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+The Project Gutenberg eBook, Inselwelt. Erster Band, by Friedrich
+Gerstäcker
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Inselwelt. Erster Band
+ Indische Skizzen
+
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+
+
+Release Date: March 22, 2011 [eBook #35651]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INSELWELT. ERSTER BAND***
+
+
+E-text prepared by richyfourtytwo, bfx, and the Online Distributed
+Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
+
+
+
+Hinweise zur Transkription
+
+ Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene
+ Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden
+ durch Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler und uneinheitliche
+ Schreibweisen wurden korrigiert, bei Zweifeln wurde der Originaltext
+ beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich
+ am Buchende, die zahlreichen Korrekturen bei falsch gesetzten oder
+ fehlenden Anführungszeichen sind nicht extra aufgeführt.
+
+ Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+ Sperrung: =gesperrter Text=
+ Antiquaschrift: _Antiquatext_
+
+
+
+
+
+Inselwelt.
+
+
+Gesammelte Erzählungen
+
+von
+
+Friedrich Gerstäcker.
+
+
+Erster Band.
+
+=Indische Skizzen.=
+
+
+
+
+
+
+
+Leipzig,
+=Arnoldische Buchhandlung.=
+1860.
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichniß vom ersten Bande.
+
+
+ I. In der Südsee.
+
+ Seite
+
+Der Wallfischfänger 1
+
+Die Bootsmannschaft 82
+
+Der Schooner 168
+
+ II. Im Ostindischen Archipel.
+
+Der Balinese 249
+
+Der Menschentiger 313
+
+Der Khris 374
+
+
+
+
+I.
+
+In der Südsee.
+
+Der Wallfischfänger.
+
+
+1.
+
+In der weiten und bequemen Corallenbai von Monui, einer der
+Tonga-Inseln, ankerte im Januar des Jahres 18** ein englischer
+Wallfischfänger, die »_Lucy Walker_«, Provisionen, Holz und
+Erfrischungen einzunehmen, und da sich die Eingeborenen ziemlich
+freundlich gezeigt, hatte die Mannschaft in Abtheilungen Tag nach Tag
+Erlaubniß bekommen, an Land zu gehen und mit den Eingebornen zu
+verkehren.
+
+Der Capitain selber, ein junger Mann, der seine erste Reise als Führer
+eines Schiffes machte, war viel zu entzückt von dem wundervollen Land,
+das er betreten, seine Freiheit nicht ebenfalls soviel als möglich
+benützen zu sollen, und unter den freundlichen Menschen, von dem alten
+Häuptling selber auf das herzlichste aufgenommen, vergingen die Tage in
+Zauberschnelle. Er schien zuletzt zwar ganz vergessen zu haben, daß er
+des Wallfischfanges wegen in diese Breiten gekommen und selber gehen
+müßte die Fische aufzusuchen, wenn er überhaupt deren fangen, und sein
+Schiff voll Öl bekommen wollte.
+
+Die Scenerie allein trug aber nicht die Schuld. Hua, Toanonga's
+liebliches Töchterlein, hatte sein Herz mit einer Leidenschaft
+entflammt, der er sich selber im Anfang nicht klar bewußt war, die aber
+mit jedem Tage mehr Überhand gewann. Ja, je mehr ihm Gelegenheit geboten
+wurde, sich dem Gegenstand derselben zu nähern, und je weniger nah er
+doch demselben dadurch kam, vergaß er zuletzt selbst seine Pflicht gegen
+sein Schiff sowohl, wie seine Mannschaft, um noch immer kurze Zeit
+länger in der verführerischen Nähe des holden Mädchens zu weilen.
+
+Hua[1], nach ihrem heiteren, fröhlichen Wesen so genannt, sah den
+fremden jungen Mann gern bei sich, der ihr, der Tonga-Sprache vollkommen
+mächtig, noch von früheren Reisen her, viel von fremden Ländern und
+Völkern erzählen, und mit dem sie lachen und sich freuen konnte. An eine
+ernstere Neigung dachte sie nicht, denn sie wußte recht gut, daß solche
+Schiffe nur immer auf kurze Zeit an eine ihrer Inseln anlegten und
+dann wieder fortfuhren, vielleicht nie mehr zurückzukehren -- was hätte
+ihr seine Liebe genützt? Überdem war sie schon dem jungen Häuptling
+eines Nachbarstammes versprochen, der jeden Tag eintreffen konnte, sie
+abzuholen. Die Zeit bis dahin war ihr denn auch schon recht lang
+geworden, und etwas Erwünschteres hätte gar nicht kommen können, als das
+fremde Schiff mit den weißen, wunderlichen und doch so freundlichen
+Männern.
+
+Toanonga befand sich am Besten dabei; der junge Engländer brachte, um
+ihn sich beliebt zu machen jeden Tag neue Geschenke, und er sah sich
+dadurch bald in dem Besitz einer so bedeutenden Anzahl von Nägeln,
+Glasperlen, kleiner Spiegel, Messer, Beile, Kattun, und vor allem Andern
+Tabak, dessen Gebrauch er auch schon kennen gelernt, daß er schon
+anfing, sich als einen Capitalisten zu betrachten, der sich nun bald von
+seiner beschwerlichen Häuptlingsschaft werde in das Privatleben
+zurückziehen können, von seinen Renten zu leben.
+
+So angenehm nun aber auch ein solches Leben der Mannschaft des
+Wallfischfängers war, der sich, nach dem beschwerlichen Dienst an Bord,
+ein förmliches Paradies hier öffnete, so bedenklich schüttelten die
+Officiere -- Harpuniere und Bootsteuerer -- darüber den Kopf. Eine
+Zeitlang hatten sich diese wohl mit ruhigem Behagen dem Stillleben der
+Inseln hingegeben; als dies aber immer noch kein Ende zu nehmen schien,
+gedachten sie auch ihres eigenen Nutzens, und wünschten ihr Geschäft
+wieder aufzunehmen, wegen dem sie doch eigentlich an Bord gegangen
+waren: nämlich Geld durch den Fang der hier muthwillig versäumten Fische
+zu verdienen.
+
+Zuerst erinnerte der erste Harpunier den Capitain, daß es später und
+später in der Jahreszeit würde, und sie schon gar nicht mehr daran
+denken dürften, ihrer ersten Absicht nach, Neuseeland anzulaufen. Die
+Mahnung half aber weiter nichts, als daß der Capitain noch einmal sechs
+Klaftern Holz bei den Eingebornen bestellte, zu denen diese, wie er
+recht gut wußte, fast eben so viele Wochen brauchten, es zu schlagen,
+und doch hatten die Leute an Bord schon jetzt alle Winkel und Ecken
+davon vollgestaut, -- doch traten endlich die Officiere zusammen und
+erklärten ihrem Vorgesetzten, daß sie ihm allerdings gehorchen und so
+lange hier bleiben müßten, wie er es für gut fände, daß sie aber bei
+ihrer Zurückkunft nach Liverpool jedenfalls Beschwerde oder vielmehr
+Klage auf Schadenersatz für versäumte Zeit gegen ihn einreichen
+würden, wenn er jetzt nicht bald wieder die Anker lichte.
+
+Capitain Silwitch, so zum Äußersten getrieben und sich seinen Leuten
+gegenüber auch im Unrecht fühlend, beschloß nun einen entscheidenden
+Schritt zu thun, und Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu
+bitten. Einer ihrer heidnischen Trauungsceremonien konnte er sich, als
+höchst unbedeutender Christ, leicht unterwerfen, und ehe er die
+Heimfahrt antrat, was noch ein paar Jahr dauern mochte, fand sich immer
+eine Gelegenheit, das Mädchen, wenn auch nicht genau an diese, doch
+vielleicht an eine der Nachbarinseln wieder abzusetzen -- mit nach Hause
+durfte er sie natürlich nicht nehmen.
+
+Toanonga saß mit Hua auf einer großen, aus langem Gras feingeflochtenen
+Matte, vor seiner Hütte, im Schatten eines gewaltigen Toa-Baumes, der
+mit dem Duft seiner Blüten die ganze Nachbarschaft erfüllte. Es war ein
+reizender Platz, gerade an der Mündung eines kleinen, aus den Höhlen
+kühl und plätschernd niedersprudelnden Bergbachs, der sich die klare
+Bahn unter wehenden Palmen und über moosiges Gestein brach und Blumen
+und Früchte als Tribut dem Meere zuführte. Mächtige Cocospalmen
+schüttelten ihre federartigen, rauschenden Kronen über seiner Fluth und
+die hohen, stattlichen Mapebäume mit ihren breiten, magnolienartigen
+Blättern und wunderlich geformten Stämmen[2] deckten und beschatteten
+niedere Haine fruchtbeladener Orangen und Citronen und duftender
+Blütenbüsche, die durch sie gegen die sengenden Strahlen der Sonne
+geschützt wurden.
+
+Das Haus des Häuptlings war nur wie das seiner geringsten Unterthanen
+aus trockenen, gelben Bambusstäben aufgerichtet, und mit
+Zuckerrohrblättern fest, aber doch luftig und vollkommen regendicht,
+gedeckt. Ein kleiner dabei angelegter und mit dicht gesteckten dünnen
+Stangen umzäunter Garten (eine Quantität wild herumlaufender Ferkel
+daraus fern zu halten, denen der Besuch des Hauses jedoch vollkommen
+frei zu stehen schien) enthielt Reihen gepflanzter Bananen und sogar
+einige Yams, und in feuchten Gruben gezogene Taro-Pflanzen, während
+dichtgesteckte Brotfruchtbäume, die jedoch auch überall wild gediehen,
+die Hauptnahrung der Insel anzeigten und ihre wohlthätigen Äpfel vor die
+Thür ihres Eigenthümers niederschütteln.
+
+Toanonga schwelgte in der Verdauung eines eben genossenen vortrefflichen
+Frühstücks, eines mit heißen Steinen gerösteten Ferkels und _Me_[3], und
+dieser gleichsam eine höhere Weihe zu verleihen, hatte er einen Theil
+der erhaltenen Geschenke, besonders eine Anzahl Nägel und Glasperlen,
+einige Uniformknöpfe und vor allem Andern einen zerbrochenen Sporn, an
+dem das Rädchen aber noch gut war und wirbelte, vortrefflich vor sich
+ausgebreitet und betrachtete sie mit augenscheinlicher Genugthuung und
+Freude.
+
+Capitain Silwitch hätte wirklich keinen glücklicheren Moment für seine
+Werbung treffen -- und keinen unglücklicheren Erfolg haben können.
+
+Eine ganze Jagdtasche voll Geschenke für den König; Gegenstände, als ob
+ein Trödler seine Bude ausgeräumt und den Schutt zurückgeworfen, die
+Quantität vielleicht an den Eisenhändler zu verkaufen. Dazwischen fanden
+sich ein paar buntblitzende, blaue, großbeerige Glaskorallen, von
+enormem Gewicht; ein kleiner, gesprungener Rasirspiegel, eine unechte
+goldene Quaste von irgend einer Gardine, ein Argentan-Löffel und
+besonders eine plattirte Schuhschnalle bildeten aber die
+Hauptbestandtheile der Masse, die er, Hua dabei freundlich zulächelnd,
+vor dem erstaunten _Hou_ -- Häuptling der Insel -- und auf die Matten zu
+den Knöpfen und Perlen schüttete.
+
+»Tangaloa[4] segne mich!« rief der würdige Toanonga, als er die
+unvermutheten Schätze aus dem ganz unscheinbaren Lederbeutel auf sich
+förmlich herabregnen sah, ohne in dem Augenblicke eine Ahnung zu haben,
+welchem glücklichen Ereignisse er diese fabelhafte Freigebigkeit des
+fremden weißen Mannes verdanke, -- »der Fremde hat sein ganzes Canoe
+geplündert, die Augen seines Freundes mit seinen Schätzen glücklich zu
+machen, Si-li-wi« -- (eine natürliche Verunstaltung des Namen Silwitch,
+da die Insulaner nur sehr schwer zwei Consonanten hinter einander in
+einer Silbe aussprechen können) »soll Brotfrucht und Cocosnüsse, Bananen
+und Taro, Ferkel und Fische haben, so viel er will auf sein Schiff.
+Si-li-wi ist ein Ehrenmann und darf sich eine Gnade erbitten.«
+
+»Und gebe Gott, daß du sie erfüllst, würdiger Greis,« sagte der junge
+Mann halb lachend, halb verlegen, »ich komme allerdings heute Morgen mit
+einer großen Bitte an dich, oder eigentlich an -- Hua an deiner Seite,
+deren Erfüllung mich unendlich glücklich machen würde.«
+
+»An mich?« fragte Hua erröthend, während sie von ihrer Matte aufsprang
+und den Fremden überrascht ansah; »willst du noch mehr von den
+wunderlichen weiß- und rothgefleckten Corallen, die wir in der Bai da
+drüben gesucht? oder soll ich dir Perlen holen lassen, unten vom Grund
+herauf? Ich weiß auch --«
+
+»Halt, halt, Mädchen, mach mich nicht toll mit deinen freundlichen
+Worten!« bat der junge Mann abwehrend. »Es ist mehr als alles Das, und
+nun, Toanonga, soll es auch heraus, denn lange Reden bin ich doch nicht
+im Stande zu machen. Hier sind die Geschenke, du sollst noch mehr
+haben, Tabak, Feuerwasser, Messer, Beile, Kattun -- auch ein Gewehr hab'
+ich für dich bestimmt, das den Blitz und Donner in sich trägt, und womit
+du deine Feinde besiegen und dir unterthan machen kannst.«
+
+»_Mea fanna fonnua_[5]?« rief Toanonga rasch, der bei der Aussicht auf
+solchen Besitz alles Andere in dem Augenblick vergaß. »Wäre nicht übel;
+Toanonga möchte ungemein gern _Mea fanna fonnua_ haben.«
+
+»Und du giebst mir Hua?« rief der Engländer rasch und freundlich.
+
+»Hua?« sagte der alte Häuptling erstaunt, während das Mädchen bestürzt
+und erröthend dabei stand und kein Wort zu erwidern wagte. »Hua gehört
+nicht mein, kann ich nicht vergeben; gehört _Tai manavachi_, ist _Tai
+manavachis ohana_.«
+
+»_Ohana?_« wiederholte der junge Mann bestürzt und erschreckt, denn das
+Wort bedeutet in der Tongasprache Braut sowohl als Frau. »_Ohana?_ --
+seit wann?«
+
+»Bah, nicht so lange,« sagte der Alte kopfschüttelnd und die vor ihm
+ausgebreiteten Geschenke ein wenig mehr nach sich herüber schiebend,
+als ob er eine ungewisse Ahnung hätte, daß der Fremde, wenn er den
+angebotenen Tausch =nicht= eingehen wolle, diese am Ende auch wieder
+zurückziehen könne. »Muß heute oder morgen kommen, sie zu holen.«
+
+»Holen? -- wohin?«
+
+»Nach Tongatabu -- große Insel, großer Häuptling,« setzte der Alte mit
+einiger Selbstzufriedenheit hinzu; »wird _Ohana_ dort und bekommt große
+Strecke Land.«
+
+»=Wird= _Ohana_?« rief Silwitch aber, denn noch ein Strahl von Hoffnung
+dämmerte, also =ist= sie noch nicht seine Frau, und wenn mich Hua lieber
+hat, als den braunen Burschen, da denk' ich, soll sie sich bei mir so
+wohl befinden, wie bei _Tai manavachi_, -- Und was sagt Hua selber? --
+komm her Mädchen und sag' deinem Vater, daß du mir gut bist und mich zum
+Mann haben willst.«
+
+»Ich dich zum Mann haben?« lachte aber die Schöne schelmisch, während
+ihr ein noch höheres Roth Wangen und Nacken färbte, »und wer hat dir das
+gesagt, _Muli_[6]?«
+
+»Nenn' mich nicht =fremd=, denn ich bin es nicht mehr!« rief der
+Engländer bittend. »Wenn du es mir auch noch nicht mit klaren Worten
+gesagt, hat es doch jeder Zug deines Angesichts, selbst der Ton deiner
+Stimme, der Blick deines Auges schon gesprochen!«
+
+»Und willst du hier bei uns bleiben auf der Insel, und dein Schiff
+verlassen?« frug der alte Häuptling vorsichtig.
+
+»Mein Schiff verlassen? -- jetzt? -- nein, das geht nicht,« sagte der
+Fremde rasch, »ich muß nach Norden hinauf und Fische fangen, aber im
+nächsten _Liha mua_[7] komme ich zurück mit Hua, wieder bei Euch zu
+wohnen.«
+
+»Mit Hua?« rief der Alte erstaunt und mit eigenthümlichen, halb ernsten,
+halb drolligen Zug um die Lippen -- der tolle _Muli_ wär's im Stande. --
+»Wolltest du das Mädchen mitnehmen auf dein Schiff?«
+
+»Gewiß will ich,« rief der Seemann rasch, »und sie soll's gut haben bei
+mir, und die Welt sehen. Toanonga, ich liebe deine Tochter so heiß und
+glühend, wie ich dir es gar nicht beschreiben kann, und du =mußt= sie
+mir zum Weibe geben.«
+
+»=Muß= ich, so?« lachte der Alte gutmüthig; Hua aber, noch mehr
+erröthend, sagte leise und vorsichtig unter den halbgesenkten Wimpern zu
+ihm aufschauend.
+
+»Und wenn Hua nun nicht will?«
+
+»Du nicht wollen, Mädchen, und weshalb?« rief der junge Mann bittend.
+
+»Und _Tai manavachi_?«
+
+»Bah, _Tai manavachi_!« rief der Engländer verächtlich, »was schirt der
+=mich= -- er soll kommen und dich holen, wenn ich dich erst einmal
+habe.«
+
+»Er ist ein tapferer Krieger!« rief aber der Alte jetzt rasch, »und hat
+seinen Namen danach bekommen. -- Schlimm für den Feind, dessen Fährte er
+folgt.«
+
+Silwitch schüttelte den Kopf ärgerlich.
+
+»Damit kommen wir nicht weiter,« rief er rasch; »ich frage dich,
+Toanonga, ob du mir Hua zum Weibe geben willst?«
+
+»Warum frägst du nicht Hua selber, ob sie dich haben will?« sagte der
+Alte mit seinem trocknen Lachen.
+
+»Weil ich ihrer Liebe gewiß bin,« rief der Engländer leidenschaftlich;
+»sie wird mit mir gehen, wenn =du= ihr die Erlaubniß giebst!«
+
+»Frag' sie,« war Alles, was Toanonga erwiderte. Der junge Engländer
+wandte sich rasch dem schönen Mädchen zu, und streckte den Arm nach ihr
+aus, aber Hua wich ihm rasch und entschlossen aus und rief:
+
+»Nein -- nein -- ich bin die Braut eines Andern, fort mit dir,
+_Pagalangi_[8], was willst du von mir?«
+
+»Hua!« rief aber der junge Seemann erschreckt. »Hua, ich kann nicht
+leben ohne dich und muß dich mein nennen, wende dich nicht ab von mir
+und sei mein Weib.«
+
+»Du bist unser Freund gewesen,« sagte das Mädchen ernst und fast traurig
+mit dem Kopf schüttelnd, »und wir haben dich und die Deinen freundlich
+aufgenommen, was willst du mehr? Ich passe nicht zu euch, zu euren
+Sitten, eurer Sprache, eurer Religion, nicht zu den wilden Männern auf
+deinem Schiff. Ich will auf diesen Inseln bleiben, die meine Heimat
+sind.«
+
+»=Meine= Einwilligung hast du,« lachte Toanonga in seiner trockenen
+Weise; »ich hab' es dir vorher gesagt.«
+
+»=Deine= Einwilligung hab' ich, Toanonga?« rief Silwitch rasch und in
+furchtbarer Aufregung, durch den Spott vielleicht nur noch mehr gereizt.
+
+»Ja, die hast du,« nickte der Alte lachend, »aber Hua will nicht.«
+
+»Sei nicht so bös, weißer Mann,« sagte aber das Mädchen jetzt
+freundlich, ihm die Hand entgegenstreckend, »sieh', was würde _Tai
+manavachi_ sagen, wenn er käme und fände mich als das Weib eines Andern;
+bliebest du selbst bei uns auf der Insel, die ich nun einmal nicht
+verlassen kann und will. Hua sieht dich gern, aber sie kann dir nie
+angehören.«
+
+Silwitch nahm die Hand und drückte sie in heftiger Aufregung, barg dann
+die Augen kurze Zeit in seiner Linken, und Toanonga sah, wie er einen
+heftigen Kampf mit sich selber kämpfe; aber er bezwang sich und als er
+den Kopf wieder hob, sagte er ruhig und gefaßt:
+
+»Es ist gut, Hua; wenn du mich nicht haben willst, kann ich dich nicht
+zwingen, aber -- ich hatte es gut mit dir gemeint und -- du hast mir weh
+-- recht weh gethan. Das ist jetzt vorbei und ich werde nun wieder
+fortsegeln von hier, und wahrscheinlich nie -- nie wieder zurückkehren,
+nach _Monui_ -- Wirst du noch manchmal meiner dann gedenken?«
+
+»Wenn ich ein Segel am Horizonte sehe, werde ich wünschen, daß es das
+deine ist,« sagte Hua in ihrer einfachen Herzlichkeit, ihm treu und
+kindlich dabei in's Auge schauend.
+
+»Und wann willst du gehen, _cowtangata_[9]?« frug der Alte jetzt,
+anscheinend gleichgültig, aber vielleicht mit dem unbestimmten Wunsch,
+das Gespräch auf einen fernen Gegenstand zu bringen, und nicht auf die
+noch vor ihm ausgebreiteten Geschenke zurückzuführen, die er eines nach
+dem andern, vorsichtig und sorgfältig hinter sich und aus Sicht brachte.
+
+»Ich weiß es noch nicht,« erwiderte der Engländer ruhig; »ich habe noch
+Holz bei deinen Leuten bestellt, das ich zuerst an Bord nehmen möchte.
+Willst du mich los sein?«
+
+»Nein, nein, bewahre!« rief der Häuptling rasch und erschreckt; »du bist
+willkommen, so lange auf der Insel zu bleiben, wie es dir gefällt --
+nachher kannst du gehen. -- Und wollen die _Pagalangis_ selber ihr Holz
+schlagen?«
+
+»Nein, ich habe deine Leute schon dafür bezahlt,« sagte der Engländer,
+»und glaube sie sind mitten in der Arbeit; bis morgen Abend soll ich es
+an Bord haben.«
+
+»Es ist gut -- ich will es dir wünschen,« erwiderte der Alte mit einem
+etwas zweideutigen Lächeln. Ob es Silwitch aber bemerkte oder nicht, er
+schaute einen Augenblick sinnend vor sich nieder, nickte dann mit einem
+kaum unterdrückten Seufzer Hua, etwas lebendiger ihrem Vater zu, und
+schritt mit verschränkten Armen und gebeugten Hauptes langsam dem
+Strande zu, wohin er sein Boot beordert hatte, ihn wieder an Bord zu
+rudern.
+
+
+2.
+
+Die Bootsmannschaft hatte sich indessen, auf ihren Capitain wartend, die
+Zeit bestmöglichst vertrieben, Cocosnüsse abgepflückt, Orangen
+ausgesogen, getrunken, und sich dann, in den Schatten eines
+engverwachsenen Pandanus-Dickichts auf den bröcklichen, fast
+pulverisirten Corallenboden niedergeworfen, sich von den Anstrengungen
+des Fruchtsammelns zu erholen.
+
+Es waren lauter englische Matrosen, und nur ein Schotte unter ihnen,
+Namens Mac Kringo, scherzweise gewöhnlich Lord Douglas genannt. Das
+Gespräch drehte sich aber natürlich um das herrliche Leben, das sie
+hier geführt und das, wie sie jetzt fast fürchten mußten, bald ein Ende
+nehmen würde, wenn sich der Capitain nicht, trotz den Officieren, noch
+einmal anders besänne und doch am Lande bliebe.
+
+»Hol's der Teufel, Jungen!« sagte der eine Matrose, den die andern
+seiner ungemein großen Vorliebe für Fische wegen und in einer
+sonderbaren Verwirrung der heiligen Schrift =Jonas= nannten, »wenn ich
+Capitain der »_Lucy Walker_« wäre, ich wollte den Teufel thun und ihr
+Kupfer so rasch wieder gegen Eisschollen reiben, wo ich selber hier
+einen solchen capitalen Hafen gefunden hätte. Der Böse mag sich die
+Wallfische selbst fangen, wenn er sie haben will, ich bin nicht
+eigennützig, und gönne ihm gern den Verdienst.«
+
+»Das glaub' ich, daß =du= den Wallfischen das Wort redest, Jonas,«
+lachte Mac Kringo, ihn von der Seite anblinzend, »bei dir ist's alte
+Anhänglichkeit.«
+
+»Ah bah, mein _bonny scotsman_,« brummte aber der Engländer, »wenn du
+nichts Besseres weißt, so bleib mit deinen abgedroschenen Witzen zu
+Hause; die sind auf meinem Namen schon lange stumpf geworden. Gieb uns
+aus deinem allzeit fertigen Hirn einen Rath, wie wir anständiger Weise
+hier bleiben können, denn zum Weglaufen ist die Insel zu klein, und ich
+will dir dann zugestehen, daß du wirklich Grütze im Kopfe hast. Bis
+dahin aber laß mich zufrieden, mit dem was du =glaubst= oder nicht; sag'
+uns, was du =weißt=.«
+
+»Guter Rath wäre da nicht das erstemal an Narren fortgeworfen,« brummte
+der unhöfliche Schotte ärgerlich in den Bart, »und wenn der liebe Gott
+herunterkäme und euch sagte, wie ihr's machen solltet, hättet ihr noch
+drei Bedenken und fünf Aber. Nein, geht mir fort; mit euch ist nichts
+anzufangen, und =wenn= ich das wüßte, ich behielt's für mich.«
+
+»Wenn er was wüßte,« spottete ein Anderer, »_Legs_« -- »Beine« -- von
+einem Paar etwas kurzer und eingebogener Extremitäten so genannt. »Lord
+Douglas thut wahrhaftig, als =ob= er etwas im Hinterhalt hätte und uns
+nun nicht für würdig hielt, die Geschichte mit anzuhören. Das ist das
+billigste Mittel jedenfalls, dick zu thun. Nein, Kinder, unsere Zeit ist
+abgelaufen und ich müßte mich, nach allen Vorbereitungen zu urtheilen,
+sehr irren, wenn wir nicht schon morgen Abend um diese Zeit wieder
+unsere regelmäßige Wacht gehen und uns die Hälse abdrehen, nach den
+Schwarzkitteln auszuschauen. Wasser und Provisionen sind genug an Bord,
+und auf das bestellte Holz kommts dann gerade auch nicht so sehr an, ob
+wir das einwerfen oder nicht. Der Raum ist überdies so voll, daß wir's
+eine Zeitlang mitten auf Deck und im Weg lassen müßten, und der erste
+Harpunier würfe die verfluchten Scheite eigenhändig über Bord, wenn er
+sich ein einzigesmal die Schienbeine daran stieße.«
+
+»Ja, auf =unsere= Schienbeine würd' es da auch nicht besonders
+ankommen,« knurrte ein Anderer, der den allerdings nicht empfehlenden
+Beinamen _Lemon_[10] hatte, weil er fortwährend und selbst bei seinem
+allerdings sehr seltenen Lachen genau solch ein Gesicht schnitt, als ob
+er ganz plötzlich aus Versehen in eine Citrone gebissen hätte. »Es ist
+eine verwünscht kuriose Einrichtung in der Welt, man mag's betrachten
+wie man will, und wir armen Matrosen ziehen immer den Kürzern. Schon
+beim Vertheilen, wir haben den hundertzwanzigsten, der Capitain hat den
+achtzehnten Theil, und wer fängt die Fische, wir oder er?«
+
+»Nun, =du= nicht, Lemon, mit deinem ewigen Raisonniren,« brummte der
+Schotte, »denn wenn dir nicht jedesmal beim Anrudern das Maul verboten
+würde, kämen wir auch jedesmal zu spät zum Zulangen.«
+
+»Zankt euch nicht noch den letzten Tag, den wir vielleicht an Land
+sind,« fiel Jonas hier rasch ein, als er sah, daß Lemon boshaft darauf
+erwidern wollte; »hier, mit festem Boden unter uns, sind wir doch Alle
+gleich, und die vom Lande fragen nicht darnach, ob wir an Bord den
+achtzehnten oder hundertachzigsten Theil bekommen. Jungens, Jungens, mir
+bricht das Herz ordentlich, wenn ich daran denke, daß wir hier fort
+sollen.«
+
+»Herzbrechen?« knurrte Lemon, »das wäre der Mühe werth; kommt auch gar
+nicht vor in der Welt, daß Einem das Herz bricht, und ich weiß nur einen
+einzigen Fall, wo wirklich einmal Jemand an gebrochenem Herzen gestorben
+ist.«
+
+»Aus =deiner= Bekanntschaft?« rief Jonas ungläubig.
+
+»Aus =meiner= Bekanntschaft,« erwiderte der Matrose ruhig; »es war der
+»lange Tom«, wie wir ihn nannten, der hatte in Bristol, wo wir damals
+vor Anker lagen, mit einem andern Kameraden, ich weiß nicht mehr um was,
+gewettet, er wollte einen verdammt schweren Wurfanker von seinem Dock
+bis zu dem, wo unser Schiff lag, ohne abzusetzen, tragen -- und er trug
+ihn auch, aber -- er lebte keine fünf Minuten mehr -- der Anker hatte
+ihm das Herz gebrochen.«
+
+Die Anderen lachten, der Schotte blinzte Jonas aber heimlich und
+verstohlen mit den Augen an, und sah nach den Busch hinüber, ein
+Zeichen, das dieser zu verstehen schien, denn er warf erst einen
+flüchtigen Blick auf seine Kameraden, ob ihn Niemand beobachte, und
+nickte dann zurück, daß er kommen werde.
+
+»Wenn man's so bedenkt,« sagte Legs nach einer kleinen Pause, die
+Augenbrauen fest zusammengezogen, und mit kleinen Stücken Coralle, die
+er vor sich aufnahm, nach einer noch unreifen, am Boden liegenden Orange
+werfend, »wenn man's so bedenkt, was wir da draußen in See für ein
+Hundeleben führen, Tag und Nacht in Arbeit und Gefahr, mit schlechter,
+salziger Schiffskost und knappem Grog, kein freundliches Gesicht zu
+sehen als Lemon's, am Tag in einer Hundekälte zu rudern, daß Einem die
+Arme mit den Wurzeln ausreißen möchten, und Nachts die verdammten
+Stücken Blubber[11] an Deck zu werfen und auszukochen; einmal
+halberfroren, einmal halb verbrannt, und wenn man nachher von einer
+dreijährigen Reise zurück kommt, vielleicht noch mit zehn Pfund Sterling
+Schulden im Buch für Kleider und Schuhwerk, das man haben mußte die Zeit
+über, und dem Schiff zu bezahlen hat, als ob sie von Gold und Seide
+gewesen wären, -- nein, das soll verdammt sein. Und dann dagegen hier
+die rothen Schufte, was die für ein Götterleben in all ihren
+Bequemlichkeiten führen; nicht rühren thun sie die faulen Knochen, als
+vielleicht einmal auf einem Brotfrucht- oder Cocosnußbaum zu steigen,
+oder einen Fisch mit der Holzharpune aus dem seichten Wasser zu holen,
+die kleine Insel ist zum Überlaufen voll von hübschen Mädchen und man
+kann den ganzen Tag in Hemdsärmeln gehn. -- Hol's der Henker, der liebe
+Gott hätte mir keinen größeren Gefallen thun können, als mich ebenfalls
+braun anzustreichen -- die Farbe hält besser, und was spart man an
+Überzügen.«
+
+»Ich hätte auch nichts dagegen!« rief ein Anderer, mit einer feinen,
+kreischenden Stimme dazwischen, der eigentlich Roberts hieß, seines
+Organes wegen aber gewöhnlich »Pfeife« genannt wurde, »denn auf das
+Bischen Couleur wird Einem doch nichts zu Gute gethan; was will aber der
+Mensch machen? Wir müssen doch immer noch Gott danken, daß er nicht in
+den ganz schwarzen Topf gegriffen, denn dann wären wir geleimt gewesen,
+zeitlebens.«
+
+»Bah, was sind wir besser als Sclaven?« brummte Legs; »die können doch
+wenigstens heirathen und an Land bleiben, und was können wir? Hol der
+Teufel das Seeleben; wenn man eine Weile draußen ist, gewöhnt man sich
+zuletzt daran, und es kommt Einem sogar manchmal ganz hübsch vor, wie
+man aber nur wieder den Fuß auf festes Land, und besonders auf =solches=
+Land setzt, ist auch der Teufel los und es zwickt und reißt Einen
+wieder, daß man sich ordentlich die Beine festhalten muß, nicht davon zu
+laufen.«
+
+Der Schotte war indessen aufgestanden und am Strande hin, nach den
+einzelnen Cocospalmen hinaufschauend, als ob er sich eine Nuß aussuchen
+wolle, langsam in den dichten Busch geschlendert, der den Corallenboden
+begrenzte, und Jonas erhob sich ebenfalls, zog sich den Bund seiner
+Segeltuchhose auf, spuckte sein Priemchen aus und biß ein frisches ab
+und setzte sich den auf der Erde verschobenen Hut wieder fester auf das
+in kleine, krause Löckchen gedrehte Haar.
+
+»Nun, dir wird wohl die Zeit lang,« sagte Pfeife, sich noch bequemer
+ausstreckend und ein Bündel Cocosnußbast unter den Kopf schiebend,
+weicher darauf zu liegen, »ich kann's abwarten -- zum Henker, daß man
+nun nicht einmal das Glück hat, an irgend einer solchen Corallenbank
+hier -- und Zeug ist genug da -- ordentlich auf den Strand und fest zu
+kommen. Das wäre doch ein kapitaler Spaß, wenn wir nachher eine Colonie
+gründeten und uns häuslich einrichteten -- ich weiß auch, wen ich
+heirathete.«
+
+»Ja, wenn wir einmal auf den Strand kommen,« knurrte Lemon dazwischen,
+»so kannst du dich drauf verlassen, daß es auch im Schnee und Eis und
+ohne Fausthandschuh ist; unser Glück kenne ich; rennen wir aber =nicht=
+auf, so magst du Gift darauf nehmen, Kamerad, daß die »_Lucy Walker_«
+droben noch drei volle Jahreszeiten[12] herumschwimmt, und nachher immer
+noch nicht voll ist. Ich habe =meine= Hoffnung jetzt auch nur auf
+nächsten Winter gesetzt, da wird »der Alte« schon dafür sorgen, daß wir
+wieder hier anlaufen.«
+
+Jonas hatte sich indessen, ohne weiter Theil an dem Gespräch zu nehmen,
+ebenfalls langsam und scheinbar ohne besondern Zweck von der in dem
+Pandanusschatten gelagerten Gruppe entfernt, und hier an einem Busch
+schüttelnd, dort sich einen Zweig niederbiegend und vielleicht
+abbrechend, kam er nach und nach aus Sicht. Dann aber eine Richtung
+einschlagend, die ihn näher dorthin brachte, wo Mac Kringo vor ihm
+verschwunden war, traf er auch diesen bald, seiner harrend, unter einer
+kleinen Gruppe von Cocospalmen und Casuarinen, von wo aus er ihm winkte
+hinanzukommen.
+
+»Was zum Teufel hast du denn nur, Douglas,« sagte Jonas kopfschüttelnd,
+als er das geheimnißvolle Wesen des Kommenden sah. »Du willst doch nicht
+etwa auskneifen, mein Bursche? -- das gib auf, denn du weißt nicht, wie
+dick der Capitain mit dem alten Häuptling ist, und wie er überhaupt nur
+auf eine anständige Entschuldigung wartete, noch länger hier liegen zu
+bleiben; der holte dich wieder und wenn er die ganze Jahreszeit darum
+versäumen sollte.«
+
+»Schrei doch nicht, als ob du ein Segel draußen bei einem steifen
+Nordwester anrufen müßtest, Mate,« brummte der vorsichtige Schotte mit
+gedämpfter Stimme; »es fällt mir nicht ein, solchen tollen Gedanken zu
+haben, aber -- hättest du was dagegen, Kamerad, wenn wir hier an Land
+blieben und Brotfrucht und Schweinefleisch rösteten, wie Christen,
+anstatt hinter den alten, schmierigen Fischen herzufahren, wie ein Trupp
+Narren, und für andere Leute, die zu klug sind, selber zu gehen, Brennöl
+zu holen? -- Hättest du was dagegen, mir zu helfen einen gescheuten
+Gedanken auszuführen, bei dem wir nicht die geringste Gefahr laufen,
+wenn wir -- das Maul halten und unser eigenes Geheimniß bewahren
+können?«
+
+»Frag' mich, ob ich lieber Grog trinke, als Salzwasser,« knurrte der
+Matrose; »laß die Vorrede und komm zur Sache, wenn du wirklich was hast,
+denn der Alte kann alle Augenblicke herunter kommen und pfeifen und dann
+müssen wir fort.«
+
+»Gut, Jonas, ich will keine Umschweife machen,« sagte der Schotte leise,
+vorsichtig noch einmal dabei den Blick umherwerfend, »aber schweigen
+mußt du können, denn ein Bischen Gefahr ist am Ende doch dabei.«
+
+»Unsinn, -- ich werde mir nicht selber die Schlinge machen, in die sie
+mich hängen wollen,« sagte der Matrose mürrisch über die vielen
+Vorreden.
+
+»Nun, gut denn,« flüsterte der Schotte, »hast du die beiden Wraks
+gesehen, die vor Honolulu lagen, wie wir dort waren?«
+
+»Die Wraks von den zwei Wallfischfängern? -- gleich am Eingang vom
+Hafen?«
+
+»Dieselben.«
+
+»Ja wohl; und was ist mit denen?«
+
+»Du weißt, wie sie dorthin gekommen sind.«
+
+»Es ist Feuer an Bord ausgebrochen, und die Schiffe sind verbrannt.«
+
+»Und die Mannschaft?«
+
+»Blieb nachher an Land, bis sie sich auf andere Schiffe verdingte,«
+brummte Jonas, »so haben sie's mir da wenigstens erzählt; aber was hat
+das mit uns zu thun.«
+
+»Wirst gleich hören, Kamerad; wer hat die Schiffe angesteckt?«
+
+»Angesteckt?«
+
+»Nun ja, glaubst du, daß ein Schiff im Hafen so leicht von selber zu
+brennen anfängt?« lachte der Schotte, »nein, wenn du's denn nicht weißt,
+will ich dir's sagen; die Leute der beiden Wallfischfänger haben sich
+den Gefallen selber gethan, und was in der weiten Welt hindert uns hier,
+daß wir nicht dasselbe thun?«
+
+»Was uns hindert? -- unser Hals,« sagte Jonas kopfschüttelnd, dem die
+Idee zu rasch gekommen war, sie sogleich vollständig begreifen zu
+können, »weißt du, mein Junge, daß sie uns einfach an die Raanocke[13]
+aufhängen, wenn sie uns dabei erwischen?«
+
+»Wenn sie uns erwischen, ja,« lachte der Schotte, »wer hat denn aber die
+erwischt, die die Schiffe in der Bai von Honolulu angesteckt haben, heh?
+-- Wer =kann= uns denn nachher überführen, wenn wir unsere Sache nur
+einigermaßen klug anfangen. Nein, Jonas, mit einem Schwefelholz haben
+wir's in der Gewalt, uns einen Aufenthalt auf diesen Inseln zu sichern,
+so lang wie er uns behagt, und ich glaube, unser Alter selber wär' ganz
+damit einverstanden, wenn er sich's nur eben dürfte merken lassen.«
+
+»Aber die Andern?« sagte Jonas, schon halb unschlüssig mit der
+verführerischen Aussicht vor sich, dem traurigen Leben an Bord eines
+Wallfischfängers auf so leichte Art plötzlich enthoben zu werden.
+
+»Würden uns auch nicht verrathen,« meinte der Schotte, »brauchen aber
+auch gar Nichts davon zu erfahren; Muth haben sie doch nicht genug,
+dafür einzustehen, und ein Paar von ihnen trau' ich nicht eine
+Schiffslänge aus Sicht; Pfeife besonders, der Hallunke, ist mir ein Dorn
+im Auge, und bleiben wir länger hier, spiel' ich dem auch noch einmal
+einen Possen.«
+
+»Und meinst du wirklich?«
+
+»=Meinen=, Jonas?« rief Mac Kringo unwillig, »was ist da noch zu meinen
+dabei? Etwas Einfacheres gibts auf der Welt nicht, und wenn du nur den
+zehnten Theil so viel Courage hast, wie ich dir früher zugetraut, so
+verlieren wir kein Wort weiter über die Sache, und schlafen morgen Abend
+hier in einem Bambushaus am Strand in -- besserer Gesellschaft als dem
+dumpfigen Blubberloch von einem Logiskasten. -- Nun, was sagst du, ja
+oder nein?«
+
+»Und wann soll das geschehen?« frug Jonas leise.
+
+»Sobald wir die Gelegenheit dazu finden; wahrscheinlich heute Abend mit
+Dunkelwerden, wenn der Koch sein Schaffen[14] fertig hat. Sie sitzen
+dann Alle oben an Deck, die Officiere, die an Bord sind, kriechen auch
+nicht draußen herum, und Einer kann unten Alles besorgen, während der
+Andere nur oben Wache hält, daß er ein paar Minuten ungestört bleibt; du
+magst Wache stehen, ich will selber das Übrige in Ordnung bringen. Bist
+du damit zufrieden?«
+
+»Hol's der Teufel, ja!« sagte Jonas, sich im Voraus bei dem Gedanken an
+den Erfolg die Hände reibend, »stecken wir den alten Blubberkasten vor
+seinem Anker an. Wetter noch einmal, was der für eine famose Fackel
+machen wird!«
+
+»Aber ruhig und keine Silbe zu --«
+
+»Unsinn!« brummte Jonas; »werde mich hüten -- wenn wir aber nur unsere
+Sachen retten könnten.«
+
+»Nimm dich in Acht!« warnte ihn der Schotte, »damit hat sich schon
+Mancher verrathen; wenns einmal brennt, ja, dann so schnell wie möglich,
+und für ein Canoe in der Nähe will ich schon sorgen; aber vorher keine
+Hand angerührt. Wenn =die= klug sind, da wollen wir nicht dumm sein.«
+
+»Gut denn, heute Abend --«
+
+Ein gellender Pfiff von der Gegend her, in welcher ihr Boot lag,
+unterbrach ihr Gespräch, und Mac Kringo dem Andern zuwinkend, daß er
+sich wieder dorthin begebe, wo er hergekommen, damit sie nicht zusammen
+zum Strand zurückkehrten, lief rasch durch eine kleine Lichtung hin, die
+freie Corallenbank weiter oben zu erreichen.
+
+»Hallo, hier Douglas, Seelöwen und Haifische, wo steckt Ihr?« rief ihm
+der Capitain, der in seinem Boot stand und ungeduldig nach ihm
+ausgeschaut zu haben schien, schon von Weitem entgegen; »was habt ihr im
+Busch zu thun, wenn ihr auf Bootswacht seid? -- Wo ist Jonas?«
+
+»Ich wollte nur --«
+
+»Ach, da kommt er; herein mit euch, -- Wetter noch einmal, das faule
+Leben hier an Land scheint euch zu behagen; wartet, ich will euch Beine
+machen, wenn ich euch wieder draußen in See habe, daß die Glieder
+gelenk werden. Auf euere Sitze da vorn -- sind wir flott?«
+
+»Alles in Ordnung, Sir --«
+
+»Stoßt ab denn, und legt euch in die Riemen[15], meine Jungen. Ist schon
+Holz heut von Land an Bord geschafft?«
+
+»Nein, Sir!« sagte Jonas, der gleich hinten im Boot vor dem Capitain
+saß, während die rasch eingesetzten Riemen das scharfgebaute Boot
+pfeilschnell durch den glatten Wasserspiegel trieben; »haben nichts
+gesehen.«
+
+»Schon gut -- macht nichts!« lautete die kurze Antwort, und wenige
+Minuten später lief das Boot unter die niederhängende Fallreepstreppe.
+Der Capitain sprang an Bord und die Leute wollten damit unter ihre
+Krahnen gehn, es wie gewöhnlich aufzuheben, die Ordre aber lautete: es
+im Wasser zu lassen, da es wahrscheinlich gleich wieder gebraucht würde.
+
+
+3.
+
+Einer der Ungeduldigsten an Bord war der erste Harpunier, ein junger,
+kräftiger Irländer aus Galvay-Bai und dort erst kurz vor seiner Abreise
+verheirathet. Ihm brannte natürlich der Boden unter den Füßen, und er
+wollte das Schiff wieder in See haben, Beute zu machen und nach Hause
+zurückzukehren. Was half =ihm= das müßige Leben hier an Land.
+
+Mit diesem hatte der Capitain, als er an Bord zurückkehrte, eine längere
+Unterredung, die den Wünschen des jungen Iren auch vollständig
+entsprochen haben mußte, denn er kam bald nachher mit fröhlichem Gesicht
+gleich hinter dem Capitain an Deck und beorderte seine Bootsmannschaft,
+sich fertig zu halten, kurz vor Sonnenuntergang an Land zu rudern, etwas
+dort abzuholen. Die vier Matrosen mit dem Bootsteurer, die er
+befehligte, waren ebenfalls seine Landsleute, und die Schiffsmannschaft
+hatte deshalb das Boot auch das Irische getauft.
+
+An Bord der »_Lucy Walker_« herrschte indessen rege Geschäftigkeit; ein
+paar zum Ausbessern niedergeholte Segel wurden wieder angeschlagen, Taue
+gespließt, Pardunen angespannt, das Deck klar gemacht und überhaupt
+Manches vorgenommen, das auf einen baldigen Aufbruch schließen ließ. Als
+zwei der Leute deshalb, Legs und Pfeife, dem Capitain selber, der mit
+raschen Schritten auf seinem Quarterdeck auf- und abging, um kurzen
+Urlaub an Land baten, der ihnen, in einzelnen Abtheilungen natürlich,
+fast noch gar nicht verweigert worden war, schlug es ihnen dieser rund
+ab und schickte sie wieder nach vorn an ihre Arbeit.
+
+»Siehst du,« flüsterte da der Schotte seinem Kameraden Jonas, mit dem er
+oben in den Marsen etwas nachzusehen hatte, zu, »siehst du, mein Junge,
+daß ich eine gute Nase habe? Es ist die höchste Zeit für uns, unser
+kleines Geschäft in Ordnung zu bringen, denn ich möchte jetzt kein Maul
+voll Tabak gegen eine monatliche Löhnung wetten, daß wir nicht morgen
+Früh mit Tagesanbruch Anker auf und Segel gesetzt hätten. Der Alte
+dahinten zeigt wenigstens den besten Willen, aber wir Beide, denk' ich,
+sollen ihm noch einen Strich durch die Rechnung machen. Das wär' ein
+schöner Spaß, so auf einmal, ohne nur Abschied von unsern Freunden und
+Mädchen am Land zu nehmen, wieder auf und davon und draußen
+herumrackern; _nai my bonny child_, hier sind auch noch Leute, die ihre
+Stimme dabei abzugeben wünschen, wenn sie auch nur eben den
+hundertzwanzigsten Theil bekommen von dem Fang und das Ganze mit ihrem
+Schweiß und Mark bezahlen sollen.«
+
+»Am Ende will er gar noch heut Abend fort,« sagte Jonas leise; »nachher
+wären wir aber die Angeführten.«
+
+»Nein, das nicht,« beruhigte ihn der Schotte; »ich habe gehört, daß er
+sich das Irische Boot bestellt hat, gegen Sonnenuntergang mit an Land zu
+fahren, und dann kommt er immer vor vier Glasen[16] nicht wieder zurück;
+aber auf morgen Früh hat er's abgesehen. Er frug uns ja auch, als wir
+von Land zurückkamen, ob sie Holz an Bord gebracht hätten. Bah, so viel
+für deine Berechnungen,« -- und er schnalzte höchst selbstzufrieden mit
+den Fingern.
+
+Jonas hatte indessen seine Arbeit oben beendet und mußte hinunter, wohin
+ihm der Schotte bald nachher folgte; als sich aber die Sonne mehr und
+mehr dem Horizonte näherte, wurde auch das Boot des ersten Harpuniers,
+der vorher einen seiner Mannschaft nach oben zum Ausschauen geschickt
+hatte, niedergelassen, und Legs, der in den Besahnwanten etwas
+auszubessern hatte, sah mit Erstaunen, daß unter einer Matte, auf dem
+Boden des Bootes, als sie durch die Einsteigenden zurückgeschoben wurde,
+Waffen versteckt waren. Er hatte -- beschwören hätt' er's wollen, -- ein
+paar Gewehrläufe darunter vorblitzen sehen? was zum Teufel war da wieder
+im Wind?
+
+Der Koch, die Abendmahlzeit noch vor Dunkelwerden am Deck beenden zu
+können, und nicht gezwungen zu sein, in das dumpfige Logis
+hinabzusteigen, war indeß in der Cambüse emsig beschäftigt gewesen Thee
+zu kochen und Bananen und Brotfrucht zu braten, die mit dem kalten
+Fleisch von Mittag her keine üble Schiffskost abgaben. Nachdem er vorher
+bei dem jetzt commandirenden zweiten Harpunier die Erlaubniß eingeholt,
+rief sein gellender, wohlbekannter Ruf bald darauf die Leute sämmtlich
+nach vorn unter die Back, wo auf der Steuerbordseite des Schiffes die
+riesige kupferne Theekanne qualmte und der sonst in breiter hölzerner
+Mulde präsentirte harte Schiffszwieback jetzt fast vollkommen durch die
+nahrhafte, in Scheiben geschnittene und geröstete Brotfrucht verdrängt
+war.
+
+Der Schotte setzte sich auch mit hin auf Deck und schenkte sich seinen
+Thee in den breiten, niederen Blechbecher, der den Inhalt einer
+gewöhnlichen Theekanne hätte mit Bequemlichkeit fassen können, vermißte
+dann aber sein Messer und stieg in den Raum hinunter, wo er es heute
+Morgen gebraucht und wahrscheinlich vergessen. Jonas indessen saß noch
+nicht und hatte ein kleines Faß mit seiner Wäsche zu der großen Luke
+gezogen, nahm die Hemden einzeln heraus, rang sie aus und legte sie auf
+das um den Vormast gehende Nagelbret.
+
+»Komm her, Jonas,« rief ihn Legs an, »hat den ganzen Tag nichts gethan
+und jetzt, nun der Thee an Deck steht, fällt's ihm auf einmal ein, daß
+er Hemden in der Brüh hat. Die Bananen werden kalt und schmecken nachher
+schlecht.«
+
+»Sie werden nachher gar nicht schmecken,« lachte Pfeife mit seiner
+höchsten Stimme, »denn ich glaube wir werden damit eher fertig, wie er
+mit seinen Hemden.«
+
+»Glaub's, wenn man sie euch vorstellte,« brummte Jonas, mit einem halb
+verschluckten Fluch; »aber der Koch hat noch mehr.«
+
+»Hallo!« rief Pfeife aufspringend, »da will ich mir gleich noch eine
+holen!« und er kam mit seinem Blechteller zur Cambüse, den Versuch
+wenigstens zu machen.
+
+»Sieh einmal das Wetter, das herauf kommt,« rief ihm hier der Koch zu,
+der in der niederen Thür stand und mit dem Arm nach Osten hinüber
+deutete; »zum Teufel das sieht schwarz aus, und sollte mich gar nicht
+wundern, wenn da eine tüchtige Mütze Wind drein stäke. Jedenfalls gibts
+Regen und wir thun besser die Luken zuzulegen; macht, daß ihr mit eurem
+Essen da vorn fertig werdet.«
+
+Der zweite Harpunier hatte indessen mit dem Fernrohr auf dem Quarterdeck
+gestanden, und unverwandt nach der niedrig auslaufenden Landspitze
+geschaut, hinter der das Boot vorher verschwunden war.
+
+Mac Kringo stieg in diesem Augenblick die Luke herauf und als der Koch
+auch gerade zusprang, nahmen sie die beiden genau passenden und
+schließenden Lukendeckel, an den in den gegenüberliegenden Ecken
+angebrachten eisernen Ringen und hoben sie in die Falze.
+
+»Koch!« rief des Harpuniers Stimme in diesem Augenblicke von dem
+Quarterdeck aus.
+
+»Ay, ay, Sir!«
+
+»Rasch dein Essen wieder fort und in die Cambüse -- _all hands on
+deck_[17] -- große und Vormarsraae auf -- rasch mit euch, meine Jungen,
+werft die Falle los! -- Nun, was steht ihr da, wie verhagelt? die
+Marsraaen auf, und schnell, oder ich mache euch Beine!«
+
+»Halloh, was ist nun los?« rief aber Legs, der eben einen Teller voll
+glücklich erbeuteter heißer Bananen in Sicherheit bringen wollte und
+jetzt nicht wußte, wohin damit, »was soll das heißen?« Es blieb ihm aber
+nicht lange Zeit zur Besinnung, die Befehle folgten zu rasch
+nacheinander, und während unter dem Singen und Schreien der Mannschaft
+die schweren Raaen an ihren Ketten in die Höhe klirrten, schob und
+schleppte der Koch rasch das Abendbrot der Leute bei Seite und jetzt
+vorn in das Logis hinunter, damit er die Sachen nur einmal vor der Hand
+aus dem Wege bekäme.
+
+»An die Winde mit euch, rasch da vorn und ein Bischen lebhaft!« rief
+jetzt der Officier, der nach vorn und mitten zwischen die Leute gekommen
+war, von denen sich die meisten noch gar nicht von ihrer ersten
+Überraschung erholen konnten, denn es fing ihnen jetzt wirklich an klar
+zu werden, daß sie ohne Weiteres in See hinaus und die Insel verlassen
+sollten; »munter, meine Jungen, munter!« rief der Harpunier, dabei auf
+die Back springend, die Leute besser übersehen zu können, »her mit
+eurem Pumpgeschirr, und nun laßt uns einmal sehn, wie rasch ihr den
+Anker herauf bekommen könnt. Wetter, Jungen, es sind nur fünfundzwanzig
+Faden Kette aus, mit denen müßt ihr ja nur so weglaufen können.«
+
+»Den Teufel, Douglas!« flüsterte Jonas, in Todesangst an den Schotten
+hintretend, diesem in's Ohr, »hast du's gethan? -- und jetzt sollen wir
+in See, das wäre eine schöne Geschichte.«
+
+»Hallo, da ihr Beiden!« rief in diesem Augenblick, und ehe noch der
+Schotte etwas erwidern konnte, der Officier, dessen Adlerblick die
+beiden Müßiggänger dort schon entdeckt hatte. »Hier Douglas -- herauf
+mit dir, mein Mann, und löse das große Marssegel, und du, Jonas, auf die
+Vormarsraae; marsch mit euch, und nachher die Bramsegel auch frei, und
+du Bill, hinaus mit dir, und mach den großen Clüver los. Auf mit dem
+Anker, auf meine Jungen! -- _Oh joli men hoy!_«
+
+Widerspruch gegen die gegebenen Befehle war nicht möglich, obgleich fast
+alle Matrosen erstaunt mit den Köpfen schüttelten und sich diese bald
+abdrehten, um zu sehen, ob ihr Capitain noch nicht bald an Bord käme,
+ohne den sie doch unmöglich in See gehen konnten. Einmal war es fast,
+als ob Mac Kringo zögere, und er machte sogar eine Bewegung nach dem
+Harpunier zu, aber er besann sich in demselben Momente, als dieser ihm
+ein paar Kernflüche über seine Säumigkeit entgegendonnerte, und lief
+jetzt rasch die Wanten hinauf nach oben, den gegebenen Befehl zu
+erfüllen und die Segel zu lösen, die sie vielleicht bald Alle dem
+Verderben entgegenführen würden. Gestehen =durfte= er ja nicht was er
+gethan, er wäre gebrandmarkt gewesen auf Lebenszeit, wenn man ihm
+wirklich das Leben geschenkt hätte, und die Kameraden --
+
+»Ei, zum Teufel!« zischte er dabei zwischen den zusammengebissenen
+Zähnen durch; »kröche ich jetzt zu Kreuz, die Schufte ließen keinen
+guten Faden an mir, so lang sie mich hätten. Ich hab's nicht
+meinethalben allein gethan, so mögen's die Anderen auch mit ausbaden.«
+
+Die Ankerkette rasselte indessen, mit den raschen Schlägen des eisernen
+Pumpgeschirrs, schnell an Deck, der Anker hing schon und das Schiff
+trieb mit der ausgehenden Ebbe der Mündung der Bai zu.
+
+»Boot ahoy!« rief da Einer der Leute an der Winde aus, der eben über die
+Monkeyrailing das rasch anrudernde Boot erkennen konnte, und der
+Harpunier drehte sich, das Teleskop, das er noch in der Hand hielt,
+darauf richtend, schnell danach um.
+
+»Flink, meine Jungen, flink!« rief er dabei; »hier hat's Eile -- Larbord
+Seite da, Einer von euch, werft die Brassen los -- Koch! rasch dahinten,
+die Brassen von den Nägeln -- Starbordseite große und Fockbrassen --
+_belay that anchor_[18] -- so, genug! -- Marsbrassen -- so, genug! und
+nun die Bramsegelschoten aus -- so, genug! So, nun auf mit dem Anker,
+unter die Klüsen mit ihm, so rasch ihr laufen könnt. -- _Oh, joly men
+hoy!_«
+
+Der Schotte, der die Bramsegel gelöst hatte, kam jetzt rasch an den
+Wanten herunter, als ihn der Harpunier sah.
+
+»Hallo, da oben, Sir -- da du einmal gerade unterwegs bist, wirf den
+Royal[19] los -- heda -- hast du's gehört, Bursche? hinauf mit dir, oder
+ich werde dir Beine machen. Wenn ich keinen von den Jungen gleich bei
+der Hand habe, wird es deinen faulen Knochen wohl auch nichts schaden,
+einmal nach oben zu gehen. -- Alle Wetter, da sind sie -- das war Zeit,
+daß wir fortkommen,« unterbrach er sich rasch, als plötzlich eine
+förmliche kleine Flotte von Canoes um die Landspitze bog. Die
+Aufmerksamkeit der Leute wurde aber rasch von dieser ab an Bord ihres
+eigenen Schiffes gelenkt, wo jetzt das vom Land zurückkehrende Boot, um
+das sie sich bis daher gar nicht hatten kümmern können, langseit legte,
+und im nächsten Augenblick, seinen Leuten voran, Capitain Silwitch an
+Bord sprang.
+
+
+4.
+
+Toanonga hatte an dem Nachmittag noch recht herzlich über den wilden,
+tollköpfigen Pagalangi gelacht, der da, aus irgend einem Land
+hergeregnet, gleich geglaubt, er könne so ohne weiteres die Tochter
+eines ersten Häuptlings, aus dem Blut der Hau's oder ersten Könige auf
+seine Arme packen und in die weite See damit hinein fahren, wohin es ihm
+gerade beliebe.
+
+»Guter Bursch,« sagt er dabei auf seine gemüthliche Weise hin, »sehr
+guter Bursch; hat mir die ganze Tasche voll Sachen gebracht, und blieb'
+er hier bei uns, und _Tai manavachi_ wäre nicht da, und Hua wollte ihn
+-- und er hätte noch mehr solche Sachen, und brächte alles Das, was er
+versprochen, wer weiß, ob nicht dann der Pagalangi und Hua doch Mann
+und Frau geworden wären.«
+
+Der alte Häuptling, still vor sich hinschmunzelnd, erging sich noch in
+einer Menge anderer Möglichkeiten, indeß er sich zugleich auf sehr
+angenehme Weise mit dem Sortiren der verschiedenen Arten Knöpfe und
+Nägel beschäftigte, als ein Bote, einer seiner jungen Leute, von einem
+anderen Theil der Küste herüberkam und die Ankunft vieler Kriegscanoes,
+wahrscheinlich den jungen Häuptling _Tai manavachi_ führend, meldete,
+der jetzt komme, seine Braut heimzuführen. »Kommt gerade recht,«
+murmelte der alte Mann zufrieden vor sich hin; »tollköpfiger Pagalangi
+hätte am Ende noch dumme Streiche gemacht, und Hua ist nirgends besser
+aufgehoben, wie bei ihrem Mann -- aber was ist das?« unterbrach er sich
+dann selbst, als ein Boot von dem draußen in der Bai liegenden Schiff ab
+nach der nächsten Landspitze, wo gar keine Wohnungen lagen, hinüber
+hielt. »Was wollen die Fremden da drüben, wo Hua nur Abends mit ihren
+Frauen hinübergeht? -- Hm, hm, hm, wird sie noch einmal sprechen und
+fragen und gewinnen wollen -- ja, zu spät, _cowtangata_, zu spät -- wenn
+sie dich möchte, hätte sie lange Ja gesagt.«
+
+Eine Zeitlang blieb er so sinnend stehen und schien gewissermaßen zu
+erwarten, daß das Boot, wie jedes anderemal nach seinem gewöhnlichen und
+ihm eigentlich auch vorgezeichneten Landungsplatz herüber halte, von wo
+der Capitain des Wallfischfängers dann gewöhnlich allein nach der andern
+kleinen Bai hinüber gegangen war. Da das aber heute Abend
+augenscheinlich nicht in der Absicht der Fremden lag, und Toanonga sich
+dadurch gewissermaßen, er wußte selber eigentlich nicht recht warum,
+beunruhigt fühlte, beschloß er selber dort hinüber zu gehen, und zu
+gleicher Zeit seiner Tochter die Ankunft ihres Bräutigams zu melden.
+
+Mit einiger Beschwerde erhob er sich von seiner Matte, auf der er vorher
+jedoch sorgfältig seine Schätze in ein Stück braungefärbtes und
+gedrucktes Gnatu[20] eingeschlagen hatte, die er nun vor allen Dingen in
+seiner Hütte in Sicherheit brachte. Dann winkte er den beiden Burschen,
+ihm zu folgen, und mit diesen langsam ein kleines Dickicht von
+Fruchtbäumen durchschreitend, das den Hang des Hügels nach dieser Seite
+zu bedeckte, stieg er die leise Abdachung hinan, die von ihrem Gipfel
+aus einen Überblick nach der Nachbarbai, mit ihrem stillen Wasser und
+wehenden Palmen gewährte.
+
+Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen sich zu
+baden und auf der klaren Fluth, über den aufzweigenden Corallen hin in
+ihrem Canoe zu schaukeln. Silwitch hatte ihr da oft Gesellschaft
+geleistet und selige Stunden mit ihr verträumt, während das Mädchen mit
+ihm plauderte und lachte, ihm die Legenden und Märchen ihres Volkes
+erzählte und ihn neckte und seiner spottete, ihm aber nie eine Freiheit
+gegen sich selber gestattete. Nie durfte er auch nur den Arm um sie
+legen, oder sie gar küssen, und zehnmal war er in bitterem, verzehrendem
+Unmuth fest entschlossen gewesen, nie wiederzukehren und die gefährliche
+Nähe der so schönen wie spröden Maid auf immer zu fliehen, aber das
+herzliche, lächelnde »_chio do fa[21]!_« mit dem sie ihm beim Abschied
+jedesmal die Hand unaufgefordert reichte, zwang ihn auch wieder zurück
+in ihre Nähe, bis er zuletzt nicht einmal mehr den Gedanken fassen
+konnte, sie zu fliehen.
+
+Auch heute hatte sie sich, noch nicht von der Ankunft des Geliebten
+benachrichtigt, hierher zurückgezogen, und sein Canoe mußte auch in der
+That diese Bai passiren, wenn er Toanonga's Wohnort erreichen wollte, da
+auf der andern Seite der Insel ein breiter Corallendamm das Umschiffen
+derselben im Binnenwasser unmöglich machte. Die Mädchen saßen zusammen
+im Schatten eines breitästigen Toabaumes, dem einzigen auf dem kleinen,
+hier absichtlich von Unterholz befreiten Raum, ihr Haar mit
+wohlriechendem Cocosnußöl zu salben, als das Wallfischboot des Fremden
+um die Spitze der Bai schoß und die Mädchen erschreckt aufspringen
+machte; nur Hua blieb ruhig sitzen und sagte lachend:
+
+»Was fürchtet ihr euch, tolle Dirnen, habt ihr den Pagalangi noch nie
+gesehen mit seinem Boot, und sieht er zu windwärts von der Landspitze da
+draußen anders aus als zu leewärts? Er wird uns sein Lebewohl sagen
+wollen, denn die fremden Männer sind alle auf das Schiff zurückgefahren,
+und den ganzen Tag schon in den Seilen herumgeklettert. Er hat unsere
+besten Wünsche für sein Wohl -- wir =fürchten= ihn nicht!«
+
+»Aber was suchen die Fremden =hier=?« rief eines der Mädchen, schüchtern
+zu ihrem Sitz zurückkehrend; »komm, Hua, wir wollen in den Wald gehen,
+bis sie vorbeigerudert sind -- siehst du, sie wollen landen.«
+
+»Laß sie, Mädchen,« sagte des Häuptlings Tochter verächtlich; »wenn wir
+sie hier nicht länger dulden wollen, schickt sie Hua wieder in See.«
+
+»_Chio do fa, Hua, chio do fa!_« rief in dem Augenblick die lachende
+Stimme des jungen Capitains zu ihnen herüber; »wartest du hier auf mich,
+Maid, zur rechten Stunde? ich komme, ich komme.«
+
+»Nicht auf dich, Pagalangi,« sagte das Mädchen ruhig, sich halb von ihm
+abwendend; »dieser Platz ist mein Eigenthum, und wer ihn betritt, kommt
+zu =mir=.«
+
+»Und sollen wir hier unser Haus bauen in späterer Zeit?« flüsterte der
+junge Mann, näher zu ihr hintretend und die Hand ausstreckend, die
+ihrige zu ergreifen.
+
+»Wir?« wiederholte die Jungfrau erstaunt.
+
+»Zögert nicht länger wie nöthig ist, _Captain dear_!« rief aber in
+diesem Augenblick der Mate oder Harpunier warnend, »ich habe da oben auf
+dem Hügel eine Gestalt gesehen und die Canoes, die wir von Deck aus
+sahen, könnten auch bald hier sein, wenn sie beabsichtigt hätten, hier
+herzulaufen.«
+
+»Es ist wahr, George,« rief der Capitain zurück, »ich habe überdies
+schon zuviel Zeit verloren,« und sich rasch zu der Geliebten drehend,
+sagte er schmeichelnd:
+
+»Komm mit mir, Hua -- da draußen liegt mein Schiff, in wenigen Minuten
+setzen wir die Segel und frisch und fröhlich ziehen wir hinaus in die
+freie, offene See -- meine Seele hängt an dir, Mädchen, und ich kann
+nicht ohne dich leben.«
+
+»Zurück, Pagalangi,« rief aber Hua, zum erstenmal vielleicht erschreckt,
+als er dreister auf sie zutrat und seinen Arm um sie zu legen suchte;
+»zurück, _taima tangata_ -- eines Häuptlings Tochter ist für dich zu
+gut; such' dir ein Weib unter den Dirnen des Landes.«
+
+»Meinest du, Herz?« rief der junge Mann jetzt, dem Zorn und beleidigte
+Eitelkeit das Blut in die Wangen jagte, »dann will ich doch sehen, ob du
+an Bord dieselbe Sprache hast!« und mit raschem Sprung die Sträubende
+umfassend, ehe sie selbst im Stande war um Hilfe zu rufen, hob er sie
+vom Boden auf, und floh mit ihr dem vielleicht hundert Schritte davon
+entfernten Boote zu.
+
+»Hilfe! Hilfe!« schrie jetzt das arme Mädchen, die erst in dem Entsetzen
+der Gefahr, als sie das Boot vor sich sah und ihr Schicksal ahnte, die
+Sprache wieder fand. »Hilfe, Toanonga, zu Hilfe -- zu Hilfe deinem
+Kinde!«
+
+»Sie hören dich nicht, Liebchen,« lachte aber der junge kecke Seemann,
+seine süße Last nur schneller dem Ziele zuführend; »dein Ruf dringt zu
+spät an ihr Ohr.«
+
+»Habt Acht, Capitain!« rief aber in dem Augenblick der Harpunier, der
+mit dem Steuerriemen in der Hand hinten im Boot gestanden, den Befehl
+zum Abstoßen zu geben, so rasch ihre Beute geborgen sei, und der jetzt
+zwei junge Burschen aus den nächsten Büschen herausbrechen und dem
+Mädchenräuber folgen sah; »habt Acht, sie sind hinter euch!« Silwitch
+hatte aber, an keine Verfolgung denkend, nur Auge und Ohr für sein
+erobertes Glück, und der junge, riesige Ire, die Gefahr von dem Haupt
+des Capitains abzuwenden, flog unbewaffnet wie er war, mit einem Satz so
+nahe er konnte, an Land, in die klare und hier seichte Fluth hinein,
+unbekümmert, ob sie hier einem ungleichen Kampf entgegengingen, warfen
+sich auch die beiden jungen Indianer auf den Capitain, ihres Häuptlings
+Tochter aus seinem Griff zu retten. Der Ire aber zwischen den Capitain
+und seine Verfolger springend, ergriff den ersten beim Arm und
+schleuderte ihn wie ein Kind zur Seite, während er den Zweiten,
+stärkeren der einen Schlag nach ihm führen wollte, mit sicher gezieltem
+und geübtem Stoß so derb zwischen die Augen traf, daß er betäubt und
+regungslos zu Boden schlug.
+
+»Nun fort!« rief er jetzt und stieß, in das Wasser springend, das Boot,
+in das der Capitain seine Beute schon hineingehoben, ab von den
+Corallen, und sich nachschwingend, während zwei der Leute das Mädchen
+hielten, und die andern den Capitain zu sich herein zogen, setzte er
+rasch und dringend hinzu: »an eure Riemen, meine Bursche, an eure
+Riemen, für euer Leben, denn beim Teufel, dort kommt die ganze
+Canoeflotte hinter der Landspitze vor -- an eure Plätze und vorwärts!
+der Capitain wird die Dirne schon festhalten und du, Patrick, kannst ihr
+indessen ein wenig die Füße zusammenbinden, daß sie nicht doch noch über
+Bord springt; erst aber ein Tuch über den Mund, daß sie das verdammte
+Schreien läßt. Und nun ein mit euren Rudern, und brecht sie, wenn ihr
+könnt!«
+
+Das elastische Holz bog sich unter den kräftigen Zügen der, ein
+jubelndes Hurrah ausstoßenden Matrosen, denn die kecke Entführung hatte
+ihre ganze Sympathie, und das scharfgebaute Boot schoß schäumend durch
+die Wellen, dem nicht so gar weit davon ankernden Schiff zu. Die
+Fahrzeuge der Eingebornen dagegen, sieben vollbemannte und wunderlich
+geschmückte Kriegscanoes, die allerdings noch zu weit entfernt waren,
+den Hilferuf zu hören, konnten doch schon auf dem Corallensand des
+Strandes die hin und her laufenden dunklen Gestalten erkennen. Wenn sie
+deshalb auch vielleicht anfänglich die Absicht gehabt hätten, näher am
+Land zu bleiben, wo die ihnen hier günstige Strömung auch die stärkste
+war, so schien das fremde Boot diesen Plan geändert zu haben. Sie
+hielten nun vor allen Dingen gerade auf die ziemlich in ihrem Cours,
+aber ihnen gegenüber liegende Landspitze zu, wo sie die dunkle Gestalt
+eines Eingebornen entdecken konnten, von welcher sie jedenfalls Auskunft
+über das etwas verdächtige Benehmen des Bootes zu erhalten hofften.
+
+Die Gestalt am Ufer war aber Niemand anderer als Toanonga selber, und
+nach einigen rasch gewechselten Worten mit dem ersten, festlich
+geschmückten, aber mit wohl zwanzig Kriegern bemannten stattlichen Canoe
+gab dieser den ihm folgenden Fahrzeugen durch schrill gerufene Laute
+irgend einen Befehl, und quer hinüber schneidend über die Bai, wo ihnen
+jetzt das die Segel setzende Schiff der Pagalangis in Sicht kam, suchten
+sie augenscheinlich diesem die Bahn abzugewinnen.
+
+»Anker klar, da vorn!« rief die helle, fröhliche Stimme des Capitains
+über Deck, als er kaum die Wanten seines Fahrzeugs erfaßte und die
+Railing übersprungen hatte.
+
+»Alles klar, Sir!« lautete der bestimmte Ruf des Harpuniers zurück.
+
+»Her zu mir denn, mein Herz!« jubelte er, als er die Arme ausstreckte,
+das ihm heraufgereichte und sich wild sträubende Mädchen in Empfang zu
+nehmen; »her zu mir, mein Herz, und nun hab' ich und halt' ich dich, und
+_Tai manavachi_ muß rasche Canoes und tapfere Krieger haben, wenn er
+dich wiederholen und aus meinen Armen reißen will.«
+
+»Bind mich los, _tangata foi_!« rief aber das schöne Mädchen, als ihr
+das Tuch abgenommen war, das bis dahin ihren Mund bedeckt, in wildem
+Zorn: bind' mich los und »[**gehört vor "bind'"!]gib mich frei, falscher,
+verrätherischer Pagalangi, der du, wie der Dieb in der Nacht, dich in
+meines Vaters Haus geschlichen. Hotuas Fluch über dich und dein Schiff!
+Bind' mich los!«
+
+»Daß du mir über Bord sprängst und den ganzen Spaß verdürbest,« lachte
+der junge Mann. »Nein Herz, du bist jetzt vielleicht bös auf mich, aber
+das wird sich schon geben; ich bin nicht so schlimm, wie du mich machst,
+und wir werden hoffentlich noch recht gute Freunde werden. Jetzt aber,
+wildes Täubchen, muß ich dich auf kurze Zeit hinunter und aus dem Weg
+tragen,« setzte er rasch hinzu, als ihn ein Blick überzeugt hatte, wie
+die Canoes einen näheren, ihnen wohl genau bekannten Canal durch die
+Riffe annahmen, den Lauf des Schiffes abzuschneiden, das die breite
+Ausfahrt halten mußte. Wenn er auch ihren Angriff nicht zu fürchten
+brauchte, denn selbst vor Anker hätte er sich die Canoes abhalten
+können, wollte er doch, so lange das anging, jedes Blutvergießen, wie
+jede weitere Feindseligkeit vermeiden. So denn die geraubte Braut, die
+sich vergebens seinem Griff zu entwinden suchte, in die Arme fassend,
+trug er sie in die Cajüte hinunter, deren Thüre er rasch hinter ihr
+abschloß.
+
+Keine Zeit war es jetzt für ihn, die Zürnende zu besänftigen, das Schiff
+trieb mit dem schäumenden Corallendamme mehr und mehr entgegen, und
+näher und näher kamen die Canoes dem Feinde.
+
+Die Commando's am Bord den Steuernden zuzurufen, erforderten jetzt die
+ganze Aufmerksamkeit der Mannschaft, die an den Brassen, jeder an seinem
+Posten, stand, etwa gegebene Befehle zu anderer Stellung der Segel so
+rasch als möglich auszuführen, während der Capitain selber vorn von der
+Back aus, durch zwischen ihm und dem Steuernden aufgestellte
+Harpuniere, den Lauf des Fahrzeugs mit seiner Stimme lenkte. Die »_Lucy
+Walker_« war übrigens ein treffliches Seeboot und gehorchte dem Steuer
+rasch; so umschifften sie denn auch, mit der jetzt immer frischer
+einsetzenden Brise, die so scharf von Osten herüberkam, daß sie in eine
+Bö auszuarten drohte, die gefährlichen Klippen, die ihnen rechts und
+links schäumende Brandungswellen herüberrollten und jetzt, von keiner
+Gefahr weiter bedroht, und gerade, als die Sonne in dem noch klaren
+Westen verschwand und die von gegenüber aufsteigenden Wetterwolken mit
+ihrem rosigsten Lichte übergoß, breitete sich die freie, offene See vor
+ihnen aus.
+
+»Freie Bahn!« rief da der junge Capitain in lustigstem Übermuth, seinen
+Hut gegen die noch immer unverdrossen heranschäumenden Canoes
+schwenkend, indeß der Bug seines eigenen Fahrzeugs, die Segel von der
+frisch und stark aufkommenden Brise gebläht, durch die krystallene Fluth
+schoß und die klaren Wellen zu beiden Borden spritzend abwarf. -- »Freie
+Bahn! und nun auf Wiedersehn, vielleicht für nächstes Jahr. Armer _Tai
+manavachi_!« setzte er dann lächelnd hinzu, als er noch einen Blick auf
+die Canoes warf, ehe er von der Back hinunter sprang, »wenn du wirklich
+da drin bist, thust du mir wahrhaftig leid, so, nur wenige Minuten, die
+Zeit, versäumt zu haben. Hättest du nicht so lange Siesta gehalten,
+vielleicht läge die Braut jetzt in deinen Armen, statt in meiner Cajüte.
+Zu spät nun deine Anstrengungen, mein Tapferer, zieh deine Ruder ein,
+tollköpfiger Bursch, oder das Wetter da drüben schneidet dir auch zum
+Land zurück die Straße ab?
+
+Nun, meinetwegen,« setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, währenddem
+er zu seinem Erstaunen sah, wie die Canoes wirklich die Passage in
+offener See forcirten und dem drohenden Himmel und der trostlosen
+Aussicht auf Erfolg zum Trotz die Verfolgung noch nicht aufgegeben zu
+haben schienen, »wenn ihr's nicht besser haben wollt, so kann mir's
+recht sein; Nebenbuhler sind überdies gefährliche Gesellen,« und an Deck
+hinunterspringend und die jetzt zurückbleibenden Canoes keines Blickes
+weiter würdigend, ging er wieder nach aft (hinten), dort die nöthigen
+Befehle zu geben, einen Theil der Segel wieder zu bergen und für ein
+doch mögliches Unwetter, das in diesen Breiten oft einen furchtbaren
+Charakter annehmen kann, wenigstens vorbereitet zu sein.
+
+Die »_Lucy Walker_« ließ die Insel, jetzt vor dem Wind laufend, rasch
+hinter sich, und vor ihnen war an dem, im Abendschein klar
+abgeschnittenen Horizont kein Land mehr sichtbar.
+
+
+5.
+
+»Zum Teufel noch einmal, Legs,« sagte Pfeife mit seiner feinen,
+quitschigen Stimme, als die eine Wacht ins Logis beordert war, rasch ihr
+Abendbrot einzunehmen, um an Deck bereit zu sein, wenn das Wetter die
+ganze Mannschaft oben verlangte, indem er an seinen indessen kalt
+gewordenen Bananen kaute, »das riecht mir schon seit einer Weile so
+verdammt brandig hier unten -- hast du noch Nichts gemerkt?«
+
+»Mir ist's auch schon so vorgekommen,« rief der Schotte jetzt rasch, der
+in tödlicher Ungeduld wie auf Kohlen gestanden und nur nicht gewagt
+hatte, selber das erste Wort darüber zu sagen. Wäre er sich seines
+Verbrechens nicht bewußt gewesen, würde er gar nicht daran gedacht
+haben, in der ersten Entdeckung ein Zeichen zur Anklage zu finden; »weiß
+der Henker, wo's herkommt, aber es riecht versengt und wir lassen Spunt
+lieber einmal nachsehen.«
+
+»Wo?« frug =Spunt=, wie der Böttcher auf Wallfischfängern gewöhnlich
+genannt wird.
+
+»Nun, hier unten in den Ecken, oder wenn da nichts ist, unter Deck,«
+sagte Douglas ausweichend.
+
+»Na, hier werdet Ihr doch wohl auch selber die Nasen in die unteren
+Koyen bringen können,« knurrte der Böttcher, der eben an einer höchst
+wohlschmeckenden Schweinsrippe kaute, »Spunt -- immer nur Spunt; Spunt
+muß bei Allem dabei sein und damit seid Ihr gleich fertig.«
+
+»Alle an Deck!« schrie da die gellende Stimme des Harpuniers, der
+zugleich mit einer aufgegriffenen Handspake auf die Logisluke schlug,
+seinen Worten größeren Nachdruck zu geben; »Alle an Deck da unten und
+reefen[22], herauf mit Euch, herauf!«
+
+»Mr. Mate!« rief der Schotte jetzt, der zuerst die kleine schmale Leiter
+heraufsprang, während Legs und Pfeife indessen noch überall in den Ecken
+herumvisitirten und rochen, dem unverkennbar brandigen Duft auf die Spur
+zu kommen, »da unten --«
+
+»Reefen!« schrie ihn aber der Harpunier an, nicht gewohnt, irgend eine
+Einrede zu gestatten; »Reefen, hast du's gehört, tauber Schotte? -- nach
+oben, wohin du gehörst, oder ich =bring= dich hinauf mein Bursche!«
+
+»Da unten riechts --«
+
+»Will er das Maul halten und gehorchen, wenn ich ihm etwas sage?« rief
+aber der rauhe Geselle, die hingeworfene Handspeiche in zorniger
+Drohung wieder aufgreifend.
+
+»=Feuer= ist irgendwo unten!« knurrte aber der Schotte fest
+entschlossen, sich diesmal nicht einschüchtern zu lassen und das
+Hauptwort gleich vorrückend, den Officier über die Wichtigkeit der
+Einrede nicht in Zweifel zu lassen; »es riecht brandig und muß irgendwo
+brennen, und wenn =ihr's= wollt brennen lassen, kann's mir recht sein.«
+Und damit, als ob er Alles gethan, was von ihm konnte verlangt werden,
+sprang er auf die Railing und lief, die Wanten fassend, an diesen
+hinauf, den gegebenen Befehl auszuführen.
+
+»Wo brennt's?« rief der Harpunier aber rasch, die Handspake
+niederwerfend, dem jetzt ebenfalls heraufkommenden Pfeife an; »was ist
+da wieder los? -- was habt ihr da unten wieder angerichtet?«
+
+»Wir?« schrie Pfeife, den Officier erstaunt ansehend; »angerichtet?
+Unser angerichtetes Essen haben wir unten stehen lassen, um schnell
+herauf zu kommen.«
+
+»Der schottische Dickkopf da oben sprach von Feuer,« rief der Harpunier
+nach oben sehend; »na, komm du mir nur wieder herunter!«
+
+»Ja, brandig riecht's unten,« betätigte dies aber ebenfalls der Matrose,
+»und Spunt hat's jetzt auch herausbekommen und schniffelt in allen Koyen
+herum.«
+
+»Er soll nachher einmal unter Deck nachsehn,« sagte der Harpunier;
+»jetzt rasch nach oben, _boys_, legt euch aus, daß wir die Segel klein
+bekommen,« und zu dem Clüverfall springend, warf er dieses selbst los,
+daß der schwere, lange Clüver in seinem Stag niederschnurrte, nachher
+bei mehr Muße auf dem Clüverbaum festgeschnürt zu werden.
+
+Bis jetzt wehte nur noch erst eine steife Brise, die aber, wie schon
+gesagt, leicht in einem Sturm ausarten konnte, und Capitain Silwitch
+wollte sein Schiff keiner unnöthigen Gefahr aussetzen. Durch die
+dichtgereeften Segel wurde aber auch ein Fortgang gehemmt, und wenn sie
+auch noch rasch genug durchs Wasser liefen, die ihnen trotzdem
+hartnäckig folgenden Canoes, behielten sie doch, so lange nämlich die
+jetzt rasch einsetzende Nacht nicht ihren Schleier über das schäumende
+Meer warf, deutlich von Deck aus in Sicht.
+
+Der Harpunier hatte indessen über dem ihm gemeldeten brandigen Geruch
+die seine ganze Thätigkeit in Anspruch nehmende Beschäftigung des
+Segelreefens vergessen, und Capitain Silwitch, der bis dahin an Deck
+geblieben war, das aufsteigende Wetter und dessen Stärke abzuwarten,
+wollte sich eben vor einem, in diesem Augenblick beginnenden tüchtigen
+Schauer froh vielleicht, einen Vorwand zu haben -- in die Cajüte
+hinabziehn, als Spunt nach dem Quarterdeck hinter kam und mit
+abgezogener Mütze seinem Officier meldete, der Feuergeruch würde
+stärker, und es wäre nöthig, daß sie unten nachsähen.
+
+»Was gibt's?« rief Capitain Silwitch, schon auf der Cajütstreppe und
+noch mit dem Kopf über die Seitenrailing derselben schauend; »was will
+der Mann, Sir?«
+
+»Die Leute wollen vorn einen brandigen Geruch bemerkt haben,« rapporte
+der Harpunier, »Spunt mag wohl einmal nach unten gehen und nachsehen?«
+
+»Einen brandigen Geruch? -- wo?« rief der Capitain, rasch wieder an Deck
+springend, denn mit Feuer an Bord eines Schiffes ist nicht zu spaßen.
+»_Damn it_, mir ist's auch schon vorher einmal so vorgekommen. Reißt
+die Luken auf, Böttcher, rasch, und seht nach; das hättet Ihr schon
+lange thun können.«
+
+Der Böttcher ging schnell zurück, von wo er gekommen, den Befehl
+auszuführen, als ihm auch schon der Ruf von mehreren Stimmen »Feuer!
+Feuer!« entgegen schallte, unter dem Luckendeckel hervor hatte Lemon,
+von oben herunter kommend, den feinen blauen Rauch herausquellen sehen,
+und als er zusprang, mit Spunt zusammen die eine Hälfte des Deckels
+abzuheben, schlug ihnen der dicke, schwere Qualm in furchtbarer
+Wirklichkeit entgegen.
+
+»Feuer!« gellte der Angstschrei der Leute über Deck, »Feuer! Boote
+nieder -- Boote in See -- wir sind verloren!«
+
+»Teufel!« schrie der Capitain, in grimmer Wuth das Deck stampfend;
+»Teufel -- und gerade jetzt; so, hinunter Einer von euch, und seht, ob
+noch zu löschen ist -- heda, Böttcher -- Zimmermann!«
+
+Die Leute schienen aber alle den Kopf dermaßen verloren zu haben, daß
+sie gar nicht wußten, wo angreifen, wo helfen, und nur der Schotte, dem
+laut lamentirenden Jonas einen Stoß in die Rippen gebend, sprang zum
+Rand der Luke, und suchte, mit den Füßen unten nach den Einschnitten an
+der mittleren Stütze fühlend, in den Rauch hinein seine Bahn. Aber auch
+er mußte es aufgeben, und den einen Arm emporwerfend, streckte er
+diesen, schon halb betäubt von dem Rauch, nach Hilfe aus, und wurde
+rasch wieder an Deck gezogen, während der Capitain und Harpunier jetzt
+den Luckendeckel wieder zuwarfen, das Feuer, vielleicht in dem
+furchtbaren selbsterzeugten Qualm zu ersticken.
+
+Was da unten brannte, und wie das Feuer ausgekommen, war etwas, dem sie
+jetzt auch nicht einmal eine Vermuthung gönnen konnten.
+
+»Wasser und Provisionen herbei!« rief die Stentorstimme des Capitains
+über Deck durch den Lärm; »jede Bootsmannschaft ihr Boot so schnell als
+möglich verproviantirt und an Lanzen noch hinein was ihr habt. -- Hier
+Mr. Fergusen,« wandte er sich dann rasch an den ersten Harpunier, »sie
+besorgen die Instrumente in ihr Boot, Sextant, Compaß und Chronometer --
+haben sie nach dem Barometer gesehen, wie er steht?«
+
+»Er ist wieder gestiegen.«
+
+»Desto besser, ein Sturm jetzt und wir wären verloren.«
+
+»Und glauben Sie nicht, daß wir das Schiff noch retten können?« frug der
+Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton.
+
+»=Wie?=« entgegnete der Capitain eintönig, »ich begreife nicht, daß es so
+lange unentdeckt bleiben konnte -- früher wäre Hilfe vielleicht möglich
+gewesen, was sollen wir =jetzt= thun?«
+
+»Wenn man nur wenigstens wüßte, =was= brennt,« sagte der Harpunier.
+
+»Das Schlimmste, was brennen kann,« erwiederte der Capitain, der seine
+Kaltblütigkeit wieder gewonnen, »das Öl, haben sie das nicht an dem
+Qualm gesehen?«
+
+»Dann sind wir verloren!« rief der Harpunier.
+
+»Wir? -- das Schiff. -- Mit den Booten können wir leicht eine andere
+Insel erreichen.«
+
+»Aber die Canoes hinter uns, -- hätten wir nur die verdammte Dirne an
+Land gelassen.«
+
+»Teufel, an die Canoes hätt' ich gar nicht mehr gedacht.«
+
+»Wenn wir jetzt unsern Cours änderten,« rief der Harpunier rasch, »es
+ist dunkel und in kurzer Zeit --«
+
+»Wird die Flamme lichterloh hier am Deck emporleuchten -- unsere einzige
+Hoffnung ist, ihnen vorher mit den Booten aus dem Wege zu kommen. So,
+rasch hinein -- mit dem Seitenwind laufen wir dann ein Stück nach Norden
+hinauf und sind morgen Früh hoffentlich, wenn die Sonne aufgeht, aus
+Sicht.«
+
+Die Mannschaft hatte indessen in wilder Hast Alles herbeigeschleppt, was
+an Provisionen aus der ihnen geöffneten und von dem Feuer noch nicht
+angegriffenen Proviantkammer zu erreichen war. Die kleinen, überdies
+immer bereiteten Wasserfässer für jedes Boot waren gefüllt und standen
+am Deck, jeden Augenblick hinuntergelassen zu werden, da man die oben in
+der Schwebe hängenden Boote, Unglück zu verhüten, nicht so schwer
+beladen durfte, ehe sie auf dem Wasser ruhten.
+
+Der zweite Harpunier war indeß beordert, Munition und Gewehre aus der
+vordern Cajüte herbeizuschaffen, die Leute zu bewaffnen, und Capitain
+Silwitch sprang jetzt selber in seine Cajüte hinunter, die Gefangene
+herauf zu holen, ehe sich das Feuer dorthinein etwa die Bahn gebrochen
+hätte.
+
+Vor allen Dingen seine Papiere und Geld zu sich steckend, für alle Fälle
+gerüstet zu sein, trat er zu Hua, die noch gebunden und regungslos in
+dem Sopha lehnte, auf das er sie gelegt.
+
+»Mädchen, herauf mit dir!« rief er ihr zu, nach ihren Armen fühlend,
+ihre Banden zu lösen. »Das Schiff brennt und wir müssen flüchten.«
+
+»Hotuas Fluch hat dich getroffen,« lachte aber die Jungfrau zornig auf,
+»seiner Rache bist du verfallen. Schon seit ich in deiner Macht bin,
+hab' ich den grimmen Feind gewittert, der in den Eingeweiden deines
+Schiffes wühlt -- er ist von Minute zu Minute mächtiger geworden und da
+drinnen kannst du das fröhliche Knistern hören, wie er sich die Bahn
+gräbt ins Freie. Du bist verloren und der Sturm draußen läßt dir die
+Wahl jetzt zwischen Feuer und Wasser -- zu verderben, wohin du dich
+wendest.«
+
+»Noch nicht, mein Herz,« lachte aber der Seemann in fester, trotziger
+Entschlossenheit, »so lange jene Canoes draußen in solchem Wetter leben
+können, brauchen wir auch in einem tüchtigen, regelrechten Boot nicht
+viel zu fürchten.«
+
+»Canoes? -- was für Canoes?« frug Hua rasch aufhorchend.
+
+»Es ist gut, mein Schatz,« sagte der Seemann ausweichend, den das Wort
+schon gereute, das er gesprochen; »euere Fischercanoes mein' ich. Und
+nun komm!« und ihre Banden mit einem Messer durchschneidend, führte er
+das Mädchen, die ihm jetzt willig folgte, an Deck hinauf. Der Rauch
+unten verstattete ihnen schon kaum noch das Athmen, während rasch die
+Nacht einbrach und ihren dunklen Schleier über das Meer legte.
+
+Der erste Harpunier hatte indeß die Mannschaft in ihre verschiedenen
+Boote gewiesen, während er das eigene für sich und seine Leute wie für
+den Capitain mit seiner Gefangenen freibehielt, auch die Instrumente und
+einen Theil der Waffen da hineinstaute. Die übrigen sollten flott
+werden, so rasch sie könnten. An der Starbordseite hatte sich schon die
+Flamme durch das dünne Deck die Bahn gebrochen, und einmal nur erst ein
+wirkliches Luftloch für die Gluth geöffnet, und jeden Augenblick konnte
+dann das ganze Schiff in Flammen stehn. Die Boote blieben jetzt ihre
+einzige Rettung.
+
+Als sie das Deck erreichten, schaute Hua rasch und spähend umher, und
+horchte in peinlicher Angst in die Nacht hinaus, aber nichts ließ sich
+weder erkennen noch hören und ihr nächster Blick, mit kalter
+Entschlossenheit nur einen Erfolg zur Flucht, sei diese so verzweifelt
+wie sie wolle, berechnend, musterte die Mannschaft der verschiedenen
+Boote erst und fiel dann auf das wild erregte Meer. Tief aufseufzend hob
+sich da ihre Brust, als sie das Trostlose eines jeden solchen Versuchs
+fühlte, und schaudernd wandte sie sich ab von dem Manne, der sie Allem
+entrissen, was ihr lieb und theuer war auf der Welt, und der sie jetzt
+umfaßte, sie wieder in das Boot zu heben, dem einen Element vertrauend,
+was das andere entfesselt bedrohte.
+
+Ihr Fuß zögerte auch, als sie das Deck verlassen sollte; zog sie den Tod
+nicht solchem Leben vor? -- Aber =die Canoes=? -- das eine Wort, so
+unbestimmt und vague, hatte neue Hoffnungen in ihr geweckt. Wurden sie
+verfolgt, so lag Rettung im Bereich der Möglichkeit, denn ihre
+Landsleute sind berühmt selbst unter den kühnen Nachbargruppen im Bau
+trefflicher Canoes, mit denen sie hunderte von Meilen weit die See
+befahren und nicht selten sogar Stürmen trotzen.
+
+»Komm, komm, mein Täubchen,« mahnte sie aber der Engländer, ihr Sträuben
+fühlend, »du kennst die Gefahr nicht, der wir hier mit jeder Secunde
+zögern ausgesetzt sind; an ein verwünschtes Faß Pulver unter Deck hab'
+ich bis jetzt noch gar nicht gedacht -- über Bord Leute, über Bord in
+euere Boote, wenn euch euer Leben lieb ist!« und das Mädchen auffassend,
+schwang er sich in demselben Moment über die Railing, als das Boot, von
+beiden Krahnen gesenkt, niederfiel auf das Wasser und noch von dem rasch
+die Fluth durchschneidenden Schiff den nachstürzenden Wellen immer
+wieder entführt wurde.
+
+Lemon behauptete indeß das Ruder in all seiner sauertöpfigen
+Hartnäckigkeit, denn das Schiff mußte die Bahn halten, bis sämmtliche
+Boote frei waren. Eine Handspeiche neben sich, die er zuletzt in's Rad
+stecken wollte, es auf seiner Stelle zu halten, wenn er seinen Posten
+verlassen mußte, stand er mit unerschütterter Ruhe den jetzt aus mehren
+Stellen an Deck brechenden Krater unter sich beobachtend und anscheinend
+vollkommen gleichgiltig, daß Alle das Schiff verließen und ihn allein
+auf dem brennenden Sarg zurückließen. Rechts und links glitten schon
+die glücklich niedergelassenen Boote, mit ihren Segeln gesetzt, ab von
+dem seinem Geschick verfallenen Schiff, und nur noch das eigene hing
+unter den Krahnen.
+
+Eine helle Flammensäule stieg in diesem Augenblick mit blendendem Strahl
+hoch auf in die Nacht; ein Theil des Decks war eingestürzt und die Gluth
+brach lodernd hinaus in's Freie.
+
+»Nieder mit euch, nieder!« schrie des Capitains Stimme über das Wasser,
+der mit dem eigenen Boot dicht im Fahrwasser seines Schiffes folgte;
+»nieder, oder ihr seid verloren!«
+
+Der Schotte und Pfeife standen an den Tauen, vierten, auf den jetzt
+rasch gegebenen Befehl des Harpuniers, das Boot nieder, langseits dem
+Schiff und sprangen dann rasch hinein, Jonas und der ihm aus einem
+andern Boote beigegebene Legs mit Spunt, dem Böttcher, reichten ihnen
+die schon bereit liegenden kleinen Fässer mit Wasser und Proviant nach,
+und ihnen mit dem Harpunier folgend, war Lemon der letzte Mann an Bord.
+
+»Komm von Bord, Sir!« rief sein Officier, »schnell! um dein Leben!«
+
+»Werdet doch wohl warten, bis ich komme?« knurrte der sauertöpfische
+Gast in voller Ruhe, und die Handspeiche einschiebend und ein dort
+liegendes Fall darumschlagend, daß sie nicht wieder herausrutschen
+konnte, blieb er noch einen Moment stehen, das Deck kopfschüttelnd zu
+überschauen und stieg dann rasch an der Seite nieder, von halbwegs ab
+auf eine der _thwarts_ oder Bootbänke springend. Das Boot hatte indeß
+seine Segel schon gesetzt, löste das Springtau und kam frei, und allein
+fort schoß der brennende Koloß, wie ein angeschossener Eber seine wilde
+unbewußte Bahn, die Todeswunde im Herzen, da er nicht mehr entfliehen
+konnte in toller, blindstürmender Wuth.
+
+»Habt Acht auf eure Segel!« rief ihnen der Capitain zu, der mit seinem
+rascheren Boot gerade an ihnen vorüberschoß, während die jetzt
+vollkommen ausgebrochene Gluth am Bord der armen »_Lucy Walker_« einen
+hellen Schein über das Wasser warf und alle Gegenstände deutlich
+erkennen ließ; »das obere Fall da hat sich umgeschlagen.«
+
+»Wirf es herüber, Jonas!« rief der Harpunier, der den Steuerriemen in
+der Hand hielt, »wirf es herüber, Mann, aber rasch, denn das Segel faßt
+jetzt den Wind nicht genug, und wenn uns die nächste Welle erwischt,
+füllen wir -- Pest und Tod -- werft einen Theil der Ladung über Bord,
+wir gehen ja fast bis an den Rand im Wasser und sind verloren, wenn uns
+eine einzige Welle überwäscht.«
+
+Jonas, überhaupt etwas ängstlicher Natur, und mit dem bösen Gewissen,
+Mitwisser der That zu sein, die sie Alle jetzt in Todesgefahr gebracht,
+stand zitternd von seinem Sitz auf, dem Befehl Folge zu leisten, während
+Andere noch unschlüssig zwischen den eingestauten Sachen wählten, was
+sie hinauswerfen sollten.
+
+»Rasch, Leute, rasch, _damn it_, ihr steht da, als ob euch der Compaß
+gebrochen wäre; faßt zu!«
+
+Ein schriller, jubelnder Schrei gellte in diesem Augenblick in so
+furchtbarer Wildheit über das Wasser, daß sich die Leute erschreckt
+danach wandten, und Jonas das schon gefaßte Tau seiner Hand wieder
+entgleiten ließ.
+
+»Teufel!« fluchte der Harpunier, »die Wilden!« und in demselben Moment
+fast antwortete von dem vor ihnen dahinschießenden Boot des Capitains
+aus ein lauter, weit schallender Hilferuf Huas, dem herausfordernden
+Schlachtschrei ihrer Landsleute.
+
+»Wahr' dein Segel, Mann, wahr' dein Segel!« kreischte der Harpunier, als
+dieses, durch das verworfene Tau eingepreßt, den Wind nicht faßte und zu
+flappen anfing.
+
+»Eure Riemen, Boys, eure Riemen!« gellte die entsetzte Stimme des
+Harpuniers, als die ihnen folgende Welle drohend hinter ihnen
+dreinstürmte. Die Leute griffen auch fast mechanisch nach den Rudern --
+aber zu spät; hoch über ihnen stand die gläserne, von dem jetzt
+helllodernden Schiff noch grell beleuchtete See -- wenige Secunden fast
+war es, als ob sie in der Luft, über der sicher gefaßten Beute hing und
+jetzt ein gellender Aufschrei und die Mannschaft des geschwemmten,
+überladenen Bootes, rang mit der schäumenden Fluth.
+
+
+6.
+
+Durch die tanzenden Wogen, über die leuchtende quillende Fluth schossen
+die dunklen Canoes der Eingebornen, die Mattensegel geschwellt, heran,
+und im Bug des vordersten stand eine hohe, edle Gestalt mit wehendem
+Haar und Hüftentuch, die weite See mit dem Adlerblick überfliegend, wo
+ihn die stürzende Woge auf ihren Kamm hob und in jagender Schnelle
+voranriß.
+
+Es war der junge Häuptling _Tai manavachi_, der dem Tod selbst trotzend,
+seine kleine Flotte dem frechen Räuber in Nacht und Wetter nachführte
+und verzweifelnd schon die trostlose Jagd hatte aufgeben wollen, als
+der Feuerschein des fremden Schiffes jubelnd von ihm entdeckt wurde.
+Auch auf den andern Canoes hatten sie schnell die Wahrheit des Unfalls
+ihrer Feinde begriffen, und der gellende Jubelruf, der Schlachtenschrei
+ihres Stammes, mit dem sie ihre Lanzen und Speere fester packten, war
+es, der das Blut des sonst wahrlich unerschrockenen jungen Engländers in
+den Adern gerinnen machte.
+
+Hua aber hatte in jauchzender Seeligkeit die Nähe der Freunde gehört,
+und wenn auch der antwortende Schrei zu schwach war, gegen den Wind an
+die Retter zu erreichen, wußte sie doch nun, daß die Ihren, den Wogen
+trotzend, mit kühnem Muth ihren Spuren gefolgt waren, und die einzelnen
+Boote ihnen jetzt gar nicht mehr entgehen konnten.
+
+»Ruhig, mein Täubchen, ruhig!« warnte sie aber drohend der neben ihr
+stehende Capitain; »die Nacht ist dunkel und deine Stimme dringt doch
+nicht zu ihnen hinüber, aber auch der Gefahr wollen wir uns nicht
+aussetzen und -- ich möchte dir kein Leides thun -- aber wirst du noch
+einmal laut, so muß ich dich wieder binden und knebeln, so weh mir das
+selber thäte.«
+
+Hua blickte wild und trotzig zu ihm empor, aber sie war auch schlau
+genug, nicht nutzlos den Zorn Derer zu reizen, in deren Gewalt sie sich
+noch befand, und kauerte von jetzt an still und schweigend im Boot,
+aber ihre Blicke forschten, die Sehkraft bis zum Schmerze angestrengt,
+in die Nacht hinaus, die Freunde zu entdecken.
+
+Ein blendendes Licht breitete sich in dem Augenblicke über die See, und
+als sie rasch die Blicke dem brennenden Schiffe zuwandten, sahen sie
+einen hellen Strahl von seinem Deck emporschießen und ein dumpfer Krach
+verkündete die Explosion des Pulvers. Das Fäßchen hatte aber zu hoch
+unter Deck gelegen, dem Rumpf des Schiffes weiteren Schaden zu thun, als
+das Deck oben zu sprengen und den Besahnmast zu splittern, der jetzt in
+lichten Flammen einen Moment zur Seite schwankte, und dann schwerfällig
+und tausend und tausend Funken emporwerfend, über Bord in See schlug.
+
+»Mein armes Schiff!« seufzte der Capitain und blickte traurig herüber,
+da traf ein anderer Ton sein Ohr und »ein Schuß!« rief fast die ganze
+Bootsmannschaft wie aus einem Munde.
+
+»Ein Schuß!« -- Ein Schiff war in der Nähe, das ihre Noth erkannt, und
+das Signal gab zur Rettung -- ein Schuß, und von Gefahr umringt, zeigte
+sich Hilfe. Der Schall kam aber vom Süden herauf, und sie mußten ihren
+Cours jetzt ändern, die Boote deshalb zusammenrufend -- das Sinken des
+einen war in der Erregung des Augenblicks von den andern gar nicht
+bemerkt -- legten sie rasch über den andern Bug, schräg von den Wellen
+abschneidend und konnten der Richtung, die ihnen jetzt ein zweiter und
+dann bald darauf folgender dritter Signalschuß angab, genau folgen.
+Einmal an Bord und die Canoes, denen sie bis dahin zu entgehen hofften,
+waren ihnen nicht mehr gefährlich.
+
+_Tai manavachi_ kam indeß mit geblähten Segeln und sieben vollbemannten
+großen Kriegscanoes durch die Wellen schäumend an; ein Brautzug hatte es
+werden sollen und war eine Jagd geworden auf den Räuber seines
+Theuersten, was er auf dieser Welt kannte, und wie die jetzt schon sehr
+gemäßigte, aber doch noch immer frische Brise mit den flatternden,
+wehenden Zierrathen am Bug der schlanken, wunderlich geschnitzten
+Fahrzeuge schlug und spielte, standen die wilden, trotzigen,
+kriegerischen Gestalten, hinaus in die Nacht spähend, am Bord, die
+geflüchteten Boote zu erkennen und zu verfolgen.
+
+Ein Hilferuf traf ihr Ohr, neben ihnen im Wasser schrie sie ein
+Schwimmender an um Rettung, und treibende Ruder und Sitze verriethen
+ihnen rasch genug das Schicksal wenigstens eines der Boote. Einen
+ängstlich suchenden Blick warf der junge Häuptling umher -- wenn gerade
+dies Boot -- doch nein, sein Herz zog ihn weiter, und nur dem nächsten
+Canoe ein paar Worte zurufend, das rasch zur Seite schoß und seinen Bug
+gegen die nächsten Wellen anwarf, hier zu halten und die Verunglückten
+aufzunehmen, verfolgten die Rächer unaufgehalten ihre Bahn.
+
+Da dröhnte auch zu ihnen der Krach des explodirenden Pulvers herüber,
+aber mehr als das, der helle, blitzähnliche Strahl verrieth ihnen die
+weiß leuchtenden Segel der Flüchtigen, und als gleich darauf die fernen
+Kanonenschläge irgend eines zufällig in die Nähe gekommenen Fahrzeugs an
+ihr Ohr schlugen, zuckte ein triumphirendes Lächeln über das Antlitz des
+jungen wilden Kriegers. Er kannte die Lage der Feinde, und daß sie jetzt
+hinüberhalten =müßten=, dem Schiffe zu, wo sich ihnen allein noch
+Rettung bot. Dorthin aber war er im Stande ihnen den Weg abzuschneiden
+und wußte sie jetzt in seiner Macht.
+
+Capitain Silwitch hatte sich indessen wohl gescheut, den hellen
+Wasserstreifen zu durchfahren, den das jetzt bis in die Masten hinauf
+brennende Fahrzeug zwischen sich und seinen Verfolgern ließ, aber er
+durfte auch keine Zeit versäumen, denn der Feind mußte gewaltig
+schnelle und tüchtige Canoes haben, daß er es nur gewagt hatte, ihnen
+bis hier heraus zu folgen. So, auf ihre eigenen guten Boote vertrauend,
+hielten sie gerade nach Süden hinunter und einmal wieder weit genug von
+dem hellen Schein entfernt, hofften sie auch in der Dunkelheit der Nacht
+dem Feinde entgehen zu können.
+
+Ein neuer Signalschuß des fremden Fahrzeugs, dessen Capitain den Booten
+die Stellung seines Schiffes zu zeigen wünschte, tönte schon um vieles
+näher, und Capitain Silwitch hätte jetzt gern ein Gewehr abgefeuert, dem
+ziemlich unter dem Wind befindlichen Fremden die Richtung anzudeuten, in
+der sie sich selbst befanden, mußte er nicht zugleich fürchten, dadurch
+auch den vielleicht nähergekommenen Verfolgern die Stelle zu verrathen.
+
+Sein Boot, das größte Segel führend, war das erste, die andern
+vielleicht in zwei- und dreihundert Schritt Entfernung folgend, und
+Einer der Bootssteuerer war vorn in dem Bug postirt, scharf
+auszuschauen, ob er nicht vielleicht doch gegen den etwas helleren
+Horizont das jetzt keinesfalls so weit mehr entfernte Schiff entdecken
+könne.
+
+»Hallo, Capitain!« rief dieser plötzlich, »da vorn sah ich eben etwas
+Dunkles, als sich das Boot auf der Welle hob, es sah aus wie ein Boot.«
+
+»Hab' Acht, wenn es wiederkommt,« lautete die Antwort. Die nächste Woge,
+jetzt nicht mehr durch den Wind gepeitscht, aber noch immer in schwerer
+Dämmung, kam hinter ihnen drein, und rechts und links von dem Boot ihren
+zischenden, glühenden Schaum ausgießend, hob sie das schlanke Fahrzeug
+auf ihren Nacken über die nächsten Wellen. Ehe aber nur der Mann eine
+weitere Meldung machen konnte, schallte ein gellender Jubelruf, schrill
+und furchtbar an ihr Ohr, und:
+
+»Hierher, hierher, Tangata Tonga!« jauchzte die emporspringende Maid den
+Rettern entgegen. -- »Hierher zu Hilfe!« und die Arme emporschlagend,
+wollte sie sich eben in die schäumende See werfen, als Silwitch seinen
+linken Arm um sie schlang und die sich wild gegen ihn Sträubende
+festhielt und zu sich zog. Aber _Tai manavachi_ hatte den Ruf gehört und
+erkannt, und während die Europäer in wilder Hast ihre Waffen aufgriffen
+und der Bug des Bootes, wie selber ein lebendiges Wesen, vor der Nähe
+des Feindes zurückscheuchend abfiel von seinem Cours, schoß auch das
+mächtige dunkle Canoe heran, und zwanzig drohende Gestalten, unter denen
+her jetzt die andern Canoes preßten und ihren antwortenden Jubelruf
+durch die Luft sandten, streckten die Arme aus, die Larbordseite des
+eingeholten Bootes zu fassen und zu halten. Durch die zerrissenen Wolken
+trat in diesem Augenblick die bleiche Mondessichel und warf ihr fahles
+silbernes Licht auf die wogende See.
+
+»Ergib dich, Pagalangi, ergieb dich!« schrie da der junge Häuptling, der
+die Gestalt der Geliebten in dessen Arm sich winden sah; »ergieb dich,
+denn ihr seid in meiner Hand!«
+
+»Zurück! oder Hua ist eine Leiche!« donnerte ihm aber des Weißen Ruf
+entgegen, der sein Messer aus der Scheide riß und es über dem Mädchen
+zuckte -- er sah doch, daß hier Widerstand vergebens war, und wollte das
+letzte Mittel versuchen, sich und die Seinen vor Gefangenschaft oder Tod
+zu retten, dachte aber gar nicht daran, der armen, durch ihn verrathenen
+Maid ein Leides zu thun, und flüsterte ihr rasch und beruhigend in's
+Ohr:
+
+»Fürchte dich nicht, Hua -- dieser Arm sollte eher verdorren, ehe er
+=dich= träfe; und wenn sie mich tödteten, ich hätte keine Waffe für
+dich!«
+
+»=Fürchten?=« rief aber die Jungfrau, wild und zornig ihm in's Auge
+schauend; »fürchten? stoß zu, Pagalangi, wenn du Muth hast, aber du bist
+verloren. Hierher, _Tai manavachi_!« schrie sie dann in trotziger
+Kühnheit nach dem Geliebten hinüber; »hier ist der Räuber deiner Braut
+-- triff ihn sicher und kehre dich nicht an mich!«
+
+»Hua, Hua!« rief aber der junge Häuptling, den Arm bittend und schützend
+gegen sie ausstreckend; »gib sie frei, Fremder, wirf das Messer von dir
+und deine Boote mögen ungehindert von mir jenes Schiff suchen --
+schädige ihr aber nur eine Locke ihres Hauptes, und zerreißen will ich
+dich auf langsamem Feuer!«
+
+»Du sicherst mir unser Leben und unsere Freiheit?« rief der Europäer.
+
+»Ich geb' dir mein Wort!« rief der Häuptling stolz, während die beiden
+Fahrzeuge jetzt rasch und schäumend neben einander hinschossen und die
+Matrosen ihre freilich von Seewasser durchnäßten Musketen und die
+gefährlicheren Wallfischlanzen aufgegriffen hatten, dem grimmen Feind im
+Nothfall trotzig die Stirn zu bieten.
+
+»So geh', Hua!« sagte Silwitch traurig, sie freigebend aus seinen Armen;
+»geh' und vergiß den Fremden, der dir weh that, weil er dich so
+unendlich liebte.«
+
+Hua erwiderte keine Silbe, aber ihr Fuß stand auf dem Rand des Bootes
+und als der Bug des jetzt dicht an sie hinanschießenden Canoes rasch
+vorüberglitt, sprang sie mit kühnem Satz hinüber und in die Arme ihres
+aufjauchzenden Geliebten.
+
+Fast über ihren Köpfen hin dröhnte in dem Augenblick der schmetternde
+Schlag eines Kanonenschusses und als sie überrascht emporschauten, war
+das fremde Schiff, dem das brennende Fahrzeug als Mark gedient, so nahe
+an sie herangekommen, daß das Canoe selbst seinen Bug herumwerfen mußte,
+nicht überfahren zu werden.
+
+»Teufel!« schrie Silwitch, ingrimmig mit dem Fuße stampfend, »so dicht
+am Ziel und doch zu spät!« Aber in die Nacht hinein, rasch und plötzlich
+wie sie gekommen, verschwanden die Canoes. Höhnisch noch schlug ihr
+gellender Triumphschrei an sein Ohr, und Hua war auf immer für ihn
+verloren.
+
+Das fremde Schiff, ein Bremer Wallfischfänger, braßte seine Segel back,
+als es die gesuchten Boote so dicht unter seinem Bug sah, Taue wurden
+übergeworfen, die Mannschaft aufzuholen und die Schiffbrüchigen sahen
+sich bald Alle an sicherem Bord. Nur ein Boot fehlte noch; auf und ab
+kreuzte das Schiff, von Zeit zu Zeit noch einen Schuß feuernd nach dem
+vermißten Boot -- umsonst. Bis Tagesanbruch hielt es auf der Stelle,
+und als die Sonne sich über den Horizont hob, wurden die Tops bemannt,
+von oben aus vielleicht etwas zu erspähen -- es ließ sich Nichts
+erkennen. Nur in blauer Ferne lag das Land, kein Boot, kein Segel war
+weiter am Horizont zu sehen und mit scharfangebraßten Segeln, dicht am
+Wind, hielt das deutsche Schiff mit der geborgenen Mannschaft der »_Lucy
+Walker_« nach Norden auf, den Sandwichs-Inseln zu.
+
+Fußnoten:
+
+[1] Die Muntere.
+
+[2] Die südseeländische Kastanie, _tuscarpus edulis_, ist ein
+stattlicher, mächtiger Baum mit immer grünen Blättern und der Kastanie
+ähnlichen, doch stachellosen Früchten, aber das Eigenthümliche an ihm
+ist der Stamm, der etwa zehn oder zwölf Fuß hoch aufsteigt, ehe er
+auszweigt, und bis zum 7. oder 8. Jahre ziemlich glatt bleibt, dann sich
+aber auf eine höchst wunderbare Weise vergrößert. An vier, fünf und mehr
+Stellen desselben, von oben nach unten, von der Wurzel bis zum Stamme
+laufend, erhebt sich die Rinde und wächst -- der Baum behält seine
+Stärke und diese Streifen heben sich mehr und mehr, bis sie zuletzt
+förmlicher, mit grauer Rinde bedeckten, nicht selten ganz regelmäßigen
+Planken gleichen, die, nur wenige Zoll stark, oft zwei, drei, ja vier
+Fuß breit, wie die Schaufeln eines Rades vom Baume abstehen. Je älter
+der Baum dabei wird, desto knorriger wird er, durch kranke Flecke ziehen
+sich diese bretartigen Auswüchse hie und da zusammen und er sieht dann
+allem Andern ähnlicher, als einem Baum.
+
+[3] _Me_, die Brotfrucht.
+
+[4] Tangaloa ist einer ihrer Hauptgötter, der die Tonga-Inseln beim
+Fischen mit einem Haken aus dem Meere gezogen haben soll.
+
+[5] _Mea fanna fonnua_, auch Kanone, wörtlich eine Waffe, die gegen das
+Land schießt.
+
+[6] Fremder.
+
+[7] Januar.
+
+[8] Engländer oder überhaupt Weißer.
+
+[9] Freund.
+
+[10] Citrone.
+
+[11] Der Wallfischspeck
+
+[12] Die Jahreszeit des Fischfangs, also volle Jahre.
+
+[13] Die Raanocke, das äußerste Ende der Raaen oder Querbalken, an denen
+die Segel befestigt sind. Auf der See werden bei etwa stattfindenden
+Executionen die Verurtheilten daran aufgezogen.
+
+[14] Essen.
+
+[15] Ruder.
+
+[16] Die Zeiteintheilung an Bord eines Schiffes geschieht nach Glasen,
+von den früheren Sandgläsern so genannt. Jede Wacht von vier Stunden hat
+acht Glasen; diese zu bezeichnen, wird jede halbe Stunde, bis die Wacht
+aus ist, einmal mehr mit dem Klöppel an die Glocke geschlagen, so daß,
+von zwölf Uhr z. B. an gerechnet, halb ein Uhr einmal angeschlagen wird,
+um ein Uhr zweimal, halb zwei Uhr dreimal, um zwei Uhr viermal u. s. f.
+bis vier Uhr, was man durch acht Schläge oder Glasen angiebt. Ein
+viertel auf Fünf beginnt dann wieder mit =einem= Schlag, daß vier Glasen
+Abends also zehn Uhr bedeuten würde.
+
+[17] Die ganze Mannschaft an Deck.
+
+[18] Haltet mit dem Anker.
+
+[19] Royal oder Oberbramsegel, das oberste leichte Segel.
+
+[20] Eine zu Zeug verarbeitete und von der Rinde des chinesischen
+Maulbeerbaumes bereitete und gedruckte Masse. Ungedruckt hat sie den
+Namen Tapa.
+
+[21] Der Gruß und Abschied der Tonga-Inseln.
+
+[22] Segel verkürzen.
+
+
+
+
+Die Bootsmannschaft.
+
+
+1.
+
+Nur =einen= Theil der Mannschaft ließ das wackere Schiff zurück, denn
+wie vorher erwähnt, schlug auf der Flucht eines der Wallfischboote um,
+und die Indianer nahmen die Meisten der Schwimmenden in das für sie
+zurückgelassene Canoe.
+
+Den Morgen trotzend, blieb das schlanke Fahrzeug an der Stelle halten,
+wo es die ersten Opfer des Wracks getroffen, und der phosphorisirende
+Schaum der züngelnden Wellen half ihnen getreulich die dunklen, in
+Wasser schwimmenden Gestalten zu erkennen, so daß sechs Verunglückte
+nach und nach ihrem nassen Grab entrissen wurden.
+
+Wohl kreuzten sie noch eine Weile dort auf und ab, zu sehen, ob noch ein
+Anderer ihre Hülfe in Anspruch nehmen würde. -- Aber Alles blieb stumm
+und still auf der kochenden Fluth. Der schrille Ruf einer
+aufgescheuchten Möwe tönte hier und da durch die Dunkelheit, oder der
+Schaum zischte in dem schweren Niederschlagen eines sich überstürzenden
+Wogenkammes -- sonst war Alles ruhig wie das Grab.
+
+Da dröhnte der Signalschuß des fremden Schiffes durch die Nacht, dem der
+höhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete, und dorthin schwang im
+Nu der Bug des flüchtigen Canoes, die Freunde einzuholen und sich ihnen
+wieder anzuschließen.
+
+Den Gefangenen befahl indeß ein federgeschmückter dunkler Krieger, sich
+mitten in das Boot zu legen, und wenn sie seine Worte auch nicht
+verstanden, ließ ihnen doch die drohende Geberde und gehobene Waffe
+keinen Zweifel über seine Absicht. An Widerstand war überhaupt nicht zu
+denken, und so gehorchten sie denn schweigend dem Befehl.
+
+Das Fahrzeug war allerdings eines jener geräumigen, außerordentlich
+langen und trefflich gebauten Kriegscanoes; glücklicher Weise aber nicht
+für den Krieg, sondern nur für die Brautfahrt, mit vielleicht halber
+Mannschaft besetzt, so daß sie ohne Gefahr für sich selber die
+Schiffbrüchigen -- und jetzt Gefangenen -- aufnehmen konnten. Nichts
+desto weniger mußten sich diese vollkommen ruhig verhalten und lagen,
+auf dem Boden des Canoes lang ausgestreckt, eng und gedrückt genug,
+immer Zwei neben einander.
+
+Der Wind heulte mit erneuter Wuth über die aufgeregte See; die Blitze
+zuckten, und der Donner prasselte in wilden jähen Schlägen schallend
+drein, während das schlanke Fahrzeug mit vollgeblähtem Segel mit den
+Wogen bäumte und sank, und gar nicht selten züngelnde Spritzwellen über
+Bord nahm.
+
+Jonas, der eine der Geretteten, fühlte dabei wohl, daß er eng genug
+zusammen gepreßt einen seiner Kameraden neben sich hatte, war aber noch
+nicht im Stande gewesen, heraus zu bekommen, wer das sei, und auch bis
+zu diesem Augenblicke viel zu sehr mit sich selber beschäftigt gewesen,
+besondere Nachforschung zu halten. Jetzt aber verrieth ihm ein
+außergewöhnlich greller und langanhaltender Blitz das Gesicht seines
+Nebenmannes, und er erkannte den kleinen Legs.
+
+Legs lag, seine kurzen, etwas gebogenen Beine fest angezogen, auf dem
+Rücken, schloß die Augen und schien mit auf der Brust gefalteten Händen
+vollständig sich in sein Schicksal zu ergeben.
+
+»Legs,« flüsterte da Jonas, der neben ihm auf dem Bauch lag, und sich
+nur mit einiger Schwierigkeit nach ihm herumdrehen konnte, »Legs bist du
+das?«
+
+»Ich wollte, ich wär's nicht,« stöhnte der arme Teufel, ohne jedoch die
+Augen dabei zu öffnen -- »das ist eine schöne Lage hier für einen
+ordentlichen Christen, wo einem das verdammte Seewasser am Nacken hinein
+und am ganzen Rücken hinunter läuft -- das halbe Boot muß voll sein.«
+
+»Das sei Gott geklagt,« stöhnte Jonas, »ich kann den Mund schon kaum
+über Wasser halten, und habe mir den Hals beinah abgedreht. Wenn ich nur
+wenigstens auch auf den Rücken läge, wie du -- so wie ich mich aber
+rühre, hauen mir vielleicht die verwünschten braunen Bestien Eins über.
+Prächtige Gelegenheit für einen Menschen hier, als Ballast für die
+wilden Hallunken im Boot zu liegen!«
+
+»Jedenfalls wollen sie uns erst einweichen,« stöhnte Legs in wahrhaft
+stoischem Gleichmuth, »um uns nachher eher gar zu bekommen.«
+
+»Die Teufel wären's im Stande, uns auch noch zu braten,« seufzte Jonas,
+»und wenn ich das gewiß wüßte, hätt' ich große Lust, das ganze Ding hier
+umzuwerfen und uns alle mit einander auszuschütten. Eben so gern oder
+noch lieber von einem verdammten Haifisch auf einmal verschluckt, wie
+von solch einer nichtswürdigen Rothhaut stückweis geröstet zu werden.«
+
+»Und daran ist nur der vermaledeite Capitain schuld,« brummte Legs, »der
+das Mädchen -- Heiland was für ein Donner! -- der das Mädchen hätte da
+lassen sollen, wo sie der liebe Gott hingesetzt. Jetzt haben wir die
+Geschichte -- den Teufel zu zahlen und kein Pech heiß, und Legs wird
+wieder, wie gewöhnlich, die Suppe ausessen müssen, die Andere für ihn
+eingebrockt.«
+
+»Na,« brummte Jonas, »=du= sitzest dieses Mal nicht allein an der
+Schüssel, und wenn« -- der Satz wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen,
+denn das Boot stieg in dem Augenblicke mit dem Bug auf die Spitze einer
+Woge, und das zurückschießende, darin befindliche Seewasser füllte den
+geöffneten Mund des armen Teufels dermaßen, daß er durch Sprudeln und
+Spucken kaum wieder Luft und Athem bekommen konnte.
+
+Seine Lage wurde jetzt auch so unerträglich, ja, gefährlich, da das
+Canoe reichlich Wasser eingenommen hatte, daß er sich gewaltsam begann
+umzudrehen und Legs dadurch erbarmungslos gegen die Seitenwand drückte.
+Legs übrigens, keineswegs in der Stimmung, sich das Mindeste gefallen
+zu lassen, fluchte laut und wurde nur zum Schweigen gebracht, als er die
+drohend über sich gebeugte Gestalt eines der Wilden erblickte. Beim
+Leuchten eines Blitzes erkannte er aber den dunkeln Feind, wie den, mit
+der Waffe oder einem Ruder gehobenen Arm, und kniff mit einem kurzen
+Stoßseufzer beide Augen fest zusammen.
+
+Die Gefangenen konnten jetzt hören, daß sich ihr Fahrzeug wieder der
+kleinen Canoeflotte angeschlossen hatte, und dadurch gewannen sie
+wenigstens =einen= Vortheil. Die Indianer nämlich wandten nun ihre
+Aufmerksamkeit wieder dem eigenen Boote zu und begannen das
+übergeschlagene Wasser auszuschöpfen -- nicht etwa aus Mitleid für die am
+Boden liegenden Weißen, sondern nur um ihr Canoe zu erleichtern und in
+dem Wettlauf, der Insel zu, nicht zurückzubleiben.
+
+Die Lage der auf dem Boden des Canoes ausgestreckten Gefangenen war
+dadurch um ein Wesentliches verbessert, und wenn die zürnenden Elemente
+ihre Herzen auch noch mit banger Furcht erfüllten, schienen sie doch
+wenigstens für den Augenblick der Gefahr enthoben zu sein, selbst in dem
+Boote zu ertrinken. Das war aber auch für jetzt der ganze Vortheil, den
+sie davon hatten, denn mitten im Sturme und Ungewitter schossen die
+Boote dahin, und Jonas, der einmal den Kopf hob, zu sehen, wo sie
+eigentlich wären, begriff gar nicht, wie ihre Sieger in der
+stockfinstern Nacht nur überhaupt einen Cours halten konnten. --
+Verfehlten sie aber das Land -- ein Fleckchen Erde von wenigen
+Quadrat-Meilen in dem weiten Ocean -- und hielten sie jetzt hinaus in
+die offene See, was sollte dann zuletzt aus ihnen werden?
+
+So schäumten sie in toller Flucht durch die aufgerüttelten Wogen. Der
+Sturm hatte schon ausgetobt, und nur noch mattleuchtende Blitze am
+nordwestlichen Himmel verriethen, welche Bahn er genommen; die See ging
+aber nichts desto weniger noch hohl, und es erforderte die ganze
+Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit der Insulaner, ihre Fahrzeuge flott
+und unbeschädigt zu halten.
+
+Die englischen Matrosen hatten dabei keine Ahnung, in welcher Richtung
+das Land lag, welche Richtung sie selber steuerten. Das vordere Canoe
+schien jedoch dieselbe anzugeben, und ein in kurzen Zwischenräumen dort
+ausgestoßener und langgezogener Schrei -- der wie ein Weheruf über die
+Fluth schallte -- hielt die verschiedenen Canoes zusammen. So viel
+entging ihnen aber nicht, daß der Wind ihnen nur wenig günstig sei, denn
+das Mattensegel war scharf angebraßt und die zu windwärts
+überschlagenden Wellen verriethen ebenfalls, daß sie so dicht wie
+möglich am Winde lägen, gegen die hohe See also schwerlich raschen
+Fortgang machen würden.
+
+Stunde nach Stunde verging auch, und noch war ihnen keine Nacht im Leben
+so lang vorgekommen wie diese, die gar kein Ende nehmen wollte. Da
+plötzlich hallte ein wilder, jubelnder Ton über das Wasser, und als
+Jonas erstaunt den Kopf hob und danach aushorchte, herrschte in dem
+Augenblicke Todtenstille rings umher. Ihm selber aber war es, als ob er
+in der Ferne und zwar gerade voraus die Brandung hören könne, wie sie
+sich tosend über den Riffen dieser Inseln bricht; und als ob auch die
+Indianer diesem willkommenen Laute -- dem Zeichen des nahen Landes --
+gelauscht, so brach jetzt donnernd ihr Jubelruf durch die Nacht.
+
+Doch nicht allein der Brandung jauchzten sie entgegen, noch ein anderes,
+willkommneres Zeichen hatten sie erblickt, und zwar einen rothen
+Feuerschein, der mit seinem flackernden Licht zu ihnen herüber glühte.
+Das war das Zeichen des befreundeten Stammes auf Monui, der das Feuer
+auf einer der vorragendsten Bergkuppen entzündet und unterhalten hatte,
+den kühnen Schiffern als Leitstern zu dienen.
+
+Auf dem vorderen Boot hatten sie es zuerst entdeckt, und in froher Lust
+stimmten die Häuptlinge, die sich im ersten Boot mit ihrem jungen Führer
+_Tai manavachi_ befanden, den Siegesgesang ihrer Heimat an.
+
+Kaum aber trug die Brise die geliebte Weise zu den anderen Canoes
+hinüber, als diese jauchzend einfielen und der donnernde Chor das
+rauschende Brechen der Wogen selber übertäubte.
+
+Im Osten dämmerte dabei der Tag -- immer breiter, immer lichter wurde
+der Streifen, und nur kurze Zeit noch verfloß, bis sie die düstern
+Umrisse des nicht mehr so fernen Landes deutlich vor ihrem Bug erkennen
+konnten.
+
+Legs, so theilnahmlos er sich bis jetzt gegen alles gezeigt, was ihn
+umgab, hatte doch nicht umhin gekonnt, mit dem dämmernden Tag einen
+Ausguck zu halten. Kaum drehte er aber den Kopf herum, als er auch schon
+die zackigen Umrisse der nicht mehr fernen Küste am Horizont erkannte,
+und wieder in seine alte Lage zurückfallend, brummte er halb laut vor
+sich hin:
+
+»Na ja -- da sind wir wieder. Die rothen Canaillen müssen Nasen wie die
+Spürhunde haben, daß sie in der Nacht ihren Cours halten konnten -- und
+jetzt freue dich, Benjamin, und steh bei den Fallen, denn ich will ein
+Landlubber sein, wenn ich nicht schon das Feuer rieche, an dem wir
+geschmort werden sollen. -- Jonas! -- he, Jonas! -- schläfst du!«
+
+»Schlafen?« knurrte der Angeredete, »da soll einer auch schlafen, wenn
+diese rothen Heiden einen Spektakel machen, daß die Fische auf dem
+Grunde auseinander fahren. Mir ist überhaupt nichts weniger als
+schläfrig zu Muthe. Hörst du die Brandung?«
+
+»Bah, schon seit einer halben Stunde,« sagte Legs. »Wir werden gleich
+Anker werfen. Schildkröten und Seeschlangen, wie sich die guten Leute
+auf Monui freuen werden, uns wieder zu sehen.«
+
+»Ja, kann ich mir etwa denken,« brummte Jonas, »und so eine dürre
+Spiere, wie du bist, kann lachen! Die hat verdammt wenig dabei zu
+befürchten; aber wenn ich =meine= Rippen und Arme und Beine anfühle, ist
+mir's schon immer, als ob ich ausgenommen und mit heißen Steinen gefüllt
+und sauber in Bananenblätter eingepackt in einem von ihren verwünschten
+Backöfen schwitzte. Meine einzige Hoffnung ist nur jetzt noch die, daß
+ich vor lauter Gift und Galle ganz bitter schmecken und vollständig
+ungenießbar sein werde.«
+
+»Na, ihr habt euch ja alle so schrecklich danach gesehnt, an Bord
+bleiben zu können,« meinte Legs, »jetzt könnt ihr das Vergnügen
+genießen.«
+
+»Und du wohl nicht?« sagte Jonas, den Kopf rasch nach ihm hinumdrehend,
+-- »aber meinetwegen,« setzte er, wieder in seine alte Lage
+zurücksinkend, hinzu -- »mir ist's recht, und, wenn sie uns nicht
+geradezu todtschlagen und auffressen, befinden wir uns dann am Ende noch
+immer besser hier, als auf dem blutigen Blubberkocher der _Lucy Walker_,
+die jetzt wenigstens ihre Thranfässer sicher auf Meeresgrund gelöscht
+hat.«
+
+Erschreckt schaute er in die Höhe, denn wie er gerade aufsah, hing
+anscheinend dicht über ihnen eine mächtige Woge mit silberblitzendem
+Kamm, die im nächsten Augenblick über ihnen zusammenbrechen und ihr
+schwankes Fahrzeug rettungslos begraben mußte. -- Aber die Woge blieb
+stehen, und der Jubel der Eingeborenen sagte ihm bald, daß es die
+Brandung gewesen sei, die über den Riffen ihre ewigen Sturzwellen thürmt
+-- daß sie die Einfahrt in das glatte Binnenwasser glücklich erreicht,
+und nur noch kaum eine englische Meile von dem gestern Abends mit so
+ganz anderen Erwartungen verlassenen Lande entfernt seien.
+
+Vom Ufer aus begrüßte sie auch schon das Jubelgeschrei der Wilden, die
+alle mit einander am Strande versammelt schienen, die glücklich und
+siegreich Heimgekehrten zu begrüßen.
+
+Die gefangenen Matrosen hoben wohl die Köpfe und blickten dort hinüber,
+aber der Jubel galt =ihnen= nicht, das wußten sie recht gut, und
+mißmuthig, und Manche wohl mit ängstlich pochendem Herzen sanken sie in
+ihre früheren Stellungen zurück, die Landung und damit den Befehl zum
+Aufstehen zu erwarten.
+
+Die Indianer, in deren Gewalt sie sich befanden, hatten sich übrigens
+die ganze Zeit entsetzlich wenig um sie gekümmert, und nur nicht
+gelitten, daß sie sich bewegten. Außerdem hatten die Gefangenen aber
+auch keine Ahnung, was aus ihrem Capitain und der übrigen Mannschaft
+geworden sein konnte. Ob die Wilden ihre Kameraden gefangen oder
+sämmtlich erschlagen und nur =sie= vielleicht für ein ganz besonderes
+Festmahl aufgespart hatten, oder ob sie von dem Schiff, dessen Schüsse
+sie gehört, gerettet worden -- sie wußten's nicht und -- kümmerten sich
+auch in der That nicht viel darum. In diesem Augenblicke hatte Jeder zu
+viel mit sich selber und seiner eigenen Haut zu thun, um besonders viel
+auf den Nachbar zu denken.
+
+Von der frischen Brise getrieben, schossen die wackeren Canoes indeß
+dem Landungsplatze entgegen, und der Federschmuck, mit dem die
+hochgeschwungenen Buge geziert waren, flatterte lustig im frischen
+Winde. Jetzt formten sie sich in langer Reihe, das Boot ihres jungen
+Häuptlings mit Hua in seinen Armen voran, die anderen ihm folgend in
+wildem Jubel und mit Siegesliedern, und als die scharfgebauten Schnäbel
+den Corallensand berührten, da stießen die am Ufer versammelten
+Insulaner ein solches tolles entsetzliches Geschrei aus, daß die Luft
+ordentlich erbebte und die Gefangenen in banger Ahnung zusammenschauderten.
+
+
+2.
+
+Wohl waren sie an dem Raub des Mädchens vollkommen unschuldig, würden
+aber diese Barbaren darauf Rücksicht nehmen? Sie gehörten mit zu dem
+Schiff, das die Gastfreundschaft der Eingeborenen in so undankbarer,
+böser Weise vergolten, und was der Capitain gesündigt, konnte jetzt
+wahrscheinlich die Mannschaft entgelten.
+
+Im Anfang nahm aber Niemand von ihnen auch nur die mindeste Notiz. Die
+Mannschaft der Canoes sprang, so wie ihre Fahrzeuge Grund berührten,
+über Bord und an Land, und schaute sich nicht einmal nach den
+Europäern um. Diese blieben auch noch immer, eines weiteren Befehls
+gewärtig, im Boote und richteten sich nur jetzt halb auf, dem wilden
+Toben am Lande zuzusehen.
+
+»Guten Morgen, Lemon,« sagte da Jonas, als er den also benannten
+Kameraden dicht neben sich erblickte -- »auch mit angekommen? -- und
+Spund, Pfeife und Lord Douglas sind auch mit da?«
+
+»Die ganze blutige Gesellschaft,« knurrte Lemon mit einem Gesicht, als
+ob er sich und die ganze übrige Welt hätte vergiften können. »Jetzt
+haben wir die Bescheerung!«
+
+»Und wo ist unser zweiter Harpunier?« fragte Jonas, sich nach diesem
+unter den Gefangenen umsehend, »denn =unser= Boot ist doch wenigstens
+hier beisammen.«
+
+»Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache!« knurrte Lemon.
+»Wahrscheinlich frühstückt er heute Morgen mit irgend einem Haifisch --
+hol' ihn der Teufel!«
+
+»Hallo, Mates, an Land!« rief da der Schotte Mac Kringo seinen Kameraden
+zu -- »seht ihr nicht, wie uns das dicke Rothfell da drüben zuwinkt und
+schreit? -- Sie wollen die Canoes wahrscheinlich auf die Corallen
+ziehen.«
+
+»Na dann _look out for a squall_!« murmelte Jonas vor sich hin, indem er
+langsam den voransteigenden Gefährten folgte. »Jetzt wird die Bombe
+platzen.«
+
+Seine Befürchtung zeigte sich indessen, wenigstens für den Augenblick,
+unbegründet, denn die Insulaner, die für jetzt noch viel zu sehr mit dem
+geretteten Mädchen, der Tochter des Häuptlings, zu thun hatten, thaten
+gar nicht, als ob die weißen Männer auch nur auf der Welt wären. Ohne
+selbst bei dem Aufslandziehen der Boote ihre Hülfe in Anspruch zu
+nehmen, ließ man den kleinen Trupp der eingebrachten Europäer
+unbeachtet, selbst unbewacht am Ufer stehen, und Alles drängte sich
+jetzt nur um Hua her, Männer, Frauen und Kinder, sie zu bewillkommnen,
+sie zu umarmen.
+
+In vielen Augen standen sogar Freudenthränen, mit denen sie das geliebte
+und schon fast verloren gegebene Kind begrüßten.
+
+Während aber noch ein Theil der Insulaner so umhersprang und jubelte
+oder sich wieder und wieder die Abenteuer der letzten Nacht von den
+Freunden erzählen ließ, gingen andere mehr praktisch auf die nächsten
+Bedürfnisse der Neuangekommenen ein, die jedenfalls nach ihrer langen
+gefährlichen Fahrt Hunger haben mußten. Im Schatten der nächsten
+Palmen wurden ihre gewöhnlichen Kochgruben zum Rösten der Ferkel rasch
+hergerichtet, Brotfrüchte, Bananen und Fische herzugeschafft und Alles
+geordnet, ein baldiges und reichliches Mahl zu versprechen.
+
+Die Frauen verrichteten dabei gar keine oder nur die leichteste Arbeit,
+pflückten breite Blätter, besonders von den Hibiscusbäumen, die zu
+Tischtüchern und Servietten dienen sollten, holten in leeren Cocosnüssen
+Seewasser herbei, das die Stelle des Salzes vertrat, und pflückten
+Früchte von den nächsten Büschen, welche dann die Knaben zu den
+beabsichtigten Eßplätzen trugen.
+
+Die Europäer standen indessen noch immer auf einem Trupp und leise
+flüsternd zusammen, sahen zu, wie die Ferkel ausgenommen und geröstet
+wurden, und wie die Gäste schon Miene machten, ihre verschiedenen, ihnen
+durch den Rang angewiesenen Plätze einzunehmen.
+
+Da trat plötzlich Toanonga, der Häuptling der Insel und Vater Hua's, aus
+dem Kreis der Seinen, wackelte gemüthlich auf die Matrosen zu, vor denen
+er, beide Hände auf seine Hüften legend, stehen blieb, und sagte:
+
+»_Chio do fa_, ihr Männer -- _chio do fa_ -- ihr seid nicht lange
+fortgeblieben und habt schöne Streiche mit eurem großen Canoe gemacht.
+Wi[23]! -- Wi, ihr Burschen, war das der Dank, daß ihr so viel
+Brotfrucht und Cocosnüsse und Bananen und Ferkel hier bekommen habt und
+so freundlich von uns aufgenommen worden seid? -- Wi! schämt euch -- und
+wie ihr jetzt da steht! -- Toanonga möchte nicht in eurer Haut stecken,
+nicht um alle Glasperlen der ganzen Welt.«
+
+Wenn die Meisten der Schaar auch nicht die Worte verstanden, fühlten
+doch Alle deutlich genug, =was= der Mann eigentlich zu ihnen sagte, was
+er sagen und denken mußte -- und er hatte Recht. Die armen Teufel
+befanden sich so unbehaglich wie möglich und sahen, nach einem spätern
+Vergleich Spund's, wirklich gerade so aus, wie ein Hund, den man beim
+Stehlen erwischt.
+
+Der alte würdige Insulaner war dabei sehr ernst und finster geworden,
+und Spund, der Furchtsamste der Schaar, that schon einen Schritt vor,
+ihm wo möglich zu Füßen zu fallen und um Gnade zu bitten. Mac Kringo
+jedoch, der Einzige von ihnen, der die Landessprache verstand und
+darin verkehren konnte, während die Übrigen bis jetzt nur Worte davon
+begriffen, trat da vor und sagte:
+
+»Du hast Recht, Toanonga, es war ein schlechter Streich, den dir der
+Capitain gespielt -- aber was können =wir= dafür? Waren =wir= in dem
+Boot, das deine Tochter vom Lande stahl? Nicht ein Einziger. Frag sie
+selber, und sie muß dir meine Worte bestätigen. Du bist deshalb auch zu
+vernünftig, uns das entgelten zu lassen, was ein Anderer verbrochen
+hat.«
+
+»Schweig du, bis du gefragt wirst, mein Bursche,« rief aber Toanonga,
+der es für unter seiner Würde hielt, sich mit einer untergeordneten
+Person -- und er wußte recht gut, daß die Matrosen das an Bord der
+Schiffe waren -- in ein Argument einzulassen. »Ihr steckt alle mit
+einander unter einer Decke, und wenn =du= in dem Boote gewesen wärest,
+würdest du eben so gut gerudert haben, und wie die Anderen es gethan,
+sobald es dir dein Capitain befohlen.«
+
+»_Tai halla! tai halla!_ -- gewiß!« schrieen jetzt eine Menge junger
+Burschen, die sich herbeigedrängt, so wie sie sahen, daß ihr Häuptling
+mit den Papalangis sprach, und wilde Ausrufe, hier und da auch mit
+Verwünschungen gemischt, kreuzten toll und laut durch einander.
+
+Da hob Toanonga nur den Arm auf, und im Augenblick verstummte der Lärm.
+Auf ein zweites, eben so gebieterisches Zeichen bemächtigte sich aber
+eine Anzahl kleiner Burschen der Männer und suchte sie unter Lachen und
+Schreien von ihrer Stelle hinweg und dem Holzrand zuzuführen.
+
+Widerstand wäre unter allen Umständen fruchtlos gewesen, und die Leute
+wollten dem Befehle schon ruhig gehorchen. Spund jedoch, der glaubte,
+daß es jetzt an ihr Leben ginge, drängte sich bis zu Toanonga hin, und
+vor diesem richtig auf die Kniee fallend, bat er den alten ehrlichen
+Häuptling im breitesten Irisch um sein Leben.
+
+Über das Gesicht des Alten stahl sich aber ein gutmüthiges Lächeln, denn
+es that ihm wohl, nicht allein den Weißen gegenüber seine Autorität
+gezeigt zu haben, sondern sich auch von ihnen gefürchtet zu sehen. Er
+war aber viel zu weichherzig, ihnen irgend ein Leid anzuthun. Seine
+Tochter hatte er wieder zurück, das Schiff, welches ihm hatte Schaden
+zufügen wollen, war verbrannt, und die paar davon an seine Insel
+verschlagenen Weißen dachte er nicht für Vergangenes zu bestrafen. Die
+jungen Burschen hatten im Gegentheil die Papalangis nur eben zum
+Frühstück führen sollen, das etwas abseits von den Eingebornen für sie
+hergerichtet worden, und als ihnen dies jetzt von dem alten Häuptling
+erklärt wurde, war dem armen Teufel eine große Last von der Seele
+gewälzt.
+
+Der leichte Muth, den Matrosen vor allen übrigen Menschen so besonders
+eigen, gewann auch bald bei ihnen wieder die Überhand, und als sie jetzt
+in einem kleinen Dickicht von Pandanus, Casuarinen und einzelnen
+hochstämmigen Cocospalmen, unbelästigt von einem der Eingeborenen, um
+das reichliche Mahl saßen, kehrte die, wenn auch nicht fröhliche, doch
+sorglose Laune rasch zurück.
+
+»Und da hätten wir endlich unseren Wunsch erfüllt,« brach Legs zuerst
+das Schweigen, »da säßen wir auf dem Trocknen mit Schweinebraten und
+Brotfrucht, statt Salzfleisches und Schiffszwiebacks, und Cocosmilch,
+statt faulen Wassers und dünnen Grogs. Jungens, wenn die Sache nicht
+schlimmer wird, so können wir es hier ruhig aushalten, und wenn erst ein
+paar Tage vorüber sind, daß von der fatalen Mädchengeschichte nicht
+weiter gesprochen wird, so dürfen wir am Ende gar noch unserem Schöpfer
+danken, uns aus dem alten verbrannten Kasten hieher zurückgeführt zu
+haben.«
+
+»Sei nicht zu sicher, mein Bursche,« brummte jedoch der Schotte, »wir
+wissen noch gar nicht, ob uns der Brand des Schiffes zum Heil
+ausschlagen wird; denn ehe wir es uns versehen, kann uns die braune
+Rotte über dem Halse sein.«
+
+»Der liebe Gott hat es jedenfalls gethan,« bestätigte aber auch Spund,
+eben mit einem delicat gebackenen Rippenstück beschäftigt, und Spund
+gehörte überhaupt -- wo es ihm gerade paßte -- einer streng religiösen
+und zwar methodistischen Richtung an. »Der liebe Gott hat es gethan, und
+daß er euch nichtsnutziges Gesindel ebenfalls in seinen erbarmenden
+Schutz genommen, ist nur wieder einer von seinen unbegreiflichen, aber
+sicher zum Heil führenden Wegen.«
+
+»Na, wir wollen hier nicht untersuchen, ob wir es verdient oder nicht
+verdient haben,« sagte da =Pfeife=, »hier sind wir aber einmal, durch
+die gütige Fürsehung von dem Wassertode und vielleicht noch vor
+Schlimmerem bewahrt, und wie ich die Insulaner bis jetzt gefunden, so
+glaube ich kaum, daß uns noch eine Gefahr für unser Leben droht. Hätten
+sie Böses mit uns im Sinne, so brauchten sie uns nur einfach ersaufen zu
+lassen; kein Mensch hätte ihnen dabei einen Vorwurf machen können.
+Kalter, berechneter Blutdurst liegt aber nicht in ihrer Natur, und da
+sie uns nicht im ersten Augenblicke die Schädel eingeschlagen haben, so
+denk' ich, dürfen wir für unsere Sicherheit auch weiter nichts
+fürchten.«
+
+»Ich möchte nur wissen,« knurrte da Lemon, einen Seitenblick nach dem
+Böttcher werfend, »warum Spund um Gnade gebeten hat, wie sie uns zum
+Frühstück riefen.«
+
+»Laß du nur dein Spotten, Lemon,« brummte, als die Anderen lachten, der
+also geneckte -- »Gnade haben wir alle nöthig, und ob das, was der Alte
+sagte, auf Tongaisch hieß: Gieb ihnen ein Spanferkel und Brotfrucht,
+oder schneid' ihnen den Hals ab, hast du so wenig gewußt wie ich. Wenn
+ich nur jetzt erst eine Ahnung hätte, wie wir diesen Heiden wieder
+entgingen und von der Insel fortkämen!«
+
+»Fort?« rief Legs erstaunt aus -- »wer will denn wieder fort? -- ich
+wahrhaftig nicht. Ich danke meinem Schutzgeist, der mich hergebracht
+hat, und denke gar nicht daran, wieder an Bord irgend eines anderen
+blutigen Schiffes zurück zu gehen. Mögen die Thran sieden, die ein
+Vergnügen daran finden; =ich= befinde mich wohl wo ich gerade bin, und
+denke Bürger und Einwohner, wie sie bei uns sagen, auf Monui zu werden.«
+
+»Da kommt der Alte wieder,« unterbrach Mac Kringo das Gespräch --
+»nehmt euch zusammen, Jungens, und macht ihn nicht böse. Er hat uns nun
+einmal in der Tasche, und wir müssen sehen, daß wir ihn zum Freund
+behalten.«
+
+Von Toanonga schien ihnen aber nichts Feindseliges zu drohen.
+
+Der gutmüthige alte Mann, ohne jedoch seiner Würde im Mindesten etwas zu
+vergeben, mochte sich im Gegentheil in dem Bewußtsein behaglich fühlen,
+der Protector dieser von ihm abhängigen Papalangis zu sein. Mac Kringo
+hatte ihn auch darin bald durchschaut und sein Betragen schon ganz
+darnach geregelt.
+
+Er stand auf, sobald sich der alte Häuptling ihrem Eßplatz näherte,
+begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und fragte ihn, was zu seinen Befehlen
+stände, und Toanonga, den das sichtlich erfreute, winkte ihm huldreich
+mit der Hand und bedeutete ihm dann, daß er sich freuen würde, wenn die
+Fremden seinen Leuten keinen Anlaß zu Klagen geben wollten. Sie seien
+allerdings für jetzt noch Gefangene, bis das Gericht der Egis oder
+Häuptlinge über sie entschieden hätte; denn dem, was diese über sie
+beschließen würden, müßten sie sich allerdings fügen; aber er hoffe, daß
+sie mit ihrer Lage zufrieden sein sollten. Das hänge jedoch, wie schon
+gesagt, lediglich von ihrem eigenen Betragen ab. Für jetzt sei ihnen
+eine leerstehende Hütte, die er Mac Kringo an einer vorragenden
+Landzunge zeigte, zum Wohnort angewiesen; dorthin würden sie auch
+geschickt bekommen, was sie zum Leben brauchten. -- Außerdem sei ihnen
+aber für jetzt der Verkehr mit den Eingeborenen, besonders den Frauen,
+untersagt, und er erwarte, daß sie jenen Platz nicht verlassen würden,
+bis sie abgeholt würden.
+
+Damit, und als ob er sich jetzt genug mit den Leuten eingelassen, machte
+er eine höchst würdevolle, wie verabschiedende Bewegung mit der einen
+Hand, drehte sich dann ab, und verließ die darüber etwas verdutzten
+Matrosen, ohne irgend einen Einwand anzuhören oder nur zu erwarten.
+
+
+3.
+
+Die Leute waren über diese Ankündigung, die ihnen Mac Kringo
+gewissenhaft übersetzte, allerdings etwas bestürzt. Daß sie erst noch
+einem Gericht der Egis unterworfen werden sollten, hatten sie nicht mehr
+geglaubt. Wer wußte denn, was diese über sie beschließen würden? und daß
+ihnen nicht alle Insulaner so freundlich gesinnt und auch nicht so
+gutmüthig waren, wie der alte Toanonga, hatten sie lange schon gemerkt.
+
+Übrigens wurden sie bald gewahr, wie die Ausführung der Anordnung auf
+dem Fuße folge; denn kaum hatte der Häuptling sie verlassen, als sich
+ein junger Bursch ihnen als Begleiter vorstellte, sie nach ihrem vor der
+Hand einzunehmenden Hause oder Gefängniß abzuführen. Daß sie ihm
+gehorchen mußten, verstand sich von selbst.
+
+Merkwürdig blieb aber dabei wie sehr sie von den übrigen Eingebornen
+ignorirt wurden. Man that vollkommen, als ob sie gar nicht auf der Insel
+seien, und während die Männer, die ihnen auf dem schmalen Pfade
+begegneten, über sie hinweg in die Wipfel der Cocospalmen starrten,
+gerade als wenn sie dort in diesem Augenblick etwas höchst Interessantes
+entdeckt hätten, glitten die Mädchen und Frauen und Kinder, die sie
+unterwegs trafen, scheu in das Dickicht, drückten sich dort hinter einen
+Busch oder Stamm und ließen sie ungegrüßt vorüber ziehen.
+
+Alle die frohen und leichtherzigen Hoffnungen, die ihnen das Frühstück
+gebracht, zerstörte denn auch dieses unheimliche Betragen wieder. Sie
+kamen sich vor wie Ausgestoßene, Verfehmte, die Jeder mied, und still
+und schweigend wanderten sie zuletzt ihre Bahn, dem etwa eine halbe
+Stunde Wegs entfernten Orte ihrer Bestimmung entgegen.
+
+Der Platz dort gefiel ihnen aber gar nicht. Eine schmale, an manchen
+Stellen kaum zwanzig Schritt breite Landzunge -- eigentlich nur ein mit
+Vegetation bedeckter Corallenstreifen -- lief zu dem Platz aus, auf dem
+eine alte, halb verfallene Bambushütte stand, und wenn die Eingeborenen
+wirklich etwas Böses gegen sie im Sinne hatten, waren sie dort ohne
+Waffen, ohne Boot, vollständig in ihre Hände gegeben.
+
+Daran ließ sich aber nichts mehr ändern, der Befehl lautete: sie dort
+abzuliefern, oder vielmehr sie dort sich selber zu überlassen, und der
+Erfolg bewies, wie klug der alte Toanonga die Stelle ausgewählt. Eine
+einzige Schildwacht nämlich, auf den schmalsten Theil der Landzunge
+postirt, konnte jede ihrer Bewegungen überwachen, und daß sie sich
+dieser nicht mit Gewalt widersetzen durften, wußten sie recht gut.
+
+So vergingen ihnen acht volle Tage, in denen die Langeweile sie bald
+umbrachte. Der alte Häuptling hatte ihnen allerdings ein paar hölzerne
+Harpunen geschickt, um sich ihre Fische selbst damit zu fangen, und ein
+altes, sehr kleines Canoe war ihnen ebenfalls gegeben worden. Der Raum
+aber, in dem sie umherfahren konnten, blieb immer sehr beschränkt, da
+ein bis an die Oberfläche steigender Corallengürtel die ganze Landzunge
+einfaßte. Übrigens wußten sie mit der leichten Harpune nicht ordentlich
+umzugehen und fingen wenig oder gar nichts damit.
+
+Nichts desto weniger litten sie keinen Mangel, denn jeden Morgen
+brachten ihnen ein paar Eingeborene Brotfrucht und Cocosnüsse, mit denen
+sie sich freilich vor der Hand begnügen mußten. Die aber, die ihnen die
+Lebensmittel ablieferten, ließen sich auf gar keine Unterhaltung mit den
+Gefangenen ein. Die von Mac Kringo an sie gerichteten Fragen
+beantworteten sie kurz oder gar nicht, und nur das eine Wort _mawquaw_
+-- »wartet!« hörten sie alle Tage.
+
+Die Eingeborenen hatten allerdings in der Zeit mehr zu thun, als sich
+mit den gefangenen Europäern einzulassen. Die Verbindung Hua's mit _Tai
+manavachi_ wurde gefeiert -- wie Mac Kringo doch herausbekommen hatte --
+und das _Cava_-Trinken beschäftigte sie fast ausschließlich den ganzen
+Tag. Der Lärm ihrer Tänze und Sänge schallte auch oft, von der Brise
+getragen, bis zu den armen Gefangenen herüber; das war aber auch alles,
+was sie von der Feierlichkeit genossen, denn die weißen Tuas[24]
+durften nicht Theil nehmen an einem Feste des ersten Häuptlings.
+
+Am neunten Tage Morgens war Alles vorüber, und _Tai manavachi_ führte
+seine junge Frau auf seiner kleinen Flotte mit hinweg, der eigenen
+Heimat zu. Die Insulaner gaben ihnen noch eine lange Strecke das Geleit;
+dann kehrten sie zurück, und es war jetzt plötzlich so still auf Monui
+geworden, daß die sonst so lebendige Insel fast wie ausgestorben schien.
+
+Um Mittag herum waren die jungen Leute allerdings schon wieder
+zurückgekehrt, aber bei den Matrosen ließ sich Niemand blicken als ihr
+gewöhnlicher Bote, der die Lebensmittel brachte.
+
+Spund, vor allen Anderen, war damit nun allerdings vollkommen
+einverstanden. Er lag den ganzen Tag im Schatten einer mächtigen, unfern
+von ihrer Hütte wachsenden Cocospalme, seinen Platz nur eben so viel
+verändernd, wie sich die Sonne drehte. Auch Jonas und Lemon schienen
+sich in diesem Leben wohl zu fühlen. Mac Kringo dagegen verlangte es
+nach einer Beschäftigung, und während er die Morgenstunden darauf
+verwandte, meist verunglückte Versuche im Fischfang zu machen, benutzte
+er den Nachmittag, ein Kartenspiel aus Holz zu fabriciren. Er hatte
+nämlich eine Holzart dort gefunden, die sich ziemlich leicht spaltete,
+und war mit wahrhaft eiserner Geduld daran gegangen, mit seinem
+Taschenmesser, an dem sich eine kleine Säge befand, einen Stamm
+abzuschneiden und dünne Scheiben davon herzurichten. Wenn die Sache auch
+außerordentlich langsam ging, war es für ihn doch eine Beschäftigung und
+versprach später sogar eine Unterhaltung.
+
+Legs hatte ihm im Anfange aufmerksam zugesehen. So lange er selber
+nichts zu thun brauchte, war es ihm recht, wenn ein Anderer arbeitete.
+Endlich aber bekam er auch selbst das Zusehen satt, nahm eine Harpune
+und schlenderte langsam hinaus, den Strand entlang.
+
+Dort versuchte er allerdings erst eine Weile, ein paar der in dem
+krystallklaren Wasser umherschwimmenden Fische zu harpuniren; im
+=tiefen= Wasser überstach er sie aber jedes Mal, und im seichten stieß
+er die Harpune so oft und vergebens gegen die harten Corallen, daß er
+bald die beinernen, überdies nicht sehr dauerhaften Spitzen abgebrochen
+hatte, das unnütze Holz dann zu Boden und sich selber unter einen
+breitästigen Pandanusbaum warf, den Sonnen-Untergang hier in aller Ruhe
+abzuwarten.
+
+Eine halbe Stunde mochte er etwa so gelegen haben, und er fing schon an
+schläfrig zu werden. Die Augenlider wurden ihm schwer, und er war eben
+im Begriff, wirklich einzuschlafen, als er unfern von sich und schon
+halb träumend etwas auf dem Wasser plätschern hörte.
+
+_There she blows_, murmelte er halblaut vor sich hin, denn im Geist saß
+er oben im Top vom Vormast auf der _Lucy Walker_, nach Wallfischen
+ausschauend, und das Plätschern kam ihm wie das Blasen der Fische vor.
+Da es sich jedoch wiederholte, wurde er auch endlich wach, schlug die
+müden Augen auf und sah plötzlich, kaum hundert Schritt von sich
+entfernt, eines der wunderhübschen Tonga-Mädchen auf den Corallen im
+Wasser stehen.
+
+Der ganze weibliche Theil der Bevölkerung hatte sich nun bis jetzt --
+den Befehlen des Häuptlings nach -- so fern von den Papalangis gehalten,
+daß ihnen die ganzen neun Tage hindurch keine einzige nur in Sicht
+gekommen. Um so mehr wunderte sich jetzt Legs, eine von ihnen so ganz in
+der Nähe, und zwar auf dem den Weißen angewiesenen Fischgrunde zu
+sehen.
+
+Das Mädchen erweckte aber auch noch außerdem seine Neugierde, was sie
+dort eigentlich treibe, denn sie stand in dem seichten Wasser, das ihr
+bis über die Knie ging, vollkommen ruhig, und schlug nur manchmal mit
+der rechten, flachen Hand darauf, daß es weit hinausschallte. -- Auf
+solche Art konnte sie doch keine Fische fangen.
+
+Nun war ihnen allerdings streng untersagt worden, mit den Eingeborenen,
+besonders mit den Frauen, zu verkehren, wenn die aber selber zu =ihnen=
+kamen, glaubte Legs auch keiner Verantwortung unterworfen zu sein.
+Jedenfalls hatten sie die Erlaubniß, dort, wo sich die Dirne befand, zu
+fischen, und wenn er davon Gebrauch machte und das Mädchen da draußen
+zufällig fand, war es nicht seine Schuld. Froh auch, etwas gefunden zu
+haben, die langweiligen Stunden rascher zu vertreiben, griff er die
+weggeworfene und jetzt vollkommen nutzlose Harpune wieder auf, um die
+Waffe wenigstens als Beweis seiner Beschäftigung bei sich zu haben,
+glitt dann unter seinem Baume vor und langsam in das seichte warme
+Wasser hinein und nahm jetzt eine solche Richtung, daß er dem Mädchen da
+draußen, wenn sie wieder zum Ufer zurück wollte, leicht den Weg
+abschneiden konnte. Er glaubte nämlich, daß sie nur hier herausgekommen
+wäre, weil sie keinen der Fremden in der Nähe vermuthet hätte.
+
+So wenig als möglich Geräusch machend, näherte er sich dabei langsam dem
+jungen Ding, das viel zu sehr da draußen beschäftigt schien, um auf
+irgend etwas Anderes zu achten. Der Boden aber, auf dem er ging, war
+nicht eben. Die Corallen bildeten allerdings hier einen ziemlich festen,
+bei niederem Wasser etwa zwei Fuß tiefen Grund; hier und da waren aber
+doch durch ihre Verzweigungen nicht ausgefüllte Löcher geblieben. Legs
+watete dort hinaus, achtete aber mehr auf das Mädchen als den Grund, auf
+dem er hinschritt, versah eines von jenen Löchern und schlug so lang --
+oder vielmehr so kurz er war, aufs Wasser.
+
+Etwas bestürzt, raffte er sich allerdings wieder gleich empor und
+erwartete jetzt nichts Anderes, als die erschreckte Schöne dem Lande
+zufliehen zu sehen. Das Mädchen aber, das sich nun nach dem Geräusch
+umgedreht hatte, blieb lachend stehen und schien sich nicht im
+Geringsten zu fürchten, ja, ihn sogar zu erwarten.
+
+Legs, mit einem Kernfluch über seine eigene Ungeschicklichkeit, ließ
+sich denn auch nicht lange nöthigen und watete, nur allerdings
+vorsichtiger geworden, langsam auf die Schöne zu, die indessen ihre
+wunderliche Beschäftigung ruhig und unbekümmert fortsetzte.
+
+Mit der Sprache der Leute konnte der Matrose nun allerdings noch nicht
+zu Stande kommen; einzelne Wörter und Benennungen hatte er sich aber
+doch gemerkt, besonders den Gruß der Insulaner, ihr herzlich klingendes
+und so oft gehörtes _chio do fa_, das er auch vor der Hand zur
+Einleitung für ein weiteres Gespräch verwandte.
+
+_Chio do fa_, lächelte das hübsche Kind zurück, und Legs, um weitere
+Vocabeln verlegen, faßte sich endlich ein Herz und fragte auf gut
+Englisch, was sie da mache.
+
+Das Mädchen, eines der hübschesten der Insel, mit weiter keiner
+Bekleidung als einer wunderlich geflochtenen, schmalen Matte um die
+Hüften und einem kurzen Stück Tapa über den Schultern, das die Bewegung
+ihrer Arme keineswegs beeinträchtigte, schüttelte aber als Antwort nur
+lachend mit dem Kopf -- ein Zeichen, daß sie nicht verstehe, was er sage.
+
+Legs fand jetzt, daß er das Englische aufgeben und sich mehr auf Zeichen
+beschränken müsse. Deßhalb auf das Wasser deutend und mit der Hand ihre
+bisherige Bewegung nachahmend, sah er sie dabei so komisch fragend an,
+daß das junge Ding in fröhlichem Übermuth wieder laut aufjubelte und
+dabei ein paar Reihen Zähne zeigte, die ihr wie Perlen zwischen den
+rosigen Lippen lagen. Jedenfalls hatte sie aber verstanden, was er
+meinte, denn sie nickte ihm freundlich zu und sagte:
+
+»_Ang-a!_«
+
+»_Ang-a_ -- ja wohl,« brummte Legs vor sich hin -- »jetzt bin ich so
+klug wie vorher. Was ist _Ang-a_?«
+
+»_=Ang-a!=_« wiederholte aber das Mädchen lauter als vorher und wie
+erstaunt, daß der Fremde nicht wissen solle, was _Ang-a_ sei. Trotzdem
+schüttelte Legs noch immer bedeutend mit dem Kopf, und da sie wohl
+merken mußte, daß ihm die so deutlich gegebene Erklärung doch noch immer
+nicht genüge, setzte sie lächelnd hinzu -- »_mawquaw!_«
+
+=Das= Wort verstand Legs. Die vollen neun Tage hindurch hatten sie das
+jeden Morgen von dem Burschen gehört, der ihnen das Essen brachte
+-- warte ein wenig! -- und als er darauf rasch und befriedigt mit dem
+Kopfe nickte, drehte sich die Kleine von ihm ab und schlug aufs Neue,
+wie vorher, das stille Wasser mit der flachen Hand.
+
+Er sah jetzt, daß sie im linken Arm ein kleines Bündel mit Stücken
+gerösteter Brotfrucht und anderen Lebensmitteln trug -- aber wozu? --
+Wollte sie so lange hier draußen im Wasser stehen bleiben, daß sie sich
+ihr Mittagsessen gleich mit herausgenommen? -- Er war dabei näher zu ihr
+hinan getreten, und der weiche, elastische Körper des Mädchens, so in
+Arms Bereich von ihm gebracht, schimmerte ihm so verführerisch aus der
+leichten Umhüllung entgegen, daß er allen Warnungen zum Trotz seinen Arm
+langsam ausstreckte und um ihre Taille legte.
+
+Die Insulanerin nahm jedoch nicht die geringste Notiz davon, und Legs
+war selber so erstaunt über den günstigen Erfolg seiner Kühnheit, daß er
+ein paar Minuten regungslos in dieser Stellung verharrte, ohne sich
+natürlich weiter um das zu kümmern, was auf dem Wasser vorging.
+
+»_Gia-hi!_« sagte da plötzlich die braune Schöne, indem sie ein Stück
+der Brotfrucht nahm und neben sich ins Wasser warf.
+
+Legs konnte nicht umhin, den Kopf nach jener Richtung zu drehen, denn er
+sah sich dort plötzlich etwas bewegen. Im nächsten Augenblicke erkannte
+er aber auch zu seinem Entsetzen die Finne eines gar nicht etwa so sehr
+kleinen Haifisches, der sich in demselben Moment etwas auf die Seite
+warf und mit dem geöffneten, bis über die Oberfläche reichenden Rachen
+das Stück Brotfrucht aufschnappte und verschlang. So nahe war ihnen die
+Bestie gekommen, daß er sie hätte mit der Hand auf den Kopf schlagen
+können.
+
+»_Ang-a!_« lachte das Mädchen noch einmal laut auf, indem sie dem
+Ungethüm einen neuen Leckerbissen zuwarf.
+
+»_Ang-a =hell=!_« schrie aber Legs, der im Todesschreck einen Schritt
+zurückprallte, denn selbst der beherzte Matrose fürchtet nichts mehr auf
+der Welt als den Hai, seinen ärgsten Feind. »Das ist ein =Hai=, bei
+allem, was da schwimmt!«
+
+Unwillkürlich drückte er sich dabei hinter das kecke, wilde Ding, das
+sich ein solch gefährlich Spielzeug ausgesucht. Die Insulanerin aber,
+mit einem schelmischen Blick auf den Fremden, dessen Entsetzen ihr nicht
+entgangen war, ließ das nächste Stück Brotfrucht dicht neben sich und
+mehr nach rückwärts fallen, so daß der Fisch in seinem nächsten Sprung
+danach in Wirklichkeit Legs' etwas ausgebogene Extremitäten streifte.
+
+Das war diesem aber außer dem Spaß, denn während der Fisch in die Höhe
+schnappte, den für ihn hingeworfenen Bissen zu ergreifen, wußte Legs
+jetzt wirklich nicht, ob der Angriff ihm oder der Brotfrucht galt,
+stieß einen lauten Schrei aus und that, so weit er springen konnte,
+einen Satz zurück. Dabei fiel er aber wieder, so lang er war, ins Wasser
+und schlug jetzt aus Leibeskräften mit Armen und Beinen um sich, um
+durch lautes Plätschern und Lärmmachen, als =einziges= Hülfsmittel, den
+furchtbaren Feind fern von sich zu halten.
+
+Er hörte dabei nicht das laute glockenrein klingende Lachen der jungen
+Dirne, sah nicht, daß der Hai, durch das ungewohnte Geräusch erschreckt,
+schon lange wieder hinaus aus der seichten Fluth und durch irgend ein
+Loch der Corallenwände in tieferes Wasser gefahren war. Nur mit jeder,
+von ihm selbst aufgeschlagenen Welle, während er sich in aller Hast dem
+sicheren Ufer zuarbeitete, fürchtete er das gefräßige Ungeheuer dicht
+hinter sich, das vielleicht nur auf einen günstigen Moment wartete, ihn
+zu ergreifen, und wälzte sich solcher Art schreiend und mit Armen und
+Beinen schlagend, bis zum nächsten Landvorsprung hin.
+
+Einen solchen furchtbaren Lärm hatte er dabei gemacht, daß seine
+Kameraden erschreckt aufsprangen und der Richtung zueilten, von der sie
+die Hülferufe gehört. Nicht wenig erstaunt waren sie aber, Legs in
+solcher Aufregung ankommen und das Mädchen draußen im Wasser so herzlich
+lachen zu sehen, ohne daß sie auch nur die geringste Ursache für Eines
+oder das Andere erkennen konnten.
+
+Von den Eingeborenen waren indessen ebenfalls Einige durch den Lärm
+herbeigerufen worden. Diese erriethen übrigens, wie es schien, was da
+draußen vorgefallen, denn sie amüsirten sich unter einander
+vortrefflich, ohne jedoch den Weißen dabei zu nahe zu kommen.
+
+Jedenfalls verhinderte sie ein strenges Verbot ihres Häuptlings, sie
+würden diese Gelegenheit sonst gewiß nicht versäumt haben, sich nach
+Herzenslust über den Fremden lustig zu machen.
+
+Legs behielt deshalb auch volle Freiheit, sein Abenteuer den Kameraden
+nach seiner eigenen Art zu erzählen, und demnach war er draußen beim
+Fischen von einem furchtbar großen Hai angegriffen und verfolgt worden
+und nur durch seine Geistesgegenwart der Gefahr entgangen, von dem
+Ungeheuer erfaßt und unter Wasser gezogen zu werden. Mac Kringo
+schüttelte freilich dazu den Kopf und fragte, wie es denn käme, daß der
+Hai nicht das Mädchen da draußen angegriffen, und warum die Dirne so
+entsetzlich gelacht hätte. Legs jedoch meinte, die Braunfelle hätten
+gut lachen; an die ginge ein Hai gar nicht, und da sie sich selber
+sicher wüßten, so wäre es keine Kunst, sich über einen Anderen lustig zu
+machen.
+
+Die Aufmerksamkeit der Matrosen sollte aber bald auf etwas Anderes
+gerichtet werden, denn ein Bote von Toanonga kam gegen Abend, ihnen
+anzuzeigen, daß sie sich am nächsten Morgen bereit halten sollten, zu
+der Rathsversammlung der Häuptlinge abgeholt zu werden.
+
+Weiteres war nun aus dem Burschen nicht heraus zu bekommen. Entweder
+wußte er selber nicht mehr, oder durfte nicht mehr sagen. Den Seeleuten
+war aber bei der ganzen Sache nicht wohl zu Muthe, denn die Vorladung,
+wie die ganze Versammlung wurde gar so feierlich gehalten.
+
+Was wollten sie denn eigentlich noch mit ihnen? Daß sie an dem Raub der
+Häuptlingstochter unschuldig waren, wußte der alte Toanonga so gut wie
+sie selber, und konnte man sie also deshalb noch bestrafen? -- Wenn man
+sie also nicht bestrafen wollte, wozu dann eine Rathsversammlung halten?
+
+Jonas schlug jetzt vor, daß sie suchen sollten, sich in der Nacht eines
+Canoes zu bemächtigen und damit aufs Gerathewohl in See zu gehen. Inseln
+lägen doch noch mehrere dort herum, und eine oder die andere würden
+sie schon finden, wenn sie nicht gar unterwegs ein Schiff anträfen, das
+sie aufnehmen könnte. Das war aber ein verzweifelter Plan; denn erstens
+wußten sie, daß sie streng bewacht wurden, dann hatten sie gar keine
+Waffen, um sich, wenn angegriffen, zu vertheidigen, und ohne Provision
+und Instrumente in See zu gehen, wo ihnen der nächste Sturm außerdem
+verderblich werden mußte, wäre mehr als Tollkühnheit, es wäre einfach
+Wahnsinn gewesen.
+
+Mac Kringo, der überhaupt als Dolmetscher ein gewisses Ansehen bei den
+Kameraden gewonnen hatte, stimmte gleich dagegen und erklärte, daß =er=
+auf keinen Fall sich bei einem solchen verzweifelten Unternehmen
+betheiligen würde. Hätten sie jetzt die ganze lange Zeit nutzlos
+verstreichen lassen, so bliebe ihnen nun auch weiter nichts übrig, als
+das Letzte abzuwarten, und daß sie nichts dabei für ihr Leben zu
+fürchten hätten, glaube er ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können.
+Die Eingeborenen seien viel zu gutmüthig, ihnen mit vorbedachter
+Grausamkeit etwas zu Leide zu thun, und seiner Meinung nach wäre die
+ganze Geschichte weiter nichts, als eine Idee des alten Toanonga, der
+sich, den Europäern gegenüber, gern ein wenig wichtig machen wolle. Das
+Ganze würde darauf hinaus laufen, daß man ihnen vorhalte, wie gut und
+großmüthig die Bewohner von Tonga, und wie schlecht die Papalangis
+seien, und zuletzt würde man sie auf der Insel ruhig gewähren lassen, zu
+treiben was ihnen gerade beliebe.
+
+Ob er nun das Richtige getroffen oder nicht, blieb sich gleich; darin
+hatte er jedenfalls Recht, daß ein Fluchtversuch jetzt im letzten
+Augenblick Wahnsinn gewesen wäre, und die Bootsmannschaft entschloß sich
+denn auch endlich, das Resultat, wie es auch ausfallen möge, geduldig
+abzuwarten.
+
+
+4.
+
+Der nächste Morgen kam, und die Leute versuchten, soweit ihnen das
+irgend möglich war, =Toilette= zu machen. Damit sah es aber entsetzlich
+windig aus, denn bei ihrer Flucht von Bord hatten sie nur das
+Nothwendigste mitnehmen können, und bei dem Sinken des Bootes auch
+selbst das noch verloren. Nur Mac Kringo und Legs besaßen Hüte, nur
+Spund und Jonas Jacken, und ihre Schuhe waren von dem scharfen
+Corallenboden, auf dem sie =ohne= Schuhe gar nicht gehen konnten, schon
+so mitgenommen worden, daß sie kaum noch zusammen hielten.
+
+Die einzige Verbesserung, die sie mit sich vornehmen konnten, war die,
+daß sie ihre Hemden auswuschen, um wenigstens mit reiner Wäsche vor den
+Häuptlingen zu erscheinen, und was eine Kopfbedeckung betraf, so hatten
+die, welche mit einer solchen nicht mehr versehen waren, darin die Mode
+der Eingeborenen nachgeahmt und sich eine Art Kopfschutz aus den
+Blättern der Cocospalme gefertigt, der die Augen wenigstens gegen das
+blendende Sonnenlicht schirmte.
+
+Nur Pfeife, einer gewissen Phantasie dabei folgend, war daran gegangen,
+einen wirklichen Hut zu flechten -- was die Matrosen meist verstehen und
+sich oft ihre Strohhüte selber machen. Das Cocosblatt zeigte sich aber
+nicht geschmeidig genug dazu, und wenn er auch wirklich eine Art Hut
+zusammen brachte, so hatte derselbe doch eine so wunderliche Form
+bekommen, daß selbst Lemon lachte, als er ihn zum ersten Male sah.
+
+Die ersten Morgenstunden vergingen übrigens, ohne daß sie zu der
+erwarteten Zusammenkunft wären abgerufen worden. Nur ihr Frühstück
+erhielten sie wie gewöhnlich, dann war Alles still -- nicht einmal ein
+Fischer-Canoe sahen sie in dem Binnenwasser der Riffe, so hatte die
+heute gehaltene Rathsversammlung das Interesse der Insulaner in
+Anspruch genommen.
+
+Endlich kam der, eines Theils gefürchtete, andern Theils aber auch
+wieder sehnlichst erwartete Bote; denn selbst die schlimmste
+Wirklichkeit kann in manchen Fällen oft weniger peinlich sein, als diese
+ewig zögernde Ungewißheit, in der sich des Menschen Herz in solchem
+Falle verzehrt.
+
+Ein junger Bursch, der auf der Insel Constabel-Dienste versah, sich
+sonst aber in nichts von den Übrigen auszeichnete, als wo möglich noch
+fauler als der Rest zu sein, kam endlich und meldete den Papalangis, daß
+Toanonga und die Versammlung der Egis sie erwarte.
+
+Mac Kringo theilte den Übrigen die Botschaft mit, und Lemon brummte
+halblaut vor sich hin: Die Egis sollen verdammt sein!
+
+Das nahm der Botschafter aber entsetzlich übel; denn wenn er auch kein
+Englisch verstand, hatten die Eingeborenen jenes Wort »verdammt« doch so
+oft von dort landenden Fremden gehört, um zu wissen, daß es etwas sehr
+Böses und Häßliches bedeute. Er hielt deshalb auch dem kleinen
+sauertöpfischen Burschen eine lange und heftige Strafpredigt, die
+dieser jedoch mit weiter nichts als einem noch viel mürrischeren »Geh
+zum Teufel« erwiderte.
+
+Mac Kringo gab sich freilich alle Mühe, den Frieden wieder herzustellen
+und den Eingeborenen zu besänftigen, indem er ihn zu überzeugen suchte,
+daß er den Papalangi ganz falsch verstanden habe. Der Bursche wußte aber
+recht gut, was er selber gehört hatte, und der Zug setzte sich endlich,
+von ihm angeführt, langsam in Bewegung.
+
+»Hört einmal, Kameraden,« sagte da Mac Kringo als sie schon unterwegs
+waren, indem er sich gegen die kleine Schaar wandte, »ich habe euch
+schon versichert, daß ich nicht glaube, wir hätten irgend etwas von dem
+rothen Gesindel zu fürchten. Sollten sie uns aber =doch= zu Leib wollen,
+und es ist immer gut, auch auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, dann
+wollen wir uns auch nicht wie die Schafe zur Schlachtbank führen lassen,
+sondern lieber wie englische Matrosen sterben und noch so vielen der
+rothen Brotfruchtfresser, wie möglich, die Schädel einschlagen. Seid ihr
+damit einverstanden?«
+
+»Gewiß,« rief Pfeife für die Übrigen; »irgend etwas wird man ja dort
+schon finden, womit man zuschlagen kann, und wenn das =nicht= wäre, so
+hat jeder seine Fäuste und sein Messer bei der Hand, die lumpigen
+Schufte nach Herzenslust zu bearbeiten.«
+
+»Gut,« sagte Mac Kringo. »In dem Falle liegt unsere einzige Aussicht auf
+Erfolg aber nur darin, daß wir uns nicht =trennen= lassen, sondern fest
+zusammen halten. Sechs handfeste Burschen wie wir können es dann auch
+schon mit einem Schock solchen weichlichen Gesindels aufnehmen, und im
+schlimmsten Falle arbeiten wir uns zu einem Canoe durch, plündern einen
+Brotfruchtbaum und ein paar Cocospalmen und gehen in See.«
+
+»Das sind schöne Aussichten!« seufzte Spund, »und bedenkt nur dabei, daß
+wir sie durch Widersetzlichkeit immer noch erbitterter machen!«
+
+»Wenn =du= dich willst fressen lassen,« kreischte Pfeife, »so hat
+natürlich Niemand was dawider. Ich danke aber dafür, und wenn sie uns
+wirklich einmal zu Leib wollen, so liegt nachher verwünscht wenig daran,
+ob wir sie dabei in guter oder böser Laune behalten.«
+
+»Pst -- da sind sie!« flüsterte aber in diesem Augenblicke Mac Kringo,
+der durch die Büsche hin die hellen buntfarbigen Kleider der
+Eingeborenen schon erkannt hatte. »Jetzt haltet euch ruhig, und im
+Nothfalle fest zusammen. Unsere Messer haben wir doch wenigstens alle
+im Gürtel, und was sie auch vorhaben, sie sollen uns wenigstens nicht
+unvorbereitet finden.«
+
+Weiteres Gespräch war jetzt auch unmöglich geworden, denn wie sie den
+nächsten Busch umschritten, sahen sie sich plötzlich der ganzen
+Versammlung gegenüber, die sie sich allerdings nicht so zahlreich
+gedacht. Die Einwohnerschaft der ganzen Insel schien aber hier
+versammelt und der große weite Raum vor Toanonga's Hütte, in dem die
+Egis den Mittelpunkt bildeten, schwärmte ordentlich von braunen
+lebendigen Gestalten beiderlei Geschlechts.
+
+Inmitten des Platzes stand ein riesiger Tamarindenbaum, um den herum
+neun hochstämmige Cocospalmen angepflanzt schienen. Dadurch erhielten
+sie dem Platz den Schatten, die Sonne mochte stehen, wo sie wollte[25],
+und konnten ihre Versammlungen zu jeder beliebigen Tageszeit halten.
+
+Dort waren feine Matten ausgebreitet, welche die Bewohner aller der
+Südsee-Inseln so trefflich zu flechten verstehen, und die Egis von Monui
+bildeten, mit Toanonga in der Reihe sitzend, einen vollkommenen Kreis.
+
+In demselben nahmen die verschiedenen Häuptlinge ihre Plätze ein, aber
+keineswegs nach Gutdünken, sondern sie waren ihnen vorher von dem
+Ceremonienmeister angewiesen worden. Toanonga behauptete den Ehrenplatz
+und saß, den Rücken seinem Hause zugedreht, mit dem Gesicht der
+reizenden Bai zugewandt, die hier durch rechts und links auslaufende
+Landzungen gebildet wurde. Zu beiden Seiten dann von ihm ab kamen ihm
+zunächst die Angesehendsten und vom edelsten Blut, bis sich mit den
+geringeren Häuptlingen der Kreis ihm gegenüber wieder schloß.
+
+Um die Egis aber her, und zwar so gedrängt, daß sie fast deren Rücken
+berührten, saßen[26] die übrigen Eingeborenen, Männer und Frauen, bunt
+durch einander, und wer dem Kreise nicht so nahe kommen konnte, zu hören
+was da verhandelt wurde, ließ es sich wenigstens von den näher Sitzenden
+mittheilen.
+
+Außerhalb dieses fast dicht geschlossenen Kreises hatten die Kinder
+ihren Tummelplatz gewählt, sich haschend und überschlagend, und mit den
+nackten Füßen auf dem scharfen Corallensande allerlei wilde Lust
+treibend.
+
+Die Berathung war indessen nicht gleich von Anfang an so öffentlich --
+wenn auch im Freien -- verhandelt worden. Bis die Egis unter sich einig
+geworden, hatte man das Volk in ehrerbietiger Ferne gehalten, und erst
+als die Hauptsache vorüber war, ließ man die Neugierigen hinzu. Wollte
+jedoch der alte Toanonga die Galerieen wieder geräumt haben, so brauchte
+er nur ein Zeichen zu geben, und Keiner hätte daran gedacht, sich dem
+Befehle zu widersetzen.
+
+Jetzt übrigens, da die gefangenen Fremden in Sicht kamen, wurde eine
+andere Ordnung nöthig, um sie würdig zu empfangen, und einer der als
+Constabel agirenden Burschen schrie deshalb den Zuhörern zu, Raum zu
+geben. Diese mußten auch schon wissen, um was es sich handle, denn sie
+wichen nach rechts und links zurück, die Fronte gegen die Bai offen
+lassend, während die mit dem Rücken nach dem Wasser zu sitzenden
+Häuptlinge ebenfalls aufstanden.
+
+Geschäftige Hände ergriffen dabei rasch ihre Matten, und trugen sie
+hinter Toanonga und die ihm zunächst sitzenden Häuptlinge, wo sie mit
+ihnen eine zweite Reihe bildeten. Dadurch war der Raum vor dem alten
+Häuptling frei geworden, an beiden Seiten aber kauerte die
+Einwohnerschaft von Monui.
+
+»Mate,« sagte da Legs, indem er seinen Hosenbund etwas höher über die
+Hüften heraufzog und aus alter Gewohnheit -- denn Tabak hatte schon
+lange Keiner von ihnen mehr -- auf die Erde spuckte -- »die Geschichte
+wird feierlich -- was sagest =du= dazu.«
+
+»Mein Leben lang will ich keine Schiffsplanke betreten,« murmelte Pfeife
+zwischen den Zähnen durch, »wenn ich nicht wünsche, daß ich hier fort
+wäre. Da stehen ein paar Hundert breitschulterige Kerle herum, mit den
+Waffen vielleicht hinter den nächsten Büschen versteckt, was sollen wir
+Sechs gegen die ausrichten?«
+
+»Bah, =so= viel für die ganze Band',« brummte der, fast um einen Kopf
+kleinere Matrose. »Meinen Hals setz' ich zum Pfand, daß die Kerle nicht
+einmal die Courage haben, uns etwas am Zeuge zu flicken. Ja, wenn wir
+Einer oder Zwei wären, aber einer ganzen Bootsmannschaft -- wenn auch
+unserem Harpunier und Bootsteuerer der Hals voll Wasser gelaufen ist --
+kommen sie schon nicht zu nah.«
+
+»Du, der Alte fängt an,« flüsterte da Pfeife, indem er den Kameraden in
+die Seite stieß, »jetzt bin ich neugierig.«
+
+Toanonga hatte indessen -- die Hände in voller Ruhe auf seinem Bauch
+gefaltet -- die ankommenden Papalangis Einen nach dem Andern aufmerksam
+gemustert. Als sie aber auf Anordnung eines der Leute vor ihm
+niedergesessen oder vielmehr gekauert waren, und sich halb schüchtern im
+Gefühl der sie umgebenden Menschenmenge, halb wieder trotzig und im
+schlimmsten Falle zum Äußersten entschlossen, im Kreise umsahen, nickte
+er ihnen mit seinem gutmüthigen Lächeln zu und sagte:
+
+»_Chio do fa, Papalangis -- chio do fa!_«
+
+
+5.
+
+Die Leute, die aus dem freundlichen Gesicht des Alten neuen Muth
+schöpften, erwiderten den Gruß rasch, und dieser fuhr, den Kopf dabei
+langsam auf und ab neigend, einer in Bewegung gesetzten Pagoge nicht
+ganz unähnlich, fort:
+
+»Ich habe euch rufen lassen, Freunde, um mit euch ein ernstes Wort über
+euch und eure Zukunft zu sprechen. Du da vorn, wie heißest du gleich?
+-- verstehst ja wohl unsere Sprache genug, den Anderen wieder zu
+erzählen, was ich dir gesagt habe?«
+
+»Mac Kringo heiße ich,« erwiderte der also angeredete Schotte, indem er
+den Kopf etwas neigte. »Rede nur, Toanonga; ich verstehe Alles, und es
+soll kein Wort davon verloren gehen.«
+
+»Gut, Freund -- desto besser. So passe wohl auf, denn es kommt für euch
+viel darauf an, daß du auch eben recht verstehest.«
+
+»Du weißt, unter welchen Umständen wir euch auf diese Insel
+zurückbekommen haben. Es war nicht unser Wunsch, und wir hätten euch
+lieber in eurem großen Canoe fortsegeln sehen. Du weißt auch, daß ihr
+oder euer Capitain -- das bleibt sich gleich, denn ihr gehörtet zusammen
+und standet einander bei -- mir hier, der ich euch alle freundlich
+aufgenommen, ein großes Leid anthun wolltet. Das war eure Dankbarkeit,
+ich will euch das aber nicht so übel nehmen, denn ihr Papalangis wißt es
+vielleicht nicht besser, und wenn ihr erst einmal eine Zeit lang
+zwischen uns gelebt habt, werdet ihr schon gescheidtere und bessere
+Menschen werden. Trotzdem nun hat der wackere und tapfere _Tai
+manavachi_, während er eurem bösen Capitain mitten im Sturm seine Braut
+wieder abnahm, euch, seine Feinde, die ihr verunglückt waret, aus dem
+Meer gerettet und ans Land gebracht, und euch auch weiter nicht das
+geringste Leid zugefügt. Er hatte eurem Capitain versprochen, euch
+ungestraft ziehen zu lassen, wenn er Hua, die damals noch in eurem
+Canoe war, kein Leid zufügen wollte, und da euer Capitain sie darauf
+frei ließ, glaubte er auch an euch sein Wort halten zu müssen. -- _Tai
+manavachi_ ist ein großer und edler Häuptling, und sein gegebenes Wort
+war heilig. Die Hotuas hatten es gehört, und er wußte, daß er es nicht
+brechen durfte. So -- sag' jetzt deinen Freunden erst einmal, was ich
+mit dir gesprochen.«
+
+Mac folgte dem Befehl und übersetzte den Übrigen die kurze und einfache
+Rede. Die Matrosen hörten ihm aufmerksam zu, bis ihn Legs endlich
+unterbrach und ausrief:
+
+»Schon gut, schon gut, das ist eine alte Geschichte, und das Meiste
+davon wissen wir schon. Er soll uns ein frisches Garn spinnen. Hol' der
+Böse die Saalbadereien!«
+
+»Nur Geduld, Mate!« rief aber auch Jonas; »wenn einer ein Schiff vom
+Stapel lassen will, muß er erst sehen, ob Alles dicht und in Ordnung
+ist. Er hat jetzt die Geschichte kalfatert und Masten eingesetzt und
+Takelwerk angeschlagen. Paß einmal auf, jetzt wird er die Segel setzen
+und 14 Knoten die Stunde gehen.«
+
+»Haben sie Alles verstanden,« fragte Toanonga.
+
+»Alles,« sagte der Schotte, der klug genug war, den Alten so viel als
+möglich bei guter Laune zu erhalten, »und sie bitten dich fortzufahren.«
+
+»Schön,« erwiderte der alte Häuptling, zufrieden dabei mit dem Kopfe
+nickend: »Ich muß dir nun sagen, daß ich im Anfang gar keine Lust hatte,
+euch hier auf der Insel zu behalten. Ihr waret Kriegsgefangene von _Tai
+manavachi_ und ich wollte, er sollte euch mit hinüber nach Tonga nehmen.
+_Tai manavachi_ hat aber ein großes Herz. Er sagte, daß seine jungen
+Leute sehr zornig auf euch wären, und er nicht wisse, ob er dann sein
+Wort halten könne: euch kein Leid zuzufügen. Überdies könnte er euch
+auch nicht gebrauchen und wolle nichts mehr mit euch zu thun haben.«
+
+Sehr freundlich von _Tai manavachi_, dachte Mac Kringo, erwiderte aber
+laut kein Wort und verzog keine Miene, und der Alte fuhr nach kurzer
+Pause fort:
+
+»Da ihm aber nach unseren Gesetzen nun das Recht über euch zusteht, so
+haben wir, die Egis des Landes, uns die Sache überlegt, euch ihm
+abgekauft und beschlossen, euch hier auf Monui zu behalten.«
+
+»=Abgekauft?=« rief Mac Kringo erstaunt.
+
+»Ja, Freund,« sagte der Alte, ganz unbefangen und freundlich dabei
+lächelnd, »=abgekauft=. Nicht etwa, denn ich wüßte nicht, was ich mit
+euch anfangen sollte, sondern die Egis, und zu welchem Zwecke, will ich
+dir gleich auseinandersetzen, wenn du den Übrigen erst meine Worte
+erklärt hast.«
+
+Mac Kringo that das diesmal schnell genug, denn die Nachricht hatte ihn
+selber überrascht, Legs aber rief lachend aus:
+
+»Da hätte ich den Alten für gescheidter gehalten. Wer =uns= kauft, ist
+bös angeführt, denn ich will verdammt sein, wenn ich selbst mein
+=eigener Herr= sein möchte.«
+
+»Und was wollen sie da mit uns machen?« fragte Spund erschreckt; »da
+sollen wir wohl =arbeiten=?«
+
+»Bah!« lachte Jonas; »die Arbeit, die =die= faulen Burschen hier zu
+verrichten haben, könnte man recht gut vor dem Frühstück fertig bringen,
+ehe der Kaffee kalt wird; -- Lumpenvolk das, einen weißen
+Christenmenschen zu =kaufen=! Aber so viel weiß ich, daß ich mich schon
+dumm genug anstellen werde.«
+
+»Und dazu brauchst du dich auch gar nicht zu verstellen,« brummte Lemon.
+»So viel ist aber sicher, und Legs hat Recht, ich hätte die Rothhäute
+auch für gescheidter gehalten, als daß sie Kerle wie Spund und Pfeife
+kauften.«
+
+»Na, sei du nur --«
+
+»Ruhig!« unterbrach aber Mac Kringo die Kameraden; »ist das jetzt eine
+Zeit zum Necken? Hört erst, was der Alte weiter zu sagen hat, nachher
+können wir darüber reden.«
+
+»=Was= sagen sie?« fragte Toanonga.
+
+»Sie lassen dich nur bitten, fortzufahren,« erwiderte Mac Kringo.
+
+»Gut, sehr gut,« nickte der Alte wieder, während jetzt besonders die
+Frauen unter den Zuhörern sich vordrängten, als ob sie kein Wort von dem
+verlieren wollten, was da verhandelt würde. »Die Egis haben euch also,
+wie ich dir schon vorher erzählt, gekauft, und eigentlich blieb ihm
+nichts Anderes übrig; denn was sollten wir mit euch machen? ihr habt
+keinen Tabak, keine Glasperlen, keine Beile, kein Zeug, für das wir euch
+zu einer weiten Seefahrt ausrüsten könnten, und ihr werdet doch wohl
+einsehen, daß wir euch das nicht auch noch obendrein schenken können,
+weil ihr eines Egi Tochter habt entführen wollen und dabei verunglückt
+seid.«
+
+»Aber wir können uns vielleicht selber ein Boot bauen oder ein Canoe
+aushauen,« unterbrach ihn jetzt Mac Kringo, dem der Gedanke nicht recht
+behagen wollte, den rothen Gesellen käuflich überlassen zu sein.
+
+»Womit?« fragte ihn aber ganz trocken der Alte. »Habt ihr selber Beile?
+Habt ihr Segel und Ruder? Habt ihr Proviant? Nein, Freund; wir haben
+schon Schaden genug durch euch gelitten und wollen jetzt auch einigen
+Nutzen aus euch ziehen.«
+
+»Aber was sollen wir thun?« fragte der Schotte ungeduldig.
+
+»Das wirst du gleich hören,« lautete die ruhige Antwort des Alten. »Die
+Egis haben euch allerdings gekauft, aber mit Gütern, die dem Lande
+selber gehören, deshalb können sie auch nicht und wollen sie nicht eure
+Dienste für =sich= in Anspruch nehmen. Krieg haben wir jetzt nicht; wir
+leben mit allen benachbarten Inseln in Frieden, und _Tai manavachi_ ist
+unser mächtiger Bundesgenosse geworden. Wäre das nicht der Fall, so
+würden wir euch vielleicht in unseren Canoes verwenden können, deren
+Behandlung ihr bald lernen würdet. Überhaupt seid ihr Weißen entsetzlich
+unwissende Menschen, für die es ein großes Glück ist, daß sie nach
+unserer Insel gekommen sind -- ihr könnt nicht einmal Fische fangen.
+Doch das alles werdet ihr wohl nach und nach begreifen, wenn ihr erst
+einmal selber für euch und die Euren sorgen müßt.«
+
+»Wenn wir das aber alles nicht können und verstehen,« brummte Mac
+Kringo, »was wollt ihr denn mit uns machen?«
+
+»Du bist entsetzlich ungeduldig,« sagte Toanonga, »ich war ja eben im
+Begriff, dir das zu erklären. Vor allen Dingen wollte ich dir nur erst
+begreiflich machen, daß wir uns den Kopf zerbrochen haben, euch eine
+ordentliche Stellung hier anzuweisen, und ich selber habe da endlich
+einen Vorschlag gemacht, dem die anderen Egis nach reiflicher Überlegung
+beigepflichtet sind. Unser Entschluß deshalb ist der folgende: Auf Monui
+leben, seit unsrem letzten Krieg im vorigen Jahre, einige Frauen ohne
+Männer. Diese haben also auch niemanden mehr, der für sie sorgt, und
+mußten deshalb von den Egis oder vielmehr von dem Lande selber erhalten
+werden. Unter unsern Einwohnern hat sich aber bis jetzt noch niemand
+gefunden, der sie wieder heirathen wollte; der Männer sind auch durch
+die vielen Kriege weniger geworden, und diese Frauen begannen für uns
+eine Last zu werden.«
+
+Mac Kringo hatte die Einleitung in immer wachsendem Staunen zugehört,
+denn er begriff gar nicht, was ihre Verhältnisse mit dem der Wittwen auf
+Monui zu thun haben könnten. Eben so wußte er recht gut, daß in diesem
+gesegneten Lande niemand dem Andern zur Last sein =konnte=, denn wo die
+Leute eben so genügsam von Brotfrucht und Wasser oder Cocosnüssen
+lebten und von allem diesem übrig genug für sämmtliche Bewohner war,
+konnte auch von keinem Nahrungsmangel die Rede sein. Er schüttelte
+deshalb ungläubig mit dem Kopf und sagte:
+
+»Hatten sie denn keine Brotfrucht, die sie essen, keine Fische, die sie
+fangen konnten?«
+
+»Du verstehst mich nicht,« erwiderte ruhig Toanonga. »Zu essen haben sie
+allerdings genug, Dank den Hotuas[27], die unsere Inseln mit Allem
+reichlich gesegnet haben. Frauen verlangen aber nicht bloß zu essen, sie
+müssen auch einen Beschützer haben, denn sie fürchten sich, allein in
+ihren Hütten zu wohnen. Wir haben ihnen deshalb bis jetzt ein großes
+Haus eingeräumt, in dem sie zusammen leben konnten, aber sie wollten
+sich dort nicht mit einander vertragen. Sie haben sich gezankt und
+Streitigkeiten unter einander angefangen, die dann von den Egis wieder
+geschlichtet werden mußten, und es ist kein Friede zwischen ihnen
+geworden.«
+
+»Segne meine Seele,« knurrte Lemon, »das ist ein langer Palaver, und mir
+schlafen die Beine schon ein. Was sagt er, Lord Douglas?«
+
+»Pst -- warte nur noch einen Augenblick,« beschwichtigte ihn der
+Schotte, der zu begreifen begann, was man von ihnen verlange, und ein
+heimliches Lachen kaum unterdrücken konnte.
+
+»Damit das anders werde,« fuhr Toanonga langsam und bedächtig fort,
+»haben wir =euch= ausersehen, und eurem Schutz sollen diese Frauen
+übergeben werden.«
+
+Mac Kringo glaubte noch immer, der Alte wollte sich einen Spaß mit ihnen
+machen; dazu aber sah er doch viel zu ernsthaft aus, und er fragte
+jetzt, immer noch seinen Ohren nicht recht trauend --
+
+»=Wir?=«
+
+»Ja, =Ihr=,« erwiderte Toanonga, gravitätisch mit dem Kopfe nickend.
+»=Ihr= sollt sie =heirathen=, dann zieht ihr Jeder wieder in ein
+besonderes Haus, und der ewige Scandal hört einmal auf. Es ziemt sich
+auch nicht, daß die Frauen die Felder bestellen, _gumala_ und _ufi_[28]
+darin zu ziehen. Das ist des Mannes Sache, und ihr werdet das fortan
+übernehmen. Du weißt jetzt unseren Willen und wirst ihn deinen Freunden
+mittheilen. Hast du mich verstanden?«
+
+»Gewiß,« rief Mac Kringo rasch, und mußte an sich halten, daß er nicht
+gerade hinaus lachte, denn die Sache kam ihm doch zu komisch vor.
+
+»Was will er?« fragte aber jetzt auch Spund, der sich vor Neugierde kaum
+lassen konnte.
+
+»Nun, Messmates,« redete da Mac Kringo die Kameraden an, indem er sich
+gegen sie wandte und so ernsthaft wie nur irgend möglich dabei
+auszusehen versuchte, »jetzt =ist= die Bombe endlich geplatzt, und so
+viel kann ich euch vor der Hand sagen: gehängt werden wir =nicht=.«
+
+»Aber was ist's? -- was will das alte dicke Rothfell? -- wozu haben sie
+uns gekauft?« fragten die Übrigen durch einander.
+
+»Ja, es ist freilich was Erschreckliches,« schmunzelte Mac Kringo, indem
+er die ziemlich abgerissene Schaar vor sich überblickte, »und wenn man
+euch hier nach einander ansieht, sollte man eigentlich kaum glauben, daß
+ihr recht dazu passen würdet.«
+
+»Na, zum Teufel, Lord Douglas,« rief jetzt aber auch Jonas, den bei der
+langen Vorbereitung schon ganz unheimlich zu Muthe wurde -- »so schieß
+einmal los! Was sollen wir denn thun?«
+
+»Wir sollen =heirathen=,« antwortete Mac Kringo mit einem so ernsthaften
+Gesicht, als ihm das irgend möglich war; die fünf Seelen brachen aber
+in ein schallendes Gelächter aus, das, merkwürdiger Weise, auch die als
+Zuschauer umherkauernden Indianer anstecken mußte. Was sich wenigstens
+an jungen Männern dort hinzugedrängt, stimmte plötzlich aus vollem
+Herzen in das Lachen mit ein, und die bis zu diesem Augenblicke noch so
+ernste Rathsversammlung schien in diesem Ausbruch unerwarteter
+Fröhlichkeit ihren ganzen Respect zu verlieren.
+
+Da hob Toanonga den Arm empor, und während die Insulaner augenblicklich
+schwiegen, fühlten selbst die Seeleute, daß sie den alten Häuptling, in
+dessen Gewalt sie sich doch nun einmal befanden, nicht ärgerlich machen
+durften.
+
+»Hast du deinen Freunden gesagt, was ich dir mitgetheilt?« fragte der
+Alte -- »und weshalb lachen sie?«
+
+»Sie freuen sich, daß du so gnädig mit ihnen verfahren willst,«
+erwiderte Mac Kringo, rasch gefaßt. »Es gefällt ihnen hier auf der
+Insel, und sie wollen gern bei euch bleiben. Die Hauptsache freilich,
+daß du uns jetzt die Frauen zeigest, die wir nehmen sollen, damit wir
+unsere Wahl treffen.«
+
+»Es ist gut -- das hat noch Zeit,« erwiderte der Häuptling. »Vor allen
+Dingen möchte ich erfahren, wer ihr eigentlich selber seid.«
+
+»=Wir?=« sagte Mac Kringo erstaunt -- »nun, Seeleute.«
+
+»Ja -- das weiß ich,« erwiderte Toanonga, »denn ihr seid alle auf dem
+großen Canoe gekommen. Aber ich weiß auch, daß ihr auf euren Canoes
+verschiedene Beschäftigungen habt. Euer Capitain hat mir erzählt, daß es
+Unterhäuptlinge darauf gibt, dann aber auch Leute, die das Holz
+bearbeiten und Boote machen, solche, die große Fässer arbeiten, solche,
+die Eisen hämmern, solche, die mit Tauen und Segeln umzugehen wissen,
+und so weiter; Was seid =ihr= also? Was bist =du= gewesen?«
+
+»=Ich?=« erwiderte Mac Kringo, der recht gut einsah, daß er sich hier in
+den Augen der Eingeborenen, ohne daß seine Kameraden das Geringste davon
+zu erfahren brauchten, einen höheren Rang und dadurch mehr Ansehen geben
+konnte. »=Ich= war ein Unterhäuptling.«
+
+»Das habe ich mir gedacht,« sagte Toanonga, »und die Anderen?«
+
+»Hm,« brummte der Schotte, »das mögen sie dir lieber selber sagen,« und
+sich dann zu den Kameraden wendend, übersetzte er ihnen rasch, daß der
+Alte ihren Stand am Bord zu wissen wünsche.
+
+»Nun, ich bin Böttcher!« rief Spund.
+
+»Allerdings,« nickte Mac Kringo -- »der hier, Toanonga, ist der Mann,
+der die großen Fässer macht.«
+
+»Gut -- sehr gut!« rief der Häuptling, »er mag deren hier für uns
+machen, Cocosnußöl hinein zu thun -- und weiter?«
+
+»Du, Jonas, hast dem Zimmermann ja manchmal geholfen,« redete diesen der
+Schotte an. »Soll ich dich als Zimmermann aufführen? die Rothhäute haben
+nachher mehr Respect.«
+
+»Meinetwegen,« antwortete Jonas, »viel zu zimmern werde ich hier doch
+nicht bekommen.«
+
+»Und dies, Toanonga,« sagte der Schotte, »ist der Mann, der das Holz
+behaut.«
+
+»Sehr gut! Laß die Zwei bei Seite sitzen.«
+
+»Nun, Lemon,« wandte sich der Schotte jetzt an diesen, »soll ich dich
+als Schmied vorstellen?«
+
+»Schmied,« brummte der Matrose, »ich habe in meinem Leben keinen Hammer
+in der Hand gehabt.«
+
+»Was thut das,« lachte Mac Kringo, »du wirst auch hier weder Hammer noch
+Amboß finden, um dadurch in Verlegenheit zu kommen.«
+
+»Dann meinetwegen,« sagte Lemon, »so lange sie kein Handwerkszeug haben,
+will ich wohl ihr Schmied sein, wenn sie dann nur Frieden geben.«
+
+Toanonga wurde jetzt also auch mit dieser neuen Eigenschaft bekannt
+gemacht, schien sich aber über eine solche Entdeckung noch mehr zu
+freuen, als über die anderen Handwerker. Er machte sogar Miene, von
+seinem Sitze aufzustehen, besann sich aber doch noch in Zeiten, daß sich
+das nicht recht für ihn schicken würde. Dem also entdeckten Schmiede
+winkte er jedoch sehr gnädig mit der Hand und befahl ihm, als besondere
+Auszeichnung, daß er an seine Seite käme.
+
+Lemon wußte nicht recht, was er aus der ganzen Sache machen solle, und
+schnitt ein bitterböses Gesicht, folgte aber nichts desto weniger dem
+Befehle.
+
+Fast alle Matrosen sind halbe Segelmacher, und Pfeife wurde deshalb von
+dem Schotten als solcher vorgestellt. Jetzt blieb also nur noch Legs für
+ein selbst zu erwählendes Metier, und da die Leute gemerkt hatten, daß
+ihnen das mehr Ansehen gab, wollte natürlich Keiner mehr gemeiner
+Matrose sein.
+
+»Hol's der Henker,« sagte Legs, »wenn ihr Alles weggenommen habt, bleibt
+nichts weiter für mich übrig, wie Koch. Stell mich dem alten runzeligen
+Rothfell deshalb als Koch vor, Lord Douglas.«
+
+Das geschah; diese Entdeckung schien aber die beabsichtigte Wirkung
+nicht hervorzubringen; denn Toanonga sah den kleinen Burschen mit einem
+halb mitleidigen, halb geringschätzigen Blicke an und wiederholte
+mehrmals das ihm von Mac Kringo genannte Geschäft des Mannes:
+
+»_Tangata fe-umu, Tangata fe-umu_,« wobei er den dicken Kopf von einer
+Schulter auf die andere warf.
+
+»Na? steht das dem Alten nicht an,« fragte Legs, etwas bestürzt über
+diese augenscheinlichen Beweise des Mißfallens -- »was schneidet er denn
+für Gesichter?«
+
+»Laß nur gehen, Legs,« beschwichtigte ihn aber der Schotte, »ob es ihm
+recht ist oder nicht, bleibt sich gleich. Er weiß nun alles, was er
+wissen will, und jetzt, denke ich, werden uns die Frauen vorgeführt
+werden.«
+
+»=Ich= weiß, wen ich nehme,« schmunzelte da Legs, der an das
+wunderschöne Mädchen dachte, das er draußen im Wasser gefunden. »Nachher
+kann ich's hier schon eine Weile auf der Insel aushalten. Wenn wir nur
+Tabak hätten!«
+
+»Sprich mir nur nicht von Tabak,« brummte Spund, »ich bin froh, wenn ich
+ihn einmal einen Augenblick vergessen habe. Wie ich das Wort nur nennen
+höre, läuft mir das Wasser schon im Maul zusammen.«
+
+»Hallo, da kommen die Frauen!« rief Legs, der indessen überall umher
+geschaut hatte, das Mädchen von gestern unter der Schaar heraus zu
+finden, sie aber bis dahin noch nicht entdecken konnte, »na, nu wird's
+losgehen.«
+
+
+6.
+
+Legs hatte ganz recht gesehen. Unter den Frauen entstand in diesem
+Augenblicke eine auffallend lebhafte Bewegung, und während bis dahin die
+Männer hauptsächlich den innern Ring der Zuschauer gebildet hatten,
+drängte sich jetzt der weibliche Theil der Bevölkerung vor, um an der
+Verhandlung und ihrem weiteren Verfolge vielleicht thätigen Antheil zu
+nehmen.
+
+Jedenfalls geschah dieses auf ein Zeichen, vielleicht auf einen Befehl
+Toanonga's, der indessen seine Augen aufmerksam im Kreise umhergehen
+ließ und die ihm näher drängenden Frauen zu mustern schien. War das
+wirklich der Fall gewesen, so kam er damit bald zu einem Resultate; denn
+er sah nach wenigen Minuten schon wieder still und nachdenkend vor sich
+nieder, nur dann und wann nach den Egis hinüberhorchend, die indessen
+eine desto lebhaftere Debatte führten.
+
+Sie sprachen aber so rasch, daß Mac Kringo nur einzelne Worte davon
+verstehen konnte. Der alte How oder König schien jedoch mit allem, was
+sie sagten, einverstanden; nur einmal protestirte er, und die Sache
+mußte den neben ihm sitzenden Lemon betreffen, auf den er wiederholt
+deutete. Lemon merkte ebenfalls etwas Ähnliches, und der mürrische
+Blick, mit dem er den Alten betrachtete, hatte etwas unendlich
+Komisches. Toanonga nahm aber weiter nicht die geringste Notiz von ihm,
+und die übrigen Egis schienen sich endlich seiner ausgesprochenen
+Meinung zu fügen.
+
+»Ma Kino,« sagte da plötzlich der Alte, indem er sich an den Schotten
+wandte, »ich und die Egis sind darüber einig geworden, wie sie euch
+versorgen wollen, und ich will dich kurz mit ihrem Entschluß bekannt
+machen, welche Frauen euch zugetheilt werden sollen.«
+
+»Zugetheilt?« fragte der Schotte rasch, »das ist in unserem Lande nicht
+Sitte und meine Kameraden sind völlig damit einverstanden, daß wir uns
+lieber die, welche uns am besten gefallen, aussuchen wollen.«
+
+»Das glaube ich euch recht gern,« sagte der alte Toanonga gutmüthig,
+während die zunächst sitzenden Frauen unter einander kicherten und
+flüsterten. »Wenn aber hier überhaupt eine =Wahl= Statt finden sollte,
+so wären es unsere =Frauen=, die dazu ein Recht hätten. Von =euch= kann
+gar keine Rede sein. Da die Frauen aber in Geschäftssachen sehr
+kurzsichtig sind, und die Männer für sie denken müssen, so haben die
+Egis das übernommen, und du wirst jetzt hören, was wir darüber
+beschlossen.«
+
+»Aber meine Kameraden werden damit nicht einverstanden sein,« warf Mac
+Kringo ein.
+
+»Bah -- ich habe dich für einen vernünftigen Papalangi gehalten,« sagte
+kopfschüttelnd der Alte. »Was wollt ihr denn thun? -- haben wir euch
+nicht gekauft? -- Könnten wir euch nicht die Schädel einschlagen, wenn
+wir sonst Lust dazu hätten, und habt ihr das etwa nicht auch verdient?
+-- Wer kümmerte sich hier um euch, wenn wir euch in ein durchlöchertes
+Canoe setzten und euch hinaus in die Bai ziehen ließen, dort nach
+Gefallen zu sinken oder zu schwimmen, he? also sprich nicht solch dummes
+Zeug und sei gescheidt. Wenn =ihr= etwas an der Sache ändern könntet, so
+hätten wir euch um Rath gefragt. Da das nicht der Fall war, so habt ihr
+für jetzt weiter nichts zu thun als zu gehorchen.«
+
+Der Alte sprach diese Worte mit seiner gewohnten, gutmüthigen
+Freundlichkeit, aber doch auch mit so viel Entschiedenheit im Ton, daß
+Mac Kringo bald merkte, wie sie mit ihm und den Eingeborenen überhaupt
+standen. Die Schaar der Insulaner war sich, den unbewaffneten Weißen
+gegenüber, ihres Übergewichts wohl bewußt, und an Widersetzlichkeit von
+ihrer Seite war in der That nicht zu denken. Klug genug also, die nicht
+für den Augenblick zu reizen, die einmal die Gewalt in Händen hatten,
+beschloß Mac Kringo, sich vor der Hand allem zu fügen, was sie über ihn
+und die Kameraden verhängen würden. Mit der Zeit kam dann auch Rath, und
+sie fanden vielleicht Mittel und Wege, sich einer ihnen lästig werdenden
+Gefangenschaft zu entziehen.
+
+Toanonga kümmerte sich indessen wenig um das, was sein Dolmetscher etwa
+denken oder beabsichtigen mochte. Er hatte ihn mit dem Willen der Egis,
+der vor allen Dingen auch der seinige war, bekannt gemacht, und daß der
+durchgeführt werden mußte, verstand sich von selbst.
+
+»Ma Kino,« begann er deshalb nach kurzer Pause, denn das Wort Mac Kringo
+konnte er nicht gut aussprechen, indem er den vor ihm sitzenden Schotten
+fest und scharf ansah, »du bist, wie du sagst, auf eurem großen Canoe
+ein Egi gewesen, und es ist deshalb auch in der Ordnung, daß mit dir der
+Anfang gemacht wird. Die Anderen kommen nachher in der Reihenfolge, die
+ihnen gebührt. Da du nun unsere Sprache verstehst, gedenke ich dich in
+meiner Nähe zu behalten, welcher Ehre du dich hoffentlich würdig machen
+wirst, und zu dem Zweck und um dich auch zugleich recht wohnlich bei uns
+einzurichten, habe ich dir eine passende Frau bestimmt, die du gut
+behandeln und für die du sorgen wirst. Hast du mich verstanden?«
+
+Mac Kringo nickte schweigend mit dem Kopf, denn der Alte fing an, ihm in
+seiner Ruhe und Bestimmtheit zu imponiren. Die Veränderung fiel ihm auch
+auf, wie sich Toanonga jetzt und damals benahm, als ihr Capitain noch
+mit seiner ganzen Schiffsmannschaft hier lag. Damals war er ihnen weit
+mehr als Freund und guter Bursche entgegengekommen, während er jetzt,
+von seinem ganzen Stamme umgeben und den wenigen Weißen gegenüber, nicht
+ernst und würdevoll genug aussehen konnte. Doch das alles zuckte ihm nur
+in flüchtigen Gedanken durch das Hirn, denn der gegenwärtige Moment war
+für ihn selber viel zu entscheidend, um sich mit anderen Beobachtungen
+aufzuhalten.
+
+Toanonga winkte nämlich einer Frau, die, nicht mehr ganz jung, aber doch
+noch in den besten Jahren, den Kopf gebeugt, in dem vorderen Ringe saß.
+Auf das Zeichen, das sie unter den gesenkten Augenlidern vor gesehen
+haben mußte, richtete sich aber etwas auf und sah Toanonga an. -- Mac
+Kringo war für sie gar nicht da.
+
+»Mefo Hupe,« sagte Toanonga, die Frau anredend, »du bekommst hier einen
+Versorger. Ma Kino wird mit dir in deine Hütte ziehen und das Feld für
+dich und deine Kinder bearbeiten.«
+
+»Deine Kinder?« rief der Schotte erstaunt, während die Frau wieder, als
+Zeichen des Gehorsams, den Kopf senkte, »sind denn Kinder auch dabei?«
+
+»Allerdings,« erwiderte freundlich der alte How, »und um so viel besser
+für dich, denn du hast gleich eine Familie, in der du zu Hause bist.
+Mefo Hupe war die Frau eines tapferen Egi's, Luttanaki mit Namen, der in
+dem letzten Kampfe gegen die Hapai-Leute getödtet wurde. Er hatte vorher
+sieben Hapai-Krieger mit eigener Hand erschlagen; du wirst deshalb nicht
+verfehlen, die Frau ehrerbietig zu behandeln. Geh jetzt in deine
+Wohnung, Mefo Hupe, und bereite dich zu der üblichen Feierlichkeit vor.«
+
+Die Frau stand auf und verließ, ohne auch nur einen Blick auf ihren
+künftigen Gatten zu werfen, die Versammlung, und Mac Kringo wußte
+wirklich kaum, ob das hier alles nur ein Scherz sein sollte, oder ob
+die Insulaner wirklich Ernst machten. An dem Letzteren brauchte er aber
+kaum zu zweifeln, denn Toanonga sah gar nicht wie Spaßen aus. Wie er
+sich aber noch überlegte, ob es nicht vielleicht schicklich wäre, daß er
+wenigstens ein paar Worte mit seiner künftigen Frau spräche, wandte sich
+der Alte schon wieder an ihn, und zwar um zwischen ihm und dem jetzt an
+die Reihe kommenden Lemon zu dolmetschen.
+
+Nun war dem How oder König dieser Insel nichts erwünschter, als einen
+Schmied unter den Papalangis gefunden zu haben; denn den großen Nutzen,
+den ihnen eiserne Werkzeuge gewährten, hatte er schon lange kennen
+gelernt. Diesen beschloß er deshalb auch unter seine ganz besondere
+Protection zu nehmen und für sich selber zu benutzen. Daß ein Schmied
+auch Werkzeug haben muß, ehe er eine Arbeit liefern kann, fiel ihm nicht
+ein. Der Fremde war nun einmal ein Schmied, und damit die Sache
+abgethan.
+
+Für Lemon hatte er deshalb auch eine der jüngsten zu vergebenden Frauen
+bestimmt, und Mac Kringo mußte ihn mit dem seiner harrenden Glücke
+bekannt machen. Toanonga erstaunte aber nicht wenig, als der Matrose,
+der die ganze Sache immer noch für einen schlechten Spaß hielt und
+mürrischer als je war, ein Gesicht zu der Eröffnung schnitt, als ob er
+den Dolmetscher hätte umbringen können.
+
+»Unsinn!« knurrte er dabei, »laß dich doch nicht von dem alten Rothfell
+zum Narren haben, Lord Douglas!«
+
+»Aber er ist in vollem Ernst.«
+
+»Bah -- Dummheiten -- sag ihm nur, ich wollte keine Frau haben. Erstlich
+möcht' ich überhaupt nicht heirathen, und dann -- hätte ich auch schon
+zwei Frauen in England.«
+
+»Zwei?« rief der Schotte überrascht.
+
+»Na, wenn die Erste nicht in der Zeit gestorben,« brummte der
+sauertöpfische Gesell -- »ich habe mich wenigstens nie darum bekümmert,
+und weiß jetzt nicht einmal wo meine =zweite= ist.«
+
+»Was sagt er,« fragte Toanonga, der sich den sichtbaren Unwillen des
+Fremden nicht erklären konnte.
+
+»Hm,« meinte Mac Kringo -- »er -- er sagt, er hätte schon eine Frau, und
+nach unseren Gesetzen dürfen wir nicht mehr nehmen.«
+
+»Oh -- weiter nichts?« lachte Toanonga gutmüthig, »da sag' ihm nur, daß
+er sich deshalb keine Sorgen mache, denn hier sind wir auf Monui, und
+ich selber habe =neun= Frauen. Doch das findet sich alles; ich erlaube
+ihm, daß er die Frau nimmt, die ich ihm gebe, und an das Andere hat er
+sich nicht zu kehren. Außerdem wird er seine Hütte auf meinem Grund und
+Boden haben und unter meinem ganz besonderen Schutze stehen. Sag' ihm
+das!«
+
+Die zweite Frau stand auf ein Zeichen Toanonga's ebenfalls auf und
+verließ den Kreis. Lemon aber, den Mac Kringo den neuen und verschärften
+Befehl übersetzt hatte, konnte von dem Schotten nur mit Mühe beruhigt
+werden, daß er sich hier nicht gleich vor der ganzen Versammlung
+widersetzte. Die ihm bestimmte Frau hatte er nicht einmal angesehn.
+
+Toanonga aber nahm weiter keine Notiz von ihm, da er noch die
+Verlobungen der vier anderen Weißen zu beseitigen hatte. Mit diesen
+verfuhr er jedoch ziemlich summarisch, wenigstens nahm er Jonas, Pfeife
+und Spund zusammen, zeigte dabei auf drei neben ihm sitzende Frauen, von
+denen zwei kleine Kinder auf dem Schooß hatten, und ließ die drei
+Matrosen durch Mac Kringo bedeuten, daß sie dieselben zu Frauen bekommen
+sollten, wie sie gerade in der Reihe säßen. Als Empfehlung
+wahrscheinlich bemerkte er nur nebenbei, daß die eine vier, die andere
+drei und die dritte fünf Kinder habe.
+
+Auf eine Antwort der betreffenden Personen wartete er ebenfalls nicht.
+Kam es doch hier nur darauf an, daß er eben seinen Willen kund that und
+die verschiedenen Partieen gewisser Maßen einander vorstellte.
+
+Jetzt war nur noch Legs übrig, der bis dahin vergebens gesucht hatte,
+Mac Kringo zu bewegen, ein gut Wort für ihn in Betreff des Mädchens
+einzulegen, das er mit vielem Vergnügen heirathen wolle. Mac Kringo aber
+war bis dahin von Toanonga viel zu sehr in Anspruch genommen worden, ihm
+willfahren zu können und erst jetzt, da der alte Häuptling den sechsten
+Mann fast vergessen zu haben schien, hielt er es an der Zeit, die
+Aufmerksamkeit des Alten auf ihn zu lenken.
+
+»Hier, How,« sagte er dabei, »ist noch Einer, der dir gern eine Bitte
+vortragen möchte.«
+
+»=Der?=« sagte Toanonga, indem er einen fast verächtlichen Blick nach
+der Stelle hinüber warf, wo Legs saß, ohne diesen selbst anzusehen --
+»der ist gut für nichts -- das ist blos der Koch[29].«
+
+»Der soll also gar keine Frau haben?« fragte Mac Kringo, und bereuete
+schon, daß er sich nicht selber als Koch anstatt als Egi angegeben
+hatte.
+
+»O ja,« erwiderte aber Toanonga -- »es waren sieben Frauen da, für euch
+sechs. -- Der Koch bekommt die beiden letzten. Sind ein Bischen alt und
+nicht gerade hübsch, haben aber zusammen sieben Kinder -- gut genug für
+den Koch. Die da drüben sind's.«
+
+Mac Kringo mußte an sich halten, daß er nicht laut auf lachte. Legs
+gönnte er übrigens die beiden; denn der kleine Bursche war, trotz seiner
+ansehnlichen Statur, immer der gewesen, der sich schon an Bord am
+unbändigsten gezeigt und nicht selten Streit angefangen hatte. Unendlich
+komisch kam es ihm dabei vor, sich den etwas krummbeinigen Kameraden als
+doppelten Familienvater zu denken, und daß seine Ehe interessant und
+keineswegs langweilig werden würde, dafür bürgten die Gesichter der
+beiden Frauen. Schienen sie doch selbst in diesem Augenblick schon nicht
+übel Lust zu haben, einander in die Haare zu gerathen.
+
+»Nun, Lord Douglas, was sagt er?« fragte Legs, der sich schon so mit dem
+Gedanken vertraut gemacht hatte, ein wackerer Bürger von Monui zu
+werden, daß er die Zeit kaum erwarten konnte. »Soll ich den kleinen
+Wildfang zur Frau haben? Hol's der Teufel, wir passen auch in der Figur
+zusammen und müssen ein prächtiges Paar geben!«
+
+»Legs,« erwiderte aber Mac Kringo, der sich nicht enthalten konnte, bei
+dieser Bemerkung einen Blick nach den gebogenen Extremitäten des
+Seemanns hinunter zu werfen, »es thut mir leid, daß der Alte deine
+Wünsche nicht berücksichtigen kann. Ob die fragliche Schöne schon
+versprochen ist, oder ob er vielleicht selber ein Auge auf sie geworfen
+hat und sie zu seiner zehnten Frau machen will, weiß ich nicht. Er wird
+dich aber, in Rücksicht deiner Verdienste, entschädigen, und du sollst
+zwei andere dafür bekommen.«
+
+»=Zwei?=« rief Legs erstaunt auffahrend.
+
+»Ja, mein Junge; die beiden Schönheiten da drüben mit der braunen, etwas
+runzeligen Haut und den Unmassen Blumen und bunten Lappen um sich her
+gesteckt.«
+
+»Mach keinen dummen Spaß!« rief Legs ärgerlich, indem er einen halb
+zornigen, halb scheuen Blick nach den beiden Unholdinnen hinüberwarf.
+
+»Na, wahrhaftig, mein Junge,« sagte aber Mac Kringo gutmüthig, »es ist
+dem Alten da drüben grimmiger Ernst, und nach Tisch, so viel ich
+verstanden habe, werden wir alle zusammengespließt werden. Von uns hat
+Jeder schon seinen Theil angewiesen bekommen, wie du ja auch gehört
+hast, und die Beiden sind mit sieben dazu gehörenden Kindern für dich
+aufgehoben. Na, hoffentlich führt ihr eine recht glückliche Ehe
+zusammen.«
+
+»Verdammt will ich sein,« rief aber Legs, in allem Eifer in die Höhe
+springend, »wenn ich mich solcher Art zum Narren halten lasse. Sollte
+der alte Holzkopf aber wirklich im Ernst meinen, daß ich mich dazu
+hergäbe, ein Alt-Weiber-Spittel und eine Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt auf
+der Insel anzulegen, so kannst du ihm nur sagen, Lord Douglas, daß er
+sich da verwünscht in der Person geirrt hat. Wenn er einen von uns dazu
+haben wolle, so konnte er Spund nehmen, mich aber soll er ungeschoren
+lassen, so viel weiß ich.«
+
+»Und was willst du machen?«
+
+»Was ich machen will? dem den Schädel einschlagen, der mir irgendwie zu
+nahe kommt.«
+
+»Unsinn!« sagte Mac Kringo ruhig, »du siehst, daß wir Andern uns alle in
+das Unvermeidliche gefügt haben, und du allein kannst nicht gegen die
+ganze Insel anspringen. Bietet sich einmal eine günstige Gelegenheit,
+dann kannst du dich darauf verlassen, daß Keiner von uns säumen wird,
+sie zu benutzen, und je fester wir dann zusammen halten, desto besser.
+Bis dahin aber bleibt uns nichts Anderes übrig, als uns denen zu fügen,
+die für den Augenblick das Heft in Händen halten. Zeigst du dich ihnen
+widerspänstig, so ist gar nicht abzusehen =was= sie mit dir anfangen,
+und wenn sie dich selbst todtschlügen, kann sie kein Mensch daran
+verhindern und würde sich Niemand später darum kümmern.«
+
+»Und die beiden Vogelscheuchen sollt' ich heirathen?«
+
+»Du kommst in eine ganz anständige Familie,« lachte Mac Kringo -- »aber
+jetzt paß auf, der Alte entläßt die Versammlung und wird noch Aufträge
+für mich haben. Halt' dich indessen zu Spund und den Anderen, damit ihr
+zusammen seid, wenn man uns verlangt.«
+
+Toanonga winkte ihm auch wirklich in diesem Augenblick, denn es galt
+nichts Geringeres, als die nöthigen Vorbereitungen für die
+Trauungs-Ceremonie der Fremden zu treffen, die auf den Inseln
+außerordentlich streng genommen werden. Daß diese alle heidnischer Art
+waren, versteht sich von selbst; den Weißen konnten sie aber nicht
+erlassen werden, da nur =durch= dieselben ihre Ehen geheiligt und
+gesetzlich wurden.
+
+
+7.
+
+Die verschiedenen Bräute hatte man indessen schon entfernt, um sie für
+die Feierlichkeit anzukleiden, und Toanonga übergab jetzt die Fremden
+einer Anzahl seiner jungen Leute, sie etwas anständig und passend
+auszustatten.
+
+Ihre Kleider waren nämlich durch ihren letzten Unglücksfall so arg
+mitgenommen worden, daß sie ihre Blöße kaum mehr bedeckten; besonders
+hingen ihnen die Hemden in Lumpen von den Schultern. Toanonga ließ
+deshalb Jedem ein Stück Tapa[30] reichen, und die Insulaner wiesen sie
+dabei auf das freundlichste an, wie sie sich mit Blumen und einigen
+anderen Schlingpflanzen würdig schmücken konnten. Nur Mac Kringo jedoch,
+der klug genug war, ihnen zu Willen zu sein, und Spund, der dem Frieden
+noch immer nicht traute und Alles geduldig mit sich geschehen ließ,
+fügten sich dem Vorschlage. Die Übrigen mit Lemon an der Spitze
+verweigerten jede solche Aufmerksamkeit für ihre zukünftigen Frauen.
+
+Von den Eingeborenen hatten sie aber in der That nichts mehr zu
+befürchten, denn von dem Augenblick an, wo Toanonga und das Gericht der
+Egis ihre Aufnahme erklärt und dadurch geheiligt hatte, betrachteten die
+Leute sie als Freunde und als ihres Gleichen, und brachten ihnen jetzt
+sogar von verschiedenen Seiten Lebensmittel herbei, damit sie sich
+erholen und stärken konnten.
+
+Nach der einfachen Sitte dieser Stämme hatten sie aber auch in der That
+weit mehr gethan, als irgend ein civilisirtes Volk, sei es noch so fromm
+und christlich, an ihrer Stelle gethan haben würde. Die Leute, die
+ihnen, trotz aller empfangenen Wohlthaten und trotz der früheren
+freundlichen Aufnahme, vorsätzlich Böses zugefügt und im Begriff gewesen
+waren, dem alten Häuptling der Insel sein liebstes Kind zu stehlen,
+strafte man nicht allein nicht, als man sie in Händen hatte, sondern man
+nahm sie sogar als gleichberechtigt mit den übrigen Bewohnern des Landes
+auf, gestattete ihnen den Besitz von Grund und Boden, und ließ sie
+unmittelbar in die Familien des Landes eintreten.
+
+Es ist wahr, der erste Antrag einzelner Häuptlinge hatte dahin gelautet,
+kurzen Prozeß mit ihnen zu machen und die Gefangenen das büßen zu
+lassen, was der Capitain oder Häuptling derselben verbrochen, wie diese
+Stämme auch fast immer ihre Kriegsgefangenen tödten. Toanonga aber,
+neben seiner angeborenen und natürlichen Gutmüthigkeit, war klug genug
+gewesen, auf einen Ausweg zu sinnen, durch den er die Gefangenen und
+ihre Kräfte für die Insel verwerthen konnte. Was hätte er oder einer der
+anderen Insulaner davon gehabt, wenn man die Weißen vor den Kopf schlug
+oder in die See warf? -- gar nichts. Die letzten Kriege hatten ihnen
+dagegen mehr waffenfähige Männer gekostet, als die kleine Insel
+entbehren konnte, und jetzt halfen sie sich mit den Fremden so gut, wie
+sie eben konnten und so weit diese reichten.
+
+Mit dieser Aufnahme in ihren Staats- und Familienkreis war aber auch
+jeder Haß, jedes Gefühl der Rache oder Feindseligkeit gegen die Fremden
+aus ihrem Herzen geschwunden. Es waren eben keine Fremden mehr, denn sie
+gehörten von da an mit zu Monui so gut wie einer der dort Geborenen.
+
+Ähnliches findet man fast unter allen wilden Stämmen, die sehr häufig
+einzelne aus ihren Kriegsgefangenen, während sie die übrigen mit
+durchdachter Grausamkeit zu Tode martern, zurückbehalten und mit der
+größten Herzlichkeit in ihre Familien als Söhne aufnehmen.
+
+Anders betrachteten dieses allerdings die Matrosen, die sich durch
+solche gezwungene Heirathen auf das schlimmste mißhandelt glaubten. Legs
+verlangte auch von den Übrigen, als die Eingeborenen ihre Versammlung
+aufgehoben und die Papalangis sich selber überlassen hatten, daß sie
+sich gemeinschaftlich solchem Urtheilsspruch widersetzen sollten. Waffen
+hätten sie dabei wohl auch bekommen können, sobald sie nur in des alten
+Toanonga Hütte einbrachen. In der ersten Überraschung wäre ihnen das
+jedenfalls gelungen, und dort wurden, wie sie von früher wußten, eine
+Anzahl von Beilen und Keulen aufbewahrt.
+
+Hiergegen, als ein ganz wahnsinniges Unternehmen, das jedenfalls den
+Untergang Aller zur Folge haben mußte, stimmte aber Mac Kringo, von
+Spund und Jonas unterstützt, auf das entschiedenste, und da Lemon und
+Pfeife ihren Zustand ebenfalls noch nicht so unerträglich fanden, um
+gleich zu einem so verzweifelten Mittel zu greifen, so wurde Legs
+vollständig überstimmt.
+
+Die Ceremonie nahm indessen ihren Anfang und wurde, trotzdem, daß man
+mit den Fremden nicht eben viel Umstände nöthig glaubte, doch ziemlich
+feierlich betrieben.
+
+Hier zeigte sich auch wieder die Gutmüthigkeit der Insulaner. Diese
+wußten natürlich, daß die Weißen als Schiffbrüchige an ihre Insel
+gekommen waren und gar nichts zum Leben Nöthiges gerettet hatten, und
+brachten ihnen jetzt eine Menge Geschenke, um sie zu ihrem neu zu
+errichtenden Haushalt auszustatten: Tapa zum Kleiden und starke Matten
+zum Schlafen, Fischer-Geräthschaften und sogar Waffen, wie Keulen und
+Bogen und Pfeile, um bei einem möglichen Angriff eines Feindes in die
+Reihen der Krieger mit eintreten zu können.
+
+Als die Fremden nun mit allem ausgerüstet waren, was sie zu ihrem
+anständigen Erscheinen unter den Insulanern gebrauchten, denn um ihre
+Lebensbedürfnisse durften sie keine Sorgen haben, versammelten sich, wie
+es schien, fast alle Bewohner der Insel, um an der Festlichkeit Theil zu
+nehmen. Die sieben Bräute waren schon in das für die Trauung bestimmte
+Haus abgeholt, und Toanonga, an der Spitze seiner Egis, winkte die
+Fremden heran und überlieferte ihnen, mit einigen mahnenden Worten, sich
+gut zu betragen und ihrem neuen Vaterlande Ehre zu machen, ihre
+künftigen Frauen, die sich dann aber augenblicklich wieder in ihre
+verschiedenen Wohnungen zurückzogen. Den Fremden dagegen wurde bedeutet,
+zurückzubleiben, um an einem _Cava_-Fest -- der Hauptsache bei der
+ganzen Feierlichkeit -- Theil zu nehmen.
+
+Diese _Cava_[31]-Partie schien auch erst die vorhergegangene einfache
+Formalität der Heirath zu bestätigen und zu kräftigen; denn dadurch, daß
+die Häuptlinge es der Mühe werth hielten, eine solche anzuordnen und die
+Fremden daran Theil nehmen zu lassen, heiligten sie den eben
+geschlossenen Bund, der jetzt ohne Toanonga's Bewilligung nicht wieder
+gelöst werden konnte.
+
+Einen schweren Stand hatten die Seeleute aber erst noch bei dem
+_Cava_-Fest, denn die Bereitung dieses Trankes kannte Keiner von ihnen,
+nicht einmal Mac Kringo. Pfeife besonders, als er merkte, was dort
+vorging, wurde steinübel, und Legs wollte schon aufspringen und
+hinauslaufen. Der Schotte aber, der sich leicht denken konnte, daß etwas
+Derartiges von den jetzt nur freundlich gesinnten Eingeborenen als die
+größte Beleidigung angesehen werden würde, bewog sie mit großer Mühe,
+sitzen zu bleiben und auch dieses noch über sich ergehen zu lassen.
+Später konnten sie ja solchen Einladungen schon weit eher ausweichen.
+Spund stimmte ihm darin auch vollkommen bei, und während die Anderen,
+als die Schale an sie kam, nur so thaten, als ob sie schluckten, nahm
+er, seinen Willen und Gehorsam zu zeigen, einen langen und herzhaften
+Schluck.
+
+Das sollte er aber schwer büßen. Kaum hatte er die Mischung hinunter,
+als sich ihm der Magen gewaltsam umdrehte, und er mußte, unter dem
+Gelächter der Eingeborenen, von seinen Kameraden hinausgeschafft werden.
+
+Damit war indessen auch jedem Anspruch, den die Egis noch an sie machen
+konnten, Genüge geleistet. Während die Insulaner noch bei ihrer
+Cava-Partie blieben, deren Freuden sie sich oft bis in später Nacht
+hingeben, wurden die Seeleute, jetzt jeder Aufsicht und Überwachung
+enthoben, von jungen Leuten in die ihnen zugewiesenen Wohnungen
+abgeführt und durften sich von dem Augenblick an als Bürger von Monui
+betrachten.
+
+Fußnoten:
+
+[23] Wie: Pfui -- schäme dich.
+
+[24] Tuas werden die zur niedrigsten Classe gehörigen Bewohner der Insel
+genannt. Überhaupt besteht auf den Tonga-Inseln -- wenn man es nicht
+gerade Kastengeist nennen will -- eine strenge Absonderung der
+verschiedenen Gesellschaftsschichten, die kaum schroffer in dem alten
+durch und durch civilisirten Europa sein kann. Mesalliancen kommen
+äußerst selten vor, und bei jedem Festmahl wird die Rangordnung durch
+besondere Ceremonienmeister unerbittlich aufrecht erhalten.
+
+[25] Die Tonga-Inseln liegen, wie bekannt, innerhalb der Wendekreise S.
+Br. Die größte Zeit im Jahre haben sie also die Sonne um Mittag im
+=Norden=, einen kleinen Theil des Jahres aber, etwa um März, im =Süden=.
+
+[26] In der Nähe der Häuptlinge gilt es nicht für schicklich, zu
+=stehen=.
+
+[27] Hotuas sind die obersten Götter.
+
+[28] Süße Kartoffeln und Yams.
+
+[29] Auf den Tonga-Inseln ist der Koch der verachtetste unter den
+verschiedenen Handwerkern.
+
+[30] Tapa ist das aus der Rinde verschiedener Bäume ausgeschlagene Zeug,
+das die Frauen auf allen Südsee-Inseln selber verfertigen.
+
+[31] Die _Cava_ ist die Wurzel einer pfefferartigen Pflanze (auf den
+übrigen Inseln Ava genannt), aus der ein gährendes und besonders bei
+festlichen Gelegenheiten benutztes Getränk bereitet wird. Nur die Art
+der Zubereitung ist für den nicht daran Gewöhnten widerlich und
+abschreckend, indem die Wurzeln von den daran Theil nehmenden
+Eingeborenen =gekaut= und dann in eine Schüssel gelegt werden, wo man
+sie nachher mit Wasser übergießt. Dieses Wasser, nachdem es den Saft aus
+den Wurzeln gezogen hat, wird als eine Delicatesse getrunken.
+
+
+
+
+Der Schooner.
+
+
+1.
+
+Die Brotfrucht war zum zweiten Male gereift, und die Bäume standen mit
+diesem wunderbaren Geschenk beladen, das ein gütiger Himmel den
+glücklichen Bewohnern jener Inseln gespendet. Überall auf Monui
+herrschte Überfluß, und die leichtherzigen Eingeborenen hätten jeden Tag
+als Fest feiern können. Das rege, thätige Leben auf der Insel galt aber
+einem andern Zweck, und nicht zu Lust und Frieden sammelten sich die
+Männer in häufigen Berathungen und suchten aus allen Ecken die fast
+vergessenen Waffen wieder hervor.
+
+Was hilft den Menschen ein Paradies, wenn sie darin nicht ihre
+Leidenschaft zähmen können! Was hilft ihnen der Überfluß an allem zum
+Leben Nöthigen, wenn sie sich mit dem, womit Gott sie in so reichem
+Maaße überschüttet, nicht begnügen können oder wollen! Die Südsee-Inseln
+sind uns darin ein lebendiges Beispiel. Hier bringt die Natur alles
+hervor, was der Mensch zum Leben braucht. Ohne Arbeit, ohne Anstrengung,
+von einer wundervollen Scenerie umgeben, in ihrem Familienleben
+glücklich, von Krankheiten wenig heimgesucht, könnten diese Menschen
+ein wahrhaft glückliches Dasein führen -- wenn sie eben den Anderen das
+gönnten, was sie selber so reichlich besitzen. Selbst in diesem
+reizenden Lande schlummern aber die Leidenschaften nicht, und
+Herrschsucht, Ehrgeiz und Aberglauben lassen sie das nicht friedlich
+genießen, wonach sie in ihrer unmittelbaren Umgebung nur die Hand
+auszustrecken brauchten, um es zu erreichen.
+
+So hatten auch die Bewohner von Monui fast zwei Jahre in Frieden mit den
+Nachbar-Inseln gelebt. Kaum aber waren die Wunden der letzten Kämpfe
+oberflächlich verharrscht, als sie des ruhigen Lebens schon wieder
+überdrüssig wurden.
+
+Von Hapai aus war ihnen bis jetzt nämlich, einem alten Abkommen nach,
+ein jährlicher, höchst unbedeutender Tribut von Gnatu[32] und
+Cava-Wurzeln bezahlt worden, und das Ganze mehr eine Form gewesen, als
+daß sie je einen wirklichen Nutzen davon gehabt. Diesen Tribut hatten
+die Hapai-Insulaner in diesem Jahre nicht bezahlt, und auf eine Mahnung
+deshalb die Bewohner von Monui wissen lassen, sie hielten sich nicht
+mehr für daran gebunden. Das Ganze betraf auch in der That nur eine
+religiöse Ceremonie, die auf Monui schon lange abgeschafft worden. Wie
+das aber mit alten Verpflichtungen manchmal so geht, waren diese
+Geschenke noch eine Zeit lang beibehalten, bis es die Hapai-Leute selber
+müde wurden.
+
+Monui allein hätte mit ihnen auch keinen Krieg anfangen können, das
+wußten sie recht gut; jetzt aber, da der tapfere _Tai manavachi_
+Toanonga's Schwiegersohn geworden war, beschlossen die Egis oder
+Häuptlinge, dessen Hülfe in Anspruch zu nehmen und mit Speer und Keule
+das einzutreiben, zu dessen Besitz sie sich berechtigt glaubten. Ihrer
+Meinung nach war es ihnen zur Ehrensache geworden, die paar
+Kleinigkeiten nicht aufzugeben; was kümmerte es sie, daß sie um ein paar
+Stück Gnatu und einen Korb voll Wurzeln den Frieden ihres Landes und ihr
+Familienglück in die Schanze schlugen!
+
+Möglich ist dabei, daß sie durch die Verstärkung der sechs Papalangis
+auf ihrer Insel noch mehr in ihrem kriegerischen Entschluß bestärkt
+wurden. Von einem Wallfischfänger, der vor einigen Monaten bei ihnen
+angelegt, hatte Toanonga zugleich mit einigem Handwerkszeug auch mehrere
+Musketen und Munition dazu eingehandelt, und allerdings konnten ihm da
+die Weißen, die mit solchen Waffen ordentlich umzugehen wußten, eine
+wichtige Hülfe leisten. Als jenes Schiff anlegte, wußte der alte schlaue
+Häuptling, außer dem Schotten, alle seine Gefangenen fern davon zu
+halten. Er ließ auch gar kein Boot ans Ufer, sondern trieb den
+Tauschhandel, nur von Mac Kringo begleitet, durch seine Canoes.
+
+So wurden denn jetzt auf Monui die Kriegsrüstungen mit möglichstem Eifer
+betrieben, und ein Canoe war schon an _Tai manavachi_ abgeschickt
+worden, ihn zu einer bestimmten Zeit nach Hapai zu bestellen, auf welche
+Insel sie ihre Angriffe vereint machen wollten. Die sechs Europäer
+hatten indeß ihre Wohnungen auf Monui so zerstreut angewiesen bekommen,
+daß sie einander nur selten zu sehen bekamen. Mac Kringo und Lemon
+behielt Toanonga jedoch, wie schon früher erwähnt, in seiner Nähe. Mac
+Kringo lebte überhaupt dabei am unabhängigsten, da er sich wohlweislich
+für einen Egi seines Schiffes ausgegeben.
+
+In der That hätte er auch mit dem neulich dort angelaufenen
+Wallfischfänger wieder in See gehen können; denn so bald er es verlangt,
+würde ihn der Capitain schwerlich ausgeliefert haben. Einesteils mochte
+er aber die Kameraden nicht im Stich lassen, und anderntheils war ihm
+das bequeme, müßige Leben am Lande noch viel zu neu, um es gleich wieder
+mit der harten Arbeit am Bord eines Wallfischfängers zu vertauschen. In
+den letzten Monaten aber, und besonders seit er erfahren, daß sie sich
+alle mit an einem Kriegszuge betheiligen sollten, bei dem sie nicht das
+mindeste Interesse hatten und ihr Leben um nichts aufs Spiel setzen
+mußten, fing er doch an, sich wieder hier fort zu sehnen, und bereute
+schon, die letztgebotene Gelegenheit nicht benutzt zu haben.
+
+Alle Matrosen machen es so, besonders die in der Südsee kreuzenden. So
+lange sie an Bord sind, verwünschen sie ihr Schicksal, fühlen eine
+ungeheure Sehnsucht nach festem Lande und benutzen regelmäßig die erste,
+beste Gelegenheit, zu desertiren. So wie sie aber eine Weile auf dem
+festen Lande gelebt haben, auf das sie sich vorher so sehr gewünscht,
+wird ihnen die Sache langweilig, und sie ruhen nicht, bis sie wieder das
+Deck eines Fahrzeuges unter den Füßen fühlen.
+
+Mac Kringo besonders hatte sich in der letzten Zeit viel mit allerlei
+Planen zu ihrer Flucht beschäftigt, die aber jetzt viel schwieriger
+auszuführen schienen, als je. Da die Insulaner nämlich einen Überfall
+auf Hapai beabsichtigten, und die Drohung, den Tribut von dort
+gewaltsam einzufordern, schon hinüber gesandt hatten, mußten sie auch
+von daher ein Gleiches fürchten, und bewachten deshalb alle
+Landungsplätze Tag und Nacht auf das Sorgfältigste. Wie sollte da ein
+Canoe unbemerkt, unverfolgt entkommen?
+
+Der Schotte gab übrigens deshalb die Hoffnung nicht auf, und war
+ziemlich fest entschlossen, die erste passende Gelegenheit zu benutzen.
+So schlenderte er eines Tages durch die Berge der nicht sehr großen aber
+wunderschönen Insel, und zwar in der Absicht, den höchsten Gipfel ihrer
+Anhöhen zu besteigen und von dort aus zu schauen, ob er nicht in irgend
+einer Richtung hin eine andere Insel erkennen könne. Gelang es ihnen
+nur, auf eine solche zu entkommen, wo sie nicht mehr als gekaufte
+Gefangene betrachtet wurden, so durften sie von dort auch weit eher
+hoffen, entweder von einem Schiff erlöst zu werden oder vielleicht in
+einem Canoe Neuseeland oder Australien zu erreichen.
+
+Der Schotte konnte seinen Weg ziemlich ungehindert verfolgen, denn Monui
+war noch nicht so durch die aus Brasilien nach diesen Inseln gebrachten
+Guiaven-Büsche überwuchert worden, wie es einige der Gesellschafts-Inseln
+sind. Die schlanken Palmen und andere hochstämmige Waldbäume hielten
+hier das kleine Holz noch ziemlich unter, und die Wälder in der Nähe des
+Strandes waren verhältnißmäßig licht. Erst auf den Höhen wurden die
+Büsche dichter, und als Mac Kringo einmal die verschiedenen Anpflanzungen
+von süßen Kartoffeln und Yams im Rücken hatte, mußte er sich schon
+sorgfältiger seinen Weg suchen.
+
+Da hörte er plötzlich, in nicht gar weiter Entfernung von sich, die
+regelmäßigen Schläge eines Beils, denen er eine Weile horchte, denn er
+hatte keine besondere Lust, hier mit einem Eingeborenen zusammen zu
+treffen. Das anhaltende Arbeiten des Holzhackenden überzeugte ihn aber
+bald, daß das kein Indianer sei, und ziemlich erfreut, einen seiner
+Kameraden da zu finden, drängte er sich rasch durch das Gebüsch der
+Richtung zu, von der das Geräusch herüber tönte.
+
+Er hatte sich auch nicht geirrt; denn vorsichtig aus einem kleinen
+Dickicht herausschauend, erkannte er bald seinen früheren Kameraden
+Jonas, und zwar emsig beschäftigt, einen starken, hochstämmigen Baum zu
+fällen.
+
+»Hallo! Jonas!« rief er ihn endlich an, nachdem er dem Eifrigen eine
+kleine Weile zugeschaut, »du arbeitest ja, als wenn du die Geschichte im
+Accord hättest.«
+
+»Lord Douglas! so wahr ich lebe!« rief der Matrose erfreut, indem er
+seinen alten Kameraden erkannte. »Wo kommst du her, mein Bursche? Es ist
+eine halbe Ewigkeit, daß wir einander nicht gesehen haben, und es thut
+dem Auge ordentlich wohl, eine weiße Haut unter diesen Rothfellen zu
+treffen. Jetzt kann man doch wieder einmal ein vernünftiges Wort
+Englisch sprechen, denn die Zunge habe ich mir schon fast mit dem
+Radebrechen ihrer vermaledeiten Sprache abgedreht.«
+
+»Aber du siehst gut aus!« rief ihm der Schotte entgegen. »Das Leben als
+glücklicher Familienvater scheint dir vortrefflich zu bekommen! Wie
+befinden sich die jungen Jonasse?«
+
+Der Matrose antwortete mit einem lästerlichen Fluche.
+
+»Da kannst du auch noch lachen?« setzte er dann hinzu, »aber es ist
+wahrhaftig ein Scandal, einem ehrlichen Christenmenschen eine solche
+dunkelbraune Ehehälfte und ein Nest voll junger Heiden aufzuhängen.
+Verdammt will ich sein, wenn ich das diesem alten, wackeligen Toanonga
+nicht gedenke.«
+
+»Hast du nichts von Legs gehört?« fragte der Schotte.
+
+Jonas lachte.
+
+»Das ist das Einzige, was mich noch tröstet,« schmunzelte er mit einem
+breiten Grinsen über das Gesicht: »der großmäulige kleine Bursche ist
+noch schlimmer angekommen als wir.«
+
+»Und wie verträgt er sich mit seinen Frauen? Er muß ja doch in deiner
+Nähe wohnen?«
+
+»Ja wohl, unsere beiden Häuser stehen kaum fünfhundert Schritt aus
+einander,« lachte Jonas, »und ich habe in der ersten Zeit immer ganz
+genau hören können, wenn er sich mit seiner Familie unterhielt.«
+
+»Und jetzt nicht mehr?«
+
+»Jetzt haben sie ihn unter. Die ersten Wochen prügelte er seine Frauen
+abwechselnd, und, wie ich glaube, nach jeder Mahlzeit, wahrscheinlich um
+sich etwas Bewegung zu machen. Das bekamen sie aber bald satt, und
+nahmen sich Hülfstruppen ins Haus. Ein ganzer Schwarm Vettern und Basen,
+und was weiß ich, wer sonst noch! quartierte sich bei ihm ein und zehrte
+von ihm, und als er die eines schönen Morgens hinauswerfen wollte,
+fielen sie über ihn her und prügelten ihn, von den beiden Frauen redlich
+dabei unterstützt, windelweich. Ich hörte den Lärm und lief hinüber; da
+man sich aber nicht in fremde Familienstreitigkeiten mischen soll,
+störte ich sie auch nicht in ihrem Vergnügen und ging wieder zu Hause.
+-- Was macht denn Lemon?«
+
+»Lemon,« sagte der Schotte, »kommt aus dem grimmigsten Ärger gar nicht
+heraus, aber nur deshalb, weil es ihm so gut geht, und er gar nicht
+weiß, worüber er vernünftiger Weise schimpfen =könnte=. Er hat mir noch
+heute Morgens versichert: er wollte lieber auf dem schmierigsten
+Wallfischfänger Tag und Nacht Thran auskochen, ehe er noch acht Tage auf
+der Insel bliebe.«
+
+»Und wenn wir heute wieder an Bord säßen, wäre er der Erste, der sich
+fortwünschte. Weißt du nichts von Pfeife?«
+
+»Keine Silbe. Seit sechs Monaten, glaube ich, habe ich den mit keinem
+Auge gesehen.«
+
+»Und wo steckt Spund?«
+
+»Spund wohnt auch eine Strecke von uns entfernt, kommt aber doch
+manchmal hinauf, da er für den Alten zu arbeiten hat. Er beschäftigt
+sich übrigens jetzt eifrig mit der Bekehrung seiner Familie, die er
+absolut zu Christen machen will, und behauptet: der liebe Gott hätte ihn
+nur zu dem Zweck auf die Insel gesetzt, den Heiden das Evangelium zu
+bringen. Auch mit dem alten Toanonga hat er schon ein paar Versuche
+gemacht, der ist aber so zäh wie Leder und läßt sich auf nichts ein.
+Wie das Schiff neulich da war, ruhte Spund sogar nicht eher, als bis ich
+ihm eine Bibel von Bord mitbrachte.«
+
+»Ein Schiff war da?« rief Jonas erstaunt, »und davon haben wir kein Wort
+erfahren?«
+
+»Ja, der Alte hat sich wohl gehütet, daß Ihr's gewahr wurdet!« lachte
+der Schotte. »Die Boote durften nicht einmal an's Land, womit der
+Capitain auch vollkommen einverstanden schien; denn er fürchtete
+wahrscheinlich, daß ihm welche von seinen Leuten durchbrennen würden.
+Lemon ist übrigens mit dem Schiff der schlimmste Streich passirt, denn
+er hat Schmiedewerkzeug gekriegt, und soll nun arbeiten und kann nicht.
+Das Einzige, was er mit Mühe und Noth fertig bringt, sind Pfeilspitzen,
+die er gar kläglich aus Nägeln zurecht hämmert.«
+
+»Hör' einmal, Lord Douglas,« sagte er da, nachdem er eine Weile
+stillschweigend vor sich hingesehen, »ich glaube doch beinahe, daß wir
+damals mit dem -- mit dem Feuer, du weißt schon -- einen dummen Streich
+gemacht!«
+
+»Je weniger wir dann davon reden, desto besser ist's,« meinte der
+Schotte, »denn geschehene Dinge sind nun einmal nicht zu ändern. Was
+hatten wir denn auf dem blutigen Blubberkasten, daß wir nicht, wenn
+wir's hier einmal satt bekommen, auf jedem anderen Schiffe eben so gut
+wiederfinden?«
+
+»Das ist schon wahr, und wenn wir's hätten haben können, wie wir's uns
+im Anfang gedacht, wär' ich der Letzte, der die Veränderung bereute;
+aber gleich als Versorger von einer Frau und vier Kindern hingestellt zu
+werden, das heißt die Häuslichkeit doch ein Bißchen übertreiben. Wer
+steht uns außerdem dafür, daß wir nicht, wenn ihnen hier wieder ein halb
+Dutzend Ehemänner wegsterben, vielleicht noch Jeder ein oder zwei Frauen
+zugelegt bekommen, und dann sieh Legs an, wie's dem jetzt geht! -- Hast
+du denn schon von dem neuen Kriegszug gehört?«
+
+»Gewiß; sie rüsten schon mit aller Macht, und die Geschichte wird
+nächstens losgehen.«
+
+»Na, ja,« sagte Jonas, »und wir sollen auch dabei sein und unsere Haut
+zu Markte tragen; das ist aber gegen den Contrakt, und ich müßte mich
+sehr irren, wenn ich nicht gerade in der Zeit sterbenskrank würde.«
+
+»Hallo! ein Segel!« rief da Mac Kringo plötzlich, der, während Jonas
+sprach, durch die Büsche hin auf das Meer hinausgesehen hatte. »Das
+Weiße dort drüben =muß= ein Segel sein!«
+
+»Gewiß ist das ein Segel!« bestätigte Jonas, nachdem er eine Weile --
+seine Augen mit der Hand gegen die Sonne schützend -- nach der
+angedeuteten Richtung hinausgeschaut hatte.
+
+»Das muß aber noch weit sein, denn es kommt mir so klein vor. Kannst du
+ausmachen, nach welcher Richtung es steht?«
+
+»Spitz jedenfalls, und am Ende nach uns zu, denn wenn es hier
+vorbeigesegelt wäre, hätten wir es schon früher sehen müssen. -- Das
+kann auch kein Wallfischfänger sein, man kann ja den ganzen Rumpf
+erkennen, und doch zeigt er nicht viel Segel.«
+
+»Am Ende ist das einer der kleinen Schooner,« sagte der Schotte, »die
+zwischen den Inseln herumkreuzen und Cocosöl und Perlmutterschalen
+eintauschen. Das wäre am Ende eine Gelegenheit, von hier fortzukommen.«
+
+»Aber wer weiß, wie wir es nachher finden?« meinte Jonas, »und solche
+kleine Fahrzeuge haben auch selten viel Platz an Bord. Ja, wenn man
+wüßte, daß man damit nach Australien könnte! Dort soll ein tüchtiger
+Arbeiter in ein paar Jahren ein reicher Mann werden.«
+
+»Auf einen Wallfischfänger gehe ich nicht wieder, so viel weiß ich,«
+sagte der Schotte; »hol' der Teufel das Hundeleben, die Pferdearbeit,
+und die Capitaine, die wahrhaftig gar nicht wissen, wie sie einen
+armen Teufel von Matrosen nur genug quälen und schinden sollen!«
+
+»Wahrhaftig, das Schiff hält gerade auf uns zu!« rief jetzt Jonas, der
+indessen keinen Blick von dem fernen Segel verwandt hatte. »Hinunter
+möchte ich doch jedenfalls, wenn es vielleicht ein Boot ans Land
+schickte.«
+
+»Hör einmal, Jonas, ich will dir was sagen,« meinte der Schotte, nachdem
+beide eine Weile schweigend das ansegelnde Fahrzeug betrachtet hatten.
+»Wozu ich selber Lust habe, weiß ich in dem Augenblicke selbst noch
+nicht, und um zu einem Entschluß zu kommen, muß man natürlich doch erst
+wissen, was das für ein Fahrzeug ist und wohin es geht. Jedenfalls
+wollen wir aber unten in der Nähe sein, wenn es wirklich landet oder
+wenigstens ein Boot herüberschickt; denn in die Corallenriffe wird es
+sich keinesfalls hereingetrauen. Wann glaubst du, daß es heran sein
+kann?«
+
+»Heute Abend kaum mehr,« sagte Jonas, »der Wind ist fast ganz
+eingeschlafen, und es kann nur langsam vorwärtsrücken. Hat es übrigens
+Lust, Monui anzulaufen, so können wir uns fest darauf verlassen, daß es
+morgen früh mit Tagesanbruch vor den Riffen liegt.«
+
+»Gut, dann sei du morgen, gleich nach Tagesanbruch, unten bei Toanonga;
+eine Ausrede wirst du schon finden; bringe aber Legs mit, denn es ist am
+Ende besser, daß wir so viel als möglich von uns beisammen sind.«
+
+»Wenn wir nur wüßten, wo Pfeife steckt!«
+
+»Den hat der Alte jedenfalls in die Nähe der Canoes gesetzt,« sagte Mac
+Kringo, »das Segelwerk derselben in Ordnung zu bringen, und Spund wird
+dort wohl mit ihm zusammengekommen sein. Spund sehe ich aber jedenfalls
+heute Abend, denn Toanonga hat ihn hinbestellt, etwas mit ihm zu
+besprechen.«
+
+»Verstehen sie denn einander?«
+
+»Vortrefflich! Spund, in der festen Überzeugung, daß er die Leute hier
+bekehren muß, hat das Unglaubliche geleistet und spricht die Sprache
+schon fast so gut wie ich; dem Alten wird er aber langweilig, weil er
+ihn nie zufrieden läßt.«
+
+»Seit wann ist denn da die Frömmigkeit bei ihm zum Durchbruch gekommen?«
+
+»Ach, du weißt ja,« lachte der Schotte, »daß er uns schon immer am Bord
+Predigten gehalten hat; es ist einmal seine schwache Seite. Aber ich
+will machen, daß ich wieder hinunter komme, denn er möchte früher dort
+sein, und ich finde ihn nachher nicht mehr.«
+
+»Wird aber der Alte nichts merken, wenn wir dort alle zusammentreffen?«
+fragte Jonas.
+
+»Hm!« meinte der Schotte, »besser ist es freilich, wir lassen uns nicht
+gleich alle zusammen sehen, wenn wir nur in der Nähe sind. Legs mag
+deshalb auf die Landspitze hinaus gehen, wo wir damals die Woche
+gesessen haben, und dorthin soll Spund auch Pfeife schicken, wenn er ihn
+auftreiben kann. Wir Übrigen müssen dann sehen, wie wir uns am besten in
+der Nähe halten. Wirst du übrigens fortgeschickt, so widersprich nicht,
+sondern geh' in den Wald hinein, als ob du nach Hause wolltest, und sieh
+dann zu, daß du ebenfalls unbemerkt zu den Andern auf die Landspitze
+kommst.«
+
+»Und sollen wir Waffen mitbringen?«
+
+»Wenn es =heimlich= geschehen kann, ja! Man weiß nie, was vorfällt; die
+Eingeborenen gehen ja auch jetzt alle schwer bewaffnet umher; aber je
+weniger ihr euch damit sehen laßt, desto besser ist es.«
+
+»Gut, das wäre also abgemacht. Auf Wiedersehen morgen! Hol's der Teufel!
+es ist doch endlich einmal eine Abwechselung in diesem so verzweifelt
+langweiligen Leben. Ob wir nun dableiben oder nicht, jedenfalls können
+wir doch von dem Schiff etwas Tabak bekommen, und ich kann dir
+versichern, ich habe einen ordentlichen Heißhunger darauf.
+Donnerwetter, da fällt mir ein! hast du denn neulich von dem
+Wallfischfänger keinen mitgebracht?«
+
+»Ein verwünscht kleines Stückchen,« sagte zögernd der Schotte. »Die
+Leute waren schon drei Jahre aus, und der Capitain hielt sie furchtbar
+knapp mit Tabak.«
+
+»Hast du welchen bei dir?« fragte Jonas gierig.
+
+»Hm, ich weiß selber nicht einmal -- einen Mund voll höchstens.«
+
+»Junge, Junge! und da läßt du mich hier die ganze Zeit mit trockenem
+Maule stehen! Du wirst doch wahrhaftig mit mir theilen?«
+
+Mac Kringo suchte eine lange Weile in seinen Taschen, endlich brachte er
+ein kleines Stückchen heraus, daß er indessen mühsam von einem größern
+=in= der Tasche abgedreht.
+
+»Das ist alles, was ich noch habe, kaum ein Bissen, aber schneide dir
+die Hälfte herunter, daß du wenigstens einmal wieder den Geschmack davon
+bekommst.«
+
+»Hurrah! Tabak!« schrie Jonas, der das Stück schon vorher mit den
+Blicken verschlang. »Junge, wenn ich meine Familie gegen Tabak und Grog
+eintauschen könnte, so wollte ich mir kein besseres Leben, wie das hier
+auf der Insel, wünschen. Na, vielleicht bekommen wir morgen einen
+ordentlichen Vorrath. So viel weiß ich, ich packe meiner Frau ganze
+Toilette morgen ein, um wenigstens zum Tauschen irgend etwas bei der
+Hand zu haben. Und nun _good-bye_! mit Tagesanbruch morgen früh bin ich
+unten bei Toanonga's Haus.«
+
+Damit winkte er dem Freunde einen kurzen Gruß zu und verschwand bald in
+den Büschen. Mac Kringo verharrte noch eine Weile auf seiner Stelle,
+sich über die Richtung des Segels größere Gewißheit zu verschaffen. Es
+blieb aber bald keinem Zweifel mehr unterworfen, daß es wirklich näher
+kam. Mit =dem= Winde hätte es auch gar nicht von ihnen fortsegeln
+können, und darüber beruhigt, stieg er den Weg zurück ins Thal, den er
+vorher herauf gekommen.
+
+
+2.
+
+Mit Tagesanbruch am nächsten Morgen herrschte an der Landung von Monui
+ein außerordentlich reges Leben und Treiben. Schon gestern Abends hatten
+die Insulaner von ihrem Strand aus das nahende Segel erkannt, und
+Früchte und Gemüse wurden gepflückt und ausgegraben und alle möglichen
+anderen Gegenstände hervorgesucht, um, sobald das fremde Fahrzeug
+herankäme, einen lebhaften Tauschhandel mit ihm zu eröffnen. War doch
+schon vieles, was ihnen die weißen Männer bringen konnten, auf der sonst
+so einfachen Insel zum Bedürfniß geworden, während sie jetzt bei dem
+bevorstehenden Krieg auch noch hofften, mehr Feuerwaffen und Munition
+und damit den gewissen Sieg über die feindlichen Stämme zu erlangen.
+
+Mac Kringo hatte Spund noch am vorigen Abend getroffen und ihm seinen
+Plan mitgetheilt. Zu seinem Erstaunen schien der würdige Bursche aber
+nicht die mindeste Lust zu haben, darauf einzugehen. Seit er nämlich die
+Bibel erhalten und fleißig darin gelesen hatte, war das, was bei ihm
+früher nur eine Art von stiller Neigung gewesen, zur wirklich fixen Idee
+geworden, daß er nämlich berufen sei, diese Heiden zu Christen zu
+machen.
+
+Vergebens suchte ihm der Schotte eine solche Idee auszureden und ihm
+begreiflich zu machen, daß er ganz gewiß ein tüchtiger Matrose und
+Böttcher sei, höchst wahrscheinlich aber einen nur sehr mittelmäßigen
+Prediger abgeben würde. Spund ließ sich nicht irre machen; entgegnete,
+daß Petrus auch nur ein Fischer gewesen sei, also auch nicht einmal ein
+Böttcher, und Alles nur eben auf den Beruf ankomme. Dabei war er fest
+überzeugt, daß ihr Schiff, die »_Lucy Walker_,« nur seinetwegen
+verbrannt sei, um ihn hier, an dieser für ihn bestimmten Stelle
+festzuhalten, und die Übrigen -- Mac Kringo wie die anderen Kameraden --
+konnten Gott danken, daß sie mit ihm in einem Boote gewesen seien, sonst
+wären sie auch zu Grunde gegangen.
+
+Über den Brand des Fahrzeuges hätte ihm nun allerdings der Schotte einen
+besseren Aufschluß geben können, und schien einmal nicht übel Lust dazu
+zu haben, überlegte sich aber doch die Sache anders und schwieg.
+Vergebens waren aber alle Versuche seinerseits, den Kameraden von dem
+einmal gefaßten Vorsatz abzubringen. Nur dazu verstand er sich, ihren
+Planen, wenn sie wirklich fliehen wollten, kein Hinderniß in den Weg zu
+legen, ja, sie eher nach besten Kräften zu fördern. Und das geschah noch
+in seinem eigenen Interesse; denn von dem Christenthum der Kameraden
+hielt er außerordentlich wenig und fürchtete eher, in seinen neuen und
+frommen Planen durch die Anderen gestört und verspottet zu werden. Je
+früher sie also die Insel verließen und ihm das Feld räumten, desto eher
+durfte er hoffen, ein Resultat zu erreichen.
+
+Das Fahrzeug war indessen mit der frischen Morgenbrise rasch näher
+gekommen, und es ließ sich jetzt deutlich erkennen, daß es keineswegs
+ein großer Wallfischfänger, sondern, wie die beiden Matrosen gestern
+Abends richtig gesehen hatten, nur ein kleiner Schooner von vielleicht
+hundert oder hundertzwanzig Tonnen war. Im Anfang hatten die Insulaner
+auch ihre Canoes bereit gehalten, mit denen sie das fremde Fahrzeug
+anlaufen wollten, und Mac Kringo überlegte sich schon dabei, ob es in
+dem Falle nicht möglich sein würde, ein Canoe selbst mit Gewalt zu
+nehmen und einen offenen Fluchtversuch zu wagen. Da änderten die
+Indianer plötzlich ihren Plan. So wie das Fahrzeug nahe genug kam, die
+Stärke desselben deutlich erkennen zu können, hatte Toanonga seine Egis
+zu einer raschen Berathung zusammenberufen. Die Unterredung mußte auch
+sehr wichtig sein, denn sie besprachen sich lange und heimlich mit
+einander, und als sich ihnen der Schotte nähern wollte, wurde er
+zurückgewiesen.
+
+Das sah nun allerdings aus, als ob die Indianer etwas im Schilde
+führten; aber was konnten sie beabsichtigen? einen offenen Angriff? Ihre
+Canoes lagen sämmtlich in einer kleinen, durch Mangrove-Büsche
+geschützten Bai, um aber mit ihnen hinaus in See zu kommen, mußten sie
+über das offene, wohl eine halbe Stunde breite Binnenwasser, das
+zwischen den Corallenriffen und dem Ufer lag, und nur ein einziger
+schmaler Weg blieb ihnen durch die Riffe und die darüber stürzende
+Brandung ins Freie. Das fremde Fahrzeug hätte also in einem solchen
+Falle entweder Zeit genug behalten, sich gegen einen solchen Angriff zu
+rüsten oder demselben auch, mit der jetzt frisch wehenden Brise, leicht
+entgehen können.
+
+Das schien aber auch nicht in der Absicht der Eingeborenen zu liegen,
+denn ihre Canoes wurden nicht gerüstet. Nur ein einzelnes, ganz kleines
+ruderte, von zwei Insulanern bemannt, hinaus, der Einfahrt zu.
+
+Bis jetzt hatte sich nun allerdings Mac Kringo als Dolmetscher der Insel
+betrachtet, und daß Toanonga diesmal seine Hülfe nicht in Anspruch
+nehmen wollte, machte ihn stutzig. Jedenfalls aber bekam er dadurch
+einen Vorwand, den alten Häuptling nach der Ursache zu fragen, und ging
+deshalb langsam auf ihn zu. Hatte er ein Geheimniß, so wollte er es bald
+aus ihm heraus bekommen.
+
+Jonas war vor einer Viertelstunde, der gestrigen Verabredung gemäß,
+richtig eingetroffen, von dem Alten aber augenblicklich wieder
+fortgeschickt worden und befand sich jetzt mit Legs auf der Landzunge
+und ziemlich in der Nähe. Nur von Pfeife hatte der Schotte nichts
+erfahren können. Spund wußte seiner Aussage nach allerdings die Stelle,
+wo seine Wohnung stand, wollte ihn aber in den letzten vier Wochen mit
+keinem Auge gesehen haben und behauptete nur, daß er einige Mal längere
+Unterredungen mit Toanonga selber gehabt.
+
+Der alte Häuptling saß wie gewöhnlich vor seiner Hütte und nickte dem
+Schotten, als er ihn kommen sah, freundlich und herablassend zu.
+
+»Willst du keinen Handel mit dem Schiff treiben, Toanonga?« fragte ihn
+dieser, als er, neben ihm angekommen, sich bei ihm niedergelassen hatte.
+»Brauchst du keinen Tabak und keine Beile mehr?«
+
+»Je nun, Ma Kino,« schmunzelte der Alte, »können immer Alles gebrauchen.
+-- Wenn Papalangis aber mit Toanonga handeln wollen, mögen sie selber
+herüberkommen.«
+
+»Aber ein Canoe ist doch schon zu ihnen hinübergefahren.«
+
+»Ja,« sagte der Alte gleichgültig, »habe es auch gesehen; sind
+neugierige junge Leute, die vielleicht einmal zuschauen wollen, was die
+Papalangis an Bord haben.«
+
+Mac Kringo wußte recht gut, daß sich der Alte nur so stellte, als ob
+jenes Canoe aus freien Stücken dort hinüber gefahren sei. Ohne seine
+Erlaubniß durfte nämlich gar kein Fahrzeug das Binnenwasser verlassen,
+mit irgend einem Schiffe Handel zu treiben. Er ließ sich jedoch nichts
+merken und antwortete nur ruhig:
+
+»Sie werden aber nicht verstehen, was die Papalangis zu ihnen sagen.«
+
+»Bah!« lachte der Alte, »ist auch nicht nöthig! was werden die
+Papalangis viel sagen? Aber weißt du, Ma Kino, was das für ein Schiff
+ist? doch keines, das herumfährt, Wallfische zu fangen?«
+
+»Ich glaube kaum,« sagte der Schotte, »und denke eher, daß es zu euch
+kommt Cocosnußöl einzutauschen.«
+
+»Hm, das habe ich mir auch gedacht! Ob sie wohl Kanonen an Bord haben?«
+
+»Jedenfalls,« meinte Mac Kringo, der dadurch alle etwaigen Gelüste des
+Häuptlings auf das Schiff abzuwenden suchte. »Bewaffnet sind derartige
+Schiffe immer gut, denn sie wissen nie, ob sie Freunde oder Feinde auf
+den Inseln finden.«
+
+Toanonga erwiderte nichts hierauf, sondern sah eine Weile nachdenkend
+vor sich nieder; endlich sagte er:
+
+»Wär' ein vortrefflich Ding, wenn wir auch Kanonen hätten; was meinst
+du, Ma Kino? könnten nach Hapai hinüberfahren und die ganze Insel
+wegnehmen. Bum -- bum! wie die Hapai-Burschen laufen würden, wenn
+Toanonga mit solchen großen Dingern zu ihnen käme!«
+
+»Die Papalangis verkaufen nur nicht gern ihre Kanonen,« meinte der
+Schotte, »sie brauchen sie immer selber und können hier keine anderen
+dafür wieder bekommen.«
+
+»Wär' auch gar nicht nöthig,« sagte Toanonga finster, »brauchen hier
+nicht herzukommen und Tonga-Leute todt zu schießen -- Tonga-Leute gehen
+auch nicht zu den Papalangis und fangen dort Krieg an.«
+
+Wieder machte er eine Pause, und Mac Kringo schwieg ebenfalls, da er
+nicht recht wußte, was er ihm darauf erwidern sollte! Jedenfalls merkte
+er aber, daß der Alte etwas auf dem Herzen habe und nur nicht recht mit
+der Sprache herauswollte.
+
+»Sag einmal, Ma Kino,« fuhr da endlich Toanonga fort, »gefällt es dir
+auf Monui?«
+
+»Mir? gewiß!« erwiderte durch die Frage etwas überrascht der Schotte,
+denn bis jetzt hatte sich der alte Häuptling entsetzlich wenig darum
+gekümmert, ob ihnen das Leben dort zusagte oder nicht.
+
+»Und möchtest du wieder hinaus und Wallfische fangen?«
+
+»Ich danke schön, wenn es nicht sein =muß=, gewiß nicht!« lachte der
+Matrose.
+
+Toanonga schien mit der Antwort zufrieden, denn er nickte leise vor sich
+hin.
+
+»Gut,« sagte er dann, »und wenn wir jetzt so ein paar Kanonen und solch
+ein großes Schiff hätten, dann könnten wir's bald noch besser bekommen.
+Wenn Ma Kino mit nach Hapai geht und dort viel Beute macht, kann er sich
+Frauen nehmen, so viel er will, die Mädchen von Hapai sind jung und
+schön.«
+
+»Wo, zum Henker! will der Alte hinaus?« dachte der Schotte. »Hat er doch
+am Ende Absichten auf das Schiff, und sollen wir ihm die Castanien aus
+dem Feuer holen? darin irrst du dich aber, mein Bursche, denn was =du=
+wegschenkst, ist auch gewöhnlich nicht werth, daß man es aufhebt.«
+
+»Pfeife ist ein guter Bursche,« sprang da plötzlich Toanonga auf ein
+anderes Thema über, »und Spund sehr gut, nur ein Bißchen dumm, Jonas
+nicht viel werth, Schmied gar nicht, und Koch ganz schlechter Kerl --
+werde ihm noch zwei Frauen geben, wenn er mit denen nicht Frieden hält.«
+
+Mac Kringo lachte, denn er dachte in dem Augenblicke daran, was ihm
+Jonas gestern Abends erzählt und welche schwere Zeit der arme Legs
+schon jetzt mit seinen Frauen hatte. Die Gelegenheit war aber auch zu
+günstig, etwas von Pfeife's Aufenthalt zu erfahren, und er fragte
+deshalb den Alten, wo er stecke und was er treibe.
+
+»Pfeife,« sagte Toanonga, der nur die Spitznamen der Matrosen erfahren
+hatte und sie danach nannte, »Pfeife geht es sehr gut. Braver Papalangi,
+arbeitet fleißig und macht Segel für die Canoes, und Lemon hilft ihm.«
+
+»Lemon ist bei ihm?« rief Mac Kringo schnell.
+
+Toanonga antwortete ihm nicht darauf, denn seine Aufmerksamkeit wurde in
+diesem Augenblicke zu sehr durch den Schooner in Anspruch genommen.
+Dieser kreuzte jetzt dicht vor den Riffen und hatte gerade das zu ihm
+ausgekommene Canoe langseit genommen. Mac Kringo lag auch nichts daran,
+sich jetzt noch länger hier aufzuhalten, denn er wußte Alles, was er
+wissen wollte, und da Toanonga das Gespräch nicht wieder aufnahm, erhob
+er sich und verließ langsam, als ob er in den Wald wieder
+hineinschlendern wollte, den Platz. Sobald er dem Alten übrigens aus
+Sicht war, eilte er, jeden gebahnten Weg vermeidend, so rasch er konnte,
+der Landspitze zu, auf der er die Kameraden wußte. Diesen mußte er seine
+Vermuthungen mittheilen und gemeinschaftlich mit ihnen einen Plan
+berathen.
+
+
+3.
+
+Mac Kringo hatte geglaubt, seinen Weg ziemlich unbemerkt verfolgen zu
+können. Das, sah er bald, war nicht möglich, denn von allen Seiten kamen
+Insulaner und besonders Frauen herbei, und zwar die letzteren nur aus
+Neugierde, einen so seltenen Gegenstand, wie ein fremdes Schiff, zu
+betrachten. Im Anfange suchte er ihnen auszuweichen, da er aber dadurch
+Verdacht zu erregen fürchtete, folgte er zuletzt dem offenen Fußweg und
+unterhielt sich mit denen, die ihm begegneten. Allerdings wurde er
+einige Male gefragt, warum er nicht am Strand bliebe und wohin er wolle;
+er gab aber ausweichende Antworten und meinte, es würde wohl noch eine
+Weile dauern, bis die Weißen ans Land kämen, und er könne vielleicht
+indessen selber einige Yams aus einem dort in der Nähe liegenden und ihm
+gehörenden Felde holen, um sie nachher gegen Tabak einzutauschen.
+
+So kam er endlich zu dem Gebüsch, das die Landspitze begränzte, und
+einmal dort, traf er auch Niemanden mehr, denn die da draußen stehende
+Hütte lag unbewohnt. Nur die Fischer übernachteten manchmal in
+derselben, wenn sie von dort aus mit der Morgendämmerung auf den Fang
+gehen wollten.
+
+An der bezeichneten Stelle fand er übrigens die ihn schon ungeduldig
+erwartenden Kameraden und zu seiner Freude auch Lemon, den Jonas in der
+Nähe der Canoes angetroffen und dorthin bestellt hatte.
+
+»Donnerwetter! daß ist gut, daß du kommst, Lord Douglas!« schrie ihm
+Legs, der eine mächtige Kriegskeule in der Hand trug, schon von Weitem
+entgegen. »Ich weiß hier ganz in der Nähe ein kleines Canoe, und in
+einer halben Stunde können wir draußen an Bord und in Sicherheit sein.
+Hol' der Teufel das Hundeleben auf der Insel! Ich hab's zum Sterben satt
+und will mein Lebtag an Monui denken.«
+
+»Unsinn!« sagte aber Jonas, »wenn wir jetzt hier mit einem Canoe
+abfahren, schneiden sie uns den Weg ab, ehe wir halb aus der Bai hinaus
+sind, und dann dürfen wir uns nur jeden Gedanken an Flucht vergehen
+lassen.«
+
+»Wo ist Pfeife?« fragte Mac Kringo, »den dürfen wir doch auf keinen Fall
+zurück lassen.«
+
+»Pfeife steckt drüben bei den Canoes,« rief Lemon, »und näht Segel. Da
+müssen wir Spund aber auch mitnehmen, und wenn wir warten wollen, bis
+wir erst alle Sechse einmal zusammen haben, können wir uns auch darauf
+verlassen, daß wir sitzen bleiben.«
+
+»Jungens,« sagte da Mac Kringo, der indessen gesucht hatte, durch die
+dichten Mangrove-Büsche einen Überblick nach der innern Bai zu gewinnen,
+»mit eurem Plane ist es nichts. Da draußen fährt eben das Schiffsboot,
+von dem Canoe begleitet, das heute Morgen hinausgegangen ist, durch die
+Riffe, und das anzurufen, dazu sind wir zu weit entfernt, und es würde
+auch die Insulaner augenblicklich aufmerksam machen.«
+
+»Und weshalb brauchen wir es anzurufen?« rief Legs ärgerlich, »laß die
+immer fahren. Wenn wir nur erst einmal an Bord sind, sollen uns die
+Rothfelle wahrhaftig nicht wieder herunter bringen.«
+
+»Du redest, wie du's verstehst,« erwiderte ruhig der Schotte, »und
+glaubst du denn, Toanonga hat nicht Verstand genug, die Weißen in dem
+Falle als Geißel an Land zu behalten? So wie der merkte, daß wir ihm
+durchs Netz gingen, machte er die Klappe zu und hätte die Anderen fest,
+und der Capitain von dem Schooner wird uns wahrhaftig nicht mit in See
+nehmen und seine eigenen Leute dafür zurück lassen.«
+
+»Dann ist die ganze Geschichte wieder faul!« fluchte Legs; »das kommt
+aber von dem ewigen Trödeln und Berathen her! Erst hat =der= ein
+Bedenken und dann =der=, und dabei bleiben wir richtig jedesmal in der
+Falle sitzen. Das sag' ich euch, wenn sich mir irgend eine Gelegenheit
+zur Flucht bietet, auf euch warte ich nicht, denn mit euren überklugen
+und ewigen Bedenklichkeiten kommt ihr überall zu kurz.«
+
+»Renn' du nur mit dem Kopf gegen die Wand,« sagte Mac Kringo ruhig, »so
+wirst du schon bei Zeiten finden, wo du bleibst. Übrigens sei so gut und
+schrei nicht so, denn wir sind keineswegs so weit vom Wege entfernt, und
+deine und Pfeife's Stimme hört man eine Meile durch den Wald.«
+
+»Na gut,« sagte Legs, der Warnung jedoch Folge leistend und nicht so
+laut als vorher, »wenn du denn so genau weißt, was wir thun und lassen
+müssen, so erzähl' uns auch jetzt, was nun werden soll und was du im
+Sinne hast!«
+
+»Ja, wenn ich überhaupt etwas im Sinne hätte!« entgegnete Mac Kringo,
+»darüber scheinen wir allerdings einig zu sein, daß wir hier fort
+wollen, um auf irgend einer andern Insel als freie Männer auftreten zu
+können. Ob das aber mit diesem Schiffe geschehen kann, ist noch die
+Frage. Wir wissen ja nicht einmal, ob der Capitain Platz für uns an Bord
+und überhaupt Lust hat, sich mit uns einzulassen. Manche dieser Herren
+sind verdammt mißtrauisch, und hüten sich, besonders in der Nähe von
+Australien, englische Matrosen in größerer Zahl aufzunehmen. Sie trauen
+nicht, ob es nicht am Ende statt verunglückter oder entlaufener Seeleute
+entsprungene Sträflinge aus den dortigen Colonien sind.«
+
+»Ja, wozu sind wir aber dann hier zusammengekommen?« rief Lemon. »Wenn
+wir nicht wenigstens einen Versuch machen, fährt das Boot wieder ab, und
+wir bleiben so klug wie vorher.«
+
+»Lord Douglas steckt überhaupt immer voller Plane, aus denen nie etwas
+wird!« rief Legs ärgerlich. »Wie klug konnte er damals sprechen, als die
+_Lucy Walker_ noch hier lag! und wäre das Feuer nicht da zufällig
+ausgebrochen, so schwämmen wir jetzt wieder ganz ruhig mit dem alten
+Kasten im Eismeer umher und ruderten mit Fausthandschuhen hinter
+schmierigen Wallfischen drein.«
+
+»Ja, aber« ... wollte Jonas etwas darauf entgegnen, der Schotte
+unterbrach ihn jedoch und sagte:
+
+»Wenn wir mit dem Maul hier wegzubringen wären, Legs, dann glaube ich
+allerdings, daß du uns allein helfen könntest. Jetzt aber sei so gut und
+laß uns mit deinem Unsinn zufrieden, und hört erst einmal meinen
+Vorschlag. Wißt ihr dann was Besseres, so soll es mich freuen, ich bin
+gern erbötig, euch Folge zu leisten.«
+
+»Na, da komm endlich einmal klar, und reib' nicht so lange auf dem Sand
+herum!« rief Lemon; »die Zeit vergeht, und wir haben wahrhaftig keine
+übrig.«
+
+»So hört,« sagte Mac Kringo, »ich muß vor allen Dingen jetzt zum Alten,
+um dort zu dolmetschen, wenn die Fremden nichts von der Tonga-Sprache
+verstehen. Dort will ich mit dem Steuermann oder wer nun gerade an Land
+gekommen ist, schon Gelegenheit finden, ein paar Worte allein zu
+sprechen. Wollen sie uns mitnehmen, dann findet sich auch eine
+Gelegenheit, fortzukommen, und in dem Fall habe ich selber nichts
+dagegen, daß wir es zum Äußersten treiben und Gewalt brauchen, wenn wir
+eben auf keine andere Weise fortkommen können. Können sie uns freilich
+nicht mitnehmen, dann bleibt es für uns das Beste, uns so ruhig wie
+möglich zu verhalten. Jeder geht nachher wieder seiner Beschäftigung
+nach, und wir warten eine günstige Gelegenheit ab.«
+
+»Doch wie dem auch sei, von da drüben werde ich euch ein Zeichen geben,
+damit ihr wißt, was ihr zu thun habt. Seht ihr jene in die Bai
+auslaufende spitze Corallenbank, auf der ein einzelner Pfahl steckt? --
+=Die= behaltet im Auge. Rudert das Boot dorthin, und winken sie euch
+von Bord aus, so gilt das als ein Zeichen, daß sie uns mitnehmen können,
+dann kommt so rasch ihr könnt an die Landung, bringt auch irgend eine
+Waffe mit, im Nothfall unseren Weg mit Gewalt zu erzwingen. Bekommt ihr
+aber von dem Boot =kein= Zeichen, dann heißt das so viel, daß sie uns
+nicht haben wollen, und dann versteht es sich von selbst, daß wir für
+jetzt jeden Fluchtversuch aufgeben.«
+
+»Das klingt doch endlich einmal wie Vernunft,« brummte Legs. »Nun mach'
+aber, daß du fortkommst, denn mir brennt der Boden schon unter den
+Füßen. Ha, ha, ha, wie sich meine Familie freuen wird, wenn ich heute
+nicht zum Essen komme.«
+
+»Und was wird aus Pfeife?« fragte Jonas.
+
+»Ihr habt ja Zeit genug, dem unsern Plan mitzutheilen,« entgegnete der
+Schotte; »kommt ihr mit dem Canoe, so nehmt ihn ein; im andern Falle
+sagt ihm nur Bescheid, aber kommt mir nicht Alle in einem Klumpen,
+sondern vertheilt euch hübsch, daß die Insulaner nichts merken. Es muß
+aussehen, als ob ihr nur zufällig an den Strand kommt. Und jetzt
+_good-bye_! wenn das Glück gut geht, sehen wir uns vielleicht an Bord
+wieder!«
+
+Toanonga hatte indessen in aller Ruhe der Ankunft eines Bootes von dem
+fremden Fahrzeug entgegengesehen, und an ihm bemerkte man nicht das
+Geringste von der Aufregung, die unter den Egis selber zu herrschen
+schien. Daß diese dagegen etwas Besonderes und Außergewöhnliches
+erwarteten, war augenscheinlich. Waffen wurden herbeigebracht und in der
+Nähe versteckt, und in Toanonga's Hause selber die bis dahin
+eingepackten Musketen hervorgesucht und geladen, ohne daß sich jedoch
+der alte Häuptling im Geringsten selbst darum bemüht hätte. Er ließ das
+alles seine Häuptlinge besorgen, und wenn man ihn so dasitzen sah, würde
+man kaum geglaubt haben, daß all das thätige Leben um ihn her nur einzig
+und allein von ihm selber ausgegangen sei.
+
+Um die Papalangis hatte sich indessen Niemand bekümmert, und eigentlich
+war es Toanonga ganz recht, daß sie sich gerade jetzt nicht am Strand
+befanden. Spund allein kam endlich langsam dort herauf geschlendert, und
+ohne sich an die geheimnißvolle Geschäftigkeit der Insulaner zu kehren
+oder selbst besonders auf das Schiff zu achten, das ihn doch eigentlich
+hätte interessiren müssen, schien er ein ganz anderes Ziel im Auge zu
+haben.
+
+Feierlich schritt er auf den alten Häuptling zu, mit dem er sich in
+seiner Sprache schon recht gut unterhalten konnte. Wenn es auch manchmal
+ein wenig verkehrt herauskam, verstand doch Toanonga immer, was er
+eigentlich sagen wollte.
+
+»Ah Spund,« redete ihn der Häuptling freundlich an, »es ist gut, daß du
+gerade kommst. Ma Kino steckt wer weiß wo im Busch, und wenn Papalangis
+ans Land kommen, muß doch Jemand da sein, der mit ihnen spricht;
+Papalangis schrecklich dummes Volk! müssen erst immer zu Tonga-Inseln
+kommen, um die Sprache zu lernen!«
+
+Spund ließ sich ohne Weiteres neben dem alten Häuptling nieder und
+sagte.
+
+»Ja, Toanonga, Papalangis mögen in Manchem dumm sein, aber sie haben
+doch wenigstens den rechten Glauben.«
+
+»Glauben? Glauben haben wir auch!« sagte Toanonga. »Ich glaube, daß da
+drüben von dem fremden Schiff gerade jetzt ein Boot abstößt und zu uns
+herüber kommen wird.«
+
+Spund seufzte tief auf.
+
+»Ach,« stöhnte er, »daß du nur immer an irdische Dinge denken willst,
+Toanonga! Weißt du denn, was uns bevorsteht, wenn wir plötzlich
+sterben?«
+
+»Sterben? wer denkt an Sterben!« lachte Toanonga. »Wenn das kommt, ist
+es Zeit genug, und dann gehen wir hinüber nach Bolutu[33] und werden
+Hotuas.«
+
+»Ja, Hotuas!« ächzte Spund, »man wird euch behotuan! Sieh, Toanonga!«
+setzte er dann gutmüthig hinzu, »du bist sonst ein braver Mann, und ich
+mag dich gern leiden, und deshalb thut es mir immer leid, wenn ich dich
+ansehe, und weiß, in welcher entsetzlichen Gefahr du schwebst.«
+
+»Gefahr?« sagte der alte Häuptling, und sah rasch und mißtrauisch in die
+Augen des Seemannes, »und was weißt du von Gefahr?«
+
+»Ich weiß, was hier in dem Buche steht,« sagte Spund, auf die Bibel
+zeigend, die er sorgfältig unter dem linken Arme trug. »Und daß wir
+einmal an einen sehr bösen Platz kommen, wenn wir uns hier nicht zum
+rechten Glauben bekehren.«
+
+»So?« lächelte Toanonga, vollkommen beruhigt, denn die
+Bekehrungsversuche des Matrosen hatten ihn bisher außerordentlich
+gleichgültig gelassen. Er selber versuchte übrigens nie einen der Weißen
+zu der Annahme seines eigenen Glaubens zu bewegen, weil er sich nicht
+denken konnte, daß Papalangis auf Bolutu zugelassen würden. Was hätte es
+ihm also geholfen, seine Zeit damit zu vergeuden? Seine augenscheinliche
+Gleichgültigkeit gegen die Schrecken nach dem Tode reizte den Matrosen
+aber nur noch mehr, ihm nachdrücklich in das Gewissen zu reden, und das
+Buch vor sich auf die gekreuzten Beine legend, rief er aus:
+
+»So? du sagst ganz ruhig: so? wenn wir aber sterben, werden wir nicht
+mehr =so= sagen; dann kommen wir an einen Ort, wo da ist Heulen und
+Zähneklappern und ein schreckliches Feuer, in dem wir gebrannt werden
+von Ewigkeit zu Ewigkeit.«
+
+»Ist das euer Glaube?« fragte Toanonga, »und kommen die Papalangis
+wirklich an solchen Platz?«
+
+»Allerdings!« rief Spund, der jetzt endlich des Häuptlings
+Aufmerksamkeit dahin gelenkt hatte, wohin er sie haben wollte. »Wenn wir
+nicht fromm und gottesfürchtig auf dieser Erde leben, wenn wir nicht an
+Gott glauben, wenn wir sündhafte, schlechte Menschen sind und uns nicht
+zu dem bekennen, was in diesem Buche steht, dann erleiden wir furchtbare
+Strafen, Strafen, wo einem jetzt schon die Haut schaudert, wenn man nur
+daran denkt. Und was sagst du nun, Toanonga?«
+
+Der alte Häuptling hatte ihm aufmerksam zugehört und nickte dabei
+langsam mit dem Kopfe.
+
+»Hm, hm, hm!« sagte er dann, »=das ist sehr schlimm für Papalangis!=«
+
+»Für Papalangis?« rief Spund überrascht, den diese Wendung ganz außer
+Fassung brachte.
+
+Toanonga deutete aber mit ausgestreckten Armen auf die Bai, auf der das
+Boot der Weißen jetzt, von einem Canoe begleitet, schon heranglitt, und
+das Gespräch war dadurch natürlich abgebrochen.
+
+»Verdammter, dickköpfiger Heide!« murmelte aber Spund in sehr
+unchristlicher Entrüstung halblaut und ärgerlich vor sich hin. »Na, daß
+du einmal den ganzen Weg bergunter gehst, wenn du stirbst, darauf kannst
+du dich doch fest verlassen.«
+
+Toanonga nahm aber nicht mehr die geringste Notiz von ihm.
+
+Einer der Egis war wieder zu ihm getreten und hatte ihm etwas ins Ohr
+geflüstert, und der alte Häuptling stand auf, die Fremden zu begrüßen.
+
+Die Leute im Boot ließen sich jetzt deutlich erkennen. Am Steuer saß ein
+Europäer, die vier Rudernden waren aber sogenannte Kanakas, Eingeborene
+der Sandwichs-Inseln, die jedoch mit den Riemen ganz vortrefflich
+umzugehen wußten. Einige der Insulaner liefen ihnen entgegen, und halfen
+ihnen das Boot auf den Corallensand ziehen, während sie mit den Fremden
+ihre Begrüßungen wechselten. Die Sandwichs-Insulaner haben jedoch eine
+von den Tonga's sehr verschiedene Sprache, und die Indianer konnten sich
+nicht unter einander verständigen, während der Fremde die Tonga-Sprache
+vollkommen gut und fließend redete.
+
+Es war eine breitschulterige, kräftige und ächte Seemanns-Gestalt, die
+den Engländer nicht verläugnen konnte, mit blauen, klaren Augen,
+wettergebräunten Zügen und festgelocktem hellbraunem Haar. Er ging auch
+ohne Weiteres auf Toanonga, den er bald als den How der Insel erkannt
+hatte, zu, schüttelte ihm die Hand und redete ihn mit dem üblichen Gruße
+der Insel an. Auf Spund, der mit der Bibel unter dem Arm nicht weit
+davon stand, warf er nur einen flüchtigen und wie überraschten Blick --
+denn der Bursche sah in seiner halb indianischen halb Matrosen-Tracht,
+mit dem dicken Buch unterm Arm und dem gar nicht recht dazu passenden
+breiten Gesicht, komisch genug aus. Er nickte ihm aber nur zu und
+achtete weiter nicht auf ihn. Hatte er doch lange genug die
+verschiedenen Inselgruppen besucht, um daran gewohnt zu sein, Missionare
+und weggelaufene Matrosen auf ihnen zu finden, wenn er auch nicht gleich
+wußte, zu welcher der beiden so verschiedenen Classen der Weiße hier
+gehören mochte.
+
+Seine Absicht war, wie er Toanonga gleich von vorn herein erklärte,
+Alles von Cocosnußöl, was auf der Insel vorräthig sei, aufzukaufen und
+dafür Waaren, wie sie die Insulaner gerade gebrauchten, einzutauschen.
+
+Toanonga hörte ihm aufmerksam zu und sagte ihm dann, daß er die nöthigen
+Befehle dazu geben werde. Damit ließ er den Fremden stehen und wandte
+sich seinen eigenen Leuten wieder zu, wo bald einer der jungen Bursche,
+der mit dem Canoe draußen an Bord des Fahrzeugs gewesen war, an seine
+Seite glitt.
+
+»Nu, Tibi--ano,« sagte da der Alte, als er weit genug von dem Fremden
+entfernt war, um nicht von ihm gehört zu werden, »wie viel Weiße sind
+draußen auf dem großen Canoe?«
+
+»Noch fünf, Toanonga;« lautete die Antwort, »außer dem hier und noch
+drei Kanakas. Der hier Capitain.«
+
+»Ah, vortrefflich!« nickte Toanonga, »sehr gut das! und haben sie
+Kanonen?«
+
+»Zwei; nicht sehr große.«
+
+Der alte Häuptling schmunzelte vergnügt vor sich hin, und warf dabei
+vorsichtig den Blick umher, sich zu überzeugen, ob seine Anordnungen
+ausgeführt würden. Neben dem Schiffsboot standen zwei der Egis und sechs
+oder acht andere Insulaner, während die Kanakas, von einem der
+Monui-Leute geführt, zu einer kleinen Gruppe von Cocospalmen gegangen
+waren, dort eine Anzahl Nüsse herunter zu werfen. Der Capitain des
+Schooners stand neben Spund, der ihm gerade Bericht über den Untergang
+der _Lucy Walker_ abstattete.
+
+Eben jetzt kam Mac Kringo aus dem nächsten Pandanus-Dickicht und ging
+auf den Capitain zu. Zu seinem Erstaunen sah er aber, daß nicht allein
+eine Menge Indianer bewaffnet waren, sondern ein Theil von ihnen sogar
+im Dickicht versteckt blieb. Mit den Sitten der Insulaner bekannt,
+zweifelte er keinen Augenblick daran, daß sie irgend etwas Böses gegen
+die Fremden beabsichtigen, und je eher er deshalb den Bedrohten warnen
+konnte, desto besser.
+
+Der Fremde war indessen mit Spund in ziemlich lebhaftem Gespräch schräg
+an der Corallenbank hinausgeschritten. Toanonga hatte ihm eben gewinkt,
+zu ihm zu kommen. Dort aber, wo der Corallensand aufhörte und der
+Fruchtboden begann, stand ein kleiner Streifen von Casuarinen mit ein
+paar Pandanus-Bäumen und einem Unterwuchs von einzelnen niederen
+Büschen. Im Schatten derselben lagen etwa acht oder neun Insulaner. So
+wie jedoch der Capitain an ihnen vorüberschritt und hinter dem kleinen
+Buschstreifen vom Bord seines eigenen Schiffes aus nicht mehr gesehen
+werden konnte, sprangen diese plötzlich empor und warfen sich auf ihn.
+
+Überrascht wie er war, gelang es dabei Zweien, sich seines linken Armes
+zu bemächtigen, aber sicher zu ihrem Schaden, denn mit dem rechten
+schlug er sie mit zwei rasch geführten Stößen, auch schon im nächsten
+Augenblick bewußtlos zu Boden. Die Überzahl war jedoch zu groß; ehe er
+sich gegen die Anderen wenden konnte, hingen diese überall um ihn her,
+und trotz seinem wüthenden Sträuben fand er sich bald gebunden und in
+der Gewalt der Feinde.
+
+Spund war ein höchst überraschter Zeuge des Ganzen gewesen, und Alles so
+schnell gekommen, daß er wirklich gar nicht einmal daran dachte, dem
+Landsmann beizustehen.
+
+Mac Kringo, der ebenfalls in der Nähe war, hatte allerdings etwas
+Ähnliches gefürchtet, aber er übersah auch mit einem Blick, daß sie hier
+mit Gewalt gegen die Übermacht der Eingeborenen nichts ausrichten
+konnten und verhielt sich deshalb gleichfalls ganz ruhig.
+
+»Hallo, ihr Halunken!« schrie dabei der Engländer in der Tonga-Sprache,
+»ist das eure Gastfreundschaft, mit der ihr einen Fremden bewillkommt,
+und ihm vorher euer verrätherisches _chio do fa_ entgegen ruft? und ihr
+da,« wandte er sich gegen die Weißen, als er Mac Kringo gerade
+erblickte, »=zwei= Engländer und lassen mich hier von den verdammten
+Rothfellen mißhandeln? Ihr seid schöne Canaillen! hätte ich nur =Einen=
+von meinen weißen Leuten hier an Land, ein ganzes Schock dieser braunen
+Schufte wäre mir nicht zu nahe gekommen.«
+
+Die Kanakas hatten allerdings ihrem Capitain im Anfang zu Hülfe springen
+wollen, da sie aber von allen Seiten kriegerische und bewehrte Gestalten
+auftauchen sahen, wichen sie scheu zurück, es ihrem Führer überlassend,
+sich allein aus dieser Verlegenheit heraus zu arbeiten.
+
+Vollkommen ruhig bei diesem plötzlich hereingebrochenen Kampfe war
+Toanonga geblieben, der nun erst, als er den Weißen gebunden und
+unschädlich gemacht sah, zu ihm trat.
+
+»Ist das die Freundschaft, die du mir durch dein Canoe hast anbieten
+lassen, wortbrüchiger Häuptling?« rief ihm der gereizte Engländer
+entgegen.
+
+»Ruhig, mein Freund!« suchte ihn indessen Toanonga zu beschwichtigen.
+»Du bist jetzt in unserer Gewalt, und es ist außerordentlich
+leichtsinnig von dir, durch nutzloses Schimpfen einen mächtigeren Feind
+zu reizen. Wenn wir dir hätten ein Leids zufügen wollen, so brauchten
+wir dir nur den Schädel einzuschlagen, und die Sache wäre abgemacht
+gewesen. Wenn du dich aber ruhig verhältst und das thust, was wir von
+dir verlangen, so hast du nicht allein für dich oder die Deinen nichts
+zu fürchten, sondern kannst auch nach einiger Zeit deine Reise
+ungehindert fortsetzen.«
+
+»Und was verlangst du von mir?« fragte der Fremde. »Wenn es etwas ist,
+das ich erfüllen kann, wär' es doch wohl vernünftiger gewesen, mich auf
+andere Weise darum zu fragen, als so über mich herzufallen!«
+
+»Daß du es erfüllen =kannst=, wußte ich vorher,« erwiderte vorsichtig
+Toanonga, »nur darauf kam es an, ob du es erfüllen =wolltest=, und ich
+hielt es deshalb für besser, mir eben diesen guten Willen vorher zu
+sichern.«
+
+»Eine verdammt schöne Art!« fluchte der Capitain, »wenn du dich nur
+nicht darin geirrt hast!«
+
+»Ich glaube kaum,« sagte vollkommen gleichmüthig der Häuptling. »Wie
+heißest du?«
+
+»Jacobs,« brummte der Fremde verdrießlich.
+
+»Und dein Schiff?«
+
+»Bonito.«
+
+»Sehr gut. Nun sieh, wir brauchen hier auf Monui dein Schiff und deine
+Kanonen, um nach Hapai hinüber zu fahren, und die Häuptlinge zu
+züchtigen, die ihre Verbindlichkeiten gegen uns nicht erfüllt haben.«
+
+»Mein Schiff!« schrie Jacobs wild emporzuckend, »den Teufel auch! das
+brauche ich selber! und wenn ihr das haben wollt, so holt es Euch
+draußen; seid aber versichert, daß euch mein Steuermann auf eine Art
+empfängt, die euch nicht behagen wird.«
+
+»Das habe ich mir etwa gedacht,« lachte der Alte, »und dich hier
+festgehalten, um uns die Mühe zu ersparen. Du bist in unserer Gewalt,
+wie du recht gut weißt, und meine Egis haben beschlossen, dir das Leben
+zu nehmen, wenn du nicht nach unserem Willen thust. Fügst du dich aber
+in das, was du doch nicht mehr verhindern kannst, so verspreche ich dir,
+daß wir dein Schiff allerdings jetzt nehmen und deine Kanonen gebrauchen
+werden, daß du es aber wieder bekommen sollst, wenn wir in Hapai gesiegt
+haben.«
+
+»Der Teufel trau' euch!« rief Jacobs, »und im allergünstigsten Falle
+hätte ich ein paar Monate von meiner besten Zeit verloren. Nein! Thut
+mit mir, was ihr wollt, aber das Schiff bekommt ihr nicht. Und darauf
+verlaßt euch, daß mein Bruder, der Steuermann an Bord des Bonito ist,
+blutige Rache nehmen wird, wenn ihr mir ein Leides thut.«
+
+»Sei vernünftig, Freund! Was kann er uns zufügen?« sagte Toanonga, »er
+muß froh sein, wenn er unseren Canoes entgeht. Du hast nur noch fünf
+weiße Männer an Bord, und der Wind draußen wird schon schwächer. Wenn
+wir noch ein paar Stunden warten und rudern dann hinaus, so könnt ihr
+nicht einmal fort, und dann ist das Schiff unser, und du bekommst nie
+etwas davon wieder.«
+
+Jacobs wollte heftig darauf erwidern, Mac Kringo aber, der indessen
+hinzugetreten war, blinzelte ihm heimlich zu und sagte dann zu dem
+Alten:
+
+»Laß mich mit ihm reden, Toanonga; er wird Vernunft annehmen, wenn er
+einsieht, daß er doch nichts daran ändern kann.«
+
+Toanonga sah den Schotten etwas überrascht an, denn er hatte sein Kommen
+gar nicht bemerkt und mochte ihm auch vielleicht nicht so ganz trauen.
+Da er die Fremden aber ganz in seiner Gewalt wußte, schien er dem
+Vorschlage nach einiger Überlegung beizustimmen.
+
+»Gut, Ma Kino,« sagte er, »sprich du mit ihm.«
+
+»Und was willst du, daß er thun soll?« fragte der Schotte.
+
+»Er soll hinausschicken und die anderen weißen Männer an Land rufen. Er
+mag ihnen sagen lassen, daß sie Messer und Tabak mitbringen, um dafür
+Cocosöl einzutauschen!«
+
+»Daß ich ein Esel wäre!« rief Jacobs. »Ich soll mir selber die Hände
+binden, nicht wahr?«
+
+»Seid ihr der Capitain des Schooners?« fragte ihn der Schotte in
+englischer Sprache.
+
+»Ja wohl, der bin ich. Waret ihr mit auf der _Lucy Walker_?«
+
+»Ja. -- Wie viel Weiße habt ihr noch am Bord, auf die ihr euch fest
+verlassen könnt?«
+
+»Fünf, mit dem Steuermann.«
+
+»Den Steuermann können wir nicht rechnen,« sagte der Schotte, »der muß
+an Bord bleiben. Wissen die anderen Vier mit Gewehren umzugehen?«
+
+»Vortrefflich. Drei sind Franzosen von Taiti, und der Vierte ist ein
+Deutscher. Aber glaubt ihr wirklich, daß die Rothfelle ihre Drohung
+ausführen würden?«
+
+»Ich fürchte fast, ja. Sie sind sonst gutmüthig und friedlich genug,
+aber jetzt gerade zu einem Kriege gerüstet, und ich möchte euch nicht
+rathen, sie zum Äußersten zu treiben.«
+
+»Aber wenn ich das Boot ans Ufer kommen lasse, bin ich verloren, denn
+sobald sie ihre Canoes hinausschicken, kann mein Steuermann mit den paar
+Kanakas das Fahrzeug nicht allein halten.
+
+»Habt ihr Musketen an Bord?«
+
+»Gewiß.«
+
+Mac Kringo schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder.
+Toanonga aber, der ein paar Schritte davon entfernt mit einem Häuptling
+sprach, wurde schon ungeduldig und drehte sich nach ihnen um.
+
+»So wie so ist es eine verzweifelte Geschichte,« sagte da der Schotte.
+»Gebt ihr euch ihnen nicht gutwillig, so brauchen sie Gewalt, und euer
+eigenes Leben ist dann in ihren Händen. Mit so schwacher Besatzung
+hättet ihr nicht so leicht an Land kommen sollen. Trotzdem ist es doch
+am Ende noch möglich, sie anzuführen, wenn ihr euch verpflichten wollt,
+uns Europäer von dieser Insel mit fortzunehmen.«
+
+»Wie viel seid Ihr?«
+
+»Sechs; und so tüchtige Matrosen, wie ihr euch wünschen könnt.«
+
+»Aber hier stehen wenigstens sechszig bewaffnete Insulaner um uns her.«
+
+»Deshalb müssen wir euere vier Leute noch vom Boot zu Hülfe haben.«
+
+»Und dann sollen wir uns mit Gewalt durchschlagen?«
+
+»Wir müssen es versuchen! Ich weiß wenigstens keine andere Möglichkeit,
+euch zu helfen.«
+
+»Und wer bürgt mir dafür, Freund, daß =ihr= es ehrlich mit mir meint?«
+sagte Jacobs. »Ihr habt mich hier ohne Warnung den Rothfellen in die
+Hände laufen lassen, und wie kann ich wissen, ob ihr nicht mit ihnen
+unter Einer Decke steckt!«
+
+»Das Mißtrauen muß ich euch allerdings zu Gute halten,« sagte Mac
+Kringo, »und wenn ihr meinem ehrlichen Gesicht nicht glaubt, habe ich
+keine weitere Bürgschaft für euch, als die Versicherung, daß uns allen,
+oder wenigstens Fünfen von uns, der Boden hier unter den Füßen brennt,
+und wir Gott danken wollen, wenn wir die Insel im Rücken haben. Jetzt
+thut was ihr wollt; wenn ihr einen anderen Rath wißt, euch zu helfen, so
+ist es mir lieb, wo nicht, so sagt mir euere Meinung bald, denn wie ich
+sehe, fängt der Alte da hinten an, die Geduld zu verlieren.«
+
+»Ihr habt Recht,« sagte Jacobs nach kurzer Pause, »es ist das die
+einzige Rettung. Im allerschlimmsten Falle kann dann mein Bruder, der
+Steuermann, doch am Ende noch mit den paar Kanakas und dem Fahrzeug
+entkommen, sobald er merkt, daß für uns Alles verloren ist. Aber auf
+welche Art kann ich ihm Kunde schicken? Wenn die Insulaner wenigstens
+meine Leute zurückrudern ließen!«
+
+»Ich glaube schwerlich, daß Toanonga das zugiebt,« sagte der Schotte,
+»denn der günstige Erfolg seiner ganzen List beruht nur darauf, daß die
+am Bord keinen Verdacht schöpfen. Aber da kommt er selber, jetzt wollen
+wir gleich hören, wie er sich die Sache weiter ausgedacht hat.«
+
+Toanonga war wirklich ungeduldig geworden, denn da er sich nun einmal
+mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, das Schiff den Fremden
+wegzunehmen und zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden, erschien es ihm
+höchst rücksichtslos von dem Papalangi, daß er ihn auch noch so lange
+darauf warten ließ.
+
+»Nun mach rasch, Ma Kino,« sagte er, als er zu ihm trat, »meine Leute
+wollen nicht länger warten, und wir haben auch keine Zeit zu verlieren,
+denn der Tag vergeht. Was sagt der Papalangi?«
+
+»Er fügt sich deinem Willen,« erwiderte der Schotte; »wenn ihr keinem
+von ihnen ein Leides thun und ihnen das Fahrzeug, sobald ihr es
+gebraucht habt, zurückgeben wollt.«
+
+»Nun versteht sich, versteht sich,« erwiderte der Alte, ungeduldig mit
+dem Kopfe schüttelnd.
+
+»Aber der Steuermann hat Antheil an dem Fahrzeug,« fuhr Mac Kringo fort,
+»und wird es nicht gutwillig hergeben wollen.«
+
+»Nicht gutwillig hergeben wollen?« lachte Toanonga, »wenn wir die Weißen
+erst an Land haben, brauchen wir ihn nicht lange zu fragen.«
+
+»Aber wie willst du die an Land bekommen, Toanonga?« fragte der Schotte.
+»Wer soll hinüberfahren, sie zu holen? Denn eine Flagge haben wir nicht
+hier, ihnen ein Zeichen damit zu geben.«
+
+»Du hast Recht,« sagte Toanonga, und sah sinnend vor sich nieder. Den
+Papalangi selber durfte er nicht schicken, der wäre natürlich nicht
+wieder gekommen, und die Kanakas durfte er auch nicht hinüber lassen, da
+die ja Zeuge des Überfalls ihres Capitains gewesen waren.
+
+Mac Kringo, wie einem der anderen Weißen auf der Insel traute er
+ebenfalls nicht, und das Einzige blieb, daß er ein paar von seinen
+eigenen Leuten hinüber rudern ließ. Dabei konnte er sich aber nicht
+verhehlen, daß die Fremden kaum einem Befehl Folge leisten würden, der
+ihnen von den Eingeborenen einer fremden Insel gebracht wurde. Ein paar
+Mal kam ihm freilich der Gedanke, ohne Weiteres mit seinem Canoe
+hinauszufahren und den Schooner, der doch nicht ohne seinen Capitain
+absegeln konnte, zu entern; aber er fürchtete die Kanonen und durfte
+seine kriegsfähigen, jungen Leute, gerade im Begriff, einen Kriegszug
+zu unternehmen, nicht also gefährden; so lange er deshalb hoffen durfte,
+seinen Plan mit List durchzusetzen, wollte er jede Gewaltthat gern
+vermeiden.
+
+»Spricht jemand bei euch an Bord die Tonga-Sprache?« fragte da Mac
+Kringo, während der Alte noch mit sich zu Rathe ging, den fremden
+Capitain in englischer Sprache.
+
+»Nein, kein Mensch,« sagte dieser.
+
+»Desto besser,« nickte der Schotte und fuhr dann, zu Toanonga gewendet,
+fort: »Darf ich dir einen Vorschlag machen, die Leute an Bord das wissen
+zu lassen, was du willst?«
+
+»Allerdings, sehr gern!« rief der Alte, dem damit ein großer Gefallen
+geschehen wäre.
+
+»Nun gut, so schicke Spund mit zwei Tongaleuten hinüber.«
+
+»Spund?« fragte Toanonga, und schüttelte bedenklich mit dem Kopf.
+
+»Spund ist eine gute, ehrliche Haut,« beruhigte ihn der Schotte, »und
+wenn du dem drohest, du würdest ihm den Schädel einschlagen, sowie er
+das Geringste verriethe, warnte er seinen eigenen Vater nicht. Außerdem
+braucht er gar nichts zu bestellen, denn du weißt, daß die Papalangis
+die Kunst verstehen, auf ein weißes Stück Zeug Zeichen zu malen, die
+einem Anderen sagen, was er wissen soll.«
+
+»Da kann der Fremde aber darauf setzen, was er will!«
+
+»Er mag es in der Tonga-Sprache thun, und du kannst dich dann selber
+überzeugen, daß er nichts sagt, als was du von ihm verlangst.«
+
+Toanonga begriff noch nicht recht, wie das Ganze gemeint sei. Auf Spund
+glaubte er sich übrigens am ersten verlassen zu können, und wollte jetzt
+wenigstens sehen, was die Fremden im Sinne hätten. Er gab auch des
+Gefangenen Hände frei, und dieser ging rasch auf Mac Kringo's Plan ein,
+nahm seine Brieftafel aus der Tasche, riß ein Blatt heraus und schrieb
+darauf in der Tonga-Sprache: Schicke mir augenblicklich die vier
+Papalangis herüber und laß sie Messer und Tabak mitbringen; darunter
+aber setzte er in Englisch nur die Worte: Verrath! schicke die vier
+Matrosen gut bewaffnet!
+
+Toanonga hatte neben ihm gestanden und ihm aufmerksam zugesehen, war
+aber sehr erstaunt, daß der Fremde so rasch damit fertig wurde.
+
+»Und da sollen sie jetzt wissen, was das bedeutet?« fragte er lachend.
+»Nun wartet, das wollen wir gleich erfahren. Geh' einmal weg, Ma Kino,
+der Fremde soll mir allein sagen, was er darauf gemalt hat.«
+
+Der Schotte trat zurück, und Jacobs las Toanonga die im Tonga-Dialekt
+geschriebenen Worte langsam vor. Darauf ging der Häuptling mit dem
+Zettel zu Mac Kringo, und war aufs Äußerste erstaunt, als dieser ihm
+jede Silbe genau wiederholte, wobei sich dieser jedoch wohl hütete, das
+Englische mitzulesen. Toanonga traute aber noch immer nicht; denn die
+Beiden konnten sich auch über diese Worte vorher verständigt haben. Er
+ging also wieder zu Jacobs zurück und flüsterte ihm zu, die beiden Worte
+=Monui= und =Toanonga= aufzuzeichnen. Davon konnte Mac Kringo jetzt
+nichts wissen, als er aber diesem das Blatt zeigte, und der die Worte
+ohne Schwierigkeit ablas, kannte sein Erstaunen keine Gränzen. Besonders
+konnte er sich gar nicht denken, daß er Monui gleich erkannt habe, da
+die fünf sehr auffälligen Bergspitzen der Insel gar nicht darin zu
+unterscheiden waren.
+
+Er machte den Versuch auch noch mit ein paar andern Worten, und würde
+sich wahrscheinlich den ganzen Tag damit unterhalten haben, hätte die
+Zeit nicht gedrängt. Von dem also abgefaßten Briefe versprach er sich
+aber einen außerordentlichen Erfolg, nahm Spund zur Seite und flüsterte
+lange und heimlich mit ihm. Spund schien auch mit Allem einverstanden
+und nickte in Einem fort mit dem Kopfe. Die beiden Insulaner, die vorher
+mit dem Canoe an Bord gewesen waren, wurden dann in dem Boot der Weißen
+mit Spund abgeschickt, und dieser würdige Mann war jetzt nur in
+Verlegenheit, wohin er mit seinem Buche indessen sollte. An Land durfte
+er es nicht lassen; denn die Eingeborenen, die es sich einmal in den
+Kopf gesetzt, daß es Beschwörungen und Zauberformeln enthalte, hatten
+ihm schon eine Menge Blätter herausgerissen, wo sie deren nur habhaft
+werden konnten. Mac Kringo wollte er es auch nicht anvertrauen, und
+beschloß deshalb, es lieber mitzunehmen.
+
+Der Schotte stand mit vorn am Bug, als sie das auf den Corallensand
+gezogene Boot wieder in tiefes Wasser schoben. Wie Spund aber bei ihm
+vorbei an Bord stieg, flüsterte er ihm zu. »Bringe Hülfe, oder wir sind
+verloren!«
+
+»Ja, aber!« rief Spund ganz verblüfft, da er der erhaltenen Befehle
+Toanongas gedachte. Mac Kringo ließ sich jedoch auf keine weitere
+Erklärung ein, im nächsten Augenblick war das Boot flott, und die beiden
+Indianer ruderten es rasch dem Eingang der Bai entgegen.
+
+
+5.
+
+Mac Kringo war jetzt mit seinem Plan im Reinen; die Kameraden durften
+keinen Fluchtversuch im Canoe machen, so lange noch der Capitain des
+Schooners am Ufer gefangen gehalten wurde. Ihre einzige Rettung lag im
+Gegentheil darin, daß sie mit der Verstärkung vom Schooner, die
+jedenfalls Gewehre mitbrachte, ihre eigene Schaar herbeizogen, und dann
+den Indianern weit eher die Spitze bieten konnten. Langsam ging er
+deshalb auf die, seinen Schiffsgenossen schon im Voraus bezeichnete
+Corallenbank hinaus, blieb dort einen Augenblick stehen, und kehrte dann
+zum Ufer zurück. Er wußte jetzt, daß er die Kameraden bald in der Nähe
+hatte, und gelang es ihnen dann, sich bei dem Boote zusammen zu drängen
+und dieses in Besitz zu nehmen, so durften sie hoffen, ihre Flucht
+glücklich zu bewerkstelligen.
+
+Allerdings waren alle in der Nähe wohnenden Indianer an der Landung
+versammelt, da Toanonga seine Leute zusammen halten wollte, um die vier
+Matrosen in Empfang zu nehmen. Gelang es ihnen jedoch, das Boot zu
+besetzen, so hatten sie dadurch auch wieder den Vortheil, daß die
+Indianer die wohl eine Viertelstunde entfernt liegenden Canoes nicht so
+rasch erreichen konnten und ihnen einen tüchtigen Vorsprung lassen
+mußten. In dem Bewußtsein freilich, daß sich jetzt der entscheidende
+Augenblick näherte, und daß ihnen entweder Freiheit winkte, oder im
+Falle des Mißlingens die größte Gefahr von den gereizten Eingeborenen
+drohe, schlug ihm das Herz stürmisch und ängstlich in der Brust. Die
+Minuten dehnten sich ihm zu Stunden aus, und in der Unruhe, in der er
+sich befand, schritt er den Büschen zu, vielleicht einem der Kameraden
+zu begegnen und ihm Vorsicht zu empfehlen.
+
+Dort kam er an Toanonga's Haus vorbei, und wenn die Eingebornen auch
+eines Häuptlings Wohnung nicht betreten dürfen, besonders wenn sich die
+Frauen darin aufhalten, ohne von ihnen dazu aufgefordert zu sein, hatte
+man es mit ihm, der als ein Häuptling der Weißen und als ein Fremdling
+betrachtet wurde, nie so genau genommen. Im Gegentheil war er von Anfang
+an den Frauen stets willkommen gewesen, da er, der Sprache mächtig,
+ihnen viel vom Lande und von den Frauen der Papalangis erzählen konnte.
+So trat er auch jetzt einen Augenblick hinein, um die ihm nachschauenden
+Indianer glauben zu machen, er schlendre nur wie gewöhnlich absichtslos
+in der Nachbarschaft umher.
+
+Hatte er sich aber wirklich dort nur ein paar Minuten aufhalten wollen,
+so änderte er bald seinen Plan; denn seinem scharfen in dem inneren Raum
+umhergeworfenen Blick entgingen nicht die in einer Ecke lehnenden sechs
+oder acht Musketen, die hier jedenfalls zu plötzlichem Gebrauch bereit
+gelegt schienen. Den Frauen kam er dabei sehr erwünscht, denn diese
+brannten vor Neugierde, etwas Näheres über das zu hören, was außen
+vorging. Etwas Außergewöhnliches war jedenfalls im Werke, darüber
+konnten sie sich nicht täuschen, wären die Gewehre auch nicht
+hervorgeholt worden. Toanonga hatte ihnen jedoch nicht eine Silbe davon
+erzählen wollen, und Niemanden sahen sie deshalb jetzt gerade lieber als
+Mac Kringo.
+
+Aber von dem Schotten bekamen sie im Anfang nur verworrene und
+unzusammenhängende Antworten; denn in dessen Kopfe bildete sich ein
+neuer Plan, ob er sich mit den Kameraden nicht vielleicht dieser Gewehre
+bemächtigen könnte. Nirgends aber entdeckte er die dazu gehörige
+Munition, und mißlang der Versuch, so waren sie alle verloren. Trotzdem
+gelang es ihm aber doch vielleicht, die Waffen wenigstens für die
+Insulaner unbrauchbar zu machen, und darüber mit sich im Reinen, begann
+er plötzlich eine lebendige Erzählung. Er beschrieb den Frauen, wie sie
+nun bald in Besitz eines großen Schiffes mit Kanonen sein würden, mit
+dem sie nach Hagai hinüberfahren und die dortigen Insulaner züchtigen
+könnten. Dabei schilderte er mit lebhaften Gestikulationen ihre Landung
+dort und ihren Angriff, und erfaßte dazu, um das anschaulicher zu
+machen, eines der Gewehre. Die Frauen, die den Knall dieser für sie
+furchtbaren Waffen kannten, wandten erschreckt die Köpfe und baten ihn,
+die Muskete hinzulegen. Mac Kringo that das, aber nicht ohne vorher den
+Stein aus dem Schlosse entfernt zu haben, den er geschickt in seine
+eigene Tasche schob. Immer aufs Neue kam er dabei auf den Angriff
+zurück, bis er von sämmtlichen Gewehren die Steine entfernt hatte. Die
+Frauen aber schöpften natürlich keinen Verdacht, denn sie konnten nicht
+wissen, daß der Papalangi in solcher Schnelligkeit und vor ihren Augen
+im Stande sein sollte, die Waffen vollständig unbrauchbar zu machen.
+
+Darüber war wohl eine halbe Stunde vergangen, und der Schotte sah jetzt
+durch die offenen Bambusstäbe der Hütte, daß Jonas draußen angekommen
+und von Toanonga gesehen war. Das Boot mußte auch den dicht vor der
+Einfahrt kreuzenden Schooner schon erreicht haben, und es drängte ihn,
+zu wissen, ob die übrigen Kameraden in der Nähe und seines Rufs
+gewärtig seien.
+
+Sein erster Blick, so wie er ins Freie trat, war nach dem Schiffe
+hinüber. Dieses hatte eben gewendet und hielt von den Riffen ab, denn
+der Wind war so schwach geworden, daß die Mannschaft an Bord nicht mit
+Unrecht fürchten mochte, auf die Corallen getrieben zu werden. Aber das
+Boot war schon auf dem Rückweg, und die nächste halbe Stunde brachte
+ihnen entweder Hülfe oder sah sie schlimmer in Gefangenschaft als je.
+
+Toanonga schien indeß gar nicht mit der Ankunft des andern Weißen
+einverstanden, ging auch ohne weitere Umstände auf Jonas zu und fragte
+ihn, was er da schon wieder wolle.
+
+»Was ich da will?« entgegnete dieser etwas verblüfft, »Tabak, bei Gott,
+wenn das Boot landet, denn ich denke, es ist lange genug, daß wir keinen
+gesehen haben.«
+
+»Gut, Freund,« entgegnete Toanonga ruhig, »du sollst Tabak haben, jetzt
+aber geh hin, wo du hergekommen bist, und laß dich nicht eher wieder
+hier sehen, als bis ich dich rufe.«
+
+»Aber ...« sagte der Matrose, der jetzt nicht wußte, ob er dem
+erhaltenen Befehle folgen solle oder nicht. Der alte Häuptling ließ ihn
+jedoch gar nicht ausreden.
+
+»Hast du gehört, was ich mit dir gesprochen?« fragte er, und zwar viel
+ernster, als er ihn noch je gesehen. »Komm her, Ma Kino, schicke mir den
+Zimmermann einmal fort; ich habe gesagt, er soll weggehen, und ich will
+ihn hier nicht länger sehen.«
+
+Mac Kringo war, schon nichts Gutes ahnend, herangetreten. Wollten sie
+sich aber jetzt schon dem Befehl widersetzen, so mußte er fürchten, daß
+ihr ganzer Plan scheitern würde. Unter einer Viertelstunde konnte das
+Boot nämlich nicht heran sein, und bis dahin würden die Eingeborenen sie
+leicht bewältigt haben.
+
+»Komm, Jonas,« sagte er deshalb zu dem Kameraden, »geh zurück in den
+Busch, es hilft jetzt nichts, wir müssen ihm gehorchen -- aber nicht zu
+weit fort. Wo sind die Anderen?«
+
+»Nicht hundert Schritte von hier, wo da drüben die rothen Blumen
+stehen.«
+
+»Desto besser, in einer Viertelstunde kann das Boot da sein; so wie ihr
+mich aber Hülfe schreien hört, kommt herbei, so rasch euch eure Füße
+tragen.«
+
+Jonas ging fort. Toanonga hatte jedoch ihrem Gespräch mit unruhigem
+Blicke gelauscht. Es gefiel ihm nicht, daß sich die Beiden jetzt gerade
+in ihrer Sprache so lange unterhielten, und natürlich wäre es ihm sehr
+unbequem gewesen, Leute in der Nähe zu haben, die am Ende den andern
+Weißen hätten beistehen können. Übrigens ließ er sich gegen Mac Kringo
+nichts merken, nahm eine junge neben ihm am Boden liegende Cocosnuß auf
+und sagte zu dem Schotten. »Hast du ein Messer bei dir?«
+
+»Ja wohl,« erwiderte rasch dieser, dem daran lag, Toanonga nicht auch
+gegen sich mißtrauisch zu machen. »Soll ich sie dir öffnen?«
+
+»Laß nur sein,« erwiderte der Alte, »ich thue es selber.« Damit nahm er
+das Messer und stach ein Stück aus der weichen Schale der Nuß heraus,
+trank den Saft und warf die Schale bei Seite. Mac Kringo streckte die
+Hand aus, das Messer wieder zurück zu empfangen, Toanonga aber schob es
+mit vollkommener Gemüthsruhe in sein eigenes Lendentuch und sagte:
+
+»Warte noch ein wenig, Ma Kino, du brauchst es doch jetzt nicht, nachher
+sollst du es wieder bekommen. Sieh, das Boot ist schon beinahe am Ufer,
+und unsere Freunde werden gleich da sein.«
+
+Der Schotte biß die Zähne auf einander vor Wuth, von der alten Rothhaut
+auf eine solche Art um seine einzige Waffe gebracht zu sein. Im ersten
+Augenblick hatte er auch nicht übel Lust, auf ihn zu springen und es ihm
+mit Gewalt zu entreißen. Gerade jetzt aber kamen vier der Egis an ihm
+vorbei und gingen nach der Landung hinunter, während sich von den
+übrigen Seiten die Insulaner ebenfalls herbeizogen, die ankommenden
+Weißen gleich in Empfang zu nehmen. Wenn er sich nun doch mit den
+Kameraden in die Hütte warf und die dort liegenden Gewehre aufgriff --
+es war das vielleicht die letzte Hülfe, und in dem ersten panischen
+Schrecken der Eingeborenen durfte er hoffen, das rasch herbeischießende
+Boot zu erreichen. Aber auch zu jenen Waffen war ihm der Weg
+abgeschnitten, denn eine Anzahl dunkler Krieger sammelte sich eben vor
+dem Eingang der Hütte.
+
+Da sah er, wie Toanonga langsam auf den Capitain des Schooners zuschritt
+und neben ihm stehen blieb, und in der Todesangst, seinen ganzen Plan
+gescheitert zu sehen, griff er zu dem letzten verzweifelten Mittel. Er
+schritt auf die Beiden zu und fragte den Engländer mit vor innerer
+Aufregung bebender Stimme, ob er keine Wehr, kein Messer, kein Pistol
+bei sich habe.
+
+»Nichts,« sagte dieser, »als meine Hände; ich habe keine Gefahr
+gefürchtet, und als ich vom Bord ging, nur mein kleines Taschen-Teleskop
+eingesteckt.«
+
+»Bei Gott, das thuts!« lachte Mac Kringo wild vor sich hin. »Zieht es
+heimlich in der Tasche aus, fasst dann den Alten, haltet es ihm vor den
+Kopf, und droht ihm, daß ihr ihn über den Haufen schießen wollt, so wie
+er sich rührt.«
+
+»Mit dem Teleskop?« fragte der Capitain überrascht.
+
+»Was wissen die von einem Teleskop?« rief Mac Kringo, »sie sehen das
+blitzende Metall und halten das -- aber wir versäumen die Zeit, es ist
+kein Augenblick mehr zu verlieren.«
+
+Toanonga hatte den Schotten, während er sprach, aufmerksam betrachtet,
+als ob er den Sinn der ihm fremden Worte errathen wolle. Das Boot war
+aber kaum noch hundert Schritte vom Ufer entfernt, und die rudernden
+Matrosen hatten in diesem Augenblicke ihre Riemen eingeworfen, weil sie
+wahrscheinlich nicht näher an die vielen Eingeborenen fahren wollten.
+
+Toanonga wandte sich, dort hinunter zu gehen, als er plötzlich die Hand
+des Fremden auf seiner Schulter fühlte. Erstaunt drehte er den Kopf nach
+ihm um, stieß aber ein überraschtes und erschrecktes _Oiau!_ aus, als
+er plötzlich vor seinen Augen das unbekannte drohende Instrument
+erblickte.
+
+»Rühre dich, und du bist des Todes!« schrie dabei der Engländer, und
+»Hülfe! Hülfe!« tönte Mac Kringo's gellende Stimme über den Platz.
+
+Die ihm nächsten Insulaner wollten herzuspringen, ihrem Häuptling
+beizustehen. Mit ausgebreiteten Armen warf sich ihnen aber Mac Kringo
+entgegen und rief. »Halt! halt! um Toanonga's willen, er bringt ihn um,
+so wie ihr euch ihm naht!«
+
+»Hurrah, Jungen! Hurrah!« tönte in diesem Augenblicke Legs' Jubelruf
+durch den Lärm, »hier sind die Burschen! Nieder mit den Rothfellen!«
+
+Überrascht wandten die Insulaner dorthin den Kopf, als vom Wasser her
+schnell hinter einander zwei Schüsse fielen und die Kugeln dicht über
+ihnen in die Stämme der Palmen schlugen. Jacobs stieß zugleich einen
+scharfen, eigenthümlichen Schrei aus, ein Zeichen für seine Leute, und
+während die beiden Tonga-Insulaner, die mit im Boot waren, erschreckt
+über Bord sprangen und dem Lande zu schwammen, griffen zwei der Leute
+wieder zu den Rudern, und die andern Beiden stießen Patronen in ihre
+abgeschossenen Gewehre nieder.
+
+Mac Kringo war aber indessen auch nicht müßig gewesen. Mit raschem
+Griff hatte er sich wieder in den Besitz seines Messers gesetzt, und
+sein scharfer Pfiff zeigte den Gefährten die Stelle, auf der er sich
+befand. Panischer Schrecken schien indessen die Insulaner erfaßt zu
+haben, die mit dem bedrohten How vor sich und den Feinden an beiden
+Seiten nicht wußten, welcher Gefahr sie zuerst begegnen sollten.
+
+»Nach dem Boot! Nach dem Boot!« rief Mac Kringo, der recht gut fühlte,
+daß sie diesen ersten Moment der Bestürzung benutzen mußten, und mit der
+Rechten Toanonga's Arm ergreifend, während er in der linken das gezückte
+Messer hielt, folgte Jacobs an der andern Seite seinem Beispiel. Dieser
+hielt aber sein Teleskop noch immer drohend vor, in dessen blitzender
+Nähe der erschreckte Häuptling sein Leben aufs Äußerste gefährdet
+glaubte.
+
+Auch die am Ufer postirten Indianer hatten bestürzt Raum gegeben, da sie
+nur unbewaffnete Weiße zu empfangen gedachten, keineswegs aber darauf
+vorbereitet waren, den auf sie gerichteten Gewehren zu begegnen. Das
+Boot berührte in diesem Augenblick den Strand, und Spund, der nur ein
+halb freiwilliger Theilnehmer des Angriffs gewesen war, sprang in
+demselben Moment ans Land, als Legs mit Jonas, Pfeife und Lemon durch
+die Schaar der am Ufer gedrängten Männer und Frauen hindurchbrach, den
+sicheren Bord zu erreichen. Rechts und links theilten sie dabei
+Keulenschläge aus, und Jonas, Pfeife und Lemon erfaßten schon den Rand
+des Bootes und schwangen sich hinein, als zwei der Frauen sich plötzlich
+und rücksichtslos auf Legs warfen und ihn schreiend zurückhielten.
+
+»Du bist unser, du darfst nicht fort!« schrien sie dabei, und eine
+ergriff die kurze Kriegskeule, die er geführt, und riß sie ihm aus den
+Händen, während sich die andere an seinen Hals hängte und laute
+Wehklagen dabei ausstieß.
+
+Mac Kringo und Jacobs hatten indeß den ihnen Schutz gebenden Häuptling
+bis fast zum Boote geschleppt. Jetzt aber brach auch die Wuth der
+Eingeborenen aus, die wahrscheinlich glauben mochten, die Papalangis
+wollten ihren How gefangen mit fortführen. Mit wildem Aufschrei stürmten
+sie herbei, und eben von Toanonga's Hause wieder kam ein kleiner Trupp
+von Kriegern mit den dort aufgegriffenen Musketen gesprungen.
+
+»Hieher, Legs! hieher Spund!« schrie da Mac Kringo, indem er Toanonga
+los ließ und an Jacobs' Seite mit flüchtigen Sätzen zum Boot hinunter
+floh.
+
+»Bestien!« knirschte auch Legs zwischen den zusammengebissenen Zähnen
+hindurch, und ohne die geringste Rücksicht auf das zarte Geschlecht
+versetzte er den beiden Frauen ein paar so wohl gezielte Schläge
+zwischen die Augen, daß sie mit einem Weheruf zurücktaumelten. Im
+nächsten Augenblicke war er frei und rannte an Toanonga vorüber dem
+Boote zu. Die Eingeborenen aber, die jetzt ihren Häuptling außer Gefahr
+sahen, sandten ihnen einen Hagel von Pfeilen nach, während die mit
+Musketen Bewaffneten anlegten, aber vergebens die Hähne schnappen
+ließen.
+
+Diese vorbeschriebenen Scenen waren blitzesschnell auf einander gefolgt.
+In demselben Moment aber, in dem Legs seinen beiden Frauen entsprang,
+war Spund vollständig einig mit sich geworden, seine Kameraden allein
+flüchten zu lassen. Zu seinem Entsetzen hatte er nämlich die halbe
+Mißhandlung bemerkt, die Toanonga, den er sehr schätzte, erlitten, und
+eilte jetzt rasch auf ihn zu, ihm seine Hülfe anzubieten. Toanonga
+dagegen hielt gerade Spund für den ärgsten Verräther von Allen, da er,
+anstatt die Weißen in seine Hände zu liefern, die Leute an Bord
+jedenfalls gewarnt und sie bewaffnet herüber gebracht hatte. So ruhig
+und leidenschaftlos er sich deshalb auch sonst benahm, so zornig und
+empört war er jetzt. War nicht die Häuptlingswürde in ihm geschändet?
+hatten die Weißen nicht gewagt, Hand an ihn, den How dieser Insel, zu
+legen? Deshalb also dem ihm nächsten Krieger eine Keule entreißend,
+führte er einen so gutgemeinten und raschen Schlag nach dem Schädel des
+armen Teufels, daß er ihm jedenfalls verderblich geworden wäre. Zu
+seinem Glück schleppte Spund aber noch immer das Buch mit sich herum,
+daß er fast unwillkürlich mit beiden Händen empor hob, als er die Keule
+niedersausen sah. Allerdings brach der dicke Band die Gewalt des
+Schlages in etwas; derselbe war aber zu kräftig geführt worden, um sich
+ganz aufhalten zu lassen, und wie das getroffene Buch auf Spund's Kopf
+niederprallte, warf es den Böttcher hinterrücks auf die scharfen
+Corallen.
+
+Toanonga sah ihn stürzen, kümmerte sich aber nicht weiter um ihn, denn
+wichtigere Sachen erforderten seine Aufmerksamkeit. »Nach den Canoes,
+nach den Canoes!« donnerte seine Stimme die Bai entlang, und während die
+mit den Musketen bewehrten Insulaner noch immer umsonst versuchten, die
+verstümmelten Waffen abzudrücken, sprang die Mehrzahl der jungen Leute
+flüchtigen Fußes am Wasserrand hin, die Canoes zu erreichen. Konnten sie
+doch dem schwer geladenen Boot der Papalangis noch immer den Weg
+abschneiden.
+
+Einzelne waren jedoch noch zu Toanonga's Schutze zurückgeblieben und ein
+paar von diesen sprangen auf Spund zu, den also Niedergeworfenen völlig
+abzufertigen. Mac Kringo hatte aber im Boot die Gefahr des Kameraden
+gesehen, und während die Mannschaft desselben das halb auf den Strand
+gerathene Fahrzeug zurück in ein tiefes Wasser drückte, griff er eine
+der Musketen auf und feuerte sie über die Köpfe der Insulaner in die
+Luft. Das rettete Spund. Bei dem Schuß fuhren die Wilden unwillkürlich
+zurück, während derselbe auf den Matrosen gerade die entgegengesetzte
+Wirkung hervorbrachte. Mit einem Satze war er in die Höhe, und Buch wie
+Glaubenseifer hinter sich lassend, warf er sich Hals über Kopf in das
+Wasser hinein, den Kameraden zu folgen. Der mit so grimmer Wuth nach ihm
+geführte Schlag des alten Häuptlings hatte ihn, wenn auch nicht
+beschädigt, doch so erschreckt, daß er gar nicht daran dachte, einen
+zweiten derartigen Angriff abzuwarten.
+
+
+6.
+
+Die Engländer kletterten, so wie das Boot flott war, hinein und griffen
+die Ruder auf, während die Mannschaft des Schooners mit den Gewehren im
+Anschlag stehen blieb, ihren Rückzug zu decken. Das Boot ging aber
+durch die vermehrte Besetzung ziemlich schwer im Wasser und machte
+keineswegs so raschen Fortgang, wie Mac Kringo gehofft hatte.
+
+»Teufel noch einmal!« flüsterte er Lemon, der auf der Ruderbank vor ihm
+saß, zu, »die Rothfelle bekommen doch am Ende Zeit, uns mit ihren Canoes
+den Weg abzuschneiden.«
+
+»Wenn ich ihnen den Spaß nicht verdorben hätte!« lachte aber Lemon
+ingrimmig vor sich hin. »In alle die Canoes, die dort lagen, habe ich
+ein wunderhübsches Loch hineingebohrt, und bis sie die jetzt wieder
+ausschöpfen und flott machen, sind wir lange draußen.«
+
+»Das war gescheidt, mein Bursche!« rief der Schotte, »hehehe, wie sie
+uns verwünschen werden, wenn sie den Streich merken! Das war aber auch
+nöthig; denn das alte runde Ding hier schleicht gerade so durchs Wasser,
+als wenn wir in einem Spülfaß säßen.«
+
+Ein paar Schüsse wurden in diesem Augenblicke vom Ufer ihnen
+nachgefeuert. Entweder hatten die Insulaner den Verlust der Steine
+bemerkt und ersetzt, oder noch andere Musketen gehabt. Keine der Kugeln
+traf jedoch das Boot; eine zischte vorüber, und die anderen fielen schon
+zu kurz.
+
+Sie näherten sich jetzt dem schmalen Eingang der Riffe, als sie die
+ersten Canoes der Verfolger aus einer geschützten Bucht vorschießen
+sahen. Durch Lemon's List waren sie aber hinlänglich aufgehalten worden,
+um den Flüchtigen einen ziemlichen Vorsprung zu gestatten, und da Leute
+genug im Boot saßen, einander abzulösen, so ließen sie die Ruder aus
+Leibeskräften arbeiten.
+
+Die Indianer schienen ihre Canoes auch nicht alle auf einmal flott
+bekommen zu haben; denn als das Boot die Riffe verließ, folgten ihnen
+erst zwei, und ein drittes wurde eben sichtbar; dann entzog die über die
+Corallen stürzende Brandung das innere Wasser der Bai ihren Blicken, und
+sie konnten nichts weiter von dem, was dort vorging, erkennen.
+
+Der Schooner lag etwa eine halbe englische Meile weiter draußen. Der
+Steuermann hatte aber vom Masttop aus die Flucht des Bootes und die
+verfolgenden Canoes bemerkt, ja, sogar die Schüsse von dort herüber
+gehört und, trotz der Gefahr, die ihm selber von den Riffen drohte, die
+Segel backgebraßt, seine Leute erst wieder aufzunehmen. Noch waren diese
+auch eine ziemliche Strecke vom Schooner entfernt, als die ersten Canoes
+schon im Eingang der Bai sichtbar wurden und mit reißender Schnelle
+näher kamen; aber überholen konnten sie das Boot nicht mehr. Jetzt lief
+es langseit, und wenige Secunden später kletterten schon die Matrosen
+mit lautem Jubelruf an den ihnen zugeworfenen Tauen empor.
+
+Alle wußten aber, daß sie sich trotzdem nicht eher für gerettet halten
+konnten, als bis sie die Insel windwärts brachten und die drohenden
+Riffe hinter sich ließen. Die Segel flogen deshalb herum, um auch den
+geringsten Luftzug zu fangen, den ihnen die schwache Brise bot, und
+während der Bug nach Westen abfiel, an den Riffen hinzulaufen, sprang
+Mac Kringo an der Want des Vordermastes empor, einen Überblick nach der
+Insel zu gewinnen.
+
+Er kannte nämlich das Binnenwasser von Monui genau und wußte, daß gerade
+nach Westen zu den übrigen Canoes ein anderer Paß blieb. Den mußten sie
+nehmen, wenn sie ihnen den Weg abschneiden wollten; und daß der Schooner
+nicht nach Osten entkommen konnte, war den Eingeborenen bekannt genug.
+In dieser Vermuthung hatte er sich denn auch nicht geirrt, denn oben
+kaum angelangt, erkannte er schon sieben stark bemannte Canoes, die über
+die glatte Bai herüberschossen und denen der Schooner gar nicht mehr
+vorbeilaufen konnte.
+
+Es blieb ihnen jetzt nichts Anderes übrig, als sich zu einem Kampfe zu
+rüsten; denn daß die Insulaner, solcher Art um die schon sicher
+geglaubte Beute betrogen, ihren Angriff mit erbitterter Wuth machen
+würden, ließ sich denken. Jacobs erfuhr übrigens kaum die neue Gefahr,
+die ihm drohte, als er auch mit gutem Muth den Befehl gab, das Deck zum
+Kampfe klar zu machen. Die vier Kanakas hatte er allerdings an Land
+zurück lassen müssen -- und den Sandwichs-Insulanern schien diese
+Gelegenheit sehr erwünscht gekommen zu sein --, dafür war aber seine
+Mannschaft durch sechs tüchtige Matrosen verstärkt worden, und mit den
+zwei kleinen Kanonen, die er am Bord führte, hoffte er sich die Wilden
+schon vom Leibe zu halten.
+
+Mac Kringo that es freilich leid, daß er jetzt vielleicht genöthigt sein
+sollte, auf die zu schießen, die ihn doch eigentlich freundlich
+aufgenommen. Dabei wußte er aber recht gut, daß sie keine Gnade zu
+erwarten hätten, wenn sie zum zweiten Male in die Hände der Eingeborenen
+fielen, und der Selbsterhaltung mußte jede andere Rücksicht weichen.
+
+Ihre einzige Hoffnung war noch, daß die Brise stärker werden sollte, wo
+sie den Canoes dann bald entgangen wären. Im Gegentheil schien aber der
+Wind fast ganz einzuschlafen, und mit der Ungewißheit, nach welcher
+Richtung hin hier die Strömung ging, donnerte ihnen die Brandung schon
+drohend in das Ohr. Der Capitain ließ allerdings das Senkblei werfen,
+aber sie fanden, obgleich gar nicht mehr so weit von den Riffen
+entfernt, keinen Grund.
+
+Gerade vor ihnen lief eine Corallenspitze ziemlich hoch nach Norden
+hinauf, und wenn sie diese umschiffen konnten, hofften sie an den dort
+mehr ablaufenden Riffen eher hinunter zu können. Gerade dort aber wurden
+jetzt die ersten Canoes sichtbar, während die drei, die ihnen gefolgt
+waren, ihren Angriff nur zu verzögern schienen, bis sie von ihren
+Freunden unterstützt werden konnten.
+
+Der Capitain des Schooners hatte nicht gern die Feindseligkeiten
+eröffnen wollen, jetzt aber sah er ein, daß ihm keine weitere Wahl
+blieb; denn einen Erfolg konnte er sich nur, bei der großen Übermacht
+der Insulaner, in dem Falle versprechen, wenn es ihm gelang, sie etwas
+einzuschüchtern. Die vorn am Bug stehende Kanone wurde deshalb
+gerichtet, Jacobs ergriff selbst die Lunte, und die Kugel schlug gleich
+darauf so glücklich ein, daß sie das geschnitzte Hintertheil eines der
+Canoes wegriß und, wie es schien, den Steuernden beschädigte.
+
+Das ließen sich die Insulaner übrigens zur Warnung dienen; denn während
+sie bis jetzt ihre Fahrzeuge auf einem Trupp zusammen gehalten hatten,
+vertheilten sie dieselben, und es schien, daß sie einen Angriff von
+allen Seiten und zu gleicher Zeit beabsichtigten.
+
+»Da kommt die Brise!« rief da plötzlich der Steuermann des Schooners,
+der seinen Stand an der hinteren Kanone bekommen hatte, und als sich
+alle Blicke dorthin wandten, sahen sie, wie sich in der That die
+Oberfläche der See nach Osten zu dunkel färbte und kräuselte. Aber die
+Canoes mochten das ebenfalls bemerkt haben und wußten jetzt, daß sie
+ihren Angriff keinen Augenblick mehr verzögern durften. Die Ruderer
+strengten alle ihre Kräfte an, die verschiedenen, ihnen angewiesenen
+Plätze so rasch als möglich einzunehmen, und dies erreicht, glitten sie
+von allen Seiten zugleich heran.
+
+Die Mannschaft des Schooners erwartete sie mit klopfenden Herzen, denn
+über das ganze Fahrzeug zerstreut, konnten sie kaum mehr als einen Mann
+jedem Canoe zur Abwehr entgegen stellen. Näher und näher kam auch der
+dunkle Wasserstreifen geflogen. Schon konnten sie erkennen, wie sich die
+kleinen Wellen tanzend hoben, und jetzt -- jetzt schlugen die Segel
+flappend gegen den Mast und -- blähten aus. Vorn unter dem Bug kräuselte
+und schäumte das klare Wasser, und während sie sich den vorderen Canoes
+rasch näherten, ließen sie die hinteren zurück.
+
+»Alle nach vorn, Jungens!« jubelte da Jacobs' Stimme über Deck. »Das kam
+zur rechten Zeit! und Bill, du hältst den Schooner gerade auf das größte
+Canoe da vorne mitten darauf!«
+
+Immer stärker wurde die Brise, schon begann sich das schlanke Fahrzeug
+ein wenig zu neigen, und die hinter ihm befindlichen Canoes durften
+nicht mehr hoffen zur rechten Zeit heran zu kommen. Trotzdem gaben die
+vorderen den Angriff nicht auf. Sie wußten wie wenig Leute ihnen die
+Papalangis entgegenstellen konnten, und daß die erste Kanonenkugel
+keinen größeren Schaden angerichtet, hatte ihren Muth noch eher erhöht.
+Noch ging das Fahrzeug auch nicht rasch genug durchs Wasser, daß sie
+nicht hätten anlaufen und entern können; aber mit immer größerer
+Anstrengung mußten die an der Seite Befindlichen arbeiten, um nicht
+zurückgelassen zu werden. Vor dem Schooner hatten sich jetzt vier Canoes
+gesammelt, und als er heran kam, wichen sie eben genug aus, ihn hindurch
+zu lassen. Gegen den Wind, wußten sie recht gut, konnte er nicht weiter
+aufluven, und unter dem Wind lagen die Corallen.
+
+Jacobs kannte seinen Schooner, der nur aber bei mittelmäßiger Brise mit
+vier und einem halben Strich ganz vortrefflich segelte und dem Wind
+ordentlich in die Zähne lief. So wie er deshalb die Absicht der
+Eingeborenen merkte, war auch sein Plan gefaßt.
+
+»Gebt Feuer,« rief er, »so wie ihr das Weiße von ihren Augen sehen
+könnt!« und dann selber an sein Steuer springend, ließ er sein Fahrzeug
+trotz der Corallen wohl zwei Strich abfallen. Den von rechts
+herbeikommenden Canoes wich er dadurch aus und überraschte die beiden an
+der linken Seite so vollkommen, daß der Bug des Bonito das Hintertheil
+des einen ergriff und übersegelte. Die Mannschaft desselben hielt sich
+allerdings zum Theil selbst an dem vorderen Tauwerk des Schooners und
+suchte an Bord zu klettern. Nachdem die Matrosen aber ihre Gewehre in
+die nächsten Canoes abschossen und dort Verwirrung verbreitet hatten,
+drehten sie die Musketen um, und wo sich ein Kopf über der
+Schanzkleidung zeigte, traf ihn auch ein wohlgezielter Schlag.
+
+Noch heulten und tobten die Eingeborenen in wilder Wuth um sie her, als
+der Bug des Schooners schon wieder scharf gegen den Wind aufluvte. Im
+nächsten Moment schossen sie so dicht an der Corallenspitze vorüber, daß
+sie mit einem Steine hätten in die Brandung werfen können, und ließen
+jetzt die letzten Canoes, die dieser Gefahr selber entgehen mußten,
+zurück. -- Noch wenige Secunden, und sie waren gerettet, jede Gefahr lag
+hinter ihnen, und Bill, der Steuermann, sprang mit seiner Lunte an die
+hinterste Kanone, den Feinden noch eine Kugel zurück zu schicken. Das
+aber litt Jacobs nicht.
+
+»Laß sie laufen, mein Junge,« sagte er, indem er den Arm des
+Steuermannes zurückhielt. »Sie werden Noth genug haben, von der Ecke
+dort weg zukommen; vor =uns= aber liegt die blaue weite See, und mit dem
+Bewußtsein, all jenen Gefahren so glücklich entgangen zu sein, mag ich
+kein Menschenleben mehr zerstören.«
+
+Fußnoten:
+
+[32] Das aus einer Art Baumrinde bereitete und gedruckte Zeug. Das
+ungedruckte heißt Tapa.
+
+[33] Bolutu ist nach dem Glauben der Tonga-Inseln der Aufenthalt der
+Seligen. Sie denken sich diesen Ort als eine große, wunderbar schöne
+Insel, mit allen Früchten reich gesegnet, die weit gegen Nord-Westen
+liegt -- so weit in der That, daß sie dieselbe mit ihren Canoes nicht
+erreichen können. Dort werden ihre Seelen zu Hotuas oder göttergleichen
+Geistern, die auch -- besonders die Seelen der Häuptlinge -- im Stande
+sind, Einfluß auf das Leben der Sterblichen auszuüben. Sie erzählen
+sich, daß einmal ein Boot von den Tonga-Inseln dorthin verschlagen sei,
+und die Leute wären ans Land gesprungen und hätten sich von den
+prachtvollen Früchten pflücken wollen; sie hätten aber keine ergreifen
+können; denn unter ihren Händen wurden sie zu Luft. Auch durch die
+Bäume, die dort wuchsen, konnten sie gerade hindurchgehen. Sie standen
+leibhaftig vor ihnen, bildeten aber keinen festen Körper. Ein Hotua kam
+da zu ihnen und ermahnte sie, die Insel so rasch als möglich zu
+verlassen, und voll Angst schifften sie sich augenblicklich wieder ein.
+Der Wind blies auch so günstig und scharf, daß sie Tonga schon nach
+einigen Tagen erreichten; aber am Ufer angekommen, mußten sie alle
+sterben. Ihre Körper hatten die Luft von Bolutu nicht vertragen können.
+An eine Strafe nach dem Tode glauben die Tonga-Insulaner nicht.
+
+
+
+
+II.
+
+Im Ostindischen Archipel.
+
+Der Balinese.
+
+
+Östlich von Java, und von dieser Insel nur durch einen schmalen Seearm
+getrennt, liegt das zwar kleine, aber wunderschöne, gebirgige Eiland
+=Bali,=, von einem kriegerischen, kräftigen, arbeitsamen Volke bewohnt
+und bis in seine Berge hinauf vortrefflich cultivirt und angebaut.
+
+Trotz seiner Nähe bei dem schon längst den Holländern unterworfenen Java
+hatte es sich dennoch bis zur neueren Zeit seine vollkommene
+Unabhängigkeit zu bewahren gewußt, und erst in den letzten Jahren gelang
+es den Holländern, theils durch Verrath unter den Eingeborenen, theils
+durch ihre Truppen unter dem Commando Sr. Hoheit des Herzogs Bernhard
+von Weimar, die Rajahs Balis wenigstens dahin zu bringen, daß sie ihre
+Oberherrschaft anerkannten.
+
+Die Balinesen sind, was die Missionäre »blinde Heiden« nennen, d. h. sie
+haben ihre eigenen Götter (Brachma, Schiwa und Wischnu) und ihren
+eigenen Glauben, den sie sich entschieden weigern abzulegen. Ihre
+Javanischen Nachbarn gingen ihnen darin allerdings schon seit längerer
+Zeit mit gutem Beispiel voran, indem sie zum Islam übertraten. Von den
+muhamedanischen Priestern besonders, aber auch dann und wann von
+christlichen Missionären sind schon verschiedene Versuche gemacht, sie
+das abschwören zu machen, was andere Nationen eine =Irrlehre= nennen.
+Bis jetzt war es jedoch vergeblich, und wenn es irgend noch eines
+Beweises bedürfte, daß die christliche Religion keineswegs unumgänglich
+nothwendig dazu ist, ein wildes Volk zu civilisiren, so liefern diese
+Balinesen als =Heiden=, und ihre Nachbarn, die Javanen, als
+=Muhamedaner= davon den schlagendsten Beweis.
+
+Was die Cultur Balis' betrifft, so läßt diese nichts zu wünschen übrig.
+Jedes Plätzchen, das Frucht liefern kann, ist benutzt, und die Balinesen
+bauen sogar weit mehr, als sie zu ihrem eigenen Bedarf brauchen. Manches
+Schiff hat dort schon für den europäischen Markt seine Ladung von Reis,
+Zucker, Kaffee und anderen Produkten eingenommen, während hunderte von
+Prauen (die inländischen Fahrzeuge) der benachbarten Inseln, ja selbst
+bis von China herüber, in stetem und lebendigem Verkehr mit dem kleinen
+Reiche stehen. Die Balinesen haben dabei ihre eigenen Rajahs oder
+Fürsten, und die dem Lande dienlichen Gesetze werden mit
+unnachsichtlicher Strenge von ihren weltlichen und geistlichen
+Oberhäuptern in Kraft gehalten. Auf allen schweren Vergehen, selbst auf
+Diebstahl, steht Todesstrafe. -- Außerdem sind sie aber auch noch in
+vielen Künsten geschickt und erfahren. Vorzüglich ihre Stahl- und
+Goldarbeiten, ihre Korbflechtereien und Webereien sind berühmt in der
+ganzen Inselgruppe des ostindischen Archipels. Ihre Landestracht ist
+dabei anständig und geschmackvoll, und dem Klima vollkommen angemessen.
+
+So viel als kurze Einleitung für den Leser, der die kleine Insel bis
+jetzt vielleicht kaum dem Namen nach oder doch nur nach Beschreibungen
+kannte, welche ihre Bewohner beinah wie eine Räuber- und Piratenbande
+erscheinen ließ. Jede Sache hat freilich ihre zwei Seiten.
+
+
+1.
+
+Es war im September des Jahres 184*, als in dem südlichsten Rayat von
+Bali, in Badong, ein junger Bergbewohner rüstig aus der fruchtbaren
+Hochebene nieder der Süd-West-Küste der Insel und der Bai von Balikota
+zu stieg. Wohl führte eine breite, gut unterhaltene und fahrbare Straße
+von Badong zu dem kleinen Städtchen Kota an dieser Bai hinab. Der junge
+Balinese hätte aber, um auf sie zu gelangen, zu weit westlich aus dem
+Wege gehen müssen, und da er überdies auch nicht gewohnt war, einer
+breiten, bequemen Straße zu folgen, so suchte er sich lieber in gerader
+Richtung die nähere, wenn auch nicht eben so glatte Bahn.
+
+Diese führte ihn durch weite mit Mais und Zuckerrohr bepflanzte Flächen
+und an den schmalen Dämmen bewässerter Reisfelder hin, zu den Rändern
+steiler, dichtbewaldeter Ravinen, die das Land durchschnitten und mit
+ihrer wilden üppigen Vegetation in die urbar gemachten und in
+vollkommenster Cultur gehaltenen Felder gar wunderlich hinein griffen.
+
+Der Thau lag noch in voller funkelnder Pracht auf den Blättern und
+Blüthen, und hing in schweren Tropfen an den blitzenden Halmen, das
+saftige Grün der Hänge mit zauberhaftem Schimmer übergießend. Hoch und
+kühn daraus hervor ragte die stolze Cocospalme, die Königin der Wälder,
+mit ihrer schwankenden, zitternden Blattkrone, die der Südost-Monsoon
+hier nur in leichtem Säuseln erreichen konnte, und die Arekapalme
+streckte aus kleinen Fruchtdickichten den schlanken, zierlichen,
+pfeilartigen Stamm. Tief und schattig in den reizenden Hainen lagen die
+Bambushütten der Eingeborenen gar still versteckt, und die dunklen
+Ränder derselben wurden nur hie und da durch die purpurrothe
+Blüthenmasse des Tjanging[34] unterbrochen, der mit seinen unregelmäßig
+und reich über die Landschaft gestreuten Bäumen der ganzen Scenerie eine
+eigene wunderbare Färbung gab.
+
+Wo der junge Eingeborene seinen Pfad suchte, war noch wenig Leben. Hie
+und da arbeiteten erst einzelne Gruppen in den Feldern, meistens Frauen,
+die mit der Hand den reifen Reis abschnitten und auf die Ränder trugen.
+Der Sikup[35] strich noch einsam nach Beute über die stille Gegend. Hie
+und da stand auch wohl ein einsiedlerischer Tjanga mit den langen Beinen
+und riesigem, fast unverhältnißmäßig großem Schnabel am Rande der
+Reisfelder und trat dem rasch Heranschreitenden mehr, wie es schien,
+aus Höflichkeit, als aus besonderer Sorge für seine eigene Sicherheit
+ein paar Fuß aus dem Weg. Oder eine Schaar wilder Pfauen, die an dem
+Rand der Ravine gesessen und sich gesonnt hatte, bäumte auf und schaute
+mit den langen Hälsen neugierig nach dem einzelnen Wanderer nieder.
+
+Dieser aber war viel zu sehr mit sich selber und seinen eigenen Gedanken
+beschäftigt, um solchen, überdies durchaus gewöhnlichen Gegenständen
+auch nur einen Blick zu widmen. Rasch nur suchte er durch manche sich
+ihm in den Weg stellende Hindernisse seine Bahn, und hielt zum ersten
+Male an, als er eine Art Absatz oder Terrasse des Hanges erreicht hatte,
+von der aus sich eine weite Aussicht nach Süden und Südwest über die
+Küste und das ferne Meer gewinnen ließ.
+
+Über Gebüsch und Palmen hin, die den steilen, tiefablaufenden Hang
+bedeckten, konnte er den breiten Cocoshain überschauen, der das kleine
+Städtchen Kota mit der ganzen dortigen Küste umgürtete, während das
+blaue freundliche Meer an dessen anderer Seite den Strand beschäumte.
+Massen kleinerer Segel, meist inländische Prauen, hie und da aber auch
+chinesische Dschunken, kreuzten durch das stille, von einer leichten
+Brise kaum bewegte Wasser, und nur ein einziges europäisches Schiff lag
+gerade über der Corallenbank und durch die südlich auslaufende Spitze
+des Landes (von den Engländern Tafelhoek genannt) gegen den
+Südost-Monsoon geschützt, draußen vor Anker. Seine Segel waren zwar noch
+fest, aber es schien ziemlich schwer geladen und ging tief im Wasser,
+während einzelne Boote noch immer mehr Fracht hinüber brachten. Die
+holländische Flagge wehte von des Fremden Gaffel.
+
+Der junge Balinese blieb hier stehen und schaute lange und sinnend in
+das freundliche Thal hinab, das sich seinen Blicken öffnete. Aber seine
+Gedanken waren nicht mehr freundlicher Art. So frisch und froh vorher
+sein Auge dem niederen Lande entgegengeleuchtet hatte, so zog sich jetzt
+seine Stirn in düstere, krause Falten, und mit untergeschlagenen Armen
+schaute er schweigend zu dem fremden, unwillkommenen Gast, zu der ihm
+verhaßten, feindlichen Flagge hinüber.
+
+Es war eine edle, schöne, schlanke und doch so kräftige Gestalt, wie sie
+unter der einzelnen wehenden Palme stand. Und Hoheit und Schmerz lag in
+den Zügen, als ob der zürnende Gott der Berge selbst aus seines Waldes
+Schatten getreten sei und jetzt den Feind seines Landes, seines Volkes
+vor sich erblicke. Die Züge seines Gesichts konnten fast griechisch
+genannt werden. Die leicht gebogene Nase, die hohe Stirn, die
+schwellenden und doch zart geschnittenen Lippen schienen kaum einem
+indischen Stamme anzugehören; aber die dunkle Bronzefarbe der Haut, die
+dunklen feurigen Augen, das lange, rabenschwarze aber weichlockige Haar
+verriethen den Sohn dieser Küste, das Kind dieser Berge. Er ging ganz in
+die Landestracht gekleidet. Um den Kopf trug er fast turbanähnlich ein
+dunkelfarbiges, mit rothen und gelben Streifen durchzogenes Tuch, nur
+daß oben die üppige Masse seines schwarzen, langen Haares herausquoll.
+Um seine Hüften, bis fast zu den Knieen niederreichend, schlang sich ein
+gleiches von ähnlicher Farbe, der sogenannte Kammen, und der Sappot,
+eine Art schottischer Plaid, aber auch aus inländischem Zeug gewebt,
+hing ihm in leichtem, malerischem Wurfe über die Schulter, mit dem einen
+langen Zipfel die rechte Brust bedeckend.
+
+In dem Kammen stak vorn, wie bei allen Balinesen, die Kompec oder
+Sirihtasche (zum Betelkauen) aus feingeflochtenem und buntgefärbtem
+Bambus verfertigt, und hinten, wie bei den Südamerikanern, der lange
+Dolch oder Khris (im Balinesischen Radotan) in hölzerner, wunderlich
+geformter und mit Goldplättchen zierlich ausgelegter Scheide, während
+der Griff aus einem dunklen fein gravirten Metall bestand und ebenfalls
+mit Gold eingelegt war. An den Füßen trug er zierlich genähte
+Ledersandalen mit einem schmalen, goldgestickten Band quer über den
+Spann herüber. Sonst waren Arme und Beine nackt, aber voll und kräftig
+geformt, und nur um das Gelenk der linken Hand schlang sich ihm ein fast
+weibischer Schmuck, ein schmales Armband aus den purpurrothen,
+steinharten und herzförmigen Beeren einer Akazienart aufgereiht und zum
+schmalen Bande zusammengeflochten.
+
+Als einzige Waffe hielt die Hand dabei ein langes dünnes Blasrohr, aus
+hartem schwerem Holz gebohrt, von etwa fünf Fuß Länge, an das oben mit
+Streifen Rattan (spanischem Rohr) eine eiserne Lanzenspitze so an der
+Seite befestigt war, daß sie dem Schuß des Pfeils oder Bolzens nicht
+hinderlich sein konnte. Der Köcher, der die kleinen aus Bambus
+gefertigten, mit einer Pflanzenmark-Mundspitze versehenen und mit Gift
+bestrichenen Pfeile trug, stak ebenfalls in Kammen, an der linken Seite.
+
+Die Waffe stemmte er jetzt auf einen Stein, und mit dem linken Arm sich
+daran stützend, daß sein Haupt sich sinnend an die Lanzenspitze legte,
+murmelte er mit leiser, halbunterdrückter Stimme vor sich hin:
+
+»Wieder so ein Schiff mit seiner stolzen dreifarbigen Fahne, wieder und
+wieder eins, in Handel und Freundschaft scheinbar, und =uns= zum Nutzen,
+wie sie sagen, heimlich aber nur sich und ihr räuberisches Ziel im Auge.
+Halb =sind= wir ja schon besiegt,« setzte er mit finsterem Grimm hinzu,
+die Worte durch die zusammengepreßten Zähne zischend, »und wenn nicht
+noch der wackere Dewa Argo dem Treiben fest entgegenstünde und mit aller
+ihm zu Gebote stehenden Macht an unsern Sitten und Gesetzen hielte, den
+Fremden keinen Fuß breit Boden weiter gönnend, wie säh's um Bali aus!
+Hielt er die Hand nicht über unser Land gestreckt, wie bald würden die
+Fremden, die Brachma verdammen möge, das Land überschwemmen und den
+ganzen Fluch ihres Geschlechts über uns bringen. In den Thälern wüthet
+schon die furchtbare Radjadja[36], und die Leichen ihrer Opfer verpesten
+die Luft.«
+
+»Die alten Prophezeihungen werden wahr,« fuhr der Einsame in seinem
+Selbstgespräch inzwischen fort. »Der weiße Jakal hat den schwarzen
+überlistet und wüthet in seinem Jagdgrund, während unsere Götter ihr
+Haupt abwenden, um die Schmach ihrer muthlosen Kinder nicht zu schauen.
+»Der weiße Tiger wird kommen und uns verschlingen, wenn wir ihm nicht
+gehorchen,« sagt der Orakelspruch jenes weisen Rajah, der tausende von
+Armen schon entnervt und die Herzen mit Angst und Muthlosigkeit gefüllt
+hat. Ei, er möchte kommen und es versuchen, und unsere Lanzen und
+Pfeilspitzen würden sein Herz finden, daß sein Blut den Boden düngte.
+Aber nur zusammen müßten wir stehen, in innigem Bündniß, nicht jeder
+Rajah für sich selber aus kleinlicher, erbärmlicher Furcht das Bündniß
+des Feindes suchen, um von sich selber dessen Rache abzuwenden, für sich
+selber die Regierung zu erhalten. Das Wohl der Völker, lügen sie dabei,
+hätten sie im Auge, und nur ihr eigener Ehrgeiz macht sie blind gegen
+Ehre und Pflicht, und treibt sie, die Völker, die ihrem Schutz durch
+Brachma anvertraut, nichtswürdig zu verrathen.«
+
+»Wie stehen wir jetzt dem Feinde gegenüber? -- Unsere Prauen liegen
+müssig am Strande, unsere Arme werden durch gefährliche Unterhandlungen
+gefesselt gehalten, und die Flagge jener Fremden weht stolz unseren
+Tempeln entgegen, und schändet uns und unsere Götter. Fluch über solche
+Unthätigkeit, über das Zaudern und Zögern und Wählen und Fürchten. Wenn
+das so fort geht, wird der Name Balinese bald gleichbedeutend werden mit
+Sklave und Feigling. O mein schönes, armes Vaterland!«
+
+Er stand noch lange da, seinen finsteren, schmerzlichen Gedanken sich
+überlassend, als sein Auge plötzlich auf das Armband fiel, das er am
+linken Handgelenke trug, und ein freundlicherer Ausdruck seine schönen
+und edlen Züge belebte.
+
+»Kassiar,« murmelte er leise, indem ein flüchtiges Lächeln über sein
+Antlitz glitt, »Kassiar, du Blume des Thales, dich wenigstens will ich
+dem giftigen Einfluß jener Fremden entreißen und mit mir in meine Berge
+führen. Dort bieten wir dem fremden Einfluß Trotz, und kommt einmal die
+Zeit, in der mein Vaterland den Fluch erkennt, den es sich selber
+muthwillig aufzuladen scheint, dann brechen wir hervor, und unser
+Schlachtschrei soll die Feinde zurück auf ihre Schiffe schrecken. --
+Kassiar!«
+
+Und mit dem Namen der Geliebten auf den Lippen, griff er die Lanze auf,
+und sprang mit leichtem Schritt den Hang hinab, der Richtung Kota's zu.
+Hier mußte er freilich noch ein breites mit Zuckerrohr bepflanztes Feld
+durchschneiden, das nördlich von dem kleinen in die Tanjong-Bai
+ausmündenden Kali oder Flusse lag. Eine Brücke gab es über den Strom
+nicht, aber eine Cocospalme, die dicht am Uferrand gestanden, war von
+dem angeschwellten Wasser unterwühlt hinübergestürzt, daß ihr Wipfel
+eben das jenseitige Ufer berührte. Auf dieser lief er hinüber, drängte
+sich durch den morastigen, mit niedrigen Büschen bedeckten Uferstrich,
+der die nördliche Seite der von Tuban nach Kota führenden Straße und den
+Palmenwald begrenzte, und fand sich bald im Schatten der wundervollen
+Punjannjo's, der Cocospalmen, wo er auf glattem, ebenem Wege rüstig
+dahin schritt.
+
+
+2.
+
+Wie das über ihm rauschte und zitterte, in einsamer, wundervoller
+Waldespracht! -- Wie das flüsterte und raschelte, und mit den langen,
+herrlichen Blättern wehte und ineinandergriff! -- Hier war nichts
+Fremdes, nichts Verhaßtes mehr; das war sein eigenes, schönes Vaterland,
+die Cocospalme seines Stammes Bild, und wie das Herz ihm wieder
+aufging in Stolz und Lust und die Sehnsucht nach der Geliebten es
+rascher schlagen machte, wurde sein Schritt auch leichter und
+elastischer, und freundlich nickte er den Leuten zu, die er am Wege
+traf, und die Reis und andere Feldfrüchte, oder Matten und Körbe in die
+Stadt zu Markte trugen.
+
+Schon hatte er hier die Gärten erreicht, die theils mit der
+rothblühenden Butju (_rosa sinensis_), theils mit der Buntaja (einer
+sehr giftigen Rankenpflanze, welche durch bloße Berührung schon
+Entzündungen und Anschwellungen bewirkt) eingezäunt waren, und hie und
+da schaute aus dem dunklen Laub einzelner Kaffee- und Muskatnußbüsche,
+oder zwischen den hochgezogenen Sirih-Ranken die stille, lauschige
+Bambushütte der Eingeborenen hervor, während die Cocospalmen in einem
+dichten Hain ihre Kronen in einander legten und kühlen Schatten auf den
+zwischen ihnen durchführenden Weg warfen.
+
+Jetzt hatte er die ersten Wohnungen der Stadt erreicht; rechts am Wege
+leuchtete ihm schon das helle Dach des Gustis -- des Dorfoberhauptes --
+entgegen, und von dort hinauf, der Cocosnußölmühle zu, die von den
+Weißen angelegt worden, gleich über dem breiten Platz, der sich dort
+ausdehnte -- wie rasch das Herz ihm an zu pochen fing -- dort wohnte
+Kassiar, und mit fast kindischer, jubelnder Lust malte er sich schon im
+Geiste die Überraschung der Geliebten aus, die keine Ahnung von seiner
+Nähe hatte.
+
+Mehrere junge Mädchen waren ihm begegnet; manche aufgeputzt, wie zu
+einem ihrer Feste, andere in das einfach gewebte Zeug des Landes
+gekleidet. Aber er achtete ihrer nicht; sein Auge suchte zwischen den an
+ihm vorbeigleitenden Dächern hin, die wohlbekannte Gruppe schlanker
+Arekapalmen, die das Haus der Geliebten umstanden, und jetzt -- schon
+wollte er um des Gustis Garten in die Straße einbiegen, denn dort ragten
+die schlanken Wipfel grüßend und freundlich nickend schon hervor, -- da
+schritt ein junges Mädchen die Straße herab, und sein Fuß haftete wie
+angewurzelt an dem Boden fest.
+
+Das war Kassiar -- und wieder war sie's nicht. Die lieben dunklen Augen
+gehörten freilich ihr -- der schlanke Wuchs, der leichte elastische Gang,
+dem Kiedang ihrer Wälder gleich -- und dennoch schien sie ihm vollkommen
+fremd, denn Tracht und Sitte, wie er's bis jetzt an ihr gewohnt gewesen,
+glich sich gar nicht mehr. Das dunkle volle Haar war mit Blumen, rothen
+Beeren und kleinen farbigen Muscheln geschmückt, wie den Putz ähnlich
+auch andere eingeborene Mädchen trugen, aber in den Ohren hingen ihr
+goldene Zierrathen, wie sie die verhaßten Weißen mit herüber gebracht,
+den weichen runden Arm umschloß ein goldenes, steinbesetztes Band, und
+um die Schultern lag ihr ein himmelblau und roth gestreiftes seidenes
+Tuch und hing mit dem einen Zipfel vorn über die linke Brust herab.
+Leichten Schrittes kam sie den Weg herab, der nach dem Strande nieder
+führte, und wenn ihr Blick auch auf den jungen Krieger über die Straße
+herüber fiel, war sie doch zu sehr mit ihren eigenen Gedanken
+beschäftigt, um viel auf ihn zu achten. So wollte sie eben an ihm
+vorüber eilen, als sein Ruf sie aufhielt und rasch nach ihm herüber
+sehen machte.
+
+»Kassiar!« -- Der eine Blick genügte -- zitternd und erschreckt, die
+Hände vorgestreckt, ihre Farbe, die selbst unter der zarten aber dunklen
+Haut sichtbar wurde, kommend und schwindend, die Arme halb nach dem
+geliebten Manne ausgestreckt, halb ihn damit abwehrend, stand das junge
+Mädchen einer schönen Statue gleich da.
+
+»Glentek!« hauchte sie dabei, »wo kommst du her, oder liegt dein Körper
+oben in den Bergen, von scharfer Waffe oder Tigerzahn zerrissen, und nur
+dein Geist hat mich hier aufgesucht?«
+
+Glentek barg einen Augenblick die Stirne in der Hand und strich sich die
+langen Haare dann zurück, indem er seinen Blick dabei scheu und erstaunt
+auf die Jungfrau heftete.
+
+»Und das ist Kassiar?« sagte er endlich halblaut und schüchtern, indem
+er langsam über die Straße hinüber schritt und vor dem zitternden
+Mädchen stehen blieb; »ist das das Weib, das ich mir in die Berge holen
+wollte, um sie der Gefahr hier zu entziehen, die ihr von Fremden und
+fremdem Glanz und Luxus droht? -- Es ist zu spät, wie ich sehe, und
+Kassiar hat nicht allein Glentek vergessen, sondern auch ihr Vaterland.
+Wie sie sich da aufgeputzt, mag sie wohl einem der fremden Männer für
+kurze Zeit gefallen; werden aber die jungen Leute von Bali ihr wieder
+ihre Heldenlieder singen?«
+
+»Glentek!« bat das Mädchen, ihm die Hand entgegen streckend mit
+herzlichem, flehendem Ton, »ist =das= dein Gruß, mit dem du mich nach so
+langer Zeit der Trennung empfängst, und hast du in den Bergen oben deine
+Kassiar so ganz vergessen -- so ganz vergessen und verlernt sie zu
+lieben?«
+
+Glentek erwiderte nichts darauf, aber sein Blick hing noch immer fest
+und vorwurfsvoll an dem bunten, fremdländischen Staat, der die Geliebte
+schmückte, an den goldenen Ringen im Ohr und um den Arm, an dem
+seidenen Tuch, das ihre Schultern umschloß. Endlich sagte er langsam und
+traurig:
+
+»Dich vergessen, Kassiar? -- Mächtiger Brachma, mein Herz vergäße ebenso
+leicht zu schlagen, mein Ohr den Ruf des Vaterlandes zu hören! Dich
+vergessen, Kassiar? -- Und bin ich deinetwegen nicht drei Tage gewandert
+und die letzte Nacht, um nur recht bald dein liebes Antlitz wieder zu
+schauen, deine Hand in der meinen zu fühlen, dem Flüstern deiner Worte
+zu lauschen? Die Sterne haben mir von dir gesprochen, wenn sie vom
+dunklen Himmel niederfunkelten, der Wasserfall rauschte mir deinen Namen
+Tage lang, Nächte lang, und meiner Palmen Wipfel kannten keinen andern
+Laut. -- Dich vergessen, Kassiar? -- Jeder Vogel zwitscherte mir das
+liebe Wort, in jedem Tropfen perlenden Thaues sah ich dein Bild, und nur
+die Sehnsucht nach dir hielt Schritt mit der wachsenden Liebe -- und
+jetzt --«
+
+»Und jetzt, Glentek?« sagte das Mädchen und streckte ihm freundlich die
+Hand entgegen, »war das nun der ganze Gruß, den du deiner Kassiar bieten
+konntest?«
+
+»Ich weiß nicht,« entgegnete der junge Krieger leise und mit tief
+bewegter Stimme, »ich weiß ja gar nicht, ob es noch =meine= Kassiar
+ist. Die Augen lachen mich noch so freundlich an, wie vordem, wenn auch
+nicht so offen, so treuherzig mehr. Die süße Stimme ist es immer noch,
+aber der äußere Tand, der sie umschlossen hält, der Schmuck des Fremden,
+der ihre schlanken Glieder entstellt, anstatt sie zu zieren -- der ist
+mir fremd, der verhüllt mir Kassiar, daß mein Auge das alte Herz nicht
+mehr darunter finden kann. Und ich weiß nicht, =wem= es jetzt
+entgegenschlägt.«
+
+»Du böser Glentek,« lächelte die Maid, seine Hand ergreifend und ihr
+Haupt an seine Schulter lehnend, »=du= weißt nicht, wem es schlägt?«
+
+»Von wem ist denn der Putz -- von wem das Tuch?« sagte der junge
+Balinese noch immer nicht beruhigt.
+
+»Wenn es dich ärgert, nehm ich's ab und trag's im Leben nicht wieder,«
+rief schnell Kassiar, das Tuch von ihren Schultern ziehend.
+
+»Und wer gab es dir?« fragte Glentek finster. »Kassiar ist nicht so
+reich, daß sie der Fremden kostbarste Stoffe mit Reis und Kaffee kaufen
+könnte.«
+
+»Du brauchst mich deshalb nicht so finster anzusehen, Glentek,« sagte,
+mit einem halbscheuen Blick zu ihm empor, das junge Mädchen. »Du
+weißt, daß -- daß die Fremden jetzt alles thun, der Balinesen guten
+Willen zu erkaufen und sie zu Freunden sich zu machen -- und da --«
+
+»Und da?« wiederholte Glentek finster, aber seine Frage wurde überhört.
+
+Rasches, donnerndes Pferdegestampf schallte die Straße nieder, die von
+Tuban herüber führte, und als sich die beiden jungen Leute darnach
+umsahen, kam ein kleiner Trupp Europäer, mit einer Dame an der Spitze,
+an deren Seite ein paar eingeborene Rajahs und auch der Gusti von Kota
+dahin sprengten. Sie wollten quer über den mit Waringhis bewachsenen
+Platz hinüber nach eines Holländers Wohnung, die dort lag. Die Dame warf
+auch nur im Vorbeisprengen einen flüchtigen Blick auf das junge Paar,
+als sie plötzlich ihrem Pferd rasch in die Zügel griff, daß es aufbäumte
+und schäumend in sein Gebiß knirschte und zurücklenkte, wo jene Beiden
+standen.
+
+»Mein Tuch!« rief sie dabei; »beim Himmel, die Dirne dort hält mein
+gestohlenes Tuch!«
+
+»Aber, liebes Kind!« rief ihr Gatte, der Capitain des auf der Rhede
+liegenden holländischen Schiffes, »mach' hier keine Scene. Reite hinüber
+zum Haus, ich werde das Tuch reclamiren und sehen, wie es sich damit
+verhält.«
+
+Die Dame aber, taub gegen die Vorstellungen, rief gereizt:
+
+»Daß mir die Diebin in die Hecken schlüpft und sich nicht wieder an der
+Küste sehen läßt, nicht wahr. Mich hat ein glücklicher Zufall hierher
+geführt, und den will ich benutzen.«
+
+»Was ist -- was gibt's?« rief der Gusti, der ebenfalls sein Pferd rasch
+parirt hatte und gerade an ihre Seite sprengte, als sie vor dem trotzig
+zu ihnen aufschauenden Glentek und dem Mädchen hielten.
+
+»Das Tuch ist, glaub' ich, gestohlen und Madame hat es wieder erkannt,«
+dolmetschte ein anderer Europäer dem eingeborenen Richter in
+balinesischer Sprache.
+
+»=Gestohlen?=« schrie Glentek, der die Worte gehört hatte, wild
+emporfahrend, und seine Hand zuckte wie unwillkürlich nach dem Radotan.
+
+»Ruhig, mein Bursche!« rief aber finster der Gusti; »die Sache wird sich
+finden. -- Her das Tuch, Kassiar -- zögerst du, Dirne?«
+
+Kassiar hatte erbleichend die Beschuldigung gehört, und ihr Auge haftete
+eine Weile in Angst und Schrecken auf dem einen Fremden, dem Capitain
+des Schiffs, als ob sie von ihm Schutz und Entschuldigung erwarten
+dürfe. Der Gusti hatte ihr indeß das Tuch aus der Hand genommen und
+der weißen Frau hingereicht, damit sich diese überzeugen könne, ob es
+wirklich das ihre sei.
+
+»Gewiß -- gewiß!« rief aber diese, als sie es auf dem Pferd mit der
+einen Hand in die Höhe hob und einen forschenden Blick darauf geworfen.
+»Das ist mein Tuch, das ich seit Jahren nicht mehr getragen und in
+meines Mannes Sekretär liegen hatte. Als ich aber neulich zufällig
+einmal darnach fragte und es zu sehen verlangte, war es verschwunden.
+Niemand konnte sich erklären wie, und jetzt trägt es die Dirne in der
+Hand.«
+
+»Und hast du keine Vertheidigung für dich, Kassiar?« rief mit
+unterdrückter Stimme, aber in Todesangst der junge Bergbewohner. »Läßt
+du die Fremden dich eine =Diebin= nennen, und wirfst ihnen die Lüge
+nicht zurück in ihr Gesicht?«
+
+»Woher hast du das Tuch?« fragte jetzt der Gusti das zitternde und mit
+niedergeschlagenen Augen vor ihm stehende Mädchen. »Nun, wirst du deinem
+Richter antworten, Dirne?«
+
+Wieder hob sich der Blick Kassiars scheu und flüchtig zu dem Fremden
+empor, aber nur einen Moment weilte er dort. Erbleichend wandte sie ihr
+Haupt ab, dem Geliebten zu, und barg ihr Antlitz dann, wie ihre Schuld
+bekennend, in den Händen.
+
+»Man wird dich reden machen,« sagte indessen ruhig der Gusti. »Cheh
+Lascie, Maras, führt sie in mein Haus und haltet sie dort bewacht, bis
+ich selbst hinüber komme.«
+
+Und seinem Pferd die Sporen gebend, winkte er der übrigen Gesellschaft
+freundlich, ihren Weg fortzusetzen. Die kleine Cavalcade sprengte auch
+gleich darauf wieder dem Hause des Holländers zu, wo sie zahlreiche
+Diener empfingen, ihnen die Pferde abnahmen und sie in die Halle
+geleiteten. Sie waren alle dort zu Tische geladen, ebenso der Gusti von
+Kota, und es wurde neun Uhr Abends, ehe dieser wieder in seine Wohnung
+hinüber ging, um der Verhafteten für die Nacht in einem der Gefängnisse
+einen Platz anzuweisen. Das Hauptverhör sollte am nächsten Morgen sein.
+
+
+3.
+
+Der nächste Morgen kam, und Maderai, der Gusti von Kota, hatte seinen
+Platz zwischen den übrigen Richtern eingenommen, während das Volk in
+neugierigem, dichtem Schwarm den weiten Raum der großen Bambushütte
+füllte. Jedes Schmuckes baar, die Haare glatt und schlicht
+herabgekämmt, die Schultern mit einem dunklen selbstgewebten Zeug
+bedeckt, ohne Goldringe in den Ohren oder um die Arme, stand das
+wunderschöne Mädchen seitwärts in einer kleinen Einfriedigung von
+Bambusstäben und harrte der Klägerin, die vorgefordert war, gegen das
+des Diebstahls beschuldigte Mädchen aufzutreten. Das verhängnißvolle
+Tuch hing an einem Stab neben des Gusti Sitz. Immer aber noch erschien
+die Klägerin nicht, und draußen das Schiff in der Bai, das seine Segel
+heute Morgen schon gelöst, seine Flagge aufgehißt und seine Boote an
+Bord genommen hatte, war augenscheinlich im Begriff, ihre Küste zu
+verlassen. Ließen die Weißen also die Klage gegen das Mädchen fallen, so
+war sie frei. Von den Eingeborenen konnte ihr Niemand die Schuld
+beweisen.
+
+Da senkte sich wieder eins der Boote zum Wasser nieder, deutlich konnte
+man, selbst von hier aus, erkennen, wie der Capitain mit seiner Frau
+hineinstieg, die hellen Kleider der Europäerin, die noch einmal an Land
+kam, um eins der eingeborenen Mädchen verurtheilen zu lassen,
+schimmerten bis hier herüber, und langsam und regelmäßig fielen die
+Ruder ein, das scharfgebaute Boot zum Ufer treibend, das bald seinen
+scharfen Bug an dem Corallensand des Strandes scheuerte.
+
+Capitain Van Soeken kam aber nicht freiwillig heute Morgen zum Gericht.
+Das Schiff lag zur Abfahrt bereit mit Fracht und Wasser an Bord, Wind
+und Strömung waren günstig, seine Papiere in Ordnung und selbst den
+Anker hatte er schon früh am Morgen heben lassen, um jeden Augenblick
+die Segel loswerfen und in See gehen zu können.
+
+»Was liegt denn an dem Tuch?« sagte er beschwichtigend, als seine Frau
+am frühen Morgen darauf drang, hinüber zu rudern an Land und es beim
+Gusti, mit Hinterlegung ihrer Klage, abzuholen. »Du mochtest es so nicht
+mehr tragen, und kommen wir nach Amsterdam zurück, so sollst du dir eins
+dafür aussuchen, wie es dein Herz verlangt.«
+
+»Mir liegt nichts an dem Tuch,« entgegnete aber, den Blick fest und
+mißtrauisch auf den Gatten geheftet, die Frau. »Mir ist's der Sache
+selber wegen, die Diebin zu bestrafen. Drei- oder viermal hab' ich sie
+schon hier an Bord gesehen; was hatte sie anders hier zu thun, wenn
+nicht -- Gelegenheit auszuspüren?«
+
+»Sie kam mit den andern Mädchen,« sagte kopfschüttelnd der Capitain,
+»lieber Gott, bei dem Volke muß man der Neugierde auch etwas zu gut
+halten.«
+
+»Und wie kam sie in die Kajüte hinunter und in den Sekretär?« rief
+Madame, die Worte scharf betonend. »Van Soeken, hier liegt, wie ich fast
+fürchte, ein Geheimniß zu Grunde, das die Schuld der Dirne um ein
+gewaltiges vergrößert -- und =verringert=. Ich gebe dir mein Wort --«
+
+»Aber liebes, gutes Kind,« bat sie der Capitain, »sei doch vernünftig,
+und setze dir nicht eine Menge thörichter Sachen muthwillig in den Kopf.
+Wenn wir hinüber könnten zum Verhör, würde ich dir rasch beweisen, wie
+das Ganze ein einfacher Diebstahl ist, wegen dem ich dich aber =recht
+herzlich= bitte, kein großes Aufheben zu machen und die Sache lieber
+fallen zu lassen. Du weißt, wie furchtbar streng die Eingeborenen jeden
+Diebstahl unter sich strafen, wie die Frauen schwere jahrelange
+Gefängnißstrafe in niederen Bambuskäfigen und Verbannung, die Männer den
+Tod zu gewärtigen haben. Die Eingeborenen sind dabei so unendlich
+freundlich und gastfrei gegen uns gewesen; laß uns nicht mit einer
+solchen Erinnerung, einer solchen Kleinigkeit wegen, von ihnen
+scheiden.«
+
+»Wenn wir hinüber =könnten=, sagst du?« rief die Frau. »So willst du
+=nicht= gehen?«
+
+»Aber siehst du denn nicht, daß unser Fahrzeug segelfertig liegt und ich
+wahrhaftig vor meinen Leuten nicht verantworten kann, die schöne Zeit
+zu versäumen?«
+
+»Das Schiff ist dein -- ist unser Eigenthum, wir können damit thun, was
+wir wollen. -- Aber ich sehe schon, wie es ist. -- Rücksicht auf die
+Leute willst du nehmen -- auf dein Weib nicht. Und soll ich dir sagen,
+weshalb du dich fürchtest, das Land wieder und jenen Gerichtshof zu
+betreten?«
+
+»Fürchten? -- Aber, bestes Kind --«
+
+»=Soll= ich's dir sagen, oder glaubst du gar, ich sei blind und hätte
+den Blick nicht gesehen, den das Mädchen gestern auf dich warf, als ich
+sie des Diebstahls beschuldigte?«
+
+»Auf mich?«
+
+»Auf =dich=, hab' ich gesagt, und wagtest du heute, der Dirne mit einer
+=Klage= gegenüber zu treten, würfe sie dir entgegen, daß =du= ihr das
+Tuch =geschenkt=.«
+
+»Aber liebe, beste Marie!«
+
+»Das Tuch =geschenkt=, sag' ich!« rief die Frau, mehr und mehr in
+eifersüchtigen Zorn gerathend, da die augenscheinliche Verlegenheit des
+Mannes ihren Verdacht nur mehr und mehr bestätigte. »Und wenn du mir das
+Gegentheil jetzt nicht =beweisest=, so schwör' ich dir, so wahr ich
+Marie heiße und das Unglück habe, dein Weib zu sein, das Schiff hier
+zu verlassen und am Lande Schutz zu suchen.«
+
+»Aber Marie, so nimm doch nur Vernunft an!« bat der Capitain.
+
+»Und weigerst du dich, auch =mich= an Land zu setzen, dann, bei dem
+ewigen Gott, spring ich über Bord und mache diesem Leben, das doch von
+da an nur Qual und Elend für mich haben müßte, ein rasches Ende. --
+Verrathen und betrogen -- lieber nicht leben, als mit =der= Gewißheit
+dem Grabe langsamer aber ebenso sicher entgegen sehen.«
+
+»Aber so sprich doch nur vernünftig!« rief Van Soeken, so gewissermaßen
+zur Verzweiflung getrieben. »Wenn dir das Schiff selber so wenig am
+Herzen liegt, einer solchen Bagatelle, einer wahnsinnigen Idee wegen
+Wind und Strömung zu versäumen, gut, so sag' mir wenigstens, was du
+verlangst und eile damit.«
+
+»Was ich verlange?« rief rasch triumphirend die Frau, »augenblicklich
+mit dir an Land zu fahren und Zeuge der Gerichtsverhandlung zu sein.«
+
+»=Du= mit mir? weshalb? -- Einer genügt vollkommen, und wenn du es
+verlangst und wenn es dich beruhigt, will ich hinüber fahren, die Klage
+einlegen und dir das Tuch, an dem dein Herz so hängt, zurückbringen.«
+
+»Du allein? -- Das glaub' ich dir!« lächelte die Frau den Gatten hämisch
+an. »Wenn du mich hier an Bord wüßtest, wär' das Geschäft da drüben wohl
+bald und glücklich abgemacht. Fort mit dir! =Euch allen= ist nicht zu
+trauen, und wo der Eine den Andern unterstützen kann, thut er's mit
+Freuden, gilt es ja doch nur, das arme, verrathene Weib zu täuschen.«
+
+»So komm denn, meinetwegen,« sprach der Capitain, der keinen Ausweg
+weiter sah, der peinlichen Geschichte zu entgehen, »du bist auch im
+Stande, eher den =Lügen= der Dirne zu glauben, wenn sie sich irgend eine
+Ausflucht suchen sollte, als deinem Mann. Aber komm, du sollst
+wenigstens sehen, daß =ich= deine wahnsinnige Anklage nicht fürchte und
+mit gutem Gewissen dem Verhör entgegen gehe. Ist mein Boot noch unten,
+Steuermann?« rief er dann mit lauter Stimme dem vorn am Anker stehenden
+Officier hinüber.
+
+»Ja, Mynheer,« lautete die Antwort zurück; »soll gleich aufgeholt
+werden. Alles fertig.«
+
+»Halt! -- wir fahren noch einmal an Land.«
+
+»Noch einmal an Land?« brummte der Steuermann nicht wenig erstaunt, »na,
+da bitt' ich zu grüßen, Ebbe und Brise, wie sie im Buche stehen, alles
+klar, und noch einmal an Land? Wo so eine Schürze an Bord ist, hört
+doch der ordentliche Dienst gleich auf. Hol's der Teufel, möchte nur
+wissen, was jetzt wieder im Wind ist.«
+
+Das Brummen half ihm aber nichts. Die Jölle wurde langseits gehalten,
+der Kajütsjunge hing die Treppe wieder aus, und wenige Minuten später
+schnitten die Ruder in die klare Fluth und trieben das schlanke Boot
+pfeilschnell dem Lande zu.
+
+
+4.
+
+Lautes Murmeln durchlief die Versammlung der Eingeborenen, zu denen sich
+auch jetzt der auf Bali wohnende Europäer eingefunden hatte, um Zeuge
+der Verhandlung zu sein.
+
+»Dort kommt der Fremde mit der weißen Frau -- arme Kassiar -- wie viel
+lange Jahre wird sie in dem Käfig sitzen müssen, des bunten Lappens
+wegen -- und wie bleich sie aussieht und geknickt! -- Wie rachsüchtig
+die Fremden sind und wie habgierig -- arme Kassiar!«
+
+Zwischen den Eingeborenen lehnte ein junger Mann an einer der hölzernen
+Stützen des Hauses. Er ging in die Tracht der Bergbewohner gekleidet,
+mit dem Radotan im Gürtel, und sein Blasrohr mit der Lanzenspitze im
+Arm. Aber er sprach mit Niemand; kein Laut kam über seine Lippen, kein
+Ton des Mitleidens mit dem Opfer, oder des Hasses gegen die Kläger. Es
+war Glentek, und als Kassiars Blick ihn dort erspäht, wo er stand, hatte
+ihr Auge den Boden gesucht und sich noch nicht wieder von dort gehoben.
+
+Jetzt traten die Fremden in den Saal. Der Holländer war ihnen entgegen
+gegangen, die Dame zu dem für sie bestimmten Sitz zu führen. Der Gusti
+nickte ihnen freundlich zu, und als das Geräusch verstummt war, das ihr
+Betreten des Raumes verursacht hatte, erhob sich der Gusti von seinem
+Sitz, überflog mit flüchtigem, aber strengem Blick die Versammlung, und
+begann dann mit seiner lauten, klangvollen Stimme die Anrede.
+
+»Männer von Bali! wir sind versammelt, die Anklage einer weißen Frau zu
+hören gegen eine unseres Stammes, die des Diebstahls bezüchtigt wird.
+Ihr wißt, wie streng unsere Gesetze sind, wie sie den Diebstahl beim
+Mann mit dem Tode, bei der Frau mit schwerem Kerker strafen, und ihr
+werdet Zeugen sein, daß den Fremden Gerechtigkeit werde in unserm
+Lande.«
+
+Nach dieser Einleitung forderte er den der Bali-Sprache vollkommen
+mächtigen Europäer, der sich erboten hatte, für die Dame zu
+dolmetschen, auf, seine Klage vorzubringen und hier, öffentlich vor
+Gericht, zu bestätigen, daß das Tuch der Europäerin und von Bord des
+Schiffes entwendet sei. Sie habe dabei anzugeben, ob es dort offen
+gelegen, oder aus einem verschlossenen Raum genommen wurde, was die
+Strafe für das Vergehen noch verschärfen würde.
+
+Die Klage lautete jetzt, von dem Dolmetscher in balinesischer Sprache
+vorgetragen, auf allerdings erschwerende Umstände, da das Tuch von Bord,
+und zwar aus einem verschlossenen Kasten gestohlen sei. Hiergegen trat
+aber der Capitain selber auf, indem er erklärte, er habe mehrere jener
+Stücke Zeug vor einiger Zeit aus seinem Kasten genommen und draußen
+liegen lassen. Das Tuch könne darunter gewesen sein.
+
+Kassiar wurde jetzt gefragt, wie sie zu dem Tuch gekommen sei, ob sie es
+wirklich heimlich von Bord genommen, oder irgend etwas vorzubringen
+habe, was zu ihrer Entschuldigung in der Sache reden könne. Zitternd
+stand das Mädchen von ihrem Sitze auf. Mehrere Minuten gebrauchte sie,
+sich so weit zu sammeln, daß sie den Blick zu ihrer Klägerin erheben
+konnte. Neben dieser stand der Capitain, und ihr Auge schweifte kurze
+Zeit von Van Soeken zu dessen Gattin und zurück, bis es sich endlich auf
+den Seemann heftete. Dieser aber konnte dem Blick, so viel Mühe er
+sich auch gab, nicht begegnen. Langsam erhob sich dabei ihr Arm, bis er
+auf den Kläger deutete, und eine Weile stand sie so, einer wunderschönen
+Statue gleich, kein Glied des Körpers regend, nicht mit den Wimpern
+zuckend, dem Manne gegenüber. Auch die Frau des Capitains war
+aufgesprungen, der nächste Moment sollte vielleicht schon ihren längst
+gefaßten Verdacht bestätigen, und ihr Auge flog wild, in fast peinlicher
+Spannung, von den Lippen des Mädchens zu den unverkennbar bleichen Zügen
+des Gatten.
+
+»Ihr wollt wissen, woher das Tuch in meine Hand gekommen?« sagte da
+endlich Kassiar mit leiser, wunderbar ruhiger Stimme, ohne ihre Stellung
+auch nur mit dem Zucken einer Muskel zu verändern, -- »und jene Frau dort
+klagt Kassiar des Diebstahls an -- so hört denn -- ich habe jenes Tuch
+--«
+
+Dicht hinter dem Holländer hob sich in diesem Augenblick die schlanke
+Gestalt Glenteks still und ruhig empor, und auch sein Blick hing in
+athemloser Spannung an den Lippen der Angeschuldigten. Da traf ihn
+Kassiars Auge, und plötzlich in sich zusammenbrechend, ihr Antlitz in
+den Händen bergend, rief sie mit markdurchschneidender Stimme aus:
+
+»=Gestohlen!=« und sank bewußtlos auf den Boden nieder.
+
+»Armes Kind -- arme Kassiar!« klang es von den Lippen der Eingeborenen,
+und einige der Frauen drängten sich durch die Wachen, die Ohnmächtige zu
+unterstützen und ins Leben zurückzurufen.
+
+»Das Geständniß genügt,« sagte da der Gusti ernst, der sich ebenfalls
+von seinem Sitze erhoben hatte, indem er das neben ihm hängende Tuch von
+dem Stabe herunter nahm und einem seiner Diener übergab, damit er es der
+Europäerin, als ihr Eigenthum, zurückbringe. -- »Das unglückliche, junge
+Mädchen mag indeß der Sorgfalt der Frauen überlassen bleiben, bis es
+sich erholt hat, dann aber der Obhut der Gefängnißwärter übergeben
+werden. In dem Krankeng büße sie fünf Jahre lang.«
+
+»Halt!« rief da eine ernste, klangvolle Stimme in den Tumult von Tönen
+hinein, der diesem Urtheilsspruch folgte, »halt, hört erst mich. -- Das
+Mädchen ist unschuldig!«
+
+Wunderbar war die Wirkung, die diese wenigen Worte auf die Versammelten
+ausübten, und selbst die Ohnmächtige schienen sie ins Leben
+zurückgerufen zu haben. Zu gleicher Zeit sprang Glentek, der junge
+Krieger aus den Bergen, die Ballustrade, die ihn von dem innern Raume
+trennte, mit einem Satz überspringend, in diesen hinein und ging mit
+leichtem Schritt dem Gusti zu, vor dem er, auf seine kurze Lanze
+gestützt und das Haupt vor ihm beugend, ehrerbietig, doch fest
+entschlossen stehen blieb.
+
+»Wer bist du?« fragte dieser freundlich den ihm fremden Krieger, indem
+sein Auge mit Wohlgefallen auf den schlanken, kräftigen Gliedern, wie
+den offenen Zügen des Jünglings hafteten. »Was weißt du von der Schuld
+des Mädchens hier, das ihr Vergehen schon offen eingestanden?«
+
+»Ich selber bin der Dieb,« sagte der Eingeborene, und wenn auch seine
+Lippen bei der Lüge zitterten und seine Wangen sich entfärbten,
+begegnete er fest und unerschüttert dabei dem Blick des erstaunt zu ihm
+niederschauenden Richters.
+
+»Du wärst der Dieb?« sagte da der alte Gusti nach langer, peinlicher
+Pause, indeß er sorgfältiger als vorher noch die edle Gestalt des jungen
+Eingebornen gemustert hatte und ernst und zweifelnd dabei mit dem Kopfe
+schüttelte; »wer bist du und woher stammst du?«
+
+»Ich heiße Glentek und meines Vaters Haus liegt in dem Hochland von
+Benoi.«
+
+»Bist du mit dem Rajah Glentek dort verwandt?« rief rasch und erschreckt
+der Gusti.
+
+»Er ist mein Vater,« erwiderte mit kaum hörbarer Stimme der junge
+Balinese.
+
+»Unglücklicher!« rief der Gusti da, die Hand abwehrend vor sich
+ausstreckend, »wozu bekennst du dich? Und weißt du, welche Strafe =dir=
+bevorstände?«
+
+»=Der Tod!=« sagte Glentek ruhig und unerschüttert -- »ich weiß es,
+Gusti; aber ein Glentek kann nicht dulden, daß ein Weib =seinetwegen=
+unschuldig leide.«
+
+Ein wildes Gemurmel durchlief wieder die Schaar der Eingeborenen, und
+der Holländer war zu seinen Freunden hinüber getreten, diesen die
+Wendung mitzutheilen, welche die Sache zu nehmen schien.
+
+»Wie kann der Bursche dort der Dieb sein?« rief da Mevrouw Van Soeken
+rasch und zürnend, »ich habe ihn noch nie an Bord gesehen. Er hat, so
+viel ich weiß, das Schiff in seinem Leben nicht betreten.«
+
+»Das ist eine Liebesgeschichte,« sagte der Holländer kopfschüttelnd,
+»ich glaube selbst nicht, daß der junge Bursche mit der ganzen
+Geschichte etwas zu thun gehabt, und will dem Gusti wenigstens meine
+Meinung darüber sagen.«
+
+»Du siehst nun, liebes Kind,« flüsterte der Capitain, dem sich bei
+dieser Wendung eine große Last von der Seele wälzte, der Gattin zu, »daß
+dein Verdacht vollkommen grundlos war. Der Bursche dort ist sehr
+wahrscheinlich der Bräutigam, vielleicht der Mann der Dirne, der jetzt
+bekennt, das Tuch entwandt zu haben, um der Geliebten ein seiner Meinung
+nach kostbares Geschenk damit zu machen.«
+
+»Wir wollen sehen, wir wollen sehen!« murmelte Madame in fast
+fieberhafter Aufregung. »Aber -- sie können ihn doch nicht deshalb
+ermorden?«
+
+»Der Balinesen Strafe auf Diebstahl ist der Tod,« sagte der Capitain
+gleichgültig. »Ich glaube nicht, daß sie mit ihm eine Ausnahme machen
+werden. Doch will ich sehen, was sich bei dem Gusti für ihn thun läßt.
+Lieber Gott, wenn wir jetzt nur nicht Wind und Strömung damit
+versäumten!«
+
+Der Gusti hörte aufmerksam an, was ihm der Weiße als Aussage der
+Klägerin mittheilte, und wandte sich dann langsam und ernst an den
+Jüngling.
+
+»Hast du das Schiff dort draußen je betreten, Glentek?« fragte er ihn,
+und sein Auge haftete dabei fest und prüfend auf den Zügen des jungen
+Mannes.
+
+»Könnt' ich das Tuch sonst entwendet haben?« entgegnete dieser finster.
+
+»Zu welcher Zeit war das?«
+
+»Bei Nacht.«
+
+»Bei Nacht, und die Wachen entdeckten dich nicht?«
+
+»Die stumpfsinnigen Europäer sind nicht so schlau, daß sie ein Balinese
+nicht betrügen könnte,« rief aber der Krieger zornig, »Glenteks Fuß
+berührt den Boden, wie des Nachtvogels Flügel die Luft. Nicht der Tiger
+hört ihn, wenn er im Teing Dickicht ihn beschleicht, nicht der scheue
+Hirsch im Alang Alang.«
+
+»Glentek!« rief da Kassiars Stimme mit herzzerreißendem Ton ihn an. »O
+glaubt ihm nicht, =meinet=wegen will er dem ehrlosen Tode trotzen. So
+edel jeder Tropfen Blutes in ihm, er =lügt=, wenn er sich meinetwegen
+schuldig nennt.«
+
+»Hörst du das Mädchen?« sagte der Gusti auf die Jungfrau zeigend, die
+sich in angstvoller Hast jetzt vom Boden hob und, die Haare aus der
+Stirn streichend, auf den Jüngling zustürzte, vor ihm zu Boden sank,
+seine Knie umfaßte und bittend ausrief:
+
+»O Glentek, Glentek, kannst du deiner Kassiar verzeihen?«
+
+Starr und regungslos blieb der Krieger stehen, und nur ein eigener
+Ausdruck von Schmerz und Liebe durchzuckte seine Züge. Doch auch diese
+Schwäche, wenn es je etwas derartiges gewesen, schwand im Augenblick.
+Eisern wie vorher blieb das Antlitz der edlen, dunklen Gestalt, und er
+sagte finster:
+
+»Hat das Wort einer Dirne hier Gewicht gegen die Aussage Glenteks von
+Benoi? -- Ihr seid Männer, und euch gegenüber erkläre ich, daß ich jenes
+Tuch vom Bord des Schiffes heimlich entwendet habe. Wie und weshalb,
+darauf weigere ich die Antwort. Jetzt thut mit mir nach dem Gesetz.«
+
+»Darnach bleibt nichts mehr zu erfüllen als der Richterspruch,« sprach
+feierlich und ernst der Gusti. »Glentek von Benoi, bereite dich zum
+Tode, denn du hast keine Viertelstunde mehr zu leben.«
+
+»Ich bin bereit,« erwiderte ruhig und mit fester Stimme der junge
+Balinese.
+
+»Halt -- das geht nicht -- das kann nicht sein!« rief aber hier der
+Capitain, der ebenfalls hinzugetreten war, und genug vom Balinesischen
+verstand, den Sinn des eben hier Verhandelten zu begreifen.
+
+»Weiß der Europäer etwas, das die Schuld von den Händen des
+Verurtheilten nimmt?« sagte der Gusti rasch.
+
+»Nein, das nicht,« versetzte halb scheu und doch auch wieder
+entschlossen der Capitain; »aber -- giebt es nichts in euren Gesetzen,
+das im Stande ist, den Urtheilsspruch zu mildern? -- Kann das Verbrechen
+nicht durch irgend eine Buße -- durch Geld vielleicht -- gesühnt werden?
+Ich mag die Küste hier nicht verlassen und das Blut eines ihrer Kinder,
+die mich alle so freundlich hier empfangen haben, mit hinaus nehmen auf
+das blaue Wasser.« --
+
+Aus der Schaar der Eingeborenen war indessen auf des Gusti Wink ein
+Einzelner, der sich sonst in nichts von den Übrigen unterschied, heraus
+und vor den Verurtheilten getreten. Hier zog er langsam sein Messer, den
+balinesischen Radotan, aus dem Gürtel und wartete der weiteren Befehle
+seines Oberen.
+
+»Unsere Gesetze,« sagte der Gusti ernst, »verlangen für solchen
+Diebstahl den =Tod= des Missethäters. Aber das Verbrechen ist an einem
+Fremden verübt, und wenn er selbst auf Milderung besteht, =giebt= es
+einen Ausweg.«
+
+»Gott sei Dank!« rief der Capitain, als er die Worte vernahm. »Nennt mir
+die Summe. Ich will lieber einen großen Verlust leiden, als Blut -- dies
+Blut auf meiner Seele wissen.«
+
+»Die Summe ist nicht so groß,« erwiderte der Gusti, »und ebenfalls durch
+unsere Gesetze vorgeschrieben. Wenn der Fremde zwei Säcke Kupfer (der
+Sack etwa dreißig Gulden) zahlt und sich verbindlich macht, den
+Verurtheilten, der von da an sein Sklave ist, mit fortzuführen und nie
+wieder an diese Küste zurück zu bringen, von der er verbannt ist für
+immerdar, so ist sein Leben gerettet.«
+
+»Verbannt -- =ich= von Bali, von meinem Vaterland?« rief da Glentek,
+wild emporfahrend und die Waffe, die er in seinen Händen trug, fester
+fassend -- »nie, nie im Leben! Ihr mögt mich tödten -- ich habe den Tod
+verdient und mag nicht länger leben, aber =verbannen= könnt und =dürft=
+ihr mich nicht. Ein Sklavenleben für Glentek, fern von der Heimath, fern
+von meiner Palmen Wehen? -- Nie -- nie und nimmer!«
+
+»Ich zahle die zwei Säcke Kupfer!« rief aber rasch der Capitain. --
+»Gebt mir einen eurer Leute mit an Bord, Gusti, der mag sie
+zurückbringen, und mein Freund dort bürgt euch indessen dafür. -- Laßt
+den Verklagten hier und seiner Wege gehen. Er hat Strafe genug durch die
+Angst ausgestanden.«
+
+»Sein Urtheilsspruch ist gefällt,« entgegnete finster der Gusti. »Ließen
+wir um geringe Geldstrafe den Diebstahl frei, ihr Weißen selber wäret
+die Ersten, die Klage auf Klage häuften und uns am Ende zwängen, unsere
+Gesetze zu ändern. Aber nicht allein das Verbrechen,« setzte er mit
+einem ernsten Blick auf den jungen Mann hinzu, »nein auch der =Wille=
+der Menschen mag seine Geltung finden. Er, dessen Adern noch junges,
+rasches Blut durchströmt, =wollte= den Tod, und seines Vaters wegen
+freut es mich, daß ich die Strafe in Verbannung mildern darf. Wer sich
+aber einmal eines solchen Verbrechens selbst geziehen, kann nicht in
+unserer Gemeinschaft lebend bleiben. Er hat sich selbst gerichtet.«
+
+»=Gusti!=« rief der Gefangene, sich stolz, ja selbst drohend gegen den
+Richter wendend.
+
+Der alte Mann aber, ohne die Bewegung weiter zu beachten, schüttelte nur
+langsam mit dem Kopf und sagte wieder finster:
+
+»Sendet das Geld an Land und nehmt dafür den Gefangenen hier mit in See.
+Vielleicht macht ihr noch einmal einen tüchtigen Matrosen aus ihm.
+-- Kein Wort weiter,« setzte er rasch und fast ängstlich hinzu, als sich
+der Verurtheilte noch einmal an ihn wenden wollte; -- »ich habe den
+Urtheilsspruch gefällt; an meinen Leuten hier liegt es jetzt, ihn
+ausgeführt zu sehen.«
+
+Und mit den Worten verließ er rasch das Haus.
+
+Gegen den Spruch des Gusti gab es keine Appellation. Wenn aber ein Wesen
+in dem weiten dichtgedrängten Raum in steigendem Interesse, in
+erwachender Hoffnung und endlich in jubelnder Lust der Wendung gefolgt
+war, die das Todesurtheil nahm, so war das Kassiar, die Angeklagte. Nur
+so lange des Gusti Gegenwart ihr Herz mit Scheu und Angst erfüllte,
+wagte sie nicht zu sprechen, wagte sie nicht, ihren Gefühlen Worte zu
+geben. Jetzt aber, als er den Rücken gewandt und in der
+zusammendrängenden Masse der Übrigen verschwunden war, hob sie sich vom
+Boden auf, flog auf Glentek zu und bedeckte seine Hände und Knie mit
+Küssen. Aber Glenteks Geist war weit von da, in seinen Bergen, die er
+von nun an nie wieder betreten sollte. -- Sein Auge blickte stier in die
+Leere und krampfhaft hielt indeß die Rechte das treue Rohr, die Linke
+seinen Radotan gefaßt.
+
+»Glentek, Glentek,« bat da Kassiar, noch immer zu seinen Füßen
+hingeschmiegt, -- »o sage, daß du mir nicht zürnst, sage, daß du mich
+nicht hassest und ich dir folgen darf, wohin dein Schritt sich wendet
+-- weit über das Meer, an ferne, wüste Küsten, in nebelbedeckte Länder,
+in öde Steppen, wohin es ist, wenn nur dein Blick mir dort wieder
+freundlich lächelt, wenn nur dein Liebeslaut wie früher zu meinem Herzen
+dringt.«
+
+Glentek hörte sie nicht. -- Still und regungslos stand er da und vor
+seinen Augen wehten die Farnpalmen seiner Berge, vor seinen Ohren
+rauschten die wilden plätschernden Quellen und tönte der schrille Ruf
+des wilden Huhns, der gellende Schrei des Tigers.
+
+Da berührte eine Hand leicht seine Schulter, und als ob ihn ein
+elektrischer Schlag getroffen hätte, zuckte er empor und sah wild um
+sich her.
+
+»Es wird Zeit, Glentek,« sagte da die freundliche Stimme des Holländers,
+der gut genug mit den Sitten der Eingeborenen bekannt war, um zu wissen,
+daß den Meisten Verbannung viel fürchterlicher ist als der Tod, und der
+Mitleid mit dem jungen Burschen fühlte. -- »Der Capitain will segeln,
+und du weißt, daß dir die Gesetze deines eigenen Landes nicht gestatten,
+länger -- lebendig -- auf diesem Boden zu weilen.«
+
+»Es ist gut,« entgegnete Glentek, der sich rasch sammelte und jetzt wohl
+fühlte, daß er sich dem Unvermeidlichen auch wie ein Mann fügen müsse.
+»Es ist gut -- ich bin bereit.«
+
+»Und darf ich mit dir gehen, mein Glentek -- darf ich dir folgen, wohin
+dein Fuß sich wendet?« bat das Mädchen, noch immer an seine Knie
+geschmiegt.
+
+Der junge Bursche schüttelte langsam mit dem Kopf.
+
+»Fahre wohl, Kassiar,« sagte er ernst aber ohne Bitterkeit im Ton, indem
+er leise mit seiner Hand ihr Haupt berührte. »Unsere Wege trennen sich
+hier. Ich träumte einst von einem Glück an deiner Seite -- das ist
+vorbei.«
+
+»Glentek!« klagte in herzzerreißendem Tone das arme Kind.
+
+»Lebewohl!« sprach der Jüngling und schob leise die Hand, die sein
+Gewand noch immer fest gefaßt hielt, zurück. Kassiar gehorchte der
+Bewegung und ließ ihn los, während sie flehend die Arme zu ihm
+ausstreckte, aber er wandte sich langsam von ihr ab und schritt, dem
+Winken des Europäers folgend, ohne auch nur noch einmal den Blick
+zurückzuwerfen, dem Strande zu.
+
+
+5.
+
+Fünf Jahre waren nach den im vorigen Kapitel beschriebenen Vorgängen
+verflossen, und manches hatte sich indessen auf Bali verändert. Den
+Holländern war der kriegerische Geist des Nachbarvolkes, der auch oft in
+übermüthigen, seeräuberischen Thaten ausbrach, schon lange lästig
+geworden, und sie hatten gesucht die Rajahs von Bali für sich zu
+gewinnen, daß sie wenigstens ihre Oberherrschaft =anerkannten=, wenn sie
+auch jetzt keine anderen Schritte weiter thaten. Dem entgegen stand aber
+stets der einflußreichste Mann von Bali, der alte Dewa Argo, der
+Oberpriester der Insel. Dieser trat mit allen Kräften für die
+Unabhängigkeit der Insel in die Schranken, wollte von keinen Verträgen
+mit den Fremden wissen und behauptete, daß sie selbst noch so viel
+Gewalt wie Fähigkeit hätten, ihre Insel zu regieren und in Ordnung zu
+halten. Allen versuchten Bestechungen blieb er ebenfalls unzugänglich,
+bis ihn ein plötzlicher Tod jählings hinwegraffte. Die allgemeine
+Stimmung sagte, er sei durch Gift gestorben.
+
+Schon vorher hatten die Holländer versucht, sich die Insel durch die
+Gewalt der Waffen zu unterwerfen. In offener Schlacht und im niedern
+Küstenland waren die Insulaner, obgleich sie sich mit wilder Tapferkeit
+den überlegenen Waffen der Feinde entgegenwarfen, auch besiegt worden,
+in ihren Bergen hätten sie sich aber noch lange und für immer halten
+können. Die Holländer sahen das auch recht gut ein. Um das Leben ihrer
+eigenen Leute zu schonen, die bei einem fortgesetzten Kampf mit den
+zähen Bergvölkern den Gefahren des Klimas nicht allein, sondern auch den
+furchtbaren Strapazen und Entbehrungen ausgesetzt bleiben mußten,
+begannen sie nach des Dewa Argo Tode friedliche Verhandlungen mit den
+Rajahs, die ihnen jetzt nicht mehr so feindlich entgegen standen. Diese
+wußten sie größtentheils für sich zu gewinnen, brachen dadurch die
+Einigkeit derselben und rückten ihrem Ziele, das sie mit ihren
+Geschützen und Bajonetten vielleicht im Leben nicht, oder doch nur mit
+furchtbaren und unverhältnißmäßigen Opfern erreicht hätten, durch Geduld
+und Schlauheit näher und näher.
+
+Der Gusti von Kota, einer der den Holländern am meisten geneigten
+Balinesen und der intime Freund des jetzt dort installirten
+holländischen Consuls, saß in dieser Zeit Morgens nach dem Frühstück,
+und eben aus einer langen europäischen Pfeife rauchend, in seinem Hause,
+als ein Eingeborener in schmutzigen, zerrissenen Kammen, den Oberleib
+nothdürftig durch den ebenfalls zerfetzten Sappot bedeckt, selbst ohne
+Kopftuch, die wilden langen Haare nur durch Bast auf seinem Scheitel
+zusammengebunden, die Veranda betrat, und ohne sich vorher bei dem
+Richter anmelden zu lassen, ja ohne, wie es die Sitte gebot, auf der
+Erde knieend seinen Befehl zu erwarten, rasch an den Wachen vorüber in
+das Zimmer schritt, in dem der Gusti sonst die kleineren Verhöre
+abzuhalten und Bittende zu empfangen pflegte.
+
+Der junge Eingeborene glich aber keinem Bittenden. Den Radotan
+ausgenommen, der im Kammen stak, war er allerdings völlig unbewaffnet,
+doch seine ganze Haltung war trotz der zerrissenen Kleidung so kühn und
+edel, daß selbst die Gerichtsdiener, die das Haus umlagerten und den
+Hofstaat des Gustis bildeten, nicht wagten, ihn zurück zu halten. Nur an
+die Thür drängten sie sich, um dem leisesten Ruf ihres Gebieters rasche
+Folge leisten zu können, wenn der Fremde, den Niemand von ihnen kannte,
+etwa gar Unehrerbietiges oder Böses im Schilde führen sollte. Daß er ein
+Recht hatte, aufgerichtet zu ihrem Gusti hineinzutreten, konnten sie
+nicht bezweifeln, er hätte es sonst nicht gewagt, da ihm die Strafe
+gleich auf dem Fuße folgen müßte.
+
+Der Gusti lehnte auf seinem mit weichen Kissen der Dapatwolle belegten
+Bambussopha und hob sich allerdings überrascht empor, als er die wilde
+Gestalt so kühn und trotzig zu sich eintreten sah.
+
+»Ist das Landessitte?« sagte er strafend, indem er den Fremden dabei mit
+forschendem Blick musterte, »in solcher Art den Gusti aufzusuchen? --
+Waren keine Diener an der Thür, die dich melden konnten? Bist du hier zu
+Hause, auf deiner eigenen Schwelle, daß du die schuldige Ehrfurcht
+vergissest, die dem Obern gebührt?«
+
+»Verzeih den raschen Eintritt, Gusti!« rief mit tiefbewegter aber
+unterdrückter Stimme, vielleicht um nicht von den außenstehenden Dienern
+gehört zu werden, der Fremde. »Aber der Zweck, um den ich komme, mag
+mich entschuldigen, mein Name dir bürgen, daß ich als Gleicher dir nahen
+darf. Kennst du mich noch?«
+
+Der Gusti musterte die edlen, aber wild verstörten Züge des Fremden, die
+fahlen Wangen und eingefallenen Augen, dann sagte er kopfschüttelnd:
+
+»Nein. Zu viele Gestalten ziehen an meinem Blick vorüber. Dein Antlitz
+ist mir bekannt, und doch weiß ich nicht, wo ich zum letzten Mal dich
+sah. Dein Name?«
+
+»Glentek von Benoi.«
+
+»Glentek?« rief der Richter, erschreckt von seinem Sitz emporspringend.
+»Unglücklicher, was treibt dich wieder her zu uns? -- Weißt du nicht,
+daß dein Leben in dem Augenblick verfallen ist, wo du des Landes Küste
+wieder betrittst, das dich verbannte und von sich stieß?«
+
+»Ich weiß es,« sagte Glentek ruhig, »mein Leben aber wäre von geringem
+Werth für das, was jetzt mich herführt.«
+
+»Kassiar?« rief der Richter, und ein Zug des Mitleidens zuckte über das
+sonst so starre strenge Antlitz des Mannes. »Sie ist todt, Glentek. Der
+Gram um dich vielleicht, vielleicht die Reue hat sie das erste Jahr
+hinweggerafft. Die kühle Erde deckt ihr gebrochenes Herz.«
+
+»Arme Kassiar!« seufzte Glentek leise. -- »Doch ihr ist wohl -- wohler
+als mir, der ich fünf Jahre der Verzweiflung fern von meinem Vaterland
+gelebt. Nein, Gusti, nicht die Liebe zu dem Mädchen führt mich an diesen
+Strand zurück, -- seit jenem Tag schon war sie für mich begraben, und
+was ich seitdem erlebt, hat mir bewiesen, daß Kassiar Glenteks von Benoi
+doch nicht würdig war. Sie ruhe sanft; ich habe ihr verziehen.«
+
+»Und was trieb sonst dich her?« fragte erstaunt der Gusti.
+
+»Mein Vaterland!« rief der Balinese mit vor innerer Bewegung fast
+erstickter Stimme. »Ich habe ertragen,« fuhr er nach einer kleinen
+Pause, in der er sich gewaltsam sammelte, ruhiger aber immer noch in
+großer Aufregung fort, -- »ertragen die langen Jahre hindurch, was nur
+ein Mensch ertragen kann. Die Feinde -- denn unsere =Feinde= sind jene
+Männer, deren Flaggen jetzt von vielen Schiffen im Hafen draußen wehen,
+wenn sie auch freundlich und mit gleißnerischer Zunge zu uns kommen --
+die Feinde halten uns nun einmal für eine untergeordnete Raçe bestimmt
+zu gehorchen und ihnen Schätze anzusammeln, die sie weit überm Meere
+drüben dann verprassen. Ich bin dort gewesen, ich habe ihre Macht und
+Größe gesehen, ihre zahlreichen Schiffe, ihre zahllosen Mannschaften,
+ihre künstlichen mörderischen Waffen, die Wagen, die mit Blitzesschnelle
+das Land durchfliegen, ihre Häuser, in denen sie tausende von Menschen
+zu =einem= Zweck beschäftigen. -- Aber ich habe auch ihre Waarenplätze
+gesehen, in denen sie die Produkte einer =Welt= aufhäufen, und dort
+begriffen, wie ein Volk, das erst so weit gegangen, das solche
+Bedürfnisse für sein =Leben= hat, nicht stehen bleiben kann und wird,
+mehr und mehr zu gewinnen, mehr und mehr an sich zu reißen. Die
+Holländer haben das Geld und die Macht in Händen, und =Freundschaft=
+zwischen einem solchen Staat und uns ist nicht mehr denkbar. Der
+Schwache wird und muß des Stärkeren Beute werden.«
+
+»Aber was hat das alles mit =dir= zu thun?« sprach der Gusti, erstaunt
+den Beredten anschauend. »Ich weiß das alles,« fügte er mit Stolz hinzu,
+»es ist ein mächtiges Volk und unser Freund, -- und um mir das zu sagen,
+brauchtest du dein Leben nicht zu wagen.«
+
+»Mein =Leben=!« rief der Balinese wieder, verächtlich mit dem Fuße den
+Boden stampfend. »Was gilt mein Leben hier, wo Balis Heil das
+Losungswort sein muß? Höre mich weiter. -- Ich wanderte, lebte fünf
+lange Jahre zwischen ihnen und lernte ihre Sprache, lernte lesen und
+schreiben mit =ihren= Zeichen und Worten und eine neue Welt eröffnete
+sich mir. Nicht mehr auf Andere brauchte ich mich zu verlassen, um
+Nachricht aus der Heimath zu vernehmen. -- Mit eigenen Augen konnte ich
+in all den Blättern, die täglich dort im Volk verbreitet werden, selber
+lesen, wie sich mein Volk hier wacker allen Eingriffen in seine Rechte,
+die jene Fremden wagten, widersetzt. O wie mir das Herz pochte, als ich
+die Kunde mit eigenen Augen sah, daß meine Landsleute mit Lanze, Bogen
+und Blasrohr herab ins flache Land gestiegen waren, dem Feind die nackte
+Brust entgegenzuwerfen und ihn zurück ins Meer zu treiben! O wie das da
+im Herzen stach und brannte, daß ich nicht Theil nehmen durfte an ihren
+Kämpfen, an ihren Siegen, daß ich =verbannt= von Bali war, ein
+Ausgestoßener von meiner Mutter Erde, und doch für sie die heiße,
+brennende Liebe im Innern tragend! So war mir zu Muth, als ich von Balis
+Siegen las. Wie aber, als ich von unserer Niederlage hörte, von
+Vortheilen, die die Holländer über uns gewonnen, von Bedingungen, die
+uns vorgelegt wären, ihren Frieden anzunehmen und ihre Oberherrschaft
+anzuerkennen!«
+
+»Mich litt es nicht mehr in Europa. -- Längst schon hatt' ich die
+Summe, die jener Weiße für mich gezahlt, abverdient -- mehr noch
+vielleicht, als er mir dankte. Ich rettete sein Weib bei einer Landung
+mit dem Boot in einer Stadt im brittischen Indien, und wenn ich das
+Verhältniß recht begreife, in dem die beiden Gatten mit einander leben,
+so glaub' ich, hab' ich mich für vergangenes Leid gerächt. So, frei von
+ihm, schiffte ich mich auf einem andern Fahrzeug ein, das mich nach
+Soerabaja an der Javanischen Küste brachte, und hier -- Brachma versenge
+mich, wenn mich die Nachricht nicht wie ein Todesstoß im Herzen traf --
+hörte ich, daß das einzige Herz von Bali, das voll Kraft und
+Vaterlandsliebe im Stande war, die feindlichen und eifersüchtigen Rajahs
+mit starker Hand zusammenzuhalten, daß das einzige Herz in Bali, das,
+von reiner Liebe für die Heimath beseelt, auch die Gefahr begriff, in
+der wir schwebten, daß der Dewa Argo von feiger, verrätherischer Hand
+vergiftet und der Fremde im Begriff sei, mit vorgeschützter Freundschaft
+mein Vaterland zu unterwerfen. Wohl hörte ich von tapferen Schaaren, die
+aus den Bergen mit Radotan und Speer hernieder stiegen, dem Feinde zu
+begegnen. Aber die =Seele= fehlt, die jetzt die Massen im Zügel halten
+könnte. Mein Vater selber ist alt; viele der anderen Rajahs standen
+schon früher im Verdacht, mit fremdem Gelde, wenn nicht gekauft, doch
+arg geblendet zu sein. Dumpfe Gerüchte gingen dabei umher, daß Bali
+Priester nach Indien abgesandt habe, die Lehre des Islam zu prüfen und
+zu bestimmen, ob wir selber den alten Göttern treulos werden sollten. Da
+litt es mich nicht mehr in Feindes Land; die Gefahr, die meinem Leben
+drohte, durfte mich nicht schrecken. Mein Leben gehört ja Bali, mein
+Arm, mein Herz. -- Für das ersparte Geld erhandelte ich mir ein kleines
+Boot, setzte meine Segel und steuerte, selig in dem Gedanken, welchem
+Ziel ich entgegenflog, der vaterländischen Küste wieder zu. In Tabannar
+wollt' ich landen und von dort meine Heimat erreichen, als mich der
+Sturm erfaßte, der vor wenigen Tagen diese Küste peitschte, und mich
+herunter in die Bai warf. Mein Kahn füllte sich und sank unfern von
+Sersek, und mit Schwimmen rettete ich mich wieder an die Küste, die mich
+vor so viel Jahren einst als Verbrecher von sich stieß.«
+
+»Und was suchst du hier, Verblendeter?« fragte der Gusti, der der
+leidenschaftlichen Erzählung des Flüchtlings ernst und kopfschüttelnd
+gelauscht hatte.
+
+»Was ich suche?« rief aber Glentek staunend aus. »Ein Heer, dem Feind zu
+begegnen! -- Die Schaaren der Unseren suche ich, die sich um die
+wehenden Lanzen ihrer Rajahs gesammelt haben, die Pässe unserer Berge
+zu besetzen und Tod und Verderben in die Reihen der Feinde zu
+schleudern, wenn sie es wagen sollten, uns da anzugreifen. -- Dich hab'
+ich aufgesucht vor allen anderen, weil ich wohl wußte, Gusti, du würdest
+den Sohn deines Freundes, wenn du ihn einst auch zum Tode verurtheilen
+mußtest, nicht =verrathen=, und dich bitte ich jetzt, mir die Pässe zu
+nennen, in denen die Unseren stehen, daß ich im Stande bin, mich ihnen
+anzuschließen. Gram und Leid haben mir so tiefe Furchen in die Haut
+gegraben, daß ich nicht fürchte, dort erkannt zu werden, -- nur meinen
+Vater will ich sehen, und dann ja gern das Leben, das doch dem Vaterland
+gehört, für dieses opfern.«
+
+»Du träumst, Glentek,« entgegnete ihm da ruhig der Gusti. -- »Was
+sprichst du von gerüsteten Schaaren, von Feinden und Gefahren, die dem
+Lande drohen? Bali hat sich seit langer Zeit keines so ungetrübten
+Friedens erfreut als gerade jetzt. Nicht geschlagen, wenn auch in
+kleinen Gefechten besiegt, haben unsere Rajahs doch eingesehen, daß es
+für das Volk besser sei, sich die Freundschaft des mächtigen Nachbars zu
+erhalten. Dessen Truppen sind jetzt nach Java zurückgezogen, die wenigen
+ausgenommen, die er zum Schutz seines Handels hier zurückgelassen. Kein
+Blut wird mehr auf Bali vergossen werden, eingebildeter, thörichter
+Rechte oder Vorurtheile wegen.«
+
+»Kein Blut auf Bali vergossen?« rief Glentek, einen Schritt entsetzt
+zurücktretend, »und ist der Mord des Dewa Argo denn gerächt?«
+
+»Der =Mord= des Dewa Argo? Wer sagt dir, daß ein Mord geschehen sei? Der
+Dewa Argo starb natürlichen Tod.«
+
+»Und Bali ist nicht in Aufruhr?« rief Glentek, kaum seinen Sinnen
+trauend; »die Krieger ziehen nicht in Schaaren, um endlich den letzten
+Feind von unserem Boden zu vertreiben?«
+
+»Du träumst, sag' ich dir!« sprach kopfschüttelnd der Gusti. »Bali ist
+ruhig, und wenn du hier herüber kamst, die Hoffnung auf blutige Kämpfe
+im Herzen tragend, so hast du dich zu unserem Heil getäuscht. Es wäre
+dir besser gewesen, du hättest Bali nie wieder gesehen.«
+
+»Friede und Freundschaft mit den Mördern des Hohenpriesters!« schrie da
+Glentek, sich mit blitzenden Augen emporrichtend. »Ha, Gusti, da kennst
+du nicht die Stimme der Gebirge und ihren Geist! Hier im flachen Lande,
+unter Malayen und Chinesen magst du, an sklavische Sitten gewöhnt, dich
+auch dem Willen fremder Eroberer haben fügen lernen, aber besser kenne
+ich dort =mein= Volk. Mein Ruf soll durch die Berge schallen, mein
+wohlbekanntes Flammenzeichen die Brüder zusammenrufen und wenn sie in
+jubelnden Schwärmen aus den Klüften und Schluchten unserer bergigen
+Heimath niederbrechen --«
+
+»Wahnsinniger, halt ein!« rief der Gusti, von seinem Lager
+emporspringend und den Arm in Zorn und Abscheu gegen ihn ausstreckend.
+»Krieg und Verderben willst du aufs Neue in diese Thäler bringen, in
+denen der Schlachtenschrei kaum erstorben, das Blut kaum ausgetrocknet
+und verdampft ist? Das Messer des Richters hängt über dir, und du wagst
+es, uns mit Meuterei zu drohen! -- Weißt du, daß ein Wort von mir dich
+den draußen nur darauf harrenden Dienern in die Hände wirft?«
+
+»Glaubst du, den Glentek fingen sie lebendig?« lachte da der junge
+Balinese wild auf, »wenn er sich nicht geben will? Denkst du, dieser
+Radotan wäre nicht im Stande, sich die Bahn zu brechen? Und zehn Fuß
+Vorsprung dann, mit all deinem Schwarm von Dienern auf den Fersen,
+brächte mich nicht in wenigen Minuten in die Dickichte dieser Wälder und
+unerreichbar frei von euren Sclaven? Hältst du es mit den, dann schlimm
+für dich, wenn wir als rächendes Gericht wieder von den Bergen und über
+dich hereinbrechen! Kein Erbarmen hast du dann von uns zu hoffen. Und
+nun thue dein Schlimmstes, denn in wenigen Minuten bin ich frei.«
+
+»Verblendeter!« sagte aber der Gusti, ohne seine Stellung auch nur um
+eines Zolles Breite zu verändern. »Zum Glück für Bali kommt dein wilder
+Schlachtenschrei zu spät. Schon vor zwei Monaten ist der Handels- und
+Schutz- und Trutz-Vertrag mit Holland abgeschlossen, und während wir die
+Oberherrschaft der Fremden, die uns nun doch einmal in den Waffen und an
+Macht überlegen sind, anerkennen mußten, haben wir uns heilig
+verpflichtet, die Waffen nicht mehr gegen sie zu ergreifen.«
+
+»Die Oberherrschaft der Fremden anerkannt? -- verpflichtet die Waffen
+nicht mehr aufzugreifen gegen den Feind des Vaterlands?« rief Glentek
+entsetzt und seinen Ohren kaum trauend -- »das ist =Landesverrath=!«
+
+»Ein Friedensbündniß ist geschlossen;« erwiderte der Gusti, »und wer
+eine Waffe hebt, das zu brechen, den trifft nach unserem Gesetze der
+Tod.«
+
+»=Der Tod!=« wiederholte Glentek in hohlem geisterhaftem Ton, und sein
+Schultertuch um das Haupt ziehend, blieb er viele Minuten lang
+zerknirscht, vernichtet stehen. Alles war verloren, worauf er noch
+seine Hoffnung gesetzt -- ihre Schwerter in die Scheiden zurückgestoßen,
+ihre Hände selber durch das Friedensbündniß gekettet.
+
+Der Gusti fühlte Mitleid mit dem Jüngling, und das eigene Mißtrauen
+vielleicht, ob jenes Bündniß für Bali so segensreich wirken könne, wie
+er es einst gehofft, mochte ihn mit antreiben, die junge Kraft dem
+Vaterlande zu erhalten, sie nicht muthwillig zu zerstören.
+
+»Du warst im Irrthum, Glentek,« sagte er, aufstehend und freundlich
+seine Schulter berührend, »als du das Land in Waffen wähntest. Es ist
+tiefer Friede, und wir können und wollen uns nicht länger mit dem
+mächtigen Gegner messen, dessen Geschütze unsere jungen Leute zu
+Hunderten niedermähten. Die alten Gesetze dieses Landes sind aber noch
+in Kraft geblieben und denen wärst du verfallen, entdeckte außer mir
+auch noch ein anderer deinen Namen -- deine Schuld. Tritt hier hinein
+und erfrische deinen Körper erst mit den Speisen, die hier stehen, und
+dann geh' hinunter zum Strand. -- Gerade dem Wrack gegenüber, das an der
+Küste liegt, findest du ein kleines grün gemaltes Boot. Es ist mein
+Eigenthum. Nimm es und kehre damit nach Java zurück.«
+
+Glentek schwieg, und ohne seine Stellung zu verändern, barg er noch
+immer das Antlitz in dem Sappot. Als er die Arme endlich sinken ließ,
+war sein Gesicht fahl und todtenähnlich geworden, und er sagte mit
+leiser, aber fest entschlossener Stimme: »Ich bleibe hier!«
+
+»Unglücklicher!« schrie aber der Gusti, »willst du denn muthwillig in
+dein Verderben rennen? Täusche dich nicht, ich selber, wenn ich es
+wollte, könnte dich nicht schützen.«
+
+»Das sollst du auch nicht, Gusti!« sagte da der Jüngling plötzlich, und
+ein eigenes wildes Feuer glühte aus den rastlos umherblitzenden Augen.
+»Ich sehe, wie es ist; mein Vaterland ist verrathen und verkauft, unsere
+Tempel werden zerstört, unsere Priester und Rajahs vertrieben, unser
+freier Boden selbst wird unter das Joch gedrückt, und ehe ein Jahrzehnt
+vergeht, weht von diesen Bergen die verhaßte dreifarbige Fahne. Stirb
+Glentek, stirb, du nicht allein bist Sclave, dein ganzes Volk hat sich
+verkauft -- verrathen!«
+
+»Wahnsinniger!« rief der Gusti, seinen Arm ergreifend. »Du wirst dich
+selbst den Häschern überliefern, die deinen Namen draußen vor der Thür
+gehört.«
+
+»Zurück von mir!« schrie aber Glentek, aus dessen Augen ein rothes
+wildes Feuer zu glühen schien. -- »Zurück! -- Den Häschern überliefern?
+-- Hahaha, sie sollen's wagen, den Tiger zu halten, wenn er im Ansprung
+ist! =Uhi!=« schrie er da plötzlich mit wildgellendem Ton, indem er mit
+der Rechten den Radotan aus der Scheide riß, während die Linke den Bast
+aus seinem Haar warf, daß die langen rabenschwarzen Locken ihm wild die
+Schultern und Stirn umflatterten. -- »=Uhi!= Glentek ist frei, aus den
+Bergen stürzt sich der Strom ins flache Land, von Stein zu Stein den
+Abgrund niederspringend, aus dem Dickicht schnellt sich der Tiger seiner
+Beute zu. Die Anaconda liegt im Palmenwipfel und schießt, dem Pfeil
+gleich, von der Höhe nieder auf ihren Raub, und so bricht Glentek jetzt
+hinaus in's Freie -- =uhi!= Dewa Argo, wo sind deine Mörder, wo die
+feigen Schurken, die dich verrathen haben? -- Ich komme, ich komme dich
+zu rächen!«
+
+Entsetzt war der Gusti zurückgesprungen und hatte die eigene Waffe von
+der Seite gerissen, um sich zu vertheidigen. Aber ihm galt der Angriff
+nicht, und mitten hinein zwischen die Häscher, die jetzt die Thür
+aufgerissen, den Rasenden zu fassen, sprang Glentek, den geflammten
+Radotan in der Faust. -- »Da und da!« schrie er, nach links und rechts
+hinüberstoßend, »habt ihr Stahl -- theilt euch drein, =uhi!=« Und wie
+die beiden zum Tod getroffen zusammenbrachen, flog der Rasende mit einem
+Satz über sie fort dem Ausgang zu und auf die Straße hinaus.
+
+Wunderbarer Weise kommt dieser Zustand, der in seinem ganzen Wesen die
+vollkommenste Ähnlichkeit mit der beschriebenen Berserkerwuth unserer
+Vorfahren hat und im Norden jetzt ganz verschwunden scheint, sehr häufig
+auf den Inseln des indischen Archipels vor. Das Volk schreit dann Amok,
+Amok (ein Wahnsinniger), und alles, was nicht bewaffnet ist, flieht
+scheu zur Seite, während die Bewaffneten den Wüthenden so rasch wie
+möglich zu tödten suchen -- wie man bei uns einen tollen Hund unschädlich
+machen würde. Dieser Zustand von Raserei endet jedesmal mit dem Tode des
+Unglücklichen, den er erfaßt hat.
+
+»Amok, Amok!« schrie das Volk draußen und stob auseinander. Die
+Fruchtverkäufer ließen ihre Körbe fallen und flohen in die Seitenstraßen
+hinein, die Reisträger ließen ihre zusammengedrehten Bündel im Stich,
+die Frauen rafften ihre Kinder auf und flohen in die nächsten Häuser,
+deren Thüren zugeschlossen wurden; einzelne junge Burschen flüchteten
+sogar vor der furchtbaren, den Weg niederrasenden Gestalt in Areka- und
+Cocospalmen hinauf, um dem unmittelbaren Anprall zu entgehen.
+
+Vom Hause des Gusti sprang der Unglückliche aber, unbekümmert um das ihm
+folgende Geschrei, quer über den Marktplatz fort, mitten zwischen die
+Chinesen hinein, die hier feil hielten und Tische und Stände
+überstürzend zur Seite stoben. Fünf oder sechs von ihnen verwundete oder
+tödtete der Rasende, wild und rücksichtslos nur nach allem stoßend, was
+ihm in den Weg kam, gerade wie ein toller Hund schnappt und um sich
+beißt, und übersprang jetzt, ohne Achtung auf Weg und Steg, einzelne der
+Butju und giftigen Buntajahecken, deren stachliche Zweige ihn blutig
+rissen.
+
+Der Schrei Amok zuckte indessen wie ein Blitz durch die Stadt, auch den
+Entferntesten Warnung gebend, und von allen Seiten stürmten Bewaffnete
+herbei, den Rasenden unschädlich zu machen und sich selbst, wie Frauen
+und Kinder von der Gefahr zu befreien.
+
+Glentek hatte unter der Zeit die einzelnen Hecken übersprungen. -- Er
+fühlte es nicht, daß ihm die Glieder brannten von dem Gift, und mit
+gezücktem Messer floh er jetzt gerade über den nächsten offenen Zaun, in
+dem sich die Netzlegereien und Webereien befanden. »Amok, Amok!« tönte
+der Schrei hinter ihm her, und die Weber und Netzstricker flohen
+entsetzt zur Seite. Nur ein junger Bursche, ein Knabe von kaum mehr als
+zehn oder zwölf Jahren, faßte keck und rasch ein quer über den Platz
+liegendes Seil von Cocosbast, das an der andern Seite an einem Pflock
+befestigt war, und hob es in die Höhe. Der Rasende stürmte heran, die
+Haare hingen ihm wild über das Gesicht nieder, und mit der blanken Waffe
+stieß er blind in die Luft. Da blieb sein Fuß in dem ausgespannten Seile
+hängen, und während er der Länge nach zu Boden schlug, entfiel seiner
+Hand die Waffe. Zwar raffte er sich im Augenblick wieder empor, aber ehe
+er den Radotan wieder ergreifen konnte, fielen die Weber und
+Netzstricker mit ihren Bäumen und eigenen Messern über ihn her. --
+»Amok, Amok!« schrie die Schaar. Glentek griff des einen Arm, brach ihn
+mit Gewalt ab im Gelenk und warf sich dann auf einen andern, um ihn mit
+den Zähnen zu fassen und zu zerfleischen. Aber ein furchtbarer Schlag,
+der ihn über die Stirn traf, warf ihn bewußtlos zurück und zu Boden, und
+im nächsten Augenblick suchten die Waffen Aller seinen Körper -- wühlten
+in seiner Leiche.
+
+Unten am Strand, zwischen diesem, dem Fahrweg, der von Kota nach dem
+Banksal führt, und den beiden malayischen Begräbnißplätzen, steht eine
+einzelne, vom Wetter zerrissene, von unzähligen Orchideen überwachsene
+und von Pandanus und wilden Strandgewächsen dicht umgebene Cocospalme.
+Unter der ruht der Körper Glenteks von Benoi. Sein Land ist allerdings
+in Frieden mit den Fremden, die Waffen sind begraben und
+Friedenstraktate unterzeichnet worden. Aber die Macht und der Einfluß
+der Holländer wachsen dort von Tag zu Tag, ihre Flagge weht schon am
+Strand, und nicht lange wird es dauern, so flattert sie auch von den
+Bergen des einst freien Volkes.
+
+Fußnoten:
+
+[34] Tjanging, der westindische Corallenbaum, der in der letzten Hälfte
+des Jahres in Bali in Blüthe steht, und dann gar keine Blätter trägt, so
+daß ihn nur die langen, purpurrothen und büschelartig zusammenstehenden
+Kelche seiner Blumen vollkommen bedecken.
+
+[35] Eine rothe Falkenart mit weißer Brust, welche die Balinesen
+wahrscheinlich Sikup, den Soldaten, nennen, weil ihre Krieger ein
+ähnliches Schild vorn tragen.
+
+[36] Die Radjadja ist nämlich die Blatternkrankheit, die von den
+Europäern nach Bali gebracht wurde. Die Seuche forderte dort ungeheure
+Opfer und trat mit seltener Bösartigkeit auf. Einem eigenthümlichen
+Aberglauben nach beerdigen die Balinesen die an dieser Krankheit
+Gestorbenen nicht wie ihre anderen Todten, sondern bedecken nur die
+Körper leicht mit Erde und lassen Kopf und Füße frei. Es ist leicht
+begreiflich, wie in dem heißen Klima Bali's die Verwesung so vieler
+menschlicher Körper die Ansteckung der Seuche nur vermehren und die Luft
+im wahren Sinne des Wortes verpesten mußte.
+
+
+
+
+Der Menschentiger.
+
+
+1.
+
+In den Preanger Regentschaften auf Java in Tji-dasang, einem kleinen
+Dorf oder Kampong, hatte sich schon seit einiger Zeit, und mit
+Bewilligung der holländischen Behörden, ein chinesischer Kaufmann
+niedergelassen, der mit den Eingeborenen in seiner Nachbarschaft nicht
+allein einen einträglichen Tauschhandel trieb, sondern auch ein ziemlich
+großes, dort in der Nähe gelegenes Gut gepachtet hatte, und Kaffee, Reis
+und andere Landesprodukte selber darauf zog.
+
+Im Handel mit den Eingeborenen nahm er alles an, was ihm diese bringen
+konnten: eingekochten Arenzucker und geflochtene Matten, Hüte,
+ge»badek«te[37] Tücher und Sarongs, gewebte Zeuge, Hühner, Wild,
+Cocosöl, kurz alles Mögliche. Er selber brachte ihnen dabei eine Masse
+Dinge von Batavia mit, die sie oft noch nicht einmal dem Namen nach
+kannten, lehrte sie Spiegel und Schmuck, bunte Kattune und andere Sachen
+kennen und that, als Vertreter der Civilisation in dieser Berggegend,
+sein Möglichstes, die einfachen Menschen mit so viel neuen Bedürfnissen
+bekannt zu machen, als irgend anging.
+
+Die Chinesen sind im Ganzen, wie sonst auch nur zu häufig ihre Moralität
+beschaffen sein mag, ein ungemein fleißiges und unternehmendes Volk, und
+so geschah es denn auch hier, daß Schang-hai, wie er nach seinem
+Geburtsort hieß, obgleich er nur ein sehr kleines Kapital und einen
+geringen Waarenvorrath mit in die Berge gebracht hatte, bald sein
+Vermögen verzehn-, ja verhundertfachte und für einen der Reichsten in
+der dortigen Gegend, jedenfalls unter den Eingeborenen galt.
+
+Die Javanen sind ziemlich abergläubischer Natur und haben, wenn sie sich
+auch meist zum Islam bekennen, doch noch manches von ihren alten
+heidnischen Überlieferungen beibehalten, an denen sie mit
+außerordentlicher Hartnäckigkeit hängen. Es kommt dazu, daß dergleichen
+Aberglauben meistens von der wilden, sie umgebenden Natur nicht nur
+begünstigt, sondern oft auch durch sie begründet wird. So schrieben sie
+auch Schang-hai, dessen rasch wachsenden Reichthum sie natürlich nicht
+allein von seinem Unternehmungsgeist und seiner Schlauheit abhängig
+glaubten, ebenfalls bald geheime Kräfte und Künste zu. Daß er sich gern
+im Wald aufhielt und oft Tage lang ausblieb -- wobei er in Wirklichkeit
+nur kleine geheimgehaltene Geschäftsreisen machte -- konnte sie nur noch
+mehr darin bestärken. Ebenso schien er nicht die mindeste Furcht vor den
+in jener Gegend noch in ziemlicher Anzahl sich aufhaltenden Tigern zu
+haben, und das war ihnen besonders verdächtig.
+
+Der Tiger, wie die Gefahr, der sie von diesen wilden Bestien stets
+ausgesetzt waren, spielte überhaupt in ihrem ganzen Leben eine sehr
+bedeutende Rolle, und wunderliche Sagen über das geheimnißvolle Treiben
+dieser Thiere, das sie nur aus seinen furchtbaren Angriffen und
+blutdürstigen Verheerungen, wie aus seiner rücksichtslosen Grausamkeit
+kannten, waren dort überall im Umlauf.
+
+Eine der bekannteren ist die vom =Menschentiger=, die in mancher
+Hinsicht unserer deutschen Sage vom =Wehrwolf= entspricht.
+
+Es soll nämlich im Wald, nur von wenigen Auserwählten gekannt, ein Kraut
+wachsen, daß die wunderbarsten Kräfte besitzt. Der Genuß der Wurzel
+besonders verwandelt den Menschen in einen Tiger, und zwar in der
+wörtlichen Bedeutung des Wortes, in all seiner zähnefletschenden
+gestreiften Furchtbarkeit, und nur der Genuß einer anderen heilwirkenden
+Wurzel ist im Stande, ihm seine menschliche Gestalt zurückzugeben. Diese
+Menschentiger sind dann die gierigsten, grausamsten Bestien in der
+ganzen Thierwelt, und besonders dem Menschen gefährlich. Dabei haben sie
+ihren Menschenverstand bewahrt und wissen jeder ihnen drohenden Gefahr
+auch auf das Schlaueste und Geschickteste zu entgehen.
+
+Auch in der Nähe von Tji-dasang hatten die Tiger, trotz der vom Staat
+ausgesetzten Prämien von fünfzehn Gulden, sehr überhand genommen, und
+besonders in einzelnen Kampongs große Verwüstungen unter den Heerden
+angerichtet, ja gar nicht selten sogar die mit dem Auskochen von
+Arenzucker beschäftigten Arbeiter überfallen und zu Holz geschleppt.
+Wohl waren die Eingeborenen außerordentlich thätig gewesen, durch Fallen
+und Gruben einen Theil dieser gefährlichen Raubthiere in ihre Gewalt zu
+bekommen und unschädlich zu machen; aber dies gelang ihnen bei nur sehr
+wenigen, und Jäger sind die Malayen und Javanen überhaupt nicht. Sie
+wissen zum Beispiel gar nicht mit Schießgewehren umzugehen, und wenn sie
+auch dann und wann einmal in Begleitung der Holländer eine solche Waffe
+führen, gefährden sie sich selbst und ihre Nachbarn weit mehr damit, als
+das Wild. Selbst Bogen und Pfeile führen sie nur zum Spiel, und ihre
+eigentlichen Waffen sind die Lanze, eine auf einen Bambus befestigte
+damascirte Stahlspitze, und der stets an der Seite getragene Klewang,
+eine Art kurzes Schwert, das ihnen hauptsächlich dazu dient, sich in den
+Dickichten Bahn zu hauen. Dazu ist es freilich auch dadurch vortrefflich
+geeignet, daß es vorn an der Spitze am schwersten ist und daher zum
+Hiebe die nöthige Wucht erhält. Den Khris oder Dolch haben sie fast
+alle im Gürtel stecken; die Lanze tragen sie dagegen nur ausnahmsweise,
+auf der Jagd und bei besonders festlichen Gelegenheiten.
+
+Die Chinesen auf Java sind indessen noch viel weniger Jäger, und führen
+selbst nicht einmal eine Waffe -- es müßte denn hie und da einmal
+heimlich geschehen, wozu sich aber wieder die leichte Nationalkleidung
+nicht eignet, die sie nach einem Gesetz der Holländer auf Java tragen
+=müssen=.
+
+Schang-hai war unverheirathet. Wie sich indessen seine
+Vermögensverhältnisse von Tag zu Tag besserten, fühlte er auch das
+Bedürfniß, eine Lebensgefährtin zu wählen und sich damit endlich einmal
+eine »häusliche Bequemlichkeit« zu schaffen. Es fing an ihm ungenehm zu
+werden, in seinem Hause allein zu sitzen, und als er alle seine übrigen
+Geschäfte besorgt hatte, glaubte er sich auch diesen »Luxus« -- wie er
+es bis dahin genannt -- gestatten zu dürfen.
+
+Das wäre nun allerdings vortrefflich gewesen, wenn er daran schon vor
+einer längeren Reihe von Jahren gedacht und es ausgeführt hätte. Leider
+hatte aber der Chinese seine besten Lebensjahre damit verschwendet,
+Reichthümer aufzuhäufen, und da er nie, selbst nicht in seiner Jugend,
+auf Körperschönheit Anspruch machen durfte, so konnte ihm das Alter in
+dieser Hinsicht noch weniger günstig sein. Schang-hai war mit einem
+Wort ein kleiner, dicker, häßlicher, unansehnlicher Chinese, dessen Zopf
+sich schon grau zu färben begann, und die kleinen, etwas feuchten,
+brennend schwarzen Augen bekamen durch einen schielenden Blick selbst
+einen widerwärtigen, abstoßenden Ausdruck. Nichts desto weniger wußte
+er, was ihm auch der Spiegel über seine eigene Persönlichkeit sagte,
+doch recht gut, daß in der Welt mit Geld vieles, wenn nicht alles zu
+erreichen ist, und vielleicht war dies auch die Ursache, daß er seine
+beste Lebenszeit ebenso sorglos und unbekümmert hatte verstreichen
+lassen.
+
+Da er dabei vernünftig genug war, bei einer Heirath nicht an die
+Vergrößerung seines Reichthums zu denken, sondern sich bereits
+entschlossen hatte, ein armes, aber hübsches junges Mädchen zu seiner
+Gattin zu erheben, so brauchte er, zumal da ihn die etwas wunderlichen
+gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes, in dem er sich befand, darin
+begünstigten, an einem Erfolg nicht einen Augenblick zu zweifeln. Die
+Eltern, die eine unbeschränkte Gewalt über ihre Kinder, besonders über
+ihre Töchter besitzen, verkaufen dieselben meist an gute »Partieen«,
+denn eine =Heirath= kann man ein solches Ehebündniß kaum nennen. Der
+Mißbrauch geht darin so weit, daß die Europäer auf Java sich oft
+Mädchen auf eine bestimmte Reihe von Jahren für eine zwischen beiden
+Theilen bestimmte Summe ins Haus kaufen und dabei nicht einmal eine
+Ceremonie für nöthig halten.
+
+Das war übrigens Schang-hai's Absicht nicht. Er wollte sich wirklich
+eine Frau nehmen, die ihm dann nicht bei der ersten passenden oder
+unpassenden Gelegenheit wieder davonlaufen und der Unbequemlichkeit der
+Wahl aufs Neue aussetzen konnte. Sein Auge fiel dabei auf die Tochter
+eines armen Javanen, den er sich in der letzten Zeit besonders
+verpflichtet und ihn so in Händen hatte, daß er überhaupt gar nicht
+seine Einwilligung hätte verweigern können -- wenn ihm das überhaupt in
+den Sinn gekommen. Kelah, wie der Eingeborene hieß, dachte aber auch
+nicht einmal an etwas derartiges, und wenn er den kleinen dicken
+Chinesen mit dem »falschen Blick« auch sicherlich mehr fürchtete als
+liebte, fühlte er sich doch durch den eines Tages ganz unerwartet
+gestellten Antrag viel zu sehr geehrt, als daß er mit seiner
+Einwilligung als Vater auch nur einen Augenblick hätte zögern können.
+Was Laykas, die Tochter, anbetraf, so war es eine Sache, die sich ganz
+von selbst verstand, daß sie weiter nichts zu thun hatte, als den ihr
+vom Vater gegebenen Befehlen zu folgen. Hätte das Mädchen denn auch ein
+größeres Glück, eine größere Ehre träumen können? Daß Laykas den
+Chinesen =lieben= sollte, verlangte kein Mensch von ihr -- nicht einmal
+ihr Bräutigam selber, und daß sie diesen jetzt, wie alle Kinder und
+Mädchen des Kampongs, =fürchtete=, und ebenso gern einem Tiger als ihm
+in den Weg gelaufen wäre, wenn er einmal die Straße herab kam, war eine
+Sache, die sich jedenfalls -- wenn sie nur erst einmal seine Frau war --
+von selber gab. Ihr Schicksal sollte ihr aber nicht lange verborgen, ja
+nicht einmal Raum zum Überlegen bleiben.
+
+Schang-hai hatte nämlich schon seit einer Woche, ohne irgend Jemand zu
+sagen weshalb, die Vorbereitungen zu der Festlichkeit herrichten lassen,
+die er auf das Glänzendste auszustatten gedachte. Der reiche Chinese
+wollte den Eingeborenen einmal zeigen, was er im Stande sei an Glanz und
+Pracht in diesen Bergen zu leisten. Das Anhalten um die Braut selber
+verschob er natürlich als eine Sache, die in wenigen Minuten abgemacht
+werden konnte, bis zum letzten Augenblick. Bedurfte es ja doch unter
+solchen Umständen auch nur eigentlich des Befehls, sie in sein Haus zu
+führen.
+
+
+2.
+
+Eines hatte er dabei übersehen oder, wenn es ihm je eingefallen, so
+gering angeschlagen, daß es eine weitere Beachtung nicht verdiente, --
+daß nämlich seine von ihm ausersehene Braut schon eine andere frühere
+Zuneigung haben könne. Das Herz eines jungen Mädchens fragt ja auch
+nicht immer erst die Eltern, ehe es sich zu einem andern Herzen
+hingezogen fühlt. Darauf kam hier aber gar nichts an; das Herz verlangte
+Schang-hai überhaupt nicht weiter, als es eben zu seiner bequemen
+Häuslichkeit unumgänglich nöthig war; er wollte die Hand des Mädchens,
+und die gehörte bis jetzt noch Niemand.
+
+Laykas war eine wunderliebliche Maid, und der alte Chinese hatte keinen
+schlechten Geschmack in ihrer Wahl bewiesen. Schlank und voll von
+Körper, mit Reizen, die von der dunklen Bronzefarbe der Haut eher noch
+erhöht als vermindert wurden, mit einem Antlitz von fast griechischer
+Schönheit, wie man es da oben in den Bergen auch gar nicht so selten
+findet, die dunklen Wangen von so sanfter Frische, daß das steigende und
+schwindende Blut deutlich auf ihnen sichtbar ward, mit feurigen offenen
+Augen und Händen und Füßen, um die sie manche stolze Weiße beneidet
+haben würde, war sie die Zierde ihres Stammes, der Stolz ihrer Eltern,
+und selig wäre der Mann unter ihren Landsleute gewesen, den sie einst
+mit ihrer Liebe beglückt hätte.
+
+Leichten und frohen Herzens hatte sie sich dabei willig und gern jeder
+noch so schweren Arbeit in ihrer Eltern Hause unterzogen. Nie kam eine
+Klage über ihre Lippen, und ein freundliches Wort, einen freundlichen
+Blick hatte sie für alle -- konnte sie den Sturm ahnen, der sich über
+ihrem Haupte zusammenzog?
+
+So kam sie auch heute, singend und mit den Kindern lachend, die neben
+ihr herliefen, den Berg herauf, denn sie hatte unten im Thale, in den
+breiten, hohen Bambusstöcken[38] Wasser heraufgeholt. Nur einen
+Sarong[39] von blau und rothem, selbstge»badek«tem Stoff, der ihr bis
+zur halben Wade niederhing und die zarten feingeformten Knöchel zeigte,
+trug sie um die schlanke Hüfte festgesteckt; der Oberkörper, wie das in
+den Preanger Regentschaften meist Sitte ist, war vollkommen nackt, und
+die schwere Wucht des rabenschwarzen Haares hielt sie mit einer großen
+Schildplattnadel befestigt. Die beiden mit Wasser gefüllten
+Bambusstöcke, die wohl bei drei Fuß Länge, fünf Zoll und mehr im
+Durchmesser haben mochten, trug sie an einem Querstock, an dem sie vorn
+und hinten herunterhingen, auf der Schulter, und trotz der gar nicht
+unbedeutenden Last war doch der Schritt des jungen, frischen, kräftigen
+Mädchens leicht und elastisch.
+
+In der Thür der Hütte begegnete ihr aber schon der Vater, der eben,
+noch freudestrahlend, von Tji-dasang zurückgekehrt war und den
+Augenblick nicht erwarten zu können schien, wo er der Tochter die
+Freudenbotschaft mittheilen sollte.
+
+»Was hast du, Vater?« rief das Mädchen, dem die fröhliche Bewegung in
+dem sonst ziemlich mürrischen, einsilbigen Alten nicht entgangen war,
+und mitten im Gang hielt sie, die Hände zur Stütze auf die Hüften
+stemmend, an, daß die beiden Bambusröhren langsam herüber und hinüber
+schwankten. »Was hast du, Vater? Es ist doch nicht --« und das Blut
+schoß ihr in diesem Augenblick vor freudigem Schreck in Wangen und
+Schläfe, als sie daran dachte, daß vielleicht Maono, der brave arme
+Bursch, hier bei ihrem Vater gewesen wäre und -- sie konnte keinen
+Gedanken ausdenken, so wirr und toll schwirrten ihr die Vermuthungen
+durch den Kopf. Und so treu und rein war dabei der Jungfrau Seele, daß
+kein schlimmer Verdacht, keine Furcht den Spiegel ihres Herzens trüben
+machte. Lachte doch ihr Vater, und das konnte ja nur Gutes für die
+Tochter deuten.
+
+»Freu' dich mit mir, Laykas!« rief ihr dieser, als er sie halten sah,
+entgegen, »freu' dich mit deinen Eltern, denn dein und ihr Glück ist
+gemacht.«
+
+»Maono?« war alles, was Laykas herausbringen konnte, und sie fühlte
+dabei, wie roth sie wurde.
+
+»Maono?« meinte der Alte, verächtlich mit den Schultern zuckend, während
+sich doch ein verschmitztes Lächeln über seine Züge stahl, »wer ist
+Maono? So viel für den! Hat er doch nicht Reis genug für den morgenden
+Tag und steckt nicht umsonst da mitten im Walde, um von Früchten und
+Waldfleisch sein Leben zu fristen! Laykas ist für etwas Besseres
+aufbewahrt.«
+
+»Für =Besseres=, Vater?« sagte das Mädchen leise, und die mit Wasser
+gefüllten Bambus wurden ihr in dem Augenblick so schwer, als ob sie sich
+in Blei verwandelt hätten. Kaum konnte sie mit ihnen den letzten Gang
+bis zur Hütte ersteigen. »Für was Besseres, Vater?« wiederholte sie hier
+noch einmal. »Ich verlange nichts Besseres von Allah -- möge er es mir
+gewähren.«
+
+»Nichts Besseres?« lachte aber der Alte und konnte sich gar nicht wieder
+zufrieden geben. »Wenn die Kinder nicht wissen, was ihnen gut ist,
+müssen's die Alten soviel besser verstehen. Aber hör', Laykas was ich
+dir sagen will, und fasse dich, denn solche Freude und Ehre wirst du
+nicht erwartet haben.«
+
+»Freude? -- Ehre?« rief das arme Mädchen erstaunt und eingeschüchtert,
+denn bei all den Vorbereitungen begann ihr nichts Gutes zu ahnen.
+
+»Nun, ich will dich nicht länger zappeln lassen,« schmunzelte der Alte;
+»so höre denn, =Schang-hai= hat dich von mir zum Weib begehrt.«
+
+»Schang-hai?« rief Laykas, und der Stab glitt von ihrer Schulter nieder,
+daß die beiden Bambus umfielen und das Wasser in sprudelndem Quell
+wieder den Berg hinunterschickten.
+
+»Ja -- der reiche Schang-hai,« erwiderte mit selbstzufriedenem Lächeln
+der Javane, den Schreck der Tochter natürlich der Freude und
+Überraschung zuschreibend. »Aber läßt du nicht das ganze Wasser wieder
+den Berg hinunterlaufen, Laykas? Nun laß nur sein, von jetzt an wirst du
+Diener haben, die das für dich thun. Allah segne mich! Hätte ich doch
+nie geglaubt, die Freude an meinem Kind -- und nur eine Tochter -- zu
+erleben! Aber morgen mit dem Frühsten gehst du zum Bach hinab und badest
+dich, bindest dann deinen besten Sarong um, und wenn die Sonne über die
+Palmen steigt, werde ich dich zu deinem Bräutigam führen!«
+
+»Bräutigam?« stöhnte Laykas, ihr Antlitz in den Händen bergend und dann
+mit stierem, entsetztem Blick zu dem Vater aufschauend; »Schang-hai --
+der furchtbare, entsetzliche Mensch, mein -- mein =Bräutigam=?«
+
+»Nun ja, =hübsch= ist er gerade nicht,« lachte der Alte gutmüthig,
+»darauf kommt auch nicht viel an. Aber =reich= ist er -- steinreich, und
+dein Vater braucht jetzt nicht Haus und Feld aufzugeben und wieder in
+den Wald hineinzuziehen, wie ich es thun müßte, wenn Schang-hai nur
+daran dächte, seine Forderung einzutreiben. -- Du bist ein braves Kind,
+mein Herz, und machst deinen Eltern viele, viele Freude.«
+
+Laykas erwiderte kein Wort; wo sie stand, kauerte sie sich auf den Boden
+nieder und legte den Kopf auf ihren Arm. Sie wußte, ihr Schicksal war
+besiegelt, ihres Vaters Wille Gesetz, und kannte den Alten zu gut, um
+auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß er Ernst, bittern Ernst
+aus seiner Drohung machen würde. Sie war das Weib des gefürchteten
+Schang-hai, dessen Nähe allein sie schon mit Entsetzen erfüllte, und
+wenn die morgende Sonne über die Wipfel ihrer Bäume schien, -- ein
+Schauder überrieselte sie -- führte sie ihr Vater in die Arme des
+Schrecklichen, der von da an Macht und Gewalt über sie haben sollte ihr
+Leben lang.
+
+Kelah betrachtete die ineinandergeknickte Gestalt der Tochter wenige
+Minuten schweigend. Er mochte wohl ahnen, was in ihr vorging, kannte er
+doch den Abscheu, den alle Kinder -- ja fast alle Erwachsene in den
+Bergen vor dem alten Chinesen hatten, und fürchtete er ihn doch selbst
+weit mehr als er ihn liebte. Die Sache war aber einmal abgemacht und
+nichts weiter daran zu thun, und die Tochter mochte jetzt, ehe er weiter
+mit ihr darüber sprach, mit dem Gedanken ein wenig vertraut werden. Daß
+sie sich seinem Willen nicht widersetzte, verstand sich von selbst. Er
+ging deshalb in sein Haus zurück, um für sich selber auf den morgenden
+Tag seinen besten Staat, Kopftuch und Sarong, die rothe Kattunjacke und
+seinen schönsten Khris hervorzusuchen. Es war ja auch eigentlich bei
+der ganzen Sache nichts weiter zu besprechen und alles Nöthige so gut
+wie abgemacht.
+
+Staunend sahen indeß Laykas' Geschwister die Trauer der Schwester, über
+deren Ursache sie sich nicht Rechenschaft zu geben wußten. Was es
+bedeute, des Schang-hai Frau zu sein, wußten sie noch nicht, und darum
+brauchte Laykas doch nicht das mühsam heraufgetragene Wasser wieder den
+Berg hinunterlaufen und den Kopf hängen zu lassen. Nur ein unbestimmtes
+Gefühl sagte ihnen, daß mit der geliebten Schwester doch eigentlich
+Alles wohl nicht so sei, wie es sein solle, und wie der Vater nur erst
+einmal ins Haus gegangen war, drängten sie sich ängstlich schüchtern um
+sie her, zupften sie am Sarong und baten sie leise und schmeichelnd
+aufzustehen und sie wieder anzusehen wie vorher.
+
+Das Zureden der Kinder aber weckte den bis dahin gewaltsam
+zurückgedrängten Schmerz der Jungfrau. Alles, was sie bis dahin lieb
+gehabt, an dem ihr Herz gehangen, sollte sie jetzt verlassen und dafür
+das Furchtbarste eintauschen, was ihrer Seele nur in Schrecken und
+Entsetzen vorschwebte -- das Weib des Mannes zu werden, von dem sie
+jetzt nicht einmal wußte, ob sie ihn mehr fürchtete oder mehr
+verabscheute. Ihre Thränen flossen unaufhaltsam, und der ganze zarte
+Körper zitterte in der furchtbaren, kaum mehr gebändigten Bewegung.
+
+Die Sonne sank, und sie saß noch immer auf der Stelle -- die Kinder
+waren zum Haus hinaufgelaufen, dem Vater zu sagen, daß Laykas krank wäre
+und weinte. Dieser bedeutete sie aber, die Schwester zufrieden zu
+lassen, sie würde schon wieder von selber froh und heiter werden.
+
+Als es dunkelte, ging endlich die Mutter zu ihr hinaus.
+
+»Laykas,« sagte sie freundlich, die Hand auf ihre Schulter legend, »komm
+herein ins Haus -- der Vater wird sonst böse, und der Thau fällt auch
+schon stark.«
+
+»Mutter,« stöhnte das arme Kind und faßte die Hand der Frau; »ich kann
+nicht -- ich =kann= nicht das Weib Schang-hai's werden.«
+
+»Der Vater hat's gesagt,« seufzte die Frau leise und mitleidig, das zu
+ihr gewendete, von Thränen überströmte Gesicht des Mädchens streichelnd.
+»Du weißt, was der sagt, müssen wir thun. Mir wär's auch lieber, ein
+armer Javane hätte sein Jawort erhalten, als der alte reiche Sünder,
+aber -- was geschehen, ist nun einmal nicht zu ändern. So komm, Laykas,
+komm mit ins Haus und fasse Muth. Es wird vielleicht noch Alles besser
+gehen, als wir jetzt denken.«
+
+»Und Maono?« seufzte das Mädchen mit angstgepreßter, zitternder Stimme.
+
+»Wer kann's ändern?« meinte die Mutter, mit den Achseln zuckend. »Unser
+Geschlecht ist dazu bestimmt, Leiden zu ertragen, und wir dürfen nicht
+murren. Es ist Allahs Wille. Der arme Bursch thut mir auch leid,« setzte
+sie leise hinzu, »aber was kann er gegen den reichen Chinesen in die
+Wagschale werfen?«
+
+»Und opfert er jetzt nicht sein Leben, die Nachbarschaft von den
+gefährlichen Tigern zu befreien?« rief Laykas. »Haust er jetzt nicht
+allein und abgeschieden mitten im Wald in steter Gefahr, von den Bestien
+selber erfaßt zu werden, nur um eine kleine Summe zu erschwingen, daß
+wir zusammen den Hausstand beginnen könnten, gegen den selbst der Vater
+bis jetzt nichts einzuwenden gehabt?«
+
+»Das ist alles wahr, mein Kind,« sagte die Mutter, das aufgeregte
+Mädchen freundlich begütigend, »aber damals hatte Schang-hai noch nicht
+um dich gefreit, und du weißt selber, welche große Hülfe der für uns
+ist. Das einzige Reisfeld, von dem wir unsere Nahrung ziehen, ist in den
+Händen deines künftigen Mannes, selbst die Arenpalmen um unsere Hütte
+her gehörten nicht mehr unser, wenn es Schang-hai gefiele, sie zu
+fordern. Die Büffel, die unser Feld bearbeiten, haben wir von ihm
+geborgt, er kann sie jeden Augenblick zurückfordern. Die Weide selbst,
+auf die wir sie treiben, gehört dem Chinesen, und schon lange habe ich
+mir gedacht, daß er nicht umsonst so nachsichtig und gütig mit uns
+gewesen und seinen Lohn wohl eines Tages einfordern würde. -- Und doch
+hab' ich ihm unrecht damit gethan, denn er hat dich zum =Weibe= begehrt,
+und damit uns armen, niederen Leuten, wie auch dir, die größte Ehre
+erwiesen, die ein so hochstehender Mann Jemand nur erweisen kann.«
+
+»Ehre -- Ehre!« jammerte das arme Mädchen, »mir bringt diese Ehre den
+Tod -- und Maono, armer Maono!«
+
+Sie stand langsam auf, schüttelte die Thränen von ihren Wimpern und
+folgte der Mutter langsam in das Haus, wo sie den Vater schon behaglich
+auf seiner Matte ausgestreckt und seine Pfeife rauchend fanden.
+
+
+3.
+
+Laykas ging ruhig in die Ecke, in der ihr Lager auf einem niederen
+Bambusgestell bereitet war, und wenn sich der Alte auch ein paarmal
+nach ihr umdrehte und sie augenscheinlich anzureden wünschte, unterließ
+er es doch jedesmal wieder. Sie mochte sich die Sache die Nacht über
+durchdenken, wenn sie nur morgen dann ein fröhliches Gesicht zeigte --
+nur bis die Feierlichkeit überstanden war. Nachher mochte Schang-hai
+allein sehen, wie er mit ihr fertig wurde.
+
+Nach und nach wurde es still in dem kleinen dunklen Raum; draußen
+rauschten die Palmen ihr flüsterndes Nachtlied durch den Wald und der
+unten vorbeispringende Bergstrom sandte das Geräusch des fallenden
+Wassers in leisem, dumpfem Murmeln bis hierher. Dann und wann vielleicht
+unterbrach der gellende Schrei eines Nachtvogels die heilige Stille, und
+einmal tönte dumpf und hohl das gierige Gebrüll eines Tigers vom Wald
+herüber. Dann war alles wieder still. Laykas konnte ihr Herz schlagen
+hören, wie es mit ängstlichem Klopfen ihr den Schlaf von den Lidern
+trieb.
+
+Und morgen? -- Der Kopf brannte ihr im Fieber, wenn sie an den morgenden
+Tag dachte! So mußte dem unglücklichen Verbrecher zu Muthe sein, der mit
+der nächsten Sonne zum Richtplatz geführt werden sollte und jetzt, an
+Ketten, im festen, verschlossenen Raum, des Henkers harrte, der ihn
+hinaus zum Galgen führen sollte. -- Und =war= sie denn eingeschlossen
+und gefesselt? -- Als ob ein scharfer Khris ihr Herz getroffen, so fuhr
+sie bei dem Gedanken empor. -- Flucht -- Flucht vor der Gefahr war noch
+möglich -- aber wohin? --
+
+Wohin? -- Gleichviel, und wenn in den Tod! Lieber die Glieder im tiefen
+Strom gebettet, als in das Haus jenes furchtbaren Menschen! Lieber von
+den Tatzen des gierigen Tigers zerrissen, als von den Armen des
+Gefürchteten umschlungen! Und hatte sie denn nicht des Vaters Spruch dem
+Tode schon geweiht? War denn das =Leben=, wenn sie Tage, vielleicht gar
+Wochen, Jahre in jenem furchtbaren Elend vergehen -- sterben mußte?
+
+In immer rascheren Schlägen pochte ihr Herz, das die fest darauf
+gepreßte Hand nicht mehr zu bändigen vermochte, und der Athem stockte
+ihr, als sie sich leise und geräuschlos auf ihrem Lager aufrichtete, um
+auf den Schlaf der Ihrigen zu lauschen. -- Sie athmeten tief und ruhig
+-- ihr Vater träumte wohl gar von dem »Glück und Heil«, das er mit der
+Tochter Opfer über seine Hütte gebracht, und sah im Geist sich schon
+geachtet und geehrt -- ja warum nicht auch =gefürchtet= von den
+Nachbarn. -- Fort! -- Das war der einzige Gedanke, der sie jetzt trieb.
+-- Fort aus der Heimath -- aus der Eltern Haus, von dem Herzen der
+Mutter fort, an der sie mit inniger Liebe hing, von den Geschwistern,
+für die sie ihr Leben gern geopfert hätte -- denn das war mehr als Tod,
+was man von ihr verlangte!
+
+In der Hütte war es vollkommen dunkel; nur durch einen Spalt der
+geflochtenen Bambuswand schaute hell und blinkend ein Stern herein.
+Geräuschlos glitt sie von ihrem Lager nieder und über den Boden hin.
+Hätten sie selbst gewacht, sie würden die Flucht des Mädchens nicht
+vernommen haben. Wie sie die Thüre erreichte, richtete sie sich auf und
+blieb an der Schwelle stehen. Ohne Abschied sollte sie fort, von allen,
+die ihrem Herzen theuer waren -- ohne ein freundliches Wort von der
+Mutter, ohne eine Umarmung von den Geschwistern? -- Aber sie durfte
+nicht zögern -- der Vater regte sich auf seinem Lager. Wenn sie jetzt
+entdeckt wurde, ehe sie das Freie erreicht hatte, war sie verloren.
+
+Sie öffnete den hölzernen Drücker der Thür so leise als möglich, und
+stand im nächsten Augenblick auf der Schwelle. Rasch fiel die Thür
+wieder hinter ihr ins Schloß, und während sie im Haus drin Stimmen zu
+hören glaubte, glitt sie über den kleinen freien Platz, der ihre Wohnung
+umgab, hinweg und in den Schatten eines dichten Mangustengebüsches
+hinein, das, mit anderen Fruchtbäumen wechselnd, bis zum Rand der
+Reisfelder lief. In dunkler Nacht brauchte sie hier keine Verfolgung
+mehr zu fürchten -- sie war gerettet.
+
+Gerettet? -- Guter Gott -- wie hatten noch gestern Abend diese Bäume,
+unter denen sie jetzt stand und die ihrer Eltern Haus umgaben, diese
+Palmen und Pisang so traulich, so heimlich gerauscht, wie lieb war jedes
+Blatt ihr da gewesen, und jetzt! -- Stand sie nicht so wenige Stunden
+später wie eine Fremde in dem trauten Hain, und lag die Welt, nur wenige
+Schritte von dem Vaterhaus entfernt, nicht plötzlich so kalt und öde um
+sie her, als ob sie, inmitten all des Glückes und Segens, das Gottes
+Hand darüber hingestreut, doch weiter nichts als eine Ausgestoßene wäre?
+
+Wohin jetzt? -- Wie sie zuerst den Gedanken an Flucht erfaßte, war es
+der Tod, den sie suchen wollte, um sich von aller Noth, von allem Elend
+zu befreien. Jetzt aber, wo der Himmel wieder hell und klar mit all
+seinen tausend und tausend Sternen über ihr blitzte, wie sie wieder das
+Flüstern der Bäume, das Murmeln des Baches hörte, da klammerte das
+jugendliche Leben sich auch wieder fest und innig an die Welt, und
+unwillkürlich fast, ehe sie sich nur selber eines bestimmten Ziels
+bewußt war, floh ihr Fuß jetzt von der Richtung fort, in der der
+reißende und tiefe Bergstrom lag. In der Flucht aber, mit der freien
+Bewegung ihrer Glieder den Körper von der frischen Nachtluft gekühlt,
+mit dem Bewußtsein, jetzt zum erstenmal in ihrem Leben selbstständig,
+unabhängig, ja sogar der Willkür ihres Vaters entgegen zu handeln,
+kräftigte sich auch der Muth des armen flüchtigen Kindes. Ihr Auge
+blitzte kühner und entschlossener, ihre kleine Hand ballte sich fast
+krampfhaft und die fest zusammengepreßten Zähne, die keck und trotzig
+aufgeworfenen Lippen verriethen das zu seinem Selbstbewußtsein erwachte
+Weib.
+
+Unschlüssig hatte sie allerdings noch einen Augenblick gestanden, als
+sie das nächste Thal erreichte. Aber nicht mehr über das Ziel, dem sie
+zufliehen wollte, war sie in Ungewißheit -- =das= sollte Batavia sein,
+so fern dasselbe auch lag, denn dort zwischen den Fremden, von denen sie
+schon soviel erzählen gehört, durfte sie am leichtesten hoffen,
+unentdeckt zu bleiben. Arbeiten wollte sie ja, was ihre Kräfte nur
+vermochten, und von früh bis spät; war sie das schwerste Mühen doch von
+Kindesbeinen auf gewohnt! -- Dorthin reichte auch nicht der Arm
+Schang-hai's, und einmal nur aus dem Distrikt hinaus, indem der
+Schreckliche zu herrschen schien, glaubte sie nichts mehr von ihm
+fürchten zu dürfen.
+
+Aber sollte sie ihre Berge verlassen, ohne ein Wort des Abschieds von
+dem Geliebten? -- Sollte er denn nicht einmal wissen, wohin sie den Fuß
+gewandt? -- Schreiben, wie es die Weißen und Chinesen thaten, konnte sie
+nicht, und wie hätte ihn je eine mündliche Botschaft erreicht, die nicht
+zugleich ihren neuen Aufenthalt zu verrathen drohte? Dort drüben, wo der
+dunkle Waldesschatten, vom Mond nur schwach beschienen, lag, oben am
+Hügelhang, mitten im wilden Dickicht, hauste er, und durfte sie dorthin,
+allein, bei Nacht den Fuß zu setzen wagen? -- Jene Gegend war ihrer
+Tiger wegen gefürchtet, und grade deshalb hatte sich Maono dort
+niedergelassen, um desto eifriger den Fang betreiben zu können und sein
+höchstes Ziel, den Besitz seines treuen Mädchens, zu erreichen. Wohl
+getraute sie sich den Pfad zu finden, der zu der einsamen Hütte führte
+-- denn mit der Mutter war sie vor noch gar nicht so langer Zeit einmal
+am Tage dort gewesen, um Arekanüsse zu holen. Wie aber durfte sie der
+Gefahr trotzen, von den lauernden Bestien überrascht zu werden? Nachts
+und im Dunkel, ob der Mond am Himmel steht oder nicht, kommt der Tiger
+aus seinen Dickichten, in denen er den Tag über versteckt gelegen,
+hervor und schleicht ins Freie hinaus, seine Beute zu erlegen. Ein Rind,
+das er trifft, ein Pferd, ein Stück Wild, es ist ihm alles willkommen,
+und gleich gierig stürzt er über alles her. Die Bestien aber, welche
+schon einmal in früherer Zeit Menschenfleisch gekostet, und denen
+dasselbe wohl geschmeckt haben mochte, ziehen von da an diese Beute
+jeder andern vor. Das sind dann die gefährlichsten Raubthiere, und dem
+Menschen mit ihrer furchtbaren Kraft, ihrer List und Blutgier vor allen
+anderen furchtbar. Der Javane nennt diese denn auch in ganz besonderer
+Auszeichnung »die Menschenfresser.«
+
+Laykas zögerte, aber es war nur ein Augenblick. Wie klein schien ihr
+diese Gefahr gegen die andere, der sie sich erst gewaltsam durch die
+Flucht entzogen! Stieg nicht der Mond gerade in all seiner Pracht und
+Klarheit, fast gefüllt, am östlichen Himmel empor? Der leuchtete ihrem
+Pfad -- er und die Liebe sollten sie führen! Und hatte sie Maono von
+ihrem Plan in Kenntniß gesetzt, wußte =er=, und nur er allein, wohin sie
+sich gewandt, und weshalb sie den verzweifelten Schritt gethan, dann
+konnte sie auch mit fröhlichem Muth, mit leichtem Herzen ihren weiten,
+mühseligen Marsch durch fremde unbekannte Distrikte, zu fremden
+Menschen, in eine ihr fremde Welt antreten, und das arme hülflose
+Mädchen sah, trotz der Gefahren, die überall ihre Bahn umlauerten, mit
+froher, ruhiger Zuversicht der ungewissen Zukunft entgegen.
+
+Wie sie freilich in dem fernen Batavia, wenn sie es erst glücklich
+erreicht, ihr Leben fristen sollte, war ihr jetzt selber noch nicht
+klar. Nur das fühlte sie, daß sie arbeiten konnte und wollte, und aus
+ihrer Gegend selbst waren ja schon in früherer Zeit Einzelne dorthin
+ausgewandert, und mit Geld und guten kostbaren Kleidern zurückgekehrt --
+warum sollte es =ihr= dort fehlen?
+
+Rüstig schritt sie, nur dann und wann einen scheuen Blick zurückwerfend,
+ob sie nicht verfolgt würde, ihrem schmalen Pfade entlang, der sie,
+sobald sie das Fruchtdickicht ihrer eigenen Heimat verlassen, am
+Hügelhang hin, und zwischen einer Anzahl von Reisfeldern hindurchführte.
+Es war ein beschwerlicher Weg, bei dem unsicheren Licht des kaum
+aufgegangenen Mondes die schmalen schlüpfrigen Raine zwischen den unter
+Wasser gesetzten Reisfeldern einzuhalten, aber sie kannte hier jeden Fuß
+breit Boden und wußte, daß sie rascher vorwärts eilen konnte, sobald sie
+nur einmal die steinigen Hügelhänge, in denen ihr jetziges Ziel lag,
+erreicht hatte.
+
+Hier begann freilich auch das Gebüsch, wilder Pisang, prachtvolle Farn-
+und einzelne Arekapalmen, mit einem dichten Unterholz anderer Laubbäume
+-- hier begann für sie die Gefahr in den Hinterhalt eines der furchtbaren
+Raubthiere, und der blutgierigen Bestie in den Rachen zu laufen, und als
+sie den düsteren Waldesschatten erreichte, in den der Mond jetzt seine
+wunderlichen Lichter warf, blickte sie im Anfang scheu und rasch umher
+und hielt auch wohl den flüchtigen Schritt plötzlich an, um irgend einem
+fremdartigen Geräusch, einem Rascheln im Busch besser zu lauschen, das
+ihr Herz schneller klopfen machte. Das aber waren immer nur Momente;
+ihre Flucht hielt es nicht auf, und eine Ravine kreuzend, erreichte sie
+jetzt wieder, kaum noch tausend Schritt von der Hütte entfernt, in der
+Maono seine Wohnung aufgeschlagen, einen offenen Strich Landes, durch
+den die breite, gut in Stand gehaltene Straße am Rand der Ravine hin
+lief. Diese Straße führte von Tji-dasang aus zuerst nach dem großen Gut
+eines Chinesen, und stand weiter unten mit der Javanischen
+Hauptpoststraße, die durch die ganze Insel läuft, in Verbindung. Diese
+Straße mußte sie ebenfalls kreuzen, der Pfad aber, den sie kannte, und
+der durch die ihr gegenüberliegende Dickung führte, lag etwas weiter
+oben, gerade an der Stelle, wo eine wohl dreißig Fuß hohe Farnpalme
+ihren federnartigen Wipfel über dem Fuhrweg schaukelte. Gerade durch den
+Wald zu brechen wäre ihr, selbst am hellen Tag nicht möglich gewesen, so
+dicht in einander flocht diese gewaltige Vegetation ihre Zweige und
+Lianen, und rasch der Straße aufwärts folgend, sah sie schon von weitem
+den Schatten der Palme über die weiße Straße hinüber hängen, als sie,
+dicht neben sich im Weg sich etwas regen sah.
+
+Mit einem halben, kaum unterdrückten Aufschrei flog sie zurück, und wie
+gelähmt erstarrten ihr in dem Moment, vor dem entsetzlichen, jede
+Willenskraft vernichtenden Schreck die Glieder, denn vor ihr stand, halb
+scheu unter seinen großen Hut zurückgedrückt, und doch auch wieder fast
+eben so überrascht, wie sie selber, auf sie schauend, der furchtbare
+Schang-hai. Die kleine, breite, wie zum Sprung ineinandergepreßte
+Gestalt war nicht zu verkennen, und seine Augen schienen wie glühende
+Lichter nach ihr herüber zu funkeln.
+
+»Allah schütze mich!« stöhnte die Jungfrau. Als ob aber mit den
+herausgestoßenen Worten der Zauber gebrochen wäre, der sie bis dahin
+gefangen gehalten, so floh sie jetzt, einem aufgescheuchten Reh gleich,
+mit Blitzesschnelle der Farnpalme zu, und dort mit einem Sprung den
+weiten Graben überfliegend, in den Wald hinein. Scheu drehte sie den
+Kopf zurück -- sie hörte Schritte hinter sich -- das Laub raschelte, und
+kaum ihrer Sinne noch mächtig, verfolgte sie ihre Flucht in wilder Hast
+immer den Pfad entlang, bis sie sich endlich an der wohlbekannten Gruppe
+von Arekapalmen fand. Wieder glaubte sie ein dumpfes Geräusch hinter
+sich zu hören, aber durch die Palmen hin kannte sie einen näheren Pfad
+zur Hütte, und glitt wie eine Schlange in den dunklen Schatten des
+dichten Unterwuchses von Pisang- und Cacaobüschen hinein. Jetzt hatte
+sie das Bambushaus erreicht -- die hohen Stufen flog sie hinan, preßte
+den Drücker nieder, und als dieser dem Griff nachgab, und die Thür sich
+in ihren Angeln drehte, brach sie, nicht mehr im Stande die furchtbare
+Aufregung der letzten Stunden zu ertragen, auf der Schwelle ohnmächtig
+zusammen.
+
+
+4.
+
+Mitten im wilden, dichten Wald auf Java, findet der Wanderer oder Jäger,
+wenn er sich durch einen halbverwachsenen alten Pfad Bahn gehauen,
+manchmal weite Gruppen schlanker hochstämmiger Cocos- und Arekapalmen in
+der tiefsten Wildniß stehn. Sonst sind dies stets, besonders die
+letzteren, sichere Zeichen von der Nähe menschlicher Wohnungen, und
+noch mehr bestätigen gewöhnlich schattige Fruchtdistrikte von
+Mangusten-, Romboutan-, Nangka- und Manga-Bäumen, und wie die
+wundervollen Bäume alle heißen, solche Vermuthung, und scheinen dem
+Fremden wie bittend die beladenen Zweige entgegenzustrecken, daß er sie
+nur in etwas von ihrem drückenden Reichthum befreien möge. Und doch
+würde in den meisten Fällen der mit dem Land Unbekannte kaum ein Merkmal
+finden, daß solche Stelle je bewohnt gewesen und noch andere Geschöpfe
+als Tiger und Rhinoceros hier dem weichen Boden ihre Fährten
+eingedrückt.
+
+Und dennoch standen dort früher die leichten Hütten der Eingeborenen,
+deren Spur jetzt freilich der Zahn der Zeit vom Boden vertilgt, und ihre
+letzten Überreste unter der verwesenden dichten Laubdecke dieser üppigen
+Vegetation begraben hat. Nur die Natur selber blieb ewig jung, und höher
+und kräftiger noch hoben die Palmen ihre wehenden Kronen empor, und
+schauten stolz und kühn aus dem dichten Laubmeer hervor, das sie ringsum
+überragten.
+
+Unter diesen Palmen und dem wilden Gewirr von Pisang, Farren, Lianen und
+andern Fruchtbüschen hat in früherer Zeit einmal ein urbargemachtes Feld
+gelegen und des Menschen fleißige Hand dem Boden Nahrung für sich
+abgezwungen. Kaum aber wurden die Menschen wieder abgezogen, so
+forderte der Wald sein Eigenthum mit herrischer Gewalt zurück, streute
+seinen Saamen darüber hin, und trieb die alten, bis dahin nur mit Noth
+und Mühe zurückgehaltenen Wurzeln auf's neue in kräftigen Schößlingen
+empor. Was dabei die Vegetation allein zu leisten vermag, beweisen schon
+die Pisang oder Bananenstämme; denn in sechs Monaten treiben diese einen
+Stamm von Beinesdicke, um im nächsten Jahr den Boden damit zu düngen,
+und fünf oder sechs ähnlichen Schößlingen Saft und Nahrung zu geben.
+
+Solche »todte Kampongs« sind fast immer, und mit nur wenigen Ausnahmen,
+in früherer Zeit der überhand nehmenden Tiger wegen von ihren Bewohnern
+geräumt worden, die lieber ihre Fruchtbäume und das mühsam bestellte
+Feld im Stich ließen, um nur der gefährlichen Gesellschaft zu entgehen.
+Weiter dem bebauten Lande zogen sie dann zu, und wenn sie da auch ihre
+Arbeit von vorn beginnen, und das Wachsen neu gepflanzter Palmen und
+Fruchtbäume erwarten mußten, waren doch ihre Familien auch mehr
+gesichert, und Frau und Kinder brauchten nicht mehr, selbst in der Thür
+der Hütte, wie das im Walde oft der Fall gewesen, den Angriff des
+gierigen Räubers zu fürchten. Von den verlassenen Plätzen aber nahm der
+Fürst der Javanischen Waldung, der Königstiger, Besitz, und in der neu
+und dicht aufschießenden Wildniß konnte er seine Tage sicher und
+ungestört verträumen, um dann erst Abends mit der Dämmerung seiner Beute
+nachzugehn.
+
+Auch diese Stelle, durch die der Fuß der armen geängstigten Maid
+geflohen, war ein solcher »todter Kampong,« und die Tiger hatten sich in
+der Nachbarschaft so vermehrt, daß sie sogar von dort aus die dicht
+besiedelten Nachbardörfer aufsuchten und Schrecken und Entsetzen unter
+den Bewohnern verbreiteten. Nicht allein sah sich die holländische
+Regierung dadurch genöthigt, in der letzten Zeit einen erhöhten Preis
+auf die Einbringung oder Tödtung dieser gefährlichen Raubthiere zu
+setzen, sondern die Eingeborenen selber waren zusammengetreten und
+sicherten noch besonders dem glücklichen Erleger eines Tigers reiche
+Belohnung zu. Konnten sie doch nur auf solche Art hoffen, von ihnen
+befreit zu werden, und ihre grimmen Reih'n gelichtet zu sehn.
+
+Bei den Eingeborenen ging aber dabei nicht allein das Gerücht, sondern
+war in ihrem angsterfüllten Hirn, von abergläubischer Furcht gestachelt,
+zur festen Überzeugung herangewachsen, daß zwischen ihnen ein
+=Menschentiger= sein entsetzlich Wesen treibe. Zu viele Menschen, und
+zwar lauter Javanen, waren gerade in den letzten Monaten im Wald und
+selbst bei ihrer Arbeit auf den dicht am Wald liegenden Feldern
+zerrissen worden, von denen man viele unversehrt, nur mit zerrissener
+Kehle wieder aufgefunden. Unter ihnen hatte jedenfalls ein solches
+Ungeheuer gewüthet, und der Preis, den die Eingeborenen unter sich auf
+den Fang desselben gesetzt, wäre hoch genug gewesen, den glücklichen
+Jäger zum reichsten Mann des Kampongs zu machen, -- nur daß sich der
+»Menschentiger« eben nicht fangen =ließ=.
+
+Diese hohen ausgesetzten Preise waren denn auch die Ursache gewesen, daß
+sich Maono, ein junger kräftiger Sundanese -- wie die Bewohner der
+östlichen Gebirgshälfte von Java im Gegensatz zu den westlichen, den
+Javanen, eigentlich heißen -- dem gefährlichsten Handwerk, das seine
+Berge kennen, dem Tigerfang ausschließlich zugewandt. Er hatte es aber
+nicht aus Gierde nach Schätzen gethan, denn der wackere Bursch bedurfte
+deren für sich selber nicht; sondern nur um sein Mädchen, seine Laykas,
+dem drängenden Vater abzukaufen, und für sich selber dann, an ihrer
+Seite, ein neues stilles Leben zu beginnen, wählte er sein gefährliches
+Geschäft, durch das allein er hoffen durfte, in kurzer Zeit ein kleines
+Capital zurückzulegen -- wenn ihn nicht die Tiger selbst zerrissen. Ohne
+Laykas aber konnte er sich das Leben doch nicht denken, und was galt ihm
+jetzt die Gefahr, der er sich hier jede Stunde aussetzte, wenn er damit
+die Hoffnung gewann, ihren Besitz zu erkaufen! Dieser Platz schien ihm
+dabei vor allen andern passend, sein Vorhaben auszuführen, und in dem
+Dickicht selber, in dem er sich mit seinem Klevang einen kleinen Raum
+freigeschlagen, errichtete er aus Bambusstäben seine feste Hütte, deckte
+sie mit den Fasern der Arekapalme und Bambuslaub zu festen Matten
+geflochten, und stellte Fallen, legte Gruben an und fing in rascher
+Reihenfolge fünf starke Tiger, die er allein mit seiner Lanze in der
+Grube tödtete.
+
+Maono war an dem Abend erst mit der Dämmerung nach Hause gekommen. Vor
+einigen Tagen fast selber von einem riesigen Tiger überrascht, dessen
+Wechsel er in dem Pfad, nahe bei seiner Hütte gespürt, hatte er kurz vor
+Dunkelwerden eine neue Grube beendet und mit der Lockspeise belegt, und
+sich jetzt, müde und erschöpft vom schweren Graben und Balkenschleppen,
+auf sein Lager geworfen. Aber sein Schlaf, fortwährend von Gefahr
+umgeben, war nur leicht, und wie der Griff seiner Thüre niederklappte,
+diese sich öffnete und eine dunkle Gestalt auf seiner Schwelle
+zusammenbrach, griff er die Lanze auf, die immer dicht neben ihm an
+seinem Lager lehnte, und fuhr, sprungfertig wie der Tiger selber, empor,
+dessen Angriff er fast fürchtete.
+
+Aber Alles blieb ruhig -- draußen rauschte der Wald, die Frösche
+quackten in dem nahen Sumpf, und laut und donnernd schlug plötzlich ein
+wild dröhnendes Gebrüll an sein Ohr.
+
+»Ha?« lachte der junge kecke Jäger vor sich hin, »hast du das Weite
+wieder gesucht, mein Bursche, wie du das Lager des Feinds gewittert? --
+Aber nein -- das konnte der Tiger nicht sein, denn der steckt noch dort
+im Alang Alang[40] draußen, und folgt vielleicht jetzt gerade meiner ihm
+gelegten Witterung. Aber die Thür öffnete sich doch, und ich dächte, ich
+hätte vorhin einen dunklen Schatten dort gesehen.« Vorsichtig, mit
+vorgehaltener, zur Vertheidigung oder zum Angriff bereiter Lanze näherte
+er sich langsam der Thür; der Mondenschein fiel hell und voll darauf,
+und bald erkannte sein scharfes Auge eine da kauernde menschliche
+Gestalt.
+
+»Der Menschentiger!« knirschte er zwischen den Zähnen durch, und die
+krampfhaft gepackte Lanze drängte sich fast unwillkürlich zurück, zum
+Todesstoß ausholend. -- Aber das sah nicht wie ein Angriff aus; die Arme
+fortgestreckt vom Körper lag die dunkle Gestalt still und regungslos zu
+seinen Füßen -- in seiner Gewalt. So hätte sich ihm das Ungeheuer, das
+er mehr fürchtete als alle Tiger der Welt, im Leben nicht preis gegeben.
+Das war ein Mensch. Und als er endlich, noch immer scheu und vorsichtig
+und sprungbereit dem fremden Wesen näher trat, und sich langsam und
+scheu niederbog, um es mit der Hand zu berühren, da fühlte er unter den
+Fingern das weiche warme zarte Fleisch und wußte jetzt, daß es ein
+jedenfalls im Wald verirrtes Weib sein mußte, das vor den Tigern
+flüchtend, hier bei ihm Schutz gesucht.
+
+Er stellte die Lanze neben die Thür, und beugte sich nieder, die Arme
+aufzuheben und in die Hütte zu tragen, als der bewußtlose Körper wieder
+Leben gewann. Die erste Bewegung aber war der scheu nach rückwärts
+gedrehte Kopf, ob der Entsetzliche ihr folge und -- »Laykas!« schrie
+Maono, und schlang staunend und erschreckt den Arm um die Geliebte.
+
+»Schütze mich, Maono!« war aber alles, was Laykas im Anfang über die
+bleichen Lippen bringen konnte, und zugleich drängte sie sich jetzt
+scheu von der Thür hinweg.
+
+»Fürchte dich nicht, mein Herz,« sagte Maono freundlich ihre Angst
+beschwichtigend. »Wenn ich auch nicht begreife, wie du in Nacht und
+Dunkel den Weg -- Allah schütze mich!« rief er plötzlich, in
+Todesschreck emporfahrend -- »wie bist du denn zu dieser Hütte gekommen?
+Den Pfad entlang?«
+
+»Den Pfad entlang, bis zum Pinangdickicht, und dann in wilder Flucht
+durch die Stämme und Dornen durch, die mir die Haut zerfleischten.«
+
+»Dich hat dein guter Geist beschirmt,« sprach Maono, liebkosend ihr die
+Haare aus der feuchten Stirn streichend. »Aber um deiner Liebe willen,
+Laykas, was führt dich in der Nacht in dieses Dickicht, das selbst die
+Männer deines Kampongs nur am hellen Tag in Trupps betreten? Wenn du nun
+in die Klauen einer der gierigen Bestien gefallen wärst? Wie elend wäre
+ich gewesen, ob ich auch deinen Tod blutig an ihnen gerächt! Oder droht
+dir Gefahr von anderer Seite, als den wilden Thieren dieser Waldung?«
+
+Das Mädchen hatte sprechen, hatte dem Geliebten die Vorgänge des letzten
+Abends erzählen, und dann ruhig von ihm Abschied nehmen wollen, um ins
+weite ferne Land hinaus zu ziehn. Das Schreckbild aber, das in der
+letzten Stunde wie aus dem Boden herausgewachsen, vom Mondlicht bleich
+beschienen, vor ihrem entsetzten Blicke aufgetaucht war, hatte ihre
+Sinne und Gedanken so betäubt, verwirrt, daß nur das eine Wort Raum in
+ihnen fand. -- »Schang-hai!«
+
+»Ha! -- was mit dem?« fuhr Maono auf, »drängte der alte Sünder deinen
+Vater zum Äußersten? Den Tod über ihn! Aber nicht lange mehr, so hat
+Maono Geld und wird --.«
+
+»Dort -- dort -- hinter mir!« stöhnte Laykas und deutete mit zitterndem
+Arm durch die noch offene Thür hinaus ins Freie, »er folgt mir --
+schütze mich!«
+
+»Wer? -- Schang-hai?« rief Maono mit weit geöffneten stieren Augen,
+indem ein furchtbarer Verdacht vor seiner mit all den Schreckbildern
+blinden Aberglaubens gefüllten Seele emporstieg. »Schang-hai -- jetzt im
+Wald? -- Auf deiner Fährte?« Und rasch und unwillkürlich suchte die Hand
+die fort gestellte Waffe.
+
+Nur mit unendlicher Mühe bezwang sich das arme, zum Tod erschöpfte
+Mädchen endlich soweit, dem Jüngling zuerst die Vorgänge der letzten
+Viertelstunde, die plötzliche Erscheinung des Chinesen und ihre wilde
+Flucht zu erzählen, denn in des Geliebten Nähe fühlte sie sich
+wenigstens vor augenblicklicher Verfolgung sicher. Dann aber, wie sie
+sich mehr und mehr erhohlte, und Maono jetzt die Thüre schloß, auf dem
+kleinen Herd ein prasselndes Feuer von dürren Bambusstäben entzündete,
+das Licht und Wärme verbreitete, und dann seine Matte zur Flamme zog,
+daß sie ihnen als Sitz diene, da ging sie auch auf die Vorgänge des
+letzten Abends zurück, sagte, was ihr mit der heutigen Sonne gedroht und
+sie zur Flucht getrieben, und bat den Geliebten jetzt mit leiser
+ängstlicher Stimme sie am nächsten Morgen nur wenigstens bis durch den
+Wald zu geleiten, damit sie nicht etwa nach ihr ausgeschickten
+Verfolgern in die Hände fiele, und vor allem -- dem furchtbaren
+Schang-hai nicht wieder begegnete.
+
+Maono hatte mit keinem Laut, keinem Wort ihre ganze leidenschaftliche
+Erzählung unterbrochen -- nur seine Augen funkelten, seine Glieder
+zitterten, und wie unwillkürlich suchte oft die Rechte, während er mit
+der Linken die an ihm lehnende Geliebte umfaßt hielt, den im Gürtel
+steckenden Khris. Laykas für ihn verloren, einem Ungeheuer verkauft oder
+in die Fremde hinausgestoßen -- es blieb sich fast gleich, und keine
+Hülfe -- keine Rettung aus dieser furchtbaren Noth! Blieb Laykas hier,
+so wußte er recht gut, daß schon am nächsten Morgen, noch dazu, da
+Schang-hai die Richtung ihrer Flucht wissen mußte, Boten nach ihr
+ausgesendet würden, um sie zurückzufordern; und setzte die Unglückliche
+auch ihre Flucht fort, was half es ihr -- allein da draußen im Wald --
+allein in der Welt? --.
+
+»=Allein?=« rief er da plötzlich, und richtete sich rasch und hoch
+empor, »nein Laykas, nicht allein laß ich dich mehr hinaus in die fremde
+Welt, nicht allein selbst durch diese gefährdeten Waldungen mehr. =Ich=
+fliehe mit dir -- die Berge kenn' ich alle, von den Reisfeldern, die an
+ihrem Fuße liegen, bis zu den nackten Lavagipfeln ihrer glühenden
+Krater, und nicht nach Batavia gehen wir dann, zu den fremden Weißen und
+ihren verdorbenen Sitten, wo dein Vater auch unsere Spur wieder
+auffinden und uns zurückfordern könnte in das alte Leid. Gerade Nord
+hinauf ziehen wir; in Indramaju lebt mir ein Bruder, und von dort führ'
+ich dich in dessen Prau hinauf nach den »tausend Inseln.« Dorthin wagen
+sie nicht uns --.« Er hielt plötzlich inne, denn gar nicht weit von der
+Hütte entfernt tönte so dröhnend, daß das Laub auf dem Dach zu zittern
+schien, das tiefe furchtbare Gebrüll eines Tigers herüber, dem sich ein
+wilder, gellender Schrei, wie fast aus gequälter Menschenbrust kommend,
+beimischte.
+
+»Der ist in der Grube!« jubelte Maono, in seiner Jagdlust fast die
+augenblickliche Gefahr der Geliebten vergessend, und mit dem rasch
+aufgegriffenen Speer sprang er der Thür der Hütte zu.
+
+»Maono!« bat aber Laykas, ängstlich seinen Arm ergreifend, »gehe nicht
+fort von mir. Laß mich nicht hier allein, ich würde vor Angst vergehen.
+Und wenn nun Schang-hai wirklich meinen Schritten gefolgt wäre.«
+
+»Wäre er's nur!« zischte Maono, den Speer fester packend, zwischen den
+Zähnen durch. »Aber horch, Laykas -- hörtest du nicht jetzt --?« -- Er
+hatte die Thür aufgestoßen und horchte, halb unschlüssig, ob er gehen
+oder bleiben solle, in die Nacht hinaus.
+
+»Ich höre nichts als das Rascheln des Windes im Wipfel der Bäume,«
+flüsterte die Jungfrau; »es ist so furchtbar todt und still da draußen!«
+
+
+5.
+
+Maono stand noch lange und lauschte in den Wald hinein. Es drängte ihn
+hinaus, um nachzusehen, ob er den grimmen Feind gefangen, und doch
+konnte er die Maid hier nicht allein zurücklassen. So verging die Nacht.
+Mehr aber befestigte sich auch dabei in ihm der einmal gefaßte
+Entschluß, die Geliebte nicht allein ziehen zu lassen, sondern mit ihr
+den fernen, nicht unter Holländischer Botmäßigkeit stehenden Inseln
+zuzufliehen.
+
+»Und nun komm mein Lieb!« sagte der junge Jäger, als das erste dämmernde
+Licht im Osten sichtbar wurde und rasch wachsend seinen grauen
+Silberschein in die düsteren Waldesschatten warf. Er band sich dabei
+sein Kopftuch fester um die langen schwarzen Haare, steckte seine Waffen
+in den Sarang, band etwas Reis in ein Tuch, das sich das Mädchen um die
+Schulter knüpfte, und mit den unter den Fuß geschnürten Sandalen trat er
+hinaus vor seine Thür, Laykas an der Hand. Erst freilich wollte er noch
+seine Gruben untersuchen, wenn er die gemachte Beute auch einem Andern
+überlassen mußte, und rasch schritt er jetzt den schmalen Pfad voran,
+der Stelle zu, von wo, wie er glaubte, das letzte wüthende Gebrüll
+herüber geschallt.
+
+Es war dies eben die letzte Grube, die er gegraben, und schon von
+weitem, so viel es ihm das matte Licht des jungen Morgens zu sehen
+gestattete, erkannte er die eingebrochenen Zweige der Decke, das sichere
+Zeichen einer gefangenen Beute.
+
+»Ich hab' ihn!« flüsterte er halb zurückgewandt, mit blitzenden Augen
+seinem Mädchen zu »ich hab' ihn! -- Da drinn wird er kauern scheu und
+tückisch und lauernd, die glutrothen Augen in Furcht und Haß zu mir
+aufgedreht, wenn ich die Decke hebe. Warte, Gesell, das soll meine
+letzte Arbeit hier im Lande sein, dir den Speer noch in den Leib zu
+werfen -- dann mag er verbluten da unten, und die Geier sich sein
+Fleisch zu Neste tragen.«
+
+Er bog sich nieder, den Hauptzweig der Decke von der Grube
+zurückzuwerfen, als Laykas schüchtern fragte:
+
+»Und wird er nicht herausspringen können, wenn du die Decke wegnimmst?«
+
+»Nicht von dort,« lachte nun der junge Mann, »die Grube ist tief, und
+der Boden durch eingetriebene Stäbe in der Mitte der Art bedeckt, daß
+seine Hintertatzen nicht einmal einen festen Anhalt fassen können --
+siehst du dort?« --
+
+»Hülfe!« tönte in demselben Augenblick eine Menschenstimme kläglich zu
+ihm herauf, »rettet mich!«
+
+»Ein Menschentiger!« schrie der Sundanese in jubelnder Luft
+emporspringend, »ich hab' ihn, ich hab' ihn! -- Nun Laykas, gehn wir
+nicht fort, nun braucht Maono nicht zu fliehn, und wenn ich deinem Vater
+mit vollen Händen Geld in's Haus geschleppt, dann mag der alte
+tückische Chinese nur heimziehen nach seinem Zopf- und Opiumland.«
+
+»Aber Maono,« bat Laykas in Todesangst, »da unten in der Grube liegt ein
+Mensch.«
+
+»Ein Mensch? -- Ein Tiger ist's; ich hab' ihn selbst gesehn, seine
+funkelnden Augen, seine streifige Haut, seine fletschenden Zähne! -- Er
+hat die Wurzel nicht, daß er sich wieder verwandeln kann. Da -- sieh
+dort!« rief er, während er die übergelegten Zweige mit der Hand bei
+Seite riß, »siehst du die lauernde, kauernde Gestalt? -- Siehst du, wie
+er sich sprungfertig hinein in die Ecke, und doch das breite boshafte
+Gesicht scheu zu Boden drückt, weil er sich schämt im Sonnenscheine
+ertappt zu sein?«
+
+»Hülfe!« tönte da wieder leise und ängstlich, daß sie gehört würde,
+dicht =unter= ihnen eine Menschenstimme, und wie Maono, jetzt selber
+erschreckt, die ihm nächsten Zweige bei Seite riß, erkannte er in immer
+steigendem Erstaunen erst eine menschliche Gestalt, fest und ängstlich
+in eine Ecke gedrückt, die chinesische Tracht derselben, und jetzt, als
+sich das Antlitz des da unten in so furchtbarer Nachbarschaft kauernden
+langsam zu ihm aufdrehte, die scheuen, widerwärtigen Züge seines
+Nebenbuhlers.
+
+»Schang-hai!« jauchzte aber der junge Sundanese, als er seinen Verdacht
+in solcher Weise gerechtfertigt und bewiesen sah, ohne daran zu denken,
+dem also Gefangenen Hülfe zu leisten. »Hab' ich also recht gehabt? --
+Bist du mir auf die Lockspeise gesprungen und hast die Grube drunter
+nicht gemerkt? -- Deine Wurzel hilft dir jetzt nichts mehr, ob du da
+unten auch noch so kläglich thust! Hat doch der ganze Kampong schon die
+langen Jahre Verdacht auf dich gehabt, und endlich, endlich halt' ich
+dich!«
+
+»Schang-hai!« stöhnte auch Laykas und barg, zusammenschaudernd vor dem
+furchtbaren Gedanken, daß sie dem Entsetzlichen hatte sollen zu eigen
+sein, ihr Antlitz in den Händen. Zu sehr theilte sie übrigens den
+Aberglauben ihres Volkes, um nicht aus vollem Herzen alles zu glauben,
+was an dunklen Gerüchten ihren Stamm durchlief. Und hätte der Mensch da
+unten in der Grube auch neben dem Tiger aushalten können, wäre er nicht
+seines Gleichen gewesen? -- Nimmermehr! Das Raubthier würde ihn
+hundertmal zerrissen haben.
+
+Wunderbar war es jetzt zu sehn, wie sich der Tiger in der Ecke der Grube
+vor dem hellen Sonnenstrahl, wie dem Laut der Menschenstimme immer mehr
+und mehr zusammendrückte, und während Maono in jubelnder Lust oben
+stand, den Triumph so glücklichen Fanges feiernd, erhob jetzt der
+unglückliche Chinese drunten mehr und mehr die Stimme und bat den
+Eingeborenen, ihn doch nur um Allahs Willen, wenn er =seine= Götter
+nicht anerkenne, aus seiner furchtbaren drohenden Lage zu befreien. Er
+versprach, ihn dabei zum reichen angesehenen Mann zu machen -- versprach
+auf Laykas, deren Stimme er ebenfalls erkannt, zu verzichten -- er hätte
+seine eigene Seligkeit verpfändet, wenn man es von ihm in diesem
+Augenblick verlangt, um nur von der entsetzlichen Todesgefahr befreit zu
+sein, nur seine Spanne Leben zu retten.
+
+Eine ebenso große Gefahr drohte ihm aber in diesem Augenblick gerade von
+daher, von wo er Rettung erhoffte. Maono nämlich, in der festen
+Überzeugung, daß der gefangene Chinese wirklich ein =Menschentiger= sei,
+der nur, als er sich ertappt sah, seine menschliche Gestalt wieder
+angenommen, beschloß ohne Weiteres, die Gegend von diesem Ungeheuer zu
+befreien. Während der Chinese deshalb unten bat und flehte, befestigte
+Maono oben ganz ruhig und unbefangen die lange feste Leine am oberen
+Theil seiner Lanze, um diese nach dem Wurf wieder zurückziehen zu
+können, und trat dann an den Rand der Grube, die Waffe zum Todeswurf
+erhoben.
+
+»Vorbereitung zum Tode,« sagte er dabei ruhig, »brauchst du drunten wohl
+nicht, denn wer in Nacht und Finsterniß in =solcher= Verwandlung
+umherschleicht, weiß genau, was ihm bevorsteht, wenn man ihn endlich
+einmal ertappt. So nimm denn --«
+
+»Halt ein -- halt ein!« schrie aber der Unglückliche, der die drohende
+Bewegung bemerkt, in Todesangst. »Ich schenke dir Hütte und Felder von
+Laykas' Vater, mit all den Thieren, die ihm zugehören. Ich schenke dir
+sechs meiner besten Büffel und die zwei großen Reisfelder, die hinter
+deinem neuen Hause liegen. -- Ich schenke dir vier Säcke Deute außerdem
+und all die Arenpalmen, die auf dem Grundstück stehen, und du magst
+Laykas zur Frau nehmen, -- aber wirf den Speer weg, um meines Lebens
+willen -- wirf den Speer fort und reich' mir die Schnur herunter! Der
+Tiger dort in der Ecke wirft immer gierigere Blicke auf mich -- ich bin
+verloren, wenn du mich nicht rettest.«
+
+Maono warf =nicht=; diese ungeheuern Versprechungen, die ihm der
+Gefangene machte, brachten seinen Entschluß, ihn zu tödten und seinen
+Fangpreis dafür einzuziehen, doch zum Wanken. Er war damit reicher als
+er es je gehofft, und in der Gewalt behielt er den Chinesen ja noch
+immer.
+
+»Und wirst du halten, was du da gelobt?« fragte er zögernd.
+
+»Rette mich, und ich gebe dir mehr, als ich dir versprochen,« winselte
+der Unglückliche.
+
+»Du willst ihn nicht tödten?« fragte Laykas erstaunt, »wenn du ihn
+aufziehst, wird er seine Tigergestalt wieder annehmen und uns Beide
+vernichten.«
+
+»Dagegen giebt es ein Mittel,« lachte der junge Sundanese, indem er
+jetzt, von einem neuen Plan ergriffen und rasch entschlossen, die starke
+Schnur von der Lanze warf, während er dem Mädchen die Waffe reichte.
+»Da, Laykas,« sprach er dabei, »nimm du den Speer und fass' ihn fest,
+indessen ich den Burschen in die Höhe ziehe. Bleibt er, was er ist, so
+werd' ich schon allein mit ihm fertig, denkt er aber zu seiner alten
+List zu greifen, so bald er sich im Freien weiß, siehst du das geringste
+Zeichen der gelben Streifen an den Seiten, der vorgestreckten Tatzen --
+dann stößt du ihm die Lanze bis ans Heft ins Herz, und mit meinem Khris
+schick' ich ihn rasch wieder in die Grube zurück. Und jetzt fass' an da
+unten!« rief er, ohne sich weiter um den daneben liegenden Tiger zu
+bekümmern, dem Chinesen zu, indem er ihm die Leine niederwarf. »Schling'
+dir die Schnur um den Leib und ich ziehe dich herauf zu mir.«
+
+Schang-hai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl, scheu
+dabei den Blick fortwährend nach der kauernden, aber regungslosen Bestie
+gewandt. Stärker funkelten dabei die Augen des Tigers, als er seinen
+Mitgefangenen sich bewegen sah, fester drückte er sich zurück, auf die
+Hintertatzen zum Sprung zurückgebogen. Die tückischen Augen glänzten in
+einem grünen Feuer, die kurzen spitzen Ohren waren dicht an den Kopf
+zurückgelegt und die grimmen fletschenden blendendweißen Zähne zeigten
+sich in ihrer vollen furchtbaren Pracht. -- Trotzdem wagte er den Sprung
+nicht und schien nur einen Angriff auf sich selber zu erwarten, dem er,
+so gerüstet, begegnen wollte.
+
+Es war ein merkwürdiger Anblick, die Gruppe zu beobachten, die in diesem
+Augenblick oben an der Grube stand. Der Chinese, der sich die Schnur um
+den Leib geknüpft und mit Händen und Füßen, wenn auch noch immer scheu
+den Kopf nach der ihm nächsten Gefahr zurückdrehend, nachgeholfen, hatte
+eben mit den Händen den obern Rand erreicht. Maono lehnte, den linken
+Arm zum bessern Halt um eine schlanke dünne Arekapalme geschlagen, den
+Fuß gegen ihre Wurzel gestemmt, das Seil in der Hand dort und zog aus
+allen Kräften den schweren kleinen Chinesen aufwärts, und neben ihm,
+die gefällte Lanze zum Stoß bereit in der Hand, mit funkelnden und doch
+in ängstlicher Scheu blitzenden Augen, halb Muth, halb Furcht in den
+belebten Zügen, stand das wunderschöne Mädchen, nackt bis zum Gürtel,
+die schwarzen langen Locken ihre Schultern umflatternd, die Verwandlung
+des Ungeheuers mit jedem Augenblick erwartend.
+
+Aber von dem armen kleinen Chinesen brauchten sie nichts zu fürchten,
+und kaum hatte er den obern Rand vollständig erreicht und sich in
+scheuer Angst einen Schritt davon hinweggeschleppt, als er, zum Tode
+erschöpft und von dem Entsetzen der letzten Stunden aufgerieben,
+bewußtlos neben der Grube zu Boden brach und es ruhig geschehen ließ,
+daß ihm der Sundanese Arme und Füße mit derselben Leine fest
+zusammenschnürte, an der er ihn heraufgezogen.
+
+
+6.
+
+Unschlüssig, was nun zu beginnen und welcher Weg am besten
+einzuschlagen, entschloß sich Maono endlich dazu, Hülfe vom nächsten
+Kampong herbeizuholen. Die Männer dort sollten entscheiden, ob der also
+ertappte und überführte Chinese als ein entdeckter »Menschentiger« noch
+den Tod verdiene, wonach der Kampong selber den auf solchen Fang
+gesetzten Lohn gezahlt hätte, oder ob er mit dem versprochenen Lösegeld
+freikomme, die Gegend aber auf immer verlassen solle. -- Das schien ihm
+nach kurzer Überlegung das Beste; hätten doch sonst die Nachbarn gar am
+Ende glauben können, er habe den Mann aus Eifersucht schuldlos ermordet.
+Laykas deshalb mit der Waffe bei dem Gebundenen zurücklassend, damit sie
+ihm dieselbe ins Herz stoße, sobald er den Geringsten Versuch mache,
+sich zu befreien, eilte er jetzt so rasch er konnte, den schmalen Pfad
+entlang, der aus dem Walde auf die Straße führte, um von dort aus den
+Kampong Tji-dasang zu erreichen.
+
+Die Mühe wurde ihm übrigens erspart; denn da er die Lichtung erreichte,
+fand er sich einer Schaar von Männern, Laykas Vater, Kelah, an der
+Spitze, gegenüber, die bis hierher der Spur des flüchtigen Mädchens
+gefolgt waren, und jetzt eben unschlüssig auf der stark betretenen
+Straße standen, welcher Richtung sie von hier aus folgen sollten.
+
+Maonos Ruf brachte sie bald an seine Seite, und mit wenigen flüchtigen
+Worten schilderte er jetzt Kelah die Vorgänge der letzten Nacht, den
+Fang des so gefürchteten Menschentigers, mit einer mächtigen Tigerin
+zusammen. Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wandte er sich dann und
+schritt, von allen in schweigender Scheu gefolgt, den Pfad zurück, den
+er gekommen, bis zu der Stelle, wo er den Gefangenen unter Laykas
+Aufsicht zurückgelassen.
+
+Schang-hai hatte sich indeß von seiner Ohnmacht erholt, und das junge
+Mädchen, das neben ihm die Wacht hielt, mit den flehendsten Worten
+gebeten, ihn loszubinden. Laykas würde aber ebenso bald, ja vielleicht
+noch eher daran gedacht haben, den in der Grube gefangenen Tiger als den
+Gebundenen an ihrer Seite zu befreien, und der mit Haß und Furcht
+gemischte Blick, mit dem sie der geringsten seiner Bewegungen folgte,
+wie die oft drohend gehobene Lanze verrieth ihm, daß er von ihr nichts
+zu hoffen hatte. Endlich schlug das Geräusch von Stimmen an sein Ohr,
+und mit einem leise, aber aus vollem Herzen gemurmelten Dank erkannte er
+den alten Kelah neben Maono an der Spitze des Zugs.
+
+Hatte er übrigens gehofft, bei diesem unbedingten Schutz zu finden, so
+war er dabei im Irrthum und der alte Sundanese viel zu schlau, um nicht
+im Augenblick zu übersehen, wie die Sache stand. Einestheils stak er
+selbst zu tief in dem Aberglauben seines Volkes, um auch nur einen
+Augenblick zu zweifeln, daß der Chinese das wirklich sei, dessen ihn
+Maono beschuldigt hatte. Wenn er aber die Versprechungen hielt, die er
+dem jungen Mann gethan und die ihm dieser unterwegs schon mitgetheilt,
+so stand er auch ganz anders neben dem Chinesen. Wie hätte er überhaupt
+nach der jetzt gemachten Entdeckung noch daran denken dürfen, ihm die
+Tochter zur Frau zu geben! Hierbei hatte er übrigens zwischen den
+anderen, weit mehr angesehenen Eingeborenen auch nur eine ganz
+untergeordnete Stimme, und Schang-hai fand bald, daß er zuerst einem
+förmlichen Verhör Rede stehen mußte, ehe er hoffen durfte, selbst von
+diesen Leuten, die ihn sonst mit der höflichsten, oft kriechenden
+Artigkeit behandelten, in Freiheit gesetzt zu werden.
+
+Er erzählte jetzt -- immer noch mit gebundenen Händen, obgleich seinen
+Füßen Freiheit gegeben war, daß er erst spät Abends von der Plantage
+seines Landsmannes nach Tji-dasang hatte zurückkehren wollen, als er
+plötzlich eine Gestalt vor sich auf dem Weg gesehn, und wie er im
+Schatten eines Baumes stehn geblieben, beim hellen Licht des Mondes
+Laykas, seine =Braut= erkannt habe. Bei seinem Anblick sei sie in den
+Wald, und zwar den Fußpfad hinein geflohen, der nach Maonos Hütte zu
+führte; und nicht gesonnen, sie dort zu lassen, ohne seine, durch
+Einwilligung des Vaters gewonnenen Rechte auf sie geltend zu machen, sei
+er ihr dorthin gefolgt. Wie sie selber den Pfad entlang gekommen, wisse
+er nicht, aber er sei, als er dem dunklen Gang gefolgt, in die hier
+verborgene Grube gestürzt. Um Hülfe zu rufen, habe er sich nicht
+getraut, aus Furcht, vielleicht eines der gefährlichen Raubthiere
+herbeizulocken, bis gegen Morgen die Tigerin, wahrscheinlich auf seiner
+Spur folgend, zu ihm hineingebrochen wäre. Jetzt habe er mit gellender
+Stimme um Hülfe geschrieen und die Bestie, dadurch vielleicht
+geängstigt, den entgegengesetzten Winkel behauptet, ohne ihm ein Leides
+zu thun. Erst am Morgen sei Maono gekommen, der aber hätte ihn für einen
+Menschentiger gehalten und beinahe umgebracht, wenn er sich nicht sein
+Leben mit schweren Versprechungen erkauft.
+
+Schang-hai schien auch die ganze Sache wirklich für abgemacht zu halten
+und nicht einmal daran zu denken, die gegebenen Versprechungen zu
+erfüllen. Er verlangte jetzt mit finsterer Miene losgebunden zu werden,
+und drohte widrigenfalls das ganze Verfahren dem holländischen
+Residenten (der obersten Gerichtsperson des Distrikts nach dem
+Gouverneur) anzuzeigen. Wenn er sich aber so weit sicher glaubte, hatte
+er sich doch geirrt. Die Eingeborenen, die fast sämmtlich in dem letzten
+Jahr einen näheren oder entfernteren Verwandten durch die Raubthiere,
+und wie sie fest glaubten, hauptsächlich durch einen »Menschentiger«
+eingebüßt, gedachten alle der dunklen wilden Erzählungen, die schon seit
+langen Jahren ihre Nachbarschaft über den kleinen Chinesen durchlaufen,
+und waren nicht gesonnen, den scheinbaren Beweis seiner Schuld so leicht
+und rasch wieder aus den Händen zu lassen. Der Vorschlag wurde deshalb
+auch ohne Weiteres gemacht und ihm nicht einmal von Kelah widersprochen,
+in einer Art Gottesurtheil den Verdächtigen zu prüfen. Er sollte nämlich
+wieder in die Grube hinunter, und zwar gerade =auf= die Tigerin geworfen
+werden. Griff ihn die dann an, so wollten sie suchen, ihn so rasch wie
+möglich wieder herauf zu ziehen und er durfte frei ausgehen, ließ sie
+ihn aber unbelästigt, wie sie es die ganze Nacht gethan, so war es ein
+sicheres Zeichen, daß er zu ihrem Geschlecht gehörte, und dann sollte
+er, wie die wilde Bestie selber, mit Lanzen getödtet werden. Seine
+Erzählung, wie er in die Grube gekommen, glaubte ihm Niemand, und selbst
+die jetzt darum befragte Laykas erzählte, daß er unter der Palme am Weg
+wie ein Tiger gekauert, und sie seine Sprünge hinter sich her, wie die
+des wilden Raubthiers, gehört und erkannt hätte.
+
+Der alte Kelah selbst schämte sich, daß er einem solchen Ungeheuer seine
+Tochter versprochen. Durfte Schang-hai doch jetzt nie daran denken,
+seine Schuld von ihm einzufordern, und so stimmte er auf das eifrigste
+für dessen Tod. Überhaupt thaten das alle, die dem Chinesen eine
+bedeutende Summe schuldig waren.
+
+Man band ihm jetzt die Hände los und die Schnur wieder um den Leib, wie
+ihn Maono vorher heraufgezogen, und Laykas selber stand in sprachloser
+Erwartung dabei, ob die Tigerin da unten den verkappten Gefährten
+erkennen oder in wilder Wuth über ihn herfallen würde. Schang-hai hatte
+aber keineswegs Lust, eins von beiden Resultaten, beide gleich
+schrecklich für den Unglücklichen, abzuwarten. Mit Drohungen war indeß
+nichts auszurichten und sein Leben soweit gefährdet, daß der nächste
+Augenblick schon jeden zu spät kommenden Entschluß nutzlos gemacht
+hätte. Er lag auf der Folter -- ein Leugnen hätte ihn zu der wilden
+Bestie hinunter geworfen, die schon bereit lag ihn, als einen
+vermutheten Angreifer, mit Klauen und Zähnen zu empfangen. Nur eine
+Rettung blieb für ihn -- er kannte seine Leute, und mit bleichen,
+zitternden Lippen rief er: »Halt!«
+
+»Hinunter mit ihm!« tönte Kehlahs heisere Stimme. --
+
+»Laßt mich reden,« bat aber der Chinese, »was nützt euch mein Tod --
+was mein Geständniß, =daß= ich ein Menschentiger sei --.« --
+
+»Er bekennt es!« rief jubelnd Maono, und die Andern sahen mit scheuem,
+erschrecktem Blick auf den Unglücklichen. Dieser aber, den
+augenblicklichen Vortheil der wenigstens gestatteten Rede benutzend,
+fuhr rasch und ängstlich fort. »Wenn ihr mich tödtet, verfällt mein Hab
+und Gut dem Staat -- den Holländern. Ich habe keine Kinder -- keine
+Verwandte -- in meinen Büchern sind alle meine Schuldner angegeben. Die
+weißen Männer werden sie einzutreiben wissen. Schenkt mir das Leben und
+ich will nicht allein Maono geben, was ich ihm versprochen habe -- ich
+erlasse auch euch, die ihr hier seid, was ich noch sonst von euch zu
+fordern hätte, und will selber in den nächsten Tagen dieses Land
+verlassen. -- Seid ihr das zufrieden?«
+
+Ein Streit entstand jetzt unter den Sundanesen. Ein Theil, und zwar die,
+die ihm bis dahin noch am freundlichsten gewesen, riefen jetzt, da sie
+sein geglaubtes Geständniß gehört, daß er getödtet werden müsse, denn er
+habe bekannt, daß er ein Menschentiger sei, und in der nächsten Nacht
+werde er, wenn man ihn freilasse, nur soviel wüthender über sie
+herfallen, um die jetzige Mißhandlung zu rächen. Andere dagegen, mit
+dem erlangten Gewinn zufrieden und doch auch vielleicht nicht ganz
+sicher, wie die Weißen den =Mord= ansehn würden, stimmten dafür, ihn
+unter der Bedingung, daß er binnen drei Tagen den Distrikt verlasse, die
+drei Nächte aber den Fuß nicht über seine Schwelle setze, frei zu geben.
+
+Der Chinese versprach alles. Neben ihm lauerte der nackte Tod, in den
+ihn der tolle Aberglauben dieser Menschen jauchzend hineingeworfen hätte
+-- und vor ihm lag das Leben!
+
+Seine Banden wurden jetzt gelöst, und während Kelah, etwas verlegen
+allerdings, aber doch auch außer Stande, anders zu handeln, dem jungen
+wackeren Maono in derselben Zeit etwa die Tochter zusagte, als er sie,
+nach der Absicht des vorigen Abends, hatte in das Haus des jetzt
+geächteten Chinesen führen wollen, schlich dieser, in scheuer Angst, daß
+seine Freilassung die hinter ihm her jauchzende und tobende Schaar doch
+am Ende noch gereuen könne, den Wald entlang, bis er die Straße
+erreichte, und eilte dann, so rasch ihn seine Füße trugen, der eigenen
+Wohnung zu.
+
+Das Jauchzen, das Schang-hai gehört, galt freilich nicht ihm, sondern
+dem Tod des gefangenen Tigers, auf den die jungen Bursche jetzt ihre
+Khrise und Klewangs schleuderten, bis Maono das vor Wuth und Schmerzen
+schäumende, brüllende Thier mit dem sicheren Wurf seiner Lanze erlegte.
+
+Mit Blitzesschnelle durchlief indeß die Kunde von dem gefangenen
+Menschentiger, und dem Versprechen, das Schang-hai, sein Leben zu
+retten, gegeben, den Kampong. Ein holländischer Unterbeamter, der sich
+gerade dort aufhielt, ging allerdings hierauf zu Schang-hai, forderte
+ihn auf, in seinem Besitzthum zu bleiben und sicherte ihm den vollen
+Schutz der holländischen Gesetze zu, nach denen selbst die abgezwungenen
+Versprechungen nicht bindend waren. Schang-hai aber, der dem Tod unter
+den Händen der Eingeborenen zu nahe gewesen, als daß er ihnen noch
+einmal hätte trauen mögen, und recht gut wußte, daß ihn auf den Verdacht
+hin, in dem er jetzt einmal unter den Sundanesen stand, alle Gesetze der
+Welt vor einem heimlichen Angriff nicht schützen konnten, zog es vor,
+mit einem kleinen Verlust seiner Güter sein gegebenes Versprechen zu
+halten. Ein anderer Chinese übernahm seinen Pacht und kaufte ihm auch
+sein Waarenlager ab, und am dritten Morgen -- die Nächte hielt er sich
+in seinem Haus fest eingeschlossen, -- verließ er unter einer erbetenen
+und erhaltenen Bedeckung malayischen, dort in der Nähe stationirten
+Militärs die Preanger Regentschaften, um in ihre Grenzen wahrscheinlich
+nie mehr zurückzukehren.
+
+Fußnoten:
+
+[37] Badek heißt auf Java eine eigenthümliche Art, weißes Zeug in den
+verschiedenartigsten Mustern zu drucken und zu färben. Es wird nämlich
+zu dem Zweck die Zeichnung aus =freier Hand= mit einer kleinen
+Kupferröhre, aus der heißes Wachs sickert, auf das Tuch =an beiden
+Seiten= aufgetragen und dieses dann erst gefärbt, wonach die Stellen,
+auf denen kein Wachs liegt, die Farbe annehmen. Bei schwierigen und
+theuern Mustern geschieht dies mühsame Auftragen der Zeichnung
+verschiedene Male, um ebensoviele Farben herauszubringen.
+
+[38] In den Javanischen Bergen dient der schilfartige Bambus zu sehr
+verschiedenartigen Verrichtungen und besonders benutzen die Frauen die
+stärksten, oft vier bis fünf Zoll im Durchmesser haltenden Stöcke, das
+Wasser darin zu tragen.
+
+[39] Ein rockähnliches Stück Tuch von vielleicht drei Fuß Breite, unten
+und oben gleich weit, das über den Hüften eng zusammengezogen und durch
+einen in das Zeug hineingesteckten knoten gehalten wird. Es wird von
+beiden Geschlechtern getragen.
+
+[40] Alang Alang, das hohe schilfige Gras, das in der Wildniß fast alle
+offenen Stellen ausfüllt und der Lieblingsplatz der Raubthiere ist.
+
+
+
+
+Der Khris[41].
+
+
+Am Kali Besaar[42] in Batavia, dem großen Handels-Viertel des Ostens, wo
+die Ostindische Maatschappy ihre gewaltigen Niederlagen, und der
+Batavische Kaufmann sein Comtoir und Waarenlager hat, war heute ein
+regeres Gedränge als gewöhnlich. Die Menschenströmung, die sonst mehr an
+beiden Ufern des kleinen Flusses ziemlich gleich vertheilt auf- und
+abwogte, schien gerade heute auch mehr dem Mittelpunkt der Hauptstraße
+zuzupressen. Dort hatte sich unter den Bambus Schuppen und zwischen den
+aufgefahrenen Cabriolets und Cabs der Kaufleute, eine Masse Chinesischer
+und Javanischer Fruchtverkäufer angesammelt und hielt ihre duftigen
+saftigen Waaren, vor den glühenden Sonnenstrahlen durch das hölzerne
+Dach geschützt, feil.
+
+Es war eine Auction in einem der großen, düsteren Gebäude, und zwar
+nicht von importirten Europäischen Waaren oder veralteten Gütern, oder
+von inländischen Producten, wie sie die Maatschappy oft hält -- oder gar
+von spanischen Dollarn, wie sie vor noch gar nicht so langer Zeit hier
+ebenfalls stattgefunden, sondern nur von Naturalien, Waffen,
+Vogelbälgen, Geräthschaften, Anzügen, Instrumenten etc. etc. der
+benachbarten Inseln, die den Nachlaß eines verstorbenen Deutschen
+Naturforschers bildeten, und jetzt hier, da kein Testament über die
+Sammlung selber disponirte, öffentlich versteigert werden sollten. Alles
+das, woran ein tüchtiger, wackerer, muthiger Mann seine ganze Lebenszeit
+gesetzt, es zusammenzubringen und der Nachwelt aufzubewahren, sollte
+hier, wie das eine Menschenherz zu schlagen aufgehört, in wenig Stunden
+wieder in alle Winde zerstreut und verworfen werden, und lachend und
+erzählend, zankend und schreiend, drängten sich indeß die Fremden aus
+und ein, besahen die Schätze, die ihren Augen preis gegeben waren und
+die nur Wenige von ihnen zu würdigen wußten, und packten das Gekaufte
+gleichgültig in ihre Cabriolets, es Abends mit nach Haus zu nehmen.
+
+Hier standen ein Paar Holländer zusammen, die einen Bogen spannten und
+einen der Pfeile in die Luft hinaufschnellten, zu sehen, wie weit er
+tragen würde, dort arbeitete sich ein Anderer, mit einem ausgestopften
+Affen unter dem Arm, aus dem Gedränge, und wurde von seinen Bekannten
+jubelnd empfangen. Inländische Diener schleppten Lasten von fremdartigen
+Geräthschaften und Schilden und Speeren heran, Andere trugen Schädel von
+Tigern und Krokodillen, und an einen Bambusstab geschlungen, den sie auf
+den Schultern trugen, keuchten zwei Javanen mit einem Elephantenschädel
+herbei, ihn zum Zierrath in das Landhaus des in Weltevreden oder Kramat
+wohnenden glücklichen Käufers hinaufzuschaffen.
+
+Zwei Weiße, der Capitain eines vor einiger Zeit eingelaufenen
+Holländischen Kauffahrers, und ein Amerikanischer Kaufmann, der sich
+schon seit längeren Jahren in Batavia niedergelassen, waren ebenfalls
+durch das rege Leben und Treiben angelockt worden, das Haus zu betreten
+und die ausgestellten Sachen in Augenschein zu nehmen. Es kostete
+freilich Mühe, bis sie sich durch das Gedränge von Chinesen, Javanen und
+Europäern, die in allen Sprachen der Welt hier durch einander schrieen,
+Bahn machten. Endlich aber erreichten sie doch den weiten luftigen Raum,
+in dem die Waaren, theils an den Wänden hängend, theils auf den
+Seitentischen ausgelegt, wirr und unordentlich, wie man sie eben aus
+den Kisten gepackt, aufgeschichtet und zerstreut lagen. Auf den Tischen
+herum springende Chinesen schienen dabei das Ganze zu überwachen, auf
+die Gebote zu horchen, das Erstandene auszuliefern, und das Geld dafür
+in Empfang zu nehmen, wobei sie noch außerdem auf die Finger ihrer
+Landsleute zu passen hatten, die in dieser Hinsicht in eben keinem
+besondern Rufe stehen.
+
+Die Auction selber fand, von einem Liplap[43] geführt, in Holländischer
+und Malayischer Sprache zugleich statt, und ganze Bündel seltener Speere
+und Pfeile, Bögen, Schilde, Schmuck von Muscheln und Zähnen, geflochtene
+Geräthschaften, geschnittene Gefäße und künstlich und sauber verfertigte
+Zierrathen, wie Kasten mit ausgestopften Vogelbälgen und Thieren, mit
+Schmetterlingen und Käfern, Sammlungen von Früchten, Conchilien und
+Mineralien, wurden um einen Spottpreis, oft gleich nach dem ersten
+flüchtigen Gebot, den Käufern zugeschlagen.
+
+Die beiden Männer hatten sich endlich mit nicht geringer Mühe dorthin
+Bahn gemacht, wo eine Anzahl sehr schöner Waffen, besonders Khrise, auf
+einem kleinen Seitentische lagen, und eben, dem Wunsch eines Franzosen
+nach, zum Kaufe ausgeboten wurden. Manche davon waren sehr künstlich, ja
+kostbar gearbeitet, und mit Gold und Steinen eingelegt, wie mit
+herrlichen damascirten Klingen; andere wieder einfach und derb
+gearbeitet, mit glatter hölzerner Scheide und nicht selten mit dem
+Haarbüschel der erlegten Feinde geziert, wie es auf Borneo die Sitte der
+Krieger ist. Der Franzose erstand eine ziemliche Anzahl derselben um
+einen ziemlich hohen Preis, während ein dicht neben ihm stehender Javane
+die einzelnen Waffen, jede besonders, aus der Scheide zog und aufmerksam
+betrachtete, ohne jedoch darauf mit zu bieten.
+
+Der Holländische Capitain hatte indessen dem ganzen Handel ziemlich
+gleichgültig zugeschaut, bis der Franzose seine Einkäufe gemacht und den
+Platz mit den Erstandenen Waffen geräumt hatte. Auch der Javane schien
+genug von dem ganzen Treiben gesehn zu haben, zog seinen Sarong fester
+um sich und verließ das Zimmer. Indessen entdeckte der Chinesische
+Aufseher unter den übrigen Sachen noch einen zurückgebliebenen Khris und
+legte ihn auf den Tisch des Verkäufers.
+
+»Ach wahrhaftig, da ist =noch= einer!« rief dieser, »nun, meine Herren,
+wer bietet darauf, denn unser Khriskäufer ist fort -- noch ein
+werthvolles Stück, mit prächtigen Granaten besetzt und fein damascirter
+Klinge -- dreißig Gulden zum Ersten, dreißig Gulden zum Ersten sag' ich,
+die Waffe ist hundert werth« --
+
+»Ein und dreißig Gulden,« bot der Holländische Capitain.
+
+»Ein und dreißig Gulden, guter Gott, ein Spottpreis,« sagte der
+Auctionator, -- »ein und dreißig Gulden zum Ersten.«
+
+»Vierzig!« bot ein daneben stehender Engländer. »Fünf und vierzig!« der
+Capitain wieder, und erstand zuletzt die wirklich schöne und
+geschmackvoll, wenn auch einfach gearbeitete Waffe, bis zu sieben und
+achtzig Gulden hinaufgetrieben. Augenscheinlich lag ihm aber sehr wenig
+daran, und sie in seine Tasche schiebend, sah er dem Verkauf der übrigen
+Sachen noch eine kurze Weile zu, ergriff dann den Arm des Amerikaners
+wieder, und verließ den durch die zahlreiche Menschenmenge doch schwül
+und dumpfig gewordenen Raum, die freie Luft zu erreichen.
+
+»Man sollte doch wahrhaftig schon aus Grundsatz nie eine Auction
+betreten,« sagte er hier, als er die Waffe wieder vorzog und
+betrachtete, »wenn man nicht irgend etwas Bestimmtes kaufen will und
+wirklich braucht. So fest ich mir vorgenommen hatte, mein gutes Geld
+nicht muthwillig an irgend einen nutzlosen Gegenstand zu verschleudern,
+hab' ich mich doch hier wieder mit dem Ding da anführen lassen, und bin
+um ein Stück Eisen reicher, und um sieben und achtzig Gulden ärmer
+geworden, als ich vorher war.«
+
+Der Amerikaner hatte den Khris indessen aus der Scheide gezogen und
+prüfend betrachtet und sagte lachend:
+
+»Lieber Freund, das geht uns oft so auf der Welt, und wir vor allen
+Anderen können uns gratuliren, daß die Menschen im Allgemeinen eben
+nicht das nur kaufen, was sie gerade nothwendig brauchen, denn unser
+ganzer Handelsstand beruht darauf, daß sie das eben =nicht= thun. Der
+Mensch bedarf zu seinem Leben wirklich =nöthig= entsetzlich wenig, und
+wollte er sich darauf beschränken, wie sollte es dann mit Handel und
+Wandel, um Schifffahrt und Verkehr aussehen. Der Luxus gerade, für den
+wir civilisirte Menschen gar keine Grenze mehr haben, weil er mit
+unserem einfachsten Leben schon so fest verwachsen ist, hält die Sache
+in Gang, und bleibt eben nur so lange wirklich Luxus, als wir auch ihn
+nicht »nothwendig brauchen,« wo er dann zum =Bedürfniß= und zu dem wird,
+was wir eben zum Leben haben müssen.«
+
+»Nun aber der Khris hier ist doch wirklich Luxus«, lachte der Capitain.
+
+»Für Sie in diesem Augenblick, ja, aber wie lange vielleicht, und Sie
+brauchen ihn nicht allein nothwendig, sondern müssen sogar noch eine
+Menge anderer ähnlicher Sachen dazu haben, ein »=Naturalien-Cabinet=« zu
+vervollständigen. Mit =einer= Sache muß der Mensch anfangen, und das
+Eine zieht eben das Andere nach. Sehn Sie zum Beispiel den Javanen an;
+mit einer Handvoll Reis hält er seine Mahlzeit; eine Bambushütte, die
+ihn eben nothdürftig gegen Thau und Regen schützt, genügt ihm zur
+Wohnung, ein Stück Baumwollenzeug und ein Strohhut zur Kleidung, und was
+für einen Gefallen glauben Sie wohl, daß Sie einem solchen Menschen mit
+einer Astrallampen oder mit irgend einer Europäischen Zimmer-Verzierung
+erweisen würden? Gehen Sie aber zu einem der unter Holländischen Einfluß
+stehenden Häuptlinge, und Sie werden Astrallampen und Zimmer-Verzierungen,
+Teppiche, Kronleuchter, Wandgemälde etc. etc. im wahren Überfluß als
+=nothwendiges Bedürfniß= finden. Die Khrise spielen übrigens in dem
+Leben der Javanen eine sehr bedeutende Rolle, und einzelne von ihnen
+erben von Vater zum Sohn und Enkel herab, und dürfen nimmer verkauft
+werden. Viele davon sind jedoch in den letzten Kriegen in den Besitz der
+Weißen gekommen, und öfters ist es vorgekommen, daß Javanische
+Häuptlinge, die ihre Stammwaffe in fremden Händen fanden, bedeutende
+Summen gegeben haben, sie wieder zu erlangen.«
+
+»Ich wollte, ein solcher Javanischer Häuptling hätte Lust zu =diesem=
+Khris«, lachte der Capitain, die Waffe aus der Scheide ziehend und in
+der Sonne blitzen lassend, »mit einigen Prozenten Gewinn könnte er
+ungemein leicht wieder Eigenthümer derselben werden.«
+
+»Dort steht gleich Einer,« sagte der Yankee, »und wenn ich nicht irre
+sogar derselbe, der da drüben im Verkaufslokal die Waffen so genau
+betrachtete. Der kann uns wenigstens sagen, was das Messer wirklich
+werth ist, und wir erfahren dann gleich, ob Sie einen guten Kauf gemacht
+haben. Heh, Freund, komm einmal hier her, und sage, wie dir der Khris da
+gefällt.«
+
+Der also Angeredete, der unfern von ihnen mit untergeschlagenen Armen an
+einem Pfeiler lehnte, war ein schlanker, stattlicher Bursch von ungefähr
+zwei bis drei und zwanzig Jahren, und die dunklere Hautfarbe, wie die
+edelgeschnittenen Züge und blitzenden Augen verriethen allerdings den
+Javanen, der sich von den Sunda'nern (wie die Bewohner der östlichen
+Insel genannt werden) wesentlich unterscheidet. So knechtisch diese aber
+den Holländern, ihren jetzigen Herren, gegenüber sind, so wenig nahm der
+Bursche hier Notiz von der Anrede, die er jedenfalls gehört haben mußte.
+Mit eben nicht ganz freundlichem Blick die Gestalten der beiden Männer
+nur flüchtig überfliegend, wandte er den Kopf halb zur Seite, und schien
+keineswegs gesonnen, auch nur ein Glied zu rühren, der Aufforderung
+Folge zu leisten.
+
+»Hallo, der ist unabhängig,« lachte der Amerikaner vor sich hin, »und
+wir werden zu =ihm= gehen müssen, wenn wir etwas von ihm wissen wollen.
+-- Heda, Freund!« setzte er dann in Malayischer Sprache hinzu, die Waffe
+dabei aus des Capitains Hand nehmend und auf den Javanen zugehend,
+»kannst du mir sagen, was das Messer hier einmal gekostet?«
+
+Der Javane zog die Brauen finster zusammen, richtete sich dann stolz und
+trotzig empor, und wollte sich eben, ohne ein Wort auf die Anfrage zu
+erwidern, von den ihm jedenfalls verhaßten Weißen abwenden, als sein
+Auge auf den Khris fiel und er in demselben Moment auch wie
+unwillkührlich den Arm danach ausstreckte. Das Blut schoß ihm dabei in
+die Schläfe und er suchte fest und forschend den Blick des Fremden, als
+ob er dessen Absicht in seinem Antlitz lesen wollte. Aber es war auch
+wirklich nur ein Moment, der Arm glitt zurück in seine alte Stellung,
+ebenso der Körper, der sich wieder nachlässig gegen den Pfeiler drückte;
+nur den Blick konnte er nicht losreißen von der Waffe, und der
+Amerikaner mußte seine Frage wiederholen, ehe er sie nur verstand.
+
+»Weiß ich nicht,« sagte er dann, finster den Kopf zur Seite werfend,
+»ist ein alter Khris -- wollt Ihr ihn verkaufen?«
+
+»Junge, Junge[44],« sagte der Yankee, der schon lange im Ostindischen
+Archipel wohnte und die Sitten und Gebräuche der Eingeborenen genau
+kannte, in Holländischer Sprache zu dem Capitain, »der Bursche da weiß
+mehr von dem Khris, als er uns jetzt verrathen mag, und giebt sich
+umsonst die größte Mühe, gleichgültig dabei zu bleiben. Außerdem ist das
+auch gar kein gewöhnlicher Eingeborener, wie ich im Anfang geglaubt. Was
+für einen kostbaren Sarong er trägt, und welch' ein prachtvolles
+golddurchwirktes Kopftuch -- hm, hm, wenn der ihn haben will, soll er
+tüchtig dafür bezahlen.«
+
+Des Javanen Auge war indessen bei den ihm unverständlichen Worten
+forschend von dem Antlitz des einen der Fremden zu dem des anderen
+geflogen, ohne daß er jedoch seine Stellung auch nur um eines Haares
+Breite verändert hätte, nur als der Amerikaner schwieg, öffnete er die
+Lippen wieder, als ob er die letzte Frage wiederholen wolle, zwang aber
+das Wort zurück, das Anerbieten lieber von Jenen zu erwarten.
+
+»Fordert nur nicht =zu= viel,« lachte der Capitain; »wenn er wirklich
+Lust zum Kaufen hat, wollen wir ihn wenigstens nicht kopfscheu machen.«
+
+»Nur nicht ängstlich,« entgegnete ihm der Freund, »entweder liegt ihm
+daran, den Khris zu bekommen, dann ist kaum ein Preis zu hoch, den wir
+fordern =können=, oder es liegt ihm Nichts daran, was ich aber nach
+seinem ganzen Betragen kaum glaube, und dann wissen wir wenigstens,
+woran wir sind -- laßt mich nur machen;« und sich dann an den Javanen
+wendend, sagte er, indem er den Khris wieder aus der Scheide zog und die
+grau damascirte Klinge in der Sonne blitzen ließ, »könntet ihr uns nicht
+wenigstens sagen, was so ein Ding in eurer Gegend kostet, wenn man 's
+machen ließ, und von welcher Insel es überhaupt stammt, -- von Java,
+oder vielleicht von Macassar oder Sumatra?«
+
+Der Javane streckte langsam die Hand nach dem Khris aus, nahm die
+Waffe, betrachtete, ohne mehr als einen flüchtigen Blick auf den Griff
+zu wenden, die Damascirung des Stahls mit prüfendem Auge, und gab ihn
+dann ruhig zurück -- kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr, daß er
+irgend einen Antheil an der Waffe nehme.
+
+»Und was ist er werth?« sagte der Capitain ungeduldig.
+
+»Mit funfzig Gulden ist Geld und Arbeit daran bezahlt,« brach jetzt der
+Eingeborene mit tiefer klangvoller Stimme das Schweigen.
+
+»Funfzig Gulden? Nun ja,« fluchte der Capitain wieder in seiner eigenen
+Sprache, »da habe ich wenigstens sieben und dreißig Gulden zum Fenster
+hinausgeworfen, -- hol' der Teufel die Auctionen. Und den Braunen habt
+ihr auch mit seiner Kauflust in falschem Verdacht gehabt.«
+
+»Dann hat er den Khris jedenfalls im Anfang für einen Anderen gehalten,«
+sagte der Kaufmann, »aber das schadet nichts; es ist immer ein schönes,
+sauber gearbeitetes Stück, für das euch ein Naturalien-Cabinet in der
+alten Welt leicht den vollen Preis wieder zahlt, solltet ihr es doch
+einmal verkaufen wollen.« Und sich ohne weiteren Gruß oder fernere Notiz
+von dem Javanen zu nehmen, von diesem abwendend, faßte er den Arm des
+Capitains, und wollte mit ihm an dem Kali Besaar hinauf und der Brücke
+zugehn, die unter dem Chinesischen Viertel nach dem andern Ufer
+hinüberführte, als der Eingeborene ruhig sagte:
+
+»Wollt ihr den Khris verkaufen?«
+
+»Ja, wenn wir einen guten Preis dafür bekommen,« erwiderte ihm der
+Kaufmann, sich halb nach ihm zurückwendend --
+
+»Und was nennt ihr einen guten Preis?« frug der Eingeborene wieder.
+
+»Fordert hundert Gulden,« sagte der Capitain, der etwas vom Malayischen
+verstand, es aber nicht soviel sprach, sich in einen Handel einzulassen.
+
+»Nur langsam,« entgegnete aber der vorsichtigere Kaufmann, »der Bursche
+fängt an, wärmer zu werden; schon daß er nach dem Preis des Khrises
+fragte, wo er oben im Auctionszimmer die anderen wirklich schönen Waffen
+keines Gebots gewürdigt hatte, ist ein gutes Zeichen; wir wollen ihm da
+nicht vorgreifen und uns selber die Hände binden -- =er= mag sagen, was
+er geben will, nachher steht es uns frei, sein Gebot anzunehmen oder zu
+verweigern.«
+
+»Und was nennt ihr einen guten Preis?« wiederholte der Javane, der
+entweder ungeduldig wurde, oder auch glauben mochte, die Weißen hätten
+seine Frage nicht verstanden.
+
+»Sag' du selber, was du geben willst,« erwiderte ihm jetzt der
+Amerikaner, indem er den Khris noch einmal aus der Scheide zog, flüchtig
+betrachtete, zurückstieß und nachlässig in die Tasche schob, »ich habe
+ihn erst gekauft und möchte mich nicht gern gleich wieder von ihm
+trennen.«
+
+»Dort unten?« frug der Javane, mit dem Arm nach dem Auctionshause
+deutend, »ich habe ihn dort nicht gefunden.«
+
+»Also hat er ihn gesucht --«, lachte der Yankee still vor sich hin, »das
+steigert den Preis, Kamerad; =die= Bemerkung war dir nicht nützlich --
+nun, was willst du geben?« setzte er dann auf Malayisch hinzu.
+
+»Der Khris ist funfzig Gulden werth,« sagte der Javane gleichgültig,
+»ich gebe funfzig.«
+
+»Und =ich= habe sieben und achtzig dafür gezahlt,« rief der Capitain
+rasch auf Holländisch.
+
+»Nur ruhig,« beschwichte ihn der Kaufmann, »wir fangen eben erst an. --
+Funfzig Gulden sind ein kleiner Preis, Freund, dafür könntest du kaum
+die Scheide bekommen, und du wirst verschiedene Male funfzig Gulden
+neben einander legen müssen, wenn du die Waffe haben willst. Du mußt
+mehr bieten.«
+
+Der Javane schien keine besondere Lust dazu zu haben, und erst, als
+sich die Männer wieder zum Gehen wandten, sagte er langsam:
+
+»Und was hast du dafür bezahlt?«
+
+»Das kann dir gleichgültig sein,« lautete die Antwort, »mehr übrigens,
+als du zu glauben scheinst.«
+
+»So geb' ich dir fünf und siebenzig.«
+
+»Auch das reicht noch nicht,« erwiderte der Yankee, und der Javane
+zögerte augenscheinlich mehr zu bieten, ließ sich aber die Waffe noch
+einmal zeigen, betrachtete besonders die Damascirung wieder genau und
+prüfend, und bot dann hundert. Der Kaufmann kannte übrigens seinen
+Vortheil, und trieb den Eingeborenen, ohne sich darauf einzulassen,
+einen eigenen Preis zu nennen, endlich bis zu zwei- und dann zu
+dreihundert Gulden hinauf, und als ihn der Capitain jetzt selber bat,
+doch nur um Gotteswillen zuzuschlagen, da er ein weit besseres Geschäft
+damit gemacht habe, als er je erwartet, erklärte er vollkommen ruhig,
+»der Eingeborene müsse erst so viele =tausend= Gulden bieten, wie er
+jetzt Hunderte genannt, und =dann= selbst würde er sich noch besinnen.«
+
+»Aber das ist Wahnsinn,« rief der Capitain.
+
+»Und doch nicht ganz,« lachte der Amerikaner, »lehren Sie mich die
+Burschen kennen.«
+
+»Er wird zuletzt gar nichts weiter bieten,« rief der Capitain
+ungeduldig werdend, »und ich behalte den Khris.«
+
+»Wenn Sie das fürchten,« sagte der Kaufmann, »so überlassen Sie =mir=
+die Waffe um den Preis, und den weiteren Handel mit dem Manne.«
+
+»Von Herzen gern,« rief der Seemann, »ich möchte überdies nicht gern
+mehr damit zu thun haben.«
+
+»Also die Sache ist abgemacht? ich zahle Ihnen dreihundert Gulden und
+der Khris ist mein?«
+
+»Mit dem größten Vergnügen!«
+
+»Willst du dreihundert Gulden für den Khris?« frug der Javane jetzt
+wieder, der indessen ein ungeduldiger Zuhörer der in einer ihm fremden
+Sprache geführten Verhandlung gewesen war, »es ist viel Geld für das
+Messer.«
+
+»Und doch lange nicht genug, Freund,« sagte der jetzige Eigenthümer der
+Waffe, »du mußt höher, weit höher bieten, wenn du es in deinen Gürtel
+schieben willst -- aber ich habe jetzt nicht länger Zeit, und behalte
+auch am Ende lieber den Khris, als daß ich ihn um einen solchen
+Spottpreis verschleudere. Was liegt mir an den Paar hundert Gulden.«
+
+»So =nenne= deinen Preis,« rief der Javane, die Lippen fest
+zusammengebissen und einen finsteren Blick auf den Europäer schießend,
+»ich kenne die Familie, aus der die Waffe stammt, und wenn es meine
+Kräfte nicht übersteigt, möchte ich sie ihr wieder bringen.«
+
+»Du giebst mir doch nicht was ich dafür fordere,« sagte der Kaufmann
+kopfschüttelnd.
+
+»Fordere,« rief der Javane, in kaum zu mäßigender Ungeduld mit dem Fuß
+den Boden stampfend.
+
+»Gut -- hast du Lust dreitausend Gulden an den Stahl zu wenden?« frug
+jetzt der Amerikaner, und der Capitain wandte sich von ihm ab, denn er
+schämte sich selber der rasenden Forderung. Der Javane aber knirschte
+die Zähne zusammen und sagte finster:
+
+»Dreitausend Gulden für das Messer? -- du träumst, Weißer, aber ich gebe
+dir tausend, und du hast den zwanzigfachen Werth.«
+
+»Ah bah,« lachte der Kaufmann, »ob ich die habe oder nicht, die machen
+mich nicht reich noch arm, und ich sehe schon, du hast keine Lust zum
+Handel, so _tabee_ --« und sich abdrehend von ihm, ergriff er wieder den
+Arm des Seemanns und schritt mit diesem langsam die Straße hinauf.
+
+»Und sie wollen die tausend Gulden nicht nehmen?« frug ihn dieser, jetzt
+wirklich zum Äußersten erstaunt, »Wetter noch einmal, in fünf Minuten
+siebenhundert Gulden zu verdienen --«
+
+»Nicht wahr das ist nicht schlecht?« lachte der Amerikaner, »wenn man
+seine Zeit nur ein paar Jahr auf ähnliche Weise verwerthen könnte, ließe
+sich schon ein ganz hübsches Vermögen zusammen scharren. Aber, Scherz
+bei Seite, Freund, der Zufall hat uns hier einen glücklichen Streich
+gespielt, und der Javane =muß= den Khris kaufen, wir mögen fordern was
+wir wollen.«
+
+»=Muß= ihn kaufen?« frug der Capitain erstaunt, »wer soll ihn zwingen?«
+
+»Seine eigene Sitte,« rief der Yankee; »schon aus früherer Zeit weiß ich
+ähnliche Beispiele, und es giebt ein altes Gesetz unter diesen Stämmen,
+daß sie den Khris ihrer Vorfahren, den sie an eigenthümlichen, nur ihnen
+deutlichen Zeichen in der Damascirung kennen, wenn sie ihn verlieren und
+in fremden Händen wiederfinden, um =jeden= Preis wieder an sich bringen
+=müssen=. Ich war selber dabei, wie ein Javane einst für eine solche
+Klinge mit vollkommen werthlosem Heft zweitausend Gulden bezahlte, und
+=vier=tausend gegeben haben würde, wenn er sie nicht anders bekommen
+hätte. Dasselbe ist hier der Fall, und umsonst bot der Bursche
+wahrhaftig nicht tausend Gulden für den Stahl. Nein, um hundert, wenn er
+sich klug dabei anstellte, hätte er den Khris vielleicht kaufen können,
+denn was kann man weiter damit thun, als ihn an die Wand hängen, aber
+um =tausend= kauft er ihn jetzt nicht, soviel ist sicher, und an mir
+soll's nicht liegen, wenn ich ihn jetzt nicht so weit hinaufschraube,
+als das Gewinde reicht.«
+
+»Daß er Ihnen dann nur nicht abfällt,« sagte kopfschüttelnd der
+Capitain, »und überdies thut mir der arme Teufel leid. Wenn der Khris
+nun einmal in seine Familie gehört und sein Herz so daran hängt, weshalb
+ihm den Wiedergewinn so entsetzlich, und auch ungerecht erschweren.«
+
+»Oh, hol' die braunen Hallunken der Teufel,« fluchte der Amerikaner,
+»ich kann schon die =Farbe= nicht leiden, und das Gesindel trägt dabei
+noch die Nase überhoch. Wo sie =uns= betrügen können, thun sie es auch,
+und wenn wir aus ihnen den größtmöglichen Nutzen herauspressen, üben wir
+nicht mehr als unser Recht der Selbstvertheidigung. Außerdem füttert und
+erhält die Holländische Regierung nicht allein diese Faullenzer, sondern
+zahlt ihnen auch noch rasende Gehalte, die sie doch in Schmuck,
+nutzlosen Juwelen und Harems verschwenden. Es ist nicht mehr als
+Christenpflicht, ihnen einen kleinen Theil derselben wieder abzunehmen.«
+
+»Wenn er Sie aber jetzt mit dem Gebot gehen läßt?« sagte der Capitain.
+
+»Da hinten kommt er schon,« lachte der Amerikaner still vor sich hin,
+»dessen sind wir sicher, und bis der Khris nicht in seinen Händen ist,
+verläßt der meine Spur nicht wieder.«
+
+Als sie die Biegung über die Brücke machten, und links wieder nach den
+Waarenhäusern des Kali Besaar einbogen, konnten sie auch wirklich, ohne
+den Kopf besonders nach ihm umzudrehen, den Javanen erkennen, der bis
+dahin regungslos an dem Pfeiler lehnen geblieben war, als ob er die
+Rückkehr der Männer erwarten wolle. Da sie aber =nicht= kamen, schien er
+jetzt selber zu fürchten, daß sie ihm entgehen könnten.
+
+Der Amerikaner hatte auch in der That ganz recht vermuthet; der Khris,
+den der Capitain so zufällig in der Auction erstanden, gehörte wirklich
+der Familie jenes Javanen; die geheimnißvollen Zeichen der Damascirung
+ließen diesen nicht einen Augenblick darüber in Zweifel, und er =mußte=
+ihn wiederhaben. Aber wie? Hatten die gierigen, ehrgeizigen Weißen ihn
+nicht Alles dessen beraubt, was er sein eigen nannte? war er nicht ein
+halber Bettler und Flüchtling fast auf demselben Boden, den er früher
+als Fürst beherrscht, und wußte er sich nicht dabei noch mißtrauisch
+überwacht, weil die Regierung recht gut sowohl den Einfluß, den er
+früher ausgeübt, wie auch den starren Sinn kannte, der sich der fremden
+Herrschaft nicht gutwillig und geduldig beugen wollte? Sein Pferd, ein
+wackerer Macassar-Hengst, und eine Handvoll Juwelen, die ihm sein Vater
+hinterlassen, war Alles, was er noch sein nannte; aber selbst das, wenn
+er es jetzt rasch verkaufen mußte, brachte ihm kaum die ganze, von dem
+gierigen Weißen geforderte Summe, und was blieb ihm zuletzt übrig? -- In
+finsterem Brüten folgte er den beiden Männern, die, ohne anscheinend
+weiter auf ihn Acht zu geben, vor einem der Geschäftslokale stehen
+geblieben waren und den Herankommenden den Rücken zukehrten. Der
+Amerikaner hatte dem holländischen Capitain eben die verabredeten
+dreihundert Gulden für die Waffe, für die er so viele Tausende zu
+gewinnen hoffte, ausgeliefert, und besah jetzt gerade wieder lächelnd
+den unscheinbaren Stahl, als der Javane zu ihm herantrat, die Hand auf
+seine Schulter legte und leise sagte.
+
+»Ich gebe dir zweitausend Gulden für die Waffe, und einen besseren Khris
+als diesen hier. Laß ihn mir. Ich habe mein Herz einmal darauf gesetzt,
+und möchte ihn mein nennen, wenn es auch thöricht ist.«
+
+»Du bist ein wackerer Bieter,« lachte der Amerikaner, »aber =mein= Herz
+hängt besonderer Weise auch daran, und wir müssen nun sehen, welches
+schwerer ist, deines oder meines. Um zweitausend Gulden gebe ich ihn
+nicht her, hast du vielleicht Lust =dreitausend= dagegen zu wenden?«
+
+Der Javane biß seine Unterlippe, daß der Eindruck der scharfen Zähne
+darin zurückblieb; er fühlte, daß der Fremde die Beweggründe kannte, die
+ihn trieben, =wußte=, daß er entschlossen sei seinen Vortheil zu wahren,
+und zögerte dennoch mit dem Gebot, daß ihn zum Bettler machen mußte.
+Aber es blieb ihm keine andere Wahl; der heilige Khris war eines
+=Fremden= Eigenthum, und die Geister der Verstorbenen hätten den Frevel
+gerächt, wenn er die Waffe in jenes Händen ließ.
+
+»Gut,« sagte er endlich, während ein schwerer Seufzer sich seiner Brust
+entrang, »sei hier an dieser Stelle eine Stunde vor Sonnenuntergang, ich
+bringe dir das Geld; und seinen Sarong fester um sich herziehend, und
+ohne sich weiter nach den Männern umzusehen, schritt er die Straße rasch
+zurück.«
+
+Um die Lippen des Amerikaners zuckte ein triumphirendes Lächeln, der
+holländische Capitain aber theilte seine Gefühle nicht und sagte ernst:
+
+»Sie sind zu weit gegangen, Goodwin; dem armen Teufel wird es blutsauer
+werden, das Geld aufzubringen, und hätt' ich =das= vorher gewußt, würd'
+ich es nicht geduldet haben.«
+
+»Das kann ich mir denken,« lachte der Kaufmann, »es thut Ihnen jetzt
+leid, daß Sie mir nicht geglaubt, und fürchteten, er liefe Ihnen mit dem
+Dreihundert-Gulden-Gebot davon. Hatt' ich Ihnen nicht vorher gesagt, daß
+er so viele =Tausende= dafür geben würde?«
+
+»Er bezahlt das Messer theuer genug damit,« sagte der Holländer.
+
+»Und bekommt es noch nicht einmal dafür,« rief der Amerikaner lachend.
+
+»Bekommt es nicht dafür?«
+
+»Nein; er muß und wird mehr geben; hol's der Teufel, ich habe den
+Burschen jetzt einmal in Händen, und will ihn pressen, so lange noch ein
+Gulden aus ihm herauszubringen ist. Solche Gelegenheit kommt mir sobald
+nicht wieder, und wer sie nicht benutzte, wäre ein Thor.«
+
+»Lieber Goodwin,« sagte der Holländer ernst, »ich verdiene auch gern
+Geld, und brauche es vielleicht so nöthig, wie jeder Andere, aber -- auf
+solche Weise --!«
+
+»Bah,« rief der Amerikaner, sich von dem Holländer abwendend; »=Sie=
+haben mehr als _200_ Procent für den Khris genommen, =ich= gehe in die
+Tausende; der einzige Unterschied liegt in der Summe, und moralische
+Bedenklichkeiten wären Unsinn. Aber das ist Nebensache und abgemacht;
+=wann= gehen Sie an Bord, daß ich Ihnen noch das Nöthige besorgen kann?«
+
+»Heute Abend vor Sonnenuntergang,« erwiderte der Holländer, »soeben habe
+ich die Nachricht bekommen, daß die letzte Praue draußen löscht und das
+Wasser an Bord gekommen ist. Meine Papiere sind sämmtlich in Ordnung,
+also hindert mich Nichts, mit dem Landwind morgen früh unter Segel zu
+gehen.«
+
+»Apropos, Sie wollten mir ja noch eins von den Schachspielen verkaufen,
+die Sie von China mitgebracht haben,« sagte der Amerikaner.
+
+»Es steht Ihnen gern zu Diensten, aber ich habe keins an Land.«
+
+»Gut, dann begleite ich Sie heute Abend an Bord und hole es selber; und
+nun auf Wiedersehen, denn ich habe noch Manches zu besorgen.«
+
+Die beiden Männer trennten sich hier, ihren verschiedenen
+Beschäftigungen nachzugehen, und wir wollen indessen dem Javanen folgen,
+der, nur das eine Ziel vor Augen, in wilder Hast zurück in seine Wohnung
+eilte, sein Pferd, seine Juwelen zu verkaufen, um zur rechten Zeit an
+dem bezeichneten Platz zu sein.
+
+Käufer fand er allerdings dafür; der schlaue Chinese ist stets bereit,
+einen vortheilhaften Handel einzugehen, und Geld auf Waaren als Pfand
+vorzuschießen, oder auch diese selber anzukaufen, wenn er den sicheren
+Gewinn voraussehen kann. Aber die zähen Gesellen wollten die Juwelen
+nicht nach ihrem Werth, nur nach dem Drängen des Augenblicks bezahlen,
+und der Javane, dem es schon überdies die Seele zerschnitt, um den
+Nachlaß seines Vaters mit gierigen Mäklern zu feilschen, mußte von Einem
+derselben zum Andern laufen, die von dem Amerikaner geforderte Summe
+endlich zusammenzubringen.
+
+Als die Sonne noch eine Stunde hoch am Firmamente stand, eilte er mit
+dem Rest seines Vermögens, zu Fuß und mit triefender Stirne, dem
+bestimmten Platz an Kali Besaar zu, und fand den Amerikaner dort schon
+seiner wartend, dicht am Flusse stehen.
+
+»Hast du den Khris?« frug der Häuptling leise, als er zu ihm trat, und
+die Rolle mit Holländischen Banknoten aus seinem Gürtel nahm.
+
+»Ah, _tabeé_, mein brauner Freund,« lachte der Amerikaner, als er seiner
+ansichtig wurde, »bist du wieder da? ein Paar Minuten später, und du
+hättest mich nicht mehr getroffen.«
+
+»Hast du den Khris?« sagte der Javane, ohne den Gruß weiter zu
+erwidern.
+
+»Den Khris? -- allerdings, hier ist er, mein brauner Tuwan.«
+
+»Und hier ist dein Geld dafür -- gieb mir die Waffe,« sagte der Javane,
+ihm mit der linken Hand die Banknoten reichend und die rechte nach dem
+Messer ausstreckend.
+
+»Halt, nicht so schnell,« entgegnete ihm aber ruhig der Kaufmann, »wie
+viel hast du in dem Bananenblatt da eingewickelt?«
+
+»Was du verlangt hast -- dreitausend Gulden,« sagte der Eingeborene, mit
+finster zusammengezogenen Brauen, »es ist mir schwer genug geworden, es
+zu schaffen.«
+
+»Möglich,« lachte der Amerikaner, »aber für =dreitausend= Gulden gebe
+ich den Khris nicht her.«
+
+»Hast du ihn mir nicht um den Preis verkauft?« rief der Javane, mit
+zornfunkelnden Augen emporfahrend, während die Rechte fast unwillkürlich
+nach dem Griff der eigenen Waffe fuhr, die er im Gürtel trug.
+
+»Nur ruhig, Freund,« entgegnete ihm aber mit einem verächtlichen Lächeln
+über die drohende Bewegung der kaltblütige Yankee, »ich habe dich bloß
+gefragt, =ob du Lust hättest, dreitausend Gulden an den Stahl zu
+wenden=, dir aber nicht gesagt, mit keinem Worte, daß ich ihn dafür
+lassen würde -- Giebst du aber =vier=tausend, soll er dein sein.«
+
+»=Vier=tausend,« rief der Javane, die Zähne zusammenknirschend, »was ich
+an mir trage, ist mein ganzes Vermögen, ich habe nicht tausend Deute
+mehr, sie zuzulegen.«
+
+»Das thut mir leid,« sagte der Amerikaner achselzuckend, »dann fürcht'
+ich, werd' ich den Khris behalten müssen.«
+
+»Der Khris ist =mein=!« zischte da der Javane zwischen den
+zusammengebissenen Zähnen durch, »du =darfst= ihn mir nicht
+vorenthalten. Hier ist dein Geld, es ist mein Alles, und ich gönne es
+dir, verdank' ich dir dann doch die Waffe meiner Ahnen, aber -- weigere
+mir sie nicht.«
+
+»Hm, ich dachte, du wolltest ihn nur für einen =Freund= haben,« lachte
+der Yankee, »hätte ich das gewußt, wär' er mir nicht einmal um
+=vier=tausend feil; aber ein Mann ein Wort, und schaffst du mir =die=
+Summe, magst du ihn haben, unter dem aber um keinen Deut.«
+
+»Gib mir den Khris und nimm dein Geld,« drängte der Eingeborene, »ich
+=kann= dir, bei Allah, nicht mehr geben; treibe mich nicht zum
+Äußersten.«
+
+»Wo du die =Drei=tausend aufgetrieben hast,« spottete der Amerikaner,
+»wird dir auch wohl noch ein viertes zu Gebote stehen. Es ist mein
+letztes Wort, und jetzt laß mich zufrieden, denn ich muß an Bord eines
+der Schiffe auf der Rhede fahren. Wenn du das Geld zusammen hast, so
+komm' morgen früh in das Amsterdam-Hotel.«
+
+»Und du verweigerst mir ihn für dreitausend Gulden,« frug der Javane mit
+leiser, von innerem Grimm fast erstickter Stimme; der Amerikaner aber,
+der an der ganzen Aufregung des Mannes wohl sah, daß er sein Spiel
+gewonnen habe, antwortete ihm gar nicht darauf, sondern schritt, sich
+von ihm abwendend, langsam am Ufer des Flusses nieder. -- Er hätte
+vielleicht besser gethan, ihm den Dolch zu geben.
+
+Etwas weiter unten stand sein Cabriolet, der braune Kutscher mit dem
+runden, backschüsselförmigen, vergoldeten Hut hatte ihn kommen sehen,
+und fuhr mitten in die Straße; Goodwin stieg langsam ein und einen
+flüchtigen Blick zurückwerfend, suchte sein Auge die Gestalt des eben
+verlassenen Eingeborenen. Dieser aber war nirgends mehr zu sehen und der
+Yankee, dem Kutscher in ein paar Malayischen Worten das Steueramt am
+Kali Besaar als Bestimmungsort nennend, lehnte sich nachlässig in dem
+kleinen Fuhrwerk zurück, still vor sich hinlächelnd über den
+vortheilhaften Handel.
+
+Als sie den Ort erreichten, an dem sämmtliche Boote anlegen müssen, die
+den schmalen, zum Hafen führenden Canal passiren, ob sie nun ein- oder
+auswärts gehen, war die Jölle des Holländischen Capitains noch nicht
+gekommen, und der Yankee ging eine ziemlich lange Weile mit wachsender
+Ungeduld am Strande auf und ab.
+
+Den Canal herunter kam eine kleine Praue von vier Malayen gerudert. Ein
+fünfter lag lang ausgestreckt und in einen schmutzigen alten Sarong
+gehüllt, im Spiegel des schlanken Fahrzeugs. Die Praue glitt dicht und
+langsam am Steindamm des Steueramts hin, dem dort postirten Beamten --
+einem Liplap -- zu zeigen, daß sie nichts einer Abgabe Unterliegendes im
+Boote hätten. In der That war sie auch vollkommen leer, und nur ein Paar
+Fruchtbündel Bananen oder Pisang, ein Dutzend Cocosnüsse und ein Paar
+Körbe mit Reis und anderen Früchten lagen im Vordertheil derselben. Ein
+weiteres Anhalten war deshalb nicht nöthig und das Fahrzeug trieb
+langsam vorbei.
+
+»Nun, kann der faule Bursche da hinten nicht aufsitzen, wenn er die
+Steuer passirt?« rief der Liplap mürrisch.
+
+»Ist krank,« sagte der eine Malaye, während er sein Ruder einsetzte, und
+gleich darauf schoß das scharf gebaute Boot, die Strömung der Ebbe
+wieder erreichend, rasch das enge Fahrwasser hinab.
+
+Der Amerikaner hatte die Leute halten sehen, aber nicht weiter auf sie
+geachtet, denn das schon ungeduldig erwartete Boot kam endlich den Canal
+nieder, hielt einige Sekunden an dem Steinwerft, wo es den Yankee an
+Bord nahm und passirte dann, da der Capitain nur Hühner, Früchte und
+einige andere Sachen zur Verproviantirung seines Schiffes bei sich
+führte, unbehindert nach außen.
+
+Auf der Rhede überholten sie die Praue mit den fünf Malayen -- der eine
+Bursche lag noch immer auf seiner Bank ausgestreckt, und die übrigen
+Ruderer schienen es auch nicht besonders eilig zu haben, denn sie
+trieben mit der ausgehenden Strömung langsam zwischen die dort vor Anker
+liegenden Schiffe hinein.
+
+Die Sonne war indessen untergegangen und Goodwin blieb mehrere Stunden
+an Bord des Holländers, theils die bald eintretende Fluth, theils den
+Aufgang des Mondes abzuwarten, der Capitain frug ihn einmal nach seinem
+Handel mit dem Javanen, der Amerikaner aber gab eine ausweichende
+Antwort, besorgte, was er noch an Bord zu besorgen hatte, und verließ
+dann mit den Malayischen Bootsleuten, die jedes Europäische Fahrzeug für
+die Dauer seines Aufenthalts auf der Rhede von Batavia miethet, das
+Schiff, an Land zurückzukehren.
+
+Ein aufsteigendes Gewitter schickte eben eine frische Brise vom Ufer
+herüber, und die Malayen mußten zu den Rudern greifen, dieser
+entgegenzuarbeiten; die See war aber noch vollkommen ruhig, und der Mond
+schien hell und klar auf die leicht gekräuselte, blitzende Fluth.
+
+Die Lastprauen, die über Tag den Schiffen ihre Ladung zuführen, waren
+schon sämmtlich in den Canal zurückgekehrt; nur hie und da glitt noch
+ein einzelnes verspätetes Boot, eigentlich gegen das Gesetz, und dann
+und wann von dem Wachtschiff angerufen, durch die dort ankernden
+gewaltigen Fahrzeuge, und der regelmäßige Schlag der Ruder klang weit
+hin durch die Nacht. -- Ihnen gerade entgegen kam jetzt ein solches und
+der Amerikaner, der hinten am Ruder saß, sah es plötzlich so dicht vor
+sich auftauchen, daß er kaum Zeit behielt, den Bug seines eigenen Bootes
+herumzuwerfen, um nicht mit dem des fremden zusammenzurennen.
+
+»Holla, da vorn, zum Teufel, weshalb paßt ihr nicht auf!« rief er auf
+Englisch ärgerlich den Begegnenden zu. Das fremde Boot veränderte
+seinen Cours aber nicht um eines Haares Breite, ja, folgte eher noch
+etwas der abweichenden Bewegung des anderen, dessen Planken es jetzt
+berührte und scheuerte. Die Malayen behielten in der That kaum Zeit,
+ihre Ruder aus den Dollen zu werfen und in Sicherheit zu bringen.
+
+»_Tabée Tuwan_[45]!« rief dabei zu gleicher Zeit eine trotzige Stimme,
+die des Amerikaners Blut zu Eis erstarren machte, und eine dunkle
+Gestalt sprang, während zwei der fremden Bootsleute ihr folgten, und die
+beiden Fahrzeuge fest zusammenhielten, mit wildem Satz auf den
+Amerikaner zu.
+
+»Hülfe! Mörder -- Räuber!« schrie dieser und riß den Khris, den er in
+seiner Tasche trug, heraus, sich gegen den auf ihn einspringenden Feind
+zu vertheidigen. Ehe er aber den Stahl aus der hölzernen Scheide bringen
+konnte, hatte des Javanen schmächtige doch elastische Gestalt sich über
+ihn geworfen und den Khris gefaßt.
+
+»Hülfe, Mörder!« tönte wieder der gellende Ruf des Überfallenen, der
+jetzt in wilder Wuth sich von dem Griff des Feindes zu befreien suchte,
+und mit der rechten Faust wohl gut gemeinte, aber erfolglose Stöße nach
+dessen Kopf führte.
+
+»Meinen Khris will ich,« knirschte der Javane dabei zwischen den
+zusammengebissenen Zähnen durch, »gieb meinen Khris, oder du bist ein
+Kind des Todes.«
+
+»Verdammte braune Bestie, eher mein Leben!« schrie der Yankee, jetzt zu
+wilder Wuth entflammt, »warte Hallunke, =das= zahlst du mir theuer.
+Hierher, Malayen, helft mir den Schurken binden.«
+
+Auf den benachbarten Schiffen, die den Lärm und das Hülferufen gehört,
+wurde es laut, und das Knarren der Blöcke auf dem nächsten verrieth dem
+geübten Ohr des Eingeborenen, wie ein Boot niedergelassen wurde. Auch
+aus der Gegend, wo das Wachtschiff lag, tönten rasche Ruderschläge
+herüber, die das Ohr des Amerikaners ebenfalls trafen.
+
+»Zu Hülfe hierher -- hurrah meine Bursche, ich halte die Canaille!«
+schrie dieser jubelnd auf, »hierher, ohoy.«
+
+»So hab' deinen Willen!« zischte es in des Amerikaners Ohren, und ein
+gellender Angstschrei antwortete der schlangenähnlichen Bewegung des
+Javanen, der sich im nächsten Augenblicke aus den Armen des Weißen wand,
+und zurück in sein eigenes Fahrzeug sprang.
+
+»Her zu mir!« rief er dabei seiner Bootsmannschaft zu, »und nun fort!«
+und blitzschnell folgten die braunen gewandten Gestalten dem Befehl,
+während des Amerikaners Malayen starr und entsetzt zurückblieben, und
+kein Glied zur Vertheidigung des angegriffenen Weißen zu rühren wagten.
+
+»Halt dort -- was für ein Boot ist das?« rief da eine tiefe Stimme über
+das Wasser, und die rasch eingesetzten und wieder gehobenen Ruder
+blitzten im Mondenlicht.
+
+»Segel auf!« rief der Javane dagegen seinen Leuten zu, denen er jetzt
+selber ganz kaltblütig half, das Mattensegel zu setzen. Kaum aber hob
+sich dies mit seiner breiten Fläche über Deck, als es der immer schärfer
+einsetzende Wind auch schon faßte, und das schlanke Boot vor sich
+hintrieb.
+
+»Halt da, sag' ich!« schrie die näher und näher kommende Stimme in
+malayischer Sprache, während von der andern Seite ebenfalls ein Boot
+herüber schoß, »euer Segel nieder, oder ich gebe Feuer.«
+
+»Feuert!« lachte der Javane trotzig zurück, »feuert so viel ihr mögt!«
+und das Steuer ergreifend, lenkte er den scharf gebauten Bug des kleinen
+Fahrzeugs gerade vor den Wind, daß das riesige Segel weit ausblähte und
+die Fluth vorn wild und schäumend emporspritzte.
+
+Drei, vier Schüsse fielen jetzt hinter ihm her, aber sie erreichten das
+Boot nicht. Trotzdem gab das Wachtboot die Verfolgung nicht auf, sondern
+setzte jetzt ebenfalls ein Segel, den frischen Wind zu benutzen. Der
+commandirende Officier rief indessen dem zweiten herbeieilenden Boote,
+das von einem englischen Kriegsschiffe abgeschickt worden, zu, das
+andere, auf dem Wasser treibende Fahrzeug anzulaufen und zu untersuchen.
+-- Es war das Boot des Amerikaners, in dem die Malayen noch nicht wieder
+zu den Rudern gegriffen hatten, denn sie waren um die =Leiche= des
+weißen Mannes beschäftigt. Hülfe konnten sie ihm freilich nicht mehr
+bringen; der scharfe Khris hatte sein Herz mit furchtbarer Sicherheit
+getroffen.
+
+Über die See schäumte indessen, des Verfolgers spottend, die flüchtige
+Praue des Javanen den »tausend Inseln« zu, in deren Bereich sich das
+Wachtboot nicht einmal allein hineinwagen durfte, und wo auch weitere
+Verfolgung zwischen den vielen kleinen Inseln nutzlos gewesen wäre. Nach
+zweistündigem Rennen mußte es die Jagd aufgeben und kehrte langsam und
+unverrichteter Sache zu seinem Stationsschiff auf der Rhede zurück.
+
+Fußnoten:
+
+[41] Ein eigenthümlich geformter Javanischer Dolch.
+
+[42] Ein kleines Bergwasser, das eingedämmt durch Batavia fließt und von
+den Eingeborenen Kali Besaar, der große Strom, genannt wird.
+
+[43] Mischling der Europäischen mit der indischen Race.
+
+[44] Eine gewöhnliche unter den Holländern gebräuchliche gemüthliche
+Anrede zwischen vertrauten Bekannten.
+
+[45] Ich grüße euch, Herr!
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Liste der Korrekturen:
+
+
+Der Wallfischfänger
+
+ sein Schiff voll Öl bekommen wollte
+ sein Schiff voll Öl bekommen wollte.
+
+ Überdem war sie schon mit dem jungen Häuptling eines Nachbarstammes
+ versprochen
+ Überdem war sie schon dem jungen Häuptling eines Nachbarstammes
+ versprochen
+
+ er sah sich dadurch bald in den Besitz
+ er sah sich dadurch bald in dem Besitz
+
+ nnd Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten.
+ und Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten.
+
+ so bedenklich schüttelten die Offiziere
+ so bedenklich schüttelten die Officiere
+
+ mit zu Hause durfte er sie natürlich nicht nehmen.
+ mit nach Hause durfte er sie natürlich nicht nehmen.
+
+ dichtgesteckte Brodfruchtbäume
+ dichtgesteckte Brotfruchtbäume
+
+ Gasperlen
+ Glasperlen
+
+ soll Brodfrucht und Cocosnüsse, Bananen und Turo
+ soll Brotfrucht und Cocosnüsse, Bananen und Taro
+
+ ist Tai manavachis ohana.
+ ist Tai manavachis Ohana.
+
+ eines nach dem andern
+ eines nach dem Andern
+
+ Und wollen die Pagalangis selber ihr Holz schlagen?«
+ Und wollen die Papalangis selber ihr Holz schlagen?«
+
+ Orangen ansgesogen
+ Orangen ausgesogen
+
+ auf einem Brodtfrucht- oder Cocosnußbaum
+ auf einem Brotfrucht- oder Cocosnußbaum
+
+ Brodfrucht und Schweinefleisch rösteten
+ Brotfrucht und Schweinefleisch rösteten
+
+ die Luci Walker droben noch drei volle Jahreszeiten
+ die Lucy Walker droben noch drei volle Jahreszeiten
+
+ tollköpfigen Pagalangi gegelacht
+ tollköpfigen Pagalangi gelacht
+
+ Hierher kam Hua jeden Abend mit mehren ihrer Gespielinnen
+ Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen
+
+ zwei junge Bursche
+ zwei junge Burschen
+
+ das die Segel setzende Schiff der Pagalangis
+ das die Segel setzende Schiff der Papalangis
+
+ daß sie eine Bö auszuarten drohte
+ daß sie in eine Bö auszuarten drohte
+
+ rasch ihr Abendbrod einzunehmen
+ rasch ihr Abendbrot einzunehmen
+
+ den Offizier über die Wichtigkeit der Einrede
+ den Officier über die Wichtigkeit der Einrede
+
+ frug der Harpurnier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton
+ frug der Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton
+
+ entgegnete der Capitän eintönig
+ entgegnete der Capitain eintönig
+
+ Capitän Silwitch sprang jetzt selber
+ Capitain Silwitch sprang jetzt selber
+
+ der wir hier mit jeder Secunde Zögern ausgesetzt sind
+ der wir hier mit jeder Secunde zögern ausgesetzt sind
+
+ angeschlossener Eber
+ angeschossener Eber
+
+ werft einen Theil der Landung über Bord
+ werft einen Theil der Ladung über Bord
+
+ vor der Nähe Feindes
+ vor der Nähe des Feindes
+
+
+Die Bootsmannschaft
+
+ der höhnende Jubelruf der Jonga-Insulaner antwortete
+ der höhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete
+
+ ein Schiff anträfen, daß sie aufnehmen könnte.
+ ein Schiff anträfen, das sie aufnehmen könnte.
+
+ um ihre Canoe zu erleichtern
+ um ihr Canoe zu erleichtern
+
+ der wie ein Weheruf über die Flut schallte
+ der wie ein Weheruf über die Fluth schallte
+
+ Das ist dem zweiten Haarpunier seine Sache!
+ Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache!
+
+ Auslandziehen
+ Aufslandziehen
+
+ jeden Morgen brachten ihn ein paar Eingeborene
+ jeden Morgen brachten ihnen ein paar Eingeborene
+
+ Was ist An-ga?
+ Was ist Ang-a?
+
+ hinaus aus der seichten Flut
+ hinaus aus der seichten Fluth
+
+ die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet werde.
+ die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet wurde.
+
+ auf die Erde spukte --
+ auf die Erde spuckte --
+
+ »Du, Jonas hast dem Zimmermann
+ »Du, Jonas, hast dem Zimmermann
+
+ gegen die Hagai-Leute
+ gegen die Hapai-Leute
+
+ sieben Hagai-Krieger
+ sieben Hapai-Krieger
+
+ von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Donglas!
+ von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Douglas!
+
+
+Der Schooner
+
+ neben ihn angekommen
+ neben ihm angekommen
+
+ nach Hagai hinüberfahren
+ nach Hapai hinüberfahren
+
+ noch schlimmer angekommen, als wir.
+ noch schlimmer angekommen als wir.
+
+ einen scharfen, eigentümlichen Schrei
+ einen scharfen, eigenthümlichen Schrei
+
+ endlich sagt er:
+ endlich sagte er:
+
+ fast dann den Alten
+ fasst dann den Alten
+
+ als zwei der Frauen sich plötzlich und rüsichtslos auf Legs warfen
+ als zwei der Frauen sich plötzlich und rücksichtslos auf Legs warfen
+
+
+Der Balinese
+
+ die Arecapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten
+ die Arekapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten
+
+ »Glenteck!« hauchte sie dabei,
+ »Glentek!« hauchte sie dabei,
+
+ am Anker stehenden Offizier
+ am Anker stehenden Officier
+
+ Auch die Frau des Capitains war anfgesprungen,
+ Auch die Frau des Capitains war aufgesprungen,
+
+ während sie flehend die Arme zu ihm aufstreckte
+ während sie flehend die Arme zu ihm ausstreckte
+
+ verb nnte
+ verbannte
+
+ Handels- und Schutz und Trutz-Vertrag
+ Handels- und Schutz- und Trutz-Vertrag
+
+ Einem eigentümlichen Aberglauben nach
+ Einem eigenthümlichen Aberglauben nach
+
+
+Der Menschentiger
+
+ In den Preauger Regentschaften auf Java
+ In den Preanger Regentschaften auf Java
+
+ der furchtbare Schanghai.
+ der furchtbare Schang-hai.
+
+ Schanghai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl
+ Schang-hai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl
+
+ um von dort aus dem Kompang Tji-dasang zu erreichen.
+ um von dort aus den Kampong Tji-dasang zu erreichen.
+
+ sein Leben zu retten, gegeben, den Kompang.
+ sein Leben zu retten, gegeben, den Kampong.
+
+
+Der Khris
+
+ keine Muskel seines Gesichts verrieh mehr
+ kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr
+
+ den sie an eigentümlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen
+ den sie an eigenthümlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen
+
+ Um zweitausend Gulden gebe ich ihn her
+ Um zweitausend Gulden gebe ich ihn nicht her
+
+ und sagte erst:
+ und sagte ernst:
+
+ Der commandirende Offizier
+ Der commandirende Officier
+
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+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INSELWELT. ERSTER BAND***
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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