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GONTARD-SCHUCK + + SEELENVERKÄUFER + + DAS SCHICKSAL + EINER DEUTSCH-AMERIKANERIN + + + + VIERTES UND FÜNFTES TAUSEND + + + [Illustration: F.F.&C.] + + + + BERLIN / F. FONTANE & CO. + + + + Das erste bis dritte Tausend erschien als erste Auflage im Juni 1914, + das vierte und fünfte Tausend im darauffolgenden Monat. + + Auf Grund des U. G. vom 19. Mai 1909 gegen Nachdruck geschützt. + + Copyright 1914 by F. Fontane & Co. + + + + + + Per me si va nella città dolente, + Per me si va nell' eterno dolore, + Per me si va tra la perduta gente. + + Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen, + Der Eingang bin ich zu den ew'gen Qualen, + Der Eingang bin ich zum verlorenen Volke ... + + (_Dante, Inferno._) + + + + +Inhalt + + + I. Kindheit 1 + + II. Der neuen Welt zu 24 + + III. Nacht 36 + + IV. Sonnenaufgang 94 + + V. Als Stewardeß 131 + + VI. Im sichern Hafen 183 + + VII. Eine Abrechnung 224 + + VIII. Ans Werk 255 + + + + +I. + +Kindheit. + + +Zum letzten Male liegst du vor mir, mein treuer Weggenoß. Zum letzten +Male, ehe ich dich hinausschicke in die Welt. + +Sinnend ruhen meine Blicke auf den ersten Aufzeichnungen aus jener Zeit, +da die verschlossenen Türen des Lebens sich für mich öffneten. + +Ein Kind war ich noch damals, und wie hart hat mich das Schicksal in die +Schmiede genommen, um einen Menschen aus mir zu machen, der Menschen und +menschliche Schwächen versteht. + +Und war es nicht gut, daß ich noch so jung war? Wie wäre es mir sonst +möglich gewesen, die furchtbaren Erlebnisse meiner ersten Jugend so +vollständig verwinden zu können? + +Die kindlich unfertigen Schriftzüge da vor mir, die noch so gar keine +Charakteristik zeigen, wecken nur eine leise, wehmütige Rührung in mir. +Von dem Schmerz, der Bitterkeit jener Tage spüre ich nichts, gar nichts +mehr. + +Vielleicht, weil ich jetzt verstehe, wie alles kommen konnte, ja, wie +alles kommen mußte. Wie eine Schuld, die andere nach sich zog, und wie +auch an mir der uralte Fluch sich erfüllte, wie in mir das Vergehen der +Eltern seine Sühne fand. + +Und war es denn überhaupt ein Vergehen? War es Sünde? + +Meine arme Mutter, was wußte sie von Sünde in ihrer Waldeinsamkeit? + +Ihre Eltern waren stille, wortkarge Menschen, und sie fühlte sich oft +sehr einsam in dem großen, alten Jagdhause oben im Gebirge. Und der +Erbprinz, der als leidenschaftlicher Jäger oft ganze Wochen dort oben +zubrachte, hatte nach den Pirschgängen am frühen Morgen Zeit und Muße +genug, sich mit der schönen Försterstochter zu beschäftigen. + +Mehr als für Ruhe und Glück des Mädchens gut war. -- -- -- + +Der Prinz war ein schöner Mann, und das Försterkind liebte ihn. + +Sie mußte ihn ja lieben! + +Wie selten kamen Fremde in ihre Waldeinsamkeit; und wie begreiflich ist +es, daß ihr junges Herz dem ersten, der sich um sie bemühte, zuflog. + +Wer will da von Schuld und Sünde sprechen? + +Aber der rosenrote Traumhimmel des jungen Mädchens wurde gar rauh +zerstört, als die Folgen sich zeigten. Und Lisbeth mußte heiraten. Zwar +nicht den Prinzen, wohl aber seinen Büchsenspanner. + +Alles Sträuben half nichts, der Vater war unerbittlich! + +Hoheit wünschte es, so war es für ihn Befehl. + +Der Büchsenspanner erhielt die Pachtung der Domäne Neuhof, und ich wurde +als Tochter des Herzoglichen Domänenpächters Georg Albrecht geboren. -- + +Ich beneide jeden, der auf eine frohe, ungetrübte Kindheit zurückblicken +kann. + +Meine ersten Erinnerungen haften an einzelnen häßlichen Szenen im +Elternhause. Die weinende, betrübt einherschleichende Mutter, der zornig +scheltende Vater sind die am fernsten liegenden Bilder. Später entsinne +ich mich, daß die Mutter immer krank war. Häßliche Auftritte gab es auch +da noch. Ich fürchte, ich habe die Mutter nicht so geliebt, wie sie es +um mich verdient hat. + +Ihr stilles Dulden lag meiner wilden, aufbrausenden Natur nicht. Am +liebsten wäre ich ihrem Peiniger an die Kehle gesprungen, wenn er ihr +harte Worte gab, wenn er mich Wechselbalg oder Kuckucksei nannte. +Obgleich ich die Bedeutung der Worte gar nicht verstand. -- + +Ich war noch nicht zwölf Jahre alt, als meine Mutter starb. Für die arme +Dulderin war es eine Erlösung -- für mich ein Unglück, dessen Tragweite +ich erst in späteren Jahren voll ermessen konnte. Erst viel später, +Jahrzehnte später, habe ich verstehen gelernt, was mir an jenem Tage +genommen worden war. + +Die Jahre nach dem Tode meiner Mutter, bis zu meinem fünfzehnten Jahre +sind mir wie eine ununterbrochene Kette von Unannehmlichkeiten in +Erinnerung. Lichtblicke waren es, wenn ich zu den Großeltern durfte. +Bei ihnen war ich daheim. + +Und als ich eines Tages von meinem Vater gezüchtigt worden war -- +ungerecht, wie ich meinte -- da riß ich aus, und wanderte zu Fuß die +neun Stunden über den Wald zu den Großeltern. + +Einige Tage durfte ich bei ihnen bleiben, dann kam mein Vater, und ich +mußte wieder mit nach Hause. + +Liebe zu mir war es nicht, die ihn dazu trieb, mich wieder zu holen. +Erst viel später habe ich begriffen, daß, solange er mich bei sich +hatte, immer eine gewisse Nachsicht mit ihm geübt wurde, wenn er mit der +Pacht im Rückstande war. Und das war wohl meistens der Fall. + +Das flotte Leben, das er führte, verschlang zu viel. + +Oft hörte ich damals des Abends Gläserklingen und lustiges Frauenlachen +aus den unteren Räumen zu mir herauftönen. + +Ich war neugierig -- sehr neugierig. + +Aber die alte Rosine schalt mich aus, wenn ich sie fragte. + +»Du hast geträumt, Kind! In der Nacht schläft man. Wo sollten hier denn +Damen herkommen?« + +Ich hatte aber doch nicht geträumt. Ich weiß es jetzt. + + + + +Mein Tagebuch. + +Ich habe mir ein Tagebuch gekauft, und heute will ich es einweihen, +heute am Todestage meiner lieben, toten Mutter. + +Nun ich aber davorsitze, weiß ich gar nicht, was ich schreiben soll. Ich +erlebe so gar nichts. Soll ich schreiben, daß ich sehr unglücklich bin? +Das kann ich nicht! Ich bin mir selbst nicht recht klar über mein +Empfinden. Ich habe etwas sehr Böses getan und weiß nicht, was aus mir +werden wird, und darüber müßte ich doch traurig sein, aber ich bin es +nicht. + +Die Großeltern werden schon für mich sorgen, sie haben es ja immer +getan. -- Und Rudolph? Wie kommt es, daß ich so wenig an ihn denke in +meiner Verbannung? Und wie kommt es, daß ich keine Nachricht von ihm +bekomme? Ist sein Vater noch immer nicht gesund? -- + + * * * * * + +Den 4. Februar. + +Ich sitze wieder vor meinem Tagebuch und weiß nicht, was ich schreiben +soll. Ich will deshalb eintragen, warum ich hier in E. bin und warum ich +eigentlich unglücklich sein sollte. -- -- + +Ich war im Frühjahr fünfzehn Jahre alt und sollte Ostern konfirmiert +werden. Unser Inspektor war zum 1. Januar gegangen, und Vater war immer +in einer fürchterlichen Laune. + +Ich ging mit den andern Dorfkindern zu Pastor Eckebrecht in die +Konfirmandenstunde. Der Pastor war immer sehr gut zu mir, er fragte mich +oft nach den Großeltern und auch, wie es bei uns zu Hause ginge. Auch ob +Vater oft abends zur Stadt führe. + +Am Palmsonntag kamen die Großeltern; das war mir das Liebste an der +ganzen Konfirmation. Die Großmutter backte immer so schönen +Rosinenkuchen. + +Wir haben aber gar nicht viel gefeiert, denn der Vater fuhr nach dem +Kaffee gleich wieder in die Stadt, und darüber schien Großvater +ärgerlich zu sein. Ich freute mich, als er weg war. Mit den Großeltern +allein war es viel schöner. + +Großmutter sagte mir, daß ich bis zum Herbst im Hause bleiben solle, +dann solle ich fort, um etwas zu lernen. Was, das wußte ich nicht, war +mir auch einerlei. Mir war die Hauptsache, daß ich fortkam. Auch über +das Wohin machte ich mir keine Sorgen, jedenfalls in eine schöne, große +Stadt, wo es Schaufenster gab, die man sich besehen konnte. + +Anna Marie Walter war einmal in Dresden gewesen und hatte mir so viel +davon erzählt, daß ich ganz neugierig war. -- -- + +Ich bin auch fortgekommen -- aber schön ist es hier nicht. -- -- + +Am ersten April war ein Volontär bei uns eingetreten. Der Sohn eines +Gutsbesitzers aus dem Hessischen. Er war sehr hübsch, so flott und +lustig, daß wir bald gute Freunde waren. -- + +Warum Rudolph Schönewald gerade zu uns gekommen war, weiß ich nicht, +denn lernen konnte er bei uns wahrhaftig nicht viel. Rosine sagte mir, +daß er schon auf verschiedenen Gütern gewesen sei, aber nirgends +ausgehalten habe. + +Bei uns kam es nicht so genau darauf an. Er bezahlte eine schöne Summe +dazu, und das konnte mein Vater gut gebrauchen. -- -- + +Rudolph war noch nicht vier Wochen bei uns, als wir uns schon heimlich +trafen. Bald im Feld, bald im nahen Gehölz. + +Ich liebte ihn sehr, und er nannte mich seine süße, kleine Lotte. Ob er +mich ebensosehr geliebt, wie ich ihn? Ich zweifle jetzt oft daran. Wenn +ich darüber nachdenke, ist mir, als ob er viel kühler und ruhiger +gewesen sei als ich. + +Er hat wohl schon mehr junge Mädchen gekannt und geliebt. -- + +Für mich war es etwas Neues, Überwältigendes. + +Ich war in jenen seligen, duftschweren Sommerwochen wie im Fieber. Ich +war gar nicht ich selbst. + +Dieses heimliche Suchen und Finden. -- -- -- + +Ich war so selig, alles in mir drängte diesem Manne entgegen. -- -- + +Heuernte! Sonnenflimmer und Blumenduft! + +Seit Tagen war schönes Wetter; die Heuernte war im vollen Gange. Alles +was Arme hatte, mußte helfen. Auch ich half. + +Ob ich auch geholfen haben würde, wenn der Verwalter nicht Rudolph +Schönewald gewesen wäre? -- + +Wir waren beim Heuabladen. Auf dem Wagen unten stand der Großknecht, und +in der Luke stand Rudolph und nahm ab. Ich stand etwas zurück und nahm +Rudolph das Heu ab. Oben auf dem Heu waren noch zwei Kleinmägde, die es +verstauten. Alle anderen, Tagelöhner, Knechte, Mägde und Schnitter, +waren auf dem Feld beim Dörren. + +Als der Wagen leer war, schickte Rudolph die beiden Mädchen nach dem +Heuboden über der großen Scheune, wo gerade ein Wagen vorfuhr. Im Scherz +nahm er einen Arm voll Heu und warf es über mich, so daß ich ganz +darunter begraben war. + +Ich krabbelte mich heraus, nahm einen Arm voll und tat das gleiche. -- + +Erhitzt und keuchend setzten wir das Spiel eine Zeitlang so fort, dann +sank ich ermattet von der Anstrengung und dem betäubenden Duft ins Heu. + +Rudolph warf sich über mich und küßte mich, heiß, leidenschaftlich, +sinnverwirrend -- -- -- -- + +Den nächsten Wagen lud ich nicht mit ab. -- -- + +Tagelang war ich wie betäubt. Ob man mir etwas ansah? + +Ich wagte mich gar nicht aus dem Hause. Konnte mir denn nicht jeder von +der Stirne lesen, was ich getan? + +Doch nichts geschah, alles war wie bisher. + +Alles war wie bisher, nur ich war eine andere. -- + +Drei Tage ließ ich mich nicht vor Rudolph sehen, dann hielt ich es nicht +mehr aus. Ich mußte ihn sehen, ich mußte wissen, was er von mir dachte. + +War er auch in einer solch kläglichen Stimmung? Schämte er sich auch? + +Ich mußte ihn sprechen, aber nicht am Tage. Ich würde ihm nicht in die +Augen sehen können. -- -- + +Gegen Abend, als es dunkel war, ging ich den gewohnten, ihm bekannten +Weg. + +Meine Hoffnung trog mich nicht, schon nach kurzer Zeit kam er mir nach. + +Ich konnte die Augen nicht aufschlagen, als er zu mir trat. + +»Wo bist du gewesen, Lotte? Warum bist du die ganzen Tage nicht einmal +herausgekommen?« fragte er. + +Ich hob die Augen und sah ihm ins Gesicht. Doch da stand nichts als ein +leichtes Verwundern über mein ihm unerklärliches Fernbleiben. War es +denn möglich! War das, was mich bis ins Innerste aufgerüttelt, für ihn +gar nichts? + +Ich war eine andere seit jener Stunde, und er? + +Ich wußte nicht, was ich sagen sollte und stammelte: »Ich -- ich schämte +mich.« + +»Du bist mein kleines Schäfchen,« sagte er lachend und schloß mich in +die Arme. »Komm, laß uns noch ein wenig weitergehen.« + +Wir trafen uns nun täglich und -- bald schämte ich mich nicht mehr. +-- -- + +Alles wird zur Gewohnheit, und Rudolph verstand es, meine Gewissensbisse +und Selbstvorwürfe einzuschläfern. + +Liebten wir uns denn nicht? + +Wen ging es etwas an, wenn wir die heimliche Süßigkeit der Liebe +auskosteten? + +»Wenn ich noch einige Jahre älter bin, wenn ich ausgelernt habe und vom +Militär frei bin, dann wirst du ja doch meine Frau, meine süße, kleine +Frau!« + +Ich war sehr jung, sehr verliebt, und die Sommernächte waren schwül und +voller Düfte. -- -- + +Der Sommer ist hin und mit ihm meine rosenrote, geheimnisvolle +Verliebtheit. -- -- + +In den ersten Oktobertagen kam eine Depesche an Rudolph, daß sein Vater +plötzlich sehr schwer erkrankt sei; er müsse sofort nach Hause kommen. + +Wir konnten kaum Abschied nehmen, so rasch ging alles. Ich war ganz +unglücklich. Kam er wieder, ehe ich fortging? Würde ich ihn noch einmal +sehen, ehe ich in ein Pensionat kam? + +Ich war überhaupt in einer ganz schrecklichen Stimmung. Schon seit +einigen Wochen fühlte ich mich gar nicht besonders wohl. Mir war oft so +übel des Morgens, daß ich kaum den Kopf erheben konnte. + +Am liebsten wäre ich jetzt hier geblieben. So sehr ich mich Ostern auf +die Pension gefreut hatte, jetzt hatte ich gar kein Verlangen mehr +danach. Rosine war auch gar nicht gut zu mir, den ganzen Tag schalt sie +mit mir herum. Am liebsten wäre ich zur Großmutter gegangen. + +Da, am zweiten Sonntag nach Rudolphs Abreise, kam plötzlich ganz +unerwartet die Großmutter. + +Ich weiß nicht, mir war seltsam beklommen, als sie mir in die Augen sah. +Das gütige, alte Gesicht sah so kummervoll auf mich. + +»Kind, Kind, was hast du getan,« sagte sie dann weinend. + +Ich konnte nicht antworten, ich weinte mit; obgleich ich gar nicht wußte +worüber. Mir war nur plötzlich so bange, so seltsam ahnungsvoll zumute. + +Und dann erfuhr ich den Grund von Großmutters Kommen. + +Rosine hatte ihr geschrieben: Sie habe schon den ganzen Sommer bemerkt, +daß der Windhund, der Schönewald, hinter mir hergelaufen sei, und sie +habe längst bemerkt, daß nicht mehr alles mit mir in Ordnung sei. -- -- + +»Erzähle, Kind, alles Weinen hilft nun nichts mehr, und verheimlichen +läßt es sich auch nicht,« sagte die Großmutter. + +Ich erzählte. Die Großmutter saß ganz still. Sie sah so gramvoll vor +sich nieder, daß ich hätte laut aufschreien können. + +Als ich geendet, nickte sie einige Male still vor sich hin, dann löste +ein Seufzer die beklommene Stille, und Großmutter sagte: + +»Du gehst heut' abend mit mir, Lottchen. Mach' einstweilen deine Sachen +fertig, ich werde mit dem Vater sprechen, was später wird, das müssen +wir noch sehen.« + +Was dann da unten über mich verhandelt wurde, ich weiß es nicht. Oft +drang die scheltende Stimme des Vaters zu mir herauf, aber auch die +sonst so sanfte Stimme der Großmutter war seltsam hart und klar. + +Am andern Tage war ich in der Försterei. Der tiefe Friede, der um das +liebe, alte Haus lag, tat mir wohl. Der Waldbach, der durch den Garten +rauschte, sang mir sein wundersames Lied. Ich fühlte mich geborgen. + +Nach einigen Tagen erwartete ich, daß der Großvater oder die Großmutter +mit mir sprechen, vielleicht mit mir schelten würden. Doch nichts von +alledem geschah. Der Großvater sagte gar nichts. -- Nur schien mir, sein +Gang sei noch gebückter und sein Haar noch weißer geworden. -- -- + +Was würde aus mir werden? + +Ich wollte an Rudolph schreiben und wurde zu meinem Schrecken gewahr, +daß ich nicht einmal seine Adresse wußte. Den Namen seines väterlichen +Gutes wußte ich, aber wo lag es? + +Oder war Rudolph schon wieder in Neuhof? + +Die Großeltern wagte ich gar nicht zu fragen. Hätten sie mich doch +gescholten, ich glaube, mir wäre wohler gewesen. Diese schweigende Güte +erdrückte mich. + +Am Ende der Woche reiste der Großvater nach E. Großmutter sagte mir, daß +er eine Pension für mich suchen wolle; hier könne ich nicht bleiben, +weil die Försterei zu einsam im Walde liege. -- -- + +Eigentlich ist es gar keine Försterei, es ist ein Jagdhaus, das einst +ein Vorfahr des jetzigen Herzogs für seine Geliebte erbaut hat. Wenn der +Herzog im Sommer auf Schloß Ringhardt residierte, dann wollte er sie +immer in der Nähe haben. Nach Schloß Ringhardt durfte er sie nicht +bringen, dort wohnte seine Mutter, so baute er ihr mitten im Walde, +dreiviertel Stunden entfernt von Schloß Ringhardt, das Jagdschloß +Finsterberg. + +Es ist ein zweistöckiges Gebäude mit weit vorspringendem Dach und +kleinen, bleigefaßten Fensterscheiben. + +Im Untergeschoß wohnte jeweilig ein Förster, zu dessen Obliegenheiten es +gehörte, die oberen Räume in Ordnung zu halten. -- -- + +Jene Zeiten sind lange vorbei. Es wohnt keine geheimnisvolle Unbekannte +mehr da oben, und auf der schönen Chaussee, die damals angelegt wurde, +klingt selten der Hufschlag eines Vollblutes. -- -- -- + +Weihnachten durfte ich noch bei den Großeltern bleiben, doch es war ein +trauriges Fest; keines von uns dreien hatte Mut und Lust zur lauten +Freude. Lautlos, als läge ein Toter im Hause, gingen wir aneinander hin. + +Es lag wie ein Bann über uns allen. -- -- -- + +Einige Tage nach Neujahr hat mich der Großvater hierher gebracht. Hier, +bei Frau Martin, soll ich bleiben bis Anfang März, dann komme ich in die +Entbindungsanstalt, die hier in der Stadt ist. Was dann mit mir werden +soll, wenn alles vorüber ist, ich weiß es nicht. Mir ist unsäglich +bange. + +Als der Großvater von mir ging, meinte ich, das Herz müßte mir brechen +vor Weh. Und vergebens versuchte er mich zu trösten. Ihm selbst war auch +gar weh ums Herz, denn kaum konnte er sprechen vor Rührung. + +Großmutter soll mich bald besuchen. -- -- -- + +Nun bin ich allein. + +Ich habe ein ganz einfaches, sauberes Stübchen. Frau Martin, bei der ich +wohne, ist die Witwe eines Beamten und lebt in ziemlich beschränkten +Verhältnissen. Sie ist vom Großvater wohl in meine Geschichte eingeweiht +worden, sie quält mich nicht mit Fragen. Sie ist lieb und gut zu mir und +tröstet mich, wenn mich das Heimweh gar zu sehr packt. + +Ich helfe ihr ein wenig in der kleinen Wirtschaft, dann vergesse ich +wenigstens für kurze Zeit meinen Kummer. + +Was soll ich auch immer tun? + +Ich habe so viel überflüssige Zeit zum Denken. + +Ich schreibe Briefe an Rudolph, ohne je einen abzusenden. + +Und nun habe ich mir sogar ein Tagebuch gekauft, obgleich ich sonst +nicht für solch überflüssigen Kram bin. Tagebücher und Poesiealbums +waren mir immer greulich. -- + +Aber die Langeweile! Die vielen unausgefüllten Stunden! -- + +Mit wem soll ich sprechen? Wem soll ich mein Herz ausschütten? Wenn ich +älter wäre, hätte ich wohl nicht solches Anlehnungsbedürfnis. + +Warum bin ich noch so jung? So furchtbar jung? + +Ob ich wohl auch hier wäre, wenn meine Mutter noch lebte? -- -- -- + + * * * * * + +Den 8. Februar. + +Heute hatte ich einen Brief und ein Paket von der Großmutter. Ein +schöner, warmer Schlafrock für mich war darin und dann noch eine Menge +kleiner Sächelchen. Kinderwäsche! Ach, und von mir! Ich mußte weinen. +Das alles habe _ich_ angehabt, als ganz kleines Würmchen. Ob wohl meine +Mutter alles selbst gemacht hat? Ob sie sich wohl sehr gefreut hat, als +sie mich in den Armen hielt? Ich freue mich gar nicht! Wie könnte ich +auch! Ich wünschte, mein Kind wäre tot. Frau Martin sagt mir auch, die +bedauernswertesten Geschöpfe auf der Welt seien diese unehelichen +Kinder. Niemand liebe sie. Überall würden sie herumgestoßen. Vielleicht +nimmt Großmutter mich mit dem Kinde zu sich, ich wollte es schon recht +gern haben. Aber es soll doch niemand wissen, daß ich ein Kind habe, +deshalb haben sie mich doch gerade hierher gebracht. + +Und Rudolph schreibt noch immer nicht! + +Ob er nicht weiß, wo ich bin? -- -- -- + + * * * * * + +Den 20. Februar. + +Ich glaube, es war doch Unsinn, daß ich mir ein Tagebuch gekauft habe. +Manchmal abends, wenn ich es öffne und hineinschreiben will, dann weiß +ich nichts. Ich kann doch nicht bloß hineinschreiben, was ich den Tag +über esse und trinke! Und sonst erlebe ich ganz und gar nichts. In die +Stadt bin ich noch nicht einmal gekommen. Wenn ich abends im Dunkeln +spazieren gehe, suche ich immer die Anlagen auf, die hierhinaus liegen. +Da begegne ich fast nie einem Menschen. + +Am 1. März soll ich wahrscheinlich schon in die Anstalt. Der Arzt kommt +morgen und untersucht mich, dann wird er sagen, wann ich hinkommen soll. +Wenn alles vorüber ist, bleibe ich noch einige Wochen bei Frau Martin, +bis ich mich wieder ganz erholt habe. + +Wenn ich nur wüßte, was dann aus mir werden soll! -- -- + + * * * * * + +Den 22. Februar. + +Ich darf noch acht Tage länger bei Frau Martin bleiben. Gestern war der +Doktor hier, es war gräßlich! Ich habe mich so geschämt. Aber als ich +mich nicht anfassen lassen wollte, wurde er grob. Er ist ein widerlicher +Kerl mit wässerigen Schellfischaugen, ich mag ihn gar nicht. Hoffentlich +ist er gerade krank, wenn es so weit mit mir ist, und es ist ein anderer +da. + +Überhaupt fand ich es häßlich von ihm, gleich so grob zu mir zu sein. +Das kann er sich doch denken, daß man sich schämt! Er ist doch ein Mann. + +Ob es wohl sehr schlimm ist? Es soll sehr wehe tun. Maria Rettberg sagte +es einmal, als wir noch zu Fräulein Fischer gingen. Ihre große Schwester +hatte ein Baby, und da hatte sie hinter der Portiere versteckt zugehört, +wie die es ihrer Freundin erzählt hatte. Sie wäre beinahe gestorben. + +Aber ich will nicht sterben! Ich bin noch so jung. -- -- -- + + * * * * * + +Den 28. April. + +Acht Wochen sind es her, seit ich zuletzt in mein Büchlein geschrieben. +Nun ist alles vorüber. Ich mußte doch früher in die Anstalt, als +bestimmt war; die Niederkunft kam etwas zu früh. + +Es war furchtbar! Zuletzt habe ich gar nichts mehr davon gewußt, ich war +besinnungslos. Und das war gut. Es wäre vielleicht auch besser gewesen, +wenn ich gar nicht wieder zu mir gekommen wäre, ist doch auch mein Kind +tot. Sie sagen wenigstens so. Aber ich glaub' es nicht, sie machen alle +so sonderbare Gesichter dabei. Als ich fragte, ob es schon totgeboren +sei, sagte die Schwester ja. Und als ich Frau Martin gestern fragte, wie +lange es gelebt habe, da sagte sie, sie wisse es nicht genau, einige +Stunden nur. + +Das widerspricht sich doch! + +Ein Knabe ist es gewesen. Mein Kind! Wie mir zumute ist bei dem +Gedanken. Ich habe früher wohl oft gedacht, es sei besser, wenn es tot +wäre, und nun möchte ich es doch so gerne haben. Ich würde es doch sehr +liebhaben. + +Wenn ich nur die Wahrheit wüßte! Aber wer wird sie mir sagen? + +Seit gestern bin ich nun wieder bei Frau Martin. Ich sehe jetzt wie ein +Junge aus, ganz kurze Haare habe ich. Das kommt von der Krankheit, sagt +Frau Martin, da gehen einem immer die Haare aus. Ich bin sehr krank +gewesen, Kindbettfieber! Es soll sehr schlimm sein, und manchmal haben +sie nicht gedacht, daß ich durchkommen würde. Großmutter ist lange bei +mir gewesen, ich hab's aber nicht gewußt. + +Ich bin jetzt sehr mager und blaß, und Frau Martin sagt, ich sei noch +gewachsen. Das ist ja auch gut möglich, mit sechzehn Jahren kann man +noch lange wachsen. + +Morgen will ich an Vater schreiben, damit er mir Rudolphs Adresse +schreibt. Ich hätte es schon früher tun sollen, denn Großmutter sagt's +mir doch nicht. Wir müssen doch nun bald heiraten. + +Mir ist ganz sonderbar bei dem Gedanken. Ich weiß nicht -- das alles +liegt mir jetzt so weit ab -- so gar nicht mehr, als ob ich die wäre, +die in jenen schwülen, duftschweren Sommertagen heimliche Wege +gewandelt. Mein Blut ist so ruhig, und wenn ich an Rudolph denke, ist +mir gar nicht mehr sehnsüchtig zu Sinn. Es ist schrecklich! Ich glaube +zuweilen, er ist mir ganz gleichgültig. Ich verstehe mich selbst nicht. +Denn das ist doch unmöglich! Ich muß ihn doch heiraten! Oder muß ich +vielleicht gar nicht? Könnte ich doch einmal mit der Großmutter +sprechen! Lange bleibe ich nicht mehr hier; im Walde unter meinen +schönen Bäumen kann ich mich viel besser erholen. Gibt es ein schöneres +Plätzchen, als unter meinen geliebten Tannen? Ich könnte Ziegenmilch +trinken und weite Spaziergänge machen. Wo geht es sich schöner, als auf +den schmalen moosgepolsterten Pirschwegen, zwischen den schlanken +Stämmen der Kiefern, wo es so kühl und rein ist! Ich will schreiben, sie +sollen mich heimnehmen, sonst werde ich wieder krank. -- -- -- + + * * * * * + +Ich habe viel zu schreiben diesmal. Ob ich noch alles genau weiß? + +Schon acht Tage nach meiner Entlassung aus der Anstalt holte Großvater +mich nach Hause. Sie waren noch immer sehr gut zu mir, alle beide. Viel +zu gut, ich weiß es wohl. Aber Großmutter sagt, ich sei zu jung und +unerfahren gewesen, und Rudolph trüge ganz allein die Schuld. + +»Muß ich ihn denn nicht heiraten, Großmutter?« fragte ich zagend. + +»Ach Kind, das ist ja gerade das Schlimme. Er denkt nicht dran. Sein +Vater ist doch gestorben, er hat nun zum Großvater gesagt, er müsse +seine beiden Schwestern auszahlen, könne also nur eine reiche Frau +heiraten. Ein Landwirt, der kein Geld in den Händen habe, könne sich +nicht lange halten.« + +Einen Augenblick saß ich ganz still, ich wußte nicht, sollte ich mich +freuen oder sollte ich betrübt sein. Was aber nun? Wieder zum Vater? Der +würde schön mit mir umspringen! + +Aber das war noch nicht alles, was die Großmutter mir zu sagen hatte. +Vater ist gar nicht mehr auf Neuhof. Die ganze Geschichte ist bald nach +meiner Abreise zusammengebrochen. + +Großmutter sagte: »Du bist zwar noch sehr jung, aber in Anbetracht aller +Umstände und weil ich annehme, daß dich das, was du jetzt hinter dir +hast, über deine Jahre hinaus gereift hat, so will ich dir erzählen, was +du, wenn alles anders gekommen wäre, nie hättest erfahren dürfen.« + +Und so erfuhr ich alles. Es wurde mir jetzt klar, was ich schon oft +geahnt, wenn ich des Vaters Redensarten und Scheltworte hörte. -- + +Er ist gar nicht mein rechter Vater. Mein Vater ist ein ganz hoher Herr, +der mein Mütterchen nicht hat heiraten dürfen, weil sie nur ein armes +Bürgermädchen gewesen ist. + +Damit ich aber nicht als uneheliches Kind geboren wurde, hat die Mutter +Georg Albrecht geheiratet. Dafür hat er die Pachtung der Domäne Neuhof +sehr billig bekommen. Für mich selbst ist eine Summe von 50 000 Mark +deponiert worden, von der er bis zu meiner Großjährigkeit die +Nutznießung gehabt hätte. + +Und nun? Alles ist fort! Der Vater hat schon lange keine Pacht mehr +bezahlt, immer ist sie ihm wieder gestundet worden, und jetzt ist es +herausgekommen, daß er auch mein Geld durchgebracht hat. Alles mit +leichtsinnigen Weibern in Champagner umgesetzt. So geht es mir nun. Weil +der Vater mein Geld mit leichtsinnigen Weibern durchgebracht hat, kann +Rudolph mich nicht heiraten. Denn hätte ich die 50 000 Mark, dann wäre +ich eine reiche Frau. + +Aber bin ich denn überhaupt traurig, daß Rudolph mich nicht haben will? +Eigentlich nicht! Wenn ich es mir recht überlege, dann fühle ich mich +eher erleichtert bei dem Gedanken. Wenn ich nur erst wüßte, was aus mir +werden soll! Ein anderer Mann wird mich auch nicht wollen, denn ich +glaube, die Leute hier wissen doch alles. Und überhaupt, ich will auch +gar keinen haben, die Männer sind alle schlecht! Alle! Nur Großvater ist +gut! -- + +Ich will etwas lernen, dann brauch' ich keinen Mann zu heiraten. -- -- + +Ob ich Großmutter mal frage, ob mein Kind wirklich tot ist? + +Warum mir nur so sonderbar ist, wenn ich daran denke. Ich habe doch in +meiner Ohnmacht, in der halben Bewußtlosigkeit das Schreien eines Kindes +gehört! -- -- + +Mein Haar wächst wieder! Ich fühle mich mit jedem Tage wohler. -- -- -- + + * * * * * + +Ich bin glücklich! Gerade, wenn man keinen Ausweg sieht, kommt manchmal +von einer Seite, an die man am wenigsten gedacht, die rettende Hand. -- + +Ich gehe nach _Amerika_! + +Mit vier Worten ist es gesagt, und birgt doch so viel in sich. + +Aber nur ruhig und vernünftig! + +Also: Die Großmutter hat ihre einzige Schwester drüben. Lange schon. +Geschrieben haben die Schwestern sich zuweilen, aber sehr lebhaft ist +der Briefwechsel gerade nicht gewesen in den letzten Jahren. + +Die Großmutter hat nun auch mein Unglück nach drüben berichtet, und da +hat die Großtante geschrieben, ich solle nach drüben kommen. Sie habe +sich schon immer ein Töchterchen gewünscht. Nach einigen Jahren, wenn +ich Sehnsucht nach den Großeltern habe, könnte ich ja auch einmal wieder +zu ihnen fahren. + +Ich freute mich sehr, ich lachte und weinte in einem Atem. Da war die +Großmutter sehr traurig, aber dann sagte sie, auch sie sähe ein, daß es +das beste für mich sei, und ich solle in Zukunft so leben, daß ich +täglich und stündlich bestrebt sei, das auszulöschen, was ich unbewußt +gesündigt. Das sei die beste Sühne. -- -- + +Nun weiß ich nicht recht, wie mir ist. Ich freue mich und bin doch auch +wieder traurig. Aber die Freude überwiegt. -- + +Ich werde sehr fleißig sein in Amerika, damit ich bald reich werde, dann +komme ich wieder, aber Rudolph Schönewald heirate ich dann auch nicht. +Ich hasse ihn! -- + +Großmutter kauft mir jetzt allerlei schöne Sachen, Wäsche und Kleider. +Schon am 28. Mai soll ich fahren. Ein Brief an die Großtante ist schon +fort, und ein Platz auf dem Dampfer ist auch bestellt. Die Großeltern +fahren beide mit nach Bremen. + +Ich habe sehr viel zu tun jetzt, da werde ich lange nicht einschreiben +können. + + + + +II. + +Der neuen Welt zu. + + +Den ersten Tag auf See. + +Der Abschied von den lieben Alten war schrecklich! Die Großmutter weinte +zum Erbarmen. Und ich? Ich weiß nicht, es tat mir ja auch sehr leid, +aber trotzdem -- ich komme mir beinahe schlecht vor -- ich freute mich! +Freute mich auf die große, unbekannte Welt und auf all das Schöne, das +sie mir vielleicht bringt. + +Ich bin jung, und ein klein wenig von all den Herrlichkeiten der Welt +ist das Leben mir doch auch schuldig.........?! + +Das Wetter ist sehr schön, nur gegen Abend wurde es etwas bewegter. +Hoffentlich behalten wir es so, daß ich nicht seekrank werde. Die +Großeltern haben mich dem Kapitän sehr empfohlen, und er will gut auf +mich aufpassen. + +Er ist ein reizender Mensch und auch noch gar nicht so alt. Ich habe +früher immer gedacht, die Kapitäne wären alle alt und grau. -- + + * * * * * + +Den 29. Mai. + +Ich habe kein Auge zugetan die ganze Nacht. Das Bett war entsetzlich +hart. Ich bin nicht gewöhnt, nur auf der Matratze zu liegen. Und die +Wolldecken zum Zudecken sind auch nicht besonders hübsch. + +Ich bin mit einer Dame zusammen im Zimmer, einer Amerikanerin. Das +heißt, eigentlich ist sie aus Wien, aber sie ist schon sehr lange in +Amerika. Sie fährt jedes Jahr zweimal nach Europa. Ich glaube, sie ist +sehr reich. Sie hat die ganzen Hände voll feiner Ringe. Mit mir ist sie +sehr freundlich und gibt mir allerlei gute Ratschläge. + +Hübsch ist sie nicht, aber sehr fein; sie hat so feine Nachthemden, wie +ich noch gar keine gesehen habe. -- -- + + * * * * * + +Donnerstag, den 30. + +Heute ist schlechtes Wetter, tüchtig Wind und Regen. Gegen Abend wurde +es sogar sehr stürmisch -- nach unsrer Ansicht. + +Zum Mittagessen lag schon alles krank. An unserem Tisch waren nur ganz +wenige erschienen, und während des Essens verschwanden auch die noch zum +Teil sehr rasch. Es war mir auch ein wenig sonderbar, ich hab' aber doch +gut gegessen, nur keinen Fisch, der Geruch war mir zu widerlich. + +Ich bin gestern abend erst um elf Uhr zu Bett gegangen, habe dann aber +ganz fein geschlafen. + + * * * * * + +Den 1. Juni. + +Heute war das Wetter wieder schön; den ganzen Tag sehr ruhig, und +trotzdem sind noch Einige seekrank. Mir schmeckt jetzt wieder alles. +Heute nachmittag zwischen vier und fünf Uhr fuhr auch ein Dampfer an uns +vorbei, nach Hause zu. Mir war ein klein wenig sonderbar zumute, ob es +wohl Heimweh ist? Ich habe recht nette Gesellschaft gefunden. Meine +Zimmergenossin -- Frau Fröhlich heißt sie -- hat einen Neffen mit an +Bord; gleich am ersten Tage hat sie ihn mir vorgestellt. Er sieht sehr +gut aus, und ich glaube, er mag mich auch gern, denn er ist immer um +mich herum. + +Ich glaube, wenn ich nicht so furchtbar viel durchgemacht hätte mit den +Männern -- ich meine mit Rudolph -- so könnte ich ihn vielleicht +liebhaben, aber so! Nein! Ich werde niemals wieder einen Mann lieben. -- +-- -- + + * * * * * + +Mr. Smith -- so heißt der Neffe -- gibt sich sehr viel Mühe mit mir. Er +will mich Englisch lehren. Die paar Brocken, die ich bei Fräulein +Fischer gelernt habe, die helfen mir gar nichts. + +An Deck haben wir immer viel Spaß. Wenn wir in den Stühlen liegen, kommt +zuweilen der Kapitän und fragt, ob wir auch gut zugedeckt seien oder ob +er den vierten Offizier schicken solle, damit er den Damen die Füße +schön einwickele. Dann gibt es immer großes Gelächter. -- -- -- -- + + * * * * * + +Den 2., abends. + +Endlich haben wir das lange prophezeite schlechte Wetter. Heut' gegen +Abend waren wir auf der Brücke; es sah wunderschön aus, wenn das Wasser +vorn über Deck kam und sogar bis zu uns heraufspritzte. Herr Smith ist +sehr aufmerksam, stets ist er in meiner Nähe. Heute früh saß er im Stuhl +neben mir -- seine Tante war im Damenzimmer, da sie sich nicht besonders +wohl fühlte. Er hat mir so viel dummes Zeug vorgeschwatzt. Er sagt, ich +sei sehr schön -- ob das wohl wahr ist? -- Er ist der einzige Erbe +seiner Tante, die sehr reich ist, und kann seiner Frau jeden Wunsch +erfüllen. Und wenn er eine so schöne Frau hätte, wie ich, so würde er +sie in Samt und Seide kleiden, das muß fein sein. -- Und Geld braucht +sie gar nicht zu haben, er hat nicht nötig, darauf zu sehen. + +Wenn ich dagegen an Rudolph denke! Jetzt könnte ich mich schon rächen. +Wenn ich Mr. Smith heiratete, so könnte ich schon nächstes Jahr wieder +zu Besuch nach Hause reisen, und dann könnte ich Rudolph zeigen, daß ich +auch ohne Geld einen reichen und hübschen Mann bekommen habe. -- Denn +hübsch ist Herr Smith, hübscher als Rudolph. Aber ich liebe ihn nicht, +kann ihn also auch nicht heiraten. Das habe ich ihm auch gesagt. + +Er war sehr traurig -- und da tat er mir wieder leid. -- -- + + * * * * * + +Den 3., morgens. + +Die Nacht war schrecklich! Das Innere wurde mir förmlich umgedreht. +Scheußlich! Ich fürchtete wirklich, ich würde auch noch krank. Um zwei +Uhr bin ich aufgestanden, ich konnte nicht mehr liegen, bald stand ich +nahezu Kopf, bald wieder auf den Füßen. Ich habe mich auf das Sofa +gesetzt und eine Apfelsine gegessen, dann war mir etwas menschlicher. + +Frau Fröhlich ist sehr krank, jetzt sieht sie gar nicht mehr fein aus. +Auch viel älter kommt sie mir vor. Erst dachte ich, sie wäre kaum +dreißig. + +Aber natürlich, sie hat doch einen Neffen, der 27 Jahre alt ist. -- +-- -- + + * * * * * + +Den 4. + +Heute ist wieder prachtvolles Wetter. Trotzdem sind noch immer Einige +krank. Ich selbst fühle mich großartig. Ich habe zwar noch nicht ein +einziges Mal bei Tisch gefehlt, aber gestern war's doch nicht so ganz +richtig. + +Riesigen Spaß haben wir gestern nachmittag gehabt, als wir im Salon zum +Kaffee waren. Ohne daß man vorher viel gemerkt hatte, holte das Schiff +plötzlich so stark über, daß unsere Kuchenteller, Kaffeetassen und alles +was nicht fest war, mit einem Male auf der Erde herumflog. Natürlich +großes Geschrei. Alle suchten Zwiebäcke zusammen. Kaffee wurde dann +nicht mehr getrunken. Heute abend ist großes Konzert, sogenanntes +Seemannskonzert. Ich gehe auch hin. Alle wollen sich sehr elegant +machen, und ich habe nur ein einfaches weißes Kleid, das ich anziehen +kann. -- + + * * * * * + +Da sitz' ich nun und halte schon eine ganze Weile die Feder in der Hand, +ohne daß ich weiß, wo ich beginnen soll. Und doch habe ich so viel zu +schreiben, wie noch nie während der ganzen Reise. + +Zwischen gestern und heute liegt eine Ewigkeit oder ein ganzes +Menschenschicksal, ich weiß es nicht. + +Mir ist so sonderbar -- so bange. Ist es das Neue, das Unbekannte, dem +ich entgegengehe? + +Es ist wohl hauptsächlich der Gedanke: hast du auch recht getan, der +mich quält. -- + +Ist es doch das erstemal, daß ich bewußt mein Schicksal in die eigenen +Hände genommen habe. -- -- + +Also ich habe mich nun doch mit Herbert Smith verlobt. -- + +Ich war gestern abend in dem Konzert und hatte mein weißes Kleid an. +Alle andern Damen waren feiner, denn das Kleid ist sehr einfach. Frau +Fröhlich und ihr Neffe saßen mit mir am Tisch, außerdem noch eine junge +Dame aus Baltimore, Miß Pfort, und ein Herr aus Köln. Schon als ich in +den Salon kam, sah ich, daß Herberts Augen aufleuchteten; er sprang auf +und kam mir entgegen; er sagte mir gleich so viel Schönes, daß ich ganz +rot und verlegen wurde. + +Eine Schönheit wie ich, habe nicht nötig, sich noch mit kostbaren +Kleidern zu schmücken, ich sei die Schönste im Saal trotz meiner +Einfachheit. -- -- -- + +Ich müßte kein Mädchen sein, wenn ich mich nicht gefreut hätte. -- + +Zuweilen dachte ich wohl, es seien nur Redensarten, aber mir scheint +doch, es ist etwas Wahres daran, denn ich habe wohl bemerkt, daß alle +Herren nach mir sahen. Und ich muß sagen, ich gefalle mir selbst, wenn +ich im Gesellschaftszimmer an den großen Spiegeln vorübergehe. Ich bin +groß und schlank, und mein goldbraun leuchtendes Haar sieht sehr apart +aus. -- + +Ein bißchen eitel darf ich wohl sein. -- + +Nach dem Konzert saßen wir noch etwas zusammen, es kamen noch einige +Herren dazu, und als im Salon die Lichter ausgelöscht werden sollten, +beschlossen alle, ins Rauchzimmer zu gehen. Frau Fröhlich bat so lange, +bis ich mitging. -- + +Wir haben sehr viel Champagner getrunken -- ich trinke ihn gern -- und +ich glaube, ich habe einen regelrechten kleinen Schwips gehabt. Ja -- +und heute früh war ich verlobt. -- Wenigstens sagen es alle. Und Herbert +war schon um acht Uhr an unserer Zimmertüre und nannte mich seine schöne +Braut, seinen stolzen Schwan und was der dummen Dinge mehr sind. -- Aber +gern hör' ich's doch. -- -- + +Ich kann's jetzt verstehen, daß mein Vater gern Champagner trinkt; mir +hat er auch geschmeckt. -- + +Herbert sagt, wenn ich erst seine Frau sei, könne ich trinken, so viel +ich wolle. -- + +Ich bin doch etwas stark benommen im Kopf. Frau Fröhlich sagt, das komme +vom ungewohnten Trinken; sie ließ eine Flasche Sherry kommen, da habe +ich auch ein Glas mitgetrunken, und es ist mir wirklich etwas besser +geworden. -- + +Wenn ich über alles klar nachdenke, dann ist mir ganz miserabel zumute. +-- Soll ich Herbert mein -- mein -- ja was ist es eigentlich, was hinter +mir liegt? Ein Erlebnis -- ein Unglück -- oder was sonst? Es ist +schrecklich! Nein, ich kann es nicht sagen. Würde er dann noch zu mir +sagen -- mein stolzer Schwan? Schwäne sind rein -- weiß -- unnahbar. +Ach, ich komme mir manchmal so gar nicht mehr rein vor. -- Ich sage +nichts, lieber will ich ihn überhaupt nicht heiraten. + +Aber wird er mich wieder freigeben? + +Er hat mir heute nachmittag schon seinen Plan entwickelt. -- + +Sowie wir in New York ankommen, fahren wir beide im Automobil zum +Pfarrer und lassen uns trauen. Das geht in Amerika ganz leicht. Herbert +kennt einen Pfarrer in der 2. Avenue, zu dem fahren wir. Papiere +brauchen wir nicht. + +Die Tante besorgt währenddessen das Gepäck, und ehe alles fertig ist, +sind wir schon wieder zurück, dann kann ich meinen Großonkel, der mich +abholen will, immer noch begrüßen. + +Herbert meint, es wäre möglich, daß wir beide mit zur Großtante reisten, +aber es sei besser, daß wir uns sofort trauen ließen, dann könne der +Onkel nichts mehr daran ändern. + +Wenn wir nicht gleich mit dem Onkel gehen, dann wollen wir aber später +einige Wochen zu ihm und der Tante. -- + +Und nächstes Jahr kann ich schon wieder nach Deutschland zu Besuch. -- + + * * * * * + +Herbert hat mich gebeten, dem Kapitän nichts von unserem Plan zu +erzählen. Es wäre ihm vielleicht nicht recht, weil ich noch so jung +sei, und weil er doch den Großeltern versprochen habe, auf mich zu +achten. + +Ich werde es ihm nicht sagen, ich sehe ihn ja auch so selten. -- Ich +quäle mich immer mit dem Gedanken, daß ich Herbert doch meinen Fehltritt +sagen müßte. Ich warte immer auf einen günstigen Augenblick. Wenn ich +einmal längere Zeit ganz allein mit ihm wäre, dann hätte ich den Mut. +Aber hier am Schiff ist man ja nie allein. -- + +Ob ich Herbert liebe, weiß ich wirklich nicht. Manchmal glaube ich es +ja, aber trotzdem -- wenn er jetzt plötzlich von mir gehen würde, ich +glaube kaum, daß es besonders wehe tät'. -- + +Es ist vielleicht gut so. -- -- + + * * * * * + +Morgen sind wir dort. Eben sagte mir der Kapitän im Vorübergehen, daß +wir morgen früh 10 Uhr am Pier in Hoboken sind. + +Jetzt sitzt nun alles im Salon und schreibt Briefe, und auch ich will +die letzten Zeilen in mein Buch schreiben, ehe ich es weglege. +Vielleicht komme ich in nächster Zeit doch nicht zum Schreiben. Und wenn +ich wieder schreibe, bin ich schon Frau. Frau! Komisch. Mir ist, als +könnt ich's kaum glauben. -- + +Gleich will ich noch einen Brief an die Großeltern schreiben, denen +werde ich aber doch alles berichten, obgleich Herbert mich bat, +vorläufig noch nichts davon zu erwähnen. -- + +Um mich herum sitzt alles und schreibt. Briefe und Karten. + +Adressen werden ausgetauscht, Versprechungen gemacht usw. + +Ich möchte wohl wissen, wie viele von diesen Adressen benutzt werden. +Wer denkt nach einem halben Jahre noch an die geschlossene Freundschaft? + +Es sind auch eine ganze Anzahl Liebespärchen hier an Bord, alle erst von +dieser Reise. + +Die Seeluft muß eine stark aufreizende Wirkung haben. + +Bei manchen sollte man es kaum glauben, daß sie sich erst seit kaum acht +Tagen kennen. + +Da ist zum Beispiel ein Pärchen an unserem Tisch. Alle Anzeichen +sprechen dafür, daß sie sehr intim miteinander sind. -- Ich hielt sie +für Mann und Frau. + +Gestern sprach ich mit dem Zahlmeister darüber, der lachte. -- + +»Das ist jede Reise so, zuweilen mehr, zuweilen weniger. Diese beiden +haben sich vordem nie gesehen. Sie ist Rheinländerin und er ist aus +Thüringen. Überdies wird sie von ihrem Bräutigam erwartet.« -- -- + +Der Zahlmeister wird wohl recht haben. -- -- + +Ich möchte keinen Seemann heiraten. Die Damen hier am Schiff sind +teilweise sehr entgegenkommend gegen die Herren. -- -- + +Herbert, der schon oft gefahren, lacht mich aus und sagt, das sei nicht +so schlimm. Ein bißchen amüsieren dürfe sich jeder Mann. -- -- + +Die See wird manchmal so unruhig, lange wird's nicht dauern, dann gibt's +wieder Seekranke. + +Allzu schlimm kann's nicht mehr werden, denn es sind jetzt nur noch +zwölf Stunden. -- + +Wenn ich dann wieder einschreibe, ist es in der Neuen Welt. -- -- + + + + +III. + +Nacht. + + +Vier Wochen später. + +Ach ja, es ist eine neue Welt, in der ich lebe -- aber was für eine! + +Furchtbare Wochen liegen hinter mir -- fürchterlichere vielleicht noch +vor mir! + +Ich will schreiben -- und weiß nicht, wo beginnen -- ich weiß weder +Anfang noch Ende. + +Mit einem einzigen Schrei der Qual möchte ich alles in die Welt +hinausrufen. -- + +In die Welt! In welche Welt? + +Die Welt, die mich jetzt umgibt, lacht über meine Klagen. Und eine +andere aufzusuchen, in der ich nicht verlacht werde, liegt nicht in +meiner Macht. -- -- + +Ich bin gefangen! Wo? Ich weiß es nicht. -- + +Doch ich will es dir schlicht und der Reihe nach erzählen, kleines Buch. +Du allein bist ohne Falsch. -- + +Alles spielte sich so ab, wie Herbert es mir gesagt. Wir beide gingen +nach Ankunft des Schiffes sofort ohne Aufenthalt durch die Zollschranke. +Gepäck hatten wir nicht. Im Automobil fuhren wir dann ein ziemliches +Stück, auch auf einem großen Fährboot über den Fluß und dann noch eine +kurze Strecke weiter. + +Wir sind dann in ein großes Haus gegangen. Wie Herbert mir sagte, zu +seinem Freunde, dem Pfarrer. -- + +Ob es eine Vorahnung war? -- Als die Tür hinter mir zuschlug, überkam +mich plötzlich eine Angst, daß ich am liebsten wieder hinausgelaufen +wäre. Doch Herbert legte den Arm um mich und führte mich in ein auf der +linken Seite des Flures gelegenes Zimmer. + +Sonderbar, ich sah keinen Menschen, und Herbert schien hier wie zu Hause +zu sein. + +Auch im Zimmer war niemand. Herbert geleitete mich zu einem Sessel, +welcher der Tür gegenüberstand. -- + +Ich war plötzlich so müde. -- + +Einen Augenblick nur solle ich ihn entschuldigen, er komme sofort +zurück, sagte er mir, und ging durch eine andere Tür hinaus. + +Ich sah mich im Zimmer um. Die Wände waren mit einigen Bildern +geschmückt -- Dutzendware --, gegenüber der Tür stand eine Chaiselongue, +kein Tisch, nur noch einige Sessel. -- + +Aber was mir jetzt erst auffiel -- das Zimmer hatte ja gar kein Fenster! +Eine elektrische Krone erhellte es, es war aber doch Tag. Es konnte +höchstens zwölf Uhr sein! -- + +Noch immer kam Herbert nicht wieder. + +Hinter mir rauschte ein Seidenkleid -- eine Tür hatte ich nicht gehen +hören. Ich drehte mich aufhorchend um, eine Dame stand vor mir und +lächelte mich an. + +Es war eine große, kräftig gebaute Frau im Alter von ungefähr fünfzig +Jahren. Sie war sehr elegant gekleidet, sah aber trotzdem sehr +gewöhnlich aus, denn ihr Gesicht war unangenehm und brutal. -- + +»Sie müssen Herrn Smith einen Augenblick entschuldigen. Er hat erst noch +rasch etwas zu erledigen, wird aber sofort hier sein. Darf ich Ihnen +einstweilen eine kleine Erfrischung anbieten?« + +Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, trat sie an einen kleinen +Seitenschrank und goß zwei Gläser voll Wein, von denen sie mir das eine +anbot; das andere stellte sie auf ein kleines Ziertischchen, in dessen +Nähe sie sich niederließ. -- + +Ich hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen. + +Ich saß da mit meinem Weinglas in der Hand und sah mich hilflos um. Ich +hätte es gern hingesetzt, aber ein Tisch schien in diesem Zimmer ein +überflüssiges Möbel zu sein. -- + +»Trinken Sie, liebes Kind, Sie werden erschöpft sein. Ich nehme Ihnen +dann das Glas wieder ab,« sagte meine liebenswürdige Wirtin -- die +Gattin des Pfarrers, wie ich damals annahm. + +Ich war wirklich durstig, aber noch mehr hungrig. Ich hatte seit dem +Frühstück nichts mehr genossen, und auch da vor lauter Aufregung nur +wenig. Ich tat deshalb einen guten Zug aus meinem Glase, dann nahm sie +mir das Glas ab und setzte sich mir gegenüber. + +Was sie zu mir gesprochen, weiß ich nicht; mich überfiel eine seltsame, +bleierne Müdigkeit, ich riß einige Male mit Gewalt die Augen auf, aber +dann konnte ich nicht mehr dagegen ankämpfen. Ich bin dann wohl +eingeschlafen. -- -- + +Als ich erwachte, war es Nacht. Ich lag ausgezogen auf einem Bett. Im +Zimmer war es ganz finster. + +Ich versuchte mühsam, meine Gedanken zu sammeln. Wo war ich? Was war mit +mir geschehen? War ich krank gewesen? Mir war sonderbar benommen im +Kopf. Ich sann und sann und kam zu keiner Klarheit. + +Müde schlief ich endlich wieder ein. -- -- + +Das Geräusch einer schließenden Tür weckte mich. Als ich die Augen +aufschlug, war es Tag, und die Frau von gestern stand vor meinem Bett. + +»Nun, ausgeschlafen?« fragte sie. + +Ich sah sie verständnislos an. + +»Wo ist Herbert?« fragte ich, nachdem ich meine Gedanken einigermaßen +gesammelt hatte. + +»Sie meinen Herrn Smith? Der hat noch gestern wieder abreisen müssen, +liebes Kind. Aber er kommt wieder, sobald er nur irgend kann. Seien Sie +nur zufrieden, Sie sind bei Freunden. Sie werden es gut bei uns haben, +wenn Sie schön artig und vernünftig sind.« + +»Aber wo bin ich denn! Bei wem?« fragte ich dringend. »Ich muß doch zu +meiner Tante!« + +»Es ist leider niemand gekommen, der Sie hat abholen wollen. Wir haben +gestern sofort nachfragen lassen. Sie müssen deshalb schon bei uns +bleiben. Nun ruhen Sie sich nur noch recht schön aus, ich schicke Ihnen +gleich etwas Frühstück herauf. Später kommen Sie dann auch mal herunter +in den Salon. Vorläufig ruhen Sie noch.« -- -- + +Sie ging, und ich war wieder allein. Doch nicht lange. + +Ein Mädchen kam und brachte mir Kaffee und Gebäck. + +Aber wie sah die Person denn aus! Schrecklich! Wie konnte man denn so +ein Geschöpf um sich haben? Ganz entzündete Augen und auch sonst so +ekelhaft. + +Sie sah mir den Widerwillen wohl an und lachte häßlich. + +»Wenn du Glück hast, mein Engel, so siehst du eines Tages auch so hübsch +aus,« sagte sie frech. + +»Wie meinen Sie das?« fragte ich. + +Sie antwortete nicht, drehte sich um und ging hinaus. + +Ich mochte nichts anrühren von dem, was dieses Geschöpf in den Händen +gehabt hatte. Der Kaffee wurde kalt. + +Doch in meinen Eingeweiden wühlte der Hunger; ich war jung und gesund +und hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Nach und nach +trank ich den kalten Kaffee und aß auch das Gebäck. Ich wollte endlich +aufstehen und mich nach meinen Wirten umsehen. -- Ich suchte nach +meinen Kleidern, sie waren nicht da. Ich sah mich um, nichts war zu +sehen, auch keine Klingel, um jemand herbeizurufen. + +Mein Gott, was bedeutete das alles?! Wo war ich nur? Ich tat das +einzige, was mir übrig blieb, ich kroch wieder ins Bett. + +Wie lange ich gelegen -- ich weiß es nicht, ich mußte wohl wieder +eingeschlafen sein. -- + +Ein Geräusch schreckte mich auf, meine Wirtin stand wieder vor mir. Ich +sprang rasch aus dem Bett und fragte nach meinen Kleidern. + +»Ihre Kleider sind ganz verdorben, liebes Kind. Sie sind ein wenig krank +gewesen gestern. Aber ich habe Ihnen hier ein schönes neues Kleid +mitgebracht, das ziehen Sie an.« + +Mit diesen Worten legte sie ein wunderbares Gebilde von Spitzen und +durchsichtigem Mull auf das Bett. + +In meiner grenzenlosen Dummheit freute ich mich über das schöne Zeug. + +»Oh, von Herbert!« rief ich erfreut. + +Ich dachte an die versprochenen Kleider aus Samt und Seide. -- -- + +Meine Wirtin antwortete nicht, sie lächelte nur zustimmend. -- + +Ich zog mich rasch an, es paßte wie für mich gemacht. + +Ich suchte mit den Augen nach einem Spiegel, denn ich hätte mich gern +gesehen in meiner neuen Herrlichkeit, aber ich sah keinen. + +»Kommen Sie, Kind,« sagte die Frau, die meinem Blick gefolgt war, und +faßte mich um. »Wenn Sie recht vernünftig und artig sind, bekommen Sie +bald ein schönes großes Zimmer mit großen Spiegeln.« + +Wenn ich artig und vernünftig bin -- schon wieder diese Redensart. Was +soll das? Weshalb sollte ich _nicht_ artig sein? -- -- + +Lange dachte ich aber nicht über dieses Rätsel nach, ich verstand es +einfach nicht. -- + +Ich ging mit meiner Führerin eine schöne, breite Treppe hinunter -- ich +war also in meinem gestrigen Zustand die Treppe hinauf getragen worden +-- dann trat sie mit mir in einen Salon, der, nach meiner Berechnung, in +entgegengesetzter Richtung von dem Eingang liegen mußte. + +Ein merkwürdiges Haus. Auch hier brannten wieder die elektrischen +Flammen. Anscheinend war gerade eine größere Gesellschaft. Im Zimmer +saßen elegante Damen und Herren. -- + +Und fein war es hier, überall standen bequeme Sofas und Tischchen. -- +Lauschige Ecken, schwellende Polster; kurz und gut, ich kam mir vor wie +im Märchen. + +Meine Führerin, deren Namen ich noch nicht einmal wußte, stellte mich +mit den Worten vor: »Meine Herrschaften, hier bringe ich Ihnen Fräulein +Lotti. Gestern erst frisch von Europa angekommen.« + +Das war ja eine sonderbare Sitte hier in diesem Lande. Aber alle +schienen das in der Ordnung zu finden. Alle lachten und schwatzten +durcheinander. Einige kamen auf mich zu und sprachen einige Worte mit +mir. Doch ich verstand sehr wenig, sie sprachen fast alle englisch. + +Ich war ganz verlegen. Ich setzte mich auf ein Sofa in der Nähe der Tür. + +Bald setzte sich ein Herr zu mir, ein kleiner, dicker Kerl mit einer +Glatze und vorstehenden, wässerigen Augen. + +Ein ganz frecher Patron! Setzte sich sofort zu mir auf das Sofa, ganz +dicht an mich heran. + +Ich rückte von ihm ab, da lachte er so widerlich und sagte: + +»Na, Kleine! Noch so spröde? Wird bald besser. Komm, wir trinken ein +Fläschchen zusammen. Dann gibt's Mut.« + +Ich sah mich hilflos um. Was bedeutete das? War ich in einem Narrenhaus? +Da sah ich an der anderen Seite des Salons meine Wirtin. + +Ich wollte aufspringen, sie fragen, um Aufklärung bitten. Aber ich weiß +nicht, wie mir plötzlich war; auf halbem Wege blieb ich stehen. Die Frau +sah mich so sonderbar stechend, so lauernd an. -- -- + +Ich mußte an den Blick einer Schlange denken, die ihr Opfer +hypnotisiert. Ich sah mich um. Alle hatten jetzt Wein auf den Tischen, +nur noch einige Damen saßen so da. Ich machte ein paar Schritte und +wollte zu einer alleinsitzenden Dame hingehen, da stand der alte, eklige +Kerl wieder neben mir. + +»Mach' keine Dummheiten, Kleine, komm setz' dich,« sagte er zu mir und +faßte zugleich nach meinem Arm. + +Ich riß mich los und stürmte nach der Tür. Als ich draußen stand, wußte +ich nicht wohin. Ich hatte den Gedanken, nach unten zu laufen, hinaus +aus diesem sonderbaren Hause -- da stand die Frau neben mir. + +»Was soll das?« sagte sie kurz, »warum laufen Sie weg?« + +»Ich will mich nicht von dem alten Kerl anfassen lassen! Ich kenne ihn +ja gar nicht! Man ist doch nicht gleich so dreist!« + +»Da wirst du dich dran gewöhnen müssen, liebes Kind. Das ist bei uns nun +mal so. Und überhaupt, gerade mit diesem Herrn wirst du sehr freundlich +sein, der hat sehr viel Geld. Komm!« + +Jetzt sagte sie schon Du zu mir! Und wie schroff sie war! Hier blieb ich +nicht! + +»Dann will ich hier fort,« sagte ich rasch. »Ich kenne ja die Leute alle +gar nicht. Lassen Sie mich gehen, ich laufe ans Schiff zu dem Kapitän, +der wird an meine Verwandten telegraphieren.« + +»Schlag dir das aus dem Kopf,« sagte die Frau. »Du kannst hier nicht +fort. Ich habe gestern deine Koffer holen lassen, die standen noch +drüben am Pier, das kostet Geld. Das Kleid hier habe ich für dich +bezahlt, kannst du mir das alles wiedergeben?« -- -- + +Ach Gott, mein Geld! Daß ich daran nicht gedacht hatte! -- + +Ich hatte ja noch zweihundert Mark gehabt. Wo war meine Tasche? Alles +fort! + +»Wo ist mein Geld, meine Tasche! Ich hab' es doch mit hierher gebracht!« +rief ich angstvoll. + +»Du glaubst doch nicht, daß du hier bestohlen worden bist?« sagte die +Frau höhnisch. »Wenn du Geld bringst, kannst du gehen; so lange bleibst +du hier.« + +Mit diesen Worten faßte sie mich an der Hand und zog mich wieder in den +Salon. + +Da ging es jetzt lustig zu. Sie sangen und tanzten wild durcheinander. +-- Und wie waren die Mädchen angezogen! Das war mir vorhin noch gar +nicht so aufgefallen. -- + +Ich setzte mich ratlos wieder hin. Da kam auch schon wieder dieser +Mensch und setzte sich neben mich. + +Ich sah ihn gar nicht an. -- + +Es wurde Champagner gebracht, ich nippte kaum. So gut er mir unterwegs +geschmeckt hatte, der Appetit war mir vergangen. -- -- + +Wäre ich nicht gar so dumm gewesen, hätte ich nur einmal über etwas +derartiges gelesen oder gehört, ich würde endlich gewußt haben, wo ich +war. So aber saß ich noch immer und zermarterte mir den Kopf, was das +eigentlich für eine Gesellschaft sei, in der ich mich befand. -- -- -- + +Es gab an dem Abend noch einen furchtbaren Skandal. Ich begriff endlich, +wo ich mich befand und was man von mir wollte. Als der alte Kerl einige +Glas Champagner getrunken hatte, wurde er zudringlich, und ich schlug +ihn ins Gesicht. Da wurde er wütend, er tobte wie ein Wahnsinniger. Mir +war es einerlei, ich verstand auch nicht, was er sagte. + +Die Frau verstand ich dann um so besser. Sie wurde furchtbar heftig und +ließ endlich die Maske fallen. + +Ich sei in diesem Hause zu keinem anderen Zweck, als den Herren, die +hierher kämen und die ihr schweres Geld dafür bezahlten, gefällig zu +sein. Sie habe ein anständiges Stück Geld für mich bezahlt und sie würde +schon dafür sorgen, daß sie keinen Schaden habe. Sie wolle mich schon +zahm kriegen. Sie habe da ganz schöne Mittelchen. Sie gebe mir aber den +guten Rat, mich gleich zu fügen, denn nützen würde mir mein Widerstand +doch nichts. -- + +Ein paar Tage früher oder später, es sei nur mein eigener Schaden. -- + +»Willst du also vernünftig sein und mit dem Herrn recht freundlich +sprechen?« + +»Nein! Lieber spring ich aus dem Fenster!« rief ich außer mir. + +»Wie du willst! Dann spring aus dem Fenster!« rief sie, faßte mich am +Arm und schob mich in ein Zimmer. + +»Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast,« rief sie mir nach +und schloß die Tür zu. + +Im Zimmer war es dunkel, ich konnte nicht die Hand vor den Augen sehen. + +Ich tastete umher, ich suchte an der Wand entlang, vorsichtig schritt +ich weiter. Ein Bett war da. Gott sei Dank. + +Ich zog das feine Kleid aus und legte mich nieder. Ich sann und sann, +was konnte ich tun? Hier im fremden Land, in der großen fremden Stadt, +ohne Geld, ohne Freunde! Und doch! Wenn ich nur hinaus könnte, jemand +würde sich schon meiner annehmen. + +Zuletzt kamen die Tränen, ich weinte so heiß und schmerzlich, daß ich +gar nicht wieder aufhören konnte. + +Sie müssen mein verzweifeltes Weinen gehört haben, aber kein Mensch +kümmerte sich um mich; die sind alle hart wie Stein. -- + +Zuletzt bin ich wohl vor Ermattung eingeschlafen. + +Als ich erwachte, war es noch immer dunkel um mich. Ich wußte gar nicht +mehr, war es Tag oder Nacht. Wie lange war ich schon hier? War es ein +Tag oder waren es mehrere? + +Mich quälte schon wieder der Hunger. War ich denn immer hungrig? Bei all +meinem Elend und bei all dem Kummer -- die Natur verlangte ihr Recht. + +In Geschichten hatte ich so oft gelesen, wenn sie traurig waren oder +Kummer hatten, dann nahmen sie tagelang keine Nahrung zu sich. Ich hatte +immer Hunger. + +Ich konnte nicht mehr schlafen, vorsichtig erhob ich mich und tastete +nach der Tür, sie war noch immer verschlossen. Ich klopfte, niemand kam. +Ich klopfte stärker, alles umsonst. + +Ich ging wieder ins Bett und wartete. Ich meinte, Stunden gelegen zu +haben, und nichts ließ sich hören. + +Ich konnte es zuletzt gar nicht mehr aushalten und stand wieder auf. Ich +hatte Kopfschmerz und war ganz zittrig auf den Beinen, so elend war ich. + +Was hatte man mit mir vor? Wollte man mich hier verhungern lassen? + +Ich schlug mit den Fäusten gegen die Tür und schrie aus Leibeskräften. +Niemand kam. + +Jetzt kam die Furcht langsam gekrochen! Was wollte man mit mir machen? +Oder hatten sie mich vergessen? + +Wieder kroch ich ins Bett. -- + +Ob ich dann vor Erschöpfung ohnmächtig geworden bin oder ob ich wieder +eingeschlafen bin, ich weiß es nicht. + +Nur daß ich, als das schreckliche Weib wieder zu mir kam und mich +fragte, ob ich gehorchen wolle, ganz apathisch zu allem ja gesagt habe. + +Ich glaube, sie haben mich lange hungern lassen, denn ich bekam zuerst +ein wenig warmen Wein und dann ein rohes Ei. -- -- + +Zwei Tage danach war ich wieder im Salon. Der ekelhafte Kerl war wieder +da, und alles ging seinen Gang. -- -- + +Jetzt habe ich ein schönes Zimmer, und der Mensch kommt jeden Abend. Es +ist ein reicher Pelzhändler aus der 8. Straße. + +Ich weiß jetzt auch, wo ich bin. -- Es ist ein Mädchen hier -- die +»schwarze Katze« sagen alle zu ihr -- sie ist vom ersten Tage an sehr +freundlich zu mir gewesen. Sie riet mir auch, als ich wieder in den +Salon kam, mich zu fügen. Ich sei doch machtlos. + +»Jedenfalls bist du Mädchenhändlern in die Hände gefallen,« sagte sie. + +Ich erzählte ihr alles. Von Frau Fröhlich, von Herbert Smith, von der +Heirat, alles! + +»Es ist so! Das saubere Paar ist mit frischer Ladung von Europa +gekommen. Entweder, sie haben im Zwischendeck noch Mädchen gehabt, oder +aber sie haben auf einem anderen Dampfer, der langsamer fährt, die +Mädchen eingeschifft und sind dann selbst mit dem Schnelldampfer +gefahren, um die Ware hier in Empfang zu nehmen. Du bist ihnen als +Leckerbissen unterwegs noch in die Arme gelaufen.« + +»Aber können wir denn nicht zur Polizei?« + +»Die Polizei? Du kommst vorläufig überhaupt nicht an die Luft, eher +nicht, bis du erst richtig zahm bist. Und dann! Die Polizei! Da mach dir +nur nicht zu viel Hoffnung. Weißt du, ich könnte dir Sachen erzählen. +Die Policeleute hier im Viertel werden alle von »ihr« bezahlt. Denn die +versteht ihr Geschäft. -- Und uns glaubt man ja doch nicht. Aber trotz +alledem, wenn wir Geld hätten, und du bist nach einigen Monaten noch +derselben Ansicht, so will ich dir wohl helfen. Nur jetzt ist noch +nichts zu machen.« -- + +»Und warum gehst du nicht fort, wenn du doch kannst?« fragte ich sie. + +»Gott, ich! Wo soll ich hin? Es ist immer noch besser als auf der +Straße, da laufen hier in New York sowieso genug herum. Ich bin ja mal +'ne Zeitlang 'raus gewesen; solange man ein festes Verhältnis hat, mag's +gehen. Hat man das nicht, dann gibt's Tage, da kann man hungern.« + +Ich war ganz benommen. Das war ja schrecklich. + +»Aber du kannst doch in Stellung gehen. Nicht immer so etwas,« sagte ich +beschwörend. + +»Du bist ein kleines Schäfchen,« lachte sie mich aus. »Das ist bei mir +zu spät. Ich habe dies Leben schon zu lange gelebt. -- Und -- ich will +auch nichts anderes mehr. Wir werden ja sehen, vielleicht geht es dir +eines Tages ebenso.« + +»Nein, o nein. Ich will hier nicht bleiben, lieber sterben,« rief ich +verzweifelt. + +»Na, na, nur ruhig, Kleines. Ich gebe dir einen guten Rat: Lerne vor +allen Dingen Englisch, das ist die Hauptsache. Dann sauf' nicht zu viel, +das ist auch 'ne Hauptsache. Dann halte die Augen gut offen, möglich, +daß mal einer kommt, der so viel Gefallen an dir findet, daß er dich +auskauft. Alles schon dagewesen. Und hübsch bist du ja, das muß dir der +Neid lassen. Du hast so was Besonderes, so was Vornehmes an dir. +Vielleicht hast du Glück.« + +Ich faßte wieder Hoffnung. Ich war dem Mädchen so dankbar für seine +Ratschläge und habe sie bisher getreulich befolgt. -- -- -- -- + +Bis jetzt gehöre ich noch immer dem alten, dicken Ekel. Er scheint +großes Gefallen an mir zu finden, denn er bezahlt alles, was sie +verlangt. + +Ich hatte einige Tage die Hoffnung, daß er mich vielleicht herausnehmen +würde. Als er einmal sehr guter Laune war, bat ich ihn darum. Ich +versprach, bei ihm zu bleiben, so lange er mich haben wolle -- natürlich +sagte ich das nur, denn ich wäre sofort ausgerissen, wenn ich das Haus +hinter mir gehabt hätte. Aber er lachte mich nur aus. + +»Nee, Kleine, auf den Leim kriech' ich nicht. Ich habe das hier viel +besser und bequemer. Solange ich nicht will, kriegt dich kein anderer. +In dieser Weise ist die Rottmann anständig, da betrügt sie nicht.« -- + +Bis jetzt habe ich also nur diesem einen gehört, aber wie lange wird es +dauern und ich gehöre jedem, der mich will! + +Der Gedanke ist mir furchtbar! + +Ich liebe das Leben so sehr. Ich bin jung, und jede Kreatur hängt am +Leben. Und doch -- wenn ich irgendein Mittel hätte, ich würde mich +töten. -- Aber hier ist auch auf solche Stimmungen Rücksicht genommen, +ich bin gewiß nicht die erste Anfängerin. -- + +Wenn ich jetzt einmal an die lieben, alten Großeltern denke, so könnte +ich laut aufweinen vor Qual. + +Nie wieder werde ich sie sehen, nie wieder die lieben, alten Gesichter +küssen dürfen. -- + +Auch wenn ich Glück habe und wieder herauskomme, es soll kein bekanntes +Gesicht das meine wiedersehen. -- Ich will tot sein, tot für alle! -- -- + +Es ist eine furchtbare Einrichtung, daß es Menschen gibt, denen erlaubt +wird, andere Menschen gegen ihren Willen festzuhalten und Geld mit ihnen +zu verdienen. -- -- -- + + * * * * * + +Es ist schrecklich! Ich fange an, mich vor mir selbst zu fürchten. Ich +habe oft den kaum zu unterdrückenden Wunsch, diesem Menschen die Hände +um den Hals zu krallen und ihn so lange zu würgen, bis er tot ist. Es +zuckt mir dann förmlich in den Fingern vor Begierde. -- + +Ob wohl einem Manne nie der Gedanke kommt, daß er eigentlich in +Lebensgefahr schwebt, wenn er sich so ein geknechtetes Wesen leibeigen +macht? Wäre es nicht möglich, daß in einem solchen Geschöpf einmal der +Rachedurst überschäumt? + +Sich und ihr ganzes zertretenes Geschlecht würde sie rächen. -- + +Ach, ich glaube, ich werde wahnsinnig oder schlecht. -- -- + +Daß ein Mensch sich in kurzer Zeit so sehr verändern kann! + +Noch vor einem Jahre war ich ein dummes, leidenschaftlich verliebtes +Ding. Und nun? Mir ist zuweilen, als ob ich das gar nicht bin. Mir ist, +als sei das alles schon eine Ewigkeit. Bin ich es wirklich, deren Herz +einst aufjubelte bei den törichten Liebesworten, die man mir ins Ohr +flüsterte? + +Und jetzt! Ich glaube, ich kann nie wieder Liebe und Leidenschaft +empfinden. -- Mögen sie mit meinem Körper Schacher treiben, meine Seele +gehört mir. Meine Seele bleibt rein. -- + +Ich bin keine Dirne und will auch keine werden. -- + + * * * * * + +Ich sinne und sinne, wie aus diesem Hause herauszukommen ist, aber alle +meine Bemühungen sind erfolglos. + +In einem Gefängnis könnte ich nicht sicherer verwahrt sein. + +Die Tür ist Tag und Nacht gut bewacht, und Neuankömmlingen wird nur +unter gewissen Vorsichtsmaßregeln geöffnet. + +Nur alte Bekannte, die das bestimmte Klingelzeichen geben, können ohne +weiteres herein. + +Ich habe mir gestern die Rückseite des Hauses angesehen, ich hoffte, +vielleicht von da auf ein Nebengrundstück kommen zu können, aber auch +diese Hoffnung muß ich aufgeben. + +Eine glatte, hohe Mauer umgibt einen kleinen, dreieckigen Hof, und die +Fenster, die nach diesem Hofe gehen, sind nicht zu öffnen, sondern haben +nur oben eine kleine Luftscheibe. Jenseits der Mauer sind sehr hohe +Häuser; auf der einen Seite ein kleineres, das aber, wie es scheint, +unbewohnt ist. + +An dem einen großen Hause laufen schmale eiserne Leitern empor, wenn ich +die erreichen könnte, dann wäre Rettung möglich. + +Aber die Mauer ist hoch und der Zugang zum Hofe ist bewacht. -- + +Das Schlimmste aber sind die Kleider! Kann ich halbnackt auf die Straße +gehen? + +Es ist ein raffiniert einfaches Mittel, uns unsere Straßenkleider +wegzuschließen, um uns an der Flucht zu hindern. -- + + * * * * * + +Heute erzählte mir die Bronja aus ihrem Leben. Bronja, so heißt die +schwarze Katze. -- + +Sie ist verheiratet gewesen und hat sogar ein Kind, ein kleines Mädchen. +Es lebt noch, bei ihren Eltern in Posen. Ihr Mann hat Gelder bei +irgendeiner Kasse unterschlagen, und als es entdeckt wurde, haben sie +ihn eingesperrt. Als er dann wieder freigekommen ist, sind die beiden +nach Amerika gegangen, da der Mann nirgends wieder eine Stelle bekam. +Bronja ging mit ihm. Sie hat ihn sehr geliebt! Das Kind sollte bei den +Eltern bleiben, bis die beiden hier festen Fuß gefaßt hatten. -- + +Aber hier in Amerika ist es für solche verkrachten Existenzen auch +schwer. Die beiden mußten sich trennen. Bronja nahm eine Stelle als +Empfangsdame bei einem Arzte an, und ihr Mann ließ sich vorläufig von +ihr ernähren. + +Schließlich fand er eine Stelle in einer deutschen Wirtschaft als +Kellner. Doch dann fing er das Trinken an und sank immer tiefer. Als er +die Stelle verloren, trieb er sich überall herum, war bald da, bald dort +an der Ostseite. Und jetzt sitzt er wegen Einbruchdiebstahls im +Gefängnis. -- + +Bronja lernte in ihrer Stellung einen reichen Herrn kennen und wurde +dessen Freundin -- ein Wunder ist es ja nicht, denn sie ist eine +Schönheit in ihrer Art. + +Als ihr Gönner ihrer eines Tages überdrüssig geworden war, verlor sie +allen Halt und alle Selbstachtung. + +Durch den Verkehr in den Lokalen, wo der Herr sie hingeführt, war sie in +der Lebewelt bekannt geworden, und es fehlte ihr nicht an Zuspruch. Sie +bekam Geld, kaufte sich feine Kleider und Schmuck und war eines der am +meisten gesuchten Mädchen in dem berüchtigten Viertel New Yorks. -- + +Eines Abends war sie noch ziemlich spät in der 14. Straße ohne +Begleitung, als ihr ein Seemann in die Hände fiel. Sie geht mit ihm in +eines der bekannten Häuser, wo sie sich ein Zimmer geben läßt, nachdem +natürlich vorher fürchterlich getrunken worden war. -- In der Nacht ist +dann dem Fremden seine ganze Barschaft gestohlen worden. Bronja sagt, +sie habe es nicht getan, sie sei selbst viel zu betrunken gewesen. Der +Fremde schlug aber Lärm, die Polizei kam ins Haus, und Bronja wurde +verhaftet. + +Man ließ sie nach einiger Zeit wieder frei, da man ihr nichts nachweisen +konnte. Zu allem Unglück war aber ihre Wirtin während der Zeit mit ihrem +ganzen Kram, Kleidern und Wäsche und ihren paar Dollars verschwunden. Um +wenigstens ein Unterkommen zu haben, ging sie in ein öffentliches +Haus. -- + +»Diese Häuser können unsereinen immer gebrauchen, wenigstens solange man +gesund und hübsch ist. Und was ist denn auch weiter dabei? Mir gefällt +es! Früher, als ich mit meinem Manne noch zusammen war, war es auch +nicht viel besser, wenn er besoffen nach Hause kam.« + +»Aber was soll aus dir werden, wenn du älter bist?« fragte ich sie +mitleidig. + +»Dann mache ich's wie die Rottmann. Glaub' mir, das bringt am meisten +Geld. Je feiner, desto besser. Was bringen allein die Getränke schon. +Nur mit Mädchenhändlern laß ich mich nicht ein, da werde ich, glaub' +ich, nie hart genug dazu. Du solltest klug sein und deinem alten +Pelzhändler richtig um den Bart gehen, daß er dir ordentlich was +schenkt. Nur wenn du Geld hast, kannst du hier herauskommen.« + +»Und willst du nie mehr zu deinem Manne, wenn er wieder freikommt?« +fragte ich sie. + +»Nie wieder! Er wird mich hoffentlich nicht finden. Ich glaube nicht +mehr an ihn. Und wenn er so lange in Sing-Sing gewesen ist, dann ist es +überhaupt ausgeschlossen.« + +Arme Bronja. -- -- + + * * * * * + +Den 4. Juli. + +Nun bin ich schon über vier Wochen in diesem Hause und bin heute zum +ersten Male in der frischen Luft gewesen. Mit »Madame« zusammen. Wir +haben im Automobil eine Ausfahrt gemacht, ganz weit hinaus nach +Bronxpark. Die Bronja sagt, das sei alles Berechnung von »ihr«. + +Amerika feiert heute ein großes Nationalfest, da zeigt sie den Herren, +was sie für gutes und schönes Material auf Lager hat. + +Denn unter der Herrenwelt ist sie gut bekannt. + +Sie fürchtet also wohl, daß mein Dicker bald wegbleibt. Ich wollte mich +freuen, denn widerlicher kann keiner sein. + +Und er hilft mir ja doch nicht heraus. -- -- + +Ich habe also heute zum ersten Male dieses Land gesehen. Gesehen? Nein! +Gesehen habe ich nichts davon. Ich wagte kaum aufzublicken. Ich meine, +jeder Mensch muß es mir vom Gesicht ablesen, was ich bin. Sehr hohe +Häuser sind hier, so viel wenigstens habe ich gesehen. Als ich die Bäume +und Büsche im Bronxpark sah, mußte ich an zu Hause denken, und das +Heimweh packte mich furchtbar. + +Ich habe mich nachher sattgeweint. -- -- -- + + * * * * * + +Den 5. Juli. + +Gestern abend ist es toll hergegangen. Es war furchtbar voll, denn es +ist nichts Seltenes, daß auch Herren mit fremden Mädchen kommen, +ordentlich zechen und dann ein Zimmer nehmen. So auch gestern abend. Es +waren sehr viele und auch sehr elegante Damen da. Aber Bronja sagt, ich +steche alle aus. Wenn ich so dabei bliebe, sei ich mit zwanzig Jahren +eine königliche Schönheit. + +Wenn ich dann nicht schon tot bin. -- -- + +Mir kommt es vor, als ob auch zuweilen verheiratete Frauen hierher +kämen, und Bronja meint, das sei schon so. Das seien solche, denen es zu +gut ginge, oder auch solche, die sich etwas Taschengeld nebenbei +verdienten. + +Ich möchte sie an meine Stelle wünschen. -- -- + +Der Dicke war auch da gestern abend. Ich habe wohl bemerkt, daß die +Herren sehr viel nach mir guckten, aber er wich nicht von meiner Seite. +Er war ordentlich stolz, daß er der Besitzer war. Als ob er das seiner +Schönheit zu verdanken hätte. + +Ich dachte an Bronjas Mahnung, ich solle schön mit ihm tun -- ich kann +es nicht. Ich werde Gott danken, wenn er nicht mehr kommt. Ich habe +gestern auch zu viel getrunken. Es läßt sich nicht ganz vermeiden, so +sehr ich mich auch in acht nehme. + +Und dann die Hauptsache: man kommt besser darüber weg, wenn man nicht +ganz bei Sinnen ist. -- + +Wie soll man es sonst nur auf die Dauer aushalten? + +Die Madame schimpft noch dazu immer, daß ich nicht genug trinke. + + * * * * * + +Den 16. + +Gott sei Dank, das Scheusal ist fort. Vorgestern war er zum letzten Male +hier. Er ist heute nach Europa gefahren. + +Ich habe ihn noch einmal gebeten, fußfällig habe ich ihn angefleht, mich +herauszunehmen. Ich habe die Zähne zusammengebissen und habe getan, als +ob ich ihn furchtbar gern hätte, als ob mich sein Fortgehen ganz +unglücklich machte -- es war alles umsonst. -- Da war ich zuletzt so +wütend, daß ich ihm ins Gesicht gespuckt habe. Es war mir auch alles +einerlei. Aber er ist doch dageblieben, der furchtbare Mensch! Ich weiß +nicht, ob sich jemand das Widerliche, das in einer solch erzwungenen +Vereinigung liegt, voll ausdenken kann. Ich fühle Gott sei Dank nichts +dabei, das ist ein Glück für mich. Aber ich liege dann und analysiere +jede Bewegung des Verhaßten, der glaubt, durch sein Geld mir meinen +Körper abkaufen zu können. -- + +Wenn die Liebe oder der Sinnenrausch die Ursache einer Vereinigung sind, +so ist sie geadelt durch das Gefühl. Hier aber! Es ist mir unfaßbar, wie +Männer -- Männer mit Geist und Herz -- eine solch furchtbare Sünde +begehen können und kraft ihres Geldes und ihrer physischen Überlegenheit +diese armen Geschöpfe so foltern. -- + +Denn freiwillig oder nicht -- die hier sind, haben alle einmal den +Anfang machen müssen -- und der ist furchtbar. + +Gewohnheit und Alkohol tun viel -- doch bis man so weit ist -- --. + + * * * * * + +Den 17. + +Ein Übel bin ich los und dem andern bin ich verfallen. + +In meinem Haß gegen den alten dicken Kerl habe ich nicht daran gedacht, +daß noch Widerlichere kommen könnten. + +Jetzt muß ich jeden nehmen, der mich begehrt, und wenn es in einem Abend +ein Dutzend sind. + +Bronja gibt mir gute Ratschläge. Gut essen und trinken. Geld sparen und +Englisch lernen. + +Geld sparen -- bis jetzt habe ich noch keinen Cent zu sehen bekommen. +Ich brauche nichts -- sagt Madame. Sie will es für mich sparen. -- Die +ist immer noch nicht mit mir zufrieden. Ich trinke nicht genug und +animiere nicht genug zum Trinken. -- + +Obgleich es ja wirklich das beste ist, man kommt aus dem Alkoholdusel +gar nicht heraus. + +Das Schlimme ist: ich gefalle --, alle wollen mich haben. Ich möchte nur +wissen, was sie an mir finden. + +Einige von den Mädchen sind schon neidisch. Die dummen Gänse, als ob ich +etwas dazu könnte! Ich wäre zufrieden, wenn keiner zu mir käme. Nur +Bronja hält treu zu mir. Als ich ihr gestern meine Not klagte, lachte +sie mich aus. + +»Du bist ein kleines Schaf,« sagte sie. »Deine hoheitsvolle, unnahbare +Miene und deine großartige Figur reizen die Männer. Freue dich! Denn, +wenn eine keinen Anklang findet, ist es erst recht schlimm. Die schaffen +sie dann fort in ein anderes Loch. Frei kommt sie deshalb doch nicht. +Erst muß sie ausgenutzt sein. Die ganze Bande hier im Land steckt unter +einer Decke. Die Mädchenhändler, die Wirte und, nicht zu vergessen, die +wohllöbliche Polizei. Ich bin überzeugt, der Policemann, der hier an der +Ecke patrouilliert, verdient mehr als ein Bankdirektor. + +Er hört nichts, er sieht nichts, kurz und gut, er versteht sein +Geschäft. Deshalb würde es dir auch nichts helfen, wenn du wirklich +fortlaufen könntest. Keine Viertelstunde wärst du draußen. Unter dem +Vorwand, dich zu beschützen und Erkundigungen einzuziehen, liefert er +dich wieder dahin ab, woher du gekommen. Ich weiß ja, wie's gemacht +wird. Die ganze Bande ist organisiert. Es ist die reine +Aktiengesellschaft.« -- -- -- -- -- + + * * * * * + +Welch seltsame Verirrungen doch das Tier im Menschen haben kann! -- Es +ist hier im Hause eine Wienerin, Kathinka heißt sie. Ein Monstrum von +einer Frau. Sonst ist sie gar nicht außergewöhnlich groß und dick, aber +einen Busen hat sie -- unbeschreiblich! + +Und ist es zu glauben, daß dieses Mädchen, das weder schön ist noch +sonst besondere Anziehungskraft besitzt, nur wegen ihres abnormen Busens +eine Art Zugnummer dieses gesegneten Hauses ist? + +Sie selbst ist dabei kreuzfidel und spart sich Geld. + +»Es gibt halt Mannsleut', die gern auf'm Fettpolster liegen, wann's viel +getrunken haben,« sagt sie lachend. -- -- -- + +Wenn ich doch auch erst etwas gleichgültiger werden könnte. -- Aber nein +-- ich will es gar nicht werden. Ich will nicht jeden moralischen Halt +verlieren. Ich muß hier wieder fort oder sterben. -- Ich darf gar nicht +denken -- nicht nach Hause an die alten Leute, dann schäme ich mich +furchtbar, obgleich ich schuldlos an meiner Schande bin. + +Ich habe nun schon wiederholt versucht, einen meiner Käufer für meine +Lage zu interessieren. Keiner glaubt mir. Sie lachen und sagen: Das sagt +jede. -- -- -- + + * * * * * + +Den 22. + +Wie soll ich es ertragen! + +Gestern abend war es wieder einmal recht voll, aber es wurde der Alten +nicht genug verzehrt. Hauptsächlich Mixed-drinks sollen viel verkauft +werden, denn daran wird verdient. + +An mir ließ sie ihre Wut wieder aus, weil an meinem Tisch am wenigsten +verzehrt worden war. Ich war bis elf Uhr schon viermal oben im Zimmer +gewesen und hatte keine Lust mehr. -- + +Sie hat mich nun beobachtet. Und behauptet, ich sei viel zu +unfreundlich. Kurz und gut, sie hat mir gedroht, wenn ich mich nicht +bessere, käme ich nächste Woche ins Hafenviertel, an den Eastriver, da +haben sie auch noch ein Haus. + +Bronja kennt es. Es sei fürchterlich dort. Heizer und Kohlenzieher, +betrunkene Seeleute aus aller Herren Länder. Kein weißbezogenes Bett, +schmutzige Schlafsofas und dazu an manchem Tage zwanzig Besucher. +Krankheiten unausbleiblich. Kontrolle gibt's nicht. -- + +Übrigens gibt es die auch hier nicht, denn ich habe noch nie einen Arzt +gesehen. -- + +Aber das tue ich nicht, nein, das nicht! Dann wird sich schon ein Weg +finden, wie ich ein Ende machen kann. -- + +Ich bete zu Gott, aber ich glaube, es gibt gar keinen mehr. + +Wenn es wirklich einen allmächtigen Gott im Himmel gäbe, dann könnte er +nicht zugeben, daß so furchtbare Dinge auf seiner Erde geschähen. + +Bronja tröstet mich. + +»Sei nur nicht bange, du kommst hier nicht fort, sie will dich nur +erschrecken. Aber du solltest wirklich ein klein wenig mehr trinken. Es +ist besser. Du brauchst deshalb immer noch nicht zu saufen. Du kommst +aber viel besser über alles fort.« + +Ich will es tun, ja, ich will es tun. Später, wenn ich wieder frei bin, +werde ich desto enthaltsamer sein. + +Ich mochte früher nie Bier und Wein, nur der Champagner hat mir +geschmeckt -- zu meinem Verhängnis. + +Hätte ich an Bord nicht zu viel Sekt getrunken, so hätte ich mich nicht +von dieser Bande umgarnen lassen. + +Überhaupt der Alkohol. Ich habe nun schon manche hier kennen gelernt -- +wir sind für beständig fünfundzwanzig bis achtundzwanzig, ohne die +Vorübergehenden -- und es sind wenige darunter, bei denen der erste +Fehltritt -- der erste Fall -- nicht im Alkohol geschehen ist. -- + +In der Bibel ist die verbotene Frucht der Apfel -- wollten doch alle nur +Äpfel essen, es wäre besser. + +Es ist vielleicht auch nicht recht berichtet, es war vielleicht auch +schon der Sekt. + + * * * * * + +Seit vierzehn Tagen ist eine Neue da. Ein kleines zartes Ding von kaum +Mittelgröße. + +Solange sie nichts getrunken hat, sieht sie immer so traurig aus, aber +abends ist sie die Schlimmste. Sie trinkt wie ein Irländer und kann +furchtbar viel vertragen. + +Sie hat mir vor einigen Tagen ihre Geschichte erzählt. + +Sie ist glücklich verheiratet gewesen. Ihr Mann, der für eine große +Firma jedes Jahr zweimal nach Berlin reiste, um Herrenstoffe +einzukaufen, war gut und lieb zu ihr. + +Im vergangenen Herbst, als sie wieder für einige Wochen allein war, ging +sie mit einer befreundeten Familie zu einem Picknick. + +Ein Herr, der mit von der Partie war, hatte sich den ganzen Tag sehr +aufmerksam gegen sie gezeigt. Am Tage haben sie noch fast nichts +getrunken, doch abends, als sie in einem Auto nach Hause fuhren, sind +sie noch am Broadway in einem Hotel eingekehrt, um zu Abend zu essen. +Bis in die Nacht hinein ist gegessen und getrunken worden. -- -- + +Als sie am andern Morgen aufwachte, lag der Herr neben ihr im Bett. -- +Ihr Mann hat es erfahren, und sie sind geschieden. + +»Hat mich der Alkohol hineingebracht, soll er mich auch wieder +herausbringen, ich sauf' mich tot,« sagt sie lachend. + +Aber dabei könnte man weinen. -- -- -- + + * * * * * + +Ich bin krank, und ich möchte sagen, Gott sei Dank. Zumal auch der Arzt +sagt, daß es nicht schlimm sein soll. Nur einige Tage Ruhe. + +Der Doktor war erst recht ungezogen zu mir. So barsch und grob, daß mir +die Tränen in die Augen traten. + +Ich drehte mein Gesicht nach der Wand, damit er -- und hauptsächlich die +Madame -- nichts sehen sollten. + +Denn sie ist nicht aus dem Zimmer gegangen, solange der Arzt da war. +Wahrscheinlich fürchtete sie, daß ich etwas sagen würde. -- + +Nachher war er ganz nett und manierlich. + +Ich schämte mich aber doch ganz fürchterlich. + +Es sei nicht so schlimm. Überreizung -- was Wunder. Einige Tage Ruhe, +dann sei alles wieder gut. + +Er kommt noch einmal wieder. -- -- + +Wenn er dann doch allein ins Zimmer käme. Ich würde ihn bitten, mir +herauszuhelfen. Aber er wird's auch nicht wollen. Die Menschen machen +sich nicht gern Unannehmlichkeiten mit Leuten, die sie nichts +angehen. -- + +Wenn ich so allein hier liege, mache ich mir allerlei Gedanken. + +Dumm bin ich doch gewesen, sehr dumm. + +Wie kann man als junges Mädchen mit einem wildfremden Menschen in die +Welt hineingehen! Wenn ich auch erst sechzehn Jahre alt bin, so viel +hätte ich doch bedenken müssen. Freilich, besser wäre es gewesen, ich +hätte schon früher etwas von solchen Sachen gelesen, dann wäre mir +vielleicht doch der Gedanke gekommen, könnten das womöglich auch solche +Menschen sein? -- -- + +Aber soviel weiß ich, komme ich je hier aus diesem Hause -- und ich habe +den festen Glauben daran -- dann soll das, was ich hier erlebt, nicht +umsonst gewesen sein. -- -- + +Ich freue mich jetzt so, daß ich mein Tagebuch habe; da kann ich doch so +recht mein Herz ausschütten. Etwas muß der Mensch haben. Briefe kann ich +nicht schreiben, und ich glaube auch kaum, daß ein Brief von mir aus dem +Hause gelassen würde. + +An wen sollte ich auch schreiben? + +Für die Großeltern bin ich tot, und hier im Lande habe ich keine Seele, +die sich um mich sorgt. + +Was mögen wohl die lieben, alten Leute für Kummer gehabt haben, als sie +erfahren haben, daß ich nicht bei den Verwandten angekommen bin? +Vielleicht haben sie gedacht, ich bin kurz vorher über Bord gefallen. +Denn ich bin doch spurlos verschwunden. Nur Frau Fröhlich und ihr +sauberer Neffe könnten Auskunft geben, und die werden sich hüten. + + * * * * * + +Ich möchte nur wissen, wo mein Koffer ist. Die Rottmann sagte doch +damals, sie hätte ihn holen lassen. + +Mich wundert nur, daß die beiden ihn nicht behalten haben, jedenfalls +ist ihnen der Inhalt zu gewöhnlich gewesen. -- + +Wie froh wäre ich, könnte ich meine Wäsche anziehen, die darin war. Wie +gern würfe ich den ganzen Plunder von mir. + +Damit will ich nicht sagen, daß ich die feinen Sachen nicht mag, ganz +gewiß nicht! Schön ist es, so zarte Stoffe zu tragen -- aber unter +diesen Umständen! Ja, wenn ich reich wäre -- recht reich --, dann würde +ich auch feine seidene Hemden tragen und mich an meiner Schönheit freuen +-- aber so! + +Ich sei schön, sagen sie -- und wenn ich mich zuweilen im Spiegel +betrachte, komme ich mir so unrein vor, so fleckig, so -- pfui Teufel, +habe ich dann einen merkwürdigen Geschmack auf der Zunge. -- + +Dann hätte ich auch Lust, mir dicken Puder an Gesicht und Hals zu +schmieren, wie sie's alle hier machen. -- -- -- + + * * * * * + +Ich hab's gewagt! + +Also, der Doktor war wieder da. Die Madame stand dabei, und trotzdem +habe ich sie angeführt. -- + +Ach, ich bin so froh, so glücklich, vielleicht hilft es was. + +Weil ich mir denken konnte, daß die Alte wieder dabeistehen würde, hatte +ich schon vorher ein kleines Stückchen Papier ganz eng beschrieben. +Alles hatte ich darauf geschrieben, was wichtig war. -- + +Ich flehte den Doktor an, mir zu helfen. -- + +Als er mich nun wieder untersuchte und gerade mit einem Arm über mich +hinreichte, habe ich ihm das Röllchen in die Hand geschoben. Er verstand +meine Absicht sofort, schloß die Hand und fuhr in seiner Untersuchung +fort. -- -- + +Die Alte hat nichts bemerkt, und ich bin so froh, so glücklich. Wenn er +mir doch helfen wollte! Er brauchte ja nur zur Polizei zu gehen. -- -- + +Ich glaube, ich kann nicht eher wieder ruhig schlafen, ehe ich nicht +weiß, ob ich mich an keinen Unwürdigen gewandt habe. + + * * * * * + +Den 4. August. + +Gestern war ich wieder im Salon. Ich bin wieder gesund, nun kann die +Tierquälerei von neuem beginnen. + +Tierquälerei! -- Ich sage das so leichtsinnig -- ein Tier würde sich +nicht gefallen lassen, was ich mir gefallen lassen muß. Und was das +beste ist, sein Artgenosse würde es auch nicht in dieser Weise +mißbrauchen. + +Die Tiere sind klüger und besser als die Menschen. + +Ich komme auf ganz, ganz dumme Gedanken. + +Früher habe ich zu wenig nachgedacht und jetzt denke ich zuviel. Wäre +ich früher mehr zum Nachdenken gezwungen gewesen, so brauchte ich jetzt +meine Gedanken nicht auf diese Weise spazieren zu führen. -- -- + + * * * * * + +Von dem Doktor habe ich noch nichts gehört, aber eine andere +interessante Bekanntschaft habe ich gemacht. Ein junger Landsmann war +da, ein lieber Mensch. Er gefiel mir gleich, als er kam, und weil ich +gerade allein saß, ging ich sofort zu ihm. Er bestellte eine Flasche +Rüdesheimer. »Aber echten,« rief er mir noch zu. + +Wir kamen ins Gespräch und plötzlich entdeckten wir, daß wir Landsleute +waren. Gar nicht weit voneinander zu Hause. + +In meiner Freude und Aufregung vergaß ich ganz, daß ich ja nie jemand +hatte sagen wollen, wer ich war. + +Er ging dann mit mir nach oben, und da -- als wir allein waren -- faßte +ich mir ein Herz und erzählte ihm alles, mein ganzes Unglück. + +Er glaubte mir gleich und lachte gar nicht über mich. + +Ich habe ihn auch gefragt, ob er mir nicht heraushelfen könne. + +Er meinte, leicht würde es nicht sein, ich sei noch zu kurze Zeit hier, +und die Besitzer dieser Häuser müßten die Schlepper wohl gut bezahlen +und wollten dann natürlich ihr Geld auch wieder heraus haben. Gutwillig +würde mich die Rottmann nicht gehen lassen, auch wenn sie Geld geboten +kriegte. + +Er will sich alles überlegen. + +Mit der Polizei sei nichts zu machen, da müsse man Geld haben, sehr viel +Geld. Denn da hieße es, wer am besten bezahlt, wird am besten bedient. +Und die Rottmann kenne ihre Leute, die würde schon anständig bezahlen. +-- -- -- -- + +Das ist ja ganz schrecklich! Das sieht ja trostlos für mich aus. Aber +mein neuer Freund kommt wieder -- heute noch nicht, damit es nicht +auffällt, aber morgen. Dann werden wir weiter beraten. + +Ich habe jetzt Hoffnung. + +Dem kann ich vertrauen, er hat ein so gutes Auge. + +Als ich ihm sagte, wie alt ich sei, da sah er mich so mitleidig an und +sagte: »Du armes Ding.« Da mußte ich natürlich weinen. Das Mitleid mit +mir selbst trieb mir die Tränen in die Augen. + +Und habe ich nicht wirklich ein Recht, über mich zu weinen? + +Gibt es ein zweites Geschöpf, das so unglücklich, so armselig ist wie +ich! Mit noch nicht siebzehn Jahren eine Dirne, eine Verworfene! + +Und doch bin ich das Kind eines Fürsten! + +Aber das ist ja gerade mein Unglück. -- + +Ich fühle einen Haß in mir, ich kann es gar nicht sagen. Ich weiß nur +nicht, wen ich mehr hassen soll: die Rottmann, Herbert Smith, Rudolph +Schönewald oder den Urheber meines Daseins. + +Ich bin überhaupt zuweilen ganz wirr von all dem Denken. -- Ich bin wohl +auch noch zu jung und habe zu wenig praktischen Verstand. + + * * * * * + +Ich habe jetzt doch wenigstens etwas Schönes, an das ich denken kann. +Ich freue mich so darauf, daß mein neuer Freund wiederkommt. + +Ob er Wort hält? + +Wenn ich daran denke, daß er nicht kommen könnte, dann wird mir +siedendheiß vor Angst. -- -- + + * * * * * + +Er war da! Schon am zweiten Abend kam er wieder. -- + +So früh er aber auch kam, ich war schon vergeben. + +Aber ich hatte dann doch noch Glück, ich konnte mich freimachen und zu +ihm gehen. + +Er hatte keine andere angenommen. + +Ich konnte ihm an den Augen ansehen, wie widerlich es ihm war, daß ich +direkt aus den Armen eines anderen Mannes zu ihm kam. + +Aber ich kann's doch nicht ändern, ist es mir doch nicht weniger +widerlich. + +Es war trotzdem ein so glücklicher Abend. -- + +Wir saßen noch nicht lange zusammen, da kam der Doktor -- mein Doktor. + +Er ging nicht gleich zu mir, er saß erst eine Zeitlang bei Lizzi und hat +mit der eine Flasche Wein getrunken. Dann trat er ganz harmlos auf uns +zu und rief schon von weitem: »Ah, da ist ja auch meine Patientin! Wie +geht's uns denn?« + +Dann hat er sich zu uns gesetzt. Wie bin ich glücklich! Wie ist es gut, +daß ich ihn gebeten habe. Der ist klug und kennt die hiesigen +Verhältnisse. Er spricht ganz nett Deutsch, da seine Eltern geborene +Deutsche sind. + +Er sagt, auf geradem Wege, mit der Polizei, sei gar nichts zu machen. +Wir müßten überhaupt äußerst vorsichtig sein. Wendeten wir uns an die +Polizei, so bekomme die Rottmann sofort einen Wink, und wenn dann die +Polizei offiziell ins Haus komme, sei ich verschwunden. + +Entweder würde ich versteckt oder ich sei schon an ein anderes Haus +verschickt, was noch viel schlimmer sei. Denn dieses Haus hier am +Broadway sei noch eines der besten. + +Herr Werner, mein neuer Freund, fragte, ob ich nicht herauszukaufen sei. +Da meinte der Doktor, auch das habe wenig Aussicht. + +Erstens würde sie einen unverschämten Preis fordern, und zweitens sei +noch die Frage, ob sie es überhaupt tue. + +Ich verdiene ihr vorläufig doch ein gutes Stück Geld, und so sehr junge +Mädchen bekäme sie auch nicht alle Tage. -- -- + +Aber er hat doch einen Plan. Sie wollen mich entführen. -- + +Wenn Herr Werner jetzt wieder kommt, will er all sein Geld mitbringen, +das er auf der Sparkasse hat. Aber es soll nicht für die Rottmann, +sondern zu andern Zwecken verwendet werden. + +Geld müßten wir in Händen haben, sonst sei nichts zu machen. + +Der Doktor will alles besorgen in der Zeit, da Werner fort ist, und er +will währenddem auch noch einige Male wiederkommen. + +Ich hätte laut aufjubeln mögen, dabei mußte ich ein gleichgültiges +Gesicht machen. -- -- + +Werner ging mit mir nach oben, und der Doktor wartete unten, bis wir +wiederkamen. + +Ich habe Werner fast erdrückt vor Zärtlichkeit, und gern gab ich mich +ihm an diesem Abend. -- + +Ich hab' ihm soviel gelobt, heiraten darf er mich nicht -- obgleich er +eine Andeutung machte -- dazu bin ich zu schlecht. Aber dienen will ich +ihm, dienen wie eine Magd, damit ich die Schuld abtrage. -- + +Ich hätte so gern einmal aufgejubelt, nur einmal -- aber ich mußte still +sein. -- -- + +Als wir nach unten kamen, saß der Doktor noch da. Er ist dann zum Schein +mit mir nach oben gegangen. Er hat sein Geld aber umsonst bezahlt, wir +haben nur noch ein wenig geplaudert. -- + +Die beiden Herren sind dann zusammen fortgegangen, sie wollten nach +Lüchow, um noch ein Glas Pilsener zu trinken und alles Nötige zu +besprechen. -- -- + +Die »Augusta Viktoria« fährt morgen, und mein Freund kommt nicht wieder. +Aber nächste Reise! Ob ich es wohl aushalte? + +Und dabei muß ich so gleichgültig tun, damit nichts auffällt, sonst bin +ich womöglich fort, wenn das Schiff wiederkommt. -- + +Aber wenn ich allein im Zimmer bin und an die Zukunft denke, dann +krieche ich oft unter die Bettdecke, balle das Taschentuch vor dem Munde +zusammen und schreie laut auf; und wenn es auch nur ein undeutliches +Grunzen wird, ich habe mich doch erleichtert. -- -- + + * * * * * + +Den 20. August. + +Schrecklich ist es doch, was das Leben aus all diesen Mädchen gemacht +hat. Sie betrachten ihr Handwerk als etwas ganz Selbstverständliches. +Alle wollen Geld verdienen, und die Wenigsten haben etwas. -- + +Bronja sagt auch, daß es nur sehr Wenige gibt, die sich hier wieder +herausarbeiten. Die weitaus Meisten enden an der Ostseite, am Fluß +unten, in den Verbrecherkellern. + +Wenn sie zu nichts sonst mehr taugen, dann verdienen sie immer noch +einige Cents für ihre Zuhälter, bis sie eines Tages abgefangen werden +oder bei einer Schlägerei umkommen. -- + +Mir ist das unbegreiflich. Es muß herauszukommen sein, wenn der feste +Wille da ist. + +Ich glaube nur, die meisten der Mädchen wollen auch nicht ernstlich. Das +faule Leben, das Saufen -- denn trinken kann man es wirklich nicht mehr +nennen -- gefällt ihnen. Des Nachts wird gefeiert dann bis in den +Nachmittag hinein geschlafen und dann geht's von neuem los. -- Viele +sind auch schon nach kurzer Zeit derart verdorben, daß sie für ein +anständiges bürgerliches Leben gar nicht mehr zu gebrauchen sind. Auch +die Mädchen untereinander sind oft widerlich. Das ist ein Küssen und +Umarmen, als ob sie noch nicht genug an dem aufgezwungenen Verkehr +hätten. -- + +Ich bin nicht genug in die Geheimnisse des Geschlechtslebens eingeweiht, +aber so viel merke ich doch, daß da etwas vorgeht, was _nicht_ sein +darf. Etwas Unerlaubtes, Anormales. + +Die Rottmann paßt aber auf, und ich habe schon verschiedene Male gehört, +wie sie die eine aus dem Zimmer der anderen holte. Ich glaube sogar, sie +schlägt sie, schimpfen tut sie wenigstens genug. + +Mir ist die ganze Sache überaus widerlich! + +Überhaupt mag ich das ewige Küssen untereinander nicht. Die Ulli ist +darin schrecklich. -- + +Kürzlich fragte sie mich sogar, ob ich nicht ihre Freundin sein wolle. +Ich habe mich bestens bedankt. + +Ich bin mit Bronjas Freundschaft vollständig zufrieden. -- + + * * * * * + +Gestern habe ich wieder etwas erlebt -- eine traurige Abwechslung in +diesem Geist und Körper mordenden Einerlei. + +Ich glaube, wenn ich noch lange in diesem Hause bin, dann bleibt mir +kein Abgrund der Natur verborgen. + +Zu den ständigen Besuchern gehört ein Herr Vaillant, der Besitzer eines +großen Warenhauses. Die Mädchen sagen alle Bobbi zu ihm. Wenn er kommt, +dann ist ordentlich was los. Er läßt immer so viel anfahren, daß sich +bald alles auf dem Teppich wälzt. -- + +Gestern wollte er nun haben, die Sofia und die kleine, zarte Mary +sollten im Evakostüm vor ihm tanzen. + +Es reize ihn nichts mehr, und nun wolle er sehen, wer mehr Reiz auf ihn +ausübe, die große, stattliche Sofia, oder die kleine, zierliche Mary. + +Jede bekam zehn Dollar extra. + +Erst natürlich ordentlich getrunken und dann ging es los. -- + +Die Rottmann saß an der Seite, mit einem alten verkommenen Kerl -- es +soll ein früherer Lehrer sein, jetzt führt er ihr die Bücher. Ihre Augen +funkelten wie bei einer Katze; wenn ich es nicht zu unglaublich fände, +so möchte ich sagen, daß sie selbst das ekle Schauspiel mit lüsternen +Blicken betrachtete. + +Die beiden Mädchen hatten sich bei ihrem Tanzen und Drehen derartig +erhitzt und aufgeregt, daß ihnen die Haare wirr ums Gesicht flogen. +Plötzlich stieß die kleine Mary einen Schrei aus und stürzte hin. + +Dann lachte und schrie sie immerzu. Sie hatte Krämpfe. Es war +schrecklich! -- Die allgemeine Lust wurde aber nicht dadurch gestört. -- + +Mary wurde weggetragen und Bobbi ging mit Sofia nach oben. -- + +Sie habe noch zehn Dollar Strumpfgeld von ihm bekommen, sagte sie uns +später. -- + + * * * * * + +Den 28. + +Jetzt sind es schon beinahe drei Wochen, seit ich Werner kenne. Ich +verfolge im Geiste seine Reise nach Deutschland. Zwölf bis vierzehn Tage +dauert die Fahrt, dann die Zeit, da das Schiff im Hafen liegt, und +endlich die Herreise. -- + +Ich habe zuweilen solche Angst, daß Werner nicht wiederkommt. + +Wenn auch diese Hoffnung scheitert, dann glaube ich an nichts mehr. -- +Aber nein, diese Augen können nicht lügen. Er ist ein guter Mensch, +einer von den Wenigen, die es gibt. -- -- -- -- -- + +Der Doktor hat auch nicht Wort gehalten. Noch nicht ein einziges Mal war +er hier, und ich hatte doch so darauf gehofft. Er wird mich vergessen +haben oder er will nicht kommen. -- + + * * * * * + +Mir kommt es vor, als ob wieder irgend etwas im Hause vor sich ginge. +Wenn mich nicht alles täuscht, sind wieder Neue eingebracht worden. Das +alte, schreckliche Geschöpf, das mir am ersten Morgen mein Frühstück +brachte, begegnete mir heute früh auf der Treppe. Ich habe es Bronja +erzählt, und die meint, das würde wohl so sein. Wenn neu Aufgegriffene +ankommen, dann muß immer diese Person die Bedienung besorgen. Sie ist +der Rottmann ergeben auf Tod und Leben, weil sie sonst nirgends mehr hin +kann. Sie ist unheilbar geschlechtskrank. -- Die Rottmann behält sie +aber, weil sie für diese Henkersdienste jemand haben muß, der +verschwiegen und ihr blindlings ergeben ist. + +Und dieses Mädchen -- anstatt jede Geschlechtsgenossin zu warnen und ihr +Gelegenheit zu geben, aus diesem Hause wieder hinauszukommen -- hilft +mit einer wahren Wollust dabei, sie zu verderben. -- + +Sonderbare Seelenabgründe sind es, die das Leben zeitigt. -- + + * * * * * + +4. September. + +Ich habe richtig vermutet. Gestern waren zwei Neue im Salon. -- + +Die armen Dinger! Ich bin überzeugt, es sind ein paar arme Dienstmädchen +vom Lande oder so was Ähnliches. Sie waren so schüchtern und linkisch, +und an ihren Händen und Armen konnte man noch sehen, daß sie bis jetzt +wenig gepflegt worden waren. + +Mein eigenes Unglück steht mir mit erneuter Klarheit und Stärke wieder +vor Augen. Könnte ich doch mit ihnen sprechen, sie fragen, ob sie sich +in ihr Schicksal ergeben, oder ob sie auch versuchen wollen, hier wieder +fortzukommen. + +Aber ich darf noch nicht einmal gleich zu ihnen hingehen, sonst erwecke +ich das Mißtrauen der Rottmann, und ich muß jetzt doppelt auf der Hut +sein. -- + +Die Viola sagte kürzlich zu mir, ich sei noch gut behandelt worden, wenn +ich bloß hätte hungern müssen. Sie selbst sei noch viel schlimmer +hereingefallen. -- + +Vor fünf Jahren hatte sie eine Stelle als Erzieherin nach New Orleans +angenommen. + +Alles sei sehr schön abgemacht gewesen, freie Überfahrt auf einem +französischen Dampfer. Drüben sei sie von einem Diener in Livree +abgeholt worden, kurz und gut, alles habe sich aufs feinste angelassen. +Auch beim Betreten des Hauses sei ihr noch kein Zweifel gekommen. + +Aber dann! Schon am ersten Abend wollte man sie einkleiden, und da waren +ihr plötzlich die Augen geöffnet worden. + +Sie hatte dann sofort gewußt, wo sie war, da sie schon öfter derartige +Sachen gelesen hatte. + +Sie hat geweint, gebeten, gedroht und Gott weiß was versucht, es hat +alles nichts genützt. Und als sie sich geweigert hat, »Dienst« zu tun, +da hat sie ein Kerl -- jedenfalls der extra dafür angestellte Bändiger +-- gebunden und geknebelt und derart mit einem Gummischlauch geschlagen, +daß sie tagelang nicht hat liegen können ohne die fürchterlichsten +Schmerzen. + +Als sie nach sechs Tagen wieder aufstehen konnte, hat die Madame gesagt: +»Na, mein Kind, hast du dich besonnen?« Da hat sie schaudernd zu allem +ja gesagt. + +Sie sagt, nie in ihrem Leben würde sie diese Züchtigung vergessen; sie +habe das Gefühl gehabt, als hinge ihr das Fleisch in Streifen vom +Körper. -- + +Also ist es mir im Verhältnis noch gut ergangen. -- -- + +Die Viola will aber auch nicht beim Gewerbe bleiben. Sie spart sich +etwas Geld und will dann sehen, ob sie nicht heiraten kann. + +Irgend jemand, und wenn es der geringste Arbeiter ist, nur damit sie +wieder in anständige Umgebung kommt. + +Sie spricht nie von ihren Eltern oder ihrer Heimat. + +Ich glaube aber, sie ist aus ganz guter Familie, man merkt es an der +Sprache. -- + + * * * * * + +Gestern war Marys Geburtstag. Als die letzten Besucher in der Nacht oder +vielmehr gegen Morgen fortgingen, war es eben nach fünf Uhr. + +»Nun wird Geburtstag gefeiert,« sagte Mary. »Keine darf zu Bett, ich +halte alle frei.« -- + +Da haben wir denn gefeiert! Gegen neun Uhr hatte Mary schon eine Zeche +von dreißig Dollar und noch dachte keine ans Schlafengehen. Auch ich +habe tüchtig mitgetrunken -- man wird wirklich so langsam in den Strudel +gezogen. Es wird höchste Zeit, daß ich fortkomme. -- Zuletzt konnten wir +uns kaum noch auf den Beinen halten, und die Alte, die sich sonst immer +freut, wenn gut verzehrt wird, gab nichts mehr heraus. + +Wir sollten zu Bett, damit wir abends wieder frisch wären. -- + +Ja, ja, das Geschäft! Das ist die Hauptsache. Ob dabei sonst etwas +zugrunde geht, das kümmert sie wenig. -- + +Heut' tut mir die arme Mary leid, sie hat sicher den Verdienst von +einigen Wochen geopfert und niemand genützt. -- -- + + * * * * * + +Ich glaube, ich liebe Werner. Ich sehne mich so nach ihm, daß ich es +bald nicht mehr aushalte. Oder ist es die Sehnsucht nach Freiheit? Ich +weiß es wirklich nicht. Meine Gedanken gehen zuweilen ganz +absonderliche Wege. + +Wenn er mich liebte! Wenn er mich doch heiratete! Ich selbst mag ihn +gern leiden -- sollte es Liebe sein? Es wäre ein großes Glück für mich. +Aus aller Not und allem Schlamm wäre ich heraus. Und niemand kennt mich +dort, wo er mich hinführt, niemand weiß, woher ich komme. -- + +Aber nein, das darf nicht sein. Ich darf seine Güte nicht mißbrauchen. +Es wäre schlechter Lohn für ihn -- und vielleicht auch für mich, wollte +ich den lockenden Stimmen meines Innern nachgeben. -- + +Das Bewußtsein, wo ich gewesen -- von welchem Ort er mich geholt, würde +in jede Stunde, auf jede harmlose Freude einen Schatten werfen. + +Meine Träume aber kann mir niemand rauben. Sie sind so tröstend, aber +ach so unwirklich, wenn ich meinen jetzigen Aufenthalt bedenke. + +Die Nächte sind so heiß -- so wollüstig -- so voll prickelnder Unruhe. +Ist es Sünde, wenn ich an den fernen Freund denke, wenn mein Blut +aufgepeitscht wird durch aufreizende Getränke und die Berührung heißer, +sinnenzuckender Körper? + +Ist es Sünde, wenn ich ihn vor mein geistiges Auge zaubere, um damit die +erzwungene Umarmung erträglicher zu machen? -- + +Ich liebe ihn! Ganz gewiß, ich liebe ihn. -- -- -- + + * * * * * + +Noch zwei Tage, dann muß Werners Schiff wieder hier sein, und meine +Erlösung ist nahe. Dann ist alles überstanden, auch diese letzten +ekelhaften Episoden sind vergessen. + +Den Gedanken, was werden soll, wenn Werner nicht Wort hält, kann ich gar +nicht ausdenken. Ich habe dann ein Gefühl, als ob mir jemand die Kehle +zuschnürt. Heiß und kalt überläuft es mich. + + * * * * * + +Der Doktor war hier. Er ist doch treu. -- + +Aber klug ist er, das muß ich sagen; na, er muß es ja am besten wissen, +er kennt die Verhältnisse hier im Lande und wird schon alles gut +einrichten. + +Zuerst kümmerte er sich scheinbar gar nicht um mich, trank mit der Mary +ein Flasche Wein und kam dann erst zu mir. + +Er hatte einen Brief für mich -- von Werner -- nur einige Zeilen. + +Ich bin so glücklich, obgleich es nun noch etwas länger dauert. + +Werner schreibt mir, daß sein Schiff zehn Tage überliegt, aber dann holt +er mich bestimmt, ich soll ihm vertrauen. + +Der Doktor war sehr vorsichtig, er gab mir den Brief erst, nachdem er +mit mir im Zimmer war, und als ich ihn gelesen, mußte ich ihn +zerreißen, und er steckte die Stückchen in die Tasche. -- + +Er selbst hat Werner geraten, nicht an mich direkt zu schreiben, denn es +hätte auffallen müssen, wenn ich einen Brief von Europa bekommen hätte. + +Er hat recht, daran habe ich gar nicht gedacht. Überhaupt habe ich mir +noch gar nicht überlegt, daß ja niemand meinen Familiennamen weiß. Man +vergißt ihn hier beinahe. Man ist wie im Zuchthaus -- nur eine Nummer. + +Ich hatte überhaupt meinen guten Tag heute, nur anständigen Besuch. Von +einem habe ich sogar ein wunderschönes Geschenk bekommen, eine reizende, +brillantenbesetzte Uhr. + +Ich war ganz sprachlos. + +Ich habe sie später Bronja gezeigt, die hat aber meine Freude mächtig +gedämpft. + +»Der hat sie sicher erst gestohlen,« sagte sie trocken. »Denn sonst +verschenken sie nicht so leicht so kostbare Dinger.« + +Meinetwegen, ich freue mich trotzdem. + +Aber recht könnte Bronja schon haben, etwas sonderbar ist es. Kennt mich +nicht weiter und schenkt mir gleich eine Uhr? + +Na einerlei! + + * * * * * + +Es gibt auch kleine Lichtblicke im Dunkel unserer Existenzen. Wenigstens +muß ich es so nennen, wenn ich jemand sagen höre, daß er gern hier ist. + +Die Lilly wenigstens sagt, ihr gefiele das Leben ganz gut und sie +wünsche sich auch nie etwas anderes. -- + +Geschmacksache ist es natürlich, aber ihr bekommt es ja auch +anscheinend, denn sie wird dick und fett dabei. -- + +Wie ein Roman hört sich's an, wenn sie ihre Geschichte erzählt. -- -- + +In einem kleinen mährischen Dörfchen im Armenhaus groß geworden, wird +sie von Deutsch-Amerikanern, die zu Besuch in der Heimat weilen, als +Mädchen für alles mit nach Amerika genommen. + +Sie, die bis dahin kaum satt zu essen bekommen, blüht bei der guten Kost +auf wie eine Rose. -- + +Sie hatte es gut in ihrer Stelle. Der Mann, der eine gutgehende Bäckerei +in Pittsburg hatte, hielt die Familie gut -- aber -- aber. -- Die Frau +war ziemlich verblüht -- war wohl auch nie eine Schönheit gewesen -- und +nun gar -- neben der üppig aufblühenden achtzehnjährigen Lilly! + +Was Wunder, daß die Augen des Mannes immer häufiger und unruhiger auf +Lilly hafteten. -- + +Lilly schlief mit der ältesten Tochter ihrer Herrschaft in einem Bett, +einem jener breiten amerikanischen Betten, in denen bequem ein halbes +Dutzend Kinder liegen könnte. + +Die Sommernächte waren schwül und heiß. Die gute Kost hatte alles in ihr +zur Entfaltung gebracht, die Sinne forderten ihr Recht. + +Und eines Nachts -- genau als ob es in ihren wollüstigen Traum paßte, +kommt ihr Dienstherr und nimmt sich, was ihm ohne Widerstreben gegeben +wurde. -- + +Wie eine Frucht, die sich überreif vom Baume löst, so fällt Lillys +Jungfräulichkeit dem alternden Manne in den Schoß. -- + +Die Tochter daneben ist nicht einmal gestört worden in ihrem kindlichen +Schlummer. -- -- + +Doch die inbrünstige Umarmung hatte Folgen -- was nun? + +Der Mann war nicht schlecht, er versprach für Lilly zu sorgen. + +Als die Frau merkte, was los war, mußte sie aus dem Hause. -- + +Als ein Glück betrachteten es beide, daß der Geselle, ein häßlicher, +pockennarbiger Ungar, der Lilly schon immer gern gesehen hatte, ihr aber +nicht hübsch genug gewesen war, nun aufs neue um sie warb. -- Lilly war +froh, mit seinem Namen ihre Schande zudecken zu können. -- Der Meister +gab eine gute Aussteuer und Lilly wurde Frau Allasch. Sie eröffneten +einen Laden, und alles wäre gut gewesen, wenn nicht der junge Ehemann so +eifersüchtig gewesen wäre. Er war sich wohl bewußt, daß er Lillys Besitz +nicht nur seiner Schönheit zu danken hatte. -- + +Es gab häßliche Szenen, und da zudem das Kind kurze Zeit nach der Geburt +gestorben war, ließ Lilly eines Tages ihren pockennarbigen Herrn Gemahl +sitzen und fuhr nach New York. -- + +Hier ist sie zuerst in einem deutschen Haushalt in Brooklyn in Stellung +gewesen, es hat ihr aber gar nicht gefallen. + +»Die Deutschen wollen nichts bezahlen, aber arbeiten soll man wie ein +Pferd,« sagt sie. -- + +Dann war sie in einem Hotel in der 8. Straße Zimmermädchen, und da hat +sie so nach und nach Geschmack am leichten Leben gefunden. + +Sie fühlt sich ganz wohl dabei und legt sich sogar noch Geld zurück. +Doch ich glaube, es gibt nicht viele Lillys. -- -- + +Ich muß oft darüber nachdenken, was zu tun ist, um solch armen Teufeln +zu helfen, die in diese Häuser verschleppt werden. + +Das einzig Richtige würde sein, wenn diese Häuser gesetzlich nicht +geduldet würden. Es würde trotz alledem noch genug derartige Mädchen +geben, wie man an Lilly sehen kann. + +Aber Leute wie die Rottmann, die sich von der Schande und dem Elend +anderer mästen, die dürfte es nicht geben. -- Und wenn es wirklich nicht +ohne diese Häuser geht, dann sollte der Staat sie bauen, genau wie er +Gefängnisse, Zuchthäuser und Idiotenanstalten baut. -- + +Doch ich phantasiere. Mit meinen siebzehn Jahren fange ich an und will +die Welt verbessern. -- + +Man hört so vieles in diesem Hause, so manches Schicksal geht an einem +vorüber, und immer, oder doch zum weitaus größten Teil, ist an dem +ersten Fall die Hauptschuld auf seiten des Mannes und des Alkohols. + +Mag die Gefallene später werden wie sie will -- zuerst ist sie verführt +worden. -- + + * * * * * + +Ich fühle mich seit einigen Tagen gar nicht wohl. Ist es die Unruhe +wegen Werner, die mich quält, oder steckt mir eine Krankheit in den +Gliedern? Das Essen will mir gar nicht schmecken, obgleich es im +allgemeinen ganz gut ist. + +Auch Bronja meint, daß es in dieser Weise bei der Rottmann recht +anständig sei. Es gibt reichlich und gut zu essen und wenigstens einmal +am Tage -- abends um sechs Uhr -- eine gemeinsame Tafel. + +Wie ich von den anderen schon gehört habe, gibt es Häuser, wo die +Mädchen noch nicht einmal ausreichend beköstigt werden und wo sie sich +noch zum Teil von ihrem eigenen Geld unterhalten müssen. -- -- + + * * * * * + +Ich werde immer unruhiger. Wenn ich richtig rechne und sonst nichts +dazwischen kommt, muß das Schiff bald ankommen. + +Ich bin förmlich wie im Fieber, es kann nicht allein die Sehnsucht nach +Freiheit sein. + +Wenn ich an Werner denke, überläuft mich ein so sonderbares Gefühl, ein +traumhaftes Glücksempfinden überkommt mich, das ich aber immer rasch +wieder abschüttele. -- + +Ich bin abergläubisch geworden, ich fürchte, wenn ich schon zu fest an +mein Glück glaube, so zerrinnt es wie eine Fata Morgana vor meinem +sehnsüchtigen Blick. -- -- + +Die beiden zuletzt Angekommenen habe ich auch einmal unbeobachtet +gesprochen. Es sind ein paar Süddeutsche. Sie haben sich unterwegs +bereden lassen, als Kellnerinnen hierher zu kommen. Anfangs sind sie +ziemlich unglücklich gewesen, ergeben sich aber jetzt in ihr Schicksal. +Die eine, die Sepha, anscheinend die Schlauere, sagt: »Mir werden uns +halt a Geld sparen und hernach gehn m'r wieder ham, da waß ka Mensch +net, wo m'rs Geld her ham.« -- + +Auch ein Standpunkt. -- -- + + * * * * * + +Ich habe heute die Madame um Geld gebeten und habe ihr gesagt, daß die +Mädchen alle ihr Geld selbst aufbewahrten, nur ich bekäme keinen +Pfennig. + +»So, Geld willst du haben? Dann komm mal mit ins Garderobenzimmer, da +will ich dir zeigen, wo dein Geld ist,« war die Antwort. -- + +Ach ja, das Garderobenzimmer. Ein riesenhaftes Kapital steckt in diesem +Raum. Alle vierzehn Tage heißt es: es müssen neue Kleider angeschafft +werden, in diesen vertragenen Fähnchen kannst du nicht jeden Abend +dasitzen. -- + +Ich habe Kleider über Kleider, und doch nicht ein einziges, um als +anständiger Mensch auf die Straße gehen zu können. -- -- + + * * * * * + +Heute war der Doktor wieder da, und morgen kommt Werner! + +Ich bin wie von Sinnen. Ich muß wenigstens mein Buch zum Vertrauten +machen, sonst, glaube ich, sprengt es mir die Brust. + +Heute abend muß ich wieder unter die Decke kriechen und mein Glück in +diese kleine Welt hinausschreien. -- + +Ach, wenn es doch gelingen wollte! -- + +An ein Scheitern darf ich gar nicht denken, dann stockt mein Herzschlag. +Es muß gelingen oder -- ich werde wahnsinnig. -- + +O, guter Gott, guter Gott, ich will wieder an dich glauben, wenn du mir +diesmal hilfst -- nur dies eine Mal hilf mir, ich bin doch auch dein +Geschöpf. -- + +Ich muß aufhören mit Schreiben, meine Sinne verwirren sich, ich glaube, +ich habe in Wirklichkeit Fieber. + +Wenn ich doch ein Mittel hätte, um schlafen zu können, ich werde sonst +morgen ganz krank und elend sein, und vielleicht habe ich meine Kräfte +nötig. -- + +Ob auch kein Mensch etwas ahnt? Hat mich nicht die Rottmann vorhin so +sonderbar angesehen? Oder bilde ich es mir nur ein? + +Wenn es mißlingt, gibt es ein Unglück! Mir ist dann alles einerlei -- +ich könnte das Weib kalten Blutes ermorden. + +Mag man mich dann ins Gefängnis stecken, wenigstens ist eines dieser +Scheusale weniger auf der Erde. -- -- + +Ich kann nicht mehr -- ich glaube, ich bin krank. + + + + +IV. + +Sonnenaufgang. + + +Auf See, den 2. November. + +Seit fünf Tagen habe ich dich nicht geöffnet, mein kleiner Tröster in +der Not. + +Jetzt will ich dir aber auch sehr vieles, sehr Schönes und sehr +Wichtiges erzählen. -- + +Ich bin auf der Fahrt nach Deutschland. + +Das sagt eigentlich alles. Trotzdem will ich ausführlich erzählen, wie +alles zugegangen ist; ist es mir doch selbst noch wie ein Märchen. + +Als Werner kam, hielt er sich nicht lange unten auf, sondern ging gleich +mit mir hinauf. Die Flasche Wein, die er hatte bringen lassen, blieb +fast unberührt stehen. Er rief dem Charly zu, er solle alles so stehen +lassen, er käme gleich wieder. + +Oben teilte er mir hastig seinen Plan mit. Ich mußte rasch zu mir +stecken, was ich gerne mitnehmen wollte. + +Es war wenig genug. Dich, mein kleines Buch, steckte Werner in die +Brusttasche, dann saßen wir atemlos und warteten. + +Das Schlimmste war, daß ich keine Kleider hatte. Ich mußte in dem +dünnen, spitzenübersäten Kunstwerk, das meinen Körper mehr preisgab als +verhüllte, auf die Straße. + +Alles war auf die Minute festgelegt. + +Werner war um zehn Uhr gekommen, bis um einhalb elf Uhr kamen vier junge +Männer, die in den großen Salon gingen. Bis drei viertel elf kamen vier, +die in den kleinen Salon hinter der Bar gingen. + +Alle diese Leute waren vom Doktor angeworben und wurden mit dem Gelde +Werners bezahlt. -- + +Fünf Minuten vor elf mußten die im kleinen Salon untereinander Streit +anfangen, einer davon mußte einen blinden Schuß abgeben, zu gleicher +Zeit mußten die im großen Salon so agieren, daß alles nach dem kleinen +Salon hinstürzte. + +Und genau auf die Minute -- elf Uhr -- gab der Doktor an der Eingangstür +das bekannte Einlaßzeichen, so daß der Portier wußte, es war ein +eingeweihter Besucher. + +Genau in diesem Augenblick kamen wir, Werner und ich, die Treppe +herunter. Die Tür durfte nicht wieder ins Schloß fallen. Ein Auto stand +draußen, und fort ging es -- ich war _frei_!!! + +Alles klappte. Der Doktor hatte noch einen handfesten Kerl bei sich, und +als der Schließer auf mich zustürzen wollte, faßte ihn der Begleiter des +Doktors an der Kehle und sagte leise aber bestimmt: »Keep quiet! Einen +Laut und du bist ein toter Mann!« + +Der Doktor sprang zurück und war mit einem Satz bei uns im Auto, dann +ging es vorwärts. + +Wir sind erst ganz nach oben bis zur 128. Straße gefahren, um etwaige +Verfolger irrezuführen, dann ging es durch den Zentralpark und an der +anderen Seite herunter nach Hoboken. + +Es war bereits nach Mitternacht, als wir im Zentralhotel ankamen. + +Der Doktor hatte an alles gedacht. Im Auto lag ein Mantel, in den ich +schlüpfen mußte, damit meine Kleidung bei den Hotelbediensteten nicht +auffiele und etwaigen Nachforschungen Vorschub geleistet würde. Ich +bekam ein Zimmer, Werner ließ sich eines daneben geben, dann schloß er +mich ein und, ich war allein -- allein und in Freiheit. + +Am anderen Morgen -- Werner hatte einen Tag Urlaub genommen -- +telephonierte er an ein Konfektionsgeschäft und ließ mir etwas +anständige Garderobe kommen. + +Unter dem Vorwand, daß ich mit dem Schiff gekommen sei und +unglücklicherweise meinen Koffer eingebüßt habe, wurde ich vollständig +neu ausgestattet. + +Ein einfaches, dunkelblaues Kostüm, ein Reisehut und Stiefel waren das +Nötigste. Dann bekam ich noch ein einfaches Straßenkleid, und die +bürgerlich einfache Dame war fertig. + +Ich nahm alles widerspruchslos an. Es waren Wohltaten, die ich +vielleicht nie würde vergelten können; ich mußte sie annehmen. + +Vorläufig dachte ich nur an den Augenblick. -- + +Als ich mit allem fertig war, und wir in meinem Zimmer beim Lunch saßen, +sagte Werner: »Heute nachmittag fahren wir nach New York hinüber zu +Pastor Schneider und lassen uns trauen.« + +»Nein, o nein!« rief ich, »tun Sie das nicht!« + +»Nun, nun,« sagte Werner, »warum denn nicht?« + +»Sie -- werden es später bereuen, bitter bereuen. Ich darf Ihre Güte so +nicht ausnutzen. Das Mitleid mit meiner verzweifelten Lage hat Sie +handeln lassen, aber nun ist es genug.« + +»Und meinen Sie, ich hätte dies alles getan, wenn ich nicht von Anfang +an die Absicht gehabt hätte, Sie zu heiraten? Ich weiß alles, was Sie +mir sagen wollen; ich weiß, daß Hunderte von jenen Mädchen nicht +verdienen, daß ein anständiger Mann auch nur den Finger um sie rührt, +ich weiß aber auch, daß Sie keine von denen sind. Sie haben Unglück +gehabt -- es wird bei Ihnen liegen, zu beweisen, daß es unverdientes +war.« -- -- + +Es ist nicht schwer für einen jungen Mann, ein junges Mädchen, das ihm +sowieso schon zugetan ist, zu bereden, ihn zu heiraten, ihr plausibel zu +machen, daß sie nicht zu schlecht für ihn ist. + +Ich erinnerte mich so mancher, mit der ich zusammen war, die sich keinen +Augenblick besonnen haben würde. Ich dachte auch an manche, die wirklich +besser war, als so viele verheiratete Damen, die geachtet dastanden und +doch innerlich nichts taugten, und all meine großen und festen Vorsätze +schmolzen dahin wie Butter an der Sonne. -- -- Wenn ich von jetzt ab ein +tadelloses Leben führte, war dann nicht alles gut? Was aber, wenn später +bei Werner die Reue kam? + +»Sie werden es später bereuen, lieber Freund! Gesetzt den Fall, es käme +durch irgendeinen Zufall heraus, wo Sie mich hergeholt haben, ich könnte +es nicht ertragen, Schande über Sie gebracht zu haben!« + +»Das brauchen wir nicht zu befürchten. Kein Mensch von unserem Schiff +ist drüben in jenem Hause gewesen, keiner hat Sie gesehen.« + +»Und wenn doch? Sie kennen die Menschen nicht, mein Freund! Ich will +Ihre Freundin sein, Ihre Dienerin, alles will ich für Sie tun, und wenn +Sie mich nicht mehr wollen, dann schicken Sie mich fort -- dann --« Ich +fing an zu weinen. Das ganze Elend meiner jungen Jahre kam mir mit +Allgewalt zum Bewußtsein. + +Wäre es nicht besser, ich wäre tot? Wem nützte mein Dasein? + +»Weine nicht, Liebling! Du mußt mein Weib werden. Es ist unmöglich, wie +du dir das denkst. Ich kann so nicht neben dir leben, ich habe dich lieb +-- komm, sei vernünftig und gib nach. Magst du mich denn nicht auch ein +wenig leiden? Ich schwöre dir, ich rühre dich nicht eher wieder an, bis +du mein Weib bist; bedenke -- ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut -- +und ich liebe dich -- quäle mich nicht länger.« + +»Wenn ich nur wüßte, daß es zu deinem Glücke wäre, daß ich dadurch nur +etwas von der großen Schuld abtragen könnte, wie gern würde ich dir +gehören. Aber deine Zukunft, dein Glück!« entgegnete ich, nur noch +schwach widerstrebend. + +»Mein Glück und meine Zukunft bist du! Laß die Menschen sagen und tun +was sie wollen, wenn nur wir beide zufrieden sind. Komm, sag' ja!« + +»Aber -- -- --« + +»Kein Aber mehr, Liebling,« sagte da Werner und nahm mich in seine Arme. +Und jauchzend flog ich an seinen Hals, und er vergrub sein Gesicht in +meinen Haaren. + +»Mein Liebling, mein alles!« flüsterte er, und küßte mich immer und +immer wieder. »Wie schön du bist! Und jetzt bist du mein! Jetzt gehört +diese Schönheit, dieser entzückende Körper mir -- mir ganz allein!« + +Willenlos hing ich in seinem Arm. Mein ganzes Herz schlug ihm entgegen. +Wie war er gut! Das war endlich ein Mann von jener Sorte, die wir nötig +haben. Nun war auch für mich die Sonne eines besseren Tages aufgegangen. + +Ja, ich wollte sein Weib sein, und mein ganzes ferneres Leben sollte ein +einziges Dankgebet -- ein einziges Opferfeuer für meinen Retter sein. -- +-- -- + +Zwei Stunden später waren wir Mann und Frau. + +Der alte, würdige Pfarrer und seine Gattin nahmen uns sehr liebevoll +auf. Werner kannte das Ehepaar schon seit langem, da sie schon +wiederholt mit seinem Schiff gefahren waren. + +Nach der Trauung hatten wir ein schönes Diner bei Reißenwebers, und +fuhren dann wieder nach Hoboken. + +Ich hatte große Angst, und Werner mußte ein geschlossenes Auto nehmen, +weil ich immer noch Sorge hatte, daß ich entdeckt würde. -- + +Auch als wir wieder im Hotel waren, wollte die Ruhe noch nicht kommen; +erst hier auf dem Schiff, als einige Meilen Wasser zwischen mir und +jener Stadt mit den hohen Häusern lagen, konnte ich aufatmen. + +Also wirklich und wahrhaftig frei! Frei, und so Gott will, ein +anständiger Mensch! -- -- -- + + * * * * * + +Es gefiel mir erst sehr auf dem Schiff, aber das hat nicht lange +gedauert. Wir hatten Sturm, und ich bin tüchtig seekrank gewesen, jetzt +geht es aber wieder. + +Ich fahre in der zweiten Kajüte, und Werner hat dafür gesorgt, daß ich +allein im Zimmer bin. Ich freue mich sehr darüber, ich mußte immer +wieder an meine Herfahrt denken und an meine Zimmernachbarin, diese alte +Seelenverkäuferin. + +Ich bin aber doch auch zu dumm gewesen, jetzt könnte mir das nicht +wieder passieren, jetzt kenne ich den Geruch. + +Ich bilde mir immer ein, ich selbst rieche auch noch nach diesem +verfluchten süßlichen Zeug, mit dem die ganze Luft in jenem Hause +durchtränkt war. Es kann aber gar nicht möglich sein -- denn ich habe +nichts mehr von jenem Zeug am Leibe und habe schon drei Bäder genommen +-- und doch -- sehen mich nicht auch die Männer mit besonderen Blicken +an? + +Werner, dem ich meine Befürchtungen mitteilte, lachte. + +»Ich glaub' es wohl, daß sie dich angucken, Süßes! Du weißt wohl gar +nicht, wie schön du bist!« -- + +Ich bin sehr glücklich! Werner und ich machen Pläne -- wonnige Pläne für +die Zukunft. + +Eine kleine Wohnung werden wir uns mieten, drei Zimmer nur, denn Werner +verdient noch nicht viel -- aber wir werden trotzdem glücklich sein -- +so glücklich. + +Wir brauchen niemand, ganz allein für uns beide wollen wir sein. Ich +werde sehr viel zu tun haben für die erste Zeit, die ganze Wohnung muß +eingerichtet werden, und ich habe doch so gar nichts. + +Ärmer als ich ist wohl nie ein Mädchen in die Ehe gegangen. Alles +verdanke ich der Güte dieses Mannes -- es wird mir schwer -- »meines +Mannes« zu sagen, es ist mir, als ob ich noch kein Recht dazu hätte. + +Und doch habe ich es, er selbst hat es mir gegeben. -- + +Wenn ich alles recht überdenke, dann möchte ich seine Hände küssen, er +macht vieles wieder gut, was andere gesündigt. -- + +Wenn ich doch nicht immer wieder ins Grübeln kommen wollte! Wenn ich +mich doch uneingeschränkt der Stunde freuen könnte! + +Aber ich kann es nicht. Eine Angst verzehrt mich, für die ich keinen +Namen habe. + +Bald sind wir in Deutschland -- wenn ich nach der Heimat könnte! Nur +einmal meinen Kopf im Schoße der lieben alten Frau zu vergraben. + +Aber nein, fort mit diesen Gedanken -- ich bin tot -- muß tot sein! + +Würden sie mich nicht fragen? Würde ich der Großmutter in die lieben, +alten, reinen Augen sehen können? + +Ach, hätte ich doch meine Mutter noch! Zu ihr könnte ich kommen! -- +Hätte ich meine Mutter noch, dann wäre alles anders, und ich brauchte +nicht so vor sie zu treten. -- -- + + * * * * * + +Morgen kommen wir an. Man merkt es an der Unruhe unter den Passagieren. +Alle haben zu packen, zu schreiben und zu besprechen; wie in einem +Bienenkorb ist es. + +Ich allein habe nichts zu packen und zu schreiben -- ich besitze nichts, +auch habe ich mich dieses Mal mit keinem Menschen bekanntgemacht. Ich +bin mißtrauisch geworden. Was ich früher zu offen und zu vertrauensselig +war, bin ich nun zu scheu. -- -- + +Ich weiß nicht, wie mir ist -- ein sonderbares Angstgefühl quält mich +die letzten Tage. Ich will mir mit Gewalt das Glücksempfinden, das mich +zu Beginn der Reise beseelte, zurückzwingen -- ich kann es nicht. + +Ich sollte mich freuen, der Heimat näherzukommen und kann es nicht. + +Schlaflos wälze ich mich des Nachts auf meinem Lager, sonderbare +beängstigende Träume quälen mich, ich habe versucht zu beten -- ich kann +es nicht. Will Gott nichts mehr von mir wissen, weil ich sein Dasein +angezweifelt habe? Aber hatte ich nicht ein Recht dazu? Kann man an Gott +und seine Allmacht glauben, wenn man so entsetzliche Dinge erlebt? + +Warum läßt dieser Gott, der doch ein Gott der Liebe sein soll, zu, daß +ein schuldloses, unerfahrenes Mädchen so vergewaltigt, gemartert und +gepeinigt wird! Und doch will ich mir Mühe geben, aufs neue an seine +Güte und Allmacht zu glauben. Ich will gut sein. Doch dann darf ich +nicht mehr an das Vergangene denken. Erst wenn ich das Entsetzliche ganz +aus meiner Erinnerung ausgelöscht habe, wird es mir möglich sein, den +alten Kinderglauben wiederzufinden. -- + + * * * * * + +Im eigenen Heim! + +Wer kennt nicht den Zauber dieses Wortes? + +Für mich ist es doppelt heilig: Daheim! + +Ich, die Ausgestoßene, bin daheim. + +Und doch ist mein Glück nicht ohne bitteren Beigeschmack, denn ich bin +schon wieder allein. + +Allein im eigenen Heim, ohne ihn, der es mir geschaffen. + +»Du mußt dich daran gewöhnen, Lottchen! Sieh, du hast nun einmal einen +Seemann zum Manne, da mußt du dir sagen, daß es unmöglich für ihn ist, +zu Hause zu bleiben. Und mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Alle +Seemannsfrauen müssen sich darein finden; in vier Wochen bin ich ja +wieder da und dann ist es um so schöner.« -- + +Er hat recht, ich muß mich daran gewöhnen. Aber schwer ist es doch. +Daran habe ich gar nicht gedacht, an dieses immerwährende Alleinsein. +Aber selbst wenn ich daran gedacht hätte, würde es nichts genützt haben, +Werner kann eben nicht an Land bleiben. Sobald er aber Oberzahlmeister +ist, kann er mich einmal mitnehmen. + + * * * * * + +Wenn ich nur nicht gar so fremd hier wäre! + +Und doch, bin ich nicht kindisch mit meinen unnützen Klagen? + +Ist es nicht im Gegenteil recht gut, daß ich fremd bin? + +Wie furchtbar würde es für Werner sein, wenn mich jemand erkennen +sollte. -- + +Zum Glück habe ich nicht viel Zeit zu dummen Gedanken und nutzlosen +Klagen. Ich muß arbeiten, muß meine Wohnung einrichten. + +Vorläufig haben wir nur Küche und Schlafzimmer. Alles in Eile und +provisorisch hingestellt. Aber wenn Werner wiederkommt, soll er alles +hübsch und gemütlich vorfinden, er soll sich freuen über seine Frau und +sein Heim. -- + +Eine ganze Menge Geld hat er mir hier gelassen. Zweihundert Mark! Was +kann ich dafür alles kaufen! Töpfe und Pfannen, auch einige Deckchen und +Läufer, um alles recht schön zu machen. -- + +Die Möbel für das Wohnzimmer kaufen wir erst, wenn Werner wiederkommt, +die müssen wir auf Abzahlung nehmen, Werner hatte gar kein Geld mehr. -- + +Eigentlich ist es schrecklich, daß er all das viele Geld für mich hat +ausgeben müssen; was hätte man alles dafür kaufen können! + +Eine Wut überkommt mich, wenn ich an die Rottmann denke -- nur einmal +möchte ich sie wiedersehen, einmal möchte ich ihr gegenübertreten, um +ihr meinen ganzen Zorn, meine ganze Verachtung ins Gesicht zu +schleudern. + +Aber was nützt es, wenn ich gegen dieses Weib wüte, ist sie doch nicht +allein schuld an diesen Zuständen. -- + +Nicht ein Unternehmer allein, das ganze System muß bekämpft werden. Ich +will klug und reich werden, ich will Geld sammeln. Überall müssen +Warnungstafeln angebracht werden. + +Es muß anders werden, ganz anders. -- + + * * * * * + +Eine Woche lang habe ich nicht an mein Büchlein gedacht, aber heute ist +ein so kalter, stürmischer Tag, da habe ich mir Feuer im Herd +angezündet, damit die Küche schön durchwärmt ist, und nun will ich mich +wieder einmal mit dir unterhalten. -- + +Ich habe mich nun schon ganz nett und behaglich eingerichtet. + +Auch außerhalb meiner kleinen Wohnung habe ich mich schon umgesehen. Die +Stadt ist nicht groß, und man ist bald zu Ende mit den +Sehenswürdigkeiten. Landschaftliche Reize kann ich an der flachen, +eintönigen Gegend wenig entdecken. Trotz alledem wäre es unrecht, ihr +jede Schönheit absprechen zu wollen. + +Wie wunderschön allein ist ein Spaziergang bei Sonnenuntergang am +Außendeich. Ein ganz wunderbares Schauspiel ist es, wenn der Sonnenball +langsam im Wasser versinkt. Der Horizont, das Wasser, alles glüht +tiefrot, um dann langsam, blasser und blasser werdend, in rosa und +bläulichen Tönen zu verglimmen. + +Und dann der Heimweg; hier und da auf dem Wasser ragt gespenstisch ein +Mast empor, dann blitzt da und dort ein Lichtlein rot, grün oder +grellweiß, das Blinklicht des Leuchtturmes alles überragend, und weit, +weit unten in ununterbrochener Reihe die Lichter des Hafens. + +Aber diese einsamen Spaziergänge sind nichts für mich, sie machen mich +melancholisch und heimwehkrank. + +Heimwehkrank nach einer Heimat, die ich nicht habe. + +Meine Heimat ist jetzt hier, ist bei dem Manne, der mir einen ehrlichen +Namen gab. -- + +Ich bin immer noch ängstlich, wenn ich auf der Straße gehe. + +Wie leicht ist es möglich, daß mich jemand gesehen hat. Es ist eine +Hafenstadt, und der Weg nach Amerika ist sehr kurz -- über die Planken +eines Dampfers. -- + +Nicht um mich bin ich besorgt, um ihn. + +Und noch etwas anderes macht mir Sorge. + +Fast hätte ich über dem letzten großen Unglück, das mich betroffen, +meinen Fehltritt von zu Hause vergessen. Nicht ein einziges Mal in den +letzten Wochen habe ich daran gedacht. + +Aber nun, wo ich in Ruhe bin, quält es mich um so mehr. -- + +Muß ich es Werner sagen? Hat er ein Anrecht an das Leben, das so weit +zurückliegt? So weit! + +Und doch ist es noch kein Jahr her, seit ich von den Großeltern fort +bin. -- Mir scheinen es Ewigkeiten. + +Ich bin in einem furchtbaren Zwiespalt. + +Ist es meine Pflicht, es meinem Manne zu sagen oder darf ich schweigen? + +Wird er nicht an mir zweifeln, wenn ich es sage? Wird er nicht denken, +daß der Ort, an dem er mich getroffen, dann gar nicht so unrecht für +mich gewesen sei? + +Hätte ich doch einen einzigen Menschen, mit dem ich sprechen könnte! -- +Ich glaube nicht, daß ich den Mut habe, es ihm zu sagen; ich fürchte +seine Liebe und Achtung -- jawohl seine Achtung, so paradox es auch +klingen mag -- zu verlieren. -- + +Denn trotz alledem und alledem, Werner achtet mich. Er weiß, ich war +unschuldig dort hingekommen; und er achtet mich deshalb, weil ich mit +allen Mitteln versucht habe, herauszukommen. -- + +Erführe er meinen ersten, dummen, kindischen Streich -- wer weiß, ob +dann nicht dieses Gefühl, das mich so sehr erhebt, für immer verloren +wäre. + +Ich muß das Geheimnis mit mir herumtragen. -- -- + + * * * * * + +Der Schlaf, der mich auch in den schlimmsten Augenblicken meines Lebens +nicht verlassen, scheint mich jetzt zu fliehen. + +Ich liege oft stundenlang und grübele über Dinge, die ich nicht ändern +kann. Ruhelos wälze ich mich hin und her. -- + +Ist es die Einsamkeit um mich? Ist es das geheime innere Schuldgefühl, +das mich quält? Diese stillen, schwarzen Nächte erdrücken mich. Wäre +doch Werner erst wieder hier! Ich eigne mich nicht zur Seemannsfrau. + +Immer allein! + +Abends beim Schlafengehen und morgens beim Aufstehen. -- + +Oft schrecke ich Nachts aus unruhigem Schlummer auf, dann ist mir, als +hörte ich ruhige, schwere Atemzüge neben mir -- ich fasse hinüber, aber +da ist nichts, ich bin allein -- immer allein. -- + + * * * * * + +Letzte Nacht hatte ich einen entsetzlichen Traum. + +Mir träumte, ich stand allein auf einem weiten, endlos weiten Platz und +wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte. + +Da kam ein Mann in einem langen, schwarzen Mantel, den großen Hut tief +in die Stirn gedrückt, so daß ich nichts von dem Gesicht sehen konnte, +und faßte mich bei der Hand. + +Er führte mich über Felder und Auen weit, weit, und dann zuletzt in ein +großes, palastartiges Haus, viele, viele Treppen empor. + +Als wir schon sehr hoch gestiegen waren, öffnete mein Führer eine Tür, +ließ mich los und sagte mit dumpfer Stimme: »Gehe diesen Weg, und du +wirst rein wie eine Lilie sein.« + +Ich hob den Fuß und wollte vorwärts schreiten, doch mit einem entsetzten +Schrei fuhr ich zurück. Vor mir breitete sich endlos, unabsehbar das +Meer. + +Durch den Schrei war ich erwacht, entsetzt starrte ich ins Dunkel. Ich +fürchtete mich so, daß ich nicht einmal wagte, mir Licht anzuzünden. -- + +Was bedeutete dieser unheimliche Traum? + +Was wollte dieser unheimliche Mensch? + +Und dieses große Wasser? Soll ich sterben? Soll ich im Wasser sterben? + +Aber ich will nicht! Jetzt nicht! Dann hätte mich das Wasser vor sieben +Monaten verschlingen sollen! + +Ach Werner, mein Liebster, ich sehne mich nach dir, wärest du bei mir, +du würdest mich trösten. + +Die Sehnsucht, das Verlangen nach dir brennt mir wie Feuer in den Adern. +-- -- + + * * * * * + +Schon wieder einmal bin ich allein. + +Selige Tage waren es, als Werner hier war, ach, wie ist er gut! So gut, +daß ich fast beschämt bin. + +Ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll. -- + +Nun haben wir auch die Möbel für unsere Wohnstube, fein! + +Wie könnt' ich glücklich sein, wenn -- ja wenn die bösen Gedanken nicht +wären. + +Ein jedes Vergehen trägt die Strafe gleich in sich -- habe ich einmal +irgendwo gelesen. Wie wahr das ist, das fühle ich jetzt nur zu gut. Ich +bin bestraft durch die fortwährende Angst, daß Werner auch _das_ noch +erfahren könnte. + +Ich machte eine kleine Andeutung, daß ich gern einmal die Heimat sehen +würde. Gleich war er bereit. + +»Warum nicht, Lieb! Nächste Reise, oder Pfingsten. Fahre ruhig hin; wenn +ich wiederkomme, bist du längst wieder hier. Denn zu den Großeltern +willst du ja doch nicht.« + +Ich könnte also reisen! Aber nein, es geht nicht! Das habe ich auch +Werner gesagt; ich habe ihm gesagt, daß es Wünsche bleiben müssen. + +»Mir ist es recht, Lieb,« sagte er, »ich will nur dich zufrieden +wissen.« + +Ich soll mir ein Hündchen kaufen, damit ich nicht mehr so verlassen bin. + +Ich freue mich, ich mag Tiere so gern. Gleich heute werde ich ausgehen +und mir einige ansehen, die in der Zeitung standen. + + * * * * * + +Meine einsamen Spaziergänge am Außendeich muß ich aufgeben. Es ist hier +wie überall. -- + +Ein Weib, das allein auf einsamen Wegen geht, ist ein Stück Freiwild. +Oder habe ich etwas an mir? Trage ich ein Kainszeichen mit mir herum? + +Wie kann ein Mann sich einfach erlauben, einer Frau, die ruhig ihres +Weges geht, seine Begleitung anzubieten! + +Woher nimmt er sich das Recht? Ist das auch ein Stück Herrenmoral? + +Mich kostet es leider eine schöne, liebgewordene Gewohnheit. -- -- + + * * * * * + +Wenn ich doch einmal nach Hause in meine Berge könnte! + +Jetzt liegt wohl noch Schnee, aber nicht lange mehr, und es beginnt zu +grünen und zu blühen. + +Die Täler fangen früh an, sich zu schmücken, wenn auch die Berge noch +lange ihre winterliche Haube aufbehalten. -- + +In Großmutters Garten die Schneeglöckchen und Veilchen haben es immer am +eiligsten. + +Wie schön würde es sein, könnte ich hingehen! + +Zu schön, um wahr zu werden. -- -- + + * * * * * + +Nun habe ich wirklich einen kleinen vierfüßigen Hausgenossen. + +Wie ist das schön! So gesellig! + +Jetzt kann ich wenigstens mal ein Wort sprechen. + +Pit, mein kleiner Pit versteht alles. Er ist so klug, und wenn er sich +erst vollständig an mich gewöhnt hat, versteht er gewiß jedes Wort. +Abends stelle ich sein Körbchen vor mein Bett -- nun bin ich doch nicht +mehr so allein. -- + +Ob Werner ihn auch mag? Ganz sicher! Er ist zu niedlich. + +Wenn ich im Bett liege, kann ich ihn immer beobachten, wie er sein +Bettchen für die Nacht zurecht macht. Und wenn ich seine Decke noch so +schön hingelegt habe, er fängt doch noch selbst an, alles +zurechtzuzerren. Er kratzt mit den Füßchen und stuppst mit dem Näschen, +bis alles nach Wunsch ist, dann legt er sich sehr befriedigt hin und +wirft mir einen Blick zu aus seinen blanken Äugelchen, als wollte er +sagen: So gehört sich das, du verstehst auch rein gar nichts davon. -- + +Ich bin so zufrieden, das Leben ist doch ganz schön. + + * * * * * + +Morgen kommt Werner. + +Heute will ich alles schön sauber machen, damit unser kleines Reich +würdig ist, seinen Herrn aufzunehmen. + +Wenn das Wetter schön ist, werde ich an den Hafen gehen, um das Schiff +hereinkommen zu sehen. Pit geht mit. -- + +Was Werner wohl sagen wird über meinen kleinen Freund? + +Noch eine Nacht, dann ist er bei mir. Ich freue mich sehr auf ihn. + +Ob er sich ebenso nach mir sehnt? + +Ich will ihn doch fragen, ob er auch so unruhig nach mir ist. + +Werner macht so wenig Worte; es ist mir schon wiederholt aufgefallen. +Seine Handlungen sind um so besser. -- -- + + * * * * * + +Da ist es, das Geahnte, Gefürchtete. + +Meine Angst, meine Scheu vor den Menschen war berechtigt. + +Wäre ich nicht mit ausgegangen! -- -- -- + +Werner kam vorgestern von See. Er war so glücklich und zufrieden, er +hatte eine schöne Reise gehabt und auch gut verdient, da er hin und +zurück sein Zimmer vermietet hatte. -- + +Gestern Abend wollte er eine Stunde mit mir in ein Café gehen. Ich hatte +keine rechte Lust und bat: »Laß uns zu Hause bleiben, da ist es viel +schöner.« + +Er hörte nicht auf mich. + +»Du mußt auch mal raus, Schatz; du wirst mir sonst noch ganz +melancholisch.« + +Um ihm die Freude nicht zu verderben, gab ich nach, und wir gingen nach +dem Viktoria-Café. + +Anfangs war es nur schwach besucht, später setzte sich an den Tisch +neben uns ein Trupp Herren. + +Ich kannte niemand im ganzen Lokal. + +Plötzlich fühlte ich, daß mich jemand beobachtete. Mir wurde +unbehaglich, ohne zu wissen, warum. + +Ich wandte den Kopf etwas zur Seite und sah, daß ein Herr mich ziemlich +ungeniert anstarrte. + +Ich kannte ihn nicht; aber -- mein schlechtes Gewissen! Ich wurde +blutrot und drehte den Kopf zur Seite; wie unter einem hypnotischen +Zwang mußte ich nach einiger Zeit wieder hinsehen; noch immer dieses +fatale Anstarren. -- + +Ein bartloses Gesicht mit einigen Schmissen an der linken Backe und +hellen, erbarmungslosen Augen. + +Wer war es nur? -- + +»Laß uns gehen, Werner,« bat ich. + +Werner, der nichts von meiner Not merkte, sagte: »Aber warum denn, +Schatz? 's ist doch ganz nett hier!« + +»Ich muß hier heraus,« sagte ich angstvoll und sah ihn flehend an. +Sofort sprang er auf und beugte sich über mich. + +»Ist dir nicht gut, Lieb?« fragte er besorgt. -- + +Da stand der Herr, der wohl bemerkt hatte, daß ich fort wollte, auf und +ging langsam an unserem Tisch vorüber, mich immerzu scharf und dreist +anstarrend. + +Auch Werner wurde aufmerksam. Er faßte sich an die Stirne, warf dann +einen Blick auf mich, der zu fragen schien: »Kennst du ihn?« + +Ich schüttelte den Kopf und sah ihn hilflos an. -- + +»Wie ist mir denn,« murmelte Werner vor sich hin, »den muß ich doch +kennen!« Dann wandte er sich und schritt dem andern nach zur Toilette. + +Ich wollte ihn zurückhalten, doch meine Hand fiel kraftlos in den Schoß. + +Was hätte es auch genützt. Ich hatte geahnt, daß es so kommen mußte. + +Die Welt ist so groß, so unendlich groß, und doch zu klein für ein +wundgeschossenes Geschöpf, um sich verkriechen zu können. -- -- + +Als Werner kam, stand ich sofort auf; schweigend half er mir in den +Mantel; schweigend verließen wir das Lokal. + +Als wir einige Schritte gegangen waren, nahm er meinen Arm und zog ihn +unter den seinen; ich wagte kaum, ihm in die Augen zu sehen. -- + +»Es war ein Schiffsarzt,« sagte er nach einigen Minuten, »ich habe ihn +zur Rede gestellt wegen seiner Ungebührlichkeit; er kennt dich -- +leider; er ist einmal drüben gewesen bei der Rottmann. Na, weine nur +nicht, diesem edlen Herrn können wir ja aus dem Wege gehen. Aber meine +Meinung habe ich ihm wenigstens gesagt!« + +Ich antwortete nicht. Ich schluchzte krampfhaft in mein Taschentuch. Die +Vorübergehenden sahen uns nach, sie hielten uns wohl für ein Liebespaar, +das sich verzankt hatte. -- + +Als wir zu Hause ankamen, warf ich mich angekleidet aufs Bett und +schluchzte jammervoll; Werner hatte Mühe, mich zu beruhigen. + +»Was ist denn weiter geschehen, Liebling? Rege dich doch nicht so +furchtbar auf. Was liegt an diesem Laffen? Wir beide sind zufrieden, das +ist die Hauptsache.« + +Du Armer! Zufrieden, ich und zufrieden! Ja, wenn die Schatten der +Vergangenheit nicht so unbarmherzig auf das bißchen Licht fielen, das +mich jetzt umleuchtet. + +Nun mache ich auch ihn noch unglücklich! Diesen Einzigen, der mir den +Glauben an die Menschheit wiedergeben konnte. + +Es ist zum Wahnsinnigwerden! + +Immer und immer wieder möchte ich rufen: Warum mir das alles? Warum dies +übervolle Maß für mich? + +Ach, könnt' ich schlafen, schlafen, um nie mehr aufzuwachen. -- -- + + * * * * * + +Nun bin ich wieder allein. Das bißchen Ruhe, in das ich mich nach und +nach hineingeträumt habe, ist wieder hin. + +Auch um Werner bin ich sehr in Sorge, er war gar nicht besonders auf dem +Posten die letzten Tage; eine starke Erkältung hatte ihn befallen. Wenn +er mir nur nicht ernstlich krank wird! Er freilich lachte mich aus, als +ich ihn bat, zu Hause zu bleiben. + +»Das würde eine schöne Geschichte werden, wenn jeder Seemann wegen einer +kleinen Erkältung gleich an Land bleiben wollte; da könnten unsere +Dampfer bald leer losfahren,« sagte er lachend. -- + +Er hat recht, aber trotzdem -- was kann nicht alles passieren während +einer solchen Reise. -- + +Und läßt sich nicht alles besser tragen, wenn man es gemeinsam trägt? + +An _die_ Schattenseiten des Seemannslebens habe ich nicht gedacht. Als +ich auf dem Schiff war und dort alles wie am Schnürchen ging, als die +Besatzung mit immer freundlichen Mienen auf die manchmal recht +unsinnigen Wünsche der Passagiere einging, da habe ich nicht daran +gedacht, daß diese Leute ein Doppelleben führen, um das sie wirklich +nicht zu beneiden sind. + +Ich möchte meinen Mann gerne an Land behalten; lieber wenig Verdienst, +aber beisammen. -- + +Wie ist das zum Beispiel schrecklich mit meiner Flurnachbarin: der Mann +fährt nach Ostasien; während der letzten Reise hat sie ein Töchterchen +bekommen und hat es auch wieder verloren; das Kindchen ist nur sechs +Wochen alt geworden. + +Der Vater aber hat das Kind gar nicht gesehen. + +Und das alles hat die arme Frau allein durchmachen müssen. -- + +Wirklich, auch eine Art Heldentum, von dem die Außenwelt nichts weiß. +Ich werde Werner bitten, doch lieber im Bureau der Gesellschaft zu +arbeiten, wenn er auch weniger verdient, es wird schon gehen. Oder +vielleicht können wir ganz von hier fort, an einen Ort, wo niemand uns +kennt. + +Hier kennt mich nun doch schon ein Mensch, und nicht lange wird es +dauern, so kennen mich noch mehr. + +Was habe ich diesem Menschen getan, daß er mich so brandmarkt? Muß ich +immer auf der Flucht vor meiner Vergangenheit sein? Wenn ich anders +geartet wäre! Gleichgültiger gegen das Urteil der Menschen. + +Nein, nein, das kann ich nicht -- ich kann nicht leben ohne die Achtung +meiner Mitmenschen. -- -- + + * * * * * + +Wäre doch die Reise erst zu Ende. -- + +Ich bin in einer furchtbaren Unruhe. Kommt es davon, daß Werner nicht +ganz wohl war, oder kommt es, weil ich gar nicht aus dem Hause komme? +Beides wirkt wohl zusammen. + +Ich gehe auch des Morgens nicht mehr aus; wie leicht könnte mir dieser +Mensch begegnen und mich auf offener Straße insultieren. -- Und doch +kann ich nicht immer eingeschlossen sein! + +Was soll nur werden? -- -- -- + + * * * * * + +Soeben war ein Herr vom Kontor bei mir. -- + +Was mag das nur zu bedeuten haben? Ich verstehe das gar nicht. Ich bin +wie betäubt. -- + +Das Schiff ist drüben angekommen, und unter den telegraphischen +Berichten, die an die Direktion gekommen sind, ist auch die Nachricht +gewesen, daß mein Mann erkrankt ist und wahrscheinlich in Hoboken ins +Hospital müsse; ich solle mich nicht ängstigen, wenn das Schiff ohne ihn +zurückkäme, er sei drüben sehr gut aufgehoben. -- -- + +Nicht ängstigen! -- Wie ruhig er das sagt! -- + +Ich soll mir keine Sorgen machen, es sei nicht schlimm! Mein Mann komme +vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer. -- + +Sind das nun Worte -- nur Worte? Was ist daran wahr? -- + +Was kann ich tun? Nichts! + +Könnt' ich rasch hinlaufen; aber ich kann ja nicht! + +Und wenn ich wirklich Geld hätte und hinfahren könnte, so wäre Werner +möglicherweise schon wieder fort, wenn ich dort ankäme. -- + +Aber wenn man mir nun gar nicht die Wahrheit gesagt hat? Wenn es schlimm +ist -- viel schlimmer? + +Ach, wer gibt mir Klarheit? + +Ruhig warten, wenn jeder Blutstropfen kocht vor Angst. Die Hände in den +Schoß legen, wenn man Berge versetzen möchte. -- + + * * * * * + +Zwei Stunden später. + +Ich kann nicht schlafen. Es ist eine so warme, schwüle Nacht. + +Ich bin wieder aufgestanden und sitze im Nachthemd am offenen Fenster. +Kein Mondstrahl durchbricht das Dunkel; der Himmel hängt wie eine große, +grauschwarze Glocke über der Erde. + +Nirgends ein heller Schein. + +Ist diese dunkle, schwüle Nacht das Abbild meines Lebens -- meiner +Zukunft? -- -- + + * * * * * + +Mutter! Meine liebe tote Mutter, woher plötzlich der Gedanke an dich! +Bist du mir nah? + +Wenn du es bist, o, so gib mir ein Zeichen von deiner Nähe; sage mir, +daß du bei mir bist und mich leitest. -- + +Ich war dir ein schlechtes, liebloses Kind, ich fühle es. + +Gedankenlos ging ich neben dir -- gedankenlos und ohne rechtes +Verständnis nahm ich dein frühes Scheiden. + +Und doch hast du so viel um mich gelitten. + +Ach, Mutter, hätte ich dich jetzt, du würdest mir helfen und raten. -- +Mutter, komm zu mir, ich brauche dich, nie brauchte ich eine liebende +Hand nötiger. Ich fühle, etwas Schreckliches steht vor mir und droht, +sich auf mich zu stürzen. + +Mutter, hilf mir! -- -- -- -- + + * * * * * + +Noch einmal habe ich versucht, zu schlafen, ich kann es nicht. Der +Morgen dämmert schon im Osten, und noch fand ich keinen Schlaf. -- Auch +mein kleiner Freund findet keine Ruhe. Oder ist es nur meine Aufregung, +die sich ihm mitteilt? + +Sonst liegt er die ganze Nacht still in seinem Körbchen, und jetzt läuft +er ruhelos umher und heult zuweilen so seltsam schauerlich. Ich glaube, +ich fürchte mich. + +Aber wovor? + +Ich wünschte, ich wäre anders geartet; wäre gleichgültiger, dann könnte +ich ruhig schlafen und säße nicht um vier Uhr morgens am Fenster meines +Schlafzimmers und starrte mit brennenden, übernächtigen Augen in den +langsam heraufsteigenden Tag. -- + +Mein Traum, mein Traum; sollte das seine Lösung sein? Stehe ich jetzt +vielleicht vor der endlosen Wasserwüste, die mir mein Alles verschlungen +hat? -- + +Ich fürchte, ich bin krank, sonst würde ich mich nicht so entsetzlich +ängstigen -- um ein Nichts vielleicht. + +Mein Mann ist wohl längst wieder gesund, und wenn ich ihm meine Sorgen +erzähle, wird er mich schelten, daß ich so wenig Seemannsfrau bin. Ich +werde versuchen, noch eine Stunde zu schlafen. -- -- + + * * * * * + +Wenn ich oft noch im Zweifel war, ob ich Werner wirklich liebte, so wie +man sich Gattenliebe untereinander vorstellt, so sind diese Zweifel +jetzt geschwunden. + +Wäre es nur Dankbarkeit gewesen, ich würde nicht so um sein Leben +zittern. + +Werner, Werner, mein Lieb, mein Alles, wo bist du? Wie lange hörte ich +nichts von dir! Bist du noch krank? Rufe mich, und ich eile zu dir, um +dich zu pflegen, und wenn ich durch Welten von dir getrennt wäre. -- Ich +muß Gewißheit haben, ich ertrage keine Nacht mehr wie die vergangene. -- + +Und doch, was kann ein Weib tun in meiner Lage! Was kann sie tun? Ein +Telegramm wird mir Erlösung und Gewißheit bringen. -- + + * * * * * + +Nun habe ich Gewißheit. Entsetzliche Gewißheit! + +Nun liegt es wieder vor mir, das Leben, unnütz und von niemand gewollt. +Was soll ich damit? + +Wem frommt es? + +Nun er _tot_ ist! + +Tot, der einzige Mensch, der mich geliebt, der an mich geglaubt, der +mich dem Schlamm entrissen hat. + +Ach Mutter, Mutter, warum hast du mich geboren? Wo bist du, um dein Kind +zu schützen? + +Gib ihn mir wieder, Gott, aus deinem Himmel oder nimm auch mich zu dir! + +Ich kann nicht mehr -- würde ich doch krank -- könnte ich sterben --. + + * * * * * + +Heute habe ich die Sachen meines Mannes bekommen. -- + +Gestern kam sein Schiff zurück -- ohne ihn -- ohne ihn! + +Nur die paar armseligen Sachen bezeugen mir, daß er gewesen. -- + +Ein kleiner Kasten mit seinen intimen, kleinen Sachen: Briefe -- sein +Taschenbuch -- seine Brieftasche -- eine Photographie -- meine eigene. + +Bin ich das wirklich? Dies unschuldige Gesichtchen mit den großen, +fragenden Augen? Nein, ich bin es nicht. + +Seine Börse, das alte, abgegriffene Ding, von dem er sich nicht trennen +mochte. Sonst nichts, nichts! + +Kein letzter Gruß, kein Zeichen, daß er mein gedacht in seiner letzten +Stunde. + +In seinem Taschenbuch nichts. Aufzeichnungen, mir unverständlich. -- + +Ist das alles? Ist das das Ende? Es ist unmöglich! + +Ein Wort, ein letztes Wort! + +Laß mich wissen, ob du noch immer in Liebe mein gedacht. + +Der Gedanke läßt mich nicht los, foltert mich bis zu körperlicher Pein, +daß du freiwillig gingst. + +Jene Begegnung im Café -- war sie dir so furchtbar? + +Konntest du die Verachtung nicht ertragen, die dein Weib traf? + +Erbarme dich, du Unbarmherziger da oben, und gib mir Gewißheit. -- + +Ah, ein Brief! + +Ich kann ihn kaum öffnen, so zittern mir die Finger. Ein Brief von ihm, +mit zitternder Hand geschrieben: + + »Gott schütze Dich, Liebling! Ich fürchte, ich bin sehr krank. + -- Wenn wir uns nicht wiedersehen sollten? -- Lotti, mein süßes + Weib, ich habe Dich sehr geliebt. Bleibe gut, wenn ich von Dir gehen + sollte. Du bist ein seltenes Geschöpf, laß Dich nicht zerbrechen, + laß den Gedanken an mich Dein Leitstern sein, damit Du nicht wieder + untergehst. Möchtest Du nicht doch zu Deinen Großeltern gehen? -- + + Lottchen, Liebling, seit ich erwachsen bin, habe ich nicht oft + an meinen Gott gedacht -- ich hatte ihn fast vergessen; heut' ist er + mir nah, darum bin ich gefaßt. Er wird auch Dich beschützen. Was er + tut, ist gut. Ich umarme Dich im Geiste und küsse Deinen süßen, + warmen Mund und Deine strahlenden Augen. + + Gott schütze Dich! + Dein Werner.« + + +Ist das das Ende von meinem Paradies? Es ist ja nicht möglich -- nicht +möglich! + +Er kann mich nicht verlassen haben! + +Ist all das warme pulsierende Leben tot? Hinweggeweht? + +Wo ist es? Wo ist sein lieber Körper? Wo ist das, was von ihm übrig +blieb? -- Ich will zu ihm. Wenn ich sonst nichts kann, so will ich an +seinem Grabe knien und will ihm mein Leid klagen. + +Zu ihm, zu ihm! Das soll jetzt meine Aufgabe sein! -- + + * * * * * + +Ich bin matt bis zum Sterben, und doch ist eine Zentnerlast von mir +genommen. -- + +Er ging nicht freiwillig; eine bösartige Mandelentzündung hat ihn +dahingerafft. -- + +Die besten Menschen sterben früh, heißt es. An ihm hat es sich +bewahrheitet. + +Er war der Besten einer. -- -- + +Ich nehme sein Kopfkissen, so wie ich es bekommen, und lege mein müdes +Haupt darauf. Ich will darauf schlafen heute nacht. Vielleicht kommt er +zu mir und hält geheime Zwiesprache mit mir. + +Ich werde inbrünstig flehen, daß er zu mir kommt. + +Ich grabe meinen Kopf in das Kissen, auf welchem er geruht, und denke an +ihn und seine große Liebe, und er wird kommen und wird mir raten, wohin +ich mein Lebensschifflein steuern soll. -- Zur Großmutter gehe ich +nicht; weiß ich doch nicht einmal, ob sie noch lebt. -- -- + + * * * * * + +Er ist nicht gekommen. All mein Bitten, all mein Flehen war umsonst. +Niemand kommt wieder, der in jene geheimnisvollen Fernen ging. -- + +Ich bin allein mit meinem Gram und meiner Liebe. + +Er ist tot, und ich habe ihn verloren. + +Ich habe oft darüber gelächelt, wenn ich hörte, daß es Leute gibt, die +vermeinen, sich mit ihren toten Lieben in Verbindung setzen zu können, +jetzt verstehe ich sie. Auch dieser Wahn ist ein Trost. -- Nur zu mir +kommt niemand, weder die Mutter noch er. + +Und doch wird er unvergessen sein. Er soll leben in meiner Erinnerung +und in meinem Herzen. + +-- Der Tote ist tot und nur der Lebende hat Rechte, sagt man ja wohl. +Bei mir soll auch der Tote sein Recht behalten. -- -- + + * * * * * + +Ich bin so fremd hier geblieben, und das rächt sich jetzt. Kein Mensch +kommt zu mir, niemand sagt mir ein liebes, tröstendes Wort. + +In solchen Zeiten merkt man doch, daß es gut ist, wenn der Mensch zum +Menschen geht. + +Nur vom Kontor kommt ab und zu ein Herr zu mir. Er hat mir auch Werners +noch ausstehendes Gehalt gebracht und zudem eine kleine Summe, die jede +Witwe beim Tode ihres Mannes von der Gesellschaft erhält. + +Ich bin also nicht ganz mittellos, für einige Monate hätte ich zu leben. +Aber was dann? + +Die Frage wird immer dringender. Das Leben ist brutal in seinen +Forderungen. + +In meinen Schmerz und in meine Trauer drängt sich gewaltsam die Sorge +ums tägliche Brot. -- + + * * * * * + +Als ich heute Herrn Rehm meinen Wunsch andeutete, daß ich so gern nach +drüben an das Grab meines Gatten möchte, macht er mir einen Vorschlag, +der mir zuerst ganz ungeheuerlich, bei längerem Nachdenken aber gar +nicht so übel erscheint. + +Er meint, ich solle bei der Kompanie als Stewardeß fahren. -- + +Ein verlockender Vorschlag. + +Ich komme umsonst an das Ziel meiner Wünsche, und wenn es mir auf dem +Schiff nicht gefällt, so kann ich zu jeder Zeit wieder abgehen; eine +passende Stelle wird sich finden. + +Ein unangenehmes Gefühl beschleicht mich zwar, wenn ich an New York +denke, doch die Verlockung ist zu groß. Und bin ich jetzt nicht gefeit +gegen alles? + +Ein Fall wie der im vergangenen Jahre bei meiner Ausreise kann mir nicht +wieder passieren. -- -- + +Nur meine Jugend! Werde ich einem so verantwortungsvollen Posten +gewachsen sein? -- -- + + * * * * * + +Die Würfel sind gefallen. Ich komme auf einen neugebauten Dampfer, der +noch im Herbst seine erste Reise macht. -- + +Nun habe ich wieder alle möglichen neuen Sorgen. + +Die Wohnung aufgeben, ein Zimmer mieten, was nicht so leicht sein wird, +denn ich will meinen kleinen Pit behalten, und muß mir Leute aussuchen, +die gut zu ihm sind. + +Er ist so klug; alles versteht er. Und wenn ich ihm erzähle, daß +Frauchen ausgehen muß, dann weint er wie ein Kind. Er kuschelt sich in +meinem Schoß wie ein Igel zusammen. Es ist doch etwas Lebendes, das ich +um mich habe. Hoffentlich finde ich gute Pflege für ihn. Es gibt mir +wirklich ein wenig das Gefühl des Gehobenseins, wenn ich mir sage, ich +habe für etwas zu sorgen, ich muß Geld verdienen -- und wenn es auch nur +ein Hund ist. + +Nur ein Hund -- man sagt das so -- und welch ein Trost war er mir! +Wenigstens ein Geschöpf, das mich lieb hatte, das mein war und nicht mit +unbarmherzigem Forschen nach meiner Vergangenheit fragte. + +Oft sind Tiere besser als Menschen. + + + + +V. + +Als Stewardeß. + + +Eine neue Phase meines Lebens. + +Seit drei Tagen bin ich auf der »Nirwana« als Stewardeß. -- + +Noch kann ich nicht viel sagen, es wäre verfrüht, schon jetzt über +irgend etwas urteilen zu wollen. + +Der Dienst ist nicht so schwer wie ich gedacht. Kranke Damen bedienen, +ihnen etwas zu essen bringen und sonstige intimere Hilfeleistungen, bei +denen sie keine männliche Bedienung brauchen können, ab und zu ein Bad +fertig machen und den Damensalon in Ordnung halten, das wären so bis +jetzt meine Pflichten. Ob noch andere dazu kommen, muß ich abwarten. + +Das einfache schwarze Kleid, das ich trage, habe ich durch einen weißen +Kragen etwas freundlicher gestalten müssen. + +Ich gebe zu, daß das nötig war, man muß doch leicht kenntlich sein +zwischen den vielen Passagieren, aber es hat so was Zofenmäßiges an +sich, und das mag ich nicht. -- + +Meine Kollegin, mit der ich die Kabine teile, ist eine ältere Frau, die +Witwe eines früheren I. Offiziers der Gesellschaft. Sie hat vier Kinder +großzuziehen, und da sie bei dem Tode ihres Mannes vollständig ohne +Mittel zurückgeblieben ist, so hat sie die günstige Gelegenheit benutzt. +Sie hat recht, was soll eine Frau anfangen, die nichts weiter gelernt +hat als einen Haushalt zu führen, wenn sie in eine derartige Situation +gerät? Die Beschäftigung hier kommt der häuslichen am nächsten. -- + +Und von den weißen Häubchen kann man auch eine andere Auffassung haben. +Auch Krankenschwestern tragen Häubchen. -- + +Ja, ja, Frau Marie hat ganz recht, alles hat seine zwei Seiten. -- + + * * * * * + +Alles hat seine zwei Seiten, das merke ich auch im Dienst. + +Ich bin in Trauer um meinen Mann, der kaum zehn Wochen tot ist, aber das +hält die Männer nicht ab, mich mit begehrlichen Blicken zu verfolgen. + +Ich tue doch nun gewiß nichts, um sie zu ermuntern, aber auch gar +nichts. Ich war so ruhig, so zufrieden. Mein schwarzes Kleid schien mir +Schutz genug zu sein. + +Oft muß ich denken, ob ich wohl etwas Besonderes an mir habe, das die +Männer reizt? Ich bin doch nicht anders in meinem Auftreten als andere +Frauen auch. + +Haben die Männer eine besonders feine Nase für gewisse Dinge? Es ist +doch beinahe ein Jahr, daß ich aus jener Atmosphäre heraus bin. -- + +Aber nein, ich brauche keine Angst zu haben, niemand weiß etwas, niemand +kann etwas wissen. -- + + * * * * * + +Ich habe meiner Kollegin meine Not geklagt. Sie sagt, das mache meine +Jugend und Schönheit. -- + +Also muß ich wirklich schön sein, wenn sogar die Geschlechtsgenossinnen +es unumwunden zugeben. + +Ich könnte stolz darauf sein, denn Schönheit ist bekanntlich die größte +Macht eines Weibes. Aber Schönheit ist auch eine Gefahr, und für mich +war sie die letztere. -- + +Gewiß, wer klug ist und seine Waffen und Mittel zu gebrauchen versteht, +aber ich war bislang eben nicht klug. -- Doch werde ich mir jetzt Mühe +geben, es zu sein. + +Ich bin jetzt alt genug, habe genug durchgemacht, und wenn ich wirklich +noch etwas Gutes und Nützliches aus meinem Leben zimmern will, so ist es +Zeit. -- + +Ich muß für mich selbst denken und handeln, ich muß das Andenken meines +Mannes ehren. + +Mittwoch sind wir in New York, an seinem Grabe werde ich beten. Nicht zu +Gott, dem Unsichtbaren, der mich bisher immer verlassen, nein, zu ihm, +zu Werner, zu meinem Retter. -- -- + + * * * * * + +Gestern war ich endlich bei ihm. + +Sie haben ihn schön gebettet, und noch waren die Schleifen und Kränze +nicht zerstört, die man ihm von allen Seiten dargebracht hatte. + +Lange habe ich an seinem Grabe gekniet und leise Zwiesprache mit ihm +gehalten. Er hat mich gehört und verstanden. + +Mir war ganz anders zu Sinn, so froh, so voller Zuversicht ging ich auf +den Weg. + +Er wird mir beistehen, sein Geist wird um mich sein. -- -- + + * * * * * + +Wir haben nicht viel Passagiere, ich bin also nicht sehr beschäftigt. +Ich bin froh, daß die Tage in New York vorüber sind, ich hatte doch +immer noch etwas Furcht, obgleich es ja Unsinn ist. -- + +Und wenn mich wirklich jemand erkannt hätte, was wollten sie mir tun? +Überhaupt, wo drüben die Frauen so viel Rechte haben -- das heißt -- +wenn sie frei sind und Gebrauch davon machen können; denn ich habe +damals sehr wenig davon bemerkt. -- + +Ich habe mich schon ganz nett eingearbeitet. Der Kapitän ist ein +vornehmer alter Herr, der mir immer sehr freundlich zunickt, wenn er mir +mal begegnet. + +Auch der Obersteward, mein direkter Vorgesetzter, ist ganz nett. Sie +haben alle Mitleid mit mir, weil ich nach so kurzer Ehe und so jung +schon auf mich selbst angewiesen bin. + +Überhaupt finde ich, die Männer können unter Umständen ganz nett sein, +wenn sie nur nicht immer gleich das Weibchen in der Frau suchen würden. +-- -- + + * * * * * + +Unter den Passagieren ist ein Rechtsanwalt aus Patterson; schon am +dritten Tage machte er mir einen regelrechten Heiratsantrag. Er will +meinetwegen wieder mit der »Nirwana« zurück, dann will er mich auf einen +Tag abholen, will mir sein Haus zeigen usw. Ich sage zu allem ja. Er +kann lange warten; lieber gehe ich nach der Reise gar nicht an Land. -- + +Gebranntes Kind scheut's Feuer. -- + +Auf Steuerbordseite in Nr. 65 wohnt ein berühmter Sänger mit seiner +Frau. Er ist in Amerika auf einer Gastspieltournee gewesen. + +Gestern hatten wir etwas hohe See, da war seine Frau krank, und ich +mußte verschiedene Male zu ihr ins Zimmer. + +Gegen Abend traf ich auch den berühmten Mann. Er war sehr freundlich +und sagte dann zu seiner Frau: ich sei viel zu schade für dieses Leben +hier, ob ich kein Talent hätte, um zur Bühne zu gehen. Ich hätte eine +wundervolle elegante Figur und sei sehr schön. -- + +Seine Frau schalt ihn aus und sagte, er solle mir keine Dummheiten in +den Kopf setzen. -- + +Eifersüchtig scheint sie aber nicht zu sein. + +Sie hat mich dann gefragt, wie es komme, daß ich so jung schon einen +solchen Platz einnehme, da habe ich ihr von meiner kurzen Ehe und von +meinem Verlust erzählt; das, was vorherging, habe ich verschwiegen. + +Sie sagte, ich sei sehr tapfer. Ob ich gar keine Angehörigen mehr habe? +Ich sagte: Nein. + +Wozu soll ich mehr sagen? Ich muß lernen, Herz und Zunge im Zaume zu +halten. -- -- + + * * * * * + +Ich habe mir in der Bibliothek etwas zu lesen geholt. Die Abende sind so +lang, wenn man nicht genug zu tun hat, und für Handarbeiten war ich nie. + +Es ist ein englisches Buch und heißt: Wenn die Liebe stirbt. + +Eigentlich schrecklich, dieses langsame gegenseitige Erkalten zwischen +zwei Menschen, die sich einst so heiß geliebt. + +Ist das immer so? Und muß das sein? + +Dann müßte ich ja glücklich sein, daß Werner von mir gegangen ist. +Unsere Liebe war neu, groß, noch täglich im Wachsen. + +Sie war wie ein Sonnenaufgang. + +Zuerst war ich noch furchtsam und glaubte nicht an mein Glück, bis es +dann strahlend wie das Sonnenwunder vor mir stand. + +Aber doch -- etwas länger hätte es schon währen dürfen. -- -- + + * * * * * + +Wieder zu Hause. Ich habe mich so über meinen kleinen Pit gefreut, daß +ich wohl geweint habe. Wie war das Tier glücklich! Es konnte mir gar +nicht genug seine Freude und Liebe zeigen; den ganzen Abend ist es nicht +von meinem Schoß gegangen. Und fein war Pit! Frau Meyer hatte ihm extra +ein blaues Schleifchen umgebunden. -- -- + +Ich könnte nun eigentlich ganz zufrieden sein; verdient habe ich auch +ganz schön -- aber trotzdem, bleiben werde ich nicht in dieser Stellung. +Ich betrachte sie nur als Übergang. + +Ich werde mir etwas Geld sparen, da ich meine Kost an Bord habe, brauche +ich ja wenig, und ich will mich offenen Auges umsehen, um vor allen +Dingen einige Bekanntschaften zu machen. -- + +Wenn ich mit einer älteren Dame aus der ersten Kajüte gehen könnte, wäre +es das beste. + +Ich muß doch wieder drüben bleiben, so böse mir auch das erste Mal die +Neue Welt mitgespielt hat. Nur drüben ist die Möglichkeit für mich, hoch +zu kommen. + +Man wird doch nicht so sehr nach dem Woher und Wohin gefragt wie in +Deutschland. -- + + * * * * * + +Weihnacht auf See. + +Es war wunderschön. In jedem Salon war ein Baum auch im Zwischendeck und +in den Mannschaftsräumen. + +Im ersten Salon ging der Baum bis hinauf durch das große Skylight. + +Die Musik spielte überall den Weihnachtschoral, der Kapitän hielt eine +kleine Ansprache, es war wirklich wunderschön. + +Ich habe natürlich geweint, ganz furchtbar, ich mußte der beiden +vergangenen Weihnachten gedenken. -- + +Als alles vorüber war, habe ich mir ein Tuch umgeworfen und bin noch für +einige Augenblicke auf Deck gegangen. + +Die Nacht war kalt und klar. Kein Wind und kein Schnee, hoch und rein +wölbte sich der Himmel über der unendlichen Weite. -- + +Es sind meine schönsten Augenblicke, die ich mir auch beim schlechtesten +Wetter nicht nehmen lasse. + +Auf dem Bootsdeck ist ein wunderschönes Plätzchen zwischen dem +Maschinenskylight und dem Rauchzimmer. Hier ist es stets geschützt, auch +bei dem schlechtesten Wetter. + +Hier kann ich Ich sein. Hier auf diesem stillen Plätzchen, um mich die +Unendlichkeit, läßt es sich träumen. Mir ist dann, als ob meine Seele +Schwingen bekäme und über die Wellen eilte, um gleichgestimmte Genossen +zu suchen. -- + +Wenn schlechtes Wetter ist, schlinge ich den Arm um den eisernen Pfeiler +und lasse mich von den Wellen hin und her wiegen. + +Es ist ein Gefühl des Gehobenseins in mir. Losgelöst von aller +Erdenschwere schwebe ich mit meiner Seele über die unendlichen +Weiten. -- + +Heut' ist niemand auf den Decks. Was noch nicht schläft, sitzt in den +Rauchzimmern und feiert Weihnachten. -- -- + +Auch ich feiere Weihnacht -- heimlich und still mit meinem Liebsten. Ob +er wohl um mich ist heute? Und du, Mutter? + +Ob die abgeschiedenen Seelen sich begegnen im unendlichen Raum? + +Dann müßten jene beiden, die mir die liebsten waren auf dieser Welt, +zusammen sein. -- + +Ich muß so viel an das denken, was hinter jenem undurchdringlichen +Vorhang liegt, seit er von mir ging. Und doch werde ich auch mit all +meinem Grübeln nichts erforschen. + +Ist es nicht, als ob jemand auf mich zuschritte, als ob eine strahlende +Gestalt auf dem hellen Streif stünde, der über dem Wasser liegt? -- Und +der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Kinderglaube -- du bist so +tröstlich. -- + +Ich bin müde, so müde! Ich will schlafen gehen. -- + +Ich weiß nicht -- ich war immer so gesund und stark. Hunger und Schlaf +verließen mich auch in den schlimmsten Lagen meines Lebens nicht, und +nun? Ich grüble und habe schlaflose Nächte. + +Was ist mit mir? + + * * * * * + +Wir haben diese Reise einen Pfarrer an Bord, einen behäbigen Herrn in +mittleren Jahren. + +Leider widmet er meiner Person mehr Aufmerksamkeit als mir lieb ist. Er +scheint zu glauben, daß die Pflichten einer Stewardeß, noch dazu wenn +sie jung und hübsch ist, sich auch auf ein anderes Gebiet erstrecken. + +Er ist strenger Temperenzler -- nur Champagner trinkt er ziemlich viel +-- because the Doctor says so. + +Gestern abend ist er mir auf Deck gefolgt und hat mir einen kleinen +Vortrag über seine Gesundheit gehalten, und was ihm außer dem Champagner +der Arzt noch verordnet hat. + +Dann lud er mich zu einem Glase Sekt ein. Ich lehnte ab, auch sein +anderes Angebot mußte ich leider ablehnen. + +Ich fühlte ganz und gar kein Bedürfnis, bei dem geistlichen Herrn als +Medizin zu fungieren. -- + +Aber natürlich ist mir mein Erholungsplätzchen für diese Reise +verleidet. -- + +Wir legen auf -- vielmehr das Schiff legt auf --: vier Wochen. Ich +könnte mich eigentlich auch ein wenig freuen und im Grunde meines +Herzens tue ich es wirklich, denn es ist doch ganz schön, wenn man +wieder einmal ganz sich selbst gehört, nur wird diese Auflegezeit wieder +ein kleines Loch in meine Ersparnisse reißen. + +Ein paar hundert Mark habe ich doch schon zusammen, zum Drübenbleiben +langt es aber noch nicht. Und die Gelegenheit, mit einer Dame zu gehen, +hat sich noch nicht geboten. -- + +Ich werde in diesen Wochen allerlei ordnen. Vor allen Dingen muß ich +Werners Sachen einmal gut durchsehen. Ich muß mich über mich selbst +wundern, daß ich so ruhig sein kann bei diesem Gedanken. Vor einigen +Monaten hätte ich nichts anrühren können ohne vor Schmerz zu vergehen. +Und nun! Sein liebes Bild rückt in immer weitere Fernen. + +Die Zeit ist doch die beste Trösterin. Nie hätte ich geglaubt, als ich +mein Haupt verzweiflungsvoll in sein Kissen grub, daß ich einmal wieder +so ruhig an ihn denken könnte. + +Oder bin ich gar nicht fähig, die rechte Liebe zu empfinden und Treue zu +halten? Bald werde ich an mir selbst irre. + +Ist ein Weib wirklich ein so sonderbares, unergründliches Geschöpf, wie +die Buddhisten sagen? + +Sind andere Frauen besser oder sind sie nur klüger? + + * * * * * + +Es ist totenstill im Hause. Die Wirtsleute sind aus, und ich bin ganz +allein. Pit liegt auf meinem Schoß, und ich freue mich der Nähe des +kleinen, warmen Geschöpfes. + +Soeben las ich in einem französischen Buche den Satz: Glücklich sein ist +eine Kunst. -- Eine Kunst? Ich habe geglaubt, es sei ein Geschenk der +Götter. + +Ich bin leider kein Liebling der Götter! -- -- + + * * * * * + +Ich werde aufatmen, wenn die Auflegezeit vorüber ist. Ich bin nicht +geschaffen für ein stilles, ruhiges Leben ohne Zweck und Ziel. -- + +Als Werner noch lebte, drehte sich alles um ihn. Was ich tat, tat ich +für ihn und freute mich immer, wenn alles recht schön bei seiner +Heimkehr war. + +Jetzt hab' ich niemand, für den ich sorge, nur meinen kleinen, süßen +Pit, und der braucht so wenig. + + * * * * * + +Wieder auf der Fahrt. Ich bin froh, daß die einsamen Tage vorüber sind. +Es geht auf das Frühjahr zu, und wie alle an Bord sagen, gibt es nun +bald viel zu tun. Schon mit dieser Reise beginnt der Passagierandrang +von drüben. + +Mir ist es recht. Denn erstens habe ich dann keine Zeit zum Grübeln, und +die Unruhe in mir wird durch die Arbeit zum Schweigen gebracht, und +zweitens verdiene ich hoffentlich bald recht viel Geld und komme meinem +Ziele immer näher. -- -- + + * * * * * + +Seit Tagen fühle ich mich nicht recht wohl. Es ist eine Hitze im Schiff +zum Ersticken, an Schlaf ist kaum zu denken. + +Dazu diese Unruhe in mir! Ich fühle mich so unsicher, eine unbestimmte +Sehnsucht quält mich, wonach? -- -- -- + +Ich will meinen Schlafrock überwerfen, um noch ein Stündchen auf Deck zu +gehen. -- -- + + * * * * * + +Das hilft immer. Es ist etwas Großes um diese unendliche Einsamkeit. Nur +das Stampfen der mächtigen Riesen im Innern des Schiffes stört. Wie +schön muß es auf einem Segler sein! + + * * * * * + +Ich bin in einer schrecklichen Stimmung in diesen Tagen. + +Unzufriedenheit, Mitleid mit mir selbst und ein unbestimmtes Sehnen +liegen mir wie eine Krankheit in den Gliedern. + +Und habe ich nicht recht, Mitleid mit mir zu haben? Ist es nicht +wirklich etwas Bedauernswertes, so ein einsames, verlassenes, junges +Geschöpf, wie ich es bin?! + +Ein wenig Liebe, ein wenig Güte und Selbstlosigkeit würden mir gut tun, +aber wo sie finden? + +Man sagt: die Jugend ist nur glücklich in der Erwartung all des Großen +und Schönen, was das Leben bringen soll, und das Alter ist glücklich, +daß alles vorüber ist. -- + +Ich habe nicht bemerkt, daß ich jung war, soll ich mir wünschen, alt zu +sein? -- -- + + * * * * * + +Ich habe eine neue Bekanntschaft gemacht. + +Ein Deutschamerikaner, der zu Besuch nach der alten Heimat geht. Vom +ersten Tage an habe ich bemerkt, daß er nach mir sah, wenn ich über Deck +oder durch den Salon ging. + +Schon zu verschiedenen Malen hat er versucht, mit mir zu sprechen. Seine +Augen hängen voll unverhohlener Bewunderung an meinem Gesicht. Wenn er +jetzt wieder mit mir anfängt, werde ich ihn fragen, warum er ohne seine +Frau reist. + +Ich muß auf der Hut sein, nicht noch einmal darf ich das Recht zu +Selbstvorwürfen haben. -- + + * * * * * + +Mr. Siegel ist nicht verheiratet. Ich habe ihn gefragt, als er heute mit +mir zu sprechen anfing. + +Ich glaube, er hatte mich abgefangen, als ich von der alten Frau +Fletcher kam. Sie ist so krank, daß sie gar nicht aus dem Bett kann, ich +muß sie nun immer für die Nacht fertig machen und tue das meist so gegen +neun Uhr. -- + +Als ich nun vorhin von der alten Dame kam, stand Mr. Siegel vor dem +Salon und wartete. + +Er fragte sofort, warum ich ihm aus dem Wege gehe. + +Er scheint ziemlich gerade auf sein Ziel los zu steuern. + +Ich sagte ihm, daß ich mich nicht entsinnen könne, ihm aus dem Wege +gegangen zu sein, ich wüßte aber auch nicht, daß es zu meinen Pflichten +gehöre, mich mit den Herren zu beschäftigen. -- -- + +»Sie wissen ganz genau, was ich von Ihnen will. Sie wissen, daß ich Sie +suche vom ersten Tage an. Sie müßten kein Weib sein, wenn Sie das nicht +bemerkt hätten.« + +»Und wenn ich es bemerkt hätte? Was dann?« + +»Dann müssen Sie einen Grund haben, mir auszuweichen. Bin ich Ihnen +unsympathisch?« + +»Das weiß ich nicht! Darüber nachzudenken hatte ich keine Gelegenheit. +Im übrigen kann es Ihnen ja auch gleichgültig sein, ob ich Sie gern oder +weniger gern mag. In einigen Tagen sind wir in Europa, dann gehen Sie +fort und denken nicht mehr an uns hier. Und für uns kommen andere +Passagiere, so daß auch wir nicht mehr lange über die Fortgegangenen +nachdenken können.« + +»Ich werde aber an Sie denken! Und damit auch Sie mich nicht so rasch +vergessen, gebe ich Ihnen hier ein kleines Andenken. In zwei Monaten +komme ich zurück, ich hatte eigentlich schon einen Platz auf dem +»Moltke« belegt, aber das mache ich sofort rückgängig. Ich fahre wieder +mit diesem Dampfer.« + +»Das wird wahrscheinlich nichts werden; wir sind ausverkauft bis zum +Herbst hinein.« + +»Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer auf dem Sofa schlafen +soll, ich komme schon mit.« + +Es kamen Passagiere, und ich lief durch den Salon, unwillkürlich das +lange, flache Kästchen, das Mr. Siegel mir in die Hand gedrückt hatte, +unter der Schürze verbergend. + +Ich lief in mein Zimmer; ich war neugierig, was es war. + +Eine wunderhübsche kleine Tasche aus rötlichem Leder mit altsilbernen +Beschlägen -- so wie sie die Damen in Amerika statt des Portemonnaies +tragen, war in dem Kasten. Wunderhübsch! Ja, aber -- warum habe ich es +angenommen? Ich darf das Ding doch nicht behalten, auf keinen Fall! Und +wie kommt dieser Mensch dazu, mir ein solches Geschenk zu machen? Ob er +die Tasche an Bord gekauft hat? Oder drüben? + +Einerlei, was geht es mich an. Sofort morgen früh werde ich mich +erkundigen, wo er wohnt, und werde ihm die Tasche durch seinen +Zimmersteward wieder zurückgeben lassen. + +Schade! Sie ist reizend! -- -- -- -- + + * * * * * + +Ich war noch ein Stündchen auf Deck. Ach, es ist wundervoll. + +Allein mit der Natur! Gibt es etwas Erfrischenderes als diese herbe, +kräftige Seeluft? Wenn man barhäuptig dasteht und sich anblasen läßt? + +Ich fühle mich dann wie ein Mann, stark, kräftig, unternehmungslustig. +Ach ja, ein Mann! Ich möchte ein Mann sein. Ein Seemann! + +Fechten mit Sturm und Wetter. Die Kräfte messen an den Aufgaben, die +Natur und Technik uns stellt. -- + +Aber ich bin nur ein Weib -- ein schwaches Weib -- wie man sagt. + +Warum sind wir schwächer als die Männer? + +Und sind wir es denn wirklich? + +Könnte ich nicht ebensogut mit Ölrock und Südwester da oben stehen, wie +der vierte Offizier, dieser kleine dicke Junge, der aussieht wie ein +recht gut gefüttertes Muttersöhnchen? + +Aber nein, ich bin ein Mädchen, ich muß recht schön hier unten bleiben, +muß zufrieden sein, wenn ein Mann sich herbeiläßt, mir seine +Aufmerksamkeit zu schenken. -- + +Der Teufel hole sie alle! Was will nun dieser Siegel wieder von mir? +Warum stört er meine Ruhe? + +Ich könnte ihn schon leiden, er ist ein rechter Mann. -- + +Ein offenes, schönes Auge, kurzes, starkes Haar und einen wunderhübschen +Mund, eigentlich viel zu schön für einen Mann. + +Auch seine ganze Art und Weise gefällt mir. + +Wie alt er wohl sein mag? Nicht mehr sehr jung. Fünf-, sechsunddreißig? +Viel zu alt für mich mit meinen achtzehn Jahren. -- Lotte, Lotte, wohin +verirrst du dich! Geh schlafen, dann vergehen dir die dummen Gedanken. +-- -- + + * * * * * + +Der Steward hat mir die Tasche wiedergebracht, Mr. Siegel kenne sie +nicht; es sei wohl ein Irrtum. -- + +Nun liegt sie wieder in meiner Koje. Was mache ich damit? Ich kann das +hübsche Ding doch nicht einfach über Bord werfen! Der Mann zwingt mich +wirklich dazu, an ihn zu denken. -- + + * * * * * + +Morgen kommen wir an. Mr. Siegel hat mich diese Tage nicht wieder +angesprochen, nur heute abend war er mir auf Deck gefolgt. + +Er muß doch also gewußt haben, daß ich abends immer noch nach oben gehe. +Nett von ihm, daß er mich bis jetzt nicht gestört hat. Er will allen +Ernstes mit uns zurück und hofft, daß ich dann etwas liebenswürdiger zu +ihm bin. + +Ich habe ihm gesagt, daß ich niemals anders zu ihm sein würde. Überhaupt +solle er mich in Ruhe lassen. Die Männer seien alle schlecht, er auch -- +gewiß, er auch! -- + +»Liebes Kind, wer sagt Ihnen, daß die Männer so schlecht sind? Haben Sie +so früh schon böse Erfahrungen gemacht?« + +Ich antwortete nicht. Ich wurde ganz verlegen -- -- wenn er wüßte -- --! + +»Ich habe gehört, daß Ihnen Ihr Mann nach kurzer Ehe gestorben ist. War +er nicht gut zu Ihnen? Undenkbar!« + +»Oh, mein Mann!« rief ich, und stockte, in diesem Ausruf lag schon viel +zu viel. -- + +»Ich will Ihnen jetzt Lebewohl sagen,« fuhr Mr. Siegel fort. »Lebewohl +und auf Wiedersehen. Denn ich werde Sie wiedersehen. Und versuchen Sie +einstweilen, ohne Vorurteil an mich zu denken. Ich war bis jetzt noch +nie schlecht gegen eine Frau. -- Ich hatte keine Zeit, mich mit ihnen zu +beschäftigen, weder im Guten noch im Bösen. Jetzt habe ich Zeit, da +dürfen Sie es mir nicht verdenken, wenn ich mich freue, daß mir ein +solches Prachtexemplar in die Hände läuft. Doch nun Adio. Auf +Wiedersehen in acht Wochen.« + +Er gab mir nicht die Hand, er zog nur seinen Hut und blieb stehen, bis +ich die Treppe zum Bootsdeck hinauf war. -- + + * * * * * + +Zwei Stunden später. + +Ich kann wieder mal nicht schlafen. Ich liege und simuliere und grüble, +bis mir die Schläfen hämmern. + +Diese Männer! Warum beunruhigt mich nur das alles? Was will er von mir? + +Welche Frage! Was sie alle von uns wollen. Außer ihm, außer Werner. + +Schütze du mich, Liebster, schütze mich vor mir selbst, vor meinen +eigenen, jungen, sehnsüchtigen Gedanken. -- + + * * * * * + +Herrn Siegel habe ich nicht mehr gesehen bei der Ankunft. Es war solch +ein Trubel. Die Empfangs- und Zollhalle ist viel zu klein bei so vielen +Passagieren. + +Ein prachtvoller Rosenstrauß wurde mir heute früh von einem +Gärtnerburschen gebracht. + +Nur eine Karte war dabei. »C. W. Siegel« -- sonst nichts. + +Herr Siegel sorgt also dafür, daß ich ihn nicht vergesse. -- + +Mein kleiner Pit freut sich immer, wenn ich komme. Es ist merkwürdig, +wie anhänglich so ein Tier ist. + +Es ist für mich ein Trost, doch etwas zu haben, was mir ganz und gar +gehört; ich möchte mich nie von ihm trennen, ist es doch auch noch ein +Stück Erinnerung an mein kurzes Eheglück. -- + + * * * * * + +Seit drei Tagen sind wir wieder auf See. + +Ich habe diesesmal ein kleines, dreijähriges Mädchen in meinem Zimmer, +ein reizendes, kleines Ding. + +Die Mutter ist in New York und erwartet dort ihren Liebling. + +Eine ältere Dame brachte das Kind in Southampton an Bord. Ich habe sehr +viel zu tun, jede freie Minute muß ich dem Kinde widmen. Es ist nur gut, +daß wir nach drüben zu jetzt nicht so viel Passagiere haben, so bleibt +mir doch etwas mehr Zeit für die Kleine. -- + + * * * * * + +Tagsüber setze ich die Kleine oft ein Stündchen in den Damensalon. Die +Damen beschäftigen sich dann alle gern ein wenig mit ihr, und ich kann +in dieser Zeit etwas anderes erledigen. Auch ein Herr ist zwischen den +Passagieren, der sich oft eine ganze Weile mit dem Kinde beschäftigt. + +So nett und lieb spielt er mit ihm, wie ich es einem Manne gar nicht +zugetraut hätte. Heute Nachmittag habe ich ihm eine Zeitlang zugesehen, +ohne daß er mich bemerkte. -- + +Mir kam Werner in den Sinn. Wie schön, wenn mir dieses Glück beschieden +gewesen wäre. -- + +Vorbei -- für mich scheint kein ruhiges Glück im Schoße der Zeit zu +harren. -- + + * * * * * + +Heute morgen um zehn Uhr waren wir bei Sandy Hook Feuerschiff und +sollten schon gegen zwölf Uhr am Pier in Hoboken sein. + +Aber es wurde nachmittags zwei Uhr, ehe wir anlegten. Wie auf Bestellung +kam ein Nebel, dick wie ein Londoner Novembernebel. + +Wir mußten warten, bis es sich wenigstens ein klein wenig aufgeklärt +hatte, um durch die hier stets massenhaft aus- und einfahrenden Schiffe +durchzukommen. + +Schrecklich ist so eine Verzögerung. Die Passagiere stellen sich dann +an, als wäre der Kapitän und die ganze Schiffsbesatzung für das Wetter +verantwortlich, und sie verlören durch die kleine Verzögerung mindestens +ein halbes Vermögen. + +Unangenehm ist das Warten ja, aber am unangenehmsten doch für die am +Pier stehenden Angehörigen. Diesesmal speziell für die in Angst und +Sorge wartende Mutter der kleinen Elsie. + +Sie stand unten, als das Schiff anlegte. Ich hatte das Kind auf dem Arm +und lehnte mich an die Reeling. Durch ihr heftiges Winken wurde ich +aufmerksam und zeigte der Kleinen die Mutter, doch das Kind schien sie +nicht mehr zu kennen. + +Der Steg war noch nicht fest, da versuchte die Mutter als erste +heraufzulaufen; man hielt sie fest. Der erste Offizier, der am Fallreep +stand, hatte Mitleid mit der Ärmsten und holte sie herauf. + +Nie werde ich den Schrei vergessen, mit dem sie auf mich zustürzte. Sie +wollte mir das Kind aus dem Arm nehmen, brach aber buchstäblich vor +meinen Füßen zusammen. -- + +O, Mutterliebe, du rätselvolles Heiligtum, wirst du auch mir noch +aufgehen? -- -- + +Den Bemühungen des Arztes gelang es bald, die junge Frau zur Besinnung +zu bringen. Sie saß dann noch ein Stündchen im Damensalon, ihr kleines +Mädchen neben sich, und freute sich, es glücklich hier zu haben. + +Sie wußte gar nicht, wie sie mir danken sollte, daß ich ihr ihren +Liebling gebracht. + +Als sie fortging, wollte sie mir etwas geben -- Geld -- ich habe es +nicht genommen. So gern ich Geld verdiene, hier war es mir unmöglich, +etwas zu nehmen. Die Frau sah überdies nicht danach aus, als ob sie mit +Glücksgütern allzu reichlich gesegnet sei. -- + +Sie will mich in den nächsten Tagen noch einmal besuchen. Darauf freue +ich mich. + + * * * * * + +Mr. Siegel hatte ich ganz vergessen über meinem kleinen Passagier. Heute +wurde ich wieder an ihn erinnert. + +Ein Korb wundervoller Rosen wurde für mich abgegeben. Alle +tiefdunkelrot. -- Der Brief, der die Bestellung enthalten hat, muß mit +uns gegangen sein. + +Es ist doch wirklich zu reizend von ihm! Aber -- Vorsicht! War nicht +Herbert Smith auch sehr aufmerksam? + +Wir sind in Amerika, im Lande der Freiheit! + +Man hüte sich also! + + * * * * * + +Wir haben noch mehr Passagiere auf der Rückfahrt als wir erwartet +hatten. Alles drängt aus diesem Fegefeuer fort. Uns wird es schon die +paar Tage zu viel. + +Im Pier ist aber die Hitze auch zeitweise unerträglich. + +Kein Luftzug, dazu nachts diese hochbeinigen Plagegeister, die +Moskitos. -- + +Am Tage vor der Abfahrt war ein Kohlenzieher an Land gewesen und hatte +des Guten etwas zuviel getan; in seinem Dusel legt er sich zwischen die +Warenballen im Pier und schläft ein. + +Am andern Morgen konnte er nicht aus den Augen sehen, so zerstochen war +er. Sein Gesicht sah aus wie eine riesige Melone. -- + + * * * * * + +Bald sind wir wieder daheim. -- + +Ich bin wirklich begierig, ob mich auch da wieder ein blühender Gruß +erwartet. Es würde mir etwas fehlen, wenn dem nicht so wäre.......... + +Dieser Mann kennt die Frauen, obgleich er sagt, daß er bis jetzt noch +keine Zeit für sie gehabt habe. -- + +Ich kann mich gar nicht mehr darauf besinnen, was er für Augen hat. In +den Augen liegt das Herz........ + +Ich bin eine zu schlechte Menschenkennerin, da wird es mir wohl mit den +Augen ebenso gehen. -- + + * * * * * + +Wir haben nichts Besonderes an Bord diese Reise. Nach und nach habe ich +mich auch schon so eingelebt, daß ich gar nicht mehr nach dem Einzelnen +hinsehe. + +Irgend etwas passiert ja jede Reise. Auch nette Damen, die den Herren +gern gefällig sind, gibt es fast immer dabei, man wird als Stewardeß +doch so manches gewahr. -- + +Ich bin ja nun auch nicht mehr so dumm. -- + +Diesesmal ist in Nr. 42 eine Jüdin, ein schönes, üppiges Weib, ich +möchte darauf wetten, daß der Geigenvirtuose aus Nr. 10 nicht nur zu +einer Tasse Tee zu ihr geht, wenn er abends um zehn Uhr immer so rasch +ins Zimmer schlüpft. -- -- + + * * * * * + +Morgen sind wir da. Ich bin ganz unruhig vor lauter Erwartung, ob ein +duftender Gruß da ist. + +Dieser böse Mensch bringt mit seinen Rosen meine ganze, mühsam +erzwungene Ruhe wieder in Aufruhr. + +Was er wohl ist? Ob er ein Geschäft hat? Oder vielleicht Farmer? Das +wäre schön! Ich mochte immer gern auf dem Lande sein, nur einmal hatte +ich Sehnsucht nach der Stadt. -- + +Aber was fällt mir denn ein! Ich glaube, ich träume wachenden Auges. Was +geht es mich an, was dieser Mann ist? + +Aber seine Rosen sind doch schön. + + * * * * * + +Rote Rosen! Rot wie Rubinen oder wie Blutstropfen, die aus dem Herzen +eines liebenden Weibes strömen. + +Gleich bei meiner Ankunft wurde mir ein Korb gebracht. + +Ich war ordentlich zufrieden als sie ankamen. Als ob ich ein Recht +darauf hätte. + +Das Herz ist ein sonderbares Ding, die besten Vorsätze wirft es über den +Haufen. -- + +Ich will noch bis Oktober fahren, dann bleibe ich drüben. -- + +Ich werde auf dieser Reise einmal zu den Pfarrersleuten gehen in der II. +Avenue; die sind lange im Lande, über dreißig Jahre, die werden mir +gewiß raten. + +Bis jetzt war ich noch nicht ein einziges Mal in New York; es war mir +immer noch etwas unbehaglich bei dem Gedanken. Nur Hoboken und der +Kirchhof auf dem Berge, das waren meine Ausgehziele. + +Nach Werners Grab mochte ich die letzte Zeit gar nicht. Ich hatte ein +schlechtes Gewissen. -- Ich habe immer das Gefühl, als ob Werner es +wissen müßte, daß ich ihm untreu war, wenn auch nur in Gedanken. Doch +wenn er es weiß und als verklärter Geist oder als Astralkörper um mich +ist, dann wird er auch mein Inneres kennen, wird die Leidenschaften und +Triebe verstehen, die die Natur in mich gelegt -- und mir verzeihen. -- + + * * * * * + +Der Rechtsanwalt ist diese Reise wieder hier. + +Er kam gleich auf mich zu, als die Passagiere ankamen, und schien sich +wirklich zu freuen. + +Es kann ja sein, daß er ein ganz guter Mensch ist und absolut nichts +Böses mit mir im Sinne hat, aber nach meiner schlimmen Erfahrung von +damals sehe ich beinahe in jedem männlichen Wesen einen Schuft. -- + +Wir haben auch schon wieder allerlei Passagiere nach drüben zu, da die +Heimkehr der Vergnügungsreisenden bereits wieder einsetzt. -- + + * * * * * + +Abends elf Uhr. + +Ich habe wieder einmal ein Stündchen auf meinem Lieblingsplätzchen +gesessen. Wir haben so wunderbar schönes, klares Wetter, daß man meint, +die hellen, leichten Wölkchen, die da und dort eilend am Himmel +hinziehen, wären von der Hand eines gottbegnadeten Künstlers auf diesen +durchsichtigen Hintergrund gemalt. + +Mit sehnsüchtigen Blicken folgen ihnen meine Augen. + +Was drängt und treibt in meiner Brust? Wo liegt für mich die Zukunft? +Die Zukunft und das Glück? + +Wenn ich nur nicht mehr so gar jung wäre! Wie ruhig und zufrieden ist +meine Kollegin, sie freut sich, wenn sie so viel verdient, daß sie gut +für ihre Kinder sorgen kann, weiter gehen ihre Wünsche nicht. Wäre ich +wenigstens vierzig Jahre alt. Vierzig Jahre! Eine lange Wegstrecke liegt +vor mir bis dahin. Werde ich sie allein zurücklegen oder --? + +Die Luft ist klar und rein, ich aber stehe wie in einem dicken, +undurchdringlichen Nebel. + +Was verbirgt er vor mir? -- + +Geh schlafen, Lotte, geh schlafen! Was hilft dein Grübeln über Jugend +und Alter, solange noch das Blut heiß und verlangend durch die Adern +pulst. + +Ach, es ist schwer, den ruhig abgemessenen Schritt der reiferen Jahre zu +wandern. -- -- + + * * * * * + +Mr. Turner, der Rechtsanwalt, bat mich heute, ihm einen Tag zu +bestimmen, an dem ich mit ihm ausgehen wolle. + +Ich habe ihm gesagt, ich ginge nicht mit fremden Herren spazieren. + +Er machte mir darauf den Vorschlag, noch jemand von Bord mitzunehmen, +falls ich nicht mit ihm allein gehen wolle. + +Wir sollten bei ihm zu Mittag essen und Nachmittags würden wir eine +schöne Ausfahrt machen, in den Centralpark oder nach Coney Island +hinüber. Da hätte ich nun wirklich Lust. Von Coney Island habe ich schon +so viel gehört. -- Aber wen soll ich mitnehmen? + +Ich muß mal mit meiner Kollegin sprechen. -- + + * * * * * + +Gestern abend hatten wir ein tragikomisches Erlebnis in der zweiten +Kajüte. Im zweiten Salon war Konzert; ich ging über den Vorplatz, um +noch einige Minuten auf Deck zu gehen; da wurde gerade der Brautchor aus +Lohengrin gespielt. + +Ich blieb an der Treppe stehen und hörte zu. Da kam eine Dame aus dem +Salon und verwickelte mich in ein Gespräch; wir setzten uns auf das Sofa +und plauderten immer weiter. + +Im Salon wurde mittlerweile ein Gassenhauer oder so etwas Ähnliches +gespielt, bei dem die Musiker mitsangen. Am Schluß kam immer der +Refrain: Aujust, sollst mal runter kommen! Aujust! Aujust! -- + +Neben dem Salon am Fuße der Treppe liegt auf der Backbordseite die +Herrentoilette. -- + +In dem Augenblick als im Salon das Singen aufhörte, flog die Tür zur +Toilette auf; der Rechtsanwalt, notdürftig sein Beinkleid mit den Händen +haltend, stürzt angsterfüllt einige Stufen die Treppe herauf auf uns zu +und stammelt: »Feuer? Feuer im Schiff?« Dann brach er zusammen. + +Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was los war, dann begriff ich +den Zusammenhang. -- + +Aujust -- Feuer. So hatte er mißverstanden. + +Der arme Kerl, er schämte sich hernach seiner Furcht, und am andern Tage +war er ganz krank, er hatte einen richtigen Nervenchock gehabt. Der +Vorfall kam auch vor den Kapitän, und in Zukunft dürfen solche Sachen +nicht mehr gespielt werden. Obgleich die Passagiere, wenn sie in +Stimmung sind, immer gerade diesen Blödsinn haben wollen. -- -- + + * * * * * + +Mr. Turner ist wieder wohlauf. Zuerst schien es ihm ein wenig peinlich +zu sein, daß ich ihn in dieser Verfassung gesehen, aber am zweiten Tage +hatte er sein ganzes Selbstbewußtsein wiedergefunden. Er läßt nicht nach +mit Bitten, einen Tag mit ihm auszugehen. -- + +Frau Martens, meine Kollegin, will mich begleiten, und außerdem will +unser Kapellmeister, der ein Landsmann von Frau Martens ist, auch noch +mit. + +Er sagte zwar zu mir: »Wenn der Mensch etwas Böses im Schilde führt, +nützt unsere Begleitung auch nichts. Wenn er mit Ihnen allein sein will, +braucht er bloß einen Schutzmann anzurufen und ihm zu sagen, daß wir ihn +belästigen, und sofort werden wir beide mitgenommen. Der Rechtsanwalt +gibt seine Adresse an, und der ehrenwerte Hüter des Gesetzes weiß, daß +er am anderen Tage ein schönes Geschäft macht. -- + +Uns beide lassen sie nach einigen Stunden laufen, sie haben sich dann +eben geirrt.« -- + +Ja, ja, in Amerika wird alles gemacht. -- -- + + * * * * * + +Wir gehen doch! Der Kapellmeister ist schon öfter in Coney Island +gewesen und sagt, es sei sehr interessant. Und ich möchte zu gern mal +hin. Seit ich hier an Bord bin, war ich noch nicht ein einziges Mal an +Land, außer auf dem Kirchhof. Auch da will ich hin in diesen Tagen. Ich +muß zu Werner, um in seiner Nähe meine Gefühle zu prüfen. Ich bin über +mich selbst in Unruhe. + +Acht Monate sind es her, seit Werner tot ist; ich dachte damals, ich +würde nie wieder lachen können, würde nie wieder an ein Vergnügen +denken, und jetzt? + +Ich schäme mich manchmal meiner selbst. -- + + * * * * * + +Heute, am Ankunftstag, war auch wieder ein Korb Rosen für mich da. Ich +hatte beinahe nicht daran gedacht über all dem Ankunftstrubel. -- + +Wir hatten einen Ausreißer an Bord und wußten nichts davon. Erst als bei +Sandy Hook Bundesmarschall Bernhard an Bord kam, erfuhren wir, was wir +für interessante Ladung gehabt hatten. + +Einen Bankdirektor mit seiner Geliebten. + +Dieser Bernhard ist ein schrecklicher Spürhund, er hatte die beiden +sofort. + +Der Herr, der unter anderm Namen in die Passagierliste eingetragen war, +wurde leichenblaß, als Bernhard ihn plötzlich ganz jovial mit seinem +rechten Namen anredete. Er tat mir ordentlich leid. + +Nun müssen beide wieder mit zurück, aber dieses Mal nicht in der ersten +Kajüte. -- -- + + * * * * * + +Ich habe erst heute, nachdem wir schon wieder zwei Tage auf See sind, +einige Minuten Zeit, ein wenig mit dir zu plaudern. -- + +Ich bin also wirklich mit Mr. Turner ausgewesen. Frau Martens und der +Kapellmeister sind mit mir gegangen. + +Mr. Turner holte uns am Ferryboot ab und ging erst mit uns nach dem +Hoffmannhaus, wo wir ein Glas Wein tranken. Dann rief er ein Auto und +fuhr mit uns durch den Park. -- + +Ich wäre furchtbar gern mal den Broadway hinauf gefahren und hätte nach +dem Hause gesehen, aber ich wagte nicht, etwas davon zu sagen. + +Wer weiß auch, ob ich es gefunden hätte. Ich bin bei Nacht heraus, ich +weiß nicht mal, wie es aussieht. -- + +Nach der Fahrt haben wir dann am oberen Broadway gegessen; geluncht, wie +man hier sagt. + +Mittags um eins lunchen sie und abends um sechs essen sie zu Mittag. -- + +Nachdem fuhren wir hinüber nach Coney Island. + +Mr. Turner war sehr nett und ganz anständig zu mir. Aber -- aber -- ein +Wolf im Schafspelz ist er doch. -- + +Unterwegs hat er mir erzählt, er habe keine Frau, und nun ist er doch +verheiratet, deshalb hat er auch im Restaurant mit uns gegessen. Er sagt +natürlich, er lebe schon seit Jahren getrennt von seiner Frau, innerlich +seien sie schon längst geschieden und nur der Kinder wegen dränge er auf +keine öffentliche Scheidung. + +»Bis jetzt ist es mir auch gleichgültig gewesen,« sagte er im Laufe des +Gesprächs. »Aber seit ich Sie gesehen, drückt mich die Fessel. Noch nie +habe ich ein Weib gekannt, das all meine Sinne und Gedanken so gefangen +genommen hat wie Sie. Könnten Sie mich lieben? Könnten Sie vergessen, +daß ich kein freier Mann bin, und könnten Sie trotzdem Ihr Geschick in +meine Hände legen? Ich würde alles für Sie tun!« + +»Wie meinen Sie das? Sie sagten doch selbst, daß Ihre Frau noch lebt.« + +»Ich sagte Ihnen doch, heiraten kann ich Sie nicht, so gern ich auch +möchte. Aber trotz alledem, Sie sollen leben wie eine Fürstin, wenn Sie +mich nur ein klein wenig wiederlieben......... + +Ich bin reich, reicher als die Welt vermutet. Sie sollen alles haben, +was Ihnen das Leben angenehm machen kann. Reisen, Schmuck, Toiletten, +eine reizende kleine Wohnung, und nichts anderes sollen Sie mir dafür +geben als sich selbst, Ihren schönen jugendlichen Körper, Ihre Liebe.« + +-- Nichts anderes?!! -- Ah! + +»Und Ihre Frau?« + +»Oh, meine Frau!« sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Was +geht sie mich an? Ich gebe ihr genug, daß sie ein vornehmes Leben führen +kann, mehr verlangt sie nicht von mir. Das einzige, was mich an unser +Haus fesselt, sind die Kinder. Keinen Augenblick würde ich mich +besinnen, meine Ehe zu lösen, wenn die Kinder nicht wären.« -- -- + +Er sprach gut, der Herr Rechtsanwalt, und vielleicht hätte er Erfolg +gehabt, hätte eine andere neben ihm gesessen, ein harmloses, dummes +Ding. Aber so! + +Doch es hieß vorsichtig sein, ihn nicht vor den Kopf stoßen, damit unser +schöner Ausflug nicht mit einem Mißton endete. -- + +Frau Härtens und Herr Lünsberg saßen auf der andern Seite des Fährbootes +-- wir waren auf der Rückfahrt von Coney Island -- und unterhielten +sich; sie ahnten nicht, was Herr Turner für wunderschöne Luftschlösser +vor mir aufbaute. + +»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Turner. Aber Sie werden verstehen, es +ist eine Sache, die überlegt sein will. Geben Sie mir eine Reise +Bedenkzeit, ich will mit mir zu Rate gehen, es ist doch immerhin eine +einschneidende Frage, die Sie da an mich stellen.« + +»Gewiß, gewiß, das kann ich verstehen. Nur sagen Sie mir das eine, +lieben Sie einen andern Mann?« + +»Nein,« sagte ich mit voller Überzeugung, »ich liebe keinen Lebenden. +Der einzige, den ich geliebt, der liegt drüben in Jersey City unterm +kühlen Rasen.« + +Er schwieg einen Augenblick, die Erinnerung an den Tod war ihm wohl +etwas unbehaglich. Dann fuhr er rasch fort: + +»Dann bin ich beruhigt. Wenn mir sonst nichts im Wege steht, werden Sie +mich lieben lernen. Ich werde so gut zu Ihnen sein, daß Sie gar nicht +anders können.« + +Ich schwieg. Was sollte ich darauf erwidern? Mochte er glücklich sein in +dem Gedanken. -- + +Als wir in New York ankamen, war es bereits neun Uhr. Doch Mr. Turner in +seiner frohen, siegesgewissen Stimmung ließ uns noch nicht los. Wir +mußten noch mit ihm dinieren. Er fuhr uns zum Atlantic-Garden, einer +kleinen Oase in dem Steinmeer der Großstadt, und da haben wir noch ein +paar wirklich vergnügte Stunden verlebt. + +New York kann also auch schön sein, wenn man es in der rechten +Gesellschaft und in der rechten Beleuchtung sieht. -- + +Unser splendider Gastgeber ließ ein Menü zusammenstellen, das sich essen +ließ. Dazu einen wirklich guten Chambertin. -- + +Wir waren alle in bester Stimmung, unser Kapellmeisterchen hatte sogar +einen regelrechten kleinen Spitz. + +Alle unsere guten Vorsätze waren vergessen, und wenn jetzt der +Rechtsanwalt etwas Böses im Schilde geführt hätte, wäre es ihm nicht +schwer geworden, es auszuführen. -- + +Aber er selbst war viel zu selig, zweimal selig: vom Wein und von der +Liebe. -- -- + + * * * * * + +Es war ein schöner Tag, ich kann nicht anders sagen, und es hat mich +nicht gereut, mitgegangen zu sein. Die Arbeit geht noch einmal so gut +von der Hand, wenn man dazwischen auch einmal ein wenig Vergnügen hat. +Schwarzbrot allein schmeckt auch nicht immer. -- + +Wir haben zur Heimreise das Schiff nicht mehr sehr voll; im August flaut +es immer stark ab. Auf der nächsten Ausreise werden wir dafür um so mehr +Passagiere haben; sicher sind auch alle Offizierszimmer vermietet. -- + +Ob wohl Mr. Siegel mitkommt? Ob er noch einen Platz erhalten hat? Ich +muß doch sehen, daß ich so bald wie möglich eine Passagierliste +bekomme. -- + +Ich bin wirklich neugierig -- nur neugierig. -- -- + + * * * * * + +Ich will froh sein, wenn diese Reise zu Ende ist. Ich habe eine Unruhe +in mir, die mich kaum schlafen läßt. -- + +Ist es die Ahnung vor etwas Unbestimmtem? + +Wenn ich jemand hätte, der mir nahe stünde, so würde ich fürchten, es +sei etwas passiert, aber so? Wessen Geschick geht mich etwas an? Nur +mein kleiner Pit freut sich auf mein Kommen, sonst niemand. -- -- + + * * * * * + +Der übliche Rosenstrauß erwartete mich, aber kein Wort, ob er kommt. Ich +bin so erregt, daß ich gar nicht weiß, wie ich die Tage hinbringen soll. + +Warum beunruhigt mich dieser Mann so mit seinen Blumen? + +Eine leichtsinnige Tändelei sieht ihm nicht ähnlich. + +Dieser breitschultrige, kräftige Mann mit den scharfen Zügen hat mir +nicht den Eindruck gemacht, als ob er seine Zeit mit Nichtigkeiten +hinbrächte. + +Wäre es doch schon Mittwoch! Die Tasche habe ich noch nicht ein einziges +Mal gebraucht, wann sollte ich auch? Noch bin ich in Trauer um meinen +Gatten, und meine schwarzen Kleider vertragen keine so prunkvollen +Beigaben. -- -- + + * * * * * + +Morgen fahren wir ab. Ich bin in einer Unruhe, für die ich mir selbst am +liebsten die Erklärung schuldig bliebe. + +Ich kann nicht sagen, daß ich mich glücklich fühle, im Gegenteil, mir +ist ganz miserabel zumute. -- + +Ich habe mir die Passagierliste beim Obersteward durchgesehen, sein Name +ist nicht darin. -- + +Aber was geht es schließlich auch mich an, mit welchem Schiff Mr. C. W. +Siegel aus Chikago nach Hause fährt. + +Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Lotte, und schäme dich! +Jawohl, schäme dich! Schreib' es ruhig nieder, damit du es schwarz auf +weiß vor dir hast. Gefällt es dir? Ganz ohne beschönigendes Mäntelchen? +Denkst schon wieder an einen Mann und läßt dich durch den Gedanken an +ihn beunruhigen, noch ehe dein Gatte ein Jahr tot ist! + +Er, der so gut zu dir war und den du nie vergessen wolltest! -- + +Gewiß, ich schäme mich. Aber gibt es nicht doch eine Entschuldigung für +mich? Ist es nicht natürlich, wenn ich in meinem Alter den Wunsch habe, +noch einmal wieder in andere Verhältnisse zu kommen. Und daß ich dies +nur an der Hand eines guten, starken Mannes kann, weiß ich jetzt. Hätte +ich etwas Tüchtiges gelernt, dann wäre es etwas anderes, aber so? + +Ich möchte recht stark und selbständig sein. Ein Weib wie Katharina die +Zweite oder, um in der Jetztzeit zu bleiben, wie Henriette Goldsmith. +Zielbewußt und kraftvoll. + +Vielleicht werde ich es noch. Schicksal und Schicksalsschläge schmieden +Charaktere. + +Und ich will mir Mühe geben, ein ganzer Mensch zu werden. -- + +Die Männer sind besser daran als wir Frauen, schon von klein auf wird +mehr Selbstbewußtsein in sie hineingepflanzt. -- + +An uns rächt sich die alte Vernachlässigung. -- + +Nur ein Mädchen! + +Ich habe mir immer gewünscht, ein Mann zu sein, nun will ich mein Bestes +tun, um ein kraftvolles, selbstbewußtes Weib zu werden. -- + + * * * * * + +Er ist doch da. Und ich habe mich gefreut, als ich ihn das Fallreep +heraufkommen sah, als ob mir Gott weiß was widerfahren wäre. -- + +Wenn ich mir selbst Rechenschaft ablegen sollte, warum ich mich so +gefreut, so kann ich es nicht sagen, und doch ist es so; dich, mein +kleines Buch, brauche ich ja nicht zu belügen. + +Es war mir, als würde ein Druck von meinem Herzen genommen. + +Auch seine Augen leuchteten auf, ich sah es wohl, bin dann aber rasch +nach unten gegangen in mein Zimmer. + +Mittags ein Uhr gingen wir in See, und jetzt ist es vier Uhr. + +Ich habe eine abergläubische Furcht, aus der Kabine zu gehen, und doch +muß ich mich jetzt nach meinen Passagieren umsehen. Also geh' an die +Arbeit, Lotte, wovor fürchtest du dich? Fürchtest du dich vor etwas, das +du herbeigesehnt? + +Das Herz ist ein sonderbares Ding, es will oft ganz etwas anderes als +-- als -- Lotte, Lotte -- sag' ruhig die Wahrheit. -- + + * * * * * + +Mr. Siegel hat meine Gewohnheit nicht vergessen. + +Nachdem ich ihn den ganzen Nachmittag nicht gesehen, stand er auf Deck, +als ich etwas nach neun Uhr nach oben ging. -- + +Um die Wahrheit zu sagen -- ich hatte es erwartet. Es wäre widersinnig +gewesen, wenn er mich nicht gesucht hätte. -- + +Die Rosengaben wären dann nur einer Laune entsprungen, und danach sieht +er mir nicht aus. -- + +Als ich die Treppe zum Bootsdeck heraufkam, war ich vom Licht noch etwas +geblendet und konnte die dunkle Gestalt an der Ecke des Skylights nicht +gleich entdecken. -- + +»Guten Abend, Frau Lotti,« scholl eine gedämpfte Stimme aus dem +Halbdunkel. + +Ich war im Augenblick doch etwas erschrocken. + +»Oh! Sie sind es, Mr. Siegel! Wie geht es Ihnen?« + +»Ausgezeichnet! Und Ihnen? Haben Sie zuweilen an mich gedacht?« + +»Dafür haben Sie ja gesorgt. Ich muß mich wohl bedanken für die schönen +Blumen -- aber -- warum haben Sie das getan? Warum --«. + +»Warum? Das fragen Sie noch? Aber ich will es Ihnen erklären, wenn es +einer Erklärung bedarf, wenn Ihnen Ihr Herz nicht selbst die Antwort +gibt. Sagen Sie mir die Wahrheit, Frau Lotti, muß ich Ihnen wirklich +mein Tun mit dürren Worten erklären?« + +Ich wurde über und über rot, es war gut, daß es dunkel war, so sah er +meine Verlegenheit nicht. Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte. + +Es ist schrecklich! Vorläufig bin ich noch weit von meinem Ideal +entfernt. -- + +Mr. Siegel fuhr fort: »Sagen Sie mir nur das eine: Haben Sie zuweilen an +mich gedacht?« + +»Das mußte ich schon. Ihre schönen Rosen sorgten dafür, daß ich den +Spender nicht vergaß.« + +»Und haben sie Ihnen Freude gemacht?« + +»Gewiß, das heißt bedingungsweise. Um die Wahrheit zu sagen, haben sie +mich mehr beunruhigt als erfreut. Kurz und gut -- Sie hätten es nicht +tun sollen, Mr. Siegel.« -- + +Ich hatte meine Verlegenheit überwunden und sprach nun ruhig und +sachlich. + +Einen Augenblick schwieg er und sah mich forschend an, dann sagte er +kurz und ohne Umschweife: »Wollen Sie meine Frau werden?« + +Das war kurz und bündig. + +Einen Augenblick blieb es still zwischen uns, dann sagte ich langsam: +»Wissen Sie denn auch, wen Sie zu Ihrer Frau begehren?« + +Einen Moment stutzte er, dann sagte er: »Ich frage nicht nach dem +Woher. Ich verlasse mich auf meine Augen und auf meinen Instinkt. Ich +habe mich bis jetzt noch nie geirrt, wenn ich mir jemand für eine +wichtige Sache ausgesucht habe. Ich nehme auch hier die Verantwortung +auf mich.« + +»Und daß ich nach Woher und Wohin fragen könnte, daran denken Sie wohl +nicht? Leiden Sie auch an der allgemein verbreiteten Einbildung der +Herren, wonach ein Weib froh sein muß, wenn ein Mann es begehrt?« + +»Aber, teure Frau, Sie tun mir unrecht. Im Gegenteil, ich würde es als +ein ganz unerhörtes Glück betrachten, wenn Sie mich nur ein wenig, ein +ganz klein wenig lieben könnten. Und alles, was Sie über meine Person +wissen müssen, das sollen Sie erfahren. + +Ich bin kein Mann von vielen Worten, aber das muß ich Ihnen sagen: vom +ersten Sehen an stand es bei mir fest: Die soll es sein. -- Ich glaube, +Sie können ein guter Kamerad sein, Frau Lotti! Nicht wahr?« + +Ich stand wortlos da. + +Was sollte ich sagen? Hier war Erlösung aus dem jetzigen Verhältnis. +Aber -- noch liebte ich diesen Mann nicht, so sehr ich mich auch auf ihn +gefreut hatte. Noch liebte ich ihn nicht, das war mir klar. Er ist mir +sehr sympathisch, er hat ein schönes Organ, und überhaupt sein ganzes +Wesen ist mir überaus angenehm. + +Er ist nicht hübsch, kein sogenannter schöner Mann. Aber das ist auch +nicht nötig; meist sind schöne Männer unausstehlich eitel. -- + +»Haben Sie keine Antwort für mich, Frau Lotti?« fragte die Stimme neben +mir. + +»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Geben Sie mir Zeit. Und dann -- Sie +wissen, daß mein Mann erst seit elf Monaten tot ist, ich habe ihn sehr +geliebt.« + +»Ich weiß es. Ich bin nicht eifersüchtig auf den Toten. Ich gönne ihm +gern Ihr schmerzliches Gedenken. Sie selbst aber gehören dem Leben, dem +roten, leuchtenden, vollpulsierenden Leben.« + +Er griff nach meiner schlaff herniederhängenden Hand und drückte einen +feurigen Kuß darauf. + +Hastig zog ich sie zurück. + +»Lassen Sie mich jetzt allein, Mr. Siegel. Ich muß noch ein Stündchen +allein mit dem Meere sein. Morgen, übermorgen, sprechen wir weiter +darüber.« + +»Lassen Sie mich nicht zu lange warten, teure Frau. Ich warte, warte mit +Ungeduld.« + +Als er gegangen, lehnte ich mich über die Reeling und sah in das +schäumende Wasser. Wie Myriaden kleiner Fünkchen brach es sich in den +Wellen am Bug des Schiffes. -- + +Auch das Meer hat seine Sterne! Oder sind es Sterne, die vom Himmel +gefallen sind? + +Gefallene Sterne? + +Gefallene Sterne -- und doch leuchten sie noch. + +Könnte ich es als Sinnbild betrachten! Als Sinnbild meines +Lebens?......... + +Was für eine Antwort werde ich diesem Manne geben? Was für eine Antwort +darf ich ihm geben? + +Ist es Betrug, wenn ich sein Weib werde, ohne ihm zu sagen, was hinter +mir liegt? + +Hat er ein Recht auf meine Vergangenheit? + +-- -- Nein, er hat kein Recht darauf. -- -- + +Ich weiß, ich stehe im Widerspruch mit unseren herrschenden +Anschauungen, ich weiß, ich muß diesen Entschluß mit meiner Ruhe +erkaufen. -- + +Sei es drum! + +Nie würde es dem Manne einfallen, dem Weibe, das er erwählt, vor der +Hochzeit alle dunklen Punkte seiner Vergangenheit aufzudecken. Er fühlt +sich viel zu wohl in der Rolle des Helden, zu dem man hinaufsieht, um +diesen Nimbus von selbst zu zerstören. -- + +Warum soll ein Weib nicht dieselben Rechte haben? + +Gleiches Recht für alle! + +Der Mann ist aus genau demselben Stoff wie die Frau. Das, was er als +Vorrecht für sich in Anspruch nimmt, hat er sich selbst angemaßt. Ich +will dieselben Rechte beanspruchen. -- + +Das Weib befindet sich dem Manne gegenüber sowieso in ständiger Notwehr +-- und da sind alle Mittel erlaubt. -- -- + + * * * * * + +Liebe und Glück! Sind sie immer zusammen, diese beiden? + +Oder kann ich auch ohne Liebe ein wenig Glück in der Ehe finden? Ich bin +schon jetzt entschlossen, den Antrag dieses Mannes anzunehmen. Ich bin +ihm zugetan und ich glaube, er ist ein Mann, den man achten muß. Daß ich +zu ihm aufsehe, wie zu einem Halbgott, wie man es so oft in +überschwenglichen Romanen liest, das verlangt er nicht von mir. -- Und +ich würde es auch nicht tun. -- + + * * * * * + +Mr. Siegel schickt mir soeben einen Brief. -- + +Nicht eigentlich einen Brief, es sind vielmehr Aufzeichnungen über sein +Leben und Wirken. Kurz und prägnant, ganz wie er selbst. -- + +Als sechzehnjähriger Junge aus Deutschland ausgewandert, hat er in +Amerika so ziemlich alles versucht, was Arbeit heißt, bis er durch +Zufall nach Chikago verschlagen worden ist. + +Mit fünf Cents in der Tasche ist er dort angekommen, heute besitzt er +eine große Fleischkonservenfabrik und beschäftigt bereits über hundert +Personen. + +Das ist gewiß etwas! Für mich ist es die erste Staffel auf der Leiter. +-- Ich bin mir bewußt, daß wir, falls ich die Gattin dieses Mannes +werde, auf dieser Staffel nicht stehen bleiben werden. -- + +Hat mich das Leben um das Schönste betrogen, so soll es mir dafür etwas +anderes geben: Reichtum. + +Und dieser Mann ist dazu wie geschaffen, mit ihm muß es sich gut und +sicher wandern lassen. -- + +Aber noch will ich warten. Ein Jahr wenigstens will ich den +Witwenschleier tragen. + +Obgleich -- wenn ich mir gegenüber ehrlich sein will -- es ja doch nur +äußerlich ist. In Wirklichkeit war ich dem Toten doch schon längst +untreu. Denn auch der Gedanke an einen anderen Mann ist +Treulosigkeit. -- + + * * * * * + +Heute, am Tage vor der Ankunft in New York habe ich mich mit Mr. Siegel +ausgesprochen. + +Ich bin sehr zufrieden, ich glaube, daß ich diesen Schritt nicht bereuen +werde. + +Mr. Siegel ist ein Mann von außergewöhnlicher Regsamkeit, den das Leben +ganz gehörig zwischen die Scheren genommen hat. + +Daß er sich nicht hat unterkriegen lassen, ist ein gutes Zeichen. Wir +passen in gewisser Weise sehr gut zusammen, auch ich habe mich nicht +zermalmen lassen. + +Nur darf er das nicht wissen. -- + +Hoffentlich fragt er mich nie nach meiner Vergangenheit. Sagen würde ich +ihm doch nichts, aber es ist gut, wenn ich nicht zu lügen brauche. -- + + * * * * * + +Wir haben soeben einen recht heftigen Gewittersturm gehabt. + +Niemand dachte mehr an schlechtes Wetter so kurz vor der Ankunft, und +alles freute sich schon auf morgen, da kam noch einmal ganz unerwartet +die Seekrankheit. Beim Diner waren fast alle Plätze leer, sogar die +Herren konnten nicht widerstehen. -- + +Ich bin nachher noch auf Deck gewesen, es war wunderbar klare, schöne +Luft, nachdem es ausgetobt. + +Mr. Siegel suchte mich auf und hat allerlei mit mir besprochen. + +Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, meine überflüssigen +Sachen verkaufen und als Passagier mit der »Nirwana« zurückkommen. -- + +Das erstere werde ich tun, das letztere nicht, wozu? + +Ich fahre als Stewardeß und mustere in New York ab, wozu unnütz Geld +ausgeben? + +Vorläufig habe ich sowieso nicht allzu viel, und es widerstrebt mir, +etwas von ihm anzunehmen, bevor ich sein Weib bin. + +Auf der Rückreise können sie mich an Bord ganz gut entbehren, wir haben +nach draußen zu jetzt doch wenig Passagiere. -- + +Aber meinen süßen, kleinen Pit muß ich mitnehmen. Ob er wohl seekrank +wird? + + * * * * * + +Gestern bin ich noch einmal an Werners Grab gewesen. Ich habe Abschied +genommen auf lange Zeit, vielleicht für immer. + +Es war, trotz aller schlimmen Erfahrungen, ein seliges Stück meiner +Jugend, das da oben auf dem stillen Friedhof auf der Höhe ruht. Die +schmerzlichen Tränen, die ich geweint, bringen es mir nicht zurück. + +Und doch, wie wandelbar ist der Mensch! + +Wer mir vor elf Monaten gesagt hätte, daß ich einmal wieder so ruhig +über alles denken würde, ich hätte ihn für roh und gefühllos gehalten. +Und nun? Ja, ja, es ist schon so, das Leben ist brutal. -- + + * * * * * + +Zum letzten Male zu Hause. + +Noch einmal bin ich um den Außendeich gegangen. -- + +Es wird Herbst. Kalt und unfreundlich bläst der Wind über das Wasser. +Die Sonne hat ihre strahlende Glut verloren, fahl und glanzlos versinkt +sie in den Wellen. + +Lange starre ich in die verglimmenden Farben. + +Könnte ich schauend vergessen, was mir das Leben getan! + +Doch Kopf hoch! Ich werde es vergessen, denn ich muß. Das Leben ist zu +hart, um nur zu schauen und zu träumen. -- + +Das alles sage ich mir, und doch wende ich mich traurig um und lenke +meine Schritte heimwärts. -- + +Wie das Laub zu meinen Füßen starb mein schöner Sommertraum. -- + + * * * * * + +Die letzte Reise! + +Eigentlich ist es mir trotz alledem etwas wehmütig zu Sinn. Es war doch +ein interessanter Abschnitt meines wechselvollen Daseins. -- Was für +Gestalten gehen an einem vorüber! In wie manches Schicksal sieht man +hinein! + +Glück und Unglück, Haß und Neid, Liebe und Abneigung, Gleichgültigkeit +und Verachtung -- wie nahe kommt es einem, und wie eng zusammengedrängt +ist es zwischen den Wänden dieser schwimmenden Riesen. Mancher Bund wird +geschlossen und manches noch so fest scheinende Band löst sich. + +Kaleidoskopartig wechselt es von Reise zu Reise. + +Vorbei! -- + +Meinen kleinen Pit darf ich leider nicht bei mir haben. Er ist ganz oben +auf dem obersten Deck in der Hundevilla. Noch zwei kleine reizende Kerls +sind bei ihm und eine prachtvolle siamesische Katze, die einer älteren +Dame gehört. + +Gesellschaft hat er also genug. Trotzdem sitzen alle Bewohner der Villa +verdrossen in ihrem Käfig, und Pit ist immer halb wahnsinnig, wenn ich +hinaufkomme und ihn ein halbes Stündchen auf Deck lasse. + + * * * * * + +Um zehn Uhr waren wir am Pier; Mr. Siegel war schon da und winkte von +weitem. + +Als die Passagiere gelandet, kam er sofort an Bord und brachte mir einen +Strauß roter Rosen, dieselbe Farbe wie immer. + +Ich freute mich doch sehr, ihn zu sehen; obgleich ich keinen Augenblick +daran gezweifelt habe, daß er Wort halten würde, war es mir doch immer, +als ob es gar nicht wahr sein könnte. -- + +Heute nachmittag mustere ich ab und morgen gehe ich vom Schiff. + +Mr. Siegel war beim Kapitän und hat mit ihm gesprochen, er wird morgen +mit uns fahren und unser Trauzeuge sein. + +Es war mir sehr angenehm, denn trotz aller Vernunftgründe beschlich mich +zuweilen doch ein unangenehmes Gefühl, wenn ich an meine erste +amerikanische Trauungsfahrt dachte. -- + +Dies ist nun die dritte, der Himmel mag mir beistehen, daß es zum Guten +ausfällt. + + + + +VI. + +Im sichern Hafen. + + +In der kleinen evangelischen Kirche auf dem Berge sind wir getraut. Nach +der Trauung sind wir alle -- Kapitän Heymann, Pastor Morris, seine Frau +und wir beide -- nach New York gefahren, wo Mr. Siegel, vielmehr mein +Mann, im Astoria ein exquisites kleines Diner bestellt hatte. Wir waren +recht vergnügt zusammen, und Kapitän Heymann hielt sogar noch eine +launige Rede, in der er bedauerte, daß er nicht jede Reise eine junge, +hübsche Stewardeß zu verheiraten habe. -- + +Ich fürchte nur, es wird auch nicht oft einen Mr. Siegel geben. -- + +Nach dem Essen, als wir allein waren, bat ich meinen Mann, noch eine +kleine Ausfahrt mit mir zu machen. -- + +Ich bin mir selbst nicht klar über das, was in mir vorging. + +Ein beinahe krankhaftes Verlangen beherrschte mich, jenes Haus einmal +wiederzusehen. + +Wie es den Verbrecher unwiderstehlich an den Ort seiner Schandtat +treibt, so geht es mir mit jenem Hause. + +Langsam fuhren wir am Broadway hinauf, durch den Centralpark und die +fünfte Avenue wieder herunter. + +Aufmerksam habe ich jedes Haus geprüft, ich konnte es nicht finden. +Manchmal meinte ich wohl, das muß es sein, dann wurde ich wieder irre. +Alle Häuser haben Fenster, und ich meine, dieser Kerker habe nach der +Straße zu keine Fenster gehabt. -- + +Auch an den Doktor muß ich denken; wüßte ich nur seinen Namen und seine +Adresse, so würde ich ihn von meinen veränderten Verhältnissen in +Kenntnis setzen. + +Auch Werners Tod hätte ich ihm melden müssen, er hat es um mich +verdient. Es ist schade, daß ich nicht weiß, wie er heißt. -- -- + +Heute Abend fahren wir weiter. -- + +Leb' wohl für einige Zeit, mein treuer Weggenoß; möchte es nur Gutes +sein, was ich dir ferner anzuvertrauen habe. -- -- -- + + * * * * * + +Sechs Wochen später. + +Wir sind noch für drei Wochen in dem idyllisch gelegenen Seebad Bar +Harbour gewesen. Wie ein kleines Paradies ist dieses Fleckchen Erde, und +ich war glücklich, restlos glücklich. + +Keine Angst, keine Sorgen, ein Gatte, der mir jeden Wunsch an den Augen +absieht -- es ist doch schön auf der Welt. -- + +Schön, solange man jung ist. Auch ohne die vielgepriesene Liebe. + + * * * * * + +Chikago, den 28. Oktober. + +Mein Gatte muß doch reicher sein als ich gedacht. Das »kleine Häuschen«, +das er nach seiner Rückkehr von Europa gekauft, ist ein ganz stattlicher +Bau und liegt in einem prachtvollen, alten Garten am Lake Shore Drive. +Das Haus hat früher einem reichen Schweinezüchter gehört, und mein Mann +hat es hauptsächlich meinetwegen gekauft, da ihm sein altes Haus an +Sheridan Road nicht hübsch genug war. + +Ich bin ihm sehr dankbar, wir leben in glücklichster Gemeinschaft und +kein Schatten trübt unser Leben. + +Ich will ihm eine treue und gute Gefährtin sein. Nie soll er empfinden, +daß nicht mein volles Herz ihm gehört. -- + + * * * * * + +Ich habe dich lange nicht in Händen gehabt, kleines Buch. Mein Leben +läuft so glatt und ereignislos dahin, daß ich kaum etwas aufzuzeichnen +habe. Ich lebe, wie eine Amerikanerin der besseren Stände lebt. -- + +Mit meinem Manne verbindet mich innigste Freundschaft. + +Er bespricht alles mit mir und freut sich, daß ich seinem Wirken und +Schaffen so lebhaftes Interesse entgegenbringe. -- + +Und mir wiederum macht es Freude, daß ich teilhaben darf an seiner +Arbeit. -- + +Trotzdem bin ich nicht voll befriedigt, ich habe noch zu viel +unausgefüllte Zeit. + +Ja, wenn ich ein Kind hätte! Ob ich vergebens auf dies höchste Glück +warte? Auch mein Mann würde sich freuen, und ich würde ihm doch so gern +einmal eine recht große Freude machen. -- + +Ich muß jetzt oft wieder an den 20. Februar vor zwei Jahren denken. +Welches Glück empfände mein Mann, wenn ich ihm einen Knaben schenkte, +und wie unwillkommen war das arme Kind damals! Ob es wirklich tot ist? + +Ich habe ein so sonderbares Gefühl, eine Art Unterbewußtsein, das mir +sagt, mein Kind lebt. -- + +Wer gibt mir Gewißheit? -- + + * * * * * + +Ich bin einige Monate recht faul gewesen. -- + +Im Unglück und in der Einsamkeit habe ich mich immer zu dir geflüchtet, +jetzt, in meinem wohleingerichteten Leben vergesse ich dich oft, kleiner +Freund. + +Eine Entschuldigung habe ich wenigstens: ich hatte keine Zeit. + +Wir sind einige Monate auf Reisen gewesen. Drei Wochen in Ägypten und +drei Wochen in Italien, von wo aus wir einen kleinen Abstecher nach +Paris gemacht haben. -- + +Mein Mann ist zu gut, die ganze Welt möchte er mir zeigen, er weiß gar +nicht, was er mir alles Liebes erweisen soll. Und ich stehe so bettelarm +daneben und kann ihm gar nichts geben, nicht einmal ein ganzes volles +Herz. -- + +Ob er nie etwas vermißt? Glühende Küsse, stürmische Umarmungen? + +Ich bin ihm sehr gut -- aber ich bin mir zuweilen selbst ein Rätsel. +Nichts treibt mich zum Manne. + +Ich bin doch jung, sehr jung! + +Aber nie mehr seit jenen heißen, schwülen Sommernächten auf dem +heimatlichen Gut fiebert mein Blut dem Manne entgegen. -- + +Auch bei aller Liebe zu Werner, es war nichts Stürmisches, kein +leidenschaftliches Begehren in meiner Liebe. + +Ruhig und still wie ein linder Sommerabend. + +Oft denke ich, ich habe zu früh vom Baume der Erkenntnis gegessen. +Vielleicht war mein Körper doch noch nicht entwickelt genug, um den +Anforderungen ohne Schaden gerecht zu werden, die das Mutterwerden an +das Weib stellt. -- -- + +Oder ist es das verdorbene, degenerierte Blut des Vaters, das dies +sonderbare Wesen aus mir gemacht hat? + +Ich erzähle dir wieder allen möglichen Unsinn, du mein kleiner, +verschwiegener Freund; und ich wollte dir doch nur sagen, daß ich sehr, +sehr glücklich sein könnte, wenn -- + + * * * * * + +Mein kleiner, süßer Pit. Ich hatte ihn zurückgelassen, nun war er wie +von Sinnen, als ich heimkam, und ging mir nicht vom Schoß. Ich werde ihn +jetzt immer mitnehmen, wenn ich auf Reisen gehe. -- + + * * * * * + +Heute ist mein zwanzigster Geburtstag; ich wollte, es wäre der +vierzigste. Ich fühle mich auch viel eher wie vierzig. -- + +Ich weiß nicht, ich kann in der letzten Zeit gar nicht so recht von +Herzen froh sein. Ich bin im Gegenteil sonderbar trüb gestimmt. + +Ich möchte schreiben und kann nicht. Ein geheimnisvolles Glücksgefühl +keimt leise, ganz leise in meinem Innern. -- + + * * * * * + +Ich habe nie leicht geweint. Es war mir immer unsympathisch, wenn Frauen +um jede Kleinigkeit in Tränen zerflossen. Aber jetzt bin ich selbst die +reine Trauerweide. Um nichts muß ich weinen. -- + +Pit tröstet mich, er will mir immer die Tränen von den Wangen küssen. +Sonderbar, gerade als ob er wüßte, daß Tränen an den Wimpern etwas +Schmerzliches bedeuten. -- + +Und müde bin ich, so müde. -- + +Mein Mann ist von einer Aufmerksamkeit, die geradezu rührend ist. Ob er +etwas ahnt? Noch habe ich ihm nichts gesagt, die Enttäuschung wäre sonst +zu groß. Später. -- -- + + * * * * * + +Weihnachten! + +Ich bin beschenkt worden wie eine Fürstin, und doch sagt mein Mann, ich +habe ihm noch viel mehr gegeben. + +Er ist außer sich vor Glück. Aber ich glaube, er wünscht sehr, daß es +ein Junge ist. Ich nicht, ich möchte viel lieber ein Mädchen. Jungens +gehören der Mutter nie so lange wie ein Mädchen. -- + +Und doch sollte ich andererseits gar nicht den Wunsch haben, der Welt +ein solches Wesen zu schenken. Wie leicht kann ihm einmal mein eigenes +Schicksal zustoßen. -- + +Aber nein! Das sind Hirngespinste. + +Ich werde dafür sorgen, daß meine Tochter einst gewappnet ins Leben +tritt. Meine Tochter! Meine Tochter! Welch süßer Klang in meinem Ohr! + + * * * * * + +Heute bin ich zum ersten Male wieder vollständig außer Bett, und da +sollst du, mein geduldiger Freund, auch sogleich mein neues Glück +erfahren. + +Ich bin Mutter! + +Weißt du, was dieses Wort bedeutet? Was es für mich bedeutet? + +Und auch mein innigster Wunsch ist erfüllt. Es ist ein Mädchen, ein +kleines, süßes Mädchen. + +Ob mein Mann enttäuscht war? Ich weiß es nicht, gefühlt habe ich es +nicht. Seine Liebe und Fürsorge gehen ins Ungemessene. -- + +Und ich? Muß ich dir sagen, _wie_ glücklich ich bin? Das süße, kleine +Geschöpf, dem ich jetzt alles bin! + +Mein Mann wollte eine Amme, um mich zu schonen, aber ich gebe mein Kind +keiner fremden Person; das höchste Glück, das kleine Wesen an der Brust +zu haben, gönne ich niemand. -- + +Drollig ist es, Pit zu beobachten. Er ist richtig eifersüchtig. Wenn ich +das Kind auf dem Schoß habe, weint und jammert er, kratzt an meinem +Kleid und geberdet sich ganz unsinnig. Lege ich das Kind in sein +Bettchen, so springt er mit einem Seufzer der Erleichterung auf meinen +Schoß und kuschelt sich umständlich zurecht, dabei fortwährend +entrüstete Blicke nach dem kleinen Eindringling werfend. + + * * * * * + +Mein Mann findet, daß mich die Pflege des Kindes zu sehr anstrengt. Ich +soll es nicht mehr stillen oder soll an einen schönen Platz aufs Land, +wo ich gute, frische Milch und reine Luft habe. + +Ich gehe also lieber aufs Land, damit ich meinen kleinen Liebling noch +länger ganz für mich allein habe. + +Das Kind entwickelt sich prächtig, und mein Mann ist ganz vernarrt. +Seine Enttäuschung über den ausgebliebenen Thronfolger hat er +verschmerzt. Oder hofft er noch? -- + +Nein, ich möchte keinen Jungen haben. Ein Junge, der mir aus den Händen +wächst und vielleicht auch einmal Wege geht, auf denen die Weiblichkeit +durch den Schlamm gezogen wird. -- -- + + * * * * * + +Mowbray, Rocky Mountains, den 6. Juni. + +Ich habe heute eine Begegnung gehabt, die mich bis ins Innerste +erschüttert hat. Alles, die ganze Vergangenheit ist mit einem Schlage +wieder lebendig geworden. -- + +Ich habe den Doktor getroffen, meinen Doktor! + +Er ist für einige Wochen hier zur Erholung. -- + +Nun weiß ich auch seinen Namen. Curtis heißt er. + +Doktor Curtis freute sich sehr, als er mich sah, war aber natürlich +ebenso sehr verwundert, mich hier im Westen zu sehen. + +Zuerst war ich natürlich doch etwas beunruhigt, aber ich brauche ihn +nicht zu fürchten, er ist ein anständiger Mensch, und niemand wird etwas +durch ihn erfahren. Warum hätte er sich auch wohl so viel Mühe mit +meiner Rettung gegeben? + +Ich bin jetzt auch lange nicht mehr so in Sorge wegen meiner +Vergangenheit; wer soll mich hier wohl erkennen? In einer Hafenstadt ist +es doch schon anders. -- + +Lange haben wir auf der Bank gesessen, meine ganze Geschichte habe ich +ihm erzählt, und herzliche Worte sprach er über den armen Werner. + +Auch über die schrecklichen Verhältnisse in diesen Häusern, +hauptsächlich in den Hafenstädten, haben wir gesprochen. Eine Änderung +wäre nur mit Hilfe der Regierung und einer eingreifenden Gesetzgebung +möglich. + +Der Doktor ist nie wieder bei der Rottmann gewesen. Auf meine Bitte will +er nach seiner Heimkehr einmal hin. Wenn die Bronja noch da ist und sie +will heraus, soll er ihr behilflich sein. + +Ich habe Geld genug, und mein Mann gibt mir gern ein paar tausend +Dollars, wenn ich ihn darum bitte, ohne zu fragen wofür. + +Nur meinen Namen darf der Doktor nicht nennen. -- -- + + * * * * * + +Ich bin ganz allein im Wald. Mein Töchterchen ist mit der Wärterin im +Garten; ich war so unruhig, ich mußte eine Strecke laufen. -- + +Hier ist es himmlisch, die Unruhe fällt von mir wie ein schwerer, +stickender Dunst. + +Wie ein Dom wölben sich die Jahrhunderte alten Bäume über mir. Die Hände +eines Künstlers hätten es nicht schöner schaffen können. Wie sanft +spielt das grünliche Licht in den Zweigen. Von Baum zu Baum winden sich +Schmarotzerpflanzen mit leuchtenden Blumen. Eine fast tropische +Überschwenglichkeit herrscht. Der Fuß versinkt wie in dicken Teppichen. + +Kann man sich unglücklich fühlen in solcher Umgebung? -- -- + + * * * * * + +Der Doktor ist abgereist, er wird mir schreiben, sobald er mir etwas zu +berichten hat. + +Auch ich werde mich zur Heimkehr rüsten, ich sehne mich nach meinem Heim +und seinem Herrn. + + * * * * * + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Lange Jahre sind es her, seit ich nicht mehr in mein Büchlein +geschrieben habe. Oft hatte ich es in Händen und ließ die eng +beschriebenen Seiten durch die Finger gleiten, doch nichts, was mir des +Aufzeichnens wert schien, ist in diesen Jahren durch mein Leben +gegangen. -- + +Einfache tägliche Erlebnisse, kleine Freuden, kleine Leiden. -- + +Mein Töchterchen wächst heran und verspricht körperlich und geistig das +Beste. Meinem Manne bin ich in den letzten Jahren immer unentbehrlicher +geworden bei seinen ausgedehnten Geschäften, und das erfüllt mich mit +ganz besonderem Stolz. Es zeigt mir, daß ein Weib doch auch zu etwas +anderem zu gebrauchen ist, als nur zu inhaltlosen Tändeleien. + +Ich habe also in gewisser Weise erreicht, was ich erreichen wollte, und +könnte dich nun endgültig zur Seite legen, mein kleiner papierener +Freund. + +Aber -- ich kann es doch nicht. Es ist mir wie ein Unrecht, das ich an +dir begehe. -- + +Und dann, ich möchte, falls ich früher sterbe als mein Mann, das Buch in +seine Hände legen, damit er sieht, wen er an sein Herz genommen hatte. +Stirbt mein Mann vor mir, so soll meine Tochter die Aufzeichnungen ihrer +Mutter lesen, sie wird daraus ersehen, wie viel ein Weib ertragen kann, +ohne daß es seelisch zugrunde geht. -- + +Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, daß Bronja wieder in +ihrer Heimat ist. Der Doktor hat ihr zweitausend Dollars gegeben, hat +ihr ein Billett besorgt und sie auch nach dem Dampfer gebracht. Sie hat +so große Sehnsucht nach ihrem Kinde gehabt. + +Mögen die guten Wünsche, die sie für die unbekannte Wohltäterin +ausgesprochen, sich an ihr selbst erfüllen! -- + + * * * * * + +Wir gehen in diesem Frühjahr nach Europa. Mein Mann ist gar nicht recht +wohl; ein Herzleiden, das er schon längere Jahre hat, macht ihm viel zu +schaffen. + +Die Geschäfte bringen zuviel Aufregung, er muß deshalb einmal +vollständig ausspannen. -- + +In Bad Nauheim werde ich dafür sorgen, daß ihm jede Aufregung fern +bleibt. + +Wir sind reich, sehr reich. + +Daran, daß ich mir in keiner Weise Beschränkungen aufzulegen brauchte, +merkte ich schon früher, daß wir über reiche Mittel zu verfügen hatten. +In den letzten Jahren, wo ich mich um alle geschäftlichen +Angelegenheiten kümmere, weiß ich, daß wir nicht mehr zu arbeiten +brauchten. Aber es geht mir genau wie meinem Manne, ich könnte mich +nicht darein denken, daß alles, sein ganzes Lebenswerk, für andere +geschaffen sein sollte. + +Und ist nicht die Arbeit eine herrliche Trösterin? + + * * * * * + +Lou freut sich furchtbar auf unsere Reise. Sie ist nun zehn Jahre alt +und hat schon einiges Verständnis dafür. -- + +Doch für mich gibt es nun wieder allerlei heikle Punkte. + +Das Fragen nimmt kein Ende. + +»Wo ist deine Heimat, Pa?« + +»Bist du in einem Dorf zu Hause oder in einer Stadt, Ma?« + +Was soll ich antworten? Ich fürchte auch, mein Mann denkt sich etwas +dabei, wenn ich zu sehr ausweiche. + +Ich selbst fiebere förmlich bei dem Gedanken, daß ich von Bad Nauheim +aus in einigen Stunden da sein kann, wo das stille alte Haus der +Großeltern im dunkeln Tannenwald träumt. + +Ob ich es einmal wage? Unerkannt könnte ich sie vielleicht sehen. -- +Ach, ich glaube, ich würde mich verraten, wenn ich sie vor mir sähe. -- +Und Prinz, der alte Hühnerhund! Er würde mich sofort erkennen, wenn er +noch lebt. -- -- + + * * * * * + +Dienstag, den 28. Mai sind wir mit der »Spree« von New York abgefahren. +Mein Mann hat ein hübsches Pullmanset für uns belegt, und wir sind ganz +begeistert von der Bequemlichkeit und Eleganz der Einrichtung. Man merkt +kaum, daß man auf See ist. + +Lou ist ganz und gar aus dem Häuschen. Ihr Vater erfreut sich, glaub' +ich, zum ersten Male vollkommen ohne irgendwelche Ablenkung an ihrer +frischen, kindlichen Heiterkeit. + +Ich finde, er erholt sich schon jetzt von Tag zu Tag. + +Mir selbst geht es sonderbar. Von der ersten Stunde an, da ich das +Schiff betrat, ist mir so sonderbar unruhig zu Sinn. + +Ich suche etwas und weiß nicht was. -- + +Gleich am ersten Abend bin ich ein Stündchen auf Deck gewesen. + +Wie wunderbar ist die reine, salzige Luft! Welch wunderbare Farben +verglimmen am Horizont und wecken tausend Erinnerungen, süße und +schmerzliche, in meiner Brust! + +Sonnenuntergang! Der ganze Horizont ist von einem satten, tiefen Rot. +Der Himmel scheint wie ein einziger großer ausgehöhlter Rubin über uns +zu hängen. + +Das Wasser ist so ruhig wie ein See, nur hie und da tanzen rotgoldene +Lichter; gibt es Schöneres? + +Doch alles Schöne ist vergänglich. Kaum eine halbe Stunde, und grau und +fahl, gespensterhaft liegt die unabsehbare Fläche vor mir. -- + +Mich friert trotz des warmen Wetters. + +Es macht traurig, immer an die Vergänglichkeit alles wahrhaft Schönen +erinnert zu werden. -- -- + + * * * * * + +Bad Nauheim. + +Deutschland bekommt mir nicht. Mein Mann erholt sich von Tag zu Tag, und +ich verzehre mich selbst vor Unruhe. + +Die Luft hier ist erfüllt von Erinnerungen. + +Diese ganzen Jahre hatte ich alles vergessen, die Heimat, die Großeltern +und -- die Schuld! + +Nun wacht alles wieder auf, und ich stehe schwindelnd am Wege und weiß +nicht, wohin er mich führen wird. + +Ich sehe ein, daß eine Schuld wie ein Schmutzfleck auf der Vergangenheit +liegt, der sich nie wieder auslöschen läßt. + +Mag man zuweilen glauben, daß er verblaßt, mag man sein Vorhandensein +für einige Zeit vergessen, er kommt wieder. -- + + * * * * * + +Ich kann es nicht mehr aushalten, ich muß hin! + +Ich muß wenigstens versuchen, die alten Leute von weitem zu sehen. + +Ob sie noch leben? Aber warum nicht? Vierzehn Jahre sind es her, seit +ich von ihnen ging, und die Leute in meiner Heimat werden alt. -- + +Ob ich es wage und unter dem Deckmantel einer Fremden das Jagdschloß +besehe? + +Werde ich mich beherrschen können? + + * * * * * + +Ich war da! + +Unter dem Vorwand, etwas in Frankfurt besorgen zu wollen, bin ich +hingefahren. + +Ich habe meinen Mann belogen; diesen besten, gütigsten aller Männer habe +ich belogen! So gebiert noch nach Jahren die alte Schuld neue Konflikte +und Verwicklungen. + +Ich bin froh, daß ich es getan. Ich werde Ruhe finden, nun ich die alten +lieben Großeltern gesehen. -- + +Und doch hätte ich aufschreien können, als ich die gebückte Gestalt des +Großvaters an mir vorübergehen sah. + +Ob sie sich gewundert haben über die fremde Frau, die so gern das alte +Jagdschloß sehen wollte, und die gar so dicht verschleiert war?...... + +Wie glücklich würde es mich machen, wenn ich ihnen meine Lou bringen +könnte, mein prächtiges, liebes Mädchen! + +Und wie würden sie sich freuen! + +Aber das ist alles für mich unmöglich, es ist ein verlorenes Paradies, +in das ich mit brennenden, sehnsüchtigen Augen starre. + +Und warum? War es nur _meine_ Schuld, daß ich diesen Weg der Lüge und +der Verstellung wandern muß? + + * * * * * + +Morgen fahren wir nach E., um von da aus die Heimat meines Mannes zu +besuchen. + +Lou freut sich königlich. Sie denkt sich wohl das Häuschen, in dem ihr +Vater geboren, als eine niedliche, kleine Villa. -- + +Hoffentlich ist sie nicht zu sehr enttäuscht. -- -- + + * * * * * + +Seit fünf Tagen sind wir auf Capri. Der Arzt hält die Fahrt von hier aus +für besser. Ich freue mich über das gute Aussehen meines Mannes; +hoffentlich hält es an. + +Am Siebzehnten fahren wir von Genua aus mit der »Prinzeß Irene« wieder +nach Hause. -- + +Die letzten Tage in Deutschland sind uns wie im Fluge vergangen. -- + +Die paar Stunden, die wir in der Heimat meines Mannes zugebracht haben, +waren auch für mich eine Erquickung. + +Lou war gar nicht enttäuscht. Im Gegenteil, alles war ihr neu und +köstlich. + +Und ich? + +Ich beneide meinen Mann um seine arme, aber fleckenreine Vergangenheit. +Welch ein Triumph war es für den armen, herumgestoßenen Waisenknaben, +daß er so vor seine Landsleute hintreten konnte! -- + + * * * * * + +Ich bin des Reisens müde und freue mich, heimzukommen. + +Heim? Wohin zieht es mich? + +Bald reißt die alte Heimat an meinem Herzen, bald die neue. + +Ich habe Heimweh und bin nirgends zu Hause. -- + +Und doch ist meine Heimat da drüben in dem Lande, das mich trotz aller +Schuld der bürgerlichen Gesellschaft wiedergegeben hat. + + * * * * * + +Nach zwei Jahren. + +Amerika hat nicht gehalten, was Europa versprochen. + +Das Befinden meines Mannes ist wieder ebenso schwankend wie vor unserer +Reise. + +Er muß sich schonen, und um ihm dazu Gelegenheit zu geben, habe ich +nach und nach die Geschäfte fast ganz in meine Hände genommen. Es war +ein schweres Stück Arbeit, aber es ist mir gelungen. + +Der alte Thomas, der schon seit Jahren meines Gatten rechte Hand ist, +bespricht alles mit mir. Und nur wenn etwas ganz besonders Wichtiges +vorliegt, müssen wir erst seinen Rat einholen. + +Aber wir sorgen schon dafür, daß es keine aufregenden Sachen sind, die +wir mit ihm besprechen. -- + +Oft sagt mein Mann zu mir: »Du hast mich schon gar nicht mehr nötig, +Liebling. Du bist so entschlossen und umsichtig, wie nur je ein Mann es +sein könnte.« + +Das macht mich stolz. Es erfüllt mich mit ungeahnter Befriedigung, daß +ich meine Kräfte so entfalten kann. Daß ich diesem Manne, der mich +genommen, ohne viel zu fragen, einen Teil der Schuld abtragen kann. + + * * * * * + +Nun muß ich die Geschäfte Thomas überlassen und mich ganz meinem Manne +widmen. Werde ich ihn mir erhalten? Er ist sehr krank. + + * * * * * + +Meine Lou, mein liebes, gutes Kind; sie ist mir ein rechter Trost in +diesen schweren Tagen. + +Wie liebt sie ihren Vater! Sie weicht kaum von seinem Lager. Ich hätte +dem kleinen, lustigen Vogel gar nicht so viel tiefes Gefühl +zugetraut. -- + + * * * * * + +Das Schlimmste ist vorüber. + +Es waren lange, schwere Wochen, aber noch einmal haben wir gesiegt. Und +nun gehen wir wieder nach Europa; noch einmal soll Nauheim seine +Wunderkraft beweisen. + +Lou freut sich wieder sehr auf die Fahrt, wenn auch die Freude etwas +gedämpft wird durch des guten Vaters Krankheit. -- + + * * * * * + +Wieder einmal bin ich auf meiner geliebten See. Sie zeigt sich mir +diesmal nicht von der besten Seite. Wir haben Sturm und Regen, und der +Wind rast über Deck, daß es kaum möglich ist, nach oben zu gehen. -- + + * * * * * + +Ich habe eine Begegnung gehabt, die alles, was langsam zur Ruhe gekommen +war, wieder in Aufruhr gebracht hat. + +Ich müßte mich sehr irren, wenn nicht Smith, Herbert Smith, an Bord +wäre. Er trägt einen kurz verschnittenen Vollbart, und doch habe ich ihn +sofort erkannt. + +Wie ein elektrischer Schlag ging es durch meinen Körper. Und auch er muß +mich erkannt haben, denn ein leichter Schreck huschte über seine Züge. + +Das Geschäft muß sehr viel einbringen, denn er fährt erste Kajüte. -- + +Was soll ich tun? + +Soll ich diesen Menschen ungehindert seines Weges ziehen lassen? + +Ist es nicht vielmehr meine Pflicht, ihn zu entlarven? + +Alles in mir ist in Aufruhr. Wird man mir glauben? + +Nein, man wird mir nicht glauben, oder doch nur dann, wenn ich mich +selbst preisgebe. + +Und mein Mann! Wie würde er es ertragen? + +Ach, und mein Kind, meine Lou! + +Nein, ich kann es nicht, jetzt noch nicht! + +Ich kann in den reinen Augen meines Kindes nicht als eine Verworfene +dastehen! -- + +Ein Vorfall kam mir ins Gedächtnis, den ich vor einigen Jahren erlebte. + +Quälende Selbstvorwürfe peinigten mich; ich fühlte mich unsäglich elend +und unglücklich und weinte still in meinem Zimmer. + +Da kam Lou zu mir herein, und als sie meine Tränen sah, war sie ganz +Mitleid. Stürmisch umschlang sie meinen Hals. + +»Mama, süße Mama, warum weinst du?« rief sie zärtlich. + +Ich schüttelte mit dem Kopfe, ich konnte kein Wort hervorbringen vor +lauter Schluchzen. + +Als ich mich etwas gefaßt hatte, sagte ich: + +»Laß mich, Kind, laß mich allein!« + +»Mama, sei gut; sage mir, warum du weinst. Wer hat dir etwas zuleide +getan?« + +»Niemand, Liebling. Mama muß an früher denken. Damals als sie noch nicht +ihren Liebling, ihre Lou, hatte.« + +»Darüber brauchst du doch nicht zu weinen, süße Ma!« + +»Aber Mama hat damals sehr viel Schweres durchgemacht, und darüber muß +sie weinen.« + +»Aber du sollst nicht weinen, Ma. Wer hat dir etwas getan? Ich werde es +Pa sagen. Niemand darf dir etwas tun!« + +»Aber die Mama war nicht gut gewesen und hatte Strafe verdient, +Liebling.« + +»Aber Mama! Wenn das der Papa hörte! Du bist doch meine liebste, beste, +einzigste Mama.« + +»Hast du mich denn so lieb, mein Engel?« + +»So lieb!« jauchzte das kleine Geschöpf und umschlang mich mit ihren +Armen. -- -- + +Nein, ich kann es nicht von mir wälzen. Um des Kindes willen nicht. + +Was sollte aus ihr werden, wenn sie den Glauben an die Mutter verlieren +müßte? -- -- -- + + * * * * * + +Meinem Manne geht es schlecht. Er leidet stark an Atemnot. + +Wären wir erst in Nauheim. Ich darf ihn nicht verlieren, jetzt noch +nicht. Ich würde wieder ganz einsam sein -- denn noch kann mir mein +Kind, meine Lou, den Gatten nicht ersetzen. -- + +Ich habe mich nie nach einer Freundin gesehnt, mein Gatte war mir alles. + +Doch sollte er von mir gehen, und ich allein die Strecke wandern müssen, +die ich noch vor mir habe, so werde ich Trost in der Arbeit und bei +meinem Kinde suchen. + +Nur jetzt laß ihn mir noch, noch ist es zu früh. -- + +Wenn es wahr ist, daß _die_ Ehen am glücklichsten sind, in denen die +Liebe des Mannes größer ist als die der Frau, so mag es davon kommen, +daß die unsere so überaus glücklich war. + +Sicher muß aber auch die Frau danach sein, wenn eine solche Ehe wirklich +glücklich sein soll. + +Was ihr an Liebe fehlt, muß sie durch Pflichtgefühl ersetzen. -- + + * * * * * + +Mein Mann erholt sich nicht wieder. Der Arzt läßt mir keine Hoffnung. + +Es kann noch Monate währen, es kann auch plötzlich kommen, ich muß auf +alles gefaßt sein. -- + +Es ist Arterienverkalkung dazugekommen. + +Der Ärmste, er hat in seiner Jugend zu viel gearbeitet und entbehrt. + +Ich bin jetzt ganz gefaßt und zeige meinem Manne immer ein fröhliches +Gesicht; er darf nicht ahnen, wie es um ihn steht. + +Ob er wirklich nichts ahnt? -- Seine sonderbaren Reden machen mich +manchmal stutzig. + +»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Liebling,« sagte er kürzlich zu +mir. + +»Tu' ich es denn jetzt nicht mehr, Liebster?« fragte ich scherzend. + +»Immer! Aber wenn ich einmal von dir gehen sollte, Lotti, wirst du mich +auch nicht so bald vergessen?« + +»Ich dich vergessen? Wie redest du nur? Du bleibst noch lange bei uns. +Denk' an Lou! An deine Lou! Du mußt noch bei uns bleiben! Hörst du?« + +Tränen liefen mir über die Wangen, und auch ihm verging vor Rührung die +Stimme. »Wie gerne möchte ich! Und doch, kann ich nicht ohne Sorge +gehen? Ruht nicht mein Lebenswerk in guten Händen? Du bist ein ganzer +Mensch geworden, meine Lotti.« + +»Du warst mein Lehrer, ich war in guten Händen.« + + * * * * * + +Ich möchte gern wieder einmal in meinen Wald, darf aber nicht wagen, +meinen Mann zu verlassen. + + * * * * * + +Gestern hatte ich eine Begegnung, die mich gleicherweise erschreckte und +erfreute. + +Der Herzog ist hier, der Herzog von B. + +Das also ist mein Vater! Dieser blasse, schmale Herr! + +Ich hab' ihn mir anders vorgestellt. Als einen ritterlichen, sieghaften +Mann. -- + +Er wird anders gewesen sein, als meine Mutter ihn geliebt hat. Nun ist +er krank, herzleidend natürlich. + +Er hat keine Kinder und eine kalte, unsympathische Gattin. + +Das ist die Strafe! Die gerechte Strafe für meine zerstörte Jugend und +den frühen Tod meiner Mutter. + +Ich möchte ihn hassen -- und doch -- ich kann es nicht. -- -- + + * * * * * + +Gestern hat er mit Lou gesprochen, mit meiner Lou. + +Ob wirklich etwas daran ist, an dem Märchen von der Stimme des Blutes? +Ich glaub' es nicht. Wenn ihm Lou gefällt, so ist das nur natürlich. +Jedermann mag das entzückende, natürliche Geschöpfchen gern. + + * * * * * + +Wir saßen gestern abend auf der Terrasse, mein Mann und ich. + +Wenn es nicht so sonderbar wäre, so möchte ich sagen, mein Mann ist mir +jetzt teurer als je zuvor. + +Es ist ein solch inniges Verhältnis zwischen uns, wie es kaum zwischen +jungen Liebesleuten sein kann. + +Ich mag gar nicht von seiner Seite gehen. + +Ist es das nahe Scheiden, das uns so innig vereint? Hat uns etwas, das +mehr ist als Liebe, zusammengeführt? + +Der Rückblick auf meine Ehe läßt mich keinen Augenblick den Schritt +bereuen, den ich getan, trotzdem es ohne Liebe geschah. + +Könnte ich ebenso sagen von dem, was früher geschah! -- -- -- + + * * * * * + +Heute waren wir zusammen im Wald. Lou suchte Blumen, und wir beide waren +allein unter dem grünen Gewölbe. + +Die Luft schien geschwängert mit Wohlgerüchen, und die Ruhe, die uns +umgab, hob uns über den Alltag hinaus. + +»Gibt es etwas Schöneres als unseren deutschen Wald?« sagte mein Mann +sinnend, nachdem er eine Weile regungslos den Blick nach oben gewandt +hatte. + +Mir traten die Tränen in die Augen. Wer wußte es besser als ich, wie +schön er war. Mit einem Schlage stand alles vor mir. Das Forsthaus, die +Großeltern, die dunkeln Tannen, alles, alles! + +»Ich möchte im deutschen Walde ruhen, wenn ich einmal nicht mehr bin, +Lottchen. Versprich mir, daß du mir hier oder in der Heimat ein schönes +Plätzchen unter den rauschenden Tannen aussuchen willst,« fuhr er fort. + +»Sprich nicht immer vom Sterben, Liebster,« sagte ich schluchzend. + +»Weine nicht, Lotti. Ich will nicht mehr davon sprechen, wenn es dich +aufregt. Nur versprich mir, daß du mir meinen Wunsch erfüllen willst. +Willst du, Liebling?« + +»Ich verspreche es dir. Du sollst unter den schönsten Tannen schlafen, +die unser deutscher Hochwald hat,« sagte ich feierlich. + +Wie eine Vision stieg der Platz vor mir auf. Ich kannte ihn! Oh, ich +kannte ihn! + + * * * * * + +Ich sehe den Herzog fast täglich. Ich möchte vor ihn hintreten und ihm +sagen, wer ich bin. + +Doch wem würde es nützen! Mir? Ich brauche ihn nicht. + +Meiner Lou? Auch in Deutschland duckt man sich vor amerikanischen +Millionen genau so sehr wie vor Herzogskronen, das habe ich kennen +gelernt. + +Und wenn mein Sinn nach einer Krone stände, so könnte ich einst eine +kaufen für meinen Liebling; tun es doch so viele. -- + +Kronen drücken schwer, das sehe ich jetzt wieder an dem Fürsten und +seiner Gattin. Sie sehen beide nicht eben glücklich aus. + +Und mein Kind soll glücklich sein. + + * * * * * + +Das Verhängnis kommt zusehends näher. Mein Mann hat seine Anfälle immer +häufiger. Es ist mir entsetzlich, ihn so leiden zu sehen und nicht +helfen zu können. Aber hier muß auch die Kunst der Ärzte Halt machen. +Nur erleichtern läßt sich sein Leiden. + +Rührend ist seine Mühe, mit der er mir seine Schmerzen zu verbergen +sucht. -- + +Er fürchtet, mir wehe zu tun. + +Gibt es größere Liebe? -- + + * * * * * + +Wie langsam und bleiern die Stunden in die Ewigkeit rinnen! + +Wie furchtbar muß ein Mensch kämpfen, ehe er die Hülle abwerfen kann, +die doch zuweilen so unsäglich schwer drückt. + +Stunden hatte ich bereits am Lager meines Mannes gesessen. Er schien zu +schlummern, langsam und stoßweise nur ging sein Atem. + +Plötzlich bewegte er sich, sah mich einen Augenblick sinnend an und +sagte dann langsam und schwerfällig: + +»Küsse mich, Lotti, und küsse unsere süße Lou von mir. Sie soll nicht +hierherkommen jetzt. Es ist kein Anblick für ein Kind, wenn ein Mensch +mit dem Tode ringt.« + +Er machte eine kleine Pause und winkte abwehrend mit der Hand, als ich +ihn unterbrechen wollte. Dann fuhr er fort: + +»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Lotti. Du hast die Sonne in den +grauen Alltag meines Lebens gebracht, ich danke dir dafür. + +Mit der Fabrik wirst du gut fertig werden, Thomas steht dir zur Seite. +Es wäre mir sehr lieb, wenn du sie behalten wolltest, meine besten Jahre +hat sie mir gekostet. + +Mich aber laß hier in der Heimat, und willst du lieber bei mir bleiben, +so sei auch dafür gesegnet.« + +Erschöpft schwieg er. + +Sanft strich ich ihm den Schweiß von der Stirn und drückte einen Kuß +auf die Lippen, die nur Worte der Liebe und Güte für mich gehabt hatten. + +»Alles soll werden, wie du es wünschest,« sagte ich tröstend, »ich werde +in allem deinem Sinne gemäß handeln.« + +Er lag still und ruhig in den Kissen. Die Atembeschwerden schienen etwas +nachzulassen, das Atmen ging leichter. + +Um zwölf Uhr wollte der Arzt noch einmal kommen. -- + +Ich nahm seine Hand in die meine und saß still und bewegungslos neben +ihm. + +Die Hand wurde kälter und kälter. Ruhig und ohne weiteren Kampf schlief +er hinüber. Als der Doktor kam, war alles vorbei. -- + +Ich kann nicht weinen, und doch sitzt es mir in der Kehle, daß ich +ersticken möchte. + +Zu lange habe ich es kommen sehen, um ungefaßt dem Entsetzlichen +gegenüberzustehen. -- + +Doch ich habe keine Zeit zum Klagen, ich muß den Platz suchen, wo mein +Gatte ruhen soll im rauschenden Tannenwald. + + * * * * * + +Mein armes Kind, sie ist ganz aufgelöst. + +Ihr junges Herzchen ist gebrochen von dem ersten, schweren Leid. + +Ihr Vater! Ihr einziger, lieber Vater! + +Sie kann es nicht fassen. -- + +Die Natur ist grausam in ihrer ausgleichenden Arbeit. -- + + * * * * * + +Ich will heute noch nach Jagdhaus Finsterberg, zu den Großeltern. Dort +in ihrem Walde soll mein Mann ruhen. -- + +Ich habe keine Zeit zu müßigem, tatenlosem Jammern. -- + + * * * * * + +Ob ich mein Kind mit mir nehme? + +Nein! Ich will noch warten! Den ersten Ansturm will ich allein ertragen. + +Später vielleicht -- vielleicht kann ich mein Kind in die Arme der +Großeltern legen. -- + + * * * * * + +Unser Chauffeur hat gute Tage gehabt. Seit Wochen ist das Auto nicht aus +der Garage gekommen, heute soll es mich hinübertragen in die Heimat, in +das dunkle, heimliche Grün des Waldes. + +Ob ich unvermutet vor sie hintrete? + +Nein, ich würde sie zu sehr erschrecken, den Tod könnten sie davon +haben! + +Den Tod! Mich friert trotz der Sonnenglut. + +Wenn ich niemand mehr fände? Wenn fremde Gesichter mir entgegensähen! +-- -- + +Ich bin nervös; die lange, aufreibende Pflege hat mich selbst auch krank +gemacht. Und doch darf ich nicht schwach werden. Ich muß meine Kräfte +hochhalten, bis ich dich gebettet habe, du guter, du treuer Weggenoß. + +Wie ein Zwang ist es über mir, seit er den Wunsch geäußert. + +Ich muß ihn unter die Tannen der Heimat betten. + +Ich bin inkonsequent, ich weiß es. Nie wieder wollte ich in der Heimat +weilen als die, die ich wirklich bin. + +Und doch fühle ich schon jetzt eine Freudigkeit, eine Zuversicht in mir, +wie seit langem nicht. + +Es muß also doch wohl das Rechte sein, trotz der scheinbaren +Inkonsequenz. -- + +Umstände ändern die Sache. + + * * * * * + +Nun ist auch das vorüber. + +Mein Wagen trägt mich rasch wieder zu meinem Kinde, das ich schon morgen +den Großeltern bringen will. + +Wenn ich alles überdenke, dann weiß ich selbst nicht, wie es gekommen +ist. + +Unter dem Vorwande, Grüße von einer Dame aus Amerika überbringen zu +wollen, bat ich um eine Unterredung. + +Ich vermochte kaum zu sprechen vor Aufregung, als ich endlich den lieben +Alten gegenübersaß. + +Wiederholt fing ich an, ohne doch ein Wort über die Lippen zu bringen. +Wohl sah ich den prüfenden Blick des Großvaters, die nervös zitternden +Hände der Großmutter. + +Und als mir dann statt aller Worte Tränen aus den Augen stürzten, da war +es auch um die Zurückhaltung der Großmutter geschehen. + +Mit dem schluchzenden Ruf: »Lottchen, du bist es, Lottchen, mein Kind!« +hielt sie mich umschlungen, und ich schluchzte den Jammer meiner Seele +an ihrer treuen Brust aus. + +Wäre ich doch schon früher zu ihnen gegangen! + +Keine Frage nach dem, was ich gefürchtet! Ihnen war es genug, daß ich da +war. -- + +Ach, ich bin so froh, so glücklich! Ich habe einen Platz gefunden, wo +ich meinen Schmerz ausweinen kann. -- -- + +Zeit zu langem Reden hatten wir nicht, dafür wird später übergenug Muße +sein. Ich mußte vor allem meine Bitte anbringen, mir ein Plätzchen zu +geben für meinen armen, toten Gatten. + +Der Großvater wurde ernst. + +»Das kann ich nicht, Liebling. Ich habe hier keine Rechte zu vergeben. +Hier hat nur der Herzog zu bestimmen.« + +Der Herzog? Oh, mein Gott! Daß ich daran nicht gedacht! + +Mein Kopf brannte, meine Augen glühten. + +»Der Herzog! So gehe ich zum Herzog!« rief ich aus. + +»Du wolltest?« rief der Großvater. + +»Weißt du, zu wem du gehst?« fragte die Großmutter. + +»Ich weiß es. Und eben deshalb hoffe ich keine Fehlbitte zu tun. Und +warum sollte ich nicht gehen? Nicht ich bin es, die sich hier zu schämen +hat.« + +Der Großvater neigte das Haupt. + +»Mach' was du willst, Kind. Ich bin alt, ich habe nicht mehr viel zu +verlieren.« + +»Ach, Großvater! Was sollte dir denn passieren? Und wenn der hohe Herr +wirklich unzufrieden sein sollte, so kommst du mit mir.« + +»Nein, nein, mein Kind! Alte Bäume verpflanzt man nicht mehr. Bring' uns +dein Kind, damit wir uns an ihm freuen können. Aber bald!« + +»So komm mit und hole sie!« sagte ich rasch. »Du würdest auch mir eine +Stütze sein in diesen Tagen.« -- -- -- + +Er ist mitgekommen, und Lou ist ganz glücklich über den prächtigen, +alten Großvater. -- + +Morgen gehe ich zum Herzog. Sonderbares Gefühl! Ob sich etwas regt in +seiner Brust bei meinem Anblick? + +Ob ich meiner Mutter gleiche? + +Ich weiß nicht, soll ich ihn hassen oder lieben? -- + +Keines von beiden! Er ist mir gleichgültig. + +Wenn er mir meinen Wunsch erfüllt, bin ich zufrieden. + +Sonderbar: mein Vater! Es verbinden sich mir gar keine lieben, +herzlichen Gefühle mit diesem Wort. + +Eine unharmonische Kindheit, eine schmutzige, traurige Jugend, und doch +-- wie wunderschön ist es, einen Vater zu haben. Einen Vater, wie er +meiner Lou starb. -- + + * * * * * + +Auch dieser Schritt ist getan: ich habe mein Ziel erreicht. + +Ich habe an gar nichts gerührt. Ich habe nur gebeten. Als die Enkelin +des alten Försters Ruhland. -- + +Um den letzten, innigen Wunsch meines sterbenden Gatten zu erfüllen, sei +ich hier, ich wisse keinen schöneren und passenderen Platz als den in +der Heimat, die ich nie vergessen könne. -- + +»Förster Ruhland hatte nur ein Kind, eine Tochter?« fragte der Fürst mit +unterdrückter Stimme. + +»Nur eine Tochter, Hoheit. Sie war meine Mutter.« + +»Ihre Mutter!« flüsterte er. »Wie alt sind Sie, gnädige Frau?« + +»Wie alt? Ich bin schon sehr alt! Geboren bin ich im Juni 1872.« + +»Achtzehnhundertzweiundsiebzig,« murmelte er und stützte sich schwer auf +die Lehne seines Sessels. + +Dann ruhten seine Augen einige Minuten forschend auf meinem Gesicht. + +»Ihr Wunsch ist Ihnen erfüllt. Suchen Sie sich den schönsten Platz aus, +gnädige Frau -- oder darf ich »liebes Kind« sagen? Sie sind doch die +Enkelin meines alten, treuen Ruhland....... Ich werde mich bei der +Beerdigung Ihres Gatten vertreten lassen.« + +Er reichte mir die Hand, und ich drückte dankbar meine Lippen darauf. +Ein sonderbares Gefühl arbeitete in mir. Ich hatte ihn hassen wollen. +Und nun? Dieser Mann war nicht schlecht, er hatte im jugendlichen +Leichtsinn gesündigt. -- -- + +Und jetzt war er nicht glücklich. + +Kronen drücken schwer. -- -- -- + + * * * * * + +»Die Schrulle eines Millionärs« nennen sie hier den Wunsch meines +Gatten. + +Mein lieber, einfacher Mann. Kann ein Mensch anspruchsloser sein? Er +beanspruchte so wenig für sich von seinem Reichtum. + +Ist er nicht ganz natürlich dieser Wunsch nach einem stillen, einsamen +Ruheplätzchen, wenn man ein so arbeitsreiches, unruhiges Leben hinter +sich hat? -- + +Nun haben wir ihn gebettet. Nichts wird ihn stören als der Schrei eines +Nachtvogels oder das Brüllen der Hirsche in ihrer Kampfzeit. + +Die Vögel in den Zweigen singen ihm das Schlummerlied. Ihm ist wohl, für +uns ist es hart. Wer sich zu der Religion flüchten kann mit seinem +Schmerz, der ist wohl daran. + +Ach, ich beneide mein Kind, das voller Inbrunst und Hingebung am Grabe +des geliebten Vaters betet. + + * * * * * + +Nun ist wieder Ruhe um mich her. + +Wir bleiben noch einige Tage hier bei den Großeltern. + +Lou würde am liebsten immer hier bleiben, hier, bei dem toten Vater und +bei den lieben alten Leuten. + +Nur mir wühlt die Unruhe im Blut. + +Eine Aussprache ist unvermeidlich, und ich -- ich fürchte sie. + + * * * * * + +Die Großeltern haben mir das Geständnis leicht gemacht. + +Sie schienen zu ahnen, was hinter mir lag. + +Ich hatte den Brief vergessen, den ich am Vorabend jenes unseligen +Ankunftstages an sie geschrieben hatte. Dieser Brief war das letzte +Lebenszeichen von mir. -- + +War es verwunderlich, daß sie ahnten, in welche Hände ich gefallen? + +Sie haben Erkundigungen angestellt, der Onkel in Amerika hat mit Hilfe +des deutschen Konsuls alles mögliche versucht -- ohne Erfolg. + +Mich hatten sie fest und sicher hinter den Mauern jenes verfluchten +Hauses. -- -- -- -- + +Und während meine Lou, mein Liebling, draußen im Walde umherstreift, +rollt sich noch einmal die Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen vor +mir auf. -- -- -- + +Wir haben uns ausgesprochen und alles ist -- oder vielmehr soll begraben +sein. + +Zu vergeben hatten sie mir im Grunde nichts -- der alte Fluch hatte sich +auch an mir erfüllt. -- + +Die Sünden der Väter. -- -- + +Mir liegt auch alles so weit ab jetzt, der erneute schwere Verlust läßt +mir alles klein erscheinen. + +Ich habe kein rechtes Glück in der Welt. Alles wird mir genommen. + +Ich muß daran denken, wie hoffnungsfreudig ich war, als mein Mann damals +um mich warb. Noch einmal lag das Leben schön und begehrenswert vor mir. +Nun liegt auch das wieder eingesargt drüben unterm Rasen. -- -- + +Habe ich mein Gelöbnis gehalten? + +War ich ihm ein gutes, treues Weib? + +Ein guter Kamerad? + +Ich war es! Ich habe meine Pflicht erfüllt. Nicht einmal den Mangel an +Liebe hat er empfunden. + +Ich habe ihn sehr hoch geschätzt, er war der Besten einer. -- + +Daß ich ihm keinen Sohn schenken konnte, einen Erben für sein +Lebenswerk! + +Trotzdem ich zuerst erfreut darüber war, keinem Jungen das Leben +geschenkt zu haben, hat es mich die letzten Jahre doch oft betrübt. So +sehr er auch sein Mädchen geliebt, ein Sohn hat ihm doch gefehlt. + +Dort kommt der Mond langsam über die Wipfel der Tannen und wirft sein +blasses, kaltes Licht auf das schmale Bett da drüben. + +Wo stand ein Bett wie dieses, so schmal, so kalt und schmucklos! + +Und ich lag darin -- vor langen, langen Jahren -- oder war ich es nicht? +War es mein Schatten? + +Morgen werde ich vor die Großmutter hintreten und Rechenschaft über jene +Tage fordern. -- + +Was man dem Kinde damals vorenthielt, der reifen, geprüften Frau wird +man es nicht mehr weigern. + +Ich will Aufschluß über Leben und Tod meines Kindes. -- + +In all den langen Jahren bin ich das quälende Bewußtsein nicht +losgeworden, daß ich damals nicht die Wahrheit erfahren habe. + +Ich bin jetzt auf einem Punkt angelangt, daß ich auf nichts und niemand +mehr Rücksicht nehme. + +Noch kurze Zeit, und das große Wasser liegt wieder zwischen mir und der +Heimat. + + * * * * * + +Ich kann nicht schlafen. Die Geister der Vergangenheit umschweben mich +und lassen mich nicht zur Ruhe kommen. -- + +Bist auch du mir nahe, teure Mutter? Und du, Werner, mein Geliebter, +mein Retter? + +Seid ihr zufrieden mit mir, so gebt mir ein Zeichen! + +Fern, ganz fern und schwach tönt feines Klingen im Dunkel des Waldes, +wie eine Stimme aus dem Jenseits. + +Oder fiel ein Stern klingend vom Himmel? + +Ich will schlafen und träumen, vielleicht kommen im Traum die Lieben zu +mir, die mir das Wachen versagt. -- -- + + + + +VII. + +Eine Abrechnung. + + +Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, ich habe einen Sohn! + +Er lebt, ist gesund, und ich -- ich wußte es nicht! + +Warum hat man es mir verheimlicht? -- + +Sie haben es gut mit mir gemeint, sagen die Großeltern. Ich sollte, +selbst noch ein Kind, nicht diese Bürde tragen. -- + +Später, wenn ich älter geworden, wenn die Umstände danach waren, hätten +sie mir die Wahrheit sagen wollen. + +Und dann sei ich verschollen gewesen. -- + +Sie haben es gut gemeint! Gewiß, ich muß wohl noch dankbar sein. -- + +Aber nun? Wo ist mein Kind? Jetzt hält mich nichts mehr zurück, führt +mich hin! -- + +Sie schweigen -- sind verlegen -- was soll das bedeuten? -- + +Und so erfahre ich denn das Unglaubliche, das Unfaßbare! + +Mein Sohn, mein Kind, ist auf Gut Koppenbruch, bei Rudolph Schönewald, +seinem Vater! + +Es ist kaum auszudenken, und doch ist es wahr! + +Es klingt gleich einem Märchen, und doch ist es Wahrheit. Der Mann, der +vor allen anderen daran schuld ist, daß ich in dieses Labyrinth geriet, +der es ablehnte, der Mutter seines Kindes einen ehrlichen Namen zu +geben, dieser Mann nimmt den Sohn eben dieser Frau an Kindes Statt an, +weil seine Gattin ihm keinen Erben geschenkt. + +Meinen Sohn! -- -- + +Meine Gedanken wandern hinweg, weit fort, zu den Tagen, wo mein Mann +hoffte -- vergebens hoffte, daß ihm ein Erbe für sein Lebenswerk geboren +würde. + +_Er_ hoffte vergebens! + +Und Rudolph Schönewald sollte sich in meinem Sohne den Erben +heranziehen? + +Das Kind der Frau, die er verschmäht, weil sie nicht Geld genug hatte, +um die Gattin eines Gutsbesitzers zu werden! + +Nein! Ich werde es nicht zugeben! Ich selbst will mein Kind zu mir +nehmen, und keine Macht der Welt wird mich daran hindern. -- + +Vor acht Jahren erst hat er den Knaben zu sich genommen, als ihm selbst +keine Hoffnung geblieben, daß ihm ein Erbe geboren würde. + +Die Großeltern haben es als die glücklichste Lösung der ganzen +Angelegenheit betrachtet. + +Kann ich sie tadeln? + +Nein, gewiß nicht! + +Die Mutter verschollen, sie selbst alt und gebrechlich, ist es da nicht +zu begreifen, wenn sie es als ein Glück ansahen, daß der Knabe auf diese +Weise gewissermaßen zu seinem Rechte kam? -- + +Seine Gattin weiß natürlich nichts von der Herkunft ihres Adoptivsohnes. +Für sie ist es ein entfernter Verwandter. -- + +Nun aber bin ich da, und sofort werde ich Schritte tun, um mir mein Kind +zurückzuholen. -- + +Wem bin ich Rechenschaft schuldig? Niemand. + +Meiner Lou? + +Fürchte ich die fragenden Augen meines Töchterchens? + +Es wird sich ein Ausweg finden; später, wenn sie es besser versteht, +soll sie alles erfahren, die ganze Wahrheit. + +Nur jetzt noch nicht, noch ist sie nicht reif genug dafür. -- + + * * * * * + +Ich habe an Rudolph Schönewald geschrieben und ihn ersucht, mir Zeit und +Ort anzugeben, wo ich mein Kind in Empfang nehmen kann, um es mit nach +Amerika zu nehmen. -- + +Wer mir gesagt hätte, daß ich noch einmal an diesen Mann schreiben +würde! Ich versuche vergebens, mir sein Bild ins Gedächtnis +zurückzurufen. + +Weit, weit ab, in fernem, undurchdringlichem Nebel liegen jene heißen, +schwülen Tage, in denen zuerst meine Sinne erwacht. -- + +Nichts regt sich mehr in mir, was für diesen Mann spricht. Nur ein +Gefühl der Genugtuung beschleicht mich bei dem Gedanken, ihm wehe zu +tun. -- + +Er wird den Knaben liebgewonnen haben. Er wird ihn mir nicht geben +wollen. Aber er muß! Das Recht ist auf meiner Seite. + +Und wäre es nicht so, dann würde ich mich nicht scheuen, noch einmal die +Hilfe des Herzogs in Anspruch zu nehmen. -- -- + + * * * * * + +Was ist es, das mich so rastlos macht, seit ich den Brief geschrieben? + +Ist es die Sehnsucht nach dem Kinde, das ich nicht kenne? + +Nein! Vor mir selbst will ich wahr sein! + +Gewiß, ich sehne mich nach dem Knaben. Wie wird er sein? Werde ich ihn +lieb haben -- und er mich? + +Er wird mich lieben lernen. + +Ob man ihm je von seiner Mutter sprach? + +Ich wage gar nicht zu fragen, wem er ähnlich sieht. + +Nur nicht jenem Menschen, dem ich jetzt mit Freuden die größte +Enttäuschung seines Lebens bereite. + +Vielleicht nicht nur eine Enttäuschung, vielleicht einen Schmerz, einen +wirklichen, großen Schmerz. -- + +Ja, das ist es! Ich freue mich darüber! Ich will ihm wehe tun! -- + +Ist das schlecht? + +Es ist nur menschlich! Wer hat nach _meinen_ Gefühlen gefragt? -- + + * * * * * + +Heute früh war er da! + +So rasch hatte ich die Wirkung meines Briefes nicht erwartet. -- + +Ich war sehr erschrocken, als mir Rudolph Schönewald gemeldet wurde. Ich +warf einen Blick in den Spiegel und erschrak noch mehr über das blasse +Gesicht, das mir aus der schwarzen Umrahmung doppelt blaß +entgegenschien. + +Es klopfte an die Tür. Ich trat einen Schritt vor -- es war mir nicht +möglich, »Herein« zu rufen -- da stand er auch schon vor mir. -- + +Was hatte ich mir alles vorgenommen! Was wollte ich diesem Manne ins +Gesicht schleudern, jahrelang angehäuften Groll, Verachtung, alles, +alles -- und nun sagte ich gar nichts. + +Er stand vor mir, den Hut in der Hand, das blonde Haar an den Schläfen +stark gelichtet, mit unsicheren, ängstlichen Augen, und sagte ebenfalls +nichts. + +So mußte ich anfangen. + +»Sie wünschten mich zu sprechen, Herr Schönewald?« + +»Ja -- Sie schrieben mir, gnädige Frau, und -- da -- ich -- dachte --« + +Er stotterte und schwieg. + +»Da wollten Sie mir meinen Jungen selbst bringen, nicht wahr?« sagte ich +kühl. Ich hatte mich gefaßt und mich darauf besonnen, wer vor mir +stand. -- + +Er zog sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der +Stirn, dann sagte er: + +»Warum wollen Sie mir das antun, gnädige Frau? Sie kennen den Jungen gar +nicht, und ich, ich habe ihn lieb.« + +»Sie hätten ihn seinerzeit für immer haben können, nun ist es zu spät. +Uneheliche Kinder gehören, soviel ich weiß, der Mutter. Und ich gedenke +mein Recht geltend zu machen.« + +»Aber ich habe ihn adoptiert!« + +»Ohne meine Einwilligung!« + +»Er wird nicht von mir wollen, haben Sie Erbarmen!« + +»Haben _Sie_ Erbarmen gehabt? Ich tue nur, was die Bibel lehrt: Auge um +Auge, Zahn um Zahn.« + +»So kann Sie nichts von Ihrem Vorhaben abbringen?« + +»Nichts! Es ist nutzlos, weiter darüber zu reden. Adieu!« + +Er ging. Merkwürdig gebückt, trotz seiner noch jungen Jahre. -- + +Mir ist so wohl! Es ist ein schönes Gefühl, wenn man so abrechnen kann. +-- -- -- + +Nur dürfte der Grund zu dieser Abrechnung nicht das Schicksal meines +Kindes sein. + +Das ist der bittere Nachgeschmack. + +Aber das weiß nur ich allein. -- -- + + * * * * * + +Ich will heute nachmittag nach Nauheim fahren und alles zur Abreise +vorbereiten. Wenn ich meinen Sohn bei mir habe, will ich so bald als +möglich nach drüben. + +Es ist auf alle Fälle besser, diese Entfernung zwischen ihn und seinen +Vater zu legen. -- + +Mir ist ganz sonderbar zumute, wenn ich mir vergegenwärtige, wie es +werden wird. + +Wenn er nicht zu mir will? Möglich wäre auch das. + +Wie soll er diese so plötzlich aufgetauchte Mutter lieben? + +Aber er ist noch jung, ist aufnahmefähig für alles Neue und +Absonderliche. + +Lou ist fünfzehn Jahre und er achtzehn. -- + +Achtzehn Jahre! Was hatte ich mit achtzehn Jahren schon alles hinter +mir! -- -- + + * * * * * + +Die Großeltern gehen mit sonderbar vorwurfsvollen Blicken einher. Sie +scheinen nicht mit meinem Tun zufrieden. -- + +Bis zu seinem zehnten Jahre ist der Knabe hier bei ihnen gewesen. + +Ich glaub' es wohl, daß sie ihn ungern hergegeben haben, daß sie nur das +Wohl des Knaben im Auge hatten. + +Sie können mich nicht begreifen, daß ich ihn nicht dort lasse, wo nach +ihrer Meinung sein rechter Platz ist. + +Sind es nur Rachegefühle, die mich leiten? + +Gilt mir das Wohl meines Kindes nicht in erster Linie? + +Wenn ich ganz wahr gegen mich sein will, so weiß ich es selbst nicht +einmal. + +Ich will mein Kind haben, will es umarmen, herzen, küssen, und fürchte +mich doch vor diesem Augenblick. + +Das aber weiß ich gewiß, daß mich ein wohliges Gefühl beschleicht, wenn +ich an den Schmerz denke, den ich dem Vater dieses Kindes zufüge. + + * * * * * + +Lou will im Walde bleiben, bis alles fertig zur Abreise ist. + +Mich trägt mein Wagen schnell zur Stadt; es ist schön, so schnell zum +Ziele zu kommen. + +Ich lehne mich im Wagen zurück und lasse meine Augen über die alten, +vielhundertjährigen Bäume gleiten. Es träumt sich gut unter euch. Und du +wirst still und friedlich ruhen, mein treuer Freund. + +Ich aber will dir noch jetzt den Mann erziehen, den du dir für deine +Werke so oft gewünscht hast. -- + + * * * * * + +Die Dämmerung zieht herauf. Die Stimmen der spielenden Kinder tönen von +der Straße zu mir ins Zimmer. + +Selige Tage der Kindheit. + +So gut es meine Lou hat, etwas hat sie nicht kennen gelernt. + +Diese wundervollen Spiele an lauen Sommerabenden, wenn jeder Augenblick +vorm Zubettgehen noch im Spiel mit den Nachbarskindern ausgenutzt +wird. -- + +Auch Millionäre können ihren Kindern nicht alles geben. -- -- + + * * * * * + +Nun ist alles erledigt. Ich bin wieder im Walde und erwarte nur noch +meinen Jungen. + +Großvater ist gestern hingefahren, ihn zu holen. + +Schönewald hat an ihn geschrieben, es ginge über seine Kraft, selbst den +Jungen aus seinem Hause zu bringen. + +Ich will es glauben, es ist vielleicht auch besser so. + +Großvater kann ihn wenigstens etwas vorbereiten unterwegs. + +Und Lou? Ich muß es ihr endlich sagen, daß sie einen Kameraden bekommt, +einen Bruder! + +Wird es mir doch zu schwer, das rechte Wort zu finden -- -- + + * * * * * + +Nun ist es gesagt! Sie ist doch noch ein rechter Kindskopf. + +Sie freut sich! Freut sich unbändig über den Bruder, und fragt nicht +nach dem Wie und Wo. + +Schon immer hat sie sich einen Bruder gewünscht, mit dem sie +Spaziergänge und Streifzüge unternehmen könne. + +Es ist gut so. Später, wenn sie vernünftiger ist, werde ich es ihr +besser erklären können. + + * * * * * + +Nun ist er da! + +Mein Junge! Mein großer, schöner Junge! Ach, ich bin doch glücklich. So +hatte ich ihn mir nicht vorgestellt, so groß und hübsch. Ein rechter +Herr schon! + +Ach, und gottlob nichts, aber auch gar nichts von dem, was ich +gefürchtet. Sein Aussehen ruft mir keine unangenehmen Erinnerungen wach. +Dunkelbraunes Haar, schöne Nase, etwas gebogen, und prächtige, dunkle +Augen. + +Aber so scheu, so ungelenk ist der große Bursche, immer und immer wieder +guckt er sich die neue Mutter an. -- + +Ich war ganz aufgeregt. Ich habe gelacht und geweint, und all meine Ruhe +war verflogen. Hätte ich ihn doch schon früher gehabt, meinen Jungen! +Wird er sich jetzt noch an mich gewöhnen? + +Früher? Aber ich vergesse ja ganz, daß mein Mann von der Existenz dieses +Kindes gar nichts hätte wissen dürfen. + +So war es also gerade die rechte Zeit. -- + +Ja, ja, ich finde mich durch mein eigenes Leben bald nicht mehr +hindurch. + + * * * * * + +Morgen reisen wir ab. Ich freue mich diesmal sehr auf die Reise. + +Die letzten Tage waren unerträglich. + +Der Knabe ist mir fremd, und alle meine Annäherungsversuche waren +erfolglos. Noch ist kein gemeinsames Band zwischen uns. Nur mit Lou ist +er bereits gut Freund. + +Doch ist wenigstens sein Name mir vertraut. Sie haben ihm Großvaters +Namen gegeben. + +Konrad, ein schöner Name, und so echt deutsch. + +Und ich will seinen Träger zum Amerikaner machen! + +Ob es mir gelingen wird? + +Ich hoffe es, ist er doch noch jung. -- + +Ich glaube überhaupt, es ist in erster Linie die Freude an der Reise, an +dem Unbekannten, die ihn bewogen hat, so rasch und widerstandslos +einzuwilligen. + +Steckt doch in jedem jungen Menschen der Hang zum Abenteuerlichen. + +Mag es sein, ich muß es hinnehmen. Später, im steten Umgang, und drüben, +wo er ganz auf mich angewiesen ist, werden wir schon das heimliche Band +finden, das uns verbindet. + +Es muß gelingen! Es war mir ein unerträglicher Gedanke, die Fabrik und +die großen Viehzüchtereien in fremde Hände zu legen, wenn ich einmal +gehe. -- + +Lou? Sie wird heiraten, und ich möchte ihr keinen Mann aufzwingen aus +Rücksicht aufs Geschäft. + +Ergibt es sich von selbst, daß sie eine passende Heirat macht, dann um +so besser; es ist Platz für zwei Herren. -- + +Auch die großen Weideflächen brauchen Aufsicht, und wir könnten etwas +mehr Ruhe walten lassen. + +Aber Ruhe in Amerika, und noch dazu in einem Geschäft -- das ist beinahe +ein Ding der Unmöglichkeit. + +Es wäre deshalb doppelt gut, wenn die Arbeit geteilt würde. -- + + * * * * * + +Auf See. + +Wieder einmal die goldene Klarheit eines schönen Herbsttages auf See. +Die Luft ist mild und wunderbar rein. + +Erquickende Tage, erquickende Nächte, noch einmal ist es eine Zeit für +mich, von der ich sagen kann, das Leben ist doch lebenswert. -- + +Der Kinder wegen nehmen wir die Mahlzeiten im großen Salon, was wir in +den letzten Jahren wegen meines Mannes Krankheit nie getan haben. Die +schön geschmückten Tische, der Luxus der Ausstattung, die harmonisch +abgestimmten Farben, das ist stets wie ein Fest. + +Wir sitzen am Kapitänstisch, sind also bevorzugt, gewissermaßen. -- + +Mein Junge kommt aus der Verwunderung gar nicht heraus. Er staunt noch +immer die Annehmlichkeiten des Reichtums als etwas Unwirkliches an. Lou +ist das gewöhnt, sie nimmt es als selbstverständlich hin. + +Was wohl der Kapitän und all die hohen Herrschaften sagen würden, +speziell der deutsche Gesandte Graf B., der mir gegenüber sitzt, wenn +ich ihnen verriete, daß ich vor nun sechzehn Jahren auf genau solchem +Schiff als Stewardeß tätig war? + +Das Geld ist doch eine große Macht. -- -- + + * * * * * + +Ich kann mich nicht überwinden, ich muß auch diesmal wieder nach alter +Gewohnheit des Abends ein Stündchen auf Deck. + +Heute abend traf ich Konrad, allein und auf meinem alten Plätzchen. Es +berührt mich sonderbar; begegnen wir uns hier in einem Empfinden? + +Ich legte den Arm um ihn und sah ihm in die Augen. + +Heimweh? Armer Junge! Ich hätte es mir denken können...... + +»Nächstes Jahr gehen wir wieder nach draußen, mein Junge! Wenn du brav +lernst, dann sollst du als Belohnung eine Europareise haben. Auch Lou +wird gern wieder mitgehen, meinst du nicht auch?« + +Es leuchtete freudig auf in seinem von Tränen verdunkelten Blick. + +Ich selbst habe auch den Wunsch, schon nächstes Jahr wieder an mein +geliebtes Grab zu eilen. Bin ich doch jetzt, durch die Umstände +gezwungen, viel zu früh fortgegangen. + + * * * * * + +Ich habe mich entschlossen, erst noch einige Wochen in New York zu +bleiben. Es ist besser für Konrad, er muß erst einigermaßen die Sprache +beherrschen. + +Wir haben schon unterwegs nur noch Englisch mit ihm gesprochen. Ich +glaube, es wird ihm leicht werden. Nur muß er einen tüchtigen Lehrer +haben. Wir beide, Lou und ich, wir sind nicht energisch genug. Wenn er +es gar nicht verstehen kann, dann sprechen wir doch immer wieder +Deutsch. Am besten ist es aber, wenn er überhaupt kein Wort Deutsch mehr +hört. + +Ich werde den Doktor aufsuchen, er wird mir raten. -- + + * * * * * + +Nun bin ich doch schon zu Hause. Aus den Wochen in New York sind nur +einige Tage geworden. Aber ich bin allein mit Lou, denn Konrad ist in +New York geblieben. + +Doktor Curtis hielt es für das beste, und ich muß ihm recht geben. Hätte +ich doch auch nicht gedacht, daß es sich so wunderschön einrichten +ließe. -- + +Doktor Curtis ist verheiratet, schon seit vierzehn Jahren. + +Er hat eine liebe, kleine Frau und ein Töchterchen, das an +Ausgelassenheit meiner Lou nichts nachgibt. + +Ich habe ihn in alles eingeweiht, was Konrad betrifft. Und er meint, daß +es auf alle Fälle besser ist, wenn der Junge erst noch einige Zeit für +sich hat. Eine Zeit des Besinnens, der Einkehr. + +Er wächst auch leichter in das Fremde hinein, das ihn dort erwartet, +wenn er die Sprache schon einigermaßen beherrscht. -- + +Ich bin zuweilen voller Hoffnung für die Zukunft, zuweilen bin ich +wieder ganz mutlos. -- + +Und doch -- war der Abschied von meinem großen Jungen nicht ganz +vielversprechend? Kann ich mehr verlangen? -- -- + +Ich will arbeiten, dann vergehen die Grillen. Zu lange hat der Herr +gefehlt, ich muß viel nachholen. -- + +Nach dem Westen will ich erst, wenn Konrad hier ist, es soll mein erstes +Alleinsein mit ihm werden. + +Lou muß diesmal in Chikago bleiben, obgleich sie für ihr Leben gern in +den Ranchos herumwirtschaftet; sie muß diesmal verzichten. + +Ich muß die Gelegenheit wahrnehmen, um endlich das Vertrauen meines +Jungen zu gewinnen. -- + +Auch im Betrieb habe ich bereits vorgearbeitet. Den alten Thomas habe +ich ins Vertrauen gezogen. Es schien mir, als ob er im Anfang etwas +verstimmt sei, doch es wird sich geben, er ist ein treuer Diener. + +Auch ihm ist am letzten Ende _ein_ Herr lieber als mehrere. + +Und was wäre uns schließlich weiter übrig geblieben als eine +Aktiengesellschaft? Denn ganz will ich meine Kräfte nicht aufreiben und +ich möchte auch gern endlich an die Verwirklichung meiner lange gehegten +Pläne gehen. -- + + * * * * * + +Nun ich allein bin, komme ich erst wieder so recht zu mir selbst und +denke die letzten Monate noch einmal in Ruhe durch. + +Der Tod meines Mannes -- es ist, als ob schon eine Ewigkeit seitdem +verflossen wäre. + +Zuweilen bin ich über mich selbst verwundert, daß mich das alles nicht +tiefer getroffen hat. + +Gewiß, es war mir sehr schmerzlich, es hat sehr wehgetan, ein Stück +meines besseren Ich ist von mir gegangen. Und doch -- ich meine, andere +Frauen empfinden viel tiefer, sind viel untröstlicher. Ich glaube, in +mir ist eine Saite zerbrochen, die nie mehr klingen kann. -- + +Es ist schade, man wird so hart und liebt die Menschen so wenig. Die +Menschheit im allgemeinen will ich damit sagen -- denn im besonderen +habe ich einige recht innig in mein Herz geschlossen. + +Und doch muß ich noch zufrieden sein. Denn besser hart und kalt als +untergehen im Sumpf. -- + + * * * * * + +Ich habe eine lange Pause in meinen Aufzeichnungen gemacht. Monate sind +seitdem vergangen, nun bin ich mit Konrad im Westen. + +Ich freue mich über meinen Entschluß, hier geht das Herz des Jungen so +recht auf. -- + +Heimweh und Fremdheit sind verschwunden, das Kind hat sich zur Mutter +gefunden. + +Wenn wir abends nach stundenlangem Umherstreifen müde und hungrig in +unser Blockhaus kommen, wo uns ein einfaches, aber leckeres Mahl +erwartet, dann sind wir so glücklich, daß wir mit keinem Könige tauschen +möchten. + +Am meisten freut sich Konrad über die schöne Büchse, die ich ihm +geschenkt. Er ist schon so geübt und ein so passionierter Jäger, daß ich +manchmal glaube, er würde am liebsten immer hier bleiben. Aber das geht +nicht. Chikago bleibt vorläufig die Hauptsache. + +Nur manchmal einige Wochen der Erholung hier im Westen, das will ich ihm +versprechen. -- + + * * * * * + +Ein Jahr ist Konrad nun schon bei uns, und, Gott sei Dank, er scheint +nicht mehr nach Hause zu denken, wenigstens sagt er nie etwas davon. + +Wir kommen sehr gut miteinander aus. Natürlich ist das Verhältnis nicht +so, wie zwischen mir und Lou, das kann ich auch nicht verlangen, aber +ich darf zufrieden sein. -- -- + + * * * * * + +Heute kam ein Brief vom Großvater mit einer Einlage, einem amtlichen +Schriftstück. Konrad muß Soldat werden. Wer hätte daran gedacht? -- + +Was nun? + +Ich will zum Konsul gehen, er wird mir helfen. -- -- + + * * * * * + +Es ist alles nicht so schlimm. Der Junge hat zum Glück sein +Einjährigenzeugnis, braucht also nur ein Jahr zu dienen. + +Er läßt sich nun noch vorläufig zwei Jahre zurückstellen und fährt dann +im August oder September hinüber, damit er im Oktober eintreten kann. Er +ist jetzt neunzehn Jahre, also auch noch jung genug, wenn er mit +zweiundzwanzig Jahren wieder zurückkommt. + +Es ist gut, daß er als Einjähriger dienen kann; im anderen Falle hätten +wir doch wohl vorgezogen, nicht auf die Zuschrift zu antworten. Besser +ist es natürlich so, dann ist ihm wenigstens später der Aufenthalt in +Deutschland zu jeder Zeit gestattet. + +Lou macht die Sache am meisten Spaß. + +Es ist ihr ganz was Neues, daß ihr Bruder Soldat sein soll, und sie will +ihn durchaus besuchen während seiner Dienstzeit. + +Dieser Wunsch soll ihr erfüllt werden. Nach Ablauf seines Dienstjahres +werden wir uns unseren Jungen wieder holen. + +Schon lange habe ich Sehnsucht nach dem stillen Plätzchen unter den +dunkeln Tannen. Nur die Arbeit hält mich zurück. -- + + * * * * * + +Zwei Jahre später. + +Nun ist Konrad schon seit Wochen fort, und wir merken beide so recht, +wie sehr wir ihn lieben, wie sehr er uns fehlt. + +Sogar der alte Thomas stöhnt zuweilen und sagt: »Wenn doch der junge +Herr erst wieder hier wäre! He is the smartest young chap, I ever saw.« + +-- Das will gewiß viel sagen. -- + + * * * * * + +Den 10. Juli. + +Wir sind schon auf der Reise, wir können es gar nicht mehr erwarten, wir +müssen unsern Jungen besuchen. + +Lou zumal ließ keine Ruhe mehr. + +»I should like to see the boy in this funny uniform« ist ihr ständiger +Ausspruch. + +Er dient in Hannover, und ich freue mich, die Stadt bei dieser +Gelegenheit kennen zu lernen. -- + + * * * * * + +Meine Lou ist eine erwachsene junge Dame geworden, und ich habe es +beinahe nicht bemerkt. + +Es wird mir schwer, mich darein zu finden, für mich ist sie noch immer +das Kind, mein kleiner Liebling, mein Wildfang. -- + +Aber was hilft es mir? Sie ist neunzehn Jahre, und ich denke mit +Schrecken daran, daß eines Tages ein Mann kommt und sie mir fortnimmt. + +Elternlos! Man zieht die Kinder für andere groß, um im Alter einsamer zu +sein als je zuvor. -- + +Ich werde in Cherbourg den Dampfer verlassen und mich einige Wochen in +Paris aufhalten. Wir müssen neue Kleider haben, damit mein Junge mit +seiner Schwester Staat machen kann. Und für Lou will ich eine gewandte +Zofe engagieren, die auch mir etwas behilflich sein kann. Meine alte +Hannah wird zu steif, ich konnte sie diesmal gar nicht mitnehmen. Ich +muß die alte, treue Seele sowieso etwas entlasten. Wenn wir nach +Hannover kommen, muß Lou als vollendete Dame auftreten, und diese +Französinnen verstehen ihr Geschäft. -- -- + + * * * * * + +Das Wiedersehen zwischen Konrad und uns beiden war sehr herzlich. + +Gott sei Dank, der Junge hat mich doch lieb! + +Kein Gedanke daran, daß er wieder in Deutschland bleiben möchte, wie ich +oft im stillen befürchtet. + +Nun kann ich ruhig sein, dies war der Prüfstein. -- + +Wir haben es gut getroffen. Das Regiment, bei dem Konrad dient, hat +irgendeine Gedenkfeier. Es gibt allerlei Festlichkeiten und +Aufführungen, und Konrad freut sich, seine schöne Schwester überall +zeigen zu können. -- + +Lou ist natürlich ganz Feuer und Flamme. + +Ich selbst bin davon weniger erbaut, doch ich muß dem Kinde auch etwas +gönnen; habe ich doch drüben viel zu zurückgezogen gelebt. + +Ich wollte Lou recht lange ihre Kindheit erhalten. + +Wenn ich daran denke, was ich in dem Alter hinter mir hatte, dann +überläuft's mich heiß und kalt. + +War ich denn das wirklich? + +Ich wollte, es wäre ein Traum gewesen. -- + + * * * * * + +Konrad ist befördert worden. Ich verstehe nicht viel davon, aber hier +scheinen sie ja großes Gewicht auf diese Auszeichnung zu legen. -- Es +hat wenig Zweck, aber mag es sein, den Jungen freut's. -- + + * * * * * + +Alle die Einladungen und Festlichkeiten habe ich gestern mit einem Diner +im Bristol erwidert. + +Einige Kameraden, die Konrad besonders nahegetreten waren, einige +Offiziere des Regiments mit ihren Damen und sogar der Herr Oberst waren +erschienen. -- + +Wir sind ja Amerikaner, und anscheinend schweben unsere paar Millionen +tausendfach vergrößert um uns. + +Ich könnte mir sonst die übergroße Liebenswürdigkeit von allen Seiten +nicht erklären. + +Alles ist sehr gut gelungen. Der Wirt hatte alles aufgeboten, da ich ihm +in pekuniärer Beziehung keinerlei Beschränkung auferlegt hatte. -- + +Und doch bin ich verstimmt heute. + +Lou ist wie ausgewechselt in den letzten Wochen. Ich fürchte, ich +fürchte, es hängt mit dem Oberleutnant von Foltmer zusammen. -- -- + +In aller Frühe schon kam ein Strauß dunkelroter Rosen. -- + +Ich weiß, was diese Rosen für eine Sprache reden. + +Mir rufen sie die Jahre der Vergangenheit mit Allgewalt zurück. + +Lou selbst wurde wie ein Röschen so rot. Es ist Zeit, daß wir abreisen, +ehe es zu spät ist. -- + +Hätte ich nur nicht versprochen, noch zu dem Feste zu gehen, das der +Oberst nächste Woche auf seinem Gut in Wolfshagen geben will. -- + +Es ist nur dreißig Minuten von Hannover, und es werden sehr viele aus +der Stadt dasein. Gewiß auch dieser Foltmer. + +Er scheint ja ein ganz netter Mensch zu sein, aber er sollte sich nicht +um meine Lou kümmern, dann wäre er mir noch viel angenehmer. Auf alle +Fälle werden wir nach dem Fest gleich abreisen. + +Ich will das Glück meines Kindes; doch es wäre mir lieber, wenn sie es +jenseits des großen Wassers finden würde. -- -- + + * * * * * + +Meine Befürchtungen waren nicht unbegründet. + +Und der Herr Oberst oder vielmehr seine Gattin scheinen mit den +Wünschen des jungen Offiziers vertraut zu sein. + +Schon als er Lou den Arm bot, um sie zu Tisch zu führen, sah ich, wie es +in ihren Augen aufleuchtete. Bei Tisch konnte ich wenig von ihr sehen; +da mich der Oberst zu Tisch geführt, war ich ziemlich weit von ihr +entfernt. Als aber die Tafel aufgehoben war, und ich sie zuerst +wiedersah, da strahlten ihre großen Augen wie zwei Sonnen. + +Glückliches Kind! -- -- + +Ich kam einen Augenblick in Versuchung, den Leuten da zuzurufen, _wen_ +sie als hochgeehrten Gast hier in ihrer Mitte hatten. -- + +Schrecklich! Daß mir in den schönsten Augenblicken meines Lebens immer +wieder diese Gedanken kommen. + +Es ist wie ein unerträglicher Zwang. -- -- + + * * * * * + +Lou schläft noch, doch ich sitze schon seit Stunden hier am Fenster. Wir +wollen mit Schluß dieser Woche abreisen. Einen Platz auf dem Dampfer +habe ich bestellt, wir werden uns aber erst in Cherbourg einschiffen, um +vorher noch ein oder zwei Tage für Paris zu haben. -- + + * * * * * + +Doch schon zu spät! + +Als Lou erwachte, flüsterte sie mir verschämt ins Ohr, daß Oberleutnant +Foltmer mir heut' früh einen Besuch machen wolle. -- + +Also doch! Und so rasch! + +Das lag nicht in meiner Berechnung. + +Soll ich alles widerstandslos gehen lassen, wie es will, oder soll ich +ihn gar nicht empfangen? + +Doch nein, das darf ich nicht tun. Will ich denn nicht das Glück meines +Lieblings? Darf ich es ihr wehren, wenn sie es an der Seite dieses +Mannes zu finden hofft? + +Ich werde mich eines Tages damit abfinden müssen, daß sie von mir geht. +Nicht für uns erziehen wir unsere Kinder. -- + +Aber es ist trotzdem so schwer, auch wenn ich es mir täglich vorsage. + +Ich will mich nicht unnütz quälen, ich will abwarten, was mir der +Oberleutnant zu sagen hat. + +Es wäre ja immerhin möglich, daß ich mich irre. + +Und doch -- Lou war sonst so ganz anders. + +Das Kindliche, das harmlos Fröhliche ist verschwunden, das Weib in ihr +ist erwacht. + +Ich werde trotz alledem sehr vorsichtig sein. Ich werde mich nicht +überrumpeln lassen. Ich muß wissen, ob der Charakter dieses Mannes +Garantien bietet. + +Ist es nicht auch möglich, daß die überseeischen Reichtümer ihn locken? +Man sagt, daß Offiziere viel Geld gebrauchen können. -- -- + + * * * * * + +Meine Lou ist so glücklich, anscheinend ist der Oberleutnant ein +tüchtiger Mann; er ist selbst sehr wohlhabend, da fällt wohl von selbst +der Gedanke fort, ihn für einen Mitgiftjäger zu halten. + +Er ist der Sohn eines Großindustriellen, der erst neuerdings geadelt +worden ist. + +Ich freue mich, daß er aus denselben Kreisen stammt wie Lou; es paßt +besser als wenn er der Abkömmling irgendeines verarmten, feudalen +Geschlechts wäre, um nun mit den Millionen seiner Frau sein Wappen neu +zu vergolden. + +Nur daß ich mein Kind in Deutschland lassen soll, das wird mir schwer. + +Ob Foltmer gern Soldat ist? Ob er sich vielleicht entschließen könnte, +die glänzende Uniform auszuziehen? + +»This funny uniform«, jetzt sagt's der Schlingel nicht mehr. -- + + * * * * * + +Mit der Abreise ist es nun doch nicht so schnell gegangen. Wir haben +erst noch einen Besuch bei Foltmers Eltern gemacht. Ich bin mit einigem +Widerstreben hierhergegangen, konnte aber auch keinen triftigen Grund +für eine Ablehnung finden. -- + +Mit offenen Armen, äußerst liebenswürdig hat man uns aufgenommen. + +Sonderbar, lebten wir hier in Deutschland, so wäre gewiß des Fragens +kein Ende gewesen nach der Familie, der Herkunft und so weiter. + +Nun wir aber Fremde sind, fragt man uns nicht. + +Ich bin, trotzdem ich nie wieder für immer in Deutschland leben möchte, +im Herzen gut deutsch geblieben, und da verdrießt es mich doch manchmal, +daß der Deutsche alles, was aus dem Ausland kommt, als etwas Besonderes +ansieht. -- + +Im übrigen freue ich mich doch, hierher gekommen zu sein. Wenn der +Betrieb auch nicht an die amerikanischen Verhältnisse heranreicht, so +muß ich doch gestehen, daß ich gestaunt habe über die Einrichtungen, +deren endgültige Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Aber +die Automobilfabrikation ist hier ja auch noch lange nicht so weit wie +drüben bei uns. -- -- + +Der Abschied des Brautpaares war recht schwer. Ich habe mich täglich +mehr davon überzeugt, daß mein Kind wirklich von Herzen um seiner selbst +willen geliebt wird. Was bei diesem lieben, sonnigen Geschöpf ja auch +kein Wunder ist. + +Am liebsten hätte Foltmer schon jetzt geheiratet. + +Aber da war ich unerbittlich. Ein Jahr müssen sie noch warten. + +Es wäre überhaupt mein größter Wunsch, daß Foltmer erst einmal zu uns +nach Chikago käme, vielleicht ließe er sich dann dazu bewegen, seinen +Abschied zu nehmen. + +Wir werden sehen. -- -- -- Nach einem kleinen Abstecher in die Heimat zu +den Großeltern wollen wir am 28. Oktober mit dem »Kaiser Wilhelm« wieder +nach New York. -- -- + + * * * * * + +Es ist wie ein Verhängnis auf dieser Reise. Nicht allein, daß mein +Liebling, meine Lou, mich verlassen will, hat sich jetzt auch Konrad +noch verlobt. Und gerade jetzt, wo ich mich so gefreut habe über seine +Heimkehr. + +Eigentlich habe ich mir schon in Deutschland Gedanken gemacht über +Konrads Sehnsucht nach Amerika, die mir, offen gestanden, etwas +unnatürlich war -- nun habe ich die Erklärung dafür. -- + +Helen Curtis war der Magnet. Helen, das Töchterchen meines alten +Freundes. -- + +So leid es mir einerseits tut, daß ich den Jungen, den ich so spät erst +gefunden, nun schon wieder an eine andere verlieren soll, so sage ich +mir doch auch, daß es sich gar nicht glücklicher hätte gestalten +können. + +Schon damals, als Konrad im Hause des Doktors gewesen ist, haben sich +die ersten Anzeichen der jungen, knospenden Liebe bemerkbar gemacht. + +Im vergangenen Jahre, ehe er nach Deutschland fuhr, um seiner +Militärpflicht zu genügen, war er noch einige Tage als Gast am Madison +Square, und schon damals haben die beiden sich ausgesprochen. + +Doktor Curtis ist sehr zufrieden. Er setzt große Hoffnungen in Konrads +Können und ist überzeugt, daß er noch einmal einer der ersten Männer +unserer Industrie sein wird. -- + +Schon im Frühjahr möchte Konrad heiraten. Mir ist es etwas zu rasch, +aber der Doktor meint, allzu langes Warten sei nicht nach seinem +Geschmack. Wenn ich aber triftige Gründe habe, so wolle er sie +selbstverständlich respektieren. + +Die habe ich nicht, und ich könnte mir auch keine Liebere als Ersatz für +meine Lou wünschen als die zierliche, blonde Helen. -- + + * * * * * + +Es gibt Arbeit daheim, und das ist gut. + +Wenn Konrad heiraten will, so muß ich zuvor genau wissen, was ich Lou +als der Tochter ihres Vaters schuldig bin. + +Mein Gerechtigkeitsgefühl läßt es nicht zu, daß ich meinen Sohn, der +doch meinem Gatten völlig fremd war, als seinen Erben hier hinsetze. + +Ich habe mit Thomas darüber gesprochen, und er billigt meine Ansicht +vollständig. + +Ist mir doch sogar, als ob er seit der Zeit merklich wärmer gegen Konrad +sei. + +Ich habe immer das Gefühl gehabt, als empfände er es als ein Unrecht +gegen Lou, daß ich Konrad als zukünftigen Herrn hierhergebracht habe. -- + +Der gute Alte! + +Ich habe selbst zu viel Unrecht erlitten, um leichtsinnig mit den +Rechten anderer zu spielen. + +Lous Anteil soll ihr ungeschmälert werden, und nur das, was mein +Rechtsanteil an dem Vermögen meines Mannes ist, soll die Basis bilden, +auf der Konrad weiterbauen kann. Habe ich mich nicht in ihm getäuscht, +so wird er ganz im Sinne meines Mannes weiterarbeiten und wird in nicht +zu ferner Zeit auf eigenen Füßen stehen können. + +Vier bis fünf Jahre werde ich noch allein Herrin der Werke bleiben, bis +dahin wird es sich gezeigt haben, ob ich mich ohne Sorgen zur Ruhe +setzen kann. -- + + + + +VIII. + +Ans Werk. + + +New York, Dezember 1906. + +Ich sitze in meinem Arbeitszimmer. Das Haus ist still, wie ausgestorben. + +Nach Jahren halte ich mein altes Tagebuch wieder einmal in den Händen. + +Erinnerungen! Die lieben Gäste der Einsamkeit. + +Sind es auch mir liebe Gäste? + +Sie sind es! Aus vollem, aufrichtigem Herzen kann ich es sagen. Die +Einsamkeit, die viele Menschen lastend empfinden, mir ist sie eine +Erholung; ein köstliches Insichselbstversenken. -- + +Auch die bösen Erinnerungen meiner frühesten Jugend schrecken mich nicht +mehr, obgleich es ein köstlich Ding sein muß, beim Rückblick auf die +durchwanderte Strecke nur Gutes und Schönes zu sehen. + +Doch ich will nicht ungerecht sein; es ist wohl wenigen beschieden, nur +Rosen im Garten des Lebens zu pflücken. -- + +Als ich vor sechs Jahren am Sterbebette der Großmutter stand -- und sie +mir sagte: »Du hast alles wieder gut gemacht, mein Kind,« da habe ich +mich sehr gefreut. Die Anerkennung aus diesem Munde tat mir wohl. + + * * * * * + +Auch ich selbst habe das Bewußtsein, daß ich vor dem strengsten Richter +bestehen könnte, wenn die Abrechnung kommt. -- + +Ich wohne nun in New York und widme mich ganz meinen schon lange +gehegten Lieblingsplänen, der Bekämpfung des Mädchenhandels. -- + +Wo fände sich ein dankbareres Feld als gerade hier? + +Und doch, es ist schwer zu arbeiten: bei so wenig Entgegenkommen von +Seiten der Behörden, besonders der Polizei. -- + +Ich weiß nicht, wie schlimm es in anderen Großstädten ist, ich weiß nur, +daß es hier sehr schlimm ist. + +Ich habe jetzt gelernt, daß da, wo ich einst war, noch der Himmel unter +diesen Höllen ist. + +Ein Gang durch die Bowery, Hell's Kitchen, the Stovepipe und wie diese +entsetzlichen Orte alle heißen, hat mir gezeigt, wie schlimm ich es +hätte treffen können. + +Fürchterliche Zustände herrschen auch in den sogenannten Teehäusern des +Chinesenviertels. Das sind die Orte, wo mit Vorliebe halbwüchsige Kinder +hinverschleppt werden. + +Ein Wesen, das dahinein kommt, findet wohl nie wieder den Weg +zurück. -- + +Mit einem zuverlässigen Detektiv als Führer, in einen Herrenmantel +gehüllt, habe ich selbst es gewagt, in ein solches Haus zu gehen, in dem +kein Mensch ohne das bestimmte Paßwort Einlaß findet. + +Durch einen engen Torweg gelangten wir in einen engen, schmutzigen Hof. +Am Ende des Hofes stiegen wir eine steile Treppe hinan und kamen in +einen schmalen, niedrigen Gang, der fast ganz dunkel war; nur am Ende +brannte eine gedämpfte rote Ampel. + +Am Ende des Ganges, da wo die rote Ampel brannte, mußten wir um eine +Ecke biegen und anscheinend denselben Weg zurückgehen. Dann, nach einer +kleinen Biegung nach rechts, standen wir vor einer schweren eichenen +Tür. + +In ungefähr Kopfhöhe war eine kleine Klappe in der Tür, nicht größer als +zwanzig Zentimeter im Geviert. -- + +Ich klopfte und wartete. + +Da öffnete sich geräuschlos die Klappe, ein verwittertes Gesicht mit +scharfen, stechenden Augen wurde einen Augenblick sichtbar, dann, ehe +ich noch ein Wort sagen konnte, hatte sich die Öffnung schon wieder +geschlossen. + +»Lassen Sie mich einmal klopfen,« flüsterte mein Begleiter, »dieser +Tsung Lee ist vorsichtig. Er hat sofort gemerkt, daß Sie ein Fremder +sind.« + +Ich trat zurück und ließ ihn vortreten. + +Ein kurzes, dreimal wiederholtes Klopfen wurde hörbar, die Klappe flog +auf, einige leise geflüsterte Worte trafen mein Ohr, dann bewegte sich +die schwere Tür lautlos in ihren Angeln und wir traten ein. Wir standen +in einem Raum, in dem ich im ersten Augenblick gar nichts unterscheiden +konnte. Ein ungewisses Dämmer herrschte, und ich hörte nirgends einen +Laut. -- + +»Sie scheinen uns noch nicht recht zu trauen,« flüsterte mein Begleiter. +»Man ist hier sehr vorsichtig. Dafür bieten diese Häuser aber auch, was +man an keinem Platze der Welt schöner haben kann. Hier findet jeder +seine Rechnung. Sogar der -- --« + +Ein Geräusch ließ ihn verstummen. Wir drehten uns nach der Seite, ein +blaßgrüner Vorhang ging auseinander, und dahinter, auf schwellendem +Diwan, wie aus der Erde gestiegen, lag, von rosigem Licht umflossen ein +Weib, vielmehr ein Kind noch, und streckte die Arme nach uns aus. Ich +wollte darauf zutreten um mit dem Kinde zu sprechen, mein Begleiter +hielt mich zurück. + +»Warten,« flüsterte er, »es kommt noch besser.« + +Und es kam besser. -- + +Die armen Wesen! Ich bin gewiß, nicht ein einziges von all den armen +Kindern hat gewußt, was man mit ihm vorhatte, wohin man es bringen +würde. Das alte Lied, das alte Leid. -- + +Wir verließen das Haus auf einem anderen Wege, nicht ohne vorher +fünfzig Dollars für den Besuch bezahlt zu haben. + +Die ganze Einrichtung dieser Häuser läßt unschwer erkennen, daß es +vollständig ausgeschlossen ist für jemand, der wider seinen Willen darin +festgehalten wird, zu entkommen. + +Auch die Polizei würde nie etwas anderes finden, wenn sie wirklich +suchen würde, als eine harmlose Teestube im unteren Stock. + +Alles, was nicht gesehen werden soll, wird über die Leiter entfernt. + +Aber der Polizei ist all dies bekannt! + +Es ist ihr bekannt, daß gerade diese Pesthöhlen in Chinatown das +Schlimmste sind, was es in diesem Genre geben kann. Und doch werden sie +geduldet. + + * * * * * + +Ich habe die Aufzeichnungen in meinem Tagebuch noch einmal durchgelesen +und, obgleich mein Blut jetzt ruhiger und schwerer durch die Adern +fließt, stimme ich auch jetzt noch meinen damaligen Ausführungen zu: Daß +ein Hauptteil der Schuld an den unseligen Verhältnissen auf dem Gebiete +der Prostitution auf Seiten des Mannes liegt. -- Die Konjunktur richtet +sich hier, wie überall, nach Angebot und Nachfrage. + +Hier allein liegt der Kern des Übels. Würden die Männer jene Häuser +nicht so frequentieren, so wäre ihre Existenzmöglichkeit stark +beschränkt. Der Mädchenhandel, diese Pestbeule unserer Kultur, müßte +naturgemäß von selbst aufhören. -- + +Nun habe ich so oft die Entgegnung hören müssen: der Mann kann nicht +anders, er muß in diese Häuser gehen, will er nicht seine Gesundheit arg +gefährden. + +Zugegeben, dem wäre so, warum heiratet er nicht, wenn er nicht ohne +geschlechtlichen Verkehr leben kann? + +Und ist es anderseits nicht wieder eine sehr einseitige Auffassung der +Herren, daß auf Kosten ihres Wohlbefindens, auf Kosten ihrer Genußsucht, +die andere Hälfte der Menschheit Opfer bringen muß? Wer fragt die +unverheiratete Frau danach, ob sie geschlechtlichen Verkehr nötig hat? + +Im Gegenteil, sie ist verfemt, ausgestoßen aus der Gesellschaft, wenn +sie ihren Sinnen gehorcht. + +Und hat doch nur dasselbe getan, wozu der Mann volle Berechtigung +hat. -- + +Aber angenommen, man könnte wirklich nicht ohne öffentliche Häuser +auskommen -- was ich, wie gesagt, bestreite -- so wäre es immerhin das +Beste und meiner Meinung nach einzig Richtige, wenn sie verstaatlicht +würden. + +Man komme nicht mit Einwänden, daß es nicht geht. Es geht alles! Wo ein +Wille ist, da ist auch ein Weg. -- + +Natürlich müßten internationale Abkommen getroffen werden, deren wir ja +auf allen anderen Gebieten übergenug haben. + +Nur auf diesem Gebiet, wo es sich um die Frau handelt, um die +eigentliche Trägerin der Zukunft, da ist man lässig. + +Würden alle, aber auch alle derartigen Pesthöhlen plötzlich aufgehoben, +und diejenigen, die freiwillig ihren Körper den Lüsten des Mannes zur +Verfügung stellen wollen, in staatlich verwaltete Häuser gesteckt, wo es +keinen Sekt, sondern nur alkoholfreie Getränke geben dürfte, man würde +staunen, wie sehr die Unsittlichkeit abnehmen würde. + +Hier allein wäre der Weg für die Regierungen, um Abhilfe zu schaffen. +Dem Mädchenhandel wäre damit ein für allemal der Nährboden entzogen. + +Warum wird dieser Weg nicht beschritten? + + * * * * * + +Doktor Curtis, mein alter Freund, ist mir ein treuer Helfer in meinen +Bestrebungen. Er findet da, wo die Frau nur verschlossene Türen finden +würde, immer noch einen Weg. + +Der größte Erfolg unserer Bestrebungen, die Aufhebung eines der +schlimmsten Nester -- des sogenannten Katzenkellers in der unteren +Bowery -- ist sein Werk. + +Wenn die Mächtigen dieser Erde lässig sind, so müssen die Frauen sich +selbst helfen, sie müssen kämpfen für diese Ärmsten der Frauen. + + * * * * * + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Der sehnlichste Wunsch meiner Jugend hat sich erfüllt. Ich habe die +Mittel und auch die Zeit, mich jenen Unglücklichen zu widmen. + +Meine Kinder sind glücklich. Bei Konrad durfte ich im vergangenen +Frühjahr das erste Enkelchen bei der Taufe halten, und auch mein +Liebling, meine Lou, die eine prächtige deutsche Offiziersfrau ist, hat +bereits einen Jungen und ein Mädchen. -- + +Aber sie alle brauchen mich nicht. Ich kann meine Kraft und meine Zeit +ungehindert den Unglücklichen widmen, die mich nötig haben. + +Wir leben in einer Zeit, in der man von Überkultur redet. Die +Nordstaaten haben Millionen geopfert, um die Neger zu befreien. In den +Augen der humanen Amerikaner war die geduldete Sklaverei eine Schande. + +Was aber sind die allein hier in New York lebenden 35000 unglücklichen +Geschöpfe anderes? + +Der farbige Sklave hatte es tausendmal besser als sie. + +Ich darf mich nicht allzu tief in diese Abgründe menschlicher Schwächen +versenken. Mein ganzes Blut empört sich gegen das unheilvolle System. +Nur das Weib kann dem Weibe helfen. Gemeinsam müssen sie vorgehen gegen +diese Schurken, die sich in so unerhörter Weise gegen die heiligsten +Güter der Menschheit versündigen. Die da Wucher treiben mit Körper und +Seele ahnungsloser Geschöpfe. -- + +Denn sie gehören ja doch zu uns, diese Armen -- trotz alledem und +alledem. -- -- + +_Ende._ + + +Druck: Berliner Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H., Berlin SW 48 -- +Zossen (Mark) + + + + + F. FONTANE & Co., BERLIN/DAHLEM (Post Grunewald) + + ------------------------------------------------ + + AMERIKA-LITERATUR + + ------------------------------------------------ + + =Kurt Aram:= + + =Mit 100 Mark nach Amerika= + + Ratschläge und Erlebnisse + + Ausg. A. (mit einem Katechismus für Auswand.) cart. M. 1.-- + + Ausg. B. Brosch. M. 3.--, gebund. M. 4.-- + + ------------------------------------------------ + + =Ludwig Max Goldberger:= + + =Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten= + + VIII. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50 + + ------------------------------------------------ + + =Geh. Reg.-Rat Dr. Hintrager:= + + =Wie lebt und arbeitet man + in den Vereinigten Staaten?= + + Nordamerikanische Reiseskizzen + + II. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50 + + ------------------------------------------------ + + =Orla Holm:= + + =Aus Mexiko= + + Reisebriefe + + Brosch. M. 3.50, geb. M. 5.-- + + ------------------------------------------------ + + =Wilhelm von Polenz:= + + =Das Land der Zukunft= + + (Was können Amerika und Deutschland von einander lernen?) + + VIII. Aufl. Brosch. M. 4.--, geb. M. 5.-- + + =Dasselbe Werk auch in englischer Übersetzung= + + ------------------------------------------------ + + =Ernst von Wolzogen:= + + =Der Dichter in Dollarica= + + IV. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50 + + + =Was Onkel Oskar mit seiner + Schwiegermutter in Amerika passierte= + + VII. Aufl. Brosch. M. 1.--, cart. M. 2.-- + + ------------------------------------------------ + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Mit _ umschlossene Texte sind im Original "gesperrt" gedruckt, +Umschließungen mit = zeigen fett gedruckten Text an. + +Offensichtliche Interpunktionsfehler wurden berichtigt. + +Im Satz "Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer auf dem Sopha +schlafen soll" "Sopha" geändert zu "Sofa" (wie andernorts im gleichen Buch) + +Im Satz "Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, meine +überflüssigen Sachen verkaufen und als Passagier mit der »Nirvana« +zurückkommen." "Nirvana" geändert zu "Nirwana" (wie andernorts im gleichen +Buch) + +Im Satz "weint und jammert er, kratzt an meinem Kleid und geberdet..." ist +"geberdet" als früher verwendete Schreibweise erhalten geblieben. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Seelenverkäufer, by M. Gontard-Schuck + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEELENVERKÄUFER *** + +***** This file should be named 35999-8.txt or 35999-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/5/9/9/35999/ + +Produced by Heike Leichsenring, Alexander Bauer, Jana Srna +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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