd zu allem ja
+gesagt.</p>
+
+<p>Sie sagt, nie in ihrem Leben würde sie diese
+Züchtigung vergessen; sie habe das Gefühl gehabt,
+als hinge ihr das Fleisch in Streifen vom
+Körper.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Also ist es mir im Verhältnis noch gut ergangen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Viola will aber auch nicht beim Gewerbe
+bleiben. Sie spart sich etwas Geld und will dann
+sehen, ob sie nicht heiraten kann.</p>
+
+<p>Irgend jemand, und wenn es der geringste
+Arbeiter ist, nur damit sie wieder in anständige Umgebung
+kommt.</p>
+
+<p>Sie spricht nie von ihren Eltern oder ihrer
+Heimat.</p>
+
+<p>Ich glaube aber, sie ist aus ganz guter Familie,
+man merkt es an der Sprache.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Gestern war Marys Geburtstag. Als die letzten
+Besucher in der Nacht oder vielmehr gegen Morgen
+fortgingen, war es eben nach fünf Uhr.</p>
+
+<p>»Nun wird Geburtstag gefeiert,« sagte Mary.
+»Keine darf zu Bett, ich halte alle frei.«&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Da haben wir denn gefeiert! Gegen neun Uhr
+hatte Mary schon eine Zeche von dreißig Dollar und
+noch dachte keine ans Schlafengehen. Auch ich habe
+tüchtig mitgetrunken&nbsp;&ndash; man wird wirklich so langsam
+in den Strudel gezogen. Es wird höchste Zeit,
+daß ich fortkomme.&nbsp;&ndash; Zuletzt konnten wir uns kaum
+noch auf den Beinen halten, und die Alte, die sich
+sonst immer freut, wenn gut verzehrt wird, gab nichts
+mehr heraus.</p>
+
+<p>Wir sollten zu Bett, damit wir abends wieder
+frisch wären.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ja, ja, das Geschäft! Das ist die Hauptsache. Ob
+dabei sonst etwas zugrunde geht, das kümmert sie
+wenig.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Heut' tut mir die arme Mary leid, sie hat sicher
+den Verdienst von einigen Wochen geopfert und niemand
+genützt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich glaube, ich liebe Werner. Ich sehne mich so
+nach ihm, daß ich es bald nicht mehr aushalte. Oder
+ist es die Sehnsucht nach Freiheit? Ich weiß es wirklich
+nicht. Meine Gedanken gehen zuweilen ganz
+absonderliche Wege.</p>
+
+<p>Wenn er mich liebte! Wenn er mich doch heiratete!
+Ich selbst mag ihn gern leiden&nbsp;&ndash; sollte es
+Liebe sein? Es wäre ein großes Glück für mich. Aus
+aller Not und allem Schlamm wäre ich heraus. Und
+niemand kennt mich dort, wo er mich hinführt, niemand
+weiß, woher ich komme.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber nein, das darf nicht sein. Ich darf seine Güte
+nicht mißbrauchen. Es wäre schlechter Lohn für
+ihn&nbsp;&ndash; und vielleicht auch für mich, wollte ich den
+lockenden Stimmen meines Innern nachgeben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das Bewußtsein, wo ich gewesen&nbsp;&ndash; von welchem
+Ort er mich geholt, würde in jede Stunde, auf jede
+harmlose Freude einen Schatten werfen.</p>
+
+<p>Meine Träume aber kann mir niemand rauben.
+Sie sind so tröstend, aber ach so unwirklich, wenn ich
+meinen jetzigen Aufenthalt bedenke.</p>
+
+<p>Die Nächte sind so heiß&nbsp;&ndash; so wollüstig&nbsp;&ndash; so voll
+prickelnder Unruhe. Ist es Sünde, wenn ich an den
+fernen Freund denke, wenn mein Blut aufgepeitscht
+wird durch aufreizende Getränke und die Berührung
+heißer, sinnenzuckender Körper?</p>
+
+<p>Ist es Sünde, wenn ich ihn vor mein geistiges Auge
+zaubere, um damit die erzwungene Umarmung erträglicher
+zu machen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich liebe ihn! Ganz gewiß, ich liebe ihn.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Noch zwei Tage, dann muß Werners Schiff wieder
+hier sein, und meine Erlösung ist nahe. Dann ist alles
+überstanden, auch diese letzten ekelhaften Episoden
+sind vergessen.</p>
+
+<p>Den Gedanken, was werden soll, wenn Werner
+nicht Wort hält, kann ich gar nicht ausdenken. Ich
+habe dann ein Gefühl, als ob mir jemand die Kehle
+zuschnürt. Heiß und kalt überläuft es mich.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Der Doktor war hier. Er ist doch treu.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber klug ist er, das muß ich sagen; na, er
+muß es ja am besten wissen, er kennt die Verhältnisse
+hier im Lande und wird schon alles gut
+einrichten.</p>
+
+<p>Zuerst kümmerte er sich scheinbar gar nicht um
+mich, trank mit der Mary ein Flasche Wein und kam
+dann erst zu mir.</p>
+
+<p>Er hatte einen Brief für mich&nbsp;&ndash; von Werner&nbsp;&ndash;
+nur einige Zeilen.</p>
+
+<p>Ich bin so glücklich, obgleich es nun noch etwas
+länger dauert.</p>
+
+<p>Werner schreibt mir, daß sein Schiff zehn Tage
+überliegt, aber dann holt er mich bestimmt, ich soll
+ihm vertrauen.</p>
+
+<p>Der Doktor war sehr vorsichtig, er gab mir den
+Brief erst, nachdem er mit mir im Zimmer war, und
+als ich ihn gelesen, mußte ich ihn zerreißen, und er
+steckte die Stückchen in die Tasche.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er selbst hat Werner geraten, nicht an mich
+direkt zu schreiben, denn es hätte auffallen
+müssen, wenn ich einen Brief von Europa bekommen
+hätte.</p>
+
+<p>Er hat recht, daran habe ich gar nicht gedacht.
+Überhaupt habe ich mir noch gar nicht überlegt, daß
+ja niemand meinen Familiennamen weiß. Man vergißt
+ihn hier beinahe. Man ist wie im Zuchthaus&nbsp;&ndash;
+nur eine Nummer.</p>
+
+<p>Ich hatte überhaupt meinen guten Tag heute,
+nur anständigen Besuch. Von einem habe ich sogar
+ein wunderschönes Geschenk bekommen, eine reizende,
+brillantenbesetzte Uhr.</p>
+
+<p>Ich war ganz sprachlos.</p>
+
+<p>Ich habe sie später Bronja gezeigt, die hat aber
+meine Freude mächtig gedämpft.</p>
+
+<p>»Der hat sie sicher erst gestohlen,« sagte sie
+trocken. »Denn sonst verschenken sie nicht so leicht
+so kostbare Dinger.«</p>
+
+<p>Meinetwegen, ich freue mich trotzdem.</p>
+
+<p>Aber recht könnte Bronja schon haben, etwas
+sonderbar ist es. Kennt mich nicht weiter und
+schenkt mir gleich eine Uhr?</p>
+
+<p>Na einerlei!</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Es gibt auch kleine Lichtblicke im Dunkel unserer
+Existenzen. Wenigstens muß ich es so nennen, wenn
+ich jemand sagen höre, daß er gern hier ist.</p>
+
+<p>Die Lilly wenigstens sagt, ihr gefiele das Leben
+ganz gut und sie wünsche sich auch nie etwas
+anderes.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Geschmacksache ist es natürlich, aber ihr bekommt
+es ja auch anscheinend, denn sie wird dick
+und fett dabei.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wie ein Roman hört sich's an, wenn sie ihre Geschichte
+erzählt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In einem kleinen mährischen Dörfchen im Armenhaus
+groß geworden, wird sie von Deutsch-Amerikanern,
+die zu Besuch in der Heimat weilen, als
+Mädchen für alles mit nach Amerika genommen.</p>
+
+<p>Sie, die bis dahin kaum satt zu essen bekommen,
+blüht bei der guten Kost auf wie eine Rose.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sie hatte es gut in ihrer Stelle. Der Mann, der
+eine gutgehende Bäckerei in Pittsburg hatte, hielt die
+Familie gut&nbsp;&ndash; aber&nbsp;&ndash; aber.&nbsp;&ndash; Die Frau war ziemlich
+verblüht&nbsp;&ndash; war wohl auch nie eine Schönheit gewesen
+&ndash; und nun gar&nbsp;&ndash; neben der üppig aufblühenden
+achtzehnjährigen Lilly!</p>
+
+<p>Was Wunder, daß die Augen des Mannes immer
+häufiger und unruhiger auf Lilly hafteten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Lilly schlief mit der ältesten Tochter ihrer Herrschaft
+in einem Bett, einem jener breiten amerikanischen
+Betten, in denen bequem ein halbes Dutzend
+Kinder liegen könnte.</p>
+
+<p>Die Sommernächte waren schwül und heiß. Die
+gute Kost hatte alles in ihr zur Entfaltung gebracht,
+die Sinne forderten ihr Recht.</p>
+
+<p>Und eines Nachts&nbsp;&ndash; genau als ob es in ihren
+wollüstigen Traum paßte, kommt ihr Dienstherr und
+nimmt sich, was ihm ohne Widerstreben gegeben
+wurde.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wie eine Frucht, die sich überreif vom Baume löst,
+so fällt Lillys Jungfräulichkeit dem alternden Manne
+in den Schoß.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Tochter daneben ist nicht einmal gestört
+worden in ihrem kindlichen Schlummer.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Doch die inbrünstige Umarmung hatte Folgen&nbsp;&ndash;
+was nun?</p>
+
+<p>Der Mann war nicht schlecht, er versprach für
+Lilly zu sorgen.</p>
+
+<p>Als die Frau merkte, was los war, mußte sie aus
+dem Hause.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als ein Glück betrachteten es beide, daß der Geselle,
+ein häßlicher, pockennarbiger Ungar, der Lilly
+schon immer gern gesehen hatte, ihr aber nicht
+hübsch genug gewesen war, nun aufs neue um sie
+warb.&nbsp;&ndash; Lilly war froh, mit seinem Namen ihre
+Schande zudecken zu können.&nbsp;&ndash; Der Meister gab eine
+gute Aussteuer und Lilly wurde Frau Allasch. Sie
+eröffneten einen Laden, und alles wäre gut gewesen,
+wenn nicht der junge Ehemann so eifersüchtig gewesen
+wäre. Er war sich wohl bewußt, daß er Lillys
+Besitz nicht nur seiner Schönheit zu danken hatte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es gab häßliche Szenen, und da zudem das Kind
+kurze Zeit nach der Geburt gestorben war, ließ Lilly
+eines Tages ihren pockennarbigen Herrn Gemahl
+sitzen und fuhr nach New York.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Hier ist sie zuerst in einem deutschen Haushalt in
+Brooklyn in Stellung gewesen, es hat ihr aber gar
+nicht gefallen.</p>
+
+<p>»Die Deutschen wollen nichts bezahlen, aber
+arbeiten soll man wie ein Pferd,« sagt sie.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Dann war sie in einem Hotel in der 8. Straße
+Zimmermädchen, und da hat sie so nach und nach
+Geschmack am leichten Leben gefunden.</p>
+
+<p>Sie fühlt sich ganz wohl dabei und legt sich sogar
+noch Geld zurück. Doch ich glaube, es gibt nicht
+viele Lillys.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich muß oft darüber nachdenken, was zu tun ist,
+um solch armen Teufeln zu helfen, die in diese Häuser
+verschleppt werden.</p>
+
+<p>Das einzig Richtige würde sein, wenn diese Häuser
+gesetzlich nicht geduldet würden. Es würde trotz
+alledem noch genug derartige Mädchen geben, wie
+man an Lilly sehen kann.</p>
+
+<p>Aber Leute wie die Rottmann, die sich von der
+Schande und dem Elend anderer mästen, die dürfte
+es nicht geben.&nbsp;&ndash; Und wenn es wirklich nicht ohne
+diese Häuser geht, dann sollte der Staat sie bauen,
+genau wie er Gefängnisse, Zuchthäuser und Idiotenanstalten
+baut.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Doch ich phantasiere. Mit meinen siebzehn Jahren
+fange ich an und will die Welt verbessern.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Man hört so vieles in diesem Hause, so manches
+Schicksal geht an einem vorüber, und immer, oder
+doch zum weitaus größten Teil, ist an dem ersten Fall
+die Hauptschuld auf seiten des Mannes und des
+Alkohols.</p>
+
+<p>Mag die Gefallene später werden wie sie will&nbsp;&ndash;
+zuerst ist sie verführt worden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich fühle mich seit einigen Tagen gar nicht wohl.
+Ist es die Unruhe wegen Werner, die mich quält, oder
+steckt mir eine Krankheit in den Gliedern? Das
+Essen will mir gar nicht schmecken, obgleich es im
+allgemeinen ganz gut ist.</p>
+
+<p>Auch Bronja meint, daß es in dieser Weise bei der
+Rottmann recht anständig sei. Es gibt reichlich und
+gut zu essen und wenigstens einmal am Tage&nbsp;&ndash; abends
+um sechs Uhr&nbsp;&ndash; eine gemeinsame Tafel.</p>
+
+<p>Wie ich von den anderen schon gehört habe, gibt
+es Häuser, wo die Mädchen noch nicht einmal ausreichend
+beköstigt werden und wo sie sich noch zum
+Teil von ihrem eigenen Geld unterhalten müssen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich werde immer unruhiger. Wenn ich richtig
+rechne und sonst nichts dazwischen kommt, muß
+das Schiff bald ankommen.</p>
+
+<p>Ich bin förmlich wie im Fieber, es kann nicht
+allein die Sehnsucht nach Freiheit sein.</p>
+
+<p>Wenn ich an Werner denke, überläuft mich ein so
+sonderbares Gefühl, ein traumhaftes Glücksempfinden
+überkommt mich, das ich aber immer rasch wieder
+abschüttele.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin abergläubisch geworden, ich fürchte, wenn
+ich schon zu fest an mein Glück glaube, so zerrinnt es
+wie eine Fata Morgana vor meinem sehnsüchtigen
+Blick.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die beiden zuletzt Angekommenen habe ich auch
+einmal unbeobachtet gesprochen. Es sind ein paar
+Süddeutsche. Sie haben sich unterwegs bereden
+lassen, als Kellnerinnen hierher zu kommen. Anfangs
+sind sie ziemlich unglücklich gewesen, ergeben sich
+aber jetzt in ihr Schicksal. Die eine, die Sepha, anscheinend
+die Schlauere, sagt: »Mir werden uns halt
+a Geld sparen und hernach gehn m'r wieder ham, da
+waß ka Mensch net, wo m'rs Geld her ham.«&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch ein Standpunkt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe heute die Madame um Geld gebeten
+und habe ihr gesagt, daß die Mädchen alle ihr
+Geld selbst aufbewahrten, nur ich bekäme keinen
+Pfennig.</p>
+
+<p>»So, Geld willst du haben? Dann komm mal mit
+ins Garderobenzimmer, da will ich dir zeigen, wo dein
+Geld ist,« war die Antwort.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ach ja, das Garderobenzimmer. Ein riesenhaftes
+Kapital steckt in diesem Raum. Alle vierzehn Tage
+heißt es: es müssen neue Kleider angeschafft werden,
+in diesen vertragenen Fähnchen kannst du nicht
+jeden Abend dasitzen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich habe Kleider über Kleider, und doch nicht ein
+einziges, um als anständiger Mensch auf die Straße
+gehen zu können.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Heute war der Doktor wieder da, und morgen
+kommt Werner!</p>
+
+<p>Ich bin wie von Sinnen. Ich muß wenigstens mein
+Buch zum Vertrauten machen, sonst, glaube ich,
+sprengt es mir die Brust.</p>
+
+<p>Heute abend muß ich wieder unter die Decke
+kriechen und mein Glück in diese kleine Welt hinausschreien.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ach, wenn es doch gelingen wollte!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>An ein Scheitern darf ich gar nicht denken, dann
+stockt mein Herzschlag. Es muß gelingen oder&nbsp;&ndash; ich
+werde wahnsinnig.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>O, guter Gott, guter Gott, ich will wieder an dich
+glauben, wenn du mir diesmal hilfst&nbsp;&ndash; nur dies eine
+Mal hilf mir, ich bin doch auch dein Geschöpf.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich muß aufhören mit Schreiben, meine Sinne verwirren
+sich, ich glaube, ich habe in Wirklichkeit Fieber.</p>
+
+<p>Wenn ich doch ein Mittel hätte, um schlafen zu
+können, ich werde sonst morgen ganz krank und
+elend sein, und vielleicht habe ich meine Kräfte
+nötig.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ob auch kein Mensch etwas ahnt? Hat mich nicht
+die Rottmann vorhin so sonderbar angesehen? Oder
+bilde ich es mir nur ein?</p>
+
+<p>Wenn es mißlingt, gibt es ein Unglück! Mir ist
+dann alles einerlei&nbsp;&ndash; ich könnte das Weib kalten
+Blutes ermorden.</p>
+
+<p>Mag man mich dann ins Gefängnis stecken,
+wenigstens ist eines dieser Scheusale weniger auf der
+Erde.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich kann nicht mehr&nbsp;&ndash; ich glaube, ich bin krank.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="IV" id="IV"></a>IV.<br />
+
+Sonnenaufgang.</h2>
+
+
+<p>Auf See, den 2. November.</p>
+
+<p>Seit fünf Tagen habe ich dich nicht geöffnet,
+mein kleiner Tröster in der Not.</p>
+
+<p>Jetzt will ich dir aber auch sehr vieles, sehr
+Schönes und sehr Wichtiges erzählen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin auf der Fahrt nach Deutschland.</p>
+
+<p>Das sagt eigentlich alles. Trotzdem will ich ausführlich
+erzählen, wie alles zugegangen ist; ist es mir
+doch selbst noch wie ein Märchen.</p>
+
+<p>Als Werner kam, hielt er sich nicht lange unten
+auf, sondern ging gleich mit mir hinauf. Die Flasche
+Wein, die er hatte bringen lassen, blieb fast unberührt
+stehen. Er rief dem Charly zu, er solle alles so stehen
+lassen, er käme gleich wieder.</p>
+
+<p>Oben teilte er mir hastig seinen Plan mit. Ich
+mußte rasch zu mir stecken, was ich gerne mitnehmen
+wollte.</p>
+
+<p>Es war wenig genug. Dich, mein kleines Buch,
+steckte Werner in die Brusttasche, dann saßen wir
+atemlos und warteten.</p>
+
+<p>Das Schlimmste war, daß ich keine Kleider hatte.
+Ich mußte in dem dünnen, spitzenübersäten Kunstwerk,
+das meinen Körper mehr preisgab als verhüllte,
+auf die Straße.</p>
+
+<p>Alles war auf die Minute festgelegt.</p>
+
+<p>Werner war um zehn Uhr gekommen, bis um
+einhalb elf Uhr kamen vier junge Männer, die in den
+großen Salon gingen. Bis drei viertel elf kamen vier,
+die in den kleinen Salon hinter der Bar gingen.</p>
+
+<p>Alle diese Leute waren vom Doktor angeworben
+und wurden mit dem Gelde Werners bezahlt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Fünf Minuten vor elf mußten die im kleinen Salon
+untereinander Streit anfangen, einer davon mußte
+einen blinden Schuß abgeben, zu gleicher Zeit mußten
+die im großen Salon so agieren, daß alles nach dem
+kleinen Salon hinstürzte.</p>
+
+<p>Und genau auf die Minute&nbsp;&ndash; elf Uhr&nbsp;&ndash; gab der
+Doktor an der Eingangstür das bekannte Einlaßzeichen,
+so daß der Portier wußte, es war ein eingeweihter
+Besucher.</p>
+
+<p>Genau in diesem Augenblick kamen wir, Werner
+und ich, die Treppe herunter. Die Tür durfte nicht
+wieder ins Schloß fallen. Ein Auto stand draußen,
+und fort ging es&nbsp;&ndash; ich war <em class="gesperrt">frei</em>!!!</p>
+
+<p>Alles klappte. Der Doktor hatte noch einen handfesten
+Kerl bei sich, und als der Schließer auf
+mich zustürzen wollte, faßte ihn der Begleiter des
+Doktors an der Kehle und sagte leise aber bestimmt:
+»Keep quiet! Einen Laut und du bist ein
+toter Mann!«</p>
+
+<p>Der Doktor sprang zurück und war mit einem
+Satz bei uns im Auto, dann ging es vorwärts.</p>
+
+<p>Wir sind erst ganz nach oben bis zur
+128. Straße gefahren, um etwaige Verfolger irrezuführen,
+dann ging es durch den Zentralpark und
+an der anderen Seite herunter nach Hoboken.</p>
+
+<p>Es war bereits nach Mitternacht, als wir im Zentralhotel
+ankamen.</p>
+
+<p>Der Doktor hatte an alles gedacht. Im Auto lag
+ein Mantel, in den ich schlüpfen mußte, damit meine
+Kleidung bei den Hotelbediensteten nicht auffiele
+und etwaigen Nachforschungen Vorschub geleistet
+würde. Ich bekam ein Zimmer, Werner ließ sich
+eines daneben geben, dann schloß er mich ein und, ich
+war allein&nbsp;&ndash; allein und in Freiheit.</p>
+
+<p>Am anderen Morgen&nbsp;&ndash; Werner hatte einen
+Tag Urlaub genommen&nbsp;&ndash; telephonierte er an ein
+Konfektionsgeschäft und ließ mir etwas anständige
+Garderobe kommen.</p>
+
+<p>Unter dem Vorwand, daß ich mit dem Schiff gekommen
+sei und unglücklicherweise meinen Koffer eingebüßt
+habe, wurde ich vollständig neu ausgestattet.</p>
+
+<p>Ein einfaches, dunkelblaues Kostüm, ein Reisehut
+und Stiefel waren das Nötigste. Dann bekam ich
+noch ein einfaches Straßenkleid, und die bürgerlich
+einfache Dame war fertig.</p>
+
+<p>Ich nahm alles widerspruchslos an. Es waren
+Wohltaten, die ich vielleicht nie würde vergelten
+können; ich mußte sie annehmen.</p>
+
+<p>Vorläufig dachte ich nur an den Augenblick.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als ich mit allem fertig war, und wir in meinem
+Zimmer beim Lunch saßen, sagte Werner: »Heute
+nachmittag fahren wir nach New York hinüber zu
+Pastor Schneider und lassen uns trauen.«</p>
+
+<p>»Nein, o nein!« rief ich, »tun Sie das nicht!«</p>
+
+<p>»Nun, nun,« sagte Werner, »warum denn nicht?«</p>
+
+<p>»Sie&nbsp;&ndash; werden es später bereuen, bitter bereuen.
+Ich darf Ihre Güte so nicht ausnutzen. Das Mitleid
+mit meiner verzweifelten Lage hat Sie handeln
+lassen, aber nun ist es genug.«</p>
+
+<p>»Und meinen Sie, ich hätte dies alles getan, wenn
+ich nicht von Anfang an die Absicht gehabt hätte,
+Sie zu heiraten? Ich weiß alles, was Sie mir sagen
+wollen; ich weiß, daß Hunderte von jenen Mädchen
+nicht verdienen, daß ein anständiger Mann auch nur
+den Finger um sie rührt, ich weiß aber auch, daß Sie
+keine von denen sind. Sie haben Unglück gehabt&nbsp;&ndash;
+es wird bei Ihnen liegen, zu beweisen, daß es unverdientes
+war.«&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es ist nicht schwer für einen jungen Mann, ein
+junges Mädchen, das ihm sowieso schon zugetan ist,
+zu bereden, ihn zu heiraten, ihr plausibel zu machen,
+daß sie nicht zu schlecht für ihn ist.</p>
+
+<p>Ich erinnerte mich so mancher, mit der ich zusammen
+war, die sich keinen Augenblick besonnen
+haben würde. Ich dachte auch an manche, die wirklich
+besser war, als so viele verheiratete Damen, die
+geachtet dastanden und doch innerlich nichts taugten,
+und all meine großen und festen Vorsätze schmolzen
+dahin wie Butter an der Sonne.&nbsp;&mdash;&nbsp;&ndash; Wenn ich von
+jetzt ab ein tadelloses Leben führte, war dann nicht
+alles gut? Was aber, wenn später bei Werner die
+Reue kam?</p>
+
+<p>»Sie werden es später bereuen, lieber Freund!
+Gesetzt den Fall, es käme durch irgendeinen Zufall
+heraus, wo Sie mich hergeholt haben, ich könnte es
+nicht ertragen, Schande über Sie gebracht zu haben!«</p>
+
+<p>»Das brauchen wir nicht zu befürchten. Kein
+Mensch von unserem Schiff ist drüben in jenem Hause
+gewesen, keiner hat Sie gesehen.«</p>
+
+<p>»Und wenn doch? Sie kennen die Menschen nicht,
+mein Freund! Ich will Ihre Freundin sein, Ihre
+Dienerin, alles will ich für Sie tun, und wenn Sie mich
+nicht mehr wollen, dann schicken Sie mich fort&nbsp;&ndash;
+dann&nbsp;&ndash;« Ich fing an zu weinen. Das ganze Elend
+meiner jungen Jahre kam mir mit Allgewalt zum
+Bewußtsein.</p>
+
+<p>Wäre es nicht besser, ich wäre tot? Wem nützte
+mein Dasein?</p>
+
+<p>»Weine nicht, Liebling! Du mußt mein Weib
+werden. Es ist unmöglich, wie du dir das denkst. Ich
+kann so nicht neben dir leben, ich habe dich lieb&nbsp;&ndash;
+komm, sei vernünftig und gib nach. Magst du mich
+denn nicht auch ein wenig leiden? Ich schwöre dir,
+ich rühre dich nicht eher wieder an, bis du mein Weib
+bist; bedenke&nbsp;&ndash; ich bin ein Mensch von Fleisch und
+Blut&nbsp;&ndash; und ich liebe dich&nbsp;&ndash; quäle mich nicht länger.«</p>
+
+<p>»Wenn ich nur wüßte, daß es zu deinem Glücke
+wäre, daß ich dadurch nur etwas von der großen
+Schuld abtragen könnte, wie gern würde ich dir gehören.
+Aber deine Zukunft, dein Glück!« entgegnete
+ich, nur noch schwach widerstrebend.</p>
+
+<p>»Mein Glück und meine Zukunft bist du! Laß
+die Menschen sagen und tun was sie wollen, wenn nur
+wir beide zufrieden sind. Komm, sag' ja!«</p>
+
+<p>»Aber&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;«</p>
+
+<p>»Kein Aber mehr, Liebling,« sagte da Werner und
+nahm mich in seine Arme. Und jauchzend flog ich an
+seinen Hals, und er vergrub sein Gesicht in meinen
+Haaren.</p>
+
+<p>»Mein Liebling, mein alles!« flüsterte er, und
+küßte mich immer und immer wieder. »Wie schön du
+bist! Und jetzt bist du mein! Jetzt gehört diese
+Schönheit, dieser entzückende Körper mir&nbsp;&ndash; mir
+ganz allein!«</p>
+
+<p>Willenlos hing ich in seinem Arm. Mein ganzes
+Herz schlug ihm entgegen. Wie war er gut! Das war
+endlich ein Mann von jener Sorte, die wir nötig haben.
+Nun war auch für mich die Sonne eines besseren
+Tages aufgegangen.</p>
+
+<p>Ja, ich wollte sein Weib sein, und mein ganzes
+ferneres Leben sollte ein einziges Dankgebet&nbsp;&ndash; ein
+einziges Opferfeuer für meinen Retter sein.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Zwei Stunden später waren wir Mann und Frau.</p>
+
+<p>Der alte, würdige Pfarrer und seine Gattin nahmen
+uns sehr liebevoll auf. Werner kannte das Ehepaar
+schon seit langem, da sie schon wiederholt mit seinem
+Schiff gefahren waren.</p>
+
+<p>Nach der Trauung hatten wir ein schönes Diner bei
+Reißenwebers, und fuhren dann wieder nach Hoboken.</p>
+
+<p>Ich hatte große Angst, und Werner mußte ein geschlossenes
+Auto nehmen, weil ich immer noch Sorge
+hatte, daß ich entdeckt würde.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch als wir wieder im Hotel waren, wollte die
+Ruhe noch nicht kommen; erst hier auf dem Schiff,
+als einige Meilen Wasser zwischen mir und jener Stadt
+mit den hohen Häusern lagen, konnte ich aufatmen.</p>
+
+<p>Also wirklich und wahrhaftig frei! Frei, und so
+Gott will, ein anständiger Mensch!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Es gefiel mir erst sehr auf dem Schiff, aber das
+hat nicht lange gedauert. Wir hatten Sturm, und ich
+bin tüchtig seekrank gewesen, jetzt geht es aber
+wieder.</p>
+
+<p>Ich fahre in der zweiten Kajüte, und Werner hat
+dafür gesorgt, daß ich allein im Zimmer bin. Ich
+freue mich sehr darüber, ich mußte immer wieder an
+meine Herfahrt denken und an meine Zimmernachbarin,
+diese alte Seelenverkäuferin.</p>
+
+<p>Ich bin aber doch auch zu dumm gewesen, jetzt
+könnte mir das nicht wieder passieren, jetzt kenne
+ich den Geruch.</p>
+
+<p>Ich bilde mir immer ein, ich selbst rieche auch
+noch nach diesem verfluchten süßlichen Zeug, mit
+dem die ganze Luft in jenem Hause durchtränkt war.
+Es kann aber gar nicht möglich sein&nbsp;&ndash; denn ich habe
+nichts mehr von jenem Zeug am Leibe und habe
+schon drei Bäder genommen&nbsp;&ndash; und doch&nbsp;&ndash; sehen
+mich nicht auch die Männer mit besonderen Blicken
+an?</p>
+
+<p>Werner, dem ich meine Befürchtungen mitteilte,
+lachte.</p>
+
+<p>»Ich glaub' es wohl, daß sie dich angucken,
+Süßes! Du weißt wohl gar nicht, wie schön du
+bist!«&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin sehr glücklich! Werner und ich machen
+Pläne&nbsp;&ndash; wonnige Pläne für die Zukunft.</p>
+
+<p>Eine kleine Wohnung werden wir uns mieten, drei
+Zimmer nur, denn Werner verdient noch nicht viel&nbsp;&ndash;
+aber wir werden trotzdem glücklich sein&nbsp;&ndash; so glücklich.</p>
+
+<p>Wir brauchen niemand, ganz allein für uns beide
+wollen wir sein. Ich werde sehr viel zu tun haben für
+die erste Zeit, die ganze Wohnung muß eingerichtet
+werden, und ich habe doch so gar nichts.</p>
+
+<p>Ärmer als ich ist wohl nie ein Mädchen in die Ehe
+gegangen. Alles verdanke ich der Güte dieses Mannes
+&ndash; es wird mir schwer&nbsp;&ndash; »meines Mannes« zu sagen,
+es ist mir, als ob ich noch kein Recht dazu hätte.</p>
+
+<p>Und doch habe ich es, er selbst hat es mir gegeben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn ich alles recht überdenke, dann möchte ich
+seine Hände küssen, er macht vieles wieder gut, was
+andere gesündigt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn ich doch nicht immer wieder ins Grübeln
+kommen wollte! Wenn ich mich doch uneingeschränkt
+der Stunde freuen könnte!</p>
+
+<p>Aber ich kann es nicht. Eine Angst verzehrt mich,
+für die ich keinen Namen habe.</p>
+
+<p>Bald sind wir in Deutschland&nbsp;&ndash; wenn ich nach
+der Heimat könnte! Nur einmal meinen Kopf im
+Schoße der lieben alten Frau zu vergraben.</p>
+
+<p>Aber nein, fort mit diesen Gedanken&nbsp;&ndash; ich bin
+tot&nbsp;&ndash; muß tot sein!</p>
+
+<p>Würden sie mich nicht fragen? Würde ich der Großmutter
+in die lieben, alten, reinen Augen sehen können?</p>
+
+<p>Ach, hätte ich doch meine Mutter noch! Zu ihr
+könnte ich kommen!&nbsp;&ndash; Hätte ich meine Mutter noch,
+dann wäre alles anders, und ich brauchte nicht so
+vor sie zu treten.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Morgen kommen wir an. Man merkt es an der
+Unruhe unter den Passagieren. Alle haben zu packen,
+zu schreiben und zu besprechen; wie in einem Bienenkorb
+ist es.</p>
+
+<p>Ich allein habe nichts zu packen und zu schreiben
+&ndash; ich besitze nichts, auch habe ich mich dieses Mal
+mit keinem Menschen bekanntgemacht. Ich bin
+mißtrauisch geworden. Was ich früher zu offen und
+zu vertrauensselig war, bin ich nun zu scheu.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, wie mir ist&nbsp;&ndash; ein sonderbares
+Angstgefühl quält mich die letzten Tage. Ich will mir
+mit Gewalt das Glücksempfinden, das mich zu
+Beginn der Reise beseelte, zurückzwingen&nbsp;&ndash; ich
+kann es nicht.</p>
+
+<p>Ich sollte mich freuen, der Heimat näherzukommen
+und kann es nicht.</p>
+
+<p>Schlaflos wälze ich mich des Nachts auf meinem
+Lager, sonderbare beängstigende Träume quälen
+mich, ich habe versucht zu beten&nbsp;&ndash; ich kann es nicht.
+Will Gott nichts mehr von mir wissen, weil ich sein
+Dasein angezweifelt habe? Aber hatte ich nicht ein
+Recht dazu? Kann man an Gott und seine Allmacht
+glauben, wenn man so entsetzliche Dinge erlebt?</p>
+
+<p>Warum läßt dieser Gott, der doch ein Gott der
+Liebe sein soll, zu, daß ein schuldloses, unerfahrenes
+Mädchen so vergewaltigt, gemartert und gepeinigt
+wird! Und doch will ich mir Mühe geben, aufs neue
+an seine Güte und Allmacht zu glauben. Ich will gut
+sein. Doch dann darf ich nicht mehr an das Vergangene
+denken. Erst wenn ich das Entsetzliche ganz
+aus meiner Erinnerung ausgelöscht habe, wird es mir
+möglich sein, den alten Kinderglauben wiederzufinden.
+--</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Im eigenen Heim!</p>
+
+<p>Wer kennt nicht den Zauber dieses Wortes?</p>
+
+<p>Für mich ist es doppelt heilig: Daheim!</p>
+
+<p>Ich, die Ausgestoßene, bin daheim.</p>
+
+<p>Und doch ist mein Glück nicht ohne bitteren Beigeschmack,
+denn ich bin schon wieder allein.</p>
+
+<p>Allein im eigenen Heim, ohne ihn, der es mir
+geschaffen.</p>
+
+<p>»Du mußt dich daran gewöhnen, Lottchen! Sieh,
+du hast nun einmal einen Seemann zum Manne, da
+mußt du dir sagen, daß es unmöglich für ihn ist, zu
+Hause zu bleiben. Und mit der Zeit gewöhnst du dich
+daran. Alle Seemannsfrauen müssen sich darein
+finden; in vier Wochen bin ich ja wieder da und dann
+ist es um so schöner.«&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er hat recht, ich muß mich daran gewöhnen.
+Aber schwer ist es doch. Daran habe ich gar nicht
+gedacht, an dieses immerwährende Alleinsein. Aber
+selbst wenn ich daran gedacht hätte, würde es nichts
+genützt haben, Werner kann eben nicht an Land
+bleiben. Sobald er aber Oberzahlmeister ist, kann er
+mich einmal mitnehmen.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wenn ich nur nicht gar so fremd hier wäre!</p>
+
+<p>Und doch, bin ich nicht kindisch mit meinen
+unnützen Klagen?</p>
+
+<p>Ist es nicht im Gegenteil recht gut, daß ich fremd bin?</p>
+
+<p>Wie furchtbar würde es für Werner sein, wenn
+mich jemand erkennen sollte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Zum Glück habe ich nicht viel Zeit zu dummen
+Gedanken und nutzlosen Klagen. Ich muß arbeiten,
+muß meine Wohnung einrichten.</p>
+
+<p>Vorläufig haben wir nur Küche und Schlafzimmer.
+Alles in Eile und provisorisch hingestellt.
+Aber wenn Werner wiederkommt, soll er alles hübsch
+und gemütlich vorfinden, er soll sich freuen über
+seine Frau und sein Heim.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Eine ganze Menge Geld hat er mir hier gelassen.
+Zweihundert Mark! Was kann ich dafür alles kaufen!
+Töpfe und Pfannen, auch einige Deckchen und Läufer,
+um alles recht schön zu machen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Möbel für das Wohnzimmer kaufen wir erst,
+wenn Werner wiederkommt, die müssen wir auf Abzahlung
+nehmen, Werner hatte gar kein Geld mehr.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Eigentlich ist es schrecklich, daß er all das viele
+Geld für mich hat ausgeben müssen; was hätte man
+alles dafür kaufen können!</p>
+
+<p>Eine Wut überkommt mich, wenn ich an die
+Rottmann denke&nbsp;&ndash; nur einmal möchte ich sie
+wiedersehen, einmal möchte ich ihr gegenübertreten,
+um ihr meinen ganzen Zorn, meine ganze Verachtung
+ins Gesicht zu schleudern.</p>
+
+<p>Aber was nützt es, wenn ich gegen dieses Weib
+wüte, ist sie doch nicht allein schuld an diesen
+Zuständen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nicht ein Unternehmer allein, das ganze System
+muß bekämpft werden. Ich will klug und reich
+werden, ich will Geld sammeln. Überall müssen
+Warnungstafeln angebracht werden.</p>
+
+<p>Es muß anders werden, ganz anders.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Eine Woche lang habe ich nicht an mein Büchlein
+gedacht, aber heute ist ein so kalter, stürmischer
+Tag, da habe ich mir Feuer im Herd angezündet,
+damit die Küche schön durchwärmt ist,
+und nun will ich mich wieder einmal mit dir unterhalten.
+--</p>
+
+<p>Ich habe mich nun schon ganz nett und behaglich
+eingerichtet.</p>
+
+<p>Auch außerhalb meiner kleinen Wohnung habe
+ich mich schon umgesehen. Die Stadt ist nicht groß,
+und man ist bald zu Ende mit den Sehenswürdigkeiten.
+Landschaftliche Reize kann ich an der
+flachen, eintönigen Gegend wenig entdecken. Trotz
+alledem wäre es unrecht, ihr jede Schönheit absprechen
+zu wollen.</p>
+
+<p>Wie wunderschön allein ist ein Spaziergang bei
+Sonnenuntergang am Außendeich. Ein ganz wunderbares
+Schauspiel ist es, wenn der Sonnenball langsam
+im Wasser versinkt. Der Horizont, das Wasser,
+alles glüht tiefrot, um dann langsam, blasser und
+blasser werdend, in rosa und bläulichen Tönen zu
+verglimmen.</p>
+
+<p>Und dann der Heimweg; hier und da auf dem
+Wasser ragt gespenstisch ein Mast empor, dann blitzt
+da und dort ein Lichtlein rot, grün oder grellweiß,
+das Blinklicht des Leuchtturmes alles überragend,
+und weit, weit unten in ununterbrochener Reihe die
+Lichter des Hafens.</p>
+
+<p>Aber diese einsamen Spaziergänge sind nichts für
+mich, sie machen mich melancholisch und heimwehkrank.</p>
+
+<p>Heimwehkrank nach einer Heimat, die ich nicht
+habe.</p>
+
+<p>Meine Heimat ist jetzt hier, ist bei dem Manne,
+der mir einen ehrlichen Namen gab.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin immer noch ängstlich, wenn ich auf der
+Straße gehe.</p>
+
+<p>Wie leicht ist es möglich, daß mich jemand gesehen
+hat. Es ist eine Hafenstadt, und der Weg nach
+Amerika ist sehr kurz&nbsp;&ndash; über die Planken eines
+Dampfers.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nicht um mich bin ich besorgt, um ihn.</p>
+
+<p>Und noch etwas anderes macht mir Sorge.</p>
+
+<p>Fast hätte ich über dem letzten großen Unglück,
+das mich betroffen, meinen Fehltritt von zu Hause
+vergessen. Nicht ein einziges Mal in den letzten
+Wochen habe ich daran gedacht.</p>
+
+<p>Aber nun, wo ich in Ruhe bin, quält es mich um
+so mehr.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Muß ich es Werner sagen? Hat er ein Anrecht an
+das Leben, das so weit zurückliegt? So weit!</p>
+
+<p>Und doch ist es noch kein Jahr her, seit ich von
+den Großeltern fort bin.&nbsp;&ndash; Mir scheinen es Ewigkeiten.</p>
+
+<p>Ich bin in einem furchtbaren Zwiespalt.</p>
+
+<p>Ist es meine Pflicht, es meinem Manne zu sagen
+oder darf ich schweigen?</p>
+
+<p>Wird er nicht an mir zweifeln, wenn ich es sage?
+Wird er nicht denken, daß der Ort, an dem er mich
+getroffen, dann gar nicht so unrecht für mich gewesen
+sei?</p>
+
+<p>Hätte ich doch einen einzigen Menschen, mit
+dem ich sprechen könnte!&nbsp;&ndash; Ich glaube nicht,
+daß ich den Mut habe, es ihm zu sagen; ich
+fürchte seine Liebe und Achtung&nbsp;&ndash; jawohl seine
+Achtung, so paradox es auch klingen mag&nbsp;&ndash; zu
+verlieren.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Denn trotz alledem und alledem, Werner achtet
+mich. Er weiß, ich war unschuldig dort hingekommen;
+und er achtet mich deshalb, weil ich mit allen
+Mitteln versucht habe, herauszukommen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Erführe er meinen ersten, dummen, kindischen
+Streich&nbsp;&ndash; wer weiß, ob dann nicht dieses Gefühl,
+das mich so sehr erhebt, für immer verloren wäre.</p>
+
+<p>Ich muß das Geheimnis mit mir herumtragen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Der Schlaf, der mich auch in den schlimmsten
+Augenblicken meines Lebens nicht verlassen, scheint
+mich jetzt zu fliehen.</p>
+
+<p>Ich liege oft stundenlang und grübele über Dinge,
+die ich nicht ändern kann. Ruhelos wälze ich mich
+hin und her.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ist es die Einsamkeit um mich? Ist es das geheime
+innere Schuldgefühl, das mich quält? Diese stillen,
+schwarzen Nächte erdrücken mich. Wäre doch Werner
+erst wieder hier! Ich eigne mich nicht zur Seemannsfrau.</p>
+
+<p>Immer allein!</p>
+
+<p>Abends beim Schlafengehen und morgens beim
+Aufstehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Oft schrecke ich Nachts aus unruhigem Schlummer
+auf, dann ist mir, als hörte ich ruhige, schwere Atemzüge
+neben mir&nbsp;&ndash; ich fasse hinüber, aber da ist nichts,
+ich bin allein&nbsp;&ndash; immer allein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Letzte Nacht hatte ich einen entsetzlichen Traum.</p>
+
+<p>Mir träumte, ich stand allein auf einem weiten,
+endlos weiten Platz und wußte nicht, wohin ich mich
+wenden sollte.</p>
+
+<p>Da kam ein Mann in einem langen, schwarzen
+Mantel, den großen Hut tief in die Stirn gedrückt, so
+daß ich nichts von dem Gesicht sehen konnte, und
+faßte mich bei der Hand.</p>
+
+<p>Er führte mich über Felder und Auen weit, weit,
+und dann zuletzt in ein großes, palastartiges Haus,
+viele, viele Treppen empor.</p>
+
+<p>Als wir schon sehr hoch gestiegen waren, öffnete
+mein Führer eine Tür, ließ mich los und sagte mit
+dumpfer Stimme: »Gehe diesen Weg, und du wirst
+rein wie eine Lilie sein.«</p>
+
+<p>Ich hob den Fuß und wollte vorwärts schreiten,
+doch mit einem entsetzten Schrei fuhr ich zurück.
+Vor mir breitete sich endlos, unabsehbar das Meer.</p>
+
+<p>Durch den Schrei war ich erwacht, entsetzt starrte
+ich ins Dunkel. Ich fürchtete mich so, daß ich nicht
+einmal wagte, mir Licht anzuzünden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Was bedeutete dieser unheimliche Traum?</p>
+
+<p>Was wollte dieser unheimliche Mensch?</p>
+
+<p>Und dieses große Wasser? Soll ich sterben? Soll
+ich im Wasser sterben?</p>
+
+<p>Aber ich will nicht! Jetzt nicht! Dann hätte mich
+das Wasser vor sieben Monaten verschlingen sollen!</p>
+
+<p>Ach Werner, mein Liebster, ich sehne mich nach
+dir, wärest du bei mir, du würdest mich trösten.</p>
+
+<p>Die Sehnsucht, das Verlangen nach dir brennt
+mir wie Feuer in den Adern.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Schon wieder einmal bin ich allein.</p>
+
+<p>Selige Tage waren es, als Werner hier war, ach,
+wie ist er gut! So gut, daß ich fast beschämt bin.</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nun haben wir auch die Möbel für unsere Wohnstube,
+fein!</p>
+
+<p>Wie könnt' ich glücklich sein, wenn&nbsp;&ndash; ja wenn
+die bösen Gedanken nicht wären.</p>
+
+<p>Ein jedes Vergehen trägt die Strafe gleich in sich
+&ndash; habe ich einmal irgendwo gelesen. Wie wahr das
+ist, das fühle ich jetzt nur zu gut. Ich bin bestraft
+durch die fortwährende Angst, daß Werner auch
+<em class="gesperrt">das</em> noch erfahren könnte.</p>
+
+<p>Ich machte eine kleine Andeutung, daß ich gern
+einmal die Heimat sehen würde. Gleich war er bereit.</p>
+
+<p>»Warum nicht, Lieb! Nächste Reise, oder
+Pfingsten. Fahre ruhig hin; wenn ich wiederkomme,
+bist du längst wieder hier. Denn zu den Großeltern
+willst du ja doch nicht.«</p>
+
+<p>Ich könnte also reisen! Aber nein, es geht nicht!
+Das habe ich auch Werner gesagt; ich habe ihm gesagt,
+daß es Wünsche bleiben müssen.</p>
+
+<p>»Mir ist es recht, Lieb,« sagte er, »ich will nur
+dich zufrieden wissen.«</p>
+
+<p>Ich soll mir ein Hündchen kaufen, damit ich nicht
+mehr so verlassen bin.</p>
+
+<p>Ich freue mich, ich mag Tiere so gern. Gleich
+heute werde ich ausgehen und mir einige ansehen, die
+in der Zeitung standen.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Meine einsamen Spaziergänge am Außendeich muß
+ich aufgeben. Es ist hier wie überall.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein Weib, das allein auf einsamen Wegen geht,
+ist ein Stück Freiwild. Oder habe ich etwas an mir?
+Trage ich ein Kainszeichen mit mir herum?</p>
+
+<p>Wie kann ein Mann sich einfach erlauben, einer Frau,
+die ruhig ihres Weges geht, seine Begleitung anzubieten!</p>
+
+<p>Woher nimmt er sich das Recht? Ist das auch
+ein Stück Herrenmoral?</p>
+
+<p>Mich kostet es leider eine schöne, liebgewordene
+Gewohnheit.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wenn ich doch einmal nach Hause in meine Berge
+könnte!</p>
+
+<p>Jetzt liegt wohl noch Schnee, aber nicht lange
+mehr, und es beginnt zu grünen und zu blühen.</p>
+
+<p>Die Täler fangen früh an, sich zu schmücken,
+wenn auch die Berge noch lange ihre winterliche
+Haube aufbehalten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In Großmutters Garten die Schneeglöckchen und
+Veilchen haben es immer am eiligsten.</p>
+
+<p>Wie schön würde es sein, könnte ich hingehen!</p>
+
+<p>Zu schön, um wahr zu werden.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nun habe ich wirklich einen kleinen vierfüßigen
+Hausgenossen.</p>
+
+<p>Wie ist das schön! So gesellig!</p>
+
+<p>Jetzt kann ich wenigstens mal ein Wort sprechen.</p>
+
+<p>Pit, mein kleiner Pit versteht alles. Er ist so klug,
+und wenn er sich erst vollständig an mich gewöhnt
+hat, versteht er gewiß jedes Wort. Abends stelle ich
+sein Körbchen vor mein Bett&nbsp;&ndash; nun bin ich doch
+nicht mehr so allein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ob Werner ihn auch mag? Ganz sicher! Er ist
+zu niedlich.</p>
+
+<p>Wenn ich im Bett liege, kann ich ihn immer beobachten,
+wie er sein Bettchen für die Nacht zurecht
+macht. Und wenn ich seine Decke noch so schön
+hingelegt habe, er fängt doch noch selbst an, alles
+zurechtzuzerren. Er kratzt mit den Füßchen und
+stuppst mit dem Näschen, bis alles nach Wunsch ist,
+dann legt er sich sehr befriedigt hin und wirft mir
+einen Blick zu aus seinen blanken Äugelchen, als
+wollte er sagen: So gehört sich das, du verstehst
+auch rein gar nichts davon.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin so zufrieden, das Leben ist doch ganz schön.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Morgen kommt Werner.</p>
+
+<p>Heute will ich alles schön sauber machen, damit
+unser kleines Reich würdig ist, seinen Herrn aufzunehmen.</p>
+
+<p>Wenn das Wetter schön ist, werde ich an den
+Hafen gehen, um das Schiff hereinkommen zu sehen.
+Pit geht mit.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Was Werner wohl sagen wird über meinen kleinen
+Freund?</p>
+
+<p>Noch eine Nacht, dann ist er bei mir. Ich freue
+mich sehr auf ihn.</p>
+
+<p>Ob er sich ebenso nach mir sehnt?</p>
+
+<p>Ich will ihn doch fragen, ob er auch so unruhig
+nach mir ist.</p>
+
+<p>Werner macht so wenig Worte; es ist mir schon
+wiederholt aufgefallen. Seine Handlungen sind um
+so besser.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Da ist es, das Geahnte, Gefürchtete.</p>
+
+<p>Meine Angst, meine Scheu vor den Menschen war
+berechtigt.</p>
+
+<p>Wäre ich nicht mit ausgegangen!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Werner kam vorgestern von See. Er war so glücklich
+und zufrieden, er hatte eine schöne Reise gehabt
+und auch gut verdient, da er hin und zurück sein
+Zimmer vermietet hatte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Gestern Abend wollte er eine Stunde mit mir in
+ein Café gehen. Ich hatte keine rechte Lust und
+bat: »Laß uns zu Hause bleiben, da ist es viel
+schöner.«</p>
+
+<p>Er hörte nicht auf mich.</p>
+
+<p>»Du mußt auch mal raus, Schatz; du wirst mir
+sonst noch ganz melancholisch.«</p>
+
+<p>Um ihm die Freude nicht zu verderben, gab ich
+nach, und wir gingen nach dem Viktoria-Café.</p>
+
+<p>Anfangs war es nur schwach besucht, später setzte
+sich an den Tisch neben uns ein Trupp Herren.</p>
+
+<p>Ich kannte niemand im ganzen Lokal.</p>
+
+<p>Plötzlich fühlte ich, daß mich jemand beobachtete.
+Mir wurde unbehaglich, ohne zu wissen, warum.</p>
+
+<p>Ich wandte den Kopf etwas zur Seite und sah,
+daß ein Herr mich ziemlich ungeniert anstarrte.</p>
+
+<p>Ich kannte ihn nicht; aber&nbsp;&ndash; mein schlechtes
+Gewissen! Ich wurde blutrot und drehte den
+Kopf zur Seite; wie unter einem hypnotischen Zwang
+mußte ich nach einiger Zeit wieder hinsehen; noch
+immer dieses fatale Anstarren.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein bartloses Gesicht mit einigen Schmissen an
+der linken Backe und hellen, erbarmungslosen Augen.</p>
+
+<p>Wer war es nur?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Laß uns gehen, Werner,« bat ich.</p>
+
+<p>Werner, der nichts von meiner Not merkte, sagte:
+»Aber warum denn, Schatz? 's ist doch ganz nett
+hier!«</p>
+
+<p>»Ich muß hier heraus,« sagte ich angstvoll und
+sah ihn flehend an. Sofort sprang er auf und beugte
+sich über mich.</p>
+
+<p>»Ist dir nicht gut, Lieb?« fragte er besorgt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Da stand der Herr, der wohl bemerkt hatte,
+daß ich fort wollte, auf und ging langsam an unserem
+Tisch vorüber, mich immerzu scharf und dreist
+anstarrend.</p>
+
+<p>Auch Werner wurde aufmerksam. Er faßte sich
+an die Stirne, warf dann einen Blick auf mich, der zu
+fragen schien: »Kennst du ihn?«</p>
+
+<p>Ich schüttelte den Kopf und sah ihn hilflos an.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Wie ist mir denn,« murmelte Werner vor sich
+hin, »den muß ich doch kennen!« Dann wandte er
+sich und schritt dem andern nach zur Toilette.</p>
+
+<p>Ich wollte ihn zurückhalten, doch meine Hand fiel
+kraftlos in den Schoß.</p>
+
+<p>Was hätte es auch genützt. Ich hatte geahnt,
+daß es so kommen mußte.</p>
+
+<p>Die Welt ist so groß, so unendlich groß, und doch
+zu klein für ein wundgeschossenes Geschöpf, um sich
+verkriechen zu können.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als Werner kam, stand ich sofort auf; schweigend
+half er mir in den Mantel; schweigend verließen wir
+das Lokal.</p>
+
+<p>Als wir einige Schritte gegangen waren, nahm er
+meinen Arm und zog ihn unter den seinen; ich wagte
+kaum, ihm in die Augen zu sehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Es war ein Schiffsarzt,« sagte er nach einigen
+Minuten, »ich habe ihn zur Rede gestellt wegen
+seiner Ungebührlichkeit; er kennt dich&nbsp;&ndash; leider; er
+ist einmal drüben gewesen bei der Rottmann. Na,
+weine nur nicht, diesem edlen Herrn können wir ja
+aus dem Wege gehen. Aber meine Meinung habe ich
+ihm wenigstens gesagt!«</p>
+
+<p>Ich antwortete nicht. Ich schluchzte krampfhaft
+in mein Taschentuch. Die Vorübergehenden sahen
+uns nach, sie hielten uns wohl für ein Liebespaar,
+das sich verzankt hatte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als wir zu Hause ankamen, warf ich mich angekleidet
+aufs Bett und schluchzte jammervoll; Werner
+hatte Mühe, mich zu beruhigen.</p>
+
+<p>»Was ist denn weiter geschehen, Liebling? Rege dich
+doch nicht so furchtbar auf. Was liegt an diesem Laffen?
+Wir beide sind zufrieden, das ist die Hauptsache.«</p>
+
+<p>Du Armer! Zufrieden, ich und zufrieden! Ja,
+wenn die Schatten der Vergangenheit nicht so unbarmherzig
+auf das bißchen Licht fielen, das mich
+jetzt umleuchtet.</p>
+
+<p>Nun mache ich auch ihn noch unglücklich! Diesen
+Einzigen, der mir den Glauben an die Menschheit
+wiedergeben konnte.</p>
+
+<p>Es ist zum Wahnsinnigwerden!</p>
+
+<p>Immer und immer wieder möchte ich rufen: Warum
+mir das alles? Warum dies übervolle Maß für mich?</p>
+
+<p>Ach, könnt' ich schlafen, schlafen, um nie mehr
+aufzuwachen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nun bin ich wieder allein. Das bißchen Ruhe, in
+das ich mich nach und nach hineingeträumt habe, ist
+wieder hin.</p>
+
+<p>Auch um Werner bin ich sehr in Sorge, er war gar
+nicht besonders auf dem Posten die letzten Tage;
+eine starke Erkältung hatte ihn befallen. Wenn
+er mir nur nicht ernstlich krank wird! Er freilich
+lachte mich aus, als ich ihn bat, zu Hause zu bleiben.</p>
+
+<p>»Das würde eine schöne Geschichte werden, wenn
+jeder Seemann wegen einer kleinen Erkältung gleich
+an Land bleiben wollte; da könnten unsere Dampfer
+bald leer losfahren,« sagte er lachend.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er hat recht, aber trotzdem&nbsp;&ndash; was kann nicht
+alles passieren während einer solchen Reise.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und läßt sich nicht alles besser tragen, wenn man
+es gemeinsam trägt?</p>
+
+<p>An <em class="gesperrt">die</em> Schattenseiten des Seemannslebens habe
+ich nicht gedacht. Als ich auf dem Schiff war und
+dort alles wie am Schnürchen ging, als die Besatzung
+mit immer freundlichen Mienen auf die manchmal
+recht unsinnigen Wünsche der Passagiere einging, da
+habe ich nicht daran gedacht, daß diese Leute ein
+Doppelleben führen, um das sie wirklich nicht zu beneiden
+sind.</p>
+
+<p>Ich möchte meinen Mann gerne an Land behalten;
+lieber wenig Verdienst, aber beisammen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wie ist das zum Beispiel schrecklich mit meiner
+Flurnachbarin: der Mann fährt nach Ostasien; während
+der letzten Reise hat sie ein Töchterchen bekommen
+und hat es auch wieder verloren; das Kindchen
+ist nur sechs Wochen alt geworden.</p>
+
+<p>Der Vater aber hat das Kind gar nicht gesehen.</p>
+
+<p>Und das alles hat die arme Frau allein durchmachen
+müssen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wirklich, auch eine Art Heldentum, von dem die
+Außenwelt nichts weiß. Ich werde Werner bitten,
+doch lieber im Bureau der Gesellschaft zu arbeiten,
+wenn er auch weniger verdient, es wird schon gehen.
+Oder vielleicht können wir ganz von hier fort, an
+einen Ort, wo niemand uns kennt.</p>
+
+<p>Hier kennt mich nun doch schon ein Mensch, und
+nicht lange wird es dauern, so kennen mich noch
+mehr.</p>
+
+<p>Was habe ich diesem Menschen getan, daß er mich
+so brandmarkt? Muß ich immer auf der Flucht vor
+meiner Vergangenheit sein? Wenn ich anders geartet
+wäre! Gleichgültiger gegen das Urteil der
+Menschen.</p>
+
+<p>Nein, nein, das kann ich nicht&nbsp;&ndash; ich kann nicht
+leben ohne die Achtung meiner Mitmenschen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wäre doch die Reise erst zu Ende.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin in einer furchtbaren Unruhe. Kommt es
+davon, daß Werner nicht ganz wohl war, oder kommt
+es, weil ich gar nicht aus dem Hause komme? Beides
+wirkt wohl zusammen.</p>
+
+<p>Ich gehe auch des Morgens nicht mehr aus; wie
+leicht könnte mir dieser Mensch begegnen und mich
+auf offener Straße insultieren.&nbsp;&ndash; Und doch kann ich
+nicht immer eingeschlossen sein!</p>
+
+<p>Was soll nur werden?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Soeben war ein Herr vom Kontor bei mir.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Was mag das nur zu bedeuten haben? Ich verstehe
+das gar nicht. Ich bin wie betäubt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das Schiff ist drüben angekommen, und unter den
+telegraphischen Berichten, die an die Direktion gekommen
+sind, ist auch die Nachricht gewesen, daß
+mein Mann erkrankt ist und wahrscheinlich in Hoboken
+ins Hospital müsse; ich solle mich nicht ängstigen,
+wenn das Schiff ohne ihn zurückkäme, er
+sei drüben sehr gut aufgehoben.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nicht ängstigen!&nbsp;&ndash; Wie ruhig er das sagt!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich soll mir keine Sorgen machen, es sei nicht
+schlimm! Mein Mann komme vielleicht schon mit
+dem nächsten Dampfer.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sind das nun Worte&nbsp;&ndash; nur Worte? Was ist daran
+wahr?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Was kann ich tun? Nichts!</p>
+
+<p>Könnt' ich rasch hinlaufen; aber ich kann ja nicht!</p>
+
+<p>Und wenn ich wirklich Geld hätte und hinfahren
+könnte, so wäre Werner möglicherweise schon wieder
+fort, wenn ich dort ankäme.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber wenn man mir nun gar nicht die Wahrheit
+gesagt hat? Wenn es schlimm ist&nbsp;&ndash; viel schlimmer?</p>
+
+<p>Ach, wer gibt mir Klarheit?</p>
+
+<p>Ruhig warten, wenn jeder Blutstropfen kocht vor
+Angst. Die Hände in den Schoß legen, wenn man
+Berge versetzen möchte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Zwei Stunden später.</p>
+
+<p>Ich kann nicht schlafen. Es ist eine so warme,
+schwüle Nacht.</p>
+
+<p>Ich bin wieder aufgestanden und sitze im Nachthemd
+am offenen Fenster. Kein Mondstrahl durchbricht
+das Dunkel; der Himmel hängt wie eine große,
+grauschwarze Glocke über der Erde.</p>
+
+<p>Nirgends ein heller Schein.</p>
+
+<p>Ist diese dunkle, schwüle Nacht das Abbild meines
+Lebens&nbsp;&ndash; meiner Zukunft?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mutter! Meine liebe tote Mutter, woher plötzlich
+der Gedanke an dich! Bist du mir nah?</p>
+
+<p>Wenn du es bist, o, so gib mir ein Zeichen von deiner
+Nähe; sage mir, daß du bei mir bist und mich leitest.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich war dir ein schlechtes, liebloses Kind, ich
+fühle es.</p>
+
+<p>Gedankenlos ging ich neben dir&nbsp;&ndash; gedankenlos
+und ohne rechtes Verständnis nahm ich dein frühes
+Scheiden.</p>
+
+<p>Und doch hast du so viel um mich gelitten.</p>
+
+<p>Ach, Mutter, hätte ich dich jetzt, du würdest mir
+helfen und raten.&nbsp;&ndash; Mutter, komm zu mir, ich
+brauche dich, nie brauchte ich eine liebende Hand
+nötiger. Ich fühle, etwas Schreckliches steht vor mir
+und droht, sich auf mich zu stürzen.</p>
+
+<p>Mutter, hilf mir!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Noch einmal habe ich versucht, zu schlafen, ich
+kann es nicht. Der Morgen dämmert schon im Osten,
+und noch fand ich keinen Schlaf.&nbsp;&ndash; Auch mein kleiner
+Freund findet keine Ruhe. Oder ist es nur meine
+Aufregung, die sich ihm mitteilt?</p>
+
+<p>Sonst liegt er die ganze Nacht still in seinem
+Körbchen, und jetzt läuft er ruhelos umher und heult
+zuweilen so seltsam schauerlich. Ich glaube, ich
+fürchte mich.</p>
+
+<p>Aber wovor?</p>
+
+<p>Ich wünschte, ich wäre anders geartet; wäre gleichgültiger,
+dann könnte ich ruhig schlafen und säße
+nicht um vier Uhr morgens am Fenster meines Schlafzimmers
+und starrte mit brennenden, übernächtigen
+Augen in den langsam heraufsteigenden Tag.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mein Traum, mein Traum; sollte das seine Lösung
+sein? Stehe ich jetzt vielleicht vor der endlosen
+Wasserwüste, die mir mein Alles verschlungen hat?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich fürchte, ich bin krank, sonst würde ich mich nicht
+so entsetzlich ängstigen&nbsp;&ndash; um ein Nichts vielleicht.</p>
+
+<p>Mein Mann ist wohl längst wieder gesund, und
+wenn ich ihm meine Sorgen erzähle, wird er mich
+schelten, daß ich so wenig Seemannsfrau bin. Ich
+werde versuchen, noch eine Stunde zu schlafen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wenn ich oft noch im Zweifel war, ob ich Werner
+wirklich liebte, so wie man sich Gattenliebe untereinander
+vorstellt, so sind diese Zweifel jetzt geschwunden.</p>
+
+<p>Wäre es nur Dankbarkeit gewesen, ich würde
+nicht so um sein Leben zittern.</p>
+
+<p>Werner, Werner, mein Lieb, mein Alles, wo bist
+du? Wie lange hörte ich nichts von dir! Bist du noch
+krank? Rufe mich, und ich eile zu dir, um dich zu
+pflegen, und wenn ich durch Welten von dir getrennt
+wäre.&nbsp;&ndash; Ich muß Gewißheit haben, ich ertrage keine
+Nacht mehr wie die vergangene.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und doch, was kann ein Weib tun in meiner Lage!
+Was kann sie tun? Ein Telegramm wird mir Erlösung
+und Gewißheit bringen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nun habe ich Gewißheit. Entsetzliche Gewißheit!</p>
+
+<p>Nun liegt es wieder vor mir, das Leben, unnütz
+und von niemand gewollt. Was soll ich damit?</p>
+
+<p>Wem frommt es?</p>
+
+<p>Nun er <em class="gesperrt">tot</em> ist!</p>
+
+<p>Tot, der einzige Mensch, der mich geliebt, der an
+mich geglaubt, der mich dem Schlamm entrissen hat.</p>
+
+<p>Ach Mutter, Mutter, warum hast du mich geboren?
+Wo bist du, um dein Kind zu schützen?</p>
+
+<p>Gib ihn mir wieder, Gott, aus deinem Himmel
+oder nimm auch mich zu dir!</p>
+
+<p>Ich kann nicht mehr&nbsp;&ndash; würde ich doch krank&nbsp;&ndash; könnte
+ich sterben&nbsp;&ndash;.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Heute habe ich die Sachen meines Mannes bekommen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Gestern kam sein Schiff zurück&nbsp;&ndash; ohne ihn&nbsp;&ndash; ohne
+ihn!</p>
+
+<p>Nur die paar armseligen Sachen bezeugen mir, daß
+er gewesen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein kleiner Kasten mit seinen intimen, kleinen
+Sachen: Briefe&nbsp;&ndash; sein Taschenbuch&nbsp;&ndash; seine Brieftasche&nbsp;&ndash; eine
+Photographie&nbsp;&ndash; meine eigene.</p>
+
+<p>Bin ich das wirklich? Dies unschuldige Gesichtchen
+mit den großen, fragenden Augen? Nein, ich bin es
+nicht.</p>
+
+<p>Seine Börse, das alte, abgegriffene Ding, von dem
+er sich nicht trennen mochte. Sonst nichts, nichts!</p>
+
+<p>Kein letzter Gruß, kein Zeichen, daß er mein gedacht
+in seiner letzten Stunde.</p>
+
+<p>In seinem Taschenbuch nichts. Aufzeichnungen,
+mir unverständlich.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ist das alles? Ist das das Ende? Es ist unmöglich!</p>
+
+<p>Ein Wort, ein letztes Wort!</p>
+
+<p>Laß mich wissen, ob du noch immer in Liebe mein
+gedacht.</p>
+
+<p>Der Gedanke läßt mich nicht los, foltert mich bis
+zu körperlicher Pein, daß du freiwillig gingst.</p>
+
+<p>Jene Begegnung im Café&nbsp;&ndash; war sie dir so furchtbar?</p>
+
+<p>Konntest du die Verachtung nicht ertragen, die
+dein Weib traf?</p>
+
+<p>Erbarme dich, du Unbarmherziger da oben, und
+gib mir Gewißheit.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ah, ein Brief!</p>
+
+<p>Ich kann ihn kaum öffnen, so zittern mir die
+Finger. Ein Brief von ihm, mit zitternder Hand geschrieben:</p>
+
+<blockquote><p>»Gott schütze Dich, Liebling! Ich fürchte, ich
+bin sehr krank.&nbsp;&ndash; Wenn wir uns nicht wiedersehen
+sollten?&nbsp;&ndash; Lotti, mein süßes Weib, ich habe Dich
+sehr geliebt. Bleibe gut, wenn ich von Dir gehen
+sollte. Du bist ein seltenes Geschöpf, laß Dich nicht
+zerbrechen, laß den Gedanken an mich Dein
+Leitstern sein, damit Du nicht wieder untergehst.
+Möchtest Du nicht doch zu Deinen Großeltern
+gehen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Lottchen, Liebling, seit ich erwachsen bin, habe
+ich nicht oft an meinen Gott gedacht&nbsp;&ndash; ich hatte
+ihn fast vergessen; heut' ist er mir nah, darum bin
+ich gefaßt. Er wird auch Dich beschützen. Was
+er tut, ist gut. Ich umarme Dich im Geiste und
+küsse Deinen süßen, warmen Mund und Deine
+strahlenden Augen.</p>
+
+<p>
+Gott schütze Dich!<br />
+Dein Werner.«<br />
+</p>
+</blockquote>
+
+<p>Ist das das Ende von meinem Paradies? Es ist
+ja nicht möglich&nbsp;&ndash; nicht möglich!</p>
+
+<p>Er kann mich nicht verlassen haben!</p>
+
+<p>Ist all das warme pulsierende Leben tot? Hinweggeweht?</p>
+
+<p>Wo ist es? Wo ist sein lieber Körper? Wo ist
+das, was von ihm übrig blieb?&nbsp;&ndash; Ich will zu ihm.
+Wenn ich sonst nichts kann, so will ich an seinem
+Grabe knien und will ihm mein Leid klagen.</p>
+
+<p>Zu ihm, zu ihm! Das soll jetzt meine Aufgabe
+sein!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich bin matt bis zum Sterben, und doch ist eine
+Zentnerlast von mir genommen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er ging nicht freiwillig; eine bösartige Mandelentzündung
+hat ihn dahingerafft.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die besten Menschen sterben früh, heißt es. An
+ihm hat es sich bewahrheitet.</p>
+
+<p>Er war der Besten einer.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich nehme sein Kopfkissen, so wie ich es bekommen,
+und lege mein müdes Haupt darauf. Ich
+will darauf schlafen heute nacht. Vielleicht kommt
+er zu mir und hält geheime Zwiesprache mit mir.</p>
+
+<p>Ich werde inbrünstig flehen, daß er zu mir kommt.</p>
+
+<p>Ich grabe meinen Kopf in das Kissen, auf welchem
+er geruht, und denke an ihn und seine große Liebe,
+und er wird kommen und wird mir raten, wohin ich
+mein Lebensschifflein steuern soll.&nbsp;&ndash; Zur Großmutter
+gehe ich nicht; weiß ich doch nicht einmal, ob sie
+noch lebt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Er ist nicht gekommen. All mein Bitten, all
+mein Flehen war umsonst. Niemand kommt wieder,
+der in jene geheimnisvollen Fernen ging.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin allein mit meinem Gram und meiner Liebe.</p>
+
+<p>Er ist tot, und ich habe ihn verloren.</p>
+
+<p>Ich habe oft darüber gelächelt, wenn ich hörte,
+daß es Leute gibt, die vermeinen, sich mit ihren toten
+Lieben in Verbindung setzen zu können, jetzt verstehe
+ich sie. Auch dieser Wahn ist ein Trost.&nbsp;&ndash;
+Nur zu mir kommt niemand, weder die Mutter noch er.</p>
+
+<p>Und doch wird er unvergessen sein. Er soll leben
+in meiner Erinnerung und in meinem Herzen.</p>
+
+<p>&ndash; Der Tote ist tot und nur der Lebende hat
+Rechte, sagt man ja wohl. Bei mir soll auch der
+Tote sein Recht behalten.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich bin so fremd hier geblieben, und das rächt sich
+jetzt. Kein Mensch kommt zu mir, niemand sagt
+mir ein liebes, tröstendes Wort.</p>
+
+<p>In solchen Zeiten merkt man doch, daß es gut ist,
+wenn der Mensch zum Menschen geht.</p>
+
+<p>Nur vom Kontor kommt ab und zu ein Herr zu
+mir. Er hat mir auch Werners noch ausstehendes Gehalt
+gebracht und zudem eine kleine Summe, die jede
+Witwe beim Tode ihres Mannes von der Gesellschaft
+erhält.</p>
+
+<p>Ich bin also nicht ganz mittellos, für einige Monate
+hätte ich zu leben. Aber was dann?</p>
+
+<p>Die Frage wird immer dringender. Das Leben ist
+brutal in seinen Forderungen.</p>
+
+<p>In meinen Schmerz und in meine Trauer drängt
+sich gewaltsam die Sorge ums tägliche Brot.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Als ich heute Herrn Rehm meinen Wunsch andeutete,
+daß ich so gern nach drüben an das Grab
+meines Gatten möchte, macht er mir einen Vorschlag,
+der mir zuerst ganz ungeheuerlich, bei längerem
+Nachdenken aber gar nicht so übel erscheint.</p>
+
+<p>Er meint, ich solle bei der Kompanie als Stewardeß
+fahren.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein verlockender Vorschlag.</p>
+
+<p>Ich komme umsonst an das Ziel meiner Wünsche,
+und wenn es mir auf dem Schiff nicht gefällt, so kann
+ich zu jeder Zeit wieder abgehen; eine passende Stelle
+wird sich finden.</p>
+
+<p>Ein unangenehmes Gefühl beschleicht mich zwar,
+wenn ich an New York denke, doch die Verlockung ist
+zu groß. Und bin ich jetzt nicht gefeit gegen alles?</p>
+
+<p>Ein Fall wie der im vergangenen Jahre bei meiner
+Ausreise kann mir nicht wieder passieren.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nur meine Jugend! Werde ich einem so verantwortungsvollen
+Posten gewachsen sein?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Die Würfel sind gefallen. Ich komme auf einen
+neugebauten Dampfer, der noch im Herbst seine erste
+Reise macht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nun habe ich wieder alle möglichen neuen Sorgen.</p>
+
+<p>Die Wohnung aufgeben, ein Zimmer mieten, was
+nicht so leicht sein wird, denn ich will meinen kleinen
+Pit behalten, und muß mir Leute aussuchen, die gut
+zu ihm sind.</p>
+
+<p>Er ist so klug; alles versteht er. Und wenn ich
+ihm erzähle, daß Frauchen ausgehen muß, dann weint
+er wie ein Kind. Er kuschelt sich in meinem Schoß
+wie ein Igel zusammen. Es ist doch etwas Lebendes,
+das ich um mich habe. Hoffentlich finde ich gute
+Pflege für ihn. Es gibt mir wirklich ein wenig das
+Gefühl des Gehobenseins, wenn ich mir sage, ich habe
+für etwas zu sorgen, ich muß Geld verdienen&nbsp;&ndash; und
+wenn es auch nur ein Hund ist.</p>
+
+<p>Nur ein Hund&nbsp;&ndash; man sagt das so&nbsp;&ndash; und welch
+ein Trost war er mir! Wenigstens ein Geschöpf,
+das mich lieb hatte, das mein war und nicht
+mit unbarmherzigem Forschen nach meiner Vergangenheit
+fragte.</p>
+
+<p>Oft sind Tiere besser als Menschen.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="V" id="V"></a>V.<br />
+
+Als Stewardeß.</h2>
+
+
+<p>Eine neue Phase meines Lebens.</p>
+
+<p>Seit drei Tagen bin ich auf der »Nirwana«
+als Stewardeß.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Noch kann ich nicht viel sagen, es wäre verfrüht,
+schon jetzt über irgend etwas urteilen zu wollen.</p>
+
+<p>Der Dienst ist nicht so schwer wie ich gedacht.
+Kranke Damen bedienen, ihnen etwas zu essen bringen
+und sonstige intimere Hilfeleistungen, bei denen sie
+keine männliche Bedienung brauchen können, ab und
+zu ein Bad fertig machen und den Damensalon in
+Ordnung halten, das wären so bis jetzt meine Pflichten.
+Ob noch andere dazu kommen, muß ich abwarten.</p>
+
+<p>Das einfache schwarze Kleid, das ich trage, habe
+ich durch einen weißen Kragen etwas freundlicher
+gestalten müssen.</p>
+
+<p>Ich gebe zu, daß das nötig war, man muß doch
+leicht kenntlich sein zwischen den vielen Passagieren,
+aber es hat so was Zofenmäßiges an sich, und das
+mag ich nicht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Meine Kollegin, mit der ich die Kabine teile, ist
+eine ältere Frau, die Witwe eines früheren I. Offiziers
+der Gesellschaft. Sie hat vier Kinder großzuziehen,
+und da sie bei dem Tode ihres Mannes vollständig
+ohne Mittel zurückgeblieben ist, so hat sie die günstige
+Gelegenheit benutzt. Sie hat recht, was soll
+eine Frau anfangen, die nichts weiter gelernt hat als
+einen Haushalt zu führen, wenn sie in eine derartige
+Situation gerät? Die Beschäftigung hier kommt
+der häuslichen am nächsten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und von den weißen Häubchen kann man auch
+eine andere Auffassung haben. Auch Krankenschwestern
+tragen Häubchen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ja, ja, Frau Marie hat ganz recht, alles hat seine
+zwei Seiten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Alles hat seine zwei Seiten, das merke ich auch
+im Dienst.</p>
+
+<p>Ich bin in Trauer um meinen Mann, der kaum
+zehn Wochen tot ist, aber das hält die Männer nicht
+ab, mich mit begehrlichen Blicken zu verfolgen.</p>
+
+<p>Ich tue doch nun gewiß nichts, um sie zu ermuntern,
+aber auch gar nichts. Ich war so ruhig, so
+zufrieden. Mein schwarzes Kleid schien mir Schutz
+genug zu sein.</p>
+
+<p>Oft muß ich denken, ob ich wohl etwas Besonderes
+an mir habe, das die Männer reizt? Ich bin doch nicht
+anders in meinem Auftreten als andere Frauen auch.</p>
+
+<p>Haben die Männer eine besonders feine Nase für
+gewisse Dinge? Es ist doch beinahe ein Jahr, daß
+ich aus jener Atmosphäre heraus bin.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber nein, ich brauche keine Angst zu haben,
+niemand weiß etwas, niemand kann etwas wissen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe meiner Kollegin meine Not geklagt. Sie
+sagt, das mache meine Jugend und Schönheit.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Also muß ich wirklich schön sein, wenn sogar die
+Geschlechtsgenossinnen es unumwunden zugeben.</p>
+
+<p>Ich könnte stolz darauf sein, denn Schönheit
+ist bekanntlich die größte Macht eines Weibes.
+Aber Schönheit ist auch eine Gefahr, und für mich
+war sie die letztere.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Gewiß, wer klug ist und seine Waffen und Mittel
+zu gebrauchen versteht, aber ich war bislang eben
+nicht klug.&nbsp;&ndash; Doch werde ich mir jetzt Mühe geben,
+es zu sein.</p>
+
+<p>Ich bin jetzt alt genug, habe genug durchgemacht,
+und wenn ich wirklich noch etwas Gutes und Nützliches
+aus meinem Leben zimmern will, so ist es
+Zeit.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich muß für mich selbst denken und handeln, ich
+muß das Andenken meines Mannes ehren.</p>
+
+<p>Mittwoch sind wir in New York, an seinem Grabe
+werde ich beten. Nicht zu Gott, dem Unsichtbaren,
+der mich bisher immer verlassen, nein, zu ihm, zu
+Werner, zu meinem Retter.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Gestern war ich endlich bei ihm.</p>
+
+<p>Sie haben ihn schön gebettet, und noch waren die
+Schleifen und Kränze nicht zerstört, die man ihm
+von allen Seiten dargebracht hatte.</p>
+
+<p>Lange habe ich an seinem Grabe gekniet und
+leise Zwiesprache mit ihm gehalten. Er hat mich
+gehört und verstanden.</p>
+
+<p>Mir war ganz anders zu Sinn, so froh, so voller
+Zuversicht ging ich auf den Weg.</p>
+
+<p>Er wird mir beistehen, sein Geist wird um mich
+sein.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wir haben nicht viel Passagiere, ich bin also
+nicht sehr beschäftigt. Ich bin froh, daß die Tage in
+New York vorüber sind, ich hatte doch immer noch
+etwas Furcht, obgleich es ja Unsinn ist.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und wenn mich wirklich jemand erkannt hätte,
+was wollten sie mir tun? Überhaupt, wo drüben die
+Frauen so viel Rechte haben&nbsp;&ndash; das heißt&nbsp;&ndash; wenn
+sie frei sind und Gebrauch davon machen können;
+denn ich habe damals sehr wenig davon bemerkt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich habe mich schon ganz nett eingearbeitet. Der
+Kapitän ist ein vornehmer alter Herr, der mir immer
+sehr freundlich zunickt, wenn er mir mal begegnet.</p>
+
+<p>Auch der Obersteward, mein direkter Vorgesetzter,
+ist ganz nett. Sie haben alle Mitleid mit mir, weil ich
+nach so kurzer Ehe und so jung schon auf mich
+selbst angewiesen bin.</p>
+
+<p>Überhaupt finde ich, die Männer können unter
+Umständen ganz nett sein, wenn sie nur nicht immer
+gleich das Weibchen in der Frau suchen würden.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Unter den Passagieren ist ein Rechtsanwalt aus
+Patterson; schon am dritten Tage machte er mir einen
+regelrechten Heiratsantrag. Er will meinetwegen
+wieder mit der »Nirwana« zurück, dann will er mich
+auf einen Tag abholen, will mir sein Haus zeigen usw.
+Ich sage zu allem ja. Er kann lange warten; lieber
+gehe ich nach der Reise gar nicht an Land.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Gebranntes Kind scheut's Feuer.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auf Steuerbordseite in Nr. 65 wohnt ein berühmter
+Sänger mit seiner Frau. Er ist in Amerika
+auf einer Gastspieltournee gewesen.</p>
+
+<p>Gestern hatten wir etwas hohe See, da war seine
+Frau krank, und ich mußte verschiedene Male zu ihr
+ins Zimmer.</p>
+
+<p>Gegen Abend traf ich auch den berühmten Mann.
+Er war sehr freundlich und sagte dann zu seiner Frau:
+ich sei viel zu schade für dieses Leben hier, ob ich
+kein Talent hätte, um zur Bühne zu gehen. Ich hätte
+eine wundervolle elegante Figur und sei sehr schön.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Seine Frau schalt ihn aus und sagte, er solle mir
+keine Dummheiten in den Kopf setzen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Eifersüchtig scheint sie aber nicht zu sein.</p>
+
+<p>Sie hat mich dann gefragt, wie es komme, daß ich so
+jung schon einen solchen Platz einnehme, da habe ich
+ihr von meiner kurzen Ehe und von meinem Verlust
+erzählt; das, was vorherging, habe ich verschwiegen.</p>
+
+<p>Sie sagte, ich sei sehr tapfer. Ob ich gar keine
+Angehörigen mehr habe? Ich sagte: Nein.</p>
+
+<p>Wozu soll ich mehr sagen? Ich muß lernen, Herz
+und Zunge im Zaume zu halten.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe mir in der Bibliothek etwas zu lesen geholt.
+Die Abende sind so lang, wenn man nicht genug
+zu tun hat, und für Handarbeiten war ich nie.</p>
+
+<p>Es ist ein englisches Buch und heißt: Wenn die
+Liebe stirbt.</p>
+
+<p>Eigentlich schrecklich, dieses langsame gegenseitige
+Erkalten zwischen zwei Menschen, die sich
+einst so heiß geliebt.</p>
+
+<p>Ist das immer so? Und muß das sein?</p>
+
+<p>Dann müßte ich ja glücklich sein, daß Werner
+von mir gegangen ist. Unsere Liebe war neu, groß,
+noch täglich im Wachsen.</p>
+
+<p>Sie war wie ein Sonnenaufgang.</p>
+
+<p>Zuerst war ich noch furchtsam und glaubte nicht
+an mein Glück, bis es dann strahlend wie das Sonnenwunder
+vor mir stand.</p>
+
+<p>Aber doch&nbsp;&ndash; etwas länger hätte es schon währen
+dürfen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wieder zu Hause. Ich habe mich so über meinen
+kleinen Pit gefreut, daß ich wohl geweint habe.
+Wie war das Tier glücklich! Es konnte mir gar nicht
+genug seine Freude und Liebe zeigen; den ganzen
+Abend ist es nicht von meinem Schoß gegangen. Und
+fein war Pit! Frau Meyer hatte ihm extra ein blaues
+Schleifchen umgebunden.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich könnte nun eigentlich ganz zufrieden sein;
+verdient habe ich auch ganz schön&nbsp;&ndash; aber trotzdem,
+bleiben werde ich nicht in dieser Stellung. Ich betrachte
+sie nur als Übergang.</p>
+
+<p>Ich werde mir etwas Geld sparen, da ich meine
+Kost an Bord habe, brauche ich ja wenig, und ich will
+mich offenen Auges umsehen, um vor allen Dingen
+einige Bekanntschaften zu machen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn ich mit einer älteren Dame aus der ersten
+Kajüte gehen könnte, wäre es das beste.</p>
+
+<p>Ich muß doch wieder drüben bleiben, so böse mir
+auch das erste Mal die Neue Welt mitgespielt hat.
+Nur drüben ist die Möglichkeit für mich, hoch zu
+kommen.</p>
+
+<p>Man wird doch nicht so sehr nach dem Woher
+und Wohin gefragt wie in Deutschland.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Weihnacht auf See.</p>
+
+<p>Es war wunderschön. In jedem Salon war ein
+Baum auch im Zwischendeck und in den Mannschaftsräumen.</p>
+
+<p>Im ersten Salon ging der Baum bis hinauf durch
+das große Skylight.</p>
+
+<p>Die Musik spielte überall den Weihnachtschoral,
+der Kapitän hielt eine kleine Ansprache, es war wirklich
+wunderschön.</p>
+
+<p>Ich habe natürlich geweint, ganz furchtbar, ich
+mußte der beiden vergangenen Weihnachten gedenken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als alles vorüber war, habe ich mir ein Tuch umgeworfen
+und bin noch für einige Augenblicke auf
+Deck gegangen.</p>
+
+<p>Die Nacht war kalt und klar. Kein Wind und
+kein Schnee, hoch und rein wölbte sich der Himmel
+über der unendlichen Weite.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es sind meine schönsten Augenblicke, die ich mir
+auch beim schlechtesten Wetter nicht nehmen lasse.</p>
+
+<p>Auf dem Bootsdeck ist ein wunderschönes Plätzchen
+zwischen dem Maschinenskylight und dem
+Rauchzimmer. Hier ist es stets geschützt, auch bei
+dem schlechtesten Wetter.</p>
+
+<p>Hier kann ich Ich sein. Hier auf diesem stillen
+Plätzchen, um mich die Unendlichkeit, läßt es sich
+träumen. Mir ist dann, als ob meine Seele Schwingen
+bekäme und über die Wellen eilte, um gleichgestimmte
+Genossen zu suchen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn schlechtes Wetter ist, schlinge ich den Arm
+um den eisernen Pfeiler und lasse mich von den Wellen
+hin und her wiegen.</p>
+
+<p>Es ist ein Gefühl des Gehobenseins in mir. Losgelöst
+von aller Erdenschwere schwebe ich mit meiner
+Seele über die unendlichen Weiten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Heut' ist niemand auf den Decks. Was noch nicht
+schläft, sitzt in den Rauchzimmern und feiert Weihnachten.
+&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch ich feiere Weihnacht&nbsp;&ndash; heimlich und still
+mit meinem Liebsten. Ob er wohl um mich ist heute?
+Und du, Mutter?</p>
+
+<p>Ob die abgeschiedenen Seelen sich begegnen im
+unendlichen Raum?</p>
+
+<p>Dann müßten jene beiden, die mir die liebsten
+waren auf dieser Welt, zusammen sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich muß so viel an das denken, was hinter jenem
+undurchdringlichen Vorhang liegt, seit er von mir
+ging. Und doch werde ich auch mit all meinem Grübeln
+nichts erforschen.</p>
+
+<p>Ist es nicht, als ob jemand auf mich zuschritte,
+als ob eine strahlende Gestalt auf dem hellen Streif
+stünde, der über dem Wasser liegt?&nbsp;&ndash; Und der Geist
+Gottes schwebte über den Wassern. Kinderglaube
+&ndash; du bist so tröstlich.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin müde, so müde! Ich will schlafen gehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich weiß nicht&nbsp;&ndash; ich war immer so gesund und
+stark. Hunger und Schlaf verließen mich auch in den
+schlimmsten Lagen meines Lebens nicht, und nun?
+Ich grüble und habe schlaflose Nächte.</p>
+
+<p>Was ist mit mir?</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wir haben diese Reise einen Pfarrer an Bord,
+einen behäbigen Herrn in mittleren Jahren.</p>
+
+<p>Leider widmet er meiner Person mehr Aufmerksamkeit
+als mir lieb ist. Er scheint zu glauben, daß
+die Pflichten einer Stewardeß, noch dazu wenn sie
+jung und hübsch ist, sich auch auf ein anderes Gebiet
+erstrecken.</p>
+
+<p>Er ist strenger Temperenzler&nbsp;&ndash; nur Champagner
+trinkt er ziemlich viel&nbsp;&ndash; because the Doctor
+says so.</p>
+
+<p>Gestern abend ist er mir auf Deck gefolgt und hat
+mir einen kleinen Vortrag über seine Gesundheit gehalten,
+und was ihm außer dem Champagner der Arzt
+noch verordnet hat.</p>
+
+<p>Dann lud er mich zu einem Glase Sekt ein. Ich
+lehnte ab, auch sein anderes Angebot mußte ich leider
+ablehnen.</p>
+
+<p>Ich fühlte ganz und gar kein Bedürfnis, bei dem
+geistlichen Herrn als Medizin zu fungieren.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber natürlich ist mir mein Erholungsplätzchen
+für diese Reise verleidet.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir legen auf&nbsp;&ndash; vielmehr das Schiff legt auf&nbsp;&mdash;:
+vier Wochen. Ich könnte mich eigentlich auch ein
+wenig freuen und im Grunde meines Herzens tue
+ich es wirklich, denn es ist doch ganz schön,
+wenn man wieder einmal ganz sich selbst gehört,
+nur wird diese Auflegezeit wieder ein kleines Loch in
+meine Ersparnisse reißen.</p>
+
+<p>Ein paar hundert Mark habe ich doch schon zusammen,
+zum Drübenbleiben langt es aber noch
+nicht. Und die Gelegenheit, mit einer Dame zu gehen,
+hat sich noch nicht geboten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich werde in diesen Wochen allerlei ordnen. Vor
+allen Dingen muß ich Werners Sachen einmal gut
+durchsehen. Ich muß mich über mich selbst wundern,
+daß ich so ruhig sein kann bei diesem Gedanken. Vor
+einigen Monaten hätte ich nichts anrühren können
+ohne vor Schmerz zu vergehen. Und nun! Sein liebes
+Bild rückt in immer weitere Fernen.</p>
+
+<p>Die Zeit ist doch die beste Trösterin. Nie hätte
+ich geglaubt, als ich mein Haupt verzweiflungsvoll in
+sein Kissen grub, daß ich einmal wieder so ruhig an
+ihn denken könnte.</p>
+
+<p>Oder bin ich gar nicht fähig, die rechte Liebe zu
+empfinden und Treue zu halten? Bald werde ich an
+mir selbst irre.</p>
+
+<p>Ist ein Weib wirklich ein so sonderbares, unergründliches
+Geschöpf, wie die Buddhisten sagen?</p>
+
+<p>Sind andere Frauen besser oder sind sie nur klüger?</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Es ist totenstill im Hause. Die Wirtsleute sind
+aus, und ich bin ganz allein. Pit liegt auf meinem
+Schoß, und ich freue mich der Nähe des kleinen,
+warmen Geschöpfes.</p>
+
+<p>Soeben las ich in einem französischen Buche den
+Satz: Glücklich sein ist eine Kunst.&nbsp;&ndash; Eine Kunst?
+Ich habe geglaubt, es sei ein Geschenk der Götter.</p>
+
+<p>Ich bin leider kein Liebling der Götter!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich werde aufatmen, wenn die Auflegezeit vorüber
+ist. Ich bin nicht geschaffen für ein stilles, ruhiges
+Leben ohne Zweck und Ziel.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als Werner noch lebte, drehte sich alles um ihn.
+Was ich tat, tat ich für ihn und freute mich immer,
+wenn alles recht schön bei seiner Heimkehr war.</p>
+
+<p>Jetzt hab' ich niemand, für den ich sorge, nur
+meinen kleinen, süßen Pit, und der braucht so
+wenig.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wieder auf der Fahrt. Ich bin froh, daß die einsamen
+Tage vorüber sind. Es geht auf das Frühjahr
+zu, und wie alle an Bord sagen, gibt es nun bald
+viel zu tun. Schon mit dieser Reise beginnt der Passagierandrang
+von drüben.</p>
+
+<p>Mir ist es recht. Denn erstens habe ich dann
+keine Zeit zum Grübeln, und die Unruhe in mir wird
+durch die Arbeit zum Schweigen gebracht, und
+zweitens verdiene ich hoffentlich bald recht viel Geld
+und komme meinem Ziele immer näher.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Seit Tagen fühle ich mich nicht recht wohl. Es
+ist eine Hitze im Schiff zum Ersticken, an Schlaf ist
+kaum zu denken.</p>
+
+<p>Dazu diese Unruhe in mir! Ich fühle mich so unsicher,
+eine unbestimmte Sehnsucht quält mich, wonach?
+&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich will meinen Schlafrock überwerfen, um noch
+ein Stündchen auf Deck zu gehen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Das hilft immer. Es ist etwas Großes um diese
+unendliche Einsamkeit. Nur das Stampfen der mächtigen
+Riesen im Innern des Schiffes stört. Wie schön
+muß es auf einem Segler sein!</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich bin in einer schrecklichen Stimmung in diesen
+Tagen.</p>
+
+<p>Unzufriedenheit, Mitleid mit mir selbst und ein
+unbestimmtes Sehnen liegen mir wie eine Krankheit
+in den Gliedern.</p>
+
+<p>Und habe ich nicht recht, Mitleid mit mir zu haben?
+Ist es nicht wirklich etwas Bedauernswertes, so ein
+einsames, verlassenes, junges Geschöpf, wie ich es bin?!</p>
+
+<p>Ein wenig Liebe, ein wenig Güte und Selbstlosigkeit
+würden mir gut tun, aber wo sie finden?</p>
+
+<p>Man sagt: die Jugend ist nur glücklich in der Erwartung
+all des Großen und Schönen, was das Leben
+bringen soll, und das Alter ist glücklich, daß alles
+vorüber ist.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich habe nicht bemerkt, daß ich jung war, soll
+ich mir wünschen, alt zu sein?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe eine neue Bekanntschaft gemacht.</p>
+
+<p>Ein Deutschamerikaner, der zu Besuch nach der
+alten Heimat geht. Vom ersten Tage an habe ich
+bemerkt, daß er nach mir sah, wenn ich über Deck
+oder durch den Salon ging.</p>
+
+<p>Schon zu verschiedenen Malen hat er versucht,
+mit mir zu sprechen. Seine Augen hängen voll unverhohlener
+Bewunderung an meinem Gesicht. Wenn
+er jetzt wieder mit mir anfängt, werde ich ihn fragen,
+warum er ohne seine Frau reist.</p>
+
+<p>Ich muß auf der Hut sein, nicht noch einmal darf
+ich das Recht zu Selbstvorwürfen haben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mr. Siegel ist nicht verheiratet. Ich habe ihn gefragt,
+als er heute mit mir zu sprechen anfing.</p>
+
+<p>Ich glaube, er hatte mich abgefangen, als ich von
+der alten Frau Fletcher kam. Sie ist so krank, daß
+sie gar nicht aus dem Bett kann, ich muß sie nun
+immer für die Nacht fertig machen und tue das meist
+so gegen neun Uhr.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als ich nun vorhin von der alten Dame kam, stand
+Mr. Siegel vor dem Salon und wartete.</p>
+
+<p>Er fragte sofort, warum ich ihm aus dem Wege gehe.</p>
+
+<p>Er scheint ziemlich gerade auf sein Ziel los zu
+steuern.</p>
+
+<p>Ich sagte ihm, daß ich mich nicht entsinnen könne,
+ihm aus dem Wege gegangen zu sein, ich wüßte aber
+auch nicht, daß es zu meinen Pflichten gehöre, mich
+mit den Herren zu beschäftigen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Sie wissen ganz genau, was ich von Ihnen will.
+Sie wissen, daß ich Sie suche vom ersten Tage an. Sie
+müßten kein Weib sein, wenn Sie das nicht bemerkt
+hätten.«</p>
+
+<p>»Und wenn ich es bemerkt hätte? Was
+dann?«</p>
+
+<p>»Dann müssen Sie einen Grund haben, mir auszuweichen.
+Bin ich Ihnen unsympathisch?«</p>
+
+<p>»Das weiß ich nicht! Darüber nachzudenken
+hatte ich keine Gelegenheit. Im übrigen kann es
+Ihnen ja auch gleichgültig sein, ob ich Sie gern oder
+weniger gern mag. In einigen Tagen sind wir in
+Europa, dann gehen Sie fort und denken nicht mehr
+an uns hier. Und für uns kommen andere Passagiere,
+so daß auch wir nicht mehr lange über die Fortgegangenen
+nachdenken können.«</p>
+
+<p>»Ich werde aber an Sie denken! Und damit auch
+Sie mich nicht so rasch vergessen, gebe ich Ihnen hier
+ein kleines Andenken. In zwei Monaten komme ich
+zurück, ich hatte eigentlich schon einen Platz auf
+dem »Moltke« belegt, aber das mache ich sofort rückgängig.
+Ich fahre wieder mit diesem Dampfer.«</p>
+
+<p>»Das wird wahrscheinlich nichts werden; wir sind
+ausverkauft bis zum Herbst hinein.«</p>
+
+<p>»Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer
+auf dem <ins title="Transcriber's Note: Im Original (inkonsistent) 'Sopha'">Sofa</ins> schlafen soll, ich komme schon
+mit.«</p>
+
+<p>Es kamen Passagiere, und ich lief durch den Salon,
+unwillkürlich das lange, flache Kästchen, das Mr.
+Siegel mir in die Hand gedrückt hatte, unter der
+Schürze verbergend.</p>
+
+<p>Ich lief in mein Zimmer; ich war neugierig, was
+es war.</p>
+
+<p>Eine wunderhübsche kleine Tasche aus rötlichem
+Leder mit altsilbernen Beschlägen&nbsp;&ndash; so wie sie die
+Damen in Amerika statt des Portemonnaies tragen, war
+in dem Kasten. Wunderhübsch! Ja, aber&nbsp;&ndash; warum
+habe ich es angenommen? Ich darf das Ding doch
+nicht behalten, auf keinen Fall! Und wie kommt dieser
+Mensch dazu, mir ein solches Geschenk zu machen? Ob
+er die Tasche an Bord gekauft hat? Oder drüben?</p>
+
+<p>Einerlei, was geht es mich an. Sofort morgen früh
+werde ich mich erkundigen, wo er wohnt, und werde
+ihm die Tasche durch seinen Zimmersteward wieder
+zurückgeben lassen.</p>
+
+<p>Schade! Sie ist reizend!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich war noch ein Stündchen auf Deck. Ach, es
+ist wundervoll.</p>
+
+<p>Allein mit der Natur! Gibt es etwas Erfrischenderes
+als diese herbe, kräftige Seeluft? Wenn man
+barhäuptig dasteht und sich anblasen läßt?</p>
+
+<p>Ich fühle mich dann wie ein Mann, stark, kräftig,
+unternehmungslustig. Ach ja, ein Mann! Ich möchte
+ein Mann sein. Ein Seemann!</p>
+
+<p>Fechten mit Sturm und Wetter. Die Kräfte messen
+an den Aufgaben, die Natur und Technik uns stellt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber ich bin nur ein Weib&nbsp;&ndash; ein schwaches
+Weib&nbsp;&ndash; wie man sagt.</p>
+
+<p>Warum sind wir schwächer als die Männer?</p>
+
+<p>Und sind wir es denn wirklich?</p>
+
+<p>Könnte ich nicht ebensogut mit Ölrock und Südwester
+da oben stehen, wie der vierte Offizier, dieser
+kleine dicke Junge, der aussieht wie ein recht gut gefüttertes
+Muttersöhnchen?</p>
+
+<p>Aber nein, ich bin ein Mädchen, ich muß recht
+schön hier unten bleiben, muß zufrieden sein, wenn
+ein Mann sich herbeiläßt, mir seine Aufmerksamkeit
+zu schenken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Teufel hole sie alle! Was will nun dieser
+Siegel wieder von mir? Warum stört er meine Ruhe?</p>
+
+<p>Ich könnte ihn schon leiden, er ist ein rechter Mann.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein offenes, schönes Auge, kurzes, starkes Haar
+und einen wunderhübschen Mund, eigentlich viel zu
+schön für einen Mann.</p>
+
+<p>Auch seine ganze Art und Weise gefällt mir.</p>
+
+<p>Wie alt er wohl sein mag? Nicht mehr sehr jung.
+Fünf-, sechsunddreißig? Viel zu alt für mich mit
+meinen achtzehn Jahren.&nbsp;&ndash; Lotte, Lotte, wohin verirrst
+du dich! Geh schlafen, dann vergehen dir die
+dummen Gedanken.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Der Steward hat mir die Tasche wiedergebracht,
+Mr. Siegel kenne sie nicht; es sei wohl ein Irrtum.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nun liegt sie wieder in meiner Koje. Was mache
+ich damit? Ich kann das hübsche Ding doch nicht
+einfach über Bord werfen! Der Mann zwingt mich
+wirklich dazu, an ihn zu denken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Morgen kommen wir an. Mr. Siegel hat mich diese
+Tage nicht wieder angesprochen, nur heute abend
+war er mir auf Deck gefolgt.</p>
+
+<p>Er muß doch also gewußt haben, daß ich abends
+immer noch nach oben gehe. Nett von ihm, daß er
+mich bis jetzt nicht gestört hat. Er will allen Ernstes
+mit uns zurück und hofft, daß ich dann etwas liebenswürdiger
+zu ihm bin.</p>
+
+<p>Ich habe ihm gesagt, daß ich niemals anders zu ihm
+sein würde. Überhaupt solle er mich in Ruhe lassen. Die
+Männer seien alle schlecht, er auch&nbsp;&ndash; gewiß, er auch!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Liebes Kind, wer sagt Ihnen, daß die Männer so
+schlecht sind? Haben Sie so früh schon böse Erfahrungen
+gemacht?«</p>
+
+<p>Ich antwortete nicht. Ich wurde ganz verlegen&nbsp;&ndash;
+&ndash; wenn er wüßte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!</p>
+
+<p>»Ich habe gehört, daß Ihnen Ihr Mann nach kurzer
+Ehe gestorben ist. War er nicht gut zu Ihnen? Undenkbar!«</p>
+
+<p>»Oh, mein Mann!« rief ich, und stockte, in diesem
+Ausruf lag schon viel zu viel.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen jetzt Lebewohl sagen,« fuhr Mr.
+Siegel fort. »Lebewohl und auf Wiedersehen. Denn
+ich werde Sie wiedersehen. Und versuchen Sie einstweilen,
+ohne Vorurteil an mich zu denken. Ich war
+bis jetzt noch nie schlecht gegen eine Frau.&nbsp;&ndash; Ich
+hatte keine Zeit, mich mit ihnen zu beschäftigen,
+weder im Guten noch im Bösen. Jetzt habe ich Zeit,
+da dürfen Sie es mir nicht verdenken, wenn ich mich
+freue, daß mir ein solches Prachtexemplar in die
+Hände läuft. Doch nun Adio. Auf Wiedersehen
+in acht Wochen.«</p>
+
+<p>Er gab mir nicht die Hand, er zog nur seinen Hut
+und blieb stehen, bis ich die Treppe zum Bootsdeck hinauf
+war.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Zwei Stunden später.</p>
+
+<p>Ich kann wieder mal nicht schlafen. Ich liege
+und simuliere und grüble, bis mir die Schläfen
+hämmern.</p>
+
+<p>Diese Männer! Warum beunruhigt mich nur das
+alles? Was will er von mir?</p>
+
+<p>Welche Frage! Was sie alle von uns wollen. Außer
+ihm, außer Werner.</p>
+
+<p>Schütze du mich, Liebster, schütze mich vor mir
+selbst, vor meinen eigenen, jungen, sehnsüchtigen Gedanken.
+--</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Herrn Siegel habe ich nicht mehr gesehen bei der
+Ankunft. Es war solch ein Trubel. Die Empfangs- und
+Zollhalle ist viel zu klein bei so vielen Passagieren.</p>
+
+<p>Ein prachtvoller Rosenstrauß wurde mir heute
+früh von einem Gärtnerburschen gebracht.</p>
+
+<p>Nur eine Karte war dabei. »C. W. Siegel«&nbsp;&ndash; sonst
+nichts.</p>
+
+<p>Herr Siegel sorgt also dafür, daß ich ihn nicht
+vergesse.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mein kleiner Pit freut sich immer, wenn ich komme.
+Es ist merkwürdig, wie anhänglich so ein Tier ist.</p>
+
+<p>Es ist für mich ein Trost, doch etwas zu haben,
+was mir ganz und gar gehört; ich möchte mich nie
+von ihm trennen, ist es doch auch noch ein Stück Erinnerung
+an mein kurzes Eheglück.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Seit drei Tagen sind wir wieder auf See.</p>
+
+<p>Ich habe diesesmal ein kleines, dreijähriges Mädchen
+in meinem Zimmer, ein reizendes, kleines Ding.</p>
+
+<p>Die Mutter ist in New York und erwartet dort
+ihren Liebling.</p>
+
+<p>Eine ältere Dame brachte das Kind in Southampton
+an Bord. Ich habe sehr viel zu tun, jede freie
+Minute muß ich dem Kinde widmen. Es ist nur gut, daß
+wir nach drüben zu jetzt nicht so viel Passagiere haben,
+so bleibt mir doch etwas mehr Zeit für die Kleine.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Tagsüber setze ich die Kleine oft ein Stündchen
+in den Damensalon. Die Damen beschäftigen sich
+dann alle gern ein wenig mit ihr, und ich kann in
+dieser Zeit etwas anderes erledigen. Auch ein Herr ist
+zwischen den Passagieren, der sich oft eine ganze
+Weile mit dem Kinde beschäftigt.</p>
+
+<p>So nett und lieb spielt er mit ihm, wie ich es einem
+Manne gar nicht zugetraut hätte. Heute Nachmittag
+habe ich ihm eine Zeitlang zugesehen, ohne daß er
+mich bemerkte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mir kam Werner in den Sinn. Wie schön, wenn
+mir dieses Glück beschieden gewesen wäre.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Vorbei&nbsp;&ndash; für mich scheint kein ruhiges Glück im
+Schoße der Zeit zu harren.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Heute morgen um zehn Uhr waren wir bei Sandy
+Hook Feuerschiff und sollten schon gegen zwölf Uhr
+am Pier in Hoboken sein.</p>
+
+<p>Aber es wurde nachmittags zwei Uhr, ehe wir anlegten.
+Wie auf Bestellung kam ein Nebel, dick wie
+ein Londoner Novembernebel.</p>
+
+<p>Wir mußten warten, bis es sich wenigstens ein
+klein wenig aufgeklärt hatte, um durch die hier stets
+massenhaft aus- und einfahrenden Schiffe durchzukommen.</p>
+
+<p>Schrecklich ist so eine Verzögerung. Die Passagiere
+stellen sich dann an, als wäre der Kapitän und
+die ganze Schiffsbesatzung für das Wetter verantwortlich,
+und sie verlören durch die kleine Verzögerung
+mindestens ein halbes Vermögen.</p>
+
+<p>Unangenehm ist das Warten ja, aber am unangenehmsten
+doch für die am Pier stehenden Angehörigen.
+Diesesmal speziell für die in Angst und
+Sorge wartende Mutter der kleinen Elsie.</p>
+
+<p>Sie stand unten, als das Schiff anlegte. Ich hatte
+das Kind auf dem Arm und lehnte mich an die
+Reeling. Durch ihr heftiges Winken wurde ich aufmerksam
+und zeigte der Kleinen die Mutter, doch
+das Kind schien sie nicht mehr zu kennen.</p>
+
+<p>Der Steg war noch nicht fest, da versuchte die
+Mutter als erste heraufzulaufen; man hielt sie fest.
+Der erste Offizier, der am Fallreep stand, hatte Mitleid
+mit der Ärmsten und holte sie herauf.</p>
+
+<p>Nie werde ich den Schrei vergessen, mit dem sie
+auf mich zustürzte. Sie wollte mir das Kind aus dem
+Arm nehmen, brach aber buchstäblich vor meinen
+Füßen zusammen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>O, Mutterliebe, du rätselvolles Heiligtum, wirst
+du auch mir noch aufgehen?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Den Bemühungen des Arztes gelang es bald, die
+junge Frau zur Besinnung zu bringen. Sie saß dann
+noch ein Stündchen im Damensalon, ihr kleines Mädchen
+neben sich, und freute sich, es glücklich hier zu
+haben.</p>
+
+<p>Sie wußte gar nicht, wie sie mir danken sollte, daß
+ich ihr ihren Liebling gebracht.</p>
+
+<p>Als sie fortging, wollte sie mir etwas geben&nbsp;&ndash;
+Geld&nbsp;&ndash; ich habe es nicht genommen. So gern ich
+Geld verdiene, hier war es mir unmöglich, etwas zu
+nehmen. Die Frau sah überdies nicht danach aus, als
+ob sie mit Glücksgütern allzu reichlich gesegnet sei.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sie will mich in den nächsten Tagen noch einmal
+besuchen. Darauf freue ich mich.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mr. Siegel hatte ich ganz vergessen über meinem
+kleinen Passagier. Heute wurde ich wieder an ihn
+erinnert.</p>
+
+<p>Ein Korb wundervoller Rosen wurde für mich abgegeben.
+Alle tiefdunkelrot.&nbsp;&ndash; Der Brief, der die Bestellung
+enthalten hat, muß mit uns gegangen sein.</p>
+
+<p>Es ist doch wirklich zu reizend von ihm! Aber&nbsp;&ndash;
+Vorsicht! War nicht Herbert Smith auch sehr aufmerksam?</p>
+
+<p>Wir sind in Amerika, im Lande der Freiheit!</p>
+
+<p>Man hüte sich also!</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wir haben noch mehr Passagiere auf der Rückfahrt
+als wir erwartet hatten. Alles drängt aus
+diesem Fegefeuer fort. Uns wird es schon die paar
+Tage zu viel.</p>
+
+<p>Im Pier ist aber die Hitze auch zeitweise unerträglich.</p>
+
+<p>Kein Luftzug, dazu nachts diese hochbeinigen
+Plagegeister, die Moskitos.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Am Tage vor der Abfahrt war ein Kohlenzieher
+an Land gewesen und hatte des Guten etwas zuviel
+getan; in seinem Dusel legt er sich zwischen die Warenballen
+im Pier und schläft ein.</p>
+
+<p>Am andern Morgen konnte er nicht aus den Augen
+sehen, so zerstochen war er. Sein Gesicht sah aus wie
+eine riesige Melone.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Bald sind wir wieder daheim.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin wirklich begierig, ob mich auch da wieder
+ein blühender Gruß erwartet. Es würde mir etwas
+fehlen, wenn dem nicht so wäre..........</p>
+
+<p>Dieser Mann kennt die Frauen, obgleich er sagt,
+daß er bis jetzt noch keine Zeit für sie gehabt
+habe.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich kann mich gar nicht mehr darauf besinnen,
+was er für Augen hat. In den Augen liegt das
+Herz........</p>
+
+<p>Ich bin eine zu schlechte Menschenkennerin, da
+wird es mir wohl mit den Augen ebenso gehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wir haben nichts Besonderes an Bord diese Reise.
+Nach und nach habe ich mich auch schon so eingelebt,
+daß ich gar nicht mehr nach dem Einzelnen
+hinsehe.</p>
+
+<p>Irgend etwas passiert ja jede Reise. Auch nette
+Damen, die den Herren gern gefällig sind, gibt es fast
+immer dabei, man wird als Stewardeß doch so
+manches gewahr.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin ja nun auch nicht mehr so dumm.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Diesesmal ist in Nr. 42 eine Jüdin, ein schönes,
+üppiges Weib, ich möchte darauf wetten, daß der
+Geigenvirtuose aus Nr. 10 nicht nur zu einer Tasse
+Tee zu ihr geht, wenn er abends um zehn Uhr immer
+so rasch ins Zimmer schlüpft.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Morgen sind wir da. Ich bin ganz unruhig vor
+lauter Erwartung, ob ein duftender Gruß da ist.</p>
+
+<p>Dieser böse Mensch bringt mit seinen Rosen meine
+ganze, mühsam erzwungene Ruhe wieder in Aufruhr.</p>
+
+<p>Was er wohl ist? Ob er ein Geschäft hat? Oder
+vielleicht Farmer? Das wäre schön! Ich mochte
+immer gern auf dem Lande sein, nur einmal hatte
+ich Sehnsucht nach der Stadt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber was fällt mir denn ein! Ich glaube, ich
+träume wachenden Auges. Was geht es mich an, was
+dieser Mann ist?</p>
+
+<p>Aber seine Rosen sind doch schön.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Rote Rosen! Rot wie Rubinen oder wie Blutstropfen,
+die aus dem Herzen eines liebenden Weibes
+strömen.</p>
+
+<p>Gleich bei meiner Ankunft wurde mir ein Korb
+gebracht.</p>
+
+<p>Ich war ordentlich zufrieden als sie ankamen. Als
+ob ich ein Recht darauf hätte.</p>
+
+<p>Das Herz ist ein sonderbares Ding, die besten Vorsätze
+wirft es über den Haufen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich will noch bis Oktober fahren, dann bleibe ich
+drüben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich werde auf dieser Reise einmal zu den Pfarrersleuten
+gehen in der II. Avenue; die sind lange im
+Lande, über dreißig Jahre, die werden mir gewiß raten.</p>
+
+<p>Bis jetzt war ich noch nicht ein einziges Mal in
+New York; es war mir immer noch etwas unbehaglich
+bei dem Gedanken. Nur Hoboken und der Kirchhof
+auf dem Berge, das waren meine Ausgehziele.</p>
+
+<p>Nach Werners Grab mochte ich die letzte Zeit gar
+nicht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen.&nbsp;&ndash; Ich habe
+immer das Gefühl, als ob Werner es wissen müßte, daß
+ich ihm untreu war, wenn auch nur in Gedanken. Doch
+wenn er es weiß und als verklärter Geist oder als Astralkörper
+um mich ist, dann wird er auch mein Inneres
+kennen, wird die Leidenschaften und Triebe verstehen,
+die die Natur in mich gelegt&nbsp;&ndash; und mir verzeihen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Der Rechtsanwalt ist diese Reise wieder hier.</p>
+
+<p>Er kam gleich auf mich zu, als die Passagiere ankamen,
+und schien sich wirklich zu freuen.</p>
+
+<p>Es kann ja sein, daß er ein ganz guter Mensch ist
+und absolut nichts Böses mit mir im Sinne hat, aber
+nach meiner schlimmen Erfahrung von damals sehe ich
+beinahe in jedem männlichen Wesen einen Schuft.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir haben auch schon wieder allerlei Passagiere
+nach drüben zu, da die Heimkehr der Vergnügungsreisenden
+bereits wieder einsetzt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Abends elf Uhr.</p>
+
+<p>Ich habe wieder einmal ein Stündchen auf meinem
+Lieblingsplätzchen gesessen. Wir haben so wunderbar
+schönes, klares Wetter, daß man meint, die hellen, leichten
+Wölkchen, die da und dort eilend am Himmel hinziehen,
+wären von der Hand eines gottbegnadeten Künstlers
+auf diesen durchsichtigen Hintergrund gemalt.</p>
+
+<p>Mit sehnsüchtigen Blicken folgen ihnen meine
+Augen.</p>
+
+<p>Was drängt und treibt in meiner Brust? Wo liegt
+für mich die Zukunft? Die Zukunft und das Glück?</p>
+
+<p>Wenn ich nur nicht mehr so gar jung wäre! Wie
+ruhig und zufrieden ist meine Kollegin, sie freut sich,
+wenn sie so viel verdient, daß sie gut für ihre Kinder
+sorgen kann, weiter gehen ihre Wünsche nicht. Wäre
+ich wenigstens vierzig Jahre alt. Vierzig Jahre! Eine
+lange Wegstrecke liegt vor mir bis dahin. Werde ich
+sie allein zurücklegen oder&nbsp;&ndash;?</p>
+
+<p>Die Luft ist klar und rein, ich aber stehe wie in
+einem dicken, undurchdringlichen Nebel.</p>
+
+<p>Was verbirgt er vor mir?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Geh schlafen, Lotte, geh schlafen! Was hilft dein
+Grübeln über Jugend und Alter, solange noch das
+Blut heiß und verlangend durch die Adern pulst.</p>
+
+<p>Ach, es ist schwer, den ruhig abgemessenen Schritt
+der reiferen Jahre zu wandern.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mr. Turner, der Rechtsanwalt, bat mich heute,
+ihm einen Tag zu bestimmen, an dem ich mit ihm
+ausgehen wolle.</p>
+
+<p>Ich habe ihm gesagt, ich ginge nicht mit fremden
+Herren spazieren.</p>
+
+<p>Er machte mir darauf den Vorschlag, noch jemand
+von Bord mitzunehmen, falls ich nicht mit
+ihm allein gehen wolle.</p>
+
+<p>Wir sollten bei ihm zu Mittag essen und Nachmittags
+würden wir eine schöne Ausfahrt machen, in
+den Centralpark oder nach Coney Island hinüber. Da
+hätte ich nun wirklich Lust. Von Coney Island habe ich
+schon so viel gehört.&nbsp;&ndash; Aber wen soll ich mitnehmen?</p>
+
+<p>Ich muß mal mit meiner Kollegin sprechen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Gestern abend hatten wir ein tragikomisches Erlebnis
+in der zweiten Kajüte. Im zweiten Salon war
+Konzert; ich ging über den Vorplatz, um noch einige
+Minuten auf Deck zu gehen; da wurde gerade der
+Brautchor aus Lohengrin gespielt.</p>
+
+<p>Ich blieb an der Treppe stehen und hörte zu. Da
+kam eine Dame aus dem Salon und verwickelte mich
+in ein Gespräch; wir setzten uns auf das Sofa und
+plauderten immer weiter.</p>
+
+<p>Im Salon wurde mittlerweile ein Gassenhauer
+oder so etwas Ähnliches gespielt, bei dem die Musiker
+mitsangen. Am Schluß kam immer der Refrain:
+Aujust, sollst mal runter kommen! Aujust! Aujust!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Neben dem Salon am Fuße der Treppe liegt auf
+der Backbordseite die Herrentoilette.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In dem Augenblick als im Salon das Singen aufhörte,
+flog die Tür zur Toilette auf; der Rechtsanwalt,
+notdürftig sein Beinkleid mit den Händen haltend,
+stürzt angsterfüllt einige Stufen die Treppe herauf
+auf uns zu und stammelt: »Feuer? Feuer im Schiff?«
+Dann brach er zusammen.</p>
+
+<p>Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was los
+war, dann begriff ich den Zusammenhang.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aujust&nbsp;&ndash; Feuer. So hatte er mißverstanden.</p>
+
+<p>Der arme Kerl, er schämte sich hernach seiner
+Furcht, und am andern Tage war er ganz krank, er
+hatte einen richtigen Nervenchock gehabt. Der Vorfall
+kam auch vor den Kapitän, und in Zukunft dürfen
+solche Sachen nicht mehr gespielt werden. Obgleich
+die Passagiere, wenn sie in Stimmung sind, immer
+gerade diesen Blödsinn haben wollen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mr. Turner ist wieder wohlauf. Zuerst schien es ihm
+ein wenig peinlich zu sein, daß ich ihn in dieser Verfassung
+gesehen, aber am zweiten Tage hatte er sein
+ganzes Selbstbewußtsein wiedergefunden. Er läßt nicht
+nach mit Bitten, einen Tag mit ihm auszugehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Frau Martens, meine Kollegin, will mich begleiten,
+und außerdem will unser Kapellmeister,
+der ein Landsmann von Frau Martens ist, auch
+noch mit.</p>
+
+<p>Er sagte zwar zu mir: »Wenn der Mensch etwas
+Böses im Schilde führt, nützt unsere Begleitung auch
+nichts. Wenn er mit Ihnen allein sein will, braucht
+er bloß einen Schutzmann anzurufen und ihm zu
+sagen, daß wir ihn belästigen, und sofort werden wir
+beide mitgenommen. Der Rechtsanwalt gibt seine
+Adresse an, und der ehrenwerte Hüter des Gesetzes
+weiß, daß er am anderen Tage ein schönes Geschäft
+macht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Uns beide lassen sie nach einigen Stunden laufen,
+sie haben sich dann eben geirrt.«&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ja, ja, in Amerika wird alles gemacht.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wir gehen doch! Der Kapellmeister ist schon
+öfter in Coney Island gewesen und sagt, es sei sehr
+interessant. Und ich möchte zu gern mal hin. Seit
+ich hier an Bord bin, war ich noch nicht ein einziges
+Mal an Land, außer auf dem Kirchhof. Auch da will
+ich hin in diesen Tagen. Ich muß zu Werner, um in
+seiner Nähe meine Gefühle zu prüfen. Ich bin über
+mich selbst in Unruhe.</p>
+
+<p>Acht Monate sind es her, seit Werner tot ist; ich
+dachte damals, ich würde nie wieder lachen können,
+würde nie wieder an ein Vergnügen denken, und jetzt?</p>
+
+<p>Ich schäme mich manchmal meiner selbst.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Heute, am Ankunftstag, war auch wieder ein Korb
+Rosen für mich da. Ich hatte beinahe nicht daran
+gedacht über all dem Ankunftstrubel.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir hatten einen Ausreißer an Bord und wußten
+nichts davon. Erst als bei Sandy Hook Bundesmarschall
+Bernhard an Bord kam, erfuhren wir, was
+wir für interessante Ladung gehabt hatten.</p>
+
+<p>Einen Bankdirektor mit seiner Geliebten.</p>
+
+<p>Dieser Bernhard ist ein schrecklicher Spürhund,
+er hatte die beiden sofort.</p>
+
+<p>Der Herr, der unter anderm Namen in die Passagierliste
+eingetragen war, wurde leichenblaß, als Bernhard
+ihn plötzlich ganz jovial mit seinem rechten
+Namen anredete. Er tat mir ordentlich leid.</p>
+
+<p>Nun müssen beide wieder mit zurück, aber dieses
+Mal nicht in der ersten Kajüte.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe erst heute, nachdem wir schon wieder
+zwei Tage auf See sind, einige Minuten Zeit, ein wenig
+mit dir zu plaudern.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin also wirklich mit Mr. Turner ausgewesen.
+Frau Martens und der Kapellmeister sind mit mir
+gegangen.</p>
+
+<p>Mr. Turner holte uns am Ferryboot ab und ging
+erst mit uns nach dem Hoffmannhaus, wo wir ein
+Glas Wein tranken. Dann rief er ein Auto und fuhr
+mit uns durch den Park.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich wäre furchtbar gern mal den Broadway hinauf
+gefahren und hätte nach dem Hause gesehen, aber
+ich wagte nicht, etwas davon zu sagen.</p>
+
+<p>Wer weiß auch, ob ich es gefunden hätte. Ich
+bin bei Nacht heraus, ich weiß nicht mal, wie es
+aussieht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nach der Fahrt haben wir dann am oberen Broadway
+gegessen; geluncht, wie man hier sagt.</p>
+
+<p>Mittags um eins lunchen sie und abends um sechs
+essen sie zu Mittag.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nachdem fuhren wir hinüber nach Coney Island.</p>
+
+<p>Mr. Turner war sehr nett und ganz anständig zu
+mir. Aber&nbsp;&ndash; aber&nbsp;&ndash; ein Wolf im Schafspelz ist er
+doch.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Unterwegs hat er mir erzählt, er habe keine Frau,
+und nun ist er doch verheiratet, deshalb hat er auch
+im Restaurant mit uns gegessen. Er sagt natürlich,
+er lebe schon seit Jahren getrennt von seiner Frau,
+innerlich seien sie schon längst geschieden und
+nur der Kinder wegen dränge er auf keine öffentliche
+Scheidung.</p>
+
+<p>»Bis jetzt ist es mir auch gleichgültig gewesen,«
+sagte er im Laufe des Gesprächs. »Aber seit ich Sie
+gesehen, drückt mich die Fessel. Noch nie habe ich
+ein Weib gekannt, das all meine Sinne und Gedanken
+so gefangen genommen hat wie Sie. Könnten Sie
+mich lieben? Könnten Sie vergessen, daß ich kein
+freier Mann bin, und könnten Sie trotzdem Ihr Geschick
+in meine Hände legen? Ich würde alles für
+Sie tun!«</p>
+
+<p>»Wie meinen Sie das? Sie sagten doch selbst, daß
+Ihre Frau noch lebt.«</p>
+
+<p>»Ich sagte Ihnen doch, heiraten kann ich Sie nicht,
+so gern ich auch möchte. Aber trotz alledem, Sie
+sollen leben wie eine Fürstin, wenn Sie mich nur ein
+klein wenig wiederlieben.........</p>
+
+<p>Ich bin reich, reicher als die Welt vermutet. Sie
+sollen alles haben, was Ihnen das Leben angenehm
+machen kann. Reisen, Schmuck, Toiletten, eine
+reizende kleine Wohnung, und nichts anderes sollen
+Sie mir dafür geben als sich selbst, Ihren schönen
+jugendlichen Körper, Ihre Liebe.«</p>
+
+<p>&ndash; Nichts anderes?!!&nbsp;&ndash; Ah!</p>
+
+<p>»Und Ihre Frau?«</p>
+
+<p>»Oh, meine Frau!« sagte er mit einer wegwerfenden
+Handbewegung. »Was geht sie mich an? Ich
+gebe ihr genug, daß sie ein vornehmes Leben führen
+kann, mehr verlangt sie nicht von mir. Das einzige,
+was mich an unser Haus fesselt, sind die Kinder.
+Keinen Augenblick würde ich mich besinnen, meine
+Ehe zu lösen, wenn die Kinder nicht wären.«&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er sprach gut, der Herr Rechtsanwalt, und vielleicht
+hätte er Erfolg gehabt, hätte eine andere
+neben ihm gesessen, ein harmloses, dummes Ding.
+Aber so!</p>
+
+<p>Doch es hieß vorsichtig sein, ihn nicht vor den
+Kopf stoßen, damit unser schöner Ausflug nicht mit
+einem Mißton endete.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Frau Härtens und Herr Lünsberg saßen auf der
+andern Seite des Fährbootes&nbsp;&ndash; wir waren auf der
+Rückfahrt von Coney Island&nbsp;&ndash; und unterhielten sich;
+sie ahnten nicht, was Herr Turner für wunderschöne
+Luftschlösser vor mir aufbaute.</p>
+
+<p>»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Turner. Aber
+Sie werden verstehen, es ist eine Sache, die überlegt
+sein will. Geben Sie mir eine Reise Bedenkzeit, ich
+will mit mir zu Rate gehen, es ist doch immerhin eine
+einschneidende Frage, die Sie da an mich stellen.«</p>
+
+<p>»Gewiß, gewiß, das kann ich verstehen. Nur
+sagen Sie mir das eine, lieben Sie einen andern Mann?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte ich mit voller Überzeugung, »ich
+liebe keinen Lebenden. Der einzige, den ich geliebt,
+der liegt drüben in Jersey City unterm kühlen Rasen.«</p>
+
+<p>Er schwieg einen Augenblick, die Erinnerung an
+den Tod war ihm wohl etwas unbehaglich. Dann fuhr
+er rasch fort:</p>
+
+<p>»Dann bin ich beruhigt. Wenn mir sonst nichts
+im Wege steht, werden Sie mich lieben lernen. Ich
+werde so gut zu Ihnen sein, daß Sie gar nicht anders
+können.«</p>
+
+<p>Ich schwieg. Was sollte ich darauf erwidern?
+Mochte er glücklich sein in dem Gedanken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als wir in New York ankamen, war es bereits neun
+Uhr. Doch Mr. Turner in seiner frohen, siegesgewissen
+Stimmung ließ uns noch nicht los. Wir
+mußten noch mit ihm dinieren. Er fuhr uns zum
+Atlantic-Garden, einer kleinen Oase in dem Steinmeer
+der Großstadt, und da haben wir noch ein paar
+wirklich vergnügte Stunden verlebt.</p>
+
+<p>New York kann also auch schön sein, wenn man
+es in der rechten Gesellschaft und in der rechten Beleuchtung
+sieht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Unser splendider Gastgeber ließ ein Menü zusammenstellen,
+das sich essen ließ. Dazu einen wirklich
+guten Chambertin.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir waren alle in bester Stimmung, unser Kapellmeisterchen
+hatte sogar einen regelrechten kleinen Spitz.</p>
+
+<p>Alle unsere guten Vorsätze waren vergessen, und
+wenn jetzt der Rechtsanwalt etwas Böses im Schilde
+geführt hätte, wäre es ihm nicht schwer geworden,
+es auszuführen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber er selbst war viel zu selig, zweimal selig:
+vom Wein und von der Liebe.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Es war ein schöner Tag, ich kann nicht anders
+sagen, und es hat mich nicht gereut, mitgegangen zu
+sein. Die Arbeit geht noch einmal so gut von der
+Hand, wenn man dazwischen auch einmal ein wenig
+Vergnügen hat. Schwarzbrot allein schmeckt auch
+nicht immer.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir haben zur Heimreise das Schiff nicht mehr
+sehr voll; im August flaut es immer stark ab. Auf
+der nächsten Ausreise werden wir dafür um so mehr
+Passagiere haben; sicher sind auch alle Offizierszimmer
+vermietet.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ob wohl Mr. Siegel mitkommt? Ob er noch
+einen Platz erhalten hat? Ich muß doch sehen,
+daß ich so bald wie möglich eine Passagierliste
+bekomme.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin wirklich neugierig&nbsp;&ndash; nur neugierig.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich will froh sein, wenn diese Reise zu Ende ist.
+Ich habe eine Unruhe in mir, die mich kaum schlafen
+läßt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ist es die Ahnung vor etwas Unbestimmtem?</p>
+
+<p>Wenn ich jemand hätte, der mir nahe stünde,
+so würde ich fürchten, es sei etwas passiert, aber so?
+Wessen Geschick geht mich etwas an? Nur mein
+kleiner Pit freut sich auf mein Kommen, sonst niemand.
+&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Der übliche Rosenstrauß erwartete mich, aber
+kein Wort, ob er kommt. Ich bin so erregt, daß ich
+gar nicht weiß, wie ich die Tage hinbringen soll.</p>
+
+<p>Warum beunruhigt mich dieser Mann so mit seinen
+Blumen?</p>
+
+<p>Eine leichtsinnige Tändelei sieht ihm nicht ähnlich.</p>
+
+<p>Dieser breitschultrige, kräftige Mann mit den
+scharfen Zügen hat mir nicht den Eindruck gemacht,
+als ob er seine Zeit mit Nichtigkeiten hinbrächte.</p>
+
+<p>Wäre es doch schon Mittwoch! Die Tasche habe
+ich noch nicht ein einziges Mal gebraucht, wann
+sollte ich auch? Noch bin ich in Trauer um meinen
+Gatten, und meine schwarzen Kleider vertragen keine
+so prunkvollen Beigaben.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Morgen fahren wir ab. Ich bin in einer Unruhe,
+für die ich mir selbst am liebsten die Erklärung
+schuldig bliebe.</p>
+
+<p>Ich kann nicht sagen, daß ich mich glücklich
+fühle, im Gegenteil, mir ist ganz miserabel zumute.
+--</p>
+
+<p>Ich habe mir die Passagierliste beim Obersteward
+durchgesehen, sein Name ist nicht darin.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber was geht es schließlich auch mich an, mit
+welchem Schiff Mr. C. W. Siegel aus Chikago nach
+Hause fährt.</p>
+
+<p>Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten,
+Lotte, und schäme dich! Jawohl, schäme dich!
+Schreib' es ruhig nieder, damit du es schwarz auf
+weiß vor dir hast. Gefällt es dir? Ganz ohne beschönigendes
+Mäntelchen? Denkst schon wieder an
+einen Mann und läßt dich durch den Gedanken an
+ihn beunruhigen, noch ehe dein Gatte ein Jahr tot ist!</p>
+
+<p>Er, der so gut zu dir war und den du nie vergessen
+wolltest!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Gewiß, ich schäme mich. Aber gibt es nicht
+doch eine Entschuldigung für mich? Ist es
+nicht natürlich, wenn ich in meinem Alter den
+Wunsch habe, noch einmal wieder in andere Verhältnisse
+zu kommen. Und daß ich dies nur an der
+Hand eines guten, starken Mannes kann, weiß ich
+jetzt. Hätte ich etwas Tüchtiges gelernt, dann wäre
+es etwas anderes, aber so?</p>
+
+<p>Ich möchte recht stark und selbständig sein.
+Ein Weib wie Katharina die Zweite oder, um in der
+Jetztzeit zu bleiben, wie Henriette Goldsmith. Zielbewußt
+und kraftvoll.</p>
+
+<p>Vielleicht werde ich es noch. Schicksal und Schicksalsschläge
+schmieden Charaktere.</p>
+
+<p>Und ich will mir Mühe geben, ein ganzer Mensch
+zu werden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Männer sind besser daran als wir Frauen,
+schon von klein auf wird mehr Selbstbewußtsein in
+sie hineingepflanzt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>An uns rächt sich die alte Vernachlässigung.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nur ein Mädchen!</p>
+
+<p>Ich habe mir immer gewünscht, ein Mann zu sein,
+nun will ich mein Bestes tun, um ein kraftvolles,
+selbstbewußtes Weib zu werden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Er ist doch da. Und ich habe mich gefreut, als
+ich ihn das Fallreep heraufkommen sah, als ob mir
+Gott weiß was widerfahren wäre.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn ich mir selbst Rechenschaft ablegen sollte,
+warum ich mich so gefreut, so kann ich es nicht
+sagen, und doch ist es so; dich, mein kleines Buch,
+brauche ich ja nicht zu belügen.</p>
+
+<p>Es war mir, als würde ein Druck von meinem
+Herzen genommen.</p>
+
+<p>Auch seine Augen leuchteten auf, ich sah es wohl,
+bin dann aber rasch nach unten gegangen in mein
+Zimmer.</p>
+
+<p>Mittags ein Uhr gingen wir in See, und jetzt ist
+es vier Uhr.</p>
+
+<p>Ich habe eine abergläubische Furcht, aus der
+Kabine zu gehen, und doch muß ich mich
+jetzt nach meinen Passagieren umsehen. Also geh'
+an die Arbeit, Lotte, wovor fürchtest du dich?
+Fürchtest du dich vor etwas, das du herbeigesehnt?</p>
+
+<p>Das Herz ist ein sonderbares Ding, es will oft
+ganz etwas anderes als&nbsp;&ndash; als&nbsp;&ndash; Lotte, Lotte&nbsp;&ndash; sag'
+ruhig die Wahrheit.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mr. Siegel hat meine Gewohnheit nicht vergessen.</p>
+
+<p>Nachdem ich ihn den ganzen Nachmittag nicht
+gesehen, stand er auf Deck, als ich etwas nach neun
+Uhr nach oben ging.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Um die Wahrheit zu sagen&nbsp;&ndash; ich hatte es erwartet.
+Es wäre widersinnig gewesen, wenn er mich
+nicht gesucht hätte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Rosengaben wären dann nur einer Laune entsprungen,
+und danach sieht er mir nicht aus.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als ich die Treppe zum Bootsdeck heraufkam,
+war ich vom Licht noch etwas geblendet und konnte
+die dunkle Gestalt an der Ecke des Skylights nicht
+gleich entdecken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Guten Abend, Frau Lotti,« scholl eine gedämpfte
+Stimme aus dem Halbdunkel.</p>
+
+<p>Ich war im Augenblick doch etwas erschrocken.</p>
+
+<p>»Oh! Sie sind es, Mr. Siegel! Wie geht es Ihnen?«</p>
+
+<p>»Ausgezeichnet! Und Ihnen? Haben Sie zuweilen
+an mich gedacht?«</p>
+
+<p>»Dafür haben Sie ja gesorgt. Ich muß mich wohl
+bedanken für die schönen Blumen&nbsp;&ndash; aber&nbsp;&ndash; warum
+haben Sie das getan? Warum&nbsp;&mdash;«.</p>
+
+<p>»Warum? Das fragen Sie noch? Aber ich will
+es Ihnen erklären, wenn es einer Erklärung bedarf,
+wenn Ihnen Ihr Herz nicht selbst die Antwort gibt.
+Sagen Sie mir die Wahrheit, Frau Lotti, muß ich Ihnen
+wirklich mein Tun mit dürren Worten erklären?«</p>
+
+<p>Ich wurde über und über rot, es war gut, daß es
+dunkel war, so sah er meine Verlegenheit nicht. Ich
+wußte nicht, was ich ihm antworten sollte.</p>
+
+<p>Es ist schrecklich! Vorläufig bin ich noch weit
+von meinem Ideal entfernt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mr. Siegel fuhr fort: »Sagen Sie mir nur das eine:
+Haben Sie zuweilen an mich gedacht?«</p>
+
+<p>»Das mußte ich schon. Ihre schönen Rosen sorgten
+dafür, daß ich den Spender nicht vergaß.«</p>
+
+<p>»Und haben sie Ihnen Freude gemacht?«</p>
+
+<p>»Gewiß, das heißt bedingungsweise. Um die
+Wahrheit zu sagen, haben sie mich mehr beunruhigt
+als erfreut. Kurz und gut&nbsp;&ndash; Sie hätten es
+nicht tun sollen, Mr. Siegel.«&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich hatte meine Verlegenheit überwunden und
+sprach nun ruhig und sachlich.</p>
+
+<p>Einen Augenblick schwieg er und sah mich forschend
+an, dann sagte er kurz und ohne Umschweife:
+»Wollen Sie meine Frau werden?«</p>
+
+<p>Das war kurz und bündig.</p>
+
+<p>Einen Augenblick blieb es still zwischen uns, dann
+sagte ich langsam: »Wissen Sie denn auch, wen Sie
+zu Ihrer Frau begehren?«</p>
+
+<p>Einen Moment stutzte er, dann sagte er: »Ich
+frage nicht nach dem Woher. Ich verlasse mich auf
+meine Augen und auf meinen Instinkt. Ich habe
+mich bis jetzt noch nie geirrt, wenn ich mir jemand
+für eine wichtige Sache ausgesucht habe. Ich nehme
+auch hier die Verantwortung auf mich.«</p>
+
+<p>»Und daß ich nach Woher und Wohin fragen
+könnte, daran denken Sie wohl nicht? Leiden Sie
+auch an der allgemein verbreiteten Einbildung der
+Herren, wonach ein Weib froh sein muß, wenn ein
+Mann es begehrt?«</p>
+
+<p>»Aber, teure Frau, Sie tun mir unrecht. Im Gegenteil,
+ich würde es als ein ganz unerhörtes Glück betrachten,
+wenn Sie mich nur ein wenig, ein ganz klein
+wenig lieben könnten. Und alles, was Sie über meine
+Person wissen müssen, das sollen Sie erfahren.</p>
+
+<p>Ich bin kein Mann von vielen Worten, aber das
+muß ich Ihnen sagen: vom ersten Sehen an stand
+es bei mir fest: Die soll es sein.&nbsp;&ndash; Ich glaube, Sie
+können ein guter Kamerad sein, Frau Lotti! Nicht
+wahr?«</p>
+
+<p>Ich stand wortlos da.</p>
+
+<p>Was sollte ich sagen? Hier war Erlösung aus dem
+jetzigen Verhältnis. Aber&nbsp;&ndash; noch liebte ich diesen
+Mann nicht, so sehr ich mich auch auf ihn gefreut
+hatte. Noch liebte ich ihn nicht, das war mir klar.
+Er ist mir sehr sympathisch, er hat ein schönes Organ,
+und überhaupt sein ganzes Wesen ist mir überaus
+angenehm.</p>
+
+<p>Er ist nicht hübsch, kein sogenannter schöner
+Mann. Aber das ist auch nicht nötig; meist sind
+schöne Männer unausstehlich eitel.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Haben Sie keine Antwort für mich, Frau Lotti?«
+fragte die Stimme neben mir.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Geben Sie
+mir Zeit. Und dann&nbsp;&ndash; Sie wissen, daß mein Mann
+erst seit elf Monaten tot ist, ich habe ihn sehr geliebt.«</p>
+
+<p>»Ich weiß es. Ich bin nicht eifersüchtig auf den
+Toten. Ich gönne ihm gern Ihr schmerzliches Gedenken.
+Sie selbst aber gehören dem Leben, dem
+roten, leuchtenden, vollpulsierenden Leben.«</p>
+
+<p>Er griff nach meiner schlaff herniederhängenden
+Hand und drückte einen feurigen Kuß darauf.</p>
+
+<p>Hastig zog ich sie zurück.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich jetzt allein, Mr. Siegel. Ich muß
+noch ein Stündchen allein mit dem Meere sein.
+Morgen, übermorgen, sprechen wir weiter darüber.«</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich nicht zu lange warten, teure
+Frau. Ich warte, warte mit Ungeduld.«</p>
+
+<p>Als er gegangen, lehnte ich mich über die Reeling
+und sah in das schäumende Wasser. Wie Myriaden
+kleiner Fünkchen brach es sich in den Wellen am
+Bug des Schiffes.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch das Meer hat seine Sterne! Oder sind es
+Sterne, die vom Himmel gefallen sind?</p>
+
+<p>Gefallene Sterne?</p>
+
+<p>Gefallene Sterne&nbsp;&ndash; und doch leuchten sie noch.</p>
+
+<p>Könnte ich es als Sinnbild betrachten! Als Sinnbild
+meines Lebens?.........</p>
+
+<p>Was für eine Antwort werde ich diesem Manne
+geben? Was für eine Antwort darf ich ihm geben?</p>
+
+<p>Ist es Betrug, wenn ich sein Weib werde, ohne
+ihm zu sagen, was hinter mir liegt?</p>
+
+<p>Hat er ein Recht auf meine Vergangenheit?</p>
+
+<p>&mdash;&nbsp;&ndash; Nein, er hat kein Recht darauf.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich weiß, ich stehe im Widerspruch mit unseren
+herrschenden Anschauungen, ich weiß, ich muß diesen
+Entschluß mit meiner Ruhe erkaufen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sei es drum!</p>
+
+<p>Nie würde es dem Manne einfallen, dem Weibe,
+das er erwählt, vor der Hochzeit alle dunklen Punkte
+seiner Vergangenheit aufzudecken. Er fühlt sich
+viel zu wohl in der Rolle des Helden, zu dem man
+hinaufsieht, um diesen Nimbus von selbst zu zerstören.
+--</p>
+
+<p>Warum soll ein Weib nicht dieselben Rechte
+haben?</p>
+
+<p>Gleiches Recht für alle!</p>
+
+<p>Der Mann ist aus genau demselben Stoff wie die
+Frau. Das, was er als Vorrecht für sich in Anspruch
+nimmt, hat er sich selbst angemaßt. Ich will dieselben
+Rechte beanspruchen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das Weib befindet sich dem Manne gegenüber
+sowieso in ständiger Notwehr&nbsp;&ndash; und da sind alle
+Mittel erlaubt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Liebe und Glück! Sind sie immer zusammen, diese
+beiden?</p>
+
+<p>Oder kann ich auch ohne Liebe ein wenig Glück
+in der Ehe finden? Ich bin schon jetzt entschlossen,
+den Antrag dieses Mannes anzunehmen. Ich bin
+ihm zugetan und ich glaube, er ist ein Mann, den man
+achten muß. Daß ich zu ihm aufsehe, wie zu einem
+Halbgott, wie man es so oft in überschwenglichen
+Romanen liest, das verlangt er nicht von mir.&nbsp;&ndash;
+Und ich würde es auch nicht tun.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mr. Siegel schickt mir soeben einen Brief.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nicht eigentlich einen Brief, es sind vielmehr Aufzeichnungen
+über sein Leben und Wirken. Kurz und
+prägnant, ganz wie er selbst.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als sechzehnjähriger Junge aus Deutschland ausgewandert,
+hat er in Amerika so ziemlich alles versucht,
+was Arbeit heißt, bis er durch Zufall nach
+Chikago verschlagen worden ist.</p>
+
+<p>Mit fünf Cents in der Tasche ist er dort angekommen,
+heute besitzt er eine große Fleischkonservenfabrik
+und beschäftigt bereits über hundert Personen.</p>
+
+<p>Das ist gewiß etwas! Für mich ist es die erste
+Staffel auf der Leiter.&nbsp;&ndash; Ich bin mir bewußt, daß
+wir, falls ich die Gattin dieses Mannes werde, auf
+dieser Staffel nicht stehen bleiben werden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Hat mich das Leben um das Schönste betrogen,
+so soll es mir dafür etwas anderes geben: Reichtum.</p>
+
+<p>Und dieser Mann ist dazu wie geschaffen, mit ihm
+muß es sich gut und sicher wandern lassen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber noch will ich warten. Ein Jahr wenigstens
+will ich den Witwenschleier tragen.</p>
+
+<p>Obgleich&nbsp;&ndash; wenn ich mir gegenüber ehrlich sein
+will&nbsp;&ndash; es ja doch nur äußerlich ist. In Wirklichkeit
+war ich dem Toten doch schon längst untreu. Denn
+auch der Gedanke an einen anderen Mann ist Treulosigkeit.
+--</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Heute, am Tage vor der Ankunft in New York habe
+ich mich mit Mr. Siegel ausgesprochen.</p>
+
+<p>Ich bin sehr zufrieden, ich glaube, daß ich diesen
+Schritt nicht bereuen werde.</p>
+
+<p>Mr. Siegel ist ein Mann von außergewöhnlicher
+Regsamkeit, den das Leben ganz gehörig zwischen
+die Scheren genommen hat.</p>
+
+<p>Daß er sich nicht hat unterkriegen lassen, ist ein
+gutes Zeichen. Wir passen in gewisser Weise sehr gut
+zusammen, auch ich habe mich nicht zermalmen lassen.</p>
+
+<p>Nur darf er das nicht wissen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Hoffentlich fragt er mich nie nach meiner Vergangenheit.
+Sagen würde ich ihm doch nichts, aber
+es ist gut, wenn ich nicht zu lügen brauche.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wir haben soeben einen recht heftigen Gewittersturm
+gehabt.</p>
+
+<p>Niemand dachte mehr an schlechtes Wetter so
+kurz vor der Ankunft, und alles freute sich schon auf
+morgen, da kam noch einmal ganz unerwartet die
+Seekrankheit. Beim Diner waren fast alle Plätze leer,
+sogar die Herren konnten nicht widerstehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin nachher noch auf Deck gewesen, es war
+wunderbar klare, schöne Luft, nachdem es ausgetobt.</p>
+
+<p>Mr. Siegel suchte mich auf und hat allerlei mit mir
+besprochen.</p>
+
+<p>Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme,
+meine überflüssigen Sachen verkaufen und als Passagier
+mit der »<ins title="Transcriber's Note: Im Original (inkonsistent) 'Nirvana'">Nirwana</ins>« zurückkommen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das erstere werde ich tun, das letztere nicht,
+wozu?</p>
+
+<p>Ich fahre als Stewardeß und mustere in New York
+ab, wozu unnütz Geld ausgeben?</p>
+
+<p>Vorläufig habe ich sowieso nicht allzu viel, und
+es widerstrebt mir, etwas von ihm anzunehmen,
+bevor ich sein Weib bin.</p>
+
+<p>Auf der Rückreise können sie mich an Bord ganz
+gut entbehren, wir haben nach draußen zu jetzt doch
+wenig Passagiere.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber meinen süßen, kleinen Pit muß ich mitnehmen.
+Ob er wohl seekrank wird?</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Gestern bin ich noch einmal an Werners Grab gewesen.
+Ich habe Abschied genommen auf lange Zeit,
+vielleicht für immer.</p>
+
+<p>Es war, trotz aller schlimmen Erfahrungen, ein
+seliges Stück meiner Jugend, das da oben auf dem stillen
+Friedhof auf der Höhe ruht. Die schmerzlichen
+Tränen, die ich geweint, bringen es mir nicht zurück.</p>
+
+<p>Und doch, wie wandelbar ist der Mensch!</p>
+
+<p>Wer mir vor elf Monaten gesagt hätte, daß ich
+einmal wieder so ruhig über alles denken würde, ich
+hätte ihn für roh und gefühllos gehalten. Und nun?
+Ja, ja, es ist schon so, das Leben ist brutal.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Zum letzten Male zu Hause.</p>
+
+<p>Noch einmal bin ich um den Außendeich gegangen.
+--</p>
+
+<p>Es wird Herbst. Kalt und unfreundlich bläst der
+Wind über das Wasser. Die Sonne hat ihre strahlende
+Glut verloren, fahl und glanzlos versinkt sie in den
+Wellen.</p>
+
+<p>Lange starre ich in die verglimmenden Farben.</p>
+
+<p>Könnte ich schauend vergessen, was mir das Leben
+getan!</p>
+
+<p>Doch Kopf hoch! Ich werde es vergessen, denn
+ich muß. Das Leben ist zu hart, um nur zu schauen
+und zu träumen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das alles sage ich mir, und doch wende ich mich
+traurig um und lenke meine Schritte heimwärts.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wie das Laub zu meinen Füßen starb mein schöner
+Sommertraum.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Die letzte Reise!</p>
+
+<p>Eigentlich ist es mir trotz alledem etwas wehmütig
+zu Sinn. Es war doch ein interessanter
+Abschnitt meines wechselvollen Daseins.&nbsp;&ndash; Was für
+Gestalten gehen an einem vorüber! In wie manches
+Schicksal sieht man hinein!</p>
+
+<p>Glück und Unglück, Haß und Neid, Liebe und
+Abneigung, Gleichgültigkeit und Verachtung&nbsp;&ndash; wie
+nahe kommt es einem, und wie eng zusammengedrängt
+ist es zwischen den Wänden dieser schwimmenden
+Riesen. Mancher Bund wird geschlossen und
+manches noch so fest scheinende Band löst sich.</p>
+
+<p>Kaleidoskopartig wechselt es von Reise zu Reise.</p>
+
+<p>Vorbei!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Meinen kleinen Pit darf ich leider nicht bei mir
+haben. Er ist ganz oben auf dem obersten Deck in
+der Hundevilla. Noch zwei kleine reizende Kerls sind
+bei ihm und eine prachtvolle siamesische Katze, die
+einer älteren Dame gehört.</p>
+
+<p>Gesellschaft hat er also genug. Trotzdem sitzen
+alle Bewohner der Villa verdrossen in ihrem Käfig,
+und Pit ist immer halb wahnsinnig, wenn ich hinaufkomme
+und ihn ein halbes Stündchen auf Deck lasse.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Um zehn Uhr waren wir am Pier; Mr. Siegel war
+schon da und winkte von weitem.</p>
+
+<p>Als die Passagiere gelandet, kam er sofort an Bord
+und brachte mir einen Strauß roter Rosen, dieselbe
+Farbe wie immer.</p>
+
+<p>Ich freute mich doch sehr, ihn zu sehen; obgleich
+ich keinen Augenblick daran gezweifelt habe, daß er
+Wort halten würde, war es mir doch immer, als ob
+es gar nicht wahr sein könnte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Heute nachmittag mustere ich ab und morgen
+gehe ich vom Schiff.</p>
+
+<p>Mr. Siegel war beim Kapitän und hat mit ihm gesprochen,
+er wird morgen mit uns fahren und unser
+Trauzeuge sein.</p>
+
+<p>Es war mir sehr angenehm, denn trotz aller Vernunftgründe
+beschlich mich zuweilen doch ein unangenehmes
+Gefühl, wenn ich an meine erste amerikanische
+Trauungsfahrt dachte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Dies ist nun die dritte, der Himmel mag mir beistehen,
+daß es zum Guten ausfällt.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="VI" id="VI"></a>VI.<br />
+
+Im sichern Hafen.</h2>
+
+
+<p>In der kleinen evangelischen Kirche auf dem Berge
+sind wir getraut. Nach der Trauung sind wir
+alle&nbsp;&ndash; Kapitän Heymann, Pastor Morris, seine Frau
+und wir beide&nbsp;&ndash; nach New York gefahren, wo Mr.
+Siegel, vielmehr mein Mann, im Astoria ein exquisites
+kleines Diner bestellt hatte. Wir waren recht vergnügt
+zusammen, und Kapitän Heymann hielt sogar
+noch eine launige Rede, in der er bedauerte, daß er
+nicht jede Reise eine junge, hübsche Stewardeß zu
+verheiraten habe.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich fürchte nur, es wird auch nicht oft einen
+Mr. Siegel geben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nach dem Essen, als wir allein waren, bat ich
+meinen Mann, noch eine kleine Ausfahrt mit mir zu
+machen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin mir selbst nicht klar über das, was in mir
+vorging.</p>
+
+<p>Ein beinahe krankhaftes Verlangen beherrschte
+mich, jenes Haus einmal wiederzusehen.</p>
+
+<p>Wie es den Verbrecher unwiderstehlich an den Ort
+seiner Schandtat treibt, so geht es mir mit jenem Hause.</p>
+
+<p>Langsam fuhren wir am Broadway hinauf, durch den
+Centralpark und die fünfte Avenue wieder herunter.</p>
+
+<p>Aufmerksam habe ich jedes Haus geprüft, ich
+konnte es nicht finden. Manchmal meinte ich wohl,
+das muß es sein, dann wurde ich wieder irre. Alle
+Häuser haben Fenster, und ich meine, dieser Kerker
+habe nach der Straße zu keine Fenster gehabt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch an den Doktor muß ich denken; wüßte ich nur
+seinen Namen und seine Adresse, so würde ich ihn von
+meinen veränderten Verhältnissen in Kenntnis setzen.</p>
+
+<p>Auch Werners Tod hätte ich ihm melden müssen,
+er hat es um mich verdient. Es ist schade, daß ich
+nicht weiß, wie er heißt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Heute Abend fahren wir weiter.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Leb' wohl für einige Zeit, mein treuer Weggenoß;
+möchte es nur Gutes sein, was ich dir ferner anzuvertrauen
+habe.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Sechs Wochen später.</p>
+
+<p>Wir sind noch für drei Wochen in dem idyllisch
+gelegenen Seebad Bar Harbour gewesen. Wie ein
+kleines Paradies ist dieses Fleckchen Erde, und ich
+war glücklich, restlos glücklich.</p>
+
+<p>Keine Angst, keine Sorgen, ein Gatte, der mir
+jeden Wunsch an den Augen absieht&nbsp;&ndash; es ist doch
+schön auf der Welt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Schön, solange man jung ist. Auch ohne die vielgepriesene
+Liebe.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Chikago, den 28. Oktober.</p>
+
+<p>Mein Gatte muß doch reicher sein als ich gedacht.
+Das »kleine Häuschen«, das er nach seiner Rückkehr
+von Europa gekauft, ist ein ganz stattlicher Bau und
+liegt in einem prachtvollen, alten Garten am Lake
+Shore Drive. Das Haus hat früher einem reichen
+Schweinezüchter gehört, und mein Mann hat es
+hauptsächlich meinetwegen gekauft, da ihm sein altes
+Haus an Sheridan Road nicht hübsch genug war.</p>
+
+<p>Ich bin ihm sehr dankbar, wir leben in glücklichster
+Gemeinschaft und kein Schatten trübt unser
+Leben.</p>
+
+<p>Ich will ihm eine treue und gute Gefährtin sein.
+Nie soll er empfinden, daß nicht mein volles Herz
+ihm gehört.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe dich lange nicht in Händen gehabt,
+kleines Buch. Mein Leben läuft so glatt und ereignislos
+dahin, daß ich kaum etwas aufzuzeichnen
+habe. Ich lebe, wie eine Amerikanerin der besseren
+Stände lebt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mit meinem Manne verbindet mich innigste
+Freundschaft.</p>
+
+<p>Er bespricht alles mit mir und freut sich, daß ich
+seinem Wirken und Schaffen so lebhaftes Interesse
+entgegenbringe.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und mir wiederum macht es Freude, daß ich teilhaben
+darf an seiner Arbeit.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Trotzdem bin ich nicht voll befriedigt, ich habe
+noch zu viel unausgefüllte Zeit.</p>
+
+<p>Ja, wenn ich ein Kind hätte! Ob ich vergebens
+auf dies höchste Glück warte? Auch mein Mann
+würde sich freuen, und ich würde ihm doch so gern
+einmal eine recht große Freude machen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich muß jetzt oft wieder an den 20. Februar vor
+zwei Jahren denken. Welches Glück empfände mein
+Mann, wenn ich ihm einen Knaben schenkte, und
+wie unwillkommen war das arme Kind damals! Ob
+es wirklich tot ist?</p>
+
+<p>Ich habe ein so sonderbares Gefühl, eine Art Unterbewußtsein,
+das mir sagt, mein Kind lebt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wer gibt mir Gewißheit?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich bin einige Monate recht faul gewesen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Im Unglück und in der Einsamkeit habe ich mich
+immer zu dir geflüchtet, jetzt, in meinem wohleingerichteten
+Leben vergesse ich dich oft, kleiner Freund.</p>
+
+<p>Eine Entschuldigung habe ich wenigstens: ich
+hatte keine Zeit.</p>
+
+<p>Wir sind einige Monate auf Reisen gewesen. Drei
+Wochen in Ägypten und drei Wochen in Italien, von
+wo aus wir einen kleinen Abstecher nach Paris gemacht
+haben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mein Mann ist zu gut, die ganze Welt möchte er
+mir zeigen, er weiß gar nicht, was er mir alles Liebes
+erweisen soll. Und ich stehe so bettelarm daneben
+und kann ihm gar nichts geben, nicht einmal ein
+ganzes volles Herz.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ob er nie etwas vermißt? Glühende Küsse, stürmische
+Umarmungen?</p>
+
+<p>Ich bin ihm sehr gut&nbsp;&ndash; aber ich bin mir zuweilen
+selbst ein Rätsel. Nichts treibt mich zum Manne.</p>
+
+<p>Ich bin doch jung, sehr jung!</p>
+
+<p>Aber nie mehr seit jenen heißen, schwülen Sommernächten
+auf dem heimatlichen Gut fiebert mein Blut
+dem Manne entgegen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch bei aller Liebe zu Werner, es war nichts
+Stürmisches, kein leidenschaftliches Begehren in
+meiner Liebe.</p>
+
+<p>Ruhig und still wie ein linder Sommerabend.</p>
+
+<p>Oft denke ich, ich habe zu früh vom Baume der
+Erkenntnis gegessen. Vielleicht war mein Körper
+doch noch nicht entwickelt genug, um den Anforderungen
+ohne Schaden gerecht zu werden, die
+das Mutterwerden an das Weib stellt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Oder ist es das verdorbene, degenerierte Blut des
+Vaters, das dies sonderbare Wesen aus mir gemacht hat?</p>
+
+<p>Ich erzähle dir wieder allen möglichen Unsinn, du
+mein kleiner, verschwiegener Freund; und ich wollte
+dir doch nur sagen, daß ich sehr, sehr glücklich sein
+könnte, wenn&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mein kleiner, süßer Pit. Ich hatte ihn zurückgelassen,
+nun war er wie von Sinnen, als ich heimkam,
+und ging mir nicht vom Schoß. Ich werde ihn
+jetzt immer mitnehmen, wenn ich auf Reisen gehe.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Heute ist mein zwanzigster Geburtstag; ich wollte,
+es wäre der vierzigste. Ich fühle mich auch viel eher
+wie vierzig.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, ich kann in der letzten Zeit gar
+nicht so recht von Herzen froh sein. Ich bin im
+Gegenteil sonderbar trüb gestimmt.</p>
+
+<p>Ich möchte schreiben und kann nicht. Ein geheimnisvolles
+Glücksgefühl keimt leise, ganz leise in
+meinem Innern.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe nie leicht geweint. Es war mir immer
+unsympathisch, wenn Frauen um jede Kleinigkeit in
+Tränen zerflossen. Aber jetzt bin ich selbst die reine
+Trauerweide. Um nichts muß ich weinen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Pit tröstet mich, er will mir immer die Tränen von
+den Wangen küssen. Sonderbar, gerade als ob er
+wüßte, daß Tränen an den Wimpern etwas Schmerzliches
+bedeuten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und müde bin ich, so müde.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mein Mann ist von einer Aufmerksamkeit, die
+geradezu rührend ist. Ob er etwas ahnt? Noch habe
+ich ihm nichts gesagt, die Enttäuschung wäre sonst
+zu groß. Später.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Weihnachten!</p>
+
+<p>Ich bin beschenkt worden wie eine Fürstin, und
+doch sagt mein Mann, ich habe ihm noch viel mehr
+gegeben.</p>
+
+<p>Er ist außer sich vor Glück. Aber ich glaube, er
+wünscht sehr, daß es ein Junge ist. Ich nicht, ich
+möchte viel lieber ein Mädchen. Jungens gehören
+der Mutter nie so lange wie ein Mädchen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und doch sollte ich andererseits gar nicht den
+Wunsch haben, der Welt ein solches Wesen zu
+schenken. Wie leicht kann ihm einmal mein eigenes
+Schicksal zustoßen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber nein! Das sind Hirngespinste.</p>
+
+<p>Ich werde dafür sorgen, daß meine Tochter einst
+gewappnet ins Leben tritt. Meine Tochter! Meine
+Tochter! Welch süßer Klang in meinem Ohr!</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Heute bin ich zum ersten Male wieder vollständig
+außer Bett, und da sollst du, mein geduldiger Freund,
+auch sogleich mein neues Glück erfahren.</p>
+
+<p>Ich bin Mutter!</p>
+
+<p>Weißt du, was dieses Wort bedeutet? Was es für
+mich bedeutet?</p>
+
+<p>Und auch mein innigster Wunsch ist erfüllt. Es
+ist ein Mädchen, ein kleines, süßes Mädchen.</p>
+
+<p>Ob mein Mann enttäuscht war? Ich weiß es nicht,
+gefühlt habe ich es nicht. Seine Liebe und Fürsorge
+gehen ins Ungemessene.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und ich? Muß ich dir sagen, <em class="gesperrt">wie</em> glücklich ich
+bin? Das süße, kleine Geschöpf, dem ich jetzt alles bin!</p>
+
+<p>Mein Mann wollte eine Amme, um mich zu schonen,
+aber ich gebe mein Kind keiner fremden Person; das
+höchste Glück, das kleine Wesen an der Brust zu
+haben, gönne ich niemand.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Drollig ist es, Pit zu beobachten. Er ist richtig
+eifersüchtig. Wenn ich das Kind auf dem Schoß habe,
+weint und jammert er, kratzt an meinem Kleid und
+geberdet sich ganz unsinnig. Lege ich das Kind in
+sein Bettchen, so springt er mit einem Seufzer der
+Erleichterung auf meinen Schoß und kuschelt sich
+umständlich zurecht, dabei fortwährend entrüstete
+Blicke nach dem kleinen Eindringling werfend.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mein Mann findet, daß mich die Pflege des Kindes
+zu sehr anstrengt. Ich soll es nicht mehr stillen oder
+soll an einen schönen Platz aufs Land, wo ich gute,
+frische Milch und reine Luft habe.</p>
+
+<p>Ich gehe also lieber aufs Land, damit ich meinen
+kleinen Liebling noch länger ganz für mich allein habe.</p>
+
+<p>Das Kind entwickelt sich prächtig, und mein
+Mann ist ganz vernarrt. Seine Enttäuschung über
+den ausgebliebenen Thronfolger hat er verschmerzt.
+Oder hofft er noch?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nein, ich möchte keinen Jungen haben. Ein
+Junge, der mir aus den Händen wächst und vielleicht
+auch einmal Wege geht, auf denen die Weiblichkeit
+durch den Schlamm gezogen wird.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mowbray, Rocky Mountains, den 6. Juni.</p>
+
+<p>Ich habe heute eine Begegnung gehabt, die mich
+bis ins Innerste erschüttert hat. Alles, die ganze
+Vergangenheit ist mit einem Schlage wieder lebendig
+geworden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich habe den Doktor getroffen, meinen Doktor!</p>
+
+<p>Er ist für einige Wochen hier zur Erholung.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nun weiß ich auch seinen Namen. Curtis heißt er.</p>
+
+<p>Doktor Curtis freute sich sehr, als er mich sah,
+war aber natürlich ebenso sehr verwundert, mich hier
+im Westen zu sehen.</p>
+
+<p>Zuerst war ich natürlich doch etwas beunruhigt,
+aber ich brauche ihn nicht zu fürchten, er ist ein anständiger
+Mensch, und niemand wird etwas durch
+ihn erfahren. Warum hätte er sich auch wohl so viel
+Mühe mit meiner Rettung gegeben?</p>
+
+<p>Ich bin jetzt auch lange nicht mehr so in Sorge
+wegen meiner Vergangenheit; wer soll mich hier wohl
+erkennen? In einer Hafenstadt ist es doch schon
+anders.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Lange haben wir auf der Bank gesessen, meine
+ganze Geschichte habe ich ihm erzählt, und herzliche
+Worte sprach er über den armen Werner.</p>
+
+<p>Auch über die schrecklichen Verhältnisse in diesen
+Häusern, hauptsächlich in den Hafenstädten, haben wir
+gesprochen. Eine Änderung wäre nur mit Hilfe der Regierung
+und einer eingreifenden Gesetzgebung möglich.</p>
+
+<p>Der Doktor ist nie wieder bei der Rottmann gewesen.
+Auf meine Bitte will er nach seiner Heimkehr
+einmal hin. Wenn die Bronja noch da ist und sie
+will heraus, soll er ihr behilflich sein.</p>
+
+<p>Ich habe Geld genug, und mein Mann gibt mir
+gern ein paar tausend Dollars, wenn ich ihn darum
+bitte, ohne zu fragen wofür.</p>
+
+<p>Nur meinen Namen darf der Doktor nicht
+nennen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich bin ganz allein im Wald. Mein Töchterchen
+ist mit der Wärterin im Garten; ich war so unruhig,
+ich mußte eine Strecke laufen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Hier ist es himmlisch, die Unruhe fällt von mir
+wie ein schwerer, stickender Dunst.</p>
+
+<p>Wie ein Dom wölben sich die Jahrhunderte alten
+Bäume über mir. Die Hände eines Künstlers hätten
+es nicht schöner schaffen können. Wie sanft spielt
+das grünliche Licht in den Zweigen. Von Baum zu
+Baum winden sich Schmarotzerpflanzen mit leuchtenden
+Blumen. Eine fast tropische Überschwenglichkeit
+herrscht. Der Fuß versinkt wie in dicken Teppichen.</p>
+
+<p>Kann man sich unglücklich fühlen in solcher Umgebung?
+&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Der Doktor ist abgereist, er wird mir schreiben,
+sobald er mir etwas zu berichten hat.</p>
+
+<p>Auch ich werde mich zur Heimkehr rüsten, ich
+sehne mich nach meinem Heim und seinem Herrn.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Lange Jahre sind es her, seit ich nicht mehr in
+mein Büchlein geschrieben habe. Oft hatte ich es in
+Händen und ließ die eng beschriebenen Seiten durch
+die Finger gleiten, doch nichts, was mir des Aufzeichnens
+wert schien, ist in diesen Jahren durch
+mein Leben gegangen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Einfache tägliche Erlebnisse, kleine Freuden,
+kleine Leiden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mein Töchterchen wächst heran und verspricht
+körperlich und geistig das Beste. Meinem Manne
+bin ich in den letzten Jahren immer unentbehrlicher
+geworden bei seinen ausgedehnten Geschäften, und
+das erfüllt mich mit ganz besonderem Stolz. Es
+zeigt mir, daß ein Weib doch auch zu etwas anderem
+zu gebrauchen ist, als nur zu inhaltlosen Tändeleien.</p>
+
+<p>Ich habe also in gewisser Weise erreicht, was ich
+erreichen wollte, und könnte dich nun endgültig zur
+Seite legen, mein kleiner papierener Freund.</p>
+
+<p>Aber&nbsp;&ndash; ich kann es doch nicht. Es ist mir wie
+ein Unrecht, das ich an dir begehe.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und dann, ich möchte, falls ich früher sterbe als
+mein Mann, das Buch in seine Hände legen, damit
+er sieht, wen er an sein Herz genommen hatte.
+Stirbt mein Mann vor mir, so soll meine Tochter die
+Aufzeichnungen ihrer Mutter lesen, sie wird daraus
+ersehen, wie viel ein Weib ertragen kann, ohne daß
+es seelisch zugrunde geht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen,
+daß Bronja wieder in ihrer Heimat ist. Der Doktor
+hat ihr zweitausend Dollars gegeben, hat ihr ein
+Billett besorgt und sie auch nach dem Dampfer gebracht.
+Sie hat so große Sehnsucht nach ihrem Kinde
+gehabt.</p>
+
+<p>Mögen die guten Wünsche, die sie für die unbekannte
+Wohltäterin ausgesprochen, sich an ihr selbst
+erfüllen!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wir gehen in diesem Frühjahr nach Europa. Mein
+Mann ist gar nicht recht wohl; ein Herzleiden, das
+er schon längere Jahre hat, macht ihm viel zu schaffen.</p>
+
+<p>Die Geschäfte bringen zuviel Aufregung, er muß
+deshalb einmal vollständig ausspannen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In Bad Nauheim werde ich dafür sorgen, daß ihm
+jede Aufregung fern bleibt.</p>
+
+<p>Wir sind reich, sehr reich.</p>
+
+<p>Daran, daß ich mir in keiner Weise Beschränkungen
+aufzulegen brauchte, merkte ich schon früher,
+daß wir über reiche Mittel zu verfügen hatten. In
+den letzten Jahren, wo ich mich um alle geschäftlichen
+Angelegenheiten kümmere, weiß ich, daß wir
+nicht mehr zu arbeiten brauchten. Aber es geht mir
+genau wie meinem Manne, ich könnte mich nicht
+darein denken, daß alles, sein ganzes Lebenswerk,
+für andere geschaffen sein sollte.</p>
+
+<p>Und ist nicht die Arbeit eine herrliche
+Trösterin?</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Lou freut sich furchtbar auf unsere Reise. Sie
+ist nun zehn Jahre alt und hat schon einiges Verständnis
+dafür.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Doch für mich gibt es nun wieder allerlei heikle
+Punkte.</p>
+
+<p>Das Fragen nimmt kein Ende.</p>
+
+<p>»Wo ist deine Heimat, Pa?«</p>
+
+<p>»Bist du in einem Dorf zu Hause oder in einer
+Stadt, Ma?«</p>
+
+<p>Was soll ich antworten? Ich fürchte auch, mein
+Mann denkt sich etwas dabei, wenn ich zu sehr ausweiche.</p>
+
+<p>Ich selbst fiebere förmlich bei dem Gedanken, daß
+ich von Bad Nauheim aus in einigen Stunden da sein
+kann, wo das stille alte Haus der Großeltern im dunkeln
+Tannenwald träumt.</p>
+
+<p>Ob ich es einmal wage? Unerkannt könnte ich
+sie vielleicht sehen.&nbsp;&ndash; Ach, ich glaube, ich würde
+mich verraten, wenn ich sie vor mir sähe.&nbsp;&ndash; Und
+Prinz, der alte Hühnerhund! Er würde mich sofort
+erkennen, wenn er noch lebt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Dienstag, den 28. Mai sind wir mit der »Spree«
+von New York abgefahren. Mein Mann hat ein hübsches
+Pullmanset für uns belegt, und wir sind ganz begeistert
+von der Bequemlichkeit und Eleganz der
+Einrichtung. Man merkt kaum, daß man auf See ist.</p>
+
+<p>Lou ist ganz und gar aus dem Häuschen. Ihr
+Vater erfreut sich, glaub' ich, zum ersten Male vollkommen
+ohne irgendwelche Ablenkung an ihrer
+frischen, kindlichen Heiterkeit.</p>
+
+<p>Ich finde, er erholt sich schon jetzt von Tag zu Tag.</p>
+
+<p>Mir selbst geht es sonderbar. Von der ersten
+Stunde an, da ich das Schiff betrat, ist mir so
+sonderbar unruhig zu Sinn.</p>
+
+<p>Ich suche etwas und weiß nicht was.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Gleich am ersten Abend bin ich ein Stündchen
+auf Deck gewesen.</p>
+
+<p>Wie wunderbar ist die reine, salzige Luft! Welch
+wunderbare Farben verglimmen am Horizont und
+wecken tausend Erinnerungen, süße und schmerzliche,
+in meiner Brust!</p>
+
+<p>Sonnenuntergang! Der ganze Horizont ist von
+einem satten, tiefen Rot. Der Himmel scheint wie
+ein einziger großer ausgehöhlter Rubin über uns zu
+hängen.</p>
+
+<p>Das Wasser ist so ruhig wie ein See, nur hie und
+da tanzen rotgoldene Lichter; gibt es Schöneres?</p>
+
+<p>Doch alles Schöne ist vergänglich. Kaum eine
+halbe Stunde, und grau und fahl, gespensterhaft
+liegt die unabsehbare Fläche vor mir.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mich friert trotz des warmen Wetters.</p>
+
+<p>Es macht traurig, immer an die Vergänglichkeit
+alles wahrhaft Schönen erinnert zu werden.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Bad Nauheim.</p>
+
+<p>Deutschland bekommt mir nicht. Mein Mann erholt
+sich von Tag zu Tag, und ich verzehre mich
+selbst vor Unruhe.</p>
+
+<p>Die Luft hier ist erfüllt von Erinnerungen.</p>
+
+<p>Diese ganzen Jahre hatte ich alles vergessen, die
+Heimat, die Großeltern und&nbsp;&ndash; die Schuld!</p>
+
+<p>Nun wacht alles wieder auf, und ich stehe schwindelnd
+am Wege und weiß nicht, wohin er mich führen
+wird.</p>
+
+<p>Ich sehe ein, daß eine Schuld wie ein Schmutzfleck
+auf der Vergangenheit liegt, der sich nie wieder
+auslöschen läßt.</p>
+
+<p>Mag man zuweilen glauben, daß er verblaßt, mag
+man sein Vorhandensein für einige Zeit vergessen, er
+kommt wieder.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich kann es nicht mehr aushalten, ich muß hin!</p>
+
+<p>Ich muß wenigstens versuchen, die alten Leute
+von weitem zu sehen.</p>
+
+<p>Ob sie noch leben? Aber warum nicht? Vierzehn
+Jahre sind es her, seit ich von ihnen ging, und
+die Leute in meiner Heimat werden alt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ob ich es wage und unter dem Deckmantel einer
+Fremden das Jagdschloß besehe?</p>
+
+<p>Werde ich mich beherrschen können?</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich war da!</p>
+
+<p>Unter dem Vorwand, etwas in Frankfurt besorgen
+zu wollen, bin ich hingefahren.</p>
+
+<p>Ich habe meinen Mann belogen; diesen besten,
+gütigsten aller Männer habe ich belogen! So gebiert
+noch nach Jahren die alte Schuld neue Konflikte und
+Verwicklungen.</p>
+
+<p>Ich bin froh, daß ich es getan. Ich werde Ruhe
+finden, nun ich die alten lieben Großeltern gesehen.
+--</p>
+
+<p>Und doch hätte ich aufschreien können, als ich
+die gebückte Gestalt des Großvaters an mir vorübergehen
+sah.</p>
+
+<p>Ob sie sich gewundert haben über die fremde Frau,
+die so gern das alte Jagdschloß sehen wollte, und die
+gar so dicht verschleiert war?......</p>
+
+<p>Wie glücklich würde es mich machen, wenn ich
+ihnen meine Lou bringen könnte, mein prächtiges,
+liebes Mädchen!</p>
+
+<p>Und wie würden sie sich freuen!</p>
+
+<p>Aber das ist alles für mich unmöglich, es ist ein
+verlorenes Paradies, in das ich mit brennenden,
+sehnsüchtigen Augen starre.</p>
+
+<p>Und warum? War es nur <em class="gesperrt">meine</em> Schuld, daß ich
+diesen Weg der Lüge und der Verstellung wandern
+muß?</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Morgen fahren wir nach E., um von da aus die
+Heimat meines Mannes zu besuchen.</p>
+
+<p>Lou freut sich königlich. Sie denkt sich wohl das
+Häuschen, in dem ihr Vater geboren, als eine niedliche,
+kleine Villa.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Hoffentlich ist sie nicht zu sehr enttäuscht.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Seit fünf Tagen sind wir auf Capri. Der Arzt
+hält die Fahrt von hier aus für besser. Ich freue mich
+über das gute Aussehen meines Mannes; hoffentlich
+hält es an.</p>
+
+<p>Am Siebzehnten fahren wir von Genua aus mit
+der »Prinzeß Irene« wieder nach Hause.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die letzten Tage in Deutschland sind uns wie im
+Fluge vergangen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die paar Stunden, die wir in der Heimat meines
+Mannes zugebracht haben, waren auch für mich eine
+Erquickung.</p>
+
+<p>Lou war gar nicht enttäuscht. Im Gegenteil,
+alles war ihr neu und köstlich.</p>
+
+<p>Und ich?</p>
+
+<p>Ich beneide meinen Mann um seine arme, aber
+fleckenreine Vergangenheit. Welch ein Triumph war
+es für den armen, herumgestoßenen Waisenknaben,
+daß er so vor seine Landsleute hintreten konnte!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich bin des Reisens müde und freue mich, heimzukommen.</p>
+
+<p>Heim? Wohin zieht es mich?</p>
+
+<p>Bald reißt die alte Heimat an meinem Herzen,
+bald die neue.</p>
+
+<p>Ich habe Heimweh und bin nirgends zu Hause.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und doch ist meine Heimat da drüben in dem
+Lande, das mich trotz aller Schuld der bürgerlichen
+Gesellschaft wiedergegeben hat.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nach zwei Jahren.</p>
+
+<p>Amerika hat nicht gehalten, was Europa versprochen.</p>
+
+<p>Das Befinden meines Mannes ist wieder ebenso
+schwankend wie vor unserer Reise.</p>
+
+<p>Er muß sich schonen, und um ihm dazu Gelegenheit
+zu geben, habe ich nach und nach die Geschäfte
+fast ganz in meine Hände genommen. Es war ein
+schweres Stück Arbeit, aber es ist mir gelungen.</p>
+
+<p>Der alte Thomas, der schon seit Jahren meines
+Gatten rechte Hand ist, bespricht alles mit mir.
+Und nur wenn etwas ganz besonders Wichtiges vorliegt,
+müssen wir erst seinen Rat einholen.</p>
+
+<p>Aber wir sorgen schon dafür, daß es keine aufregenden
+Sachen sind, die wir mit ihm besprechen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Oft sagt mein Mann zu mir: »Du hast mich schon
+gar nicht mehr nötig, Liebling. Du bist so entschlossen
+und umsichtig, wie nur je ein Mann es sein könnte.«</p>
+
+<p>Das macht mich stolz. Es erfüllt mich mit ungeahnter
+Befriedigung, daß ich meine Kräfte so entfalten
+kann. Daß ich diesem Manne, der mich genommen,
+ohne viel zu fragen, einen Teil der Schuld
+abtragen kann.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nun muß ich die Geschäfte Thomas überlassen
+und mich ganz meinem Manne widmen. Werde
+ich ihn mir erhalten? Er ist sehr krank.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Meine Lou, mein liebes, gutes Kind; sie ist mir
+ein rechter Trost in diesen schweren Tagen.</p>
+
+<p>Wie liebt sie ihren Vater! Sie weicht kaum von
+seinem Lager. Ich hätte dem kleinen, lustigen Vogel
+gar nicht so viel tiefes Gefühl zugetraut.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Das Schlimmste ist vorüber.</p>
+
+<p>Es waren lange, schwere Wochen, aber noch einmal
+haben wir gesiegt. Und nun gehen wir wieder
+nach Europa; noch einmal soll Nauheim seine Wunderkraft
+beweisen.</p>
+
+<p>Lou freut sich wieder sehr auf die Fahrt, wenn
+auch die Freude etwas gedämpft wird durch des
+guten Vaters Krankheit.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wieder einmal bin ich auf meiner geliebten See.
+Sie zeigt sich mir diesmal nicht von der besten Seite.
+Wir haben Sturm und Regen, und der Wind rast über
+Deck, daß es kaum möglich ist, nach oben zu gehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe eine Begegnung gehabt, die alles, was
+langsam zur Ruhe gekommen war, wieder in Aufruhr
+gebracht hat.</p>
+
+<p>Ich müßte mich sehr irren, wenn nicht Smith,
+Herbert Smith, an Bord wäre. Er trägt einen kurz
+verschnittenen Vollbart, und doch habe ich ihn sofort
+erkannt.</p>
+
+<p>Wie ein elektrischer Schlag ging es durch meinen
+Körper. Und auch er muß mich erkannt haben, denn
+ein leichter Schreck huschte über seine Züge.</p>
+
+<p>Das Geschäft muß sehr viel einbringen, denn er
+fährt erste Kajüte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Was soll ich tun?</p>
+
+<p>Soll ich diesen Menschen ungehindert seines Weges
+ziehen lassen?</p>
+
+<p>Ist es nicht vielmehr meine Pflicht, ihn zu entlarven?</p>
+
+<p>Alles in mir ist in Aufruhr. Wird man mir
+glauben?</p>
+
+<p>Nein, man wird mir nicht glauben, oder doch nur
+dann, wenn ich mich selbst preisgebe.</p>
+
+<p>Und mein Mann! Wie würde er es ertragen?</p>
+
+<p>Ach, und mein Kind, meine Lou!</p>
+
+<p>Nein, ich kann es nicht, jetzt noch nicht!</p>
+
+<p>Ich kann in den reinen Augen meines Kindes
+nicht als eine Verworfene dastehen!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein Vorfall kam mir ins Gedächtnis, den ich vor
+einigen Jahren erlebte.</p>
+
+<p>Quälende Selbstvorwürfe peinigten mich; ich
+fühlte mich unsäglich elend und unglücklich und
+weinte still in meinem Zimmer.</p>
+
+<p>Da kam Lou zu mir herein, und als sie meine
+Tränen sah, war sie ganz Mitleid. Stürmisch umschlang
+sie meinen Hals.</p>
+
+<p>»Mama, süße Mama, warum weinst du?« rief sie
+zärtlich.</p>
+
+<p>Ich schüttelte mit dem Kopfe, ich konnte kein
+Wort hervorbringen vor lauter Schluchzen.</p>
+
+<p>Als ich mich etwas gefaßt hatte, sagte ich:</p>
+
+<p>»Laß mich, Kind, laß mich allein!«</p>
+
+<p>»Mama, sei gut; sage mir, warum du weinst. Wer
+hat dir etwas zuleide getan?«</p>
+
+<p>»Niemand, Liebling. Mama muß an früher denken.
+Damals als sie noch nicht ihren Liebling, ihre Lou,
+hatte.«</p>
+
+<p>»Darüber brauchst du doch nicht zu weinen,
+süße Ma!«</p>
+
+<p>»Aber Mama hat damals sehr viel Schweres durchgemacht,
+und darüber muß sie weinen.«</p>
+
+<p>»Aber du sollst nicht weinen, Ma. Wer hat dir
+etwas getan? Ich werde es Pa sagen. Niemand darf
+dir etwas tun!«</p>
+
+<p>»Aber die Mama war nicht gut gewesen und hatte
+Strafe verdient, Liebling.«</p>
+
+<p>»Aber Mama! Wenn das der Papa hörte! Du
+bist doch meine liebste, beste, einzigste Mama.«</p>
+
+<p>»Hast du mich denn so lieb, mein Engel?«</p>
+
+<p>»So lieb!« jauchzte das kleine Geschöpf und umschlang
+mich mit ihren Armen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nein, ich kann es nicht von mir wälzen. Um des
+Kindes willen nicht.</p>
+
+<p>Was sollte aus ihr werden, wenn sie den Glauben
+an die Mutter verlieren müßte?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Meinem Manne geht es schlecht. Er leidet stark
+an Atemnot.</p>
+
+<p>Wären wir erst in Nauheim. Ich darf ihn nicht
+verlieren, jetzt noch nicht. Ich würde wieder ganz
+einsam sein&nbsp;&ndash; denn noch kann mir mein Kind,
+meine Lou, den Gatten nicht ersetzen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich habe mich nie nach einer Freundin gesehnt,
+mein Gatte war mir alles.</p>
+
+<p>Doch sollte er von mir gehen, und ich allein die
+Strecke wandern müssen, die ich noch vor mir habe,
+so werde ich Trost in der Arbeit und bei meinem
+Kinde suchen.</p>
+
+<p>Nur jetzt laß ihn mir noch, noch ist es zu früh.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wenn es wahr ist, daß <em class="gesperrt">die</em> Ehen am glücklichsten
+sind, in denen die Liebe des Mannes größer ist als
+die der Frau, so mag es davon kommen, daß die
+unsere so überaus glücklich war.</p>
+
+<p>Sicher muß aber auch die Frau danach sein,
+wenn eine solche Ehe wirklich glücklich sein soll.</p>
+
+<p>Was ihr an Liebe fehlt, muß sie durch Pflichtgefühl
+ersetzen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mein Mann erholt sich nicht wieder. Der Arzt
+läßt mir keine Hoffnung.</p>
+
+<p>Es kann noch Monate währen, es kann auch plötzlich
+kommen, ich muß auf alles gefaßt sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es ist Arterienverkalkung dazugekommen.</p>
+
+<p>Der Ärmste, er hat in seiner Jugend zu viel gearbeitet
+und entbehrt.</p>
+
+<p>Ich bin jetzt ganz gefaßt und zeige meinem Manne
+immer ein fröhliches Gesicht; er darf nicht ahnen, wie
+es um ihn steht.</p>
+
+<p>Ob er wirklich nichts ahnt?&nbsp;&ndash; Seine sonderbaren
+Reden machen mich manchmal stutzig.</p>
+
+<p>»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Liebling,«
+sagte er kürzlich zu mir.</p>
+
+<p>»Tu' ich es denn jetzt nicht mehr, Liebster?«
+fragte ich scherzend.</p>
+
+<p>»Immer! Aber wenn ich einmal von dir gehen sollte,
+Lotti, wirst du mich auch nicht so bald vergessen?«</p>
+
+<p>»Ich dich vergessen? Wie redest du nur? Du
+bleibst noch lange bei uns. Denk' an Lou! An deine
+Lou! Du mußt noch bei uns bleiben! Hörst du?«</p>
+
+<p>Tränen liefen mir über die Wangen, und auch ihm
+verging vor Rührung die Stimme. »Wie gerne möchte
+ich! Und doch, kann ich nicht ohne Sorge gehen?
+Ruht nicht mein Lebenswerk in guten Händen?
+Du bist ein ganzer Mensch geworden, meine Lotti.«</p>
+
+<p>»Du warst mein Lehrer, ich war in guten Händen.«</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich möchte gern wieder einmal in meinen Wald,
+darf aber nicht wagen, meinen Mann zu verlassen.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Gestern hatte ich eine Begegnung, die mich
+gleicherweise erschreckte und erfreute.</p>
+
+<p>Der Herzog ist hier, der Herzog von B.</p>
+
+<p>Das also ist mein Vater! Dieser blasse, schmale
+Herr!</p>
+
+<p>Ich hab' ihn mir anders vorgestellt. Als einen
+ritterlichen, sieghaften Mann.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er wird anders gewesen sein, als meine Mutter
+ihn geliebt hat. Nun ist er krank, herzleidend
+natürlich.</p>
+
+<p>Er hat keine Kinder und eine kalte, unsympathische
+Gattin.</p>
+
+<p>Das ist die Strafe! Die gerechte Strafe für meine
+zerstörte Jugend und den frühen Tod meiner Mutter.</p>
+
+<p>Ich möchte ihn hassen&nbsp;&ndash; und doch&nbsp;&ndash; ich kann
+es nicht.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Gestern hat er mit Lou gesprochen, mit meiner
+Lou.</p>
+
+<p>Ob wirklich etwas daran ist, an dem Märchen von
+der Stimme des Blutes? Ich glaub' es nicht. Wenn
+ihm Lou gefällt, so ist das nur natürlich. Jedermann
+mag das entzückende, natürliche Geschöpfchen gern.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wir saßen gestern abend auf der Terrasse, mein
+Mann und ich.</p>
+
+<p>Wenn es nicht so sonderbar wäre, so möchte ich
+sagen, mein Mann ist mir jetzt teurer als je zuvor.</p>
+
+<p>Es ist ein solch inniges Verhältnis zwischen uns,
+wie es kaum zwischen jungen Liebesleuten sein
+kann.</p>
+
+<p>Ich mag gar nicht von seiner Seite gehen.</p>
+
+<p>Ist es das nahe Scheiden, das uns so innig vereint?
+Hat uns etwas, das mehr ist als Liebe, zusammengeführt?</p>
+
+<p>Der Rückblick auf meine Ehe läßt mich keinen
+Augenblick den Schritt bereuen, den ich getan, trotzdem
+es ohne Liebe geschah.</p>
+
+<p>Könnte ich ebenso sagen von dem, was früher
+geschah!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Heute waren wir zusammen im Wald. Lou suchte
+Blumen, und wir beide waren allein unter dem
+grünen Gewölbe.</p>
+
+<p>Die Luft schien geschwängert mit Wohlgerüchen,
+und die Ruhe, die uns umgab, hob uns über den Alltag
+hinaus.</p>
+
+<p>»Gibt es etwas Schöneres als unseren deutschen
+Wald?« sagte mein Mann sinnend, nachdem er eine
+Weile regungslos den Blick nach oben gewandt
+hatte.</p>
+
+<p>Mir traten die Tränen in die Augen. Wer wußte
+es besser als ich, wie schön er war. Mit einem Schlage
+stand alles vor mir. Das Forsthaus, die Großeltern,
+die dunkeln Tannen, alles, alles!</p>
+
+<p>»Ich möchte im deutschen Walde ruhen, wenn ich
+einmal nicht mehr bin, Lottchen. Versprich mir,
+daß du mir hier oder in der Heimat ein schönes
+Plätzchen unter den rauschenden Tannen aussuchen
+willst,« fuhr er fort.</p>
+
+<p>»Sprich nicht immer vom Sterben, Liebster,«
+sagte ich schluchzend.</p>
+
+<p>»Weine nicht, Lotti. Ich will nicht mehr davon
+sprechen, wenn es dich aufregt. Nur versprich mir,
+daß du mir meinen Wunsch erfüllen willst. Willst
+du, Liebling?«</p>
+
+<p>»Ich verspreche es dir. Du sollst unter den schönsten
+Tannen schlafen, die unser deutscher Hochwald
+hat,« sagte ich feierlich.</p>
+
+<p>Wie eine Vision stieg der Platz vor mir auf. Ich
+kannte ihn! Oh, ich kannte ihn!</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich sehe den Herzog fast täglich. Ich möchte vor
+ihn hintreten und ihm sagen, wer ich bin.</p>
+
+<p>Doch wem würde es nützen! Mir? Ich brauche
+ihn nicht.</p>
+
+<p>Meiner Lou? Auch in Deutschland duckt man
+sich vor amerikanischen Millionen genau so sehr wie
+vor Herzogskronen, das habe ich kennen gelernt.</p>
+
+<p>Und wenn mein Sinn nach einer Krone stände,
+so könnte ich einst eine kaufen für meinen Liebling;
+tun es doch so viele.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Kronen drücken schwer, das sehe ich jetzt wieder
+an dem Fürsten und seiner Gattin. Sie sehen beide
+nicht eben glücklich aus.</p>
+
+<p>Und mein Kind soll glücklich sein.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Das Verhängnis kommt zusehends näher. Mein
+Mann hat seine Anfälle immer häufiger. Es ist mir entsetzlich,
+ihn so leiden zu sehen und nicht helfen zu
+können. Aber hier muß auch die Kunst der Ärzte
+Halt machen. Nur erleichtern läßt sich sein Leiden.</p>
+
+<p>Rührend ist seine Mühe, mit der er mir seine
+Schmerzen zu verbergen sucht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er fürchtet, mir wehe zu tun.</p>
+
+<p>Gibt es größere Liebe?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Wie langsam und bleiern die Stunden in die
+Ewigkeit rinnen!</p>
+
+<p>Wie furchtbar muß ein Mensch kämpfen, ehe er
+die Hülle abwerfen kann, die doch zuweilen so unsäglich
+schwer drückt.</p>
+
+<p>Stunden hatte ich bereits am Lager meines
+Mannes gesessen. Er schien zu schlummern, langsam
+und stoßweise nur ging sein Atem.</p>
+
+<p>Plötzlich bewegte er sich, sah mich einen Augenblick
+sinnend an und sagte dann langsam und schwerfällig:</p>
+
+<p>»Küsse mich, Lotti, und küsse unsere süße Lou
+von mir. Sie soll nicht hierherkommen jetzt. Es
+ist kein Anblick für ein Kind, wenn ein Mensch mit
+dem Tode ringt.«</p>
+
+<p>Er machte eine kleine Pause und winkte abwehrend
+mit der Hand, als ich ihn unterbrechen wollte.
+Dann fuhr er fort:</p>
+
+<p>»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Lotti.
+Du hast die Sonne in den grauen Alltag meines
+Lebens gebracht, ich danke dir dafür.</p>
+
+<p>Mit der Fabrik wirst du gut fertig werden, Thomas
+steht dir zur Seite. Es wäre mir sehr lieb,
+wenn du sie behalten wolltest, meine besten Jahre
+hat sie mir gekostet.</p>
+
+<p>Mich aber laß hier in der Heimat, und willst du
+lieber bei mir bleiben, so sei auch dafür gesegnet.«</p>
+
+<p>Erschöpft schwieg er.</p>
+
+<p>Sanft strich ich ihm den Schweiß von der Stirn
+und drückte einen Kuß auf die Lippen, die nur Worte
+der Liebe und Güte für mich gehabt hatten.</p>
+
+<p>»Alles soll werden, wie du es wünschest,« sagte
+ich tröstend, »ich werde in allem deinem Sinne
+gemäß handeln.«</p>
+
+<p>Er lag still und ruhig in den Kissen. Die Atembeschwerden
+schienen etwas nachzulassen, das Atmen
+ging leichter.</p>
+
+<p>Um zwölf Uhr wollte der Arzt noch einmal
+kommen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich nahm seine Hand in die meine und saß still
+und bewegungslos neben ihm.</p>
+
+<p>Die Hand wurde kälter und kälter. Ruhig und
+ohne weiteren Kampf schlief er hinüber. Als der
+Doktor kam, war alles vorbei.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich kann nicht weinen, und doch sitzt es mir in
+der Kehle, daß ich ersticken möchte.</p>
+
+<p>Zu lange habe ich es kommen sehen, um ungefaßt
+dem Entsetzlichen gegenüberzustehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Doch ich habe keine Zeit zum Klagen, ich muß
+den Platz suchen, wo mein Gatte ruhen soll im
+rauschenden Tannenwald.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mein armes Kind, sie ist ganz aufgelöst.</p>
+
+<p>Ihr junges Herzchen ist gebrochen von dem
+ersten, schweren Leid.</p>
+
+<p>Ihr Vater! Ihr einziger, lieber Vater!</p>
+
+<p>Sie kann es nicht fassen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Natur ist grausam in ihrer ausgleichenden
+Arbeit.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich will heute noch nach Jagdhaus Finsterberg,
+zu den Großeltern. Dort in ihrem Walde soll mein
+Mann ruhen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich habe keine Zeit zu müßigem, tatenlosem
+Jammern.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ob ich mein Kind mit mir nehme?</p>
+
+<p>Nein! Ich will noch warten! Den ersten Ansturm
+will ich allein ertragen.</p>
+
+<p>Später vielleicht&nbsp;&ndash; vielleicht kann ich mein
+Kind in die Arme der Großeltern legen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Unser Chauffeur hat gute Tage gehabt. Seit
+Wochen ist das Auto nicht aus der Garage gekommen,
+heute soll es mich hinübertragen in die Heimat, in
+das dunkle, heimliche Grün des Waldes.</p>
+
+<p>Ob ich unvermutet vor sie hintrete?</p>
+
+<p>Nein, ich würde sie zu sehr erschrecken, den Tod
+könnten sie davon haben!</p>
+
+<p>Den Tod! Mich friert trotz der Sonnenglut.</p>
+
+<p>Wenn ich niemand mehr fände? Wenn fremde
+Gesichter mir entgegensähen!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin nervös; die lange, aufreibende Pflege hat
+mich selbst auch krank gemacht. Und doch darf ich
+nicht schwach werden. Ich muß meine Kräfte hochhalten,
+bis ich dich gebettet habe, du guter, du treuer
+Weggenoß.</p>
+
+<p>Wie ein Zwang ist es über mir, seit er den Wunsch
+geäußert.</p>
+
+<p>Ich muß ihn unter die Tannen der Heimat betten.</p>
+
+<p>Ich bin inkonsequent, ich weiß es. Nie wieder
+wollte ich in der Heimat weilen als die, die ich wirklich
+bin.</p>
+
+<p>Und doch fühle ich schon jetzt eine Freudigkeit,
+eine Zuversicht in mir, wie seit langem nicht.</p>
+
+<p>Es muß also doch wohl das Rechte sein, trotz der
+scheinbaren Inkonsequenz.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Umstände ändern die Sache.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nun ist auch das vorüber.</p>
+
+<p>Mein Wagen trägt mich rasch wieder zu meinem
+Kinde, das ich schon morgen den Großeltern bringen
+will.</p>
+
+<p>Wenn ich alles überdenke, dann weiß ich selbst
+nicht, wie es gekommen ist.</p>
+
+<p>Unter dem Vorwande, Grüße von einer Dame aus
+Amerika überbringen zu wollen, bat ich um eine
+Unterredung.</p>
+
+<p>Ich vermochte kaum zu sprechen vor Aufregung,
+als ich endlich den lieben Alten gegenübersaß.</p>
+
+<p>Wiederholt fing ich an, ohne doch ein Wort über
+die Lippen zu bringen. Wohl sah ich den prüfenden
+Blick des Großvaters, die nervös zitternden Hände
+der Großmutter.</p>
+
+<p>Und als mir dann statt aller Worte Tränen aus
+den Augen stürzten, da war es auch um die Zurückhaltung
+der Großmutter geschehen.</p>
+
+<p>Mit dem schluchzenden Ruf: »Lottchen, du bist
+es, Lottchen, mein Kind!« hielt sie mich umschlungen,
+und ich schluchzte den Jammer meiner Seele an ihrer
+treuen Brust aus.</p>
+
+<p>Wäre ich doch schon früher zu ihnen gegangen!</p>
+
+<p>Keine Frage nach dem, was ich gefürchtet! Ihnen
+war es genug, daß ich da war.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ach, ich bin so froh, so glücklich! Ich habe einen
+Platz gefunden, wo ich meinen Schmerz ausweinen
+kann.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Zeit zu langem Reden hatten wir nicht, dafür
+wird später übergenug Muße sein. Ich mußte vor
+allem meine Bitte anbringen, mir ein Plätzchen zu
+geben für meinen armen, toten Gatten.</p>
+
+<p>Der Großvater wurde ernst.</p>
+
+<p>»Das kann ich nicht, Liebling. Ich habe hier
+keine Rechte zu vergeben. Hier hat nur der Herzog
+zu bestimmen.«</p>
+
+<p>Der Herzog? Oh, mein Gott! Daß ich daran
+nicht gedacht!</p>
+
+<p>Mein Kopf brannte, meine Augen glühten.</p>
+
+<p>»Der Herzog! So gehe ich zum Herzog!« rief ich aus.</p>
+
+<p>»Du wolltest?« rief der Großvater.</p>
+
+<p>»Weißt du, zu wem du gehst?« fragte die Großmutter.</p>
+
+<p>»Ich weiß es. Und eben deshalb hoffe ich keine
+Fehlbitte zu tun. Und warum sollte ich nicht gehen?
+Nicht ich bin es, die sich hier zu schämen hat.«</p>
+
+<p>Der Großvater neigte das Haupt.</p>
+
+<p>»Mach' was du willst, Kind. Ich bin alt, ich habe
+nicht mehr viel zu verlieren.«</p>
+
+<p>»Ach, Großvater! Was sollte dir denn passieren?
+Und wenn der hohe Herr wirklich unzufrieden sein
+sollte, so kommst du mit mir.«</p>
+
+<p>»Nein, nein, mein Kind! Alte Bäume verpflanzt
+man nicht mehr. Bring' uns dein Kind, damit wir
+uns an ihm freuen können. Aber bald!«</p>
+
+<p>»So komm mit und hole sie!« sagte ich rasch.
+»Du würdest auch mir eine Stütze sein in diesen
+Tagen.«&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er ist mitgekommen, und Lou ist ganz glücklich
+über den prächtigen, alten Großvater.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Morgen gehe ich zum Herzog. Sonderbares Gefühl!
+Ob sich etwas regt in seiner Brust bei meinem Anblick?</p>
+
+<p>Ob ich meiner Mutter gleiche?</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, soll ich ihn hassen oder lieben?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Keines von beiden! Er ist mir gleichgültig.</p>
+
+<p>Wenn er mir meinen Wunsch erfüllt, bin ich zufrieden.</p>
+
+<p>Sonderbar: mein Vater! Es verbinden sich mir
+gar keine lieben, herzlichen Gefühle mit diesem Wort.</p>
+
+<p>Eine unharmonische Kindheit, eine schmutzige,
+traurige Jugend, und doch&nbsp;&ndash; wie wunderschön ist
+es, einen Vater zu haben. Einen Vater, wie er meiner
+Lou starb.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Auch dieser Schritt ist getan: ich habe mein Ziel
+erreicht.</p>
+
+<p>Ich habe an gar nichts gerührt. Ich habe nur gebeten.
+Als die Enkelin des alten Försters Ruhland.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Um den letzten, innigen Wunsch meines sterbenden
+Gatten zu erfüllen, sei ich hier, ich wisse keinen
+schöneren und passenderen Platz als den in der
+Heimat, die ich nie vergessen könne.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Förster Ruhland hatte nur ein Kind, eine
+Tochter?« fragte der Fürst mit unterdrückter Stimme.</p>
+
+<p>»Nur eine Tochter, Hoheit. Sie war meine Mutter.«</p>
+
+<p>»Ihre Mutter!« flüsterte er. »Wie alt sind Sie,
+gnädige Frau?«</p>
+
+<p>»Wie alt? Ich bin schon sehr alt! Geboren bin
+ich im Juni 1872.«</p>
+
+<p>»Achtzehnhundertzweiundsiebzig,« murmelte er
+und stützte sich schwer auf die Lehne seines Sessels.</p>
+
+<p>Dann ruhten seine Augen einige Minuten forschend
+auf meinem Gesicht.</p>
+
+<p>»Ihr Wunsch ist Ihnen erfüllt. Suchen Sie sich
+den schönsten Platz aus, gnädige Frau&nbsp;&ndash; oder darf
+ich »liebes Kind« sagen? Sie sind doch die Enkelin
+meines alten, treuen Ruhland....... Ich werde mich
+bei der Beerdigung Ihres Gatten vertreten lassen.«</p>
+
+<p>Er reichte mir die Hand, und ich drückte dankbar
+meine Lippen darauf. Ein sonderbares Gefühl arbeitete
+in mir. Ich hatte ihn hassen wollen. Und
+nun? Dieser Mann war nicht schlecht, er hatte im
+jugendlichen Leichtsinn gesündigt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und jetzt war er nicht glücklich.</p>
+
+<p>Kronen drücken schwer.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>»Die Schrulle eines Millionärs« nennen sie hier
+den Wunsch meines Gatten.</p>
+
+<p>Mein lieber, einfacher Mann. Kann ein Mensch
+anspruchsloser sein? Er beanspruchte so wenig für
+sich von seinem Reichtum.</p>
+
+<p>Ist er nicht ganz natürlich dieser Wunsch nach
+einem stillen, einsamen Ruheplätzchen, wenn man ein
+so arbeitsreiches, unruhiges Leben hinter sich hat?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nun haben wir ihn gebettet. Nichts wird ihn
+stören als der Schrei eines Nachtvogels oder das
+Brüllen der Hirsche in ihrer Kampfzeit.</p>
+
+<p>Die Vögel in den Zweigen singen ihm das
+Schlummerlied. Ihm ist wohl, für uns ist es hart.
+Wer sich zu der Religion flüchten kann mit seinem
+Schmerz, der ist wohl daran.</p>
+
+<p>Ach, ich beneide mein Kind, das voller Inbrunst
+und Hingebung am Grabe des geliebten Vaters betet.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nun ist wieder Ruhe um mich her.</p>
+
+<p>Wir bleiben noch einige Tage hier bei den Großeltern.</p>
+
+<p>Lou würde am liebsten immer hier bleiben, hier,
+bei dem toten Vater und bei den lieben alten
+Leuten.</p>
+
+<p>Nur mir wühlt die Unruhe im Blut.</p>
+
+<p>Eine Aussprache ist unvermeidlich, und ich&nbsp;&ndash;
+ich fürchte sie.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Die Großeltern haben mir das Geständnis leicht
+gemacht.</p>
+
+<p>Sie schienen zu ahnen, was hinter mir lag.</p>
+
+<p>Ich hatte den Brief vergessen, den ich am Vorabend
+jenes unseligen Ankunftstages an sie geschrieben
+hatte. Dieser Brief war das letzte Lebenszeichen
+von mir.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>War es verwunderlich, daß sie ahnten, in welche
+Hände ich gefallen?</p>
+
+<p>Sie haben Erkundigungen angestellt, der Onkel
+in Amerika hat mit Hilfe des deutschen Konsuls alles
+mögliche versucht&nbsp;&ndash; ohne Erfolg.</p>
+
+<p>Mich hatten sie fest und sicher hinter den Mauern
+jenes verfluchten Hauses.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und während meine Lou, mein Liebling, draußen
+im Walde umherstreift, rollt sich noch einmal die
+Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen vor mir
+auf.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir haben uns ausgesprochen und alles ist&nbsp;&ndash;
+oder vielmehr soll begraben sein.</p>
+
+<p>Zu vergeben hatten sie mir im Grunde nichts&nbsp;&ndash;
+der alte Fluch hatte sich auch an mir erfüllt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Sünden der Väter.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mir liegt auch alles so weit ab jetzt, der erneute
+schwere Verlust läßt mir alles klein erscheinen.</p>
+
+<p>Ich habe kein rechtes Glück in der Welt. Alles
+wird mir genommen.</p>
+
+<p>Ich muß daran denken, wie hoffnungsfreudig ich
+war, als mein Mann damals um mich warb. Noch
+einmal lag das Leben schön und begehrenswert vor
+mir. Nun liegt auch das wieder eingesargt drüben
+unterm Rasen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Habe ich mein Gelöbnis gehalten?</p>
+
+<p>War ich ihm ein gutes, treues Weib?</p>
+
+<p>Ein guter Kamerad?</p>
+
+<p>Ich war es! Ich habe meine Pflicht erfüllt. Nicht
+einmal den Mangel an Liebe hat er empfunden.</p>
+
+<p>Ich habe ihn sehr hoch geschätzt, er war der
+Besten einer.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Daß ich ihm keinen Sohn schenken konnte, einen
+Erben für sein Lebenswerk!</p>
+
+<p>Trotzdem ich zuerst erfreut darüber war, keinem
+Jungen das Leben geschenkt zu haben, hat es mich
+die letzten Jahre doch oft betrübt. So sehr er auch
+sein Mädchen geliebt, ein Sohn hat ihm doch gefehlt.</p>
+
+<p>Dort kommt der Mond langsam über die Wipfel
+der Tannen und wirft sein blasses, kaltes Licht auf
+das schmale Bett da drüben.</p>
+
+<p>Wo stand ein Bett wie dieses, so schmal, so kalt
+und schmucklos!</p>
+
+<p>Und ich lag darin&nbsp;&ndash; vor langen, langen Jahren&nbsp;&ndash;
+oder war ich es nicht? War es mein Schatten?</p>
+
+<p>Morgen werde ich vor die Großmutter hintreten
+und Rechenschaft über jene Tage fordern.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Was man dem Kinde damals vorenthielt, der
+reifen, geprüften Frau wird man es nicht mehr weigern.</p>
+
+<p>Ich will Aufschluß über Leben und Tod meines
+Kindes.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In all den langen Jahren bin ich das quälende Bewußtsein
+nicht losgeworden, daß ich damals nicht die
+Wahrheit erfahren habe.</p>
+
+<p>Ich bin jetzt auf einem Punkt angelangt, daß ich
+auf nichts und niemand mehr Rücksicht nehme.</p>
+
+<p>Noch kurze Zeit, und das große Wasser liegt wieder
+zwischen mir und der Heimat.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich kann nicht schlafen. Die Geister der Vergangenheit
+umschweben mich und lassen mich nicht
+zur Ruhe kommen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Bist auch du mir nahe, teure Mutter? Und du,
+Werner, mein Geliebter, mein Retter?</p>
+
+<p>Seid ihr zufrieden mit mir, so gebt mir ein Zeichen!</p>
+
+<p>Fern, ganz fern und schwach tönt feines Klingen
+im Dunkel des Waldes, wie eine Stimme aus dem
+Jenseits.</p>
+
+<p>Oder fiel ein Stern klingend vom Himmel?</p>
+
+<p>Ich will schlafen und träumen, vielleicht kommen
+im Traum die Lieben zu mir, die mir das Wachen
+versagt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="VII" id="VII"></a>VII.<br />
+
+Eine Abrechnung.</h2>
+
+
+<p>Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, ich habe
+einen Sohn!</p>
+
+<p>Er lebt, ist gesund, und ich&nbsp;&ndash; ich wußte es nicht!</p>
+
+<p>Warum hat man es mir verheimlicht?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sie haben es gut mit mir gemeint, sagen die Großeltern.
+Ich sollte, selbst noch ein Kind, nicht diese
+Bürde tragen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Später, wenn ich älter geworden, wenn die Umstände
+danach waren, hätten sie mir die Wahrheit
+sagen wollen.</p>
+
+<p>Und dann sei ich verschollen gewesen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sie haben es gut gemeint! Gewiß, ich muß wohl
+noch dankbar sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber nun? Wo ist mein Kind? Jetzt hält mich
+nichts mehr zurück, führt mich hin!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sie schweigen&nbsp;&ndash; sind verlegen&nbsp;&ndash; was soll das
+bedeuten?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und so erfahre ich denn das Unglaubliche, das
+Unfaßbare!</p>
+
+<p>Mein Sohn, mein Kind, ist auf Gut Koppenbruch,
+bei Rudolph Schönewald, seinem Vater!</p>
+
+<p>Es ist kaum auszudenken, und doch ist es wahr!</p>
+
+<p>Es klingt gleich einem Märchen, und doch ist es
+Wahrheit. Der Mann, der vor allen anderen daran
+schuld ist, daß ich in dieses Labyrinth geriet, der es
+ablehnte, der Mutter seines Kindes einen ehrlichen
+Namen zu geben, dieser Mann nimmt den Sohn eben
+dieser Frau an Kindes Statt an, weil seine Gattin ihm
+keinen Erben geschenkt.</p>
+
+<p>Meinen Sohn!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Meine Gedanken wandern hinweg, weit fort, zu
+den Tagen, wo mein Mann hoffte&nbsp;&ndash; vergebens hoffte,
+daß ihm ein Erbe für sein Lebenswerk geboren würde.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Er</em> hoffte vergebens!</p>
+
+<p>Und Rudolph Schönewald sollte sich in meinem
+Sohne den Erben heranziehen?</p>
+
+<p>Das Kind der Frau, die er verschmäht, weil sie
+nicht Geld genug hatte, um die Gattin eines Gutsbesitzers
+zu werden!</p>
+
+<p>Nein! Ich werde es nicht zugeben! Ich selbst
+will mein Kind zu mir nehmen, und keine Macht der
+Welt wird mich daran hindern.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Vor acht Jahren erst hat er den Knaben zu sich
+genommen, als ihm selbst keine Hoffnung geblieben,
+daß ihm ein Erbe geboren würde.</p>
+
+<p>Die Großeltern haben es als die glücklichste
+Lösung der ganzen Angelegenheit betrachtet.</p>
+
+<p>Kann ich sie tadeln?</p>
+
+<p>Nein, gewiß nicht!</p>
+
+<p>Die Mutter verschollen, sie selbst alt und gebrechlich,
+ist es da nicht zu begreifen, wenn sie es
+als ein Glück ansahen, daß der Knabe auf diese Weise
+gewissermaßen zu seinem Rechte kam?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Seine Gattin weiß natürlich nichts von der Herkunft
+ihres Adoptivsohnes. Für sie ist es ein entfernter
+Verwandter.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nun aber bin ich da, und sofort werde ich Schritte
+tun, um mir mein Kind zurückzuholen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wem bin ich Rechenschaft schuldig? Niemand.</p>
+
+<p>Meiner Lou?</p>
+
+<p>Fürchte ich die fragenden Augen meines Töchterchens?</p>
+
+<p>Es wird sich ein Ausweg finden; später, wenn sie
+es besser versteht, soll sie alles erfahren, die ganze
+Wahrheit.</p>
+
+<p>Nur jetzt noch nicht, noch ist sie nicht reif genug
+dafür.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe an Rudolph Schönewald geschrieben
+und ihn ersucht, mir Zeit und Ort anzugeben, wo
+ich mein Kind in Empfang nehmen kann, um es
+mit nach Amerika zu nehmen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wer mir gesagt hätte, daß ich noch einmal an
+diesen Mann schreiben würde! Ich versuche vergebens,
+mir sein Bild ins Gedächtnis zurückzurufen.</p>
+
+<p>Weit, weit ab, in fernem, undurchdringlichem
+Nebel liegen jene heißen, schwülen Tage, in denen
+zuerst meine Sinne erwacht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nichts regt sich mehr in mir, was für diesen
+Mann spricht. Nur ein Gefühl der Genugtuung beschleicht
+mich bei dem Gedanken, ihm wehe zu tun.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er wird den Knaben liebgewonnen haben. Er
+wird ihn mir nicht geben wollen. Aber er muß! Das
+Recht ist auf meiner Seite.</p>
+
+<p>Und wäre es nicht so, dann würde ich mich nicht
+scheuen, noch einmal die Hilfe des Herzogs in Anspruch
+zu nehmen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Was ist es, das mich so rastlos macht, seit ich den
+Brief geschrieben?</p>
+
+<p>Ist es die Sehnsucht nach dem Kinde, das ich
+nicht kenne?</p>
+
+<p>Nein! Vor mir selbst will ich wahr sein!</p>
+
+<p>Gewiß, ich sehne mich nach dem Knaben. Wie
+wird er sein? Werde ich ihn lieb haben&nbsp;&ndash; und er
+mich?</p>
+
+<p>Er wird mich lieben lernen.</p>
+
+<p>Ob man ihm je von seiner Mutter sprach?</p>
+
+<p>Ich wage gar nicht zu fragen, wem er ähnlich sieht.</p>
+
+<p>Nur nicht jenem Menschen, dem ich jetzt mit
+Freuden die größte Enttäuschung seines Lebens
+bereite.</p>
+
+<p>Vielleicht nicht nur eine Enttäuschung, vielleicht
+einen Schmerz, einen wirklichen, großen
+Schmerz.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ja, das ist es! Ich freue mich darüber! Ich will
+ihm wehe tun!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ist das schlecht?</p>
+
+<p>Es ist nur menschlich! Wer hat nach <em class="gesperrt">meinen</em>
+Gefühlen gefragt?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Heute früh war er da!</p>
+
+<p>So rasch hatte ich die Wirkung meines Briefes
+nicht erwartet.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich war sehr erschrocken, als mir Rudolph Schönewald
+gemeldet wurde. Ich warf einen Blick in den
+Spiegel und erschrak noch mehr über das blasse Gesicht,
+das mir aus der schwarzen Umrahmung doppelt
+blaß entgegenschien.</p>
+
+<p>Es klopfte an die Tür. Ich trat einen Schritt vor
+&ndash; es war mir nicht möglich, »Herein« zu rufen&nbsp;&ndash;
+da stand er auch schon vor mir.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Was hatte ich mir alles vorgenommen! Was
+wollte ich diesem Manne ins Gesicht schleudern,
+jahrelang angehäuften Groll, Verachtung, alles,
+alles&nbsp;&ndash; und nun sagte ich gar nichts.</p>
+
+<p>Er stand vor mir, den Hut in der Hand, das
+blonde Haar an den Schläfen stark gelichtet, mit unsicheren,
+ängstlichen Augen, und sagte ebenfalls
+nichts.</p>
+
+<p>So mußte ich anfangen.</p>
+
+<p>»Sie wünschten mich zu sprechen, Herr Schönewald?«</p>
+
+<p>»Ja&nbsp;&ndash; Sie schrieben mir, gnädige Frau, und&nbsp;&ndash;
+da&nbsp;&ndash; ich&nbsp;&ndash; dachte&nbsp;&mdash;«</p>
+
+<p>Er stotterte und schwieg.</p>
+
+<p>»Da wollten Sie mir meinen Jungen selbst
+bringen, nicht wahr?« sagte ich kühl. Ich hatte mich
+gefaßt und mich darauf besonnen, wer vor mir
+stand.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er zog sein Taschentuch heraus und wischte sich
+den Schweiß von der Stirn, dann sagte er:</p>
+
+<p>»Warum wollen Sie mir das antun, gnädige Frau?
+Sie kennen den Jungen gar nicht, und ich, ich habe
+ihn lieb.«</p>
+
+<p>»Sie hätten ihn seinerzeit für immer haben
+können, nun ist es zu spät. Uneheliche Kinder gehören,
+soviel ich weiß, der Mutter. Und ich gedenke
+mein Recht geltend zu machen.«</p>
+
+<p>»Aber ich habe ihn adoptiert!«</p>
+
+<p>»Ohne meine Einwilligung!«</p>
+
+<p>»Er wird nicht von mir wollen, haben Sie Erbarmen!«</p>
+
+<p>»Haben <em class="gesperrt">Sie</em> Erbarmen gehabt? Ich tue nur,
+was die Bibel lehrt: Auge um Auge, Zahn um Zahn.«</p>
+
+<p>»So kann Sie nichts von Ihrem Vorhaben abbringen?«</p>
+
+<p>»Nichts! Es ist nutzlos, weiter darüber zu reden.
+Adieu!«</p>
+
+<p>Er ging. Merkwürdig gebückt, trotz seiner noch
+jungen Jahre.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mir ist so wohl! Es ist ein schönes Gefühl, wenn
+man so abrechnen kann.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nur dürfte der Grund zu dieser Abrechnung nicht
+das Schicksal meines Kindes sein.</p>
+
+<p>Das ist der bittere Nachgeschmack.</p>
+
+<p>Aber das weiß nur ich allein.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich will heute nachmittag nach Nauheim fahren
+und alles zur Abreise vorbereiten. Wenn ich meinen
+Sohn bei mir habe, will ich so bald als möglich nach
+drüben.</p>
+
+<p>Es ist auf alle Fälle besser, diese Entfernung
+zwischen ihn und seinen Vater zu legen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mir ist ganz sonderbar zumute, wenn ich mir vergegenwärtige,
+wie es werden wird.</p>
+
+<p>Wenn er nicht zu mir will? Möglich wäre auch
+das.</p>
+
+<p>Wie soll er diese so plötzlich aufgetauchte Mutter
+lieben?</p>
+
+<p>Aber er ist noch jung, ist aufnahmefähig für alles
+Neue und Absonderliche.</p>
+
+<p>Lou ist fünfzehn Jahre und er achtzehn.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Achtzehn Jahre! Was hatte ich mit achtzehn
+Jahren schon alles hinter mir!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Die Großeltern gehen mit sonderbar vorwurfsvollen
+Blicken einher. Sie scheinen nicht mit meinem
+Tun zufrieden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Bis zu seinem zehnten Jahre ist der Knabe hier
+bei ihnen gewesen.</p>
+
+<p>Ich glaub' es wohl, daß sie ihn ungern hergegeben
+haben, daß sie nur das Wohl des Knaben im Auge
+hatten.</p>
+
+<p>Sie können mich nicht begreifen, daß ich ihn nicht
+dort lasse, wo nach ihrer Meinung sein rechter Platz ist.</p>
+
+<p>Sind es nur Rachegefühle, die mich leiten?</p>
+
+<p>Gilt mir das Wohl meines Kindes nicht in erster
+Linie?</p>
+
+<p>Wenn ich ganz wahr gegen mich sein will, so weiß
+ich es selbst nicht einmal.</p>
+
+<p>Ich will mein Kind haben, will es umarmen, herzen,
+küssen, und fürchte mich doch vor diesem Augenblick.</p>
+
+<p>Das aber weiß ich gewiß, daß mich ein wohliges
+Gefühl beschleicht, wenn ich an den Schmerz denke,
+den ich dem Vater dieses Kindes zufüge.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Lou will im Walde bleiben, bis alles fertig zur
+Abreise ist.</p>
+
+<p>Mich trägt mein Wagen schnell zur Stadt; es ist
+schön, so schnell zum Ziele zu kommen.</p>
+
+<p>Ich lehne mich im Wagen zurück und lasse
+meine Augen über die alten, vielhundertjährigen
+Bäume gleiten. Es träumt sich gut unter euch.
+Und du wirst still und friedlich ruhen, mein treuer
+Freund.</p>
+
+<p>Ich aber will dir noch jetzt den Mann erziehen,
+den du dir für deine Werke so oft gewünscht hast.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Die Dämmerung zieht herauf. Die Stimmen der
+spielenden Kinder tönen von der Straße zu mir ins
+Zimmer.</p>
+
+<p>Selige Tage der Kindheit.</p>
+
+<p>So gut es meine Lou hat, etwas hat sie nicht
+kennen gelernt.</p>
+
+<p>Diese wundervollen Spiele an lauen Sommerabenden,
+wenn jeder Augenblick vorm Zubettgehen
+noch im Spiel mit den Nachbarskindern ausgenutzt
+wird.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch Millionäre können ihren Kindern nicht alles
+geben.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nun ist alles erledigt. Ich bin wieder im Walde
+und erwarte nur noch meinen Jungen.</p>
+
+<p>Großvater ist gestern hingefahren, ihn zu holen.</p>
+
+<p>Schönewald hat an ihn geschrieben, es ginge über
+seine Kraft, selbst den Jungen aus seinem Hause zu
+bringen.</p>
+
+<p>Ich will es glauben, es ist vielleicht auch besser so.</p>
+
+<p>Großvater kann ihn wenigstens etwas vorbereiten
+unterwegs.</p>
+
+<p>Und Lou? Ich muß es ihr endlich sagen, daß sie
+einen Kameraden bekommt, einen Bruder!</p>
+
+<p>Wird es mir doch zu schwer, das rechte Wort zu
+finden&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nun ist es gesagt! Sie ist doch noch ein rechter
+Kindskopf.</p>
+
+<p>Sie freut sich! Freut sich unbändig über
+den Bruder, und fragt nicht nach dem Wie
+und Wo.</p>
+
+<p>Schon immer hat sie sich einen Bruder gewünscht,
+mit dem sie Spaziergänge und Streifzüge unternehmen
+könne.</p>
+
+<p>Es ist gut so. Später, wenn sie vernünftiger ist,
+werde ich es ihr besser erklären können.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nun ist er da!</p>
+
+<p>Mein Junge! Mein großer, schöner Junge! Ach,
+ich bin doch glücklich. So hatte ich ihn mir nicht
+vorgestellt, so groß und hübsch. Ein rechter Herr
+schon!</p>
+
+<p>Ach, und gottlob nichts, aber auch gar nichts
+von dem, was ich gefürchtet. Sein Aussehen ruft
+mir keine unangenehmen Erinnerungen wach. Dunkelbraunes
+Haar, schöne Nase, etwas gebogen, und
+prächtige, dunkle Augen.</p>
+
+<p>Aber so scheu, so ungelenk ist der große Bursche,
+immer und immer wieder guckt er sich die neue Mutter
+an.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich war ganz aufgeregt. Ich habe gelacht und geweint,
+und all meine Ruhe war verflogen. Hätte ich
+ihn doch schon früher gehabt, meinen Jungen! Wird
+er sich jetzt noch an mich gewöhnen?</p>
+
+<p>Früher? Aber ich vergesse ja ganz, daß mein
+Mann von der Existenz dieses Kindes gar nichts
+hätte wissen dürfen.</p>
+
+<p>So war es also gerade die rechte Zeit.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ja, ja, ich finde mich durch mein eigenes Leben
+bald nicht mehr hindurch.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Morgen reisen wir ab. Ich freue mich diesmal
+sehr auf die Reise.</p>
+
+<p>Die letzten Tage waren unerträglich.</p>
+
+<p>Der Knabe ist mir fremd, und alle meine Annäherungsversuche
+waren erfolglos. Noch ist kein
+gemeinsames Band zwischen uns. Nur mit Lou ist
+er bereits gut Freund.</p>
+
+<p>Doch ist wenigstens sein Name mir vertraut. Sie
+haben ihm Großvaters Namen gegeben.</p>
+
+<p>Konrad, ein schöner Name, und so echt deutsch.</p>
+
+<p>Und ich will seinen Träger zum Amerikaner machen!</p>
+
+<p>Ob es mir gelingen wird?</p>
+
+<p>Ich hoffe es, ist er doch noch jung.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich glaube überhaupt, es ist in erster Linie die
+Freude an der Reise, an dem Unbekannten, die ihn
+bewogen hat, so rasch und widerstandslos einzuwilligen.</p>
+
+<p>Steckt doch in jedem jungen Menschen der Hang
+zum Abenteuerlichen.</p>
+
+<p>Mag es sein, ich muß es hinnehmen. Später, im
+steten Umgang, und drüben, wo er ganz auf mich
+angewiesen ist, werden wir schon das heimliche Band
+finden, das uns verbindet.</p>
+
+<p>Es muß gelingen! Es war mir ein unerträglicher
+Gedanke, die Fabrik und die großen Viehzüchtereien
+in fremde Hände zu legen, wenn ich einmal gehe.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Lou? Sie wird heiraten, und ich möchte ihr keinen
+Mann aufzwingen aus Rücksicht aufs Geschäft.</p>
+
+<p>Ergibt es sich von selbst, daß sie eine passende
+Heirat macht, dann um so besser; es ist Platz für
+zwei Herren.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch die großen Weideflächen brauchen Aufsicht,
+und wir könnten etwas mehr Ruhe walten lassen.</p>
+
+<p>Aber Ruhe in Amerika, und noch dazu in einem
+Geschäft&nbsp;&ndash; das ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit.</p>
+
+<p>Es wäre deshalb doppelt gut, wenn die Arbeit
+geteilt würde.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Auf See.</p>
+
+<p>Wieder einmal die goldene Klarheit eines schönen
+Herbsttages auf See. Die Luft ist mild und wunderbar
+rein.</p>
+
+<p>Erquickende Tage, erquickende Nächte, noch
+einmal ist es eine Zeit für mich, von der ich sagen
+kann, das Leben ist doch lebenswert.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Kinder wegen nehmen wir die Mahlzeiten im
+großen Salon, was wir in den letzten Jahren wegen
+meines Mannes Krankheit nie getan haben. Die
+schön geschmückten Tische, der Luxus der Ausstattung,
+die harmonisch abgestimmten Farben, das
+ist stets wie ein Fest.</p>
+
+<p>Wir sitzen am Kapitänstisch, sind also bevorzugt,
+gewissermaßen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mein Junge kommt aus der Verwunderung gar
+nicht heraus. Er staunt noch immer die Annehmlichkeiten
+des Reichtums als etwas Unwirkliches an.
+Lou ist das gewöhnt, sie nimmt es als selbstverständlich
+hin.</p>
+
+<p>Was wohl der Kapitän und all die hohen Herrschaften
+sagen würden, speziell der deutsche Gesandte
+Graf B., der mir gegenüber sitzt, wenn ich
+ihnen verriete, daß ich vor nun sechzehn Jahren
+auf genau solchem Schiff als Stewardeß tätig
+war?</p>
+
+<p>Das Geld ist doch eine große Macht.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich kann mich nicht überwinden, ich muß auch
+diesmal wieder nach alter Gewohnheit des Abends
+ein Stündchen auf Deck.</p>
+
+<p>Heute abend traf ich Konrad, allein und auf
+meinem alten Plätzchen. Es berührt mich sonderbar;
+begegnen wir uns hier in einem Empfinden?</p>
+
+<p>Ich legte den Arm um ihn und sah ihm in die
+Augen.</p>
+
+<p>Heimweh? Armer Junge! Ich hätte es mir denken
+können......</p>
+
+<p>»Nächstes Jahr gehen wir wieder nach draußen,
+mein Junge! Wenn du brav lernst, dann sollst du
+als Belohnung eine Europareise haben. Auch Lou
+wird gern wieder mitgehen, meinst du nicht auch?«</p>
+
+<p>Es leuchtete freudig auf in seinem von Tränen
+verdunkelten Blick.</p>
+
+<p>Ich selbst habe auch den Wunsch, schon nächstes
+Jahr wieder an mein geliebtes Grab zu eilen. Bin ich
+doch jetzt, durch die Umstände gezwungen, viel zu
+früh fortgegangen.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe mich entschlossen, erst noch einige
+Wochen in New York zu bleiben. Es ist besser für
+Konrad, er muß erst einigermaßen die Sprache beherrschen.</p>
+
+<p>Wir haben schon unterwegs nur noch Englisch
+mit ihm gesprochen. Ich glaube, es wird ihm leicht
+werden. Nur muß er einen tüchtigen Lehrer haben.
+Wir beide, Lou und ich, wir sind nicht energisch genug.
+Wenn er es gar nicht verstehen kann, dann sprechen
+wir doch immer wieder Deutsch. Am besten ist es aber,
+wenn er überhaupt kein Wort Deutsch mehr hört.</p>
+
+<p>Ich werde den Doktor aufsuchen, er wird mir
+raten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nun bin ich doch schon zu Hause. Aus den
+Wochen in New York sind nur einige Tage geworden.
+Aber ich bin allein mit Lou, denn Konrad ist in New
+York geblieben.</p>
+
+<p>Doktor Curtis hielt es für das beste, und ich muß
+ihm recht geben. Hätte ich doch auch nicht gedacht,
+daß es sich so wunderschön einrichten ließe.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Doktor Curtis ist verheiratet, schon seit vierzehn
+Jahren.</p>
+
+<p>Er hat eine liebe, kleine Frau und ein Töchterchen,
+das an Ausgelassenheit meiner Lou nichts nachgibt.</p>
+
+<p>Ich habe ihn in alles eingeweiht, was Konrad
+betrifft. Und er meint, daß es auf alle Fälle besser
+ist, wenn der Junge erst noch einige Zeit für sich hat.
+Eine Zeit des Besinnens, der Einkehr.</p>
+
+<p>Er wächst auch leichter in das Fremde hinein,
+das ihn dort erwartet, wenn er die Sprache schon
+einigermaßen beherrscht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich bin zuweilen voller Hoffnung für die Zukunft,
+zuweilen bin ich wieder ganz mutlos.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und doch&nbsp;&ndash; war der Abschied von meinem
+großen Jungen nicht ganz vielversprechend? Kann
+ich mehr verlangen?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich will arbeiten, dann vergehen die Grillen. Zu
+lange hat der Herr gefehlt, ich muß viel nachholen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nach dem Westen will ich erst, wenn Konrad hier
+ist, es soll mein erstes Alleinsein mit ihm werden.</p>
+
+<p>Lou muß diesmal in Chikago bleiben, obgleich
+sie für ihr Leben gern in den Ranchos herumwirtschaftet;
+sie muß diesmal verzichten.</p>
+
+<p>Ich muß die Gelegenheit wahrnehmen, um endlich
+das Vertrauen meines Jungen zu gewinnen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch im Betrieb habe ich bereits vorgearbeitet.
+Den alten Thomas habe ich ins Vertrauen gezogen.
+Es schien mir, als ob er im Anfang etwas verstimmt
+sei, doch es wird sich geben, er ist ein treuer Diener.</p>
+
+<p>Auch ihm ist am letzten Ende <em class="gesperrt">ein</em> Herr lieber
+als mehrere.</p>
+
+<p>Und was wäre uns schließlich weiter übrig geblieben
+als eine Aktiengesellschaft? Denn ganz will
+ich meine Kräfte nicht aufreiben und ich möchte
+auch gern endlich an die Verwirklichung meiner
+lange gehegten Pläne gehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Nun ich allein bin, komme ich erst wieder so recht
+zu mir selbst und denke die letzten Monate noch einmal
+in Ruhe durch.</p>
+
+<p>Der Tod meines Mannes&nbsp;&ndash; es ist, als ob schon
+eine Ewigkeit seitdem verflossen wäre.</p>
+
+<p>Zuweilen bin ich über mich selbst verwundert,
+daß mich das alles nicht tiefer getroffen hat.</p>
+
+<p>Gewiß, es war mir sehr schmerzlich, es hat sehr
+wehgetan, ein Stück meines besseren Ich ist von mir
+gegangen. Und doch&nbsp;&ndash; ich meine, andere Frauen
+empfinden viel tiefer, sind viel untröstlicher. Ich
+glaube, in mir ist eine Saite zerbrochen, die nie mehr
+klingen kann.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es ist schade, man wird so hart und liebt
+die Menschen so wenig. Die Menschheit im
+allgemeinen will ich damit sagen&nbsp;&ndash; denn im besonderen
+habe ich einige recht innig in mein Herz
+geschlossen.</p>
+
+<p>Und doch muß ich noch zufrieden sein. Denn
+besser hart und kalt als untergehen im Sumpf.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe eine lange Pause in meinen Aufzeichnungen
+gemacht. Monate sind seitdem vergangen,
+nun bin ich mit Konrad im Westen.</p>
+
+<p>Ich freue mich über meinen Entschluß, hier geht
+das Herz des Jungen so recht auf.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Heimweh und Fremdheit sind verschwunden, das
+Kind hat sich zur Mutter gefunden.</p>
+
+<p>Wenn wir abends nach stundenlangem Umherstreifen
+müde und hungrig in unser Blockhaus
+kommen, wo uns ein einfaches, aber leckeres Mahl erwartet,
+dann sind wir so glücklich, daß wir mit
+keinem Könige tauschen möchten.</p>
+
+<p>Am meisten freut sich Konrad über die schöne
+Büchse, die ich ihm geschenkt. Er ist schon so geübt
+und ein so passionierter Jäger, daß ich manchmal
+glaube, er würde am liebsten immer hier bleiben.
+Aber das geht nicht. Chikago bleibt vorläufig die
+Hauptsache.</p>
+
+<p>Nur manchmal einige Wochen der Erholung hier
+im Westen, das will ich ihm versprechen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ein Jahr ist Konrad nun schon bei uns, und,
+Gott sei Dank, er scheint nicht mehr nach Hause zu
+denken, wenigstens sagt er nie etwas davon.</p>
+
+<p>Wir kommen sehr gut miteinander aus. Natürlich
+ist das Verhältnis nicht so, wie zwischen mir und Lou,
+das kann ich auch nicht verlangen, aber ich darf
+zufrieden sein.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Heute kam ein Brief vom Großvater mit einer
+Einlage, einem amtlichen Schriftstück. Konrad muß
+Soldat werden. Wer hätte daran gedacht?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Was nun?</p>
+
+<p>Ich will zum Konsul gehen, er wird mir helfen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Es ist alles nicht so schlimm. Der Junge hat zum
+Glück sein Einjährigenzeugnis, braucht also nur ein
+Jahr zu dienen.</p>
+
+<p>Er läßt sich nun noch vorläufig zwei Jahre zurückstellen
+und fährt dann im August oder September
+hinüber, damit er im Oktober eintreten kann. Er ist
+jetzt neunzehn Jahre, also auch noch jung genug,
+wenn er mit zweiundzwanzig Jahren wieder zurückkommt.</p>
+
+<p>Es ist gut, daß er als Einjähriger dienen kann;
+im anderen Falle hätten wir doch wohl vorgezogen,
+nicht auf die Zuschrift zu antworten. Besser ist es
+natürlich so, dann ist ihm wenigstens später der
+Aufenthalt in Deutschland zu jeder Zeit gestattet.</p>
+
+<p>Lou macht die Sache am meisten Spaß.</p>
+
+<p>Es ist ihr ganz was Neues, daß ihr Bruder Soldat
+sein soll, und sie will ihn durchaus besuchen während
+seiner Dienstzeit.</p>
+
+<p>Dieser Wunsch soll ihr erfüllt werden. Nach Ablauf
+seines Dienstjahres werden wir uns unseren
+Jungen wieder holen.</p>
+
+<p>Schon lange habe ich Sehnsucht nach dem stillen
+Plätzchen unter den dunkeln Tannen. Nur die
+Arbeit hält mich zurück.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Zwei Jahre später.</p>
+
+<p>Nun ist Konrad schon seit Wochen fort, und wir
+merken beide so recht, wie sehr wir ihn lieben, wie
+sehr er uns fehlt.</p>
+
+<p>Sogar der alte Thomas stöhnt zuweilen und sagt:
+»Wenn doch der junge Herr erst wieder hier wäre! He
+is the smartest young chap, I ever saw.«</p>
+
+<p>&ndash; Das will gewiß viel sagen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Den 10. Juli.</p>
+
+<p>Wir sind schon auf der Reise, wir können es
+gar nicht mehr erwarten, wir müssen unsern Jungen
+besuchen.</p>
+
+<p>Lou zumal ließ keine Ruhe mehr.</p>
+
+<p>»I should like to see the boy in this funny uniform«
+ist ihr ständiger Ausspruch.</p>
+
+<p>Er dient in Hannover, und ich freue mich, die
+Stadt bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Meine Lou ist eine erwachsene junge Dame geworden,
+und ich habe es beinahe nicht bemerkt.</p>
+
+<p>Es wird mir schwer, mich darein zu finden, für
+mich ist sie noch immer das Kind, mein kleiner Liebling,
+mein Wildfang.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber was hilft es mir? Sie ist neunzehn Jahre,
+und ich denke mit Schrecken daran, daß eines Tages
+ein Mann kommt und sie mir fortnimmt.</p>
+
+<p>Elternlos! Man zieht die Kinder für andere groß,
+um im Alter einsamer zu sein als je zuvor.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich werde in Cherbourg den Dampfer verlassen
+und mich einige Wochen in Paris aufhalten. Wir
+müssen neue Kleider haben, damit mein Junge mit
+seiner Schwester Staat machen kann. Und für Lou
+will ich eine gewandte Zofe engagieren, die auch mir
+etwas behilflich sein kann. Meine alte Hannah wird
+zu steif, ich konnte sie diesmal gar nicht mitnehmen.
+Ich muß die alte, treue Seele sowieso etwas entlasten.
+Wenn wir nach Hannover kommen, muß Lou als
+vollendete Dame auftreten, und diese Französinnen
+verstehen ihr Geschäft.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Das Wiedersehen zwischen Konrad und uns
+beiden war sehr herzlich.</p>
+
+<p>Gott sei Dank, der Junge hat mich doch lieb!</p>
+
+<p>Kein Gedanke daran, daß er wieder in Deutschland
+bleiben möchte, wie ich oft im stillen befürchtet.</p>
+
+<p>Nun kann ich ruhig sein, dies war der Prüfstein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir haben es gut getroffen. Das Regiment, bei
+dem Konrad dient, hat irgendeine Gedenkfeier. Es
+gibt allerlei Festlichkeiten und Aufführungen, und
+Konrad freut sich, seine schöne Schwester überall
+zeigen zu können.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Lou ist natürlich ganz Feuer und Flamme.</p>
+
+<p>Ich selbst bin davon weniger erbaut, doch ich
+muß dem Kinde auch etwas gönnen; habe ich doch
+drüben viel zu zurückgezogen gelebt.</p>
+
+<p>Ich wollte Lou recht lange ihre Kindheit erhalten.</p>
+
+<p>Wenn ich daran denke, was ich in dem Alter hinter
+mir hatte, dann überläuft's mich heiß und kalt.</p>
+
+<p>War ich denn das wirklich?</p>
+
+<p>Ich wollte, es wäre ein Traum gewesen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Konrad ist befördert worden. Ich verstehe nicht
+viel davon, aber hier scheinen sie ja großes Gewicht
+auf diese Auszeichnung zu legen.&nbsp;&ndash; Es hat wenig
+Zweck, aber mag es sein, den Jungen freut's.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Alle die Einladungen und Festlichkeiten habe ich
+gestern mit einem Diner im Bristol erwidert.</p>
+
+<p>Einige Kameraden, die Konrad besonders nahegetreten
+waren, einige Offiziere des Regiments mit
+ihren Damen und sogar der Herr Oberst waren
+erschienen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir sind ja Amerikaner, und anscheinend schweben
+unsere paar Millionen tausendfach vergrößert um
+uns.</p>
+
+<p>Ich könnte mir sonst die übergroße Liebenswürdigkeit
+von allen Seiten nicht erklären.</p>
+
+<p>Alles ist sehr gut gelungen. Der Wirt hatte alles
+aufgeboten, da ich ihm in pekuniärer Beziehung keinerlei
+Beschränkung auferlegt hatte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und doch bin ich verstimmt heute.</p>
+
+<p>Lou ist wie ausgewechselt in den letzten Wochen.
+Ich fürchte, ich fürchte, es hängt mit dem Oberleutnant
+von Foltmer zusammen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In aller Frühe schon kam ein Strauß dunkelroter
+Rosen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich weiß, was diese Rosen für eine Sprache reden.</p>
+
+<p>Mir rufen sie die Jahre der Vergangenheit mit
+Allgewalt zurück.</p>
+
+<p>Lou selbst wurde wie ein Röschen so rot. Es ist
+Zeit, daß wir abreisen, ehe es zu spät ist.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Hätte ich nur nicht versprochen, noch zu dem
+Feste zu gehen, das der Oberst nächste Woche auf
+seinem Gut in Wolfshagen geben will.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es ist nur dreißig Minuten von Hannover, und es
+werden sehr viele aus der Stadt dasein. Gewiß auch
+dieser Foltmer.</p>
+
+<p>Er scheint ja ein ganz netter Mensch zu sein, aber
+er sollte sich nicht um meine Lou kümmern, dann
+wäre er mir noch viel angenehmer. Auf alle Fälle
+werden wir nach dem Fest gleich abreisen.</p>
+
+<p>Ich will das Glück meines Kindes; doch es wäre
+mir lieber, wenn sie es jenseits des großen Wassers
+finden würde.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Meine Befürchtungen waren nicht unbegründet.</p>
+
+<p>Und der Herr Oberst oder vielmehr seine Gattin
+scheinen mit den Wünschen des jungen Offiziers vertraut
+zu sein.</p>
+
+<p>Schon als er Lou den Arm bot, um sie zu Tisch zu
+führen, sah ich, wie es in ihren Augen aufleuchtete.
+Bei Tisch konnte ich wenig von ihr sehen; da mich
+der Oberst zu Tisch geführt, war ich ziemlich weit
+von ihr entfernt. Als aber die Tafel aufgehoben war,
+und ich sie zuerst wiedersah, da strahlten ihre großen
+Augen wie zwei Sonnen.</p>
+
+<p>Glückliches Kind!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich kam einen Augenblick in Versuchung, den
+Leuten da zuzurufen, <em class="gesperrt">wen</em> sie als hochgeehrten Gast
+hier in ihrer Mitte hatten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Schrecklich! Daß mir in den schönsten Augenblicken
+meines Lebens immer wieder diese Gedanken kommen.</p>
+
+<p>Es ist wie ein unerträglicher Zwang.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Lou schläft noch, doch ich sitze schon seit Stunden
+hier am Fenster. Wir wollen mit Schluß dieser
+Woche abreisen. Einen Platz auf dem Dampfer habe
+ich bestellt, wir werden uns aber erst in Cherbourg
+einschiffen, um vorher noch ein oder zwei Tage für
+Paris zu haben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Doch schon zu spät!</p>
+
+<p>Als Lou erwachte, flüsterte sie mir verschämt
+ins Ohr, daß Oberleutnant Foltmer mir heut' früh
+einen Besuch machen wolle.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Also doch! Und so rasch!</p>
+
+<p>Das lag nicht in meiner Berechnung.</p>
+
+<p>Soll ich alles widerstandslos gehen lassen, wie es
+will, oder soll ich ihn gar nicht empfangen?</p>
+
+<p>Doch nein, das darf ich nicht tun. Will ich denn
+nicht das Glück meines Lieblings? Darf ich es ihr
+wehren, wenn sie es an der Seite dieses Mannes zu
+finden hofft?</p>
+
+<p>Ich werde mich eines Tages damit abfinden müssen,
+daß sie von mir geht. Nicht für uns erziehen wir
+unsere Kinder.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber es ist trotzdem so schwer, auch wenn ich
+es mir täglich vorsage.</p>
+
+<p>Ich will mich nicht unnütz quälen, ich will abwarten,
+was mir der Oberleutnant zu sagen hat.</p>
+
+<p>Es wäre ja immerhin möglich, daß ich mich
+irre.</p>
+
+<p>Und doch&nbsp;&ndash; Lou war sonst so ganz anders.</p>
+
+<p>Das Kindliche, das harmlos Fröhliche ist verschwunden,
+das Weib in ihr ist erwacht.</p>
+
+<p>Ich werde trotz alledem sehr vorsichtig sein. Ich
+werde mich nicht überrumpeln lassen. Ich muß
+wissen, ob der Charakter dieses Mannes Garantien
+bietet.</p>
+
+<p>Ist es nicht auch möglich, daß die überseeischen
+Reichtümer ihn locken? Man sagt, daß Offiziere viel
+Geld gebrauchen können.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Meine Lou ist so glücklich, anscheinend ist der
+Oberleutnant ein tüchtiger Mann; er ist selbst sehr
+wohlhabend, da fällt wohl von selbst der Gedanke
+fort, ihn für einen Mitgiftjäger zu halten.</p>
+
+<p>Er ist der Sohn eines Großindustriellen, der erst
+neuerdings geadelt worden ist.</p>
+
+<p>Ich freue mich, daß er aus denselben Kreisen
+stammt wie Lou; es paßt besser als wenn er der
+Abkömmling irgendeines verarmten, feudalen Geschlechts
+wäre, um nun mit den Millionen seiner
+Frau sein Wappen neu zu vergolden.</p>
+
+<p>Nur daß ich mein Kind in Deutschland lassen soll,
+das wird mir schwer.</p>
+
+<p>Ob Foltmer gern Soldat ist? Ob er sich vielleicht
+entschließen könnte, die glänzende Uniform auszuziehen?</p>
+
+<p>»This funny uniform«, jetzt sagt's der Schlingel
+nicht mehr.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Mit der Abreise ist es nun doch nicht so schnell
+gegangen. Wir haben erst noch einen Besuch bei
+Foltmers Eltern gemacht. Ich bin mit einigem Widerstreben
+hierhergegangen, konnte aber auch keinen
+triftigen Grund für eine Ablehnung finden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mit offenen Armen, äußerst liebenswürdig hat
+man uns aufgenommen.</p>
+
+<p>Sonderbar, lebten wir hier in Deutschland, so
+wäre gewiß des Fragens kein Ende gewesen nach der
+Familie, der Herkunft und so weiter.</p>
+
+<p>Nun wir aber Fremde sind, fragt man uns
+nicht.</p>
+
+<p>Ich bin, trotzdem ich nie wieder für immer in
+Deutschland leben möchte, im Herzen gut deutsch
+geblieben, und da verdrießt es mich doch manchmal,
+daß der Deutsche alles, was aus dem Ausland kommt,
+als etwas Besonderes ansieht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Im übrigen freue ich mich doch, hierher gekommen
+zu sein. Wenn der Betrieb auch nicht an die amerikanischen
+Verhältnisse heranreicht, so muß ich doch
+gestehen, daß ich gestaunt habe über die Einrichtungen,
+deren endgültige Entwicklung noch lange
+nicht abgeschlossen ist. Aber die Automobilfabrikation
+ist hier ja auch noch lange nicht so weit wie
+drüben bei uns.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Abschied des Brautpaares war recht schwer.
+Ich habe mich täglich mehr davon überzeugt, daß
+mein Kind wirklich von Herzen um seiner selbst
+willen geliebt wird. Was bei diesem lieben, sonnigen
+Geschöpf ja auch kein Wunder ist.</p>
+
+<p>Am liebsten hätte Foltmer schon jetzt geheiratet.</p>
+
+<p>Aber da war ich unerbittlich. Ein Jahr müssen sie
+noch warten.</p>
+
+<p>Es wäre überhaupt mein größter Wunsch, daß
+Foltmer erst einmal zu uns nach Chikago käme,
+vielleicht ließe er sich dann dazu bewegen, seinen Abschied
+zu nehmen.</p>
+
+<p>Wir werden sehen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&ndash; Nach einem kleinen
+Abstecher in die Heimat zu den Großeltern wollen
+wir am 28. Oktober mit dem »Kaiser Wilhelm«
+wieder nach New York.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Es ist wie ein Verhängnis auf dieser Reise. Nicht
+allein, daß mein Liebling, meine Lou, mich verlassen
+will, hat sich jetzt auch Konrad noch verlobt. Und
+gerade jetzt, wo ich mich so gefreut habe über seine
+Heimkehr.</p>
+
+<p>Eigentlich habe ich mir schon in Deutschland Gedanken
+gemacht über Konrads Sehnsucht nach
+Amerika, die mir, offen gestanden, etwas unnatürlich
+war&nbsp;&ndash; nun habe ich die Erklärung
+dafür.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Helen Curtis war der Magnet. Helen, das Töchterchen
+meines alten Freundes.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>So leid es mir einerseits tut, daß ich den Jungen,
+den ich so spät erst gefunden, nun schon wieder an
+eine andere verlieren soll, so sage ich mir doch auch,
+daß es sich gar nicht glücklicher hätte gestalten
+können.</p>
+
+<p>Schon damals, als Konrad im Hause des Doktors
+gewesen ist, haben sich die ersten Anzeichen der
+jungen, knospenden Liebe bemerkbar gemacht.</p>
+
+<p>Im vergangenen Jahre, ehe er nach Deutschland
+fuhr, um seiner Militärpflicht zu genügen, war er noch
+einige Tage als Gast am Madison Square, und schon
+damals haben die beiden sich ausgesprochen.</p>
+
+<p>Doktor Curtis ist sehr zufrieden. Er setzt große
+Hoffnungen in Konrads Können und ist überzeugt,
+daß er noch einmal einer der ersten Männer unserer
+Industrie sein wird.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Schon im Frühjahr möchte Konrad heiraten. Mir
+ist es etwas zu rasch, aber der Doktor meint, allzu
+langes Warten sei nicht nach seinem Geschmack.
+Wenn ich aber triftige Gründe habe, so wolle er sie
+selbstverständlich respektieren.</p>
+
+<p>Die habe ich nicht, und ich könnte mir auch keine
+Liebere als Ersatz für meine Lou wünschen als die
+zierliche, blonde Helen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Es gibt Arbeit daheim, und das ist gut.</p>
+
+<p>Wenn Konrad heiraten will, so muß ich zuvor
+genau wissen, was ich Lou als der Tochter ihres Vaters
+schuldig bin.</p>
+
+<p>Mein Gerechtigkeitsgefühl läßt es nicht zu, daß
+ich meinen Sohn, der doch meinem Gatten völlig
+fremd war, als seinen Erben hier hinsetze.</p>
+
+<p>Ich habe mit Thomas darüber gesprochen, und er
+billigt meine Ansicht vollständig.</p>
+
+<p>Ist mir doch sogar, als ob er seit der Zeit merklich
+wärmer gegen Konrad sei.</p>
+
+<p>Ich habe immer das Gefühl gehabt, als empfände
+er es als ein Unrecht gegen Lou, daß ich Konrad als
+zukünftigen Herrn hierhergebracht habe.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der gute Alte!</p>
+
+<p>Ich habe selbst zu viel Unrecht erlitten, um leichtsinnig
+mit den Rechten anderer zu spielen.</p>
+
+<p>Lous Anteil soll ihr ungeschmälert werden, und
+nur das, was mein Rechtsanteil an dem Vermögen
+meines Mannes ist, soll die Basis bilden, auf der Konrad
+weiterbauen kann. Habe ich mich nicht in ihm
+getäuscht, so wird er ganz im Sinne meines Mannes
+weiterarbeiten und wird in nicht zu ferner Zeit auf
+eigenen Füßen stehen können.</p>
+
+<p>Vier bis fünf Jahre werde ich noch allein Herrin
+der Werke bleiben, bis dahin wird es sich gezeigt
+haben, ob ich mich ohne Sorgen zur Ruhe setzen
+kann.&nbsp;&mdash;</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="VIII" id="VIII"></a>VIII.<br />
+
+Ans Werk.</h2>
+
+
+<p>New York, Dezember 1906.</p>
+
+<p>Ich sitze in meinem Arbeitszimmer. Das Haus
+ist still, wie ausgestorben.</p>
+
+<p>Nach Jahren halte ich mein altes Tagebuch wieder
+einmal in den Händen.</p>
+
+<p>Erinnerungen! Die lieben Gäste der Einsamkeit.</p>
+
+<p>Sind es auch mir liebe Gäste?</p>
+
+<p>Sie sind es! Aus vollem, aufrichtigem Herzen
+kann ich es sagen. Die Einsamkeit, die viele Menschen
+lastend empfinden, mir ist sie eine Erholung; ein köstliches
+Insichselbstversenken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch die bösen Erinnerungen meiner frühesten
+Jugend schrecken mich nicht mehr, obgleich es ein
+köstlich Ding sein muß, beim Rückblick auf die durchwanderte
+Strecke nur Gutes und Schönes zu sehen.</p>
+
+<p>Doch ich will nicht ungerecht sein; es ist wohl
+wenigen beschieden, nur Rosen im Garten des Lebens
+zu pflücken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als ich vor sechs Jahren am Sterbebette der Großmutter
+stand&nbsp;&ndash; und sie mir sagte: »Du hast alles
+wieder gut gemacht, mein Kind,« da habe ich mich
+sehr gefreut. Die Anerkennung aus diesem Munde
+tat mir wohl.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Auch ich selbst habe das Bewußtsein, daß ich vor
+dem strengsten Richter bestehen könnte, wenn die
+Abrechnung kommt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich wohne nun in New York und widme mich ganz
+meinen schon lange gehegten Lieblingsplänen, der
+Bekämpfung des Mädchenhandels.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wo fände sich ein dankbareres Feld als gerade hier?</p>
+
+<p>Und doch, es ist schwer zu arbeiten: bei so wenig
+Entgegenkommen von Seiten der Behörden, besonders
+der Polizei.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, wie schlimm es in anderen Großstädten
+ist, ich weiß nur, daß es hier sehr schlimm ist.</p>
+
+<p>Ich habe jetzt gelernt, daß da, wo ich einst war,
+noch der Himmel unter diesen Höllen ist.</p>
+
+<p>Ein Gang durch die Bowery, Hell's Kitchen, the
+Stovepipe und wie diese entsetzlichen Orte alle heißen,
+hat mir gezeigt, wie schlimm ich es hätte treffen
+können.</p>
+
+<p>Fürchterliche Zustände herrschen auch in den sogenannten
+Teehäusern des Chinesenviertels. Das
+sind die Orte, wo mit Vorliebe halbwüchsige Kinder
+hinverschleppt werden.</p>
+
+<p>Ein Wesen, das dahinein kommt, findet wohl nie
+wieder den Weg zurück.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mit einem zuverlässigen Detektiv als Führer, in
+einen Herrenmantel gehüllt, habe ich selbst es gewagt,
+in ein solches Haus zu gehen, in dem kein
+Mensch ohne das bestimmte Paßwort Einlaß
+findet.</p>
+
+<p>Durch einen engen Torweg gelangten wir in einen
+engen, schmutzigen Hof. Am Ende des Hofes stiegen
+wir eine steile Treppe hinan und kamen in einen
+schmalen, niedrigen Gang, der fast ganz dunkel
+war; nur am Ende brannte eine gedämpfte rote
+Ampel.</p>
+
+<p>Am Ende des Ganges, da wo die rote Ampel
+brannte, mußten wir um eine Ecke biegen und anscheinend
+denselben Weg zurückgehen. Dann, nach
+einer kleinen Biegung nach rechts, standen wir vor
+einer schweren eichenen Tür.</p>
+
+<p>In ungefähr Kopfhöhe war eine kleine Klappe in
+der Tür, nicht größer als zwanzig Zentimeter im
+Geviert.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich klopfte und wartete.</p>
+
+<p>Da öffnete sich geräuschlos die Klappe, ein verwittertes
+Gesicht mit scharfen, stechenden Augen
+wurde einen Augenblick sichtbar, dann, ehe ich noch
+ein Wort sagen konnte, hatte sich die Öffnung schon
+wieder geschlossen.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich einmal klopfen,« flüsterte mein
+Begleiter, »dieser Tsung Lee ist vorsichtig. Er hat
+sofort gemerkt, daß Sie ein Fremder sind.«</p>
+
+<p>Ich trat zurück und ließ ihn vortreten.</p>
+
+<p>Ein kurzes, dreimal wiederholtes Klopfen wurde
+hörbar, die Klappe flog auf, einige leise geflüsterte
+Worte trafen mein Ohr, dann bewegte sich die schwere
+Tür lautlos in ihren Angeln und wir traten ein. Wir
+standen in einem Raum, in dem ich im ersten Augenblick
+gar nichts unterscheiden konnte. Ein ungewisses
+Dämmer herrschte, und ich hörte nirgends
+einen Laut.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>»Sie scheinen uns noch nicht recht zu trauen,«
+flüsterte mein Begleiter. »Man ist hier sehr vorsichtig.
+Dafür bieten diese Häuser aber auch, was
+man an keinem Platze der Welt schöner haben
+kann. Hier findet jeder seine Rechnung. Sogar
+der&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;«</p>
+
+<p>Ein Geräusch ließ ihn verstummen. Wir drehten
+uns nach der Seite, ein blaßgrüner Vorhang ging auseinander,
+und dahinter, auf schwellendem Diwan, wie
+aus der Erde gestiegen, lag, von rosigem Licht umflossen
+ein Weib, vielmehr ein Kind noch, und streckte
+die Arme nach uns aus. Ich wollte darauf zutreten
+um mit dem Kinde zu sprechen, mein Begleiter hielt
+mich zurück.</p>
+
+<p>»Warten,« flüsterte er, »es kommt noch besser.«</p>
+
+<p>Und es kam besser.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die armen Wesen! Ich bin gewiß, nicht ein einziges
+von all den armen Kindern hat gewußt, was man
+mit ihm vorhatte, wohin man es bringen würde. Das
+alte Lied, das alte Leid.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wir verließen das Haus auf einem anderen Wege,
+nicht ohne vorher fünfzig Dollars für den Besuch bezahlt
+zu haben.</p>
+
+<p>Die ganze Einrichtung dieser Häuser läßt unschwer
+erkennen, daß es vollständig ausgeschlossen ist für
+jemand, der wider seinen Willen darin festgehalten
+wird, zu entkommen.</p>
+
+<p>Auch die Polizei würde nie etwas anderes finden,
+wenn sie wirklich suchen würde, als eine harmlose
+Teestube im unteren Stock.</p>
+
+<p>Alles, was nicht gesehen werden soll, wird über
+die Leiter entfernt.</p>
+
+<p>Aber der Polizei ist all dies bekannt!</p>
+
+<p>Es ist ihr bekannt, daß gerade diese Pesthöhlen in
+Chinatown das Schlimmste sind, was es in diesem
+Genre geben kann. Und doch werden sie geduldet.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ich habe die Aufzeichnungen in meinem Tagebuch
+noch einmal durchgelesen und, obgleich mein
+Blut jetzt ruhiger und schwerer durch die Adern
+fließt, stimme ich auch jetzt noch meinen damaligen
+Ausführungen zu: Daß ein Hauptteil der Schuld
+an den unseligen Verhältnissen auf dem Gebiete der
+Prostitution auf Seiten des Mannes liegt.&nbsp;&ndash; Die Konjunktur
+richtet sich hier, wie überall, nach Angebot
+und Nachfrage.</p>
+
+<p>Hier allein liegt der Kern des Übels. Würden die
+Männer jene Häuser nicht so frequentieren, so
+wäre ihre Existenzmöglichkeit stark beschränkt. Der
+Mädchenhandel, diese Pestbeule unserer Kultur,
+müßte naturgemäß von selbst aufhören.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nun habe ich so oft die Entgegnung hören müssen:
+der Mann kann nicht anders, er muß in diese Häuser
+gehen, will er nicht seine Gesundheit arg gefährden.</p>
+
+<p>Zugegeben, dem wäre so, warum heiratet er nicht,
+wenn er nicht ohne geschlechtlichen Verkehr leben
+kann?</p>
+
+<p>Und ist es anderseits nicht wieder eine sehr einseitige Auffassung der Herren, daß auf Kosten ihres
+Wohlbefindens, auf Kosten ihrer Genußsucht, die
+andere Hälfte der Menschheit Opfer bringen muß?
+Wer fragt die unverheiratete Frau danach, ob sie geschlechtlichen
+Verkehr nötig hat?</p>
+
+<p>Im Gegenteil, sie ist verfemt, ausgestoßen aus der
+Gesellschaft, wenn sie ihren Sinnen gehorcht.</p>
+
+<p>Und hat doch nur dasselbe getan, wozu der Mann
+volle Berechtigung hat.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber angenommen, man könnte wirklich nicht
+ohne öffentliche Häuser auskommen&nbsp;&ndash; was ich, wie
+gesagt, bestreite&nbsp;&ndash; so wäre es immerhin das Beste
+und meiner Meinung nach einzig Richtige, wenn sie
+verstaatlicht würden.</p>
+
+<p>Man komme nicht mit Einwänden, daß es nicht
+geht. Es geht alles! Wo ein Wille ist, da ist auch ein
+Weg.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Natürlich müßten internationale Abkommen getroffen werden,
+deren wir ja auf allen anderen Gebieten
+übergenug haben.</p>
+
+<p>Nur auf diesem Gebiet, wo es sich um die Frau
+handelt, um die eigentliche Trägerin der Zukunft, da
+ist man lässig.</p>
+
+<p>Würden alle, aber auch alle derartigen Pesthöhlen
+plötzlich aufgehoben, und diejenigen, die freiwillig
+ihren Körper den Lüsten des Mannes zur Verfügung
+stellen wollen, in staatlich verwaltete Häuser
+gesteckt, wo es keinen Sekt, sondern nur alkoholfreie
+Getränke geben dürfte, man würde staunen, wie sehr
+die Unsittlichkeit abnehmen würde.</p>
+
+<p>Hier allein wäre der Weg für die Regierungen, um
+Abhilfe zu schaffen. Dem Mädchenhandel wäre damit
+ein für allemal der Nährboden entzogen.</p>
+
+<p>Warum wird dieser Weg nicht beschritten?</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Doktor Curtis, mein alter Freund, ist mir ein
+treuer Helfer in meinen Bestrebungen. Er findet da,
+wo die Frau nur verschlossene Türen finden würde,
+immer noch einen Weg.</p>
+
+<p>Der größte Erfolg unserer Bestrebungen, die
+Aufhebung eines der schlimmsten Nester&nbsp;&ndash; des sogenannten
+Katzenkellers in der unteren Bowery&nbsp;&ndash;
+ist sein Werk.</p>
+
+<p>Wenn die Mächtigen dieser Erde lässig sind, so
+müssen die Frauen sich selbst helfen, sie müssen
+kämpfen für diese Ärmsten der Frauen.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;
+&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der sehnlichste Wunsch meiner Jugend hat sich
+erfüllt. Ich habe die Mittel und auch die Zeit, mich
+jenen Unglücklichen zu widmen.</p>
+
+<p>Meine Kinder sind glücklich. Bei Konrad durfte
+ich im vergangenen Frühjahr das erste Enkelchen bei
+der Taufe halten, und auch mein Liebling, meine Lou,
+die eine prächtige deutsche Offiziersfrau ist, hat bereits
+einen Jungen und ein Mädchen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber sie alle brauchen mich nicht. Ich kann meine
+Kraft und meine Zeit ungehindert den Unglücklichen
+widmen, die mich nötig haben.</p>
+
+<p>Wir leben in einer Zeit, in der man von Überkultur
+redet. Die Nordstaaten haben Millionen geopfert,
+um die Neger zu befreien. In den Augen der
+humanen Amerikaner war die geduldete Sklaverei
+eine Schande.</p>
+
+<p>Was aber sind die allein hier in New York
+lebenden 35&nbsp;000 unglücklichen Geschöpfe anderes?</p>
+
+<p>Der farbige Sklave hatte es tausendmal besser
+als sie.</p>
+
+<p>Ich darf mich nicht allzu tief in diese Abgründe
+menschlicher Schwächen versenken. Mein ganzes
+Blut empört sich gegen das unheilvolle System. Nur
+das Weib kann dem Weibe helfen. Gemeinsam müssen
+sie vorgehen gegen diese Schurken, die sich in so unerhörter
+Weise gegen die heiligsten Güter der Menschheit
+versündigen. Die da Wucher treiben mit Körper
+und Seele ahnungsloser Geschöpfe.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Denn sie gehören ja doch zu uns, diese Armen&nbsp;&ndash;
+trotz alledem und alledem.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p class="noindent"><big><em class="gesperrt">Ende.</em></big>
+</p>
+
+<p class="bottomspace"><small>Druck: Berliner Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H., Berlin SW 48&nbsp;&ndash; Zossen (Mark)
+</small></p>
+
+
+
+<p class="noindent">F. FONTANE &amp; Co., BERLIN/DAHLEM (Post Grunewald)</p>
+
+<hr class="h45" />
+
+<p class="noindent">AMERIKA-LITERATUR</p>
+
+<hr class="h45" />
+
+<p class="noindent"><b>Kurt Aram:</b></p>
+
+<p class="noindent"><b>Mit 100 Mark nach Amerika</b></p>
+
+<p class="noindent">Ratschläge und Erlebnisse</p>
+
+<p class="noindent">Ausg. A. (mit einem Katechismus für Auswand.) cart. M. 1.&mdash;</p>
+
+<p class="noindent">Ausg. B. Brosch. M. 3.&mdash;, gebund. M. 4.&mdash;</p>
+
+<hr class="h45" />
+
+<p class="noindent"><b>Ludwig Max Goldberger:</b></p>
+
+<p class="noindent"><b>Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten</b></p>
+
+<p class="noindent">VIII. Aufl. Brosch. M. 5.&mdash;, geb. M. 6.50</p>
+
+<hr class="h45" />
+
+<p class="noindent"><b>Geh. Reg.-Rat Dr. Hintrager:</b></p>
+
+<p class="noindent"><b>Wie lebt und arbeitet man
+in den Vereinigten Staaten?</b></p>
+
+<p class="noindent">Nordamerikanische Reiseskizzen</p>
+
+<p class="noindent">II. Aufl. Brosch. M. 5.&mdash;, geb. M. 6.50</p>
+
+<hr class="h45" />
+
+<p class="noindent"><b>Orla Holm:</b></p>
+
+<p class="noindent"><b>Aus Mexiko</b></p>
+
+<p class="noindent">Reisebriefe</p>
+
+<p class="noindent">Brosch. M. 3.50, geb. M. 5.&mdash;</p>
+
+<hr class="h45" />
+
+<p class="noindent"><b>Wilhelm von Polenz:</b></p>
+
+<p class="noindent"><b>Das Land der Zukunft</b></p>
+
+<p class="noindent">(Was können Amerika und Deutschland von einander lernen?)</p>
+
+<p class="noindent">VIII. Aufl. Brosch. M. 4.&mdash;, geb. M. 5.&mdash;</p>
+
+<p class="noindent"><b>Dasselbe Werk auch in englischer Übersetzung</b></p>
+
+<hr class="h45" />
+
+<p class="noindent"><b>Ernst von Wolzogen:</b></p>
+
+<p class="noindent"><b>Der Dichter in Dollarica</b></p>
+
+<p class="noindent">IV. Aufl. Brosch. M. 5.&mdash;, geb. M. 6.50</p>
+
+<p class="noindent"><b>Was Onkel Oskar mit seiner
+Schwiegermutter in Amerika passierte</b></p>
+
+<p class="noindent">VII. Aufl. Brosch. M. 1.&mdash;, cart. M. 2.&mdash;</p>
+
+<hr class="hr65" />
+
+<div class='tnote'><h3>Anmerkungen zur Transkription:</h3>
+
+<p>Offensichtliche Interpunktionsfehler wurden berichtigt.</p>
+
+<p>Die übrigen Korrekturen sind durch eine gepunktete Linie unter dem korrigierten Wort markiert und <ins title="Transcriber's Note: Im Original 'erschenen'">erscheinen</ins>, wenn Sie den Mauszeiger
+auf das Wort richten.</p></div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Seelenverkäufer, by M. Gontard-Schuck
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEELENVERKÄUFER ***
+
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+Foundation
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
+
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+++ b/35999-h/images/verlagslogo_pg.png
Binary files differ