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+The Project Gutenberg EBook of Seelenverkäufer, by M. Gontard-Schuck
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Seelenverkäufer
+ Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin
+
+Author: M. Gontard-Schuck
+
+Release Date: April 30, 2011 [EBook #35999]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEELENVERKÄUFER ***
+
+
+
+
+Produced by Heike Leichsenring, Alexander Bauer, Jana Srna
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+
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+
+ M. GONTARD-SCHUCK
+
+ SEELENVERKÄUFER
+
+ DAS SCHICKSAL
+ EINER DEUTSCH-AMERIKANERIN
+
+
+
+ VIERTES UND FÜNFTES TAUSEND
+
+
+ [Illustration: F.F.&C.]
+
+
+
+ BERLIN / F. FONTANE & CO.
+
+
+
+ Das erste bis dritte Tausend erschien als erste Auflage im Juni 1914,
+ das vierte und fünfte Tausend im darauffolgenden Monat.
+
+ Auf Grund des U. G. vom 19. Mai 1909 gegen Nachdruck geschützt.
+
+ Copyright 1914 by F. Fontane & Co.
+
+
+
+
+
+ Per me si va nella città dolente,
+ Per me si va nell' eterno dolore,
+ Per me si va tra la perduta gente.
+
+ Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen,
+ Der Eingang bin ich zu den ew'gen Qualen,
+ Der Eingang bin ich zum verlorenen Volke ...
+
+ (_Dante, Inferno._)
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ I. Kindheit 1
+
+ II. Der neuen Welt zu 24
+
+ III. Nacht 36
+
+ IV. Sonnenaufgang 94
+
+ V. Als Stewardeß 131
+
+ VI. Im sichern Hafen 183
+
+ VII. Eine Abrechnung 224
+
+ VIII. Ans Werk 255
+
+
+
+
+I.
+
+Kindheit.
+
+
+Zum letzten Male liegst du vor mir, mein treuer Weggenoß. Zum letzten
+Male, ehe ich dich hinausschicke in die Welt.
+
+Sinnend ruhen meine Blicke auf den ersten Aufzeichnungen aus jener Zeit,
+da die verschlossenen Türen des Lebens sich für mich öffneten.
+
+Ein Kind war ich noch damals, und wie hart hat mich das Schicksal in die
+Schmiede genommen, um einen Menschen aus mir zu machen, der Menschen und
+menschliche Schwächen versteht.
+
+Und war es nicht gut, daß ich noch so jung war? Wie wäre es mir sonst
+möglich gewesen, die furchtbaren Erlebnisse meiner ersten Jugend so
+vollständig verwinden zu können?
+
+Die kindlich unfertigen Schriftzüge da vor mir, die noch so gar keine
+Charakteristik zeigen, wecken nur eine leise, wehmütige Rührung in mir.
+Von dem Schmerz, der Bitterkeit jener Tage spüre ich nichts, gar nichts
+mehr.
+
+Vielleicht, weil ich jetzt verstehe, wie alles kommen konnte, ja, wie
+alles kommen mußte. Wie eine Schuld, die andere nach sich zog, und wie
+auch an mir der uralte Fluch sich erfüllte, wie in mir das Vergehen der
+Eltern seine Sühne fand.
+
+Und war es denn überhaupt ein Vergehen? War es Sünde?
+
+Meine arme Mutter, was wußte sie von Sünde in ihrer Waldeinsamkeit?
+
+Ihre Eltern waren stille, wortkarge Menschen, und sie fühlte sich oft
+sehr einsam in dem großen, alten Jagdhause oben im Gebirge. Und der
+Erbprinz, der als leidenschaftlicher Jäger oft ganze Wochen dort oben
+zubrachte, hatte nach den Pirschgängen am frühen Morgen Zeit und Muße
+genug, sich mit der schönen Försterstochter zu beschäftigen.
+
+Mehr als für Ruhe und Glück des Mädchens gut war. -- -- --
+
+Der Prinz war ein schöner Mann, und das Försterkind liebte ihn.
+
+Sie mußte ihn ja lieben!
+
+Wie selten kamen Fremde in ihre Waldeinsamkeit; und wie begreiflich ist
+es, daß ihr junges Herz dem ersten, der sich um sie bemühte, zuflog.
+
+Wer will da von Schuld und Sünde sprechen?
+
+Aber der rosenrote Traumhimmel des jungen Mädchens wurde gar rauh
+zerstört, als die Folgen sich zeigten. Und Lisbeth mußte heiraten. Zwar
+nicht den Prinzen, wohl aber seinen Büchsenspanner.
+
+Alles Sträuben half nichts, der Vater war unerbittlich!
+
+Hoheit wünschte es, so war es für ihn Befehl.
+
+Der Büchsenspanner erhielt die Pachtung der Domäne Neuhof, und ich wurde
+als Tochter des Herzoglichen Domänenpächters Georg Albrecht geboren. --
+
+Ich beneide jeden, der auf eine frohe, ungetrübte Kindheit zurückblicken
+kann.
+
+Meine ersten Erinnerungen haften an einzelnen häßlichen Szenen im
+Elternhause. Die weinende, betrübt einherschleichende Mutter, der zornig
+scheltende Vater sind die am fernsten liegenden Bilder. Später entsinne
+ich mich, daß die Mutter immer krank war. Häßliche Auftritte gab es auch
+da noch. Ich fürchte, ich habe die Mutter nicht so geliebt, wie sie es
+um mich verdient hat.
+
+Ihr stilles Dulden lag meiner wilden, aufbrausenden Natur nicht. Am
+liebsten wäre ich ihrem Peiniger an die Kehle gesprungen, wenn er ihr
+harte Worte gab, wenn er mich Wechselbalg oder Kuckucksei nannte.
+Obgleich ich die Bedeutung der Worte gar nicht verstand. --
+
+Ich war noch nicht zwölf Jahre alt, als meine Mutter starb. Für die arme
+Dulderin war es eine Erlösung -- für mich ein Unglück, dessen Tragweite
+ich erst in späteren Jahren voll ermessen konnte. Erst viel später,
+Jahrzehnte später, habe ich verstehen gelernt, was mir an jenem Tage
+genommen worden war.
+
+Die Jahre nach dem Tode meiner Mutter, bis zu meinem fünfzehnten Jahre
+sind mir wie eine ununterbrochene Kette von Unannehmlichkeiten in
+Erinnerung. Lichtblicke waren es, wenn ich zu den Großeltern durfte.
+Bei ihnen war ich daheim.
+
+Und als ich eines Tages von meinem Vater gezüchtigt worden war --
+ungerecht, wie ich meinte -- da riß ich aus, und wanderte zu Fuß die
+neun Stunden über den Wald zu den Großeltern.
+
+Einige Tage durfte ich bei ihnen bleiben, dann kam mein Vater, und ich
+mußte wieder mit nach Hause.
+
+Liebe zu mir war es nicht, die ihn dazu trieb, mich wieder zu holen.
+Erst viel später habe ich begriffen, daß, solange er mich bei sich
+hatte, immer eine gewisse Nachsicht mit ihm geübt wurde, wenn er mit der
+Pacht im Rückstande war. Und das war wohl meistens der Fall.
+
+Das flotte Leben, das er führte, verschlang zu viel.
+
+Oft hörte ich damals des Abends Gläserklingen und lustiges Frauenlachen
+aus den unteren Räumen zu mir herauftönen.
+
+Ich war neugierig -- sehr neugierig.
+
+Aber die alte Rosine schalt mich aus, wenn ich sie fragte.
+
+»Du hast geträumt, Kind! In der Nacht schläft man. Wo sollten hier denn
+Damen herkommen?«
+
+Ich hatte aber doch nicht geträumt. Ich weiß es jetzt.
+
+
+
+
+Mein Tagebuch.
+
+Ich habe mir ein Tagebuch gekauft, und heute will ich es einweihen,
+heute am Todestage meiner lieben, toten Mutter.
+
+Nun ich aber davorsitze, weiß ich gar nicht, was ich schreiben soll. Ich
+erlebe so gar nichts. Soll ich schreiben, daß ich sehr unglücklich bin?
+Das kann ich nicht! Ich bin mir selbst nicht recht klar über mein
+Empfinden. Ich habe etwas sehr Böses getan und weiß nicht, was aus mir
+werden wird, und darüber müßte ich doch traurig sein, aber ich bin es
+nicht.
+
+Die Großeltern werden schon für mich sorgen, sie haben es ja immer
+getan. -- Und Rudolph? Wie kommt es, daß ich so wenig an ihn denke in
+meiner Verbannung? Und wie kommt es, daß ich keine Nachricht von ihm
+bekomme? Ist sein Vater noch immer nicht gesund? --
+
+ * * * * *
+
+Den 4. Februar.
+
+Ich sitze wieder vor meinem Tagebuch und weiß nicht, was ich schreiben
+soll. Ich will deshalb eintragen, warum ich hier in E. bin und warum ich
+eigentlich unglücklich sein sollte. -- --
+
+Ich war im Frühjahr fünfzehn Jahre alt und sollte Ostern konfirmiert
+werden. Unser Inspektor war zum 1. Januar gegangen, und Vater war immer
+in einer fürchterlichen Laune.
+
+Ich ging mit den andern Dorfkindern zu Pastor Eckebrecht in die
+Konfirmandenstunde. Der Pastor war immer sehr gut zu mir, er fragte mich
+oft nach den Großeltern und auch, wie es bei uns zu Hause ginge. Auch ob
+Vater oft abends zur Stadt führe.
+
+Am Palmsonntag kamen die Großeltern; das war mir das Liebste an der
+ganzen Konfirmation. Die Großmutter backte immer so schönen
+Rosinenkuchen.
+
+Wir haben aber gar nicht viel gefeiert, denn der Vater fuhr nach dem
+Kaffee gleich wieder in die Stadt, und darüber schien Großvater
+ärgerlich zu sein. Ich freute mich, als er weg war. Mit den Großeltern
+allein war es viel schöner.
+
+Großmutter sagte mir, daß ich bis zum Herbst im Hause bleiben solle,
+dann solle ich fort, um etwas zu lernen. Was, das wußte ich nicht, war
+mir auch einerlei. Mir war die Hauptsache, daß ich fortkam. Auch über
+das Wohin machte ich mir keine Sorgen, jedenfalls in eine schöne, große
+Stadt, wo es Schaufenster gab, die man sich besehen konnte.
+
+Anna Marie Walter war einmal in Dresden gewesen und hatte mir so viel
+davon erzählt, daß ich ganz neugierig war. -- --
+
+Ich bin auch fortgekommen -- aber schön ist es hier nicht. -- --
+
+Am ersten April war ein Volontär bei uns eingetreten. Der Sohn eines
+Gutsbesitzers aus dem Hessischen. Er war sehr hübsch, so flott und
+lustig, daß wir bald gute Freunde waren. --
+
+Warum Rudolph Schönewald gerade zu uns gekommen war, weiß ich nicht,
+denn lernen konnte er bei uns wahrhaftig nicht viel. Rosine sagte mir,
+daß er schon auf verschiedenen Gütern gewesen sei, aber nirgends
+ausgehalten habe.
+
+Bei uns kam es nicht so genau darauf an. Er bezahlte eine schöne Summe
+dazu, und das konnte mein Vater gut gebrauchen. -- --
+
+Rudolph war noch nicht vier Wochen bei uns, als wir uns schon heimlich
+trafen. Bald im Feld, bald im nahen Gehölz.
+
+Ich liebte ihn sehr, und er nannte mich seine süße, kleine Lotte. Ob er
+mich ebensosehr geliebt, wie ich ihn? Ich zweifle jetzt oft daran. Wenn
+ich darüber nachdenke, ist mir, als ob er viel kühler und ruhiger
+gewesen sei als ich.
+
+Er hat wohl schon mehr junge Mädchen gekannt und geliebt. --
+
+Für mich war es etwas Neues, Überwältigendes.
+
+Ich war in jenen seligen, duftschweren Sommerwochen wie im Fieber. Ich
+war gar nicht ich selbst.
+
+Dieses heimliche Suchen und Finden. -- -- --
+
+Ich war so selig, alles in mir drängte diesem Manne entgegen. -- --
+
+Heuernte! Sonnenflimmer und Blumenduft!
+
+Seit Tagen war schönes Wetter; die Heuernte war im vollen Gange. Alles
+was Arme hatte, mußte helfen. Auch ich half.
+
+Ob ich auch geholfen haben würde, wenn der Verwalter nicht Rudolph
+Schönewald gewesen wäre? --
+
+Wir waren beim Heuabladen. Auf dem Wagen unten stand der Großknecht, und
+in der Luke stand Rudolph und nahm ab. Ich stand etwas zurück und nahm
+Rudolph das Heu ab. Oben auf dem Heu waren noch zwei Kleinmägde, die es
+verstauten. Alle anderen, Tagelöhner, Knechte, Mägde und Schnitter,
+waren auf dem Feld beim Dörren.
+
+Als der Wagen leer war, schickte Rudolph die beiden Mädchen nach dem
+Heuboden über der großen Scheune, wo gerade ein Wagen vorfuhr. Im Scherz
+nahm er einen Arm voll Heu und warf es über mich, so daß ich ganz
+darunter begraben war.
+
+Ich krabbelte mich heraus, nahm einen Arm voll und tat das gleiche. --
+
+Erhitzt und keuchend setzten wir das Spiel eine Zeitlang so fort, dann
+sank ich ermattet von der Anstrengung und dem betäubenden Duft ins Heu.
+
+Rudolph warf sich über mich und küßte mich, heiß, leidenschaftlich,
+sinnverwirrend -- -- -- --
+
+Den nächsten Wagen lud ich nicht mit ab. -- --
+
+Tagelang war ich wie betäubt. Ob man mir etwas ansah?
+
+Ich wagte mich gar nicht aus dem Hause. Konnte mir denn nicht jeder von
+der Stirne lesen, was ich getan?
+
+Doch nichts geschah, alles war wie bisher.
+
+Alles war wie bisher, nur ich war eine andere. --
+
+Drei Tage ließ ich mich nicht vor Rudolph sehen, dann hielt ich es nicht
+mehr aus. Ich mußte ihn sehen, ich mußte wissen, was er von mir dachte.
+
+War er auch in einer solch kläglichen Stimmung? Schämte er sich auch?
+
+Ich mußte ihn sprechen, aber nicht am Tage. Ich würde ihm nicht in die
+Augen sehen können. -- --
+
+Gegen Abend, als es dunkel war, ging ich den gewohnten, ihm bekannten
+Weg.
+
+Meine Hoffnung trog mich nicht, schon nach kurzer Zeit kam er mir nach.
+
+Ich konnte die Augen nicht aufschlagen, als er zu mir trat.
+
+»Wo bist du gewesen, Lotte? Warum bist du die ganzen Tage nicht einmal
+herausgekommen?« fragte er.
+
+Ich hob die Augen und sah ihm ins Gesicht. Doch da stand nichts als ein
+leichtes Verwundern über mein ihm unerklärliches Fernbleiben. War es
+denn möglich! War das, was mich bis ins Innerste aufgerüttelt, für ihn
+gar nichts?
+
+Ich war eine andere seit jener Stunde, und er?
+
+Ich wußte nicht, was ich sagen sollte und stammelte: »Ich -- ich schämte
+mich.«
+
+»Du bist mein kleines Schäfchen,« sagte er lachend und schloß mich in
+die Arme. »Komm, laß uns noch ein wenig weitergehen.«
+
+Wir trafen uns nun täglich und -- bald schämte ich mich nicht mehr.
+-- --
+
+Alles wird zur Gewohnheit, und Rudolph verstand es, meine Gewissensbisse
+und Selbstvorwürfe einzuschläfern.
+
+Liebten wir uns denn nicht?
+
+Wen ging es etwas an, wenn wir die heimliche Süßigkeit der Liebe
+auskosteten?
+
+»Wenn ich noch einige Jahre älter bin, wenn ich ausgelernt habe und vom
+Militär frei bin, dann wirst du ja doch meine Frau, meine süße, kleine
+Frau!«
+
+Ich war sehr jung, sehr verliebt, und die Sommernächte waren schwül und
+voller Düfte. -- --
+
+Der Sommer ist hin und mit ihm meine rosenrote, geheimnisvolle
+Verliebtheit. -- --
+
+In den ersten Oktobertagen kam eine Depesche an Rudolph, daß sein Vater
+plötzlich sehr schwer erkrankt sei; er müsse sofort nach Hause kommen.
+
+Wir konnten kaum Abschied nehmen, so rasch ging alles. Ich war ganz
+unglücklich. Kam er wieder, ehe ich fortging? Würde ich ihn noch einmal
+sehen, ehe ich in ein Pensionat kam?
+
+Ich war überhaupt in einer ganz schrecklichen Stimmung. Schon seit
+einigen Wochen fühlte ich mich gar nicht besonders wohl. Mir war oft so
+übel des Morgens, daß ich kaum den Kopf erheben konnte.
+
+Am liebsten wäre ich jetzt hier geblieben. So sehr ich mich Ostern auf
+die Pension gefreut hatte, jetzt hatte ich gar kein Verlangen mehr
+danach. Rosine war auch gar nicht gut zu mir, den ganzen Tag schalt sie
+mit mir herum. Am liebsten wäre ich zur Großmutter gegangen.
+
+Da, am zweiten Sonntag nach Rudolphs Abreise, kam plötzlich ganz
+unerwartet die Großmutter.
+
+Ich weiß nicht, mir war seltsam beklommen, als sie mir in die Augen sah.
+Das gütige, alte Gesicht sah so kummervoll auf mich.
+
+»Kind, Kind, was hast du getan,« sagte sie dann weinend.
+
+Ich konnte nicht antworten, ich weinte mit; obgleich ich gar nicht wußte
+worüber. Mir war nur plötzlich so bange, so seltsam ahnungsvoll zumute.
+
+Und dann erfuhr ich den Grund von Großmutters Kommen.
+
+Rosine hatte ihr geschrieben: Sie habe schon den ganzen Sommer bemerkt,
+daß der Windhund, der Schönewald, hinter mir hergelaufen sei, und sie
+habe längst bemerkt, daß nicht mehr alles mit mir in Ordnung sei. -- --
+
+»Erzähle, Kind, alles Weinen hilft nun nichts mehr, und verheimlichen
+läßt es sich auch nicht,« sagte die Großmutter.
+
+Ich erzählte. Die Großmutter saß ganz still. Sie sah so gramvoll vor
+sich nieder, daß ich hätte laut aufschreien können.
+
+Als ich geendet, nickte sie einige Male still vor sich hin, dann löste
+ein Seufzer die beklommene Stille, und Großmutter sagte:
+
+»Du gehst heut' abend mit mir, Lottchen. Mach' einstweilen deine Sachen
+fertig, ich werde mit dem Vater sprechen, was später wird, das müssen
+wir noch sehen.«
+
+Was dann da unten über mich verhandelt wurde, ich weiß es nicht. Oft
+drang die scheltende Stimme des Vaters zu mir herauf, aber auch die
+sonst so sanfte Stimme der Großmutter war seltsam hart und klar.
+
+Am andern Tage war ich in der Försterei. Der tiefe Friede, der um das
+liebe, alte Haus lag, tat mir wohl. Der Waldbach, der durch den Garten
+rauschte, sang mir sein wundersames Lied. Ich fühlte mich geborgen.
+
+Nach einigen Tagen erwartete ich, daß der Großvater oder die Großmutter
+mit mir sprechen, vielleicht mit mir schelten würden. Doch nichts von
+alledem geschah. Der Großvater sagte gar nichts. -- Nur schien mir, sein
+Gang sei noch gebückter und sein Haar noch weißer geworden. -- --
+
+Was würde aus mir werden?
+
+Ich wollte an Rudolph schreiben und wurde zu meinem Schrecken gewahr,
+daß ich nicht einmal seine Adresse wußte. Den Namen seines väterlichen
+Gutes wußte ich, aber wo lag es?
+
+Oder war Rudolph schon wieder in Neuhof?
+
+Die Großeltern wagte ich gar nicht zu fragen. Hätten sie mich doch
+gescholten, ich glaube, mir wäre wohler gewesen. Diese schweigende Güte
+erdrückte mich.
+
+Am Ende der Woche reiste der Großvater nach E. Großmutter sagte mir, daß
+er eine Pension für mich suchen wolle; hier könne ich nicht bleiben,
+weil die Försterei zu einsam im Walde liege. -- --
+
+Eigentlich ist es gar keine Försterei, es ist ein Jagdhaus, das einst
+ein Vorfahr des jetzigen Herzogs für seine Geliebte erbaut hat. Wenn der
+Herzog im Sommer auf Schloß Ringhardt residierte, dann wollte er sie
+immer in der Nähe haben. Nach Schloß Ringhardt durfte er sie nicht
+bringen, dort wohnte seine Mutter, so baute er ihr mitten im Walde,
+dreiviertel Stunden entfernt von Schloß Ringhardt, das Jagdschloß
+Finsterberg.
+
+Es ist ein zweistöckiges Gebäude mit weit vorspringendem Dach und
+kleinen, bleigefaßten Fensterscheiben.
+
+Im Untergeschoß wohnte jeweilig ein Förster, zu dessen Obliegenheiten es
+gehörte, die oberen Räume in Ordnung zu halten. -- --
+
+Jene Zeiten sind lange vorbei. Es wohnt keine geheimnisvolle Unbekannte
+mehr da oben, und auf der schönen Chaussee, die damals angelegt wurde,
+klingt selten der Hufschlag eines Vollblutes. -- -- --
+
+Weihnachten durfte ich noch bei den Großeltern bleiben, doch es war ein
+trauriges Fest; keines von uns dreien hatte Mut und Lust zur lauten
+Freude. Lautlos, als läge ein Toter im Hause, gingen wir aneinander hin.
+
+Es lag wie ein Bann über uns allen. -- -- --
+
+Einige Tage nach Neujahr hat mich der Großvater hierher gebracht. Hier,
+bei Frau Martin, soll ich bleiben bis Anfang März, dann komme ich in die
+Entbindungsanstalt, die hier in der Stadt ist. Was dann mit mir werden
+soll, wenn alles vorüber ist, ich weiß es nicht. Mir ist unsäglich
+bange.
+
+Als der Großvater von mir ging, meinte ich, das Herz müßte mir brechen
+vor Weh. Und vergebens versuchte er mich zu trösten. Ihm selbst war auch
+gar weh ums Herz, denn kaum konnte er sprechen vor Rührung.
+
+Großmutter soll mich bald besuchen. -- -- --
+
+Nun bin ich allein.
+
+Ich habe ein ganz einfaches, sauberes Stübchen. Frau Martin, bei der ich
+wohne, ist die Witwe eines Beamten und lebt in ziemlich beschränkten
+Verhältnissen. Sie ist vom Großvater wohl in meine Geschichte eingeweiht
+worden, sie quält mich nicht mit Fragen. Sie ist lieb und gut zu mir und
+tröstet mich, wenn mich das Heimweh gar zu sehr packt.
+
+Ich helfe ihr ein wenig in der kleinen Wirtschaft, dann vergesse ich
+wenigstens für kurze Zeit meinen Kummer.
+
+Was soll ich auch immer tun?
+
+Ich habe so viel überflüssige Zeit zum Denken.
+
+Ich schreibe Briefe an Rudolph, ohne je einen abzusenden.
+
+Und nun habe ich mir sogar ein Tagebuch gekauft, obgleich ich sonst
+nicht für solch überflüssigen Kram bin. Tagebücher und Poesiealbums
+waren mir immer greulich. --
+
+Aber die Langeweile! Die vielen unausgefüllten Stunden! --
+
+Mit wem soll ich sprechen? Wem soll ich mein Herz ausschütten? Wenn ich
+älter wäre, hätte ich wohl nicht solches Anlehnungsbedürfnis.
+
+Warum bin ich noch so jung? So furchtbar jung?
+
+Ob ich wohl auch hier wäre, wenn meine Mutter noch lebte? -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Den 8. Februar.
+
+Heute hatte ich einen Brief und ein Paket von der Großmutter. Ein
+schöner, warmer Schlafrock für mich war darin und dann noch eine Menge
+kleiner Sächelchen. Kinderwäsche! Ach, und von mir! Ich mußte weinen.
+Das alles habe _ich_ angehabt, als ganz kleines Würmchen. Ob wohl meine
+Mutter alles selbst gemacht hat? Ob sie sich wohl sehr gefreut hat, als
+sie mich in den Armen hielt? Ich freue mich gar nicht! Wie könnte ich
+auch! Ich wünschte, mein Kind wäre tot. Frau Martin sagt mir auch, die
+bedauernswertesten Geschöpfe auf der Welt seien diese unehelichen
+Kinder. Niemand liebe sie. Überall würden sie herumgestoßen. Vielleicht
+nimmt Großmutter mich mit dem Kinde zu sich, ich wollte es schon recht
+gern haben. Aber es soll doch niemand wissen, daß ich ein Kind habe,
+deshalb haben sie mich doch gerade hierher gebracht.
+
+Und Rudolph schreibt noch immer nicht!
+
+Ob er nicht weiß, wo ich bin? -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Den 20. Februar.
+
+Ich glaube, es war doch Unsinn, daß ich mir ein Tagebuch gekauft habe.
+Manchmal abends, wenn ich es öffne und hineinschreiben will, dann weiß
+ich nichts. Ich kann doch nicht bloß hineinschreiben, was ich den Tag
+über esse und trinke! Und sonst erlebe ich ganz und gar nichts. In die
+Stadt bin ich noch nicht einmal gekommen. Wenn ich abends im Dunkeln
+spazieren gehe, suche ich immer die Anlagen auf, die hierhinaus liegen.
+Da begegne ich fast nie einem Menschen.
+
+Am 1. März soll ich wahrscheinlich schon in die Anstalt. Der Arzt kommt
+morgen und untersucht mich, dann wird er sagen, wann ich hinkommen soll.
+Wenn alles vorüber ist, bleibe ich noch einige Wochen bei Frau Martin,
+bis ich mich wieder ganz erholt habe.
+
+Wenn ich nur wüßte, was dann aus mir werden soll! -- --
+
+ * * * * *
+
+Den 22. Februar.
+
+Ich darf noch acht Tage länger bei Frau Martin bleiben. Gestern war der
+Doktor hier, es war gräßlich! Ich habe mich so geschämt. Aber als ich
+mich nicht anfassen lassen wollte, wurde er grob. Er ist ein widerlicher
+Kerl mit wässerigen Schellfischaugen, ich mag ihn gar nicht. Hoffentlich
+ist er gerade krank, wenn es so weit mit mir ist, und es ist ein anderer
+da.
+
+Überhaupt fand ich es häßlich von ihm, gleich so grob zu mir zu sein.
+Das kann er sich doch denken, daß man sich schämt! Er ist doch ein Mann.
+
+Ob es wohl sehr schlimm ist? Es soll sehr wehe tun. Maria Rettberg sagte
+es einmal, als wir noch zu Fräulein Fischer gingen. Ihre große Schwester
+hatte ein Baby, und da hatte sie hinter der Portiere versteckt zugehört,
+wie die es ihrer Freundin erzählt hatte. Sie wäre beinahe gestorben.
+
+Aber ich will nicht sterben! Ich bin noch so jung. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Den 28. April.
+
+Acht Wochen sind es her, seit ich zuletzt in mein Büchlein geschrieben.
+Nun ist alles vorüber. Ich mußte doch früher in die Anstalt, als
+bestimmt war; die Niederkunft kam etwas zu früh.
+
+Es war furchtbar! Zuletzt habe ich gar nichts mehr davon gewußt, ich war
+besinnungslos. Und das war gut. Es wäre vielleicht auch besser gewesen,
+wenn ich gar nicht wieder zu mir gekommen wäre, ist doch auch mein Kind
+tot. Sie sagen wenigstens so. Aber ich glaub' es nicht, sie machen alle
+so sonderbare Gesichter dabei. Als ich fragte, ob es schon totgeboren
+sei, sagte die Schwester ja. Und als ich Frau Martin gestern fragte, wie
+lange es gelebt habe, da sagte sie, sie wisse es nicht genau, einige
+Stunden nur.
+
+Das widerspricht sich doch!
+
+Ein Knabe ist es gewesen. Mein Kind! Wie mir zumute ist bei dem
+Gedanken. Ich habe früher wohl oft gedacht, es sei besser, wenn es tot
+wäre, und nun möchte ich es doch so gerne haben. Ich würde es doch sehr
+liebhaben.
+
+Wenn ich nur die Wahrheit wüßte! Aber wer wird sie mir sagen?
+
+Seit gestern bin ich nun wieder bei Frau Martin. Ich sehe jetzt wie ein
+Junge aus, ganz kurze Haare habe ich. Das kommt von der Krankheit, sagt
+Frau Martin, da gehen einem immer die Haare aus. Ich bin sehr krank
+gewesen, Kindbettfieber! Es soll sehr schlimm sein, und manchmal haben
+sie nicht gedacht, daß ich durchkommen würde. Großmutter ist lange bei
+mir gewesen, ich hab's aber nicht gewußt.
+
+Ich bin jetzt sehr mager und blaß, und Frau Martin sagt, ich sei noch
+gewachsen. Das ist ja auch gut möglich, mit sechzehn Jahren kann man
+noch lange wachsen.
+
+Morgen will ich an Vater schreiben, damit er mir Rudolphs Adresse
+schreibt. Ich hätte es schon früher tun sollen, denn Großmutter sagt's
+mir doch nicht. Wir müssen doch nun bald heiraten.
+
+Mir ist ganz sonderbar bei dem Gedanken. Ich weiß nicht -- das alles
+liegt mir jetzt so weit ab -- so gar nicht mehr, als ob ich die wäre,
+die in jenen schwülen, duftschweren Sommertagen heimliche Wege
+gewandelt. Mein Blut ist so ruhig, und wenn ich an Rudolph denke, ist
+mir gar nicht mehr sehnsüchtig zu Sinn. Es ist schrecklich! Ich glaube
+zuweilen, er ist mir ganz gleichgültig. Ich verstehe mich selbst nicht.
+Denn das ist doch unmöglich! Ich muß ihn doch heiraten! Oder muß ich
+vielleicht gar nicht? Könnte ich doch einmal mit der Großmutter
+sprechen! Lange bleibe ich nicht mehr hier; im Walde unter meinen
+schönen Bäumen kann ich mich viel besser erholen. Gibt es ein schöneres
+Plätzchen, als unter meinen geliebten Tannen? Ich könnte Ziegenmilch
+trinken und weite Spaziergänge machen. Wo geht es sich schöner, als auf
+den schmalen moosgepolsterten Pirschwegen, zwischen den schlanken
+Stämmen der Kiefern, wo es so kühl und rein ist! Ich will schreiben, sie
+sollen mich heimnehmen, sonst werde ich wieder krank. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe viel zu schreiben diesmal. Ob ich noch alles genau weiß?
+
+Schon acht Tage nach meiner Entlassung aus der Anstalt holte Großvater
+mich nach Hause. Sie waren noch immer sehr gut zu mir, alle beide. Viel
+zu gut, ich weiß es wohl. Aber Großmutter sagt, ich sei zu jung und
+unerfahren gewesen, und Rudolph trüge ganz allein die Schuld.
+
+»Muß ich ihn denn nicht heiraten, Großmutter?« fragte ich zagend.
+
+»Ach Kind, das ist ja gerade das Schlimme. Er denkt nicht dran. Sein
+Vater ist doch gestorben, er hat nun zum Großvater gesagt, er müsse
+seine beiden Schwestern auszahlen, könne also nur eine reiche Frau
+heiraten. Ein Landwirt, der kein Geld in den Händen habe, könne sich
+nicht lange halten.«
+
+Einen Augenblick saß ich ganz still, ich wußte nicht, sollte ich mich
+freuen oder sollte ich betrübt sein. Was aber nun? Wieder zum Vater? Der
+würde schön mit mir umspringen!
+
+Aber das war noch nicht alles, was die Großmutter mir zu sagen hatte.
+Vater ist gar nicht mehr auf Neuhof. Die ganze Geschichte ist bald nach
+meiner Abreise zusammengebrochen.
+
+Großmutter sagte: »Du bist zwar noch sehr jung, aber in Anbetracht aller
+Umstände und weil ich annehme, daß dich das, was du jetzt hinter dir
+hast, über deine Jahre hinaus gereift hat, so will ich dir erzählen, was
+du, wenn alles anders gekommen wäre, nie hättest erfahren dürfen.«
+
+Und so erfuhr ich alles. Es wurde mir jetzt klar, was ich schon oft
+geahnt, wenn ich des Vaters Redensarten und Scheltworte hörte. --
+
+Er ist gar nicht mein rechter Vater. Mein Vater ist ein ganz hoher Herr,
+der mein Mütterchen nicht hat heiraten dürfen, weil sie nur ein armes
+Bürgermädchen gewesen ist.
+
+Damit ich aber nicht als uneheliches Kind geboren wurde, hat die Mutter
+Georg Albrecht geheiratet. Dafür hat er die Pachtung der Domäne Neuhof
+sehr billig bekommen. Für mich selbst ist eine Summe von 50 000 Mark
+deponiert worden, von der er bis zu meiner Großjährigkeit die
+Nutznießung gehabt hätte.
+
+Und nun? Alles ist fort! Der Vater hat schon lange keine Pacht mehr
+bezahlt, immer ist sie ihm wieder gestundet worden, und jetzt ist es
+herausgekommen, daß er auch mein Geld durchgebracht hat. Alles mit
+leichtsinnigen Weibern in Champagner umgesetzt. So geht es mir nun. Weil
+der Vater mein Geld mit leichtsinnigen Weibern durchgebracht hat, kann
+Rudolph mich nicht heiraten. Denn hätte ich die 50 000 Mark, dann wäre
+ich eine reiche Frau.
+
+Aber bin ich denn überhaupt traurig, daß Rudolph mich nicht haben will?
+Eigentlich nicht! Wenn ich es mir recht überlege, dann fühle ich mich
+eher erleichtert bei dem Gedanken. Wenn ich nur erst wüßte, was aus mir
+werden soll! Ein anderer Mann wird mich auch nicht wollen, denn ich
+glaube, die Leute hier wissen doch alles. Und überhaupt, ich will auch
+gar keinen haben, die Männer sind alle schlecht! Alle! Nur Großvater ist
+gut! --
+
+Ich will etwas lernen, dann brauch' ich keinen Mann zu heiraten. -- --
+
+Ob ich Großmutter mal frage, ob mein Kind wirklich tot ist?
+
+Warum mir nur so sonderbar ist, wenn ich daran denke. Ich habe doch in
+meiner Ohnmacht, in der halben Bewußtlosigkeit das Schreien eines Kindes
+gehört! -- --
+
+Mein Haar wächst wieder! Ich fühle mich mit jedem Tage wohler. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich bin glücklich! Gerade, wenn man keinen Ausweg sieht, kommt manchmal
+von einer Seite, an die man am wenigsten gedacht, die rettende Hand. --
+
+Ich gehe nach _Amerika_!
+
+Mit vier Worten ist es gesagt, und birgt doch so viel in sich.
+
+Aber nur ruhig und vernünftig!
+
+Also: Die Großmutter hat ihre einzige Schwester drüben. Lange schon.
+Geschrieben haben die Schwestern sich zuweilen, aber sehr lebhaft ist
+der Briefwechsel gerade nicht gewesen in den letzten Jahren.
+
+Die Großmutter hat nun auch mein Unglück nach drüben berichtet, und da
+hat die Großtante geschrieben, ich solle nach drüben kommen. Sie habe
+sich schon immer ein Töchterchen gewünscht. Nach einigen Jahren, wenn
+ich Sehnsucht nach den Großeltern habe, könnte ich ja auch einmal wieder
+zu ihnen fahren.
+
+Ich freute mich sehr, ich lachte und weinte in einem Atem. Da war die
+Großmutter sehr traurig, aber dann sagte sie, auch sie sähe ein, daß es
+das beste für mich sei, und ich solle in Zukunft so leben, daß ich
+täglich und stündlich bestrebt sei, das auszulöschen, was ich unbewußt
+gesündigt. Das sei die beste Sühne. -- --
+
+Nun weiß ich nicht recht, wie mir ist. Ich freue mich und bin doch auch
+wieder traurig. Aber die Freude überwiegt. --
+
+Ich werde sehr fleißig sein in Amerika, damit ich bald reich werde, dann
+komme ich wieder, aber Rudolph Schönewald heirate ich dann auch nicht.
+Ich hasse ihn! --
+
+Großmutter kauft mir jetzt allerlei schöne Sachen, Wäsche und Kleider.
+Schon am 28. Mai soll ich fahren. Ein Brief an die Großtante ist schon
+fort, und ein Platz auf dem Dampfer ist auch bestellt. Die Großeltern
+fahren beide mit nach Bremen.
+
+Ich habe sehr viel zu tun jetzt, da werde ich lange nicht einschreiben
+können.
+
+
+
+
+II.
+
+Der neuen Welt zu.
+
+
+Den ersten Tag auf See.
+
+Der Abschied von den lieben Alten war schrecklich! Die Großmutter weinte
+zum Erbarmen. Und ich? Ich weiß nicht, es tat mir ja auch sehr leid,
+aber trotzdem -- ich komme mir beinahe schlecht vor -- ich freute mich!
+Freute mich auf die große, unbekannte Welt und auf all das Schöne, das
+sie mir vielleicht bringt.
+
+Ich bin jung, und ein klein wenig von all den Herrlichkeiten der Welt
+ist das Leben mir doch auch schuldig.........?!
+
+Das Wetter ist sehr schön, nur gegen Abend wurde es etwas bewegter.
+Hoffentlich behalten wir es so, daß ich nicht seekrank werde. Die
+Großeltern haben mich dem Kapitän sehr empfohlen, und er will gut auf
+mich aufpassen.
+
+Er ist ein reizender Mensch und auch noch gar nicht so alt. Ich habe
+früher immer gedacht, die Kapitäne wären alle alt und grau. --
+
+ * * * * *
+
+Den 29. Mai.
+
+Ich habe kein Auge zugetan die ganze Nacht. Das Bett war entsetzlich
+hart. Ich bin nicht gewöhnt, nur auf der Matratze zu liegen. Und die
+Wolldecken zum Zudecken sind auch nicht besonders hübsch.
+
+Ich bin mit einer Dame zusammen im Zimmer, einer Amerikanerin. Das
+heißt, eigentlich ist sie aus Wien, aber sie ist schon sehr lange in
+Amerika. Sie fährt jedes Jahr zweimal nach Europa. Ich glaube, sie ist
+sehr reich. Sie hat die ganzen Hände voll feiner Ringe. Mit mir ist sie
+sehr freundlich und gibt mir allerlei gute Ratschläge.
+
+Hübsch ist sie nicht, aber sehr fein; sie hat so feine Nachthemden, wie
+ich noch gar keine gesehen habe. -- --
+
+ * * * * *
+
+Donnerstag, den 30.
+
+Heute ist schlechtes Wetter, tüchtig Wind und Regen. Gegen Abend wurde
+es sogar sehr stürmisch -- nach unsrer Ansicht.
+
+Zum Mittagessen lag schon alles krank. An unserem Tisch waren nur ganz
+wenige erschienen, und während des Essens verschwanden auch die noch zum
+Teil sehr rasch. Es war mir auch ein wenig sonderbar, ich hab' aber doch
+gut gegessen, nur keinen Fisch, der Geruch war mir zu widerlich.
+
+Ich bin gestern abend erst um elf Uhr zu Bett gegangen, habe dann aber
+ganz fein geschlafen.
+
+ * * * * *
+
+Den 1. Juni.
+
+Heute war das Wetter wieder schön; den ganzen Tag sehr ruhig, und
+trotzdem sind noch Einige seekrank. Mir schmeckt jetzt wieder alles.
+Heute nachmittag zwischen vier und fünf Uhr fuhr auch ein Dampfer an uns
+vorbei, nach Hause zu. Mir war ein klein wenig sonderbar zumute, ob es
+wohl Heimweh ist? Ich habe recht nette Gesellschaft gefunden. Meine
+Zimmergenossin -- Frau Fröhlich heißt sie -- hat einen Neffen mit an
+Bord; gleich am ersten Tage hat sie ihn mir vorgestellt. Er sieht sehr
+gut aus, und ich glaube, er mag mich auch gern, denn er ist immer um
+mich herum.
+
+Ich glaube, wenn ich nicht so furchtbar viel durchgemacht hätte mit den
+Männern -- ich meine mit Rudolph -- so könnte ich ihn vielleicht
+liebhaben, aber so! Nein! Ich werde niemals wieder einen Mann lieben. --
+-- --
+
+ * * * * *
+
+Mr. Smith -- so heißt der Neffe -- gibt sich sehr viel Mühe mit mir. Er
+will mich Englisch lehren. Die paar Brocken, die ich bei Fräulein
+Fischer gelernt habe, die helfen mir gar nichts.
+
+An Deck haben wir immer viel Spaß. Wenn wir in den Stühlen liegen, kommt
+zuweilen der Kapitän und fragt, ob wir auch gut zugedeckt seien oder ob
+er den vierten Offizier schicken solle, damit er den Damen die Füße
+schön einwickele. Dann gibt es immer großes Gelächter. -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Den 2., abends.
+
+Endlich haben wir das lange prophezeite schlechte Wetter. Heut' gegen
+Abend waren wir auf der Brücke; es sah wunderschön aus, wenn das Wasser
+vorn über Deck kam und sogar bis zu uns heraufspritzte. Herr Smith ist
+sehr aufmerksam, stets ist er in meiner Nähe. Heute früh saß er im Stuhl
+neben mir -- seine Tante war im Damenzimmer, da sie sich nicht besonders
+wohl fühlte. Er hat mir so viel dummes Zeug vorgeschwatzt. Er sagt, ich
+sei sehr schön -- ob das wohl wahr ist? -- Er ist der einzige Erbe
+seiner Tante, die sehr reich ist, und kann seiner Frau jeden Wunsch
+erfüllen. Und wenn er eine so schöne Frau hätte, wie ich, so würde er
+sie in Samt und Seide kleiden, das muß fein sein. -- Und Geld braucht
+sie gar nicht zu haben, er hat nicht nötig, darauf zu sehen.
+
+Wenn ich dagegen an Rudolph denke! Jetzt könnte ich mich schon rächen.
+Wenn ich Mr. Smith heiratete, so könnte ich schon nächstes Jahr wieder
+zu Besuch nach Hause reisen, und dann könnte ich Rudolph zeigen, daß ich
+auch ohne Geld einen reichen und hübschen Mann bekommen habe. -- Denn
+hübsch ist Herr Smith, hübscher als Rudolph. Aber ich liebe ihn nicht,
+kann ihn also auch nicht heiraten. Das habe ich ihm auch gesagt.
+
+Er war sehr traurig -- und da tat er mir wieder leid. -- --
+
+ * * * * *
+
+Den 3., morgens.
+
+Die Nacht war schrecklich! Das Innere wurde mir förmlich umgedreht.
+Scheußlich! Ich fürchtete wirklich, ich würde auch noch krank. Um zwei
+Uhr bin ich aufgestanden, ich konnte nicht mehr liegen, bald stand ich
+nahezu Kopf, bald wieder auf den Füßen. Ich habe mich auf das Sofa
+gesetzt und eine Apfelsine gegessen, dann war mir etwas menschlicher.
+
+Frau Fröhlich ist sehr krank, jetzt sieht sie gar nicht mehr fein aus.
+Auch viel älter kommt sie mir vor. Erst dachte ich, sie wäre kaum
+dreißig.
+
+Aber natürlich, sie hat doch einen Neffen, der 27 Jahre alt ist. --
+-- --
+
+ * * * * *
+
+Den 4.
+
+Heute ist wieder prachtvolles Wetter. Trotzdem sind noch immer Einige
+krank. Ich selbst fühle mich großartig. Ich habe zwar noch nicht ein
+einziges Mal bei Tisch gefehlt, aber gestern war's doch nicht so ganz
+richtig.
+
+Riesigen Spaß haben wir gestern nachmittag gehabt, als wir im Salon zum
+Kaffee waren. Ohne daß man vorher viel gemerkt hatte, holte das Schiff
+plötzlich so stark über, daß unsere Kuchenteller, Kaffeetassen und alles
+was nicht fest war, mit einem Male auf der Erde herumflog. Natürlich
+großes Geschrei. Alle suchten Zwiebäcke zusammen. Kaffee wurde dann
+nicht mehr getrunken. Heute abend ist großes Konzert, sogenanntes
+Seemannskonzert. Ich gehe auch hin. Alle wollen sich sehr elegant
+machen, und ich habe nur ein einfaches weißes Kleid, das ich anziehen
+kann. --
+
+ * * * * *
+
+Da sitz' ich nun und halte schon eine ganze Weile die Feder in der Hand,
+ohne daß ich weiß, wo ich beginnen soll. Und doch habe ich so viel zu
+schreiben, wie noch nie während der ganzen Reise.
+
+Zwischen gestern und heute liegt eine Ewigkeit oder ein ganzes
+Menschenschicksal, ich weiß es nicht.
+
+Mir ist so sonderbar -- so bange. Ist es das Neue, das Unbekannte, dem
+ich entgegengehe?
+
+Es ist wohl hauptsächlich der Gedanke: hast du auch recht getan, der
+mich quält. --
+
+Ist es doch das erstemal, daß ich bewußt mein Schicksal in die eigenen
+Hände genommen habe. -- --
+
+Also ich habe mich nun doch mit Herbert Smith verlobt. --
+
+Ich war gestern abend in dem Konzert und hatte mein weißes Kleid an.
+Alle andern Damen waren feiner, denn das Kleid ist sehr einfach. Frau
+Fröhlich und ihr Neffe saßen mit mir am Tisch, außerdem noch eine junge
+Dame aus Baltimore, Miß Pfort, und ein Herr aus Köln. Schon als ich in
+den Salon kam, sah ich, daß Herberts Augen aufleuchteten; er sprang auf
+und kam mir entgegen; er sagte mir gleich so viel Schönes, daß ich ganz
+rot und verlegen wurde.
+
+Eine Schönheit wie ich, habe nicht nötig, sich noch mit kostbaren
+Kleidern zu schmücken, ich sei die Schönste im Saal trotz meiner
+Einfachheit. -- -- --
+
+Ich müßte kein Mädchen sein, wenn ich mich nicht gefreut hätte. --
+
+Zuweilen dachte ich wohl, es seien nur Redensarten, aber mir scheint
+doch, es ist etwas Wahres daran, denn ich habe wohl bemerkt, daß alle
+Herren nach mir sahen. Und ich muß sagen, ich gefalle mir selbst, wenn
+ich im Gesellschaftszimmer an den großen Spiegeln vorübergehe. Ich bin
+groß und schlank, und mein goldbraun leuchtendes Haar sieht sehr apart
+aus. --
+
+Ein bißchen eitel darf ich wohl sein. --
+
+Nach dem Konzert saßen wir noch etwas zusammen, es kamen noch einige
+Herren dazu, und als im Salon die Lichter ausgelöscht werden sollten,
+beschlossen alle, ins Rauchzimmer zu gehen. Frau Fröhlich bat so lange,
+bis ich mitging. --
+
+Wir haben sehr viel Champagner getrunken -- ich trinke ihn gern -- und
+ich glaube, ich habe einen regelrechten kleinen Schwips gehabt. Ja --
+und heute früh war ich verlobt. -- Wenigstens sagen es alle. Und Herbert
+war schon um acht Uhr an unserer Zimmertüre und nannte mich seine schöne
+Braut, seinen stolzen Schwan und was der dummen Dinge mehr sind. -- Aber
+gern hör' ich's doch. -- --
+
+Ich kann's jetzt verstehen, daß mein Vater gern Champagner trinkt; mir
+hat er auch geschmeckt. --
+
+Herbert sagt, wenn ich erst seine Frau sei, könne ich trinken, so viel
+ich wolle. --
+
+Ich bin doch etwas stark benommen im Kopf. Frau Fröhlich sagt, das komme
+vom ungewohnten Trinken; sie ließ eine Flasche Sherry kommen, da habe
+ich auch ein Glas mitgetrunken, und es ist mir wirklich etwas besser
+geworden. --
+
+Wenn ich über alles klar nachdenke, dann ist mir ganz miserabel zumute.
+-- Soll ich Herbert mein -- mein -- ja was ist es eigentlich, was hinter
+mir liegt? Ein Erlebnis -- ein Unglück -- oder was sonst? Es ist
+schrecklich! Nein, ich kann es nicht sagen. Würde er dann noch zu mir
+sagen -- mein stolzer Schwan? Schwäne sind rein -- weiß -- unnahbar.
+Ach, ich komme mir manchmal so gar nicht mehr rein vor. -- Ich sage
+nichts, lieber will ich ihn überhaupt nicht heiraten.
+
+Aber wird er mich wieder freigeben?
+
+Er hat mir heute nachmittag schon seinen Plan entwickelt. --
+
+Sowie wir in New York ankommen, fahren wir beide im Automobil zum
+Pfarrer und lassen uns trauen. Das geht in Amerika ganz leicht. Herbert
+kennt einen Pfarrer in der 2. Avenue, zu dem fahren wir. Papiere
+brauchen wir nicht.
+
+Die Tante besorgt währenddessen das Gepäck, und ehe alles fertig ist,
+sind wir schon wieder zurück, dann kann ich meinen Großonkel, der mich
+abholen will, immer noch begrüßen.
+
+Herbert meint, es wäre möglich, daß wir beide mit zur Großtante reisten,
+aber es sei besser, daß wir uns sofort trauen ließen, dann könne der
+Onkel nichts mehr daran ändern.
+
+Wenn wir nicht gleich mit dem Onkel gehen, dann wollen wir aber später
+einige Wochen zu ihm und der Tante. --
+
+Und nächstes Jahr kann ich schon wieder nach Deutschland zu Besuch. --
+
+ * * * * *
+
+Herbert hat mich gebeten, dem Kapitän nichts von unserem Plan zu
+erzählen. Es wäre ihm vielleicht nicht recht, weil ich noch so jung
+sei, und weil er doch den Großeltern versprochen habe, auf mich zu
+achten.
+
+Ich werde es ihm nicht sagen, ich sehe ihn ja auch so selten. -- Ich
+quäle mich immer mit dem Gedanken, daß ich Herbert doch meinen Fehltritt
+sagen müßte. Ich warte immer auf einen günstigen Augenblick. Wenn ich
+einmal längere Zeit ganz allein mit ihm wäre, dann hätte ich den Mut.
+Aber hier am Schiff ist man ja nie allein. --
+
+Ob ich Herbert liebe, weiß ich wirklich nicht. Manchmal glaube ich es
+ja, aber trotzdem -- wenn er jetzt plötzlich von mir gehen würde, ich
+glaube kaum, daß es besonders wehe tät'. --
+
+Es ist vielleicht gut so. -- --
+
+ * * * * *
+
+Morgen sind wir dort. Eben sagte mir der Kapitän im Vorübergehen, daß
+wir morgen früh 10 Uhr am Pier in Hoboken sind.
+
+Jetzt sitzt nun alles im Salon und schreibt Briefe, und auch ich will
+die letzten Zeilen in mein Buch schreiben, ehe ich es weglege.
+Vielleicht komme ich in nächster Zeit doch nicht zum Schreiben. Und wenn
+ich wieder schreibe, bin ich schon Frau. Frau! Komisch. Mir ist, als
+könnt ich's kaum glauben. --
+
+Gleich will ich noch einen Brief an die Großeltern schreiben, denen
+werde ich aber doch alles berichten, obgleich Herbert mich bat,
+vorläufig noch nichts davon zu erwähnen. --
+
+Um mich herum sitzt alles und schreibt. Briefe und Karten.
+
+Adressen werden ausgetauscht, Versprechungen gemacht usw.
+
+Ich möchte wohl wissen, wie viele von diesen Adressen benutzt werden.
+Wer denkt nach einem halben Jahre noch an die geschlossene Freundschaft?
+
+Es sind auch eine ganze Anzahl Liebespärchen hier an Bord, alle erst von
+dieser Reise.
+
+Die Seeluft muß eine stark aufreizende Wirkung haben.
+
+Bei manchen sollte man es kaum glauben, daß sie sich erst seit kaum acht
+Tagen kennen.
+
+Da ist zum Beispiel ein Pärchen an unserem Tisch. Alle Anzeichen
+sprechen dafür, daß sie sehr intim miteinander sind. -- Ich hielt sie
+für Mann und Frau.
+
+Gestern sprach ich mit dem Zahlmeister darüber, der lachte. --
+
+»Das ist jede Reise so, zuweilen mehr, zuweilen weniger. Diese beiden
+haben sich vordem nie gesehen. Sie ist Rheinländerin und er ist aus
+Thüringen. Überdies wird sie von ihrem Bräutigam erwartet.« -- --
+
+Der Zahlmeister wird wohl recht haben. -- --
+
+Ich möchte keinen Seemann heiraten. Die Damen hier am Schiff sind
+teilweise sehr entgegenkommend gegen die Herren. -- --
+
+Herbert, der schon oft gefahren, lacht mich aus und sagt, das sei nicht
+so schlimm. Ein bißchen amüsieren dürfe sich jeder Mann. -- --
+
+Die See wird manchmal so unruhig, lange wird's nicht dauern, dann gibt's
+wieder Seekranke.
+
+Allzu schlimm kann's nicht mehr werden, denn es sind jetzt nur noch
+zwölf Stunden. --
+
+Wenn ich dann wieder einschreibe, ist es in der Neuen Welt. -- --
+
+
+
+
+III.
+
+Nacht.
+
+
+Vier Wochen später.
+
+Ach ja, es ist eine neue Welt, in der ich lebe -- aber was für eine!
+
+Furchtbare Wochen liegen hinter mir -- fürchterlichere vielleicht noch
+vor mir!
+
+Ich will schreiben -- und weiß nicht, wo beginnen -- ich weiß weder
+Anfang noch Ende.
+
+Mit einem einzigen Schrei der Qual möchte ich alles in die Welt
+hinausrufen. --
+
+In die Welt! In welche Welt?
+
+Die Welt, die mich jetzt umgibt, lacht über meine Klagen. Und eine
+andere aufzusuchen, in der ich nicht verlacht werde, liegt nicht in
+meiner Macht. -- --
+
+Ich bin gefangen! Wo? Ich weiß es nicht. --
+
+Doch ich will es dir schlicht und der Reihe nach erzählen, kleines Buch.
+Du allein bist ohne Falsch. --
+
+Alles spielte sich so ab, wie Herbert es mir gesagt. Wir beide gingen
+nach Ankunft des Schiffes sofort ohne Aufenthalt durch die Zollschranke.
+Gepäck hatten wir nicht. Im Automobil fuhren wir dann ein ziemliches
+Stück, auch auf einem großen Fährboot über den Fluß und dann noch eine
+kurze Strecke weiter.
+
+Wir sind dann in ein großes Haus gegangen. Wie Herbert mir sagte, zu
+seinem Freunde, dem Pfarrer. --
+
+Ob es eine Vorahnung war? -- Als die Tür hinter mir zuschlug, überkam
+mich plötzlich eine Angst, daß ich am liebsten wieder hinausgelaufen
+wäre. Doch Herbert legte den Arm um mich und führte mich in ein auf der
+linken Seite des Flures gelegenes Zimmer.
+
+Sonderbar, ich sah keinen Menschen, und Herbert schien hier wie zu Hause
+zu sein.
+
+Auch im Zimmer war niemand. Herbert geleitete mich zu einem Sessel,
+welcher der Tür gegenüberstand. --
+
+Ich war plötzlich so müde. --
+
+Einen Augenblick nur solle ich ihn entschuldigen, er komme sofort
+zurück, sagte er mir, und ging durch eine andere Tür hinaus.
+
+Ich sah mich im Zimmer um. Die Wände waren mit einigen Bildern
+geschmückt -- Dutzendware --, gegenüber der Tür stand eine Chaiselongue,
+kein Tisch, nur noch einige Sessel. --
+
+Aber was mir jetzt erst auffiel -- das Zimmer hatte ja gar kein Fenster!
+Eine elektrische Krone erhellte es, es war aber doch Tag. Es konnte
+höchstens zwölf Uhr sein! --
+
+Noch immer kam Herbert nicht wieder.
+
+Hinter mir rauschte ein Seidenkleid -- eine Tür hatte ich nicht gehen
+hören. Ich drehte mich aufhorchend um, eine Dame stand vor mir und
+lächelte mich an.
+
+Es war eine große, kräftig gebaute Frau im Alter von ungefähr fünfzig
+Jahren. Sie war sehr elegant gekleidet, sah aber trotzdem sehr
+gewöhnlich aus, denn ihr Gesicht war unangenehm und brutal. --
+
+»Sie müssen Herrn Smith einen Augenblick entschuldigen. Er hat erst noch
+rasch etwas zu erledigen, wird aber sofort hier sein. Darf ich Ihnen
+einstweilen eine kleine Erfrischung anbieten?«
+
+Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, trat sie an einen kleinen
+Seitenschrank und goß zwei Gläser voll Wein, von denen sie mir das eine
+anbot; das andere stellte sie auf ein kleines Ziertischchen, in dessen
+Nähe sie sich niederließ. --
+
+Ich hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen.
+
+Ich saß da mit meinem Weinglas in der Hand und sah mich hilflos um. Ich
+hätte es gern hingesetzt, aber ein Tisch schien in diesem Zimmer ein
+überflüssiges Möbel zu sein. --
+
+»Trinken Sie, liebes Kind, Sie werden erschöpft sein. Ich nehme Ihnen
+dann das Glas wieder ab,« sagte meine liebenswürdige Wirtin -- die
+Gattin des Pfarrers, wie ich damals annahm.
+
+Ich war wirklich durstig, aber noch mehr hungrig. Ich hatte seit dem
+Frühstück nichts mehr genossen, und auch da vor lauter Aufregung nur
+wenig. Ich tat deshalb einen guten Zug aus meinem Glase, dann nahm sie
+mir das Glas ab und setzte sich mir gegenüber.
+
+Was sie zu mir gesprochen, weiß ich nicht; mich überfiel eine seltsame,
+bleierne Müdigkeit, ich riß einige Male mit Gewalt die Augen auf, aber
+dann konnte ich nicht mehr dagegen ankämpfen. Ich bin dann wohl
+eingeschlafen. -- --
+
+Als ich erwachte, war es Nacht. Ich lag ausgezogen auf einem Bett. Im
+Zimmer war es ganz finster.
+
+Ich versuchte mühsam, meine Gedanken zu sammeln. Wo war ich? Was war mit
+mir geschehen? War ich krank gewesen? Mir war sonderbar benommen im
+Kopf. Ich sann und sann und kam zu keiner Klarheit.
+
+Müde schlief ich endlich wieder ein. -- --
+
+Das Geräusch einer schließenden Tür weckte mich. Als ich die Augen
+aufschlug, war es Tag, und die Frau von gestern stand vor meinem Bett.
+
+»Nun, ausgeschlafen?« fragte sie.
+
+Ich sah sie verständnislos an.
+
+»Wo ist Herbert?« fragte ich, nachdem ich meine Gedanken einigermaßen
+gesammelt hatte.
+
+»Sie meinen Herrn Smith? Der hat noch gestern wieder abreisen müssen,
+liebes Kind. Aber er kommt wieder, sobald er nur irgend kann. Seien Sie
+nur zufrieden, Sie sind bei Freunden. Sie werden es gut bei uns haben,
+wenn Sie schön artig und vernünftig sind.«
+
+»Aber wo bin ich denn! Bei wem?« fragte ich dringend. »Ich muß doch zu
+meiner Tante!«
+
+»Es ist leider niemand gekommen, der Sie hat abholen wollen. Wir haben
+gestern sofort nachfragen lassen. Sie müssen deshalb schon bei uns
+bleiben. Nun ruhen Sie sich nur noch recht schön aus, ich schicke Ihnen
+gleich etwas Frühstück herauf. Später kommen Sie dann auch mal herunter
+in den Salon. Vorläufig ruhen Sie noch.« -- --
+
+Sie ging, und ich war wieder allein. Doch nicht lange.
+
+Ein Mädchen kam und brachte mir Kaffee und Gebäck.
+
+Aber wie sah die Person denn aus! Schrecklich! Wie konnte man denn so
+ein Geschöpf um sich haben? Ganz entzündete Augen und auch sonst so
+ekelhaft.
+
+Sie sah mir den Widerwillen wohl an und lachte häßlich.
+
+»Wenn du Glück hast, mein Engel, so siehst du eines Tages auch so hübsch
+aus,« sagte sie frech.
+
+»Wie meinen Sie das?« fragte ich.
+
+Sie antwortete nicht, drehte sich um und ging hinaus.
+
+Ich mochte nichts anrühren von dem, was dieses Geschöpf in den Händen
+gehabt hatte. Der Kaffee wurde kalt.
+
+Doch in meinen Eingeweiden wühlte der Hunger; ich war jung und gesund
+und hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Nach und nach
+trank ich den kalten Kaffee und aß auch das Gebäck. Ich wollte endlich
+aufstehen und mich nach meinen Wirten umsehen. -- Ich suchte nach
+meinen Kleidern, sie waren nicht da. Ich sah mich um, nichts war zu
+sehen, auch keine Klingel, um jemand herbeizurufen.
+
+Mein Gott, was bedeutete das alles?! Wo war ich nur? Ich tat das
+einzige, was mir übrig blieb, ich kroch wieder ins Bett.
+
+Wie lange ich gelegen -- ich weiß es nicht, ich mußte wohl wieder
+eingeschlafen sein. --
+
+Ein Geräusch schreckte mich auf, meine Wirtin stand wieder vor mir. Ich
+sprang rasch aus dem Bett und fragte nach meinen Kleidern.
+
+»Ihre Kleider sind ganz verdorben, liebes Kind. Sie sind ein wenig krank
+gewesen gestern. Aber ich habe Ihnen hier ein schönes neues Kleid
+mitgebracht, das ziehen Sie an.«
+
+Mit diesen Worten legte sie ein wunderbares Gebilde von Spitzen und
+durchsichtigem Mull auf das Bett.
+
+In meiner grenzenlosen Dummheit freute ich mich über das schöne Zeug.
+
+»Oh, von Herbert!« rief ich erfreut.
+
+Ich dachte an die versprochenen Kleider aus Samt und Seide. -- --
+
+Meine Wirtin antwortete nicht, sie lächelte nur zustimmend. --
+
+Ich zog mich rasch an, es paßte wie für mich gemacht.
+
+Ich suchte mit den Augen nach einem Spiegel, denn ich hätte mich gern
+gesehen in meiner neuen Herrlichkeit, aber ich sah keinen.
+
+»Kommen Sie, Kind,« sagte die Frau, die meinem Blick gefolgt war, und
+faßte mich um. »Wenn Sie recht vernünftig und artig sind, bekommen Sie
+bald ein schönes großes Zimmer mit großen Spiegeln.«
+
+Wenn ich artig und vernünftig bin -- schon wieder diese Redensart. Was
+soll das? Weshalb sollte ich _nicht_ artig sein? -- --
+
+Lange dachte ich aber nicht über dieses Rätsel nach, ich verstand es
+einfach nicht. --
+
+Ich ging mit meiner Führerin eine schöne, breite Treppe hinunter -- ich
+war also in meinem gestrigen Zustand die Treppe hinauf getragen worden
+-- dann trat sie mit mir in einen Salon, der, nach meiner Berechnung, in
+entgegengesetzter Richtung von dem Eingang liegen mußte.
+
+Ein merkwürdiges Haus. Auch hier brannten wieder die elektrischen
+Flammen. Anscheinend war gerade eine größere Gesellschaft. Im Zimmer
+saßen elegante Damen und Herren. --
+
+Und fein war es hier, überall standen bequeme Sofas und Tischchen. --
+Lauschige Ecken, schwellende Polster; kurz und gut, ich kam mir vor wie
+im Märchen.
+
+Meine Führerin, deren Namen ich noch nicht einmal wußte, stellte mich
+mit den Worten vor: »Meine Herrschaften, hier bringe ich Ihnen Fräulein
+Lotti. Gestern erst frisch von Europa angekommen.«
+
+Das war ja eine sonderbare Sitte hier in diesem Lande. Aber alle
+schienen das in der Ordnung zu finden. Alle lachten und schwatzten
+durcheinander. Einige kamen auf mich zu und sprachen einige Worte mit
+mir. Doch ich verstand sehr wenig, sie sprachen fast alle englisch.
+
+Ich war ganz verlegen. Ich setzte mich auf ein Sofa in der Nähe der Tür.
+
+Bald setzte sich ein Herr zu mir, ein kleiner, dicker Kerl mit einer
+Glatze und vorstehenden, wässerigen Augen.
+
+Ein ganz frecher Patron! Setzte sich sofort zu mir auf das Sofa, ganz
+dicht an mich heran.
+
+Ich rückte von ihm ab, da lachte er so widerlich und sagte:
+
+»Na, Kleine! Noch so spröde? Wird bald besser. Komm, wir trinken ein
+Fläschchen zusammen. Dann gibt's Mut.«
+
+Ich sah mich hilflos um. Was bedeutete das? War ich in einem Narrenhaus?
+Da sah ich an der anderen Seite des Salons meine Wirtin.
+
+Ich wollte aufspringen, sie fragen, um Aufklärung bitten. Aber ich weiß
+nicht, wie mir plötzlich war; auf halbem Wege blieb ich stehen. Die Frau
+sah mich so sonderbar stechend, so lauernd an. -- --
+
+Ich mußte an den Blick einer Schlange denken, die ihr Opfer
+hypnotisiert. Ich sah mich um. Alle hatten jetzt Wein auf den Tischen,
+nur noch einige Damen saßen so da. Ich machte ein paar Schritte und
+wollte zu einer alleinsitzenden Dame hingehen, da stand der alte, eklige
+Kerl wieder neben mir.
+
+»Mach' keine Dummheiten, Kleine, komm setz' dich,« sagte er zu mir und
+faßte zugleich nach meinem Arm.
+
+Ich riß mich los und stürmte nach der Tür. Als ich draußen stand, wußte
+ich nicht wohin. Ich hatte den Gedanken, nach unten zu laufen, hinaus
+aus diesem sonderbaren Hause -- da stand die Frau neben mir.
+
+»Was soll das?« sagte sie kurz, »warum laufen Sie weg?«
+
+»Ich will mich nicht von dem alten Kerl anfassen lassen! Ich kenne ihn
+ja gar nicht! Man ist doch nicht gleich so dreist!«
+
+»Da wirst du dich dran gewöhnen müssen, liebes Kind. Das ist bei uns nun
+mal so. Und überhaupt, gerade mit diesem Herrn wirst du sehr freundlich
+sein, der hat sehr viel Geld. Komm!«
+
+Jetzt sagte sie schon Du zu mir! Und wie schroff sie war! Hier blieb ich
+nicht!
+
+»Dann will ich hier fort,« sagte ich rasch. »Ich kenne ja die Leute alle
+gar nicht. Lassen Sie mich gehen, ich laufe ans Schiff zu dem Kapitän,
+der wird an meine Verwandten telegraphieren.«
+
+»Schlag dir das aus dem Kopf,« sagte die Frau. »Du kannst hier nicht
+fort. Ich habe gestern deine Koffer holen lassen, die standen noch
+drüben am Pier, das kostet Geld. Das Kleid hier habe ich für dich
+bezahlt, kannst du mir das alles wiedergeben?« -- --
+
+Ach Gott, mein Geld! Daß ich daran nicht gedacht hatte! --
+
+Ich hatte ja noch zweihundert Mark gehabt. Wo war meine Tasche? Alles
+fort!
+
+»Wo ist mein Geld, meine Tasche! Ich hab' es doch mit hierher gebracht!«
+rief ich angstvoll.
+
+»Du glaubst doch nicht, daß du hier bestohlen worden bist?« sagte die
+Frau höhnisch. »Wenn du Geld bringst, kannst du gehen; so lange bleibst
+du hier.«
+
+Mit diesen Worten faßte sie mich an der Hand und zog mich wieder in den
+Salon.
+
+Da ging es jetzt lustig zu. Sie sangen und tanzten wild durcheinander.
+-- Und wie waren die Mädchen angezogen! Das war mir vorhin noch gar
+nicht so aufgefallen. --
+
+Ich setzte mich ratlos wieder hin. Da kam auch schon wieder dieser
+Mensch und setzte sich neben mich.
+
+Ich sah ihn gar nicht an. --
+
+Es wurde Champagner gebracht, ich nippte kaum. So gut er mir unterwegs
+geschmeckt hatte, der Appetit war mir vergangen. -- --
+
+Wäre ich nicht gar so dumm gewesen, hätte ich nur einmal über etwas
+derartiges gelesen oder gehört, ich würde endlich gewußt haben, wo ich
+war. So aber saß ich noch immer und zermarterte mir den Kopf, was das
+eigentlich für eine Gesellschaft sei, in der ich mich befand. -- -- --
+
+Es gab an dem Abend noch einen furchtbaren Skandal. Ich begriff endlich,
+wo ich mich befand und was man von mir wollte. Als der alte Kerl einige
+Glas Champagner getrunken hatte, wurde er zudringlich, und ich schlug
+ihn ins Gesicht. Da wurde er wütend, er tobte wie ein Wahnsinniger. Mir
+war es einerlei, ich verstand auch nicht, was er sagte.
+
+Die Frau verstand ich dann um so besser. Sie wurde furchtbar heftig und
+ließ endlich die Maske fallen.
+
+Ich sei in diesem Hause zu keinem anderen Zweck, als den Herren, die
+hierher kämen und die ihr schweres Geld dafür bezahlten, gefällig zu
+sein. Sie habe ein anständiges Stück Geld für mich bezahlt und sie würde
+schon dafür sorgen, daß sie keinen Schaden habe. Sie wolle mich schon
+zahm kriegen. Sie habe da ganz schöne Mittelchen. Sie gebe mir aber den
+guten Rat, mich gleich zu fügen, denn nützen würde mir mein Widerstand
+doch nichts. --
+
+Ein paar Tage früher oder später, es sei nur mein eigener Schaden. --
+
+»Willst du also vernünftig sein und mit dem Herrn recht freundlich
+sprechen?«
+
+»Nein! Lieber spring ich aus dem Fenster!« rief ich außer mir.
+
+»Wie du willst! Dann spring aus dem Fenster!« rief sie, faßte mich am
+Arm und schob mich in ein Zimmer.
+
+»Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast,« rief sie mir nach
+und schloß die Tür zu.
+
+Im Zimmer war es dunkel, ich konnte nicht die Hand vor den Augen sehen.
+
+Ich tastete umher, ich suchte an der Wand entlang, vorsichtig schritt
+ich weiter. Ein Bett war da. Gott sei Dank.
+
+Ich zog das feine Kleid aus und legte mich nieder. Ich sann und sann,
+was konnte ich tun? Hier im fremden Land, in der großen fremden Stadt,
+ohne Geld, ohne Freunde! Und doch! Wenn ich nur hinaus könnte, jemand
+würde sich schon meiner annehmen.
+
+Zuletzt kamen die Tränen, ich weinte so heiß und schmerzlich, daß ich
+gar nicht wieder aufhören konnte.
+
+Sie müssen mein verzweifeltes Weinen gehört haben, aber kein Mensch
+kümmerte sich um mich; die sind alle hart wie Stein. --
+
+Zuletzt bin ich wohl vor Ermattung eingeschlafen.
+
+Als ich erwachte, war es noch immer dunkel um mich. Ich wußte gar nicht
+mehr, war es Tag oder Nacht. Wie lange war ich schon hier? War es ein
+Tag oder waren es mehrere?
+
+Mich quälte schon wieder der Hunger. War ich denn immer hungrig? Bei all
+meinem Elend und bei all dem Kummer -- die Natur verlangte ihr Recht.
+
+In Geschichten hatte ich so oft gelesen, wenn sie traurig waren oder
+Kummer hatten, dann nahmen sie tagelang keine Nahrung zu sich. Ich hatte
+immer Hunger.
+
+Ich konnte nicht mehr schlafen, vorsichtig erhob ich mich und tastete
+nach der Tür, sie war noch immer verschlossen. Ich klopfte, niemand kam.
+Ich klopfte stärker, alles umsonst.
+
+Ich ging wieder ins Bett und wartete. Ich meinte, Stunden gelegen zu
+haben, und nichts ließ sich hören.
+
+Ich konnte es zuletzt gar nicht mehr aushalten und stand wieder auf. Ich
+hatte Kopfschmerz und war ganz zittrig auf den Beinen, so elend war ich.
+
+Was hatte man mit mir vor? Wollte man mich hier verhungern lassen?
+
+Ich schlug mit den Fäusten gegen die Tür und schrie aus Leibeskräften.
+Niemand kam.
+
+Jetzt kam die Furcht langsam gekrochen! Was wollte man mit mir machen?
+Oder hatten sie mich vergessen?
+
+Wieder kroch ich ins Bett. --
+
+Ob ich dann vor Erschöpfung ohnmächtig geworden bin oder ob ich wieder
+eingeschlafen bin, ich weiß es nicht.
+
+Nur daß ich, als das schreckliche Weib wieder zu mir kam und mich
+fragte, ob ich gehorchen wolle, ganz apathisch zu allem ja gesagt habe.
+
+Ich glaube, sie haben mich lange hungern lassen, denn ich bekam zuerst
+ein wenig warmen Wein und dann ein rohes Ei. -- --
+
+Zwei Tage danach war ich wieder im Salon. Der ekelhafte Kerl war wieder
+da, und alles ging seinen Gang. -- --
+
+Jetzt habe ich ein schönes Zimmer, und der Mensch kommt jeden Abend. Es
+ist ein reicher Pelzhändler aus der 8. Straße.
+
+Ich weiß jetzt auch, wo ich bin. -- Es ist ein Mädchen hier -- die
+»schwarze Katze« sagen alle zu ihr -- sie ist vom ersten Tage an sehr
+freundlich zu mir gewesen. Sie riet mir auch, als ich wieder in den
+Salon kam, mich zu fügen. Ich sei doch machtlos.
+
+»Jedenfalls bist du Mädchenhändlern in die Hände gefallen,« sagte sie.
+
+Ich erzählte ihr alles. Von Frau Fröhlich, von Herbert Smith, von der
+Heirat, alles!
+
+»Es ist so! Das saubere Paar ist mit frischer Ladung von Europa
+gekommen. Entweder, sie haben im Zwischendeck noch Mädchen gehabt, oder
+aber sie haben auf einem anderen Dampfer, der langsamer fährt, die
+Mädchen eingeschifft und sind dann selbst mit dem Schnelldampfer
+gefahren, um die Ware hier in Empfang zu nehmen. Du bist ihnen als
+Leckerbissen unterwegs noch in die Arme gelaufen.«
+
+»Aber können wir denn nicht zur Polizei?«
+
+»Die Polizei? Du kommst vorläufig überhaupt nicht an die Luft, eher
+nicht, bis du erst richtig zahm bist. Und dann! Die Polizei! Da mach dir
+nur nicht zu viel Hoffnung. Weißt du, ich könnte dir Sachen erzählen.
+Die Policeleute hier im Viertel werden alle von »ihr« bezahlt. Denn die
+versteht ihr Geschäft. -- Und uns glaubt man ja doch nicht. Aber trotz
+alledem, wenn wir Geld hätten, und du bist nach einigen Monaten noch
+derselben Ansicht, so will ich dir wohl helfen. Nur jetzt ist noch
+nichts zu machen.« --
+
+»Und warum gehst du nicht fort, wenn du doch kannst?« fragte ich sie.
+
+»Gott, ich! Wo soll ich hin? Es ist immer noch besser als auf der
+Straße, da laufen hier in New York sowieso genug herum. Ich bin ja mal
+'ne Zeitlang 'raus gewesen; solange man ein festes Verhältnis hat, mag's
+gehen. Hat man das nicht, dann gibt's Tage, da kann man hungern.«
+
+Ich war ganz benommen. Das war ja schrecklich.
+
+»Aber du kannst doch in Stellung gehen. Nicht immer so etwas,« sagte ich
+beschwörend.
+
+»Du bist ein kleines Schäfchen,« lachte sie mich aus. »Das ist bei mir
+zu spät. Ich habe dies Leben schon zu lange gelebt. -- Und -- ich will
+auch nichts anderes mehr. Wir werden ja sehen, vielleicht geht es dir
+eines Tages ebenso.«
+
+»Nein, o nein. Ich will hier nicht bleiben, lieber sterben,« rief ich
+verzweifelt.
+
+»Na, na, nur ruhig, Kleines. Ich gebe dir einen guten Rat: Lerne vor
+allen Dingen Englisch, das ist die Hauptsache. Dann sauf' nicht zu viel,
+das ist auch 'ne Hauptsache. Dann halte die Augen gut offen, möglich,
+daß mal einer kommt, der so viel Gefallen an dir findet, daß er dich
+auskauft. Alles schon dagewesen. Und hübsch bist du ja, das muß dir der
+Neid lassen. Du hast so was Besonderes, so was Vornehmes an dir.
+Vielleicht hast du Glück.«
+
+Ich faßte wieder Hoffnung. Ich war dem Mädchen so dankbar für seine
+Ratschläge und habe sie bisher getreulich befolgt. -- -- -- --
+
+Bis jetzt gehöre ich noch immer dem alten, dicken Ekel. Er scheint
+großes Gefallen an mir zu finden, denn er bezahlt alles, was sie
+verlangt.
+
+Ich hatte einige Tage die Hoffnung, daß er mich vielleicht herausnehmen
+würde. Als er einmal sehr guter Laune war, bat ich ihn darum. Ich
+versprach, bei ihm zu bleiben, so lange er mich haben wolle -- natürlich
+sagte ich das nur, denn ich wäre sofort ausgerissen, wenn ich das Haus
+hinter mir gehabt hätte. Aber er lachte mich nur aus.
+
+»Nee, Kleine, auf den Leim kriech' ich nicht. Ich habe das hier viel
+besser und bequemer. Solange ich nicht will, kriegt dich kein anderer.
+In dieser Weise ist die Rottmann anständig, da betrügt sie nicht.« --
+
+Bis jetzt habe ich also nur diesem einen gehört, aber wie lange wird es
+dauern und ich gehöre jedem, der mich will!
+
+Der Gedanke ist mir furchtbar!
+
+Ich liebe das Leben so sehr. Ich bin jung, und jede Kreatur hängt am
+Leben. Und doch -- wenn ich irgendein Mittel hätte, ich würde mich
+töten. -- Aber hier ist auch auf solche Stimmungen Rücksicht genommen,
+ich bin gewiß nicht die erste Anfängerin. --
+
+Wenn ich jetzt einmal an die lieben, alten Großeltern denke, so könnte
+ich laut aufweinen vor Qual.
+
+Nie wieder werde ich sie sehen, nie wieder die lieben, alten Gesichter
+küssen dürfen. --
+
+Auch wenn ich Glück habe und wieder herauskomme, es soll kein bekanntes
+Gesicht das meine wiedersehen. -- Ich will tot sein, tot für alle! -- --
+
+Es ist eine furchtbare Einrichtung, daß es Menschen gibt, denen erlaubt
+wird, andere Menschen gegen ihren Willen festzuhalten und Geld mit ihnen
+zu verdienen. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Es ist schrecklich! Ich fange an, mich vor mir selbst zu fürchten. Ich
+habe oft den kaum zu unterdrückenden Wunsch, diesem Menschen die Hände
+um den Hals zu krallen und ihn so lange zu würgen, bis er tot ist. Es
+zuckt mir dann förmlich in den Fingern vor Begierde. --
+
+Ob wohl einem Manne nie der Gedanke kommt, daß er eigentlich in
+Lebensgefahr schwebt, wenn er sich so ein geknechtetes Wesen leibeigen
+macht? Wäre es nicht möglich, daß in einem solchen Geschöpf einmal der
+Rachedurst überschäumt?
+
+Sich und ihr ganzes zertretenes Geschlecht würde sie rächen. --
+
+Ach, ich glaube, ich werde wahnsinnig oder schlecht. -- --
+
+Daß ein Mensch sich in kurzer Zeit so sehr verändern kann!
+
+Noch vor einem Jahre war ich ein dummes, leidenschaftlich verliebtes
+Ding. Und nun? Mir ist zuweilen, als ob ich das gar nicht bin. Mir ist,
+als sei das alles schon eine Ewigkeit. Bin ich es wirklich, deren Herz
+einst aufjubelte bei den törichten Liebesworten, die man mir ins Ohr
+flüsterte?
+
+Und jetzt! Ich glaube, ich kann nie wieder Liebe und Leidenschaft
+empfinden. -- Mögen sie mit meinem Körper Schacher treiben, meine Seele
+gehört mir. Meine Seele bleibt rein. --
+
+Ich bin keine Dirne und will auch keine werden. --
+
+ * * * * *
+
+Ich sinne und sinne, wie aus diesem Hause herauszukommen ist, aber alle
+meine Bemühungen sind erfolglos.
+
+In einem Gefängnis könnte ich nicht sicherer verwahrt sein.
+
+Die Tür ist Tag und Nacht gut bewacht, und Neuankömmlingen wird nur
+unter gewissen Vorsichtsmaßregeln geöffnet.
+
+Nur alte Bekannte, die das bestimmte Klingelzeichen geben, können ohne
+weiteres herein.
+
+Ich habe mir gestern die Rückseite des Hauses angesehen, ich hoffte,
+vielleicht von da auf ein Nebengrundstück kommen zu können, aber auch
+diese Hoffnung muß ich aufgeben.
+
+Eine glatte, hohe Mauer umgibt einen kleinen, dreieckigen Hof, und die
+Fenster, die nach diesem Hofe gehen, sind nicht zu öffnen, sondern haben
+nur oben eine kleine Luftscheibe. Jenseits der Mauer sind sehr hohe
+Häuser; auf der einen Seite ein kleineres, das aber, wie es scheint,
+unbewohnt ist.
+
+An dem einen großen Hause laufen schmale eiserne Leitern empor, wenn ich
+die erreichen könnte, dann wäre Rettung möglich.
+
+Aber die Mauer ist hoch und der Zugang zum Hofe ist bewacht. --
+
+Das Schlimmste aber sind die Kleider! Kann ich halbnackt auf die Straße
+gehen?
+
+Es ist ein raffiniert einfaches Mittel, uns unsere Straßenkleider
+wegzuschließen, um uns an der Flucht zu hindern. --
+
+ * * * * *
+
+Heute erzählte mir die Bronja aus ihrem Leben. Bronja, so heißt die
+schwarze Katze. --
+
+Sie ist verheiratet gewesen und hat sogar ein Kind, ein kleines Mädchen.
+Es lebt noch, bei ihren Eltern in Posen. Ihr Mann hat Gelder bei
+irgendeiner Kasse unterschlagen, und als es entdeckt wurde, haben sie
+ihn eingesperrt. Als er dann wieder freigekommen ist, sind die beiden
+nach Amerika gegangen, da der Mann nirgends wieder eine Stelle bekam.
+Bronja ging mit ihm. Sie hat ihn sehr geliebt! Das Kind sollte bei den
+Eltern bleiben, bis die beiden hier festen Fuß gefaßt hatten. --
+
+Aber hier in Amerika ist es für solche verkrachten Existenzen auch
+schwer. Die beiden mußten sich trennen. Bronja nahm eine Stelle als
+Empfangsdame bei einem Arzte an, und ihr Mann ließ sich vorläufig von
+ihr ernähren.
+
+Schließlich fand er eine Stelle in einer deutschen Wirtschaft als
+Kellner. Doch dann fing er das Trinken an und sank immer tiefer. Als er
+die Stelle verloren, trieb er sich überall herum, war bald da, bald dort
+an der Ostseite. Und jetzt sitzt er wegen Einbruchdiebstahls im
+Gefängnis. --
+
+Bronja lernte in ihrer Stellung einen reichen Herrn kennen und wurde
+dessen Freundin -- ein Wunder ist es ja nicht, denn sie ist eine
+Schönheit in ihrer Art.
+
+Als ihr Gönner ihrer eines Tages überdrüssig geworden war, verlor sie
+allen Halt und alle Selbstachtung.
+
+Durch den Verkehr in den Lokalen, wo der Herr sie hingeführt, war sie in
+der Lebewelt bekannt geworden, und es fehlte ihr nicht an Zuspruch. Sie
+bekam Geld, kaufte sich feine Kleider und Schmuck und war eines der am
+meisten gesuchten Mädchen in dem berüchtigten Viertel New Yorks. --
+
+Eines Abends war sie noch ziemlich spät in der 14. Straße ohne
+Begleitung, als ihr ein Seemann in die Hände fiel. Sie geht mit ihm in
+eines der bekannten Häuser, wo sie sich ein Zimmer geben läßt, nachdem
+natürlich vorher fürchterlich getrunken worden war. -- In der Nacht ist
+dann dem Fremden seine ganze Barschaft gestohlen worden. Bronja sagt,
+sie habe es nicht getan, sie sei selbst viel zu betrunken gewesen. Der
+Fremde schlug aber Lärm, die Polizei kam ins Haus, und Bronja wurde
+verhaftet.
+
+Man ließ sie nach einiger Zeit wieder frei, da man ihr nichts nachweisen
+konnte. Zu allem Unglück war aber ihre Wirtin während der Zeit mit ihrem
+ganzen Kram, Kleidern und Wäsche und ihren paar Dollars verschwunden. Um
+wenigstens ein Unterkommen zu haben, ging sie in ein öffentliches
+Haus. --
+
+»Diese Häuser können unsereinen immer gebrauchen, wenigstens solange man
+gesund und hübsch ist. Und was ist denn auch weiter dabei? Mir gefällt
+es! Früher, als ich mit meinem Manne noch zusammen war, war es auch
+nicht viel besser, wenn er besoffen nach Hause kam.«
+
+»Aber was soll aus dir werden, wenn du älter bist?« fragte ich sie
+mitleidig.
+
+»Dann mache ich's wie die Rottmann. Glaub' mir, das bringt am meisten
+Geld. Je feiner, desto besser. Was bringen allein die Getränke schon.
+Nur mit Mädchenhändlern laß ich mich nicht ein, da werde ich, glaub'
+ich, nie hart genug dazu. Du solltest klug sein und deinem alten
+Pelzhändler richtig um den Bart gehen, daß er dir ordentlich was
+schenkt. Nur wenn du Geld hast, kannst du hier herauskommen.«
+
+»Und willst du nie mehr zu deinem Manne, wenn er wieder freikommt?«
+fragte ich sie.
+
+»Nie wieder! Er wird mich hoffentlich nicht finden. Ich glaube nicht
+mehr an ihn. Und wenn er so lange in Sing-Sing gewesen ist, dann ist es
+überhaupt ausgeschlossen.«
+
+Arme Bronja. -- --
+
+ * * * * *
+
+Den 4. Juli.
+
+Nun bin ich schon über vier Wochen in diesem Hause und bin heute zum
+ersten Male in der frischen Luft gewesen. Mit »Madame« zusammen. Wir
+haben im Automobil eine Ausfahrt gemacht, ganz weit hinaus nach
+Bronxpark. Die Bronja sagt, das sei alles Berechnung von »ihr«.
+
+Amerika feiert heute ein großes Nationalfest, da zeigt sie den Herren,
+was sie für gutes und schönes Material auf Lager hat.
+
+Denn unter der Herrenwelt ist sie gut bekannt.
+
+Sie fürchtet also wohl, daß mein Dicker bald wegbleibt. Ich wollte mich
+freuen, denn widerlicher kann keiner sein.
+
+Und er hilft mir ja doch nicht heraus. -- --
+
+Ich habe also heute zum ersten Male dieses Land gesehen. Gesehen? Nein!
+Gesehen habe ich nichts davon. Ich wagte kaum aufzublicken. Ich meine,
+jeder Mensch muß es mir vom Gesicht ablesen, was ich bin. Sehr hohe
+Häuser sind hier, so viel wenigstens habe ich gesehen. Als ich die Bäume
+und Büsche im Bronxpark sah, mußte ich an zu Hause denken, und das
+Heimweh packte mich furchtbar.
+
+Ich habe mich nachher sattgeweint. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Den 5. Juli.
+
+Gestern abend ist es toll hergegangen. Es war furchtbar voll, denn es
+ist nichts Seltenes, daß auch Herren mit fremden Mädchen kommen,
+ordentlich zechen und dann ein Zimmer nehmen. So auch gestern abend. Es
+waren sehr viele und auch sehr elegante Damen da. Aber Bronja sagt, ich
+steche alle aus. Wenn ich so dabei bliebe, sei ich mit zwanzig Jahren
+eine königliche Schönheit.
+
+Wenn ich dann nicht schon tot bin. -- --
+
+Mir kommt es vor, als ob auch zuweilen verheiratete Frauen hierher
+kämen, und Bronja meint, das sei schon so. Das seien solche, denen es zu
+gut ginge, oder auch solche, die sich etwas Taschengeld nebenbei
+verdienten.
+
+Ich möchte sie an meine Stelle wünschen. -- --
+
+Der Dicke war auch da gestern abend. Ich habe wohl bemerkt, daß die
+Herren sehr viel nach mir guckten, aber er wich nicht von meiner Seite.
+Er war ordentlich stolz, daß er der Besitzer war. Als ob er das seiner
+Schönheit zu verdanken hätte.
+
+Ich dachte an Bronjas Mahnung, ich solle schön mit ihm tun -- ich kann
+es nicht. Ich werde Gott danken, wenn er nicht mehr kommt. Ich habe
+gestern auch zu viel getrunken. Es läßt sich nicht ganz vermeiden, so
+sehr ich mich auch in acht nehme.
+
+Und dann die Hauptsache: man kommt besser darüber weg, wenn man nicht
+ganz bei Sinnen ist. --
+
+Wie soll man es sonst nur auf die Dauer aushalten?
+
+Die Madame schimpft noch dazu immer, daß ich nicht genug trinke.
+
+ * * * * *
+
+Den 16.
+
+Gott sei Dank, das Scheusal ist fort. Vorgestern war er zum letzten Male
+hier. Er ist heute nach Europa gefahren.
+
+Ich habe ihn noch einmal gebeten, fußfällig habe ich ihn angefleht, mich
+herauszunehmen. Ich habe die Zähne zusammengebissen und habe getan, als
+ob ich ihn furchtbar gern hätte, als ob mich sein Fortgehen ganz
+unglücklich machte -- es war alles umsonst. -- Da war ich zuletzt so
+wütend, daß ich ihm ins Gesicht gespuckt habe. Es war mir auch alles
+einerlei. Aber er ist doch dageblieben, der furchtbare Mensch! Ich weiß
+nicht, ob sich jemand das Widerliche, das in einer solch erzwungenen
+Vereinigung liegt, voll ausdenken kann. Ich fühle Gott sei Dank nichts
+dabei, das ist ein Glück für mich. Aber ich liege dann und analysiere
+jede Bewegung des Verhaßten, der glaubt, durch sein Geld mir meinen
+Körper abkaufen zu können. --
+
+Wenn die Liebe oder der Sinnenrausch die Ursache einer Vereinigung sind,
+so ist sie geadelt durch das Gefühl. Hier aber! Es ist mir unfaßbar, wie
+Männer -- Männer mit Geist und Herz -- eine solch furchtbare Sünde
+begehen können und kraft ihres Geldes und ihrer physischen Überlegenheit
+diese armen Geschöpfe so foltern. --
+
+Denn freiwillig oder nicht -- die hier sind, haben alle einmal den
+Anfang machen müssen -- und der ist furchtbar.
+
+Gewohnheit und Alkohol tun viel -- doch bis man so weit ist -- --.
+
+ * * * * *
+
+Den 17.
+
+Ein Übel bin ich los und dem andern bin ich verfallen.
+
+In meinem Haß gegen den alten dicken Kerl habe ich nicht daran gedacht,
+daß noch Widerlichere kommen könnten.
+
+Jetzt muß ich jeden nehmen, der mich begehrt, und wenn es in einem Abend
+ein Dutzend sind.
+
+Bronja gibt mir gute Ratschläge. Gut essen und trinken. Geld sparen und
+Englisch lernen.
+
+Geld sparen -- bis jetzt habe ich noch keinen Cent zu sehen bekommen.
+Ich brauche nichts -- sagt Madame. Sie will es für mich sparen. -- Die
+ist immer noch nicht mit mir zufrieden. Ich trinke nicht genug und
+animiere nicht genug zum Trinken. --
+
+Obgleich es ja wirklich das beste ist, man kommt aus dem Alkoholdusel
+gar nicht heraus.
+
+Das Schlimme ist: ich gefalle --, alle wollen mich haben. Ich möchte nur
+wissen, was sie an mir finden.
+
+Einige von den Mädchen sind schon neidisch. Die dummen Gänse, als ob ich
+etwas dazu könnte! Ich wäre zufrieden, wenn keiner zu mir käme. Nur
+Bronja hält treu zu mir. Als ich ihr gestern meine Not klagte, lachte
+sie mich aus.
+
+»Du bist ein kleines Schaf,« sagte sie. »Deine hoheitsvolle, unnahbare
+Miene und deine großartige Figur reizen die Männer. Freue dich! Denn,
+wenn eine keinen Anklang findet, ist es erst recht schlimm. Die schaffen
+sie dann fort in ein anderes Loch. Frei kommt sie deshalb doch nicht.
+Erst muß sie ausgenutzt sein. Die ganze Bande hier im Land steckt unter
+einer Decke. Die Mädchenhändler, die Wirte und, nicht zu vergessen, die
+wohllöbliche Polizei. Ich bin überzeugt, der Policemann, der hier an der
+Ecke patrouilliert, verdient mehr als ein Bankdirektor.
+
+Er hört nichts, er sieht nichts, kurz und gut, er versteht sein
+Geschäft. Deshalb würde es dir auch nichts helfen, wenn du wirklich
+fortlaufen könntest. Keine Viertelstunde wärst du draußen. Unter dem
+Vorwand, dich zu beschützen und Erkundigungen einzuziehen, liefert er
+dich wieder dahin ab, woher du gekommen. Ich weiß ja, wie's gemacht
+wird. Die ganze Bande ist organisiert. Es ist die reine
+Aktiengesellschaft.« -- -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Welch seltsame Verirrungen doch das Tier im Menschen haben kann! -- Es
+ist hier im Hause eine Wienerin, Kathinka heißt sie. Ein Monstrum von
+einer Frau. Sonst ist sie gar nicht außergewöhnlich groß und dick, aber
+einen Busen hat sie -- unbeschreiblich!
+
+Und ist es zu glauben, daß dieses Mädchen, das weder schön ist noch
+sonst besondere Anziehungskraft besitzt, nur wegen ihres abnormen Busens
+eine Art Zugnummer dieses gesegneten Hauses ist?
+
+Sie selbst ist dabei kreuzfidel und spart sich Geld.
+
+»Es gibt halt Mannsleut', die gern auf'm Fettpolster liegen, wann's viel
+getrunken haben,« sagt sie lachend. -- -- --
+
+Wenn ich doch auch erst etwas gleichgültiger werden könnte. -- Aber nein
+-- ich will es gar nicht werden. Ich will nicht jeden moralischen Halt
+verlieren. Ich muß hier wieder fort oder sterben. -- Ich darf gar nicht
+denken -- nicht nach Hause an die alten Leute, dann schäme ich mich
+furchtbar, obgleich ich schuldlos an meiner Schande bin.
+
+Ich habe nun schon wiederholt versucht, einen meiner Käufer für meine
+Lage zu interessieren. Keiner glaubt mir. Sie lachen und sagen: Das sagt
+jede. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Den 22.
+
+Wie soll ich es ertragen!
+
+Gestern abend war es wieder einmal recht voll, aber es wurde der Alten
+nicht genug verzehrt. Hauptsächlich Mixed-drinks sollen viel verkauft
+werden, denn daran wird verdient.
+
+An mir ließ sie ihre Wut wieder aus, weil an meinem Tisch am wenigsten
+verzehrt worden war. Ich war bis elf Uhr schon viermal oben im Zimmer
+gewesen und hatte keine Lust mehr. --
+
+Sie hat mich nun beobachtet. Und behauptet, ich sei viel zu
+unfreundlich. Kurz und gut, sie hat mir gedroht, wenn ich mich nicht
+bessere, käme ich nächste Woche ins Hafenviertel, an den Eastriver, da
+haben sie auch noch ein Haus.
+
+Bronja kennt es. Es sei fürchterlich dort. Heizer und Kohlenzieher,
+betrunkene Seeleute aus aller Herren Länder. Kein weißbezogenes Bett,
+schmutzige Schlafsofas und dazu an manchem Tage zwanzig Besucher.
+Krankheiten unausbleiblich. Kontrolle gibt's nicht. --
+
+Übrigens gibt es die auch hier nicht, denn ich habe noch nie einen Arzt
+gesehen. --
+
+Aber das tue ich nicht, nein, das nicht! Dann wird sich schon ein Weg
+finden, wie ich ein Ende machen kann. --
+
+Ich bete zu Gott, aber ich glaube, es gibt gar keinen mehr.
+
+Wenn es wirklich einen allmächtigen Gott im Himmel gäbe, dann könnte er
+nicht zugeben, daß so furchtbare Dinge auf seiner Erde geschähen.
+
+Bronja tröstet mich.
+
+»Sei nur nicht bange, du kommst hier nicht fort, sie will dich nur
+erschrecken. Aber du solltest wirklich ein klein wenig mehr trinken. Es
+ist besser. Du brauchst deshalb immer noch nicht zu saufen. Du kommst
+aber viel besser über alles fort.«
+
+Ich will es tun, ja, ich will es tun. Später, wenn ich wieder frei bin,
+werde ich desto enthaltsamer sein.
+
+Ich mochte früher nie Bier und Wein, nur der Champagner hat mir
+geschmeckt -- zu meinem Verhängnis.
+
+Hätte ich an Bord nicht zu viel Sekt getrunken, so hätte ich mich nicht
+von dieser Bande umgarnen lassen.
+
+Überhaupt der Alkohol. Ich habe nun schon manche hier kennen gelernt --
+wir sind für beständig fünfundzwanzig bis achtundzwanzig, ohne die
+Vorübergehenden -- und es sind wenige darunter, bei denen der erste
+Fehltritt -- der erste Fall -- nicht im Alkohol geschehen ist. --
+
+In der Bibel ist die verbotene Frucht der Apfel -- wollten doch alle nur
+Äpfel essen, es wäre besser.
+
+Es ist vielleicht auch nicht recht berichtet, es war vielleicht auch
+schon der Sekt.
+
+ * * * * *
+
+Seit vierzehn Tagen ist eine Neue da. Ein kleines zartes Ding von kaum
+Mittelgröße.
+
+Solange sie nichts getrunken hat, sieht sie immer so traurig aus, aber
+abends ist sie die Schlimmste. Sie trinkt wie ein Irländer und kann
+furchtbar viel vertragen.
+
+Sie hat mir vor einigen Tagen ihre Geschichte erzählt.
+
+Sie ist glücklich verheiratet gewesen. Ihr Mann, der für eine große
+Firma jedes Jahr zweimal nach Berlin reiste, um Herrenstoffe
+einzukaufen, war gut und lieb zu ihr.
+
+Im vergangenen Herbst, als sie wieder für einige Wochen allein war, ging
+sie mit einer befreundeten Familie zu einem Picknick.
+
+Ein Herr, der mit von der Partie war, hatte sich den ganzen Tag sehr
+aufmerksam gegen sie gezeigt. Am Tage haben sie noch fast nichts
+getrunken, doch abends, als sie in einem Auto nach Hause fuhren, sind
+sie noch am Broadway in einem Hotel eingekehrt, um zu Abend zu essen.
+Bis in die Nacht hinein ist gegessen und getrunken worden. -- --
+
+Als sie am andern Morgen aufwachte, lag der Herr neben ihr im Bett. --
+Ihr Mann hat es erfahren, und sie sind geschieden.
+
+»Hat mich der Alkohol hineingebracht, soll er mich auch wieder
+herausbringen, ich sauf' mich tot,« sagt sie lachend.
+
+Aber dabei könnte man weinen. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich bin krank, und ich möchte sagen, Gott sei Dank. Zumal auch der Arzt
+sagt, daß es nicht schlimm sein soll. Nur einige Tage Ruhe.
+
+Der Doktor war erst recht ungezogen zu mir. So barsch und grob, daß mir
+die Tränen in die Augen traten.
+
+Ich drehte mein Gesicht nach der Wand, damit er -- und hauptsächlich die
+Madame -- nichts sehen sollten.
+
+Denn sie ist nicht aus dem Zimmer gegangen, solange der Arzt da war.
+Wahrscheinlich fürchtete sie, daß ich etwas sagen würde. --
+
+Nachher war er ganz nett und manierlich.
+
+Ich schämte mich aber doch ganz fürchterlich.
+
+Es sei nicht so schlimm. Überreizung -- was Wunder. Einige Tage Ruhe,
+dann sei alles wieder gut.
+
+Er kommt noch einmal wieder. -- --
+
+Wenn er dann doch allein ins Zimmer käme. Ich würde ihn bitten, mir
+herauszuhelfen. Aber er wird's auch nicht wollen. Die Menschen machen
+sich nicht gern Unannehmlichkeiten mit Leuten, die sie nichts
+angehen. --
+
+Wenn ich so allein hier liege, mache ich mir allerlei Gedanken.
+
+Dumm bin ich doch gewesen, sehr dumm.
+
+Wie kann man als junges Mädchen mit einem wildfremden Menschen in die
+Welt hineingehen! Wenn ich auch erst sechzehn Jahre alt bin, so viel
+hätte ich doch bedenken müssen. Freilich, besser wäre es gewesen, ich
+hätte schon früher etwas von solchen Sachen gelesen, dann wäre mir
+vielleicht doch der Gedanke gekommen, könnten das womöglich auch solche
+Menschen sein? -- --
+
+Aber soviel weiß ich, komme ich je hier aus diesem Hause -- und ich habe
+den festen Glauben daran -- dann soll das, was ich hier erlebt, nicht
+umsonst gewesen sein. -- --
+
+Ich freue mich jetzt so, daß ich mein Tagebuch habe; da kann ich doch so
+recht mein Herz ausschütten. Etwas muß der Mensch haben. Briefe kann ich
+nicht schreiben, und ich glaube auch kaum, daß ein Brief von mir aus dem
+Hause gelassen würde.
+
+An wen sollte ich auch schreiben?
+
+Für die Großeltern bin ich tot, und hier im Lande habe ich keine Seele,
+die sich um mich sorgt.
+
+Was mögen wohl die lieben, alten Leute für Kummer gehabt haben, als sie
+erfahren haben, daß ich nicht bei den Verwandten angekommen bin?
+Vielleicht haben sie gedacht, ich bin kurz vorher über Bord gefallen.
+Denn ich bin doch spurlos verschwunden. Nur Frau Fröhlich und ihr
+sauberer Neffe könnten Auskunft geben, und die werden sich hüten.
+
+ * * * * *
+
+Ich möchte nur wissen, wo mein Koffer ist. Die Rottmann sagte doch
+damals, sie hätte ihn holen lassen.
+
+Mich wundert nur, daß die beiden ihn nicht behalten haben, jedenfalls
+ist ihnen der Inhalt zu gewöhnlich gewesen. --
+
+Wie froh wäre ich, könnte ich meine Wäsche anziehen, die darin war. Wie
+gern würfe ich den ganzen Plunder von mir.
+
+Damit will ich nicht sagen, daß ich die feinen Sachen nicht mag, ganz
+gewiß nicht! Schön ist es, so zarte Stoffe zu tragen -- aber unter
+diesen Umständen! Ja, wenn ich reich wäre -- recht reich --, dann würde
+ich auch feine seidene Hemden tragen und mich an meiner Schönheit freuen
+-- aber so!
+
+Ich sei schön, sagen sie -- und wenn ich mich zuweilen im Spiegel
+betrachte, komme ich mir so unrein vor, so fleckig, so -- pfui Teufel,
+habe ich dann einen merkwürdigen Geschmack auf der Zunge. --
+
+Dann hätte ich auch Lust, mir dicken Puder an Gesicht und Hals zu
+schmieren, wie sie's alle hier machen. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich hab's gewagt!
+
+Also, der Doktor war wieder da. Die Madame stand dabei, und trotzdem
+habe ich sie angeführt. --
+
+Ach, ich bin so froh, so glücklich, vielleicht hilft es was.
+
+Weil ich mir denken konnte, daß die Alte wieder dabeistehen würde, hatte
+ich schon vorher ein kleines Stückchen Papier ganz eng beschrieben.
+Alles hatte ich darauf geschrieben, was wichtig war. --
+
+Ich flehte den Doktor an, mir zu helfen. --
+
+Als er mich nun wieder untersuchte und gerade mit einem Arm über mich
+hinreichte, habe ich ihm das Röllchen in die Hand geschoben. Er verstand
+meine Absicht sofort, schloß die Hand und fuhr in seiner Untersuchung
+fort. -- --
+
+Die Alte hat nichts bemerkt, und ich bin so froh, so glücklich. Wenn er
+mir doch helfen wollte! Er brauchte ja nur zur Polizei zu gehen. -- --
+
+Ich glaube, ich kann nicht eher wieder ruhig schlafen, ehe ich nicht
+weiß, ob ich mich an keinen Unwürdigen gewandt habe.
+
+ * * * * *
+
+Den 4. August.
+
+Gestern war ich wieder im Salon. Ich bin wieder gesund, nun kann die
+Tierquälerei von neuem beginnen.
+
+Tierquälerei! -- Ich sage das so leichtsinnig -- ein Tier würde sich
+nicht gefallen lassen, was ich mir gefallen lassen muß. Und was das
+beste ist, sein Artgenosse würde es auch nicht in dieser Weise
+mißbrauchen.
+
+Die Tiere sind klüger und besser als die Menschen.
+
+Ich komme auf ganz, ganz dumme Gedanken.
+
+Früher habe ich zu wenig nachgedacht und jetzt denke ich zuviel. Wäre
+ich früher mehr zum Nachdenken gezwungen gewesen, so brauchte ich jetzt
+meine Gedanken nicht auf diese Weise spazieren zu führen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Von dem Doktor habe ich noch nichts gehört, aber eine andere
+interessante Bekanntschaft habe ich gemacht. Ein junger Landsmann war
+da, ein lieber Mensch. Er gefiel mir gleich, als er kam, und weil ich
+gerade allein saß, ging ich sofort zu ihm. Er bestellte eine Flasche
+Rüdesheimer. »Aber echten,« rief er mir noch zu.
+
+Wir kamen ins Gespräch und plötzlich entdeckten wir, daß wir Landsleute
+waren. Gar nicht weit voneinander zu Hause.
+
+In meiner Freude und Aufregung vergaß ich ganz, daß ich ja nie jemand
+hatte sagen wollen, wer ich war.
+
+Er ging dann mit mir nach oben, und da -- als wir allein waren -- faßte
+ich mir ein Herz und erzählte ihm alles, mein ganzes Unglück.
+
+Er glaubte mir gleich und lachte gar nicht über mich.
+
+Ich habe ihn auch gefragt, ob er mir nicht heraushelfen könne.
+
+Er meinte, leicht würde es nicht sein, ich sei noch zu kurze Zeit hier,
+und die Besitzer dieser Häuser müßten die Schlepper wohl gut bezahlen
+und wollten dann natürlich ihr Geld auch wieder heraus haben. Gutwillig
+würde mich die Rottmann nicht gehen lassen, auch wenn sie Geld geboten
+kriegte.
+
+Er will sich alles überlegen.
+
+Mit der Polizei sei nichts zu machen, da müsse man Geld haben, sehr viel
+Geld. Denn da hieße es, wer am besten bezahlt, wird am besten bedient.
+Und die Rottmann kenne ihre Leute, die würde schon anständig bezahlen.
+-- -- -- --
+
+Das ist ja ganz schrecklich! Das sieht ja trostlos für mich aus. Aber
+mein neuer Freund kommt wieder -- heute noch nicht, damit es nicht
+auffällt, aber morgen. Dann werden wir weiter beraten.
+
+Ich habe jetzt Hoffnung.
+
+Dem kann ich vertrauen, er hat ein so gutes Auge.
+
+Als ich ihm sagte, wie alt ich sei, da sah er mich so mitleidig an und
+sagte: »Du armes Ding.« Da mußte ich natürlich weinen. Das Mitleid mit
+mir selbst trieb mir die Tränen in die Augen.
+
+Und habe ich nicht wirklich ein Recht, über mich zu weinen?
+
+Gibt es ein zweites Geschöpf, das so unglücklich, so armselig ist wie
+ich! Mit noch nicht siebzehn Jahren eine Dirne, eine Verworfene!
+
+Und doch bin ich das Kind eines Fürsten!
+
+Aber das ist ja gerade mein Unglück. --
+
+Ich fühle einen Haß in mir, ich kann es gar nicht sagen. Ich weiß nur
+nicht, wen ich mehr hassen soll: die Rottmann, Herbert Smith, Rudolph
+Schönewald oder den Urheber meines Daseins.
+
+Ich bin überhaupt zuweilen ganz wirr von all dem Denken. -- Ich bin wohl
+auch noch zu jung und habe zu wenig praktischen Verstand.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe jetzt doch wenigstens etwas Schönes, an das ich denken kann.
+Ich freue mich so darauf, daß mein neuer Freund wiederkommt.
+
+Ob er Wort hält?
+
+Wenn ich daran denke, daß er nicht kommen könnte, dann wird mir
+siedendheiß vor Angst. -- --
+
+ * * * * *
+
+Er war da! Schon am zweiten Abend kam er wieder. --
+
+So früh er aber auch kam, ich war schon vergeben.
+
+Aber ich hatte dann doch noch Glück, ich konnte mich freimachen und zu
+ihm gehen.
+
+Er hatte keine andere angenommen.
+
+Ich konnte ihm an den Augen ansehen, wie widerlich es ihm war, daß ich
+direkt aus den Armen eines anderen Mannes zu ihm kam.
+
+Aber ich kann's doch nicht ändern, ist es mir doch nicht weniger
+widerlich.
+
+Es war trotzdem ein so glücklicher Abend. --
+
+Wir saßen noch nicht lange zusammen, da kam der Doktor -- mein Doktor.
+
+Er ging nicht gleich zu mir, er saß erst eine Zeitlang bei Lizzi und hat
+mit der eine Flasche Wein getrunken. Dann trat er ganz harmlos auf uns
+zu und rief schon von weitem: »Ah, da ist ja auch meine Patientin! Wie
+geht's uns denn?«
+
+Dann hat er sich zu uns gesetzt. Wie bin ich glücklich! Wie ist es gut,
+daß ich ihn gebeten habe. Der ist klug und kennt die hiesigen
+Verhältnisse. Er spricht ganz nett Deutsch, da seine Eltern geborene
+Deutsche sind.
+
+Er sagt, auf geradem Wege, mit der Polizei, sei gar nichts zu machen.
+Wir müßten überhaupt äußerst vorsichtig sein. Wendeten wir uns an die
+Polizei, so bekomme die Rottmann sofort einen Wink, und wenn dann die
+Polizei offiziell ins Haus komme, sei ich verschwunden.
+
+Entweder würde ich versteckt oder ich sei schon an ein anderes Haus
+verschickt, was noch viel schlimmer sei. Denn dieses Haus hier am
+Broadway sei noch eines der besten.
+
+Herr Werner, mein neuer Freund, fragte, ob ich nicht herauszukaufen sei.
+Da meinte der Doktor, auch das habe wenig Aussicht.
+
+Erstens würde sie einen unverschämten Preis fordern, und zweitens sei
+noch die Frage, ob sie es überhaupt tue.
+
+Ich verdiene ihr vorläufig doch ein gutes Stück Geld, und so sehr junge
+Mädchen bekäme sie auch nicht alle Tage. -- --
+
+Aber er hat doch einen Plan. Sie wollen mich entführen. --
+
+Wenn Herr Werner jetzt wieder kommt, will er all sein Geld mitbringen,
+das er auf der Sparkasse hat. Aber es soll nicht für die Rottmann,
+sondern zu andern Zwecken verwendet werden.
+
+Geld müßten wir in Händen haben, sonst sei nichts zu machen.
+
+Der Doktor will alles besorgen in der Zeit, da Werner fort ist, und er
+will währenddem auch noch einige Male wiederkommen.
+
+Ich hätte laut aufjubeln mögen, dabei mußte ich ein gleichgültiges
+Gesicht machen. -- --
+
+Werner ging mit mir nach oben, und der Doktor wartete unten, bis wir
+wiederkamen.
+
+Ich habe Werner fast erdrückt vor Zärtlichkeit, und gern gab ich mich
+ihm an diesem Abend. --
+
+Ich hab' ihm soviel gelobt, heiraten darf er mich nicht -- obgleich er
+eine Andeutung machte -- dazu bin ich zu schlecht. Aber dienen will ich
+ihm, dienen wie eine Magd, damit ich die Schuld abtrage. --
+
+Ich hätte so gern einmal aufgejubelt, nur einmal -- aber ich mußte still
+sein. -- --
+
+Als wir nach unten kamen, saß der Doktor noch da. Er ist dann zum Schein
+mit mir nach oben gegangen. Er hat sein Geld aber umsonst bezahlt, wir
+haben nur noch ein wenig geplaudert. --
+
+Die beiden Herren sind dann zusammen fortgegangen, sie wollten nach
+Lüchow, um noch ein Glas Pilsener zu trinken und alles Nötige zu
+besprechen. -- --
+
+Die »Augusta Viktoria« fährt morgen, und mein Freund kommt nicht wieder.
+Aber nächste Reise! Ob ich es wohl aushalte?
+
+Und dabei muß ich so gleichgültig tun, damit nichts auffällt, sonst bin
+ich womöglich fort, wenn das Schiff wiederkommt. --
+
+Aber wenn ich allein im Zimmer bin und an die Zukunft denke, dann
+krieche ich oft unter die Bettdecke, balle das Taschentuch vor dem Munde
+zusammen und schreie laut auf; und wenn es auch nur ein undeutliches
+Grunzen wird, ich habe mich doch erleichtert. -- --
+
+ * * * * *
+
+Den 20. August.
+
+Schrecklich ist es doch, was das Leben aus all diesen Mädchen gemacht
+hat. Sie betrachten ihr Handwerk als etwas ganz Selbstverständliches.
+Alle wollen Geld verdienen, und die Wenigsten haben etwas. --
+
+Bronja sagt auch, daß es nur sehr Wenige gibt, die sich hier wieder
+herausarbeiten. Die weitaus Meisten enden an der Ostseite, am Fluß
+unten, in den Verbrecherkellern.
+
+Wenn sie zu nichts sonst mehr taugen, dann verdienen sie immer noch
+einige Cents für ihre Zuhälter, bis sie eines Tages abgefangen werden
+oder bei einer Schlägerei umkommen. --
+
+Mir ist das unbegreiflich. Es muß herauszukommen sein, wenn der feste
+Wille da ist.
+
+Ich glaube nur, die meisten der Mädchen wollen auch nicht ernstlich. Das
+faule Leben, das Saufen -- denn trinken kann man es wirklich nicht mehr
+nennen -- gefällt ihnen. Des Nachts wird gefeiert dann bis in den
+Nachmittag hinein geschlafen und dann geht's von neuem los. -- Viele
+sind auch schon nach kurzer Zeit derart verdorben, daß sie für ein
+anständiges bürgerliches Leben gar nicht mehr zu gebrauchen sind. Auch
+die Mädchen untereinander sind oft widerlich. Das ist ein Küssen und
+Umarmen, als ob sie noch nicht genug an dem aufgezwungenen Verkehr
+hätten. --
+
+Ich bin nicht genug in die Geheimnisse des Geschlechtslebens eingeweiht,
+aber so viel merke ich doch, daß da etwas vorgeht, was _nicht_ sein
+darf. Etwas Unerlaubtes, Anormales.
+
+Die Rottmann paßt aber auf, und ich habe schon verschiedene Male gehört,
+wie sie die eine aus dem Zimmer der anderen holte. Ich glaube sogar, sie
+schlägt sie, schimpfen tut sie wenigstens genug.
+
+Mir ist die ganze Sache überaus widerlich!
+
+Überhaupt mag ich das ewige Küssen untereinander nicht. Die Ulli ist
+darin schrecklich. --
+
+Kürzlich fragte sie mich sogar, ob ich nicht ihre Freundin sein wolle.
+Ich habe mich bestens bedankt.
+
+Ich bin mit Bronjas Freundschaft vollständig zufrieden. --
+
+ * * * * *
+
+Gestern habe ich wieder etwas erlebt -- eine traurige Abwechslung in
+diesem Geist und Körper mordenden Einerlei.
+
+Ich glaube, wenn ich noch lange in diesem Hause bin, dann bleibt mir
+kein Abgrund der Natur verborgen.
+
+Zu den ständigen Besuchern gehört ein Herr Vaillant, der Besitzer eines
+großen Warenhauses. Die Mädchen sagen alle Bobbi zu ihm. Wenn er kommt,
+dann ist ordentlich was los. Er läßt immer so viel anfahren, daß sich
+bald alles auf dem Teppich wälzt. --
+
+Gestern wollte er nun haben, die Sofia und die kleine, zarte Mary
+sollten im Evakostüm vor ihm tanzen.
+
+Es reize ihn nichts mehr, und nun wolle er sehen, wer mehr Reiz auf ihn
+ausübe, die große, stattliche Sofia, oder die kleine, zierliche Mary.
+
+Jede bekam zehn Dollar extra.
+
+Erst natürlich ordentlich getrunken und dann ging es los. --
+
+Die Rottmann saß an der Seite, mit einem alten verkommenen Kerl -- es
+soll ein früherer Lehrer sein, jetzt führt er ihr die Bücher. Ihre Augen
+funkelten wie bei einer Katze; wenn ich es nicht zu unglaublich fände,
+so möchte ich sagen, daß sie selbst das ekle Schauspiel mit lüsternen
+Blicken betrachtete.
+
+Die beiden Mädchen hatten sich bei ihrem Tanzen und Drehen derartig
+erhitzt und aufgeregt, daß ihnen die Haare wirr ums Gesicht flogen.
+Plötzlich stieß die kleine Mary einen Schrei aus und stürzte hin.
+
+Dann lachte und schrie sie immerzu. Sie hatte Krämpfe. Es war
+schrecklich! -- Die allgemeine Lust wurde aber nicht dadurch gestört. --
+
+Mary wurde weggetragen und Bobbi ging mit Sofia nach oben. --
+
+Sie habe noch zehn Dollar Strumpfgeld von ihm bekommen, sagte sie uns
+später. --
+
+ * * * * *
+
+Den 28.
+
+Jetzt sind es schon beinahe drei Wochen, seit ich Werner kenne. Ich
+verfolge im Geiste seine Reise nach Deutschland. Zwölf bis vierzehn Tage
+dauert die Fahrt, dann die Zeit, da das Schiff im Hafen liegt, und
+endlich die Herreise. --
+
+Ich habe zuweilen solche Angst, daß Werner nicht wiederkommt.
+
+Wenn auch diese Hoffnung scheitert, dann glaube ich an nichts mehr. --
+Aber nein, diese Augen können nicht lügen. Er ist ein guter Mensch,
+einer von den Wenigen, die es gibt. -- -- -- -- --
+
+Der Doktor hat auch nicht Wort gehalten. Noch nicht ein einziges Mal war
+er hier, und ich hatte doch so darauf gehofft. Er wird mich vergessen
+haben oder er will nicht kommen. --
+
+ * * * * *
+
+Mir kommt es vor, als ob wieder irgend etwas im Hause vor sich ginge.
+Wenn mich nicht alles täuscht, sind wieder Neue eingebracht worden. Das
+alte, schreckliche Geschöpf, das mir am ersten Morgen mein Frühstück
+brachte, begegnete mir heute früh auf der Treppe. Ich habe es Bronja
+erzählt, und die meint, das würde wohl so sein. Wenn neu Aufgegriffene
+ankommen, dann muß immer diese Person die Bedienung besorgen. Sie ist
+der Rottmann ergeben auf Tod und Leben, weil sie sonst nirgends mehr hin
+kann. Sie ist unheilbar geschlechtskrank. -- Die Rottmann behält sie
+aber, weil sie für diese Henkersdienste jemand haben muß, der
+verschwiegen und ihr blindlings ergeben ist.
+
+Und dieses Mädchen -- anstatt jede Geschlechtsgenossin zu warnen und ihr
+Gelegenheit zu geben, aus diesem Hause wieder hinauszukommen -- hilft
+mit einer wahren Wollust dabei, sie zu verderben. --
+
+Sonderbare Seelenabgründe sind es, die das Leben zeitigt. --
+
+ * * * * *
+
+4. September.
+
+Ich habe richtig vermutet. Gestern waren zwei Neue im Salon. --
+
+Die armen Dinger! Ich bin überzeugt, es sind ein paar arme Dienstmädchen
+vom Lande oder so was Ähnliches. Sie waren so schüchtern und linkisch,
+und an ihren Händen und Armen konnte man noch sehen, daß sie bis jetzt
+wenig gepflegt worden waren.
+
+Mein eigenes Unglück steht mir mit erneuter Klarheit und Stärke wieder
+vor Augen. Könnte ich doch mit ihnen sprechen, sie fragen, ob sie sich
+in ihr Schicksal ergeben, oder ob sie auch versuchen wollen, hier wieder
+fortzukommen.
+
+Aber ich darf noch nicht einmal gleich zu ihnen hingehen, sonst erwecke
+ich das Mißtrauen der Rottmann, und ich muß jetzt doppelt auf der Hut
+sein. --
+
+Die Viola sagte kürzlich zu mir, ich sei noch gut behandelt worden, wenn
+ich bloß hätte hungern müssen. Sie selbst sei noch viel schlimmer
+hereingefallen. --
+
+Vor fünf Jahren hatte sie eine Stelle als Erzieherin nach New Orleans
+angenommen.
+
+Alles sei sehr schön abgemacht gewesen, freie Überfahrt auf einem
+französischen Dampfer. Drüben sei sie von einem Diener in Livree
+abgeholt worden, kurz und gut, alles habe sich aufs feinste angelassen.
+Auch beim Betreten des Hauses sei ihr noch kein Zweifel gekommen.
+
+Aber dann! Schon am ersten Abend wollte man sie einkleiden, und da waren
+ihr plötzlich die Augen geöffnet worden.
+
+Sie hatte dann sofort gewußt, wo sie war, da sie schon öfter derartige
+Sachen gelesen hatte.
+
+Sie hat geweint, gebeten, gedroht und Gott weiß was versucht, es hat
+alles nichts genützt. Und als sie sich geweigert hat, »Dienst« zu tun,
+da hat sie ein Kerl -- jedenfalls der extra dafür angestellte Bändiger
+-- gebunden und geknebelt und derart mit einem Gummischlauch geschlagen,
+daß sie tagelang nicht hat liegen können ohne die fürchterlichsten
+Schmerzen.
+
+Als sie nach sechs Tagen wieder aufstehen konnte, hat die Madame gesagt:
+»Na, mein Kind, hast du dich besonnen?« Da hat sie schaudernd zu allem
+ja gesagt.
+
+Sie sagt, nie in ihrem Leben würde sie diese Züchtigung vergessen; sie
+habe das Gefühl gehabt, als hinge ihr das Fleisch in Streifen vom
+Körper. --
+
+Also ist es mir im Verhältnis noch gut ergangen. -- --
+
+Die Viola will aber auch nicht beim Gewerbe bleiben. Sie spart sich
+etwas Geld und will dann sehen, ob sie nicht heiraten kann.
+
+Irgend jemand, und wenn es der geringste Arbeiter ist, nur damit sie
+wieder in anständige Umgebung kommt.
+
+Sie spricht nie von ihren Eltern oder ihrer Heimat.
+
+Ich glaube aber, sie ist aus ganz guter Familie, man merkt es an der
+Sprache. --
+
+ * * * * *
+
+Gestern war Marys Geburtstag. Als die letzten Besucher in der Nacht oder
+vielmehr gegen Morgen fortgingen, war es eben nach fünf Uhr.
+
+»Nun wird Geburtstag gefeiert,« sagte Mary. »Keine darf zu Bett, ich
+halte alle frei.« --
+
+Da haben wir denn gefeiert! Gegen neun Uhr hatte Mary schon eine Zeche
+von dreißig Dollar und noch dachte keine ans Schlafengehen. Auch ich
+habe tüchtig mitgetrunken -- man wird wirklich so langsam in den Strudel
+gezogen. Es wird höchste Zeit, daß ich fortkomme. -- Zuletzt konnten wir
+uns kaum noch auf den Beinen halten, und die Alte, die sich sonst immer
+freut, wenn gut verzehrt wird, gab nichts mehr heraus.
+
+Wir sollten zu Bett, damit wir abends wieder frisch wären. --
+
+Ja, ja, das Geschäft! Das ist die Hauptsache. Ob dabei sonst etwas
+zugrunde geht, das kümmert sie wenig. --
+
+Heut' tut mir die arme Mary leid, sie hat sicher den Verdienst von
+einigen Wochen geopfert und niemand genützt. -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich glaube, ich liebe Werner. Ich sehne mich so nach ihm, daß ich es
+bald nicht mehr aushalte. Oder ist es die Sehnsucht nach Freiheit? Ich
+weiß es wirklich nicht. Meine Gedanken gehen zuweilen ganz
+absonderliche Wege.
+
+Wenn er mich liebte! Wenn er mich doch heiratete! Ich selbst mag ihn
+gern leiden -- sollte es Liebe sein? Es wäre ein großes Glück für mich.
+Aus aller Not und allem Schlamm wäre ich heraus. Und niemand kennt mich
+dort, wo er mich hinführt, niemand weiß, woher ich komme. --
+
+Aber nein, das darf nicht sein. Ich darf seine Güte nicht mißbrauchen.
+Es wäre schlechter Lohn für ihn -- und vielleicht auch für mich, wollte
+ich den lockenden Stimmen meines Innern nachgeben. --
+
+Das Bewußtsein, wo ich gewesen -- von welchem Ort er mich geholt, würde
+in jede Stunde, auf jede harmlose Freude einen Schatten werfen.
+
+Meine Träume aber kann mir niemand rauben. Sie sind so tröstend, aber
+ach so unwirklich, wenn ich meinen jetzigen Aufenthalt bedenke.
+
+Die Nächte sind so heiß -- so wollüstig -- so voll prickelnder Unruhe.
+Ist es Sünde, wenn ich an den fernen Freund denke, wenn mein Blut
+aufgepeitscht wird durch aufreizende Getränke und die Berührung heißer,
+sinnenzuckender Körper?
+
+Ist es Sünde, wenn ich ihn vor mein geistiges Auge zaubere, um damit die
+erzwungene Umarmung erträglicher zu machen? --
+
+Ich liebe ihn! Ganz gewiß, ich liebe ihn. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Noch zwei Tage, dann muß Werners Schiff wieder hier sein, und meine
+Erlösung ist nahe. Dann ist alles überstanden, auch diese letzten
+ekelhaften Episoden sind vergessen.
+
+Den Gedanken, was werden soll, wenn Werner nicht Wort hält, kann ich gar
+nicht ausdenken. Ich habe dann ein Gefühl, als ob mir jemand die Kehle
+zuschnürt. Heiß und kalt überläuft es mich.
+
+ * * * * *
+
+Der Doktor war hier. Er ist doch treu. --
+
+Aber klug ist er, das muß ich sagen; na, er muß es ja am besten wissen,
+er kennt die Verhältnisse hier im Lande und wird schon alles gut
+einrichten.
+
+Zuerst kümmerte er sich scheinbar gar nicht um mich, trank mit der Mary
+ein Flasche Wein und kam dann erst zu mir.
+
+Er hatte einen Brief für mich -- von Werner -- nur einige Zeilen.
+
+Ich bin so glücklich, obgleich es nun noch etwas länger dauert.
+
+Werner schreibt mir, daß sein Schiff zehn Tage überliegt, aber dann holt
+er mich bestimmt, ich soll ihm vertrauen.
+
+Der Doktor war sehr vorsichtig, er gab mir den Brief erst, nachdem er
+mit mir im Zimmer war, und als ich ihn gelesen, mußte ich ihn
+zerreißen, und er steckte die Stückchen in die Tasche. --
+
+Er selbst hat Werner geraten, nicht an mich direkt zu schreiben, denn es
+hätte auffallen müssen, wenn ich einen Brief von Europa bekommen hätte.
+
+Er hat recht, daran habe ich gar nicht gedacht. Überhaupt habe ich mir
+noch gar nicht überlegt, daß ja niemand meinen Familiennamen weiß. Man
+vergißt ihn hier beinahe. Man ist wie im Zuchthaus -- nur eine Nummer.
+
+Ich hatte überhaupt meinen guten Tag heute, nur anständigen Besuch. Von
+einem habe ich sogar ein wunderschönes Geschenk bekommen, eine reizende,
+brillantenbesetzte Uhr.
+
+Ich war ganz sprachlos.
+
+Ich habe sie später Bronja gezeigt, die hat aber meine Freude mächtig
+gedämpft.
+
+»Der hat sie sicher erst gestohlen,« sagte sie trocken. »Denn sonst
+verschenken sie nicht so leicht so kostbare Dinger.«
+
+Meinetwegen, ich freue mich trotzdem.
+
+Aber recht könnte Bronja schon haben, etwas sonderbar ist es. Kennt mich
+nicht weiter und schenkt mir gleich eine Uhr?
+
+Na einerlei!
+
+ * * * * *
+
+Es gibt auch kleine Lichtblicke im Dunkel unserer Existenzen. Wenigstens
+muß ich es so nennen, wenn ich jemand sagen höre, daß er gern hier ist.
+
+Die Lilly wenigstens sagt, ihr gefiele das Leben ganz gut und sie
+wünsche sich auch nie etwas anderes. --
+
+Geschmacksache ist es natürlich, aber ihr bekommt es ja auch
+anscheinend, denn sie wird dick und fett dabei. --
+
+Wie ein Roman hört sich's an, wenn sie ihre Geschichte erzählt. -- --
+
+In einem kleinen mährischen Dörfchen im Armenhaus groß geworden, wird
+sie von Deutsch-Amerikanern, die zu Besuch in der Heimat weilen, als
+Mädchen für alles mit nach Amerika genommen.
+
+Sie, die bis dahin kaum satt zu essen bekommen, blüht bei der guten Kost
+auf wie eine Rose. --
+
+Sie hatte es gut in ihrer Stelle. Der Mann, der eine gutgehende Bäckerei
+in Pittsburg hatte, hielt die Familie gut -- aber -- aber. -- Die Frau
+war ziemlich verblüht -- war wohl auch nie eine Schönheit gewesen -- und
+nun gar -- neben der üppig aufblühenden achtzehnjährigen Lilly!
+
+Was Wunder, daß die Augen des Mannes immer häufiger und unruhiger auf
+Lilly hafteten. --
+
+Lilly schlief mit der ältesten Tochter ihrer Herrschaft in einem Bett,
+einem jener breiten amerikanischen Betten, in denen bequem ein halbes
+Dutzend Kinder liegen könnte.
+
+Die Sommernächte waren schwül und heiß. Die gute Kost hatte alles in ihr
+zur Entfaltung gebracht, die Sinne forderten ihr Recht.
+
+Und eines Nachts -- genau als ob es in ihren wollüstigen Traum paßte,
+kommt ihr Dienstherr und nimmt sich, was ihm ohne Widerstreben gegeben
+wurde. --
+
+Wie eine Frucht, die sich überreif vom Baume löst, so fällt Lillys
+Jungfräulichkeit dem alternden Manne in den Schoß. --
+
+Die Tochter daneben ist nicht einmal gestört worden in ihrem kindlichen
+Schlummer. -- --
+
+Doch die inbrünstige Umarmung hatte Folgen -- was nun?
+
+Der Mann war nicht schlecht, er versprach für Lilly zu sorgen.
+
+Als die Frau merkte, was los war, mußte sie aus dem Hause. --
+
+Als ein Glück betrachteten es beide, daß der Geselle, ein häßlicher,
+pockennarbiger Ungar, der Lilly schon immer gern gesehen hatte, ihr aber
+nicht hübsch genug gewesen war, nun aufs neue um sie warb. -- Lilly war
+froh, mit seinem Namen ihre Schande zudecken zu können. -- Der Meister
+gab eine gute Aussteuer und Lilly wurde Frau Allasch. Sie eröffneten
+einen Laden, und alles wäre gut gewesen, wenn nicht der junge Ehemann so
+eifersüchtig gewesen wäre. Er war sich wohl bewußt, daß er Lillys Besitz
+nicht nur seiner Schönheit zu danken hatte. --
+
+Es gab häßliche Szenen, und da zudem das Kind kurze Zeit nach der Geburt
+gestorben war, ließ Lilly eines Tages ihren pockennarbigen Herrn Gemahl
+sitzen und fuhr nach New York. --
+
+Hier ist sie zuerst in einem deutschen Haushalt in Brooklyn in Stellung
+gewesen, es hat ihr aber gar nicht gefallen.
+
+»Die Deutschen wollen nichts bezahlen, aber arbeiten soll man wie ein
+Pferd,« sagt sie. --
+
+Dann war sie in einem Hotel in der 8. Straße Zimmermädchen, und da hat
+sie so nach und nach Geschmack am leichten Leben gefunden.
+
+Sie fühlt sich ganz wohl dabei und legt sich sogar noch Geld zurück.
+Doch ich glaube, es gibt nicht viele Lillys. -- --
+
+Ich muß oft darüber nachdenken, was zu tun ist, um solch armen Teufeln
+zu helfen, die in diese Häuser verschleppt werden.
+
+Das einzig Richtige würde sein, wenn diese Häuser gesetzlich nicht
+geduldet würden. Es würde trotz alledem noch genug derartige Mädchen
+geben, wie man an Lilly sehen kann.
+
+Aber Leute wie die Rottmann, die sich von der Schande und dem Elend
+anderer mästen, die dürfte es nicht geben. -- Und wenn es wirklich nicht
+ohne diese Häuser geht, dann sollte der Staat sie bauen, genau wie er
+Gefängnisse, Zuchthäuser und Idiotenanstalten baut. --
+
+Doch ich phantasiere. Mit meinen siebzehn Jahren fange ich an und will
+die Welt verbessern. --
+
+Man hört so vieles in diesem Hause, so manches Schicksal geht an einem
+vorüber, und immer, oder doch zum weitaus größten Teil, ist an dem
+ersten Fall die Hauptschuld auf seiten des Mannes und des Alkohols.
+
+Mag die Gefallene später werden wie sie will -- zuerst ist sie verführt
+worden. --
+
+ * * * * *
+
+Ich fühle mich seit einigen Tagen gar nicht wohl. Ist es die Unruhe
+wegen Werner, die mich quält, oder steckt mir eine Krankheit in den
+Gliedern? Das Essen will mir gar nicht schmecken, obgleich es im
+allgemeinen ganz gut ist.
+
+Auch Bronja meint, daß es in dieser Weise bei der Rottmann recht
+anständig sei. Es gibt reichlich und gut zu essen und wenigstens einmal
+am Tage -- abends um sechs Uhr -- eine gemeinsame Tafel.
+
+Wie ich von den anderen schon gehört habe, gibt es Häuser, wo die
+Mädchen noch nicht einmal ausreichend beköstigt werden und wo sie sich
+noch zum Teil von ihrem eigenen Geld unterhalten müssen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich werde immer unruhiger. Wenn ich richtig rechne und sonst nichts
+dazwischen kommt, muß das Schiff bald ankommen.
+
+Ich bin förmlich wie im Fieber, es kann nicht allein die Sehnsucht nach
+Freiheit sein.
+
+Wenn ich an Werner denke, überläuft mich ein so sonderbares Gefühl, ein
+traumhaftes Glücksempfinden überkommt mich, das ich aber immer rasch
+wieder abschüttele. --
+
+Ich bin abergläubisch geworden, ich fürchte, wenn ich schon zu fest an
+mein Glück glaube, so zerrinnt es wie eine Fata Morgana vor meinem
+sehnsüchtigen Blick. -- --
+
+Die beiden zuletzt Angekommenen habe ich auch einmal unbeobachtet
+gesprochen. Es sind ein paar Süddeutsche. Sie haben sich unterwegs
+bereden lassen, als Kellnerinnen hierher zu kommen. Anfangs sind sie
+ziemlich unglücklich gewesen, ergeben sich aber jetzt in ihr Schicksal.
+Die eine, die Sepha, anscheinend die Schlauere, sagt: »Mir werden uns
+halt a Geld sparen und hernach gehn m'r wieder ham, da waß ka Mensch
+net, wo m'rs Geld her ham.« --
+
+Auch ein Standpunkt. -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe heute die Madame um Geld gebeten und habe ihr gesagt, daß die
+Mädchen alle ihr Geld selbst aufbewahrten, nur ich bekäme keinen
+Pfennig.
+
+»So, Geld willst du haben? Dann komm mal mit ins Garderobenzimmer, da
+will ich dir zeigen, wo dein Geld ist,« war die Antwort. --
+
+Ach ja, das Garderobenzimmer. Ein riesenhaftes Kapital steckt in diesem
+Raum. Alle vierzehn Tage heißt es: es müssen neue Kleider angeschafft
+werden, in diesen vertragenen Fähnchen kannst du nicht jeden Abend
+dasitzen. --
+
+Ich habe Kleider über Kleider, und doch nicht ein einziges, um als
+anständiger Mensch auf die Straße gehen zu können. -- --
+
+ * * * * *
+
+Heute war der Doktor wieder da, und morgen kommt Werner!
+
+Ich bin wie von Sinnen. Ich muß wenigstens mein Buch zum Vertrauten
+machen, sonst, glaube ich, sprengt es mir die Brust.
+
+Heute abend muß ich wieder unter die Decke kriechen und mein Glück in
+diese kleine Welt hinausschreien. --
+
+Ach, wenn es doch gelingen wollte! --
+
+An ein Scheitern darf ich gar nicht denken, dann stockt mein Herzschlag.
+Es muß gelingen oder -- ich werde wahnsinnig. --
+
+O, guter Gott, guter Gott, ich will wieder an dich glauben, wenn du mir
+diesmal hilfst -- nur dies eine Mal hilf mir, ich bin doch auch dein
+Geschöpf. --
+
+Ich muß aufhören mit Schreiben, meine Sinne verwirren sich, ich glaube,
+ich habe in Wirklichkeit Fieber.
+
+Wenn ich doch ein Mittel hätte, um schlafen zu können, ich werde sonst
+morgen ganz krank und elend sein, und vielleicht habe ich meine Kräfte
+nötig. --
+
+Ob auch kein Mensch etwas ahnt? Hat mich nicht die Rottmann vorhin so
+sonderbar angesehen? Oder bilde ich es mir nur ein?
+
+Wenn es mißlingt, gibt es ein Unglück! Mir ist dann alles einerlei --
+ich könnte das Weib kalten Blutes ermorden.
+
+Mag man mich dann ins Gefängnis stecken, wenigstens ist eines dieser
+Scheusale weniger auf der Erde. -- --
+
+Ich kann nicht mehr -- ich glaube, ich bin krank.
+
+
+
+
+IV.
+
+Sonnenaufgang.
+
+
+Auf See, den 2. November.
+
+Seit fünf Tagen habe ich dich nicht geöffnet, mein kleiner Tröster in
+der Not.
+
+Jetzt will ich dir aber auch sehr vieles, sehr Schönes und sehr
+Wichtiges erzählen. --
+
+Ich bin auf der Fahrt nach Deutschland.
+
+Das sagt eigentlich alles. Trotzdem will ich ausführlich erzählen, wie
+alles zugegangen ist; ist es mir doch selbst noch wie ein Märchen.
+
+Als Werner kam, hielt er sich nicht lange unten auf, sondern ging gleich
+mit mir hinauf. Die Flasche Wein, die er hatte bringen lassen, blieb
+fast unberührt stehen. Er rief dem Charly zu, er solle alles so stehen
+lassen, er käme gleich wieder.
+
+Oben teilte er mir hastig seinen Plan mit. Ich mußte rasch zu mir
+stecken, was ich gerne mitnehmen wollte.
+
+Es war wenig genug. Dich, mein kleines Buch, steckte Werner in die
+Brusttasche, dann saßen wir atemlos und warteten.
+
+Das Schlimmste war, daß ich keine Kleider hatte. Ich mußte in dem
+dünnen, spitzenübersäten Kunstwerk, das meinen Körper mehr preisgab als
+verhüllte, auf die Straße.
+
+Alles war auf die Minute festgelegt.
+
+Werner war um zehn Uhr gekommen, bis um einhalb elf Uhr kamen vier junge
+Männer, die in den großen Salon gingen. Bis drei viertel elf kamen vier,
+die in den kleinen Salon hinter der Bar gingen.
+
+Alle diese Leute waren vom Doktor angeworben und wurden mit dem Gelde
+Werners bezahlt. --
+
+Fünf Minuten vor elf mußten die im kleinen Salon untereinander Streit
+anfangen, einer davon mußte einen blinden Schuß abgeben, zu gleicher
+Zeit mußten die im großen Salon so agieren, daß alles nach dem kleinen
+Salon hinstürzte.
+
+Und genau auf die Minute -- elf Uhr -- gab der Doktor an der Eingangstür
+das bekannte Einlaßzeichen, so daß der Portier wußte, es war ein
+eingeweihter Besucher.
+
+Genau in diesem Augenblick kamen wir, Werner und ich, die Treppe
+herunter. Die Tür durfte nicht wieder ins Schloß fallen. Ein Auto stand
+draußen, und fort ging es -- ich war _frei_!!!
+
+Alles klappte. Der Doktor hatte noch einen handfesten Kerl bei sich, und
+als der Schließer auf mich zustürzen wollte, faßte ihn der Begleiter des
+Doktors an der Kehle und sagte leise aber bestimmt: »Keep quiet! Einen
+Laut und du bist ein toter Mann!«
+
+Der Doktor sprang zurück und war mit einem Satz bei uns im Auto, dann
+ging es vorwärts.
+
+Wir sind erst ganz nach oben bis zur 128. Straße gefahren, um etwaige
+Verfolger irrezuführen, dann ging es durch den Zentralpark und an der
+anderen Seite herunter nach Hoboken.
+
+Es war bereits nach Mitternacht, als wir im Zentralhotel ankamen.
+
+Der Doktor hatte an alles gedacht. Im Auto lag ein Mantel, in den ich
+schlüpfen mußte, damit meine Kleidung bei den Hotelbediensteten nicht
+auffiele und etwaigen Nachforschungen Vorschub geleistet würde. Ich
+bekam ein Zimmer, Werner ließ sich eines daneben geben, dann schloß er
+mich ein und, ich war allein -- allein und in Freiheit.
+
+Am anderen Morgen -- Werner hatte einen Tag Urlaub genommen --
+telephonierte er an ein Konfektionsgeschäft und ließ mir etwas
+anständige Garderobe kommen.
+
+Unter dem Vorwand, daß ich mit dem Schiff gekommen sei und
+unglücklicherweise meinen Koffer eingebüßt habe, wurde ich vollständig
+neu ausgestattet.
+
+Ein einfaches, dunkelblaues Kostüm, ein Reisehut und Stiefel waren das
+Nötigste. Dann bekam ich noch ein einfaches Straßenkleid, und die
+bürgerlich einfache Dame war fertig.
+
+Ich nahm alles widerspruchslos an. Es waren Wohltaten, die ich
+vielleicht nie würde vergelten können; ich mußte sie annehmen.
+
+Vorläufig dachte ich nur an den Augenblick. --
+
+Als ich mit allem fertig war, und wir in meinem Zimmer beim Lunch saßen,
+sagte Werner: »Heute nachmittag fahren wir nach New York hinüber zu
+Pastor Schneider und lassen uns trauen.«
+
+»Nein, o nein!« rief ich, »tun Sie das nicht!«
+
+»Nun, nun,« sagte Werner, »warum denn nicht?«
+
+»Sie -- werden es später bereuen, bitter bereuen. Ich darf Ihre Güte so
+nicht ausnutzen. Das Mitleid mit meiner verzweifelten Lage hat Sie
+handeln lassen, aber nun ist es genug.«
+
+»Und meinen Sie, ich hätte dies alles getan, wenn ich nicht von Anfang
+an die Absicht gehabt hätte, Sie zu heiraten? Ich weiß alles, was Sie
+mir sagen wollen; ich weiß, daß Hunderte von jenen Mädchen nicht
+verdienen, daß ein anständiger Mann auch nur den Finger um sie rührt,
+ich weiß aber auch, daß Sie keine von denen sind. Sie haben Unglück
+gehabt -- es wird bei Ihnen liegen, zu beweisen, daß es unverdientes
+war.« -- --
+
+Es ist nicht schwer für einen jungen Mann, ein junges Mädchen, das ihm
+sowieso schon zugetan ist, zu bereden, ihn zu heiraten, ihr plausibel zu
+machen, daß sie nicht zu schlecht für ihn ist.
+
+Ich erinnerte mich so mancher, mit der ich zusammen war, die sich keinen
+Augenblick besonnen haben würde. Ich dachte auch an manche, die wirklich
+besser war, als so viele verheiratete Damen, die geachtet dastanden und
+doch innerlich nichts taugten, und all meine großen und festen Vorsätze
+schmolzen dahin wie Butter an der Sonne. -- -- Wenn ich von jetzt ab ein
+tadelloses Leben führte, war dann nicht alles gut? Was aber, wenn später
+bei Werner die Reue kam?
+
+»Sie werden es später bereuen, lieber Freund! Gesetzt den Fall, es käme
+durch irgendeinen Zufall heraus, wo Sie mich hergeholt haben, ich könnte
+es nicht ertragen, Schande über Sie gebracht zu haben!«
+
+»Das brauchen wir nicht zu befürchten. Kein Mensch von unserem Schiff
+ist drüben in jenem Hause gewesen, keiner hat Sie gesehen.«
+
+»Und wenn doch? Sie kennen die Menschen nicht, mein Freund! Ich will
+Ihre Freundin sein, Ihre Dienerin, alles will ich für Sie tun, und wenn
+Sie mich nicht mehr wollen, dann schicken Sie mich fort -- dann --« Ich
+fing an zu weinen. Das ganze Elend meiner jungen Jahre kam mir mit
+Allgewalt zum Bewußtsein.
+
+Wäre es nicht besser, ich wäre tot? Wem nützte mein Dasein?
+
+»Weine nicht, Liebling! Du mußt mein Weib werden. Es ist unmöglich, wie
+du dir das denkst. Ich kann so nicht neben dir leben, ich habe dich lieb
+-- komm, sei vernünftig und gib nach. Magst du mich denn nicht auch ein
+wenig leiden? Ich schwöre dir, ich rühre dich nicht eher wieder an, bis
+du mein Weib bist; bedenke -- ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut --
+und ich liebe dich -- quäle mich nicht länger.«
+
+»Wenn ich nur wüßte, daß es zu deinem Glücke wäre, daß ich dadurch nur
+etwas von der großen Schuld abtragen könnte, wie gern würde ich dir
+gehören. Aber deine Zukunft, dein Glück!« entgegnete ich, nur noch
+schwach widerstrebend.
+
+»Mein Glück und meine Zukunft bist du! Laß die Menschen sagen und tun
+was sie wollen, wenn nur wir beide zufrieden sind. Komm, sag' ja!«
+
+»Aber -- -- --«
+
+»Kein Aber mehr, Liebling,« sagte da Werner und nahm mich in seine Arme.
+Und jauchzend flog ich an seinen Hals, und er vergrub sein Gesicht in
+meinen Haaren.
+
+»Mein Liebling, mein alles!« flüsterte er, und küßte mich immer und
+immer wieder. »Wie schön du bist! Und jetzt bist du mein! Jetzt gehört
+diese Schönheit, dieser entzückende Körper mir -- mir ganz allein!«
+
+Willenlos hing ich in seinem Arm. Mein ganzes Herz schlug ihm entgegen.
+Wie war er gut! Das war endlich ein Mann von jener Sorte, die wir nötig
+haben. Nun war auch für mich die Sonne eines besseren Tages aufgegangen.
+
+Ja, ich wollte sein Weib sein, und mein ganzes ferneres Leben sollte ein
+einziges Dankgebet -- ein einziges Opferfeuer für meinen Retter sein. --
+-- --
+
+Zwei Stunden später waren wir Mann und Frau.
+
+Der alte, würdige Pfarrer und seine Gattin nahmen uns sehr liebevoll
+auf. Werner kannte das Ehepaar schon seit langem, da sie schon
+wiederholt mit seinem Schiff gefahren waren.
+
+Nach der Trauung hatten wir ein schönes Diner bei Reißenwebers, und
+fuhren dann wieder nach Hoboken.
+
+Ich hatte große Angst, und Werner mußte ein geschlossenes Auto nehmen,
+weil ich immer noch Sorge hatte, daß ich entdeckt würde. --
+
+Auch als wir wieder im Hotel waren, wollte die Ruhe noch nicht kommen;
+erst hier auf dem Schiff, als einige Meilen Wasser zwischen mir und
+jener Stadt mit den hohen Häusern lagen, konnte ich aufatmen.
+
+Also wirklich und wahrhaftig frei! Frei, und so Gott will, ein
+anständiger Mensch! -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Es gefiel mir erst sehr auf dem Schiff, aber das hat nicht lange
+gedauert. Wir hatten Sturm, und ich bin tüchtig seekrank gewesen, jetzt
+geht es aber wieder.
+
+Ich fahre in der zweiten Kajüte, und Werner hat dafür gesorgt, daß ich
+allein im Zimmer bin. Ich freue mich sehr darüber, ich mußte immer
+wieder an meine Herfahrt denken und an meine Zimmernachbarin, diese alte
+Seelenverkäuferin.
+
+Ich bin aber doch auch zu dumm gewesen, jetzt könnte mir das nicht
+wieder passieren, jetzt kenne ich den Geruch.
+
+Ich bilde mir immer ein, ich selbst rieche auch noch nach diesem
+verfluchten süßlichen Zeug, mit dem die ganze Luft in jenem Hause
+durchtränkt war. Es kann aber gar nicht möglich sein -- denn ich habe
+nichts mehr von jenem Zeug am Leibe und habe schon drei Bäder genommen
+-- und doch -- sehen mich nicht auch die Männer mit besonderen Blicken
+an?
+
+Werner, dem ich meine Befürchtungen mitteilte, lachte.
+
+»Ich glaub' es wohl, daß sie dich angucken, Süßes! Du weißt wohl gar
+nicht, wie schön du bist!« --
+
+Ich bin sehr glücklich! Werner und ich machen Pläne -- wonnige Pläne für
+die Zukunft.
+
+Eine kleine Wohnung werden wir uns mieten, drei Zimmer nur, denn Werner
+verdient noch nicht viel -- aber wir werden trotzdem glücklich sein --
+so glücklich.
+
+Wir brauchen niemand, ganz allein für uns beide wollen wir sein. Ich
+werde sehr viel zu tun haben für die erste Zeit, die ganze Wohnung muß
+eingerichtet werden, und ich habe doch so gar nichts.
+
+Ärmer als ich ist wohl nie ein Mädchen in die Ehe gegangen. Alles
+verdanke ich der Güte dieses Mannes -- es wird mir schwer -- »meines
+Mannes« zu sagen, es ist mir, als ob ich noch kein Recht dazu hätte.
+
+Und doch habe ich es, er selbst hat es mir gegeben. --
+
+Wenn ich alles recht überdenke, dann möchte ich seine Hände küssen, er
+macht vieles wieder gut, was andere gesündigt. --
+
+Wenn ich doch nicht immer wieder ins Grübeln kommen wollte! Wenn ich
+mich doch uneingeschränkt der Stunde freuen könnte!
+
+Aber ich kann es nicht. Eine Angst verzehrt mich, für die ich keinen
+Namen habe.
+
+Bald sind wir in Deutschland -- wenn ich nach der Heimat könnte! Nur
+einmal meinen Kopf im Schoße der lieben alten Frau zu vergraben.
+
+Aber nein, fort mit diesen Gedanken -- ich bin tot -- muß tot sein!
+
+Würden sie mich nicht fragen? Würde ich der Großmutter in die lieben,
+alten, reinen Augen sehen können?
+
+Ach, hätte ich doch meine Mutter noch! Zu ihr könnte ich kommen! --
+Hätte ich meine Mutter noch, dann wäre alles anders, und ich brauchte
+nicht so vor sie zu treten. -- --
+
+ * * * * *
+
+Morgen kommen wir an. Man merkt es an der Unruhe unter den Passagieren.
+Alle haben zu packen, zu schreiben und zu besprechen; wie in einem
+Bienenkorb ist es.
+
+Ich allein habe nichts zu packen und zu schreiben -- ich besitze nichts,
+auch habe ich mich dieses Mal mit keinem Menschen bekanntgemacht. Ich
+bin mißtrauisch geworden. Was ich früher zu offen und zu vertrauensselig
+war, bin ich nun zu scheu. -- --
+
+Ich weiß nicht, wie mir ist -- ein sonderbares Angstgefühl quält mich
+die letzten Tage. Ich will mir mit Gewalt das Glücksempfinden, das mich
+zu Beginn der Reise beseelte, zurückzwingen -- ich kann es nicht.
+
+Ich sollte mich freuen, der Heimat näherzukommen und kann es nicht.
+
+Schlaflos wälze ich mich des Nachts auf meinem Lager, sonderbare
+beängstigende Träume quälen mich, ich habe versucht zu beten -- ich kann
+es nicht. Will Gott nichts mehr von mir wissen, weil ich sein Dasein
+angezweifelt habe? Aber hatte ich nicht ein Recht dazu? Kann man an Gott
+und seine Allmacht glauben, wenn man so entsetzliche Dinge erlebt?
+
+Warum läßt dieser Gott, der doch ein Gott der Liebe sein soll, zu, daß
+ein schuldloses, unerfahrenes Mädchen so vergewaltigt, gemartert und
+gepeinigt wird! Und doch will ich mir Mühe geben, aufs neue an seine
+Güte und Allmacht zu glauben. Ich will gut sein. Doch dann darf ich
+nicht mehr an das Vergangene denken. Erst wenn ich das Entsetzliche ganz
+aus meiner Erinnerung ausgelöscht habe, wird es mir möglich sein, den
+alten Kinderglauben wiederzufinden. --
+
+ * * * * *
+
+Im eigenen Heim!
+
+Wer kennt nicht den Zauber dieses Wortes?
+
+Für mich ist es doppelt heilig: Daheim!
+
+Ich, die Ausgestoßene, bin daheim.
+
+Und doch ist mein Glück nicht ohne bitteren Beigeschmack, denn ich bin
+schon wieder allein.
+
+Allein im eigenen Heim, ohne ihn, der es mir geschaffen.
+
+»Du mußt dich daran gewöhnen, Lottchen! Sieh, du hast nun einmal einen
+Seemann zum Manne, da mußt du dir sagen, daß es unmöglich für ihn ist,
+zu Hause zu bleiben. Und mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Alle
+Seemannsfrauen müssen sich darein finden; in vier Wochen bin ich ja
+wieder da und dann ist es um so schöner.« --
+
+Er hat recht, ich muß mich daran gewöhnen. Aber schwer ist es doch.
+Daran habe ich gar nicht gedacht, an dieses immerwährende Alleinsein.
+Aber selbst wenn ich daran gedacht hätte, würde es nichts genützt haben,
+Werner kann eben nicht an Land bleiben. Sobald er aber Oberzahlmeister
+ist, kann er mich einmal mitnehmen.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich nur nicht gar so fremd hier wäre!
+
+Und doch, bin ich nicht kindisch mit meinen unnützen Klagen?
+
+Ist es nicht im Gegenteil recht gut, daß ich fremd bin?
+
+Wie furchtbar würde es für Werner sein, wenn mich jemand erkennen
+sollte. --
+
+Zum Glück habe ich nicht viel Zeit zu dummen Gedanken und nutzlosen
+Klagen. Ich muß arbeiten, muß meine Wohnung einrichten.
+
+Vorläufig haben wir nur Küche und Schlafzimmer. Alles in Eile und
+provisorisch hingestellt. Aber wenn Werner wiederkommt, soll er alles
+hübsch und gemütlich vorfinden, er soll sich freuen über seine Frau und
+sein Heim. --
+
+Eine ganze Menge Geld hat er mir hier gelassen. Zweihundert Mark! Was
+kann ich dafür alles kaufen! Töpfe und Pfannen, auch einige Deckchen und
+Läufer, um alles recht schön zu machen. --
+
+Die Möbel für das Wohnzimmer kaufen wir erst, wenn Werner wiederkommt,
+die müssen wir auf Abzahlung nehmen, Werner hatte gar kein Geld mehr. --
+
+Eigentlich ist es schrecklich, daß er all das viele Geld für mich hat
+ausgeben müssen; was hätte man alles dafür kaufen können!
+
+Eine Wut überkommt mich, wenn ich an die Rottmann denke -- nur einmal
+möchte ich sie wiedersehen, einmal möchte ich ihr gegenübertreten, um
+ihr meinen ganzen Zorn, meine ganze Verachtung ins Gesicht zu
+schleudern.
+
+Aber was nützt es, wenn ich gegen dieses Weib wüte, ist sie doch nicht
+allein schuld an diesen Zuständen. --
+
+Nicht ein Unternehmer allein, das ganze System muß bekämpft werden. Ich
+will klug und reich werden, ich will Geld sammeln. Überall müssen
+Warnungstafeln angebracht werden.
+
+Es muß anders werden, ganz anders. --
+
+ * * * * *
+
+Eine Woche lang habe ich nicht an mein Büchlein gedacht, aber heute ist
+ein so kalter, stürmischer Tag, da habe ich mir Feuer im Herd
+angezündet, damit die Küche schön durchwärmt ist, und nun will ich mich
+wieder einmal mit dir unterhalten. --
+
+Ich habe mich nun schon ganz nett und behaglich eingerichtet.
+
+Auch außerhalb meiner kleinen Wohnung habe ich mich schon umgesehen. Die
+Stadt ist nicht groß, und man ist bald zu Ende mit den
+Sehenswürdigkeiten. Landschaftliche Reize kann ich an der flachen,
+eintönigen Gegend wenig entdecken. Trotz alledem wäre es unrecht, ihr
+jede Schönheit absprechen zu wollen.
+
+Wie wunderschön allein ist ein Spaziergang bei Sonnenuntergang am
+Außendeich. Ein ganz wunderbares Schauspiel ist es, wenn der Sonnenball
+langsam im Wasser versinkt. Der Horizont, das Wasser, alles glüht
+tiefrot, um dann langsam, blasser und blasser werdend, in rosa und
+bläulichen Tönen zu verglimmen.
+
+Und dann der Heimweg; hier und da auf dem Wasser ragt gespenstisch ein
+Mast empor, dann blitzt da und dort ein Lichtlein rot, grün oder
+grellweiß, das Blinklicht des Leuchtturmes alles überragend, und weit,
+weit unten in ununterbrochener Reihe die Lichter des Hafens.
+
+Aber diese einsamen Spaziergänge sind nichts für mich, sie machen mich
+melancholisch und heimwehkrank.
+
+Heimwehkrank nach einer Heimat, die ich nicht habe.
+
+Meine Heimat ist jetzt hier, ist bei dem Manne, der mir einen ehrlichen
+Namen gab. --
+
+Ich bin immer noch ängstlich, wenn ich auf der Straße gehe.
+
+Wie leicht ist es möglich, daß mich jemand gesehen hat. Es ist eine
+Hafenstadt, und der Weg nach Amerika ist sehr kurz -- über die Planken
+eines Dampfers. --
+
+Nicht um mich bin ich besorgt, um ihn.
+
+Und noch etwas anderes macht mir Sorge.
+
+Fast hätte ich über dem letzten großen Unglück, das mich betroffen,
+meinen Fehltritt von zu Hause vergessen. Nicht ein einziges Mal in den
+letzten Wochen habe ich daran gedacht.
+
+Aber nun, wo ich in Ruhe bin, quält es mich um so mehr. --
+
+Muß ich es Werner sagen? Hat er ein Anrecht an das Leben, das so weit
+zurückliegt? So weit!
+
+Und doch ist es noch kein Jahr her, seit ich von den Großeltern fort
+bin. -- Mir scheinen es Ewigkeiten.
+
+Ich bin in einem furchtbaren Zwiespalt.
+
+Ist es meine Pflicht, es meinem Manne zu sagen oder darf ich schweigen?
+
+Wird er nicht an mir zweifeln, wenn ich es sage? Wird er nicht denken,
+daß der Ort, an dem er mich getroffen, dann gar nicht so unrecht für
+mich gewesen sei?
+
+Hätte ich doch einen einzigen Menschen, mit dem ich sprechen könnte! --
+Ich glaube nicht, daß ich den Mut habe, es ihm zu sagen; ich fürchte
+seine Liebe und Achtung -- jawohl seine Achtung, so paradox es auch
+klingen mag -- zu verlieren. --
+
+Denn trotz alledem und alledem, Werner achtet mich. Er weiß, ich war
+unschuldig dort hingekommen; und er achtet mich deshalb, weil ich mit
+allen Mitteln versucht habe, herauszukommen. --
+
+Erführe er meinen ersten, dummen, kindischen Streich -- wer weiß, ob
+dann nicht dieses Gefühl, das mich so sehr erhebt, für immer verloren
+wäre.
+
+Ich muß das Geheimnis mit mir herumtragen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Der Schlaf, der mich auch in den schlimmsten Augenblicken meines Lebens
+nicht verlassen, scheint mich jetzt zu fliehen.
+
+Ich liege oft stundenlang und grübele über Dinge, die ich nicht ändern
+kann. Ruhelos wälze ich mich hin und her. --
+
+Ist es die Einsamkeit um mich? Ist es das geheime innere Schuldgefühl,
+das mich quält? Diese stillen, schwarzen Nächte erdrücken mich. Wäre
+doch Werner erst wieder hier! Ich eigne mich nicht zur Seemannsfrau.
+
+Immer allein!
+
+Abends beim Schlafengehen und morgens beim Aufstehen. --
+
+Oft schrecke ich Nachts aus unruhigem Schlummer auf, dann ist mir, als
+hörte ich ruhige, schwere Atemzüge neben mir -- ich fasse hinüber, aber
+da ist nichts, ich bin allein -- immer allein. --
+
+ * * * * *
+
+Letzte Nacht hatte ich einen entsetzlichen Traum.
+
+Mir träumte, ich stand allein auf einem weiten, endlos weiten Platz und
+wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte.
+
+Da kam ein Mann in einem langen, schwarzen Mantel, den großen Hut tief
+in die Stirn gedrückt, so daß ich nichts von dem Gesicht sehen konnte,
+und faßte mich bei der Hand.
+
+Er führte mich über Felder und Auen weit, weit, und dann zuletzt in ein
+großes, palastartiges Haus, viele, viele Treppen empor.
+
+Als wir schon sehr hoch gestiegen waren, öffnete mein Führer eine Tür,
+ließ mich los und sagte mit dumpfer Stimme: »Gehe diesen Weg, und du
+wirst rein wie eine Lilie sein.«
+
+Ich hob den Fuß und wollte vorwärts schreiten, doch mit einem entsetzten
+Schrei fuhr ich zurück. Vor mir breitete sich endlos, unabsehbar das
+Meer.
+
+Durch den Schrei war ich erwacht, entsetzt starrte ich ins Dunkel. Ich
+fürchtete mich so, daß ich nicht einmal wagte, mir Licht anzuzünden. --
+
+Was bedeutete dieser unheimliche Traum?
+
+Was wollte dieser unheimliche Mensch?
+
+Und dieses große Wasser? Soll ich sterben? Soll ich im Wasser sterben?
+
+Aber ich will nicht! Jetzt nicht! Dann hätte mich das Wasser vor sieben
+Monaten verschlingen sollen!
+
+Ach Werner, mein Liebster, ich sehne mich nach dir, wärest du bei mir,
+du würdest mich trösten.
+
+Die Sehnsucht, das Verlangen nach dir brennt mir wie Feuer in den Adern.
+-- --
+
+ * * * * *
+
+Schon wieder einmal bin ich allein.
+
+Selige Tage waren es, als Werner hier war, ach, wie ist er gut! So gut,
+daß ich fast beschämt bin.
+
+Ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll. --
+
+Nun haben wir auch die Möbel für unsere Wohnstube, fein!
+
+Wie könnt' ich glücklich sein, wenn -- ja wenn die bösen Gedanken nicht
+wären.
+
+Ein jedes Vergehen trägt die Strafe gleich in sich -- habe ich einmal
+irgendwo gelesen. Wie wahr das ist, das fühle ich jetzt nur zu gut. Ich
+bin bestraft durch die fortwährende Angst, daß Werner auch _das_ noch
+erfahren könnte.
+
+Ich machte eine kleine Andeutung, daß ich gern einmal die Heimat sehen
+würde. Gleich war er bereit.
+
+»Warum nicht, Lieb! Nächste Reise, oder Pfingsten. Fahre ruhig hin; wenn
+ich wiederkomme, bist du längst wieder hier. Denn zu den Großeltern
+willst du ja doch nicht.«
+
+Ich könnte also reisen! Aber nein, es geht nicht! Das habe ich auch
+Werner gesagt; ich habe ihm gesagt, daß es Wünsche bleiben müssen.
+
+»Mir ist es recht, Lieb,« sagte er, »ich will nur dich zufrieden
+wissen.«
+
+Ich soll mir ein Hündchen kaufen, damit ich nicht mehr so verlassen bin.
+
+Ich freue mich, ich mag Tiere so gern. Gleich heute werde ich ausgehen
+und mir einige ansehen, die in der Zeitung standen.
+
+ * * * * *
+
+Meine einsamen Spaziergänge am Außendeich muß ich aufgeben. Es ist hier
+wie überall. --
+
+Ein Weib, das allein auf einsamen Wegen geht, ist ein Stück Freiwild.
+Oder habe ich etwas an mir? Trage ich ein Kainszeichen mit mir herum?
+
+Wie kann ein Mann sich einfach erlauben, einer Frau, die ruhig ihres
+Weges geht, seine Begleitung anzubieten!
+
+Woher nimmt er sich das Recht? Ist das auch ein Stück Herrenmoral?
+
+Mich kostet es leider eine schöne, liebgewordene Gewohnheit. -- --
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich doch einmal nach Hause in meine Berge könnte!
+
+Jetzt liegt wohl noch Schnee, aber nicht lange mehr, und es beginnt zu
+grünen und zu blühen.
+
+Die Täler fangen früh an, sich zu schmücken, wenn auch die Berge noch
+lange ihre winterliche Haube aufbehalten. --
+
+In Großmutters Garten die Schneeglöckchen und Veilchen haben es immer am
+eiligsten.
+
+Wie schön würde es sein, könnte ich hingehen!
+
+Zu schön, um wahr zu werden. -- --
+
+ * * * * *
+
+Nun habe ich wirklich einen kleinen vierfüßigen Hausgenossen.
+
+Wie ist das schön! So gesellig!
+
+Jetzt kann ich wenigstens mal ein Wort sprechen.
+
+Pit, mein kleiner Pit versteht alles. Er ist so klug, und wenn er sich
+erst vollständig an mich gewöhnt hat, versteht er gewiß jedes Wort.
+Abends stelle ich sein Körbchen vor mein Bett -- nun bin ich doch nicht
+mehr so allein. --
+
+Ob Werner ihn auch mag? Ganz sicher! Er ist zu niedlich.
+
+Wenn ich im Bett liege, kann ich ihn immer beobachten, wie er sein
+Bettchen für die Nacht zurecht macht. Und wenn ich seine Decke noch so
+schön hingelegt habe, er fängt doch noch selbst an, alles
+zurechtzuzerren. Er kratzt mit den Füßchen und stuppst mit dem Näschen,
+bis alles nach Wunsch ist, dann legt er sich sehr befriedigt hin und
+wirft mir einen Blick zu aus seinen blanken Äugelchen, als wollte er
+sagen: So gehört sich das, du verstehst auch rein gar nichts davon. --
+
+Ich bin so zufrieden, das Leben ist doch ganz schön.
+
+ * * * * *
+
+Morgen kommt Werner.
+
+Heute will ich alles schön sauber machen, damit unser kleines Reich
+würdig ist, seinen Herrn aufzunehmen.
+
+Wenn das Wetter schön ist, werde ich an den Hafen gehen, um das Schiff
+hereinkommen zu sehen. Pit geht mit. --
+
+Was Werner wohl sagen wird über meinen kleinen Freund?
+
+Noch eine Nacht, dann ist er bei mir. Ich freue mich sehr auf ihn.
+
+Ob er sich ebenso nach mir sehnt?
+
+Ich will ihn doch fragen, ob er auch so unruhig nach mir ist.
+
+Werner macht so wenig Worte; es ist mir schon wiederholt aufgefallen.
+Seine Handlungen sind um so besser. -- --
+
+ * * * * *
+
+Da ist es, das Geahnte, Gefürchtete.
+
+Meine Angst, meine Scheu vor den Menschen war berechtigt.
+
+Wäre ich nicht mit ausgegangen! -- -- --
+
+Werner kam vorgestern von See. Er war so glücklich und zufrieden, er
+hatte eine schöne Reise gehabt und auch gut verdient, da er hin und
+zurück sein Zimmer vermietet hatte. --
+
+Gestern Abend wollte er eine Stunde mit mir in ein Café gehen. Ich hatte
+keine rechte Lust und bat: »Laß uns zu Hause bleiben, da ist es viel
+schöner.«
+
+Er hörte nicht auf mich.
+
+»Du mußt auch mal raus, Schatz; du wirst mir sonst noch ganz
+melancholisch.«
+
+Um ihm die Freude nicht zu verderben, gab ich nach, und wir gingen nach
+dem Viktoria-Café.
+
+Anfangs war es nur schwach besucht, später setzte sich an den Tisch
+neben uns ein Trupp Herren.
+
+Ich kannte niemand im ganzen Lokal.
+
+Plötzlich fühlte ich, daß mich jemand beobachtete. Mir wurde
+unbehaglich, ohne zu wissen, warum.
+
+Ich wandte den Kopf etwas zur Seite und sah, daß ein Herr mich ziemlich
+ungeniert anstarrte.
+
+Ich kannte ihn nicht; aber -- mein schlechtes Gewissen! Ich wurde
+blutrot und drehte den Kopf zur Seite; wie unter einem hypnotischen
+Zwang mußte ich nach einiger Zeit wieder hinsehen; noch immer dieses
+fatale Anstarren. --
+
+Ein bartloses Gesicht mit einigen Schmissen an der linken Backe und
+hellen, erbarmungslosen Augen.
+
+Wer war es nur? --
+
+»Laß uns gehen, Werner,« bat ich.
+
+Werner, der nichts von meiner Not merkte, sagte: »Aber warum denn,
+Schatz? 's ist doch ganz nett hier!«
+
+»Ich muß hier heraus,« sagte ich angstvoll und sah ihn flehend an.
+Sofort sprang er auf und beugte sich über mich.
+
+»Ist dir nicht gut, Lieb?« fragte er besorgt. --
+
+Da stand der Herr, der wohl bemerkt hatte, daß ich fort wollte, auf und
+ging langsam an unserem Tisch vorüber, mich immerzu scharf und dreist
+anstarrend.
+
+Auch Werner wurde aufmerksam. Er faßte sich an die Stirne, warf dann
+einen Blick auf mich, der zu fragen schien: »Kennst du ihn?«
+
+Ich schüttelte den Kopf und sah ihn hilflos an. --
+
+»Wie ist mir denn,« murmelte Werner vor sich hin, »den muß ich doch
+kennen!« Dann wandte er sich und schritt dem andern nach zur Toilette.
+
+Ich wollte ihn zurückhalten, doch meine Hand fiel kraftlos in den Schoß.
+
+Was hätte es auch genützt. Ich hatte geahnt, daß es so kommen mußte.
+
+Die Welt ist so groß, so unendlich groß, und doch zu klein für ein
+wundgeschossenes Geschöpf, um sich verkriechen zu können. -- --
+
+Als Werner kam, stand ich sofort auf; schweigend half er mir in den
+Mantel; schweigend verließen wir das Lokal.
+
+Als wir einige Schritte gegangen waren, nahm er meinen Arm und zog ihn
+unter den seinen; ich wagte kaum, ihm in die Augen zu sehen. --
+
+»Es war ein Schiffsarzt,« sagte er nach einigen Minuten, »ich habe ihn
+zur Rede gestellt wegen seiner Ungebührlichkeit; er kennt dich --
+leider; er ist einmal drüben gewesen bei der Rottmann. Na, weine nur
+nicht, diesem edlen Herrn können wir ja aus dem Wege gehen. Aber meine
+Meinung habe ich ihm wenigstens gesagt!«
+
+Ich antwortete nicht. Ich schluchzte krampfhaft in mein Taschentuch. Die
+Vorübergehenden sahen uns nach, sie hielten uns wohl für ein Liebespaar,
+das sich verzankt hatte. --
+
+Als wir zu Hause ankamen, warf ich mich angekleidet aufs Bett und
+schluchzte jammervoll; Werner hatte Mühe, mich zu beruhigen.
+
+»Was ist denn weiter geschehen, Liebling? Rege dich doch nicht so
+furchtbar auf. Was liegt an diesem Laffen? Wir beide sind zufrieden, das
+ist die Hauptsache.«
+
+Du Armer! Zufrieden, ich und zufrieden! Ja, wenn die Schatten der
+Vergangenheit nicht so unbarmherzig auf das bißchen Licht fielen, das
+mich jetzt umleuchtet.
+
+Nun mache ich auch ihn noch unglücklich! Diesen Einzigen, der mir den
+Glauben an die Menschheit wiedergeben konnte.
+
+Es ist zum Wahnsinnigwerden!
+
+Immer und immer wieder möchte ich rufen: Warum mir das alles? Warum dies
+übervolle Maß für mich?
+
+Ach, könnt' ich schlafen, schlafen, um nie mehr aufzuwachen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Nun bin ich wieder allein. Das bißchen Ruhe, in das ich mich nach und
+nach hineingeträumt habe, ist wieder hin.
+
+Auch um Werner bin ich sehr in Sorge, er war gar nicht besonders auf dem
+Posten die letzten Tage; eine starke Erkältung hatte ihn befallen. Wenn
+er mir nur nicht ernstlich krank wird! Er freilich lachte mich aus, als
+ich ihn bat, zu Hause zu bleiben.
+
+»Das würde eine schöne Geschichte werden, wenn jeder Seemann wegen einer
+kleinen Erkältung gleich an Land bleiben wollte; da könnten unsere
+Dampfer bald leer losfahren,« sagte er lachend. --
+
+Er hat recht, aber trotzdem -- was kann nicht alles passieren während
+einer solchen Reise. --
+
+Und läßt sich nicht alles besser tragen, wenn man es gemeinsam trägt?
+
+An _die_ Schattenseiten des Seemannslebens habe ich nicht gedacht. Als
+ich auf dem Schiff war und dort alles wie am Schnürchen ging, als die
+Besatzung mit immer freundlichen Mienen auf die manchmal recht
+unsinnigen Wünsche der Passagiere einging, da habe ich nicht daran
+gedacht, daß diese Leute ein Doppelleben führen, um das sie wirklich
+nicht zu beneiden sind.
+
+Ich möchte meinen Mann gerne an Land behalten; lieber wenig Verdienst,
+aber beisammen. --
+
+Wie ist das zum Beispiel schrecklich mit meiner Flurnachbarin: der Mann
+fährt nach Ostasien; während der letzten Reise hat sie ein Töchterchen
+bekommen und hat es auch wieder verloren; das Kindchen ist nur sechs
+Wochen alt geworden.
+
+Der Vater aber hat das Kind gar nicht gesehen.
+
+Und das alles hat die arme Frau allein durchmachen müssen. --
+
+Wirklich, auch eine Art Heldentum, von dem die Außenwelt nichts weiß.
+Ich werde Werner bitten, doch lieber im Bureau der Gesellschaft zu
+arbeiten, wenn er auch weniger verdient, es wird schon gehen. Oder
+vielleicht können wir ganz von hier fort, an einen Ort, wo niemand uns
+kennt.
+
+Hier kennt mich nun doch schon ein Mensch, und nicht lange wird es
+dauern, so kennen mich noch mehr.
+
+Was habe ich diesem Menschen getan, daß er mich so brandmarkt? Muß ich
+immer auf der Flucht vor meiner Vergangenheit sein? Wenn ich anders
+geartet wäre! Gleichgültiger gegen das Urteil der Menschen.
+
+Nein, nein, das kann ich nicht -- ich kann nicht leben ohne die Achtung
+meiner Mitmenschen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Wäre doch die Reise erst zu Ende. --
+
+Ich bin in einer furchtbaren Unruhe. Kommt es davon, daß Werner nicht
+ganz wohl war, oder kommt es, weil ich gar nicht aus dem Hause komme?
+Beides wirkt wohl zusammen.
+
+Ich gehe auch des Morgens nicht mehr aus; wie leicht könnte mir dieser
+Mensch begegnen und mich auf offener Straße insultieren. -- Und doch
+kann ich nicht immer eingeschlossen sein!
+
+Was soll nur werden? -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Soeben war ein Herr vom Kontor bei mir. --
+
+Was mag das nur zu bedeuten haben? Ich verstehe das gar nicht. Ich bin
+wie betäubt. --
+
+Das Schiff ist drüben angekommen, und unter den telegraphischen
+Berichten, die an die Direktion gekommen sind, ist auch die Nachricht
+gewesen, daß mein Mann erkrankt ist und wahrscheinlich in Hoboken ins
+Hospital müsse; ich solle mich nicht ängstigen, wenn das Schiff ohne ihn
+zurückkäme, er sei drüben sehr gut aufgehoben. -- --
+
+Nicht ängstigen! -- Wie ruhig er das sagt! --
+
+Ich soll mir keine Sorgen machen, es sei nicht schlimm! Mein Mann komme
+vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer. --
+
+Sind das nun Worte -- nur Worte? Was ist daran wahr? --
+
+Was kann ich tun? Nichts!
+
+Könnt' ich rasch hinlaufen; aber ich kann ja nicht!
+
+Und wenn ich wirklich Geld hätte und hinfahren könnte, so wäre Werner
+möglicherweise schon wieder fort, wenn ich dort ankäme. --
+
+Aber wenn man mir nun gar nicht die Wahrheit gesagt hat? Wenn es schlimm
+ist -- viel schlimmer?
+
+Ach, wer gibt mir Klarheit?
+
+Ruhig warten, wenn jeder Blutstropfen kocht vor Angst. Die Hände in den
+Schoß legen, wenn man Berge versetzen möchte. --
+
+ * * * * *
+
+Zwei Stunden später.
+
+Ich kann nicht schlafen. Es ist eine so warme, schwüle Nacht.
+
+Ich bin wieder aufgestanden und sitze im Nachthemd am offenen Fenster.
+Kein Mondstrahl durchbricht das Dunkel; der Himmel hängt wie eine große,
+grauschwarze Glocke über der Erde.
+
+Nirgends ein heller Schein.
+
+Ist diese dunkle, schwüle Nacht das Abbild meines Lebens -- meiner
+Zukunft? -- --
+
+ * * * * *
+
+Mutter! Meine liebe tote Mutter, woher plötzlich der Gedanke an dich!
+Bist du mir nah?
+
+Wenn du es bist, o, so gib mir ein Zeichen von deiner Nähe; sage mir,
+daß du bei mir bist und mich leitest. --
+
+Ich war dir ein schlechtes, liebloses Kind, ich fühle es.
+
+Gedankenlos ging ich neben dir -- gedankenlos und ohne rechtes
+Verständnis nahm ich dein frühes Scheiden.
+
+Und doch hast du so viel um mich gelitten.
+
+Ach, Mutter, hätte ich dich jetzt, du würdest mir helfen und raten. --
+Mutter, komm zu mir, ich brauche dich, nie brauchte ich eine liebende
+Hand nötiger. Ich fühle, etwas Schreckliches steht vor mir und droht,
+sich auf mich zu stürzen.
+
+Mutter, hilf mir! -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Noch einmal habe ich versucht, zu schlafen, ich kann es nicht. Der
+Morgen dämmert schon im Osten, und noch fand ich keinen Schlaf. -- Auch
+mein kleiner Freund findet keine Ruhe. Oder ist es nur meine Aufregung,
+die sich ihm mitteilt?
+
+Sonst liegt er die ganze Nacht still in seinem Körbchen, und jetzt läuft
+er ruhelos umher und heult zuweilen so seltsam schauerlich. Ich glaube,
+ich fürchte mich.
+
+Aber wovor?
+
+Ich wünschte, ich wäre anders geartet; wäre gleichgültiger, dann könnte
+ich ruhig schlafen und säße nicht um vier Uhr morgens am Fenster meines
+Schlafzimmers und starrte mit brennenden, übernächtigen Augen in den
+langsam heraufsteigenden Tag. --
+
+Mein Traum, mein Traum; sollte das seine Lösung sein? Stehe ich jetzt
+vielleicht vor der endlosen Wasserwüste, die mir mein Alles verschlungen
+hat? --
+
+Ich fürchte, ich bin krank, sonst würde ich mich nicht so entsetzlich
+ängstigen -- um ein Nichts vielleicht.
+
+Mein Mann ist wohl längst wieder gesund, und wenn ich ihm meine Sorgen
+erzähle, wird er mich schelten, daß ich so wenig Seemannsfrau bin. Ich
+werde versuchen, noch eine Stunde zu schlafen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich oft noch im Zweifel war, ob ich Werner wirklich liebte, so wie
+man sich Gattenliebe untereinander vorstellt, so sind diese Zweifel
+jetzt geschwunden.
+
+Wäre es nur Dankbarkeit gewesen, ich würde nicht so um sein Leben
+zittern.
+
+Werner, Werner, mein Lieb, mein Alles, wo bist du? Wie lange hörte ich
+nichts von dir! Bist du noch krank? Rufe mich, und ich eile zu dir, um
+dich zu pflegen, und wenn ich durch Welten von dir getrennt wäre. -- Ich
+muß Gewißheit haben, ich ertrage keine Nacht mehr wie die vergangene. --
+
+Und doch, was kann ein Weib tun in meiner Lage! Was kann sie tun? Ein
+Telegramm wird mir Erlösung und Gewißheit bringen. --
+
+ * * * * *
+
+Nun habe ich Gewißheit. Entsetzliche Gewißheit!
+
+Nun liegt es wieder vor mir, das Leben, unnütz und von niemand gewollt.
+Was soll ich damit?
+
+Wem frommt es?
+
+Nun er _tot_ ist!
+
+Tot, der einzige Mensch, der mich geliebt, der an mich geglaubt, der
+mich dem Schlamm entrissen hat.
+
+Ach Mutter, Mutter, warum hast du mich geboren? Wo bist du, um dein Kind
+zu schützen?
+
+Gib ihn mir wieder, Gott, aus deinem Himmel oder nimm auch mich zu dir!
+
+Ich kann nicht mehr -- würde ich doch krank -- könnte ich sterben --.
+
+ * * * * *
+
+Heute habe ich die Sachen meines Mannes bekommen. --
+
+Gestern kam sein Schiff zurück -- ohne ihn -- ohne ihn!
+
+Nur die paar armseligen Sachen bezeugen mir, daß er gewesen. --
+
+Ein kleiner Kasten mit seinen intimen, kleinen Sachen: Briefe -- sein
+Taschenbuch -- seine Brieftasche -- eine Photographie -- meine eigene.
+
+Bin ich das wirklich? Dies unschuldige Gesichtchen mit den großen,
+fragenden Augen? Nein, ich bin es nicht.
+
+Seine Börse, das alte, abgegriffene Ding, von dem er sich nicht trennen
+mochte. Sonst nichts, nichts!
+
+Kein letzter Gruß, kein Zeichen, daß er mein gedacht in seiner letzten
+Stunde.
+
+In seinem Taschenbuch nichts. Aufzeichnungen, mir unverständlich. --
+
+Ist das alles? Ist das das Ende? Es ist unmöglich!
+
+Ein Wort, ein letztes Wort!
+
+Laß mich wissen, ob du noch immer in Liebe mein gedacht.
+
+Der Gedanke läßt mich nicht los, foltert mich bis zu körperlicher Pein,
+daß du freiwillig gingst.
+
+Jene Begegnung im Café -- war sie dir so furchtbar?
+
+Konntest du die Verachtung nicht ertragen, die dein Weib traf?
+
+Erbarme dich, du Unbarmherziger da oben, und gib mir Gewißheit. --
+
+Ah, ein Brief!
+
+Ich kann ihn kaum öffnen, so zittern mir die Finger. Ein Brief von ihm,
+mit zitternder Hand geschrieben:
+
+ »Gott schütze Dich, Liebling! Ich fürchte, ich bin sehr krank.
+ -- Wenn wir uns nicht wiedersehen sollten? -- Lotti, mein süßes
+ Weib, ich habe Dich sehr geliebt. Bleibe gut, wenn ich von Dir gehen
+ sollte. Du bist ein seltenes Geschöpf, laß Dich nicht zerbrechen,
+ laß den Gedanken an mich Dein Leitstern sein, damit Du nicht wieder
+ untergehst. Möchtest Du nicht doch zu Deinen Großeltern gehen? --
+
+ Lottchen, Liebling, seit ich erwachsen bin, habe ich nicht oft
+ an meinen Gott gedacht -- ich hatte ihn fast vergessen; heut' ist er
+ mir nah, darum bin ich gefaßt. Er wird auch Dich beschützen. Was er
+ tut, ist gut. Ich umarme Dich im Geiste und küsse Deinen süßen,
+ warmen Mund und Deine strahlenden Augen.
+
+ Gott schütze Dich!
+ Dein Werner.«
+
+
+Ist das das Ende von meinem Paradies? Es ist ja nicht möglich -- nicht
+möglich!
+
+Er kann mich nicht verlassen haben!
+
+Ist all das warme pulsierende Leben tot? Hinweggeweht?
+
+Wo ist es? Wo ist sein lieber Körper? Wo ist das, was von ihm übrig
+blieb? -- Ich will zu ihm. Wenn ich sonst nichts kann, so will ich an
+seinem Grabe knien und will ihm mein Leid klagen.
+
+Zu ihm, zu ihm! Das soll jetzt meine Aufgabe sein! --
+
+ * * * * *
+
+Ich bin matt bis zum Sterben, und doch ist eine Zentnerlast von mir
+genommen. --
+
+Er ging nicht freiwillig; eine bösartige Mandelentzündung hat ihn
+dahingerafft. --
+
+Die besten Menschen sterben früh, heißt es. An ihm hat es sich
+bewahrheitet.
+
+Er war der Besten einer. -- --
+
+Ich nehme sein Kopfkissen, so wie ich es bekommen, und lege mein müdes
+Haupt darauf. Ich will darauf schlafen heute nacht. Vielleicht kommt er
+zu mir und hält geheime Zwiesprache mit mir.
+
+Ich werde inbrünstig flehen, daß er zu mir kommt.
+
+Ich grabe meinen Kopf in das Kissen, auf welchem er geruht, und denke an
+ihn und seine große Liebe, und er wird kommen und wird mir raten, wohin
+ich mein Lebensschifflein steuern soll. -- Zur Großmutter gehe ich
+nicht; weiß ich doch nicht einmal, ob sie noch lebt. -- --
+
+ * * * * *
+
+Er ist nicht gekommen. All mein Bitten, all mein Flehen war umsonst.
+Niemand kommt wieder, der in jene geheimnisvollen Fernen ging. --
+
+Ich bin allein mit meinem Gram und meiner Liebe.
+
+Er ist tot, und ich habe ihn verloren.
+
+Ich habe oft darüber gelächelt, wenn ich hörte, daß es Leute gibt, die
+vermeinen, sich mit ihren toten Lieben in Verbindung setzen zu können,
+jetzt verstehe ich sie. Auch dieser Wahn ist ein Trost. -- Nur zu mir
+kommt niemand, weder die Mutter noch er.
+
+Und doch wird er unvergessen sein. Er soll leben in meiner Erinnerung
+und in meinem Herzen.
+
+-- Der Tote ist tot und nur der Lebende hat Rechte, sagt man ja wohl.
+Bei mir soll auch der Tote sein Recht behalten. -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich bin so fremd hier geblieben, und das rächt sich jetzt. Kein Mensch
+kommt zu mir, niemand sagt mir ein liebes, tröstendes Wort.
+
+In solchen Zeiten merkt man doch, daß es gut ist, wenn der Mensch zum
+Menschen geht.
+
+Nur vom Kontor kommt ab und zu ein Herr zu mir. Er hat mir auch Werners
+noch ausstehendes Gehalt gebracht und zudem eine kleine Summe, die jede
+Witwe beim Tode ihres Mannes von der Gesellschaft erhält.
+
+Ich bin also nicht ganz mittellos, für einige Monate hätte ich zu leben.
+Aber was dann?
+
+Die Frage wird immer dringender. Das Leben ist brutal in seinen
+Forderungen.
+
+In meinen Schmerz und in meine Trauer drängt sich gewaltsam die Sorge
+ums tägliche Brot. --
+
+ * * * * *
+
+Als ich heute Herrn Rehm meinen Wunsch andeutete, daß ich so gern nach
+drüben an das Grab meines Gatten möchte, macht er mir einen Vorschlag,
+der mir zuerst ganz ungeheuerlich, bei längerem Nachdenken aber gar
+nicht so übel erscheint.
+
+Er meint, ich solle bei der Kompanie als Stewardeß fahren. --
+
+Ein verlockender Vorschlag.
+
+Ich komme umsonst an das Ziel meiner Wünsche, und wenn es mir auf dem
+Schiff nicht gefällt, so kann ich zu jeder Zeit wieder abgehen; eine
+passende Stelle wird sich finden.
+
+Ein unangenehmes Gefühl beschleicht mich zwar, wenn ich an New York
+denke, doch die Verlockung ist zu groß. Und bin ich jetzt nicht gefeit
+gegen alles?
+
+Ein Fall wie der im vergangenen Jahre bei meiner Ausreise kann mir nicht
+wieder passieren. -- --
+
+Nur meine Jugend! Werde ich einem so verantwortungsvollen Posten
+gewachsen sein? -- --
+
+ * * * * *
+
+Die Würfel sind gefallen. Ich komme auf einen neugebauten Dampfer, der
+noch im Herbst seine erste Reise macht. --
+
+Nun habe ich wieder alle möglichen neuen Sorgen.
+
+Die Wohnung aufgeben, ein Zimmer mieten, was nicht so leicht sein wird,
+denn ich will meinen kleinen Pit behalten, und muß mir Leute aussuchen,
+die gut zu ihm sind.
+
+Er ist so klug; alles versteht er. Und wenn ich ihm erzähle, daß
+Frauchen ausgehen muß, dann weint er wie ein Kind. Er kuschelt sich in
+meinem Schoß wie ein Igel zusammen. Es ist doch etwas Lebendes, das ich
+um mich habe. Hoffentlich finde ich gute Pflege für ihn. Es gibt mir
+wirklich ein wenig das Gefühl des Gehobenseins, wenn ich mir sage, ich
+habe für etwas zu sorgen, ich muß Geld verdienen -- und wenn es auch nur
+ein Hund ist.
+
+Nur ein Hund -- man sagt das so -- und welch ein Trost war er mir!
+Wenigstens ein Geschöpf, das mich lieb hatte, das mein war und nicht mit
+unbarmherzigem Forschen nach meiner Vergangenheit fragte.
+
+Oft sind Tiere besser als Menschen.
+
+
+
+
+V.
+
+Als Stewardeß.
+
+
+Eine neue Phase meines Lebens.
+
+Seit drei Tagen bin ich auf der »Nirwana« als Stewardeß. --
+
+Noch kann ich nicht viel sagen, es wäre verfrüht, schon jetzt über
+irgend etwas urteilen zu wollen.
+
+Der Dienst ist nicht so schwer wie ich gedacht. Kranke Damen bedienen,
+ihnen etwas zu essen bringen und sonstige intimere Hilfeleistungen, bei
+denen sie keine männliche Bedienung brauchen können, ab und zu ein Bad
+fertig machen und den Damensalon in Ordnung halten, das wären so bis
+jetzt meine Pflichten. Ob noch andere dazu kommen, muß ich abwarten.
+
+Das einfache schwarze Kleid, das ich trage, habe ich durch einen weißen
+Kragen etwas freundlicher gestalten müssen.
+
+Ich gebe zu, daß das nötig war, man muß doch leicht kenntlich sein
+zwischen den vielen Passagieren, aber es hat so was Zofenmäßiges an
+sich, und das mag ich nicht. --
+
+Meine Kollegin, mit der ich die Kabine teile, ist eine ältere Frau, die
+Witwe eines früheren I. Offiziers der Gesellschaft. Sie hat vier Kinder
+großzuziehen, und da sie bei dem Tode ihres Mannes vollständig ohne
+Mittel zurückgeblieben ist, so hat sie die günstige Gelegenheit benutzt.
+Sie hat recht, was soll eine Frau anfangen, die nichts weiter gelernt
+hat als einen Haushalt zu führen, wenn sie in eine derartige Situation
+gerät? Die Beschäftigung hier kommt der häuslichen am nächsten. --
+
+Und von den weißen Häubchen kann man auch eine andere Auffassung haben.
+Auch Krankenschwestern tragen Häubchen. --
+
+Ja, ja, Frau Marie hat ganz recht, alles hat seine zwei Seiten. --
+
+ * * * * *
+
+Alles hat seine zwei Seiten, das merke ich auch im Dienst.
+
+Ich bin in Trauer um meinen Mann, der kaum zehn Wochen tot ist, aber das
+hält die Männer nicht ab, mich mit begehrlichen Blicken zu verfolgen.
+
+Ich tue doch nun gewiß nichts, um sie zu ermuntern, aber auch gar
+nichts. Ich war so ruhig, so zufrieden. Mein schwarzes Kleid schien mir
+Schutz genug zu sein.
+
+Oft muß ich denken, ob ich wohl etwas Besonderes an mir habe, das die
+Männer reizt? Ich bin doch nicht anders in meinem Auftreten als andere
+Frauen auch.
+
+Haben die Männer eine besonders feine Nase für gewisse Dinge? Es ist
+doch beinahe ein Jahr, daß ich aus jener Atmosphäre heraus bin. --
+
+Aber nein, ich brauche keine Angst zu haben, niemand weiß etwas, niemand
+kann etwas wissen. --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe meiner Kollegin meine Not geklagt. Sie sagt, das mache meine
+Jugend und Schönheit. --
+
+Also muß ich wirklich schön sein, wenn sogar die Geschlechtsgenossinnen
+es unumwunden zugeben.
+
+Ich könnte stolz darauf sein, denn Schönheit ist bekanntlich die größte
+Macht eines Weibes. Aber Schönheit ist auch eine Gefahr, und für mich
+war sie die letztere. --
+
+Gewiß, wer klug ist und seine Waffen und Mittel zu gebrauchen versteht,
+aber ich war bislang eben nicht klug. -- Doch werde ich mir jetzt Mühe
+geben, es zu sein.
+
+Ich bin jetzt alt genug, habe genug durchgemacht, und wenn ich wirklich
+noch etwas Gutes und Nützliches aus meinem Leben zimmern will, so ist es
+Zeit. --
+
+Ich muß für mich selbst denken und handeln, ich muß das Andenken meines
+Mannes ehren.
+
+Mittwoch sind wir in New York, an seinem Grabe werde ich beten. Nicht zu
+Gott, dem Unsichtbaren, der mich bisher immer verlassen, nein, zu ihm,
+zu Werner, zu meinem Retter. -- --
+
+ * * * * *
+
+Gestern war ich endlich bei ihm.
+
+Sie haben ihn schön gebettet, und noch waren die Schleifen und Kränze
+nicht zerstört, die man ihm von allen Seiten dargebracht hatte.
+
+Lange habe ich an seinem Grabe gekniet und leise Zwiesprache mit ihm
+gehalten. Er hat mich gehört und verstanden.
+
+Mir war ganz anders zu Sinn, so froh, so voller Zuversicht ging ich auf
+den Weg.
+
+Er wird mir beistehen, sein Geist wird um mich sein. -- --
+
+ * * * * *
+
+Wir haben nicht viel Passagiere, ich bin also nicht sehr beschäftigt.
+Ich bin froh, daß die Tage in New York vorüber sind, ich hatte doch
+immer noch etwas Furcht, obgleich es ja Unsinn ist. --
+
+Und wenn mich wirklich jemand erkannt hätte, was wollten sie mir tun?
+Überhaupt, wo drüben die Frauen so viel Rechte haben -- das heißt --
+wenn sie frei sind und Gebrauch davon machen können; denn ich habe
+damals sehr wenig davon bemerkt. --
+
+Ich habe mich schon ganz nett eingearbeitet. Der Kapitän ist ein
+vornehmer alter Herr, der mir immer sehr freundlich zunickt, wenn er mir
+mal begegnet.
+
+Auch der Obersteward, mein direkter Vorgesetzter, ist ganz nett. Sie
+haben alle Mitleid mit mir, weil ich nach so kurzer Ehe und so jung
+schon auf mich selbst angewiesen bin.
+
+Überhaupt finde ich, die Männer können unter Umständen ganz nett sein,
+wenn sie nur nicht immer gleich das Weibchen in der Frau suchen würden.
+-- --
+
+ * * * * *
+
+Unter den Passagieren ist ein Rechtsanwalt aus Patterson; schon am
+dritten Tage machte er mir einen regelrechten Heiratsantrag. Er will
+meinetwegen wieder mit der »Nirwana« zurück, dann will er mich auf einen
+Tag abholen, will mir sein Haus zeigen usw. Ich sage zu allem ja. Er
+kann lange warten; lieber gehe ich nach der Reise gar nicht an Land. --
+
+Gebranntes Kind scheut's Feuer. --
+
+Auf Steuerbordseite in Nr. 65 wohnt ein berühmter Sänger mit seiner
+Frau. Er ist in Amerika auf einer Gastspieltournee gewesen.
+
+Gestern hatten wir etwas hohe See, da war seine Frau krank, und ich
+mußte verschiedene Male zu ihr ins Zimmer.
+
+Gegen Abend traf ich auch den berühmten Mann. Er war sehr freundlich
+und sagte dann zu seiner Frau: ich sei viel zu schade für dieses Leben
+hier, ob ich kein Talent hätte, um zur Bühne zu gehen. Ich hätte eine
+wundervolle elegante Figur und sei sehr schön. --
+
+Seine Frau schalt ihn aus und sagte, er solle mir keine Dummheiten in
+den Kopf setzen. --
+
+Eifersüchtig scheint sie aber nicht zu sein.
+
+Sie hat mich dann gefragt, wie es komme, daß ich so jung schon einen
+solchen Platz einnehme, da habe ich ihr von meiner kurzen Ehe und von
+meinem Verlust erzählt; das, was vorherging, habe ich verschwiegen.
+
+Sie sagte, ich sei sehr tapfer. Ob ich gar keine Angehörigen mehr habe?
+Ich sagte: Nein.
+
+Wozu soll ich mehr sagen? Ich muß lernen, Herz und Zunge im Zaume zu
+halten. -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe mir in der Bibliothek etwas zu lesen geholt. Die Abende sind so
+lang, wenn man nicht genug zu tun hat, und für Handarbeiten war ich nie.
+
+Es ist ein englisches Buch und heißt: Wenn die Liebe stirbt.
+
+Eigentlich schrecklich, dieses langsame gegenseitige Erkalten zwischen
+zwei Menschen, die sich einst so heiß geliebt.
+
+Ist das immer so? Und muß das sein?
+
+Dann müßte ich ja glücklich sein, daß Werner von mir gegangen ist.
+Unsere Liebe war neu, groß, noch täglich im Wachsen.
+
+Sie war wie ein Sonnenaufgang.
+
+Zuerst war ich noch furchtsam und glaubte nicht an mein Glück, bis es
+dann strahlend wie das Sonnenwunder vor mir stand.
+
+Aber doch -- etwas länger hätte es schon währen dürfen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Wieder zu Hause. Ich habe mich so über meinen kleinen Pit gefreut, daß
+ich wohl geweint habe. Wie war das Tier glücklich! Es konnte mir gar
+nicht genug seine Freude und Liebe zeigen; den ganzen Abend ist es nicht
+von meinem Schoß gegangen. Und fein war Pit! Frau Meyer hatte ihm extra
+ein blaues Schleifchen umgebunden. -- --
+
+Ich könnte nun eigentlich ganz zufrieden sein; verdient habe ich auch
+ganz schön -- aber trotzdem, bleiben werde ich nicht in dieser Stellung.
+Ich betrachte sie nur als Übergang.
+
+Ich werde mir etwas Geld sparen, da ich meine Kost an Bord habe, brauche
+ich ja wenig, und ich will mich offenen Auges umsehen, um vor allen
+Dingen einige Bekanntschaften zu machen. --
+
+Wenn ich mit einer älteren Dame aus der ersten Kajüte gehen könnte, wäre
+es das beste.
+
+Ich muß doch wieder drüben bleiben, so böse mir auch das erste Mal die
+Neue Welt mitgespielt hat. Nur drüben ist die Möglichkeit für mich, hoch
+zu kommen.
+
+Man wird doch nicht so sehr nach dem Woher und Wohin gefragt wie in
+Deutschland. --
+
+ * * * * *
+
+Weihnacht auf See.
+
+Es war wunderschön. In jedem Salon war ein Baum auch im Zwischendeck und
+in den Mannschaftsräumen.
+
+Im ersten Salon ging der Baum bis hinauf durch das große Skylight.
+
+Die Musik spielte überall den Weihnachtschoral, der Kapitän hielt eine
+kleine Ansprache, es war wirklich wunderschön.
+
+Ich habe natürlich geweint, ganz furchtbar, ich mußte der beiden
+vergangenen Weihnachten gedenken. --
+
+Als alles vorüber war, habe ich mir ein Tuch umgeworfen und bin noch für
+einige Augenblicke auf Deck gegangen.
+
+Die Nacht war kalt und klar. Kein Wind und kein Schnee, hoch und rein
+wölbte sich der Himmel über der unendlichen Weite. --
+
+Es sind meine schönsten Augenblicke, die ich mir auch beim schlechtesten
+Wetter nicht nehmen lasse.
+
+Auf dem Bootsdeck ist ein wunderschönes Plätzchen zwischen dem
+Maschinenskylight und dem Rauchzimmer. Hier ist es stets geschützt, auch
+bei dem schlechtesten Wetter.
+
+Hier kann ich Ich sein. Hier auf diesem stillen Plätzchen, um mich die
+Unendlichkeit, läßt es sich träumen. Mir ist dann, als ob meine Seele
+Schwingen bekäme und über die Wellen eilte, um gleichgestimmte Genossen
+zu suchen. --
+
+Wenn schlechtes Wetter ist, schlinge ich den Arm um den eisernen Pfeiler
+und lasse mich von den Wellen hin und her wiegen.
+
+Es ist ein Gefühl des Gehobenseins in mir. Losgelöst von aller
+Erdenschwere schwebe ich mit meiner Seele über die unendlichen
+Weiten. --
+
+Heut' ist niemand auf den Decks. Was noch nicht schläft, sitzt in den
+Rauchzimmern und feiert Weihnachten. -- --
+
+Auch ich feiere Weihnacht -- heimlich und still mit meinem Liebsten. Ob
+er wohl um mich ist heute? Und du, Mutter?
+
+Ob die abgeschiedenen Seelen sich begegnen im unendlichen Raum?
+
+Dann müßten jene beiden, die mir die liebsten waren auf dieser Welt,
+zusammen sein. --
+
+Ich muß so viel an das denken, was hinter jenem undurchdringlichen
+Vorhang liegt, seit er von mir ging. Und doch werde ich auch mit all
+meinem Grübeln nichts erforschen.
+
+Ist es nicht, als ob jemand auf mich zuschritte, als ob eine strahlende
+Gestalt auf dem hellen Streif stünde, der über dem Wasser liegt? -- Und
+der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Kinderglaube -- du bist so
+tröstlich. --
+
+Ich bin müde, so müde! Ich will schlafen gehen. --
+
+Ich weiß nicht -- ich war immer so gesund und stark. Hunger und Schlaf
+verließen mich auch in den schlimmsten Lagen meines Lebens nicht, und
+nun? Ich grüble und habe schlaflose Nächte.
+
+Was ist mit mir?
+
+ * * * * *
+
+Wir haben diese Reise einen Pfarrer an Bord, einen behäbigen Herrn in
+mittleren Jahren.
+
+Leider widmet er meiner Person mehr Aufmerksamkeit als mir lieb ist. Er
+scheint zu glauben, daß die Pflichten einer Stewardeß, noch dazu wenn
+sie jung und hübsch ist, sich auch auf ein anderes Gebiet erstrecken.
+
+Er ist strenger Temperenzler -- nur Champagner trinkt er ziemlich viel
+-- because the Doctor says so.
+
+Gestern abend ist er mir auf Deck gefolgt und hat mir einen kleinen
+Vortrag über seine Gesundheit gehalten, und was ihm außer dem Champagner
+der Arzt noch verordnet hat.
+
+Dann lud er mich zu einem Glase Sekt ein. Ich lehnte ab, auch sein
+anderes Angebot mußte ich leider ablehnen.
+
+Ich fühlte ganz und gar kein Bedürfnis, bei dem geistlichen Herrn als
+Medizin zu fungieren. --
+
+Aber natürlich ist mir mein Erholungsplätzchen für diese Reise
+verleidet. --
+
+Wir legen auf -- vielmehr das Schiff legt auf --: vier Wochen. Ich
+könnte mich eigentlich auch ein wenig freuen und im Grunde meines
+Herzens tue ich es wirklich, denn es ist doch ganz schön, wenn man
+wieder einmal ganz sich selbst gehört, nur wird diese Auflegezeit wieder
+ein kleines Loch in meine Ersparnisse reißen.
+
+Ein paar hundert Mark habe ich doch schon zusammen, zum Drübenbleiben
+langt es aber noch nicht. Und die Gelegenheit, mit einer Dame zu gehen,
+hat sich noch nicht geboten. --
+
+Ich werde in diesen Wochen allerlei ordnen. Vor allen Dingen muß ich
+Werners Sachen einmal gut durchsehen. Ich muß mich über mich selbst
+wundern, daß ich so ruhig sein kann bei diesem Gedanken. Vor einigen
+Monaten hätte ich nichts anrühren können ohne vor Schmerz zu vergehen.
+Und nun! Sein liebes Bild rückt in immer weitere Fernen.
+
+Die Zeit ist doch die beste Trösterin. Nie hätte ich geglaubt, als ich
+mein Haupt verzweiflungsvoll in sein Kissen grub, daß ich einmal wieder
+so ruhig an ihn denken könnte.
+
+Oder bin ich gar nicht fähig, die rechte Liebe zu empfinden und Treue zu
+halten? Bald werde ich an mir selbst irre.
+
+Ist ein Weib wirklich ein so sonderbares, unergründliches Geschöpf, wie
+die Buddhisten sagen?
+
+Sind andere Frauen besser oder sind sie nur klüger?
+
+ * * * * *
+
+Es ist totenstill im Hause. Die Wirtsleute sind aus, und ich bin ganz
+allein. Pit liegt auf meinem Schoß, und ich freue mich der Nähe des
+kleinen, warmen Geschöpfes.
+
+Soeben las ich in einem französischen Buche den Satz: Glücklich sein ist
+eine Kunst. -- Eine Kunst? Ich habe geglaubt, es sei ein Geschenk der
+Götter.
+
+Ich bin leider kein Liebling der Götter! -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich werde aufatmen, wenn die Auflegezeit vorüber ist. Ich bin nicht
+geschaffen für ein stilles, ruhiges Leben ohne Zweck und Ziel. --
+
+Als Werner noch lebte, drehte sich alles um ihn. Was ich tat, tat ich
+für ihn und freute mich immer, wenn alles recht schön bei seiner
+Heimkehr war.
+
+Jetzt hab' ich niemand, für den ich sorge, nur meinen kleinen, süßen
+Pit, und der braucht so wenig.
+
+ * * * * *
+
+Wieder auf der Fahrt. Ich bin froh, daß die einsamen Tage vorüber sind.
+Es geht auf das Frühjahr zu, und wie alle an Bord sagen, gibt es nun
+bald viel zu tun. Schon mit dieser Reise beginnt der Passagierandrang
+von drüben.
+
+Mir ist es recht. Denn erstens habe ich dann keine Zeit zum Grübeln, und
+die Unruhe in mir wird durch die Arbeit zum Schweigen gebracht, und
+zweitens verdiene ich hoffentlich bald recht viel Geld und komme meinem
+Ziele immer näher. -- --
+
+ * * * * *
+
+Seit Tagen fühle ich mich nicht recht wohl. Es ist eine Hitze im Schiff
+zum Ersticken, an Schlaf ist kaum zu denken.
+
+Dazu diese Unruhe in mir! Ich fühle mich so unsicher, eine unbestimmte
+Sehnsucht quält mich, wonach? -- -- --
+
+Ich will meinen Schlafrock überwerfen, um noch ein Stündchen auf Deck zu
+gehen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Das hilft immer. Es ist etwas Großes um diese unendliche Einsamkeit. Nur
+das Stampfen der mächtigen Riesen im Innern des Schiffes stört. Wie
+schön muß es auf einem Segler sein!
+
+ * * * * *
+
+Ich bin in einer schrecklichen Stimmung in diesen Tagen.
+
+Unzufriedenheit, Mitleid mit mir selbst und ein unbestimmtes Sehnen
+liegen mir wie eine Krankheit in den Gliedern.
+
+Und habe ich nicht recht, Mitleid mit mir zu haben? Ist es nicht
+wirklich etwas Bedauernswertes, so ein einsames, verlassenes, junges
+Geschöpf, wie ich es bin?!
+
+Ein wenig Liebe, ein wenig Güte und Selbstlosigkeit würden mir gut tun,
+aber wo sie finden?
+
+Man sagt: die Jugend ist nur glücklich in der Erwartung all des Großen
+und Schönen, was das Leben bringen soll, und das Alter ist glücklich,
+daß alles vorüber ist. --
+
+Ich habe nicht bemerkt, daß ich jung war, soll ich mir wünschen, alt zu
+sein? -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe eine neue Bekanntschaft gemacht.
+
+Ein Deutschamerikaner, der zu Besuch nach der alten Heimat geht. Vom
+ersten Tage an habe ich bemerkt, daß er nach mir sah, wenn ich über Deck
+oder durch den Salon ging.
+
+Schon zu verschiedenen Malen hat er versucht, mit mir zu sprechen. Seine
+Augen hängen voll unverhohlener Bewunderung an meinem Gesicht. Wenn er
+jetzt wieder mit mir anfängt, werde ich ihn fragen, warum er ohne seine
+Frau reist.
+
+Ich muß auf der Hut sein, nicht noch einmal darf ich das Recht zu
+Selbstvorwürfen haben. --
+
+ * * * * *
+
+Mr. Siegel ist nicht verheiratet. Ich habe ihn gefragt, als er heute mit
+mir zu sprechen anfing.
+
+Ich glaube, er hatte mich abgefangen, als ich von der alten Frau
+Fletcher kam. Sie ist so krank, daß sie gar nicht aus dem Bett kann, ich
+muß sie nun immer für die Nacht fertig machen und tue das meist so gegen
+neun Uhr. --
+
+Als ich nun vorhin von der alten Dame kam, stand Mr. Siegel vor dem
+Salon und wartete.
+
+Er fragte sofort, warum ich ihm aus dem Wege gehe.
+
+Er scheint ziemlich gerade auf sein Ziel los zu steuern.
+
+Ich sagte ihm, daß ich mich nicht entsinnen könne, ihm aus dem Wege
+gegangen zu sein, ich wüßte aber auch nicht, daß es zu meinen Pflichten
+gehöre, mich mit den Herren zu beschäftigen. -- --
+
+»Sie wissen ganz genau, was ich von Ihnen will. Sie wissen, daß ich Sie
+suche vom ersten Tage an. Sie müßten kein Weib sein, wenn Sie das nicht
+bemerkt hätten.«
+
+»Und wenn ich es bemerkt hätte? Was dann?«
+
+»Dann müssen Sie einen Grund haben, mir auszuweichen. Bin ich Ihnen
+unsympathisch?«
+
+»Das weiß ich nicht! Darüber nachzudenken hatte ich keine Gelegenheit.
+Im übrigen kann es Ihnen ja auch gleichgültig sein, ob ich Sie gern oder
+weniger gern mag. In einigen Tagen sind wir in Europa, dann gehen Sie
+fort und denken nicht mehr an uns hier. Und für uns kommen andere
+Passagiere, so daß auch wir nicht mehr lange über die Fortgegangenen
+nachdenken können.«
+
+»Ich werde aber an Sie denken! Und damit auch Sie mich nicht so rasch
+vergessen, gebe ich Ihnen hier ein kleines Andenken. In zwei Monaten
+komme ich zurück, ich hatte eigentlich schon einen Platz auf dem
+»Moltke« belegt, aber das mache ich sofort rückgängig. Ich fahre wieder
+mit diesem Dampfer.«
+
+»Das wird wahrscheinlich nichts werden; wir sind ausverkauft bis zum
+Herbst hinein.«
+
+»Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer auf dem Sofa schlafen
+soll, ich komme schon mit.«
+
+Es kamen Passagiere, und ich lief durch den Salon, unwillkürlich das
+lange, flache Kästchen, das Mr. Siegel mir in die Hand gedrückt hatte,
+unter der Schürze verbergend.
+
+Ich lief in mein Zimmer; ich war neugierig, was es war.
+
+Eine wunderhübsche kleine Tasche aus rötlichem Leder mit altsilbernen
+Beschlägen -- so wie sie die Damen in Amerika statt des Portemonnaies
+tragen, war in dem Kasten. Wunderhübsch! Ja, aber -- warum habe ich es
+angenommen? Ich darf das Ding doch nicht behalten, auf keinen Fall! Und
+wie kommt dieser Mensch dazu, mir ein solches Geschenk zu machen? Ob er
+die Tasche an Bord gekauft hat? Oder drüben?
+
+Einerlei, was geht es mich an. Sofort morgen früh werde ich mich
+erkundigen, wo er wohnt, und werde ihm die Tasche durch seinen
+Zimmersteward wieder zurückgeben lassen.
+
+Schade! Sie ist reizend! -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich war noch ein Stündchen auf Deck. Ach, es ist wundervoll.
+
+Allein mit der Natur! Gibt es etwas Erfrischenderes als diese herbe,
+kräftige Seeluft? Wenn man barhäuptig dasteht und sich anblasen läßt?
+
+Ich fühle mich dann wie ein Mann, stark, kräftig, unternehmungslustig.
+Ach ja, ein Mann! Ich möchte ein Mann sein. Ein Seemann!
+
+Fechten mit Sturm und Wetter. Die Kräfte messen an den Aufgaben, die
+Natur und Technik uns stellt. --
+
+Aber ich bin nur ein Weib -- ein schwaches Weib -- wie man sagt.
+
+Warum sind wir schwächer als die Männer?
+
+Und sind wir es denn wirklich?
+
+Könnte ich nicht ebensogut mit Ölrock und Südwester da oben stehen, wie
+der vierte Offizier, dieser kleine dicke Junge, der aussieht wie ein
+recht gut gefüttertes Muttersöhnchen?
+
+Aber nein, ich bin ein Mädchen, ich muß recht schön hier unten bleiben,
+muß zufrieden sein, wenn ein Mann sich herbeiläßt, mir seine
+Aufmerksamkeit zu schenken. --
+
+Der Teufel hole sie alle! Was will nun dieser Siegel wieder von mir?
+Warum stört er meine Ruhe?
+
+Ich könnte ihn schon leiden, er ist ein rechter Mann. --
+
+Ein offenes, schönes Auge, kurzes, starkes Haar und einen wunderhübschen
+Mund, eigentlich viel zu schön für einen Mann.
+
+Auch seine ganze Art und Weise gefällt mir.
+
+Wie alt er wohl sein mag? Nicht mehr sehr jung. Fünf-, sechsunddreißig?
+Viel zu alt für mich mit meinen achtzehn Jahren. -- Lotte, Lotte, wohin
+verirrst du dich! Geh schlafen, dann vergehen dir die dummen Gedanken.
+-- --
+
+ * * * * *
+
+Der Steward hat mir die Tasche wiedergebracht, Mr. Siegel kenne sie
+nicht; es sei wohl ein Irrtum. --
+
+Nun liegt sie wieder in meiner Koje. Was mache ich damit? Ich kann das
+hübsche Ding doch nicht einfach über Bord werfen! Der Mann zwingt mich
+wirklich dazu, an ihn zu denken. --
+
+ * * * * *
+
+Morgen kommen wir an. Mr. Siegel hat mich diese Tage nicht wieder
+angesprochen, nur heute abend war er mir auf Deck gefolgt.
+
+Er muß doch also gewußt haben, daß ich abends immer noch nach oben gehe.
+Nett von ihm, daß er mich bis jetzt nicht gestört hat. Er will allen
+Ernstes mit uns zurück und hofft, daß ich dann etwas liebenswürdiger zu
+ihm bin.
+
+Ich habe ihm gesagt, daß ich niemals anders zu ihm sein würde. Überhaupt
+solle er mich in Ruhe lassen. Die Männer seien alle schlecht, er auch --
+gewiß, er auch! --
+
+»Liebes Kind, wer sagt Ihnen, daß die Männer so schlecht sind? Haben Sie
+so früh schon böse Erfahrungen gemacht?«
+
+Ich antwortete nicht. Ich wurde ganz verlegen -- -- wenn er wüßte -- --!
+
+»Ich habe gehört, daß Ihnen Ihr Mann nach kurzer Ehe gestorben ist. War
+er nicht gut zu Ihnen? Undenkbar!«
+
+»Oh, mein Mann!« rief ich, und stockte, in diesem Ausruf lag schon viel
+zu viel. --
+
+»Ich will Ihnen jetzt Lebewohl sagen,« fuhr Mr. Siegel fort. »Lebewohl
+und auf Wiedersehen. Denn ich werde Sie wiedersehen. Und versuchen Sie
+einstweilen, ohne Vorurteil an mich zu denken. Ich war bis jetzt noch
+nie schlecht gegen eine Frau. -- Ich hatte keine Zeit, mich mit ihnen zu
+beschäftigen, weder im Guten noch im Bösen. Jetzt habe ich Zeit, da
+dürfen Sie es mir nicht verdenken, wenn ich mich freue, daß mir ein
+solches Prachtexemplar in die Hände läuft. Doch nun Adio. Auf
+Wiedersehen in acht Wochen.«
+
+Er gab mir nicht die Hand, er zog nur seinen Hut und blieb stehen, bis
+ich die Treppe zum Bootsdeck hinauf war. --
+
+ * * * * *
+
+Zwei Stunden später.
+
+Ich kann wieder mal nicht schlafen. Ich liege und simuliere und grüble,
+bis mir die Schläfen hämmern.
+
+Diese Männer! Warum beunruhigt mich nur das alles? Was will er von mir?
+
+Welche Frage! Was sie alle von uns wollen. Außer ihm, außer Werner.
+
+Schütze du mich, Liebster, schütze mich vor mir selbst, vor meinen
+eigenen, jungen, sehnsüchtigen Gedanken. --
+
+ * * * * *
+
+Herrn Siegel habe ich nicht mehr gesehen bei der Ankunft. Es war solch
+ein Trubel. Die Empfangs- und Zollhalle ist viel zu klein bei so vielen
+Passagieren.
+
+Ein prachtvoller Rosenstrauß wurde mir heute früh von einem
+Gärtnerburschen gebracht.
+
+Nur eine Karte war dabei. »C. W. Siegel« -- sonst nichts.
+
+Herr Siegel sorgt also dafür, daß ich ihn nicht vergesse. --
+
+Mein kleiner Pit freut sich immer, wenn ich komme. Es ist merkwürdig,
+wie anhänglich so ein Tier ist.
+
+Es ist für mich ein Trost, doch etwas zu haben, was mir ganz und gar
+gehört; ich möchte mich nie von ihm trennen, ist es doch auch noch ein
+Stück Erinnerung an mein kurzes Eheglück. --
+
+ * * * * *
+
+Seit drei Tagen sind wir wieder auf See.
+
+Ich habe diesesmal ein kleines, dreijähriges Mädchen in meinem Zimmer,
+ein reizendes, kleines Ding.
+
+Die Mutter ist in New York und erwartet dort ihren Liebling.
+
+Eine ältere Dame brachte das Kind in Southampton an Bord. Ich habe sehr
+viel zu tun, jede freie Minute muß ich dem Kinde widmen. Es ist nur gut,
+daß wir nach drüben zu jetzt nicht so viel Passagiere haben, so bleibt
+mir doch etwas mehr Zeit für die Kleine. --
+
+ * * * * *
+
+Tagsüber setze ich die Kleine oft ein Stündchen in den Damensalon. Die
+Damen beschäftigen sich dann alle gern ein wenig mit ihr, und ich kann
+in dieser Zeit etwas anderes erledigen. Auch ein Herr ist zwischen den
+Passagieren, der sich oft eine ganze Weile mit dem Kinde beschäftigt.
+
+So nett und lieb spielt er mit ihm, wie ich es einem Manne gar nicht
+zugetraut hätte. Heute Nachmittag habe ich ihm eine Zeitlang zugesehen,
+ohne daß er mich bemerkte. --
+
+Mir kam Werner in den Sinn. Wie schön, wenn mir dieses Glück beschieden
+gewesen wäre. --
+
+Vorbei -- für mich scheint kein ruhiges Glück im Schoße der Zeit zu
+harren. --
+
+ * * * * *
+
+Heute morgen um zehn Uhr waren wir bei Sandy Hook Feuerschiff und
+sollten schon gegen zwölf Uhr am Pier in Hoboken sein.
+
+Aber es wurde nachmittags zwei Uhr, ehe wir anlegten. Wie auf Bestellung
+kam ein Nebel, dick wie ein Londoner Novembernebel.
+
+Wir mußten warten, bis es sich wenigstens ein klein wenig aufgeklärt
+hatte, um durch die hier stets massenhaft aus- und einfahrenden Schiffe
+durchzukommen.
+
+Schrecklich ist so eine Verzögerung. Die Passagiere stellen sich dann
+an, als wäre der Kapitän und die ganze Schiffsbesatzung für das Wetter
+verantwortlich, und sie verlören durch die kleine Verzögerung mindestens
+ein halbes Vermögen.
+
+Unangenehm ist das Warten ja, aber am unangenehmsten doch für die am
+Pier stehenden Angehörigen. Diesesmal speziell für die in Angst und
+Sorge wartende Mutter der kleinen Elsie.
+
+Sie stand unten, als das Schiff anlegte. Ich hatte das Kind auf dem Arm
+und lehnte mich an die Reeling. Durch ihr heftiges Winken wurde ich
+aufmerksam und zeigte der Kleinen die Mutter, doch das Kind schien sie
+nicht mehr zu kennen.
+
+Der Steg war noch nicht fest, da versuchte die Mutter als erste
+heraufzulaufen; man hielt sie fest. Der erste Offizier, der am Fallreep
+stand, hatte Mitleid mit der Ärmsten und holte sie herauf.
+
+Nie werde ich den Schrei vergessen, mit dem sie auf mich zustürzte. Sie
+wollte mir das Kind aus dem Arm nehmen, brach aber buchstäblich vor
+meinen Füßen zusammen. --
+
+O, Mutterliebe, du rätselvolles Heiligtum, wirst du auch mir noch
+aufgehen? -- --
+
+Den Bemühungen des Arztes gelang es bald, die junge Frau zur Besinnung
+zu bringen. Sie saß dann noch ein Stündchen im Damensalon, ihr kleines
+Mädchen neben sich, und freute sich, es glücklich hier zu haben.
+
+Sie wußte gar nicht, wie sie mir danken sollte, daß ich ihr ihren
+Liebling gebracht.
+
+Als sie fortging, wollte sie mir etwas geben -- Geld -- ich habe es
+nicht genommen. So gern ich Geld verdiene, hier war es mir unmöglich,
+etwas zu nehmen. Die Frau sah überdies nicht danach aus, als ob sie mit
+Glücksgütern allzu reichlich gesegnet sei. --
+
+Sie will mich in den nächsten Tagen noch einmal besuchen. Darauf freue
+ich mich.
+
+ * * * * *
+
+Mr. Siegel hatte ich ganz vergessen über meinem kleinen Passagier. Heute
+wurde ich wieder an ihn erinnert.
+
+Ein Korb wundervoller Rosen wurde für mich abgegeben. Alle
+tiefdunkelrot. -- Der Brief, der die Bestellung enthalten hat, muß mit
+uns gegangen sein.
+
+Es ist doch wirklich zu reizend von ihm! Aber -- Vorsicht! War nicht
+Herbert Smith auch sehr aufmerksam?
+
+Wir sind in Amerika, im Lande der Freiheit!
+
+Man hüte sich also!
+
+ * * * * *
+
+Wir haben noch mehr Passagiere auf der Rückfahrt als wir erwartet
+hatten. Alles drängt aus diesem Fegefeuer fort. Uns wird es schon die
+paar Tage zu viel.
+
+Im Pier ist aber die Hitze auch zeitweise unerträglich.
+
+Kein Luftzug, dazu nachts diese hochbeinigen Plagegeister, die
+Moskitos. --
+
+Am Tage vor der Abfahrt war ein Kohlenzieher an Land gewesen und hatte
+des Guten etwas zuviel getan; in seinem Dusel legt er sich zwischen die
+Warenballen im Pier und schläft ein.
+
+Am andern Morgen konnte er nicht aus den Augen sehen, so zerstochen war
+er. Sein Gesicht sah aus wie eine riesige Melone. --
+
+ * * * * *
+
+Bald sind wir wieder daheim. --
+
+Ich bin wirklich begierig, ob mich auch da wieder ein blühender Gruß
+erwartet. Es würde mir etwas fehlen, wenn dem nicht so wäre..........
+
+Dieser Mann kennt die Frauen, obgleich er sagt, daß er bis jetzt noch
+keine Zeit für sie gehabt habe. --
+
+Ich kann mich gar nicht mehr darauf besinnen, was er für Augen hat. In
+den Augen liegt das Herz........
+
+Ich bin eine zu schlechte Menschenkennerin, da wird es mir wohl mit den
+Augen ebenso gehen. --
+
+ * * * * *
+
+Wir haben nichts Besonderes an Bord diese Reise. Nach und nach habe ich
+mich auch schon so eingelebt, daß ich gar nicht mehr nach dem Einzelnen
+hinsehe.
+
+Irgend etwas passiert ja jede Reise. Auch nette Damen, die den Herren
+gern gefällig sind, gibt es fast immer dabei, man wird als Stewardeß
+doch so manches gewahr. --
+
+Ich bin ja nun auch nicht mehr so dumm. --
+
+Diesesmal ist in Nr. 42 eine Jüdin, ein schönes, üppiges Weib, ich
+möchte darauf wetten, daß der Geigenvirtuose aus Nr. 10 nicht nur zu
+einer Tasse Tee zu ihr geht, wenn er abends um zehn Uhr immer so rasch
+ins Zimmer schlüpft. -- --
+
+ * * * * *
+
+Morgen sind wir da. Ich bin ganz unruhig vor lauter Erwartung, ob ein
+duftender Gruß da ist.
+
+Dieser böse Mensch bringt mit seinen Rosen meine ganze, mühsam
+erzwungene Ruhe wieder in Aufruhr.
+
+Was er wohl ist? Ob er ein Geschäft hat? Oder vielleicht Farmer? Das
+wäre schön! Ich mochte immer gern auf dem Lande sein, nur einmal hatte
+ich Sehnsucht nach der Stadt. --
+
+Aber was fällt mir denn ein! Ich glaube, ich träume wachenden Auges. Was
+geht es mich an, was dieser Mann ist?
+
+Aber seine Rosen sind doch schön.
+
+ * * * * *
+
+Rote Rosen! Rot wie Rubinen oder wie Blutstropfen, die aus dem Herzen
+eines liebenden Weibes strömen.
+
+Gleich bei meiner Ankunft wurde mir ein Korb gebracht.
+
+Ich war ordentlich zufrieden als sie ankamen. Als ob ich ein Recht
+darauf hätte.
+
+Das Herz ist ein sonderbares Ding, die besten Vorsätze wirft es über den
+Haufen. --
+
+Ich will noch bis Oktober fahren, dann bleibe ich drüben. --
+
+Ich werde auf dieser Reise einmal zu den Pfarrersleuten gehen in der II.
+Avenue; die sind lange im Lande, über dreißig Jahre, die werden mir
+gewiß raten.
+
+Bis jetzt war ich noch nicht ein einziges Mal in New York; es war mir
+immer noch etwas unbehaglich bei dem Gedanken. Nur Hoboken und der
+Kirchhof auf dem Berge, das waren meine Ausgehziele.
+
+Nach Werners Grab mochte ich die letzte Zeit gar nicht. Ich hatte ein
+schlechtes Gewissen. -- Ich habe immer das Gefühl, als ob Werner es
+wissen müßte, daß ich ihm untreu war, wenn auch nur in Gedanken. Doch
+wenn er es weiß und als verklärter Geist oder als Astralkörper um mich
+ist, dann wird er auch mein Inneres kennen, wird die Leidenschaften und
+Triebe verstehen, die die Natur in mich gelegt -- und mir verzeihen. --
+
+ * * * * *
+
+Der Rechtsanwalt ist diese Reise wieder hier.
+
+Er kam gleich auf mich zu, als die Passagiere ankamen, und schien sich
+wirklich zu freuen.
+
+Es kann ja sein, daß er ein ganz guter Mensch ist und absolut nichts
+Böses mit mir im Sinne hat, aber nach meiner schlimmen Erfahrung von
+damals sehe ich beinahe in jedem männlichen Wesen einen Schuft. --
+
+Wir haben auch schon wieder allerlei Passagiere nach drüben zu, da die
+Heimkehr der Vergnügungsreisenden bereits wieder einsetzt. --
+
+ * * * * *
+
+Abends elf Uhr.
+
+Ich habe wieder einmal ein Stündchen auf meinem Lieblingsplätzchen
+gesessen. Wir haben so wunderbar schönes, klares Wetter, daß man meint,
+die hellen, leichten Wölkchen, die da und dort eilend am Himmel
+hinziehen, wären von der Hand eines gottbegnadeten Künstlers auf diesen
+durchsichtigen Hintergrund gemalt.
+
+Mit sehnsüchtigen Blicken folgen ihnen meine Augen.
+
+Was drängt und treibt in meiner Brust? Wo liegt für mich die Zukunft?
+Die Zukunft und das Glück?
+
+Wenn ich nur nicht mehr so gar jung wäre! Wie ruhig und zufrieden ist
+meine Kollegin, sie freut sich, wenn sie so viel verdient, daß sie gut
+für ihre Kinder sorgen kann, weiter gehen ihre Wünsche nicht. Wäre ich
+wenigstens vierzig Jahre alt. Vierzig Jahre! Eine lange Wegstrecke liegt
+vor mir bis dahin. Werde ich sie allein zurücklegen oder --?
+
+Die Luft ist klar und rein, ich aber stehe wie in einem dicken,
+undurchdringlichen Nebel.
+
+Was verbirgt er vor mir? --
+
+Geh schlafen, Lotte, geh schlafen! Was hilft dein Grübeln über Jugend
+und Alter, solange noch das Blut heiß und verlangend durch die Adern
+pulst.
+
+Ach, es ist schwer, den ruhig abgemessenen Schritt der reiferen Jahre zu
+wandern. -- --
+
+ * * * * *
+
+Mr. Turner, der Rechtsanwalt, bat mich heute, ihm einen Tag zu
+bestimmen, an dem ich mit ihm ausgehen wolle.
+
+Ich habe ihm gesagt, ich ginge nicht mit fremden Herren spazieren.
+
+Er machte mir darauf den Vorschlag, noch jemand von Bord mitzunehmen,
+falls ich nicht mit ihm allein gehen wolle.
+
+Wir sollten bei ihm zu Mittag essen und Nachmittags würden wir eine
+schöne Ausfahrt machen, in den Centralpark oder nach Coney Island
+hinüber. Da hätte ich nun wirklich Lust. Von Coney Island habe ich schon
+so viel gehört. -- Aber wen soll ich mitnehmen?
+
+Ich muß mal mit meiner Kollegin sprechen. --
+
+ * * * * *
+
+Gestern abend hatten wir ein tragikomisches Erlebnis in der zweiten
+Kajüte. Im zweiten Salon war Konzert; ich ging über den Vorplatz, um
+noch einige Minuten auf Deck zu gehen; da wurde gerade der Brautchor aus
+Lohengrin gespielt.
+
+Ich blieb an der Treppe stehen und hörte zu. Da kam eine Dame aus dem
+Salon und verwickelte mich in ein Gespräch; wir setzten uns auf das Sofa
+und plauderten immer weiter.
+
+Im Salon wurde mittlerweile ein Gassenhauer oder so etwas Ähnliches
+gespielt, bei dem die Musiker mitsangen. Am Schluß kam immer der
+Refrain: Aujust, sollst mal runter kommen! Aujust! Aujust! --
+
+Neben dem Salon am Fuße der Treppe liegt auf der Backbordseite die
+Herrentoilette. --
+
+In dem Augenblick als im Salon das Singen aufhörte, flog die Tür zur
+Toilette auf; der Rechtsanwalt, notdürftig sein Beinkleid mit den Händen
+haltend, stürzt angsterfüllt einige Stufen die Treppe herauf auf uns zu
+und stammelt: »Feuer? Feuer im Schiff?« Dann brach er zusammen.
+
+Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was los war, dann begriff ich
+den Zusammenhang. --
+
+Aujust -- Feuer. So hatte er mißverstanden.
+
+Der arme Kerl, er schämte sich hernach seiner Furcht, und am andern Tage
+war er ganz krank, er hatte einen richtigen Nervenchock gehabt. Der
+Vorfall kam auch vor den Kapitän, und in Zukunft dürfen solche Sachen
+nicht mehr gespielt werden. Obgleich die Passagiere, wenn sie in
+Stimmung sind, immer gerade diesen Blödsinn haben wollen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Mr. Turner ist wieder wohlauf. Zuerst schien es ihm ein wenig peinlich
+zu sein, daß ich ihn in dieser Verfassung gesehen, aber am zweiten Tage
+hatte er sein ganzes Selbstbewußtsein wiedergefunden. Er läßt nicht nach
+mit Bitten, einen Tag mit ihm auszugehen. --
+
+Frau Martens, meine Kollegin, will mich begleiten, und außerdem will
+unser Kapellmeister, der ein Landsmann von Frau Martens ist, auch noch
+mit.
+
+Er sagte zwar zu mir: »Wenn der Mensch etwas Böses im Schilde führt,
+nützt unsere Begleitung auch nichts. Wenn er mit Ihnen allein sein will,
+braucht er bloß einen Schutzmann anzurufen und ihm zu sagen, daß wir ihn
+belästigen, und sofort werden wir beide mitgenommen. Der Rechtsanwalt
+gibt seine Adresse an, und der ehrenwerte Hüter des Gesetzes weiß, daß
+er am anderen Tage ein schönes Geschäft macht. --
+
+Uns beide lassen sie nach einigen Stunden laufen, sie haben sich dann
+eben geirrt.« --
+
+Ja, ja, in Amerika wird alles gemacht. -- --
+
+ * * * * *
+
+Wir gehen doch! Der Kapellmeister ist schon öfter in Coney Island
+gewesen und sagt, es sei sehr interessant. Und ich möchte zu gern mal
+hin. Seit ich hier an Bord bin, war ich noch nicht ein einziges Mal an
+Land, außer auf dem Kirchhof. Auch da will ich hin in diesen Tagen. Ich
+muß zu Werner, um in seiner Nähe meine Gefühle zu prüfen. Ich bin über
+mich selbst in Unruhe.
+
+Acht Monate sind es her, seit Werner tot ist; ich dachte damals, ich
+würde nie wieder lachen können, würde nie wieder an ein Vergnügen
+denken, und jetzt?
+
+Ich schäme mich manchmal meiner selbst. --
+
+ * * * * *
+
+Heute, am Ankunftstag, war auch wieder ein Korb Rosen für mich da. Ich
+hatte beinahe nicht daran gedacht über all dem Ankunftstrubel. --
+
+Wir hatten einen Ausreißer an Bord und wußten nichts davon. Erst als bei
+Sandy Hook Bundesmarschall Bernhard an Bord kam, erfuhren wir, was wir
+für interessante Ladung gehabt hatten.
+
+Einen Bankdirektor mit seiner Geliebten.
+
+Dieser Bernhard ist ein schrecklicher Spürhund, er hatte die beiden
+sofort.
+
+Der Herr, der unter anderm Namen in die Passagierliste eingetragen war,
+wurde leichenblaß, als Bernhard ihn plötzlich ganz jovial mit seinem
+rechten Namen anredete. Er tat mir ordentlich leid.
+
+Nun müssen beide wieder mit zurück, aber dieses Mal nicht in der ersten
+Kajüte. -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe erst heute, nachdem wir schon wieder zwei Tage auf See sind,
+einige Minuten Zeit, ein wenig mit dir zu plaudern. --
+
+Ich bin also wirklich mit Mr. Turner ausgewesen. Frau Martens und der
+Kapellmeister sind mit mir gegangen.
+
+Mr. Turner holte uns am Ferryboot ab und ging erst mit uns nach dem
+Hoffmannhaus, wo wir ein Glas Wein tranken. Dann rief er ein Auto und
+fuhr mit uns durch den Park. --
+
+Ich wäre furchtbar gern mal den Broadway hinauf gefahren und hätte nach
+dem Hause gesehen, aber ich wagte nicht, etwas davon zu sagen.
+
+Wer weiß auch, ob ich es gefunden hätte. Ich bin bei Nacht heraus, ich
+weiß nicht mal, wie es aussieht. --
+
+Nach der Fahrt haben wir dann am oberen Broadway gegessen; geluncht, wie
+man hier sagt.
+
+Mittags um eins lunchen sie und abends um sechs essen sie zu Mittag. --
+
+Nachdem fuhren wir hinüber nach Coney Island.
+
+Mr. Turner war sehr nett und ganz anständig zu mir. Aber -- aber -- ein
+Wolf im Schafspelz ist er doch. --
+
+Unterwegs hat er mir erzählt, er habe keine Frau, und nun ist er doch
+verheiratet, deshalb hat er auch im Restaurant mit uns gegessen. Er sagt
+natürlich, er lebe schon seit Jahren getrennt von seiner Frau, innerlich
+seien sie schon längst geschieden und nur der Kinder wegen dränge er auf
+keine öffentliche Scheidung.
+
+»Bis jetzt ist es mir auch gleichgültig gewesen,« sagte er im Laufe des
+Gesprächs. »Aber seit ich Sie gesehen, drückt mich die Fessel. Noch nie
+habe ich ein Weib gekannt, das all meine Sinne und Gedanken so gefangen
+genommen hat wie Sie. Könnten Sie mich lieben? Könnten Sie vergessen,
+daß ich kein freier Mann bin, und könnten Sie trotzdem Ihr Geschick in
+meine Hände legen? Ich würde alles für Sie tun!«
+
+»Wie meinen Sie das? Sie sagten doch selbst, daß Ihre Frau noch lebt.«
+
+»Ich sagte Ihnen doch, heiraten kann ich Sie nicht, so gern ich auch
+möchte. Aber trotz alledem, Sie sollen leben wie eine Fürstin, wenn Sie
+mich nur ein klein wenig wiederlieben.........
+
+Ich bin reich, reicher als die Welt vermutet. Sie sollen alles haben,
+was Ihnen das Leben angenehm machen kann. Reisen, Schmuck, Toiletten,
+eine reizende kleine Wohnung, und nichts anderes sollen Sie mir dafür
+geben als sich selbst, Ihren schönen jugendlichen Körper, Ihre Liebe.«
+
+-- Nichts anderes?!! -- Ah!
+
+»Und Ihre Frau?«
+
+»Oh, meine Frau!« sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Was
+geht sie mich an? Ich gebe ihr genug, daß sie ein vornehmes Leben führen
+kann, mehr verlangt sie nicht von mir. Das einzige, was mich an unser
+Haus fesselt, sind die Kinder. Keinen Augenblick würde ich mich
+besinnen, meine Ehe zu lösen, wenn die Kinder nicht wären.« -- --
+
+Er sprach gut, der Herr Rechtsanwalt, und vielleicht hätte er Erfolg
+gehabt, hätte eine andere neben ihm gesessen, ein harmloses, dummes
+Ding. Aber so!
+
+Doch es hieß vorsichtig sein, ihn nicht vor den Kopf stoßen, damit unser
+schöner Ausflug nicht mit einem Mißton endete. --
+
+Frau Härtens und Herr Lünsberg saßen auf der andern Seite des Fährbootes
+-- wir waren auf der Rückfahrt von Coney Island -- und unterhielten
+sich; sie ahnten nicht, was Herr Turner für wunderschöne Luftschlösser
+vor mir aufbaute.
+
+»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Turner. Aber Sie werden verstehen, es
+ist eine Sache, die überlegt sein will. Geben Sie mir eine Reise
+Bedenkzeit, ich will mit mir zu Rate gehen, es ist doch immerhin eine
+einschneidende Frage, die Sie da an mich stellen.«
+
+»Gewiß, gewiß, das kann ich verstehen. Nur sagen Sie mir das eine,
+lieben Sie einen andern Mann?«
+
+»Nein,« sagte ich mit voller Überzeugung, »ich liebe keinen Lebenden.
+Der einzige, den ich geliebt, der liegt drüben in Jersey City unterm
+kühlen Rasen.«
+
+Er schwieg einen Augenblick, die Erinnerung an den Tod war ihm wohl
+etwas unbehaglich. Dann fuhr er rasch fort:
+
+»Dann bin ich beruhigt. Wenn mir sonst nichts im Wege steht, werden Sie
+mich lieben lernen. Ich werde so gut zu Ihnen sein, daß Sie gar nicht
+anders können.«
+
+Ich schwieg. Was sollte ich darauf erwidern? Mochte er glücklich sein in
+dem Gedanken. --
+
+Als wir in New York ankamen, war es bereits neun Uhr. Doch Mr. Turner in
+seiner frohen, siegesgewissen Stimmung ließ uns noch nicht los. Wir
+mußten noch mit ihm dinieren. Er fuhr uns zum Atlantic-Garden, einer
+kleinen Oase in dem Steinmeer der Großstadt, und da haben wir noch ein
+paar wirklich vergnügte Stunden verlebt.
+
+New York kann also auch schön sein, wenn man es in der rechten
+Gesellschaft und in der rechten Beleuchtung sieht. --
+
+Unser splendider Gastgeber ließ ein Menü zusammenstellen, das sich essen
+ließ. Dazu einen wirklich guten Chambertin. --
+
+Wir waren alle in bester Stimmung, unser Kapellmeisterchen hatte sogar
+einen regelrechten kleinen Spitz.
+
+Alle unsere guten Vorsätze waren vergessen, und wenn jetzt der
+Rechtsanwalt etwas Böses im Schilde geführt hätte, wäre es ihm nicht
+schwer geworden, es auszuführen. --
+
+Aber er selbst war viel zu selig, zweimal selig: vom Wein und von der
+Liebe. -- --
+
+ * * * * *
+
+Es war ein schöner Tag, ich kann nicht anders sagen, und es hat mich
+nicht gereut, mitgegangen zu sein. Die Arbeit geht noch einmal so gut
+von der Hand, wenn man dazwischen auch einmal ein wenig Vergnügen hat.
+Schwarzbrot allein schmeckt auch nicht immer. --
+
+Wir haben zur Heimreise das Schiff nicht mehr sehr voll; im August flaut
+es immer stark ab. Auf der nächsten Ausreise werden wir dafür um so mehr
+Passagiere haben; sicher sind auch alle Offizierszimmer vermietet. --
+
+Ob wohl Mr. Siegel mitkommt? Ob er noch einen Platz erhalten hat? Ich
+muß doch sehen, daß ich so bald wie möglich eine Passagierliste
+bekomme. --
+
+Ich bin wirklich neugierig -- nur neugierig. -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich will froh sein, wenn diese Reise zu Ende ist. Ich habe eine Unruhe
+in mir, die mich kaum schlafen läßt. --
+
+Ist es die Ahnung vor etwas Unbestimmtem?
+
+Wenn ich jemand hätte, der mir nahe stünde, so würde ich fürchten, es
+sei etwas passiert, aber so? Wessen Geschick geht mich etwas an? Nur
+mein kleiner Pit freut sich auf mein Kommen, sonst niemand. -- --
+
+ * * * * *
+
+Der übliche Rosenstrauß erwartete mich, aber kein Wort, ob er kommt. Ich
+bin so erregt, daß ich gar nicht weiß, wie ich die Tage hinbringen soll.
+
+Warum beunruhigt mich dieser Mann so mit seinen Blumen?
+
+Eine leichtsinnige Tändelei sieht ihm nicht ähnlich.
+
+Dieser breitschultrige, kräftige Mann mit den scharfen Zügen hat mir
+nicht den Eindruck gemacht, als ob er seine Zeit mit Nichtigkeiten
+hinbrächte.
+
+Wäre es doch schon Mittwoch! Die Tasche habe ich noch nicht ein einziges
+Mal gebraucht, wann sollte ich auch? Noch bin ich in Trauer um meinen
+Gatten, und meine schwarzen Kleider vertragen keine so prunkvollen
+Beigaben. -- --
+
+ * * * * *
+
+Morgen fahren wir ab. Ich bin in einer Unruhe, für die ich mir selbst am
+liebsten die Erklärung schuldig bliebe.
+
+Ich kann nicht sagen, daß ich mich glücklich fühle, im Gegenteil, mir
+ist ganz miserabel zumute. --
+
+Ich habe mir die Passagierliste beim Obersteward durchgesehen, sein Name
+ist nicht darin. --
+
+Aber was geht es schließlich auch mich an, mit welchem Schiff Mr. C. W.
+Siegel aus Chikago nach Hause fährt.
+
+Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Lotte, und schäme dich!
+Jawohl, schäme dich! Schreib' es ruhig nieder, damit du es schwarz auf
+weiß vor dir hast. Gefällt es dir? Ganz ohne beschönigendes Mäntelchen?
+Denkst schon wieder an einen Mann und läßt dich durch den Gedanken an
+ihn beunruhigen, noch ehe dein Gatte ein Jahr tot ist!
+
+Er, der so gut zu dir war und den du nie vergessen wolltest! --
+
+Gewiß, ich schäme mich. Aber gibt es nicht doch eine Entschuldigung für
+mich? Ist es nicht natürlich, wenn ich in meinem Alter den Wunsch habe,
+noch einmal wieder in andere Verhältnisse zu kommen. Und daß ich dies
+nur an der Hand eines guten, starken Mannes kann, weiß ich jetzt. Hätte
+ich etwas Tüchtiges gelernt, dann wäre es etwas anderes, aber so?
+
+Ich möchte recht stark und selbständig sein. Ein Weib wie Katharina die
+Zweite oder, um in der Jetztzeit zu bleiben, wie Henriette Goldsmith.
+Zielbewußt und kraftvoll.
+
+Vielleicht werde ich es noch. Schicksal und Schicksalsschläge schmieden
+Charaktere.
+
+Und ich will mir Mühe geben, ein ganzer Mensch zu werden. --
+
+Die Männer sind besser daran als wir Frauen, schon von klein auf wird
+mehr Selbstbewußtsein in sie hineingepflanzt. --
+
+An uns rächt sich die alte Vernachlässigung. --
+
+Nur ein Mädchen!
+
+Ich habe mir immer gewünscht, ein Mann zu sein, nun will ich mein Bestes
+tun, um ein kraftvolles, selbstbewußtes Weib zu werden. --
+
+ * * * * *
+
+Er ist doch da. Und ich habe mich gefreut, als ich ihn das Fallreep
+heraufkommen sah, als ob mir Gott weiß was widerfahren wäre. --
+
+Wenn ich mir selbst Rechenschaft ablegen sollte, warum ich mich so
+gefreut, so kann ich es nicht sagen, und doch ist es so; dich, mein
+kleines Buch, brauche ich ja nicht zu belügen.
+
+Es war mir, als würde ein Druck von meinem Herzen genommen.
+
+Auch seine Augen leuchteten auf, ich sah es wohl, bin dann aber rasch
+nach unten gegangen in mein Zimmer.
+
+Mittags ein Uhr gingen wir in See, und jetzt ist es vier Uhr.
+
+Ich habe eine abergläubische Furcht, aus der Kabine zu gehen, und doch
+muß ich mich jetzt nach meinen Passagieren umsehen. Also geh' an die
+Arbeit, Lotte, wovor fürchtest du dich? Fürchtest du dich vor etwas, das
+du herbeigesehnt?
+
+Das Herz ist ein sonderbares Ding, es will oft ganz etwas anderes als
+-- als -- Lotte, Lotte -- sag' ruhig die Wahrheit. --
+
+ * * * * *
+
+Mr. Siegel hat meine Gewohnheit nicht vergessen.
+
+Nachdem ich ihn den ganzen Nachmittag nicht gesehen, stand er auf Deck,
+als ich etwas nach neun Uhr nach oben ging. --
+
+Um die Wahrheit zu sagen -- ich hatte es erwartet. Es wäre widersinnig
+gewesen, wenn er mich nicht gesucht hätte. --
+
+Die Rosengaben wären dann nur einer Laune entsprungen, und danach sieht
+er mir nicht aus. --
+
+Als ich die Treppe zum Bootsdeck heraufkam, war ich vom Licht noch etwas
+geblendet und konnte die dunkle Gestalt an der Ecke des Skylights nicht
+gleich entdecken. --
+
+»Guten Abend, Frau Lotti,« scholl eine gedämpfte Stimme aus dem
+Halbdunkel.
+
+Ich war im Augenblick doch etwas erschrocken.
+
+»Oh! Sie sind es, Mr. Siegel! Wie geht es Ihnen?«
+
+»Ausgezeichnet! Und Ihnen? Haben Sie zuweilen an mich gedacht?«
+
+»Dafür haben Sie ja gesorgt. Ich muß mich wohl bedanken für die schönen
+Blumen -- aber -- warum haben Sie das getan? Warum --«.
+
+»Warum? Das fragen Sie noch? Aber ich will es Ihnen erklären, wenn es
+einer Erklärung bedarf, wenn Ihnen Ihr Herz nicht selbst die Antwort
+gibt. Sagen Sie mir die Wahrheit, Frau Lotti, muß ich Ihnen wirklich
+mein Tun mit dürren Worten erklären?«
+
+Ich wurde über und über rot, es war gut, daß es dunkel war, so sah er
+meine Verlegenheit nicht. Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte.
+
+Es ist schrecklich! Vorläufig bin ich noch weit von meinem Ideal
+entfernt. --
+
+Mr. Siegel fuhr fort: »Sagen Sie mir nur das eine: Haben Sie zuweilen an
+mich gedacht?«
+
+»Das mußte ich schon. Ihre schönen Rosen sorgten dafür, daß ich den
+Spender nicht vergaß.«
+
+»Und haben sie Ihnen Freude gemacht?«
+
+»Gewiß, das heißt bedingungsweise. Um die Wahrheit zu sagen, haben sie
+mich mehr beunruhigt als erfreut. Kurz und gut -- Sie hätten es nicht
+tun sollen, Mr. Siegel.« --
+
+Ich hatte meine Verlegenheit überwunden und sprach nun ruhig und
+sachlich.
+
+Einen Augenblick schwieg er und sah mich forschend an, dann sagte er
+kurz und ohne Umschweife: »Wollen Sie meine Frau werden?«
+
+Das war kurz und bündig.
+
+Einen Augenblick blieb es still zwischen uns, dann sagte ich langsam:
+»Wissen Sie denn auch, wen Sie zu Ihrer Frau begehren?«
+
+Einen Moment stutzte er, dann sagte er: »Ich frage nicht nach dem
+Woher. Ich verlasse mich auf meine Augen und auf meinen Instinkt. Ich
+habe mich bis jetzt noch nie geirrt, wenn ich mir jemand für eine
+wichtige Sache ausgesucht habe. Ich nehme auch hier die Verantwortung
+auf mich.«
+
+»Und daß ich nach Woher und Wohin fragen könnte, daran denken Sie wohl
+nicht? Leiden Sie auch an der allgemein verbreiteten Einbildung der
+Herren, wonach ein Weib froh sein muß, wenn ein Mann es begehrt?«
+
+»Aber, teure Frau, Sie tun mir unrecht. Im Gegenteil, ich würde es als
+ein ganz unerhörtes Glück betrachten, wenn Sie mich nur ein wenig, ein
+ganz klein wenig lieben könnten. Und alles, was Sie über meine Person
+wissen müssen, das sollen Sie erfahren.
+
+Ich bin kein Mann von vielen Worten, aber das muß ich Ihnen sagen: vom
+ersten Sehen an stand es bei mir fest: Die soll es sein. -- Ich glaube,
+Sie können ein guter Kamerad sein, Frau Lotti! Nicht wahr?«
+
+Ich stand wortlos da.
+
+Was sollte ich sagen? Hier war Erlösung aus dem jetzigen Verhältnis.
+Aber -- noch liebte ich diesen Mann nicht, so sehr ich mich auch auf ihn
+gefreut hatte. Noch liebte ich ihn nicht, das war mir klar. Er ist mir
+sehr sympathisch, er hat ein schönes Organ, und überhaupt sein ganzes
+Wesen ist mir überaus angenehm.
+
+Er ist nicht hübsch, kein sogenannter schöner Mann. Aber das ist auch
+nicht nötig; meist sind schöne Männer unausstehlich eitel. --
+
+»Haben Sie keine Antwort für mich, Frau Lotti?« fragte die Stimme neben
+mir.
+
+»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Geben Sie mir Zeit. Und dann -- Sie
+wissen, daß mein Mann erst seit elf Monaten tot ist, ich habe ihn sehr
+geliebt.«
+
+»Ich weiß es. Ich bin nicht eifersüchtig auf den Toten. Ich gönne ihm
+gern Ihr schmerzliches Gedenken. Sie selbst aber gehören dem Leben, dem
+roten, leuchtenden, vollpulsierenden Leben.«
+
+Er griff nach meiner schlaff herniederhängenden Hand und drückte einen
+feurigen Kuß darauf.
+
+Hastig zog ich sie zurück.
+
+»Lassen Sie mich jetzt allein, Mr. Siegel. Ich muß noch ein Stündchen
+allein mit dem Meere sein. Morgen, übermorgen, sprechen wir weiter
+darüber.«
+
+»Lassen Sie mich nicht zu lange warten, teure Frau. Ich warte, warte mit
+Ungeduld.«
+
+Als er gegangen, lehnte ich mich über die Reeling und sah in das
+schäumende Wasser. Wie Myriaden kleiner Fünkchen brach es sich in den
+Wellen am Bug des Schiffes. --
+
+Auch das Meer hat seine Sterne! Oder sind es Sterne, die vom Himmel
+gefallen sind?
+
+Gefallene Sterne?
+
+Gefallene Sterne -- und doch leuchten sie noch.
+
+Könnte ich es als Sinnbild betrachten! Als Sinnbild meines
+Lebens?.........
+
+Was für eine Antwort werde ich diesem Manne geben? Was für eine Antwort
+darf ich ihm geben?
+
+Ist es Betrug, wenn ich sein Weib werde, ohne ihm zu sagen, was hinter
+mir liegt?
+
+Hat er ein Recht auf meine Vergangenheit?
+
+-- -- Nein, er hat kein Recht darauf. -- --
+
+Ich weiß, ich stehe im Widerspruch mit unseren herrschenden
+Anschauungen, ich weiß, ich muß diesen Entschluß mit meiner Ruhe
+erkaufen. --
+
+Sei es drum!
+
+Nie würde es dem Manne einfallen, dem Weibe, das er erwählt, vor der
+Hochzeit alle dunklen Punkte seiner Vergangenheit aufzudecken. Er fühlt
+sich viel zu wohl in der Rolle des Helden, zu dem man hinaufsieht, um
+diesen Nimbus von selbst zu zerstören. --
+
+Warum soll ein Weib nicht dieselben Rechte haben?
+
+Gleiches Recht für alle!
+
+Der Mann ist aus genau demselben Stoff wie die Frau. Das, was er als
+Vorrecht für sich in Anspruch nimmt, hat er sich selbst angemaßt. Ich
+will dieselben Rechte beanspruchen. --
+
+Das Weib befindet sich dem Manne gegenüber sowieso in ständiger Notwehr
+-- und da sind alle Mittel erlaubt. -- --
+
+ * * * * *
+
+Liebe und Glück! Sind sie immer zusammen, diese beiden?
+
+Oder kann ich auch ohne Liebe ein wenig Glück in der Ehe finden? Ich bin
+schon jetzt entschlossen, den Antrag dieses Mannes anzunehmen. Ich bin
+ihm zugetan und ich glaube, er ist ein Mann, den man achten muß. Daß ich
+zu ihm aufsehe, wie zu einem Halbgott, wie man es so oft in
+überschwenglichen Romanen liest, das verlangt er nicht von mir. -- Und
+ich würde es auch nicht tun. --
+
+ * * * * *
+
+Mr. Siegel schickt mir soeben einen Brief. --
+
+Nicht eigentlich einen Brief, es sind vielmehr Aufzeichnungen über sein
+Leben und Wirken. Kurz und prägnant, ganz wie er selbst. --
+
+Als sechzehnjähriger Junge aus Deutschland ausgewandert, hat er in
+Amerika so ziemlich alles versucht, was Arbeit heißt, bis er durch
+Zufall nach Chikago verschlagen worden ist.
+
+Mit fünf Cents in der Tasche ist er dort angekommen, heute besitzt er
+eine große Fleischkonservenfabrik und beschäftigt bereits über hundert
+Personen.
+
+Das ist gewiß etwas! Für mich ist es die erste Staffel auf der Leiter.
+-- Ich bin mir bewußt, daß wir, falls ich die Gattin dieses Mannes
+werde, auf dieser Staffel nicht stehen bleiben werden. --
+
+Hat mich das Leben um das Schönste betrogen, so soll es mir dafür etwas
+anderes geben: Reichtum.
+
+Und dieser Mann ist dazu wie geschaffen, mit ihm muß es sich gut und
+sicher wandern lassen. --
+
+Aber noch will ich warten. Ein Jahr wenigstens will ich den
+Witwenschleier tragen.
+
+Obgleich -- wenn ich mir gegenüber ehrlich sein will -- es ja doch nur
+äußerlich ist. In Wirklichkeit war ich dem Toten doch schon längst
+untreu. Denn auch der Gedanke an einen anderen Mann ist
+Treulosigkeit. --
+
+ * * * * *
+
+Heute, am Tage vor der Ankunft in New York habe ich mich mit Mr. Siegel
+ausgesprochen.
+
+Ich bin sehr zufrieden, ich glaube, daß ich diesen Schritt nicht bereuen
+werde.
+
+Mr. Siegel ist ein Mann von außergewöhnlicher Regsamkeit, den das Leben
+ganz gehörig zwischen die Scheren genommen hat.
+
+Daß er sich nicht hat unterkriegen lassen, ist ein gutes Zeichen. Wir
+passen in gewisser Weise sehr gut zusammen, auch ich habe mich nicht
+zermalmen lassen.
+
+Nur darf er das nicht wissen. --
+
+Hoffentlich fragt er mich nie nach meiner Vergangenheit. Sagen würde ich
+ihm doch nichts, aber es ist gut, wenn ich nicht zu lügen brauche. --
+
+ * * * * *
+
+Wir haben soeben einen recht heftigen Gewittersturm gehabt.
+
+Niemand dachte mehr an schlechtes Wetter so kurz vor der Ankunft, und
+alles freute sich schon auf morgen, da kam noch einmal ganz unerwartet
+die Seekrankheit. Beim Diner waren fast alle Plätze leer, sogar die
+Herren konnten nicht widerstehen. --
+
+Ich bin nachher noch auf Deck gewesen, es war wunderbar klare, schöne
+Luft, nachdem es ausgetobt.
+
+Mr. Siegel suchte mich auf und hat allerlei mit mir besprochen.
+
+Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, meine überflüssigen
+Sachen verkaufen und als Passagier mit der »Nirwana« zurückkommen. --
+
+Das erstere werde ich tun, das letztere nicht, wozu?
+
+Ich fahre als Stewardeß und mustere in New York ab, wozu unnütz Geld
+ausgeben?
+
+Vorläufig habe ich sowieso nicht allzu viel, und es widerstrebt mir,
+etwas von ihm anzunehmen, bevor ich sein Weib bin.
+
+Auf der Rückreise können sie mich an Bord ganz gut entbehren, wir haben
+nach draußen zu jetzt doch wenig Passagiere. --
+
+Aber meinen süßen, kleinen Pit muß ich mitnehmen. Ob er wohl seekrank
+wird?
+
+ * * * * *
+
+Gestern bin ich noch einmal an Werners Grab gewesen. Ich habe Abschied
+genommen auf lange Zeit, vielleicht für immer.
+
+Es war, trotz aller schlimmen Erfahrungen, ein seliges Stück meiner
+Jugend, das da oben auf dem stillen Friedhof auf der Höhe ruht. Die
+schmerzlichen Tränen, die ich geweint, bringen es mir nicht zurück.
+
+Und doch, wie wandelbar ist der Mensch!
+
+Wer mir vor elf Monaten gesagt hätte, daß ich einmal wieder so ruhig
+über alles denken würde, ich hätte ihn für roh und gefühllos gehalten.
+Und nun? Ja, ja, es ist schon so, das Leben ist brutal. --
+
+ * * * * *
+
+Zum letzten Male zu Hause.
+
+Noch einmal bin ich um den Außendeich gegangen. --
+
+Es wird Herbst. Kalt und unfreundlich bläst der Wind über das Wasser.
+Die Sonne hat ihre strahlende Glut verloren, fahl und glanzlos versinkt
+sie in den Wellen.
+
+Lange starre ich in die verglimmenden Farben.
+
+Könnte ich schauend vergessen, was mir das Leben getan!
+
+Doch Kopf hoch! Ich werde es vergessen, denn ich muß. Das Leben ist zu
+hart, um nur zu schauen und zu träumen. --
+
+Das alles sage ich mir, und doch wende ich mich traurig um und lenke
+meine Schritte heimwärts. --
+
+Wie das Laub zu meinen Füßen starb mein schöner Sommertraum. --
+
+ * * * * *
+
+Die letzte Reise!
+
+Eigentlich ist es mir trotz alledem etwas wehmütig zu Sinn. Es war doch
+ein interessanter Abschnitt meines wechselvollen Daseins. -- Was für
+Gestalten gehen an einem vorüber! In wie manches Schicksal sieht man
+hinein!
+
+Glück und Unglück, Haß und Neid, Liebe und Abneigung, Gleichgültigkeit
+und Verachtung -- wie nahe kommt es einem, und wie eng zusammengedrängt
+ist es zwischen den Wänden dieser schwimmenden Riesen. Mancher Bund wird
+geschlossen und manches noch so fest scheinende Band löst sich.
+
+Kaleidoskopartig wechselt es von Reise zu Reise.
+
+Vorbei! --
+
+Meinen kleinen Pit darf ich leider nicht bei mir haben. Er ist ganz oben
+auf dem obersten Deck in der Hundevilla. Noch zwei kleine reizende Kerls
+sind bei ihm und eine prachtvolle siamesische Katze, die einer älteren
+Dame gehört.
+
+Gesellschaft hat er also genug. Trotzdem sitzen alle Bewohner der Villa
+verdrossen in ihrem Käfig, und Pit ist immer halb wahnsinnig, wenn ich
+hinaufkomme und ihn ein halbes Stündchen auf Deck lasse.
+
+ * * * * *
+
+Um zehn Uhr waren wir am Pier; Mr. Siegel war schon da und winkte von
+weitem.
+
+Als die Passagiere gelandet, kam er sofort an Bord und brachte mir einen
+Strauß roter Rosen, dieselbe Farbe wie immer.
+
+Ich freute mich doch sehr, ihn zu sehen; obgleich ich keinen Augenblick
+daran gezweifelt habe, daß er Wort halten würde, war es mir doch immer,
+als ob es gar nicht wahr sein könnte. --
+
+Heute nachmittag mustere ich ab und morgen gehe ich vom Schiff.
+
+Mr. Siegel war beim Kapitän und hat mit ihm gesprochen, er wird morgen
+mit uns fahren und unser Trauzeuge sein.
+
+Es war mir sehr angenehm, denn trotz aller Vernunftgründe beschlich mich
+zuweilen doch ein unangenehmes Gefühl, wenn ich an meine erste
+amerikanische Trauungsfahrt dachte. --
+
+Dies ist nun die dritte, der Himmel mag mir beistehen, daß es zum Guten
+ausfällt.
+
+
+
+
+VI.
+
+Im sichern Hafen.
+
+
+In der kleinen evangelischen Kirche auf dem Berge sind wir getraut. Nach
+der Trauung sind wir alle -- Kapitän Heymann, Pastor Morris, seine Frau
+und wir beide -- nach New York gefahren, wo Mr. Siegel, vielmehr mein
+Mann, im Astoria ein exquisites kleines Diner bestellt hatte. Wir waren
+recht vergnügt zusammen, und Kapitän Heymann hielt sogar noch eine
+launige Rede, in der er bedauerte, daß er nicht jede Reise eine junge,
+hübsche Stewardeß zu verheiraten habe. --
+
+Ich fürchte nur, es wird auch nicht oft einen Mr. Siegel geben. --
+
+Nach dem Essen, als wir allein waren, bat ich meinen Mann, noch eine
+kleine Ausfahrt mit mir zu machen. --
+
+Ich bin mir selbst nicht klar über das, was in mir vorging.
+
+Ein beinahe krankhaftes Verlangen beherrschte mich, jenes Haus einmal
+wiederzusehen.
+
+Wie es den Verbrecher unwiderstehlich an den Ort seiner Schandtat
+treibt, so geht es mir mit jenem Hause.
+
+Langsam fuhren wir am Broadway hinauf, durch den Centralpark und die
+fünfte Avenue wieder herunter.
+
+Aufmerksam habe ich jedes Haus geprüft, ich konnte es nicht finden.
+Manchmal meinte ich wohl, das muß es sein, dann wurde ich wieder irre.
+Alle Häuser haben Fenster, und ich meine, dieser Kerker habe nach der
+Straße zu keine Fenster gehabt. --
+
+Auch an den Doktor muß ich denken; wüßte ich nur seinen Namen und seine
+Adresse, so würde ich ihn von meinen veränderten Verhältnissen in
+Kenntnis setzen.
+
+Auch Werners Tod hätte ich ihm melden müssen, er hat es um mich
+verdient. Es ist schade, daß ich nicht weiß, wie er heißt. -- --
+
+Heute Abend fahren wir weiter. --
+
+Leb' wohl für einige Zeit, mein treuer Weggenoß; möchte es nur Gutes
+sein, was ich dir ferner anzuvertrauen habe. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Sechs Wochen später.
+
+Wir sind noch für drei Wochen in dem idyllisch gelegenen Seebad Bar
+Harbour gewesen. Wie ein kleines Paradies ist dieses Fleckchen Erde, und
+ich war glücklich, restlos glücklich.
+
+Keine Angst, keine Sorgen, ein Gatte, der mir jeden Wunsch an den Augen
+absieht -- es ist doch schön auf der Welt. --
+
+Schön, solange man jung ist. Auch ohne die vielgepriesene Liebe.
+
+ * * * * *
+
+Chikago, den 28. Oktober.
+
+Mein Gatte muß doch reicher sein als ich gedacht. Das »kleine Häuschen«,
+das er nach seiner Rückkehr von Europa gekauft, ist ein ganz stattlicher
+Bau und liegt in einem prachtvollen, alten Garten am Lake Shore Drive.
+Das Haus hat früher einem reichen Schweinezüchter gehört, und mein Mann
+hat es hauptsächlich meinetwegen gekauft, da ihm sein altes Haus an
+Sheridan Road nicht hübsch genug war.
+
+Ich bin ihm sehr dankbar, wir leben in glücklichster Gemeinschaft und
+kein Schatten trübt unser Leben.
+
+Ich will ihm eine treue und gute Gefährtin sein. Nie soll er empfinden,
+daß nicht mein volles Herz ihm gehört. --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe dich lange nicht in Händen gehabt, kleines Buch. Mein Leben
+läuft so glatt und ereignislos dahin, daß ich kaum etwas aufzuzeichnen
+habe. Ich lebe, wie eine Amerikanerin der besseren Stände lebt. --
+
+Mit meinem Manne verbindet mich innigste Freundschaft.
+
+Er bespricht alles mit mir und freut sich, daß ich seinem Wirken und
+Schaffen so lebhaftes Interesse entgegenbringe. --
+
+Und mir wiederum macht es Freude, daß ich teilhaben darf an seiner
+Arbeit. --
+
+Trotzdem bin ich nicht voll befriedigt, ich habe noch zu viel
+unausgefüllte Zeit.
+
+Ja, wenn ich ein Kind hätte! Ob ich vergebens auf dies höchste Glück
+warte? Auch mein Mann würde sich freuen, und ich würde ihm doch so gern
+einmal eine recht große Freude machen. --
+
+Ich muß jetzt oft wieder an den 20. Februar vor zwei Jahren denken.
+Welches Glück empfände mein Mann, wenn ich ihm einen Knaben schenkte,
+und wie unwillkommen war das arme Kind damals! Ob es wirklich tot ist?
+
+Ich habe ein so sonderbares Gefühl, eine Art Unterbewußtsein, das mir
+sagt, mein Kind lebt. --
+
+Wer gibt mir Gewißheit? --
+
+ * * * * *
+
+Ich bin einige Monate recht faul gewesen. --
+
+Im Unglück und in der Einsamkeit habe ich mich immer zu dir geflüchtet,
+jetzt, in meinem wohleingerichteten Leben vergesse ich dich oft, kleiner
+Freund.
+
+Eine Entschuldigung habe ich wenigstens: ich hatte keine Zeit.
+
+Wir sind einige Monate auf Reisen gewesen. Drei Wochen in Ägypten und
+drei Wochen in Italien, von wo aus wir einen kleinen Abstecher nach
+Paris gemacht haben. --
+
+Mein Mann ist zu gut, die ganze Welt möchte er mir zeigen, er weiß gar
+nicht, was er mir alles Liebes erweisen soll. Und ich stehe so bettelarm
+daneben und kann ihm gar nichts geben, nicht einmal ein ganzes volles
+Herz. --
+
+Ob er nie etwas vermißt? Glühende Küsse, stürmische Umarmungen?
+
+Ich bin ihm sehr gut -- aber ich bin mir zuweilen selbst ein Rätsel.
+Nichts treibt mich zum Manne.
+
+Ich bin doch jung, sehr jung!
+
+Aber nie mehr seit jenen heißen, schwülen Sommernächten auf dem
+heimatlichen Gut fiebert mein Blut dem Manne entgegen. --
+
+Auch bei aller Liebe zu Werner, es war nichts Stürmisches, kein
+leidenschaftliches Begehren in meiner Liebe.
+
+Ruhig und still wie ein linder Sommerabend.
+
+Oft denke ich, ich habe zu früh vom Baume der Erkenntnis gegessen.
+Vielleicht war mein Körper doch noch nicht entwickelt genug, um den
+Anforderungen ohne Schaden gerecht zu werden, die das Mutterwerden an
+das Weib stellt. -- --
+
+Oder ist es das verdorbene, degenerierte Blut des Vaters, das dies
+sonderbare Wesen aus mir gemacht hat?
+
+Ich erzähle dir wieder allen möglichen Unsinn, du mein kleiner,
+verschwiegener Freund; und ich wollte dir doch nur sagen, daß ich sehr,
+sehr glücklich sein könnte, wenn --
+
+ * * * * *
+
+Mein kleiner, süßer Pit. Ich hatte ihn zurückgelassen, nun war er wie
+von Sinnen, als ich heimkam, und ging mir nicht vom Schoß. Ich werde ihn
+jetzt immer mitnehmen, wenn ich auf Reisen gehe. --
+
+ * * * * *
+
+Heute ist mein zwanzigster Geburtstag; ich wollte, es wäre der
+vierzigste. Ich fühle mich auch viel eher wie vierzig. --
+
+Ich weiß nicht, ich kann in der letzten Zeit gar nicht so recht von
+Herzen froh sein. Ich bin im Gegenteil sonderbar trüb gestimmt.
+
+Ich möchte schreiben und kann nicht. Ein geheimnisvolles Glücksgefühl
+keimt leise, ganz leise in meinem Innern. --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe nie leicht geweint. Es war mir immer unsympathisch, wenn Frauen
+um jede Kleinigkeit in Tränen zerflossen. Aber jetzt bin ich selbst die
+reine Trauerweide. Um nichts muß ich weinen. --
+
+Pit tröstet mich, er will mir immer die Tränen von den Wangen küssen.
+Sonderbar, gerade als ob er wüßte, daß Tränen an den Wimpern etwas
+Schmerzliches bedeuten. --
+
+Und müde bin ich, so müde. --
+
+Mein Mann ist von einer Aufmerksamkeit, die geradezu rührend ist. Ob er
+etwas ahnt? Noch habe ich ihm nichts gesagt, die Enttäuschung wäre sonst
+zu groß. Später. -- --
+
+ * * * * *
+
+Weihnachten!
+
+Ich bin beschenkt worden wie eine Fürstin, und doch sagt mein Mann, ich
+habe ihm noch viel mehr gegeben.
+
+Er ist außer sich vor Glück. Aber ich glaube, er wünscht sehr, daß es
+ein Junge ist. Ich nicht, ich möchte viel lieber ein Mädchen. Jungens
+gehören der Mutter nie so lange wie ein Mädchen. --
+
+Und doch sollte ich andererseits gar nicht den Wunsch haben, der Welt
+ein solches Wesen zu schenken. Wie leicht kann ihm einmal mein eigenes
+Schicksal zustoßen. --
+
+Aber nein! Das sind Hirngespinste.
+
+Ich werde dafür sorgen, daß meine Tochter einst gewappnet ins Leben
+tritt. Meine Tochter! Meine Tochter! Welch süßer Klang in meinem Ohr!
+
+ * * * * *
+
+Heute bin ich zum ersten Male wieder vollständig außer Bett, und da
+sollst du, mein geduldiger Freund, auch sogleich mein neues Glück
+erfahren.
+
+Ich bin Mutter!
+
+Weißt du, was dieses Wort bedeutet? Was es für mich bedeutet?
+
+Und auch mein innigster Wunsch ist erfüllt. Es ist ein Mädchen, ein
+kleines, süßes Mädchen.
+
+Ob mein Mann enttäuscht war? Ich weiß es nicht, gefühlt habe ich es
+nicht. Seine Liebe und Fürsorge gehen ins Ungemessene. --
+
+Und ich? Muß ich dir sagen, _wie_ glücklich ich bin? Das süße, kleine
+Geschöpf, dem ich jetzt alles bin!
+
+Mein Mann wollte eine Amme, um mich zu schonen, aber ich gebe mein Kind
+keiner fremden Person; das höchste Glück, das kleine Wesen an der Brust
+zu haben, gönne ich niemand. --
+
+Drollig ist es, Pit zu beobachten. Er ist richtig eifersüchtig. Wenn ich
+das Kind auf dem Schoß habe, weint und jammert er, kratzt an meinem
+Kleid und geberdet sich ganz unsinnig. Lege ich das Kind in sein
+Bettchen, so springt er mit einem Seufzer der Erleichterung auf meinen
+Schoß und kuschelt sich umständlich zurecht, dabei fortwährend
+entrüstete Blicke nach dem kleinen Eindringling werfend.
+
+ * * * * *
+
+Mein Mann findet, daß mich die Pflege des Kindes zu sehr anstrengt. Ich
+soll es nicht mehr stillen oder soll an einen schönen Platz aufs Land,
+wo ich gute, frische Milch und reine Luft habe.
+
+Ich gehe also lieber aufs Land, damit ich meinen kleinen Liebling noch
+länger ganz für mich allein habe.
+
+Das Kind entwickelt sich prächtig, und mein Mann ist ganz vernarrt.
+Seine Enttäuschung über den ausgebliebenen Thronfolger hat er
+verschmerzt. Oder hofft er noch? --
+
+Nein, ich möchte keinen Jungen haben. Ein Junge, der mir aus den Händen
+wächst und vielleicht auch einmal Wege geht, auf denen die Weiblichkeit
+durch den Schlamm gezogen wird. -- --
+
+ * * * * *
+
+Mowbray, Rocky Mountains, den 6. Juni.
+
+Ich habe heute eine Begegnung gehabt, die mich bis ins Innerste
+erschüttert hat. Alles, die ganze Vergangenheit ist mit einem Schlage
+wieder lebendig geworden. --
+
+Ich habe den Doktor getroffen, meinen Doktor!
+
+Er ist für einige Wochen hier zur Erholung. --
+
+Nun weiß ich auch seinen Namen. Curtis heißt er.
+
+Doktor Curtis freute sich sehr, als er mich sah, war aber natürlich
+ebenso sehr verwundert, mich hier im Westen zu sehen.
+
+Zuerst war ich natürlich doch etwas beunruhigt, aber ich brauche ihn
+nicht zu fürchten, er ist ein anständiger Mensch, und niemand wird etwas
+durch ihn erfahren. Warum hätte er sich auch wohl so viel Mühe mit
+meiner Rettung gegeben?
+
+Ich bin jetzt auch lange nicht mehr so in Sorge wegen meiner
+Vergangenheit; wer soll mich hier wohl erkennen? In einer Hafenstadt ist
+es doch schon anders. --
+
+Lange haben wir auf der Bank gesessen, meine ganze Geschichte habe ich
+ihm erzählt, und herzliche Worte sprach er über den armen Werner.
+
+Auch über die schrecklichen Verhältnisse in diesen Häusern,
+hauptsächlich in den Hafenstädten, haben wir gesprochen. Eine Änderung
+wäre nur mit Hilfe der Regierung und einer eingreifenden Gesetzgebung
+möglich.
+
+Der Doktor ist nie wieder bei der Rottmann gewesen. Auf meine Bitte will
+er nach seiner Heimkehr einmal hin. Wenn die Bronja noch da ist und sie
+will heraus, soll er ihr behilflich sein.
+
+Ich habe Geld genug, und mein Mann gibt mir gern ein paar tausend
+Dollars, wenn ich ihn darum bitte, ohne zu fragen wofür.
+
+Nur meinen Namen darf der Doktor nicht nennen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich bin ganz allein im Wald. Mein Töchterchen ist mit der Wärterin im
+Garten; ich war so unruhig, ich mußte eine Strecke laufen. --
+
+Hier ist es himmlisch, die Unruhe fällt von mir wie ein schwerer,
+stickender Dunst.
+
+Wie ein Dom wölben sich die Jahrhunderte alten Bäume über mir. Die Hände
+eines Künstlers hätten es nicht schöner schaffen können. Wie sanft
+spielt das grünliche Licht in den Zweigen. Von Baum zu Baum winden sich
+Schmarotzerpflanzen mit leuchtenden Blumen. Eine fast tropische
+Überschwenglichkeit herrscht. Der Fuß versinkt wie in dicken Teppichen.
+
+Kann man sich unglücklich fühlen in solcher Umgebung? -- --
+
+ * * * * *
+
+Der Doktor ist abgereist, er wird mir schreiben, sobald er mir etwas zu
+berichten hat.
+
+Auch ich werde mich zur Heimkehr rüsten, ich sehne mich nach meinem Heim
+und seinem Herrn.
+
+ * * * * *
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Lange Jahre sind es her, seit ich nicht mehr in mein Büchlein
+geschrieben habe. Oft hatte ich es in Händen und ließ die eng
+beschriebenen Seiten durch die Finger gleiten, doch nichts, was mir des
+Aufzeichnens wert schien, ist in diesen Jahren durch mein Leben
+gegangen. --
+
+Einfache tägliche Erlebnisse, kleine Freuden, kleine Leiden. --
+
+Mein Töchterchen wächst heran und verspricht körperlich und geistig das
+Beste. Meinem Manne bin ich in den letzten Jahren immer unentbehrlicher
+geworden bei seinen ausgedehnten Geschäften, und das erfüllt mich mit
+ganz besonderem Stolz. Es zeigt mir, daß ein Weib doch auch zu etwas
+anderem zu gebrauchen ist, als nur zu inhaltlosen Tändeleien.
+
+Ich habe also in gewisser Weise erreicht, was ich erreichen wollte, und
+könnte dich nun endgültig zur Seite legen, mein kleiner papierener
+Freund.
+
+Aber -- ich kann es doch nicht. Es ist mir wie ein Unrecht, das ich an
+dir begehe. --
+
+Und dann, ich möchte, falls ich früher sterbe als mein Mann, das Buch in
+seine Hände legen, damit er sieht, wen er an sein Herz genommen hatte.
+Stirbt mein Mann vor mir, so soll meine Tochter die Aufzeichnungen ihrer
+Mutter lesen, sie wird daraus ersehen, wie viel ein Weib ertragen kann,
+ohne daß es seelisch zugrunde geht. --
+
+Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, daß Bronja wieder in
+ihrer Heimat ist. Der Doktor hat ihr zweitausend Dollars gegeben, hat
+ihr ein Billett besorgt und sie auch nach dem Dampfer gebracht. Sie hat
+so große Sehnsucht nach ihrem Kinde gehabt.
+
+Mögen die guten Wünsche, die sie für die unbekannte Wohltäterin
+ausgesprochen, sich an ihr selbst erfüllen! --
+
+ * * * * *
+
+Wir gehen in diesem Frühjahr nach Europa. Mein Mann ist gar nicht recht
+wohl; ein Herzleiden, das er schon längere Jahre hat, macht ihm viel zu
+schaffen.
+
+Die Geschäfte bringen zuviel Aufregung, er muß deshalb einmal
+vollständig ausspannen. --
+
+In Bad Nauheim werde ich dafür sorgen, daß ihm jede Aufregung fern
+bleibt.
+
+Wir sind reich, sehr reich.
+
+Daran, daß ich mir in keiner Weise Beschränkungen aufzulegen brauchte,
+merkte ich schon früher, daß wir über reiche Mittel zu verfügen hatten.
+In den letzten Jahren, wo ich mich um alle geschäftlichen
+Angelegenheiten kümmere, weiß ich, daß wir nicht mehr zu arbeiten
+brauchten. Aber es geht mir genau wie meinem Manne, ich könnte mich
+nicht darein denken, daß alles, sein ganzes Lebenswerk, für andere
+geschaffen sein sollte.
+
+Und ist nicht die Arbeit eine herrliche Trösterin?
+
+ * * * * *
+
+Lou freut sich furchtbar auf unsere Reise. Sie ist nun zehn Jahre alt
+und hat schon einiges Verständnis dafür. --
+
+Doch für mich gibt es nun wieder allerlei heikle Punkte.
+
+Das Fragen nimmt kein Ende.
+
+»Wo ist deine Heimat, Pa?«
+
+»Bist du in einem Dorf zu Hause oder in einer Stadt, Ma?«
+
+Was soll ich antworten? Ich fürchte auch, mein Mann denkt sich etwas
+dabei, wenn ich zu sehr ausweiche.
+
+Ich selbst fiebere förmlich bei dem Gedanken, daß ich von Bad Nauheim
+aus in einigen Stunden da sein kann, wo das stille alte Haus der
+Großeltern im dunkeln Tannenwald träumt.
+
+Ob ich es einmal wage? Unerkannt könnte ich sie vielleicht sehen. --
+Ach, ich glaube, ich würde mich verraten, wenn ich sie vor mir sähe. --
+Und Prinz, der alte Hühnerhund! Er würde mich sofort erkennen, wenn er
+noch lebt. -- --
+
+ * * * * *
+
+Dienstag, den 28. Mai sind wir mit der »Spree« von New York abgefahren.
+Mein Mann hat ein hübsches Pullmanset für uns belegt, und wir sind ganz
+begeistert von der Bequemlichkeit und Eleganz der Einrichtung. Man merkt
+kaum, daß man auf See ist.
+
+Lou ist ganz und gar aus dem Häuschen. Ihr Vater erfreut sich, glaub'
+ich, zum ersten Male vollkommen ohne irgendwelche Ablenkung an ihrer
+frischen, kindlichen Heiterkeit.
+
+Ich finde, er erholt sich schon jetzt von Tag zu Tag.
+
+Mir selbst geht es sonderbar. Von der ersten Stunde an, da ich das
+Schiff betrat, ist mir so sonderbar unruhig zu Sinn.
+
+Ich suche etwas und weiß nicht was. --
+
+Gleich am ersten Abend bin ich ein Stündchen auf Deck gewesen.
+
+Wie wunderbar ist die reine, salzige Luft! Welch wunderbare Farben
+verglimmen am Horizont und wecken tausend Erinnerungen, süße und
+schmerzliche, in meiner Brust!
+
+Sonnenuntergang! Der ganze Horizont ist von einem satten, tiefen Rot.
+Der Himmel scheint wie ein einziger großer ausgehöhlter Rubin über uns
+zu hängen.
+
+Das Wasser ist so ruhig wie ein See, nur hie und da tanzen rotgoldene
+Lichter; gibt es Schöneres?
+
+Doch alles Schöne ist vergänglich. Kaum eine halbe Stunde, und grau und
+fahl, gespensterhaft liegt die unabsehbare Fläche vor mir. --
+
+Mich friert trotz des warmen Wetters.
+
+Es macht traurig, immer an die Vergänglichkeit alles wahrhaft Schönen
+erinnert zu werden. -- --
+
+ * * * * *
+
+Bad Nauheim.
+
+Deutschland bekommt mir nicht. Mein Mann erholt sich von Tag zu Tag, und
+ich verzehre mich selbst vor Unruhe.
+
+Die Luft hier ist erfüllt von Erinnerungen.
+
+Diese ganzen Jahre hatte ich alles vergessen, die Heimat, die Großeltern
+und -- die Schuld!
+
+Nun wacht alles wieder auf, und ich stehe schwindelnd am Wege und weiß
+nicht, wohin er mich führen wird.
+
+Ich sehe ein, daß eine Schuld wie ein Schmutzfleck auf der Vergangenheit
+liegt, der sich nie wieder auslöschen läßt.
+
+Mag man zuweilen glauben, daß er verblaßt, mag man sein Vorhandensein
+für einige Zeit vergessen, er kommt wieder. --
+
+ * * * * *
+
+Ich kann es nicht mehr aushalten, ich muß hin!
+
+Ich muß wenigstens versuchen, die alten Leute von weitem zu sehen.
+
+Ob sie noch leben? Aber warum nicht? Vierzehn Jahre sind es her, seit
+ich von ihnen ging, und die Leute in meiner Heimat werden alt. --
+
+Ob ich es wage und unter dem Deckmantel einer Fremden das Jagdschloß
+besehe?
+
+Werde ich mich beherrschen können?
+
+ * * * * *
+
+Ich war da!
+
+Unter dem Vorwand, etwas in Frankfurt besorgen zu wollen, bin ich
+hingefahren.
+
+Ich habe meinen Mann belogen; diesen besten, gütigsten aller Männer habe
+ich belogen! So gebiert noch nach Jahren die alte Schuld neue Konflikte
+und Verwicklungen.
+
+Ich bin froh, daß ich es getan. Ich werde Ruhe finden, nun ich die alten
+lieben Großeltern gesehen. --
+
+Und doch hätte ich aufschreien können, als ich die gebückte Gestalt des
+Großvaters an mir vorübergehen sah.
+
+Ob sie sich gewundert haben über die fremde Frau, die so gern das alte
+Jagdschloß sehen wollte, und die gar so dicht verschleiert war?......
+
+Wie glücklich würde es mich machen, wenn ich ihnen meine Lou bringen
+könnte, mein prächtiges, liebes Mädchen!
+
+Und wie würden sie sich freuen!
+
+Aber das ist alles für mich unmöglich, es ist ein verlorenes Paradies,
+in das ich mit brennenden, sehnsüchtigen Augen starre.
+
+Und warum? War es nur _meine_ Schuld, daß ich diesen Weg der Lüge und
+der Verstellung wandern muß?
+
+ * * * * *
+
+Morgen fahren wir nach E., um von da aus die Heimat meines Mannes zu
+besuchen.
+
+Lou freut sich königlich. Sie denkt sich wohl das Häuschen, in dem ihr
+Vater geboren, als eine niedliche, kleine Villa. --
+
+Hoffentlich ist sie nicht zu sehr enttäuscht. -- --
+
+ * * * * *
+
+Seit fünf Tagen sind wir auf Capri. Der Arzt hält die Fahrt von hier aus
+für besser. Ich freue mich über das gute Aussehen meines Mannes;
+hoffentlich hält es an.
+
+Am Siebzehnten fahren wir von Genua aus mit der »Prinzeß Irene« wieder
+nach Hause. --
+
+Die letzten Tage in Deutschland sind uns wie im Fluge vergangen. --
+
+Die paar Stunden, die wir in der Heimat meines Mannes zugebracht haben,
+waren auch für mich eine Erquickung.
+
+Lou war gar nicht enttäuscht. Im Gegenteil, alles war ihr neu und
+köstlich.
+
+Und ich?
+
+Ich beneide meinen Mann um seine arme, aber fleckenreine Vergangenheit.
+Welch ein Triumph war es für den armen, herumgestoßenen Waisenknaben,
+daß er so vor seine Landsleute hintreten konnte! --
+
+ * * * * *
+
+Ich bin des Reisens müde und freue mich, heimzukommen.
+
+Heim? Wohin zieht es mich?
+
+Bald reißt die alte Heimat an meinem Herzen, bald die neue.
+
+Ich habe Heimweh und bin nirgends zu Hause. --
+
+Und doch ist meine Heimat da drüben in dem Lande, das mich trotz aller
+Schuld der bürgerlichen Gesellschaft wiedergegeben hat.
+
+ * * * * *
+
+Nach zwei Jahren.
+
+Amerika hat nicht gehalten, was Europa versprochen.
+
+Das Befinden meines Mannes ist wieder ebenso schwankend wie vor unserer
+Reise.
+
+Er muß sich schonen, und um ihm dazu Gelegenheit zu geben, habe ich
+nach und nach die Geschäfte fast ganz in meine Hände genommen. Es war
+ein schweres Stück Arbeit, aber es ist mir gelungen.
+
+Der alte Thomas, der schon seit Jahren meines Gatten rechte Hand ist,
+bespricht alles mit mir. Und nur wenn etwas ganz besonders Wichtiges
+vorliegt, müssen wir erst seinen Rat einholen.
+
+Aber wir sorgen schon dafür, daß es keine aufregenden Sachen sind, die
+wir mit ihm besprechen. --
+
+Oft sagt mein Mann zu mir: »Du hast mich schon gar nicht mehr nötig,
+Liebling. Du bist so entschlossen und umsichtig, wie nur je ein Mann es
+sein könnte.«
+
+Das macht mich stolz. Es erfüllt mich mit ungeahnter Befriedigung, daß
+ich meine Kräfte so entfalten kann. Daß ich diesem Manne, der mich
+genommen, ohne viel zu fragen, einen Teil der Schuld abtragen kann.
+
+ * * * * *
+
+Nun muß ich die Geschäfte Thomas überlassen und mich ganz meinem Manne
+widmen. Werde ich ihn mir erhalten? Er ist sehr krank.
+
+ * * * * *
+
+Meine Lou, mein liebes, gutes Kind; sie ist mir ein rechter Trost in
+diesen schweren Tagen.
+
+Wie liebt sie ihren Vater! Sie weicht kaum von seinem Lager. Ich hätte
+dem kleinen, lustigen Vogel gar nicht so viel tiefes Gefühl
+zugetraut. --
+
+ * * * * *
+
+Das Schlimmste ist vorüber.
+
+Es waren lange, schwere Wochen, aber noch einmal haben wir gesiegt. Und
+nun gehen wir wieder nach Europa; noch einmal soll Nauheim seine
+Wunderkraft beweisen.
+
+Lou freut sich wieder sehr auf die Fahrt, wenn auch die Freude etwas
+gedämpft wird durch des guten Vaters Krankheit. --
+
+ * * * * *
+
+Wieder einmal bin ich auf meiner geliebten See. Sie zeigt sich mir
+diesmal nicht von der besten Seite. Wir haben Sturm und Regen, und der
+Wind rast über Deck, daß es kaum möglich ist, nach oben zu gehen. --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe eine Begegnung gehabt, die alles, was langsam zur Ruhe gekommen
+war, wieder in Aufruhr gebracht hat.
+
+Ich müßte mich sehr irren, wenn nicht Smith, Herbert Smith, an Bord
+wäre. Er trägt einen kurz verschnittenen Vollbart, und doch habe ich ihn
+sofort erkannt.
+
+Wie ein elektrischer Schlag ging es durch meinen Körper. Und auch er muß
+mich erkannt haben, denn ein leichter Schreck huschte über seine Züge.
+
+Das Geschäft muß sehr viel einbringen, denn er fährt erste Kajüte. --
+
+Was soll ich tun?
+
+Soll ich diesen Menschen ungehindert seines Weges ziehen lassen?
+
+Ist es nicht vielmehr meine Pflicht, ihn zu entlarven?
+
+Alles in mir ist in Aufruhr. Wird man mir glauben?
+
+Nein, man wird mir nicht glauben, oder doch nur dann, wenn ich mich
+selbst preisgebe.
+
+Und mein Mann! Wie würde er es ertragen?
+
+Ach, und mein Kind, meine Lou!
+
+Nein, ich kann es nicht, jetzt noch nicht!
+
+Ich kann in den reinen Augen meines Kindes nicht als eine Verworfene
+dastehen! --
+
+Ein Vorfall kam mir ins Gedächtnis, den ich vor einigen Jahren erlebte.
+
+Quälende Selbstvorwürfe peinigten mich; ich fühlte mich unsäglich elend
+und unglücklich und weinte still in meinem Zimmer.
+
+Da kam Lou zu mir herein, und als sie meine Tränen sah, war sie ganz
+Mitleid. Stürmisch umschlang sie meinen Hals.
+
+»Mama, süße Mama, warum weinst du?« rief sie zärtlich.
+
+Ich schüttelte mit dem Kopfe, ich konnte kein Wort hervorbringen vor
+lauter Schluchzen.
+
+Als ich mich etwas gefaßt hatte, sagte ich:
+
+»Laß mich, Kind, laß mich allein!«
+
+»Mama, sei gut; sage mir, warum du weinst. Wer hat dir etwas zuleide
+getan?«
+
+»Niemand, Liebling. Mama muß an früher denken. Damals als sie noch nicht
+ihren Liebling, ihre Lou, hatte.«
+
+»Darüber brauchst du doch nicht zu weinen, süße Ma!«
+
+»Aber Mama hat damals sehr viel Schweres durchgemacht, und darüber muß
+sie weinen.«
+
+»Aber du sollst nicht weinen, Ma. Wer hat dir etwas getan? Ich werde es
+Pa sagen. Niemand darf dir etwas tun!«
+
+»Aber die Mama war nicht gut gewesen und hatte Strafe verdient,
+Liebling.«
+
+»Aber Mama! Wenn das der Papa hörte! Du bist doch meine liebste, beste,
+einzigste Mama.«
+
+»Hast du mich denn so lieb, mein Engel?«
+
+»So lieb!« jauchzte das kleine Geschöpf und umschlang mich mit ihren
+Armen. -- --
+
+Nein, ich kann es nicht von mir wälzen. Um des Kindes willen nicht.
+
+Was sollte aus ihr werden, wenn sie den Glauben an die Mutter verlieren
+müßte? -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Meinem Manne geht es schlecht. Er leidet stark an Atemnot.
+
+Wären wir erst in Nauheim. Ich darf ihn nicht verlieren, jetzt noch
+nicht. Ich würde wieder ganz einsam sein -- denn noch kann mir mein
+Kind, meine Lou, den Gatten nicht ersetzen. --
+
+Ich habe mich nie nach einer Freundin gesehnt, mein Gatte war mir alles.
+
+Doch sollte er von mir gehen, und ich allein die Strecke wandern müssen,
+die ich noch vor mir habe, so werde ich Trost in der Arbeit und bei
+meinem Kinde suchen.
+
+Nur jetzt laß ihn mir noch, noch ist es zu früh. --
+
+Wenn es wahr ist, daß _die_ Ehen am glücklichsten sind, in denen die
+Liebe des Mannes größer ist als die der Frau, so mag es davon kommen,
+daß die unsere so überaus glücklich war.
+
+Sicher muß aber auch die Frau danach sein, wenn eine solche Ehe wirklich
+glücklich sein soll.
+
+Was ihr an Liebe fehlt, muß sie durch Pflichtgefühl ersetzen. --
+
+ * * * * *
+
+Mein Mann erholt sich nicht wieder. Der Arzt läßt mir keine Hoffnung.
+
+Es kann noch Monate währen, es kann auch plötzlich kommen, ich muß auf
+alles gefaßt sein. --
+
+Es ist Arterienverkalkung dazugekommen.
+
+Der Ärmste, er hat in seiner Jugend zu viel gearbeitet und entbehrt.
+
+Ich bin jetzt ganz gefaßt und zeige meinem Manne immer ein fröhliches
+Gesicht; er darf nicht ahnen, wie es um ihn steht.
+
+Ob er wirklich nichts ahnt? -- Seine sonderbaren Reden machen mich
+manchmal stutzig.
+
+»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Liebling,« sagte er kürzlich zu
+mir.
+
+»Tu' ich es denn jetzt nicht mehr, Liebster?« fragte ich scherzend.
+
+»Immer! Aber wenn ich einmal von dir gehen sollte, Lotti, wirst du mich
+auch nicht so bald vergessen?«
+
+»Ich dich vergessen? Wie redest du nur? Du bleibst noch lange bei uns.
+Denk' an Lou! An deine Lou! Du mußt noch bei uns bleiben! Hörst du?«
+
+Tränen liefen mir über die Wangen, und auch ihm verging vor Rührung die
+Stimme. »Wie gerne möchte ich! Und doch, kann ich nicht ohne Sorge
+gehen? Ruht nicht mein Lebenswerk in guten Händen? Du bist ein ganzer
+Mensch geworden, meine Lotti.«
+
+»Du warst mein Lehrer, ich war in guten Händen.«
+
+ * * * * *
+
+Ich möchte gern wieder einmal in meinen Wald, darf aber nicht wagen,
+meinen Mann zu verlassen.
+
+ * * * * *
+
+Gestern hatte ich eine Begegnung, die mich gleicherweise erschreckte und
+erfreute.
+
+Der Herzog ist hier, der Herzog von B.
+
+Das also ist mein Vater! Dieser blasse, schmale Herr!
+
+Ich hab' ihn mir anders vorgestellt. Als einen ritterlichen, sieghaften
+Mann. --
+
+Er wird anders gewesen sein, als meine Mutter ihn geliebt hat. Nun ist
+er krank, herzleidend natürlich.
+
+Er hat keine Kinder und eine kalte, unsympathische Gattin.
+
+Das ist die Strafe! Die gerechte Strafe für meine zerstörte Jugend und
+den frühen Tod meiner Mutter.
+
+Ich möchte ihn hassen -- und doch -- ich kann es nicht. -- --
+
+ * * * * *
+
+Gestern hat er mit Lou gesprochen, mit meiner Lou.
+
+Ob wirklich etwas daran ist, an dem Märchen von der Stimme des Blutes?
+Ich glaub' es nicht. Wenn ihm Lou gefällt, so ist das nur natürlich.
+Jedermann mag das entzückende, natürliche Geschöpfchen gern.
+
+ * * * * *
+
+Wir saßen gestern abend auf der Terrasse, mein Mann und ich.
+
+Wenn es nicht so sonderbar wäre, so möchte ich sagen, mein Mann ist mir
+jetzt teurer als je zuvor.
+
+Es ist ein solch inniges Verhältnis zwischen uns, wie es kaum zwischen
+jungen Liebesleuten sein kann.
+
+Ich mag gar nicht von seiner Seite gehen.
+
+Ist es das nahe Scheiden, das uns so innig vereint? Hat uns etwas, das
+mehr ist als Liebe, zusammengeführt?
+
+Der Rückblick auf meine Ehe läßt mich keinen Augenblick den Schritt
+bereuen, den ich getan, trotzdem es ohne Liebe geschah.
+
+Könnte ich ebenso sagen von dem, was früher geschah! -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Heute waren wir zusammen im Wald. Lou suchte Blumen, und wir beide waren
+allein unter dem grünen Gewölbe.
+
+Die Luft schien geschwängert mit Wohlgerüchen, und die Ruhe, die uns
+umgab, hob uns über den Alltag hinaus.
+
+»Gibt es etwas Schöneres als unseren deutschen Wald?« sagte mein Mann
+sinnend, nachdem er eine Weile regungslos den Blick nach oben gewandt
+hatte.
+
+Mir traten die Tränen in die Augen. Wer wußte es besser als ich, wie
+schön er war. Mit einem Schlage stand alles vor mir. Das Forsthaus, die
+Großeltern, die dunkeln Tannen, alles, alles!
+
+»Ich möchte im deutschen Walde ruhen, wenn ich einmal nicht mehr bin,
+Lottchen. Versprich mir, daß du mir hier oder in der Heimat ein schönes
+Plätzchen unter den rauschenden Tannen aussuchen willst,« fuhr er fort.
+
+»Sprich nicht immer vom Sterben, Liebster,« sagte ich schluchzend.
+
+»Weine nicht, Lotti. Ich will nicht mehr davon sprechen, wenn es dich
+aufregt. Nur versprich mir, daß du mir meinen Wunsch erfüllen willst.
+Willst du, Liebling?«
+
+»Ich verspreche es dir. Du sollst unter den schönsten Tannen schlafen,
+die unser deutscher Hochwald hat,« sagte ich feierlich.
+
+Wie eine Vision stieg der Platz vor mir auf. Ich kannte ihn! Oh, ich
+kannte ihn!
+
+ * * * * *
+
+Ich sehe den Herzog fast täglich. Ich möchte vor ihn hintreten und ihm
+sagen, wer ich bin.
+
+Doch wem würde es nützen! Mir? Ich brauche ihn nicht.
+
+Meiner Lou? Auch in Deutschland duckt man sich vor amerikanischen
+Millionen genau so sehr wie vor Herzogskronen, das habe ich kennen
+gelernt.
+
+Und wenn mein Sinn nach einer Krone stände, so könnte ich einst eine
+kaufen für meinen Liebling; tun es doch so viele. --
+
+Kronen drücken schwer, das sehe ich jetzt wieder an dem Fürsten und
+seiner Gattin. Sie sehen beide nicht eben glücklich aus.
+
+Und mein Kind soll glücklich sein.
+
+ * * * * *
+
+Das Verhängnis kommt zusehends näher. Mein Mann hat seine Anfälle immer
+häufiger. Es ist mir entsetzlich, ihn so leiden zu sehen und nicht
+helfen zu können. Aber hier muß auch die Kunst der Ärzte Halt machen.
+Nur erleichtern läßt sich sein Leiden.
+
+Rührend ist seine Mühe, mit der er mir seine Schmerzen zu verbergen
+sucht. --
+
+Er fürchtet, mir wehe zu tun.
+
+Gibt es größere Liebe? --
+
+ * * * * *
+
+Wie langsam und bleiern die Stunden in die Ewigkeit rinnen!
+
+Wie furchtbar muß ein Mensch kämpfen, ehe er die Hülle abwerfen kann,
+die doch zuweilen so unsäglich schwer drückt.
+
+Stunden hatte ich bereits am Lager meines Mannes gesessen. Er schien zu
+schlummern, langsam und stoßweise nur ging sein Atem.
+
+Plötzlich bewegte er sich, sah mich einen Augenblick sinnend an und
+sagte dann langsam und schwerfällig:
+
+»Küsse mich, Lotti, und küsse unsere süße Lou von mir. Sie soll nicht
+hierherkommen jetzt. Es ist kein Anblick für ein Kind, wenn ein Mensch
+mit dem Tode ringt.«
+
+Er machte eine kleine Pause und winkte abwehrend mit der Hand, als ich
+ihn unterbrechen wollte. Dann fuhr er fort:
+
+»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Lotti. Du hast die Sonne in den
+grauen Alltag meines Lebens gebracht, ich danke dir dafür.
+
+Mit der Fabrik wirst du gut fertig werden, Thomas steht dir zur Seite.
+Es wäre mir sehr lieb, wenn du sie behalten wolltest, meine besten Jahre
+hat sie mir gekostet.
+
+Mich aber laß hier in der Heimat, und willst du lieber bei mir bleiben,
+so sei auch dafür gesegnet.«
+
+Erschöpft schwieg er.
+
+Sanft strich ich ihm den Schweiß von der Stirn und drückte einen Kuß
+auf die Lippen, die nur Worte der Liebe und Güte für mich gehabt hatten.
+
+»Alles soll werden, wie du es wünschest,« sagte ich tröstend, »ich werde
+in allem deinem Sinne gemäß handeln.«
+
+Er lag still und ruhig in den Kissen. Die Atembeschwerden schienen etwas
+nachzulassen, das Atmen ging leichter.
+
+Um zwölf Uhr wollte der Arzt noch einmal kommen. --
+
+Ich nahm seine Hand in die meine und saß still und bewegungslos neben
+ihm.
+
+Die Hand wurde kälter und kälter. Ruhig und ohne weiteren Kampf schlief
+er hinüber. Als der Doktor kam, war alles vorbei. --
+
+Ich kann nicht weinen, und doch sitzt es mir in der Kehle, daß ich
+ersticken möchte.
+
+Zu lange habe ich es kommen sehen, um ungefaßt dem Entsetzlichen
+gegenüberzustehen. --
+
+Doch ich habe keine Zeit zum Klagen, ich muß den Platz suchen, wo mein
+Gatte ruhen soll im rauschenden Tannenwald.
+
+ * * * * *
+
+Mein armes Kind, sie ist ganz aufgelöst.
+
+Ihr junges Herzchen ist gebrochen von dem ersten, schweren Leid.
+
+Ihr Vater! Ihr einziger, lieber Vater!
+
+Sie kann es nicht fassen. --
+
+Die Natur ist grausam in ihrer ausgleichenden Arbeit. --
+
+ * * * * *
+
+Ich will heute noch nach Jagdhaus Finsterberg, zu den Großeltern. Dort
+in ihrem Walde soll mein Mann ruhen. --
+
+Ich habe keine Zeit zu müßigem, tatenlosem Jammern. --
+
+ * * * * *
+
+Ob ich mein Kind mit mir nehme?
+
+Nein! Ich will noch warten! Den ersten Ansturm will ich allein ertragen.
+
+Später vielleicht -- vielleicht kann ich mein Kind in die Arme der
+Großeltern legen. --
+
+ * * * * *
+
+Unser Chauffeur hat gute Tage gehabt. Seit Wochen ist das Auto nicht aus
+der Garage gekommen, heute soll es mich hinübertragen in die Heimat, in
+das dunkle, heimliche Grün des Waldes.
+
+Ob ich unvermutet vor sie hintrete?
+
+Nein, ich würde sie zu sehr erschrecken, den Tod könnten sie davon
+haben!
+
+Den Tod! Mich friert trotz der Sonnenglut.
+
+Wenn ich niemand mehr fände? Wenn fremde Gesichter mir entgegensähen!
+-- --
+
+Ich bin nervös; die lange, aufreibende Pflege hat mich selbst auch krank
+gemacht. Und doch darf ich nicht schwach werden. Ich muß meine Kräfte
+hochhalten, bis ich dich gebettet habe, du guter, du treuer Weggenoß.
+
+Wie ein Zwang ist es über mir, seit er den Wunsch geäußert.
+
+Ich muß ihn unter die Tannen der Heimat betten.
+
+Ich bin inkonsequent, ich weiß es. Nie wieder wollte ich in der Heimat
+weilen als die, die ich wirklich bin.
+
+Und doch fühle ich schon jetzt eine Freudigkeit, eine Zuversicht in mir,
+wie seit langem nicht.
+
+Es muß also doch wohl das Rechte sein, trotz der scheinbaren
+Inkonsequenz. --
+
+Umstände ändern die Sache.
+
+ * * * * *
+
+Nun ist auch das vorüber.
+
+Mein Wagen trägt mich rasch wieder zu meinem Kinde, das ich schon morgen
+den Großeltern bringen will.
+
+Wenn ich alles überdenke, dann weiß ich selbst nicht, wie es gekommen
+ist.
+
+Unter dem Vorwande, Grüße von einer Dame aus Amerika überbringen zu
+wollen, bat ich um eine Unterredung.
+
+Ich vermochte kaum zu sprechen vor Aufregung, als ich endlich den lieben
+Alten gegenübersaß.
+
+Wiederholt fing ich an, ohne doch ein Wort über die Lippen zu bringen.
+Wohl sah ich den prüfenden Blick des Großvaters, die nervös zitternden
+Hände der Großmutter.
+
+Und als mir dann statt aller Worte Tränen aus den Augen stürzten, da war
+es auch um die Zurückhaltung der Großmutter geschehen.
+
+Mit dem schluchzenden Ruf: »Lottchen, du bist es, Lottchen, mein Kind!«
+hielt sie mich umschlungen, und ich schluchzte den Jammer meiner Seele
+an ihrer treuen Brust aus.
+
+Wäre ich doch schon früher zu ihnen gegangen!
+
+Keine Frage nach dem, was ich gefürchtet! Ihnen war es genug, daß ich da
+war. --
+
+Ach, ich bin so froh, so glücklich! Ich habe einen Platz gefunden, wo
+ich meinen Schmerz ausweinen kann. -- --
+
+Zeit zu langem Reden hatten wir nicht, dafür wird später übergenug Muße
+sein. Ich mußte vor allem meine Bitte anbringen, mir ein Plätzchen zu
+geben für meinen armen, toten Gatten.
+
+Der Großvater wurde ernst.
+
+»Das kann ich nicht, Liebling. Ich habe hier keine Rechte zu vergeben.
+Hier hat nur der Herzog zu bestimmen.«
+
+Der Herzog? Oh, mein Gott! Daß ich daran nicht gedacht!
+
+Mein Kopf brannte, meine Augen glühten.
+
+»Der Herzog! So gehe ich zum Herzog!« rief ich aus.
+
+»Du wolltest?« rief der Großvater.
+
+»Weißt du, zu wem du gehst?« fragte die Großmutter.
+
+»Ich weiß es. Und eben deshalb hoffe ich keine Fehlbitte zu tun. Und
+warum sollte ich nicht gehen? Nicht ich bin es, die sich hier zu schämen
+hat.«
+
+Der Großvater neigte das Haupt.
+
+»Mach' was du willst, Kind. Ich bin alt, ich habe nicht mehr viel zu
+verlieren.«
+
+»Ach, Großvater! Was sollte dir denn passieren? Und wenn der hohe Herr
+wirklich unzufrieden sein sollte, so kommst du mit mir.«
+
+»Nein, nein, mein Kind! Alte Bäume verpflanzt man nicht mehr. Bring' uns
+dein Kind, damit wir uns an ihm freuen können. Aber bald!«
+
+»So komm mit und hole sie!« sagte ich rasch. »Du würdest auch mir eine
+Stütze sein in diesen Tagen.« -- -- --
+
+Er ist mitgekommen, und Lou ist ganz glücklich über den prächtigen,
+alten Großvater. --
+
+Morgen gehe ich zum Herzog. Sonderbares Gefühl! Ob sich etwas regt in
+seiner Brust bei meinem Anblick?
+
+Ob ich meiner Mutter gleiche?
+
+Ich weiß nicht, soll ich ihn hassen oder lieben? --
+
+Keines von beiden! Er ist mir gleichgültig.
+
+Wenn er mir meinen Wunsch erfüllt, bin ich zufrieden.
+
+Sonderbar: mein Vater! Es verbinden sich mir gar keine lieben,
+herzlichen Gefühle mit diesem Wort.
+
+Eine unharmonische Kindheit, eine schmutzige, traurige Jugend, und doch
+-- wie wunderschön ist es, einen Vater zu haben. Einen Vater, wie er
+meiner Lou starb. --
+
+ * * * * *
+
+Auch dieser Schritt ist getan: ich habe mein Ziel erreicht.
+
+Ich habe an gar nichts gerührt. Ich habe nur gebeten. Als die Enkelin
+des alten Försters Ruhland. --
+
+Um den letzten, innigen Wunsch meines sterbenden Gatten zu erfüllen, sei
+ich hier, ich wisse keinen schöneren und passenderen Platz als den in
+der Heimat, die ich nie vergessen könne. --
+
+»Förster Ruhland hatte nur ein Kind, eine Tochter?« fragte der Fürst mit
+unterdrückter Stimme.
+
+»Nur eine Tochter, Hoheit. Sie war meine Mutter.«
+
+»Ihre Mutter!« flüsterte er. »Wie alt sind Sie, gnädige Frau?«
+
+»Wie alt? Ich bin schon sehr alt! Geboren bin ich im Juni 1872.«
+
+»Achtzehnhundertzweiundsiebzig,« murmelte er und stützte sich schwer auf
+die Lehne seines Sessels.
+
+Dann ruhten seine Augen einige Minuten forschend auf meinem Gesicht.
+
+»Ihr Wunsch ist Ihnen erfüllt. Suchen Sie sich den schönsten Platz aus,
+gnädige Frau -- oder darf ich »liebes Kind« sagen? Sie sind doch die
+Enkelin meines alten, treuen Ruhland....... Ich werde mich bei der
+Beerdigung Ihres Gatten vertreten lassen.«
+
+Er reichte mir die Hand, und ich drückte dankbar meine Lippen darauf.
+Ein sonderbares Gefühl arbeitete in mir. Ich hatte ihn hassen wollen.
+Und nun? Dieser Mann war nicht schlecht, er hatte im jugendlichen
+Leichtsinn gesündigt. -- --
+
+Und jetzt war er nicht glücklich.
+
+Kronen drücken schwer. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+»Die Schrulle eines Millionärs« nennen sie hier den Wunsch meines
+Gatten.
+
+Mein lieber, einfacher Mann. Kann ein Mensch anspruchsloser sein? Er
+beanspruchte so wenig für sich von seinem Reichtum.
+
+Ist er nicht ganz natürlich dieser Wunsch nach einem stillen, einsamen
+Ruheplätzchen, wenn man ein so arbeitsreiches, unruhiges Leben hinter
+sich hat? --
+
+Nun haben wir ihn gebettet. Nichts wird ihn stören als der Schrei eines
+Nachtvogels oder das Brüllen der Hirsche in ihrer Kampfzeit.
+
+Die Vögel in den Zweigen singen ihm das Schlummerlied. Ihm ist wohl, für
+uns ist es hart. Wer sich zu der Religion flüchten kann mit seinem
+Schmerz, der ist wohl daran.
+
+Ach, ich beneide mein Kind, das voller Inbrunst und Hingebung am Grabe
+des geliebten Vaters betet.
+
+ * * * * *
+
+Nun ist wieder Ruhe um mich her.
+
+Wir bleiben noch einige Tage hier bei den Großeltern.
+
+Lou würde am liebsten immer hier bleiben, hier, bei dem toten Vater und
+bei den lieben alten Leuten.
+
+Nur mir wühlt die Unruhe im Blut.
+
+Eine Aussprache ist unvermeidlich, und ich -- ich fürchte sie.
+
+ * * * * *
+
+Die Großeltern haben mir das Geständnis leicht gemacht.
+
+Sie schienen zu ahnen, was hinter mir lag.
+
+Ich hatte den Brief vergessen, den ich am Vorabend jenes unseligen
+Ankunftstages an sie geschrieben hatte. Dieser Brief war das letzte
+Lebenszeichen von mir. --
+
+War es verwunderlich, daß sie ahnten, in welche Hände ich gefallen?
+
+Sie haben Erkundigungen angestellt, der Onkel in Amerika hat mit Hilfe
+des deutschen Konsuls alles mögliche versucht -- ohne Erfolg.
+
+Mich hatten sie fest und sicher hinter den Mauern jenes verfluchten
+Hauses. -- -- -- --
+
+Und während meine Lou, mein Liebling, draußen im Walde umherstreift,
+rollt sich noch einmal die Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen vor
+mir auf. -- -- --
+
+Wir haben uns ausgesprochen und alles ist -- oder vielmehr soll begraben
+sein.
+
+Zu vergeben hatten sie mir im Grunde nichts -- der alte Fluch hatte sich
+auch an mir erfüllt. --
+
+Die Sünden der Väter. -- --
+
+Mir liegt auch alles so weit ab jetzt, der erneute schwere Verlust läßt
+mir alles klein erscheinen.
+
+Ich habe kein rechtes Glück in der Welt. Alles wird mir genommen.
+
+Ich muß daran denken, wie hoffnungsfreudig ich war, als mein Mann damals
+um mich warb. Noch einmal lag das Leben schön und begehrenswert vor mir.
+Nun liegt auch das wieder eingesargt drüben unterm Rasen. -- --
+
+Habe ich mein Gelöbnis gehalten?
+
+War ich ihm ein gutes, treues Weib?
+
+Ein guter Kamerad?
+
+Ich war es! Ich habe meine Pflicht erfüllt. Nicht einmal den Mangel an
+Liebe hat er empfunden.
+
+Ich habe ihn sehr hoch geschätzt, er war der Besten einer. --
+
+Daß ich ihm keinen Sohn schenken konnte, einen Erben für sein
+Lebenswerk!
+
+Trotzdem ich zuerst erfreut darüber war, keinem Jungen das Leben
+geschenkt zu haben, hat es mich die letzten Jahre doch oft betrübt. So
+sehr er auch sein Mädchen geliebt, ein Sohn hat ihm doch gefehlt.
+
+Dort kommt der Mond langsam über die Wipfel der Tannen und wirft sein
+blasses, kaltes Licht auf das schmale Bett da drüben.
+
+Wo stand ein Bett wie dieses, so schmal, so kalt und schmucklos!
+
+Und ich lag darin -- vor langen, langen Jahren -- oder war ich es nicht?
+War es mein Schatten?
+
+Morgen werde ich vor die Großmutter hintreten und Rechenschaft über jene
+Tage fordern. --
+
+Was man dem Kinde damals vorenthielt, der reifen, geprüften Frau wird
+man es nicht mehr weigern.
+
+Ich will Aufschluß über Leben und Tod meines Kindes. --
+
+In all den langen Jahren bin ich das quälende Bewußtsein nicht
+losgeworden, daß ich damals nicht die Wahrheit erfahren habe.
+
+Ich bin jetzt auf einem Punkt angelangt, daß ich auf nichts und niemand
+mehr Rücksicht nehme.
+
+Noch kurze Zeit, und das große Wasser liegt wieder zwischen mir und der
+Heimat.
+
+ * * * * *
+
+Ich kann nicht schlafen. Die Geister der Vergangenheit umschweben mich
+und lassen mich nicht zur Ruhe kommen. --
+
+Bist auch du mir nahe, teure Mutter? Und du, Werner, mein Geliebter,
+mein Retter?
+
+Seid ihr zufrieden mit mir, so gebt mir ein Zeichen!
+
+Fern, ganz fern und schwach tönt feines Klingen im Dunkel des Waldes,
+wie eine Stimme aus dem Jenseits.
+
+Oder fiel ein Stern klingend vom Himmel?
+
+Ich will schlafen und träumen, vielleicht kommen im Traum die Lieben zu
+mir, die mir das Wachen versagt. -- --
+
+
+
+
+VII.
+
+Eine Abrechnung.
+
+
+Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, ich habe einen Sohn!
+
+Er lebt, ist gesund, und ich -- ich wußte es nicht!
+
+Warum hat man es mir verheimlicht? --
+
+Sie haben es gut mit mir gemeint, sagen die Großeltern. Ich sollte,
+selbst noch ein Kind, nicht diese Bürde tragen. --
+
+Später, wenn ich älter geworden, wenn die Umstände danach waren, hätten
+sie mir die Wahrheit sagen wollen.
+
+Und dann sei ich verschollen gewesen. --
+
+Sie haben es gut gemeint! Gewiß, ich muß wohl noch dankbar sein. --
+
+Aber nun? Wo ist mein Kind? Jetzt hält mich nichts mehr zurück, führt
+mich hin! --
+
+Sie schweigen -- sind verlegen -- was soll das bedeuten? --
+
+Und so erfahre ich denn das Unglaubliche, das Unfaßbare!
+
+Mein Sohn, mein Kind, ist auf Gut Koppenbruch, bei Rudolph Schönewald,
+seinem Vater!
+
+Es ist kaum auszudenken, und doch ist es wahr!
+
+Es klingt gleich einem Märchen, und doch ist es Wahrheit. Der Mann, der
+vor allen anderen daran schuld ist, daß ich in dieses Labyrinth geriet,
+der es ablehnte, der Mutter seines Kindes einen ehrlichen Namen zu
+geben, dieser Mann nimmt den Sohn eben dieser Frau an Kindes Statt an,
+weil seine Gattin ihm keinen Erben geschenkt.
+
+Meinen Sohn! -- --
+
+Meine Gedanken wandern hinweg, weit fort, zu den Tagen, wo mein Mann
+hoffte -- vergebens hoffte, daß ihm ein Erbe für sein Lebenswerk geboren
+würde.
+
+_Er_ hoffte vergebens!
+
+Und Rudolph Schönewald sollte sich in meinem Sohne den Erben
+heranziehen?
+
+Das Kind der Frau, die er verschmäht, weil sie nicht Geld genug hatte,
+um die Gattin eines Gutsbesitzers zu werden!
+
+Nein! Ich werde es nicht zugeben! Ich selbst will mein Kind zu mir
+nehmen, und keine Macht der Welt wird mich daran hindern. --
+
+Vor acht Jahren erst hat er den Knaben zu sich genommen, als ihm selbst
+keine Hoffnung geblieben, daß ihm ein Erbe geboren würde.
+
+Die Großeltern haben es als die glücklichste Lösung der ganzen
+Angelegenheit betrachtet.
+
+Kann ich sie tadeln?
+
+Nein, gewiß nicht!
+
+Die Mutter verschollen, sie selbst alt und gebrechlich, ist es da nicht
+zu begreifen, wenn sie es als ein Glück ansahen, daß der Knabe auf diese
+Weise gewissermaßen zu seinem Rechte kam? --
+
+Seine Gattin weiß natürlich nichts von der Herkunft ihres Adoptivsohnes.
+Für sie ist es ein entfernter Verwandter. --
+
+Nun aber bin ich da, und sofort werde ich Schritte tun, um mir mein Kind
+zurückzuholen. --
+
+Wem bin ich Rechenschaft schuldig? Niemand.
+
+Meiner Lou?
+
+Fürchte ich die fragenden Augen meines Töchterchens?
+
+Es wird sich ein Ausweg finden; später, wenn sie es besser versteht,
+soll sie alles erfahren, die ganze Wahrheit.
+
+Nur jetzt noch nicht, noch ist sie nicht reif genug dafür. --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe an Rudolph Schönewald geschrieben und ihn ersucht, mir Zeit und
+Ort anzugeben, wo ich mein Kind in Empfang nehmen kann, um es mit nach
+Amerika zu nehmen. --
+
+Wer mir gesagt hätte, daß ich noch einmal an diesen Mann schreiben
+würde! Ich versuche vergebens, mir sein Bild ins Gedächtnis
+zurückzurufen.
+
+Weit, weit ab, in fernem, undurchdringlichem Nebel liegen jene heißen,
+schwülen Tage, in denen zuerst meine Sinne erwacht. --
+
+Nichts regt sich mehr in mir, was für diesen Mann spricht. Nur ein
+Gefühl der Genugtuung beschleicht mich bei dem Gedanken, ihm wehe zu
+tun. --
+
+Er wird den Knaben liebgewonnen haben. Er wird ihn mir nicht geben
+wollen. Aber er muß! Das Recht ist auf meiner Seite.
+
+Und wäre es nicht so, dann würde ich mich nicht scheuen, noch einmal die
+Hilfe des Herzogs in Anspruch zu nehmen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Was ist es, das mich so rastlos macht, seit ich den Brief geschrieben?
+
+Ist es die Sehnsucht nach dem Kinde, das ich nicht kenne?
+
+Nein! Vor mir selbst will ich wahr sein!
+
+Gewiß, ich sehne mich nach dem Knaben. Wie wird er sein? Werde ich ihn
+lieb haben -- und er mich?
+
+Er wird mich lieben lernen.
+
+Ob man ihm je von seiner Mutter sprach?
+
+Ich wage gar nicht zu fragen, wem er ähnlich sieht.
+
+Nur nicht jenem Menschen, dem ich jetzt mit Freuden die größte
+Enttäuschung seines Lebens bereite.
+
+Vielleicht nicht nur eine Enttäuschung, vielleicht einen Schmerz, einen
+wirklichen, großen Schmerz. --
+
+Ja, das ist es! Ich freue mich darüber! Ich will ihm wehe tun! --
+
+Ist das schlecht?
+
+Es ist nur menschlich! Wer hat nach _meinen_ Gefühlen gefragt? --
+
+ * * * * *
+
+Heute früh war er da!
+
+So rasch hatte ich die Wirkung meines Briefes nicht erwartet. --
+
+Ich war sehr erschrocken, als mir Rudolph Schönewald gemeldet wurde. Ich
+warf einen Blick in den Spiegel und erschrak noch mehr über das blasse
+Gesicht, das mir aus der schwarzen Umrahmung doppelt blaß
+entgegenschien.
+
+Es klopfte an die Tür. Ich trat einen Schritt vor -- es war mir nicht
+möglich, »Herein« zu rufen -- da stand er auch schon vor mir. --
+
+Was hatte ich mir alles vorgenommen! Was wollte ich diesem Manne ins
+Gesicht schleudern, jahrelang angehäuften Groll, Verachtung, alles,
+alles -- und nun sagte ich gar nichts.
+
+Er stand vor mir, den Hut in der Hand, das blonde Haar an den Schläfen
+stark gelichtet, mit unsicheren, ängstlichen Augen, und sagte ebenfalls
+nichts.
+
+So mußte ich anfangen.
+
+»Sie wünschten mich zu sprechen, Herr Schönewald?«
+
+»Ja -- Sie schrieben mir, gnädige Frau, und -- da -- ich -- dachte --«
+
+Er stotterte und schwieg.
+
+»Da wollten Sie mir meinen Jungen selbst bringen, nicht wahr?« sagte ich
+kühl. Ich hatte mich gefaßt und mich darauf besonnen, wer vor mir
+stand. --
+
+Er zog sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der
+Stirn, dann sagte er:
+
+»Warum wollen Sie mir das antun, gnädige Frau? Sie kennen den Jungen gar
+nicht, und ich, ich habe ihn lieb.«
+
+»Sie hätten ihn seinerzeit für immer haben können, nun ist es zu spät.
+Uneheliche Kinder gehören, soviel ich weiß, der Mutter. Und ich gedenke
+mein Recht geltend zu machen.«
+
+»Aber ich habe ihn adoptiert!«
+
+»Ohne meine Einwilligung!«
+
+»Er wird nicht von mir wollen, haben Sie Erbarmen!«
+
+»Haben _Sie_ Erbarmen gehabt? Ich tue nur, was die Bibel lehrt: Auge um
+Auge, Zahn um Zahn.«
+
+»So kann Sie nichts von Ihrem Vorhaben abbringen?«
+
+»Nichts! Es ist nutzlos, weiter darüber zu reden. Adieu!«
+
+Er ging. Merkwürdig gebückt, trotz seiner noch jungen Jahre. --
+
+Mir ist so wohl! Es ist ein schönes Gefühl, wenn man so abrechnen kann.
+-- -- --
+
+Nur dürfte der Grund zu dieser Abrechnung nicht das Schicksal meines
+Kindes sein.
+
+Das ist der bittere Nachgeschmack.
+
+Aber das weiß nur ich allein. -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich will heute nachmittag nach Nauheim fahren und alles zur Abreise
+vorbereiten. Wenn ich meinen Sohn bei mir habe, will ich so bald als
+möglich nach drüben.
+
+Es ist auf alle Fälle besser, diese Entfernung zwischen ihn und seinen
+Vater zu legen. --
+
+Mir ist ganz sonderbar zumute, wenn ich mir vergegenwärtige, wie es
+werden wird.
+
+Wenn er nicht zu mir will? Möglich wäre auch das.
+
+Wie soll er diese so plötzlich aufgetauchte Mutter lieben?
+
+Aber er ist noch jung, ist aufnahmefähig für alles Neue und
+Absonderliche.
+
+Lou ist fünfzehn Jahre und er achtzehn. --
+
+Achtzehn Jahre! Was hatte ich mit achtzehn Jahren schon alles hinter
+mir! -- --
+
+ * * * * *
+
+Die Großeltern gehen mit sonderbar vorwurfsvollen Blicken einher. Sie
+scheinen nicht mit meinem Tun zufrieden. --
+
+Bis zu seinem zehnten Jahre ist der Knabe hier bei ihnen gewesen.
+
+Ich glaub' es wohl, daß sie ihn ungern hergegeben haben, daß sie nur das
+Wohl des Knaben im Auge hatten.
+
+Sie können mich nicht begreifen, daß ich ihn nicht dort lasse, wo nach
+ihrer Meinung sein rechter Platz ist.
+
+Sind es nur Rachegefühle, die mich leiten?
+
+Gilt mir das Wohl meines Kindes nicht in erster Linie?
+
+Wenn ich ganz wahr gegen mich sein will, so weiß ich es selbst nicht
+einmal.
+
+Ich will mein Kind haben, will es umarmen, herzen, küssen, und fürchte
+mich doch vor diesem Augenblick.
+
+Das aber weiß ich gewiß, daß mich ein wohliges Gefühl beschleicht, wenn
+ich an den Schmerz denke, den ich dem Vater dieses Kindes zufüge.
+
+ * * * * *
+
+Lou will im Walde bleiben, bis alles fertig zur Abreise ist.
+
+Mich trägt mein Wagen schnell zur Stadt; es ist schön, so schnell zum
+Ziele zu kommen.
+
+Ich lehne mich im Wagen zurück und lasse meine Augen über die alten,
+vielhundertjährigen Bäume gleiten. Es träumt sich gut unter euch. Und du
+wirst still und friedlich ruhen, mein treuer Freund.
+
+Ich aber will dir noch jetzt den Mann erziehen, den du dir für deine
+Werke so oft gewünscht hast. --
+
+ * * * * *
+
+Die Dämmerung zieht herauf. Die Stimmen der spielenden Kinder tönen von
+der Straße zu mir ins Zimmer.
+
+Selige Tage der Kindheit.
+
+So gut es meine Lou hat, etwas hat sie nicht kennen gelernt.
+
+Diese wundervollen Spiele an lauen Sommerabenden, wenn jeder Augenblick
+vorm Zubettgehen noch im Spiel mit den Nachbarskindern ausgenutzt
+wird. --
+
+Auch Millionäre können ihren Kindern nicht alles geben. -- --
+
+ * * * * *
+
+Nun ist alles erledigt. Ich bin wieder im Walde und erwarte nur noch
+meinen Jungen.
+
+Großvater ist gestern hingefahren, ihn zu holen.
+
+Schönewald hat an ihn geschrieben, es ginge über seine Kraft, selbst den
+Jungen aus seinem Hause zu bringen.
+
+Ich will es glauben, es ist vielleicht auch besser so.
+
+Großvater kann ihn wenigstens etwas vorbereiten unterwegs.
+
+Und Lou? Ich muß es ihr endlich sagen, daß sie einen Kameraden bekommt,
+einen Bruder!
+
+Wird es mir doch zu schwer, das rechte Wort zu finden -- --
+
+ * * * * *
+
+Nun ist es gesagt! Sie ist doch noch ein rechter Kindskopf.
+
+Sie freut sich! Freut sich unbändig über den Bruder, und fragt nicht
+nach dem Wie und Wo.
+
+Schon immer hat sie sich einen Bruder gewünscht, mit dem sie
+Spaziergänge und Streifzüge unternehmen könne.
+
+Es ist gut so. Später, wenn sie vernünftiger ist, werde ich es ihr
+besser erklären können.
+
+ * * * * *
+
+Nun ist er da!
+
+Mein Junge! Mein großer, schöner Junge! Ach, ich bin doch glücklich. So
+hatte ich ihn mir nicht vorgestellt, so groß und hübsch. Ein rechter
+Herr schon!
+
+Ach, und gottlob nichts, aber auch gar nichts von dem, was ich
+gefürchtet. Sein Aussehen ruft mir keine unangenehmen Erinnerungen wach.
+Dunkelbraunes Haar, schöne Nase, etwas gebogen, und prächtige, dunkle
+Augen.
+
+Aber so scheu, so ungelenk ist der große Bursche, immer und immer wieder
+guckt er sich die neue Mutter an. --
+
+Ich war ganz aufgeregt. Ich habe gelacht und geweint, und all meine Ruhe
+war verflogen. Hätte ich ihn doch schon früher gehabt, meinen Jungen!
+Wird er sich jetzt noch an mich gewöhnen?
+
+Früher? Aber ich vergesse ja ganz, daß mein Mann von der Existenz dieses
+Kindes gar nichts hätte wissen dürfen.
+
+So war es also gerade die rechte Zeit. --
+
+Ja, ja, ich finde mich durch mein eigenes Leben bald nicht mehr
+hindurch.
+
+ * * * * *
+
+Morgen reisen wir ab. Ich freue mich diesmal sehr auf die Reise.
+
+Die letzten Tage waren unerträglich.
+
+Der Knabe ist mir fremd, und alle meine Annäherungsversuche waren
+erfolglos. Noch ist kein gemeinsames Band zwischen uns. Nur mit Lou ist
+er bereits gut Freund.
+
+Doch ist wenigstens sein Name mir vertraut. Sie haben ihm Großvaters
+Namen gegeben.
+
+Konrad, ein schöner Name, und so echt deutsch.
+
+Und ich will seinen Träger zum Amerikaner machen!
+
+Ob es mir gelingen wird?
+
+Ich hoffe es, ist er doch noch jung. --
+
+Ich glaube überhaupt, es ist in erster Linie die Freude an der Reise, an
+dem Unbekannten, die ihn bewogen hat, so rasch und widerstandslos
+einzuwilligen.
+
+Steckt doch in jedem jungen Menschen der Hang zum Abenteuerlichen.
+
+Mag es sein, ich muß es hinnehmen. Später, im steten Umgang, und drüben,
+wo er ganz auf mich angewiesen ist, werden wir schon das heimliche Band
+finden, das uns verbindet.
+
+Es muß gelingen! Es war mir ein unerträglicher Gedanke, die Fabrik und
+die großen Viehzüchtereien in fremde Hände zu legen, wenn ich einmal
+gehe. --
+
+Lou? Sie wird heiraten, und ich möchte ihr keinen Mann aufzwingen aus
+Rücksicht aufs Geschäft.
+
+Ergibt es sich von selbst, daß sie eine passende Heirat macht, dann um
+so besser; es ist Platz für zwei Herren. --
+
+Auch die großen Weideflächen brauchen Aufsicht, und wir könnten etwas
+mehr Ruhe walten lassen.
+
+Aber Ruhe in Amerika, und noch dazu in einem Geschäft -- das ist beinahe
+ein Ding der Unmöglichkeit.
+
+Es wäre deshalb doppelt gut, wenn die Arbeit geteilt würde. --
+
+ * * * * *
+
+Auf See.
+
+Wieder einmal die goldene Klarheit eines schönen Herbsttages auf See.
+Die Luft ist mild und wunderbar rein.
+
+Erquickende Tage, erquickende Nächte, noch einmal ist es eine Zeit für
+mich, von der ich sagen kann, das Leben ist doch lebenswert. --
+
+Der Kinder wegen nehmen wir die Mahlzeiten im großen Salon, was wir in
+den letzten Jahren wegen meines Mannes Krankheit nie getan haben. Die
+schön geschmückten Tische, der Luxus der Ausstattung, die harmonisch
+abgestimmten Farben, das ist stets wie ein Fest.
+
+Wir sitzen am Kapitänstisch, sind also bevorzugt, gewissermaßen. --
+
+Mein Junge kommt aus der Verwunderung gar nicht heraus. Er staunt noch
+immer die Annehmlichkeiten des Reichtums als etwas Unwirkliches an. Lou
+ist das gewöhnt, sie nimmt es als selbstverständlich hin.
+
+Was wohl der Kapitän und all die hohen Herrschaften sagen würden,
+speziell der deutsche Gesandte Graf B., der mir gegenüber sitzt, wenn
+ich ihnen verriete, daß ich vor nun sechzehn Jahren auf genau solchem
+Schiff als Stewardeß tätig war?
+
+Das Geld ist doch eine große Macht. -- --
+
+ * * * * *
+
+Ich kann mich nicht überwinden, ich muß auch diesmal wieder nach alter
+Gewohnheit des Abends ein Stündchen auf Deck.
+
+Heute abend traf ich Konrad, allein und auf meinem alten Plätzchen. Es
+berührt mich sonderbar; begegnen wir uns hier in einem Empfinden?
+
+Ich legte den Arm um ihn und sah ihm in die Augen.
+
+Heimweh? Armer Junge! Ich hätte es mir denken können......
+
+»Nächstes Jahr gehen wir wieder nach draußen, mein Junge! Wenn du brav
+lernst, dann sollst du als Belohnung eine Europareise haben. Auch Lou
+wird gern wieder mitgehen, meinst du nicht auch?«
+
+Es leuchtete freudig auf in seinem von Tränen verdunkelten Blick.
+
+Ich selbst habe auch den Wunsch, schon nächstes Jahr wieder an mein
+geliebtes Grab zu eilen. Bin ich doch jetzt, durch die Umstände
+gezwungen, viel zu früh fortgegangen.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe mich entschlossen, erst noch einige Wochen in New York zu
+bleiben. Es ist besser für Konrad, er muß erst einigermaßen die Sprache
+beherrschen.
+
+Wir haben schon unterwegs nur noch Englisch mit ihm gesprochen. Ich
+glaube, es wird ihm leicht werden. Nur muß er einen tüchtigen Lehrer
+haben. Wir beide, Lou und ich, wir sind nicht energisch genug. Wenn er
+es gar nicht verstehen kann, dann sprechen wir doch immer wieder
+Deutsch. Am besten ist es aber, wenn er überhaupt kein Wort Deutsch mehr
+hört.
+
+Ich werde den Doktor aufsuchen, er wird mir raten. --
+
+ * * * * *
+
+Nun bin ich doch schon zu Hause. Aus den Wochen in New York sind nur
+einige Tage geworden. Aber ich bin allein mit Lou, denn Konrad ist in
+New York geblieben.
+
+Doktor Curtis hielt es für das beste, und ich muß ihm recht geben. Hätte
+ich doch auch nicht gedacht, daß es sich so wunderschön einrichten
+ließe. --
+
+Doktor Curtis ist verheiratet, schon seit vierzehn Jahren.
+
+Er hat eine liebe, kleine Frau und ein Töchterchen, das an
+Ausgelassenheit meiner Lou nichts nachgibt.
+
+Ich habe ihn in alles eingeweiht, was Konrad betrifft. Und er meint, daß
+es auf alle Fälle besser ist, wenn der Junge erst noch einige Zeit für
+sich hat. Eine Zeit des Besinnens, der Einkehr.
+
+Er wächst auch leichter in das Fremde hinein, das ihn dort erwartet,
+wenn er die Sprache schon einigermaßen beherrscht. --
+
+Ich bin zuweilen voller Hoffnung für die Zukunft, zuweilen bin ich
+wieder ganz mutlos. --
+
+Und doch -- war der Abschied von meinem großen Jungen nicht ganz
+vielversprechend? Kann ich mehr verlangen? -- --
+
+Ich will arbeiten, dann vergehen die Grillen. Zu lange hat der Herr
+gefehlt, ich muß viel nachholen. --
+
+Nach dem Westen will ich erst, wenn Konrad hier ist, es soll mein erstes
+Alleinsein mit ihm werden.
+
+Lou muß diesmal in Chikago bleiben, obgleich sie für ihr Leben gern in
+den Ranchos herumwirtschaftet; sie muß diesmal verzichten.
+
+Ich muß die Gelegenheit wahrnehmen, um endlich das Vertrauen meines
+Jungen zu gewinnen. --
+
+Auch im Betrieb habe ich bereits vorgearbeitet. Den alten Thomas habe
+ich ins Vertrauen gezogen. Es schien mir, als ob er im Anfang etwas
+verstimmt sei, doch es wird sich geben, er ist ein treuer Diener.
+
+Auch ihm ist am letzten Ende _ein_ Herr lieber als mehrere.
+
+Und was wäre uns schließlich weiter übrig geblieben als eine
+Aktiengesellschaft? Denn ganz will ich meine Kräfte nicht aufreiben und
+ich möchte auch gern endlich an die Verwirklichung meiner lange gehegten
+Pläne gehen. --
+
+ * * * * *
+
+Nun ich allein bin, komme ich erst wieder so recht zu mir selbst und
+denke die letzten Monate noch einmal in Ruhe durch.
+
+Der Tod meines Mannes -- es ist, als ob schon eine Ewigkeit seitdem
+verflossen wäre.
+
+Zuweilen bin ich über mich selbst verwundert, daß mich das alles nicht
+tiefer getroffen hat.
+
+Gewiß, es war mir sehr schmerzlich, es hat sehr wehgetan, ein Stück
+meines besseren Ich ist von mir gegangen. Und doch -- ich meine, andere
+Frauen empfinden viel tiefer, sind viel untröstlicher. Ich glaube, in
+mir ist eine Saite zerbrochen, die nie mehr klingen kann. --
+
+Es ist schade, man wird so hart und liebt die Menschen so wenig. Die
+Menschheit im allgemeinen will ich damit sagen -- denn im besonderen
+habe ich einige recht innig in mein Herz geschlossen.
+
+Und doch muß ich noch zufrieden sein. Denn besser hart und kalt als
+untergehen im Sumpf. --
+
+ * * * * *
+
+Ich habe eine lange Pause in meinen Aufzeichnungen gemacht. Monate sind
+seitdem vergangen, nun bin ich mit Konrad im Westen.
+
+Ich freue mich über meinen Entschluß, hier geht das Herz des Jungen so
+recht auf. --
+
+Heimweh und Fremdheit sind verschwunden, das Kind hat sich zur Mutter
+gefunden.
+
+Wenn wir abends nach stundenlangem Umherstreifen müde und hungrig in
+unser Blockhaus kommen, wo uns ein einfaches, aber leckeres Mahl
+erwartet, dann sind wir so glücklich, daß wir mit keinem Könige tauschen
+möchten.
+
+Am meisten freut sich Konrad über die schöne Büchse, die ich ihm
+geschenkt. Er ist schon so geübt und ein so passionierter Jäger, daß ich
+manchmal glaube, er würde am liebsten immer hier bleiben. Aber das geht
+nicht. Chikago bleibt vorläufig die Hauptsache.
+
+Nur manchmal einige Wochen der Erholung hier im Westen, das will ich ihm
+versprechen. --
+
+ * * * * *
+
+Ein Jahr ist Konrad nun schon bei uns, und, Gott sei Dank, er scheint
+nicht mehr nach Hause zu denken, wenigstens sagt er nie etwas davon.
+
+Wir kommen sehr gut miteinander aus. Natürlich ist das Verhältnis nicht
+so, wie zwischen mir und Lou, das kann ich auch nicht verlangen, aber
+ich darf zufrieden sein. -- --
+
+ * * * * *
+
+Heute kam ein Brief vom Großvater mit einer Einlage, einem amtlichen
+Schriftstück. Konrad muß Soldat werden. Wer hätte daran gedacht? --
+
+Was nun?
+
+Ich will zum Konsul gehen, er wird mir helfen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Es ist alles nicht so schlimm. Der Junge hat zum Glück sein
+Einjährigenzeugnis, braucht also nur ein Jahr zu dienen.
+
+Er läßt sich nun noch vorläufig zwei Jahre zurückstellen und fährt dann
+im August oder September hinüber, damit er im Oktober eintreten kann. Er
+ist jetzt neunzehn Jahre, also auch noch jung genug, wenn er mit
+zweiundzwanzig Jahren wieder zurückkommt.
+
+Es ist gut, daß er als Einjähriger dienen kann; im anderen Falle hätten
+wir doch wohl vorgezogen, nicht auf die Zuschrift zu antworten. Besser
+ist es natürlich so, dann ist ihm wenigstens später der Aufenthalt in
+Deutschland zu jeder Zeit gestattet.
+
+Lou macht die Sache am meisten Spaß.
+
+Es ist ihr ganz was Neues, daß ihr Bruder Soldat sein soll, und sie will
+ihn durchaus besuchen während seiner Dienstzeit.
+
+Dieser Wunsch soll ihr erfüllt werden. Nach Ablauf seines Dienstjahres
+werden wir uns unseren Jungen wieder holen.
+
+Schon lange habe ich Sehnsucht nach dem stillen Plätzchen unter den
+dunkeln Tannen. Nur die Arbeit hält mich zurück. --
+
+ * * * * *
+
+Zwei Jahre später.
+
+Nun ist Konrad schon seit Wochen fort, und wir merken beide so recht,
+wie sehr wir ihn lieben, wie sehr er uns fehlt.
+
+Sogar der alte Thomas stöhnt zuweilen und sagt: »Wenn doch der junge
+Herr erst wieder hier wäre! He is the smartest young chap, I ever saw.«
+
+-- Das will gewiß viel sagen. --
+
+ * * * * *
+
+Den 10. Juli.
+
+Wir sind schon auf der Reise, wir können es gar nicht mehr erwarten, wir
+müssen unsern Jungen besuchen.
+
+Lou zumal ließ keine Ruhe mehr.
+
+»I should like to see the boy in this funny uniform« ist ihr ständiger
+Ausspruch.
+
+Er dient in Hannover, und ich freue mich, die Stadt bei dieser
+Gelegenheit kennen zu lernen. --
+
+ * * * * *
+
+Meine Lou ist eine erwachsene junge Dame geworden, und ich habe es
+beinahe nicht bemerkt.
+
+Es wird mir schwer, mich darein zu finden, für mich ist sie noch immer
+das Kind, mein kleiner Liebling, mein Wildfang. --
+
+Aber was hilft es mir? Sie ist neunzehn Jahre, und ich denke mit
+Schrecken daran, daß eines Tages ein Mann kommt und sie mir fortnimmt.
+
+Elternlos! Man zieht die Kinder für andere groß, um im Alter einsamer zu
+sein als je zuvor. --
+
+Ich werde in Cherbourg den Dampfer verlassen und mich einige Wochen in
+Paris aufhalten. Wir müssen neue Kleider haben, damit mein Junge mit
+seiner Schwester Staat machen kann. Und für Lou will ich eine gewandte
+Zofe engagieren, die auch mir etwas behilflich sein kann. Meine alte
+Hannah wird zu steif, ich konnte sie diesmal gar nicht mitnehmen. Ich
+muß die alte, treue Seele sowieso etwas entlasten. Wenn wir nach
+Hannover kommen, muß Lou als vollendete Dame auftreten, und diese
+Französinnen verstehen ihr Geschäft. -- --
+
+ * * * * *
+
+Das Wiedersehen zwischen Konrad und uns beiden war sehr herzlich.
+
+Gott sei Dank, der Junge hat mich doch lieb!
+
+Kein Gedanke daran, daß er wieder in Deutschland bleiben möchte, wie ich
+oft im stillen befürchtet.
+
+Nun kann ich ruhig sein, dies war der Prüfstein. --
+
+Wir haben es gut getroffen. Das Regiment, bei dem Konrad dient, hat
+irgendeine Gedenkfeier. Es gibt allerlei Festlichkeiten und
+Aufführungen, und Konrad freut sich, seine schöne Schwester überall
+zeigen zu können. --
+
+Lou ist natürlich ganz Feuer und Flamme.
+
+Ich selbst bin davon weniger erbaut, doch ich muß dem Kinde auch etwas
+gönnen; habe ich doch drüben viel zu zurückgezogen gelebt.
+
+Ich wollte Lou recht lange ihre Kindheit erhalten.
+
+Wenn ich daran denke, was ich in dem Alter hinter mir hatte, dann
+überläuft's mich heiß und kalt.
+
+War ich denn das wirklich?
+
+Ich wollte, es wäre ein Traum gewesen. --
+
+ * * * * *
+
+Konrad ist befördert worden. Ich verstehe nicht viel davon, aber hier
+scheinen sie ja großes Gewicht auf diese Auszeichnung zu legen. -- Es
+hat wenig Zweck, aber mag es sein, den Jungen freut's. --
+
+ * * * * *
+
+Alle die Einladungen und Festlichkeiten habe ich gestern mit einem Diner
+im Bristol erwidert.
+
+Einige Kameraden, die Konrad besonders nahegetreten waren, einige
+Offiziere des Regiments mit ihren Damen und sogar der Herr Oberst waren
+erschienen. --
+
+Wir sind ja Amerikaner, und anscheinend schweben unsere paar Millionen
+tausendfach vergrößert um uns.
+
+Ich könnte mir sonst die übergroße Liebenswürdigkeit von allen Seiten
+nicht erklären.
+
+Alles ist sehr gut gelungen. Der Wirt hatte alles aufgeboten, da ich ihm
+in pekuniärer Beziehung keinerlei Beschränkung auferlegt hatte. --
+
+Und doch bin ich verstimmt heute.
+
+Lou ist wie ausgewechselt in den letzten Wochen. Ich fürchte, ich
+fürchte, es hängt mit dem Oberleutnant von Foltmer zusammen. -- --
+
+In aller Frühe schon kam ein Strauß dunkelroter Rosen. --
+
+Ich weiß, was diese Rosen für eine Sprache reden.
+
+Mir rufen sie die Jahre der Vergangenheit mit Allgewalt zurück.
+
+Lou selbst wurde wie ein Röschen so rot. Es ist Zeit, daß wir abreisen,
+ehe es zu spät ist. --
+
+Hätte ich nur nicht versprochen, noch zu dem Feste zu gehen, das der
+Oberst nächste Woche auf seinem Gut in Wolfshagen geben will. --
+
+Es ist nur dreißig Minuten von Hannover, und es werden sehr viele aus
+der Stadt dasein. Gewiß auch dieser Foltmer.
+
+Er scheint ja ein ganz netter Mensch zu sein, aber er sollte sich nicht
+um meine Lou kümmern, dann wäre er mir noch viel angenehmer. Auf alle
+Fälle werden wir nach dem Fest gleich abreisen.
+
+Ich will das Glück meines Kindes; doch es wäre mir lieber, wenn sie es
+jenseits des großen Wassers finden würde. -- --
+
+ * * * * *
+
+Meine Befürchtungen waren nicht unbegründet.
+
+Und der Herr Oberst oder vielmehr seine Gattin scheinen mit den
+Wünschen des jungen Offiziers vertraut zu sein.
+
+Schon als er Lou den Arm bot, um sie zu Tisch zu führen, sah ich, wie es
+in ihren Augen aufleuchtete. Bei Tisch konnte ich wenig von ihr sehen;
+da mich der Oberst zu Tisch geführt, war ich ziemlich weit von ihr
+entfernt. Als aber die Tafel aufgehoben war, und ich sie zuerst
+wiedersah, da strahlten ihre großen Augen wie zwei Sonnen.
+
+Glückliches Kind! -- --
+
+Ich kam einen Augenblick in Versuchung, den Leuten da zuzurufen, _wen_
+sie als hochgeehrten Gast hier in ihrer Mitte hatten. --
+
+Schrecklich! Daß mir in den schönsten Augenblicken meines Lebens immer
+wieder diese Gedanken kommen.
+
+Es ist wie ein unerträglicher Zwang. -- --
+
+ * * * * *
+
+Lou schläft noch, doch ich sitze schon seit Stunden hier am Fenster. Wir
+wollen mit Schluß dieser Woche abreisen. Einen Platz auf dem Dampfer
+habe ich bestellt, wir werden uns aber erst in Cherbourg einschiffen, um
+vorher noch ein oder zwei Tage für Paris zu haben. --
+
+ * * * * *
+
+Doch schon zu spät!
+
+Als Lou erwachte, flüsterte sie mir verschämt ins Ohr, daß Oberleutnant
+Foltmer mir heut' früh einen Besuch machen wolle. --
+
+Also doch! Und so rasch!
+
+Das lag nicht in meiner Berechnung.
+
+Soll ich alles widerstandslos gehen lassen, wie es will, oder soll ich
+ihn gar nicht empfangen?
+
+Doch nein, das darf ich nicht tun. Will ich denn nicht das Glück meines
+Lieblings? Darf ich es ihr wehren, wenn sie es an der Seite dieses
+Mannes zu finden hofft?
+
+Ich werde mich eines Tages damit abfinden müssen, daß sie von mir geht.
+Nicht für uns erziehen wir unsere Kinder. --
+
+Aber es ist trotzdem so schwer, auch wenn ich es mir täglich vorsage.
+
+Ich will mich nicht unnütz quälen, ich will abwarten, was mir der
+Oberleutnant zu sagen hat.
+
+Es wäre ja immerhin möglich, daß ich mich irre.
+
+Und doch -- Lou war sonst so ganz anders.
+
+Das Kindliche, das harmlos Fröhliche ist verschwunden, das Weib in ihr
+ist erwacht.
+
+Ich werde trotz alledem sehr vorsichtig sein. Ich werde mich nicht
+überrumpeln lassen. Ich muß wissen, ob der Charakter dieses Mannes
+Garantien bietet.
+
+Ist es nicht auch möglich, daß die überseeischen Reichtümer ihn locken?
+Man sagt, daß Offiziere viel Geld gebrauchen können. -- --
+
+ * * * * *
+
+Meine Lou ist so glücklich, anscheinend ist der Oberleutnant ein
+tüchtiger Mann; er ist selbst sehr wohlhabend, da fällt wohl von selbst
+der Gedanke fort, ihn für einen Mitgiftjäger zu halten.
+
+Er ist der Sohn eines Großindustriellen, der erst neuerdings geadelt
+worden ist.
+
+Ich freue mich, daß er aus denselben Kreisen stammt wie Lou; es paßt
+besser als wenn er der Abkömmling irgendeines verarmten, feudalen
+Geschlechts wäre, um nun mit den Millionen seiner Frau sein Wappen neu
+zu vergolden.
+
+Nur daß ich mein Kind in Deutschland lassen soll, das wird mir schwer.
+
+Ob Foltmer gern Soldat ist? Ob er sich vielleicht entschließen könnte,
+die glänzende Uniform auszuziehen?
+
+»This funny uniform«, jetzt sagt's der Schlingel nicht mehr. --
+
+ * * * * *
+
+Mit der Abreise ist es nun doch nicht so schnell gegangen. Wir haben
+erst noch einen Besuch bei Foltmers Eltern gemacht. Ich bin mit einigem
+Widerstreben hierhergegangen, konnte aber auch keinen triftigen Grund
+für eine Ablehnung finden. --
+
+Mit offenen Armen, äußerst liebenswürdig hat man uns aufgenommen.
+
+Sonderbar, lebten wir hier in Deutschland, so wäre gewiß des Fragens
+kein Ende gewesen nach der Familie, der Herkunft und so weiter.
+
+Nun wir aber Fremde sind, fragt man uns nicht.
+
+Ich bin, trotzdem ich nie wieder für immer in Deutschland leben möchte,
+im Herzen gut deutsch geblieben, und da verdrießt es mich doch manchmal,
+daß der Deutsche alles, was aus dem Ausland kommt, als etwas Besonderes
+ansieht. --
+
+Im übrigen freue ich mich doch, hierher gekommen zu sein. Wenn der
+Betrieb auch nicht an die amerikanischen Verhältnisse heranreicht, so
+muß ich doch gestehen, daß ich gestaunt habe über die Einrichtungen,
+deren endgültige Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Aber
+die Automobilfabrikation ist hier ja auch noch lange nicht so weit wie
+drüben bei uns. -- --
+
+Der Abschied des Brautpaares war recht schwer. Ich habe mich täglich
+mehr davon überzeugt, daß mein Kind wirklich von Herzen um seiner selbst
+willen geliebt wird. Was bei diesem lieben, sonnigen Geschöpf ja auch
+kein Wunder ist.
+
+Am liebsten hätte Foltmer schon jetzt geheiratet.
+
+Aber da war ich unerbittlich. Ein Jahr müssen sie noch warten.
+
+Es wäre überhaupt mein größter Wunsch, daß Foltmer erst einmal zu uns
+nach Chikago käme, vielleicht ließe er sich dann dazu bewegen, seinen
+Abschied zu nehmen.
+
+Wir werden sehen. -- -- -- Nach einem kleinen Abstecher in die Heimat zu
+den Großeltern wollen wir am 28. Oktober mit dem »Kaiser Wilhelm« wieder
+nach New York. -- --
+
+ * * * * *
+
+Es ist wie ein Verhängnis auf dieser Reise. Nicht allein, daß mein
+Liebling, meine Lou, mich verlassen will, hat sich jetzt auch Konrad
+noch verlobt. Und gerade jetzt, wo ich mich so gefreut habe über seine
+Heimkehr.
+
+Eigentlich habe ich mir schon in Deutschland Gedanken gemacht über
+Konrads Sehnsucht nach Amerika, die mir, offen gestanden, etwas
+unnatürlich war -- nun habe ich die Erklärung dafür. --
+
+Helen Curtis war der Magnet. Helen, das Töchterchen meines alten
+Freundes. --
+
+So leid es mir einerseits tut, daß ich den Jungen, den ich so spät erst
+gefunden, nun schon wieder an eine andere verlieren soll, so sage ich
+mir doch auch, daß es sich gar nicht glücklicher hätte gestalten
+können.
+
+Schon damals, als Konrad im Hause des Doktors gewesen ist, haben sich
+die ersten Anzeichen der jungen, knospenden Liebe bemerkbar gemacht.
+
+Im vergangenen Jahre, ehe er nach Deutschland fuhr, um seiner
+Militärpflicht zu genügen, war er noch einige Tage als Gast am Madison
+Square, und schon damals haben die beiden sich ausgesprochen.
+
+Doktor Curtis ist sehr zufrieden. Er setzt große Hoffnungen in Konrads
+Können und ist überzeugt, daß er noch einmal einer der ersten Männer
+unserer Industrie sein wird. --
+
+Schon im Frühjahr möchte Konrad heiraten. Mir ist es etwas zu rasch,
+aber der Doktor meint, allzu langes Warten sei nicht nach seinem
+Geschmack. Wenn ich aber triftige Gründe habe, so wolle er sie
+selbstverständlich respektieren.
+
+Die habe ich nicht, und ich könnte mir auch keine Liebere als Ersatz für
+meine Lou wünschen als die zierliche, blonde Helen. --
+
+ * * * * *
+
+Es gibt Arbeit daheim, und das ist gut.
+
+Wenn Konrad heiraten will, so muß ich zuvor genau wissen, was ich Lou
+als der Tochter ihres Vaters schuldig bin.
+
+Mein Gerechtigkeitsgefühl läßt es nicht zu, daß ich meinen Sohn, der
+doch meinem Gatten völlig fremd war, als seinen Erben hier hinsetze.
+
+Ich habe mit Thomas darüber gesprochen, und er billigt meine Ansicht
+vollständig.
+
+Ist mir doch sogar, als ob er seit der Zeit merklich wärmer gegen Konrad
+sei.
+
+Ich habe immer das Gefühl gehabt, als empfände er es als ein Unrecht
+gegen Lou, daß ich Konrad als zukünftigen Herrn hierhergebracht habe. --
+
+Der gute Alte!
+
+Ich habe selbst zu viel Unrecht erlitten, um leichtsinnig mit den
+Rechten anderer zu spielen.
+
+Lous Anteil soll ihr ungeschmälert werden, und nur das, was mein
+Rechtsanteil an dem Vermögen meines Mannes ist, soll die Basis bilden,
+auf der Konrad weiterbauen kann. Habe ich mich nicht in ihm getäuscht,
+so wird er ganz im Sinne meines Mannes weiterarbeiten und wird in nicht
+zu ferner Zeit auf eigenen Füßen stehen können.
+
+Vier bis fünf Jahre werde ich noch allein Herrin der Werke bleiben, bis
+dahin wird es sich gezeigt haben, ob ich mich ohne Sorgen zur Ruhe
+setzen kann. --
+
+
+
+
+VIII.
+
+Ans Werk.
+
+
+New York, Dezember 1906.
+
+Ich sitze in meinem Arbeitszimmer. Das Haus ist still, wie ausgestorben.
+
+Nach Jahren halte ich mein altes Tagebuch wieder einmal in den Händen.
+
+Erinnerungen! Die lieben Gäste der Einsamkeit.
+
+Sind es auch mir liebe Gäste?
+
+Sie sind es! Aus vollem, aufrichtigem Herzen kann ich es sagen. Die
+Einsamkeit, die viele Menschen lastend empfinden, mir ist sie eine
+Erholung; ein köstliches Insichselbstversenken. --
+
+Auch die bösen Erinnerungen meiner frühesten Jugend schrecken mich nicht
+mehr, obgleich es ein köstlich Ding sein muß, beim Rückblick auf die
+durchwanderte Strecke nur Gutes und Schönes zu sehen.
+
+Doch ich will nicht ungerecht sein; es ist wohl wenigen beschieden, nur
+Rosen im Garten des Lebens zu pflücken. --
+
+Als ich vor sechs Jahren am Sterbebette der Großmutter stand -- und sie
+mir sagte: »Du hast alles wieder gut gemacht, mein Kind,« da habe ich
+mich sehr gefreut. Die Anerkennung aus diesem Munde tat mir wohl.
+
+ * * * * *
+
+Auch ich selbst habe das Bewußtsein, daß ich vor dem strengsten Richter
+bestehen könnte, wenn die Abrechnung kommt. --
+
+Ich wohne nun in New York und widme mich ganz meinen schon lange
+gehegten Lieblingsplänen, der Bekämpfung des Mädchenhandels. --
+
+Wo fände sich ein dankbareres Feld als gerade hier?
+
+Und doch, es ist schwer zu arbeiten: bei so wenig Entgegenkommen von
+Seiten der Behörden, besonders der Polizei. --
+
+Ich weiß nicht, wie schlimm es in anderen Großstädten ist, ich weiß nur,
+daß es hier sehr schlimm ist.
+
+Ich habe jetzt gelernt, daß da, wo ich einst war, noch der Himmel unter
+diesen Höllen ist.
+
+Ein Gang durch die Bowery, Hell's Kitchen, the Stovepipe und wie diese
+entsetzlichen Orte alle heißen, hat mir gezeigt, wie schlimm ich es
+hätte treffen können.
+
+Fürchterliche Zustände herrschen auch in den sogenannten Teehäusern des
+Chinesenviertels. Das sind die Orte, wo mit Vorliebe halbwüchsige Kinder
+hinverschleppt werden.
+
+Ein Wesen, das dahinein kommt, findet wohl nie wieder den Weg
+zurück. --
+
+Mit einem zuverlässigen Detektiv als Führer, in einen Herrenmantel
+gehüllt, habe ich selbst es gewagt, in ein solches Haus zu gehen, in dem
+kein Mensch ohne das bestimmte Paßwort Einlaß findet.
+
+Durch einen engen Torweg gelangten wir in einen engen, schmutzigen Hof.
+Am Ende des Hofes stiegen wir eine steile Treppe hinan und kamen in
+einen schmalen, niedrigen Gang, der fast ganz dunkel war; nur am Ende
+brannte eine gedämpfte rote Ampel.
+
+Am Ende des Ganges, da wo die rote Ampel brannte, mußten wir um eine
+Ecke biegen und anscheinend denselben Weg zurückgehen. Dann, nach einer
+kleinen Biegung nach rechts, standen wir vor einer schweren eichenen
+Tür.
+
+In ungefähr Kopfhöhe war eine kleine Klappe in der Tür, nicht größer als
+zwanzig Zentimeter im Geviert. --
+
+Ich klopfte und wartete.
+
+Da öffnete sich geräuschlos die Klappe, ein verwittertes Gesicht mit
+scharfen, stechenden Augen wurde einen Augenblick sichtbar, dann, ehe
+ich noch ein Wort sagen konnte, hatte sich die Öffnung schon wieder
+geschlossen.
+
+»Lassen Sie mich einmal klopfen,« flüsterte mein Begleiter, »dieser
+Tsung Lee ist vorsichtig. Er hat sofort gemerkt, daß Sie ein Fremder
+sind.«
+
+Ich trat zurück und ließ ihn vortreten.
+
+Ein kurzes, dreimal wiederholtes Klopfen wurde hörbar, die Klappe flog
+auf, einige leise geflüsterte Worte trafen mein Ohr, dann bewegte sich
+die schwere Tür lautlos in ihren Angeln und wir traten ein. Wir standen
+in einem Raum, in dem ich im ersten Augenblick gar nichts unterscheiden
+konnte. Ein ungewisses Dämmer herrschte, und ich hörte nirgends einen
+Laut. --
+
+»Sie scheinen uns noch nicht recht zu trauen,« flüsterte mein Begleiter.
+»Man ist hier sehr vorsichtig. Dafür bieten diese Häuser aber auch, was
+man an keinem Platze der Welt schöner haben kann. Hier findet jeder
+seine Rechnung. Sogar der -- --«
+
+Ein Geräusch ließ ihn verstummen. Wir drehten uns nach der Seite, ein
+blaßgrüner Vorhang ging auseinander, und dahinter, auf schwellendem
+Diwan, wie aus der Erde gestiegen, lag, von rosigem Licht umflossen ein
+Weib, vielmehr ein Kind noch, und streckte die Arme nach uns aus. Ich
+wollte darauf zutreten um mit dem Kinde zu sprechen, mein Begleiter
+hielt mich zurück.
+
+»Warten,« flüsterte er, »es kommt noch besser.«
+
+Und es kam besser. --
+
+Die armen Wesen! Ich bin gewiß, nicht ein einziges von all den armen
+Kindern hat gewußt, was man mit ihm vorhatte, wohin man es bringen
+würde. Das alte Lied, das alte Leid. --
+
+Wir verließen das Haus auf einem anderen Wege, nicht ohne vorher
+fünfzig Dollars für den Besuch bezahlt zu haben.
+
+Die ganze Einrichtung dieser Häuser läßt unschwer erkennen, daß es
+vollständig ausgeschlossen ist für jemand, der wider seinen Willen darin
+festgehalten wird, zu entkommen.
+
+Auch die Polizei würde nie etwas anderes finden, wenn sie wirklich
+suchen würde, als eine harmlose Teestube im unteren Stock.
+
+Alles, was nicht gesehen werden soll, wird über die Leiter entfernt.
+
+Aber der Polizei ist all dies bekannt!
+
+Es ist ihr bekannt, daß gerade diese Pesthöhlen in Chinatown das
+Schlimmste sind, was es in diesem Genre geben kann. Und doch werden sie
+geduldet.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe die Aufzeichnungen in meinem Tagebuch noch einmal durchgelesen
+und, obgleich mein Blut jetzt ruhiger und schwerer durch die Adern
+fließt, stimme ich auch jetzt noch meinen damaligen Ausführungen zu: Daß
+ein Hauptteil der Schuld an den unseligen Verhältnissen auf dem Gebiete
+der Prostitution auf Seiten des Mannes liegt. -- Die Konjunktur richtet
+sich hier, wie überall, nach Angebot und Nachfrage.
+
+Hier allein liegt der Kern des Übels. Würden die Männer jene Häuser
+nicht so frequentieren, so wäre ihre Existenzmöglichkeit stark
+beschränkt. Der Mädchenhandel, diese Pestbeule unserer Kultur, müßte
+naturgemäß von selbst aufhören. --
+
+Nun habe ich so oft die Entgegnung hören müssen: der Mann kann nicht
+anders, er muß in diese Häuser gehen, will er nicht seine Gesundheit arg
+gefährden.
+
+Zugegeben, dem wäre so, warum heiratet er nicht, wenn er nicht ohne
+geschlechtlichen Verkehr leben kann?
+
+Und ist es anderseits nicht wieder eine sehr einseitige Auffassung der
+Herren, daß auf Kosten ihres Wohlbefindens, auf Kosten ihrer Genußsucht,
+die andere Hälfte der Menschheit Opfer bringen muß? Wer fragt die
+unverheiratete Frau danach, ob sie geschlechtlichen Verkehr nötig hat?
+
+Im Gegenteil, sie ist verfemt, ausgestoßen aus der Gesellschaft, wenn
+sie ihren Sinnen gehorcht.
+
+Und hat doch nur dasselbe getan, wozu der Mann volle Berechtigung
+hat. --
+
+Aber angenommen, man könnte wirklich nicht ohne öffentliche Häuser
+auskommen -- was ich, wie gesagt, bestreite -- so wäre es immerhin das
+Beste und meiner Meinung nach einzig Richtige, wenn sie verstaatlicht
+würden.
+
+Man komme nicht mit Einwänden, daß es nicht geht. Es geht alles! Wo ein
+Wille ist, da ist auch ein Weg. --
+
+Natürlich müßten internationale Abkommen getroffen werden, deren wir ja
+auf allen anderen Gebieten übergenug haben.
+
+Nur auf diesem Gebiet, wo es sich um die Frau handelt, um die
+eigentliche Trägerin der Zukunft, da ist man lässig.
+
+Würden alle, aber auch alle derartigen Pesthöhlen plötzlich aufgehoben,
+und diejenigen, die freiwillig ihren Körper den Lüsten des Mannes zur
+Verfügung stellen wollen, in staatlich verwaltete Häuser gesteckt, wo es
+keinen Sekt, sondern nur alkoholfreie Getränke geben dürfte, man würde
+staunen, wie sehr die Unsittlichkeit abnehmen würde.
+
+Hier allein wäre der Weg für die Regierungen, um Abhilfe zu schaffen.
+Dem Mädchenhandel wäre damit ein für allemal der Nährboden entzogen.
+
+Warum wird dieser Weg nicht beschritten?
+
+ * * * * *
+
+Doktor Curtis, mein alter Freund, ist mir ein treuer Helfer in meinen
+Bestrebungen. Er findet da, wo die Frau nur verschlossene Türen finden
+würde, immer noch einen Weg.
+
+Der größte Erfolg unserer Bestrebungen, die Aufhebung eines der
+schlimmsten Nester -- des sogenannten Katzenkellers in der unteren
+Bowery -- ist sein Werk.
+
+Wenn die Mächtigen dieser Erde lässig sind, so müssen die Frauen sich
+selbst helfen, sie müssen kämpfen für diese Ärmsten der Frauen.
+
+ * * * * *
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Der sehnlichste Wunsch meiner Jugend hat sich erfüllt. Ich habe die
+Mittel und auch die Zeit, mich jenen Unglücklichen zu widmen.
+
+Meine Kinder sind glücklich. Bei Konrad durfte ich im vergangenen
+Frühjahr das erste Enkelchen bei der Taufe halten, und auch mein
+Liebling, meine Lou, die eine prächtige deutsche Offiziersfrau ist, hat
+bereits einen Jungen und ein Mädchen. --
+
+Aber sie alle brauchen mich nicht. Ich kann meine Kraft und meine Zeit
+ungehindert den Unglücklichen widmen, die mich nötig haben.
+
+Wir leben in einer Zeit, in der man von Überkultur redet. Die
+Nordstaaten haben Millionen geopfert, um die Neger zu befreien. In den
+Augen der humanen Amerikaner war die geduldete Sklaverei eine Schande.
+
+Was aber sind die allein hier in New York lebenden 35000 unglücklichen
+Geschöpfe anderes?
+
+Der farbige Sklave hatte es tausendmal besser als sie.
+
+Ich darf mich nicht allzu tief in diese Abgründe menschlicher Schwächen
+versenken. Mein ganzes Blut empört sich gegen das unheilvolle System.
+Nur das Weib kann dem Weibe helfen. Gemeinsam müssen sie vorgehen gegen
+diese Schurken, die sich in so unerhörter Weise gegen die heiligsten
+Güter der Menschheit versündigen. Die da Wucher treiben mit Körper und
+Seele ahnungsloser Geschöpfe. --
+
+Denn sie gehören ja doch zu uns, diese Armen -- trotz alledem und
+alledem. -- --
+
+_Ende._
+
+
+Druck: Berliner Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H., Berlin SW 48 --
+Zossen (Mark)
+
+
+
+
+ F. FONTANE & Co., BERLIN/DAHLEM (Post Grunewald)
+
+ ------------------------------------------------
+
+ AMERIKA-LITERATUR
+
+ ------------------------------------------------
+
+ =Kurt Aram:=
+
+ =Mit 100 Mark nach Amerika=
+
+ Ratschläge und Erlebnisse
+
+ Ausg. A. (mit einem Katechismus für Auswand.) cart. M. 1.--
+
+ Ausg. B. Brosch. M. 3.--, gebund. M. 4.--
+
+ ------------------------------------------------
+
+ =Ludwig Max Goldberger:=
+
+ =Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten=
+
+ VIII. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50
+
+ ------------------------------------------------
+
+ =Geh. Reg.-Rat Dr. Hintrager:=
+
+ =Wie lebt und arbeitet man
+ in den Vereinigten Staaten?=
+
+ Nordamerikanische Reiseskizzen
+
+ II. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50
+
+ ------------------------------------------------
+
+ =Orla Holm:=
+
+ =Aus Mexiko=
+
+ Reisebriefe
+
+ Brosch. M. 3.50, geb. M. 5.--
+
+ ------------------------------------------------
+
+ =Wilhelm von Polenz:=
+
+ =Das Land der Zukunft=
+
+ (Was können Amerika und Deutschland von einander lernen?)
+
+ VIII. Aufl. Brosch. M. 4.--, geb. M. 5.--
+
+ =Dasselbe Werk auch in englischer Übersetzung=
+
+ ------------------------------------------------
+
+ =Ernst von Wolzogen:=
+
+ =Der Dichter in Dollarica=
+
+ IV. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50
+
+
+ =Was Onkel Oskar mit seiner
+ Schwiegermutter in Amerika passierte=
+
+ VII. Aufl. Brosch. M. 1.--, cart. M. 2.--
+
+ ------------------------------------------------
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Mit _ umschlossene Texte sind im Original "gesperrt" gedruckt,
+Umschließungen mit = zeigen fett gedruckten Text an.
+
+Offensichtliche Interpunktionsfehler wurden berichtigt.
+
+Im Satz "Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer auf dem Sopha
+schlafen soll" "Sopha" geändert zu "Sofa" (wie andernorts im gleichen Buch)
+
+Im Satz "Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, meine
+überflüssigen Sachen verkaufen und als Passagier mit der »Nirvana«
+zurückkommen." "Nirvana" geändert zu "Nirwana" (wie andernorts im gleichen
+Buch)
+
+Im Satz "weint und jammert er, kratzt an meinem Kleid und geberdet..." ist
+"geberdet" als früher verwendete Schreibweise erhalten geblieben.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Seelenverkäufer, by M. Gontard-Schuck
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEELENVERKÄUFER ***
+
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+1.E.9.
+
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.