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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Aus dem Leben eines Taugenichts + Novelle + +Author: Joseph von Eichendorff + +Release Date: February 18, 2011 [EBook #35312] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM LEBEN EINES TAUGENICHTS *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + JOSEPH + VON + EICHENDORFF + + AUS DEM LEBEN + EINES + TAUGENICHTS + + NOVELLE + + IM + INSEL VERLAG + ZU + LEIPZIG + + + + +Erstes Kapitel + + +Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht +lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten +und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte +mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen +Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit +Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem +Kopfe, der sagte zu mir: »Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder +und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit +allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist +vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber +dein Brot.« -- »Nun,« sagte ich, »wenn ich ein Taugenichts bin, so ists +gut, so will ich in die Welt gehn und mein Glück machen.« Und eigentlich +war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, +auf Reisen zu gehn, da ich die Goldammer, welche im Herbst und Winter +immer betrübt an unserm Fenster sang: Bauer, miet mich, Bauer, miet +mich! nun in der schönen Frühlingszeit wieder ganz stolz und lustig vom +Baume rufen hörte: Bauer, behalt deinen Dienst! -- Ich ging also in das +Haus hinein und holte meine Geige, die ich recht artig spielte, von der +Wand, mein Vater gab mir noch einige Groschen Geld mit auf den Weg, und +so schlenderte ich durch das lange Dorf hinaus. Ich hatte recht meine +heimliche Freude, als ich da alle meine alten Bekannten und Kameraden +rechts und links, wie gestern und vorgestern und immerdar, zur Arbeit +hinausziehen, graben und pflügen sah, während ich so in die freie Welt +hinausstrich. Ich rief den armen Leuten nach allen Seiten recht stolz +und zufrieden Adjes zu, aber es kümmerte sich eben keiner sehr darum. +Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte. Und als ich endlich ins +freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe Geige vor und spielte und +sang, auf der Landstraße fortgehend: + + »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, + Den schickt er in die weite Welt, + Dem will er seine Wunder weisen + In Berg und Wald und Strom und Feld. + + Die Trägen, die zu Hause liegen, + Erquicket nicht das Morgenrot, + Sie wissen nur vom Kinderwiegen, + Von Sorgen, Last und Not um Brot. + + Die Bächlein von den Bergen springen, + Die Lerchen schwirren hoch vor Lust, + Was sollt ich nicht mit ihnen singen + Aus voller Kehl und frischer Brust? + + Den lieben Gott laß ich nur walten; + Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld + Und Erd und Himmel will erhalten, + Hat auch mein Sach aufs best bestellt!« + +Indem, wie ich mich so umsehe, kommt ein köstlicher Reisewagen ganz nahe +an mich heran, der mochte wohl schon einige Zeit hinter mit drein +gefahren sein, ohne daß ich es merkte, weil mein Herz so voller Klang +war, denn es ging ganz langsam, und zwei vornehme Damen steckten die +Köpfe aus dem Wagen und hörten mir zu. Die eine war besonders schön und +jünger als die andere, aber eigentlich gefielen sie mir alle beide. Als +ich nun aufhörte zu singen, ließ die ältere stillhalten und redete mich +holdselig an: »Ei, lustiger Gesell, Er weiß ja recht hübsche Lieder zu +singen.« Ich nicht zu faul dagegen: »Ew. Gnaden aufzuwarten, wüßt ich +noch viel schönere.« Darauf fragte sie mich wieder: »Wohin wandert Er +denn schon so am frühen Morgen?« Da schämte ich mich, daß ich das selber +nicht wußte, und sagte dreist: »Nach Wien«; nun sprachen beide +miteinander in einer fremden Sprache, die ich nicht verstand. Die +jüngere schüttelte einigemal mit dem Kopfe, die andere lachte aber in +einem fort und rief mir endlich zu: »Spring Er nur hinten mit auf, wir +fahren auch nach Wien.« Wer war froher als ich! Ich machte eine Reverenz +und war mit einem Sprunge hinter dem Wagen, der Kutscher knallte, und +wir flogen über die glänzende Straße fort, daß mir der Wind am Hute +pfiff. + +Hinter mir gingen nun Dorf, Gärten und Kirchtürme unter, vor mir neue +Dörfer, Schlösser und Berge auf; unter mir Saaten, Büsche und Wiesen +bunt vorüberfliegend, über mir unzählige Lerchen in der klaren blauen +Luft -- ich schämte mich, laut zu schreien, aber innerlichst jauchzte +ich und strampelte und tanzte auf dem Wagentritt herum, daß ich bald +meine Geige verloren hätte, die ich unterm Arme hielt. Wie aber dann die +Sonne immer höher stieg, rings am Horizont schwere weiße Mittagswolken +aufstiegen und alles in der Luft und aus der weiten Fläche so leer und +schwül und still wurde über den leise wogenden Kornfeldern, da fiel mir +erst wieder mein Dorf ein und mein Vater und unsere Mühle, wie es da so +heimlich kühl war an dem schattigen Weiher und daß nun alles so weit, +weit hinter mir lag. Mir war dabei so kurios zumute, als müßt ich wieder +umkehren; ich steckte meine Geige zwischen Rock und Weste, setzte mich +voller Gedanken auf den Wagentritt hin und schlief ein. + +Als ich die Augen aufschlug, stand der Wagen still unter hohen +Lindenbäumen, hinter denen eine breite Treppe zwischen Säulen in ein +prächtiges Schloß führte. Seitwärts durch die Bäume sah ich die Türme +von Wien. Die Damen waren, wie es schien, längst ausgestiegen, die +Pferde abgespannt. Ich erschrak sehr, da ich auf einmal so allein saß, +und sprang geschwind in das Schloß hinein, da hörte ich von oben aus dem +Fenster lachen. + +In diesem Schlosse ging es mir wunderlich. Zuerst, wie ich mich in der +weiten kühlen Vorhalle umschaue, klopft mir jemand mit dem Stocke auf +die Schulter. Ich kehre mich schnell um, da steht ein großer Herr in +Staatskleidern, ein breites Bandelier von Gold und Seide bis an die +Hüften übergehängt, mit einem oben versilberten Stabe in der Hand und +einer außerordentlich langen gebogenen kurfürstlichen Nase im Gesicht, +breit und prächtig wie ein aufgeblasener Puter, der mich fragt, was ich +hier will. Ich war ganz verblüfft und konnte vor Schreck und Erstaunen +nichts hervorbringen. Darauf kamen mehrere Bediente die Treppe herauf +und herunter gerannt, die sagten gar nichts, sondern sahen mich nur von +oben bis unten an. Sodann kam eine Kammerjungfer (wie ich nachher hörte) +gerade auf mich los und sagte: ich wäre ein scharmanter Junge, und die +gnädigste Herrschaft ließe mich fragen, ob ich hier als Gärtnerbursche +dienen wollte. -- Ich griff nach der Weste; meine paar Groschen, weiß +Gott, sie müssen beim Herumtanzen auf dem Wagen aus der Tasche +gesprungen sein, waren weg, ich hatte nichts als mein Geigenspiel, für +das mir überdies auch der Herr mit dem Stabe, wie er mir im Vorbeigehn +sagte, nicht einen Heller geben wollte. Ich sagte daher in meiner +Herzensangst zu der Kammerjungfer: »Ja«, noch immer die Augen von der +Seite auf die unheimliche Gestalt gerichtet, die immerfort wie der +Perpendikel einer Turmuhr in der Halle auf und ab wandelte und eben +wieder majestätisch und schauerlich aus dem Hintergrunde heraufgezogen +kam. Zuletzt kam endlich der Gärtner, brummte was von Gesindel und +Bauerlümmel unterm Bart und führte mich nach dem Garten, während er mir +unterwegs noch eine lange Predigt hielt: wie ich nur fein nüchtern und +arbeitsam sein, nicht in der Welt herumvagieren, keine brotlosen Künste +und unnützes Zeug treiben solle, da könnt ich es mit der Zeit auch +einmal zu was Rechtem bringen. -- Es waren noch mehr sehr hübsche, +gutgesetzte, nützliche Lehren, ich habe nur seitdem fast alles wieder +vergessen. Überhaupt weiß ich eigentlich gar nicht recht, wie doch alles +so gekommen war, ich sagte nur immerfort zu allem: Ja, -- denn mir war +wie einem Vogel, dem die Flügel begossen worden sind. -- So war ich +denn, Gott sei Dank, im Brote. -- + +In dem Garten war schön leben, ich hatte täglich mein warmes Essen +vollauf und mehr Geld, als ich zum Weine brauchte, nur hatte ich leider +ziemlich viel zu tun. Auch die Tempel, Lauben und schönen grünen Gänge, +das gefiel mir alles recht gut, wenn ich nur hätte ruhig drin +herumspazieren können und vernünftig diskurieren wie die Herren und +Damen, die alle Tage dahin kamen. Sooft der Gärtner fort und ich allein +war, zog ich sogleich mein kurzes Tabakspfeifchen heraus, setzte mich +hin und sann auf schöne höfliche Redensarten, wie ich die eine junge +schöne Dame, die mich in das Schloß mitbrachte, unterhalten wollte, wenn +ich ein Kavalier wäre und mit ihr hier herumginge. Oder ich legte mich +an schwülen Nachmittagen auf den Rücken hin, wenn alles so still war, +daß man nur die Bienen sumsen hörte, und sah zu, wie über mir die Wolken +nach meinem Dorfe zuflogen und die Gräser und Blumen sich hin und her +bewegten, und gedachte an die Dame, und da geschah es denn oft, daß die +schöne Frau mit der Gitarre oder einem Buche in der Ferne wirklich durch +den Garten zog, so still, groß und freundlich wie ein Engelsbild, so daß +ich nicht recht wußte, ob ich träumte oder wachte. + +So sang ich auch einmal, wie ich eben bei einem Lusthause zur Arbeit +vorbeiging, für mich hin: + + »Wohin ich geh und schaue, + In Feld und Wald und Tal, + Vom Berg ins Himmelsblaue, + Vielschöne gnädge Fraue, + Grüß ich dich tausendmal.« + +Da seh ich aus dem dunkelkühlen Lusthause zwischen den halbgeöffneten +Jalousien und Blumen, die dort standen, zwei schöne, junge, frische +Augen hervorfunkeln. Ich war ganz erschrocken, ich sang das Lied nicht +aus, sondern ging, ohne mich umzusehen, fort an die Arbeit. + +Abends, es war gerade an einem Sonnabend, und ich stand eben in der +Vorfreude kommenden Sonntags mit der Geige im Gartenhause am Fenster und +dachte noch an die funkelnden Augen, da kommt auf einmal die +Kammerjungfer durch die Dämmerung dahergestrichen. »Da schickt Euch die +vielschöne gnädige Frau was, das sollt Ihr auf ihre Gesundheit trinken. +Eine gute Nacht auch!« Damit setzte sie mir fix eine Flasche Wein aufs +Fenster und war sogleich wieder zwischen den Blumen und Hecken +verschwunden wie eine Eidechse. + +Ich aber stand noch lange vor der wundersamen Flasche und wußte nicht, +wie mir geschehen war. -- Und hatte ich vorher lustig die Geige +gestrichen, so spielt und sang ich jetzt erst recht und sang das Lied +von der schönen Frau ganz aus und alle meine Lieder, die ich nur wußte, +bis alle Nachtigallen draußen erwachten und Mond und Sterne schon lange +über dem Garten standen. Ja, das war einmal eine gute schöne Nacht! + +Es wird keinem an der Wiege gesungen, was künftig aus ihm wird, eine +blinde Henne findet manchmal auch ein Korn, wer zuletzt lacht, lacht am +besten, unverhofft kommt oft, der Mensch denkt und Gott lenkt, so +meditiert ich, als ich am folgenden Tage wieder mit meiner Pfeife im +Garten saß und es mir dabei, da ich so aufmerksam an mir heruntersah, +fast vorkommen wollte, als wäre ich doch eigentlich ein rechter Lump. -- +Ich stand nunmehr, ganz wider meine sonstige Gewohnheit, alle Tage sehr +zeitig auf, eh sich noch der Gärtner und die andern Arbeiter rührten. Da +war es so wunderschön draußen im Garten. Die Blumen, die Springbrunnen, +die Rosenbüsche und der ganze Garten funkelten von der Morgensonne wie +lauter Gold und Edelstein. Und in den hohen Buchenalleen, da war es noch +so still, kühl und andächtig, wie in einer Kirche, nur die Vögel +flatterten und pickten auf dem Sande. Gleich vor dem Schlosse, gerade +unter den Fenstern, wo die schöne Frau wohnte, war ein blühender +Strauch. Dorthin ging ich dann immer am frühesten Morgen und duckte mich +hinter die Äste, um so nach den Fenstern zu sehen, denn mich im Freien +zu produzieren hatt ich keine Courage. Da sah ich nun allemal die +allerschönste Dame noch heiß und halb verschlafen im schneeweißen Kleid +an das offene Fenster hervortreten. Bald flocht sie sich die +dunkelbraunen Haare und ließ dabei die anmutig spielenden Augen über +Busch und Garten ergehen, bald bog und band sie die Blumen, die vor +ihrem Fenster standen, oder sie nahm auch die Gitarre in den weißen Arm +und sang dazu so wundersam über den Garten hinaus, daß sich mir noch das +Herz umwenden will vor Wehmut, wenn mir eins von den Liedern bisweilen +einfällt -- und ach, das alles ist schon lange her! + +So dauerte das wohl über eine Woche. Aber das eine Mal, sie stand gerade +wieder am Fenster, und alles war stille ringsumher, fliegt mir eine +fatale Fliege in die Nase, und ich gebe mich an ein erschreckliches +Niesen, das gar nicht enden will. Sie legt sich weit zum Fenster hinaus +und sieht mich Ärmsten hinter dem Strauche lauschen. -- Nun schämte ich +mich und kam viele Tage nicht hin. + +Endlich wagte ich es wieder, aber das Fenster blieb diesmal zu, ich saß +vier, fünf, sechs Morgen hinter dem Strauche, aber sie kam nicht wieder +ans Fenster. Da wurde mir die Zeit lang, ich faßte mir ein Herz und ging +nun alle Morgen frank und frei längs dem Schlosse unter allen Fenstern +hin. Aber die liebe schöne Frau blieb immer und immer aus. Eine Strecke +weiter sah ich dann immer die andere Dame am Fenster stehen. Ich hatte +sie sonst so genau noch niemals gesehen. Sie war wahrhaftig recht schön +rot und dick und gar prächtig und hoffärtig anzusehn wie eine Tulipane. +Ich machte ihr immer ein tiefes Kompliment, und, ich kann nicht anders +sagen, sie dankte mir jedesmal und nickte und blinzelte mit den Augen +dazu ganz außerordentlich höflich. -- Nur ein einziges Mal glaub ich +gesehn zu haben, daß auch die Schöne an ihrem Fenster hinter der Gardine +stand und versteckt hervorguckte. -- + +Viele Tage gingen jedoch ins Land, ohne daß ich sie sah. Sie kam nicht +mehr in den Garten, sie kam nicht mehr ans Fenster. Der Gärtner schalt +mich einen faulen Bengel, ich war verdrüßlich, meine eigene Nasenspitze +war mir im Wege, wenn ich in Gottes freie Welt hinaussah. + +So lag ich eines Sonntags nachmittag im Garten und ärgerte mich, wie ich +so in die blauen Wolken meiner Tabakspfeife hinaussah, daß ich mich +nicht auf ein anderes Handwerk gelegt und mich also morgen nicht auch +wenigstens auf einen blauen Montag zu freuen hätte. Die andern Burschen +waren indes alle wohlausstaffiert nach den Tanzböden in der nahen +Vorstadt hinausgezogen. Da wallte und wogte alles im Sonntagsputze in +der warmen Luft zwischen den lichten Häusern und wandernden Leierkästen +schwärmend hin und zurück. Ich aber saß wie eine Rohrdommel im Schilfe +eines einsamen Weihers im Garten und schaukelte mich auf dem Kahne, der +dort angebunden war, während die Vesperglocken aus der Stadt über den +Garten herüberschallten und die Schwäne auf dem Wasser langsam neben mir +hin und her zogen. Mir war zum Sterben bange. -- + +Währenddes hörte ich von weitem allerlei Stimmen, lustiges +Durcheinandersprechen und Lachen, immer näher und näher, dann +schimmerten rot und weiße Tücher, Hüte und Federn durchs Grüne, auf +einmal kommt ein heller lichter Haufen von jungen Herren und Damen vom +Schlosse über die Wiese auf mich los, meine beiden Damen mitten unter +ihnen. Ich stand auf und wollte weggehen, da erblickte mich die ältere +von den schönen Damen. »Ei, das ist ja wie gerufen,« rief sie mir mit +lachendem Munde zu, »fahr Er uns doch an das jenseitige Ufer über den +Teich!« Die Damen stiegen nun eine nach der andern vorsichtig und +furchtsam in den Kahn, die Herren halfen ihnen dabei und machten sich +ein wenig groß mit ihrer Kühnheit auf dem Wasser. Als sich darauf die +Frauen alle auf die Seitenbänke gelagert hatten, stieß ich vom Ufer. +Einer von den jungen Herren, der ganz vorn stand, fing unmerklich an zu +schaukeln. Da wandten sich die Damen furchtsam hin und her, einige +schrien gar. Die schöne Frau, welche eine Lilie in der Hand hielt, saß +dicht am Bord des Schiffleins und sah so still lächelnd in die klaren +Wellen hinunter, die sie mit der Lilie berührte, so daß ihr ganzes Bild +zwischen den widerscheinenden Wolken und Bäumen im Wasser noch einmal zu +sehen war, wie ein Engel, der leise durch den tiefen blauen Himmelsgrund +zieht. + +Wie ich noch so auf sie hinsehe, fällts auf einmal der andern lustigen +Dicken von meinen zwei Damen ein, ich sollte ihr während der Fahrt eins +singen. Geschwind dreht sich ein sehr zierlicher junger Herr mit einer +Brille auf der Nase, der neben ihr saß, zu ihr herum, küßt ihr sanft die +Hand und sagt: »Ich danke Ihnen für den sinnigen Einfall! ein Volkslied, +=gesungen= vom Volk in freiem Feld und Wald, ist ein Alpenröslein auf +der Alpe selbst, -- die Wunderhörner sind nur Herbarien, -- ist die +Seele der Nationalseele.« Ich aber sagte, ich wisse nichts zu singen, +was für solche Herrschaften schön genug wäre. Da sagte die schnippische +Kammerjungfer, die mit einem Korbe voll Tassen und Flaschen hart neben +mir stand und die ich bis jetzt noch gar nicht bemerkt hatte: »Weiß Er +doch ein recht hübsches Liedchen von einer vielschönen Fraue.« -- »Ja, +ja, das sing Er nur recht dreist weg«, rief darauf sogleich die Dame +wieder. Ich wurde über und über rot. -- Indem blickte auch die schöne +Frau auf einmal vom Wasser auf und sah mich an, daß es mir durch Leib +und Seele ging. Da besann ich mich nicht lange, faßt ein Herz und sang +so recht aus voller Brust und Lust: + + »Wohin ich geh und schaue, + In Feld und Wald und Tal, + Vom Berg hinab in die Aue: + Vielschöne, hohe Fraue, + Grüß ich dich tausendmal. + + In meinem Garten find ich + Viel Blumen, schön und fein, + Viel Kränze wohl draus wind ich, + Und tausend Gedanken bind ich + Und Grüße mit darein. + + =Ihr= darf ich keinen reichen, + Sie ist zu hoch und schön, + Die müssen alle verbleichen, + Die Liebe nur ohnegleichen + Bleibt ewig im Herzen stehn. + + Ich schein wohl froher Dinge + Und schaffe auf und ab, + Und ob das Herz zerspringe, + Ich grabe fort und singe + Und grab mir bald mein Grab.« + +Wir stießen ans Land, die Herrschaften stiegen alle aus, viele von den +jungen Herren hatten mich, ich bemerkt es wohl, während ich sang, mit +listigen Mienen und Flüstern verspottet vor den Damen. Der Herr mit der +Brille faßte mich im Weggehen bei der Hand und sagte mir, ich weiß +selbst nicht mehr was, die ältere von meinen Damen sah mich sehr +freundlich an. Die schöne Frau hatte während meines ganzen Liedes die +Augen niedergeschlagen und ging nun auch fort und sagte gar nichts. -- +Mir aber standen die Tränen in den Augen schon wie ich noch sang, das +Herz wollte mir zerspringen von dem Liede vor Scham und vor Schmerz, es +fiel mir jetzt auf einmal alles recht ein, wie =sie= so schön ist und +ich so arm bin und verspottet und verlassen von der Welt, -- und als sie +alle hinter den Büschen verschwunden waren, da konnt ich mich nicht +länger halten, ich warf mich in das Gras hin und weinte bitterlich. + + + + +Zweites Kapitel + + +Dicht am herrschaftlichen Garten ging die Landstraße vorüber, nur durch +eine hohe Mauer von derselben geschieden. Ein gar sauberes Zollhäuschen +mit rotem Ziegeldache war da erbaut, und hinter demselben ein kleines, +buntumzäuntes Blumengärtchen, das durch eine Lücke in der Mauer des +Schloßgartens hindurch an den schattigsten und verborgensten Teil des +letzteren stieß. Dort war eben der Zolleinnehmer gestorben, der das +alles sonst bewohnte. Da kam eines Morgens frühzeitig, da ich noch im +tiefsten Schlafe lag, der Schreiber vom Schlosse zu mir und rief mich +schleunigst zum Herrn Amtmann. Ich zog mich geschwind an und schlenderte +hinter dem lustigen Schreiber her, der unterwegs bald da bald dort eine +Blume abbrach und vorn an den Rock steckte, bald mit seinem +Spazierstöckchen künstlich in der Luft herumfocht und allerlei zu mir in +den Wind hineinparlierte, wovon ich aber nichts verstand, weil mir die +Augen und Ohren noch voller Schlaf lagen. Als ich in die Kanzlei trat, +wo es noch gar nicht recht Tag war, sah der Amtmann hinter einem +ungeheuren Tintenfasse und Stößen von Papier und Büchern und einer +ansehnlichen Perücke, wie die Eule aus ihrem Nest, auf mich und hob an: +»Wie heißt Er? Woher ist Er? Kann Er schreiben, lesen und rechnen?« Da +ich das bejahte, versetzte er: »Na, die gnädige Herrschaft hat Ihm, in +Betrachtung Seiner guten Aufführung und besonderen Meriten, die ledige +Einnehmerstelle zugedacht.« -- Ich überdachte in der Geschwindigkeit für +mich meine bisherige Aufführung und Manieren, und ich mußte gestehen, +ich fand am Ende selber, daß der Amtmann recht hatte. -- Und so war ich +denn wirklich Zolleinnehmer, ehe ich michs versah. + +Ich bezog nun sogleich meine neue Wohnung und war in kurzer Zeit +eingerichtet. Ich hatte noch mehrere Gerätschaften gefunden, die der +selige Einnehmer seinem Nachfolger hinterlassen, unter andern einen +prächtigen roten Schlafrock mit gelben Punkten, grüne Pantoffeln, eine +Schlafmütze und einige Pfeifen mit langen Röhren. Das alles hatte ich +mir schon einmal gewünscht, als ich noch zu Hause war, wo ich immer +unsern Pfarrer so bequem herumgehen sah. Den ganzen Tag (zu tun hatte +ich weiter nichts) saß ich daher auf dem Bänkchen vor meinem Hause in +Schlafrock und Schlafmütze, rauchte Tabak aus dem längsten Rohre, das +ich von dem seligen Einnehmer vorgefunden hatte, und sah zu, wie die +Leute auf der Landstraße hin und her gingen, fuhren und ritten. Ich +wünschte nur immer, daß auch einmal ein paar Leute aus meinem Dorfe, die +immer sagten, aus mir würde mein Lebtag nichts, hier vorüberkommen und +mich so sehen möchten. -- Der Schlafrock stand mir schön zu Gesichte, +und überhaupt das alles behagte mir sehr gut. So saß ich denn da und +dachte mir mancherlei hin und her, wie aller Anfang schwer ist, wie das +vornehmere Leben doch eigentlich recht bequem sei, und faßte heimlich +den Entschluß, nunmehr alles Reisen zu lassen, auch Geld zu sparen wie +die andern und es mit der Zeit gewiß zu etwas Großem in der Welt zu +bringen. Inzwischen vergaß ich über meinen Entschlüssen, Sorgen und +Geschäften die allerschönste Frau keineswegs. + +Die Kartoffeln und anderes Gemüse, das ich in meinem kleinen Gärtchen +fand, warf ich hinaus und bebaute es ganz mit den auserlesensten Blumen, +worüber mich der Portier vom Schlosse mit der großen kurfürstlichen +Nase, der, seitdem ich hier wohnte, oft zu mir kam und mein intimer +Freund geworden war, bedenklich von der Seite ansah und mich für einen +hielt, den sein plötzliches Glück verrückt gemacht hätte. Ich aber ließ +mich das nicht anfechten. Denn nicht weit von mir im herrschaftlichen +Garten hörte ich feine Stimmen sprechen, unter denen ich die meiner +schönen Frau zu erkennen meinte, obgleich ich wegen des dichten +Gebüsches niemand sehen konnte. Da band ich denn alle Tage einen Strauß +von den schönsten Blumen, die ich hatte, stieg jeden Abend, wenn es +dunkel wurde, über die Mauer und legte ihn auf einen steinernen Tisch +hin, der dort inmitten einer Laube stand; und jeden Abend, wenn ich den +neuen Strauß brachte, war der alte von dem Tische fort. + +Eines Abends war die Herrschaft auf die Jagd geritten; die Sonne ging +eben unter und bedeckte das ganze Land mit Glanz und Schimmer, die Donau +schlängelte sich prächtig wie von lauter Gold und Feuer in die weite +Ferne, von allen Bergen bis tief ins Land hinein sangen und jauchzten +die Winzer. Ich saß mit dem Portier auf dem Bänkchen vor meinem Hause +und freute mich in der lauen Luft, wie der lustige Tag so langsam vor +uns verdunkelte und verhallte. Da ließen sich auf einmal die Hörner der +zurückkehrenden Jäger von ferne vernehmen, die von den Bergen gegenüber +einander von Zeit zu Zeit lieblich Antwort gaben. Ich war recht im +innersten Herzen vergnügt und sprang auf und rief wie bezaubert und +verzückt vor Lust: »Nein, das ist mir doch ein Metier, die edle +Jägerei!« Der Portier aber klopfte sich ruhig die Pfeife aus und sagte: +»Das denkt Ihr Euch just so. Ich habe es auch mitgemacht, man verdient +sich kaum die Sohlen, die man sich abläuft; und Husten und Schnupfen +wird man erst gar nicht los, das kommt von den ewig nassen Füßen.« -- +Ich weiß nicht, mich packte da ein närrischer Zorn, daß ich ordentlich +am ganzen Leibe zitterte. Mir war auf einmal der ganze Kerl mit seinem +langweiligen Mantel, die ewigen Füße, sein Tabaksschnupfen, die große +Nase und alles abscheulich. -- Ich faßte ihn, wie außer mir, bei der +Brust und sagte: »Portier, jetzt schert Ihr Euch nach Hause, oder ich +prügle Euch hier sogleich durch!« Den Portier überfiel bei diesen Worten +seine alte Meinung, ich wäre verrückt geworden. Er sah mich bedenklich +und mit heimlicher Furcht an, machte sich, ohne ein Wort zu sprechen, +von mir los und ging, immer noch unheimlich nach mir zurückblickend, mit +langen Schritten nach dem Schlosse, wo er atemlos aussagte, ich sei nun +wirklich rasend geworden. + +Ich aber mußte am Ende laut auflachen und war herzlich froh, den +superklugen Gesellen los zu sein, denn es war gerade die Zeit, wo ich +den Blumenstrauß immer in die Laube zu legen pflegte. Ich sprang auch +heute schnell über die Mauer und ging eben auf das steinerne Tischchen +los, als ich in einiger Entfernung Pferdetritte vernahm. Entspringen +konnt ich nicht mehr, denn schon kam meine schöne gnädige Frau selber, +in einem grünen Jagdhabit und mit nickenden Federn auf dem Hute, langsam +und, wie es schien, in tiefen Gedanken die Allee herabgeritten. Es war +mir nicht anders zumute, als da ich sonst in den alten Büchern bei +meinem Vater von der schönen Magelone gelesen, wie sie so zwischen den +immer näher schallenden Waldhornsklängen und wechselnden Abendlichtern +unter den hohen Bäumen hervorkam, -- ich konnte nicht vom Fleck. Sie +aber erschrak heftig, als sie mich auf einmal gewahr wurde, und hielt +fast unwillkürlich still. Ich war wie betrunken vor Angst, Herzklopfen +und großer Freude, und da ich bemerkte, daß sie wirklich meinen +Blumenstrauß von gestern an der Brust hatte, konnte ich mich nicht +länger halten, sondern sagte ganz verwirrt: »Schönste gnädige Frau, +nehmt auch noch diesen Blumenstrauß von mir und alle Blumen aus meinem +Garten und alles, was ich habe. Ach, könnt ich nur für Euch ins Feuer +springen!« -- Sie hatte mich gleich anfangs so ernsthaft und fast böse +angeblickt, daß es mir durch Mark und Bein ging, dann aber hielt sie, +solange ich redete, die Augen tief niedergeschlagen. Soeben ließen sich +einige Reiter und Stimmen im Gebüsch hören. Da ergriff sie schnell den +Strauß aus meiner Hand und war bald, ohne ein Wort zu sagen, am andern +Ende des Bogenganges verschwunden. + +Seit diesem Abend hatte ich weder Ruh noch Rast mehr. Es war mir +beständig zumute wie sonst immer, wenn der Frühling anfangen sollte, so +unruhig und fröhlich, ohne daß ich wußte, warum, als stünde mir ein +großes Glück oder sonst etwas Außerordentliches bevor. Besonders das +fatale Rechnen wollte mir nun erst gar nicht mehr von der Hand, und ich +hatte, wenn der Sonnenschein durch den Kastanienbaum vor dem Fenster +grüngolden auf die Ziffern fiel, und so fix vom Transport bis zum Latus +und wieder hinauf und hinab addierte, gar seltsame Gedanken dabei, so +daß ich manchmal ganz verwirrt wurde und wahrhaftig nicht bis drei +zählen konnte. Denn die Acht kam mir immer vor wie meine dicke +enggeschnürte Dame mit dem breiten Kopfputz, die böse Sieben war gar wie +ein ewig rückwärtszeigender Wegweiser oder Galgen. -- Am meisten Spaß +machte mir noch die Neun, die sich mir so oft, eh ich michs versah, +lustig als Sechs auf den Kopf stellte, während die Zwei wie ein +Fragezeichen so pfiffig dreinsah, als wollte sie mich fragen: Wo soll +das am Ende noch hinaus mit dir, du arme Null? Ohne =sie=, diese +schlanke Eins und alles, bleibst du doch ewig nichts! + +Auch das Sitzen draußen vor der Tür wollte mir nicht mehr behagen. Ich +nahm mir, um es bequemer zu haben, einen Schemel mit heraus und streckte +die Füße darauf, ich flickte ein altes Parasol vom Einnehmer und steckte +es gegen die Sonne wie ein chinesisches Lusthaus über mich. Aber es half +nichts. Es schien mir, wie ich so saß und rauchte und spekulierte, als +würden mir allmählich die Beine immer länger vor Langeweile und die Nase +wüchse mir vom Nichtstun, wenn ich so stundenlang an ihr heruntersah. -- +Und wenn dann manchmal noch vor Tagesanbruch eine Extrapost vorbeikam, +und ich trat halb verschlafen in die kühle Luft hinaus, und ein +niedliches Gesichtchen, von dem man in der Dämmerung nur die funkelnden +Augen sah, bog sich neugierig zum Wagen hervor und bot mir freundlich +einen guten Morgen, in den Dörfern aber ringsumher krähten die Hähne so +frisch über die leise wogenden Kornfelder herüber, und zwischen den +Morgenstreifen hoch am Himmel schweiften schon einzelne zu früh erwachte +Lerchen, und der Postillion nahm dann sein Posthorn und fuhr weiter und +blies und blies -- da stand ich lange und sah dem Wagen nach, und es war +mir nicht anders, als müßt ich nur sogleich mit fort, weit, weit in die +Welt. -- + +Meine Blumensträuße legte ich indes immer noch, sobald die Sonne +unterging, auf den steinernen Tisch in der dunklen Laube. Aber das war +es eben: damit war es nun aus seit jenem Abend. -- Kein Mensch kümmerte +sich darum: sooft ich des Morgens frühzeitig nachsah, lagen die Blumen +noch immer da wie gestern und sahen mich mit ihren verwelkten +niederhängenden Köpfchen und daraufstehenden Tautropfen ordentlich +betrübt an, als ob sie weinten. -- Das verdroß mich sehr. Ich band gar +keinen Strauß mehr. In meinem Garten mochte nun auch das Unkraut treiben +wie es wollte, und die Blumen ließ ich ruhig stehn und wachsen, bis der +Wind die Blätter verwehte. War mirs doch ebenso wild und bunt und +verstört im Herzen. + +In diesen kritischen Zeitläuften geschah es denn, daß einmal, als ich +eben zu Hause im Fenster liege und verdrüßlich in die leere Luft +hinaussehe, die Kammerjungfer vom Schlosse über die Straße +dahergetrippelt kommt. Sie lenkte, da sie mich erblickte, schnell zu mir +ein und blieb am Fenster stehen. -- »Der gnädige Herr ist gestern von +seiner Reise zurückgekommen«, sagte sie eilfertig. »So?« entgegnete ich +verwundert -- denn ich hatte mich schon seit einigen Wochen um nichts +bekümmert und wußte nicht einmal, daß der Herr auf Reisen war --, »da +wird seine Tochter, die junge gnädige Frau, auch große Freude gehabt +haben.« -- Die Kammerjungfer sah mich kurios von oben bis unten an, so +daß ich mich ordentlich selber besinnen mußte, ob ich was Dummes gesagt +hätte. -- »Er weiß aber auch gar nichts«, sagte sie endlich und rümpfte +das kleine Näschen. »Nun,« fuhr sie fort, »es soll heute abend dem Herrn +zu Ehren Tanz im Schlosse sein und Maskerade. Meine gnädige Frau wird +auch maskiert sein, als Gärtnerin -- versteht Er auch recht -- als +Gärtnerin. Nun hat die gnädige Frau gesehen, daß Er besonders schöne +Blumen hat in Seinem Garten.« -- Das ist seltsam, dachte ich bei mir +selbst, man sieht doch jetzt fast keine Blume mehr vor Unkraut. -- Sie +aber fuhr fort: »Da nun die gnädige Frau schöne Blumen zu ihrem Anzuge +braucht, aber ganz frische, die eben vom Beete kommen, so soll Er ihr +welche bringen und damit heute abend, wenns dunkel geworden ist, unter +dem großen Birnbaum im Schloßgarten warten, da wird sie dann kommen und +die Blumen abholen.« + +Ich war ganz verblüfft vor Freude über diese Nachricht und lief in +meiner Entzückung vom Fenster zu der Kammerjungfer hinaus. -- + +»Pfui, der garstige Schlafrock!« rief diese aus, da sie mich auf einmal +so in meinem Aufzuge im Freien sah. Das ärgerte mich, ich wollte auch +nicht dahinterbleiben in der Galanterie und machte einige artige +Kapriolen, um sie zu erhaschen und zu küssen. Aber unglücklicherweise +verwickelte sich mir dabei der Schlafrock, der mir viel zu lang war, +unter den Füßen, und ich fiel der Länge nach auf die Erde. Als ich mich +wieder zusammenraffte, war die Kammerjungfer schon weit fort, und ich +hörte sie noch von fern lachen, daß sie sich die Seiten halten mußte. + +Nun aber hatt ich was zu sinnen und mich zu freuen. =Sie= dachte ja noch +immer an mich und meine Blumen! Ich ging in mein Gärtchen und riß hastig +alles Unkraut von den Beeten und warf es hoch über meinen Kopf weg in +die schimmernde Luft, als zög ich alle Übel und Melancholie mit der +Wurzel heraus. Die Rosen waren nun wieder wie =ihr= Mund, die +himmelblauen Winden wie =ihre= Augen, die schneeweiße Lilie mit ihrem +schwermütig gesenkten Köpfchen sah ganz aus wie =sie=. Ich legte alle +sorgfältig in ein Körbchen zusammen. Es war ein schöner stiller Abend +und kein Wölkchen am Himmel. Einzelne Sterne traten schon am Firmamente +hervor, von weitem rauschte die Donau über die Felder herüber, in den +hohen Bäumen im herrschaftlichen Garten neben mir sangen unzählige Vögel +lustig durcheinander. Ach, ich war so glücklich! + +Als endlich die Nacht hereinbrach, nahm ich mein Körbchen an den Arm und +machte mich auf den Weg nach dem großen Garten. In dem Körbchen lag +alles so bunt und anmutig durcheinander, weiß, rot, blau und duftig, daß +mir ordentlich das Herz lachte, wenn ich hineinsah. + +Ich ging voller fröhlicher Gedanken bei dem schönen Mondschein durch die +stillen, reinlich mit Sand bestreuten Gänge über die kleinen weißen +Brücken, unter denen die Schwäne eingeschlafen auf dem Wasser saßen, an +den zierlichen Lauben und Lusthäusern vorüber. Den großen Birnbaum hatte +ich gar bald aufgefunden, denn es war derselbe, unter dem ich sonst, als +ich noch Gärtnerbursche war, an schwülen Nachmittagen gelegen. + +Hier war es so einsam dunkel. Nur eine hohe Espe zitterte und flüsterte +mit ihren silbernen Blättern in einem fort. Vom Schlosse schallte +manchmal die Tanzmusik herüber. Auch Menschenstimmen hörte ich zuweilen +im Garten, die kamen oft ganz nahe an mich heran, dann wurde es auf +einmal wieder ganz still. + +Mir klopfte das Herz. Es war mir schauerlich und seltsam zumute, als +wenn ich jemand bestehlen wollte. Ich stand lange Zeit stockstill an den +Baum gelehnt und lauschte nach allen Seiten, da aber immer niemand kam, +konnt ich es nicht länger aushalten. Ich hing mein Körbchen an den Arm +und kletterte schnell auf den Birnbaum hinauf, um wieder im Freien Luft +zu schöpfen. + +Da droben schallte mir die Tanzmusik erst recht über die Wipfel +entgegen. Ich übersah den ganzen Garten und gerade in die +hellerleuchteten Fenster des Schlosses hinein. Dort drehten sich die +Kronleuchter langsam wie Kränze von Sternen, unzählige geputzte Herren +und Damen, wie in einem Schattenspiele, wogten und walzten und wirrten +da bunt und unkenntlich durcheinander, manchmal legten sich welche ins +Fenster und sahen hinunter in den Garten. Draußen vor dem Schlosse aber +waren der Rasen, die Sträucher und die Bäume von den vielen Lichtern aus +dem Saale wie vergoldet, so daß ordentlich die Blumen und die Vögel +aufzuwachen schienen. Weiterhin um mich herum und hinter mir lag der +Garten so schwarz und still. + +Da tanzt =sie= nun, dacht ich in dem Baume droben bei mir selber, und +hat gewiß lange dich und deine Blumen wieder vergessen. Alles ist so +fröhlich, um dich kümmert sich kein Mensch. -- Und so geht es mir +überall und immer. Jeder hat sein Plätzchen auf der Erde ausgesteckt, +hat seinen warmen Ofen, seine Tasse Kaffee, seine Frau, sein Glas Wein +zu Abend und ist so recht zufrieden; selbst dem Portier ist ganz wohl in +seiner langen Haut. -- Mir ists nirgends recht. Es ist, als wäre ich +überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf +mich gerechnet. -- + +Wie ich eben so philosophiere, höre ich auf einmal unten im Grase etwas +einherrascheln. Zwei feine Stimmen sprachen ganz nahe und leise +miteinander. Bald darauf bogen sich die Zweige in dem Gesträuche +auseinander, und die Kammerjungfer steckte ihr kleines Gesichtchen, sich +nach allen Seiten umsehend, zwischen der Laube hindurch. Der Mondschein +funkelte recht auf ihren pfiffigen Augen, wie sie hervorguckten. Ich +hielt den Atem an mich und blickte unverwandt hinunter. Es dauerte auch +nicht lange, so trat wirklich die Gärtnerin, ganz so wie mir sie die +Kammerjungfer gestern beschrieben hatte, zwischen den Bäumen heraus. +Mein Herz klopfte mir zum Zerspringen. Sie aber hatte eine Larve vor und +sah sich, wie mir schien, verwundert auf dem Platze um. -- Da wollts mir +vorkommen, als wäre sie gar nicht recht schlank und niedlich. -- Endlich +trat sie ganz nahe an den Baum und nahm die Larve ab. -- Es war +wahrhaftig die andere ältere gnädige Frau! + +Wie froh war ich nun, als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, daß +ich mich hier oben in Sicherheit befand. Wie in aller Welt, dachte ich, +kommt =die= nur jetzt hierher? wenn nun die liebe schöne gnädige Frau +die Blumen abholt, -- das wird eine schöne Geschichte werden! Ich hätte +am Ende weinen mögen vor Ärger über den ganzen Spektakel. + +Indem hub die verkappte Gärtnerin unten an: »Es ist so stickend heiß +droben im Saale, ich mußte gehen, mich ein wenig abzukühlen in der +freien schönen Natur.« Dabei fächelte sie sich mit der Larve in einem +fort und blies die Luft von sich. Bei dem hellen Mondschein konnt ich +deutlich erkennen, wie ihr die Flechsen am Halse ordentlich +aufgeschwollen waren; sie sah ganz erbost aus und ziegelrot im Gesicht. +Die Kammerjungfer suchte unterdes hinter allen Hecken herum, als hätte +sie eine Stecknadel verloren. -- + +»Ich brauche so notwendig noch frische Blumen zu meiner Maske,« fuhr die +Gärtnerin von neuem fort, »wo er auch stecken mag!« -- Die Kammerjungfer +suchte und kicherte dabei immerfort heimlich in sich selbst hinein. -- +»Sagtest du was, Rosette?« fragte die Gärtnerin spitzig. -- »Ich sage, +was ich immer gesagt habe,« erwiderte die Kammerjungfer und machte ein +ganz ernsthaftes treuherziges Gesicht, »der ganze Einnehmer ist und +bleibt ein Lümmel, er liegt gewiß irgendwo hinter einem Strauche und +schläft.« + +Mir zuckte es in allen meinen Gliedern, herunterzuspringen und meine +Reputation zu retten -- da hörte man auf einmal ein großes Pauken und +Musizieren und Lärmen vom Schlosse her. + +Nun hielt sich die Gärtnerin nicht länger. »Da bringen die Menschen«, +fuhr sie verdrüßlich fort, »dem Herrn das Vivat. Komm, man wird uns +vermissen!« -- Und hiermit steckte sie die Larve schnell vor und ging +wütend mit der Kammerjungfer nach dem Schlosse zu fort. Die Bäume und +Sträucher wiesen kurios, wie mit langen Nasen und Fingern, hinter ihr +drein, der Mondschein tanzte noch fix, wie über eine Klaviatur, über +ihre breite Taille auf und nieder, und so nahm sie, so recht wie ich auf +dem Theater manchmal die Sängerinnen gesehn, unter Trompeten und Pauken +schnell ihren Abzug. + +Ich aber wußte in meinem Baume droben eigentlich gar nicht recht, wie +mir geschehen, und richtete nunmehr meine Augen unverwandt auf das +Schloß hin; denn ein Kreis hoher Windlichter unten an den Stufen des +Einganges warf dort einen seltsamen Schein über die blitzenden Fenster +und weit in den Garten hinein. Es war die Dienerschaft, die soeben ihrer +jungen Herrschaft ein Ständchen brachte. Mitten unter ihnen stand der +prächtig aufgeputzte Portier, wie ein Staatsminister, vor einem +Notenpulte und arbeitete sich emsig an einem Fagotte ab. + +Wie ich mich soeben zurechtsetzte, um der schönen Serenade zuzuhören, +gingen auf einmal oben auf dem Balkon des Schlosses die Flügeltüren auf. +Ein hoher Herr, schön und stattlich in Uniform und mit vielen funkelnden +Sternen, trat auf den Balkon heraus, und an seiner Hand -- die schöne +junge gnädige Frau, in ganz weißem Kleide, wie eine Lilie in der Nacht, +oder wie wenn der Mond über das klare Firmament zöge. + +Ich konnte keinen Blick von dem Platze verwenden, und Garten, Bäume und +Felder gingen unter vor meinen Sinnen, wie sie so wundersam beleuchtet +von den Fackeln hoch und schlank dastand und bald anmutig mit dem +schönen Offizier sprach, bald wieder freundlich zu den Musikanten +herunternickte. Die Leute unten waren außer sich vor Freude, und ich +hielt mich am Ende auch nicht mehr und schrie immer aus Leibeskräften +Vivat mit. -- + +Als sie aber bald darauf wieder von dem Balkon verschwand, unten eine +Fackel nach der andern verlöschte und die Notenpulte weggeräumt wurden +und nun der Garten ringsumher auch wieder finster wurde und rauschte wie +vorher -- da merkt ich erst alles -- da fiel es mir auf einmal aufs +Herz, daß mich wohl eigentlich nur die Tante mit den Blumen bestellt +hatte, daß die Schöne gar nicht an mich dachte und lange verheiratet ist +und daß ich selber ein großer Narr war. + +Alles das versenkte mich recht in einen Abgrund von Nachsinnen. Ich +wickelte mich, gleich einem Igel, in die Stacheln meiner eigenen +Gedanken zusammen; vom Schlosse schallte die Tanzmusik nur noch seltener +herüber, die Wolken wanderten einsam über den dunklen Garten weg. Und so +saß ich auf dem Baume droben, wie die Nachteule, in den Ruinen meines +Glücks die ganze Nacht hindurch. + +Die kühle Morgenluft weckte mich endlich aus meinen Träumereien. Ich +erstaunte ordentlich, wie ich so auf einmal um mich herblickte. Musik +und Tanz war lange vorbei, im Schlosse und rings um das Schloß herum auf +dem Rasenplatze und den steinernen Stufen und Säulen sah alles so still, +kühl und feierlich aus; nur der Springbrunnen vor dem Eingange +plätscherte einsam in einem fort. Hin und her in den Zweigen neben mir +erwachten schon die Vögel, schüttelten ihre bunten Federn und sahen, die +kleinen Flügel dehnend, neugierig und verwundert ihren seltsamen +Schlafkameraden an. Fröhlich schweifende Morgenstrahlen funkelten über +den Garten weg auf meine Brust. + +Da richtete ich mich in meinem Baume auf und sah seit langer Zeit zum +ersten Male wieder einmal so recht weit in das Land hinaus, wie da schon +einzelne Schiffe auf der Donau zwischen den Weinbergen herabfuhren und +die noch leeren Landstraßen wie Brücken über das schimmernde Land sich +fern über die Berge und Täler hinausschwangen. + +Ich weiß nicht, wie es kam -- aber mich packte da auf einmal wieder +meine ehemalige Reiselust: alle die alte Wehmut und Freude und große +Erwartung. Mir fiel dabei zugleich ein, wie nun die schöne Frau droben +auf dem Schlosse zwischen Blumen und unter seidnen Decken schlummerte +und ein Engel bei ihr auf dem Bette säße in der Morgenstille. -- »Nein,« +rief ich aus, »fort muß ich von hier und immer fort, so weit als der +Himmel blau ist!« + +Und hiermit nahm ich mein Körbchen und warf es hoch in die Luft, so daß +es recht lieblich anzusehen war, wie die Blumen zwischen den Zweigen und +auf dem grünen Rasen unten bunt umherlagen. Dann stieg ich selber +schnell herunter und ging durch den stillen Garten auf meine Wohnung zu. +Gar oft blieb ich da noch stehen auf manchem Plätzchen, wo ich sie sonst +wohl einmal gesehen oder im Schatten liegend an sie gedacht hatte. + +In und um mein Häuschen sah alles noch so aus, wie ich es gestern +verlassen hatte. Das Gärtchen war geplündert und wüst, im Zimmer drin +lag noch das große Rechnungsbuch aufgeschlagen, meine Geige, die ich +schon fast ganz vergessen hatte, hing verstaubt an der Wand. Ein +Morgenstrahl aber aus dem gegenüberstehenden Fenster fuhr gerade +blitzend über die Saiten. Das gab einen rechten Klang in meinem Herzen. +»Ja,« sagt ich, »komm nur her, du getreues Instrument! Unser Reich ist +nicht von dieser Welt!« -- + +Und so nahm ich die Geige von der Wand, ließ Rechnungsbuch, Schlafrock, +Pantoffeln, Pfeifen und Parasol liegen und wanderte, arm wie ich +gekommen war, aus meinem Häuschen und auf der glänzenden Landstraße von +dannen. + +Ich blickte noch oft zurück; mir war gar seltsam zumute, so traurig und +doch auch wieder so überaus fröhlich, wie ein Vogel, der aus seinem +Käfig ausreißt. Und als ich schon eine weite Strecke gegangen war, nahm +ich draußen im Freien meine Geige vor und sang: + + »Den lieben Gott laß ich nur walten; + Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld + Und Erd und Himmel tut erhalten, + Hat auch mein Sach aufs best bestellt!« + +Das Schloß, der Garten und die Türme von Wien waren schon hinter mir im +Morgenduft versunken, über mir jubilierten unzählige Lerchen hoch in der +Luft; so zog ich zwischen den grünen Bergen und an lustigen Städten und +Dörfern vorbei gen Italien hinunter. + + + + +Drittes Kapitel + + +Aber das war nun schlimm! Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß +ich eigentlich den rechten Weg nicht wußte. Auch war ringsumher kein +Mensch zu sehen in der stillen Morgenstunde, den ich hätte fragen +können, und nicht weit von mir teilte sich die Landstraße in viele neue +Landstraßen, die gingen weit, weit über die höchsten Berge fort, als +führten sie aus der Welt hinaus, so daß mir ordentlich schwindelte, wenn +ich recht hinsah. + +Endlich kam ein Bauer des Weges daher, der, glaub ich, nach der Kirche +ging, da es heut eben Sonntag war, in einem altmodischen Überrock mit +großen silbernen Knöpfen und einem langen spanischen Rohr mit einem sehr +massiven silbernen Stockknopf darauf, der schon von weitem in der Sonne +funkelte. Ich frug ihn sogleich mit vieler Höflichkeit: »Können Sie mir +nicht sagen, wo der Weg nach Italien geht?« -- Der Bauer blieb stehen, +sah mich an, besann sich dann mit weit vorgeschobener Unterlippe und sah +mich wieder an. Ich sagte noch einmal: »Nach Italien, wo die Pomeranzen +wachsen.« -- »Ach, was gehn mich Seine Pomeranzen an!« sagte der Bauer +da und schritt wacker wieder weiter. Ich hätte dem Manne mehr Konduite +zugetraut, denn er sah recht stattlich aus. + +Was war nun zu machen? Wieder umkehren und in mein Dorf zurückgehn? Da +hätten die Leute mit den Fingern auf mich gewiesen, und die Jungen wären +um mich herumgesprungen: »Ei, tausend willkommen aus der Welt! wie sieht +es denn aus in der Welt? hat Er uns nicht Pfefferkuchen mitgebracht aus +der Welt?« -- Der Portier mit der kurfürstlichen Nase, welcher überhaupt +viele Kenntnisse von der Weltgeschichte hatte, sagte oft zu mir: +»Wertgeschätzter Herr Einnehmer! Italien ist ein schönes Land, da sorgt +der liebe Gott für alles, da kann man sich im Sonnenschein auf den +Rücken legen, so wachsen einem die Rosinen ins Maul, und wenn einen die +Tarantel beißt, so tanzt man mit ungemeiner Gelenkigkeit, wenn man auch +sonst nicht tanzen gelernt hat.« -- »Nein, nach Italien, nach Italien!« +rief ich voller Vergnügen aus und rannte, ohne an die verschiedenen Wege +zu denken, auf der Straße fort, die mir eben vor die Füße kam. + +Als ich eine Strecke so fortgewandert war, sah ich rechts von der Straße +einen sehr schönen Baumgarten, wo die Morgensonne so lustig zwischen den +Stämmen und Wipfeln hindurchschimmerte, daß es aussah, als wäre der +Rasen mit goldenen Teppichen belegt. Da ich keinen Menschen erblickte, +stieg ich über den niedrigen Gartenzaun und legte mich recht behaglich +unter einen Apfelbaum ins Gras, denn von dem gestrigen Nachtlager auf +dem Baume taten mir noch alle Glieder weh. Da konnte man weit ins Land +hinaussehen, und da es Sonntag war, so kamen bis aus der weitesten Ferne +Glockenklänge über die stillen Felder herüber, und geputzte Landleute +zogen überall zwischen Wiesen und Büschen nach der Kirche. Ich war recht +fröhlich im Herzen, die Vögel sangen über mir im Baume, ich dachte an +meine Mühle und an den Garten der schönen gnädigen Frau, und wie das +alles nun so weit, weit lag -- bis ich zuletzt einschlummerte. Da +träumte mir, als käme diese schöne Frau aus der prächtigen Gegend unten +zu mir gegangen oder eigentlich langsam geflogen zwischen den +Glockenklängen, mit langen weißen Schleiern, die im Morgenrote wehten. +Dann war es wieder, als wären wir gar nicht in der Fremde, sondern bei +meinem Dorfe an der Mühle in den tiefen Schatten. Aber da war alles +still und leer, wie wenn die Leute Sonntags in der Kirche sind und nur +der Orgelklang durch die Bäume herüberkommt, daß es mir recht im Herzen +weh tat. Die schöne Frau aber war sehr gut und freundlich, sie hielt +mich an der Hand und ging mit mir und sang in einem fort in dieser +Einsamkeit das schöne Lied, das sie damals immer frühmorgens am offenen +Fenster zur Gitarre gesungen hat, und ich sah dabei ihr Bild in dem +stillen Weiher, noch viel tausendmal schöner, aber mit sonderbaren +großen Augen, die mich so starr ansahen, daß ich mich beinah gefürchtet +hätte. -- Da fing auf einmal die Mühle, erst in einzelnen langsamen +Schlägen, dann immer schneller und heftiger an zu gehen und zu brausen, +der Weiher wurde dunkel und kräuselte sich, die schöne Frau wurde ganz +bleich, und ihre Schleier wurden immer länger und länger und flatterten +entsetzlich in langen Spitzen, wie Nebelstreifen, hoch am Himmel empor; +das Sausen nahm immer mehr zu, oft war es, als bliese der Portier auf +seinem Fagotte dazwischen, bis ich endlich mit heftigem Herzklopfen +aufwachte. + +Es hatte sich wirklich ein Wind erhoben, der leise über mir durch den +Apfelbaum ging; aber was so brauste und rumorte, war weder die Mühle +noch der Portier, sondern derselbe Bauer, der mir vorhin den Weg nach +Italien nicht zeigen wollte. Er hatte aber seinen Sonntagsstaat +ausgezogen und stand in einem weißen Kamisol vor mir. »Na,« sagte er, da +ich mir noch den Schlaf aus den Augen wischte, »will Er etwa hier +Poperenzen klauben, daß er mir das schöne Gras so zertrampelt, anstatt +in die Kirche zu gehen, Er Faulenzer!« -- Mich ärgerte es nur, daß mich +der Grobian aufgeweckt hatte. Ich sprang ganz erbost auf und versetzte +geschwind: »Was, Er will mich hier ausschimpfen? Ich bin Gärtner +gewesen, eh Er daran dachte, und Einnehmer, und wenn er zur Stadt +gefahren wäre, hätte Er die schmierige Schlafmütze vor mir abnehmen +müssen, und hatte mein Haus und meinen roten Schlafrock mit gelben +Punkten.« Aber der Knollfink scherte sich gar nichts darum, sondern +stemmte beide Arme in die Seiten und sagte bloß: »Was will er denn? he! +he!« Dabei sah ich, daß es eigentlich ein kurzer, stämmiger, +krummbeiniger Kerl war, und vorstehende glotzende Augen und eine rote, +etwas schiefe Nase hatte. Und wie er immerfort nichts weiter sagte als: +»He! -- he!« -- und dabei jedesmal einen Schritt näher auf mich zukam, +da überfiel mich auf einmal eine so kuriose grausliche Angst, daß ich +mich schnell aufmachte, über den Zaun sprang und, ohne mich umzusehen, +immerfort querfeldein lief, daß mir die Geige in der Tasche klang. + +Als ich endlich wieder stillhielt, um Atem zu schöpfen, war der Garten +und das ganze Tal nicht mehr zu sehen, und ich stand in einem schönen +Walde. Aber ich gab nicht viel darauf acht, denn jetzt ärgerte mich das +Spektakel erst recht, und daß der Kerl mich immer Er nannte, und ich +schimpfte noch lange im stillen für mich. In solchen Gedanken ging ich +rasch fort und kam immer mehr von der Landstraße ab, mitten in das +Gebirge hinein. Der Holzweg, auf dem ich fortgelaufen war, hörte auf, +und ich hatte nur noch einen kleinen, wenig betretenen Fußsteig vor mir. +Ringsum war niemand zu sehen und kein Laut zu vernehmen. Sonst aber war +es recht anmutig zu gehen, die Wipfel der Bäume rauschten, und die Vögel +sangen sehr schön. Ich befahl mich daher Gottes Führung, zog meine +Violine hervor und spielte alle meine liebsten Stücke durch, daß es +recht fröhlich in dem einsamen Walde erklang. + +Mit dem Spielen ging es aber auch nicht lange, denn ich stolperte dabei +jeden Augenblick über die fatalen Baumwurzeln, auch fing mich zuletzt an +zu hungern, und der Wald wollte noch immer gar kein Ende nehmen. So +irrte ich den ganzen Tag herum, und die Sonne schien schon schief +zwischen den Baumstämmen hindurch, als ich endlich in ein kleines +Wiesental hinauskam, das rings von Bergen eingeschlossen und voller +roter und gelber Blumen war, über denen unzählige Schmetterlinge im +Abendgolde herumflatterten. Hier war es so einsam, als läge die Welt +wohl hundert Meilen weit weg. Nur die Heimchen zirpten, und ein Hirt lag +drüben im hohen Grase und blies so melancholisch auf seiner Schalmei, +daß einem das Herz vor Wehmut hätte zerspringen mögen. Ja, dachte ich +bei mir, wer es so gut hätte wie so ein Faulenzer! unsereiner muß sich +in der Fremde herumschlagen und immer attent sein. -- Da ein schönes, +klares Flüßchen zwischen uns lag, über das ich nicht herüber konnte, so +rief ich ihm von weitem zu: wo hier das nächste Dorf läge? Er ließ sich +aber nicht stören, sondern streckte nur den Kopf ein wenig aus dem Grase +hervor, wies mit seiner Schalmei auf den andern Wald hin und blies ruhig +wieder weiter. + +Unterdes marschierte ich fleißig fort, denn es fing schon an zu dämmern. +Die Vögel, die alle noch ein großes Geschrei gemacht hatten, als die +letzten Sonnenstrahlen durch den Wald schimmerten, wurden auf einmal +still, und mir fing beinah an angst zu werden in dem ewigen einsamen +Rauschen der Wälder. Endlich hörte ich von ferne Hunde bellen. Ich +schritt rascher fort, der Wald wurde immer lichter und lichter, und bald +darauf sah ich zwischen den letzten Bäumen hindurch einen schönen grünen +Platz, auf dem viele Kinder lärmten und sich um eine große Linde +herumtummelten, die recht in der Mitte stand. Weiterhin an dem Platze +war ein Wirtshaus, vor dem einige Bauern um einen Tisch saßen und Karten +spielten und Tabak rauchten. Von der andern Seite saßen junge Bursche +und Mädchen vor der Tür, die die Arme in ihre Schürzen gewickelt hatten +und in der Kühle miteinander plauderten. + +Ich besann mich nicht lange, zog meine Geige aus der Tasche und spielte +schnell einen lustigen Ländler auf, während ich aus dem Walde +hervortrat. Die Mädchen verwunderten sich, die Alten lachten, daß es +weit in den Wald hineinschallte. Als ich aber so bis zu der Linde +gekommen war und mich mit dem Rücken dran lehnte und immerfort spielte, +da ging ein heimliches Rumoren und Gewisper unter den jungen Leuten +rechts und links, die Burschen legten endlich ihre Sonntagspfeifen weg, +jeder nahm die Seine, und eh ichs mir versah, schwenkte sich das junge +Bauernvolk tüchtig um mich herum, die Hunde bellten, die Kittel flogen, +und die Kinder standen um mich im Kreise und sahen mir neugierig ins +Gesicht und auf die Finger, wie ich so fix damit hantierte. + +Wie der erste Schleifer vorbei war, konnte ich erst recht sehen, wie +eine gute Musik in die Gliedmaßen fährt. Die Bauernburschen, die sich +vorher, die Pfeifen im Munde, auf den Bänken reckten und die steifen +Beine von sich streckten, waren nun auf einmal wie umgetauscht, ließen +ihre bunten Schnupftücher vorn am Knopfloch lang herunterhängen und +kapriolten so artig um die Mädchen herum, daß es eine rechte Lust +anzuschauen war. Einer von ihnen, der sich schon für was Rechtes hielt, +haspelte lange in seiner Westentasche, damit es die andern sehen +sollten, und brachte endlich ein kleines Silberstück heraus, das er mir +in die Hand drücken wollte. Mich ärgerte das, wenn ich gleich dazumal +kein Geld in der Tasche hatte. Ich sagte ihm, er sollte nur seine +Pfennige behalten, ich spielte nur so aus Freude, weil ich wieder bei +Menschen wäre. Bald darauf aber kam ein schmuckes Mädchen mit einer +großen Stampe Wein zu mir. »Musikanten trinken gern«, sagte sie und +lachte mich freundlich an, und ihre perlweißen Zähne schimmerten recht +scharmant zwischen den roten Lippen hindurch, so daß ich sie wohl hätte +darauf küssen mögen. Sie tunkte ihr Schnäbelchen in den Wein, wobei ihre +Augen über das Glas weg auf mich herüberfunkelten, und reichte mir +darauf die Stampe hin. Da trank ich das Glas bis auf den Grund aus und +spielte dann wieder von frischem, daß sich alles lustig um mich +herumdrehte. + +Die Alten waren unterdes von ihrem Spiel aufgebrochen, die jungen Leute +fingen auch an müde zu werden und zerstreuten sich, und so wurde es nach +und nach ganz still und leer vor dem Wirtshause. Auch das Mädchen, das +mir den Wein gereicht hatte, ging nun nach dem Dorfe zu, aber sie ging +sehr langsam und sah sich zuweilen um, als ob sie was vergessen hätte. +Endlich blieb sie stehen und suchte etwas auf der Erde, aber ich sah +wohl, daß sie, wenn sie sich bückte, unter dem Arme hindurch nach mir +zurückblickte. Ich hatte auf dem Schlosse Lebensart gelernt, ich sprang +also geschwind herzu und sagte: »Haben Sie etwas verloren, schönste +Mamsell?« -- »Ach nein,« sagte sie und wurde über und über rot, »es war +nur eine Rose -- will Er sie haben?« -- Ich dankte und steckte die Rose +ins Knopfloch. Sie sah mich sehr freundlich an und sagte: »Er spielt +recht schön.« -- »Ja,« versetzte ich, »das ist so eine Gabe Gottes.« -- +»Die Musikanten sind hier in der Gegend sehr rar«, hub das Mädchen dann +wieder an und stockte und hatte die Augen beständig niedergeschlagen. +»Er könnte sich hier ein gutes Stück Geld verdienen -- auch mein Vater +spielt etwas die Geige und hört gern von der Fremde erzählen -- und mein +Vater ist sehr reich.« -- Dann lachte sie auf und sagte: »Wenn Er nur +nicht immer solche Grimassen machen möchte mit dem Kopfe, beim Geigen!« +-- »Teuerste Jungfer,« erwiderte ich, »erstlich: nennen Sie mich nur +nicht immer Er; sodann mit den Kopftremulenzen, das ist einmal nicht +anders, das haben wir Virtuosen alle so an uns.« -- »Ach so!« entgegnete +das Mädchen. Sie wollte noch etwas mehr sagen, aber da entstand auf +einmal ein entsetzliches Gepolter im Wirtshause, die Haustür ging mit +großem Gekrache auf, und ein dünner Kerl kam wie ein ausgeschoßner +Ladestock herausgeflogen, worauf die Tür sogleich wieder hinter ihm +zugeschlagen wurde. + +Das Mädchen war bei dem ersten Geräusch wie ein Reh davongesprungen und +im Dunkel verschwunden. Die Figur vor der Tür aber raffte sich hurtig +wieder vom Boden auf und fing nun an mit solcher Geschwindigkeit gegen +das Haus loszuschimpfen, daß es ordentlich zum Erstaunen war. »Was!« +schrie er, »ich besoffen? ich die Kreidestriche an der verräucherten Tür +nicht bezahlen? Löscht sie aus, löscht sie aus! Hab ich euch nicht erst +gestern übern Kochlöffel barbiert und in die Nase geschnitten, daß ihr +mir den Löffel morsch entzweigebissen habt? Barbieren macht einen Strich +-- Kochlöffel, wieder ein Strich -- Pflaster auf die Nase, noch ein +Strich -- wieviel solche hundsföttische Striche wollt ihr denn noch +bezahlt haben? Aber gut, schon gut, ich lasse das ganze Dorf, die ganze +Welt ungeschoren. Lauft meinetwegen mit euren Bärten, daß der liebe Gott +am Jüngsten Tage nicht weiß, ob ihr Juden seid oder Christen! Ja, hängt +euch an euren eigenen Bärten auf, ihr zottigen Landbären!« Hier brach er +auf einmal in ein jämmerliches Weinen aus und fuhr ganz erbärmlich durch +die Fistel fort: »Wasser soll ich saufen wie ein elender Fisch? Ist das +Nächstenliebe? Bin ich nicht ein Mensch und ein ausgelernter Feldscher? +Ach, ich bin heute so in der Rage! Mein Herz ist voller Rührung und +Menschenliebe!« Bei diesen Worten zog er sich nach und nach zurück, da +im Hause alles still blieb. Als er mich erblickte, kam er mit +ausgebreiteten Armen auf mich los, ich glaubte, der tolle Kerl wollte +mich embrassieren. Ich sprang aber auf die Seite, und so stolperte er +weiter, und ich hörte ihn noch lange, bald grob, bald fein, durch die +Finsternis mit sich diskurieren. + +Mir aber ging mancherlei im Kopfe herum. Die Jungfer, die mir vorhin die +Rose geschenkt hatte, war jung, schön und reich -- ich konnte da mein +Glück machen, eh man die Hand umkehrte. Und Hammel und Schweine, Puter +und fette Gänse mit Äpfeln gestopft -- ja, es war mir nicht anders, als +säh ich den Portier auf mich zukommen: Greif zu, Einnehmer, greif zu! +jung gefreit hat niemand gereut, wers Glück hat, führt die Braut heim, +bleibe im Lande und nähre dich tüchtig. In solchen philosophischen +Gedanken setzte ich mich auf dem Platze, der nun ganz einsam war, auf +einen Stein nieder, denn an das Wirtshaus anzuklopfen traute ich mich +nicht, weil ich kein Geld bei mir hatte. Der Mond schien prächtig, von +den Bergen rauschten die Wälder durch die stille Nacht herüber, manchmal +schlugen im Dorfe die Hunde an, das weiter im Tale unter Bäumen und +Mondschein wie begraben lag. Ich betrachtete das Firmament, wie da +einzelne Wolken langsam durch den Mondschein zogen und manchmal ein +Stern weit in der Ferne herunterfiel. So, dachte ich, scheint der Mond +auch über meines Vaters Mühle und auf das weiße gräfliche Schloß. Dort +ist nun auch schon alles lange still, die gnädige Frau schläft, und die +Wasserkünste und Bäume im Garten rauschen noch immerfort wie damals, und +allen ists gleich, ob ich noch da bin oder in der Fremde oder gestorben. +-- Da kam mir die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß vor, und +ich so ganz allein darin, daß ich aus Herzensgrunde hätte weinen mögen. + +Wie ich noch immer so dasitze, höre ich auf einmal aus der Ferne +Hufschlag im Walde. Ich hielt den Atem an und lauschte, da kam es immer +näher und näher, und ich konnte schon die Pferde schnauben hören. Bald +darauf kamen auch wirklich zwei Reiter unter den Bäumen hervor, hielten +aber am Saume des Waldes an und sprachen heimlich sehr eifrig +miteinander, wie ich an den Schatten sehen konnte, die plötzlich über +den mondbeglänzten Platz vorschossen und mit langen dunklen Armen bald +dahin bald dorthin wiesen. -- Wie oft, wenn mir zu Hause meine +verstorbene Mutter von wilden Wäldern und martialischen Räubern +erzählte, hatte ich mir sonst immer heimlich gewünscht, eine solche +Geschichte selbst zu erleben. Da hatt ichs nun auf einmal für meine +dummen, frevelmütigen Gedanken! -- Ich streckte mich nun an dem +Lindenbaum, unter dem ich gesessen, ganz unmerklich so lang aus, als ich +nur konnte, bis ich den ersten Ast erreicht hatte und mich geschwinde +hinaufschwang. Aber ich baumelte noch mit halbem Leibe über dem Aste und +wollte soeben auch meine Beine nachholen, als der eine von den Reitern +rasch hinter mir über den Platz dahertrabte. Ich drückte nun die Augen +fest zu in dem dunklen Laube und rührte und regte mich nicht. -- »Wer +ist da?« rief es auf einmal dicht hinter mir. »Niemand!« schrie ich aus +Leibeskräften vor Schreck, daß er mich doch noch erwischt hatte. +Insgeheim mußte ich aber doch bei mir lachen, wie die Kerls sich +schneiden würden, wenn sie mir die leeren Taschen umdrehten. -- »Ei, +ei,« sagte der Räuber wieder, »wem gehören denn aber die zwei Beine, die +da herunterhängen?« -- Da half nichts mehr. »Nichts weiter«, versetzte +ich, »als ein paar arme, verirrte Musikantenbeine«, und ließ mich rasch +wieder auf den Boden herab, denn ich schämte mich auch, länger wie eine +zerbrochene Gabel da über dem Aste zu hängen. + +Das Pferd des Reiters scheute, als ich so plötzlich vom Baume +herunterfuhr. Er klopfte ihm den Hals und sagte lachend: »Nun, wir sind +auch verirrt, da sind wir rechte Kameraden; ich dächte also, du helfest +uns ein wenig den Weg nach B. aufsuchen. Es soll dein Schade nicht +sein.« Ich hatte nun gut beteuern, daß ich gar nicht wüßte, wo B. läge, +daß ich lieber hier im Wirtshause fragen oder sie in das Dorf +hinunterführen wollte. Der Kerl nahm gar keine Räson an. Er zog ganz +ruhig eine Pistole aus dem Gurt, die recht hübsch im Mondschein +funkelte. »Mein Liebster,« sagte er dabei sehr freundschaftlich zu mir, +während er bald den Lauf der Pistole abwischte, bald wieder prüfend an +die Augen hielt, »mein Liebster, du wirst wohl so gut sein, selber nach +B. vorauszugehen.« + +Da war ich nun recht übel daran. Traf ich den Weg, so kam ich gewiß zu +der Räuberbande und bekam Prügel, da ich kein Geld bei mir hatte, traf +ich ihn nicht -- so bekam ich auch Prügel. Ich besann mich also nicht +lange und schlug den ersten besten Weg ein, der an dem Wirtshause +vorüber vom Dorfe abführte. Der Reiter sprengte schnell zu seinem +Begleiter zurück, und beide folgten mir dann in einiger Entfernung +langsam nach. So zogen wir eigentlich recht närrisch auf gut Glück in +die mondhelle Nacht hinein. Der Weg lief immerfort im Walde an einem +Bergeshange fort. Zuweilen konnte man über die Tannenwipfel, die von +unten herauflangten und sich dunkel rührten, weit in die tiefen, stillen +Täler hinaussehen, hin und her schlug eine Nachtigall, Hunde bellten in +der Ferne in den Dörfern. Ein Fluß rauschte beständig aus der Tiefe und +blitzte zuweilen im Mondschein auf. Dabei das einförmige Pferdegetrappel +und das Wirren und Schwirren der Reiter hinter mir, die unaufhörlich in +einer fremden Sprache miteinander plauderten, und das helle Mondlicht +und die langen Schatten der Baumstämme, die wechselnd über die beiden +Reiter wegflogen, daß sie mir bald schwarz, bald hell, bald klein, bald +wieder riesengroß vorkamen. Mir verwirrten sich ordentlich die Gedanken, +als läge ich in einem Traum und könnte gar nicht aufwachen. Ich schritt +immer stramm vor mich hin. Wir müssen, dachte ich, doch am Ende aus dem +Walde und aus der Nacht herauskommen. + +Endlich flogen hin und wieder schon lange rötliche Scheine über den +Himmel, ganz leise, wie wenn man über einen Spiegel haucht, auch eine +Lerche sang schon hoch über dem stillen Tale. Da wurde mir auf einmal +ganz klar im Herzen bei dem Morgengruße, und alle Furcht war vorüber. +Die beiden Reiter aber streckten sich und sahen sich nach allen Seiten +um und schienen nun erst gewahr zu werden, daß wir doch wohl nicht auf +dem rechten Wege sein mochten. Sie plauderten wieder viel, und ich +merkte wohl, daß sie von mir sprachen, ja es kam mir vor, als finge der +eine sich vor mir zu fürchten an, als könnt ich wohl gar so ein +heimlicher Schnapphahn sein, der sie im Walde irreführen wollte. Das +machte mir Spaß, denn je lichter es ringsum wurde, je mehr Courage +kriegt ich, zumal da wir soeben auf einen schönen freien Waldplatz +herauskamen. Ich sah mich daher nach allen Seiten ganz wild um und pfiff +dann ein paarmal auf den Fingern, wie die Spitzbuben tun, wenn sie sich +einander Signale geben wollen. + +»Halt!« rief auf einmal der eine von den Reitern, daß ich ordentlich +zusammenfuhr. Wie ich mich umsehe, sind sie beide abgestiegen und haben +ihre Pferde an einen Baum angebunden. Der eine kommt aber rasch auf mich +los, sieht mir ganz starr ins Gesicht und fängt auf einmal ganz unmäßig +an zu lachen. Ich muß gestehen, mich ärgerte das unvernünftige +Gelächter. Er aber sagte: »Wahrhaftig, das ist der Gärtner, wollt sagen: +Einnehmer vom Schloß!« + +Ich sah ihn groß an, wußte mich aber seiner nicht zu erinnern, hätt auch +viel zu tun gehabt, wenn ich mir alle die jungen Herren hätte ansehen +wollen, die auf dem Schlosse ab und zu ritten. Er aber fuhr mit ewigem +Gelächter fort: »Das ist prächtig! Du vazierst, wie ich sehe, wir +brauchen eben einen Bedienten, bleib bei uns, da hast du ewige Vakanz.« +-- Ich war ganz verblüfft und sagte endlich, daß ich soeben auf einer +Reise nach Italien begriffen wäre. -- »Nach Italien?!« entgegnete der +Fremde; »ebendahin wollen auch wir!« -- »Nun, wenn =das= ist!« rief ich +aus und zog voller Freude meine Geige aus der Tasche und strich, daß die +Vögel im Walde aufwachten. Der Herr aber erwischte geschwind den andern +Herrn und walzte mit ihm wie verrückt auf dem Rasen herum. + +Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, »da seh ich +schon den Kirchturm von B.! Nun, da wollen wir bald unten sein.« Er zog +seine Uhr heraus und ließ sie repitieren, schüttelte mit dem Kopfe und +ließ noch einmal schlagen. »Nein,« sagte er, »das geht nicht, wir kommen +so zu früh hin, das könnte schlimm werden!« + +Darauf holten sie von ihren Pferden Kuchen, Braten und Weinflaschen, +breiteten eine schöne bunte Decke auf dem grünen Rasen aus, streckten +sich darüber hin und schmausten sehr vergnüglich, teilten auch mir von +allem sehr reichlich mit, was mir gar wohl bekam, da ich seit einigen +Tagen schon nicht mehr vernünftig gespeist hatte. -- »Und daß du's +weißt,« sagte der eine zu mir, -- »aber du kennst uns doch nicht?« -- +Ich schüttelte mit dem Kopfe. -- »Also, daß du's weißt: ich bin der +Maler Leonhard, und das dort ist -- wieder ein Maler -- Guido geheißen.« + +Ich besah mir nun die beiden Maler genauer bei der Morgendämmerung. Der +eine, Herr Leonhard, war groß, schlank, braun, mit lustigen, feurigen +Augen. Der andere war viel jünger, kleiner und feiner, auf altdeutsche +Mode gekleidet, wie es der Portier nannte, mit weißem Kragen und bloßem +Hals, um den die dunkelbraunen Locken herabhingen, die er oft aus dem +hübschen Gesichte wegschütteln mußte. -- Als dieser genug gefrühstückt +hatte, griff er nach meiner Geige, die ich neben mir auf den Boden +gelegt hatte, setzte sich damit auf einen umgehauenen Baumast und +klimperte darauf mit den Fingern. Dann sang er dazu so hell wie ein +Waldvöglein, daß es mir recht durchs ganze Herz klang: + + »Fliegt der erste Morgenstrahl + Durch das stille Nebeltal, + Rauscht erwachend Wald und Hügel: + Wer da fliegen kann, nimmt Flügel! + + Und sein Hütlein in die Luft + Wirft der Mensch vor Lust und ruft: + Hat Gesang doch auch noch Schwingen, + Nun so will ich fröhlich singen!« + +Dabei spielten die rötlichen Morgenscheine recht anmutig über sein etwas +blasses Gesicht und die schwarzen verliebten Augen. Ich aber war so +müde, daß sich mir die Worte und Noten, während er so sang, immer mehr +verwirrten, bis ich zuletzt fest einschlief. + +Als ich nach und nach wieder zu mir selber kam, hörte ich wie im Traume +die beiden Maler noch immer neben mir sprechen und die Vögel über mir +singen, und die Morgenstrahlen schimmerten mir durch die geschlossenen +Augen, daß mirs innerlich so dunkelhell war, wie wenn die Sonne durch +rotseidene Gardinen scheint. »_Come è bello!_« hört ich da dicht neben +mir ausrufen. Ich schlug die Augen auf und erblickte den jungen Maler, +der im funkelnden Morgenlicht über mich hergebeugt stand, so daß beinah +nur die großen schwarzen Augen zwischen den herabhängenden Locken zu +sehen waren. + +Ich sprang geschwind auf, denn es war schon heller Tag geworden. Der +Herr Leonhard schien verdrüßlich zu sein, er hatte zwei zornige Falten +auf der Stirn und trieb hastig zum Aufbruch. Der andere Maler aber +schüttelte seine Locken aus dem Gesicht und trällerte, während er sein +Pferd aufzäumte, ruhig ein Liedchen vor sich hin, bis Leonhard zuletzt +plötzlich laut auflachte, schnell eine Flasche ergriff, die noch auf dem +Rasen stand, und den Rest in die Gläser einschenkte. »Auf eine +glückliche Ankunft!« rief er aus, sie stießen mit den Gläsern zusammen, +es gab einen schönen Klang. Darauf schleuderte Leonhard die leere +Flasche hoch ins Morgenrot, daß es lustig in der Luft funkelte. + +Endlich setzten sie sich auf ihre Pferde, und ich marschierte frisch +wieder nebenher. Gerade vor uns lag ein unübersehbares Tal, in das wir +nun hinunterzogen. Da war ein Blitzen und Rauschen und Schimmern und +Jubilieren! Mir war so kühl und fröhlich zumute, als sollt ich von dem +Berge in die prächtige Gegend hinausfliegen. + + + + +Viertes Kapitel + + +Nun ade, Mühle und Schloß und Portier! Nun gings, daß mir der Wind am +Hute pfiff. Rechts und links flogen Dörfer, Städte und Weingärten +vorbei, daß es einem vor den Augen flimmerte; hinter mir die beiden +Maler im Wagen, vor mir vier Pferde mit einem prächtigen Postillion, ich +hoch oben auf dem Kutschbock, daß ich oft ellenhoch in die Höhe flog. + +Das war so zugegangen: Als wir vor B. ankamen, kommt schon am Dorfe ein +langer, dürrer, grämlicher Herr im grünen Flauschrock uns entgegen, +macht viele Bücklinge vor den Herren Malern und führt uns in das Dorf +hinein. Da stand unter den hohen Linden vor dem Posthause schon ein +prächtiger Wagen mit vier Postpferden bespannt. Herr Leonhard meinte +unterwegs, ich hätte meine Kleider ausgewachsen. Er holte daher +geschwind andere aus seinem Mantelsack hervor, und ich mußte einen ganz +neuen schönen Frack und Weste anziehn, die mir sehr vornehm zu Gesicht +standen, nur daß mir alles zu lang und weit war und ordentlich um mich +herumschlotterte. Auch einen ganz neuen Hut bekam ich, der funkelte in +der Sonne, als wär er mit frischer Butter überschmiert. Dann nahm der +fremde grämliche Herr die beiden Pferde der Maler am Zügel, die Maler +sprangen in den Wagen, ich auf den Bock, und so flogen wir schon fort, +als eben der Postmeister mit der Schlafmütze aus dem Fenster guckte. Der +Postillion blies lustig auf dem Horne, und so ging es frisch nach +Italien hinein. + +Ich hatte eigentlich da droben ein prächtiges Leben, wie der Vogel in +der Luft, und brauchte doch dabei nicht selbst zu fliegen. Zu tun hatte +ich auch weiter nichts, als Tag und Nacht auf dem Bocke zu sitzen und +bei den Wirtshäusern manchmal Essen und Trinken an den Wagen +herauszubringen, denn die Maler sprachen nirgends ein, und bei Tage +zogen sie die Fenster am Wagen so fest zu, als wenn die Sonne sie +erstechen wollte. Nur zuweilen steckte der Herr Guido sein hübsches +Köpfchen zum Wagenfenster heraus und diskurierte freundlich mit mir und +lachte dann den Herrn Leonhard aus, der das nicht leiden wollte und +jedesmal über die langen Diskurse böse wurde. Ein paarmal hätte ich bald +Verdruß bekommen mit meinem Herrn. Das eine Mal, wie ich bei schöner, +sternklarer Nacht droben auf dem Bock die Geige zu spielen anfing, und +sodann späterhin wegen des Schlafes. Das war aber auch ganz zum +Erstaunen! Ich wollte mir doch Italien recht genau besehen und riß die +Augen alle Viertelstunden weit auf. Aber kaum hatte ich ein Weilchen so +vor mich hingesehen, so verschwirrten und verwickelten sich mir die +sechzehn Pferdefüße vor mir wie ein Filet so hin und her und übers +Kreuz, daß mir die Augen gleich wieder übergingen, und zuletzt geriet +ich in ein solches entsetzliches und unaufhaltsames Schlafen, daß gar +kein Rat mehr war. Da mocht es Tag oder Nacht, Regen oder Sonnenschein, +Tirol oder Italien sein, ich hing bald rechts, bald links, bald +rücklings über den Bock herunter, ja manchmal tunkte ich mit solcher +Vehemenz mit dem Kopfe nach dem Boden zu, daß mir der Hut weit vom Kopfe +flog und der Herr Guido im Wagen laut aufschrie. + +So war ich, ich weiß selbst nicht wie, durch halb Welschland, das sie +dort Lombardei nennen, durchgekommen, als wir an einem schönen Abend vor +einem Wirtshause auf dem Lande stillhielten. Die Postpferde waren in dem +daranstoßenden Stationsdorfe erst nach ein paar Stunden bestellt, die +Herren Maler stiegen daher aus und ließen sich in ein besonderes Zimmer +führen, um hier ein wenig zu rasten und einige Briefe zu schreiben. Ich +aber war sehr vergnügt darüber und verfügte mich sogleich in die +Gaststube, um endlich wieder einmal so recht mit Ruhe und Kommodität zu +essen und zu trinken. Da sah es ziemlich liederlich aus. Die Mägde +gingen mit zerzottelten Haaren herum und hatten die offenen Halstücher +unordentlich um das gelbe Fell hängen. Um einen runden Tisch saßen die +Knechte vom Hause in blauen Überziehhemden beim Abendessen und glotzten +mich zuweilen von der Seite an. Die hatten alle kurze, dicke Haarzöpfe +und sahen so recht vornehm wie die jungen Herrlein aus. -- Da bist du +nun, dachte ich bei mir und aß fleißig fort, da bist du nun endlich in +dem Lande, woher immer die kuriosen Leute zu unserm Herrn Pfarrer kamen, +mit Mausefallen und Barometern und Bildern. Was der Mensch doch nicht +alles erfährt, wenn er sich einmal hinterm Ofen hervormacht! + +Wie ich noch eben so esse und meditiere, wuscht ein Männlein, das bis +jetzt in einer dunklen Ecke der Stube bei seinem Glase Wein gesessen +hatte, auf einmal aus seinem Winkel wie eine Spinne auf mich los. Er war +ganz kurz und bucklicht, hatte aber einen großen grauslichen Kopf mit +einer langen römischen Adlernase und sparsamen roten Backenbart, und die +gepuderten Haare standen ihm von allen Seiten zu Berge, als wenn der +Sturmwind durchgefahren wäre. Dabei trug er einen altmodischen, +verschossenen Frack, kurze plüschene Beinkleider und ganz vergelbte +seidene Strümpfe. Er war einmal in Deutschland gewesen und dachte wunder +wie gut er Deutsch verstünde. Er setzte sich zu mir und frug bald das, +bald jenes, während er immerfort Tabak schnupfte: ob ich der Servitore +sei? wenn wir arriware? ob wir nach Roma kehn? Aber das wußte ich alles +selber nicht und konnte auch sein Kauderwelsch gar nicht verstehn. +»_Parlez-vous français?_« sagte ich endlich in meiner Angst zu ihm. Er +schüttelte mit dem großen Kopfe, und das war mir sehr lieb, denn ich +konnte ja auch nicht Französisch. Aber das half alles nichts. Er hatte +mich einmal recht aufs Korn genommen, er frug und frug immer wieder; je +mehr wir parlierten, je weniger verstand einer den andern, zuletzt +wurden wir beide schon hitzig, so daß mirs manchmal vorkam, als wollte +der Signor mit seiner Adlernase nach mir hacken, bis endlich die Mägde, +die den babylonischen Diskurs mit angehört hatten, uns beide tüchtig +auslachten. Ich aber legte schnell Messer und Gabel hin und ging vor die +Haustür hinaus. Denn mir war in dem fremden Lande nicht anders, als wäre +ich mit meiner deutschen Zunge tausend Klafter tief ins Meer versenkt +und allerlei unbekanntes Gewürm ringelte sich und rauschte da in der +Einsamkeit um mich her und glotzte und schnappte nach mir. + +Draußen war eine warme Sommernacht, so recht um gassatim zu gehen. Weit +von den Weinbergen herüber hörte man noch zuweilen einen Winzer singen, +dazwischen blitzte es manchmal von ferne, und die ganze Gegend zitterte +und säuselte im Mondschein. Ja, manchmal kam es mir vor, als schlüpfte +eine lange dunkle Gestalt hinter den Haselnußsträuchern vor dem Hause +vorüber und guckte durch die Zweige, dann war alles auf einmal wieder +still. -- Da trat der Herr Guido eben auf den Balkon des Wirtshauses +heraus. Er bemerkte mich nicht und spielte sehr geschickt auf einer +Zither, die er im Hause gefunden haben mußte, und sang dann dazu wie +eine Nachtigall: + + »Schweigt der Menschen laute Lust: + Rauscht die Erde wie in Träumen + Wunderbar mit allen Bäumen, + Was dem Herzen kaum bewußt, + Alte Zeiten, linde Trauer, + Und es schweifen leise Schauer + Wetterleuchtend durch die Brust.« + +Ich weiß nicht, ob er noch mehr gesungen haben mag, denn ich hatte mich +auf die Bank vor der Haustür hingestreckt und schlief in der lauen Nacht +vor großer Ermüdung fest ein. + +Es mochten wohl ein paar Stunden ins Land gegangen sein, als mich ein +Posthorn aufweckte, das lange Zeit lustig in meine Träume hereinblies, +ehe ich mich völlig besinnen konnte. Ich sprang endlich auf, der Tag +dämmerte schon an den Bergen, und die Morgenkühle rieselte mir durch +alle Glieder. Da fiel mir erst ein, daß wir ja um diese Zeit schon +wieder weit fort sein wollten. Aha, dachte ich, heut ist einmal das +Wecken und Auslachen an mir. Wie wird der Herr Guido mit dem +verschlafenen Lockenkopfe herausfahren, wenn er mich draußen hört! So +ging ich den kleinen Garten am Hause dicht unter die Fenster, wo meine +Herren wohnten, dehnte mich noch einmal recht ins Morgenrot hinein und +sang fröhlichen Mutes: + + »Wenn der Hoppevogel schreit, + Ist der Tag nicht mehr weit, + Wenn die Sonne sich auftut, + Schmeckt der Schlaf noch so gut!« -- + +Das Fenster war offen, aber es blieb alles still oben, nur der Nachtwind +ging noch durch die Weinranken, die sich bis in das Fenster +hineinstreckten. -- »Nun, was soll denn das wieder bedeuten?« rief ich +voll Erstaunen aus und lief in das Haus und durch die stillen Gänge nach +der Stube zu. Aber da gab es mir einen rechten Stich ins Herz. Denn wie +ich die Tür aufreiße, ist alles leer darin, kein Frack, kein Hut, kein +Stiefel. -- Nur die Zither, auf der Herr Guido gestern gespielt hatte, +hing an der Wand, auf dem Tische mitten in der Stube lag ein schöner +voller Geldbeutel, worauf ein Zettel geklebt war. Ich hielt ihn näher +ans Fenster und traute meinen Augen kaum, es stand wahrhaftig mit großen +Buchstaben darauf: »Für den Herrn Einnehmer!« + +Was war mir aber das alles nütze, wenn ich meine lieben lustigen Herren +nicht wiederfand? Ich schob den Beutel in meine tiefe Rocktasche, das +plumpte wie in einen tiefen Brunnen, daß es mich ordentlich +hintenüberzog. Dann rannte ich hinaus, machte einen großen Lärm und +weckte alle Knechte und Mägde im Hause. Die wußten gar nicht, was ich +wollte, und meinten, ich wäre verrückt geworden. Dann aber verwunderten +sie sich nicht wenig, als sie oben das leere Nest sahen. Niemand wußte +etwas von meinen Herren. Nur die eine Magd -- wie ich aus ihren Zeichen +und Gestikulationen zusammenbringen konnte -- hatte bemerkt, daß der +Herr Guido, als er gestern abends auf dem Balkon sang, auf einmal laut +aufschrie und dann geschwind zu dem andern Herrn ins Zimmer +zurückstürzte. Als sie hernach in der Nacht einmal aufwachte, hörte sie +draußen Pferdegetrappel. Sie guckte durch das kleine Kammerfenster und +sah den buckligen Signor, der gestern mit mir so viel gesprochen hatte, +auf einem Schimmel im Mondschein quer übers Feld galoppieren, daß er +immer ellenhoch überm Sattel in die Höhe flog und die Magd sich +bekreuzte, weil es aussah wie ein Gespenst, das auf einem dreibeinigen +Pferde reitet. -- Da wußt ich nun gar nicht, was ich machen sollte. + +Unterdes aber stand unser Wagen schon lange vor der Tür angespannt, und +der Postillion stieß ungeduldig ins Horn, daß er hätte bersten mögen, +denn er mußte zur bestimmten Stunde auf der nächsten Station sein, da +alles durch Laufzettel bis auf die Minute vorausbestellt war. Ich rannte +noch einmal um das ganze Haus herum und rief die Maler, aber niemand gab +Antwort, die Leute aus dem Hause liefen zusammen und gafften mich an, +der Postillion fluchte, die Pferde schnaubten, ich, ganz verblüfft, +springe endlich geschwind in den Wagen hinein, der Hausknecht schlägt +die Tür hinter mir zu, der Postillion knallt, und so gings mit mir fort +in die weite Welt hinein. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Wir fuhren nun über Berg und Tal Tag und Nacht immerfort. Ich hatte gar +nicht Zeit, mich zu besinnen, denn wo wir hinkamen, standen die Pferde +angeschirrt, ich konnte mit den Leuten nicht sprechen, mein +Demonstrieren half also nichts; oft, wenn ich im Wirtshause eben beim +besten Essen war, blies der Postillion, ich mußte Messer und Gabel +wegwerfen und wieder in den Wagen springen und wußte doch eigentlich gar +nicht, wohin und weswegen ich just mit so ausnehmender Geschwindigkeit +fortreisen sollte. + +Sonst war die Lebensart gar nicht so übel. Ich legte mich, wie auf einem +Kanapee, bald in die eine, bald in die andere Ecke des Wagens und lernte +Menschen und Länder kennen, und wenn wir durch Städte fuhren, lehnte ich +mich auf beide Arme zum Wagenfenster heraus und dankte den Leuten, die +höflich vor mir den Hut abnahmen, oder ich grüßte die Mädchen an den +Fenstern wie ein alter Bekannter, die sich dann immer sehr verwunderten +und mir noch lange neugierig nachguckten. + +Aber zuletzt erschrak ich sehr. Ich hatte das Geld in dem gefundenen +Beutel niemals gezählt, den Postmeistern und Gastwirten mußte ich +überall viel bezahlen, und ehe ich michs versah, war der Beutel leer. +Anfangs nahm ich mir vor, sobald wir durch einen einsamen Wald führen, +schnell aus dem Wagen zu springen und zu entlaufen. Dann aber tat es mir +wieder leid, nun den schönen Wagen so allein zu lassen, mit dem ich +sonst wohl noch bis ans Ende der Welt fortgefahren wäre. + +Nun saß ich eben voller Gedanken und wußte nicht aus noch ein, als es +auf einmal seitwärts von der Landstraße abging. Ich schrie zum Fenster +heraus auf den Postillion: wohin er denn fahre? Aber ich mochte +sprechen, was ich wollte, der Kerl sagte immer bloß: »Si, si, Signore!« +und fuhr immer über Stock und Stein, daß ich aus einer Ecke des Wagens +in die andere flog. + +Das wollte mir gar nicht in den Sinn, denn die Landstraße lief gerade +durch eine prächtige Landschaft auf die untergehende Sonne zu, wohl wie +in ein Meer von Glanz und Funken. Von der Seite aber, wohin wir uns +gewendet hatten, lag ein wüstes Gebirge vor uns mit grauen Schluchten, +zwischen denen es schon lange dunkel geworden war. -- Je weiter wir +fuhren, je wilder und einsamer wurde die Gegend. Endlich kam der Mond +hinter den Wolken hervor und schien auf einmal so hell zwischen die +Bäume und Felsen herein, daß es ordentlich grauslich anzusehen war. Wir +konnten nur langsam fahren in den engen steinichten Schluchten, und das +einförmige, ewige Gerassel des Wagens schallte an den Steinwänden weit +in die stille Nacht, als führen wir in ein großes Grabgewölbe hinein. +Nur von vielen Wasserfällen, die man aber nicht sehen konnte, war ein +unaufhörliches Rauschen tiefer im Walde, und die Käuzchen riefen aus der +Ferne immer fort: »Komm mit, komm mit!« -- Dabei kam es mir vor, als +wenn der Kutscher, der, wie ich jetzt erst sah, gar keine Uniform hatte +und kein Postillion war, sich einigemal unruhig umsähe und schneller zu +fahren anfing, und wie ich mich recht zum Wagen herauslegte, kam +plötzlich ein Reiter aus dem Gebüsche hervor, sprengte dicht vor unsern +Pferden quer über den Weg und verlor sich sogleich wieder auf der +anderen Seite im Walde. Ich war ganz verwirrt, denn, soviel ich bei dem +hellen Mondschein erkennen konnte, war es dasselbe bucklige Männlein auf +seinem Schimmel, das in dem Wirtshause mit der Adlernase nach mir +gehackt hatte. Der Kutscher schüttelte den Kopf und lachte laut auf über +die närrische Reiterei, wandte sich aber dann rasch zu mir um, sprach +sehr viel und sehr eifrig, wovon ich leider nichts verstand, und fuhr +dann noch rascher fort. + +Ich aber war froh, als ich bald darauf von fern ein Licht schimmern sah. +Es fanden sich nach und nach noch mehrere Lichter, sie wurden immer +größer und heller, und endlich kamen wir an einigen verräucherten Hütten +vorüber, die wie Schwalbennester auf dem Felsen hingen. Da die Nacht +warm war, so standen die Türen offen, und ich konnte darin die +hellerleuchteten Stuben und allerlei lumpiges Gesindel sehen, das wie +dunkle Schatten um das Herdfeuer herumhockte. Wir aber rasselten durch +die stille Nacht einen Steinweg hinan, der sich auf einen hohen Berg +hinaufzog. Bald überdeckten hohe Bäume und herabhängende Sträucher den +ganzen Hohlweg, bald konnte man auf einmal wieder das ganze Firmament +und in der Tiefe die weite stille Runde von Bergen, Wäldern und Tälern +übersehen. Auf dem Gipfel des Berges stand ein großes altes Schloß mit +vielen Türmen im hellsten Mondschein. -- »Nun Gott befohlen!« rief ich +aus und war innerlich ganz munter geworden vor Erwartung, wohin sie mich +da am Ende noch bringen würden. + +Es dauerte wohl noch eine gute halbe Stunde, ehe wir endlich auf dem +Berge am Schloßtore ankamen. Das ging in einen breiten, runden Turm +hinein, der oben schon ganz verfallen war. Der Kutscher knallte dreimal, +daß es weit in dem alten Schlosse widerhallte, wo ein Schwarm von Dohlen +ganz erschrocken plötzlich aus allen Luken und Ritzen herausfuhr und mit +großem Geschrei die Luft durchkreuzte. Darauf rollte der Wagen in den +langen, dunklen Torweg hinein. Die Pferde gaben mit ihren Hufeisen Feuer +auf dem Steinpflaster, ein großer Hund bellte, der Wagen donnerte +zwischen den gewölbten Wänden. Die Dohlen schrien noch immer dazwischen +-- so kamen wir mit einem entsetzlichen Spektakel in den engen +gepflasterten Schloßhof. + +Eine kuriose Station! dachte ich bei mir, als nun der Wagen stillstand. +Da wurde die Wagentür von draußen aufgemacht, und ein alter langer Mann +mit einer kleinen Laterne sah mich unter seinen dicken Augenbrauen +grämlich an. Er faßte mich dann unter den Arm und half mir, wie einem +großen Herrn, aus dem Wagen heraus. Draußen vor der Haustür stand eine +alte, sehr häßliche Frau in schwarzem Kamisol und Rock, mit einer weißen +Schürze und schwarzen Haube, von der ihr ein langer Schnipper bis an die +Nase herunterhing. Sie hatte an der einen Hüfte einen großen Bund +Schlüssel hängen und hielt in der andern einen altmodischen Armleuchter +mit zwei brennenden Wachskerzen. Sobald sie mich erblickte, fing sie an, +tiefe Knickse zu machen, und sprach und frug sehr viel durcheinander. +Ich verstand aber nichts davon und machte immerfort Kratzfüße vor ihr, +und es war mir eigentlich recht unheimlich zumute. + +Der alte Mann hatte unterdes mit seiner Laterne den Wagen von allen +Seiten beleuchtet und brummte und schüttelte den Kopf, als er nirgend +einen Koffer oder Bagage fand. Der Kutscher fuhr darauf, ohne Trinkgeld +von mir zu fordern, den Wagen in einen alten Schuppen, der auf der Seite +des Hofes schon offen stand. Die alte Frau aber bat mich sehr höflich +durch allerlei Zeichen, ihr zu folgen. Sie führte mich mit ihren +Wachskerzen durch einen langen schmalen Gang, und dann eine kleine +steinerne Treppe herauf. Als wir an der Küche vorbeigingen, streckten +ein paar junge Mägde neugierig die Köpfe durch die halbgeöffnete Tür und +guckten mich so starr an und winkten und nickten einander heimlich zu, +als wenn sie in ihrem Leben noch kein Mannsbild gesehen hätten. Die Alte +machte endlich oben eine Tür auf, da wurde ich anfangs ordentlich ganz +verblüfft. Denn es war ein großes, schönes, herrschaftliches Zimmer mit +goldenen Verzierungen an der Decke, und an den Wänden hingen prächtige +Tapeten mit allerlei Figuren und großen Blumen. In der Mitte stand ein +gedeckter Tisch mit Braten, Kuchen, Salat, Obst, Wein und Konfekt, daß +einem recht das Herz im Leibe lachte. Zwischen den beiden Fenstern hing +ein ungeheurer Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte. + +Ich muß sagen, das gefiel mir recht wohl. Ich streckte mich ein paarmal +und ging mit langen Schritten vornehm im Zimmer auf und ab. Dann konnt +ich aber doch nicht widerstehen, mich einmal in einem so großen Spiegel +zu besehen. Das ist wahr, die neuen Kleider vom Herrn Leonhard standen +mir recht schön, auch hatte ich in Italien so ein gewisses feuriges Auge +bekommen, sonst aber war ich gerade noch so ein Milchbart, wie ich zu +Hause gewesen war, nur auf der Oberlippe zeigten sich erst ein paar +Flaumfedern. + +Die alte Frau mahlte indes in einem fort mit ihrem zahnlosen Munde, daß +es nicht anders aussah, als wenn sie an der langen herunterhängenden +Nasenspitze kaute. Dann nötigte sie mich zum Sitzen, streichelte mir mit +ihren dürren Fingern das Kinn, nannte mich »Poverina!« wobei sie mich +aus den roten Augen so schelmich ansah, daß sich ihr der eine Mundwinkel +bis an die halbe Wange in die Höhe zog, und ging endlich mit einem +tiefen Knicks zur Tür hinaus. + +Ich aber setzte mich zu dem gedeckten Tisch, während eine junge hübsche +Magd hereintrat, um mich bei der Tafel zu bedienen. Ich knüpfte allerlei +galanten Diskurs mit ihr an, sie verstand mich aber nicht, sondern sah +mich immer ganz kurios von der Seite an, weil mirs so gut schmeckte, +denn das Essen war delikat. Als ich satt war und wieder aufstand, nahm +die Magd ein Licht von der Tafel und führte mich in ein anderes Zimmer. +Da war ein Sofa, ein kleiner Spiegel und ein prächtiges Bett mit +grünseidenen Vorhängen. Ich frug sie mit Zeichen, ob ich mich da hinein +legen sollte? Sie nickte zwar: ja, aber das war denn doch nicht möglich, +denn sie blieb wie angenagelt bei mir stehen. Endlich holte ich mir noch +ein großes Glas Wein aus der Tafelstube herein und rief ihr zu: +»_Felicissima notte!_« denn so viel hatt ich schon Italienisch gelernt. +Aber wie ich das Glas so auf einmal ausstürzte, bricht sie plötzlich in +ein verhaltenes Kichern aus, wird über und über rot, geht in die +Tafelstube und macht die Tür hinter sich zu. Was ist da zu lachen? +dachte ich ganz verwundert, ich glaube, die Leute in Italien sind alle +verrückt. + +Ich hatte nun nur immer Angst vor dem Postillion, daß der gleich wieder +zu blasen anfangen würde. Ich horchte am Fenster, aber es war alles +still draußen. Laß ihn blasen! dachte ich, zog mich aus und legte mich +in das prächtige Bett. Das war nicht anders, als wenn man in Milch und +Honig schwömme! Vor den Fenstern rauschte die alte Linde im Hofe, +zuweilen fuhr noch eine Dohle plötzlich vom Dache auf, bis ich endlich +voller Vergnügen einschlief. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Als ich wieder erwachte, spielten schon die ersten Morgenstrahlen an den +grünen Vorhängen über mir. Ich konnte mich gar nicht besinnen, wo ich +eigentlich wäre. Es kam mir vor, als führe ich noch immer fort im Wagen, +und es hätte mir von einem Schlosse im Mondschein geträumt und von einer +alten Hexe und ihrem blassen Töchterlein. + +Ich sprang endlich rasch aus dem Bette, kleidete mich an und sah mich +dabei nach allen Seiten in dem Zimmer um. Da bemerkte ich eine kleine +Tapetentür, die ich gestern gar nicht gesehen hatte. Sie war nur +angelehnt, ich öffnete sie und erblickte ein kleines nettes Stübchen, +das in der Morgendämmerung recht heimlich aussah. Über einem Stuhl waren +Frauenkleider unordentlich hingeworfen, auf einem Bettchen daneben lag +das Mädchen, das mir gestern abends bei der Tafel aufgewartet hatte. Sie +schlief noch ganz ruhig und hatte den Kopf auf den weißen bloßen Arm +gelegt, über den ihre schwarzen Locken herabfielen. »Wenn die wüßte, daß +die Tür offen war!« sagte ich zu mir selbst und ging in mein +Schlafzimmer zurück, während ich hinter mir wieder schloß und +verriegelte, damit das Mädchen nicht erschrecken und sich schämen +sollte, wenn sie erwachte. + +Draußen ließ sich noch kein Laut vernehmen. Nur ein früh erwachtes +Waldvöglein saß vor meinem Fenster auf einem Strauch, der aus der Mauer +herauswuchs, und sang schon sein Morgenlied. »Nein,« sagte ich, »du +sollst mich nicht beschämen und allein so früh und fleißig Gott loben!« +-- Ich nahm schnell meine Geige, die ich gestern auf das Tischchen +gelegt hatte, und ging hinaus. Im Schlosse war noch alles totenstill, +und es dauerte lange, ehe ich mich aus den dunklen Gängen ins Freie +herausfand. + +Als ich vor das Schloß heraustrat, kam ich in einen großen Garten, der +auf breiten Terrassen, wovon die eine immer tiefer war als die andere, +bis auf den halben Berg herunterging. Aber das war eine liederliche +Gärtnerei. Die Gänge waren alle mit hohem Grase bewachsen, die +künstlichen Figuren von Buchsbaum waren nicht beschnitten und streckten, +wie Gespenster, lange Nasen oder ellenhohe spitzige Mützen in die Luft +hinaus, daß man sich in der Dämmerung ordentlich davor hätte fürchten +mögen. Auf einige zerbrochene Statuen über einer vertrockneten +Wasserkunst war gar Wäsche aufgehängt, hin und wieder hatten sie mitten +im Garten Kohl gebaut, dann kamen wieder ein paar ordinäre Blumen, alles +unordentlich durcheinander und von hohem, wildem Unkraut überwachsen, +zwischen dem sich bunte Eidechsen schlängelten. Zwischen die alten, +hohen Bäume hindurch aber war überall eine weite, einsame Aussicht, eine +Bergkoppe hinter der andern, so weit das Auge reichte. + +Nachdem ich so ein Weilchen in der Morgendämmerung durch die Wildnis +umherspaziert war, erblickte ich auf der Terrasse unter mir einen +langen, schmalen, blassen Jüngling in einem langen braunen Kaputrock, +der mit verschränkten Armen und großen Schritten auf und ab ging. Er +tat, als sähe er mich nicht, setzte sich bald darauf auf eine steinerne +Bank hin, zog ein Buch aus der Tasche, las sehr laut, als wenn er +predigte, sah dabei zuweilen zum Himmel und stützte dann den Kopf ganz +melancholisch auf die rechte Hand. Ich sah ihm lange zu, endlich wurde +ich doch neugierig, warum er denn eigentlich so absonderliche Grimassen +machte, und ging schnell auf ihn zu. Er hatte eben einen tiefen Seufzer +ausgestoßen und sprang erschrocken auf, als ich ankam. Er war voller +Verlegenheit, ich auch, wir wußten beide nicht, was wir sprechen +sollten, und machten immerfort Komplimente voreinander, bis er endlich +mit langen Schritten in das Gebüsch Reißaus nahm. Unterdes war die Sonne +über dem Walde aufgegangen, ich sprang auf die Bank hinauf und strich +vor Lust meine Geige, daß es weit in die stillen Täler herunterschallte. +Die Alte mit dem Schlüsselbunde, die mich schon ängstlich im ganzen +Schlosse zum Frühstück aufgesucht hatte, erschien nun auf der Terrasse +über mir und verwunderte sich, daß ich so artig auf der Geige spielen +konnte. Der alte grämliche Mann vom Schlosse fand sich dazu und +verwunderte sich ebenfalls, endlich kamen auch noch die Mägde, und alles +blieb oben voller Verwunderung stehen, und ich fingerte und schwenkte +meinen Fiedelbogen immer künstlicher und hurtiger und spielte Kadenzen +und Variationen, bis ich endlich ganz müde wurde. + +Das war nun aber doch ganz seltsam auf dem Schlosse! Kein Mensch dachte +da ans Weiterreisen. Das Schloß war auch gar kein Wirtshaus, sondern +gehörte, wie ich von der Magd erfuhr, einem reichen Grafen. Wenn ich +mich dann manchmal bei der Alten erkundigte, wie der Graf heiße, wo er +wohne, da schmunzelte sie immer bloß wie den ersten Abend, da ich auf +das Schloß kam, und kniff und winkte mir so pfiffig mit den Augen zu, +als wenn sie nicht recht bei Sinne wäre. Trank ich einmal an einem +heißen Tage eine ganze Flasche Wein aus, so kicherten die Mägde gewiß, +wenn sie die andere brachten, und als mich dann gar einmal nach einer +Pfeife Tabak verlangte, ich ihnen durch Zeichen beschrieb, was ich +wollte, da brachen alle in ein großes unvernünftiges Gelächter aus. -- +Am verwunderlichsten war mir eine Nachtmusik, die sich oft, und gerade +immer in den finstersten Nächten, unter meinem Fenster hören ließ. Es +griff auf einer Gitarre immer nur von Zeit zu Zeit einzelne, ganz leise +Klänge. Das eine Mal aber kam es mir vor, als wenn es dabei von unten: +»Pst! pst!« heraufrief. Ich fuhr daher geschwind aus dem Bett und mit +dem Kopf aus dem Fenster. »Holla! heda! wer ist da draußen?« rief ich +hinunter. Aber es antwortete niemand, ich hörte nur etwas sehr schnell +durch die Gesträuche fortlaufen. Der große Hund im Hofe schlug über +meinen Lärm ein paarmal an, dann war auf einmal alles wieder still, und +die Nachtmusik ließ sich seitdem nicht wieder vernehmen. + +Sonst hatte ich hier ein Leben, wie sichs ein Mensch nur immer in der +Welt wünschen kann. Der gute Portier! er wußte wohl, was er sprach, wenn +er immer zu sagen pflegte, daß in Italien einem die Rosinen von selbst +in den Mund wüchsen. Ich lebte auf dem einsamen Schlosse wie ein +verwunschener Prinz. Wo ich hintrat, hatten die Leute eine große +Ehrerbietung vor mir, obgleich sie schon alle wußten, daß ich keinen +Heller in der Tasche hatte. Ich durfte nur sagen: Tischchen, deck dich! +so standen auch schon herrliche Speisen, Reis, Wein, Melonen und +Parmesankäse da. Ich ließ mirs wohlschmecken, schlief in dem prächtigen +Himmelbett, ging im Garten spazieren, musizierte und half wohl auch +manchmal in der Gärtnerei nach. Oft lag ich auch stundenlang im Garten +im hohen Grase, und der schmale Jüngling (es war ein Schüler und +Verwandter der Alten, der eben jetzt hier zur Vakanz war) ging mit +seinem langen Kaputrock in weiten Kreisen um mich herum und murmelte +dabei, wie ein Zauberer, aus seinem Buche, worüber ich dann auch +jedesmal einschlummerte. -- So verging ein Tag nach dem andern, bis ich +am Ende anfing, von dem guten Essen und Trinken ganz melancholisch zu +werden. Die Glieder gingen mir von dem ewigen Nichtstun ordentlich aus +allen Gelenken, und es war mir, als würde ich vor Faulheit noch ganz +auseinanderfallen. + +In dieser Zeit saß ich einmal an einem schwülen Nachmittag im Wipfel +eines hohen Baumes, der am Abhange stand, und wiegte mich auf den Ästen +langsam über dem stillen, tiefen Tale. Die Bienen summten zwischen den +Blättern um mich herum, sonst war alles wie ausgestorben, kein Mensch +war zwischen den Bergen zu sehen, tief unter mir auf den stillen +Waldwiesen ruhten die Kühe auf dem hohen Grase. Aber ganz von weitem kam +der Klang eines Posthorns über die waldigen Gipfel herüber, bald kaum +vernehmbar, bald wieder heller und deutlicher. Mir fiel dabei auf einmal +ein altes Lied recht aufs Herz, das ich noch zu Hause auf meines Vaters +Mühle von einem wandernden Handwerksburschen gelernt hatte, und ich +sang: + + »Wer in die Fremde will wandern, + Der muß mit der Liebsten gehn, + Es jubeln und lassen die andern + Den Fremden alleine stehn. + + Was wisset ihr, dunkele Wipfel, + Von der alten, schönen Zeit? + Ach, die Heimat hinter den Gipfeln, + Wie liegt sie von hier so weit! + + Am liebsten betracht ich die Sterne, + Die schienen, wenn ich ging zu ihr, + Die Nachtigall hör ich so gerne, + Sie sang vor der Liebsten Tür. + + Der Morgen, das ist meine Freude! + Da steig ich in stiller Stund, + Auf den höchsten Berg in die Weite, + Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!« + +Es war, als wenn mich das Posthorn bei meinem Liede aus der Ferne +begleiten wollte. Es kam, während ich sang, zwischen den Bergen immer +näher und näher, bis ich es endlich gar oben auf dem Schloßhofe schallen +hörte. Ich sprang rasch vom Baume herunter. Da kam mir auch schon die +Alte mit einem geöffneten Pakete aus dem Schlosse entgegen. »Da ist auch +etwas für Sie mitgekommen«, sagte sie und reichte mir aus dem Paket ein +kleines, niedliches Briefchen. Es war ohne Aufschrift, ich brach es +schnell auf. Aber da wurde ich auch auf einmal im ganzen Gesicht so rot +wie eine Päonie, und das Herz schlug mir so heftig, daß es die Alte +merkte, denn das Briefchen war von -- meiner schönen Frau, von der ich +manches Zettelchen bei dem Herrn Amtmann gesehen hatte. Sie schrieb +darin ganz kurz: »Es ist alles wieder gut, alle Hindernisse sind +beseitigt. Ich benutzte heimlich diese Gelegenheit, um die erste zu +sein, die Ihnen diese freudige Botschaft schreibt. Kommen, eilen Sie +zurück. Es ist so öde hier, und ich kann kaum mehr leben, seit Sie von +uns fort sind. Aurelie.« + +Die Augen gingen mir über, als ich das las, vor Entzücken und Schreck +und unsäglicher Freude. Ich schämte mich vor dem alten Weibe, die mich +wieder abscheulich anschmunzelte, und flog wie ein Pfeil bis in den +allereinsamsten Winkel des Gartens. Dort warf ich mich unter den +Haselnußsträuchern ins Gras hin und las das Briefchen noch einmal, sagte +die Worte auswendig für mich hin und las dann wieder und immer wieder, +und die Sonnenstrahlen tanzten zwischen den Blättern hindurch über den +Buchstaben, daß sie sich wie goldene und hellgrüne und rote Blüten vor +meinen Augen ineinanderschlangen. Ist sie am Ende gar nicht verheiratet +gewesen? dachte ich, war der fremde Offizier damals vielleicht ihr Herr +Bruder, oder ist er nun tot, oder bin ich toll, oder -- »Das ist alles +einerlei!« rief ich endlich und sprang auf, »nun ists ja klar, sie liebt +mich ja, sie liebt mich!« + +Als ich aus dem Gesträuch wieder hervorkroch, neigte sich die Sonne zum +Untergange. Der Himmel war rot, die Vögel sangen lustig in allen +Wäldern, die Täler waren voller Schimmer, aber in meinem Herzen war es +noch viel tausendmal schöner und fröhlicher! + +Ich rief in das Schloß hinein, daß sie mir heut das Abendessen in den +Garten herausbringen sollten. Die alte Frau, der alte grämliche Mann, +die Mägde, sie mußten alle mit heraus und sich mit mir unter dem Baum an +den gedeckten Tisch setzen. Ich zog meine Geige hervor und spielte und +aß und trank dazwischen. Da wurden sie alle lustig, der alte Mann strich +seine grämlichen Falten aus dem Gesicht und stieß ein Glas nach dem +andern aus, die Alte plauderte in einem fort, Gott weiß was; die Mägde +fingen an auf dem Rasen miteinander zu tanzen. Zuletzt kam auch noch der +blasse Student neugierig hervor, warf einige verächtliche Blicke auf das +Spektakel und wollte ganz vornehm wieder weitergehen. Ich aber, nicht zu +faul, sprang geschwind auf, erwischte ihn, eh er sichs versah, bei +seinem langen Überrock und walzte tüchtig mit ihm herum. Er strengte +sich nun an, recht zierlich und neumodisch zu tanzen, und füßelte so +emsig und künstlich, daß ihm der Schweiß vom Gesicht herunterfloß und +die langen Rockschöße wie ein Rad um uns herumflogen. Dabei sah er mich +aber manchmal so kurios mit verdrehten Augen an, daß ich mich ordentlich +vor ihm zu fürchten anfing und ihn plötzlich wieder losließ. + +Die Alte hätte nun gar zu gern erfahren, was in dem Briefe stand und +warum ich denn eigentlich heut auf einmal so lustig war. Aber das war ja +viel zu weitläufig, um es ihr auseinandersetzen zu können. Ich zeigte +bloß auf ein paar Kraniche, die eben hoch über uns durch die Luft zogen, +und sagte: ich müßte nun auch so fort und immer fort, weit in die Ferne! +-- Da riß sie die vertrockneten Augen weit auf und blickte wie ein +Basilisk bald auf mich, bald auf den alten Mann hinüber. Dann bemerkte +ich, wie die beiden heimlich die Köpfe zusammensteckten, sooft ich mich +wegwandte, und sehr eifrig miteinander sprachen und mich dabei zuweilen +von der Seite ansahen. + +Das fiel mir auf. Ich sann hin und her, was sie wohl mit mir vorhaben +möchten. Darüber wurde ich stiller, die Sonne war auch schon lange +untergegangen, und so wünschte ich allen gute Nacht und ging +nachdenklich in meine Schlafstube hinauf. + +Ich war innerlich so fröhlich und unruhig, daß ich noch lange im Zimmer +auf und nieder ging. Draußen wälzte der Wind schwere, schwarze Wolken +über den Schloßturm weg, man konnte kaum die nächsten Bergkoppen in der +dicken Finsternis erkennen. Da kam es mir vor, als wenn ich im Garten +unten Stimmen hörte. Ich löschte mein Licht aus und stellte mich ans +Fenster. Die Stimmen schienen näher zu kommen, sprachen aber sehr leise +miteinander. Auf einmal gab eine kleine Laterne, welche die eine Gestalt +unterm Mantel trug, einen langen Schein. Ich erkannte nun den grämlichen +Schloßverwalter und die alte Haushälterin. Das Licht blitzte über das +Gesicht der Alten, das mir noch niemals so gräßlich vorgekommen war, und +über ein langes Messer, das sie in der Hand hielt. Dabei konnte ich +sehen, daß sie beide eben nach meinem Fenster hinaufsahen. Dann schlug +der Verwalter seinen Mantel wieder dichter um, und es war bald alles +wieder finster und still. + +Was wollen die, dachte ich, zu dieser Stunde noch draußen im Garten? +Mich schauderte, denn es fielen mir alle Mordgeschichten ein, die ich in +meinem Leben gehört hatte, von Hexen und Räubern, welche Menschen +abschlachten, um ihre Herzen zu fressen. Indem ich noch so nachdenke, +kommen Menschentritte erst die Treppe herauf, dann auf dem langen Gange +ganz leise, leise auf meine Tür zu, dabei war es, als wenn zuweilen +Stimmen heimlich miteinander wisperten. Ich sprang schnell an das andere +Ende der Stube hinter einen großen Tisch, den ich, sobald sich etwas +rührte, vor mir aufheben und so mit aller Gewalt auf die Tür losrennen +wollte. Aber in der Finsternis warf ich einen Stuhl um, daß es ein +entsetzliches Gepolter gab. Da wurde es auf einmal ganz still draußen. +Ich lauschte hinter dem Tisch und sah immerfort nach der Tür, als wenn +ich sie mit den Augen durchstechen wollte, daß mir ordentlich die Augen +zum Kopfe herausstanden. Als ich mich ein Weilchen wieder so ruhig +verhalten hatte, daß man die Fliegen an der Wand hätte können gehen +hören, vernahm ich, wie jemand von draußen ganz leise einen Schlüssel +ins Schlüsselloch steckte. Ich wollte nun eben mit meinem Tische +losfahren, da drehte es den Schlüssel langsam dreimal in der Tür um, zog +ihn vorsichtig wieder heraus und schnurrte dann sachte über den Gang und +die Treppe hinunter. + +Ich schöpfte nun tief Atem. Oho, dachte ich, da haben sie dich +eingesperrt, damit sie's kommode haben, wenn ich erst fest eingeschlafen +bin. Ich untersuchte geschwind die Tür. Es war richtig, sie war fest +verschlossen, ebenso die andere Tür, hinter der die hübsche, bleiche +Magd schlief. Das war noch niemals geschehen, solange ich auf dem +Schlosse wohnte. + +Da saß ich nun in der Fremde gefangen! Die schöne Frau stand nun wohl an +ihrem Fenster und sah über den stillen Garten nach der Landstraße +hinaus, ob ich nicht schon am Zollhäuschen mit meiner Geige +dahergestrichen komme, die Wolken flogen rasch über den Himmel, die Zeit +verging -- und ich konnte nicht fort von hier! Ach, mir war so weh im +Herzen, ich wußte gar nicht mehr, was ich tun sollte. Dabei war mirs +auch immer, wenn die Blätter draußen rauschten oder eine Ratte am Boden +knosperte, als wäre die Alte durch eine verborgene Tapetentür heimlich +hereingetreten und lauere und schleiche leise mit dem langen Messer +durchs Zimmer. + +Als ich so voll Sorgen auf dem Bette saß, hörte ich auf einmal seit +langer Zeit wieder die Nachtmusik unter meinen Fenstern. Bei dem ersten +Klange der Gitarre war es mir nicht anders, als wenn mir ein +Morgenstrahl plötzlich durch die Seele führe. Ich riß das Fenster auf +und rief leise hinunter, daß ich wach sei. »Pst, pst!« antwortete es von +unten. Ich besann mich nun nicht lange, steckte das Briefchen und meine +Geige zu mir, schwang mich aus dem Fenster und kletterte an der alten, +zersprungenen Mauer hinab, indem ich mich mit den Händen an den +Sträuchern, die aus den Ritzen wuchsen, anhielt. Aber einige morsche +Ziegel gaben nach, ich kam ins Rutschen, es ging immer rascher und +rascher mit mir, bis ich endlich mit beiden Füßen aufplumpte, daß mirs +im Gehirnkasten knisterte. + +Kaum war ich auf diese Art unten im Garten angekommen, so umarmte mich +jemand mit solcher Vehemenz, daß ich laut aufschrie. Der gute Freund +aber hielt mir schnell die Finger auf den Mund, faßte mich an der Hand +und führte mich dann aus dem Gesträuch ins Freie hinaus. Da erkannte ich +mit Verwunderung den guten, langen Studenten, der die Gitarre an einem +breiten seidenen Bande um den Hals hängen hatte. -- Ich beschrieb ihm +nun in größter Geschwindigkeit, daß ich aus dem Garten hinauswollte. Er +schien aber das alles schon lange zu wissen und führte mich auf allerlei +verdeckten Umwegen zu dem untern Tore in der hohen Gartenmauer. Aber da +war nun auch das Tor wieder fest verschlossen! Doch der Student hatte +auch das schon vorbedacht, er zog einen großen Schlüssel hervor und +schloß behutsam auf. + +Als wir nun in den Wald hinaustraten und ich ihn eben noch um den besten +Weg zur nächsten Stadt fragen wollte, stürzte er plötzlich vor mir auf +ein Knie nieder, hob die eine Hand hoch in die Höhe und fing an zu +fluchen und zu schwören, daß es entsetzlich anzuhören war. Ich wußte gar +nicht, was er wollte, ich hörte nur immerfort: _Idio_ und _cuore_ und +_amore_ und _furore_! Als er aber am Ende gar anfing, auf beiden Knien +schnell und immer näher auf mich zuzurutschen, da wurde mir auf einmal +ganz grauslich, ich merkte wohl, daß er verrückt war, und rannte, ohne +mich umzusehen, in den dicksten Wald hinein. + +Ich hörte nun den Studenten wie rasend hinter mir drein schreien. Bald +darauf gab noch eine andere grobe Stimme vom Schlosse her Antwort. Ich +dachte mir nun wohl, daß sie mich aufsuchen würden. Der Weg war mir +unbekannt, die Nacht finster, ich konnte ihnen leicht wieder in die +Hände fallen. Ich kletterte daher auf den Wipfel einer hohen Tanne +hinauf, um bessere Gelegenheit abzuwarten. + +Von dort konnte ich hören, wie auf dem Schlosse eine Stimme nach der +andern wach wurde. Einige Windlichter zeigten sich oben und warfen ihre +wilden roten Scheine über das alte Gemäuer des Schlosses und weit vom +Berge in die schwarze Nacht hinein. Ich befahl meine Seele dem lieben +Gott, denn das verworrene Getümmel wurde immer lauter und näherte sich +immer mehr und mehr. Endlich stürzte der Student mit einer Fackel unter +meinem Baume vorüber, daß ihm die Rockschöße weit im Winde nachflogen. +Dann schienen sie sich alle nach und nach auf eine andere Seite des +Berges hinzuwenden, die Stimmen schallten immer ferner und ferner, und +der Wind rauschte wieder durch den stillen Wald. Da stieg ich schnell +von dem Baume herab und lief atemlos weiter in das Tal und die Nacht +hinaus. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Ich war Tag und Nacht eilig fortgegangen, denn es sauste mir lange in +den Ohren, als kämen die vom Berge mit ihrem Rufen, mit Fackeln und +langen Messern noch immer hinter mir drein. Unterwegs erfuhr ich, daß +ich nur noch ein paar Meilen von Rom wäre. Da erschrak ich ordentlich +vor Freude. Denn von dem prächtigen Rom hatte ich schon zu Hause als +Kind viele wunderbare Geschichten gehört, und wenn ich dann an +Sonntagsnachmittagen vor der Mühle im Grase lag und alles ringsum so +still war, da dachte ich mir Rom wie die ziehenden Wolken über mir, mit +wundersamen Bergen und Abgründen am blauen Meer und goldnen Toren und +hohen glänzenden Türmen, von denen Engel in goldnen Gewändern sangen. -- +Die Nacht war schon wieder lange hereingebrochen, und der Mond schien +prächtig, als ich endlich auf einem Hügel aus dem Walde heraustrat und +auf einmal die Stadt in der Ferne vor mir sah. -- Das Meer leuchtete von +weitem, der Himmel blitzte und funkelte unübersehbar mit unzähligen +Sternen, darunter lag die heilige Stadt, von der man nur einen langen +Nebelstreif erkennen konnte, wie ein eingeschlafener Löwe auf der +stillen Erde, und Berge standen daneben wie dunkle Riesen, die ihn +bewachten. + +Ich kam nun zuerst auf eine große, einsame Heide, auf der es so grau und +still war wie im Grabe. Nur hin und her stand ein altes verfallenes +Gemäuer oder ein trockener wunderbar gewundener Strauch; manchmal +schwirrten Nachtvögel durch die Luft, und mein eigener Schatten strich +immerfort lang und dunkel in der Einsamkeit neben mir her. Sie sagen, +daß hier eine uralte Stadt und die Frau Venus begraben liegt und die +alten Heiden zuweilen noch aus ihren Gräbern heraufsteigen und bei +stiller Nacht über die Heide gehen und die Wanderer verwirren. Aber ich +ging immer gerade fort und ließ mich nichts anfechten. Denn die Stadt +stieg immer deutlicher und prächtiger vor mir herauf, und die hohen +Burgen und Tore und die goldenen Kuppeln glänzten so herrlich im hellen +Mondenschein, als ständen wirklich die Engel in goldnen Gewändern auf +den Zinnen und sängen durch die stille Nacht herüber. + +So zog ich denn endlich erst an kleinen Häusern vorbei, dann durch ein +prächtiges Tor in die berühmte Stadt Rom hinein. Der Mond schien +zwischen den Palästen, als wäre es heller Tag, aber die Straßen waren +schon alle leer, nur hin und wieder lag ein lumpiger Kerl, wie ein +Toter, in der lauen Nacht auf den Marmorschwellen und schlief. Dabei +rauschten die Brunnen auf den stillen Plätzen, und die Gärten an der +Straße säuselten dazwischen und erfüllten die Luft mit erquickenden +Düften. + +Wie ich nun eben so weiter fortschlendere und vor Vergnügen, Mondschein +und Wohlgeruch gar nicht weiß, wohin ich mich wenden soll, läßt sich +tief aus dem einen Garten eine Gitarre hören. Mein Gott, denk ich, da +ist mir wohl der tolle Student mit dem langen Überrock heimlich +nachgesprungen! Darüber fing eine Dame in dem Garten an überaus lieblich +zu singen. Ich stand ganz wie bezaubert, denn es war die Stimme der +schönen gnädigen Frau und dasselbe welsche Liedchen, das sie gar oft zu +Hause am offnen Fenster gesungen hatte. + +Da fiel mir auf einmal die schöne alte Zeit mit solcher Gewalt aufs +Herz, daß ich bitterlich hätte weinen mögen, der stille Garten vor dem +Schloß in früher Morgenstunde, und wie ich da hinter dem Strauch so +glückselig war, ehe mir die dumme Fliege in die Nase flog. Ich konnte +mich nicht länger halten. Ich kletterte auf den vergoldeten Zieraten +über das Gittertor und schwang mich in den Garten hinunter, woher der +Gesang kam. Da bemerkte ich, daß eine schlanke, weiße Gestalt von fern +hinter einer Pappel stand und mir erst verwundert zusah, als ich über +das Gitterwerk kletterte, dann aber auf einmal so schnell durch den +dunklen Garten nach dem Hause zuflog, daß man sie im Mondschein kaum +füßeln sehen konnte. »Das war sie selbst!« rief ich aus, und das Herz +schlug mir vor Freude, denn ich erkannte sie gleich an den kleinen, +geschwinden Füßchen wieder. Es war nur schlimm, daß ich mir beim +Herunterspringen vom Gartentore den rechten Fuß etwas vertreten hatte, +ich mußte daher erst ein paarmal mit dem Beine schlenkern, eh ich zu dem +Hause nachspringen konnte. Aber da hatten sie unterdes Tür und Fenster +fest verschlossen. Ich klopfte ganz bescheiden an, horchte und klopfte +wieder. Da war es nicht anders, als wenn es drinnen leise flüsterte und +kicherte, ja einmal kam es mir vor, als wenn zwei helle Augen zwischen +den Jalousien im Mondschein hervorfunkelten. Dann war auf einmal wieder +alles still. + +Sie weiß nur nicht, daß ich es bin, dachte ich, zog die Geige, die ich +allzeit bei mir trage, hervor, spazierte damit auf dem Gange vor dem +Hause auf und nieder und spielte und sang das Lied von der schönen Frau +und spielte voll Vergnügen alle meine Lieder durch, die ich damals in +den schönen Sommernächten im Schloßgarten oder auf der Bank vor dem +Zollhause gespielt hatte, daß es weit bis in die Fenster des Schlosses +hinüberklang. -- Aber es half alles nichts, es rührte und regte sich +niemand im ganzen Hause. Da steckte ich endlich meine Geige traurig ein +und legte mich auf der Schwelle vor der Haustür hin, denn ich war sehr +müde von dem langen Marsch. Die Nacht war warm, die Blumenbeete vor dem +Hause dufteten lieblich, eine Wasserkunst weiter unten im Garten +plätscherte immerfort dazwischen. Mir träumte von himmelblauen Blumen, +von schönen, dunkelgrünen, einsamen Gründen, wo Quellen rauschten und +Bächlein gingen und bunte Vögel wunderbar sangen, bis ich endlich fest +einschlief. + +Als ich aufwachte, rieselte mir die Morgenluft durch alle Glieder. Die +Vögel waren schon wach und zwitscherten auf den Bäumen um mich herum, +als ob sie mich für'n Narren haben wollten. Ich sprang rasch auf und sah +mich nach allen Seiten um. Die Wasserkunst im Garten rauschte noch +immerfort, aber in dem Hause war kein Laut zu vernehmen. Ich guckte +durch die grünen Jalousien in das eine Zimmer hinein. Da war ein Sofa, +und ein großer runder Tisch mit grauer Leinwand verhangen, die Stühle +standen alle in großer Ordnung und unverrückt an den Wänden herum; von +außen aber waren die Jalousien an allen Fenstern heruntergelassen, als +wäre das ganze Haus schon seit vielen Jahren unbewohnt. -- Da überfiel +mich ein ordentliches Grausen vor dem einsamen Hause und Garten und vor +der gestrigen weißen Gestalt. Ich lief, ohne mich weiter umzusehen, +durch die stillen Lauben und Gänge und kletterte geschwind wieder an dem +Gartentor hinauf. Aber da blieb ich wie verzaubert sitzen, als ich auf +einmal von dem hohen Gitterwerk in die prächtige Stadt hinuntersah. Da +blitzte und funkelte die Morgensonne weit über die Dächer und in die +langen stillen Straßen hinein, daß ich laut aufjauchzen mußte und voller +Freude auf die Straße hinuntersprang. + +Aber wohin sollt ich mich wenden in der großen fremden Stadt? Auch ging +mir die konfuse Nacht und das welsche Lied der schönen gnädigen Frau von +gestern noch immer im Kopfe hin und her. Ich setzte mich endlich auf den +steinernen Springbrunnen, der mitten auf dem einsamen Platze stand, +wusch mir in dem klaren Wasser die Augen hell und sang dazu: + + »Wenn ich ein Vöglein war, + Ich wüßt wohl, wovon ich sänge, + Und auch zwei Flügel hätt, + Ich wüßt wohl, wohin ich mich schwänge!« + +»Ei, lustiger Gesell, du singst ja wie eine Lerche beim ersten +Morgenstrahl!« sagte da auf einmal ein junger Mann zu mir, der während +meines Liedes an den Brunnen herangetreten war. Mir aber, da ich so +unverhofft Deutsch sprechen hörte, war es nicht anders im Herzen, als +wenn die Glocke aus meinem Dorfe am stillen Sonntagsmorgen plötzlich zu +mir herüberklänge. »Gott willkommen, bester Herr Landsmann!« rief ich +aus und sprang voller Vergnügen von dem steinernen Brunnen herab. Der +junge Mann lächelte und sah mich von oben bis unten an. »Aber was treibt +Ihr denn eigentlich hier in Rom?« fragte er endlich. Da wußte ich nun +nicht gleich, was ich sagen sollte, denn daß ich soeben der schönen +gnädigen Frau nachspränge, mocht ich ihm nicht sagen. »Ich treibe,« +erwiderte ich, »mich selbst ein bißchen herum, um die Welt zu sehn.« -- +»So so!« versetzte der junge Mann und lachte laut auf, »da haben wir ja +=ein= Metier. Das tu ich eben auch, um die Welt zu sehn und hinterdrein +abzumalen.« -- »Also ein Maler!« rief ich fröhlich aus, denn mir fiel +dabei Herr Leonhard und Guido ein. Aber der Herr ließ mich nicht zu +Worte kommen. »Ich denke,« sagte er, »du gehst mit und frühstückst bei +mir, da will ich dich selbst abkonterfeien, daß es eine Freude sein +soll!« -- Das ließ ich mir gern gefallen und wanderte nun mit dem Maler +durch die leeren Straßen, wo nur hin und wieder erst einige Fensterladen +aufgemacht wurden und bald ein Paar weiße Arme, bald ein verschlafnes +Gesichtchen in die frische Morgenluft hinausguckte. + +Er führte mich lange hin und her durch eine Menge konfuser, enger und +dunkler Gassen, bis wir endlich in ein altes verräuchertes Haus +hineinwuschten. Dort stiegen wir eine finstre Treppe hinauf, dann wieder +eine, als wenn wir in den Himmel hineinsteigen wollten. Wir standen nun +unter dem Dache vor einer Tür still, und der Maler fing an in allen +Taschen vorn und hinten mit großer Eilfertigkeit zu suchen. Aber er +hatte heute früh vergessen zuzuschließen und den Schlüssel in der Stube +gelassen. Denn er war, wie er mir unterwegs erzählte, noch vor +Tagesanbruch vor die Stadt hinausgegangen, um die Gegend bei +Sonnenaufgang zu betrachten. Er schüttelte nur mit dem Kopfe und stieß +die Tür mit dem Fuße auf. + +Das war eine lange, lange, große Stube, daß man darin hätte tanzen +können, wenn nur nicht auf dem Fußboden alles vollgelegen hätte. Aber da +lagen Stiefel, Papiere, Kleider, umgeworfene Farbentöpfe, alles +durcheinander; in der Mitte der Stube standen große Gerüste, wie man zum +Birnenabnehmen braucht, ringsum an der Wand waren große Bilder +angelehnt. Auf einem langen hölzernen Tische war eine Schüssel, worauf +neben einem Farbenkleckse Brot und Butter lag. Eine Flasche Wein stand +daneben. + +»Nun eßt und trinkt erst, Landsmann!« rief mir der Maler zu. -- Ich +wollte mir auch sogleich ein paar Butterschnitten schmieren, aber da war +wieder kein Messer da. Wir mußten erst lange in den Papieren auf dem +Tische herumrascheln, ehe wir es unter einem großen Pakete endlich +fanden. Darauf riß der Maler das Fenster auf, daß die frische Morgenluft +fröhlich das ganze Zimmer durchdrang. Das war eine herrliche Aussicht +weit über die Stadt weg in die Berge hinein, wo die Morgensonne lustig +die weißen Landhäuser und Weingärten beschien. -- »Vivat unser +kühlgrünes Deutschland da hinter den Bergen!« rief der Maler aus und +trank dazu aus der Weinflasche, die er mir dann hinreichte. Ich tat ihm +höflich Bescheid und grüßte in meinem Herzen die schöne Heimat in der +Ferne noch viel tausendmal. + +Der Maler aber hatte unterdes das hölzerne Gerüst, worauf ein sehr +großes Papier aufgespannt war, näher an das Fenster herangerückt. Auf +dem Papier war bloß mit großen schwarzen Strichen eine alte Hütte gar +künstlich abgezeichnet. Darin saß die Heilige Jungfrau mit einem überaus +schönen, freudigen und doch recht wehmütigen Gesichte. Zu ihren Füßen +auf einem Nestlein von Stroh lag das Jesuskind, sehr freundlich, aber +mit großen, ernsthaften Augen. Draußen auf der Schwelle der offnen Hütte +aber knieten zwei Hirtenknaben mit Stab und Tasche. -- »Siehst du,« +sagte der Maler, »dem einen Hirtenknaben da will ich deinen Kopf +aufsetzen, so kommt dein Gesicht doch auch etwas unter die Leute, und +wills Gott, sollen sie sich daran noch erfreuen, wenn wir beide schon +lange begraben sind und selbst so still und fröhlich vor der Heiligen +Mutter und ihrem Sohne knien wie die glücklichen Jungen hier.« -- Darauf +ergriff er einen alten Stuhl, von dem ihm aber, da er ihn aufheben +wollte, die halbe Lehne in der Hand blieb. Er paßte ihn geschwind wieder +zusammen, schob ihn vor das Gerüst hin, und ich mußte mich nun darauf +setzen und mein Gesicht etwas von der Seite, nach dem Maler zu, wenden. +-- So saß ich ein paar Minuten ganz still, ohne mich zu rühren. Aber ich +weiß nicht, zuletzt konnt ichs gar nicht recht aushalten, bald juckte +michs da, bald juckte michs dort. Auch hing mir gerade gegenüber ein +zerbrochener halber Spiegel, da mußt ich immerfort hineinsehen und +machte, wenn er eben malte, aus Langeweile allerlei Gesichter und +Grimassen. Der Maler, der es bemerkte, lachte endlich laut auf und +winkte mir mit der Hand, daß ich wieder aufstehen sollte. Mein Gesicht +auf dem Hirten war auch schon fertig und sah so klar aus, daß ich mir +ordentlich selber gefiel. + +Er zeichnete nun in der frischen Morgenkühle immer fleißig fort, während +er ein Liedchen dazu sang und zuweilen durch das offne Fenster in die +prächtige Gegend hinausblickte. Ich aber schnitt mir unterdes noch eine +Butterstolle und ging damit im Zimmer auf und ab und besah mir die +Bilder, die an der Wand aufgestellt waren. Zwei darunter gefielen mir +ganz besonders gut. »Habt Ihr die auch gemalt?« fragte ich den Maler. +»Warum nicht gar!« erwiderte er, »die sind von den berühmten Meistern +Leonardo da Vinci und Guido Reni -- aber da weißt du ja doch nichts +davon!« -- Mich ärgerte der Schluß der Rede. »O,« versetzte ich ganz +gelassen, »die beiden Meister kenne ich wie meine eigne Tasche.« -- Da +machte er große Augen. »Wieso?« fragte er geschwind. »Nun,« sagte ich, +»bin ich nicht mit ihnen Tag und Nacht fortgereist, zu Pferde und zu Fuß +und zu Wagen, daß mir der Wind am Hute pfiff, und hab sie alle beide in +der Schenke verloren und bin dann allein in ihrem Wagen mit Extrapost +immer weiter gefahren, daß der Bombenwagen immerfort auf zwei Rädern +über die entsetzlichen Steine flog, und« -- »Oho! Oho!« unterbrach mich +der Maler und sah mich starr an, als wenn er mich für verrückt hielte. +Dann aber brach er plötzlich in ein lautes Gelächter aus. »Ach,« rief +er, »nun versteh ich erst, du bist mit zwei Malern gereist, die Guido +und Leonhard hießen?« -- Da ich das bejahte, sprang er rasch auf und sah +mich nochmals von oben bis unten ganz genau an. »Ich glaube gar,« sagte +er, »am Ende -- spielst du die Violine?« -- Ich schlug auf meine +Rocktasche, daß die Geige darin einen Klang gab. -- »Nun, wahrhaftig,« +versetzte der Maler, »da war eine Gräfin aus Deutschland hier, die hat +sich in allen Winkeln von Rom nach den beiden Malern und nach einem +jungen Musikanten mit der Geige erkundigen lassen.« -- »Eine junge +Gräfin aus Deutschland?« rief ich voller Entzücken aus, »ist der Portier +mit?« -- »Ja, das weiß ich alles nicht,« erwiderte der Maler, »ich sah +sie nur einige Male bei einer Freundin von ihr, die aber auch nicht in +der Stadt wohnt. -- Kennst du die?« fuhr er fort, indem er in einem +Winkel plötzlich eine Leinwanddecke von einem großen Bilde in die Höhe +hob. Da war mirs doch nicht anders, als wenn man in einer finstern Stube +die Laden aufmacht und einem die Morgensonne auf einmal über die Augen +blitzt, es war -- die schöne gnädige Frau! -- sie stand in einem +schwarzen Samtkleide im Garten und hob mit einer Hand den Schleier vom +Gesicht und sah still und freundlich in eine weite, prächtige Gegend +hinaus. Je länger ich hinsah, je mehr kam es mir vor, als wäre es der +Garten am Schlosse, und die Blumen und Zweige wiegten sich leise im +Winde, und unten in der Tiefe sähe ich mein Zollhäuschen und die +Landstraße weit durchs Grüne und die Donau und die fernen blauen Berge. + +»Sie ists, sie ists!« rief ich endlich, erwischte meinen Hut und rannte +rasch zur Tür hinaus, die vielen Treppen hinunter und hörte nur noch, +daß mir der verwunderte Maler nachschrie, ich sollte gegen Abend +wiederkommen, da könnten wir vielleicht mehr erfahren. + + + + +Achtes Kapitel + + +Ich lief mit großer Eilfertigkeit durch die Stadt, um mich sogleich +wieder in dem Gartenhause zu melden, wo die schöne Frau gestern abend +gesungen hatte. Auf den Straßen war unterdes alles lebendig geworden, +Herren und Damen zogen im Sonnenschein und neigten sich und grüßten bunt +durcheinander, prächtige Karossen rasselten dazwischen, und von allen +Türmen läutete es zur Messe, daß die Klänge über dem Gewühl wunderbar in +der klaren Luft durcheinanderhallten. Ich war wie betrunken von Freude +und von dem Rumor und rannte in meiner Fröhlichkeit immer gerade fort, +bis ich zuletzt gar nicht mehr wußte, wo ich stand. Es war wie +verzaubert, als wäre der stille Platz mit dem Brunnen und der Garten und +das Haus bloß ein Traum gewesen und beim hellen Tageslichte alles wieder +von der Erde verschwunden. + +Fragen konnte ich nicht, denn ich wußte den Namen des Platzes nicht. +Endlich fing es auch an sehr schwül zu werden, die Sonnenstrahlen +schossen recht wie sengende Pfeile auf das Pflaster, die Leute +verkrochen sich in die Häuser, die Jalousien wurden überall wieder +zugemacht, und es war auf einmal wie ausgestorben auf den Straßen. Ich +warf mich zuletzt ganz verzweifelt vor einem schönen großen Hause hin, +vor dem ein Balkon mit Säulen breiten Schatten warf, und betrachtete +bald die stille Stadt, die in der plötzlichen Einsamkeit bei heller +Mittagsstunde ordentlich schauerlich aussah, bald wieder den tiefblauen, +ganz wolkenlosen Himmel, bis ich endlich vor großer Ermüdung gar +einschlummerte. Da träumte mir, ich läge bei meinem Dorfe auf einer +einsamen grünen Wiese, ein warmer Sommerregen sprühte und glänzte in der +Sonne, die soeben hinter den Bergen unterging, und wie die Regentropfen +auf den Rasen fielen, waren es lauter schöne bunte Blumen, so daß ich +davon ganz überschüttet war. + +Aber wie erstaunte ich, als ich erwachte und wirklich eine Menge schöner +frischer Blumen auf und neben mir liegen sah! Ich sprang auf, konnte +aber nichts Besonderes bemerken, als bloß in dem Hause über mir ein +Fenster ganz oben voll von duftenden Sträuchern und Blumen, hinter denen +ein Papagei unablässig plauderte und kreischte. Ich las nun die +zerstreuten Blumen auf, band sie zusammen und steckte mir den Strauß +vorn ins Knopfloch. Dann aber fing ich an, mit dem Papagei ein wenig zu +diskurieren, denn es freute mich, wie er in seinem vergoldeten Gebauer +mit allerlei Grimassen herauf und herunter stieg und sich dabei immer +ungeschickt über die große Zehe trat. Doch ehe ich michs versah, +schimpfte er mich »Furfante!« Wenn es gleich eine unvernünftige Bestie +war, so ärgerte es mich doch. Ich schimpfte ihn wieder, wir gerieten +endlich beide in Hitze, je mehr ich auf deutsch schimpfte, je mehr +gurgelte er auf italienisch wieder auf mich los. + +Auf einmal hörte ich jemand hinter mir lachen. Ich drehte mich rasch um. +Es war der Maler von heute früh. »Was stellst du wieder für tolles Zeug +an!« sagte er, »ich warte schon eine halbe Stunde auf dich. Die Luft ist +wieder kühler, wir wollen in einen Garten vor der Stadt gehen, da wirst +du mehrere Landsleute finden und vielleicht etwas Näheres von der +deutschen Gräfin erfahren.« + +Darüber war ich außerordentlich erfreut, und wir traten unsern +Spaziergang sogleich an, während ich den Papagei noch lange hinter mir +drein schimpfen hörte. + +Nachdem wir draußen vor der Stadt auf schmalen steinichten Fußsteigen +lange zwischen Landhäusern und Weingärten hinaufgestiegen waren, kamen +wir an einen kleinen hochgelegenen Garten, wo mehrere junge Männer und +Mädchen im Grünen um einen runden Tisch saßen. Sobald wir hineintraten, +winkten uns alle zu, uns still zu verhalten, und zeigten auf die andere +Seite des Gartens hin. Dort saßen in einer großen, grünverwachsenen +Laube zwei schöne Frauen an einem Tisch einander gegenüber. Die eine +sang, die andere spielte Gitarre dazu. Zwischen beiden hinter dem Tische +stand ein freundlicher Mann, der mit einem kleinen Stäbchen zuweilen den +Takt schlug. Dabei funkelte die Abendsonne durch das Weinlaub, bald über +die Weinflaschen und Früchte, womit der Tisch in der Laube besetzt war, +bald über die vollen, runden, blendendweißen Achseln der Frau mit der +Gitarre. Die andere war wie verzückt und sang auf italienisch ganz +außerordentlich künstlich, daß ihr die Flechsen am Halse aufschwollen. + +Wie sie nun soeben mit zum Himmel gerichteten Augen eine lange Kadenz +anhielt und der Mann neben ihr mit aufgehobenem Stäbchen auf den +Augenblick paßte, wo sie wieder in den Takt einfallen würde, und keiner +im ganzen Garten zu atmen sich unterstand, da flog plötzlich die +Gartentür weit auf und ein ganz erhitztes Mädchen und hinter ihr ein +junger Mensch mit einem feinen, bleichen Gesicht stürzten in großem +Gezänke herein. Der erschrockene Musikdirektor blieb mit seinem +aufgehobenen Stabe wie ein versteinerter Zauberer stehen, obgleich die +Sängerin schon längst den langen Triller plötzlich abgeschnappt hatte +und zornig aufgestanden war. Alle übrigen zischten den Neuangekommenen +wütend an. »Barbar!« rief ihm einer von dem runden Tische zu, »du rennst +da mitten in das sinnreiche Tableau von der schönen Beschreibung hinein, +welche der selige Hoffmann, Seite 347 des Frauentaschenbuches für 1816, +von dem schönsten Hummelschen Bilde gibt, das im Herbst 1814 auf der +Berliner Kunstausstellung zu sehen war!« -- Aber das half alles nichts. +»Ach was!« entgegnete der junge Mann, »mit euern Tableaus von Tableaus! +Mein selbsterfundenes Bild für die andern, und mein Mädchen für mich +allein! So will ich es halten! O du Ungetreue, du Falsche!« fuhr er dann +von neuem gegen das arme Mädchen fort, »du kritische Seele, die in der +Malerkunst nur den Silberblick und in der Dichterkunst nur den goldenen +Faden sucht und keinen Liebsten, sondern nur lauter Schätze hat! Ich +wünsche dir hinfüro, anstatt eines ehrlichen malerischen Pinsels, einen +alten Duka mit einer ganzen Münzgrube von Diamanten auf der Nase und mit +hellem Silberblick auf der kahlen Platte und mit Goldschnitt auf den +paar noch übrigen Haaren! Ja, nur heraus mit dem verruchten Zettel, den +du da vorhin vor mir versteckt hast! Was hast du wieder angezettelt? Von +wem ist der Wisch, und an wen ist er?« + +Aber das Mädchen sträubte sich standhaft, und je eifriger die andern den +erbosten jungen Menschen umgaben und ihn mit großem Lärm zu trösten und +zu beruhigen suchten, desto erhitzter und toller wurde er von dem Rumor, +zumal da das Mädchen auch ihr Mäulchen nicht halten konnte, bis sie +endlich weinend aus dem verworrenen Knäuel hervorflog und sich auf +einmal ganz unverhofft an meine Brust stürzte, um bei mir Schutz zu +suchen. Ich stellte mich auch sogleich in die gehörige Positur, aber da +die andern in dem Getümmel soeben nicht auf uns acht gaben, kehrte sie +plötzlich das Köpfchen nach mir herauf und flüsterte mir mit ganz +ruhigem Gesichte sehr leise und schnell ins Ohr: »Du abscheulicher +Einnehmer! Um dich muß ich das alles leiden. Da steck den fatalen Zettel +geschwind zu dir, du findest darauf bemerkt, wo wir wohnen. Also zur +bestimmten Stunde, wenn du ins Tor kommst, immer die einsame Straße +rechts fort!« + +Ich konnte vor Verwunderung kein Wort hervorbringen, denn wie ich sie +nun erst recht ansah, erkannte ich sie auf einmal: es war wahrhaftig die +schnippische Kammerjungfer vom Schloß, die mir damals an dem schönen +Sonntagsabende die Flasche mit Wein brachte. Sie war mir sonst niemals +so schön vorgekommen, als da sie sich jetzt so erhitzt an mich lehnte, +daß die schwarzen Locken über meinem Arm herabhingen. -- »Aber, verehrte +Mamsell,« sagte ich voller Erstaunen, »wie kommen Sie« -- »Um Gottes +willen, still nur, jetzt still!« erwiderte sie und sprang geschwind von +mir fort auf die andere Seite des Gartens, eh ich mich noch auf alles +recht besinnen konnte. + +Unterdes hatten die andern ihr erstes Thema fast ganz vergessen, zankten +aber untereinander recht vergnüglich weiter, indem sie dem jungen +Menschen beweisen wollten, daß er eigentlich betrunken sei, was sich für +einen ehrliebenden Maler gar nicht schicke. Der runde, fixe Mann aus der +Laube, der -- wie ich nachher erfuhr -- ein großer Kenner und Freund von +Künsten war und aus Liebe zu den Wissenschaften gern alles mitmachte, +hatte auch sein Stäbchen weggeworfen und flankierte mit seinem fetten +Gesicht, das vor Freundlichkeit ordentlich glänzte, eifrig mitten in dem +dicksten Getümmel herum, um alles zu vermitteln und zu beschwichtigen, +während er dazwischen immer wieder die lange Kadenz und das schöne +Tableau bedauerte, das er mit vieler Mühe zusammengebracht hatte. + +Mir aber war es so sternklar im Herzen wie damals an dem glückseligen +Sonnabend, als ich am offenen Fenster vor der Weinflasche bis tief in +die Nacht hinein auf der Geige spielte. Ich holte, da der Rumor gar kein +Ende nehmen wollte, frisch meine Violine wieder hervor und spielte, ohne +mich lange zu besinnen, einen welschen Tanz auf, den sie dort im Gebirge +tanzen und den ich auf dem alten, einsamen Waldschlosse gelernt hatte. + +Da reckten alle die Köpfe in die Höh. »Bravo, bravissimo, ein deliziöser +Einfall!« rief der lustige Kenner von den Künsten und lief sogleich von +einem zum andern, um ein ländliches Divertissement, wie ers nannte, +einzurichten. Er selbst machte den Anfang, indem er der Dame die Hand +reichte, die vorhin in der Laube gespielt hatte. Er begann darauf +außerordentlich künstlich zu tanzen, schrieb mit den Fußspitzen allerlei +Buchstaben auf den Rasen, schlug ordentliche Triller mit den Füßen und +machte von Zeit zu Zeit ganz passable Luftsprünge. Aber er bekam es bald +satt, denn er war etwas korpulent. Er machte immer kürzere und +ungeschicktere Sprünge, bis er endlich ganz aus dem Kreise heraustrat +und heftig hustete und sich mit seinem schneeweißen Schnupftuche +unaufhörlich den Schweiß abwischte. Unterdes hatte auch der junge +Mensch, der nun wieder ganz gescheut geworden war, aus dem Wirtshause +Kastagnetten herbeigeholt, und ehe ich michs versah, tanzten alle unter +den Bäumen bunt durcheinander. Die untergegangene Sonne warf noch einige +rote Widerscheine zwischen die dunklen Schatten und über das alte +Gemäuer und die von Efeu wild überwachsenen, halb versunkenen Säulen +hinten im Garten, während man von der andern Seite tief unter den +Weinbergen die Stadt Rom in den Abendgluten liegen sah. Da tanzten sie +alle lieblich im Grünen in der klaren stillen Luft, und mir lachte das +Herz recht im Leibe, wie die schlanken Mädchen, und die Kammerjungfer +mitten unter ihnen, sich so mit aufgehobenen Armen wie heidnische +Waldnymphen zwischen dem Laubwerk schwangen und dabei jedesmal in der +Luft mit den Kastagnetten lustig dazu schnalzten. Ich konnte mich nicht +länger halten, ich sprang mitten unter sie hinein und machte, während +ich dabei immerfort geigte, recht artige Figuren. + +Ich mochte eine ziemliche Weile so im Kreise herumgesprungen sein und +merkte gar nicht, daß die andern unterdes anfingen müde zu werden und +sich nach und nach von dem Rasenplatze verloren. Da zupfte mich jemand +von hinten tüchtig an den Rockschößen. Es war die Kammerjungfer. »Sei +kein Narr,« sagte sie leise, »du springst ja wie ein Ziegenbock! +Studiere deinen Zettel ordentlich und komm bald nach, die schöne junge +Gräfin wartet.« -- Und damit schlüpfte sie in der Dämmerung zur +Gartenpforte hinaus und war bald zwischen den Weingärten verschwunden. + +Mir klopfte das Herz, ich wäre am liebsten gleich nachgesprungen. Zum +Glücke zündete der Kellner, da es schon dunkel geworden war, in einer +großen Laterne an der Gartentür Licht an. Ich trat heran und zog +geschwind den Zettel heraus. Da war ziemlich kritzlig mit Bleifeder das +Tor und die Straße beschrieben, wie mir die Kammerjungfer vorhin gesagt +hatte. Dann stand: »Elf Uhr an der kleinen Tür.« + +Da waren noch ein paar lange Stunden hin! -- Ich wollte mich +dessenungeachtet sogleich auf den Weg machen, denn ich hatte keine Rast +und Ruhe mehr; aber da kam der Maler, der mich hierhergebracht hatte, +auf mich los. »Hast du das Mädchen gesprochen?« fragte er, »ich seh sie +nun nirgends mehr; das war das Kammermädchen von der deutschen Gräfin.« +»Still, still!« erwiderte ich, »die Gräfin ist noch in Rom.« »Nun, desto +besser,« sagte der Maler, »so komm und trink mit uns auf ihre +Gesundheit!« Und damit zog er mich, wie sehr ich mich auch sträubte, in +den Garten zurück. + +Da war es unterdes ganz öde und leer geworden. Die lustigen Gäste +wanderten, jeder sein Liebchen am Arm, nach der Stadt zu, und man hörte +sie noch durch den stillen Abend zwischen den Weingärten plaudern und +lachen, immer ferner und ferner, bis sich endlich die Stimmen tief in +dem Tale im Rauschen der Bäume und des Stromes verloren. Ich war noch +mit meinem Maler und dem Herrn Eckbrecht -- so hieß der andere junge +Maler, der sich vorhin so herumgezankt hatte -- allein oben +zurückgeblieben. Der Mond schien prächtig im Garten zwischen die hohen, +dunklen Bäume herein, ein Licht flackerte im Winde auf dem Tische vor +uns und schimmerte über den vielen vergoßnen Wein auf der Tafel. Ich +mußte mich mit hinsetzen, und mein Maler plauderte mit mir über meine +Herkunft, meine Reise und meinen Lebensplan. Herr Eckbrecht aber hatte +das junge hübsche Mädchen aus dem Wirtshause, nachdem sie uns Flaschen +auf den Tisch gestellt, vor sich auf den Schoß genommen, legte ihr die +Gitarre in den Arm und lehrte sie ein Liedchen darauf klimpern. Sie fand +sich auch bald mit den kleinen Händchen zurecht, und sie sangen dann +zusammen ein italienisches Lied, einmal er, dann wieder das Mädchen eine +Strophe, was sich in dem schönen stillen Abend prächtig ausnahm. -- Als +das Mädchen dann weggerufen wurde, lehnte sich Herr Eckbrecht mit der +Gitarre auf der Bank zurück, legte seine Füße auf einen Stuhl, der vor +ihm stand, und sang nun für sich allein viele herrliche deutsche und +italienische Lieder, ohne sich weiter um uns zu bekümmern. Dabei +schienen die Sterne prächtig am klaren Firmament, die ganze Gegend war +wie versilbert vom Mondscheine, ich dachte an die schöne Frau, an die +ferne Heimat und vergaß darüber ganz meinen Maler neben mir. Zuweilen +mußte Herr Eckbrecht stimmen, darüber wurde er immer ganz zornig. Er +drehte und riß zuletzt an dem Instrument, daß plötzlich eine Saite +sprang. Da warf er die Gitarre hin und sprang auf. Nun wurde er erst +gewahr, daß mein Maler sich unterdes über seinen Arm auf den Tisch +gelegt hatte und fest eingeschlafen war. Er warf schnell einen weißen +Mantel um, der auf einem Aste neben dem Tische hing, besann sich aber +plötzlich, sah erst meinen Maler, dann mich ein paarmal scharf an, +setzte sich darauf, ohne sich lange zu bedenken, gerade vor mich auf den +Tisch hin, räusperte sich, rückte an seiner Halsbinde und fing dann auf +einmal an, eine Rede an mich zu halten. »Geliebter Zuhörer und +Landsmann!« sagte er, »da die Flaschen beinahe leer sind, und da die +Moral unstreitig die erste Bürgerpflicht ist, wenn die Tugenden auf die +Neige gehen, so fühle ich mich aus landsmännlicher Sympathie getrieben, +dir einige Moralität zu Gemüte zu führen. -- Man könnte zwar meinen,« +fuhr er fort, »du seist ein bloßer Jüngling, während doch dein Frack +über seine besten Jahre hinaus ist; man könnte vielleicht annehmen, du +habest vorhin wunderliche Sprünge gemacht, wie ein Satyr; ja, einige +möchten wohl behaupten, du seiest wohl gar ein Landstreicher, weil du +hier auf dem Lande bist und die Geige streichst; aber ich kehre mich an +solche oberflächlichen Urteile nicht, ich halte mich an deine +feingespitzte Nase, ich halte dich für ein vazierendes Genie.« -- Mich +ärgerten die verfänglichen Redensarten, ich wollte ihm soeben recht +antworten. Aber er ließ mich nicht zu Worte kommen. »Siehst du,« sagte +er, »wie du dich schon aufblähst von dem bißchen Lobe. Gehe in dich und +bedenke dies gefährliche Metier! Wir Genies -- denn ich bin auch eins -- +machen uns aus der Welt ebensowenig als sie sich aus uns, wir schreiten +vielmehr ohne besondere Umstände in unsern Siebenmeilenstiefeln, die wir +bald mit auf die Welt bringen, gerade auf die Ewigkeit los. O, höchst +klägliche, unbequeme, breitgespreizte Position, mit dem einen Beine in +der Zukunft, wo nichts als Morgenrot und zukünftige Kindergesichter +dazwischen, mit dem andern Beine noch mitten in Rom auf der Piazza del +Popolo, wo das ganze Säkulum bei der guten Gelegenheit mit will und sich +an den Stiefel hängt, daß sie einem das Bein ausreißen möchten! Und alle +das Zucken, Weintrinken und Hungerleiden lediglich für die unsterbliche +Ewigkeit! Und siehe meinen Herrn Kollegen dort auf der Bank, der +gleichfalls ein Genie ist; ihm wird die =Zeit= schon zu lang, was wird +er erst in der Ewigkeit anfangen?! Ja, hochgeschätzter Herr Kollege, du +und ich und die Sonne, wir sind heute früh zusammen aufgegangen und +haben den ganzen Tag gebrütet und gemalt, und es war alles schön -- und +nun fährt die schläfrige Nacht mit ihrem Pelzärmel über die Welt und hat +alle Farben verwischt.« Er sprach noch immerfort und war dabei mit +seinen verwirrten Haaren von dem Tanzen und Trinken im Mondschein ganz +leichenblaß anzusehen. + +Mir aber graute schon lange vor ihm und seinem wilden Gerede, und als er +sich nun förmlich zu dem schlafenden Maler herumwandte, benutzte ich die +Gelegenheit, schlich, ohne daß er es bemerkte, um den Tisch aus dem +Garten heraus und stieg, allein und fröhlich im Herzen, an dem +Rebengeländer in das weite vom Mondschein beglänzte Tal hinunter. + +Von der Stadt her schlugen die Uhren zehn. Hinter mir hörte ich durch +die stille Nacht noch einzelne Gitarrenklänge und manchmal die Stimmen +der beiden Maler, die nun auch nach Hause gingen, von fern +herüberschallen. Ich lief daher so schnell, als ich nur konnte, damit +sie mich nicht weiter ausfragen sollten. + +Am Tore bog ich sogleich rechts in die Straße ein und ging mit +klopfendem Herzen eilig zwischen den stillen Häusern und Gärten fort. +Aber wie erstaunte ich, als ich da auf einmal auf dem Platze mit dem +Springbrunnen herauskam, den ich heute am Tage gar nicht hatte finden +können. Da stand das einsame Gartenhaus wieder, im prächtigsten +Mondschein, und auch die schöne Frau sang im Garten wieder dasselbe +italienische Lied wie gestern abend. -- Ich rannte voller Entzücken erst +an die kleine Tür, dann an die Haustür und endlich mit aller Gewalt an +das große Gartentor, aber es war alles verschlossen. Nun fiel mir erst +ein, daß es noch nicht elf geschlagen hatte. Ich ärgerte mich über die +langsame Zeit, aber über das Gartentor klettern wie gestern mochte ich +wegen der guten Lebensart nicht. Ich ging daher ein Weilchen auf dem +einsamen Platze auf und ab und setzte mich endlich wieder auf den +steinernen Brunnen voller Gedanken und stiller Erwartung hin. + +Die Sterne funkelten am Himmel, auf dem Platze war alles leer und still, +ich hörte voll Vergnügen dem Gesange der schönen Frau zu, der zwischen +dem Rauschen des Brunnens aus dem Garten herüberklang. Da erblickt ich +auf einmal eine weiße Gestalt, die von der andern Seite des Platzes +herkam und gerade auf die kleine Gartentür zuging. Ich blickte durch den +Mondflimmer recht scharf hin -- es war der wilde Maler in seinem weißen +Mantel. Er zog schnell einen Schlüssel hervor, schloß auf, und ehe ich +michs versah, war er im Garten drin. + +Nun hatte ich gegen den Maler schon vom Anfang eine absonderliche Pike +wegen seiner unvernünftigen Reden. Jetzt aber geriet ich ganz außer mir +vor Zorn. Das liederliche Genie ist gewiß wieder betrunken, dachte ich, +den Schlüssel hat er von der Kammerjungfer und will nun die gnädige Frau +beschleichen, verraten, überfallen. -- Und so stürzte ich durch das +kleine, offen gebliebene Pförtchen in den Garten hinein. + +Als ich eintrat, war es ganz still und einsam darin. Die Flügeltür vom +Gartenhause stand offen, ein milchweißer Lichtschein drang daraus hervor +und spielte auf dem Grase und den Blumen vor der Tür. Ich blickte von +weitem herein. Da lag in einem prächtigen grünen Gemach, das von einer +weißen Lampe nur wenig erhellt war, die schöne gnädige Frau, mit der +Gitarre im Arm, auf einem seidenen Faulbettchen, ohne in ihrer Unschuld +an die Gefahren draußen zu denken. + +Ich hatte aber nicht lange Zeit, hinzusehen, denn ich bemerkte soeben, +daß die weiße Gestalt von der andern Seite ganz behutsam hinter den +Sträuchern nach dem Gartenhause zuschlich. Dabei sang die gnädige Frau +so kläglich aus dem Hause, daß es mir recht durch Mark und Bein ging. +Ich besann mich daher nicht lange, brach einen tüchtigen Ast ab, rannte +damit gerade auf den Weißmantel los und schrie aus vollem Halse +»Mordio!«, daß der ganze Garten erzitterte. + +Der Maler, wie er mich so unverhofft daherkommen sah, nahm schnell +Reißaus und schrie entsetzlich. Ich schrie noch besser, er lief nach dem +Hause zu, ich ihm nach -- und ich hatt ihn beinah schon erwischt, da +verwickelte ich mich mit den Füßen in den fatalen Blumenstücken und +stürzte auf einmal der Länge nach vor der Haustür hin. + +»Also du bist es, Narr!« hört ich da über mir ausrufen, »hast du mich +doch fast zum Tode erschreckt.« -- Ich raffte mich geschwind wieder auf, +und wie ich mir den Sand und die Erde aus den Augen wischte, steht die +Kammerjungfer vor mir, die soeben bei dem letzten Sprunge den weißen +Mantel von der Schulter verloren hatte. »Aber«, sagte ich ganz +verblüfft, »war denn der Maler nicht hier?« -- »Ja freilich,« entgegnete +sie schnippisch, »sein Mantel wenigstens, den er mir, als ich ihm vorhin +im Tore begegnete, umgehängt hat, weil mich fror.« -- Über dem Geplauder +war nun auch die gnädige Frau von ihrem Sofa aufgesprungen und kam zu +uns an die Tür. Mir klopfte das Herz zum Zerspringen. Aber wie erschrak +ich, als ich recht hinsah und anstatt der schönen gnädigen Frau auf +einmal eine ganz fremde Person erblickte! + +Es war eine etwas große, korpulente, mächtige Dame mit einer stolzen +Adlernase und hochgewölbten schwarzen Augenbrauen, so recht zum +Erschrecken schön. Sie sah mich mit ihren großen funkelnden Augen so +majestätisch an, daß ich mich vor Ehrfurcht gar nicht zu lassen wußte. +Ich war ganz verwirrt, ich machte in einem fort Komplimente und wollte +ihr zuletzt gar die Hand küssen. Aber sie riß ihre Hand schnell weg und +sprach dann auf italienisch zu der Kammerjungfer, wovon ich nichts +verstand. + +Unterdes aber war von dem vorigen Geschrei die ganze Nachbarschaft +lebendig geworden. Hunde bellten, Kinder schrien, zwischendurch hörte +man einige Männerstimmen, die immer näher und näher auf den Garten +zukamen. Da blickte mich die Dame noch einmal an, als wenn sie mich mit +feurigen Kugeln durchbohren wollte, wandte sich dann rasch nach dem +Zimmer zurück, während sie dabei stolz und gezwungen auflachte, und +schmiß mir die Tür vor der Nase zu. Die Kammerjungfer aber erwischte +mich ohne weiteres beim Flügel und zerrte mich nach der Gartenpforte. + +»Da hast du wieder einmal recht dummes Zeug gemacht«, sagte sie +unterwegs voller Bosheit zu mir. Ich wurde auch schon giftig. »Nun, zum +Teufel!« sagte ich, »habt Ihr mich denn nicht selbst hierher bestellt?« +-- »Das ists ja eben,« rief die Kammerjungfer, »meine Gräfin meinte es +so gut mit dir, wirft dir erst Blumen aus dem Fenster zu, singt Arien -- +und =das= ist nun ihr Lohn! Aber mit dir ist nun einmal nichts +anzufangen; du trittst dein Glück ordentlich mit Füßen.« -- »Aber«, +erwiderte ich, »ich meinte die Gräfin aus Deutschland, die schöne +gnädige Frau.« -- »Ach,« unterbrach sie mich, »die ist ja lange schon +wieder in Deutschland mitsamt deiner tollen Amour. Und da lauf du nur +auch wieder hin! Sie schmachtet ohnedies nach dir, da könnt ihr zusammen +die Geige spielen und in den Mond gucken, aber daß du mir nicht wieder +unter die Augen kommst!« + +Nun aber entstand ein entsetzlicher Rumor und Spektakel hinter uns. Aus +dem anderen Garten kletterten Leute mit Knüppeln hastig über den Zaun, +andere fluchten und durchsuchten schon die Gänge, desperate Gesichter +mit Schlafmützen guckten im Mondschein bald da bald dort über die +Hecken, es war, als wenn der Teufel auf einmal aus allen Hecken und +Sträuchern Gesindel heckte. -- Die Kammerjungfer fackelte nicht lange. +»Dort, dort läuft der Dieb!« schrie sie den Leuten zu, indem sie dabei +auf die andere Seite des Gartens zeigte. Dann schob sie mich schnell aus +dem Garten und klappte das Pförtchen hinter mir zu. + +Da stand ich nun unter Gottes freiem Himmel wieder auf dem stillen +Platze mutterseelenallein, wie ich gestern angekommen war. Die +Wasserkunst, die mir vorhin im Mondschein so lustig flimmerte, als wenn +Engelein darin auf und nieder stiegen, rauschte noch fort wie damals, +mir aber war unterdes alle Lust und Freude in den Brunnen gefallen. -- +Ich nahm mir nun fest vor, dem falschen Italien mit seinen verrückten +Malern, Pomeranzen und Kammerjungfern auf ewig den Rücken zu kehren, und +wanderte noch zur selbigen Stunde zum Tore hinaus. + + + + +Neuntes Kapitel + + + »Die treuen Berg' stehn auf der Wacht: + Wer streicht bei stiller Morgenzeit + Da aus der Fremde durch die Heid? + Ich aber mir die Berg' betracht + Und lach in mich vor großer Lust + Und rufe recht aus frischer Brust + Parol und Feldgeschrei sogleich: + Vivat Östreich! + + Da kennt mich erst die ganze Rund, + Nun grüßen Bach und Vöglein zart + Und Wälder rings nach Landesart, + Die Donau blitzt aus tiefem Grund, + Der Stephansturm auch ganz von fern + Guckt übern Berg und säh mich gern, + Und ist ers nicht, so kommt er doch gleich, + Vivat Östreich!« + +Ich stand auf einem hohen Berge, wo man zum erstenmal nach Östreich +hineinsehen kann, und schwenkte voller Freude noch mit dem Hute und sang +die letzte Strophe, da fiel auf einmal hinter mir im Walde eine +prächtige Musik von Blasinstrumenten mit ein. Ich dreh mich schnell um +und erblicke drei junge Gesellen in langen blauen Mänteln, davon bläst +der eine Oboe, der andere die Klarinette und der dritte, der einen alten +Dreistutzer auf dem Kopfe hatte, das Waldhorn -- die akkompagnierten +mich plötzlich, daß der ganze Wald erschallte. Ich, nicht zu faul, ziehe +meine Geige hervor und spiele und singe sogleich frisch mit. Da sah +einer den andern bedenklich an, der Waldhornist ließ dann zuerst seine +Bausbacken wieder einfallen und setzte sein Waldhorn ab, bis am Ende +alle stille wurden und mich anschauten. Ich hielt verwundert ein und sah +sie auch an. -- »Wir meinten,« sagte endlich der Waldhornist, »weil der +Herr so einen langen Frack hat, der Herr wäre ein reisender Engländer, +der hier zu Fuß die schöne Natur bewundert; da wollten wir uns ein +Viatikum verdienen. Aber mir scheint, der Herr ist selber ein Musikant.« +-- »Eigentlich ein Einnehmer,« versetzte ich, »und komme direkt von Rom +her, da ich aber seit geraumer Zeit nichts mehr eingenommen, so habe ich +mich unterwegs mit der Violine durchgeschlagen.« -- »Bringt nicht viel +heutzutage!« sagte der Waldhornist, der unterdes wieder an den Wald +zurückgetreten war und mit seinem Dreistutzer ein kleines Feuer +anfachte, das sie dort angezündet hatten. »Da gehn die blasenden +Instrumente schon besser,« fuhr er fort; »wenn so eine Herrschaft ganz +ruhig zu Mittag speist, und wir treten unverhofft in das gewölbte +Vorhaus und fangen alle drei aus Leibeskräften zu blasen an -- gleich +kommt ein Bedienter herausgesprungen mit Geld oder Essen, damit sie nur +den Lärm wieder los werden. Aber will der Herr nicht eine Kollation mit +uns einnehmen?« + +Das Feuer loderte nun recht lustig im Walde, der Morgen war frisch, wir +setzten uns alle ringsumher auf den Rasen, und zwei von den Musikanten +nahmen ein Töpfchen, worin Kaffee und auch schon Milch war, vom Feuer, +holten Brot aus ihren Manteltaschen hervor und tunkten und tranken +abwechselnd aus dem Topfe, und es schmeckte ihnen so gut, daß es +ordentlich eine Lust war anzusehen. -- Der Waldhornist aber sagte: »Ich +kann das schwarze Gesöff nicht vertragen«, und reichte mir dabei die +eine Hälfte von einer großen, übereinandergelegten Butterschnitte, dann +brachte er eine Flasche Wein zum Vorschein. »Will der Herr nicht auch +einen Schluck?« -- Ich tat einen tüchtigen Zug, mußte aber schnell +wieder absetzen und das ganze Gesicht verziehn, denn es schmeckte wie +Dreimännerwein. »Hiesiges Gewächs,« sagte der Waldhornist, »aber der +Herr hat sich in Italien den deutschen Geschmack verdorben.« + +Darauf kramte er eifrig in seinem Schubsack und zog endlich unter +allerlei Plunder eine alte zerfetzte Landkarte hervor, worauf noch der +Kaiser in vollem Ornate zu sehen war, den Zepter in der rechten, den +Reichsapfel in der linken Hand. Er breitete sie auf dem Boden behutsam +auseinander, die andern rückten näher heran, und sie beratschlagten nun +zusammen, was sie für eine Marschroute nehmen sollten. + +»Die Vakanz geht bald zu Ende,« sagte der eine, »wir müssen uns gleich +von Linz links abwenden, so kommen wir noch bei guter Zeit nach Prag.« +-- »Nun wahrhaftig!« rief der Waldhornist, »wem willst du da was +vorpfeifen? Nichts als Wälder und Kohlenbauern, kein geläuterter +Kunstgeschmack, keine vernünftige freie Station!« -- »O Narrenspossen!« +erwiderte der andere, »die Bauern sind mir gerade die liebsten, die +wissen am besten, wo einen der Schuh drückt, und nehmens nicht so genau, +wenn man manchmal eine falsche Note bläst.« -- »Das macht, du hast kein +_point d'honneur_,« versetzte der Waldhornist, »_odi profanum vulgus et +arceo_, sagt der Lateiner.« -- »Nun, Kirchen aber muß es auf der Tour +doch geben,« meinte der dritte, »so kehren wir bei den Herren Pfarrern +ein.« -- »Gehorsamster Diener!« sagte der Waldhornist, »die geben +kleines Geld und große Sermone, daß wir nicht so unnütz in der Welt +herumschweifen, sondern uns besser auf die Wissenschaften applizieren +sollen, besonders wenn sie in mir den künftigen Herrn Konfrater wittern. +Nein, nein, _Clericus clericum non decimat_. Aber was gibt es denn da +überhaupt für große Not? Die Herren Professoren sitzen auch noch im +Karlsbade und halten selbst den Tag nicht so genau ein.« -- »Ja, +_distinguendum est inter et inter_,« erwiderte der andere, »_quod licet +Jovi, non licet bovi!_« + +Ich aber merkte nun, daß es Prager Studenten waren, und bekam einen +ordentlichen Respekt vor ihnen, besonders da ihnen das Latein nur so wie +Wasser von dem Munde floß. -- »Ist der Herr auch ein Studierter?« fragte +mich darauf der Waldhornist. Ich erwiderte bescheiden, daß ich immer +besondere Lust zum Studieren, aber kein Geld gehabt hätte. -- »Das tut +gar nichts,« rief der Waldhornist, »wir haben auch weder Geld noch +reiche Freundschaft. Aber ein gescheuter Kopf muß sich zu helfen wissen. +_Aurora musis amica_, das heißt zu deutsch: mit vielem Frühstücken +sollst du dir nicht die Zeit verderben. Aber wenn dann die +Mittagsglocken von Turm zu Turm und von Berg zu Berg über die Stadt +gehen und nun die Schüler auf einmal mit großem Geschrei aus dem alten +finstern Kollegium herausbrechen und im Sonnenschein durch die Gassen +schwärmen -- da begeben wir uns bei den Kapuzinern zum Pater +Küchenmeister und finden unsern gedeckten Tisch, und ist er auch nicht +gedeckt, so steht doch für jeden ein voller Topf darauf, da fragen wir +nicht viel darnach und essen und perfektionieren uns dabei noch im +Lateinischsprechen. Sieht der Herr, so studieren wir von einem Tage zum +andern fort. Und wenn dann endlich die Vakanz kommt, und die andern +fahren und reiten zu ihren Eltern fort, da wandern wir mit unsern +Instrumenten unterm Mantel durch die Gassen zum Tore hinaus, und die +ganze Welt steht uns offen.« + +Ich weiß nicht -- wie er so erzählte -- ging es mir recht durchs Herz, +daß so gelehrte Leute so ganz verlassen sein sollten auf der Welt. Ich +dachte dabei an mich, wie es mir eigentlich selber nicht anders ginge, +und die Tränen traten mir in die Augen. -- Der Waldhornist sah mich groß +an. »Das tut gar nichts,« fuhr er wieder weiter fort, »ich möchte gar +nicht so reisen: Pferde und Kaffee und frisch überzogene Betten, und +Nachtmützen und Stiefelknecht vorausbestellt. Das ist just das Schönste, +wenn wir so frühmorgens heraustreten und die Zugvögel hoch über uns +fortziehen, daß wir gar nicht wissen, welcher Schornstein heut für uns +raucht, und gar nicht voraussehen, was uns bis zum Abend noch für ein +besonderes Glück begegnen kann.« -- »Ja,« sagte der andere, »und wo wir +hinkommen und unsere Instrumente herausziehen, wird alles fröhlich, und +wenn wir dann zur Mittagsstunde auf dem Lande in ein Herrschaftshaus +treten und im Hausflure blasen, da tanzen die Mägde miteinander vor der +Haustür, und die Herrschaft läßt die Saaltür etwas aufmachen, damit sie +die Musik drin besser hören, und durch die Lücke kommt das +Tellergeklapper und der Bratenduft in den freudenreichen Schall +herausgezogen, und die Fräuleins an der Tafel verdrehen sich fast die +Hälse, um die Musikanten draußen zu sehen.« -- »Wahrhaftig,« rief der +Waldhornist mit leuchtenden Augen aus, »laßt die andern nur ihre +Kompendien repetieren, =wir= studieren unterdes in dem großen +Bilderbuche, das der liebe Gott uns draußen aufgeschlagen hat! Ja, glaub +nur der Herr, aus uns werden gerade die rechten Kerls, die den Bauern +dann was zu erzählen wissen und mit der Faust auf die Kanzel schlagen, +daß den Knollfinken unten vor Erbauung und Zerknirschung das Herz im +Leibe bersten möchte.« + +Wie sie so sprachen, wurde mir so lustig in meinem Sinn, daß ich gleich +auch hätte mit studieren mögen. Ich konnte mich gar nicht satt hören, +denn ich unterhalte mich gern mit studierten Leuten, wo man etwas +profitieren kann. Aber es konnte gar nicht zu einem recht vernünftigen +Diskurse kommen. Denn dem einen Studenten war vorhin angst geworden, +weil die Vakanz so bald zu Ende gehen sollte. Er hatte daher hurtig sein +Klarinett zusammengesetzt, ein Notenblatt vor sich auf das aufgestemmte +Knie hingelegt und exerzierte sich eine schwierige Passage aus einer +Messe ein, die er mitblasen sollte, wenn sie nach Prag zurückkamen. Da +saß er nun und fingerte und pfiff dazwischen manchmal so falsch, daß es +einem durch Mark und Bein ging und man oft sein eigenes Wort nicht +verstehen konnte. + +Auf einmal schrie der Waldhornist mit seiner Baßstimme: »Topp, da hab +ich es«, er schlug dabei fröhlich auf die Landkarte neben ihm. Der +andere ließ auf einen Augenblick von seinem fleißigen Blasen ab und sah +ihn verwundert an. »Hört,« sagte der Waldhornist, »nicht weit von Wien +ist ein Schloß, auf dem Schlosse ist ein Portier, und der Portier ist +mein Vetter! Teuerste Kondiszipels, da müssen wir hin, machen dem Herrn +Vetter unser Kompliment, und er wird dann schon dafür sorgen, wie er uns +wieder weiter fortbringt!« -- Als ich das hörte, fuhr ich geschwind auf. +»Bläst er nicht auf dem Fagott?« rief ich, »und ist von langer, gerader +Beschaffenheit und hat eine große vornehme Nase?« -- Der Waldhornist +nickte mit dem Kopfe. Ich aber embrassierte ihn vor Freuden, daß ihm der +Dreistutzer vom Kopfe fiel, und wir beschlossen nun sogleich, alle +miteinander im Postschiffe auf der Donau nach dem Schloß der schönen +Gräfin hinunterzufahren. + +Als wir an das Ufer kamen, war schon alles zur Abfahrt bereit. Der dicke +Gastwirt, bei dem das Schiff über Nacht angelegt hatte, stand breit und +behaglich in seiner Haustür, die er ganz ausfüllte, und ließ zum +Abschied allerlei Witze und Redensarten erschallen, während in jedem +Fenster ein Mädchenkopf herausfuhr und den Schiffern noch freundlich +zunickte, die soeben die letzten Pakete nach dem Schiffe schafften. Ein +ältlicher Herr mit einem grauen Überrock und schwarzem Halstuch, der +auch mitfahren wollte, stand am Ufer und sprach sehr eifrig mit einem +jungen, schlanken Bürschchen, das mit langen, ledernen Beinkleidern und +knapper, scharlachroter Jacke vor ihm auf einem prächtigen Engländer +saß. Es schien mir zu meiner großen Verwunderung, als wenn sie beide +zuweilen nach mir hinblickten und von mir sprächen. -- Zuletzt lachte +der alte Herr, das schlanke Bürschchen schnalzte mit der Reitgerte und +sprengte, mit den Lerchen über ihm um die Wette, durch die Morgenluft in +die blitzende Landschaft hinein. + +Unterdes hatten die Studenten und ich unsere Kasse zusammengeschossen. +Der Schiffer lachte und schüttelte den Kopf, als ihm der Waldhornist +damit unser Fährgeld in lauter Kupferstücken aufzählte, die wir mit +großer Not aus allen unsern Taschen zusammengebracht hatten. Ich aber +jauchzte laut auf, als ich auf einmal wieder die Donau so recht vor mir +sah: wir sprangen geschwind auf das Schiff hinauf, der Schiffer gab das +Zeichen, und so flogen wir nun im schönsten Morgenglanze zwischen den +Bergen und Wiesen hinunter. + +Da schlugen die Vögel im Walde, und von beiden Seiten klangen die +Morgenglocken von fern aus den Dörfern, hoch in der Luft hörte man +manchmal die Lerchen dazwischen. Von dem Schiffe aber jubilierte und +schmetterte ein Kanarienvogel mit darein, daß es eine rechte Lust war. + +Der gehörte einem hübschen jungen Mädchen, die auch mit auf dem Schiffe +war. Sie hatte den Käfig dicht neben sich stehen, von der andern Seite +hielt sie ein feines Bündel Wäsche unterm Arm, so saß sie ganz still für +sich und sah recht zufrieden bald auf ihre neuen Reiseschuhe, die unter +dem Röckchen hervorkamen, bald wieder in das Wasser vor sich hinunter, +und die Morgensonne glänzte ihr dabei auf der weißen Stirn, über der sie +die Haare sehr sauber gescheitelt hatte. Ich merkte wohl, daß die +Studenten gern einen höflichen Diskurs mit ihr angesponnen hätten, denn +sie gingen immer an ihr vorüber, und der Waldhornist räusperte sich +dabei und rückte bald an seiner Halsbinde, bald an dem Dreistutzer. Aber +sie hatten keine rechte Courage, und das Mädchen schlug auch jedesmal +die Augen nieder, sobald sie ihr näher kamen. + +Besonders aber genierten sie sich vor dem ältlichen Herrn mit dem grauen +Überrocke, der nun auf der andern Seite des Schiffes saß und den sie +gleich für einen Geistlichen hielten. Er hatte ein Brevier vor sich, in +welchem er las, dazwischen aber oft in die schöne Gegend von dem Buche +aufsah, dessen Goldschnitt und die vielen dareingelegten bunten +Heiligenbilder prächtig im Morgenschein blitzten. Dabei bemerkte er auch +sehr gut, was auf dem Schiffe vorging, und erkannte bald die Vögel an +ihren Federn; denn es dauerte nicht lange, so redete er einen von den +Studenten lateinisch an, worauf alle drei herantraten, die Hüte vor ihm +abnahmen und ihm wieder lateinisch antworteten. + +Ich aber hatte mich unterdes ganz vorn auf die Spitze des Schiffes +gesetzt, ließ vergnügt meine Beine über dem Wasser herunterbaumeln und +blickte, während das Schiff so fortflog und die Wellen unter mir +rauschten und schäumten, immerfort in die blaue Ferne, wie da ein Turm +und ein Schloß nach dem andern aus dem Ufergrün hervorkam, wuchs und +wuchs und endlich hinter uns wieder verschwand. Wenn ich nur =heute= +Flügel hätte! dachte ich und zog endlich vor Ungeduld meine liebe +Violine hervor und spielte alle meine ältesten Stücke durch, die ich +noch zu Hause und auf dem Schloß der schönen Frau gelernt hatte. + +Auf einmal klopfte mir jemand von hinten auf die Achsel. Es war der +geistliche Herr, der unterdes sein Buch weggelegt und mir schon ein +Weilchen zugehört hatte. »Ei,« sagte er lachend zu mir, »ei, ei, Herr +ludi magister, Essen und Trinken vergißt er.« Er hieß mich darauf meine +Geige einstecken, um einen Imbiß mit ihm einzunehmen, und führte mich zu +einer kleinen lustigen Laube, die von den Schiffern aus jungen Birken +und Tannenbäumchen in der Mitte des Schiffes aufgerichtet worden war. +Dort hatte er einen Tisch hinstellen lassen, und ich, die Studenten und +selbst das junge Mädchen, wir mußten uns auf die Fässer und Pakete +ringsherum setzen. + +Der geistliche Herr packte nun einen großen Braten und Butterschnitten +aus, die sorgfältig in Papier gewickelt waren, zog auch aus einem +Futteral mehrere Weinflaschen und einen silbernen, innerlich vergoldeten +Becher hervor, schenkte ein, kostete erst, roch daran und prüfte wieder +und reichte dann einem jeden von uns. Die Studenten saßen kerzengerade +auf ihren Fässern und aßen und tranken nur sehr wenig vor großer +Devotion. Auch das Mädchen tauchte bloß das Schnäbelchen in den Becher +und blickte dabei schüchtern bald auf mich, bald auf die Studenten, aber +je öfter sie uns ansah, je dreister wurde sie nach und nach. + +Sie erzählte endlich dem geistlichen Herrn, daß sie nun zum erstenmal +von Hause in Kondition komme und soeben auf das Schloß ihrer neuen +Herrschaft reise. Ich wurde über und über rot, denn sie nannte dabei das +Schloß der schönen gnädigen Frau. -- Also das soll meine zukünftige +Kammerjungfer sein! dachte ich und sah sie groß an, und mir schwindelte +fast dabei. -- »Auf dem Schlosse wird es bald eine große Hochzeit +geben,« sagte darauf der geistliche Herr. »Ja,« erwiderte das Mädchen, +die gern von der Geschichte mehr gewußt hätte; »man sagt, es wäre schon +eine alte, heimliche Liebschaft gewesen, die Gräfin hätte es aber +niemals zugeben wollen.« Der Geistliche antwortete nur mit Hm, hm, +während er seinen Jagdbecher vollschenkte und mit bedenklichen Mienen +daraus nippte. Ich aber hatte mich mit beiden Armen weit über den Tisch +vorgelegt, um die Unterredung recht genau anzuhören. Der geistliche Herr +bemerkte es. »Ich kanns Euch wohl sagen,« hub er wieder an, »die beiden +Gräfinnen haben mich auf Kundschaft ausgeschickt, ob der Bräutigam schon +vielleicht hier in der Gegend sei. Eine Dame aus Rom hat geschrieben, +daß er schon lange von dort fort sei.« -- Wie er von der Dame aus Rom +anfing, wurd ich wieder rot. »Kennen denn Ew. Hochwürden den Bräutigam?« +fragte ich ganz verwirrt. -- »Nein,« erwiderte der alte Herr, »aber er +soll ein lustiger Vogel sein.« -- »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel, +der aus jedem Käfig ausreißt, sobald er nur kann, und lustig singt, wenn +er wieder in der Freiheit ist.« -- »Und sich in der Fremde herumtreibt,« +fuhr der Herr gelassen fort, »in der Nacht gassatim geht und am Tage vor +den Haustüren schläft.« -- Mich verdroß das sehr. »Ehrwürdiger Herr,« +rief ich ganz hitzig aus, »da hat man Euch falsch berichtet. Der +Bräutigam ist ein moralischer, schlanker, hoffnungsvoller Jüngling, der +in Italien in einem alten Schlosse auf großem Fuß gelebt hat, der mit +lauter Gräfinnen, berühmten Malern und Kammerjungfern umgegangen ist, +der sein Geld sehr wohl zu Rate zu halten weiß, wenn er nur welches +hätte, der --« »Nun, nun, ich wußte nicht, daß Ihr ihn so gut kennt«, +unterbrach mich hier der Geistliche und lachte dabei so herzlich, daß er +ganz blau im Gesichte wurde und ihm die Tränen aus den Augen rollten. -- +»Ich hab doch aber gehört,« ließ sich nun das Mädchen wieder vernehmen, +»der Bräutigam wäre ein großer, überaus reicher Herr.« -- »Ach Gott, ja +doch, ja! Konfusion, nichts als Konfusion!« rief der Geistliche und +konnte sich noch immer vor Lachen nicht zugute geben, bis er sich +endlich ganz verhustete. Als er sich wieder ein wenig erholt hatte, hob +er den Becher in die Höh und rief: »Das Brautpaar soll leben!« -- Ich +wußte gar nicht, was ich von dem Geistlichen und seinem Gerede denken +sollte, ich schämte mich aber, wegen der römischen Geschichten, ihm hier +vor allen Leuten zu sagen, daß ich selber der verlorene, glückselige +Bräutigam sei. + +Der Becher ging wieder fleißig in die Runde, der geistliche Herr sprach +dabei freundlich mit allen, so daß ihm bald ein jeder gut wurde und am +Ende alles fröhlich durcheinandersprach. Auch die Studenten wurden immer +redseliger und erzählten von ihren Fahrten im Gebirge, bis sie endlich +gar ihre Instrumente holten und lustig zu blasen anfingen. Die kühle +Wasserluft strich dabei durch die Zweige der Laube, die Abendsonne +vergoldete schon die Wälder und Täler, die schnell an uns vorüberflogen, +während die Ufer von den Waldhornsklängen widerhallten. -- Und als dann +der Geistliche von der Musik immer vergnügter wurde und lustige +Geschichten aus seiner Jugend erzählte: wie auch er zur Vakanz über +Berge und Täler gezogen und oft hungrig und durstig, aber immer fröhlich +gewesen, und wie eigentlich das ganze Studentenleben eine große Vakanz +sei zwischen der engen, düstern Schule und der ernsten Amtsarbeit -- da +tranken die Studenten noch einmal herum und stimmten dann frisch ein +Lied an, daß es weit in die Berge hineinschallte. + + »Nach Süden sich nun lenken + Die Vöglein allzumal, + Viel Wandrer lustig schwenken + Die Hüt' im Morgenstrahl. + Das sind die Herrn Studenten, + Zum Tor hinaus es geht, + Auf ihren Instrumenten + Sie blasen zum Valet: + Ade in die Läng und Breite, + O Prag, wir ziehn in die Weite: + _Et habeat bonam pacem_, + _Qui sedet post fornacem!_ + + Nachts wir durchs Städtlein schweifen, + Die Fenster schimmern weit, + Am Fenster drehn und schleifen + Viel schön geputzte Leut. + Wir blasen vor den Türen + Und haben Durst genung, + Das kommt vom Musizieren, + Herr Wirt, ein'n frischen Trunk! + Und siehe, über ein kleines + Mit einer Kanne Weines + _Venit ex sua domo_ -- + _Beatus ille homo!_ + + Nun weht schon durch die Wälder + Der kalte Boreas, + Wir streichen durch die Felder, + Von Schnee und Regen naß, + Der Mantel fliegt im Winde, + Zerrissen sind die Schuh, + Da blasen wir geschwinde + Und singen noch dazu: + _Beatus ille homo_, + _Qui sedet in sua domo_, + _Et sedet post fornacem_ + _Et habet bonam pacem!_« + +Ich, die Schiffer und das Mädchen, obgleich wir alle kein Latein +verstanden, stimmten jedesmal jauchzend in den letzten Vers mit ein, ich +aber jauchzte am allervergnügtesten, denn ich sah soeben von fern mein +Zollhäuschen und bald darauf auch das Schloß in der Abendsonne über die +Bäume hervorkommen. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Das Schiff stieß an das Ufer, wir sprangen schnell ans Land und +verteilten uns nun nach allen Seiten im Grünen, wie Vögel, wenn das +Gebauer plötzlich aufgemacht wird. Der geistliche Herr nahm eiligen +Abschied und ging mit großen Schritten nach dem Schlosse zu. Die +Studenten dagegen wanderten eifrig nach einem abgelegenen Gebüsch, wo +sie noch geschwind ihre Mäntel ausklopfen, sich in dem vorüberfließenden +Bache waschen und einer den andern rasieren wollten. Die neue +Kammerjungfer endlich ging mit ihrem Kanarienvogel und ihrem Bündel +unterm Arm nach dem Wirtshause unter dem Schloßberge, um bei der Frau +Wirtin, die ich ihr als eine gute Person rekommandiert hatte, ein +besseres Kleid anzulegen, ehe sie sich oben im Schlosse vorstellte. Mir +aber leuchtete der schöne Abend recht durchs Herz, und als sie sich nun +alle verlaufen hatten, bedachte ich mich nicht lange und rannte sogleich +nach dem herrschaftlichen Garten hin. + +Mein Zollhaus, an dem ich vorbei mußte, stand noch auf der alten Stelle, +die hohen Bäume aus dem herrschaftlichen Garten rauschten noch immer +darüberhin, eine Goldammer, die damals auf dem Kastanienbaume vor dem +Fenster jedesmal bei Sonnenuntergang ihr Abendlied gesungen hatte, sang +auch wieder, als wäre seitdem gar nichts in der Welt vorgegangen. Das +Fenster im Zollhause stand offen, ich lief voller Freuden hin und +steckte den Kopf in die Stube hinein. Es war niemand darin, aber die +Wanduhr pickte noch immer ruhig fort, der Schreibtisch stand am Fenster +und die lange Pfeife in einem Winkel wie damals. Ich konnte nicht +widerstehen, ich sprang durch das Fenster hinein und setzte mich an den +Schreibtisch vor das große Rechenbuch hin. Da fiel der Sonnenschein +durch den Kastanienbaum vor dem Fenster wieder grüngolden auf die +Ziffern in dem aufgeschlagenen Buche, die Bienen summten wieder an dem +offnen Fenster hin und her, die Goldammer draußen auf dem Baume sang +fröhlich immerzu. -- Auf einmal aber ging die Tür aus der Stube auf, und +ein alter, langer Einnehmer in meinem punktierten Schlafrock trat +herein! Er blieb in der Tür stehen, wie er mich so unversehens +erblickte, nahm schnell die Brille von der Nase und sah mich grimmig an. +Ich aber erschrak nicht wenig darüber, sprang, ohne ein Wort zu sagen, +auf und lief aus der Haustür durch den kleinen Garten fort, wo ich mich +noch bald mit den Füßen in dem fatalen Kartoffelkraut verwickelt hätte, +das der alte Einnehmer nunmehr, wie ich sah, nach des Portiers Rat statt +meiner Blumen angepflanzt hatte. Ich hörte noch, wie er vor die Tür +herausfuhr und hinter mir drein schimpfte, aber ich saß schon oben auf +der hohen Gartenmauer und schaute mit klopfendem Herzen in den +Schloßgarten hinein. + +Da war ein Duften und Schimmern und Jubilieren von allen Vöglein; die +Plätze und Gänge waren leer, aber die vergoldeten Wipfel neigten sich im +Abendwinde vor mir, als wollten sie mich bewillkommnen, und seitwärts +aus dem tiefen Grunde blitzte zuweilen die Donau zwischen den Bäumen +nach mir herauf. + +Auf einmal hörte ich in einiger Entfernung im Garten singen: + + »Schweigt der Menschen laute Lust: + Rauscht die Erde wie in Träumen + Wunderbar mit allen Bäumen, + Was dem Herzen kaum bewußt, + Alte Zeiten, linde Trauer, + Und es schweifen leise Schauer + Wetterleuchtend durch die Brust.« + +Die Stimme und das Lied klang mir so wunderlich und doch wieder so +altbekannt, als hätte ichs irgendeinmal im Traume gehört. Ich dachte +lange, lange nach. -- »Das ist der Herr Guido!« rief ich endlich voller +Freude und schwang mich schnell in den Garten hinunter -- es war +dasselbe Lied, das er an jenem Sommerabend auf dem Balkon des +italienischen Wirtshauses sang, wo ich ihn zum letztenmal gesehen hatte. + +Er sang noch immer fort, ich aber sprang über Beete und Hecken dem Liede +nach. Als ich nun zwischen den letzten Rosensträuchern hervortrat, blieb +ich plötzlich wie verzaubert stehen. Denn auf dem grünen Platze am +Schwanenteich, recht vom Abendrote beschienen, saß die schöne gnädige +Frau, in einem prächtigen Kleide und einem Kranz von weißen und roten +Rosen in dem schwarzen Haar, mit niedergeschlagenen Augen auf einer +Steinbank und spielte während des Liedes mit ihrer Reitgerte vor sich +auf dem Rasen, gerade so wie damals auf dem Kahne, da ich ihr das Lied +von der schönen Frau vorsingen mußte. Ihr gegenüber saß eine andre junge +Dame, die hatte den weißen runden Nacken voll brauner Locken gegen mich +gewendet und sang zur Gitarre, während die Schwäne auf dem stillen +Weiher langsam im Kreise herumschwammen. -- Da hob die schöne Frau auf +einmal die Augen und schrie laut auf, da sie mich erblickte. Die andere +Dame wandte sich rasch nach mir herum, daß ihr die Locken ins Gesicht +flogen, und da sie mich recht ansah, brach sie in ein unmäßiges Lachen +aus, sprang dann von der Bank und klatschte dreimal mit den Händchen. In +demselben Augenblicke kam eine große Menge kleiner Mädchen in +blütenweißen, kurzen Kleidchen mit grünen und roten Schleifen zwischen +den Rosensträuchern hervorgeschlüpft, so daß ich gar nicht begreifen +konnte, wo sie alle gesteckt hatten. Sie hielten eine lange +Blumengirlande in den Händen, schlossen schnell einen Kreis um mich, +tanzten um mich herum und sangen dabei: + + »Wir bringen dir den Jungfernkranz + Mit veilchenblauer Seide, + Wir führen dich zu Lust und Tanz, + Zu neuer Hochzeitsfreude. + Schöner, grüner Jungfernkranz, + Veilchenblaue Seide.« + +Das war aus dem Freischützen. Von den kleinen Sängerinnen erkannte ich +nun auch einige wieder, es waren Mädchen aus dem Dorfe. Ich kneipte sie +in die Wangen und wäre gern aus dem Kreise entwischt, aber die kleinen, +schnippischen Dinger ließen mich nicht heraus. -- Ich wußte gar nicht, +was die Geschichte eigentlich bedeuten sollte, und stand ganz verblüfft +da. + +Da trat plötzlich ein junger Mann in feiner Jägerkleidung aus dem +Gebüsch hervor. Ich traute meinen Augen kaum -- es war der fröhliche +Herr Leonhard! -- Die kleinen Mädchen öffneten nun den Kreis und standen +auf einmal wie verzaubert, alle unbeweglich auf einem Beinchen, während +sie das andere in die Luft streckten, und dabei die Blumengirlanden mit +beiden Armen hoch über den Köpfen in die Höh hielten. Der Herr Leonhard +aber faßte die schöne gnädige Frau, die noch immer ganz stillstand und +nur manchmal auf mich herüberblickte, bei der Hand, führte sie bis zu +mir und sagte: + +»Die Liebe -- darüber sind nun alle Gelehrten einig -- ist eine der +couragiösesten Eigenschaften des menschlichen Herzens, die Bastionen von +Rang und Stand schmettert sie mit einem Feuerblicke darnieder, die Welt +ist ihr zu eng und die Ewigkeit zu kurz. Ja, sie ist eigentlich ein +Poetenmantel, den jeder Phantast einmal in der kalten Welt umnimmt, um +nach Arkadien auszuwandern. Und je entfernter zwei getrennte Verliebte +voneinander wandern, in desto anständigern Bogen bläst der Reisewind den +schillernden Mantel hinter ihnen auf, desto kühner und überraschender +entwickelt sich der Faltenwurf, desto länger und länger wächst der Talar +den Liebenden hinten nach, so daß ein Neutraler nicht über Land gehen +kann, ohne unversehens auf ein paar solche Schleppen zu treten. O +teuerster Herr Einnehmer und Bräutigam! obgleich Ihr in diesem Mantel +bis an die Gestade der Tiber dahinrauschtet, das kleine Händchen Eurer +gegenwärtigen Braut hielt Euch dennoch am äußersten Ende der Schleppe +fest, und wie Ihr zucktet und geigtet und rumortet, Ihr mußtet zurück in +den stillen Bann ihrer schönen Augen. -- Und nun dann, da es so gekommen +ist, ihr zwei lieben, lieben närrischen Leute! schlagt den seligen +Mantel um euch, daß die ganze andere Welt rings um euch untergeht -- +liebt euch wie die Kaninchen und seid glücklich!« + +Der Herr Leonhard war mit seinem Sermon kaum erst fertig, so kam auch +die andere junge Dame, die vorhin das Liedchen gesungen hatte, auf mich +los, setzte mir schnell einen frischen Myrtenkranz auf den Kopf und sang +dazu sehr neckisch, während sie mir den Kranz in den Haaren festrückte +und ihr Gesichtchen dabei dicht vor mir war: + + »Darum bin ich dir gewogen, + Darum wird dein Haupt geschmückt, + Weil der Strich von deinem Bogen + Öfters hat mein Herz entzückt.« + +Da trat sie wieder ein paar Schritte zurück. -- »Kennst du die Räuber +noch, die dich damals in der Nacht vom Baume schüttelten?« sagte sie, +indem sie einen Knicks mir machte und mich so anmutig und fröhlich +ansah, daß mir ordentlich das Herz im Leibe lachte. Darauf ging sie, +ohne meine Antwort abzuwarten, rings um mich herum. »Wahrhaftig, noch +ganz der alte, ohne allen welschen Beischmack! Aber nein, sieh doch nur +einmal die dicken Taschen an!« rief sie plötzlich zu der schönen +gnädigen Frau, »Violine, Wäsche, Barbiermesser, Reisekoffer, alles +durcheinander!« Sie drehte mich nach allen Seiten und konnte sich vor +Lachen gar nicht zugute geben. Die schöne gnädige Frau war unterdes noch +immer still und mochte gar nicht die Augen aufschlagen vor Scham und +Verwirrung. Oft kam es mir vor, als zürnte sie heimlich über das viele +Gerede und Spaßen. Endlich stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen, +und sie verbarg ihr Gesicht an der Brust der andern Dame. Diese sah sie +erst erstaunt an und drückte sie dann herzlich an sich. + +Ich aber stand ganz verdutzt da. Denn je genauer ich die fremde Dame +betrachtete, desto deutlicher erkannte ich sie, es war wahrhaftig +niemand anders als -- der junge Herr Maler Guido! + +Ich wußte gar nicht, was ich sagen sollte, und wollte soeben näher +nachfragen, als Herr Leonhard zu ihr trat und heimlich mit ihr sprach. +»Weiß er denn noch nicht?« hörte ich ihn fragen. Sie schüttelte mit dem +Kopfe. Er besann sich darauf einen Augenblick. »Nein, nein,« sagte er +endlich, »er muß schnell alles erfahren, sonst entsteht nur neues +Geplauder und Gewirre.« + +»Herr Einnehmer,« wandte er sich nun zu mir, »wir haben jetzt nicht viel +Zeit, aber tue mir den Gefallen und wundere dich hier in aller +Geschwindigkeit aus, damit du nicht hinterher durch Fragen, Erstaunen +und Kopfschütteln unter den Leuten alte Geschichten aufrührst und neue +Erdichtungen und Vermutungen ausschüttelst.« -- Er zog mich bei diesen +Worten tiefer in das Gebüsch hinein, während das Fräulein mit der von +der schönen gnädigen Frau weggelegten Reitgerte in der Luft focht und +alle ihre Locken tief in das Gesichtchen schüttelte, durch die ich aber +doch sehen konnte, daß sie bis an die Stirn rot wurde. -- »Nun denn,« +sagte Herr Leonhard, »Fräulein Flora, die hier soeben tun will, als +hörte und wüßte sie von der ganzen Geschichte nichts, hatte in aller +Geschwindigkeit ihr Herzchen mit jemand vertauscht. Darüber kommt ein +andrer und bringt ihr mit Prologen, Trompeten und Pauken wiederum =sein= +Herz dar und will ihr Herz dagegen. Ihr Herz ist aber schon bei jemand +und jemands Herz bei ihr, und der Jemand will sein Herz nicht wieder +haben und ihr Herz nicht wieder zurückgeben. Alle Welt schreit -- aber +du hast wohl noch keinen Roman gelesen?« -- Ich verneinte es. -- »Nun, +so hast du doch einen mitgespielt. Kurz: das war eine solche Konfusion +mit den Herzen, daß der Jemand -- das heißt ich -- mich zuletzt selbst +ins Mittel legen mußte. Ich schwang mich bei lauer Sommernacht auf mein +Roß, hob das Fräulein als Maler Guido auf das andere, und so ging es +fort nach Süden, um sie in einem meiner einsamen Schlösser in Italien zu +verbergen, bis das Geschrei wegen der Herzen vorüber wäre. Unterwegs +aber kam man uns auf die Spur, und von dem Balkon des welschen +Wirtshauses, vor dem du so vortrefflich Wache schliefst, erblickte Flora +plötzlich unsere Verfolger.« -- »Also der bucklige Signor?« -- »War ein +Spion. Wir zogen uns daher heimlich in die Wälder und ließen dich auf +dem vorbestellten Postkurse allein fortfahren. Das täuschte unsere +Verfolger und zum Überfluß auch noch meine Leute auf dem Bergschlosse, +welche die verkleidete Flora stündlich erwarteten und mit mehr +Diensteifer als Scharfsinn dich für das Fräulein hielten. Selbst hier +auf dem Schlosse glaubte man, daß Flora auf dem Felsen wohne, man +erkundigte sich, man schrieb an sie -- hast du nicht ein Briefchen +erhalten?« -- Bei diesen Worten fuhr ich blitzschnell mit dem Zettel aus +der Tasche. -- »Also dieser Brief?« -- »Ist an mich«, sagte Fräulein +Flora, die bisher auf unsere Rede gar nicht acht zu geben schien, riß +mir den Zettel rasch aus der Hand, überlas ihn und steckte ihn dann in +den Busen. -- »Und nun,« sagte Herr Leonhard, »müssen wir schnell in das +Schloß, da wartet schon alles auf uns. Also zum Schluß, wie sichs von +selbst versteht und einem wohlerzogenen Romane gebührt: Entdeckung, +Reue, Versöhnung, wir sind alle wieder lustig beisammen, und übermorgen +ist Hochzeit!« + +Da er noch so sprach, erhob sich plötzlich in dem Gebüsch ein rasender +Spektakel von Pauken und Trompeten, Hörnern und Posaunen; Böller wurden +dazwischen gelöst und Vivat gerufen, die kleinen Mädchen tanzten von +neuem, und aus allen Sträuchern kam ein Kopf über dem andern hervor, als +wenn sie aus der Erde wüchsen. Ich sprang in dem Geschwirre und +Geschleife ellenhoch von einer Seite zur andern, da es aber schon dunkel +wurde, erkannte ich erst nach und nach alle die alten Gesichter wieder. +Der alte Gärtner schlug die Pauken, die Prager Studenten in ihren +Mänteln musizierten mitten darunter, neben ihnen fingerte der Portier +wie toll auf seinem Fagott. Wie ich den so unverhofft erblickte, lief +ich sogleich auf ihn zu und embrassierte ihn heftig. Darüber kam er ganz +aus dem Konzept. »Nun wahrhaftig, und wenn der bis ans Ende der Welt +reist, er ist und bleibt ein Narr!« rief er den Studenten zu und blies +ganz wütend weiter. + +Unterdes war die schöne gnädige Frau vor dem Rumor heimlich entsprungen +und flog wie ein aufgescheuchtes Reh über den Rasen tiefer in den Garten +hinein. Ich sah es noch zur rechten Zeit und lief ihr eiligst nach. Die +Musikanten merkten in ihrem Eifer nichts davon, sie meinten nachher: wir +wären schon nach dem Schlosse aufgebrochen, und die ganze Bande setzte +sich nun mit Musik und großem Getümmel gleichfalls dorthin auf den +Marsch. + +Wir aber waren fast zu gleicher Zeit in einem Sommerhause angekommen, +das am Abhange des Gartens stand, mit dem offenen Fenster nach dem +weiten, tiefen Tale zu. Die Sonne war schon lange untergegangen hinter +den Bergen, es schimmerte nur noch wie ein rötlicher Duft über dem +warmen, verschallenden Abend, aus dem die Donau immer vernehmlicher +heraufrauschte, je stiller es ringsum wurde. Ich sah unverwandt die +schöne Gräfin an, die ganz erhitzt vom Laufen dicht vor mir stand, so +daß ich ordentlich hören konnte, wie ihr das Herz schlug. Ich wußte nun +aber gar nicht, was ich sprechen sollte vor Respekt, da ich auf einmal +so allein mit ihr war. Endlich faßte ich ein Herz, nahm ihr kleines, +weißes Händchen -- da zog sie mich schnell an sich und fiel mir um den +Hals, und ich umschlang sie fest mit beiden Armen. + +Sie machte sich aber geschwind wieder los und legte sich ganz verwirrt +in das Fenster, um ihre glühenden Wangen in der Abendluft abzukühlen. -- +»Ach,« rief ich, »mir ist mein Herz recht zum Zerspringen, aber ich kann +mir noch alles nicht recht denken, es ist mir alles noch wie ein Traum!« +-- »Mir auch,« sagte die schöne gnädige Frau. »Als ich vergangenen +Sommer,« setzte sie nach einer Weile hinzu, »mit der Gräfin aus Rom kam +und wir das Fräulein Flora gefunden hatten und mit zurückbrachten, von +dir aber dort und hier nichts hörte -- da dacht ich nicht, daß alles so +noch kommen würde! Erst heut zu Mittag sprengte der Jockei, der gute, +flinke Bursch, atemlos auf den Hof und brachte die Nachricht, daß du mit +dem Postschiffe kämst.« -- Dann lachte sie still in sich hinein. »Weißt +du noch,« sagte sie, »wie du mich damals auf dem Balkon zum letztenmal +sahst? Das war gerade wie heute, auch so ein stiller Abend und Musik im +Garten.« -- »Wer ist denn eigentlich gestorben?« fragte ich hastig. -- +»Wer denn?« sagte die schöne Frau und sah mich erstaunt an. »Der Herr +Gemahl von Ew. Gnaden,« erwiderte ich, »der damals mit auf dem Balkon +stand.« -- Sie wurde ganz rot. »Was hast du auch für Seltsamkeiten im +Kopfe!« rief sie aus, »das war ja der Sohn von der Gräfin, der eben von +Reisen zurückkam, und es traf gerade auch mein Geburtstag, da führte er +mich mit auf den Balkon hinaus, damit ich auch ein Vivat bekäme. -- Aber +deshalb bist du wohl damals von hier fortgelaufen?« -- »Ach Gott, +freilich!« rief ich aus und schlug mich mit der Hand vor die Stirn. Sie +aber schüttelte mit dem Köpfchen und lachte recht herzlich. + +Mir war so wohl, wie sie so fröhlich und vertraulich neben mir +plauderte, ich hätte bis zum Morgen zuhören mögen. Ich war so recht +seelenvergnügt und langte eine Handvoll Knackmandeln aus der Tasche, die +ich noch aus Italien mitgebracht hatte. Sie nahm auch davon, und wir +knackten nun und sahen zufrieden in die stille Gegend hinaus. -- »Siehst +du,« sagte sie nach einem Weilchen wieder, »das weiße Schlößchen, das da +drüben im Mondschein glänzt, das hat uns der Graf geschenkt, samt dem +Garten und den Weinbergen, da werden wir wohnen. Er wußt es schon lange, +daß wir einander gut sind, und ist dir sehr gewogen, denn hätt er dich +nicht mitgehabt, als er das Fräulein aus der Pensionsanstalt entführte, +so wären sie beide erwischt worden, ehe sie sich vorher noch mit der +Gräfin versöhnten, und alles wäre anders gekommen.« -- »Mein Gott, +schönste, gnädigste Gräfin,« rief ich aus, »ich weiß gar nicht mehr, wo +mir der Kopf steht vor lauter unverhofften Neuigkeiten; also der Herr +Leonhard?« -- »Ja, ja,« fiel sie mir in die Rede, »so nannte er sich in +Italien; dem gehören die Herrschaften da drüben, und er heiratet nun +unserer Gräfin Tochter, die schöne Flora. -- Aber was nennst du mich +denn Gräfin?« -- Ich sah sie groß an. -- »Ich bin ja gar keine Gräfin,« +fuhr sie fort, »unsere gnädige Gräfin hat mich nur zu sich aufs Schloß +genommen, da mich mein Onkel, der Portier, als kleines Kind und arme +Waise mit hierherbrachte.« + +Nun wars mir doch nicht anders, als wenn mir ein Stein vom Herzen fiele! +»Gott segne den Portier,« versetzte ich ganz entzückt, »daß er unser +Onkel ist! Ich habe immer große Stücke auf ihn gehalten.« -- »Er meint +es auch gut mir dir,« erwiderte sie, »wenn du dich nur etwas vornehmer +hieltest, sagt er immer. Du mußt dich jetzt auch eleganter kleiden.« -- +»O,« rief ich voller Freuden, »englischen Frack, Strohhut und Pumphosen +und Sporen! und gleich nach der Trauung reisen wir fort nach Italien, +nach Rom, da gehn die schönen Wasserkünste, und nehmen die Prager +Studenten mit und den Portier!« -- Sie lächelte still und sah mich recht +vergnügt und freundlich an, und von fern schallte immerfort die Musik +herüber, und Leuchtkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über +die Gärten, und die Donau rauschte dazwischen herauf -- und es war +alles, alles gut! + + +Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + zu prozudieren hatt ich keine Courage. Da sah ich nun allemal die + zu produzieren hatt ich keine Courage. Da sah ich nun allemal die + + Brust und und sagte: »Portier, jetzt schert Ihr Euch nach Hause, oder ich + Brust und sagte: »Portier, jetzt schert Ihr Euch nach Hause, oder ich + + Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, da seh ich + Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, »da seh ich + + rechts fort! + rechts fort!« + + wenn man manchmal einen falsche Note bläst.« -- »Das macht, du hast kein + wenn man manchmal eine falsche Note bläst.« -- »Das macht, du hast kein + + soll ein luftiger Vogel sein.« -- »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel, + soll ein lustiger Vogel sein.« -- »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel, + + Geplauder und Gewirre. + Geplauder und Gewirre.« + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Aus dem Leben eines Taugenichts, by +Joseph von Eichendorff + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM LEBEN EINES TAUGENICHTS *** + +***** This file should be named 35312-8.txt or 35312-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/5/3/1/35312/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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