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Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkung zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen. + ] + + + + + KARL HEINRICH ULRICHS + + MANOR + + Nachdruck der 1914 als Wegwalt-Druck Nr. 3 + erschienenen Ausgabe für Freunde des + Verlags rosa Winkel aus Anlaß + des 100. Todestages von + Karl Heinrich Ulrichs + und des 20jährigen + Bestehens des + Verlags rosa + Winkel + Berlin + 1995 + + + + +Die vorliegende kleine Novelle »Manor« von K. H. Ulrichs wurde als +Wegwalt-Druck Nr. 3 Ende Januar 1914 in 1200 Exemplaren ausgegeben. +Davon wurden 200 Exemplare als Vorzugsausgabe auf Japan-Papier gedruckt +und im Interesse der Bücherliebhaber handschriftlich numeriert. Die +Herstellung geschah in der Kunstdruckerei Emil Nagel Nachf. zu Berlin +SW 68, Lindenstr. 105. * Den Verlag besorgte die WEGWALT-WERKSTATT +WILHELMSHAGEN + + + + +Mitten im nördlichen Ocean liegt eine Gruppe von 35 Inseln, einsam und +verlassen, gleich fern von Schottland, Island und Norwegen, die Faröer +genannt; öde, felsig, wolkenumschleiert, durchtönt vom schwermutsvollen +Geschrei flatternder Möwen und Kieren, umrauscht von brandenden Wogen, +fast stets in Nebel gehüllt. Im Sommer Bergesgipfel, 1800 und 2000 Fuß +über dem Meere; rauhe Felsen; düstere Schluchten; Tannenurwälder; +tausende von Quellen, die sich oft aus großer Höhe tosend und schäumend +hinabstürzen von Block zu Block. Die Ufer tiefeingeschnitten von Buchten +und Fjorden; fast überall unnahbar von hohen Felsen umsäumt. Das Meer +klippenvoll ringsum; hie und da gänzlich verrammelt; beunruhigt von +Wasserwirbeln; von wilden Strömungen durchwogt. Nur 17 sind bewohnt. +Strömö und Wagö trennt nur ein schmaler Sund; durchschwimmbar; freilich +gehört ein kühner Schwimmer dazu. Mancher Ortsname erinnert an die Zeit, +da auf den Färöern noch keine Kirchen standen und der alte Glaube noch +nicht vertrieben war, z. B. Thorshavn an der Küste von Strömö, d. i. +Strominsel. + +In jenen Tagen ruderte von Strömö ein Fischer mit seinem 15jährigen +Sohne ins offene Meer hinaus. Es erhob sich ein Sturm; das Boot schlug +um; in den Klippen von Wagö warf es den Sohn. Das sah auf Wagö ein +junger Schiffer. Sprang in die Wellen, schwamm zwischen die Klippen, +ergriff den treibenden Körper, zog ihn ans Land. Setzte sich mit ihm auf +einen Block; hegte den Halberstarrten auf seinen Knieen in den Armen. Da +schlug dieser die Augen auf. + +Schiffer: »Wie heißt Du?« + +Knabe: »Har; ich bin von Strömö«. + +Ruderte ihn über den Sund nach Strömö zurück; brachte ihn zu Lära, +seiner Mutter. Dankbar umschlang beim Abschied der Knabe den Hals seines +Retters. Der Vater ward als Leiche von den Wellen ans Land gespült. Der +Schiffer hieß Manor. War elternlos, vier Jahre älter als Har. Hatte ihn +lieb gewonnen. Sehnte sich, ihn wiederzusehen. Ruderte nun bisweilen +hinüber nach Strömö, oder durchschwamm die lauwarmen Wellen, da der +Sommer kam, abends wenns Tagewerk vollbracht. Har ging ans Ufer, erklomm +eine Klippe, schwenkte sein Tuch, wenn er von weitem Manors Nachen +kommen sah. Blieben dann beisammen ein oder zwei Stunden lang. Ruderten +hinaus bei ruhiger See und sangen Matrosenlieder. Oder entkleideten +sich, tauchten in die Wellen, schwammen zur nahen Sandbank, die +gegenüber lag; und die Robben entflohen, die dort auf dem Sande sich +sonnten. Oder gingen in den dunkelgrünen Wald hoher Tannen, deren +rauschende Wipfel die Sprache Tors verkündeten, oder setzten sich unter +die Zweige einer alten Buche auf einen Stein. Plauderten; machten Pläne. +Kommt einmal ein Schiff, das auf den Walfischfang segle, dann wollten +sie beide mit. Und saßen sie so auf dem Stein, dann legte Manor seinen +Arm um Hars Schultern und nannte ihn: »Min Jong«; und dem Knaben war +nicht wohler, als wenn Manor ihn so umschlungen hielt. War es schon +spät, wenn er kam, dann ging er leise bis an den Fliederbusch, der Hars +Fenster beschattete, und klopfte an die Scheiben. Har erwachte und stahl +sich zu ihm hinaus. Fühlte sich so glücklich, konnte er bei Manor sein. + + + + +II. + + +Da kam ein dänischer Dreimaster, ankerte in Wagö's sicherer Bucht, +suchte Matrosen für eine Fahrt von zwei Monaten zum Walfischfang. Manor +ging an Bord. Den schlankgewachsnen jugendfrischen Burschen nahm der +Kapitän sogleich an. Har wollte mit als Schiffsjunge. Lära aber sagte +jammernd: »Bist mein einzig Kind! Deinen Vater verschlang mir die See. +Du willst mich verlassen?« Har blieb. Manor ging. Das Schiff lichtete +die Anker. + +Zwei Monate waren verflossen. Es ward schon wieder winterlich. Har +bestieg die Klippe, schaute in die Ferne, sah eines Morgens das Schiff +kommen, schwenkte freudig das Tuch. Doch es war stürmisch; die Brandung +ging hoch. Es steuerte auf die Bucht von Wagö zu. Konnte Wagö nicht +erreichen, ward verschlagen in die gefährlichen Riffe von Strömö, +strandete vor Hars Augen. Er sah, wie die Schiffbrüchigen mit den Wellen +kämpften. Erblickte einen unter ihnen, der mit kräftigem Arm eine Planke +ergriff, im nächsten Augenblick aber samt Planke in den Strudel der +Brandung hinabgeschlürft ward. Er kannte ihn. Es war Manor. + +Viel Leichen trieb die Flut ans Land. Man breitete Stroh auf den Strand, +legte sie darauf, Leiche an Leiche. Har half mit, musterte die +niedergelegten. Da brachte man auch Manors Leiche, legte sie auf das +Stroh. Lag nun vor ihm da mit nassem Haar, aus dem Seewasser emportroff, +geschlossenen Augen, kalt, mit erblaßten Lippen und bleichen Wangen, aus +denen das Blut gewichen, schlank von Gestalt, im Tode noch schön +anzuschaun. »So also, Manor, muß ich dich wiedersehen!« rief er aus, +warf sich schluchzend über den geliebten Körper und kostete noch einen +Augenblick die Wonne der Umarmung. + +Man brachte die Leichen über den Sund; begrub sie noch an demselben Tage +in den Sanddünen von Wagö. + + + + +III. + + +Am Abend saß Har in der Hütte düster und stumm. Lära wollte ihn trösten. +Er aber wollte keinen Trost; er fluchte den Göttern. Ging zu Bett. +Konnte nicht einschlafen. Gegen Mitternacht verfiel er in Halbschlummer. + +Da weckte ihn ein Geräusch. Er schaute auf. Es war draußen am Fenster. +Die Zweige des Fliederstrauchs knickten sich und es raschelte in seinen +trocknen Blättern. Das Fenster ward geöffnet; eine Gestalt stieg herein. +Ha! Er kannte die Gestalt! Trotz der Dunkelheit hatte er sie sogleich +erkannt! Langsamen Schritts kam sie heran; legte sich zu ihm ins Bett; +er zitterte; aber er wehrte ihr nicht. Streichelte ihm die Wangen, aber +mit kalter Hand, o! so kalt, so kalt! Ihn durchschauerte Fieberfrost. +Küßte den warmen schwellenden Knabenmund mit eiskalten Lippen. Er fühlte +des Küssenden nasses Gewand; nasses Haar hing auf die Stirn ihm herab. +Ihn durchfuhr ein Grauen. Aber es war mit Wonne gemischt. Die Gestalt +seufzte. Ihm klang's, als wolle sie sagen: + +»Mich trieb die Sehnsucht her zu Dir! Ich finde nicht Ruhe im Grab!« + +Er wagte nicht zu sprechen. Zu atmen wagte er kaum. Und schon erhob sich +die Gestalt. Seufzte als wollte sie sagen: + +»Nun muß ich wieder zurück!« Erstieg die Fensterbank; entfernte sich wie +sie gekommen. + +»Manor ist dagewesen«, sagte Har leise vor sich hin. + +In derselben Nacht war ein Fischer von Strömö draußen im Sund mit seinem +Boot. Es leuchtete die See. Von seinem Ruder troffen schimmernde Funken +herab. Da, kurz vor Mitternacht, hörte er seltsames Rauschen. Sah, wie +etwas hindurchschoß durch die leuchtenden Wellen, etwas, dessen Gestalt +er nicht unterschied, mit der Geschwindigkeit eines großen Fisches, in +der Richtung auf Strömö. Ein Fisch war es nicht, so viel konnte er im +Dunkel erkennen. + +In nächster Nacht kam Manor wieder, eiskalt wie gestern, doch +verlangender. Umschlang den Knaben mit kalten Armen; küßte ihm Wange und +Mund; legte den Kopf ihm auf die weiche Brust. Har erbebte. Ihm fing das +Herz zu pochen an bei dieser innigen Umschlingung. Und gerade auf das +pochende Herz legte Manor den Kopf. Die Lippen suchten den sanft +schwellenden Hügel über dem Herzen, der durch das Pochen mit in Bewegung +geriet. Dort begann er zu saugen, verlangend und dürstend, wie ein +Säugling an Mutterbrust. Doch schon nach wenigen Augenblicken ließ er +nach; erhob sich; entfernte sich. Har war zu Mut, als ob ein saugendes +Tier sich an ihm vollgesogen. + +Auch in dieser Nacht hatte der Fischer wieder im Sunde zu tun. Genau um +dieselbe Stunde wie gestern kams wieder herangerauscht. Kam diesmal nah +an ihm vorüber. Im blassen Mondlicht konnte er erkennen: es war ein +schwimmender Mensch. Schwamm auf der rechten Seite liegend, wie +bisweilen Matrosen schwimmen, aber bekleidet mit einem Totenhemd. Ihn +schien der Schwimmer gar nicht zu bemerken, obgleich er das Gesicht ihm +zugekehrt hielt. + +Schwamm mit geschlossenen Augen. Der Anblick war ihm so befremdend, daß +er seine ausgespannten Netze einzog und wegruderte. + +Auch in den nächsten Nächten kam Manor wieder. Umarmte den Knaben +bisweilen im Schlaf. Denn hin und wieder überkam ihn Schlaf, bis Manor +kam. Erwachte dann in seiner Umarmung. Jedesmal suchten die Lippen die +weiche Erhöhung über dem Herzen. War es Tag geworden, so sah Har dann +und wann, wie aus der linken Brustwarze ihm noch ein schwaches Tröpflein +Blut hervorperlte. Wischte es mit dem Hemde weg. War auch wohl schon von +selbst ein Tröpflein ins Hemd gelaufen. Nur in der Vollmondnacht kam er +nicht. + +Ein Toter ist oft mächtig erfüllt von Sehnsucht nach einem oder dem +anderen unter seinen zurückgelassenen Lieben, so mächtig, daß er Nachts +das Grab verläßt und zu ihm kommt. Denn das ist alter Glaube, daß Urda +manchem um Mitternacht kurzes Halbleben zurückgibt und dann seltsame +Kräfte von jenseit des Grabes verleiht. Kommt besonders vor bei jungen +Leuten, die in der Blüte der Jahre der bittere Tod hinwegraffte. Den +Zurückkehrenden erfüllt zugleich große Blut- und Wärmebedürftigkeit. +Dann lechzt er nach dem frischen Blut der Lebenden und, wie ein +Liebender, nach Umarmungen. Aber er teilt auch große Sehnsucht mit und +bereitet dadurch oft heftige Qual. + +So auch hier. Har quälte sich den ganzen Tag und härmte sich. Mit +Ungeduld aber erwartete er die Nacht und ersehnte die wonnigen Schauer +der mitternächtigen Umarmung. + + + + +IV. + + +So mochten zwölf Tage vergangen sein. + +Lära: »Bist so bleich und so blaß. Was ist Dir, Har?« + +Er: »Nichts, Mutter.« + +Sie: »Bist so still.« + +Er seufzte. -- -- -- + +Im letzten Häuschen des Dorfes wohnte eine weise Frau, die allerlei +Geheimnisse wußte. Zu der ging die besorgte Mutter. Die weise Frau warf +Runenstäbe. + +Weise Frau: »Ihn besuchen die Toten.« + +Lära: »Die Toten?« + +Weise Frau: »Ja, des Nachts; und daran muß einer sterben, wenn dem +Besuch nicht bei Zeiten Einhalt geschieht, eh es zu spät ist.« + +Bestürzt kehrte Lära heim. + +Sie: »Ists wahr, Har, bekommst Du Totenbesuch?« + +Er blickte zu Boden. »Manor ist dagewesen,« sagte er leise und sank ihr +weinend an die Brust. + +Sie: »So mögen dir die Götter gnädig sein!« + +Er: »Die Götter? Pah! Was sollen mir jetzt noch die Götter! Als er sich +an die Planke klammerte, o weh! o weh! da war es Zeit, mir gnädig zu +sein, wenn sie es wollten. Aber erbarmungslos ließen sie ihn versinken. +Wie hab ich ihn so lieb gehabt!« -- -- + +Nun bemerkte sie auch die Blutspuren in seinem Hemde. Da ging sie zu den +Dorfältesten. Diese ruderten hinüber nach Wagö mit Mutter und Sohn, auch +die weise Frau nahmen sie mit. Zu den Wagöern sagten sie: + +»Eure Gräber schließen nicht. Einer verläßt sein Grab jede Nacht; kommt +herüber zu uns; saugt sich voll am Blut dieses Knaben.« + +Die Wagöer: »So wollen wir ihn festmachen.« + +Griffen einen tannenen Pfahl, manneslang und mehr als armesdick, den sie +mit einem Beil viereckig behieben, unten fußlang zugespitzt. Gingen zu +den Dünen; einer trug den Pfahl, ein anderer eine schwere Axt. Oeffneten +Manors Grab. Da lag er ruhig und still vor ihnen da im Totenhemd. + +Erster Wagöer: »Seht! Er liegt noch so, wie wir ihn hingelegt.« + +Weise Frau: »Weil er sich jedesmal wieder in die alte Stellung legt.« + +Zweiter Wagöer: »Sein Gesicht ist ja fast frischer als sonst.« + +Weise Frau: »Kein Wunder. Dafür ist Hars Gesicht jetzt desto blasser.« + +Har stieg hinab und warf sich nochmals über die geliebte Leiche. + +»Manor! Manor!« rief er mit angsterfüllter Stimme. »Sie wollen Dich +pfählen. Manor, erwache! Schlage die Augen auf! Dich ruft dein Har!« + +Aber er schlug die Augen nicht auf. Regungslos lag er unter Hars +Umarmung, wie vor zwölf Tagen am Strande auf dem Stroh. + +Har wollte ihn nicht loslassen. Sie rissen ihn weg. Setzten Manor die +Spitze des Pfahls auf die Brust. Aechzend wandte sich Har. Fiel der +Mutter um den Hals. An ihrer Schulter barg er sein Gesicht. + +»Mutter!« rief er aus, »warum hast du mir das getan!« + +Die flache Rückseite der Axt hörte er niederfallen auf den Pfahl und den +Pfahl stöhnen. Ein schwerer Schlag; noch ein Schlag und noch ein halb +Dutzend Schläge. + +Erster Wagöer: »Nun ist er festgemacht!« + +Zweiter: »Das Wiederkommen soll er nun wohl bleiben lassen.« + +Har trugen sie halb ohnmächtig davon. »Nun wird er dich in Ruhe lassen, +mein liebes Kind!« sagte Lära, da sie wieder in ihrer Hütte waren. + +Betrübt ging er zu Bett. »Nun kommt er nicht mehr!« sagte er kummervoll +vor sich hin. War müde und matt. Friedlos aber und ruhelos wälzte er +sich auf seinem Lager. Langsam schlichen die Minuten; träg krochen die +Stunden dahin. Mitternacht kam und noch kein Schlaf hatte sich über +seine Wimpern gesenkt. + +Horch! Was ist das? Im Fliederbaum ... -- Doch nein; das war ja +unmöglich. Und doch! Wieder, wie früher, raschelte es in den Zweigen des +Baums. Das Fenster öffnete sich. Manor war wieder da. Seufzte tief auf. +Hatte eine große Wunde in der Brust, die viereckig war und ihm bis durch +den Rücken ging. Legte sich wieder zu Har, umschlang ihn und sog. Sog +verlangender denn zuvor und dürstender. + +Nebenan aber wachte diese Nacht Lära; horchte und zitterte. Früh morgens +kam sie herein und trat an Hars Bett. + +Sie: »Mein armes Kind! Er ist doch wieder dagewesen.« + +Er: »Ja, Mutter; er ist wieder bei mir gewesen.« + +Das Bett aber war befleckt mit Leichenblut, das aus der großen Wunde +hervorgeträufelt war. + + + + +V. + + +Einige Stunden später ruderte wieder ein Boot über den Sund; doch ohne +Har. Man ging wieder zu den Dünen; öffnete wieder das Grab. Der +viereckige Pfahl steckte noch in der Gruft, doch nicht mehr in Manors +Brust. Aber er lag gekrümmt neben dem Pfahl. Gestreckt zu liegen +hinderte der Pfahl. + +Weise Frau: »Er hat sich los machen können. Der Pfahl ist ja unten und +oben gleich dick.« + +Erster Wagöer: »Hat sich von unten nach oben am Pfahl in die Höhe +gewunden.« + +Zweiter: »Muß ihn aber unmenschliche Anstrengung gekostet haben.« + +Auf Rat der weisen Frau behieben sie heute einen stärkeren Pfahl, den +sie oben doppelt so dick ließen als unten, daß er aussah wie ein Nagel +mit Kopf. Zogen den alten Pfahl weg und pfählten ihn mit diesem. + +»So! Nun ist er angenagelt«, sagte der Axtmann, als er dem Pfahl den +letzten Hieb auf den Kopf gegeben. + +Zweiter Wagöer: »Mag er sich winden und drehn, von dem windet er sich +nicht los.« + +Lära kehrte zu Har zurück; erzählte was geschehn. »Nun ist es vorbei«, +sagte er zu sich selbst, da er zu Bett ging. Schlummerlos lag er da. +Mitternacht kam. Doch alles blieb still. Nichts raschelte draußen am +Fenster in den Zweigen des Fliederstrauchs. Kein Schwimmer schreckte den +Fischer mehr, der Nachts mit geschlossenen Augen des Sundes Woge +durchschnitt. + +Lära: »Nun hast du Frieden vor ihm. Er hat dich so gequält.« + +Er: »O Mutter! Mutter! Er hat mich nicht gequält!« + +Härmte sich ab in vergeblichem Sehnen. »Mutter!« sagte er, »nun ists aus +mit mir.« Zehrte ab; konnte sich nicht mehr vom Bett erheben. + +Sie: »Bist so müde und so matt, mein lieber Sohn!« + +Er: »Er zieht mich zu sich hinab.« + +Eines Morgens saß sie an seinem Bett, da er noch schlief. Ein Monat war +verflossen seit dem Schiffbruch. Es war noch früh. Sie weinte. Da schlug +er die Augen auf. + +»Mutter«, sagte er mit schwacher Stimme, »ich muß sterben.« + +Sie: »O nein, mein Kind! Du sollst so jung nicht sterben!« + +Er: »Doch, doch! Er ist wieder bei mir gewesen. Wir haben mit einander +geredet. Wir saßen auf dem Stein unter der alten Buche im Wald wie +sonst; er schlang seinen Arm wieder um meinen Hals und nannte mich »Min +Jong«. Heut Nacht will er wieder kommen und mich holen. Er hat es mir +versprochen. Ich kann es nicht aushalten ohne ihn.« + +Sie beugte sich über ihn und ihre Tränen flossen reichlich auf sein +Bett. »Mein armes Kind!« sagte sie und legte ihm ihre Hand auf die +Stirn. + +Als es Nacht ward, zündete sie eine Lampe an und wachte bei ihm am +Bette. Still lag er da; schlief nicht; schaute schweigend vor sich hin. + +Er: »Mutter!« + +Sie: »Was willst Du, mein guter Sohn?« + +Er: »Legt mich mit in sein Grab! Ja? Und zieht ihm den schrecklichen +Pfahl aus der Brust!« + +Sie versprach es ihm mit Händedruck und Kuß. + +Er: »O, bei ihm muß es sich so süß liegen im Grabe!« -- -- + +Da kam Mitternacht heran. Auf einmal verklärten sich seine Züge. Hob ein +wenig den Kopf, als horche er. Mit glänzenden Augen schaute er nach dem +Fenster und nach den Zweigen des Fliederbaums. + +»Sieh, Mutter, da kommt er!« -- -- + +Das waren seine letzten Worte. Da brachen ihm die Augen. + +Sank in die Kissen zurück und entschlief. + +Und sie taten, wie er gebeten. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Manor, by Karl Heinrich Ulrichs + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MANOR *** + +***** This file should be named 35605-8.txt or 35605-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/5/6/0/35605/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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