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+The Project Gutenberg eBook, Rembrandt, by Hermann Knackfuss
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+
+
+Title: Rembrandt
+ Künstler-Monographien: III
+
+
+Author: Hermann Knackfuss
+
+
+
+Release Date: January 21, 2011 [eBook #35030]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REMBRANDT***
+
+
+E-text prepared by Constanze Hofmann, Juliet Sutherland, Wolfgang Menges,
+and the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
+
+
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 35030-h.htm or 35030-h.zip:
+ (http://www.gutenberg.org/files/35030/35030-h/35030-h.htm)
+ or
+ (http://www.gutenberg.org/files/35030/35030-h.zip)
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Passagen, die im Originaltext nicht in Fraktur gesetzt waren,
+ sind hier durch =Gleichheitszeichen= gekennzeichnet, gesperrt
+ gedruckte Passagen durch _Unterstriche_. Weitere Anmerkungen
+ befinden sich am Ende des Textes.
+
+
+
+
+
+Künstler-Monographien
+
+In Verbindung mit Andern herausgegeben
+von
+H. KNACKFUß
+
+III
+
+REMBRANDT
+
+Mit 159 Abbildungen
+von Gemälden, Radierungen und Zeichnungen
+
+Vierte Auflage
+
+
+
+
+
+
+
+[Illustration: Verlags-Signet.]
+
+Bielefeld und Leipzig
+Verlag von Velhagen & Klasing
+1897
+
+
+
+Von diesem Werke ist für Liebhaber und Freunde besonders luxuriös
+ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe
+
+ eine numerierte Ausgabe
+
+veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier
+hergestellt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert
+(von 1-100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis eines
+solchen Exemplars beträgt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf welche
+jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet.
+
+ Die Verlagshandlung.
+
+Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
+
+
+
+
+[Illustration: _Selbstbildnis Rembrandts_, gemalt um 1641. Im
+Buckinghampalast. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: _Rembrandts Gattin Saskia_, gemalt um 1640. In der königl.
+Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
+Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+
+
+
+Rembrandt.
+
+
+[Illustration: Abb. 1. _Rembrandts Bildnis_, zubenannt mit den drei
+Bartspitzen. Radierung des Meisters aus seiner Jugendzeit.]
+
+Die holländische Malerei kann man füglich als ein Erzeugnis der staatlichen
+Selbständigkeit Hollands bezeichnen. Solange die Niederlande ein Ganzes
+bildeten, war von einer besonderen holländischen Kunst gegenüber der
+tonangebenden flandrischen nicht die Rede. Die Verschiedenheit des Erfolges
+aber, mit dem die nördlichen und die südlichen Provinzen aus dem langen,
+blutigen Kriege gegen die spanische Herrschaft hervorgingen, hatte eine
+ausgesprochene Verschiedenheit der Kunstentwickelung hier und dort zur
+Folge, wenn auch die Stammverwandtschaft sich niemals ganz verleugnete und
+namentlich in der Wesenseigentümlichkeit die flandrische und die
+holländische Malerei übereinstimmten, daß in der Farbe mehr als in der Form
+das Mittel dichterischen Ausdrucks gesucht und gefunden wurde. Das Jahr
+1609, in welchem der Abschluß eines zwölfjährigen Waffenstillstandes
+thatsächlich die Anerkennung der sieben vereinigten Provinzen als eines
+selbständigen Staates in sich trug, war gewissermaßen das Geburtsjahr der
+holländischen Malerei, die sich nunmehr in höherem Maße als jemals irgend
+eine andere Kunst des christlichen Zeitalters als eine nationale
+gestaltete. Ein lebendiges Kunstbedürfnis war in diesen Provinzen von
+alters her vorhanden, und der hohe Wohlstand, der nach dem
+Waffenstillstandsabschluß so unglaublich schnell aufblühte und der selbst
+während der Wiederaufnahme der erst 1648 endgültig zum Abschluß gelangenden
+Freiheitskämpfe fortwährend zunahm, brachte naturgemäß eine Steigerung
+dieses Bedürfnisses mit sich. Aber der junge protestantische Freistaat
+hatte mit allem gebrochen, was bisher der Malerei die höchsten Aufgaben
+geboten hatte. Hier waren jetzt nicht mehr die Kirchen mit prunkvollen
+Altargemälden auszustatten, die Fürstenpaläste nicht mit üppigen
+Göttergeschichten und Thaten antiker Helden zu schmücken; es handelte sich
+darum, die behagliche bürgerliche Häuslichkeit durch künstlerische Zierde
+würdig zu verschönern und für Rathäuser und Gildehäuser Werke zu liefern,
+die frei von jeder Überschwenglichkeit das Wesen nüchterner und stolzer
+Bürgerlichkeit wahrten. Worin die Aufgabe bestand, die das neue Volk seinen
+Künstlern stellte, faßt ein französischer Schriftsteller sehr zutreffend in
+das Wort zusammen: »es verlangte, daß man ihm sein Abbild liefere«. Das ist
+in der That der Inhalt der holländischen Malerei: das ehrliche,
+wahrheitsgetreue Abbild von Land und Leuten und Dingen, die Wiedergabe der
+schlichten Wirklichkeit, wie die Heimat und die Gegenwart sie zeigten und
+im Künstlerauge sich spiegeln ließen, mag nun Bildnis, Genre, Landschaft,
+Tierstück oder Stillleben der Gegenstand des Gemäldes sein. Dieses ehrliche
+Abbilden der Wirklichkeit war ein großer Teil der Kunst des einen, der über
+zahlreiche ausgezeichnete Maler hoch emporragend als der größte
+holländische Maler dasteht; aber es war nicht seine ganze Kunst. Rembrandt
+wußte seine staunenswürdige Befähigung zu geistreich treffender Wiedergabe
+der Natur seinem eigenen freien Schaffensdrange dienstbar zu machen und
+fand in ihr das Mittel, den Gebilden seiner eigenwilligen und lebhaften,
+gelegentlich geradezu schwärmerischen Einbildungskraft eine Gestalt zu
+verleihen, die nicht nur seinem eigenen Wesen entsprach, sondern auch seine
+damaligen Landsleute unmittelbar ansprechen mußte. So offenbarte er sich,
+unterstützt durch eine großartige Vollkommenheit in der Beherrschung seines
+Handwerkszeuges, die ihn zu einem der allerbesten Maler und zum
+geistreichsten Radierer aller Zeiten machte, als einer der selbständigsten
+und eigengestaltigsten Künstler der Welt.
+
+[Illustration: Abb. 2. _Rembrandts Mutter._ Radierung von 1628.]
+
+[Illustration: Abb. 3. _Rembrandts Mutter._ Radierung. Das Monogramm ist
+aus =RH= (Rembrandt Harmensz) und =L= (von Leiden) gebildet.]
+
+Rembrandts Elternhaus stand zu Leiden, am Weddesteeg in der Nähe des Weißen
+Thores (Wittepoort). Es war eine Mühle, Besitztum einer Familie, deren
+einer Zweig vom Rhein, das heißt von dem Mündungsarm des Flusses, der
+allein diesen Namen behält und der in mehreren Kanälen die Stadt
+durchfließt, den Zunamen van Ryn führte. Als das fünfte von sechs Kindern
+der Eheleute Harmen (Hermann) Gerritszoon (Gerrits oder Gerhards Sohn) van
+Ryn und Neeltje (Cornelia) Willemsdochter wurde am 15. Juli 1606 oder 1607
+-- die Jahreszahl steht nicht ganz fest -- der Knabe geboren, der in der
+Taufe den ungewöhnlichen Vornamen Rembrandt erhielt und der daher, nach der
+damals in Holland und auch anderwärts verbreiteten Sitte, den Vornamen des
+Vaters dem eigenen hinzuzufügen, Rembrandt Harmenszoon (oder abgekürzt
+Harmensz) van Ryn hieß.
+
+Während Rembrandts drei ältere Brüder zu handwerklichen Berufsarten erzogen
+worden waren, wurde ihm eine gewähltere Ausbildung zu teil. Er ward in eine
+Lateinschule geschickt und sollte später die Universität seiner Vaterstadt
+besuchen, »um, wenn er das Alter erreicht hätte, durch seine Wissenschaft
+der Stadt und dem Staate nützen zu können.« Aber seine ausgesprochene
+Neigung und Begabung zur Malerei führte frühzeitig den Übergang zu diesem
+Beruf herbei. Jakob van Swanenburgh, ein sonst kaum bekannter Leidener
+Maler, wurde zuerst sein Lehrer; nachdem er dessen Unterricht drei Jahre
+lang genossen, wurde Rembrandt nach Amsterdam zu Pieter Lastman geschickt,
+von dem er nur sechs Monate lang unterrichtet worden sein soll. Beide Maler
+hatten, wie man es zu ihrer Zeit für unbedingt erforderlich hielt, in
+Italien studiert, und ihre Kunst ward von dem Bemühen, die Italiener
+nachzuahmen, beherrscht; Lastman war in Rom ein Schüler des Frankfurters
+Adam Elshaimer gewesen, der seinen fein gemalten Bildchen durch starke
+Lichtwirkungen -- Lampen-, Feuer- und Mondschein -- einen besonderen Reiz
+zu verleihen strebte. So untergeordnet die Stellung ist, welche Rembrandts
+Lehrer in der Kunstgeschichte einnehmen, unzweifelhaft hat der gelehrige
+Schüler aus ihren Unterweisungen großen Nutzen gezogen; von Lastman wurde
+er vermutlich auch in der Kunst des Radierens unterrichtet. Nach Leiden
+zurückgekehrt, bildete er selbst sich weiter, und man darf annehmen, daß
+sein eigener Trieb ihn auf das eingehende Studium der Natur in einer Weise
+hinwies, wie seine Lehrer es wohl schwerlich gethan hatten.
+
+[Illustration: Abb. 4. _Selbstbildnis Rembrandts mit stieren Augen._
+Radierung. (Auch unter der Bezeichnung »Der Mann mit dem beschnittenen
+Barett« bekannt.)]
+
+[Illustration: Abb. 5. _Kahlköpfiger Mann._ Radierung von 1630.]
+
+Die ersten bezeichneten Gemälde des jungen Künstlers tragen die Jahreszahl
+1627. Das eine derselben, »der Apostel Paulus im Gefängnis,« befindet sich
+im Museum zu Stuttgart, das andere, »der Geldwechsler,« im Museum zu
+Berlin. Beide Bilder besitzen keine hervorstechenden Reize; es sind glatt
+gemalte Jugendwerke, die den unbefangenen Beschauer recht kalt lassen; und
+dennoch kann man in ihnen schon diejenigen Eigenschaften gleichsam keimen
+sehen, welche Rembrandt später so groß gemacht haben: der tiefe,
+gedankenvolle Blick des gefangenen Apostels kündigt den zukünftigen Meister
+des seelischen Ausdruckes an, das kleine Berliner Bild zieht den Beschauer
+durch die von einer verdeckten Kerze in der Hand des Wechslers ausgehende
+malerische Helldunkelwirkung an, obgleich diese Wirkung hier noch mehr an
+die Bilder des Gerhard Honthorst, als an Rembrandts spätere Meisterwerke
+erinnert. Zwei kleine Gemälde biblischen Inhalts aus dem Jahr 1628, beide
+mit =R H= (Rembrandt Harmensz) und daran gehängtem =L= (als Hinweis auf des
+Künstlers Vaterstadt Leiden) bezeichnet, sind durch die zu Berlin im Jahre
+1883 zu Ehren der silbernen Hochzeit des damaligen Kronprinzenpaares
+veranstaltete Ausstellung von im Berliner Privatbesitz befindlichen Werken
+alter Meister weiteren Kreisen bekannt geworden. Das eine, im Besitz Seiner
+Majestät des Kaisers, stellt Simsons Verrat durch Delila vor, das andere,
+im Besitz von Herrn Otto Pein, den Apostel Petrus zwischen den Knechten des
+Hohenpriesters; das letztere ist ein durch Feuer- und Kerzenlicht
+wirkungsvoll gemachtes Nachtstück. Noch auf einige andere Bilder ist in
+jüngster Zeit die Aufmerksamkeit gelenkt worden, in denen man
+Erstlingsarbeiten des jungen Rembrandt erblicken zu dürfen glaubt,
+namentlich auf einige malerisch beleuchtete Studienköpfe (in Kassel, Gotha
+und an anderen Orten), die man für Selbstbildnisse des Künstlers hält.
+Rembrandt hat nämlich während seines ganzen Lebens sich selbst mit Vorliebe
+zu einem Gegenstand seines Studiums gemacht; mochte er eine Beleuchtung des
+menschlichen Antlitzes, einen Ausdruck, eine kleidsame Tracht studieren
+wollen, so fand er in seiner eigenen Person ein stets bereites und williges
+Modell, das zugleich wegen seiner kräftigen, offenen und ansprechenden Züge
+und seiner gesunden Farbe ein sehr dankbarer Gegenstand der Darstellung
+war. Daher die außerordentlich große Anzahl der gemalten und der in Kupfer
+geätzten Selbstbildnisse, die Rembrandt hinterlassen hat.
+
+[Illustration: Abb. 6. _Der Mann mit dem breitkrempigen Hut._ Radierung von
+1630.]
+
+[Illustration: Abb. 7. _Unbärtiger Alter mit hoher Mütze._ Radierung.]
+
+Das erste mit einer Jahreszahl bezeichnete Werk der Radiernadel Rembrandts,
+von 1628, macht uns mit der ehrwürdigen Erscheinung seiner Mutter bekannt.
+Dieses köstliche kleine Brustbild, so sprechend lebenswahr, so geistreich
+und zugleich so liebevoll hingezeichnet, ist ein vollendetes Meisterwerk,
+in der Ausführung ebenso unübertrefflich wie in der Auffassung (Abb. 2).
+Außer in diesem Brustbildchen hat Rembrandt in den ersten Jahren seines
+Schaffens für die Öffentlichkeit noch mehrmals die eigentümliche Schönheit
+seiner betagten Mutter in Radierungen festgehalten. Darunter zeichnet sich
+besonders eines aus (zubenannt »mit dem schwarzen Schleier«), welches die
+alte Dame von der Seite, vor einem Tische sitzend, zeigt; man kann nur
+staunen, wenn man sieht, wie lebensvoll hier wieder, bei weiter
+durchgebildeter malerischer Ausführung, das von zahllosen Runzeln
+durchfurchte, ausdrucksvolle Gesicht gezeichnet ist, wie wunderbar die
+verschrumpfte Haut der alten Hände mit den hervortretenden Adern
+wiedergegeben, wie meisterhaft die Stoffe behandelt sind (Abb. 3).
+
+Die Art und Weise kennen zu lernen, wie die Seele des Menschen sich in
+seinem Antlitz spiegelt und wie das Spiel der Gesichtsmuskeln zum Ausdruck
+der Empfindungen wird, war für Rembrandt von Anfang an ein Gegenstand der
+eifrigsten Beobachtung. Um das eingehend studieren zu können, setzte er
+sich mit der Kupferplatte vor den Spiegel und machte sich selbst irgend
+einen bestimmten Ausdruck vor, den er dann mit der Radiernadel festhielt.
+So hat er sich lachend gezeichnet, mit verdrießlichem Gesicht, mit
+verschlossener, finsterer Miene und mit dem Ausdruck starren Entsetzens
+(Abb. 4); aber auch in der Ruhe seines natürlichen Ausdruckes hat er das
+von den Sorgen des Lebens noch nicht belastete, jugendheitere Antlitz mit
+dem ersten sprossenden Barte der Nachwelt durch die Kupferplatte
+überliefert (Abb. 1). Personen aus seiner Umgebung, die wohl nicht daran
+dachten, ein Kupferstichbildnis ihrer Person zu bestellen, die aber dem
+jungen Künstler gutwillig ein paar Stunden still hielten, waren weitere
+Gegenstände der Übung von Auge und Hand (Abb. 5 und 6).
+
+[Illustration: Abb. 8. _Bettler und Bettlerin._ Radierung von 1630.]
+
+[Illustration: Abb. 9. _Die Frau mit der Kürbisflasche._ Radierung.]
+
+Eine ganze Anzahl von Radierungen legt ferner Zeugnis davon ab, wie
+Rembrandt sich mit großem Fleiße übte, zufällig Gesehenes mit der denkbar
+größten Schnelligkeit in wenigen treffenden Strichen festzuhalten oder auch
+aus dem Gedächtnis wiederzugeben. Ganz besonders reizten ihn Erscheinungen
+aus den niedersten Volksschichten, die ihren Charakter am unverhülltesten
+zur Schau trugen und deren zerlumpte Kleidung ebenso wie ihre Häßlichkeit
+ihm eine eigentümliche Anregung boten, eben weil sie sich so
+charakteristisch darstellen ließen. Es war der natürliche Widerwille gegen
+die kalt und leer und dadurch abstoßend gewordene äußerliche
+Schönheitssucherei der den Italienern nachtretenden Kunst, der sich in
+dieser Weise -- bei Rembrandt nicht zuerst, aber bei ihm vielleicht am
+kräftigsten -- äußerte. Da fielen ihm die verschmitzten Augen eines alten
+Bettlers mit lächerlich hoher Mütze auf oder ein auf der Straße in
+langatmigem Gespräch sich unterhaltendes Bettlerpaar und ähnliche lumpige
+Gestalten, und er bannte sie auf die Kupferplatte; oder es reizte ihn, die
+Erscheinung eines Bauern festzuhalten, der seine Verschlagenheit hinter
+einer unglaublich dummen Miene verbirgt (Abb. 7-9, 12, 13). -- Aber auch
+zur Niederschrift von Kompositionen, in denen der jugendliche
+Schaffensdrang sich Luft machte, wurde die Radiernadel benutzt (Abb. 16).
+
+[Illustration: Abb. 10. _Der Mann mit der Pelzmütze._ Radierung von 1631.]
+
+Es fehlte dem jungen Maler nicht an Bestellungen. Aus dem Jahre 1630 ist
+schon das Bildnis eines augenscheinlich den besten Ständen angehörigen, in
+schwarzen Sammet gekleideten und mit doppelter goldener Kette geschmückten
+alten Herrn vorhanden. Dieses in der Gemäldegalerie zu Kassel befindliche
+Bild legt zugleich in seiner leichten und freien Behandlung Zeugnis ab von
+Rembrandts schneller Vervollkommnung in der Ölmalerei. Mehrere um die
+nämliche Zeit gemalte Studienköpfe, die in verschiedenen Sammlungen
+aufbewahrt werden, erzählen von dem Fleiß und der Gewissenhaftigkeit
+seiner Übungen und fordern durch die geistreiche Weise der Anpassung und
+der Ausführung unsere höchste Bewunderung heraus (Abb. 11).
+
+[Illustration: Abb. 11. _Bildnis eines alten Mannes_, um 1631 gemalter
+Studienkopf. In der königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer
+Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 12. _Bettler._ Radierung.]
+
+Im Jahre 1631 verließ Rembrandt seine Vaterstadt Leiden, in die er nur zu
+kurzen Besuchen zeitweilig zurückkehrte, und siedelte nach Amsterdam, der
+stolzen und reichen Hauptstadt der vereinigten Provinzen, über, wo für
+seine Thätigkeit das denkbar fruchtbarste Feld bereit sein mußte. In der
+That gelangte der Vierundzwanzigjährige hier schnell zu großem Rufe, und es
+sammelte sich bald eine Schar von Schülern um ihn; es wird erzählt, er habe
+diese in gesonderten Zellen arbeiten lassen, zu dem Zwecke, daß das
+Individuelle ihrer Begabung besser gewahrt bleibe und ihre Kunst vor
+schulmäßiger Gleichförmigkeit behütet werde.
+
+[Illustration: Abb. 13. _Bauer, die Hände auf dem Rücken haltend._
+Radierung von 1631.]
+
+[Illustration: Abb. 14. _Die heilige Familie._ Gemälde von 1631 in der
+königl. Pinakothek zu München. (Nach einer Photographie von Franz
+Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 15. _Bildnis eines polnischen Edelmannes_, gemalt 1631.
+Im Museum der Ermitage zu St. Petersburg. (Nach einer Originalphotographie
+von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+In Amsterdam fand Rembrandts Neigung, dem an und für sich Häßlichen
+künstlerischen Reiz abzugewinnen, reiche Nahrung. Vor allem zog ihn das
+Judenviertel mit seinen malerischen Erscheinungen an. Hier waren für Geld
+die interessantesten Modelle zu haben, und mit wahrer Lust verewigte
+Rembrandt die jüdischen Charakterköpfe; die an und für sich schon
+auffallende Tracht der Amsterdamer Juden bereicherte er dabei gern in
+phantastischer Weise durch bunte Stoffe und mancherlei Schmuckstücke aus
+dem Vorrat seiner Werkstatt (Abb. 10). Rembrandts Werkstatt gestaltete sich
+nämlich allmählich zu einer förmlichen Sammlung von malerischen
+Kostbarkeiten und fremdartigen Kleidungsstücken; zu deren Anschaffung gab
+es wohl nirgends bessere Gelegenheiten als in Amsterdam, wo Kaufleute von
+allen Enden der Welt zusammenströmten und wo die Trödlerläden des
+Judenviertels, das Rembrandt so gern durchstreifte, solcher Liebhaberei gar
+einladend entgegenkamen. Übrigens suchte Rembrandt die jüdischen Modelle
+nicht bloß um ihres persönlichen malerischen und charakteristischen Äußeren
+willen als dankbare Vorwürfe für Radierungen und Studienbilder auf. Er
+erblickte in ihnen auch die Vertreter des auserwählten Volkes, und es war
+eine Art geschichtlicher Gewissenhaftigkeit, wenn er sie als die einzig
+echten Modelle für biblische Kompositionen ansah, -- und Gewissenhaftigkeit
+war ja der eigentliche Grundzug der holländischen Kunst. Die ehrwürdigen
+Erscheinungen der alten Patriarchen wurden vor ihm lebendig, und er
+versuchte, wenn auch fürs erste noch nicht in Gemälden, so doch in
+Zeichnungen, die er nur für sich selber machte, Vorgänge aus deren Leben in
+einer unmittelbar der Wirklichkeit abgelauscht scheinenden Weise zu
+verbildlichen. Ein Beispiel gibt uns die anscheinend in dieser frühen Zeit
+entstandene Federzeichnung in der Albertina zu Wien, welche den Vater Jakob
+zeigt, wie er seinen Benjamin zärtlich zwischen den Knieen hält, während
+Juda vor ihn hintritt und spricht: »Laß den Knaben mit mir ziehen; ich will
+Bürge für ihn sein, von meinen Händen sollst du ihn fordern« (Abb. 17).
+
+[Illustration: Abb. 16. _Ein Kampf._ Radierung.]
+
+Das erste bedeutendere biblische Gemälde, welches Rembrandt ausführte --
+die Probe eines gewaltigen Fortschritts gegen jene frühen Leidener
+Versuche --, war eine »Darstellung im Tempel;« dasselbe befindet sich in
+der königlichen Gemäldesammlung im Haag und ist mit der Jahreszahl 1631
+bezeichnet. Den nämlichen Gegenstand behandelte die erste datierte
+figürliche Komposition unter Rembrandts Radierungen. Vielleicht war das
+eine Vorübung für das Gemälde. Das zart ausgeführte Blättchen, von 1630,
+fesselt durch die Tiefe und Mannigfaltigkeit des Ausdrucks in den kleinen
+Figuren; es führt den Beinamen, »mit dem Engel,« weil über der Gestalt der
+Prophetin Hanna ein Engel herabschwebt, welcher der Greisin in dem Knäblein
+den Erlöser zeigt. Auch in einer späteren, größeren Radierung desselben
+Inhaltes -- denn Rembrandt liebte es, sich in einen Gegenstand, den er
+einmal erfaßt hatte, immer von neuem zu vertiefen -- erscheint die greise
+Seherin, eine hohe, feierliche Gestalt, im Mittelpunkt der Komposition als
+deren eigentliche Hauptfigur; von oben senkt sich eine dunkle Wolke in die
+dämmerigen Wölbungen des Tempels herab, von der Seite bricht ein
+Lichtstrahl herein, und wo sich beide berühren, schwebt über dem Haupte
+Hannas die Taube des heiligen Geistes. Dieses Blatt ist unvollendet
+geblieben, zum Teil nur in leichten Umrissen angelegt; aber auch so macht
+es einen mächtigen Eindruck durch die hohe Poesie der Lichtwirkung; ein
+unübertreffliches Meisterwerk ist für sich allein schon der Kopf des alten
+Simeon. In dem Gemälde von 1631 ist, nach der zumeist üblichen
+Auffassungsweise, Simeon der Hauptträger der Handlung. Das Bild, in
+kleinem Maßstab mit der größten Sorgfalt ausgeführt, offenbart den Maler
+als den unvergleichlichen Meister des Helldunkels, der im Durchbrechen
+geschlossener Schattenmassen durch strahlende Lichtwellen das Mittel
+findet, seine dichterischen Empfindungen ergreifend zum Ausdruck zu
+bringen. Während die phantastischen Formen des Tempelbaues im Dunkel
+verschwimmen, sammelt das Licht sich auf der Hauptgruppe; es überflutet mit
+vollem Glanze das Jesuskind, das ehrwürdige Haupt Simeons und die zum Segen
+erhobene Hand des Oberpriesters und gleitet, schon etwas abgeschwächt, über
+die knieende Gestalt Marias und die Gestalten ihrer Umgebung, um sich nach
+und nach wieder im Dunkel zu verlieren. Der Vorgang selbst ist ganz
+realistisch aufgefaßt, überirdische Erscheinungen sind nicht dabei
+angebracht. Mit der Radierung von 1630 stimmt das Gemälde darin überein,
+daß man im Hintergrunde eine große Treppe sieht, auf der sich viele
+Gestalten im Halbdunkel bewegen.
+
+[Illustration: Abb. 17. _Juda, Jakob und Benjamin._ Handzeichnung in der
+Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Dieses Bild eröffnet die stattliche Reihe der gemalten Meisterwerke
+Rembrandts. Der hervorstechendste Zug im Wesen Rembrandts war eine
+unverwüstliche Arbeitslust; sein ganzes Leben hindurch, in guten und in
+bösen Tagen, hat er mit unermüdlichem Fleiß gearbeitet. So ist es möglich
+geworden, daß er weit über dreihundert Gemälde hinterlassen hat, abgesehen
+von solchen, deren Echtheit fraglich ist, und von einigen zu Grunde
+gegangenen. Dazu kommt eine gleich große Anzahl (353) eigenhändiger
+Radierungen. Da er seine Arbeiten gern mit der Jahreszahl bezeichnete, so
+läßt sich bis gegen das Ende seines Lebens seine Thätigkeit fast Schritt
+für Schritt verfolgen.
+
+Das Jahr 1631 sah außer der »Darstellung im Tempel« noch ein anderes aus
+dem Evangelium geschöpftes Gemälde entstehen: die »Heilige Familie« der
+Münchener Pinakothek. Es ist ein schönes, gemütvolles Bild. Das auf dem
+Schoß der Mutter liegende Kind hat eben die Brust losgelassen und ist
+eingeschlafen; es wird von Maria mit dem stillen Lächeln der Mutterlust
+betrachtet; neben Maria steht die Wiege mit weißem Leinen; Joseph beugt
+sich mit gedankenvoll betrachtendem Blick herüber (Abb. 14).
+
+[Illustration: Abb. 18. _Diana und Endymion._ In der Liechtensteingalerie
+zu Wien. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 19. _Rembrandts Schwester._ In der Liechtensteingalerie
+zu Wien. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 20. _Die Anatomiestunde._ Gemälde von 1632 im königl.
+Museum im Haag. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie.
+in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 21. _Kopf eines Hörers_ aus der »Anatomiestunde« im
+königl. Museum im Haag. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément
+& Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Zu den ersten der in Amsterdam gemalten Bildnisse gehört ein stolz und kühn
+blickender Mann mit großem Schnurrbart (in der Sammlung der Ermitage zu
+Petersburg). Er trägt einen mit reicher Goldkette geschmückten
+pelzbesetzten Mantel, eine ebenso geschmückte Pelzmütze, hat Perlengehänge
+in den Ohren und hält einen Stock mit verziertem goldenen Knopf. Es ist
+anscheinend ein polnischer Edelmann, den sein Weg einmal in den damaligen
+Mittelpunkt des Weltverkehrs, nach Amsterdam, führte (Abb. 15).
+
+Unter den Radierungen Rembrandts vom Jahre 1631 befindet sich eine, welche
+durch ihren Gegenstand auffällt. Es ist eine Diana im Bade. Bei diesem
+Titel denken wir unwillkürlich an eine klassische Schönheit oder doch
+mindestens an eine Erscheinung von straffer Jugendlichkeit. Rembrandt aber
+hat seine »Diana« nach einem grundhäßlichen, abgeblühten Modell mit
+abschreckender Naturtreue gezeichnet. Es fehlte ihm aller und jeder Sinn
+für das, was wir im Sinne der griechischen Kunst schön nennen. Wenn man
+unter »Renaissance« den engeren Begriff der Veredelung der Kunst durch die
+Kenntnis antiker Schönheit versteht, so ist für Rembrandt die Renaissance
+gar nicht dagewesen; zu einem Freunde sagte er einmal, auf seine Sammlung
+alter Stoffe, Waffen und Geräte zeigend: »Das sind meine Antiken.«
+Rembrandts mythologische Kompositionen berühren uns denn auch mindestens
+sehr fremdartig. Er hat deren freilich nicht viele geschaffen. Die
+damalige internationale Kunst und somit auch die Schule, aus der Rembrandt
+hervorgegangen war, wurde ja von einer Vorliebe für Darstellungen aus der
+antiken Götterwelt beherrscht. Aber dem Wesen Rembrandts lagen derartige
+Stoffe sehr fern, auch ist seine Kenntnis von diesen Dingen schwerlich groß
+gewesen; sein Buch war die Bibel, und es scheint nicht, daß er überhaupt
+viel anderes als dieses Buch gelesen hat. Übrigens hatten ebenso wie er
+selbst seine Landsleute nicht mehr viel Geschmack für die Mythologie; dem
+nüchternen Sinn und der protestantischen Strenggläubigkeit der Holländer
+konnte die Verbildlichung heidnischer Götterfabeln nicht zusagen.
+
+[Illustration: Abb. 22. _Köpfe von Hörern_ aus der »Anatomiestunde« im
+königl. Museum im Haag. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément
+& Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Vielleicht das Hübscheste, was Rembrandt an mythologischen
+Darstellungen geschaffen hat, ist ein in der Liechtensteingalerie zu
+Wien befindliches Gemälde: »Diana und Endymion.« In der Flut des
+Mondlichts schwebend hat die keusche Göttin sich auf die Erde
+herabgesenkt; wie mondbeglänzte Wolkengebilde schimmern Schwäne, die
+sie getragen, im Dunkel der Luft. Mit dem Jagdspeer in der Hand, groß
+und stolz, tritt sie dem blöden Burschen entgegen, der ihr
+Wohlgefallen erregt hat. Das Licht, das von ihr ausstrahlt, fällt ihm
+ins Gesicht, da er, aus seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Schlafen,
+aufgestört, sich nach ihr umblickt, während seine derben Hunde scheu
+die Hunde der himmlischen Jägerin anknurren (Abb. 18).
+
+Das Gesicht der Göttin zeigt hier eine unverkennbare Ähnlichkeit mit einem
+rotblonden Mädchen, das Rembrandt in den Jahren 1632 und 1633 wiederholt
+gemalt hat. Man hält dieses Mädchen mit Grund für eine von seinen
+Schwestern, die vielleicht mit ihm nach Amsterdam übergesiedelt war (Abb.
+19).
+
+[Illustration: Abb. 23. _Der vortragende Professor_ (Dr. Nikolaas Tulp) aus
+der »Anatomiestunde« im königl. Museum im Haag. (Nach einer
+Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
+Paris.)]
+
+Im Jahre 1632 wagte Rembrandt sich an einen figurenreichen mythologischen
+Gegenstand: es ist der im Berliner Museum befindliche »Raub der
+Proserpina.« Das merkwürdige Bild enthüllt in Farbe, Wirkung, Empfindung
+und Ausdruck in der bezeichnendsten Weise Rembrandts künstlerische Vorzüge
+und Besonderheiten. Es ist wie alle Gemälde dieser seiner frühen Zeit sehr
+fein und sorgfältig gemalt. Die Kräuter des Vordergrundes, bei denen man
+die einzelnen Äderchen der Blätter sieht, sind staunenswürdig, und ebenso
+genau bis ins einzelste sind die etwa zollgroßen Köpfchen und die reichen
+Stoffe ausgeführt. Bei dieser fast peinlichen Vortragsweise ist das Bild
+indessen von wahrhaft gewaltigem Leben erfüllt. Die schwarzen Rosse des
+Hades sausen wie eine flüchtige Erscheinung in den dampfenden Abgrund
+hinein; schwarzer Wolkendampf liegt unter dem Himmelsblau festgeballt über
+dem Eingang der Schlucht. Proserpina kratzt und schlägt ihren Entführer ins
+Gesicht; entsetzt versuchen ihre Gespielinnen ihr Gewand festzuhalten, um
+sie von dem goldenen Wagen herabzuziehen, dessen Schnelligkeit doch ihr
+rasendes Nacheilen vereitelt.
+
+[Illustration: Abb. 24. _Der Federschneider_ (angeblich des Amsterdamer
+Schreib- und Rechenmeisters Coppenol Bildnis). In der königl.
+Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in
+München.)]
+
+[Illustration: Abb. 25. _Der Perser._ Radierung von 1632.]
+
+In dem nämlichen Jahre 1632 malte Rembrandt ein größeres Gemälde, welches
+Mit- und Nachwelt zur höchsten Bewunderung hingerissen hat: »die
+Anatomiestunde.« Nachdem das Sezieren menschlicher Leichen zu
+Unterrichtszwecken im Jahre 1555 gesetzlich gestattet worden war, wurde es
+in mehreren Städten Hollands gebräuchlich, regelmäßige öffentliche Vorträge
+über Anatomie stattfinden zu lassen. Diese Vorträge wurden in eigens dazu
+bestimmten Sälen gehalten, welche in entsprechender, für unsere
+Anschauungen bisweilen recht seltsamer Weise ausgestattet waren; ein
+solches »=Theatrum anatomicum=« zeigte z. B. auf der Brüstung, welche den
+Zuhörerraum abschloß, eine aus Gerippen gebildete Darstellung des
+Sündenfalles. Regelmäßig gehörten zur Ausstattung dieser Säle die Bildnisse
+der Wundärzte, welche in der betreffenden Stadt zu Ansehen gekommen waren;
+wie im allgemeinen in Holland eine besondere Art der Bildnismalerei, das
+Genossenschaftsbild, beliebt war, so ließen auch die Chirurgen gern ihre
+Bildnisse in einem gemeinschaftlichen Bilde vereinigen, dessen Mittelpunkt
+der an der Leiche oder am Gerippe erklärende Professor bildete. Eine
+Aufgabe solcher Art war es, die Rembrandt als einem nun schon zu gutem
+Namen gelangten Bildnismaler gestellt wurde durch den Auftrag, das Porträt
+des Anatomieprofessors Nikolaas Tulp im Verein mit den sieben Vorstehern
+der Amsterdamer Chirurgengilde zu malen. Rembrandt hat es mit hoher
+Meisterschaft verstanden, aus der Nebeneinanderstellung einer Anzahl von
+Bildnissen ein einheitliches, in sich abgerundetes und schon an und für
+sich als Komposition den Beschauer fesselndes Kunstwerk, ein Bild im besten
+Sinne des Wortes zu schaffen. Auf einem Tische liegt, verkürzt von unten
+gesehen, die Leiche; sie ist in ihrer oberen Hälfte hell beleuchtet und
+bildet so als große Lichtmasse ein Gegengewicht gegen die vereinzelt auf
+den dunklen Kleidern und dem dunklen Hintergrunde hervorleuchtenden
+Gesichter mit den weißen Halskrausen. Tulp, der den Hut auf dem Kopfe hat,
+während seine Zuhörer ihn barhäuptig umgeben, hat an der Leiche den linken
+Vorderarm der Haut entkleidet und erklärt dessen Muskulatur; er hebt gerade
+einen der Beugemuskeln der Finger heraus, und indem er die Finger der
+eigenen linken Hand beugt, veranschaulicht er die Thätigkeit, welche diesem
+Muskel im Leben zukommt. Wir fühlen, wie der Anatom fast unabsichtlich die
+Muskeln, über die er spricht, bei sich selbst in Wirkung setzt, und
+bewundern Rembrandts feine und scharfe Beobachtung. Die Vorsteher der
+Chirurgengilde, teils sitzend, teils sich herandrängend, folgen mit
+verschiedenartig abgestufter Aufmerksamkeit dem Vortrage des Professors
+(Abb. 20). Der Kopf des letzteren ist ein Meisterwerk der Bildniskunst
+(Abb. 23). Wenn sich auch nicht das Gleiche von den sämtlichen Köpfen der
+Hörer sagen läßt, so finden sich doch auch unter diesen einige ganz
+vortreffliche und alle sind sie von innerem Leben erfüllt (Abb. 21 und 22).
+Das Gemälde befand sich lange an seiner ursprünglichen Stelle, in der
+»Snykamer« (Schneidezimmer) zu Amsterdam; 1828 kaufte König Wilhelm I
+dasselbe der Chirurgengilde für 32000 Gulden ab, um es der Gemäldesammlung
+im Haag einzuverleiben.
+
+[Illustration: Abb. 26. _Der Rattengiftverkäufer._ Radierung von 1632.]
+
+[Illustration: Abb. 27. _Der blinde Geigenspieler._ Radierung.]
+
+Jedenfalls trug das Anatomiebild viel dazu bei, Rembrandts Ruf als
+Bildnismaler zu erhöhen; aus dem Jahre 1632 sind mehr als zehn auf
+Bestellung von ihm gemalte Einzelbildnisse nachgewiesen, unter denen
+vielleicht das in der Kasseler Gemäldegalerie befindliche meisterhaft
+gemalte, lebensvolle Bild eines Mannes, der sich die Feder schneidet,
+angeblich des Amsterdamer Schreibmeisters Coppenol, das vorzüglichste ist
+(Abb. 24).
+
+[Illustration: Abb. 28. _Der heilige Hieronymus im Gebet._ Radierung von
+1632.]
+
+[Illustration: Abb. 29. _Die große Auferweckung des Lazarus._ Radierung
+(stark verkleinert).]
+
+[Illustration: Abb. 30. _Der barmherzige Samariter._ Radierung von 1633.]
+
+Dabei ließ Rembrandt die Radiernadel niemals ruhen. Er setzte seine Studien
+nach dem Leben unermüdlich fort, und neben Gestalten aus dem Volke hielt er
+gelegentlich eine fremdartige ausländische Erscheinung fest, wie jenen
+seltsam gekleideten Mann, der den Kupferstichsammlern unter dem Namen »der
+Perser« bekannt ist (Abb. 25). Manches, was er in den Straßen der Stadt und
+auf ländlichen Spaziergängen sah, gestaltete er zu seinen Genrebildchen,
+denen er durch hochkünstlerische Ausführung einen unvergänglichen Reiz
+verlieh. Ein köstliches Beispiel ist der »Rattengifthändler.« Es ist ein
+schauderhafter Kerl, den wir da in einer Dorfstraße von Haus zu Haus ziehen
+sehen, einen Säbel an der Seite und eine Stange mit einem Korb in der Hand,
+von dem tote Ratten herabbaumeln, während auf seinem Rande eine lebende
+Ratte herumklettert und ein anderes dieser Tiere auf der Schulter des
+Mannes sitzt, um von dessen Macht über ihresgleichen sichtbares Zeugnis
+abzulegen; fast noch schauderhafter als der Rattenfänger ist sein
+Begleiter, der Knabe mit der Giftschachtel, ein Urbild körperlicher und
+geistiger Verkommenheit; wir begreifen die Gebärde des Ekels, mit welcher
+der alte Jude, der da auf den unteren Flügel seiner Hausthür gelehnt ins
+Freie schaut, die Hand zurückweist, die ihm den Rattentod anbietet (Abb.
+26). Ein Beispiel anderer Art ist die rührende Gestalt des von seinem
+Hündchen geführten blinden Geigenspielers (Abb. 27). In allen seinen
+Darstellungen entfaltet Rembrandt neben der Gabe, die Persönlichkeiten, so
+wie er sie gesehen oder sich gedacht hat, aufs treffendste zu
+charakterisieren, die noch unvergleichlichere Gabe, den Beschauer in den
+Gesichtern lesen zu lassen, was die Persönlichkeiten in dem gegebenen
+Augenblick denken, und ebenso wie die stärksten Empfindungen die feinsten
+Regungen der Seele zum Ausdruck zu bringen. Er thut nichts dazu, eine
+Darstellung launig oder ernst wirken zu lassen; er gibt nur immer die Sache
+selbst, und durch die Unmittelbarkeit, mit welcher das scharf und richtig
+Geschaute -- im Geist oder in der Wirklichkeit Geschaute -- wiedergegeben
+wird, wirkt ganz von selbst, wie im Leben, so in der Verbildlichung das
+Komische komisch und das Ernste ernst. Diese Tiefe der Auffassung verleiht
+auch Rembrandts religiösen Darstellungen einen so hohen Wert, wenn uns auch
+deren äußere Form, weil uns ungewohnt, fremdartig vorkommen mag. Niemals
+wohl sind die Empfindungen eines Mannes, der in heißem Gebet um Erleuchtung
+fleht, mit größerer Tiefe und in schlichterer Klarheit zum Ausdruck
+gebracht worden, als in dem Blatt von 1632: »der heilige Hieronymus« (Abb.
+28). Zugleich läßt dieses Blatt, das mit leichter und schneller Hand
+ausgeführt ist, Rembrandts große Begabung für das Landschaftliche erkennen.
+-- Im Besitz einer unübertrefflichen Fertigkeit in der Handhabung der
+Radiernadel begnügte sich Rembrandt nicht mehr damit, Studien und
+Kompositionen in kleinerem Maßstabe, mehr für sich selbst als für andere,
+in Kupfer zu ätzen. Er trat mit großen, sorgfältig ausgeführten und in
+Wirkung gebrachten Radierungen biblischen Inhaltes an die Öffentlichkeit.
+An der Spitze dieser Blätter steht die »Auferweckung des Lazarus,« die zum
+Unterschied von einem späteren, kleineren Blatte desselben Inhalts »die
+große« genannt wird. Es ist eine Äußerung stärkster und kühnster Phantasie,
+seltsam beim ersten Anblick, aber unmittelbar ergreifend durch die
+malerische Wirkung von hell und dunkel und wie mit Zaubermacht fesselnd bei
+näherer Betrachtung. Wir befinden uns in einer phantastischen Räumlichkeit;
+der Gruftbau ist mit Vorhängen ausgestattet und an den Wänden mit den
+Waffen des Verstorbenen geschmückt; von dem eigentlichen Grabe ist die Erde
+beiseite geschaufelt und so das enge Steinbett bloßgelegt worden; die
+Vorhänge des Eingangs sind zurückgezogen, so daß ein volles Licht von
+draußen her in das Dunkel des Todes hineinflutet. Über ein herangelegtes
+Brett ist der Heiland an den Rand des Grabes getreten, und in erhabener
+Ruhe, nur mit einer machtvollen Gebärde der Hand, ruft er den Toten empor,
+der sich langsam, wie von schwerem Traum befangen, aufzurichten beginnt.
+Dem Wiedererweckten stürzen die Schwestern entgegen, noch etwas zagend die
+eine, mit freudig ausgebreiteten Armen die andere. Staunend sehen die
+übrigen Anwesenden den unglaublichen Vorgang; überzeugender sind niemals
+von einem Künstler die mannigfaltigen Äußerungsformen des höchsten Staunens
+über das Unbegreifliche geschildert worden (Abb. 29). Unter den Radierungen
+Rembrandts ist dieses Blatt zu allen Zeiten eins der gesuchtesten gewesen.
+Beachtenswert ist die Gewandung des Christus; strenger -- um nicht mit
+einem viel mißbrauchten Ausdruck zu sagen stilvoller -- gezeichnet, als es
+sonst bei Rembrandt vorkommt, verrät sie noch die Nachwirkungen der
+italienischen Schule, in der sich Rembrandts Lehrer gebildet hatten.
+
+[Illustration: Abb. 31. _Die Flucht nach Ägypten._ Radierung von 1633.]
+
+[Illustration: Abb. 32. _Rembrandt mit dem Tuch um den Hals._ Radiertes
+Selbstbildnis des Meisters von 1633.]
+
+Während hier, bei der Verbildlichung eines Wunders, Rembrandt sich ganz dem
+freien Fluge seiner Dichterkraft hingab, versuchte er in anderen Fällen,
+biblische Erzählungen durch die äußerste Natürlichkeit der Darstellung so
+recht glaubhaft zu veranschaulichen und sich und dem Beschauer menschlich
+nahe zu legen. Ein Beispiel ist die gleichfalls in ziemlich großem Maßstabe
+ausgeführte Radierung von 1633: »der barmherzige Samariter.« Dieses Blatt
+gehört nicht zu den glücklichsten Schöpfungen Rembrandts: namentlich stört
+uns das sehr hölzern ausgefallene Pferd, von dem der Verwundete
+herabgehoben wird. Aber die Absicht, das Erzeugnis seiner Einbildungskraft
+so zu gestalten, als ob er etwas in der Wirklichkeit Gesehenes wiedergäbe,
+ist dem Meister vortrefflich gelungen; in diesem Sinne ist selbst der
+häßliche Hund im Vordergrunde nicht ohne Bedeutung; er trägt mit dazu bei,
+den Anschein zu erwecken, als ob das Ganze sozusagen ein Augenblicksbild
+nach dem Leben wäre (Abb. 30). Wie Rembrandt, auch von dem allerleisesten
+Anflug von äußerlichem Idealismus frei, sich die heiligen Gestalten so
+vorstellte, wie er in der ihn umgebenden Wirklichkeit die Armen und
+Bedürftigen sah, das zeigt uns recht sprechend die feine kleine Radierung
+aus demselben Jahre: »die Flucht nach Ägypten.« Unedler in der äußeren
+Erscheinung läßt sich der Nährvater Joseph füglich nicht denken. Aber
+Rembrandt wirkt nicht durch körperliche, sondern durch sittliche Schönheit.
+Könnte wohl eine edlere Gestalt so tiefes, warmes Gefühl durchblicken
+lassen, wie dieser ärmliche Handwerker, der in banger Sorge sein Liebstes
+in Sicherheit zu bringen sucht, der mit pochendem Herzen und bebenden
+Knieen das Reittier an seiner Hand mit immer beschleunigteren Schritten
+über die unwegsamen Waldpfade leitet? Wie streitet in dem flüchtig
+gezeichneten Gesicht der Maria, die, in einen großen Mantel eingewickelt,
+das sorglich eingehüllte Kind vorsichtig in den Armen haltend, auf dem mit
+spärlichem Gepäck belasteten Esel sitzt, die Furcht mit dem Vertrauen auf
+den Führer! Ein Kleinod reizvoller Erfindung ist dabei die Landschaft; man
+fühlt, daß das Tageslicht, welches den Wanderern lange Schatten voranwirft,
+dem Erlöschen nahe ist und daß bald die Schrecken der Finsternis die
+Flüchtigen umgeben werden (Abb. 31). In mehreren anderen Blättern, welche
+die Flucht nach Ägypten, einen von Rembrandt oft bearbeiteten Gegenstand,
+behandeln, versetzt der Künstler uns in diese Nacht. Da sehen wir, wie
+Joseph mit dem spärlichen Scheine einer flackernden Laterne den unebenen
+Pfad zu erhellen sucht, und ein anderes Mal, wie die Flüchtlinge, an der
+Grenze ihrer Kräfte angekommen, unter einem Baume ausruhen; an einem Aste
+ist die Laterne aufgehängt und bescheint mit unsicherem Lichte die
+dichtbelaubten Zweige und die todmüden Wanderer.
+
+[Illustration: Abb. 33. _Das widrige Geschick._ Radierung von 1633.
+(Zweiter Plattenzustand.)]
+
+Ein radiertes Selbstbildnis brachte Rembrandt im Jahre 1633 in Gestalt
+einer Beleuchtungsstudie. Wir sehen ihn bei scharf auf seinen Rücken
+einfallendem Lichte mit ganz beschattetem Gesicht, aus dem nur die Augen
+blitzend hervorleuchten; die vom Licht gestreiften Locken hängen lang und
+wirr auf die Schultern herab (Abb. 32). Man liest auf den meisten Abdrücken
+dieser Radierung, die nach dem Halstuch, das der Künstler hier
+umgeschlungen hat, benannt zu werden pflegt, anscheinend ganz deutlich die
+Jahreszahl 1653; aber die scheinbare Ziffer 5 ist eine 3, die ihren auf den
+ersten Abdrücken klar ausgeprägten obersten Strich durch die Abnutzung der
+Platte verloren hat.
+
+[Illustration: Abb. 34. _Jan Cornelisz Silvius_, Prediger zu Amsterdam.
+Radierung von 1633. (Erster, sehr seltener Plattenzustand.)]
+
+Jetzt bekam Rembrandt auch Bestellungen auf Radierungen. Ein Amsterdamer
+Buchhändler beauftragte ihn mit der Anfertigung des Titelkupfers für ein
+Werk, das im folgenden Jahre (1634) herausgegeben wurde: »De Zeevaerts Lof«
+(Lob der Seefahrt), und Rembrandt führte für diesen Zweck das Bild aus, das
+unter dem Titel »das widrige Geschick« bekannt ist. In einer Barke, die mit
+fröhlichen Menschen -- genießenden und thätigen -- angefüllt ist, steht
+Fortuna und hält Mast und Segel des Schiffes; sie wendet dem Beschauer den
+Rücken, und so auch einem lorbeerbekränzten Reiter, dessen Roß gestürzt ist
+und der jammernd dem davonsegelnden Schiffe nachblickt; hinter ihm sieht
+man eine große Herme des Janus mit dem Doppelantlitz, das vorwärts und
+rückwärts schaut, und in größerer Entfernung einen Tempel, auf dessen
+Treppe viel Volk sich drängt. Die Darstellung bezieht sich, wie der
+Begleittext erläutert, auf die Schlacht bei Actium, und der gestürzte Held
+ist Antonius (Abb. 33). -- Angesehene Persönlichkeiten, deren Bild zu
+besitzen der Wunsch größerer Kreise war, ließen gern ihr Bildnis in
+Kupferstich herstellen, wie dies schon im Anfang des XVI. Jahrhunderts
+aufgekommen war; oder wenn sie selbst es nicht thaten, so veranlaßten wohl
+ihre Freunde die Anfertigung eines solchen Bildes. Daß einem Porträtmaler
+wie Rembrandt, der die Radiernadel so gewandt handhabte, derartige Aufträge
+in Fülle zugingen, versteht sich von selbst. Den Anfang machte das im Jahre
+1633 radierte Bildnis des Predigers Jan Cornelisz Silvius (Janus Silvius).
+Selbstredend erforderten solche Blätter eine ganz andere, bildmäßigere
+Durcharbeitung, als wenn der Künstler nur zu seiner Übung oder zu seiner
+und seiner Angehörigen Freude einen Kopf nach dem Leben radierte. So war er
+denn auch mit den ersten Abdrücken, welche er von der Platte mit dem Bilde
+des Silvius abzog, nicht zufrieden; er bearbeitete, wie er dies überhaupt
+öfters that, die Platte von neuem; durch Vertiefung der Schatten suchte er
+das Bild zu beleben, zerstörte dabei aber einigermaßen die Einheitlichkeit
+der Wirkung. Daher besitzen die von der Platte in ihrem ersten Zustand
+genommenen Abdrücke des überhaupt ziemlich seltenen Blattes einen
+besonderen Wert, nicht nur wegen ihrer großen Seltenheit, sondern auch weil
+sie das treffliche Bildnis in größerer Schönheit zeigen (Abb. 34).
+
+[Illustration: Abb. 35. _Der Dichter Jan Hermansz Krul_, gemalt 1633. In
+der königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer Photographie von Franz
+Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 36. _Kopf des Mannes aus dem Doppelbildnis »Der
+Schiffsbaumeister und seine Frau,«_ gemalt 1633, in der Sammlung der
+Königin von England im Buckinghampalast. (Nach einer Originalphotographie
+von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 37. _Bürgermeister Pancras und seine Frau._ Gemälde im
+Buckinghampalast. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Die Zahl der gemalten Bildnisse aus dem Jahre 1633 ist sehr groß. Rembrandt
+wurde der gesuchteste Porträtmaler Amsterdams. Herren und Damen der besten
+Gesellschaft wendeten sich an ihn, und er schuf in ihren Bildnissen
+Meisterwerke ersten Ranges. Dahin gehören, um nur einige der bekanntesten
+zu nennen, das Kniestück des Dichters Jan Hermansz Krul in der
+Gemäldegalerie zu Kassel (Abb. 35) und das prächtige Doppelbildnis eines
+Schiffsbaumeisters und seiner Frau in der Sammlung der Königin von England
+im Buckinghampalast. Das letztere ist als Genrebild angeordnet: der Mann
+ist damit beschäftigt, die Zeichnung eines Schiffes zu entwerfen, und wird
+durch seine Frau, die mit einem Brief herbeikommt, in der Arbeit
+unterbrochen. (Abb. 36 gibt den Kopf des Mannes aus diesem Bilde wieder.)
+Wie Rembrandt sich darauf verstand, Doppelbildnisse genremäßig zu
+gestalten, davon gibt in der nämlichen Sammlung der Königin von England das
+Bild des Bürgermeisters Pancras und seiner Frau ein schönes Beispiel. Diese
+beiden Leute scheinen es geliebt zu haben, ihren Reichtum zur Schau zu
+stellen, das Ehepaar ist in der Vorbereitung zu irgend einer festlichen
+Gelegenheit, welche höchste Prunkentfaltung erfordert, dargestellt; die
+Bürgermeisterin sitzt vor einem Spiegel, mit einem reichen Mantel
+bekleidet, und schmückt sich; ihr Gatte, bereits in vollständiger
+Feierkleidung, steht neben ihr und hält weitere Juwelen für sie bereit
+(Abb. 37).
+
+Ungeachtet der zahlreichen Bildnisaufträge, welche den Meister im Jahre
+1633 beschäftigten -- aus der Zeit von 1632 bis 1634 werden einige vierzig
+von Rembrandt gemalte Porträts aufgezählt --, fand er immer noch Zeit,
+kleine Bilder freier Erfindung auszuführen, wie die »Philosophen« in der
+Sammlung des Louvre und das köstliche, im Rot des Morgenlichtes glühende
+Bild im Buckinghampalast: »Christus erscheint der Maria Magdalena als
+Gärtner.« Und daneben wurde er nicht müde, zu seiner Übung und zu seiner
+Freude Bildnisse eigener Wahl auszuführen, in Radierungen und Gemälden. Er
+putzte seine jüdischen Modelle mit hohen Turbanen und sonstigem
+phantastischen Kleiderschmuck zu Patriarchen und Hohenpriestern heraus, und
+am häufigsten saß er selbst sich in mannigfaltigem Aufputz Modell; aus eben
+diesen Jahren stammt eine außerordentlich große Zahl von Selbstbildnissen
+Rembrandts. Wir finden darunter merkwürdige Versuche mit ungewöhnlichen
+Kostümstücken: eine sehr selten gewordene Radierung von 1634, »Rembrandt
+mit dem Flamberg,« zeigt ihn in einer Art von Kurfürstentracht, mit einem
+Schwert in der Hand. So malte er sich auch in allerlei Verkleidungen, bald
+in goldgesticktem Sammetmantel und Federbarett, mit vornehmer Miene (Abb.
+53), bald als ernstblickenden Krieger in Harnisch und Sturmhaube. Wir
+dürfen bei Betrachtung derartiger Bildnisse nicht vergessen, daß es dem
+Meister nicht darauf ankam, ein Abbild seiner Person zu liefern, sondern
+daß es sich für ihn um irgend eine künstlerische Aufgabe handelte, sei es
+um etwas Innerliches, einen Ausdruck, sei es um etwas Malerisches in
+Beleuchtung oder Tracht, sei es um all dieses zusammen. Daher erkennen wir
+in diesen Studien wohl die Züge des Meisters alsbald wieder, aber vor den
+wenigsten derselben gewinnen wir den Eindruck, ein sprechend ähnliches
+Porträt vor uns zu haben. Doch malte Rembrandt sich auch wiederholt in
+solcher Weise, daß wir über seine ausgesprochene Absicht, sich selbst, wie
+er war, getreulich für die Seinigen und für die Nachwelt abzubilden, nicht
+im Zweifel sein können. Zu diesen Selbstbildnissen im engeren Sinne gehört
+das prächtige Bild von 1633 im Louvre (Abb. 38), und ein sehr ähnliches,
+aber anders gekleidetes, in der nämlichen Sammlung, das von jenem nur durch
+einen geringen Zeitunterschied getrennt wird (Abb. 49).
+
+[Illustration: Abb. 38. _Selbstbildnis_, gemalt im Jahre 1633. Im Museum
+des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
+Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 39. _Der Kartenspieler._ Radierung. (Erster
+Plattenzustand.)]
+
+Rembrandt hatte im Jahre 1633 wohl besonderen Grund, seine Person mit
+Aufmerksamkeit zu betrachten. Ein in der Dresdener Galerie befindliches
+Gemälde aus diesem Jahre zeigt uns das Brustbild einer jungen Dame mit
+zarter, rosiger Haut und goldigblondem lockigen Haar, die unter dem
+Schatten eines rotsammetnen Hutes hervor dem Beschauer mit lustigen Augen
+entgegenlacht (Abb. 40). Das ist Saskia van Ulenburgh (oder -- in der
+Schreibweise ihrer Heimat -- Uilenborg), die verwaiste Tochter des zu
+Leeuwarden ansässig gewesenen Rechtsgelehrten Rombertus Ulenburgh. Wie und
+wo Rembrandt diese Tochter eines alten und hochangesehenen friesischen
+Geschlechts kennen gelernt hat, wissen wir nicht. Ward ihm die Aufgabe
+gestellt, ihr Bild zu malen, und ist ihm bei dieser Gelegenheit das sonnige
+Lächeln, das er so reizvoll festzuhalten wußte, ins Herz gedrungen? Oder
+galt dieses Lächeln Saskias schon dem Manne ihrer Wahl? Genug, sie ward
+seine Braut. In bräutlichem Ernst sehen wir sie dastehen in dem herrlichen,
+mit unvergleichlichem Farbenzauber übergossenen Bildnis in der Kasseler
+Gemäldegalerie, einem Bilde, das in dem Beschauer einen nachhaltigen
+Eindruck zurückläßt, und auf dessen Ausführung Rembrandt eine mehr als
+gewöhnliche Sorgfalt verwandt hat. Saskia erscheint hier in vornehmem
+Schmuck; sie trägt einen rotsammetnen Hut mit Goldverzierungen und weißer
+Straußenfeder, ein Kleid aus dunkelrotem Sammet, mit Unterärmeln aus einem
+leichten, goldiggrauen Stoff mit farbigen Müsterchen, einen mattbläulichen,
+mit Gold und Farben bestickten Kragen, einen Pelzmantel hat sie leicht
+umgeworfen, im Haar, um den Hals, an der Brust und den Armen glänzt und
+blitzt es von Gold, Perlen und Juwelen; in der behandschuhten Rechten hält
+sie einen Zweig von Rosmarin, und sinnend blickt sie vor sich hin, dem
+Beschauer die jungfräulich reinen Linien ihres Profils zeigend (Abb. 42).
+Saskia war keine Schönheit, aber sie war sehr hübsch und dabei von
+blühender Jugendfrische und glücklicher Heiterkeit reizvoll umkleidet. Sie
+war eine Verwandte jenes Predigers Jan Silvius, der zu Rembrandts
+frühesten Auftraggebern zählte, und als am 10. Juni 1634 Rembrandt und
+Saskia sich in Amsterdam zur Ehe aufbieten ließen, erschien Silvius als
+Stellvertreter der Braut. Wir erfahren durch das betreffende, noch
+vorhandene Aktenstück, daß Rembrandts Vater damals schon gestorben war;
+denn nur von seiner Mutter wird die Einwilligung zur Eheschließung
+eingeholt.
+
+[Illustration: Abb. 40. _Erstes Bildnis von Rembrandts späterer Gattin
+Saskia van Ulenburgh._ In der Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer
+Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
+Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 41. _Junges Mädchen mit Korb._ Radierung.]
+
+Unter den Radierungen Rembrandts aus dem Jahre 1633 befindet sich eine, die
+auf besondere Beachtung ein Anrecht hat. Denn vielleicht hat sie die erste
+Veranlassung zu einem großen Auftrag gegeben, der Rembrandt eine Reihe von
+Jahren hindurch beschäftigte. Es ist eine Abnahme Christi vom Kreuz, zum
+Unterschied von anderen inhaltsgleichen Radierungen Rembrandts »die große
+Kreuzabnahme« benannt. Drei Männer sind mit Leitern an das Kreuz
+hinangestiegen und haben den Leichnam vom Holze gelöst; jetzt legt der
+oberste von ihnen sich über den Querbalken des Kreuzes und hält den oberen
+Zipfel eines Leintuches, das sie schonend unter den Körper des Toten
+geschoben haben; von den beiden anderen auf den Leitern Stehenden an den
+Armen gehalten, gleitet der nackte Leichnam schwer und in sich
+zusammensinkend herab, um von zwei unten stehenden Männern, die ihre Hände
+ehrfürchtig unter dem Leintuch halten, aufgenommen zu werden. Joseph von
+Arimathia, Nikodemus, die zwei Marien und einige Jünger umgeben, teils
+stehend, teils am Boden kauernd, den Fuß des Kreuzes. Ihre Blicke folgen
+der Bewegung der Leiche; nur die Mutter hält das Antlitz tief gesenkt. Ein
+kostbarer Teppich wird von den Frauen bereit gehalten, um den Toten darauf
+zu betten. Joseph von Arimathia beaufsichtigt das Ganze; er ist durch seine
+Kleidung als der reiche Mann gekennzeichnet, und wie er auf seinen Stock
+gestützt mit gemessener Ruhe dasteht, weiß er in seiner Haltung bei aller
+Ergriffenheit die Würde des angesehenen Ratsherrn zu bewahren. Es ist
+dunkle Nacht, und undeutlich heben sich in der Ferne die Festungswerke und
+Kuppeln der Stadt von dem schwachen Dämmerschein am Horizont ab; aber aus
+dem schwarzen Himmel fluten übernatürliche Lichtstrahlen herab, die zu dem
+frommen Werke leuchten und den heiligen Leichnam in einen Glorienschein
+einhüllen. »Hier ist der Beweis gegeben,« sagt der französische
+Kunstschriftsteller Charles Blanc, »wieviel auf der Gesinnung beruht. Die
+Darstellung einiger bei der Leiche ihres Gottes weinenden Christen kann des
+antiken Reizes, der heidnischen Schönheit wohl entbehren und dennoch einen
+erhebenden Eindruck zurücklassen. Nur eine Seele braucht dem Bilde
+eingehaucht zu werden, und dies hat Rembrandt gethan, als er das Licht
+seines Genius darauf hinstrahlen ließ. Wie sollte man sich nicht für einen
+solchen Vorgang interessieren, da doch der Himmel selbst sich dafür
+interessiert!« (Abb. 43.)
+
+[Illustration: Abb. 42. _Bildnis von Rembrandts Braut Saskia van
+Ulenburgh._ In der königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer
+Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 43. _Die große Kreuzabnahme._ Radierung von 1633.]
+
+[Illustration: Abb. 44. _Die Kreuzabnahme_, gemalt für den Statthalter
+Friedrich Heinrich, jetzt in der königl. Pinakothek zu München. (Nach einer
+Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 45. _Die Verkündigung bei den Hirten._ Radierung von
+1634.]
+
+[Illustration: Abb. 46. _Christus und die Samariterin_ (mit der Ruine).
+Radierung von 1634.]
+
+Ganz in derselben Weise, nur noch ergreifender gestaltet durch das
+Zaubermittel der Farbe, sehen wir die Kreuzabnahme dargestellt in einem
+Gemälde, welches sich jetzt in der Alten Pinakothek zu München befindet
+(Abb. 44). Dieses Gemälde bildet mit vier anderen ebendort befindlichen
+Bildern eine zusammengehörige Folge, welche das Ende von des Erlösers
+irdischem Dasein, von der Aufrichtung des Kreuzes bis zur Himmelfahrt
+behandelt. Es sind tief ergreifende Schöpfungen. Die äußere Häßlichkeit der
+Gestalten, die wir da sehen, verschwindet gänzlich hinter der Schönheit
+ihrer Seele. Wohl mag einer, der an äußerlicher Kunstbetrachtung Gefallen
+findet, auch an den Kompositionen im ganzen manche Unschönheiten und Härten
+entdecken; aber durch die geheimnisvolle Poesie der Lichtwirkung, die hier
+um so eindringlicher wirkt, als die siegreiche Kraft des Lichtes gegenüber
+ringsum breit gelagerter Finsternis dem Inhalt des Dargestellten so
+unmittelbar entspricht, wird der Beschauer wie mit Zaubermacht gebannt, und
+der Wohllaut einer in unbeschreiblicher Eigentümlichkeit gestimmten Farbe
+dringt gleich den Melodien alter Kirchenlieder in seine Seele. Rembrandt
+malte diese Bilder im Auftrage seines Landesherrn, des Statthalters
+Friedrich Heinrich Prinzen von Oranien. Die letzten derselben vollendete er
+im Jahre 1638, und er erhielt für jedes den Betrag von 600 Gulden; über
+diese Angelegenheit, die Ablieferung und Bezahlung der »Grablegung« und der
+»Auferstehung« sind drei eigenhändige Briefe Rembrandts erhalten. Zu den
+fünf Passionsbildern gehörte noch, um die Geschichte des Erlösungswerkes zu
+vervollständigen, eine Darstellung der Geburt Christi. Alle sechs Gemälde
+sind durch Erbschaft in die kurfürstliche Gemäldegalerie zu Düsseldorf und
+von da mit den übrigen wertvollsten Schätzen dieser Sammlung nach München
+gekommen. Das Bild der Geburt ist fast noch ergreifender als die übrigen.
+In äußerster Armut und Demut lagern Maria und Joseph im Stalle; der
+letztere hält eine Lampe, um den verehrungsvoll herantretenden Hirten das
+Kind zu zeigen, und so scheint dieses, voll beleuchtet, nun die eigentliche
+Lichtquelle zu sein, deren Wiederschein die dürftige Umgebung verschönert.
+In ähnlicher und doch wieder verschiedener Weise hat Rembrandt, wohl zu
+derselben Zeit, als er das Gemälde ausführte, die Geburt Jesu in einer
+Radierung dargestellt. Hier ist es noch mehr als dort die »stille Nacht.«
+Maria ruht, in ihren Mantel eingewickelt, im Stroh, an ihrer Seite der
+Neugeborene; an der anderen Seite des Kindes, zusammengekauert, wacht
+lesend der Mann Marias; ihnen gegenüber ruhen die Tiere des Stalles. Da
+treten die Hirten herein, Männer, Weiber und Kinder -- man sieht, wie sie
+sich bemühen, leise zu gehen --, an ihrer Spitze ein bärtiger Mann mit
+einer Laterne, und begrüßen in feierlicher Stille in dem Kinde den Erlöser
+der Armen.
+
+[Illustration: Abb. 47. _Bildnis einer alten Dame_, gemalt 1634, in der
+Nationalgalerie zu London. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
+Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Es versteht sich von selbst, daß ein so fleißiger und gewandter Maler wie
+Rembrandt während der fünf Jahre, die er zur Vollendung der vom Statthalter
+bestellten sechs Gemälde, die ihren großen Inhalt in kleinem Umfange
+einschließen, brauchte, nur einen verhältnismäßig geringen Bruchteil seiner
+Zeit auf diese Arbeit verwendete.
+
+[Illustration: Abb. 48. _Christus und die Jünger in Emmaus._ Radierung von
+1634.]
+
+Das Jahr 1634 brachte ihm, wie schon erwähnt, eine Fülle von
+Porträtbestellungen. Unter den Meisterwerken seiner Bildniskunst aus diesem
+Jahre, von denen einige zu seinen allervorzüglichsten Werken gehören, sei
+das Brustbild einer bejahrten Dame in weißer Haube und Halskrause, in der
+Nationalgalerie zu London, hervorgehoben (Abb. 47).
+
+[Illustration: Abb. 49. _Selbstbildnis_, gemalt im Jahre 1634. Im Museum
+des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
+Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 50. _Die Lesende._ Radierung von 1634.]
+
+[Illustration: Abb. 51. _Rembrandts Frau Saskia van Ulenburgh._
+Silberstiftzeichnung im Berliner Kupferstichkabinett. =»Dit is naer mijn
+huijsvrou geconterfeit do sij 21 jaer oud was den derden dach als wij
+getroudt waeren de 8 junijus 1633.«=]
+
+[Illustration: Abb. 52. _Saskia am Fenster sitzend._ Angetuschte
+Federzeichnung.]
+
+Auch unter den Radierungen des Jahres 1634 befinden sich mehrere ganz
+hervorragende Meisterwerke. Da ist zuerst das große Blatt »die Verkündigung
+bei den Hirten« zu nennen. In prachtvoller waldiger Berglandschaft haben
+die Hirten bei der Herde geruht. Da bricht aus einer dicht geballten Wolke,
+die sich herabsenkt, ein Himmelslicht in die dunkle Nacht hinein, daß das
+Vieh geängstigt aus dem Schlafe aufspringt und davonrennt. Auch die Hirten
+fliehen, werfen sich nieder, blicken starr empor, während die Stäbe ihren
+Händen entfallen. Auf den Rand der Wolke ist, von dem strahlenden Licht
+durchschienen, dessen Urquell Scharen kleiner Englein jubelnd umkreisen,
+ein Engel in weißen Gewändern getreten und spricht, die eine Hand zum
+Himmel erhebend, die andere beruhigend ausstreckend, zu den Erschreckten
+die Himmelsworte: »Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch eine große
+Freude« (Abb. 45). Ein wirkungs- und ausdrucksvolles Blatt schildert die
+Begegnung des Heilandes mit der Samariterin am Jakobsbrunnen. Jesus sitzt
+im Lichte der Abendsonne auf dem Rande des Brunnens, der sich an die
+Trümmer eines ausgedehnten alten Bauwerks anlehnt; man glaubt zu hören, wie
+von den Lippen des ermüdeten Wanderers milde, ernste Worte fließen, und das
+Weib steht ihm gegenüber, äußerlich ruhig, aber innerlich bewegt, daß sie
+vergißt, den Krug, den sie schon an der Kette befestigt hat, hinabzulassen;
+in der Ferne erhebt sich die Stadt Sichar mit stolzen Gebäuden, und am
+Abhang des Hügels steigen die Jünger empor, die sich wundern, daß ihr
+Meister mit dem Weibe redet (Abb. 46). Ein kleines Blatt, wieder ein
+Meisterwerk des Ausdruckes, stellt die Begebenheit mit den beiden Jüngern
+zu Emmaus dar. »Der Tag hat sich geneigt,« und die Abendsonne scheint,
+kräftige Schatten werfend, in den auf einer Seite offen gedachten Raum, wo
+Christus mit den beiden Jüngern, die Stab und Wandertasche abgelegt haben,
+an einem kleinen Tische sitzt. Eben hat der Heiland das Brot mit beiden
+Händen gefaßt, um es zu brechen; »da wurden ihre Augen geöffnet«: starr
+blickend schlägt der eine, der ihm gegenübersitzt, ein bäuerlich
+aussehender Mann mit hoher Judenmütze, die Hände zusammen, und der andere,
+ein würdevoller Greis, hält im Zerlegen des Fleisches inne, mit einem
+Blick, der in das Innerste des Unbekannten dringen zu wollen scheint,
+fragend, ob er wirklich der Gekreuzigte sei; um dessen Haupt aber flammt
+ein mächtiger Strahlenkranz, der weit über die Bedeutung des sonst in der
+Kunst gebräuchlichen Heiligenscheins hinausgeht; wir würden, auch wenn uns
+der Vorgang ganz unbekannt wäre, doch nicht darüber im Zweifel sein können,
+daß hier zwischen Sterblichen ein Überirdischer sitzt, der gleich
+verschwinden wird (Abb. 48). Dies Verschwinden selbst hat Rembrandt einmal
+darzustellen versucht in einer geistreichen Handzeichnung, die im Dresdener
+Kupferstichkabinett aufbewahrt wird: in dem Augenblicke, wo die Jünger den
+Christus erkannt haben, ist dieser ihren Blicken entschwunden, und sie
+starren auf den leeren Stuhl, über dem noch ein geheimnisvoller Lichtglanz
+zu schweben scheint. -- Im Gegensatz zu solchen Schöpfungen dichterischer
+Gestaltungskraft stehen Blätter, die mit haarscharfem Realismus aus dem
+Leben abgeschrieben sind, wie die lesende Frau, die sich in sonntäglicher
+Muße so ganz in ihr Buch vertieft hat (Abb. 50). Ein ähnliches Meisterwerk
+feinster Beobachtung führt uns das ganz hastig, augenscheinlich ohne Wissen
+des Abgebildeten, in die Kupferplatte gekratzte Brustbild eines
+Kartenspielers vor Augen (Abb. 39). Auch das seltene kleine Blatt mit der
+Halbfigur eines vom Markte heimkehrenden jungen Mädchens (Abb. 41) ist ein
+hübsches Beispiel der Augenblicksbilder, in denen Rembrandt zufällig in
+seinen Gesichtskreis kommende Erscheinungen verewigte.
+
+[Illustration: Abb. 53. _Selbstbildnis in gesticktem Sammetmantel und
+Federbarett_, gemalt 1635. In der fürstl. Liechtensteinschen Galerie zu
+Wien. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 54. _Weiblicher Studienkopf (Saskia)._ Radierung von
+1635.]
+
+[Illustration: Abb. 55. _Rembrandt und seine Frau._ In der königl.
+Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
+Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 56. _Selbstbildnis Rembrandts_, gemalt um 1635, in der
+Nationalgalerie zu London. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
+Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 57. _Die Austreibung aus dem Tempel._ Radierung von
+1635. (Erster Plattenzustand.)]
+
+[Illustration: Abb. 58. _Christus am Kreuz._ Radierung.]
+
+Einen willkommenen Gegenstand des Studiums gab dem Meister
+begreiflicherweise seine junge Frau. Eine reizende Silberstiftzeichnung,
+die im Berliner Kupferstichkabinett aufbewahrt wird, zeigt uns Saskia am
+dritten Tage nach ihrer Trauung, wie sie, den Kopf leicht in die Hand
+gestützt, in heiterer Zufriedenheit unter ihrem breitrandigen Strohhute
+hervorschaut, mit einem Blick, der nicht auf unbekannte Beschauer des
+Blattes berechnet ist, sondern nur dem Zeichner selbst gilt (Abb. 51).
+Merkwürdig ist bei diesem Blatte, daß in der Unterschrift zwar der Monat
+richtig, aber sowohl der Tag als das Jahr unrichtig angegeben sind. Sollte
+Rembrandt in der Freude seines Herzens ganz in der Zeitrechnung irre
+geworden sein? Daß das Umgehen mit Zahlen nicht seine starke Seite war,
+dafür bietet allerdings auch sein Briefwechsel mit dem Sekretär des Prinzen
+von Oranien Belege. Thatsächlich fand Rembrandts Trauung mit Saskia, nach
+dem Ausweis des Eheschließungsregisters des Amtes Bildt in Friesland, am
+22. Juni 1634 statt. -- Eine spätere Zeichnung, mit Feder und Tusche ganz
+flüchtig, aber sehr treffend hingeworfen, zeigt uns die junge Frau in
+ganzer Gestalt, wie sie mit der häuslichen Schürze angethan am Fenster
+sitzt, in dessen Nähe die aufgeschlagene Bibel lehnt (Abb. 52). Wie sich
+selbst, so putzte Rembrandt auch seine Gattin gern mit allerlei
+Kostümstücken aus der Garderobe seiner Werkstatt heraus. Er radierte ihr
+Bild in den verschiedensten Beleuchtungen und Ansichten; besonders anmutig
+erscheint sie auf dem seltenen Blatte, welches sie in gerader
+Vorderansicht, wiederum die Hand an Stirn und Wange gelehnt, mit einem
+leichten Schleier über den seitlich lose herabhängenden Haaren zeigt (Abb.
+54).
+
+[Illustration: Abb. 59. _Simson bedroht seinen Schwiegervater._ Gemälde von
+1635, im königl. Museum zu Berlin. (Nach einer Photographie von Franz
+Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 60. _Die Kuchenbäckerin._ Radierung von 1635.]
+
+Es drängte Rembrandt, sein eheliches Glück in einem größeren Gemälde der
+Nachwelt gleichsam urkundlich zu überliefern. So schuf er das weltberühmte
+Doppelbildnis, welches die Dresdener Gemäldegalerie besitzt. In der Tracht
+eines Kavaliers, den Raufdegen an der Seite, ein Sammetbarett mit wallenden
+Straußenfedern auf dem langen, lockigen Haar, sitzt Rembrandt vor einer
+reichbedeckten Tafel; mit der Rechten schwingt er ein Glas schäumenden
+Weines empor, die Linke hat er um die Hüften der Gattin gelegt, die er auf
+seinen Knieen wiegt. Mit ungebändigter Fröhlichkeit lacht Rembrandt in die
+Welt hinein; mit starker Wendung des Halses sieht Saskia sich um und blickt
+den Beschauer vergnügt, aber doch mit schicklicher Gemessenheit an. Ein
+unbeschreiblicher üppiger Farbenreiz verklärt das Bild und verstärkt den
+rückhaltlosen künstlerischen Ausdruck höchster Daseinsfreude (Abb. 55). Das
+ganze Bild atmet Wohlleben; Saskia trägt kostbaren Juwelenschmuck, der
+freilich nur einen geringen Teil vorstellt von den Schätzen, mit denen
+Rembrandt das geliebte Weib überhäufte. Wir erfahren, daß im Jahre 1638
+einige seiner Verwandten bei Gelegenheit einer an und für sich
+geringfügigen Vermögensauseinandersetzung ihn laut anschuldigten, er habe
+sein ganzes väterliches Erbteil in Schmuck und Prunk vergeudet, und daß er
+deswegen -- freilich ohne Erfolg -- eine Verleumdungsklage gegen dieselben
+anstrengte. -- Wir müssen dem Meister dankbar sein, daß er uns sein
+Gesicht auch einmal im Sonnenschein der hellsten Fröhlichkeit gezeigt hat.
+Denn sonst tragen die Bildnisse, die er im jugendlichen Mannesalter nach
+sich selbst gemalt hat -- abgesehen von denjenigen, welche nicht seinen
+natürlichen, sondern einen gemachten, eben für das betreffende Bild
+angenommenen Ausdruck haben --, einen tiefen Ernst zur Schau. So zeigt uns
+auch das um dieselbe Zeit wie das Dresdener Bild entstandene Selbstbildnis
+in der Londoner Nationalgalerie, das eines der schönsten unter den schönen
+ist, die ernst gedankenvollen Züge des klar und scharf beobachtenden, mehr
+aber noch innerlich arbeitenden Künstlers (Abb. 56).
+
+[Illustration: Abb. 61. _Jakob Cats_, Rechtsgelehrter, Dichter und
+Staatsmann (nachmals Ratspensionär in Holland und Großsiegelbewahrer).
+Radierung von 1635.]
+
+Dem Jahre 1635, das wir mit Sicherheit als dasjenige der Entstehung des
+Dresdener Doppelbildnisses ansehen dürfen, gehört ein ebenfalls in der
+Gemäldegalerie zu Dresden befindliches Bild mythologischen Inhalts an: »Der
+Raub des Ganymedes.« Der Liebling des Göttervaters ist als ein noch ganz
+kleiner Knabe gedacht, der eben Kirschen essen wollte, als der Adler auf
+ihn herabstieß, um ihn in die Lüfte zu führen; und nun schreit er ganz
+erbärmlich und gibt seinem Schrecken in einer nicht näher zu beschreibenden
+Weise Ausdruck. Da helfen uns nun freilich alle malerischen Vorzüge nicht
+über die Ungeheuerlichkeit der Geschmacklosigkeit und über den
+vollständigen Mangel an Formenschönheit hinweg. Das Bild ist der stärkste
+Beweis, daß es Rembrandt gänzlich an Sinn und Verständnis für dasjenige
+fehlte, was einer mythologischen Darstellung die Berechtigung geben kann.
+Aber auch mit einem Gemälde biblischen Inhaltes, das er zu derselben Zeit
+ausführte, war er nicht gerade glücklich. Wie Simson zu seinem
+Schwiegervater, der ihm die Gattin vorenthält, die Drohworte spricht: »Ich
+habe einmal eine rechte Sache wider die Philister, ich will euch Schaden
+thun,« ist der Gegenstand des im Berliner Museum befindlichen Gemäldes.
+Lange hat man geglaubt, dasselbe stelle eine Begebenheit aus dem Leben des
+Herzogs Adolf von Geldern vor; aber der morgenländisch gekleidete Riese mit
+der Überfülle des langen dunklen Haupthaares ist deutlich genug als Simson
+gekennzeichnet (Abb. 59). Trotz des Mangels an unmittelbarer
+Verständlichkeit und trotz der man möchte sagen geradezu unbehilflichen
+Anordnung macht übrigens dieses Bild einen großartigen Eindruck durch die
+Macht seiner Farbenwirkung.
+
+[Illustration: Abb. 62. _Jan Uytenbogaard_, Prediger der Remonstranten-
+(Arminianer-) Gemeinde. Radierung von 1635.]
+
+Zu den Radierungen des Jahres 1635 gehört ein hochberühmtes Blatt:
+»Christus reinigt den Tempel.« Es ist eine wuchtige Darstellung voll
+bewegten Lebens. Christus, eine kraftvolle Gestalt, die wie eine Erinnerung
+an eine Dürersche Figur aussieht, dringt in leidenschaftlicher Entrüstung
+auf die Käufer und Verkäufer ein, die unbekümmert um die in einem höher
+gelegenen Chorraum vor sich gehende feierliche gottesdienstliche Handlung
+in den Hallen des Tempels ihren Schacher treiben; es ist ein seltsamer,
+aber wirkungsvoller Gedanke, daß der Heiligenschein hier nicht das Haupt,
+sondern die Faust des Erlösers umstrahlt, welche die Geißel schwingt. Die
+Tische der Wechsler stürzen, das Geld rollt auf den Boden, auch Leute
+stürzen hin in der Hast des Fliehens, während andere ihre Ware noch schnell
+zu sichern bemüht sind; so rennen Menschen und Tiere -- denn auch
+Viehhändler, nicht bloß Taubenkrämer, hat Rembrandt sich unter den
+Verkäufern gedacht, die das Heiligtum entweihten --, die Gewänder des
+Christus umkläfft, ohne sich doch an ihn heranzuwagen, ein häßlicher Köter.
+Je länger man das Bild betrachtet, um so staunenswürdigere Einzelheiten
+wird man entdecken, namentlich in den Gesichtern und Gebärden der
+verschiedenen in ihrem Geschäft gestörten jüdischen Händler (Abb. 57).
+
+[Illustration: Abb. 63. _Johannes Antonides van der Linden_, berühmter Arzt
+und Professor an der Universität zu Leiden. Radierung.]
+
+Von sonstigen biblischen Darstellungen gehört dieser Zeit wohl auch das
+kleine Blatt mit der Kreuzigung an, das so überaus einfach und anspruchslos
+komponiert ist und doch durch die sprechende Gegenüberstellung der
+ohnmächtig zu Boden gesunkenen Mutter und des hilflos am Kreuze
+emporgestreckten Sohnes eine so ergreifende Wirkung ausübt (Abb. 58).
+
+[Illustration: Abb. 64. _Mann mit langen Haaren._ Radierung.]
+
+Neben so tief empfundenen ernsten Schöpfungen fehlen auch die leichteren
+Bilder aus dem Leben nicht; welche Fülle von Geist und Humor steckt in dem
+kostbaren Straßenbild: »die Kuchenbäckerin« (Abb. 60).
+
+Hauptprachtblätter finden wir unter den Bildnisradierungen des Jahres 1635.
+Da sehen wir ein Brustbild eines alten Herrn von lebhaftem Temperament, mit
+klugen, hell blickenden Augen unter der vieldurchfurchten Stirn, mit
+sorgfältig ausgebürstetem Schnurrbart und einem schwarzseidenen Käppchen
+auf dem kahlen Scheitel, die Schultern mit einem Pelzkragen bedeckt, auf
+dem eine goldene Gnadenkette glitzert. Das ist Jakob Cats, der Dichter und
+Staatsmann, der verdienstvolle Lehrer des Prinzen von Oranien, ein heute
+noch unter dem Namen »Vater Cats« in Holland volkstümlicher Schriftsteller
+(Abb. 61). Neben diesem Meisterwerk von Geist und Leben steht ebenbürtig
+das zu malerischer Haltung und bildmäßiger Wirkung sorgfältig
+durchgearbeitete Porträt des Remonstrantenpredigers Jan Uytenbogaard. Der
+achtundsiebzigjährige Geistliche, der von 1599 bis 1614 zuerst Feldkaplan,
+dann Hofprediger des Prinzen Moritz von Oranien gewesen, dann wegen seiner
+Freundschaft mit Barnevelt und Grotius in Ungnade gefallen und nach
+Frankreich geflüchtet war, seit dem Regierungsantritt des Prinzen Friedrich
+Heinrich (1625) aber wieder in der Heimat geduldet wurde und der nun im
+Haag lebte, blickt mit seinen ansprechenden Zügen, in denen die Spuren von
+Sorgen und Kummer den Ausdruck väterlichen Wohlwollens nicht haben
+verwischen können, vom Lesen der theologischen Schriften, die seinen Tisch
+bedecken, auf und heftet die müden Augen auf den Beschauer (Abb. 62). Unter
+der Radierung stehen von Hugo Grotius verfaßte lateinische Verse folgenden
+Inhalts:
+
+ Dem die Gemeinde dereinst und das Kriegsvolk lauschte bewundernd,
+ Und, ward gleich er beschämt ob seiner Sitten, der Hof:
+ Vielfach umhergeschleudert, doch nicht von den Jahren gebrochen,
+ Also kehrt dir, o Haag, dein Uytenbogaard zurück.
+
+Wir sehen aus solchen Bildnissen, daß Rembrandt mit den Besten und
+Gebildetsten seiner Nation verkehrte. Neben dem rechtsgelehrten und
+dichterisch begabten Staatsmann und dem überzeugungsmutigen Priester sei in
+dieser Reihe der an der Leidener Hochschule wirkende berühmte Arzt Jan
+Antonsz (oder, wie er als Gelehrter schrieb, Johannes Antonides) van der
+Linden genannt, von dem Rembrandt wohl einmal bei Gelegenheit eines Besuchs
+in seiner Vaterstadt -- die Jahreszahl ist nicht angegeben -- ein in
+Haltung und Ausdruck so überaus liebenswürdiges Bildnis radiert hat (Abb.
+63).
+
+[Illustration: Abb. 65. _Der eingeschlafene Greis mit der großen Mütze._
+Radierung.]
+
+So groß auch die Fertigkeiten waren, welche Rembrandt erlangt hatte, seine
+Studienübungen ließ er niemals ruhen. Wie einst Dürer es nicht verschmäht
+hatte, die Feder eines Vogels oder das Fell eines Hasen zum Gegenstand des
+gewissenhaftesten Studiums zu machen, so malte Rembrandt mit eingehender
+Treue Zusammenstellungen lebloser Gegenstände, mannigfaltig gefiederte
+Vögel u. dergl., um sich von der Natur in dem Geheimnis wohllautender
+Farbenstimmungen belehren zu lassen. Vor allem aber blieb das menschliche
+Antlitz der Gegenstand seines unausgesetzten Studiums. Neben Radierungen
+nach verschiedenartigen Modellen (Abb. 64 und 65) legen zahlreiche
+Handzeichnungen, bald mehr oder minder sorgfältig ausgeführt, meistens aber
+ganz flüchtig hingeworfene Augenblicksbilder von seinem Eifer Zeugnis ab
+(Abb. 66, 67, 68). Auch einer Karikatur begegnen wir gelegentlich unter
+diesen Blättern, wie sie der Meister vielleicht einmal im fröhlichen
+Gespräch im Freundeskreise hinzeichnete, um eine Persönlichkeit, von der
+gerade die Rede war, allen erkennbar auch im Bilde vorzuführen (Abb. 69).
+Am häufigsten sind unter Rembrandts Studienköpfen, mögen sie nun mit der
+Feder, mit dem Stifte oder mit der Radiernadel gezeichnet sein, immer die
+Juden. Allmählich fanden sich nun unter des Meisters Judenbekanntschaften
+auch solche ein, die nicht als bezahlte Modelle oder als
+Antiquitätenhändler, sondern als Auftraggeber mit ihm in Verkehr traten.
+
+Das Bild eines Juden von großem Namen lernen wir in einer Radierung von
+1636 kennen. Dieser Mann, der auf den ersten Anblick kaum einen jüdischen
+Eindruck macht, zumal auch die Tracht von Bart und Kleidung nichts von den
+damals den Juden eigenen Besonderheiten zeigt, sondern mit der allgemeinen
+Mode übereinstimmt, und hinter dessen unbedeutend scheinenden Zügen mit den
+schweren Augenlidern man erst nach längerem Betrachten einen lebhaften
+Geist und den vielseitig begabten und geschulten Verstand eines großen
+Gelehrten vermuten kann, ist Manasseh-ben-Israel (Abb. 70). Zu Lissabon im
+Jahre 1604 geboren, war er als Kind mit seinem Vater nach Amsterdam
+gekommen, wo so viele portugiesische Juden damals Zuflucht und Freiheit der
+Religionsübung fanden; seine in jungen Jahren erworbene Gelehrsamkeit war
+so groß, daß er im Alter von achtzehn Jahren zum Oberrabbiner einer der
+drei Amsterdamer Synagogen ernannt wurde. Sein größter Ruhm war eine ganz
+außergewöhnliche Sprachenkenntnis; außerdem war er Doktor der Medizin; er
+hat zahlreiche Schriften, meist theologischen Inhalts, hinterlassen.
+
+[Illustration: Abb. 66. _Alte Frau._ Handzeichnung in der Albertina zu
+Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
+i. E. und Paris.)]
+
+Die Jahreszahl 1636 lesen wir auch auf mehreren hervorragenden Radierungen
+biblischen Inhalts. Da ist in einem kleinen Blatt der Tod des heiligen
+Stephanus dargestellt. Schön ist da weder die Gestalt des jugendlichen
+Glaubenszeugen, noch auch selbst der Linienzug der Komposition. Aber wie
+diese rohe Menge mit wahrer Wonne den Schuld- und Wehrlosen steinigt, das
+ist eine für alle Zeiten wahre Schilderung des zu rohen Leidenschaften
+aufgehetzten Pöbels. An der zeichnerischen Behandlung sogar sieht man, wie
+Rembrandt sich in seinen Gegenstand vertieft hat: man möchte sagen, daß
+diese hastigen, hart und schroff gegeneinander stoßenden und sich
+durchkreuzenden Strichlagen von Leidenschaft und zugleich von Widerwillen
+gegen die rohe That beseelt sind (Abb. 71). Wie ganz anders ist die
+Behandlung bei dem wundervollen Blatt, das die Rückkehr des verlorenen
+Sohnes zum Gegenstande hat! Wie deutlich sieht man hier, daß die Hand des
+Künstlers von hingebenden und innigen Empfindungen geleitet worden ist!
+Niemals ist aber auch dieser so oft behandelte, künstlerisch so dankbare
+Vorwurf in so rührender und ergreifender Schilderung bearbeitet worden. Wie
+dieser verkommene, nur mit den notdürftigsten Lumpen bedeckte Mensch sein
+von den Spuren des Lasters und des Elends entstelltes Gesicht, das aber
+jetzt durch den Ausdruck der Reue und des durch die Vergebung
+wiedergefundenen Friedens innerlich verschönt wird, an die Vaterbrust
+drückt, und wie dieser Vater, erschüttert über den Anblick, den sein Sohn
+ihm bietet, aber für kein anderes Gefühl zugänglich als für das der alles
+vergebenden und vergessenden Freude über den Wiedergefundenen, mit großen
+Schritten herbeigeeilt ist und sich liebevoll über ihn beugt, das ist ein
+Meisterwerk der Seelenmalerei, das kaum seinesgleichen hat. Ebenso lebendig
+sprechen die Empfindungen der Nebenpersonen zu uns. Die Mutter, die hastig
+den Fensterladen aufstößt, ist noch nicht Herr geworden über die Gefühle,
+die auf sie einstürmen; der Diener, der Schuhe und schöne Kleider für den
+Ankömmling herbeibringt, weiß nicht, wohin er sehen und was er dazu sagen
+soll, und hinter ihm erscheint der Bruder, unfähig, in seiner Miene den
+Unwillen über die freundliche Aufnahme, die jener findet, zu verbergen.
+Durch den Bogen des Hofthores sieht man ins Freie, wo ein Hügel mit einigen
+Gebäuden die Aussicht beschränkt; es sind nur wenige Striche, welche die
+Landschaft andeuten, aber sie genügen, um die Vorstellung in uns zu wecken,
+daß der Heimgekehrte in weiter Wanderung über Berg und Thal gekommen ist
+(Abb. 72).
+
+[Illustration: Abb. 67. _Brustbild eines alten Mannes._ Handzeichnung in
+der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément
+& Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Von der Emsigkeit, mit welcher der Meister studierte, legt ein Blatt mit
+sechs Studienköpfen Zeugnis ab, die mit rücksichtsloser Ausnutzung des
+Raumes, den die gerade bereit liegende Platte gewährte, zusammengedrängt
+sind und sich gegenseitig den Platz streitig machen. Am weitesten
+ausgeführt ist der mittelste von diesen Köpfen, und unschwer erkennen wir
+hier die von ungebändigten krausen Löckchen umrahmten, sehr anmutig
+aufgefaßten Züge von Frau Saskia (Abb. 73). Auf einem anderen Blatte aus
+demselben Jahre 1636 finden wir Saskia in Gesellschaft ihres Gatten. Diese
+zu allen Zeiten besonders hochgeschätzte Radierung bildet gewissermaßen den
+Gegensatz zu dem Dresdener Gemälde; während dort die Lust des Genießens
+geschildert ist, sehen wir hier, wie das liebende Beisammensein dem Ernst
+der Arbeit keinen Abbruch thut. Es ist Abend; denn nur von einer oberhalb
+des Bildes über dem Tische hängenden Lampe können wir uns die Beleuchtung
+ausgehend denken. Saskia hat sich hingesetzt, um von des Tages Arbeit zu
+ruhen; Rembrandt aber, der Unermüdliche, wechselt, indem er die Werkstatt
+mit dem Wohngemach vertauscht, nur die Art seiner Thätigkeit; die Augen
+durch ein breitrandiges Barett vor dem Lampenschein beschirmend, hat er
+Papier oder Kupferplatte herbeigeholt, um den künstlerischen Eingebungen zu
+folgen, die der Augenblick ihm bietet (Abb. 75).
+
+[Illustration: Abb. 68. _Alter Mann lesend._ Handzeichnung in der Albertina
+zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
+Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 69. _Alter Mann._ Handzeichnung in der Albertina zu
+Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
+i. E. und Paris.)]
+
+Zwei große Gemälde tragen die Jahreszahl 1636. Das eine derselben ist eine
+»Danae« oder nach einer in jüngster Zeit vorgeschlagenen Bezeichnung eine
+»Braut des Tobias.« Auf den Namen kommt es hier nicht an; es ist
+schlechtweg ein entkleidet auf weichem Lager ruhendes junges Weib. Das Bild
+befindet sich in der Ermitage zu Petersburg, die überhaupt eine größere
+Anzahl Rembrandtscher Gemälde besitzt, als in irgend einer anderen Sammlung
+vereinigt sind; »schreckliche Natur, unvergleichliche Kunst« -- so wird
+dasselbe von den einen gekennzeichnet, während es anderen schlechthin als
+eines der ausgezeichnetsten Meisterwerke dieser an Kunstwerken ersten
+Ranges so reichen und leider so entlegenen Sammlung gilt und den
+Venusbildern Tizians ebenbürtig genannt wird. Das andere große Gemälde
+dieses Jahres, das sich in der gräflich Schönbornschen Sammlung in Wien
+befindet (eine gute alte Kopie in der Kasseler Galerie), kann auch von den
+begeistertsten Verehrern Rembrandts kaum bewundert werden. Es stellt die
+Überwältigung Simsons durch die Philister dar. Über den zu Boden geworfenen
+wehrlosen Helden, der mit Händen und Füßen um sich schlägt, stürzen die
+Gegner im Eisenharnisch, und einer bohrt ihm den Stahl ins Auge, während
+Delila mit den abgeschnittenen Haaren in der Hand triumphierend davonläuft.
+Die Schilderung des Vorganges ist so grauenhaft wie häßlich, und was das
+Schlimmste ist, die grauenhafte Häßlichkeit streift an das Lächerliche.
+
+[Illustration: Abb. 70. _Manasseh-ben-Israel_, ein als Sprachgelehrter und
+als Arzt berühmter portugiesischer Jude, Oberrabbiner zu Amsterdam.
+Radierung von 1636.]
+
+Demselben Jahr gehört wahrscheinlich die prächtige Figur des sogenannten
+Bürgerfähnrichs an, der, ganz in Braun gekleidet, in stolzer Haltung
+dasteht, die Rechte auf die Hüfte gestemmt, in der Linken eine über die
+Schulter genommene Fahne, von deren weißlichem Seidenton der dunkle Kopf
+sich wundervoll abhebt; in dem Gesicht dürfen wir wohl die ins kriegerisch
+Derbe übersetzten Züge des Malers wiedererkennen (Abb. 74). Das Bild
+befindet sich im Besitz der Baronin James Rothschild zu Paris (eine alte
+Kopie in der Galerie zu Kassel). -- Von Bildnissen unbekannter Personen mag
+das unübertrefflich vornehm aufgefaßte Brustbild eines augenscheinlich den
+höchsten Ständen angehörenden jungen Mannes mit großem Spitzenkragen, in
+der Londoner Nationalgalerie, in diese Zeit fallen (Abb. 77).
+
+Das Jahr 1637 bringt uns wieder ein herrliches Selbstbildnis des Meisters,
+das im Louvre aufbewahrt wird (Abb. 78). Eine Radierung dieses Jahres zeigt
+uns das merkwürdig sprechende Bildnis eines unbekannten Mannes, eines
+anscheinend kränklichen jungen Gelehrten, der mit sorgfältig gegen
+Erkältung geschütztem Halse neben seinen Büchern sitzt, und dessen
+nachdenklichem Gesicht man die Blässe seiner Hautfarbe ansieht (Abb. 76).
+Ein anderes Blatt vereinigt drei reizend ausgeführte weibliche Studienköpfe
+nach sehr verschiedenartigen Modellen (Abb. 79).
+
+[Illustration: Abb. 71. _Die Steinigung des Stephanus._ Radierung von
+1636.]
+
+[Illustration: Abb. 72. _Die Rückkehr des verlorenen Sohnes._ Radierung von
+1636.]
+
+[Illustration: Abb. 73. _Sechs Studienköpfe_, in der Mitte Rembrandts Frau.
+Radierung von 1636.]
+
+Weiterhin ist dieses Jahr durch mehrere treffliche Kompositionen biblischen
+Inhalts ausgezeichnet. Eine Radierung zeigt uns Abraham, wie er Hagar
+verstößt. In reiche morgenländische Tracht gekleidet, steht der Patriarch
+an der Schwelle seines Hauses; den einen Fuß hat er schon auf die unterste
+Stufe der Eingangstreppe gesetzt, um in das Haus zurückzukehren. Denn eben
+hat er zu Hagar, die, mit wenigen Habseligkeiten beladen, bitterlich
+weinend von dannen zieht, während der kleine Ismael, mit einem Täschchen an
+der Seite und einem Bündelchen in den Händen, ihr folgt, sein letztes Wort
+gesprochen, und seine Handbewegung scheint zu sagen: Wir sind fertig
+miteinander, dein Weinen rührt mich nicht mehr. Aus dem laubumrahmten
+Fenster aber schaut Sara, und über ihre alten Züge fliegt ein unschönes
+Lächeln; aber dieses siegesfrohe Lächeln gilt nicht der beseitigten
+Nebenbuhlerin, sondern dem Gatten. Neben ihr sieht man im Schatten der
+Hausthür das dickwangige Gesicht ihres Söhnchens, eines echten
+Judenknäbleins (Abb. 80). -- Diesem Blatt ist eine reizvolle Federzeichnung
+in der Albertina in Bezug auf die Kostümierung und auf das Verhältnis der
+Figuren zur Landschaft so ähnlich, daß sie wohl in derselben Zeit
+entstanden sein muß; sie stellt Juda dar, wie er der im sonnigen Grün am
+Wege sitzenden Thamar seinen Ring und Stab zum Pfand gibt (Abb. 81). -- Dem
+alten Testament ist auch der Stoff zu einem herrlichen Gemälde von 1637
+entnommen, das sich in der Louvresammlung zu Paris befindet. Wie der Engel
+Raphael die Familie des Tobias verläßt, ist der Inhalt der großartigen und
+wirkungsvollen Darstellung. Eben hat der Engel sich zu erkennen gegeben,
+und Vater und Sohn Tobias, die eben noch mit ihm wie mit einem guten
+Freunde vor der Hausthür stehend gesprochen haben, sind auf die Kniee
+gefallen, während eine Wolke sich herabsenkt, um den entschwebenden
+Himmelsboten aufzunehmen. Mit unendlichem Staunen erkennt der junge Tobias,
+dessen Blicken die schattende Wolke den Engel schon entzieht, das
+überirdische Wesen seines Begleiters. Der greise Vater aber begreift
+leichter das Wunder Gottes; mit gefalteten Händen hat er sich demütig zu
+Boden geworfen. Er ist vom Himmelslicht scharf beleuchtet und so auch die
+junge Frau, die neben der Mutter in der rebenumlaubten Hausthür erscheint,
+und die, während ihr Gesicht noch das höchste Erstaunen spiegelt, die Hände
+faltet und betet; die Mutter, ganz überwältigt und geblendet von der
+Erscheinung, wendet sich ab, und die Krücke entfällt ihren zitternden
+Händen (Abb. 82). Die Geschichte des Tobias war ein Lieblingsgegenstand
+Rembrandts. Die Handzeichnungensammlung der Albertina enthält eine ganze
+Reihe von Federzeichnungen Rembrandts aus verschiedenen Zeiten, welche
+diese Geschichte behandeln. Da blicken wir in die dürftige, aber
+behagliche Häuslichkeit der Eltern des Tobias. Die Mutter spinnt, der
+blinde Vater sitzt in der Ecke des Kamins und spricht, um seinen Sohn
+besorgt, zu dem Boten, der diesen geleiten will; auf den Wanderstab
+gestützt steht der Engel -- dem Beschauer durch seine Lichtgestalt und die
+Fittiche als solcher kenntlich -- dem Alten gegenüber und scheint seinen
+Worten aufmerksames Gehör zu schenken; der junge Tobias steht zur
+Wanderschaft gegürtet am Kamin, und sein Hündlein springt mit freudiger
+Ungeduld an ihm empor (Abb. 83). Dann sehen wir, wie Tobias, sein Bündel am
+Stock über dem Rücken tragend, an der Seite des Engels, dessen Gesprächen
+er lauscht, durch eine baumreiche Landschaft wandert; das Hündlein fehlt
+nicht, das mit ihm lief (Abb. 84). Eine ungemein reizvolle, feine
+Zeichnung versetzt uns dann an das Ufer des Tigris, das durch Wiesen und
+Gesträuch allmählich zu ferner liegenden Höhen hinansteigt. In ganz
+kindlichem Schrecken hat Tobias die Füße aus dem Wasser zurückgezogen, als
+er den Fisch erblickte, und drückt sich schutzsuchend gegen den Engel, der
+in großer und ruhiger Haltung ihn anweist, den Fisch zu ergreifen (Abb.
+85). Noch schöner ist das durch Tusche in malerische Wirkung gebrachte
+Blatt, welches zeigt, wie Tobias unter der Aufsicht des Engels den
+zappelnden Fisch aufschneidet und die heilbringenden Eingeweide
+herausnimmt. Man kann sich nichts Poetischeres denken als diese sonnige
+Uferlandschaft; man fühlt die Hitze des Tages, die das Hündchen antreibt,
+seinen Durst mit begierigen Zügen zu löschen, und man glaubt im Schatten
+der üppig wachsenden Bäume erfrischende Wasserluft zu atmen (Abb. 86).
+
+[Illustration: Abb. 74. _Der Bürgerfähnrich._ Gemälde im Besitz der Baronin
+Rothschild zu Paris. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in
+München.)]
+
+[Illustration: Abb. 75. _Rembrandt und seine Frau._ Radierung von 1636.
+(Zweiter Plattenzustand.)]
+
+Ein anderes Gemälde aus dem Jahre 1637, »Susanna im Bade,« im Museum im
+Haag, nimmt den biblischen Stoff nur als Vorwand zur Darstellung
+unverhüllter weiblicher Schönheit, freilich der Schönheit, wie sie
+Rembrandt verstand, nicht als Formen-, sondern als Farbenreiz. Die
+Nebenfiguren der beiden Alten sind nur durch den Kopf des einen, der
+zwischen dem Gesträuch sichtbar wird, angedeutet. Susanna ist stehend
+dargestellt, im Begriff ins Wasser hinabzusteigen; man sieht sie von der
+Seite; das vorsichtig, wie um sich von der Einsamkeit des Ortes noch einmal
+zu überzeugen, umschauende Gesicht ist dem Beschauer zugewendet. Die
+unübertreffliche Lebenswahrheit, mit welcher die jugendliche Gestalt
+dargestellt ist, würde nicht ausreichen, um dem Bilde das hohe
+Schönheitslob zu spenden, das es thatsächlich verdient; aber wie die zarte
+blonde Haut dieser Gestalt aus dem saftigen Dunkel der Büsche, die den
+Hintergrund bilden, hervorleuchtet, das ist echteste Poesie.
+
+[Illustration: Abb. 76. _Junger Mann, sitzend und nachdenkend._ Radierung
+von 1637.]
+
+Ein drittes Gemälde des nämlichen Jahres, das sich in der Ermitage zu
+Petersburg befindet, hat seinen Stoff aus dem neuen Testament geschöpft. Es
+behandelt das Gleichnis von den Arbeitern des Weinbergs: im Schein der
+letzten Abendsonne sitzt der Herr des Weinbergs und hört dem einen Arbeiter
+zu, der murrend spricht: »Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet,
+und du hast sie uns gleich gemacht.« Durch die Macht des Ausdrucks, mit der
+Rembrandt selbst das scheinbar ganz Undarstellbare anschaulich zu machen
+wußte, verstand er es in ganz einziger Weise, die Gleichnisse des
+Evangeliums zu verbildlichen und die Möglichkeit der Darstellung in Stoffen
+zu finden, wo kein anderer eine solche Möglichkeit erblicken würde. So hat
+er in zwei Zeichnungen, die jetzt weit voneinander getrennt sind, indem die
+eine in der Sammlung des Herzogs von Aumale, die andere in der Albertina zu
+Wien sich befindet, das Gleichnis von dem unbarmherzigen Knecht behandelt,
+welches im 18. Kapitel des Matthäusevangeliums erzählt wird. Auf dem einen
+dieser Blätter sehen wir, wie der Knecht in demütiger Bitte, mit der
+Gebärde der Anbetung vor dem Herrn auf die Kniee gefallen ist, der
+nachrechnend über den Büchern sitzt, und wie dieser mit leicht gewendetem
+Haupt und milder Handbewegung -- man glaubt ihn sprechen zu hören -- dem
+Flehenden die Schuld erläßt. Das zweite Blatt (Abb. 87) zeigt uns die
+nämlichen zwei Figuren; wieder kniet der Knecht am Boden, aber diesmal
+kann er keine Vergebung mehr erwarten; denn zornig ist der Herr von seinem
+Sitze aufgestanden, und die nämliche Hand, die vorhin Gnade gewährte, ist
+jetzt zum erbarmungslosen Urteilsspruch über den Unbarmherzigen erhoben,
+der unter der Wucht des Urteils zusammenknickt.
+
+[Illustration: Abb. 77. _Männliches Bildnis._ In der Nationalgalerie zu
+London. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
+Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 78. _Selbstbildnis Rembrandts_, gemalt 1637. Im Museum
+des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
+Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 79. _Drei Studienköpfe._ Radierung von 1637.]
+
+Die Entstehungszeit der Handzeichnungen läßt sich meistens nur ganz
+annäherungsweise vermuten, da bei der Mehrzahl derselben die leicht und
+schnell hingeschriebenen Züge hierfür keine ausreichenden Merkmale bieten;
+und Jahreszahlen hat Rembrandt diesen Skizzen selten beigefügt. Die
+Jahreszahl zu vermerken hat der Meister für der Mühe wert gehalten, als er
+1637 Gelegenheit hatte, einen Elefanten nach dem Leben zu zeichnen. In den
+Städten Hollands, das damals den ganzen überseeischen Handel beherrschte,
+und insbesondere in Amsterdam, wurden wohl öfter als irgendwo anders
+ausländische Tiere zur Schau gestellt, und Rembrandt, der das Studium um
+des Studiums willen liebte, suchte mit dem Skizzenbuch in der Hand solche
+Schaustellungen auf. Den Elefanten hat er ganz meisterhaft gezeichnet;
+nicht nur das Ganze der Erscheinung, sondern auch die Eigentümlichkeit der
+Haut ist mit unübertrefflicher Charakteristik wiedergegeben (Abb. 89).
+Flüchtiger, aber ebenso treffend hat Rembrandt einmal einen Löwen nach dem
+Leben gezeichnet (Abb. 88). Daß er auch das Kamel, mit dessen Darstellung
+sonst die Maler alttestamentlicher Gegenstände manchmal so sehr wenig Glück
+gehabt haben, nach der Natur studiert hat, beweist uns die reizvolle
+Zeichnung mit der Begegnung von Elieser und Rebekka am Brunnen. Das
+liebenswürdige Blättchen, welches sich ebenso wie die vorgenannten
+Studienzeichnungen in der Albertina, der an Rembrandtschen Handzeichnungen
+reichsten Sammlung, befindet, ist in einzelnen Teilen, wie in der Figur des
+ermüdet dasitzenden Mannes, sorgfältig durchgebildet, in anderen, wie in
+den unter schattigen Bäumen sich um die Tränke drängenden Tieren, nur
+flüchtig angelegt, und da es sehr zart gezeichnet ist, enthüllt es uns
+nicht gleich beim ersten Anblick seine ganze Schönheit; haben wir uns aber
+erst einmal hineingesehen, so entzückt es uns als ein köstliches
+idyllisches Gedicht (Abb. 90).
+
+[Illustration: Abb. 80. _Abraham verstößt Hagar._ Radierung von 1637.]
+
+Zahme Tiere studierte Rembrandt häufiger mit der ganzen ihm eigenen
+Sorgfalt; solche Studien führte er gelegentlich auch auf der Kupferplatte
+aus. Ein Beispiel ist der, wie man heute sagen würde, mit photographischer
+Treue wiedergegebene schlafende Hund (Abb. 91).
+
+[Illustration: Abb. 81. _Juda und Thamar._ Handzeichnung in der Albertina
+zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
+Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Zu den biblischen Erzählungen, welche auf Rembrandt eine ganz besondere
+Anziehung ausübten, gehören neben der Geschichte des Tobias diejenigen des
+Simson und des ägyptischen Joseph. Mit beiden beschäftigte er sich im Jahre
+1638. Den zwei vorhergegangenen lebensgroßen Gemälden aus der Geschichte
+Simsons ließ er ein figurenreiches Bild folgen, welches das Hochzeitsfest
+des Helden zum Gegenstand hat. Die Dresdener Galerie besitzt dieses mit
+einem wunderbaren Zauber der von den zartesten leuchtenden Perlmuttertönen
+zu den glühendsten, goldig-purpurnen Tiefen abgestuften Farbe bekleidete
+Gemälde. Durch die Farbe allein schon empfangen wir den Eindruck vornehmer
+festlicher Pracht, und wir vergessen darüber die Seltsamkeiten in der
+Darstellung der Personen. Den lichten Mittelpunkt des Gemäldes bildet die
+im reichsten bräutlichen Schmucke prangende Tochter des Thimnithers; die
+stolze Gelassenheit, mit der sie unter dem prächtigen Thronhimmel sitzt,
+läßt uns die Kaltblütigkeit ahnen, mit der sie das Rätselgeheimnis Simsons
+ihren Landsleuten verraten und sich dann von ihrem Vater einem anderen
+Manne geben lassen wird. Zu ihrer Linken hat Simson auf breitem,
+kissenbedecktem Ruhesitz seinen Platz am Kopfende der Tafel; mit
+ungeschlachter Bewegung hat er seine wilde Kraftgestalt herumgedreht und
+gibt, mit Mund und Händen sprechend, den Philistern das Rätsel auf, das ihm
+nur ein Vorwand zum Händelsuchen ist; wie die Umstehenden ihm zuhören -- da
+ist jeder Kopf wieder ein Meisterwerk des Ausdrucks. Weiter unten an der
+reich besetzten Tafel geben die geputzten Gäste in bunter Reihe sich der
+zwanglosesten Lustigkeit hin, -- »wie die Jünglinge zu thun pflegen,« im
+damaligen Holland nämlich, bei den ausgelassenen Gelagen, welche dort an
+der Tagesordnung waren. Es liegt eine Stimmung der Berauschtheit über dem
+Gemälde, in den Figuren und in der Farbe, und die kalte Erscheinung der
+Braut wird dadurch doppelt scharf hervorgehoben (Abb. 92). -- Der
+Geschichte des ägyptischen Joseph gehört eine der berühmtesten Radierungen
+Rembrandts an: »Joseph erzählt seine Träume.« Das unmittelbar Sprechende
+des Ausdrucks bei den verschiedenen Personen, die innerliche Erregung
+Josephs, der beim Erzählen sich besinnt, um nicht das Geringste ungenau
+wiederzugeben von dem Merkwürdigen, das er geträumt hat, der nachdenkliche
+Ernst des im Lehnstuhl sitzenden greisen Israel und der altersmüden, auf
+dem Bette ruhenden Lea, alle Abstufungen der Mißgunst bei den Brüdern, die
+teils mit der Aufmerksamkeit des Neides lauschen, teils spöttisch
+untereinander zischeln, und von denen nur der junge Benjamin ohne Arg und
+ohne Falsch, mit rein kindlicher Neugier dem Erzähler über sein Lesebuch
+hinweg zuhört, -- und nicht minder die reizvolle malerische Wirkung des
+Blattes rechtfertigen in vollstem Maße dessen alten Ruhm, der schon bei
+Lebzeiten Rembrandts so groß war, daß man, wie ein Zeitgenosse erzählt, in
+den Kreisen kunstsinniger Leute für ungebildet galt, wenn man nicht
+mindestens zwei Abzüge davon besaß, ein »Josephchen mit dem weißen Gesicht«
+und ein »Josephchen mit dem schwarzen Gesicht.« Auf den Abzügen nämlich,
+welche Rembrandt von der Platte in ihrem ersten Zustand genommen hat, ist
+bei dem hinter Joseph stehenden Bruder mit dem Turban auf dem Kopfe und dem
+Sammetmantel um die Schultern das Gesicht hell beleuchtet. Als aber eine
+Anzahl von Abzügen hergestellt war, veränderte Rembrandt die Platte, indem
+er über jenes Gesicht, einen Teil des Turbans und die auf der Brust
+sichtbare Unterkleidung kräftige Schattentöne legte und im Anschluß daran
+die beiden benachbarten Gesichter und den anstoßenden Teil des
+Hintergrundes, Thür und Vorhang, mehr oder weniger abtönte (Abb. 93). Bei
+dieser Behandlung hat das »schwarze Gesicht« gegen das weiße entschieden an
+Ausdruck verloren, aber der Hervorhebung der Hauptfigur kommt die Änderung
+wesentlich zu gute. Übrigens wußte Rembrandt nicht bloß durch nachträgliche
+Bearbeitungen der Kupferplatte derartige Abwandlungen in eine Radierung zu
+bringen, daß die verschiedenartigen Abdrücke von den Sammlern wie
+verschiedenartige Werke geschätzt wurden und heute noch geschätzt werden.
+Auch die von ein und demselben Zustand einer Platte gezogenen Abdrücke sind
+bei wirkungsvollen Blättern häufig voneinander verschieden. Denn Rembrandt
+druckte seine Radierungen eigenhändig, und indem er hier den Ton
+verstärkte, dort milderte, erzielte er neue künstlerische Reize und
+Mannigfaltigkeiten der Wirkung. Wenn das Gerücht umging, er besitze
+Geheimnisse der Kupferstecherkunst, die keinem anderen bekannt seien, so
+bestand das Geheimnis außer in seinem Genie eben nur darin, daß er, selber
+druckend, auch beim Druck noch als schaffender Künstler zu Werke ging.
+
+[Illustration: Abb. 82. _Der Engel verläßt Tobias._ Gemälde von 1637, im
+Nationalmuseum des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
+Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 83. _Die Abreise des Tobias._ Handzeichnung in der
+Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 84. _Tobias und der Engel._ Handzeichnung in der
+Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Von Bildnissen tragen nur wenige die Jahreszahl 1638. Man darf annehmen,
+daß die Fertigstellung der vom Prinzen von Oranien bestellten Folge von
+Gemälden mit der Erlösungsgeschichte jetzt seine Zeit fast vollständig in
+Anspruch nahm.
+
+Zu den wenigen Bildnissen, zu deren Ausführung er zwischendurch noch Zeit
+fand, gehört vielleicht das in der Ermitage zu Petersburg befindliche Bild
+seiner Mutter. Rembrandt hatte seine bejahrte Mutter in den letzten Jahren
+ihres Lebens -- sie starb im September 1640 -- mehrmals abgemalt. In
+wunderbarer Weise wußte er in der Haltung und den Zügen der ehrwürdigen
+Frau den klaren Seelenfrieden eines ruhigen, gottergebenen Greisenalters
+zur Anschauung zu bringen. Eines der letzten ihrer Bildnisse, von 1639,
+besitzt die Wiener Hofgemäldesammlung, ein ausgezeichnetes Bild, welches
+die alte Dame in einer dem Geschmack ihres Sohnes entsprechenden reichen
+Kleidung, beide Hände auf einen Stab stützend, zeigt.
+
+[Illustration: Abb. 85. _Tobias erschrickt vor dem Fisch._ Handzeichnung in
+der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément
+& Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Unter den übrigen Gemälden des Jahres 1639 ragt das in lebensgroßer ganzer
+Figur ausgeführte vornehme Bildnis eines in schwarzen Atlas gekleideten
+Mannes in der Kasseler Galerie hervor.
+
+Aus dem letzten der Briefe, welche Rembrandt in der Angelegenheit seiner
+für den Prinzen von Oranien gemalten Bilder an dessen Sekretär Constantin
+Huigens richtete, erfahren wir, daß er Anfang 1639 diesem Herrn aus
+Erkenntlichkeit für das Wohlwollen und die Zuneigung, die er ihm bewiesen
+hat, ein Gemälde schenkt. Den Gegenstand des geschenkten Bildes nennt
+Rembrandt nicht; aber er bittet den Empfänger, dasselbe in sehr heller
+Beleuchtung und so, daß man es auf große Entfernung sehen könne,
+aufzuhängen.
+
+Bei der Ablieferung eben der vom Statthalter bestellten Gemälde wurde
+Rembrandt mit einem Manne bekannt und, wie es scheint, auch befreundet, der
+für ihn insofern von besonderer Wichtigkeit war, als aus seinen Händen der
+Schatzmeister des Prinzen die Mittel empfing, um Rembrandt zu bezahlen. Das
+war der Steuereinnehmer der Staaten -- Obersteuerdirektor würden wir sagen
+-- Pieter Uytenbogaerd. Dessen Bild führte Rembrandt alsbald in einer
+prachtvollen Radierung aus. Uytenbogaerd -- nicht zu verwechseln mit dem
+gleichfalls von Rembrandt abgebildeten gleichnamigen Prediger -- ist in
+seiner amtlichen Thätigkeit dargestellt. Er sitzt in einem Gemach, dem,
+trotzdem daß es nur der dienstlichen Arbeit dient, ein gewisser Aufwand
+der Ausstattung nicht fehlt: der Arbeitstisch ist mit einer prächtigen
+Decke bekleidet, und an der Wand hängt ein ziemlich großes Gemälde, das die
+Errichtung der ehernen Schlange in der Wüste vorstellt. Aber das Gemälde
+wird unseren Augen zum Teil entzogen durch ein unter der Zimmerdecke im
+Handbereich des Einnehmers angebrachtes Aktengestell, von dem die Goldwage
+über den Tisch herabhängt; und auf der schönen Tischdecke stehen schwere
+Geldsäcke und ein schmuckloses kleines Pult zur Aufnahme des großen
+Eintragebuches, in welches der seinem Stande gemäß sehr reich gekleidete
+hohe Beamte Zahlen an Zahlen reiht. Er hält die Feder in der Rechten und
+reicht mit der Linken eines der Säckchen, dessen Gewicht eben festgestellt
+worden ist, einem jugendlichen Diener, der dasselbe kniend -- der junge
+Freistaat hatte noch nicht alle Überbleibsel strenger spanischer Etikette
+abgeschafft -- in Empfang nimmt. Auf dem Fußboden sehen wir eine große
+eisenbeschlagene Kiste und mehrere Fässer, von denen eins, mit dem daneben
+liegenden Hammer geöffnet, seinen aus Geldstücken bestehenden Inhalt
+erkennen läßt. Im Hintergrunde blicken wir durch eine Art Schalter in einen
+Vorraum, wo mehrere Personen auf ihre Abfertigung durch den Herrn Einnehmer
+warten (Abb. 94).
+
+[Illustration: Abb. 86. _Tobias nimmt den Fisch aus._ Handzeichnung in der
+Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Sein eigenes Bildnis hat uns Rembrandt in diesem Jahre in der herrlichen
+Radierung gegeben, welche wohl das von all seinen Selbstbildnissen am
+meisten bekannte ist: »Rembrandt mit dem aufgestützten Arm.« Der Meister
+steht oder sitzt hinter einer am unteren Rand der Platte angegebenen
+Brüstung und lehnt sich auf dieselbe mit dem linken Arm, um den der
+bestickte Schultermantel malerisch herumgenommen ist; die rechte Hand hat
+er in die Brust gesteckt, und den Kopf, den ein keck auf das rechte Ohr
+geschobenes Barett bedeckt, wendet er über die linke Achsel dem Beschauer
+zu. Die nachdenkliche Stirn ist schon furchig geworden, und die Gewohnheit
+prüfenden Sehens hat die Haut über den Augenlidern herabgesenkt; aber trotz
+solcher Zeichen scheidender Jugend spricht die höchste Frische des Geistes
+und des Körpers aus diesem Gesicht, das die noch unverminderte Lockenfülle
+in üppiger Länge einrahmt und das neben dem Schnurrbart ein spitzer
+Kinnbart ziert. Dies ist das Gesicht, welches den meisten modernen
+Darstellungen von Rembrandts Person zu Grunde liegt; auch zu dem Standbild,
+welches dem Meister im Jahre 1852 zu Amsterdam errichtet worden ist, hat es
+gedient. Ein anderes Selbstbildnis, das wohl nicht viel später entstanden
+ist, sondern nur durch den Ausdruck, in dem eine gemachte Strenge mit
+natürlicher Ermüdung streitet, die Züge älter erscheinen läßt, gibt uns den
+ungewöhnlichen Anblick, daß Rembrandt seinem Bartwuchs an Kinn und Wangen
+volle Freiheit gelassen hat. Gesicht und Haare sind hier mit besonderer
+Feinheit ganz köstlich ausgeführt, und meisterhaft sind die verschiedenen
+Stoffe gekennzeichnet, der Sammet des mit einer Straußenfeder geschmückten
+Baretts, die Seide und die Goldtressen des pelzgefütterten Mantels (Abb.
+95).
+
+[Illustration: Abb. 87. _Der unbarmherzige Knecht._ Handzeichnung in der
+Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Ein sehr fremdartiger Gegenstand begegnet uns unter den Radierungen des
+Jahres 1639. »Die Jugend vom Tod überrascht« heißt das Blatt. Vor einem
+jungen Herrn und einer jungen Dame in gewählter Modetracht taucht plötzlich
+der Tod als Gerippe mit Sense und emporgehobener Sanduhr aus dem Boden auf.
+Sicherlich ist Rembrandt durch den Anblick der Totentanzbilder Holbeins,
+dessen Holzschnitte einen Bestandteil seiner sehr umfangreichen
+Kunstsammlung bildeten, zu dieser Phantasie angeregt worden.
+
+Das Hauptmeisterwerk des Jahres 1639 aber ist die Radierung »der Tod
+Marias,« ein sehr großes, großartig geistreiches und wirkungsvolles Blatt.
+Maria liegt in einem Himmelbett. Zu ihrer Rechten steht ein Priester mit
+einem stabtragenden Knaben und einem Schleppträger, in phantastischer, dem
+katholischen Bischofsornat in freier Umbildung entliehener Tracht; die
+herabhängenden Hände ineinander faltend, blickt er die Sterbende ernst und
+sinnend an; was seines Amtes war, hat er vollendet. Noch weiter im
+Vordergrunde sitzt an einem Tische ein Vorleser in reicher morgenländischer
+Tracht; er hat aufgehört zu lesen und wendet den Blick gleichfalls nach
+Maria hin. Denn diese hat eben den letzten Atemzug gethan, schlaff liegen
+Haupt und Hände in den Kissen. Wohl hebt Petrus, der vorderste der Apostel,
+die sich im Verein mit Frauen, die den Ausbruch ihres Schmerzes
+zurückzuhalten nicht mehr imstande sind, an der linken Seite des Bettes
+zusammendrängen, mit dem Kopfkissen das Haupt Marias empor und versucht
+durch ein Riechmittel, das er in ein Tuch gegossen hat, das Leben noch
+einen Augenblick zu fesseln; ob noch eine Spur von Leben vorhanden sei,
+sucht der mit einem Turban bekleidete Arzt am Puls zu erforschen. Aber die
+Seele gehört der Erde nicht mehr an; während im Gemache überall die Trauer
+über den irdischen Tod herrscht -- besonders schön ist die Gestalt des mit
+ausgebreiteten Händen dastehenden Jüngers Johannes --, dringt vom Himmel
+herab eine Wolke durch die Balkendecke des Zimmers; sie ist mit Licht
+gleichsam gefüllt und wirft flutendes Licht auf das Bett und die Leiche. Im
+Licht schwebt ein Engel herab, von Kinderengeln begleitet, um die Seele der
+Reinsten in Empfang zu nehmen. -- Während die unteren Figuren, wenn auch
+mit leichter Hand, so doch sehr sorgfältig ausgeführt sind, sind die Engel
+und Wolken nur ganz flüchtig skizziert; aber was bei einem anderen Künstler
+als grobe Nachlässigkeit erscheinen würde, dient hier als wirksamstes,
+geistvollstes Mittel, um von dem Irdischen das Überirdische, Traumhafte,
+Erscheinende, nicht mit dem materiellen Auge Wahrnehmbare und
+Festzuhaltende zu sondern. Je länger wir das herrliche Blatt ansehen, um so
+mehr werden wir davon hingerissen (Abb. 96).
+
+[Illustration: Abb. 88. _Studie eines ruhenden Löwen._ Handzeichnung in der
+Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 89. _Der Elefant._ Handzeichnung von 1637 in der
+Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 90. _Elieser und Rebekka._ Handzeichnung in der
+Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 91. _Der (kleine) schlafende Hund._ Radierung.]
+
+Nicht mit einer Jahreszahl bezeichnet, aber, seiner Behandlungsweise nach
+zu urteilen, wohl um dieselbe Zeit entstanden ist das gleichfalls sehr
+wirkungsvolle Blatt: »Der Triumph des Mardochai.« Von Haman geleitet, der
+die Empfindung seiner Demütigung hinter gewaltsamer Gebärdensprache
+verbirgt, reitet Mardochai, mit Scepter und goldener Halskette, mit
+Fürstenhut und hermelinbesetztem Mantel ausgestattet, auf einem Schimmel
+durch das Volk, das sich unterwürfig und jubelnd um ihn drängt, wie eben
+die Menge dem Helden des Tages zu huldigen pflegt, mag sie auch gestern
+noch dessen jetzt gedemütigtem Gegner zugejauchzt haben; von einer Art von
+Balkon aus, in einer Säulenhalle, sehen der König Ahasverus und Esther dem
+Schauspiel zu (Abb. 97). Ein Teil der Figuren ist auf diesem Blatte nur in
+leichten Umrißlinien skizziert, aber dafür um so bewunderungswürdiger im
+Ausdruck. Wir dürfen deshalb das Blatt nicht für unfertig halten: Rembrandt
+hat diese Figuren so stehen lassen, weil er sah, daß ihre große Lichtmasse
+der Bildwirkung des Ganzen zu gute kam. Übrigens hat Rembrandt auch manche
+Platten unfertig liegen lassen und dennoch für die Liebhaber Abzüge davon
+gemacht. Diese Abzüge haben den eigenen Reiz, daß sie erkennen lassen, in
+welcher Weise der Meister bei seinen Radierungen zu Werke ging. Besonders
+belehrend ist in dieser Beziehung das Blatt, welches den Titel »Pygmalion«
+führt, aber weiter nichts vorstellt, als einen in seiner Werkstatt
+sitzenden Maler -- wohl den Meister selbst --, der nach einem weiblichen
+Modell eine Aktstudie zeichnet. Der größte Teil dieses Blattes ist mit
+flüchtigen Umrissen so leicht angelegt, daß man nur eben erkennen kann, was
+gemeint ist; dabei ist aber der obere Teil des Hintergrundes mit genauer
+Aussparung der Umrisse bis zur letzten Vollendung ausgeführt; man sieht,
+mit welcher unbedingten Sicherheit der Meister von vornherein wußte, was er
+wollte.
+
+[Illustration: Abb. 92. _Simsons Hochzeit._ Gemälde von 1638. In der
+Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
+Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 93. _Joseph erzählt seine Träume._ Radierung von 1638.
+(Zweiter Plattenzustand, »mit dem schwarzen Gesicht.«)]
+
+[Illustration: Abb. 94. _Uytenbogaerd_, Steuereinnehmer von Holland (auch
+»der Goldwäger« genannt). Radierung von 1639.]
+
+Gleichsam zur Erholung von seinen gedanken- und empfindungsreichen
+Schöpfungen radierte Rembrandt zwischendurch immer wieder einmal
+Straßenbilder nach dem Leben. Die komische Figur eines armen alten Mannes
+mit hoher Judenmütze trägt die Jahreszahl 1639 (Abb. 98). Auch die Übungen
+nach den Köpfen bezahlter Modelle setzte der Meister nicht aus. So ist die
+wunderbar fein gezeichnete Radierung von 1640 mit dem Brustbild eines
+bärtigen Greises, der eine ungewöhnlich geformte Mütze trägt (hiernach als
+»Mann mit der gespaltenen Mütze«, oder auch als »Greis mit dem viereckigen
+Bart« bezeichnet), sicherlich kein bestelltes Bildnis, sondern nur eine
+derartige Übungsarbeit (Abb. 99).
+
+Ein in großem Format radiertes Kniestück, welches eine reichgekleidete
+behäbige Frau mit kleinen Augen und dicken Lippen und mit prächtigem
+aufgelösten Haar zeigt, bekannt unter dem Namen »die große Judenfrau« (Abb.
+100), wird von einigen als ein Bild von Frau Saskia angesehen. Aber die
+alte Bezeichnung dürfte doch zutreffender sein, so daß wir das Bildnis
+einer reichen Jüdin vor uns hätten. Denn wenn Rembrandt auch bei den
+Studien, die er nach sich selbst oder seiner Frau machte, es mit der
+Ähnlichkeit nicht immer genau nahm, eine derartige Verhäßlichung Saskias
+würde doch allzu befremdlich sein. Wie ungleich anmutiger die Gattin des
+Meisters, obgleich sie inzwischen stärker und gesetzter geworden, um das
+Jahr 1640 noch war, beweist uns das schöne Bild in der Dresdener Galerie,
+welches die etwa Achtundzwanzigjährige zeigt, wie sie mit freundlichen
+Blicken dem Beschauer eine Nelke hinreicht, während die an die Brust
+gelegte linke Hand, welche die reizvollen Grübchen der Fingergelenke sehen
+läßt, zu sagen scheint, daß die kleine Blumengabe herzlich gemeint sei
+(Titelbild).
+
+[Illustration: Abb. 95. _Selbstbildnis Rembrandts mit dem Federbarett._
+Radierung.]
+
+Eines der allerbesten Meisterwerke von Rembrandts Bildnismalerei trägt die
+Jahreszahl 1640. Es ist das Bild des Vergolders, welcher Rembrandt die
+Rahmen für seine Gemälde lieferte. Wie dieser ehrsame Handwerker, der sich
+indessen mit der Würde, die einem Bürger der Stadt Amsterdam zukommt, zu
+tragen weiß, mit seinen schlichten und ehrlichen Zügen so schlicht und
+ehrlich wiedergegeben ist, das ist die denkbar wahrheitsgetreueste
+Nachbildung der Wirklichkeit, dabei aber zugleich durch den künstlerischen
+Reiz, der sich nicht erklären, sondern nur empfinden läßt, durch die
+unfaßbare Poesie der Malerei eines der größten Kunstwerke aller Zeiten
+(Abb. 101). Im Gegensatze zu der Farbenfreudigkeit jenes annähernd
+gleichzeitigen Bildnisses der Saskia bewegt sich hier der Wohllaut der
+Farben in den einfachsten Tönen: vor einem grauen Hintergrund ein schwarzer
+Rock, ein schwarzer Hut, dazu eine weiße Krause und die gesunde
+Gesichtsfarbe des Mannes; weiter nichts -- aber es war Rembrandt, der diese
+Töne zusammengestimmt hat. Das Prachtgemälde bildete früher einen
+Bestandteil der Sammlung des Herzogs von Morny zu Paris; seit dem Verkauf
+dieser Sammlung im Jahre 1865 hat es mehrmals den Besitzer gewechselt und
+befindet sich jetzt in den Händen des Herrn Havemeyer zu New York.
+
+Von mehreren biblischen Gemälden, die Rembrandt 1640 vollendete, sind zwei,
+eine Heimsuchung und eine Kreuzabnahme, in den Sammlungen englischer Lords
+verborgen. Ein drittes, eine heilige Familie, befindet sich im Louvre.
+Dieses kleine, schöne Bild ist ganz häuslich und ganz menschlich aufgefaßt,
+es wird auch daher schlechtweg »die Familie des Tischlers« genannt. Auch
+die Beleuchtung ist keine überirdische, sondern sie geht von einem ganz
+natürlich zu erklärenden Sonnenstrahl aus. Wie aber trotzdem Rembrandt
+durch die Poesie des Lichtes die Darstellung weit über das Alltägliche
+hinauszuheben gewußt hat, daß wir das Göttliche ahnen, das in dieser
+Handwerkerfamilie wohnt, das läßt sich nicht treffender schildern, als es
+Charles Blanc mit meisterhaften Worten gethan hat: »Es ist die düstere
+Werkstätte eines Zimmermanns; eine junge Frau hält ein Kind in den Armen,
+die Großmutter beugt sich hin, um den Enkel zu betrachten, und neben dem
+Fenster, welches einen grauen, bedeckten Himmel durchblicken läßt, läßt der
+Handwerksmann seinen Hobel über ein Brett gleiten. Obgleich der Himmel
+umwölkt ist, hat doch ein dünner Sonnenstrahl durch eine unsichtbare
+Öffnung sich eingeschlichen, berührt das Kind, erwärmt, vergoldet,
+überschwemmt es mit Licht und bricht sich sodann an allen Teilen des
+Zimmers, in Bälde aber von dem Halbdunkel aufgezehrt. Das Gesicht der
+jungen Mutter glänzt und erheitert sich, jenes der Alten leuchtet infolge
+jener plötzlichen Heiterkeit, das Kind scheint selbst ein leuchtender
+Körper zu sein! Doch wie? sind wir nicht in Marias Behausung? Diese Mutter
+ist eine Jungfrau, und ihr Kind verheißt uns einen Gott!«
+
+[Illustration: Abb. 96. _Der Tod der Maria._ Radierung von 1639 (stark
+verkleinert).]
+
+[Illustration: Abb. 97. _Der Triumph des Mardochai._ Radierung.]
+
+[Illustration: Abb. 98. _Jude mit der hohen Mütze._ Radierung von 1639.]
+
+Um diese Zeit fing Rembrandt an, einer neuen Gattung gewissenhaften
+Studiums seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Von des Meisters großer Begabung,
+seinen Kompositionen durch dichterisch erfundene Landschaft einen
+stimmungsvollen Hintergrund zu geben, sind uns bisher schon manche Proben
+geboten worden. Mit dem reizvollen Blatt »der Kanal« aber beginnt im Jahre
+1640 die Reihe der Radierungen, in denen Rembrandt Stückchen seines
+Heimatbodens schlicht und treu der Wirklichkeit nachzeichnete und dabei
+Gegenden, die einem anderen ganz und gar poesielos erschienen wären,
+künstlerische Reize abgewann, weil er sie eben mit Künstleraugen anschaute.
+Das Jahr 1641 bringt uns von solchen geistvollen, der Natur
+nachgeschriebenen Blättern zwei besonders berühmte, »die Windmühle« und
+»die Strohhütte mit dem großen Baum.« Auf dem erstgenannten, das auch als
+»die Mühle Rembrandts« bezeichnet wird, weil lange Zeit die irrige Meinung
+verbreitet war, Rembrandt, der Müllerssohn, habe in einer Windmühle am
+Rhein, zwischen Leiderdorp und Koudekerk, das Licht der Welt erblickt,
+sehen wir nichts als eine Windmühle, ein paar Häuser und einen ganz flachen
+Horizont; aber welcher feine, namenlose Reiz -- das unerklärbare Geheimnis
+echter Kunst -- liegt in der Wahrheit, mit der dieses an und für sich so
+reizlos scheinende Stück aus einer eintönigen Gegend wiedergegeben ist
+(Abb. 102). Das andere, in bedeutend größerem Maßstabe ausgeführte Blatt
+zaubert aus einer niedrigen alten Strohhütte und einem Lindenbaum, einem
+zwischen flachen Wiesenufern regungslos hingleitenden Wasser, einigen in
+der Ferne sichtbaren Windmühlenflügeln und einer den niedrigen Horizont
+abschließenden Stadt ein hochpoetisches Bild hervor (Abb. 103). -- Drei
+Skizzenbuchblätter Rembrandts aus der Handzeichnungensammlung der Albertina
+mögen als weitere Beispiele dienen von des Meisters feinfühligem
+landschaftlichen Sinn und seiner Gabe, auch im Unbedeutendsten das
+künstlerisch Ansprechende zu sehen (Abb. 104, 105, 106). Dabei wendet der
+Meister des Helldunkels bei solchen auf Spaziergängen gesammelten Studien
+fast gar kein Wirkungsmittel von Hell und Dunkel an; er zeichnet fast nur
+mit Umrißlinien, und mit diesen Umrißlinien weiß er eine ganze Stimmung zu
+malen, er läßt uns den eigentümlichen Zauber einer ruhigen, spiegelnden
+Wasserfläche und den feinen Reiz der in duftiger Zartheit schimmernden
+weiten Ferne so vollständig empfinden, als ob alle Mittel der Farbenkunst
+hier aufgeboten wären.
+
+[Illustration: Abb. 99. _Der Greis mit dem viereckigen Bart_ (auch »der
+Greis mit der gespaltenen Mütze« genannt). Radierung von 1640.]
+
+[Illustration: Abb. 100. _Die (große) Judenfrau._ Radierung.]
+
+Das Jahr 1641 weist wieder eine ansehnliche Zahl von Bildnissen auf. Zu
+ihnen gehört das Prachtbild der Mutter des nachmaligen Bürgermeisters Jan
+Six, welches sich noch im Besitz der Familie Six zu Amsterdam befindet.
+Ferner das vor kurzem für das Berliner Museum erworbene Doppelbildnis des
+Mennonitenpredigers Anslo und einer Dame in Witwentracht, die in tiefem
+Leid den lebhaft vorgetragenen Trostworten des geistlichen Herren zuhört
+(Abb. 107). -- Um die nämliche Zeit dürfte das in Abb. 108 wiedergegebene,
+in der Ermitage zu Petersburg befindliche Bild entstanden sein, das
+sorgfältig ausgeführte Porträt einer unbekannten ältlichen Dame in
+Pelzmantel und schwarzem Schleier; die an sich harten Züge dieser Frau
+gewinnen durch Rembrandts Auffassung etwas Liebenswürdiges, und wunderbar
+schön sind die Hände gezeichnet. -- Wie der Künstler selbst um diese Zeit
+aussah, zeigt uns ein prächtiges Brustbild in der Sammlung des
+Buckinghampalastes (Titelbild).
+
+[Illustration: Abb. 101. _Bildnis von 1640_, bekannt unter der Bezeichnung
+»_Rembrandts Rahmenmacher_.« Im Besitz von H. O. Havemeyer in New York.
+(Nach einem Schabkunstblatt von J. Dixon.)]
+
+[Illustration: Abb. 102. _Die Windmühle._ Radierung von 1641.]
+
+Unter den radierten Bildnissen von 1641 zeichnet sich das in höchster
+malerischer Weichheit ausgeführte Bild eines vornehmen jungen Mannes aus,
+der vor seinem Schreibpulte sitzt; eben hat er ein Buch zugeschlagen und
+denkt nun über etwas nach, das er niederschreiben will (Abb. 109). -- Von
+sonstigen Radierungen dieses Jahres verdient das Blatt besondere
+Erwähnung, welches die Madonna in den Wolken darstellt. Weder die Jungfrau
+noch das Kind sind schön, und die starke Betonung der jüdischen
+Stammeseigentümlichkeit und der Zugehörigkeit zu den niederen Ständen
+berührt uns gar fremdartig; und dennoch liegt eine unbeschreibliche
+Erhabenheit in dem gottergeben nach oben gewendeten Antlitz der Mutter und
+in dem Zauber des Lichts, das von den beiden ausstrahlt und die
+Wolkenränder beleuchtet, während in der Tiefe nächtliches Dunkel lagert.
+Es ist bei Rembrandt etwas ganz Ungewöhnliches, daß er in seinen
+Kompositionen den irdischen Boden so vollständig verläßt, wie er es in
+diesem Blatte gethan hat. Häufiger gab er in dem Bestreben, die biblischen
+Gestalten so recht glaubhaft zu verkörpern, den biblischen Darstellungen
+ein so schlicht natürliches Ansehen, daß man einfache Genrebilder in ihnen
+zu sehen glaubt. Dahin gehört das sehr feine kleine Blatt von 1641,
+welches darstellt, wie Jakob den Laban, der ihn nicht heimziehen lassen
+will, mit stolzem Selbstbewußtsein zur Rede stellt, das auch, wenn man den
+Gegenstand einmal erkannt hat, als ein Meisterwerk des Ausdrucks
+bewunderungswürdig ist, ohne daß man sich indessen darüber zu wundern
+braucht, wenn das Blatt gewöhnlich nur »die drei Orientalen« genannt wird
+(Abb. 110).
+
+Im Ausdruck liegt auch in erster Linie das Bewunderungswürdige des in
+Lebensgröße ausgeführten Gemäldes von 1641: »das Opfer des Manoah,« in der
+Dresdener Galerie. Die beiden alten Leute, denen die Geburt des Simson
+verheißen worden ist, knieen in frommer Demut vor dem Opferaltar; in
+ruhiger Zuversicht betet das Weib, nicht minder gläubig, aber erschüttert
+durch den Anblick des in der Lohe emporfahrenden Engels, der Mann.
+Wunderbar ist es ausgedrückt, wie die Erscheinung des Engels sich
+verflüchtigt -- im nächsten Augenblick wird er unsichtbar sein; nur schade,
+daß die Gestalt des Verschwindenden gar so unglücklich in der Form
+ausgefallen ist, so daß sie den Eindruck beeinträchtigt, den das sonst
+durch die Einfachheit der Komposition und den Ernst der Farbenstimmung so
+großartig wirkende Bild ausübt (Abb. 111).
+
+[Illustration: Abb. 103. _Die Strohhütte mit dem großen Baume._ Radierung
+von 1641 (stark verkleinert).]
+
+Ein gleichfalls sehr großartiges, wirkungsvolles biblisches Gemälde aus dem
+Jahre 1642 befindet sich in der Ermitage zu Petersburg. Es stellt die
+Versöhnung Jakobs mit Esau dar: »Esau lief ihm entgegen und herzte ihn und
+fiel ihm um den Hals und küßte ihn, und sie weinten.« Es liegt eine
+seltsame Stimmung über dem Bilde. Dunkele Wolken bedecken den Himmel, die
+nur an einer Stelle eine unbestimmte Helligkeit durchblicken lassen; die
+begleitenden Völker der beiden Brüder verschwinden in der Finsternis: aber
+sie selbst sind hell beleuchtet, daß der reiche Schmuck an ihren Kleidern
+und an Esaus Kriegsschwert glänzt und blitzt. Niemand könnte sagen, woher
+bei einer solchen Dunkelheit ein solches Licht kommt; es ist der
+künstlerische Ausdruck einer Empfindung, das Licht der Bruderliebe, das wie
+ein plötzlicher Himmelsstrahl in die Nacht des kampfbereiten Unfriedens
+hereinbricht (Abb. 112).
+
+Das Wirken eines geheimnisvollen Lichts, für das es keine natürliche
+Erklärung gibt, dessen Quelle nur eine künstlerische Einbildungskraft ist,
+welche an die Stelle alles dessen, was auf der Erde Licht spenden kann,
+eine selbstgeschaffene Sonne setzt, beherrscht von nun an Rembrandts
+Kompositionen. Mit seinem seltsam zauberischen Goldton beginnt es selbst
+die natürlichen Lokalfarben aufzuzehren.
+
+Nirgends tritt dieses Licht so stark, nirgends aber auch so befremdlich in
+die Erscheinung, wie in dem größten und berühmtesten Gemälde des Meisters,
+das er in dem nämlichen Jahre 1642 vollendete und das, weltberühmt unter
+dem unzutreffenden Namen »die Scharwache« (oder »die Nachtwache«), den
+stolzesten Besitz des Reichsmuseums zu Amsterdam bildet. Wie Rembrandt zehn
+Jahre früher die Vorsteher der Chirurgengilde und den Professor Tulp in
+einem gemeinschaftlichen Bilde abgemalt hatte, so wurde ihm jetzt die
+Aufgabe gestellt, den Amsterdamer Schützenhauptmann Frans Banning Cock mit
+seiner Kompanie in einem großen Gemälde zu verewigen, welches für deren
+Gildenhaus bestimmt war. Aber hier war eine ungleich größere Anzahl von
+Personen zu vereinigen, als in dem Chirurgenbild. Rembrandts Vorgänger
+hatten derartige Aufgaben gelöst, so gut es ging, und sich bemüht, einem
+jeden der Beitragzahler sein Recht zukommen zu lassen, daß er ebenso
+deutlich gesehen und erkannt würde wie die übrigen; die Vereinigung der
+Personen bei einem Festmahl war die beliebteste Art und Weise, Leben in die
+Nebeneinanderstellung der vielen gleichmäßig beleuchteten Bildnisköpfe zu
+bringen. Rembrandt aber schuf ein Bild voll bewegten Lebens, indem er den
+Augenblick wählte, wie die Kompanie, im Begriff sich zu einem Zuge zu
+ordnen, aber noch in voller Unordnung, das Schützenhaus verläßt. Und über
+diesen bewegten Vorgang goß er sein Zauberlicht aus, mit dessen Hilfe er
+aus dem Genossenschaftsbild der Amsterdamer Schützen ein in seiner Art ganz
+einzig dastehendes, jeden Beschauer mit einer seltsamen Macht ergreifendes
+Kunstwerk schuf. In der Mitte des Bildes schreitet an der Spitze seiner
+Kompanie der Kapitän Frans Banning Cock. Ein voller Lichtstrahl trifft
+seinen Oberkörper, und seine im Gespräch mit dem neben ihm gehenden
+Leutnant Willem van Ruytenberg erhobene Hand wirft einen scharfen
+Schlagschatten auf dessen helles Lederkoller. Der in vornehme dunkele
+Tracht gekleidete Hauptmann führt als Würdezeichen nur einen Stab, der
+Leutnant trägt die Partisane in der Hand. Hinter den beiden drängen sich
+die mannigfaltig gekleideten und ausgerüsteten Schützen mit Arkebusen und
+Spießen; Zugordner mit Hellebarden werden auf beiden Seiten sichtbar, und
+eifrig rührt der Tambour seine Trommel. Neben einem der Schützen, der eben
+beschäftigt ist, im Gehen sein Gewehr zu laden, läuft neckisch lachend ein
+Knabe, der sich eine Sturmhaube aufgestülpt hat. Zwei andere Kinder,
+besonders auffallend ein hellgekleidetes Mädchen, an dessen Gürtel ein
+weißer Hahn -- wie vermutet wird, ein Schützenpreis -- hängt, bewegen sich,
+den Zug quer durchkreuzend, am Fuß der Treppe, auf deren Höhe zwischen
+anderen der Fahnenträger Jan Visser Cornelißen seine stolze Gestalt zeigt.
+Die Namen der Schützen sind auf einer am Thorpfeiler angebrachten Tafel
+angeschrieben. Es sind sechzehn Personen, die hier genannt werden; wir
+können aus dieser Zahl die Summe berechnen, welche Rembrandt für seine
+Arbeit bekam, da wir aus einer in Erbschaftsangelegenheiten gemachten
+gerichtlichen Aussage eines der Beteiligten erfahren, daß der Beitrag des
+einzelnen zu dem Bilde hundert Gulden betrug. Das Bild befand sich bis zum
+Anfang des vorigen Jahrhunderts in dem am Singel gelegenen Vereinshause der
+Bürgerschützen. Dann wurde es in das Stadthaus übergeführt, und bei dieser
+Gelegenheit soll es, um es dem vorhandenen Raum zwischen zwei Thüren
+anzupassen, an den Seiten beschnitten worden sein. In der That zeigt eine
+in der Londoner Nationalgalerie befindliche alte Kopie (die wegen ihrer
+guten Erhaltung, infolge deren sie manches deutlicher erkennen läßt als das
+Original, unserer Abbildung zu Grunde gelegt ist) mehr von der Gestalt des
+Trommlers als das Original, und gegenüber werden hinter dem auf einer
+Brüstung sitzenden Sergeanten mit der Hellebarde noch zwei Figuren
+sichtbar, welche dort gänzlich fehlen (Abb. 113).
+
+[Illustration: Abb. 104. _Landschaft mit Windmühle._ Handzeichnung in der
+Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 105. _Landschaft mit Häusern am Wasser._ Handzeichnung
+in der Albertina zu Wien. (Nach einer Aufnahme von Braun, Clément & Cie. in
+Dornach i. E. und Paris.)]
+
+In dem nämlichen Jahre, welches die Vollendung des Bildes sah, das allein
+schon ausreichen würde, Rembrandts Namen die Unsterblichkeit zu sichern,
+entriß der Tod dem Meister die Gattin. Saskia hatte Rembrandt in
+siebenjähriger Ehe vier Kinder geschenkt, von denen aber nur das letzte,
+ein Sohn, der am 22. September 1641 auf den Namen Titus getauft wurde, die
+Mutter überlebte. Am 5. Juni 1642 machte Saskia, krank und bettlägerig, ihr
+Testament. Vierzehn Tage später ward sie aus dem Hause in der Breestraat,
+welches Rembrandt wenige Jahre vorher gekauft und mit künstlerischer Pracht
+eingerichtet hatte, hinausgetragen und auf dem Friedhof der Alten Kirche
+(=Oude Kerk=) begraben. -- Rembrandts Trost war seine Arbeit. Beim Anblick
+der Radierungen, welche die Jahreszahl 1642 tragen, möchten wir denken, daß
+der Meister hier einen Teil der Empfindungen, die ihn beim Verlust der
+Gattin bewegten, verarbeitet hat. Wie der heilige Hieronymus, den er
+darstellt, wie er tief versunken über dem Buch der Bücher sinnt und sich
+nicht davon trennen kann, ob auch die Nacht hereinbricht und nur noch ein
+spärlicher Dämmerungsschimmer durch das Fenster des Gemaches dringt, so
+sucht auch er Beruhigung in der Einsamkeit und in der heiligen Schrift. Er
+denkt an den Tod des Erlösers und skizziert mit wenigen ausdrucksvollen
+Strichen eine ergreifende Darstellung der Kreuzabnahme auf eine
+Kupferplatte (Abb. 114). Er vergegenwärtigt sich die Verheißungen des
+Siegers über den Tod und schafft das hochpoetische Blatt, welches uns den
+Heiland zeigt, wie er den Lazarus aus seinem in einer Felsengrotte
+gelegenen Grabe ins Leben zurückruft, nicht wie auf jener älteren Radierung
+mit machtvollem Gebot, sondern mit mildem und friedlichem Segensspruch
+(Abb. 116). -- Dann versucht er sich das Bild der Verstorbenen so lebendig
+zurückzurufen, daß er das, was in seinem Gedächtnis erscheint, auf die
+Leinwand bannen kann, als ob Saskia noch leibhaftig vor ihm säße. Nicht
+ohne Rührung können wir das im Jahre 1643 gemalte wunderbar schöne Bild im
+Berliner Museum betrachten, welches uns die Gattin des Meisters in
+verklärter Lieblichkeit, mit ihrem holdseligsten Lächeln zeigt.
+
+Die Jahre 1644 und 1645 bringen außer Bildnissen wieder mehrere biblische
+Gemälde. Von 1644 ist das figurenreiche und empfindungstiefe Bild in der
+Londoner Nationalgalerie: »Die Ehebrecherin vor Christus.« Von den Werken
+des folgenden Jahres besitzt das Berliner Museum zwei ganz kleine, aber
+durch die feine Wirkung anziehende Bildchen: das eine stellt die Frau des
+Tobias dar, wie sie die Ziege heimbringt, die ihr Mann nicht annehmen will
+wegen des Verdachts, daß sie gestohlen sei; das andere, das sich durch die
+Schönheit der Farbe ebenso wie durch diejenige der Wirkung auszeichnet,
+zeigt den heiligen Joseph, dem im Traume der Engel erscheint, um ihm die
+Flucht nach Ägypten zu befehlen.
+
+[Illustration: Abb. 106. _Landschaft mit Kanal und Zugbrücke._
+Handzeichnung in der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie
+von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Wie Rembrandt 1643 seine Gattin in einem Bilde hatte wiederaufleben lassen,
+so machte er sich 1645 das Andenken seines schon 1638 verstorbenen
+Freundes, des Predigers Jan Cornelisz Silvius, lebendig, indem er dessen
+ausdrucksvolle Züge in einem gemalten Bildnis, welches sich jetzt im
+Besitze von Herrn A. von Carstanjen in Berlin befindet, und außerdem in
+einer lebensvollen Radierung wiedergab.
+
+Ein Hauptwerk von Rembrandts Porträtmalerei ist das mit der Jahreszahl 1645
+bezeichnete Bild eines alten jüdischen Kaufmannes, der in dunkelbraunem
+Rock, in braunem Pelzmantel und Pelzmütze dasitzt, die beiden mageren Hände
+auf einen Stock gestützt, die Blicke kühl und ruhig auf den Beschauer
+heftend. Dieses Gemälde ist schon in alter Zeit wiederholt kopiert worden;
+das Original befindet sich in der Ermitage zu Petersburg, gute alte
+Nachbildungen in den Galerien von London und Kassel. Das holländische
+Reichsmuseum zu Amsterdam besitzt ein nicht minder vortreffliches Bildnis,
+das um die nämliche Zeit entstanden sein muß, in dem Bild der bejahrten
+Witwe des Admirals Swartenhondt, die in schwarzseidenem Kleide mit
+Pelzbesatz, in weißem Kragen und weißer Haube im Lehnstuhl sitzt und mit
+zusammengelegten Händen über dasjenige nachzudenken scheint, was sie eben
+in der neben ihr liegenden Bibel gelesen hat. -- Ein Prachtbild aus
+annähernd derselben Zeit ist auch das in Abb. 115 wiedergegebene Porträt
+eines alten Rabbiners im Buckinghampalast.
+
+Wenn wir solche Bildnisse mit den früheren vergleichen, so gewahren wir
+eine augenfällige Veränderung der Vortragsweise. An die Stelle der
+fleißigen Sorgfalt, mit der er sonst die Farben miteinander zu verschmelzen
+pflegte, ist eine kühne Sicherheit getreten, welche das ganze Maß von
+Vollendung scheinbar ganz mühelos erreicht, indem jeder Pinselstrich mit
+Unfehlbarkeit die Stelle trifft, wo er sitzen soll. Mit den vierziger
+Jahren beginnt, ungefähr gleichzeitig mit dem Auftreten der eigentümlichen
+goldigen Beleuchtung, in Rembrandts Malerei die breite Vortragsweise, die
+das Staunen und die Bewunderung aller ist, welche Rembrandts Werke mit
+Handwerksinteresse betrachten.
+
+Eine ergreifende Schöpfung ist die kleine Radierung von 1645, welche
+Abraham und Isaak auf dem Weg zur Opferstätte zeigt. Sie sind auf der
+einsamen Höhe des von Wolken umzogenen Berges angelangt. Abraham, der in
+der reichen morgenländischen Tracht erscheint, die Rembrandt sich für die
+Patriarchen ersonnen hatte, hat das Feuerbecken zu Boden gesetzt und hat
+sich nach seinem Knaben umgewendet; der aber steht erstaunt und hält das
+Holzbündel, das er von der Schulter genommen hat, noch unschlüssig vor
+sich; seine Augen suchen fragend nach dem Opfertier, das unter dem breiten
+Schächtmesser, welches der Vater am Gürtel trägt, verbluten soll; sein
+kindlicher Verstand kann nicht fassen, was der Vater mit einem Gesicht,
+dessen Muskeln zu zucken scheinen, um die Rührung gewaltsam
+niederzukämpfen, und mit aufwärts deutender Hand ihm sagt, daß Gott sich
+schon das Opferlamm ersehen habe (Abb. 117). Dem Gedanken nach zu diesem
+Blatt gehörig, wenn auch vielleicht nicht gleichzeitig mit demselben
+entstanden, ist ein anderes, welches die Schwere des Opfers, das
+darzubringen Abraham sich dort anschickt, durch ein gemütvolles Genrebild
+hervorhebt: Abraham sitzt vor der Thür seines Hauses und seine knochige
+Hand gleitet zärtlich über die runde Wange des Knaben, den er lieb hat und
+der sich, fröhlich lachend, mit einem Apfel in der Hand, zwischen die Kniee
+des Vaters schmiegt (Abb. 118 gibt den seltenen ersten Plattenzustand der
+Radierung wieder). -- Mehrere nach der Natur radierte Landschaften tragen
+die Jahreszahl 1645. Davon ist die »Ansicht von Omval« ein vorzüglich
+reizendes Blatt: ein Blick über das Wasser auf einen kleinen Ort mit
+Windmühlen und spitzem Kirchturm, im Vordergrund eine malerische
+Weidengruppe mit tiefen Schatten. Das unter dem Namen »die Sixbrücke«
+bekannte sehr seltene Blatt -- ein Kanal mit ein paar Kähnen, eine flache
+Fernsicht, vorn eine Brücke und ein paar Bäumchen -- verdient besondere
+Erwähnung wegen des Geschichtchens, das sich an seine Entstehung knüpft.
+Rembrandt wurde von Jan Six häufig auf dessen Landgut mitgenommen. Bei
+einem dieser Ausflüge, so wird erzählt, als die beiden Freunde sich zu
+Tisch setzen wollten, bemerkten sie, daß der Senf fehlte, und Six schickte
+seinen Diener in das Dorf, um solchen zu holen; da Rembrandt die
+Langsamkeit des Dieners kannte, so bot er Six die Wette an, er werde eine
+Radierung ausführen, bevor der Diener zurück sei; er nahm eine der
+Kupferplatten, die er bei sich zu tragen pflegte, radierte die vom Fenster
+aus sich darbietende Aussicht und gewann die Wette. Das Blatt ist in
+derselben Weise mit Umrißlinien gezeichnet, wie Rembrandt es mit seinen
+landschaftlichen Stift- oder Federzeichnungen nach der Natur zu thun
+pflegte. Gelegentlich begegnen wir unter seinen landschaftlichen
+Skizzenbuchblättern aber auch solchen, in denen er kräftige Licht- und
+Schattenwirkungen festgehalten hat, die in der Natur ihm ähnliche
+Erscheinungen vor Augen führten, wie seine Einbildungskraft sie zu schaffen
+liebte; dahin gehört die angetuschte Federzeichnung in der Albertina,
+welche ein paar alte Strohhütten in der grellen Beleuchtung zeigt, die
+entsteht, wenn die tiefstehende Sonne ihre Strahlen unter schweren,
+schwarzen Gewitterwolken hersendet (Abb. 119).
+
+Wenn Rembrandt Landschaftsbilder malte, so pflegte er im Gegensatz zu
+seinen gewissenhaften Zeichnungen sich nicht an die Wirklichkeit zu halten,
+sondern sich in freien Phantasien zu ergehen. Ein anspruchsloses Stückchen
+abgemalter Wirklichkeit aber zeigt uns die ganz kleine reizende
+Winterlandschaft von 1646 in der Galerie zu Kassel, die uns mit drei Tönen
+-- einer blauen Luft, einer bräunlichen Reihe von Gebäuden und einer goldig
+überstrahlten Eisfläche -- mitten in einen sonnigen holländischen Wintertag
+versetzt, an dem die Schlittschuhläufer vergnügt in der erfrischenden Luft
+sich tummeln.
+
+An Figurenbildern bringt das Jahr 1646 eine Anbetung der Hirten, in der
+Nationalgalerie zu London, und eine heilige Familie, in der Kasseler
+Galerie. Das letztgenannte versetzt uns ebenso wie das Pariser Bild von
+1640 und ein 1645 gemaltes Bild des nämlichen Gegenstandes, das sich in der
+Ermitage zu Petersburg befindet, in die ärmliche Behausung eines
+Handwerkers. Aber welche Fülle heimlichster häuslicher Poesie, die das
+scheinbare Genrebild weit über das Alltägliche hinaushebt, hat der Meister
+dahineingearbeitet! Die junge Mutter sitzt in bescheiden bürgerlichem
+Hauskleid da und drückt den Knaben an sich, der ihr zärtliche Wörtchen ins
+Ohr flüstert. Man glaubt zu sehen, wie sie den Oberkörper vorwärts und
+rückwärts wiegt, während sie in das auf dem Estrich brennende Feuer blickt,
+an dem das irdene Breitöpfchen für den Kleinen gewärmt wird. Ein warmes
+Licht, wie von eben erloschener Abendsonne, erhellt das Gemach; seine
+Strahlen sammeln sich auf dem frischen Linnen der Korbwiege und werfen von
+da aus goldige Reflexe auf die dürftige Bettstatt. Draußen aber, wo vor der
+Thüre der fleißige Hausvater noch mit Holzhacken beschäftigt ist, herrscht
+schon kühle Dämmerung; während drinnen die Koseworte, die Mutter und Kind
+austauschen, von dem traulichen Knistern der Flamme und von dem
+behaglichen Schnurren der neben dem Feuer liegenden Hauskatze begleitet
+werden, glaubt man in den Wipfeln der Bäume, die man durch das Fenster und
+den offenen Eingang erblickt, den Abendwind leise rauschen zu hören. Um
+auch äußerlich etwas dafür zu thun, daß das Gemälde nicht für ein
+alltägliches Familienbild gehalten werde, hat Rembrandt dasselbe so
+dargestellt, als ob es ein für gewöhnlich verdecktes und eben nur für kurze
+Zeit dem Beschauer enthülltes geweihtes Bild sei, -- die Sitte,
+Kirchenbilder an den Wochentagen mit einem Vorhang zu verdecken, besteht in
+den Niederlanden noch heute --; er hat einen reich verzierten Goldrahmen um
+die Darstellung herumgemalt, an dem oben eine Stange befestigt ist mit
+einem das Bild für gewöhnlich verhüllenden, jetzt aber beiseite gezogenen
+rotseidenen Vorhang. Bei dem Petersburger Bild aus dem vorhergegangenen
+Jahre hatte Rembrandt ein anderes Mittel angewendet, um das Familienbild in
+das Gebiet des Göttlichen zu erheben; dort schweben leuchtende
+Engelgestalten über Mutter und Kind.
+
+[Illustration: Abb. 107. _Der Mennonitenprediger Cornelis Claes Anslo und
+eine Witwe._ Gemälde von 1641 im königl. Museum zu Berlin.]
+
+[Illustration: Abb. 108. _Bildnis einer alten Dame._ In der Ermitage zu St.
+Petersburg. (Nach einem Schabkunstblatt von Richard Earlom.)]
+
+[Illustration: Abb. 109. _Bildnis eines Unbekannten._ (Der Mann mit Kette
+und Kreuz.) Radierung von 1641.]
+
+Aus dem Jahre 1647 besitzt das Berliner Museum ein ganz kostbares kleines
+Gemälde: »Susanna im Bade.« Es ist eine Schöpfung voll wunderbaren
+Farbenzaubers; den Lichtpunkt bildet das weiße, jugendwarme Fleisch der
+Susanna, die sich in dem saftig grünen Dunkel des Gartens sorglos
+entkleidet und ihren roten Rock neben sich gelegt hat. Ebenso
+bewunderungswürdig wie die Licht- und Farbenwirkung ist der Ausdruck der
+Figuren; in ganz unvergleichlicher Weise ist die nichtswürdige Lüsternheit
+der beiden Alten gekennzeichnet, die geräuschlos wie Diebe von hinten
+heranschleichen.
+
+[Illustration: Abb. 110. _Die drei Orientalen._ (Jakob und Laban.)
+Radierung von 1641.]
+
+In dem nämlichen Jahre schuf Rembrandt seine berühmteste Bildnisradierung.
+Er bildete den damals als Sekretär in der städtischen Verwaltung thätigen
+nachmaligen Bürgermeister Six in ganzer Figur ab, wie er an einem Fenster
+seiner vornehm eingerichteten Wohnung lehnt und irgend ein wichtiges
+Aktenstück aufmerksam durchliest. Es liegt ein unbeschreiblicher Zauber in
+der diesmal ganz naturgetreuen Beleuchtung, die durch das große Fenster
+zwischen den dunklen Vorhängen voll einfällt, den Kopf des Mannes und seine
+Hände, die das Schriftstück ins Helle halten, mit gesammelter Kraft trifft,
+sich dann auf dem Boden verbreitert, einen mit weiteren Aktenstößen
+beladenen Stuhl hervorhebt und weiter seitwärts im Zimmer befindliche
+Gegenstände mit blitzartigen Streiflichtern berührt.
+
+Wenn wir aus den Bildnissen, die Rembrandt anfertigte, auf seinen Umgang
+schließen dürfen, so verkehrte er in der allerbesten Gesellschaft von
+Amsterdam. Mit Six jedenfalls war er in aufrichtiger Freundschaft
+verbunden. Dagegen scheint er mit seinen Kunstgenossen nur wenig Verkehr
+gepflogen zu haben; wenigstens sind die Malerbildnisse selten unter seinen
+Werken. Er stand in seiner Eigenart den übrigen Malern -- abgesehen
+natürlich von seinen Schülern -- fremdartig gegenüber, und seine
+Abgeschlossenheit mag zum großen Teil die seltsamen Gerüchte veranlaßt
+haben, die in jenen Kreisen über ihn umliefen. Doch porträtierte Rembrandt
+im Jahre 1647 den Tier- und Landschaftsmaler Nikolaas Berchem, der gleich
+ihm ein Sammler von Kunstgegenständen und Merkwürdigkeiten war, nebst
+seiner Frau (beide Gemälde befinden sich in einer englischen Sammlung) und
+radierte das Bildnis des hauptsächlich durch italienische Landschaften
+bekannten Malers Jan Asselyn, der in Freundeskreisen wegen seiner nicht
+gerade vorteilhaften Gestalt den Beinamen =het Crabbetje=
+(Verkleinerungsform von Krabbe) führte. An diese schöne Bildnisradierung
+(Abb. 120) knüpft sich eine drollige Geschichte, die einem Fälscher
+widerfahren sein soll. Auf dem Tische, auf welchen Asselyn seine Rechte
+stützt, erblicken wir neben mehreren Büchern Pinsel und Palette;
+ursprünglich hatte Rembrandt das Malgerät noch durch eine hinter dem Tische
+stehende Staffelei -- auf holländisch =ezel= -- vervollständigt. Da ihm
+aber dieses Gestell die Bildwirkung störte, so beseitigte er dasselbe
+wieder, nachdem er eine geringe Anzahl von Abzügen genommen hatte. Eben
+wegen der Seltenheit aber wurde nun »_=Asselijn met den ezel=_« von den
+Sammlern besonders geschätzt und teuer bezahlt; daher verfiel ein deutscher
+Kupferstecher auf den Gedanken, solche Abdrücke fälschlich herzustellen; er
+kopierte das Bildnis des Asselyn und fügte im Hintergrunde -- nicht etwa
+eine Staffelei, sondern, das holländische Wort mißverstehend, einen Esel
+hinzu; natürlich hatte er damit bei den Sammlern Rembrandtscher Radierungen
+wenig Glück, und man sagte ihm, er habe sein eigenes Bild neben dasjenige
+Asselyns gesetzt. Ob die Geschichte wahr ist, kann dahingestellt bleiben,
+aber sie ist bezeichnend für die Beliebtheit, deren sich Rembrandts Blätter
+gleich nach ihrem Erscheinen erfreuten, so daß die Anfertigung
+betrügerischer Nachbildungen als ein einträgliches Geschäft angesehen
+werden konnte. -- Ein Maler, zu dem Rembrandt in näherer Freundschaft
+stand, war Hercules Seghers. Dieser sonst wenig bekannte Künstler hat
+seinen Namen hauptsächlich durch landschaftliche Radierungen auf die
+Nachwelt gebracht, und Rembrandt hat es nicht verschmäht, die
+stimmungsvollen Landschaftskompositionen seines Freundes mit Figuren zu
+»staffieren« (Abb. 122).
+
+[Illustration: Abb. 111. _Das Opfer des Manoah._ Gemälde von 1641, in der
+königl. Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Photographie von Franz
+Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 112. _Die Aussöhnung Esaus und Jakobs._ Gemälde von
+1642 im Museum der Ermitage zu St. Petersburg. (Nach einer
+Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
+Paris.)]
+
+Es war damals sehr beliebt, dichterisch erfundenen Landschaften dadurch,
+daß man einen biblischen oder mythologischen Vorgang in ihnen sich
+abspielen ließ, eine höhere Bedeutung zu geben. Rembrandt selbst verstand
+sich meisterhaft darauf, die landschaftliche Stimmung mit der figürlichen
+Darstellung einheitlich zu verweben, und so kann es uns nicht wunder
+nehmen, wenn wir auch einmal einem Bilde von ihm begegnen, welches einen
+biblischen Gegenstand in überwiegend landschaftlicher Weise behandelt. Die
+Londoner Nationalgalerie besitzt von ihm eine reizvolle Abendlandschaft, in
+welcher der Blick an einem dunklen Waldessaum vorbei in eine weite,
+hügelige Ferne schweift; man fühlt die Einsamkeit, und man ahnt, daß ein
+Wanderer, der hier die Sonne hat untergehen sehen, noch rüstig ausschreiten
+muß, um vor Einbruch der gefahrdrohenden Finsternis eine Herberge zu
+finden; der Wanderer aber, den wir hier erblicken, braucht nichts zu
+fürchten: es ist Tobias, und neben ihm schreitet der Engel.
+
+[Illustration: Abb. 113. _Die Scharwache._ Genossenschaftsbild einer
+Amsterdamer Schützenkompanie, gemalt 1642. (Nach einer alten Kopie, welche
+das Bild ohne die später vorgenommenen seitlichen Beschneidungen zeigt,
+photogr. von Braun & Cie.)]
+
+[Illustration: Abb. 114. _Christi Abnahme vom Kreuz._ Radierung von 1642.]
+
+Ein großes Meisterwerk im kleinsten Maßstabe ist das 1647 gemalte Bildnis
+des gelehrten Arztes Ephraim Bonus, eines portugiesischen Juden, das sich
+in der Sammlung des Herrn Six zu Amsterdam befindet. Das Bildchen ist nur
+20 Centimeter hoch, kaum größer als die Radierung, in welcher Rembrandt das
+Bildnis desselben Mannes weiteren Kreisen überlieferte.
+
+Sein eigenes Bildnis hat Rembrandt im Jahre 1647 mehrmals gemalt. Wohl
+zeigt seine Haltung noch ein vornehmes Selbstbewußtsein, aber der Ernst,
+der seinen Zügen schon lange eigen war, hat etwas geradezu Düsteres
+angenommen, und selbst das einst so leuchtende Auge blickt trübe und müde.
+Man ahnt nicht, welche Fülle von Schaffenslust noch hinter dieser jetzt
+schon stark gefurchten Stirn wohnt (Abb. 121).
+
+In der That war das Jahr 1648 eines der fruchtbarsten in Rembrandts Leben,
+und unter den mit dieser Jahreszahl bezeichneten Werken befinden sich
+viele, die zu den glücklichsten Schöpfungen des Meisters zählen. In einer
+Radierung von prächtiger Helldunkelwirkung zeigt er sich selbst in der
+Emsigkeit der Arbeit. Mit einem runden Hut auf dem Kopf sitzt er an einem
+kleinen Fenster und zeichnet in ein vor ihm liegendes Heft; die Gewißheit
+des sicheren künstlerischen Erfassens leuchtet aus dem scharf beobachtenden
+Blick. Aber was er uns in diesem Jahre bringt, sind nur zum geringsten
+Teile die unmittelbaren Ergebnisse seiner scharfen Beobachtung. Allerdings
+fehlen auch die geistvollen Wiedergaben des in der Wirklichkeit Gesehenen
+nicht. Das kostbare Prachtblättchen, das uns in eine Synagoge blicken läßt,
+wo verschiedene alte Juden kommen und gehen und sich in einer Weise
+unterhalten, daß wir das Durcheinandersummen der gedämpften Stimmen zu
+hören glauben, ist wie aus dem Leben abgeschrieben (Abb. 123). Das
+wunderbar schön radierte Blatt, welches uns eine Bettlerfamilie zeigt, die
+an einer Hausthür von einem freundlichen Greis mit einer Gabe bedacht wird,
+ist eine der vollendetsten von des Meisters meisterhaften Schilderungen aus
+dem Leben der Armen (Abb. 124). Aber vorzugsweise vertiefte Rembrandt jetzt
+sich in die Welt des Wunderbaren. Man möchte sagen, daß die geheimnisvolle
+Lichtquelle selbst, die Rembrandts Bilder beleuchtet, sich uns in einer
+gespensterhaften Erscheinung offenbart, wenn wir das unvergleichliche Blatt
+»Doktor Faust« betrachten. Die Sage von dem wissensdurstigen, mit Hilfe
+böser Mächte in übernatürliche Geheimnisse eingedrungenen Dr. Johannes
+Faustus war seit dem XVI. Jahrhundert in Deutschland und in England ein
+beliebter Gegenstand volkstümlicher Bearbeitung. Das 1588 zu Frankfurt am
+Main erschienene Volksbuch war fast in alle abendländischen Sprachen
+übersetzt worden, die Erzählung konnte daher Rembrandt sehr wohl bekannt
+sein. Die Darstellung eines Dr. Faust bot damals der bildenden Kunst
+weniger Schwierigkeiten als heutzutage; denn auch die Gebildeten glaubten
+damals noch allgemein an die Möglichkeit eines persönlichen Verkehrs mit
+den Mächten der Finsternis und an die Möglichkeit, mit deren Hilfe ein
+höheres Wissen zu erlangen, als sonst den Sterblichen beschieden ist; und
+es gab wohl kaum jemand, der an der buchstäblichen Wahrheit dessen, was das
+Buch erzählte, gezweifelt hätte. So hat denn Rembrandts »Faust« den Reiz
+der vollsten Ursprünglichkeit, man möchte fast sagen der Wahrhaftigkeit.
+Wir blicken in ein dunkeles Gemach, das mit allerlei Geräten der
+Gelehrsamkeit vollgepfropft ist; Tag und Nacht hat der Gelehrte über die
+Geheimnisse der schwarzen Kunst gegrübelt und hat sich nicht Zeit genommen,
+seine Morgenkleidung mit einem anderen Anzug zu vertauschen. Endlich ist
+ihm eine Beschwörung gelungen; aus dunkelen Dämpfen, welche den unteren
+Teil des großen Fensters verhüllen, leuchtet eine strahlende Lichtscheibe
+empor und trifft mit einem blitzenden Strahl das vertrocknete Gesicht des
+Gelehrten. Dieser ist aufgesprungen, und beide Hände aufstützend, den
+Oberkörper vorwärts beugend, blickt er mit Spannung und Erregung in den
+Spiegel, den nebelhafte Hände, die unterhalb der Lichtscheibe sich aus den
+Dämpfen gebildet haben, ihm zeigen. Wird seine Wissensbegehrlichkeit da
+eine Befriedigung finden? Wiederholt ihm der Zauberspiegel nur die
+kabbalistischen Worte, die in dem Lichtgespenst erscheinen? Das einzige für
+uns verständliche Wort in den kreisenden Schriftreihen ist der Name des
+ersten Menschen; und in der Mitte des Lichtes erscheinen in den vier
+Winkeln eines Kreuzes die vier Buchstaben _=INRI=_; heißt das »=Jesus
+Nazarenus Rex Judæorum=,« und wird damit dem Schwarzkünstler die Warnung
+erteilt, daß der Abkömmling Adams sich die Offenbarungen des Christentums
+genügen lassen und nicht weiter nach dem Unbegreiflichen forschen soll? Daß
+dieser Gedanke in der Darstellung verborgen liege, hat bei Rembrandts
+streng christlicher Gesinnung nichts Unwahrscheinliches (Abb. 125).
+
+[Illustration: Abb. 115. _Bildnis eines Rabbiners._ Gemälde im
+Buckingham-Palast. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E., Paris und New York.)]
+
+[Illustration: Abb. 116. _Die (kleine) Auferweckung des Lazarus._ Radierung
+von 1642.]
+
+[Illustration: Abb. 117. _Abraham und sein Sohn Isaak auf der Opferstätte._
+Radierung von 1645.]
+
+[Illustration: Abb. 118. _Abraham, Isaak liebkosend._ Radierung. (Erster
+Plattenzustand.)]
+
+Zur Behandlung eines heidnischen Stoffes wurde der Meister veranlaßt durch
+die Veröffentlichung des von seinem Freunde Six gedichteten Trauerspiels
+»Medea.« Dazu lieferte er die große Prachtradierung »Vermählung des Jason
+mit Krëusa.« Archäologische Studien hatte Rembrandt nicht gemacht. Eine
+Hochzeit im griechischen Sagenalter dachte er sich als eine religiöse
+Feier, deren Formen den christlichen Kirchengebräuchen entsprachen. Wir
+blicken in einen phantastisch erdachten Säulenbau, in dessen Bogen und
+Wölbungen ungeachtet der Seltsamkeit ihrer Konstruktion die eigentümliche
+Poesie lagert, welche den hochgewölbten mittelalterlichen Kirchen
+innewohnt. Auf der Chorerhöhung steht der Altar, auf dem die Opferflamme
+lodert; darüber thront das Bild der Ehegöttin Juno, die der Pfau an ihrer
+Seite kenntlich macht. Am Altar steht der Priester, dessen Kopfbedeckung
+und Stab phantastische Umbildungen der bischöflichen Ornatstücke sind, und
+spricht den Segen über das in fürstlicher Tracht vor ihm knieende Paar;
+vornehme Zuschauer erfüllen das Schiff der Kirche, und dem Altar gegenüber
+hat auf einer Emporbühne der Sängerchor Platz genommen. Eine festliche
+Helligkeit dringt durch die hohen Fenster in den Raum, nur der Chorumgang
+hinter dem Altar liegt im Dunkel; hier erblicken wir eine vornehm
+gekleidete Gestalt, der ein kleiner Diener die Schleppe trägt. Die
+Gesichtszüge dieser Frau verschwimmen im dämmerigen Schatten; aber wie sie
+da ungesehen einherschleicht, das hat etwas Unheimliches, und auch ohne
+den Ausdruck ihres Gesichts zu erkennen, ahnen wir, daß sie Verderben
+bringt. Könnten wir nicht erraten, daß dies die verlassene Medea ist, so
+würden uns die Verse der Unterschrift darüber belehren, die in
+hochdeutscher Übersetzung also lauten:
+
+ »Krëus' und Jason hier einander Treu' geloben;
+ Medea, Jasons Frau, unrecht beiseit' geschoben,
+ Wird angefacht vom Zorn, der Rachsucht nachzugehn.
+ Ach, ungetreuer Sinn, was kommst du teu'r zu stehn!«
+
+Die ersten Abdrücke dieses Blattes zeigen das Junobild mit bloßem Kopfe;
+später befand es der Künstler für nötig, demselben durch Aufsetzen einer
+Krone ein würdevolleres Ansehen zu geben; im dritten Plattenzustand sind
+die Namensunterschrift Rembrandts mit der Jahreszahl 1648 und die
+angeführten Verse hinzugekommen (Abb. 126). Das Blatt gehörte zu
+denjenigen, von denen man als Kunstliebhaber mindestens zwei Abdrücke
+besitzen mußte, ein »Junochen ohne Krone« und ein »Junochen mit Krone.«
+
+[Illustration: Abb. 119. _Landschaft mit Gewitterstimmung._ Handzeichnung
+in der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
+Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Bei dem großen Wert, den die Sammler allen seinen Radierungen damals schon
+beilegten, so daß sie mit wahrer Begierde immer neuen Blättern
+entgegensahen, konnte es Rembrandt sich schon erlauben, auch solche
+Platten, an denen ihm die Lust vergangen war, so daß er sie unfertig liegen
+ließ, durch Hinzufügung seiner Namensunterschrift für abgeschlossen zu
+erklären und die Abzüge derselben in den Handel zu bringen. Ein sprechendes
+Beispiel ist der »große heilige Hieronymus« von 1648, ein Blatt, auf dem
+fast nichts Weiteres ausgeführt ist, als ein Weidenstamm im Vordergrund.
+Freilich hat das Blatt auch so einen unbestreitbaren hohen Kunstwert; denn
+das Gesicht des Heiligen, der mit einer Brille bewaffnet an seiner
+Übersetzung des heiligen Wortes schreibt, ist, obgleich erst mit wenigen
+Strichen angedeutet, ein Wunderwerk des Ausdrucks.
+
+Zweimal malte Rembrandt in diesem Jahre die Erscheinung des Erlösers zu
+Emmaus. Das eine dieser Bilder befindet sich im Museum zu Kopenhagen, das
+andere, das zu den ausdrucksvollsten Meisterwerken Rembrandts zählt, zu
+Paris im Louvre. Der Augenblick des Erkennens ist dargestellt. Ganz
+überwältigt blicken die beiden Jünger den Heiland an, der, von
+geheimnisvollem Licht umflutet, die Augen nach oben wendet und das Brot
+bricht; die schmerzlichen Züge seines Antlitzes spiegeln noch das
+überstandene Erdenleiden wieder. Einen wirkungsvollen Gegensatz gegen die
+weihevolle Ergriffenheit, mit der die Jünger das Wunderbare erkennen,
+bildet die verhaltene blöde Verwunderung des jungen Dieners, der eben ein
+Gericht auf den Tisch zu setzen sich anschickt und der das Staunen der
+beiden nicht begreift; man meint zu sehen, wie seine Augen von jenem auf
+diesen und dann wieder auf den dritten wandern (Abb. 127).
+
+[Illustration: Abb. 120. _Jan Asselyn_, Maler. Radierung von 1647.]
+
+Ein ebenso fesselndes Meisterwerk aus demselben Jahr besitzt die
+Louvresammlung in dem Bilde »der barmherzige Samariter,« in welchem dem
+Meister die Lösung dieser wiederholt von ihm behandelten Aufgabe am
+glücklichsten gelungen ist. Es ist Abend; in dem Gasthaus, das vor dem
+Thore einer Stadt an der Landstraße liegt, beginnt es lebendig zu werden;
+mehrere Pferde sind neben dem Brunnen am Hause angebunden, und die Gäste
+legen sich, da sie wieder Hufschläge gehört haben, mit gewohnheitsmäßiger
+Neugier ins Fenster der Wirtsstube, um zu sehen, wer da noch ankommt. Die
+Wirtin eilt dienstbeflissen an die Treppe des Hauses, um den neuen
+Ankömmling in Empfang zu nehmen. Es ist ein gut gekleideter Mann, der da
+die Treppe hinansteigt; aber nicht diesen soll sie beherbergen, sondern den
+unglücklichen Verwundeten, nach dem jener mit liebevoller Besorgnis sich
+umsieht. Dieser Verwundete ist ein Bild des Jammers, er stöhnt, jede
+Bewegung der beiden Knechte, die ihn eben vom Pferde gehoben haben,
+verursacht ihm Schmerzen. Niemand kann ihn ohne Bedauern ansehen, außer dem
+Stalljungen, der das Pferd hält und der sich mit der Mitleidslosigkeit des
+Knabenalters, bloß von Neugierde erfüllt, auf die Zehen hebt, um über den
+Rücken des Pferdes hinweg besser sehen zu können (Abb. 128).
+
+Die großen weltgeschichtlichen Ereignisse des XVII. Jahrhunderts gingen im
+allgemeinen fast unbemerkt an den holländischen Malern vorüber. Aber der
+Abschluß des Westfälischen Friedens, der ja für den niederländischen
+Freistaat die endgültige Anerkennung seiner Unabhängigkeit brachte, ward
+wie von den Dichtern, so auch von den Malern gefeiert. Zumeist beschränkten
+sich die bildlichen Verherrlichungen des Ereignisses auf die Abbildung von
+Festmahlzeiten, die zur Feier des Friedens stattfanden. Rembrandt aber
+widmete dem Ereignis eine große allegorische Komposition. Es ist eine
+Skizze, vielleicht zur Ausführung in großem Maßstabe, die dann aber nicht
+zur That wurde, bestimmt; unter dem Namen »die Eintracht des Landes« wird
+sie im Boymans-Museum zu Rotterdam aufbewahrt. Allegorien waren freilich
+nicht Rembrandts Fach, und es ist ein Gemisch von Großartigkeit und
+Sonderbarkeiten, was wir da vor uns sehen. Es ist dem Maler nicht gelungen,
+die Fülle der Gedanken, die er zum Ausdruck bringen wollte, im einzelnen
+verständlich zu machen, und es sind Stöße von Erklärungsversuchen über
+dieses unter Rembrandts Werken ganz vereinzelt dastehende Bild geschrieben
+worden.
+
+[Illustration: Abb. 121. _Rembrandt im Alter von vierzig Jahren._
+Schabkunstblatt von Wrenk nach einem vielleicht nicht von dem Meister
+selbst, sondern von seinem begabten Schüler Ferdinand Bol ausgeführten
+Gemälde.]
+
+[Illustration: Abb. 122. _Die Landschaft mit der Flucht nach Ägypten._
+Radierung. Landschaft von Hercules Seghers, die Figuren von Rembrandt.]
+
+Als das Hauptwerk des Jahres 1649 gilt ein in der Sammlung des Lord Cowper
+zu Panshanger befindliches Reiterbild, welches den Marschall Turenne, der
+sich gerade in jenem Jahre in Holland aufhielt, vorstellen soll.
+
+Dem Jahre 1650 gehören mehrere von den feinen landschaftlichen Radierungen
+des Meisters an: die köstlich gezeichnete »Landschaft mit dem Turm,« die
+von den Resten eines alten Turmes, welche in der Ferne über einer von
+Bäumen umgebenen Hütte sichtbar werden, den Namen führt, und das in seiner
+Einfachheit so reizende Blättchen »der Kanal mit den Schwänen.« Auf diesem
+letzteren Blatt hat der Meister zu den heimatlichen, von Gehölz umsäumten
+und von ruhig fließendem Wasser durchzogenen Wiesen Höhenzüge, wie die
+Wirklichkeit sie ihm nicht zeigte, hinzukomponiert (Abb. 129). Eine
+ähnliche Verbindung von holländischer Landschaft mit Geländen, zu denen er
+in den Mappen seiner Freunde, welche in Italien gewesen waren, die
+Vorbilder fand, zeigt das berühmteste Landschaftsgemälde Rembrandts, die um
+eben diese Zeit entstandene »große Landschaft mit Ruinen auf dem Berge« in
+der Galerie zu Kassel. In träumerischer Dämmerung liegt die Ebene da, von
+einem Bache durchschlängelt, den eine Brücke überspannt und den ein leise
+dahingleitender Kahn und mehrere Schwäne beleben; am jenseitigen Ufer liegt
+eine leere reichgeschmückte Gondel, diesseits sitzt ein Angler, und ein
+einsamer Reiter verfolgt den am Bach entlang gehenden Weg. Jenseits des
+Wassers werden zwischen dichten Baumgruppen die roten Ziegeldächer eines in
+feierlicher Abendruhe daliegenden Gehöftes sichtbar, weiter nach vorn
+schließt sich eine Windmühle an. Hinter den Gebäuden erhebt sich der Boden
+zu einem ansehnlichen Bergrücken, der an einer Seite in schroffer Felswand
+abfällt. Nahe dem Abhang bekrönen Trümmermassen die Höhe, die in einem
+hochragenden Bauwerk gipfeln, das wie ein Überbleibsel eines antiken
+Rundtempels aussieht. Ein wunderbarer goldiger Dämmerungston verbindet Berg
+und Thal, in weiter Ferne verschmelzen duftige Höhenzüge mit dem lichten
+Blau des Himmels, der den letzten Schimmer des untergegangenen
+Tagesgestirnes festhält, und den eine an den Rändern noch beleuchtete dünne
+Wolkenschicht zum Teil überzieht. Selten wohl ist es einem Landschafter
+alter oder neuer Zeit gelungen, eine solche Tiefe der Stimmung im Beschauer
+hervorzurufen; es liegt eine stille Feierlichkeit und ein leiser Anflug von
+Schwermut über dem Bilde, die uns um so unwiderstehlicher einnehmen, je
+länger wir dasselbe betrachten (Abb. 130). -- Zu den stimmungsvollen
+Landschaftskompositionen gehört auch die prachtvoll farbig gezeichnete
+Radierung mit der nur angelegten Figur des in die Schrift vertieften
+heiligen Hieronymus, neben dem der Löwe sich wie ein sorglicher Wärter
+umschaut. Wegen der eigentümlichen schwermütigen Poesie, des
+Formenreichtums und der bis in die kleinsten Einzelheiten gehenden
+Ausführung der Landschaft wird dieses Blatt durch die Bezeichnung »in
+Dürers Geschmack« von den zahlreichen anderen Hieronymusbildern Rembrandts
+unterschieden (Abb. 131).
+
+[Illustration: Abb. 123. _Juden in der Synagoge._ Radierung von 1648.]
+
+[Illustration: Abb. 124. _Die Bettler an der Hausthür._ Radierung von 1648.
+(Verkleinert.)]
+
+[Illustration: Abb. 125. _Dr. Faust._ Radierung von 1648. (Verkleinert.)]
+
+Von 1651 sind einige ganz vorzügliche Radierungen. Da ist das wunderbar
+feine kleine Blatt »der blinde Tobias,« die treffendste und rührendste
+Darstellung der Hilflosigkeit eines Erblindeten, der mit Stab und Hand vor
+sich her tastend, sich in seinem eigenen Zimmer zurechtsuchen muß. Dann das
+treffliche Bildnis des Clemens de Jonghe, der einer der berühmtesten
+Kupferstichhändler und Verleger seiner Zeit war und der uns hier mit seinen
+klugen Augen so bestimmt und ruhig anschaut (Abb. 133). -- Ein prächtiges
+gemaltes Bildnis eines unbekannten jungen Mannes im Louvre trägt die
+nämliche Jahreszahl (Abb. 132). Ein biblisches Gemälde aus diesem Jahre
+besitzt die herzogliche Gemäldesammlung zu Braunschweig in der großartig
+wirkungsvollen, ergreifenden Darstellung der Erscheinung des Auferstandenen
+vor Maria Magdalena.
+
+Ein ganz herrliches Bild von 1652 besitzt die Gemäldegalerie zu Kassel. Es
+ist das Kniestück des Nikolaas Bruyningh, der als Sekretär an der
+Gerichtsabteilung für Zahlungsunfähige zu Amsterdam angestellt war. Es ist
+ein lebensfroher junger Mann, den wir da in vornehmer schwarzer
+Atlaskleidung vor uns sitzen sehen; mit munterer Bewegung hat er sich auf
+dem Stuhle umgedreht und blickt lächelnd vor sich hin; eine Fülle
+dunkelblonder Locken umwallt das freundliche Gesicht (Abb. 134).
+
+[Illustration: Abb. 126. _Die Hochzeit Jasons und Krëusas._ Radierung von
+1648. (Verkleinert.)]
+
+Die nämliche Jahreszahl trägt ein allerliebstes Blättchen: »der
+zwölfjährige Jesus unter den Schriftgelehrten.« Die Radierung ist nur ganz
+leicht angelegt, fast ohne Andeutung einer malerischen Wirkung, und dennoch
+ist sie unbeschreiblich fesselnd. Man hört die milden und verständigen
+Worte des Knaben, man sieht die mannigfaltigen Regungen, mit welchen die
+gelehrten alten Juden -- jeder ein Charakterbild -- dieselben aufnehmen:
+Aufmerksamkeit, Spott, Dünkel der Überlegenheit, ernstes Nachsinnen. Eine
+andere nicht minder ansprechende Komposition desselben Gegenstandes zeigt
+uns eine schnell und geistreich hingeschriebene Federzeichnung in der
+Albertina, welche den Gegensatz zwischen der Kindlichkeit des Knaben und
+dem Gelehrtenstolz der Rabbiner noch stärker hervorhebt (Abb. 135). Die
+Betrachtung der zahlreichen Kompositionsentwürfe Rembrandts, welche diese,
+alle ähnlichen Sammlungen an Reichtum weit überbietende Wiener Sammlung
+beherbergt, ist überhaupt ein hoher Genuß. Von Rembrandts unvergleichlicher
+Fähigkeit, mit wenigen Strichen unendlich viel zu sagen, bekommen wir die
+staunenerregendsten Proben; als eines der sprechendsten Beispiele sei die
+ganz flüchtige Federzeichnung angeführt, welche darstellt, wie Christus zum
+Verhör vor Kaiphas gebracht worden ist und wie dieser, vom Richterstuhl
+sich erhebend, ausruft: »Ihr habt gehört die Gotteslästerung, was dünkt
+euch?« (Abb. 136.)
+
+[Illustration: Abb. 127. _Die Jünger zu Emmaus._ Gemälde von 1648. Im
+Museum des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Wenn wir die Jahreszahlen von 1649 bis 1653 verhältnismäßig selten auf
+Werken Rembrandts vermerkt finden, so folgt daraus nicht, daß der Meister
+in diesen Jahren weniger thätig gewesen sei. Im Gegenteil fallen mehrere
+seiner allervorzüglichsten Schöpfungen in diese Zeit, wie man nach dem
+Vergleich mit anderen mit Bestimmtheit sagen kann, wenn auch die
+Jahresbezeichnung fehlt. Dahin gehört das herrliche Gemälde im Berliner
+Museum, welches das Gesicht Daniels am Wasser Ulai (Daniel 8, 3) zum
+Gegenstand hat, ein Meisterwerk großartiger traumhafter Stimmung. In
+erhabener Berglandschaft kniet der Prophet, mit einem olivenfarbenen Rock
+bekleidet, und wartet mit Schauern der Ehrfurcht auf das, was der Engel,
+der in leuchtend weißem Gewande hinter ihn tritt, ihm zeigen wird: dämmerig
+erscheint jenseits der Schlucht der Widder mit den seltsamen Hörnern.
+Ferner werden einige in lebensgroßen Figuren ausgeführte biblische Gemälde,
+die sich in der Ermitage zu Petersburg befinden, dieser Zeit zugeschrieben:
+»Jakob weint beim Anblick von Josephs blutigem Rock« und »der Herr
+erscheint Abraham im Thal Mamre.« Bei dem letzteren Bilde wird namentlich
+die für Rembrandt ungewöhnliche äußere Schönheit der Engel bewundert. Eine
+hochpoetische Komposition des nämlichen Gegenstandes hat der Meister in
+einer Federzeichnung hinterlassen, die sich in der Albertina befindet.
+Jehovah selbst ist als erhabener Greis von seinen beiden jugendlichen
+Begleitern unterschieden; die ganze Gruppe der drei Männer, vor der sich
+Abraham zu Boden geworfen hat, ist eine großartige Lichterscheinung, in der
+irdischen Umgebung aber ist die natürliche Tagesstimmung, »da der Tag am
+heißesten war,« mit einigen Tuschlagen meisterhaft zur Anschauung gebracht:
+der tiefe Ton des wolkenlosen Himmels, von dem alles Beleuchtete sich hell
+abhebt, läßt uns die Sommerglut empfinden, und einladend winkt der Schatten
+des Baumes, unter dem der Patriarch die himmlischen Gäste bewirten wird
+(Abb. 137).
+
+[Illustration: Abb. 128. _Der barmherzige Samariter._ Gemälde von 1648. Im
+Museum des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 129. _Der Kanal mit den Schwänen._ Radierung von 1650.]
+
+Sein Bestes aber hat Rembrandt in dieser Zeit in zwei großen Radierungen
+gegeben, welche die Heilsthätigkeit des Erlösers schildern. Das eine der
+beiden Blätter zeigt Christus als Lehrer. Ein Bild der Menschenliebe, wie
+kein Künstler es wärmer zu gestalten vermocht hat, steht der Heiland in
+einem dunkelen Raum auf einer hell beleuchteten Erhöhung und spricht mit
+erhobenen Händen zu dem Volke, das sich um ihn geschart hat. Nur wenige der
+Zuhörer tragen eine einigermaßen ansehnliche Kleidung; bei weitem die
+meisten, die da aufmerksam stehen und sitzen, sind Leute, auf denen die
+tiefste Not des Daseins lastet; ärmlich ist auch der Raum und ärmlich die
+Gasse, in welche wir durch eine niedrige Thoröffnung blicken. Die
+Mühseligen und Beladenen sind es, die da erquickt werden; welchen Reichtum
+müssen die Worte spenden, denen diese Hörer so regungslos lauschen! Wie in
+der dunkelen Umgebung, von der sich die mild erhabene Gestalt des Lehrers
+leuchtend abhebt, ein helles Sonnenlicht auf dem Kreise der Hörer liegt, so
+ist das Ganze eine unvergleichliche malerische Dichtung über das Wort: »Ich
+bin das wahre Licht« (Abb. 139).
+
+[Illustration: Abb. 130. _Die große Landschaft mit den Ruinen auf dem
+Berge._ In der königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer Photographie
+von Franz Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 131. _Der heilige Hieronymus_, zubenannt »in Dürers
+Geschmack.« Radierung.]
+
+[Illustration: Abb. 132. _Bildnis eines unbekannten jungen Mannes_, gemalt
+1651. Im Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie.
+in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 133. _Clemens de Jonghe_, Kupferstichhändler. Radierung
+von 1651.]
+
+Das andere, größere Blatt ist eine geistvolle Verbildlichung der Vorgänge,
+die das 19. Kapitel des Matthäusevangeliums erzählt. Wieder blicken wir in
+einen dunkelen Raum, und in der Mitte steht hell beleuchtet der Heiland
+zwischen gedrängten Gruppen von Menschen, die seine Gegenwart angezogen
+hat. »Es folgte ihm viel Volkes nach, und er heilte sie daselbst.«
+Gebrechliche aller Art haben sich zu seinen Füßen gelagert, und weitere
+kommen herbei oder werden herbeigebracht, wenn sie selbst sich nicht mehr
+schleppen können. Man hört die Bitten der für sich oder für die Ihrigen in
+gläubigem Vertrauen um Hilfe Flehenden, und man kann nicht zweifeln, daß
+ihnen allen geholfen wird. Die armen Kranken füllen die rechte Hälfte des
+Bildes aus; man ahnt, daß durch die Thüröffnung, die man da sieht, noch
+viele herbeikommen werden. An der anderen Seite des Bildes gewahren wir
+neben den Jüngern, die mit den Blicken am Munde ihres Meisters hängen und
+mit schlichter Einfalt seine Worte erfassen, eine Schar von Männern ganz
+anderer Art, in weite Gewänder stattlich gekleidet, mit dem Ausdruck des
+Selbstbewußtseins und des Weisheitsdünkels auf den Gesichtern; mit
+lebhaften Mienen und Gebärden reden sie untereinander und können sich nicht
+einigen. Das sind die Pharisäer, die herangetreten waren, um Jesus zu
+versuchen. Was sie erregt, ist der eben vernommene Ausspruch, der ihre
+Angriffe abgeschnitten hat: »Das Wort fasset nicht jedermann, sondern
+denen es gegeben ist.« Mit den Worten: »Wer es fassen kann, der fasse es!«
+hat der Heiland sie stehen lassen, um sich einer Gruppe zuzuwenden, die ihm
+vom Vordergrunde her naht. »Da wurden Kindlein zu ihm gebracht, daß er die
+Hände auf sie legte und betete.« Einer der Jünger -- die herkömmliche
+Tracht von Haar und Bart läßt ihn als Petrus erkennen -- will die junge
+Frau, die ihren Säugling zu Jesus emporhebt, unwillig zurückschieben. Jesus
+aber streckt ihr seine Rechte entgegen, und indem er die andere Hand
+beschwichtigend erhebt, spricht er mit himmelsmildem Blick die Worte:
+»Lasset die Kindlein und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen!« Zwischen
+der Gruppe der Mütter und den Pharisäern sehen wir einen jungen Mann mit
+langen Locken, in reicher, mit Stickereien verzierter Kleidung, am Boden
+sitzen; nachdenklich stützt er sein Gesicht in die Hand. Das ist der reiche
+Jüngling, den die Frage bewegt, was er thun soll, um das ewige Leben zu
+haben, und der, um diese Frage an Jesus zu stellen, auf dessen Weggehen aus
+der umgebenden Menge wartet. Damit ist in dem Bilde auch auf das, was dem
+unmittelbar zur Anschauung Gebrachten nach dem Bericht des Evangelisten
+folgt, ein Hinweis gegeben. Die ganze, an Inhalt in Beziehungen und
+Gegensätzen so reiche Darstellung ist ein Meisterwerk des Ausdrucks, wie es
+nichts Vollkommeneres gibt, und in der Poesie des Lichtes hat Rembrandt
+hier sein Höchstes geleistet. Das ist mehr als Sonnenlicht, was hier die
+Gestalten fast schattenlos einhüllt und dort seinen weichen Wiederschein
+voraussendet in die Gruppen derer, die aus dem Dunkel herauskommen; es ist
+das Licht der Erlösung, das in die Nacht des menschlichen Daseins scheint
+(Abb. 138). Das Blatt war von jeher das berühmteste unter allen Radierungen
+Rembrandts. Es führt von alters her die Bezeichnung »das
+Hundertguldenblatt.« Über die Entstehung dieser Bezeichnung wird folgendes
+erzählt: Eines Tages kam ein Kupferstichhändler aus Rom und bot Rembrandt
+einige Stiche von Marcantonio Raimondi zum Kauf an, für die er zusammen
+hundert Gulden forderte; da bot ihm Rembrandt als Bezahlung für die Stiche
+einen Abdruck dieses eben fertig gewordenen Blattes an, und der Verkäufer
+ging auf den Handel ein, sei es nun -- fügt der Gewährsmann hinzu --, daß
+er dadurch Rembrandt sich verpflichten wollte, sei es, daß er wirklich mit
+dem Tauschgeschäft zufrieden war. Heute ist die Bezeichnung
+»Hundertguldenblatt« nicht mehr ganz zeitgemäß, denn bei einer
+Versteigerung im Jahre 1867 erzielte ein schöner Abdruck des Blattes den
+Preis von 27500 Francs.
+
+[Illustration: Abb. 134. _Kopf des Nikolaas Bruyningh_, aus dem Gemälde von
+1652. In der königl. Galerie zu Kassel. (Nach einer Photographie von Franz
+Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 135. _Der Knabe Jesus im Tempel._ Handzeichnung in der
+Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Eine Anzahl von Meisterwerken der Radierkunst trägt die Jahreszahl 1654. Da
+ist vor allem das durch die reizvolle Einfachheit des Vortrags doppelt
+ansprechende Blatt, welches den von dem Meister schon so oft behandelten
+Gegenstand der Erscheinung des Erlösers in Emmaus in neuer künstlerischer
+Schönheit wiederbringt. Wie auf dem Gemälde von 1648 hat der Künstler auch
+hier, in gebührender Unterordnung, aber in einer für die innere und für die
+äußere Abrundung des Ganzen nicht unwesentlichen Bedeutung, den
+aufwartenden Diener hinzugefügt; der mit der Wirtsschürze bekleidete
+Bursche schickt sich eben an, die Kellertreppe hinabzusteigen, hält aber
+plötzlich inne, da er gewahrt, daß bei den Gästen etwas Merkwürdiges vor
+sich geht, für das ihm die Erklärung fehlt; ihm ist es natürlich unfaßbar,
+warum die beiden den dritten, der doch als ihresgleichen mit ihnen gekommen
+war, mit solcher Ergriffenheit anstaunen, in dem Augenblick, wo er jedem
+von ihnen mit milder Freundlichkeit ein Stück Brot darreicht (Abb. 140). --
+Ein sehr sorgfältig ausgeführtes Blatt zeigt uns den heiligen Hieronymus,
+wie er an einem stillen Plätzchen im Freien sitzend sich in das Lesen der
+Bibel vertieft. Das ist wieder ein Meisterwerk der Stimmung; wir empfinden
+die feiertägliche Ruhe, den heiligen Frieden dieser sonnigen Einsamkeit,
+und wir würden uns einen hohen Kunstgenuß unnötigerweise verkürzen, wenn
+wir daran Anstoß nehmen wollten, daß der Löwe, der sich so behaglich in der
+Sonne reckt, in seinen Formen etwas dürftig geraten ist (Abb. 141).
+
+Rembrandt verschmähte es auch jetzt nicht, Figuren aus dem Alltagsleben auf
+die Kupferplatte zu skizzieren. Ein unter dem Namen »das Kolef«
+(Kolbenspiel) bekanntes Blatt, welches weniger dieses im Freien geübte
+Spiel, als einen in behäbiger Nichtbeteiligung dabei sitzenden Mann zum
+Gegenstand hat, eine in schnellen Zügen hingeworfene Abschrift der Natur,
+trägt die Jahreszahl 1654. Auch das köstliche Bildchen, welches, gleich
+ansprechend durch die unmittelbare Lebenswahrheit wie durch die malerische
+Wirkung, uns ein paar arme wandernde Musikanten vorführt, die im Vorraum
+eines Hauses, von dem aus der Stube kommenden Licht beleuchtet, mit
+Leierkasten und Dudelsack einem Bauernpaar und dessen dickem Sprößling
+einen bescheidenen Kunstgenuß bereiten, mag dieser Zeit angehören (Abb.
+142). Wenigstens werden wir aufs lebhafteste an diese Musikanten erinnert
+beim Anblick des alten Hirten mit dem Dudelsack, der seine Genossen in der
+heiligen Nacht vor die Krippe zu Bethlehem führt, auf einem in der
+Ausführung nur derb hingestrichelten, in der Empfindung aber
+hochvollendeten, im Gedanken und in der Wirkung so wunderbar poetischen
+Blatt (Abb. 143). Daß dieses im Jahre 1654 entstanden ist, beweist die
+Jahreszahl auf einem gleich großen, offenbar als Gegenstück dazu in ganz
+gleichartiger Behandlung ausgeführten Blatt, welches die Beschneidung des
+Jesusknaben vorstellt.
+
+Zu einem in spanischer Sprache geschriebenen Buche des Manasseh-ben-Israel,
+welches unter dem Titel »=Piedra gloriosa=« im folgenden Jahre zu Amsterdam
+erschien, radierte Rembrandt vier Kupfer, welche in kleinstem Maßstab
+großartige Darstellungen, wie Jakobs Traum von der Himmelsleiter und das
+Gesicht des Propheten Hesekiel, brachten.
+
+[Illustration: Abb. 136. _Christus vor Kaiphas._ Handzeichnung in der
+Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
+Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 137. _Abraham vor Gott und den zwei Engeln._
+Handzeichnung in der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie
+von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Unter den Gemälden von 1654 befindet sich eins, das zu den schönsten
+Schöpfungen des Meisters gehört: »Joseph wird bei Potiphar von dessen Frau
+verklagt,« im Berliner Museum. Das Weib sitzt neben dem hell beleuchteten
+Bett, und während sie mit der Linken den halbentblößten Busen zu verhüllen
+sucht, deutet sie mit dem Daumen der rechten Hand auf Joseph, der im Gefühl
+seiner Unschuld aufwärts blickt und die Hand beteuernd emporhebt; sie
+vermeidet es, beim Vorbringen ihrer erlogenen Anschuldigung den Gatten
+anzusehen, der hinter ihr steht und seine aufkeimende Entrüstung über
+Joseph noch hinter der Miene vornehmer Gelassenheit und ernsten Erwägens
+verbirgt. In der Farbenwirkung hat Rembrandt hier Wunderbares, im Ausdruck
+Unglaubliches geleistet; »nein, wie die Frau lügt!« war die erste Äußerung
+eines feinfühligen und unbefangenen Kunstfreundes beim Anblick dieses
+Bildes. Verführerische Reize besitzt diese Frau nach unseren Anschauungen
+allerdings nicht. Rembrandt hat in zwei Gemälden des nämlichen Jahres, von
+denen das eine in ganz schlichtem Realismus eine junge Frau im Bade zeigt
+(in der Londoner Nationalgalerie), das andere (im Louvre) die Bathseba
+darstellt, wie sie, eben dem Bade entstiegen, mit widerstreitenden Gefühlen
+die Botschaft Davids liest, auffallender noch als in den gleichartigen
+Gemälden der dreißiger Jahre bewiesen, daß er für weibliche Formenschönheit
+keinen Sinn hatte. Aber in seiner Weise, durch den Reiz der Farbe wußte er
+die unverhüllte Frauengestalt zu verherrlichen. Die Züge des nämlichen
+Modells, das zu diesen beiden Bildern die Anregung gegeben hat, erkennt man
+in dem Brustbild einer jungen Frau, das als eins der allergrößten
+Meisterwerke der gesamten Malerei einen Ehrenplatz im =Salon carré= des
+Louvre einnimmt und ebenbürtig neben Leonardo da Vincis weltberühmter
+»=Gioconda=« hängt.
+
+Die Galerie zu Kassel besitzt von 1654 ein eigentümlich düsteres Gemälde,
+das unter dem Namen »die Wache« bekannte lebensgroße Bildnis (Kniestück)
+eines mit eisernem Vollharnisch bepanzerten Mannes, der sich mit beiden
+Händen auf einen Speer stützt und finster zur Seite blickt. Eine gewisse
+Düsterheit wird ungefähr seit dieser Zeit in Rembrandts Gemälden
+vorherrschend; der goldige Ton verdunkelt sich häufig zu einem tiefen
+Braun, aus welchem die Zauberlichter des Meisters um so wirkungsvoller
+hervorleuchten. Augenfälliger noch ist eine Veränderung der Vortragsweise:
+die handsichere Breite der Behandlung geht in eine eigentümliche malerische
+Weichheit über, welche die scharfen Umrisse der Gegenstände zu verwischen
+liebt, ohne daß diese dadurch von ihrer Bestimmtheit einbüßten.
+
+[Illustration: Abb. 138. _Christus Kranke heilend und die Kinder zu sich
+rufend._ Radierung, bekannt unter dem Namen »das Hundertguldenblatt.«]
+
+[Illustration: Abb. 139. _Christus predigend._ Radierung.]
+
+[Illustration: Abb. 140. _Christus und die Jünger in Emmaus._ Radierung von
+1654.]
+
+Diese Art der malerischen Auffassung und Behandlung stimmt in der
+vortrefflichsten Weise mit der innerlichen Auffassung überein bei mehreren,
+gerade dieser Zeit angehörigen Bildern alter Leute. Die Petersburger
+Galerie besitzt fünf Bildnisse von Greisen und Greisinnen, die mit der
+Jahreszahl 1654 bezeichnet sind. Darunter sind namentlich zwei weibliche
+Halbfiguren bemerkenswert durch die weiche Stimmung einer durch inneren
+Frieden verklärten Lebensmüdigkeit, die den unter dunkelen Kopftüchern
+hervorblickenden welken Gesichtern etwas eigentümlich Rührendes verleiht
+(Abb. 144). Auch in anderen Sammlungen gibt es ähnlich empfundene Bildnisse
+alter Frauen; es paßt zu dem vergeistigten Ausdruck der betagten Matrone,
+wenn sie sich in das Lesen der Bibel versenkt (Abb. 145). Gewöhnlich führen
+diese Gemälde die Bezeichnung »Rembrandts Mutter.« Die liebevolle
+Auffassung macht diese Namensgebung erklärlich, deren Irrigkeit sich,
+abgesehen von der nicht vorhandenen Ähnlichkeit mit den früheren Porträts
+der Mutter Rembrandts, aus der Entstehungszeit der Bilder ergibt.
+
+Ein Selbstbildnis des Meisters aus dem Jahre 1654 (oder 1655, die letzte
+Ziffer ist nicht ganz deutlich), ebenfalls in dunkelem Ton gehalten,
+befindet sich in der Gemäldegalerie zu Kassel. Dieses Bild mit den
+umdüsterten Zügen läßt uns erkennen, daß Rembrandt damals schon über seine
+Jahre hinaus gealtert war. Aber seine Schaffenskraft bewahrte ihre
+unverwüstliche Frische.
+
+[Illustration: Abb. 141. _Der heilige Hieronymus._ Radierung von 1654.]
+
+Mehrere prächtige Radierungen hat Rembrandt im Jahre 1655 der
+Leidensgeschichte Christi gewidmet. Wie Pilatus den gefesselten Dulder von
+der Terrasse des Amtsgebäudes dem schreienden, höhnenden Volke darstellt,
+hat er in einem ergreifenden Blatte geschildert, das durch die
+Eigentümlichkeit der Ausführung -- die Figuren sind fast nur mit
+meisterhaften Umrißlinien gezeichnet, dazwischen stehen hier und da,
+namentlich in der Architektur, einige fast schwarze Schatten -- eine
+seltsam packende Wirkung ausübt. Ein figurenreiches Blatt von wunderbar
+großartiger, traumhafter Lichtwirkung zeigt den Erlöser am Kreuz zwischen
+den beiden Schächern, von Fluten himmlischen Lichtes verklärt, ein
+Gegenstand spottenden oder gleichgültigen Gesprächs für die Menge, die sich
+anschickt, den Richtplatz zu verlassen, mit namenlosem, erschütterndem
+Schmerz von seinen Getreuen beklagt und von dem ergriffen aufs Knie
+gesunkenen heidnischen Hauptmann angebetet. Die Krone dieser Darstellungen
+aber ist die Kreuzabnahme, vielleicht die poetischste von allen Schöpfungen
+Rembrandts. Das Blatt führt den Beinamen »mit der Fackel,« weil das helle
+Licht, das sich auf dem bereits herabgenommenen und in einem
+untergebreiteten Leintuch getragenen Leichnam und seiner nächsten Umgebung
+sammelt, hier eine natürliche Erklärung in einer herzugehaltenen Fackel
+findet; im Vordergrunde, auf dem von zertretenem Grase bedeckten,
+taufeuchten Boden breitet Joseph von Arimathia ein zweites Leintuch über
+die bereit stehende Bahre. Die Nacht ist vollständig finster, nur die
+höchstgelegenen Gebäude von Jerusalem schimmern in der Ferne in einer
+matten Helligkeit, deren Quelle uns verborgen bleibt (Abb. 146). -- Die
+Beschäftigung mit dem Opfertode des Christus mag den Meister veranlaßt
+haben, auch dessen altes Vorbild, die Opferung Isaaks, wieder einmal zu
+verbildlichen. Er hat den Augenblick gewählt, wie Abraham, der
+Kopfbedeckung und Mantel abgelegt hat, mit der einen Hand seinem Knaben,
+der entkleidet dakniet und sich geduldig wie ein Lamm, mit opferwillig
+vorgestrecktem Halse über das Knie des Vaters legt, die Augen zuhält und
+mit dem gezückten Messer in der anderen Hand sich eben anschickt, das
+Schwerste zu vollbringen und das Blut seines geliebten Kindes in das am
+Boden stehende Becken fließen zu lassen; aber in diesem Augenblicke ist in
+einem Lichtstrahle, der den Wolkendampf der Bergeshöhe durchbricht, ein
+Engel herniedergeflogen und fällt dem Patriarchen von hinten in die Arme.
+Unter dem rechten Flügel des Engels gewahrt man im Dunkelen den Widder, der
+sich mit den Hörnern im Gesträuch verfangen hat; seitwärts werden am
+Bergesabhange der Esel und die beiden Knechte, die hier zurückgeblieben
+sind, sichtbar, und ganz in der Ferne erblickt man zwei Männer, welche den
+Hang des gegenüberliegenden Berges beschreiten (Abb. 147).
+
+[Illustration: Abb. 142. _Wandernde Musikanten._ Radierung.]
+
+Im folgenden Jahre schöpfte Rembrandt aus der Geschichte Abrahams eine
+merkwürdige Darstellung der Bewirtung der drei Himmlischen durch Abraham.
+Der Patriarch, der die Weinkanne bereit hält, um seine überirdischen Gäste
+zu bedienen, horcht mit demütiger Verneigung auf die Worte des Herrn, der
+in der Gestalt eines ehrwürdigen Greises an seinem Tische Platz genommen
+hat; die beiden Begleiter Jehovahs sind durch Fittiche als Engel
+gekennzeichnet, aber sie sind nicht in der sonst üblichen und auch von
+Rembrandt früher gebrauchten Weise als Jünglinge, sondern als gereifte
+Männer dargestellt, und diese Verbindung von bärtigen Gesichtern und
+Engelsflügeln hat für uns etwas gar Befremdliches; in der Schrift ist
+allerdings von Männern und nicht von Jünglingen die Rede. Hinter der
+Hausthür horcht Sara verstohlen und lächelt ungläubig über die Verheißung
+eines Sohnes; vor der Hausthür aber übt sich Hagars Sohn Ismael, der
+zukünftige Stammvater der Araber, im Bogenschießen (Abb. 148).
+
+Eine seiner meisterhaftesten Porträtradierungen ließ Rembrandt 1656 in dem
+unübertrefflich malerischen und lebenswahren Bildnis des berühmten
+Goldschmieds Janus Lutma aus Groningen entstehen, das uns einen
+freundlichen alten Herrn zeigt, der, von Geräten seines Gewerbes umgeben,
+behaglich im Lehnstuhl sitzt (Abb. 149). -- In dem nämlichen Jahre malte
+der Meister seinen alten Freund Six in einem Prachtbildnis ab, das sich
+heute noch im Besitz von dessen Nachkommen zu Amsterdam befindet. Ein nicht
+minder berühmtes Porträt ist dasjenige des Dr. Tholinx in einer Pariser
+Privatsammlung. Diese Persönlichkeit bildete Rembrandt etwas später auch in
+einer dem Bilde Lutmas ebenbürtigen Radierung ab, von der es erwähnt sein
+mag, daß im Jahre 1883 in England für einen Abdruck die Summe von 37750
+Francs, wohl der höchste Preis, den jemals ein Kupferstich erzielt hat,
+bezahlt wurde. -- Für die veränderte Malweise Rembrandts ist das schöne
+Bild eines nachdenklich dasitzenden Architekten, in der Galerie zu Kassel,
+sehr bezeichnend, welches die weiche Behandlung auch in der
+photographischen Verkleinerung noch deutlich wahrnehmen läßt (Abb. 150).
+
+[Illustration: Abb. 143. _Die Geburt Jesu._ Radierung.]
+
+Die Kasseler Galerie besitzt aus dem nämlichen Jahre 1656 ein in
+lebensgroßen Figuren ausgeführtes biblisches Gemälde, das gleich
+ausgezeichnet ist durch die milde Schönheit der das Ganze in weichen Tönen
+überziehenden Farbe und durch die großartige Einfachheit, mit welcher hier
+ein Stück patriarchalischen Familienlebens geschildert ist: »Jakob segnet
+seine Enkel.« Der ehrwürdige Greis liegt unter einer mattroten Bettdecke,
+deren stumpfe Farbe den graugoldigen Ton des übrigen Bildes wunderbar
+hervorhebt; er ist mit einer hellen Jacke und einem weiß und gelben
+Mützchen bekleidet; über die fröstelnden Schultern hat man ihm einen Mantel
+von Fuchspelz gelegt, als er sich mit noch einmal zusammengerafften Kräften
+aufrichtete. Sein Sohn Joseph, dessen Haupt ein großer Turban bedeckt,
+steht neben ihm; er unterstützt ihn und versucht ehrfürchtig und schonend
+die Hand des dem Tode nahen Greises vom Haupt des blondlockigen Ephraim,
+der mit verständnisvoller Ehrfurcht den Segen empfängt, auf dasjenige des
+dunkelhaarigen Erstgeborenen Manasseh hinüberzuführen. Josephs Gattin
+Asnath, mit einem olivenfarbigen Kleide, mit Haube und Schleier bekleidet,
+steht daneben; sie läßt ihre Augen zärtlich auf den Kindern ruhen und
+scheint zugleich, den Verheißungsworten Jakobs folgend, in eine ferne
+Zukunft zu schauen (Abb. 151). Die Züge dieser Frau, die hier ein so
+schöner Ausdruck verklärt, haben eine Ähnlichkeit mit dem erwähnten
+Frauenbildnis im =Salon carré= des Louvre, und es wird vermutet, daß wir
+hier das Bildnis der Persönlichkeit vor uns haben, die damals Rembrandt am
+nächsten stand.
+
+[Illustration: Abb. 144. _Bildnis einer alten Frau_, gemalt im Jahre 1654.
+In der kaiserl. Gemäldesammlung der Ermitage zu Petersburg. (Nach einer
+Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
+Paris.)]
+
+[Illustration: Abb. 145. _Bildnis einer alten Frau._ In der Sammlung des
+Herzogs von Buccleugh zu London. (Nach einem Schabkunstblatt von James Mc.
+Ardell.)]
+
+Die Einsamkeit des häuslichen Herdes nach dem Tode Saskias mochte dem
+Meister allmählich unerträglich werden. Mit der alten Amme, welcher die
+Erziehung des heranwachsenden Titus überlassen blieb, hatte er üble
+Erfahrungen gemacht, er hatte die Gerichte zu Hilfe nehmen müssen, um sich
+ihrer Anmaßlichkeit zu entledigen. Im Herbst 1649 hatte er dann Hendrikje
+Stoffels, ein junges Mädchen von bäuerlicher Abkunft, das statt der
+Namensunterschrift nur drei Kreuzchen machen konnte, in sein Haus genommen;
+allmählich trat diese dem Herzen Rembrandts näher, und bald durfte sie
+sich als die Nachfolgerin Saskias in dem stattlichen Hause der Breestraat
+betrachten.
+
+[Illustration: Abb. 146. _Christi Abnahme vom Kreuz_ (zubenannt »mit der
+Fackel«). Radierung von 1655.]
+
+Wie es in diesem Hause aussah, darüber gibt uns ein urkundliches
+Schriftstück aus dem Jahre 1656 genaue Auskunft. Schon im Flur waren die
+Wände mit Gemälden bedeckt, darunter viele Studien -- Landschaften, Tiere,
+Köpfe und anderes -- von der Hand des Meisters, mehrere Genrebilder von
+Rubens' berühmtem Schüler Adriaan Brouwer und Landschaften von Jan Lievensz
+und Hercules Seghers; außerdem sah man da Kinderfiguren in Gips und eine
+Gipsbüste; die Stühle waren zum Teil mit schwarzen Kissen bedeckt, zum Teil
+mit Leder bezogen. Im Vorzimmer hingen einige fünfzig Bilder, neben Werken
+von Rembrandt und verschiedenen zeitgenössischen holländischen und
+vlämischen Malern auch solche italienischen Ursprunges, eines von Palma
+Vecchio und eines, das dem Raffael zugeschrieben wurde; unter den eigenen
+Werken des Meisters zeichnete sich hier eine in reichem Goldrahmen
+prangende große »Kreuzabnahme« aus. Ein Spiegel in Ebenholzrahmen, ein
+Tisch von Nußbaumholz mit einem kostbaren Teppich, sieben spanische Stühle
+mit grünen Sammetkissen und ein marmornes Kühlbecken vervollständigten die
+Einrichtung des Vorzimmers. Ein anstoßendes Zimmer war einfacher
+eingerichtet, an den Wänden aber gleichfalls mit Gemälden geschmückt; neben
+Bildern und Skizzen von der Hand des Hausherrn und seiner Zeitgenossen
+hingen da auch Werke der alten niederländischen Meister, von van Eyck war
+der Kopf eines alten Mannes da; ferner Kopien nach Annibale Caracci und
+Kopien nach Rembrandt, die letzteren wohl Arbeiten, die seine Schüler ihm
+verehrt hatten. In dem sogenannten Saal prangten zwischen den
+niederländischen Bildern, von denen die meisten wieder von Rembrandt
+selbst, eines von seinem Lehrer Lastmann war, Werke von Giorgione und
+Raffael; der Tisch war von Eichenholz, der Tischteppich war gestickt, die
+Stühle mit blauen Kissen bedeckt. Hier stand auch das Bett, mit blauen
+Vorhängen umzogen; ein Wäscheschrank von Cedernholz und eine aus demselben
+Holz angefertigte Wäschemangel bekundeten, daß hier das Bereich der Frau
+vom Hause war. Ein besonderer Raum war das Kunstkabinett. Da sah man
+Standbilder und Kopfe römischer Kaiser, vielleicht auch den einen oder
+anderen wirklich antiken Kopf, neben indischen Gefäßen und chinesischen
+Porzellanfiguren, eine eiserne Rüstung und mehrere Helme, auch einen
+japanischen Helm und Gerätschaften wilder Völker, ferner Erdkugeln,
+mineralische und zoologische Gegenstände, sowie eine Anzahl von
+Gipsabgüssen nach dem Leben, darunter den Abguß eines Negers. Auf einem
+Gestell befanden sich eine Menge von Muscheln und Seegewächsen,
+Naturabgüsse »und viele andere Kuriositäten.« Da waren mancherlei Waffen,
+ein kostbarer, mit Figuren geschmückter eiserner Schild, eine Totenmaske
+des Prinzen Moritz von Oranien und die plastische Gruppe eines Löwen mit
+einem Stier. Auch eine geschnitzte und vergoldete Bettstelle stand da. Den
+reichsten Schatz aber bargen die Mappen. Mehrere Mappen waren ganz mit
+Kupferstichen von Rembrandts berühmtem Landsmann Lukas von Leiden
+angefüllt, andere mit den Stichen Marcantonios nach Raffael; eine enthielt
+die Werke des Andrea Mantegna, eine andere die Holzschnitte und
+Kupferstiche Lukas Cranachs, ein ganzer Schrank war mit den Werken von
+Martin Schongauer, Israel von Meckenen, Hans Brosamer und Holbein gefüllt;
+Stiche nach fast allen Bildern Tizians und nach den Schöpfungen
+Michelangelos waren gesammelt. Man sieht, Rembrandt kannte die großen
+Meister der Renaissance ganz genau, aber er war zu selbständig, um sich von
+ihnen beeinflussen zu lassen. Er besaß eine Sammlung von Abbildungen der
+römischen Baudenkmäler, die er doch gar nicht in seinen Schöpfungen
+verwertete; eher mögen die gleichfalls in einer Mappe vereinigten Bilder
+aus dem Morgenlande, welche Melchior Lorch und andere gestochen hatten,
+gelegentlich von ihm benutzt worden sein, freilich auch nur sozusagen ganz
+von weitem und in der freiesten Weise. Die Zahl der Mappen, in denen er
+weitere Stiche von und nach berühmten früheren und gleichzeitigen Meistern
+der Niederlande und Italiens bewahrte, war außerordentlich groß; Rembrandt
+kannte und schätzte die Werke seiner Zeitgenossen, so verschieden ihre
+Weise auch von der seinigen sein mochte.
+
+[Illustration: Abb. 147. _Abrahams Opfer._ Radierung von 1655.]
+
+[Illustration: Abb. 148. _Abraham bewirtet Jehovah._ Radierung von 1656.]
+
+Ein Teil des Kupferstichkabinetts war nicht in Mappen untergebracht,
+sondern lag in indischen und chinesischen Körbchen zur bequemen
+Besichtigung auf. Natürlich fehlten auch Rembrandts eigene Radierungen
+nicht in der Sammlung; die Stiche des van Vliet nach Rembrandts Gemälden
+nahmen einen besonderen Schrank ein. Zu den Stichen kamen die
+Handzeichnungen, die sorgfältig geordneten Studien und Entwürfe des
+Meisters selbst, Studien von Lastmann, nach der Herstellungsart, ob
+Federzeichnungen oder Rötelzeichnungen, gesondert, und solche von anderen
+Meistern. In diesem Kunstkabinett, das noch manche andere Dinge, einen
+Schrein voll Teller, eine Sammlung Fächer, einen ausgestopften
+Paradiesvogel und sonstige bunte Sachen enthielt, befand sich auch
+Rembrandts Bibliothek; diese war nicht groß: eine alte Bibel, das
+Trauerspiel »Medea« von Six, Dürers Proportionslehre, mehrere Bücher in
+hochdeutscher Sprache, die wohl nur um ihrer Holzschnitte willen da waren,
+und fünfzehn nicht näher bezeichnete Bände. Im Vorzimmer des
+Kunstkabinetts sah man wieder mancherlei Bilder und plastische Bildwerke,
+auch eingerahmte Stiche. Mit diesem Raum stand die Werkstatt, die aus einem
+kleinen und einem großen Atelier bestand, in Verbindung. Das erstere
+zerfiel in mehrere Abteilungen, die in verschiedenartiger Weise
+ausgestattet waren; die erste war mit alten Arkebusen und Blasrohren
+geschmückt, die zweite mit Büchsen und mit Bogen und Pfeilen, Wurfspießen
+und Keulen aus Indien; die dritte enthielt Trommeln und Pfeifen, die vierte
+Gipsabgüsse von Händen und Köpfen, außerdem eine Harfe und einen türkischen
+Bogen; die fünfte umschloß außer Naturabgüssen, Bogen, Armbrüsten, alten
+Helmen und Schilden eine Sammlung von Hirschgeweihen, ferner eine Anzahl
+von Standbildern und Büsten, die zum Teil als antik galten, eine kleine
+Kanone, eine Sammlung von alten bunten Stoffen, sieben Saiteninstrumente
+und zwei kleine Gemälde von Rembrandt. In dem großen Atelier befanden sich
+Hellebarden, Degen und indische Fächer, vollständige indische Kleidungen,
+eine hölzerne Trompete, ein großer Helm und fünf Brustharnische, ein Bild
+mit zwei Mohren von Rembrandt und eine Kinderfigur -- es ist nicht gesagt,
+ob eine gemalte oder eine plastische -- von Michelangelo. Der Flur vor dem
+Atelier war mit zwei Löwenfellen, einem großen Bilde, welches Diana
+vorstellte, und einer Naturstudie nach einer Rohrdommel geschmückt. Zehn
+größere und kleinere Gemälde des Meisters zierten ein kleines Zimmer, in
+dem ein hölzernes Bett stand. -- Was sich in der Küche und im Gange befand,
+dürfte den Leser wenig interessieren.
+
+[Illustration: Abb. 149. _Janus Lutma_, berühmter Goldschmied zu Groningen.
+Radierung von 1656.]
+
+Es ist eine traurige Urkunde, der wir diesen Einblick in das Innere von
+Rembrandts Wohnung verdanken. Es ist das von der Insolventenkammer behufs
+öffentlicher Versteigerung aufgenommene Verzeichnis der beweglichen Habe
+des Meisters. Rembrandt muß zu allen Zeiten bedeutende Einnahmen gehabt
+haben; er selbst sagte zur Zeit seiner Ehe mit Saskia, als er der
+Verschwendung beschuldigt wurde, gerichtlich aus, daß er überreichlich mit
+Gütern versehen sei. Aber er gab das Geld mit vollen Händen aus; als Saskia
+nicht mehr da war, um Juwelen über Juwelen von ihm zu empfangen, verschlang
+der Sammeleifer des Kunstliebhabers alle Einnahmen des Künstlers; auch das
+nicht unbeträchtliche Vermögen, welches Saskia hinterlassen hatte, reichte
+nicht aus.
+
+Seit Beginn des Jahres 1653 hatte Rembrandt mehrere größere Summen
+geliehen, die er nicht zur Zeit zurückgeben konnte, und so brach im Sommer
+1656 das Verhängnis über ihn herein, daß er für zahlungsunfähig erklärt
+wurde. Als Rembrandt die Unvermeidlichkeit dieses Ereignisses vor sich sah,
+im Mai 1656, übertrug er das Eigentumsrecht an seinem Hause seinem noch
+minderjährigen Sohne Titus, um diesen, dem die Hälfte von Saskias
+Vermächtnis zukam, wenigstens einigermaßen sicher zu stellen. Aber nachdem
+gegen Ende 1657 der größte Teil der beweglichen Habe Rembrandts und in
+einer zweiten Versteigerung einige Zeit nachher der noch übrige Teil seiner
+Zeichnungen und Stiche verkauft worden war, wurde im Januar 1658 auch sein
+Haus versteigert. Dies führte zu langwierigen Prozessen zwischen dem
+Vormund des jungen Titus und den Gläubigern Rembrandts. Erst im Jahre 1665
+wurde diese Sache endgültig zu Gunsten des ersteren entschieden, und im
+November 1665 kam Titus van Ryn in den vollständigen Besitz des Vermögens,
+das ihm als mütterliches Erbteil zustand.
+
+Als Rembrandts Haus ausgeleert wurde, suchte er mit Titus, Hendrikje und
+einem Töchterchen Cornelia, welches diese ihm im Oktober 1654 geschenkt
+hatte, im Gasthof »Zur Kaiserkrone« Unterkommen, und in eben diesem
+Gasthaus fand die Versteigerung seiner Habe statt.
+
+Um dem Meister die Möglichkeit zu verschaffen, so sorglos, wie es unter
+diesen Umständen möglich war, seiner Arbeit zu leben, fing Hendrikje in
+Gemeinschaft mit Titus, der sich anfänglich ohne großen Erfolg auf die
+Malerei gelegt hatte, einen Handel mit Bildern, Kupferstichen,
+Holzschnitten und Kuriositäten an. Am 15. Dezember 1660 wurde diese
+Geschäftsvereinigung in aller Form vor einem Notar und zwei Zeugen
+abgeschlossen und dabei ausdrücklich erklärt, daß Rembrandt ohne
+Entschädigung für Kost und Wohnung bei den Geschäftsinhabern, denen er sich
+nach Möglichkeit nützlich machen werde, bleiben solle.
+
+Unter so beklagenswerten Verhältnissen verlor Rembrandt weder den
+Schaffensmut noch die Schaffenskraft. In dem Zimmer eines Gasthofes, wo er
+kümmerlich auf Borg lebte -- die Rechnung der »Kaiserkrone«, welche 1660
+bezahlt wurde, ist noch vorhanden --, später in Mietswohnungen, die er
+immer nach kurzer Zeit wechselte, alles dessen beraubt, was sonst seiner
+Werkstatt Behaglichkeit und Schmuck verliehen hatte, fuhr er fort, die
+herrlichsten Werke zu schaffen. In dem verhängnisvollen Jahre 1656 malte er
+außer den schon erwähnten Bildern noch ein Gegenstück zu seinem früheren
+Anatomiebild für die Chirurgengilde; leider ist dieses Gemälde im vorigen
+Jahrhundert bei einem Brand zu Grunde gegangen, bis auf ein kleines und
+beschädigtes Bruchstück, das im Amsterdamer Museum aufbewahrt wird. Ferner
+gehörte eine »Verleugnung Petri« in der Ermitage zu Petersburg
+wahrscheinlich diesem Jahre an.
+
+Im folgenden Jahre entstand ein wirkungsvolles Prachtbild, die in der
+Sammlung des Buckinghampalastes befindliche »Anbetung der drei Weisen.«
+Maria sitzt demütig und bescheiden vor der Hütte und hält das von
+himmlischem Lichte hell bestrahlte Kind dem ältesten der drei Könige
+entgegen, der mit zwei Gefolgsleuten niedergekniet ist und seine Gabe
+darreichend die Stirn gegen des Kindes Füße senkt. Joseph hält sich ganz
+bescheiden im Schatten unter dem Strohdach des Stalles. Der zweite König
+nimmt aus den Händen eines Pagen, dem er mit schweigender Gebärde beiseite
+zu treten gebietet, das kostbare Geschenk, welches er darbringen will. Der
+dritte tritt mit einer Bewegung des Staunens, daß er in solcher Ärmlichkeit
+den neugeborenen König findet, aus dem Dunkel in das Licht, dessen
+Wiederschein den Gold- und Juwelenschmuck seiner eigenen reichen
+Königskleidung funkeln macht. Im Dunkel der Nacht verschwinden die
+Gestalten des Gefolges, der Schirmträger und die übrigen prächtig
+gekleideten Leute, die unter himmlischem Geleit vor diese Hütte gekommen
+sind. Im Zauber der Lichtwirkung gehört das Bild zu den reizvollsten
+Schöpfungen Rembrandts; ein gleiches Maß von Ausdruck der innersten
+Frömmigkeit, wie die drei vor dem Christkind knieenden Figuren sie zeigen,
+hat kaum je ein anderer der größten Meister erreicht, Ähnliches enthalten
+in dieser Beziehung vielleicht nur die tiefstempfundenen Werke der
+spätgotischen Zeit (Abb. 152).
+
+[Illustration: Abb. 150. _Bildnis eines Architekten_, gemalt 1656. In der
+königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer Photographie von Franz
+Hanfstängl in München.)]
+
+Des Meisters eigenes Bildnis aus dem Jahre 1657 besitzt die Dresdener
+Galerie; man vermeint ein leises Lächeln die Lippen des Malers umschweben
+zu sehen; solange er sich im Vollbesitz seiner Kunst weiß, darf er über
+jedes Mißgeschick lächeln. So trägt er auch das Haupt mit vornehmem Stolz
+aufrecht in dem vielleicht ein Jahr später entstandenen prächtigen
+Selbstbildnis, welches die Münchener Pinakothek besitzt (Abb. 153). -- Ein
+Meisterwerk der Porträtmalerei ist auch das Brustbild eines langlockigen
+jungen Mannes im Louvre, von 1658.
+
+Mit eben dieser Jahreszahl ist eine Radierung bezeichnet, welche Christus
+und die Samariterin am Brunnen darstellt. Eine getuschte Federzeichnung in
+der Albertina hat mit diesem Blatte, von dem sie übrigens ebenso wie von
+der inhaltsgleichen Radierung aus des Meisters Jugendzeit als Komposition
+ganz verschieden ist, den Umstand gemein, daß eine malerische
+Landschaftsstimmung wesentlich zur Wirkung des Ganzen beiträgt (Abb. 154).
+
+Um diese Zeit fing der Meister übrigens an, die Lust am Radieren zu
+verlieren. Ein sehr wirkungsvolles Blatt ließ er im Jahre 1659 entstehen in
+einer Darstellung der Heilung des Lahmgeborenen durch Petrus unter der
+Schönen Pforte des Tempels (Abb. 156).
+
+Ein biblisches Gemälde von 1659 besitzt das Berliner Museum: »Jakob ringt
+mit dem Engel.« Um dieselbe Zeit ist das ebenda befindliche Bild »Moses
+zertrümmert die Gesetztafeln« entstanden. Ein meisterhaftes Bildnis von
+1659, die Halbfigur eines alten Mannes, befindet sich in der Londoner
+Nationalgalerie.
+
+Sich selbst hat der Meister im Jahre 1660 abgemalt in seiner
+Arbeitskleidung, das ergrauende Haar mit einem weißen Tuch bedeckt, mit der
+Palette in der Hand; seine Haut ist welk geworden, aber die Augen leuchten
+noch voll Leben unter den Brauen hervor. Die Louvresammlung besitzt dieses
+bewunderungswürdige Bildnis, welches sogar die ebendort befindlichen
+älteren Selbstbildnisse des Meisters in Schatten stellt.
+
+Im folgenden Jahre vollendete er das vollkommenste unter allen seinen
+Werken: die Bildnisgruppe der Vorsteher (»Probenmeister«) der
+Tuchmacherzunft von Amsterdam. Wie er in seiner Jugendzeit in der
+»Anatomiestunde« und in seiner Blütezeit in der »Scharwache« sein Bestes
+geschaffen hatte, so krönte er auch im Alter seine Thätigkeit wieder durch
+ein Genossenschaftsbild. Aber während er in jenem Gemälde sich die
+strengste Naturwahrheit als Ziel gestellt und in diesem den Versuch gemacht
+hatte, aus der an sich trockenen Aufgabe ein malerisches Gedicht zu
+gewinnen, so vereinigte er jetzt mit gereifter Kraft die beiden Seiten
+seines Könnens. Er schuf ein Bild von der ungesuchtesten Natürlichkeit und
+mit schlichter, gleichmäßiger Beleuchtung, ohne von dem Zauber seiner ihm
+allein eigentümlichen Farbe das Geringste zu opfern; er dichtete in Farben,
+ohne der überzeugenden Lebenswahrheit auch nur im mindesten Eintrag zu
+thun. In diesem Bilde von großartiger Einfachheit hat Rembrandt das letzte
+Wort seiner Kunst gesprochen. An einem Tische, den ein orientalischer
+Teppich von rotem Grundton bedeckt, sitzen vier Herren, mit dem Prüfen der
+Rechnungen beschäftigt, ein fünfter erhebt sich eben vom Stuhl; alle fünf
+sind gleichmäßig mit schwarzen Röcken, breiten weißen Kragen und schwarzen
+Filzhüten bekleidet; hinter ihnen steht barhäuptig ein Diener, gleichfalls
+in schwarzem Rock mit weißem Kragen; die Wand des Zimmers ist mit braunem
+Holz getäfelt. Aus so wenigen Farben hat der Meister ein Bild von
+unbeschreiblicher Harmonie zusammengewoben; jeder Gegenstand hat deutlich
+und bestimmt die Farbe, die ihm zukommt: aber das Ganze ist gleichsam mit
+einem braungoldigen Ton durchtränkt. Dabei ist das denkbar höchste Maß von
+Körperhaftigkeit erreicht und nicht minder die sprechendste, zweifelloseste
+Porträtähnlichkeit in jeder einzelnen Persönlichkeit. Diese ehrbaren Männer
+leben vor unseren Augen (Abb. 155). Das Bild befand sich ursprünglich im
+sogenannten Staalhof; jetzt prangt es im Reichsmuseum zu Amsterdam und
+verdunkelt die trefflichsten Porträtbilder anderer Meister.
+
+[Illustration: Abb. 151. _Jakob segnet seine Enkel Ephraim und Manasse._
+Gemälde von 1656 in der königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer
+Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
+
+[Illustration: Abb. 152. _Die Anbetung der Weisen._ Gemälde von 1657 in der
+königl. Galerie des Buckinghampalastes. (Nach einer Originalphotographie
+von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+1661 ist die letzte Jahreszahl, die auf einer Radierung des Meisters
+vorkommt. Dieses letzte datierte Werk seiner Ätzkunst ist das Bildnis
+seines nunmehr zweiundsechzigjährigen alten Freundes Coppenol, den er im
+Laufe seines Lebens mehrmals mit Farben und mit der Radiernadel abgebildet
+hatte.
+
+[Illustration: Abb. 153. _Selbstbildnis Rembrandts_, gemalt um 1658. In der
+königl. Pinakothek in München. (Nach einer Photographie von Franz
+Hanfstängl in München.)]
+
+Aus dem nämlichen Jahre besitzt die Louvresammlung ein mit fast verwegener
+Meisterschaft gemaltes Bild, welches den Evangelisten Matthäus darstellt.
+-- Ebendort befindet sich aus etwas späterer Zeit ein Gemälde, das uns eine
+reichgekleidete wohlbeleibte Holländerin mit einem Knaben auf dem Schoße
+zeigt; der Knabe hat Flügel an den Schultern, und daran merken wir, daß
+hier Venus und Amor vorgestellt werden sollen. Daß Rembrandt sich auf
+derartige Gegenstände nicht verstand, ist in diesem seinen letzten
+mythologischen Gemälde endgültig dargethan. Aber als den großen Meister
+biblischer Darstellungen bewährte er sich noch einmal in einem ergreifenden
+Gemälde, welches in lebensgroßen Figuren die Rückkehr des verlorenen Sohnes
+schildert (in der Ermitage zu Petersburg). -- Ein dem Gegenstande nach
+nicht ganz verständliches Bild von 1662 besitzt das Museum van der Hoop in
+Amsterdam. Dieses farbenprächtige Gemälde führt den Namen »die jüdische
+Braut« und zeigt eine reich gekleidete junge Frau, der ein ältlicher Mann
+mit würdevollem Äußeren zärtlich entgegentritt.
+
+[Illustration: Abb. 154. _Christus und die Samariterin._ Handzeichnung in
+der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément
+& Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
+
+Es liegt etwas, man möchte sagen Aufgeregtes in der Art und Weise, wie
+diese Gemälde aus Rembrandts letzten Lebensjahren behandelt sind; man
+könnte glauben, der Meister, der sein ganzes Leben lang so gewissenhaft an
+seiner Ausbildung gearbeitet und der immer Fortschritte gemacht hatte, habe
+nach der Vollendung des nicht mehr zu überbietenden Tuchmacherbildes in
+unerhörten Kühnheiten der Malweise eine Möglichkeit, noch mehr zu
+erreichen, gesucht. Sehr auffallend tritt dieses auch bei dem großen,
+schönen Familienporträt im Museum zu Braunschweig zu Tage, auf dem ein
+Mann, eine Frau und zwei Kinder abgebildet sind.
+
+[Illustration: Abb. 155. _Die Vorsteher der Tuchmacherzunft_ (=de
+staalmeesters=). Gemälde von 1661 im Ryksmuseum zu Amsterdam. (Nach einer
+Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
+Paris.)]
+
+Die Jahreszahl 1666 tragen das Bildnis einer alten Dame in der Londoner
+Nationalgalerie und dasjenige des Dichters Jeremias de Decker in der
+Ermitage. Der letztere war ein alter Freund Rembrandts; vor fast dreißig
+Jahren hatte er dessen jetzt im Buckinghampalast befindliches Gemälde
+»Christus erscheint der Magdalena« in einem Sonett gefeiert; in einem
+Gedicht dankte er nun auch dem Meister für das Bildnis, das dieser ihm
+»nicht aus Aussicht auf Gewinn, sondern aus Freundschaft« gemalt hatte, und
+er pries den Ruhm, den Rembrandt errungen habe, »dem Neid zum Trotze, dem
+verruchten Tier.« -- Seine unverwüstliche Frische der Auffassung und seine
+Schärfe der Beobachtung bewies der Meister auch noch in einer ganzen Anzahl
+von Selbstbildnissen, mit denen er seine Künstlerlaufbahn beschloß, wie er
+sie damit begonnen hatte (Abb. 157).
+
+Als seine letzte Schöpfung gilt das in der Gemäldesammlung des
+großherzoglichen Schlosses zu Darmstadt befindliche ergreifende Bild:
+»Christus an der Martersäule.« Es ist mit der Jahreszahl 1668 bezeichnet.
+Ein bitteres Gefallen an der Verbildlichung des Qualvollen spricht aus der
+Darstellung. Der Heiland wird durch zwei Schergen in eine grausame Stellung
+zum Empfang der Geißelhiebe gebracht; der eine zieht ihm die gefesselten
+Hände vermittelst einer Rolle gewaltsam in die Höhe, während der andere ihm
+die Füße in Eisen legt; die Magerkeit des entblößten Körpers erhöht die
+Peinlichkeit des Anblicks. Das Gemälde ist in seinem schwarzgoldigen Ton
+noch ein echtes Werk Rembrandts, und zugleich ist es das echte Werk eines
+müden alten Mannes, mit vollem Können, aber ohne Herzenswärme gemalt.
+
+[Illustration: Abb. 156. _Petrus und Johannes an der Schönen Thür des
+Tempels._ (Heilung des Lahmgeborenen.) Radierung von 1659.]
+
+Hendrikje Stoffels war wahrscheinlich schon bald nach 1661 gestorben, und
+ihr Töchterchen Cornelia scheint nicht über das Kindesalter hinausgekommen
+zu sein. Seinen Sohn Titus verlor Rembrandt im September 1668, nachdem
+derselbe kurz zuvor geheiratet hatte. Er selbst war eine neue Ehe
+eingegangen mit Catharina van Wyck, von der er noch zwei Kinder bekam. Der
+Meister beschloß sein arbeitsames, von Ruhm und glänzenden Erfolgen
+erhelltes und von harten Schicksalsschlägen verdüstertes Leben im Herbst
+1669. Die Begräbnisliste der Westerkirche zu Amsterdam verzeichnet den 8.
+Oktober 1669 als den Tag seiner Beerdigung.
+
+[Illustration: Abb. 157. _Rembrandts Selbstbildnis aus seiner letzten
+Lebenszeit._ In der Sammlung des Herzogs von Buccleugh zu London. (Nach dem
+Schabkunstblatt von Rich. Earlom.)]
+
+Die Geschichte seines Lebens verschwand auffallend schnell im Dunkel. Ein
+Gemisch von schülerhaften Werkstattgeschichtchen und von böswilligen
+Verleumdungen, das aus den Kreisen seiner eigenen Schüler hervorging, hat
+die Stelle seiner Lebensbeschreibung vertreten müssen, bis in unserem
+Jahrhundert holländische Forscher die urkundliche Wahrheit ans Licht
+förderten. Sein Künstlerruhm aber war zu groß, um vom Neide berührt zu
+werden. Die besten Meister der Kupferstecherkunst bemühten sich, die
+Gemälde Rembrandts zu vervielfältigen. Namentlich wurde in der sogenannten
+Schabkunstmanier, welche gegen das Ende des Dreißigjährigen Krieges in
+Deutschland erfunden wurde und alsbald besonders in England zu großer
+Beliebtheit gelangte, ein sehr geeignetes Mittel gefunden, die
+Rembrandtsche Helldunkelwirkung wiederzugeben. Die Abbildungen 38, 56, 75,
+101, 122, 145 und 157 sind nach solchen Schabkunst- (oder
+Schwarzkunst-)Blättern deutscher und englischer Meister aus dem XVII. und
+XVIII. Jahrhundert angefertigt. In der zweiten Hälfte des vorigen
+Jahrhunderts hat der größte Kupferstecher jener Zeit, der preußische
+Hofkupferstecher G. F. Schmidt, zahlreiche Rembrandtsche Gemälde durch
+Radierungen, welche Rembrandts eigene Radiermanier nachahmten,
+vervielfältigt. So trefflich diese Radierungen sind, so geben sie doch
+Rembrandts Werke nicht mit unbedingter Treue wieder; jene Zeit war nicht
+unbefangen genug, um sich in eine andere Zeit ganz rückhaltslos vertiefen
+zu können: namentlich fällt es uns auf, daß G. F. Schmidt als echter Sohn
+seiner Zeit die einfache Natürlichkeit des Ausdruckes, die für uns heute
+einer der höchsten Ruhmestitel von Rembrandts Kunst ist, nicht begriffen
+hat; der Zopfkünstler hat, gewiß unabsichtlich, fast überall etwas
+Schauspielerisches in die Augen der Rembrandtschen Figuren gelegt, was doch
+den Originalen so ganz und gar fremd ist. Durch wirklich zweifellos getreue
+Vervielfältigung die weit zerstreuten Schöpfungen des Meisters größeren
+Kreisen bekannt zu machen, blieb der Photographie in ihrer heutigen
+Vollkommenheit vorbehalten. Neben den prachtvollen photographischen
+Abbildungen, welche in der letzten Zeit von den Schätzen einzelner
+Sammlungen veröffentlicht worden sind -- auf die Photographien von F.
+Hanfstängl in München nach den Gemälden der Galerie zu Kassel sei ganz
+besonders hingewiesen -- muß die Thätigkeit des Verlags von A. Braun & Co.
+in Dornach (Elsaß) in erster Reihe hervorgehoben werden. Diese Firma hat,
+wie von Raffael, Holbein und anderen Meistern, so auch von Rembrandt in den
+verschiedenen Sammlungen Europas, von Madrid bis Petersburg und von London
+bis Neapel, die Hauptwerke aufgesucht und in unübertrefflichen
+Photographien wiedergegeben. Ein besonderes Verdienst dieser Firma ist es,
+daß sie auch die Handzeichnungen des Meisters photographiert und so einen
+dem großen Publikum vordem so gut wie gar nicht bekannten kostbaren Schatz
+der Öffentlichkeit übergeben hat. Handzeichnungen Rembrandts kennen zu
+lernen, hat heute, wo dieser Meister mehr als je geschätzt wird, das
+höchste Interesse. Von Rembrandt kann man sagen, daß sein Ruhm stets
+gewachsen ist; denn die Stimmen einzelner Kunstkenner vom Ende des vorigen
+und dem Anfange unseres Jahrhunderts, denen für einen Meister, auf welchen
+sich eine die Nachahmung der Antike als Grundlage aller Kunst ansehende
+Kunstbeurteilung allerdings ganz und gar nicht anwenden ließ, das
+Verständnis fehlte -- von Empfindung gar nicht zu reden --, fallen nicht
+allzu schwer ins Gewicht. Der Bewunderung Rembrandts kommt freilich seinen
+älteren Ruhmesgenossen gegenüber auch das zu gute, daß beim Beginn seiner
+Blütezeit die letzten, welche ihm als ebenbürtig gelten konnten, tot waren,
+-- denn die mitlebenden beiden großen Meister der spanischen Malerei kamen,
+da sie außerhalb ihres Heimatlandes fast unbekannt blieben, nicht in
+Betracht --, daß also das Parteinehmen und Vergleichen -- die Zerstörung
+alles Kunstgenusses -- wegfiel, und daß nach ihm keiner gekommen ist,
+dessen Name neben dem seinigen genannt werden dürfte. Er war der letzte
+wirklich große Maler.
+
+
+
+
+ Künstler-Monographien
+
+ In Verbindung mit Andern herausgegeben
+ von
+ H. Knackfuß.
+
+ Verlag von Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig.
+
+ In reich illustrierten, vornehm ausgestatteten Bänden mit Goldschnitt zum
+ Preise von 2-3 Mark pro Band.
+
+
+ Plan der Sammlung:
+
+ Die Sammlung ist darauf angelegt, in erschöpfenden, reich illustrierten
+ Monographien, jeder Band selbständig in sich abgeschlossen, eine
+ vollständige
+
+ Geschichte der klassischen und modernen Kunst
+
+ zu bilden, deren handliche und äußerlich vornehme Form in kunst- und
+ litteraturliebenden Kreisen ungeteilten Beifall gefunden hat.
+
+
+ Verzeichnis der bis zum März 1897 erschienenen Bände:
+
+ Band 1. Raffael (Mit 128 Abbildungen) 3 M.
+ " 2. Rubens (Mit 115 Abbildungen) 3 "
+ " 3. Rembrandt (Mit 156 Abbildungen) 3 "
+ " 4. Michelangelo (Mit 95 Abbildungen) 3 "
+ " 5. Dürer (Mit 134 Abbildungen) 3 "
+ " 6. Velazquez (Mit 46 Abbildungen) 2 "
+ " 7. Menzel (Mit 141 Abbildungen) 3 "
+ " 8. Teniers d. J. (Mit 63 Abbildungen) 2 "
+ " 9. A. v. Werner (Mit 125 Abbildungen) 3 "
+ " 10. Murillo (Mit 59 Abbildungen) 2 "
+ " 11. Knaus (Mit 67 Abbildungen) 3 "
+ " 12. Franz Hals (Mit 40 Abbildungen) 2 "
+ " 13. van Dyck (Mit 55 Abbildungen) 3 "
+ " 14. Ludwig Richter (Mit 183 Abbildungen) 3 "
+ " 15. Watteau (Mit 92 Abbildungen) 3 "
+ " 16. Thorwaldsen (Mit 146 Abbildungen) 3 "
+ " 17. Holbein d. J. (Mit 151 Abbildungen) 3 "
+ " 18. Defregger (Mit 96 Abbildungen) 3 "
+ " 19. Terborch und Jan Steen (Mit 95 Abbildungen) 3 "
+ " 20. Reinhold Begas (Mit 117 Abbildungen) 3 "
+
+Der Eintritt in das Abonnement verpflichtet nicht zur Abnahme der ganzen
+Sammlung, vielmehr hat der Abonnent das Recht der Auswahl der ihm
+zusagenden Bände und der Rückgabe der nicht gewünschten, so daß jedem
+Kunst- und Bücherfreunde Gelegenheit geboten ist, seine Lieblingskünstler
+sich auszuwählen und nach und nach die Sammlung zu einer vollständigen und
+erschöpfenden Geschichte der bildenden Künste zu ergänzen.
+
+Der anerkannte und sehr schätzenswerte Vorzug einer zugleich
+wissenschaftlich gründlichen und allgemein verständlichen Darstellung wird
+in dieser Sammlung unterstützt durch eine reiche, glänzende Illustrierung,
+und an dem vollendeten Druck, sowie an der eigenartigen, feinen äußeren
+Ausstattung der Bände wird jeder Bücherliebhaber seine Freude haben.
+
+Der äußerst niedrige Preis der Bände ist darauf berechnet, diese Sammlung
+in die weitesten Kreise zu bringen und auch Liebhabern mit bescheidenen
+Mitteln die Anschaffung zu ermöglichen.
+
+
+Als Ergänzung der Künstler-Monographien und in gleicher Ausstattung
+erscheint:
+
+ Allgemeine Kunstgeschichte.
+
+ Herausgegeben von
+ H. Knackfuß und Max Gg. Zimmermann.
+
+ 3 Bände gr. 8° mit über 1000 Abbildungen. Preis komplett 24 M.
+
+ Hiervon ist bereits erschienen:
+
+ Erster Band:
+ Kunstgeschichte des Altertums und des Mittelalters
+ bis zum Ende der romanischen Epoche
+
+ von Professor Dr. Max. Gg. Zimmermann.
+
+ Mit 411 Illustrationen. Preis: broschiert 8 M., elegant gebunden 10 M.
+
+In diesem Werke wird man eine übersichtliche, anziehend und klar
+geschriebene Darstellung der Kunst in allen ihren Verzweigungen von der
+ältesten Zeit bis zur Gegenwart finden, erläutert und belegt durch eine
+große Fülle meisterhaft reproduzierter Abbildungen nach den Originalen.
+Für den Bücherschrank des deutschen Hauses empfiehlt sich das Werk sowohl
+durch seine gemeinverständliche Darstellung wie durch seinen handlichen
+Umfang und mäßigen Preis, nicht minder werden die Abnehmer und Freunde der
+Knackfußschen »Künstler-Monographien« dieses Werk willkommen heißen, das
+eine Übersicht der Kunstentwickelung aller Zeiten im _Zusammenhange_
+bietet, während die Künstler-Monographien erschöpfende in sich
+abgeschlossene Darstellungen einzelner großer Künstler geben. Die
+Allgemeine Kunstgeschichte bildet also eine notwendige Ergänzung der
+Künstler-Monographien, wie sie sich denn auch im Format dieser Sammlung
+anschließt. Zum zahlreichen Abonnement ladet ein
+
+ Die Verlagshandlung
+ Velhagen & Klasing
+ in Bielefeld und Leipzig.
+
+
+[Illustration: Diskuswerfer des Myron. Bronzierter Gipsabguß in
+Statuettengröße aus dem römischen Kunsthandel im Akademischen Kunstmuseum
+zu Bonn. Das unbekannte Original des Abgusses war antike oder moderne
+Wiederholung des Diskuswerfers im Palazzo Lancellotti zu Rom. Erstmalige
+Veröffentlichung. (Abbildung aus »Allgemeine Kunstgeschichte«.)]
+
+
+ Bestell-Zettel
+ (zur Besorgung durch jede Ortsbuchhandlung).
+
+ Unterzeichneter bestellt bei:
+ zur Ansicht -- in feste Rechnung
+
+ Künstler-Monographien von H. Knackfuß
+ Band 1 (Raffael) und Folge (à Band 2-3 M.)
+
+ oder daraus einzeln:
+
+ Raffael (1) -- Rubens (2) -- Rembrandt (3) -- Michelangelo (4) --
+ Dürer (5) -- Velazquez (6) -- Menzel (7) -- Teniers d. J. (8) -- A. v.
+ Werner (9) -- Murillo (10) -- Knaus (11) -- Franz Hals (12) -- A. van
+ Dyck (13) -- Ludwig Richter (14) -- Watteau (15) -- Thorwaldsen (16) --
+ Holbein d. J. (17) -- Defregger (18) -- Terborch und Jan Steen (19) --
+ Reinhold Begas (20).
+
+ (Das Nichtgewünschte gefl. zu durchstreichen.)
+
+ Unterschrift und genaue Adresse:
+
+
+ Unterzeichneter bestellt bei:
+
+ Allgemeine Kunstgeschichte. Von H. Knackfuß und Max Gg. Zimmermann.
+
+ I. Band: Altertum und Mittelalter.
+
+ Preis: broschiert 8 M. -- gebunden 10 M.
+
+ (Das Nichtgewünschte gefl. zu durchstreichen.)
+
+ Unterschrift und genaue Adresse:
+
+
+
+Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
+
+
+[Illustration: Signet.]
+
+
+
+
+ * * * * * *
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Seite 5: »noch nicht belastetete« wurde geändert in
+ »noch nicht belastete«
+ Abb. 24: »Coppeno« wurde geändert in »Coppenol«
+ Abb. 51: »Saskia von Uhlenburgh« wurde geändert in »Saskia van Ulenburgh«
+ Seite 82: »gleichnamiger Prediger« wurde geändert in
+ »gleichnamigen Prediger«
+ Seite 100: »sikkziert« wurde geändert in »skizziert«
+ Seite 100: »wie er den Lazerus« wurde geändert in »wie er den Lazarus«
+ Seite 101: »die beiden mageren Hänbe« wurde geändert in
+ »die beiden mageren Hände«
+ Seite 110: »das 1674 gemalte Bildnis« wurde geändert in
+ »das 1647 gemalte Bildnis«
+ Seite 128: »wer es fassen kaun« wurde geändert in »wer es fassen kann«
+ Seite 132: »ein eigentümlich düsters Gemälde« wurde geändert in
+ »ein eigentümlich düsteres Gemälde«
+ Seite 132: »in Rembrandts Gemälden vorherschend« wurde geändert in
+ »in Rembrandts Gemälden vorherrschend«
+ Seite 140: »Palma Veccchio« wurde geändert in »Palma Vecchio«
+ Seite 152: »wie er sie damit begonnen hatte (Abb. 153)« wurde geändert in
+ »wie er sie damit begonnen hatte (Abb. 157)«
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REMBRANDT***
+
+
+******* This file should be named 35030-8.txt or 35030-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/0/3/35030
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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