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+The Project Gutenberg EBook of Aus dem Leben eines Taugenichts, by
+Joseph von Eichendorff
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Aus dem Leben eines Taugenichts
+ Novelle
+
+Author: Joseph von Eichendorff
+
+Release Date: February 18, 2011 [EBook #35312]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM LEBEN EINES TAUGENICHTS ***
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+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
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+
+ JOSEPH
+ VON
+ EICHENDORFF
+
+ AUS DEM LEBEN
+ EINES
+ TAUGENICHTS
+
+ NOVELLE
+
+ IM
+ INSEL VERLAG
+ ZU
+ LEIPZIG
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht
+lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten
+und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte
+mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen
+Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit
+Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem
+Kopfe, der sagte zu mir: »Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder
+und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit
+allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist
+vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber
+dein Brot.« -- »Nun,« sagte ich, »wenn ich ein Taugenichts bin, so ists
+gut, so will ich in die Welt gehn und mein Glück machen.« Und eigentlich
+war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen,
+auf Reisen zu gehn, da ich die Goldammer, welche im Herbst und Winter
+immer betrübt an unserm Fenster sang: Bauer, miet mich, Bauer, miet
+mich! nun in der schönen Frühlingszeit wieder ganz stolz und lustig vom
+Baume rufen hörte: Bauer, behalt deinen Dienst! -- Ich ging also in das
+Haus hinein und holte meine Geige, die ich recht artig spielte, von der
+Wand, mein Vater gab mir noch einige Groschen Geld mit auf den Weg, und
+so schlenderte ich durch das lange Dorf hinaus. Ich hatte recht meine
+heimliche Freude, als ich da alle meine alten Bekannten und Kameraden
+rechts und links, wie gestern und vorgestern und immerdar, zur Arbeit
+hinausziehen, graben und pflügen sah, während ich so in die freie Welt
+hinausstrich. Ich rief den armen Leuten nach allen Seiten recht stolz
+und zufrieden Adjes zu, aber es kümmerte sich eben keiner sehr darum.
+Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte. Und als ich endlich ins
+freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe Geige vor und spielte und
+sang, auf der Landstraße fortgehend:
+
+ »Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
+ Den schickt er in die weite Welt,
+ Dem will er seine Wunder weisen
+ In Berg und Wald und Strom und Feld.
+
+ Die Trägen, die zu Hause liegen,
+ Erquicket nicht das Morgenrot,
+ Sie wissen nur vom Kinderwiegen,
+ Von Sorgen, Last und Not um Brot.
+
+ Die Bächlein von den Bergen springen,
+ Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,
+ Was sollt ich nicht mit ihnen singen
+ Aus voller Kehl und frischer Brust?
+
+ Den lieben Gott laß ich nur walten;
+ Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
+ Und Erd und Himmel will erhalten,
+ Hat auch mein Sach aufs best bestellt!«
+
+Indem, wie ich mich so umsehe, kommt ein köstlicher Reisewagen ganz nahe
+an mich heran, der mochte wohl schon einige Zeit hinter mit drein
+gefahren sein, ohne daß ich es merkte, weil mein Herz so voller Klang
+war, denn es ging ganz langsam, und zwei vornehme Damen steckten die
+Köpfe aus dem Wagen und hörten mir zu. Die eine war besonders schön und
+jünger als die andere, aber eigentlich gefielen sie mir alle beide. Als
+ich nun aufhörte zu singen, ließ die ältere stillhalten und redete mich
+holdselig an: »Ei, lustiger Gesell, Er weiß ja recht hübsche Lieder zu
+singen.« Ich nicht zu faul dagegen: »Ew. Gnaden aufzuwarten, wüßt ich
+noch viel schönere.« Darauf fragte sie mich wieder: »Wohin wandert Er
+denn schon so am frühen Morgen?« Da schämte ich mich, daß ich das selber
+nicht wußte, und sagte dreist: »Nach Wien«; nun sprachen beide
+miteinander in einer fremden Sprache, die ich nicht verstand. Die
+jüngere schüttelte einigemal mit dem Kopfe, die andere lachte aber in
+einem fort und rief mir endlich zu: »Spring Er nur hinten mit auf, wir
+fahren auch nach Wien.« Wer war froher als ich! Ich machte eine Reverenz
+und war mit einem Sprunge hinter dem Wagen, der Kutscher knallte, und
+wir flogen über die glänzende Straße fort, daß mir der Wind am Hute
+pfiff.
+
+Hinter mir gingen nun Dorf, Gärten und Kirchtürme unter, vor mir neue
+Dörfer, Schlösser und Berge auf; unter mir Saaten, Büsche und Wiesen
+bunt vorüberfliegend, über mir unzählige Lerchen in der klaren blauen
+Luft -- ich schämte mich, laut zu schreien, aber innerlichst jauchzte
+ich und strampelte und tanzte auf dem Wagentritt herum, daß ich bald
+meine Geige verloren hätte, die ich unterm Arme hielt. Wie aber dann die
+Sonne immer höher stieg, rings am Horizont schwere weiße Mittagswolken
+aufstiegen und alles in der Luft und aus der weiten Fläche so leer und
+schwül und still wurde über den leise wogenden Kornfeldern, da fiel mir
+erst wieder mein Dorf ein und mein Vater und unsere Mühle, wie es da so
+heimlich kühl war an dem schattigen Weiher und daß nun alles so weit,
+weit hinter mir lag. Mir war dabei so kurios zumute, als müßt ich wieder
+umkehren; ich steckte meine Geige zwischen Rock und Weste, setzte mich
+voller Gedanken auf den Wagentritt hin und schlief ein.
+
+Als ich die Augen aufschlug, stand der Wagen still unter hohen
+Lindenbäumen, hinter denen eine breite Treppe zwischen Säulen in ein
+prächtiges Schloß führte. Seitwärts durch die Bäume sah ich die Türme
+von Wien. Die Damen waren, wie es schien, längst ausgestiegen, die
+Pferde abgespannt. Ich erschrak sehr, da ich auf einmal so allein saß,
+und sprang geschwind in das Schloß hinein, da hörte ich von oben aus dem
+Fenster lachen.
+
+In diesem Schlosse ging es mir wunderlich. Zuerst, wie ich mich in der
+weiten kühlen Vorhalle umschaue, klopft mir jemand mit dem Stocke auf
+die Schulter. Ich kehre mich schnell um, da steht ein großer Herr in
+Staatskleidern, ein breites Bandelier von Gold und Seide bis an die
+Hüften übergehängt, mit einem oben versilberten Stabe in der Hand und
+einer außerordentlich langen gebogenen kurfürstlichen Nase im Gesicht,
+breit und prächtig wie ein aufgeblasener Puter, der mich fragt, was ich
+hier will. Ich war ganz verblüfft und konnte vor Schreck und Erstaunen
+nichts hervorbringen. Darauf kamen mehrere Bediente die Treppe herauf
+und herunter gerannt, die sagten gar nichts, sondern sahen mich nur von
+oben bis unten an. Sodann kam eine Kammerjungfer (wie ich nachher hörte)
+gerade auf mich los und sagte: ich wäre ein scharmanter Junge, und die
+gnädigste Herrschaft ließe mich fragen, ob ich hier als Gärtnerbursche
+dienen wollte. -- Ich griff nach der Weste; meine paar Groschen, weiß
+Gott, sie müssen beim Herumtanzen auf dem Wagen aus der Tasche
+gesprungen sein, waren weg, ich hatte nichts als mein Geigenspiel, für
+das mir überdies auch der Herr mit dem Stabe, wie er mir im Vorbeigehn
+sagte, nicht einen Heller geben wollte. Ich sagte daher in meiner
+Herzensangst zu der Kammerjungfer: »Ja«, noch immer die Augen von der
+Seite auf die unheimliche Gestalt gerichtet, die immerfort wie der
+Perpendikel einer Turmuhr in der Halle auf und ab wandelte und eben
+wieder majestätisch und schauerlich aus dem Hintergrunde heraufgezogen
+kam. Zuletzt kam endlich der Gärtner, brummte was von Gesindel und
+Bauerlümmel unterm Bart und führte mich nach dem Garten, während er mir
+unterwegs noch eine lange Predigt hielt: wie ich nur fein nüchtern und
+arbeitsam sein, nicht in der Welt herumvagieren, keine brotlosen Künste
+und unnützes Zeug treiben solle, da könnt ich es mit der Zeit auch
+einmal zu was Rechtem bringen. -- Es waren noch mehr sehr hübsche,
+gutgesetzte, nützliche Lehren, ich habe nur seitdem fast alles wieder
+vergessen. Überhaupt weiß ich eigentlich gar nicht recht, wie doch alles
+so gekommen war, ich sagte nur immerfort zu allem: Ja, -- denn mir war
+wie einem Vogel, dem die Flügel begossen worden sind. -- So war ich
+denn, Gott sei Dank, im Brote. --
+
+In dem Garten war schön leben, ich hatte täglich mein warmes Essen
+vollauf und mehr Geld, als ich zum Weine brauchte, nur hatte ich leider
+ziemlich viel zu tun. Auch die Tempel, Lauben und schönen grünen Gänge,
+das gefiel mir alles recht gut, wenn ich nur hätte ruhig drin
+herumspazieren können und vernünftig diskurieren wie die Herren und
+Damen, die alle Tage dahin kamen. Sooft der Gärtner fort und ich allein
+war, zog ich sogleich mein kurzes Tabakspfeifchen heraus, setzte mich
+hin und sann auf schöne höfliche Redensarten, wie ich die eine junge
+schöne Dame, die mich in das Schloß mitbrachte, unterhalten wollte, wenn
+ich ein Kavalier wäre und mit ihr hier herumginge. Oder ich legte mich
+an schwülen Nachmittagen auf den Rücken hin, wenn alles so still war,
+daß man nur die Bienen sumsen hörte, und sah zu, wie über mir die Wolken
+nach meinem Dorfe zuflogen und die Gräser und Blumen sich hin und her
+bewegten, und gedachte an die Dame, und da geschah es denn oft, daß die
+schöne Frau mit der Gitarre oder einem Buche in der Ferne wirklich durch
+den Garten zog, so still, groß und freundlich wie ein Engelsbild, so daß
+ich nicht recht wußte, ob ich träumte oder wachte.
+
+So sang ich auch einmal, wie ich eben bei einem Lusthause zur Arbeit
+vorbeiging, für mich hin:
+
+ »Wohin ich geh und schaue,
+ In Feld und Wald und Tal,
+ Vom Berg ins Himmelsblaue,
+ Vielschöne gnädge Fraue,
+ Grüß ich dich tausendmal.«
+
+Da seh ich aus dem dunkelkühlen Lusthause zwischen den halbgeöffneten
+Jalousien und Blumen, die dort standen, zwei schöne, junge, frische
+Augen hervorfunkeln. Ich war ganz erschrocken, ich sang das Lied nicht
+aus, sondern ging, ohne mich umzusehen, fort an die Arbeit.
+
+Abends, es war gerade an einem Sonnabend, und ich stand eben in der
+Vorfreude kommenden Sonntags mit der Geige im Gartenhause am Fenster und
+dachte noch an die funkelnden Augen, da kommt auf einmal die
+Kammerjungfer durch die Dämmerung dahergestrichen. »Da schickt Euch die
+vielschöne gnädige Frau was, das sollt Ihr auf ihre Gesundheit trinken.
+Eine gute Nacht auch!« Damit setzte sie mir fix eine Flasche Wein aufs
+Fenster und war sogleich wieder zwischen den Blumen und Hecken
+verschwunden wie eine Eidechse.
+
+Ich aber stand noch lange vor der wundersamen Flasche und wußte nicht,
+wie mir geschehen war. -- Und hatte ich vorher lustig die Geige
+gestrichen, so spielt und sang ich jetzt erst recht und sang das Lied
+von der schönen Frau ganz aus und alle meine Lieder, die ich nur wußte,
+bis alle Nachtigallen draußen erwachten und Mond und Sterne schon lange
+über dem Garten standen. Ja, das war einmal eine gute schöne Nacht!
+
+Es wird keinem an der Wiege gesungen, was künftig aus ihm wird, eine
+blinde Henne findet manchmal auch ein Korn, wer zuletzt lacht, lacht am
+besten, unverhofft kommt oft, der Mensch denkt und Gott lenkt, so
+meditiert ich, als ich am folgenden Tage wieder mit meiner Pfeife im
+Garten saß und es mir dabei, da ich so aufmerksam an mir heruntersah,
+fast vorkommen wollte, als wäre ich doch eigentlich ein rechter Lump. --
+Ich stand nunmehr, ganz wider meine sonstige Gewohnheit, alle Tage sehr
+zeitig auf, eh sich noch der Gärtner und die andern Arbeiter rührten. Da
+war es so wunderschön draußen im Garten. Die Blumen, die Springbrunnen,
+die Rosenbüsche und der ganze Garten funkelten von der Morgensonne wie
+lauter Gold und Edelstein. Und in den hohen Buchenalleen, da war es noch
+so still, kühl und andächtig, wie in einer Kirche, nur die Vögel
+flatterten und pickten auf dem Sande. Gleich vor dem Schlosse, gerade
+unter den Fenstern, wo die schöne Frau wohnte, war ein blühender
+Strauch. Dorthin ging ich dann immer am frühesten Morgen und duckte mich
+hinter die Äste, um so nach den Fenstern zu sehen, denn mich im Freien
+zu produzieren hatt ich keine Courage. Da sah ich nun allemal die
+allerschönste Dame noch heiß und halb verschlafen im schneeweißen Kleid
+an das offene Fenster hervortreten. Bald flocht sie sich die
+dunkelbraunen Haare und ließ dabei die anmutig spielenden Augen über
+Busch und Garten ergehen, bald bog und band sie die Blumen, die vor
+ihrem Fenster standen, oder sie nahm auch die Gitarre in den weißen Arm
+und sang dazu so wundersam über den Garten hinaus, daß sich mir noch das
+Herz umwenden will vor Wehmut, wenn mir eins von den Liedern bisweilen
+einfällt -- und ach, das alles ist schon lange her!
+
+So dauerte das wohl über eine Woche. Aber das eine Mal, sie stand gerade
+wieder am Fenster, und alles war stille ringsumher, fliegt mir eine
+fatale Fliege in die Nase, und ich gebe mich an ein erschreckliches
+Niesen, das gar nicht enden will. Sie legt sich weit zum Fenster hinaus
+und sieht mich Ärmsten hinter dem Strauche lauschen. -- Nun schämte ich
+mich und kam viele Tage nicht hin.
+
+Endlich wagte ich es wieder, aber das Fenster blieb diesmal zu, ich saß
+vier, fünf, sechs Morgen hinter dem Strauche, aber sie kam nicht wieder
+ans Fenster. Da wurde mir die Zeit lang, ich faßte mir ein Herz und ging
+nun alle Morgen frank und frei längs dem Schlosse unter allen Fenstern
+hin. Aber die liebe schöne Frau blieb immer und immer aus. Eine Strecke
+weiter sah ich dann immer die andere Dame am Fenster stehen. Ich hatte
+sie sonst so genau noch niemals gesehen. Sie war wahrhaftig recht schön
+rot und dick und gar prächtig und hoffärtig anzusehn wie eine Tulipane.
+Ich machte ihr immer ein tiefes Kompliment, und, ich kann nicht anders
+sagen, sie dankte mir jedesmal und nickte und blinzelte mit den Augen
+dazu ganz außerordentlich höflich. -- Nur ein einziges Mal glaub ich
+gesehn zu haben, daß auch die Schöne an ihrem Fenster hinter der Gardine
+stand und versteckt hervorguckte. --
+
+Viele Tage gingen jedoch ins Land, ohne daß ich sie sah. Sie kam nicht
+mehr in den Garten, sie kam nicht mehr ans Fenster. Der Gärtner schalt
+mich einen faulen Bengel, ich war verdrüßlich, meine eigene Nasenspitze
+war mir im Wege, wenn ich in Gottes freie Welt hinaussah.
+
+So lag ich eines Sonntags nachmittag im Garten und ärgerte mich, wie ich
+so in die blauen Wolken meiner Tabakspfeife hinaussah, daß ich mich
+nicht auf ein anderes Handwerk gelegt und mich also morgen nicht auch
+wenigstens auf einen blauen Montag zu freuen hätte. Die andern Burschen
+waren indes alle wohlausstaffiert nach den Tanzböden in der nahen
+Vorstadt hinausgezogen. Da wallte und wogte alles im Sonntagsputze in
+der warmen Luft zwischen den lichten Häusern und wandernden Leierkästen
+schwärmend hin und zurück. Ich aber saß wie eine Rohrdommel im Schilfe
+eines einsamen Weihers im Garten und schaukelte mich auf dem Kahne, der
+dort angebunden war, während die Vesperglocken aus der Stadt über den
+Garten herüberschallten und die Schwäne auf dem Wasser langsam neben mir
+hin und her zogen. Mir war zum Sterben bange. --
+
+Währenddes hörte ich von weitem allerlei Stimmen, lustiges
+Durcheinandersprechen und Lachen, immer näher und näher, dann
+schimmerten rot und weiße Tücher, Hüte und Federn durchs Grüne, auf
+einmal kommt ein heller lichter Haufen von jungen Herren und Damen vom
+Schlosse über die Wiese auf mich los, meine beiden Damen mitten unter
+ihnen. Ich stand auf und wollte weggehen, da erblickte mich die ältere
+von den schönen Damen. »Ei, das ist ja wie gerufen,« rief sie mir mit
+lachendem Munde zu, »fahr Er uns doch an das jenseitige Ufer über den
+Teich!« Die Damen stiegen nun eine nach der andern vorsichtig und
+furchtsam in den Kahn, die Herren halfen ihnen dabei und machten sich
+ein wenig groß mit ihrer Kühnheit auf dem Wasser. Als sich darauf die
+Frauen alle auf die Seitenbänke gelagert hatten, stieß ich vom Ufer.
+Einer von den jungen Herren, der ganz vorn stand, fing unmerklich an zu
+schaukeln. Da wandten sich die Damen furchtsam hin und her, einige
+schrien gar. Die schöne Frau, welche eine Lilie in der Hand hielt, saß
+dicht am Bord des Schiffleins und sah so still lächelnd in die klaren
+Wellen hinunter, die sie mit der Lilie berührte, so daß ihr ganzes Bild
+zwischen den widerscheinenden Wolken und Bäumen im Wasser noch einmal zu
+sehen war, wie ein Engel, der leise durch den tiefen blauen Himmelsgrund
+zieht.
+
+Wie ich noch so auf sie hinsehe, fällts auf einmal der andern lustigen
+Dicken von meinen zwei Damen ein, ich sollte ihr während der Fahrt eins
+singen. Geschwind dreht sich ein sehr zierlicher junger Herr mit einer
+Brille auf der Nase, der neben ihr saß, zu ihr herum, küßt ihr sanft die
+Hand und sagt: »Ich danke Ihnen für den sinnigen Einfall! ein Volkslied,
+=gesungen= vom Volk in freiem Feld und Wald, ist ein Alpenröslein auf
+der Alpe selbst, -- die Wunderhörner sind nur Herbarien, -- ist die
+Seele der Nationalseele.« Ich aber sagte, ich wisse nichts zu singen,
+was für solche Herrschaften schön genug wäre. Da sagte die schnippische
+Kammerjungfer, die mit einem Korbe voll Tassen und Flaschen hart neben
+mir stand und die ich bis jetzt noch gar nicht bemerkt hatte: »Weiß Er
+doch ein recht hübsches Liedchen von einer vielschönen Fraue.« -- »Ja,
+ja, das sing Er nur recht dreist weg«, rief darauf sogleich die Dame
+wieder. Ich wurde über und über rot. -- Indem blickte auch die schöne
+Frau auf einmal vom Wasser auf und sah mich an, daß es mir durch Leib
+und Seele ging. Da besann ich mich nicht lange, faßt ein Herz und sang
+so recht aus voller Brust und Lust:
+
+ »Wohin ich geh und schaue,
+ In Feld und Wald und Tal,
+ Vom Berg hinab in die Aue:
+ Vielschöne, hohe Fraue,
+ Grüß ich dich tausendmal.
+
+ In meinem Garten find ich
+ Viel Blumen, schön und fein,
+ Viel Kränze wohl draus wind ich,
+ Und tausend Gedanken bind ich
+ Und Grüße mit darein.
+
+ =Ihr= darf ich keinen reichen,
+ Sie ist zu hoch und schön,
+ Die müssen alle verbleichen,
+ Die Liebe nur ohnegleichen
+ Bleibt ewig im Herzen stehn.
+
+ Ich schein wohl froher Dinge
+ Und schaffe auf und ab,
+ Und ob das Herz zerspringe,
+ Ich grabe fort und singe
+ Und grab mir bald mein Grab.«
+
+Wir stießen ans Land, die Herrschaften stiegen alle aus, viele von den
+jungen Herren hatten mich, ich bemerkt es wohl, während ich sang, mit
+listigen Mienen und Flüstern verspottet vor den Damen. Der Herr mit der
+Brille faßte mich im Weggehen bei der Hand und sagte mir, ich weiß
+selbst nicht mehr was, die ältere von meinen Damen sah mich sehr
+freundlich an. Die schöne Frau hatte während meines ganzen Liedes die
+Augen niedergeschlagen und ging nun auch fort und sagte gar nichts. --
+Mir aber standen die Tränen in den Augen schon wie ich noch sang, das
+Herz wollte mir zerspringen von dem Liede vor Scham und vor Schmerz, es
+fiel mir jetzt auf einmal alles recht ein, wie =sie= so schön ist und
+ich so arm bin und verspottet und verlassen von der Welt, -- und als sie
+alle hinter den Büschen verschwunden waren, da konnt ich mich nicht
+länger halten, ich warf mich in das Gras hin und weinte bitterlich.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Dicht am herrschaftlichen Garten ging die Landstraße vorüber, nur durch
+eine hohe Mauer von derselben geschieden. Ein gar sauberes Zollhäuschen
+mit rotem Ziegeldache war da erbaut, und hinter demselben ein kleines,
+buntumzäuntes Blumengärtchen, das durch eine Lücke in der Mauer des
+Schloßgartens hindurch an den schattigsten und verborgensten Teil des
+letzteren stieß. Dort war eben der Zolleinnehmer gestorben, der das
+alles sonst bewohnte. Da kam eines Morgens frühzeitig, da ich noch im
+tiefsten Schlafe lag, der Schreiber vom Schlosse zu mir und rief mich
+schleunigst zum Herrn Amtmann. Ich zog mich geschwind an und schlenderte
+hinter dem lustigen Schreiber her, der unterwegs bald da bald dort eine
+Blume abbrach und vorn an den Rock steckte, bald mit seinem
+Spazierstöckchen künstlich in der Luft herumfocht und allerlei zu mir in
+den Wind hineinparlierte, wovon ich aber nichts verstand, weil mir die
+Augen und Ohren noch voller Schlaf lagen. Als ich in die Kanzlei trat,
+wo es noch gar nicht recht Tag war, sah der Amtmann hinter einem
+ungeheuren Tintenfasse und Stößen von Papier und Büchern und einer
+ansehnlichen Perücke, wie die Eule aus ihrem Nest, auf mich und hob an:
+»Wie heißt Er? Woher ist Er? Kann Er schreiben, lesen und rechnen?« Da
+ich das bejahte, versetzte er: »Na, die gnädige Herrschaft hat Ihm, in
+Betrachtung Seiner guten Aufführung und besonderen Meriten, die ledige
+Einnehmerstelle zugedacht.« -- Ich überdachte in der Geschwindigkeit für
+mich meine bisherige Aufführung und Manieren, und ich mußte gestehen,
+ich fand am Ende selber, daß der Amtmann recht hatte. -- Und so war ich
+denn wirklich Zolleinnehmer, ehe ich michs versah.
+
+Ich bezog nun sogleich meine neue Wohnung und war in kurzer Zeit
+eingerichtet. Ich hatte noch mehrere Gerätschaften gefunden, die der
+selige Einnehmer seinem Nachfolger hinterlassen, unter andern einen
+prächtigen roten Schlafrock mit gelben Punkten, grüne Pantoffeln, eine
+Schlafmütze und einige Pfeifen mit langen Röhren. Das alles hatte ich
+mir schon einmal gewünscht, als ich noch zu Hause war, wo ich immer
+unsern Pfarrer so bequem herumgehen sah. Den ganzen Tag (zu tun hatte
+ich weiter nichts) saß ich daher auf dem Bänkchen vor meinem Hause in
+Schlafrock und Schlafmütze, rauchte Tabak aus dem längsten Rohre, das
+ich von dem seligen Einnehmer vorgefunden hatte, und sah zu, wie die
+Leute auf der Landstraße hin und her gingen, fuhren und ritten. Ich
+wünschte nur immer, daß auch einmal ein paar Leute aus meinem Dorfe, die
+immer sagten, aus mir würde mein Lebtag nichts, hier vorüberkommen und
+mich so sehen möchten. -- Der Schlafrock stand mir schön zu Gesichte,
+und überhaupt das alles behagte mir sehr gut. So saß ich denn da und
+dachte mir mancherlei hin und her, wie aller Anfang schwer ist, wie das
+vornehmere Leben doch eigentlich recht bequem sei, und faßte heimlich
+den Entschluß, nunmehr alles Reisen zu lassen, auch Geld zu sparen wie
+die andern und es mit der Zeit gewiß zu etwas Großem in der Welt zu
+bringen. Inzwischen vergaß ich über meinen Entschlüssen, Sorgen und
+Geschäften die allerschönste Frau keineswegs.
+
+Die Kartoffeln und anderes Gemüse, das ich in meinem kleinen Gärtchen
+fand, warf ich hinaus und bebaute es ganz mit den auserlesensten Blumen,
+worüber mich der Portier vom Schlosse mit der großen kurfürstlichen
+Nase, der, seitdem ich hier wohnte, oft zu mir kam und mein intimer
+Freund geworden war, bedenklich von der Seite ansah und mich für einen
+hielt, den sein plötzliches Glück verrückt gemacht hätte. Ich aber ließ
+mich das nicht anfechten. Denn nicht weit von mir im herrschaftlichen
+Garten hörte ich feine Stimmen sprechen, unter denen ich die meiner
+schönen Frau zu erkennen meinte, obgleich ich wegen des dichten
+Gebüsches niemand sehen konnte. Da band ich denn alle Tage einen Strauß
+von den schönsten Blumen, die ich hatte, stieg jeden Abend, wenn es
+dunkel wurde, über die Mauer und legte ihn auf einen steinernen Tisch
+hin, der dort inmitten einer Laube stand; und jeden Abend, wenn ich den
+neuen Strauß brachte, war der alte von dem Tische fort.
+
+Eines Abends war die Herrschaft auf die Jagd geritten; die Sonne ging
+eben unter und bedeckte das ganze Land mit Glanz und Schimmer, die Donau
+schlängelte sich prächtig wie von lauter Gold und Feuer in die weite
+Ferne, von allen Bergen bis tief ins Land hinein sangen und jauchzten
+die Winzer. Ich saß mit dem Portier auf dem Bänkchen vor meinem Hause
+und freute mich in der lauen Luft, wie der lustige Tag so langsam vor
+uns verdunkelte und verhallte. Da ließen sich auf einmal die Hörner der
+zurückkehrenden Jäger von ferne vernehmen, die von den Bergen gegenüber
+einander von Zeit zu Zeit lieblich Antwort gaben. Ich war recht im
+innersten Herzen vergnügt und sprang auf und rief wie bezaubert und
+verzückt vor Lust: »Nein, das ist mir doch ein Metier, die edle
+Jägerei!« Der Portier aber klopfte sich ruhig die Pfeife aus und sagte:
+»Das denkt Ihr Euch just so. Ich habe es auch mitgemacht, man verdient
+sich kaum die Sohlen, die man sich abläuft; und Husten und Schnupfen
+wird man erst gar nicht los, das kommt von den ewig nassen Füßen.« --
+Ich weiß nicht, mich packte da ein närrischer Zorn, daß ich ordentlich
+am ganzen Leibe zitterte. Mir war auf einmal der ganze Kerl mit seinem
+langweiligen Mantel, die ewigen Füße, sein Tabaksschnupfen, die große
+Nase und alles abscheulich. -- Ich faßte ihn, wie außer mir, bei der
+Brust und sagte: »Portier, jetzt schert Ihr Euch nach Hause, oder ich
+prügle Euch hier sogleich durch!« Den Portier überfiel bei diesen Worten
+seine alte Meinung, ich wäre verrückt geworden. Er sah mich bedenklich
+und mit heimlicher Furcht an, machte sich, ohne ein Wort zu sprechen,
+von mir los und ging, immer noch unheimlich nach mir zurückblickend, mit
+langen Schritten nach dem Schlosse, wo er atemlos aussagte, ich sei nun
+wirklich rasend geworden.
+
+Ich aber mußte am Ende laut auflachen und war herzlich froh, den
+superklugen Gesellen los zu sein, denn es war gerade die Zeit, wo ich
+den Blumenstrauß immer in die Laube zu legen pflegte. Ich sprang auch
+heute schnell über die Mauer und ging eben auf das steinerne Tischchen
+los, als ich in einiger Entfernung Pferdetritte vernahm. Entspringen
+konnt ich nicht mehr, denn schon kam meine schöne gnädige Frau selber,
+in einem grünen Jagdhabit und mit nickenden Federn auf dem Hute, langsam
+und, wie es schien, in tiefen Gedanken die Allee herabgeritten. Es war
+mir nicht anders zumute, als da ich sonst in den alten Büchern bei
+meinem Vater von der schönen Magelone gelesen, wie sie so zwischen den
+immer näher schallenden Waldhornsklängen und wechselnden Abendlichtern
+unter den hohen Bäumen hervorkam, -- ich konnte nicht vom Fleck. Sie
+aber erschrak heftig, als sie mich auf einmal gewahr wurde, und hielt
+fast unwillkürlich still. Ich war wie betrunken vor Angst, Herzklopfen
+und großer Freude, und da ich bemerkte, daß sie wirklich meinen
+Blumenstrauß von gestern an der Brust hatte, konnte ich mich nicht
+länger halten, sondern sagte ganz verwirrt: »Schönste gnädige Frau,
+nehmt auch noch diesen Blumenstrauß von mir und alle Blumen aus meinem
+Garten und alles, was ich habe. Ach, könnt ich nur für Euch ins Feuer
+springen!« -- Sie hatte mich gleich anfangs so ernsthaft und fast böse
+angeblickt, daß es mir durch Mark und Bein ging, dann aber hielt sie,
+solange ich redete, die Augen tief niedergeschlagen. Soeben ließen sich
+einige Reiter und Stimmen im Gebüsch hören. Da ergriff sie schnell den
+Strauß aus meiner Hand und war bald, ohne ein Wort zu sagen, am andern
+Ende des Bogenganges verschwunden.
+
+Seit diesem Abend hatte ich weder Ruh noch Rast mehr. Es war mir
+beständig zumute wie sonst immer, wenn der Frühling anfangen sollte, so
+unruhig und fröhlich, ohne daß ich wußte, warum, als stünde mir ein
+großes Glück oder sonst etwas Außerordentliches bevor. Besonders das
+fatale Rechnen wollte mir nun erst gar nicht mehr von der Hand, und ich
+hatte, wenn der Sonnenschein durch den Kastanienbaum vor dem Fenster
+grüngolden auf die Ziffern fiel, und so fix vom Transport bis zum Latus
+und wieder hinauf und hinab addierte, gar seltsame Gedanken dabei, so
+daß ich manchmal ganz verwirrt wurde und wahrhaftig nicht bis drei
+zählen konnte. Denn die Acht kam mir immer vor wie meine dicke
+enggeschnürte Dame mit dem breiten Kopfputz, die böse Sieben war gar wie
+ein ewig rückwärtszeigender Wegweiser oder Galgen. -- Am meisten Spaß
+machte mir noch die Neun, die sich mir so oft, eh ich michs versah,
+lustig als Sechs auf den Kopf stellte, während die Zwei wie ein
+Fragezeichen so pfiffig dreinsah, als wollte sie mich fragen: Wo soll
+das am Ende noch hinaus mit dir, du arme Null? Ohne =sie=, diese
+schlanke Eins und alles, bleibst du doch ewig nichts!
+
+Auch das Sitzen draußen vor der Tür wollte mir nicht mehr behagen. Ich
+nahm mir, um es bequemer zu haben, einen Schemel mit heraus und streckte
+die Füße darauf, ich flickte ein altes Parasol vom Einnehmer und steckte
+es gegen die Sonne wie ein chinesisches Lusthaus über mich. Aber es half
+nichts. Es schien mir, wie ich so saß und rauchte und spekulierte, als
+würden mir allmählich die Beine immer länger vor Langeweile und die Nase
+wüchse mir vom Nichtstun, wenn ich so stundenlang an ihr heruntersah. --
+Und wenn dann manchmal noch vor Tagesanbruch eine Extrapost vorbeikam,
+und ich trat halb verschlafen in die kühle Luft hinaus, und ein
+niedliches Gesichtchen, von dem man in der Dämmerung nur die funkelnden
+Augen sah, bog sich neugierig zum Wagen hervor und bot mir freundlich
+einen guten Morgen, in den Dörfern aber ringsumher krähten die Hähne so
+frisch über die leise wogenden Kornfelder herüber, und zwischen den
+Morgenstreifen hoch am Himmel schweiften schon einzelne zu früh erwachte
+Lerchen, und der Postillion nahm dann sein Posthorn und fuhr weiter und
+blies und blies -- da stand ich lange und sah dem Wagen nach, und es war
+mir nicht anders, als müßt ich nur sogleich mit fort, weit, weit in die
+Welt. --
+
+Meine Blumensträuße legte ich indes immer noch, sobald die Sonne
+unterging, auf den steinernen Tisch in der dunklen Laube. Aber das war
+es eben: damit war es nun aus seit jenem Abend. -- Kein Mensch kümmerte
+sich darum: sooft ich des Morgens frühzeitig nachsah, lagen die Blumen
+noch immer da wie gestern und sahen mich mit ihren verwelkten
+niederhängenden Köpfchen und daraufstehenden Tautropfen ordentlich
+betrübt an, als ob sie weinten. -- Das verdroß mich sehr. Ich band gar
+keinen Strauß mehr. In meinem Garten mochte nun auch das Unkraut treiben
+wie es wollte, und die Blumen ließ ich ruhig stehn und wachsen, bis der
+Wind die Blätter verwehte. War mirs doch ebenso wild und bunt und
+verstört im Herzen.
+
+In diesen kritischen Zeitläuften geschah es denn, daß einmal, als ich
+eben zu Hause im Fenster liege und verdrüßlich in die leere Luft
+hinaussehe, die Kammerjungfer vom Schlosse über die Straße
+dahergetrippelt kommt. Sie lenkte, da sie mich erblickte, schnell zu mir
+ein und blieb am Fenster stehen. -- »Der gnädige Herr ist gestern von
+seiner Reise zurückgekommen«, sagte sie eilfertig. »So?« entgegnete ich
+verwundert -- denn ich hatte mich schon seit einigen Wochen um nichts
+bekümmert und wußte nicht einmal, daß der Herr auf Reisen war --, »da
+wird seine Tochter, die junge gnädige Frau, auch große Freude gehabt
+haben.« -- Die Kammerjungfer sah mich kurios von oben bis unten an, so
+daß ich mich ordentlich selber besinnen mußte, ob ich was Dummes gesagt
+hätte. -- »Er weiß aber auch gar nichts«, sagte sie endlich und rümpfte
+das kleine Näschen. »Nun,« fuhr sie fort, »es soll heute abend dem Herrn
+zu Ehren Tanz im Schlosse sein und Maskerade. Meine gnädige Frau wird
+auch maskiert sein, als Gärtnerin -- versteht Er auch recht -- als
+Gärtnerin. Nun hat die gnädige Frau gesehen, daß Er besonders schöne
+Blumen hat in Seinem Garten.« -- Das ist seltsam, dachte ich bei mir
+selbst, man sieht doch jetzt fast keine Blume mehr vor Unkraut. -- Sie
+aber fuhr fort: »Da nun die gnädige Frau schöne Blumen zu ihrem Anzuge
+braucht, aber ganz frische, die eben vom Beete kommen, so soll Er ihr
+welche bringen und damit heute abend, wenns dunkel geworden ist, unter
+dem großen Birnbaum im Schloßgarten warten, da wird sie dann kommen und
+die Blumen abholen.«
+
+Ich war ganz verblüfft vor Freude über diese Nachricht und lief in
+meiner Entzückung vom Fenster zu der Kammerjungfer hinaus. --
+
+»Pfui, der garstige Schlafrock!« rief diese aus, da sie mich auf einmal
+so in meinem Aufzuge im Freien sah. Das ärgerte mich, ich wollte auch
+nicht dahinterbleiben in der Galanterie und machte einige artige
+Kapriolen, um sie zu erhaschen und zu küssen. Aber unglücklicherweise
+verwickelte sich mir dabei der Schlafrock, der mir viel zu lang war,
+unter den Füßen, und ich fiel der Länge nach auf die Erde. Als ich mich
+wieder zusammenraffte, war die Kammerjungfer schon weit fort, und ich
+hörte sie noch von fern lachen, daß sie sich die Seiten halten mußte.
+
+Nun aber hatt ich was zu sinnen und mich zu freuen. =Sie= dachte ja noch
+immer an mich und meine Blumen! Ich ging in mein Gärtchen und riß hastig
+alles Unkraut von den Beeten und warf es hoch über meinen Kopf weg in
+die schimmernde Luft, als zög ich alle Übel und Melancholie mit der
+Wurzel heraus. Die Rosen waren nun wieder wie =ihr= Mund, die
+himmelblauen Winden wie =ihre= Augen, die schneeweiße Lilie mit ihrem
+schwermütig gesenkten Köpfchen sah ganz aus wie =sie=. Ich legte alle
+sorgfältig in ein Körbchen zusammen. Es war ein schöner stiller Abend
+und kein Wölkchen am Himmel. Einzelne Sterne traten schon am Firmamente
+hervor, von weitem rauschte die Donau über die Felder herüber, in den
+hohen Bäumen im herrschaftlichen Garten neben mir sangen unzählige Vögel
+lustig durcheinander. Ach, ich war so glücklich!
+
+Als endlich die Nacht hereinbrach, nahm ich mein Körbchen an den Arm und
+machte mich auf den Weg nach dem großen Garten. In dem Körbchen lag
+alles so bunt und anmutig durcheinander, weiß, rot, blau und duftig, daß
+mir ordentlich das Herz lachte, wenn ich hineinsah.
+
+Ich ging voller fröhlicher Gedanken bei dem schönen Mondschein durch die
+stillen, reinlich mit Sand bestreuten Gänge über die kleinen weißen
+Brücken, unter denen die Schwäne eingeschlafen auf dem Wasser saßen, an
+den zierlichen Lauben und Lusthäusern vorüber. Den großen Birnbaum hatte
+ich gar bald aufgefunden, denn es war derselbe, unter dem ich sonst, als
+ich noch Gärtnerbursche war, an schwülen Nachmittagen gelegen.
+
+Hier war es so einsam dunkel. Nur eine hohe Espe zitterte und flüsterte
+mit ihren silbernen Blättern in einem fort. Vom Schlosse schallte
+manchmal die Tanzmusik herüber. Auch Menschenstimmen hörte ich zuweilen
+im Garten, die kamen oft ganz nahe an mich heran, dann wurde es auf
+einmal wieder ganz still.
+
+Mir klopfte das Herz. Es war mir schauerlich und seltsam zumute, als
+wenn ich jemand bestehlen wollte. Ich stand lange Zeit stockstill an den
+Baum gelehnt und lauschte nach allen Seiten, da aber immer niemand kam,
+konnt ich es nicht länger aushalten. Ich hing mein Körbchen an den Arm
+und kletterte schnell auf den Birnbaum hinauf, um wieder im Freien Luft
+zu schöpfen.
+
+Da droben schallte mir die Tanzmusik erst recht über die Wipfel
+entgegen. Ich übersah den ganzen Garten und gerade in die
+hellerleuchteten Fenster des Schlosses hinein. Dort drehten sich die
+Kronleuchter langsam wie Kränze von Sternen, unzählige geputzte Herren
+und Damen, wie in einem Schattenspiele, wogten und walzten und wirrten
+da bunt und unkenntlich durcheinander, manchmal legten sich welche ins
+Fenster und sahen hinunter in den Garten. Draußen vor dem Schlosse aber
+waren der Rasen, die Sträucher und die Bäume von den vielen Lichtern aus
+dem Saale wie vergoldet, so daß ordentlich die Blumen und die Vögel
+aufzuwachen schienen. Weiterhin um mich herum und hinter mir lag der
+Garten so schwarz und still.
+
+Da tanzt =sie= nun, dacht ich in dem Baume droben bei mir selber, und
+hat gewiß lange dich und deine Blumen wieder vergessen. Alles ist so
+fröhlich, um dich kümmert sich kein Mensch. -- Und so geht es mir
+überall und immer. Jeder hat sein Plätzchen auf der Erde ausgesteckt,
+hat seinen warmen Ofen, seine Tasse Kaffee, seine Frau, sein Glas Wein
+zu Abend und ist so recht zufrieden; selbst dem Portier ist ganz wohl in
+seiner langen Haut. -- Mir ists nirgends recht. Es ist, als wäre ich
+überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf
+mich gerechnet. --
+
+Wie ich eben so philosophiere, höre ich auf einmal unten im Grase etwas
+einherrascheln. Zwei feine Stimmen sprachen ganz nahe und leise
+miteinander. Bald darauf bogen sich die Zweige in dem Gesträuche
+auseinander, und die Kammerjungfer steckte ihr kleines Gesichtchen, sich
+nach allen Seiten umsehend, zwischen der Laube hindurch. Der Mondschein
+funkelte recht auf ihren pfiffigen Augen, wie sie hervorguckten. Ich
+hielt den Atem an mich und blickte unverwandt hinunter. Es dauerte auch
+nicht lange, so trat wirklich die Gärtnerin, ganz so wie mir sie die
+Kammerjungfer gestern beschrieben hatte, zwischen den Bäumen heraus.
+Mein Herz klopfte mir zum Zerspringen. Sie aber hatte eine Larve vor und
+sah sich, wie mir schien, verwundert auf dem Platze um. -- Da wollts mir
+vorkommen, als wäre sie gar nicht recht schlank und niedlich. -- Endlich
+trat sie ganz nahe an den Baum und nahm die Larve ab. -- Es war
+wahrhaftig die andere ältere gnädige Frau!
+
+Wie froh war ich nun, als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, daß
+ich mich hier oben in Sicherheit befand. Wie in aller Welt, dachte ich,
+kommt =die= nur jetzt hierher? wenn nun die liebe schöne gnädige Frau
+die Blumen abholt, -- das wird eine schöne Geschichte werden! Ich hätte
+am Ende weinen mögen vor Ärger über den ganzen Spektakel.
+
+Indem hub die verkappte Gärtnerin unten an: »Es ist so stickend heiß
+droben im Saale, ich mußte gehen, mich ein wenig abzukühlen in der
+freien schönen Natur.« Dabei fächelte sie sich mit der Larve in einem
+fort und blies die Luft von sich. Bei dem hellen Mondschein konnt ich
+deutlich erkennen, wie ihr die Flechsen am Halse ordentlich
+aufgeschwollen waren; sie sah ganz erbost aus und ziegelrot im Gesicht.
+Die Kammerjungfer suchte unterdes hinter allen Hecken herum, als hätte
+sie eine Stecknadel verloren. --
+
+»Ich brauche so notwendig noch frische Blumen zu meiner Maske,« fuhr die
+Gärtnerin von neuem fort, »wo er auch stecken mag!« -- Die Kammerjungfer
+suchte und kicherte dabei immerfort heimlich in sich selbst hinein. --
+»Sagtest du was, Rosette?« fragte die Gärtnerin spitzig. -- »Ich sage,
+was ich immer gesagt habe,« erwiderte die Kammerjungfer und machte ein
+ganz ernsthaftes treuherziges Gesicht, »der ganze Einnehmer ist und
+bleibt ein Lümmel, er liegt gewiß irgendwo hinter einem Strauche und
+schläft.«
+
+Mir zuckte es in allen meinen Gliedern, herunterzuspringen und meine
+Reputation zu retten -- da hörte man auf einmal ein großes Pauken und
+Musizieren und Lärmen vom Schlosse her.
+
+Nun hielt sich die Gärtnerin nicht länger. »Da bringen die Menschen«,
+fuhr sie verdrüßlich fort, »dem Herrn das Vivat. Komm, man wird uns
+vermissen!« -- Und hiermit steckte sie die Larve schnell vor und ging
+wütend mit der Kammerjungfer nach dem Schlosse zu fort. Die Bäume und
+Sträucher wiesen kurios, wie mit langen Nasen und Fingern, hinter ihr
+drein, der Mondschein tanzte noch fix, wie über eine Klaviatur, über
+ihre breite Taille auf und nieder, und so nahm sie, so recht wie ich auf
+dem Theater manchmal die Sängerinnen gesehn, unter Trompeten und Pauken
+schnell ihren Abzug.
+
+Ich aber wußte in meinem Baume droben eigentlich gar nicht recht, wie
+mir geschehen, und richtete nunmehr meine Augen unverwandt auf das
+Schloß hin; denn ein Kreis hoher Windlichter unten an den Stufen des
+Einganges warf dort einen seltsamen Schein über die blitzenden Fenster
+und weit in den Garten hinein. Es war die Dienerschaft, die soeben ihrer
+jungen Herrschaft ein Ständchen brachte. Mitten unter ihnen stand der
+prächtig aufgeputzte Portier, wie ein Staatsminister, vor einem
+Notenpulte und arbeitete sich emsig an einem Fagotte ab.
+
+Wie ich mich soeben zurechtsetzte, um der schönen Serenade zuzuhören,
+gingen auf einmal oben auf dem Balkon des Schlosses die Flügeltüren auf.
+Ein hoher Herr, schön und stattlich in Uniform und mit vielen funkelnden
+Sternen, trat auf den Balkon heraus, und an seiner Hand -- die schöne
+junge gnädige Frau, in ganz weißem Kleide, wie eine Lilie in der Nacht,
+oder wie wenn der Mond über das klare Firmament zöge.
+
+Ich konnte keinen Blick von dem Platze verwenden, und Garten, Bäume und
+Felder gingen unter vor meinen Sinnen, wie sie so wundersam beleuchtet
+von den Fackeln hoch und schlank dastand und bald anmutig mit dem
+schönen Offizier sprach, bald wieder freundlich zu den Musikanten
+herunternickte. Die Leute unten waren außer sich vor Freude, und ich
+hielt mich am Ende auch nicht mehr und schrie immer aus Leibeskräften
+Vivat mit. --
+
+Als sie aber bald darauf wieder von dem Balkon verschwand, unten eine
+Fackel nach der andern verlöschte und die Notenpulte weggeräumt wurden
+und nun der Garten ringsumher auch wieder finster wurde und rauschte wie
+vorher -- da merkt ich erst alles -- da fiel es mir auf einmal aufs
+Herz, daß mich wohl eigentlich nur die Tante mit den Blumen bestellt
+hatte, daß die Schöne gar nicht an mich dachte und lange verheiratet ist
+und daß ich selber ein großer Narr war.
+
+Alles das versenkte mich recht in einen Abgrund von Nachsinnen. Ich
+wickelte mich, gleich einem Igel, in die Stacheln meiner eigenen
+Gedanken zusammen; vom Schlosse schallte die Tanzmusik nur noch seltener
+herüber, die Wolken wanderten einsam über den dunklen Garten weg. Und so
+saß ich auf dem Baume droben, wie die Nachteule, in den Ruinen meines
+Glücks die ganze Nacht hindurch.
+
+Die kühle Morgenluft weckte mich endlich aus meinen Träumereien. Ich
+erstaunte ordentlich, wie ich so auf einmal um mich herblickte. Musik
+und Tanz war lange vorbei, im Schlosse und rings um das Schloß herum auf
+dem Rasenplatze und den steinernen Stufen und Säulen sah alles so still,
+kühl und feierlich aus; nur der Springbrunnen vor dem Eingange
+plätscherte einsam in einem fort. Hin und her in den Zweigen neben mir
+erwachten schon die Vögel, schüttelten ihre bunten Federn und sahen, die
+kleinen Flügel dehnend, neugierig und verwundert ihren seltsamen
+Schlafkameraden an. Fröhlich schweifende Morgenstrahlen funkelten über
+den Garten weg auf meine Brust.
+
+Da richtete ich mich in meinem Baume auf und sah seit langer Zeit zum
+ersten Male wieder einmal so recht weit in das Land hinaus, wie da schon
+einzelne Schiffe auf der Donau zwischen den Weinbergen herabfuhren und
+die noch leeren Landstraßen wie Brücken über das schimmernde Land sich
+fern über die Berge und Täler hinausschwangen.
+
+Ich weiß nicht, wie es kam -- aber mich packte da auf einmal wieder
+meine ehemalige Reiselust: alle die alte Wehmut und Freude und große
+Erwartung. Mir fiel dabei zugleich ein, wie nun die schöne Frau droben
+auf dem Schlosse zwischen Blumen und unter seidnen Decken schlummerte
+und ein Engel bei ihr auf dem Bette säße in der Morgenstille. -- »Nein,«
+rief ich aus, »fort muß ich von hier und immer fort, so weit als der
+Himmel blau ist!«
+
+Und hiermit nahm ich mein Körbchen und warf es hoch in die Luft, so daß
+es recht lieblich anzusehen war, wie die Blumen zwischen den Zweigen und
+auf dem grünen Rasen unten bunt umherlagen. Dann stieg ich selber
+schnell herunter und ging durch den stillen Garten auf meine Wohnung zu.
+Gar oft blieb ich da noch stehen auf manchem Plätzchen, wo ich sie sonst
+wohl einmal gesehen oder im Schatten liegend an sie gedacht hatte.
+
+In und um mein Häuschen sah alles noch so aus, wie ich es gestern
+verlassen hatte. Das Gärtchen war geplündert und wüst, im Zimmer drin
+lag noch das große Rechnungsbuch aufgeschlagen, meine Geige, die ich
+schon fast ganz vergessen hatte, hing verstaubt an der Wand. Ein
+Morgenstrahl aber aus dem gegenüberstehenden Fenster fuhr gerade
+blitzend über die Saiten. Das gab einen rechten Klang in meinem Herzen.
+»Ja,« sagt ich, »komm nur her, du getreues Instrument! Unser Reich ist
+nicht von dieser Welt!« --
+
+Und so nahm ich die Geige von der Wand, ließ Rechnungsbuch, Schlafrock,
+Pantoffeln, Pfeifen und Parasol liegen und wanderte, arm wie ich
+gekommen war, aus meinem Häuschen und auf der glänzenden Landstraße von
+dannen.
+
+Ich blickte noch oft zurück; mir war gar seltsam zumute, so traurig und
+doch auch wieder so überaus fröhlich, wie ein Vogel, der aus seinem
+Käfig ausreißt. Und als ich schon eine weite Strecke gegangen war, nahm
+ich draußen im Freien meine Geige vor und sang:
+
+ »Den lieben Gott laß ich nur walten;
+ Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
+ Und Erd und Himmel tut erhalten,
+ Hat auch mein Sach aufs best bestellt!«
+
+Das Schloß, der Garten und die Türme von Wien waren schon hinter mir im
+Morgenduft versunken, über mir jubilierten unzählige Lerchen hoch in der
+Luft; so zog ich zwischen den grünen Bergen und an lustigen Städten und
+Dörfern vorbei gen Italien hinunter.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Aber das war nun schlimm! Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß
+ich eigentlich den rechten Weg nicht wußte. Auch war ringsumher kein
+Mensch zu sehen in der stillen Morgenstunde, den ich hätte fragen
+können, und nicht weit von mir teilte sich die Landstraße in viele neue
+Landstraßen, die gingen weit, weit über die höchsten Berge fort, als
+führten sie aus der Welt hinaus, so daß mir ordentlich schwindelte, wenn
+ich recht hinsah.
+
+Endlich kam ein Bauer des Weges daher, der, glaub ich, nach der Kirche
+ging, da es heut eben Sonntag war, in einem altmodischen Überrock mit
+großen silbernen Knöpfen und einem langen spanischen Rohr mit einem sehr
+massiven silbernen Stockknopf darauf, der schon von weitem in der Sonne
+funkelte. Ich frug ihn sogleich mit vieler Höflichkeit: »Können Sie mir
+nicht sagen, wo der Weg nach Italien geht?« -- Der Bauer blieb stehen,
+sah mich an, besann sich dann mit weit vorgeschobener Unterlippe und sah
+mich wieder an. Ich sagte noch einmal: »Nach Italien, wo die Pomeranzen
+wachsen.« -- »Ach, was gehn mich Seine Pomeranzen an!« sagte der Bauer
+da und schritt wacker wieder weiter. Ich hätte dem Manne mehr Konduite
+zugetraut, denn er sah recht stattlich aus.
+
+Was war nun zu machen? Wieder umkehren und in mein Dorf zurückgehn? Da
+hätten die Leute mit den Fingern auf mich gewiesen, und die Jungen wären
+um mich herumgesprungen: »Ei, tausend willkommen aus der Welt! wie sieht
+es denn aus in der Welt? hat Er uns nicht Pfefferkuchen mitgebracht aus
+der Welt?« -- Der Portier mit der kurfürstlichen Nase, welcher überhaupt
+viele Kenntnisse von der Weltgeschichte hatte, sagte oft zu mir:
+»Wertgeschätzter Herr Einnehmer! Italien ist ein schönes Land, da sorgt
+der liebe Gott für alles, da kann man sich im Sonnenschein auf den
+Rücken legen, so wachsen einem die Rosinen ins Maul, und wenn einen die
+Tarantel beißt, so tanzt man mit ungemeiner Gelenkigkeit, wenn man auch
+sonst nicht tanzen gelernt hat.« -- »Nein, nach Italien, nach Italien!«
+rief ich voller Vergnügen aus und rannte, ohne an die verschiedenen Wege
+zu denken, auf der Straße fort, die mir eben vor die Füße kam.
+
+Als ich eine Strecke so fortgewandert war, sah ich rechts von der Straße
+einen sehr schönen Baumgarten, wo die Morgensonne so lustig zwischen den
+Stämmen und Wipfeln hindurchschimmerte, daß es aussah, als wäre der
+Rasen mit goldenen Teppichen belegt. Da ich keinen Menschen erblickte,
+stieg ich über den niedrigen Gartenzaun und legte mich recht behaglich
+unter einen Apfelbaum ins Gras, denn von dem gestrigen Nachtlager auf
+dem Baume taten mir noch alle Glieder weh. Da konnte man weit ins Land
+hinaussehen, und da es Sonntag war, so kamen bis aus der weitesten Ferne
+Glockenklänge über die stillen Felder herüber, und geputzte Landleute
+zogen überall zwischen Wiesen und Büschen nach der Kirche. Ich war recht
+fröhlich im Herzen, die Vögel sangen über mir im Baume, ich dachte an
+meine Mühle und an den Garten der schönen gnädigen Frau, und wie das
+alles nun so weit, weit lag -- bis ich zuletzt einschlummerte. Da
+träumte mir, als käme diese schöne Frau aus der prächtigen Gegend unten
+zu mir gegangen oder eigentlich langsam geflogen zwischen den
+Glockenklängen, mit langen weißen Schleiern, die im Morgenrote wehten.
+Dann war es wieder, als wären wir gar nicht in der Fremde, sondern bei
+meinem Dorfe an der Mühle in den tiefen Schatten. Aber da war alles
+still und leer, wie wenn die Leute Sonntags in der Kirche sind und nur
+der Orgelklang durch die Bäume herüberkommt, daß es mir recht im Herzen
+weh tat. Die schöne Frau aber war sehr gut und freundlich, sie hielt
+mich an der Hand und ging mit mir und sang in einem fort in dieser
+Einsamkeit das schöne Lied, das sie damals immer frühmorgens am offenen
+Fenster zur Gitarre gesungen hat, und ich sah dabei ihr Bild in dem
+stillen Weiher, noch viel tausendmal schöner, aber mit sonderbaren
+großen Augen, die mich so starr ansahen, daß ich mich beinah gefürchtet
+hätte. -- Da fing auf einmal die Mühle, erst in einzelnen langsamen
+Schlägen, dann immer schneller und heftiger an zu gehen und zu brausen,
+der Weiher wurde dunkel und kräuselte sich, die schöne Frau wurde ganz
+bleich, und ihre Schleier wurden immer länger und länger und flatterten
+entsetzlich in langen Spitzen, wie Nebelstreifen, hoch am Himmel empor;
+das Sausen nahm immer mehr zu, oft war es, als bliese der Portier auf
+seinem Fagotte dazwischen, bis ich endlich mit heftigem Herzklopfen
+aufwachte.
+
+Es hatte sich wirklich ein Wind erhoben, der leise über mir durch den
+Apfelbaum ging; aber was so brauste und rumorte, war weder die Mühle
+noch der Portier, sondern derselbe Bauer, der mir vorhin den Weg nach
+Italien nicht zeigen wollte. Er hatte aber seinen Sonntagsstaat
+ausgezogen und stand in einem weißen Kamisol vor mir. »Na,« sagte er, da
+ich mir noch den Schlaf aus den Augen wischte, »will Er etwa hier
+Poperenzen klauben, daß er mir das schöne Gras so zertrampelt, anstatt
+in die Kirche zu gehen, Er Faulenzer!« -- Mich ärgerte es nur, daß mich
+der Grobian aufgeweckt hatte. Ich sprang ganz erbost auf und versetzte
+geschwind: »Was, Er will mich hier ausschimpfen? Ich bin Gärtner
+gewesen, eh Er daran dachte, und Einnehmer, und wenn er zur Stadt
+gefahren wäre, hätte Er die schmierige Schlafmütze vor mir abnehmen
+müssen, und hatte mein Haus und meinen roten Schlafrock mit gelben
+Punkten.« Aber der Knollfink scherte sich gar nichts darum, sondern
+stemmte beide Arme in die Seiten und sagte bloß: »Was will er denn? he!
+he!« Dabei sah ich, daß es eigentlich ein kurzer, stämmiger,
+krummbeiniger Kerl war, und vorstehende glotzende Augen und eine rote,
+etwas schiefe Nase hatte. Und wie er immerfort nichts weiter sagte als:
+»He! -- he!« -- und dabei jedesmal einen Schritt näher auf mich zukam,
+da überfiel mich auf einmal eine so kuriose grausliche Angst, daß ich
+mich schnell aufmachte, über den Zaun sprang und, ohne mich umzusehen,
+immerfort querfeldein lief, daß mir die Geige in der Tasche klang.
+
+Als ich endlich wieder stillhielt, um Atem zu schöpfen, war der Garten
+und das ganze Tal nicht mehr zu sehen, und ich stand in einem schönen
+Walde. Aber ich gab nicht viel darauf acht, denn jetzt ärgerte mich das
+Spektakel erst recht, und daß der Kerl mich immer Er nannte, und ich
+schimpfte noch lange im stillen für mich. In solchen Gedanken ging ich
+rasch fort und kam immer mehr von der Landstraße ab, mitten in das
+Gebirge hinein. Der Holzweg, auf dem ich fortgelaufen war, hörte auf,
+und ich hatte nur noch einen kleinen, wenig betretenen Fußsteig vor mir.
+Ringsum war niemand zu sehen und kein Laut zu vernehmen. Sonst aber war
+es recht anmutig zu gehen, die Wipfel der Bäume rauschten, und die Vögel
+sangen sehr schön. Ich befahl mich daher Gottes Führung, zog meine
+Violine hervor und spielte alle meine liebsten Stücke durch, daß es
+recht fröhlich in dem einsamen Walde erklang.
+
+Mit dem Spielen ging es aber auch nicht lange, denn ich stolperte dabei
+jeden Augenblick über die fatalen Baumwurzeln, auch fing mich zuletzt an
+zu hungern, und der Wald wollte noch immer gar kein Ende nehmen. So
+irrte ich den ganzen Tag herum, und die Sonne schien schon schief
+zwischen den Baumstämmen hindurch, als ich endlich in ein kleines
+Wiesental hinauskam, das rings von Bergen eingeschlossen und voller
+roter und gelber Blumen war, über denen unzählige Schmetterlinge im
+Abendgolde herumflatterten. Hier war es so einsam, als läge die Welt
+wohl hundert Meilen weit weg. Nur die Heimchen zirpten, und ein Hirt lag
+drüben im hohen Grase und blies so melancholisch auf seiner Schalmei,
+daß einem das Herz vor Wehmut hätte zerspringen mögen. Ja, dachte ich
+bei mir, wer es so gut hätte wie so ein Faulenzer! unsereiner muß sich
+in der Fremde herumschlagen und immer attent sein. -- Da ein schönes,
+klares Flüßchen zwischen uns lag, über das ich nicht herüber konnte, so
+rief ich ihm von weitem zu: wo hier das nächste Dorf läge? Er ließ sich
+aber nicht stören, sondern streckte nur den Kopf ein wenig aus dem Grase
+hervor, wies mit seiner Schalmei auf den andern Wald hin und blies ruhig
+wieder weiter.
+
+Unterdes marschierte ich fleißig fort, denn es fing schon an zu dämmern.
+Die Vögel, die alle noch ein großes Geschrei gemacht hatten, als die
+letzten Sonnenstrahlen durch den Wald schimmerten, wurden auf einmal
+still, und mir fing beinah an angst zu werden in dem ewigen einsamen
+Rauschen der Wälder. Endlich hörte ich von ferne Hunde bellen. Ich
+schritt rascher fort, der Wald wurde immer lichter und lichter, und bald
+darauf sah ich zwischen den letzten Bäumen hindurch einen schönen grünen
+Platz, auf dem viele Kinder lärmten und sich um eine große Linde
+herumtummelten, die recht in der Mitte stand. Weiterhin an dem Platze
+war ein Wirtshaus, vor dem einige Bauern um einen Tisch saßen und Karten
+spielten und Tabak rauchten. Von der andern Seite saßen junge Bursche
+und Mädchen vor der Tür, die die Arme in ihre Schürzen gewickelt hatten
+und in der Kühle miteinander plauderten.
+
+Ich besann mich nicht lange, zog meine Geige aus der Tasche und spielte
+schnell einen lustigen Ländler auf, während ich aus dem Walde
+hervortrat. Die Mädchen verwunderten sich, die Alten lachten, daß es
+weit in den Wald hineinschallte. Als ich aber so bis zu der Linde
+gekommen war und mich mit dem Rücken dran lehnte und immerfort spielte,
+da ging ein heimliches Rumoren und Gewisper unter den jungen Leuten
+rechts und links, die Burschen legten endlich ihre Sonntagspfeifen weg,
+jeder nahm die Seine, und eh ichs mir versah, schwenkte sich das junge
+Bauernvolk tüchtig um mich herum, die Hunde bellten, die Kittel flogen,
+und die Kinder standen um mich im Kreise und sahen mir neugierig ins
+Gesicht und auf die Finger, wie ich so fix damit hantierte.
+
+Wie der erste Schleifer vorbei war, konnte ich erst recht sehen, wie
+eine gute Musik in die Gliedmaßen fährt. Die Bauernburschen, die sich
+vorher, die Pfeifen im Munde, auf den Bänken reckten und die steifen
+Beine von sich streckten, waren nun auf einmal wie umgetauscht, ließen
+ihre bunten Schnupftücher vorn am Knopfloch lang herunterhängen und
+kapriolten so artig um die Mädchen herum, daß es eine rechte Lust
+anzuschauen war. Einer von ihnen, der sich schon für was Rechtes hielt,
+haspelte lange in seiner Westentasche, damit es die andern sehen
+sollten, und brachte endlich ein kleines Silberstück heraus, das er mir
+in die Hand drücken wollte. Mich ärgerte das, wenn ich gleich dazumal
+kein Geld in der Tasche hatte. Ich sagte ihm, er sollte nur seine
+Pfennige behalten, ich spielte nur so aus Freude, weil ich wieder bei
+Menschen wäre. Bald darauf aber kam ein schmuckes Mädchen mit einer
+großen Stampe Wein zu mir. »Musikanten trinken gern«, sagte sie und
+lachte mich freundlich an, und ihre perlweißen Zähne schimmerten recht
+scharmant zwischen den roten Lippen hindurch, so daß ich sie wohl hätte
+darauf küssen mögen. Sie tunkte ihr Schnäbelchen in den Wein, wobei ihre
+Augen über das Glas weg auf mich herüberfunkelten, und reichte mir
+darauf die Stampe hin. Da trank ich das Glas bis auf den Grund aus und
+spielte dann wieder von frischem, daß sich alles lustig um mich
+herumdrehte.
+
+Die Alten waren unterdes von ihrem Spiel aufgebrochen, die jungen Leute
+fingen auch an müde zu werden und zerstreuten sich, und so wurde es nach
+und nach ganz still und leer vor dem Wirtshause. Auch das Mädchen, das
+mir den Wein gereicht hatte, ging nun nach dem Dorfe zu, aber sie ging
+sehr langsam und sah sich zuweilen um, als ob sie was vergessen hätte.
+Endlich blieb sie stehen und suchte etwas auf der Erde, aber ich sah
+wohl, daß sie, wenn sie sich bückte, unter dem Arme hindurch nach mir
+zurückblickte. Ich hatte auf dem Schlosse Lebensart gelernt, ich sprang
+also geschwind herzu und sagte: »Haben Sie etwas verloren, schönste
+Mamsell?« -- »Ach nein,« sagte sie und wurde über und über rot, »es war
+nur eine Rose -- will Er sie haben?« -- Ich dankte und steckte die Rose
+ins Knopfloch. Sie sah mich sehr freundlich an und sagte: »Er spielt
+recht schön.« -- »Ja,« versetzte ich, »das ist so eine Gabe Gottes.« --
+»Die Musikanten sind hier in der Gegend sehr rar«, hub das Mädchen dann
+wieder an und stockte und hatte die Augen beständig niedergeschlagen.
+»Er könnte sich hier ein gutes Stück Geld verdienen -- auch mein Vater
+spielt etwas die Geige und hört gern von der Fremde erzählen -- und mein
+Vater ist sehr reich.« -- Dann lachte sie auf und sagte: »Wenn Er nur
+nicht immer solche Grimassen machen möchte mit dem Kopfe, beim Geigen!«
+-- »Teuerste Jungfer,« erwiderte ich, »erstlich: nennen Sie mich nur
+nicht immer Er; sodann mit den Kopftremulenzen, das ist einmal nicht
+anders, das haben wir Virtuosen alle so an uns.« -- »Ach so!« entgegnete
+das Mädchen. Sie wollte noch etwas mehr sagen, aber da entstand auf
+einmal ein entsetzliches Gepolter im Wirtshause, die Haustür ging mit
+großem Gekrache auf, und ein dünner Kerl kam wie ein ausgeschoßner
+Ladestock herausgeflogen, worauf die Tür sogleich wieder hinter ihm
+zugeschlagen wurde.
+
+Das Mädchen war bei dem ersten Geräusch wie ein Reh davongesprungen und
+im Dunkel verschwunden. Die Figur vor der Tür aber raffte sich hurtig
+wieder vom Boden auf und fing nun an mit solcher Geschwindigkeit gegen
+das Haus loszuschimpfen, daß es ordentlich zum Erstaunen war. »Was!«
+schrie er, »ich besoffen? ich die Kreidestriche an der verräucherten Tür
+nicht bezahlen? Löscht sie aus, löscht sie aus! Hab ich euch nicht erst
+gestern übern Kochlöffel barbiert und in die Nase geschnitten, daß ihr
+mir den Löffel morsch entzweigebissen habt? Barbieren macht einen Strich
+-- Kochlöffel, wieder ein Strich -- Pflaster auf die Nase, noch ein
+Strich -- wieviel solche hundsföttische Striche wollt ihr denn noch
+bezahlt haben? Aber gut, schon gut, ich lasse das ganze Dorf, die ganze
+Welt ungeschoren. Lauft meinetwegen mit euren Bärten, daß der liebe Gott
+am Jüngsten Tage nicht weiß, ob ihr Juden seid oder Christen! Ja, hängt
+euch an euren eigenen Bärten auf, ihr zottigen Landbären!« Hier brach er
+auf einmal in ein jämmerliches Weinen aus und fuhr ganz erbärmlich durch
+die Fistel fort: »Wasser soll ich saufen wie ein elender Fisch? Ist das
+Nächstenliebe? Bin ich nicht ein Mensch und ein ausgelernter Feldscher?
+Ach, ich bin heute so in der Rage! Mein Herz ist voller Rührung und
+Menschenliebe!« Bei diesen Worten zog er sich nach und nach zurück, da
+im Hause alles still blieb. Als er mich erblickte, kam er mit
+ausgebreiteten Armen auf mich los, ich glaubte, der tolle Kerl wollte
+mich embrassieren. Ich sprang aber auf die Seite, und so stolperte er
+weiter, und ich hörte ihn noch lange, bald grob, bald fein, durch die
+Finsternis mit sich diskurieren.
+
+Mir aber ging mancherlei im Kopfe herum. Die Jungfer, die mir vorhin die
+Rose geschenkt hatte, war jung, schön und reich -- ich konnte da mein
+Glück machen, eh man die Hand umkehrte. Und Hammel und Schweine, Puter
+und fette Gänse mit Äpfeln gestopft -- ja, es war mir nicht anders, als
+säh ich den Portier auf mich zukommen: Greif zu, Einnehmer, greif zu!
+jung gefreit hat niemand gereut, wers Glück hat, führt die Braut heim,
+bleibe im Lande und nähre dich tüchtig. In solchen philosophischen
+Gedanken setzte ich mich auf dem Platze, der nun ganz einsam war, auf
+einen Stein nieder, denn an das Wirtshaus anzuklopfen traute ich mich
+nicht, weil ich kein Geld bei mir hatte. Der Mond schien prächtig, von
+den Bergen rauschten die Wälder durch die stille Nacht herüber, manchmal
+schlugen im Dorfe die Hunde an, das weiter im Tale unter Bäumen und
+Mondschein wie begraben lag. Ich betrachtete das Firmament, wie da
+einzelne Wolken langsam durch den Mondschein zogen und manchmal ein
+Stern weit in der Ferne herunterfiel. So, dachte ich, scheint der Mond
+auch über meines Vaters Mühle und auf das weiße gräfliche Schloß. Dort
+ist nun auch schon alles lange still, die gnädige Frau schläft, und die
+Wasserkünste und Bäume im Garten rauschen noch immerfort wie damals, und
+allen ists gleich, ob ich noch da bin oder in der Fremde oder gestorben.
+-- Da kam mir die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß vor, und
+ich so ganz allein darin, daß ich aus Herzensgrunde hätte weinen mögen.
+
+Wie ich noch immer so dasitze, höre ich auf einmal aus der Ferne
+Hufschlag im Walde. Ich hielt den Atem an und lauschte, da kam es immer
+näher und näher, und ich konnte schon die Pferde schnauben hören. Bald
+darauf kamen auch wirklich zwei Reiter unter den Bäumen hervor, hielten
+aber am Saume des Waldes an und sprachen heimlich sehr eifrig
+miteinander, wie ich an den Schatten sehen konnte, die plötzlich über
+den mondbeglänzten Platz vorschossen und mit langen dunklen Armen bald
+dahin bald dorthin wiesen. -- Wie oft, wenn mir zu Hause meine
+verstorbene Mutter von wilden Wäldern und martialischen Räubern
+erzählte, hatte ich mir sonst immer heimlich gewünscht, eine solche
+Geschichte selbst zu erleben. Da hatt ichs nun auf einmal für meine
+dummen, frevelmütigen Gedanken! -- Ich streckte mich nun an dem
+Lindenbaum, unter dem ich gesessen, ganz unmerklich so lang aus, als ich
+nur konnte, bis ich den ersten Ast erreicht hatte und mich geschwinde
+hinaufschwang. Aber ich baumelte noch mit halbem Leibe über dem Aste und
+wollte soeben auch meine Beine nachholen, als der eine von den Reitern
+rasch hinter mir über den Platz dahertrabte. Ich drückte nun die Augen
+fest zu in dem dunklen Laube und rührte und regte mich nicht. -- »Wer
+ist da?« rief es auf einmal dicht hinter mir. »Niemand!« schrie ich aus
+Leibeskräften vor Schreck, daß er mich doch noch erwischt hatte.
+Insgeheim mußte ich aber doch bei mir lachen, wie die Kerls sich
+schneiden würden, wenn sie mir die leeren Taschen umdrehten. -- »Ei,
+ei,« sagte der Räuber wieder, »wem gehören denn aber die zwei Beine, die
+da herunterhängen?« -- Da half nichts mehr. »Nichts weiter«, versetzte
+ich, »als ein paar arme, verirrte Musikantenbeine«, und ließ mich rasch
+wieder auf den Boden herab, denn ich schämte mich auch, länger wie eine
+zerbrochene Gabel da über dem Aste zu hängen.
+
+Das Pferd des Reiters scheute, als ich so plötzlich vom Baume
+herunterfuhr. Er klopfte ihm den Hals und sagte lachend: »Nun, wir sind
+auch verirrt, da sind wir rechte Kameraden; ich dächte also, du helfest
+uns ein wenig den Weg nach B. aufsuchen. Es soll dein Schade nicht
+sein.« Ich hatte nun gut beteuern, daß ich gar nicht wüßte, wo B. läge,
+daß ich lieber hier im Wirtshause fragen oder sie in das Dorf
+hinunterführen wollte. Der Kerl nahm gar keine Räson an. Er zog ganz
+ruhig eine Pistole aus dem Gurt, die recht hübsch im Mondschein
+funkelte. »Mein Liebster,« sagte er dabei sehr freundschaftlich zu mir,
+während er bald den Lauf der Pistole abwischte, bald wieder prüfend an
+die Augen hielt, »mein Liebster, du wirst wohl so gut sein, selber nach
+B. vorauszugehen.«
+
+Da war ich nun recht übel daran. Traf ich den Weg, so kam ich gewiß zu
+der Räuberbande und bekam Prügel, da ich kein Geld bei mir hatte, traf
+ich ihn nicht -- so bekam ich auch Prügel. Ich besann mich also nicht
+lange und schlug den ersten besten Weg ein, der an dem Wirtshause
+vorüber vom Dorfe abführte. Der Reiter sprengte schnell zu seinem
+Begleiter zurück, und beide folgten mir dann in einiger Entfernung
+langsam nach. So zogen wir eigentlich recht närrisch auf gut Glück in
+die mondhelle Nacht hinein. Der Weg lief immerfort im Walde an einem
+Bergeshange fort. Zuweilen konnte man über die Tannenwipfel, die von
+unten herauflangten und sich dunkel rührten, weit in die tiefen, stillen
+Täler hinaussehen, hin und her schlug eine Nachtigall, Hunde bellten in
+der Ferne in den Dörfern. Ein Fluß rauschte beständig aus der Tiefe und
+blitzte zuweilen im Mondschein auf. Dabei das einförmige Pferdegetrappel
+und das Wirren und Schwirren der Reiter hinter mir, die unaufhörlich in
+einer fremden Sprache miteinander plauderten, und das helle Mondlicht
+und die langen Schatten der Baumstämme, die wechselnd über die beiden
+Reiter wegflogen, daß sie mir bald schwarz, bald hell, bald klein, bald
+wieder riesengroß vorkamen. Mir verwirrten sich ordentlich die Gedanken,
+als läge ich in einem Traum und könnte gar nicht aufwachen. Ich schritt
+immer stramm vor mich hin. Wir müssen, dachte ich, doch am Ende aus dem
+Walde und aus der Nacht herauskommen.
+
+Endlich flogen hin und wieder schon lange rötliche Scheine über den
+Himmel, ganz leise, wie wenn man über einen Spiegel haucht, auch eine
+Lerche sang schon hoch über dem stillen Tale. Da wurde mir auf einmal
+ganz klar im Herzen bei dem Morgengruße, und alle Furcht war vorüber.
+Die beiden Reiter aber streckten sich und sahen sich nach allen Seiten
+um und schienen nun erst gewahr zu werden, daß wir doch wohl nicht auf
+dem rechten Wege sein mochten. Sie plauderten wieder viel, und ich
+merkte wohl, daß sie von mir sprachen, ja es kam mir vor, als finge der
+eine sich vor mir zu fürchten an, als könnt ich wohl gar so ein
+heimlicher Schnapphahn sein, der sie im Walde irreführen wollte. Das
+machte mir Spaß, denn je lichter es ringsum wurde, je mehr Courage
+kriegt ich, zumal da wir soeben auf einen schönen freien Waldplatz
+herauskamen. Ich sah mich daher nach allen Seiten ganz wild um und pfiff
+dann ein paarmal auf den Fingern, wie die Spitzbuben tun, wenn sie sich
+einander Signale geben wollen.
+
+»Halt!« rief auf einmal der eine von den Reitern, daß ich ordentlich
+zusammenfuhr. Wie ich mich umsehe, sind sie beide abgestiegen und haben
+ihre Pferde an einen Baum angebunden. Der eine kommt aber rasch auf mich
+los, sieht mir ganz starr ins Gesicht und fängt auf einmal ganz unmäßig
+an zu lachen. Ich muß gestehen, mich ärgerte das unvernünftige
+Gelächter. Er aber sagte: »Wahrhaftig, das ist der Gärtner, wollt sagen:
+Einnehmer vom Schloß!«
+
+Ich sah ihn groß an, wußte mich aber seiner nicht zu erinnern, hätt auch
+viel zu tun gehabt, wenn ich mir alle die jungen Herren hätte ansehen
+wollen, die auf dem Schlosse ab und zu ritten. Er aber fuhr mit ewigem
+Gelächter fort: »Das ist prächtig! Du vazierst, wie ich sehe, wir
+brauchen eben einen Bedienten, bleib bei uns, da hast du ewige Vakanz.«
+-- Ich war ganz verblüfft und sagte endlich, daß ich soeben auf einer
+Reise nach Italien begriffen wäre. -- »Nach Italien?!« entgegnete der
+Fremde; »ebendahin wollen auch wir!« -- »Nun, wenn =das= ist!« rief ich
+aus und zog voller Freude meine Geige aus der Tasche und strich, daß die
+Vögel im Walde aufwachten. Der Herr aber erwischte geschwind den andern
+Herrn und walzte mit ihm wie verrückt auf dem Rasen herum.
+
+Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, »da seh ich
+schon den Kirchturm von B.! Nun, da wollen wir bald unten sein.« Er zog
+seine Uhr heraus und ließ sie repitieren, schüttelte mit dem Kopfe und
+ließ noch einmal schlagen. »Nein,« sagte er, »das geht nicht, wir kommen
+so zu früh hin, das könnte schlimm werden!«
+
+Darauf holten sie von ihren Pferden Kuchen, Braten und Weinflaschen,
+breiteten eine schöne bunte Decke auf dem grünen Rasen aus, streckten
+sich darüber hin und schmausten sehr vergnüglich, teilten auch mir von
+allem sehr reichlich mit, was mir gar wohl bekam, da ich seit einigen
+Tagen schon nicht mehr vernünftig gespeist hatte. -- »Und daß du's
+weißt,« sagte der eine zu mir, -- »aber du kennst uns doch nicht?« --
+Ich schüttelte mit dem Kopfe. -- »Also, daß du's weißt: ich bin der
+Maler Leonhard, und das dort ist -- wieder ein Maler -- Guido geheißen.«
+
+Ich besah mir nun die beiden Maler genauer bei der Morgendämmerung. Der
+eine, Herr Leonhard, war groß, schlank, braun, mit lustigen, feurigen
+Augen. Der andere war viel jünger, kleiner und feiner, auf altdeutsche
+Mode gekleidet, wie es der Portier nannte, mit weißem Kragen und bloßem
+Hals, um den die dunkelbraunen Locken herabhingen, die er oft aus dem
+hübschen Gesichte wegschütteln mußte. -- Als dieser genug gefrühstückt
+hatte, griff er nach meiner Geige, die ich neben mir auf den Boden
+gelegt hatte, setzte sich damit auf einen umgehauenen Baumast und
+klimperte darauf mit den Fingern. Dann sang er dazu so hell wie ein
+Waldvöglein, daß es mir recht durchs ganze Herz klang:
+
+ »Fliegt der erste Morgenstrahl
+ Durch das stille Nebeltal,
+ Rauscht erwachend Wald und Hügel:
+ Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!
+
+ Und sein Hütlein in die Luft
+ Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
+ Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
+ Nun so will ich fröhlich singen!«
+
+Dabei spielten die rötlichen Morgenscheine recht anmutig über sein etwas
+blasses Gesicht und die schwarzen verliebten Augen. Ich aber war so
+müde, daß sich mir die Worte und Noten, während er so sang, immer mehr
+verwirrten, bis ich zuletzt fest einschlief.
+
+Als ich nach und nach wieder zu mir selber kam, hörte ich wie im Traume
+die beiden Maler noch immer neben mir sprechen und die Vögel über mir
+singen, und die Morgenstrahlen schimmerten mir durch die geschlossenen
+Augen, daß mirs innerlich so dunkelhell war, wie wenn die Sonne durch
+rotseidene Gardinen scheint. »_Come è bello!_« hört ich da dicht neben
+mir ausrufen. Ich schlug die Augen auf und erblickte den jungen Maler,
+der im funkelnden Morgenlicht über mich hergebeugt stand, so daß beinah
+nur die großen schwarzen Augen zwischen den herabhängenden Locken zu
+sehen waren.
+
+Ich sprang geschwind auf, denn es war schon heller Tag geworden. Der
+Herr Leonhard schien verdrüßlich zu sein, er hatte zwei zornige Falten
+auf der Stirn und trieb hastig zum Aufbruch. Der andere Maler aber
+schüttelte seine Locken aus dem Gesicht und trällerte, während er sein
+Pferd aufzäumte, ruhig ein Liedchen vor sich hin, bis Leonhard zuletzt
+plötzlich laut auflachte, schnell eine Flasche ergriff, die noch auf dem
+Rasen stand, und den Rest in die Gläser einschenkte. »Auf eine
+glückliche Ankunft!« rief er aus, sie stießen mit den Gläsern zusammen,
+es gab einen schönen Klang. Darauf schleuderte Leonhard die leere
+Flasche hoch ins Morgenrot, daß es lustig in der Luft funkelte.
+
+Endlich setzten sie sich auf ihre Pferde, und ich marschierte frisch
+wieder nebenher. Gerade vor uns lag ein unübersehbares Tal, in das wir
+nun hinunterzogen. Da war ein Blitzen und Rauschen und Schimmern und
+Jubilieren! Mir war so kühl und fröhlich zumute, als sollt ich von dem
+Berge in die prächtige Gegend hinausfliegen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Nun ade, Mühle und Schloß und Portier! Nun gings, daß mir der Wind am
+Hute pfiff. Rechts und links flogen Dörfer, Städte und Weingärten
+vorbei, daß es einem vor den Augen flimmerte; hinter mir die beiden
+Maler im Wagen, vor mir vier Pferde mit einem prächtigen Postillion, ich
+hoch oben auf dem Kutschbock, daß ich oft ellenhoch in die Höhe flog.
+
+Das war so zugegangen: Als wir vor B. ankamen, kommt schon am Dorfe ein
+langer, dürrer, grämlicher Herr im grünen Flauschrock uns entgegen,
+macht viele Bücklinge vor den Herren Malern und führt uns in das Dorf
+hinein. Da stand unter den hohen Linden vor dem Posthause schon ein
+prächtiger Wagen mit vier Postpferden bespannt. Herr Leonhard meinte
+unterwegs, ich hätte meine Kleider ausgewachsen. Er holte daher
+geschwind andere aus seinem Mantelsack hervor, und ich mußte einen ganz
+neuen schönen Frack und Weste anziehn, die mir sehr vornehm zu Gesicht
+standen, nur daß mir alles zu lang und weit war und ordentlich um mich
+herumschlotterte. Auch einen ganz neuen Hut bekam ich, der funkelte in
+der Sonne, als wär er mit frischer Butter überschmiert. Dann nahm der
+fremde grämliche Herr die beiden Pferde der Maler am Zügel, die Maler
+sprangen in den Wagen, ich auf den Bock, und so flogen wir schon fort,
+als eben der Postmeister mit der Schlafmütze aus dem Fenster guckte. Der
+Postillion blies lustig auf dem Horne, und so ging es frisch nach
+Italien hinein.
+
+Ich hatte eigentlich da droben ein prächtiges Leben, wie der Vogel in
+der Luft, und brauchte doch dabei nicht selbst zu fliegen. Zu tun hatte
+ich auch weiter nichts, als Tag und Nacht auf dem Bocke zu sitzen und
+bei den Wirtshäusern manchmal Essen und Trinken an den Wagen
+herauszubringen, denn die Maler sprachen nirgends ein, und bei Tage
+zogen sie die Fenster am Wagen so fest zu, als wenn die Sonne sie
+erstechen wollte. Nur zuweilen steckte der Herr Guido sein hübsches
+Köpfchen zum Wagenfenster heraus und diskurierte freundlich mit mir und
+lachte dann den Herrn Leonhard aus, der das nicht leiden wollte und
+jedesmal über die langen Diskurse böse wurde. Ein paarmal hätte ich bald
+Verdruß bekommen mit meinem Herrn. Das eine Mal, wie ich bei schöner,
+sternklarer Nacht droben auf dem Bock die Geige zu spielen anfing, und
+sodann späterhin wegen des Schlafes. Das war aber auch ganz zum
+Erstaunen! Ich wollte mir doch Italien recht genau besehen und riß die
+Augen alle Viertelstunden weit auf. Aber kaum hatte ich ein Weilchen so
+vor mich hingesehen, so verschwirrten und verwickelten sich mir die
+sechzehn Pferdefüße vor mir wie ein Filet so hin und her und übers
+Kreuz, daß mir die Augen gleich wieder übergingen, und zuletzt geriet
+ich in ein solches entsetzliches und unaufhaltsames Schlafen, daß gar
+kein Rat mehr war. Da mocht es Tag oder Nacht, Regen oder Sonnenschein,
+Tirol oder Italien sein, ich hing bald rechts, bald links, bald
+rücklings über den Bock herunter, ja manchmal tunkte ich mit solcher
+Vehemenz mit dem Kopfe nach dem Boden zu, daß mir der Hut weit vom Kopfe
+flog und der Herr Guido im Wagen laut aufschrie.
+
+So war ich, ich weiß selbst nicht wie, durch halb Welschland, das sie
+dort Lombardei nennen, durchgekommen, als wir an einem schönen Abend vor
+einem Wirtshause auf dem Lande stillhielten. Die Postpferde waren in dem
+daranstoßenden Stationsdorfe erst nach ein paar Stunden bestellt, die
+Herren Maler stiegen daher aus und ließen sich in ein besonderes Zimmer
+führen, um hier ein wenig zu rasten und einige Briefe zu schreiben. Ich
+aber war sehr vergnügt darüber und verfügte mich sogleich in die
+Gaststube, um endlich wieder einmal so recht mit Ruhe und Kommodität zu
+essen und zu trinken. Da sah es ziemlich liederlich aus. Die Mägde
+gingen mit zerzottelten Haaren herum und hatten die offenen Halstücher
+unordentlich um das gelbe Fell hängen. Um einen runden Tisch saßen die
+Knechte vom Hause in blauen Überziehhemden beim Abendessen und glotzten
+mich zuweilen von der Seite an. Die hatten alle kurze, dicke Haarzöpfe
+und sahen so recht vornehm wie die jungen Herrlein aus. -- Da bist du
+nun, dachte ich bei mir und aß fleißig fort, da bist du nun endlich in
+dem Lande, woher immer die kuriosen Leute zu unserm Herrn Pfarrer kamen,
+mit Mausefallen und Barometern und Bildern. Was der Mensch doch nicht
+alles erfährt, wenn er sich einmal hinterm Ofen hervormacht!
+
+Wie ich noch eben so esse und meditiere, wuscht ein Männlein, das bis
+jetzt in einer dunklen Ecke der Stube bei seinem Glase Wein gesessen
+hatte, auf einmal aus seinem Winkel wie eine Spinne auf mich los. Er war
+ganz kurz und bucklicht, hatte aber einen großen grauslichen Kopf mit
+einer langen römischen Adlernase und sparsamen roten Backenbart, und die
+gepuderten Haare standen ihm von allen Seiten zu Berge, als wenn der
+Sturmwind durchgefahren wäre. Dabei trug er einen altmodischen,
+verschossenen Frack, kurze plüschene Beinkleider und ganz vergelbte
+seidene Strümpfe. Er war einmal in Deutschland gewesen und dachte wunder
+wie gut er Deutsch verstünde. Er setzte sich zu mir und frug bald das,
+bald jenes, während er immerfort Tabak schnupfte: ob ich der Servitore
+sei? wenn wir arriware? ob wir nach Roma kehn? Aber das wußte ich alles
+selber nicht und konnte auch sein Kauderwelsch gar nicht verstehn.
+»_Parlez-vous français?_« sagte ich endlich in meiner Angst zu ihm. Er
+schüttelte mit dem großen Kopfe, und das war mir sehr lieb, denn ich
+konnte ja auch nicht Französisch. Aber das half alles nichts. Er hatte
+mich einmal recht aufs Korn genommen, er frug und frug immer wieder; je
+mehr wir parlierten, je weniger verstand einer den andern, zuletzt
+wurden wir beide schon hitzig, so daß mirs manchmal vorkam, als wollte
+der Signor mit seiner Adlernase nach mir hacken, bis endlich die Mägde,
+die den babylonischen Diskurs mit angehört hatten, uns beide tüchtig
+auslachten. Ich aber legte schnell Messer und Gabel hin und ging vor die
+Haustür hinaus. Denn mir war in dem fremden Lande nicht anders, als wäre
+ich mit meiner deutschen Zunge tausend Klafter tief ins Meer versenkt
+und allerlei unbekanntes Gewürm ringelte sich und rauschte da in der
+Einsamkeit um mich her und glotzte und schnappte nach mir.
+
+Draußen war eine warme Sommernacht, so recht um gassatim zu gehen. Weit
+von den Weinbergen herüber hörte man noch zuweilen einen Winzer singen,
+dazwischen blitzte es manchmal von ferne, und die ganze Gegend zitterte
+und säuselte im Mondschein. Ja, manchmal kam es mir vor, als schlüpfte
+eine lange dunkle Gestalt hinter den Haselnußsträuchern vor dem Hause
+vorüber und guckte durch die Zweige, dann war alles auf einmal wieder
+still. -- Da trat der Herr Guido eben auf den Balkon des Wirtshauses
+heraus. Er bemerkte mich nicht und spielte sehr geschickt auf einer
+Zither, die er im Hause gefunden haben mußte, und sang dann dazu wie
+eine Nachtigall:
+
+ »Schweigt der Menschen laute Lust:
+ Rauscht die Erde wie in Träumen
+ Wunderbar mit allen Bäumen,
+ Was dem Herzen kaum bewußt,
+ Alte Zeiten, linde Trauer,
+ Und es schweifen leise Schauer
+ Wetterleuchtend durch die Brust.«
+
+Ich weiß nicht, ob er noch mehr gesungen haben mag, denn ich hatte mich
+auf die Bank vor der Haustür hingestreckt und schlief in der lauen Nacht
+vor großer Ermüdung fest ein.
+
+Es mochten wohl ein paar Stunden ins Land gegangen sein, als mich ein
+Posthorn aufweckte, das lange Zeit lustig in meine Träume hereinblies,
+ehe ich mich völlig besinnen konnte. Ich sprang endlich auf, der Tag
+dämmerte schon an den Bergen, und die Morgenkühle rieselte mir durch
+alle Glieder. Da fiel mir erst ein, daß wir ja um diese Zeit schon
+wieder weit fort sein wollten. Aha, dachte ich, heut ist einmal das
+Wecken und Auslachen an mir. Wie wird der Herr Guido mit dem
+verschlafenen Lockenkopfe herausfahren, wenn er mich draußen hört! So
+ging ich den kleinen Garten am Hause dicht unter die Fenster, wo meine
+Herren wohnten, dehnte mich noch einmal recht ins Morgenrot hinein und
+sang fröhlichen Mutes:
+
+ »Wenn der Hoppevogel schreit,
+ Ist der Tag nicht mehr weit,
+ Wenn die Sonne sich auftut,
+ Schmeckt der Schlaf noch so gut!« --
+
+Das Fenster war offen, aber es blieb alles still oben, nur der Nachtwind
+ging noch durch die Weinranken, die sich bis in das Fenster
+hineinstreckten. -- »Nun, was soll denn das wieder bedeuten?« rief ich
+voll Erstaunen aus und lief in das Haus und durch die stillen Gänge nach
+der Stube zu. Aber da gab es mir einen rechten Stich ins Herz. Denn wie
+ich die Tür aufreiße, ist alles leer darin, kein Frack, kein Hut, kein
+Stiefel. -- Nur die Zither, auf der Herr Guido gestern gespielt hatte,
+hing an der Wand, auf dem Tische mitten in der Stube lag ein schöner
+voller Geldbeutel, worauf ein Zettel geklebt war. Ich hielt ihn näher
+ans Fenster und traute meinen Augen kaum, es stand wahrhaftig mit großen
+Buchstaben darauf: »Für den Herrn Einnehmer!«
+
+Was war mir aber das alles nütze, wenn ich meine lieben lustigen Herren
+nicht wiederfand? Ich schob den Beutel in meine tiefe Rocktasche, das
+plumpte wie in einen tiefen Brunnen, daß es mich ordentlich
+hintenüberzog. Dann rannte ich hinaus, machte einen großen Lärm und
+weckte alle Knechte und Mägde im Hause. Die wußten gar nicht, was ich
+wollte, und meinten, ich wäre verrückt geworden. Dann aber verwunderten
+sie sich nicht wenig, als sie oben das leere Nest sahen. Niemand wußte
+etwas von meinen Herren. Nur die eine Magd -- wie ich aus ihren Zeichen
+und Gestikulationen zusammenbringen konnte -- hatte bemerkt, daß der
+Herr Guido, als er gestern abends auf dem Balkon sang, auf einmal laut
+aufschrie und dann geschwind zu dem andern Herrn ins Zimmer
+zurückstürzte. Als sie hernach in der Nacht einmal aufwachte, hörte sie
+draußen Pferdegetrappel. Sie guckte durch das kleine Kammerfenster und
+sah den buckligen Signor, der gestern mit mir so viel gesprochen hatte,
+auf einem Schimmel im Mondschein quer übers Feld galoppieren, daß er
+immer ellenhoch überm Sattel in die Höhe flog und die Magd sich
+bekreuzte, weil es aussah wie ein Gespenst, das auf einem dreibeinigen
+Pferde reitet. -- Da wußt ich nun gar nicht, was ich machen sollte.
+
+Unterdes aber stand unser Wagen schon lange vor der Tür angespannt, und
+der Postillion stieß ungeduldig ins Horn, daß er hätte bersten mögen,
+denn er mußte zur bestimmten Stunde auf der nächsten Station sein, da
+alles durch Laufzettel bis auf die Minute vorausbestellt war. Ich rannte
+noch einmal um das ganze Haus herum und rief die Maler, aber niemand gab
+Antwort, die Leute aus dem Hause liefen zusammen und gafften mich an,
+der Postillion fluchte, die Pferde schnaubten, ich, ganz verblüfft,
+springe endlich geschwind in den Wagen hinein, der Hausknecht schlägt
+die Tür hinter mir zu, der Postillion knallt, und so gings mit mir fort
+in die weite Welt hinein.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Wir fuhren nun über Berg und Tal Tag und Nacht immerfort. Ich hatte gar
+nicht Zeit, mich zu besinnen, denn wo wir hinkamen, standen die Pferde
+angeschirrt, ich konnte mit den Leuten nicht sprechen, mein
+Demonstrieren half also nichts; oft, wenn ich im Wirtshause eben beim
+besten Essen war, blies der Postillion, ich mußte Messer und Gabel
+wegwerfen und wieder in den Wagen springen und wußte doch eigentlich gar
+nicht, wohin und weswegen ich just mit so ausnehmender Geschwindigkeit
+fortreisen sollte.
+
+Sonst war die Lebensart gar nicht so übel. Ich legte mich, wie auf einem
+Kanapee, bald in die eine, bald in die andere Ecke des Wagens und lernte
+Menschen und Länder kennen, und wenn wir durch Städte fuhren, lehnte ich
+mich auf beide Arme zum Wagenfenster heraus und dankte den Leuten, die
+höflich vor mir den Hut abnahmen, oder ich grüßte die Mädchen an den
+Fenstern wie ein alter Bekannter, die sich dann immer sehr verwunderten
+und mir noch lange neugierig nachguckten.
+
+Aber zuletzt erschrak ich sehr. Ich hatte das Geld in dem gefundenen
+Beutel niemals gezählt, den Postmeistern und Gastwirten mußte ich
+überall viel bezahlen, und ehe ich michs versah, war der Beutel leer.
+Anfangs nahm ich mir vor, sobald wir durch einen einsamen Wald führen,
+schnell aus dem Wagen zu springen und zu entlaufen. Dann aber tat es mir
+wieder leid, nun den schönen Wagen so allein zu lassen, mit dem ich
+sonst wohl noch bis ans Ende der Welt fortgefahren wäre.
+
+Nun saß ich eben voller Gedanken und wußte nicht aus noch ein, als es
+auf einmal seitwärts von der Landstraße abging. Ich schrie zum Fenster
+heraus auf den Postillion: wohin er denn fahre? Aber ich mochte
+sprechen, was ich wollte, der Kerl sagte immer bloß: »Si, si, Signore!«
+und fuhr immer über Stock und Stein, daß ich aus einer Ecke des Wagens
+in die andere flog.
+
+Das wollte mir gar nicht in den Sinn, denn die Landstraße lief gerade
+durch eine prächtige Landschaft auf die untergehende Sonne zu, wohl wie
+in ein Meer von Glanz und Funken. Von der Seite aber, wohin wir uns
+gewendet hatten, lag ein wüstes Gebirge vor uns mit grauen Schluchten,
+zwischen denen es schon lange dunkel geworden war. -- Je weiter wir
+fuhren, je wilder und einsamer wurde die Gegend. Endlich kam der Mond
+hinter den Wolken hervor und schien auf einmal so hell zwischen die
+Bäume und Felsen herein, daß es ordentlich grauslich anzusehen war. Wir
+konnten nur langsam fahren in den engen steinichten Schluchten, und das
+einförmige, ewige Gerassel des Wagens schallte an den Steinwänden weit
+in die stille Nacht, als führen wir in ein großes Grabgewölbe hinein.
+Nur von vielen Wasserfällen, die man aber nicht sehen konnte, war ein
+unaufhörliches Rauschen tiefer im Walde, und die Käuzchen riefen aus der
+Ferne immer fort: »Komm mit, komm mit!« -- Dabei kam es mir vor, als
+wenn der Kutscher, der, wie ich jetzt erst sah, gar keine Uniform hatte
+und kein Postillion war, sich einigemal unruhig umsähe und schneller zu
+fahren anfing, und wie ich mich recht zum Wagen herauslegte, kam
+plötzlich ein Reiter aus dem Gebüsche hervor, sprengte dicht vor unsern
+Pferden quer über den Weg und verlor sich sogleich wieder auf der
+anderen Seite im Walde. Ich war ganz verwirrt, denn, soviel ich bei dem
+hellen Mondschein erkennen konnte, war es dasselbe bucklige Männlein auf
+seinem Schimmel, das in dem Wirtshause mit der Adlernase nach mir
+gehackt hatte. Der Kutscher schüttelte den Kopf und lachte laut auf über
+die närrische Reiterei, wandte sich aber dann rasch zu mir um, sprach
+sehr viel und sehr eifrig, wovon ich leider nichts verstand, und fuhr
+dann noch rascher fort.
+
+Ich aber war froh, als ich bald darauf von fern ein Licht schimmern sah.
+Es fanden sich nach und nach noch mehrere Lichter, sie wurden immer
+größer und heller, und endlich kamen wir an einigen verräucherten Hütten
+vorüber, die wie Schwalbennester auf dem Felsen hingen. Da die Nacht
+warm war, so standen die Türen offen, und ich konnte darin die
+hellerleuchteten Stuben und allerlei lumpiges Gesindel sehen, das wie
+dunkle Schatten um das Herdfeuer herumhockte. Wir aber rasselten durch
+die stille Nacht einen Steinweg hinan, der sich auf einen hohen Berg
+hinaufzog. Bald überdeckten hohe Bäume und herabhängende Sträucher den
+ganzen Hohlweg, bald konnte man auf einmal wieder das ganze Firmament
+und in der Tiefe die weite stille Runde von Bergen, Wäldern und Tälern
+übersehen. Auf dem Gipfel des Berges stand ein großes altes Schloß mit
+vielen Türmen im hellsten Mondschein. -- »Nun Gott befohlen!« rief ich
+aus und war innerlich ganz munter geworden vor Erwartung, wohin sie mich
+da am Ende noch bringen würden.
+
+Es dauerte wohl noch eine gute halbe Stunde, ehe wir endlich auf dem
+Berge am Schloßtore ankamen. Das ging in einen breiten, runden Turm
+hinein, der oben schon ganz verfallen war. Der Kutscher knallte dreimal,
+daß es weit in dem alten Schlosse widerhallte, wo ein Schwarm von Dohlen
+ganz erschrocken plötzlich aus allen Luken und Ritzen herausfuhr und mit
+großem Geschrei die Luft durchkreuzte. Darauf rollte der Wagen in den
+langen, dunklen Torweg hinein. Die Pferde gaben mit ihren Hufeisen Feuer
+auf dem Steinpflaster, ein großer Hund bellte, der Wagen donnerte
+zwischen den gewölbten Wänden. Die Dohlen schrien noch immer dazwischen
+-- so kamen wir mit einem entsetzlichen Spektakel in den engen
+gepflasterten Schloßhof.
+
+Eine kuriose Station! dachte ich bei mir, als nun der Wagen stillstand.
+Da wurde die Wagentür von draußen aufgemacht, und ein alter langer Mann
+mit einer kleinen Laterne sah mich unter seinen dicken Augenbrauen
+grämlich an. Er faßte mich dann unter den Arm und half mir, wie einem
+großen Herrn, aus dem Wagen heraus. Draußen vor der Haustür stand eine
+alte, sehr häßliche Frau in schwarzem Kamisol und Rock, mit einer weißen
+Schürze und schwarzen Haube, von der ihr ein langer Schnipper bis an die
+Nase herunterhing. Sie hatte an der einen Hüfte einen großen Bund
+Schlüssel hängen und hielt in der andern einen altmodischen Armleuchter
+mit zwei brennenden Wachskerzen. Sobald sie mich erblickte, fing sie an,
+tiefe Knickse zu machen, und sprach und frug sehr viel durcheinander.
+Ich verstand aber nichts davon und machte immerfort Kratzfüße vor ihr,
+und es war mir eigentlich recht unheimlich zumute.
+
+Der alte Mann hatte unterdes mit seiner Laterne den Wagen von allen
+Seiten beleuchtet und brummte und schüttelte den Kopf, als er nirgend
+einen Koffer oder Bagage fand. Der Kutscher fuhr darauf, ohne Trinkgeld
+von mir zu fordern, den Wagen in einen alten Schuppen, der auf der Seite
+des Hofes schon offen stand. Die alte Frau aber bat mich sehr höflich
+durch allerlei Zeichen, ihr zu folgen. Sie führte mich mit ihren
+Wachskerzen durch einen langen schmalen Gang, und dann eine kleine
+steinerne Treppe herauf. Als wir an der Küche vorbeigingen, streckten
+ein paar junge Mägde neugierig die Köpfe durch die halbgeöffnete Tür und
+guckten mich so starr an und winkten und nickten einander heimlich zu,
+als wenn sie in ihrem Leben noch kein Mannsbild gesehen hätten. Die Alte
+machte endlich oben eine Tür auf, da wurde ich anfangs ordentlich ganz
+verblüfft. Denn es war ein großes, schönes, herrschaftliches Zimmer mit
+goldenen Verzierungen an der Decke, und an den Wänden hingen prächtige
+Tapeten mit allerlei Figuren und großen Blumen. In der Mitte stand ein
+gedeckter Tisch mit Braten, Kuchen, Salat, Obst, Wein und Konfekt, daß
+einem recht das Herz im Leibe lachte. Zwischen den beiden Fenstern hing
+ein ungeheurer Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte.
+
+Ich muß sagen, das gefiel mir recht wohl. Ich streckte mich ein paarmal
+und ging mit langen Schritten vornehm im Zimmer auf und ab. Dann konnt
+ich aber doch nicht widerstehen, mich einmal in einem so großen Spiegel
+zu besehen. Das ist wahr, die neuen Kleider vom Herrn Leonhard standen
+mir recht schön, auch hatte ich in Italien so ein gewisses feuriges Auge
+bekommen, sonst aber war ich gerade noch so ein Milchbart, wie ich zu
+Hause gewesen war, nur auf der Oberlippe zeigten sich erst ein paar
+Flaumfedern.
+
+Die alte Frau mahlte indes in einem fort mit ihrem zahnlosen Munde, daß
+es nicht anders aussah, als wenn sie an der langen herunterhängenden
+Nasenspitze kaute. Dann nötigte sie mich zum Sitzen, streichelte mir mit
+ihren dürren Fingern das Kinn, nannte mich »Poverina!« wobei sie mich
+aus den roten Augen so schelmich ansah, daß sich ihr der eine Mundwinkel
+bis an die halbe Wange in die Höhe zog, und ging endlich mit einem
+tiefen Knicks zur Tür hinaus.
+
+Ich aber setzte mich zu dem gedeckten Tisch, während eine junge hübsche
+Magd hereintrat, um mich bei der Tafel zu bedienen. Ich knüpfte allerlei
+galanten Diskurs mit ihr an, sie verstand mich aber nicht, sondern sah
+mich immer ganz kurios von der Seite an, weil mirs so gut schmeckte,
+denn das Essen war delikat. Als ich satt war und wieder aufstand, nahm
+die Magd ein Licht von der Tafel und führte mich in ein anderes Zimmer.
+Da war ein Sofa, ein kleiner Spiegel und ein prächtiges Bett mit
+grünseidenen Vorhängen. Ich frug sie mit Zeichen, ob ich mich da hinein
+legen sollte? Sie nickte zwar: ja, aber das war denn doch nicht möglich,
+denn sie blieb wie angenagelt bei mir stehen. Endlich holte ich mir noch
+ein großes Glas Wein aus der Tafelstube herein und rief ihr zu:
+»_Felicissima notte!_« denn so viel hatt ich schon Italienisch gelernt.
+Aber wie ich das Glas so auf einmal ausstürzte, bricht sie plötzlich in
+ein verhaltenes Kichern aus, wird über und über rot, geht in die
+Tafelstube und macht die Tür hinter sich zu. Was ist da zu lachen?
+dachte ich ganz verwundert, ich glaube, die Leute in Italien sind alle
+verrückt.
+
+Ich hatte nun nur immer Angst vor dem Postillion, daß der gleich wieder
+zu blasen anfangen würde. Ich horchte am Fenster, aber es war alles
+still draußen. Laß ihn blasen! dachte ich, zog mich aus und legte mich
+in das prächtige Bett. Das war nicht anders, als wenn man in Milch und
+Honig schwömme! Vor den Fenstern rauschte die alte Linde im Hofe,
+zuweilen fuhr noch eine Dohle plötzlich vom Dache auf, bis ich endlich
+voller Vergnügen einschlief.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Als ich wieder erwachte, spielten schon die ersten Morgenstrahlen an den
+grünen Vorhängen über mir. Ich konnte mich gar nicht besinnen, wo ich
+eigentlich wäre. Es kam mir vor, als führe ich noch immer fort im Wagen,
+und es hätte mir von einem Schlosse im Mondschein geträumt und von einer
+alten Hexe und ihrem blassen Töchterlein.
+
+Ich sprang endlich rasch aus dem Bette, kleidete mich an und sah mich
+dabei nach allen Seiten in dem Zimmer um. Da bemerkte ich eine kleine
+Tapetentür, die ich gestern gar nicht gesehen hatte. Sie war nur
+angelehnt, ich öffnete sie und erblickte ein kleines nettes Stübchen,
+das in der Morgendämmerung recht heimlich aussah. Über einem Stuhl waren
+Frauenkleider unordentlich hingeworfen, auf einem Bettchen daneben lag
+das Mädchen, das mir gestern abends bei der Tafel aufgewartet hatte. Sie
+schlief noch ganz ruhig und hatte den Kopf auf den weißen bloßen Arm
+gelegt, über den ihre schwarzen Locken herabfielen. »Wenn die wüßte, daß
+die Tür offen war!« sagte ich zu mir selbst und ging in mein
+Schlafzimmer zurück, während ich hinter mir wieder schloß und
+verriegelte, damit das Mädchen nicht erschrecken und sich schämen
+sollte, wenn sie erwachte.
+
+Draußen ließ sich noch kein Laut vernehmen. Nur ein früh erwachtes
+Waldvöglein saß vor meinem Fenster auf einem Strauch, der aus der Mauer
+herauswuchs, und sang schon sein Morgenlied. »Nein,« sagte ich, »du
+sollst mich nicht beschämen und allein so früh und fleißig Gott loben!«
+-- Ich nahm schnell meine Geige, die ich gestern auf das Tischchen
+gelegt hatte, und ging hinaus. Im Schlosse war noch alles totenstill,
+und es dauerte lange, ehe ich mich aus den dunklen Gängen ins Freie
+herausfand.
+
+Als ich vor das Schloß heraustrat, kam ich in einen großen Garten, der
+auf breiten Terrassen, wovon die eine immer tiefer war als die andere,
+bis auf den halben Berg herunterging. Aber das war eine liederliche
+Gärtnerei. Die Gänge waren alle mit hohem Grase bewachsen, die
+künstlichen Figuren von Buchsbaum waren nicht beschnitten und streckten,
+wie Gespenster, lange Nasen oder ellenhohe spitzige Mützen in die Luft
+hinaus, daß man sich in der Dämmerung ordentlich davor hätte fürchten
+mögen. Auf einige zerbrochene Statuen über einer vertrockneten
+Wasserkunst war gar Wäsche aufgehängt, hin und wieder hatten sie mitten
+im Garten Kohl gebaut, dann kamen wieder ein paar ordinäre Blumen, alles
+unordentlich durcheinander und von hohem, wildem Unkraut überwachsen,
+zwischen dem sich bunte Eidechsen schlängelten. Zwischen die alten,
+hohen Bäume hindurch aber war überall eine weite, einsame Aussicht, eine
+Bergkoppe hinter der andern, so weit das Auge reichte.
+
+Nachdem ich so ein Weilchen in der Morgendämmerung durch die Wildnis
+umherspaziert war, erblickte ich auf der Terrasse unter mir einen
+langen, schmalen, blassen Jüngling in einem langen braunen Kaputrock,
+der mit verschränkten Armen und großen Schritten auf und ab ging. Er
+tat, als sähe er mich nicht, setzte sich bald darauf auf eine steinerne
+Bank hin, zog ein Buch aus der Tasche, las sehr laut, als wenn er
+predigte, sah dabei zuweilen zum Himmel und stützte dann den Kopf ganz
+melancholisch auf die rechte Hand. Ich sah ihm lange zu, endlich wurde
+ich doch neugierig, warum er denn eigentlich so absonderliche Grimassen
+machte, und ging schnell auf ihn zu. Er hatte eben einen tiefen Seufzer
+ausgestoßen und sprang erschrocken auf, als ich ankam. Er war voller
+Verlegenheit, ich auch, wir wußten beide nicht, was wir sprechen
+sollten, und machten immerfort Komplimente voreinander, bis er endlich
+mit langen Schritten in das Gebüsch Reißaus nahm. Unterdes war die Sonne
+über dem Walde aufgegangen, ich sprang auf die Bank hinauf und strich
+vor Lust meine Geige, daß es weit in die stillen Täler herunterschallte.
+Die Alte mit dem Schlüsselbunde, die mich schon ängstlich im ganzen
+Schlosse zum Frühstück aufgesucht hatte, erschien nun auf der Terrasse
+über mir und verwunderte sich, daß ich so artig auf der Geige spielen
+konnte. Der alte grämliche Mann vom Schlosse fand sich dazu und
+verwunderte sich ebenfalls, endlich kamen auch noch die Mägde, und alles
+blieb oben voller Verwunderung stehen, und ich fingerte und schwenkte
+meinen Fiedelbogen immer künstlicher und hurtiger und spielte Kadenzen
+und Variationen, bis ich endlich ganz müde wurde.
+
+Das war nun aber doch ganz seltsam auf dem Schlosse! Kein Mensch dachte
+da ans Weiterreisen. Das Schloß war auch gar kein Wirtshaus, sondern
+gehörte, wie ich von der Magd erfuhr, einem reichen Grafen. Wenn ich
+mich dann manchmal bei der Alten erkundigte, wie der Graf heiße, wo er
+wohne, da schmunzelte sie immer bloß wie den ersten Abend, da ich auf
+das Schloß kam, und kniff und winkte mir so pfiffig mit den Augen zu,
+als wenn sie nicht recht bei Sinne wäre. Trank ich einmal an einem
+heißen Tage eine ganze Flasche Wein aus, so kicherten die Mägde gewiß,
+wenn sie die andere brachten, und als mich dann gar einmal nach einer
+Pfeife Tabak verlangte, ich ihnen durch Zeichen beschrieb, was ich
+wollte, da brachen alle in ein großes unvernünftiges Gelächter aus. --
+Am verwunderlichsten war mir eine Nachtmusik, die sich oft, und gerade
+immer in den finstersten Nächten, unter meinem Fenster hören ließ. Es
+griff auf einer Gitarre immer nur von Zeit zu Zeit einzelne, ganz leise
+Klänge. Das eine Mal aber kam es mir vor, als wenn es dabei von unten:
+»Pst! pst!« heraufrief. Ich fuhr daher geschwind aus dem Bett und mit
+dem Kopf aus dem Fenster. »Holla! heda! wer ist da draußen?« rief ich
+hinunter. Aber es antwortete niemand, ich hörte nur etwas sehr schnell
+durch die Gesträuche fortlaufen. Der große Hund im Hofe schlug über
+meinen Lärm ein paarmal an, dann war auf einmal alles wieder still, und
+die Nachtmusik ließ sich seitdem nicht wieder vernehmen.
+
+Sonst hatte ich hier ein Leben, wie sichs ein Mensch nur immer in der
+Welt wünschen kann. Der gute Portier! er wußte wohl, was er sprach, wenn
+er immer zu sagen pflegte, daß in Italien einem die Rosinen von selbst
+in den Mund wüchsen. Ich lebte auf dem einsamen Schlosse wie ein
+verwunschener Prinz. Wo ich hintrat, hatten die Leute eine große
+Ehrerbietung vor mir, obgleich sie schon alle wußten, daß ich keinen
+Heller in der Tasche hatte. Ich durfte nur sagen: Tischchen, deck dich!
+so standen auch schon herrliche Speisen, Reis, Wein, Melonen und
+Parmesankäse da. Ich ließ mirs wohlschmecken, schlief in dem prächtigen
+Himmelbett, ging im Garten spazieren, musizierte und half wohl auch
+manchmal in der Gärtnerei nach. Oft lag ich auch stundenlang im Garten
+im hohen Grase, und der schmale Jüngling (es war ein Schüler und
+Verwandter der Alten, der eben jetzt hier zur Vakanz war) ging mit
+seinem langen Kaputrock in weiten Kreisen um mich herum und murmelte
+dabei, wie ein Zauberer, aus seinem Buche, worüber ich dann auch
+jedesmal einschlummerte. -- So verging ein Tag nach dem andern, bis ich
+am Ende anfing, von dem guten Essen und Trinken ganz melancholisch zu
+werden. Die Glieder gingen mir von dem ewigen Nichtstun ordentlich aus
+allen Gelenken, und es war mir, als würde ich vor Faulheit noch ganz
+auseinanderfallen.
+
+In dieser Zeit saß ich einmal an einem schwülen Nachmittag im Wipfel
+eines hohen Baumes, der am Abhange stand, und wiegte mich auf den Ästen
+langsam über dem stillen, tiefen Tale. Die Bienen summten zwischen den
+Blättern um mich herum, sonst war alles wie ausgestorben, kein Mensch
+war zwischen den Bergen zu sehen, tief unter mir auf den stillen
+Waldwiesen ruhten die Kühe auf dem hohen Grase. Aber ganz von weitem kam
+der Klang eines Posthorns über die waldigen Gipfel herüber, bald kaum
+vernehmbar, bald wieder heller und deutlicher. Mir fiel dabei auf einmal
+ein altes Lied recht aufs Herz, das ich noch zu Hause auf meines Vaters
+Mühle von einem wandernden Handwerksburschen gelernt hatte, und ich
+sang:
+
+ »Wer in die Fremde will wandern,
+ Der muß mit der Liebsten gehn,
+ Es jubeln und lassen die andern
+ Den Fremden alleine stehn.
+
+ Was wisset ihr, dunkele Wipfel,
+ Von der alten, schönen Zeit?
+ Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,
+ Wie liegt sie von hier so weit!
+
+ Am liebsten betracht ich die Sterne,
+ Die schienen, wenn ich ging zu ihr,
+ Die Nachtigall hör ich so gerne,
+ Sie sang vor der Liebsten Tür.
+
+ Der Morgen, das ist meine Freude!
+ Da steig ich in stiller Stund,
+ Auf den höchsten Berg in die Weite,
+ Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!«
+
+Es war, als wenn mich das Posthorn bei meinem Liede aus der Ferne
+begleiten wollte. Es kam, während ich sang, zwischen den Bergen immer
+näher und näher, bis ich es endlich gar oben auf dem Schloßhofe schallen
+hörte. Ich sprang rasch vom Baume herunter. Da kam mir auch schon die
+Alte mit einem geöffneten Pakete aus dem Schlosse entgegen. »Da ist auch
+etwas für Sie mitgekommen«, sagte sie und reichte mir aus dem Paket ein
+kleines, niedliches Briefchen. Es war ohne Aufschrift, ich brach es
+schnell auf. Aber da wurde ich auch auf einmal im ganzen Gesicht so rot
+wie eine Päonie, und das Herz schlug mir so heftig, daß es die Alte
+merkte, denn das Briefchen war von -- meiner schönen Frau, von der ich
+manches Zettelchen bei dem Herrn Amtmann gesehen hatte. Sie schrieb
+darin ganz kurz: »Es ist alles wieder gut, alle Hindernisse sind
+beseitigt. Ich benutzte heimlich diese Gelegenheit, um die erste zu
+sein, die Ihnen diese freudige Botschaft schreibt. Kommen, eilen Sie
+zurück. Es ist so öde hier, und ich kann kaum mehr leben, seit Sie von
+uns fort sind. Aurelie.«
+
+Die Augen gingen mir über, als ich das las, vor Entzücken und Schreck
+und unsäglicher Freude. Ich schämte mich vor dem alten Weibe, die mich
+wieder abscheulich anschmunzelte, und flog wie ein Pfeil bis in den
+allereinsamsten Winkel des Gartens. Dort warf ich mich unter den
+Haselnußsträuchern ins Gras hin und las das Briefchen noch einmal, sagte
+die Worte auswendig für mich hin und las dann wieder und immer wieder,
+und die Sonnenstrahlen tanzten zwischen den Blättern hindurch über den
+Buchstaben, daß sie sich wie goldene und hellgrüne und rote Blüten vor
+meinen Augen ineinanderschlangen. Ist sie am Ende gar nicht verheiratet
+gewesen? dachte ich, war der fremde Offizier damals vielleicht ihr Herr
+Bruder, oder ist er nun tot, oder bin ich toll, oder -- »Das ist alles
+einerlei!« rief ich endlich und sprang auf, »nun ists ja klar, sie liebt
+mich ja, sie liebt mich!«
+
+Als ich aus dem Gesträuch wieder hervorkroch, neigte sich die Sonne zum
+Untergange. Der Himmel war rot, die Vögel sangen lustig in allen
+Wäldern, die Täler waren voller Schimmer, aber in meinem Herzen war es
+noch viel tausendmal schöner und fröhlicher!
+
+Ich rief in das Schloß hinein, daß sie mir heut das Abendessen in den
+Garten herausbringen sollten. Die alte Frau, der alte grämliche Mann,
+die Mägde, sie mußten alle mit heraus und sich mit mir unter dem Baum an
+den gedeckten Tisch setzen. Ich zog meine Geige hervor und spielte und
+aß und trank dazwischen. Da wurden sie alle lustig, der alte Mann strich
+seine grämlichen Falten aus dem Gesicht und stieß ein Glas nach dem
+andern aus, die Alte plauderte in einem fort, Gott weiß was; die Mägde
+fingen an auf dem Rasen miteinander zu tanzen. Zuletzt kam auch noch der
+blasse Student neugierig hervor, warf einige verächtliche Blicke auf das
+Spektakel und wollte ganz vornehm wieder weitergehen. Ich aber, nicht zu
+faul, sprang geschwind auf, erwischte ihn, eh er sichs versah, bei
+seinem langen Überrock und walzte tüchtig mit ihm herum. Er strengte
+sich nun an, recht zierlich und neumodisch zu tanzen, und füßelte so
+emsig und künstlich, daß ihm der Schweiß vom Gesicht herunterfloß und
+die langen Rockschöße wie ein Rad um uns herumflogen. Dabei sah er mich
+aber manchmal so kurios mit verdrehten Augen an, daß ich mich ordentlich
+vor ihm zu fürchten anfing und ihn plötzlich wieder losließ.
+
+Die Alte hätte nun gar zu gern erfahren, was in dem Briefe stand und
+warum ich denn eigentlich heut auf einmal so lustig war. Aber das war ja
+viel zu weitläufig, um es ihr auseinandersetzen zu können. Ich zeigte
+bloß auf ein paar Kraniche, die eben hoch über uns durch die Luft zogen,
+und sagte: ich müßte nun auch so fort und immer fort, weit in die Ferne!
+-- Da riß sie die vertrockneten Augen weit auf und blickte wie ein
+Basilisk bald auf mich, bald auf den alten Mann hinüber. Dann bemerkte
+ich, wie die beiden heimlich die Köpfe zusammensteckten, sooft ich mich
+wegwandte, und sehr eifrig miteinander sprachen und mich dabei zuweilen
+von der Seite ansahen.
+
+Das fiel mir auf. Ich sann hin und her, was sie wohl mit mir vorhaben
+möchten. Darüber wurde ich stiller, die Sonne war auch schon lange
+untergegangen, und so wünschte ich allen gute Nacht und ging
+nachdenklich in meine Schlafstube hinauf.
+
+Ich war innerlich so fröhlich und unruhig, daß ich noch lange im Zimmer
+auf und nieder ging. Draußen wälzte der Wind schwere, schwarze Wolken
+über den Schloßturm weg, man konnte kaum die nächsten Bergkoppen in der
+dicken Finsternis erkennen. Da kam es mir vor, als wenn ich im Garten
+unten Stimmen hörte. Ich löschte mein Licht aus und stellte mich ans
+Fenster. Die Stimmen schienen näher zu kommen, sprachen aber sehr leise
+miteinander. Auf einmal gab eine kleine Laterne, welche die eine Gestalt
+unterm Mantel trug, einen langen Schein. Ich erkannte nun den grämlichen
+Schloßverwalter und die alte Haushälterin. Das Licht blitzte über das
+Gesicht der Alten, das mir noch niemals so gräßlich vorgekommen war, und
+über ein langes Messer, das sie in der Hand hielt. Dabei konnte ich
+sehen, daß sie beide eben nach meinem Fenster hinaufsahen. Dann schlug
+der Verwalter seinen Mantel wieder dichter um, und es war bald alles
+wieder finster und still.
+
+Was wollen die, dachte ich, zu dieser Stunde noch draußen im Garten?
+Mich schauderte, denn es fielen mir alle Mordgeschichten ein, die ich in
+meinem Leben gehört hatte, von Hexen und Räubern, welche Menschen
+abschlachten, um ihre Herzen zu fressen. Indem ich noch so nachdenke,
+kommen Menschentritte erst die Treppe herauf, dann auf dem langen Gange
+ganz leise, leise auf meine Tür zu, dabei war es, als wenn zuweilen
+Stimmen heimlich miteinander wisperten. Ich sprang schnell an das andere
+Ende der Stube hinter einen großen Tisch, den ich, sobald sich etwas
+rührte, vor mir aufheben und so mit aller Gewalt auf die Tür losrennen
+wollte. Aber in der Finsternis warf ich einen Stuhl um, daß es ein
+entsetzliches Gepolter gab. Da wurde es auf einmal ganz still draußen.
+Ich lauschte hinter dem Tisch und sah immerfort nach der Tür, als wenn
+ich sie mit den Augen durchstechen wollte, daß mir ordentlich die Augen
+zum Kopfe herausstanden. Als ich mich ein Weilchen wieder so ruhig
+verhalten hatte, daß man die Fliegen an der Wand hätte können gehen
+hören, vernahm ich, wie jemand von draußen ganz leise einen Schlüssel
+ins Schlüsselloch steckte. Ich wollte nun eben mit meinem Tische
+losfahren, da drehte es den Schlüssel langsam dreimal in der Tür um, zog
+ihn vorsichtig wieder heraus und schnurrte dann sachte über den Gang und
+die Treppe hinunter.
+
+Ich schöpfte nun tief Atem. Oho, dachte ich, da haben sie dich
+eingesperrt, damit sie's kommode haben, wenn ich erst fest eingeschlafen
+bin. Ich untersuchte geschwind die Tür. Es war richtig, sie war fest
+verschlossen, ebenso die andere Tür, hinter der die hübsche, bleiche
+Magd schlief. Das war noch niemals geschehen, solange ich auf dem
+Schlosse wohnte.
+
+Da saß ich nun in der Fremde gefangen! Die schöne Frau stand nun wohl an
+ihrem Fenster und sah über den stillen Garten nach der Landstraße
+hinaus, ob ich nicht schon am Zollhäuschen mit meiner Geige
+dahergestrichen komme, die Wolken flogen rasch über den Himmel, die Zeit
+verging -- und ich konnte nicht fort von hier! Ach, mir war so weh im
+Herzen, ich wußte gar nicht mehr, was ich tun sollte. Dabei war mirs
+auch immer, wenn die Blätter draußen rauschten oder eine Ratte am Boden
+knosperte, als wäre die Alte durch eine verborgene Tapetentür heimlich
+hereingetreten und lauere und schleiche leise mit dem langen Messer
+durchs Zimmer.
+
+Als ich so voll Sorgen auf dem Bette saß, hörte ich auf einmal seit
+langer Zeit wieder die Nachtmusik unter meinen Fenstern. Bei dem ersten
+Klange der Gitarre war es mir nicht anders, als wenn mir ein
+Morgenstrahl plötzlich durch die Seele führe. Ich riß das Fenster auf
+und rief leise hinunter, daß ich wach sei. »Pst, pst!« antwortete es von
+unten. Ich besann mich nun nicht lange, steckte das Briefchen und meine
+Geige zu mir, schwang mich aus dem Fenster und kletterte an der alten,
+zersprungenen Mauer hinab, indem ich mich mit den Händen an den
+Sträuchern, die aus den Ritzen wuchsen, anhielt. Aber einige morsche
+Ziegel gaben nach, ich kam ins Rutschen, es ging immer rascher und
+rascher mit mir, bis ich endlich mit beiden Füßen aufplumpte, daß mirs
+im Gehirnkasten knisterte.
+
+Kaum war ich auf diese Art unten im Garten angekommen, so umarmte mich
+jemand mit solcher Vehemenz, daß ich laut aufschrie. Der gute Freund
+aber hielt mir schnell die Finger auf den Mund, faßte mich an der Hand
+und führte mich dann aus dem Gesträuch ins Freie hinaus. Da erkannte ich
+mit Verwunderung den guten, langen Studenten, der die Gitarre an einem
+breiten seidenen Bande um den Hals hängen hatte. -- Ich beschrieb ihm
+nun in größter Geschwindigkeit, daß ich aus dem Garten hinauswollte. Er
+schien aber das alles schon lange zu wissen und führte mich auf allerlei
+verdeckten Umwegen zu dem untern Tore in der hohen Gartenmauer. Aber da
+war nun auch das Tor wieder fest verschlossen! Doch der Student hatte
+auch das schon vorbedacht, er zog einen großen Schlüssel hervor und
+schloß behutsam auf.
+
+Als wir nun in den Wald hinaustraten und ich ihn eben noch um den besten
+Weg zur nächsten Stadt fragen wollte, stürzte er plötzlich vor mir auf
+ein Knie nieder, hob die eine Hand hoch in die Höhe und fing an zu
+fluchen und zu schwören, daß es entsetzlich anzuhören war. Ich wußte gar
+nicht, was er wollte, ich hörte nur immerfort: _Idio_ und _cuore_ und
+_amore_ und _furore_! Als er aber am Ende gar anfing, auf beiden Knien
+schnell und immer näher auf mich zuzurutschen, da wurde mir auf einmal
+ganz grauslich, ich merkte wohl, daß er verrückt war, und rannte, ohne
+mich umzusehen, in den dicksten Wald hinein.
+
+Ich hörte nun den Studenten wie rasend hinter mir drein schreien. Bald
+darauf gab noch eine andere grobe Stimme vom Schlosse her Antwort. Ich
+dachte mir nun wohl, daß sie mich aufsuchen würden. Der Weg war mir
+unbekannt, die Nacht finster, ich konnte ihnen leicht wieder in die
+Hände fallen. Ich kletterte daher auf den Wipfel einer hohen Tanne
+hinauf, um bessere Gelegenheit abzuwarten.
+
+Von dort konnte ich hören, wie auf dem Schlosse eine Stimme nach der
+andern wach wurde. Einige Windlichter zeigten sich oben und warfen ihre
+wilden roten Scheine über das alte Gemäuer des Schlosses und weit vom
+Berge in die schwarze Nacht hinein. Ich befahl meine Seele dem lieben
+Gott, denn das verworrene Getümmel wurde immer lauter und näherte sich
+immer mehr und mehr. Endlich stürzte der Student mit einer Fackel unter
+meinem Baume vorüber, daß ihm die Rockschöße weit im Winde nachflogen.
+Dann schienen sie sich alle nach und nach auf eine andere Seite des
+Berges hinzuwenden, die Stimmen schallten immer ferner und ferner, und
+der Wind rauschte wieder durch den stillen Wald. Da stieg ich schnell
+von dem Baume herab und lief atemlos weiter in das Tal und die Nacht
+hinaus.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Ich war Tag und Nacht eilig fortgegangen, denn es sauste mir lange in
+den Ohren, als kämen die vom Berge mit ihrem Rufen, mit Fackeln und
+langen Messern noch immer hinter mir drein. Unterwegs erfuhr ich, daß
+ich nur noch ein paar Meilen von Rom wäre. Da erschrak ich ordentlich
+vor Freude. Denn von dem prächtigen Rom hatte ich schon zu Hause als
+Kind viele wunderbare Geschichten gehört, und wenn ich dann an
+Sonntagsnachmittagen vor der Mühle im Grase lag und alles ringsum so
+still war, da dachte ich mir Rom wie die ziehenden Wolken über mir, mit
+wundersamen Bergen und Abgründen am blauen Meer und goldnen Toren und
+hohen glänzenden Türmen, von denen Engel in goldnen Gewändern sangen. --
+Die Nacht war schon wieder lange hereingebrochen, und der Mond schien
+prächtig, als ich endlich auf einem Hügel aus dem Walde heraustrat und
+auf einmal die Stadt in der Ferne vor mir sah. -- Das Meer leuchtete von
+weitem, der Himmel blitzte und funkelte unübersehbar mit unzähligen
+Sternen, darunter lag die heilige Stadt, von der man nur einen langen
+Nebelstreif erkennen konnte, wie ein eingeschlafener Löwe auf der
+stillen Erde, und Berge standen daneben wie dunkle Riesen, die ihn
+bewachten.
+
+Ich kam nun zuerst auf eine große, einsame Heide, auf der es so grau und
+still war wie im Grabe. Nur hin und her stand ein altes verfallenes
+Gemäuer oder ein trockener wunderbar gewundener Strauch; manchmal
+schwirrten Nachtvögel durch die Luft, und mein eigener Schatten strich
+immerfort lang und dunkel in der Einsamkeit neben mir her. Sie sagen,
+daß hier eine uralte Stadt und die Frau Venus begraben liegt und die
+alten Heiden zuweilen noch aus ihren Gräbern heraufsteigen und bei
+stiller Nacht über die Heide gehen und die Wanderer verwirren. Aber ich
+ging immer gerade fort und ließ mich nichts anfechten. Denn die Stadt
+stieg immer deutlicher und prächtiger vor mir herauf, und die hohen
+Burgen und Tore und die goldenen Kuppeln glänzten so herrlich im hellen
+Mondenschein, als ständen wirklich die Engel in goldnen Gewändern auf
+den Zinnen und sängen durch die stille Nacht herüber.
+
+So zog ich denn endlich erst an kleinen Häusern vorbei, dann durch ein
+prächtiges Tor in die berühmte Stadt Rom hinein. Der Mond schien
+zwischen den Palästen, als wäre es heller Tag, aber die Straßen waren
+schon alle leer, nur hin und wieder lag ein lumpiger Kerl, wie ein
+Toter, in der lauen Nacht auf den Marmorschwellen und schlief. Dabei
+rauschten die Brunnen auf den stillen Plätzen, und die Gärten an der
+Straße säuselten dazwischen und erfüllten die Luft mit erquickenden
+Düften.
+
+Wie ich nun eben so weiter fortschlendere und vor Vergnügen, Mondschein
+und Wohlgeruch gar nicht weiß, wohin ich mich wenden soll, läßt sich
+tief aus dem einen Garten eine Gitarre hören. Mein Gott, denk ich, da
+ist mir wohl der tolle Student mit dem langen Überrock heimlich
+nachgesprungen! Darüber fing eine Dame in dem Garten an überaus lieblich
+zu singen. Ich stand ganz wie bezaubert, denn es war die Stimme der
+schönen gnädigen Frau und dasselbe welsche Liedchen, das sie gar oft zu
+Hause am offnen Fenster gesungen hatte.
+
+Da fiel mir auf einmal die schöne alte Zeit mit solcher Gewalt aufs
+Herz, daß ich bitterlich hätte weinen mögen, der stille Garten vor dem
+Schloß in früher Morgenstunde, und wie ich da hinter dem Strauch so
+glückselig war, ehe mir die dumme Fliege in die Nase flog. Ich konnte
+mich nicht länger halten. Ich kletterte auf den vergoldeten Zieraten
+über das Gittertor und schwang mich in den Garten hinunter, woher der
+Gesang kam. Da bemerkte ich, daß eine schlanke, weiße Gestalt von fern
+hinter einer Pappel stand und mir erst verwundert zusah, als ich über
+das Gitterwerk kletterte, dann aber auf einmal so schnell durch den
+dunklen Garten nach dem Hause zuflog, daß man sie im Mondschein kaum
+füßeln sehen konnte. »Das war sie selbst!« rief ich aus, und das Herz
+schlug mir vor Freude, denn ich erkannte sie gleich an den kleinen,
+geschwinden Füßchen wieder. Es war nur schlimm, daß ich mir beim
+Herunterspringen vom Gartentore den rechten Fuß etwas vertreten hatte,
+ich mußte daher erst ein paarmal mit dem Beine schlenkern, eh ich zu dem
+Hause nachspringen konnte. Aber da hatten sie unterdes Tür und Fenster
+fest verschlossen. Ich klopfte ganz bescheiden an, horchte und klopfte
+wieder. Da war es nicht anders, als wenn es drinnen leise flüsterte und
+kicherte, ja einmal kam es mir vor, als wenn zwei helle Augen zwischen
+den Jalousien im Mondschein hervorfunkelten. Dann war auf einmal wieder
+alles still.
+
+Sie weiß nur nicht, daß ich es bin, dachte ich, zog die Geige, die ich
+allzeit bei mir trage, hervor, spazierte damit auf dem Gange vor dem
+Hause auf und nieder und spielte und sang das Lied von der schönen Frau
+und spielte voll Vergnügen alle meine Lieder durch, die ich damals in
+den schönen Sommernächten im Schloßgarten oder auf der Bank vor dem
+Zollhause gespielt hatte, daß es weit bis in die Fenster des Schlosses
+hinüberklang. -- Aber es half alles nichts, es rührte und regte sich
+niemand im ganzen Hause. Da steckte ich endlich meine Geige traurig ein
+und legte mich auf der Schwelle vor der Haustür hin, denn ich war sehr
+müde von dem langen Marsch. Die Nacht war warm, die Blumenbeete vor dem
+Hause dufteten lieblich, eine Wasserkunst weiter unten im Garten
+plätscherte immerfort dazwischen. Mir träumte von himmelblauen Blumen,
+von schönen, dunkelgrünen, einsamen Gründen, wo Quellen rauschten und
+Bächlein gingen und bunte Vögel wunderbar sangen, bis ich endlich fest
+einschlief.
+
+Als ich aufwachte, rieselte mir die Morgenluft durch alle Glieder. Die
+Vögel waren schon wach und zwitscherten auf den Bäumen um mich herum,
+als ob sie mich für'n Narren haben wollten. Ich sprang rasch auf und sah
+mich nach allen Seiten um. Die Wasserkunst im Garten rauschte noch
+immerfort, aber in dem Hause war kein Laut zu vernehmen. Ich guckte
+durch die grünen Jalousien in das eine Zimmer hinein. Da war ein Sofa,
+und ein großer runder Tisch mit grauer Leinwand verhangen, die Stühle
+standen alle in großer Ordnung und unverrückt an den Wänden herum; von
+außen aber waren die Jalousien an allen Fenstern heruntergelassen, als
+wäre das ganze Haus schon seit vielen Jahren unbewohnt. -- Da überfiel
+mich ein ordentliches Grausen vor dem einsamen Hause und Garten und vor
+der gestrigen weißen Gestalt. Ich lief, ohne mich weiter umzusehen,
+durch die stillen Lauben und Gänge und kletterte geschwind wieder an dem
+Gartentor hinauf. Aber da blieb ich wie verzaubert sitzen, als ich auf
+einmal von dem hohen Gitterwerk in die prächtige Stadt hinuntersah. Da
+blitzte und funkelte die Morgensonne weit über die Dächer und in die
+langen stillen Straßen hinein, daß ich laut aufjauchzen mußte und voller
+Freude auf die Straße hinuntersprang.
+
+Aber wohin sollt ich mich wenden in der großen fremden Stadt? Auch ging
+mir die konfuse Nacht und das welsche Lied der schönen gnädigen Frau von
+gestern noch immer im Kopfe hin und her. Ich setzte mich endlich auf den
+steinernen Springbrunnen, der mitten auf dem einsamen Platze stand,
+wusch mir in dem klaren Wasser die Augen hell und sang dazu:
+
+ »Wenn ich ein Vöglein war,
+ Ich wüßt wohl, wovon ich sänge,
+ Und auch zwei Flügel hätt,
+ Ich wüßt wohl, wohin ich mich schwänge!«
+
+»Ei, lustiger Gesell, du singst ja wie eine Lerche beim ersten
+Morgenstrahl!« sagte da auf einmal ein junger Mann zu mir, der während
+meines Liedes an den Brunnen herangetreten war. Mir aber, da ich so
+unverhofft Deutsch sprechen hörte, war es nicht anders im Herzen, als
+wenn die Glocke aus meinem Dorfe am stillen Sonntagsmorgen plötzlich zu
+mir herüberklänge. »Gott willkommen, bester Herr Landsmann!« rief ich
+aus und sprang voller Vergnügen von dem steinernen Brunnen herab. Der
+junge Mann lächelte und sah mich von oben bis unten an. »Aber was treibt
+Ihr denn eigentlich hier in Rom?« fragte er endlich. Da wußte ich nun
+nicht gleich, was ich sagen sollte, denn daß ich soeben der schönen
+gnädigen Frau nachspränge, mocht ich ihm nicht sagen. »Ich treibe,«
+erwiderte ich, »mich selbst ein bißchen herum, um die Welt zu sehn.« --
+»So so!« versetzte der junge Mann und lachte laut auf, »da haben wir ja
+=ein= Metier. Das tu ich eben auch, um die Welt zu sehn und hinterdrein
+abzumalen.« -- »Also ein Maler!« rief ich fröhlich aus, denn mir fiel
+dabei Herr Leonhard und Guido ein. Aber der Herr ließ mich nicht zu
+Worte kommen. »Ich denke,« sagte er, »du gehst mit und frühstückst bei
+mir, da will ich dich selbst abkonterfeien, daß es eine Freude sein
+soll!« -- Das ließ ich mir gern gefallen und wanderte nun mit dem Maler
+durch die leeren Straßen, wo nur hin und wieder erst einige Fensterladen
+aufgemacht wurden und bald ein Paar weiße Arme, bald ein verschlafnes
+Gesichtchen in die frische Morgenluft hinausguckte.
+
+Er führte mich lange hin und her durch eine Menge konfuser, enger und
+dunkler Gassen, bis wir endlich in ein altes verräuchertes Haus
+hineinwuschten. Dort stiegen wir eine finstre Treppe hinauf, dann wieder
+eine, als wenn wir in den Himmel hineinsteigen wollten. Wir standen nun
+unter dem Dache vor einer Tür still, und der Maler fing an in allen
+Taschen vorn und hinten mit großer Eilfertigkeit zu suchen. Aber er
+hatte heute früh vergessen zuzuschließen und den Schlüssel in der Stube
+gelassen. Denn er war, wie er mir unterwegs erzählte, noch vor
+Tagesanbruch vor die Stadt hinausgegangen, um die Gegend bei
+Sonnenaufgang zu betrachten. Er schüttelte nur mit dem Kopfe und stieß
+die Tür mit dem Fuße auf.
+
+Das war eine lange, lange, große Stube, daß man darin hätte tanzen
+können, wenn nur nicht auf dem Fußboden alles vollgelegen hätte. Aber da
+lagen Stiefel, Papiere, Kleider, umgeworfene Farbentöpfe, alles
+durcheinander; in der Mitte der Stube standen große Gerüste, wie man zum
+Birnenabnehmen braucht, ringsum an der Wand waren große Bilder
+angelehnt. Auf einem langen hölzernen Tische war eine Schüssel, worauf
+neben einem Farbenkleckse Brot und Butter lag. Eine Flasche Wein stand
+daneben.
+
+»Nun eßt und trinkt erst, Landsmann!« rief mir der Maler zu. -- Ich
+wollte mir auch sogleich ein paar Butterschnitten schmieren, aber da war
+wieder kein Messer da. Wir mußten erst lange in den Papieren auf dem
+Tische herumrascheln, ehe wir es unter einem großen Pakete endlich
+fanden. Darauf riß der Maler das Fenster auf, daß die frische Morgenluft
+fröhlich das ganze Zimmer durchdrang. Das war eine herrliche Aussicht
+weit über die Stadt weg in die Berge hinein, wo die Morgensonne lustig
+die weißen Landhäuser und Weingärten beschien. -- »Vivat unser
+kühlgrünes Deutschland da hinter den Bergen!« rief der Maler aus und
+trank dazu aus der Weinflasche, die er mir dann hinreichte. Ich tat ihm
+höflich Bescheid und grüßte in meinem Herzen die schöne Heimat in der
+Ferne noch viel tausendmal.
+
+Der Maler aber hatte unterdes das hölzerne Gerüst, worauf ein sehr
+großes Papier aufgespannt war, näher an das Fenster herangerückt. Auf
+dem Papier war bloß mit großen schwarzen Strichen eine alte Hütte gar
+künstlich abgezeichnet. Darin saß die Heilige Jungfrau mit einem überaus
+schönen, freudigen und doch recht wehmütigen Gesichte. Zu ihren Füßen
+auf einem Nestlein von Stroh lag das Jesuskind, sehr freundlich, aber
+mit großen, ernsthaften Augen. Draußen auf der Schwelle der offnen Hütte
+aber knieten zwei Hirtenknaben mit Stab und Tasche. -- »Siehst du,«
+sagte der Maler, »dem einen Hirtenknaben da will ich deinen Kopf
+aufsetzen, so kommt dein Gesicht doch auch etwas unter die Leute, und
+wills Gott, sollen sie sich daran noch erfreuen, wenn wir beide schon
+lange begraben sind und selbst so still und fröhlich vor der Heiligen
+Mutter und ihrem Sohne knien wie die glücklichen Jungen hier.« -- Darauf
+ergriff er einen alten Stuhl, von dem ihm aber, da er ihn aufheben
+wollte, die halbe Lehne in der Hand blieb. Er paßte ihn geschwind wieder
+zusammen, schob ihn vor das Gerüst hin, und ich mußte mich nun darauf
+setzen und mein Gesicht etwas von der Seite, nach dem Maler zu, wenden.
+-- So saß ich ein paar Minuten ganz still, ohne mich zu rühren. Aber ich
+weiß nicht, zuletzt konnt ichs gar nicht recht aushalten, bald juckte
+michs da, bald juckte michs dort. Auch hing mir gerade gegenüber ein
+zerbrochener halber Spiegel, da mußt ich immerfort hineinsehen und
+machte, wenn er eben malte, aus Langeweile allerlei Gesichter und
+Grimassen. Der Maler, der es bemerkte, lachte endlich laut auf und
+winkte mir mit der Hand, daß ich wieder aufstehen sollte. Mein Gesicht
+auf dem Hirten war auch schon fertig und sah so klar aus, daß ich mir
+ordentlich selber gefiel.
+
+Er zeichnete nun in der frischen Morgenkühle immer fleißig fort, während
+er ein Liedchen dazu sang und zuweilen durch das offne Fenster in die
+prächtige Gegend hinausblickte. Ich aber schnitt mir unterdes noch eine
+Butterstolle und ging damit im Zimmer auf und ab und besah mir die
+Bilder, die an der Wand aufgestellt waren. Zwei darunter gefielen mir
+ganz besonders gut. »Habt Ihr die auch gemalt?« fragte ich den Maler.
+»Warum nicht gar!« erwiderte er, »die sind von den berühmten Meistern
+Leonardo da Vinci und Guido Reni -- aber da weißt du ja doch nichts
+davon!« -- Mich ärgerte der Schluß der Rede. »O,« versetzte ich ganz
+gelassen, »die beiden Meister kenne ich wie meine eigne Tasche.« -- Da
+machte er große Augen. »Wieso?« fragte er geschwind. »Nun,« sagte ich,
+»bin ich nicht mit ihnen Tag und Nacht fortgereist, zu Pferde und zu Fuß
+und zu Wagen, daß mir der Wind am Hute pfiff, und hab sie alle beide in
+der Schenke verloren und bin dann allein in ihrem Wagen mit Extrapost
+immer weiter gefahren, daß der Bombenwagen immerfort auf zwei Rädern
+über die entsetzlichen Steine flog, und« -- »Oho! Oho!« unterbrach mich
+der Maler und sah mich starr an, als wenn er mich für verrückt hielte.
+Dann aber brach er plötzlich in ein lautes Gelächter aus. »Ach,« rief
+er, »nun versteh ich erst, du bist mit zwei Malern gereist, die Guido
+und Leonhard hießen?« -- Da ich das bejahte, sprang er rasch auf und sah
+mich nochmals von oben bis unten ganz genau an. »Ich glaube gar,« sagte
+er, »am Ende -- spielst du die Violine?« -- Ich schlug auf meine
+Rocktasche, daß die Geige darin einen Klang gab. -- »Nun, wahrhaftig,«
+versetzte der Maler, »da war eine Gräfin aus Deutschland hier, die hat
+sich in allen Winkeln von Rom nach den beiden Malern und nach einem
+jungen Musikanten mit der Geige erkundigen lassen.« -- »Eine junge
+Gräfin aus Deutschland?« rief ich voller Entzücken aus, »ist der Portier
+mit?« -- »Ja, das weiß ich alles nicht,« erwiderte der Maler, »ich sah
+sie nur einige Male bei einer Freundin von ihr, die aber auch nicht in
+der Stadt wohnt. -- Kennst du die?« fuhr er fort, indem er in einem
+Winkel plötzlich eine Leinwanddecke von einem großen Bilde in die Höhe
+hob. Da war mirs doch nicht anders, als wenn man in einer finstern Stube
+die Laden aufmacht und einem die Morgensonne auf einmal über die Augen
+blitzt, es war -- die schöne gnädige Frau! -- sie stand in einem
+schwarzen Samtkleide im Garten und hob mit einer Hand den Schleier vom
+Gesicht und sah still und freundlich in eine weite, prächtige Gegend
+hinaus. Je länger ich hinsah, je mehr kam es mir vor, als wäre es der
+Garten am Schlosse, und die Blumen und Zweige wiegten sich leise im
+Winde, und unten in der Tiefe sähe ich mein Zollhäuschen und die
+Landstraße weit durchs Grüne und die Donau und die fernen blauen Berge.
+
+»Sie ists, sie ists!« rief ich endlich, erwischte meinen Hut und rannte
+rasch zur Tür hinaus, die vielen Treppen hinunter und hörte nur noch,
+daß mir der verwunderte Maler nachschrie, ich sollte gegen Abend
+wiederkommen, da könnten wir vielleicht mehr erfahren.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Ich lief mit großer Eilfertigkeit durch die Stadt, um mich sogleich
+wieder in dem Gartenhause zu melden, wo die schöne Frau gestern abend
+gesungen hatte. Auf den Straßen war unterdes alles lebendig geworden,
+Herren und Damen zogen im Sonnenschein und neigten sich und grüßten bunt
+durcheinander, prächtige Karossen rasselten dazwischen, und von allen
+Türmen läutete es zur Messe, daß die Klänge über dem Gewühl wunderbar in
+der klaren Luft durcheinanderhallten. Ich war wie betrunken von Freude
+und von dem Rumor und rannte in meiner Fröhlichkeit immer gerade fort,
+bis ich zuletzt gar nicht mehr wußte, wo ich stand. Es war wie
+verzaubert, als wäre der stille Platz mit dem Brunnen und der Garten und
+das Haus bloß ein Traum gewesen und beim hellen Tageslichte alles wieder
+von der Erde verschwunden.
+
+Fragen konnte ich nicht, denn ich wußte den Namen des Platzes nicht.
+Endlich fing es auch an sehr schwül zu werden, die Sonnenstrahlen
+schossen recht wie sengende Pfeile auf das Pflaster, die Leute
+verkrochen sich in die Häuser, die Jalousien wurden überall wieder
+zugemacht, und es war auf einmal wie ausgestorben auf den Straßen. Ich
+warf mich zuletzt ganz verzweifelt vor einem schönen großen Hause hin,
+vor dem ein Balkon mit Säulen breiten Schatten warf, und betrachtete
+bald die stille Stadt, die in der plötzlichen Einsamkeit bei heller
+Mittagsstunde ordentlich schauerlich aussah, bald wieder den tiefblauen,
+ganz wolkenlosen Himmel, bis ich endlich vor großer Ermüdung gar
+einschlummerte. Da träumte mir, ich läge bei meinem Dorfe auf einer
+einsamen grünen Wiese, ein warmer Sommerregen sprühte und glänzte in der
+Sonne, die soeben hinter den Bergen unterging, und wie die Regentropfen
+auf den Rasen fielen, waren es lauter schöne bunte Blumen, so daß ich
+davon ganz überschüttet war.
+
+Aber wie erstaunte ich, als ich erwachte und wirklich eine Menge schöner
+frischer Blumen auf und neben mir liegen sah! Ich sprang auf, konnte
+aber nichts Besonderes bemerken, als bloß in dem Hause über mir ein
+Fenster ganz oben voll von duftenden Sträuchern und Blumen, hinter denen
+ein Papagei unablässig plauderte und kreischte. Ich las nun die
+zerstreuten Blumen auf, band sie zusammen und steckte mir den Strauß
+vorn ins Knopfloch. Dann aber fing ich an, mit dem Papagei ein wenig zu
+diskurieren, denn es freute mich, wie er in seinem vergoldeten Gebauer
+mit allerlei Grimassen herauf und herunter stieg und sich dabei immer
+ungeschickt über die große Zehe trat. Doch ehe ich michs versah,
+schimpfte er mich »Furfante!« Wenn es gleich eine unvernünftige Bestie
+war, so ärgerte es mich doch. Ich schimpfte ihn wieder, wir gerieten
+endlich beide in Hitze, je mehr ich auf deutsch schimpfte, je mehr
+gurgelte er auf italienisch wieder auf mich los.
+
+Auf einmal hörte ich jemand hinter mir lachen. Ich drehte mich rasch um.
+Es war der Maler von heute früh. »Was stellst du wieder für tolles Zeug
+an!« sagte er, »ich warte schon eine halbe Stunde auf dich. Die Luft ist
+wieder kühler, wir wollen in einen Garten vor der Stadt gehen, da wirst
+du mehrere Landsleute finden und vielleicht etwas Näheres von der
+deutschen Gräfin erfahren.«
+
+Darüber war ich außerordentlich erfreut, und wir traten unsern
+Spaziergang sogleich an, während ich den Papagei noch lange hinter mir
+drein schimpfen hörte.
+
+Nachdem wir draußen vor der Stadt auf schmalen steinichten Fußsteigen
+lange zwischen Landhäusern und Weingärten hinaufgestiegen waren, kamen
+wir an einen kleinen hochgelegenen Garten, wo mehrere junge Männer und
+Mädchen im Grünen um einen runden Tisch saßen. Sobald wir hineintraten,
+winkten uns alle zu, uns still zu verhalten, und zeigten auf die andere
+Seite des Gartens hin. Dort saßen in einer großen, grünverwachsenen
+Laube zwei schöne Frauen an einem Tisch einander gegenüber. Die eine
+sang, die andere spielte Gitarre dazu. Zwischen beiden hinter dem Tische
+stand ein freundlicher Mann, der mit einem kleinen Stäbchen zuweilen den
+Takt schlug. Dabei funkelte die Abendsonne durch das Weinlaub, bald über
+die Weinflaschen und Früchte, womit der Tisch in der Laube besetzt war,
+bald über die vollen, runden, blendendweißen Achseln der Frau mit der
+Gitarre. Die andere war wie verzückt und sang auf italienisch ganz
+außerordentlich künstlich, daß ihr die Flechsen am Halse aufschwollen.
+
+Wie sie nun soeben mit zum Himmel gerichteten Augen eine lange Kadenz
+anhielt und der Mann neben ihr mit aufgehobenem Stäbchen auf den
+Augenblick paßte, wo sie wieder in den Takt einfallen würde, und keiner
+im ganzen Garten zu atmen sich unterstand, da flog plötzlich die
+Gartentür weit auf und ein ganz erhitztes Mädchen und hinter ihr ein
+junger Mensch mit einem feinen, bleichen Gesicht stürzten in großem
+Gezänke herein. Der erschrockene Musikdirektor blieb mit seinem
+aufgehobenen Stabe wie ein versteinerter Zauberer stehen, obgleich die
+Sängerin schon längst den langen Triller plötzlich abgeschnappt hatte
+und zornig aufgestanden war. Alle übrigen zischten den Neuangekommenen
+wütend an. »Barbar!« rief ihm einer von dem runden Tische zu, »du rennst
+da mitten in das sinnreiche Tableau von der schönen Beschreibung hinein,
+welche der selige Hoffmann, Seite 347 des Frauentaschenbuches für 1816,
+von dem schönsten Hummelschen Bilde gibt, das im Herbst 1814 auf der
+Berliner Kunstausstellung zu sehen war!« -- Aber das half alles nichts.
+»Ach was!« entgegnete der junge Mann, »mit euern Tableaus von Tableaus!
+Mein selbsterfundenes Bild für die andern, und mein Mädchen für mich
+allein! So will ich es halten! O du Ungetreue, du Falsche!« fuhr er dann
+von neuem gegen das arme Mädchen fort, »du kritische Seele, die in der
+Malerkunst nur den Silberblick und in der Dichterkunst nur den goldenen
+Faden sucht und keinen Liebsten, sondern nur lauter Schätze hat! Ich
+wünsche dir hinfüro, anstatt eines ehrlichen malerischen Pinsels, einen
+alten Duka mit einer ganzen Münzgrube von Diamanten auf der Nase und mit
+hellem Silberblick auf der kahlen Platte und mit Goldschnitt auf den
+paar noch übrigen Haaren! Ja, nur heraus mit dem verruchten Zettel, den
+du da vorhin vor mir versteckt hast! Was hast du wieder angezettelt? Von
+wem ist der Wisch, und an wen ist er?«
+
+Aber das Mädchen sträubte sich standhaft, und je eifriger die andern den
+erbosten jungen Menschen umgaben und ihn mit großem Lärm zu trösten und
+zu beruhigen suchten, desto erhitzter und toller wurde er von dem Rumor,
+zumal da das Mädchen auch ihr Mäulchen nicht halten konnte, bis sie
+endlich weinend aus dem verworrenen Knäuel hervorflog und sich auf
+einmal ganz unverhofft an meine Brust stürzte, um bei mir Schutz zu
+suchen. Ich stellte mich auch sogleich in die gehörige Positur, aber da
+die andern in dem Getümmel soeben nicht auf uns acht gaben, kehrte sie
+plötzlich das Köpfchen nach mir herauf und flüsterte mir mit ganz
+ruhigem Gesichte sehr leise und schnell ins Ohr: »Du abscheulicher
+Einnehmer! Um dich muß ich das alles leiden. Da steck den fatalen Zettel
+geschwind zu dir, du findest darauf bemerkt, wo wir wohnen. Also zur
+bestimmten Stunde, wenn du ins Tor kommst, immer die einsame Straße
+rechts fort!«
+
+Ich konnte vor Verwunderung kein Wort hervorbringen, denn wie ich sie
+nun erst recht ansah, erkannte ich sie auf einmal: es war wahrhaftig die
+schnippische Kammerjungfer vom Schloß, die mir damals an dem schönen
+Sonntagsabende die Flasche mit Wein brachte. Sie war mir sonst niemals
+so schön vorgekommen, als da sie sich jetzt so erhitzt an mich lehnte,
+daß die schwarzen Locken über meinem Arm herabhingen. -- »Aber, verehrte
+Mamsell,« sagte ich voller Erstaunen, »wie kommen Sie« -- »Um Gottes
+willen, still nur, jetzt still!« erwiderte sie und sprang geschwind von
+mir fort auf die andere Seite des Gartens, eh ich mich noch auf alles
+recht besinnen konnte.
+
+Unterdes hatten die andern ihr erstes Thema fast ganz vergessen, zankten
+aber untereinander recht vergnüglich weiter, indem sie dem jungen
+Menschen beweisen wollten, daß er eigentlich betrunken sei, was sich für
+einen ehrliebenden Maler gar nicht schicke. Der runde, fixe Mann aus der
+Laube, der -- wie ich nachher erfuhr -- ein großer Kenner und Freund von
+Künsten war und aus Liebe zu den Wissenschaften gern alles mitmachte,
+hatte auch sein Stäbchen weggeworfen und flankierte mit seinem fetten
+Gesicht, das vor Freundlichkeit ordentlich glänzte, eifrig mitten in dem
+dicksten Getümmel herum, um alles zu vermitteln und zu beschwichtigen,
+während er dazwischen immer wieder die lange Kadenz und das schöne
+Tableau bedauerte, das er mit vieler Mühe zusammengebracht hatte.
+
+Mir aber war es so sternklar im Herzen wie damals an dem glückseligen
+Sonnabend, als ich am offenen Fenster vor der Weinflasche bis tief in
+die Nacht hinein auf der Geige spielte. Ich holte, da der Rumor gar kein
+Ende nehmen wollte, frisch meine Violine wieder hervor und spielte, ohne
+mich lange zu besinnen, einen welschen Tanz auf, den sie dort im Gebirge
+tanzen und den ich auf dem alten, einsamen Waldschlosse gelernt hatte.
+
+Da reckten alle die Köpfe in die Höh. »Bravo, bravissimo, ein deliziöser
+Einfall!« rief der lustige Kenner von den Künsten und lief sogleich von
+einem zum andern, um ein ländliches Divertissement, wie ers nannte,
+einzurichten. Er selbst machte den Anfang, indem er der Dame die Hand
+reichte, die vorhin in der Laube gespielt hatte. Er begann darauf
+außerordentlich künstlich zu tanzen, schrieb mit den Fußspitzen allerlei
+Buchstaben auf den Rasen, schlug ordentliche Triller mit den Füßen und
+machte von Zeit zu Zeit ganz passable Luftsprünge. Aber er bekam es bald
+satt, denn er war etwas korpulent. Er machte immer kürzere und
+ungeschicktere Sprünge, bis er endlich ganz aus dem Kreise heraustrat
+und heftig hustete und sich mit seinem schneeweißen Schnupftuche
+unaufhörlich den Schweiß abwischte. Unterdes hatte auch der junge
+Mensch, der nun wieder ganz gescheut geworden war, aus dem Wirtshause
+Kastagnetten herbeigeholt, und ehe ich michs versah, tanzten alle unter
+den Bäumen bunt durcheinander. Die untergegangene Sonne warf noch einige
+rote Widerscheine zwischen die dunklen Schatten und über das alte
+Gemäuer und die von Efeu wild überwachsenen, halb versunkenen Säulen
+hinten im Garten, während man von der andern Seite tief unter den
+Weinbergen die Stadt Rom in den Abendgluten liegen sah. Da tanzten sie
+alle lieblich im Grünen in der klaren stillen Luft, und mir lachte das
+Herz recht im Leibe, wie die schlanken Mädchen, und die Kammerjungfer
+mitten unter ihnen, sich so mit aufgehobenen Armen wie heidnische
+Waldnymphen zwischen dem Laubwerk schwangen und dabei jedesmal in der
+Luft mit den Kastagnetten lustig dazu schnalzten. Ich konnte mich nicht
+länger halten, ich sprang mitten unter sie hinein und machte, während
+ich dabei immerfort geigte, recht artige Figuren.
+
+Ich mochte eine ziemliche Weile so im Kreise herumgesprungen sein und
+merkte gar nicht, daß die andern unterdes anfingen müde zu werden und
+sich nach und nach von dem Rasenplatze verloren. Da zupfte mich jemand
+von hinten tüchtig an den Rockschößen. Es war die Kammerjungfer. »Sei
+kein Narr,« sagte sie leise, »du springst ja wie ein Ziegenbock!
+Studiere deinen Zettel ordentlich und komm bald nach, die schöne junge
+Gräfin wartet.« -- Und damit schlüpfte sie in der Dämmerung zur
+Gartenpforte hinaus und war bald zwischen den Weingärten verschwunden.
+
+Mir klopfte das Herz, ich wäre am liebsten gleich nachgesprungen. Zum
+Glücke zündete der Kellner, da es schon dunkel geworden war, in einer
+großen Laterne an der Gartentür Licht an. Ich trat heran und zog
+geschwind den Zettel heraus. Da war ziemlich kritzlig mit Bleifeder das
+Tor und die Straße beschrieben, wie mir die Kammerjungfer vorhin gesagt
+hatte. Dann stand: »Elf Uhr an der kleinen Tür.«
+
+Da waren noch ein paar lange Stunden hin! -- Ich wollte mich
+dessenungeachtet sogleich auf den Weg machen, denn ich hatte keine Rast
+und Ruhe mehr; aber da kam der Maler, der mich hierhergebracht hatte,
+auf mich los. »Hast du das Mädchen gesprochen?« fragte er, »ich seh sie
+nun nirgends mehr; das war das Kammermädchen von der deutschen Gräfin.«
+»Still, still!« erwiderte ich, »die Gräfin ist noch in Rom.« »Nun, desto
+besser,« sagte der Maler, »so komm und trink mit uns auf ihre
+Gesundheit!« Und damit zog er mich, wie sehr ich mich auch sträubte, in
+den Garten zurück.
+
+Da war es unterdes ganz öde und leer geworden. Die lustigen Gäste
+wanderten, jeder sein Liebchen am Arm, nach der Stadt zu, und man hörte
+sie noch durch den stillen Abend zwischen den Weingärten plaudern und
+lachen, immer ferner und ferner, bis sich endlich die Stimmen tief in
+dem Tale im Rauschen der Bäume und des Stromes verloren. Ich war noch
+mit meinem Maler und dem Herrn Eckbrecht -- so hieß der andere junge
+Maler, der sich vorhin so herumgezankt hatte -- allein oben
+zurückgeblieben. Der Mond schien prächtig im Garten zwischen die hohen,
+dunklen Bäume herein, ein Licht flackerte im Winde auf dem Tische vor
+uns und schimmerte über den vielen vergoßnen Wein auf der Tafel. Ich
+mußte mich mit hinsetzen, und mein Maler plauderte mit mir über meine
+Herkunft, meine Reise und meinen Lebensplan. Herr Eckbrecht aber hatte
+das junge hübsche Mädchen aus dem Wirtshause, nachdem sie uns Flaschen
+auf den Tisch gestellt, vor sich auf den Schoß genommen, legte ihr die
+Gitarre in den Arm und lehrte sie ein Liedchen darauf klimpern. Sie fand
+sich auch bald mit den kleinen Händchen zurecht, und sie sangen dann
+zusammen ein italienisches Lied, einmal er, dann wieder das Mädchen eine
+Strophe, was sich in dem schönen stillen Abend prächtig ausnahm. -- Als
+das Mädchen dann weggerufen wurde, lehnte sich Herr Eckbrecht mit der
+Gitarre auf der Bank zurück, legte seine Füße auf einen Stuhl, der vor
+ihm stand, und sang nun für sich allein viele herrliche deutsche und
+italienische Lieder, ohne sich weiter um uns zu bekümmern. Dabei
+schienen die Sterne prächtig am klaren Firmament, die ganze Gegend war
+wie versilbert vom Mondscheine, ich dachte an die schöne Frau, an die
+ferne Heimat und vergaß darüber ganz meinen Maler neben mir. Zuweilen
+mußte Herr Eckbrecht stimmen, darüber wurde er immer ganz zornig. Er
+drehte und riß zuletzt an dem Instrument, daß plötzlich eine Saite
+sprang. Da warf er die Gitarre hin und sprang auf. Nun wurde er erst
+gewahr, daß mein Maler sich unterdes über seinen Arm auf den Tisch
+gelegt hatte und fest eingeschlafen war. Er warf schnell einen weißen
+Mantel um, der auf einem Aste neben dem Tische hing, besann sich aber
+plötzlich, sah erst meinen Maler, dann mich ein paarmal scharf an,
+setzte sich darauf, ohne sich lange zu bedenken, gerade vor mich auf den
+Tisch hin, räusperte sich, rückte an seiner Halsbinde und fing dann auf
+einmal an, eine Rede an mich zu halten. »Geliebter Zuhörer und
+Landsmann!« sagte er, »da die Flaschen beinahe leer sind, und da die
+Moral unstreitig die erste Bürgerpflicht ist, wenn die Tugenden auf die
+Neige gehen, so fühle ich mich aus landsmännlicher Sympathie getrieben,
+dir einige Moralität zu Gemüte zu führen. -- Man könnte zwar meinen,«
+fuhr er fort, »du seist ein bloßer Jüngling, während doch dein Frack
+über seine besten Jahre hinaus ist; man könnte vielleicht annehmen, du
+habest vorhin wunderliche Sprünge gemacht, wie ein Satyr; ja, einige
+möchten wohl behaupten, du seiest wohl gar ein Landstreicher, weil du
+hier auf dem Lande bist und die Geige streichst; aber ich kehre mich an
+solche oberflächlichen Urteile nicht, ich halte mich an deine
+feingespitzte Nase, ich halte dich für ein vazierendes Genie.« -- Mich
+ärgerten die verfänglichen Redensarten, ich wollte ihm soeben recht
+antworten. Aber er ließ mich nicht zu Worte kommen. »Siehst du,« sagte
+er, »wie du dich schon aufblähst von dem bißchen Lobe. Gehe in dich und
+bedenke dies gefährliche Metier! Wir Genies -- denn ich bin auch eins --
+machen uns aus der Welt ebensowenig als sie sich aus uns, wir schreiten
+vielmehr ohne besondere Umstände in unsern Siebenmeilenstiefeln, die wir
+bald mit auf die Welt bringen, gerade auf die Ewigkeit los. O, höchst
+klägliche, unbequeme, breitgespreizte Position, mit dem einen Beine in
+der Zukunft, wo nichts als Morgenrot und zukünftige Kindergesichter
+dazwischen, mit dem andern Beine noch mitten in Rom auf der Piazza del
+Popolo, wo das ganze Säkulum bei der guten Gelegenheit mit will und sich
+an den Stiefel hängt, daß sie einem das Bein ausreißen möchten! Und alle
+das Zucken, Weintrinken und Hungerleiden lediglich für die unsterbliche
+Ewigkeit! Und siehe meinen Herrn Kollegen dort auf der Bank, der
+gleichfalls ein Genie ist; ihm wird die =Zeit= schon zu lang, was wird
+er erst in der Ewigkeit anfangen?! Ja, hochgeschätzter Herr Kollege, du
+und ich und die Sonne, wir sind heute früh zusammen aufgegangen und
+haben den ganzen Tag gebrütet und gemalt, und es war alles schön -- und
+nun fährt die schläfrige Nacht mit ihrem Pelzärmel über die Welt und hat
+alle Farben verwischt.« Er sprach noch immerfort und war dabei mit
+seinen verwirrten Haaren von dem Tanzen und Trinken im Mondschein ganz
+leichenblaß anzusehen.
+
+Mir aber graute schon lange vor ihm und seinem wilden Gerede, und als er
+sich nun förmlich zu dem schlafenden Maler herumwandte, benutzte ich die
+Gelegenheit, schlich, ohne daß er es bemerkte, um den Tisch aus dem
+Garten heraus und stieg, allein und fröhlich im Herzen, an dem
+Rebengeländer in das weite vom Mondschein beglänzte Tal hinunter.
+
+Von der Stadt her schlugen die Uhren zehn. Hinter mir hörte ich durch
+die stille Nacht noch einzelne Gitarrenklänge und manchmal die Stimmen
+der beiden Maler, die nun auch nach Hause gingen, von fern
+herüberschallen. Ich lief daher so schnell, als ich nur konnte, damit
+sie mich nicht weiter ausfragen sollten.
+
+Am Tore bog ich sogleich rechts in die Straße ein und ging mit
+klopfendem Herzen eilig zwischen den stillen Häusern und Gärten fort.
+Aber wie erstaunte ich, als ich da auf einmal auf dem Platze mit dem
+Springbrunnen herauskam, den ich heute am Tage gar nicht hatte finden
+können. Da stand das einsame Gartenhaus wieder, im prächtigsten
+Mondschein, und auch die schöne Frau sang im Garten wieder dasselbe
+italienische Lied wie gestern abend. -- Ich rannte voller Entzücken erst
+an die kleine Tür, dann an die Haustür und endlich mit aller Gewalt an
+das große Gartentor, aber es war alles verschlossen. Nun fiel mir erst
+ein, daß es noch nicht elf geschlagen hatte. Ich ärgerte mich über die
+langsame Zeit, aber über das Gartentor klettern wie gestern mochte ich
+wegen der guten Lebensart nicht. Ich ging daher ein Weilchen auf dem
+einsamen Platze auf und ab und setzte mich endlich wieder auf den
+steinernen Brunnen voller Gedanken und stiller Erwartung hin.
+
+Die Sterne funkelten am Himmel, auf dem Platze war alles leer und still,
+ich hörte voll Vergnügen dem Gesange der schönen Frau zu, der zwischen
+dem Rauschen des Brunnens aus dem Garten herüberklang. Da erblickt ich
+auf einmal eine weiße Gestalt, die von der andern Seite des Platzes
+herkam und gerade auf die kleine Gartentür zuging. Ich blickte durch den
+Mondflimmer recht scharf hin -- es war der wilde Maler in seinem weißen
+Mantel. Er zog schnell einen Schlüssel hervor, schloß auf, und ehe ich
+michs versah, war er im Garten drin.
+
+Nun hatte ich gegen den Maler schon vom Anfang eine absonderliche Pike
+wegen seiner unvernünftigen Reden. Jetzt aber geriet ich ganz außer mir
+vor Zorn. Das liederliche Genie ist gewiß wieder betrunken, dachte ich,
+den Schlüssel hat er von der Kammerjungfer und will nun die gnädige Frau
+beschleichen, verraten, überfallen. -- Und so stürzte ich durch das
+kleine, offen gebliebene Pförtchen in den Garten hinein.
+
+Als ich eintrat, war es ganz still und einsam darin. Die Flügeltür vom
+Gartenhause stand offen, ein milchweißer Lichtschein drang daraus hervor
+und spielte auf dem Grase und den Blumen vor der Tür. Ich blickte von
+weitem herein. Da lag in einem prächtigen grünen Gemach, das von einer
+weißen Lampe nur wenig erhellt war, die schöne gnädige Frau, mit der
+Gitarre im Arm, auf einem seidenen Faulbettchen, ohne in ihrer Unschuld
+an die Gefahren draußen zu denken.
+
+Ich hatte aber nicht lange Zeit, hinzusehen, denn ich bemerkte soeben,
+daß die weiße Gestalt von der andern Seite ganz behutsam hinter den
+Sträuchern nach dem Gartenhause zuschlich. Dabei sang die gnädige Frau
+so kläglich aus dem Hause, daß es mir recht durch Mark und Bein ging.
+Ich besann mich daher nicht lange, brach einen tüchtigen Ast ab, rannte
+damit gerade auf den Weißmantel los und schrie aus vollem Halse
+»Mordio!«, daß der ganze Garten erzitterte.
+
+Der Maler, wie er mich so unverhofft daherkommen sah, nahm schnell
+Reißaus und schrie entsetzlich. Ich schrie noch besser, er lief nach dem
+Hause zu, ich ihm nach -- und ich hatt ihn beinah schon erwischt, da
+verwickelte ich mich mit den Füßen in den fatalen Blumenstücken und
+stürzte auf einmal der Länge nach vor der Haustür hin.
+
+»Also du bist es, Narr!« hört ich da über mir ausrufen, »hast du mich
+doch fast zum Tode erschreckt.« -- Ich raffte mich geschwind wieder auf,
+und wie ich mir den Sand und die Erde aus den Augen wischte, steht die
+Kammerjungfer vor mir, die soeben bei dem letzten Sprunge den weißen
+Mantel von der Schulter verloren hatte. »Aber«, sagte ich ganz
+verblüfft, »war denn der Maler nicht hier?« -- »Ja freilich,« entgegnete
+sie schnippisch, »sein Mantel wenigstens, den er mir, als ich ihm vorhin
+im Tore begegnete, umgehängt hat, weil mich fror.« -- Über dem Geplauder
+war nun auch die gnädige Frau von ihrem Sofa aufgesprungen und kam zu
+uns an die Tür. Mir klopfte das Herz zum Zerspringen. Aber wie erschrak
+ich, als ich recht hinsah und anstatt der schönen gnädigen Frau auf
+einmal eine ganz fremde Person erblickte!
+
+Es war eine etwas große, korpulente, mächtige Dame mit einer stolzen
+Adlernase und hochgewölbten schwarzen Augenbrauen, so recht zum
+Erschrecken schön. Sie sah mich mit ihren großen funkelnden Augen so
+majestätisch an, daß ich mich vor Ehrfurcht gar nicht zu lassen wußte.
+Ich war ganz verwirrt, ich machte in einem fort Komplimente und wollte
+ihr zuletzt gar die Hand küssen. Aber sie riß ihre Hand schnell weg und
+sprach dann auf italienisch zu der Kammerjungfer, wovon ich nichts
+verstand.
+
+Unterdes aber war von dem vorigen Geschrei die ganze Nachbarschaft
+lebendig geworden. Hunde bellten, Kinder schrien, zwischendurch hörte
+man einige Männerstimmen, die immer näher und näher auf den Garten
+zukamen. Da blickte mich die Dame noch einmal an, als wenn sie mich mit
+feurigen Kugeln durchbohren wollte, wandte sich dann rasch nach dem
+Zimmer zurück, während sie dabei stolz und gezwungen auflachte, und
+schmiß mir die Tür vor der Nase zu. Die Kammerjungfer aber erwischte
+mich ohne weiteres beim Flügel und zerrte mich nach der Gartenpforte.
+
+»Da hast du wieder einmal recht dummes Zeug gemacht«, sagte sie
+unterwegs voller Bosheit zu mir. Ich wurde auch schon giftig. »Nun, zum
+Teufel!« sagte ich, »habt Ihr mich denn nicht selbst hierher bestellt?«
+-- »Das ists ja eben,« rief die Kammerjungfer, »meine Gräfin meinte es
+so gut mit dir, wirft dir erst Blumen aus dem Fenster zu, singt Arien --
+und =das= ist nun ihr Lohn! Aber mit dir ist nun einmal nichts
+anzufangen; du trittst dein Glück ordentlich mit Füßen.« -- »Aber«,
+erwiderte ich, »ich meinte die Gräfin aus Deutschland, die schöne
+gnädige Frau.« -- »Ach,« unterbrach sie mich, »die ist ja lange schon
+wieder in Deutschland mitsamt deiner tollen Amour. Und da lauf du nur
+auch wieder hin! Sie schmachtet ohnedies nach dir, da könnt ihr zusammen
+die Geige spielen und in den Mond gucken, aber daß du mir nicht wieder
+unter die Augen kommst!«
+
+Nun aber entstand ein entsetzlicher Rumor und Spektakel hinter uns. Aus
+dem anderen Garten kletterten Leute mit Knüppeln hastig über den Zaun,
+andere fluchten und durchsuchten schon die Gänge, desperate Gesichter
+mit Schlafmützen guckten im Mondschein bald da bald dort über die
+Hecken, es war, als wenn der Teufel auf einmal aus allen Hecken und
+Sträuchern Gesindel heckte. -- Die Kammerjungfer fackelte nicht lange.
+»Dort, dort läuft der Dieb!« schrie sie den Leuten zu, indem sie dabei
+auf die andere Seite des Gartens zeigte. Dann schob sie mich schnell aus
+dem Garten und klappte das Pförtchen hinter mir zu.
+
+Da stand ich nun unter Gottes freiem Himmel wieder auf dem stillen
+Platze mutterseelenallein, wie ich gestern angekommen war. Die
+Wasserkunst, die mir vorhin im Mondschein so lustig flimmerte, als wenn
+Engelein darin auf und nieder stiegen, rauschte noch fort wie damals,
+mir aber war unterdes alle Lust und Freude in den Brunnen gefallen. --
+Ich nahm mir nun fest vor, dem falschen Italien mit seinen verrückten
+Malern, Pomeranzen und Kammerjungfern auf ewig den Rücken zu kehren, und
+wanderte noch zur selbigen Stunde zum Tore hinaus.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+ »Die treuen Berg' stehn auf der Wacht:
+ Wer streicht bei stiller Morgenzeit
+ Da aus der Fremde durch die Heid?
+ Ich aber mir die Berg' betracht
+ Und lach in mich vor großer Lust
+ Und rufe recht aus frischer Brust
+ Parol und Feldgeschrei sogleich:
+ Vivat Östreich!
+
+ Da kennt mich erst die ganze Rund,
+ Nun grüßen Bach und Vöglein zart
+ Und Wälder rings nach Landesart,
+ Die Donau blitzt aus tiefem Grund,
+ Der Stephansturm auch ganz von fern
+ Guckt übern Berg und säh mich gern,
+ Und ist ers nicht, so kommt er doch gleich,
+ Vivat Östreich!«
+
+Ich stand auf einem hohen Berge, wo man zum erstenmal nach Östreich
+hineinsehen kann, und schwenkte voller Freude noch mit dem Hute und sang
+die letzte Strophe, da fiel auf einmal hinter mir im Walde eine
+prächtige Musik von Blasinstrumenten mit ein. Ich dreh mich schnell um
+und erblicke drei junge Gesellen in langen blauen Mänteln, davon bläst
+der eine Oboe, der andere die Klarinette und der dritte, der einen alten
+Dreistutzer auf dem Kopfe hatte, das Waldhorn -- die akkompagnierten
+mich plötzlich, daß der ganze Wald erschallte. Ich, nicht zu faul, ziehe
+meine Geige hervor und spiele und singe sogleich frisch mit. Da sah
+einer den andern bedenklich an, der Waldhornist ließ dann zuerst seine
+Bausbacken wieder einfallen und setzte sein Waldhorn ab, bis am Ende
+alle stille wurden und mich anschauten. Ich hielt verwundert ein und sah
+sie auch an. -- »Wir meinten,« sagte endlich der Waldhornist, »weil der
+Herr so einen langen Frack hat, der Herr wäre ein reisender Engländer,
+der hier zu Fuß die schöne Natur bewundert; da wollten wir uns ein
+Viatikum verdienen. Aber mir scheint, der Herr ist selber ein Musikant.«
+-- »Eigentlich ein Einnehmer,« versetzte ich, »und komme direkt von Rom
+her, da ich aber seit geraumer Zeit nichts mehr eingenommen, so habe ich
+mich unterwegs mit der Violine durchgeschlagen.« -- »Bringt nicht viel
+heutzutage!« sagte der Waldhornist, der unterdes wieder an den Wald
+zurückgetreten war und mit seinem Dreistutzer ein kleines Feuer
+anfachte, das sie dort angezündet hatten. »Da gehn die blasenden
+Instrumente schon besser,« fuhr er fort; »wenn so eine Herrschaft ganz
+ruhig zu Mittag speist, und wir treten unverhofft in das gewölbte
+Vorhaus und fangen alle drei aus Leibeskräften zu blasen an -- gleich
+kommt ein Bedienter herausgesprungen mit Geld oder Essen, damit sie nur
+den Lärm wieder los werden. Aber will der Herr nicht eine Kollation mit
+uns einnehmen?«
+
+Das Feuer loderte nun recht lustig im Walde, der Morgen war frisch, wir
+setzten uns alle ringsumher auf den Rasen, und zwei von den Musikanten
+nahmen ein Töpfchen, worin Kaffee und auch schon Milch war, vom Feuer,
+holten Brot aus ihren Manteltaschen hervor und tunkten und tranken
+abwechselnd aus dem Topfe, und es schmeckte ihnen so gut, daß es
+ordentlich eine Lust war anzusehen. -- Der Waldhornist aber sagte: »Ich
+kann das schwarze Gesöff nicht vertragen«, und reichte mir dabei die
+eine Hälfte von einer großen, übereinandergelegten Butterschnitte, dann
+brachte er eine Flasche Wein zum Vorschein. »Will der Herr nicht auch
+einen Schluck?« -- Ich tat einen tüchtigen Zug, mußte aber schnell
+wieder absetzen und das ganze Gesicht verziehn, denn es schmeckte wie
+Dreimännerwein. »Hiesiges Gewächs,« sagte der Waldhornist, »aber der
+Herr hat sich in Italien den deutschen Geschmack verdorben.«
+
+Darauf kramte er eifrig in seinem Schubsack und zog endlich unter
+allerlei Plunder eine alte zerfetzte Landkarte hervor, worauf noch der
+Kaiser in vollem Ornate zu sehen war, den Zepter in der rechten, den
+Reichsapfel in der linken Hand. Er breitete sie auf dem Boden behutsam
+auseinander, die andern rückten näher heran, und sie beratschlagten nun
+zusammen, was sie für eine Marschroute nehmen sollten.
+
+»Die Vakanz geht bald zu Ende,« sagte der eine, »wir müssen uns gleich
+von Linz links abwenden, so kommen wir noch bei guter Zeit nach Prag.«
+-- »Nun wahrhaftig!« rief der Waldhornist, »wem willst du da was
+vorpfeifen? Nichts als Wälder und Kohlenbauern, kein geläuterter
+Kunstgeschmack, keine vernünftige freie Station!« -- »O Narrenspossen!«
+erwiderte der andere, »die Bauern sind mir gerade die liebsten, die
+wissen am besten, wo einen der Schuh drückt, und nehmens nicht so genau,
+wenn man manchmal eine falsche Note bläst.« -- »Das macht, du hast kein
+_point d'honneur_,« versetzte der Waldhornist, »_odi profanum vulgus et
+arceo_, sagt der Lateiner.« -- »Nun, Kirchen aber muß es auf der Tour
+doch geben,« meinte der dritte, »so kehren wir bei den Herren Pfarrern
+ein.« -- »Gehorsamster Diener!« sagte der Waldhornist, »die geben
+kleines Geld und große Sermone, daß wir nicht so unnütz in der Welt
+herumschweifen, sondern uns besser auf die Wissenschaften applizieren
+sollen, besonders wenn sie in mir den künftigen Herrn Konfrater wittern.
+Nein, nein, _Clericus clericum non decimat_. Aber was gibt es denn da
+überhaupt für große Not? Die Herren Professoren sitzen auch noch im
+Karlsbade und halten selbst den Tag nicht so genau ein.« -- »Ja,
+_distinguendum est inter et inter_,« erwiderte der andere, »_quod licet
+Jovi, non licet bovi!_«
+
+Ich aber merkte nun, daß es Prager Studenten waren, und bekam einen
+ordentlichen Respekt vor ihnen, besonders da ihnen das Latein nur so wie
+Wasser von dem Munde floß. -- »Ist der Herr auch ein Studierter?« fragte
+mich darauf der Waldhornist. Ich erwiderte bescheiden, daß ich immer
+besondere Lust zum Studieren, aber kein Geld gehabt hätte. -- »Das tut
+gar nichts,« rief der Waldhornist, »wir haben auch weder Geld noch
+reiche Freundschaft. Aber ein gescheuter Kopf muß sich zu helfen wissen.
+_Aurora musis amica_, das heißt zu deutsch: mit vielem Frühstücken
+sollst du dir nicht die Zeit verderben. Aber wenn dann die
+Mittagsglocken von Turm zu Turm und von Berg zu Berg über die Stadt
+gehen und nun die Schüler auf einmal mit großem Geschrei aus dem alten
+finstern Kollegium herausbrechen und im Sonnenschein durch die Gassen
+schwärmen -- da begeben wir uns bei den Kapuzinern zum Pater
+Küchenmeister und finden unsern gedeckten Tisch, und ist er auch nicht
+gedeckt, so steht doch für jeden ein voller Topf darauf, da fragen wir
+nicht viel darnach und essen und perfektionieren uns dabei noch im
+Lateinischsprechen. Sieht der Herr, so studieren wir von einem Tage zum
+andern fort. Und wenn dann endlich die Vakanz kommt, und die andern
+fahren und reiten zu ihren Eltern fort, da wandern wir mit unsern
+Instrumenten unterm Mantel durch die Gassen zum Tore hinaus, und die
+ganze Welt steht uns offen.«
+
+Ich weiß nicht -- wie er so erzählte -- ging es mir recht durchs Herz,
+daß so gelehrte Leute so ganz verlassen sein sollten auf der Welt. Ich
+dachte dabei an mich, wie es mir eigentlich selber nicht anders ginge,
+und die Tränen traten mir in die Augen. -- Der Waldhornist sah mich groß
+an. »Das tut gar nichts,« fuhr er wieder weiter fort, »ich möchte gar
+nicht so reisen: Pferde und Kaffee und frisch überzogene Betten, und
+Nachtmützen und Stiefelknecht vorausbestellt. Das ist just das Schönste,
+wenn wir so frühmorgens heraustreten und die Zugvögel hoch über uns
+fortziehen, daß wir gar nicht wissen, welcher Schornstein heut für uns
+raucht, und gar nicht voraussehen, was uns bis zum Abend noch für ein
+besonderes Glück begegnen kann.« -- »Ja,« sagte der andere, »und wo wir
+hinkommen und unsere Instrumente herausziehen, wird alles fröhlich, und
+wenn wir dann zur Mittagsstunde auf dem Lande in ein Herrschaftshaus
+treten und im Hausflure blasen, da tanzen die Mägde miteinander vor der
+Haustür, und die Herrschaft läßt die Saaltür etwas aufmachen, damit sie
+die Musik drin besser hören, und durch die Lücke kommt das
+Tellergeklapper und der Bratenduft in den freudenreichen Schall
+herausgezogen, und die Fräuleins an der Tafel verdrehen sich fast die
+Hälse, um die Musikanten draußen zu sehen.« -- »Wahrhaftig,« rief der
+Waldhornist mit leuchtenden Augen aus, »laßt die andern nur ihre
+Kompendien repetieren, =wir= studieren unterdes in dem großen
+Bilderbuche, das der liebe Gott uns draußen aufgeschlagen hat! Ja, glaub
+nur der Herr, aus uns werden gerade die rechten Kerls, die den Bauern
+dann was zu erzählen wissen und mit der Faust auf die Kanzel schlagen,
+daß den Knollfinken unten vor Erbauung und Zerknirschung das Herz im
+Leibe bersten möchte.«
+
+Wie sie so sprachen, wurde mir so lustig in meinem Sinn, daß ich gleich
+auch hätte mit studieren mögen. Ich konnte mich gar nicht satt hören,
+denn ich unterhalte mich gern mit studierten Leuten, wo man etwas
+profitieren kann. Aber es konnte gar nicht zu einem recht vernünftigen
+Diskurse kommen. Denn dem einen Studenten war vorhin angst geworden,
+weil die Vakanz so bald zu Ende gehen sollte. Er hatte daher hurtig sein
+Klarinett zusammengesetzt, ein Notenblatt vor sich auf das aufgestemmte
+Knie hingelegt und exerzierte sich eine schwierige Passage aus einer
+Messe ein, die er mitblasen sollte, wenn sie nach Prag zurückkamen. Da
+saß er nun und fingerte und pfiff dazwischen manchmal so falsch, daß es
+einem durch Mark und Bein ging und man oft sein eigenes Wort nicht
+verstehen konnte.
+
+Auf einmal schrie der Waldhornist mit seiner Baßstimme: »Topp, da hab
+ich es«, er schlug dabei fröhlich auf die Landkarte neben ihm. Der
+andere ließ auf einen Augenblick von seinem fleißigen Blasen ab und sah
+ihn verwundert an. »Hört,« sagte der Waldhornist, »nicht weit von Wien
+ist ein Schloß, auf dem Schlosse ist ein Portier, und der Portier ist
+mein Vetter! Teuerste Kondiszipels, da müssen wir hin, machen dem Herrn
+Vetter unser Kompliment, und er wird dann schon dafür sorgen, wie er uns
+wieder weiter fortbringt!« -- Als ich das hörte, fuhr ich geschwind auf.
+»Bläst er nicht auf dem Fagott?« rief ich, »und ist von langer, gerader
+Beschaffenheit und hat eine große vornehme Nase?« -- Der Waldhornist
+nickte mit dem Kopfe. Ich aber embrassierte ihn vor Freuden, daß ihm der
+Dreistutzer vom Kopfe fiel, und wir beschlossen nun sogleich, alle
+miteinander im Postschiffe auf der Donau nach dem Schloß der schönen
+Gräfin hinunterzufahren.
+
+Als wir an das Ufer kamen, war schon alles zur Abfahrt bereit. Der dicke
+Gastwirt, bei dem das Schiff über Nacht angelegt hatte, stand breit und
+behaglich in seiner Haustür, die er ganz ausfüllte, und ließ zum
+Abschied allerlei Witze und Redensarten erschallen, während in jedem
+Fenster ein Mädchenkopf herausfuhr und den Schiffern noch freundlich
+zunickte, die soeben die letzten Pakete nach dem Schiffe schafften. Ein
+ältlicher Herr mit einem grauen Überrock und schwarzem Halstuch, der
+auch mitfahren wollte, stand am Ufer und sprach sehr eifrig mit einem
+jungen, schlanken Bürschchen, das mit langen, ledernen Beinkleidern und
+knapper, scharlachroter Jacke vor ihm auf einem prächtigen Engländer
+saß. Es schien mir zu meiner großen Verwunderung, als wenn sie beide
+zuweilen nach mir hinblickten und von mir sprächen. -- Zuletzt lachte
+der alte Herr, das schlanke Bürschchen schnalzte mit der Reitgerte und
+sprengte, mit den Lerchen über ihm um die Wette, durch die Morgenluft in
+die blitzende Landschaft hinein.
+
+Unterdes hatten die Studenten und ich unsere Kasse zusammengeschossen.
+Der Schiffer lachte und schüttelte den Kopf, als ihm der Waldhornist
+damit unser Fährgeld in lauter Kupferstücken aufzählte, die wir mit
+großer Not aus allen unsern Taschen zusammengebracht hatten. Ich aber
+jauchzte laut auf, als ich auf einmal wieder die Donau so recht vor mir
+sah: wir sprangen geschwind auf das Schiff hinauf, der Schiffer gab das
+Zeichen, und so flogen wir nun im schönsten Morgenglanze zwischen den
+Bergen und Wiesen hinunter.
+
+Da schlugen die Vögel im Walde, und von beiden Seiten klangen die
+Morgenglocken von fern aus den Dörfern, hoch in der Luft hörte man
+manchmal die Lerchen dazwischen. Von dem Schiffe aber jubilierte und
+schmetterte ein Kanarienvogel mit darein, daß es eine rechte Lust war.
+
+Der gehörte einem hübschen jungen Mädchen, die auch mit auf dem Schiffe
+war. Sie hatte den Käfig dicht neben sich stehen, von der andern Seite
+hielt sie ein feines Bündel Wäsche unterm Arm, so saß sie ganz still für
+sich und sah recht zufrieden bald auf ihre neuen Reiseschuhe, die unter
+dem Röckchen hervorkamen, bald wieder in das Wasser vor sich hinunter,
+und die Morgensonne glänzte ihr dabei auf der weißen Stirn, über der sie
+die Haare sehr sauber gescheitelt hatte. Ich merkte wohl, daß die
+Studenten gern einen höflichen Diskurs mit ihr angesponnen hätten, denn
+sie gingen immer an ihr vorüber, und der Waldhornist räusperte sich
+dabei und rückte bald an seiner Halsbinde, bald an dem Dreistutzer. Aber
+sie hatten keine rechte Courage, und das Mädchen schlug auch jedesmal
+die Augen nieder, sobald sie ihr näher kamen.
+
+Besonders aber genierten sie sich vor dem ältlichen Herrn mit dem grauen
+Überrocke, der nun auf der andern Seite des Schiffes saß und den sie
+gleich für einen Geistlichen hielten. Er hatte ein Brevier vor sich, in
+welchem er las, dazwischen aber oft in die schöne Gegend von dem Buche
+aufsah, dessen Goldschnitt und die vielen dareingelegten bunten
+Heiligenbilder prächtig im Morgenschein blitzten. Dabei bemerkte er auch
+sehr gut, was auf dem Schiffe vorging, und erkannte bald die Vögel an
+ihren Federn; denn es dauerte nicht lange, so redete er einen von den
+Studenten lateinisch an, worauf alle drei herantraten, die Hüte vor ihm
+abnahmen und ihm wieder lateinisch antworteten.
+
+Ich aber hatte mich unterdes ganz vorn auf die Spitze des Schiffes
+gesetzt, ließ vergnügt meine Beine über dem Wasser herunterbaumeln und
+blickte, während das Schiff so fortflog und die Wellen unter mir
+rauschten und schäumten, immerfort in die blaue Ferne, wie da ein Turm
+und ein Schloß nach dem andern aus dem Ufergrün hervorkam, wuchs und
+wuchs und endlich hinter uns wieder verschwand. Wenn ich nur =heute=
+Flügel hätte! dachte ich und zog endlich vor Ungeduld meine liebe
+Violine hervor und spielte alle meine ältesten Stücke durch, die ich
+noch zu Hause und auf dem Schloß der schönen Frau gelernt hatte.
+
+Auf einmal klopfte mir jemand von hinten auf die Achsel. Es war der
+geistliche Herr, der unterdes sein Buch weggelegt und mir schon ein
+Weilchen zugehört hatte. »Ei,« sagte er lachend zu mir, »ei, ei, Herr
+ludi magister, Essen und Trinken vergißt er.« Er hieß mich darauf meine
+Geige einstecken, um einen Imbiß mit ihm einzunehmen, und führte mich zu
+einer kleinen lustigen Laube, die von den Schiffern aus jungen Birken
+und Tannenbäumchen in der Mitte des Schiffes aufgerichtet worden war.
+Dort hatte er einen Tisch hinstellen lassen, und ich, die Studenten und
+selbst das junge Mädchen, wir mußten uns auf die Fässer und Pakete
+ringsherum setzen.
+
+Der geistliche Herr packte nun einen großen Braten und Butterschnitten
+aus, die sorgfältig in Papier gewickelt waren, zog auch aus einem
+Futteral mehrere Weinflaschen und einen silbernen, innerlich vergoldeten
+Becher hervor, schenkte ein, kostete erst, roch daran und prüfte wieder
+und reichte dann einem jeden von uns. Die Studenten saßen kerzengerade
+auf ihren Fässern und aßen und tranken nur sehr wenig vor großer
+Devotion. Auch das Mädchen tauchte bloß das Schnäbelchen in den Becher
+und blickte dabei schüchtern bald auf mich, bald auf die Studenten, aber
+je öfter sie uns ansah, je dreister wurde sie nach und nach.
+
+Sie erzählte endlich dem geistlichen Herrn, daß sie nun zum erstenmal
+von Hause in Kondition komme und soeben auf das Schloß ihrer neuen
+Herrschaft reise. Ich wurde über und über rot, denn sie nannte dabei das
+Schloß der schönen gnädigen Frau. -- Also das soll meine zukünftige
+Kammerjungfer sein! dachte ich und sah sie groß an, und mir schwindelte
+fast dabei. -- »Auf dem Schlosse wird es bald eine große Hochzeit
+geben,« sagte darauf der geistliche Herr. »Ja,« erwiderte das Mädchen,
+die gern von der Geschichte mehr gewußt hätte; »man sagt, es wäre schon
+eine alte, heimliche Liebschaft gewesen, die Gräfin hätte es aber
+niemals zugeben wollen.« Der Geistliche antwortete nur mit Hm, hm,
+während er seinen Jagdbecher vollschenkte und mit bedenklichen Mienen
+daraus nippte. Ich aber hatte mich mit beiden Armen weit über den Tisch
+vorgelegt, um die Unterredung recht genau anzuhören. Der geistliche Herr
+bemerkte es. »Ich kanns Euch wohl sagen,« hub er wieder an, »die beiden
+Gräfinnen haben mich auf Kundschaft ausgeschickt, ob der Bräutigam schon
+vielleicht hier in der Gegend sei. Eine Dame aus Rom hat geschrieben,
+daß er schon lange von dort fort sei.« -- Wie er von der Dame aus Rom
+anfing, wurd ich wieder rot. »Kennen denn Ew. Hochwürden den Bräutigam?«
+fragte ich ganz verwirrt. -- »Nein,« erwiderte der alte Herr, »aber er
+soll ein lustiger Vogel sein.« -- »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel,
+der aus jedem Käfig ausreißt, sobald er nur kann, und lustig singt, wenn
+er wieder in der Freiheit ist.« -- »Und sich in der Fremde herumtreibt,«
+fuhr der Herr gelassen fort, »in der Nacht gassatim geht und am Tage vor
+den Haustüren schläft.« -- Mich verdroß das sehr. »Ehrwürdiger Herr,«
+rief ich ganz hitzig aus, »da hat man Euch falsch berichtet. Der
+Bräutigam ist ein moralischer, schlanker, hoffnungsvoller Jüngling, der
+in Italien in einem alten Schlosse auf großem Fuß gelebt hat, der mit
+lauter Gräfinnen, berühmten Malern und Kammerjungfern umgegangen ist,
+der sein Geld sehr wohl zu Rate zu halten weiß, wenn er nur welches
+hätte, der --« »Nun, nun, ich wußte nicht, daß Ihr ihn so gut kennt«,
+unterbrach mich hier der Geistliche und lachte dabei so herzlich, daß er
+ganz blau im Gesichte wurde und ihm die Tränen aus den Augen rollten. --
+»Ich hab doch aber gehört,« ließ sich nun das Mädchen wieder vernehmen,
+»der Bräutigam wäre ein großer, überaus reicher Herr.« -- »Ach Gott, ja
+doch, ja! Konfusion, nichts als Konfusion!« rief der Geistliche und
+konnte sich noch immer vor Lachen nicht zugute geben, bis er sich
+endlich ganz verhustete. Als er sich wieder ein wenig erholt hatte, hob
+er den Becher in die Höh und rief: »Das Brautpaar soll leben!« -- Ich
+wußte gar nicht, was ich von dem Geistlichen und seinem Gerede denken
+sollte, ich schämte mich aber, wegen der römischen Geschichten, ihm hier
+vor allen Leuten zu sagen, daß ich selber der verlorene, glückselige
+Bräutigam sei.
+
+Der Becher ging wieder fleißig in die Runde, der geistliche Herr sprach
+dabei freundlich mit allen, so daß ihm bald ein jeder gut wurde und am
+Ende alles fröhlich durcheinandersprach. Auch die Studenten wurden immer
+redseliger und erzählten von ihren Fahrten im Gebirge, bis sie endlich
+gar ihre Instrumente holten und lustig zu blasen anfingen. Die kühle
+Wasserluft strich dabei durch die Zweige der Laube, die Abendsonne
+vergoldete schon die Wälder und Täler, die schnell an uns vorüberflogen,
+während die Ufer von den Waldhornsklängen widerhallten. -- Und als dann
+der Geistliche von der Musik immer vergnügter wurde und lustige
+Geschichten aus seiner Jugend erzählte: wie auch er zur Vakanz über
+Berge und Täler gezogen und oft hungrig und durstig, aber immer fröhlich
+gewesen, und wie eigentlich das ganze Studentenleben eine große Vakanz
+sei zwischen der engen, düstern Schule und der ernsten Amtsarbeit -- da
+tranken die Studenten noch einmal herum und stimmten dann frisch ein
+Lied an, daß es weit in die Berge hineinschallte.
+
+ »Nach Süden sich nun lenken
+ Die Vöglein allzumal,
+ Viel Wandrer lustig schwenken
+ Die Hüt' im Morgenstrahl.
+ Das sind die Herrn Studenten,
+ Zum Tor hinaus es geht,
+ Auf ihren Instrumenten
+ Sie blasen zum Valet:
+ Ade in die Läng und Breite,
+ O Prag, wir ziehn in die Weite:
+ _Et habeat bonam pacem_,
+ _Qui sedet post fornacem!_
+
+ Nachts wir durchs Städtlein schweifen,
+ Die Fenster schimmern weit,
+ Am Fenster drehn und schleifen
+ Viel schön geputzte Leut.
+ Wir blasen vor den Türen
+ Und haben Durst genung,
+ Das kommt vom Musizieren,
+ Herr Wirt, ein'n frischen Trunk!
+ Und siehe, über ein kleines
+ Mit einer Kanne Weines
+ _Venit ex sua domo_ --
+ _Beatus ille homo!_
+
+ Nun weht schon durch die Wälder
+ Der kalte Boreas,
+ Wir streichen durch die Felder,
+ Von Schnee und Regen naß,
+ Der Mantel fliegt im Winde,
+ Zerrissen sind die Schuh,
+ Da blasen wir geschwinde
+ Und singen noch dazu:
+ _Beatus ille homo_,
+ _Qui sedet in sua domo_,
+ _Et sedet post fornacem_
+ _Et habet bonam pacem!_«
+
+Ich, die Schiffer und das Mädchen, obgleich wir alle kein Latein
+verstanden, stimmten jedesmal jauchzend in den letzten Vers mit ein, ich
+aber jauchzte am allervergnügtesten, denn ich sah soeben von fern mein
+Zollhäuschen und bald darauf auch das Schloß in der Abendsonne über die
+Bäume hervorkommen.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Das Schiff stieß an das Ufer, wir sprangen schnell ans Land und
+verteilten uns nun nach allen Seiten im Grünen, wie Vögel, wenn das
+Gebauer plötzlich aufgemacht wird. Der geistliche Herr nahm eiligen
+Abschied und ging mit großen Schritten nach dem Schlosse zu. Die
+Studenten dagegen wanderten eifrig nach einem abgelegenen Gebüsch, wo
+sie noch geschwind ihre Mäntel ausklopfen, sich in dem vorüberfließenden
+Bache waschen und einer den andern rasieren wollten. Die neue
+Kammerjungfer endlich ging mit ihrem Kanarienvogel und ihrem Bündel
+unterm Arm nach dem Wirtshause unter dem Schloßberge, um bei der Frau
+Wirtin, die ich ihr als eine gute Person rekommandiert hatte, ein
+besseres Kleid anzulegen, ehe sie sich oben im Schlosse vorstellte. Mir
+aber leuchtete der schöne Abend recht durchs Herz, und als sie sich nun
+alle verlaufen hatten, bedachte ich mich nicht lange und rannte sogleich
+nach dem herrschaftlichen Garten hin.
+
+Mein Zollhaus, an dem ich vorbei mußte, stand noch auf der alten Stelle,
+die hohen Bäume aus dem herrschaftlichen Garten rauschten noch immer
+darüberhin, eine Goldammer, die damals auf dem Kastanienbaume vor dem
+Fenster jedesmal bei Sonnenuntergang ihr Abendlied gesungen hatte, sang
+auch wieder, als wäre seitdem gar nichts in der Welt vorgegangen. Das
+Fenster im Zollhause stand offen, ich lief voller Freuden hin und
+steckte den Kopf in die Stube hinein. Es war niemand darin, aber die
+Wanduhr pickte noch immer ruhig fort, der Schreibtisch stand am Fenster
+und die lange Pfeife in einem Winkel wie damals. Ich konnte nicht
+widerstehen, ich sprang durch das Fenster hinein und setzte mich an den
+Schreibtisch vor das große Rechenbuch hin. Da fiel der Sonnenschein
+durch den Kastanienbaum vor dem Fenster wieder grüngolden auf die
+Ziffern in dem aufgeschlagenen Buche, die Bienen summten wieder an dem
+offnen Fenster hin und her, die Goldammer draußen auf dem Baume sang
+fröhlich immerzu. -- Auf einmal aber ging die Tür aus der Stube auf, und
+ein alter, langer Einnehmer in meinem punktierten Schlafrock trat
+herein! Er blieb in der Tür stehen, wie er mich so unversehens
+erblickte, nahm schnell die Brille von der Nase und sah mich grimmig an.
+Ich aber erschrak nicht wenig darüber, sprang, ohne ein Wort zu sagen,
+auf und lief aus der Haustür durch den kleinen Garten fort, wo ich mich
+noch bald mit den Füßen in dem fatalen Kartoffelkraut verwickelt hätte,
+das der alte Einnehmer nunmehr, wie ich sah, nach des Portiers Rat statt
+meiner Blumen angepflanzt hatte. Ich hörte noch, wie er vor die Tür
+herausfuhr und hinter mir drein schimpfte, aber ich saß schon oben auf
+der hohen Gartenmauer und schaute mit klopfendem Herzen in den
+Schloßgarten hinein.
+
+Da war ein Duften und Schimmern und Jubilieren von allen Vöglein; die
+Plätze und Gänge waren leer, aber die vergoldeten Wipfel neigten sich im
+Abendwinde vor mir, als wollten sie mich bewillkommnen, und seitwärts
+aus dem tiefen Grunde blitzte zuweilen die Donau zwischen den Bäumen
+nach mir herauf.
+
+Auf einmal hörte ich in einiger Entfernung im Garten singen:
+
+ »Schweigt der Menschen laute Lust:
+ Rauscht die Erde wie in Träumen
+ Wunderbar mit allen Bäumen,
+ Was dem Herzen kaum bewußt,
+ Alte Zeiten, linde Trauer,
+ Und es schweifen leise Schauer
+ Wetterleuchtend durch die Brust.«
+
+Die Stimme und das Lied klang mir so wunderlich und doch wieder so
+altbekannt, als hätte ichs irgendeinmal im Traume gehört. Ich dachte
+lange, lange nach. -- »Das ist der Herr Guido!« rief ich endlich voller
+Freude und schwang mich schnell in den Garten hinunter -- es war
+dasselbe Lied, das er an jenem Sommerabend auf dem Balkon des
+italienischen Wirtshauses sang, wo ich ihn zum letztenmal gesehen hatte.
+
+Er sang noch immer fort, ich aber sprang über Beete und Hecken dem Liede
+nach. Als ich nun zwischen den letzten Rosensträuchern hervortrat, blieb
+ich plötzlich wie verzaubert stehen. Denn auf dem grünen Platze am
+Schwanenteich, recht vom Abendrote beschienen, saß die schöne gnädige
+Frau, in einem prächtigen Kleide und einem Kranz von weißen und roten
+Rosen in dem schwarzen Haar, mit niedergeschlagenen Augen auf einer
+Steinbank und spielte während des Liedes mit ihrer Reitgerte vor sich
+auf dem Rasen, gerade so wie damals auf dem Kahne, da ich ihr das Lied
+von der schönen Frau vorsingen mußte. Ihr gegenüber saß eine andre junge
+Dame, die hatte den weißen runden Nacken voll brauner Locken gegen mich
+gewendet und sang zur Gitarre, während die Schwäne auf dem stillen
+Weiher langsam im Kreise herumschwammen. -- Da hob die schöne Frau auf
+einmal die Augen und schrie laut auf, da sie mich erblickte. Die andere
+Dame wandte sich rasch nach mir herum, daß ihr die Locken ins Gesicht
+flogen, und da sie mich recht ansah, brach sie in ein unmäßiges Lachen
+aus, sprang dann von der Bank und klatschte dreimal mit den Händchen. In
+demselben Augenblicke kam eine große Menge kleiner Mädchen in
+blütenweißen, kurzen Kleidchen mit grünen und roten Schleifen zwischen
+den Rosensträuchern hervorgeschlüpft, so daß ich gar nicht begreifen
+konnte, wo sie alle gesteckt hatten. Sie hielten eine lange
+Blumengirlande in den Händen, schlossen schnell einen Kreis um mich,
+tanzten um mich herum und sangen dabei:
+
+ »Wir bringen dir den Jungfernkranz
+ Mit veilchenblauer Seide,
+ Wir führen dich zu Lust und Tanz,
+ Zu neuer Hochzeitsfreude.
+ Schöner, grüner Jungfernkranz,
+ Veilchenblaue Seide.«
+
+Das war aus dem Freischützen. Von den kleinen Sängerinnen erkannte ich
+nun auch einige wieder, es waren Mädchen aus dem Dorfe. Ich kneipte sie
+in die Wangen und wäre gern aus dem Kreise entwischt, aber die kleinen,
+schnippischen Dinger ließen mich nicht heraus. -- Ich wußte gar nicht,
+was die Geschichte eigentlich bedeuten sollte, und stand ganz verblüfft
+da.
+
+Da trat plötzlich ein junger Mann in feiner Jägerkleidung aus dem
+Gebüsch hervor. Ich traute meinen Augen kaum -- es war der fröhliche
+Herr Leonhard! -- Die kleinen Mädchen öffneten nun den Kreis und standen
+auf einmal wie verzaubert, alle unbeweglich auf einem Beinchen, während
+sie das andere in die Luft streckten, und dabei die Blumengirlanden mit
+beiden Armen hoch über den Köpfen in die Höh hielten. Der Herr Leonhard
+aber faßte die schöne gnädige Frau, die noch immer ganz stillstand und
+nur manchmal auf mich herüberblickte, bei der Hand, führte sie bis zu
+mir und sagte:
+
+»Die Liebe -- darüber sind nun alle Gelehrten einig -- ist eine der
+couragiösesten Eigenschaften des menschlichen Herzens, die Bastionen von
+Rang und Stand schmettert sie mit einem Feuerblicke darnieder, die Welt
+ist ihr zu eng und die Ewigkeit zu kurz. Ja, sie ist eigentlich ein
+Poetenmantel, den jeder Phantast einmal in der kalten Welt umnimmt, um
+nach Arkadien auszuwandern. Und je entfernter zwei getrennte Verliebte
+voneinander wandern, in desto anständigern Bogen bläst der Reisewind den
+schillernden Mantel hinter ihnen auf, desto kühner und überraschender
+entwickelt sich der Faltenwurf, desto länger und länger wächst der Talar
+den Liebenden hinten nach, so daß ein Neutraler nicht über Land gehen
+kann, ohne unversehens auf ein paar solche Schleppen zu treten. O
+teuerster Herr Einnehmer und Bräutigam! obgleich Ihr in diesem Mantel
+bis an die Gestade der Tiber dahinrauschtet, das kleine Händchen Eurer
+gegenwärtigen Braut hielt Euch dennoch am äußersten Ende der Schleppe
+fest, und wie Ihr zucktet und geigtet und rumortet, Ihr mußtet zurück in
+den stillen Bann ihrer schönen Augen. -- Und nun dann, da es so gekommen
+ist, ihr zwei lieben, lieben närrischen Leute! schlagt den seligen
+Mantel um euch, daß die ganze andere Welt rings um euch untergeht --
+liebt euch wie die Kaninchen und seid glücklich!«
+
+Der Herr Leonhard war mit seinem Sermon kaum erst fertig, so kam auch
+die andere junge Dame, die vorhin das Liedchen gesungen hatte, auf mich
+los, setzte mir schnell einen frischen Myrtenkranz auf den Kopf und sang
+dazu sehr neckisch, während sie mir den Kranz in den Haaren festrückte
+und ihr Gesichtchen dabei dicht vor mir war:
+
+ »Darum bin ich dir gewogen,
+ Darum wird dein Haupt geschmückt,
+ Weil der Strich von deinem Bogen
+ Öfters hat mein Herz entzückt.«
+
+Da trat sie wieder ein paar Schritte zurück. -- »Kennst du die Räuber
+noch, die dich damals in der Nacht vom Baume schüttelten?« sagte sie,
+indem sie einen Knicks mir machte und mich so anmutig und fröhlich
+ansah, daß mir ordentlich das Herz im Leibe lachte. Darauf ging sie,
+ohne meine Antwort abzuwarten, rings um mich herum. »Wahrhaftig, noch
+ganz der alte, ohne allen welschen Beischmack! Aber nein, sieh doch nur
+einmal die dicken Taschen an!« rief sie plötzlich zu der schönen
+gnädigen Frau, »Violine, Wäsche, Barbiermesser, Reisekoffer, alles
+durcheinander!« Sie drehte mich nach allen Seiten und konnte sich vor
+Lachen gar nicht zugute geben. Die schöne gnädige Frau war unterdes noch
+immer still und mochte gar nicht die Augen aufschlagen vor Scham und
+Verwirrung. Oft kam es mir vor, als zürnte sie heimlich über das viele
+Gerede und Spaßen. Endlich stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen,
+und sie verbarg ihr Gesicht an der Brust der andern Dame. Diese sah sie
+erst erstaunt an und drückte sie dann herzlich an sich.
+
+Ich aber stand ganz verdutzt da. Denn je genauer ich die fremde Dame
+betrachtete, desto deutlicher erkannte ich sie, es war wahrhaftig
+niemand anders als -- der junge Herr Maler Guido!
+
+Ich wußte gar nicht, was ich sagen sollte, und wollte soeben näher
+nachfragen, als Herr Leonhard zu ihr trat und heimlich mit ihr sprach.
+»Weiß er denn noch nicht?« hörte ich ihn fragen. Sie schüttelte mit dem
+Kopfe. Er besann sich darauf einen Augenblick. »Nein, nein,« sagte er
+endlich, »er muß schnell alles erfahren, sonst entsteht nur neues
+Geplauder und Gewirre.«
+
+»Herr Einnehmer,« wandte er sich nun zu mir, »wir haben jetzt nicht viel
+Zeit, aber tue mir den Gefallen und wundere dich hier in aller
+Geschwindigkeit aus, damit du nicht hinterher durch Fragen, Erstaunen
+und Kopfschütteln unter den Leuten alte Geschichten aufrührst und neue
+Erdichtungen und Vermutungen ausschüttelst.« -- Er zog mich bei diesen
+Worten tiefer in das Gebüsch hinein, während das Fräulein mit der von
+der schönen gnädigen Frau weggelegten Reitgerte in der Luft focht und
+alle ihre Locken tief in das Gesichtchen schüttelte, durch die ich aber
+doch sehen konnte, daß sie bis an die Stirn rot wurde. -- »Nun denn,«
+sagte Herr Leonhard, »Fräulein Flora, die hier soeben tun will, als
+hörte und wüßte sie von der ganzen Geschichte nichts, hatte in aller
+Geschwindigkeit ihr Herzchen mit jemand vertauscht. Darüber kommt ein
+andrer und bringt ihr mit Prologen, Trompeten und Pauken wiederum =sein=
+Herz dar und will ihr Herz dagegen. Ihr Herz ist aber schon bei jemand
+und jemands Herz bei ihr, und der Jemand will sein Herz nicht wieder
+haben und ihr Herz nicht wieder zurückgeben. Alle Welt schreit -- aber
+du hast wohl noch keinen Roman gelesen?« -- Ich verneinte es. -- »Nun,
+so hast du doch einen mitgespielt. Kurz: das war eine solche Konfusion
+mit den Herzen, daß der Jemand -- das heißt ich -- mich zuletzt selbst
+ins Mittel legen mußte. Ich schwang mich bei lauer Sommernacht auf mein
+Roß, hob das Fräulein als Maler Guido auf das andere, und so ging es
+fort nach Süden, um sie in einem meiner einsamen Schlösser in Italien zu
+verbergen, bis das Geschrei wegen der Herzen vorüber wäre. Unterwegs
+aber kam man uns auf die Spur, und von dem Balkon des welschen
+Wirtshauses, vor dem du so vortrefflich Wache schliefst, erblickte Flora
+plötzlich unsere Verfolger.« -- »Also der bucklige Signor?« -- »War ein
+Spion. Wir zogen uns daher heimlich in die Wälder und ließen dich auf
+dem vorbestellten Postkurse allein fortfahren. Das täuschte unsere
+Verfolger und zum Überfluß auch noch meine Leute auf dem Bergschlosse,
+welche die verkleidete Flora stündlich erwarteten und mit mehr
+Diensteifer als Scharfsinn dich für das Fräulein hielten. Selbst hier
+auf dem Schlosse glaubte man, daß Flora auf dem Felsen wohne, man
+erkundigte sich, man schrieb an sie -- hast du nicht ein Briefchen
+erhalten?« -- Bei diesen Worten fuhr ich blitzschnell mit dem Zettel aus
+der Tasche. -- »Also dieser Brief?« -- »Ist an mich«, sagte Fräulein
+Flora, die bisher auf unsere Rede gar nicht acht zu geben schien, riß
+mir den Zettel rasch aus der Hand, überlas ihn und steckte ihn dann in
+den Busen. -- »Und nun,« sagte Herr Leonhard, »müssen wir schnell in das
+Schloß, da wartet schon alles auf uns. Also zum Schluß, wie sichs von
+selbst versteht und einem wohlerzogenen Romane gebührt: Entdeckung,
+Reue, Versöhnung, wir sind alle wieder lustig beisammen, und übermorgen
+ist Hochzeit!«
+
+Da er noch so sprach, erhob sich plötzlich in dem Gebüsch ein rasender
+Spektakel von Pauken und Trompeten, Hörnern und Posaunen; Böller wurden
+dazwischen gelöst und Vivat gerufen, die kleinen Mädchen tanzten von
+neuem, und aus allen Sträuchern kam ein Kopf über dem andern hervor, als
+wenn sie aus der Erde wüchsen. Ich sprang in dem Geschwirre und
+Geschleife ellenhoch von einer Seite zur andern, da es aber schon dunkel
+wurde, erkannte ich erst nach und nach alle die alten Gesichter wieder.
+Der alte Gärtner schlug die Pauken, die Prager Studenten in ihren
+Mänteln musizierten mitten darunter, neben ihnen fingerte der Portier
+wie toll auf seinem Fagott. Wie ich den so unverhofft erblickte, lief
+ich sogleich auf ihn zu und embrassierte ihn heftig. Darüber kam er ganz
+aus dem Konzept. »Nun wahrhaftig, und wenn der bis ans Ende der Welt
+reist, er ist und bleibt ein Narr!« rief er den Studenten zu und blies
+ganz wütend weiter.
+
+Unterdes war die schöne gnädige Frau vor dem Rumor heimlich entsprungen
+und flog wie ein aufgescheuchtes Reh über den Rasen tiefer in den Garten
+hinein. Ich sah es noch zur rechten Zeit und lief ihr eiligst nach. Die
+Musikanten merkten in ihrem Eifer nichts davon, sie meinten nachher: wir
+wären schon nach dem Schlosse aufgebrochen, und die ganze Bande setzte
+sich nun mit Musik und großem Getümmel gleichfalls dorthin auf den
+Marsch.
+
+Wir aber waren fast zu gleicher Zeit in einem Sommerhause angekommen,
+das am Abhange des Gartens stand, mit dem offenen Fenster nach dem
+weiten, tiefen Tale zu. Die Sonne war schon lange untergegangen hinter
+den Bergen, es schimmerte nur noch wie ein rötlicher Duft über dem
+warmen, verschallenden Abend, aus dem die Donau immer vernehmlicher
+heraufrauschte, je stiller es ringsum wurde. Ich sah unverwandt die
+schöne Gräfin an, die ganz erhitzt vom Laufen dicht vor mir stand, so
+daß ich ordentlich hören konnte, wie ihr das Herz schlug. Ich wußte nun
+aber gar nicht, was ich sprechen sollte vor Respekt, da ich auf einmal
+so allein mit ihr war. Endlich faßte ich ein Herz, nahm ihr kleines,
+weißes Händchen -- da zog sie mich schnell an sich und fiel mir um den
+Hals, und ich umschlang sie fest mit beiden Armen.
+
+Sie machte sich aber geschwind wieder los und legte sich ganz verwirrt
+in das Fenster, um ihre glühenden Wangen in der Abendluft abzukühlen. --
+»Ach,« rief ich, »mir ist mein Herz recht zum Zerspringen, aber ich kann
+mir noch alles nicht recht denken, es ist mir alles noch wie ein Traum!«
+-- »Mir auch,« sagte die schöne gnädige Frau. »Als ich vergangenen
+Sommer,« setzte sie nach einer Weile hinzu, »mit der Gräfin aus Rom kam
+und wir das Fräulein Flora gefunden hatten und mit zurückbrachten, von
+dir aber dort und hier nichts hörte -- da dacht ich nicht, daß alles so
+noch kommen würde! Erst heut zu Mittag sprengte der Jockei, der gute,
+flinke Bursch, atemlos auf den Hof und brachte die Nachricht, daß du mit
+dem Postschiffe kämst.« -- Dann lachte sie still in sich hinein. »Weißt
+du noch,« sagte sie, »wie du mich damals auf dem Balkon zum letztenmal
+sahst? Das war gerade wie heute, auch so ein stiller Abend und Musik im
+Garten.« -- »Wer ist denn eigentlich gestorben?« fragte ich hastig. --
+»Wer denn?« sagte die schöne Frau und sah mich erstaunt an. »Der Herr
+Gemahl von Ew. Gnaden,« erwiderte ich, »der damals mit auf dem Balkon
+stand.« -- Sie wurde ganz rot. »Was hast du auch für Seltsamkeiten im
+Kopfe!« rief sie aus, »das war ja der Sohn von der Gräfin, der eben von
+Reisen zurückkam, und es traf gerade auch mein Geburtstag, da führte er
+mich mit auf den Balkon hinaus, damit ich auch ein Vivat bekäme. -- Aber
+deshalb bist du wohl damals von hier fortgelaufen?« -- »Ach Gott,
+freilich!« rief ich aus und schlug mich mit der Hand vor die Stirn. Sie
+aber schüttelte mit dem Köpfchen und lachte recht herzlich.
+
+Mir war so wohl, wie sie so fröhlich und vertraulich neben mir
+plauderte, ich hätte bis zum Morgen zuhören mögen. Ich war so recht
+seelenvergnügt und langte eine Handvoll Knackmandeln aus der Tasche, die
+ich noch aus Italien mitgebracht hatte. Sie nahm auch davon, und wir
+knackten nun und sahen zufrieden in die stille Gegend hinaus. -- »Siehst
+du,« sagte sie nach einem Weilchen wieder, »das weiße Schlößchen, das da
+drüben im Mondschein glänzt, das hat uns der Graf geschenkt, samt dem
+Garten und den Weinbergen, da werden wir wohnen. Er wußt es schon lange,
+daß wir einander gut sind, und ist dir sehr gewogen, denn hätt er dich
+nicht mitgehabt, als er das Fräulein aus der Pensionsanstalt entführte,
+so wären sie beide erwischt worden, ehe sie sich vorher noch mit der
+Gräfin versöhnten, und alles wäre anders gekommen.« -- »Mein Gott,
+schönste, gnädigste Gräfin,« rief ich aus, »ich weiß gar nicht mehr, wo
+mir der Kopf steht vor lauter unverhofften Neuigkeiten; also der Herr
+Leonhard?« -- »Ja, ja,« fiel sie mir in die Rede, »so nannte er sich in
+Italien; dem gehören die Herrschaften da drüben, und er heiratet nun
+unserer Gräfin Tochter, die schöne Flora. -- Aber was nennst du mich
+denn Gräfin?« -- Ich sah sie groß an. -- »Ich bin ja gar keine Gräfin,«
+fuhr sie fort, »unsere gnädige Gräfin hat mich nur zu sich aufs Schloß
+genommen, da mich mein Onkel, der Portier, als kleines Kind und arme
+Waise mit hierherbrachte.«
+
+Nun wars mir doch nicht anders, als wenn mir ein Stein vom Herzen fiele!
+»Gott segne den Portier,« versetzte ich ganz entzückt, »daß er unser
+Onkel ist! Ich habe immer große Stücke auf ihn gehalten.« -- »Er meint
+es auch gut mir dir,« erwiderte sie, »wenn du dich nur etwas vornehmer
+hieltest, sagt er immer. Du mußt dich jetzt auch eleganter kleiden.« --
+»O,« rief ich voller Freuden, »englischen Frack, Strohhut und Pumphosen
+und Sporen! und gleich nach der Trauung reisen wir fort nach Italien,
+nach Rom, da gehn die schönen Wasserkünste, und nehmen die Prager
+Studenten mit und den Portier!« -- Sie lächelte still und sah mich recht
+vergnügt und freundlich an, und von fern schallte immerfort die Musik
+herüber, und Leuchtkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über
+die Gärten, und die Donau rauschte dazwischen herauf -- und es war
+alles, alles gut!
+
+
+Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ zu prozudieren hatt ich keine Courage. Da sah ich nun allemal die
+ zu produzieren hatt ich keine Courage. Da sah ich nun allemal die
+
+ Brust und und sagte: »Portier, jetzt schert Ihr Euch nach Hause, oder ich
+ Brust und sagte: »Portier, jetzt schert Ihr Euch nach Hause, oder ich
+
+ Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, da seh ich
+ Dann standen sie plötzlich still. »Bei Gott,« rief der eine, »da seh ich
+
+ rechts fort!
+ rechts fort!«
+
+ wenn man manchmal einen falsche Note bläst.« -- »Das macht, du hast kein
+ wenn man manchmal eine falsche Note bläst.« -- »Das macht, du hast kein
+
+ soll ein luftiger Vogel sein.« -- »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel,
+ soll ein lustiger Vogel sein.« -- »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel,
+
+ Geplauder und Gewirre.
+ Geplauder und Gewirre.«
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Aus dem Leben eines Taugenichts, by
+Joseph von Eichendorff
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM LEBEN EINES TAUGENICHTS ***
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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