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diff --git a/35651-8.txt b/35651-8.txt new file mode 100644 index 0000000..d3771af --- /dev/null +++ b/35651-8.txt @@ -0,0 +1,9726 @@ +The Project Gutenberg eBook, Inselwelt. Erster Band, by Friedrich +Gerstäcker + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Inselwelt. Erster Band + Indische Skizzen + + +Author: Friedrich Gerstäcker + + + +Release Date: March 22, 2011 [eBook #35651] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INSELWELT. ERSTER BAND*** + + +E-text prepared by richyfourtytwo, bfx, and the Online Distributed +Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +Hinweise zur Transkription + + Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene + Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden + durch Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler und uneinheitliche + Schreibweisen wurden korrigiert, bei Zweifeln wurde der Originaltext + beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich + am Buchende, die zahlreichen Korrekturen bei falsch gesetzten oder + fehlenden Anführungszeichen sind nicht extra aufgeführt. + + Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt: + + Sperrung: =gesperrter Text= + Antiquaschrift: _Antiquatext_ + + + + + +Inselwelt. + + +Gesammelte Erzählungen + +von + +Friedrich Gerstäcker. + + +Erster Band. + +=Indische Skizzen.= + + + + + + + +Leipzig, +=Arnoldische Buchhandlung.= +1860. + + + + + Inhaltsverzeichniß vom ersten Bande. + + + I. In der Südsee. + + Seite + +Der Wallfischfänger 1 + +Die Bootsmannschaft 82 + +Der Schooner 168 + + II. Im Ostindischen Archipel. + +Der Balinese 249 + +Der Menschentiger 313 + +Der Khris 374 + + + + +I. + +In der Südsee. + +Der Wallfischfänger. + + +1. + +In der weiten und bequemen Corallenbai von Monui, einer der +Tonga-Inseln, ankerte im Januar des Jahres 18** ein englischer +Wallfischfänger, die »_Lucy Walker_«, Provisionen, Holz und +Erfrischungen einzunehmen, und da sich die Eingeborenen ziemlich +freundlich gezeigt, hatte die Mannschaft in Abtheilungen Tag nach Tag +Erlaubniß bekommen, an Land zu gehen und mit den Eingebornen zu +verkehren. + +Der Capitain selber, ein junger Mann, der seine erste Reise als Führer +eines Schiffes machte, war viel zu entzückt von dem wundervollen Land, +das er betreten, seine Freiheit nicht ebenfalls soviel als möglich +benützen zu sollen, und unter den freundlichen Menschen, von dem alten +Häuptling selber auf das herzlichste aufgenommen, vergingen die Tage in +Zauberschnelle. Er schien zuletzt zwar ganz vergessen zu haben, daß er +des Wallfischfanges wegen in diese Breiten gekommen und selber gehen +müßte die Fische aufzusuchen, wenn er überhaupt deren fangen, und sein +Schiff voll Öl bekommen wollte. + +Die Scenerie allein trug aber nicht die Schuld. Hua, Toanonga's +liebliches Töchterlein, hatte sein Herz mit einer Leidenschaft +entflammt, der er sich selber im Anfang nicht klar bewußt war, die aber +mit jedem Tage mehr Überhand gewann. Ja, je mehr ihm Gelegenheit geboten +wurde, sich dem Gegenstand derselben zu nähern, und je weniger nah er +doch demselben dadurch kam, vergaß er zuletzt selbst seine Pflicht gegen +sein Schiff sowohl, wie seine Mannschaft, um noch immer kurze Zeit +länger in der verführerischen Nähe des holden Mädchens zu weilen. + +Hua[1], nach ihrem heiteren, fröhlichen Wesen so genannt, sah den +fremden jungen Mann gern bei sich, der ihr, der Tonga-Sprache vollkommen +mächtig, noch von früheren Reisen her, viel von fremden Ländern und +Völkern erzählen, und mit dem sie lachen und sich freuen konnte. An eine +ernstere Neigung dachte sie nicht, denn sie wußte recht gut, daß solche +Schiffe nur immer auf kurze Zeit an eine ihrer Inseln anlegten und +dann wieder fortfuhren, vielleicht nie mehr zurückzukehren -- was hätte +ihr seine Liebe genützt? Überdem war sie schon dem jungen Häuptling +eines Nachbarstammes versprochen, der jeden Tag eintreffen konnte, sie +abzuholen. Die Zeit bis dahin war ihr denn auch schon recht lang +geworden, und etwas Erwünschteres hätte gar nicht kommen können, als das +fremde Schiff mit den weißen, wunderlichen und doch so freundlichen +Männern. + +Toanonga befand sich am Besten dabei; der junge Engländer brachte, um +ihn sich beliebt zu machen jeden Tag neue Geschenke, und er sah sich +dadurch bald in dem Besitz einer so bedeutenden Anzahl von Nägeln, +Glasperlen, kleiner Spiegel, Messer, Beile, Kattun, und vor allem Andern +Tabak, dessen Gebrauch er auch schon kennen gelernt, daß er schon +anfing, sich als einen Capitalisten zu betrachten, der sich nun bald von +seiner beschwerlichen Häuptlingsschaft werde in das Privatleben +zurückziehen können, von seinen Renten zu leben. + +So angenehm nun aber auch ein solches Leben der Mannschaft des +Wallfischfängers war, der sich, nach dem beschwerlichen Dienst an Bord, +ein förmliches Paradies hier öffnete, so bedenklich schüttelten die +Officiere -- Harpuniere und Bootsteuerer -- darüber den Kopf. Eine +Zeitlang hatten sich diese wohl mit ruhigem Behagen dem Stillleben der +Inseln hingegeben; als dies aber immer noch kein Ende zu nehmen schien, +gedachten sie auch ihres eigenen Nutzens, und wünschten ihr Geschäft +wieder aufzunehmen, wegen dem sie doch eigentlich an Bord gegangen +waren: nämlich Geld durch den Fang der hier muthwillig versäumten Fische +zu verdienen. + +Zuerst erinnerte der erste Harpunier den Capitain, daß es später und +später in der Jahreszeit würde, und sie schon gar nicht mehr daran +denken dürften, ihrer ersten Absicht nach, Neuseeland anzulaufen. Die +Mahnung half aber weiter nichts, als daß der Capitain noch einmal sechs +Klaftern Holz bei den Eingebornen bestellte, zu denen diese, wie er +recht gut wußte, fast eben so viele Wochen brauchten, es zu schlagen, +und doch hatten die Leute an Bord schon jetzt alle Winkel und Ecken +davon vollgestaut, -- doch traten endlich die Officiere zusammen und +erklärten ihrem Vorgesetzten, daß sie ihm allerdings gehorchen und so +lange hier bleiben müßten, wie er es für gut fände, daß sie aber bei +ihrer Zurückkunft nach Liverpool jedenfalls Beschwerde oder vielmehr +Klage auf Schadenersatz für versäumte Zeit gegen ihn einreichen +würden, wenn er jetzt nicht bald wieder die Anker lichte. + +Capitain Silwitch, so zum Äußersten getrieben und sich seinen Leuten +gegenüber auch im Unrecht fühlend, beschloß nun einen entscheidenden +Schritt zu thun, und Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu +bitten. Einer ihrer heidnischen Trauungsceremonien konnte er sich, als +höchst unbedeutender Christ, leicht unterwerfen, und ehe er die +Heimfahrt antrat, was noch ein paar Jahr dauern mochte, fand sich immer +eine Gelegenheit, das Mädchen, wenn auch nicht genau an diese, doch +vielleicht an eine der Nachbarinseln wieder abzusetzen -- mit nach Hause +durfte er sie natürlich nicht nehmen. + +Toanonga saß mit Hua auf einer großen, aus langem Gras feingeflochtenen +Matte, vor seiner Hütte, im Schatten eines gewaltigen Toa-Baumes, der +mit dem Duft seiner Blüten die ganze Nachbarschaft erfüllte. Es war ein +reizender Platz, gerade an der Mündung eines kleinen, aus den Höhlen +kühl und plätschernd niedersprudelnden Bergbachs, der sich die klare +Bahn unter wehenden Palmen und über moosiges Gestein brach und Blumen +und Früchte als Tribut dem Meere zuführte. Mächtige Cocospalmen +schüttelten ihre federartigen, rauschenden Kronen über seiner Fluth und +die hohen, stattlichen Mapebäume mit ihren breiten, magnolienartigen +Blättern und wunderlich geformten Stämmen[2] deckten und beschatteten +niedere Haine fruchtbeladener Orangen und Citronen und duftender +Blütenbüsche, die durch sie gegen die sengenden Strahlen der Sonne +geschützt wurden. + +Das Haus des Häuptlings war nur wie das seiner geringsten Unterthanen +aus trockenen, gelben Bambusstäben aufgerichtet, und mit +Zuckerrohrblättern fest, aber doch luftig und vollkommen regendicht, +gedeckt. Ein kleiner dabei angelegter und mit dicht gesteckten dünnen +Stangen umzäunter Garten (eine Quantität wild herumlaufender Ferkel +daraus fern zu halten, denen der Besuch des Hauses jedoch vollkommen +frei zu stehen schien) enthielt Reihen gepflanzter Bananen und sogar +einige Yams, und in feuchten Gruben gezogene Taro-Pflanzen, während +dichtgesteckte Brotfruchtbäume, die jedoch auch überall wild gediehen, +die Hauptnahrung der Insel anzeigten und ihre wohlthätigen Äpfel vor die +Thür ihres Eigenthümers niederschütteln. + +Toanonga schwelgte in der Verdauung eines eben genossenen vortrefflichen +Frühstücks, eines mit heißen Steinen gerösteten Ferkels und _Me_[3], und +dieser gleichsam eine höhere Weihe zu verleihen, hatte er einen Theil +der erhaltenen Geschenke, besonders eine Anzahl Nägel und Glasperlen, +einige Uniformknöpfe und vor allem Andern einen zerbrochenen Sporn, an +dem das Rädchen aber noch gut war und wirbelte, vortrefflich vor sich +ausgebreitet und betrachtete sie mit augenscheinlicher Genugthuung und +Freude. + +Capitain Silwitch hätte wirklich keinen glücklicheren Moment für seine +Werbung treffen -- und keinen unglücklicheren Erfolg haben können. + +Eine ganze Jagdtasche voll Geschenke für den König; Gegenstände, als ob +ein Trödler seine Bude ausgeräumt und den Schutt zurückgeworfen, die +Quantität vielleicht an den Eisenhändler zu verkaufen. Dazwischen fanden +sich ein paar buntblitzende, blaue, großbeerige Glaskorallen, von +enormem Gewicht; ein kleiner, gesprungener Rasirspiegel, eine unechte +goldene Quaste von irgend einer Gardine, ein Argentan-Löffel und +besonders eine plattirte Schuhschnalle bildeten aber die +Hauptbestandtheile der Masse, die er, Hua dabei freundlich zulächelnd, +vor dem erstaunten _Hou_ -- Häuptling der Insel -- und auf die Matten zu +den Knöpfen und Perlen schüttete. + +»Tangaloa[4] segne mich!« rief der würdige Toanonga, als er die +unvermutheten Schätze aus dem ganz unscheinbaren Lederbeutel auf sich +förmlich herabregnen sah, ohne in dem Augenblicke eine Ahnung zu haben, +welchem glücklichen Ereignisse er diese fabelhafte Freigebigkeit des +fremden weißen Mannes verdanke, -- »der Fremde hat sein ganzes Canoe +geplündert, die Augen seines Freundes mit seinen Schätzen glücklich zu +machen, Si-li-wi« -- (eine natürliche Verunstaltung des Namen Silwitch, +da die Insulaner nur sehr schwer zwei Consonanten hinter einander in +einer Silbe aussprechen können) »soll Brotfrucht und Cocosnüsse, Bananen +und Taro, Ferkel und Fische haben, so viel er will auf sein Schiff. +Si-li-wi ist ein Ehrenmann und darf sich eine Gnade erbitten.« + +»Und gebe Gott, daß du sie erfüllst, würdiger Greis,« sagte der junge +Mann halb lachend, halb verlegen, »ich komme allerdings heute Morgen mit +einer großen Bitte an dich, oder eigentlich an -- Hua an deiner Seite, +deren Erfüllung mich unendlich glücklich machen würde.« + +»An mich?« fragte Hua erröthend, während sie von ihrer Matte aufsprang +und den Fremden überrascht ansah; »willst du noch mehr von den +wunderlichen weiß- und rothgefleckten Corallen, die wir in der Bai da +drüben gesucht? oder soll ich dir Perlen holen lassen, unten vom Grund +herauf? Ich weiß auch --« + +»Halt, halt, Mädchen, mach mich nicht toll mit deinen freundlichen +Worten!« bat der junge Mann abwehrend. »Es ist mehr als alles Das, und +nun, Toanonga, soll es auch heraus, denn lange Reden bin ich doch nicht +im Stande zu machen. Hier sind die Geschenke, du sollst noch mehr +haben, Tabak, Feuerwasser, Messer, Beile, Kattun -- auch ein Gewehr hab' +ich für dich bestimmt, das den Blitz und Donner in sich trägt, und womit +du deine Feinde besiegen und dir unterthan machen kannst.« + +»_Mea fanna fonnua_[5]?« rief Toanonga rasch, der bei der Aussicht auf +solchen Besitz alles Andere in dem Augenblick vergaß. »Wäre nicht übel; +Toanonga möchte ungemein gern _Mea fanna fonnua_ haben.« + +»Und du giebst mir Hua?« rief der Engländer rasch und freundlich. + +»Hua?« sagte der alte Häuptling erstaunt, während das Mädchen bestürzt +und erröthend dabei stand und kein Wort zu erwidern wagte. »Hua gehört +nicht mein, kann ich nicht vergeben; gehört _Tai manavachi_, ist _Tai +manavachis ohana_.« + +»_Ohana?_« wiederholte der junge Mann bestürzt und erschreckt, denn das +Wort bedeutet in der Tongasprache Braut sowohl als Frau. »_Ohana?_ -- +seit wann?« + +»Bah, nicht so lange,« sagte der Alte kopfschüttelnd und die vor ihm +ausgebreiteten Geschenke ein wenig mehr nach sich herüber schiebend, +als ob er eine ungewisse Ahnung hätte, daß der Fremde, wenn er den +angebotenen Tausch =nicht= eingehen wolle, diese am Ende auch wieder +zurückziehen könne. »Muß heute oder morgen kommen, sie zu holen.« + +»Holen? -- wohin?« + +»Nach Tongatabu -- große Insel, großer Häuptling,« setzte der Alte mit +einiger Selbstzufriedenheit hinzu; »wird _Ohana_ dort und bekommt große +Strecke Land.« + +»=Wird= _Ohana_?« rief Silwitch aber, denn noch ein Strahl von Hoffnung +dämmerte, also =ist= sie noch nicht seine Frau, und wenn mich Hua lieber +hat, als den braunen Burschen, da denk' ich, soll sie sich bei mir so +wohl befinden, wie bei _Tai manavachi_, -- Und was sagt Hua selber? -- +komm her Mädchen und sag' deinem Vater, daß du mir gut bist und mich zum +Mann haben willst.« + +»Ich dich zum Mann haben?« lachte aber die Schöne schelmisch, während +ihr ein noch höheres Roth Wangen und Nacken färbte, »und wer hat dir das +gesagt, _Muli_[6]?« + +»Nenn' mich nicht =fremd=, denn ich bin es nicht mehr!« rief der +Engländer bittend. »Wenn du es mir auch noch nicht mit klaren Worten +gesagt, hat es doch jeder Zug deines Angesichts, selbst der Ton deiner +Stimme, der Blick deines Auges schon gesprochen!« + +»Und willst du hier bei uns bleiben auf der Insel, und dein Schiff +verlassen?« frug der alte Häuptling vorsichtig. + +»Mein Schiff verlassen? -- jetzt? -- nein, das geht nicht,« sagte der +Fremde rasch, »ich muß nach Norden hinauf und Fische fangen, aber im +nächsten _Liha mua_[7] komme ich zurück mit Hua, wieder bei Euch zu +wohnen.« + +»Mit Hua?« rief der Alte erstaunt und mit eigenthümlichen, halb ernsten, +halb drolligen Zug um die Lippen -- der tolle _Muli_ wär's im Stande. -- +»Wolltest du das Mädchen mitnehmen auf dein Schiff?« + +»Gewiß will ich,« rief der Seemann rasch, »und sie soll's gut haben bei +mir, und die Welt sehen. Toanonga, ich liebe deine Tochter so heiß und +glühend, wie ich dir es gar nicht beschreiben kann, und du =mußt= sie +mir zum Weibe geben.« + +»=Muß= ich, so?« lachte der Alte gutmüthig; Hua aber, noch mehr +erröthend, sagte leise und vorsichtig unter den halbgesenkten Wimpern zu +ihm aufschauend. + +»Und wenn Hua nun nicht will?« + +»Du nicht wollen, Mädchen, und weshalb?« rief der junge Mann bittend. + +»Und _Tai manavachi_?« + +»Bah, _Tai manavachi_!« rief der Engländer verächtlich, »was schirt der +=mich= -- er soll kommen und dich holen, wenn ich dich erst einmal +habe.« + +»Er ist ein tapferer Krieger!« rief aber der Alte jetzt rasch, »und hat +seinen Namen danach bekommen. -- Schlimm für den Feind, dessen Fährte er +folgt.« + +Silwitch schüttelte den Kopf ärgerlich. + +»Damit kommen wir nicht weiter,« rief er rasch; »ich frage dich, +Toanonga, ob du mir Hua zum Weibe geben willst?« + +»Warum frägst du nicht Hua selber, ob sie dich haben will?« sagte der +Alte mit seinem trocknen Lachen. + +»Weil ich ihrer Liebe gewiß bin,« rief der Engländer leidenschaftlich; +»sie wird mit mir gehen, wenn =du= ihr die Erlaubniß giebst!« + +»Frag' sie,« war Alles, was Toanonga erwiderte. Der junge Engländer +wandte sich rasch dem schönen Mädchen zu, und streckte den Arm nach ihr +aus, aber Hua wich ihm rasch und entschlossen aus und rief: + +»Nein -- nein -- ich bin die Braut eines Andern, fort mit dir, +_Pagalangi_[8], was willst du von mir?« + +»Hua!« rief aber der junge Seemann erschreckt. »Hua, ich kann nicht +leben ohne dich und muß dich mein nennen, wende dich nicht ab von mir +und sei mein Weib.« + +»Du bist unser Freund gewesen,« sagte das Mädchen ernst und fast traurig +mit dem Kopf schüttelnd, »und wir haben dich und die Deinen freundlich +aufgenommen, was willst du mehr? Ich passe nicht zu euch, zu euren +Sitten, eurer Sprache, eurer Religion, nicht zu den wilden Männern auf +deinem Schiff. Ich will auf diesen Inseln bleiben, die meine Heimat +sind.« + +»=Meine= Einwilligung hast du,« lachte Toanonga in seiner trockenen +Weise; »ich hab' es dir vorher gesagt.« + +»=Deine= Einwilligung hab' ich, Toanonga?« rief Silwitch rasch und in +furchtbarer Aufregung, durch den Spott vielleicht nur noch mehr gereizt. + +»Ja, die hast du,« nickte der Alte lachend, »aber Hua will nicht.« + +»Sei nicht so bös, weißer Mann,« sagte aber das Mädchen jetzt +freundlich, ihm die Hand entgegenstreckend, »sieh', was würde _Tai +manavachi_ sagen, wenn er käme und fände mich als das Weib eines Andern; +bliebest du selbst bei uns auf der Insel, die ich nun einmal nicht +verlassen kann und will. Hua sieht dich gern, aber sie kann dir nie +angehören.« + +Silwitch nahm die Hand und drückte sie in heftiger Aufregung, barg dann +die Augen kurze Zeit in seiner Linken, und Toanonga sah, wie er einen +heftigen Kampf mit sich selber kämpfe; aber er bezwang sich und als er +den Kopf wieder hob, sagte er ruhig und gefaßt: + +»Es ist gut, Hua; wenn du mich nicht haben willst, kann ich dich nicht +zwingen, aber -- ich hatte es gut mit dir gemeint und -- du hast mir weh +-- recht weh gethan. Das ist jetzt vorbei und ich werde nun wieder +fortsegeln von hier, und wahrscheinlich nie -- nie wieder zurückkehren, +nach _Monui_ -- Wirst du noch manchmal meiner dann gedenken?« + +»Wenn ich ein Segel am Horizonte sehe, werde ich wünschen, daß es das +deine ist,« sagte Hua in ihrer einfachen Herzlichkeit, ihm treu und +kindlich dabei in's Auge schauend. + +»Und wann willst du gehen, _cowtangata_[9]?« frug der Alte jetzt, +anscheinend gleichgültig, aber vielleicht mit dem unbestimmten Wunsch, +das Gespräch auf einen fernen Gegenstand zu bringen, und nicht auf die +noch vor ihm ausgebreiteten Geschenke zurückzuführen, die er eines nach +dem andern, vorsichtig und sorgfältig hinter sich und aus Sicht brachte. + +»Ich weiß es noch nicht,« erwiderte der Engländer ruhig; »ich habe noch +Holz bei deinen Leuten bestellt, das ich zuerst an Bord nehmen möchte. +Willst du mich los sein?« + +»Nein, nein, bewahre!« rief der Häuptling rasch und erschreckt; »du bist +willkommen, so lange auf der Insel zu bleiben, wie es dir gefällt -- +nachher kannst du gehen. -- Und wollen die _Pagalangis_ selber ihr Holz +schlagen?« + +»Nein, ich habe deine Leute schon dafür bezahlt,« sagte der Engländer, +»und glaube sie sind mitten in der Arbeit; bis morgen Abend soll ich es +an Bord haben.« + +»Es ist gut -- ich will es dir wünschen,« erwiderte der Alte mit einem +etwas zweideutigen Lächeln. Ob es Silwitch aber bemerkte oder nicht, er +schaute einen Augenblick sinnend vor sich nieder, nickte dann mit einem +kaum unterdrückten Seufzer Hua, etwas lebendiger ihrem Vater zu, und +schritt mit verschränkten Armen und gebeugten Hauptes langsam dem +Strande zu, wohin er sein Boot beordert hatte, ihn wieder an Bord zu +rudern. + + +2. + +Die Bootsmannschaft hatte sich indessen, auf ihren Capitain wartend, die +Zeit bestmöglichst vertrieben, Cocosnüsse abgepflückt, Orangen +ausgesogen, getrunken, und sich dann, in den Schatten eines +engverwachsenen Pandanus-Dickichts auf den bröcklichen, fast +pulverisirten Corallenboden niedergeworfen, sich von den Anstrengungen +des Fruchtsammelns zu erholen. + +Es waren lauter englische Matrosen, und nur ein Schotte unter ihnen, +Namens Mac Kringo, scherzweise gewöhnlich Lord Douglas genannt. Das +Gespräch drehte sich aber natürlich um das herrliche Leben, das sie +hier geführt und das, wie sie jetzt fast fürchten mußten, bald ein Ende +nehmen würde, wenn sich der Capitain nicht, trotz den Officieren, noch +einmal anders besänne und doch am Lande bliebe. + +»Hol's der Teufel, Jungen!« sagte der eine Matrose, den die andern +seiner ungemein großen Vorliebe für Fische wegen und in einer +sonderbaren Verwirrung der heiligen Schrift =Jonas= nannten, »wenn ich +Capitain der »_Lucy Walker_« wäre, ich wollte den Teufel thun und ihr +Kupfer so rasch wieder gegen Eisschollen reiben, wo ich selber hier +einen solchen capitalen Hafen gefunden hätte. Der Böse mag sich die +Wallfische selbst fangen, wenn er sie haben will, ich bin nicht +eigennützig, und gönne ihm gern den Verdienst.« + +»Das glaub' ich, daß =du= den Wallfischen das Wort redest, Jonas,« +lachte Mac Kringo, ihn von der Seite anblinzend, »bei dir ist's alte +Anhänglichkeit.« + +»Ah bah, mein _bonny scotsman_,« brummte aber der Engländer, »wenn du +nichts Besseres weißt, so bleib mit deinen abgedroschenen Witzen zu +Hause; die sind auf meinem Namen schon lange stumpf geworden. Gieb uns +aus deinem allzeit fertigen Hirn einen Rath, wie wir anständiger Weise +hier bleiben können, denn zum Weglaufen ist die Insel zu klein, und ich +will dir dann zugestehen, daß du wirklich Grütze im Kopfe hast. Bis +dahin aber laß mich zufrieden, mit dem was du =glaubst= oder nicht; sag' +uns, was du =weißt=.« + +»Guter Rath wäre da nicht das erstemal an Narren fortgeworfen,« brummte +der unhöfliche Schotte ärgerlich in den Bart, »und wenn der liebe Gott +herunterkäme und euch sagte, wie ihr's machen solltet, hättet ihr noch +drei Bedenken und fünf Aber. Nein, geht mir fort; mit euch ist nichts +anzufangen, und =wenn= ich das wüßte, ich behielt's für mich.« + +»Wenn er was wüßte,« spottete ein Anderer, »_Legs_« -- »Beine« -- von +einem Paar etwas kurzer und eingebogener Extremitäten so genannt. »Lord +Douglas thut wahrhaftig, als =ob= er etwas im Hinterhalt hätte und uns +nun nicht für würdig hielt, die Geschichte mit anzuhören. Das ist das +billigste Mittel jedenfalls, dick zu thun. Nein, Kinder, unsere Zeit ist +abgelaufen und ich müßte mich, nach allen Vorbereitungen zu urtheilen, +sehr irren, wenn wir nicht schon morgen Abend um diese Zeit wieder +unsere regelmäßige Wacht gehen und uns die Hälse abdrehen, nach den +Schwarzkitteln auszuschauen. Wasser und Provisionen sind genug an Bord, +und auf das bestellte Holz kommts dann gerade auch nicht so sehr an, ob +wir das einwerfen oder nicht. Der Raum ist überdies so voll, daß wir's +eine Zeitlang mitten auf Deck und im Weg lassen müßten, und der erste +Harpunier würfe die verfluchten Scheite eigenhändig über Bord, wenn er +sich ein einzigesmal die Schienbeine daran stieße.« + +»Ja, auf =unsere= Schienbeine würd' es da auch nicht besonders +ankommen,« knurrte ein Anderer, der den allerdings nicht empfehlenden +Beinamen _Lemon_[10] hatte, weil er fortwährend und selbst bei seinem +allerdings sehr seltenen Lachen genau solch ein Gesicht schnitt, als ob +er ganz plötzlich aus Versehen in eine Citrone gebissen hätte. »Es ist +eine verwünscht kuriose Einrichtung in der Welt, man mag's betrachten +wie man will, und wir armen Matrosen ziehen immer den Kürzern. Schon +beim Vertheilen, wir haben den hundertzwanzigsten, der Capitain hat den +achtzehnten Theil, und wer fängt die Fische, wir oder er?« + +»Nun, =du= nicht, Lemon, mit deinem ewigen Raisonniren,« brummte der +Schotte, »denn wenn dir nicht jedesmal beim Anrudern das Maul verboten +würde, kämen wir auch jedesmal zu spät zum Zulangen.« + +»Zankt euch nicht noch den letzten Tag, den wir vielleicht an Land +sind,« fiel Jonas hier rasch ein, als er sah, daß Lemon boshaft darauf +erwidern wollte; »hier, mit festem Boden unter uns, sind wir doch Alle +gleich, und die vom Lande fragen nicht darnach, ob wir an Bord den +achtzehnten oder hundertachzigsten Theil bekommen. Jungens, Jungens, mir +bricht das Herz ordentlich, wenn ich daran denke, daß wir hier fort +sollen.« + +»Herzbrechen?« knurrte Lemon, »das wäre der Mühe werth; kommt auch gar +nicht vor in der Welt, daß Einem das Herz bricht, und ich weiß nur einen +einzigen Fall, wo wirklich einmal Jemand an gebrochenem Herzen gestorben +ist.« + +»Aus =deiner= Bekanntschaft?« rief Jonas ungläubig. + +»Aus =meiner= Bekanntschaft,« erwiderte der Matrose ruhig; »es war der +»lange Tom«, wie wir ihn nannten, der hatte in Bristol, wo wir damals +vor Anker lagen, mit einem andern Kameraden, ich weiß nicht mehr um was, +gewettet, er wollte einen verdammt schweren Wurfanker von seinem Dock +bis zu dem, wo unser Schiff lag, ohne abzusetzen, tragen -- und er trug +ihn auch, aber -- er lebte keine fünf Minuten mehr -- der Anker hatte +ihm das Herz gebrochen.« + +Die Anderen lachten, der Schotte blinzte Jonas aber heimlich und +verstohlen mit den Augen an, und sah nach den Busch hinüber, ein +Zeichen, das dieser zu verstehen schien, denn er warf erst einen +flüchtigen Blick auf seine Kameraden, ob ihn Niemand beobachte, und +nickte dann zurück, daß er kommen werde. + +»Wenn man's so bedenkt,« sagte Legs nach einer kleinen Pause, die +Augenbrauen fest zusammengezogen, und mit kleinen Stücken Coralle, die +er vor sich aufnahm, nach einer noch unreifen, am Boden liegenden Orange +werfend, »wenn man's so bedenkt, was wir da draußen in See für ein +Hundeleben führen, Tag und Nacht in Arbeit und Gefahr, mit schlechter, +salziger Schiffskost und knappem Grog, kein freundliches Gesicht zu +sehen als Lemon's, am Tag in einer Hundekälte zu rudern, daß Einem die +Arme mit den Wurzeln ausreißen möchten, und Nachts die verdammten +Stücken Blubber[11] an Deck zu werfen und auszukochen; einmal +halberfroren, einmal halb verbrannt, und wenn man nachher von einer +dreijährigen Reise zurück kommt, vielleicht noch mit zehn Pfund Sterling +Schulden im Buch für Kleider und Schuhwerk, das man haben mußte die Zeit +über, und dem Schiff zu bezahlen hat, als ob sie von Gold und Seide +gewesen wären, -- nein, das soll verdammt sein. Und dann dagegen hier +die rothen Schufte, was die für ein Götterleben in all ihren +Bequemlichkeiten führen; nicht rühren thun sie die faulen Knochen, als +vielleicht einmal auf einem Brotfrucht- oder Cocosnußbaum zu steigen, +oder einen Fisch mit der Holzharpune aus dem seichten Wasser zu holen, +die kleine Insel ist zum Überlaufen voll von hübschen Mädchen und man +kann den ganzen Tag in Hemdsärmeln gehn. -- Hol's der Henker, der liebe +Gott hätte mir keinen größeren Gefallen thun können, als mich ebenfalls +braun anzustreichen -- die Farbe hält besser, und was spart man an +Überzügen.« + +»Ich hätte auch nichts dagegen!« rief ein Anderer, mit einer feinen, +kreischenden Stimme dazwischen, der eigentlich Roberts hieß, seines +Organes wegen aber gewöhnlich »Pfeife« genannt wurde, »denn auf das +Bischen Couleur wird Einem doch nichts zu Gute gethan; was will aber der +Mensch machen? Wir müssen doch immer noch Gott danken, daß er nicht in +den ganz schwarzen Topf gegriffen, denn dann wären wir geleimt gewesen, +zeitlebens.« + +»Bah, was sind wir besser als Sclaven?« brummte Legs; »die können doch +wenigstens heirathen und an Land bleiben, und was können wir? Hol der +Teufel das Seeleben; wenn man eine Weile draußen ist, gewöhnt man sich +zuletzt daran, und es kommt Einem sogar manchmal ganz hübsch vor, wie +man aber nur wieder den Fuß auf festes Land, und besonders auf =solches= +Land setzt, ist auch der Teufel los und es zwickt und reißt Einen +wieder, daß man sich ordentlich die Beine festhalten muß, nicht davon zu +laufen.« + +Der Schotte war indessen aufgestanden und am Strande hin, nach den +einzelnen Cocospalmen hinaufschauend, als ob er sich eine Nuß aussuchen +wolle, langsam in den dichten Busch geschlendert, der den Corallenboden +begrenzte, und Jonas erhob sich ebenfalls, zog sich den Bund seiner +Segeltuchhose auf, spuckte sein Priemchen aus und biß ein frisches ab +und setzte sich den auf der Erde verschobenen Hut wieder fester auf das +in kleine, krause Löckchen gedrehte Haar. + +»Nun, dir wird wohl die Zeit lang,« sagte Pfeife, sich noch bequemer +ausstreckend und ein Bündel Cocosnußbast unter den Kopf schiebend, +weicher darauf zu liegen, »ich kann's abwarten -- zum Henker, daß man +nun nicht einmal das Glück hat, an irgend einer solchen Corallenbank +hier -- und Zeug ist genug da -- ordentlich auf den Strand und fest zu +kommen. Das wäre doch ein kapitaler Spaß, wenn wir nachher eine Colonie +gründeten und uns häuslich einrichteten -- ich weiß auch, wen ich +heirathete.« + +»Ja, wenn wir einmal auf den Strand kommen,« knurrte Lemon dazwischen, +»so kannst du dich drauf verlassen, daß es auch im Schnee und Eis und +ohne Fausthandschuh ist; unser Glück kenne ich; rennen wir aber =nicht= +auf, so magst du Gift darauf nehmen, Kamerad, daß die »_Lucy Walker_« +droben noch drei volle Jahreszeiten[12] herumschwimmt, und nachher immer +noch nicht voll ist. Ich habe =meine= Hoffnung jetzt auch nur auf +nächsten Winter gesetzt, da wird »der Alte« schon dafür sorgen, daß wir +wieder hier anlaufen.« + +Jonas hatte sich indessen, ohne weiter Theil an dem Gespräch zu nehmen, +ebenfalls langsam und scheinbar ohne besondern Zweck von der in dem +Pandanusschatten gelagerten Gruppe entfernt, und hier an einem Busch +schüttelnd, dort sich einen Zweig niederbiegend und vielleicht +abbrechend, kam er nach und nach aus Sicht. Dann aber eine Richtung +einschlagend, die ihn näher dorthin brachte, wo Mac Kringo vor ihm +verschwunden war, traf er auch diesen bald, seiner harrend, unter einer +kleinen Gruppe von Cocospalmen und Casuarinen, von wo aus er ihm winkte +hinanzukommen. + +»Was zum Teufel hast du denn nur, Douglas,« sagte Jonas kopfschüttelnd, +als er das geheimnißvolle Wesen des Kommenden sah. »Du willst doch nicht +etwa auskneifen, mein Bursche? -- das gib auf, denn du weißt nicht, wie +dick der Capitain mit dem alten Häuptling ist, und wie er überhaupt nur +auf eine anständige Entschuldigung wartete, noch länger hier liegen zu +bleiben; der holte dich wieder und wenn er die ganze Jahreszeit darum +versäumen sollte.« + +»Schrei doch nicht, als ob du ein Segel draußen bei einem steifen +Nordwester anrufen müßtest, Mate,« brummte der vorsichtige Schotte mit +gedämpfter Stimme; »es fällt mir nicht ein, solchen tollen Gedanken zu +haben, aber -- hättest du was dagegen, Kamerad, wenn wir hier an Land +blieben und Brotfrucht und Schweinefleisch rösteten, wie Christen, +anstatt hinter den alten, schmierigen Fischen herzufahren, wie ein Trupp +Narren, und für andere Leute, die zu klug sind, selber zu gehen, Brennöl +zu holen? -- Hättest du was dagegen, mir zu helfen einen gescheuten +Gedanken auszuführen, bei dem wir nicht die geringste Gefahr laufen, +wenn wir -- das Maul halten und unser eigenes Geheimniß bewahren +können?« + +»Frag' mich, ob ich lieber Grog trinke, als Salzwasser,« knurrte der +Matrose; »laß die Vorrede und komm zur Sache, wenn du wirklich was hast, +denn der Alte kann alle Augenblicke herunter kommen und pfeifen und dann +müssen wir fort.« + +»Gut, Jonas, ich will keine Umschweife machen,« sagte der Schotte leise, +vorsichtig noch einmal dabei den Blick umherwerfend, »aber schweigen +mußt du können, denn ein Bischen Gefahr ist am Ende doch dabei.« + +»Unsinn, -- ich werde mir nicht selber die Schlinge machen, in die sie +mich hängen wollen,« sagte der Matrose mürrisch über die vielen +Vorreden. + +»Nun, gut denn,« flüsterte der Schotte, »hast du die beiden Wraks +gesehen, die vor Honolulu lagen, wie wir dort waren?« + +»Die Wraks von den zwei Wallfischfängern? -- gleich am Eingang vom +Hafen?« + +»Dieselben.« + +»Ja wohl; und was ist mit denen?« + +»Du weißt, wie sie dorthin gekommen sind.« + +»Es ist Feuer an Bord ausgebrochen, und die Schiffe sind verbrannt.« + +»Und die Mannschaft?« + +»Blieb nachher an Land, bis sie sich auf andere Schiffe verdingte,« +brummte Jonas, »so haben sie's mir da wenigstens erzählt; aber was hat +das mit uns zu thun.« + +»Wirst gleich hören, Kamerad; wer hat die Schiffe angesteckt?« + +»Angesteckt?« + +»Nun ja, glaubst du, daß ein Schiff im Hafen so leicht von selber zu +brennen anfängt?« lachte der Schotte, »nein, wenn du's denn nicht weißt, +will ich dir's sagen; die Leute der beiden Wallfischfänger haben sich +den Gefallen selber gethan, und was in der weiten Welt hindert uns hier, +daß wir nicht dasselbe thun?« + +»Was uns hindert? -- unser Hals,« sagte Jonas kopfschüttelnd, dem die +Idee zu rasch gekommen war, sie sogleich vollständig begreifen zu +können, »weißt du, mein Junge, daß sie uns einfach an die Raanocke[13] +aufhängen, wenn sie uns dabei erwischen?« + +»Wenn sie uns erwischen, ja,« lachte der Schotte, »wer hat denn aber die +erwischt, die die Schiffe in der Bai von Honolulu angesteckt haben, heh? +-- Wer =kann= uns denn nachher überführen, wenn wir unsere Sache nur +einigermaßen klug anfangen. Nein, Jonas, mit einem Schwefelholz haben +wir's in der Gewalt, uns einen Aufenthalt auf diesen Inseln zu sichern, +so lang wie er uns behagt, und ich glaube, unser Alter selber wär' ganz +damit einverstanden, wenn er sich's nur eben dürfte merken lassen.« + +»Aber die Andern?« sagte Jonas, schon halb unschlüssig mit der +verführerischen Aussicht vor sich, dem traurigen Leben an Bord eines +Wallfischfängers auf so leichte Art plötzlich enthoben zu werden. + +»Würden uns auch nicht verrathen,« meinte der Schotte, »brauchen aber +auch gar Nichts davon zu erfahren; Muth haben sie doch nicht genug, +dafür einzustehen, und ein Paar von ihnen trau' ich nicht eine +Schiffslänge aus Sicht; Pfeife besonders, der Hallunke, ist mir ein Dorn +im Auge, und bleiben wir länger hier, spiel' ich dem auch noch einmal +einen Possen.« + +»Und meinst du wirklich?« + +»=Meinen=, Jonas?« rief Mac Kringo unwillig, »was ist da noch zu meinen +dabei? Etwas Einfacheres gibts auf der Welt nicht, und wenn du nur den +zehnten Theil so viel Courage hast, wie ich dir früher zugetraut, so +verlieren wir kein Wort weiter über die Sache, und schlafen morgen Abend +hier in einem Bambushaus am Strand in -- besserer Gesellschaft als dem +dumpfigen Blubberloch von einem Logiskasten. -- Nun, was sagst du, ja +oder nein?« + +»Und wann soll das geschehen?« frug Jonas leise. + +»Sobald wir die Gelegenheit dazu finden; wahrscheinlich heute Abend mit +Dunkelwerden, wenn der Koch sein Schaffen[14] fertig hat. Sie sitzen +dann Alle oben an Deck, die Officiere, die an Bord sind, kriechen auch +nicht draußen herum, und Einer kann unten Alles besorgen, während der +Andere nur oben Wache hält, daß er ein paar Minuten ungestört bleibt; du +magst Wache stehen, ich will selber das Übrige in Ordnung bringen. Bist +du damit zufrieden?« + +»Hol's der Teufel, ja!« sagte Jonas, sich im Voraus bei dem Gedanken an +den Erfolg die Hände reibend, »stecken wir den alten Blubberkasten vor +seinem Anker an. Wetter noch einmal, was der für eine famose Fackel +machen wird!« + +»Aber ruhig und keine Silbe zu --« + +»Unsinn!« brummte Jonas; »werde mich hüten -- wenn wir aber nur unsere +Sachen retten könnten.« + +»Nimm dich in Acht!« warnte ihn der Schotte, »damit hat sich schon +Mancher verrathen; wenns einmal brennt, ja, dann so schnell wie möglich, +und für ein Canoe in der Nähe will ich schon sorgen; aber vorher keine +Hand angerührt. Wenn =die= klug sind, da wollen wir nicht dumm sein.« + +»Gut denn, heute Abend --« + +Ein gellender Pfiff von der Gegend her, in welcher ihr Boot lag, +unterbrach ihr Gespräch, und Mac Kringo dem Andern zuwinkend, daß er +sich wieder dorthin begebe, wo er hergekommen, damit sie nicht zusammen +zum Strand zurückkehrten, lief rasch durch eine kleine Lichtung hin, die +freie Corallenbank weiter oben zu erreichen. + +»Hallo, hier Douglas, Seelöwen und Haifische, wo steckt Ihr?« rief ihm +der Capitain, der in seinem Boot stand und ungeduldig nach ihm +ausgeschaut zu haben schien, schon von Weitem entgegen; »was habt ihr im +Busch zu thun, wenn ihr auf Bootswacht seid? -- Wo ist Jonas?« + +»Ich wollte nur --« + +»Ach, da kommt er; herein mit euch, -- Wetter noch einmal, das faule +Leben hier an Land scheint euch zu behagen; wartet, ich will euch Beine +machen, wenn ich euch wieder draußen in See habe, daß die Glieder +gelenk werden. Auf euere Sitze da vorn -- sind wir flott?« + +»Alles in Ordnung, Sir --« + +»Stoßt ab denn, und legt euch in die Riemen[15], meine Jungen. Ist schon +Holz heut von Land an Bord geschafft?« + +»Nein, Sir!« sagte Jonas, der gleich hinten im Boot vor dem Capitain +saß, während die rasch eingesetzten Riemen das scharfgebaute Boot +pfeilschnell durch den glatten Wasserspiegel trieben; »haben nichts +gesehen.« + +»Schon gut -- macht nichts!« lautete die kurze Antwort, und wenige +Minuten später lief das Boot unter die niederhängende Fallreepstreppe. +Der Capitain sprang an Bord und die Leute wollten damit unter ihre +Krahnen gehn, es wie gewöhnlich aufzuheben, die Ordre aber lautete: es +im Wasser zu lassen, da es wahrscheinlich gleich wieder gebraucht würde. + + +3. + +Einer der Ungeduldigsten an Bord war der erste Harpunier, ein junger, +kräftiger Irländer aus Galvay-Bai und dort erst kurz vor seiner Abreise +verheirathet. Ihm brannte natürlich der Boden unter den Füßen, und er +wollte das Schiff wieder in See haben, Beute zu machen und nach Hause +zurückzukehren. Was half =ihm= das müßige Leben hier an Land. + +Mit diesem hatte der Capitain, als er an Bord zurückkehrte, eine längere +Unterredung, die den Wünschen des jungen Iren auch vollständig +entsprochen haben mußte, denn er kam bald nachher mit fröhlichem Gesicht +gleich hinter dem Capitain an Deck und beorderte seine Bootsmannschaft, +sich fertig zu halten, kurz vor Sonnenuntergang an Land zu rudern, etwas +dort abzuholen. Die vier Matrosen mit dem Bootsteurer, die er +befehligte, waren ebenfalls seine Landsleute, und die Schiffsmannschaft +hatte deshalb das Boot auch das Irische getauft. + +An Bord der »_Lucy Walker_« herrschte indessen rege Geschäftigkeit; ein +paar zum Ausbessern niedergeholte Segel wurden wieder angeschlagen, Taue +gespließt, Pardunen angespannt, das Deck klar gemacht und überhaupt +Manches vorgenommen, das auf einen baldigen Aufbruch schließen ließ. Als +zwei der Leute deshalb, Legs und Pfeife, dem Capitain selber, der mit +raschen Schritten auf seinem Quarterdeck auf- und abging, um kurzen +Urlaub an Land baten, der ihnen, in einzelnen Abtheilungen natürlich, +fast noch gar nicht verweigert worden war, schlug es ihnen dieser rund +ab und schickte sie wieder nach vorn an ihre Arbeit. + +»Siehst du,« flüsterte da der Schotte seinem Kameraden Jonas, mit dem er +oben in den Marsen etwas nachzusehen hatte, zu, »siehst du, mein Junge, +daß ich eine gute Nase habe? Es ist die höchste Zeit für uns, unser +kleines Geschäft in Ordnung zu bringen, denn ich möchte jetzt kein Maul +voll Tabak gegen eine monatliche Löhnung wetten, daß wir nicht morgen +Früh mit Tagesanbruch Anker auf und Segel gesetzt hätten. Der Alte +dahinten zeigt wenigstens den besten Willen, aber wir Beide, denk' ich, +sollen ihm noch einen Strich durch die Rechnung machen. Das wär' ein +schöner Spaß, so auf einmal, ohne nur Abschied von unsern Freunden und +Mädchen am Land zu nehmen, wieder auf und davon und draußen +herumrackern; _nai my bonny child_, hier sind auch noch Leute, die ihre +Stimme dabei abzugeben wünschen, wenn sie auch nur eben den +hundertzwanzigsten Theil bekommen von dem Fang und das Ganze mit ihrem +Schweiß und Mark bezahlen sollen.« + +»Am Ende will er gar noch heut Abend fort,« sagte Jonas leise; »nachher +wären wir aber die Angeführten.« + +»Nein, das nicht,« beruhigte ihn der Schotte; »ich habe gehört, daß er +sich das Irische Boot bestellt hat, gegen Sonnenuntergang mit an Land zu +fahren, und dann kommt er immer vor vier Glasen[16] nicht wieder zurück; +aber auf morgen Früh hat er's abgesehen. Er frug uns ja auch, als wir +von Land zurückkamen, ob sie Holz an Bord gebracht hätten. Bah, so viel +für deine Berechnungen,« -- und er schnalzte höchst selbstzufrieden mit +den Fingern. + +Jonas hatte indessen seine Arbeit oben beendet und mußte hinunter, wohin +ihm der Schotte bald nachher folgte; als sich aber die Sonne mehr und +mehr dem Horizonte näherte, wurde auch das Boot des ersten Harpuniers, +der vorher einen seiner Mannschaft nach oben zum Ausschauen geschickt +hatte, niedergelassen, und Legs, der in den Besahnwanten etwas +auszubessern hatte, sah mit Erstaunen, daß unter einer Matte, auf dem +Boden des Bootes, als sie durch die Einsteigenden zurückgeschoben wurde, +Waffen versteckt waren. Er hatte -- beschwören hätt' er's wollen, -- ein +paar Gewehrläufe darunter vorblitzen sehen? was zum Teufel war da wieder +im Wind? + +Der Koch, die Abendmahlzeit noch vor Dunkelwerden am Deck beenden zu +können, und nicht gezwungen zu sein, in das dumpfige Logis +hinabzusteigen, war indeß in der Cambüse emsig beschäftigt gewesen Thee +zu kochen und Bananen und Brotfrucht zu braten, die mit dem kalten +Fleisch von Mittag her keine üble Schiffskost abgaben. Nachdem er vorher +bei dem jetzt commandirenden zweiten Harpunier die Erlaubniß eingeholt, +rief sein gellender, wohlbekannter Ruf bald darauf die Leute sämmtlich +nach vorn unter die Back, wo auf der Steuerbordseite des Schiffes die +riesige kupferne Theekanne qualmte und der sonst in breiter hölzerner +Mulde präsentirte harte Schiffszwieback jetzt fast vollkommen durch die +nahrhafte, in Scheiben geschnittene und geröstete Brotfrucht verdrängt +war. + +Der Schotte setzte sich auch mit hin auf Deck und schenkte sich seinen +Thee in den breiten, niederen Blechbecher, der den Inhalt einer +gewöhnlichen Theekanne hätte mit Bequemlichkeit fassen können, vermißte +dann aber sein Messer und stieg in den Raum hinunter, wo er es heute +Morgen gebraucht und wahrscheinlich vergessen. Jonas indessen saß noch +nicht und hatte ein kleines Faß mit seiner Wäsche zu der großen Luke +gezogen, nahm die Hemden einzeln heraus, rang sie aus und legte sie auf +das um den Vormast gehende Nagelbret. + +»Komm her, Jonas,« rief ihn Legs an, »hat den ganzen Tag nichts gethan +und jetzt, nun der Thee an Deck steht, fällt's ihm auf einmal ein, daß +er Hemden in der Brüh hat. Die Bananen werden kalt und schmecken nachher +schlecht.« + +»Sie werden nachher gar nicht schmecken,« lachte Pfeife mit seiner +höchsten Stimme, »denn ich glaube wir werden damit eher fertig, wie er +mit seinen Hemden.« + +»Glaub's, wenn man sie euch vorstellte,« brummte Jonas, mit einem halb +verschluckten Fluch; »aber der Koch hat noch mehr.« + +»Hallo!« rief Pfeife aufspringend, »da will ich mir gleich noch eine +holen!« und er kam mit seinem Blechteller zur Cambüse, den Versuch +wenigstens zu machen. + +»Sieh einmal das Wetter, das herauf kommt,« rief ihm hier der Koch zu, +der in der niederen Thür stand und mit dem Arm nach Osten hinüber +deutete; »zum Teufel das sieht schwarz aus, und sollte mich gar nicht +wundern, wenn da eine tüchtige Mütze Wind drein stäke. Jedenfalls gibts +Regen und wir thun besser die Luken zuzulegen; macht, daß ihr mit eurem +Essen da vorn fertig werdet.« + +Der zweite Harpunier hatte indessen mit dem Fernrohr auf dem Quarterdeck +gestanden, und unverwandt nach der niedrig auslaufenden Landspitze +geschaut, hinter der das Boot vorher verschwunden war. + +Mac Kringo stieg in diesem Augenblick die Luke herauf und als der Koch +auch gerade zusprang, nahmen sie die beiden genau passenden und +schließenden Lukendeckel, an den in den gegenüberliegenden Ecken +angebrachten eisernen Ringen und hoben sie in die Falze. + +»Koch!« rief des Harpuniers Stimme in diesem Augenblicke von dem +Quarterdeck aus. + +»Ay, ay, Sir!« + +»Rasch dein Essen wieder fort und in die Cambüse -- _all hands on +deck_[17] -- große und Vormarsraae auf -- rasch mit euch, meine Jungen, +werft die Falle los! -- Nun, was steht ihr da, wie verhagelt? die +Marsraaen auf, und schnell, oder ich mache euch Beine!« + +»Halloh, was ist nun los?« rief aber Legs, der eben einen Teller voll +glücklich erbeuteter heißer Bananen in Sicherheit bringen wollte und +jetzt nicht wußte, wohin damit, »was soll das heißen?« Es blieb ihm aber +nicht lange Zeit zur Besinnung, die Befehle folgten zu rasch +nacheinander, und während unter dem Singen und Schreien der Mannschaft +die schweren Raaen an ihren Ketten in die Höhe klirrten, schob und +schleppte der Koch rasch das Abendbrot der Leute bei Seite und jetzt +vorn in das Logis hinunter, damit er die Sachen nur einmal vor der Hand +aus dem Wege bekäme. + +»An die Winde mit euch, rasch da vorn und ein Bischen lebhaft!« rief +jetzt der Officier, der nach vorn und mitten zwischen die Leute gekommen +war, von denen sich die meisten noch gar nicht von ihrer ersten +Überraschung erholen konnten, denn es fing ihnen jetzt wirklich an klar +zu werden, daß sie ohne Weiteres in See hinaus und die Insel verlassen +sollten; »munter, meine Jungen, munter!« rief der Harpunier, dabei auf +die Back springend, die Leute besser übersehen zu können, »her mit +eurem Pumpgeschirr, und nun laßt uns einmal sehn, wie rasch ihr den +Anker herauf bekommen könnt. Wetter, Jungen, es sind nur fünfundzwanzig +Faden Kette aus, mit denen müßt ihr ja nur so weglaufen können.« + +»Den Teufel, Douglas!« flüsterte Jonas, in Todesangst an den Schotten +hintretend, diesem in's Ohr, »hast du's gethan? -- und jetzt sollen wir +in See, das wäre eine schöne Geschichte.« + +»Hallo, da ihr Beiden!« rief in diesem Augenblick, und ehe noch der +Schotte etwas erwidern konnte, der Officier, dessen Adlerblick die +beiden Müßiggänger dort schon entdeckt hatte. »Hier Douglas -- herauf +mit dir, mein Mann, und löse das große Marssegel, und du, Jonas, auf die +Vormarsraae; marsch mit euch, und nachher die Bramsegel auch frei, und +du Bill, hinaus mit dir, und mach den großen Clüver los. Auf mit dem +Anker, auf meine Jungen! -- _Oh joli men hoy!_« + +Widerspruch gegen die gegebenen Befehle war nicht möglich, obgleich fast +alle Matrosen erstaunt mit den Köpfen schüttelten und sich diese bald +abdrehten, um zu sehen, ob ihr Capitain noch nicht bald an Bord käme, +ohne den sie doch unmöglich in See gehen konnten. Einmal war es fast, +als ob Mac Kringo zögere, und er machte sogar eine Bewegung nach dem +Harpunier zu, aber er besann sich in demselben Momente, als dieser ihm +ein paar Kernflüche über seine Säumigkeit entgegendonnerte, und lief +jetzt rasch die Wanten hinauf nach oben, den gegebenen Befehl zu +erfüllen und die Segel zu lösen, die sie vielleicht bald Alle dem +Verderben entgegenführen würden. Gestehen =durfte= er ja nicht was er +gethan, er wäre gebrandmarkt gewesen auf Lebenszeit, wenn man ihm +wirklich das Leben geschenkt hätte, und die Kameraden -- + +»Ei, zum Teufel!« zischte er dabei zwischen den zusammengebissenen +Zähnen durch; »kröche ich jetzt zu Kreuz, die Schufte ließen keinen +guten Faden an mir, so lang sie mich hätten. Ich hab's nicht +meinethalben allein gethan, so mögen's die Anderen auch mit ausbaden.« + +Die Ankerkette rasselte indessen, mit den raschen Schlägen des eisernen +Pumpgeschirrs, schnell an Deck, der Anker hing schon und das Schiff +trieb mit der ausgehenden Ebbe der Mündung der Bai zu. + +»Boot ahoy!« rief da Einer der Leute an der Winde aus, der eben über die +Monkeyrailing das rasch anrudernde Boot erkennen konnte, und der +Harpunier drehte sich, das Teleskop, das er noch in der Hand hielt, +darauf richtend, schnell danach um. + +»Flink, meine Jungen, flink!« rief er dabei; »hier hat's Eile -- Larbord +Seite da, Einer von euch, werft die Brassen los -- Koch! rasch dahinten, +die Brassen von den Nägeln -- Starbordseite große und Fockbrassen -- +_belay that anchor_[18] -- so, genug! -- Marsbrassen -- so, genug! und +nun die Bramsegelschoten aus -- so, genug! So, nun auf mit dem Anker, +unter die Klüsen mit ihm, so rasch ihr laufen könnt. -- _Oh, joly men +hoy!_« + +Der Schotte, der die Bramsegel gelöst hatte, kam jetzt rasch an den +Wanten herunter, als ihn der Harpunier sah. + +»Hallo, da oben, Sir -- da du einmal gerade unterwegs bist, wirf den +Royal[19] los -- heda -- hast du's gehört, Bursche? hinauf mit dir, oder +ich werde dir Beine machen. Wenn ich keinen von den Jungen gleich bei +der Hand habe, wird es deinen faulen Knochen wohl auch nichts schaden, +einmal nach oben zu gehen. -- Alle Wetter, da sind sie -- das war Zeit, +daß wir fortkommen,« unterbrach er sich rasch, als plötzlich eine +förmliche kleine Flotte von Canoes um die Landspitze bog. Die +Aufmerksamkeit der Leute wurde aber rasch von dieser ab an Bord ihres +eigenen Schiffes gelenkt, wo jetzt das vom Land zurückkehrende Boot, um +das sie sich bis daher gar nicht hatten kümmern können, langseit legte, +und im nächsten Augenblick, seinen Leuten voran, Capitain Silwitch an +Bord sprang. + + +4. + +Toanonga hatte an dem Nachmittag noch recht herzlich über den wilden, +tollköpfigen Pagalangi gelacht, der da, aus irgend einem Land +hergeregnet, gleich geglaubt, er könne so ohne weiteres die Tochter +eines ersten Häuptlings, aus dem Blut der Hau's oder ersten Könige auf +seine Arme packen und in die weite See damit hinein fahren, wohin es ihm +gerade beliebe. + +»Guter Bursch,« sagt er dabei auf seine gemüthliche Weise hin, »sehr +guter Bursch; hat mir die ganze Tasche voll Sachen gebracht, und blieb' +er hier bei uns, und _Tai manavachi_ wäre nicht da, und Hua wollte ihn +-- und er hätte noch mehr solche Sachen, und brächte alles Das, was er +versprochen, wer weiß, ob nicht dann der Pagalangi und Hua doch Mann +und Frau geworden wären.« + +Der alte Häuptling, still vor sich hinschmunzelnd, erging sich noch in +einer Menge anderer Möglichkeiten, indeß er sich zugleich auf sehr +angenehme Weise mit dem Sortiren der verschiedenen Arten Knöpfe und +Nägel beschäftigte, als ein Bote, einer seiner jungen Leute, von einem +anderen Theil der Küste herüberkam und die Ankunft vieler Kriegscanoes, +wahrscheinlich den jungen Häuptling _Tai manavachi_ führend, meldete, +der jetzt komme, seine Braut heimzuführen. »Kommt gerade recht,« +murmelte der alte Mann zufrieden vor sich hin; »tollköpfiger Pagalangi +hätte am Ende noch dumme Streiche gemacht, und Hua ist nirgends besser +aufgehoben, wie bei ihrem Mann -- aber was ist das?« unterbrach er sich +dann selbst, als ein Boot von dem draußen in der Bai liegenden Schiff ab +nach der nächsten Landspitze, wo gar keine Wohnungen lagen, hinüber +hielt. »Was wollen die Fremden da drüben, wo Hua nur Abends mit ihren +Frauen hinübergeht? -- Hm, hm, hm, wird sie noch einmal sprechen und +fragen und gewinnen wollen -- ja, zu spät, _cowtangata_, zu spät -- wenn +sie dich möchte, hätte sie lange Ja gesagt.« + +Eine Zeitlang blieb er so sinnend stehen und schien gewissermaßen zu +erwarten, daß das Boot, wie jedes anderemal nach seinem gewöhnlichen und +ihm eigentlich auch vorgezeichneten Landungsplatz herüber halte, von wo +der Capitain des Wallfischfängers dann gewöhnlich allein nach der andern +kleinen Bai hinüber gegangen war. Da das aber heute Abend +augenscheinlich nicht in der Absicht der Fremden lag, und Toanonga sich +dadurch gewissermaßen, er wußte selber eigentlich nicht recht warum, +beunruhigt fühlte, beschloß er selber dort hinüber zu gehen, und zu +gleicher Zeit seiner Tochter die Ankunft ihres Bräutigams zu melden. + +Mit einiger Beschwerde erhob er sich von seiner Matte, auf der er vorher +jedoch sorgfältig seine Schätze in ein Stück braungefärbtes und +gedrucktes Gnatu[20] eingeschlagen hatte, die er nun vor allen Dingen in +seiner Hütte in Sicherheit brachte. Dann winkte er den beiden Burschen, +ihm zu folgen, und mit diesen langsam ein kleines Dickicht von +Fruchtbäumen durchschreitend, das den Hang des Hügels nach dieser Seite +zu bedeckte, stieg er die leise Abdachung hinan, die von ihrem Gipfel +aus einen Überblick nach der Nachbarbai, mit ihrem stillen Wasser und +wehenden Palmen gewährte. + +Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen sich zu +baden und auf der klaren Fluth, über den aufzweigenden Corallen hin in +ihrem Canoe zu schaukeln. Silwitch hatte ihr da oft Gesellschaft +geleistet und selige Stunden mit ihr verträumt, während das Mädchen mit +ihm plauderte und lachte, ihm die Legenden und Märchen ihres Volkes +erzählte und ihn neckte und seiner spottete, ihm aber nie eine Freiheit +gegen sich selber gestattete. Nie durfte er auch nur den Arm um sie +legen, oder sie gar küssen, und zehnmal war er in bitterem, verzehrendem +Unmuth fest entschlossen gewesen, nie wiederzukehren und die gefährliche +Nähe der so schönen wie spröden Maid auf immer zu fliehen, aber das +herzliche, lächelnde »_chio do fa[21]!_« mit dem sie ihm beim Abschied +jedesmal die Hand unaufgefordert reichte, zwang ihn auch wieder zurück +in ihre Nähe, bis er zuletzt nicht einmal mehr den Gedanken fassen +konnte, sie zu fliehen. + +Auch heute hatte sie sich, noch nicht von der Ankunft des Geliebten +benachrichtigt, hierher zurückgezogen, und sein Canoe mußte auch in der +That diese Bai passiren, wenn er Toanonga's Wohnort erreichen wollte, da +auf der andern Seite der Insel ein breiter Corallendamm das Umschiffen +derselben im Binnenwasser unmöglich machte. Die Mädchen saßen zusammen +im Schatten eines breitästigen Toabaumes, dem einzigen auf dem kleinen, +hier absichtlich von Unterholz befreiten Raum, ihr Haar mit +wohlriechendem Cocosnußöl zu salben, als das Wallfischboot des Fremden +um die Spitze der Bai schoß und die Mädchen erschreckt aufspringen +machte; nur Hua blieb ruhig sitzen und sagte lachend: + +»Was fürchtet ihr euch, tolle Dirnen, habt ihr den Pagalangi noch nie +gesehen mit seinem Boot, und sieht er zu windwärts von der Landspitze da +draußen anders aus als zu leewärts? Er wird uns sein Lebewohl sagen +wollen, denn die fremden Männer sind alle auf das Schiff zurückgefahren, +und den ganzen Tag schon in den Seilen herumgeklettert. Er hat unsere +besten Wünsche für sein Wohl -- wir =fürchten= ihn nicht!« + +»Aber was suchen die Fremden =hier=?« rief eines der Mädchen, schüchtern +zu ihrem Sitz zurückkehrend; »komm, Hua, wir wollen in den Wald gehen, +bis sie vorbeigerudert sind -- siehst du, sie wollen landen.« + +»Laß sie, Mädchen,« sagte des Häuptlings Tochter verächtlich; »wenn wir +sie hier nicht länger dulden wollen, schickt sie Hua wieder in See.« + +»_Chio do fa, Hua, chio do fa!_« rief in dem Augenblick die lachende +Stimme des jungen Capitains zu ihnen herüber; »wartest du hier auf mich, +Maid, zur rechten Stunde? ich komme, ich komme.« + +»Nicht auf dich, Pagalangi,« sagte das Mädchen ruhig, sich halb von ihm +abwendend; »dieser Platz ist mein Eigenthum, und wer ihn betritt, kommt +zu =mir=.« + +»Und sollen wir hier unser Haus bauen in späterer Zeit?« flüsterte der +junge Mann, näher zu ihr hintretend und die Hand ausstreckend, die +ihrige zu ergreifen. + +»Wir?« wiederholte die Jungfrau erstaunt. + +»Zögert nicht länger wie nöthig ist, _Captain dear_!« rief aber in +diesem Augenblick der Mate oder Harpunier warnend, »ich habe da oben auf +dem Hügel eine Gestalt gesehen und die Canoes, die wir von Deck aus +sahen, könnten auch bald hier sein, wenn sie beabsichtigt hätten, hier +herzulaufen.« + +»Es ist wahr, George,« rief der Capitain zurück, »ich habe überdies +schon zuviel Zeit verloren,« und sich rasch zu der Geliebten drehend, +sagte er schmeichelnd: + +»Komm mit mir, Hua -- da draußen liegt mein Schiff, in wenigen Minuten +setzen wir die Segel und frisch und fröhlich ziehen wir hinaus in die +freie, offene See -- meine Seele hängt an dir, Mädchen, und ich kann +nicht ohne dich leben.« + +»Zurück, Pagalangi,« rief aber Hua, zum erstenmal vielleicht erschreckt, +als er dreister auf sie zutrat und seinen Arm um sie zu legen suchte; +»zurück, _taima tangata_ -- eines Häuptlings Tochter ist für dich zu +gut; such' dir ein Weib unter den Dirnen des Landes.« + +»Meinest du, Herz?« rief der junge Mann jetzt, dem Zorn und beleidigte +Eitelkeit das Blut in die Wangen jagte, »dann will ich doch sehen, ob du +an Bord dieselbe Sprache hast!« und mit raschem Sprung die Sträubende +umfassend, ehe sie selbst im Stande war um Hilfe zu rufen, hob er sie +vom Boden auf, und floh mit ihr dem vielleicht hundert Schritte davon +entfernten Boote zu. + +»Hilfe! Hilfe!« schrie jetzt das arme Mädchen, die erst in dem Entsetzen +der Gefahr, als sie das Boot vor sich sah und ihr Schicksal ahnte, die +Sprache wieder fand. »Hilfe, Toanonga, zu Hilfe -- zu Hilfe deinem +Kinde!« + +»Sie hören dich nicht, Liebchen,« lachte aber der junge kecke Seemann, +seine süße Last nur schneller dem Ziele zuführend; »dein Ruf dringt zu +spät an ihr Ohr.« + +»Habt Acht, Capitain!« rief aber in dem Augenblick der Harpunier, der +mit dem Steuerriemen in der Hand hinten im Boot gestanden, den Befehl +zum Abstoßen zu geben, so rasch ihre Beute geborgen sei, und der jetzt +zwei junge Burschen aus den nächsten Büschen herausbrechen und dem +Mädchenräuber folgen sah; »habt Acht, sie sind hinter euch!« Silwitch +hatte aber, an keine Verfolgung denkend, nur Auge und Ohr für sein +erobertes Glück, und der junge, riesige Ire, die Gefahr von dem Haupt +des Capitains abzuwenden, flog unbewaffnet wie er war, mit einem Satz so +nahe er konnte, an Land, in die klare und hier seichte Fluth hinein, +unbekümmert, ob sie hier einem ungleichen Kampf entgegengingen, warfen +sich auch die beiden jungen Indianer auf den Capitain, ihres Häuptlings +Tochter aus seinem Griff zu retten. Der Ire aber zwischen den Capitain +und seine Verfolger springend, ergriff den ersten beim Arm und +schleuderte ihn wie ein Kind zur Seite, während er den Zweiten, +stärkeren der einen Schlag nach ihm führen wollte, mit sicher gezieltem +und geübtem Stoß so derb zwischen die Augen traf, daß er betäubt und +regungslos zu Boden schlug. + +»Nun fort!« rief er jetzt und stieß, in das Wasser springend, das Boot, +in das der Capitain seine Beute schon hineingehoben, ab von den +Corallen, und sich nachschwingend, während zwei der Leute das Mädchen +hielten, und die andern den Capitain zu sich herein zogen, setzte er +rasch und dringend hinzu: »an eure Riemen, meine Bursche, an eure +Riemen, für euer Leben, denn beim Teufel, dort kommt die ganze +Canoeflotte hinter der Landspitze vor -- an eure Plätze und vorwärts! +der Capitain wird die Dirne schon festhalten und du, Patrick, kannst ihr +indessen ein wenig die Füße zusammenbinden, daß sie nicht doch noch über +Bord springt; erst aber ein Tuch über den Mund, daß sie das verdammte +Schreien läßt. Und nun ein mit euren Rudern, und brecht sie, wenn ihr +könnt!« + +Das elastische Holz bog sich unter den kräftigen Zügen der, ein +jubelndes Hurrah ausstoßenden Matrosen, denn die kecke Entführung hatte +ihre ganze Sympathie, und das scharfgebaute Boot schoß schäumend durch +die Wellen, dem nicht so gar weit davon ankernden Schiff zu. Die +Fahrzeuge der Eingebornen dagegen, sieben vollbemannte und wunderlich +geschmückte Kriegscanoes, die allerdings noch zu weit entfernt waren, +den Hilferuf zu hören, konnten doch schon auf dem Corallensand des +Strandes die hin und her laufenden dunklen Gestalten erkennen. Wenn sie +deshalb auch vielleicht anfänglich die Absicht gehabt hätten, näher am +Land zu bleiben, wo die ihnen hier günstige Strömung auch die stärkste +war, so schien das fremde Boot diesen Plan geändert zu haben. Sie +hielten nun vor allen Dingen gerade auf die ziemlich in ihrem Cours, +aber ihnen gegenüber liegende Landspitze zu, wo sie die dunkle Gestalt +eines Eingebornen entdecken konnten, von welcher sie jedenfalls Auskunft +über das etwas verdächtige Benehmen des Bootes zu erhalten hofften. + +Die Gestalt am Ufer war aber Niemand anderer als Toanonga selber, und +nach einigen rasch gewechselten Worten mit dem ersten, festlich +geschmückten, aber mit wohl zwanzig Kriegern bemannten stattlichen Canoe +gab dieser den ihm folgenden Fahrzeugen durch schrill gerufene Laute +irgend einen Befehl, und quer hinüber schneidend über die Bai, wo ihnen +jetzt das die Segel setzende Schiff der Pagalangis in Sicht kam, suchten +sie augenscheinlich diesem die Bahn abzugewinnen. + +»Anker klar, da vorn!« rief die helle, fröhliche Stimme des Capitains +über Deck, als er kaum die Wanten seines Fahrzeugs erfaßte und die +Railing übersprungen hatte. + +»Alles klar, Sir!« lautete der bestimmte Ruf des Harpuniers zurück. + +»Her zu mir denn, mein Herz!« jubelte er, als er die Arme ausstreckte, +das ihm heraufgereichte und sich wild sträubende Mädchen in Empfang zu +nehmen; »her zu mir, mein Herz, und nun hab' ich und halt' ich dich, und +_Tai manavachi_ muß rasche Canoes und tapfere Krieger haben, wenn er +dich wiederholen und aus meinen Armen reißen will.« + +»Bind mich los, _tangata foi_!« rief aber das schöne Mädchen, als ihr +das Tuch abgenommen war, das bis dahin ihren Mund bedeckt, in wildem +Zorn: bind' mich los und »[**gehört vor "bind'"!]gib mich frei, falscher, +verrätherischer Pagalangi, der du, wie der Dieb in der Nacht, dich in +meines Vaters Haus geschlichen. Hotuas Fluch über dich und dein Schiff! +Bind' mich los!« + +»Daß du mir über Bord sprängst und den ganzen Spaß verdürbest,« lachte +der junge Mann. »Nein Herz, du bist jetzt vielleicht bös auf mich, aber +das wird sich schon geben; ich bin nicht so schlimm, wie du mich machst, +und wir werden hoffentlich noch recht gute Freunde werden. Jetzt aber, +wildes Täubchen, muß ich dich auf kurze Zeit hinunter und aus dem Weg +tragen,« setzte er rasch hinzu, als ihn ein Blick überzeugt hatte, wie +die Canoes einen näheren, ihnen wohl genau bekannten Canal durch die +Riffe annahmen, den Lauf des Schiffes abzuschneiden, das die breite +Ausfahrt halten mußte. Wenn er auch ihren Angriff nicht zu fürchten +brauchte, denn selbst vor Anker hätte er sich die Canoes abhalten +können, wollte er doch, so lange das anging, jedes Blutvergießen, wie +jede weitere Feindseligkeit vermeiden. So denn die geraubte Braut, die +sich vergebens seinem Griff zu entwinden suchte, in die Arme fassend, +trug er sie in die Cajüte hinunter, deren Thüre er rasch hinter ihr +abschloß. + +Keine Zeit war es jetzt für ihn, die Zürnende zu besänftigen, das Schiff +trieb mit dem schäumenden Corallendamme mehr und mehr entgegen, und +näher und näher kamen die Canoes dem Feinde. + +Die Commando's am Bord den Steuernden zuzurufen, erforderten jetzt die +ganze Aufmerksamkeit der Mannschaft, die an den Brassen, jeder an seinem +Posten, stand, etwa gegebene Befehle zu anderer Stellung der Segel so +rasch als möglich auszuführen, während der Capitain selber vorn von der +Back aus, durch zwischen ihm und dem Steuernden aufgestellte +Harpuniere, den Lauf des Fahrzeugs mit seiner Stimme lenkte. Die »_Lucy +Walker_« war übrigens ein treffliches Seeboot und gehorchte dem Steuer +rasch; so umschifften sie denn auch, mit der jetzt immer frischer +einsetzenden Brise, die so scharf von Osten herüberkam, daß sie in eine +Bö auszuarten drohte, die gefährlichen Klippen, die ihnen rechts und +links schäumende Brandungswellen herüberrollten und jetzt, von keiner +Gefahr weiter bedroht, und gerade, als die Sonne in dem noch klaren +Westen verschwand und die von gegenüber aufsteigenden Wetterwolken mit +ihrem rosigsten Lichte übergoß, breitete sich die freie, offene See vor +ihnen aus. + +»Freie Bahn!« rief da der junge Capitain in lustigstem Übermuth, seinen +Hut gegen die noch immer unverdrossen heranschäumenden Canoes +schwenkend, indeß der Bug seines eigenen Fahrzeugs, die Segel von der +frisch und stark aufkommenden Brise gebläht, durch die krystallene Fluth +schoß und die klaren Wellen zu beiden Borden spritzend abwarf. -- »Freie +Bahn! und nun auf Wiedersehn, vielleicht für nächstes Jahr. Armer _Tai +manavachi_!« setzte er dann lächelnd hinzu, als er noch einen Blick auf +die Canoes warf, ehe er von der Back hinunter sprang, »wenn du wirklich +da drin bist, thust du mir wahrhaftig leid, so, nur wenige Minuten, die +Zeit, versäumt zu haben. Hättest du nicht so lange Siesta gehalten, +vielleicht läge die Braut jetzt in deinen Armen, statt in meiner Cajüte. +Zu spät nun deine Anstrengungen, mein Tapferer, zieh deine Ruder ein, +tollköpfiger Bursch, oder das Wetter da drüben schneidet dir auch zum +Land zurück die Straße ab? + +Nun, meinetwegen,« setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, währenddem +er zu seinem Erstaunen sah, wie die Canoes wirklich die Passage in +offener See forcirten und dem drohenden Himmel und der trostlosen +Aussicht auf Erfolg zum Trotz die Verfolgung noch nicht aufgegeben zu +haben schienen, »wenn ihr's nicht besser haben wollt, so kann mir's +recht sein; Nebenbuhler sind überdies gefährliche Gesellen,« und an Deck +hinunterspringend und die jetzt zurückbleibenden Canoes keines Blickes +weiter würdigend, ging er wieder nach aft (hinten), dort die nöthigen +Befehle zu geben, einen Theil der Segel wieder zu bergen und für ein +doch mögliches Unwetter, das in diesen Breiten oft einen furchtbaren +Charakter annehmen kann, wenigstens vorbereitet zu sein. + +Die »_Lucy Walker_« ließ die Insel, jetzt vor dem Wind laufend, rasch +hinter sich, und vor ihnen war an dem, im Abendschein klar +abgeschnittenen Horizont kein Land mehr sichtbar. + + +5. + +»Zum Teufel noch einmal, Legs,« sagte Pfeife mit seiner feinen, +quitschigen Stimme, als die eine Wacht ins Logis beordert war, rasch ihr +Abendbrot einzunehmen, um an Deck bereit zu sein, wenn das Wetter die +ganze Mannschaft oben verlangte, indem er an seinen indessen kalt +gewordenen Bananen kaute, »das riecht mir schon seit einer Weile so +verdammt brandig hier unten -- hast du noch Nichts gemerkt?« + +»Mir ist's auch schon so vorgekommen,« rief der Schotte jetzt rasch, der +in tödlicher Ungeduld wie auf Kohlen gestanden und nur nicht gewagt +hatte, selber das erste Wort darüber zu sagen. Wäre er sich seines +Verbrechens nicht bewußt gewesen, würde er gar nicht daran gedacht +haben, in der ersten Entdeckung ein Zeichen zur Anklage zu finden; »weiß +der Henker, wo's herkommt, aber es riecht versengt und wir lassen Spunt +lieber einmal nachsehen.« + +»Wo?« frug =Spunt=, wie der Böttcher auf Wallfischfängern gewöhnlich +genannt wird. + +»Nun, hier unten in den Ecken, oder wenn da nichts ist, unter Deck,« +sagte Douglas ausweichend. + +»Na, hier werdet Ihr doch wohl auch selber die Nasen in die unteren +Koyen bringen können,« knurrte der Böttcher, der eben an einer höchst +wohlschmeckenden Schweinsrippe kaute, »Spunt -- immer nur Spunt; Spunt +muß bei Allem dabei sein und damit seid Ihr gleich fertig.« + +»Alle an Deck!« schrie da die gellende Stimme des Harpuniers, der +zugleich mit einer aufgegriffenen Handspake auf die Logisluke schlug, +seinen Worten größeren Nachdruck zu geben; »Alle an Deck da unten und +reefen[22], herauf mit Euch, herauf!« + +»Mr. Mate!« rief der Schotte jetzt, der zuerst die kleine schmale Leiter +heraufsprang, während Legs und Pfeife indessen noch überall in den Ecken +herumvisitirten und rochen, dem unverkennbar brandigen Duft auf die Spur +zu kommen, »da unten --« + +»Reefen!« schrie ihn aber der Harpunier an, nicht gewohnt, irgend eine +Einrede zu gestatten; »Reefen, hast du's gehört, tauber Schotte? -- nach +oben, wohin du gehörst, oder ich =bring= dich hinauf mein Bursche!« + +»Da unten riechts --« + +»Will er das Maul halten und gehorchen, wenn ich ihm etwas sage?« rief +aber der rauhe Geselle, die hingeworfene Handspeiche in zorniger +Drohung wieder aufgreifend. + +»=Feuer= ist irgendwo unten!« knurrte aber der Schotte fest +entschlossen, sich diesmal nicht einschüchtern zu lassen und das +Hauptwort gleich vorrückend, den Officier über die Wichtigkeit der +Einrede nicht in Zweifel zu lassen; »es riecht brandig und muß irgendwo +brennen, und wenn =ihr's= wollt brennen lassen, kann's mir recht sein.« +Und damit, als ob er Alles gethan, was von ihm konnte verlangt werden, +sprang er auf die Railing und lief, die Wanten fassend, an diesen +hinauf, den gegebenen Befehl auszuführen. + +»Wo brennt's?« rief der Harpunier aber rasch, die Handspake +niederwerfend, dem jetzt ebenfalls heraufkommenden Pfeife an; »was ist +da wieder los? -- was habt ihr da unten wieder angerichtet?« + +»Wir?« schrie Pfeife, den Officier erstaunt ansehend; »angerichtet? +Unser angerichtetes Essen haben wir unten stehen lassen, um schnell +herauf zu kommen.« + +»Der schottische Dickkopf da oben sprach von Feuer,« rief der Harpunier +nach oben sehend; »na, komm du mir nur wieder herunter!« + +»Ja, brandig riecht's unten,« betätigte dies aber ebenfalls der Matrose, +»und Spunt hat's jetzt auch herausbekommen und schniffelt in allen Koyen +herum.« + +»Er soll nachher einmal unter Deck nachsehn,« sagte der Harpunier; +»jetzt rasch nach oben, _boys_, legt euch aus, daß wir die Segel klein +bekommen,« und zu dem Clüverfall springend, warf er dieses selbst los, +daß der schwere, lange Clüver in seinem Stag niederschnurrte, nachher +bei mehr Muße auf dem Clüverbaum festgeschnürt zu werden. + +Bis jetzt wehte nur noch erst eine steife Brise, die aber, wie schon +gesagt, leicht in einem Sturm ausarten konnte, und Capitain Silwitch +wollte sein Schiff keiner unnöthigen Gefahr aussetzen. Durch die +dichtgereeften Segel wurde aber auch ein Fortgang gehemmt, und wenn sie +auch noch rasch genug durchs Wasser liefen, die ihnen trotzdem +hartnäckig folgenden Canoes, behielten sie doch, so lange nämlich die +jetzt rasch einsetzende Nacht nicht ihren Schleier über das schäumende +Meer warf, deutlich von Deck aus in Sicht. + +Der Harpunier hatte indessen über dem ihm gemeldeten brandigen Geruch +die seine ganze Thätigkeit in Anspruch nehmende Beschäftigung des +Segelreefens vergessen, und Capitain Silwitch, der bis dahin an Deck +geblieben war, das aufsteigende Wetter und dessen Stärke abzuwarten, +wollte sich eben vor einem, in diesem Augenblick beginnenden tüchtigen +Schauer froh vielleicht, einen Vorwand zu haben -- in die Cajüte +hinabziehn, als Spunt nach dem Quarterdeck hinter kam und mit +abgezogener Mütze seinem Officier meldete, der Feuergeruch würde +stärker, und es wäre nöthig, daß sie unten nachsähen. + +»Was gibt's?« rief Capitain Silwitch, schon auf der Cajütstreppe und +noch mit dem Kopf über die Seitenrailing derselben schauend; »was will +der Mann, Sir?« + +»Die Leute wollen vorn einen brandigen Geruch bemerkt haben,« rapporte +der Harpunier, »Spunt mag wohl einmal nach unten gehen und nachsehen?« + +»Einen brandigen Geruch? -- wo?« rief der Capitain, rasch wieder an Deck +springend, denn mit Feuer an Bord eines Schiffes ist nicht zu spaßen. +»_Damn it_, mir ist's auch schon vorher einmal so vorgekommen. Reißt +die Luken auf, Böttcher, rasch, und seht nach; das hättet Ihr schon +lange thun können.« + +Der Böttcher ging schnell zurück, von wo er gekommen, den Befehl +auszuführen, als ihm auch schon der Ruf von mehreren Stimmen »Feuer! +Feuer!« entgegen schallte, unter dem Luckendeckel hervor hatte Lemon, +von oben herunter kommend, den feinen blauen Rauch herausquellen sehen, +und als er zusprang, mit Spunt zusammen die eine Hälfte des Deckels +abzuheben, schlug ihnen der dicke, schwere Qualm in furchtbarer +Wirklichkeit entgegen. + +»Feuer!« gellte der Angstschrei der Leute über Deck, »Feuer! Boote +nieder -- Boote in See -- wir sind verloren!« + +»Teufel!« schrie der Capitain, in grimmer Wuth das Deck stampfend; +»Teufel -- und gerade jetzt; so, hinunter Einer von euch, und seht, ob +noch zu löschen ist -- heda, Böttcher -- Zimmermann!« + +Die Leute schienen aber alle den Kopf dermaßen verloren zu haben, daß +sie gar nicht wußten, wo angreifen, wo helfen, und nur der Schotte, dem +laut lamentirenden Jonas einen Stoß in die Rippen gebend, sprang zum +Rand der Luke, und suchte, mit den Füßen unten nach den Einschnitten an +der mittleren Stütze fühlend, in den Rauch hinein seine Bahn. Aber auch +er mußte es aufgeben, und den einen Arm emporwerfend, streckte er +diesen, schon halb betäubt von dem Rauch, nach Hilfe aus, und wurde +rasch wieder an Deck gezogen, während der Capitain und Harpunier jetzt +den Luckendeckel wieder zuwarfen, das Feuer, vielleicht in dem +furchtbaren selbsterzeugten Qualm zu ersticken. + +Was da unten brannte, und wie das Feuer ausgekommen, war etwas, dem sie +jetzt auch nicht einmal eine Vermuthung gönnen konnten. + +»Wasser und Provisionen herbei!« rief die Stentorstimme des Capitains +über Deck durch den Lärm; »jede Bootsmannschaft ihr Boot so schnell als +möglich verproviantirt und an Lanzen noch hinein was ihr habt. -- Hier +Mr. Fergusen,« wandte er sich dann rasch an den ersten Harpunier, »sie +besorgen die Instrumente in ihr Boot, Sextant, Compaß und Chronometer -- +haben sie nach dem Barometer gesehen, wie er steht?« + +»Er ist wieder gestiegen.« + +»Desto besser, ein Sturm jetzt und wir wären verloren.« + +»Und glauben Sie nicht, daß wir das Schiff noch retten können?« frug der +Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton. + +»=Wie?=« entgegnete der Capitain eintönig, »ich begreife nicht, daß es so +lange unentdeckt bleiben konnte -- früher wäre Hilfe vielleicht möglich +gewesen, was sollen wir =jetzt= thun?« + +»Wenn man nur wenigstens wüßte, =was= brennt,« sagte der Harpunier. + +»Das Schlimmste, was brennen kann,« erwiederte der Capitain, der seine +Kaltblütigkeit wieder gewonnen, »das Öl, haben sie das nicht an dem +Qualm gesehen?« + +»Dann sind wir verloren!« rief der Harpunier. + +»Wir? -- das Schiff. -- Mit den Booten können wir leicht eine andere +Insel erreichen.« + +»Aber die Canoes hinter uns, -- hätten wir nur die verdammte Dirne an +Land gelassen.« + +»Teufel, an die Canoes hätt' ich gar nicht mehr gedacht.« + +»Wenn wir jetzt unsern Cours änderten,« rief der Harpunier rasch, »es +ist dunkel und in kurzer Zeit --« + +»Wird die Flamme lichterloh hier am Deck emporleuchten -- unsere einzige +Hoffnung ist, ihnen vorher mit den Booten aus dem Wege zu kommen. So, +rasch hinein -- mit dem Seitenwind laufen wir dann ein Stück nach Norden +hinauf und sind morgen Früh hoffentlich, wenn die Sonne aufgeht, aus +Sicht.« + +Die Mannschaft hatte indessen in wilder Hast Alles herbeigeschleppt, was +an Provisionen aus der ihnen geöffneten und von dem Feuer noch nicht +angegriffenen Proviantkammer zu erreichen war. Die kleinen, überdies +immer bereiteten Wasserfässer für jedes Boot waren gefüllt und standen +am Deck, jeden Augenblick hinuntergelassen zu werden, da man die oben in +der Schwebe hängenden Boote, Unglück zu verhüten, nicht so schwer +beladen durfte, ehe sie auf dem Wasser ruhten. + +Der zweite Harpunier war indeß beordert, Munition und Gewehre aus der +vordern Cajüte herbeizuschaffen, die Leute zu bewaffnen, und Capitain +Silwitch sprang jetzt selber in seine Cajüte hinunter, die Gefangene +herauf zu holen, ehe sich das Feuer dorthinein etwa die Bahn gebrochen +hätte. + +Vor allen Dingen seine Papiere und Geld zu sich steckend, für alle Fälle +gerüstet zu sein, trat er zu Hua, die noch gebunden und regungslos in +dem Sopha lehnte, auf das er sie gelegt. + +»Mädchen, herauf mit dir!« rief er ihr zu, nach ihren Armen fühlend, +ihre Banden zu lösen. »Das Schiff brennt und wir müssen flüchten.« + +»Hotuas Fluch hat dich getroffen,« lachte aber die Jungfrau zornig auf, +»seiner Rache bist du verfallen. Schon seit ich in deiner Macht bin, +hab' ich den grimmen Feind gewittert, der in den Eingeweiden deines +Schiffes wühlt -- er ist von Minute zu Minute mächtiger geworden und da +drinnen kannst du das fröhliche Knistern hören, wie er sich die Bahn +gräbt ins Freie. Du bist verloren und der Sturm draußen läßt dir die +Wahl jetzt zwischen Feuer und Wasser -- zu verderben, wohin du dich +wendest.« + +»Noch nicht, mein Herz,« lachte aber der Seemann in fester, trotziger +Entschlossenheit, »so lange jene Canoes draußen in solchem Wetter leben +können, brauchen wir auch in einem tüchtigen, regelrechten Boot nicht +viel zu fürchten.« + +»Canoes? -- was für Canoes?« frug Hua rasch aufhorchend. + +»Es ist gut, mein Schatz,« sagte der Seemann ausweichend, den das Wort +schon gereute, das er gesprochen; »euere Fischercanoes mein' ich. Und +nun komm!« und ihre Banden mit einem Messer durchschneidend, führte er +das Mädchen, die ihm jetzt willig folgte, an Deck hinauf. Der Rauch +unten verstattete ihnen schon kaum noch das Athmen, während rasch die +Nacht einbrach und ihren dunklen Schleier über das Meer legte. + +Der erste Harpunier hatte indeß die Mannschaft in ihre verschiedenen +Boote gewiesen, während er das eigene für sich und seine Leute wie für +den Capitain mit seiner Gefangenen freibehielt, auch die Instrumente und +einen Theil der Waffen da hineinstaute. Die übrigen sollten flott +werden, so rasch sie könnten. An der Starbordseite hatte sich schon die +Flamme durch das dünne Deck die Bahn gebrochen, und einmal nur erst ein +wirkliches Luftloch für die Gluth geöffnet, und jeden Augenblick konnte +dann das ganze Schiff in Flammen stehn. Die Boote blieben jetzt ihre +einzige Rettung. + +Als sie das Deck erreichten, schaute Hua rasch und spähend umher, und +horchte in peinlicher Angst in die Nacht hinaus, aber nichts ließ sich +weder erkennen noch hören und ihr nächster Blick, mit kalter +Entschlossenheit nur einen Erfolg zur Flucht, sei diese so verzweifelt +wie sie wolle, berechnend, musterte die Mannschaft der verschiedenen +Boote erst und fiel dann auf das wild erregte Meer. Tief aufseufzend hob +sich da ihre Brust, als sie das Trostlose eines jeden solchen Versuchs +fühlte, und schaudernd wandte sie sich ab von dem Manne, der sie Allem +entrissen, was ihr lieb und theuer war auf der Welt, und der sie jetzt +umfaßte, sie wieder in das Boot zu heben, dem einen Element vertrauend, +was das andere entfesselt bedrohte. + +Ihr Fuß zögerte auch, als sie das Deck verlassen sollte; zog sie den Tod +nicht solchem Leben vor? -- Aber =die Canoes=? -- das eine Wort, so +unbestimmt und vague, hatte neue Hoffnungen in ihr geweckt. Wurden sie +verfolgt, so lag Rettung im Bereich der Möglichkeit, denn ihre +Landsleute sind berühmt selbst unter den kühnen Nachbargruppen im Bau +trefflicher Canoes, mit denen sie hunderte von Meilen weit die See +befahren und nicht selten sogar Stürmen trotzen. + +»Komm, komm, mein Täubchen,« mahnte sie aber der Engländer, ihr Sträuben +fühlend, »du kennst die Gefahr nicht, der wir hier mit jeder Secunde +zögern ausgesetzt sind; an ein verwünschtes Faß Pulver unter Deck hab' +ich bis jetzt noch gar nicht gedacht -- über Bord Leute, über Bord in +euere Boote, wenn euch euer Leben lieb ist!« und das Mädchen auffassend, +schwang er sich in demselben Moment über die Railing, als das Boot, von +beiden Krahnen gesenkt, niederfiel auf das Wasser und noch von dem rasch +die Fluth durchschneidenden Schiff den nachstürzenden Wellen immer +wieder entführt wurde. + +Lemon behauptete indeß das Ruder in all seiner sauertöpfigen +Hartnäckigkeit, denn das Schiff mußte die Bahn halten, bis sämmtliche +Boote frei waren. Eine Handspeiche neben sich, die er zuletzt in's Rad +stecken wollte, es auf seiner Stelle zu halten, wenn er seinen Posten +verlassen mußte, stand er mit unerschütterter Ruhe den jetzt aus mehren +Stellen an Deck brechenden Krater unter sich beobachtend und anscheinend +vollkommen gleichgiltig, daß Alle das Schiff verließen und ihn allein +auf dem brennenden Sarg zurückließen. Rechts und links glitten schon +die glücklich niedergelassenen Boote, mit ihren Segeln gesetzt, ab von +dem seinem Geschick verfallenen Schiff, und nur noch das eigene hing +unter den Krahnen. + +Eine helle Flammensäule stieg in diesem Augenblick mit blendendem Strahl +hoch auf in die Nacht; ein Theil des Decks war eingestürzt und die Gluth +brach lodernd hinaus in's Freie. + +»Nieder mit euch, nieder!« schrie des Capitains Stimme über das Wasser, +der mit dem eigenen Boot dicht im Fahrwasser seines Schiffes folgte; +»nieder, oder ihr seid verloren!« + +Der Schotte und Pfeife standen an den Tauen, vierten, auf den jetzt +rasch gegebenen Befehl des Harpuniers, das Boot nieder, langseits dem +Schiff und sprangen dann rasch hinein, Jonas und der ihm aus einem +andern Boote beigegebene Legs mit Spunt, dem Böttcher, reichten ihnen +die schon bereit liegenden kleinen Fässer mit Wasser und Proviant nach, +und ihnen mit dem Harpunier folgend, war Lemon der letzte Mann an Bord. + +»Komm von Bord, Sir!« rief sein Officier, »schnell! um dein Leben!« + +»Werdet doch wohl warten, bis ich komme?« knurrte der sauertöpfische +Gast in voller Ruhe, und die Handspeiche einschiebend und ein dort +liegendes Fall darumschlagend, daß sie nicht wieder herausrutschen +konnte, blieb er noch einen Moment stehen, das Deck kopfschüttelnd zu +überschauen und stieg dann rasch an der Seite nieder, von halbwegs ab +auf eine der _thwarts_ oder Bootbänke springend. Das Boot hatte indeß +seine Segel schon gesetzt, löste das Springtau und kam frei, und allein +fort schoß der brennende Koloß, wie ein angeschossener Eber seine wilde +unbewußte Bahn, die Todeswunde im Herzen, da er nicht mehr entfliehen +konnte in toller, blindstürmender Wuth. + +»Habt Acht auf eure Segel!« rief ihnen der Capitain zu, der mit seinem +rascheren Boot gerade an ihnen vorüberschoß, während die jetzt +vollkommen ausgebrochene Gluth am Bord der armen »_Lucy Walker_« einen +hellen Schein über das Wasser warf und alle Gegenstände deutlich +erkennen ließ; »das obere Fall da hat sich umgeschlagen.« + +»Wirf es herüber, Jonas!« rief der Harpunier, der den Steuerriemen in +der Hand hielt, »wirf es herüber, Mann, aber rasch, denn das Segel faßt +jetzt den Wind nicht genug, und wenn uns die nächste Welle erwischt, +füllen wir -- Pest und Tod -- werft einen Theil der Ladung über Bord, +wir gehen ja fast bis an den Rand im Wasser und sind verloren, wenn uns +eine einzige Welle überwäscht.« + +Jonas, überhaupt etwas ängstlicher Natur, und mit dem bösen Gewissen, +Mitwisser der That zu sein, die sie Alle jetzt in Todesgefahr gebracht, +stand zitternd von seinem Sitz auf, dem Befehl Folge zu leisten, während +Andere noch unschlüssig zwischen den eingestauten Sachen wählten, was +sie hinauswerfen sollten. + +»Rasch, Leute, rasch, _damn it_, ihr steht da, als ob euch der Compaß +gebrochen wäre; faßt zu!« + +Ein schriller, jubelnder Schrei gellte in diesem Augenblick in so +furchtbarer Wildheit über das Wasser, daß sich die Leute erschreckt +danach wandten, und Jonas das schon gefaßte Tau seiner Hand wieder +entgleiten ließ. + +»Teufel!« fluchte der Harpunier, »die Wilden!« und in demselben Moment +fast antwortete von dem vor ihnen dahinschießenden Boot des Capitains +aus ein lauter, weit schallender Hilferuf Huas, dem herausfordernden +Schlachtschrei ihrer Landsleute. + +»Wahr' dein Segel, Mann, wahr' dein Segel!« kreischte der Harpunier, als +dieses, durch das verworfene Tau eingepreßt, den Wind nicht faßte und zu +flappen anfing. + +»Eure Riemen, Boys, eure Riemen!« gellte die entsetzte Stimme des +Harpuniers, als die ihnen folgende Welle drohend hinter ihnen +dreinstürmte. Die Leute griffen auch fast mechanisch nach den Rudern -- +aber zu spät; hoch über ihnen stand die gläserne, von dem jetzt +helllodernden Schiff noch grell beleuchtete See -- wenige Secunden fast +war es, als ob sie in der Luft, über der sicher gefaßten Beute hing und +jetzt ein gellender Aufschrei und die Mannschaft des geschwemmten, +überladenen Bootes, rang mit der schäumenden Fluth. + + +6. + +Durch die tanzenden Wogen, über die leuchtende quillende Fluth schossen +die dunklen Canoes der Eingebornen, die Mattensegel geschwellt, heran, +und im Bug des vordersten stand eine hohe, edle Gestalt mit wehendem +Haar und Hüftentuch, die weite See mit dem Adlerblick überfliegend, wo +ihn die stürzende Woge auf ihren Kamm hob und in jagender Schnelle +voranriß. + +Es war der junge Häuptling _Tai manavachi_, der dem Tod selbst trotzend, +seine kleine Flotte dem frechen Räuber in Nacht und Wetter nachführte +und verzweifelnd schon die trostlose Jagd hatte aufgeben wollen, als +der Feuerschein des fremden Schiffes jubelnd von ihm entdeckt wurde. +Auch auf den andern Canoes hatten sie schnell die Wahrheit des Unfalls +ihrer Feinde begriffen, und der gellende Jubelruf, der Schlachtenschrei +ihres Stammes, mit dem sie ihre Lanzen und Speere fester packten, war +es, der das Blut des sonst wahrlich unerschrockenen jungen Engländers in +den Adern gerinnen machte. + +Hua aber hatte in jauchzender Seeligkeit die Nähe der Freunde gehört, +und wenn auch der antwortende Schrei zu schwach war, gegen den Wind an +die Retter zu erreichen, wußte sie doch nun, daß die Ihren, den Wogen +trotzend, mit kühnem Muth ihren Spuren gefolgt waren, und die einzelnen +Boote ihnen jetzt gar nicht mehr entgehen konnten. + +»Ruhig, mein Täubchen, ruhig!« warnte sie aber drohend der neben ihr +stehende Capitain; »die Nacht ist dunkel und deine Stimme dringt doch +nicht zu ihnen hinüber, aber auch der Gefahr wollen wir uns nicht +aussetzen und -- ich möchte dir kein Leides thun -- aber wirst du noch +einmal laut, so muß ich dich wieder binden und knebeln, so weh mir das +selber thäte.« + +Hua blickte wild und trotzig zu ihm empor, aber sie war auch schlau +genug, nicht nutzlos den Zorn Derer zu reizen, in deren Gewalt sie sich +noch befand, und kauerte von jetzt an still und schweigend im Boot, +aber ihre Blicke forschten, die Sehkraft bis zum Schmerze angestrengt, +in die Nacht hinaus, die Freunde zu entdecken. + +Ein blendendes Licht breitete sich in dem Augenblicke über die See, und +als sie rasch die Blicke dem brennenden Schiffe zuwandten, sahen sie +einen hellen Strahl von seinem Deck emporschießen und ein dumpfer Krach +verkündete die Explosion des Pulvers. Das Fäßchen hatte aber zu hoch +unter Deck gelegen, dem Rumpf des Schiffes weiteren Schaden zu thun, als +das Deck oben zu sprengen und den Besahnmast zu splittern, der jetzt in +lichten Flammen einen Moment zur Seite schwankte, und dann schwerfällig +und tausend und tausend Funken emporwerfend, über Bord in See schlug. + +»Mein armes Schiff!« seufzte der Capitain und blickte traurig herüber, +da traf ein anderer Ton sein Ohr und »ein Schuß!« rief fast die ganze +Bootsmannschaft wie aus einem Munde. + +»Ein Schuß!« -- Ein Schiff war in der Nähe, das ihre Noth erkannt, und +das Signal gab zur Rettung -- ein Schuß, und von Gefahr umringt, zeigte +sich Hilfe. Der Schall kam aber vom Süden herauf, und sie mußten ihren +Cours jetzt ändern, die Boote deshalb zusammenrufend -- das Sinken des +einen war in der Erregung des Augenblicks von den andern gar nicht +bemerkt -- legten sie rasch über den andern Bug, schräg von den Wellen +abschneidend und konnten der Richtung, die ihnen jetzt ein zweiter und +dann bald darauf folgender dritter Signalschuß angab, genau folgen. +Einmal an Bord und die Canoes, denen sie bis dahin zu entgehen hofften, +waren ihnen nicht mehr gefährlich. + +_Tai manavachi_ kam indeß mit geblähten Segeln und sieben vollbemannten +großen Kriegscanoes durch die Wellen schäumend an; ein Brautzug hatte es +werden sollen und war eine Jagd geworden auf den Räuber seines +Theuersten, was er auf dieser Welt kannte, und wie die jetzt schon sehr +gemäßigte, aber doch noch immer frische Brise mit den flatternden, +wehenden Zierrathen am Bug der schlanken, wunderlich geschnitzten +Fahrzeuge schlug und spielte, standen die wilden, trotzigen, +kriegerischen Gestalten, hinaus in die Nacht spähend, am Bord, die +geflüchteten Boote zu erkennen und zu verfolgen. + +Ein Hilferuf traf ihr Ohr, neben ihnen im Wasser schrie sie ein +Schwimmender an um Rettung, und treibende Ruder und Sitze verriethen +ihnen rasch genug das Schicksal wenigstens eines der Boote. Einen +ängstlich suchenden Blick warf der junge Häuptling umher -- wenn gerade +dies Boot -- doch nein, sein Herz zog ihn weiter, und nur dem nächsten +Canoe ein paar Worte zurufend, das rasch zur Seite schoß und seinen Bug +gegen die nächsten Wellen anwarf, hier zu halten und die Verunglückten +aufzunehmen, verfolgten die Rächer unaufgehalten ihre Bahn. + +Da dröhnte auch zu ihnen der Krach des explodirenden Pulvers herüber, +aber mehr als das, der helle, blitzähnliche Strahl verrieth ihnen die +weiß leuchtenden Segel der Flüchtigen, und als gleich darauf die fernen +Kanonenschläge irgend eines zufällig in die Nähe gekommenen Fahrzeugs an +ihr Ohr schlugen, zuckte ein triumphirendes Lächeln über das Antlitz des +jungen wilden Kriegers. Er kannte die Lage der Feinde, und daß sie jetzt +hinüberhalten =müßten=, dem Schiffe zu, wo sich ihnen allein noch +Rettung bot. Dorthin aber war er im Stande ihnen den Weg abzuschneiden +und wußte sie jetzt in seiner Macht. + +Capitain Silwitch hatte sich indessen wohl gescheut, den hellen +Wasserstreifen zu durchfahren, den das jetzt bis in die Masten hinauf +brennende Fahrzeug zwischen sich und seinen Verfolgern ließ, aber er +durfte auch keine Zeit versäumen, denn der Feind mußte gewaltig +schnelle und tüchtige Canoes haben, daß er es nur gewagt hatte, ihnen +bis hier heraus zu folgen. So, auf ihre eigenen guten Boote vertrauend, +hielten sie gerade nach Süden hinunter und einmal wieder weit genug von +dem hellen Schein entfernt, hofften sie auch in der Dunkelheit der Nacht +dem Feinde entgehen zu können. + +Ein neuer Signalschuß des fremden Fahrzeugs, dessen Capitain den Booten +die Stellung seines Schiffes zu zeigen wünschte, tönte schon um vieles +näher, und Capitain Silwitch hätte jetzt gern ein Gewehr abgefeuert, dem +ziemlich unter dem Wind befindlichen Fremden die Richtung anzudeuten, in +der sie sich selbst befanden, mußte er nicht zugleich fürchten, dadurch +auch den vielleicht nähergekommenen Verfolgern die Stelle zu verrathen. + +Sein Boot, das größte Segel führend, war das erste, die andern +vielleicht in zwei- und dreihundert Schritt Entfernung folgend, und +Einer der Bootssteuerer war vorn in dem Bug postirt, scharf +auszuschauen, ob er nicht vielleicht doch gegen den etwas helleren +Horizont das jetzt keinesfalls so weit mehr entfernte Schiff entdecken +könne. + +»Hallo, Capitain!« rief dieser plötzlich, »da vorn sah ich eben etwas +Dunkles, als sich das Boot auf der Welle hob, es sah aus wie ein Boot.« + +»Hab' Acht, wenn es wiederkommt,« lautete die Antwort. Die nächste Woge, +jetzt nicht mehr durch den Wind gepeitscht, aber noch immer in schwerer +Dämmung, kam hinter ihnen drein, und rechts und links von dem Boot ihren +zischenden, glühenden Schaum ausgießend, hob sie das schlanke Fahrzeug +auf ihren Nacken über die nächsten Wellen. Ehe aber nur der Mann eine +weitere Meldung machen konnte, schallte ein gellender Jubelruf, schrill +und furchtbar an ihr Ohr, und: + +»Hierher, hierher, Tangata Tonga!« jauchzte die emporspringende Maid den +Rettern entgegen. -- »Hierher zu Hilfe!« und die Arme emporschlagend, +wollte sie sich eben in die schäumende See werfen, als Silwitch seinen +linken Arm um sie schlang und die sich wild gegen ihn Sträubende +festhielt und zu sich zog. Aber _Tai manavachi_ hatte den Ruf gehört und +erkannt, und während die Europäer in wilder Hast ihre Waffen aufgriffen +und der Bug des Bootes, wie selber ein lebendiges Wesen, vor der Nähe +des Feindes zurückscheuchend abfiel von seinem Cours, schoß auch das +mächtige dunkle Canoe heran, und zwanzig drohende Gestalten, unter denen +her jetzt die andern Canoes preßten und ihren antwortenden Jubelruf +durch die Luft sandten, streckten die Arme aus, die Larbordseite des +eingeholten Bootes zu fassen und zu halten. Durch die zerrissenen Wolken +trat in diesem Augenblick die bleiche Mondessichel und warf ihr fahles +silbernes Licht auf die wogende See. + +»Ergib dich, Pagalangi, ergieb dich!« schrie da der junge Häuptling, der +die Gestalt der Geliebten in dessen Arm sich winden sah; »ergieb dich, +denn ihr seid in meiner Hand!« + +»Zurück! oder Hua ist eine Leiche!« donnerte ihm aber des Weißen Ruf +entgegen, der sein Messer aus der Scheide riß und es über dem Mädchen +zuckte -- er sah doch, daß hier Widerstand vergebens war, und wollte das +letzte Mittel versuchen, sich und die Seinen vor Gefangenschaft oder Tod +zu retten, dachte aber gar nicht daran, der armen, durch ihn verrathenen +Maid ein Leides zu thun, und flüsterte ihr rasch und beruhigend in's +Ohr: + +»Fürchte dich nicht, Hua -- dieser Arm sollte eher verdorren, ehe er +=dich= träfe; und wenn sie mich tödteten, ich hätte keine Waffe für +dich!« + +»=Fürchten?=« rief aber die Jungfrau, wild und zornig ihm in's Auge +schauend; »fürchten? stoß zu, Pagalangi, wenn du Muth hast, aber du bist +verloren. Hierher, _Tai manavachi_!« schrie sie dann in trotziger +Kühnheit nach dem Geliebten hinüber; »hier ist der Räuber deiner Braut +-- triff ihn sicher und kehre dich nicht an mich!« + +»Hua, Hua!« rief aber der junge Häuptling, den Arm bittend und schützend +gegen sie ausstreckend; »gib sie frei, Fremder, wirf das Messer von dir +und deine Boote mögen ungehindert von mir jenes Schiff suchen -- +schädige ihr aber nur eine Locke ihres Hauptes, und zerreißen will ich +dich auf langsamem Feuer!« + +»Du sicherst mir unser Leben und unsere Freiheit?« rief der Europäer. + +»Ich geb' dir mein Wort!« rief der Häuptling stolz, während die beiden +Fahrzeuge jetzt rasch und schäumend neben einander hinschossen und die +Matrosen ihre freilich von Seewasser durchnäßten Musketen und die +gefährlicheren Wallfischlanzen aufgegriffen hatten, dem grimmen Feind im +Nothfall trotzig die Stirn zu bieten. + +»So geh', Hua!« sagte Silwitch traurig, sie freigebend aus seinen Armen; +»geh' und vergiß den Fremden, der dir weh that, weil er dich so +unendlich liebte.« + +Hua erwiderte keine Silbe, aber ihr Fuß stand auf dem Rand des Bootes +und als der Bug des jetzt dicht an sie hinanschießenden Canoes rasch +vorüberglitt, sprang sie mit kühnem Satz hinüber und in die Arme ihres +aufjauchzenden Geliebten. + +Fast über ihren Köpfen hin dröhnte in dem Augenblick der schmetternde +Schlag eines Kanonenschusses und als sie überrascht emporschauten, war +das fremde Schiff, dem das brennende Fahrzeug als Mark gedient, so nahe +an sie herangekommen, daß das Canoe selbst seinen Bug herumwerfen mußte, +nicht überfahren zu werden. + +»Teufel!« schrie Silwitch, ingrimmig mit dem Fuße stampfend, »so dicht +am Ziel und doch zu spät!« Aber in die Nacht hinein, rasch und plötzlich +wie sie gekommen, verschwanden die Canoes. Höhnisch noch schlug ihr +gellender Triumphschrei an sein Ohr, und Hua war auf immer für ihn +verloren. + +Das fremde Schiff, ein Bremer Wallfischfänger, braßte seine Segel back, +als es die gesuchten Boote so dicht unter seinem Bug sah, Taue wurden +übergeworfen, die Mannschaft aufzuholen und die Schiffbrüchigen sahen +sich bald Alle an sicherem Bord. Nur ein Boot fehlte noch; auf und ab +kreuzte das Schiff, von Zeit zu Zeit noch einen Schuß feuernd nach dem +vermißten Boot -- umsonst. Bis Tagesanbruch hielt es auf der Stelle, +und als die Sonne sich über den Horizont hob, wurden die Tops bemannt, +von oben aus vielleicht etwas zu erspähen -- es ließ sich Nichts +erkennen. Nur in blauer Ferne lag das Land, kein Boot, kein Segel war +weiter am Horizont zu sehen und mit scharfangebraßten Segeln, dicht am +Wind, hielt das deutsche Schiff mit der geborgenen Mannschaft der »_Lucy +Walker_« nach Norden auf, den Sandwichs-Inseln zu. + +Fußnoten: + +[1] Die Muntere. + +[2] Die südseeländische Kastanie, _tuscarpus edulis_, ist ein +stattlicher, mächtiger Baum mit immer grünen Blättern und der Kastanie +ähnlichen, doch stachellosen Früchten, aber das Eigenthümliche an ihm +ist der Stamm, der etwa zehn oder zwölf Fuß hoch aufsteigt, ehe er +auszweigt, und bis zum 7. oder 8. Jahre ziemlich glatt bleibt, dann sich +aber auf eine höchst wunderbare Weise vergrößert. An vier, fünf und mehr +Stellen desselben, von oben nach unten, von der Wurzel bis zum Stamme +laufend, erhebt sich die Rinde und wächst -- der Baum behält seine +Stärke und diese Streifen heben sich mehr und mehr, bis sie zuletzt +förmlicher, mit grauer Rinde bedeckten, nicht selten ganz regelmäßigen +Planken gleichen, die, nur wenige Zoll stark, oft zwei, drei, ja vier +Fuß breit, wie die Schaufeln eines Rades vom Baume abstehen. Je älter +der Baum dabei wird, desto knorriger wird er, durch kranke Flecke ziehen +sich diese bretartigen Auswüchse hie und da zusammen und er sieht dann +allem Andern ähnlicher, als einem Baum. + +[3] _Me_, die Brotfrucht. + +[4] Tangaloa ist einer ihrer Hauptgötter, der die Tonga-Inseln beim +Fischen mit einem Haken aus dem Meere gezogen haben soll. + +[5] _Mea fanna fonnua_, auch Kanone, wörtlich eine Waffe, die gegen das +Land schießt. + +[6] Fremder. + +[7] Januar. + +[8] Engländer oder überhaupt Weißer. + +[9] Freund. + +[10] Citrone. + +[11] Der Wallfischspeck + +[12] Die Jahreszeit des Fischfangs, also volle Jahre. + +[13] Die Raanocke, das äußerste Ende der Raaen oder Querbalken, an denen +die Segel befestigt sind. Auf der See werden bei etwa stattfindenden +Executionen die Verurtheilten daran aufgezogen. + +[14] Essen. + +[15] Ruder. + +[16] Die Zeiteintheilung an Bord eines Schiffes geschieht nach Glasen, +von den früheren Sandgläsern so genannt. Jede Wacht von vier Stunden hat +acht Glasen; diese zu bezeichnen, wird jede halbe Stunde, bis die Wacht +aus ist, einmal mehr mit dem Klöppel an die Glocke geschlagen, so daß, +von zwölf Uhr z. B. an gerechnet, halb ein Uhr einmal angeschlagen wird, +um ein Uhr zweimal, halb zwei Uhr dreimal, um zwei Uhr viermal u. s. f. +bis vier Uhr, was man durch acht Schläge oder Glasen angiebt. Ein +viertel auf Fünf beginnt dann wieder mit =einem= Schlag, daß vier Glasen +Abends also zehn Uhr bedeuten würde. + +[17] Die ganze Mannschaft an Deck. + +[18] Haltet mit dem Anker. + +[19] Royal oder Oberbramsegel, das oberste leichte Segel. + +[20] Eine zu Zeug verarbeitete und von der Rinde des chinesischen +Maulbeerbaumes bereitete und gedruckte Masse. Ungedruckt hat sie den +Namen Tapa. + +[21] Der Gruß und Abschied der Tonga-Inseln. + +[22] Segel verkürzen. + + + + +Die Bootsmannschaft. + + +1. + +Nur =einen= Theil der Mannschaft ließ das wackere Schiff zurück, denn +wie vorher erwähnt, schlug auf der Flucht eines der Wallfischboote um, +und die Indianer nahmen die Meisten der Schwimmenden in das für sie +zurückgelassene Canoe. + +Den Morgen trotzend, blieb das schlanke Fahrzeug an der Stelle halten, +wo es die ersten Opfer des Wracks getroffen, und der phosphorisirende +Schaum der züngelnden Wellen half ihnen getreulich die dunklen, in +Wasser schwimmenden Gestalten zu erkennen, so daß sechs Verunglückte +nach und nach ihrem nassen Grab entrissen wurden. + +Wohl kreuzten sie noch eine Weile dort auf und ab, zu sehen, ob noch ein +Anderer ihre Hülfe in Anspruch nehmen würde. -- Aber Alles blieb stumm +und still auf der kochenden Fluth. Der schrille Ruf einer +aufgescheuchten Möwe tönte hier und da durch die Dunkelheit, oder der +Schaum zischte in dem schweren Niederschlagen eines sich überstürzenden +Wogenkammes -- sonst war Alles ruhig wie das Grab. + +Da dröhnte der Signalschuß des fremden Schiffes durch die Nacht, dem der +höhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete, und dorthin schwang im +Nu der Bug des flüchtigen Canoes, die Freunde einzuholen und sich ihnen +wieder anzuschließen. + +Den Gefangenen befahl indeß ein federgeschmückter dunkler Krieger, sich +mitten in das Boot zu legen, und wenn sie seine Worte auch nicht +verstanden, ließ ihnen doch die drohende Geberde und gehobene Waffe +keinen Zweifel über seine Absicht. An Widerstand war überhaupt nicht zu +denken, und so gehorchten sie denn schweigend dem Befehl. + +Das Fahrzeug war allerdings eines jener geräumigen, außerordentlich +langen und trefflich gebauten Kriegscanoes; glücklicher Weise aber nicht +für den Krieg, sondern nur für die Brautfahrt, mit vielleicht halber +Mannschaft besetzt, so daß sie ohne Gefahr für sich selber die +Schiffbrüchigen -- und jetzt Gefangenen -- aufnehmen konnten. Nichts +desto weniger mußten sich diese vollkommen ruhig verhalten und lagen, +auf dem Boden des Canoes lang ausgestreckt, eng und gedrückt genug, +immer Zwei neben einander. + +Der Wind heulte mit erneuter Wuth über die aufgeregte See; die Blitze +zuckten, und der Donner prasselte in wilden jähen Schlägen schallend +drein, während das schlanke Fahrzeug mit vollgeblähtem Segel mit den +Wogen bäumte und sank, und gar nicht selten züngelnde Spritzwellen über +Bord nahm. + +Jonas, der eine der Geretteten, fühlte dabei wohl, daß er eng genug +zusammen gepreßt einen seiner Kameraden neben sich hatte, war aber noch +nicht im Stande gewesen, heraus zu bekommen, wer das sei, und auch bis +zu diesem Augenblicke viel zu sehr mit sich selber beschäftigt gewesen, +besondere Nachforschung zu halten. Jetzt aber verrieth ihm ein +außergewöhnlich greller und langanhaltender Blitz das Gesicht seines +Nebenmannes, und er erkannte den kleinen Legs. + +Legs lag, seine kurzen, etwas gebogenen Beine fest angezogen, auf dem +Rücken, schloß die Augen und schien mit auf der Brust gefalteten Händen +vollständig sich in sein Schicksal zu ergeben. + +»Legs,« flüsterte da Jonas, der neben ihm auf dem Bauch lag, und sich +nur mit einiger Schwierigkeit nach ihm herumdrehen konnte, »Legs bist du +das?« + +»Ich wollte, ich wär's nicht,« stöhnte der arme Teufel, ohne jedoch die +Augen dabei zu öffnen -- »das ist eine schöne Lage hier für einen +ordentlichen Christen, wo einem das verdammte Seewasser am Nacken hinein +und am ganzen Rücken hinunter läuft -- das halbe Boot muß voll sein.« + +»Das sei Gott geklagt,« stöhnte Jonas, »ich kann den Mund schon kaum +über Wasser halten, und habe mir den Hals beinah abgedreht. Wenn ich nur +wenigstens auch auf den Rücken läge, wie du -- so wie ich mich aber +rühre, hauen mir vielleicht die verwünschten braunen Bestien Eins über. +Prächtige Gelegenheit für einen Menschen hier, als Ballast für die +wilden Hallunken im Boot zu liegen!« + +»Jedenfalls wollen sie uns erst einweichen,« stöhnte Legs in wahrhaft +stoischem Gleichmuth, »um uns nachher eher gar zu bekommen.« + +»Die Teufel wären's im Stande, uns auch noch zu braten,« seufzte Jonas, +»und wenn ich das gewiß wüßte, hätt' ich große Lust, das ganze Ding hier +umzuwerfen und uns alle mit einander auszuschütten. Eben so gern oder +noch lieber von einem verdammten Haifisch auf einmal verschluckt, wie +von solch einer nichtswürdigen Rothhaut stückweis geröstet zu werden.« + +»Und daran ist nur der vermaledeite Capitain schuld,« brummte Legs, »der +das Mädchen -- Heiland was für ein Donner! -- der das Mädchen hätte da +lassen sollen, wo sie der liebe Gott hingesetzt. Jetzt haben wir die +Geschichte -- den Teufel zu zahlen und kein Pech heiß, und Legs wird +wieder, wie gewöhnlich, die Suppe ausessen müssen, die Andere für ihn +eingebrockt.« + +»Na,« brummte Jonas, »=du= sitzest dieses Mal nicht allein an der +Schüssel, und wenn« -- der Satz wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen, +denn das Boot stieg in dem Augenblicke mit dem Bug auf die Spitze einer +Woge, und das zurückschießende, darin befindliche Seewasser füllte den +geöffneten Mund des armen Teufels dermaßen, daß er durch Sprudeln und +Spucken kaum wieder Luft und Athem bekommen konnte. + +Seine Lage wurde jetzt auch so unerträglich, ja, gefährlich, da das +Canoe reichlich Wasser eingenommen hatte, daß er sich gewaltsam begann +umzudrehen und Legs dadurch erbarmungslos gegen die Seitenwand drückte. +Legs übrigens, keineswegs in der Stimmung, sich das Mindeste gefallen +zu lassen, fluchte laut und wurde nur zum Schweigen gebracht, als er die +drohend über sich gebeugte Gestalt eines der Wilden erblickte. Beim +Leuchten eines Blitzes erkannte er aber den dunkeln Feind, wie den, mit +der Waffe oder einem Ruder gehobenen Arm, und kniff mit einem kurzen +Stoßseufzer beide Augen fest zusammen. + +Die Gefangenen konnten jetzt hören, daß sich ihr Fahrzeug wieder der +kleinen Canoeflotte angeschlossen hatte, und dadurch gewannen sie +wenigstens =einen= Vortheil. Die Indianer nämlich wandten nun ihre +Aufmerksamkeit wieder dem eigenen Boote zu und begannen das +übergeschlagene Wasser auszuschöpfen -- nicht etwa aus Mitleid für die am +Boden liegenden Weißen, sondern nur um ihr Canoe zu erleichtern und in +dem Wettlauf, der Insel zu, nicht zurückzubleiben. + +Die Lage der auf dem Boden des Canoes ausgestreckten Gefangenen war +dadurch um ein Wesentliches verbessert, und wenn die zürnenden Elemente +ihre Herzen auch noch mit banger Furcht erfüllten, schienen sie doch +wenigstens für den Augenblick der Gefahr enthoben zu sein, selbst in dem +Boote zu ertrinken. Das war aber auch für jetzt der ganze Vortheil, den +sie davon hatten, denn mitten im Sturme und Ungewitter schossen die +Boote dahin, und Jonas, der einmal den Kopf hob, zu sehen, wo sie +eigentlich wären, begriff gar nicht, wie ihre Sieger in der +stockfinstern Nacht nur überhaupt einen Cours halten konnten. -- +Verfehlten sie aber das Land -- ein Fleckchen Erde von wenigen +Quadrat-Meilen in dem weiten Ocean -- und hielten sie jetzt hinaus in +die offene See, was sollte dann zuletzt aus ihnen werden? + +So schäumten sie in toller Flucht durch die aufgerüttelten Wogen. Der +Sturm hatte schon ausgetobt, und nur noch mattleuchtende Blitze am +nordwestlichen Himmel verriethen, welche Bahn er genommen; die See ging +aber nichts desto weniger noch hohl, und es erforderte die ganze +Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit der Insulaner, ihre Fahrzeuge flott +und unbeschädigt zu halten. + +Die englischen Matrosen hatten dabei keine Ahnung, in welcher Richtung +das Land lag, welche Richtung sie selber steuerten. Das vordere Canoe +schien jedoch dieselbe anzugeben, und ein in kurzen Zwischenräumen dort +ausgestoßener und langgezogener Schrei -- der wie ein Weheruf über die +Fluth schallte -- hielt die verschiedenen Canoes zusammen. So viel +entging ihnen aber nicht, daß der Wind ihnen nur wenig günstig sei, denn +das Mattensegel war scharf angebraßt und die zu windwärts +überschlagenden Wellen verriethen ebenfalls, daß sie so dicht wie +möglich am Winde lägen, gegen die hohe See also schwerlich raschen +Fortgang machen würden. + +Stunde nach Stunde verging auch, und noch war ihnen keine Nacht im Leben +so lang vorgekommen wie diese, die gar kein Ende nehmen wollte. Da +plötzlich hallte ein wilder, jubelnder Ton über das Wasser, und als +Jonas erstaunt den Kopf hob und danach aushorchte, herrschte in dem +Augenblicke Todtenstille rings umher. Ihm selber aber war es, als ob er +in der Ferne und zwar gerade voraus die Brandung hören könne, wie sie +sich tosend über den Riffen dieser Inseln bricht; und als ob auch die +Indianer diesem willkommenen Laute -- dem Zeichen des nahen Landes -- +gelauscht, so brach jetzt donnernd ihr Jubelruf durch die Nacht. + +Doch nicht allein der Brandung jauchzten sie entgegen, noch ein anderes, +willkommneres Zeichen hatten sie erblickt, und zwar einen rothen +Feuerschein, der mit seinem flackernden Licht zu ihnen herüber glühte. +Das war das Zeichen des befreundeten Stammes auf Monui, der das Feuer +auf einer der vorragendsten Bergkuppen entzündet und unterhalten hatte, +den kühnen Schiffern als Leitstern zu dienen. + +Auf dem vorderen Boot hatten sie es zuerst entdeckt, und in froher Lust +stimmten die Häuptlinge, die sich im ersten Boot mit ihrem jungen Führer +_Tai manavachi_ befanden, den Siegesgesang ihrer Heimat an. + +Kaum aber trug die Brise die geliebte Weise zu den anderen Canoes +hinüber, als diese jauchzend einfielen und der donnernde Chor das +rauschende Brechen der Wogen selber übertäubte. + +Im Osten dämmerte dabei der Tag -- immer breiter, immer lichter wurde +der Streifen, und nur kurze Zeit noch verfloß, bis sie die düstern +Umrisse des nicht mehr so fernen Landes deutlich vor ihrem Bug erkennen +konnten. + +Legs, so theilnahmlos er sich bis jetzt gegen alles gezeigt, was ihn +umgab, hatte doch nicht umhin gekonnt, mit dem dämmernden Tag einen +Ausguck zu halten. Kaum drehte er aber den Kopf herum, als er auch schon +die zackigen Umrisse der nicht mehr fernen Küste am Horizont erkannte, +und wieder in seine alte Lage zurückfallend, brummte er halb laut vor +sich hin: + +»Na ja -- da sind wir wieder. Die rothen Canaillen müssen Nasen wie die +Spürhunde haben, daß sie in der Nacht ihren Cours halten konnten -- und +jetzt freue dich, Benjamin, und steh bei den Fallen, denn ich will ein +Landlubber sein, wenn ich nicht schon das Feuer rieche, an dem wir +geschmort werden sollen. -- Jonas! -- he, Jonas! -- schläfst du!« + +»Schlafen?« knurrte der Angeredete, »da soll einer auch schlafen, wenn +diese rothen Heiden einen Spektakel machen, daß die Fische auf dem +Grunde auseinander fahren. Mir ist überhaupt nichts weniger als +schläfrig zu Muthe. Hörst du die Brandung?« + +»Bah, schon seit einer halben Stunde,« sagte Legs. »Wir werden gleich +Anker werfen. Schildkröten und Seeschlangen, wie sich die guten Leute +auf Monui freuen werden, uns wieder zu sehen.« + +»Ja, kann ich mir etwa denken,« brummte Jonas, »und so eine dürre +Spiere, wie du bist, kann lachen! Die hat verdammt wenig dabei zu +befürchten; aber wenn ich =meine= Rippen und Arme und Beine anfühle, ist +mir's schon immer, als ob ich ausgenommen und mit heißen Steinen gefüllt +und sauber in Bananenblätter eingepackt in einem von ihren verwünschten +Backöfen schwitzte. Meine einzige Hoffnung ist nur jetzt noch die, daß +ich vor lauter Gift und Galle ganz bitter schmecken und vollständig +ungenießbar sein werde.« + +»Na, ihr habt euch ja alle so schrecklich danach gesehnt, an Bord +bleiben zu können,« meinte Legs, »jetzt könnt ihr das Vergnügen +genießen.« + +»Und du wohl nicht?« sagte Jonas, den Kopf rasch nach ihm hinumdrehend, +-- »aber meinetwegen,« setzte er, wieder in seine alte Lage +zurücksinkend, hinzu -- »mir ist's recht, und, wenn sie uns nicht +geradezu todtschlagen und auffressen, befinden wir uns dann am Ende noch +immer besser hier, als auf dem blutigen Blubberkocher der _Lucy Walker_, +die jetzt wenigstens ihre Thranfässer sicher auf Meeresgrund gelöscht +hat.« + +Erschreckt schaute er in die Höhe, denn wie er gerade aufsah, hing +anscheinend dicht über ihnen eine mächtige Woge mit silberblitzendem +Kamm, die im nächsten Augenblick über ihnen zusammenbrechen und ihr +schwankes Fahrzeug rettungslos begraben mußte. -- Aber die Woge blieb +stehen, und der Jubel der Eingeborenen sagte ihm bald, daß es die +Brandung gewesen sei, die über den Riffen ihre ewigen Sturzwellen thürmt +-- daß sie die Einfahrt in das glatte Binnenwasser glücklich erreicht, +und nur noch kaum eine englische Meile von dem gestern Abends mit so +ganz anderen Erwartungen verlassenen Lande entfernt seien. + +Vom Ufer aus begrüßte sie auch schon das Jubelgeschrei der Wilden, die +alle mit einander am Strande versammelt schienen, die glücklich und +siegreich Heimgekehrten zu begrüßen. + +Die gefangenen Matrosen hoben wohl die Köpfe und blickten dort hinüber, +aber der Jubel galt =ihnen= nicht, das wußten sie recht gut, und +mißmuthig, und Manche wohl mit ängstlich pochendem Herzen sanken sie in +ihre früheren Stellungen zurück, die Landung und damit den Befehl zum +Aufstehen zu erwarten. + +Die Indianer, in deren Gewalt sie sich befanden, hatten sich übrigens +die ganze Zeit entsetzlich wenig um sie gekümmert, und nur nicht +gelitten, daß sie sich bewegten. Außerdem hatten die Gefangenen aber +auch keine Ahnung, was aus ihrem Capitain und der übrigen Mannschaft +geworden sein konnte. Ob die Wilden ihre Kameraden gefangen oder +sämmtlich erschlagen und nur =sie= vielleicht für ein ganz besonderes +Festmahl aufgespart hatten, oder ob sie von dem Schiff, dessen Schüsse +sie gehört, gerettet worden -- sie wußten's nicht und -- kümmerten sich +auch in der That nicht viel darum. In diesem Augenblicke hatte Jeder zu +viel mit sich selber und seiner eigenen Haut zu thun, um besonders viel +auf den Nachbar zu denken. + +Von der frischen Brise getrieben, schossen die wackeren Canoes indeß +dem Landungsplatze entgegen, und der Federschmuck, mit dem die +hochgeschwungenen Buge geziert waren, flatterte lustig im frischen +Winde. Jetzt formten sie sich in langer Reihe, das Boot ihres jungen +Häuptlings mit Hua in seinen Armen voran, die anderen ihm folgend in +wildem Jubel und mit Siegesliedern, und als die scharfgebauten Schnäbel +den Corallensand berührten, da stießen die am Ufer versammelten +Insulaner ein solches tolles entsetzliches Geschrei aus, daß die Luft +ordentlich erbebte und die Gefangenen in banger Ahnung zusammenschauderten. + + +2. + +Wohl waren sie an dem Raub des Mädchens vollkommen unschuldig, würden +aber diese Barbaren darauf Rücksicht nehmen? Sie gehörten mit zu dem +Schiff, das die Gastfreundschaft der Eingeborenen in so undankbarer, +böser Weise vergolten, und was der Capitain gesündigt, konnte jetzt +wahrscheinlich die Mannschaft entgelten. + +Im Anfang nahm aber Niemand von ihnen auch nur die mindeste Notiz. Die +Mannschaft der Canoes sprang, so wie ihre Fahrzeuge Grund berührten, +über Bord und an Land, und schaute sich nicht einmal nach den +Europäern um. Diese blieben auch noch immer, eines weiteren Befehls +gewärtig, im Boote und richteten sich nur jetzt halb auf, dem wilden +Toben am Lande zuzusehen. + +»Guten Morgen, Lemon,« sagte da Jonas, als er den also benannten +Kameraden dicht neben sich erblickte -- »auch mit angekommen? -- und +Spund, Pfeife und Lord Douglas sind auch mit da?« + +»Die ganze blutige Gesellschaft,« knurrte Lemon mit einem Gesicht, als +ob er sich und die ganze übrige Welt hätte vergiften können. »Jetzt +haben wir die Bescheerung!« + +»Und wo ist unser zweiter Harpunier?« fragte Jonas, sich nach diesem +unter den Gefangenen umsehend, »denn =unser= Boot ist doch wenigstens +hier beisammen.« + +»Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache!« knurrte Lemon. +»Wahrscheinlich frühstückt er heute Morgen mit irgend einem Haifisch -- +hol' ihn der Teufel!« + +»Hallo, Mates, an Land!« rief da der Schotte Mac Kringo seinen Kameraden +zu -- »seht ihr nicht, wie uns das dicke Rothfell da drüben zuwinkt und +schreit? -- Sie wollen die Canoes wahrscheinlich auf die Corallen +ziehen.« + +»Na dann _look out for a squall_!« murmelte Jonas vor sich hin, indem er +langsam den voransteigenden Gefährten folgte. »Jetzt wird die Bombe +platzen.« + +Seine Befürchtung zeigte sich indessen, wenigstens für den Augenblick, +unbegründet, denn die Insulaner, die für jetzt noch viel zu sehr mit dem +geretteten Mädchen, der Tochter des Häuptlings, zu thun hatten, thaten +gar nicht, als ob die weißen Männer auch nur auf der Welt wären. Ohne +selbst bei dem Aufslandziehen der Boote ihre Hülfe in Anspruch zu +nehmen, ließ man den kleinen Trupp der eingebrachten Europäer +unbeachtet, selbst unbewacht am Ufer stehen, und Alles drängte sich +jetzt nur um Hua her, Männer, Frauen und Kinder, sie zu bewillkommnen, +sie zu umarmen. + +In vielen Augen standen sogar Freudenthränen, mit denen sie das geliebte +und schon fast verloren gegebene Kind begrüßten. + +Während aber noch ein Theil der Insulaner so umhersprang und jubelte +oder sich wieder und wieder die Abenteuer der letzten Nacht von den +Freunden erzählen ließ, gingen andere mehr praktisch auf die nächsten +Bedürfnisse der Neuangekommenen ein, die jedenfalls nach ihrer langen +gefährlichen Fahrt Hunger haben mußten. Im Schatten der nächsten +Palmen wurden ihre gewöhnlichen Kochgruben zum Rösten der Ferkel rasch +hergerichtet, Brotfrüchte, Bananen und Fische herzugeschafft und Alles +geordnet, ein baldiges und reichliches Mahl zu versprechen. + +Die Frauen verrichteten dabei gar keine oder nur die leichteste Arbeit, +pflückten breite Blätter, besonders von den Hibiscusbäumen, die zu +Tischtüchern und Servietten dienen sollten, holten in leeren Cocosnüssen +Seewasser herbei, das die Stelle des Salzes vertrat, und pflückten +Früchte von den nächsten Büschen, welche dann die Knaben zu den +beabsichtigten Eßplätzen trugen. + +Die Europäer standen indessen noch immer auf einem Trupp und leise +flüsternd zusammen, sahen zu, wie die Ferkel ausgenommen und geröstet +wurden, und wie die Gäste schon Miene machten, ihre verschiedenen, ihnen +durch den Rang angewiesenen Plätze einzunehmen. + +Da trat plötzlich Toanonga, der Häuptling der Insel und Vater Hua's, aus +dem Kreis der Seinen, wackelte gemüthlich auf die Matrosen zu, vor denen +er, beide Hände auf seine Hüften legend, stehen blieb, und sagte: + +»_Chio do fa_, ihr Männer -- _chio do fa_ -- ihr seid nicht lange +fortgeblieben und habt schöne Streiche mit eurem großen Canoe gemacht. +Wi[23]! -- Wi, ihr Burschen, war das der Dank, daß ihr so viel +Brotfrucht und Cocosnüsse und Bananen und Ferkel hier bekommen habt und +so freundlich von uns aufgenommen worden seid? -- Wi! schämt euch -- und +wie ihr jetzt da steht! -- Toanonga möchte nicht in eurer Haut stecken, +nicht um alle Glasperlen der ganzen Welt.« + +Wenn die Meisten der Schaar auch nicht die Worte verstanden, fühlten +doch Alle deutlich genug, =was= der Mann eigentlich zu ihnen sagte, was +er sagen und denken mußte -- und er hatte Recht. Die armen Teufel +befanden sich so unbehaglich wie möglich und sahen, nach einem spätern +Vergleich Spund's, wirklich gerade so aus, wie ein Hund, den man beim +Stehlen erwischt. + +Der alte würdige Insulaner war dabei sehr ernst und finster geworden, +und Spund, der Furchtsamste der Schaar, that schon einen Schritt vor, +ihm wo möglich zu Füßen zu fallen und um Gnade zu bitten. Mac Kringo +jedoch, der Einzige von ihnen, der die Landessprache verstand und +darin verkehren konnte, während die Übrigen bis jetzt nur Worte davon +begriffen, trat da vor und sagte: + +»Du hast Recht, Toanonga, es war ein schlechter Streich, den dir der +Capitain gespielt -- aber was können =wir= dafür? Waren =wir= in dem +Boot, das deine Tochter vom Lande stahl? Nicht ein Einziger. Frag sie +selber, und sie muß dir meine Worte bestätigen. Du bist deshalb auch zu +vernünftig, uns das entgelten zu lassen, was ein Anderer verbrochen +hat.« + +»Schweig du, bis du gefragt wirst, mein Bursche,« rief aber Toanonga, +der es für unter seiner Würde hielt, sich mit einer untergeordneten +Person -- und er wußte recht gut, daß die Matrosen das an Bord der +Schiffe waren -- in ein Argument einzulassen. »Ihr steckt alle mit +einander unter einer Decke, und wenn =du= in dem Boote gewesen wärest, +würdest du eben so gut gerudert haben, und wie die Anderen es gethan, +sobald es dir dein Capitain befohlen.« + +»_Tai halla! tai halla!_ -- gewiß!« schrieen jetzt eine Menge junger +Burschen, die sich herbeigedrängt, so wie sie sahen, daß ihr Häuptling +mit den Papalangis sprach, und wilde Ausrufe, hier und da auch mit +Verwünschungen gemischt, kreuzten toll und laut durch einander. + +Da hob Toanonga nur den Arm auf, und im Augenblick verstummte der Lärm. +Auf ein zweites, eben so gebieterisches Zeichen bemächtigte sich aber +eine Anzahl kleiner Burschen der Männer und suchte sie unter Lachen und +Schreien von ihrer Stelle hinweg und dem Holzrand zuzuführen. + +Widerstand wäre unter allen Umständen fruchtlos gewesen, und die Leute +wollten dem Befehle schon ruhig gehorchen. Spund jedoch, der glaubte, +daß es jetzt an ihr Leben ginge, drängte sich bis zu Toanonga hin, und +vor diesem richtig auf die Kniee fallend, bat er den alten ehrlichen +Häuptling im breitesten Irisch um sein Leben. + +Über das Gesicht des Alten stahl sich aber ein gutmüthiges Lächeln, denn +es that ihm wohl, nicht allein den Weißen gegenüber seine Autorität +gezeigt zu haben, sondern sich auch von ihnen gefürchtet zu sehen. Er +war aber viel zu weichherzig, ihnen irgend ein Leid anzuthun. Seine +Tochter hatte er wieder zurück, das Schiff, welches ihm hatte Schaden +zufügen wollen, war verbrannt, und die paar davon an seine Insel +verschlagenen Weißen dachte er nicht für Vergangenes zu bestrafen. Die +jungen Burschen hatten im Gegentheil die Papalangis nur eben zum +Frühstück führen sollen, das etwas abseits von den Eingebornen für sie +hergerichtet worden, und als ihnen dies jetzt von dem alten Häuptling +erklärt wurde, war dem armen Teufel eine große Last von der Seele +gewälzt. + +Der leichte Muth, den Matrosen vor allen übrigen Menschen so besonders +eigen, gewann auch bald bei ihnen wieder die Überhand, und als sie jetzt +in einem kleinen Dickicht von Pandanus, Casuarinen und einzelnen +hochstämmigen Cocospalmen, unbelästigt von einem der Eingeborenen, um +das reichliche Mahl saßen, kehrte die, wenn auch nicht fröhliche, doch +sorglose Laune rasch zurück. + +»Und da hätten wir endlich unseren Wunsch erfüllt,« brach Legs zuerst +das Schweigen, »da säßen wir auf dem Trocknen mit Schweinebraten und +Brotfrucht, statt Salzfleisches und Schiffszwiebacks, und Cocosmilch, +statt faulen Wassers und dünnen Grogs. Jungens, wenn die Sache nicht +schlimmer wird, so können wir es hier ruhig aushalten, und wenn erst ein +paar Tage vorüber sind, daß von der fatalen Mädchengeschichte nicht +weiter gesprochen wird, so dürfen wir am Ende gar noch unserem Schöpfer +danken, uns aus dem alten verbrannten Kasten hieher zurückgeführt zu +haben.« + +»Sei nicht zu sicher, mein Bursche,« brummte jedoch der Schotte, »wir +wissen noch gar nicht, ob uns der Brand des Schiffes zum Heil +ausschlagen wird; denn ehe wir es uns versehen, kann uns die braune +Rotte über dem Halse sein.« + +»Der liebe Gott hat es jedenfalls gethan,« bestätigte aber auch Spund, +eben mit einem delicat gebackenen Rippenstück beschäftigt, und Spund +gehörte überhaupt -- wo es ihm gerade paßte -- einer streng religiösen +und zwar methodistischen Richtung an. »Der liebe Gott hat es gethan, und +daß er euch nichtsnutziges Gesindel ebenfalls in seinen erbarmenden +Schutz genommen, ist nur wieder einer von seinen unbegreiflichen, aber +sicher zum Heil führenden Wegen.« + +»Na, wir wollen hier nicht untersuchen, ob wir es verdient oder nicht +verdient haben,« sagte da =Pfeife=, »hier sind wir aber einmal, durch +die gütige Fürsehung von dem Wassertode und vielleicht noch vor +Schlimmerem bewahrt, und wie ich die Insulaner bis jetzt gefunden, so +glaube ich kaum, daß uns noch eine Gefahr für unser Leben droht. Hätten +sie Böses mit uns im Sinne, so brauchten sie uns nur einfach ersaufen zu +lassen; kein Mensch hätte ihnen dabei einen Vorwurf machen können. +Kalter, berechneter Blutdurst liegt aber nicht in ihrer Natur, und da +sie uns nicht im ersten Augenblicke die Schädel eingeschlagen haben, so +denk' ich, dürfen wir für unsere Sicherheit auch weiter nichts +fürchten.« + +»Ich möchte nur wissen,« knurrte da Lemon, einen Seitenblick nach dem +Böttcher werfend, »warum Spund um Gnade gebeten hat, wie sie uns zum +Frühstück riefen.« + +»Laß du nur dein Spotten, Lemon,« brummte, als die Anderen lachten, der +also geneckte -- »Gnade haben wir alle nöthig, und ob das, was der Alte +sagte, auf Tongaisch hieß: Gieb ihnen ein Spanferkel und Brotfrucht, +oder schneid' ihnen den Hals ab, hast du so wenig gewußt wie ich. Wenn +ich nur jetzt erst eine Ahnung hätte, wie wir diesen Heiden wieder +entgingen und von der Insel fortkämen!« + +»Fort?« rief Legs erstaunt aus -- »wer will denn wieder fort? -- ich +wahrhaftig nicht. Ich danke meinem Schutzgeist, der mich hergebracht +hat, und denke gar nicht daran, wieder an Bord irgend eines anderen +blutigen Schiffes zurück zu gehen. Mögen die Thran sieden, die ein +Vergnügen daran finden; =ich= befinde mich wohl wo ich gerade bin, und +denke Bürger und Einwohner, wie sie bei uns sagen, auf Monui zu werden.« + +»Da kommt der Alte wieder,« unterbrach Mac Kringo das Gespräch -- +»nehmt euch zusammen, Jungens, und macht ihn nicht böse. Er hat uns nun +einmal in der Tasche, und wir müssen sehen, daß wir ihn zum Freund +behalten.« + +Von Toanonga schien ihnen aber nichts Feindseliges zu drohen. + +Der gutmüthige alte Mann, ohne jedoch seiner Würde im Mindesten etwas zu +vergeben, mochte sich im Gegentheil in dem Bewußtsein behaglich fühlen, +der Protector dieser von ihm abhängigen Papalangis zu sein. Mac Kringo +hatte ihn auch darin bald durchschaut und sein Betragen schon ganz +darnach geregelt. + +Er stand auf, sobald sich der alte Häuptling ihrem Eßplatz näherte, +begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und fragte ihn, was zu seinen Befehlen +stände, und Toanonga, den das sichtlich erfreute, winkte ihm huldreich +mit der Hand und bedeutete ihm dann, daß er sich freuen würde, wenn die +Fremden seinen Leuten keinen Anlaß zu Klagen geben wollten. Sie seien +allerdings für jetzt noch Gefangene, bis das Gericht der Egis oder +Häuptlinge über sie entschieden hätte; denn dem, was diese über sie +beschließen würden, müßten sie sich allerdings fügen; aber er hoffe, daß +sie mit ihrer Lage zufrieden sein sollten. Das hänge jedoch, wie schon +gesagt, lediglich von ihrem eigenen Betragen ab. Für jetzt sei ihnen +eine leerstehende Hütte, die er Mac Kringo an einer vorragenden +Landzunge zeigte, zum Wohnort angewiesen; dorthin würden sie auch +geschickt bekommen, was sie zum Leben brauchten. -- Außerdem sei ihnen +aber für jetzt der Verkehr mit den Eingeborenen, besonders den Frauen, +untersagt, und er erwarte, daß sie jenen Platz nicht verlassen würden, +bis sie abgeholt würden. + +Damit, und als ob er sich jetzt genug mit den Leuten eingelassen, machte +er eine höchst würdevolle, wie verabschiedende Bewegung mit der einen +Hand, drehte sich dann ab, und verließ die darüber etwas verdutzten +Matrosen, ohne irgend einen Einwand anzuhören oder nur zu erwarten. + + +3. + +Die Leute waren über diese Ankündigung, die ihnen Mac Kringo +gewissenhaft übersetzte, allerdings etwas bestürzt. Daß sie erst noch +einem Gericht der Egis unterworfen werden sollten, hatten sie nicht mehr +geglaubt. Wer wußte denn, was diese über sie beschließen würden? und daß +ihnen nicht alle Insulaner so freundlich gesinnt und auch nicht so +gutmüthig waren, wie der alte Toanonga, hatten sie lange schon gemerkt. + +Übrigens wurden sie bald gewahr, wie die Ausführung der Anordnung auf +dem Fuße folge; denn kaum hatte der Häuptling sie verlassen, als sich +ein junger Bursch ihnen als Begleiter vorstellte, sie nach ihrem vor der +Hand einzunehmenden Hause oder Gefängniß abzuführen. Daß sie ihm +gehorchen mußten, verstand sich von selbst. + +Merkwürdig blieb aber dabei wie sehr sie von den übrigen Eingebornen +ignorirt wurden. Man that vollkommen, als ob sie gar nicht auf der Insel +seien, und während die Männer, die ihnen auf dem schmalen Pfade +begegneten, über sie hinweg in die Wipfel der Cocospalmen starrten, +gerade als wenn sie dort in diesem Augenblick etwas höchst Interessantes +entdeckt hätten, glitten die Mädchen und Frauen und Kinder, die sie +unterwegs trafen, scheu in das Dickicht, drückten sich dort hinter einen +Busch oder Stamm und ließen sie ungegrüßt vorüber ziehen. + +Alle die frohen und leichtherzigen Hoffnungen, die ihnen das Frühstück +gebracht, zerstörte denn auch dieses unheimliche Betragen wieder. Sie +kamen sich vor wie Ausgestoßene, Verfehmte, die Jeder mied, und still +und schweigend wanderten sie zuletzt ihre Bahn, dem etwa eine halbe +Stunde Wegs entfernten Orte ihrer Bestimmung entgegen. + +Der Platz dort gefiel ihnen aber gar nicht. Eine schmale, an manchen +Stellen kaum zwanzig Schritt breite Landzunge -- eigentlich nur ein mit +Vegetation bedeckter Corallenstreifen -- lief zu dem Platz aus, auf dem +eine alte, halb verfallene Bambushütte stand, und wenn die Eingeborenen +wirklich etwas Böses gegen sie im Sinne hatten, waren sie dort ohne +Waffen, ohne Boot, vollständig in ihre Hände gegeben. + +Daran ließ sich aber nichts mehr ändern, der Befehl lautete: sie dort +abzuliefern, oder vielmehr sie dort sich selber zu überlassen, und der +Erfolg bewies, wie klug der alte Toanonga die Stelle ausgewählt. Eine +einzige Schildwacht nämlich, auf den schmalsten Theil der Landzunge +postirt, konnte jede ihrer Bewegungen überwachen, und daß sie sich +dieser nicht mit Gewalt widersetzen durften, wußten sie recht gut. + +So vergingen ihnen acht volle Tage, in denen die Langeweile sie bald +umbrachte. Der alte Häuptling hatte ihnen allerdings ein paar hölzerne +Harpunen geschickt, um sich ihre Fische selbst damit zu fangen, und ein +altes, sehr kleines Canoe war ihnen ebenfalls gegeben worden. Der Raum +aber, in dem sie umherfahren konnten, blieb immer sehr beschränkt, da +ein bis an die Oberfläche steigender Corallengürtel die ganze Landzunge +einfaßte. Übrigens wußten sie mit der leichten Harpune nicht ordentlich +umzugehen und fingen wenig oder gar nichts damit. + +Nichts desto weniger litten sie keinen Mangel, denn jeden Morgen +brachten ihnen ein paar Eingeborene Brotfrucht und Cocosnüsse, mit denen +sie sich freilich vor der Hand begnügen mußten. Die aber, die ihnen die +Lebensmittel ablieferten, ließen sich auf gar keine Unterhaltung mit den +Gefangenen ein. Die von Mac Kringo an sie gerichteten Fragen +beantworteten sie kurz oder gar nicht, und nur das eine Wort _mawquaw_ +-- »wartet!« hörten sie alle Tage. + +Die Eingeborenen hatten allerdings in der Zeit mehr zu thun, als sich +mit den gefangenen Europäern einzulassen. Die Verbindung Hua's mit _Tai +manavachi_ wurde gefeiert -- wie Mac Kringo doch herausbekommen hatte -- +und das _Cava_-Trinken beschäftigte sie fast ausschließlich den ganzen +Tag. Der Lärm ihrer Tänze und Sänge schallte auch oft, von der Brise +getragen, bis zu den armen Gefangenen herüber; das war aber auch alles, +was sie von der Feierlichkeit genossen, denn die weißen Tuas[24] +durften nicht Theil nehmen an einem Feste des ersten Häuptlings. + +Am neunten Tage Morgens war Alles vorüber, und _Tai manavachi_ führte +seine junge Frau auf seiner kleinen Flotte mit hinweg, der eigenen +Heimat zu. Die Insulaner gaben ihnen noch eine lange Strecke das Geleit; +dann kehrten sie zurück, und es war jetzt plötzlich so still auf Monui +geworden, daß die sonst so lebendige Insel fast wie ausgestorben schien. + +Um Mittag herum waren die jungen Leute allerdings schon wieder +zurückgekehrt, aber bei den Matrosen ließ sich Niemand blicken als ihr +gewöhnlicher Bote, der die Lebensmittel brachte. + +Spund, vor allen Anderen, war damit nun allerdings vollkommen +einverstanden. Er lag den ganzen Tag im Schatten einer mächtigen, unfern +von ihrer Hütte wachsenden Cocospalme, seinen Platz nur eben so viel +verändernd, wie sich die Sonne drehte. Auch Jonas und Lemon schienen +sich in diesem Leben wohl zu fühlen. Mac Kringo dagegen verlangte es +nach einer Beschäftigung, und während er die Morgenstunden darauf +verwandte, meist verunglückte Versuche im Fischfang zu machen, benutzte +er den Nachmittag, ein Kartenspiel aus Holz zu fabriciren. Er hatte +nämlich eine Holzart dort gefunden, die sich ziemlich leicht spaltete, +und war mit wahrhaft eiserner Geduld daran gegangen, mit seinem +Taschenmesser, an dem sich eine kleine Säge befand, einen Stamm +abzuschneiden und dünne Scheiben davon herzurichten. Wenn die Sache auch +außerordentlich langsam ging, war es für ihn doch eine Beschäftigung und +versprach später sogar eine Unterhaltung. + +Legs hatte ihm im Anfange aufmerksam zugesehen. So lange er selber +nichts zu thun brauchte, war es ihm recht, wenn ein Anderer arbeitete. +Endlich aber bekam er auch selbst das Zusehen satt, nahm eine Harpune +und schlenderte langsam hinaus, den Strand entlang. + +Dort versuchte er allerdings erst eine Weile, ein paar der in dem +krystallklaren Wasser umherschwimmenden Fische zu harpuniren; im +=tiefen= Wasser überstach er sie aber jedes Mal, und im seichten stieß +er die Harpune so oft und vergebens gegen die harten Corallen, daß er +bald die beinernen, überdies nicht sehr dauerhaften Spitzen abgebrochen +hatte, das unnütze Holz dann zu Boden und sich selber unter einen +breitästigen Pandanusbaum warf, den Sonnen-Untergang hier in aller Ruhe +abzuwarten. + +Eine halbe Stunde mochte er etwa so gelegen haben, und er fing schon an +schläfrig zu werden. Die Augenlider wurden ihm schwer, und er war eben +im Begriff, wirklich einzuschlafen, als er unfern von sich und schon +halb träumend etwas auf dem Wasser plätschern hörte. + +_There she blows_, murmelte er halblaut vor sich hin, denn im Geist saß +er oben im Top vom Vormast auf der _Lucy Walker_, nach Wallfischen +ausschauend, und das Plätschern kam ihm wie das Blasen der Fische vor. +Da es sich jedoch wiederholte, wurde er auch endlich wach, schlug die +müden Augen auf und sah plötzlich, kaum hundert Schritt von sich +entfernt, eines der wunderhübschen Tonga-Mädchen auf den Corallen im +Wasser stehen. + +Der ganze weibliche Theil der Bevölkerung hatte sich nun bis jetzt -- +den Befehlen des Häuptlings nach -- so fern von den Papalangis gehalten, +daß ihnen die ganzen neun Tage hindurch keine einzige nur in Sicht +gekommen. Um so mehr wunderte sich jetzt Legs, eine von ihnen so ganz in +der Nähe, und zwar auf dem den Weißen angewiesenen Fischgrunde zu +sehen. + +Das Mädchen erweckte aber auch noch außerdem seine Neugierde, was sie +dort eigentlich treibe, denn sie stand in dem seichten Wasser, das ihr +bis über die Knie ging, vollkommen ruhig, und schlug nur manchmal mit +der rechten, flachen Hand darauf, daß es weit hinausschallte. -- Auf +solche Art konnte sie doch keine Fische fangen. + +Nun war ihnen allerdings streng untersagt worden, mit den Eingeborenen, +besonders mit den Frauen, zu verkehren, wenn die aber selber zu =ihnen= +kamen, glaubte Legs auch keiner Verantwortung unterworfen zu sein. +Jedenfalls hatten sie die Erlaubniß, dort, wo sich die Dirne befand, zu +fischen, und wenn er davon Gebrauch machte und das Mädchen da draußen +zufällig fand, war es nicht seine Schuld. Froh auch, etwas gefunden zu +haben, die langweiligen Stunden rascher zu vertreiben, griff er die +weggeworfene und jetzt vollkommen nutzlose Harpune wieder auf, um die +Waffe wenigstens als Beweis seiner Beschäftigung bei sich zu haben, +glitt dann unter seinem Baume vor und langsam in das seichte warme +Wasser hinein und nahm jetzt eine solche Richtung, daß er dem Mädchen da +draußen, wenn sie wieder zum Ufer zurück wollte, leicht den Weg +abschneiden konnte. Er glaubte nämlich, daß sie nur hier herausgekommen +wäre, weil sie keinen der Fremden in der Nähe vermuthet hätte. + +So wenig als möglich Geräusch machend, näherte er sich dabei langsam dem +jungen Ding, das viel zu sehr da draußen beschäftigt schien, um auf +irgend etwas Anderes zu achten. Der Boden aber, auf dem er ging, war +nicht eben. Die Corallen bildeten allerdings hier einen ziemlich festen, +bei niederem Wasser etwa zwei Fuß tiefen Grund; hier und da waren aber +doch durch ihre Verzweigungen nicht ausgefüllte Löcher geblieben. Legs +watete dort hinaus, achtete aber mehr auf das Mädchen als den Grund, auf +dem er hinschritt, versah eines von jenen Löchern und schlug so lang -- +oder vielmehr so kurz er war, aufs Wasser. + +Etwas bestürzt, raffte er sich allerdings wieder gleich empor und +erwartete jetzt nichts Anderes, als die erschreckte Schöne dem Lande +zufliehen zu sehen. Das Mädchen aber, das sich nun nach dem Geräusch +umgedreht hatte, blieb lachend stehen und schien sich nicht im +Geringsten zu fürchten, ja, ihn sogar zu erwarten. + +Legs, mit einem Kernfluch über seine eigene Ungeschicklichkeit, ließ +sich denn auch nicht lange nöthigen und watete, nur allerdings +vorsichtiger geworden, langsam auf die Schöne zu, die indessen ihre +wunderliche Beschäftigung ruhig und unbekümmert fortsetzte. + +Mit der Sprache der Leute konnte der Matrose nun allerdings noch nicht +zu Stande kommen; einzelne Wörter und Benennungen hatte er sich aber +doch gemerkt, besonders den Gruß der Insulaner, ihr herzlich klingendes +und so oft gehörtes _chio do fa_, das er auch vor der Hand zur +Einleitung für ein weiteres Gespräch verwandte. + +_Chio do fa_, lächelte das hübsche Kind zurück, und Legs, um weitere +Vocabeln verlegen, faßte sich endlich ein Herz und fragte auf gut +Englisch, was sie da mache. + +Das Mädchen, eines der hübschesten der Insel, mit weiter keiner +Bekleidung als einer wunderlich geflochtenen, schmalen Matte um die +Hüften und einem kurzen Stück Tapa über den Schultern, das die Bewegung +ihrer Arme keineswegs beeinträchtigte, schüttelte aber als Antwort nur +lachend mit dem Kopf -- ein Zeichen, daß sie nicht verstehe, was er sage. + +Legs fand jetzt, daß er das Englische aufgeben und sich mehr auf Zeichen +beschränken müsse. Deßhalb auf das Wasser deutend und mit der Hand ihre +bisherige Bewegung nachahmend, sah er sie dabei so komisch fragend an, +daß das junge Ding in fröhlichem Übermuth wieder laut aufjubelte und +dabei ein paar Reihen Zähne zeigte, die ihr wie Perlen zwischen den +rosigen Lippen lagen. Jedenfalls hatte sie aber verstanden, was er +meinte, denn sie nickte ihm freundlich zu und sagte: + +»_Ang-a!_« + +»_Ang-a_ -- ja wohl,« brummte Legs vor sich hin -- »jetzt bin ich so +klug wie vorher. Was ist _Ang-a_?« + +»_=Ang-a!=_« wiederholte aber das Mädchen lauter als vorher und wie +erstaunt, daß der Fremde nicht wissen solle, was _Ang-a_ sei. Trotzdem +schüttelte Legs noch immer bedeutend mit dem Kopf, und da sie wohl +merken mußte, daß ihm die so deutlich gegebene Erklärung doch noch immer +nicht genüge, setzte sie lächelnd hinzu -- »_mawquaw!_« + +=Das= Wort verstand Legs. Die vollen neun Tage hindurch hatten sie das +jeden Morgen von dem Burschen gehört, der ihnen das Essen brachte +-- warte ein wenig! -- und als er darauf rasch und befriedigt mit dem +Kopfe nickte, drehte sich die Kleine von ihm ab und schlug aufs Neue, +wie vorher, das stille Wasser mit der flachen Hand. + +Er sah jetzt, daß sie im linken Arm ein kleines Bündel mit Stücken +gerösteter Brotfrucht und anderen Lebensmitteln trug -- aber wozu? -- +Wollte sie so lange hier draußen im Wasser stehen bleiben, daß sie sich +ihr Mittagsessen gleich mit herausgenommen? -- Er war dabei näher zu ihr +hinan getreten, und der weiche, elastische Körper des Mädchens, so in +Arms Bereich von ihm gebracht, schimmerte ihm so verführerisch aus der +leichten Umhüllung entgegen, daß er allen Warnungen zum Trotz seinen Arm +langsam ausstreckte und um ihre Taille legte. + +Die Insulanerin nahm jedoch nicht die geringste Notiz davon, und Legs +war selber so erstaunt über den günstigen Erfolg seiner Kühnheit, daß er +ein paar Minuten regungslos in dieser Stellung verharrte, ohne sich +natürlich weiter um das zu kümmern, was auf dem Wasser vorging. + +»_Gia-hi!_« sagte da plötzlich die braune Schöne, indem sie ein Stück +der Brotfrucht nahm und neben sich ins Wasser warf. + +Legs konnte nicht umhin, den Kopf nach jener Richtung zu drehen, denn er +sah sich dort plötzlich etwas bewegen. Im nächsten Augenblicke erkannte +er aber auch zu seinem Entsetzen die Finne eines gar nicht etwa so sehr +kleinen Haifisches, der sich in demselben Moment etwas auf die Seite +warf und mit dem geöffneten, bis über die Oberfläche reichenden Rachen +das Stück Brotfrucht aufschnappte und verschlang. So nahe war ihnen die +Bestie gekommen, daß er sie hätte mit der Hand auf den Kopf schlagen +können. + +»_Ang-a!_« lachte das Mädchen noch einmal laut auf, indem sie dem +Ungethüm einen neuen Leckerbissen zuwarf. + +»_Ang-a =hell=!_« schrie aber Legs, der im Todesschreck einen Schritt +zurückprallte, denn selbst der beherzte Matrose fürchtet nichts mehr auf +der Welt als den Hai, seinen ärgsten Feind. »Das ist ein =Hai=, bei +allem, was da schwimmt!« + +Unwillkürlich drückte er sich dabei hinter das kecke, wilde Ding, das +sich ein solch gefährlich Spielzeug ausgesucht. Die Insulanerin aber, +mit einem schelmischen Blick auf den Fremden, dessen Entsetzen ihr nicht +entgangen war, ließ das nächste Stück Brotfrucht dicht neben sich und +mehr nach rückwärts fallen, so daß der Fisch in seinem nächsten Sprung +danach in Wirklichkeit Legs' etwas ausgebogene Extremitäten streifte. + +Das war diesem aber außer dem Spaß, denn während der Fisch in die Höhe +schnappte, den für ihn hingeworfenen Bissen zu ergreifen, wußte Legs +jetzt wirklich nicht, ob der Angriff ihm oder der Brotfrucht galt, +stieß einen lauten Schrei aus und that, so weit er springen konnte, +einen Satz zurück. Dabei fiel er aber wieder, so lang er war, ins Wasser +und schlug jetzt aus Leibeskräften mit Armen und Beinen um sich, um +durch lautes Plätschern und Lärmmachen, als =einziges= Hülfsmittel, den +furchtbaren Feind fern von sich zu halten. + +Er hörte dabei nicht das laute glockenrein klingende Lachen der jungen +Dirne, sah nicht, daß der Hai, durch das ungewohnte Geräusch erschreckt, +schon lange wieder hinaus aus der seichten Fluth und durch irgend ein +Loch der Corallenwände in tieferes Wasser gefahren war. Nur mit jeder, +von ihm selbst aufgeschlagenen Welle, während er sich in aller Hast dem +sicheren Ufer zuarbeitete, fürchtete er das gefräßige Ungeheuer dicht +hinter sich, das vielleicht nur auf einen günstigen Moment wartete, ihn +zu ergreifen, und wälzte sich solcher Art schreiend und mit Armen und +Beinen schlagend, bis zum nächsten Landvorsprung hin. + +Einen solchen furchtbaren Lärm hatte er dabei gemacht, daß seine +Kameraden erschreckt aufsprangen und der Richtung zueilten, von der sie +die Hülferufe gehört. Nicht wenig erstaunt waren sie aber, Legs in +solcher Aufregung ankommen und das Mädchen draußen im Wasser so herzlich +lachen zu sehen, ohne daß sie auch nur die geringste Ursache für Eines +oder das Andere erkennen konnten. + +Von den Eingeborenen waren indessen ebenfalls Einige durch den Lärm +herbeigerufen worden. Diese erriethen übrigens, wie es schien, was da +draußen vorgefallen, denn sie amüsirten sich unter einander +vortrefflich, ohne jedoch den Weißen dabei zu nahe zu kommen. + +Jedenfalls verhinderte sie ein strenges Verbot ihres Häuptlings, sie +würden diese Gelegenheit sonst gewiß nicht versäumt haben, sich nach +Herzenslust über den Fremden lustig zu machen. + +Legs behielt deshalb auch volle Freiheit, sein Abenteuer den Kameraden +nach seiner eigenen Art zu erzählen, und demnach war er draußen beim +Fischen von einem furchtbar großen Hai angegriffen und verfolgt worden +und nur durch seine Geistesgegenwart der Gefahr entgangen, von dem +Ungeheuer erfaßt und unter Wasser gezogen zu werden. Mac Kringo +schüttelte freilich dazu den Kopf und fragte, wie es denn käme, daß der +Hai nicht das Mädchen da draußen angegriffen, und warum die Dirne so +entsetzlich gelacht hätte. Legs jedoch meinte, die Braunfelle hätten +gut lachen; an die ginge ein Hai gar nicht, und da sie sich selber +sicher wüßten, so wäre es keine Kunst, sich über einen Anderen lustig zu +machen. + +Die Aufmerksamkeit der Matrosen sollte aber bald auf etwas Anderes +gerichtet werden, denn ein Bote von Toanonga kam gegen Abend, ihnen +anzuzeigen, daß sie sich am nächsten Morgen bereit halten sollten, zu +der Rathsversammlung der Häuptlinge abgeholt zu werden. + +Weiteres war nun aus dem Burschen nicht heraus zu bekommen. Entweder +wußte er selber nicht mehr, oder durfte nicht mehr sagen. Den Seeleuten +war aber bei der ganzen Sache nicht wohl zu Muthe, denn die Vorladung, +wie die ganze Versammlung wurde gar so feierlich gehalten. + +Was wollten sie denn eigentlich noch mit ihnen? Daß sie an dem Raub der +Häuptlingstochter unschuldig waren, wußte der alte Toanonga so gut wie +sie selber, und konnte man sie also deshalb noch bestrafen? -- Wenn man +sie also nicht bestrafen wollte, wozu dann eine Rathsversammlung halten? + +Jonas schlug jetzt vor, daß sie suchen sollten, sich in der Nacht eines +Canoes zu bemächtigen und damit aufs Gerathewohl in See zu gehen. Inseln +lägen doch noch mehrere dort herum, und eine oder die andere würden +sie schon finden, wenn sie nicht gar unterwegs ein Schiff anträfen, das +sie aufnehmen könnte. Das war aber ein verzweifelter Plan; denn erstens +wußten sie, daß sie streng bewacht wurden, dann hatten sie gar keine +Waffen, um sich, wenn angegriffen, zu vertheidigen, und ohne Provision +und Instrumente in See zu gehen, wo ihnen der nächste Sturm außerdem +verderblich werden mußte, wäre mehr als Tollkühnheit, es wäre einfach +Wahnsinn gewesen. + +Mac Kringo, der überhaupt als Dolmetscher ein gewisses Ansehen bei den +Kameraden gewonnen hatte, stimmte gleich dagegen und erklärte, daß =er= +auf keinen Fall sich bei einem solchen verzweifelten Unternehmen +betheiligen würde. Hätten sie jetzt die ganze lange Zeit nutzlos +verstreichen lassen, so bliebe ihnen nun auch weiter nichts übrig, als +das Letzte abzuwarten, und daß sie nichts dabei für ihr Leben zu +fürchten hätten, glaube er ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können. +Die Eingeborenen seien viel zu gutmüthig, ihnen mit vorbedachter +Grausamkeit etwas zu Leide zu thun, und seiner Meinung nach wäre die +ganze Geschichte weiter nichts, als eine Idee des alten Toanonga, der +sich, den Europäern gegenüber, gern ein wenig wichtig machen wolle. Das +Ganze würde darauf hinaus laufen, daß man ihnen vorhalte, wie gut und +großmüthig die Bewohner von Tonga, und wie schlecht die Papalangis +seien, und zuletzt würde man sie auf der Insel ruhig gewähren lassen, zu +treiben was ihnen gerade beliebe. + +Ob er nun das Richtige getroffen oder nicht, blieb sich gleich; darin +hatte er jedenfalls Recht, daß ein Fluchtversuch jetzt im letzten +Augenblick Wahnsinn gewesen wäre, und die Bootsmannschaft entschloß sich +denn auch endlich, das Resultat, wie es auch ausfallen möge, geduldig +abzuwarten. + + +4. + +Der nächste Morgen kam, und die Leute versuchten, soweit ihnen das +irgend möglich war, =Toilette= zu machen. Damit sah es aber entsetzlich +windig aus, denn bei ihrer Flucht von Bord hatten sie nur das +Nothwendigste mitnehmen können, und bei dem Sinken des Bootes auch +selbst das noch verloren. Nur Mac Kringo und Legs besaßen Hüte, nur +Spund und Jonas Jacken, und ihre Schuhe waren von dem scharfen +Corallenboden, auf dem sie =ohne= Schuhe gar nicht gehen konnten, schon +so mitgenommen worden, daß sie kaum noch zusammen hielten. + +Die einzige Verbesserung, die sie mit sich vornehmen konnten, war die, +daß sie ihre Hemden auswuschen, um wenigstens mit reiner Wäsche vor den +Häuptlingen zu erscheinen, und was eine Kopfbedeckung betraf, so hatten +die, welche mit einer solchen nicht mehr versehen waren, darin die Mode +der Eingeborenen nachgeahmt und sich eine Art Kopfschutz aus den +Blättern der Cocospalme gefertigt, der die Augen wenigstens gegen das +blendende Sonnenlicht schirmte. + +Nur Pfeife, einer gewissen Phantasie dabei folgend, war daran gegangen, +einen wirklichen Hut zu flechten -- was die Matrosen meist verstehen und +sich oft ihre Strohhüte selber machen. Das Cocosblatt zeigte sich aber +nicht geschmeidig genug dazu, und wenn er auch wirklich eine Art Hut +zusammen brachte, so hatte derselbe doch eine so wunderliche Form +bekommen, daß selbst Lemon lachte, als er ihn zum ersten Male sah. + +Die ersten Morgenstunden vergingen übrigens, ohne daß sie zu der +erwarteten Zusammenkunft wären abgerufen worden. Nur ihr Frühstück +erhielten sie wie gewöhnlich, dann war Alles still -- nicht einmal ein +Fischer-Canoe sahen sie in dem Binnenwasser der Riffe, so hatte die +heute gehaltene Rathsversammlung das Interesse der Insulaner in +Anspruch genommen. + +Endlich kam der, eines Theils gefürchtete, andern Theils aber auch +wieder sehnlichst erwartete Bote; denn selbst die schlimmste +Wirklichkeit kann in manchen Fällen oft weniger peinlich sein, als diese +ewig zögernde Ungewißheit, in der sich des Menschen Herz in solchem +Falle verzehrt. + +Ein junger Bursch, der auf der Insel Constabel-Dienste versah, sich +sonst aber in nichts von den Übrigen auszeichnete, als wo möglich noch +fauler als der Rest zu sein, kam endlich und meldete den Papalangis, daß +Toanonga und die Versammlung der Egis sie erwarte. + +Mac Kringo theilte den Übrigen die Botschaft mit, und Lemon brummte +halblaut vor sich hin: Die Egis sollen verdammt sein! + +Das nahm der Botschafter aber entsetzlich übel; denn wenn er auch kein +Englisch verstand, hatten die Eingeborenen jenes Wort »verdammt« doch so +oft von dort landenden Fremden gehört, um zu wissen, daß es etwas sehr +Böses und Häßliches bedeute. Er hielt deshalb auch dem kleinen +sauertöpfischen Burschen eine lange und heftige Strafpredigt, die +dieser jedoch mit weiter nichts als einem noch viel mürrischeren »Geh +zum Teufel« erwiderte. + +Mac Kringo gab sich freilich alle Mühe, den Frieden wieder herzustellen +und den Eingeborenen zu besänftigen, indem er ihn zu überzeugen suchte, +daß er den Papalangi ganz falsch verstanden habe. Der Bursche wußte aber +recht gut, was er selber gehört hatte, und der Zug setzte sich endlich, +von ihm angeführt, langsam in Bewegung. + +»Hört einmal, Kameraden,« sagte da Mac Kringo als sie schon unterwegs +waren, indem er sich gegen die kleine Schaar wandte, »ich habe euch +schon versichert, daß ich nicht glaube, wir hätten irgend etwas von dem +rothen Gesindel zu fürchten. Sollten sie uns aber =doch= zu Leib wollen, +und es ist immer gut, auch auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, dann +wollen wir uns auch nicht wie die Schafe zur Schlachtbank führen lassen, +sondern lieber wie englische Matrosen sterben und noch so vielen der +rothen Brotfruchtfresser, wie möglich, die Schädel einschlagen. Seid ihr +damit einverstanden?« + +»Gewiß,« rief Pfeife für die Übrigen; »irgend etwas wird man ja dort +schon finden, womit man zuschlagen kann, und wenn das =nicht= wäre, so +hat jeder seine Fäuste und sein Messer bei der Hand, die lumpigen +Schufte nach Herzenslust zu bearbeiten.« + +»Gut,« sagte Mac Kringo. »In dem Falle liegt unsere einzige Aussicht auf +Erfolg aber nur darin, daß wir uns nicht =trennen= lassen, sondern fest +zusammen halten. Sechs handfeste Burschen wie wir können es dann auch +schon mit einem Schock solchen weichlichen Gesindels aufnehmen, und im +schlimmsten Falle arbeiten wir uns zu einem Canoe durch, plündern einen +Brotfruchtbaum und ein paar Cocospalmen und gehen in See.« + +»Das sind schöne Aussichten!« seufzte Spund, »und bedenkt nur dabei, daß +wir sie durch Widersetzlichkeit immer noch erbitterter machen!« + +»Wenn =du= dich willst fressen lassen,« kreischte Pfeife, »so hat +natürlich Niemand was dawider. Ich danke aber dafür, und wenn sie uns +wirklich einmal zu Leib wollen, so liegt nachher verwünscht wenig daran, +ob wir sie dabei in guter oder böser Laune behalten.« + +»Pst -- da sind sie!« flüsterte aber in diesem Augenblicke Mac Kringo, +der durch die Büsche hin die hellen buntfarbigen Kleider der +Eingeborenen schon erkannt hatte. »Jetzt haltet euch ruhig, und im +Nothfalle fest zusammen. Unsere Messer haben wir doch wenigstens alle +im Gürtel, und was sie auch vorhaben, sie sollen uns wenigstens nicht +unvorbereitet finden.« + +Weiteres Gespräch war jetzt auch unmöglich geworden, denn wie sie den +nächsten Busch umschritten, sahen sie sich plötzlich der ganzen +Versammlung gegenüber, die sie sich allerdings nicht so zahlreich +gedacht. Die Einwohnerschaft der ganzen Insel schien aber hier +versammelt und der große weite Raum vor Toanonga's Hütte, in dem die +Egis den Mittelpunkt bildeten, schwärmte ordentlich von braunen +lebendigen Gestalten beiderlei Geschlechts. + +Inmitten des Platzes stand ein riesiger Tamarindenbaum, um den herum +neun hochstämmige Cocospalmen angepflanzt schienen. Dadurch erhielten +sie dem Platz den Schatten, die Sonne mochte stehen, wo sie wollte[25], +und konnten ihre Versammlungen zu jeder beliebigen Tageszeit halten. + +Dort waren feine Matten ausgebreitet, welche die Bewohner aller der +Südsee-Inseln so trefflich zu flechten verstehen, und die Egis von Monui +bildeten, mit Toanonga in der Reihe sitzend, einen vollkommenen Kreis. + +In demselben nahmen die verschiedenen Häuptlinge ihre Plätze ein, aber +keineswegs nach Gutdünken, sondern sie waren ihnen vorher von dem +Ceremonienmeister angewiesen worden. Toanonga behauptete den Ehrenplatz +und saß, den Rücken seinem Hause zugedreht, mit dem Gesicht der +reizenden Bai zugewandt, die hier durch rechts und links auslaufende +Landzungen gebildet wurde. Zu beiden Seiten dann von ihm ab kamen ihm +zunächst die Angesehendsten und vom edelsten Blut, bis sich mit den +geringeren Häuptlingen der Kreis ihm gegenüber wieder schloß. + +Um die Egis aber her, und zwar so gedrängt, daß sie fast deren Rücken +berührten, saßen[26] die übrigen Eingeborenen, Männer und Frauen, bunt +durch einander, und wer dem Kreise nicht so nahe kommen konnte, zu hören +was da verhandelt wurde, ließ es sich wenigstens von den näher Sitzenden +mittheilen. + +Außerhalb dieses fast dicht geschlossenen Kreises hatten die Kinder +ihren Tummelplatz gewählt, sich haschend und überschlagend, und mit den +nackten Füßen auf dem scharfen Corallensande allerlei wilde Lust +treibend. + +Die Berathung war indessen nicht gleich von Anfang an so öffentlich -- +wenn auch im Freien -- verhandelt worden. Bis die Egis unter sich einig +geworden, hatte man das Volk in ehrerbietiger Ferne gehalten, und erst +als die Hauptsache vorüber war, ließ man die Neugierigen hinzu. Wollte +jedoch der alte Toanonga die Galerieen wieder geräumt haben, so brauchte +er nur ein Zeichen zu geben, und Keiner hätte daran gedacht, sich dem +Befehle zu widersetzen. + +Jetzt übrigens, da die gefangenen Fremden in Sicht kamen, wurde eine +andere Ordnung nöthig, um sie würdig zu empfangen, und einer der als +Constabel agirenden Burschen schrie deshalb den Zuhörern zu, Raum zu +geben. Diese mußten auch schon wissen, um was es sich handle, denn sie +wichen nach rechts und links zurück, die Fronte gegen die Bai offen +lassend, während die mit dem Rücken nach dem Wasser zu sitzenden +Häuptlinge ebenfalls aufstanden. + +Geschäftige Hände ergriffen dabei rasch ihre Matten, und trugen sie +hinter Toanonga und die ihm zunächst sitzenden Häuptlinge, wo sie mit +ihnen eine zweite Reihe bildeten. Dadurch war der Raum vor dem alten +Häuptling frei geworden, an beiden Seiten aber kauerte die +Einwohnerschaft von Monui. + +»Mate,« sagte da Legs, indem er seinen Hosenbund etwas höher über die +Hüften heraufzog und aus alter Gewohnheit -- denn Tabak hatte schon +lange Keiner von ihnen mehr -- auf die Erde spuckte -- »die Geschichte +wird feierlich -- was sagest =du= dazu.« + +»Mein Leben lang will ich keine Schiffsplanke betreten,« murmelte Pfeife +zwischen den Zähnen durch, »wenn ich nicht wünsche, daß ich hier fort +wäre. Da stehen ein paar Hundert breitschulterige Kerle herum, mit den +Waffen vielleicht hinter den nächsten Büschen versteckt, was sollen wir +Sechs gegen die ausrichten?« + +»Bah, =so= viel für die ganze Band',« brummte der, fast um einen Kopf +kleinere Matrose. »Meinen Hals setz' ich zum Pfand, daß die Kerle nicht +einmal die Courage haben, uns etwas am Zeuge zu flicken. Ja, wenn wir +Einer oder Zwei wären, aber einer ganzen Bootsmannschaft -- wenn auch +unserem Harpunier und Bootsteuerer der Hals voll Wasser gelaufen ist -- +kommen sie schon nicht zu nah.« + +»Du, der Alte fängt an,« flüsterte da Pfeife, indem er den Kameraden in +die Seite stieß, »jetzt bin ich neugierig.« + +Toanonga hatte indessen -- die Hände in voller Ruhe auf seinem Bauch +gefaltet -- die ankommenden Papalangis Einen nach dem Andern aufmerksam +gemustert. Als sie aber auf Anordnung eines der Leute vor ihm +niedergesessen oder vielmehr gekauert waren, und sich halb schüchtern im +Gefühl der sie umgebenden Menschenmenge, halb wieder trotzig und im +schlimmsten Falle zum Äußersten entschlossen, im Kreise umsahen, nickte +er ihnen mit seinem gutmüthigen Lächeln zu und sagte: + +»_Chio do fa, Papalangis -- chio do fa!_« + + +5. + +Die Leute, die aus dem freundlichen Gesicht des Alten neuen Muth +schöpften, erwiderten den Gruß rasch, und dieser fuhr, den Kopf dabei +langsam auf und ab neigend, einer in Bewegung gesetzten Pagoge nicht +ganz unähnlich, fort: + +»Ich habe euch rufen lassen, Freunde, um mit euch ein ernstes Wort über +euch und eure Zukunft zu sprechen. Du da vorn, wie heißest du gleich? +-- verstehst ja wohl unsere Sprache genug, den Anderen wieder zu +erzählen, was ich dir gesagt habe?« + +»Mac Kringo heiße ich,« erwiderte der also angeredete Schotte, indem er +den Kopf etwas neigte. »Rede nur, Toanonga; ich verstehe Alles, und es +soll kein Wort davon verloren gehen.« + +»Gut, Freund -- desto besser. So passe wohl auf, denn es kommt für euch +viel darauf an, daß du auch eben recht verstehest.« + +»Du weißt, unter welchen Umständen wir euch auf diese Insel +zurückbekommen haben. Es war nicht unser Wunsch, und wir hätten euch +lieber in eurem großen Canoe fortsegeln sehen. Du weißt auch, daß ihr +oder euer Capitain -- das bleibt sich gleich, denn ihr gehörtet zusammen +und standet einander bei -- mir hier, der ich euch alle freundlich +aufgenommen, ein großes Leid anthun wolltet. Das war eure Dankbarkeit, +ich will euch das aber nicht so übel nehmen, denn ihr Papalangis wißt es +vielleicht nicht besser, und wenn ihr erst einmal eine Zeit lang +zwischen uns gelebt habt, werdet ihr schon gescheidtere und bessere +Menschen werden. Trotzdem nun hat der wackere und tapfere _Tai +manavachi_, während er eurem bösen Capitain mitten im Sturm seine Braut +wieder abnahm, euch, seine Feinde, die ihr verunglückt waret, aus dem +Meer gerettet und ans Land gebracht, und euch auch weiter nicht das +geringste Leid zugefügt. Er hatte eurem Capitain versprochen, euch +ungestraft ziehen zu lassen, wenn er Hua, die damals noch in eurem +Canoe war, kein Leid zufügen wollte, und da euer Capitain sie darauf +frei ließ, glaubte er auch an euch sein Wort halten zu müssen. -- _Tai +manavachi_ ist ein großer und edler Häuptling, und sein gegebenes Wort +war heilig. Die Hotuas hatten es gehört, und er wußte, daß er es nicht +brechen durfte. So -- sag' jetzt deinen Freunden erst einmal, was ich +mit dir gesprochen.« + +Mac folgte dem Befehl und übersetzte den Übrigen die kurze und einfache +Rede. Die Matrosen hörten ihm aufmerksam zu, bis ihn Legs endlich +unterbrach und ausrief: + +»Schon gut, schon gut, das ist eine alte Geschichte, und das Meiste +davon wissen wir schon. Er soll uns ein frisches Garn spinnen. Hol' der +Böse die Saalbadereien!« + +»Nur Geduld, Mate!« rief aber auch Jonas; »wenn einer ein Schiff vom +Stapel lassen will, muß er erst sehen, ob Alles dicht und in Ordnung +ist. Er hat jetzt die Geschichte kalfatert und Masten eingesetzt und +Takelwerk angeschlagen. Paß einmal auf, jetzt wird er die Segel setzen +und 14 Knoten die Stunde gehen.« + +»Haben sie Alles verstanden,« fragte Toanonga. + +»Alles,« sagte der Schotte, der klug genug war, den Alten so viel als +möglich bei guter Laune zu erhalten, »und sie bitten dich fortzufahren.« + +»Schön,« erwiderte der alte Häuptling, zufrieden dabei mit dem Kopfe +nickend: »Ich muß dir nun sagen, daß ich im Anfang gar keine Lust hatte, +euch hier auf der Insel zu behalten. Ihr waret Kriegsgefangene von _Tai +manavachi_ und ich wollte, er sollte euch mit hinüber nach Tonga nehmen. +_Tai manavachi_ hat aber ein großes Herz. Er sagte, daß seine jungen +Leute sehr zornig auf euch wären, und er nicht wisse, ob er dann sein +Wort halten könne: euch kein Leid zuzufügen. Überdies könnte er euch +auch nicht gebrauchen und wolle nichts mehr mit euch zu thun haben.« + +Sehr freundlich von _Tai manavachi_, dachte Mac Kringo, erwiderte aber +laut kein Wort und verzog keine Miene, und der Alte fuhr nach kurzer +Pause fort: + +»Da ihm aber nach unseren Gesetzen nun das Recht über euch zusteht, so +haben wir, die Egis des Landes, uns die Sache überlegt, euch ihm +abgekauft und beschlossen, euch hier auf Monui zu behalten.« + +»=Abgekauft?=« rief Mac Kringo erstaunt. + +»Ja, Freund,« sagte der Alte, ganz unbefangen und freundlich dabei +lächelnd, »=abgekauft=. Nicht etwa, denn ich wüßte nicht, was ich mit +euch anfangen sollte, sondern die Egis, und zu welchem Zwecke, will ich +dir gleich auseinandersetzen, wenn du den Übrigen erst meine Worte +erklärt hast.« + +Mac Kringo that das diesmal schnell genug, denn die Nachricht hatte ihn +selber überrascht, Legs aber rief lachend aus: + +»Da hätte ich den Alten für gescheidter gehalten. Wer =uns= kauft, ist +bös angeführt, denn ich will verdammt sein, wenn ich selbst mein +=eigener Herr= sein möchte.« + +»Und was wollen sie da mit uns machen?« fragte Spund erschreckt; »da +sollen wir wohl =arbeiten=?« + +»Bah!« lachte Jonas; »die Arbeit, die =die= faulen Burschen hier zu +verrichten haben, könnte man recht gut vor dem Frühstück fertig bringen, +ehe der Kaffee kalt wird; -- Lumpenvolk das, einen weißen +Christenmenschen zu =kaufen=! Aber so viel weiß ich, daß ich mich schon +dumm genug anstellen werde.« + +»Und dazu brauchst du dich auch gar nicht zu verstellen,« brummte Lemon. +»So viel ist aber sicher, und Legs hat Recht, ich hätte die Rothhäute +auch für gescheidter gehalten, als daß sie Kerle wie Spund und Pfeife +kauften.« + +»Na, sei du nur --« + +»Ruhig!« unterbrach aber Mac Kringo die Kameraden; »ist das jetzt eine +Zeit zum Necken? Hört erst, was der Alte weiter zu sagen hat, nachher +können wir darüber reden.« + +»=Was= sagen sie?« fragte Toanonga. + +»Sie lassen dich nur bitten, fortzufahren,« erwiderte Mac Kringo. + +»Gut, sehr gut,« nickte der Alte wieder, während jetzt besonders die +Frauen unter den Zuhörern sich vordrängten, als ob sie kein Wort von dem +verlieren wollten, was da verhandelt würde. »Die Egis haben euch also, +wie ich dir schon vorher erzählt, gekauft, und eigentlich blieb ihm +nichts Anderes übrig; denn was sollten wir mit euch machen? ihr habt +keinen Tabak, keine Glasperlen, keine Beile, kein Zeug, für das wir euch +zu einer weiten Seefahrt ausrüsten könnten, und ihr werdet doch wohl +einsehen, daß wir euch das nicht auch noch obendrein schenken können, +weil ihr eines Egi Tochter habt entführen wollen und dabei verunglückt +seid.« + +»Aber wir können uns vielleicht selber ein Boot bauen oder ein Canoe +aushauen,« unterbrach ihn jetzt Mac Kringo, dem der Gedanke nicht recht +behagen wollte, den rothen Gesellen käuflich überlassen zu sein. + +»Womit?« fragte ihn aber ganz trocken der Alte. »Habt ihr selber Beile? +Habt ihr Segel und Ruder? Habt ihr Proviant? Nein, Freund; wir haben +schon Schaden genug durch euch gelitten und wollen jetzt auch einigen +Nutzen aus euch ziehen.« + +»Aber was sollen wir thun?« fragte der Schotte ungeduldig. + +»Das wirst du gleich hören,« lautete die ruhige Antwort des Alten. »Die +Egis haben euch allerdings gekauft, aber mit Gütern, die dem Lande +selber gehören, deshalb können sie auch nicht und wollen sie nicht eure +Dienste für =sich= in Anspruch nehmen. Krieg haben wir jetzt nicht; wir +leben mit allen benachbarten Inseln in Frieden, und _Tai manavachi_ ist +unser mächtiger Bundesgenosse geworden. Wäre das nicht der Fall, so +würden wir euch vielleicht in unseren Canoes verwenden können, deren +Behandlung ihr bald lernen würdet. Überhaupt seid ihr Weißen entsetzlich +unwissende Menschen, für die es ein großes Glück ist, daß sie nach +unserer Insel gekommen sind -- ihr könnt nicht einmal Fische fangen. +Doch das alles werdet ihr wohl nach und nach begreifen, wenn ihr erst +einmal selber für euch und die Euren sorgen müßt.« + +»Wenn wir das aber alles nicht können und verstehen,« brummte Mac +Kringo, »was wollt ihr denn mit uns machen?« + +»Du bist entsetzlich ungeduldig,« sagte Toanonga, »ich war ja eben im +Begriff, dir das zu erklären. Vor allen Dingen wollte ich dir nur erst +begreiflich machen, daß wir uns den Kopf zerbrochen haben, euch eine +ordentliche Stellung hier anzuweisen, und ich selber habe da endlich +einen Vorschlag gemacht, dem die anderen Egis nach reiflicher Überlegung +beigepflichtet sind. Unser Entschluß deshalb ist der folgende: Auf Monui +leben, seit unsrem letzten Krieg im vorigen Jahre, einige Frauen ohne +Männer. Diese haben also auch niemanden mehr, der für sie sorgt, und +mußten deshalb von den Egis oder vielmehr von dem Lande selber erhalten +werden. Unter unsern Einwohnern hat sich aber bis jetzt noch niemand +gefunden, der sie wieder heirathen wollte; der Männer sind auch durch +die vielen Kriege weniger geworden, und diese Frauen begannen für uns +eine Last zu werden.« + +Mac Kringo hatte die Einleitung in immer wachsendem Staunen zugehört, +denn er begriff gar nicht, was ihre Verhältnisse mit dem der Wittwen auf +Monui zu thun haben könnten. Eben so wußte er recht gut, daß in diesem +gesegneten Lande niemand dem Andern zur Last sein =konnte=, denn wo die +Leute eben so genügsam von Brotfrucht und Wasser oder Cocosnüssen +lebten und von allem diesem übrig genug für sämmtliche Bewohner war, +konnte auch von keinem Nahrungsmangel die Rede sein. Er schüttelte +deshalb ungläubig mit dem Kopf und sagte: + +»Hatten sie denn keine Brotfrucht, die sie essen, keine Fische, die sie +fangen konnten?« + +»Du verstehst mich nicht,« erwiderte ruhig Toanonga. »Zu essen haben sie +allerdings genug, Dank den Hotuas[27], die unsere Inseln mit Allem +reichlich gesegnet haben. Frauen verlangen aber nicht bloß zu essen, sie +müssen auch einen Beschützer haben, denn sie fürchten sich, allein in +ihren Hütten zu wohnen. Wir haben ihnen deshalb bis jetzt ein großes +Haus eingeräumt, in dem sie zusammen leben konnten, aber sie wollten +sich dort nicht mit einander vertragen. Sie haben sich gezankt und +Streitigkeiten unter einander angefangen, die dann von den Egis wieder +geschlichtet werden mußten, und es ist kein Friede zwischen ihnen +geworden.« + +»Segne meine Seele,« knurrte Lemon, »das ist ein langer Palaver, und mir +schlafen die Beine schon ein. Was sagt er, Lord Douglas?« + +»Pst -- warte nur noch einen Augenblick,« beschwichtigte ihn der +Schotte, der zu begreifen begann, was man von ihnen verlange, und ein +heimliches Lachen kaum unterdrücken konnte. + +»Damit das anders werde,« fuhr Toanonga langsam und bedächtig fort, +»haben wir =euch= ausersehen, und eurem Schutz sollen diese Frauen +übergeben werden.« + +Mac Kringo glaubte noch immer, der Alte wollte sich einen Spaß mit ihnen +machen; dazu aber sah er doch viel zu ernsthaft aus, und er fragte +jetzt, immer noch seinen Ohren nicht recht trauend -- + +»=Wir?=« + +»Ja, =Ihr=,« erwiderte Toanonga, gravitätisch mit dem Kopfe nickend. +»=Ihr= sollt sie =heirathen=, dann zieht ihr Jeder wieder in ein +besonderes Haus, und der ewige Scandal hört einmal auf. Es ziemt sich +auch nicht, daß die Frauen die Felder bestellen, _gumala_ und _ufi_[28] +darin zu ziehen. Das ist des Mannes Sache, und ihr werdet das fortan +übernehmen. Du weißt jetzt unseren Willen und wirst ihn deinen Freunden +mittheilen. Hast du mich verstanden?« + +»Gewiß,« rief Mac Kringo rasch, und mußte an sich halten, daß er nicht +gerade hinaus lachte, denn die Sache kam ihm doch zu komisch vor. + +»Was will er?« fragte aber jetzt auch Spund, der sich vor Neugierde kaum +lassen konnte. + +»Nun, Messmates,« redete da Mac Kringo die Kameraden an, indem er sich +gegen sie wandte und so ernsthaft wie nur irgend möglich dabei +auszusehen versuchte, »jetzt =ist= die Bombe endlich geplatzt, und so +viel kann ich euch vor der Hand sagen: gehängt werden wir =nicht=.« + +»Aber was ist's? -- was will das alte dicke Rothfell? -- wozu haben sie +uns gekauft?« fragten die Übrigen durch einander. + +»Ja, es ist freilich was Erschreckliches,« schmunzelte Mac Kringo, indem +er die ziemlich abgerissene Schaar vor sich überblickte, »und wenn man +euch hier nach einander ansieht, sollte man eigentlich kaum glauben, daß +ihr recht dazu passen würdet.« + +»Na, zum Teufel, Lord Douglas,« rief jetzt aber auch Jonas, den bei der +langen Vorbereitung schon ganz unheimlich zu Muthe wurde -- »so schieß +einmal los! Was sollen wir denn thun?« + +»Wir sollen =heirathen=,« antwortete Mac Kringo mit einem so ernsthaften +Gesicht, als ihm das irgend möglich war; die fünf Seelen brachen aber +in ein schallendes Gelächter aus, das, merkwürdiger Weise, auch die als +Zuschauer umherkauernden Indianer anstecken mußte. Was sich wenigstens +an jungen Männern dort hinzugedrängt, stimmte plötzlich aus vollem +Herzen in das Lachen mit ein, und die bis zu diesem Augenblicke noch so +ernste Rathsversammlung schien in diesem Ausbruch unerwarteter +Fröhlichkeit ihren ganzen Respect zu verlieren. + +Da hob Toanonga den Arm empor, und während die Insulaner augenblicklich +schwiegen, fühlten selbst die Seeleute, daß sie den alten Häuptling, in +dessen Gewalt sie sich doch nun einmal befanden, nicht ärgerlich machen +durften. + +»Hast du deinen Freunden gesagt, was ich dir mitgetheilt?« fragte der +Alte -- »und weshalb lachen sie?« + +»Sie freuen sich, daß du so gnädig mit ihnen verfahren willst,« +erwiderte Mac Kringo, rasch gefaßt. »Es gefällt ihnen hier auf der +Insel, und sie wollen gern bei euch bleiben. Die Hauptsache freilich, +daß du uns jetzt die Frauen zeigest, die wir nehmen sollen, damit wir +unsere Wahl treffen.« + +»Es ist gut -- das hat noch Zeit,« erwiderte der Häuptling. »Vor allen +Dingen möchte ich erfahren, wer ihr eigentlich selber seid.« + +»=Wir?=« sagte Mac Kringo erstaunt -- »nun, Seeleute.« + +»Ja -- das weiß ich,« erwiderte Toanonga, »denn ihr seid alle auf dem +großen Canoe gekommen. Aber ich weiß auch, daß ihr auf euren Canoes +verschiedene Beschäftigungen habt. Euer Capitain hat mir erzählt, daß es +Unterhäuptlinge darauf gibt, dann aber auch Leute, die das Holz +bearbeiten und Boote machen, solche, die große Fässer arbeiten, solche, +die Eisen hämmern, solche, die mit Tauen und Segeln umzugehen wissen, +und so weiter; Was seid =ihr= also? Was bist =du= gewesen?« + +»=Ich?=« erwiderte Mac Kringo, der recht gut einsah, daß er sich hier in +den Augen der Eingeborenen, ohne daß seine Kameraden das Geringste davon +zu erfahren brauchten, einen höheren Rang und dadurch mehr Ansehen geben +konnte. »=Ich= war ein Unterhäuptling.« + +»Das habe ich mir gedacht,« sagte Toanonga, »und die Anderen?« + +»Hm,« brummte der Schotte, »das mögen sie dir lieber selber sagen,« und +sich dann zu den Kameraden wendend, übersetzte er ihnen rasch, daß der +Alte ihren Stand am Bord zu wissen wünsche. + +»Nun, ich bin Böttcher!« rief Spund. + +»Allerdings,« nickte Mac Kringo -- »der hier, Toanonga, ist der Mann, +der die großen Fässer macht.« + +»Gut -- sehr gut!« rief der Häuptling, »er mag deren hier für uns +machen, Cocosnußöl hinein zu thun -- und weiter?« + +»Du, Jonas, hast dem Zimmermann ja manchmal geholfen,« redete diesen der +Schotte an. »Soll ich dich als Zimmermann aufführen? die Rothhäute haben +nachher mehr Respect.« + +»Meinetwegen,« antwortete Jonas, »viel zu zimmern werde ich hier doch +nicht bekommen.« + +»Und dies, Toanonga,« sagte der Schotte, »ist der Mann, der das Holz +behaut.« + +»Sehr gut! Laß die Zwei bei Seite sitzen.« + +»Nun, Lemon,« wandte sich der Schotte jetzt an diesen, »soll ich dich +als Schmied vorstellen?« + +»Schmied,« brummte der Matrose, »ich habe in meinem Leben keinen Hammer +in der Hand gehabt.« + +»Was thut das,« lachte Mac Kringo, »du wirst auch hier weder Hammer noch +Amboß finden, um dadurch in Verlegenheit zu kommen.« + +»Dann meinetwegen,« sagte Lemon, »so lange sie kein Handwerkszeug haben, +will ich wohl ihr Schmied sein, wenn sie dann nur Frieden geben.« + +Toanonga wurde jetzt also auch mit dieser neuen Eigenschaft bekannt +gemacht, schien sich aber über eine solche Entdeckung noch mehr zu +freuen, als über die anderen Handwerker. Er machte sogar Miene, von +seinem Sitze aufzustehen, besann sich aber doch noch in Zeiten, daß sich +das nicht recht für ihn schicken würde. Dem also entdeckten Schmiede +winkte er jedoch sehr gnädig mit der Hand und befahl ihm, als besondere +Auszeichnung, daß er an seine Seite käme. + +Lemon wußte nicht recht, was er aus der ganzen Sache machen solle, und +schnitt ein bitterböses Gesicht, folgte aber nichts desto weniger dem +Befehle. + +Fast alle Matrosen sind halbe Segelmacher, und Pfeife wurde deshalb von +dem Schotten als solcher vorgestellt. Jetzt blieb also nur noch Legs für +ein selbst zu erwählendes Metier, und da die Leute gemerkt hatten, daß +ihnen das mehr Ansehen gab, wollte natürlich Keiner mehr gemeiner +Matrose sein. + +»Hol's der Henker,« sagte Legs, »wenn ihr Alles weggenommen habt, bleibt +nichts weiter für mich übrig, wie Koch. Stell mich dem alten runzeligen +Rothfell deshalb als Koch vor, Lord Douglas.« + +Das geschah; diese Entdeckung schien aber die beabsichtigte Wirkung +nicht hervorzubringen; denn Toanonga sah den kleinen Burschen mit einem +halb mitleidigen, halb geringschätzigen Blicke an und wiederholte +mehrmals das ihm von Mac Kringo genannte Geschäft des Mannes: + +»_Tangata fe-umu, Tangata fe-umu_,« wobei er den dicken Kopf von einer +Schulter auf die andere warf. + +»Na? steht das dem Alten nicht an,« fragte Legs, etwas bestürzt über +diese augenscheinlichen Beweise des Mißfallens -- »was schneidet er denn +für Gesichter?« + +»Laß nur gehen, Legs,« beschwichtigte ihn aber der Schotte, »ob es ihm +recht ist oder nicht, bleibt sich gleich. Er weiß nun alles, was er +wissen will, und jetzt, denke ich, werden uns die Frauen vorgeführt +werden.« + +»=Ich= weiß, wen ich nehme,« schmunzelte da Legs, der an das +wunderschöne Mädchen dachte, das er draußen im Wasser gefunden. »Nachher +kann ich's hier schon eine Weile auf der Insel aushalten. Wenn wir nur +Tabak hätten!« + +»Sprich mir nur nicht von Tabak,« brummte Spund, »ich bin froh, wenn ich +ihn einmal einen Augenblick vergessen habe. Wie ich das Wort nur nennen +höre, läuft mir das Wasser schon im Maul zusammen.« + +»Hallo, da kommen die Frauen!« rief Legs, der indessen überall umher +geschaut hatte, das Mädchen von gestern unter der Schaar heraus zu +finden, sie aber bis dahin noch nicht entdecken konnte, »na, nu wird's +losgehen.« + + +6. + +Legs hatte ganz recht gesehen. Unter den Frauen entstand in diesem +Augenblicke eine auffallend lebhafte Bewegung, und während bis dahin die +Männer hauptsächlich den innern Ring der Zuschauer gebildet hatten, +drängte sich jetzt der weibliche Theil der Bevölkerung vor, um an der +Verhandlung und ihrem weiteren Verfolge vielleicht thätigen Antheil zu +nehmen. + +Jedenfalls geschah dieses auf ein Zeichen, vielleicht auf einen Befehl +Toanonga's, der indessen seine Augen aufmerksam im Kreise umhergehen +ließ und die ihm näher drängenden Frauen zu mustern schien. War das +wirklich der Fall gewesen, so kam er damit bald zu einem Resultate; denn +er sah nach wenigen Minuten schon wieder still und nachdenkend vor sich +nieder, nur dann und wann nach den Egis hinüberhorchend, die indessen +eine desto lebhaftere Debatte führten. + +Sie sprachen aber so rasch, daß Mac Kringo nur einzelne Worte davon +verstehen konnte. Der alte How oder König schien jedoch mit allem, was +sie sagten, einverstanden; nur einmal protestirte er, und die Sache +mußte den neben ihm sitzenden Lemon betreffen, auf den er wiederholt +deutete. Lemon merkte ebenfalls etwas Ähnliches, und der mürrische +Blick, mit dem er den Alten betrachtete, hatte etwas unendlich +Komisches. Toanonga nahm aber weiter nicht die geringste Notiz von ihm, +und die übrigen Egis schienen sich endlich seiner ausgesprochenen +Meinung zu fügen. + +»Ma Kino,« sagte da plötzlich der Alte, indem er sich an den Schotten +wandte, »ich und die Egis sind darüber einig geworden, wie sie euch +versorgen wollen, und ich will dich kurz mit ihrem Entschluß bekannt +machen, welche Frauen euch zugetheilt werden sollen.« + +»Zugetheilt?« fragte der Schotte rasch, »das ist in unserem Lande nicht +Sitte und meine Kameraden sind völlig damit einverstanden, daß wir uns +lieber die, welche uns am besten gefallen, aussuchen wollen.« + +»Das glaube ich euch recht gern,« sagte der alte Toanonga gutmüthig, +während die zunächst sitzenden Frauen unter einander kicherten und +flüsterten. »Wenn aber hier überhaupt eine =Wahl= Statt finden sollte, +so wären es unsere =Frauen=, die dazu ein Recht hätten. Von =euch= kann +gar keine Rede sein. Da die Frauen aber in Geschäftssachen sehr +kurzsichtig sind, und die Männer für sie denken müssen, so haben die +Egis das übernommen, und du wirst jetzt hören, was wir darüber +beschlossen.« + +»Aber meine Kameraden werden damit nicht einverstanden sein,« warf Mac +Kringo ein. + +»Bah -- ich habe dich für einen vernünftigen Papalangi gehalten,« sagte +kopfschüttelnd der Alte. »Was wollt ihr denn thun? -- haben wir euch +nicht gekauft? -- Könnten wir euch nicht die Schädel einschlagen, wenn +wir sonst Lust dazu hätten, und habt ihr das etwa nicht auch verdient? +-- Wer kümmerte sich hier um euch, wenn wir euch in ein durchlöchertes +Canoe setzten und euch hinaus in die Bai ziehen ließen, dort nach +Gefallen zu sinken oder zu schwimmen, he? also sprich nicht solch dummes +Zeug und sei gescheidt. Wenn =ihr= etwas an der Sache ändern könntet, so +hätten wir euch um Rath gefragt. Da das nicht der Fall war, so habt ihr +für jetzt weiter nichts zu thun als zu gehorchen.« + +Der Alte sprach diese Worte mit seiner gewohnten, gutmüthigen +Freundlichkeit, aber doch auch mit so viel Entschiedenheit im Ton, daß +Mac Kringo bald merkte, wie sie mit ihm und den Eingeborenen überhaupt +standen. Die Schaar der Insulaner war sich, den unbewaffneten Weißen +gegenüber, ihres Übergewichts wohl bewußt, und an Widersetzlichkeit von +ihrer Seite war in der That nicht zu denken. Klug genug also, die nicht +für den Augenblick zu reizen, die einmal die Gewalt in Händen hatten, +beschloß Mac Kringo, sich vor der Hand allem zu fügen, was sie über ihn +und die Kameraden verhängen würden. Mit der Zeit kam dann auch Rath, und +sie fanden vielleicht Mittel und Wege, sich einer ihnen lästig werdenden +Gefangenschaft zu entziehen. + +Toanonga kümmerte sich indessen wenig um das, was sein Dolmetscher etwa +denken oder beabsichtigen mochte. Er hatte ihn mit dem Willen der Egis, +der vor allen Dingen auch der seinige war, bekannt gemacht, und daß der +durchgeführt werden mußte, verstand sich von selbst. + +»Ma Kino,« begann er deshalb nach kurzer Pause, denn das Wort Mac Kringo +konnte er nicht gut aussprechen, indem er den vor ihm sitzenden Schotten +fest und scharf ansah, »du bist, wie du sagst, auf eurem großen Canoe +ein Egi gewesen, und es ist deshalb auch in der Ordnung, daß mit dir der +Anfang gemacht wird. Die Anderen kommen nachher in der Reihenfolge, die +ihnen gebührt. Da du nun unsere Sprache verstehst, gedenke ich dich in +meiner Nähe zu behalten, welcher Ehre du dich hoffentlich würdig machen +wirst, und zu dem Zweck und um dich auch zugleich recht wohnlich bei uns +einzurichten, habe ich dir eine passende Frau bestimmt, die du gut +behandeln und für die du sorgen wirst. Hast du mich verstanden?« + +Mac Kringo nickte schweigend mit dem Kopf, denn der Alte fing an, ihm in +seiner Ruhe und Bestimmtheit zu imponiren. Die Veränderung fiel ihm auch +auf, wie sich Toanonga jetzt und damals benahm, als ihr Capitain noch +mit seiner ganzen Schiffsmannschaft hier lag. Damals war er ihnen weit +mehr als Freund und guter Bursche entgegengekommen, während er jetzt, +von seinem ganzen Stamme umgeben und den wenigen Weißen gegenüber, nicht +ernst und würdevoll genug aussehen konnte. Doch das alles zuckte ihm nur +in flüchtigen Gedanken durch das Hirn, denn der gegenwärtige Moment war +für ihn selber viel zu entscheidend, um sich mit anderen Beobachtungen +aufzuhalten. + +Toanonga winkte nämlich einer Frau, die, nicht mehr ganz jung, aber doch +noch in den besten Jahren, den Kopf gebeugt, in dem vorderen Ringe saß. +Auf das Zeichen, das sie unter den gesenkten Augenlidern vor gesehen +haben mußte, richtete sich aber etwas auf und sah Toanonga an. -- Mac +Kringo war für sie gar nicht da. + +»Mefo Hupe,« sagte Toanonga, die Frau anredend, »du bekommst hier einen +Versorger. Ma Kino wird mit dir in deine Hütte ziehen und das Feld für +dich und deine Kinder bearbeiten.« + +»Deine Kinder?« rief der Schotte erstaunt, während die Frau wieder, als +Zeichen des Gehorsams, den Kopf senkte, »sind denn Kinder auch dabei?« + +»Allerdings,« erwiderte freundlich der alte How, »und um so viel besser +für dich, denn du hast gleich eine Familie, in der du zu Hause bist. +Mefo Hupe war die Frau eines tapferen Egi's, Luttanaki mit Namen, der in +dem letzten Kampfe gegen die Hapai-Leute getödtet wurde. Er hatte vorher +sieben Hapai-Krieger mit eigener Hand erschlagen; du wirst deshalb nicht +verfehlen, die Frau ehrerbietig zu behandeln. Geh jetzt in deine +Wohnung, Mefo Hupe, und bereite dich zu der üblichen Feierlichkeit vor.« + +Die Frau stand auf und verließ, ohne auch nur einen Blick auf ihren +künftigen Gatten zu werfen, die Versammlung, und Mac Kringo wußte +wirklich kaum, ob das hier alles nur ein Scherz sein sollte, oder ob +die Insulaner wirklich Ernst machten. An dem Letzteren brauchte er aber +kaum zu zweifeln, denn Toanonga sah gar nicht wie Spaßen aus. Wie er +sich aber noch überlegte, ob es nicht vielleicht schicklich wäre, daß er +wenigstens ein paar Worte mit seiner künftigen Frau spräche, wandte sich +der Alte schon wieder an ihn, und zwar um zwischen ihm und dem jetzt an +die Reihe kommenden Lemon zu dolmetschen. + +Nun war dem How oder König dieser Insel nichts erwünschter, als einen +Schmied unter den Papalangis gefunden zu haben; denn den großen Nutzen, +den ihnen eiserne Werkzeuge gewährten, hatte er schon lange kennen +gelernt. Diesen beschloß er deshalb auch unter seine ganz besondere +Protection zu nehmen und für sich selber zu benutzen. Daß ein Schmied +auch Werkzeug haben muß, ehe er eine Arbeit liefern kann, fiel ihm nicht +ein. Der Fremde war nun einmal ein Schmied, und damit die Sache +abgethan. + +Für Lemon hatte er deshalb auch eine der jüngsten zu vergebenden Frauen +bestimmt, und Mac Kringo mußte ihn mit dem seiner harrenden Glücke +bekannt machen. Toanonga erstaunte aber nicht wenig, als der Matrose, +der die ganze Sache immer noch für einen schlechten Spaß hielt und +mürrischer als je war, ein Gesicht zu der Eröffnung schnitt, als ob er +den Dolmetscher hätte umbringen können. + +»Unsinn!« knurrte er dabei, »laß dich doch nicht von dem alten Rothfell +zum Narren haben, Lord Douglas!« + +»Aber er ist in vollem Ernst.« + +»Bah -- Dummheiten -- sag ihm nur, ich wollte keine Frau haben. Erstlich +möcht' ich überhaupt nicht heirathen, und dann -- hätte ich auch schon +zwei Frauen in England.« + +»Zwei?« rief der Schotte überrascht. + +»Na, wenn die Erste nicht in der Zeit gestorben,« brummte der +sauertöpfische Gesell -- »ich habe mich wenigstens nie darum bekümmert, +und weiß jetzt nicht einmal wo meine =zweite= ist.« + +»Was sagt er,« fragte Toanonga, der sich den sichtbaren Unwillen des +Fremden nicht erklären konnte. + +»Hm,« meinte Mac Kringo -- »er -- er sagt, er hätte schon eine Frau, und +nach unseren Gesetzen dürfen wir nicht mehr nehmen.« + +»Oh -- weiter nichts?« lachte Toanonga gutmüthig, »da sag' ihm nur, daß +er sich deshalb keine Sorgen mache, denn hier sind wir auf Monui, und +ich selber habe =neun= Frauen. Doch das findet sich alles; ich erlaube +ihm, daß er die Frau nimmt, die ich ihm gebe, und an das Andere hat er +sich nicht zu kehren. Außerdem wird er seine Hütte auf meinem Grund und +Boden haben und unter meinem ganz besonderen Schutze stehen. Sag' ihm +das!« + +Die zweite Frau stand auf ein Zeichen Toanonga's ebenfalls auf und +verließ den Kreis. Lemon aber, den Mac Kringo den neuen und verschärften +Befehl übersetzt hatte, konnte von dem Schotten nur mit Mühe beruhigt +werden, daß er sich hier nicht gleich vor der ganzen Versammlung +widersetzte. Die ihm bestimmte Frau hatte er nicht einmal angesehn. + +Toanonga aber nahm weiter keine Notiz von ihm, da er noch die +Verlobungen der vier anderen Weißen zu beseitigen hatte. Mit diesen +verfuhr er jedoch ziemlich summarisch, wenigstens nahm er Jonas, Pfeife +und Spund zusammen, zeigte dabei auf drei neben ihm sitzende Frauen, von +denen zwei kleine Kinder auf dem Schooß hatten, und ließ die drei +Matrosen durch Mac Kringo bedeuten, daß sie dieselben zu Frauen bekommen +sollten, wie sie gerade in der Reihe säßen. Als Empfehlung +wahrscheinlich bemerkte er nur nebenbei, daß die eine vier, die andere +drei und die dritte fünf Kinder habe. + +Auf eine Antwort der betreffenden Personen wartete er ebenfalls nicht. +Kam es doch hier nur darauf an, daß er eben seinen Willen kund that und +die verschiedenen Partieen gewisser Maßen einander vorstellte. + +Jetzt war nur noch Legs übrig, der bis dahin vergebens gesucht hatte, +Mac Kringo zu bewegen, ein gut Wort für ihn in Betreff des Mädchens +einzulegen, das er mit vielem Vergnügen heirathen wolle. Mac Kringo aber +war bis dahin von Toanonga viel zu sehr in Anspruch genommen worden, ihm +willfahren zu können und erst jetzt, da der alte Häuptling den sechsten +Mann fast vergessen zu haben schien, hielt er es an der Zeit, die +Aufmerksamkeit des Alten auf ihn zu lenken. + +»Hier, How,« sagte er dabei, »ist noch Einer, der dir gern eine Bitte +vortragen möchte.« + +»=Der?=« sagte Toanonga, indem er einen fast verächtlichen Blick nach +der Stelle hinüber warf, wo Legs saß, ohne diesen selbst anzusehen -- +»der ist gut für nichts -- das ist blos der Koch[29].« + +»Der soll also gar keine Frau haben?« fragte Mac Kringo, und bereuete +schon, daß er sich nicht selber als Koch anstatt als Egi angegeben +hatte. + +»O ja,« erwiderte aber Toanonga -- »es waren sieben Frauen da, für euch +sechs. -- Der Koch bekommt die beiden letzten. Sind ein Bischen alt und +nicht gerade hübsch, haben aber zusammen sieben Kinder -- gut genug für +den Koch. Die da drüben sind's.« + +Mac Kringo mußte an sich halten, daß er nicht laut auf lachte. Legs +gönnte er übrigens die beiden; denn der kleine Bursche war, trotz seiner +ansehnlichen Statur, immer der gewesen, der sich schon an Bord am +unbändigsten gezeigt und nicht selten Streit angefangen hatte. Unendlich +komisch kam es ihm dabei vor, sich den etwas krummbeinigen Kameraden als +doppelten Familienvater zu denken, und daß seine Ehe interessant und +keineswegs langweilig werden würde, dafür bürgten die Gesichter der +beiden Frauen. Schienen sie doch selbst in diesem Augenblick schon nicht +übel Lust zu haben, einander in die Haare zu gerathen. + +»Nun, Lord Douglas, was sagt er?« fragte Legs, der sich schon so mit dem +Gedanken vertraut gemacht hatte, ein wackerer Bürger von Monui zu +werden, daß er die Zeit kaum erwarten konnte. »Soll ich den kleinen +Wildfang zur Frau haben? Hol's der Teufel, wir passen auch in der Figur +zusammen und müssen ein prächtiges Paar geben!« + +»Legs,« erwiderte aber Mac Kringo, der sich nicht enthalten konnte, bei +dieser Bemerkung einen Blick nach den gebogenen Extremitäten des +Seemanns hinunter zu werfen, »es thut mir leid, daß der Alte deine +Wünsche nicht berücksichtigen kann. Ob die fragliche Schöne schon +versprochen ist, oder ob er vielleicht selber ein Auge auf sie geworfen +hat und sie zu seiner zehnten Frau machen will, weiß ich nicht. Er wird +dich aber, in Rücksicht deiner Verdienste, entschädigen, und du sollst +zwei andere dafür bekommen.« + +»=Zwei?=« rief Legs erstaunt auffahrend. + +»Ja, mein Junge; die beiden Schönheiten da drüben mit der braunen, etwas +runzeligen Haut und den Unmassen Blumen und bunten Lappen um sich her +gesteckt.« + +»Mach keinen dummen Spaß!« rief Legs ärgerlich, indem er einen halb +zornigen, halb scheuen Blick nach den beiden Unholdinnen hinüberwarf. + +»Na, wahrhaftig, mein Junge,« sagte aber Mac Kringo gutmüthig, »es ist +dem Alten da drüben grimmiger Ernst, und nach Tisch, so viel ich +verstanden habe, werden wir alle zusammengespließt werden. Von uns hat +Jeder schon seinen Theil angewiesen bekommen, wie du ja auch gehört +hast, und die Beiden sind mit sieben dazu gehörenden Kindern für dich +aufgehoben. Na, hoffentlich führt ihr eine recht glückliche Ehe +zusammen.« + +»Verdammt will ich sein,« rief aber Legs, in allem Eifer in die Höhe +springend, »wenn ich mich solcher Art zum Narren halten lasse. Sollte +der alte Holzkopf aber wirklich im Ernst meinen, daß ich mich dazu +hergäbe, ein Alt-Weiber-Spittel und eine Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt auf +der Insel anzulegen, so kannst du ihm nur sagen, Lord Douglas, daß er +sich da verwünscht in der Person geirrt hat. Wenn er einen von uns dazu +haben wolle, so konnte er Spund nehmen, mich aber soll er ungeschoren +lassen, so viel weiß ich.« + +»Und was willst du machen?« + +»Was ich machen will? dem den Schädel einschlagen, der mir irgendwie zu +nahe kommt.« + +»Unsinn!« sagte Mac Kringo ruhig, »du siehst, daß wir Andern uns alle in +das Unvermeidliche gefügt haben, und du allein kannst nicht gegen die +ganze Insel anspringen. Bietet sich einmal eine günstige Gelegenheit, +dann kannst du dich darauf verlassen, daß Keiner von uns säumen wird, +sie zu benutzen, und je fester wir dann zusammen halten, desto besser. +Bis dahin aber bleibt uns nichts Anderes übrig, als uns denen zu fügen, +die für den Augenblick das Heft in Händen halten. Zeigst du dich ihnen +widerspänstig, so ist gar nicht abzusehen =was= sie mit dir anfangen, +und wenn sie dich selbst todtschlügen, kann sie kein Mensch daran +verhindern und würde sich Niemand später darum kümmern.« + +»Und die beiden Vogelscheuchen sollt' ich heirathen?« + +»Du kommst in eine ganz anständige Familie,« lachte Mac Kringo -- »aber +jetzt paß auf, der Alte entläßt die Versammlung und wird noch Aufträge +für mich haben. Halt' dich indessen zu Spund und den Anderen, damit ihr +zusammen seid, wenn man uns verlangt.« + +Toanonga winkte ihm auch wirklich in diesem Augenblick, denn es galt +nichts Geringeres, als die nöthigen Vorbereitungen für die +Trauungs-Ceremonie der Fremden zu treffen, die auf den Inseln +außerordentlich streng genommen werden. Daß diese alle heidnischer Art +waren, versteht sich von selbst; den Weißen konnten sie aber nicht +erlassen werden, da nur =durch= dieselben ihre Ehen geheiligt und +gesetzlich wurden. + + +7. + +Die verschiedenen Bräute hatte man indessen schon entfernt, um sie für +die Feierlichkeit anzukleiden, und Toanonga übergab jetzt die Fremden +einer Anzahl seiner jungen Leute, sie etwas anständig und passend +auszustatten. + +Ihre Kleider waren nämlich durch ihren letzten Unglücksfall so arg +mitgenommen worden, daß sie ihre Blöße kaum mehr bedeckten; besonders +hingen ihnen die Hemden in Lumpen von den Schultern. Toanonga ließ +deshalb Jedem ein Stück Tapa[30] reichen, und die Insulaner wiesen sie +dabei auf das freundlichste an, wie sie sich mit Blumen und einigen +anderen Schlingpflanzen würdig schmücken konnten. Nur Mac Kringo jedoch, +der klug genug war, ihnen zu Willen zu sein, und Spund, der dem Frieden +noch immer nicht traute und Alles geduldig mit sich geschehen ließ, +fügten sich dem Vorschlage. Die Übrigen mit Lemon an der Spitze +verweigerten jede solche Aufmerksamkeit für ihre zukünftigen Frauen. + +Von den Eingeborenen hatten sie aber in der That nichts mehr zu +befürchten, denn von dem Augenblick an, wo Toanonga und das Gericht der +Egis ihre Aufnahme erklärt und dadurch geheiligt hatte, betrachteten die +Leute sie als Freunde und als ihres Gleichen, und brachten ihnen jetzt +sogar von verschiedenen Seiten Lebensmittel herbei, damit sie sich +erholen und stärken konnten. + +Nach der einfachen Sitte dieser Stämme hatten sie aber auch in der That +weit mehr gethan, als irgend ein civilisirtes Volk, sei es noch so fromm +und christlich, an ihrer Stelle gethan haben würde. Die Leute, die +ihnen, trotz aller empfangenen Wohlthaten und trotz der früheren +freundlichen Aufnahme, vorsätzlich Böses zugefügt und im Begriff gewesen +waren, dem alten Häuptling der Insel sein liebstes Kind zu stehlen, +strafte man nicht allein nicht, als man sie in Händen hatte, sondern man +nahm sie sogar als gleichberechtigt mit den übrigen Bewohnern des Landes +auf, gestattete ihnen den Besitz von Grund und Boden, und ließ sie +unmittelbar in die Familien des Landes eintreten. + +Es ist wahr, der erste Antrag einzelner Häuptlinge hatte dahin gelautet, +kurzen Prozeß mit ihnen zu machen und die Gefangenen das büßen zu +lassen, was der Capitain oder Häuptling derselben verbrochen, wie diese +Stämme auch fast immer ihre Kriegsgefangenen tödten. Toanonga aber, +neben seiner angeborenen und natürlichen Gutmüthigkeit, war klug genug +gewesen, auf einen Ausweg zu sinnen, durch den er die Gefangenen und +ihre Kräfte für die Insel verwerthen konnte. Was hätte er oder einer der +anderen Insulaner davon gehabt, wenn man die Weißen vor den Kopf schlug +oder in die See warf? -- gar nichts. Die letzten Kriege hatten ihnen +dagegen mehr waffenfähige Männer gekostet, als die kleine Insel +entbehren konnte, und jetzt halfen sie sich mit den Fremden so gut, wie +sie eben konnten und so weit diese reichten. + +Mit dieser Aufnahme in ihren Staats- und Familienkreis war aber auch +jeder Haß, jedes Gefühl der Rache oder Feindseligkeit gegen die Fremden +aus ihrem Herzen geschwunden. Es waren eben keine Fremden mehr, denn sie +gehörten von da an mit zu Monui so gut wie einer der dort Geborenen. + +Ähnliches findet man fast unter allen wilden Stämmen, die sehr häufig +einzelne aus ihren Kriegsgefangenen, während sie die übrigen mit +durchdachter Grausamkeit zu Tode martern, zurückbehalten und mit der +größten Herzlichkeit in ihre Familien als Söhne aufnehmen. + +Anders betrachteten dieses allerdings die Matrosen, die sich durch +solche gezwungene Heirathen auf das schlimmste mißhandelt glaubten. Legs +verlangte auch von den Übrigen, als die Eingeborenen ihre Versammlung +aufgehoben und die Papalangis sich selber überlassen hatten, daß sie +sich gemeinschaftlich solchem Urtheilsspruch widersetzen sollten. Waffen +hätten sie dabei wohl auch bekommen können, sobald sie nur in des alten +Toanonga Hütte einbrachen. In der ersten Überraschung wäre ihnen das +jedenfalls gelungen, und dort wurden, wie sie von früher wußten, eine +Anzahl von Beilen und Keulen aufbewahrt. + +Hiergegen, als ein ganz wahnsinniges Unternehmen, das jedenfalls den +Untergang Aller zur Folge haben mußte, stimmte aber Mac Kringo, von +Spund und Jonas unterstützt, auf das entschiedenste, und da Lemon und +Pfeife ihren Zustand ebenfalls noch nicht so unerträglich fanden, um +gleich zu einem so verzweifelten Mittel zu greifen, so wurde Legs +vollständig überstimmt. + +Die Ceremonie nahm indessen ihren Anfang und wurde, trotzdem, daß man +mit den Fremden nicht eben viel Umstände nöthig glaubte, doch ziemlich +feierlich betrieben. + +Hier zeigte sich auch wieder die Gutmüthigkeit der Insulaner. Diese +wußten natürlich, daß die Weißen als Schiffbrüchige an ihre Insel +gekommen waren und gar nichts zum Leben Nöthiges gerettet hatten, und +brachten ihnen jetzt eine Menge Geschenke, um sie zu ihrem neu zu +errichtenden Haushalt auszustatten: Tapa zum Kleiden und starke Matten +zum Schlafen, Fischer-Geräthschaften und sogar Waffen, wie Keulen und +Bogen und Pfeile, um bei einem möglichen Angriff eines Feindes in die +Reihen der Krieger mit eintreten zu können. + +Als die Fremden nun mit allem ausgerüstet waren, was sie zu ihrem +anständigen Erscheinen unter den Insulanern gebrauchten, denn um ihre +Lebensbedürfnisse durften sie keine Sorgen haben, versammelten sich, wie +es schien, fast alle Bewohner der Insel, um an der Festlichkeit Theil zu +nehmen. Die sieben Bräute waren schon in das für die Trauung bestimmte +Haus abgeholt, und Toanonga, an der Spitze seiner Egis, winkte die +Fremden heran und überlieferte ihnen, mit einigen mahnenden Worten, sich +gut zu betragen und ihrem neuen Vaterlande Ehre zu machen, ihre +künftigen Frauen, die sich dann aber augenblicklich wieder in ihre +verschiedenen Wohnungen zurückzogen. Den Fremden dagegen wurde bedeutet, +zurückzubleiben, um an einem _Cava_-Fest -- der Hauptsache bei der +ganzen Feierlichkeit -- Theil zu nehmen. + +Diese _Cava_[31]-Partie schien auch erst die vorhergegangene einfache +Formalität der Heirath zu bestätigen und zu kräftigen; denn dadurch, daß +die Häuptlinge es der Mühe werth hielten, eine solche anzuordnen und die +Fremden daran Theil nehmen zu lassen, heiligten sie den eben +geschlossenen Bund, der jetzt ohne Toanonga's Bewilligung nicht wieder +gelöst werden konnte. + +Einen schweren Stand hatten die Seeleute aber erst noch bei dem +_Cava_-Fest, denn die Bereitung dieses Trankes kannte Keiner von ihnen, +nicht einmal Mac Kringo. Pfeife besonders, als er merkte, was dort +vorging, wurde steinübel, und Legs wollte schon aufspringen und +hinauslaufen. Der Schotte aber, der sich leicht denken konnte, daß etwas +Derartiges von den jetzt nur freundlich gesinnten Eingeborenen als die +größte Beleidigung angesehen werden würde, bewog sie mit großer Mühe, +sitzen zu bleiben und auch dieses noch über sich ergehen zu lassen. +Später konnten sie ja solchen Einladungen schon weit eher ausweichen. +Spund stimmte ihm darin auch vollkommen bei, und während die Anderen, +als die Schale an sie kam, nur so thaten, als ob sie schluckten, nahm +er, seinen Willen und Gehorsam zu zeigen, einen langen und herzhaften +Schluck. + +Das sollte er aber schwer büßen. Kaum hatte er die Mischung hinunter, +als sich ihm der Magen gewaltsam umdrehte, und er mußte, unter dem +Gelächter der Eingeborenen, von seinen Kameraden hinausgeschafft werden. + +Damit war indessen auch jedem Anspruch, den die Egis noch an sie machen +konnten, Genüge geleistet. Während die Insulaner noch bei ihrer +Cava-Partie blieben, deren Freuden sie sich oft bis in später Nacht +hingeben, wurden die Seeleute, jetzt jeder Aufsicht und Überwachung +enthoben, von jungen Leuten in die ihnen zugewiesenen Wohnungen +abgeführt und durften sich von dem Augenblick an als Bürger von Monui +betrachten. + +Fußnoten: + +[23] Wie: Pfui -- schäme dich. + +[24] Tuas werden die zur niedrigsten Classe gehörigen Bewohner der Insel +genannt. Überhaupt besteht auf den Tonga-Inseln -- wenn man es nicht +gerade Kastengeist nennen will -- eine strenge Absonderung der +verschiedenen Gesellschaftsschichten, die kaum schroffer in dem alten +durch und durch civilisirten Europa sein kann. Mesalliancen kommen +äußerst selten vor, und bei jedem Festmahl wird die Rangordnung durch +besondere Ceremonienmeister unerbittlich aufrecht erhalten. + +[25] Die Tonga-Inseln liegen, wie bekannt, innerhalb der Wendekreise S. +Br. Die größte Zeit im Jahre haben sie also die Sonne um Mittag im +=Norden=, einen kleinen Theil des Jahres aber, etwa um März, im =Süden=. + +[26] In der Nähe der Häuptlinge gilt es nicht für schicklich, zu +=stehen=. + +[27] Hotuas sind die obersten Götter. + +[28] Süße Kartoffeln und Yams. + +[29] Auf den Tonga-Inseln ist der Koch der verachtetste unter den +verschiedenen Handwerkern. + +[30] Tapa ist das aus der Rinde verschiedener Bäume ausgeschlagene Zeug, +das die Frauen auf allen Südsee-Inseln selber verfertigen. + +[31] Die _Cava_ ist die Wurzel einer pfefferartigen Pflanze (auf den +übrigen Inseln Ava genannt), aus der ein gährendes und besonders bei +festlichen Gelegenheiten benutztes Getränk bereitet wird. Nur die Art +der Zubereitung ist für den nicht daran Gewöhnten widerlich und +abschreckend, indem die Wurzeln von den daran Theil nehmenden +Eingeborenen =gekaut= und dann in eine Schüssel gelegt werden, wo man +sie nachher mit Wasser übergießt. Dieses Wasser, nachdem es den Saft aus +den Wurzeln gezogen hat, wird als eine Delicatesse getrunken. + + + + +Der Schooner. + + +1. + +Die Brotfrucht war zum zweiten Male gereift, und die Bäume standen mit +diesem wunderbaren Geschenk beladen, das ein gütiger Himmel den +glücklichen Bewohnern jener Inseln gespendet. Überall auf Monui +herrschte Überfluß, und die leichtherzigen Eingeborenen hätten jeden Tag +als Fest feiern können. Das rege, thätige Leben auf der Insel galt aber +einem andern Zweck, und nicht zu Lust und Frieden sammelten sich die +Männer in häufigen Berathungen und suchten aus allen Ecken die fast +vergessenen Waffen wieder hervor. + +Was hilft den Menschen ein Paradies, wenn sie darin nicht ihre +Leidenschaft zähmen können! Was hilft ihnen der Überfluß an allem zum +Leben Nöthigen, wenn sie sich mit dem, womit Gott sie in so reichem +Maaße überschüttet, nicht begnügen können oder wollen! Die Südsee-Inseln +sind uns darin ein lebendiges Beispiel. Hier bringt die Natur alles +hervor, was der Mensch zum Leben braucht. Ohne Arbeit, ohne Anstrengung, +von einer wundervollen Scenerie umgeben, in ihrem Familienleben +glücklich, von Krankheiten wenig heimgesucht, könnten diese Menschen +ein wahrhaft glückliches Dasein führen -- wenn sie eben den Anderen das +gönnten, was sie selber so reichlich besitzen. Selbst in diesem +reizenden Lande schlummern aber die Leidenschaften nicht, und +Herrschsucht, Ehrgeiz und Aberglauben lassen sie das nicht friedlich +genießen, wonach sie in ihrer unmittelbaren Umgebung nur die Hand +auszustrecken brauchten, um es zu erreichen. + +So hatten auch die Bewohner von Monui fast zwei Jahre in Frieden mit den +Nachbar-Inseln gelebt. Kaum aber waren die Wunden der letzten Kämpfe +oberflächlich verharrscht, als sie des ruhigen Lebens schon wieder +überdrüssig wurden. + +Von Hapai aus war ihnen bis jetzt nämlich, einem alten Abkommen nach, +ein jährlicher, höchst unbedeutender Tribut von Gnatu[32] und +Cava-Wurzeln bezahlt worden, und das Ganze mehr eine Form gewesen, als +daß sie je einen wirklichen Nutzen davon gehabt. Diesen Tribut hatten +die Hapai-Insulaner in diesem Jahre nicht bezahlt, und auf eine Mahnung +deshalb die Bewohner von Monui wissen lassen, sie hielten sich nicht +mehr für daran gebunden. Das Ganze betraf auch in der That nur eine +religiöse Ceremonie, die auf Monui schon lange abgeschafft worden. Wie +das aber mit alten Verpflichtungen manchmal so geht, waren diese +Geschenke noch eine Zeit lang beibehalten, bis es die Hapai-Leute selber +müde wurden. + +Monui allein hätte mit ihnen auch keinen Krieg anfangen können, das +wußten sie recht gut; jetzt aber, da der tapfere _Tai manavachi_ +Toanonga's Schwiegersohn geworden war, beschlossen die Egis oder +Häuptlinge, dessen Hülfe in Anspruch zu nehmen und mit Speer und Keule +das einzutreiben, zu dessen Besitz sie sich berechtigt glaubten. Ihrer +Meinung nach war es ihnen zur Ehrensache geworden, die paar +Kleinigkeiten nicht aufzugeben; was kümmerte es sie, daß sie um ein paar +Stück Gnatu und einen Korb voll Wurzeln den Frieden ihres Landes und ihr +Familienglück in die Schanze schlugen! + +Möglich ist dabei, daß sie durch die Verstärkung der sechs Papalangis +auf ihrer Insel noch mehr in ihrem kriegerischen Entschluß bestärkt +wurden. Von einem Wallfischfänger, der vor einigen Monaten bei ihnen +angelegt, hatte Toanonga zugleich mit einigem Handwerkszeug auch mehrere +Musketen und Munition dazu eingehandelt, und allerdings konnten ihm da +die Weißen, die mit solchen Waffen ordentlich umzugehen wußten, eine +wichtige Hülfe leisten. Als jenes Schiff anlegte, wußte der alte schlaue +Häuptling, außer dem Schotten, alle seine Gefangenen fern davon zu +halten. Er ließ auch gar kein Boot ans Ufer, sondern trieb den +Tauschhandel, nur von Mac Kringo begleitet, durch seine Canoes. + +So wurden denn jetzt auf Monui die Kriegsrüstungen mit möglichstem Eifer +betrieben, und ein Canoe war schon an _Tai manavachi_ abgeschickt +worden, ihn zu einer bestimmten Zeit nach Hapai zu bestellen, auf welche +Insel sie ihre Angriffe vereint machen wollten. Die sechs Europäer +hatten indeß ihre Wohnungen auf Monui so zerstreut angewiesen bekommen, +daß sie einander nur selten zu sehen bekamen. Mac Kringo und Lemon +behielt Toanonga jedoch, wie schon früher erwähnt, in seiner Nähe. Mac +Kringo lebte überhaupt dabei am unabhängigsten, da er sich wohlweislich +für einen Egi seines Schiffes ausgegeben. + +In der That hätte er auch mit dem neulich dort angelaufenen +Wallfischfänger wieder in See gehen können; denn so bald er es verlangt, +würde ihn der Capitain schwerlich ausgeliefert haben. Einesteils mochte +er aber die Kameraden nicht im Stich lassen, und anderntheils war ihm +das bequeme, müßige Leben am Lande noch viel zu neu, um es gleich wieder +mit der harten Arbeit am Bord eines Wallfischfängers zu vertauschen. In +den letzten Monaten aber, und besonders seit er erfahren, daß sie sich +alle mit an einem Kriegszuge betheiligen sollten, bei dem sie nicht das +mindeste Interesse hatten und ihr Leben um nichts aufs Spiel setzen +mußten, fing er doch an, sich wieder hier fort zu sehnen, und bereute +schon, die letztgebotene Gelegenheit nicht benutzt zu haben. + +Alle Matrosen machen es so, besonders die in der Südsee kreuzenden. So +lange sie an Bord sind, verwünschen sie ihr Schicksal, fühlen eine +ungeheure Sehnsucht nach festem Lande und benutzen regelmäßig die erste, +beste Gelegenheit, zu desertiren. So wie sie aber eine Weile auf dem +festen Lande gelebt haben, auf das sie sich vorher so sehr gewünscht, +wird ihnen die Sache langweilig, und sie ruhen nicht, bis sie wieder das +Deck eines Fahrzeuges unter den Füßen fühlen. + +Mac Kringo besonders hatte sich in der letzten Zeit viel mit allerlei +Planen zu ihrer Flucht beschäftigt, die aber jetzt viel schwieriger +auszuführen schienen, als je. Da die Insulaner nämlich einen Überfall +auf Hapai beabsichtigten, und die Drohung, den Tribut von dort +gewaltsam einzufordern, schon hinüber gesandt hatten, mußten sie auch +von daher ein Gleiches fürchten, und bewachten deshalb alle +Landungsplätze Tag und Nacht auf das Sorgfältigste. Wie sollte da ein +Canoe unbemerkt, unverfolgt entkommen? + +Der Schotte gab übrigens deshalb die Hoffnung nicht auf, und war +ziemlich fest entschlossen, die erste passende Gelegenheit zu benutzen. +So schlenderte er eines Tages durch die Berge der nicht sehr großen aber +wunderschönen Insel, und zwar in der Absicht, den höchsten Gipfel ihrer +Anhöhen zu besteigen und von dort aus zu schauen, ob er nicht in irgend +einer Richtung hin eine andere Insel erkennen könne. Gelang es ihnen +nur, auf eine solche zu entkommen, wo sie nicht mehr als gekaufte +Gefangene betrachtet wurden, so durften sie von dort auch weit eher +hoffen, entweder von einem Schiff erlöst zu werden oder vielleicht in +einem Canoe Neuseeland oder Australien zu erreichen. + +Der Schotte konnte seinen Weg ziemlich ungehindert verfolgen, denn Monui +war noch nicht so durch die aus Brasilien nach diesen Inseln gebrachten +Guiaven-Büsche überwuchert worden, wie es einige der Gesellschafts-Inseln +sind. Die schlanken Palmen und andere hochstämmige Waldbäume hielten +hier das kleine Holz noch ziemlich unter, und die Wälder in der Nähe des +Strandes waren verhältnißmäßig licht. Erst auf den Höhen wurden die +Büsche dichter, und als Mac Kringo einmal die verschiedenen Anpflanzungen +von süßen Kartoffeln und Yams im Rücken hatte, mußte er sich schon +sorgfältiger seinen Weg suchen. + +Da hörte er plötzlich, in nicht gar weiter Entfernung von sich, die +regelmäßigen Schläge eines Beils, denen er eine Weile horchte, denn er +hatte keine besondere Lust, hier mit einem Eingeborenen zusammen zu +treffen. Das anhaltende Arbeiten des Holzhackenden überzeugte ihn aber +bald, daß das kein Indianer sei, und ziemlich erfreut, einen seiner +Kameraden da zu finden, drängte er sich rasch durch das Gebüsch der +Richtung zu, von der das Geräusch herüber tönte. + +Er hatte sich auch nicht geirrt; denn vorsichtig aus einem kleinen +Dickicht herausschauend, erkannte er bald seinen früheren Kameraden +Jonas, und zwar emsig beschäftigt, einen starken, hochstämmigen Baum zu +fällen. + +»Hallo! Jonas!« rief er ihn endlich an, nachdem er dem Eifrigen eine +kleine Weile zugeschaut, »du arbeitest ja, als wenn du die Geschichte im +Accord hättest.« + +»Lord Douglas! so wahr ich lebe!« rief der Matrose erfreut, indem er +seinen alten Kameraden erkannte. »Wo kommst du her, mein Bursche? Es ist +eine halbe Ewigkeit, daß wir einander nicht gesehen haben, und es thut +dem Auge ordentlich wohl, eine weiße Haut unter diesen Rothfellen zu +treffen. Jetzt kann man doch wieder einmal ein vernünftiges Wort +Englisch sprechen, denn die Zunge habe ich mir schon fast mit dem +Radebrechen ihrer vermaledeiten Sprache abgedreht.« + +»Aber du siehst gut aus!« rief ihm der Schotte entgegen. »Das Leben als +glücklicher Familienvater scheint dir vortrefflich zu bekommen! Wie +befinden sich die jungen Jonasse?« + +Der Matrose antwortete mit einem lästerlichen Fluche. + +»Da kannst du auch noch lachen?« setzte er dann hinzu, »aber es ist +wahrhaftig ein Scandal, einem ehrlichen Christenmenschen eine solche +dunkelbraune Ehehälfte und ein Nest voll junger Heiden aufzuhängen. +Verdammt will ich sein, wenn ich das diesem alten, wackeligen Toanonga +nicht gedenke.« + +»Hast du nichts von Legs gehört?« fragte der Schotte. + +Jonas lachte. + +»Das ist das Einzige, was mich noch tröstet,« schmunzelte er mit einem +breiten Grinsen über das Gesicht: »der großmäulige kleine Bursche ist +noch schlimmer angekommen als wir.« + +»Und wie verträgt er sich mit seinen Frauen? Er muß ja doch in deiner +Nähe wohnen?« + +»Ja wohl, unsere beiden Häuser stehen kaum fünfhundert Schritt aus +einander,« lachte Jonas, »und ich habe in der ersten Zeit immer ganz +genau hören können, wenn er sich mit seiner Familie unterhielt.« + +»Und jetzt nicht mehr?« + +»Jetzt haben sie ihn unter. Die ersten Wochen prügelte er seine Frauen +abwechselnd, und, wie ich glaube, nach jeder Mahlzeit, wahrscheinlich um +sich etwas Bewegung zu machen. Das bekamen sie aber bald satt, und +nahmen sich Hülfstruppen ins Haus. Ein ganzer Schwarm Vettern und Basen, +und was weiß ich, wer sonst noch! quartierte sich bei ihm ein und zehrte +von ihm, und als er die eines schönen Morgens hinauswerfen wollte, +fielen sie über ihn her und prügelten ihn, von den beiden Frauen redlich +dabei unterstützt, windelweich. Ich hörte den Lärm und lief hinüber; da +man sich aber nicht in fremde Familienstreitigkeiten mischen soll, +störte ich sie auch nicht in ihrem Vergnügen und ging wieder zu Hause. +-- Was macht denn Lemon?« + +»Lemon,« sagte der Schotte, »kommt aus dem grimmigsten Ärger gar nicht +heraus, aber nur deshalb, weil es ihm so gut geht, und er gar nicht +weiß, worüber er vernünftiger Weise schimpfen =könnte=. Er hat mir noch +heute Morgens versichert: er wollte lieber auf dem schmierigsten +Wallfischfänger Tag und Nacht Thran auskochen, ehe er noch acht Tage auf +der Insel bliebe.« + +»Und wenn wir heute wieder an Bord säßen, wäre er der Erste, der sich +fortwünschte. Weißt du nichts von Pfeife?« + +»Keine Silbe. Seit sechs Monaten, glaube ich, habe ich den mit keinem +Auge gesehen.« + +»Und wo steckt Spund?« + +»Spund wohnt auch eine Strecke von uns entfernt, kommt aber doch +manchmal hinauf, da er für den Alten zu arbeiten hat. Er beschäftigt +sich übrigens jetzt eifrig mit der Bekehrung seiner Familie, die er +absolut zu Christen machen will, und behauptet: der liebe Gott hätte ihn +nur zu dem Zweck auf die Insel gesetzt, den Heiden das Evangelium zu +bringen. Auch mit dem alten Toanonga hat er schon ein paar Versuche +gemacht, der ist aber so zäh wie Leder und läßt sich auf nichts ein. +Wie das Schiff neulich da war, ruhte Spund sogar nicht eher, als bis ich +ihm eine Bibel von Bord mitbrachte.« + +»Ein Schiff war da?« rief Jonas erstaunt, »und davon haben wir kein Wort +erfahren?« + +»Ja, der Alte hat sich wohl gehütet, daß Ihr's gewahr wurdet!« lachte +der Schotte. »Die Boote durften nicht einmal an's Land, womit der +Capitain auch vollkommen einverstanden schien; denn er fürchtete +wahrscheinlich, daß ihm welche von seinen Leuten durchbrennen würden. +Lemon ist übrigens mit dem Schiff der schlimmste Streich passirt, denn +er hat Schmiedewerkzeug gekriegt, und soll nun arbeiten und kann nicht. +Das Einzige, was er mit Mühe und Noth fertig bringt, sind Pfeilspitzen, +die er gar kläglich aus Nägeln zurecht hämmert.« + +»Hör' einmal, Lord Douglas,« sagte er da, nachdem er eine Weile +stillschweigend vor sich hingesehen, »ich glaube doch beinahe, daß wir +damals mit dem -- mit dem Feuer, du weißt schon -- einen dummen Streich +gemacht!« + +»Je weniger wir dann davon reden, desto besser ist's,« meinte der +Schotte, »denn geschehene Dinge sind nun einmal nicht zu ändern. Was +hatten wir denn auf dem blutigen Blubberkasten, daß wir nicht, wenn +wir's hier einmal satt bekommen, auf jedem anderen Schiffe eben so gut +wiederfinden?« + +»Das ist schon wahr, und wenn wir's hätten haben können, wie wir's uns +im Anfang gedacht, wär' ich der Letzte, der die Veränderung bereute; +aber gleich als Versorger von einer Frau und vier Kindern hingestellt zu +werden, das heißt die Häuslichkeit doch ein Bißchen übertreiben. Wer +steht uns außerdem dafür, daß wir nicht, wenn ihnen hier wieder ein halb +Dutzend Ehemänner wegsterben, vielleicht noch Jeder ein oder zwei Frauen +zugelegt bekommen, und dann sieh Legs an, wie's dem jetzt geht! -- Hast +du denn schon von dem neuen Kriegszug gehört?« + +»Gewiß; sie rüsten schon mit aller Macht, und die Geschichte wird +nächstens losgehen.« + +»Na, ja,« sagte Jonas, »und wir sollen auch dabei sein und unsere Haut +zu Markte tragen; das ist aber gegen den Contrakt, und ich müßte mich +sehr irren, wenn ich nicht gerade in der Zeit sterbenskrank würde.« + +»Hallo! ein Segel!« rief da Mac Kringo plötzlich, der, während Jonas +sprach, durch die Büsche hin auf das Meer hinausgesehen hatte. »Das +Weiße dort drüben =muß= ein Segel sein!« + +»Gewiß ist das ein Segel!« bestätigte Jonas, nachdem er eine Weile -- +seine Augen mit der Hand gegen die Sonne schützend -- nach der +angedeuteten Richtung hinausgeschaut hatte. + +»Das muß aber noch weit sein, denn es kommt mir so klein vor. Kannst du +ausmachen, nach welcher Richtung es steht?« + +»Spitz jedenfalls, und am Ende nach uns zu, denn wenn es hier +vorbeigesegelt wäre, hätten wir es schon früher sehen müssen. -- Das +kann auch kein Wallfischfänger sein, man kann ja den ganzen Rumpf +erkennen, und doch zeigt er nicht viel Segel.« + +»Am Ende ist das einer der kleinen Schooner,« sagte der Schotte, »die +zwischen den Inseln herumkreuzen und Cocosöl und Perlmutterschalen +eintauschen. Das wäre am Ende eine Gelegenheit, von hier fortzukommen.« + +»Aber wer weiß, wie wir es nachher finden?« meinte Jonas, »und solche +kleine Fahrzeuge haben auch selten viel Platz an Bord. Ja, wenn man +wüßte, daß man damit nach Australien könnte! Dort soll ein tüchtiger +Arbeiter in ein paar Jahren ein reicher Mann werden.« + +»Auf einen Wallfischfänger gehe ich nicht wieder, so viel weiß ich,« +sagte der Schotte; »hol' der Teufel das Hundeleben, die Pferdearbeit, +und die Capitaine, die wahrhaftig gar nicht wissen, wie sie einen +armen Teufel von Matrosen nur genug quälen und schinden sollen!« + +»Wahrhaftig, das Schiff hält gerade auf uns zu!« rief jetzt Jonas, der +indessen keinen Blick von dem fernen Segel verwandt hatte. »Hinunter +möchte ich doch jedenfalls, wenn es vielleicht ein Boot ans Land +schickte.« + +»Hör einmal, Jonas, ich will dir was sagen,« meinte der Schotte, nachdem +beide eine Weile schweigend das ansegelnde Fahrzeug betrachtet hatten. +»Wozu ich selber Lust habe, weiß ich in dem Augenblicke selbst noch +nicht, und um zu einem Entschluß zu kommen, muß man natürlich doch erst +wissen, was das für ein Fahrzeug ist und wohin es geht. Jedenfalls +wollen wir aber unten in der Nähe sein, wenn es wirklich landet oder +wenigstens ein Boot herüberschickt; denn in die Corallenriffe wird es +sich keinesfalls hereingetrauen. Wann glaubst du, daß es heran sein +kann?« + +»Heute Abend kaum mehr,« sagte Jonas, »der Wind ist fast ganz +eingeschlafen, und es kann nur langsam vorwärtsrücken. Hat es übrigens +Lust, Monui anzulaufen, so können wir uns fest darauf verlassen, daß es +morgen früh mit Tagesanbruch vor den Riffen liegt.« + +»Gut, dann sei du morgen, gleich nach Tagesanbruch, unten bei Toanonga; +eine Ausrede wirst du schon finden; bringe aber Legs mit, denn es ist am +Ende besser, daß wir so viel als möglich von uns beisammen sind.« + +»Wenn wir nur wüßten, wo Pfeife steckt!« + +»Den hat der Alte jedenfalls in die Nähe der Canoes gesetzt,« sagte Mac +Kringo, »das Segelwerk derselben in Ordnung zu bringen, und Spund wird +dort wohl mit ihm zusammengekommen sein. Spund sehe ich aber jedenfalls +heute Abend, denn Toanonga hat ihn hinbestellt, etwas mit ihm zu +besprechen.« + +»Verstehen sie denn einander?« + +»Vortrefflich! Spund, in der festen Überzeugung, daß er die Leute hier +bekehren muß, hat das Unglaubliche geleistet und spricht die Sprache +schon fast so gut wie ich; dem Alten wird er aber langweilig, weil er +ihn nie zufrieden läßt.« + +»Seit wann ist denn da die Frömmigkeit bei ihm zum Durchbruch gekommen?« + +»Ach, du weißt ja,« lachte der Schotte, »daß er uns schon immer am Bord +Predigten gehalten hat; es ist einmal seine schwache Seite. Aber ich +will machen, daß ich wieder hinunter komme, denn er möchte früher dort +sein, und ich finde ihn nachher nicht mehr.« + +»Wird aber der Alte nichts merken, wenn wir dort alle zusammentreffen?« +fragte Jonas. + +»Hm!« meinte der Schotte, »besser ist es freilich, wir lassen uns nicht +gleich alle zusammen sehen, wenn wir nur in der Nähe sind. Legs mag +deshalb auf die Landspitze hinaus gehen, wo wir damals die Woche +gesessen haben, und dorthin soll Spund auch Pfeife schicken, wenn er ihn +auftreiben kann. Wir Übrigen müssen dann sehen, wie wir uns am besten in +der Nähe halten. Wirst du übrigens fortgeschickt, so widersprich nicht, +sondern geh' in den Wald hinein, als ob du nach Hause wolltest, und sieh +dann zu, daß du ebenfalls unbemerkt zu den Andern auf die Landspitze +kommst.« + +»Und sollen wir Waffen mitbringen?« + +»Wenn es =heimlich= geschehen kann, ja! Man weiß nie, was vorfällt; die +Eingeborenen gehen ja auch jetzt alle schwer bewaffnet umher; aber je +weniger ihr euch damit sehen laßt, desto besser ist es.« + +»Gut, das wäre also abgemacht. Auf Wiedersehen morgen! Hol's der Teufel! +es ist doch endlich einmal eine Abwechselung in diesem so verzweifelt +langweiligen Leben. Ob wir nun dableiben oder nicht, jedenfalls können +wir doch von dem Schiff etwas Tabak bekommen, und ich kann dir +versichern, ich habe einen ordentlichen Heißhunger darauf. +Donnerwetter, da fällt mir ein! hast du denn neulich von dem +Wallfischfänger keinen mitgebracht?« + +»Ein verwünscht kleines Stückchen,« sagte zögernd der Schotte. »Die +Leute waren schon drei Jahre aus, und der Capitain hielt sie furchtbar +knapp mit Tabak.« + +»Hast du welchen bei dir?« fragte Jonas gierig. + +»Hm, ich weiß selber nicht einmal -- einen Mund voll höchstens.« + +»Junge, Junge! und da läßt du mich hier die ganze Zeit mit trockenem +Maule stehen! Du wirst doch wahrhaftig mit mir theilen?« + +Mac Kringo suchte eine lange Weile in seinen Taschen, endlich brachte er +ein kleines Stückchen heraus, daß er indessen mühsam von einem größern +=in= der Tasche abgedreht. + +»Das ist alles, was ich noch habe, kaum ein Bissen, aber schneide dir +die Hälfte herunter, daß du wenigstens einmal wieder den Geschmack davon +bekommst.« + +»Hurrah! Tabak!« schrie Jonas, der das Stück schon vorher mit den +Blicken verschlang. »Junge, wenn ich meine Familie gegen Tabak und Grog +eintauschen könnte, so wollte ich mir kein besseres Leben, wie das hier +auf der Insel, wünschen. Na, vielleicht bekommen wir morgen einen +ordentlichen Vorrath. So viel weiß ich, ich packe meiner Frau ganze +Toilette morgen ein, um wenigstens zum Tauschen irgend etwas bei der +Hand zu haben. Und nun _good-bye_! mit Tagesanbruch morgen früh bin ich +unten bei Toanonga's Haus.« + +Damit winkte er dem Freunde einen kurzen Gruß zu und verschwand bald in +den Büschen. Mac Kringo verharrte noch eine Weile auf seiner Stelle, +sich über die Richtung des Segels größere Gewißheit zu verschaffen. Es +blieb aber bald keinem Zweifel mehr unterworfen, daß es wirklich näher +kam. Mit =dem= Winde hätte es auch gar nicht von ihnen fortsegeln +können, und darüber beruhigt, stieg er den Weg zurück ins Thal, den er +vorher herauf gekommen. + + +2. + +Mit Tagesanbruch am nächsten Morgen herrschte an der Landung von Monui +ein außerordentlich reges Leben und Treiben. Schon gestern Abends hatten +die Insulaner von ihrem Strand aus das nahende Segel erkannt, und +Früchte und Gemüse wurden gepflückt und ausgegraben und alle möglichen +anderen Gegenstände hervorgesucht, um, sobald das fremde Fahrzeug +herankäme, einen lebhaften Tauschhandel mit ihm zu eröffnen. War doch +schon vieles, was ihnen die weißen Männer bringen konnten, auf der sonst +so einfachen Insel zum Bedürfniß geworden, während sie jetzt bei dem +bevorstehenden Krieg auch noch hofften, mehr Feuerwaffen und Munition +und damit den gewissen Sieg über die feindlichen Stämme zu erlangen. + +Mac Kringo hatte Spund noch am vorigen Abend getroffen und ihm seinen +Plan mitgetheilt. Zu seinem Erstaunen schien der würdige Bursche aber +nicht die mindeste Lust zu haben, darauf einzugehen. Seit er nämlich die +Bibel erhalten und fleißig darin gelesen hatte, war das, was bei ihm +früher nur eine Art von stiller Neigung gewesen, zur wirklich fixen Idee +geworden, daß er nämlich berufen sei, diese Heiden zu Christen zu +machen. + +Vergebens suchte ihm der Schotte eine solche Idee auszureden und ihm +begreiflich zu machen, daß er ganz gewiß ein tüchtiger Matrose und +Böttcher sei, höchst wahrscheinlich aber einen nur sehr mittelmäßigen +Prediger abgeben würde. Spund ließ sich nicht irre machen; entgegnete, +daß Petrus auch nur ein Fischer gewesen sei, also auch nicht einmal ein +Böttcher, und Alles nur eben auf den Beruf ankomme. Dabei war er fest +überzeugt, daß ihr Schiff, die »_Lucy Walker_,« nur seinetwegen +verbrannt sei, um ihn hier, an dieser für ihn bestimmten Stelle +festzuhalten, und die Übrigen -- Mac Kringo wie die anderen Kameraden -- +konnten Gott danken, daß sie mit ihm in einem Boote gewesen seien, sonst +wären sie auch zu Grunde gegangen. + +Über den Brand des Fahrzeuges hätte ihm nun allerdings der Schotte einen +besseren Aufschluß geben können, und schien einmal nicht übel Lust dazu +zu haben, überlegte sich aber doch die Sache anders und schwieg. +Vergebens waren aber alle Versuche seinerseits, den Kameraden von dem +einmal gefaßten Vorsatz abzubringen. Nur dazu verstand er sich, ihren +Planen, wenn sie wirklich fliehen wollten, kein Hinderniß in den Weg zu +legen, ja, sie eher nach besten Kräften zu fördern. Und das geschah noch +in seinem eigenen Interesse; denn von dem Christenthum der Kameraden +hielt er außerordentlich wenig und fürchtete eher, in seinen neuen und +frommen Planen durch die Anderen gestört und verspottet zu werden. Je +früher sie also die Insel verließen und ihm das Feld räumten, desto eher +durfte er hoffen, ein Resultat zu erreichen. + +Das Fahrzeug war indessen mit der frischen Morgenbrise rasch näher +gekommen, und es ließ sich jetzt deutlich erkennen, daß es keineswegs +ein großer Wallfischfänger, sondern, wie die beiden Matrosen gestern +Abends richtig gesehen hatten, nur ein kleiner Schooner von vielleicht +hundert oder hundertzwanzig Tonnen war. Im Anfang hatten die Insulaner +auch ihre Canoes bereit gehalten, mit denen sie das fremde Fahrzeug +anlaufen wollten, und Mac Kringo überlegte sich schon dabei, ob es in +dem Falle nicht möglich sein würde, ein Canoe selbst mit Gewalt zu +nehmen und einen offenen Fluchtversuch zu wagen. Da änderten die +Indianer plötzlich ihren Plan. So wie das Fahrzeug nahe genug kam, die +Stärke desselben deutlich erkennen zu können, hatte Toanonga seine Egis +zu einer raschen Berathung zusammenberufen. Die Unterredung mußte auch +sehr wichtig sein, denn sie besprachen sich lange und heimlich mit +einander, und als sich ihnen der Schotte nähern wollte, wurde er +zurückgewiesen. + +Das sah nun allerdings aus, als ob die Indianer etwas im Schilde +führten; aber was konnten sie beabsichtigen? einen offenen Angriff? Ihre +Canoes lagen sämmtlich in einer kleinen, durch Mangrove-Büsche +geschützten Bai, um aber mit ihnen hinaus in See zu kommen, mußten sie +über das offene, wohl eine halbe Stunde breite Binnenwasser, das +zwischen den Corallenriffen und dem Ufer lag, und nur ein einziger +schmaler Weg blieb ihnen durch die Riffe und die darüber stürzende +Brandung ins Freie. Das fremde Fahrzeug hätte also in einem solchen +Falle entweder Zeit genug behalten, sich gegen einen solchen Angriff zu +rüsten oder demselben auch, mit der jetzt frisch wehenden Brise, leicht +entgehen können. + +Das schien aber auch nicht in der Absicht der Eingeborenen zu liegen, +denn ihre Canoes wurden nicht gerüstet. Nur ein einzelnes, ganz kleines +ruderte, von zwei Insulanern bemannt, hinaus, der Einfahrt zu. + +Bis jetzt hatte sich nun allerdings Mac Kringo als Dolmetscher der Insel +betrachtet, und daß Toanonga diesmal seine Hülfe nicht in Anspruch +nehmen wollte, machte ihn stutzig. Jedenfalls aber bekam er dadurch +einen Vorwand, den alten Häuptling nach der Ursache zu fragen, und ging +deshalb langsam auf ihn zu. Hatte er ein Geheimniß, so wollte er es bald +aus ihm heraus bekommen. + +Jonas war vor einer Viertelstunde, der gestrigen Verabredung gemäß, +richtig eingetroffen, von dem Alten aber augenblicklich wieder +fortgeschickt worden und befand sich jetzt mit Legs auf der Landzunge +und ziemlich in der Nähe. Nur von Pfeife hatte der Schotte nichts +erfahren können. Spund wußte seiner Aussage nach allerdings die Stelle, +wo seine Wohnung stand, wollte ihn aber in den letzten vier Wochen mit +keinem Auge gesehen haben und behauptete nur, daß er einige Mal längere +Unterredungen mit Toanonga selber gehabt. + +Der alte Häuptling saß wie gewöhnlich vor seiner Hütte und nickte dem +Schotten, als er ihn kommen sah, freundlich und herablassend zu. + +»Willst du keinen Handel mit dem Schiff treiben, Toanonga?« fragte ihn +dieser, als er, neben ihm angekommen, sich bei ihm niedergelassen hatte. +»Brauchst du keinen Tabak und keine Beile mehr?« + +»Je nun, Ma Kino,« schmunzelte der Alte, »können immer Alles gebrauchen. +-- Wenn Papalangis aber mit Toanonga handeln wollen, mögen sie selber +herüberkommen.« + +»Aber ein Canoe ist doch schon zu ihnen hinübergefahren.« + +»Ja,« sagte der Alte gleichgültig, »habe es auch gesehen; sind +neugierige junge Leute, die vielleicht einmal zuschauen wollen, was die +Papalangis an Bord haben.« + +Mac Kringo wußte recht gut, daß sich der Alte nur so stellte, als ob +jenes Canoe aus freien Stücken dort hinüber gefahren sei. Ohne seine +Erlaubniß durfte nämlich gar kein Fahrzeug das Binnenwasser verlassen, +mit irgend einem Schiffe Handel zu treiben. Er ließ sich jedoch nichts +merken und antwortete nur ruhig: + +»Sie werden aber nicht verstehen, was die Papalangis zu ihnen sagen.« + +»Bah!« lachte der Alte, »ist auch nicht nöthig! was werden die +Papalangis viel sagen? Aber weißt du, Ma Kino, was das für ein Schiff +ist? doch keines, das herumfährt, Wallfische zu fangen?« + +»Ich glaube kaum,« sagte der Schotte, »und denke eher, daß es zu euch +kommt Cocosnußöl einzutauschen.« + +»Hm, das habe ich mir auch gedacht! Ob sie wohl Kanonen an Bord haben?« + +»Jedenfalls,« meinte Mac Kringo, der dadurch alle etwaigen Gelüste des +Häuptlings auf das Schiff abzuwenden suchte. »Bewaffnet sind derartige +Schiffe immer gut, denn sie wissen nie, ob sie Freunde oder Feinde auf +den Inseln finden.« + +Toanonga erwiderte nichts hierauf, sondern sah eine Weile nachdenkend +vor sich nieder; endlich sagte er: + +»Wär' ein vortrefflich Ding, wenn wir auch Kanonen hätten; was meinst +du, Ma Kino? könnten nach Hapai hinüberfahren und die ganze Insel +wegnehmen. Bum -- bum! wie die Hapai-Burschen laufen würden, wenn +Toanonga mit solchen großen Dingern zu ihnen käme!« + +»Die Papalangis verkaufen nur nicht gern ihre Kanonen,« meinte der +Schotte, »sie brauchen sie immer selber und können hier keine anderen +dafür wieder bekommen.« + +»Wär' auch gar nicht nöthig,« sagte Toanonga finster, »brauchen hier +nicht herzukommen und Tonga-Leute todt zu schießen -- Tonga-Leute gehen +auch nicht zu den Papalangis und fangen dort Krieg an.« + +Wieder machte er eine Pause, und Mac Kringo schwieg ebenfalls, da er +nicht recht wußte, was er ihm darauf erwidern sollte! Jedenfalls merkte +er aber, daß der Alte etwas auf dem Herzen habe und nur nicht recht mit +der Sprache herauswollte. + +»Sag einmal, Ma Kino,« fuhr da endlich Toanonga fort, »gefällt es dir +auf Monui?« + +»Mir? gewiß!« erwiderte durch die Frage etwas überrascht der Schotte, +denn bis jetzt hatte sich der alte Häuptling entsetzlich wenig darum +gekümmert, ob ihnen das Leben dort zusagte oder nicht. + +»Und möchtest du wieder hinaus und Wallfische fangen?« + +»Ich danke schön, wenn es nicht sein =muß=, gewiß nicht!« lachte der +Matrose. + +Toanonga schien mit der Antwort zufrieden, denn er nickte leise vor sich +hin. + +»Gut,« sagte er dann, »und wenn wir jetzt so ein paar Kanonen und solch +ein großes Schiff hätten, dann könnten wir's bald noch besser bekommen. +Wenn Ma Kino mit nach Hapai geht und dort viel Beute macht, kann er sich +Frauen nehmen, so viel er will, die Mädchen von Hapai sind jung und +schön.« + +»Wo, zum Henker! will der Alte hinaus?« dachte der Schotte. »Hat er doch +am Ende Absichten auf das Schiff, und sollen wir ihm die Castanien aus +dem Feuer holen? darin irrst du dich aber, mein Bursche, denn was =du= +wegschenkst, ist auch gewöhnlich nicht werth, daß man es aufhebt.« + +»Pfeife ist ein guter Bursche,« sprang da plötzlich Toanonga auf ein +anderes Thema über, »und Spund sehr gut, nur ein Bißchen dumm, Jonas +nicht viel werth, Schmied gar nicht, und Koch ganz schlechter Kerl -- +werde ihm noch zwei Frauen geben, wenn er mit denen nicht Frieden hält.« + +Mac Kringo lachte, denn er dachte in dem Augenblicke daran, was ihm +Jonas gestern Abends erzählt und welche schwere Zeit der arme Legs +schon jetzt mit seinen Frauen hatte. Die Gelegenheit war aber auch zu +günstig, etwas von Pfeife's Aufenthalt zu erfahren, und er fragte +deshalb den Alten, wo er stecke und was er treibe. + +»Pfeife,« sagte Toanonga, der nur die Spitznamen der Matrosen erfahren +hatte und sie danach nannte, »Pfeife geht es sehr gut. Braver Papalangi, +arbeitet fleißig und macht Segel für die Canoes, und Lemon hilft ihm.« + +»Lemon ist bei ihm?« rief Mac Kringo schnell. + +Toanonga antwortete ihm nicht darauf, denn seine Aufmerksamkeit wurde in +diesem Augenblicke zu sehr durch den Schooner in Anspruch genommen. +Dieser kreuzte jetzt dicht vor den Riffen und hatte gerade das zu ihm +ausgekommene Canoe langseit genommen. Mac Kringo lag auch nichts daran, +sich jetzt noch länger hier aufzuhalten, denn er wußte Alles, was er +wissen wollte, und da Toanonga das Gespräch nicht wieder aufnahm, erhob +er sich und verließ langsam, als ob er in den Wald wieder +hineinschlendern wollte, den Platz. Sobald er dem Alten übrigens aus +Sicht war, eilte er, jeden gebahnten Weg vermeidend, so rasch er konnte, +der Landspitze zu, auf der er die Kameraden wußte. Diesen mußte er seine +Vermuthungen mittheilen und gemeinschaftlich mit ihnen einen Plan +berathen. + + +3. + +Mac Kringo hatte geglaubt, seinen Weg ziemlich unbemerkt verfolgen zu +können. Das, sah er bald, war nicht möglich, denn von allen Seiten kamen +Insulaner und besonders Frauen herbei, und zwar die letzteren nur aus +Neugierde, einen so seltenen Gegenstand, wie ein fremdes Schiff, zu +betrachten. Im Anfange suchte er ihnen auszuweichen, da er aber dadurch +Verdacht zu erregen fürchtete, folgte er zuletzt dem offenen Fußweg und +unterhielt sich mit denen, die ihm begegneten. Allerdings wurde er +einige Male gefragt, warum er nicht am Strand bliebe und wohin er wolle; +er gab aber ausweichende Antworten und meinte, es würde wohl noch eine +Weile dauern, bis die Weißen ans Land kämen, und er könne vielleicht +indessen selber einige Yams aus einem dort in der Nähe liegenden und ihm +gehörenden Felde holen, um sie nachher gegen Tabak einzutauschen. + +So kam er endlich zu dem Gebüsch, das die Landspitze begränzte, und +einmal dort, traf er auch Niemanden mehr, denn die da draußen stehende +Hütte lag unbewohnt. Nur die Fischer übernachteten manchmal in +derselben, wenn sie von dort aus mit der Morgendämmerung auf den Fang +gehen wollten. + +An der bezeichneten Stelle fand er übrigens die ihn schon ungeduldig +erwartenden Kameraden und zu seiner Freude auch Lemon, den Jonas in der +Nähe der Canoes angetroffen und dorthin bestellt hatte. + +»Donnerwetter! daß ist gut, daß du kommst, Lord Douglas!« schrie ihm +Legs, der eine mächtige Kriegskeule in der Hand trug, schon von Weitem +entgegen. »Ich weiß hier ganz in der Nähe ein kleines Canoe, und in +einer halben Stunde können wir draußen an Bord und in Sicherheit sein. +Hol' der Teufel das Hundeleben auf der Insel! Ich hab's zum Sterben satt +und will mein Lebtag an Monui denken.« + +»Unsinn!« sagte aber Jonas, »wenn wir jetzt hier mit einem Canoe +abfahren, schneiden sie uns den Weg ab, ehe wir halb aus der Bai hinaus +sind, und dann dürfen wir uns nur jeden Gedanken an Flucht vergehen +lassen.« + +»Wo ist Pfeife?« fragte Mac Kringo, »den dürfen wir doch auf keinen Fall +zurück lassen.« + +»Pfeife steckt drüben bei den Canoes,« rief Lemon, »und näht Segel. Da +müssen wir Spund aber auch mitnehmen, und wenn wir warten wollen, bis +wir erst alle Sechse einmal zusammen haben, können wir uns auch darauf +verlassen, daß wir sitzen bleiben.« + +»Jungens,« sagte da Mac Kringo, der indessen gesucht hatte, durch die +dichten Mangrove-Büsche einen Überblick nach der innern Bai zu gewinnen, +»mit eurem Plane ist es nichts. Da draußen fährt eben das Schiffsboot, +von dem Canoe begleitet, das heute Morgen hinausgegangen ist, durch die +Riffe, und das anzurufen, dazu sind wir zu weit entfernt, und es würde +auch die Insulaner augenblicklich aufmerksam machen.« + +»Und weshalb brauchen wir es anzurufen?« rief Legs ärgerlich, »laß die +immer fahren. Wenn wir nur erst einmal an Bord sind, sollen uns die +Rothfelle wahrhaftig nicht wieder herunter bringen.« + +»Du redest, wie du's verstehst,« erwiderte ruhig der Schotte, »und +glaubst du denn, Toanonga hat nicht Verstand genug, die Weißen in dem +Falle als Geißel an Land zu behalten? So wie der merkte, daß wir ihm +durchs Netz gingen, machte er die Klappe zu und hätte die Anderen fest, +und der Capitain von dem Schooner wird uns wahrhaftig nicht mit in See +nehmen und seine eigenen Leute dafür zurück lassen.« + +»Dann ist die ganze Geschichte wieder faul!« fluchte Legs; »das kommt +aber von dem ewigen Trödeln und Berathen her! Erst hat =der= ein +Bedenken und dann =der=, und dabei bleiben wir richtig jedesmal in der +Falle sitzen. Das sag' ich euch, wenn sich mir irgend eine Gelegenheit +zur Flucht bietet, auf euch warte ich nicht, denn mit euren überklugen +und ewigen Bedenklichkeiten kommt ihr überall zu kurz.« + +»Renn' du nur mit dem Kopf gegen die Wand,« sagte Mac Kringo ruhig, »so +wirst du schon bei Zeiten finden, wo du bleibst. Übrigens sei so gut und +schrei nicht so, denn wir sind keineswegs so weit vom Wege entfernt, und +deine und Pfeife's Stimme hört man eine Meile durch den Wald.« + +»Na gut,« sagte Legs, der Warnung jedoch Folge leistend und nicht so +laut als vorher, »wenn du denn so genau weißt, was wir thun und lassen +müssen, so erzähl' uns auch jetzt, was nun werden soll und was du im +Sinne hast!« + +»Ja, wenn ich überhaupt etwas im Sinne hätte!« entgegnete Mac Kringo, +»darüber scheinen wir allerdings einig zu sein, daß wir hier fort +wollen, um auf irgend einer andern Insel als freie Männer auftreten zu +können. Ob das aber mit diesem Schiffe geschehen kann, ist noch die +Frage. Wir wissen ja nicht einmal, ob der Capitain Platz für uns an Bord +und überhaupt Lust hat, sich mit uns einzulassen. Manche dieser Herren +sind verdammt mißtrauisch, und hüten sich, besonders in der Nähe von +Australien, englische Matrosen in größerer Zahl aufzunehmen. Sie trauen +nicht, ob es nicht am Ende statt verunglückter oder entlaufener Seeleute +entsprungene Sträflinge aus den dortigen Colonien sind.« + +»Ja, wozu sind wir aber dann hier zusammengekommen?« rief Lemon. »Wenn +wir nicht wenigstens einen Versuch machen, fährt das Boot wieder ab, und +wir bleiben so klug wie vorher.« + +»Lord Douglas steckt überhaupt immer voller Plane, aus denen nie etwas +wird!« rief Legs ärgerlich. »Wie klug konnte er damals sprechen, als die +_Lucy Walker_ noch hier lag! und wäre das Feuer nicht da zufällig +ausgebrochen, so schwämmen wir jetzt wieder ganz ruhig mit dem alten +Kasten im Eismeer umher und ruderten mit Fausthandschuhen hinter +schmierigen Wallfischen drein.« + +»Ja, aber« ... wollte Jonas etwas darauf entgegnen, der Schotte +unterbrach ihn jedoch und sagte: + +»Wenn wir mit dem Maul hier wegzubringen wären, Legs, dann glaube ich +allerdings, daß du uns allein helfen könntest. Jetzt aber sei so gut und +laß uns mit deinem Unsinn zufrieden, und hört erst einmal meinen +Vorschlag. Wißt ihr dann was Besseres, so soll es mich freuen, ich bin +gern erbötig, euch Folge zu leisten.« + +»Na, da komm endlich einmal klar, und reib' nicht so lange auf dem Sand +herum!« rief Lemon; »die Zeit vergeht, und wir haben wahrhaftig keine +übrig.« + +»So hört,« sagte Mac Kringo, »ich muß vor allen Dingen jetzt zum Alten, +um dort zu dolmetschen, wenn die Fremden nichts von der Tonga-Sprache +verstehen. Dort will ich mit dem Steuermann oder wer nun gerade an Land +gekommen ist, schon Gelegenheit finden, ein paar Worte allein zu +sprechen. Wollen sie uns mitnehmen, dann findet sich auch eine +Gelegenheit, fortzukommen, und in dem Fall habe ich selber nichts +dagegen, daß wir es zum Äußersten treiben und Gewalt brauchen, wenn wir +eben auf keine andere Weise fortkommen können. Können sie uns freilich +nicht mitnehmen, dann bleibt es für uns das Beste, uns so ruhig wie +möglich zu verhalten. Jeder geht nachher wieder seiner Beschäftigung +nach, und wir warten eine günstige Gelegenheit ab.« + +»Doch wie dem auch sei, von da drüben werde ich euch ein Zeichen geben, +damit ihr wißt, was ihr zu thun habt. Seht ihr jene in die Bai +auslaufende spitze Corallenbank, auf der ein einzelner Pfahl steckt? -- +=Die= behaltet im Auge. Rudert das Boot dorthin, und winken sie euch +von Bord aus, so gilt das als ein Zeichen, daß sie uns mitnehmen können, +dann kommt so rasch ihr könnt an die Landung, bringt auch irgend eine +Waffe mit, im Nothfall unseren Weg mit Gewalt zu erzwingen. Bekommt ihr +aber von dem Boot =kein= Zeichen, dann heißt das so viel, daß sie uns +nicht haben wollen, und dann versteht es sich von selbst, daß wir für +jetzt jeden Fluchtversuch aufgeben.« + +»Das klingt doch endlich einmal wie Vernunft,« brummte Legs. »Nun mach' +aber, daß du fortkommst, denn mir brennt der Boden schon unter den +Füßen. Ha, ha, ha, wie sich meine Familie freuen wird, wenn ich heute +nicht zum Essen komme.« + +»Und was wird aus Pfeife?« fragte Jonas. + +»Ihr habt ja Zeit genug, dem unsern Plan mitzutheilen,« entgegnete der +Schotte; »kommt ihr mit dem Canoe, so nehmt ihn ein; im andern Falle +sagt ihm nur Bescheid, aber kommt mir nicht Alle in einem Klumpen, +sondern vertheilt euch hübsch, daß die Insulaner nichts merken. Es muß +aussehen, als ob ihr nur zufällig an den Strand kommt. Und jetzt +_good-bye_! wenn das Glück gut geht, sehen wir uns vielleicht an Bord +wieder!« + +Toanonga hatte indessen in aller Ruhe der Ankunft eines Bootes von dem +fremden Fahrzeug entgegengesehen, und an ihm bemerkte man nicht das +Geringste von der Aufregung, die unter den Egis selber zu herrschen +schien. Daß diese dagegen etwas Besonderes und Außergewöhnliches +erwarteten, war augenscheinlich. Waffen wurden herbeigebracht und in der +Nähe versteckt, und in Toanonga's Hause selber die bis dahin +eingepackten Musketen hervorgesucht und geladen, ohne daß sich jedoch +der alte Häuptling im Geringsten selbst darum bemüht hätte. Er ließ das +alles seine Häuptlinge besorgen, und wenn man ihn so dasitzen sah, würde +man kaum geglaubt haben, daß all das thätige Leben um ihn her nur einzig +und allein von ihm selber ausgegangen sei. + +Um die Papalangis hatte sich indessen Niemand bekümmert, und eigentlich +war es Toanonga ganz recht, daß sie sich gerade jetzt nicht am Strand +befanden. Spund allein kam endlich langsam dort herauf geschlendert, und +ohne sich an die geheimnißvolle Geschäftigkeit der Insulaner zu kehren +oder selbst besonders auf das Schiff zu achten, das ihn doch eigentlich +hätte interessiren müssen, schien er ein ganz anderes Ziel im Auge zu +haben. + +Feierlich schritt er auf den alten Häuptling zu, mit dem er sich in +seiner Sprache schon recht gut unterhalten konnte. Wenn es auch manchmal +ein wenig verkehrt herauskam, verstand doch Toanonga immer, was er +eigentlich sagen wollte. + +»Ah Spund,« redete ihn der Häuptling freundlich an, »es ist gut, daß du +gerade kommst. Ma Kino steckt wer weiß wo im Busch, und wenn Papalangis +ans Land kommen, muß doch Jemand da sein, der mit ihnen spricht; +Papalangis schrecklich dummes Volk! müssen erst immer zu Tonga-Inseln +kommen, um die Sprache zu lernen!« + +Spund ließ sich ohne Weiteres neben dem alten Häuptling nieder und +sagte. + +»Ja, Toanonga, Papalangis mögen in Manchem dumm sein, aber sie haben +doch wenigstens den rechten Glauben.« + +»Glauben? Glauben haben wir auch!« sagte Toanonga. »Ich glaube, daß da +drüben von dem fremden Schiff gerade jetzt ein Boot abstößt und zu uns +herüber kommen wird.« + +Spund seufzte tief auf. + +»Ach,« stöhnte er, »daß du nur immer an irdische Dinge denken willst, +Toanonga! Weißt du denn, was uns bevorsteht, wenn wir plötzlich +sterben?« + +»Sterben? wer denkt an Sterben!« lachte Toanonga. »Wenn das kommt, ist +es Zeit genug, und dann gehen wir hinüber nach Bolutu[33] und werden +Hotuas.« + +»Ja, Hotuas!« ächzte Spund, »man wird euch behotuan! Sieh, Toanonga!« +setzte er dann gutmüthig hinzu, »du bist sonst ein braver Mann, und ich +mag dich gern leiden, und deshalb thut es mir immer leid, wenn ich dich +ansehe, und weiß, in welcher entsetzlichen Gefahr du schwebst.« + +»Gefahr?« sagte der alte Häuptling, und sah rasch und mißtrauisch in die +Augen des Seemannes, »und was weißt du von Gefahr?« + +»Ich weiß, was hier in dem Buche steht,« sagte Spund, auf die Bibel +zeigend, die er sorgfältig unter dem linken Arme trug. »Und daß wir +einmal an einen sehr bösen Platz kommen, wenn wir uns hier nicht zum +rechten Glauben bekehren.« + +»So?« lächelte Toanonga, vollkommen beruhigt, denn die +Bekehrungsversuche des Matrosen hatten ihn bisher außerordentlich +gleichgültig gelassen. Er selber versuchte übrigens nie einen der Weißen +zu der Annahme seines eigenen Glaubens zu bewegen, weil er sich nicht +denken konnte, daß Papalangis auf Bolutu zugelassen würden. Was hätte es +ihm also geholfen, seine Zeit damit zu vergeuden? Seine augenscheinliche +Gleichgültigkeit gegen die Schrecken nach dem Tode reizte den Matrosen +aber nur noch mehr, ihm nachdrücklich in das Gewissen zu reden, und das +Buch vor sich auf die gekreuzten Beine legend, rief er aus: + +»So? du sagst ganz ruhig: so? wenn wir aber sterben, werden wir nicht +mehr =so= sagen; dann kommen wir an einen Ort, wo da ist Heulen und +Zähneklappern und ein schreckliches Feuer, in dem wir gebrannt werden +von Ewigkeit zu Ewigkeit.« + +»Ist das euer Glaube?« fragte Toanonga, »und kommen die Papalangis +wirklich an solchen Platz?« + +»Allerdings!« rief Spund, der jetzt endlich des Häuptlings +Aufmerksamkeit dahin gelenkt hatte, wohin er sie haben wollte. »Wenn wir +nicht fromm und gottesfürchtig auf dieser Erde leben, wenn wir nicht an +Gott glauben, wenn wir sündhafte, schlechte Menschen sind und uns nicht +zu dem bekennen, was in diesem Buche steht, dann erleiden wir furchtbare +Strafen, Strafen, wo einem jetzt schon die Haut schaudert, wenn man nur +daran denkt. Und was sagst du nun, Toanonga?« + +Der alte Häuptling hatte ihm aufmerksam zugehört und nickte dabei +langsam mit dem Kopfe. + +»Hm, hm, hm!« sagte er dann, »=das ist sehr schlimm für Papalangis!=« + +»Für Papalangis?« rief Spund überrascht, den diese Wendung ganz außer +Fassung brachte. + +Toanonga deutete aber mit ausgestreckten Armen auf die Bai, auf der das +Boot der Weißen jetzt, von einem Canoe begleitet, schon heranglitt, und +das Gespräch war dadurch natürlich abgebrochen. + +»Verdammter, dickköpfiger Heide!« murmelte aber Spund in sehr +unchristlicher Entrüstung halblaut und ärgerlich vor sich hin. »Na, daß +du einmal den ganzen Weg bergunter gehst, wenn du stirbst, darauf kannst +du dich doch fest verlassen.« + +Toanonga nahm aber nicht mehr die geringste Notiz von ihm. + +Einer der Egis war wieder zu ihm getreten und hatte ihm etwas ins Ohr +geflüstert, und der alte Häuptling stand auf, die Fremden zu begrüßen. + +Die Leute im Boot ließen sich jetzt deutlich erkennen. Am Steuer saß ein +Europäer, die vier Rudernden waren aber sogenannte Kanakas, Eingeborene +der Sandwichs-Inseln, die jedoch mit den Riemen ganz vortrefflich +umzugehen wußten. Einige der Insulaner liefen ihnen entgegen, und halfen +ihnen das Boot auf den Corallensand ziehen, während sie mit den Fremden +ihre Begrüßungen wechselten. Die Sandwichs-Insulaner haben jedoch eine +von den Tonga's sehr verschiedene Sprache, und die Indianer konnten sich +nicht unter einander verständigen, während der Fremde die Tonga-Sprache +vollkommen gut und fließend redete. + +Es war eine breitschulterige, kräftige und ächte Seemanns-Gestalt, die +den Engländer nicht verläugnen konnte, mit blauen, klaren Augen, +wettergebräunten Zügen und festgelocktem hellbraunem Haar. Er ging auch +ohne Weiteres auf Toanonga, den er bald als den How der Insel erkannt +hatte, zu, schüttelte ihm die Hand und redete ihn mit dem üblichen Gruße +der Insel an. Auf Spund, der mit der Bibel unter dem Arm nicht weit +davon stand, warf er nur einen flüchtigen und wie überraschten Blick -- +denn der Bursche sah in seiner halb indianischen halb Matrosen-Tracht, +mit dem dicken Buch unterm Arm und dem gar nicht recht dazu passenden +breiten Gesicht, komisch genug aus. Er nickte ihm aber nur zu und +achtete weiter nicht auf ihn. Hatte er doch lange genug die +verschiedenen Inselgruppen besucht, um daran gewohnt zu sein, Missionare +und weggelaufene Matrosen auf ihnen zu finden, wenn er auch nicht gleich +wußte, zu welcher der beiden so verschiedenen Classen der Weiße hier +gehören mochte. + +Seine Absicht war, wie er Toanonga gleich von vorn herein erklärte, +Alles von Cocosnußöl, was auf der Insel vorräthig sei, aufzukaufen und +dafür Waaren, wie sie die Insulaner gerade gebrauchten, einzutauschen. + +Toanonga hörte ihm aufmerksam zu und sagte ihm dann, daß er die nöthigen +Befehle dazu geben werde. Damit ließ er den Fremden stehen und wandte +sich seinen eigenen Leuten wieder zu, wo bald einer der jungen Bursche, +der mit dem Canoe draußen an Bord des Fahrzeugs gewesen war, an seine +Seite glitt. + +»Nu, Tibi--ano,« sagte da der Alte, als er weit genug von dem Fremden +entfernt war, um nicht von ihm gehört zu werden, »wie viel Weiße sind +draußen auf dem großen Canoe?« + +»Noch fünf, Toanonga;« lautete die Antwort, »außer dem hier und noch +drei Kanakas. Der hier Capitain.« + +»Ah, vortrefflich!« nickte Toanonga, »sehr gut das! und haben sie +Kanonen?« + +»Zwei; nicht sehr große.« + +Der alte Häuptling schmunzelte vergnügt vor sich hin, und warf dabei +vorsichtig den Blick umher, sich zu überzeugen, ob seine Anordnungen +ausgeführt würden. Neben dem Schiffsboot standen zwei der Egis und sechs +oder acht andere Insulaner, während die Kanakas, von einem der +Monui-Leute geführt, zu einer kleinen Gruppe von Cocospalmen gegangen +waren, dort eine Anzahl Nüsse herunter zu werfen. Der Capitain des +Schooners stand neben Spund, der ihm gerade Bericht über den Untergang +der _Lucy Walker_ abstattete. + +Eben jetzt kam Mac Kringo aus dem nächsten Pandanus-Dickicht und ging +auf den Capitain zu. Zu seinem Erstaunen sah er aber, daß nicht allein +eine Menge Indianer bewaffnet waren, sondern ein Theil von ihnen sogar +im Dickicht versteckt blieb. Mit den Sitten der Insulaner bekannt, +zweifelte er keinen Augenblick daran, daß sie irgend etwas Böses gegen +die Fremden beabsichtigen, und je eher er deshalb den Bedrohten warnen +konnte, desto besser. + +Der Fremde war indessen mit Spund in ziemlich lebhaftem Gespräch schräg +an der Corallenbank hinausgeschritten. Toanonga hatte ihm eben gewinkt, +zu ihm zu kommen. Dort aber, wo der Corallensand aufhörte und der +Fruchtboden begann, stand ein kleiner Streifen von Casuarinen mit ein +paar Pandanus-Bäumen und einem Unterwuchs von einzelnen niederen +Büschen. Im Schatten derselben lagen etwa acht oder neun Insulaner. So +wie jedoch der Capitain an ihnen vorüberschritt und hinter dem kleinen +Buschstreifen vom Bord seines eigenen Schiffes aus nicht mehr gesehen +werden konnte, sprangen diese plötzlich empor und warfen sich auf ihn. + +Überrascht wie er war, gelang es dabei Zweien, sich seines linken Armes +zu bemächtigen, aber sicher zu ihrem Schaden, denn mit dem rechten +schlug er sie mit zwei rasch geführten Stößen, auch schon im nächsten +Augenblick bewußtlos zu Boden. Die Überzahl war jedoch zu groß; ehe er +sich gegen die Anderen wenden konnte, hingen diese überall um ihn her, +und trotz seinem wüthenden Sträuben fand er sich bald gebunden und in +der Gewalt der Feinde. + +Spund war ein höchst überraschter Zeuge des Ganzen gewesen, und Alles so +schnell gekommen, daß er wirklich gar nicht einmal daran dachte, dem +Landsmann beizustehen. + +Mac Kringo, der ebenfalls in der Nähe war, hatte allerdings etwas +Ähnliches gefürchtet, aber er übersah auch mit einem Blick, daß sie hier +mit Gewalt gegen die Übermacht der Eingeborenen nichts ausrichten +konnten und verhielt sich deshalb gleichfalls ganz ruhig. + +»Hallo, ihr Halunken!« schrie dabei der Engländer in der Tonga-Sprache, +»ist das eure Gastfreundschaft, mit der ihr einen Fremden bewillkommt, +und ihm vorher euer verrätherisches _chio do fa_ entgegen ruft? und ihr +da,« wandte er sich gegen die Weißen, als er Mac Kringo gerade +erblickte, »=zwei= Engländer und lassen mich hier von den verdammten +Rothfellen mißhandeln? Ihr seid schöne Canaillen! hätte ich nur =Einen= +von meinen weißen Leuten hier an Land, ein ganzes Schock dieser braunen +Schufte wäre mir nicht zu nahe gekommen.« + +Die Kanakas hatten allerdings ihrem Capitain im Anfang zu Hülfe springen +wollen, da sie aber von allen Seiten kriegerische und bewehrte Gestalten +auftauchen sahen, wichen sie scheu zurück, es ihrem Führer überlassend, +sich allein aus dieser Verlegenheit heraus zu arbeiten. + +Vollkommen ruhig bei diesem plötzlich hereingebrochenen Kampfe war +Toanonga geblieben, der nun erst, als er den Weißen gebunden und +unschädlich gemacht sah, zu ihm trat. + +»Ist das die Freundschaft, die du mir durch dein Canoe hast anbieten +lassen, wortbrüchiger Häuptling?« rief ihm der gereizte Engländer +entgegen. + +»Ruhig, mein Freund!« suchte ihn indessen Toanonga zu beschwichtigen. +»Du bist jetzt in unserer Gewalt, und es ist außerordentlich +leichtsinnig von dir, durch nutzloses Schimpfen einen mächtigeren Feind +zu reizen. Wenn wir dir hätten ein Leids zufügen wollen, so brauchten +wir dir nur den Schädel einzuschlagen, und die Sache wäre abgemacht +gewesen. Wenn du dich aber ruhig verhältst und das thust, was wir von +dir verlangen, so hast du nicht allein für dich oder die Deinen nichts +zu fürchten, sondern kannst auch nach einiger Zeit deine Reise +ungehindert fortsetzen.« + +»Und was verlangst du von mir?« fragte der Fremde. »Wenn es etwas ist, +das ich erfüllen kann, wär' es doch wohl vernünftiger gewesen, mich auf +andere Weise darum zu fragen, als so über mich herzufallen!« + +»Daß du es erfüllen =kannst=, wußte ich vorher,« erwiderte vorsichtig +Toanonga, »nur darauf kam es an, ob du es erfüllen =wolltest=, und ich +hielt es deshalb für besser, mir eben diesen guten Willen vorher zu +sichern.« + +»Eine verdammt schöne Art!« fluchte der Capitain, »wenn du dich nur +nicht darin geirrt hast!« + +»Ich glaube kaum,« sagte vollkommen gleichmüthig der Häuptling. »Wie +heißest du?« + +»Jacobs,« brummte der Fremde verdrießlich. + +»Und dein Schiff?« + +»Bonito.« + +»Sehr gut. Nun sieh, wir brauchen hier auf Monui dein Schiff und deine +Kanonen, um nach Hapai hinüber zu fahren, und die Häuptlinge zu +züchtigen, die ihre Verbindlichkeiten gegen uns nicht erfüllt haben.« + +»Mein Schiff!« schrie Jacobs wild emporzuckend, »den Teufel auch! das +brauche ich selber! und wenn ihr das haben wollt, so holt es Euch +draußen; seid aber versichert, daß euch mein Steuermann auf eine Art +empfängt, die euch nicht behagen wird.« + +»Das habe ich mir etwa gedacht,« lachte der Alte, »und dich hier +festgehalten, um uns die Mühe zu ersparen. Du bist in unserer Gewalt, +wie du recht gut weißt, und meine Egis haben beschlossen, dir das Leben +zu nehmen, wenn du nicht nach unserem Willen thust. Fügst du dich aber +in das, was du doch nicht mehr verhindern kannst, so verspreche ich dir, +daß wir dein Schiff allerdings jetzt nehmen und deine Kanonen gebrauchen +werden, daß du es aber wieder bekommen sollst, wenn wir in Hapai gesiegt +haben.« + +»Der Teufel trau' euch!« rief Jacobs, »und im allergünstigsten Falle +hätte ich ein paar Monate von meiner besten Zeit verloren. Nein! Thut +mit mir, was ihr wollt, aber das Schiff bekommt ihr nicht. Und darauf +verlaßt euch, daß mein Bruder, der Steuermann an Bord des Bonito ist, +blutige Rache nehmen wird, wenn ihr mir ein Leides thut.« + +»Sei vernünftig, Freund! Was kann er uns zufügen?« sagte Toanonga, »er +muß froh sein, wenn er unseren Canoes entgeht. Du hast nur noch fünf +weiße Männer an Bord, und der Wind draußen wird schon schwächer. Wenn +wir noch ein paar Stunden warten und rudern dann hinaus, so könnt ihr +nicht einmal fort, und dann ist das Schiff unser, und du bekommst nie +etwas davon wieder.« + +Jacobs wollte heftig darauf erwidern, Mac Kringo aber, der indessen +hinzugetreten war, blinzelte ihm heimlich zu und sagte dann zu dem +Alten: + +»Laß mich mit ihm reden, Toanonga; er wird Vernunft annehmen, wenn er +einsieht, daß er doch nichts daran ändern kann.« + +Toanonga sah den Schotten etwas überrascht an, denn er hatte sein Kommen +gar nicht bemerkt und mochte ihm auch vielleicht nicht so ganz trauen. +Da er die Fremden aber ganz in seiner Gewalt wußte, schien er dem +Vorschlage nach einiger Überlegung beizustimmen. + +»Gut, Ma Kino,« sagte er, »sprich du mit ihm.« + +»Und was willst du, daß er thun soll?« fragte der Schotte. + +»Er soll hinausschicken und die anderen weißen Männer an Land rufen. Er +mag ihnen sagen lassen, daß sie Messer und Tabak mitbringen, um dafür +Cocosöl einzutauschen!« + +»Daß ich ein Esel wäre!« rief Jacobs. »Ich soll mir selber die Hände +binden, nicht wahr?« + +»Seid ihr der Capitain des Schooners?« fragte ihn der Schotte in +englischer Sprache. + +»Ja wohl, der bin ich. Waret ihr mit auf der _Lucy Walker_?« + +»Ja. -- Wie viel Weiße habt ihr noch am Bord, auf die ihr euch fest +verlassen könnt?« + +»Fünf, mit dem Steuermann.« + +»Den Steuermann können wir nicht rechnen,« sagte der Schotte, »der muß +an Bord bleiben. Wissen die anderen Vier mit Gewehren umzugehen?« + +»Vortrefflich. Drei sind Franzosen von Taiti, und der Vierte ist ein +Deutscher. Aber glaubt ihr wirklich, daß die Rothfelle ihre Drohung +ausführen würden?« + +»Ich fürchte fast, ja. Sie sind sonst gutmüthig und friedlich genug, +aber jetzt gerade zu einem Kriege gerüstet, und ich möchte euch nicht +rathen, sie zum Äußersten zu treiben.« + +»Aber wenn ich das Boot ans Ufer kommen lasse, bin ich verloren, denn +sobald sie ihre Canoes hinausschicken, kann mein Steuermann mit den paar +Kanakas das Fahrzeug nicht allein halten. + +»Habt ihr Musketen an Bord?« + +»Gewiß.« + +Mac Kringo schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder. +Toanonga aber, der ein paar Schritte davon entfernt mit einem Häuptling +sprach, wurde schon ungeduldig und drehte sich nach ihnen um. + +»So wie so ist es eine verzweifelte Geschichte,« sagte da der Schotte. +»Gebt ihr euch ihnen nicht gutwillig, so brauchen sie Gewalt, und euer +eigenes Leben ist dann in ihren Händen. Mit so schwacher Besatzung +hättet ihr nicht so leicht an Land kommen sollen. Trotzdem ist es doch +am Ende noch möglich, sie anzuführen, wenn ihr euch verpflichten wollt, +uns Europäer von dieser Insel mit fortzunehmen.« + +»Wie viel seid Ihr?« + +»Sechs; und so tüchtige Matrosen, wie ihr euch wünschen könnt.« + +»Aber hier stehen wenigstens sechszig bewaffnete Insulaner um uns her.« + +»Deshalb müssen wir euere vier Leute noch vom Boot zu Hülfe haben.« + +»Und dann sollen wir uns mit Gewalt durchschlagen?« + +»Wir müssen es versuchen! Ich weiß wenigstens keine andere Möglichkeit, +euch zu helfen.« + +»Und wer bürgt mir dafür, Freund, daß =ihr= es ehrlich mit mir meint?« +sagte Jacobs. »Ihr habt mich hier ohne Warnung den Rothfellen in die +Hände laufen lassen, und wie kann ich wissen, ob ihr nicht mit ihnen +unter Einer Decke steckt!« + +»Das Mißtrauen muß ich euch allerdings zu Gute halten,« sagte Mac +Kringo, »und wenn ihr meinem ehrlichen Gesicht nicht glaubt, habe ich +keine weitere Bürgschaft für euch, als die Versicherung, daß uns allen, +oder wenigstens Fünfen von uns, der Boden hier unter den Füßen brennt, +und wir Gott danken wollen, wenn wir die Insel im Rücken haben. Jetzt +thut was ihr wollt; wenn ihr einen anderen Rath wißt, euch zu helfen, so +ist es mir lieb, wo nicht, so sagt mir euere Meinung bald, denn wie ich +sehe, fängt der Alte da hinten an, die Geduld zu verlieren.« + +»Ihr habt Recht,« sagte Jacobs nach kurzer Pause, »es ist das die +einzige Rettung. Im allerschlimmsten Falle kann dann mein Bruder, der +Steuermann, doch am Ende noch mit den paar Kanakas und dem Fahrzeug +entkommen, sobald er merkt, daß für uns Alles verloren ist. Aber auf +welche Art kann ich ihm Kunde schicken? Wenn die Insulaner wenigstens +meine Leute zurückrudern ließen!« + +»Ich glaube schwerlich, daß Toanonga das zugiebt,« sagte der Schotte, +»denn der günstige Erfolg seiner ganzen List beruht nur darauf, daß die +am Bord keinen Verdacht schöpfen. Aber da kommt er selber, jetzt wollen +wir gleich hören, wie er sich die Sache weiter ausgedacht hat.« + +Toanonga war wirklich ungeduldig geworden, denn da er sich nun einmal +mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, das Schiff den Fremden +wegzunehmen und zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden, erschien es ihm +höchst rücksichtslos von dem Papalangi, daß er ihn auch noch so lange +darauf warten ließ. + +»Nun mach rasch, Ma Kino,« sagte er, als er zu ihm trat, »meine Leute +wollen nicht länger warten, und wir haben auch keine Zeit zu verlieren, +denn der Tag vergeht. Was sagt der Papalangi?« + +»Er fügt sich deinem Willen,« erwiderte der Schotte; »wenn ihr keinem +von ihnen ein Leides thun und ihnen das Fahrzeug, sobald ihr es +gebraucht habt, zurückgeben wollt.« + +»Nun versteht sich, versteht sich,« erwiderte der Alte, ungeduldig mit +dem Kopfe schüttelnd. + +»Aber der Steuermann hat Antheil an dem Fahrzeug,« fuhr Mac Kringo fort, +»und wird es nicht gutwillig hergeben wollen.« + +»Nicht gutwillig hergeben wollen?« lachte Toanonga, »wenn wir die Weißen +erst an Land haben, brauchen wir ihn nicht lange zu fragen.« + +»Aber wie willst du die an Land bekommen, Toanonga?« fragte der Schotte. +»Wer soll hinüberfahren, sie zu holen? Denn eine Flagge haben wir nicht +hier, ihnen ein Zeichen damit zu geben.« + +»Du hast Recht,« sagte Toanonga, und sah sinnend vor sich nieder. Den +Papalangi selber durfte er nicht schicken, der wäre natürlich nicht +wieder gekommen, und die Kanakas durfte er auch nicht hinüber lassen, da +die ja Zeuge des Überfalls ihres Capitains gewesen waren. + +Mac Kringo, wie einem der anderen Weißen auf der Insel traute er +ebenfalls nicht, und das Einzige blieb, daß er ein paar von seinen +eigenen Leuten hinüber rudern ließ. Dabei konnte er sich aber nicht +verhehlen, daß die Fremden kaum einem Befehl Folge leisten würden, der +ihnen von den Eingeborenen einer fremden Insel gebracht wurde. Ein paar +Mal kam ihm freilich der Gedanke, ohne Weiteres mit seinem Canoe +hinauszufahren und den Schooner, der doch nicht ohne seinen Capitain +absegeln konnte, zu entern; aber er fürchtete die Kanonen und durfte +seine kriegsfähigen, jungen Leute, gerade im Begriff, einen Kriegszug +zu unternehmen, nicht also gefährden; so lange er deshalb hoffen durfte, +seinen Plan mit List durchzusetzen, wollte er jede Gewaltthat gern +vermeiden. + +»Spricht jemand bei euch an Bord die Tonga-Sprache?« fragte da Mac +Kringo, während der Alte noch mit sich zu Rathe ging, den fremden +Capitain in englischer Sprache. + +»Nein, kein Mensch,« sagte dieser. + +»Desto besser,« nickte der Schotte und fuhr dann, zu Toanonga gewendet, +fort: »Darf ich dir einen Vorschlag machen, die Leute an Bord das wissen +zu lassen, was du willst?« + +»Allerdings, sehr gern!« rief der Alte, dem damit ein großer Gefallen +geschehen wäre. + +»Nun gut, so schicke Spund mit zwei Tongaleuten hinüber.« + +»Spund?« fragte Toanonga, und schüttelte bedenklich mit dem Kopf. + +»Spund ist eine gute, ehrliche Haut,« beruhigte ihn der Schotte, »und +wenn du dem drohest, du würdest ihm den Schädel einschlagen, sowie er +das Geringste verriethe, warnte er seinen eigenen Vater nicht. Außerdem +braucht er gar nichts zu bestellen, denn du weißt, daß die Papalangis +die Kunst verstehen, auf ein weißes Stück Zeug Zeichen zu malen, die +einem Anderen sagen, was er wissen soll.« + +»Da kann der Fremde aber darauf setzen, was er will!« + +»Er mag es in der Tonga-Sprache thun, und du kannst dich dann selber +überzeugen, daß er nichts sagt, als was du von ihm verlangst.« + +Toanonga begriff noch nicht recht, wie das Ganze gemeint sei. Auf Spund +glaubte er sich übrigens am ersten verlassen zu können, und wollte jetzt +wenigstens sehen, was die Fremden im Sinne hätten. Er gab auch des +Gefangenen Hände frei, und dieser ging rasch auf Mac Kringo's Plan ein, +nahm seine Brieftafel aus der Tasche, riß ein Blatt heraus und schrieb +darauf in der Tonga-Sprache: Schicke mir augenblicklich die vier +Papalangis herüber und laß sie Messer und Tabak mitbringen; darunter +aber setzte er in Englisch nur die Worte: Verrath! schicke die vier +Matrosen gut bewaffnet! + +Toanonga hatte neben ihm gestanden und ihm aufmerksam zugesehen, war +aber sehr erstaunt, daß der Fremde so rasch damit fertig wurde. + +»Und da sollen sie jetzt wissen, was das bedeutet?« fragte er lachend. +»Nun wartet, das wollen wir gleich erfahren. Geh' einmal weg, Ma Kino, +der Fremde soll mir allein sagen, was er darauf gemalt hat.« + +Der Schotte trat zurück, und Jacobs las Toanonga die im Tonga-Dialekt +geschriebenen Worte langsam vor. Darauf ging der Häuptling mit dem +Zettel zu Mac Kringo, und war aufs Äußerste erstaunt, als dieser ihm +jede Silbe genau wiederholte, wobei sich dieser jedoch wohl hütete, das +Englische mitzulesen. Toanonga traute aber noch immer nicht; denn die +Beiden konnten sich auch über diese Worte vorher verständigt haben. Er +ging also wieder zu Jacobs zurück und flüsterte ihm zu, die beiden Worte +=Monui= und =Toanonga= aufzuzeichnen. Davon konnte Mac Kringo jetzt +nichts wissen, als er aber diesem das Blatt zeigte, und der die Worte +ohne Schwierigkeit ablas, kannte sein Erstaunen keine Gränzen. Besonders +konnte er sich gar nicht denken, daß er Monui gleich erkannt habe, da +die fünf sehr auffälligen Bergspitzen der Insel gar nicht darin zu +unterscheiden waren. + +Er machte den Versuch auch noch mit ein paar andern Worten, und würde +sich wahrscheinlich den ganzen Tag damit unterhalten haben, hätte die +Zeit nicht gedrängt. Von dem also abgefaßten Briefe versprach er sich +aber einen außerordentlichen Erfolg, nahm Spund zur Seite und flüsterte +lange und heimlich mit ihm. Spund schien auch mit Allem einverstanden +und nickte in Einem fort mit dem Kopfe. Die beiden Insulaner, die vorher +mit dem Canoe an Bord gewesen waren, wurden dann in dem Boot der Weißen +mit Spund abgeschickt, und dieser würdige Mann war jetzt nur in +Verlegenheit, wohin er mit seinem Buche indessen sollte. An Land durfte +er es nicht lassen; denn die Eingeborenen, die es sich einmal in den +Kopf gesetzt, daß es Beschwörungen und Zauberformeln enthalte, hatten +ihm schon eine Menge Blätter herausgerissen, wo sie deren nur habhaft +werden konnten. Mac Kringo wollte er es auch nicht anvertrauen, und +beschloß deshalb, es lieber mitzunehmen. + +Der Schotte stand mit vorn am Bug, als sie das auf den Corallensand +gezogene Boot wieder in tiefes Wasser schoben. Wie Spund aber bei ihm +vorbei an Bord stieg, flüsterte er ihm zu. »Bringe Hülfe, oder wir sind +verloren!« + +»Ja, aber!« rief Spund ganz verblüfft, da er der erhaltenen Befehle +Toanongas gedachte. Mac Kringo ließ sich jedoch auf keine weitere +Erklärung ein, im nächsten Augenblick war das Boot flott, und die beiden +Indianer ruderten es rasch dem Eingang der Bai entgegen. + + +5. + +Mac Kringo war jetzt mit seinem Plan im Reinen; die Kameraden durften +keinen Fluchtversuch im Canoe machen, so lange noch der Capitain des +Schooners am Ufer gefangen gehalten wurde. Ihre einzige Rettung lag im +Gegentheil darin, daß sie mit der Verstärkung vom Schooner, die +jedenfalls Gewehre mitbrachte, ihre eigene Schaar herbeizogen, und dann +den Indianern weit eher die Spitze bieten konnten. Langsam ging er +deshalb auf die, seinen Schiffsgenossen schon im Voraus bezeichnete +Corallenbank hinaus, blieb dort einen Augenblick stehen, und kehrte dann +zum Ufer zurück. Er wußte jetzt, daß er die Kameraden bald in der Nähe +hatte, und gelang es ihnen dann, sich bei dem Boote zusammen zu drängen +und dieses in Besitz zu nehmen, so durften sie hoffen, ihre Flucht +glücklich zu bewerkstelligen. + +Allerdings waren alle in der Nähe wohnenden Indianer an der Landung +versammelt, da Toanonga seine Leute zusammen halten wollte, um die vier +Matrosen in Empfang zu nehmen. Gelang es ihnen jedoch, das Boot zu +besetzen, so hatten sie dadurch auch wieder den Vortheil, daß die +Indianer die wohl eine Viertelstunde entfernt liegenden Canoes nicht so +rasch erreichen konnten und ihnen einen tüchtigen Vorsprung lassen +mußten. In dem Bewußtsein freilich, daß sich jetzt der entscheidende +Augenblick näherte, und daß ihnen entweder Freiheit winkte, oder im +Falle des Mißlingens die größte Gefahr von den gereizten Eingeborenen +drohe, schlug ihm das Herz stürmisch und ängstlich in der Brust. Die +Minuten dehnten sich ihm zu Stunden aus, und in der Unruhe, in der er +sich befand, schritt er den Büschen zu, vielleicht einem der Kameraden +zu begegnen und ihm Vorsicht zu empfehlen. + +Dort kam er an Toanonga's Haus vorbei, und wenn die Eingebornen auch +eines Häuptlings Wohnung nicht betreten dürfen, besonders wenn sich die +Frauen darin aufhalten, ohne von ihnen dazu aufgefordert zu sein, hatte +man es mit ihm, der als ein Häuptling der Weißen und als ein Fremdling +betrachtet wurde, nie so genau genommen. Im Gegentheil war er von Anfang +an den Frauen stets willkommen gewesen, da er, der Sprache mächtig, +ihnen viel vom Lande und von den Frauen der Papalangis erzählen konnte. +So trat er auch jetzt einen Augenblick hinein, um die ihm nachschauenden +Indianer glauben zu machen, er schlendre nur wie gewöhnlich absichtslos +in der Nachbarschaft umher. + +Hatte er sich aber wirklich dort nur ein paar Minuten aufhalten wollen, +so änderte er bald seinen Plan; denn seinem scharfen in dem inneren Raum +umhergeworfenen Blick entgingen nicht die in einer Ecke lehnenden sechs +oder acht Musketen, die hier jedenfalls zu plötzlichem Gebrauch bereit +gelegt schienen. Den Frauen kam er dabei sehr erwünscht, denn diese +brannten vor Neugierde, etwas Näheres über das zu hören, was außen +vorging. Etwas Außergewöhnliches war jedenfalls im Werke, darüber +konnten sie sich nicht täuschen, wären die Gewehre auch nicht +hervorgeholt worden. Toanonga hatte ihnen jedoch nicht eine Silbe davon +erzählen wollen, und Niemanden sahen sie deshalb jetzt gerade lieber als +Mac Kringo. + +Aber von dem Schotten bekamen sie im Anfang nur verworrene und +unzusammenhängende Antworten; denn in dessen Kopfe bildete sich ein +neuer Plan, ob er sich mit den Kameraden nicht vielleicht dieser Gewehre +bemächtigen könnte. Nirgends aber entdeckte er die dazu gehörige +Munition, und mißlang der Versuch, so waren sie alle verloren. Trotzdem +gelang es ihm aber doch vielleicht, die Waffen wenigstens für die +Insulaner unbrauchbar zu machen, und darüber mit sich im Reinen, begann +er plötzlich eine lebendige Erzählung. Er beschrieb den Frauen, wie sie +nun bald in Besitz eines großen Schiffes mit Kanonen sein würden, mit +dem sie nach Hagai hinüberfahren und die dortigen Insulaner züchtigen +könnten. Dabei schilderte er mit lebhaften Gestikulationen ihre Landung +dort und ihren Angriff, und erfaßte dazu, um das anschaulicher zu +machen, eines der Gewehre. Die Frauen, die den Knall dieser für sie +furchtbaren Waffen kannten, wandten erschreckt die Köpfe und baten ihn, +die Muskete hinzulegen. Mac Kringo that das, aber nicht ohne vorher den +Stein aus dem Schlosse entfernt zu haben, den er geschickt in seine +eigene Tasche schob. Immer aufs Neue kam er dabei auf den Angriff +zurück, bis er von sämmtlichen Gewehren die Steine entfernt hatte. Die +Frauen aber schöpften natürlich keinen Verdacht, denn sie konnten nicht +wissen, daß der Papalangi in solcher Schnelligkeit und vor ihren Augen +im Stande sein sollte, die Waffen vollständig unbrauchbar zu machen. + +Darüber war wohl eine halbe Stunde vergangen, und der Schotte sah jetzt +durch die offenen Bambusstäbe der Hütte, daß Jonas draußen angekommen +und von Toanonga gesehen war. Das Boot mußte auch den dicht vor der +Einfahrt kreuzenden Schooner schon erreicht haben, und es drängte ihn, +zu wissen, ob die übrigen Kameraden in der Nähe und seines Rufs +gewärtig seien. + +Sein erster Blick, so wie er ins Freie trat, war nach dem Schiffe +hinüber. Dieses hatte eben gewendet und hielt von den Riffen ab, denn +der Wind war so schwach geworden, daß die Mannschaft an Bord nicht mit +Unrecht fürchten mochte, auf die Corallen getrieben zu werden. Aber das +Boot war schon auf dem Rückweg, und die nächste halbe Stunde brachte +ihnen entweder Hülfe oder sah sie schlimmer in Gefangenschaft als je. + +Toanonga schien indeß gar nicht mit der Ankunft des andern Weißen +einverstanden, ging auch ohne weitere Umstände auf Jonas zu und fragte +ihn, was er da schon wieder wolle. + +»Was ich da will?« entgegnete dieser etwas verblüfft, »Tabak, bei Gott, +wenn das Boot landet, denn ich denke, es ist lange genug, daß wir keinen +gesehen haben.« + +»Gut, Freund,« entgegnete Toanonga ruhig, »du sollst Tabak haben, jetzt +aber geh hin, wo du hergekommen bist, und laß dich nicht eher wieder +hier sehen, als bis ich dich rufe.« + +»Aber ...« sagte der Matrose, der jetzt nicht wußte, ob er dem +erhaltenen Befehle folgen solle oder nicht. Der alte Häuptling ließ ihn +jedoch gar nicht ausreden. + +»Hast du gehört, was ich mit dir gesprochen?« fragte er, und zwar viel +ernster, als er ihn noch je gesehen. »Komm her, Ma Kino, schicke mir den +Zimmermann einmal fort; ich habe gesagt, er soll weggehen, und ich will +ihn hier nicht länger sehen.« + +Mac Kringo war, schon nichts Gutes ahnend, herangetreten. Wollten sie +sich aber jetzt schon dem Befehl widersetzen, so mußte er fürchten, daß +ihr ganzer Plan scheitern würde. Unter einer Viertelstunde konnte das +Boot nämlich nicht heran sein, und bis dahin würden die Eingeborenen sie +leicht bewältigt haben. + +»Komm, Jonas,« sagte er deshalb zu dem Kameraden, »geh zurück in den +Busch, es hilft jetzt nichts, wir müssen ihm gehorchen -- aber nicht zu +weit fort. Wo sind die Anderen?« + +»Nicht hundert Schritte von hier, wo da drüben die rothen Blumen +stehen.« + +»Desto besser, in einer Viertelstunde kann das Boot da sein; so wie ihr +mich aber Hülfe schreien hört, kommt herbei, so rasch euch eure Füße +tragen.« + +Jonas ging fort. Toanonga hatte jedoch ihrem Gespräch mit unruhigem +Blicke gelauscht. Es gefiel ihm nicht, daß sich die Beiden jetzt gerade +in ihrer Sprache so lange unterhielten, und natürlich wäre es ihm sehr +unbequem gewesen, Leute in der Nähe zu haben, die am Ende den andern +Weißen hätten beistehen können. Übrigens ließ er sich gegen Mac Kringo +nichts merken, nahm eine junge neben ihm am Boden liegende Cocosnuß auf +und sagte zu dem Schotten. »Hast du ein Messer bei dir?« + +»Ja wohl,« erwiderte rasch dieser, dem daran lag, Toanonga nicht auch +gegen sich mißtrauisch zu machen. »Soll ich sie dir öffnen?« + +»Laß nur sein,« erwiderte der Alte, »ich thue es selber.« Damit nahm er +das Messer und stach ein Stück aus der weichen Schale der Nuß heraus, +trank den Saft und warf die Schale bei Seite. Mac Kringo streckte die +Hand aus, das Messer wieder zurück zu empfangen, Toanonga aber schob es +mit vollkommener Gemüthsruhe in sein eigenes Lendentuch und sagte: + +»Warte noch ein wenig, Ma Kino, du brauchst es doch jetzt nicht, nachher +sollst du es wieder bekommen. Sieh, das Boot ist schon beinahe am Ufer, +und unsere Freunde werden gleich da sein.« + +Der Schotte biß die Zähne auf einander vor Wuth, von der alten Rothhaut +auf eine solche Art um seine einzige Waffe gebracht zu sein. Im ersten +Augenblick hatte er auch nicht übel Lust, auf ihn zu springen und es ihm +mit Gewalt zu entreißen. Gerade jetzt aber kamen vier der Egis an ihm +vorbei und gingen nach der Landung hinunter, während sich von den +übrigen Seiten die Insulaner ebenfalls herbeizogen, die ankommenden +Weißen gleich in Empfang zu nehmen. Wenn er sich nun doch mit den +Kameraden in die Hütte warf und die dort liegenden Gewehre aufgriff -- +es war das vielleicht die letzte Hülfe, und in dem ersten panischen +Schrecken der Eingeborenen durfte er hoffen, das rasch herbeischießende +Boot zu erreichen. Aber auch zu jenen Waffen war ihm der Weg +abgeschnitten, denn eine Anzahl dunkler Krieger sammelte sich eben vor +dem Eingang der Hütte. + +Da sah er, wie Toanonga langsam auf den Capitain des Schooners zuschritt +und neben ihm stehen blieb, und in der Todesangst, seinen ganzen Plan +gescheitert zu sehen, griff er zu dem letzten verzweifelten Mittel. Er +schritt auf die Beiden zu und fragte den Engländer mit vor innerer +Aufregung bebender Stimme, ob er keine Wehr, kein Messer, kein Pistol +bei sich habe. + +»Nichts,« sagte dieser, »als meine Hände; ich habe keine Gefahr +gefürchtet, und als ich vom Bord ging, nur mein kleines Taschen-Teleskop +eingesteckt.« + +»Bei Gott, das thuts!« lachte Mac Kringo wild vor sich hin. »Zieht es +heimlich in der Tasche aus, fasst dann den Alten, haltet es ihm vor den +Kopf, und droht ihm, daß ihr ihn über den Haufen schießen wollt, so wie +er sich rührt.« + +»Mit dem Teleskop?« fragte der Capitain überrascht. + +»Was wissen die von einem Teleskop?« rief Mac Kringo, »sie sehen das +blitzende Metall und halten das -- aber wir versäumen die Zeit, es ist +kein Augenblick mehr zu verlieren.« + +Toanonga hatte den Schotten, während er sprach, aufmerksam betrachtet, +als ob er den Sinn der ihm fremden Worte errathen wolle. Das Boot war +aber kaum noch hundert Schritte vom Ufer entfernt, und die rudernden +Matrosen hatten in diesem Augenblicke ihre Riemen eingeworfen, weil sie +wahrscheinlich nicht näher an die vielen Eingeborenen fahren wollten. + +Toanonga wandte sich, dort hinunter zu gehen, als er plötzlich die Hand +des Fremden auf seiner Schulter fühlte. Erstaunt drehte er den Kopf nach +ihm um, stieß aber ein überraschtes und erschrecktes _Oiau!_ aus, als +er plötzlich vor seinen Augen das unbekannte drohende Instrument +erblickte. + +»Rühre dich, und du bist des Todes!« schrie dabei der Engländer, und +»Hülfe! Hülfe!« tönte Mac Kringo's gellende Stimme über den Platz. + +Die ihm nächsten Insulaner wollten herzuspringen, ihrem Häuptling +beizustehen. Mit ausgebreiteten Armen warf sich ihnen aber Mac Kringo +entgegen und rief. »Halt! halt! um Toanonga's willen, er bringt ihn um, +so wie ihr euch ihm naht!« + +»Hurrah, Jungen! Hurrah!« tönte in diesem Augenblicke Legs' Jubelruf +durch den Lärm, »hier sind die Burschen! Nieder mit den Rothfellen!« + +Überrascht wandten die Insulaner dorthin den Kopf, als vom Wasser her +schnell hinter einander zwei Schüsse fielen und die Kugeln dicht über +ihnen in die Stämme der Palmen schlugen. Jacobs stieß zugleich einen +scharfen, eigenthümlichen Schrei aus, ein Zeichen für seine Leute, und +während die beiden Tonga-Insulaner, die mit im Boot waren, erschreckt +über Bord sprangen und dem Lande zu schwammen, griffen zwei der Leute +wieder zu den Rudern, und die andern Beiden stießen Patronen in ihre +abgeschossenen Gewehre nieder. + +Mac Kringo war aber indessen auch nicht müßig gewesen. Mit raschem +Griff hatte er sich wieder in den Besitz seines Messers gesetzt, und +sein scharfer Pfiff zeigte den Gefährten die Stelle, auf der er sich +befand. Panischer Schrecken schien indessen die Insulaner erfaßt zu +haben, die mit dem bedrohten How vor sich und den Feinden an beiden +Seiten nicht wußten, welcher Gefahr sie zuerst begegnen sollten. + +»Nach dem Boot! Nach dem Boot!« rief Mac Kringo, der recht gut fühlte, +daß sie diesen ersten Moment der Bestürzung benutzen mußten, und mit der +Rechten Toanonga's Arm ergreifend, während er in der linken das gezückte +Messer hielt, folgte Jacobs an der andern Seite seinem Beispiel. Dieser +hielt aber sein Teleskop noch immer drohend vor, in dessen blitzender +Nähe der erschreckte Häuptling sein Leben aufs Äußerste gefährdet +glaubte. + +Auch die am Ufer postirten Indianer hatten bestürzt Raum gegeben, da sie +nur unbewaffnete Weiße zu empfangen gedachten, keineswegs aber darauf +vorbereitet waren, den auf sie gerichteten Gewehren zu begegnen. Das +Boot berührte in diesem Augenblick den Strand, und Spund, der nur ein +halb freiwilliger Theilnehmer des Angriffs gewesen war, sprang in +demselben Moment ans Land, als Legs mit Jonas, Pfeife und Lemon durch +die Schaar der am Ufer gedrängten Männer und Frauen hindurchbrach, den +sicheren Bord zu erreichen. Rechts und links theilten sie dabei +Keulenschläge aus, und Jonas, Pfeife und Lemon erfaßten schon den Rand +des Bootes und schwangen sich hinein, als zwei der Frauen sich plötzlich +und rücksichtslos auf Legs warfen und ihn schreiend zurückhielten. + +»Du bist unser, du darfst nicht fort!« schrien sie dabei, und eine +ergriff die kurze Kriegskeule, die er geführt, und riß sie ihm aus den +Händen, während sich die andere an seinen Hals hängte und laute +Wehklagen dabei ausstieß. + +Mac Kringo und Jacobs hatten indeß den ihnen Schutz gebenden Häuptling +bis fast zum Boote geschleppt. Jetzt aber brach auch die Wuth der +Eingeborenen aus, die wahrscheinlich glauben mochten, die Papalangis +wollten ihren How gefangen mit fortführen. Mit wildem Aufschrei stürmten +sie herbei, und eben von Toanonga's Hause wieder kam ein kleiner Trupp +von Kriegern mit den dort aufgegriffenen Musketen gesprungen. + +»Hieher, Legs! hieher Spund!« schrie da Mac Kringo, indem er Toanonga +los ließ und an Jacobs' Seite mit flüchtigen Sätzen zum Boot hinunter +floh. + +»Bestien!« knirschte auch Legs zwischen den zusammengebissenen Zähnen +hindurch, und ohne die geringste Rücksicht auf das zarte Geschlecht +versetzte er den beiden Frauen ein paar so wohl gezielte Schläge +zwischen die Augen, daß sie mit einem Weheruf zurücktaumelten. Im +nächsten Augenblicke war er frei und rannte an Toanonga vorüber dem +Boote zu. Die Eingeborenen aber, die jetzt ihren Häuptling außer Gefahr +sahen, sandten ihnen einen Hagel von Pfeilen nach, während die mit +Musketen Bewaffneten anlegten, aber vergebens die Hähne schnappen +ließen. + +Diese vorbeschriebenen Scenen waren blitzesschnell auf einander gefolgt. +In demselben Moment aber, in dem Legs seinen beiden Frauen entsprang, +war Spund vollständig einig mit sich geworden, seine Kameraden allein +flüchten zu lassen. Zu seinem Entsetzen hatte er nämlich die halbe +Mißhandlung bemerkt, die Toanonga, den er sehr schätzte, erlitten, und +eilte jetzt rasch auf ihn zu, ihm seine Hülfe anzubieten. Toanonga +dagegen hielt gerade Spund für den ärgsten Verräther von Allen, da er, +anstatt die Weißen in seine Hände zu liefern, die Leute an Bord +jedenfalls gewarnt und sie bewaffnet herüber gebracht hatte. So ruhig +und leidenschaftlos er sich deshalb auch sonst benahm, so zornig und +empört war er jetzt. War nicht die Häuptlingswürde in ihm geschändet? +hatten die Weißen nicht gewagt, Hand an ihn, den How dieser Insel, zu +legen? Deshalb also dem ihm nächsten Krieger eine Keule entreißend, +führte er einen so gutgemeinten und raschen Schlag nach dem Schädel des +armen Teufels, daß er ihm jedenfalls verderblich geworden wäre. Zu +seinem Glück schleppte Spund aber noch immer das Buch mit sich herum, +daß er fast unwillkürlich mit beiden Händen empor hob, als er die Keule +niedersausen sah. Allerdings brach der dicke Band die Gewalt des +Schlages in etwas; derselbe war aber zu kräftig geführt worden, um sich +ganz aufhalten zu lassen, und wie das getroffene Buch auf Spund's Kopf +niederprallte, warf es den Böttcher hinterrücks auf die scharfen +Corallen. + +Toanonga sah ihn stürzen, kümmerte sich aber nicht weiter um ihn, denn +wichtigere Sachen erforderten seine Aufmerksamkeit. »Nach den Canoes, +nach den Canoes!« donnerte seine Stimme die Bai entlang, und während die +mit den Musketen bewehrten Insulaner noch immer umsonst versuchten, die +verstümmelten Waffen abzudrücken, sprang die Mehrzahl der jungen Leute +flüchtigen Fußes am Wasserrand hin, die Canoes zu erreichen. Konnten sie +doch dem schwer geladenen Boot der Papalangis noch immer den Weg +abschneiden. + +Einzelne waren jedoch noch zu Toanonga's Schutze zurückgeblieben und ein +paar von diesen sprangen auf Spund zu, den also Niedergeworfenen völlig +abzufertigen. Mac Kringo hatte aber im Boot die Gefahr des Kameraden +gesehen, und während die Mannschaft desselben das halb auf den Strand +gerathene Fahrzeug zurück in ein tiefes Wasser drückte, griff er eine +der Musketen auf und feuerte sie über die Köpfe der Insulaner in die +Luft. Das rettete Spund. Bei dem Schuß fuhren die Wilden unwillkürlich +zurück, während derselbe auf den Matrosen gerade die entgegengesetzte +Wirkung hervorbrachte. Mit einem Satze war er in die Höhe, und Buch wie +Glaubenseifer hinter sich lassend, warf er sich Hals über Kopf in das +Wasser hinein, den Kameraden zu folgen. Der mit so grimmer Wuth nach ihm +geführte Schlag des alten Häuptlings hatte ihn, wenn auch nicht +beschädigt, doch so erschreckt, daß er gar nicht daran dachte, einen +zweiten derartigen Angriff abzuwarten. + + +6. + +Die Engländer kletterten, so wie das Boot flott war, hinein und griffen +die Ruder auf, während die Mannschaft des Schooners mit den Gewehren im +Anschlag stehen blieb, ihren Rückzug zu decken. Das Boot ging aber +durch die vermehrte Besetzung ziemlich schwer im Wasser und machte +keineswegs so raschen Fortgang, wie Mac Kringo gehofft hatte. + +»Teufel noch einmal!« flüsterte er Lemon, der auf der Ruderbank vor ihm +saß, zu, »die Rothfelle bekommen doch am Ende Zeit, uns mit ihren Canoes +den Weg abzuschneiden.« + +»Wenn ich ihnen den Spaß nicht verdorben hätte!« lachte aber Lemon +ingrimmig vor sich hin. »In alle die Canoes, die dort lagen, habe ich +ein wunderhübsches Loch hineingebohrt, und bis sie die jetzt wieder +ausschöpfen und flott machen, sind wir lange draußen.« + +»Das war gescheidt, mein Bursche!« rief der Schotte, »hehehe, wie sie +uns verwünschen werden, wenn sie den Streich merken! Das war aber auch +nöthig; denn das alte runde Ding hier schleicht gerade so durchs Wasser, +als wenn wir in einem Spülfaß säßen.« + +Ein paar Schüsse wurden in diesem Augenblicke vom Ufer ihnen +nachgefeuert. Entweder hatten die Insulaner den Verlust der Steine +bemerkt und ersetzt, oder noch andere Musketen gehabt. Keine der Kugeln +traf jedoch das Boot; eine zischte vorüber, und die anderen fielen schon +zu kurz. + +Sie näherten sich jetzt dem schmalen Eingang der Riffe, als sie die +ersten Canoes der Verfolger aus einer geschützten Bucht vorschießen +sahen. Durch Lemon's List waren sie aber hinlänglich aufgehalten worden, +um den Flüchtigen einen ziemlichen Vorsprung zu gestatten, und da Leute +genug im Boot saßen, einander abzulösen, so ließen sie die Ruder aus +Leibeskräften arbeiten. + +Die Indianer schienen ihre Canoes auch nicht alle auf einmal flott +bekommen zu haben; denn als das Boot die Riffe verließ, folgten ihnen +erst zwei, und ein drittes wurde eben sichtbar; dann entzog die über die +Corallen stürzende Brandung das innere Wasser der Bai ihren Blicken, und +sie konnten nichts weiter von dem, was dort vorging, erkennen. + +Der Schooner lag etwa eine halbe englische Meile weiter draußen. Der +Steuermann hatte aber vom Masttop aus die Flucht des Bootes und die +verfolgenden Canoes bemerkt, ja, sogar die Schüsse von dort herüber +gehört und, trotz der Gefahr, die ihm selber von den Riffen drohte, die +Segel backgebraßt, seine Leute erst wieder aufzunehmen. Noch waren diese +auch eine ziemliche Strecke vom Schooner entfernt, als die ersten Canoes +schon im Eingang der Bai sichtbar wurden und mit reißender Schnelle +näher kamen; aber überholen konnten sie das Boot nicht mehr. Jetzt lief +es langseit, und wenige Secunden später kletterten schon die Matrosen +mit lautem Jubelruf an den ihnen zugeworfenen Tauen empor. + +Alle wußten aber, daß sie sich trotzdem nicht eher für gerettet halten +konnten, als bis sie die Insel windwärts brachten und die drohenden +Riffe hinter sich ließen. Die Segel flogen deshalb herum, um auch den +geringsten Luftzug zu fangen, den ihnen die schwache Brise bot, und +während der Bug nach Westen abfiel, an den Riffen hinzulaufen, sprang +Mac Kringo an der Want des Vordermastes empor, einen Überblick nach der +Insel zu gewinnen. + +Er kannte nämlich das Binnenwasser von Monui genau und wußte, daß gerade +nach Westen zu den übrigen Canoes ein anderer Paß blieb. Den mußten sie +nehmen, wenn sie ihnen den Weg abschneiden wollten; und daß der Schooner +nicht nach Osten entkommen konnte, war den Eingeborenen bekannt genug. +In dieser Vermuthung hatte er sich denn auch nicht geirrt, denn oben +kaum angelangt, erkannte er schon sieben stark bemannte Canoes, die über +die glatte Bai herüberschossen und denen der Schooner gar nicht mehr +vorbeilaufen konnte. + +Es blieb ihnen jetzt nichts Anderes übrig, als sich zu einem Kampfe zu +rüsten; denn daß die Insulaner, solcher Art um die schon sicher +geglaubte Beute betrogen, ihren Angriff mit erbitterter Wuth machen +würden, ließ sich denken. Jacobs erfuhr übrigens kaum die neue Gefahr, +die ihm drohte, als er auch mit gutem Muth den Befehl gab, das Deck zum +Kampfe klar zu machen. Die vier Kanakas hatte er allerdings an Land +zurück lassen müssen -- und den Sandwichs-Insulanern schien diese +Gelegenheit sehr erwünscht gekommen zu sein --, dafür war aber seine +Mannschaft durch sechs tüchtige Matrosen verstärkt worden, und mit den +zwei kleinen Kanonen, die er am Bord führte, hoffte er sich die Wilden +schon vom Leibe zu halten. + +Mac Kringo that es freilich leid, daß er jetzt vielleicht genöthigt sein +sollte, auf die zu schießen, die ihn doch eigentlich freundlich +aufgenommen. Dabei wußte er aber recht gut, daß sie keine Gnade zu +erwarten hätten, wenn sie zum zweiten Male in die Hände der Eingeborenen +fielen, und der Selbsterhaltung mußte jede andere Rücksicht weichen. + +Ihre einzige Hoffnung war noch, daß die Brise stärker werden sollte, wo +sie den Canoes dann bald entgangen wären. Im Gegentheil schien aber der +Wind fast ganz einzuschlafen, und mit der Ungewißheit, nach welcher +Richtung hin hier die Strömung ging, donnerte ihnen die Brandung schon +drohend in das Ohr. Der Capitain ließ allerdings das Senkblei werfen, +aber sie fanden, obgleich gar nicht mehr so weit von den Riffen +entfernt, keinen Grund. + +Gerade vor ihnen lief eine Corallenspitze ziemlich hoch nach Norden +hinauf, und wenn sie diese umschiffen konnten, hofften sie an den dort +mehr ablaufenden Riffen eher hinunter zu können. Gerade dort aber wurden +jetzt die ersten Canoes sichtbar, während die drei, die ihnen gefolgt +waren, ihren Angriff nur zu verzögern schienen, bis sie von ihren +Freunden unterstützt werden konnten. + +Der Capitain des Schooners hatte nicht gern die Feindseligkeiten +eröffnen wollen, jetzt aber sah er ein, daß ihm keine weitere Wahl +blieb; denn einen Erfolg konnte er sich nur, bei der großen Übermacht +der Insulaner, in dem Falle versprechen, wenn es ihm gelang, sie etwas +einzuschüchtern. Die vorn am Bug stehende Kanone wurde deshalb +gerichtet, Jacobs ergriff selbst die Lunte, und die Kugel schlug gleich +darauf so glücklich ein, daß sie das geschnitzte Hintertheil eines der +Canoes wegriß und, wie es schien, den Steuernden beschädigte. + +Das ließen sich die Insulaner übrigens zur Warnung dienen; denn während +sie bis jetzt ihre Fahrzeuge auf einem Trupp zusammen gehalten hatten, +vertheilten sie dieselben, und es schien, daß sie einen Angriff von +allen Seiten und zu gleicher Zeit beabsichtigten. + +»Da kommt die Brise!« rief da plötzlich der Steuermann des Schooners, +der seinen Stand an der hinteren Kanone bekommen hatte, und als sich +alle Blicke dorthin wandten, sahen sie, wie sich in der That die +Oberfläche der See nach Osten zu dunkel färbte und kräuselte. Aber die +Canoes mochten das ebenfalls bemerkt haben und wußten jetzt, daß sie +ihren Angriff keinen Augenblick mehr verzögern durften. Die Ruderer +strengten alle ihre Kräfte an, die verschiedenen, ihnen angewiesenen +Plätze so rasch als möglich einzunehmen, und dies erreicht, glitten sie +von allen Seiten zugleich heran. + +Die Mannschaft des Schooners erwartete sie mit klopfenden Herzen, denn +über das ganze Fahrzeug zerstreut, konnten sie kaum mehr als einen Mann +jedem Canoe zur Abwehr entgegen stellen. Näher und näher kam auch der +dunkle Wasserstreifen geflogen. Schon konnten sie erkennen, wie sich die +kleinen Wellen tanzend hoben, und jetzt -- jetzt schlugen die Segel +flappend gegen den Mast und -- blähten aus. Vorn unter dem Bug kräuselte +und schäumte das klare Wasser, und während sie sich den vorderen Canoes +rasch näherten, ließen sie die hinteren zurück. + +»Alle nach vorn, Jungens!« jubelte da Jacobs' Stimme über Deck. »Das kam +zur rechten Zeit! und Bill, du hältst den Schooner gerade auf das größte +Canoe da vorne mitten darauf!« + +Immer stärker wurde die Brise, schon begann sich das schlanke Fahrzeug +ein wenig zu neigen, und die hinter ihm befindlichen Canoes durften +nicht mehr hoffen zur rechten Zeit heran zu kommen. Trotzdem gaben die +vorderen den Angriff nicht auf. Sie wußten wie wenig Leute ihnen die +Papalangis entgegenstellen konnten, und daß die erste Kanonenkugel +keinen größeren Schaden angerichtet, hatte ihren Muth noch eher erhöht. +Noch ging das Fahrzeug auch nicht rasch genug durchs Wasser, daß sie +nicht hätten anlaufen und entern können; aber mit immer größerer +Anstrengung mußten die an der Seite Befindlichen arbeiten, um nicht +zurückgelassen zu werden. Vor dem Schooner hatten sich jetzt vier Canoes +gesammelt, und als er heran kam, wichen sie eben genug aus, ihn hindurch +zu lassen. Gegen den Wind, wußten sie recht gut, konnte er nicht weiter +aufluven, und unter dem Wind lagen die Corallen. + +Jacobs kannte seinen Schooner, der nur aber bei mittelmäßiger Brise mit +vier und einem halben Strich ganz vortrefflich segelte und dem Wind +ordentlich in die Zähne lief. So wie er deshalb die Absicht der +Eingeborenen merkte, war auch sein Plan gefaßt. + +»Gebt Feuer,« rief er, »so wie ihr das Weiße von ihren Augen sehen +könnt!« und dann selber an sein Steuer springend, ließ er sein Fahrzeug +trotz der Corallen wohl zwei Strich abfallen. Den von rechts +herbeikommenden Canoes wich er dadurch aus und überraschte die beiden an +der linken Seite so vollkommen, daß der Bug des Bonito das Hintertheil +des einen ergriff und übersegelte. Die Mannschaft desselben hielt sich +allerdings zum Theil selbst an dem vorderen Tauwerk des Schooners und +suchte an Bord zu klettern. Nachdem die Matrosen aber ihre Gewehre in +die nächsten Canoes abschossen und dort Verwirrung verbreitet hatten, +drehten sie die Musketen um, und wo sich ein Kopf über der +Schanzkleidung zeigte, traf ihn auch ein wohlgezielter Schlag. + +Noch heulten und tobten die Eingeborenen in wilder Wuth um sie her, als +der Bug des Schooners schon wieder scharf gegen den Wind aufluvte. Im +nächsten Moment schossen sie so dicht an der Corallenspitze vorüber, daß +sie mit einem Steine hätten in die Brandung werfen können, und ließen +jetzt die letzten Canoes, die dieser Gefahr selber entgehen mußten, +zurück. -- Noch wenige Secunden, und sie waren gerettet, jede Gefahr lag +hinter ihnen, und Bill, der Steuermann, sprang mit seiner Lunte an die +hinterste Kanone, den Feinden noch eine Kugel zurück zu schicken. Das +aber litt Jacobs nicht. + +»Laß sie laufen, mein Junge,« sagte er, indem er den Arm des +Steuermannes zurückhielt. »Sie werden Noth genug haben, von der Ecke +dort weg zukommen; vor =uns= aber liegt die blaue weite See, und mit dem +Bewußtsein, all jenen Gefahren so glücklich entgangen zu sein, mag ich +kein Menschenleben mehr zerstören.« + +Fußnoten: + +[32] Das aus einer Art Baumrinde bereitete und gedruckte Zeug. Das +ungedruckte heißt Tapa. + +[33] Bolutu ist nach dem Glauben der Tonga-Inseln der Aufenthalt der +Seligen. Sie denken sich diesen Ort als eine große, wunderbar schöne +Insel, mit allen Früchten reich gesegnet, die weit gegen Nord-Westen +liegt -- so weit in der That, daß sie dieselbe mit ihren Canoes nicht +erreichen können. Dort werden ihre Seelen zu Hotuas oder göttergleichen +Geistern, die auch -- besonders die Seelen der Häuptlinge -- im Stande +sind, Einfluß auf das Leben der Sterblichen auszuüben. Sie erzählen +sich, daß einmal ein Boot von den Tonga-Inseln dorthin verschlagen sei, +und die Leute wären ans Land gesprungen und hätten sich von den +prachtvollen Früchten pflücken wollen; sie hätten aber keine ergreifen +können; denn unter ihren Händen wurden sie zu Luft. Auch durch die +Bäume, die dort wuchsen, konnten sie gerade hindurchgehen. Sie standen +leibhaftig vor ihnen, bildeten aber keinen festen Körper. Ein Hotua kam +da zu ihnen und ermahnte sie, die Insel so rasch als möglich zu +verlassen, und voll Angst schifften sie sich augenblicklich wieder ein. +Der Wind blies auch so günstig und scharf, daß sie Tonga schon nach +einigen Tagen erreichten; aber am Ufer angekommen, mußten sie alle +sterben. Ihre Körper hatten die Luft von Bolutu nicht vertragen können. +An eine Strafe nach dem Tode glauben die Tonga-Insulaner nicht. + + + + +II. + +Im Ostindischen Archipel. + +Der Balinese. + + +Östlich von Java, und von dieser Insel nur durch einen schmalen Seearm +getrennt, liegt das zwar kleine, aber wunderschöne, gebirgige Eiland +=Bali,=, von einem kriegerischen, kräftigen, arbeitsamen Volke bewohnt +und bis in seine Berge hinauf vortrefflich cultivirt und angebaut. + +Trotz seiner Nähe bei dem schon längst den Holländern unterworfenen Java +hatte es sich dennoch bis zur neueren Zeit seine vollkommene +Unabhängigkeit zu bewahren gewußt, und erst in den letzten Jahren gelang +es den Holländern, theils durch Verrath unter den Eingeborenen, theils +durch ihre Truppen unter dem Commando Sr. Hoheit des Herzogs Bernhard +von Weimar, die Rajahs Balis wenigstens dahin zu bringen, daß sie ihre +Oberherrschaft anerkannten. + +Die Balinesen sind, was die Missionäre »blinde Heiden« nennen, d. h. sie +haben ihre eigenen Götter (Brachma, Schiwa und Wischnu) und ihren +eigenen Glauben, den sie sich entschieden weigern abzulegen. Ihre +Javanischen Nachbarn gingen ihnen darin allerdings schon seit längerer +Zeit mit gutem Beispiel voran, indem sie zum Islam übertraten. Von den +muhamedanischen Priestern besonders, aber auch dann und wann von +christlichen Missionären sind schon verschiedene Versuche gemacht, sie +das abschwören zu machen, was andere Nationen eine =Irrlehre= nennen. +Bis jetzt war es jedoch vergeblich, und wenn es irgend noch eines +Beweises bedürfte, daß die christliche Religion keineswegs unumgänglich +nothwendig dazu ist, ein wildes Volk zu civilisiren, so liefern diese +Balinesen als =Heiden=, und ihre Nachbarn, die Javanen, als +=Muhamedaner= davon den schlagendsten Beweis. + +Was die Cultur Balis' betrifft, so läßt diese nichts zu wünschen übrig. +Jedes Plätzchen, das Frucht liefern kann, ist benutzt, und die Balinesen +bauen sogar weit mehr, als sie zu ihrem eigenen Bedarf brauchen. Manches +Schiff hat dort schon für den europäischen Markt seine Ladung von Reis, +Zucker, Kaffee und anderen Produkten eingenommen, während hunderte von +Prauen (die inländischen Fahrzeuge) der benachbarten Inseln, ja selbst +bis von China herüber, in stetem und lebendigem Verkehr mit dem kleinen +Reiche stehen. Die Balinesen haben dabei ihre eigenen Rajahs oder +Fürsten, und die dem Lande dienlichen Gesetze werden mit +unnachsichtlicher Strenge von ihren weltlichen und geistlichen +Oberhäuptern in Kraft gehalten. Auf allen schweren Vergehen, selbst auf +Diebstahl, steht Todesstrafe. -- Außerdem sind sie aber auch noch in +vielen Künsten geschickt und erfahren. Vorzüglich ihre Stahl- und +Goldarbeiten, ihre Korbflechtereien und Webereien sind berühmt in der +ganzen Inselgruppe des ostindischen Archipels. Ihre Landestracht ist +dabei anständig und geschmackvoll, und dem Klima vollkommen angemessen. + +So viel als kurze Einleitung für den Leser, der die kleine Insel bis +jetzt vielleicht kaum dem Namen nach oder doch nur nach Beschreibungen +kannte, welche ihre Bewohner beinah wie eine Räuber- und Piratenbande +erscheinen ließ. Jede Sache hat freilich ihre zwei Seiten. + + +1. + +Es war im September des Jahres 184*, als in dem südlichsten Rayat von +Bali, in Badong, ein junger Bergbewohner rüstig aus der fruchtbaren +Hochebene nieder der Süd-West-Küste der Insel und der Bai von Balikota +zu stieg. Wohl führte eine breite, gut unterhaltene und fahrbare Straße +von Badong zu dem kleinen Städtchen Kota an dieser Bai hinab. Der junge +Balinese hätte aber, um auf sie zu gelangen, zu weit westlich aus dem +Wege gehen müssen, und da er überdies auch nicht gewohnt war, einer +breiten, bequemen Straße zu folgen, so suchte er sich lieber in gerader +Richtung die nähere, wenn auch nicht eben so glatte Bahn. + +Diese führte ihn durch weite mit Mais und Zuckerrohr bepflanzte Flächen +und an den schmalen Dämmen bewässerter Reisfelder hin, zu den Rändern +steiler, dichtbewaldeter Ravinen, die das Land durchschnitten und mit +ihrer wilden üppigen Vegetation in die urbar gemachten und in +vollkommenster Cultur gehaltenen Felder gar wunderlich hinein griffen. + +Der Thau lag noch in voller funkelnder Pracht auf den Blättern und +Blüthen, und hing in schweren Tropfen an den blitzenden Halmen, das +saftige Grün der Hänge mit zauberhaftem Schimmer übergießend. Hoch und +kühn daraus hervor ragte die stolze Cocospalme, die Königin der Wälder, +mit ihrer schwankenden, zitternden Blattkrone, die der Südost-Monsoon +hier nur in leichtem Säuseln erreichen konnte, und die Arekapalme +streckte aus kleinen Fruchtdickichten den schlanken, zierlichen, +pfeilartigen Stamm. Tief und schattig in den reizenden Hainen lagen die +Bambushütten der Eingeborenen gar still versteckt, und die dunklen +Ränder derselben wurden nur hie und da durch die purpurrothe +Blüthenmasse des Tjanging[34] unterbrochen, der mit seinen unregelmäßig +und reich über die Landschaft gestreuten Bäumen der ganzen Scenerie eine +eigene wunderbare Färbung gab. + +Wo der junge Eingeborene seinen Pfad suchte, war noch wenig Leben. Hie +und da arbeiteten erst einzelne Gruppen in den Feldern, meistens Frauen, +die mit der Hand den reifen Reis abschnitten und auf die Ränder trugen. +Der Sikup[35] strich noch einsam nach Beute über die stille Gegend. Hie +und da stand auch wohl ein einsiedlerischer Tjanga mit den langen Beinen +und riesigem, fast unverhältnißmäßig großem Schnabel am Rande der +Reisfelder und trat dem rasch Heranschreitenden mehr, wie es schien, +aus Höflichkeit, als aus besonderer Sorge für seine eigene Sicherheit +ein paar Fuß aus dem Weg. Oder eine Schaar wilder Pfauen, die an dem +Rand der Ravine gesessen und sich gesonnt hatte, bäumte auf und schaute +mit den langen Hälsen neugierig nach dem einzelnen Wanderer nieder. + +Dieser aber war viel zu sehr mit sich selber und seinen eigenen Gedanken +beschäftigt, um solchen, überdies durchaus gewöhnlichen Gegenständen +auch nur einen Blick zu widmen. Rasch nur suchte er durch manche sich +ihm in den Weg stellende Hindernisse seine Bahn, und hielt zum ersten +Male an, als er eine Art Absatz oder Terrasse des Hanges erreicht hatte, +von der aus sich eine weite Aussicht nach Süden und Südwest über die +Küste und das ferne Meer gewinnen ließ. + +Über Gebüsch und Palmen hin, die den steilen, tiefablaufenden Hang +bedeckten, konnte er den breiten Cocoshain überschauen, der das kleine +Städtchen Kota mit der ganzen dortigen Küste umgürtete, während das +blaue freundliche Meer an dessen anderer Seite den Strand beschäumte. +Massen kleinerer Segel, meist inländische Prauen, hie und da aber auch +chinesische Dschunken, kreuzten durch das stille, von einer leichten +Brise kaum bewegte Wasser, und nur ein einziges europäisches Schiff lag +gerade über der Corallenbank und durch die südlich auslaufende Spitze +des Landes (von den Engländern Tafelhoek genannt) gegen den +Südost-Monsoon geschützt, draußen vor Anker. Seine Segel waren zwar noch +fest, aber es schien ziemlich schwer geladen und ging tief im Wasser, +während einzelne Boote noch immer mehr Fracht hinüber brachten. Die +holländische Flagge wehte von des Fremden Gaffel. + +Der junge Balinese blieb hier stehen und schaute lange und sinnend in +das freundliche Thal hinab, das sich seinen Blicken öffnete. Aber seine +Gedanken waren nicht mehr freundlicher Art. So frisch und froh vorher +sein Auge dem niederen Lande entgegengeleuchtet hatte, so zog sich jetzt +seine Stirn in düstere, krause Falten, und mit untergeschlagenen Armen +schaute er schweigend zu dem fremden, unwillkommenen Gast, zu der ihm +verhaßten, feindlichen Flagge hinüber. + +Es war eine edle, schöne, schlanke und doch so kräftige Gestalt, wie sie +unter der einzelnen wehenden Palme stand. Und Hoheit und Schmerz lag in +den Zügen, als ob der zürnende Gott der Berge selbst aus seines Waldes +Schatten getreten sei und jetzt den Feind seines Landes, seines Volkes +vor sich erblicke. Die Züge seines Gesichts konnten fast griechisch +genannt werden. Die leicht gebogene Nase, die hohe Stirn, die +schwellenden und doch zart geschnittenen Lippen schienen kaum einem +indischen Stamme anzugehören; aber die dunkle Bronzefarbe der Haut, die +dunklen feurigen Augen, das lange, rabenschwarze aber weichlockige Haar +verriethen den Sohn dieser Küste, das Kind dieser Berge. Er ging ganz in +die Landestracht gekleidet. Um den Kopf trug er fast turbanähnlich ein +dunkelfarbiges, mit rothen und gelben Streifen durchzogenes Tuch, nur +daß oben die üppige Masse seines schwarzen, langen Haares herausquoll. +Um seine Hüften, bis fast zu den Knieen niederreichend, schlang sich ein +gleiches von ähnlicher Farbe, der sogenannte Kammen, und der Sappot, +eine Art schottischer Plaid, aber auch aus inländischem Zeug gewebt, +hing ihm in leichtem, malerischem Wurfe über die Schulter, mit dem einen +langen Zipfel die rechte Brust bedeckend. + +In dem Kammen stak vorn, wie bei allen Balinesen, die Kompec oder +Sirihtasche (zum Betelkauen) aus feingeflochtenem und buntgefärbtem +Bambus verfertigt, und hinten, wie bei den Südamerikanern, der lange +Dolch oder Khris (im Balinesischen Radotan) in hölzerner, wunderlich +geformter und mit Goldplättchen zierlich ausgelegter Scheide, während +der Griff aus einem dunklen fein gravirten Metall bestand und ebenfalls +mit Gold eingelegt war. An den Füßen trug er zierlich genähte +Ledersandalen mit einem schmalen, goldgestickten Band quer über den +Spann herüber. Sonst waren Arme und Beine nackt, aber voll und kräftig +geformt, und nur um das Gelenk der linken Hand schlang sich ihm ein fast +weibischer Schmuck, ein schmales Armband aus den purpurrothen, +steinharten und herzförmigen Beeren einer Akazienart aufgereiht und zum +schmalen Bande zusammengeflochten. + +Als einzige Waffe hielt die Hand dabei ein langes dünnes Blasrohr, aus +hartem schwerem Holz gebohrt, von etwa fünf Fuß Länge, an das oben mit +Streifen Rattan (spanischem Rohr) eine eiserne Lanzenspitze so an der +Seite befestigt war, daß sie dem Schuß des Pfeils oder Bolzens nicht +hinderlich sein konnte. Der Köcher, der die kleinen aus Bambus +gefertigten, mit einer Pflanzenmark-Mundspitze versehenen und mit Gift +bestrichenen Pfeile trug, stak ebenfalls in Kammen, an der linken Seite. + +Die Waffe stemmte er jetzt auf einen Stein, und mit dem linken Arm sich +daran stützend, daß sein Haupt sich sinnend an die Lanzenspitze legte, +murmelte er mit leiser, halbunterdrückter Stimme vor sich hin: + +»Wieder so ein Schiff mit seiner stolzen dreifarbigen Fahne, wieder und +wieder eins, in Handel und Freundschaft scheinbar, und =uns= zum Nutzen, +wie sie sagen, heimlich aber nur sich und ihr räuberisches Ziel im Auge. +Halb =sind= wir ja schon besiegt,« setzte er mit finsterem Grimm hinzu, +die Worte durch die zusammengepreßten Zähne zischend, »und wenn nicht +noch der wackere Dewa Argo dem Treiben fest entgegenstünde und mit aller +ihm zu Gebote stehenden Macht an unsern Sitten und Gesetzen hielte, den +Fremden keinen Fuß breit Boden weiter gönnend, wie säh's um Bali aus! +Hielt er die Hand nicht über unser Land gestreckt, wie bald würden die +Fremden, die Brachma verdammen möge, das Land überschwemmen und den +ganzen Fluch ihres Geschlechts über uns bringen. In den Thälern wüthet +schon die furchtbare Radjadja[36], und die Leichen ihrer Opfer verpesten +die Luft.« + +»Die alten Prophezeihungen werden wahr,« fuhr der Einsame in seinem +Selbstgespräch inzwischen fort. »Der weiße Jakal hat den schwarzen +überlistet und wüthet in seinem Jagdgrund, während unsere Götter ihr +Haupt abwenden, um die Schmach ihrer muthlosen Kinder nicht zu schauen. +»Der weiße Tiger wird kommen und uns verschlingen, wenn wir ihm nicht +gehorchen,« sagt der Orakelspruch jenes weisen Rajah, der tausende von +Armen schon entnervt und die Herzen mit Angst und Muthlosigkeit gefüllt +hat. Ei, er möchte kommen und es versuchen, und unsere Lanzen und +Pfeilspitzen würden sein Herz finden, daß sein Blut den Boden düngte. +Aber nur zusammen müßten wir stehen, in innigem Bündniß, nicht jeder +Rajah für sich selber aus kleinlicher, erbärmlicher Furcht das Bündniß +des Feindes suchen, um von sich selber dessen Rache abzuwenden, für sich +selber die Regierung zu erhalten. Das Wohl der Völker, lügen sie dabei, +hätten sie im Auge, und nur ihr eigener Ehrgeiz macht sie blind gegen +Ehre und Pflicht, und treibt sie, die Völker, die ihrem Schutz durch +Brachma anvertraut, nichtswürdig zu verrathen.« + +»Wie stehen wir jetzt dem Feinde gegenüber? -- Unsere Prauen liegen +müssig am Strande, unsere Arme werden durch gefährliche Unterhandlungen +gefesselt gehalten, und die Flagge jener Fremden weht stolz unseren +Tempeln entgegen, und schändet uns und unsere Götter. Fluch über solche +Unthätigkeit, über das Zaudern und Zögern und Wählen und Fürchten. Wenn +das so fort geht, wird der Name Balinese bald gleichbedeutend werden mit +Sklave und Feigling. O mein schönes, armes Vaterland!« + +Er stand noch lange da, seinen finsteren, schmerzlichen Gedanken sich +überlassend, als sein Auge plötzlich auf das Armband fiel, das er am +linken Handgelenke trug, und ein freundlicherer Ausdruck seine schönen +und edlen Züge belebte. + +»Kassiar,« murmelte er leise, indem ein flüchtiges Lächeln über sein +Antlitz glitt, »Kassiar, du Blume des Thales, dich wenigstens will ich +dem giftigen Einfluß jener Fremden entreißen und mit mir in meine Berge +führen. Dort bieten wir dem fremden Einfluß Trotz, und kommt einmal die +Zeit, in der mein Vaterland den Fluch erkennt, den es sich selber +muthwillig aufzuladen scheint, dann brechen wir hervor, und unser +Schlachtschrei soll die Feinde zurück auf ihre Schiffe schrecken. -- +Kassiar!« + +Und mit dem Namen der Geliebten auf den Lippen, griff er die Lanze auf, +und sprang mit leichtem Schritt den Hang hinab, der Richtung Kota's zu. +Hier mußte er freilich noch ein breites mit Zuckerrohr bepflanztes Feld +durchschneiden, das nördlich von dem kleinen in die Tanjong-Bai +ausmündenden Kali oder Flusse lag. Eine Brücke gab es über den Strom +nicht, aber eine Cocospalme, die dicht am Uferrand gestanden, war von +dem angeschwellten Wasser unterwühlt hinübergestürzt, daß ihr Wipfel +eben das jenseitige Ufer berührte. Auf dieser lief er hinüber, drängte +sich durch den morastigen, mit niedrigen Büschen bedeckten Uferstrich, +der die nördliche Seite der von Tuban nach Kota führenden Straße und den +Palmenwald begrenzte, und fand sich bald im Schatten der wundervollen +Punjannjo's, der Cocospalmen, wo er auf glattem, ebenem Wege rüstig +dahin schritt. + + +2. + +Wie das über ihm rauschte und zitterte, in einsamer, wundervoller +Waldespracht! -- Wie das flüsterte und raschelte, und mit den langen, +herrlichen Blättern wehte und ineinandergriff! -- Hier war nichts +Fremdes, nichts Verhaßtes mehr; das war sein eigenes, schönes Vaterland, +die Cocospalme seines Stammes Bild, und wie das Herz ihm wieder +aufging in Stolz und Lust und die Sehnsucht nach der Geliebten es +rascher schlagen machte, wurde sein Schritt auch leichter und +elastischer, und freundlich nickte er den Leuten zu, die er am Wege +traf, und die Reis und andere Feldfrüchte, oder Matten und Körbe in die +Stadt zu Markte trugen. + +Schon hatte er hier die Gärten erreicht, die theils mit der +rothblühenden Butju (_rosa sinensis_), theils mit der Buntaja (einer +sehr giftigen Rankenpflanze, welche durch bloße Berührung schon +Entzündungen und Anschwellungen bewirkt) eingezäunt waren, und hie und +da schaute aus dem dunklen Laub einzelner Kaffee- und Muskatnußbüsche, +oder zwischen den hochgezogenen Sirih-Ranken die stille, lauschige +Bambushütte der Eingeborenen hervor, während die Cocospalmen in einem +dichten Hain ihre Kronen in einander legten und kühlen Schatten auf den +zwischen ihnen durchführenden Weg warfen. + +Jetzt hatte er die ersten Wohnungen der Stadt erreicht; rechts am Wege +leuchtete ihm schon das helle Dach des Gustis -- des Dorfoberhauptes -- +entgegen, und von dort hinauf, der Cocosnußölmühle zu, die von den +Weißen angelegt worden, gleich über dem breiten Platz, der sich dort +ausdehnte -- wie rasch das Herz ihm an zu pochen fing -- dort wohnte +Kassiar, und mit fast kindischer, jubelnder Lust malte er sich schon im +Geiste die Überraschung der Geliebten aus, die keine Ahnung von seiner +Nähe hatte. + +Mehrere junge Mädchen waren ihm begegnet; manche aufgeputzt, wie zu +einem ihrer Feste, andere in das einfach gewebte Zeug des Landes +gekleidet. Aber er achtete ihrer nicht; sein Auge suchte zwischen den an +ihm vorbeigleitenden Dächern hin, die wohlbekannte Gruppe schlanker +Arekapalmen, die das Haus der Geliebten umstanden, und jetzt -- schon +wollte er um des Gustis Garten in die Straße einbiegen, denn dort ragten +die schlanken Wipfel grüßend und freundlich nickend schon hervor, -- da +schritt ein junges Mädchen die Straße herab, und sein Fuß haftete wie +angewurzelt an dem Boden fest. + +Das war Kassiar -- und wieder war sie's nicht. Die lieben dunklen Augen +gehörten freilich ihr -- der schlanke Wuchs, der leichte elastische Gang, +dem Kiedang ihrer Wälder gleich -- und dennoch schien sie ihm vollkommen +fremd, denn Tracht und Sitte, wie er's bis jetzt an ihr gewohnt gewesen, +glich sich gar nicht mehr. Das dunkle volle Haar war mit Blumen, rothen +Beeren und kleinen farbigen Muscheln geschmückt, wie den Putz ähnlich +auch andere eingeborene Mädchen trugen, aber in den Ohren hingen ihr +goldene Zierrathen, wie sie die verhaßten Weißen mit herüber gebracht, +den weichen runden Arm umschloß ein goldenes, steinbesetztes Band, und +um die Schultern lag ihr ein himmelblau und roth gestreiftes seidenes +Tuch und hing mit dem einen Zipfel vorn über die linke Brust herab. +Leichten Schrittes kam sie den Weg herab, der nach dem Strande nieder +führte, und wenn ihr Blick auch auf den jungen Krieger über die Straße +herüber fiel, war sie doch zu sehr mit ihren eigenen Gedanken +beschäftigt, um viel auf ihn zu achten. So wollte sie eben an ihm +vorüber eilen, als sein Ruf sie aufhielt und rasch nach ihm herüber +sehen machte. + +»Kassiar!« -- Der eine Blick genügte -- zitternd und erschreckt, die +Hände vorgestreckt, ihre Farbe, die selbst unter der zarten aber dunklen +Haut sichtbar wurde, kommend und schwindend, die Arme halb nach dem +geliebten Manne ausgestreckt, halb ihn damit abwehrend, stand das junge +Mädchen einer schönen Statue gleich da. + +»Glentek!« hauchte sie dabei, »wo kommst du her, oder liegt dein Körper +oben in den Bergen, von scharfer Waffe oder Tigerzahn zerrissen, und nur +dein Geist hat mich hier aufgesucht?« + +Glentek barg einen Augenblick die Stirne in der Hand und strich sich die +langen Haare dann zurück, indem er seinen Blick dabei scheu und erstaunt +auf die Jungfrau heftete. + +»Und das ist Kassiar?« sagte er endlich halblaut und schüchtern, indem +er langsam über die Straße hinüber schritt und vor dem zitternden +Mädchen stehen blieb; »ist das das Weib, das ich mir in die Berge holen +wollte, um sie der Gefahr hier zu entziehen, die ihr von Fremden und +fremdem Glanz und Luxus droht? -- Es ist zu spät, wie ich sehe, und +Kassiar hat nicht allein Glentek vergessen, sondern auch ihr Vaterland. +Wie sie sich da aufgeputzt, mag sie wohl einem der fremden Männer für +kurze Zeit gefallen; werden aber die jungen Leute von Bali ihr wieder +ihre Heldenlieder singen?« + +»Glentek!« bat das Mädchen, ihm die Hand entgegen streckend mit +herzlichem, flehendem Ton, »ist =das= dein Gruß, mit dem du mich nach so +langer Zeit der Trennung empfängst, und hast du in den Bergen oben deine +Kassiar so ganz vergessen -- so ganz vergessen und verlernt sie zu +lieben?« + +Glentek erwiderte nichts darauf, aber sein Blick hing noch immer fest +und vorwurfsvoll an dem bunten, fremdländischen Staat, der die Geliebte +schmückte, an den goldenen Ringen im Ohr und um den Arm, an dem +seidenen Tuch, das ihre Schultern umschloß. Endlich sagte er langsam und +traurig: + +»Dich vergessen, Kassiar? -- Mächtiger Brachma, mein Herz vergäße ebenso +leicht zu schlagen, mein Ohr den Ruf des Vaterlandes zu hören! Dich +vergessen, Kassiar? -- Und bin ich deinetwegen nicht drei Tage gewandert +und die letzte Nacht, um nur recht bald dein liebes Antlitz wieder zu +schauen, deine Hand in der meinen zu fühlen, dem Flüstern deiner Worte +zu lauschen? Die Sterne haben mir von dir gesprochen, wenn sie vom +dunklen Himmel niederfunkelten, der Wasserfall rauschte mir deinen Namen +Tage lang, Nächte lang, und meiner Palmen Wipfel kannten keinen andern +Laut. -- Dich vergessen, Kassiar? -- Jeder Vogel zwitscherte mir das +liebe Wort, in jedem Tropfen perlenden Thaues sah ich dein Bild, und nur +die Sehnsucht nach dir hielt Schritt mit der wachsenden Liebe -- und +jetzt --« + +»Und jetzt, Glentek?« sagte das Mädchen und streckte ihm freundlich die +Hand entgegen, »war das nun der ganze Gruß, den du deiner Kassiar bieten +konntest?« + +»Ich weiß nicht,« entgegnete der junge Krieger leise und mit tief +bewegter Stimme, »ich weiß ja gar nicht, ob es noch =meine= Kassiar +ist. Die Augen lachen mich noch so freundlich an, wie vordem, wenn auch +nicht so offen, so treuherzig mehr. Die süße Stimme ist es immer noch, +aber der äußere Tand, der sie umschlossen hält, der Schmuck des Fremden, +der ihre schlanken Glieder entstellt, anstatt sie zu zieren -- der ist +mir fremd, der verhüllt mir Kassiar, daß mein Auge das alte Herz nicht +mehr darunter finden kann. Und ich weiß nicht, =wem= es jetzt +entgegenschlägt.« + +»Du böser Glentek,« lächelte die Maid, seine Hand ergreifend und ihr +Haupt an seine Schulter lehnend, »=du= weißt nicht, wem es schlägt?« + +»Von wem ist denn der Putz -- von wem das Tuch?« sagte der junge +Balinese noch immer nicht beruhigt. + +»Wenn es dich ärgert, nehm ich's ab und trag's im Leben nicht wieder,« +rief schnell Kassiar, das Tuch von ihren Schultern ziehend. + +»Und wer gab es dir?« fragte Glentek finster. »Kassiar ist nicht so +reich, daß sie der Fremden kostbarste Stoffe mit Reis und Kaffee kaufen +könnte.« + +»Du brauchst mich deshalb nicht so finster anzusehen, Glentek,« sagte, +mit einem halbscheuen Blick zu ihm empor, das junge Mädchen. »Du +weißt, daß -- daß die Fremden jetzt alles thun, der Balinesen guten +Willen zu erkaufen und sie zu Freunden sich zu machen -- und da --« + +»Und da?« wiederholte Glentek finster, aber seine Frage wurde überhört. + +Rasches, donnerndes Pferdegestampf schallte die Straße nieder, die von +Tuban herüber führte, und als sich die beiden jungen Leute darnach +umsahen, kam ein kleiner Trupp Europäer, mit einer Dame an der Spitze, +an deren Seite ein paar eingeborene Rajahs und auch der Gusti von Kota +dahin sprengten. Sie wollten quer über den mit Waringhis bewachsenen +Platz hinüber nach eines Holländers Wohnung, die dort lag. Die Dame warf +auch nur im Vorbeisprengen einen flüchtigen Blick auf das junge Paar, +als sie plötzlich ihrem Pferd rasch in die Zügel griff, daß es aufbäumte +und schäumend in sein Gebiß knirschte und zurücklenkte, wo jene Beiden +standen. + +»Mein Tuch!« rief sie dabei; »beim Himmel, die Dirne dort hält mein +gestohlenes Tuch!« + +»Aber, liebes Kind!« rief ihr Gatte, der Capitain des auf der Rhede +liegenden holländischen Schiffes, »mach' hier keine Scene. Reite hinüber +zum Haus, ich werde das Tuch reclamiren und sehen, wie es sich damit +verhält.« + +Die Dame aber, taub gegen die Vorstellungen, rief gereizt: + +»Daß mir die Diebin in die Hecken schlüpft und sich nicht wieder an der +Küste sehen läßt, nicht wahr. Mich hat ein glücklicher Zufall hierher +geführt, und den will ich benutzen.« + +»Was ist -- was gibt's?« rief der Gusti, der ebenfalls sein Pferd rasch +parirt hatte und gerade an ihre Seite sprengte, als sie vor dem trotzig +zu ihnen aufschauenden Glentek und dem Mädchen hielten. + +»Das Tuch ist, glaub' ich, gestohlen und Madame hat es wieder erkannt,« +dolmetschte ein anderer Europäer dem eingeborenen Richter in +balinesischer Sprache. + +»=Gestohlen?=« schrie Glentek, der die Worte gehört hatte, wild +emporfahrend, und seine Hand zuckte wie unwillkürlich nach dem Radotan. + +»Ruhig, mein Bursche!« rief aber finster der Gusti; »die Sache wird sich +finden. -- Her das Tuch, Kassiar -- zögerst du, Dirne?« + +Kassiar hatte erbleichend die Beschuldigung gehört, und ihr Auge haftete +eine Weile in Angst und Schrecken auf dem einen Fremden, dem Capitain +des Schiffs, als ob sie von ihm Schutz und Entschuldigung erwarten +dürfe. Der Gusti hatte ihr indeß das Tuch aus der Hand genommen und +der weißen Frau hingereicht, damit sich diese überzeugen könne, ob es +wirklich das ihre sei. + +»Gewiß -- gewiß!« rief aber diese, als sie es auf dem Pferd mit der +einen Hand in die Höhe hob und einen forschenden Blick darauf geworfen. +»Das ist mein Tuch, das ich seit Jahren nicht mehr getragen und in +meines Mannes Sekretär liegen hatte. Als ich aber neulich zufällig +einmal darnach fragte und es zu sehen verlangte, war es verschwunden. +Niemand konnte sich erklären wie, und jetzt trägt es die Dirne in der +Hand.« + +»Und hast du keine Vertheidigung für dich, Kassiar?« rief mit +unterdrückter Stimme, aber in Todesangst der junge Bergbewohner. »Läßt +du die Fremden dich eine =Diebin= nennen, und wirfst ihnen die Lüge +nicht zurück in ihr Gesicht?« + +»Woher hast du das Tuch?« fragte jetzt der Gusti das zitternde und mit +niedergeschlagenen Augen vor ihm stehende Mädchen. »Nun, wirst du deinem +Richter antworten, Dirne?« + +Wieder hob sich der Blick Kassiars scheu und flüchtig zu dem Fremden +empor, aber nur einen Moment weilte er dort. Erbleichend wandte sie ihr +Haupt ab, dem Geliebten zu, und barg ihr Antlitz dann, wie ihre Schuld +bekennend, in den Händen. + +»Man wird dich reden machen,« sagte indessen ruhig der Gusti. »Cheh +Lascie, Maras, führt sie in mein Haus und haltet sie dort bewacht, bis +ich selbst hinüber komme.« + +Und seinem Pferd die Sporen gebend, winkte er der übrigen Gesellschaft +freundlich, ihren Weg fortzusetzen. Die kleine Cavalcade sprengte auch +gleich darauf wieder dem Hause des Holländers zu, wo sie zahlreiche +Diener empfingen, ihnen die Pferde abnahmen und sie in die Halle +geleiteten. Sie waren alle dort zu Tische geladen, ebenso der Gusti von +Kota, und es wurde neun Uhr Abends, ehe dieser wieder in seine Wohnung +hinüber ging, um der Verhafteten für die Nacht in einem der Gefängnisse +einen Platz anzuweisen. Das Hauptverhör sollte am nächsten Morgen sein. + + +3. + +Der nächste Morgen kam, und Maderai, der Gusti von Kota, hatte seinen +Platz zwischen den übrigen Richtern eingenommen, während das Volk in +neugierigem, dichtem Schwarm den weiten Raum der großen Bambushütte +füllte. Jedes Schmuckes baar, die Haare glatt und schlicht +herabgekämmt, die Schultern mit einem dunklen selbstgewebten Zeug +bedeckt, ohne Goldringe in den Ohren oder um die Arme, stand das +wunderschöne Mädchen seitwärts in einer kleinen Einfriedigung von +Bambusstäben und harrte der Klägerin, die vorgefordert war, gegen das +des Diebstahls beschuldigte Mädchen aufzutreten. Das verhängnißvolle +Tuch hing an einem Stab neben des Gusti Sitz. Immer aber noch erschien +die Klägerin nicht, und draußen das Schiff in der Bai, das seine Segel +heute Morgen schon gelöst, seine Flagge aufgehißt und seine Boote an +Bord genommen hatte, war augenscheinlich im Begriff, ihre Küste zu +verlassen. Ließen die Weißen also die Klage gegen das Mädchen fallen, so +war sie frei. Von den Eingeborenen konnte ihr Niemand die Schuld +beweisen. + +Da senkte sich wieder eins der Boote zum Wasser nieder, deutlich konnte +man, selbst von hier aus, erkennen, wie der Capitain mit seiner Frau +hineinstieg, die hellen Kleider der Europäerin, die noch einmal an Land +kam, um eins der eingeborenen Mädchen verurtheilen zu lassen, +schimmerten bis hier herüber, und langsam und regelmäßig fielen die +Ruder ein, das scharfgebaute Boot zum Ufer treibend, das bald seinen +scharfen Bug an dem Corallensand des Strandes scheuerte. + +Capitain Van Soeken kam aber nicht freiwillig heute Morgen zum Gericht. +Das Schiff lag zur Abfahrt bereit mit Fracht und Wasser an Bord, Wind +und Strömung waren günstig, seine Papiere in Ordnung und selbst den +Anker hatte er schon früh am Morgen heben lassen, um jeden Augenblick +die Segel loswerfen und in See gehen zu können. + +»Was liegt denn an dem Tuch?« sagte er beschwichtigend, als seine Frau +am frühen Morgen darauf drang, hinüber zu rudern an Land und es beim +Gusti, mit Hinterlegung ihrer Klage, abzuholen. »Du mochtest es so nicht +mehr tragen, und kommen wir nach Amsterdam zurück, so sollst du dir eins +dafür aussuchen, wie es dein Herz verlangt.« + +»Mir liegt nichts an dem Tuch,« entgegnete aber, den Blick fest und +mißtrauisch auf den Gatten geheftet, die Frau. »Mir ist's der Sache +selber wegen, die Diebin zu bestrafen. Drei- oder viermal hab' ich sie +schon hier an Bord gesehen; was hatte sie anders hier zu thun, wenn +nicht -- Gelegenheit auszuspüren?« + +»Sie kam mit den andern Mädchen,« sagte kopfschüttelnd der Capitain, +»lieber Gott, bei dem Volke muß man der Neugierde auch etwas zu gut +halten.« + +»Und wie kam sie in die Kajüte hinunter und in den Sekretär?« rief +Madame, die Worte scharf betonend. »Van Soeken, hier liegt, wie ich fast +fürchte, ein Geheimniß zu Grunde, das die Schuld der Dirne um ein +gewaltiges vergrößert -- und =verringert=. Ich gebe dir mein Wort --« + +»Aber liebes, gutes Kind,« bat sie der Capitain, »sei doch vernünftig, +und setze dir nicht eine Menge thörichter Sachen muthwillig in den Kopf. +Wenn wir hinüber könnten zum Verhör, würde ich dir rasch beweisen, wie +das Ganze ein einfacher Diebstahl ist, wegen dem ich dich aber =recht +herzlich= bitte, kein großes Aufheben zu machen und die Sache lieber +fallen zu lassen. Du weißt, wie furchtbar streng die Eingeborenen jeden +Diebstahl unter sich strafen, wie die Frauen schwere jahrelange +Gefängnißstrafe in niederen Bambuskäfigen und Verbannung, die Männer den +Tod zu gewärtigen haben. Die Eingeborenen sind dabei so unendlich +freundlich und gastfrei gegen uns gewesen; laß uns nicht mit einer +solchen Erinnerung, einer solchen Kleinigkeit wegen, von ihnen +scheiden.« + +»Wenn wir hinüber =könnten=, sagst du?« rief die Frau. »So willst du +=nicht= gehen?« + +»Aber siehst du denn nicht, daß unser Fahrzeug segelfertig liegt und ich +wahrhaftig vor meinen Leuten nicht verantworten kann, die schöne Zeit +zu versäumen?« + +»Das Schiff ist dein -- ist unser Eigenthum, wir können damit thun, was +wir wollen. -- Aber ich sehe schon, wie es ist. -- Rücksicht auf die +Leute willst du nehmen -- auf dein Weib nicht. Und soll ich dir sagen, +weshalb du dich fürchtest, das Land wieder und jenen Gerichtshof zu +betreten?« + +»Fürchten? -- Aber, bestes Kind --« + +»=Soll= ich's dir sagen, oder glaubst du gar, ich sei blind und hätte +den Blick nicht gesehen, den das Mädchen gestern auf dich warf, als ich +sie des Diebstahls beschuldigte?« + +»Auf mich?« + +»Auf =dich=, hab' ich gesagt, und wagtest du heute, der Dirne mit einer +=Klage= gegenüber zu treten, würfe sie dir entgegen, daß =du= ihr das +Tuch =geschenkt=.« + +»Aber liebe, beste Marie!« + +»Das Tuch =geschenkt=, sag' ich!« rief die Frau, mehr und mehr in +eifersüchtigen Zorn gerathend, da die augenscheinliche Verlegenheit des +Mannes ihren Verdacht nur mehr und mehr bestätigte. »Und wenn du mir das +Gegentheil jetzt nicht =beweisest=, so schwör' ich dir, so wahr ich +Marie heiße und das Unglück habe, dein Weib zu sein, das Schiff hier +zu verlassen und am Lande Schutz zu suchen.« + +»Aber Marie, so nimm doch nur Vernunft an!« bat der Capitain. + +»Und weigerst du dich, auch =mich= an Land zu setzen, dann, bei dem +ewigen Gott, spring ich über Bord und mache diesem Leben, das doch von +da an nur Qual und Elend für mich haben müßte, ein rasches Ende. -- +Verrathen und betrogen -- lieber nicht leben, als mit =der= Gewißheit +dem Grabe langsamer aber ebenso sicher entgegen sehen.« + +»Aber so sprich doch nur vernünftig!« rief Van Soeken, so gewissermaßen +zur Verzweiflung getrieben. »Wenn dir das Schiff selber so wenig am +Herzen liegt, einer solchen Bagatelle, einer wahnsinnigen Idee wegen +Wind und Strömung zu versäumen, gut, so sag' mir wenigstens, was du +verlangst und eile damit.« + +»Was ich verlange?« rief rasch triumphirend die Frau, »augenblicklich +mit dir an Land zu fahren und Zeuge der Gerichtsverhandlung zu sein.« + +»=Du= mit mir? weshalb? -- Einer genügt vollkommen, und wenn du es +verlangst und wenn es dich beruhigt, will ich hinüber fahren, die Klage +einlegen und dir das Tuch, an dem dein Herz so hängt, zurückbringen.« + +»Du allein? -- Das glaub' ich dir!« lächelte die Frau den Gatten hämisch +an. »Wenn du mich hier an Bord wüßtest, wär' das Geschäft da drüben wohl +bald und glücklich abgemacht. Fort mit dir! =Euch allen= ist nicht zu +trauen, und wo der Eine den Andern unterstützen kann, thut er's mit +Freuden, gilt es ja doch nur, das arme, verrathene Weib zu täuschen.« + +»So komm denn, meinetwegen,« sprach der Capitain, der keinen Ausweg +weiter sah, der peinlichen Geschichte zu entgehen, »du bist auch im +Stande, eher den =Lügen= der Dirne zu glauben, wenn sie sich irgend eine +Ausflucht suchen sollte, als deinem Mann. Aber komm, du sollst +wenigstens sehen, daß =ich= deine wahnsinnige Anklage nicht fürchte und +mit gutem Gewissen dem Verhör entgegen gehe. Ist mein Boot noch unten, +Steuermann?« rief er dann mit lauter Stimme dem vorn am Anker stehenden +Officier hinüber. + +»Ja, Mynheer,« lautete die Antwort zurück; »soll gleich aufgeholt +werden. Alles fertig.« + +»Halt! -- wir fahren noch einmal an Land.« + +»Noch einmal an Land?« brummte der Steuermann nicht wenig erstaunt, »na, +da bitt' ich zu grüßen, Ebbe und Brise, wie sie im Buche stehen, alles +klar, und noch einmal an Land? Wo so eine Schürze an Bord ist, hört +doch der ordentliche Dienst gleich auf. Hol's der Teufel, möchte nur +wissen, was jetzt wieder im Wind ist.« + +Das Brummen half ihm aber nichts. Die Jölle wurde langseits gehalten, +der Kajütsjunge hing die Treppe wieder aus, und wenige Minuten später +schnitten die Ruder in die klare Fluth und trieben das schlanke Boot +pfeilschnell dem Lande zu. + + +4. + +Lautes Murmeln durchlief die Versammlung der Eingeborenen, zu denen sich +auch jetzt der auf Bali wohnende Europäer eingefunden hatte, um Zeuge +der Verhandlung zu sein. + +»Dort kommt der Fremde mit der weißen Frau -- arme Kassiar -- wie viel +lange Jahre wird sie in dem Käfig sitzen müssen, des bunten Lappens +wegen -- und wie bleich sie aussieht und geknickt! -- Wie rachsüchtig +die Fremden sind und wie habgierig -- arme Kassiar!« + +Zwischen den Eingeborenen lehnte ein junger Mann an einer der hölzernen +Stützen des Hauses. Er ging in die Tracht der Bergbewohner gekleidet, +mit dem Radotan im Gürtel, und sein Blasrohr mit der Lanzenspitze im +Arm. Aber er sprach mit Niemand; kein Laut kam über seine Lippen, kein +Ton des Mitleidens mit dem Opfer, oder des Hasses gegen die Kläger. Es +war Glentek, und als Kassiars Blick ihn dort erspäht, wo er stand, hatte +ihr Auge den Boden gesucht und sich noch nicht wieder von dort gehoben. + +Jetzt traten die Fremden in den Saal. Der Holländer war ihnen entgegen +gegangen, die Dame zu dem für sie bestimmten Sitz zu führen. Der Gusti +nickte ihnen freundlich zu, und als das Geräusch verstummt war, das ihr +Betreten des Raumes verursacht hatte, erhob sich der Gusti von seinem +Sitz, überflog mit flüchtigem, aber strengem Blick die Versammlung, und +begann dann mit seiner lauten, klangvollen Stimme die Anrede. + +»Männer von Bali! wir sind versammelt, die Anklage einer weißen Frau zu +hören gegen eine unseres Stammes, die des Diebstahls bezüchtigt wird. +Ihr wißt, wie streng unsere Gesetze sind, wie sie den Diebstahl beim +Mann mit dem Tode, bei der Frau mit schwerem Kerker strafen, und ihr +werdet Zeugen sein, daß den Fremden Gerechtigkeit werde in unserm +Lande.« + +Nach dieser Einleitung forderte er den der Bali-Sprache vollkommen +mächtigen Europäer, der sich erboten hatte, für die Dame zu +dolmetschen, auf, seine Klage vorzubringen und hier, öffentlich vor +Gericht, zu bestätigen, daß das Tuch der Europäerin und von Bord des +Schiffes entwendet sei. Sie habe dabei anzugeben, ob es dort offen +gelegen, oder aus einem verschlossenen Raum genommen wurde, was die +Strafe für das Vergehen noch verschärfen würde. + +Die Klage lautete jetzt, von dem Dolmetscher in balinesischer Sprache +vorgetragen, auf allerdings erschwerende Umstände, da das Tuch von Bord, +und zwar aus einem verschlossenen Kasten gestohlen sei. Hiergegen trat +aber der Capitain selber auf, indem er erklärte, er habe mehrere jener +Stücke Zeug vor einiger Zeit aus seinem Kasten genommen und draußen +liegen lassen. Das Tuch könne darunter gewesen sein. + +Kassiar wurde jetzt gefragt, wie sie zu dem Tuch gekommen sei, ob sie es +wirklich heimlich von Bord genommen, oder irgend etwas vorzubringen +habe, was zu ihrer Entschuldigung in der Sache reden könne. Zitternd +stand das Mädchen von ihrem Sitze auf. Mehrere Minuten gebrauchte sie, +sich so weit zu sammeln, daß sie den Blick zu ihrer Klägerin erheben +konnte. Neben dieser stand der Capitain, und ihr Auge schweifte kurze +Zeit von Van Soeken zu dessen Gattin und zurück, bis es sich endlich auf +den Seemann heftete. Dieser aber konnte dem Blick, so viel Mühe er +sich auch gab, nicht begegnen. Langsam erhob sich dabei ihr Arm, bis er +auf den Kläger deutete, und eine Weile stand sie so, einer wunderschönen +Statue gleich, kein Glied des Körpers regend, nicht mit den Wimpern +zuckend, dem Manne gegenüber. Auch die Frau des Capitains war +aufgesprungen, der nächste Moment sollte vielleicht schon ihren längst +gefaßten Verdacht bestätigen, und ihr Auge flog wild, in fast peinlicher +Spannung, von den Lippen des Mädchens zu den unverkennbar bleichen Zügen +des Gatten. + +»Ihr wollt wissen, woher das Tuch in meine Hand gekommen?« sagte da +endlich Kassiar mit leiser, wunderbar ruhiger Stimme, ohne ihre Stellung +auch nur mit dem Zucken einer Muskel zu verändern, -- »und jene Frau dort +klagt Kassiar des Diebstahls an -- so hört denn -- ich habe jenes Tuch +--« + +Dicht hinter dem Holländer hob sich in diesem Augenblick die schlanke +Gestalt Glenteks still und ruhig empor, und auch sein Blick hing in +athemloser Spannung an den Lippen der Angeschuldigten. Da traf ihn +Kassiars Auge, und plötzlich in sich zusammenbrechend, ihr Antlitz in +den Händen bergend, rief sie mit markdurchschneidender Stimme aus: + +»=Gestohlen!=« und sank bewußtlos auf den Boden nieder. + +»Armes Kind -- arme Kassiar!« klang es von den Lippen der Eingeborenen, +und einige der Frauen drängten sich durch die Wachen, die Ohnmächtige zu +unterstützen und ins Leben zurückzurufen. + +»Das Geständniß genügt,« sagte da der Gusti ernst, der sich ebenfalls +von seinem Sitze erhoben hatte, indem er das neben ihm hängende Tuch von +dem Stabe herunter nahm und einem seiner Diener übergab, damit er es der +Europäerin, als ihr Eigenthum, zurückbringe. -- »Das unglückliche, junge +Mädchen mag indeß der Sorgfalt der Frauen überlassen bleiben, bis es +sich erholt hat, dann aber der Obhut der Gefängnißwärter übergeben +werden. In dem Krankeng büße sie fünf Jahre lang.« + +»Halt!« rief da eine ernste, klangvolle Stimme in den Tumult von Tönen +hinein, der diesem Urtheilsspruch folgte, »halt, hört erst mich. -- Das +Mädchen ist unschuldig!« + +Wunderbar war die Wirkung, die diese wenigen Worte auf die Versammelten +ausübten, und selbst die Ohnmächtige schienen sie ins Leben +zurückgerufen zu haben. Zu gleicher Zeit sprang Glentek, der junge +Krieger aus den Bergen, die Ballustrade, die ihn von dem innern Raume +trennte, mit einem Satz überspringend, in diesen hinein und ging mit +leichtem Schritt dem Gusti zu, vor dem er, auf seine kurze Lanze +gestützt und das Haupt vor ihm beugend, ehrerbietig, doch fest +entschlossen stehen blieb. + +»Wer bist du?« fragte dieser freundlich den ihm fremden Krieger, indem +sein Auge mit Wohlgefallen auf den schlanken, kräftigen Gliedern, wie +den offenen Zügen des Jünglings hafteten. »Was weißt du von der Schuld +des Mädchens hier, das ihr Vergehen schon offen eingestanden?« + +»Ich selber bin der Dieb,« sagte der Eingeborene, und wenn auch seine +Lippen bei der Lüge zitterten und seine Wangen sich entfärbten, +begegnete er fest und unerschüttert dabei dem Blick des erstaunt zu ihm +niederschauenden Richters. + +»Du wärst der Dieb?« sagte da der alte Gusti nach langer, peinlicher +Pause, indeß er sorgfältiger als vorher noch die edle Gestalt des jungen +Eingebornen gemustert hatte und ernst und zweifelnd dabei mit dem Kopfe +schüttelte; »wer bist du und woher stammst du?« + +»Ich heiße Glentek und meines Vaters Haus liegt in dem Hochland von +Benoi.« + +»Bist du mit dem Rajah Glentek dort verwandt?« rief rasch und erschreckt +der Gusti. + +»Er ist mein Vater,« erwiderte mit kaum hörbarer Stimme der junge +Balinese. + +»Unglücklicher!« rief der Gusti da, die Hand abwehrend vor sich +ausstreckend, »wozu bekennst du dich? Und weißt du, welche Strafe =dir= +bevorstände?« + +»=Der Tod!=« sagte Glentek ruhig und unerschüttert -- »ich weiß es, +Gusti; aber ein Glentek kann nicht dulden, daß ein Weib =seinetwegen= +unschuldig leide.« + +Ein wildes Gemurmel durchlief wieder die Schaar der Eingeborenen, und +der Holländer war zu seinen Freunden hinüber getreten, diesen die +Wendung mitzutheilen, welche die Sache zu nehmen schien. + +»Wie kann der Bursche dort der Dieb sein?« rief da Mevrouw Van Soeken +rasch und zürnend, »ich habe ihn noch nie an Bord gesehen. Er hat, so +viel ich weiß, das Schiff in seinem Leben nicht betreten.« + +»Das ist eine Liebesgeschichte,« sagte der Holländer kopfschüttelnd, +»ich glaube selbst nicht, daß der junge Bursche mit der ganzen +Geschichte etwas zu thun gehabt, und will dem Gusti wenigstens meine +Meinung darüber sagen.« + +»Du siehst nun, liebes Kind,« flüsterte der Capitain, dem sich bei +dieser Wendung eine große Last von der Seele wälzte, der Gattin zu, »daß +dein Verdacht vollkommen grundlos war. Der Bursche dort ist sehr +wahrscheinlich der Bräutigam, vielleicht der Mann der Dirne, der jetzt +bekennt, das Tuch entwandt zu haben, um der Geliebten ein seiner Meinung +nach kostbares Geschenk damit zu machen.« + +»Wir wollen sehen, wir wollen sehen!« murmelte Madame in fast +fieberhafter Aufregung. »Aber -- sie können ihn doch nicht deshalb +ermorden?« + +»Der Balinesen Strafe auf Diebstahl ist der Tod,« sagte der Capitain +gleichgültig. »Ich glaube nicht, daß sie mit ihm eine Ausnahme machen +werden. Doch will ich sehen, was sich bei dem Gusti für ihn thun läßt. +Lieber Gott, wenn wir jetzt nur nicht Wind und Strömung damit +versäumten!« + +Der Gusti hörte aufmerksam an, was ihm der Weiße als Aussage der +Klägerin mittheilte, und wandte sich dann langsam und ernst an den +Jüngling. + +»Hast du das Schiff dort draußen je betreten, Glentek?« fragte er ihn, +und sein Auge haftete dabei fest und prüfend auf den Zügen des jungen +Mannes. + +»Könnt' ich das Tuch sonst entwendet haben?« entgegnete dieser finster. + +»Zu welcher Zeit war das?« + +»Bei Nacht.« + +»Bei Nacht, und die Wachen entdeckten dich nicht?« + +»Die stumpfsinnigen Europäer sind nicht so schlau, daß sie ein Balinese +nicht betrügen könnte,« rief aber der Krieger zornig, »Glenteks Fuß +berührt den Boden, wie des Nachtvogels Flügel die Luft. Nicht der Tiger +hört ihn, wenn er im Teing Dickicht ihn beschleicht, nicht der scheue +Hirsch im Alang Alang.« + +»Glentek!« rief da Kassiars Stimme mit herzzerreißendem Ton ihn an. »O +glaubt ihm nicht, =meinet=wegen will er dem ehrlosen Tode trotzen. So +edel jeder Tropfen Blutes in ihm, er =lügt=, wenn er sich meinetwegen +schuldig nennt.« + +»Hörst du das Mädchen?« sagte der Gusti auf die Jungfrau zeigend, die +sich in angstvoller Hast jetzt vom Boden hob und, die Haare aus der +Stirn streichend, auf den Jüngling zustürzte, vor ihm zu Boden sank, +seine Knie umfaßte und bittend ausrief: + +»O Glentek, Glentek, kannst du deiner Kassiar verzeihen?« + +Starr und regungslos blieb der Krieger stehen, und nur ein eigener +Ausdruck von Schmerz und Liebe durchzuckte seine Züge. Doch auch diese +Schwäche, wenn es je etwas derartiges gewesen, schwand im Augenblick. +Eisern wie vorher blieb das Antlitz der edlen, dunklen Gestalt, und er +sagte finster: + +»Hat das Wort einer Dirne hier Gewicht gegen die Aussage Glenteks von +Benoi? -- Ihr seid Männer, und euch gegenüber erkläre ich, daß ich jenes +Tuch vom Bord des Schiffes heimlich entwendet habe. Wie und weshalb, +darauf weigere ich die Antwort. Jetzt thut mit mir nach dem Gesetz.« + +»Darnach bleibt nichts mehr zu erfüllen als der Richterspruch,« sprach +feierlich und ernst der Gusti. »Glentek von Benoi, bereite dich zum +Tode, denn du hast keine Viertelstunde mehr zu leben.« + +»Ich bin bereit,« erwiderte ruhig und mit fester Stimme der junge +Balinese. + +»Halt -- das geht nicht -- das kann nicht sein!« rief aber hier der +Capitain, der ebenfalls hinzugetreten war, und genug vom Balinesischen +verstand, den Sinn des eben hier Verhandelten zu begreifen. + +»Weiß der Europäer etwas, das die Schuld von den Händen des +Verurtheilten nimmt?« sagte der Gusti rasch. + +»Nein, das nicht,« versetzte halb scheu und doch auch wieder +entschlossen der Capitain; »aber -- giebt es nichts in euren Gesetzen, +das im Stande ist, den Urtheilsspruch zu mildern? -- Kann das Verbrechen +nicht durch irgend eine Buße -- durch Geld vielleicht -- gesühnt werden? +Ich mag die Küste hier nicht verlassen und das Blut eines ihrer Kinder, +die mich alle so freundlich hier empfangen haben, mit hinaus nehmen auf +das blaue Wasser.« -- + +Aus der Schaar der Eingeborenen war indessen auf des Gusti Wink ein +Einzelner, der sich sonst in nichts von den Übrigen unterschied, heraus +und vor den Verurtheilten getreten. Hier zog er langsam sein Messer, den +balinesischen Radotan, aus dem Gürtel und wartete der weiteren Befehle +seines Oberen. + +»Unsere Gesetze,« sagte der Gusti ernst, »verlangen für solchen +Diebstahl den =Tod= des Missethäters. Aber das Verbrechen ist an einem +Fremden verübt, und wenn er selbst auf Milderung besteht, =giebt= es +einen Ausweg.« + +»Gott sei Dank!« rief der Capitain, als er die Worte vernahm. »Nennt mir +die Summe. Ich will lieber einen großen Verlust leiden, als Blut -- dies +Blut auf meiner Seele wissen.« + +»Die Summe ist nicht so groß,« erwiderte der Gusti, »und ebenfalls durch +unsere Gesetze vorgeschrieben. Wenn der Fremde zwei Säcke Kupfer (der +Sack etwa dreißig Gulden) zahlt und sich verbindlich macht, den +Verurtheilten, der von da an sein Sklave ist, mit fortzuführen und nie +wieder an diese Küste zurück zu bringen, von der er verbannt ist für +immerdar, so ist sein Leben gerettet.« + +»Verbannt -- =ich= von Bali, von meinem Vaterland?« rief da Glentek, +wild emporfahrend und die Waffe, die er in seinen Händen trug, fester +fassend -- »nie, nie im Leben! Ihr mögt mich tödten -- ich habe den Tod +verdient und mag nicht länger leben, aber =verbannen= könnt und =dürft= +ihr mich nicht. Ein Sklavenleben für Glentek, fern von der Heimath, fern +von meiner Palmen Wehen? -- Nie -- nie und nimmer!« + +»Ich zahle die zwei Säcke Kupfer!« rief aber rasch der Capitain. -- +»Gebt mir einen eurer Leute mit an Bord, Gusti, der mag sie +zurückbringen, und mein Freund dort bürgt euch indessen dafür. -- Laßt +den Verklagten hier und seiner Wege gehen. Er hat Strafe genug durch die +Angst ausgestanden.« + +»Sein Urtheilsspruch ist gefällt,« entgegnete finster der Gusti. »Ließen +wir um geringe Geldstrafe den Diebstahl frei, ihr Weißen selber wäret +die Ersten, die Klage auf Klage häuften und uns am Ende zwängen, unsere +Gesetze zu ändern. Aber nicht allein das Verbrechen,« setzte er mit +einem ernsten Blick auf den jungen Mann hinzu, »nein auch der =Wille= +der Menschen mag seine Geltung finden. Er, dessen Adern noch junges, +rasches Blut durchströmt, =wollte= den Tod, und seines Vaters wegen +freut es mich, daß ich die Strafe in Verbannung mildern darf. Wer sich +aber einmal eines solchen Verbrechens selbst geziehen, kann nicht in +unserer Gemeinschaft lebend bleiben. Er hat sich selbst gerichtet.« + +»=Gusti!=« rief der Gefangene, sich stolz, ja selbst drohend gegen den +Richter wendend. + +Der alte Mann aber, ohne die Bewegung weiter zu beachten, schüttelte nur +langsam mit dem Kopf und sagte wieder finster: + +»Sendet das Geld an Land und nehmt dafür den Gefangenen hier mit in See. +Vielleicht macht ihr noch einmal einen tüchtigen Matrosen aus ihm. +-- Kein Wort weiter,« setzte er rasch und fast ängstlich hinzu, als sich +der Verurtheilte noch einmal an ihn wenden wollte; -- »ich habe den +Urtheilsspruch gefällt; an meinen Leuten hier liegt es jetzt, ihn +ausgeführt zu sehen.« + +Und mit den Worten verließ er rasch das Haus. + +Gegen den Spruch des Gusti gab es keine Appellation. Wenn aber ein Wesen +in dem weiten dichtgedrängten Raum in steigendem Interesse, in +erwachender Hoffnung und endlich in jubelnder Lust der Wendung gefolgt +war, die das Todesurtheil nahm, so war das Kassiar, die Angeklagte. Nur +so lange des Gusti Gegenwart ihr Herz mit Scheu und Angst erfüllte, +wagte sie nicht zu sprechen, wagte sie nicht, ihren Gefühlen Worte zu +geben. Jetzt aber, als er den Rücken gewandt und in der +zusammendrängenden Masse der Übrigen verschwunden war, hob sie sich vom +Boden auf, flog auf Glentek zu und bedeckte seine Hände und Knie mit +Küssen. Aber Glenteks Geist war weit von da, in seinen Bergen, die er +von nun an nie wieder betreten sollte. -- Sein Auge blickte stier in die +Leere und krampfhaft hielt indeß die Rechte das treue Rohr, die Linke +seinen Radotan gefaßt. + +»Glentek, Glentek,« bat da Kassiar, noch immer zu seinen Füßen +hingeschmiegt, -- »o sage, daß du mir nicht zürnst, sage, daß du mich +nicht hassest und ich dir folgen darf, wohin dein Schritt sich wendet +-- weit über das Meer, an ferne, wüste Küsten, in nebelbedeckte Länder, +in öde Steppen, wohin es ist, wenn nur dein Blick mir dort wieder +freundlich lächelt, wenn nur dein Liebeslaut wie früher zu meinem Herzen +dringt.« + +Glentek hörte sie nicht. -- Still und regungslos stand er da und vor +seinen Augen wehten die Farnpalmen seiner Berge, vor seinen Ohren +rauschten die wilden plätschernden Quellen und tönte der schrille Ruf +des wilden Huhns, der gellende Schrei des Tigers. + +Da berührte eine Hand leicht seine Schulter, und als ob ihn ein +elektrischer Schlag getroffen hätte, zuckte er empor und sah wild um +sich her. + +»Es wird Zeit, Glentek,« sagte da die freundliche Stimme des Holländers, +der gut genug mit den Sitten der Eingeborenen bekannt war, um zu wissen, +daß den Meisten Verbannung viel fürchterlicher ist als der Tod, und der +Mitleid mit dem jungen Burschen fühlte. -- »Der Capitain will segeln, +und du weißt, daß dir die Gesetze deines eigenen Landes nicht gestatten, +länger -- lebendig -- auf diesem Boden zu weilen.« + +»Es ist gut,« entgegnete Glentek, der sich rasch sammelte und jetzt wohl +fühlte, daß er sich dem Unvermeidlichen auch wie ein Mann fügen müsse. +»Es ist gut -- ich bin bereit.« + +»Und darf ich mit dir gehen, mein Glentek -- darf ich dir folgen, wohin +dein Fuß sich wendet?« bat das Mädchen, noch immer an seine Knie +geschmiegt. + +Der junge Bursche schüttelte langsam mit dem Kopf. + +»Fahre wohl, Kassiar,« sagte er ernst aber ohne Bitterkeit im Ton, indem +er leise mit seiner Hand ihr Haupt berührte. »Unsere Wege trennen sich +hier. Ich träumte einst von einem Glück an deiner Seite -- das ist +vorbei.« + +»Glentek!« klagte in herzzerreißendem Tone das arme Kind. + +»Lebewohl!« sprach der Jüngling und schob leise die Hand, die sein +Gewand noch immer fest gefaßt hielt, zurück. Kassiar gehorchte der +Bewegung und ließ ihn los, während sie flehend die Arme zu ihm +ausstreckte, aber er wandte sich langsam von ihr ab und schritt, dem +Winken des Europäers folgend, ohne auch nur noch einmal den Blick +zurückzuwerfen, dem Strande zu. + + +5. + +Fünf Jahre waren nach den im vorigen Kapitel beschriebenen Vorgängen +verflossen, und manches hatte sich indessen auf Bali verändert. Den +Holländern war der kriegerische Geist des Nachbarvolkes, der auch oft in +übermüthigen, seeräuberischen Thaten ausbrach, schon lange lästig +geworden, und sie hatten gesucht die Rajahs von Bali für sich zu +gewinnen, daß sie wenigstens ihre Oberherrschaft =anerkannten=, wenn sie +auch jetzt keine anderen Schritte weiter thaten. Dem entgegen stand aber +stets der einflußreichste Mann von Bali, der alte Dewa Argo, der +Oberpriester der Insel. Dieser trat mit allen Kräften für die +Unabhängigkeit der Insel in die Schranken, wollte von keinen Verträgen +mit den Fremden wissen und behauptete, daß sie selbst noch so viel +Gewalt wie Fähigkeit hätten, ihre Insel zu regieren und in Ordnung zu +halten. Allen versuchten Bestechungen blieb er ebenfalls unzugänglich, +bis ihn ein plötzlicher Tod jählings hinwegraffte. Die allgemeine +Stimmung sagte, er sei durch Gift gestorben. + +Schon vorher hatten die Holländer versucht, sich die Insel durch die +Gewalt der Waffen zu unterwerfen. In offener Schlacht und im niedern +Küstenland waren die Insulaner, obgleich sie sich mit wilder Tapferkeit +den überlegenen Waffen der Feinde entgegenwarfen, auch besiegt worden, +in ihren Bergen hätten sie sich aber noch lange und für immer halten +können. Die Holländer sahen das auch recht gut ein. Um das Leben ihrer +eigenen Leute zu schonen, die bei einem fortgesetzten Kampf mit den +zähen Bergvölkern den Gefahren des Klimas nicht allein, sondern auch den +furchtbaren Strapazen und Entbehrungen ausgesetzt bleiben mußten, +begannen sie nach des Dewa Argo Tode friedliche Verhandlungen mit den +Rajahs, die ihnen jetzt nicht mehr so feindlich entgegen standen. Diese +wußten sie größtentheils für sich zu gewinnen, brachen dadurch die +Einigkeit derselben und rückten ihrem Ziele, das sie mit ihren +Geschützen und Bajonetten vielleicht im Leben nicht, oder doch nur mit +furchtbaren und unverhältnißmäßigen Opfern erreicht hätten, durch Geduld +und Schlauheit näher und näher. + +Der Gusti von Kota, einer der den Holländern am meisten geneigten +Balinesen und der intime Freund des jetzt dort installirten +holländischen Consuls, saß in dieser Zeit Morgens nach dem Frühstück, +und eben aus einer langen europäischen Pfeife rauchend, in seinem Hause, +als ein Eingeborener in schmutzigen, zerrissenen Kammen, den Oberleib +nothdürftig durch den ebenfalls zerfetzten Sappot bedeckt, selbst ohne +Kopftuch, die wilden langen Haare nur durch Bast auf seinem Scheitel +zusammengebunden, die Veranda betrat, und ohne sich vorher bei dem +Richter anmelden zu lassen, ja ohne, wie es die Sitte gebot, auf der +Erde knieend seinen Befehl zu erwarten, rasch an den Wachen vorüber in +das Zimmer schritt, in dem der Gusti sonst die kleineren Verhöre +abzuhalten und Bittende zu empfangen pflegte. + +Der junge Eingeborene glich aber keinem Bittenden. Den Radotan +ausgenommen, der im Kammen stak, war er allerdings völlig unbewaffnet, +doch seine ganze Haltung war trotz der zerrissenen Kleidung so kühn und +edel, daß selbst die Gerichtsdiener, die das Haus umlagerten und den +Hofstaat des Gustis bildeten, nicht wagten, ihn zurück zu halten. Nur an +die Thür drängten sie sich, um dem leisesten Ruf ihres Gebieters rasche +Folge leisten zu können, wenn der Fremde, den Niemand von ihnen kannte, +etwa gar Unehrerbietiges oder Böses im Schilde führen sollte. Daß er ein +Recht hatte, aufgerichtet zu ihrem Gusti hineinzutreten, konnten sie +nicht bezweifeln, er hätte es sonst nicht gewagt, da ihm die Strafe +gleich auf dem Fuße folgen müßte. + +Der Gusti lehnte auf seinem mit weichen Kissen der Dapatwolle belegten +Bambussopha und hob sich allerdings überrascht empor, als er die wilde +Gestalt so kühn und trotzig zu sich eintreten sah. + +»Ist das Landessitte?« sagte er strafend, indem er den Fremden dabei mit +forschendem Blick musterte, »in solcher Art den Gusti aufzusuchen? -- +Waren keine Diener an der Thür, die dich melden konnten? Bist du hier zu +Hause, auf deiner eigenen Schwelle, daß du die schuldige Ehrfurcht +vergissest, die dem Obern gebührt?« + +»Verzeih den raschen Eintritt, Gusti!« rief mit tiefbewegter aber +unterdrückter Stimme, vielleicht um nicht von den außenstehenden Dienern +gehört zu werden, der Fremde. »Aber der Zweck, um den ich komme, mag +mich entschuldigen, mein Name dir bürgen, daß ich als Gleicher dir nahen +darf. Kennst du mich noch?« + +Der Gusti musterte die edlen, aber wild verstörten Züge des Fremden, die +fahlen Wangen und eingefallenen Augen, dann sagte er kopfschüttelnd: + +»Nein. Zu viele Gestalten ziehen an meinem Blick vorüber. Dein Antlitz +ist mir bekannt, und doch weiß ich nicht, wo ich zum letzten Mal dich +sah. Dein Name?« + +»Glentek von Benoi.« + +»Glentek?« rief der Richter, erschreckt von seinem Sitz emporspringend. +»Unglücklicher, was treibt dich wieder her zu uns? -- Weißt du nicht, +daß dein Leben in dem Augenblick verfallen ist, wo du des Landes Küste +wieder betrittst, das dich verbannte und von sich stieß?« + +»Ich weiß es,« sagte Glentek ruhig, »mein Leben aber wäre von geringem +Werth für das, was jetzt mich herführt.« + +»Kassiar?« rief der Richter, und ein Zug des Mitleidens zuckte über das +sonst so starre strenge Antlitz des Mannes. »Sie ist todt, Glentek. Der +Gram um dich vielleicht, vielleicht die Reue hat sie das erste Jahr +hinweggerafft. Die kühle Erde deckt ihr gebrochenes Herz.« + +»Arme Kassiar!« seufzte Glentek leise. -- »Doch ihr ist wohl -- wohler +als mir, der ich fünf Jahre der Verzweiflung fern von meinem Vaterland +gelebt. Nein, Gusti, nicht die Liebe zu dem Mädchen führt mich an diesen +Strand zurück, -- seit jenem Tag schon war sie für mich begraben, und +was ich seitdem erlebt, hat mir bewiesen, daß Kassiar Glenteks von Benoi +doch nicht würdig war. Sie ruhe sanft; ich habe ihr verziehen.« + +»Und was trieb sonst dich her?« fragte erstaunt der Gusti. + +»Mein Vaterland!« rief der Balinese mit vor innerer Bewegung fast +erstickter Stimme. »Ich habe ertragen,« fuhr er nach einer kleinen +Pause, in der er sich gewaltsam sammelte, ruhiger aber immer noch in +großer Aufregung fort, -- »ertragen die langen Jahre hindurch, was nur +ein Mensch ertragen kann. Die Feinde -- denn unsere =Feinde= sind jene +Männer, deren Flaggen jetzt von vielen Schiffen im Hafen draußen wehen, +wenn sie auch freundlich und mit gleißnerischer Zunge zu uns kommen -- +die Feinde halten uns nun einmal für eine untergeordnete Raçe bestimmt +zu gehorchen und ihnen Schätze anzusammeln, die sie weit überm Meere +drüben dann verprassen. Ich bin dort gewesen, ich habe ihre Macht und +Größe gesehen, ihre zahlreichen Schiffe, ihre zahllosen Mannschaften, +ihre künstlichen mörderischen Waffen, die Wagen, die mit Blitzesschnelle +das Land durchfliegen, ihre Häuser, in denen sie tausende von Menschen +zu =einem= Zweck beschäftigen. -- Aber ich habe auch ihre Waarenplätze +gesehen, in denen sie die Produkte einer =Welt= aufhäufen, und dort +begriffen, wie ein Volk, das erst so weit gegangen, das solche +Bedürfnisse für sein =Leben= hat, nicht stehen bleiben kann und wird, +mehr und mehr zu gewinnen, mehr und mehr an sich zu reißen. Die +Holländer haben das Geld und die Macht in Händen, und =Freundschaft= +zwischen einem solchen Staat und uns ist nicht mehr denkbar. Der +Schwache wird und muß des Stärkeren Beute werden.« + +»Aber was hat das alles mit =dir= zu thun?« sprach der Gusti, erstaunt +den Beredten anschauend. »Ich weiß das alles,« fügte er mit Stolz hinzu, +»es ist ein mächtiges Volk und unser Freund, -- und um mir das zu sagen, +brauchtest du dein Leben nicht zu wagen.« + +»Mein =Leben=!« rief der Balinese wieder, verächtlich mit dem Fuße den +Boden stampfend. »Was gilt mein Leben hier, wo Balis Heil das +Losungswort sein muß? Höre mich weiter. -- Ich wanderte, lebte fünf +lange Jahre zwischen ihnen und lernte ihre Sprache, lernte lesen und +schreiben mit =ihren= Zeichen und Worten und eine neue Welt eröffnete +sich mir. Nicht mehr auf Andere brauchte ich mich zu verlassen, um +Nachricht aus der Heimath zu vernehmen. -- Mit eigenen Augen konnte ich +in all den Blättern, die täglich dort im Volk verbreitet werden, selber +lesen, wie sich mein Volk hier wacker allen Eingriffen in seine Rechte, +die jene Fremden wagten, widersetzt. O wie mir das Herz pochte, als ich +die Kunde mit eigenen Augen sah, daß meine Landsleute mit Lanze, Bogen +und Blasrohr herab ins flache Land gestiegen waren, dem Feind die nackte +Brust entgegenzuwerfen und ihn zurück ins Meer zu treiben! O wie das da +im Herzen stach und brannte, daß ich nicht Theil nehmen durfte an ihren +Kämpfen, an ihren Siegen, daß ich =verbannt= von Bali war, ein +Ausgestoßener von meiner Mutter Erde, und doch für sie die heiße, +brennende Liebe im Innern tragend! So war mir zu Muth, als ich von Balis +Siegen las. Wie aber, als ich von unserer Niederlage hörte, von +Vortheilen, die die Holländer über uns gewonnen, von Bedingungen, die +uns vorgelegt wären, ihren Frieden anzunehmen und ihre Oberherrschaft +anzuerkennen!« + +»Mich litt es nicht mehr in Europa. -- Längst schon hatt' ich die +Summe, die jener Weiße für mich gezahlt, abverdient -- mehr noch +vielleicht, als er mir dankte. Ich rettete sein Weib bei einer Landung +mit dem Boot in einer Stadt im brittischen Indien, und wenn ich das +Verhältniß recht begreife, in dem die beiden Gatten mit einander leben, +so glaub' ich, hab' ich mich für vergangenes Leid gerächt. So, frei von +ihm, schiffte ich mich auf einem andern Fahrzeug ein, das mich nach +Soerabaja an der Javanischen Küste brachte, und hier -- Brachma versenge +mich, wenn mich die Nachricht nicht wie ein Todesstoß im Herzen traf -- +hörte ich, daß das einzige Herz von Bali, das voll Kraft und +Vaterlandsliebe im Stande war, die feindlichen und eifersüchtigen Rajahs +mit starker Hand zusammenzuhalten, daß das einzige Herz in Bali, das, +von reiner Liebe für die Heimath beseelt, auch die Gefahr begriff, in +der wir schwebten, daß der Dewa Argo von feiger, verrätherischer Hand +vergiftet und der Fremde im Begriff sei, mit vorgeschützter Freundschaft +mein Vaterland zu unterwerfen. Wohl hörte ich von tapferen Schaaren, die +aus den Bergen mit Radotan und Speer hernieder stiegen, dem Feinde zu +begegnen. Aber die =Seele= fehlt, die jetzt die Massen im Zügel halten +könnte. Mein Vater selber ist alt; viele der anderen Rajahs standen +schon früher im Verdacht, mit fremdem Gelde, wenn nicht gekauft, doch +arg geblendet zu sein. Dumpfe Gerüchte gingen dabei umher, daß Bali +Priester nach Indien abgesandt habe, die Lehre des Islam zu prüfen und +zu bestimmen, ob wir selber den alten Göttern treulos werden sollten. Da +litt es mich nicht mehr in Feindes Land; die Gefahr, die meinem Leben +drohte, durfte mich nicht schrecken. Mein Leben gehört ja Bali, mein +Arm, mein Herz. -- Für das ersparte Geld erhandelte ich mir ein kleines +Boot, setzte meine Segel und steuerte, selig in dem Gedanken, welchem +Ziel ich entgegenflog, der vaterländischen Küste wieder zu. In Tabannar +wollt' ich landen und von dort meine Heimat erreichen, als mich der +Sturm erfaßte, der vor wenigen Tagen diese Küste peitschte, und mich +herunter in die Bai warf. Mein Kahn füllte sich und sank unfern von +Sersek, und mit Schwimmen rettete ich mich wieder an die Küste, die mich +vor so viel Jahren einst als Verbrecher von sich stieß.« + +»Und was suchst du hier, Verblendeter?« fragte der Gusti, der der +leidenschaftlichen Erzählung des Flüchtlings ernst und kopfschüttelnd +gelauscht hatte. + +»Was ich suche?« rief aber Glentek staunend aus. »Ein Heer, dem Feind zu +begegnen! -- Die Schaaren der Unseren suche ich, die sich um die +wehenden Lanzen ihrer Rajahs gesammelt haben, die Pässe unserer Berge +zu besetzen und Tod und Verderben in die Reihen der Feinde zu +schleudern, wenn sie es wagen sollten, uns da anzugreifen. -- Dich hab' +ich aufgesucht vor allen anderen, weil ich wohl wußte, Gusti, du würdest +den Sohn deines Freundes, wenn du ihn einst auch zum Tode verurtheilen +mußtest, nicht =verrathen=, und dich bitte ich jetzt, mir die Pässe zu +nennen, in denen die Unseren stehen, daß ich im Stande bin, mich ihnen +anzuschließen. Gram und Leid haben mir so tiefe Furchen in die Haut +gegraben, daß ich nicht fürchte, dort erkannt zu werden, -- nur meinen +Vater will ich sehen, und dann ja gern das Leben, das doch dem Vaterland +gehört, für dieses opfern.« + +»Du träumst, Glentek,« entgegnete ihm da ruhig der Gusti. -- »Was +sprichst du von gerüsteten Schaaren, von Feinden und Gefahren, die dem +Lande drohen? Bali hat sich seit langer Zeit keines so ungetrübten +Friedens erfreut als gerade jetzt. Nicht geschlagen, wenn auch in +kleinen Gefechten besiegt, haben unsere Rajahs doch eingesehen, daß es +für das Volk besser sei, sich die Freundschaft des mächtigen Nachbars zu +erhalten. Dessen Truppen sind jetzt nach Java zurückgezogen, die wenigen +ausgenommen, die er zum Schutz seines Handels hier zurückgelassen. Kein +Blut wird mehr auf Bali vergossen werden, eingebildeter, thörichter +Rechte oder Vorurtheile wegen.« + +»Kein Blut auf Bali vergossen?« rief Glentek, einen Schritt entsetzt +zurücktretend, »und ist der Mord des Dewa Argo denn gerächt?« + +»Der =Mord= des Dewa Argo? Wer sagt dir, daß ein Mord geschehen sei? Der +Dewa Argo starb natürlichen Tod.« + +»Und Bali ist nicht in Aufruhr?« rief Glentek, kaum seinen Sinnen +trauend; »die Krieger ziehen nicht in Schaaren, um endlich den letzten +Feind von unserem Boden zu vertreiben?« + +»Du träumst, sag' ich dir!« sprach kopfschüttelnd der Gusti. »Bali ist +ruhig, und wenn du hier herüber kamst, die Hoffnung auf blutige Kämpfe +im Herzen tragend, so hast du dich zu unserem Heil getäuscht. Es wäre +dir besser gewesen, du hättest Bali nie wieder gesehen.« + +»Friede und Freundschaft mit den Mördern des Hohenpriesters!« schrie da +Glentek, sich mit blitzenden Augen emporrichtend. »Ha, Gusti, da kennst +du nicht die Stimme der Gebirge und ihren Geist! Hier im flachen Lande, +unter Malayen und Chinesen magst du, an sklavische Sitten gewöhnt, dich +auch dem Willen fremder Eroberer haben fügen lernen, aber besser kenne +ich dort =mein= Volk. Mein Ruf soll durch die Berge schallen, mein +wohlbekanntes Flammenzeichen die Brüder zusammenrufen und wenn sie in +jubelnden Schwärmen aus den Klüften und Schluchten unserer bergigen +Heimath niederbrechen --« + +»Wahnsinniger, halt ein!« rief der Gusti, von seinem Lager +emporspringend und den Arm in Zorn und Abscheu gegen ihn ausstreckend. +»Krieg und Verderben willst du aufs Neue in diese Thäler bringen, in +denen der Schlachtenschrei kaum erstorben, das Blut kaum ausgetrocknet +und verdampft ist? Das Messer des Richters hängt über dir, und du wagst +es, uns mit Meuterei zu drohen! -- Weißt du, daß ein Wort von mir dich +den draußen nur darauf harrenden Dienern in die Hände wirft?« + +»Glaubst du, den Glentek fingen sie lebendig?« lachte da der junge +Balinese wild auf, »wenn er sich nicht geben will? Denkst du, dieser +Radotan wäre nicht im Stande, sich die Bahn zu brechen? Und zehn Fuß +Vorsprung dann, mit all deinem Schwarm von Dienern auf den Fersen, +brächte mich nicht in wenigen Minuten in die Dickichte dieser Wälder und +unerreichbar frei von euren Sclaven? Hältst du es mit den, dann schlimm +für dich, wenn wir als rächendes Gericht wieder von den Bergen und über +dich hereinbrechen! Kein Erbarmen hast du dann von uns zu hoffen. Und +nun thue dein Schlimmstes, denn in wenigen Minuten bin ich frei.« + +»Verblendeter!« sagte aber der Gusti, ohne seine Stellung auch nur um +eines Zolles Breite zu verändern. »Zum Glück für Bali kommt dein wilder +Schlachtenschrei zu spät. Schon vor zwei Monaten ist der Handels- und +Schutz- und Trutz-Vertrag mit Holland abgeschlossen, und während wir die +Oberherrschaft der Fremden, die uns nun doch einmal in den Waffen und an +Macht überlegen sind, anerkennen mußten, haben wir uns heilig +verpflichtet, die Waffen nicht mehr gegen sie zu ergreifen.« + +»Die Oberherrschaft der Fremden anerkannt? -- verpflichtet die Waffen +nicht mehr aufzugreifen gegen den Feind des Vaterlands?« rief Glentek +entsetzt und seinen Ohren kaum trauend -- »das ist =Landesverrath=!« + +»Ein Friedensbündniß ist geschlossen;« erwiderte der Gusti, »und wer +eine Waffe hebt, das zu brechen, den trifft nach unserem Gesetze der +Tod.« + +»=Der Tod!=« wiederholte Glentek in hohlem geisterhaftem Ton, und sein +Schultertuch um das Haupt ziehend, blieb er viele Minuten lang +zerknirscht, vernichtet stehen. Alles war verloren, worauf er noch +seine Hoffnung gesetzt -- ihre Schwerter in die Scheiden zurückgestoßen, +ihre Hände selber durch das Friedensbündniß gekettet. + +Der Gusti fühlte Mitleid mit dem Jüngling, und das eigene Mißtrauen +vielleicht, ob jenes Bündniß für Bali so segensreich wirken könne, wie +er es einst gehofft, mochte ihn mit antreiben, die junge Kraft dem +Vaterlande zu erhalten, sie nicht muthwillig zu zerstören. + +»Du warst im Irrthum, Glentek,« sagte er, aufstehend und freundlich +seine Schulter berührend, »als du das Land in Waffen wähntest. Es ist +tiefer Friede, und wir können und wollen uns nicht länger mit dem +mächtigen Gegner messen, dessen Geschütze unsere jungen Leute zu +Hunderten niedermähten. Die alten Gesetze dieses Landes sind aber noch +in Kraft geblieben und denen wärst du verfallen, entdeckte außer mir +auch noch ein anderer deinen Namen -- deine Schuld. Tritt hier hinein +und erfrische deinen Körper erst mit den Speisen, die hier stehen, und +dann geh' hinunter zum Strand. -- Gerade dem Wrack gegenüber, das an der +Küste liegt, findest du ein kleines grün gemaltes Boot. Es ist mein +Eigenthum. Nimm es und kehre damit nach Java zurück.« + +Glentek schwieg, und ohne seine Stellung zu verändern, barg er noch +immer das Antlitz in dem Sappot. Als er die Arme endlich sinken ließ, +war sein Gesicht fahl und todtenähnlich geworden, und er sagte mit +leiser, aber fest entschlossener Stimme: »Ich bleibe hier!« + +»Unglücklicher!« schrie aber der Gusti, »willst du denn muthwillig in +dein Verderben rennen? Täusche dich nicht, ich selber, wenn ich es +wollte, könnte dich nicht schützen.« + +»Das sollst du auch nicht, Gusti!« sagte da der Jüngling plötzlich, und +ein eigenes wildes Feuer glühte aus den rastlos umherblitzenden Augen. +»Ich sehe, wie es ist; mein Vaterland ist verrathen und verkauft, unsere +Tempel werden zerstört, unsere Priester und Rajahs vertrieben, unser +freier Boden selbst wird unter das Joch gedrückt, und ehe ein Jahrzehnt +vergeht, weht von diesen Bergen die verhaßte dreifarbige Fahne. Stirb +Glentek, stirb, du nicht allein bist Sclave, dein ganzes Volk hat sich +verkauft -- verrathen!« + +»Wahnsinniger!« rief der Gusti, seinen Arm ergreifend. »Du wirst dich +selbst den Häschern überliefern, die deinen Namen draußen vor der Thür +gehört.« + +»Zurück von mir!« schrie aber Glentek, aus dessen Augen ein rothes +wildes Feuer zu glühen schien. -- »Zurück! -- Den Häschern überliefern? +-- Hahaha, sie sollen's wagen, den Tiger zu halten, wenn er im Ansprung +ist! =Uhi!=« schrie er da plötzlich mit wildgellendem Ton, indem er mit +der Rechten den Radotan aus der Scheide riß, während die Linke den Bast +aus seinem Haar warf, daß die langen rabenschwarzen Locken ihm wild die +Schultern und Stirn umflatterten. -- »=Uhi!= Glentek ist frei, aus den +Bergen stürzt sich der Strom ins flache Land, von Stein zu Stein den +Abgrund niederspringend, aus dem Dickicht schnellt sich der Tiger seiner +Beute zu. Die Anaconda liegt im Palmenwipfel und schießt, dem Pfeil +gleich, von der Höhe nieder auf ihren Raub, und so bricht Glentek jetzt +hinaus in's Freie -- =uhi!= Dewa Argo, wo sind deine Mörder, wo die +feigen Schurken, die dich verrathen haben? -- Ich komme, ich komme dich +zu rächen!« + +Entsetzt war der Gusti zurückgesprungen und hatte die eigene Waffe von +der Seite gerissen, um sich zu vertheidigen. Aber ihm galt der Angriff +nicht, und mitten hinein zwischen die Häscher, die jetzt die Thür +aufgerissen, den Rasenden zu fassen, sprang Glentek, den geflammten +Radotan in der Faust. -- »Da und da!« schrie er, nach links und rechts +hinüberstoßend, »habt ihr Stahl -- theilt euch drein, =uhi!=« Und wie +die beiden zum Tod getroffen zusammenbrachen, flog der Rasende mit einem +Satz über sie fort dem Ausgang zu und auf die Straße hinaus. + +Wunderbarer Weise kommt dieser Zustand, der in seinem ganzen Wesen die +vollkommenste Ähnlichkeit mit der beschriebenen Berserkerwuth unserer +Vorfahren hat und im Norden jetzt ganz verschwunden scheint, sehr häufig +auf den Inseln des indischen Archipels vor. Das Volk schreit dann Amok, +Amok (ein Wahnsinniger), und alles, was nicht bewaffnet ist, flieht +scheu zur Seite, während die Bewaffneten den Wüthenden so rasch wie +möglich zu tödten suchen -- wie man bei uns einen tollen Hund unschädlich +machen würde. Dieser Zustand von Raserei endet jedesmal mit dem Tode des +Unglücklichen, den er erfaßt hat. + +»Amok, Amok!« schrie das Volk draußen und stob auseinander. Die +Fruchtverkäufer ließen ihre Körbe fallen und flohen in die Seitenstraßen +hinein, die Reisträger ließen ihre zusammengedrehten Bündel im Stich, +die Frauen rafften ihre Kinder auf und flohen in die nächsten Häuser, +deren Thüren zugeschlossen wurden; einzelne junge Burschen flüchteten +sogar vor der furchtbaren, den Weg niederrasenden Gestalt in Areka- und +Cocospalmen hinauf, um dem unmittelbaren Anprall zu entgehen. + +Vom Hause des Gusti sprang der Unglückliche aber, unbekümmert um das ihm +folgende Geschrei, quer über den Marktplatz fort, mitten zwischen die +Chinesen hinein, die hier feil hielten und Tische und Stände +überstürzend zur Seite stoben. Fünf oder sechs von ihnen verwundete oder +tödtete der Rasende, wild und rücksichtslos nur nach allem stoßend, was +ihm in den Weg kam, gerade wie ein toller Hund schnappt und um sich +beißt, und übersprang jetzt, ohne Achtung auf Weg und Steg, einzelne der +Butju und giftigen Buntajahecken, deren stachliche Zweige ihn blutig +rissen. + +Der Schrei Amok zuckte indessen wie ein Blitz durch die Stadt, auch den +Entferntesten Warnung gebend, und von allen Seiten stürmten Bewaffnete +herbei, den Rasenden unschädlich zu machen und sich selbst, wie Frauen +und Kinder von der Gefahr zu befreien. + +Glentek hatte unter der Zeit die einzelnen Hecken übersprungen. -- Er +fühlte es nicht, daß ihm die Glieder brannten von dem Gift, und mit +gezücktem Messer floh er jetzt gerade über den nächsten offenen Zaun, in +dem sich die Netzlegereien und Webereien befanden. »Amok, Amok!« tönte +der Schrei hinter ihm her, und die Weber und Netzstricker flohen +entsetzt zur Seite. Nur ein junger Bursche, ein Knabe von kaum mehr als +zehn oder zwölf Jahren, faßte keck und rasch ein quer über den Platz +liegendes Seil von Cocosbast, das an der andern Seite an einem Pflock +befestigt war, und hob es in die Höhe. Der Rasende stürmte heran, die +Haare hingen ihm wild über das Gesicht nieder, und mit der blanken Waffe +stieß er blind in die Luft. Da blieb sein Fuß in dem ausgespannten Seile +hängen, und während er der Länge nach zu Boden schlug, entfiel seiner +Hand die Waffe. Zwar raffte er sich im Augenblick wieder empor, aber ehe +er den Radotan wieder ergreifen konnte, fielen die Weber und +Netzstricker mit ihren Bäumen und eigenen Messern über ihn her. -- +»Amok, Amok!« schrie die Schaar. Glentek griff des einen Arm, brach ihn +mit Gewalt ab im Gelenk und warf sich dann auf einen andern, um ihn mit +den Zähnen zu fassen und zu zerfleischen. Aber ein furchtbarer Schlag, +der ihn über die Stirn traf, warf ihn bewußtlos zurück und zu Boden, und +im nächsten Augenblick suchten die Waffen Aller seinen Körper -- wühlten +in seiner Leiche. + +Unten am Strand, zwischen diesem, dem Fahrweg, der von Kota nach dem +Banksal führt, und den beiden malayischen Begräbnißplätzen, steht eine +einzelne, vom Wetter zerrissene, von unzähligen Orchideen überwachsene +und von Pandanus und wilden Strandgewächsen dicht umgebene Cocospalme. +Unter der ruht der Körper Glenteks von Benoi. Sein Land ist allerdings +in Frieden mit den Fremden, die Waffen sind begraben und +Friedenstraktate unterzeichnet worden. Aber die Macht und der Einfluß +der Holländer wachsen dort von Tag zu Tag, ihre Flagge weht schon am +Strand, und nicht lange wird es dauern, so flattert sie auch von den +Bergen des einst freien Volkes. + +Fußnoten: + +[34] Tjanging, der westindische Corallenbaum, der in der letzten Hälfte +des Jahres in Bali in Blüthe steht, und dann gar keine Blätter trägt, so +daß ihn nur die langen, purpurrothen und büschelartig zusammenstehenden +Kelche seiner Blumen vollkommen bedecken. + +[35] Eine rothe Falkenart mit weißer Brust, welche die Balinesen +wahrscheinlich Sikup, den Soldaten, nennen, weil ihre Krieger ein +ähnliches Schild vorn tragen. + +[36] Die Radjadja ist nämlich die Blatternkrankheit, die von den +Europäern nach Bali gebracht wurde. Die Seuche forderte dort ungeheure +Opfer und trat mit seltener Bösartigkeit auf. Einem eigenthümlichen +Aberglauben nach beerdigen die Balinesen die an dieser Krankheit +Gestorbenen nicht wie ihre anderen Todten, sondern bedecken nur die +Körper leicht mit Erde und lassen Kopf und Füße frei. Es ist leicht +begreiflich, wie in dem heißen Klima Bali's die Verwesung so vieler +menschlicher Körper die Ansteckung der Seuche nur vermehren und die Luft +im wahren Sinne des Wortes verpesten mußte. + + + + +Der Menschentiger. + + +1. + +In den Preanger Regentschaften auf Java in Tji-dasang, einem kleinen +Dorf oder Kampong, hatte sich schon seit einiger Zeit, und mit +Bewilligung der holländischen Behörden, ein chinesischer Kaufmann +niedergelassen, der mit den Eingeborenen in seiner Nachbarschaft nicht +allein einen einträglichen Tauschhandel trieb, sondern auch ein ziemlich +großes, dort in der Nähe gelegenes Gut gepachtet hatte, und Kaffee, Reis +und andere Landesprodukte selber darauf zog. + +Im Handel mit den Eingeborenen nahm er alles an, was ihm diese bringen +konnten: eingekochten Arenzucker und geflochtene Matten, Hüte, +ge»badek«te[37] Tücher und Sarongs, gewebte Zeuge, Hühner, Wild, +Cocosöl, kurz alles Mögliche. Er selber brachte ihnen dabei eine Masse +Dinge von Batavia mit, die sie oft noch nicht einmal dem Namen nach +kannten, lehrte sie Spiegel und Schmuck, bunte Kattune und andere Sachen +kennen und that, als Vertreter der Civilisation in dieser Berggegend, +sein Möglichstes, die einfachen Menschen mit so viel neuen Bedürfnissen +bekannt zu machen, als irgend anging. + +Die Chinesen sind im Ganzen, wie sonst auch nur zu häufig ihre Moralität +beschaffen sein mag, ein ungemein fleißiges und unternehmendes Volk, und +so geschah es denn auch hier, daß Schang-hai, wie er nach seinem +Geburtsort hieß, obgleich er nur ein sehr kleines Kapital und einen +geringen Waarenvorrath mit in die Berge gebracht hatte, bald sein +Vermögen verzehn-, ja verhundertfachte und für einen der Reichsten in +der dortigen Gegend, jedenfalls unter den Eingeborenen galt. + +Die Javanen sind ziemlich abergläubischer Natur und haben, wenn sie sich +auch meist zum Islam bekennen, doch noch manches von ihren alten +heidnischen Überlieferungen beibehalten, an denen sie mit +außerordentlicher Hartnäckigkeit hängen. Es kommt dazu, daß dergleichen +Aberglauben meistens von der wilden, sie umgebenden Natur nicht nur +begünstigt, sondern oft auch durch sie begründet wird. So schrieben sie +auch Schang-hai, dessen rasch wachsenden Reichthum sie natürlich nicht +allein von seinem Unternehmungsgeist und seiner Schlauheit abhängig +glaubten, ebenfalls bald geheime Kräfte und Künste zu. Daß er sich gern +im Wald aufhielt und oft Tage lang ausblieb -- wobei er in Wirklichkeit +nur kleine geheimgehaltene Geschäftsreisen machte -- konnte sie nur noch +mehr darin bestärken. Ebenso schien er nicht die mindeste Furcht vor den +in jener Gegend noch in ziemlicher Anzahl sich aufhaltenden Tigern zu +haben, und das war ihnen besonders verdächtig. + +Der Tiger, wie die Gefahr, der sie von diesen wilden Bestien stets +ausgesetzt waren, spielte überhaupt in ihrem ganzen Leben eine sehr +bedeutende Rolle, und wunderliche Sagen über das geheimnißvolle Treiben +dieser Thiere, das sie nur aus seinen furchtbaren Angriffen und +blutdürstigen Verheerungen, wie aus seiner rücksichtslosen Grausamkeit +kannten, waren dort überall im Umlauf. + +Eine der bekannteren ist die vom =Menschentiger=, die in mancher +Hinsicht unserer deutschen Sage vom =Wehrwolf= entspricht. + +Es soll nämlich im Wald, nur von wenigen Auserwählten gekannt, ein Kraut +wachsen, daß die wunderbarsten Kräfte besitzt. Der Genuß der Wurzel +besonders verwandelt den Menschen in einen Tiger, und zwar in der +wörtlichen Bedeutung des Wortes, in all seiner zähnefletschenden +gestreiften Furchtbarkeit, und nur der Genuß einer anderen heilwirkenden +Wurzel ist im Stande, ihm seine menschliche Gestalt zurückzugeben. Diese +Menschentiger sind dann die gierigsten, grausamsten Bestien in der +ganzen Thierwelt, und besonders dem Menschen gefährlich. Dabei haben sie +ihren Menschenverstand bewahrt und wissen jeder ihnen drohenden Gefahr +auch auf das Schlaueste und Geschickteste zu entgehen. + +Auch in der Nähe von Tji-dasang hatten die Tiger, trotz der vom Staat +ausgesetzten Prämien von fünfzehn Gulden, sehr überhand genommen, und +besonders in einzelnen Kampongs große Verwüstungen unter den Heerden +angerichtet, ja gar nicht selten sogar die mit dem Auskochen von +Arenzucker beschäftigten Arbeiter überfallen und zu Holz geschleppt. +Wohl waren die Eingeborenen außerordentlich thätig gewesen, durch Fallen +und Gruben einen Theil dieser gefährlichen Raubthiere in ihre Gewalt zu +bekommen und unschädlich zu machen; aber dies gelang ihnen bei nur sehr +wenigen, und Jäger sind die Malayen und Javanen überhaupt nicht. Sie +wissen zum Beispiel gar nicht mit Schießgewehren umzugehen, und wenn sie +auch dann und wann einmal in Begleitung der Holländer eine solche Waffe +führen, gefährden sie sich selbst und ihre Nachbarn weit mehr damit, als +das Wild. Selbst Bogen und Pfeile führen sie nur zum Spiel, und ihre +eigentlichen Waffen sind die Lanze, eine auf einen Bambus befestigte +damascirte Stahlspitze, und der stets an der Seite getragene Klewang, +eine Art kurzes Schwert, das ihnen hauptsächlich dazu dient, sich in den +Dickichten Bahn zu hauen. Dazu ist es freilich auch dadurch vortrefflich +geeignet, daß es vorn an der Spitze am schwersten ist und daher zum +Hiebe die nöthige Wucht erhält. Den Khris oder Dolch haben sie fast +alle im Gürtel stecken; die Lanze tragen sie dagegen nur ausnahmsweise, +auf der Jagd und bei besonders festlichen Gelegenheiten. + +Die Chinesen auf Java sind indessen noch viel weniger Jäger, und führen +selbst nicht einmal eine Waffe -- es müßte denn hie und da einmal +heimlich geschehen, wozu sich aber wieder die leichte Nationalkleidung +nicht eignet, die sie nach einem Gesetz der Holländer auf Java tragen +=müssen=. + +Schang-hai war unverheirathet. Wie sich indessen seine +Vermögensverhältnisse von Tag zu Tag besserten, fühlte er auch das +Bedürfniß, eine Lebensgefährtin zu wählen und sich damit endlich einmal +eine »häusliche Bequemlichkeit« zu schaffen. Es fing an ihm ungenehm zu +werden, in seinem Hause allein zu sitzen, und als er alle seine übrigen +Geschäfte besorgt hatte, glaubte er sich auch diesen »Luxus« -- wie er +es bis dahin genannt -- gestatten zu dürfen. + +Das wäre nun allerdings vortrefflich gewesen, wenn er daran schon vor +einer längeren Reihe von Jahren gedacht und es ausgeführt hätte. Leider +hatte aber der Chinese seine besten Lebensjahre damit verschwendet, +Reichthümer aufzuhäufen, und da er nie, selbst nicht in seiner Jugend, +auf Körperschönheit Anspruch machen durfte, so konnte ihm das Alter in +dieser Hinsicht noch weniger günstig sein. Schang-hai war mit einem +Wort ein kleiner, dicker, häßlicher, unansehnlicher Chinese, dessen Zopf +sich schon grau zu färben begann, und die kleinen, etwas feuchten, +brennend schwarzen Augen bekamen durch einen schielenden Blick selbst +einen widerwärtigen, abstoßenden Ausdruck. Nichts desto weniger wußte +er, was ihm auch der Spiegel über seine eigene Persönlichkeit sagte, +doch recht gut, daß in der Welt mit Geld vieles, wenn nicht alles zu +erreichen ist, und vielleicht war dies auch die Ursache, daß er seine +beste Lebenszeit ebenso sorglos und unbekümmert hatte verstreichen +lassen. + +Da er dabei vernünftig genug war, bei einer Heirath nicht an die +Vergrößerung seines Reichthums zu denken, sondern sich bereits +entschlossen hatte, ein armes, aber hübsches junges Mädchen zu seiner +Gattin zu erheben, so brauchte er, zumal da ihn die etwas wunderlichen +gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes, in dem er sich befand, darin +begünstigten, an einem Erfolg nicht einen Augenblick zu zweifeln. Die +Eltern, die eine unbeschränkte Gewalt über ihre Kinder, besonders über +ihre Töchter besitzen, verkaufen dieselben meist an gute »Partieen«, +denn eine =Heirath= kann man ein solches Ehebündniß kaum nennen. Der +Mißbrauch geht darin so weit, daß die Europäer auf Java sich oft +Mädchen auf eine bestimmte Reihe von Jahren für eine zwischen beiden +Theilen bestimmte Summe ins Haus kaufen und dabei nicht einmal eine +Ceremonie für nöthig halten. + +Das war übrigens Schang-hai's Absicht nicht. Er wollte sich wirklich +eine Frau nehmen, die ihm dann nicht bei der ersten passenden oder +unpassenden Gelegenheit wieder davonlaufen und der Unbequemlichkeit der +Wahl aufs Neue aussetzen konnte. Sein Auge fiel dabei auf die Tochter +eines armen Javanen, den er sich in der letzten Zeit besonders +verpflichtet und ihn so in Händen hatte, daß er überhaupt gar nicht +seine Einwilligung hätte verweigern können -- wenn ihm das überhaupt in +den Sinn gekommen. Kelah, wie der Eingeborene hieß, dachte aber auch +nicht einmal an etwas derartiges, und wenn er den kleinen dicken +Chinesen mit dem »falschen Blick« auch sicherlich mehr fürchtete als +liebte, fühlte er sich doch durch den eines Tages ganz unerwartet +gestellten Antrag viel zu sehr geehrt, als daß er mit seiner +Einwilligung als Vater auch nur einen Augenblick hätte zögern können. +Was Laykas, die Tochter, anbetraf, so war es eine Sache, die sich ganz +von selbst verstand, daß sie weiter nichts zu thun hatte, als den ihr +vom Vater gegebenen Befehlen zu folgen. Hätte das Mädchen denn auch ein +größeres Glück, eine größere Ehre träumen können? Daß Laykas den +Chinesen =lieben= sollte, verlangte kein Mensch von ihr -- nicht einmal +ihr Bräutigam selber, und daß sie diesen jetzt, wie alle Kinder und +Mädchen des Kampongs, =fürchtete=, und ebenso gern einem Tiger als ihm +in den Weg gelaufen wäre, wenn er einmal die Straße herab kam, war eine +Sache, die sich jedenfalls -- wenn sie nur erst einmal seine Frau war -- +von selber gab. Ihr Schicksal sollte ihr aber nicht lange verborgen, ja +nicht einmal Raum zum Überlegen bleiben. + +Schang-hai hatte nämlich schon seit einer Woche, ohne irgend Jemand zu +sagen weshalb, die Vorbereitungen zu der Festlichkeit herrichten lassen, +die er auf das Glänzendste auszustatten gedachte. Der reiche Chinese +wollte den Eingeborenen einmal zeigen, was er im Stande sei an Glanz und +Pracht in diesen Bergen zu leisten. Das Anhalten um die Braut selber +verschob er natürlich als eine Sache, die in wenigen Minuten abgemacht +werden konnte, bis zum letzten Augenblick. Bedurfte es ja doch unter +solchen Umständen auch nur eigentlich des Befehls, sie in sein Haus zu +führen. + + +2. + +Eines hatte er dabei übersehen oder, wenn es ihm je eingefallen, so +gering angeschlagen, daß es eine weitere Beachtung nicht verdiente, -- +daß nämlich seine von ihm ausersehene Braut schon eine andere frühere +Zuneigung haben könne. Das Herz eines jungen Mädchens fragt ja auch +nicht immer erst die Eltern, ehe es sich zu einem andern Herzen +hingezogen fühlt. Darauf kam hier aber gar nichts an; das Herz verlangte +Schang-hai überhaupt nicht weiter, als es eben zu seiner bequemen +Häuslichkeit unumgänglich nöthig war; er wollte die Hand des Mädchens, +und die gehörte bis jetzt noch Niemand. + +Laykas war eine wunderliebliche Maid, und der alte Chinese hatte keinen +schlechten Geschmack in ihrer Wahl bewiesen. Schlank und voll von +Körper, mit Reizen, die von der dunklen Bronzefarbe der Haut eher noch +erhöht als vermindert wurden, mit einem Antlitz von fast griechischer +Schönheit, wie man es da oben in den Bergen auch gar nicht so selten +findet, die dunklen Wangen von so sanfter Frische, daß das steigende und +schwindende Blut deutlich auf ihnen sichtbar ward, mit feurigen offenen +Augen und Händen und Füßen, um die sie manche stolze Weiße beneidet +haben würde, war sie die Zierde ihres Stammes, der Stolz ihrer Eltern, +und selig wäre der Mann unter ihren Landsleute gewesen, den sie einst +mit ihrer Liebe beglückt hätte. + +Leichten und frohen Herzens hatte sie sich dabei willig und gern jeder +noch so schweren Arbeit in ihrer Eltern Hause unterzogen. Nie kam eine +Klage über ihre Lippen, und ein freundliches Wort, einen freundlichen +Blick hatte sie für alle -- konnte sie den Sturm ahnen, der sich über +ihrem Haupte zusammenzog? + +So kam sie auch heute, singend und mit den Kindern lachend, die neben +ihr herliefen, den Berg herauf, denn sie hatte unten im Thale, in den +breiten, hohen Bambusstöcken[38] Wasser heraufgeholt. Nur einen +Sarong[39] von blau und rothem, selbstge»badek«tem Stoff, der ihr bis +zur halben Wade niederhing und die zarten feingeformten Knöchel zeigte, +trug sie um die schlanke Hüfte festgesteckt; der Oberkörper, wie das in +den Preanger Regentschaften meist Sitte ist, war vollkommen nackt, und +die schwere Wucht des rabenschwarzen Haares hielt sie mit einer großen +Schildplattnadel befestigt. Die beiden mit Wasser gefüllten +Bambusstöcke, die wohl bei drei Fuß Länge, fünf Zoll und mehr im +Durchmesser haben mochten, trug sie an einem Querstock, an dem sie vorn +und hinten herunterhingen, auf der Schulter, und trotz der gar nicht +unbedeutenden Last war doch der Schritt des jungen, frischen, kräftigen +Mädchens leicht und elastisch. + +In der Thür der Hütte begegnete ihr aber schon der Vater, der eben, +noch freudestrahlend, von Tji-dasang zurückgekehrt war und den +Augenblick nicht erwarten zu können schien, wo er der Tochter die +Freudenbotschaft mittheilen sollte. + +»Was hast du, Vater?« rief das Mädchen, dem die fröhliche Bewegung in +dem sonst ziemlich mürrischen, einsilbigen Alten nicht entgangen war, +und mitten im Gang hielt sie, die Hände zur Stütze auf die Hüften +stemmend, an, daß die beiden Bambusröhren langsam herüber und hinüber +schwankten. »Was hast du, Vater? Es ist doch nicht --« und das Blut +schoß ihr in diesem Augenblick vor freudigem Schreck in Wangen und +Schläfe, als sie daran dachte, daß vielleicht Maono, der brave arme +Bursch, hier bei ihrem Vater gewesen wäre und -- sie konnte keinen +Gedanken ausdenken, so wirr und toll schwirrten ihr die Vermuthungen +durch den Kopf. Und so treu und rein war dabei der Jungfrau Seele, daß +kein schlimmer Verdacht, keine Furcht den Spiegel ihres Herzens trüben +machte. Lachte doch ihr Vater, und das konnte ja nur Gutes für die +Tochter deuten. + +»Freu' dich mit mir, Laykas!« rief ihr dieser, als er sie halten sah, +entgegen, »freu' dich mit deinen Eltern, denn dein und ihr Glück ist +gemacht.« + +»Maono?« war alles, was Laykas herausbringen konnte, und sie fühlte +dabei, wie roth sie wurde. + +»Maono?« meinte der Alte, verächtlich mit den Schultern zuckend, während +sich doch ein verschmitztes Lächeln über seine Züge stahl, »wer ist +Maono? So viel für den! Hat er doch nicht Reis genug für den morgenden +Tag und steckt nicht umsonst da mitten im Walde, um von Früchten und +Waldfleisch sein Leben zu fristen! Laykas ist für etwas Besseres +aufbewahrt.« + +»Für =Besseres=, Vater?« sagte das Mädchen leise, und die mit Wasser +gefüllten Bambus wurden ihr in dem Augenblick so schwer, als ob sie sich +in Blei verwandelt hätten. Kaum konnte sie mit ihnen den letzten Gang +bis zur Hütte ersteigen. »Für was Besseres, Vater?« wiederholte sie hier +noch einmal. »Ich verlange nichts Besseres von Allah -- möge er es mir +gewähren.« + +»Nichts Besseres?« lachte aber der Alte und konnte sich gar nicht wieder +zufrieden geben. »Wenn die Kinder nicht wissen, was ihnen gut ist, +müssen's die Alten soviel besser verstehen. Aber hör', Laykas was ich +dir sagen will, und fasse dich, denn solche Freude und Ehre wirst du +nicht erwartet haben.« + +»Freude? -- Ehre?« rief das arme Mädchen erstaunt und eingeschüchtert, +denn bei all den Vorbereitungen begann ihr nichts Gutes zu ahnen. + +»Nun, ich will dich nicht länger zappeln lassen,« schmunzelte der Alte; +»so höre denn, =Schang-hai= hat dich von mir zum Weib begehrt.« + +»Schang-hai?« rief Laykas, und der Stab glitt von ihrer Schulter nieder, +daß die beiden Bambus umfielen und das Wasser in sprudelndem Quell +wieder den Berg hinunterschickten. + +»Ja -- der reiche Schang-hai,« erwiderte mit selbstzufriedenem Lächeln +der Javane, den Schreck der Tochter natürlich der Freude und +Überraschung zuschreibend. »Aber läßt du nicht das ganze Wasser wieder +den Berg hinunterlaufen, Laykas? Nun laß nur sein, von jetzt an wirst du +Diener haben, die das für dich thun. Allah segne mich! Hätte ich doch +nie geglaubt, die Freude an meinem Kind -- und nur eine Tochter -- zu +erleben! Aber morgen mit dem Frühsten gehst du zum Bach hinab und badest +dich, bindest dann deinen besten Sarong um, und wenn die Sonne über die +Palmen steigt, werde ich dich zu deinem Bräutigam führen!« + +»Bräutigam?« stöhnte Laykas, ihr Antlitz in den Händen bergend und dann +mit stierem, entsetztem Blick zu dem Vater aufschauend; »Schang-hai -- +der furchtbare, entsetzliche Mensch, mein -- mein =Bräutigam=?« + +»Nun ja, =hübsch= ist er gerade nicht,« lachte der Alte gutmüthig, +»darauf kommt auch nicht viel an. Aber =reich= ist er -- steinreich, und +dein Vater braucht jetzt nicht Haus und Feld aufzugeben und wieder in +den Wald hineinzuziehen, wie ich es thun müßte, wenn Schang-hai nur +daran dächte, seine Forderung einzutreiben. -- Du bist ein braves Kind, +mein Herz, und machst deinen Eltern viele, viele Freude.« + +Laykas erwiderte kein Wort; wo sie stand, kauerte sie sich auf den Boden +nieder und legte den Kopf auf ihren Arm. Sie wußte, ihr Schicksal war +besiegelt, ihres Vaters Wille Gesetz, und kannte den Alten zu gut, um +auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß er Ernst, bittern Ernst +aus seiner Drohung machen würde. Sie war das Weib des gefürchteten +Schang-hai, dessen Nähe allein sie schon mit Entsetzen erfüllte, und +wenn die morgende Sonne über die Wipfel ihrer Bäume schien, -- ein +Schauder überrieselte sie -- führte sie ihr Vater in die Arme des +Schrecklichen, der von da an Macht und Gewalt über sie haben sollte ihr +Leben lang. + +Kelah betrachtete die ineinandergeknickte Gestalt der Tochter wenige +Minuten schweigend. Er mochte wohl ahnen, was in ihr vorging, kannte er +doch den Abscheu, den alle Kinder -- ja fast alle Erwachsene in den +Bergen vor dem alten Chinesen hatten, und fürchtete er ihn doch selbst +weit mehr als er ihn liebte. Die Sache war aber einmal abgemacht und +nichts weiter daran zu thun, und die Tochter mochte jetzt, ehe er weiter +mit ihr darüber sprach, mit dem Gedanken ein wenig vertraut werden. Daß +sie sich seinem Willen nicht widersetzte, verstand sich von selbst. Er +ging deshalb in sein Haus zurück, um für sich selber auf den morgenden +Tag seinen besten Staat, Kopftuch und Sarong, die rothe Kattunjacke und +seinen schönsten Khris hervorzusuchen. Es war ja auch eigentlich bei +der ganzen Sache nichts weiter zu besprechen und alles Nöthige so gut +wie abgemacht. + +Staunend sahen indeß Laykas' Geschwister die Trauer der Schwester, über +deren Ursache sie sich nicht Rechenschaft zu geben wußten. Was es +bedeute, des Schang-hai Frau zu sein, wußten sie noch nicht, und darum +brauchte Laykas doch nicht das mühsam heraufgetragene Wasser wieder den +Berg hinunterlaufen und den Kopf hängen zu lassen. Nur ein unbestimmtes +Gefühl sagte ihnen, daß mit der geliebten Schwester doch eigentlich +Alles wohl nicht so sei, wie es sein solle, und wie der Vater nur erst +einmal ins Haus gegangen war, drängten sie sich ängstlich schüchtern um +sie her, zupften sie am Sarong und baten sie leise und schmeichelnd +aufzustehen und sie wieder anzusehen wie vorher. + +Das Zureden der Kinder aber weckte den bis dahin gewaltsam +zurückgedrängten Schmerz der Jungfrau. Alles, was sie bis dahin lieb +gehabt, an dem ihr Herz gehangen, sollte sie jetzt verlassen und dafür +das Furchtbarste eintauschen, was ihrer Seele nur in Schrecken und +Entsetzen vorschwebte -- das Weib des Mannes zu werden, von dem sie +jetzt nicht einmal wußte, ob sie ihn mehr fürchtete oder mehr +verabscheute. Ihre Thränen flossen unaufhaltsam, und der ganze zarte +Körper zitterte in der furchtbaren, kaum mehr gebändigten Bewegung. + +Die Sonne sank, und sie saß noch immer auf der Stelle -- die Kinder +waren zum Haus hinaufgelaufen, dem Vater zu sagen, daß Laykas krank wäre +und weinte. Dieser bedeutete sie aber, die Schwester zufrieden zu +lassen, sie würde schon wieder von selber froh und heiter werden. + +Als es dunkelte, ging endlich die Mutter zu ihr hinaus. + +»Laykas,« sagte sie freundlich, die Hand auf ihre Schulter legend, »komm +herein ins Haus -- der Vater wird sonst böse, und der Thau fällt auch +schon stark.« + +»Mutter,« stöhnte das arme Kind und faßte die Hand der Frau; »ich kann +nicht -- ich =kann= nicht das Weib Schang-hai's werden.« + +»Der Vater hat's gesagt,« seufzte die Frau leise und mitleidig, das zu +ihr gewendete, von Thränen überströmte Gesicht des Mädchens streichelnd. +»Du weißt, was der sagt, müssen wir thun. Mir wär's auch lieber, ein +armer Javane hätte sein Jawort erhalten, als der alte reiche Sünder, +aber -- was geschehen, ist nun einmal nicht zu ändern. So komm, Laykas, +komm mit ins Haus und fasse Muth. Es wird vielleicht noch Alles besser +gehen, als wir jetzt denken.« + +»Und Maono?« seufzte das Mädchen mit angstgepreßter, zitternder Stimme. + +»Wer kann's ändern?« meinte die Mutter, mit den Achseln zuckend. »Unser +Geschlecht ist dazu bestimmt, Leiden zu ertragen, und wir dürfen nicht +murren. Es ist Allahs Wille. Der arme Bursch thut mir auch leid,« setzte +sie leise hinzu, »aber was kann er gegen den reichen Chinesen in die +Wagschale werfen?« + +»Und opfert er jetzt nicht sein Leben, die Nachbarschaft von den +gefährlichen Tigern zu befreien?« rief Laykas. »Haust er jetzt nicht +allein und abgeschieden mitten im Wald in steter Gefahr, von den Bestien +selber erfaßt zu werden, nur um eine kleine Summe zu erschwingen, daß +wir zusammen den Hausstand beginnen könnten, gegen den selbst der Vater +bis jetzt nichts einzuwenden gehabt?« + +»Das ist alles wahr, mein Kind,« sagte die Mutter, das aufgeregte +Mädchen freundlich begütigend, »aber damals hatte Schang-hai noch nicht +um dich gefreit, und du weißt selber, welche große Hülfe der für uns +ist. Das einzige Reisfeld, von dem wir unsere Nahrung ziehen, ist in den +Händen deines künftigen Mannes, selbst die Arenpalmen um unsere Hütte +her gehörten nicht mehr unser, wenn es Schang-hai gefiele, sie zu +fordern. Die Büffel, die unser Feld bearbeiten, haben wir von ihm +geborgt, er kann sie jeden Augenblick zurückfordern. Die Weide selbst, +auf die wir sie treiben, gehört dem Chinesen, und schon lange habe ich +mir gedacht, daß er nicht umsonst so nachsichtig und gütig mit uns +gewesen und seinen Lohn wohl eines Tages einfordern würde. -- Und doch +hab' ich ihm unrecht damit gethan, denn er hat dich zum =Weibe= begehrt, +und damit uns armen, niederen Leuten, wie auch dir, die größte Ehre +erwiesen, die ein so hochstehender Mann Jemand nur erweisen kann.« + +»Ehre -- Ehre!« jammerte das arme Mädchen, »mir bringt diese Ehre den +Tod -- und Maono, armer Maono!« + +Sie stand langsam auf, schüttelte die Thränen von ihren Wimpern und +folgte der Mutter langsam in das Haus, wo sie den Vater schon behaglich +auf seiner Matte ausgestreckt und seine Pfeife rauchend fanden. + + +3. + +Laykas ging ruhig in die Ecke, in der ihr Lager auf einem niederen +Bambusgestell bereitet war, und wenn sich der Alte auch ein paarmal +nach ihr umdrehte und sie augenscheinlich anzureden wünschte, unterließ +er es doch jedesmal wieder. Sie mochte sich die Sache die Nacht über +durchdenken, wenn sie nur morgen dann ein fröhliches Gesicht zeigte -- +nur bis die Feierlichkeit überstanden war. Nachher mochte Schang-hai +allein sehen, wie er mit ihr fertig wurde. + +Nach und nach wurde es still in dem kleinen dunklen Raum; draußen +rauschten die Palmen ihr flüsterndes Nachtlied durch den Wald und der +unten vorbeispringende Bergstrom sandte das Geräusch des fallenden +Wassers in leisem, dumpfem Murmeln bis hierher. Dann und wann vielleicht +unterbrach der gellende Schrei eines Nachtvogels die heilige Stille, und +einmal tönte dumpf und hohl das gierige Gebrüll eines Tigers vom Wald +herüber. Dann war alles wieder still. Laykas konnte ihr Herz schlagen +hören, wie es mit ängstlichem Klopfen ihr den Schlaf von den Lidern +trieb. + +Und morgen? -- Der Kopf brannte ihr im Fieber, wenn sie an den morgenden +Tag dachte! So mußte dem unglücklichen Verbrecher zu Muthe sein, der mit +der nächsten Sonne zum Richtplatz geführt werden sollte und jetzt, an +Ketten, im festen, verschlossenen Raum, des Henkers harrte, der ihn +hinaus zum Galgen führen sollte. -- Und =war= sie denn eingeschlossen +und gefesselt? -- Als ob ein scharfer Khris ihr Herz getroffen, so fuhr +sie bei dem Gedanken empor. -- Flucht -- Flucht vor der Gefahr war noch +möglich -- aber wohin? -- + +Wohin? -- Gleichviel, und wenn in den Tod! Lieber die Glieder im tiefen +Strom gebettet, als in das Haus jenes furchtbaren Menschen! Lieber von +den Tatzen des gierigen Tigers zerrissen, als von den Armen des +Gefürchteten umschlungen! Und hatte sie denn nicht des Vaters Spruch dem +Tode schon geweiht? War denn das =Leben=, wenn sie Tage, vielleicht gar +Wochen, Jahre in jenem furchtbaren Elend vergehen -- sterben mußte? + +In immer rascheren Schlägen pochte ihr Herz, das die fest darauf +gepreßte Hand nicht mehr zu bändigen vermochte, und der Athem stockte +ihr, als sie sich leise und geräuschlos auf ihrem Lager aufrichtete, um +auf den Schlaf der Ihrigen zu lauschen. -- Sie athmeten tief und ruhig +-- ihr Vater träumte wohl gar von dem »Glück und Heil«, das er mit der +Tochter Opfer über seine Hütte gebracht, und sah im Geist sich schon +geachtet und geehrt -- ja warum nicht auch =gefürchtet= von den +Nachbarn. -- Fort! -- Das war der einzige Gedanke, der sie jetzt trieb. +-- Fort aus der Heimath -- aus der Eltern Haus, von dem Herzen der +Mutter fort, an der sie mit inniger Liebe hing, von den Geschwistern, +für die sie ihr Leben gern geopfert hätte -- denn das war mehr als Tod, +was man von ihr verlangte! + +In der Hütte war es vollkommen dunkel; nur durch einen Spalt der +geflochtenen Bambuswand schaute hell und blinkend ein Stern herein. +Geräuschlos glitt sie von ihrem Lager nieder und über den Boden hin. +Hätten sie selbst gewacht, sie würden die Flucht des Mädchens nicht +vernommen haben. Wie sie die Thüre erreichte, richtete sie sich auf und +blieb an der Schwelle stehen. Ohne Abschied sollte sie fort, von allen, +die ihrem Herzen theuer waren -- ohne ein freundliches Wort von der +Mutter, ohne eine Umarmung von den Geschwistern? -- Aber sie durfte +nicht zögern -- der Vater regte sich auf seinem Lager. Wenn sie jetzt +entdeckt wurde, ehe sie das Freie erreicht hatte, war sie verloren. + +Sie öffnete den hölzernen Drücker der Thür so leise als möglich, und +stand im nächsten Augenblick auf der Schwelle. Rasch fiel die Thür +wieder hinter ihr ins Schloß, und während sie im Haus drin Stimmen zu +hören glaubte, glitt sie über den kleinen freien Platz, der ihre Wohnung +umgab, hinweg und in den Schatten eines dichten Mangustengebüsches +hinein, das, mit anderen Fruchtbäumen wechselnd, bis zum Rand der +Reisfelder lief. In dunkler Nacht brauchte sie hier keine Verfolgung +mehr zu fürchten -- sie war gerettet. + +Gerettet? -- Guter Gott -- wie hatten noch gestern Abend diese Bäume, +unter denen sie jetzt stand und die ihrer Eltern Haus umgaben, diese +Palmen und Pisang so traulich, so heimlich gerauscht, wie lieb war jedes +Blatt ihr da gewesen, und jetzt! -- Stand sie nicht so wenige Stunden +später wie eine Fremde in dem trauten Hain, und lag die Welt, nur wenige +Schritte von dem Vaterhaus entfernt, nicht plötzlich so kalt und öde um +sie her, als ob sie, inmitten all des Glückes und Segens, das Gottes +Hand darüber hingestreut, doch weiter nichts als eine Ausgestoßene wäre? + +Wohin jetzt? -- Wie sie zuerst den Gedanken an Flucht erfaßte, war es +der Tod, den sie suchen wollte, um sich von aller Noth, von allem Elend +zu befreien. Jetzt aber, wo der Himmel wieder hell und klar mit all +seinen tausend und tausend Sternen über ihr blitzte, wie sie wieder das +Flüstern der Bäume, das Murmeln des Baches hörte, da klammerte das +jugendliche Leben sich auch wieder fest und innig an die Welt, und +unwillkürlich fast, ehe sie sich nur selber eines bestimmten Ziels +bewußt war, floh ihr Fuß jetzt von der Richtung fort, in der der +reißende und tiefe Bergstrom lag. In der Flucht aber, mit der freien +Bewegung ihrer Glieder den Körper von der frischen Nachtluft gekühlt, +mit dem Bewußtsein, jetzt zum erstenmal in ihrem Leben selbstständig, +unabhängig, ja sogar der Willkür ihres Vaters entgegen zu handeln, +kräftigte sich auch der Muth des armen flüchtigen Kindes. Ihr Auge +blitzte kühner und entschlossener, ihre kleine Hand ballte sich fast +krampfhaft und die fest zusammengepreßten Zähne, die keck und trotzig +aufgeworfenen Lippen verriethen das zu seinem Selbstbewußtsein erwachte +Weib. + +Unschlüssig hatte sie allerdings noch einen Augenblick gestanden, als +sie das nächste Thal erreichte. Aber nicht mehr über das Ziel, dem sie +zufliehen wollte, war sie in Ungewißheit -- =das= sollte Batavia sein, +so fern dasselbe auch lag, denn dort zwischen den Fremden, von denen sie +schon soviel erzählen gehört, durfte sie am leichtesten hoffen, +unentdeckt zu bleiben. Arbeiten wollte sie ja, was ihre Kräfte nur +vermochten, und von früh bis spät; war sie das schwerste Mühen doch von +Kindesbeinen auf gewohnt! -- Dorthin reichte auch nicht der Arm +Schang-hai's, und einmal nur aus dem Distrikt hinaus, indem der +Schreckliche zu herrschen schien, glaubte sie nichts mehr von ihm +fürchten zu dürfen. + +Aber sollte sie ihre Berge verlassen, ohne ein Wort des Abschieds von +dem Geliebten? -- Sollte er denn nicht einmal wissen, wohin sie den Fuß +gewandt? -- Schreiben, wie es die Weißen und Chinesen thaten, konnte sie +nicht, und wie hätte ihn je eine mündliche Botschaft erreicht, die nicht +zugleich ihren neuen Aufenthalt zu verrathen drohte? Dort drüben, wo der +dunkle Waldesschatten, vom Mond nur schwach beschienen, lag, oben am +Hügelhang, mitten im wilden Dickicht, hauste er, und durfte sie dorthin, +allein, bei Nacht den Fuß zu setzen wagen? -- Jene Gegend war ihrer +Tiger wegen gefürchtet, und grade deshalb hatte sich Maono dort +niedergelassen, um desto eifriger den Fang betreiben zu können und sein +höchstes Ziel, den Besitz seines treuen Mädchens, zu erreichen. Wohl +getraute sie sich den Pfad zu finden, der zu der einsamen Hütte führte +-- denn mit der Mutter war sie vor noch gar nicht so langer Zeit einmal +am Tage dort gewesen, um Arekanüsse zu holen. Wie aber durfte sie der +Gefahr trotzen, von den lauernden Bestien überrascht zu werden? Nachts +und im Dunkel, ob der Mond am Himmel steht oder nicht, kommt der Tiger +aus seinen Dickichten, in denen er den Tag über versteckt gelegen, +hervor und schleicht ins Freie hinaus, seine Beute zu erlegen. Ein Rind, +das er trifft, ein Pferd, ein Stück Wild, es ist ihm alles willkommen, +und gleich gierig stürzt er über alles her. Die Bestien aber, welche +schon einmal in früherer Zeit Menschenfleisch gekostet, und denen +dasselbe wohl geschmeckt haben mochte, ziehen von da an diese Beute +jeder andern vor. Das sind dann die gefährlichsten Raubthiere, und dem +Menschen mit ihrer furchtbaren Kraft, ihrer List und Blutgier vor allen +anderen furchtbar. Der Javane nennt diese denn auch in ganz besonderer +Auszeichnung »die Menschenfresser.« + +Laykas zögerte, aber es war nur ein Augenblick. Wie klein schien ihr +diese Gefahr gegen die andere, der sie sich erst gewaltsam durch die +Flucht entzogen! Stieg nicht der Mond gerade in all seiner Pracht und +Klarheit, fast gefüllt, am östlichen Himmel empor? Der leuchtete ihrem +Pfad -- er und die Liebe sollten sie führen! Und hatte sie Maono von +ihrem Plan in Kenntniß gesetzt, wußte =er=, und nur er allein, wohin sie +sich gewandt, und weshalb sie den verzweifelten Schritt gethan, dann +konnte sie auch mit fröhlichem Muth, mit leichtem Herzen ihren weiten, +mühseligen Marsch durch fremde unbekannte Distrikte, zu fremden +Menschen, in eine ihr fremde Welt antreten, und das arme hülflose +Mädchen sah, trotz der Gefahren, die überall ihre Bahn umlauerten, mit +froher, ruhiger Zuversicht der ungewissen Zukunft entgegen. + +Wie sie freilich in dem fernen Batavia, wenn sie es erst glücklich +erreicht, ihr Leben fristen sollte, war ihr jetzt selber noch nicht +klar. Nur das fühlte sie, daß sie arbeiten konnte und wollte, und aus +ihrer Gegend selbst waren ja schon in früherer Zeit Einzelne dorthin +ausgewandert, und mit Geld und guten kostbaren Kleidern zurückgekehrt -- +warum sollte es =ihr= dort fehlen? + +Rüstig schritt sie, nur dann und wann einen scheuen Blick zurückwerfend, +ob sie nicht verfolgt würde, ihrem schmalen Pfade entlang, der sie, +sobald sie das Fruchtdickicht ihrer eigenen Heimat verlassen, am +Hügelhang hin, und zwischen einer Anzahl von Reisfeldern hindurchführte. +Es war ein beschwerlicher Weg, bei dem unsicheren Licht des kaum +aufgegangenen Mondes die schmalen schlüpfrigen Raine zwischen den unter +Wasser gesetzten Reisfeldern einzuhalten, aber sie kannte hier jeden Fuß +breit Boden und wußte, daß sie rascher vorwärts eilen konnte, sobald sie +nur einmal die steinigen Hügelhänge, in denen ihr jetziges Ziel lag, +erreicht hatte. + +Hier begann freilich auch das Gebüsch, wilder Pisang, prachtvolle Farn- +und einzelne Arekapalmen, mit einem dichten Unterholz anderer Laubbäume +-- hier begann für sie die Gefahr in den Hinterhalt eines der furchtbaren +Raubthiere, und der blutgierigen Bestie in den Rachen zu laufen, und als +sie den düsteren Waldesschatten erreichte, in den der Mond jetzt seine +wunderlichen Lichter warf, blickte sie im Anfang scheu und rasch umher +und hielt auch wohl den flüchtigen Schritt plötzlich an, um irgend einem +fremdartigen Geräusch, einem Rascheln im Busch besser zu lauschen, das +ihr Herz schneller klopfen machte. Das aber waren immer nur Momente; +ihre Flucht hielt es nicht auf, und eine Ravine kreuzend, erreichte sie +jetzt wieder, kaum noch tausend Schritt von der Hütte entfernt, in der +Maono seine Wohnung aufgeschlagen, einen offenen Strich Landes, durch +den die breite, gut in Stand gehaltene Straße am Rand der Ravine hin +lief. Diese Straße führte von Tji-dasang aus zuerst nach dem großen Gut +eines Chinesen, und stand weiter unten mit der Javanischen +Hauptpoststraße, die durch die ganze Insel läuft, in Verbindung. Diese +Straße mußte sie ebenfalls kreuzen, der Pfad aber, den sie kannte, und +der durch die ihr gegenüberliegende Dickung führte, lag etwas weiter +oben, gerade an der Stelle, wo eine wohl dreißig Fuß hohe Farnpalme +ihren federnartigen Wipfel über dem Fuhrweg schaukelte. Gerade durch den +Wald zu brechen wäre ihr, selbst am hellen Tag nicht möglich gewesen, so +dicht in einander flocht diese gewaltige Vegetation ihre Zweige und +Lianen, und rasch der Straße aufwärts folgend, sah sie schon von weitem +den Schatten der Palme über die weiße Straße hinüber hängen, als sie, +dicht neben sich im Weg sich etwas regen sah. + +Mit einem halben, kaum unterdrückten Aufschrei flog sie zurück, und wie +gelähmt erstarrten ihr in dem Moment, vor dem entsetzlichen, jede +Willenskraft vernichtenden Schreck die Glieder, denn vor ihr stand, halb +scheu unter seinen großen Hut zurückgedrückt, und doch auch wieder fast +eben so überrascht, wie sie selber, auf sie schauend, der furchtbare +Schang-hai. Die kleine, breite, wie zum Sprung ineinandergepreßte +Gestalt war nicht zu verkennen, und seine Augen schienen wie glühende +Lichter nach ihr herüber zu funkeln. + +»Allah schütze mich!« stöhnte die Jungfrau. Als ob aber mit den +herausgestoßenen Worten der Zauber gebrochen wäre, der sie bis dahin +gefangen gehalten, so floh sie jetzt, einem aufgescheuchten Reh gleich, +mit Blitzesschnelle der Farnpalme zu, und dort mit einem Sprung den +weiten Graben überfliegend, in den Wald hinein. Scheu drehte sie den +Kopf zurück -- sie hörte Schritte hinter sich -- das Laub raschelte, und +kaum ihrer Sinne noch mächtig, verfolgte sie ihre Flucht in wilder Hast +immer den Pfad entlang, bis sie sich endlich an der wohlbekannten Gruppe +von Arekapalmen fand. Wieder glaubte sie ein dumpfes Geräusch hinter +sich zu hören, aber durch die Palmen hin kannte sie einen näheren Pfad +zur Hütte, und glitt wie eine Schlange in den dunklen Schatten des +dichten Unterwuchses von Pisang- und Cacaobüschen hinein. Jetzt hatte +sie das Bambushaus erreicht -- die hohen Stufen flog sie hinan, preßte +den Drücker nieder, und als dieser dem Griff nachgab, und die Thür sich +in ihren Angeln drehte, brach sie, nicht mehr im Stande die furchtbare +Aufregung der letzten Stunden zu ertragen, auf der Schwelle ohnmächtig +zusammen. + + +4. + +Mitten im wilden, dichten Wald auf Java, findet der Wanderer oder Jäger, +wenn er sich durch einen halbverwachsenen alten Pfad Bahn gehauen, +manchmal weite Gruppen schlanker hochstämmiger Cocos- und Arekapalmen in +der tiefsten Wildniß stehn. Sonst sind dies stets, besonders die +letzteren, sichere Zeichen von der Nähe menschlicher Wohnungen, und +noch mehr bestätigen gewöhnlich schattige Fruchtdistrikte von +Mangusten-, Romboutan-, Nangka- und Manga-Bäumen, und wie die +wundervollen Bäume alle heißen, solche Vermuthung, und scheinen dem +Fremden wie bittend die beladenen Zweige entgegenzustrecken, daß er sie +nur in etwas von ihrem drückenden Reichthum befreien möge. Und doch +würde in den meisten Fällen der mit dem Land Unbekannte kaum ein Merkmal +finden, daß solche Stelle je bewohnt gewesen und noch andere Geschöpfe +als Tiger und Rhinoceros hier dem weichen Boden ihre Fährten +eingedrückt. + +Und dennoch standen dort früher die leichten Hütten der Eingeborenen, +deren Spur jetzt freilich der Zahn der Zeit vom Boden vertilgt, und ihre +letzten Überreste unter der verwesenden dichten Laubdecke dieser üppigen +Vegetation begraben hat. Nur die Natur selber blieb ewig jung, und höher +und kräftiger noch hoben die Palmen ihre wehenden Kronen empor, und +schauten stolz und kühn aus dem dichten Laubmeer hervor, das sie ringsum +überragten. + +Unter diesen Palmen und dem wilden Gewirr von Pisang, Farren, Lianen und +andern Fruchtbüschen hat in früherer Zeit einmal ein urbargemachtes Feld +gelegen und des Menschen fleißige Hand dem Boden Nahrung für sich +abgezwungen. Kaum aber wurden die Menschen wieder abgezogen, so +forderte der Wald sein Eigenthum mit herrischer Gewalt zurück, streute +seinen Saamen darüber hin, und trieb die alten, bis dahin nur mit Noth +und Mühe zurückgehaltenen Wurzeln auf's neue in kräftigen Schößlingen +empor. Was dabei die Vegetation allein zu leisten vermag, beweisen schon +die Pisang oder Bananenstämme; denn in sechs Monaten treiben diese einen +Stamm von Beinesdicke, um im nächsten Jahr den Boden damit zu düngen, +und fünf oder sechs ähnlichen Schößlingen Saft und Nahrung zu geben. + +Solche »todte Kampongs« sind fast immer, und mit nur wenigen Ausnahmen, +in früherer Zeit der überhand nehmenden Tiger wegen von ihren Bewohnern +geräumt worden, die lieber ihre Fruchtbäume und das mühsam bestellte +Feld im Stich ließen, um nur der gefährlichen Gesellschaft zu entgehen. +Weiter dem bebauten Lande zogen sie dann zu, und wenn sie da auch ihre +Arbeit von vorn beginnen, und das Wachsen neu gepflanzter Palmen und +Fruchtbäume erwarten mußten, waren doch ihre Familien auch mehr +gesichert, und Frau und Kinder brauchten nicht mehr, selbst in der Thür +der Hütte, wie das im Walde oft der Fall gewesen, den Angriff des +gierigen Räubers zu fürchten. Von den verlassenen Plätzen aber nahm der +Fürst der Javanischen Waldung, der Königstiger, Besitz, und in der neu +und dicht aufschießenden Wildniß konnte er seine Tage sicher und +ungestört verträumen, um dann erst Abends mit der Dämmerung seiner Beute +nachzugehn. + +Auch diese Stelle, durch die der Fuß der armen geängstigten Maid +geflohen, war ein solcher »todter Kampong,« und die Tiger hatten sich in +der Nachbarschaft so vermehrt, daß sie sogar von dort aus die dicht +besiedelten Nachbardörfer aufsuchten und Schrecken und Entsetzen unter +den Bewohnern verbreiteten. Nicht allein sah sich die holländische +Regierung dadurch genöthigt, in der letzten Zeit einen erhöhten Preis +auf die Einbringung oder Tödtung dieser gefährlichen Raubthiere zu +setzen, sondern die Eingeborenen selber waren zusammengetreten und +sicherten noch besonders dem glücklichen Erleger eines Tigers reiche +Belohnung zu. Konnten sie doch nur auf solche Art hoffen, von ihnen +befreit zu werden, und ihre grimmen Reih'n gelichtet zu sehn. + +Bei den Eingeborenen ging aber dabei nicht allein das Gerücht, sondern +war in ihrem angsterfüllten Hirn, von abergläubischer Furcht gestachelt, +zur festen Überzeugung herangewachsen, daß zwischen ihnen ein +=Menschentiger= sein entsetzlich Wesen treibe. Zu viele Menschen, und +zwar lauter Javanen, waren gerade in den letzten Monaten im Wald und +selbst bei ihrer Arbeit auf den dicht am Wald liegenden Feldern +zerrissen worden, von denen man viele unversehrt, nur mit zerrissener +Kehle wieder aufgefunden. Unter ihnen hatte jedenfalls ein solches +Ungeheuer gewüthet, und der Preis, den die Eingeborenen unter sich auf +den Fang desselben gesetzt, wäre hoch genug gewesen, den glücklichen +Jäger zum reichsten Mann des Kampongs zu machen, -- nur daß sich der +»Menschentiger« eben nicht fangen =ließ=. + +Diese hohen ausgesetzten Preise waren denn auch die Ursache gewesen, daß +sich Maono, ein junger kräftiger Sundanese -- wie die Bewohner der +östlichen Gebirgshälfte von Java im Gegensatz zu den westlichen, den +Javanen, eigentlich heißen -- dem gefährlichsten Handwerk, das seine +Berge kennen, dem Tigerfang ausschließlich zugewandt. Er hatte es aber +nicht aus Gierde nach Schätzen gethan, denn der wackere Bursch bedurfte +deren für sich selber nicht; sondern nur um sein Mädchen, seine Laykas, +dem drängenden Vater abzukaufen, und für sich selber dann, an ihrer +Seite, ein neues stilles Leben zu beginnen, wählte er sein gefährliches +Geschäft, durch das allein er hoffen durfte, in kurzer Zeit ein kleines +Capital zurückzulegen -- wenn ihn nicht die Tiger selbst zerrissen. Ohne +Laykas aber konnte er sich das Leben doch nicht denken, und was galt ihm +jetzt die Gefahr, der er sich hier jede Stunde aussetzte, wenn er damit +die Hoffnung gewann, ihren Besitz zu erkaufen! Dieser Platz schien ihm +dabei vor allen andern passend, sein Vorhaben auszuführen, und in dem +Dickicht selber, in dem er sich mit seinem Klevang einen kleinen Raum +freigeschlagen, errichtete er aus Bambusstäben seine feste Hütte, deckte +sie mit den Fasern der Arekapalme und Bambuslaub zu festen Matten +geflochten, und stellte Fallen, legte Gruben an und fing in rascher +Reihenfolge fünf starke Tiger, die er allein mit seiner Lanze in der +Grube tödtete. + +Maono war an dem Abend erst mit der Dämmerung nach Hause gekommen. Vor +einigen Tagen fast selber von einem riesigen Tiger überrascht, dessen +Wechsel er in dem Pfad, nahe bei seiner Hütte gespürt, hatte er kurz vor +Dunkelwerden eine neue Grube beendet und mit der Lockspeise belegt, und +sich jetzt, müde und erschöpft vom schweren Graben und Balkenschleppen, +auf sein Lager geworfen. Aber sein Schlaf, fortwährend von Gefahr +umgeben, war nur leicht, und wie der Griff seiner Thüre niederklappte, +diese sich öffnete und eine dunkle Gestalt auf seiner Schwelle +zusammenbrach, griff er die Lanze auf, die immer dicht neben ihm an +seinem Lager lehnte, und fuhr, sprungfertig wie der Tiger selber, empor, +dessen Angriff er fast fürchtete. + +Aber Alles blieb ruhig -- draußen rauschte der Wald, die Frösche +quackten in dem nahen Sumpf, und laut und donnernd schlug plötzlich ein +wild dröhnendes Gebrüll an sein Ohr. + +»Ha?« lachte der junge kecke Jäger vor sich hin, »hast du das Weite +wieder gesucht, mein Bursche, wie du das Lager des Feinds gewittert? -- +Aber nein -- das konnte der Tiger nicht sein, denn der steckt noch dort +im Alang Alang[40] draußen, und folgt vielleicht jetzt gerade meiner ihm +gelegten Witterung. Aber die Thür öffnete sich doch, und ich dächte, ich +hätte vorhin einen dunklen Schatten dort gesehen.« Vorsichtig, mit +vorgehaltener, zur Vertheidigung oder zum Angriff bereiter Lanze näherte +er sich langsam der Thür; der Mondenschein fiel hell und voll darauf, +und bald erkannte sein scharfes Auge eine da kauernde menschliche +Gestalt. + +»Der Menschentiger!« knirschte er zwischen den Zähnen durch, und die +krampfhaft gepackte Lanze drängte sich fast unwillkürlich zurück, zum +Todesstoß ausholend. -- Aber das sah nicht wie ein Angriff aus; die Arme +fortgestreckt vom Körper lag die dunkle Gestalt still und regungslos zu +seinen Füßen -- in seiner Gewalt. So hätte sich ihm das Ungeheuer, das +er mehr fürchtete als alle Tiger der Welt, im Leben nicht preis gegeben. +Das war ein Mensch. Und als er endlich, noch immer scheu und vorsichtig +und sprungbereit dem fremden Wesen näher trat, und sich langsam und +scheu niederbog, um es mit der Hand zu berühren, da fühlte er unter den +Fingern das weiche warme zarte Fleisch und wußte jetzt, daß es ein +jedenfalls im Wald verirrtes Weib sein mußte, das vor den Tigern +flüchtend, hier bei ihm Schutz gesucht. + +Er stellte die Lanze neben die Thür, und beugte sich nieder, die Arme +aufzuheben und in die Hütte zu tragen, als der bewußtlose Körper wieder +Leben gewann. Die erste Bewegung aber war der scheu nach rückwärts +gedrehte Kopf, ob der Entsetzliche ihr folge und -- »Laykas!« schrie +Maono, und schlang staunend und erschreckt den Arm um die Geliebte. + +»Schütze mich, Maono!« war aber alles, was Laykas im Anfang über die +bleichen Lippen bringen konnte, und zugleich drängte sie sich jetzt +scheu von der Thür hinweg. + +»Fürchte dich nicht, mein Herz,« sagte Maono freundlich ihre Angst +beschwichtigend. »Wenn ich auch nicht begreife, wie du in Nacht und +Dunkel den Weg -- Allah schütze mich!« rief er plötzlich, in +Todesschreck emporfahrend -- »wie bist du denn zu dieser Hütte gekommen? +Den Pfad entlang?« + +»Den Pfad entlang, bis zum Pinangdickicht, und dann in wilder Flucht +durch die Stämme und Dornen durch, die mir die Haut zerfleischten.« + +»Dich hat dein guter Geist beschirmt,« sprach Maono, liebkosend ihr die +Haare aus der feuchten Stirn streichend. »Aber um deiner Liebe willen, +Laykas, was führt dich in der Nacht in dieses Dickicht, das selbst die +Männer deines Kampongs nur am hellen Tag in Trupps betreten? Wenn du nun +in die Klauen einer der gierigen Bestien gefallen wärst? Wie elend wäre +ich gewesen, ob ich auch deinen Tod blutig an ihnen gerächt! Oder droht +dir Gefahr von anderer Seite, als den wilden Thieren dieser Waldung?« + +Das Mädchen hatte sprechen, hatte dem Geliebten die Vorgänge des letzten +Abends erzählen, und dann ruhig von ihm Abschied nehmen wollen, um ins +weite ferne Land hinaus zu ziehn. Das Schreckbild aber, das in der +letzten Stunde wie aus dem Boden herausgewachsen, vom Mondlicht bleich +beschienen, vor ihrem entsetzten Blicke aufgetaucht war, hatte ihre +Sinne und Gedanken so betäubt, verwirrt, daß nur das eine Wort Raum in +ihnen fand. -- »Schang-hai!« + +»Ha! -- was mit dem?« fuhr Maono auf, »drängte der alte Sünder deinen +Vater zum Äußersten? Den Tod über ihn! Aber nicht lange mehr, so hat +Maono Geld und wird --.« + +»Dort -- dort -- hinter mir!« stöhnte Laykas und deutete mit zitterndem +Arm durch die noch offene Thür hinaus ins Freie, »er folgt mir -- +schütze mich!« + +»Wer? -- Schang-hai?« rief Maono mit weit geöffneten stieren Augen, +indem ein furchtbarer Verdacht vor seiner mit all den Schreckbildern +blinden Aberglaubens gefüllten Seele emporstieg. »Schang-hai -- jetzt im +Wald? -- Auf deiner Fährte?« Und rasch und unwillkürlich suchte die Hand +die fort gestellte Waffe. + +Nur mit unendlicher Mühe bezwang sich das arme, zum Tod erschöpfte +Mädchen endlich soweit, dem Jüngling zuerst die Vorgänge der letzten +Viertelstunde, die plötzliche Erscheinung des Chinesen und ihre wilde +Flucht zu erzählen, denn in des Geliebten Nähe fühlte sie sich +wenigstens vor augenblicklicher Verfolgung sicher. Dann aber, wie sie +sich mehr und mehr erhohlte, und Maono jetzt die Thüre schloß, auf dem +kleinen Herd ein prasselndes Feuer von dürren Bambusstäben entzündete, +das Licht und Wärme verbreitete, und dann seine Matte zur Flamme zog, +daß sie ihnen als Sitz diene, da ging sie auch auf die Vorgänge des +letzten Abends zurück, sagte, was ihr mit der heutigen Sonne gedroht und +sie zur Flucht getrieben, und bat den Geliebten jetzt mit leiser +ängstlicher Stimme sie am nächsten Morgen nur wenigstens bis durch den +Wald zu geleiten, damit sie nicht etwa nach ihr ausgeschickten +Verfolgern in die Hände fiele, und vor allem -- dem furchtbaren +Schang-hai nicht wieder begegnete. + +Maono hatte mit keinem Laut, keinem Wort ihre ganze leidenschaftliche +Erzählung unterbrochen -- nur seine Augen funkelten, seine Glieder +zitterten, und wie unwillkürlich suchte oft die Rechte, während er mit +der Linken die an ihm lehnende Geliebte umfaßt hielt, den im Gürtel +steckenden Khris. Laykas für ihn verloren, einem Ungeheuer verkauft oder +in die Fremde hinausgestoßen -- es blieb sich fast gleich, und keine +Hülfe -- keine Rettung aus dieser furchtbaren Noth! Blieb Laykas hier, +so wußte er recht gut, daß schon am nächsten Morgen, noch dazu, da +Schang-hai die Richtung ihrer Flucht wissen mußte, Boten nach ihr +ausgesendet würden, um sie zurückzufordern; und setzte die Unglückliche +auch ihre Flucht fort, was half es ihr -- allein da draußen im Wald -- +allein in der Welt? --. + +»=Allein?=« rief er da plötzlich, und richtete sich rasch und hoch +empor, »nein Laykas, nicht allein laß ich dich mehr hinaus in die fremde +Welt, nicht allein selbst durch diese gefährdeten Waldungen mehr. =Ich= +fliehe mit dir -- die Berge kenn' ich alle, von den Reisfeldern, die an +ihrem Fuße liegen, bis zu den nackten Lavagipfeln ihrer glühenden +Krater, und nicht nach Batavia gehen wir dann, zu den fremden Weißen und +ihren verdorbenen Sitten, wo dein Vater auch unsere Spur wieder +auffinden und uns zurückfordern könnte in das alte Leid. Gerade Nord +hinauf ziehen wir; in Indramaju lebt mir ein Bruder, und von dort führ' +ich dich in dessen Prau hinauf nach den »tausend Inseln.« Dorthin wagen +sie nicht uns --.« Er hielt plötzlich inne, denn gar nicht weit von der +Hütte entfernt tönte so dröhnend, daß das Laub auf dem Dach zu zittern +schien, das tiefe furchtbare Gebrüll eines Tigers herüber, dem sich ein +wilder, gellender Schrei, wie fast aus gequälter Menschenbrust kommend, +beimischte. + +»Der ist in der Grube!« jubelte Maono, in seiner Jagdlust fast die +augenblickliche Gefahr der Geliebten vergessend, und mit dem rasch +aufgegriffenen Speer sprang er der Thür der Hütte zu. + +»Maono!« bat aber Laykas, ängstlich seinen Arm ergreifend, »gehe nicht +fort von mir. Laß mich nicht hier allein, ich würde vor Angst vergehen. +Und wenn nun Schang-hai wirklich meinen Schritten gefolgt wäre.« + +»Wäre er's nur!« zischte Maono, den Speer fester packend, zwischen den +Zähnen durch. »Aber horch, Laykas -- hörtest du nicht jetzt --?« -- Er +hatte die Thür aufgestoßen und horchte, halb unschlüssig, ob er gehen +oder bleiben solle, in die Nacht hinaus. + +»Ich höre nichts als das Rascheln des Windes im Wipfel der Bäume,« +flüsterte die Jungfrau; »es ist so furchtbar todt und still da draußen!« + + +5. + +Maono stand noch lange und lauschte in den Wald hinein. Es drängte ihn +hinaus, um nachzusehen, ob er den grimmen Feind gefangen, und doch +konnte er die Maid hier nicht allein zurücklassen. So verging die Nacht. +Mehr aber befestigte sich auch dabei in ihm der einmal gefaßte +Entschluß, die Geliebte nicht allein ziehen zu lassen, sondern mit ihr +den fernen, nicht unter Holländischer Botmäßigkeit stehenden Inseln +zuzufliehen. + +»Und nun komm mein Lieb!« sagte der junge Jäger, als das erste dämmernde +Licht im Osten sichtbar wurde und rasch wachsend seinen grauen +Silberschein in die düsteren Waldesschatten warf. Er band sich dabei +sein Kopftuch fester um die langen schwarzen Haare, steckte seine Waffen +in den Sarang, band etwas Reis in ein Tuch, das sich das Mädchen um die +Schulter knüpfte, und mit den unter den Fuß geschnürten Sandalen trat er +hinaus vor seine Thür, Laykas an der Hand. Erst freilich wollte er noch +seine Gruben untersuchen, wenn er die gemachte Beute auch einem Andern +überlassen mußte, und rasch schritt er jetzt den schmalen Pfad voran, +der Stelle zu, von wo, wie er glaubte, das letzte wüthende Gebrüll +herüber geschallt. + +Es war dies eben die letzte Grube, die er gegraben, und schon von +weitem, so viel es ihm das matte Licht des jungen Morgens zu sehen +gestattete, erkannte er die eingebrochenen Zweige der Decke, das sichere +Zeichen einer gefangenen Beute. + +»Ich hab' ihn!« flüsterte er halb zurückgewandt, mit blitzenden Augen +seinem Mädchen zu »ich hab' ihn! -- Da drinn wird er kauern scheu und +tückisch und lauernd, die glutrothen Augen in Furcht und Haß zu mir +aufgedreht, wenn ich die Decke hebe. Warte, Gesell, das soll meine +letzte Arbeit hier im Lande sein, dir den Speer noch in den Leib zu +werfen -- dann mag er verbluten da unten, und die Geier sich sein +Fleisch zu Neste tragen.« + +Er bog sich nieder, den Hauptzweig der Decke von der Grube +zurückzuwerfen, als Laykas schüchtern fragte: + +»Und wird er nicht herausspringen können, wenn du die Decke wegnimmst?« + +»Nicht von dort,« lachte nun der junge Mann, »die Grube ist tief, und +der Boden durch eingetriebene Stäbe in der Mitte der Art bedeckt, daß +seine Hintertatzen nicht einmal einen festen Anhalt fassen können -- +siehst du dort?« -- + +»Hülfe!« tönte in demselben Augenblick eine Menschenstimme kläglich zu +ihm herauf, »rettet mich!« + +»Ein Menschentiger!« schrie der Sundanese in jubelnder Luft +emporspringend, »ich hab' ihn, ich hab' ihn! -- Nun Laykas, gehn wir +nicht fort, nun braucht Maono nicht zu fliehn, und wenn ich deinem Vater +mit vollen Händen Geld in's Haus geschleppt, dann mag der alte +tückische Chinese nur heimziehen nach seinem Zopf- und Opiumland.« + +»Aber Maono,« bat Laykas in Todesangst, »da unten in der Grube liegt ein +Mensch.« + +»Ein Mensch? -- Ein Tiger ist's; ich hab' ihn selbst gesehn, seine +funkelnden Augen, seine streifige Haut, seine fletschenden Zähne! -- Er +hat die Wurzel nicht, daß er sich wieder verwandeln kann. Da -- sieh +dort!« rief er, während er die übergelegten Zweige mit der Hand bei +Seite riß, »siehst du die lauernde, kauernde Gestalt? -- Siehst du, wie +er sich sprungfertig hinein in die Ecke, und doch das breite boshafte +Gesicht scheu zu Boden drückt, weil er sich schämt im Sonnenscheine +ertappt zu sein?« + +»Hülfe!« tönte da wieder leise und ängstlich, daß sie gehört würde, +dicht =unter= ihnen eine Menschenstimme, und wie Maono, jetzt selber +erschreckt, die ihm nächsten Zweige bei Seite riß, erkannte er in immer +steigendem Erstaunen erst eine menschliche Gestalt, fest und ängstlich +in eine Ecke gedrückt, die chinesische Tracht derselben, und jetzt, als +sich das Antlitz des da unten in so furchtbarer Nachbarschaft kauernden +langsam zu ihm aufdrehte, die scheuen, widerwärtigen Züge seines +Nebenbuhlers. + +»Schang-hai!« jauchzte aber der junge Sundanese, als er seinen Verdacht +in solcher Weise gerechtfertigt und bewiesen sah, ohne daran zu denken, +dem also Gefangenen Hülfe zu leisten. »Hab' ich also recht gehabt? -- +Bist du mir auf die Lockspeise gesprungen und hast die Grube drunter +nicht gemerkt? -- Deine Wurzel hilft dir jetzt nichts mehr, ob du da +unten auch noch so kläglich thust! Hat doch der ganze Kampong schon die +langen Jahre Verdacht auf dich gehabt, und endlich, endlich halt' ich +dich!« + +»Schang-hai!« stöhnte auch Laykas und barg, zusammenschaudernd vor dem +furchtbaren Gedanken, daß sie dem Entsetzlichen hatte sollen zu eigen +sein, ihr Antlitz in den Händen. Zu sehr theilte sie übrigens den +Aberglauben ihres Volkes, um nicht aus vollem Herzen alles zu glauben, +was an dunklen Gerüchten ihren Stamm durchlief. Und hätte der Mensch da +unten in der Grube auch neben dem Tiger aushalten können, wäre er nicht +seines Gleichen gewesen? -- Nimmermehr! Das Raubthier würde ihn +hundertmal zerrissen haben. + +Wunderbar war es jetzt zu sehn, wie sich der Tiger in der Ecke der Grube +vor dem hellen Sonnenstrahl, wie dem Laut der Menschenstimme immer mehr +und mehr zusammendrückte, und während Maono in jubelnder Lust oben +stand, den Triumph so glücklichen Fanges feiernd, erhob jetzt der +unglückliche Chinese drunten mehr und mehr die Stimme und bat den +Eingeborenen, ihn doch nur um Allahs Willen, wenn er =seine= Götter +nicht anerkenne, aus seiner furchtbaren drohenden Lage zu befreien. Er +versprach, ihn dabei zum reichen angesehenen Mann zu machen -- versprach +auf Laykas, deren Stimme er ebenfalls erkannt, zu verzichten -- er hätte +seine eigene Seligkeit verpfändet, wenn man es von ihm in diesem +Augenblick verlangt, um nur von der entsetzlichen Todesgefahr befreit zu +sein, nur seine Spanne Leben zu retten. + +Eine ebenso große Gefahr drohte ihm aber in diesem Augenblick gerade von +daher, von wo er Rettung erhoffte. Maono nämlich, in der festen +Überzeugung, daß der gefangene Chinese wirklich ein =Menschentiger= sei, +der nur, als er sich ertappt sah, seine menschliche Gestalt wieder +angenommen, beschloß ohne Weiteres, die Gegend von diesem Ungeheuer zu +befreien. Während der Chinese deshalb unten bat und flehte, befestigte +Maono oben ganz ruhig und unbefangen die lange feste Leine am oberen +Theil seiner Lanze, um diese nach dem Wurf wieder zurückziehen zu +können, und trat dann an den Rand der Grube, die Waffe zum Todeswurf +erhoben. + +»Vorbereitung zum Tode,« sagte er dabei ruhig, »brauchst du drunten wohl +nicht, denn wer in Nacht und Finsterniß in =solcher= Verwandlung +umherschleicht, weiß genau, was ihm bevorsteht, wenn man ihn endlich +einmal ertappt. So nimm denn --« + +»Halt ein -- halt ein!« schrie aber der Unglückliche, der die drohende +Bewegung bemerkt, in Todesangst. »Ich schenke dir Hütte und Felder von +Laykas' Vater, mit all den Thieren, die ihm zugehören. Ich schenke dir +sechs meiner besten Büffel und die zwei großen Reisfelder, die hinter +deinem neuen Hause liegen. -- Ich schenke dir vier Säcke Deute außerdem +und all die Arenpalmen, die auf dem Grundstück stehen, und du magst +Laykas zur Frau nehmen, -- aber wirf den Speer weg, um meines Lebens +willen -- wirf den Speer fort und reich' mir die Schnur herunter! Der +Tiger dort in der Ecke wirft immer gierigere Blicke auf mich -- ich bin +verloren, wenn du mich nicht rettest.« + +Maono warf =nicht=; diese ungeheuern Versprechungen, die ihm der +Gefangene machte, brachten seinen Entschluß, ihn zu tödten und seinen +Fangpreis dafür einzuziehen, doch zum Wanken. Er war damit reicher als +er es je gehofft, und in der Gewalt behielt er den Chinesen ja noch +immer. + +»Und wirst du halten, was du da gelobt?« fragte er zögernd. + +»Rette mich, und ich gebe dir mehr, als ich dir versprochen,« winselte +der Unglückliche. + +»Du willst ihn nicht tödten?« fragte Laykas erstaunt, »wenn du ihn +aufziehst, wird er seine Tigergestalt wieder annehmen und uns Beide +vernichten.« + +»Dagegen giebt es ein Mittel,« lachte der junge Sundanese, indem er +jetzt, von einem neuen Plan ergriffen und rasch entschlossen, die starke +Schnur von der Lanze warf, während er dem Mädchen die Waffe reichte. +»Da, Laykas,« sprach er dabei, »nimm du den Speer und fass' ihn fest, +indessen ich den Burschen in die Höhe ziehe. Bleibt er, was er ist, so +werd' ich schon allein mit ihm fertig, denkt er aber zu seiner alten +List zu greifen, so bald er sich im Freien weiß, siehst du das geringste +Zeichen der gelben Streifen an den Seiten, der vorgestreckten Tatzen -- +dann stößt du ihm die Lanze bis ans Heft ins Herz, und mit meinem Khris +schick' ich ihn rasch wieder in die Grube zurück. Und jetzt fass' an da +unten!« rief er, ohne sich weiter um den daneben liegenden Tiger zu +bekümmern, dem Chinesen zu, indem er ihm die Leine niederwarf. »Schling' +dir die Schnur um den Leib und ich ziehe dich herauf zu mir.« + +Schang-hai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl, scheu +dabei den Blick fortwährend nach der kauernden, aber regungslosen Bestie +gewandt. Stärker funkelten dabei die Augen des Tigers, als er seinen +Mitgefangenen sich bewegen sah, fester drückte er sich zurück, auf die +Hintertatzen zum Sprung zurückgebogen. Die tückischen Augen glänzten in +einem grünen Feuer, die kurzen spitzen Ohren waren dicht an den Kopf +zurückgelegt und die grimmen fletschenden blendendweißen Zähne zeigten +sich in ihrer vollen furchtbaren Pracht. -- Trotzdem wagte er den Sprung +nicht und schien nur einen Angriff auf sich selber zu erwarten, dem er, +so gerüstet, begegnen wollte. + +Es war ein merkwürdiger Anblick, die Gruppe zu beobachten, die in diesem +Augenblick oben an der Grube stand. Der Chinese, der sich die Schnur um +den Leib geknüpft und mit Händen und Füßen, wenn auch noch immer scheu +den Kopf nach der ihm nächsten Gefahr zurückdrehend, nachgeholfen, hatte +eben mit den Händen den obern Rand erreicht. Maono lehnte, den linken +Arm zum bessern Halt um eine schlanke dünne Arekapalme geschlagen, den +Fuß gegen ihre Wurzel gestemmt, das Seil in der Hand dort und zog aus +allen Kräften den schweren kleinen Chinesen aufwärts, und neben ihm, +die gefällte Lanze zum Stoß bereit in der Hand, mit funkelnden und doch +in ängstlicher Scheu blitzenden Augen, halb Muth, halb Furcht in den +belebten Zügen, stand das wunderschöne Mädchen, nackt bis zum Gürtel, +die schwarzen langen Locken ihre Schultern umflatternd, die Verwandlung +des Ungeheuers mit jedem Augenblick erwartend. + +Aber von dem armen kleinen Chinesen brauchten sie nichts zu fürchten, +und kaum hatte er den obern Rand vollständig erreicht und sich in +scheuer Angst einen Schritt davon hinweggeschleppt, als er, zum Tode +erschöpft und von dem Entsetzen der letzten Stunden aufgerieben, +bewußtlos neben der Grube zu Boden brach und es ruhig geschehen ließ, +daß ihm der Sundanese Arme und Füße mit derselben Leine fest +zusammenschnürte, an der er ihn heraufgezogen. + + +6. + +Unschlüssig, was nun zu beginnen und welcher Weg am besten +einzuschlagen, entschloß sich Maono endlich dazu, Hülfe vom nächsten +Kampong herbeizuholen. Die Männer dort sollten entscheiden, ob der also +ertappte und überführte Chinese als ein entdeckter »Menschentiger« noch +den Tod verdiene, wonach der Kampong selber den auf solchen Fang +gesetzten Lohn gezahlt hätte, oder ob er mit dem versprochenen Lösegeld +freikomme, die Gegend aber auf immer verlassen solle. -- Das schien ihm +nach kurzer Überlegung das Beste; hätten doch sonst die Nachbarn gar am +Ende glauben können, er habe den Mann aus Eifersucht schuldlos ermordet. +Laykas deshalb mit der Waffe bei dem Gebundenen zurücklassend, damit sie +ihm dieselbe ins Herz stoße, sobald er den Geringsten Versuch mache, +sich zu befreien, eilte er jetzt so rasch er konnte, den schmalen Pfad +entlang, der aus dem Walde auf die Straße führte, um von dort aus den +Kampong Tji-dasang zu erreichen. + +Die Mühe wurde ihm übrigens erspart; denn da er die Lichtung erreichte, +fand er sich einer Schaar von Männern, Laykas Vater, Kelah, an der +Spitze, gegenüber, die bis hierher der Spur des flüchtigen Mädchens +gefolgt waren, und jetzt eben unschlüssig auf der stark betretenen +Straße standen, welcher Richtung sie von hier aus folgen sollten. + +Maonos Ruf brachte sie bald an seine Seite, und mit wenigen flüchtigen +Worten schilderte er jetzt Kelah die Vorgänge der letzten Nacht, den +Fang des so gefürchteten Menschentigers, mit einer mächtigen Tigerin +zusammen. Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wandte er sich dann und +schritt, von allen in schweigender Scheu gefolgt, den Pfad zurück, den +er gekommen, bis zu der Stelle, wo er den Gefangenen unter Laykas +Aufsicht zurückgelassen. + +Schang-hai hatte sich indeß von seiner Ohnmacht erholt, und das junge +Mädchen, das neben ihm die Wacht hielt, mit den flehendsten Worten +gebeten, ihn loszubinden. Laykas würde aber ebenso bald, ja vielleicht +noch eher daran gedacht haben, den in der Grube gefangenen Tiger als den +Gebundenen an ihrer Seite zu befreien, und der mit Haß und Furcht +gemischte Blick, mit dem sie der geringsten seiner Bewegungen folgte, +wie die oft drohend gehobene Lanze verrieth ihm, daß er von ihr nichts +zu hoffen hatte. Endlich schlug das Geräusch von Stimmen an sein Ohr, +und mit einem leise, aber aus vollem Herzen gemurmelten Dank erkannte er +den alten Kelah neben Maono an der Spitze des Zugs. + +Hatte er übrigens gehofft, bei diesem unbedingten Schutz zu finden, so +war er dabei im Irrthum und der alte Sundanese viel zu schlau, um nicht +im Augenblick zu übersehen, wie die Sache stand. Einestheils stak er +selbst zu tief in dem Aberglauben seines Volkes, um auch nur einen +Augenblick zu zweifeln, daß der Chinese das wirklich sei, dessen ihn +Maono beschuldigt hatte. Wenn er aber die Versprechungen hielt, die er +dem jungen Mann gethan und die ihm dieser unterwegs schon mitgetheilt, +so stand er auch ganz anders neben dem Chinesen. Wie hätte er überhaupt +nach der jetzt gemachten Entdeckung noch daran denken dürfen, ihm die +Tochter zur Frau zu geben! Hierbei hatte er übrigens zwischen den +anderen, weit mehr angesehenen Eingeborenen auch nur eine ganz +untergeordnete Stimme, und Schang-hai fand bald, daß er zuerst einem +förmlichen Verhör Rede stehen mußte, ehe er hoffen durfte, selbst von +diesen Leuten, die ihn sonst mit der höflichsten, oft kriechenden +Artigkeit behandelten, in Freiheit gesetzt zu werden. + +Er erzählte jetzt -- immer noch mit gebundenen Händen, obgleich seinen +Füßen Freiheit gegeben war, daß er erst spät Abends von der Plantage +seines Landsmannes nach Tji-dasang hatte zurückkehren wollen, als er +plötzlich eine Gestalt vor sich auf dem Weg gesehn, und wie er im +Schatten eines Baumes stehn geblieben, beim hellen Licht des Mondes +Laykas, seine =Braut= erkannt habe. Bei seinem Anblick sei sie in den +Wald, und zwar den Fußpfad hinein geflohen, der nach Maonos Hütte zu +führte; und nicht gesonnen, sie dort zu lassen, ohne seine, durch +Einwilligung des Vaters gewonnenen Rechte auf sie geltend zu machen, sei +er ihr dorthin gefolgt. Wie sie selber den Pfad entlang gekommen, wisse +er nicht, aber er sei, als er dem dunklen Gang gefolgt, in die hier +verborgene Grube gestürzt. Um Hülfe zu rufen, habe er sich nicht +getraut, aus Furcht, vielleicht eines der gefährlichen Raubthiere +herbeizulocken, bis gegen Morgen die Tigerin, wahrscheinlich auf seiner +Spur folgend, zu ihm hineingebrochen wäre. Jetzt habe er mit gellender +Stimme um Hülfe geschrieen und die Bestie, dadurch vielleicht +geängstigt, den entgegengesetzten Winkel behauptet, ohne ihm ein Leides +zu thun. Erst am Morgen sei Maono gekommen, der aber hätte ihn für einen +Menschentiger gehalten und beinahe umgebracht, wenn er sich nicht sein +Leben mit schweren Versprechungen erkauft. + +Schang-hai schien auch die ganze Sache wirklich für abgemacht zu halten +und nicht einmal daran zu denken, die gegebenen Versprechungen zu +erfüllen. Er verlangte jetzt mit finsterer Miene losgebunden zu werden, +und drohte widrigenfalls das ganze Verfahren dem holländischen +Residenten (der obersten Gerichtsperson des Distrikts nach dem +Gouverneur) anzuzeigen. Wenn er sich aber so weit sicher glaubte, hatte +er sich doch geirrt. Die Eingeborenen, die fast sämmtlich in dem letzten +Jahr einen näheren oder entfernteren Verwandten durch die Raubthiere, +und wie sie fest glaubten, hauptsächlich durch einen »Menschentiger« +eingebüßt, gedachten alle der dunklen wilden Erzählungen, die schon seit +langen Jahren ihre Nachbarschaft über den kleinen Chinesen durchlaufen, +und waren nicht gesonnen, den scheinbaren Beweis seiner Schuld so leicht +und rasch wieder aus den Händen zu lassen. Der Vorschlag wurde deshalb +auch ohne Weiteres gemacht und ihm nicht einmal von Kelah widersprochen, +in einer Art Gottesurtheil den Verdächtigen zu prüfen. Er sollte nämlich +wieder in die Grube hinunter, und zwar gerade =auf= die Tigerin geworfen +werden. Griff ihn die dann an, so wollten sie suchen, ihn so rasch wie +möglich wieder herauf zu ziehen und er durfte frei ausgehen, ließ sie +ihn aber unbelästigt, wie sie es die ganze Nacht gethan, so war es ein +sicheres Zeichen, daß er zu ihrem Geschlecht gehörte, und dann sollte +er, wie die wilde Bestie selber, mit Lanzen getödtet werden. Seine +Erzählung, wie er in die Grube gekommen, glaubte ihm Niemand, und selbst +die jetzt darum befragte Laykas erzählte, daß er unter der Palme am Weg +wie ein Tiger gekauert, und sie seine Sprünge hinter sich her, wie die +des wilden Raubthiers, gehört und erkannt hätte. + +Der alte Kelah selbst schämte sich, daß er einem solchen Ungeheuer seine +Tochter versprochen. Durfte Schang-hai doch jetzt nie daran denken, +seine Schuld von ihm einzufordern, und so stimmte er auf das eifrigste +für dessen Tod. Überhaupt thaten das alle, die dem Chinesen eine +bedeutende Summe schuldig waren. + +Man band ihm jetzt die Hände los und die Schnur wieder um den Leib, wie +ihn Maono vorher heraufgezogen, und Laykas selber stand in sprachloser +Erwartung dabei, ob die Tigerin da unten den verkappten Gefährten +erkennen oder in wilder Wuth über ihn herfallen würde. Schang-hai hatte +aber keineswegs Lust, eins von beiden Resultaten, beide gleich +schrecklich für den Unglücklichen, abzuwarten. Mit Drohungen war indeß +nichts auszurichten und sein Leben soweit gefährdet, daß der nächste +Augenblick schon jeden zu spät kommenden Entschluß nutzlos gemacht +hätte. Er lag auf der Folter -- ein Leugnen hätte ihn zu der wilden +Bestie hinunter geworfen, die schon bereit lag ihn, als einen +vermutheten Angreifer, mit Klauen und Zähnen zu empfangen. Nur eine +Rettung blieb für ihn -- er kannte seine Leute, und mit bleichen, +zitternden Lippen rief er: »Halt!« + +»Hinunter mit ihm!« tönte Kehlahs heisere Stimme. -- + +»Laßt mich reden,« bat aber der Chinese, »was nützt euch mein Tod -- +was mein Geständniß, =daß= ich ein Menschentiger sei --.« -- + +»Er bekennt es!« rief jubelnd Maono, und die Andern sahen mit scheuem, +erschrecktem Blick auf den Unglücklichen. Dieser aber, den +augenblicklichen Vortheil der wenigstens gestatteten Rede benutzend, +fuhr rasch und ängstlich fort. »Wenn ihr mich tödtet, verfällt mein Hab +und Gut dem Staat -- den Holländern. Ich habe keine Kinder -- keine +Verwandte -- in meinen Büchern sind alle meine Schuldner angegeben. Die +weißen Männer werden sie einzutreiben wissen. Schenkt mir das Leben und +ich will nicht allein Maono geben, was ich ihm versprochen habe -- ich +erlasse auch euch, die ihr hier seid, was ich noch sonst von euch zu +fordern hätte, und will selber in den nächsten Tagen dieses Land +verlassen. -- Seid ihr das zufrieden?« + +Ein Streit entstand jetzt unter den Sundanesen. Ein Theil, und zwar die, +die ihm bis dahin noch am freundlichsten gewesen, riefen jetzt, da sie +sein geglaubtes Geständniß gehört, daß er getödtet werden müsse, denn er +habe bekannt, daß er ein Menschentiger sei, und in der nächsten Nacht +werde er, wenn man ihn freilasse, nur soviel wüthender über sie +herfallen, um die jetzige Mißhandlung zu rächen. Andere dagegen, mit +dem erlangten Gewinn zufrieden und doch auch vielleicht nicht ganz +sicher, wie die Weißen den =Mord= ansehn würden, stimmten dafür, ihn +unter der Bedingung, daß er binnen drei Tagen den Distrikt verlasse, die +drei Nächte aber den Fuß nicht über seine Schwelle setze, frei zu geben. + +Der Chinese versprach alles. Neben ihm lauerte der nackte Tod, in den +ihn der tolle Aberglauben dieser Menschen jauchzend hineingeworfen hätte +-- und vor ihm lag das Leben! + +Seine Banden wurden jetzt gelöst, und während Kelah, etwas verlegen +allerdings, aber doch auch außer Stande, anders zu handeln, dem jungen +wackeren Maono in derselben Zeit etwa die Tochter zusagte, als er sie, +nach der Absicht des vorigen Abends, hatte in das Haus des jetzt +geächteten Chinesen führen wollen, schlich dieser, in scheuer Angst, daß +seine Freilassung die hinter ihm her jauchzende und tobende Schaar doch +am Ende noch gereuen könne, den Wald entlang, bis er die Straße +erreichte, und eilte dann, so rasch ihn seine Füße trugen, der eigenen +Wohnung zu. + +Das Jauchzen, das Schang-hai gehört, galt freilich nicht ihm, sondern +dem Tod des gefangenen Tigers, auf den die jungen Bursche jetzt ihre +Khrise und Klewangs schleuderten, bis Maono das vor Wuth und Schmerzen +schäumende, brüllende Thier mit dem sicheren Wurf seiner Lanze erlegte. + +Mit Blitzesschnelle durchlief indeß die Kunde von dem gefangenen +Menschentiger, und dem Versprechen, das Schang-hai, sein Leben zu +retten, gegeben, den Kampong. Ein holländischer Unterbeamter, der sich +gerade dort aufhielt, ging allerdings hierauf zu Schang-hai, forderte +ihn auf, in seinem Besitzthum zu bleiben und sicherte ihm den vollen +Schutz der holländischen Gesetze zu, nach denen selbst die abgezwungenen +Versprechungen nicht bindend waren. Schang-hai aber, der dem Tod unter +den Händen der Eingeborenen zu nahe gewesen, als daß er ihnen noch +einmal hätte trauen mögen, und recht gut wußte, daß ihn auf den Verdacht +hin, in dem er jetzt einmal unter den Sundanesen stand, alle Gesetze der +Welt vor einem heimlichen Angriff nicht schützen konnten, zog es vor, +mit einem kleinen Verlust seiner Güter sein gegebenes Versprechen zu +halten. Ein anderer Chinese übernahm seinen Pacht und kaufte ihm auch +sein Waarenlager ab, und am dritten Morgen -- die Nächte hielt er sich +in seinem Haus fest eingeschlossen, -- verließ er unter einer erbetenen +und erhaltenen Bedeckung malayischen, dort in der Nähe stationirten +Militärs die Preanger Regentschaften, um in ihre Grenzen wahrscheinlich +nie mehr zurückzukehren. + +Fußnoten: + +[37] Badek heißt auf Java eine eigenthümliche Art, weißes Zeug in den +verschiedenartigsten Mustern zu drucken und zu färben. Es wird nämlich +zu dem Zweck die Zeichnung aus =freier Hand= mit einer kleinen +Kupferröhre, aus der heißes Wachs sickert, auf das Tuch =an beiden +Seiten= aufgetragen und dieses dann erst gefärbt, wonach die Stellen, +auf denen kein Wachs liegt, die Farbe annehmen. Bei schwierigen und +theuern Mustern geschieht dies mühsame Auftragen der Zeichnung +verschiedene Male, um ebensoviele Farben herauszubringen. + +[38] In den Javanischen Bergen dient der schilfartige Bambus zu sehr +verschiedenartigen Verrichtungen und besonders benutzen die Frauen die +stärksten, oft vier bis fünf Zoll im Durchmesser haltenden Stöcke, das +Wasser darin zu tragen. + +[39] Ein rockähnliches Stück Tuch von vielleicht drei Fuß Breite, unten +und oben gleich weit, das über den Hüften eng zusammengezogen und durch +einen in das Zeug hineingesteckten knoten gehalten wird. Es wird von +beiden Geschlechtern getragen. + +[40] Alang Alang, das hohe schilfige Gras, das in der Wildniß fast alle +offenen Stellen ausfüllt und der Lieblingsplatz der Raubthiere ist. + + + + +Der Khris[41]. + + +Am Kali Besaar[42] in Batavia, dem großen Handels-Viertel des Ostens, wo +die Ostindische Maatschappy ihre gewaltigen Niederlagen, und der +Batavische Kaufmann sein Comtoir und Waarenlager hat, war heute ein +regeres Gedränge als gewöhnlich. Die Menschenströmung, die sonst mehr an +beiden Ufern des kleinen Flusses ziemlich gleich vertheilt auf- und +abwogte, schien gerade heute auch mehr dem Mittelpunkt der Hauptstraße +zuzupressen. Dort hatte sich unter den Bambus Schuppen und zwischen den +aufgefahrenen Cabriolets und Cabs der Kaufleute, eine Masse Chinesischer +und Javanischer Fruchtverkäufer angesammelt und hielt ihre duftigen +saftigen Waaren, vor den glühenden Sonnenstrahlen durch das hölzerne +Dach geschützt, feil. + +Es war eine Auction in einem der großen, düsteren Gebäude, und zwar +nicht von importirten Europäischen Waaren oder veralteten Gütern, oder +von inländischen Producten, wie sie die Maatschappy oft hält -- oder gar +von spanischen Dollarn, wie sie vor noch gar nicht so langer Zeit hier +ebenfalls stattgefunden, sondern nur von Naturalien, Waffen, +Vogelbälgen, Geräthschaften, Anzügen, Instrumenten etc. etc. der +benachbarten Inseln, die den Nachlaß eines verstorbenen Deutschen +Naturforschers bildeten, und jetzt hier, da kein Testament über die +Sammlung selber disponirte, öffentlich versteigert werden sollten. Alles +das, woran ein tüchtiger, wackerer, muthiger Mann seine ganze Lebenszeit +gesetzt, es zusammenzubringen und der Nachwelt aufzubewahren, sollte +hier, wie das eine Menschenherz zu schlagen aufgehört, in wenig Stunden +wieder in alle Winde zerstreut und verworfen werden, und lachend und +erzählend, zankend und schreiend, drängten sich indeß die Fremden aus +und ein, besahen die Schätze, die ihren Augen preis gegeben waren und +die nur Wenige von ihnen zu würdigen wußten, und packten das Gekaufte +gleichgültig in ihre Cabriolets, es Abends mit nach Haus zu nehmen. + +Hier standen ein Paar Holländer zusammen, die einen Bogen spannten und +einen der Pfeile in die Luft hinaufschnellten, zu sehen, wie weit er +tragen würde, dort arbeitete sich ein Anderer, mit einem ausgestopften +Affen unter dem Arm, aus dem Gedränge, und wurde von seinen Bekannten +jubelnd empfangen. Inländische Diener schleppten Lasten von fremdartigen +Geräthschaften und Schilden und Speeren heran, Andere trugen Schädel von +Tigern und Krokodillen, und an einen Bambusstab geschlungen, den sie auf +den Schultern trugen, keuchten zwei Javanen mit einem Elephantenschädel +herbei, ihn zum Zierrath in das Landhaus des in Weltevreden oder Kramat +wohnenden glücklichen Käufers hinaufzuschaffen. + +Zwei Weiße, der Capitain eines vor einiger Zeit eingelaufenen +Holländischen Kauffahrers, und ein Amerikanischer Kaufmann, der sich +schon seit längeren Jahren in Batavia niedergelassen, waren ebenfalls +durch das rege Leben und Treiben angelockt worden, das Haus zu betreten +und die ausgestellten Sachen in Augenschein zu nehmen. Es kostete +freilich Mühe, bis sie sich durch das Gedränge von Chinesen, Javanen und +Europäern, die in allen Sprachen der Welt hier durch einander schrieen, +Bahn machten. Endlich aber erreichten sie doch den weiten luftigen Raum, +in dem die Waaren, theils an den Wänden hängend, theils auf den +Seitentischen ausgelegt, wirr und unordentlich, wie man sie eben aus +den Kisten gepackt, aufgeschichtet und zerstreut lagen. Auf den Tischen +herum springende Chinesen schienen dabei das Ganze zu überwachen, auf +die Gebote zu horchen, das Erstandene auszuliefern, und das Geld dafür +in Empfang zu nehmen, wobei sie noch außerdem auf die Finger ihrer +Landsleute zu passen hatten, die in dieser Hinsicht in eben keinem +besondern Rufe stehen. + +Die Auction selber fand, von einem Liplap[43] geführt, in Holländischer +und Malayischer Sprache zugleich statt, und ganze Bündel seltener Speere +und Pfeile, Bögen, Schilde, Schmuck von Muscheln und Zähnen, geflochtene +Geräthschaften, geschnittene Gefäße und künstlich und sauber verfertigte +Zierrathen, wie Kasten mit ausgestopften Vogelbälgen und Thieren, mit +Schmetterlingen und Käfern, Sammlungen von Früchten, Conchilien und +Mineralien, wurden um einen Spottpreis, oft gleich nach dem ersten +flüchtigen Gebot, den Käufern zugeschlagen. + +Die beiden Männer hatten sich endlich mit nicht geringer Mühe dorthin +Bahn gemacht, wo eine Anzahl sehr schöner Waffen, besonders Khrise, auf +einem kleinen Seitentische lagen, und eben, dem Wunsch eines Franzosen +nach, zum Kaufe ausgeboten wurden. Manche davon waren sehr künstlich, ja +kostbar gearbeitet, und mit Gold und Steinen eingelegt, wie mit +herrlichen damascirten Klingen; andere wieder einfach und derb +gearbeitet, mit glatter hölzerner Scheide und nicht selten mit dem +Haarbüschel der erlegten Feinde geziert, wie es auf Borneo die Sitte der +Krieger ist. Der Franzose erstand eine ziemliche Anzahl derselben um +einen ziemlich hohen Preis, während ein dicht neben ihm stehender Javane +die einzelnen Waffen, jede besonders, aus der Scheide zog und aufmerksam +betrachtete, ohne jedoch darauf mit zu bieten. + +Der Holländische Capitain hatte indessen dem ganzen Handel ziemlich +gleichgültig zugeschaut, bis der Franzose seine Einkäufe gemacht und den +Platz mit den Erstandenen Waffen geräumt hatte. Auch der Javane schien +genug von dem ganzen Treiben gesehn zu haben, zog seinen Sarong fester +um sich und verließ das Zimmer. Indessen entdeckte der Chinesische +Aufseher unter den übrigen Sachen noch einen zurückgebliebenen Khris und +legte ihn auf den Tisch des Verkäufers. + +»Ach wahrhaftig, da ist =noch= einer!« rief dieser, »nun, meine Herren, +wer bietet darauf, denn unser Khriskäufer ist fort -- noch ein +werthvolles Stück, mit prächtigen Granaten besetzt und fein damascirter +Klinge -- dreißig Gulden zum Ersten, dreißig Gulden zum Ersten sag' ich, +die Waffe ist hundert werth« -- + +»Ein und dreißig Gulden,« bot der Holländische Capitain. + +»Ein und dreißig Gulden, guter Gott, ein Spottpreis,« sagte der +Auctionator, -- »ein und dreißig Gulden zum Ersten.« + +»Vierzig!« bot ein daneben stehender Engländer. »Fünf und vierzig!« der +Capitain wieder, und erstand zuletzt die wirklich schöne und +geschmackvoll, wenn auch einfach gearbeitete Waffe, bis zu sieben und +achtzig Gulden hinaufgetrieben. Augenscheinlich lag ihm aber sehr wenig +daran, und sie in seine Tasche schiebend, sah er dem Verkauf der übrigen +Sachen noch eine kurze Weile zu, ergriff dann den Arm des Amerikaners +wieder, und verließ den durch die zahlreiche Menschenmenge doch schwül +und dumpfig gewordenen Raum, die freie Luft zu erreichen. + +»Man sollte doch wahrhaftig schon aus Grundsatz nie eine Auction +betreten,« sagte er hier, als er die Waffe wieder vorzog und +betrachtete, »wenn man nicht irgend etwas Bestimmtes kaufen will und +wirklich braucht. So fest ich mir vorgenommen hatte, mein gutes Geld +nicht muthwillig an irgend einen nutzlosen Gegenstand zu verschleudern, +hab' ich mich doch hier wieder mit dem Ding da anführen lassen, und bin +um ein Stück Eisen reicher, und um sieben und achtzig Gulden ärmer +geworden, als ich vorher war.« + +Der Amerikaner hatte den Khris indessen aus der Scheide gezogen und +prüfend betrachtet und sagte lachend: + +»Lieber Freund, das geht uns oft so auf der Welt, und wir vor allen +Anderen können uns gratuliren, daß die Menschen im Allgemeinen eben +nicht das nur kaufen, was sie gerade nothwendig brauchen, denn unser +ganzer Handelsstand beruht darauf, daß sie das eben =nicht= thun. Der +Mensch bedarf zu seinem Leben wirklich =nöthig= entsetzlich wenig, und +wollte er sich darauf beschränken, wie sollte es dann mit Handel und +Wandel, um Schifffahrt und Verkehr aussehen. Der Luxus gerade, für den +wir civilisirte Menschen gar keine Grenze mehr haben, weil er mit +unserem einfachsten Leben schon so fest verwachsen ist, hält die Sache +in Gang, und bleibt eben nur so lange wirklich Luxus, als wir auch ihn +nicht »nothwendig brauchen,« wo er dann zum =Bedürfniß= und zu dem wird, +was wir eben zum Leben haben müssen.« + +»Nun aber der Khris hier ist doch wirklich Luxus«, lachte der Capitain. + +»Für Sie in diesem Augenblick, ja, aber wie lange vielleicht, und Sie +brauchen ihn nicht allein nothwendig, sondern müssen sogar noch eine +Menge anderer ähnlicher Sachen dazu haben, ein »=Naturalien-Cabinet=« zu +vervollständigen. Mit =einer= Sache muß der Mensch anfangen, und das +Eine zieht eben das Andere nach. Sehn Sie zum Beispiel den Javanen an; +mit einer Handvoll Reis hält er seine Mahlzeit; eine Bambushütte, die +ihn eben nothdürftig gegen Thau und Regen schützt, genügt ihm zur +Wohnung, ein Stück Baumwollenzeug und ein Strohhut zur Kleidung, und was +für einen Gefallen glauben Sie wohl, daß Sie einem solchen Menschen mit +einer Astrallampen oder mit irgend einer Europäischen Zimmer-Verzierung +erweisen würden? Gehen Sie aber zu einem der unter Holländischen Einfluß +stehenden Häuptlinge, und Sie werden Astrallampen und Zimmer-Verzierungen, +Teppiche, Kronleuchter, Wandgemälde etc. etc. im wahren Überfluß als +=nothwendiges Bedürfniß= finden. Die Khrise spielen übrigens in dem +Leben der Javanen eine sehr bedeutende Rolle, und einzelne von ihnen +erben von Vater zum Sohn und Enkel herab, und dürfen nimmer verkauft +werden. Viele davon sind jedoch in den letzten Kriegen in den Besitz der +Weißen gekommen, und öfters ist es vorgekommen, daß Javanische +Häuptlinge, die ihre Stammwaffe in fremden Händen fanden, bedeutende +Summen gegeben haben, sie wieder zu erlangen.« + +»Ich wollte, ein solcher Javanischer Häuptling hätte Lust zu =diesem= +Khris«, lachte der Capitain, die Waffe aus der Scheide ziehend und in +der Sonne blitzen lassend, »mit einigen Prozenten Gewinn könnte er +ungemein leicht wieder Eigenthümer derselben werden.« + +»Dort steht gleich Einer,« sagte der Yankee, »und wenn ich nicht irre +sogar derselbe, der da drüben im Verkaufslokal die Waffen so genau +betrachtete. Der kann uns wenigstens sagen, was das Messer wirklich +werth ist, und wir erfahren dann gleich, ob Sie einen guten Kauf gemacht +haben. Heh, Freund, komm einmal hier her, und sage, wie dir der Khris da +gefällt.« + +Der also Angeredete, der unfern von ihnen mit untergeschlagenen Armen an +einem Pfeiler lehnte, war ein schlanker, stattlicher Bursch von ungefähr +zwei bis drei und zwanzig Jahren, und die dunklere Hautfarbe, wie die +edelgeschnittenen Züge und blitzenden Augen verriethen allerdings den +Javanen, der sich von den Sunda'nern (wie die Bewohner der östlichen +Insel genannt werden) wesentlich unterscheidet. So knechtisch diese aber +den Holländern, ihren jetzigen Herren, gegenüber sind, so wenig nahm der +Bursche hier Notiz von der Anrede, die er jedenfalls gehört haben mußte. +Mit eben nicht ganz freundlichem Blick die Gestalten der beiden Männer +nur flüchtig überfliegend, wandte er den Kopf halb zur Seite, und schien +keineswegs gesonnen, auch nur ein Glied zu rühren, der Aufforderung +Folge zu leisten. + +»Hallo, der ist unabhängig,« lachte der Amerikaner vor sich hin, »und +wir werden zu =ihm= gehen müssen, wenn wir etwas von ihm wissen wollen. +-- Heda, Freund!« setzte er dann in Malayischer Sprache hinzu, die Waffe +dabei aus des Capitains Hand nehmend und auf den Javanen zugehend, +»kannst du mir sagen, was das Messer hier einmal gekostet?« + +Der Javane zog die Brauen finster zusammen, richtete sich dann stolz und +trotzig empor, und wollte sich eben, ohne ein Wort auf die Anfrage zu +erwidern, von den ihm jedenfalls verhaßten Weißen abwenden, als sein +Auge auf den Khris fiel und er in demselben Moment auch wie +unwillkührlich den Arm danach ausstreckte. Das Blut schoß ihm dabei in +die Schläfe und er suchte fest und forschend den Blick des Fremden, als +ob er dessen Absicht in seinem Antlitz lesen wollte. Aber es war auch +wirklich nur ein Moment, der Arm glitt zurück in seine alte Stellung, +ebenso der Körper, der sich wieder nachlässig gegen den Pfeiler drückte; +nur den Blick konnte er nicht losreißen von der Waffe, und der +Amerikaner mußte seine Frage wiederholen, ehe er sie nur verstand. + +»Weiß ich nicht,« sagte er dann, finster den Kopf zur Seite werfend, +»ist ein alter Khris -- wollt Ihr ihn verkaufen?« + +»Junge, Junge[44],« sagte der Yankee, der schon lange im Ostindischen +Archipel wohnte und die Sitten und Gebräuche der Eingeborenen genau +kannte, in Holländischer Sprache zu dem Capitain, »der Bursche da weiß +mehr von dem Khris, als er uns jetzt verrathen mag, und giebt sich +umsonst die größte Mühe, gleichgültig dabei zu bleiben. Außerdem ist das +auch gar kein gewöhnlicher Eingeborener, wie ich im Anfang geglaubt. Was +für einen kostbaren Sarong er trägt, und welch' ein prachtvolles +golddurchwirktes Kopftuch -- hm, hm, wenn der ihn haben will, soll er +tüchtig dafür bezahlen.« + +Des Javanen Auge war indessen bei den ihm unverständlichen Worten +forschend von dem Antlitz des einen der Fremden zu dem des anderen +geflogen, ohne daß er jedoch seine Stellung auch nur um eines Haares +Breite verändert hätte, nur als der Amerikaner schwieg, öffnete er die +Lippen wieder, als ob er die letzte Frage wiederholen wolle, zwang aber +das Wort zurück, das Anerbieten lieber von Jenen zu erwarten. + +»Fordert nur nicht =zu= viel,« lachte der Capitain; »wenn er wirklich +Lust zum Kaufen hat, wollen wir ihn wenigstens nicht kopfscheu machen.« + +»Nur nicht ängstlich,« entgegnete ihm der Freund, »entweder liegt ihm +daran, den Khris zu bekommen, dann ist kaum ein Preis zu hoch, den wir +fordern =können=, oder es liegt ihm Nichts daran, was ich aber nach +seinem ganzen Betragen kaum glaube, und dann wissen wir wenigstens, +woran wir sind -- laßt mich nur machen;« und sich dann an den Javanen +wendend, sagte er, indem er den Khris wieder aus der Scheide zog und die +grau damascirte Klinge in der Sonne blitzen ließ, »könntet ihr uns nicht +wenigstens sagen, was so ein Ding in eurer Gegend kostet, wenn man 's +machen ließ, und von welcher Insel es überhaupt stammt, -- von Java, +oder vielleicht von Macassar oder Sumatra?« + +Der Javane streckte langsam die Hand nach dem Khris aus, nahm die +Waffe, betrachtete, ohne mehr als einen flüchtigen Blick auf den Griff +zu wenden, die Damascirung des Stahls mit prüfendem Auge, und gab ihn +dann ruhig zurück -- kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr, daß er +irgend einen Antheil an der Waffe nehme. + +»Und was ist er werth?« sagte der Capitain ungeduldig. + +»Mit funfzig Gulden ist Geld und Arbeit daran bezahlt,« brach jetzt der +Eingeborene mit tiefer klangvoller Stimme das Schweigen. + +»Funfzig Gulden? Nun ja,« fluchte der Capitain wieder in seiner eigenen +Sprache, »da habe ich wenigstens sieben und dreißig Gulden zum Fenster +hinausgeworfen, -- hol' der Teufel die Auctionen. Und den Braunen habt +ihr auch mit seiner Kauflust in falschem Verdacht gehabt.« + +»Dann hat er den Khris jedenfalls im Anfang für einen Anderen gehalten,« +sagte der Kaufmann, »aber das schadet nichts; es ist immer ein schönes, +sauber gearbeitetes Stück, für das euch ein Naturalien-Cabinet in der +alten Welt leicht den vollen Preis wieder zahlt, solltet ihr es doch +einmal verkaufen wollen.« Und sich ohne weiteren Gruß oder fernere Notiz +von dem Javanen zu nehmen, von diesem abwendend, faßte er den Arm des +Capitains, und wollte mit ihm an dem Kali Besaar hinauf und der Brücke +zugehn, die unter dem Chinesischen Viertel nach dem andern Ufer +hinüberführte, als der Eingeborene ruhig sagte: + +»Wollt ihr den Khris verkaufen?« + +»Ja, wenn wir einen guten Preis dafür bekommen,« erwiderte ihm der +Kaufmann, sich halb nach ihm zurückwendend -- + +»Und was nennt ihr einen guten Preis?« frug der Eingeborene wieder. + +»Fordert hundert Gulden,« sagte der Capitain, der etwas vom Malayischen +verstand, es aber nicht soviel sprach, sich in einen Handel einzulassen. + +»Nur langsam,« entgegnete aber der vorsichtigere Kaufmann, »der Bursche +fängt an, wärmer zu werden; schon daß er nach dem Preis des Khrises +fragte, wo er oben im Auctionszimmer die anderen wirklich schönen Waffen +keines Gebots gewürdigt hatte, ist ein gutes Zeichen; wir wollen ihm da +nicht vorgreifen und uns selber die Hände binden -- =er= mag sagen, was +er geben will, nachher steht es uns frei, sein Gebot anzunehmen oder zu +verweigern.« + +»Und was nennt ihr einen guten Preis?« wiederholte der Javane, der +entweder ungeduldig wurde, oder auch glauben mochte, die Weißen hätten +seine Frage nicht verstanden. + +»Sag' du selber, was du geben willst,« erwiderte ihm jetzt der +Amerikaner, indem er den Khris noch einmal aus der Scheide zog, flüchtig +betrachtete, zurückstieß und nachlässig in die Tasche schob, »ich habe +ihn erst gekauft und möchte mich nicht gern gleich wieder von ihm +trennen.« + +»Dort unten?« frug der Javane, mit dem Arm nach dem Auctionshause +deutend, »ich habe ihn dort nicht gefunden.« + +»Also hat er ihn gesucht --«, lachte der Yankee still vor sich hin, »das +steigert den Preis, Kamerad; =die= Bemerkung war dir nicht nützlich -- +nun, was willst du geben?« setzte er dann auf Malayisch hinzu. + +»Der Khris ist funfzig Gulden werth,« sagte der Javane gleichgültig, +»ich gebe funfzig.« + +»Und =ich= habe sieben und achtzig dafür gezahlt,« rief der Capitain +rasch auf Holländisch. + +»Nur ruhig,« beschwichte ihn der Kaufmann, »wir fangen eben erst an. -- +Funfzig Gulden sind ein kleiner Preis, Freund, dafür könntest du kaum +die Scheide bekommen, und du wirst verschiedene Male funfzig Gulden +neben einander legen müssen, wenn du die Waffe haben willst. Du mußt +mehr bieten.« + +Der Javane schien keine besondere Lust dazu zu haben, und erst, als +sich die Männer wieder zum Gehen wandten, sagte er langsam: + +»Und was hast du dafür bezahlt?« + +»Das kann dir gleichgültig sein,« lautete die Antwort, »mehr übrigens, +als du zu glauben scheinst.« + +»So geb' ich dir fünf und siebenzig.« + +»Auch das reicht noch nicht,« erwiderte der Yankee, und der Javane +zögerte augenscheinlich mehr zu bieten, ließ sich aber die Waffe noch +einmal zeigen, betrachtete besonders die Damascirung wieder genau und +prüfend, und bot dann hundert. Der Kaufmann kannte übrigens seinen +Vortheil, und trieb den Eingeborenen, ohne sich darauf einzulassen, +einen eigenen Preis zu nennen, endlich bis zu zwei- und dann zu +dreihundert Gulden hinauf, und als ihn der Capitain jetzt selber bat, +doch nur um Gotteswillen zuzuschlagen, da er ein weit besseres Geschäft +damit gemacht habe, als er je erwartet, erklärte er vollkommen ruhig, +»der Eingeborene müsse erst so viele =tausend= Gulden bieten, wie er +jetzt Hunderte genannt, und =dann= selbst würde er sich noch besinnen.« + +»Aber das ist Wahnsinn,« rief der Capitain. + +»Und doch nicht ganz,« lachte der Amerikaner, »lehren Sie mich die +Burschen kennen.« + +»Er wird zuletzt gar nichts weiter bieten,« rief der Capitain +ungeduldig werdend, »und ich behalte den Khris.« + +»Wenn Sie das fürchten,« sagte der Kaufmann, »so überlassen Sie =mir= +die Waffe um den Preis, und den weiteren Handel mit dem Manne.« + +»Von Herzen gern,« rief der Seemann, »ich möchte überdies nicht gern +mehr damit zu thun haben.« + +»Also die Sache ist abgemacht? ich zahle Ihnen dreihundert Gulden und +der Khris ist mein?« + +»Mit dem größten Vergnügen!« + +»Willst du dreihundert Gulden für den Khris?« frug der Javane jetzt +wieder, der indessen ein ungeduldiger Zuhörer der in einer ihm fremden +Sprache geführten Verhandlung gewesen war, »es ist viel Geld für das +Messer.« + +»Und doch lange nicht genug, Freund,« sagte der jetzige Eigenthümer der +Waffe, »du mußt höher, weit höher bieten, wenn du es in deinen Gürtel +schieben willst -- aber ich habe jetzt nicht länger Zeit, und behalte +auch am Ende lieber den Khris, als daß ich ihn um einen solchen +Spottpreis verschleudere. Was liegt mir an den Paar hundert Gulden.« + +»So =nenne= deinen Preis,« rief der Javane, die Lippen fest +zusammengebissen und einen finsteren Blick auf den Europäer schießend, +»ich kenne die Familie, aus der die Waffe stammt, und wenn es meine +Kräfte nicht übersteigt, möchte ich sie ihr wieder bringen.« + +»Du giebst mir doch nicht was ich dafür fordere,« sagte der Kaufmann +kopfschüttelnd. + +»Fordere,« rief der Javane, in kaum zu mäßigender Ungeduld mit dem Fuß +den Boden stampfend. + +»Gut -- hast du Lust dreitausend Gulden an den Stahl zu wenden?« frug +jetzt der Amerikaner, und der Capitain wandte sich von ihm ab, denn er +schämte sich selber der rasenden Forderung. Der Javane aber knirschte +die Zähne zusammen und sagte finster: + +»Dreitausend Gulden für das Messer? -- du träumst, Weißer, aber ich gebe +dir tausend, und du hast den zwanzigfachen Werth.« + +»Ah bah,« lachte der Kaufmann, »ob ich die habe oder nicht, die machen +mich nicht reich noch arm, und ich sehe schon, du hast keine Lust zum +Handel, so _tabee_ --« und sich abdrehend von ihm, ergriff er wieder den +Arm des Seemanns und schritt mit diesem langsam die Straße hinauf. + +»Und sie wollen die tausend Gulden nicht nehmen?« frug ihn dieser, jetzt +wirklich zum Äußersten erstaunt, »Wetter noch einmal, in fünf Minuten +siebenhundert Gulden zu verdienen --« + +»Nicht wahr das ist nicht schlecht?« lachte der Amerikaner, »wenn man +seine Zeit nur ein paar Jahr auf ähnliche Weise verwerthen könnte, ließe +sich schon ein ganz hübsches Vermögen zusammen scharren. Aber, Scherz +bei Seite, Freund, der Zufall hat uns hier einen glücklichen Streich +gespielt, und der Javane =muß= den Khris kaufen, wir mögen fordern was +wir wollen.« + +»=Muß= ihn kaufen?« frug der Capitain erstaunt, »wer soll ihn zwingen?« + +»Seine eigene Sitte,« rief der Yankee; »schon aus früherer Zeit weiß ich +ähnliche Beispiele, und es giebt ein altes Gesetz unter diesen Stämmen, +daß sie den Khris ihrer Vorfahren, den sie an eigenthümlichen, nur ihnen +deutlichen Zeichen in der Damascirung kennen, wenn sie ihn verlieren und +in fremden Händen wiederfinden, um =jeden= Preis wieder an sich bringen +=müssen=. Ich war selber dabei, wie ein Javane einst für eine solche +Klinge mit vollkommen werthlosem Heft zweitausend Gulden bezahlte, und +=vier=tausend gegeben haben würde, wenn er sie nicht anders bekommen +hätte. Dasselbe ist hier der Fall, und umsonst bot der Bursche +wahrhaftig nicht tausend Gulden für den Stahl. Nein, um hundert, wenn er +sich klug dabei anstellte, hätte er den Khris vielleicht kaufen können, +denn was kann man weiter damit thun, als ihn an die Wand hängen, aber +um =tausend= kauft er ihn jetzt nicht, soviel ist sicher, und an mir +soll's nicht liegen, wenn ich ihn jetzt nicht so weit hinaufschraube, +als das Gewinde reicht.« + +»Daß er Ihnen dann nur nicht abfällt,« sagte kopfschüttelnd der +Capitain, »und überdies thut mir der arme Teufel leid. Wenn der Khris +nun einmal in seine Familie gehört und sein Herz so daran hängt, weshalb +ihm den Wiedergewinn so entsetzlich, und auch ungerecht erschweren.« + +»Oh, hol' die braunen Hallunken der Teufel,« fluchte der Amerikaner, +»ich kann schon die =Farbe= nicht leiden, und das Gesindel trägt dabei +noch die Nase überhoch. Wo sie =uns= betrügen können, thun sie es auch, +und wenn wir aus ihnen den größtmöglichen Nutzen herauspressen, üben wir +nicht mehr als unser Recht der Selbstvertheidigung. Außerdem füttert und +erhält die Holländische Regierung nicht allein diese Faullenzer, sondern +zahlt ihnen auch noch rasende Gehalte, die sie doch in Schmuck, +nutzlosen Juwelen und Harems verschwenden. Es ist nicht mehr als +Christenpflicht, ihnen einen kleinen Theil derselben wieder abzunehmen.« + +»Wenn er Sie aber jetzt mit dem Gebot gehen läßt?« sagte der Capitain. + +»Da hinten kommt er schon,« lachte der Amerikaner still vor sich hin, +»dessen sind wir sicher, und bis der Khris nicht in seinen Händen ist, +verläßt der meine Spur nicht wieder.« + +Als sie die Biegung über die Brücke machten, und links wieder nach den +Waarenhäusern des Kali Besaar einbogen, konnten sie auch wirklich, ohne +den Kopf besonders nach ihm umzudrehen, den Javanen erkennen, der bis +dahin regungslos an dem Pfeiler lehnen geblieben war, als ob er die +Rückkehr der Männer erwarten wolle. Da sie aber =nicht= kamen, schien er +jetzt selber zu fürchten, daß sie ihm entgehen könnten. + +Der Amerikaner hatte auch in der That ganz recht vermuthet; der Khris, +den der Capitain so zufällig in der Auction erstanden, gehörte wirklich +der Familie jenes Javanen; die geheimnißvollen Zeichen der Damascirung +ließen diesen nicht einen Augenblick darüber in Zweifel, und er =mußte= +ihn wiederhaben. Aber wie? Hatten die gierigen, ehrgeizigen Weißen ihn +nicht Alles dessen beraubt, was er sein eigen nannte? war er nicht ein +halber Bettler und Flüchtling fast auf demselben Boden, den er früher +als Fürst beherrscht, und wußte er sich nicht dabei noch mißtrauisch +überwacht, weil die Regierung recht gut sowohl den Einfluß, den er +früher ausgeübt, wie auch den starren Sinn kannte, der sich der fremden +Herrschaft nicht gutwillig und geduldig beugen wollte? Sein Pferd, ein +wackerer Macassar-Hengst, und eine Handvoll Juwelen, die ihm sein Vater +hinterlassen, war Alles, was er noch sein nannte; aber selbst das, wenn +er es jetzt rasch verkaufen mußte, brachte ihm kaum die ganze, von dem +gierigen Weißen geforderte Summe, und was blieb ihm zuletzt übrig? -- In +finsterem Brüten folgte er den beiden Männern, die, ohne anscheinend +weiter auf ihn Acht zu geben, vor einem der Geschäftslokale stehen +geblieben waren und den Herankommenden den Rücken zukehrten. Der +Amerikaner hatte dem holländischen Capitain eben die verabredeten +dreihundert Gulden für die Waffe, für die er so viele Tausende zu +gewinnen hoffte, ausgeliefert, und besah jetzt gerade wieder lächelnd +den unscheinbaren Stahl, als der Javane zu ihm herantrat, die Hand auf +seine Schulter legte und leise sagte. + +»Ich gebe dir zweitausend Gulden für die Waffe, und einen besseren Khris +als diesen hier. Laß ihn mir. Ich habe mein Herz einmal darauf gesetzt, +und möchte ihn mein nennen, wenn es auch thöricht ist.« + +»Du bist ein wackerer Bieter,« lachte der Amerikaner, »aber =mein= Herz +hängt besonderer Weise auch daran, und wir müssen nun sehen, welches +schwerer ist, deines oder meines. Um zweitausend Gulden gebe ich ihn +nicht her, hast du vielleicht Lust =dreitausend= dagegen zu wenden?« + +Der Javane biß seine Unterlippe, daß der Eindruck der scharfen Zähne +darin zurückblieb; er fühlte, daß der Fremde die Beweggründe kannte, die +ihn trieben, =wußte=, daß er entschlossen sei seinen Vortheil zu wahren, +und zögerte dennoch mit dem Gebot, daß ihn zum Bettler machen mußte. +Aber es blieb ihm keine andere Wahl; der heilige Khris war eines +=Fremden= Eigenthum, und die Geister der Verstorbenen hätten den Frevel +gerächt, wenn er die Waffe in jenes Händen ließ. + +»Gut,« sagte er endlich, während ein schwerer Seufzer sich seiner Brust +entrang, »sei hier an dieser Stelle eine Stunde vor Sonnenuntergang, ich +bringe dir das Geld; und seinen Sarong fester um sich herziehend, und +ohne sich weiter nach den Männern umzusehen, schritt er die Straße rasch +zurück.« + +Um die Lippen des Amerikaners zuckte ein triumphirendes Lächeln, der +holländische Capitain aber theilte seine Gefühle nicht und sagte ernst: + +»Sie sind zu weit gegangen, Goodwin; dem armen Teufel wird es blutsauer +werden, das Geld aufzubringen, und hätt' ich =das= vorher gewußt, würd' +ich es nicht geduldet haben.« + +»Das kann ich mir denken,« lachte der Kaufmann, »es thut Ihnen jetzt +leid, daß Sie mir nicht geglaubt, und fürchteten, er liefe Ihnen mit dem +Dreihundert-Gulden-Gebot davon. Hatt' ich Ihnen nicht vorher gesagt, daß +er so viele =Tausende= dafür geben würde?« + +»Er bezahlt das Messer theuer genug damit,« sagte der Holländer. + +»Und bekommt es noch nicht einmal dafür,« rief der Amerikaner lachend. + +»Bekommt es nicht dafür?« + +»Nein; er muß und wird mehr geben; hol's der Teufel, ich habe den +Burschen jetzt einmal in Händen, und will ihn pressen, so lange noch ein +Gulden aus ihm herauszubringen ist. Solche Gelegenheit kommt mir sobald +nicht wieder, und wer sie nicht benutzte, wäre ein Thor.« + +»Lieber Goodwin,« sagte der Holländer ernst, »ich verdiene auch gern +Geld, und brauche es vielleicht so nöthig, wie jeder Andere, aber -- auf +solche Weise --!« + +»Bah,« rief der Amerikaner, sich von dem Holländer abwendend; »=Sie= +haben mehr als _200_ Procent für den Khris genommen, =ich= gehe in die +Tausende; der einzige Unterschied liegt in der Summe, und moralische +Bedenklichkeiten wären Unsinn. Aber das ist Nebensache und abgemacht; +=wann= gehen Sie an Bord, daß ich Ihnen noch das Nöthige besorgen kann?« + +»Heute Abend vor Sonnenuntergang,« erwiderte der Holländer, »soeben habe +ich die Nachricht bekommen, daß die letzte Praue draußen löscht und das +Wasser an Bord gekommen ist. Meine Papiere sind sämmtlich in Ordnung, +also hindert mich Nichts, mit dem Landwind morgen früh unter Segel zu +gehen.« + +»Apropos, Sie wollten mir ja noch eins von den Schachspielen verkaufen, +die Sie von China mitgebracht haben,« sagte der Amerikaner. + +»Es steht Ihnen gern zu Diensten, aber ich habe keins an Land.« + +»Gut, dann begleite ich Sie heute Abend an Bord und hole es selber; und +nun auf Wiedersehen, denn ich habe noch Manches zu besorgen.« + +Die beiden Männer trennten sich hier, ihren verschiedenen +Beschäftigungen nachzugehen, und wir wollen indessen dem Javanen folgen, +der, nur das eine Ziel vor Augen, in wilder Hast zurück in seine Wohnung +eilte, sein Pferd, seine Juwelen zu verkaufen, um zur rechten Zeit an +dem bezeichneten Platz zu sein. + +Käufer fand er allerdings dafür; der schlaue Chinese ist stets bereit, +einen vortheilhaften Handel einzugehen, und Geld auf Waaren als Pfand +vorzuschießen, oder auch diese selber anzukaufen, wenn er den sicheren +Gewinn voraussehen kann. Aber die zähen Gesellen wollten die Juwelen +nicht nach ihrem Werth, nur nach dem Drängen des Augenblicks bezahlen, +und der Javane, dem es schon überdies die Seele zerschnitt, um den +Nachlaß seines Vaters mit gierigen Mäklern zu feilschen, mußte von Einem +derselben zum Andern laufen, die von dem Amerikaner geforderte Summe +endlich zusammenzubringen. + +Als die Sonne noch eine Stunde hoch am Firmamente stand, eilte er mit +dem Rest seines Vermögens, zu Fuß und mit triefender Stirne, dem +bestimmten Platz an Kali Besaar zu, und fand den Amerikaner dort schon +seiner wartend, dicht am Flusse stehen. + +»Hast du den Khris?« frug der Häuptling leise, als er zu ihm trat, und +die Rolle mit Holländischen Banknoten aus seinem Gürtel nahm. + +»Ah, _tabeé_, mein brauner Freund,« lachte der Amerikaner, als er seiner +ansichtig wurde, »bist du wieder da? ein Paar Minuten später, und du +hättest mich nicht mehr getroffen.« + +»Hast du den Khris?« sagte der Javane, ohne den Gruß weiter zu +erwidern. + +»Den Khris? -- allerdings, hier ist er, mein brauner Tuwan.« + +»Und hier ist dein Geld dafür -- gieb mir die Waffe,« sagte der Javane, +ihm mit der linken Hand die Banknoten reichend und die rechte nach dem +Messer ausstreckend. + +»Halt, nicht so schnell,« entgegnete ihm aber ruhig der Kaufmann, »wie +viel hast du in dem Bananenblatt da eingewickelt?« + +»Was du verlangt hast -- dreitausend Gulden,« sagte der Eingeborene, mit +finster zusammengezogenen Brauen, »es ist mir schwer genug geworden, es +zu schaffen.« + +»Möglich,« lachte der Amerikaner, »aber für =dreitausend= Gulden gebe +ich den Khris nicht her.« + +»Hast du ihn mir nicht um den Preis verkauft?« rief der Javane, mit +zornfunkelnden Augen emporfahrend, während die Rechte fast unwillkürlich +nach dem Griff der eigenen Waffe fuhr, die er im Gürtel trug. + +»Nur ruhig, Freund,« entgegnete ihm aber mit einem verächtlichen Lächeln +über die drohende Bewegung der kaltblütige Yankee, »ich habe dich bloß +gefragt, =ob du Lust hättest, dreitausend Gulden an den Stahl zu +wenden=, dir aber nicht gesagt, mit keinem Worte, daß ich ihn dafür +lassen würde -- Giebst du aber =vier=tausend, soll er dein sein.« + +»=Vier=tausend,« rief der Javane, die Zähne zusammenknirschend, »was ich +an mir trage, ist mein ganzes Vermögen, ich habe nicht tausend Deute +mehr, sie zuzulegen.« + +»Das thut mir leid,« sagte der Amerikaner achselzuckend, »dann fürcht' +ich, werd' ich den Khris behalten müssen.« + +»Der Khris ist =mein=!« zischte da der Javane zwischen den +zusammengebissenen Zähnen durch, »du =darfst= ihn mir nicht +vorenthalten. Hier ist dein Geld, es ist mein Alles, und ich gönne es +dir, verdank' ich dir dann doch die Waffe meiner Ahnen, aber -- weigere +mir sie nicht.« + +»Hm, ich dachte, du wolltest ihn nur für einen =Freund= haben,« lachte +der Yankee, »hätte ich das gewußt, wär' er mir nicht einmal um +=vier=tausend feil; aber ein Mann ein Wort, und schaffst du mir =die= +Summe, magst du ihn haben, unter dem aber um keinen Deut.« + +»Gib mir den Khris und nimm dein Geld,« drängte der Eingeborene, »ich +=kann= dir, bei Allah, nicht mehr geben; treibe mich nicht zum +Äußersten.« + +»Wo du die =Drei=tausend aufgetrieben hast,« spottete der Amerikaner, +»wird dir auch wohl noch ein viertes zu Gebote stehen. Es ist mein +letztes Wort, und jetzt laß mich zufrieden, denn ich muß an Bord eines +der Schiffe auf der Rhede fahren. Wenn du das Geld zusammen hast, so +komm' morgen früh in das Amsterdam-Hotel.« + +»Und du verweigerst mir ihn für dreitausend Gulden,« frug der Javane mit +leiser, von innerem Grimm fast erstickter Stimme; der Amerikaner aber, +der an der ganzen Aufregung des Mannes wohl sah, daß er sein Spiel +gewonnen habe, antwortete ihm gar nicht darauf, sondern schritt, sich +von ihm abwendend, langsam am Ufer des Flusses nieder. -- Er hätte +vielleicht besser gethan, ihm den Dolch zu geben. + +Etwas weiter unten stand sein Cabriolet, der braune Kutscher mit dem +runden, backschüsselförmigen, vergoldeten Hut hatte ihn kommen sehen, +und fuhr mitten in die Straße; Goodwin stieg langsam ein und einen +flüchtigen Blick zurückwerfend, suchte sein Auge die Gestalt des eben +verlassenen Eingeborenen. Dieser aber war nirgends mehr zu sehen und der +Yankee, dem Kutscher in ein paar Malayischen Worten das Steueramt am +Kali Besaar als Bestimmungsort nennend, lehnte sich nachlässig in dem +kleinen Fuhrwerk zurück, still vor sich hinlächelnd über den +vortheilhaften Handel. + +Als sie den Ort erreichten, an dem sämmtliche Boote anlegen müssen, die +den schmalen, zum Hafen führenden Canal passiren, ob sie nun ein- oder +auswärts gehen, war die Jölle des Holländischen Capitains noch nicht +gekommen, und der Yankee ging eine ziemlich lange Weile mit wachsender +Ungeduld am Strande auf und ab. + +Den Canal herunter kam eine kleine Praue von vier Malayen gerudert. Ein +fünfter lag lang ausgestreckt und in einen schmutzigen alten Sarong +gehüllt, im Spiegel des schlanken Fahrzeugs. Die Praue glitt dicht und +langsam am Steindamm des Steueramts hin, dem dort postirten Beamten -- +einem Liplap -- zu zeigen, daß sie nichts einer Abgabe Unterliegendes im +Boote hätten. In der That war sie auch vollkommen leer, und nur ein Paar +Fruchtbündel Bananen oder Pisang, ein Dutzend Cocosnüsse und ein Paar +Körbe mit Reis und anderen Früchten lagen im Vordertheil derselben. Ein +weiteres Anhalten war deshalb nicht nöthig und das Fahrzeug trieb +langsam vorbei. + +»Nun, kann der faule Bursche da hinten nicht aufsitzen, wenn er die +Steuer passirt?« rief der Liplap mürrisch. + +»Ist krank,« sagte der eine Malaye, während er sein Ruder einsetzte, und +gleich darauf schoß das scharf gebaute Boot, die Strömung der Ebbe +wieder erreichend, rasch das enge Fahrwasser hinab. + +Der Amerikaner hatte die Leute halten sehen, aber nicht weiter auf sie +geachtet, denn das schon ungeduldig erwartete Boot kam endlich den Canal +nieder, hielt einige Sekunden an dem Steinwerft, wo es den Yankee an +Bord nahm und passirte dann, da der Capitain nur Hühner, Früchte und +einige andere Sachen zur Verproviantirung seines Schiffes bei sich +führte, unbehindert nach außen. + +Auf der Rhede überholten sie die Praue mit den fünf Malayen -- der eine +Bursche lag noch immer auf seiner Bank ausgestreckt, und die übrigen +Ruderer schienen es auch nicht besonders eilig zu haben, denn sie +trieben mit der ausgehenden Strömung langsam zwischen die dort vor Anker +liegenden Schiffe hinein. + +Die Sonne war indessen untergegangen und Goodwin blieb mehrere Stunden +an Bord des Holländers, theils die bald eintretende Fluth, theils den +Aufgang des Mondes abzuwarten, der Capitain frug ihn einmal nach seinem +Handel mit dem Javanen, der Amerikaner aber gab eine ausweichende +Antwort, besorgte, was er noch an Bord zu besorgen hatte, und verließ +dann mit den Malayischen Bootsleuten, die jedes Europäische Fahrzeug für +die Dauer seines Aufenthalts auf der Rhede von Batavia miethet, das +Schiff, an Land zurückzukehren. + +Ein aufsteigendes Gewitter schickte eben eine frische Brise vom Ufer +herüber, und die Malayen mußten zu den Rudern greifen, dieser +entgegenzuarbeiten; die See war aber noch vollkommen ruhig, und der Mond +schien hell und klar auf die leicht gekräuselte, blitzende Fluth. + +Die Lastprauen, die über Tag den Schiffen ihre Ladung zuführen, waren +schon sämmtlich in den Canal zurückgekehrt; nur hie und da glitt noch +ein einzelnes verspätetes Boot, eigentlich gegen das Gesetz, und dann +und wann von dem Wachtschiff angerufen, durch die dort ankernden +gewaltigen Fahrzeuge, und der regelmäßige Schlag der Ruder klang weit +hin durch die Nacht. -- Ihnen gerade entgegen kam jetzt ein solches und +der Amerikaner, der hinten am Ruder saß, sah es plötzlich so dicht vor +sich auftauchen, daß er kaum Zeit behielt, den Bug seines eigenen Bootes +herumzuwerfen, um nicht mit dem des fremden zusammenzurennen. + +»Holla, da vorn, zum Teufel, weshalb paßt ihr nicht auf!« rief er auf +Englisch ärgerlich den Begegnenden zu. Das fremde Boot veränderte +seinen Cours aber nicht um eines Haares Breite, ja, folgte eher noch +etwas der abweichenden Bewegung des anderen, dessen Planken es jetzt +berührte und scheuerte. Die Malayen behielten in der That kaum Zeit, +ihre Ruder aus den Dollen zu werfen und in Sicherheit zu bringen. + +»_Tabée Tuwan_[45]!« rief dabei zu gleicher Zeit eine trotzige Stimme, +die des Amerikaners Blut zu Eis erstarren machte, und eine dunkle +Gestalt sprang, während zwei der fremden Bootsleute ihr folgten, und die +beiden Fahrzeuge fest zusammenhielten, mit wildem Satz auf den +Amerikaner zu. + +»Hülfe! Mörder -- Räuber!« schrie dieser und riß den Khris, den er in +seiner Tasche trug, heraus, sich gegen den auf ihn einspringenden Feind +zu vertheidigen. Ehe er aber den Stahl aus der hölzernen Scheide bringen +konnte, hatte des Javanen schmächtige doch elastische Gestalt sich über +ihn geworfen und den Khris gefaßt. + +»Hülfe, Mörder!« tönte wieder der gellende Ruf des Überfallenen, der +jetzt in wilder Wuth sich von dem Griff des Feindes zu befreien suchte, +und mit der rechten Faust wohl gut gemeinte, aber erfolglose Stöße nach +dessen Kopf führte. + +»Meinen Khris will ich,« knirschte der Javane dabei zwischen den +zusammengebissenen Zähnen durch, »gieb meinen Khris, oder du bist ein +Kind des Todes.« + +»Verdammte braune Bestie, eher mein Leben!« schrie der Yankee, jetzt zu +wilder Wuth entflammt, »warte Hallunke, =das= zahlst du mir theuer. +Hierher, Malayen, helft mir den Schurken binden.« + +Auf den benachbarten Schiffen, die den Lärm und das Hülferufen gehört, +wurde es laut, und das Knarren der Blöcke auf dem nächsten verrieth dem +geübten Ohr des Eingeborenen, wie ein Boot niedergelassen wurde. Auch +aus der Gegend, wo das Wachtschiff lag, tönten rasche Ruderschläge +herüber, die das Ohr des Amerikaners ebenfalls trafen. + +»Zu Hülfe hierher -- hurrah meine Bursche, ich halte die Canaille!« +schrie dieser jubelnd auf, »hierher, ohoy.« + +»So hab' deinen Willen!« zischte es in des Amerikaners Ohren, und ein +gellender Angstschrei antwortete der schlangenähnlichen Bewegung des +Javanen, der sich im nächsten Augenblicke aus den Armen des Weißen wand, +und zurück in sein eigenes Fahrzeug sprang. + +»Her zu mir!« rief er dabei seiner Bootsmannschaft zu, »und nun fort!« +und blitzschnell folgten die braunen gewandten Gestalten dem Befehl, +während des Amerikaners Malayen starr und entsetzt zurückblieben, und +kein Glied zur Vertheidigung des angegriffenen Weißen zu rühren wagten. + +»Halt dort -- was für ein Boot ist das?« rief da eine tiefe Stimme über +das Wasser, und die rasch eingesetzten und wieder gehobenen Ruder +blitzten im Mondenlicht. + +»Segel auf!« rief der Javane dagegen seinen Leuten zu, denen er jetzt +selber ganz kaltblütig half, das Mattensegel zu setzen. Kaum aber hob +sich dies mit seiner breiten Fläche über Deck, als es der immer schärfer +einsetzende Wind auch schon faßte, und das schlanke Boot vor sich +hintrieb. + +»Halt da, sag' ich!« schrie die näher und näher kommende Stimme in +malayischer Sprache, während von der andern Seite ebenfalls ein Boot +herüber schoß, »euer Segel nieder, oder ich gebe Feuer.« + +»Feuert!« lachte der Javane trotzig zurück, »feuert so viel ihr mögt!« +und das Steuer ergreifend, lenkte er den scharf gebauten Bug des kleinen +Fahrzeugs gerade vor den Wind, daß das riesige Segel weit ausblähte und +die Fluth vorn wild und schäumend emporspritzte. + +Drei, vier Schüsse fielen jetzt hinter ihm her, aber sie erreichten das +Boot nicht. Trotzdem gab das Wachtboot die Verfolgung nicht auf, sondern +setzte jetzt ebenfalls ein Segel, den frischen Wind zu benutzen. Der +commandirende Officier rief indessen dem zweiten herbeieilenden Boote, +das von einem englischen Kriegsschiffe abgeschickt worden, zu, das +andere, auf dem Wasser treibende Fahrzeug anzulaufen und zu untersuchen. +-- Es war das Boot des Amerikaners, in dem die Malayen noch nicht wieder +zu den Rudern gegriffen hatten, denn sie waren um die =Leiche= des +weißen Mannes beschäftigt. Hülfe konnten sie ihm freilich nicht mehr +bringen; der scharfe Khris hatte sein Herz mit furchtbarer Sicherheit +getroffen. + +Über die See schäumte indessen, des Verfolgers spottend, die flüchtige +Praue des Javanen den »tausend Inseln« zu, in deren Bereich sich das +Wachtboot nicht einmal allein hineinwagen durfte, und wo auch weitere +Verfolgung zwischen den vielen kleinen Inseln nutzlos gewesen wäre. Nach +zweistündigem Rennen mußte es die Jagd aufgeben und kehrte langsam und +unverrichteter Sache zu seinem Stationsschiff auf der Rhede zurück. + +Fußnoten: + +[41] Ein eigenthümlich geformter Javanischer Dolch. + +[42] Ein kleines Bergwasser, das eingedämmt durch Batavia fließt und von +den Eingeborenen Kali Besaar, der große Strom, genannt wird. + +[43] Mischling der Europäischen mit der indischen Race. + +[44] Eine gewöhnliche unter den Holländern gebräuchliche gemüthliche +Anrede zwischen vertrauten Bekannten. + +[45] Ich grüße euch, Herr! + + + + + * * * * * + + + + +Liste der Korrekturen: + + +Der Wallfischfänger + + sein Schiff voll Öl bekommen wollte + sein Schiff voll Öl bekommen wollte. + + Überdem war sie schon mit dem jungen Häuptling eines Nachbarstammes + versprochen + Überdem war sie schon dem jungen Häuptling eines Nachbarstammes + versprochen + + er sah sich dadurch bald in den Besitz + er sah sich dadurch bald in dem Besitz + + nnd Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten. + und Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten. + + so bedenklich schüttelten die Offiziere + so bedenklich schüttelten die Officiere + + mit zu Hause durfte er sie natürlich nicht nehmen. + mit nach Hause durfte er sie natürlich nicht nehmen. + + dichtgesteckte Brodfruchtbäume + dichtgesteckte Brotfruchtbäume + + Gasperlen + Glasperlen + + soll Brodfrucht und Cocosnüsse, Bananen und Turo + soll Brotfrucht und Cocosnüsse, Bananen und Taro + + ist Tai manavachis ohana. + ist Tai manavachis Ohana. + + eines nach dem andern + eines nach dem Andern + + Und wollen die Pagalangis selber ihr Holz schlagen?« + Und wollen die Papalangis selber ihr Holz schlagen?« + + Orangen ansgesogen + Orangen ausgesogen + + auf einem Brodtfrucht- oder Cocosnußbaum + auf einem Brotfrucht- oder Cocosnußbaum + + Brodfrucht und Schweinefleisch rösteten + Brotfrucht und Schweinefleisch rösteten + + die Luci Walker droben noch drei volle Jahreszeiten + die Lucy Walker droben noch drei volle Jahreszeiten + + tollköpfigen Pagalangi gegelacht + tollköpfigen Pagalangi gelacht + + Hierher kam Hua jeden Abend mit mehren ihrer Gespielinnen + Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen + + zwei junge Bursche + zwei junge Burschen + + das die Segel setzende Schiff der Pagalangis + das die Segel setzende Schiff der Papalangis + + daß sie eine Bö auszuarten drohte + daß sie in eine Bö auszuarten drohte + + rasch ihr Abendbrod einzunehmen + rasch ihr Abendbrot einzunehmen + + den Offizier über die Wichtigkeit der Einrede + den Officier über die Wichtigkeit der Einrede + + frug der Harpurnier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton + frug der Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton + + entgegnete der Capitän eintönig + entgegnete der Capitain eintönig + + Capitän Silwitch sprang jetzt selber + Capitain Silwitch sprang jetzt selber + + der wir hier mit jeder Secunde Zögern ausgesetzt sind + der wir hier mit jeder Secunde zögern ausgesetzt sind + + angeschlossener Eber + angeschossener Eber + + werft einen Theil der Landung über Bord + werft einen Theil der Ladung über Bord + + vor der Nähe Feindes + vor der Nähe des Feindes + + +Die Bootsmannschaft + + der höhnende Jubelruf der Jonga-Insulaner antwortete + der höhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete + + ein Schiff anträfen, daß sie aufnehmen könnte. + ein Schiff anträfen, das sie aufnehmen könnte. + + um ihre Canoe zu erleichtern + um ihr Canoe zu erleichtern + + der wie ein Weheruf über die Flut schallte + der wie ein Weheruf über die Fluth schallte + + Das ist dem zweiten Haarpunier seine Sache! + Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache! + + Auslandziehen + Aufslandziehen + + jeden Morgen brachten ihn ein paar Eingeborene + jeden Morgen brachten ihnen ein paar Eingeborene + + Was ist An-ga? + Was ist Ang-a? + + hinaus aus der seichten Flut + hinaus aus der seichten Fluth + + die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet werde. + die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet wurde. + + auf die Erde spukte -- + auf die Erde spuckte -- + + »Du, Jonas hast dem Zimmermann + »Du, Jonas, hast dem Zimmermann + + gegen die Hagai-Leute + gegen die Hapai-Leute + + sieben Hagai-Krieger + sieben Hapai-Krieger + + von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Donglas! + von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Douglas! + + +Der Schooner + + neben ihn angekommen + neben ihm angekommen + + nach Hagai hinüberfahren + nach Hapai hinüberfahren + + noch schlimmer angekommen, als wir. + noch schlimmer angekommen als wir. + + einen scharfen, eigentümlichen Schrei + einen scharfen, eigenthümlichen Schrei + + endlich sagt er: + endlich sagte er: + + fast dann den Alten + fasst dann den Alten + + als zwei der Frauen sich plötzlich und rüsichtslos auf Legs warfen + als zwei der Frauen sich plötzlich und rücksichtslos auf Legs warfen + + +Der Balinese + + die Arecapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten + die Arekapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten + + »Glenteck!« hauchte sie dabei, + »Glentek!« hauchte sie dabei, + + am Anker stehenden Offizier + am Anker stehenden Officier + + Auch die Frau des Capitains war anfgesprungen, + Auch die Frau des Capitains war aufgesprungen, + + während sie flehend die Arme zu ihm aufstreckte + während sie flehend die Arme zu ihm ausstreckte + + verb nnte + verbannte + + Handels- und Schutz und Trutz-Vertrag + Handels- und Schutz- und Trutz-Vertrag + + Einem eigentümlichen Aberglauben nach + Einem eigenthümlichen Aberglauben nach + + +Der Menschentiger + + In den Preauger Regentschaften auf Java + In den Preanger Regentschaften auf Java + + der furchtbare Schanghai. + der furchtbare Schang-hai. + + Schanghai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl + Schang-hai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl + + um von dort aus dem Kompang Tji-dasang zu erreichen. + um von dort aus den Kampong Tji-dasang zu erreichen. + + sein Leben zu retten, gegeben, den Kompang. + sein Leben zu retten, gegeben, den Kampong. + + +Der Khris + + keine Muskel seines Gesichts verrieh mehr + kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr + + den sie an eigentümlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen + den sie an eigenthümlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen + + Um zweitausend Gulden gebe ich ihn her + Um zweitausend Gulden gebe ich ihn nicht her + + und sagte erst: + und sagte ernst: + + Der commandirende Offizier + Der commandirende Officier + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INSELWELT. ERSTER BAND*** + + +******* This file should be named 35651-8.txt or 35651-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/6/5/35651 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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