summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/35435-h
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '35435-h')
-rw-r--r--35435-h/35435-h.htm2410
-rw-r--r--35435-h/images/logo.jpgbin0 -> 4688 bytes
2 files changed, 2410 insertions, 0 deletions
diff --git a/35435-h/35435-h.htm b/35435-h/35435-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..19e2706
--- /dev/null
+++ b/35435-h/35435-h.htm
@@ -0,0 +1,2410 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+<title>Gehirne</title>
+<!-- AUTHOR="Gottfried Benn" -->
+<!-- LANGUAGE="de" -->
+
+<style type='text/css'>
+body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; }
+h1 { text-transform:uppercase;letter-spacing: .5em;text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 5%; }
+h2 { text-transform:uppercase;letter-spacing: .1em; text-align: center; margin-top: 10%; margin-bottom: 5%; page-break-before: always}
+h3 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 2%; page-break-before: always}
+p { margin-left: 0%;
+ margin-right: 0%;
+ margin-top: 0%;
+ margin-bottom: 0%;
+ text-align: justify;
+ text-indent: 4%
+ }
+p.noindent { text-indent: 0%; }
+p.right { text-indent: 0%;
+ text-align: right;
+ margin-left: 8%; margin-right: 4%;
+ margin-top: 0%; margin-bottom: 2%;
+ }
+p.lyrics {text-align:left;
+ text-indent: 0%;
+ margin-left: 8%; margin-right: 8%;
+ margin-top: 2%; margin-bottom: 2%;
+ }
+p.signature {text-indent: 0%;
+ text-align: left;
+ margin-left: 20%; margin-right: 8%;
+ margin-top: 1%; margin-bottom: 2%;
+ font-size: small;
+ }
+p.blockquote {text-indent: 0%;
+ margin-left: 8%; margin-right: 4%;
+ margin-top: 2%; margin-bottom: 2%;
+ }
+p.center { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; }
+p.contents { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; }
+p.textbox { text-indent:0%; margin: 0% 20% 0% 20%; padding: 1% 1% 1% 1%; border: 1px solid; text-align:center;}
+
+p.firstwo { text-indent: 0% }
+p.first { text-indent: 0% }
+span.firstchar {
+float:left;font-size:50px;line-height:24px;padding-top:4px;padding-bottom:1px;padding-right:2px;
+}
+
+a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:hover { text-decoration: underline; }
+a:active { text-decoration: underline; }
+
+</style>
+</head>
+
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Gehirne, by Gottfried Benn
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Gehirne
+ Novellen
+
+Author: Gottfried Benn
+
+Release Date: March 1, 2011 [EBook #35435]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEHIRNE ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<h1>Gehirne</h1>
+
+<p class="center" style="text-transform:uppercase; letter-spacing: .5em;line-height:150%">
+Novellen<br />
+<span style="font-size:small">von</span><br />
+<span style="font-size:large">Gottfried Benn</span>
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center"><img src="images/logo.jpg" alt="Verlagslogo"/></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="text-transform:uppercase; letter-spacing: .5em; line-height: 150%">
+Leipzig<br />
+Kurt Wolff Verlag<br />
+1916
+</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="letter-spacing: .2em;page-break-before:always;">
+Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R.<br />
+Oktober 1916 als fünfunddreißigster Band<br />
+der Bücherei »Der jüngste Tag«
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="text-transform:uppercase; font-size:small">
+Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag · Leipzig
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2 class="chapter">Inhalt</h2>
+
+<p class="contents"><a href="#chapter-1">Gehirne</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-2">Die Eroberung</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-3">Die Reise</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-4">Die Insel</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-5">Der Geburtstag</a></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Gehirne</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">R</span>önne, ein junger Arzt, der früher viel seziert
+hatte, fuhr durch Süddeutschland dem Norden zu.
+Er hatte die letzten Monate tatenlos verbracht; er
+war zwei Jahre lang an einem pathologischen Institut
+angestellt gewesen, das bedeutet, es waren ungefähr
+zweitausend Leichen ohne Besinnen durch seine Hände
+gegangen, und das hatte ihn in einer merkwürdigen und
+ungeklärten Weise erschöpft.
+
+</p><p>Jetzt saß er auf einem Eckplatz und sah in die Fahrt:
+es geht also durch Weinland, besprach er sich, ziemlich
+flaches, vorbei an Scharlachfeldern, die rauchen von
+Mohn. Es ist nicht allzu heiß; ein Blau flutet durch
+den Himmel, feucht und aufgeweht von Ufern; an
+Rosen ist jedes Haus gelehnt, und manches ganz versunken.
+Ich will mir ein Buch kaufen und einen Stift;
+ich will mir jetzt möglichst vieles aufschreiben, damit
+nicht alles so herunterfließt. So viele Jahre lebte ich,
+und alles ist versunken. Als ich anfing, blieb es bei
+mir? Ich weiß es nicht mehr.
+
+</p><p>Dann lagen in vielen Tunneln die Augen auf dem
+Sprung, das Licht wieder aufzufangen; Männer arbeiteten
+im Heu, Brücken aus Holz, Brücken aus
+Stein; eine Stadt und ein Wagen über Berge vor ein
+Haus.
+
+</p><p>Veranden, Hallen und Remisen, auf der Höhe eines
+Gebirges, in einen Wald gebaut &mdash; hier wollte Rönne
+den Chefarzt ein paar Wochen vertreten. Das Leben
+ist so allmächtig, dachte er, diese Hand wird es nicht
+unterwühlen können, und sah seine Rechte an.
+
+</p><p>Im Gelände war niemand außer Angestellten und
+Kranken; die Anstalt lag hoch; Rönne war feierlich zu
+Mute; umleuchtet von seiner Einsamkeit besprach er
+mit den Schwestern die dienstlichen Angelegenheiten
+fern und kühl.
+
+</p><p>Er überließ ihnen alles zu tun: das Herumdrehen
+der Hebel, das Befestigen der Lampen, den Antrieb der
+Motore, mit einem Spiegel dies und jenes zu beleuchten
+&mdash; es tat ihm wohl, die Wissenschaft in eine Reihe
+von Handgriffen aufgelöst zu sehen, die gröberen eines
+Schmiedes, die feineren eines Uhrmachers wert. Dann
+nahm er selber seine Hände, führte sie über die Röntgenröhre,
+verschob das Quecksilber der Quarzlampe,
+erweiterte oder verengte einen Spalt, durch den Licht
+auf einen Rücken fiel, schob einen Trichter in ein Ohr,
+nahm Watte und ließ sie im Gehörgang liegen und vertiefte
+sich in die Folgen dieser Verrichtung bei dem Inhaber
+des Ohrs: wie sich Vorstellungen bildeten von
+Helfer, Heilung, guter Arzt von allgemeinem Zutrauen
+und Weltfreude, und wie sich die Entfernung von Flüssigkeiten
+in das Seelische verwob. Dann kam ein Unfall
+und er nahm ein Holzbrettchen mit Watte gepolstert,
+schob es unter den verletzten Finger, wickelte
+eine Stärkebinde herum und überdachte, wie dieser Finger
+durch den Sprung über einen Graben oder eine
+übersehene Wurzel, durch einen Übermut oder einen
+Leichtsinn, kurz, in wie tiefem Zusammenhange mit dem
+Lauf und dem Schicksal dieses Lebens er gebrochen
+schien, während er ihn jetzt versorgen mußte wie einen
+Fernen und Entlaufenen, und er horchte in die Tiefe,
+wie in dem Augenblick, wo der Schmerz einsetzte, eine
+fernere Stimme sich vernehmen ließe.
+
+</p><p>Es war in der Anstalt üblich, die Aussichtslosen unter
+Verschleierung dieses Tatbestandes in ihre Familien zu
+entlassen wegen der Schreibereien und des Schmutzes,
+den der Tod mit sich bringt. Auf einen solchen trat
+Rönne zu, besah ihn sich: die künstliche Öffnung auf
+der Vorderseite, den durchgelegenen Rücken, dazwischen
+etwas mürbes Fleisch; beglückwünschte ihn zu der gelungenen
+Kur und sah ihm nach, wie er von dannen
+trottete. Er wird nun nach Hause gehen, dachte Rönne,
+die Schmerzen als eine lästige Begleiterscheinung der
+Genesung empfinden, unter den Begriff der Erneuerung
+treten, den Sohn anweisen, die Tochter heranbilden,
+den Bürger hochhalten, die Allgemeinvorstellung des
+Nachbars auf sich nehmen, bis die Nacht kommt mit
+dem Blut im Hals. Wer glaubt, daß man mit Worten
+lügen könne, könnte meinen, daß es hier geschähe. Aber
+wenn ich mit Worten lügen könnte, wäre ich wohl nicht
+hier. Überall wohin ich sehe, bedarf es eines Wortes,
+um zu leben. Hätte ich doch gelogen, als ich zu diesem
+sagte: Glück auf!
+
+</p><p>Erschüttert saß er eines Morgens vor seinem Frühstückstisch;
+er fühlte so tief: der Chefarzt würde verreisen,
+ein Vertreter würde kommen, in dieser Stunde
+aus diesem Bette steigen und das Brötchen nehmen:
+man denkt, man ißt, und das Frühstück arbeitet an
+einem herum. Trotzdem verrichtete er weiter, was an
+Fragen und Befehlen zu verrichten war; klopfte mit
+einem Finger der rechten Hand auf einen der linken,
+dann stand eine Lunge darunter; trat an Betten: guten
+Morgen, was macht Ihr Leib? Aber es konnte jetzt
+hin und wieder vorkommen, daß er durch die Hallen
+ging, ohne jeden einzelnen ordnungsgemäß zu befragen,
+sei es nach der Zahl seiner Hustenstöße, sei es nach
+der Wärme seines Darms. Wenn ich durch die Liegehallen
+gehe &mdash; dies beschäftigte ihn zu tief &mdash; in je zwei
+Augen falle ich, werde wahrgenommen und bedacht.
+Mit freundlichen und ernsten Gegenständen werde ich
+verbunden, vielleicht nimmt ein Haus mich auf, in das
+sie sich sehnen, vielleicht ein Stück Gerbholz, das sie
+einmal schmeckten. Und ich hatte auch einmal zwei
+Augen, die liefen rückwärts mit ihren Blicken; jawohl,
+ich war vorhanden: fraglos und gesammelt. Wo bin
+ich hingekommen? Wo bin ich? Ein kleines Flattern,
+ein Verwehn.
+
+</p><p>Er sann nach, wann es begonnen hätte, aber er wußte
+es nicht mehr: ich gehe durch eine Straße und sehe ein
+Haus und erinnere mich eines Schlosses, das ähnlich
+war in Florenz, aber sie streifen sich nur mit einem
+Schein und sind erloschen.
+
+</p><p>Es schwächt mich etwas von oben. Ich habe keinen
+Halt mehr hinter den Augen. Der Raum wogt so endlos;
+einst floß er doch auf eine Stelle. Zerfallen ist
+Rinde, die mich trug.
+
+</p><p>Oft, wenn er von solchen Gängen in sein Zimmer
+zurückgekehrt war, drehte er seine Hände hin und her
+und sah sie an. Und einmal beobachtete eine Schwester,
+wie er sie beroch oder vielmehr, wie er über sie
+hinging, als prüfe er ihre Luft, und wie er dann die
+leicht gebeugten Handflächen, nach oben offen, an den
+kleinen Fingern zusammenlegte, um sie dann einander
+zu und ab zu bewegen, als bräche er eine große, weiche
+Frucht auf oder als böge er etwas auseinander. Sie erzählte
+es den anderen Schwestern, aber niemand wußte,
+was es zu bedeuten habe. Bis es sich ereignete, daß
+in der Anstalt ein größeres Tier geschlachtet wurde.
+Rönne kam scheinbar zufällig herbei, als der Kopf aufgeschlagen
+wurde, nahm den Inhalt in die Hände und
+bog die beiden Hälften auseinander. Da durchfuhr es
+die Schwester, daß dies die Bewegung gewesen sei, die
+sie auf dem Gang beobachtet hatte. Aber sie wußte
+keinen Zusammenhang herzustellen und vergaß es bald.
+
+</p><p>Rönne aber ging durch die Gärten. Es war Sommer;
+Otternzungen schaukelten das Himmelsblau, die Rosen
+blühten, süß geköpft. Er spürte den Drang der Erde:
+bis vor seine Sohlen, und das Schwellen der Gewalten:
+nicht mehr durch sein Blut. Vornehmlich aber ging er
+Wege, die im Schatten lagen und solche mit vielen Bänken;
+häufig mußte er ruhen vor der Hemmungslosigkeit
+des Lichtes, und preisgegeben fühlte er sich einem
+atemlosen Himmel.
+
+</p><p>Allmählich fing er an, seinen Dienst nur noch unregelmäßig
+zu versehen; namentlich aber, wenn er sich
+gesprächsweise zu dem Verwalter oder der Oberin über
+irgendeinen Gegenstand äußern sollte, wenn er fühlte,
+jetzt sei es daran, eine Äußerung seinerseits dem in
+Frage stehenden Gegenstand zukommen zu lassen, brach
+er förmlich zusammen. Was solle man denn zu einem
+Geschehen sagen? Geschähe es nicht so, geschähe es
+ein wenig anders. Leer würde die Stelle nicht bleiben.
+Er aber möchte nur leise vor sich hinsehn und in seinem
+Zimmer ruhn.
+
+</p><p>Wenn er aber lag, lag er nicht wie einer, der erst
+vor ein paar Wochen gekommen war, von einem See
+und über die Berge; sondern als wäre er mit der Stelle,
+auf der sein Leib jetzt lag, emporgewachsen und von
+den langen Jahren geschwächt; und etwas Steifes und
+Wächsernes war an ihm lang, wie abgenommen von
+den Leibern, die sein Umgang gewesen waren.
+
+</p><p>Auch in der Folgezeit beschäftigte er sich viel mit
+seinen Händen. Die Schwester, die ihn bediente, liebte
+ihn sehr; er sprach immer so flehentlich mit ihr, obschon
+sie nicht recht wußte, um was es ging. Oft fing
+er etwas höhnisch an: er kenne diese fremden Gebilde,
+seine Hände hätten sie gehalten. Aber gleich verfiel er
+wieder: sie lebten in Gesetzen, die nicht von uns seien
+und ihr Schicksal sei uns so fremd wie das eines Flusses,
+auf dem wir fahren. Und dann ganz erloschen, den
+Blick schon in einer Nacht: um zwölf chemische Einheiten
+handele es sich, die zusammengetreten wären
+nicht auf sein Geheiß, und die sich trennen würden,
+ohne ihn zu fragen. Wohin solle man sich dann sagen?
+Es wehe nur über sie hin.
+
+</p><p>Er sei keinem Ding mehr gegenüber; er habe keine
+Macht mehr über den Raum, äußerte er einmal; lag
+fast ununterbrochen und rührte sich kaum.
+
+</p><p>Er schloß sein Zimmer hinter sich ab, damit niemand
+auf ihn einstürmen könne; er wollte öffnen und gefaßt
+gegenüberstehen.
+
+</p><p>Anstaltswagen, ordnete er an, möchten auf der Landstraße
+hin und her fahren; er hatte beobachtet, es tat
+ihm wohl, Wagenrollen zu hören: das war so fern,
+das war wie früher, das ging in eine fremde Stadt.
+
+</p><p>Er lag immer in einer Stellung: steif auf dem Rücken.
+Er lag auf dem Rücken, in einem langen Stuhl, der
+Stuhl stand in einem geraden Zimmer, das Zimmer
+stand im Haus und das Haus auf einem Hügel. Außer
+ein paar Vögeln war er das höchste Tier. So trug ihn
+die Erde leise durch den Äther und ohne Erschüttern
+an allen Sternen vorbei.
+
+</p><p>Eines Abends ging er hinunter zu den Liegehallen;
+er blickte die Liegestühle entlang, wie sie alle still unter
+ihren Decken die Genesung erwarteten; er sah sie an,
+wie sie dalagen: alle aus Heimaten, aus Schlaf voll
+Traum, aus Abendheimkehr, aus Gesängen von Vater
+zu Sohn, zwischen Glück und Tod &mdash; er sah die Halle
+entlang und ging zurück.
+
+</p><p>Der Chefarzt wurde zurückgerufen; er war ein freundlicher
+Mann, er sagte, eine seiner Töchter sei erkrankt.
+Rönne aber sagte: sehen Sie, in diesen meinen Händen
+hielt ich sie, hundert oder auch tausend Stück; manche
+waren weich, manche waren hart, alle sehr zerfließlich;
+Männer, Weiber, mürbe und voll Blut. Nun halte ich
+immer mein eigenes in meinen Händen und muß immer
+darnach forschen, was mit mir möglich sei. Wenn die
+Geburtszange hier ein bißchen tiefer in die Schläfe gedrückt
+hätte .&nbsp;.&nbsp;.? Wenn man mich immer über eine bestimmte
+Stelle des Kopfes geschlagen hätte .&nbsp;.&nbsp;.? Was
+ist es denn mit den Gehirnen? Ich wollte immer auffliegen
+wie ein Vogel aus der Schlucht; nun lebe ich
+außen im Kristall. Aber nun geben Sie mir bitte den
+Weg frei, ich schwinge wieder &mdash; ich war so müde &mdash;
+auf Flügeln geht dieser Gang &mdash; mit meinem blauen
+Anemonenschwert &mdash; in Mittagsturz des Lichts &mdash; in
+Trümmern des Südens &mdash; in zerfallendem Gewölk &mdash; Zerstäubungen
+der Stirne &mdash; Entschweifungen der Schläfe.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Die Eroberung</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>us der Ohnmacht langer Monate und unaufhörlichen
+Vertriebenheiten &mdash;: Dies Land will ich
+besetzen, dachte Rönne, und seine Augen rissen
+den weißen Schein der Straße an sich, befühlten ihn, verglichen
+ihn mit den Schichten nah am Himmel und mit
+der Helle der Mauer eines Hauses, und schon verging
+er vor Glück in den Abend, in die deutliche Verlängerung
+des Lichtes, in dieses kühle Ende eines Tages, der voll
+Frühling war.
+
+</p><p>Die Eroberung ist zu Ende, sagte er sich, es ist fester
+Fuß gefaßt. Sie tragen ihre Ohnmacht noch in Farben
+an ihre Hütten, in Schleifen, rot und gelb, und kleinen
+Fahnen an der Jacke; aber vertrieben werden wir hier
+zunächst nicht werden. Dagegen alles, was geschieht,
+geschieht erstmalig. Eine fremde Sprache, alles ist haßerfüllt
+und kommt zögernd über einen Abgrund her. Hier
+will ich Schritt für Schritt vorgehen. Wenn irgendwo, muß
+es mir hier gelingen.
+
+</p><p>Er schritt aus; schon blühte um ihn die Stadt. Sie
+wogte auf ihn zu, sie erhob sich von den Hügeln, schlug
+Brücken über die Inseln, ihre Krone rauschte. Über Plätze,
+vor Jahrhunderten liegen geblieben und von keinem Fuß
+berührt, drängten alle Straßen hernieder in ein Tal; es
+war ein Abstieg in der Stadt, sie ließ sich sinken in die
+Ebene, sie entsteinte ihr Gemäuer einem Weinberg zu.
+
+</p><p>Er verhielt auf einem Platz, sank auf eine Mauer,
+schloß die Augen, spürte mit den Händen durch die Luft
+wie durch Wasser und drängte: Liebe Stadt, laß Dich doch
+besetzen! Beheimate mich! Nimm mich auf in die Gemeinschaft!
+Du wächst nicht auf, Du schwillst oben nicht
+an, alles das ermüdet so. Du bist so südlich; Deine Kirche
+betet in den Abend, ihr Stein ist weiß, der Himmel blau.
+Du irrst so an das Ufer der Ferne, Du wirst Dich erbarmen,
+schon umschweifst Du mich.
+
+</p><p>Er fühlte sich gefestigt. Er schwang über die Boulevards;
+es war ein Wogen hin und her. Er ging beschwingt; die
+Frauen trug er in seinen Falten wie Staub; die Entthronten;
+was gab es denn: kleine Höhlen und ein
+Büschel Erde in der Achsel. Einer Blonden wogte beim
+Atmen eine Rose hin und her. Die roch nun mit dem
+Blut der Brust zusammen irgendeinem Manne zu.
+
+</p><p>Ihr trieb er nach in ein Café. Er setzte sich und atmete
+tief: ja hier ist die Gemeinschaft. Er sah sich um:
+Ein Mann versenkte sein Weiches in ein Mädchen; die
+dachte, es käme von Gott, und strich sich glatt. Der Unterkiefer
+eines Zurückgebliebenen meisterte mit Hilfe von
+zwei verwachsenen Händen eine Tasse, die Eltern saßen
+dabei und verwahrten sich. Auf allen Tischen standen
+Geräte, welche für den Hunger, welche für den Durst.
+Ein Herr machte ein Angebot; Treue trat in sein Auge,
+Weib und Kind verernsteten seine Züge. Einer bewertete
+sachlich ein Gespräch. Einer kaute eine Landschaft
+an, der Wände Schmuck. Ja, hier ist das Glück,
+sagte er sich und blähte seine Nüstern, als versenke er
+sich, &mdash; das tiefe, gedehnte Glück. Nehmt mich auf in die
+Gemeinschaft!
+
+</p><p>Schon erhob er die Blicke wie zu seinesgleichen. Seine
+Augen schweiften wie die des Kauenden. Nicht mehr
+leugnen ließ sich, daß das Licht auf der Straße sich verdunkelte,
+und daß tief gebeugt ein Mädchen sang. Klar
+zutage lagen die Lüste zwischen den Soldaten und den
+Frauen, und der Kellner gewann an Geltung. Und er
+fühlte, wie er wuchs und still ward, so kühl umstanden
+zu sein von lauter Dingen, die geschahen.
+
+</p><p>Nun wurde er kühner; er entlastete sich auf die Stühle,
+und siehe &mdash; sie standen da. Er verteilte, was er unter
+der Stirne trug, um der Säulen Samt. Die Marmorplatten
+wuchsen sich aus, die Klinken traten selbständig
+hervor. Er schweifte sich innen aus: auf die Borde, auf
+die Simse häufte er aus allen Höhlen und Falten Last
+um Last.
+
+</p><p>Nun hing sogar ein Bild an der Wand: eine Kuh auf
+einer Weide. Eine Kuh auf einer Weide, dachte er;
+eine runde braune Kuh, Himmel und ein Feld. Nein,
+was für ein namenloses Glück aus diesem Bild entstehen
+kann! Da steht sie nun mit vier Beinen, mit eins, zwei,
+drei, vier Beinen, das läßt sich gar nicht leugnen; sie
+steht mit vier Beinen auf einer Wiese aus Gras und
+sieht drei Schafe an, eins, zwei, drei Schafe, &mdash; o die
+Zahl, wie liebe ich die Zahl, sie sind so hart, sie sind
+rundherum gleich unantastbar, sie starren von Unangreifbarkeit,
+ganz unzweideutig sind sie, es wäre lächerlich,
+irgend etwas an ihnen aussetzen zu wollen; wenn
+ich noch jemals traurig bin, will ich immer Zahlen vor
+mich her sagen; er lachte froh und ging.
+
+</p><p>Himmel um sein Haupt, blühte er durch das leise Spiel
+der Nacht. Sein waren die Gassen, für seine Gänge,
+ohne Demütigung vernahm er seiner Schritte Widerhall.
+Er fühlte ein Erschließen, er stieg auf; eine Pore war
+er, aus der es grünen wollte, eingeebnet fühlte er sich
+in das Schlenkern der Arme eines Mannes, der hastig
+über die Straße schritt, gehürnt von einem Ziel.
+
+</p><p>Weich und mahlend bewältigte er die Schaufenster
+durch Gedanken über Gegenstände in den Läden, stand
+herum prüfenden Blickes, als beabsichtige er einzukaufen,
+ging weiter, nicht befriedigt von dem, was man
+ihm bot.
+
+</p><p>Hart heran an Gangart und Gesichtsausdruck von anderen
+Männern trat er, schloß sich dem an, glättete seine
+Züge, um sie gelegentlich aufzucken zu lassen in der
+Erinnerung an ein Vorkommnis im Laufe des Tages,
+sei es heiterer, sei es ernster Art. Einen belebten großen
+Platz vollends nahm er wahr, um plötzlich stehen zu
+bleiben, erschrocken mit der Hand an die Stirn zu fassen
+und den Kopf zu schütteln: nein, zu ärgerlich! nun hatte
+er etwas vergessen; entfallen war ihm etwas, das zu
+tun ihm oblag; ein Versäumnis lag vor, das trotz aller
+bevorstehender Verabredungen des Abends unverzüglich
+nachzuholen ihm die Pflicht gebot. Weitergehen erübrigte
+sich. Es hieß jetzt, der Umkehr ins Auge sehen
+und vollbringen, was einmal als Recht erkannt.
+
+</p><p>Erregt machte er kehrt; die einreihenden Gedanken
+der Nachblickenden wärmten ihn und trieben ihn an:
+Vielleicht erzählte nun einer von ihm zu Hause, vielleicht
+spöttelte er ein wenig, vielleicht sagte er etwas
+schadenfroh: ein Herr, der etwas vergessen hatte &mdash;
+vielleicht kam er nun zu spät zu seiner Verabredung &mdash;
+vielleicht blieb ihm nun die Tür verschlossen während
+der Ouverture, &mdash; er mußte noch einmal zurückgehen
+&mdash; wahrscheinlich in sein Bureau &mdash;, wahrscheinlich ein
+Brief an einen Geschäftsfreund &mdash;, man kennt das ja
+selbst &mdash; ja ja, so ist das Leben &mdash; man erzieht sich
+selbst &mdash; man muß manches opfern &mdash; aber nur den Kopf
+nicht sinken lassen &mdash;, erhebt die Herzen, &mdash; Sursum
+corda &mdash; der gestirnte Himmel &mdash; das dienende Glied.
+
+</p><p>Er bog in ein Friseurgeschäft und unterzog sich der
+Pflege.
+
+</p><p>Ein Herr bekam den Hinterkopf gepudert. Warum,
+fragte sich Rönne, ich bekomme ihn nicht gepudert. Er
+überlegte. Er war blond. Es geht daraus hervor, daß
+das Prinzip des Weißen mit dem Prinzip des Blonden
+für diesen Zweck identisch ist. Es dürfte sich um den
+Lichtreflex handeln, um den Brechungskoeffizienten sozusagen.
+Jawohl, Brechungskoeffizient, sehr gut, und er
+verweilte einen Augenblick.
+
+</p><p>Man muß nur an alles, was man sieht, etwas anzuknüpfen
+vermögen, es mit früheren Erfahrungen in
+Einklang bringen und es unter allgemeine Gesichtspunkte
+stellen, das ist die Wirkungsweise der Vernunft,
+dessen entsinne ich mich.
+
+</p><p>Stark und gerüstet dehnte er sich in dem Rasierstuhl.
+Der junge Mann tänzelte herum, tupfte hin und her und
+puderte und strich.
+
+</p><p>Er war wieder auf der Straße. Eine Frau bot einen
+flachen Korb herum mit Veilchensträußen, blau wie Stücke
+der Nacht, mit Orchideenbündeln, weichen Zusammenflusses
+aus hellblau und orange.
+
+</p><p>Die Orchidee, lachte er selbstgefällig, die Blüte des
+heißen Afrika, der Liebling der Sammler, der Gegenstand
+so mancher Ausstellungen des In- und Auslandes,
+jawohl, ich weiß Bescheid, jawohl, ich bin nicht unkundig,
+selbst zu einem Fachmann fände ich Beziehungen.
+
+</p><p>Da fiel sein Blick auf die Inschrift eines Hauses, die
+hieß etwa: Schlachthof.
+
+</p><p>Nun mußte er sich eingehend über Schlachthof äußern.
+Der Dresdener Schlachthof vergleichsweise, erbaut Anfang
+der siebziger Jahre von Baurat Köhler, versehen
+mit den hygienisch-sanitären Vorrichtungen modernsten
+Systems &mdash; bahnbrechend war in dieser Richtung die
+Entdeckung des Dänen Johannsen. Es war ein Junitag
+des denkwürdigen Jahres der finnischen Expedition. Da
+ging er am Morgen durch die Östergaade und sah zwei
+Kühe ankommen, alter jütländischer Art &mdash; &mdash; heraus
+aus einer solchen Fülle des Tatsächlichen sprach er; so
+äußerte er sich, so stand er Antwort und Rede, klärte
+manches auf, half über Irrtümer hinweg, diente der Sache
+und unterstand der Allgemeinheit, die ihm dankte.
+
+</p><p>Messer und Geräte, Griffe und Anerkennung des
+Raumes Erforderndes, traten ihm entgegen. Nun wurde
+er gar ein Jäger, eine starke, geschlossene Gestalt. Er
+scheute sich nicht, durch grüne Joppe und Hornknöpfe
+Aufschluß über sein Gewerbe jedem Vorübergehenden
+zu geben. Er war wetterhart und gebräunt und einen
+kräftigen Schluck zum zweiten Frühstück, jawohl die
+Herren, und noch einmal! Er erzählte in einem größeren
+Kreise von dem Sechserbock, wie er den Drilling an
+die Backe nahm, und das Silberkorn flimmerte in der
+Kimme. Er prüfte und begutachtete einen Standhauer,
+erinnerte an die ungünstigen Erfahrungen mit dem Modell
+eines Försters aus der Nachbarschaft; er nickte bedächtig,
+schüttelte mit dem Kopf und sprach starken
+Atems in die rauhe Morgenluft, kurz, er war der geachtete
+Mann, dem im Umfang seines Faches Vertrauen
+zukam, eine bodenständige Natur, festen Schrittes und
+aufrechter Art.
+
+</p><p>Nun erkrankte ihm vollends sein Kind; an einem
+Frühlingsmorgen, das junge Geschöpf! Er schluchzte
+mit seinem Weibe; aber mit dem kurzen Daumen des
+Broterwerbers strich er sich durch den Bart, den Schmerz
+zu meistern. Er stand demütig vor dem Unbegreiflichen;
+aller Rätsel wurde auch er nicht Herr; das Mythische
+ragte in sein Leben hinein, die guten und die bösen
+Dinge, die Träne und das Blut.
+
+</p><p>Allmählich aber war die Nacht tiefer geworden und
+schloß ihn ein. Nun schwoll wirklich um ihn der Wald.
+Er sank auf Moos unter Stern und stillen Lauten. Blau
+stand zwischen Bäumen, Tier und Dorf. In ihrem Bett
+die Quelle. In ihrem Silberheim die Hügel. Und im
+Schauer seiner Haut, im Sprunge seiner Glieder, im
+Trunk der Augen, in seines Ohres Rausch: er, als
+der Blüten eine, er, als der Tiere Beischlaf, unter einem
+Himmel, unter einer Nacht &mdash;
+
+</p><p>Im Taumel halb, und halb weil Klänge riefen, stieg
+er die Stufen hinunter in den Saal.
+
+</p><p>Da tanzte eine hinter Schleiern, die Brüste gebunden,
+und ein Korallengaumen, aus dem sie lachte. Zwei
+wehten mit ihren Händen an ihren Leibern vorbei und
+trieben Geruch und Lust den Männern zu. Eine stieß
+Leib und Brüste hervor nach Enthüllungen. Zwei, die
+sich lieben wollten, streiften die Ringe ab, die hatten
+rauhe Steine.
+
+</p><p>Er aber spürte die Hände alle auf den Hüften, den
+Drang, sich abzuflachen auf die Erde, die Zuckungen,
+das Zusammenströmen und den Aufwuchs, und plötzlich
+stand vor ihm die Schwangere: breites, schweres
+Fleisch, triefend von Säften aus Brust und Leib; ein
+magerer, verarmter Schädel über feuchtem Blattwerk,
+über einer Landschaft aus Blut, über Schwellungen aus
+tierischen Geweben, hervorgerufen durch eine unzweifelhafte
+Berührung.
+
+</p><p>Da sprang er eine an, brach sie auf biß in Gebein,
+das wie seines war, entriß ihm Schreie, die wie seine
+klangen, und verging an einer Hüfte, erstürmt von einem
+fremden Rund. &mdash;
+
+</p><p>Dann stieß der Morgen hervor, rot und siegreich.
+Rönne schritt durch die Wellen der Frühe, durch das
+Meer, das über die Wolken brach.
+
+</p><p>Rein und klar sah er hinter sich die Nacht, nun ging
+er den Weg zu den Palmengärten am Rande der Stadt.
+
+</p><p>Das Licht wuchs an, der Tag erhob sich; immer der
+gleiche ewige Tag, immer das unverlierbare Licht.
+
+</p><p>Die letzten Straßen, Brut quoll aus den Kellern; vorbei
+schabte ein Mönch, der Triumph des Inhalts; Frauen,
+Geruch aus Nestern und Begattung hinter sich herschleifend,
+führten ihre bejahenden Versenkungen dem
+Nachbar zu. Zu ihnen gehörten sie alle: Der Jäger und
+der Krüppel, der Vergeßliche und der Tänzer, &mdash; alle
+glaubten, versteckt oder frei, an die großen Gehirne,
+um die die Götter schwebten.
+
+</p><p>Er, der Einsame; blauer Himmel, schweigendes Licht.
+Über ihm die weiße Wolke: die sanftgekappten Rande,
+das schweifende Vergehen.
+
+</p><p>Er wehte sich über die Stirn: Am Abend, als ich
+ausging, schien ich mir noch des Schmerzes wert. Nun
+mag ich unter Farren liegen, die Stämme anschielen und
+überall die Fläche sehen.
+
+</p><p>Die Türen sanken nieder, die Glashäuser bebten, auf
+einer Kuppel aus Kristall zerbarst ein Strom des unverlierbaren
+Lichts: &mdash; so trat er ein &mdash;.
+
+</p><p>Ich wollte eine Stadt erobern, nun streicht ein Palmenblatt
+über mich hin.
+
+</p><p>Er wühlte sich in das Moos: am Schaft, wasserernährt,
+meine Stirn, handbreit, und dann beginnt es.
+
+</p><p>Bald darauf ertönte eine Glocke. Die Gärtner gingen
+an ihre Arbeit; da schritt auch er an eine Kanne und
+streute Wasser über die Farren, die aus einer Sonne
+kamen, wo viel verdunstete.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Die Reise</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">R</span>önne wollte nach Antwerpen fahren, aber wie
+ohne Zerrüttung? Er konnte nicht zu Mittag kommen.
+Er mußte angeben, er könne heute nicht zu
+Mittag kommen, er fahre nach Antwerpen. Nach Antwerpen
+hätte der Zuhörer gedacht? Betrachtung? Aufnahme?
+Sich ergehen? Das erschien ihm ausgeschlossen.
+Er zielte auf Bereicherung und den Aufbau des Seelischen.
+
+</p><p>Und nun stellte er sich vor, er säße im Zug und
+müßte sich plötzlich erinnern, wie jetzt bei Tisch davon
+gesprochen wurde, daß er fort sei; wenn auch nur nebenbei,
+als Antwort auf eine kurz hingeworfene Frage,
+jedenfalls aber doch so viel, er seinerseits suche Beziehungen
+zu der Stadt, dem Mittelalter und den
+Scheldequais.
+
+</p><p>Erschlagen fühlte er sich, Schweißausbrüche. Eine
+Krümmung befiel ihn, als er seine unbestimmten und
+noch gar nicht absehbaren, jedenfalls aber doch so geringen
+und armseligen Vorgänge zusammengefaßt erblickte
+in Begriffen aus dem Lebensweg eines Herrn.
+
+</p><p>Ein Wolkenbruch von Hemmungen und Schwäche
+brach auf ihn nieder. Denn wo waren Garantien, daß
+er überhaupt etwas von der Reise erzählen könnte, mitbringen,
+verlebendigen, daß etwas in ihn träte im Sinne
+des Erlebnisses?
+
+</p><p>Große Rauheiten, wie die Eisenbahn, sich einem Herrn
+gegenüber gesetzt fühlen, das Heraustreten vor den Ankunftsbahnhof
+mit der zielstrebigen Bewegung zu dem
+Orte der Verrichtung, das alles waren Dinge, die konnten
+nur im geheimen vor sich gehen, in sich selber erlitten,
+trostlos und tief.
+
+</p><p>Wie war er denn überhaupt auf den Gedanken gekommen,
+zu verlassen, darin er seinen Tag erfüllte?
+War er tollkühn, herauszutreten aus der Form, die
+ihn trug? Glaubte er an Erweiterung, trotzte er dem
+Zusammenbruch?
+
+</p><p>Nein sagte er sich, nein. Ich kann es beschwören:
+nein. Nur als ich vorhin aus dem Geschäft ging, nach
+Veilchen roch man wieder, gepudert war man auch, ein
+Mädchen kam heran mit weißer Brust, es erschien nicht
+ausgeschlossen, daß man sie eröffnet. Es erschien nicht
+ausgeschlossen, daß man prangen würde und strömen.
+Ein Strand rückte in den Bereich der Möglichkeiten, an
+den die blaue Brust des Meeres schlug. Aber nun zur
+Versöhnung will ich essen gehn.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Durch Verbeugung in der Türe anerkannte er die
+Individualitäten. Wer wäre er gewesen? Still nahm er
+Platz. Groß wuchteten die Herren.
+
+</p><p>Nun erzählte Herr Friedhoff von den Eigentümlichkeiten
+einer tropischen Frucht, die einen Kern enthalte
+von Eigröße. Das Weiche äße man mit einem Löffel,
+es habe gallertartige Konsistenz. Einige meinten, es
+schmecke nach Nuß. Er demgegenüber habe immer gefunden,
+es schmecke nach Ei. Man äße es mit Pfeffer
+und Salz. Es handelte sich um eine schmackhafte Frucht.
+Er habe davon das Tages 3&mdash;4 gegessen und einen
+ernstlichen Schaden nie bemerkt.
+
+</p><p>Hierin trat Herrn Körner das Außerordentliche entgegen.
+Mit Pfeffer und Salz eine Frucht? Das erschien
+ihm ungewöhnlich, und er nahm dazu Stellung.
+
+</p><p>Wenn es ihm doch aber nach Ei schmeckt, wies Herr
+Mau auf das Subjektive des Urteils hin, gleichzeitig
+etwas wegwerfend, als ob er seinerseits nichts Unüberbrückbares
+sähe. Außerdem so ungewöhnlich sei es
+doch nun nicht, führte Herr Offenberg zur Norm zurück,
+denn z. B. die Tomate? Wie nun vollends, wenn
+Herr Kritzler einen Oheim aufzuweisen hatte, der noch
+mit 70 Jahren Melone mit Senf gegessen hatte, und
+zwar in den Abendstunden, wo Derartiges bekanntlich
+am wenigsten bekömmlich sei?
+
+</p><p>Alles in allem: Lag denn in der Tat eine Erscheinung
+von so ungewöhnlicher Art vor, ein Vorkommnis
+sozusagen, das die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf
+sich zu lenken geeignet war, sei es, weil es in seinen
+Verallgemeinerungen bedenkliche Folgeerscheinungen
+hätte zeitigen können, sei es, weil es als Erlebnis aus
+der besonderen Atmosphäre des Tropischen zum Nachdenken
+anzuregen geeignet war?
+
+</p><p>Soweit war es gediehen, als Rönne zitterte, Erstickung
+auf seinem Teller fand und nur mit Mühe das
+Fleisch aß.
+
+</p><p>Ob er aber nicht doch vielleicht eine Banane gemeint
+habe, bestand Herr Körner, diese weiche, etwas mürbe
+und längliche Frucht?
+
+</p><p>Eine Banane, wuchs Herrn Friedhoff auf? Er, der
+Kongokenner?? Der langjährige Befahrer des Moabangi?
+Nein, das nötigte ihm geradezu ein Lächeln ab! Weit
+entschwand er über diesen Kreis. Was hatten sie denn
+für Vergleiche? Eine Erdbeere oder eine Nuß, vielleicht
+hie und da eine Marone, etwas südlicher. Er aber, der
+beamtete Vertreter in Hulemakong, der aus den Dschungeln
+des Jambo kam?
+
+</p><p>Jetzt oder nie, Aufstieg oder Vernichtung, fühlte
+Rönne, und: wirklich nie einen ernstlichen Schaden bemerkt?
+tastete er sich beherrschten Lautes in das Gewoge,
+Erstaunen malend und am Zweifel des Fachmanns:
+Vor dem Nichts stand er; ob Antwort käme?
+
+</p><p>Aber saß denn nicht schließlich auf dem Stuhl aus
+Holz er, schlicht umrauscht von dem Wissen um das
+Gefahrvolle der Tropenfrucht, wie in Sinnen und Vergleichen
+mit Angaben und Erzählungen ähnlicher Erlebnisse,
+der schweigsame Forscher, der durch Beruf und
+Anlage wortkarge Arzt? Dünn sah er durch die Lider,
+vom Fleisch auf, die Reihe entlang, langsam erglänzend.
+Hoffnung war es noch nicht, aber ein Wehen ohne Not.
+Und nun eine Festigung: mehreren Herren schien in
+der Tat die nochmalige Bestätigung dieser Tatsache zur
+Behebung von etwa aufgestiegenen Bedenken von Wert
+zu sein. Und nun war kein Zweifel mehr: einige nickten
+kauend.
+
+</p><p>Jubel brach aus, Triumphgesänge. Nun hallte Antwort
+mit Aufrechterhaltung gegenüber Zweiflern, und
+das galt ihm. Einreihung geschah, Bewertung trat ein;
+Fleisch aß er, ein wohlbekanntes Gericht; Äußerungen
+knüpften an ihn an, zu Ansammlungen trat er, unter
+ein Gewölbe von großem Glück; selbst Verabredung
+für den Nachmittag zuckte einen Augenblick lang ohne
+Erbeben durch sein Herz.
+
+</p><p>Aus Erz saßen die Männer. Voll kostete Rönne
+seinen Triumph. Er erlebte tief, wie aus jedem der Mitesser
+ihm der Titel eines Herrn zustieg, der nach der
+Mahlzeit einen kleinen Schnaps nicht verschmähte und
+ihn mit einem bescheidenen Witzwort zu sich nimmt,
+in dem Ermunterung für die andern, aber auch die
+entschiedene Abwehr jeglichen übermäßigen Alkoholgenusses
+eine gewisse Atmosphäre der Behaglichkeit
+verbreitete. Der Eindruck der Redlichkeit war er und
+des schlichten Eintretens für die eigene Überzeugung;
+aber auch einer anderweitigen Auffassung gegenüber
+würde er gern zugeben; da ist was Wahres dran. Geordnet
+fühlte er seine Züge; kühler Gelassenheit, ja
+Unerschütterlichkeit auf seinem Gesicht zum Siege verholfen,
+und das trug er bis an die Tür, die er hinter
+sich schloß.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Schattenhaft ging er durch den Gang, nun wieder
+im Gefühl des Schlafes, in den man sank ohne einen
+Wirbel über sich zu lassen, negativ verendet, nur als
+Schnittpunkt bejaht. Zwei Huren wuschen den Gang
+auf, von weitem schon ihn wahrnehmend, aber sich in
+die Arbeit versunken stellend, bis er da war. Nun erst
+trat in die Augen das jähe Erkennen, Keuschheit und
+Verheißung aus der Reife des Bluts.
+
+</p><p>Rönne aber dachte, ich kenne euch Tiere, über dreihundert
+Nackte jeden Morgen! aber wie stark ihr die
+Liebe spielt! Eine kannte ich, die war an einem Tag
+von Männern einem Viertelhundert der Rausch gewesen,
+die Schauer und der Sommer, um den sie blühten.
+Sie stellte die Form, und es geschah das Wirkliche. Ich
+will Formen suchen und mich hinterlassen; Wirklichkeiten
+eine Hügelkette, o von Dingen ein Gelände.
+
+</p><p>Er trat aus dem Haus. Helle Avenuen waren da,
+Licht voll Entrückung, Daphneen im Erblühn. Es war
+eine Vorstadt; Armes aus Kellern, Krüppel und Gräber,
+soviel Ungelacht. Rönne aber dachte, jeder Mensch
+dem ich begegne, ist noch ein Sturm zu seinem Glück.
+Nirgends meine schwere, drängende Zerrüttung.
+
+</p><p>Er ging langsam, er schürfte sich vor. Es war eine
+ungewohnte Straßenstunde, ihm seit Monaten nicht mehr
+bekannt. Er blätterte das Entgegenkommende behutsam
+auseinander mit seinen tastenden, an der Spitze
+leicht ermüdbaren Augen.
+
+</p><p>Aufzunehmen gilt es, rief er sich zu, einzuordnen
+oder prüfend zu übergehn. Aus dem Einstrom der
+Dinge, dem Rauschen der Klänge, dem Fluten des Lichts
+die stille Ebene herzustellen, die er bedeutete.
+
+</p><p>Es war eine fremde Gegend, durch die er ging, aber
+es mochte immerhin ein Bekannter kommen und fragen,
+woher und wohin. Und obschon er einen Patienten
+jederzeit hierfür zur Hand gehabt hätte, so war es doch
+nicht der Fall, und ihm graute vor dem Erlebnis, vor dem
+er stehen würde: daß er aus dem Nichts in das Fragwürdige
+schritt, im Antrieb eines Schatten, keiner Verknotung
+mächtig, und dennoch auf Erhaltung rechnend.
+
+</p><p>Scheu sah er sich um; höhnisch standen Haus und Baum;
+unterwürfig eilte er vorbei. Haus, sagte er zum nächsten
+Gebäude; Haus zum übernächsten; Baum zu allen
+Linden seines Wegs. Nur um Vermittelung handele es
+sich, in Unberührtheit blieben die Einzeldinge; wer wäre
+er gewesen, an sich zu nehmen oder zu übersehen oder,
+sich auflehnend, zu erschaffen? Ein bißchen durch die
+Sonne gehen, mehr wollte er ja nicht; es warm haben,
+und der Himmel hatte ein Blau: nie endend, mütterlich
+und sanft vergehend.
+
+</p><p>Weit war er noch nicht von seinem Krankenhaus
+entfernt, da übermannte ihn schon die Not. Wohin
+trug er sich denn, etwa in das All? War er der Träumer
+denn, weich streifend den Hang, oder der Hirt auf
+den Hügeln? Trat an die Maikastanie vielleicht er, den
+Ast beklopfend mit dem Hornmesser, bis in Saft vom
+Zweige die Rinde glitt und wurde die gehöhlte Flöte?
+Gesänge, hatte er sie? War er vielleicht der Freie, der
+in Segeln schritt, und überall die Erde, löschend mit
+seinem Blick? O, er war wohl schon zuweit gegangen!
+Schon schwankte vor der Straße Feld unter gelben
+Stürmen gefleckter Himmel, und ein Wagen hielt am
+Saum der Stadt. Zurück! hieß es; denn heran wogte
+das Ungeformte, und das Uferlose lag lauernd.
+
+</p><p>Nun nahm ihn wieder die Straße auf, schnurgerade
+und unter einem flachen Licht. Von Tür zu Tür lief
+sie, und sachlich um den Fuß der Botenfrau; aus den
+Kellern über sie wehte die Küche Nahrung und Notdurft;
+vor dem Spiegel der Herr kämmte achtbar seinen
+Bart; klang der Fuß auf Metall, sorgte für Entwässerung
+das Gemeinwohl; lag ein Gitterchen an der
+Mauer, kam im Winter nicht der Frost, und in ihr
+Recht traten Förder und Schacht?
+
+</p><p>Wie einsam steht es um die Straße, dachte Rönne,
+sie ist eindeutig fixiert und wird entwicklungsgeschichtlich
+kaum durchdacht; aber schön und sicher ist es, hier
+zu wandeln, so dicht am Leib mündet sie, und eigentlich
+ist es kein Gehen mehr, sondern ein Träumen auf
+dem Rücken des Zwecks.
+
+</p><p>Dann prangten zwischen Pelz und Locken Damen in
+den Abend ihr Geschlecht. Blühen, Züngeln, Fliedern
+der Scham aus Samt und Bänder über Hüften. Rönne
+labte sich an dem Geordneten einer Samtmantille, an
+der restlos gelungenen Unterordnung des Stofflichen
+unter den Begriff der Verhüllung; ein Triumph trat ihm
+entgegen zielstrebigen, kausal geleiteten Handelns. Aber
+&mdash; und plötzlich sah er die Frau nackt &mdash; diese nicht;
+es müßte die Ernüchterte sein, die sich noch einmal
+krümmen ließe.
+
+</p><p>Da trat ein Herr auf ihn zu, und ha ha, und schön
+Wetter ging es hin und her, Vergangenheit und Zukunft
+eine Weile im kategorialen Raum. Als er fort
+war, taumelte Rönne. Sie alle lebten mit Schwerpunkten
+auf Meridianen zwischen Refraktor und Barometer,
+er nur sandte Blicke über die Dinge, gelähmt von
+Sehnsüchten nach einem Azimuth, nach einer klaren
+logischen Säuberung schrie er, nach einem Wort, das
+ihn erfaßte. Wann würde er der erzene Mann, um
+den tags die Dinge brandeten und des Nachts der
+Schlaf, der gelassen vor einem Bahnhof stände, wieviel
+Erde es auch gäbe, der Verwurzelte, der Unerschütterliche!
+
+</p><p>Reisen hatte er gewollt, aber nun schienen Gleise
+über die Straße, und schon sank sein Blick. Oh, daß
+es eine Erde gab, wirklich grün, stark irden, silbern
+verfernt, über die die Augen strichen wie ein Flügel,
+und Städte, flache weiße, an Küsten, und Kutter, braune,
+die man hinnahm, liebte und vergaß.
+
+</p><p>Oder ein Leben um das Radwerk einer Uhr. Um
+Hyazinthenknollen die Hand. Die Schulter, die das
+Fischnetz zog, silbern und ihr Abwurf auf den Strand.
+
+</p><p>Da, durch die helle dünne Luft, in die die Knospen
+ragten, und unter dem ersten Stern, kam eine Frau
+vorbei und roch blau und langte Rönne nach dem Schädel
+und legte ihn tief in den Nacken, bettend, und über
+der Stirn stand die frühe Nacht.
+
+</p><p>Rönne schluchzte auf: wer knirschte so tief wie ich
+unter dem Stoff, wer ist so geknechtet von den Dingen
+nach Zusammenhang als ich, aber eben dies schweifende
+Gewässer, tief, dunkel und veilchenfarben, aus dem
+Aufklaff einer Achsel &mdash; mich stäubt Zermalmung an.
+
+</p><p>Zwischen die Straßen rinnt Nacht, über die weißen
+Steine blaut es, es verdichtet sich die Entrückung; die
+Sträucher schmelzen, welches Vergehn! &mdash;
+
+</p><p>Nun fiel ein Regen und löste die Form. Wohnungen
+traten unter laues Wasser, in Frühlingsgewölke stand
+alle Stadt. Über ihr aber schwebte er, entrückt, einsam,
+mit einer Krone irgendwoher. Jäh wurde er
+der Herr mit Koffer, der auf die Reise ging durch
+Aue und Rand. Schon wogten Hügel heran, weich
+bewäldert; nun brüderlich die Äcker, die Versöhnung
+kam.
+
+</p><p>Er sah die Straße entlang und fand wohin.
+
+</p><p>Einrauschte er in die Dämmerung eines Kinos, in das
+Unbewußte des Parterres. In weiten Kelchen flacher
+Blumen bis an die verhüllten Ampeln stand rötliches
+Licht. Aus Geigen ging es, nah und warm gespielt,
+auf der Ründung seines Hirns, entlockend einen wirklich
+süßen Ton. Schulter neigte sich an Schulter, eine
+Hingebung; Geflüster, ein Zusammenschluß; Betastungen,
+das Glück. Ein Herr kam auf ihn zu, mit Frau
+und Kind, Bekanntschaft zuwerfend, breiten Mund und
+frohes Lachen. Rönne aber erkannte ihn nicht mehr.
+
+</p><p>Er war eingetreten in den Film, in die scheidende
+Geste, in die mythische Wucht.
+
+</p><p>Groß vor dem Meer wölkte er um sich den Mantel,
+in hellen Briesen stand in Falten der Rock; durch die
+Luft schlug er wie auf ein Tier, und wie kühlte der
+Trunk den Letzten des Stamms.
+
+</p><p>Wie er stampfte, wie rüstig blähte er das Knie. Die
+Asche streifte er ab, lässig, benommen von den großen
+Dingen, die seiner harrten aus dem Brief, den der alte
+Diener brachte, auf dessen Knien der Ahn geschaukelt.
+
+</p><p>Zu der Frau am Bronnen trat edel der Greis. Wie
+stutzte die Amme, am Busen das Tuch. Wie holde
+Gespielin! Wie Reh zwischen Farren! Wie ritterlich
+Weidwerk! Wie Silberbart!
+
+</p><p>Rönne atmete kaum, behutsam, es nicht zu zerbrechen.
+Denn es war vollbracht, es hatte sich vollzogen.
+
+</p><p>Über den Trümmern einer kranken Zeit hatte sich
+zusammengefunden die Bewegung und der Geist, ohne
+Zwischentritt. Klar aus den Reizen segelte der Arm;
+vom Licht zur Hüfte, ein heller Schwung, von Ast zu
+Ast.
+
+</p><p>In sich rauschte der Strom. Oder wenn es kein Strom
+war, ein Wurf von Formen, ein Spiel in Fiebern, sinnlos
+und das Ende um allen Saum.
+
+</p><p>Rönne, ein Gebilde, ein heller Zusammentritt, zerfallend,
+von blauen Buchten benagt, über den Lidern
+kichernd das Licht.
+
+</p><p>Er trat auf die Avenue. Er endete in einem Park.
+
+</p><p>Dunkel drohte es auf, bewölkt und schauernd, wieder
+aus dem Gefühl des Schlafs, in den man sank, ohne
+einen Wirbel über sich zu lassen, negativ verendet, nur
+als Schnittpunkt bejaht; aber noch ging er durch den
+Frühling, und erschuf sich an den hellen Anemonen des
+Rasens entlang und lehnte an eine Herme, verstorben
+weiß, ewig marmorn, hierher zerfallen aus den Brüchen,
+vor denen nie verging das südliche Meer.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">Die Insel</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">D</span>aß dies das Leben sei, war eine Annahme, zu
+der Rönne, einen Arzt, das von leitender Stelle
+aus Geregelte seiner Tage, das staatliche Genehmigte,
+ja Vorgeschriebene seiner Bestimmung wohl berechtigte.
+
+</p><p>Tat es etwas, daß die Insel klein war, übersehbar
+von einem Hügel, ein Streifen Stein zwischen Möwen
+und Meer &mdash; es gab das Gefängnis da mit den Sträflingen,
+daran Arzt zu sein er ausersehen, und dann gab
+es Strand, eine große Strauchwiese voll Gezwitscher, ein
+Vogelhort, und weiter unten ein elendes Dorf mit
+Fischern, das allerdings galt es noch näher zu beleuchten.
+
+</p><p>Ein Rachen war bepinselt, einer Meineidigen das Knie
+massiert, da erhob sich Rönne und verließ das ummäuerte
+Gehöft. Davor lag weißer Strand; darauf blühte
+Hafer und Distel; denn der Sommer war über das Meer
+gekommen wie ein Gewitter: der Himmel donnerte von
+Bläue und es goß Wärme und Licht.
+
+</p><p>Unter Gedanken, wie die freie Zeit, die ihm nach
+Erledigung seiner Dienstpflichten zur Verfügung stand,
+zweckmäßig zu verwenden sei, welches ihr Sinn sei in
+Hinsicht des Staates und der Person, schritt er aus.
+Er atmete tief die reine Seeluft ein, die schmächtige
+Brust ihr entgegen spülend, dem Gesundheitlichen, das
+die bekanntermaßen dem Wanderer bot, willig hingegeben.
+Eins fühlte er sich mit dem Geiste, der ihn hier herberufen
+und gestellt, der sich ohne Zaudern zur Sicherstellung
+der vorwärtszielenden bürgerlichen Verrichtung
+entschloß; der dem Schutze galt, die die Öffentlichkeit
+dem strebenden Bemühen schuldete, mit einem Wort:
+der die Ausmerzung des Schädlings anstrebte, ohne jedoch
+selbst hier außer acht zu lassen das allgemein
+Menschliche noch des Gefallenen und in einer Art stummer
+Anerkenntnis des großen allumschließenden Bandes des
+Seelischen schlechthin nicht die Vernichtung wollte, sondern
+den Arzt beigab.
+
+</p><p>Und nun, die karge Schindel der ersten Hütte, war
+sie nicht Hut gegen Sturm und Regen, der Unbill Abwehr,
+Traute und Behaglichkeit bedachend? Das Netz,
+das vom Fang kommend der Gatte ausbreitete, sorgsam
+über Pfahl und Stein, war es nicht umwittert vom
+Geruch der Diele, wo es sich vollzog, das Natürliche,
+das Urgesunde? Und nun wehte gar ein Windstoß an
+eine Ölkappe, und ein Arm griff an die Krempe &mdash;:
+jawohl, auf Reize antwortete hier Organisches; betrieben
+wurden seine Symptome: der Stoffwechsel und die Vermehrung;
+der Reflexbogen herrschte, hier war gut ruhn.
+
+</p><p>Vor einer Kneipe saßen Männer. Ihr Sinn? Sie saßen!
+Sie gingen nicht, sie schonten Kraft. Sie tranken aus
+Krügen! Reine Lust? Niemals! Nährwert war nicht
+zu leugnen. Und wenn? Erholung von Mann zu Mann?!
+Erfahrungsaustausch?! Bestätigungen!!!?
+
+</p><p>Und der Düstere abseits? Der Grübeler, der sich
+ernster nahm? Flammte nicht auch auf seiner Stirn noch
+durch das Dämonische, selbst gegen Götter gerichtet, der
+geschlossenere Akt, der stärkere Aufbau, das Lichtbringerische
+in eventuellen Abgrund?
+
+</p><p>Kurz und gut: lauter Wahrnehmungen, die wohl befriedigen
+durften. Nirgends eine Störung, überall Sonne
+und heller Ablauf.
+
+</p><p>Rönne setzte sich. Ich habe etwas freie Zeit, sagte er
+sich, jetzt will ich etwas denken. Also, eine Insel und
+etwas südliches Meer. Es sind nicht da, aber es könnten
+da sein: Zimtwälder. Jetzt ist Juni, und es begönne
+die Entborkung, und ein Zweiglein bräche dabei wohl
+ab. Ein überaus lieblicher Geruch würde sich verbreiten,
+auch beim Abreißen eines Blattes ein aromatisches Geschehen.
+
+</p><p>Denn alles in allem: vier bis sechs Fuß hohe Stauden,
+weiche grüne lorbeerähnliche Blätter, indeß der
+Blütenstempel gelb getönt ist. Ist der Schößling daumenstark,
+tritt die Einsammlung heran und es erfordert viele
+Hände, Bündel, krumme Messer, Rinde und Bast; mit
+diesen Worten ist manches schon erwiesen, aber erst in
+der Hütte wird das Häutchen abgeschält.
+
+</p><p>Ja, das war eine Insel, die in einem Meer vor Indien
+lag. Es nahte sich ein Schiff, plötzlich trat es in den
+Wind, der das Land umfaßt hatte und nun stand es
+im Atem des bräunlichen Walds. Der Zimtwald, dachte
+der Reisende, und der Zimtwald, dachte Rönne. Schneeweiß
+war der Boden, und die Staude saftig. Und durch
+die Insel schritt er, zwischen Roggen und Wein, abgeschlossen
+und still umgrenzt. Sein Urteil ist Begehren,
+der Satzbau Stellung nehmend. Er grübelt, doch über
+die Polle einer Pflanze, denn er ist gewillt, sie einzusäen.
+Ferne ist die Zeit der Trauer, da er in der Bahn
+hierher fuhr mit den Damen: das ist sehr hübsch hier,
+sagte die Mutter zu den Töchtern, seht doch mal! und
+nun verarbeiteten sie aus den Kupeefenstern heraus die
+Hügelkette, matt im blauen Dunst, davor das Tal und
+eine Stadt, die hinter Wäldern und Klee versank; denn
+wenn die Mutter es nicht gesagt hätte, mußte Rönne
+immer denken, wäre der Aufstieg nicht erfolgt.
+
+</p><p>Hier aber herrschten keine solchen vagen Ausrufe. Hier
+wurde hingenommen, was ins Auge traf. Sachliche Verarbeitung
+trat ein in bezug auf ein Netz, im Hinblick
+auf eine Reuse. Und auch wenn er wie eben etwas
+dachte, lag Andersartiges vor, keine Bereicherung, mehr
+ein Traum.
+
+</p><p>Hell saß er am Strand. Er fühlte sich leicht und durchsichtig
+und schien sich nicht mehr unsauberer zu sein als
+ein bewegter Stein, als ein abgerundeter Block, gehalten
+von einer leichten Organisation.
+
+</p><p>Und wenn er auf die Insel aus dem Gefühl einer
+Aufgabe heraus gekommen war, an Gegenständen, die er
+möglichst isoliert unter wenig veränderlichen Bedingungen
+beobachten konnte, den Begriff nachzuprüfen, so spürte
+er jetzt schon etwas wie Erfüllung: Die Begriffe, schien
+ihm, sanken herab. Wie hatte zum Beispiel Meer auf
+ihm gelegen, ein sprachlicher Bestand, abgeschnürt von
+allen hellen Wässern, beweglich, aber doch höchstens als
+Systemwiesel, das Ergebnis eines Denkprozesses, ein
+allgemeinster Ausdruck. Jetzt aber, schien es ihm, wanderte
+er dahin zurück, wo es unabsehbare Wässer gab
+im Süden und im Norden brackige Flut, und Wellen
+eine Lippe unerwartet salzten. Leise schwand der Drang,
+es schärfer aufzurichten, es unantastbarer zu umreißen
+gegenüber Dünen und einem See. Leise fühlte er ihn
+vergessen, ihn zurückerstatten an seine Wesenheit, an
+die Möwe und den Tang, den Sturmgeruch und alles
+Ruhelose. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Rönne lebte einsam seiner Entwicklung hingegeben
+und arbeitete viel. Seine Studien galten der Schaffung
+der neuen Syntax. Die Weltanschauung, die die Arbeit
+des vergangenen Jahrhunderts erschaffen hatte, sie galt
+es zu vollenden. Den Du-Charakter des Grammatischen
+auszuschalten, schien ihm ehrlicherweise notwendig, denn
+die Anrede war mythisch geworden.
+
+</p><p>Er fühlte sich seiner Entwicklung verpflichtet und die
+ging auf Jahrtausende zurück.
+
+</p><p>Die Umgestaltung der Bewegung zu einer Handlung
+unter Vorwegnahme des Zieles lag im Unentschleierbaren,
+wo der Mensch begann. Das war gegeben. Auch
+daß er hin und her die Augen aufschlug: in helle Himmel,
+über Wüsten, am Nil, und an den Myrtenlagunen die
+Geigenvölker &mdash; &mdash; aber hier im Norden drängte es zur
+Entscheidung: zwischen Hunger und Liebe war der dritte
+Trieb getreten. Aus dem schlechten Atem der Asketen,
+aus ermatteten Geschlechtlichkeiten unter den verdickten
+Lüften der Nebelländer wuchs sie hervor, die Erkenntnis,
+Hekatomben röchelnd nach der Einheit des Denkens,
+und die Stunde der Erfüllung schien gekommen.
+
+</p><p>Hatte Kartesius noch die Zirbeldrüse für den Sitz
+der Seele angenommen, da ihr Äußeres dem Finger
+Gottes: gelblich, langgestreckt, milde und doch drohend,
+gleichen mochte, so hatten die Hirnphysiologen festgestellt,
+wann beim Einstich in die Hirnmasse Zucker im
+Harn, wann Indigo auftrat, ja wann korrelativ der Speichel
+floß. Die Psychologie hatte den Begleitcharakter des
+Gefühls zu den Empfindungen erkannt, den ihnen zustehenden
+generellen Wert der Abwehr des Schädlichen
+in genauen Kurven festgelegt, die Ablesbarkeit der individuellen
+Differenzen war vollendet. Die Erkenntnistheorie
+schloß ab, mit der Erneuerung Berkeleyischer
+Ideen einem Panpsychismus zum Durchbruch zu verhelfen,
+der dem Wirklichen den Rang kondensierter
+Begriffe in der Bedeutung geschlechtlich besonders betonter
+Umwelt zum Zwecke bequemer Arterhaltung
+zuwies.
+
+</p><p>Dies alles gilt als ausgemacht, sagte sich Rönne. Dies
+wird seit Jahrfünften gelehrt und hingenommen. Wo aber
+blieb die Auseinandersetzung innerhalb seiner selbst,
+wo fand die statt? Ihr Ausdruck, das Sprachliche, wo
+vollzog sich das?
+
+</p><p>Unter Grübeln trat er vor ein Feld mit einem Mann,
+den er aus der Anstalt mitgenommen hatte:
+
+</p><p>&bdquo;Mohn, pralle Form des Sommers&ldquo;, rief er, &bdquo;Nabelhafter:
+Gruppierend Bauchiges, Dynamit des Dualismus:
+Hier steht der Farbenblinde, die Röte-Nacht. Ha, wie
+Du hinklirrst! Ins Feld gestürzt, Du Ausgezackter,
+Reiz-Felsen, ins Kraut geschwemmt, &mdash; und alle süßen
+Mittage, da mein Auge auf Dir schlief letzte stille Schlafe,
+treue Stunden &mdash; &mdash; An Deiner Narbe Blauschatten, an
+Deine Flatterglut gelehnt, gewärmt, getröstet, hingesunken
+an Deine Feuer: angeblüht!: nun dieser Mann &mdash;:
+auch Du! Auch Du! &mdash; &mdash; An meinen Randen spielend,
+in Sommersweite, all mein Gegenglück &mdash; und nun: wo
+bin ich nicht?&ldquo;
+
+</p><p>Wo bin ich nicht, dachte er, und wandte sich in der
+Richtung nach der Anstalt, und wo tritt das Ereignis
+nicht in das Gegebene? Da unten sind Zimmer. An
+Tischen sitzen Männer, Direktoren und Beamte, zwischen
+Denkanstößen geht der Zahnstocher hin und her.
+
+</p><p>Aus Ereignissen des täglichen Daseins und Rennberichten
+spielt der psychische Komplex sich ab. Es tritt
+auf das Befremdende, das Abweichende, ja bis zum
+Widersprechenden stellt es sich ein. Wachgerufen wird
+in den Bewußtseinsabläufen das Bestreben, das Ungeklärte
+zu entwirren, das Zweifelhafte sicherzustellen,
+der Überbrückung des Zwiespalts gilt das Wort. Es
+tritt die Erfahrung hervor, Beweis und Abwehr gibt sie
+an die Hand; und die Beobachtung, hier und da gemacht,
+wenn auch nicht eindeutig, soll sie völlig wertlos
+sein? Schon weicht das Dunkle. Schon glättet sich das
+Krause, und daß kein Widerspruch mehr besteht, nun
+blaut es herab.
+
+</p><p>Immer blaut bald etwas herab, zum Beispiel der Kalbsbraten,
+den doch jeder kennt. Jäh tritt er an einem Stammtisch
+auf, und es ranken sich um ihn die Individualitäten.
+Geographische Besonderheiten, Eigentümlichkeiten des
+Geschmacklichen werden hervortreten, der Drang zur
+Nuance um ihn sein. Es wird branden der Streit und
+das Erschlaffen, der Angriff und die Versöhnung um
+den Kalbsbraten, den Entfesseler des Psychischen.
+
+</p><p>Und das Morgendliche, wem begegnet es? Einer Frau,
+die sich außergewöhnlich in der Frühe erhebt; alle Kühle
+und sein Tau rinnen in das Wesen, das schreitet. Weiterleitung
+tritt ein, ein Ausruf wird erfolgen, Bestände von
+Erzählungen über frühe Gänge werden gebildet: &mdash;
+Überall stehen die Verarbeitungsbehälter und was und
+wird, ist längst geschehen.
+
+</p><p>Wann gab es Umströmte? Ich muß alles denken, ich
+muß alles zusammenfassen, nichts entgeht der logischen
+Verknüpfung. Anfang und Ende, aber ich geschehe. Ich
+lebe auf dieser Insel und denke Zimtwälder. In mir
+durchwächst sich Wirkliches und Traum. Was blüht
+der Mohn, wenn er sich entrötet; der Knabe spricht,
+aber der psychische Komplex ist vorhanden, auch ohne
+ihn. &mdash;
+
+</p><p>Die Konkurrenz zwischen den Associationen, das ist
+das letzte Ich &mdash; dachte er und schritt zurück zur Anstalt,
+die auf einem Hügel am Meere lag. Hängt aus meiner
+Tasche eine Zeitung, ein buchhändlerisches Phänomen,
+bietet es Anknüpfungen zu Bewegungsvorgängen an
+Mitmenschen, sozusagen zu einem Geschehnis zwischen
+Individualitäten. Sagt der Kollege, Sie gestatten das
+Journal, liegt ein Reiz vor, der wirkt, ein Wille, der
+sich auf etwas richtet, motorische Konkurrenzen, aber
+jedenfalls immer das Schema der Seele, die Vitalreihe
+ist es, die die Fallen stellt.
+
+</p><p>Wir sind am Ende; fühlte er, wir überwanden unser
+letztes Organ. Ich werde den Korridor entlang gehen,
+und mein Schritt wird hallen. Denn muß im Korridor
+der Schritt nicht hallen? Jawohl, das ist das Leben, und
+im Vorbeigehen ein Scherzwort an die Beamtin? Jawohl,
+auch dies! &mdash;
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Da landete das Schiff, das alle Wochen an die Insel
+kam, und mit den Gästen stieg eine Frau ans Land, die
+eine Weile hier wohnen wollte.
+
+</p><p>Rönne lernte sie kennen, warum sollte er sie nicht
+kennen lernen: einen Haufen sekundärer Geschlechtsmerkmale,
+anthropoid gruppiert.
+
+</p><p>Aber bald fragte er sich beunruhigt, ich suche ihren
+Umgang, doch das Denkerische ist es nicht, was aber ist
+es? Sie ist mittelgroß, blond, mit Wasserstoff gebleicht
+und grau an den Schläfen. Ihre Augen liegen in der
+Ferne, unverrückbar grau von Nebel die Pupille &mdash; aber
+ich spüre es wie Flucht, ich muß sie beformeln:
+
+</p><p>Ihr Wesen: sie liebt weiße Blumen, Katzen und
+Kristalle und sie kann des Nachts allein nicht schlafen,
+denn sie liebt es so, ein Herz zu hören, wo aber soll
+das Prinzip ansetzen und die Zusammenfassung erfolgen?
+Nie begehrt sie eine Zärtlichkeit, aber wenn
+man sich ihr nähert, tritt man unter das Dach der Liebe,
+und plötzlich steht sie über mir in einer Stellung; die
+ihr Schmerzen machen muß, unbeweglich und lange &mdash; &mdash;
+welch erschütternde Verwirrung!
+
+</p><p>Witternd Gefahr, hörend aus der Ferne einen Strom,
+der herangurgelte, ihn aufzulösen, schlug er um sich die
+soziologischen Bestände.
+
+</p><p>Wie, auf der Nachbarinsel war die Hirse stockig?
+War es gut gehandelt an dem kleinen Mann? Wo
+blieb Redlichkeit und Bruderkuß? Wenn die verging,
+was blieb? &mdash; Oder: wirklich hingegeben an die übliche
+Menge gemahlenen Tees, in einer Flasche geschüttelt,
+gefüllt, gekorkt und nochmals geschüttelt, und die übermittelt
+dem Bekannten, dem Nachbar oder dem Wißbegierigen
+redlichen Sinnes und helfender Gesinnung, was
+blieb dann noch der Verführung zugänglich; er,
+der schlichte Schamträger in seiner staatlichen Verquickung,
+&mdash; nun durfte wohl Friede sein, endlich, ja?
+
+</p><p>Aber schon wieder war die Lockung da, die Frau,
+das Strömende, und befreit atmete er der Wärterin
+entgegen, die kam: ein krankes Knie! Wie verdichtet
+es sich zur Wirklichkeit. Welch starke Formel! Amtlich
+verpflichtet zur Anerkennung meinerseits! Kniekrankheiten,
+Schwellungen, Entzündungsvorgänge. &mdash; Fester
+Boden &mdash; Männlichkeiten!
+
+</p><p>Dann wieder: Jede Erscheinung hat ihr oberstes
+Prinzip, und er schritt getröstet an den Strand; es gilt
+nur festzulegen, welches das ihre ist; das System ist
+allgütig, es enthält auch sie. Es enthält auch sie, die
+keine Treue und keinen Wortbruch kennt, die zur Stunde
+nicht kommen kann, weil die Fischerin eine Angel trug,
+und die Salpen glänzten &mdash; Erfahrung sammeln, Deduktionen,
+sein stiller Himmel auch über ihr! Aber
+dann: Ihre Hüfte, wenn sie neben ihm ging, rauschte
+wie das Sinnlose und ihre Schulter war behaart vom
+Chaos.
+
+</p><p>Tiefer warf er sich über seine Bücher, hämmernd
+seine Welt. Aber wie? In den angesehendsten naturwissenschaftlichen
+Journalen konnten neuerdings Raum
+finden, ja anerkennend besprochen werden Arbeiten
+dieses eigentümlichen Inhalts?
+
+</p><p>Das Werk eines unbekannten jüdischen Arztes aus
+Danzig, der wörtlich über die Gefühle aussagte, daß
+sie tiefer reichten als die geistige Funktion? Daß das
+Gefühl das große Geheimnis unseres Lebens sei und
+die Frage seiner Entstehung unbeantwortbar?? Um es
+vollends zu Ende zu denken: das Gefühl gehöre nicht
+mehr zu den Empfindungen??
+
+</p><p>Wußte er denn, was es bedeutete, wenn die Gefühle
+nicht mehr vom Reiz abhingen, wie er, Rönne,
+gelernt; wenn er sie den dunklen Strom nannte, der
+aus dem Leibe brach? Das Unberechenbare?
+
+</p><p>Wußte der Verfasser wohl, vor welche Fragen die
+Konsequenzen seiner neuen Lehre führten, wußte dieser
+völlig unbekannte Mann wohl die ganze Schwere seiner
+Behauptung, die er ohne jede Ankündigung, ohne Sichtbarmachung
+auf dem Titelblatt einfach in einem Buch
+mit farblosem grauen Deckel in die Welt schickte, wußte
+er vielleicht, daß er die Frage beantwortete, ob es Neues
+gäbe?
+
+</p><p>Rönne atmete tief. War dies etwa schon eine neue
+Wissenschaft, die nach ihm kam? Jede Befruchtung enthielte
+den Keim eines unerhört Neuen, der Zusammentritt
+von Einheiten war in der Generationsfolge fortgesetzt
+in der Gestalt der Zweigeschlechtlichkeit, und
+in ihr galt es, die gewaltige schöpferische Macht anzuerkennen,
+die das Leben zur Höhe erhoben hatte?
+
+</p><p>Rönne bebte. Er sah nochmals auf das Journal, das
+die Besprechung gebracht hatte, auf den Namen des
+Referenten, der die Kritik gezeichnet hatte: er war sein
+Lehrer gewesen.
+
+</p><p>Schöpferischer Mensch! Neuformung des Entwickelungsgedankens
+aus dem Mathematischen ins Intuitive &mdash;:
+was aber wurde aus ihm, dem Arzt, gebannt in das
+Quantitative, dem beruflichen Bejaher der Erfahrung?
+
+</p><p>Trat er vor einen Rachen, und die Schwellung war
+bedrohlich &mdash; war sie intuitiv coupierbar? mußte er sich
+nicht zusammenraffen zu analytischen Phänomenen, Empirien,
+zielstrebigen Gesten, dem ganzen Grauen bejahter
+Wirklichkeiten, zu einer Hypothese von Realität,
+die er erkenntnistheoretisch nicht mehr halten konnte,
+um des Kindes willen, das schon blau war, des Rachens
+halber, der erstickte, und der Geld abwarf und von
+Amts wegen?
+
+</p><p>Plötzlich fühlte er sich tief ermüdet und ein Gift in
+seinen Gliedern. Er trat an ein Fenster, das in den
+Garten ging. In dem stand schattenlos die Blüte weiß,
+und voll Spiel die Hecke; an allen Gräsern hing etwas,
+das zitterte; in den Abend lösten sich Düfte aus Sträuchern,
+die leuchteten, grenzenlos und für immer.
+
+</p><p>Einen Augenblick streifte es ihn am Haupt: eine
+Lockerung, ein leises Klirren der Zersprengung, und in
+sein Auge fuhr ein Bild: klares Land, schwingend in Bläue
+und Glut und zerklüftet von den Rosen, in der Ferne
+eine Säule, umwuchert am Fuß; darin er und die Frau,
+tierisch und verloren, still vergießend Säfte und Hauch.
+
+</p><p>Aber schon war es vergangen. Er fuhr sich über die
+Augen. Schon sprang der Reifen wieder um seine Stirn
+und eine Kühle an die Schläfen: was lag denn hier vor?
+Er hatte mit einer Frau zusammengelebt und hatte einmal
+gesehen, daß sie Rosenblätter, die welkten, von
+einer Kante zusammengelesen hatte, zusammen zu einem
+kleinem Haufen auf einen gesteinten bunten Tisch, dann
+setzte sie sich wieder, verloren an einen hellen Strauch.
+Das war alles, was er wirklich von ihr wußte; der Rest
+war, daß er sich genommen war, es rauschte und er
+blutete &mdash; &mdash; &mdash; aber wo führte das hin?
+
+</p><p>Hart wurde sein Blick. Gestählt drang er in den
+Garten, ordnend die Büsche, messend den Pfad. Und
+nun kam es über ihn: er stand am Ausgang eines Jahrtausends,
+aber die Frau war stets; er schuldete seine
+Entwicklung einer Epoche, die das System erschaffen
+hatte, und was auch kommen mochte, dies war er!
+
+</p><p>Fordernd jagte er seinen Blick in den Abend und siehe,
+es blaute das Hyazinthenwesen unten Duftkurven reiner
+Formeln, einheitliche Geschlossenheiten, in den Gartenraum;
+und eine versickernde Streichholzvettel rann teigig
+über die Stufen eines Anstaltgebäudes unter Glutwerk
+berechenbarer Lichtstrahlen einer untergehenden Sonne
+senkrecht in die Erde. &mdash;
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-5">Der Geburtstag</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>llmählich war ein Arzt über neunundzwanzig
+Jahre geworden und sein Gesamteindruck war
+nicht darnach, Empfindungen besonderer Art
+zu erwecken.
+
+</p><p>Aber so alt er war, er fragte sich dies und das. Ein
+Drängen nach dem Sinn des Daseins warf sich ihm
+wiederholt entgegen: wer erfüllte ihn: der Herr, der
+rüstig schritt, den Schirm im Arm; die Hökerin, die vor
+dem Flieder saß, der Markt war aus, im Abendwehn;
+der Gärtner, der alle Namen wußte: Kirschlorbeer und
+Kakteen, und dem die rote Beere im toten Busch vorjährig
+war?
+
+</p><p>Aus der norddeutschen Ebene stammte er. In südlichen
+Ländern natürlich war der Sand leicht und lose;
+ein Wind konnte &mdash; das war nachgewiesen &mdash; Körner
+um die ganze Erde tragen; hier war das Staubkorn,
+groß und schwer.
+
+</p><p>Was hatte er erlebt: Liebe, Armut und Röntgenröhren;
+Kaninchenställe und kürzlich einen schwarzen
+Hund, der stand auf einem freien Platz, bemüht um
+ein großes rotes Organ zwischen den Hinterbeinen hin
+und her, beruhigend und gewinnend; herum standen
+Kinder, Blicke von Damen suchten das Tier, halbwüchsige
+Jugend wechselte die Stellung, den Vorgang
+im Profil zu sehen.
+
+</p><p>Wie hatte er das alles erlebt: er hatte Gerste eingefahren
+von den Feldern, auf Erntewagen, und das
+groß: Mandel, Kober und Kimme vom Pferd. Dann
+war der Leib eines Fräuleins voll Wasser und es galt
+Abfluß und Drainage. Aber über allem schwebte ein
+leises zweifelndes Als ob: als ob Ihr wirklich wäret
+Raum und Sterne.
+
+</p><p>Und nun? Ein grauer nichtssagender Tag würde es
+sein, wenn man ihn begrub. Die Frau war tot; das
+Kind weinte ein paar Tränen. Er hatte sich nie viel
+um es gekümmert, es war Lehrerin und mußte abends
+noch in Hefte sehen. Dann war es aus. Beeinflussung
+von Gehirnen durch und über ihn zu Ende. Es trat
+in ihr Recht die Erhaltung der Kraft.
+
+</p><p>Wie hieß er mit Vornamen? Werff.
+
+</p><p>Wie hieß er überhaupt? Werff Rönne.
+
+</p><p>Was war er? Arzt in einem Hurenhaus.
+
+</p><p>Was schlug die Uhr? Zwölf. Es war Mitternacht.
+Er wurde dreißig Jahre. In der Ferne rauschte ein
+Gewitter. In Maiwälder brach die Wolke auf.
+
+</p><p>Nun ist es Zeit, sagte er sich, daß ich beginne. In
+der Ferne rauscht ein Gewitter, aber ich geschehe. In
+Maiwälder bricht die Wolke auf, aber <i>meine</i> Nacht.
+Ich habe nördliches Blut, das will ich nie vergessen.
+Meine Väter fraßen alles, aus Trögen und Stall. Aber
+ich will mich, sprach er sich Mut zu, auch nur ergehen.
+Dann wollte er sich etwas Bildhaftes zurufen, aber es
+mißlang. Dies wieder fand er bedeutungsvoll und zukunftsträchtig:
+vielleicht sei schon die Metapher ein
+Fluchtversuch, eine Art Vision und ein Mangel an Treue.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Durch stille blaue Nebel, vom nahen Meer in das
+Land getrieben, schritt Rönne, als er am nächsten Morgen
+in sein Krankenhaus ging.
+
+</p><p>Das lag außerhalb der Stadt und aller Pflasterwege.
+Er mußte über Boden gehen, der war weich, der ließ
+Veilchen durch; gelöst und durchronnen schwankte er
+um den Fuß.
+
+</p><p>Da aus Gärten warf sich ihm der Krokus entgegen,
+die Kerze der Frühmett des Dichtermunds, und zwar
+gerade die gelbe Art, die Griechen und Römern der
+Inbegriff alles Lieblichen gewesen, was Wunder, daß
+sie ihn in das Reich der Himmlischen versetzten? In
+Teichen von Krokussäften badete der Gott. Ein Kranz
+von Blüten wehrte dem Rausch. Am Mittelmeer die
+Safranfelder: die dreiteilige Narbe; flache Pfannen; Roßhaarsiebe
+über Feuern, leicht und offen.
+
+</p><p>Er trieb sich an: arabisches Za-fara, griechisches Kroké.
+Es stellte sich ein Korvinius, König der Ungarn, der
+es verstanden hatte, beim Speisen Safranflecke zu vermeiden.
+Mühelos nahte sich der Färbestoff, das Gewürze,
+die Blütenmatte und das Alpental.
+
+</p><p>Noch hingegeben der Befriedigung, so ausgiebig zu
+assoziieren, stieß er auf ein Glasschild mit der Aufschrift:
+Cigarette Maita, beleuchtet von einem Sonnenstrahl.
+Und nun vollzog sich über Maita &mdash; Malta &mdash;
+Strände &mdash; leuchtend &mdash; Fähre &mdash; Hafen &mdash; Muschelfressen &mdash;
+Verkommenheiten &mdash; der helle klingende Ton einer leisen
+Zersplitterung, und Rönne schwankte in einem Glück.
+Dann aber betrat er das Hospital: ein unnachgiebiger
+Blick, ein unerschütterlicher Wille: die heute ihm entgegentretenden
+Reize und Empfindungen anzuknüpfen
+an den bisherigen Bestand, keine auszulassen, jede zu
+verbinden. Ein geheimer Aufbau schwebte ihm vor,
+etwas von Panzerung und Adlerflug, eine Art Napoleonischen
+Gelüstes, etwa die Eroberung einer Hecke,
+hinter der er ruhte, Werff Rönne, dreißigjährig, gefestigt,
+ein Arzt.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Ha, heute nicht einfach, Beine breit und herab vom
+Stuhl, mein Fräulein, die feine blaue Ader von der
+Hüfte in das Haar, die wollen wir uns merken! Ich
+kenne Schläfen mit diesen Adern, es sind schmale weiße
+Schläfen, müde Gebilde, aber diese will ich mir merken,
+geschlängelt, ein Ästchen Veilchenblut! Wie? Wenn
+nun das Gespräch auf Äderchen kommt &mdash; gepanzert
+stehe ich da, in Sonderheit auf Hautäderchen: An der
+Schläfe?? O meine Herren!! Ich sah sie auch an anderen
+Organen, fein geschlängelt, ein Ästchen Veilchenblut.
+Vielleicht eine Skizze gefällig? So verlief sie &mdash;,
+soll ich aufsteigen? Die Einmündung? Die große Hohlvene?
+Die Herzkammer? Die Entdeckung des Blutkreislaufes
+&mdash; &mdash; &mdash;? Nicht wahr, eine Fülle von Eindrücken
+steht Ihnen gegenüber? Sie tuscheln, wer ist
+der Herr? Gesammelt steht er da? Rönne ist mein
+Name, meine Herren. Ich sammle hin und wieder so
+kleine Beobachtungen; nicht uninteressant, aber natürlich
+gänzlich belanglos, kleiner Beitrag zum großen Aufbau
+des Wissens und Erkennens des Wirklichen, ha! ha!
+
+</p><p>Und Sie, meine Damen, wir kennen uns doch! Gestatten
+Sie, daß ich Sie erschaffe, umkleide mit Ihren
+Wesenheiten, mit Ihren Eindrücken in mir, unzerfallen
+ist das Leitorgan, es wird sich erweisen, wie es sich
+erinnert, schon steigen Sie auf.
+
+</p><p>Sie sprechen den Teil an, den Sie lieben. In sein
+Auge sehen Sie, geben Seele und Hauch. &mdash; Sie haben
+die Narben zwischen den Schenkeln, ein Araberbey;
+große Wunden müssen es gewesen sein, gerissen von
+der lasterhaften Lippe Afrikas. &mdash; Sie aber schlafen mit
+der weißen ägyptischen Ratte, Ihre Augen sind rosarot;
+Sie schlafen auf der Seite, an der Hüfte das Tier.
+Seine Augen sind gläsern und klein wie zwei rote
+Kaviarkörner. In der Nacht befällt sie der Hunger.
+Über die Schlafende steigt das Tier. Auf dem Nachttisch
+steht ein Teller mit Mandeln. Leise steigt es zurück
+an die Hüfte, schnuppernd und stutzend. Oft erwachen
+Sie, wenn sich der Schwanz über die Oberlippe schlängelt,
+kühl und hager.
+
+</p><p>Einen Augenblick prüfte er in sich hinein. Aber machtvoll
+stand er da. Erinnerungsbild an Erinnerungsbild
+gereiht, dazwischen rauschten die Fäden hin und her.
+
+</p><p>Und Sie aus dem Freudenhaus in Aden, brütend an
+Wüste und Rotem Meer. Über die Marmorwände rinnt
+alle Stunde bläuliches Wasser. Aus Gittern am Boden
+steigen Wolken aus räucherndem Kraut. Alle Völker
+der Erde kennen Sie nach der Liebe. Ihre Sehnsucht
+ist ein bescheidenes Haus am dänischen Sund. Kommen
+letzte Wallungen, ein Billard, vor dem Knaben im
+leichten Anzug spielen. &mdash; Und Sie, in dem Bordell,
+durch das der Krieg gezogen, zwischen Geschirr und
+Leder täglich hundertfach zerborsten unter unbekannten
+Gliedern oder auch unter Ballen aus Blutungen und Kot.
+
+</p><p>Verklärt stand er vor sich selbst. Wie er es hervorspielte,
+ach, spielte! regenbogente! grünte! eine Mainacht
+ganz unnennbar! Er kannte sie alle. Gegenüber
+stand er ihnen, sauber und ursprünglich. Er war
+nicht schwach gewesen. Starkes Leben blutete durch
+sein Haupt.
+
+</p><p>Er kannte sie alle; aber er wollte mehr. An ein
+sehr gewagtes Gebiet wollte er heran; es gab wohl
+ein Bewußtseinsleben ohne Gefühle oder hatte es gegeben,
+aber unsere Neigungen &mdash; dieses Satzes entsann
+er sich deutlichst &mdash; sind unser Erbteil. In ihnen erleben
+wir, was uns beschieden ist: nun wollte er eine lieben.
+
+</p><p>Er sah den Gang entlang, und da stand sie. Sie
+hatte ein Muttermal, erdbeerfarben, vom Hals über eine
+Schulter bis zur Hüfte und in den Augen, blumenhaft,
+eine Reinheit ohne Ende und um die Lider eine Anemone,
+still und glücklich im Licht.
+
+</p><p>Wie sollte sie heißen? Edmée, das war hinreißend.
+Wie weiter? Edmée Denso, das war überirdisch; das
+war wie der Ruf der neuen sich vorbereitenden Frau,
+der kommenden, der ersehnten, die der Mann sich zu
+schaffen im Gange war: blond, und Lust und Skepsis
+aus ernüchterten Gehirnen.
+
+</p><p>Also: nun liebte er. Er spürte in sich hinein: Das
+Gefühl. Den Überschwang galt es zu erschaffen gegen
+das Nichts. Lust und Qual zu treiben in den Mittag,
+in ein kahles graues Licht. Aber nun mußte es auch
+flirren! Es waren starke Empfindungen, denen er gegenüberstand.
+Er konnte in diesem Land nicht bleiben.
+&mdash;: Südlichkeiten! Überhöhung!
+
+</p><p>Edmée, in Luxor ein flaches weißes Haus oder in
+Kairo den Palast? Das Leben in der Stadt ist heiter
+und offen, berühmt ist das Licht, klar vor Glut, und
+plötzlich kommt die Nacht. Du hast unzählige Fellachenfrauen
+zu deiner Bedienung, zu Gesang und Tänzen.
+Du wirst zu Isis beten, die Stirn an Säulen lehnen,
+deren Kapitäle an den Ecken die platten Köpfe mit den
+langen Ohren tragen; zwischen Stelzvögeln in Schluchten
+von Sykomoren stehen.
+
+</p><p>Einen Augenblick suchte er. Es war etwas wie
+Kopthe aufgestiegen, aber er vermochte es nicht zu fördern.
+Nun sang er wieder, der Weiche im Glück.
+
+</p><p>Der Winter kommt, und die Felder grünen; einige
+Blätter des Granatstrauchs fallen, aber das Korn schießt
+auf vor deinen Augen. Was willst du haben: Narzissen
+oder Veilchen das Jahr hindurch in dein Bad
+geschüttet morgens, wenn du dich spät erhebst; willst
+du nachts durch kleine Nildörfer streichen, wenn auf
+die krummen Straßen die großen klaren Schatten fallen
+durch den hellen südlichen Mond? Ibiskäfige oder Reiherhäuser?
+Orangengärten, gelbflammend und Saft und
+Dunst über die Stadt wölkend in der Mittagsstunde,
+von Ptolomäertempeln einen geschnittenen Fries?
+
+</p><p>Er hielt inne. War das Ägypten? War das Afrika
+um einen Frauenleib, Golf und Liane um der Schultern
+Flut? Er suchte hin und her. War etwas zurückgeblieben??
+War Hinzufügbares vorhanden? Hatte er es
+erschaffen: Glut, Wehmut und Traum?
+
+</p><p>Aber was für ein eigentümliches Wehen in seiner
+Brust! Eine Erregung, als ströme er hin. Er verließ
+das Untersuchungszimmer, durchschritt die Halle in den
+Park. Es zog ihn nieder, auf den Rasen zog es ihn,
+leichthingemäht.
+
+</p><p>Wie hat es mich müde gemacht, dachte er, mit welcher
+Stärke! Da durchschlug ihn, daß Erblassen die
+Frucht sei und die Träne der Schmerz &mdash;: Erschütterungen!
+Klaffende Ferne!
+
+</p><p>Üppig glühte der Park. Ein Busch auf dem Rasen
+trug Blattwerk wie Farren, jeder Fächer groß und
+fleischig wie ein Reh. Um jeden Baum, der blühte,
+lag die Erde, geschlossen, ein Kübel, ihn tränkend und
+ihm völlig preisgegeben. Himmel und Blüten: weich, aus
+Augen, kamen Bläue und Schnee.
+
+</p><p>&mdash; Schluchzender, Edmée, dir immer näher! Eine
+Marmorbrüstung beschlägt das Meer. Südlich versammelt
+Lilien und Barken. Eine Geige eröffnet dich bis
+in dein Schweigendes hinein. &mdash;
+
+</p><p>Er blinzelte empor. Er zitterte: Gegen den Rasen
+stürmte der Glanz, feucht aus einer goldenen Hüfte;
+und Erde, die den Himmel bestieg. Am Ranft gegen
+die Schatten rang gebreitet das Licht. Hin und her war
+die Zunge einer Lockung: aus ihrem Gefieder Blütengüsse
+entwichen der Magnolie in ein Wehen, das vorübertrieb.
+
+</p><p>Edmée lachte: Rosen und helles Wasser.
+
+</p><p>Edmée ging: Durch Steige, zwischen Veilchen, in
+einem Licht von Inseln, aus osmiumblauen Meeren,
+kurz von Quader und Stern; Tauben, Feldflüchter,
+hackten Silber mit den Schwingen.
+
+</p><p>Edmée bräunte sich, ein bläuliches Oval. Vor Palmen
+spielte sie, sie hatte viel geliebt. Wie eine Schale
+trug sie ihre Scham kühl durch die Beugung des erwärmten
+Schritts, auf der Hüfte die Hand schwer, erntegelb,
+unter Korn und Samen.
+
+</p><p>Im Garten wurde Vermischung. Nicht mehr von Farben
+hallte das Beet, Bienengesumm nicht mehr bräunte
+die Hecke. Erloschen war Richtung und Gefälle: Eine
+Blüte, die trieb, hielt inne und stand im Blauen, Angel
+der Welt. Kronen lösten sich weich, Kelche sanken
+ein, der Park ging unter im Blute des Entformten.
+Edmée breitete sich hin. Ihre Schultern glätteten sich,
+zwei warme Teiche. Nun schloß sie die Hand, langsam,
+um einen Schaft, die Reife in ihrer Fülle, bräunlich
+abgemäht an den Fingern, unter großen Garben
+verklärter Lust &mdash; &mdash;:
+
+</p><p>Nun war ein Strömen in ihm, nun ein laues Entweichen.
+Und nun verwirrte sich das Gefüge, es entsank
+fleischlich sein Ich &mdash;:
+
+</p><p>&mdash; Es hallten Schritte über das Gefälle eines Tals
+durch eine flache weiße Stadt; dunkle Gärten schlossen
+die Gassen. Auf Simsen und Architraven, die zerfallend
+Götter und Mysterien herhielten, verteilt durch
+ein florentinisches Land, lagen Tropfen hellen Bluts.
+Ein Schatten taumelte zwischen Gliedern, die stumm
+waren, zwischen Trauben und einer Herde; ein Brunnen
+rann, ein splitterndes Spiel.
+
+</p><p>Im Rasen lag ein Leib. Aus Kellern spülte ein Dunst;
+es war Essenszeit, Pfeifen und Grieben, der schlechte
+Atem eines Sterbenden.
+
+</p><p>Aufsah der Leib: Fleisch, Ordnung und Erhaltung
+riefen. Er lächelte und schloß sich wieder; schon vergehend
+sah er auf das Haus: was war geschehen?
+Welches war der Weg der Menschheit gewesen bis
+hierher? Sie hatte Ordnung herstellen wollen in etwas,
+das hätte Spiel bleiben sollen. Aber schließlich war es
+doch Spiel geblieben, denn nichts war wirklich. War
+er wirklich? Nein; nur alles möglich, das war er.
+
+</p><p>Tiefer bettete er den Nacken in das Maikraut, das
+roch nach Thyrsos und Walpurgen. Schmelzend durch
+den Mittag kieselte bächern das Haupt.
+
+</p><p>Er bot es hin: das Licht, die starke Sonne rann unaufhaltsam
+zwischen das Hirn. Da lag es: kaum ein
+Maulwurfshügel, mürbe, darin scharrend das Tier.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Was aber ist mit dem Morellenviertel, fragte er sich
+bald darauf? Hinter dem Palast, um dessen Pfeiler
+Lorbeer steht, brechen Gassen in die Tiefe, den Hang
+hinunter steht Haus bei Haus klein herab.
+
+</p><p>Einäugige lungern um Schneckenwagen. Sie legen
+Geld hin. Frauen kerben die Schale auf. Ein Schnitt
+im Kreis und das Fleisch hängt rosa aus der Muschel.
+Sie tauchen es in eine Tasse mit Brühe und beißen.
+Die Frau hustet, und sie müssen weiter.
+
+</p><p>Wahrsager mit Hilfe von Ideenübertragung klingeln
+unaufhörlich schrill namentlich an Damen gewandt und
+haben Batterien.
+
+</p><p>Zigeunerinnen vor Karren, Rochen, flacher, violett
+und silbern, mit abgehackten Köpfen; welche zur Hälfte
+gespalten, eingekerbt und zum Trocknen gehangen; dazwischen
+krumme, dürre Fische, kupfern und schillernd.
+
+</p><p>Es riecht nach Brand und alten Fetten. Unzählige
+Kinder verrichten ihre Notdurft, ihre Sprache ist fremd.
+
+</p><p>Was ist es mit dem Morellenviertel, fragte sich Rönne.
+Ich muß es bestehen! Auf! Hinab! Ich schwor mir, nie
+will ich dieses Bild vergessen: des Sommers, der eine
+Mauer schlug mit Büschen, flammend von Gefieder, mit
+Strauchgerten, beißend von dichten, blauen Fleischen,
+gegen eine Mauer, die nicht strömte, die feuchte, blaue
+Ranke!
+
+</p><p>Er jagte herunter. Um die hohe Gasse rann es
+zusammen: kleine Häuser, unterwühlt von langen,
+schmalen Höhlen, die spieen Gebein aus, Junges strotzend,
+Altes mürbe, hochgegürtet die Scham.
+
+</p><p>Was wurde verkauft: Holzpantoffeln für die Notdurft,
+grüne Klöße für das Ich, Ankerschnäpse für die Lust,
+Nötigstes des Leibes und der Seele, Salbenbüchsen
+und Madonnen.
+
+</p><p>Was ging vor sich: kleine Kinder vor Knieenden,
+dicht, eben ihrer Brust entsprungen; rauhe Stimmen,
+verkommen über verbranntes Gestein; tiefer als denkbar
+grub ein Herr in die Tasche; Schädel, eine Wüste,
+Leiber, eine Gosse, tretend Erde, kauend: Ich und du.
+
+</p><p>Auge, fernevolles, Blut, traumrauschend, rief er sich
+zu, deine Mittagsflüge, wehe sie! muß Rönne schon vergehen,
+unverschanzt?:
+
+</p><p>Große Woge ist die Frau, gute Mutter, die die
+Fische wendet hin und her, auf dem Rücken sind sie
+braun gefleckt, Bröckel Blütenstaub und Samenpulver?
+
+</p><p>Eines Rahmens wert erschien das schlichte Bild: Einbrecher,
+böser Mann am Kassentisch, die brave Besitzerin
+niedergeschlagen, letzter Blick vom Boden gilt
+dem Hund??:
+
+</p><p>Und du ins Gras gelümmelt, Mittagshengst &mdash; und
+jetzt schon Überwölkung??? Dreißigjährig &mdash; und Kahlkropf
+ungefiedert??
+
+</p><p>Er floh tiefer in die Gasse. Aber da: ein kleines
+Denkmal: dem Gründer eines Jugendstifts: die Menschenseele,
+das Gemeinsystem, die Lebensverlängerung
+und der Stadtrat strotzten Vollbart und Vermehrung.
+Der Aufbau tat sich auf: Proben der Tüchtigkeit wurden
+abgelegt und zwar dies wiederholt, Untersuchungen
+vorgenommen, die zu Feststellungen führten.
+
+</p><p>Wo war sein Süden hin? Der Efeufelsen? Der Eukalyptos,
+wo am Meer? Ponente, Küste des Niedergangs,
+silberblaue die Woge her!
+
+</p><p>Er hetzte in eine Kaschemme; er schlug sich mit Getränken
+heißen, braunen. Er legte sich auf die Bank,
+damit der Kopf nach unten hinge wegen der Schwerkraft
+und des Bluts. Hilfe, schrie er! Überhöhung!
+
+</p><p>Stühle, Gegenstände für Herren, die bei nach vorn
+gebogenen Knien einen Stützpunkt unter der Hinterfläche
+der Beine haben wollten, trockneten dumpf und
+nördlich. Tische für Gespräche wie diese: Na, wie geht&rsquo;s,
+schelmisch und männlich und um die Schenkel herum
+liefen ehrbar durch die Zeit. Kein Tod schleuderte die
+triefäugige Mamsell stündlich, wenn die Uhr schlug, vor
+das Nichts. Krämer scharrten; keine Lava über den
+toten Schotter!
+
+</p><p>Und er? Was war er? Da saß er zwischen seinen
+Reizen, das Pack geschah mit ihm. Sein Mittag war Hohn.
+
+</p><p>Wieder quoll das Gehirn herauf, der dumpfe Ablauf
+des ersten Tages. Immer noch zwischen seiner Mutter
+Schenkel &mdash; so geschah er. Wie der Vater stieß, so rollte
+er ab. Die Gasse hatte ihn gebrochen, zurück: die Hure
+schrie.
+
+</p><p>Schon wollte er gehen, da geschah ein Ton. Eine
+Flöte schlug auf der grauen Gasse, zwischen den Hütten
+blau ein Lied. Es mußte ein Mann gehen, der sie
+blies. Ein Mund war tätig an dem Klang, der aufstieg
+und verhallte. Nun hub er wieder an.
+
+</p><p>Von Ohngefähr. Wer hieß ihn blasen? Keiner dankte
+ihm. Wer hätte denn gefragt, wo die Flöte bliebe?
+Doch wie Gewölke zog er ein: wehend seinen weißen
+Augenblick und schon verwehend in alle Schluchten der
+Bläue.
+
+</p><p>Rönne sah sich um: verklärt, doch nichts hatte sich
+verändert. Aber ihm: bis an die Lippen stand das Glück.
+Sturz auf Sturz, Donner um Donner; rauschend das
+Segel, lohend der Mast: Zwischen kleinen Becken dröhnte
+gestreckt das Dock: Groß glühte heran der Hafenkomplex:
+
+</p><p>Über die Felsen steigt das Licht, schon nimmt es
+Schatten an, die Villen schimmern und der Hintergrund
+ist bergerfüllt. Eine schwarze Rauchpinne verfinstert
+die Mole, indes mit der gekräuselten Welle das winzige
+Lokalboot kämpft. Über die Landungsbrücke, die
+schwankt, eilt der geschäftige Facchini; Hojo &mdash; tirra &mdash;
+Hoy &mdash;, klingt es; es flutet der volle Lebensstrom. Gegen
+tropische und subtropische Striche, Salzminen und Lotosflüsse,
+Berberkarawanen, ja gegen den Antipoden selbst
+steht der Schiffsbauch gerichtet; eine Ebene, die die
+Mimose säumt, entleert rötliches Harz, ein Abhang
+zwischen Kalkmergel, den fetten Ton. Europa, Asien,
+Afrika: Bisse, tödliche Wirkungen, gehörnte Vipern; am
+Kai das Freudenhaus tritt dem Ankömmling entgegen,
+in der Wüste schweigend steht das Sultanhuhn. &mdash;
+
+</p><p>Noch stand es schweigend, schon geschah ihm die
+Olive.
+
+</p><p>Auch die Agave war schön, aber die Taggiaska kam,
+feinölig, die blauschwarze, schwermütig vor dem Ligurischen
+Meer.
+
+</p><p>Himmel, selten bewölkt, Rosen ein Gefälle; durch
+alle Büsche der blaue Golf, aber die endlosen lichten
+Wälder, welch ein schattenschwerer Hain!
+
+</p><p>Wurde um den Stamm das Tuch gebreitet, lag Arbeit
+vor. Gemisch von Hörnern, Klauen, Ledern und wollenen
+Lumpen, jedes vierte Jahr war Speisung gewesen. Jetzt
+aber schlugen Männer, sonst dem Kegelspiel mit spannungsvollem
+Eifer hingegeben, die Kronen, jäh den
+Früchten zugewandt.
+
+</p><p>In der Mulme der Rüsselkäfer. Eine Zygäne flackernd
+aus der Myrte. Kleine Presse wird gedreht, schieferner
+Keller still durchgangen. Ernte naht sich, Blut der Hügel,
+um den Hain, bacchantisch, die Stadt.
+
+</p><p>Kam Venedig, rann er über den Tisch. Er fühlte
+Lagune, und ein Lösen, schluchzend. Scholl dumpf das
+Lied aus alten Tagen des Dogen Dandolo, stäubte er
+in ein warmes Wehn.
+
+</p><p>Ein Ruderschlag: Ein Eratmen; ein Barke: Stütze
+des Haupts.
+
+</p><p>Fünf eherne Rosse, die Asien gab, und um die Säulen
+sang es: manchmal eine Stunde, da bist Du; der Rest
+ist das Geschehen. Manchmal die beiden Fluten schlagen
+hoch zu einem Traum. Manchmal rauscht es: wenn Du
+zerbrochen bist.
+
+</p><p>Rönne lauschte. Tieferes mußte es noch geben. Aber
+der Abend kam schnell vom Meer.
+
+</p><p>Blute, rausche, dulde, sagte er vor sich hin. Männer
+sahen ihn an. Jawohl, sagte er, ihre Sommersprossen,
+ihr kahler Hals, über dessen Adamsapfel das Haar
+stachelt &mdash; unter meine Kreuzigung, ich will zur Rüste
+gehen.
+
+</p><p>Er bezahlte rasch und erhob sich. Aber an der Tür
+nahm er den Blick noch einmal zurück an das Dunkel
+der Taverne, an die Tische und Stühle, an denen er
+so gelitten hatte und immer wieder leiden würde. Aber
+da, aus dem gerippten Schaft des Tafelaufsatzes neben
+der leckäugigen Frau glühte aus großem, sagenhaftem
+Mohn das Schweigen unantastbaren Landes, rötlichen,
+toten, den Göttern geweiht. Dahin ging, daß fühlte er
+tief, nun für immer sein Weg. Eine Hingebung trat in
+ihn, ein Verlust von letzten Rechten, still bot er die
+Stirn, laut klaffte ihr Blut.
+
+</p><p>Es war dunkel geworden. Die Straße nahm ihn auf
+darüber der Himmel, grüner Nil der Nacht.
+
+</p><p>Über das Morellenviertel aber klang noch einmal der
+Ton der Flöte: manchmal die beiden Fluten schlagen
+hoch zu einem Traum.
+
+</p><p>Da enteilte ein Mann. Da schwang sich einer in seine
+Ernte, Schnitter banden ihn, gaben Kränze und Spruch.
+Da trieb einer, glühend aus seinen Feldern, unter Krone
+und Gefieder, unabsehbar: er, Rönne.
+
+
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p style="text-transform:uppercase; text-align: center; font-size:large; ">
+Ende.
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Gehirne, by Gottfried Benn
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEHIRNE ***
+
+***** This file should be named 35435-h.htm or 35435-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/5/4/3/35435/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
diff --git a/35435-h/images/logo.jpg b/35435-h/images/logo.jpg
new file mode 100644
index 0000000..1f25542
--- /dev/null
+++ b/35435-h/images/logo.jpg
Binary files differ