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diff --git a/35435-h/35435-h.htm b/35435-h/35435-h.htm new file mode 100644 index 0000000..19e2706 --- /dev/null +++ b/35435-h/35435-h.htm @@ -0,0 +1,2410 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Gehirne</title> +<!-- AUTHOR="Gottfried Benn" --> +<!-- LANGUAGE="de" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; } +h1 { text-transform:uppercase;letter-spacing: .5em;text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 5%; } +h2 { text-transform:uppercase;letter-spacing: .1em; text-align: center; margin-top: 10%; margin-bottom: 5%; page-break-before: always} +h3 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 2%; page-break-before: always} +p { margin-left: 0%; + margin-right: 0%; + margin-top: 0%; + margin-bottom: 0%; + text-align: justify; + text-indent: 4% + } +p.noindent { text-indent: 0%; } +p.right { text-indent: 0%; + text-align: right; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; + } +p.lyrics {text-align:left; + text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 8%; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; + } +p.signature {text-indent: 0%; + text-align: left; + margin-left: 20%; margin-right: 8%; + margin-top: 1%; margin-bottom: 2%; + font-size: small; + } +p.blockquote {text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; + } +p.center { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; } +p.contents { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; } +p.textbox { text-indent:0%; margin: 0% 20% 0% 20%; padding: 1% 1% 1% 1%; border: 1px solid; text-align:center;} + +p.firstwo { text-indent: 0% } +p.first { text-indent: 0% } +span.firstchar { +float:left;font-size:50px;line-height:24px;padding-top:4px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; +} + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Gehirne, by Gottfried Benn + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Gehirne + Novellen + +Author: Gottfried Benn + +Release Date: March 1, 2011 [EBook #35435] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEHIRNE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + + +<h1>Gehirne</h1> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase; letter-spacing: .5em;line-height:150%"> +Novellen<br /> +<span style="font-size:small">von</span><br /> +<span style="font-size:large">Gottfried Benn</span> +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center"><img src="images/logo.jpg" alt="Verlagslogo"/></p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase; letter-spacing: .5em; line-height: 150%"> +Leipzig<br /> +Kurt Wolff Verlag<br /> +1916 +</p> +<p> </p> + +<p class="center" style="letter-spacing: .2em;page-break-before:always;"> +Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R.<br /> +Oktober 1916 als fünfunddreißigster Band<br /> +der Bücherei »Der jüngste Tag« +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase; font-size:small"> +Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag · Leipzig +</p> + +<p> </p> + +<h2 class="chapter">Inhalt</h2> + +<p class="contents"><a href="#chapter-1">Gehirne</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-2">Die Eroberung</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-3">Die Reise</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-4">Die Insel</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-5">Der Geburtstag</a></p> + +<p> </p> +<p> </p> + +<p> +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Gehirne</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">R</span>önne, ein junger Arzt, der früher viel seziert +hatte, fuhr durch Süddeutschland dem Norden zu. +Er hatte die letzten Monate tatenlos verbracht; er +war zwei Jahre lang an einem pathologischen Institut +angestellt gewesen, das bedeutet, es waren ungefähr +zweitausend Leichen ohne Besinnen durch seine Hände +gegangen, und das hatte ihn in einer merkwürdigen und +ungeklärten Weise erschöpft. + +</p><p>Jetzt saß er auf einem Eckplatz und sah in die Fahrt: +es geht also durch Weinland, besprach er sich, ziemlich +flaches, vorbei an Scharlachfeldern, die rauchen von +Mohn. Es ist nicht allzu heiß; ein Blau flutet durch +den Himmel, feucht und aufgeweht von Ufern; an +Rosen ist jedes Haus gelehnt, und manches ganz versunken. +Ich will mir ein Buch kaufen und einen Stift; +ich will mir jetzt möglichst vieles aufschreiben, damit +nicht alles so herunterfließt. So viele Jahre lebte ich, +und alles ist versunken. Als ich anfing, blieb es bei +mir? Ich weiß es nicht mehr. + +</p><p>Dann lagen in vielen Tunneln die Augen auf dem +Sprung, das Licht wieder aufzufangen; Männer arbeiteten +im Heu, Brücken aus Holz, Brücken aus +Stein; eine Stadt und ein Wagen über Berge vor ein +Haus. + +</p><p>Veranden, Hallen und Remisen, auf der Höhe eines +Gebirges, in einen Wald gebaut — hier wollte Rönne +den Chefarzt ein paar Wochen vertreten. Das Leben +ist so allmächtig, dachte er, diese Hand wird es nicht +unterwühlen können, und sah seine Rechte an. + +</p><p>Im Gelände war niemand außer Angestellten und +Kranken; die Anstalt lag hoch; Rönne war feierlich zu +Mute; umleuchtet von seiner Einsamkeit besprach er +mit den Schwestern die dienstlichen Angelegenheiten +fern und kühl. + +</p><p>Er überließ ihnen alles zu tun: das Herumdrehen +der Hebel, das Befestigen der Lampen, den Antrieb der +Motore, mit einem Spiegel dies und jenes zu beleuchten +— es tat ihm wohl, die Wissenschaft in eine Reihe +von Handgriffen aufgelöst zu sehen, die gröberen eines +Schmiedes, die feineren eines Uhrmachers wert. Dann +nahm er selber seine Hände, führte sie über die Röntgenröhre, +verschob das Quecksilber der Quarzlampe, +erweiterte oder verengte einen Spalt, durch den Licht +auf einen Rücken fiel, schob einen Trichter in ein Ohr, +nahm Watte und ließ sie im Gehörgang liegen und vertiefte +sich in die Folgen dieser Verrichtung bei dem Inhaber +des Ohrs: wie sich Vorstellungen bildeten von +Helfer, Heilung, guter Arzt von allgemeinem Zutrauen +und Weltfreude, und wie sich die Entfernung von Flüssigkeiten +in das Seelische verwob. Dann kam ein Unfall +und er nahm ein Holzbrettchen mit Watte gepolstert, +schob es unter den verletzten Finger, wickelte +eine Stärkebinde herum und überdachte, wie dieser Finger +durch den Sprung über einen Graben oder eine +übersehene Wurzel, durch einen Übermut oder einen +Leichtsinn, kurz, in wie tiefem Zusammenhange mit dem +Lauf und dem Schicksal dieses Lebens er gebrochen +schien, während er ihn jetzt versorgen mußte wie einen +Fernen und Entlaufenen, und er horchte in die Tiefe, +wie in dem Augenblick, wo der Schmerz einsetzte, eine +fernere Stimme sich vernehmen ließe. + +</p><p>Es war in der Anstalt üblich, die Aussichtslosen unter +Verschleierung dieses Tatbestandes in ihre Familien zu +entlassen wegen der Schreibereien und des Schmutzes, +den der Tod mit sich bringt. Auf einen solchen trat +Rönne zu, besah ihn sich: die künstliche Öffnung auf +der Vorderseite, den durchgelegenen Rücken, dazwischen +etwas mürbes Fleisch; beglückwünschte ihn zu der gelungenen +Kur und sah ihm nach, wie er von dannen +trottete. Er wird nun nach Hause gehen, dachte Rönne, +die Schmerzen als eine lästige Begleiterscheinung der +Genesung empfinden, unter den Begriff der Erneuerung +treten, den Sohn anweisen, die Tochter heranbilden, +den Bürger hochhalten, die Allgemeinvorstellung des +Nachbars auf sich nehmen, bis die Nacht kommt mit +dem Blut im Hals. Wer glaubt, daß man mit Worten +lügen könne, könnte meinen, daß es hier geschähe. Aber +wenn ich mit Worten lügen könnte, wäre ich wohl nicht +hier. Überall wohin ich sehe, bedarf es eines Wortes, +um zu leben. Hätte ich doch gelogen, als ich zu diesem +sagte: Glück auf! + +</p><p>Erschüttert saß er eines Morgens vor seinem Frühstückstisch; +er fühlte so tief: der Chefarzt würde verreisen, +ein Vertreter würde kommen, in dieser Stunde +aus diesem Bette steigen und das Brötchen nehmen: +man denkt, man ißt, und das Frühstück arbeitet an +einem herum. Trotzdem verrichtete er weiter, was an +Fragen und Befehlen zu verrichten war; klopfte mit +einem Finger der rechten Hand auf einen der linken, +dann stand eine Lunge darunter; trat an Betten: guten +Morgen, was macht Ihr Leib? Aber es konnte jetzt +hin und wieder vorkommen, daß er durch die Hallen +ging, ohne jeden einzelnen ordnungsgemäß zu befragen, +sei es nach der Zahl seiner Hustenstöße, sei es nach +der Wärme seines Darms. Wenn ich durch die Liegehallen +gehe — dies beschäftigte ihn zu tief — in je zwei +Augen falle ich, werde wahrgenommen und bedacht. +Mit freundlichen und ernsten Gegenständen werde ich +verbunden, vielleicht nimmt ein Haus mich auf, in das +sie sich sehnen, vielleicht ein Stück Gerbholz, das sie +einmal schmeckten. Und ich hatte auch einmal zwei +Augen, die liefen rückwärts mit ihren Blicken; jawohl, +ich war vorhanden: fraglos und gesammelt. Wo bin +ich hingekommen? Wo bin ich? Ein kleines Flattern, +ein Verwehn. + +</p><p>Er sann nach, wann es begonnen hätte, aber er wußte +es nicht mehr: ich gehe durch eine Straße und sehe ein +Haus und erinnere mich eines Schlosses, das ähnlich +war in Florenz, aber sie streifen sich nur mit einem +Schein und sind erloschen. + +</p><p>Es schwächt mich etwas von oben. Ich habe keinen +Halt mehr hinter den Augen. Der Raum wogt so endlos; +einst floß er doch auf eine Stelle. Zerfallen ist +Rinde, die mich trug. + +</p><p>Oft, wenn er von solchen Gängen in sein Zimmer +zurückgekehrt war, drehte er seine Hände hin und her +und sah sie an. Und einmal beobachtete eine Schwester, +wie er sie beroch oder vielmehr, wie er über sie +hinging, als prüfe er ihre Luft, und wie er dann die +leicht gebeugten Handflächen, nach oben offen, an den +kleinen Fingern zusammenlegte, um sie dann einander +zu und ab zu bewegen, als bräche er eine große, weiche +Frucht auf oder als böge er etwas auseinander. Sie erzählte +es den anderen Schwestern, aber niemand wußte, +was es zu bedeuten habe. Bis es sich ereignete, daß +in der Anstalt ein größeres Tier geschlachtet wurde. +Rönne kam scheinbar zufällig herbei, als der Kopf aufgeschlagen +wurde, nahm den Inhalt in die Hände und +bog die beiden Hälften auseinander. Da durchfuhr es +die Schwester, daß dies die Bewegung gewesen sei, die +sie auf dem Gang beobachtet hatte. Aber sie wußte +keinen Zusammenhang herzustellen und vergaß es bald. + +</p><p>Rönne aber ging durch die Gärten. Es war Sommer; +Otternzungen schaukelten das Himmelsblau, die Rosen +blühten, süß geköpft. Er spürte den Drang der Erde: +bis vor seine Sohlen, und das Schwellen der Gewalten: +nicht mehr durch sein Blut. Vornehmlich aber ging er +Wege, die im Schatten lagen und solche mit vielen Bänken; +häufig mußte er ruhen vor der Hemmungslosigkeit +des Lichtes, und preisgegeben fühlte er sich einem +atemlosen Himmel. + +</p><p>Allmählich fing er an, seinen Dienst nur noch unregelmäßig +zu versehen; namentlich aber, wenn er sich +gesprächsweise zu dem Verwalter oder der Oberin über +irgendeinen Gegenstand äußern sollte, wenn er fühlte, +jetzt sei es daran, eine Äußerung seinerseits dem in +Frage stehenden Gegenstand zukommen zu lassen, brach +er förmlich zusammen. Was solle man denn zu einem +Geschehen sagen? Geschähe es nicht so, geschähe es +ein wenig anders. Leer würde die Stelle nicht bleiben. +Er aber möchte nur leise vor sich hinsehn und in seinem +Zimmer ruhn. + +</p><p>Wenn er aber lag, lag er nicht wie einer, der erst +vor ein paar Wochen gekommen war, von einem See +und über die Berge; sondern als wäre er mit der Stelle, +auf der sein Leib jetzt lag, emporgewachsen und von +den langen Jahren geschwächt; und etwas Steifes und +Wächsernes war an ihm lang, wie abgenommen von +den Leibern, die sein Umgang gewesen waren. + +</p><p>Auch in der Folgezeit beschäftigte er sich viel mit +seinen Händen. Die Schwester, die ihn bediente, liebte +ihn sehr; er sprach immer so flehentlich mit ihr, obschon +sie nicht recht wußte, um was es ging. Oft fing +er etwas höhnisch an: er kenne diese fremden Gebilde, +seine Hände hätten sie gehalten. Aber gleich verfiel er +wieder: sie lebten in Gesetzen, die nicht von uns seien +und ihr Schicksal sei uns so fremd wie das eines Flusses, +auf dem wir fahren. Und dann ganz erloschen, den +Blick schon in einer Nacht: um zwölf chemische Einheiten +handele es sich, die zusammengetreten wären +nicht auf sein Geheiß, und die sich trennen würden, +ohne ihn zu fragen. Wohin solle man sich dann sagen? +Es wehe nur über sie hin. + +</p><p>Er sei keinem Ding mehr gegenüber; er habe keine +Macht mehr über den Raum, äußerte er einmal; lag +fast ununterbrochen und rührte sich kaum. + +</p><p>Er schloß sein Zimmer hinter sich ab, damit niemand +auf ihn einstürmen könne; er wollte öffnen und gefaßt +gegenüberstehen. + +</p><p>Anstaltswagen, ordnete er an, möchten auf der Landstraße +hin und her fahren; er hatte beobachtet, es tat +ihm wohl, Wagenrollen zu hören: das war so fern, +das war wie früher, das ging in eine fremde Stadt. + +</p><p>Er lag immer in einer Stellung: steif auf dem Rücken. +Er lag auf dem Rücken, in einem langen Stuhl, der +Stuhl stand in einem geraden Zimmer, das Zimmer +stand im Haus und das Haus auf einem Hügel. Außer +ein paar Vögeln war er das höchste Tier. So trug ihn +die Erde leise durch den Äther und ohne Erschüttern +an allen Sternen vorbei. + +</p><p>Eines Abends ging er hinunter zu den Liegehallen; +er blickte die Liegestühle entlang, wie sie alle still unter +ihren Decken die Genesung erwarteten; er sah sie an, +wie sie dalagen: alle aus Heimaten, aus Schlaf voll +Traum, aus Abendheimkehr, aus Gesängen von Vater +zu Sohn, zwischen Glück und Tod — er sah die Halle +entlang und ging zurück. + +</p><p>Der Chefarzt wurde zurückgerufen; er war ein freundlicher +Mann, er sagte, eine seiner Töchter sei erkrankt. +Rönne aber sagte: sehen Sie, in diesen meinen Händen +hielt ich sie, hundert oder auch tausend Stück; manche +waren weich, manche waren hart, alle sehr zerfließlich; +Männer, Weiber, mürbe und voll Blut. Nun halte ich +immer mein eigenes in meinen Händen und muß immer +darnach forschen, was mit mir möglich sei. Wenn die +Geburtszange hier ein bißchen tiefer in die Schläfe gedrückt +hätte . . .? Wenn man mich immer über eine bestimmte +Stelle des Kopfes geschlagen hätte . . .? Was +ist es denn mit den Gehirnen? Ich wollte immer auffliegen +wie ein Vogel aus der Schlucht; nun lebe ich +außen im Kristall. Aber nun geben Sie mir bitte den +Weg frei, ich schwinge wieder — ich war so müde — +auf Flügeln geht dieser Gang — mit meinem blauen +Anemonenschwert — in Mittagsturz des Lichts — in +Trümmern des Südens — in zerfallendem Gewölk — Zerstäubungen +der Stirne — Entschweifungen der Schläfe. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Die Eroberung</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>us der Ohnmacht langer Monate und unaufhörlichen +Vertriebenheiten —: Dies Land will ich +besetzen, dachte Rönne, und seine Augen rissen +den weißen Schein der Straße an sich, befühlten ihn, verglichen +ihn mit den Schichten nah am Himmel und mit +der Helle der Mauer eines Hauses, und schon verging +er vor Glück in den Abend, in die deutliche Verlängerung +des Lichtes, in dieses kühle Ende eines Tages, der voll +Frühling war. + +</p><p>Die Eroberung ist zu Ende, sagte er sich, es ist fester +Fuß gefaßt. Sie tragen ihre Ohnmacht noch in Farben +an ihre Hütten, in Schleifen, rot und gelb, und kleinen +Fahnen an der Jacke; aber vertrieben werden wir hier +zunächst nicht werden. Dagegen alles, was geschieht, +geschieht erstmalig. Eine fremde Sprache, alles ist haßerfüllt +und kommt zögernd über einen Abgrund her. Hier +will ich Schritt für Schritt vorgehen. Wenn irgendwo, muß +es mir hier gelingen. + +</p><p>Er schritt aus; schon blühte um ihn die Stadt. Sie +wogte auf ihn zu, sie erhob sich von den Hügeln, schlug +Brücken über die Inseln, ihre Krone rauschte. Über Plätze, +vor Jahrhunderten liegen geblieben und von keinem Fuß +berührt, drängten alle Straßen hernieder in ein Tal; es +war ein Abstieg in der Stadt, sie ließ sich sinken in die +Ebene, sie entsteinte ihr Gemäuer einem Weinberg zu. + +</p><p>Er verhielt auf einem Platz, sank auf eine Mauer, +schloß die Augen, spürte mit den Händen durch die Luft +wie durch Wasser und drängte: Liebe Stadt, laß Dich doch +besetzen! Beheimate mich! Nimm mich auf in die Gemeinschaft! +Du wächst nicht auf, Du schwillst oben nicht +an, alles das ermüdet so. Du bist so südlich; Deine Kirche +betet in den Abend, ihr Stein ist weiß, der Himmel blau. +Du irrst so an das Ufer der Ferne, Du wirst Dich erbarmen, +schon umschweifst Du mich. + +</p><p>Er fühlte sich gefestigt. Er schwang über die Boulevards; +es war ein Wogen hin und her. Er ging beschwingt; die +Frauen trug er in seinen Falten wie Staub; die Entthronten; +was gab es denn: kleine Höhlen und ein +Büschel Erde in der Achsel. Einer Blonden wogte beim +Atmen eine Rose hin und her. Die roch nun mit dem +Blut der Brust zusammen irgendeinem Manne zu. + +</p><p>Ihr trieb er nach in ein Café. Er setzte sich und atmete +tief: ja hier ist die Gemeinschaft. Er sah sich um: +Ein Mann versenkte sein Weiches in ein Mädchen; die +dachte, es käme von Gott, und strich sich glatt. Der Unterkiefer +eines Zurückgebliebenen meisterte mit Hilfe von +zwei verwachsenen Händen eine Tasse, die Eltern saßen +dabei und verwahrten sich. Auf allen Tischen standen +Geräte, welche für den Hunger, welche für den Durst. +Ein Herr machte ein Angebot; Treue trat in sein Auge, +Weib und Kind verernsteten seine Züge. Einer bewertete +sachlich ein Gespräch. Einer kaute eine Landschaft +an, der Wände Schmuck. Ja, hier ist das Glück, +sagte er sich und blähte seine Nüstern, als versenke er +sich, — das tiefe, gedehnte Glück. Nehmt mich auf in die +Gemeinschaft! + +</p><p>Schon erhob er die Blicke wie zu seinesgleichen. Seine +Augen schweiften wie die des Kauenden. Nicht mehr +leugnen ließ sich, daß das Licht auf der Straße sich verdunkelte, +und daß tief gebeugt ein Mädchen sang. Klar +zutage lagen die Lüste zwischen den Soldaten und den +Frauen, und der Kellner gewann an Geltung. Und er +fühlte, wie er wuchs und still ward, so kühl umstanden +zu sein von lauter Dingen, die geschahen. + +</p><p>Nun wurde er kühner; er entlastete sich auf die Stühle, +und siehe — sie standen da. Er verteilte, was er unter +der Stirne trug, um der Säulen Samt. Die Marmorplatten +wuchsen sich aus, die Klinken traten selbständig +hervor. Er schweifte sich innen aus: auf die Borde, auf +die Simse häufte er aus allen Höhlen und Falten Last +um Last. + +</p><p>Nun hing sogar ein Bild an der Wand: eine Kuh auf +einer Weide. Eine Kuh auf einer Weide, dachte er; +eine runde braune Kuh, Himmel und ein Feld. Nein, +was für ein namenloses Glück aus diesem Bild entstehen +kann! Da steht sie nun mit vier Beinen, mit eins, zwei, +drei, vier Beinen, das läßt sich gar nicht leugnen; sie +steht mit vier Beinen auf einer Wiese aus Gras und +sieht drei Schafe an, eins, zwei, drei Schafe, — o die +Zahl, wie liebe ich die Zahl, sie sind so hart, sie sind +rundherum gleich unantastbar, sie starren von Unangreifbarkeit, +ganz unzweideutig sind sie, es wäre lächerlich, +irgend etwas an ihnen aussetzen zu wollen; wenn +ich noch jemals traurig bin, will ich immer Zahlen vor +mich her sagen; er lachte froh und ging. + +</p><p>Himmel um sein Haupt, blühte er durch das leise Spiel +der Nacht. Sein waren die Gassen, für seine Gänge, +ohne Demütigung vernahm er seiner Schritte Widerhall. +Er fühlte ein Erschließen, er stieg auf; eine Pore war +er, aus der es grünen wollte, eingeebnet fühlte er sich +in das Schlenkern der Arme eines Mannes, der hastig +über die Straße schritt, gehürnt von einem Ziel. + +</p><p>Weich und mahlend bewältigte er die Schaufenster +durch Gedanken über Gegenstände in den Läden, stand +herum prüfenden Blickes, als beabsichtige er einzukaufen, +ging weiter, nicht befriedigt von dem, was man +ihm bot. + +</p><p>Hart heran an Gangart und Gesichtsausdruck von anderen +Männern trat er, schloß sich dem an, glättete seine +Züge, um sie gelegentlich aufzucken zu lassen in der +Erinnerung an ein Vorkommnis im Laufe des Tages, +sei es heiterer, sei es ernster Art. Einen belebten großen +Platz vollends nahm er wahr, um plötzlich stehen zu +bleiben, erschrocken mit der Hand an die Stirn zu fassen +und den Kopf zu schütteln: nein, zu ärgerlich! nun hatte +er etwas vergessen; entfallen war ihm etwas, das zu +tun ihm oblag; ein Versäumnis lag vor, das trotz aller +bevorstehender Verabredungen des Abends unverzüglich +nachzuholen ihm die Pflicht gebot. Weitergehen erübrigte +sich. Es hieß jetzt, der Umkehr ins Auge sehen +und vollbringen, was einmal als Recht erkannt. + +</p><p>Erregt machte er kehrt; die einreihenden Gedanken +der Nachblickenden wärmten ihn und trieben ihn an: +Vielleicht erzählte nun einer von ihm zu Hause, vielleicht +spöttelte er ein wenig, vielleicht sagte er etwas +schadenfroh: ein Herr, der etwas vergessen hatte — +vielleicht kam er nun zu spät zu seiner Verabredung — +vielleicht blieb ihm nun die Tür verschlossen während +der Ouverture, — er mußte noch einmal zurückgehen +— wahrscheinlich in sein Bureau —, wahrscheinlich ein +Brief an einen Geschäftsfreund —, man kennt das ja +selbst — ja ja, so ist das Leben — man erzieht sich +selbst — man muß manches opfern — aber nur den Kopf +nicht sinken lassen —, erhebt die Herzen, — Sursum +corda — der gestirnte Himmel — das dienende Glied. + +</p><p>Er bog in ein Friseurgeschäft und unterzog sich der +Pflege. + +</p><p>Ein Herr bekam den Hinterkopf gepudert. Warum, +fragte sich Rönne, ich bekomme ihn nicht gepudert. Er +überlegte. Er war blond. Es geht daraus hervor, daß +das Prinzip des Weißen mit dem Prinzip des Blonden +für diesen Zweck identisch ist. Es dürfte sich um den +Lichtreflex handeln, um den Brechungskoeffizienten sozusagen. +Jawohl, Brechungskoeffizient, sehr gut, und er +verweilte einen Augenblick. + +</p><p>Man muß nur an alles, was man sieht, etwas anzuknüpfen +vermögen, es mit früheren Erfahrungen in +Einklang bringen und es unter allgemeine Gesichtspunkte +stellen, das ist die Wirkungsweise der Vernunft, +dessen entsinne ich mich. + +</p><p>Stark und gerüstet dehnte er sich in dem Rasierstuhl. +Der junge Mann tänzelte herum, tupfte hin und her und +puderte und strich. + +</p><p>Er war wieder auf der Straße. Eine Frau bot einen +flachen Korb herum mit Veilchensträußen, blau wie Stücke +der Nacht, mit Orchideenbündeln, weichen Zusammenflusses +aus hellblau und orange. + +</p><p>Die Orchidee, lachte er selbstgefällig, die Blüte des +heißen Afrika, der Liebling der Sammler, der Gegenstand +so mancher Ausstellungen des In- und Auslandes, +jawohl, ich weiß Bescheid, jawohl, ich bin nicht unkundig, +selbst zu einem Fachmann fände ich Beziehungen. + +</p><p>Da fiel sein Blick auf die Inschrift eines Hauses, die +hieß etwa: Schlachthof. + +</p><p>Nun mußte er sich eingehend über Schlachthof äußern. +Der Dresdener Schlachthof vergleichsweise, erbaut Anfang +der siebziger Jahre von Baurat Köhler, versehen +mit den hygienisch-sanitären Vorrichtungen modernsten +Systems — bahnbrechend war in dieser Richtung die +Entdeckung des Dänen Johannsen. Es war ein Junitag +des denkwürdigen Jahres der finnischen Expedition. Da +ging er am Morgen durch die Östergaade und sah zwei +Kühe ankommen, alter jütländischer Art — — heraus +aus einer solchen Fülle des Tatsächlichen sprach er; so +äußerte er sich, so stand er Antwort und Rede, klärte +manches auf, half über Irrtümer hinweg, diente der Sache +und unterstand der Allgemeinheit, die ihm dankte. + +</p><p>Messer und Geräte, Griffe und Anerkennung des +Raumes Erforderndes, traten ihm entgegen. Nun wurde +er gar ein Jäger, eine starke, geschlossene Gestalt. Er +scheute sich nicht, durch grüne Joppe und Hornknöpfe +Aufschluß über sein Gewerbe jedem Vorübergehenden +zu geben. Er war wetterhart und gebräunt und einen +kräftigen Schluck zum zweiten Frühstück, jawohl die +Herren, und noch einmal! Er erzählte in einem größeren +Kreise von dem Sechserbock, wie er den Drilling an +die Backe nahm, und das Silberkorn flimmerte in der +Kimme. Er prüfte und begutachtete einen Standhauer, +erinnerte an die ungünstigen Erfahrungen mit dem Modell +eines Försters aus der Nachbarschaft; er nickte bedächtig, +schüttelte mit dem Kopf und sprach starken +Atems in die rauhe Morgenluft, kurz, er war der geachtete +Mann, dem im Umfang seines Faches Vertrauen +zukam, eine bodenständige Natur, festen Schrittes und +aufrechter Art. + +</p><p>Nun erkrankte ihm vollends sein Kind; an einem +Frühlingsmorgen, das junge Geschöpf! Er schluchzte +mit seinem Weibe; aber mit dem kurzen Daumen des +Broterwerbers strich er sich durch den Bart, den Schmerz +zu meistern. Er stand demütig vor dem Unbegreiflichen; +aller Rätsel wurde auch er nicht Herr; das Mythische +ragte in sein Leben hinein, die guten und die bösen +Dinge, die Träne und das Blut. + +</p><p>Allmählich aber war die Nacht tiefer geworden und +schloß ihn ein. Nun schwoll wirklich um ihn der Wald. +Er sank auf Moos unter Stern und stillen Lauten. Blau +stand zwischen Bäumen, Tier und Dorf. In ihrem Bett +die Quelle. In ihrem Silberheim die Hügel. Und im +Schauer seiner Haut, im Sprunge seiner Glieder, im +Trunk der Augen, in seines Ohres Rausch: er, als +der Blüten eine, er, als der Tiere Beischlaf, unter einem +Himmel, unter einer Nacht — + +</p><p>Im Taumel halb, und halb weil Klänge riefen, stieg +er die Stufen hinunter in den Saal. + +</p><p>Da tanzte eine hinter Schleiern, die Brüste gebunden, +und ein Korallengaumen, aus dem sie lachte. Zwei +wehten mit ihren Händen an ihren Leibern vorbei und +trieben Geruch und Lust den Männern zu. Eine stieß +Leib und Brüste hervor nach Enthüllungen. Zwei, die +sich lieben wollten, streiften die Ringe ab, die hatten +rauhe Steine. + +</p><p>Er aber spürte die Hände alle auf den Hüften, den +Drang, sich abzuflachen auf die Erde, die Zuckungen, +das Zusammenströmen und den Aufwuchs, und plötzlich +stand vor ihm die Schwangere: breites, schweres +Fleisch, triefend von Säften aus Brust und Leib; ein +magerer, verarmter Schädel über feuchtem Blattwerk, +über einer Landschaft aus Blut, über Schwellungen aus +tierischen Geweben, hervorgerufen durch eine unzweifelhafte +Berührung. + +</p><p>Da sprang er eine an, brach sie auf biß in Gebein, +das wie seines war, entriß ihm Schreie, die wie seine +klangen, und verging an einer Hüfte, erstürmt von einem +fremden Rund. — + +</p><p>Dann stieß der Morgen hervor, rot und siegreich. +Rönne schritt durch die Wellen der Frühe, durch das +Meer, das über die Wolken brach. + +</p><p>Rein und klar sah er hinter sich die Nacht, nun ging +er den Weg zu den Palmengärten am Rande der Stadt. + +</p><p>Das Licht wuchs an, der Tag erhob sich; immer der +gleiche ewige Tag, immer das unverlierbare Licht. + +</p><p>Die letzten Straßen, Brut quoll aus den Kellern; vorbei +schabte ein Mönch, der Triumph des Inhalts; Frauen, +Geruch aus Nestern und Begattung hinter sich herschleifend, +führten ihre bejahenden Versenkungen dem +Nachbar zu. Zu ihnen gehörten sie alle: Der Jäger und +der Krüppel, der Vergeßliche und der Tänzer, — alle +glaubten, versteckt oder frei, an die großen Gehirne, +um die die Götter schwebten. + +</p><p>Er, der Einsame; blauer Himmel, schweigendes Licht. +Über ihm die weiße Wolke: die sanftgekappten Rande, +das schweifende Vergehen. + +</p><p>Er wehte sich über die Stirn: Am Abend, als ich +ausging, schien ich mir noch des Schmerzes wert. Nun +mag ich unter Farren liegen, die Stämme anschielen und +überall die Fläche sehen. + +</p><p>Die Türen sanken nieder, die Glashäuser bebten, auf +einer Kuppel aus Kristall zerbarst ein Strom des unverlierbaren +Lichts: — so trat er ein —. + +</p><p>Ich wollte eine Stadt erobern, nun streicht ein Palmenblatt +über mich hin. + +</p><p>Er wühlte sich in das Moos: am Schaft, wasserernährt, +meine Stirn, handbreit, und dann beginnt es. + +</p><p>Bald darauf ertönte eine Glocke. Die Gärtner gingen +an ihre Arbeit; da schritt auch er an eine Kanne und +streute Wasser über die Farren, die aus einer Sonne +kamen, wo viel verdunstete. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Die Reise</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">R</span>önne wollte nach Antwerpen fahren, aber wie +ohne Zerrüttung? Er konnte nicht zu Mittag kommen. +Er mußte angeben, er könne heute nicht zu +Mittag kommen, er fahre nach Antwerpen. Nach Antwerpen +hätte der Zuhörer gedacht? Betrachtung? Aufnahme? +Sich ergehen? Das erschien ihm ausgeschlossen. +Er zielte auf Bereicherung und den Aufbau des Seelischen. + +</p><p>Und nun stellte er sich vor, er säße im Zug und +müßte sich plötzlich erinnern, wie jetzt bei Tisch davon +gesprochen wurde, daß er fort sei; wenn auch nur nebenbei, +als Antwort auf eine kurz hingeworfene Frage, +jedenfalls aber doch so viel, er seinerseits suche Beziehungen +zu der Stadt, dem Mittelalter und den +Scheldequais. + +</p><p>Erschlagen fühlte er sich, Schweißausbrüche. Eine +Krümmung befiel ihn, als er seine unbestimmten und +noch gar nicht absehbaren, jedenfalls aber doch so geringen +und armseligen Vorgänge zusammengefaßt erblickte +in Begriffen aus dem Lebensweg eines Herrn. + +</p><p>Ein Wolkenbruch von Hemmungen und Schwäche +brach auf ihn nieder. Denn wo waren Garantien, daß +er überhaupt etwas von der Reise erzählen könnte, mitbringen, +verlebendigen, daß etwas in ihn träte im Sinne +des Erlebnisses? + +</p><p>Große Rauheiten, wie die Eisenbahn, sich einem Herrn +gegenüber gesetzt fühlen, das Heraustreten vor den Ankunftsbahnhof +mit der zielstrebigen Bewegung zu dem +Orte der Verrichtung, das alles waren Dinge, die konnten +nur im geheimen vor sich gehen, in sich selber erlitten, +trostlos und tief. + +</p><p>Wie war er denn überhaupt auf den Gedanken gekommen, +zu verlassen, darin er seinen Tag erfüllte? +War er tollkühn, herauszutreten aus der Form, die +ihn trug? Glaubte er an Erweiterung, trotzte er dem +Zusammenbruch? + +</p><p>Nein sagte er sich, nein. Ich kann es beschwören: +nein. Nur als ich vorhin aus dem Geschäft ging, nach +Veilchen roch man wieder, gepudert war man auch, ein +Mädchen kam heran mit weißer Brust, es erschien nicht +ausgeschlossen, daß man sie eröffnet. Es erschien nicht +ausgeschlossen, daß man prangen würde und strömen. +Ein Strand rückte in den Bereich der Möglichkeiten, an +den die blaue Brust des Meeres schlug. Aber nun zur +Versöhnung will ich essen gehn. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Durch Verbeugung in der Türe anerkannte er die +Individualitäten. Wer wäre er gewesen? Still nahm er +Platz. Groß wuchteten die Herren. + +</p><p>Nun erzählte Herr Friedhoff von den Eigentümlichkeiten +einer tropischen Frucht, die einen Kern enthalte +von Eigröße. Das Weiche äße man mit einem Löffel, +es habe gallertartige Konsistenz. Einige meinten, es +schmecke nach Nuß. Er demgegenüber habe immer gefunden, +es schmecke nach Ei. Man äße es mit Pfeffer +und Salz. Es handelte sich um eine schmackhafte Frucht. +Er habe davon das Tages 3—4 gegessen und einen +ernstlichen Schaden nie bemerkt. + +</p><p>Hierin trat Herrn Körner das Außerordentliche entgegen. +Mit Pfeffer und Salz eine Frucht? Das erschien +ihm ungewöhnlich, und er nahm dazu Stellung. + +</p><p>Wenn es ihm doch aber nach Ei schmeckt, wies Herr +Mau auf das Subjektive des Urteils hin, gleichzeitig +etwas wegwerfend, als ob er seinerseits nichts Unüberbrückbares +sähe. Außerdem so ungewöhnlich sei es +doch nun nicht, führte Herr Offenberg zur Norm zurück, +denn z. B. die Tomate? Wie nun vollends, wenn +Herr Kritzler einen Oheim aufzuweisen hatte, der noch +mit 70 Jahren Melone mit Senf gegessen hatte, und +zwar in den Abendstunden, wo Derartiges bekanntlich +am wenigsten bekömmlich sei? + +</p><p>Alles in allem: Lag denn in der Tat eine Erscheinung +von so ungewöhnlicher Art vor, ein Vorkommnis +sozusagen, das die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf +sich zu lenken geeignet war, sei es, weil es in seinen +Verallgemeinerungen bedenkliche Folgeerscheinungen +hätte zeitigen können, sei es, weil es als Erlebnis aus +der besonderen Atmosphäre des Tropischen zum Nachdenken +anzuregen geeignet war? + +</p><p>Soweit war es gediehen, als Rönne zitterte, Erstickung +auf seinem Teller fand und nur mit Mühe das +Fleisch aß. + +</p><p>Ob er aber nicht doch vielleicht eine Banane gemeint +habe, bestand Herr Körner, diese weiche, etwas mürbe +und längliche Frucht? + +</p><p>Eine Banane, wuchs Herrn Friedhoff auf? Er, der +Kongokenner?? Der langjährige Befahrer des Moabangi? +Nein, das nötigte ihm geradezu ein Lächeln ab! Weit +entschwand er über diesen Kreis. Was hatten sie denn +für Vergleiche? Eine Erdbeere oder eine Nuß, vielleicht +hie und da eine Marone, etwas südlicher. Er aber, der +beamtete Vertreter in Hulemakong, der aus den Dschungeln +des Jambo kam? + +</p><p>Jetzt oder nie, Aufstieg oder Vernichtung, fühlte +Rönne, und: wirklich nie einen ernstlichen Schaden bemerkt? +tastete er sich beherrschten Lautes in das Gewoge, +Erstaunen malend und am Zweifel des Fachmanns: +Vor dem Nichts stand er; ob Antwort käme? + +</p><p>Aber saß denn nicht schließlich auf dem Stuhl aus +Holz er, schlicht umrauscht von dem Wissen um das +Gefahrvolle der Tropenfrucht, wie in Sinnen und Vergleichen +mit Angaben und Erzählungen ähnlicher Erlebnisse, +der schweigsame Forscher, der durch Beruf und +Anlage wortkarge Arzt? Dünn sah er durch die Lider, +vom Fleisch auf, die Reihe entlang, langsam erglänzend. +Hoffnung war es noch nicht, aber ein Wehen ohne Not. +Und nun eine Festigung: mehreren Herren schien in +der Tat die nochmalige Bestätigung dieser Tatsache zur +Behebung von etwa aufgestiegenen Bedenken von Wert +zu sein. Und nun war kein Zweifel mehr: einige nickten +kauend. + +</p><p>Jubel brach aus, Triumphgesänge. Nun hallte Antwort +mit Aufrechterhaltung gegenüber Zweiflern, und +das galt ihm. Einreihung geschah, Bewertung trat ein; +Fleisch aß er, ein wohlbekanntes Gericht; Äußerungen +knüpften an ihn an, zu Ansammlungen trat er, unter +ein Gewölbe von großem Glück; selbst Verabredung +für den Nachmittag zuckte einen Augenblick lang ohne +Erbeben durch sein Herz. + +</p><p>Aus Erz saßen die Männer. Voll kostete Rönne +seinen Triumph. Er erlebte tief, wie aus jedem der Mitesser +ihm der Titel eines Herrn zustieg, der nach der +Mahlzeit einen kleinen Schnaps nicht verschmähte und +ihn mit einem bescheidenen Witzwort zu sich nimmt, +in dem Ermunterung für die andern, aber auch die +entschiedene Abwehr jeglichen übermäßigen Alkoholgenusses +eine gewisse Atmosphäre der Behaglichkeit +verbreitete. Der Eindruck der Redlichkeit war er und +des schlichten Eintretens für die eigene Überzeugung; +aber auch einer anderweitigen Auffassung gegenüber +würde er gern zugeben; da ist was Wahres dran. Geordnet +fühlte er seine Züge; kühler Gelassenheit, ja +Unerschütterlichkeit auf seinem Gesicht zum Siege verholfen, +und das trug er bis an die Tür, die er hinter +sich schloß. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Schattenhaft ging er durch den Gang, nun wieder +im Gefühl des Schlafes, in den man sank ohne einen +Wirbel über sich zu lassen, negativ verendet, nur als +Schnittpunkt bejaht. Zwei Huren wuschen den Gang +auf, von weitem schon ihn wahrnehmend, aber sich in +die Arbeit versunken stellend, bis er da war. Nun erst +trat in die Augen das jähe Erkennen, Keuschheit und +Verheißung aus der Reife des Bluts. + +</p><p>Rönne aber dachte, ich kenne euch Tiere, über dreihundert +Nackte jeden Morgen! aber wie stark ihr die +Liebe spielt! Eine kannte ich, die war an einem Tag +von Männern einem Viertelhundert der Rausch gewesen, +die Schauer und der Sommer, um den sie blühten. +Sie stellte die Form, und es geschah das Wirkliche. Ich +will Formen suchen und mich hinterlassen; Wirklichkeiten +eine Hügelkette, o von Dingen ein Gelände. + +</p><p>Er trat aus dem Haus. Helle Avenuen waren da, +Licht voll Entrückung, Daphneen im Erblühn. Es war +eine Vorstadt; Armes aus Kellern, Krüppel und Gräber, +soviel Ungelacht. Rönne aber dachte, jeder Mensch +dem ich begegne, ist noch ein Sturm zu seinem Glück. +Nirgends meine schwere, drängende Zerrüttung. + +</p><p>Er ging langsam, er schürfte sich vor. Es war eine +ungewohnte Straßenstunde, ihm seit Monaten nicht mehr +bekannt. Er blätterte das Entgegenkommende behutsam +auseinander mit seinen tastenden, an der Spitze +leicht ermüdbaren Augen. + +</p><p>Aufzunehmen gilt es, rief er sich zu, einzuordnen +oder prüfend zu übergehn. Aus dem Einstrom der +Dinge, dem Rauschen der Klänge, dem Fluten des Lichts +die stille Ebene herzustellen, die er bedeutete. + +</p><p>Es war eine fremde Gegend, durch die er ging, aber +es mochte immerhin ein Bekannter kommen und fragen, +woher und wohin. Und obschon er einen Patienten +jederzeit hierfür zur Hand gehabt hätte, so war es doch +nicht der Fall, und ihm graute vor dem Erlebnis, vor dem +er stehen würde: daß er aus dem Nichts in das Fragwürdige +schritt, im Antrieb eines Schatten, keiner Verknotung +mächtig, und dennoch auf Erhaltung rechnend. + +</p><p>Scheu sah er sich um; höhnisch standen Haus und Baum; +unterwürfig eilte er vorbei. Haus, sagte er zum nächsten +Gebäude; Haus zum übernächsten; Baum zu allen +Linden seines Wegs. Nur um Vermittelung handele es +sich, in Unberührtheit blieben die Einzeldinge; wer wäre +er gewesen, an sich zu nehmen oder zu übersehen oder, +sich auflehnend, zu erschaffen? Ein bißchen durch die +Sonne gehen, mehr wollte er ja nicht; es warm haben, +und der Himmel hatte ein Blau: nie endend, mütterlich +und sanft vergehend. + +</p><p>Weit war er noch nicht von seinem Krankenhaus +entfernt, da übermannte ihn schon die Not. Wohin +trug er sich denn, etwa in das All? War er der Träumer +denn, weich streifend den Hang, oder der Hirt auf +den Hügeln? Trat an die Maikastanie vielleicht er, den +Ast beklopfend mit dem Hornmesser, bis in Saft vom +Zweige die Rinde glitt und wurde die gehöhlte Flöte? +Gesänge, hatte er sie? War er vielleicht der Freie, der +in Segeln schritt, und überall die Erde, löschend mit +seinem Blick? O, er war wohl schon zuweit gegangen! +Schon schwankte vor der Straße Feld unter gelben +Stürmen gefleckter Himmel, und ein Wagen hielt am +Saum der Stadt. Zurück! hieß es; denn heran wogte +das Ungeformte, und das Uferlose lag lauernd. + +</p><p>Nun nahm ihn wieder die Straße auf, schnurgerade +und unter einem flachen Licht. Von Tür zu Tür lief +sie, und sachlich um den Fuß der Botenfrau; aus den +Kellern über sie wehte die Küche Nahrung und Notdurft; +vor dem Spiegel der Herr kämmte achtbar seinen +Bart; klang der Fuß auf Metall, sorgte für Entwässerung +das Gemeinwohl; lag ein Gitterchen an der +Mauer, kam im Winter nicht der Frost, und in ihr +Recht traten Förder und Schacht? + +</p><p>Wie einsam steht es um die Straße, dachte Rönne, +sie ist eindeutig fixiert und wird entwicklungsgeschichtlich +kaum durchdacht; aber schön und sicher ist es, hier +zu wandeln, so dicht am Leib mündet sie, und eigentlich +ist es kein Gehen mehr, sondern ein Träumen auf +dem Rücken des Zwecks. + +</p><p>Dann prangten zwischen Pelz und Locken Damen in +den Abend ihr Geschlecht. Blühen, Züngeln, Fliedern +der Scham aus Samt und Bänder über Hüften. Rönne +labte sich an dem Geordneten einer Samtmantille, an +der restlos gelungenen Unterordnung des Stofflichen +unter den Begriff der Verhüllung; ein Triumph trat ihm +entgegen zielstrebigen, kausal geleiteten Handelns. Aber +— und plötzlich sah er die Frau nackt — diese nicht; +es müßte die Ernüchterte sein, die sich noch einmal +krümmen ließe. + +</p><p>Da trat ein Herr auf ihn zu, und ha ha, und schön +Wetter ging es hin und her, Vergangenheit und Zukunft +eine Weile im kategorialen Raum. Als er fort +war, taumelte Rönne. Sie alle lebten mit Schwerpunkten +auf Meridianen zwischen Refraktor und Barometer, +er nur sandte Blicke über die Dinge, gelähmt von +Sehnsüchten nach einem Azimuth, nach einer klaren +logischen Säuberung schrie er, nach einem Wort, das +ihn erfaßte. Wann würde er der erzene Mann, um +den tags die Dinge brandeten und des Nachts der +Schlaf, der gelassen vor einem Bahnhof stände, wieviel +Erde es auch gäbe, der Verwurzelte, der Unerschütterliche! + +</p><p>Reisen hatte er gewollt, aber nun schienen Gleise +über die Straße, und schon sank sein Blick. Oh, daß +es eine Erde gab, wirklich grün, stark irden, silbern +verfernt, über die die Augen strichen wie ein Flügel, +und Städte, flache weiße, an Küsten, und Kutter, braune, +die man hinnahm, liebte und vergaß. + +</p><p>Oder ein Leben um das Radwerk einer Uhr. Um +Hyazinthenknollen die Hand. Die Schulter, die das +Fischnetz zog, silbern und ihr Abwurf auf den Strand. + +</p><p>Da, durch die helle dünne Luft, in die die Knospen +ragten, und unter dem ersten Stern, kam eine Frau +vorbei und roch blau und langte Rönne nach dem Schädel +und legte ihn tief in den Nacken, bettend, und über +der Stirn stand die frühe Nacht. + +</p><p>Rönne schluchzte auf: wer knirschte so tief wie ich +unter dem Stoff, wer ist so geknechtet von den Dingen +nach Zusammenhang als ich, aber eben dies schweifende +Gewässer, tief, dunkel und veilchenfarben, aus dem +Aufklaff einer Achsel — mich stäubt Zermalmung an. + +</p><p>Zwischen die Straßen rinnt Nacht, über die weißen +Steine blaut es, es verdichtet sich die Entrückung; die +Sträucher schmelzen, welches Vergehn! — + +</p><p>Nun fiel ein Regen und löste die Form. Wohnungen +traten unter laues Wasser, in Frühlingsgewölke stand +alle Stadt. Über ihr aber schwebte er, entrückt, einsam, +mit einer Krone irgendwoher. Jäh wurde er +der Herr mit Koffer, der auf die Reise ging durch +Aue und Rand. Schon wogten Hügel heran, weich +bewäldert; nun brüderlich die Äcker, die Versöhnung +kam. + +</p><p>Er sah die Straße entlang und fand wohin. + +</p><p>Einrauschte er in die Dämmerung eines Kinos, in das +Unbewußte des Parterres. In weiten Kelchen flacher +Blumen bis an die verhüllten Ampeln stand rötliches +Licht. Aus Geigen ging es, nah und warm gespielt, +auf der Ründung seines Hirns, entlockend einen wirklich +süßen Ton. Schulter neigte sich an Schulter, eine +Hingebung; Geflüster, ein Zusammenschluß; Betastungen, +das Glück. Ein Herr kam auf ihn zu, mit Frau +und Kind, Bekanntschaft zuwerfend, breiten Mund und +frohes Lachen. Rönne aber erkannte ihn nicht mehr. + +</p><p>Er war eingetreten in den Film, in die scheidende +Geste, in die mythische Wucht. + +</p><p>Groß vor dem Meer wölkte er um sich den Mantel, +in hellen Briesen stand in Falten der Rock; durch die +Luft schlug er wie auf ein Tier, und wie kühlte der +Trunk den Letzten des Stamms. + +</p><p>Wie er stampfte, wie rüstig blähte er das Knie. Die +Asche streifte er ab, lässig, benommen von den großen +Dingen, die seiner harrten aus dem Brief, den der alte +Diener brachte, auf dessen Knien der Ahn geschaukelt. + +</p><p>Zu der Frau am Bronnen trat edel der Greis. Wie +stutzte die Amme, am Busen das Tuch. Wie holde +Gespielin! Wie Reh zwischen Farren! Wie ritterlich +Weidwerk! Wie Silberbart! + +</p><p>Rönne atmete kaum, behutsam, es nicht zu zerbrechen. +Denn es war vollbracht, es hatte sich vollzogen. + +</p><p>Über den Trümmern einer kranken Zeit hatte sich +zusammengefunden die Bewegung und der Geist, ohne +Zwischentritt. Klar aus den Reizen segelte der Arm; +vom Licht zur Hüfte, ein heller Schwung, von Ast zu +Ast. + +</p><p>In sich rauschte der Strom. Oder wenn es kein Strom +war, ein Wurf von Formen, ein Spiel in Fiebern, sinnlos +und das Ende um allen Saum. + +</p><p>Rönne, ein Gebilde, ein heller Zusammentritt, zerfallend, +von blauen Buchten benagt, über den Lidern +kichernd das Licht. + +</p><p>Er trat auf die Avenue. Er endete in einem Park. + +</p><p>Dunkel drohte es auf, bewölkt und schauernd, wieder +aus dem Gefühl des Schlafs, in den man sank, ohne +einen Wirbel über sich zu lassen, negativ verendet, nur +als Schnittpunkt bejaht; aber noch ging er durch den +Frühling, und erschuf sich an den hellen Anemonen des +Rasens entlang und lehnte an eine Herme, verstorben +weiß, ewig marmorn, hierher zerfallen aus den Brüchen, +vor denen nie verging das südliche Meer. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-4">Die Insel</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">D</span>aß dies das Leben sei, war eine Annahme, zu +der Rönne, einen Arzt, das von leitender Stelle +aus Geregelte seiner Tage, das staatliche Genehmigte, +ja Vorgeschriebene seiner Bestimmung wohl berechtigte. + +</p><p>Tat es etwas, daß die Insel klein war, übersehbar +von einem Hügel, ein Streifen Stein zwischen Möwen +und Meer — es gab das Gefängnis da mit den Sträflingen, +daran Arzt zu sein er ausersehen, und dann gab +es Strand, eine große Strauchwiese voll Gezwitscher, ein +Vogelhort, und weiter unten ein elendes Dorf mit +Fischern, das allerdings galt es noch näher zu beleuchten. + +</p><p>Ein Rachen war bepinselt, einer Meineidigen das Knie +massiert, da erhob sich Rönne und verließ das ummäuerte +Gehöft. Davor lag weißer Strand; darauf blühte +Hafer und Distel; denn der Sommer war über das Meer +gekommen wie ein Gewitter: der Himmel donnerte von +Bläue und es goß Wärme und Licht. + +</p><p>Unter Gedanken, wie die freie Zeit, die ihm nach +Erledigung seiner Dienstpflichten zur Verfügung stand, +zweckmäßig zu verwenden sei, welches ihr Sinn sei in +Hinsicht des Staates und der Person, schritt er aus. +Er atmete tief die reine Seeluft ein, die schmächtige +Brust ihr entgegen spülend, dem Gesundheitlichen, das +die bekanntermaßen dem Wanderer bot, willig hingegeben. +Eins fühlte er sich mit dem Geiste, der ihn hier herberufen +und gestellt, der sich ohne Zaudern zur Sicherstellung +der vorwärtszielenden bürgerlichen Verrichtung +entschloß; der dem Schutze galt, die die Öffentlichkeit +dem strebenden Bemühen schuldete, mit einem Wort: +der die Ausmerzung des Schädlings anstrebte, ohne jedoch +selbst hier außer acht zu lassen das allgemein +Menschliche noch des Gefallenen und in einer Art stummer +Anerkenntnis des großen allumschließenden Bandes des +Seelischen schlechthin nicht die Vernichtung wollte, sondern +den Arzt beigab. + +</p><p>Und nun, die karge Schindel der ersten Hütte, war +sie nicht Hut gegen Sturm und Regen, der Unbill Abwehr, +Traute und Behaglichkeit bedachend? Das Netz, +das vom Fang kommend der Gatte ausbreitete, sorgsam +über Pfahl und Stein, war es nicht umwittert vom +Geruch der Diele, wo es sich vollzog, das Natürliche, +das Urgesunde? Und nun wehte gar ein Windstoß an +eine Ölkappe, und ein Arm griff an die Krempe —: +jawohl, auf Reize antwortete hier Organisches; betrieben +wurden seine Symptome: der Stoffwechsel und die Vermehrung; +der Reflexbogen herrschte, hier war gut ruhn. + +</p><p>Vor einer Kneipe saßen Männer. Ihr Sinn? Sie saßen! +Sie gingen nicht, sie schonten Kraft. Sie tranken aus +Krügen! Reine Lust? Niemals! Nährwert war nicht +zu leugnen. Und wenn? Erholung von Mann zu Mann?! +Erfahrungsaustausch?! Bestätigungen!!!? + +</p><p>Und der Düstere abseits? Der Grübeler, der sich +ernster nahm? Flammte nicht auch auf seiner Stirn noch +durch das Dämonische, selbst gegen Götter gerichtet, der +geschlossenere Akt, der stärkere Aufbau, das Lichtbringerische +in eventuellen Abgrund? + +</p><p>Kurz und gut: lauter Wahrnehmungen, die wohl befriedigen +durften. Nirgends eine Störung, überall Sonne +und heller Ablauf. + +</p><p>Rönne setzte sich. Ich habe etwas freie Zeit, sagte er +sich, jetzt will ich etwas denken. Also, eine Insel und +etwas südliches Meer. Es sind nicht da, aber es könnten +da sein: Zimtwälder. Jetzt ist Juni, und es begönne +die Entborkung, und ein Zweiglein bräche dabei wohl +ab. Ein überaus lieblicher Geruch würde sich verbreiten, +auch beim Abreißen eines Blattes ein aromatisches Geschehen. + +</p><p>Denn alles in allem: vier bis sechs Fuß hohe Stauden, +weiche grüne lorbeerähnliche Blätter, indeß der +Blütenstempel gelb getönt ist. Ist der Schößling daumenstark, +tritt die Einsammlung heran und es erfordert viele +Hände, Bündel, krumme Messer, Rinde und Bast; mit +diesen Worten ist manches schon erwiesen, aber erst in +der Hütte wird das Häutchen abgeschält. + +</p><p>Ja, das war eine Insel, die in einem Meer vor Indien +lag. Es nahte sich ein Schiff, plötzlich trat es in den +Wind, der das Land umfaßt hatte und nun stand es +im Atem des bräunlichen Walds. Der Zimtwald, dachte +der Reisende, und der Zimtwald, dachte Rönne. Schneeweiß +war der Boden, und die Staude saftig. Und durch +die Insel schritt er, zwischen Roggen und Wein, abgeschlossen +und still umgrenzt. Sein Urteil ist Begehren, +der Satzbau Stellung nehmend. Er grübelt, doch über +die Polle einer Pflanze, denn er ist gewillt, sie einzusäen. +Ferne ist die Zeit der Trauer, da er in der Bahn +hierher fuhr mit den Damen: das ist sehr hübsch hier, +sagte die Mutter zu den Töchtern, seht doch mal! und +nun verarbeiteten sie aus den Kupeefenstern heraus die +Hügelkette, matt im blauen Dunst, davor das Tal und +eine Stadt, die hinter Wäldern und Klee versank; denn +wenn die Mutter es nicht gesagt hätte, mußte Rönne +immer denken, wäre der Aufstieg nicht erfolgt. + +</p><p>Hier aber herrschten keine solchen vagen Ausrufe. Hier +wurde hingenommen, was ins Auge traf. Sachliche Verarbeitung +trat ein in bezug auf ein Netz, im Hinblick +auf eine Reuse. Und auch wenn er wie eben etwas +dachte, lag Andersartiges vor, keine Bereicherung, mehr +ein Traum. + +</p><p>Hell saß er am Strand. Er fühlte sich leicht und durchsichtig +und schien sich nicht mehr unsauberer zu sein als +ein bewegter Stein, als ein abgerundeter Block, gehalten +von einer leichten Organisation. + +</p><p>Und wenn er auf die Insel aus dem Gefühl einer +Aufgabe heraus gekommen war, an Gegenständen, die er +möglichst isoliert unter wenig veränderlichen Bedingungen +beobachten konnte, den Begriff nachzuprüfen, so spürte +er jetzt schon etwas wie Erfüllung: Die Begriffe, schien +ihm, sanken herab. Wie hatte zum Beispiel Meer auf +ihm gelegen, ein sprachlicher Bestand, abgeschnürt von +allen hellen Wässern, beweglich, aber doch höchstens als +Systemwiesel, das Ergebnis eines Denkprozesses, ein +allgemeinster Ausdruck. Jetzt aber, schien es ihm, wanderte +er dahin zurück, wo es unabsehbare Wässer gab +im Süden und im Norden brackige Flut, und Wellen +eine Lippe unerwartet salzten. Leise schwand der Drang, +es schärfer aufzurichten, es unantastbarer zu umreißen +gegenüber Dünen und einem See. Leise fühlte er ihn +vergessen, ihn zurückerstatten an seine Wesenheit, an +die Möwe und den Tang, den Sturmgeruch und alles +Ruhelose. — — — — — + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Rönne lebte einsam seiner Entwicklung hingegeben +und arbeitete viel. Seine Studien galten der Schaffung +der neuen Syntax. Die Weltanschauung, die die Arbeit +des vergangenen Jahrhunderts erschaffen hatte, sie galt +es zu vollenden. Den Du-Charakter des Grammatischen +auszuschalten, schien ihm ehrlicherweise notwendig, denn +die Anrede war mythisch geworden. + +</p><p>Er fühlte sich seiner Entwicklung verpflichtet und die +ging auf Jahrtausende zurück. + +</p><p>Die Umgestaltung der Bewegung zu einer Handlung +unter Vorwegnahme des Zieles lag im Unentschleierbaren, +wo der Mensch begann. Das war gegeben. Auch +daß er hin und her die Augen aufschlug: in helle Himmel, +über Wüsten, am Nil, und an den Myrtenlagunen die +Geigenvölker — — aber hier im Norden drängte es zur +Entscheidung: zwischen Hunger und Liebe war der dritte +Trieb getreten. Aus dem schlechten Atem der Asketen, +aus ermatteten Geschlechtlichkeiten unter den verdickten +Lüften der Nebelländer wuchs sie hervor, die Erkenntnis, +Hekatomben röchelnd nach der Einheit des Denkens, +und die Stunde der Erfüllung schien gekommen. + +</p><p>Hatte Kartesius noch die Zirbeldrüse für den Sitz +der Seele angenommen, da ihr Äußeres dem Finger +Gottes: gelblich, langgestreckt, milde und doch drohend, +gleichen mochte, so hatten die Hirnphysiologen festgestellt, +wann beim Einstich in die Hirnmasse Zucker im +Harn, wann Indigo auftrat, ja wann korrelativ der Speichel +floß. Die Psychologie hatte den Begleitcharakter des +Gefühls zu den Empfindungen erkannt, den ihnen zustehenden +generellen Wert der Abwehr des Schädlichen +in genauen Kurven festgelegt, die Ablesbarkeit der individuellen +Differenzen war vollendet. Die Erkenntnistheorie +schloß ab, mit der Erneuerung Berkeleyischer +Ideen einem Panpsychismus zum Durchbruch zu verhelfen, +der dem Wirklichen den Rang kondensierter +Begriffe in der Bedeutung geschlechtlich besonders betonter +Umwelt zum Zwecke bequemer Arterhaltung +zuwies. + +</p><p>Dies alles gilt als ausgemacht, sagte sich Rönne. Dies +wird seit Jahrfünften gelehrt und hingenommen. Wo aber +blieb die Auseinandersetzung innerhalb seiner selbst, +wo fand die statt? Ihr Ausdruck, das Sprachliche, wo +vollzog sich das? + +</p><p>Unter Grübeln trat er vor ein Feld mit einem Mann, +den er aus der Anstalt mitgenommen hatte: + +</p><p>„Mohn, pralle Form des Sommers“, rief er, „Nabelhafter: +Gruppierend Bauchiges, Dynamit des Dualismus: +Hier steht der Farbenblinde, die Röte-Nacht. Ha, wie +Du hinklirrst! Ins Feld gestürzt, Du Ausgezackter, +Reiz-Felsen, ins Kraut geschwemmt, — und alle süßen +Mittage, da mein Auge auf Dir schlief letzte stille Schlafe, +treue Stunden — — An Deiner Narbe Blauschatten, an +Deine Flatterglut gelehnt, gewärmt, getröstet, hingesunken +an Deine Feuer: angeblüht!: nun dieser Mann —: +auch Du! Auch Du! — — An meinen Randen spielend, +in Sommersweite, all mein Gegenglück — und nun: wo +bin ich nicht?“ + +</p><p>Wo bin ich nicht, dachte er, und wandte sich in der +Richtung nach der Anstalt, und wo tritt das Ereignis +nicht in das Gegebene? Da unten sind Zimmer. An +Tischen sitzen Männer, Direktoren und Beamte, zwischen +Denkanstößen geht der Zahnstocher hin und her. + +</p><p>Aus Ereignissen des täglichen Daseins und Rennberichten +spielt der psychische Komplex sich ab. Es tritt +auf das Befremdende, das Abweichende, ja bis zum +Widersprechenden stellt es sich ein. Wachgerufen wird +in den Bewußtseinsabläufen das Bestreben, das Ungeklärte +zu entwirren, das Zweifelhafte sicherzustellen, +der Überbrückung des Zwiespalts gilt das Wort. Es +tritt die Erfahrung hervor, Beweis und Abwehr gibt sie +an die Hand; und die Beobachtung, hier und da gemacht, +wenn auch nicht eindeutig, soll sie völlig wertlos +sein? Schon weicht das Dunkle. Schon glättet sich das +Krause, und daß kein Widerspruch mehr besteht, nun +blaut es herab. + +</p><p>Immer blaut bald etwas herab, zum Beispiel der Kalbsbraten, +den doch jeder kennt. Jäh tritt er an einem Stammtisch +auf, und es ranken sich um ihn die Individualitäten. +Geographische Besonderheiten, Eigentümlichkeiten des +Geschmacklichen werden hervortreten, der Drang zur +Nuance um ihn sein. Es wird branden der Streit und +das Erschlaffen, der Angriff und die Versöhnung um +den Kalbsbraten, den Entfesseler des Psychischen. + +</p><p>Und das Morgendliche, wem begegnet es? Einer Frau, +die sich außergewöhnlich in der Frühe erhebt; alle Kühle +und sein Tau rinnen in das Wesen, das schreitet. Weiterleitung +tritt ein, ein Ausruf wird erfolgen, Bestände von +Erzählungen über frühe Gänge werden gebildet: — +Überall stehen die Verarbeitungsbehälter und was und +wird, ist längst geschehen. + +</p><p>Wann gab es Umströmte? Ich muß alles denken, ich +muß alles zusammenfassen, nichts entgeht der logischen +Verknüpfung. Anfang und Ende, aber ich geschehe. Ich +lebe auf dieser Insel und denke Zimtwälder. In mir +durchwächst sich Wirkliches und Traum. Was blüht +der Mohn, wenn er sich entrötet; der Knabe spricht, +aber der psychische Komplex ist vorhanden, auch ohne +ihn. — + +</p><p>Die Konkurrenz zwischen den Associationen, das ist +das letzte Ich — dachte er und schritt zurück zur Anstalt, +die auf einem Hügel am Meere lag. Hängt aus meiner +Tasche eine Zeitung, ein buchhändlerisches Phänomen, +bietet es Anknüpfungen zu Bewegungsvorgängen an +Mitmenschen, sozusagen zu einem Geschehnis zwischen +Individualitäten. Sagt der Kollege, Sie gestatten das +Journal, liegt ein Reiz vor, der wirkt, ein Wille, der +sich auf etwas richtet, motorische Konkurrenzen, aber +jedenfalls immer das Schema der Seele, die Vitalreihe +ist es, die die Fallen stellt. + +</p><p>Wir sind am Ende; fühlte er, wir überwanden unser +letztes Organ. Ich werde den Korridor entlang gehen, +und mein Schritt wird hallen. Denn muß im Korridor +der Schritt nicht hallen? Jawohl, das ist das Leben, und +im Vorbeigehen ein Scherzwort an die Beamtin? Jawohl, +auch dies! — + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Da landete das Schiff, das alle Wochen an die Insel +kam, und mit den Gästen stieg eine Frau ans Land, die +eine Weile hier wohnen wollte. + +</p><p>Rönne lernte sie kennen, warum sollte er sie nicht +kennen lernen: einen Haufen sekundärer Geschlechtsmerkmale, +anthropoid gruppiert. + +</p><p>Aber bald fragte er sich beunruhigt, ich suche ihren +Umgang, doch das Denkerische ist es nicht, was aber ist +es? Sie ist mittelgroß, blond, mit Wasserstoff gebleicht +und grau an den Schläfen. Ihre Augen liegen in der +Ferne, unverrückbar grau von Nebel die Pupille — aber +ich spüre es wie Flucht, ich muß sie beformeln: + +</p><p>Ihr Wesen: sie liebt weiße Blumen, Katzen und +Kristalle und sie kann des Nachts allein nicht schlafen, +denn sie liebt es so, ein Herz zu hören, wo aber soll +das Prinzip ansetzen und die Zusammenfassung erfolgen? +Nie begehrt sie eine Zärtlichkeit, aber wenn +man sich ihr nähert, tritt man unter das Dach der Liebe, +und plötzlich steht sie über mir in einer Stellung; die +ihr Schmerzen machen muß, unbeweglich und lange — — +welch erschütternde Verwirrung! + +</p><p>Witternd Gefahr, hörend aus der Ferne einen Strom, +der herangurgelte, ihn aufzulösen, schlug er um sich die +soziologischen Bestände. + +</p><p>Wie, auf der Nachbarinsel war die Hirse stockig? +War es gut gehandelt an dem kleinen Mann? Wo +blieb Redlichkeit und Bruderkuß? Wenn die verging, +was blieb? — Oder: wirklich hingegeben an die übliche +Menge gemahlenen Tees, in einer Flasche geschüttelt, +gefüllt, gekorkt und nochmals geschüttelt, und die übermittelt +dem Bekannten, dem Nachbar oder dem Wißbegierigen +redlichen Sinnes und helfender Gesinnung, was +blieb dann noch der Verführung zugänglich; er, +der schlichte Schamträger in seiner staatlichen Verquickung, +— nun durfte wohl Friede sein, endlich, ja? + +</p><p>Aber schon wieder war die Lockung da, die Frau, +das Strömende, und befreit atmete er der Wärterin +entgegen, die kam: ein krankes Knie! Wie verdichtet +es sich zur Wirklichkeit. Welch starke Formel! Amtlich +verpflichtet zur Anerkennung meinerseits! Kniekrankheiten, +Schwellungen, Entzündungsvorgänge. — Fester +Boden — Männlichkeiten! + +</p><p>Dann wieder: Jede Erscheinung hat ihr oberstes +Prinzip, und er schritt getröstet an den Strand; es gilt +nur festzulegen, welches das ihre ist; das System ist +allgütig, es enthält auch sie. Es enthält auch sie, die +keine Treue und keinen Wortbruch kennt, die zur Stunde +nicht kommen kann, weil die Fischerin eine Angel trug, +und die Salpen glänzten — Erfahrung sammeln, Deduktionen, +sein stiller Himmel auch über ihr! Aber +dann: Ihre Hüfte, wenn sie neben ihm ging, rauschte +wie das Sinnlose und ihre Schulter war behaart vom +Chaos. + +</p><p>Tiefer warf er sich über seine Bücher, hämmernd +seine Welt. Aber wie? In den angesehendsten naturwissenschaftlichen +Journalen konnten neuerdings Raum +finden, ja anerkennend besprochen werden Arbeiten +dieses eigentümlichen Inhalts? + +</p><p>Das Werk eines unbekannten jüdischen Arztes aus +Danzig, der wörtlich über die Gefühle aussagte, daß +sie tiefer reichten als die geistige Funktion? Daß das +Gefühl das große Geheimnis unseres Lebens sei und +die Frage seiner Entstehung unbeantwortbar?? Um es +vollends zu Ende zu denken: das Gefühl gehöre nicht +mehr zu den Empfindungen?? + +</p><p>Wußte er denn, was es bedeutete, wenn die Gefühle +nicht mehr vom Reiz abhingen, wie er, Rönne, +gelernt; wenn er sie den dunklen Strom nannte, der +aus dem Leibe brach? Das Unberechenbare? + +</p><p>Wußte der Verfasser wohl, vor welche Fragen die +Konsequenzen seiner neuen Lehre führten, wußte dieser +völlig unbekannte Mann wohl die ganze Schwere seiner +Behauptung, die er ohne jede Ankündigung, ohne Sichtbarmachung +auf dem Titelblatt einfach in einem Buch +mit farblosem grauen Deckel in die Welt schickte, wußte +er vielleicht, daß er die Frage beantwortete, ob es Neues +gäbe? + +</p><p>Rönne atmete tief. War dies etwa schon eine neue +Wissenschaft, die nach ihm kam? Jede Befruchtung enthielte +den Keim eines unerhört Neuen, der Zusammentritt +von Einheiten war in der Generationsfolge fortgesetzt +in der Gestalt der Zweigeschlechtlichkeit, und +in ihr galt es, die gewaltige schöpferische Macht anzuerkennen, +die das Leben zur Höhe erhoben hatte? + +</p><p>Rönne bebte. Er sah nochmals auf das Journal, das +die Besprechung gebracht hatte, auf den Namen des +Referenten, der die Kritik gezeichnet hatte: er war sein +Lehrer gewesen. + +</p><p>Schöpferischer Mensch! Neuformung des Entwickelungsgedankens +aus dem Mathematischen ins Intuitive —: +was aber wurde aus ihm, dem Arzt, gebannt in das +Quantitative, dem beruflichen Bejaher der Erfahrung? + +</p><p>Trat er vor einen Rachen, und die Schwellung war +bedrohlich — war sie intuitiv coupierbar? mußte er sich +nicht zusammenraffen zu analytischen Phänomenen, Empirien, +zielstrebigen Gesten, dem ganzen Grauen bejahter +Wirklichkeiten, zu einer Hypothese von Realität, +die er erkenntnistheoretisch nicht mehr halten konnte, +um des Kindes willen, das schon blau war, des Rachens +halber, der erstickte, und der Geld abwarf und von +Amts wegen? + +</p><p>Plötzlich fühlte er sich tief ermüdet und ein Gift in +seinen Gliedern. Er trat an ein Fenster, das in den +Garten ging. In dem stand schattenlos die Blüte weiß, +und voll Spiel die Hecke; an allen Gräsern hing etwas, +das zitterte; in den Abend lösten sich Düfte aus Sträuchern, +die leuchteten, grenzenlos und für immer. + +</p><p>Einen Augenblick streifte es ihn am Haupt: eine +Lockerung, ein leises Klirren der Zersprengung, und in +sein Auge fuhr ein Bild: klares Land, schwingend in Bläue +und Glut und zerklüftet von den Rosen, in der Ferne +eine Säule, umwuchert am Fuß; darin er und die Frau, +tierisch und verloren, still vergießend Säfte und Hauch. + +</p><p>Aber schon war es vergangen. Er fuhr sich über die +Augen. Schon sprang der Reifen wieder um seine Stirn +und eine Kühle an die Schläfen: was lag denn hier vor? +Er hatte mit einer Frau zusammengelebt und hatte einmal +gesehen, daß sie Rosenblätter, die welkten, von +einer Kante zusammengelesen hatte, zusammen zu einem +kleinem Haufen auf einen gesteinten bunten Tisch, dann +setzte sie sich wieder, verloren an einen hellen Strauch. +Das war alles, was er wirklich von ihr wußte; der Rest +war, daß er sich genommen war, es rauschte und er +blutete — — — aber wo führte das hin? + +</p><p>Hart wurde sein Blick. Gestählt drang er in den +Garten, ordnend die Büsche, messend den Pfad. Und +nun kam es über ihn: er stand am Ausgang eines Jahrtausends, +aber die Frau war stets; er schuldete seine +Entwicklung einer Epoche, die das System erschaffen +hatte, und was auch kommen mochte, dies war er! + +</p><p>Fordernd jagte er seinen Blick in den Abend und siehe, +es blaute das Hyazinthenwesen unten Duftkurven reiner +Formeln, einheitliche Geschlossenheiten, in den Gartenraum; +und eine versickernde Streichholzvettel rann teigig +über die Stufen eines Anstaltgebäudes unter Glutwerk +berechenbarer Lichtstrahlen einer untergehenden Sonne +senkrecht in die Erde. — + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-5">Der Geburtstag</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>llmählich war ein Arzt über neunundzwanzig +Jahre geworden und sein Gesamteindruck war +nicht darnach, Empfindungen besonderer Art +zu erwecken. + +</p><p>Aber so alt er war, er fragte sich dies und das. Ein +Drängen nach dem Sinn des Daseins warf sich ihm +wiederholt entgegen: wer erfüllte ihn: der Herr, der +rüstig schritt, den Schirm im Arm; die Hökerin, die vor +dem Flieder saß, der Markt war aus, im Abendwehn; +der Gärtner, der alle Namen wußte: Kirschlorbeer und +Kakteen, und dem die rote Beere im toten Busch vorjährig +war? + +</p><p>Aus der norddeutschen Ebene stammte er. In südlichen +Ländern natürlich war der Sand leicht und lose; +ein Wind konnte — das war nachgewiesen — Körner +um die ganze Erde tragen; hier war das Staubkorn, +groß und schwer. + +</p><p>Was hatte er erlebt: Liebe, Armut und Röntgenröhren; +Kaninchenställe und kürzlich einen schwarzen +Hund, der stand auf einem freien Platz, bemüht um +ein großes rotes Organ zwischen den Hinterbeinen hin +und her, beruhigend und gewinnend; herum standen +Kinder, Blicke von Damen suchten das Tier, halbwüchsige +Jugend wechselte die Stellung, den Vorgang +im Profil zu sehen. + +</p><p>Wie hatte er das alles erlebt: er hatte Gerste eingefahren +von den Feldern, auf Erntewagen, und das +groß: Mandel, Kober und Kimme vom Pferd. Dann +war der Leib eines Fräuleins voll Wasser und es galt +Abfluß und Drainage. Aber über allem schwebte ein +leises zweifelndes Als ob: als ob Ihr wirklich wäret +Raum und Sterne. + +</p><p>Und nun? Ein grauer nichtssagender Tag würde es +sein, wenn man ihn begrub. Die Frau war tot; das +Kind weinte ein paar Tränen. Er hatte sich nie viel +um es gekümmert, es war Lehrerin und mußte abends +noch in Hefte sehen. Dann war es aus. Beeinflussung +von Gehirnen durch und über ihn zu Ende. Es trat +in ihr Recht die Erhaltung der Kraft. + +</p><p>Wie hieß er mit Vornamen? Werff. + +</p><p>Wie hieß er überhaupt? Werff Rönne. + +</p><p>Was war er? Arzt in einem Hurenhaus. + +</p><p>Was schlug die Uhr? Zwölf. Es war Mitternacht. +Er wurde dreißig Jahre. In der Ferne rauschte ein +Gewitter. In Maiwälder brach die Wolke auf. + +</p><p>Nun ist es Zeit, sagte er sich, daß ich beginne. In +der Ferne rauscht ein Gewitter, aber ich geschehe. In +Maiwälder bricht die Wolke auf, aber <i>meine</i> Nacht. +Ich habe nördliches Blut, das will ich nie vergessen. +Meine Väter fraßen alles, aus Trögen und Stall. Aber +ich will mich, sprach er sich Mut zu, auch nur ergehen. +Dann wollte er sich etwas Bildhaftes zurufen, aber es +mißlang. Dies wieder fand er bedeutungsvoll und zukunftsträchtig: +vielleicht sei schon die Metapher ein +Fluchtversuch, eine Art Vision und ein Mangel an Treue. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Durch stille blaue Nebel, vom nahen Meer in das +Land getrieben, schritt Rönne, als er am nächsten Morgen +in sein Krankenhaus ging. + +</p><p>Das lag außerhalb der Stadt und aller Pflasterwege. +Er mußte über Boden gehen, der war weich, der ließ +Veilchen durch; gelöst und durchronnen schwankte er +um den Fuß. + +</p><p>Da aus Gärten warf sich ihm der Krokus entgegen, +die Kerze der Frühmett des Dichtermunds, und zwar +gerade die gelbe Art, die Griechen und Römern der +Inbegriff alles Lieblichen gewesen, was Wunder, daß +sie ihn in das Reich der Himmlischen versetzten? In +Teichen von Krokussäften badete der Gott. Ein Kranz +von Blüten wehrte dem Rausch. Am Mittelmeer die +Safranfelder: die dreiteilige Narbe; flache Pfannen; Roßhaarsiebe +über Feuern, leicht und offen. + +</p><p>Er trieb sich an: arabisches Za-fara, griechisches Kroké. +Es stellte sich ein Korvinius, König der Ungarn, der +es verstanden hatte, beim Speisen Safranflecke zu vermeiden. +Mühelos nahte sich der Färbestoff, das Gewürze, +die Blütenmatte und das Alpental. + +</p><p>Noch hingegeben der Befriedigung, so ausgiebig zu +assoziieren, stieß er auf ein Glasschild mit der Aufschrift: +Cigarette Maita, beleuchtet von einem Sonnenstrahl. +Und nun vollzog sich über Maita — Malta — +Strände — leuchtend — Fähre — Hafen — Muschelfressen — +Verkommenheiten — der helle klingende Ton einer leisen +Zersplitterung, und Rönne schwankte in einem Glück. +Dann aber betrat er das Hospital: ein unnachgiebiger +Blick, ein unerschütterlicher Wille: die heute ihm entgegentretenden +Reize und Empfindungen anzuknüpfen +an den bisherigen Bestand, keine auszulassen, jede zu +verbinden. Ein geheimer Aufbau schwebte ihm vor, +etwas von Panzerung und Adlerflug, eine Art Napoleonischen +Gelüstes, etwa die Eroberung einer Hecke, +hinter der er ruhte, Werff Rönne, dreißigjährig, gefestigt, +ein Arzt. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Ha, heute nicht einfach, Beine breit und herab vom +Stuhl, mein Fräulein, die feine blaue Ader von der +Hüfte in das Haar, die wollen wir uns merken! Ich +kenne Schläfen mit diesen Adern, es sind schmale weiße +Schläfen, müde Gebilde, aber diese will ich mir merken, +geschlängelt, ein Ästchen Veilchenblut! Wie? Wenn +nun das Gespräch auf Äderchen kommt — gepanzert +stehe ich da, in Sonderheit auf Hautäderchen: An der +Schläfe?? O meine Herren!! Ich sah sie auch an anderen +Organen, fein geschlängelt, ein Ästchen Veilchenblut. +Vielleicht eine Skizze gefällig? So verlief sie —, +soll ich aufsteigen? Die Einmündung? Die große Hohlvene? +Die Herzkammer? Die Entdeckung des Blutkreislaufes +— — —? Nicht wahr, eine Fülle von Eindrücken +steht Ihnen gegenüber? Sie tuscheln, wer ist +der Herr? Gesammelt steht er da? Rönne ist mein +Name, meine Herren. Ich sammle hin und wieder so +kleine Beobachtungen; nicht uninteressant, aber natürlich +gänzlich belanglos, kleiner Beitrag zum großen Aufbau +des Wissens und Erkennens des Wirklichen, ha! ha! + +</p><p>Und Sie, meine Damen, wir kennen uns doch! Gestatten +Sie, daß ich Sie erschaffe, umkleide mit Ihren +Wesenheiten, mit Ihren Eindrücken in mir, unzerfallen +ist das Leitorgan, es wird sich erweisen, wie es sich +erinnert, schon steigen Sie auf. + +</p><p>Sie sprechen den Teil an, den Sie lieben. In sein +Auge sehen Sie, geben Seele und Hauch. — Sie haben +die Narben zwischen den Schenkeln, ein Araberbey; +große Wunden müssen es gewesen sein, gerissen von +der lasterhaften Lippe Afrikas. — Sie aber schlafen mit +der weißen ägyptischen Ratte, Ihre Augen sind rosarot; +Sie schlafen auf der Seite, an der Hüfte das Tier. +Seine Augen sind gläsern und klein wie zwei rote +Kaviarkörner. In der Nacht befällt sie der Hunger. +Über die Schlafende steigt das Tier. Auf dem Nachttisch +steht ein Teller mit Mandeln. Leise steigt es zurück +an die Hüfte, schnuppernd und stutzend. Oft erwachen +Sie, wenn sich der Schwanz über die Oberlippe schlängelt, +kühl und hager. + +</p><p>Einen Augenblick prüfte er in sich hinein. Aber machtvoll +stand er da. Erinnerungsbild an Erinnerungsbild +gereiht, dazwischen rauschten die Fäden hin und her. + +</p><p>Und Sie aus dem Freudenhaus in Aden, brütend an +Wüste und Rotem Meer. Über die Marmorwände rinnt +alle Stunde bläuliches Wasser. Aus Gittern am Boden +steigen Wolken aus räucherndem Kraut. Alle Völker +der Erde kennen Sie nach der Liebe. Ihre Sehnsucht +ist ein bescheidenes Haus am dänischen Sund. Kommen +letzte Wallungen, ein Billard, vor dem Knaben im +leichten Anzug spielen. — Und Sie, in dem Bordell, +durch das der Krieg gezogen, zwischen Geschirr und +Leder täglich hundertfach zerborsten unter unbekannten +Gliedern oder auch unter Ballen aus Blutungen und Kot. + +</p><p>Verklärt stand er vor sich selbst. Wie er es hervorspielte, +ach, spielte! regenbogente! grünte! eine Mainacht +ganz unnennbar! Er kannte sie alle. Gegenüber +stand er ihnen, sauber und ursprünglich. Er war +nicht schwach gewesen. Starkes Leben blutete durch +sein Haupt. + +</p><p>Er kannte sie alle; aber er wollte mehr. An ein +sehr gewagtes Gebiet wollte er heran; es gab wohl +ein Bewußtseinsleben ohne Gefühle oder hatte es gegeben, +aber unsere Neigungen — dieses Satzes entsann +er sich deutlichst — sind unser Erbteil. In ihnen erleben +wir, was uns beschieden ist: nun wollte er eine lieben. + +</p><p>Er sah den Gang entlang, und da stand sie. Sie +hatte ein Muttermal, erdbeerfarben, vom Hals über eine +Schulter bis zur Hüfte und in den Augen, blumenhaft, +eine Reinheit ohne Ende und um die Lider eine Anemone, +still und glücklich im Licht. + +</p><p>Wie sollte sie heißen? Edmée, das war hinreißend. +Wie weiter? Edmée Denso, das war überirdisch; das +war wie der Ruf der neuen sich vorbereitenden Frau, +der kommenden, der ersehnten, die der Mann sich zu +schaffen im Gange war: blond, und Lust und Skepsis +aus ernüchterten Gehirnen. + +</p><p>Also: nun liebte er. Er spürte in sich hinein: Das +Gefühl. Den Überschwang galt es zu erschaffen gegen +das Nichts. Lust und Qual zu treiben in den Mittag, +in ein kahles graues Licht. Aber nun mußte es auch +flirren! Es waren starke Empfindungen, denen er gegenüberstand. +Er konnte in diesem Land nicht bleiben. +—: Südlichkeiten! Überhöhung! + +</p><p>Edmée, in Luxor ein flaches weißes Haus oder in +Kairo den Palast? Das Leben in der Stadt ist heiter +und offen, berühmt ist das Licht, klar vor Glut, und +plötzlich kommt die Nacht. Du hast unzählige Fellachenfrauen +zu deiner Bedienung, zu Gesang und Tänzen. +Du wirst zu Isis beten, die Stirn an Säulen lehnen, +deren Kapitäle an den Ecken die platten Köpfe mit den +langen Ohren tragen; zwischen Stelzvögeln in Schluchten +von Sykomoren stehen. + +</p><p>Einen Augenblick suchte er. Es war etwas wie +Kopthe aufgestiegen, aber er vermochte es nicht zu fördern. +Nun sang er wieder, der Weiche im Glück. + +</p><p>Der Winter kommt, und die Felder grünen; einige +Blätter des Granatstrauchs fallen, aber das Korn schießt +auf vor deinen Augen. Was willst du haben: Narzissen +oder Veilchen das Jahr hindurch in dein Bad +geschüttet morgens, wenn du dich spät erhebst; willst +du nachts durch kleine Nildörfer streichen, wenn auf +die krummen Straßen die großen klaren Schatten fallen +durch den hellen südlichen Mond? Ibiskäfige oder Reiherhäuser? +Orangengärten, gelbflammend und Saft und +Dunst über die Stadt wölkend in der Mittagsstunde, +von Ptolomäertempeln einen geschnittenen Fries? + +</p><p>Er hielt inne. War das Ägypten? War das Afrika +um einen Frauenleib, Golf und Liane um der Schultern +Flut? Er suchte hin und her. War etwas zurückgeblieben?? +War Hinzufügbares vorhanden? Hatte er es +erschaffen: Glut, Wehmut und Traum? + +</p><p>Aber was für ein eigentümliches Wehen in seiner +Brust! Eine Erregung, als ströme er hin. Er verließ +das Untersuchungszimmer, durchschritt die Halle in den +Park. Es zog ihn nieder, auf den Rasen zog es ihn, +leichthingemäht. + +</p><p>Wie hat es mich müde gemacht, dachte er, mit welcher +Stärke! Da durchschlug ihn, daß Erblassen die +Frucht sei und die Träne der Schmerz —: Erschütterungen! +Klaffende Ferne! + +</p><p>Üppig glühte der Park. Ein Busch auf dem Rasen +trug Blattwerk wie Farren, jeder Fächer groß und +fleischig wie ein Reh. Um jeden Baum, der blühte, +lag die Erde, geschlossen, ein Kübel, ihn tränkend und +ihm völlig preisgegeben. Himmel und Blüten: weich, aus +Augen, kamen Bläue und Schnee. + +</p><p>— Schluchzender, Edmée, dir immer näher! Eine +Marmorbrüstung beschlägt das Meer. Südlich versammelt +Lilien und Barken. Eine Geige eröffnet dich bis +in dein Schweigendes hinein. — + +</p><p>Er blinzelte empor. Er zitterte: Gegen den Rasen +stürmte der Glanz, feucht aus einer goldenen Hüfte; +und Erde, die den Himmel bestieg. Am Ranft gegen +die Schatten rang gebreitet das Licht. Hin und her war +die Zunge einer Lockung: aus ihrem Gefieder Blütengüsse +entwichen der Magnolie in ein Wehen, das vorübertrieb. + +</p><p>Edmée lachte: Rosen und helles Wasser. + +</p><p>Edmée ging: Durch Steige, zwischen Veilchen, in +einem Licht von Inseln, aus osmiumblauen Meeren, +kurz von Quader und Stern; Tauben, Feldflüchter, +hackten Silber mit den Schwingen. + +</p><p>Edmée bräunte sich, ein bläuliches Oval. Vor Palmen +spielte sie, sie hatte viel geliebt. Wie eine Schale +trug sie ihre Scham kühl durch die Beugung des erwärmten +Schritts, auf der Hüfte die Hand schwer, erntegelb, +unter Korn und Samen. + +</p><p>Im Garten wurde Vermischung. Nicht mehr von Farben +hallte das Beet, Bienengesumm nicht mehr bräunte +die Hecke. Erloschen war Richtung und Gefälle: Eine +Blüte, die trieb, hielt inne und stand im Blauen, Angel +der Welt. Kronen lösten sich weich, Kelche sanken +ein, der Park ging unter im Blute des Entformten. +Edmée breitete sich hin. Ihre Schultern glätteten sich, +zwei warme Teiche. Nun schloß sie die Hand, langsam, +um einen Schaft, die Reife in ihrer Fülle, bräunlich +abgemäht an den Fingern, unter großen Garben +verklärter Lust — —: + +</p><p>Nun war ein Strömen in ihm, nun ein laues Entweichen. +Und nun verwirrte sich das Gefüge, es entsank +fleischlich sein Ich —: + +</p><p>— Es hallten Schritte über das Gefälle eines Tals +durch eine flache weiße Stadt; dunkle Gärten schlossen +die Gassen. Auf Simsen und Architraven, die zerfallend +Götter und Mysterien herhielten, verteilt durch +ein florentinisches Land, lagen Tropfen hellen Bluts. +Ein Schatten taumelte zwischen Gliedern, die stumm +waren, zwischen Trauben und einer Herde; ein Brunnen +rann, ein splitterndes Spiel. + +</p><p>Im Rasen lag ein Leib. Aus Kellern spülte ein Dunst; +es war Essenszeit, Pfeifen und Grieben, der schlechte +Atem eines Sterbenden. + +</p><p>Aufsah der Leib: Fleisch, Ordnung und Erhaltung +riefen. Er lächelte und schloß sich wieder; schon vergehend +sah er auf das Haus: was war geschehen? +Welches war der Weg der Menschheit gewesen bis +hierher? Sie hatte Ordnung herstellen wollen in etwas, +das hätte Spiel bleiben sollen. Aber schließlich war es +doch Spiel geblieben, denn nichts war wirklich. War +er wirklich? Nein; nur alles möglich, das war er. + +</p><p>Tiefer bettete er den Nacken in das Maikraut, das +roch nach Thyrsos und Walpurgen. Schmelzend durch +den Mittag kieselte bächern das Haupt. + +</p><p>Er bot es hin: das Licht, die starke Sonne rann unaufhaltsam +zwischen das Hirn. Da lag es: kaum ein +Maulwurfshügel, mürbe, darin scharrend das Tier. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Was aber ist mit dem Morellenviertel, fragte er sich +bald darauf? Hinter dem Palast, um dessen Pfeiler +Lorbeer steht, brechen Gassen in die Tiefe, den Hang +hinunter steht Haus bei Haus klein herab. + +</p><p>Einäugige lungern um Schneckenwagen. Sie legen +Geld hin. Frauen kerben die Schale auf. Ein Schnitt +im Kreis und das Fleisch hängt rosa aus der Muschel. +Sie tauchen es in eine Tasse mit Brühe und beißen. +Die Frau hustet, und sie müssen weiter. + +</p><p>Wahrsager mit Hilfe von Ideenübertragung klingeln +unaufhörlich schrill namentlich an Damen gewandt und +haben Batterien. + +</p><p>Zigeunerinnen vor Karren, Rochen, flacher, violett +und silbern, mit abgehackten Köpfen; welche zur Hälfte +gespalten, eingekerbt und zum Trocknen gehangen; dazwischen +krumme, dürre Fische, kupfern und schillernd. + +</p><p>Es riecht nach Brand und alten Fetten. Unzählige +Kinder verrichten ihre Notdurft, ihre Sprache ist fremd. + +</p><p>Was ist es mit dem Morellenviertel, fragte sich Rönne. +Ich muß es bestehen! Auf! Hinab! Ich schwor mir, nie +will ich dieses Bild vergessen: des Sommers, der eine +Mauer schlug mit Büschen, flammend von Gefieder, mit +Strauchgerten, beißend von dichten, blauen Fleischen, +gegen eine Mauer, die nicht strömte, die feuchte, blaue +Ranke! + +</p><p>Er jagte herunter. Um die hohe Gasse rann es +zusammen: kleine Häuser, unterwühlt von langen, +schmalen Höhlen, die spieen Gebein aus, Junges strotzend, +Altes mürbe, hochgegürtet die Scham. + +</p><p>Was wurde verkauft: Holzpantoffeln für die Notdurft, +grüne Klöße für das Ich, Ankerschnäpse für die Lust, +Nötigstes des Leibes und der Seele, Salbenbüchsen +und Madonnen. + +</p><p>Was ging vor sich: kleine Kinder vor Knieenden, +dicht, eben ihrer Brust entsprungen; rauhe Stimmen, +verkommen über verbranntes Gestein; tiefer als denkbar +grub ein Herr in die Tasche; Schädel, eine Wüste, +Leiber, eine Gosse, tretend Erde, kauend: Ich und du. + +</p><p>Auge, fernevolles, Blut, traumrauschend, rief er sich +zu, deine Mittagsflüge, wehe sie! muß Rönne schon vergehen, +unverschanzt?: + +</p><p>Große Woge ist die Frau, gute Mutter, die die +Fische wendet hin und her, auf dem Rücken sind sie +braun gefleckt, Bröckel Blütenstaub und Samenpulver? + +</p><p>Eines Rahmens wert erschien das schlichte Bild: Einbrecher, +böser Mann am Kassentisch, die brave Besitzerin +niedergeschlagen, letzter Blick vom Boden gilt +dem Hund??: + +</p><p>Und du ins Gras gelümmelt, Mittagshengst — und +jetzt schon Überwölkung??? Dreißigjährig — und Kahlkropf +ungefiedert?? + +</p><p>Er floh tiefer in die Gasse. Aber da: ein kleines +Denkmal: dem Gründer eines Jugendstifts: die Menschenseele, +das Gemeinsystem, die Lebensverlängerung +und der Stadtrat strotzten Vollbart und Vermehrung. +Der Aufbau tat sich auf: Proben der Tüchtigkeit wurden +abgelegt und zwar dies wiederholt, Untersuchungen +vorgenommen, die zu Feststellungen führten. + +</p><p>Wo war sein Süden hin? Der Efeufelsen? Der Eukalyptos, +wo am Meer? Ponente, Küste des Niedergangs, +silberblaue die Woge her! + +</p><p>Er hetzte in eine Kaschemme; er schlug sich mit Getränken +heißen, braunen. Er legte sich auf die Bank, +damit der Kopf nach unten hinge wegen der Schwerkraft +und des Bluts. Hilfe, schrie er! Überhöhung! + +</p><p>Stühle, Gegenstände für Herren, die bei nach vorn +gebogenen Knien einen Stützpunkt unter der Hinterfläche +der Beine haben wollten, trockneten dumpf und +nördlich. Tische für Gespräche wie diese: Na, wie geht’s, +schelmisch und männlich und um die Schenkel herum +liefen ehrbar durch die Zeit. Kein Tod schleuderte die +triefäugige Mamsell stündlich, wenn die Uhr schlug, vor +das Nichts. Krämer scharrten; keine Lava über den +toten Schotter! + +</p><p>Und er? Was war er? Da saß er zwischen seinen +Reizen, das Pack geschah mit ihm. Sein Mittag war Hohn. + +</p><p>Wieder quoll das Gehirn herauf, der dumpfe Ablauf +des ersten Tages. Immer noch zwischen seiner Mutter +Schenkel — so geschah er. Wie der Vater stieß, so rollte +er ab. Die Gasse hatte ihn gebrochen, zurück: die Hure +schrie. + +</p><p>Schon wollte er gehen, da geschah ein Ton. Eine +Flöte schlug auf der grauen Gasse, zwischen den Hütten +blau ein Lied. Es mußte ein Mann gehen, der sie +blies. Ein Mund war tätig an dem Klang, der aufstieg +und verhallte. Nun hub er wieder an. + +</p><p>Von Ohngefähr. Wer hieß ihn blasen? Keiner dankte +ihm. Wer hätte denn gefragt, wo die Flöte bliebe? +Doch wie Gewölke zog er ein: wehend seinen weißen +Augenblick und schon verwehend in alle Schluchten der +Bläue. + +</p><p>Rönne sah sich um: verklärt, doch nichts hatte sich +verändert. Aber ihm: bis an die Lippen stand das Glück. +Sturz auf Sturz, Donner um Donner; rauschend das +Segel, lohend der Mast: Zwischen kleinen Becken dröhnte +gestreckt das Dock: Groß glühte heran der Hafenkomplex: + +</p><p>Über die Felsen steigt das Licht, schon nimmt es +Schatten an, die Villen schimmern und der Hintergrund +ist bergerfüllt. Eine schwarze Rauchpinne verfinstert +die Mole, indes mit der gekräuselten Welle das winzige +Lokalboot kämpft. Über die Landungsbrücke, die +schwankt, eilt der geschäftige Facchini; Hojo — tirra — +Hoy —, klingt es; es flutet der volle Lebensstrom. Gegen +tropische und subtropische Striche, Salzminen und Lotosflüsse, +Berberkarawanen, ja gegen den Antipoden selbst +steht der Schiffsbauch gerichtet; eine Ebene, die die +Mimose säumt, entleert rötliches Harz, ein Abhang +zwischen Kalkmergel, den fetten Ton. Europa, Asien, +Afrika: Bisse, tödliche Wirkungen, gehörnte Vipern; am +Kai das Freudenhaus tritt dem Ankömmling entgegen, +in der Wüste schweigend steht das Sultanhuhn. — + +</p><p>Noch stand es schweigend, schon geschah ihm die +Olive. + +</p><p>Auch die Agave war schön, aber die Taggiaska kam, +feinölig, die blauschwarze, schwermütig vor dem Ligurischen +Meer. + +</p><p>Himmel, selten bewölkt, Rosen ein Gefälle; durch +alle Büsche der blaue Golf, aber die endlosen lichten +Wälder, welch ein schattenschwerer Hain! + +</p><p>Wurde um den Stamm das Tuch gebreitet, lag Arbeit +vor. Gemisch von Hörnern, Klauen, Ledern und wollenen +Lumpen, jedes vierte Jahr war Speisung gewesen. Jetzt +aber schlugen Männer, sonst dem Kegelspiel mit spannungsvollem +Eifer hingegeben, die Kronen, jäh den +Früchten zugewandt. + +</p><p>In der Mulme der Rüsselkäfer. Eine Zygäne flackernd +aus der Myrte. Kleine Presse wird gedreht, schieferner +Keller still durchgangen. Ernte naht sich, Blut der Hügel, +um den Hain, bacchantisch, die Stadt. + +</p><p>Kam Venedig, rann er über den Tisch. Er fühlte +Lagune, und ein Lösen, schluchzend. Scholl dumpf das +Lied aus alten Tagen des Dogen Dandolo, stäubte er +in ein warmes Wehn. + +</p><p>Ein Ruderschlag: Ein Eratmen; ein Barke: Stütze +des Haupts. + +</p><p>Fünf eherne Rosse, die Asien gab, und um die Säulen +sang es: manchmal eine Stunde, da bist Du; der Rest +ist das Geschehen. Manchmal die beiden Fluten schlagen +hoch zu einem Traum. Manchmal rauscht es: wenn Du +zerbrochen bist. + +</p><p>Rönne lauschte. Tieferes mußte es noch geben. Aber +der Abend kam schnell vom Meer. + +</p><p>Blute, rausche, dulde, sagte er vor sich hin. Männer +sahen ihn an. Jawohl, sagte er, ihre Sommersprossen, +ihr kahler Hals, über dessen Adamsapfel das Haar +stachelt — unter meine Kreuzigung, ich will zur Rüste +gehen. + +</p><p>Er bezahlte rasch und erhob sich. Aber an der Tür +nahm er den Blick noch einmal zurück an das Dunkel +der Taverne, an die Tische und Stühle, an denen er +so gelitten hatte und immer wieder leiden würde. Aber +da, aus dem gerippten Schaft des Tafelaufsatzes neben +der leckäugigen Frau glühte aus großem, sagenhaftem +Mohn das Schweigen unantastbaren Landes, rötlichen, +toten, den Göttern geweiht. Dahin ging, daß fühlte er +tief, nun für immer sein Weg. Eine Hingebung trat in +ihn, ein Verlust von letzten Rechten, still bot er die +Stirn, laut klaffte ihr Blut. + +</p><p>Es war dunkel geworden. Die Straße nahm ihn auf +darüber der Himmel, grüner Nil der Nacht. + +</p><p>Über das Morellenviertel aber klang noch einmal der +Ton der Flöte: manchmal die beiden Fluten schlagen +hoch zu einem Traum. + +</p><p>Da enteilte ein Mann. Da schwang sich einer in seine +Ernte, Schnitter banden ihn, gaben Kränze und Spruch. +Da trieb einer, glühend aus seinen Feldern, unter Krone +und Gefieder, unabsehbar: er, Rönne. + + +</p> + +<p> </p> +<p> </p> + +<p style="text-transform:uppercase; text-align: center; font-size:large; "> +Ende. +</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Gehirne, by Gottfried Benn + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEHIRNE *** + +***** This file should be named 35435-h.htm or 35435-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/5/4/3/35435/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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