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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:02:25 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Der schwarze Baal, by Paul Zech
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der schwarze Baal
+ Novellen
+
+Author: Paul Zech
+
+Release Date: January 3, 2011 [EBook #34833]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWARZE BAAL ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
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+Paul Zech
+
+Der schwarze Baal
+
+Novellen
+
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+Verlag der Weißen Bücher / Leipzig
+
+1917
+
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+
+
+
+
+Copyright Verlag der Weißen Bücher, Leipzig, 1917
+
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Die Birke
+Der schwarze Baal
+Das Pferdejuppchen
+Die Gruft von Valero
+Das Vorgesicht
+Nervil Munta
+Der Anarchist
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+Die Birke
+
+
+(1910)
+
+Eine halbe Stunde weit von der großen Stadt, deren Türme, Gasometer und
+Riesenschornsteine aus dem gelbgrauen Nebel wie Köpfe langsam Ertrinkender
+sich emporquälen, liegt die Gewerkschaft »Frisch auf«.
+
+Mitten im Grün flacher Weideflächen und bis zum Rand der pastellhaften
+Kurve brauner Äcker. Aufrecht und starr wie eine starkbefestigte Insel.
+
+Sie bleckt wie alle diese klobigen Tempel Vulkans bissig unnahbar aus den
+Umzäunungen.
+
+Braune, mächtige Eichenbohlen stehn riesenhaft verkettet. An den vier Enden
+erheben sich schmiedeeiserne Tore mit spitzen Zacken auf den Häuptern;
+martialische Landsknechte.
+
+Aus der Umzäunung ragen drohend die Fördergerüste empor: Phantastische
+Wurfmaschinen mit großen, flinkkreisenden Rädern; darüber Seile gleiten,
+welche die Geschosse auf- und niederheben. Die ringförmige Straße ist wie
+ein Graben vertieft. Schienenstränge gleißen darin wie dünne halbversiegte
+Wasserrillen. Die Lastwagen schaukeln wie Boote vorüber; alte
+vorsintflutliche Kasten.
+
+Jenseits der Straße ragen die Halden.
+
+Das sind die Forts. Regelrechte Gebirge mit ausgewaschenen Höhlen,
+verwitterten Kanten und schroffen Kämmen. Sie sind keine dreißig Meter
+hoch. Aber mit finsteren Mienen bewachen sie die Gewerkschaft wie riesige
+Fleischerhunde, weißer Geifer quillt aus den aufgesperrten Rachen. Dann und
+wann verschlingen sie ein paar Kinder, die, klein wie Vögel mit spitzen
+Schnäbeln, auf ihren Häuptern herumstelzen und aus dem struppigen Gesträhn
+kleine Kohlenstückchen in Säcke sammeln.
+
+Unten, nach der Kolonie zu, wo die Häuser wie blanke Zahnreihen blitzen,
+hat man einen neuen Berg aufgeschichtet.
+
+Unbarmherzig über saftige Grasflächen und Strauchwerk rollte das schwarze
+Verhängnis und fraß alles stückweise weg mit qualmender, zischender
+Begierde.
+
+Nur eine Birke war stehen geblieben. Obwohl ihr das schwarze Gift in
+Mannshöhe schon den weißen Leib umklammert hatte.
+
+Es war kein dürrer Ast an ihr. Sie war zart und hob das kraus gekämmte Haar
+trotzig in den Wind empor. Mit Abscheu sah sie auf die magern Gartenklexe
+der Kolonie, die gar nicht anrennen wollten gegen die weit umsichgreifende
+Umklammerung des Gebirges. Sie schaute gelangweilt auf die schmutzigen
+Höfe, wo frischgesäuberte Leibwäsche sich auf den Leinen spreizte, um das
+Weiß ihres jungfräulichen Gewandes nachzuahmen, und sie zuckte nur auf, als
+ein verirrter Vogel Schutz in ihrem grünen Blätterschoß suchte. Schutz vor
+den gelben Ausdünstungen der Kokereien und dem Gestöber der Rauchwolken,
+die unaufhörlich den Feuerschlünden entquollen.
+
+Sie sträubte das Gefieder wie eine Gluckhenne und nickte beseligt ein, als
+der aller Gefahr entronnene Sänger, den draußen niemand mehr anhören
+wollte, sein Lied zu Ende flötete. Das war ein Lied von der andern Welt, wo
+ein kristallner Himmel sich zur Kuppel wölbte, weiße, gleißende Sonne die
+Felder segnete und phantastische Schatten weglang hin- und herwärts jagten.
+
+Die Seele der Birke weitete sich. Kindheitserinnerungen zogen vorüber; ewig
+blauer Himmel und immergrüne Wiesen mit zottigen Schafen und silbernen
+Bächen.
+
+Und der Vogel sang stärker. Immer leidenschaftlicher rollten die Töne,
+überschlugen sich. Und endeten schließlich in einer weichen Wiegenmusik.
+
+Die Birke schloß die Augen. Ihre smaragdnen Behänge kuschelten sich
+zusammen, und die Dämmerung breitete die schweren Schlafdecken darüber.
+
+Ein böser Traum erschütterte das Herz der Birke.
+
+Wie mit wachen Augen sah sie das Kommen wildfremder Dinge und konnte sich
+nicht wehren. Der Alp lastete mit Zentnergewichten und schlug alle
+Anstrengungen des Wachwerdenwollens in Fesseln. Droben auf der Halde aber
+rauschten die Flammenkessel. Signalposaunen bliesen. Transmissionen
+kreischten und wildbärtige Sturmkolonnen rüsteten sich zum Angriff auf die
+arme, frierende Birke. Dampfmaschinen fuhren auf wie Kanonen. Männer mit
+furchtbar entstellten Gesichtern hoben lodernde Blöcke auf kleine
+Kippwagen. Dumpf rollte der Niedersturz. Und dann dröhnten die Lavablöcke
+mit höllischem Gepolter den Abhang hinunter. Weiße Dunstwolken mit
+orangenen Helmen jauchzten hinterdrein. Donnernd schlug die ehern glühende
+Masse unten auf. Ein Funkenregen spritzte bis in die Kolonie. Die Birke
+stand in einem blutroten Nebel. Sie erbebte bis in die feinsten
+Faserwurzeln. Und konnte sich doch nicht rühren. Immer neue Geschosse
+flogen hinab. Die Splitter schwirrten wie ein Gewitterregen. Sturzbäche
+schwollen zu Tal.
+
+Die Birke stand bis zu den Armen in der brodelnden Flut. Immer
+unermeßlicher rauschte das Funkenmeer. Der rote Nebel blähte sich wie eine
+Retorte. Minutenlang war die Birke darin verschwunden.
+
+Und als sich die letzten Schwaden verzogen hatten, die straffen Gurten der
+Funken gelockert, wehte nur das zerzauste Haar des Baumes herauf. Stamm und
+Arme krümmten sich unten in dem qualmenden Schlackenmorast und starben
+brüchig ab.
+
+Lange nachdem der Feind vor den Pfeilen der Morgenschauer geflüchtet war,
+erwachte die Birke mit fieberndem Kopf. Ihr Herz ging in langsamen
+Schlägen, und in den Schläfen hämmerte der Brand.
+
+Erst gegen den Nachmittag zu, als die Sonne ihr das Haar wieder geglättet
+hatte, und ein frischer Wind, der vom Fluß heraufkam, kühlen Tau
+mitbrachte, begann das böse Fieber zu weichen.
+
+Die Birke sah mit kranken Augen in die Kolonie hinunter. Da polterten die
+schwarzen Wagen über das Pflaster, als wäre nichts geschehen.
+Halberwachsene Mädchen spazierten langsam mit den Kindern: zottelige,
+ungewaschene Brüder und Schwestern in allen Altersstufen. Der Obersteiger
+trug seine Würde behäbig in die Fliederlaube, wo der Kaffeetisch gedeckt
+stand, umbrämt von einem schäbig blauen Rideaux. Die Frau Kuscinsky stritt
+sich mit der Frau des Maschinisten Klöwer um einen neuen Hut, den sie beide
+nicht besaßen. Hinter dem Kaninchenstall lag der Invalide Wladislaw und war
+wieder einmal selig besoffen. Die magern Schweine grunsten. Hühner warfen
+den Staub auf den Höfen wirr durcheinander. Spatzen hüpften umher. Dünne
+Glocken schnarrten die langweiligen Viertelstunden mit Bravour herunter.
+
+Die Birke versuchte zu lächeln über so viel Lebensbunterlei, das nutzlos in
+den Tag hineinlebte.
+
+Aber die Brust. O, wenn nur die Brust nicht so geschmerzt hätte! Das Wetter
+war bedeckt und der Wind -- es war ein anderer -- hob alle die
+entsetzlichen Gerüche von dem Zechenhof und versprengte sie wie durch eine
+Brause.
+
+Die Birke reckte, so gut es eben ging, den Kopf.
+
+Aber das verirrte Vögelchen von gestern war einfach nicht mehr vorhanden,
+vielleicht hockte es schon irgendwo in einem Käfig. Denn die jungen
+Burschen, die unten im Schacht die Pferde mißhandelten, fingen mit
+Leimruten alles weg, was auch nur einen kleinen Ton in der Kehle stecken
+hatte.
+
+In langen Reihen hingen die Vogelzwinger vor den kleinen Häusern.
+Grammophone animierten die Drosseln, Stare und Hänflinge zum Konzert.
+
+Nicht ein Vögelchen schwirrte mehr durch den hereinbrechenden Dämmer. Nur
+die ekelhaften Fledermäuse mit den stumpfen Nasen und kühlen Krallen.
+
+Und da wurde es merkwürdig still in den Mienen der Birke. Schwer fiel ihr
+das Haar in die Stirn. Und sie mußte es geschehen lassen, daß die
+heraufspringende Abendkühle sich darin festsetzte und die grauen Sacktücher
+wusch.
+
+Ein bleicher Stern, der zischend vom Himmel fiel und um Haaresbreite das
+herabgebeugte Haupt der Birke streifte, weckte die Halberstarrte noch
+einmal aus dem langsamen Hinüberschlummern.
+
+Zwischen den halbgeöffneten Lidern sah sie noch die lang aufquellende
+Lichterreihe, und dicht dahinter fuhren schon wieder die mörderischen
+Geschütze auf.
+
+Ein Schreckschauer rieselte schwer über ihre blasse Stirne. Gleichgültig
+ließ sie die beiden Verliebten vorüberstreichen, die sich nicht schämten,
+die Wildgier ihrer Lippen vor den Augen der vielen jungfräulichen
+Wasserspiegel auf dem Pfad zu schüren.
+
+Oh, diese Jungverliebten, die in diesem geizigen, raubgierigen Lande doch
+nur allezeit zwei verlobte Waisenkinder sein werden! Die Birke zitterte
+stärker auf.
+
+Es war nichts. Oder es war das Atmen der Stille, der tödlichen Stille vor
+dem letzten Herzschlag.
+
+Auf der äußersten Flanke der Halde flatterten schon die schneeigen Gewänder
+der Engel auf, um die Seele der Birke hinwegzutragen. Feuerbäche brausten
+in der Tiefe und wehten den metallischen Schaum bis zum Gipfel empor.
+
+Die ersten Geschosse knatterten.
+
+Dicht vor der zusammengebrochenen Birke schlugen sie ein.
+
+Geröllstücke lösten sich los und brachen krachend in das Häufchen Tod.
+
+Langsam begruben sie die spärlichen Überreste.
+
+Der ganze Höllenspektakel der Schlacht rauschte noch einmal auf.
+Unheilvolles Gebrüll zog Kreis zu Kreis. Der Himmel tanzte. Die Erde tat
+sich auf. Und aus dem klaffenden Spalt schwebte langsam, von hundert weißen
+Fittichen getragen, die arme Seele der Birke empor. Glockengeläut schwoll
+auf. Und die schauervolle schwarze Nacht wallte wie ein unabsehbares
+Trauergefolge.
+
+
+
+
+Der schwarze Baal
+
+
+(1911)
+
+Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!
+
+Wie ein dichtes Schneegestöber fuhr dieses flockige Rufen über das Dorf,
+immer wenn der schwarze Baal die roten Fangarme durch den Schacht gestoßen
+hatte und von jenen Männern, die ihr Bündel heiler Knochen Tag für Tag auf
+die blutrostigen Böden der Förderschale legen mußten, sich irgend einen,
+oder ein Dutzend oder Hundert auswählte zum Fraß und den Rest wieder von
+sich gab wie einen ausgedörrten Kothaufen.
+
+Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!
+
+Und die Witwen im schwarzverlogenen Gewand der Trauer, die diesen Ruf
+gleichgültig hinausmurmelten wie den Perlenfall des Rosenkranzes,
+zerdrückten in der Linken das Taschentuch und wogen in der Rechten den
+Goldklumpen der Unfallprämie. Sie wogen und prahlten, bis das Gleißende zum
+Glück wurde für den neuen Schuft aus der Reihe der Schlafburschen.
+
+Und dann schickten die wiederum Mütter Gewordenen ihre Söhne in den Schacht
+hinunter. Und es dünkte ihnen eine große, unverdiente Gnade, wenn der
+Grubendirektor Brot gab für die hungrigen Mäuler. Denn der Schatten des
+Hungers lag wuchtender auf den paar aussätzigen Hütten am Fluß, als der
+hagelwolkige Vorübergang einer Katastrophe, die eigentlich nur die Fenster
+zum Klirren brachte und ein paar Gänge zum Kirchhof mehr.
+
+Niemand im Dorf glaubte an die Brandopfergier des Baals. Kein Gatte, Sohn,
+Bräutigam, Kostgänger war ihnen ein dem Baal Geweihter. Vorbestimmt war
+diesen nur jenes sanfte Hinüberschlummern zwischen den Kissen des
+Ehebettes. Aller Tod, der anders kam, war ein Unglück. Oder ein Zufall, wie
+die Aufgeklärten meinten.
+
+Und die, die auf das Kreuz des Alltags genagelt, hinunterfuhren in die
+verfluchten Bezirke der Fron und Station an Station durchwanderten, da
+einen Arm, dort ein Bein ließen, fürchteten den Hunger maßloser als die
+fünf Bretter des Sarges. Nicht einen Augenblick dachten sie bei dem
+zerfetzten Kadaver eines Kameraden an die Möglichkeit, an gleicher Stelle
+zu liegen. Heute oder morgen. -- Oh ein Unglück! Ein Unglück! Nichts
+weiter.
+
+Und das Opfer in den hakigen Klauen des Baals, reißt es nicht das Maul auf
+zum Schrei: »Oh ihr Brüder: das Unglück! Das Unglück!«
+
+Und die diesen Schrei hören, sind sie nicht ein furchtbares Echo, das das
+Bersten und Krachen der Planken übertönt wie ein Orkan?
+
+Aber alle, die es auffangen dort oben im weißen Dunst des Tages, blasen es
+weiter in die stumpfe Melodie des Trauermarsches: Oh das Unglück! Das
+Unglück!
+
+Das schnurrt der Pfaffe am Massengrab nach. Die Mütter und Witwen und
+Töchter verdrehen die Augen, die nicht weinen wollen und krümmen die Rücken
+ein paar Tage lang. Dann entklafft ihrem Schoß ein Neues und wird Unglück,
+das sie nicht wissen wollen.
+
+Und doch war einer in dieses Dorf gekommen, den man alsogleich zum Opfer
+bestimmte. Obwohl er das Schandmal des Unglücks an der Stirn trug wie eine
+aufgebrochene Schwäre, bekam er seinen Tod zugewiesen. Und die, die ihn
+hielt, war nicht untertänig wie Abraham, da er Isaak opfern ging. Das
+brachte ihn nun in eine allzuschiefe Stellung zu den wichtigsten Dingen
+dieses Lebens, wiewohl seine Mutter dagegen ankämpfte mit den Instinkten
+eines Raubtiers.
+
+Schon daß Fredrik als eine Frühgeburt just in dem Augenblick zur Welt kam,
+da man seinen Erzeuger ins Haus brachte: schwarz, entstellt und
+rotgeschunden, gab ihm eine Sonderstellung inmitten des großen Haufens.
+
+Und dieser unabgestempelte Vater hinterließ ihm nicht einmal seinen Namen.
+Denn die Hochzeit, die jene zwei, die sich erkannt hatten, zusammenkoppeln
+sollte nach dem Gesetz, stand erst vier Wochen nach dem Unglücksfall an.
+Einen Toten aber mit einer Lebenden zu verbinden, war derzeit noch nicht
+gestattet.
+
+Das zerstach der jungen Mutter das Herz, und sie haßte hinfort den Mann,
+der solches heraufbeschworen hatte. Sie haßte diesen Mann über das Grab
+hinaus und sie haßte seine Hantierung.
+
+Sie gab dem Jungen die Brust und harte Pellkartoffeln, die sie dem Amtmann
+stahl, bei dem sie bedienstet war, und sie übertrug auf den Bastard alle
+Zärtlichkeiten, die sie Israel, dem Geliebten, schuldig geblieben war.
+
+Fredrik wuchs auf wie die anderen Würmchen, trotzdem die hohe Obrigkeit
+allerhand Schwierigkeiten machte, ihm die Türchen ins Dasein aufzusperren.
+
+Tags war er im Spital bei der Muhme. Und die alten Klatschmühlen, die mit
+auf der Stube waren, rissen ihn dutzendmal aus der Wiege und betasteten den
+Körper, um irgend etwas Besonderes zu entdecken. Denn daß Fredrik dem Vater
+nachmußte, stand sicherlich irgendwo auf der Haut geschrieben. Und sie
+fanden auch nach langem Suchen einen dunklen Fleck auf dem rechten Oberarm,
+der sah aus wie zwei gekreuzte Schlägel.
+
+Die junge Mutter war verzweifelt, wenn sie solches gewahrte, und entriß das
+Kind den Triefaugen der Hexen, um sich mit ihm in eine dunkle Ecke zu
+verkriechen.
+
+Und wenn dann Fredrik aufkrähte unter dem warmen Strom der Sättigung, hob
+sie ihn empor und ging in der Stube herum wie eine Siegerin: »Seht, was für
+ein gesundes Jungchen! Mein Jungchen hat gerade Arme und gerade Beinchen.
+O, was für ein gesundes Jungchen. Aber in die Grube soll mein Jungchen doch
+nicht!«
+
+Die Spitalweiber ließen sich aber nicht bereden.
+
+»Der Vater wird ihn schon holen kommen, Antje. Du mußt ihn doch einen
+Bergmann werden lassen. Ja, ja, der Vater wird ihn schon holen.«
+
+Sie sagten das mit einem furchtbaren Ernst und verdrehten mystisch die
+Nasen.
+
+In den Worten der runzligen Hexen lag ihr Schicksal. Das fühlte Antje. Die
+Worte schnitten wie zwei scharfe Messer gleichzeitig in ihr Herz. Aber sie
+kämpfte dagegen an und verstopfte die Wunde immer wieder mit einem
+kleberigen Trotz.
+
+Als Fredrik vier Jahre alt wurde, kaufte Antje sich von dem Ersparten ein
+Häuschen und tat einen Handel auf. Das Jungchen lag in der Tür und
+beschnupperte jeden einzelnen Eintretenden. Manchmal ging er auch mit den
+Jungens auf die Gasse zum Spiel. Auf die Schlackenhalde, oder nach dem
+großen Kohlenlager. Da spielten sie Verstecken und balgten sich wie junge
+Katzentiere.
+
+Einmal waren sie ihrer vier die Halde emporgeklettert. Es war so schön warm
+dort oben, und die dünnen Rauchschlangen, die aus den Ritzen züngelten,
+fingen sie mit den Händen auf, oder hielten den offenen Mund darüber, bis
+die Wangen ganz blaß wurden und eine Übelkeit die Köpfe in heftige
+Umdrehungen brachte. Dann rollten sie den Abhang hinunter wie Murmeltiere
+und lagen lange in dem dürftigen Gras der Böschung. Starr und mit dünnen
+Atemzügen.
+
+Die schwarzen Männer, die oben die Wagen entleerten, warfen ihnen böse
+Flüche nach und drohten furchtbar mit den Armen.
+
+Lächelnd erzählte Fredrik der Mutter von dem großen Berg, der immer so
+schön rauchte und ganz warm war.
+
+Da wurde Antje sehr zornig und verbot Fredrik dort hinzugeben. Sie schärfte
+ihren Willen an dem ewigen Wahrsagenwollen der Spitalweiber. Und diesen
+Willen bläute sie dem Jungen ein.
+
+Ein paar Tage lang ließ sie Fredrik nicht aus den Augen. Als dann aber der
+Öljude kam und ihre ganze Aufmerksamkeit wegfeilschte, schlich Fredrik sich
+flugs auf die Gasse und fand ein paar Gefährten, die mit ihm zum
+Schlackenberg gingen.
+
+Sie hatten aber kaum die Hälfte der Anhöhe erstiegen, da gab es ein
+ohrenbetäubendes Donnern. Der Berg öffnete sich, eine Rauchwolke wirbelte
+hervor, und die drei Spielgefährten Fredriks polterten in den Spalt.
+
+Fredrik schoß den Abhang hinunter und lag, mit versengten Haaren und ein
+paar Brandwunden im Gesicht, zappelnd in einer Pfütze.
+
+Die Männer, die ihn der Mutter ins Haus brachten, grinsten, als diese sich
+wie eine Irrsinnige über den Jungen stürzte. Einer von den verrußten
+Männern sagte: »Antje, daß du's weißt, der Israel hat das Söhnchen holen
+wollen, aber der Bengel war zu langsam. Na, ein andermal wird er ihn schon
+sicherer fassen bei der Gurgel.«
+
+Da stellte Antje sich wie eine angeschossene Bärin und trieb die Lästerer
+mit Ruten aus dem Hause.
+
+Und die Kinder wichen dem kleinen Fredrik aus, wenn er zur Schule ging. Und
+die Spitalweiber murmelten: »Antje hat ihn verhext. Sie hat Stutenmilch
+getrunken, als sie den Bengel säugte. Das feit gegen das Unglück. Aber wenn
+ihm die Milchzähne ausgegangen sind, wird es doch mit ihm kommen!«
+
+Antje nahm den Buben nun jeden Morgen bei der Hand und brachte ihn zur
+Schule. Um zwölf stand sie wieder vor dem gebrechlichen alten Hause mit den
+vielen Fenstern und holte ihn ab. Dann mußte er das Pensum erledigen und
+sich auf die Salzkiste setzen bis zum Abend. Sie gab ihm Maiskolben und
+getrocknete Pflaumen zum Spielen. Und nach dem Essen brachte sie ihn zu
+Bett und atmete auf.
+
+»Er wird nie mehr auf die Straße kommen zu den anderen Jungens, und wenn er
+zwölf Jahre alt ist, bringe ich ihn zum Oheim nach Karna. Dort kann er auf
+der Mühle helfen und ein Müller werden!«
+
+Sonntags ging Antje auch mit dem Söhnchen durch die mageren Kartoffelfelder
+und zeigte ihm die bunten Schmetterlinge und den Grashüpfer mit dem gelben
+Schopf.
+
+Einmal sagte Fredrik: »Mutter, wo ist mein Vater? Alle Jungens haben einen
+Vater. Nur ich nicht und der Schorch. Aber Schorchens Vater ist doch auf
+dem Kirchhof. Mutter, sag, ist mein Vater auch auf dem Kirchhof?«
+
+Antje preßte den Zipfel des Kopftuches heftig gegen die Lippen, damit der
+Junge nicht das leise Stöhnen hörte.
+
+So gingen sie eine weile schweigend. Jedes ein Schicksal, und ihre
+Schicksale stöhnten in der herben Luft.
+
+Schwarz fielen die Schatten von den Pappelbäumen.
+
+Und Fredrik schaute noch immer fragend zur Mutter hinauf. Er betrachtete
+ihre Hände, die welk und rissig waren, und liebkoste sie.
+
+Ganz schüchtern öffnete er dann wieder den Mund:
+
+»Mutter, sag . . .«
+
+Und da bemerkte sie sein schmales, entstelltes Gesichtchen. Die spitze
+Falte zwischen den Augenbrauen und den verquollenen Mund, den die obere
+Zahnreihe gewaltsam aufstieß.
+
+»Ja, ja, Jungchen. Ich werde dir den Vater zeigen, wenn wir wieder zu Hause
+sind. Wenn die Sterne scheinen. Dein Vater ist ein Stern. Ein ganz heller
+Stern.«
+
+Fredrik reckte den Hals, und der Atem pfiff hindurch wie das Gekreisch
+einer Ratte, die im Eisen sitzt. Er mahlte mit den Zähnen irgendein Wort,
+aber eine fröstelnde Scheu fraß es ungeboren wieder weg.
+
+»Ja, ja, Jungchen, dein Vater ist ein Stern.«
+
+Fredrik gab sich einen Ruck und sagte weinerlich: »Wenn du mir den Stern
+zeigst, werde ich auch nie mehr fortlaufen.«
+
+Am Abend, als sie daheim am offenen Kammerfenster standen, zeigte Antje dem
+Buben einen runden Stern, der flimmernd über dem Kirchturm stand.
+
+»Das ist dein Vater, Jungchen, sieh nur!«
+
+Fredrik reckte die Hand und versuchte den Stern zu pflücken wie eine Blume.
+Und er träumte die ganze Nacht von dem schönen, blanken Stern.
+
+Und jeden Abend, wenn ihn die Mutter entkleidet hatte, sprang er ans
+Fenster und griff mit dem hageren Ärmchen den Stern. Er verschloß ihn mit
+der kleinen Faust und trug ihn in den Traum hinüber. Dort schien er die
+ganze Nacht so hell, so hell.
+
+Da machten die Kinder mit dem Lehrer einen Spaziergang. Fredrik ging
+anfangs ganz still zur Seite des Magisters und suchte den Boden ab. Bis ihn
+zwei größere Buben beim Arm nahmen und mit fortrissen.
+
+Er kam bald in Feuer und war der schnellste Junge. Er sprang wie ein
+abgekoppeltes Fohlen querfeldein: Greift mich! Greift mich!
+
+Doch als die Buben einen Graben übersprangen, gab die Erde plötzlich nach
+und klaffte breit auf.
+
+Unten war die Hauptsohle des Schachtes.
+
+Der Lehrer drehte sich ein paar mal im Kreise. Irr. Dann war er mit einem
+Satz zur Stelle und sah ganz unten den Jungen auf einem Gesteinsblock
+liegen.
+
+Die Rettungsmannschaft von der Grube kam und holte den zerschundenen Körper
+herauf. Das Haar war mit Blut verklebt, und die Beine hingen schlaff
+herunter wie an Zwirnfäden.
+
+»Diesmal wird es sein Tod sein,« sagte der alte Doktor.
+
+Und die Spitalweiber grinsten und hoben die dürren Finger: »Ja, sein Tod
+wird es sein.«
+
+Und: »Siehste Antje, der Israel hat ihn doch geholt. Haha, haha, haha.«
+
+Vier Monate lang lag das Jungchen in Gips, und die Mutter legte derweilen
+ihr Haar in den Rauhfrost hinaus.
+
+Sie hatte auch ihrem Verstorbenen endlich ein Denkmal gesetzt und ging
+immer in der Früh, wenn das Jungchen schlief, auf den Kirchhof hinaus. Die
+Weiber versuchten ein Gespräch mit ihr anzubändeln, aber ihre Augen waren
+weit und weiß wie zwei gleißende Schlünde. Nur ihre Hände konnte, sie noch
+ballen, immer, wenn sie an der Unfallstelle vorüberging, die jetzt in einem
+großen Umkreis abgezäunt war. Und die Männer von der Direktion waren da und
+fremde Herren, die maßen, klopften und bohrten.
+
+Und dann hörte sie, daß das Dorf niedergerissen werden sollte, der
+Unsicherheit des Gesteins wegen.
+
+Sie sah das alles kommen wie eine Märzahnung. Denn die Wege hier dünkten
+ihr jetzt öde und verworfen. Und Fredrik lag im Bett und fieberte.
+
+Diese verfluchten Spitalweiber mit dem Blutgeruch . . . O, daß die Erde
+sich noch einmal auftäte, diese Henker zu verschlingen!
+
+Als Fredrik wieder den Oberkörper heben konnte aus den rotgewürfelten
+Kissen, holte die Mutter allerlei Spielwerk zusammen, damit der Junge
+wieder lachen könnte. Und aus einem alten Legendenbuch las sie ihm vor von
+den frommen Einsiedlern und dem großen Propheten in der Löwengrube.
+
+Und da Fredrik einmal mit beiden Händen nach dem Büchlein griff, um die
+Bilder anzuschaun, fiel eine verblichene Photographie aus dem Buch.
+
+Fredrik faßte danach und betrachtete lange das fremde Gesicht.
+
+»Mutter, was ist das für ein böser Mann? Sieh, er hat genau solch einen
+schwarzen Kittel an wie die Männer, die immer hinter den Särgen gehn!«
+
+Antje rieb sich ein paar Mal die Augen und ihre Lippen sprangen scharf von
+den Zähnen. Die leeren Augen des Jungen irrten um sie wie feuchtrauchende
+Phosphorkugeln. Dann sagte sie ganz ernst: »Das ist dein Vater, Jungchen,
+dein Vater, ehe er ein Stern ward.«
+
+Und sie stand vor dem zerwalkten Bett und wartete auf ihn mitten in dem
+gelben Zwielicht, das so peinvoll war.
+
+Fredrik hob den Kopf etwas. Die Augen quollen auf, und entgeisterte Blicke
+schossen heraus wie ein böser Schreck. Und die Lippen raschelten Worte, die
+sie nicht verstand.
+
+Dann zerschlug den armen Körper ein tonloses Wimmern. Stoßweises Meckern
+und Sägen und Kratzen.
+
+Und er wehrte sich nicht, daß sie sich über ihn beugte in sanfter
+Sinnlichkeit, wie einst über den Israel, als er noch nicht wild gewesen war
+in ihres Leibes Rosenbeet.
+
+Sie küßte den Buben, trocknete ihm das Gesicht, strich ihm das Haar glatt
+und die tiefen Kummerfalten. Sorgsam, mädchenhaft und ganz sinnlich.
+Immerzu und stetiger, heftiger.
+
+Antje wagte auch nicht, dem Jungen das Bild wieder abzufordern. Etwas
+Feindliches lag schattenhaft auf seinem Gesicht. Er fragte nie mehr nach
+dem schönen blanken Stern. Aber sie wollte nichts wissen. Nichts wissen,
+nichts wissen.
+
+Da Fredrik wieder aufstand, vergrub er das Bildchen schnell in der
+Lehmgrube unter dem Ofen. Denn er hatte Angst, daß ihm die Mutter das
+schöne Ding wieder abnehmen könnte.
+
+Fredrik hatte jetzt eine verkrüppelte Schulter und mußte sich auf einen
+Stock stützen.
+
+Aber der Steiger Verweno, der ein Bruder der Antje war, meinte: »Och, och,
+ich werde den Bengel schon mitnehmen. Er kann in meinem Revier Pferdejunge
+werden. Da verdient er seine vier Gulden die Woche.«
+
+Antje fuhr wild auf und verbat sich solche Reden.
+
+»Jungchen soll nie und nimmer zur Grube. Er wird überhaupt nicht arbeiten
+gehn!«
+
+Das sagte sie auch dem Pfarrer, als Fredrik zur Kommunion ging.
+
+Die Spitalweiber, die auch in der Kirche waren, sahen den Jungen fremd wie
+einen Toten an und bekreuzten sich.
+
+Im Spätsommer kam der große Auszug. Der Staat hatte das Dorf geschlossen.
+Am jenseitigen Ufer war unterdessen eine neue Kolonie errichtet. Da war die
+Erde noch nicht angebohrt. Und die Bäume standen grün und saftig in den
+Blättern.
+
+Das alte Dorf sollte niedergesprengt werden. Von der Genietruppe hatte man
+zwanzig Mann gesandt, die legten überall Sprengschüsse, um die elenden
+Hütten dem Boden gleichzumachen. Und auf den abgesperrten Gassen standen
+Posten mit geladenem Gewehr, damit niemand mehr in das Dorf zurückkehre.
+
+Antje hatte ein schönes, weißgekalktes Häuschen bekommen. Fredrik half
+wacker beim Einräumen der Sachen. Plötzlich vermißte Antje zwei
+Speckseiten. Da fiel ihr ein, daß sie die im Schornstein hatte hängen
+lassen.
+
+Und Fredrik hatte sein Bildchen unter dem Ofen vergessen. Er gab sich das
+aber nicht bloß. Antje jammerte um den schönen Speck.
+
+»Mutter,« sagte Fredrik ganz heftig, »heut abend, wenn die Soldaten in der
+Schenke sind, holen wir den Speck!«
+
+Antje wollte nichts davon wissen, wie sehr auch der Verlust des Speckes
+schmerzte.
+
+»Die Erde kann sich auftun und dann haben wir wieder das Unglück. Nein,
+nein! Laß man den Speck.« Das sagte sie Fredrik.
+
+Aber Fredrik, der das Bild nicht missen wollte, quälte die Mutter immerzu.
+
+Sie fröstelte und fluchte, die Hände schlaff im Schoß. Sie dachte das
+wieder aus, das Furchtbare, das dem jähen Unglück vorausging. Josef, Maria!
+Das Unglück! Nein, nein!
+
+Doch Fredrik ließ nicht nach, bis die harten Linien des Zornes in ihrem
+Gesicht verschmolzen.
+
+Und als es Abend wurde, nahm Antje den Jungen und sie gingen miteinander
+hinaus.
+
+Sie holperten schweigend den Weg hinunter, weiter und nach dem Fluß hin.
+Die Brücke schwankte und stöhnte laut wie eine Vergewaltigte. Und der
+Stern, den Antje suchte, kam nicht. Schauer rieselten dahin.
+
+Durch den dicken, trägen Dunst schaukelte das Dorf heran. Ein armseliges
+Ausgestoßenes hinter den Schachttürmen und Erzmühlen. Der Schein der
+Hochöfen lag darüber wie aufgelöstes Blondhaar von Millionen Frauen.
+
+Da flammte das hohe weiße Kreuz, das sie dem Israel hatte setzen lassen,
+auf und überschwemmte alle Gräber.
+
+Sie riß den Jungen zurück, wollte ihn hinbetten an die offene Brust, daraus
+sieben Schwerter starrten. Sie riß den Jungen zurück. Etwas schnürte ihr
+die Kehle zu. Ein Blutschrei, der hinaus wollte.
+
+Und sie fühlte des Knaben Abwehr wie eine gemeine Schändung und konnte doch
+nicht die magern, abwehrenden Hände halten.
+
+Als Fredrik seine Arme locker fühlte, wandte er sich jäh ab und hopste wie
+ein Heupferdchen davon.
+
+Da war Antje wach gerufen und sah nur den stachligen Zaun vor sich.
+
+Fredrik zwängte sich hindurch, schlenkerte das lahme Bein hinunter und
+stand steif in dem Abgezäunten.
+
+Antje sah noch sein starres, verstörtes Gesicht aus dem roten Nebel wie
+einen Totenschädel.
+
+Sie konnte nicht weiter und beschloß zu warten.
+
+Rief da nicht jemand: »Fredrik? -- -- Fredrik . . .?«
+
+Eine Eule huschte laut vorüber.
+
+Fredrik ging nicht zuerst in die Räucherkammer, um nach dem Speck zu
+fingern. Er tastete sich durch den Flur in das Hinterstübchen und stolperte
+über einen schweren Balken, den die fremden Soldaten wohl dort hingeworfen
+hatten.
+
+Fredrik erhob sich ächzend.
+
+Blut rann über sein Gesicht, und der Totenvogel schrie stärker. Mit beiden
+Händen grub er wie ein Maulwurf den Lehm vor dem Ofen auf. Das Bildchen kam
+noch immer nicht.
+
+Plötzlich fühlte er einen harten runden Gegenstand, der an einer Schnur
+hing. Dieses fremde Ding machte ihn neugierig zittern. Er mußte das
+Feuerzeug schlagen. Das Feuerzeug an der Sprengpatrone.
+
+Schwer rollte der Donner über das tote Dorf und die Erde spaltete
+klafterweit.
+
+Knirschen und Krachen von Gebälk übertönte das Brausen der Hochöfen. Und
+Wände und Estrich und Dach knarrten, polterten, wälzten sich in den Abgrund
+hinein. Rauch und Staub jagten wie ein Wetter davon, und die Nacht
+flatterte auf mit blutigen Tüchern.
+
+Die aber, die auf dem Stein an der Umzäunung saß, sah alles mit
+aufgerissenen Augen und schlug hintenüber, als die Explosion über die Erde
+fuhr und das Dunkel zerfetzte.
+
+Und unten aus dem grausen Spalt lachte und wieherte gellwahnsinnig der Tanz
+zweier Stimmen, die sich verschwisterten. Lachten, posaunten, rollten
+weiter und immer ferner scholl das Gelach: Huhu -- huhu -- huhu -- huhu --
+hu -- huhu.
+
+Huhu -- huhu sprang Antje aus der Betäubung auf und rannte querfeldein.
+Blutrote Fragen vorauf. Sie breitete die Arme aus. Die Schatten
+überschlugen sich, verwirrten sich in der gräßlichen Lache, oh das Unglück!
+oh das Unglück!
+
+Das war wie eine Beschwörung. Wie eine Erlösung.
+
+Und es war kein hohles Echo, das tausendstimmig zurückdonnerte aus der
+zerklüfteten Nacht. In dichten Scharen kam es von der Grube und von der
+neuen Siedlung.
+
+Und sie wußten alle, daß einer fort mußte von der Welt. Einer, dessen Tag
+nun gekommen war, wie sie es vorausgesagt hatten mit lästerlichen, kalten,
+trostlosen Worten.
+
+Sie suchten triumphierend Antje. Ihre Blicke glühten wie in der Extase des
+Rausches. Es war ein Blutrausch. Der Rausch nach dem Opfer.
+
+Antje aber fand sich wieder in einem anderen fernen Grubendorf. Dort
+verdingte sie sich auf der Erzmühle. Suchte dort den Tod und suchte ihn
+vergebens.
+
+
+
+
+Das Pferdejuppchen
+
+
+(1910)
+
+
+
+
+I
+
+
+Am Palmsonntag war Juppchens Konfirmation. Der Vater hatte versprochen
+mitzugehen. Dann aber kam plötzlich das mit dem Wetterbruch dazwischen, und
+er mußte die ganze Samstagnacht auf der zweiten Sohle durcharbeiten. Erst
+gegen sechs Uhr war er von der Grube gekommen. Mistnaß und hundemüde. Und
+um neun begann schon die Kirche. Als ihn seine Frau leise weckte, richtete
+er sich halb auf, stieß einen kräftigen Fluch aus und wälzte sich auf die
+andere Seite.
+
+Da gingen Juppchen, Mutter und Großmutter allein. Es waren an die zwanzig
+Knaben, die eingesegnet wurden. Und sie trugen alle schon die Runen der
+Adamsqual auf der Stirn.
+
+Der alte Pastor hatte danach seinen Text gewählt und schob mit viel
+Umständlichkeit den sechsten Vers des elften Kapitels aus dem Prediger
+Salomo seiner Rede voraus. Er hatte die Genugtuung, daß nur wenige Augen
+trocken blieben.
+
+Die Orgel spielte einen Choral dazu, der dumpf wie das Donnern der großen
+Fördermaschine klang.
+
+Juppchens Lippen murmelten mechanisch das Schlußgebet, und dann stand er
+mit der Mutter wieder draußen auf dem öden, sandigen Kiesplatz.
+
+Langsam kam die Großmutter angehumpelt. Sie küßte Juppchen auf beide
+Backen, daß es schallte. Und darüber hin gingen drei fröhliche
+Kirchenglocken.
+
+Juppchen fuhr sich mit dem Handrücken durch das Gesicht und sprang auf den
+Weg.
+
+Als sie den Vorgarten des Häuschens betraten, kam der Vater in Hemdsärmeln
+aus dem Kaninchenstall, die abgezogenen Felle von zwei weißen Tieren in der
+Hand.
+
+Juppchen erschrak, als er des Vaters blutbefleckte Hände sah. An dem
+Küchenfensterkreuz hingen die dicken Bälge mit den bloßen Billen. Die
+runden Köpfe waren eine unkenntliche Masse mit herausquellenden Augen.
+
+»O meine Hänschen«, seufzte Juppchen und eine Träne kollerte über sein
+Gesicht.
+
+Es waren seine eigenen Tiere. Er mußte für das Futter sorgen und den Stall
+reinmachen. Er lebte mit den Tieren, er wußte, wann die Jungen geboren
+waren und wieviel von den Dingern jedesmal im Nest lagen. Er nahm sie, so
+oft er in den Stall kam, in die Hand, strich langsam und zärtlich über das
+samtene Fell und küßte die offenen runden Schnäuzchen. Nun waren die zwei
+schönsten Tiere tot.
+
+»Mausetot«, sagte der Vater, wie wenn er die Gedanken Juppchens erraten
+hatte.
+
+Sie gingen zusammen in die Stube.
+
+Mutter zog das schwarze Kleid aus und band sich eine große blaue Schürze
+vor, um das Mittagessen zu bereiten. Während sie in der Küche hantierte,
+setzte sich Juppchen ans Fenster und erzählte dem Vater von der Predigt.
+
+»Schon recht! Schon recht!« brummte der und schob den Pfeifenstummel von
+einem Mundwinkel zum andern.
+
+Inzwischen hatte Mutter das Mittagessen bereitet: eine Schüssel
+Salzkartoffeln und Buttersauce und in einem tiefen runden Napf das weiße
+Kaninchenfleisch.
+
+Juppchen aß nur von den Kartoffeln und ließ das Fleisch stehen.
+
+Mutter schalt. Aber Vater sagte: »Laß nur, Alte. Morgen schmeckts dem
+Bengel schon besser.«
+
+Juppchen stand vom Tisch auf. Zum ersten Mal hatte er vergessen, das
+Dankgebet zu sprechen und den Alten die Hände zu küssen.
+
+Es erinnerte ihn auch niemand daran.
+
+Er setzte sich in die Laube und weinte still und stetig.
+
+Am Nachmittag gingen sie aufs Feld und pflanzten Bohnen. Die Sonne stach
+heiß wie im August. Die Erde staubte weiß auf. Und die Bäume der Allee
+tanzten hin und her in der ersten Knospenfreude.
+
+Vom Dorfplatz, wo ein paar Karusselle, Luftschaukeln und allerlei Krambuden
+standen, kam wüstes Geräusch: Drehorgelgekreisch und Blechmusik.
+
+Juppchen horchte auf und flüsterte der Mutter etwas ins Ohr.
+
+»Was will er?« schnauzte der Vater.
+
+»Juppchen möchte auf die Kirmes gehn!«
+
+»Da wird nix draus. Morgen um fünf müssen wir aufstehn. Die Bummelei muß
+jetzt aufhören.«
+
+Juppchen duckte sich wie unter einem Schlag. Er wollte ein Wort
+hinausstoßen. Aber die Zunge hielt es fest und verstopfte seinen Mund wie
+mit einem trocknen Lappen.
+
+Gern hätte er auf den schönen braunen Holzpferden geritten.
+
+Pferde liebte er noch mehr wie die Kaninchen. Jeden Nachmittag nach der
+Schulstunde war er dem Pferdeknecht des Direktors begegnet, der ein
+schwarzes blankgeputztes Tier durch das Dorf spazieren ritt.
+
+Juppchen war immer eine Weile stehen geblieben und hatte mit
+feuchtglänzenden Augen dem Reiter nachgeschaut.
+
+Einmal, als der Knecht vor dem Wirtshaus abgesessen war, mußte Juppchen das
+Pferd so lange halten, bis der bestaubte Reiter seinen Durst gelöscht
+hatte.
+
+Juppchen bekam dafür ein paar Pfennige. Er sagte danach zur Mutter, daß er
+auch gern ein Kutscher werden möchte.
+
+Aber die Mutter meinte, daß der Vater nie so etwas zulassen würde. Denn er
+sollte ein Bergmann werden, wie Vater und Großvater und all die anderen aus
+der Familie.
+
+Juppchen hatte versucht, vielerlei Einwände aus seinem kleinen Gehirn zu
+kramen. Er hatte wirklich deren gefunden und die Mutter damit überschüttet,
+Tag für Tag. Bis sie des Geredes überdrüssig geworden war und ihn strafen
+mußte. Da hatte Juppchen einen kleinen verwunderlichen Schmerz empfunden
+und fortan der Mutter gegenüber von den Plänen geschwiegen.
+
+An den stillen Vormittagen aber, wenn die Mutter im Gärtchen hantieren
+mußte, war er zur Großmutter auf die Stube gegangen und hatte vor ihren
+erstaunten Augen alle Wünsche vollzählig aufgebaut. Und die verhutzelte
+Greisin war immer milder Tröstungen voll, bis der Raum sich in Rührung
+gehoben hatte.
+
+Sobald ein Karussell dann im Dorf war, steckte Großmutter dem Jungchen eine
+kleine Münze zu, sich nach Herzenslust auf den Holzpferdchen auszureiten.
+
+Am Morgen vor der Konfirmation hatte sie ihm gar zwei Groschen geschenkt,
+auf den Kirmesrummel zu gehn.
+
+»Wer weiß was morgen ist,« hatte sie gesagt und war mit der Hand über die
+Augen gefahren.
+
+Nun hatte ihm der Vater das alles zunichte gemacht. Und sein Herz war doch
+so voll davon gewesen. Während der Predigt und beim Mittagsmahl und noch
+lange nachher.
+
+Juppchen sah nach dem Vater hinüber mit zerfurchten Mienen, böse glimmenden
+Augen und dumpfen Blutes im Kopf.
+
+Als die Dämmerung schattenhaft über das Feld kroch, gingen sie zusammen
+nach Hause. Vor der Straßenbiegung drehte sich Juppchen noch einmal um und
+sog die verworrenen Geräusche vom Kirmesplatz wie einen schönen Geruch ein.
+
+Gleich nach dem Abendessen fing man an sich auszuziehen. Hosen und Röcke
+flogen über die Stuhllehnen. Mutter holte den neuen blauen Leinenanzug für
+Juppchen aus der Kommode und legte ihn auf den Schemel vor das Bett.
+
+»Und nun fix in die Falle und morgen frisch aufgewacht!« polterte der
+Vater.
+
+Bald wurde es totenstill im Hause. Aus der Kammer und vom Boden herab, wo
+die Großmutter schlief, scholl schweres Schnarchen.
+
+Draußen im Garten blieb graugrünes Dämmerlicht, bis der Mond vorüber war.
+
+Juppchen wachte die halbe Nacht. Zauberte sich Pferdchen in allen Farben
+vor und wählte sich aus der Schar einen kleinen schlanken Silberschimmel
+aus. Darauf ritt er hurtig über Berg und Tal einer fremden Ferne zu, und
+fühlte sich wachsen und sah sich wie einen glänzenden Ritter aus dem
+Märchenbuch. Und als die Uhr schlug, drei harte abgezählte Schläge, fühlte
+Juppchen dieses wie einen Befehl über sich: zurückzukehren und auszuharren
+in der Bestimmung des Vaters.
+
+So wollte er nun ohne Gedanken wachliegen und warten, bis die Mutter
+aufstand und das Feuer in der Küche schürte.
+
+Aber seine Augenlider wurden so schwer und auf der weißen Wand des Zimmers
+fingerte ein blutroter Schatten. Hastig zog Juppchen die Decke über den
+Kopf.
+
+Mutters schwere Holzpantoffeln, die über die Diele stampften und nach
+draußen gingen und wieder zurückkamen, rissen ihn wie ein heftiger Schreck
+empor. Er fuhr hastig in die Leinenhosen und ging breitbeinig an die
+Wasserleitung. Mit viel Umständlichkeit wusch er sich Brust, Nacken und
+Hals, so wie er es beim Vater gesehen hatte. Danach setzte er sich wartend
+an den Tisch.
+
+Da kam auch schon der Vater aus der Kammer. Schaute schlaftrunken drein und
+blieb gähnend vor dem Herd stehen.
+
+Die Mutter stellte den Kaffee auf den Tisch und schnitt das Brot zurecht,
+das Vater und Juppchen mitnehmen sollten auf die Grube.
+
+Juppchen trank hastig den Kaffee und vervollständigte seinen Anzug. Ein
+Schauer der Erwartung fröstelte über sein schmales Gesicht und färbte die
+Lippen blau.
+
+Der Vater nahm ihn beim Arm und zog ihn hinaus in den kühlen Morgen.
+
+
+
+
+II
+
+
+Über den toten Lehmweg zog schon ein langer schwarzer Zug von Fronleuten
+der Grube zu. Man ging wie über einen Feuerwerkplatz. Die kleinen Häuser an
+der Straße warfen große, braunblaue Vierecke auf den geölten Weg. Das
+Geräusch der Seiltürme flog gewitternd über die krausen Netze des Rauches.
+Rußschwärme jagten wirbelnd durcheinander. Töne von menschlichen Stimmen:
+Ein Zusammengeworfenes, dumpfes, melodisches Summen wie von Insekten,
+zerrissen in der Orgie der materiellen Brandung. Klangen nur in Pausen nach
+wie gedunsene Halle eines Echos, waren Endungen eines Spieles, das Seele
+verlor.
+
+Im Schein der wattigen Lampenhelle, die kaum die Giebel berührte, wanderten
+alle Menschen krumm, wie vergreist. Sie schienen nichts mehr wissen zu
+wollen und träumten ihre Wege hinab. Erde zitterte ihren Hälsen zu und
+mühte sich, die eckigen, durchgearbeiteten Schädel zu halten. In den Köpfen
+waren allein nur Kerne noch wach. Alles, was diese Kerne umhüllte, war ein
+trunkener Mechanismus. Eine Welle regelte ihn. Ein Magnetismus, der von
+einer außerordentlich organisierten Zentrale herkam: zu regieren und zu
+profanieren.
+
+Und eins dieser Tore gähnte gefräßig und sog die Menschen, die waren,
+mühelos hinein.
+
+Lange Arme ruderten. Gesichter sprangen weiß vor. Knochige Hände griffen
+Zahlen an. Gewirr von Lampen flog auf. Signalglocken überschrien den
+Steiger, der vielerlei Namen gleichgültig aufrief. Und die Namen bejahten
+halbgemurmelt die Aufrufe.
+
+Dann und wann schnellte eine Hand empor: wie, wenn Kinder Schulweisheiten
+auskramen. Eine Hand, die kühle Gefühle spürte. Wäre ein Wille darüber
+gelegen, hätte sie zugestoßen. Spitz und blank. Und wäre warm geworden in
+Röte.
+
+Die Menschen aber wanderten in die Kaue. Das war ein kalkweißer Saal zur
+ebenen Erde. Lange Steintröge mit fließendem Wasser flankierten die Wände.
+Von der Decke baumelte in gedrehten Wirbeln das verschwärzte Blau der
+Arbeitsanzüge.
+
+Man zog sich um. Die Luft stank von Schweiß und verschwitzter
+Unterkleidung. Dann standen Akte: blank wie Bronzen von Meunier.
+
+Tatzenbreite Klauen klatschten zum Spaß auf muskulöse Schultern.
+Krampfadern standen geschwollen auf Fleischklumpen der Oberarme und
+Unterschenkel. Geschlechtliches lag dumpfverkrochen in den Höhlen. Nur das
+gewohnte Werfen mit Zoten, das gering und automatenhaft war, täuschte
+Springlebendigkeit vor.
+
+Die Glocke ratterte wieder. Und ein Blöken schwoll wie Gedränge von Schafen
+im engen Stall. Hitzige Geräusche aus den Kehlen hatten aber kein Medium zu
+durchdringen.
+
+Juppchen stand mit hochroten Wangen und klopfenden Herzens da. Etwas in
+ihm, das lange geschwiegen hatte, jubelte auf.
+
+Der Vater aber sagte plötzlich ganz barsch: »Marsch, hallo!«
+
+Und übergab den Jungen dem Schreiber und entfernte sich mit einem
+gleichgültigen »Glück auf!«
+
+Mit fünf anderen Burschen, die schon länger auf der Grube waren, wurde
+Juppchen in den Förderkorb geschoben. Dann ging es hinunter. Dreihundert
+Meter tief.
+
+Juppchen fühlte, wie sich alles in seinem Leib im Kreisel drehte und nach
+oben stieg. Sein Mund wässerte sauer, und seine Nase begann zu bluten.
+
+Da hielt der Korb mit einem heftigen Stoß. Die Burschen zerrten Juppchen
+heraus und stießen ihn durch den Querschacht zur Pferdehalle.
+
+Warmer Stallgeruch kam aus dem niedrigen Saal. An fünfzig Pferde standen da
+in Reih und Glied vor den langen Zementkrippen. Von der schwarzen,
+glimmernden Decke baumelten lange Lichterreihen und der weiße
+Strahlengischt schäumte in die entlegensten Ecken.
+
+Ein Halbinvalide führte die Aufsicht über den Stall. Juppchen reichte ihm
+den Schein, den er vom Schreiber erhalten hatte, und bekam darauf seinen
+Platz zugewiesen. Ein älterer Bursche mußte ihn mit der Handhabung von
+Striegel und Bürste bekanntmachen und das Füttern zeigen.
+
+Juppchen paßte mit hellen Augen auf und begriff sehr schnell. Er fühlte
+sich jetzt dem Willen des Vaters überlegen und triumphierte innerlich.
+
+Als er nach Beendigung der Schicht wieder auffuhr, stand der Vater schon
+fertig in der Kaue. Er machte ein böses Gesicht und fragte auch Juppchen
+nicht, wie es ihm unten ergangen war. Wortlos machten sie sich auf den
+Heimweg.
+
+In der harten schneidenden Luft des Spätnachmittags fühlte Juppchen eine
+schwere Müdigkeit in den Gliedern. Seine Knie drohten einzuknicken. Er
+hielt sich aber tapfer bis zur Behausung.
+
+»Da, hier hast du dein Pferdejuppchen, Mutter. Zu schwach ist er, um ins
+Gedinge zu fahren. Einen ganzen Taler Löhnung weniger bekommt er. Kaum
+genug, die Kost zu bezahlen!«
+
+Die Mutter erwiderte nichts auf die ungewöhnlich harten Worte des Vaters,
+der sich mißmutig auf den Stuhl warf. Sie strich Juppchen über das feuchte
+Braunhaar und über die schmalen, sommersprossigen Backen.
+
+Juppchen wollte der Mutter die Freude, daß er ganz unerwartet zu den
+Pferden gekommen war, jubelnd mitteilen. Aber vor dem Vater wagte er es
+nicht auszusprechen. Durch seinen Kopf rauschten die frischen Eindrücke
+wirr durcheinander. Er schwankte zwischen Wollen und Nichtwollen eine lange
+Weile. Dann legte sich das Fieber.
+
+Nach und nach verschwand auch die Müdigkeit in den Gliedern, wenn er von
+der Grube kam. Ganz heimisch war er dort unten schon geworden und stand mit
+den sechs Pferden, die er zu besorgen hatte, auf Du und Du. Den einäugigen
+Schimmel hatte er besonders lieb. Diese Liebe ging mit der Zeit so weit,
+daß er die Haferration der anderen Pferde beschnitt und das Ergatterte dem
+Schimmel zuführte.
+
+Das merkte das so bevorzugte Pferd sehr bald, und es entspann sich eine
+innige Freundschaft zwischen den Beiden. Jeden Abend, wenn Juppchen den
+Stall verließ, drehte sich der Schimmel um, wippte mit dem Kopf und stieß
+ein helles Gewieher aus. Und sobald am nächsten Morgen der Förderkorb in
+die Sicherung schlug, vernahm Juppchen schon aus dem betäubenden Geräusch
+den leise gewieherten Frühgruß.
+
+Immer, wenn er das Tier für die Wagenfahrt zurecht machte, erzählte er ihm
+alle Pläne, die er mit ihm noch vorhatte. Er würde sich Geld sparen. Jede
+Löhnung eine Mark. Und wenn dann ein schönes Sümmchen zusammen war, würde
+er den Schimmel dem Direktor abkaufen und mit ihm die Grube verlassen auf
+Nimmerwiedersehen. Oben konnte man vielleicht billig einen Wagen erstehen
+und für die Bahn Fuhrdienste tun. In der Sonne müßte es dem Schimmel doch
+viel besser gefallen. Da gab es frischen Klee und langes, weiches Gras. Und
+ein blankes Ledergeschirr mit Schellen am Joch sollte der Schimmel haben.
+Eine weiße, gebogene Peitsche mit einem goldenen Griff würde er auch
+kaufen. Aber nicht um den Schimmel zu schlagen. O nein, das tun nur die
+rohen Sandkärrer, die ihre Tiere im Regen stehen lassen, derweil sie im
+Wirtshaus sitzen und stundenlang Karten spielen.
+
+Manchmal flocht Juppchen seinem Schimmel ein buntes Wollband, das er der
+Mutter abgeluxt hatte, in die Mähne. Und den Fahrer bat er, nicht so rauh
+mit dem Tiere umzugehen.
+
+Doch der verlachte ihn und riß das bunte Band immer wieder aus der Mähne
+heraus.
+
+Eines Tages sagte Juppchen zum Schimmel: »Weißt Du, zwanzig Mark habe ich
+schon zusammen. Das wird bald langen zum Kauf. Dem Vater will ich es nicht
+eher sagen, bis es soweit ist. Dann räume ich den Kaninchenstall aus und
+bau Dir eine Krippe hin. Daraus sollst Du ganz allein fressen. Das wird
+viel schöner sein als mit den vielen zusammen. Und an den Wagen spanne ich
+Dich auch allein. Kein anderer soll Dich führen.«
+
+Der Schimmel senkte den Kopf und schnupperte mit den weiten Nüstern über
+Juppchens Gesicht.
+
+Während dieses Auftritts war der Inspektor mit dem Stallwärter in den
+Verschlag getreten und machte sich an dem Schimmel zu schaffen. Juppchen
+hätte aufweinen mögen, so rauh fuhr der Mann dem Tier über Rücken und
+Gelenke.
+
+Nach einer Weile des Prüfens sagte der Inspektor: »Na, den alten Bock
+können wir ebenfalls ausrangieren. Zusammen mit dem lahmen Fuchs aus der
+vordersten Coje. Die Tiere brauchen nicht mehr eingespannt zu werden. Um
+zehn kommt der neue Transport.«
+
+Der Wärter nickte und begleitete den Inspektor hinaus.
+
+Juppchen, der den Sinn der Worte nur halb verstanden hatte, stand mit
+offenem Munde da und sah bald den Schimmel an, bald die anderen Pferde.
+
+»So«, sagte der Wärter, der wieder zurückgekommen war, »nun werden wir den
+Klepper endlich los, Juppchen. Dafür bekommen wir ein ganz junges Tier!
+Fein, was?«
+
+Juppchen kroch tief in sich hinein. Seine Knie zitterten. Die Augen rollten
+vor wie auf Stahlnadeln gespießt. Ein Weinen stieg von unten herauf und
+würgte ihm in der Kehle. Und dann war es, als ob er sich mit ausgereckten
+Armen an einen festen Gegenstand lehnen müßte. Die Schläfen klopften wie
+Hämmer. Die Lippen brachen auf. Ein heller Schrei zerfetzte die Luft.
+
+»Ich laß ihn nicht fort! Ich will ihn kaufen! Ich habe Geld! Wieviel willst
+Du haben? Morgen bringe ich es Dir! Ein ganzes Beutelchen voll Geld habe
+ich! Ich laß den Schimmel wirklich nicht fort!«
+
+»Ach, was bist Du für ein kindischer Bengel! So ein Junge! Hat man so etwas
+schon erlebt?«
+
+Juppchen weinte lautlos und ganz gebrochen.
+
+Da riß ihn der Wärter an der Schulter empor: »Marsch, die Kette los. Und
+daß Du mir den Halfter ordentlich aufsetzt. Gleich kommt der Korb herab.«
+
+Juppchen schritt an den Schimmel, strich ihm zärtlich das Fell und machte
+langsam die Kette los.
+
+Der Schimmel beugte den Kopf herab. Mit dem offenen weitsichtigen Auge
+starrte er den Knaben an, als wüßte er, daß es ein Abschiednehmen für immer
+war.
+
+Juppchen fühlte, wie ein blutiger Tau sein heißes Herz überströmte. Er fuhr
+sich über die Stirn und ließ die Hände schlaff herabfallen.
+
+Plötzlich sprang er an den Verschlag, holte sein ganzes Brot und gab es
+Stück für Stück dem Tier.
+
+Noch ehe der Schimmel den letzten Happen verschluckt hatte, rief der
+Wärter.
+
+Juppchen warf dem Pferde den Halfter um und zerrte es hinaus. Er schritt
+wie zu einem Begräbnis.
+
+Der Wärter riß ihm die Zügel aus der Hand, versetzte dem Schimmel einen
+Stoß in die Weichen und trieb ihn in den Förderkorb. Der Fuchs war schon
+festgebunden an der Gitterstange und stand ruhig mit herabgesenktem Kopf.
+Juppchens Schimmel kam vorn zu stehen. Der Seilschläger riß an, und
+pfeifend fuhr der Korb in die Höhe.
+
+Juppchen stand gerade unter der Schachtluke. Er schnalzte mit der Zunge,
+und gleich darauf vernahm er in dem schwelenden Düster ein unterdrücktes
+Gewieher. Und ganz deutlich sah er noch, daß der Schimmel den Kopf aus dem
+Gitter herabbeugte.
+
+Juppchen wollte die Hand heben und winken -- -- in demselben Augenblick
+fiel etwas unendlich Schweres herab und traf ihn mitten in das erhobene
+Gesicht, wie ein nasser Sack klatschte er breit hin und erhob sich nicht
+wieder.
+
+Ein kantiger Türrahmen bei dem ersten Füllschacht hatte den vorgelegten
+Kopf des Tieres während der rasenden Fahrt glatt vom Halse getrennt.
+
+Der Grubenarzt, der Juppchen den Totenschein ausschrieb, setzte trocken
+hinzu: er wurde von einem in den Schacht herabfallenden Pferdekopf
+erschlagen.
+
+
+
+
+Die Gruft von Valero
+
+
+(1911)
+
+
+
+
+I
+
+
+Unter den Zwanzig, die den Förderkorb betraten, als er schon murrend in den
+Gelenken knackte, waren zwei bemerkenswert. Piet, der Vollhauer und Jonsen,
+sein Gehilfe. Sie waren Wühler auf derselben Sohle. Piet begrüßte den
+Jonsen zuerst. Ein kurzes heftiges Anziehen durch die Nase ging seinem Gruß
+vorauf. Und der Fall seiner Worte gluckste wie das Gerinsel einer
+Regentraufe.
+
+»Wir werden heute den neuen Flöz anpacken. Du weißt ja, den am
+Wetterschacht. Saure Arbeit wird's geben!«
+
+Dabei stieß er seine Fäuste klumpig empor wie fluchend. Und sein Gesicht
+schrumpfte aus dem Ungewissen des Lichtes tierisch ins Besessene.
+
+Jonsen nickte. Nickte nur und sagte rein nichts. Vielleicht war es ein
+Vorgefühl tiefsten Schreckes. Zudem krankte er an der Formulierung eines
+Prinzipes zu höherem Lebenszweck. Man sagte unten im Dorf, daß er nur
+Studien halber sich ins Joch gespannt hatte.
+
+Polternd schüttete der Korb die Hauer auf den Gang. Sie rannen auseinander
+wie gewordene Brut aus Schalen. Immer in Trupps zu zwein und drein.
+
+Piet und Jonsen hatten von dem Steinriff, wo die Knappen in gesonderten
+Höhlen Hacken und Schaufeln rührten, noch eine viertelstündige Wanderung zu
+machen. Das gewohnte dumpfe Surren der Kippwagen, das Kreischen der
+Sauerstoffgebläse und alle Geräusche von Schlägel und Bohreisen hinderten
+nicht, daß den Wallern die Minuten durch den stockdunklen Gang lautlos
+erschienen, wie von einer bis zur letzten Endung gespannten Feder gehalten.
+
+Jonsen hob die Lampe. Ein winziger blauer Kranz umschwirrte zitternd den
+roten Lichtkegel.
+
+Piet schnüffelte lange und verdrehte die Augen wie unter der Nähe von etwas
+bitter Süßem.
+
+»Hier stimmt es nicht mit der Luft. Die Berieselung klappt ja. Aber die
+Enge -- -- die Enge. Spürst du das denn nicht?«
+
+Jonsen verneinte. Aber mit offenen Augen horchte er herum. Endlich, leise
+. . . aus Tiefen -- rauschten Dinge. Aber er war nicht aufgeklärt, sie zu
+deuten. Sein Instinkt war hier einfach abgeschraubt.
+
+Da ging Piet voran. Der gekrümmte Rücken, dessen Muskulatur bei jedem
+Schritt aufschwoll, sowie die eckigen Knullen der Oberarme scharrten an der
+Verzimmerung. Feuchtigkeit triefte dünn von den Bohlen herab. Der schwarze
+Schlamm lag zäh wie ein pilziger Brotteig auf dem Boden und sog das
+Schuhzeug an: schöner Teppich für Besoffene. Ins Gesicht Getropftes
+schmeckte sauer und ließ den Speichel auf der Zunge gerinnen. Es ließ sich
+auch nicht vernichten. Klebte sich an die Kleider und wurde gewohnt.
+
+Piet und Jonsen standen am Ende der Sohle. Der Fels, das reine,
+schwarzglänzende Fleisch der Erde, hob sich aus dem überschwemmten Bett der
+Seugen.
+
+An einen Pfosten, dem lange Schmarotzer der Fäule wie Strähnen eines
+verwilderten Bartes herabhingen, klemmten sie die Lampen. Piet tat noch den
+grünen Kittel hinzu.
+
+Eine torartige Verzimmerung schloß den Gang ab. Dahinter lag der
+Schlagwetterherd: die Gruft. Man war gewohnt, nie von dieser Leichenkammer
+zu sprechen, ohne sich zu bekreuzen. Vielleicht waren noch Scherben darin
+von Toten, die vermißt wurden, damals vor zehn Jahren, und die man nie
+wiederfinden wird. Achtzig waren eingefahren und nur siebenundsechzig hatte
+man ausgegraben. Dieses befahl Furcht. Und Jonsen fürchtete sich. Sein Blut
+sah. Und sein Gehirn fühlte so, wie man, von einer Ursache geregt, fühlen
+kann. Aber er konnte es sich nicht erklären und das Trübe des Geahnten
+nicht filtern. Darum meinte er:
+
+»Warum mauert die Verwaltung das Ding nicht zu? Tote wollen doch ihre Ruhe.
+Gestörte Ruh aber fordert Opfer.«
+
+»Na, Jungchen, die Herren glauben, daß sich der Teufel wieder verkriechen
+wird. Voriges Jahr ließen sie den Berg absuchen. Aber der schwarze Satan
+speit immer noch Gift. Wir wollen gleich mal schaun!«
+
+Jonsen zitterte vor dieser Schwärze. Als er noch klein gewesen war, litt er
+unter epileptischen Anfällen. Vielleicht war das Zittern in manchen
+Minuten, die dieser glichen, ein matter Nachhall der Krankheit.
+
+Piet aber riß mit Gewalt das Brett los und zwängte seinen zyklopischen
+Körper durch den Spalt.
+
+Jonsen zögerte.
+
+»Du hast wohl Angst, mein Lieber, was? Nicht? Na, dann lang' mir mal die
+Lampe her!«
+
+Er reichte sie ihm durch das Dunkel und kroch hinterdrein. Der Frost stand
+ihm auf der Haut, die wie mit grobem Sand bestreut war.
+
+Das träge Dunkel, das Jonsen überfiel, war mulmig, wie zerkaut und
+ausgespien. Das Grundwasser klatschte breiig gegen seine Schaftstiefel.
+Irgendwoher kam ein Geräusch wie angestrengtes Sägen. Stahl durch Stahl.
+
+»Nun schau mal her, Jonsen. Siehst du diese Blasen? . . . Hier die Klumpen
+meine ich! Da unten kommt es herauf.«
+
+Piet bückte sich noch tiefer herab und betastete mit dem hochgeschraubten
+Licht den Boden. Das Wasser war wie mit Millionen Perlen bestreut; Blasen,
+die ständig emporrollten und zerschlugen, gerieben durch ein ewiges Grau.
+
+»Wird denn hier nicht mehr gepumpt?« fragte gedehnt Jonsen.
+
+»Aber gewiß, gewiß doch. Da, vom andern Ende pumpen sie schon seit Jahr und
+Tag Hunderttausende von Kubikmetern frische Luft hinunter. Der Satan
+schluckt das aber wie Wein und mästet sich daran. Der geht nie hier weg.«
+
+»Und wenn man einen Luftschacht baut?«
+
+»Dann fällt der Dreck wieder zusammen wie damals. Unser Schliefche war auch
+schon drin. Meine Alte hat ihn noch an der geflickten Hose erkannt.
+Gesichter hatten sie alle nicht mehr. Die hatte das Wetter eingeschlagen.«
+
+Piet schwieg einen Augenblick. Sein Gesicht verzog sich grimassenhaft gelb.
+Seine Schultern bogen sich flach herab. Die Lampe pendelte wie ein Zeiger,
+der die letzten Sekunden eines Mörders unter dem Beil von der Endung
+schneidet.
+
+Dann wurde der Ausdruck seines Gesichtes wieder borstigrot. Die Schultern
+hoben sich in Beruhigung. Die Lampe stieg.
+
+Jonsen hatte sich mit dem Rücken gegen die Verschalung gestemmt, Übelkeiten
+zerwalkten seine Gurgel. Durch die gehöhte Tätigkeit der Nerven sah er viel
+schärfer und suchte, wie in Sturmnächten, einen unbekannten Weg.
+
+Piet rüttelte Jonsen auf: »Siehst du den Fels dort? Da geht der Flöz durch,
+den wir anreißen sollen, von hier hätte man halbe Arbeit. Aber was nicht
+geht, kommt auch nicht. Und solange der Teufel hier die Luft verpestet --«
+
+Sie schritten auf den Gesteinssturz zu. Glänzend frisch, wie die
+aufgehauenen Innenseiten eines Ochsen, quoll der schwarze Flöz heraus.
+
+»Das ist schon ein massives Kohlchen,« meinte Jonsen interessiert.
+
+»Eigentlich sollte man den Abbau vornehmen. Es muß doch Mittel geben, die
+Wetter wegzublasen, wenn _eine_ Pumpe nicht genügt, nimmt man drei,
+vielleicht kümmert sich der Steiger darum.«
+
+»O Jonsen, der möchte schon. Aber die Direktion will noch nicht. Vorläufig
+wenigstens. Die andern Sohlen liefern ja genug. Und dann: sie bluten jetzt
+noch, die Aktionäre. Der Bruch hat viel Geld gekostet. Einmal aber müssen
+sie doch anfangen. Nur ich werd's schon nicht mehr erleben. Gewiß nicht.«
+
+Er wischte sich mit der Hand über die Stirne, und mit zwei Fingern strich
+er sich über die Augen.
+
+Dann zupfte er Jonsen am Ärmel und zog ihn hinaus. Schichten von
+ausgelebten Stundenkörpern fielen zurück. Sie trugen gestohlene Larven vom
+Schauplatz der Seelen.
+
+Als Jonsen im Hinausgehen endlich begriffen hatte, was war, kroch er wie
+ein getretenes Tier und wünschte sich weg.
+
+Mit einem Faustschlag setzte Piet die Bohle wieder in die Öffnung. Der
+blaue Lichtkegel in der Lampe stumpfte ab und ließ sich von der Röte der
+Dochtstrahlung verschlingen.
+
+Die beiden Hauer bogen schweigend um die Ecke und setzten das Gezähe in den
+harten Stein. Schränen und Schürfen füllte die sechs Stunden der
+Restschicht. Wie dumme Kletten in Mädchenhaaren saß das Radgetriebe der
+Fron im Blut beider und mahlte Schweiß und Ächzen.
+
+Ehe sie die Schicht beendet hatten, kam der Steiger und störte.
+
+Er schnupperte wie ein Polizeihund am Gestein herum. Klopfte, horchte und
+trat in den Abbruch.
+
+»Ich werde morgen noch ein Dutzend Kerle herschicken,« sagte er gedehnt.
+
+Piet zerbiß einen dicken Fluch. Jonsen sah nicht auf.
+
+Dann verließ der Steiger mit den beiden den Ort. Sie schritten wie Gänse
+durch die Enge. Jonsen war der letzte, über eine verschobene Schiene
+stürzte er plötzlich und brach das Bein.
+
+
+
+
+II
+
+
+Man hatte Jonsen ins Spital geschafft. Die süßen Giftgerüche waren Räuber
+seines Gehirns für Wochen, wie durch einen blutroten Nebel sah er die nahen
+Fördertürme und Schachtgerüste. Geräusche, die durch die geöffneten Fenster
+gekommen waren, empfand er wie die Nähe eines Meeres, das von verschluckten
+heißen Untergängen wimmelt. Die Schwestern waren einfach unerträglich. Und
+die Ärzte griffen zu wie Henker.
+
+Manchmal umschwirrten ihn Bestimmungen: was tatest du! Du! Wen wecktest du!
+Wen wecktest du!
+
+Die Feinde, unter denen er hier lebte, wann würden sie das Seil knüpfen
+. . . die Klinge heben . . . das Gift gießen?
+
+Begräbnisse fuhren stündlich durch sein Gehirn. Er schritt hinter seinem
+eigenen Sarge einmal.
+
+Und als er sah, wozu er geholfen hatte, dachte er: gerade das Gegenteil
+wollte ich.
+
+Das Fieber aber war stärker als der gepfählte Willen. Es zerstäubte ihn
+völlig, wie Töne eines dunklen Spieles. Schmerzen des Wachen rissen sie
+fort.
+
+An einem Sonntage kam Piet zu Besuch. Jonsen richtete sich auf. Aus dem
+gebürsteten Sonntagsrock des Kameraden kam ihm ein lieber Geruch zugeweht.
+
+Piets Stimme machte einen brutalen Griff: »Daß du auch so ein Tölpel sein
+mußt! Warum hast du das nicht dem Steiger überlassen? Lag der hier, wäre
+die Gruft nicht offen. Nun sind wir drin. Acht Tage haben wir gebraucht, um
+den Sumpf zu stopfen. Aber weißt du, der Satan ist immer noch da. So was
+riecht man doch. Die andern ja gewiß nicht. Aber weißt du, eine Kohle gibt
+es . . . o, . . . eine Kohle . . . die Kerle haben noch nie so verdient.
+Und du mußt hier nun faulenzen! Na, es geht doch besser? Was?«
+
+Piet beugte sich herab. Sein langer Bart kitzelte Jonsens Ohr. Sein Atem
+war geschwängert vom Geruch der Gruft. So schien es Jonsen. Und dieses
+Fühlen von Verwestem, das durch seine Wachträume gerast war solange er hier
+lag, ließ ihn zurückschaudern von der Berührung mit den Händen Piets.
+
+Aber Piets Hände waren wie Eisenklammern. Wie Zangen. Und griffen zu.
+
+Er saß eine Viertelstunde auf dem Matratzenrand Jonsens. Der Abend brach
+weißgelb herein. Todbereite und Genesende dieses Saales freuten sich daran.
+Beflügelung ihrer Atemzüge klang wie Vogelgezwitscher. Urteile waren
+aufgehoben. Hoffnungen stiegen strahlend und standen real. Jonsens Blut
+allein ging träge. Manchmal setzte das Herz ganz aus. In diesen
+Augenblicken der absoluten Leere nickte der kahle Schädel Piets in sein
+Bewußtsein hinein wie die Fratze eines Skeletts. Er hatte sicher noch
+Wundfieber. Denn er schrie plötzlich auf.
+
+Piet sprang wie gestochen empor und rief die Wärterin.
+
+»Sie haben den Jonsen behext,« schrie sie wutkreidig auf und stand wie ein
+Panther geduckt vor ihm.
+
+Piet drehte die Mütze in den schwitzigen Händen und ging langsam rückwärts
+zur Tür. Die großen Ohren, die von seinem Kopf weit abstanden, bogen sich
+wie krumme Hörner vor.
+
+»Satan! Satan !« bellte da Jonsen und war mit einem Satz aus dem Bett. Aber
+die Beine hielten ihn nicht und warfen ihn platt auf den Boden. Man mußte
+ihm die Zwangsjacke anlegen. Vierzehn Stunden währte das Delirium.
+
+Die schwarze Fahne des Todes und die rote des Wahnsinns umarmten sich. Doch
+das Dickträge des bäurischen Blutes hielt sich wie ein Wall. Das Gift
+schrumpfte einschläfernd zurück.
+
+
+
+
+III
+
+
+Mitten im Winter warf man den wieder gesunden Jonsen aus dem Spital. Die
+Schlackenhalden glänzten wie blaue Schneeberge. Vom Förderturm rutschten
+die Seilbahnen wie Gletscher. Den Häusern waren greise Bärte gewachsen von
+den Dächern. Fenster schauten blind wie aus weißen Wimpern.
+
+Jonsen ging lahm auf einem derben Stock gestützt. Der Schimmelwirt nahm ihn
+wieder auf. Jonsen schuldete diesem bierseligen Faulenzer noch achtzig
+Frank. Die sollte er abarbeiten. Ein Lahmer ist immerhin noch als
+Nachtwächter nütz, hieß es auf der Gewerkschaft. Jonsen bemühte sich um
+diesen Posten. Aber er dachte sich fast widerwillig auf die Grube. Noch
+waren Pläne da, die harrten. Seine Organe betrogen ihn nicht. Seine Ohren
+hörten lange die Melodie des wiedergewordenen Fronens und griffen danach.
+Richteten sie auf und verdrängten andere Assoziationen. Gewesenes zeigte
+sich in neuer Gestaltung. Alles Seiende vermochte nichts mehr zu gestalten.
+Der dünne Strich Verzicht war nur noch ein kaum gesehener Punkt.
+
+Nach dem Abendessen sagte der Wirt zu Jonsen: »Daß die Gruft sich wieder
+aufgetan hat, weißt du wohl? Zwanzig Kerle hat sich der Satan geholt.
+Schade um den Piet. Es war ein schönes Begräbnis. Die Knappen von Ronsdael
+und Saint Legér waren mit ihren Fahnen gekommen.«
+
+Es war etwas Gebieterisch-Entsetzliches in dieser grauenhaft nüchternen
+Rede des Berichtes. Feuer und Schwefel standen darüber und dörrten
+Blutströme.
+
+Jonsen war aufgesprungen. Er hielt sich die Schläfen, die schmerzhaft
+hämmerten. In seiner Kehle war kein Ton. Nur eine schwärende verklumpte
+Tiefe. Ein Reflex kam herauf und spiegelte das Wiedersein der Gräuel als
+Meer im Gehirn.
+
+Das Gesicht des Schimmelwirts hatte sich zu einer Grimasse breiten Lächelns
+verzogen. Es kam wie ein Pfiff: »Den Steiger haben sie eingesperrt. Er soll
+an allem schuld sein . . . he . . . he, he, he.«
+
+Als Jonsen die ohnmächtig gebrochenen Augen auftat, um einen Satz zu
+sprechen, sah er hundert Gesichter. Flache Fragen wie Fischbäuche und
+teergesalbt von der Schwärze der Explosion, fuhren ihn an mit Augen, die
+aus den Höhlen gesprungen waren. Heißer Atem qualmte auf und sengte alles
+Denken an.
+
+Der Schimmelwirt glotzte Jonsen an wie: ist der Bengel verrückt! Hat er
+Fusel gesoffen? Gestohlenen Fusel?
+
+So quälte er Jonsen und hatte den Heiligenschein Luzifers mit einem Mal. Da
+riß Jonsen eine Flasche vom Tisch und schlug sie dem Wirt in die Frage.
+Säufer und Weiber liefen zusammen.
+
+Jonsen wollte fliehen. Hinunter in die Gruft, zu Piet -- zu Piet -- und
+weiter . . .
+
+Der Gendarm aber legte ihm blanke Handeisen fest um die Gelenke.
+
+
+
+
+Das Vorgesicht
+
+
+(1912)
+
+
+
+
+I
+
+
+Einmal geschah es, daß Séverin Roubaud den erkrankten Steiger Poulein
+plötzlich vertreten mußte, weil er der Älteste auf der Sohle war.
+
+Séverin aber betrachtete den Auftrag, einen verlodderten Flöz wieder
+berggerecht zu schaffen, sozusagen als Prüfungsaufgabe für den
+Hilfssteiger-Posten, der zu vergeben war.
+
+Er spannte, von brutalem Ehrgeiz getreten, Hirn und Muskeln an. Trieb die
+fünf Kameraden wie Ochsen und fluchte bei der Einfahrt wie der
+Berginspektor selber.
+
+Jaques, der fünfte von den Kerlen, lockerte im ersten Zorn schon das
+Messer.
+
+Der verwahrloste Schacht stundete bereits ein paar Jahre und war schlüpfrig
+wie ein Sumpf.
+
+Die sechs Männer hatten schwere Arbeit mit dem hervorgequetschten Gebirge,
+das sich über zehn Fuß Mächtigkeit hinstreckte.
+
+Sie sackten jeden Schritt breit, den sie herausschlugen, sofort zu. Keile
+und Bolzen saßen fest im Aufhieb. Und aus Pram und Sohl rieselte kaum noch
+Staub.
+
+Nur im vordersten Gang, wo Séverin allein schaffte, stand das Feuer in
+geduckten Funken und schrie nach der Wettermühle.
+
+Aber Séverin hatte einen harten Schnapsschädel und bohrte fort, trotzdem
+die Bläser aus dem gerissenen Bruch schon explodierten und ein Heulen wie
+von gereizten Löwen war.
+
+Dicht hinter den anderen stürzten die Ladungen wie Lawinen von Staub.
+Benahmen ihnen allen den Atem und saßen faustdick auf dem Gestänge.
+
+Jaques murrte und warnte Séverin: den Bruch doch erst ausschwelen zu
+lassen.
+
+Séverin aber stemmte die Eisen, als säße hinter ihm einer mit Keulen.
+
+Da fingen auch die anderen um Jaques an, unruhig zu werden. »Man sollte den
+Obersteiger anklingeln,« schrie der rote Jean.
+
+Zwei Weiber, die ganz hinten die Wagen andrückten und in Rufnähe waren,
+pfiff man heran.
+
+Sie mußten die Wettermühle holen.
+
+Séverin schlug weiter. Schlug, daß die ausgeklüfteten Felsen dröhnten.
+
+In den Hölzern knackte es, als bohrten tausend Würmer darin, und aus den
+Nebengebirgen scholl dumpfes Grollen herüber.
+
+Man deckte das Kappholz und rammte die Buchenpfähle Schlag auf Schlag.
+
+Widerliche Schwüle kam aus den Gängen, trotzdem die Mühle ungeheuer mit den
+Flügeln aus den Saugern schlug.
+
+Der rote Jean, der aus dem Vlämischen stammte, warf die Eisen einfach fort
+und verkroch sich hinter das Gestänge. Ein schweres Grauen war über ihn
+gekommen, denn er hatte in der verflossenen Nacht einen bösen Traum gehabt.
+Er hatte seinen Vater rot und groß gesehen. Seinen Vater, der vom
+Förderseil aufgerissen wurde, vor Jahren, im Leichenkittel über die Halde
+tanzen sehen.
+
+»Du Séverin!« heulte er auf und wischte sich den Schmutz von den dünnen
+Lippen.
+
+Séverin blickte nicht auf von der Arbeit. Er lag auf den Knien und
+arbeitete, daß ihm die Zunge breit aus dem Halse hing.
+
+Hin und wieder tat er ein paar Fehlschläge. Dann rann ihm das Blut aus
+großen Wunden von den Händen. Aber er zuckte nicht. Er fühlte sich wie ein
+Teil dieses Gebirges, das den anderen wie ein massiver Haufen aus dicker,
+ansteckender Finsternis erschien, in die sie ohnmächtig hineinbellten.
+
+Endlich hatte er ein riesiges Loch geschlagen. Das Geröll quatschte auf
+seine Lenden wie lauter feuchte Sandsäcke.
+
+Er beugte sich vor, tastete klirrend herum, ergriff die Flasche vom Rücken
+und goß sie ganz in sein inflammiertes Inwendige.
+
+Als ihm der letzte Tropfen des Fusels durch den Schlund gefahren war,
+fühlte er wieder, was er vorhatte und schleuderte die Flasche zurück.
+
+Der Hammer sprang wie geölt von seinen Schultern herab.
+
+Rings war es ganz still geworden von den Fäustelschlägen der anderen.
+
+Jean stand mitten im Gang und schrie noch einmal: »Du . . . du . . .
+Séverin . . . du . . . Mörder!«
+
+Sein Gesicht war kreidig verzerrt.
+
+Und die Augen zerrissen die Finsternis. Und plötzlich öffnete sich da im
+innersten Innern ihrer Pupillen eine Luke. Kohlschwarze Sammetpforten
+wurden tief drinnen aufgeschoben. Und es stiebte eine schwarze Glut heraus.
+Ein knitternder Schatten von Feuer. Eine Flamme . . .
+
+Sein Atem hielt mit einem Seufzer inne.
+
+Er fühlte sich sengend heiß.
+
+Die Lippen brannten.
+
+Mein Gott!
+
+Mutter Maria!
+
+Joseph . . .
+
+Der Vater . . . !
+
+Und da . . . da . . . da . . . wie von unten mit riesigem Nacken wütend
+emporgedrückt, brach die ganze Arbeit zusammen.
+
+Splitterte. Riß. Knallte und rollte empor.
+
+Die Kolbenwuchten steilten sich wie Dämme. Berg und Gehölz verschwanden in
+Rauch und Steinhagel. Ein Geheul wie nicht mehr aus menschlichen Kehlen
+donnerte auf.
+
+Aber die wahnsinnigen Rufe starben hin in dem Lärm von herabstürzenden
+Brocken und Wasser, das wie ein Bergstrom einbrach und den Staub
+verschlammte.
+
+Séverin schnaubte durch den verstopften Mund wie ein wilder Hengst. Stürzte
+in das Dunkel vor, wo er die Kameraden vermutete.
+
+Da brach es noch einmal los und es war, als barst die ganze Erde zusammen.
+
+Bis zur Brust war er festgekeilt und griff mit den Händen wie in Mehlberge.
+
+Und immer neues Wasser ergoß sich und verschlang die Staubwolken.
+
+Von einem geknickten Pfahl herunter blinkte gelbes Licht.
+
+Das war Jeans Lampe.
+
+Er griff danach und hob sie hoch.
+
+Seine Augen zersägten das Dunkel.
+
+Da hörte er ein Jammern tief unter sich wie aus einem ungeheueren Keller
+herauf.
+
+Seine Augen begannen zu hüpfen.
+
+Blut siedete auf den zackigen Felsstücken. Fleischteile lagen dampfend auf
+den zerschmetterten Hölzern.
+
+Er bekam endlich eine warme Hand zu fassen und versuchte sie mit aller
+Macht emporzuziehen.
+
+Tastete hinunter und griff nasses Gestein.
+
+Die Hand ging verloren.
+
+Er kratzte überall herum und konnte sie nicht wiederfinden.
+
+Er versuchte, sich aus dem Bruch herauszuwinden. Aber je heftiger er sich
+abmühte, um so nachgiebiger rollte neues Gestein herab.
+
+Seine Kraft erlahmte. Seine Augen brannten weh aus der Schwärze und suchten
+nach der Hand. Sie wurden gejagt von einem furchtbaren Wahnwitz. Jeder Nerv
+war aufgespannt.
+
+Und da sah er sie wieder.
+
+Die Hand . . .
+
+Mit fünf Fingern . . .
+
+Die bewegten sich. Zitterten. Krallten sich zusammen.
+
+Séverin ächzte und drehte sich aus der Umklammerung in unsinnigen
+Verrenkungen.
+
+Die dicke Luft machte seinen Atem kurz.
+
+An den Geröllklumpen hämmerte sein Arm sich lahm.
+
+Und dort unten war noch immer die Hand . . .
+
+Finger, die krampfhaft verzerrt um Hilfe zuckten.
+
+Sich wieder schlossen.
+
+Ein mörderisch geballter Fluch, diese Faust.
+
+Und sie wuchs heraus aus dem Gestein.
+
+Ungeheuer groß heraus.
+
+Séverin schüttelte sich wild.
+
+Frost klirrte über sein Gesicht.
+
+Tausend Räder brausten durch sein Gehirn.
+
+Brausten und rissen die Augen mit, die nun nichts mehr sahen. Nur eine
+furchtbare Nähe geisterhaft fühlten.
+
+Die krummgeballte Faust des Satans.
+
+Und Brausen und Stampfen des Weltgerichts.
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+
+
+
+II
+
+
+Als Séverin erwachte aus purpurner Finsternis, sah er in das blutige
+verzerrte Gesicht Jeans. Und die Hand, die er gefühlt hatte, die sich in
+sein Gehirn gehämmert hatte, hielt ihm die Lampe in die Augen.
+
+»Ah -- -- -- ah . . . du . . . du . . .« ächzte er und schüttelte sich
+vollends wach.
+
+Jean erhob sich, langsam, mühselig, den Raum wie ein Riese ausfüllend. Eine
+Wolke, ein Berg -- und brüllte: »Seht da! Seht den Séverin! Seht ihn an: da
+ist er, der das alles getan hat. Seht da! Den Mörder!«
+
+Séverin, ganz Besinnung wieder und stark, packte ihn bei den Schultern, riß
+ihm die Lampe weg und kommandierte: »Maul halten! Du . . . du Tier. Siehst
+du nicht, daß wir hier fest sind?«
+
+Jean schwankte zurück und grinste.
+
+Séverin suchte indes mit der Lampe das Geröll ab. Nach einem Eisen oder so
+etwas. Und fand schließlich einen Fäustel.
+
+Damit beklopfte er hinten die Wand.
+
+Es klang hohl.
+
+Séverin schrie auf: »Hierher Jean. Hier müssen wir durch.«
+
+Jean hatte sich inzwischen ein Eisen herausgekratzt und kroch heran.
+Séverin hielt die Lampe in der einen Hand und hämmerte mit der anderen wild
+auf den Felsen.
+
+Jean stieß mit dem Eisen schon wuchtig hinterdrein. Jeder Stoß würgte ihm
+das Gedärm in die Kehle. Sein nackter Oberkörper war klatschnaß und hautlos
+vor Schweiß.
+
+Das Gebirge gab langsam nach und brach in kurzen Schollen herab. Dumpfes
+Dröhnen schauerte nach allen Seiten und fand keinen Ausweg. Die Adern der
+beiden Wühler bäumten sich gegen die Geräusche wie Stacheln auf, und
+Spannung brannte in den Muskeln mit rauchendem Eiter.
+
+Sie hämmerten drei volle Stunden in einem Zuge. Und fielen beide zu
+gleicher Zeit erschöpft um.
+
+Es war, als würden ihnen erst jetzt Augen, Ohren und alle Eingeweide allen
+Ernstes geöffnet für die Bodenlosigkeit dieses nachtschwarzen Elends!
+
+Séverin flüsterte matt: »Jean . . . Jean . . . hör doch!«
+
+»Was ist noch zu hören?« ächzte der aus schmerzhaften Krümmungen herauf.
+
+»Du Jean!«
+
+»Zum Teufel noch, was soll ich!«
+
+»Du Jean, wenn wir noch eine Stunde schlagen, müssen wir durch sein. Keinen
+Meter mehr ist die Wand.«
+
+»Verflucht, schlag doch wenn du kannst!«
+
+»Hör', ehe sie uns von vorn herausgraben, sind wir da hinten schon auf dem
+alten Gang. Ein Notschacht ist da.«
+
+»Schrei doch nicht so, du Hund! Mein Kopf ist ganz zerschossen. Krepieren
+müssen wir doch hier. Alles ist vorbei.«
+
+Sein Gesicht fiel mit einem Knick vornüber.
+
+Séverin bemühte sich, wieder auf die Füße zu kommen. In seinen Schläfen und
+in seiner Stirn beutelten sich dicke Blasen. Blut trat ihm schwarz aus Kinn
+und Hals.
+
+Dann begann er zu hämmern und dachte an Maruscha. O, schönes warmes Bett
+mit Maruscha! Nun wird sie oben am Tor stehen und mit den anderen Weibern
+flennen. O Maruscha! Bald, ja, ach bald komm ich wieder zum Küssen. Schönes
+warmes Bett. Maruscha!
+
+Er hatte wieder Schwung in den Muskeln und sein Riemen stand. O Maruscha!
+
+Auch Jean hatte sich wieder aufgereckt. Stützte sich auf das Eisen und
+horchte. Schlenkerte mit dem verwundeten Arm und sackte ein bißchen in den
+Knien ein.
+
+Plötzlich jauchzte er laut: »Schüsse . . . hör' . . . Sprengschüsse!«
+
+Séverin ließ den Hammer fallen und drückte sich mit dem Kopf tief in das
+Gestein.
+
+»Donner, ja. Jean, ganz deutlich, wirklich Schüsse!«
+
+Nun hieben sie alle beide wie verrückt. Körper an Körper. Und Jeans
+Besinnung wuchs mit jedem Hieb, den er ausholte.
+
+Ach, die Wand gab nicht nach. Und die Minuten zogen die Sekunden mehr und
+mehr in die Länge, zerrten sie ungeheuer auseinander, walzten sie wie Draht
+aus, der mit spinnendem Klang in die Ohren hineintönte. Jean schmiß das
+Eisen trostlos hin. Seufzte: »Alles ist wieder still. Horch . . . ganz
+still . . .«
+
+Séverin klappte zusammen. Tastete blind und grausam in der Luft herum.
+Dachte einen Augenblick: »Hab' ich wirklich Schüsse gehört? Wie? Hab' ich
+Schüsse gehört?«
+
+Jean fühlte sich wie ins Genick gestoßen. Ein Knochengerüst klapperte über
+seinen Rücken.
+
+»Hu . . . Hu . . . Der Alte . . .« spie er fröstelnd, und sprang wieder an
+die Wand.
+
+Helles Feuer blitzte vom Eisen. Und der Staub pfiff, von einer fremden
+Schwingung weggestoßen, ihm breit ins Maul.
+
+Splitternd gab die Gesteinswand nach.
+
+Eine handgroße Lücke klaffte und ließ eine wunderlich kalte Luft
+hereinziehen.
+
+Séverin, der einen halben Meter seitwärts stand, bekam den Durchzug zu
+schnappen.
+
+»O ihr Heiligen all! Jean! Jean! Nun können wir bald durchschlüpfen.«
+
+Jean spürte, wie seine Adern heraufschwollen: Dieser Hund kann noch lachen?
+In diesem Unglück noch lachen?
+
+Und stellte sich vor das Loch: so, daß der andere nicht hinzukonnte und
+schlug in besessener Wut in den Bruch.
+
+Stück um Stück fiel klirrend herab. Und das Loch war schon so, daß man den
+Kopf durchstecken konnte.
+
+Und noch immer ließ er Séverin nicht heran. Eine wahnsinnige Ahnung
+polterte durch sein Gehirn.
+
+Mit einem Ruck hob er sich in die Ellenbogen und zwängte erst seinen Kopf
+und dann den Oberkörper durch das Loch.
+
+Enttäuscht ließ er sich wieder zurückschnellen und fiel hinterrücks auf
+eine Steinkante. Séverin sah, wie er die Beine hoch in die Luft warf. Und
+dann auf einmal die Hand.
+
+Die Hand mit den fünf Fingern, die auf- und zugingen. Sich ballten und wie
+ein fleischgewordener Fluch standen.
+
+Er hielt sich an einen Felszacken gepackt. Und aus seinen Augen, die vor
+Qual schimmerten, schoß wagerecht die Angst.
+
+Da flog er vor, warf den Hammer wütend in den Bruch und begann die Öffnung
+weiter auszubrechen.
+
+Jean konnte sich nicht rühren. Seine Augen waren voll Blut. Und durch
+dieses Blut schwamm das knarrende Geripp des Alten. Und immer hörte er den
+andern hämmern.
+
+»Er wird durchkriechen und mich hier liegen lassen! Der Mörder wird mich
+hier verrecken lassen! Ei verflucht!«
+
+Und da kam ihm seine Kraft zurück und riß den Wahnsinn aus den Augen.
+
+Und sieh: Heilige Mutter Maria, Joseph! Der andere steckte schon halb im
+Loch.
+
+Wie eine Riesenschlange wälzte sich Jean auf den Knien vor und faßte
+Séverins Beine.
+
+»'Rauß da, du Mörder!«
+
+Séverin stürzte platt zu Boden. Drehte sich herum. Sein Gesicht gab ein
+wüstes Gebrüll. Er schlug mit den Armen wild um sich. Kam mit einem Ruck
+wieder auf die Beine und rutschte nach der Öffnung.
+
+Da kugelte sich Jean noch einmal auf ihn, biß und kratzte.
+
+»Was willst du Lump? Hast du einen Flapps?« krächzte Séverin.
+
+Jean hatte Séverins Kehle zu fassen bekommen. Schraubte seine Finger fest
+herum.
+
+Séverin fühlte diese Krallen wie Schüsse im Gehirn. Jeder Finger schoß
+hundert Kugeln. Das Herz stand ihm bebend in der Kehle. Finger rissen es
+heraus. Fünf Finger, die wie ein Fluch geschlossen waren.
+
+»Maruscha . . . !«
+
+Das war der einzige Laut, den die Finger aus dem zuckenden Herzen
+quetschten.
+
+Dann schnellten diese Finger zurück, und Jean fuhr sich damit über den
+rauchenden Schädel.
+
+Und da befiel ihn naßkalt schweißiges Grausen.
+
+Mit einem Satz war er aus dem Loch heraus. Tastete sich mit blinden Händen
+durch den Schacht. Sein Kopf ging wie ein Pendel. Ein ganz kleines Pendel.
+Bis er an ein Gerüst schlug und stehenblieb.
+
+Verdammt und verflucht stehenblieb.
+
+Mit einem gut Teil Anstrengung war es Jean dann gelungen, sich wieder zu
+konzentrieren. Seine Finger griffen etwas Festes. Balken, die hochsteilten.
+Ein widerlicher Luftstrom brauste da von oben herab. Ein Fauchen und
+Zischen von Drähten.
+
+Und dann stolperte Jean in den Korb. Riß an dem Zinkseil. Das
+Auffahrtsignal schnellte nach oben. Packend schnappten die schweren
+Traggesenke ineinander. Der Korb stieg wie eine Wolke. Die Luft pfiff heiß
+und giftig.
+
+Jean hatte eine Empfindung, als sei er erst jetzt er selber geworden, ganz
+und gar. Und jubelte: o ihr Heiligen alle! Gelobt! Gelobt Jesus Christus!
+
+Plötzlich stand der Korb mit einem Ruck. Schleuderte Jean herauf, daß ihm
+die Bordkante tief in die Brust schnitt.
+
+Jäh grub er beide Fäuste wild in seinen Busen hinein. Krähend vor Schreck.
+Und suchte das Seil.
+
+Riß mit beiden Händen an dem Tau und schrie alle Schutzpatronen hinauf. Riß
+das Tau herunter und riß es tief in seinen Schädel. Mit den Armen, die in
+weißlichen glatten Windungen von seinem Körper herabfielen.
+
+Und da! Wie ein geborstener Meteor, sausend, polternd fegte der Korb wieder
+in die Tiefe hinab, von einer Satanskralle wütend herabgezogen.
+
+Immer tiefer.
+
+Grenzenlos durch Finsternis und Nächte sausend.
+
+Bis auf den Grund durch Meerjahre und Sternkorallen.
+
+Abwärts.
+
+Endlos in das torweit aufgesperrte Maul des Alten, der einmal im
+Knochenrock über die Halde tanzte.
+
+
+
+
+Nervil Munta
+
+
+(1912)
+
+
+
+
+I
+
+
+Soo . . . soo . . . seufzte Nervil Munta, nach dem sich die eisenbezackte
+Tür des Zuchthauses zu Ottignies hinter ihm geschlossen hatte und hob die
+Brust. Hob sie, wie um den roten Mauerberg der Stadt, der vor ihm aufragte,
+empor zu drücken.
+
+»Soo . . . das Jährchen ist um. Der Streik wird auch vorbei sein. Jarse
+wird einen schönen Stein auf seinem Grabe haben. Die Hauer zwei Frank die
+Woche mehr verdienen. Vielleicht nimmt mich der Direktor wieder an.
+Gewesenes, kann nicht mehr dauern. O, ich will schon arbeiten. Für zwei
+oder drei, wenn es sein muß. Und acht Schichten die Woche. Mutter braucht
+dann nicht mehr auf die Zinkschmelze gehen. Und wenn mich eine von den
+Koksmädchen will, wird sie geheiratet, man muß nun endlich voll werden.«
+
+Er hob die Brust und ging durch die lichtbeglänzte schnurgerade Straße.
+Ging mit schaukelnden Schritten zum Bahnhof wie auf einem Schiff. Radfahrer
+stießen mit krummen Lichthörnern die gehetzte Menge an die Häuserkanten.
+Funken von den Stromzuleitungen der Tram schossen wie Silberfische durch
+die dichtmaschigen Netze der Luft, und die Paukenwirbel der Geräusche
+dröhnten langgezogen und jagten Echos auf und nieder. Dann und wann blieb
+Nervil Munta vor einem großen Schaufenster stehen. Hob die Hände aus den
+tiefen Hosentaschen, bewegte die Lippen lautlos und schob die Hände wieder
+hinein. Ging weiter, kopfschüttelnd, murmelnd, ließ sich anrempeln. Rauch
+ins Gesicht blasen. Lief einen Baum um. Kam in Gefahr, von einem Lastwagen
+überfahren zu werden und stand endlich vor dem Bahnhofsgebäude.
+
+Hinter ihm schlug es zusammen wie ein geteilt gewesenes Meer. Der
+Ziffernkreis der Uhr stand groß und gelb wie ein aufgehender Mond. Die
+Fahrkarte kostete fünf Frank, die er gewissenhaft abgezählt auf das
+Zahlbrett warf. Er wog das graue Pappstückchen in der Hand und fühlte
+Heimat und eine freiere Luft. Im Warteraum erstand er sich einen Genever.
+Trank noch einen und kam bis zum fünften.
+
+Da rief der Wärter den Zug aus.
+
+Nervil Munta schlüpfte in den Wagen und fuhr drei Stunden wie im Traum. Die
+Augen leblos in den schwarzen, bespienen Boden gebohrt.
+
+In Namur mußte er umsteigen und vier Stunden auf den Zug nach Charleroi
+warten. Seine Fahrtgenossen, Bauern, Kleinbürger und Soldaten suchten sich
+in dem großen Wartesaal geeignete Plätze zum Schlafen.
+
+Ein junger Bursche, den Leinenkittel dick mit Kalk beschmiert, --
+vielleicht war es ein Maurer, der, nachdem die Bauerei in der Stadt zu Ende
+war, in sein Heimatdorf zurückkehren wollte, -- sprach ihn an.
+
+Ließ die weißen Zähne lächelnd blecken und forderte ihn zum Trinken auf.
+
+Sie traten an den Schanktisch und stießen miteinander an. Der Maurer aber
+hatte eine geläufige Zunge und schnurrte wie ein geschmiertes Rad. Der
+Speichelschaum zischte und spritzte.
+
+Da drehte sich Nervil Munta wortlos um und suchte sich einen freien Tisch.
+Streckte die Beine aus und stürzte die Ellenbogen auf. Nun er die vielen
+Menschen gesehen hatte, nach einem Jahre wieder richtig gehende Menschen,
+die laut und lustig schwatzen konnten, fluchen und rauchen durften, wurde
+ihm die Zunge, über die der Schnaps gebrannt war, wie Stiche von Insekten,
+seltsam trocken und der Kopf wie ein Klumpen Blei widerlich schwer.
+
+Es überkam ihn, zurückzudenken. Sich zurückzudenken in den kahlen
+gefühllosen Kerker. Er hörte vernehmlich den Filzschritt der Wache und das
+böse Geklirr des Schließers. Der Dunst von vergossenen Getränken und
+verbrodelten Speisen kitzelte seine Nase, die noch wund war von dem faden
+Leichengeruch der Zelle. Klappern von Tellern und Gläsern schwirrte durch
+die heftigen Pulsschläge seines Gehirns wie das Scharren der Blechschüssel
+jeden Mittag über den Zement des Zellenbodens, vom Fuß des Kalfaktors durch
+die Eisentür geschoben. Jedes geregte Leben, das hier im Wartesaal geschah,
+wurde zum Fühler zurück in kaum überstandene Stunden der Einzelhaft.
+
+Und er hüllte sich in die wiederaufgebrochenen Gefühle, glaubte, daß er sie
+fühlte und merkte nicht, daß er nur die Mäntel der Gefühle ausbreitete zum
+Spiel, das Schlaf herbeilockte.
+
+Er schlief fest und fuhr wie gestochen auf, als die Glocke der Abfahrt
+schrillte.
+
+Wie zerschlagen tappte er sich auf den Perron und erreichte mit Not den
+Zug. Die Abteile waren überfüllt, dunkel und dunstig.
+
+Als die schweren Wagen die Halle verließen, hämmerte der graue, windharte
+Morgen an die Scheiben.
+
+Nervil Munta, der sich einen Fensterplatz mit seinen starken Knochen
+erdrückt hatte, sah spähend in die rauchige Landschaft hinaus. Die
+hereinbrechende Frühe hatte seine Gedanken aufgepeitscht, in Zukunft zu
+sinnen, und lebendiges Feuer in seine Glieder geworfen. Das Wirbelnde der
+bewegten Erde tanzte in sein Gehirn wie ein Kirmesreigen und wälzte ein
+freudiges Schnalzen auf seine Zunge, das lange anhielt. Dann überschrie der
+Bremsstrom die Achsen, und der Train stand am Ziel wie festgerammt.
+
+Fluchend vorgeschoben verließ Nervil Munta den Wagen und zwängte sich durch
+das Portal.
+
+Auf der Straße blieb er stehen. Sah sich nach allen Seiten lauernd um wie
+einer, der zum ersten Mal in dieses Gesichtsfeld rückt. Klopfte an den
+Kleidern herum, schob die Mütze zurecht und trabte der Vorstadt zu.
+
+Gasometer und Hochöfen winkten mit klobigen Fäusten. Rauch zog in gelben,
+grauen und weißen Klumpen wie ein Riesengeschwader über die zermürbten
+Lehmhäuser. Dunst von verbranntem Erz und ranzigen Ölen machte die Luft
+schwer und feucht.
+
+Nervil Munta aber blähte die Nasenflügel weit, spreizte die Finger und
+schmeichelte sich ein Leuchten in die Augen. Federnd schnellten seine Beine
+über das schlechte Pflaster, und wie ein Verfolgter griff er die Klinke
+einer Tür, die in das letzte Haus diesseits der Straße führte.
+
+Mit der Mutter, die ihren schwarzen Tuchrock angezogen hatte und ein reines
+Häubchen aufgestülpt, machte er nicht viel Umstände. Als sie freudeweinend
+auffuhr, küßte er sie sauber ab und drückte sie wieder in den Stuhl zurück.
+
+Der weiße Kopf neigte sich seitwärts, und ganz leise sagte sie: »Wie bist
+du gewachsen, mein Sohn! Und wie stark siehst du aus. O, alles ist besser
+geworden, als ich meinte. Und wie ich mich gegrämt habe, mein Sohn! Sieben
+Vaterunser habe ich für dich gebetet. Und die heilige Jungfrau beschworen.
+Und du, du mein Sohn . . .?«
+
+Nervil Munta hob den Kopf und tastete die Wand ab. Blieb vor dem
+Muttergottesbilde stehen und reckte die Arme. Ging in die Kammer, wühlte in
+seinen Sachen herum und ging wieder ans Fenster und sah lange auf die
+Straße, wo die Kinder sich jagten und schrieen.
+
+Zum Mittag hatte ihm die Mutter eine Fleischsuppe gekocht. Er wagte erst
+nicht, die würzige Brühe zu berühren. Dann aber, als ihm die Kostprobe auf
+der prüfenden Zunge zergangen war, schlürfte er den Teller in einem Zuge
+leer und schnalzte wie ein an der Brust gestilltes Kind. Erzählte der Frau
+mit dem weißen Scheitel von den harten Erbsen und trockenen Brotrinden im
+Kerker und geriet dabei in einen hellen Zorn. Obwohl er sich in der Zelle
+vorgenommen hatte, niemandem etwas von den schweren Tagen zu erzählen,
+erfuhr die Mutter alles, was ihm noch im Gedächtnis geblieben war. Und er
+kam sich wie ein Held vor, als er die Erzählung beendet hatte.
+
+Zum Abend ging er ins Wirtshaus und vertrank mit den Freunden, die ihn
+schon erwartet hatten, das ganze Geld, welches man ihm für geleistete
+Arbeit im Zuchthaus gezahlt hatte. Nichts sollte mehr von den Tagen in
+seinem Besitz bleiben.
+
+Und alle, die er freigehalten hatte, wollten sich bemühen, für ihn zu
+sprechen beim Steiger, Inspektor und Direktor. Und der Wirt sagte
+gewichtig: »Wenn alles reißt, Nervil Munta, kannst du bei mir im Hause
+schaffen. Bekommst dein schönes Essen und guten Lohn.«
+
+Aber es gab zwischen den bereiten Helfern und dem siegbewußten Nervil Munta
+keine voneinander abhängigen Zusammenschlüsse. Da ihm seine von der Mutter
+gelobte Stärke einfiel, wurde sein Bewußtsein freier und von stolzem
+Erhobensein.
+
+
+
+
+II
+
+
+Am nächsten Tage, nachdem er bis zum Mittag geschlafen hatte, ging Nervil
+Munta auf die Gewerkschaft hinaus.
+
+Grauer verstörter Regen rann, und in den verkrüppelten Bäumen der Allee
+hing der Sturm und heulte. Von den Hochöfen her brausten die Gebläse wie
+Wiehern lüsterner lüstiger Hengste. Die Zinkhütten qualmten empor wie
+dunkle Wäldermassen, und die spitzen Schornsteine zerstachen den Horizont,
+der wie eine riesige Blase schwamm.
+
+Nervil Munta stieg in sein Innerstes nieder und brachte die Tage herauf, da
+er in Begleitung seines Vaters diesen Weg zum ersten Male geschritten war.
+Zur Arbeit aufgeschrieben wurde, das erste Geld der Mutter brachte.
+Vertrauensmann des Arbeitskomitees wurde. Beiträge einziehen mußte. Und
+dann der Streik. Und die Schlägerei mit dem Jarse. Das Gericht. Der Kerker
+. . .
+
+Und nun ging er wieder Arbeit suchen.
+
+Mancher Zelle Kern, der während des stumpfen Jahres sich verhüllt hatte,
+ergoß sich in den fiebernden Puls der Adern und überschwemmte die Schlacken
+der verflackten Flüche, die in den ersten Wochen der Gefangenschaft sein
+Denken vergifteten. Das Schmerzen der Schläfen war nicht mehr. Zu Tat und
+Freude schwollen Atem und Muskeln und fühlten die Arbeit vor sich als
+edelste Lust. Nicht für Erbärmlichkeiten mehr würde man diese
+wiedergeborenen Gefühle in Fesseln zwängen.
+
+Das Gefühl dieser gesteigerten Bedeutung von dem Erhobensein seines Ichs
+erfuhr der Portier, den er gebietend ansprach und die Passiermarke zum
+Direktor forderte.
+
+Der dicke Kerl, der in der Kolonialarmee als Korporal gedient hatte, ließ
+sich so leicht nicht überzeugen und fauchte ihn an wie einen Strolch.
+Stellte ein Kreuzverhör an und ließ sich die Papiere geben. Dann erst
+langte er die Marke heraus.
+
+Nervil Munta sagte dem Portier ein Trinkgeld zu, wenn der Direktor ihm den
+alten Posten an der Fördermaschine wiedergeben würde.
+
+Dann stieg er die Treppe zum Büro pfeifend empor und klopfte stark an. Die
+Angeln der Tür kreischten wie die Riegel der Zelle, die er kaum verlassen
+hatte. Das machte ihn schon unsicher, als hätte er den frohen Umschwung des
+Blutes vergessen.
+
+Der Direktor kam ihm barsch bis zur Schranke entgegen und hob die Stirn
+gekräuselt.
+
+»Sie suchen Arbeit?«
+
+»Soo . . . soo . . . ist es, Herr Direktor!«
+
+»Arbeitsbuch! Papiere!«
+
+Nervil Munta wickelte das gelbe Buch aus der Zeitung und reichte es dem
+Direktor zögernd hin. Geduckt, wie einer, der Prügel empfangen soll.
+
+Der schlug das Buch auf. Las. Hob die Schultern. Las noch einmal und machte
+das Buch wieder zu, überlegen und kalt.
+
+Sagte dann: »Die neuen Bestimmungen der Gesellschaft verbieten, Bestrafte
+anzunehmen. Zumal Leute, die dem Komitee angehört haben. Auf die
+Nichtorganisierten muß Rücksicht genommen werden. Sind die fleißigsten
+Arbeiter. Reibereien würden wieder entstehen. Streik und Schlägerei. Sehr
+bedauerlich, aber nicht zu ändern.«
+
+Mit zwei Fingern reichte er dem zusammengesackten Menschen das Buch zurück
+und drehte ihm den Rücken zu.
+
+Nervil Munta schlich sich stöhnend hinaus und kam erst wieder zu sich, als
+er auf dem Hof stand. Mitten in dem satten Gewirr von Arbeit, das von den
+Werken herübergewitterte.
+
+Dem Portier, der die Hand geöffnet hinhielt, spie er ins Gesicht. Stellte
+sich draußen vor den Zaun und ballte die Fäuste. Das Gesicht zerriß ein
+böser Krampf, und trockener Husten quälte die Kehle. Aber dann hakte sich
+etwas in die Stirn hinein und zog den Willen zurück von einem Sprung ins
+Rächerische. Beruhigte das Gehirn und fürchtete die letzte Armut nicht.
+
+Wie er nun dastand und das Gespannte der Fäuste löste, brach weiße Sonne
+schräg durch die Wolken und verwirrte seine Augen so, daß sie tränten. Er
+bedeckte das Gesicht mit der Hand und ging in die Stadt zurück. Auf
+Umwegen. Es war ein steiler und steiniger Pfad, der über den Hügel zwischen
+Ginster hindurch führte.
+
+Die Mutter betrachtete ihn blinzelnd.
+
+Seine hervorstehenden Augen aber starrten ins Dunkel der Kammer. Und die
+Unterlippe fiel herab. Zum Reden war er an diesem Tage nicht zu bewegen.
+
+Am dritten Tage endlich, nachdem er auf sechs Stellen abgewiesen war, im
+Walzwerk, in der Bleihütte, in der Ziegelei, Pumpanlage, Gasanstalt,
+Teerfabrik, bekam er auf der Koksmühle Arbeit. Da zwanzig Leute die Brocken
+dort hingeworfen hatten, nahm man gern Ersatz. Gleichviel, wo er herkam.
+
+Nervil Munta, der einem Streikbrecher das Messer in die Rippen gesetzt
+hatte, nun selber ein solcher Lump?
+
+Er fürchtete die letzte Armut nicht. Aber die andere Angst. Vor dem Ekel
+des Nichtstuns fürchtete er sich maßlos und griff darum zu und belobte den
+Tag und das Werk.
+
+Da er zur Nachtschicht befohlen war, war ihm eine Last genommen. Die
+Genossen, denen er nicht gern begegnet wäre auf dem Werkgang, waren ihm auf
+diese Weise entrückt. Man würde nun nicht mit Fingern auf ihn zeigen. Ihn
+nicht anspein, auflauern, verprügeln.
+
+Aber in Gedanken noch wollte er ein Körper der Freiheit sein. Entflohen aus
+der Armut, der Fremde, der Schande. Im Schaffen war ihm Leben. Wollust
+hierzu peitschte sein ungeschwächtes Blut auf.
+
+Der Aufseher, bei dem sich Nervil Munta um acht Uhr zur Nachtschicht
+meldete, war der Schwager des erstochenen Jarse. Er beriet schon in
+Gedanken dem Mörder, der ihm in die Hände gegeben war, waffenlos und
+gedemütigt, die Minute seines letzten Blickes.
+
+Nervil Munta aber merkte nicht den Triumph und ließ sich wie ein blindes
+Kind an die gewaltige Maschine, die sonst von zwei Männern bedient wurde,
+führen.
+
+Zwischen kreischenden Schwungrädern und sausenden Treibriemen wurde sein
+arbeitshungriger Körper hingestellt. Wie ein stürzender Felsblock warf er
+sich in die Fron und ließ die Muskeln springen. In rhythmischem Hin- und
+Herwärtswiegen zitterte sein geladener Körper. Da ihm diese Arbeit
+ungewohnt war, ermüdete er bald und bog den gekrümmten Rücken ächzend
+gerade. Wischte sich den Schweiß aus der Stirn und hustete den Staub, der
+seine Kehle zugeschnürt hatte, hinaus. Das Zuchthaus hat mir das Fleisch
+von den Knochen gefressen und das Mark ausgesogen, dachte er und strich
+sich mit der flachen Hand über die gedunsenen Adern.
+
+Aber da stand der Aufseher lauernd hinter ihm und brüllte »Was zum Satan
+glotzt du herum? Hast dich nicht lange genug ausgeruht. Da hinten im Bau?«
+
+Nervil Munta starrte mit verglasten Augen empor, griff nach der Schaufel
+und warf den Koks in die Mühle. Der Aufseher stand lauernd hinter ihm und
+sah zu.
+
+»Du Faulpelz mußt schneller schippen. Noch einmal so schnell. Soll die
+Maschine leerlaufen, springen?«
+
+Nervil Munta nahm sich zusammen. Irgendwo schwoll eine Wut in ihm und
+befeuerte die Gelenke. Nur mehr ein Werkzeug war ihm der Arm. Und durch
+sein Gehirn blitzte das Erkennen: Ich bin nicht mehr _ich_.
+
+»Immer noch fixer und mehr auf die Schippe,« brummte der Aufseher und ging.
+
+Nervil brach am Morgen wie ein Sack zusammen. Lag im Ankleideraum erst eine
+gute halbe Stunde lang auf der Erde, ehe er aus der Fabrik in die Stadt
+zurücktaumelte.
+
+Dann trank er die Kanne Kaffee, die ihm die Mutter vorsetzte, in einem Zuge
+leer und warf sich auf's Bett. Schlief bis zum Abend und war nur mit Mühe
+wach zu kriegen.
+
+Packte dann die Brotstücke und die Geneverflasche in den Kober und ging
+wieder auf die Mühle.
+
+Und Nacht für Nacht kamen die gleichen Auftritte mit dem Aufseher, der ihn
+zwackte und peinigte wie eine Schindmähre. Seine Rachlust lebte ihm darum
+und davon. Nur die Geschicklichkeit »Jetzt« zu sagen, war ihm noch nicht
+geworden.
+
+Nervil Munta lebte in einem besinnungslosen Dämmer.
+
+War steingewordene Antwort eines lebendigen Hetzers.
+
+Seine Hände waren aufgerissen, und das Blut klebte den Holzgriff der
+Schaufel unentrinnbar ans Fleisch.
+
+Stand nicht einer hinter ihm, der mit den Fäusten an seine Schläfen
+hämmerte, so, daß man die Knochen klingen hörte?
+
+Dann wieder kam die Angst: Gib acht; die Räder donnern auseinander und
+zerschlagen deinen Schädel. Die Riemen zischen wie Schlangen und werden
+dich umringeln und die Brust zerquetschen. Gib acht! Gib acht!
+
+Durch das Gedröhn der Walzen, durch Staub, Aufseherfluch und Schweißtropfen
+kam ihm diese Furcht.
+
+Würde sie nie aufhören zu sein?
+
+In der fünften Nacht sprang ein Koksstück aus der Mühle und zerfetzte sein
+Ohr. Das blutete und wurde eine einzige schwarzblaue Geschwulst.
+
+»Siehst du,« sagte der Aufseher, der ihm die Wunde verband, »siehst du, der
+Jarse hat dich gerufen. Nimm dich in acht, daß er dich nicht ganz holt!«
+
+Nervil Munta dachte an die Schlägerei und versprach sich, dem Jarse von dem
+ersten Verdienst eine Messe lesen zu lassen.
+
+Der Aufseher begann zu hoffen und trieb es in der siebenten Nacht noch
+ärger mit Nervil Munta. Der Mörder mußte zu Ende gepeinigt werden. Und sein
+blutgieriger Wille hetzte sich hinauf in seinen letzten Mut.
+
+Als Nervil Munta sich unter den letzten Flüchen des Hetzers schließlich
+aufbäumte und nach einem Eisenstück greifen wollte, glitt er auf der
+glatten Bühne plötzlich aus und geriet in das Radgezähn. Und ehe der
+Aufseher dazu kam, den Schwung der Transmission zu stoppen, war sein
+Schwager Jarse gerächt.
+
+
+
+
+Der Anarchist
+
+
+(1912)
+
+
+
+
+I
+
+
+Mitte März trat der neue Ingenieur Erwin Vallotti sein Amt an. Er hatte die
+drei Dynamo-Maschinen zu beaufsichtigen, die in Bordael dröhnten und
+ratterten, die Pumpanlagen und Paternosterwerke betrieben.
+
+Der Direktor der Grubengesellschaft stellte ihm die drei Gehilfen vor.
+Zuerst den Techniker Vildrac, dann den Jean Paquet und zuletzt Henri
+Semella.
+
+Der Techniker Vildrac war der einzige auf diesem Werk, der keiner
+Organisation angehörte. Er mied den Schnaps, ging jeden Sonntag zweimal in
+die Kirche und besaß fünf Kinder. Außerdem hatte er rote Haare,
+Sommersprossen in einem wulstigen Gesicht und ein unregelmäßiges Gebiß.
+
+Von den beiden anderen Kerlen war Jean Paquet der intelligentere. Obwohl
+etwas Raubtierhaftes von ihm ausging (wenn man z. B. seine
+unverhältnismäßig langen Arme und den wüst bebuschten Schädel betrachtete)
+war sein Gesicht schmal und offen, und der Blick stand fast immer frei.
+
+Henri Semella endlich fiel nur durch sein Sprechen auf, das mehr wie ein
+gewürgtes Knurren ging und gut zu dem Bulldoggenmaul paßte. Daß er in der
+Kneipe häufig zu finden war, mag auch erwähnt werden.
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti machte, nachdem er sich von dem Vorhandensein
+der drei Mitarbeiter zur Genüge überzeugt hatte, nunmehr die Bekanntschaft
+der Maschinen in der weißen Riesenhalle, die aus zwölf ungeheuren
+Bogenfenstern Weltmeere von Licht empfing.
+
+Die drei Dynamos mit ihren Kesseln waren von verschiedenen Dimensionen.
+Jene zwei an den beiden Außenflügeln des Raumes hielten sich in älteren
+Konstruktionsmaßen und verursachten nur mäßige Geräusche. Aber es schien,
+als äußerten diese Geräusche feinste Wissenschaft, welche die Menschen
+kannte, in denen Tore sind, ihnen zueilte, in ihnen bebte wie ein
+gewordenes Spiegelbild des Daseins und Nächte zerstach.
+
+Wenn die breiten Lederriemen über die Stahltrommeln fuhren, die Bürsten
+schrill pfiffen und die Luft sich zwischen den Polen wie eine Gewitterboe
+erbrach, spürte man deutlich, wie in den Menschen dünne Schichten einer
+Halluzination gegeneinanderdrängten, nebelzart und schmerzgefranzt, sich
+ineinanderschoben und ein Gesicht formten, das nicht von dieser Welt war.
+
+Mimische Ausdrucksposen dieses also Geformten stellte das jeweilige
+Blut-Tempo des Halluzinierten.
+
+Aber all diese traum-trächtigen Geräusche der zwei äußeren Maschinen
+verstummten, sobald das Ungetüm in der Mitte die Flügel erhob. Hart wie ein
+Gebirge stand sein Schnauben im Raum und ballte die Luft zu Lawinen, die
+vom Schwungrad durcheinandergewürfelt eisige Nacht säeten, wer wohl fände
+Worte, die die Kräfte jener frostigen Niederbrüche mündig machen, um sie
+gegeneinander sprechen zu lassen? Könnten es Laute aus unseren Sprachen
+sein? Ach, solche Laute fügen sich nie zu Wörtern und Sätzen, die
+antworten. Sie können auch nicht beschreiben. Ununterscheidbar schwarz in
+schwarzem dünnem Tuche wären alle Schlünde und Abhänge, von denen unsere
+Sprache gesprochen hat.
+
+Unersättlich mahlte das Maschinenungeheuer. Thronte in dem schwärzlich
+düsteren Rot der Höhle wie ein Drachen und lenkte mit seiner gigantischen
+Schwere das Pendel Mensch in die nächste herzukommende Zeit hinein, die
+eine völlige Wahrheit strahlen wird.
+
+War es nicht eine infernalische Groteske, daß der Techniker Vildrac auf der
+Plattform stand und den Gang dieser Maschinen lenkte? Mit den Füßen eines
+gebrechlichen Glaubens sein Dasein in das Hirn dieses Gott-Embryos rammte,
+ohne zerzwirbelt zu werden wie ein lästiges Insekt?
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti kannte, fremd in dieser Halle, natürlich noch
+nicht das wahre Gesicht des Molochs. Als ihm aber Jean Paquet wie auf eine
+heimliche Verabredung hin die Opfer nannte (zwölf vom Hundert), da war kein
+Zweifel mehr in ihm. Er segnete diese Stunde. Und alle Furchen in seinem
+hageren Antlitz schienen wie eingemeißelt in die harte Haut. Jeder Zug um
+Nase und Mundwinkel stand starrend steif.
+
+
+
+
+II
+
+
+Drei Wochen waren verrollt. Da zogen die Grubenleute in hellen Scharen in
+die Versammlung. Ein Obmann von der Zentralleitung der roten Organisation
+war gekommen und sprach für den Achtstunden-Tag. Man jubelte ihm zu, wenn
+er mit einem Worthieb starre Gesetze splitterte, oder alles Bestehende, das
+faul war, mit einem Fußtritt in den »Orkus« stieß. Man heulte auf, als er
+mit einem Scheinwerferstrich von Allwissenheit in das sumpfige
+Qual-Labyrinth der Gewerkschaft von Bordael stach und Zustände lichtete,
+die schon nicht mehr sträflich waren. Und das Geheul der Wissenden klang
+wie das Feldgeschrei irgendeines wilden Volksstammes und schien von
+dumpfen, schmetternden Trommelwirbeln begleitet. Denn in den Mienen des
+Redners stand gläubig geschrieben: Ich bin schon nah; gleich wird das
+Vollbringen mich umhüllen.
+
+Sieghaft verlas er die Resolution, welche forderte: sogleich in den Streik
+zu treten, der als ein Unerwartetes schon halberfüllte Forderung war.
+
+Da setzte breit und dumm die Diskussion ein. Zog den Willen zurück von dem
+letzten Sprung und ließ ihn wie eine offengestöpselte Essenz verflüchten,
+die zum Himmel stank. Und die Stimmung zerriß. Blut kochte. Exzesse wurden.
+
+Da trat der Ingenieur Erwin Vallotti, der von einem Pfeiler verdeckt der
+Strömung gefolgt war, vor und versuchte sich einen Weg zu der Tribüne zu
+bahnen, wo der fremde Redner saß. Halsgeschwollen und mit zurückgebeugten
+Armen. Hatte Hämmern im Kopf, während Adern sich verknoteten, wühlten und
+zerrten: Fäuste zu ballen über diese Haltlosen. Zu brüllen: Ihr Vieh!
+
+Rings um ihn her hatte sich aus Getreuen und Standhaften ein tonnenförmiger
+Kreis geschlossen, dessen Dauben alle Mühe hatten, den Druck von außen
+auszuhalten. Die armen Leute quetschten sich so schmal wie möglich.
+Krümmten die Schultern und spreizten die Beine, um dem entsetzlichen Muskel
+standzuhalten, der sich um das lebende Faß wand und preßte.
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti kam nicht einmal bis zur Mitte des Saales. Als
+er umherblickte mit verwundert fragenden Augen, sah er, daß er der
+Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war. Man stierte ihn
+verdutzt an. Ließ die Unterkiefer hängen und erreizte sich Gedanken, wer er
+sei, was er hier zu tun habe und mit welchen Absichten.
+
+Da schrie einer: 'Raus mit dem Spion!
+
+Aber noch ehe es aus dem zwiespältigen Gemurmel zum Orkan schwoll, ging die
+Glocke auf der Tribüne.
+
+Da drängte es sich in ihm auf wie ein Gefühl von Scham: Wer sind denn
+eigentlich diese Geschöpfe. Diese schlappen Gesichter mit ihrer gedunsenen
+Un-Ironie? Ihrem matten Unwillen? Daß gerade diese des Elementaren
+verlustig gegangen waren: der Kraft, zu zürnen. Gewaltsam ans Licht zu
+drängen!
+
+Er empfand diesen Augenblick etwas wie Verachtung gegen sich selbst und
+suchte den Ausweg zur Tür. Ging über die Straße zum Kanal hinunter, wo ein
+Sturm erbost war. Schob sich mit wagerechtem Oberkörper durch den
+treibenden, puffenden Widerstand.
+
+Da segelten dichte, monderhellte Wolken um einen Strahlenkern. Unter ihnen
+klatschte und flatterte es wie unter einer Reihe riesig gebauschter Segel,
+und unter dem Holzpfahlwerk des Kais wetzten zerbrochene Scherben ein
+Spiel, das keinen Klang mehr hatte. Schiffsmaste beschrieben weite
+Pendelbewegungen. Schornsteine von drüben schnellten wie Gerten und
+zerrissen die Wasserhaut in lange weißschäumende Wunden.
+
+Es lag nahe, die Raserei von einem flammenden Zorn mißhandelter Elemente,
+in denen es ohne Unterlaß riß und peitschte, knirschte und schrie,
+winselte, zischte und schluchzte, unvernünftig sinnlos zu nennen. Aber
+gehorchten nicht die Elemente des Menschenhirns denselben Gesetzen wie
+Himmel und Flut?
+
+Und doch: die Elemente da hinten im Versammlungshaus interessierten ihn
+mehr, als das Unwetter hier draußen, das ja wohl ihr entfernter Verwandter
+war. Sie sprachen eine gleich unartikuliert klingende Sprache, wenn auch
+von Furcht noch gehalten.
+
+Aber diese Naturkraft muß noch im Keim konzentriert, gezähmt werden, um sie
+als Kraft auf gewaltige Entfernungen zu übertragen. Und ohne ihre Macht zu
+dämpfen, muß man sie hindern können, ihre eigene Maschine zu zerschmettern.
+
+Ach, begreifen sie wirklich schon: wie, lebten sie so, wie sie leben? Und
+wie vermöchten sie es, wie vermögen sie's? Hören sie denn nicht den Schrei:
+Es wartet einer draußen schon?
+
+Sind sie denn krank?
+
+Krank, da sie sich noch bemühen können, ehe der Schrei des Todes
+herausgenommen ist aus ihrer Welt oder -- ganz in sie hineingekommen? Aber
+wie können nur ganze Haufen sich als die Einzelnen fühlen, da jener Schrei
+doch an alle und als das Erste herangeht. Müßten die Menschen innerlich so
+verschieden sein, wie sie heute ihr Äußeres einander verweist?
+
+Man ginge lieber zu den Kaffern und wüßte schon, bevor man mit ihnen
+spräche, über sie: In diesen bist du wie in jedem Lebenden zu Hause. Und
+diese Sicherheit stärkte und man könnte leben ohne das Schmerzen der
+einsamen Wachheit.
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte die Straße wieder erreicht. Der Sturm
+blies nun von rückwärts, hob ihn empor, stieß ihn fast vor sich her und
+spreizte ihm die Rockschöße aus wie Flügel. Er sah nach dem
+Versammlungshaus hinüber. Alle Lichter waren erloschen dort. Der Regen
+hatte das Volk wie Spreu zerstreut. War der hundertfältige Willen der
+Vielen endlich geknotet zu einem einzigen Tau, jenen Riesen zu fesseln,
+gegen dessen Bestialität man anzurennen versuchte?
+
+Vor einer miserablen Wirtschaft stand noch eine kleine Gruppe
+Abschiednehmender. Das Harmonikagezwitscher von drinnen drang kaum durch
+die Scheiben ins Freie, und das Klirren der Gläser nahm sich aus wie ein
+schwaches tickendes Knipsen.
+
+In der Nähe einer Laterne stieß der Ingenieur Erwin Vallotti mit einem
+älteren Mann zusammen, der ihn trotz seiner klar gehörten Entschuldigung
+mit den Augen verfolgte.
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti guckte neugierig über die Achsel zurück und
+wäre vor Erstaunen fast gestolpert. Diesen buschigen Kopf hatte er schon
+gesehen, ebenso, wie diesen starren Blick unter den Hängebrauen.
+
+Er rief darum, nicht mehr zweifelnd: »Jean Paquet!«
+
+Da drehte sich der Schwarze um und kam rasch aus der brausenden Finsternis.
+
+Nun sah er deutlich: der Mann, dessen Gesicht sauber geseift war, hatte
+Fanatisches. Und war sein Mitarbeiter.
+
+Dann sagte er: »Nun, mein lieber Paquet, wie lief die Sache? Wird gestreikt
+oder nicht?«
+
+Jean Paquet beugte sich vor. Wie jung er doch aussah!
+
+Fast sieghaft kam es heraus: »Ja. Sie, morgen schon! Und Sie können es auch
+gleich wissen: ich mach mit. Dafür können _Sie_ meine Maschine lenken. Oder
+der Vildrac. Oder ihr alle zusammen!«
+
+»Wer?«
+
+»Na, der Vildrac, der Kriecher! Wer denn sonst? Sein Gott wird ihm wohl
+noch einen Arm dazu wachsen lassen, damit er nicht mehr zehn, ach, gleich
+zwanzig Stunden schuften kann.«
+
+»Sagen Sie mal, Paquet, weshalb beschimpfen Sie gleich Ihren Genossen?
+Wissen Sie denn schon, daß er nicht mittut, wenn alle streiken?«
+
+Jean Paquet verzog den Mund und spuckte aus: »Der und streiken? Tausend
+Knüppel jagen ihn nicht aus dem Maschinenhaus!«
+
+»Sie sollten ihm mal ins Gewissen reden! Oder mit Geld herumkriegen.
+Vielleicht hat er Angst zu hungern.«
+
+Jean Paquet richtete sich auf. Trotzig. Hob die Schultern. Und schrie
+gemein: »Sie wollen mich wohl aushorchen. Herr Ingenieur??«
+
+Da faßte ihn der Ingenieur Erwin Vallotti bei der Schulter, um ihn in das
+gegenüberliegende Lokal zu zerren.
+
+Paquet aber witterte Verrat. Bekam einen Wutanfall und riß sich los.
+Brüllte über die Straße hin: »Nun pack' dich aber, du Spion! Pack' dich!
+Sonst gibt's noch eine Leiche heute Nacht!«
+
+»Feigling!« knurrte der Ingenieur Erwin Vallotti und ging mit starren
+Blicken in das fahle Frühlicht.
+
+
+
+
+III
+
+
+Am nächsten Morgen waren nur zehn Knappen von der ganzen Belegschaft
+gekommen, die sich zur Einfahrt meldeten. Man wies sie zurück und hing
+doppelte Schlösser vor die Tore. Die Heizer aber, junge Kerle aus dem
+Osten, standen vollzählig vor den Kesseln, und in der Maschinenhalle fehlte
+nur Jean Paquet.
+
+Da ersuchte der Direktor, dem der Streik wirklich nicht naheging, den
+Ingenieur Erwin Vallotti, die verwaiste Maschine für die paar Tage, wo
+dieser Karneval tobte, selbst zu halten. Denn das Wasser müßte unter allen
+Umständen aus dem Schacht.
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti schwoll rot an. Zuckte aber nicht. Stellte
+sich vor das Schwungrad und lenkte den Hebel. Der Schweiß glänzte dick in
+den schwarzen Haarsträhnen, die ihm unter dem Hut hervorhingen. Und seine
+Augen lagen tief wie zwei ausgebrannte Kohlen.
+
+Er dachte: warum sind nur die Heizer da? Dieser Streik wäre dann der erste,
+der zu gewinnen ist. Lumpenpack!
+
+In der Mittagspause, als der Vildrac im Ölkeller war, hatte der Ingenieur
+Erwin Vallotti eine Unterredung mit Henri Semella, die so gestellt war, daß
+dieser am nächsten Morgen nicht wieder kam. Da setzte der Ingenieur Erwin
+Vallotti mit den kleinen Maschinen aus.
+
+Nun ging die große Riesenmühle allein, und Vildrac war stolz auf das
+durchdringende Getöse, das sie verursachte. Er sog das Sausen der Zylinder
+wie Musik ein und ahmte mit heftigen Lungenstößen das Auszischen des
+Dampfes nach. Er putzte und reinigte die Metallteile, bis sie die Sonne an
+Glanz übertrafen. Sang und putzte und sah strahlend erhoben auf den
+Ingenieur herab, dessen schlangenhafter Schatten in dem Lichtpfad auf
+zitternden Steinen zwischen den ruhenden Dynamos unter den Riemen hin- und
+herhuschte.
+
+Das ging Tag für Tag so. Und drei Wochen hindurch. Und um keinen Schritt
+waren die Streikenden mit ihren Forderungen näher gekommen.
+
+Der Herr Direktor ging wie ein Pfau umher und rauchte teure Zigarren auf
+dem Grubenhof. Sein Blick fuhr streichelnd über die festverrammten Tore und
+über jedes Gebäude. Minutenlang horchte er auf das Brausen aus dem
+Maschinenhaus und klopfte sich befriedigt auf den Bauch. Denn auf den Höfen
+lagen noch ungeheure Kohlenvorräte aufgestapelt. Und solange die Pumpen das
+Wasser in breiten Strömen aus den Schächten hoben und der König und
+Soldaten waren -- -- --
+
+Eines Abends belauschte der Ingenieur Erwin Vallotti einen Trupp
+Ausständiger im Wäldchen, wo sie faul und mutlos im Moos lagen. Man
+resignierte da: »Solange die Maschinen gehen, gibt der Hund von Direktor
+nicht nach. Warum haben wir die Heizer nicht auf unserer Seite? Der Streik
+ist doch auch ihre Sache. Man sollte das Maschinenhaus stürmen und die
+Lumpenkerle totschlagen. Diese Lumpenkerle,« -- sie spuckten alle
+geräuschvoll aus, -- »die ihren Brüdern in der Verdammnis noch ein Bein
+stellen, gerade das: ein Bein stellen, denn es ist doch so, wie wenn zwei
+raufen und ein dritter kommt und stößt den Schwächeren mit dem Fuß unter
+die Kniekehlen und nimmt dann für die Mühe noch fünf Groschen. Es ist
+akkurat dasselbe, wie wenn das Schwalbenjunge dem Kuckucksjungen hülfe, die
+Schwalben aus dem Nest zu schmeißen. Aber man kann die Hunde nicht mehr
+fassen. Tag und Nacht liegen sie auf dem Werk. Dynamit sollte man legen.«
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti zuckte auf: »Verwirre ich mich denn immer
+mehr? Geht nicht einer hinter mir, der mit den Knöcheln seiner Finger auf
+meinen Rücken klopft, so daß ich meine Gedanken aus den Knochen klingen
+höre? Als Echo einer gewordenen Tat klingen höre: »Dynamit sollte man legen
+. . . !«
+
+Bin ich denn Gott?
+
+Freilich, der Gott, den unsere Völker zu fühlen glauben, hat ja auch nicht
+gelernt, _der_ Gott zu sein.
+
+Trotzdem will ich mein Werk vollenden. Sei's auch um den Preis der Brüder.«
+
+Als der Ingenieur Erwin Vallotti wieder in das Maschinenhaus kam, schickte
+er den Heizer, der ihn vertreten hatte, wieder weg und nahm sich den
+Vildrac vor.
+
+»Sie sind schon fünfzehn Jahre auf dem Werk, hörte ich!«
+
+»Ja, Herr Ingenieur!«
+
+»Was sagen _Sie_ denn zu dem Streik, he?«
+
+»Ich . . . ich . . . meine, die Kerle haben keinen Grund. Sie haben doch
+ihr Auskommen und acht Stunden den Tag -- das geht doch nicht. Da lungern
+sie bloß in der Kneipe herum und vertrinken noch mehr. Es ist eine Schande,
+Herr, wie die Kerle saufen!«
+
+»Sie lesen viel in der Zeitung, Vildrac?«
+
+»Ach, mehr in der heiligen Schrift. Die Zeitungen lügen ja so. Nur im
+Kreisblatt steht manchmal Wahres. Da steht _auch_, daß der Streik nichts
+wie Erpressung ist. Aber man weiß ja, die Kerle haben sich aufhetzen lassen
+von denen, die oben stehen und berühmt werden wollen. Der Jean Paquet ist
+übrigens auch so ein Hetzer. Was hat er als Maschinist mit den Grubenleuten
+zu tun? Schon längst hätte er hier weg müssen. Der Hetzer!«
+
+»Sind Sie nie in einer Versammlung gewesen?«
+
+Vildrac richtete sich auf mit geröteten Augen. Sein sonst gelbes Gesicht
+glich augenblicklich einem nebligen Herbstmond. Es war fast glutrot. Mit
+schleimigen Gurgelstößen erwiderte er: »Soll ich auch etwa unter die
+Hungerleider gehn, Herr Ingenieur? Ich habe fünf Kinder, Herr! Gegen meine
+Überzeugung soll ich Front machen? Nein. Nie im Leben! Sie sehen ja, die
+Geschichte führt ja doch zu nichts. Nächste Woche werden Leute aus Holland
+kommen. Dann können die hier sich trollen. Und dann: Ist das ein Kampf?
+Nichts als Mord. Mord!«
+
+Da brauste der Ingenieur Erwin Vallotti auf: »Aber nun hören Sie mal. Gewiß
+ist das ein Kampf. Ein Bazillenkampf. Ihre Brüder hungern. Ihre Brüder
+finden das Hungern unbehaglich. Sie vereinigen sich, um sich das Brot, d.
+h. die Produktion zu erkämpfen. Sie sagen Mord? Nun, wenn Kampf einmal im
+Gange ist, hagelt es auch Hiebe. Und wenn Brotläden gestürmt werden, hol'
+der Henker den, der umherfackelt und von den Lilien auf dem Felde faselt.
+Es wird ja nicht nach Formen und Billigkeit gefragt, sondern nach Macht und
+Konjunkturen. Rechtmäßig heißt jeder Streik, der gelingt. Und dieser Streik
+wird und muß gelingen, weil er sozial und ein Kraftmesser ist.«
+
+Vildrac spreizte die Hände. In seinen Mienen jagten sich Abwehr und Angst.
+Keifte Unverständliches und kroch wie ein verprügelter Hund unter die
+Riemen.
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti hingegen stand mit geballten Fäusten. Ein
+Verödendes lief über sein Denken. Er wurde fast irre in der Wut darüber,
+daß jener, ein Vernarrter, da war und sein Haus beschrie. Einer da war, der
+nicht fühlte, daß die große Quelle des Neuen draußen unter den Brüdern
+herausgebrochen ist, die schon lebte in ihrer dem Tode abgekehrten Art.
+Ihre Sache ist Zweck und ihre Seele Lust. Frei freute diese sich erst, wenn
+keiner der Beteiligten mehr unentwickelt im Knäuel der primären Triebe
+läge, wenn nicht mehr lebende Möglichkeiten von Menschen aus dem Meere des
+Goldes hinausgeworfen wären auf den Strand der Not.
+
+In diesen Gedankengängen kam der Ingenieur Erwin Vallotti dazu, ein Signal
+zu geben. Und sein Wille konzentrierte sich vorerst auf die große Maschine,
+die Ursache war, daß unter den Brüdern Unlust und Untätigkeit verheerend
+kroch. Und eine Eingebung versetzte ihn in einen Zustand freudiger
+Erregung.
+
+
+
+
+IV
+
+
+In der Nacht auf den Tag, da zweihundert Streikbrecher unter Begleitung von
+Gendarmen ins Dorf gekommen waren, gingen alle drei Dynamomaschinen. Die
+Förderkörbe stiegen auf und ab und in den Paternosterwerken lärmten die
+eisernen Schieber. Vildrac und der Ingenieur Erwin Vallotti waren allein in
+dem Maschinenhaus. Ihre schwarzen Schatten standen riesengroß auf den
+weißen Wänden. Die Bogenlampen schwammen wie in Blut, und die großen
+Regulatoren zerspritzten das Purpurne mit rasendgeregten Drehungen. Die
+Pistons ächzten unruhig einem Unfaßbaren entgegen. Durch die Fenster
+zwängte sich der Flor der Nacht und trieb die Außenwelt weit hinaus.
+
+Vildrac hockte wie ein Götze auf der Plattform, und unter ihm sausten die
+öligen Drahtseile wie Befehle aus _seinen_ Händen entsprungen. Die Ringe
+unter den Kupferbürsten liefen durch sein Gehirn, das von jeder Runde das
+geschöpfte Wasser zu messen schien. Der dumpfe Ton des Tumultes klang ihm
+wie eine Bestätigung.
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti pendelte mit unruhig gelängten Schritten durch
+den ungeheuern Raum. Als er aber an den Schalttafeln hantierte, ließ ihn
+Vildrac nicht mehr aus den Augen. Eine erträumte Ahnung quoll die
+weißverzerrten Äpfel wie Knollen aus den Höhlen vor. Plötzlich vereinte
+sich dem ahnend Erdachten, zu dem ihm Hellsehen stieß, eine Tat. Er hörte
+etwas einschnappen und sah, daß die Armatur ihren Lauf veränderte.
+Kurzschluß!
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti stand am Fenster und rührte sich nicht.
+
+Da kroch Vildrac von der Plattform und untersuchte den Draht. Er ächzte und
+stöhnte dabei. Hielt Schläge aus, die vom Strom sprangen, und näherte sich
+befriedigt der Endung, als die Armatur plötzlich zurücksprang und den
+Körper hochriß.
+
+Wie ein nasser Sandsack platschte er aus der Höhe auf den Steinboden
+zurück.
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti klingelte die Heizer herein. Einer mußte den
+Direktor holen. Der richtete an den Ingenieur einige Fragen, die dieser mit
+gleichgültigem Kopfnicken bestätigte.
+
+Unfall. Selbstverschuldet.
+
+Man hielt sich nicht lange auf und schaffte den Leichnam hinaus. Es waren
+noch zwei Stunden bis zur Ablösung, und die nützte der Ingenieur Erwin
+Vallotti, der allein in der Halle blieb, aus zu dem rächerischen Werk, das
+keiner Zeugen bedurfte. Er hatte den vorerwogenen Weg, der doch zu keinem
+Ziele führte, endgültig verlassen und strebte darum dem Letzten zu. Er
+wußte: nur ein dröhnendes Signal könnte die Scharen sammeln. Und dieses
+furchtbare Signal wollte er geben. Denn die Brüder brauchten einen
+Schlachtruf zu jener Sieghaftigkeit, die ihres Willens zur Freude wert ist.
+Sie werden dann nicht mehr sich selber zerfühlen, zerfleischen müssen,
+fühlten sie erst den großen Kampf vor sich als einen halberrungenen Sieg.
+
+Dann erst wandelte sich zur Tat jedes Mühn, wenn der es in den Ekel
+zerrende Zusammenhang mit der Stillung des Hungers zerrissen wäre und auch
+nicht mehr die Farbe des Einzelnen trüge.
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti atmete erst auf, als die Patronen gelegt waren
+und die Drähte verbunden. Und niemand würde, das war ihm gewiß, den Plan in
+den ersten vierundzwanzig Stunden entdecken.
+
+Mit gehobenen Schultern trat er ins Freie.
+
+
+
+
+V
+
+
+Vor dem Tor der Grube staute sich ein wütender Menschenschwarm. Mit Steinen
+standen sie da. Wurfbereit, manche schwangen schwere Knüppel. So wollten
+sie die Streikbrecher empfangen.
+
+Der Direktor hatte nach der Stadtkommandantur telegraphiert. Militär war
+unterwegs. Um sechs sollte es eintreffen. Das war zeitig genug. Denn um
+sieben kamen erst die Streikbrecher aus der Schicht. Als der Ingenieur
+Erwin Vallotti sich durch den Menschenwald zwängte, vertrat ihm Jean Paquet
+den Weg. Ein unheimliches Feuer brannte in dessen Blick.
+
+Da sagte der Ingenieur, indem er ihm die Hand hinreichte: »Was ist Ihnen?
+Sie sehen aus wie der Tod. Zweifeln Sie an der Sache ?«
+
+»Verflucht! Sie fragen noch? Mit den Soldaten hat man uns gedroht!«
+
+»Den Ausgang habe ich vorausgesehen!«
+
+»Natürlich wußten Sie das. Denn Sie haben ja ein Interesse daran, daß die
+Maschinen wieder voll gehen.«
+
+»Das können Sie glauben?«
+
+Jean Paquet griff sich ans Herz. Aber dann ging wieder die Wut über sein
+Gesicht und er schrie: »Das sage ich Ihnen, ehe das erste Bajonett blitzt,
+haben wir die fremden Teufel aus dem Dorf gejagt. Mit Steinen werden wir
+sie jagen. Und das Maschinenhaus werden wir stürmen. Kein Rad soll ganz
+bleiben. Dann wird der Hund von Direktor schon nachgeben! Und wenn Sie kein
+Messer zwischen die Rippen haben wollen, Herr Ingenieur, dann bleiben Sie
+nur heute aus dem Werk.«
+
+Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte von dem Sprecher kein Auge gewandt. Und
+dachte: Seltsam, daß niemand von den Oberbeamten begriffen hat, was da
+unter den rauchigen Augenbrauen dieses Kerls qualmte. Heute forderte er
+diese Idioten heran, sie zu zermalmen. Die Masse wird sie zermalmen, die
+schlau genug ist, ihre Dummheit zu hüten, diesen unersetzlichen Vorrat an
+Energie, Glauben und Selbstsicherheit. Sie braucht nicht von ihrer Höhe
+hinabzusteigen wie der Philosoph, wenn er zur Schimäre des Wissens
+vorgedrungen ist und ein Verlangen nach Handgreiflichkeit und Handlung
+fühlt. Sie besitzt aber auch nicht jene Naivität, die der Philosoph
+vorheucheln oder erst schaffen muß, wenn er sich auf Erden wandeln fühlen
+will. Die Kultur ist ihr Zeughaus für ihren Kampf gegen die Kultur, und das
+einzige, was sie sich aus Hellas geholt hat, heißt Ostrazismus, die
+Verfolgung der Selbständigen. Und jetzt ballen sie die Fäuste, jetzt
+lockert der halbnackte Rotzbengel den Leibgurt mit der Stahlschnalle.
+
+Ein Ellenbogenpuff irgendwoher weckte den Ingenieur Erwin Vallotti aus
+seinem Traumzustande, der schon eine Helle war. Dicht trat er an Jean
+Paquet heran und flüsterte fast: »Sie haben recht. Ich werde das Werk nicht
+mehr betreten. Ich reise heute ab, und unsere Wege werden sich nicht mehr
+kreuzen. Denn meine Arbeit ist hier beendet. Aber ein Signal werde ich
+zurücklassen. Das soll die neue Stunde anzeigen. Denken Sie dann an mich.«
+
+Seine Brust arbeitete, er richtete den Blick nach oben.
+
+Jean Paquet stand gefesselt, gelähmt auf dem Fleck, von wo aus der
+Ingenieur wie ein Spuk sich erhoben hatte. Nicht einmal der Geruch seines
+Atems war geblieben.
+
+Jean Paquet stand und tat nichts, schrie nicht auf: Simson wach auf!
+Philister über dir!
+
+Ein Signal? Sollte es das Recht sein, ehe das Rufen zum Wiederwerden aus
+dem Gewordenen zu tönen beginnt, diese Unterdrückten hinüberzusenden in
+ihren Ursprung, ins Nichts?
+
+Da zerriß endlich heiseres Rufen die Menge, die geballt war. Bewegung
+schnellte in die Breite: Auf! Die Soldaten kommen!
+
+Das rüttelte empor. Raste durch's Dorf. Riß an den Fensterläden. Stieg über
+die Dächer. Strich wie Brandgeruch.
+
+Und es war ein Blitz: Auf mit dir, alter Faulpelz, der du mit deinen
+achtzig Jahren daliegst und dich räkelst!
+
+Auf Gebärende, deine Geburtswehen können warten!
+
+Und der Boden dröhnte schon unter dem Marschtritt: eins, zwei! Eins, zwei!
+
+Die Masse stand wie eine Mauer. Und der buntgefleckte Schlangenleib wälzte
+sich näher heran.
+
+Helme blitzten.
+
+Mann an Mann.
+
+Schritt und Tritt.
+
+»Steine her! Steine her!«
+
+Trommelwirbel.
+
+»Kerle, schleppt Steine . . . Steine . . . !«
+
+Lautlose Stille hüben und drüben.
+
+Da fegte ein Donner über die Straße und riß alles zu Boden. Über dem
+Gewerkschaftskomplex entbrannte furchtbarer Qualm. Ein Steinhagel pflügte
+Blutfurchen.
+
+Durch die schreckentwaffnete Menge stampfte der Soldatenzug in prachtvoller
+Auflösung zu retten. Kletterte über die Fabrikmauern und sammelte sich auf
+dem Hof.
+
+Das Maschinenhaus war vom Boden rasiert und die Dächer von den
+stehengebliebenen Häusern einfach abgesägt.
+
+Mit wahnsinnig vorgerollten Augen sprang der Direktor durch die Trümmer.
+Stieg auf den Steigerturm und riß die Notglocke.
+
+Da kamen die Ausständigen mit kindlichem Willen. Verbrüdert mit der
+Soldateska retteten sie, was zu retten war. Stiegen auf Leitern die
+Notschächte hinab, die Streikbrecher zu suchen, die gänzlich abgeschnitten
+waren und versaufen mußten, nun, da die Pumpen nicht gingen.
+
+Draußen aber, auf der höchsten Geröllhalde, stand der Ingenieur Erwin
+Vallotti mit ausgebreiteten Armen und sah beschwörend auf die Trümmer, wo
+die Saat des Neuen aufging.
+
+Über seine Lippen strich es wie Osterwind: Nun werden Wandlungen sein, und
+sie werden nicht mehr wissen, daß sie waren. Immer aber: daß sie _sind_.
+Sie werden das wissen, weil sie nicht _sie_ sind, sondern irgendein Mai,
+der sich in jedem Baum fühlt, der grün wird. Denn das unendliche Grün ist
+unendlicher Weg geworden. Dieses genügt, dieses befiehlt. Ist schön und
+lockte.
+
+_Ich aber nehme mich zurück. Denn in Wahrheit ist meine Welt nicht die ihre
+zu fühlen, daß ich ehrlich war mitten in dem Verbrechen._
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+Gedruckt bei Gottfr. Pätz, Naumburg a. S.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der schwarze Baal, by Paul Zech
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWARZE BAAL ***
+
+***** This file should be named 34833-8.txt or 34833-8.zip *****
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+
+Produced by Jens Sadowski
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Der schwarze Baal, by Paul Zech
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+Author: Paul Zech
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+Release Date: January 3, 2011 [EBook #34833]
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+
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+<hr class="title" />
+
+<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:large;">
+Verlag der Weißen Bücher / Leipzig<br />
+1917
+</p>
+
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
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+
+<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:small;">
+Copyright Verlag der Weißen Bücher, Leipzig, 1917
+</p>
+
+<h2 class="chapter">Inhalt</h2>
+
+<p class="contents"><a href="#chapter-1">Die Birke</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-2">Der schwarze Baal</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-3">Das Pferdejuppchen</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-4">Die Gruft von Valero</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-5">Das Vorgesicht</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-6">Nervil Munta</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-7">Der Anarchist</a></p>
+
+
+<p>
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Die Birke</h2><p>
+
+</p><p class="center">(1910)
+
+</p><p class="first">Eine halbe Stunde weit von der großen Stadt, deren Türme,
+Gasometer und Riesenschornsteine aus dem gelbgrauen Nebel
+wie Köpfe langsam Ertrinkender sich emporquälen, liegt die Gewerkschaft
+&bdquo;Frisch auf&ldquo;.
+
+</p><p>Mitten im Grün flacher Weideflächen und bis zum Rand der
+pastellhaften Kurve brauner Äcker. Aufrecht und starr wie eine
+starkbefestigte Insel.
+
+</p><p>Sie bleckt wie alle diese klobigen Tempel Vulkans bissig unnahbar
+aus den Umzäunungen.
+
+</p><p>Braune, mächtige Eichenbohlen stehn riesenhaft verkettet. An
+den vier Enden erheben sich schmiedeeiserne Tore mit spitzen Zacken
+auf den Häuptern; martialische Landsknechte.
+
+</p><p>Aus der Umzäunung ragen drohend die Fördergerüste empor:
+Phantastische Wurfmaschinen mit großen, flinkkreisenden Rädern;
+darüber Seile gleiten, welche die Geschosse auf- und niederheben.
+Die ringförmige Straße ist wie ein Graben vertieft. Schienenstränge
+gleißen darin wie dünne halbversiegte Wasserrillen. Die
+Lastwagen schaukeln wie Boote vorüber; alte vorsintflutliche Kasten.
+
+</p><p>Jenseits der Straße ragen die Halden.
+
+</p><p>Das sind die Forts. Regelrechte Gebirge mit ausgewaschenen
+Höhlen, verwitterten Kanten und schroffen Kämmen. Sie sind keine
+dreißig Meter hoch. Aber mit finsteren Mienen bewachen sie die
+Gewerkschaft wie riesige Fleischerhunde, weißer Geifer quillt aus
+den aufgesperrten Rachen. Dann und wann verschlingen sie ein
+paar Kinder, die, klein wie Vögel mit spitzen Schnäbeln, auf ihren
+Häuptern herumstelzen und aus dem struppigen Gesträhn kleine
+Kohlenstückchen in Säcke sammeln.
+
+</p><p>Unten, nach der Kolonie zu, wo die Häuser wie blanke Zahnreihen
+blitzen, hat man einen neuen Berg aufgeschichtet.
+
+</p><p>Unbarmherzig über saftige Grasflächen und Strauchwerk rollte
+das schwarze Verhängnis und fraß alles stückweise weg mit qualmender,
+zischender Begierde.
+
+</p><p>Nur eine Birke war stehen geblieben. Obwohl ihr das schwarze
+Gift in Mannshöhe schon den weißen Leib umklammert hatte.
+
+</p><p>Es war kein dürrer Ast an ihr. Sie war zart und hob das
+kraus gekämmte Haar trotzig in den Wind empor. Mit Abscheu
+sah sie auf die magern Gartenklexe der Kolonie, die gar nicht anrennen
+wollten gegen die weit umsichgreifende Umklammerung des
+Gebirges. Sie schaute gelangweilt auf die schmutzigen Höfe, wo
+frischgesäuberte Leibwäsche sich auf den Leinen spreizte, um das
+Weiß ihres jungfräulichen Gewandes nachzuahmen, und sie zuckte
+nur auf, als ein verirrter Vogel Schutz in ihrem grünen Blätterschoß
+suchte. Schutz vor den gelben Ausdünstungen der Kokereien
+und dem Gestöber der Rauchwolken, die unaufhörlich den Feuerschlünden
+entquollen.
+
+</p><p>Sie sträubte das Gefieder wie eine Gluckhenne und nickte beseligt
+ein, als der aller Gefahr entronnene Sänger, den draußen
+niemand mehr anhören wollte, sein Lied zu Ende flötete. Das war
+ein Lied von der andern Welt, wo ein kristallner Himmel sich zur
+Kuppel wölbte, weiße, gleißende Sonne die Felder segnete und
+phantastische Schatten weglang hin- und herwärts jagten.
+
+</p><p>Die Seele der Birke weitete sich. Kindheitserinnerungen zogen
+vorüber; ewig blauer Himmel und immergrüne Wiesen mit zottigen
+Schafen und silbernen Bächen.
+
+</p><p>Und der Vogel sang stärker. Immer leidenschaftlicher rollten
+die Töne, überschlugen sich. Und endeten schließlich in einer weichen
+Wiegenmusik.
+
+</p><p>Die Birke schloß die Augen. Ihre smaragdnen Behänge
+kuschelten sich zusammen, und die Dämmerung breitete die schweren
+Schlafdecken darüber.
+
+</p><p>Ein böser Traum erschütterte das Herz der Birke.
+
+</p><p>Wie mit wachen Augen sah sie das Kommen wildfremder Dinge
+und konnte sich nicht wehren. Der Alp lastete mit Zentnergewichten
+und schlug alle Anstrengungen des Wachwerdenwollens in Fesseln.
+Droben auf der Halde aber rauschten die Flammenkessel. Signalposaunen
+bliesen. Transmissionen kreischten und wildbärtige Sturmkolonnen
+rüsteten sich zum Angriff auf die arme, frierende Birke.
+Dampfmaschinen fuhren auf wie Kanonen. Männer mit furchtbar
+entstellten Gesichtern hoben lodernde Blöcke auf kleine Kippwagen.
+Dumpf rollte der Niedersturz. Und dann dröhnten die Lavablöcke
+mit höllischem Gepolter den Abhang hinunter. Weiße Dunstwolken
+mit orangenen Helmen jauchzten hinterdrein. Donnernd schlug die
+ehern glühende Masse unten auf. Ein Funkenregen spritzte bis in
+die Kolonie. Die Birke stand in einem blutroten Nebel. Sie erbebte
+bis in die feinsten Faserwurzeln. Und konnte sich doch nicht
+rühren. Immer neue Geschosse flogen hinab. Die Splitter schwirrten
+wie ein Gewitterregen. Sturzbäche schwollen zu Tal.
+
+</p><p>Die Birke stand bis zu den Armen in der brodelnden Flut.
+Immer unermeßlicher rauschte das Funkenmeer. Der rote Nebel
+blähte sich wie eine Retorte. Minutenlang war die Birke darin
+verschwunden.
+
+</p><p>Und als sich die letzten Schwaden verzogen hatten, die straffen
+Gurten der Funken gelockert, wehte nur das zerzauste Haar des
+Baumes herauf. Stamm und Arme krümmten sich unten in dem
+qualmenden Schlackenmorast und starben brüchig ab.
+
+</p><p>Lange nachdem der Feind vor den Pfeilen der Morgenschauer
+geflüchtet war, erwachte die Birke mit fieberndem Kopf. Ihr Herz
+ging in langsamen Schlägen, und in den Schläfen hämmerte der Brand.
+
+</p><p>Erst gegen den Nachmittag zu, als die Sonne ihr das Haar
+wieder geglättet hatte, und ein frischer Wind, der vom Fluß heraufkam,
+kühlen Tau mitbrachte, begann das böse Fieber zu weichen.
+
+</p><p>Die Birke sah mit kranken Augen in die Kolonie hinunter.
+Da polterten die schwarzen Wagen über das Pflaster, als wäre
+nichts geschehen. Halberwachsene Mädchen spazierten langsam mit
+den Kindern: zottelige, ungewaschene Brüder und Schwestern in
+allen Altersstufen. Der Obersteiger trug seine Würde behäbig in die
+Fliederlaube, wo der Kaffeetisch gedeckt stand, umbrämt von einem
+schäbig blauen Rideaux. Die Frau Kuscinsky stritt sich mit der
+Frau des Maschinisten Klöwer um einen neuen Hut, den sie beide
+nicht besaßen. Hinter dem Kaninchenstall lag der Invalide Wladislaw
+und war wieder einmal selig besoffen. Die magern Schweine
+grunsten. Hühner warfen den Staub auf den Höfen wirr durcheinander.
+Spatzen hüpften umher. Dünne Glocken schnarrten die
+langweiligen Viertelstunden mit Bravour herunter.
+
+</p><p>Die Birke versuchte zu lächeln über so viel Lebensbunterlei, das
+nutzlos in den Tag hineinlebte.
+
+</p><p>Aber die Brust. O, wenn nur die Brust nicht so geschmerzt
+hätte! Das Wetter war bedeckt und der Wind &mdash; es war ein anderer
+&mdash; hob alle die entsetzlichen Gerüche von dem Zechenhof und versprengte
+sie wie durch eine Brause.
+
+</p><p>Die Birke reckte, so gut es eben ging, den Kopf.
+
+</p><p>Aber das verirrte Vögelchen von gestern war einfach nicht mehr
+vorhanden, vielleicht hockte es schon irgendwo in einem Käfig.
+Denn die jungen Burschen, die unten im Schacht die Pferde mißhandelten,
+fingen mit Leimruten alles weg, was auch nur einen
+kleinen Ton in der Kehle stecken hatte.
+
+</p><p>In langen Reihen hingen die Vogelzwinger vor den kleinen
+Häusern. Grammophone animierten die Drosseln, Stare und Hänflinge
+zum Konzert.
+
+</p><p>Nicht ein Vögelchen schwirrte mehr durch den hereinbrechenden
+Dämmer. Nur die ekelhaften Fledermäuse mit den stumpfen Nasen
+und kühlen Krallen.
+
+</p><p>Und da wurde es merkwürdig still in den Mienen der Birke.
+Schwer fiel ihr das Haar in die Stirn. Und sie mußte es geschehen
+lassen, daß die heraufspringende Abendkühle sich darin festsetzte und
+die grauen Sacktücher wusch.
+
+</p><p>Ein bleicher Stern, der zischend vom Himmel fiel und um
+Haaresbreite das herabgebeugte Haupt der Birke streifte, weckte
+die Halberstarrte noch einmal aus dem langsamen Hinüberschlummern.
+
+
+</p><p>Zwischen den halbgeöffneten Lidern sah sie noch die lang aufquellende
+Lichterreihe, und dicht dahinter fuhren schon wieder die
+mörderischen Geschütze auf.
+
+</p><p>Ein Schreckschauer rieselte schwer über ihre blasse Stirne.
+Gleichgültig ließ sie die beiden Verliebten vorüberstreichen, die sich
+nicht schämten, die Wildgier ihrer Lippen vor den Augen der vielen
+jungfräulichen Wasserspiegel auf dem Pfad zu schüren.
+
+</p><p>Oh, diese Jungverliebten, die in diesem geizigen, raubgierigen
+Lande doch nur allezeit zwei verlobte Waisenkinder sein werden!
+Die Birke zitterte stärker auf.
+
+</p><p>Es war nichts. Oder es war das Atmen der Stille, der tödlichen
+Stille vor dem letzten Herzschlag.
+
+</p><p>Auf der äußersten Flanke der Halde flatterten schon die schneeigen
+Gewänder der Engel auf, um die Seele der Birke hinwegzutragen.
+Feuerbäche brausten in der Tiefe und wehten den metallischen
+Schaum bis zum Gipfel empor.
+
+</p><p>Die ersten Geschosse knatterten.
+
+</p><p>Dicht vor der zusammengebrochenen Birke schlugen sie ein.
+
+</p><p>Geröllstücke lösten sich los und brachen krachend in das Häufchen
+Tod.
+
+</p><p>Langsam begruben sie die spärlichen Überreste.
+
+</p><p>Der ganze Höllenspektakel der Schlacht rauschte noch einmal
+auf. Unheilvolles Gebrüll zog Kreis zu Kreis. Der Himmel tanzte.
+Die Erde tat sich auf. Und aus dem klaffenden Spalt schwebte
+langsam, von hundert weißen Fittichen getragen, die arme Seele
+der Birke empor. Glockengeläut schwoll auf. Und die schauervolle
+schwarze Nacht wallte wie ein unabsehbares Trauergefolge.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Der schwarze Baal</h2><p>
+
+</p><p class="center">(1911)
+
+</p><p class="first">Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!
+
+</p><p>Wie ein dichtes Schneegestöber fuhr dieses flockige Rufen über
+das Dorf, immer wenn der schwarze Baal die roten Fangarme durch
+den Schacht gestoßen hatte und von jenen Männern, die ihr Bündel
+heiler Knochen Tag für Tag auf die blutrostigen Böden der Förderschale
+legen mußten, sich irgend einen, oder ein Dutzend oder Hundert
+auswählte zum Fraß und den Rest wieder von sich gab wie einen
+ausgedörrten Kothaufen.
+
+</p><p>Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!
+
+</p><p>Und die Witwen im schwarzverlogenen Gewand der Trauer, die
+diesen Ruf gleichgültig hinausmurmelten wie den Perlenfall des Rosenkranzes,
+zerdrückten in der Linken das Taschentuch und wogen in der
+Rechten den Goldklumpen der Unfallprämie. Sie wogen und prahlten,
+bis das Gleißende zum Glück wurde für den neuen Schuft aus der
+Reihe der Schlafburschen.
+
+</p><p>Und dann schickten die wiederum Mütter Gewordenen ihre Söhne
+in den Schacht hinunter. Und es dünkte ihnen eine große, unverdiente
+Gnade, wenn der Grubendirektor Brot gab für die hungrigen
+Mäuler. Denn der Schatten des Hungers lag wuchtender auf den
+paar aussätzigen Hütten am Fluß, als der hagelwolkige Vorübergang
+einer Katastrophe, die eigentlich nur die Fenster zum Klirren brachte
+und ein paar Gänge zum Kirchhof mehr.
+
+</p><p>Niemand im Dorf glaubte an die Brandopfergier des Baals.
+Kein Gatte, Sohn, Bräutigam, Kostgänger war ihnen ein dem Baal
+Geweihter. Vorbestimmt war diesen nur jenes sanfte Hinüberschlummern
+zwischen den Kissen des Ehebettes. Aller Tod, der anders
+kam, war ein Unglück. Oder ein Zufall, wie die Aufgeklärten meinten.
+
+</p><p>Und die, die auf das Kreuz des Alltags genagelt, hinunterfuhren
+in die verfluchten Bezirke der Fron und Station an Station durchwanderten,
+da einen Arm, dort ein Bein ließen, fürchteten den Hunger
+maßloser als die fünf Bretter des Sarges. Nicht einen Augenblick
+dachten sie bei dem zerfetzten Kadaver eines Kameraden an die Möglichkeit,
+an gleicher Stelle zu liegen. Heute oder morgen. &mdash; Oh ein
+Unglück! Ein Unglück! Nichts weiter.
+
+</p><p>Und das Opfer in den hakigen Klauen des Baals, reißt es nicht
+das Maul auf zum Schrei: &bdquo;Oh ihr Brüder: das Unglück! Das
+Unglück!&ldquo;
+
+</p><p>Und die diesen Schrei hören, sind sie nicht ein furchtbares Echo,
+das das Bersten und Krachen der Planken übertönt wie ein Orkan?
+
+</p><p>Aber alle, die es auffangen dort oben im weißen Dunst des
+Tages, blasen es weiter in die stumpfe Melodie des Trauermarsches:
+Oh das Unglück! Das Unglück!
+
+</p><p>Das schnurrt der Pfaffe am Massengrab nach. Die Mütter
+und Witwen und Töchter verdrehen die Augen, die nicht weinen
+wollen und krümmen die Rücken ein paar Tage lang. Dann entklafft
+ihrem Schoß ein Neues und wird Unglück, das sie nicht wissen
+wollen.
+
+</p><p>Und doch war einer in dieses Dorf gekommen, den man alsogleich
+zum Opfer bestimmte. Obwohl er das Schandmal des Unglücks
+an der Stirn trug wie eine aufgebrochene Schwäre, bekam er seinen
+Tod zugewiesen. Und die, die ihn hielt, war nicht untertänig wie
+Abraham, da er Isaak opfern ging. Das brachte ihn nun in eine
+allzuschiefe Stellung zu den wichtigsten Dingen dieses Lebens, wiewohl
+seine Mutter dagegen ankämpfte mit den Instinkten eines Raubtiers.
+
+</p><p>Schon daß Fredrik als eine Frühgeburt just in dem Augenblick
+zur Welt kam, da man seinen Erzeuger ins Haus brachte: schwarz,
+entstellt und rotgeschunden, gab ihm eine Sonderstellung inmitten
+des großen Haufens.
+
+</p><p>Und dieser unabgestempelte Vater hinterließ ihm nicht einmal
+seinen Namen. Denn die Hochzeit, die jene zwei, die sich erkannt
+hatten, zusammenkoppeln sollte nach dem Gesetz, stand erst vier
+Wochen nach dem Unglücksfall an. Einen Toten aber mit einer
+Lebenden zu verbinden, war derzeit noch nicht gestattet.
+
+</p><p>Das zerstach der jungen Mutter das Herz, und sie haßte
+hinfort den Mann, der solches heraufbeschworen hatte. Sie
+haßte diesen Mann über das Grab hinaus und sie haßte seine
+Hantierung.
+
+</p><p>Sie gab dem Jungen die Brust und harte Pellkartoffeln, die sie
+dem Amtmann stahl, bei dem sie bedienstet war, und sie übertrug
+auf den Bastard alle Zärtlichkeiten, die sie Israel, dem Geliebten,
+schuldig geblieben war.
+
+</p><p>Fredrik wuchs auf wie die anderen Würmchen, trotzdem die
+hohe Obrigkeit allerhand Schwierigkeiten machte, ihm die Türchen
+ins Dasein aufzusperren.
+
+</p><p>Tags war er im Spital bei der Muhme. Und die alten Klatschmühlen,
+die mit auf der Stube waren, rissen ihn dutzendmal aus der
+Wiege und betasteten den Körper, um irgend etwas Besonderes zu
+entdecken. Denn daß Fredrik dem Vater nachmußte, stand sicherlich
+irgendwo auf der Haut geschrieben. Und sie fanden auch nach langem
+Suchen einen dunklen Fleck auf dem rechten Oberarm, der sah aus
+wie zwei gekreuzte Schlägel.
+
+</p><p>Die junge Mutter war verzweifelt, wenn sie solches gewahrte,
+und entriß das Kind den Triefaugen der Hexen, um sich mit ihm in
+eine dunkle Ecke zu verkriechen.
+
+</p><p>Und wenn dann Fredrik aufkrähte unter dem warmen Strom
+der Sättigung, hob sie ihn empor und ging in der Stube herum
+wie eine Siegerin: &bdquo;Seht, was für ein gesundes Jungchen! Mein
+Jungchen hat gerade Arme und gerade Beinchen. O, was für ein
+gesundes Jungchen. Aber in die Grube soll mein Jungchen doch
+nicht!&ldquo;
+
+</p><p>Die Spitalweiber ließen sich aber nicht bereden.
+
+</p><p>&bdquo;Der Vater wird ihn schon holen kommen, Antje. Du mußt
+ihn doch einen Bergmann werden lassen. Ja, ja, der Vater wird
+ihn schon holen.&ldquo;
+
+</p><p>Sie sagten das mit einem furchtbaren Ernst und verdrehten
+mystisch die Nasen.
+
+</p><p>In den Worten der runzligen Hexen lag ihr Schicksal. Das
+fühlte Antje. Die Worte schnitten wie zwei scharfe Messer gleichzeitig
+in ihr Herz. Aber sie kämpfte dagegen an und verstopfte die
+Wunde immer wieder mit einem kleberigen Trotz.
+
+</p><p>Als Fredrik vier Jahre alt wurde, kaufte Antje sich von dem
+Ersparten ein Häuschen und tat einen Handel auf. Das Jungchen
+lag in der Tür und beschnupperte jeden einzelnen Eintretenden.
+Manchmal ging er auch mit den Jungens auf die Gasse zum Spiel.
+Auf die Schlackenhalde, oder nach dem großen Kohlenlager. Da
+spielten sie Verstecken und balgten sich wie junge Katzentiere.
+
+</p><p>Einmal waren sie ihrer vier die Halde emporgeklettert. Es war
+so schön warm dort oben, und die dünnen Rauchschlangen, die aus
+den Ritzen züngelten, fingen sie mit den Händen auf, oder hielten
+den offenen Mund darüber, bis die Wangen ganz blaß wurden und
+eine Übelkeit die Köpfe in heftige Umdrehungen brachte. Dann rollten
+sie den Abhang hinunter wie Murmeltiere und lagen lange in dem
+dürftigen Gras der Böschung. Starr und mit dünnen Atemzügen.
+
+</p><p>Die schwarzen Männer, die oben die Wagen entleerten, warfen
+ihnen böse Flüche nach und drohten furchtbar mit den Armen.
+
+</p><p>Lächelnd erzählte Fredrik der Mutter von dem großen Berg,
+der immer so schön rauchte und ganz warm war.
+
+</p><p>Da wurde Antje sehr zornig und verbot Fredrik dort hinzugeben.
+Sie schärfte ihren Willen an dem ewigen Wahrsagenwollen der Spitalweiber.
+Und diesen Willen bläute sie dem Jungen ein.
+
+</p><p>Ein paar Tage lang ließ sie Fredrik nicht aus den Augen. Als
+dann aber der Öljude kam und ihre ganze Aufmerksamkeit wegfeilschte,
+schlich Fredrik sich flugs auf die Gasse und fand ein paar
+Gefährten, die mit ihm zum Schlackenberg gingen.
+
+</p><p>Sie hatten aber kaum die Hälfte der Anhöhe erstiegen, da gab
+es ein ohrenbetäubendes Donnern. Der Berg öffnete sich, eine Rauchwolke
+wirbelte hervor, und die drei Spielgefährten Fredriks polterten
+in den Spalt.
+
+</p><p>Fredrik schoß den Abhang hinunter und lag, mit versengten
+Haaren und ein paar Brandwunden im Gesicht, zappelnd in einer
+Pfütze.
+
+</p><p>Die Männer, die ihn der Mutter ins Haus brachten, grinsten,
+als diese sich wie eine Irrsinnige über den Jungen stürzte. Einer
+von den verrußten Männern sagte: &bdquo;Antje, daß du&rsquo;s weißt, der
+Israel hat das Söhnchen holen wollen, aber der Bengel war zu
+langsam. Na, ein andermal wird er ihn schon sicherer fassen bei
+der Gurgel.&ldquo;
+
+</p><p>Da stellte Antje sich wie eine angeschossene Bärin und trieb die
+Lästerer mit Ruten aus dem Hause.
+
+</p><p>Und die Kinder wichen dem kleinen Fredrik aus, wenn er zur
+Schule ging. Und die Spitalweiber murmelten: &bdquo;Antje hat ihn
+verhext. Sie hat Stutenmilch getrunken, als sie den Bengel säugte.
+Das feit gegen das Unglück. Aber wenn ihm die Milchzähne ausgegangen
+sind, wird es doch mit ihm kommen!&ldquo;
+
+</p><p>Antje nahm den Buben nun jeden Morgen bei der Hand und
+brachte ihn zur Schule. Um zwölf stand sie wieder vor dem gebrechlichen
+alten Hause mit den vielen Fenstern und holte ihn ab. Dann
+mußte er das Pensum erledigen und sich auf die Salzkiste setzen bis
+zum Abend. Sie gab ihm Maiskolben und getrocknete Pflaumen
+zum Spielen. Und nach dem Essen brachte sie ihn zu Bett und
+atmete auf.
+
+</p><p>&bdquo;Er wird nie mehr auf die Straße kommen zu den anderen
+Jungens, und wenn er zwölf Jahre alt ist, bringe ich ihn zum
+Oheim nach Karna. Dort kann er auf der Mühle helfen und ein
+Müller werden!&ldquo;
+
+</p><p>Sonntags ging Antje auch mit dem Söhnchen durch die mageren
+Kartoffelfelder und zeigte ihm die bunten Schmetterlinge und den
+Grashüpfer mit dem gelben Schopf.
+
+</p><p>Einmal sagte Fredrik: &bdquo;Mutter, wo ist mein Vater? Alle Jungens
+haben einen Vater. Nur ich nicht und der Schorch. Aber Schorchens
+Vater ist doch auf dem Kirchhof. Mutter, sag, ist mein Vater auch
+auf dem Kirchhof?&ldquo;
+
+</p><p>Antje preßte den Zipfel des Kopftuches heftig gegen die Lippen,
+damit der Junge nicht das leise Stöhnen hörte.
+
+</p><p>So gingen sie eine weile schweigend. Jedes ein Schicksal, und
+ihre Schicksale stöhnten in der herben Luft.
+
+</p><p>Schwarz fielen die Schatten von den Pappelbäumen.
+
+</p><p>Und Fredrik schaute noch immer fragend zur Mutter hinauf. Er
+betrachtete ihre Hände, die welk und rissig waren, und liebkoste sie.
+
+</p><p>Ganz schüchtern öffnete er dann wieder den Mund:
+
+</p><p>&bdquo;Mutter, sag .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Und da bemerkte sie sein schmales, entstelltes Gesichtchen. Die
+spitze Falte zwischen den Augenbrauen und den verquollenen Mund,
+den die obere Zahnreihe gewaltsam aufstieß.
+
+</p><p>&bdquo;Ja, ja, Jungchen. Ich werde dir den Vater zeigen, wenn wir
+wieder zu Hause sind. Wenn die Sterne scheinen. Dein Vater ist
+ein Stern. Ein ganz heller Stern.&ldquo;
+
+</p><p>Fredrik reckte den Hals, und der Atem pfiff hindurch wie das
+Gekreisch einer Ratte, die im Eisen sitzt. Er mahlte mit den Zähnen
+irgendein Wort, aber eine fröstelnde Scheu fraß es ungeboren
+wieder weg.
+
+</p><p>&bdquo;Ja, ja, Jungchen, dein Vater ist ein Stern.&ldquo;
+
+</p><p>Fredrik gab sich einen Ruck und sagte weinerlich: &bdquo;Wenn du
+mir den Stern zeigst, werde ich auch nie mehr fortlaufen.&ldquo;
+
+</p><p>Am Abend, als sie daheim am offenen Kammerfenster standen,
+zeigte Antje dem Buben einen runden Stern, der flimmernd über
+dem Kirchturm stand.
+
+</p><p>&bdquo;Das ist dein Vater, Jungchen, sieh nur!&ldquo;
+
+</p><p>Fredrik reckte die Hand und versuchte den Stern zu pflücken
+wie eine Blume. Und er träumte die ganze Nacht von dem schönen,
+blanken Stern.
+
+</p><p>Und jeden Abend, wenn ihn die Mutter entkleidet hatte, sprang
+er ans Fenster und griff mit dem hageren Ärmchen den Stern. Er verschloß
+ihn mit der kleinen Faust und trug ihn in den Traum hinüber.
+Dort schien er die ganze Nacht so hell, so hell.
+
+</p><p>Da machten die Kinder mit dem Lehrer einen Spaziergang.
+Fredrik ging anfangs ganz still zur Seite des Magisters und suchte
+den Boden ab. Bis ihn zwei größere Buben beim Arm nahmen
+und mit fortrissen.
+
+</p><p>Er kam bald in Feuer und war der schnellste Junge. Er sprang
+wie ein abgekoppeltes Fohlen querfeldein: Greift mich! Greift mich!
+
+</p><p>Doch als die Buben einen Graben übersprangen, gab die Erde
+plötzlich nach und klaffte breit auf.
+
+</p><p>Unten war die Hauptsohle des Schachtes.
+
+</p><p>Der Lehrer drehte sich ein paar mal im Kreise. Irr. Dann
+war er mit einem Satz zur Stelle und sah ganz unten den Jungen
+auf einem Gesteinsblock liegen.
+
+</p><p>Die Rettungsmannschaft von der Grube kam und holte den zerschundenen
+Körper herauf. Das Haar war mit Blut verklebt, und
+die Beine hingen schlaff herunter wie an Zwirnfäden.
+
+</p><p>&bdquo;Diesmal wird es sein Tod sein,&ldquo; sagte der alte Doktor.
+
+</p><p>Und die Spitalweiber grinsten und hoben die dürren Finger:
+&bdquo;Ja, sein Tod wird es sein.&ldquo;
+
+</p><p>Und: &bdquo;Siehste Antje, der Israel hat ihn doch geholt. Haha,
+haha, haha.&ldquo;
+
+</p><p>Vier Monate lang lag das Jungchen in Gips, und die Mutter
+legte derweilen ihr Haar in den Rauhfrost hinaus.
+
+</p><p>Sie hatte auch ihrem Verstorbenen endlich ein Denkmal gesetzt
+und ging immer in der Früh, wenn das Jungchen schlief, auf den
+Kirchhof hinaus. Die Weiber versuchten ein Gespräch mit ihr anzubändeln,
+aber ihre Augen waren weit und weiß wie zwei gleißende
+Schlünde. Nur ihre Hände konnte, sie noch ballen, immer, wenn sie
+an der Unfallstelle vorüberging, die jetzt in einem großen Umkreis
+abgezäunt war. Und die Männer von der Direktion waren da und
+fremde Herren, die maßen, klopften und bohrten.
+
+</p><p>Und dann hörte sie, daß das Dorf niedergerissen werden sollte,
+der Unsicherheit des Gesteins wegen.
+
+</p><p>Sie sah das alles kommen wie eine Märzahnung. Denn die
+Wege hier dünkten ihr jetzt öde und verworfen. Und Fredrik lag
+im Bett und fieberte.
+
+</p><p>Diese verfluchten Spitalweiber mit dem Blutgeruch .&nbsp;.&nbsp;. O, daß
+die Erde sich noch einmal auftäte, diese Henker zu verschlingen!
+
+</p><p>Als Fredrik wieder den Oberkörper heben konnte aus den rotgewürfelten
+Kissen, holte die Mutter allerlei Spielwerk zusammen,
+damit der Junge wieder lachen könnte. Und aus einem alten
+Legendenbuch las sie ihm vor von den frommen Einsiedlern und dem
+großen Propheten in der Löwengrube.
+
+</p><p>Und da Fredrik einmal mit beiden Händen nach dem Büchlein
+griff, um die Bilder anzuschaun, fiel eine verblichene Photographie
+aus dem Buch.
+
+</p><p>Fredrik faßte danach und betrachtete lange das fremde Gesicht.
+
+</p><p>&bdquo;Mutter, was ist das für ein böser Mann? Sieh, er hat genau
+solch einen schwarzen Kittel an wie die Männer, die immer hinter
+den Särgen gehn!&ldquo;
+
+</p><p>Antje rieb sich ein paar Mal die Augen und ihre Lippen
+sprangen scharf von den Zähnen. Die leeren Augen des Jungen
+irrten um sie wie feuchtrauchende Phosphorkugeln. Dann sagte sie
+ganz ernst: &bdquo;Das ist dein Vater, Jungchen, dein Vater, ehe er ein
+Stern ward.&ldquo;
+
+</p><p>Und sie stand vor dem zerwalkten Bett und wartete auf ihn
+mitten in dem gelben Zwielicht, das so peinvoll war.
+
+</p><p>Fredrik hob den Kopf etwas. Die Augen quollen auf, und entgeisterte
+Blicke schossen heraus wie ein böser Schreck. Und die
+Lippen raschelten Worte, die sie nicht verstand.
+
+</p><p>Dann zerschlug den armen Körper ein tonloses Wimmern. Stoßweises
+Meckern und Sägen und Kratzen.
+
+</p><p>Und er wehrte sich nicht, daß sie sich über ihn beugte in sanfter
+Sinnlichkeit, wie einst über den Israel, als er noch nicht wild gewesen
+war in ihres Leibes Rosenbeet.
+
+</p><p>Sie küßte den Buben, trocknete ihm das Gesicht, strich ihm das
+Haar glatt und die tiefen Kummerfalten. Sorgsam, mädchenhaft
+und ganz sinnlich. Immerzu und stetiger, heftiger.
+
+</p><p>Antje wagte auch nicht, dem Jungen das Bild wieder abzufordern.
+Etwas Feindliches lag schattenhaft auf seinem Gesicht.
+Er fragte nie mehr nach dem schönen blanken Stern. Aber sie wollte
+nichts wissen. Nichts wissen, nichts wissen.
+
+</p><p>Da Fredrik wieder aufstand, vergrub er das Bildchen schnell in
+der Lehmgrube unter dem Ofen. Denn er hatte Angst, daß ihm die
+Mutter das schöne Ding wieder abnehmen könnte.
+
+</p><p>Fredrik hatte jetzt eine verkrüppelte Schulter und mußte sich
+auf einen Stock stützen.
+
+</p><p>Aber der Steiger Verweno, der ein Bruder der Antje war, meinte:
+&bdquo;Och, och, ich werde den Bengel schon mitnehmen. Er kann in meinem
+Revier Pferdejunge werden. Da verdient er seine vier Gulden die Woche.&ldquo;
+
+</p><p>Antje fuhr wild auf und verbat sich solche Reden.
+
+</p><p>&bdquo;Jungchen soll nie und nimmer zur Grube. Er wird überhaupt
+nicht arbeiten gehn!&ldquo;
+
+</p><p>Das sagte sie auch dem Pfarrer, als Fredrik zur Kommunion ging.
+
+</p><p>Die Spitalweiber, die auch in der Kirche waren, sahen den
+Jungen fremd wie einen Toten an und bekreuzten sich.
+
+</p><p>Im Spätsommer kam der große Auszug. Der Staat hatte das
+Dorf geschlossen. Am jenseitigen Ufer war unterdessen eine neue
+Kolonie errichtet. Da war die Erde noch nicht angebohrt. Und
+die Bäume standen grün und saftig in den Blättern.
+
+</p><p>Das alte Dorf sollte niedergesprengt werden. Von der Genietruppe
+hatte man zwanzig Mann gesandt, die legten überall Sprengschüsse,
+um die elenden Hütten dem Boden gleichzumachen. Und
+auf den abgesperrten Gassen standen Posten mit geladenem Gewehr,
+damit niemand mehr in das Dorf zurückkehre.
+
+</p><p>Antje hatte ein schönes, weißgekalktes Häuschen bekommen.
+Fredrik half wacker beim Einräumen der Sachen. Plötzlich vermißte
+Antje zwei Speckseiten. Da fiel ihr ein, daß sie die im
+Schornstein hatte hängen lassen.
+
+</p><p>Und Fredrik hatte sein Bildchen unter dem Ofen vergessen. Er
+gab sich das aber nicht bloß. Antje jammerte um den schönen Speck.
+
+</p><p>&bdquo;Mutter,&ldquo; sagte Fredrik ganz heftig, &bdquo;heut abend, wenn die
+Soldaten in der Schenke sind, holen wir den Speck!&ldquo;
+
+</p><p>Antje wollte nichts davon wissen, wie sehr auch der Verlust
+des Speckes schmerzte.
+
+</p><p>&bdquo;Die Erde kann sich auftun und dann haben wir wieder das
+Unglück. Nein, nein! Laß man den Speck.&ldquo; Das sagte sie Fredrik.
+
+</p><p>Aber Fredrik, der das Bild nicht missen wollte, quälte die
+Mutter immerzu.
+
+</p><p>Sie fröstelte und fluchte, die Hände schlaff im Schoß. Sie
+dachte das wieder aus, das Furchtbare, das dem jähen Unglück vorausging.
+Josef, Maria! Das Unglück! Nein, nein!
+
+</p><p>Doch Fredrik ließ nicht nach, bis die harten Linien des Zornes
+in ihrem Gesicht verschmolzen.
+
+</p><p>Und als es Abend wurde, nahm Antje den Jungen und sie
+gingen miteinander hinaus.
+
+</p><p>Sie holperten schweigend den Weg hinunter, weiter und nach
+dem Fluß hin. Die Brücke schwankte und stöhnte laut wie eine
+Vergewaltigte. Und der Stern, den Antje suchte, kam nicht. Schauer
+rieselten dahin.
+
+</p><p>Durch den dicken, trägen Dunst schaukelte das Dorf heran. Ein
+armseliges Ausgestoßenes hinter den Schachttürmen und Erzmühlen.
+Der Schein der Hochöfen lag darüber wie aufgelöstes Blondhaar
+von Millionen Frauen.
+
+</p><p>Da flammte das hohe weiße Kreuz, das sie dem Israel hatte
+setzen lassen, auf und überschwemmte alle Gräber.
+
+</p><p>Sie riß den Jungen zurück, wollte ihn hinbetten an die offene
+Brust, daraus sieben Schwerter starrten. Sie riß den Jungen
+zurück. Etwas schnürte ihr die Kehle zu. Ein Blutschrei, der hinaus
+wollte.
+
+</p><p>Und sie fühlte des Knaben Abwehr wie eine gemeine Schändung
+und konnte doch nicht die magern, abwehrenden Hände halten.
+
+</p><p>Als Fredrik seine Arme locker fühlte, wandte er sich jäh ab und
+hopste wie ein Heupferdchen davon.
+
+</p><p>Da war Antje wach gerufen und sah nur den stachligen Zaun
+vor sich.
+
+</p><p>Fredrik zwängte sich hindurch, schlenkerte das lahme Bein hinunter
+und stand steif in dem Abgezäunten.
+
+</p><p>Antje sah noch sein starres, verstörtes Gesicht aus dem roten
+Nebel wie einen Totenschädel.
+
+</p><p>Sie konnte nicht weiter und beschloß zu warten.
+
+</p><p>Rief da nicht jemand: &bdquo;Fredrik? &mdash; &mdash; Fredrik .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo;
+
+</p><p>Eine Eule huschte laut vorüber.
+
+</p><p>Fredrik ging nicht zuerst in die Räucherkammer, um nach dem
+Speck zu fingern. Er tastete sich durch den Flur in das Hinterstübchen
+und stolperte über einen schweren Balken, den die fremden
+Soldaten wohl dort hingeworfen hatten.
+
+</p><p>Fredrik erhob sich ächzend.
+
+</p><p>Blut rann über sein Gesicht, und der Totenvogel schrie stärker.
+Mit beiden Händen grub er wie ein Maulwurf den Lehm vor dem
+Ofen auf. Das Bildchen kam noch immer nicht.
+
+</p><p>Plötzlich fühlte er einen harten runden Gegenstand, der an
+einer Schnur hing. Dieses fremde Ding machte ihn neugierig
+zittern. Er mußte das Feuerzeug schlagen. Das Feuerzeug an der
+Sprengpatrone.
+
+</p><p>Schwer rollte der Donner über das tote Dorf und die Erde
+spaltete klafterweit.
+
+</p><p>Knirschen und Krachen von Gebälk übertönte das Brausen der
+Hochöfen. Und Wände und Estrich und Dach knarrten, polterten,
+wälzten sich in den Abgrund hinein. Rauch und Staub jagten wie ein
+Wetter davon, und die Nacht flatterte auf mit blutigen Tüchern.
+
+</p><p>Die aber, die auf dem Stein an der Umzäunung saß, sah alles
+mit aufgerissenen Augen und schlug hintenüber, als die Explosion
+über die Erde fuhr und das Dunkel zerfetzte.
+
+</p><p>Und unten aus dem grausen Spalt lachte und wieherte gellwahnsinnig
+der Tanz zweier Stimmen, die sich verschwisterten.
+Lachten, posaunten, rollten weiter und immer ferner scholl das Gelach:
+Huhu &mdash; huhu &mdash; huhu &mdash; huhu &mdash; hu &mdash; huhu.
+
+</p><p>Huhu &mdash; huhu sprang Antje aus der Betäubung auf und rannte
+querfeldein. Blutrote Fragen vorauf. Sie breitete die Arme aus.
+Die Schatten überschlugen sich, verwirrten sich in der gräßlichen
+Lache, oh das Unglück! oh das Unglück!
+
+</p><p>Das war wie eine Beschwörung. Wie eine Erlösung.
+
+</p><p>Und es war kein hohles Echo, das tausendstimmig zurückdonnerte
+aus der zerklüfteten Nacht. In dichten Scharen kam es
+von der Grube und von der neuen Siedlung.
+
+</p><p>Und sie wußten alle, daß einer fort mußte von der Welt. Einer,
+dessen Tag nun gekommen war, wie sie es vorausgesagt hatten mit
+lästerlichen, kalten, trostlosen Worten.
+
+</p><p>Sie suchten triumphierend Antje. Ihre Blicke glühten wie in
+der Extase des Rausches. Es war ein Blutrausch. Der Rausch
+nach dem Opfer.
+
+</p><p>Antje aber fand sich wieder in einem anderen fernen Grubendorf.
+Dort verdingte sie sich auf der Erzmühle. Suchte dort den
+Tod und suchte ihn vergebens.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Das Pferdejuppchen</h2><p>
+
+</p><p class="center">(1910)
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">I</h3><p>
+
+</p><p class="first">Am Palmsonntag war Juppchens Konfirmation. Der Vater
+hatte versprochen mitzugehen. Dann aber kam plötzlich das mit
+dem Wetterbruch dazwischen, und er mußte die ganze Samstagnacht
+auf der zweiten Sohle durcharbeiten. Erst gegen sechs Uhr war er
+von der Grube gekommen. Mistnaß und hundemüde. Und um neun
+begann schon die Kirche. Als ihn seine Frau leise weckte, richtete
+er sich halb auf, stieß einen kräftigen Fluch aus und wälzte sich auf
+die andere Seite.
+
+</p><p>Da gingen Juppchen, Mutter und Großmutter allein. Es
+waren an die zwanzig Knaben, die eingesegnet wurden. Und sie
+trugen alle schon die Runen der Adamsqual auf der Stirn.
+
+</p><p>Der alte Pastor hatte danach seinen Text gewählt und schob
+mit viel Umständlichkeit den sechsten Vers des elften Kapitels aus
+dem Prediger Salomo seiner Rede voraus. Er hatte die Genugtuung,
+daß nur wenige Augen trocken blieben.
+
+</p><p>Die Orgel spielte einen Choral dazu, der dumpf wie das Donnern
+der großen Fördermaschine klang.
+
+</p><p>Juppchens Lippen murmelten mechanisch das Schlußgebet, und
+dann stand er mit der Mutter wieder draußen auf dem öden,
+sandigen Kiesplatz.
+
+</p><p>Langsam kam die Großmutter angehumpelt. Sie küßte Juppchen
+auf beide Backen, daß es schallte. Und darüber hin gingen drei
+fröhliche Kirchenglocken.
+
+</p><p>Juppchen fuhr sich mit dem Handrücken durch das Gesicht und
+sprang auf den Weg.
+
+</p><p>Als sie den Vorgarten des Häuschens betraten, kam der Vater
+in Hemdsärmeln aus dem Kaninchenstall, die abgezogenen Felle von
+zwei weißen Tieren in der Hand.
+
+</p><p>Juppchen erschrak, als er des Vaters blutbefleckte Hände sah.
+An dem Küchenfensterkreuz hingen die dicken Bälge mit den bloßen
+Billen. Die runden Köpfe waren eine unkenntliche Masse mit herausquellenden
+Augen.
+
+</p><p>&bdquo;O meine Hänschen&ldquo;, seufzte Juppchen und eine Träne kollerte
+über sein Gesicht.
+
+</p><p>Es waren seine eigenen Tiere. Er mußte für das Futter sorgen
+und den Stall reinmachen. Er lebte mit den Tieren, er wußte,
+wann die Jungen geboren waren und wieviel von den Dingern
+jedesmal im Nest lagen. Er nahm sie, so oft er in den Stall kam,
+in die Hand, strich langsam und zärtlich über das samtene Fell und
+küßte die offenen runden Schnäuzchen. Nun waren die zwei schönsten
+Tiere tot.
+
+</p><p>&bdquo;Mausetot&ldquo;, sagte der Vater, wie wenn er die Gedanken
+Juppchens erraten hatte.
+
+</p><p>Sie gingen zusammen in die Stube.
+
+</p><p>Mutter zog das schwarze Kleid aus und band sich eine große
+blaue Schürze vor, um das Mittagessen zu bereiten. Während sie
+in der Küche hantierte, setzte sich Juppchen ans Fenster und erzählte
+dem Vater von der Predigt.
+
+</p><p>&bdquo;Schon recht! Schon recht!&ldquo; brummte der und schob den
+Pfeifenstummel von einem Mundwinkel zum andern.
+
+</p><p>Inzwischen hatte Mutter das Mittagessen bereitet: eine Schüssel
+Salzkartoffeln und Buttersauce und in einem tiefen runden Napf
+das weiße Kaninchenfleisch.
+
+</p><p>Juppchen aß nur von den Kartoffeln und ließ das Fleisch
+stehen.
+
+</p><p>Mutter schalt. Aber Vater sagte: &bdquo;Laß nur, Alte. Morgen
+schmeckts dem Bengel schon besser.&ldquo;
+
+</p><p>Juppchen stand vom Tisch auf. Zum ersten Mal hatte er vergessen,
+das Dankgebet zu sprechen und den Alten die Hände zu küssen.
+
+</p><p>Es erinnerte ihn auch niemand daran.
+
+</p><p>Er setzte sich in die Laube und weinte still und stetig.
+
+</p><p>Am Nachmittag gingen sie aufs Feld und pflanzten Bohnen.
+Die Sonne stach heiß wie im August. Die Erde staubte weiß auf.
+Und die Bäume der Allee tanzten hin und her in der ersten Knospenfreude.
+
+</p><p>Vom Dorfplatz, wo ein paar Karusselle, Luftschaukeln und
+allerlei Krambuden standen, kam wüstes Geräusch: Drehorgelgekreisch
+und Blechmusik.
+
+</p><p>Juppchen horchte auf und flüsterte der Mutter etwas ins Ohr.
+
+</p><p>&bdquo;Was will er?&ldquo; schnauzte der Vater.
+
+</p><p>&bdquo;Juppchen möchte auf die Kirmes gehn!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Da wird nix draus. Morgen um fünf müssen wir aufstehn.
+Die Bummelei muß jetzt aufhören.&ldquo;
+
+</p><p>Juppchen duckte sich wie unter einem Schlag. Er wollte ein
+Wort hinausstoßen. Aber die Zunge hielt es fest und verstopfte
+seinen Mund wie mit einem trocknen Lappen.
+
+</p><p>Gern hätte er auf den schönen braunen Holzpferden geritten.
+
+</p><p>Pferde liebte er noch mehr wie die Kaninchen. Jeden Nachmittag
+nach der Schulstunde war er dem Pferdeknecht des Direktors
+begegnet, der ein schwarzes blankgeputztes Tier durch das Dorf
+spazieren ritt.
+
+</p><p>Juppchen war immer eine Weile stehen geblieben und hatte mit
+feuchtglänzenden Augen dem Reiter nachgeschaut.
+
+</p><p>Einmal, als der Knecht vor dem Wirtshaus abgesessen war,
+mußte Juppchen das Pferd so lange halten, bis der bestaubte Reiter
+seinen Durst gelöscht hatte.
+
+</p><p>Juppchen bekam dafür ein paar Pfennige. Er sagte danach
+zur Mutter, daß er auch gern ein Kutscher werden möchte.
+
+</p><p>Aber die Mutter meinte, daß der Vater nie so etwas zulassen
+würde. Denn er sollte ein Bergmann werden, wie Vater und Großvater
+und all die anderen aus der Familie.
+
+</p><p>Juppchen hatte versucht, vielerlei Einwände aus seinem kleinen
+Gehirn zu kramen. Er hatte wirklich deren gefunden und die
+Mutter damit überschüttet, Tag für Tag. Bis sie des Geredes überdrüssig
+geworden war und ihn strafen mußte. Da hatte Juppchen
+einen kleinen verwunderlichen Schmerz empfunden und fortan der
+Mutter gegenüber von den Plänen geschwiegen.
+
+</p><p>An den stillen Vormittagen aber, wenn die Mutter im Gärtchen
+hantieren mußte, war er zur Großmutter auf die Stube gegangen
+und hatte vor ihren erstaunten Augen alle Wünsche vollzählig aufgebaut.
+Und die verhutzelte Greisin war immer milder Tröstungen
+voll, bis der Raum sich in Rührung gehoben hatte.
+
+</p><p>Sobald ein Karussell dann im Dorf war, steckte Großmutter
+dem Jungchen eine kleine Münze zu, sich nach Herzenslust auf den
+Holzpferdchen auszureiten.
+
+</p><p>Am Morgen vor der Konfirmation hatte sie ihm gar zwei
+Groschen geschenkt, auf den Kirmesrummel zu gehn.
+
+</p><p>&bdquo;Wer weiß was morgen ist,&ldquo; hatte sie gesagt und war mit der
+Hand über die Augen gefahren.
+
+</p><p>Nun hatte ihm der Vater das alles zunichte gemacht. Und sein
+Herz war doch so voll davon gewesen. Während der Predigt und
+beim Mittagsmahl und noch lange nachher.
+
+</p><p>Juppchen sah nach dem Vater hinüber mit zerfurchten Mienen,
+böse glimmenden Augen und dumpfen Blutes im Kopf.
+
+</p><p>Als die Dämmerung schattenhaft über das Feld kroch, gingen
+sie zusammen nach Hause. Vor der Straßenbiegung drehte sich
+Juppchen noch einmal um und sog die verworrenen Geräusche vom
+Kirmesplatz wie einen schönen Geruch ein.
+
+</p><p>Gleich nach dem Abendessen fing man an sich auszuziehen. Hosen
+und Röcke flogen über die Stuhllehnen. Mutter holte den neuen
+blauen Leinenanzug für Juppchen aus der Kommode und legte ihn
+auf den Schemel vor das Bett.
+
+</p><p>&bdquo;Und nun fix in die Falle und morgen frisch aufgewacht!&ldquo;
+polterte der Vater.
+
+</p><p>Bald wurde es totenstill im Hause. Aus der Kammer und vom
+Boden herab, wo die Großmutter schlief, scholl schweres Schnarchen.
+
+</p><p>Draußen im Garten blieb graugrünes Dämmerlicht, bis der
+Mond vorüber war.
+
+</p><p>Juppchen wachte die halbe Nacht. Zauberte sich Pferdchen in
+allen Farben vor und wählte sich aus der Schar einen kleinen
+schlanken Silberschimmel aus. Darauf ritt er hurtig über Berg und
+Tal einer fremden Ferne zu, und fühlte sich wachsen und sah sich
+wie einen glänzenden Ritter aus dem Märchenbuch. Und als die
+Uhr schlug, drei harte abgezählte Schläge, fühlte Juppchen dieses
+wie einen Befehl über sich: zurückzukehren und auszuharren in der
+Bestimmung des Vaters.
+
+</p><p>So wollte er nun ohne Gedanken wachliegen und warten, bis
+die Mutter aufstand und das Feuer in der Küche schürte.
+
+</p><p>Aber seine Augenlider wurden so schwer und auf der weißen
+Wand des Zimmers fingerte ein blutroter Schatten. Hastig zog
+Juppchen die Decke über den Kopf.
+
+</p><p>Mutters schwere Holzpantoffeln, die über die Diele stampften
+und nach draußen gingen und wieder zurückkamen, rissen ihn wie ein
+heftiger Schreck empor. Er fuhr hastig in die Leinenhosen und ging
+breitbeinig an die Wasserleitung. Mit viel Umständlichkeit wusch
+er sich Brust, Nacken und Hals, so wie er es beim Vater gesehen
+hatte. Danach setzte er sich wartend an den Tisch.
+
+</p><p>Da kam auch schon der Vater aus der Kammer. Schaute
+schlaftrunken drein und blieb gähnend vor dem Herd stehen.
+
+</p><p>Die Mutter stellte den Kaffee auf den Tisch und schnitt das
+Brot zurecht, das Vater und Juppchen mitnehmen sollten auf die
+Grube.
+
+</p><p>Juppchen trank hastig den Kaffee und vervollständigte seinen
+Anzug. Ein Schauer der Erwartung fröstelte über sein schmales
+Gesicht und färbte die Lippen blau.
+
+</p><p>Der Vater nahm ihn beim Arm und zog ihn hinaus in den
+kühlen Morgen.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">II</h3><p>
+
+</p><p class="first">Über den toten Lehmweg zog schon ein langer schwarzer Zug
+von Fronleuten der Grube zu. Man ging wie über einen Feuerwerkplatz.
+Die kleinen Häuser an der Straße warfen große, braunblaue
+Vierecke auf den geölten Weg. Das Geräusch der Seiltürme flog
+gewitternd über die krausen Netze des Rauches. Rußschwärme jagten
+wirbelnd durcheinander. Töne von menschlichen Stimmen: Ein Zusammengeworfenes,
+dumpfes, melodisches Summen wie von Insekten,
+zerrissen in der Orgie der materiellen Brandung. Klangen nur in
+Pausen nach wie gedunsene Halle eines Echos, waren Endungen
+eines Spieles, das Seele verlor.
+
+</p><p>Im Schein der wattigen Lampenhelle, die kaum die Giebel berührte,
+wanderten alle Menschen krumm, wie vergreist. Sie schienen
+nichts mehr wissen zu wollen und träumten ihre Wege hinab. Erde
+zitterte ihren Hälsen zu und mühte sich, die eckigen, durchgearbeiteten
+Schädel zu halten. In den Köpfen waren allein nur Kerne noch wach.
+Alles, was diese Kerne umhüllte, war ein trunkener Mechanismus.
+Eine Welle regelte ihn. Ein Magnetismus, der von einer außerordentlich
+organisierten Zentrale herkam: zu regieren und zu profanieren.
+
+</p><p>Und eins dieser Tore gähnte gefräßig und sog die Menschen,
+die waren, mühelos hinein.
+
+</p><p>Lange Arme ruderten. Gesichter sprangen weiß vor. Knochige
+Hände griffen Zahlen an. Gewirr von Lampen flog auf. Signalglocken
+überschrien den Steiger, der vielerlei Namen gleichgültig aufrief.
+Und die Namen bejahten halbgemurmelt die Aufrufe.
+
+</p><p>Dann und wann schnellte eine Hand empor: wie, wenn Kinder
+Schulweisheiten auskramen. Eine Hand, die kühle Gefühle spürte.
+Wäre ein Wille darüber gelegen, hätte sie zugestoßen. Spitz und
+blank. Und wäre warm geworden in Röte.
+
+</p><p>Die Menschen aber wanderten in die Kaue. Das war ein kalkweißer
+Saal zur ebenen Erde. Lange Steintröge mit fließendem
+Wasser flankierten die Wände. Von der Decke baumelte in gedrehten
+Wirbeln das verschwärzte Blau der Arbeitsanzüge.
+
+</p><p>Man zog sich um. Die Luft stank von Schweiß und verschwitzter
+Unterkleidung. Dann standen Akte: blank wie Bronzen von Meunier.
+
+</p><p>Tatzenbreite Klauen klatschten zum Spaß auf muskulöse
+Schultern. Krampfadern standen geschwollen auf Fleischklumpen
+der Oberarme und Unterschenkel. Geschlechtliches lag dumpfverkrochen
+in den Höhlen. Nur das gewohnte Werfen mit Zoten, das gering
+und automatenhaft war, täuschte Springlebendigkeit vor.
+
+</p><p>Die Glocke ratterte wieder. Und ein Blöken schwoll wie Gedränge
+von Schafen im engen Stall. Hitzige Geräusche aus den
+Kehlen hatten aber kein Medium zu durchdringen.
+
+</p><p>Juppchen stand mit hochroten Wangen und klopfenden Herzens
+da. Etwas in ihm, das lange geschwiegen hatte, jubelte auf.
+
+</p><p>Der Vater aber sagte plötzlich ganz barsch: &bdquo;Marsch, hallo!&ldquo;
+
+</p><p>Und übergab den Jungen dem Schreiber und entfernte sich mit
+einem gleichgültigen &bdquo;Glück auf!&ldquo;
+
+</p><p>Mit fünf anderen Burschen, die schon länger auf der Grube
+waren, wurde Juppchen in den Förderkorb geschoben. Dann ging
+es hinunter. Dreihundert Meter tief.
+
+</p><p>Juppchen fühlte, wie sich alles in seinem Leib im Kreisel drehte
+und nach oben stieg. Sein Mund wässerte sauer, und seine Nase
+begann zu bluten.
+
+</p><p>Da hielt der Korb mit einem heftigen Stoß. Die Burschen
+zerrten Juppchen heraus und stießen ihn durch den Querschacht zur
+Pferdehalle.
+
+</p><p>Warmer Stallgeruch kam aus dem niedrigen Saal. An fünfzig
+Pferde standen da in Reih und Glied vor den langen Zementkrippen.
+Von der schwarzen, glimmernden Decke baumelten lange Lichterreihen
+und der weiße Strahlengischt schäumte in die entlegensten
+Ecken.
+
+</p><p>Ein Halbinvalide führte die Aufsicht über den Stall. Juppchen
+reichte ihm den Schein, den er vom Schreiber erhalten hatte, und
+bekam darauf seinen Platz zugewiesen. Ein älterer Bursche mußte
+ihn mit der Handhabung von Striegel und Bürste bekanntmachen
+und das Füttern zeigen.
+
+</p><p>Juppchen paßte mit hellen Augen auf und begriff sehr schnell.
+Er fühlte sich jetzt dem Willen des Vaters überlegen und triumphierte
+innerlich.
+
+</p><p>Als er nach Beendigung der Schicht wieder auffuhr, stand der
+Vater schon fertig in der Kaue. Er machte ein böses Gesicht und
+fragte auch Juppchen nicht, wie es ihm unten ergangen war. Wortlos
+machten sie sich auf den Heimweg.
+
+</p><p>In der harten schneidenden Luft des Spätnachmittags fühlte
+Juppchen eine schwere Müdigkeit in den Gliedern. Seine Knie
+drohten einzuknicken. Er hielt sich aber tapfer bis zur Behausung.
+
+</p><p>&bdquo;Da, hier hast du dein Pferdejuppchen, Mutter. Zu schwach ist
+er, um ins Gedinge zu fahren. Einen ganzen Taler Löhnung weniger
+bekommt er. Kaum genug, die Kost zu bezahlen!&ldquo;
+
+</p><p>Die Mutter erwiderte nichts auf die ungewöhnlich harten Worte
+des Vaters, der sich mißmutig auf den Stuhl warf. Sie strich
+Juppchen über das feuchte Braunhaar und über die schmalen, sommersprossigen
+Backen.
+
+</p><p>Juppchen wollte der Mutter die Freude, daß er ganz unerwartet
+zu den Pferden gekommen war, jubelnd mitteilen. Aber vor dem
+Vater wagte er es nicht auszusprechen. Durch seinen Kopf rauschten
+die frischen Eindrücke wirr durcheinander. Er schwankte zwischen
+Wollen und Nichtwollen eine lange Weile. Dann legte sich das
+Fieber.
+
+</p><p>Nach und nach verschwand auch die Müdigkeit in den Gliedern,
+wenn er von der Grube kam. Ganz heimisch war er dort unten
+schon geworden und stand mit den sechs Pferden, die er zu besorgen
+hatte, auf Du und Du. Den einäugigen Schimmel hatte er besonders
+lieb. Diese Liebe ging mit der Zeit so weit, daß er die Haferration
+der anderen Pferde beschnitt und das Ergatterte dem Schimmel
+zuführte.
+
+</p><p>Das merkte das so bevorzugte Pferd sehr bald, und es entspann
+sich eine innige Freundschaft zwischen den Beiden. Jeden Abend,
+wenn Juppchen den Stall verließ, drehte sich der Schimmel um,
+wippte mit dem Kopf und stieß ein helles Gewieher aus. Und sobald
+am nächsten Morgen der Förderkorb in die Sicherung schlug, vernahm
+Juppchen schon aus dem betäubenden Geräusch den leise gewieherten
+Frühgruß.
+
+</p><p>Immer, wenn er das Tier für die Wagenfahrt zurecht machte,
+erzählte er ihm alle Pläne, die er mit ihm noch vorhatte. Er würde
+sich Geld sparen. Jede Löhnung eine Mark. Und wenn dann ein
+schönes Sümmchen zusammen war, würde er den Schimmel dem
+Direktor abkaufen und mit ihm die Grube verlassen auf Nimmerwiedersehen.
+Oben konnte man vielleicht billig einen Wagen erstehen
+und für die Bahn Fuhrdienste tun. In der Sonne müßte es dem
+Schimmel doch viel besser gefallen. Da gab es frischen Klee und
+langes, weiches Gras. Und ein blankes Ledergeschirr mit Schellen
+am Joch sollte der Schimmel haben. Eine weiße, gebogene Peitsche
+mit einem goldenen Griff würde er auch kaufen. Aber nicht um
+den Schimmel zu schlagen. O nein, das tun nur die rohen Sandkärrer,
+die ihre Tiere im Regen stehen lassen, derweil sie im Wirtshaus
+sitzen und stundenlang Karten spielen.
+
+</p><p>Manchmal flocht Juppchen seinem Schimmel ein buntes Wollband,
+das er der Mutter abgeluxt hatte, in die Mähne. Und den
+Fahrer bat er, nicht so rauh mit dem Tiere umzugehen.
+
+</p><p>Doch der verlachte ihn und riß das bunte Band immer wieder
+aus der Mähne heraus.
+
+</p><p>Eines Tages sagte Juppchen zum Schimmel: &bdquo;Weißt Du, zwanzig
+Mark habe ich schon zusammen. Das wird bald langen zum Kauf.
+Dem Vater will ich es nicht eher sagen, bis es soweit ist. Dann
+räume ich den Kaninchenstall aus und bau Dir eine Krippe hin.
+Daraus sollst Du ganz allein fressen. Das wird viel schöner sein als
+mit den vielen zusammen. Und an den Wagen spanne ich Dich auch
+allein. Kein anderer soll Dich führen.&ldquo;
+
+</p><p>Der Schimmel senkte den Kopf und schnupperte mit den weiten
+Nüstern über Juppchens Gesicht.
+
+</p><p>Während dieses Auftritts war der Inspektor mit dem Stallwärter
+in den Verschlag getreten und machte sich an dem Schimmel zu
+schaffen. Juppchen hätte aufweinen mögen, so rauh fuhr der Mann
+dem Tier über Rücken und Gelenke.
+
+</p><p>Nach einer Weile des Prüfens sagte der Inspektor: &bdquo;Na, den
+alten Bock können wir ebenfalls ausrangieren. Zusammen mit dem
+lahmen Fuchs aus der vordersten Coje. Die Tiere brauchen nicht
+mehr eingespannt zu werden. Um zehn kommt der neue Transport.&ldquo;
+
+</p><p>Der Wärter nickte und begleitete den Inspektor hinaus.
+
+</p><p>Juppchen, der den Sinn der Worte nur halb verstanden hatte,
+stand mit offenem Munde da und sah bald den Schimmel an, bald
+die anderen Pferde.
+
+</p><p>&bdquo;So&ldquo;, sagte der Wärter, der wieder zurückgekommen war, &bdquo;nun
+werden wir den Klepper endlich los, Juppchen. Dafür bekommen
+wir ein ganz junges Tier! Fein, was?&ldquo;
+
+</p><p>Juppchen kroch tief in sich hinein. Seine Knie zitterten. Die
+Augen rollten vor wie auf Stahlnadeln gespießt. Ein Weinen stieg
+von unten herauf und würgte ihm in der Kehle. Und dann war
+es, als ob er sich mit ausgereckten Armen an einen festen Gegenstand
+lehnen müßte. Die Schläfen klopften wie Hämmer. Die Lippen
+brachen auf. Ein heller Schrei zerfetzte die Luft.
+
+</p><p>&bdquo;Ich laß ihn nicht fort! Ich will ihn kaufen! Ich habe Geld!
+Wieviel willst Du haben? Morgen bringe ich es Dir! Ein ganzes
+Beutelchen voll Geld habe ich! Ich laß den Schimmel wirklich
+nicht fort!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ach, was bist Du für ein kindischer Bengel! So ein Junge!
+Hat man so etwas schon erlebt?&ldquo;
+
+</p><p>Juppchen weinte lautlos und ganz gebrochen.
+
+</p><p>Da riß ihn der Wärter an der Schulter empor: &bdquo;Marsch, die
+Kette los. Und daß Du mir den Halfter ordentlich aufsetzt. Gleich
+kommt der Korb herab.&ldquo;
+
+</p><p>Juppchen schritt an den Schimmel, strich ihm zärtlich das Fell
+und machte langsam die Kette los.
+
+</p><p>Der Schimmel beugte den Kopf herab. Mit dem offenen weitsichtigen
+Auge starrte er den Knaben an, als wüßte er, daß es ein
+Abschiednehmen für immer war.
+
+</p><p>Juppchen fühlte, wie ein blutiger Tau sein heißes Herz überströmte.
+Er fuhr sich über die Stirn und ließ die Hände schlaff
+herabfallen.
+
+</p><p>Plötzlich sprang er an den Verschlag, holte sein ganzes Brot
+und gab es Stück für Stück dem Tier.
+
+</p><p>Noch ehe der Schimmel den letzten Happen verschluckt hatte,
+rief der Wärter.
+
+</p><p>Juppchen warf dem Pferde den Halfter um und zerrte es hinaus.
+Er schritt wie zu einem Begräbnis.
+
+</p><p>Der Wärter riß ihm die Zügel aus der Hand, versetzte dem
+Schimmel einen Stoß in die Weichen und trieb ihn in den Förderkorb.
+Der Fuchs war schon festgebunden an der Gitterstange und
+stand ruhig mit herabgesenktem Kopf. Juppchens Schimmel kam
+vorn zu stehen. Der Seilschläger riß an, und pfeifend fuhr der
+Korb in die Höhe.
+
+</p><p>Juppchen stand gerade unter der Schachtluke. Er schnalzte mit
+der Zunge, und gleich darauf vernahm er in dem schwelenden Düster
+ein unterdrücktes Gewieher. Und ganz deutlich sah er noch, daß
+der Schimmel den Kopf aus dem Gitter herabbeugte.
+
+</p><p>Juppchen wollte die Hand heben und winken &mdash; &mdash; in demselben
+Augenblick fiel etwas unendlich Schweres herab und traf ihn mitten
+in das erhobene Gesicht, wie ein nasser Sack klatschte er breit hin
+und erhob sich nicht wieder.
+
+</p><p>Ein kantiger Türrahmen bei dem ersten Füllschacht hatte den
+vorgelegten Kopf des Tieres während der rasenden Fahrt glatt vom
+Halse getrennt.
+
+</p><p>Der Grubenarzt, der Juppchen den Totenschein ausschrieb, setzte
+trocken hinzu: er wurde von einem in den Schacht herabfallenden
+Pferdekopf erschlagen.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">Die Gruft von Valero</h2><p>
+
+</p><p class="center">(1911)
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">I</h3><p>
+
+</p><p class="first">Unter den Zwanzig, die den Förderkorb betraten, als er schon
+murrend in den Gelenken knackte, waren zwei bemerkenswert.
+Piet, der Vollhauer und Jonsen, sein Gehilfe. Sie waren Wühler
+auf derselben Sohle. Piet begrüßte den Jonsen zuerst. Ein kurzes
+heftiges Anziehen durch die Nase ging seinem Gruß vorauf. Und
+der Fall seiner Worte gluckste wie das Gerinsel einer Regentraufe.
+
+</p><p>&bdquo;Wir werden heute den neuen Flöz anpacken. Du weißt ja, den
+am Wetterschacht. Saure Arbeit wird&rsquo;s geben!&ldquo;
+
+</p><p>Dabei stieß er seine Fäuste klumpig empor wie fluchend. Und sein Gesicht
+schrumpfte aus dem Ungewissen des Lichtes tierisch ins Besessene.
+
+</p><p>Jonsen nickte. Nickte nur und sagte rein nichts. Vielleicht war
+es ein Vorgefühl tiefsten Schreckes. Zudem krankte er an der Formulierung
+eines Prinzipes zu höherem Lebenszweck. Man sagte unten im
+Dorf, daß er nur Studien halber sich ins Joch gespannt hatte.
+
+</p><p>Polternd schüttete der Korb die Hauer auf den Gang. Sie
+rannen auseinander wie gewordene Brut aus Schalen. Immer in
+Trupps zu zwein und drein.
+
+</p><p>Piet und Jonsen hatten von dem Steinriff, wo die Knappen in
+gesonderten Höhlen Hacken und Schaufeln rührten, noch eine viertelstündige
+Wanderung zu machen. Das gewohnte dumpfe Surren der
+Kippwagen, das Kreischen der Sauerstoffgebläse und alle Geräusche
+von Schlägel und Bohreisen hinderten nicht, daß den Wallern die
+Minuten durch den stockdunklen Gang lautlos erschienen, wie von
+einer bis zur letzten Endung gespannten Feder gehalten.
+
+</p><p>Jonsen hob die Lampe. Ein winziger blauer Kranz umschwirrte
+zitternd den roten Lichtkegel.
+
+</p><p>Piet schnüffelte lange und verdrehte die Augen wie unter der
+Nähe von etwas bitter Süßem.
+
+</p><p>&bdquo;Hier stimmt es nicht mit der Luft. Die Berieselung klappt ja.
+Aber die Enge &mdash; &mdash; die Enge. Spürst du das denn nicht?&ldquo;
+
+</p><p>Jonsen verneinte. Aber mit offenen Augen horchte er herum.
+Endlich, leise .&nbsp;.&nbsp;. aus Tiefen &mdash; rauschten Dinge. Aber er war nicht
+aufgeklärt, sie zu deuten. Sein Instinkt war hier einfach abgeschraubt.
+
+</p><p>Da ging Piet voran. Der gekrümmte Rücken, dessen Muskulatur
+bei jedem Schritt aufschwoll, sowie die eckigen Knullen der Oberarme
+scharrten an der Verzimmerung. Feuchtigkeit triefte dünn von
+den Bohlen herab. Der schwarze Schlamm lag zäh wie ein pilziger
+Brotteig auf dem Boden und sog das Schuhzeug an: schöner Teppich
+für Besoffene. Ins Gesicht Getropftes schmeckte sauer und ließ den
+Speichel auf der Zunge gerinnen. Es ließ sich auch nicht vernichten.
+Klebte sich an die Kleider und wurde gewohnt.
+
+</p><p>Piet und Jonsen standen am Ende der Sohle. Der Fels, das
+reine, schwarzglänzende Fleisch der Erde, hob sich aus dem überschwemmten
+Bett der Seugen.
+
+</p><p>An einen Pfosten, dem lange Schmarotzer der Fäule wie Strähnen
+eines verwilderten Bartes herabhingen, klemmten sie die Lampen.
+Piet tat noch den grünen Kittel hinzu.
+
+</p><p>Eine torartige Verzimmerung schloß den Gang ab. Dahinter
+lag der Schlagwetterherd: die Gruft. Man war gewohnt, nie von
+dieser Leichenkammer zu sprechen, ohne sich zu bekreuzen. Vielleicht
+waren noch Scherben darin von Toten, die vermißt wurden, damals
+vor zehn Jahren, und die man nie wiederfinden wird. Achtzig waren
+eingefahren und nur siebenundsechzig hatte man ausgegraben. Dieses
+befahl Furcht. Und Jonsen fürchtete sich. Sein Blut sah. Und
+sein Gehirn fühlte so, wie man, von einer Ursache geregt, fühlen
+kann. Aber er konnte es sich nicht erklären und das Trübe des Geahnten
+nicht filtern. Darum meinte er:
+
+</p><p>&bdquo;Warum mauert die Verwaltung das Ding nicht zu? Tote
+wollen doch ihre Ruhe. Gestörte Ruh aber fordert Opfer.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Na, Jungchen, die Herren glauben, daß sich der Teufel wieder
+verkriechen wird. Voriges Jahr ließen sie den Berg absuchen. Aber
+der schwarze Satan speit immer noch Gift. Wir wollen gleich mal
+schaun!&ldquo;
+
+</p><p>Jonsen zitterte vor dieser Schwärze. Als er noch klein gewesen
+war, litt er unter epileptischen Anfällen. Vielleicht war das Zittern
+in manchen Minuten, die dieser glichen, ein matter Nachhall der
+Krankheit.
+
+</p><p>Piet aber riß mit Gewalt das Brett los und zwängte seinen
+zyklopischen Körper durch den Spalt.
+
+</p><p>Jonsen zögerte.
+
+</p><p>&bdquo;Du hast wohl Angst, mein Lieber, was? Nicht? Na, dann
+lang&rsquo; mir mal die Lampe her!&ldquo;
+
+</p><p>Er reichte sie ihm durch das Dunkel und kroch hinterdrein. Der
+Frost stand ihm auf der Haut, die wie mit grobem Sand bestreut war.
+
+</p><p>Das träge Dunkel, das Jonsen überfiel, war mulmig, wie zerkaut
+und ausgespien. Das Grundwasser klatschte breiig gegen seine Schaftstiefel.
+Irgendwoher kam ein Geräusch wie angestrengtes Sägen.
+Stahl durch Stahl.
+
+</p><p>&bdquo;Nun schau mal her, Jonsen. Siehst du diese Blasen? .&nbsp;.&nbsp;.
+Hier die Klumpen meine ich! Da unten kommt es herauf.&ldquo;
+
+</p><p>Piet bückte sich noch tiefer herab und betastete mit dem hochgeschraubten
+Licht den Boden. Das Wasser war wie mit Millionen
+Perlen bestreut; Blasen, die ständig emporrollten und zerschlugen,
+gerieben durch ein ewiges Grau.
+
+</p><p>&bdquo;Wird denn hier nicht mehr gepumpt?&ldquo; fragte gedehnt Jonsen.
+
+</p><p>&bdquo;Aber gewiß, gewiß doch. Da, vom andern Ende pumpen sie
+schon seit Jahr und Tag Hunderttausende von Kubikmetern frische
+Luft hinunter. Der Satan schluckt das aber wie Wein und mästet
+sich daran. Der geht nie hier weg.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Und wenn man einen Luftschacht baut?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Dann fällt der Dreck wieder zusammen wie damals. Unser
+Schliefche war auch schon drin. Meine Alte hat ihn noch an der
+geflickten Hose erkannt. Gesichter hatten sie alle nicht mehr. Die
+hatte das Wetter eingeschlagen.&ldquo;
+
+</p><p>Piet schwieg einen Augenblick. Sein Gesicht verzog sich grimassenhaft
+gelb. Seine Schultern bogen sich flach herab. Die Lampe
+pendelte wie ein Zeiger, der die letzten Sekunden eines Mörders
+unter dem Beil von der Endung schneidet.
+
+</p><p>Dann wurde der Ausdruck seines Gesichtes wieder borstigrot.
+Die Schultern hoben sich in Beruhigung. Die Lampe stieg.
+
+</p><p>Jonsen hatte sich mit dem Rücken gegen die Verschalung gestemmt,
+Übelkeiten zerwalkten seine Gurgel. Durch die gehöhte
+Tätigkeit der Nerven sah er viel schärfer und suchte, wie in Sturmnächten,
+einen unbekannten Weg.
+
+</p><p>Piet rüttelte Jonsen auf: &bdquo;Siehst du den Fels dort? Da geht
+der Flöz durch, den wir anreißen sollen, von hier hätte man halbe
+Arbeit. Aber was nicht geht, kommt auch nicht. Und solange der
+Teufel hier die Luft verpestet &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Sie schritten auf den Gesteinssturz zu. Glänzend frisch, wie die
+aufgehauenen Innenseiten eines Ochsen, quoll der schwarze Flöz heraus.
+
+</p><p>&bdquo;Das ist schon ein massives Kohlchen,&ldquo; meinte Jonsen interessiert.
+
+</p><p>&bdquo;Eigentlich sollte man den Abbau vornehmen. Es muß doch
+Mittel geben, die Wetter wegzublasen, wenn <i>eine</i> Pumpe nicht genügt,
+nimmt man drei, vielleicht kümmert sich der Steiger darum.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;O Jonsen, der möchte schon. Aber die Direktion will noch
+nicht. Vorläufig wenigstens. Die andern Sohlen liefern ja genug.
+Und dann: sie bluten jetzt noch, die Aktionäre. Der Bruch hat viel
+Geld gekostet. Einmal aber müssen sie doch anfangen. Nur ich
+werd&rsquo;s schon nicht mehr erleben. Gewiß nicht.&ldquo;
+
+</p><p>Er wischte sich mit der Hand über die Stirne, und mit zwei
+Fingern strich er sich über die Augen.
+
+</p><p>Dann zupfte er Jonsen am Ärmel und zog ihn hinaus. Schichten
+von ausgelebten Stundenkörpern fielen zurück. Sie trugen gestohlene
+Larven vom Schauplatz der Seelen.
+
+</p><p>Als Jonsen im Hinausgehen endlich begriffen hatte, was war,
+kroch er wie ein getretenes Tier und wünschte sich weg.
+
+</p><p>Mit einem Faustschlag setzte Piet die Bohle wieder in die Öffnung.
+Der blaue Lichtkegel in der Lampe stumpfte ab und ließ sich
+von der Röte der Dochtstrahlung verschlingen.
+
+</p><p>Die beiden Hauer bogen schweigend um die Ecke und setzten
+das Gezähe in den harten Stein. Schränen und Schürfen füllte
+die sechs Stunden der Restschicht. Wie dumme Kletten in Mädchenhaaren
+saß das Radgetriebe der Fron im Blut beider und mahlte
+Schweiß und Ächzen.
+
+</p><p>Ehe sie die Schicht beendet hatten, kam der Steiger und störte.
+
+</p><p>Er schnupperte wie ein Polizeihund am Gestein herum. Klopfte,
+horchte und trat in den Abbruch.
+
+</p><p>&bdquo;Ich werde morgen noch ein Dutzend Kerle herschicken,&ldquo; sagte
+er gedehnt.
+
+</p><p>Piet zerbiß einen dicken Fluch. Jonsen sah nicht auf.
+
+</p><p>Dann verließ der Steiger mit den beiden den Ort. Sie schritten
+wie Gänse durch die Enge. Jonsen war der letzte, über eine verschobene
+Schiene stürzte er plötzlich und brach das Bein.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">II</h3><p>
+
+</p><p class="first">Man hatte Jonsen ins Spital geschafft. Die süßen Giftgerüche
+waren Räuber seines Gehirns für Wochen, wie durch einen blutroten
+Nebel sah er die nahen Fördertürme und Schachtgerüste.
+Geräusche, die durch die geöffneten Fenster gekommen waren, empfand
+er wie die Nähe eines Meeres, das von verschluckten heißen
+Untergängen wimmelt. Die Schwestern waren einfach unerträglich.
+Und die Ärzte griffen zu wie Henker.
+
+</p><p>Manchmal umschwirrten ihn Bestimmungen: was tatest du! Du!
+Wen wecktest du! Wen wecktest du!
+
+</p><p>Die Feinde, unter denen er hier lebte, wann würden sie das
+Seil knüpfen .&nbsp;.&nbsp;. die Klinge heben .&nbsp;.&nbsp;. das Gift gießen?
+
+</p><p>Begräbnisse fuhren stündlich durch sein Gehirn. Er schritt
+hinter seinem eigenen Sarge einmal.
+
+</p><p>Und als er sah, wozu er geholfen hatte, dachte er: gerade das
+Gegenteil wollte ich.
+
+</p><p>Das Fieber aber war stärker als der gepfählte Willen. Es zerstäubte
+ihn völlig, wie Töne eines dunklen Spieles. Schmerzen
+des Wachen rissen sie fort.
+
+</p><p>An einem Sonntage kam Piet zu Besuch. Jonsen richtete sich
+auf. Aus dem gebürsteten Sonntagsrock des Kameraden kam ihm
+ein lieber Geruch zugeweht.
+
+</p><p>Piets Stimme machte einen brutalen Griff: &bdquo;Daß du auch so
+ein Tölpel sein mußt! Warum hast du das nicht dem Steiger überlassen?
+Lag der hier, wäre die Gruft nicht offen. Nun sind wir
+drin. Acht Tage haben wir gebraucht, um den Sumpf zu stopfen.
+Aber weißt du, der Satan ist immer noch da. So was riecht man
+doch. Die andern ja gewiß nicht. Aber weißt du, eine Kohle gibt
+es .&nbsp;.&nbsp;. o, .&nbsp;.&nbsp;. eine Kohle .&nbsp;.&nbsp;. die Kerle haben noch nie so verdient.
+Und du mußt hier nun faulenzen! Na, es geht doch besser? Was?&ldquo;
+
+</p><p>Piet beugte sich herab. Sein langer Bart kitzelte Jonsens Ohr.
+Sein Atem war geschwängert vom Geruch der Gruft. So schien
+es Jonsen. Und dieses Fühlen von Verwestem, das durch seine
+Wachträume gerast war solange er hier lag, ließ ihn zurückschaudern
+von der Berührung mit den Händen Piets.
+
+</p><p>Aber Piets Hände waren wie Eisenklammern. Wie Zangen.
+Und griffen zu.
+
+</p><p>Er saß eine Viertelstunde auf dem Matratzenrand Jonsens.
+Der Abend brach weißgelb herein. Todbereite und Genesende dieses
+Saales freuten sich daran. Beflügelung ihrer Atemzüge klang wie
+Vogelgezwitscher. Urteile waren aufgehoben. Hoffnungen stiegen
+strahlend und standen real. Jonsens Blut allein ging träge. Manchmal
+setzte das Herz ganz aus. In diesen Augenblicken der absoluten
+Leere nickte der kahle Schädel Piets in sein Bewußtsein hinein
+wie die Fratze eines Skeletts. Er hatte sicher noch Wundfieber.
+Denn er schrie plötzlich auf.
+
+</p><p>Piet sprang wie gestochen empor und rief die Wärterin.
+
+</p><p>&bdquo;Sie haben den Jonsen behext,&ldquo; schrie sie wutkreidig auf und
+stand wie ein Panther geduckt vor ihm.
+
+</p><p>Piet drehte die Mütze in den schwitzigen Händen und ging langsam
+rückwärts zur Tür. Die großen Ohren, die von seinem Kopf
+weit abstanden, bogen sich wie krumme Hörner vor.
+
+</p><p>&bdquo;Satan! Satan !&ldquo; bellte da Jonsen und war mit einem Satz aus
+dem Bett. Aber die Beine hielten ihn nicht und warfen ihn platt
+auf den Boden. Man mußte ihm die Zwangsjacke anlegen. Vierzehn
+Stunden währte das Delirium.
+
+</p><p>Die schwarze Fahne des Todes und die rote des Wahnsinns
+umarmten sich. Doch das Dickträge des bäurischen Blutes hielt sich
+wie ein Wall. Das Gift schrumpfte einschläfernd zurück.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">III</h3><p>
+
+</p><p class="first">Mitten im Winter warf man den wieder gesunden Jonsen aus
+dem Spital. Die Schlackenhalden glänzten wie blaue Schneeberge.
+Vom Förderturm rutschten die Seilbahnen wie Gletscher. Den
+Häusern waren greise Bärte gewachsen von den Dächern. Fenster
+schauten blind wie aus weißen Wimpern.
+
+</p><p>Jonsen ging lahm auf einem derben Stock gestützt. Der
+Schimmelwirt nahm ihn wieder auf. Jonsen schuldete diesem bierseligen
+Faulenzer noch achtzig Frank. Die sollte er abarbeiten. Ein
+Lahmer ist immerhin noch als Nachtwächter nütz, hieß es auf der
+Gewerkschaft. Jonsen bemühte sich um diesen Posten. Aber er
+dachte sich fast widerwillig auf die Grube. Noch waren Pläne da,
+die harrten. Seine Organe betrogen ihn nicht. Seine Ohren hörten
+lange die Melodie des wiedergewordenen Fronens und griffen danach.
+Richteten sie auf und verdrängten andere Assoziationen. Gewesenes
+zeigte sich in neuer Gestaltung. Alles Seiende vermochte nichts
+mehr zu gestalten. Der dünne Strich Verzicht war nur noch ein
+kaum gesehener Punkt.
+
+</p><p>Nach dem Abendessen sagte der Wirt zu Jonsen: &bdquo;Daß die
+Gruft sich wieder aufgetan hat, weißt du wohl? Zwanzig Kerle
+hat sich der Satan geholt. Schade um den Piet. Es war ein
+schönes Begräbnis. Die Knappen von Ronsdael und Saint Legér
+waren mit ihren Fahnen gekommen.&ldquo;
+
+</p><p>Es war etwas Gebieterisch-Entsetzliches in dieser grauenhaft
+nüchternen Rede des Berichtes. Feuer und Schwefel standen darüber
+und dörrten Blutströme.
+
+</p><p>Jonsen war aufgesprungen. Er hielt sich die Schläfen, die
+schmerzhaft hämmerten. In seiner Kehle war kein Ton. Nur eine
+schwärende verklumpte Tiefe. Ein Reflex kam herauf und spiegelte
+das Wiedersein der Gräuel als Meer im Gehirn.
+
+</p><p>Das Gesicht des Schimmelwirts hatte sich zu einer Grimasse
+breiten Lächelns verzogen. Es kam wie ein Pfiff: &bdquo;Den Steiger
+haben sie eingesperrt. Er soll an allem schuld sein .&nbsp;.&nbsp;. he .&nbsp;.&nbsp;.
+he, he, he.&ldquo;
+
+</p><p>Als Jonsen die ohnmächtig gebrochenen Augen auftat, um einen
+Satz zu sprechen, sah er hundert Gesichter. Flache Fragen wie
+Fischbäuche und teergesalbt von der Schwärze der Explosion, fuhren
+ihn an mit Augen, die aus den Höhlen gesprungen waren. Heißer
+Atem qualmte auf und sengte alles Denken an.
+
+</p><p>Der Schimmelwirt glotzte Jonsen an wie: ist der Bengel verrückt!
+Hat er Fusel gesoffen? Gestohlenen Fusel?
+
+</p><p>So quälte er Jonsen und hatte den Heiligenschein Luzifers mit einem
+Mal. Da riß Jonsen eine Flasche vom Tisch und schlug sie dem
+Wirt in die Frage. Säufer und Weiber liefen zusammen.
+
+</p><p>Jonsen wollte fliehen. Hinunter in die Gruft, zu Piet &mdash; zu
+Piet &mdash; und weiter .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Der Gendarm aber legte ihm blanke Handeisen fest um die
+Gelenke.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-5">Das Vorgesicht</h2><p>
+
+</p><p class="center">(1912)
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">I</h3><p>
+
+</p><p class="first">Einmal geschah es, daß Séverin Roubaud den erkrankten Steiger
+Poulein plötzlich vertreten mußte, weil er der Älteste auf der
+Sohle war.
+
+</p><p>Séverin aber betrachtete den Auftrag, einen verlodderten Flöz
+wieder berggerecht zu schaffen, sozusagen als Prüfungsaufgabe für
+den Hilfssteiger-Posten, der zu vergeben war.
+
+</p><p>Er spannte, von brutalem Ehrgeiz getreten, Hirn und Muskeln
+an. Trieb die fünf Kameraden wie Ochsen und fluchte bei der Einfahrt
+wie der Berginspektor selber.
+
+</p><p>Jaques, der fünfte von den Kerlen, lockerte im ersten Zorn schon
+das Messer.
+
+</p><p>Der verwahrloste Schacht stundete bereits ein paar Jahre und
+war schlüpfrig wie ein Sumpf.
+
+</p><p>Die sechs Männer hatten schwere Arbeit mit dem hervorgequetschten
+Gebirge, das sich über zehn Fuß Mächtigkeit hinstreckte.
+
+</p><p>Sie sackten jeden Schritt breit, den sie herausschlugen, sofort zu.
+Keile und Bolzen saßen fest im Aufhieb. Und aus Pram und Sohl
+rieselte kaum noch Staub.
+
+</p><p>Nur im vordersten Gang, wo Séverin allein schaffte, stand das
+Feuer in geduckten Funken und schrie nach der Wettermühle.
+
+</p><p>Aber Séverin hatte einen harten Schnapsschädel und bohrte
+fort, trotzdem die Bläser aus dem gerissenen Bruch schon explodierten
+und ein Heulen wie von gereizten Löwen war.
+
+</p><p>Dicht hinter den anderen stürzten die Ladungen wie Lawinen
+von Staub. Benahmen ihnen allen den Atem und saßen faustdick
+auf dem Gestänge.
+
+</p><p>Jaques murrte und warnte Séverin: den Bruch doch erst ausschwelen
+zu lassen.
+
+</p><p>Séverin aber stemmte die Eisen, als säße hinter ihm einer mit Keulen.
+
+</p><p>Da fingen auch die anderen um Jaques an, unruhig zu werden.
+&bdquo;Man sollte den Obersteiger anklingeln,&ldquo; schrie der rote Jean.
+
+</p><p>Zwei Weiber, die ganz hinten die Wagen andrückten und in
+Rufnähe waren, pfiff man heran.
+
+</p><p>Sie mußten die Wettermühle holen.
+
+</p><p>Séverin schlug weiter. Schlug, daß die ausgeklüfteten Felsen
+dröhnten.
+
+</p><p>In den Hölzern knackte es, als bohrten tausend Würmer darin,
+und aus den Nebengebirgen scholl dumpfes Grollen herüber.
+
+</p><p>Man deckte das Kappholz und rammte die Buchenpfähle Schlag
+auf Schlag.
+
+</p><p>Widerliche Schwüle kam aus den Gängen, trotzdem die Mühle
+ungeheuer mit den Flügeln aus den Saugern schlug.
+
+</p><p>Der rote Jean, der aus dem Vlämischen stammte, warf die
+Eisen einfach fort und verkroch sich hinter das Gestänge. Ein schweres
+Grauen war über ihn gekommen, denn er hatte in der verflossenen
+Nacht einen bösen Traum gehabt. Er hatte seinen Vater rot und
+groß gesehen. Seinen Vater, der vom Förderseil aufgerissen wurde,
+vor Jahren, im Leichenkittel über die Halde tanzen sehen.
+
+</p><p>&bdquo;Du Séverin!&ldquo; heulte er auf und wischte sich den Schmutz von
+den dünnen Lippen.
+
+</p><p>Séverin blickte nicht auf von der Arbeit. Er lag auf den
+Knien und arbeitete, daß ihm die Zunge breit aus dem Halse hing.
+
+</p><p>Hin und wieder tat er ein paar Fehlschläge. Dann rann ihm
+das Blut aus großen Wunden von den Händen. Aber er zuckte nicht.
+Er fühlte sich wie ein Teil dieses Gebirges, das den anderen wie ein
+massiver Haufen aus dicker, ansteckender Finsternis erschien, in die
+sie ohnmächtig hineinbellten.
+
+</p><p>Endlich hatte er ein riesiges Loch geschlagen. Das Geröll
+quatschte auf seine Lenden wie lauter feuchte Sandsäcke.
+
+</p><p>Er beugte sich vor, tastete klirrend herum, ergriff die Flasche
+vom Rücken und goß sie ganz in sein inflammiertes Inwendige.
+
+</p><p>Als ihm der letzte Tropfen des Fusels durch den Schlund gefahren
+war, fühlte er wieder, was er vorhatte und schleuderte die
+Flasche zurück.
+
+</p><p>Der Hammer sprang wie geölt von seinen Schultern herab.
+
+</p><p>Rings war es ganz still geworden von den Fäustelschlägen der anderen.
+
+</p><p>Jean stand mitten im Gang und schrie noch einmal: &bdquo;Du .&nbsp;.&nbsp;.
+du .&nbsp;.&nbsp;. Séverin .&nbsp;.&nbsp;. du .&nbsp;.&nbsp;. Mörder!&ldquo;
+
+</p><p>Sein Gesicht war kreidig verzerrt.
+
+</p><p>Und die Augen zerrissen die Finsternis. Und plötzlich öffnete sich
+da im innersten Innern ihrer Pupillen eine Luke. Kohlschwarze
+Sammetpforten wurden tief drinnen aufgeschoben. Und es stiebte
+eine schwarze Glut heraus. Ein knitternder Schatten von Feuer.
+Eine Flamme .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Sein Atem hielt mit einem Seufzer inne.
+
+</p><p>Er fühlte sich sengend heiß.
+
+</p><p>Die Lippen brannten.
+
+</p><p>Mein Gott!
+
+</p><p>Mutter Maria!
+
+</p><p>Joseph .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Der Vater .&nbsp;.&nbsp;. !
+
+</p><p>Und da .&nbsp;.&nbsp;. da .&nbsp;.&nbsp;. da .&nbsp;.&nbsp;. wie von unten mit riesigem Nacken
+wütend emporgedrückt, brach die ganze Arbeit zusammen.
+
+</p><p>Splitterte. Riß. Knallte und rollte empor.
+
+</p><p>Die Kolbenwuchten steilten sich wie Dämme. Berg und Gehölz
+verschwanden in Rauch und Steinhagel. Ein Geheul wie nicht mehr
+aus menschlichen Kehlen donnerte auf.
+
+</p><p>Aber die wahnsinnigen Rufe starben hin in dem Lärm von herabstürzenden
+Brocken und Wasser, das wie ein Bergstrom einbrach und
+den Staub verschlammte.
+
+</p><p>Séverin schnaubte durch den verstopften Mund wie ein wilder
+Hengst. Stürzte in das Dunkel vor, wo er die Kameraden vermutete.
+
+</p><p>Da brach es noch einmal los und es war, als barst die ganze
+Erde zusammen.
+
+</p><p>Bis zur Brust war er festgekeilt und griff mit den Händen wie
+in Mehlberge.
+
+</p><p>Und immer neues Wasser ergoß sich und verschlang die Staubwolken.
+
+</p><p>Von einem geknickten Pfahl herunter blinkte gelbes Licht.
+
+</p><p>Das war Jeans Lampe.
+
+</p><p>Er griff danach und hob sie hoch.
+
+</p><p>Seine Augen zersägten das Dunkel.
+
+</p><p>Da hörte er ein Jammern tief unter sich wie aus einem ungeheueren
+Keller herauf.
+
+</p><p>Seine Augen begannen zu hüpfen.
+
+</p><p>Blut siedete auf den zackigen Felsstücken. Fleischteile lagen
+dampfend auf den zerschmetterten Hölzern.
+
+</p><p>Er bekam endlich eine warme Hand zu fassen und versuchte sie
+mit aller Macht emporzuziehen.
+
+</p><p>Tastete hinunter und griff nasses Gestein.
+
+</p><p>Die Hand ging verloren.
+
+</p><p>Er kratzte überall herum und konnte sie nicht wiederfinden.
+
+</p><p>Er versuchte, sich aus dem Bruch herauszuwinden. Aber je heftiger
+er sich abmühte, um so nachgiebiger rollte neues Gestein herab.
+
+</p><p>Seine Kraft erlahmte. Seine Augen brannten weh aus der
+Schwärze und suchten nach der Hand. Sie wurden gejagt von einem
+furchtbaren Wahnwitz. Jeder Nerv war aufgespannt.
+
+</p><p>Und da sah er sie wieder.
+
+</p><p>Die Hand .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Mit fünf Fingern .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Die bewegten sich. Zitterten. Krallten sich zusammen.
+
+</p><p>Séverin ächzte und drehte sich aus der Umklammerung in unsinnigen
+Verrenkungen.
+
+</p><p>Die dicke Luft machte seinen Atem kurz.
+
+</p><p>An den Geröllklumpen hämmerte sein Arm sich lahm.
+
+</p><p>Und dort unten war noch immer die Hand .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Finger, die krampfhaft verzerrt um Hilfe zuckten.
+
+</p><p>Sich wieder schlossen.
+
+</p><p>Ein mörderisch geballter Fluch, diese Faust.
+
+</p><p>Und sie wuchs heraus aus dem Gestein.
+
+</p><p>Ungeheuer groß heraus.
+
+</p><p>Séverin schüttelte sich wild.
+
+</p><p>Frost klirrte über sein Gesicht.
+
+</p><p>Tausend Räder brausten durch sein Gehirn.
+
+</p><p>Brausten und rissen die Augen mit, die nun nichts mehr sahen.
+Nur eine furchtbare Nähe geisterhaft fühlten.
+
+</p><p>Die krummgeballte Faust des Satans.
+
+</p><p>Und Brausen und Stampfen des Weltgerichts.
+
+</p><p>&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">II</h3><p>
+
+</p><p class="first">Als Séverin erwachte aus purpurner Finsternis, sah er in das
+blutige verzerrte Gesicht Jeans. Und die Hand, die er gefühlt hatte,
+die sich in sein Gehirn gehämmert hatte, hielt ihm die Lampe in die
+Augen.
+
+</p><p>&bdquo;Ah &mdash; &mdash; &mdash; ah .&nbsp;.&nbsp;. du .&nbsp;.&nbsp;. du .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; ächzte er und schüttelte
+sich vollends wach.
+
+</p><p>Jean erhob sich, langsam, mühselig, den Raum wie ein Riese
+ausfüllend. Eine Wolke, ein Berg &mdash; und brüllte: &bdquo;Seht da! Seht
+den Séverin! Seht ihn an: da ist er, der das alles getan hat.
+Seht da! Den Mörder!&ldquo;
+
+</p><p>Séverin, ganz Besinnung wieder und stark, packte ihn bei den
+Schultern, riß ihm die Lampe weg und kommandierte: &bdquo;Maul halten!
+Du .&nbsp;.&nbsp;. du Tier. Siehst du nicht, daß wir hier fest sind?&ldquo;
+
+</p><p>Jean schwankte zurück und grinste.
+
+</p><p>Séverin suchte indes mit der Lampe das Geröll ab. Nach
+einem Eisen oder so etwas. Und fand schließlich einen Fäustel.
+
+</p><p>Damit beklopfte er hinten die Wand.
+
+</p><p>Es klang hohl.
+
+</p><p>Séverin schrie auf: &bdquo;Hierher Jean. Hier müssen wir durch.&ldquo;
+
+</p><p>Jean hatte sich inzwischen ein Eisen herausgekratzt und kroch
+heran. Séverin hielt die Lampe in der einen Hand und hämmerte
+mit der anderen wild auf den Felsen.
+
+</p><p>Jean stieß mit dem Eisen schon wuchtig hinterdrein. Jeder
+Stoß würgte ihm das Gedärm in die Kehle. Sein nackter Oberkörper
+war klatschnaß und hautlos vor Schweiß.
+
+</p><p>Das Gebirge gab langsam nach und brach in kurzen Schollen
+herab. Dumpfes Dröhnen schauerte nach allen Seiten und fand
+keinen Ausweg. Die Adern der beiden Wühler bäumten sich gegen
+die Geräusche wie Stacheln auf, und Spannung brannte in den
+Muskeln mit rauchendem Eiter.
+
+</p><p>Sie hämmerten drei volle Stunden in einem Zuge. Und fielen
+beide zu gleicher Zeit erschöpft um.
+
+</p><p>Es war, als würden ihnen erst jetzt Augen, Ohren und alle Eingeweide
+allen Ernstes geöffnet für die Bodenlosigkeit dieses nachtschwarzen
+Elends!
+
+</p><p>Séverin flüsterte matt: &bdquo;Jean .&nbsp;.&nbsp;. Jean .&nbsp;.&nbsp;. hör doch!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Was ist noch zu hören?&ldquo; ächzte der aus schmerzhaften Krümmungen
+herauf.
+
+</p><p>&bdquo;Du Jean!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Zum Teufel noch, was soll ich!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Du Jean, wenn wir noch eine Stunde schlagen, müssen wir
+durch sein. Keinen Meter mehr ist die Wand.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Verflucht, schlag doch wenn du kannst!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Hör&rsquo;, ehe sie uns von vorn herausgraben, sind wir da hinten
+schon auf dem alten Gang. Ein Notschacht ist da.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Schrei doch nicht so, du Hund! Mein Kopf ist ganz zerschossen.
+Krepieren müssen wir doch hier. Alles ist vorbei.&ldquo;
+
+</p><p>Sein Gesicht fiel mit einem Knick vornüber.
+
+</p><p>Séverin bemühte sich, wieder auf die Füße zu kommen. In
+seinen Schläfen und in seiner Stirn beutelten sich dicke Blasen.
+Blut trat ihm schwarz aus Kinn und Hals.
+
+</p><p>Dann begann er zu hämmern und dachte an Maruscha. O,
+schönes warmes Bett mit Maruscha! Nun wird sie oben am Tor
+stehen und mit den anderen Weibern flennen. O Maruscha! Bald,
+ja, ach bald komm ich wieder zum Küssen. Schönes warmes Bett.
+Maruscha!
+
+</p><p>Er hatte wieder Schwung in den Muskeln und sein Riemen
+stand. O Maruscha!
+
+</p><p>Auch Jean hatte sich wieder aufgereckt. Stützte sich auf das
+Eisen und horchte. Schlenkerte mit dem verwundeten Arm und
+sackte ein bißchen in den Knien ein.
+
+</p><p>Plötzlich jauchzte er laut: &bdquo;Schüsse .&nbsp;.&nbsp;. hör&rsquo; .&nbsp;.&nbsp;. Sprengschüsse!&ldquo;
+
+</p><p>Séverin ließ den Hammer fallen und drückte sich mit dem Kopf
+tief in das Gestein.
+
+</p><p>&bdquo;Donner, ja. Jean, ganz deutlich, wirklich Schüsse!&ldquo;
+
+</p><p>Nun hieben sie alle beide wie verrückt. Körper an
+Körper. Und Jeans Besinnung wuchs mit jedem Hieb, den er ausholte.
+
+</p><p>Ach, die Wand gab nicht nach. Und die Minuten zogen die
+Sekunden mehr und mehr in die Länge, zerrten sie ungeheuer auseinander,
+walzten sie wie Draht aus, der mit spinnendem Klang in
+die Ohren hineintönte.
+Jean schmiß das Eisen trostlos hin. Seufzte: &bdquo;Alles ist wieder
+still. Horch .&nbsp;.&nbsp;. ganz still .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Séverin klappte zusammen. Tastete blind und grausam in der
+Luft herum. Dachte einen Augenblick: &bdquo;Hab&rsquo; ich wirklich Schüsse
+gehört? Wie? Hab&rsquo; ich Schüsse gehört?&ldquo;
+
+</p><p>Jean fühlte sich wie ins Genick gestoßen. Ein Knochengerüst
+klapperte über seinen Rücken.
+
+</p><p>&bdquo;Hu .&nbsp;.&nbsp;. Hu .&nbsp;.&nbsp;. Der Alte .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; spie er fröstelnd, und sprang
+wieder an die Wand.
+
+</p><p>Helles Feuer blitzte vom Eisen. Und der Staub pfiff, von einer
+fremden Schwingung weggestoßen, ihm breit ins Maul.
+
+</p><p>Splitternd gab die Gesteinswand nach.
+
+</p><p>Eine handgroße Lücke klaffte und ließ eine wunderlich kalte Luft
+hereinziehen.
+
+</p><p>Séverin, der einen halben Meter seitwärts stand, bekam den
+Durchzug zu schnappen.
+
+</p><p>&bdquo;O ihr Heiligen all! Jean! Jean! Nun können wir bald
+durchschlüpfen.&ldquo;
+
+</p><p>Jean spürte, wie seine Adern heraufschwollen: Dieser Hund
+kann noch lachen? In diesem Unglück noch lachen?
+
+</p><p>Und stellte sich vor das Loch: so, daß der andere nicht hinzukonnte
+und schlug in besessener Wut in den Bruch.
+
+</p><p>Stück um Stück fiel klirrend herab. Und das Loch war schon
+so, daß man den Kopf durchstecken konnte.
+
+</p><p>Und noch immer ließ er Séverin nicht heran. Eine wahnsinnige
+Ahnung polterte durch sein Gehirn.
+
+</p><p>Mit einem Ruck hob er sich in die Ellenbogen und zwängte erst
+seinen Kopf und dann den Oberkörper durch das Loch.
+
+</p><p>Enttäuscht ließ er sich wieder zurückschnellen und fiel hinterrücks
+auf eine Steinkante.
+Séverin sah, wie er die Beine hoch in die Luft warf. Und
+dann auf einmal die Hand.
+
+</p><p>Die Hand mit den fünf Fingern, die auf- und zugingen. Sich
+ballten und wie ein fleischgewordener Fluch standen.
+
+</p><p>Er hielt sich an einen Felszacken gepackt. Und aus seinen Augen,
+die vor Qual schimmerten, schoß wagerecht die Angst.
+
+</p><p>Da flog er vor, warf den Hammer wütend in den Bruch und
+begann die Öffnung weiter auszubrechen.
+
+</p><p>Jean konnte sich nicht rühren. Seine Augen waren voll Blut.
+Und durch dieses Blut schwamm das knarrende Geripp des Alten.
+Und immer hörte er den andern hämmern.
+
+</p><p>&bdquo;Er wird durchkriechen und mich hier liegen lassen! Der
+Mörder wird mich hier verrecken lassen! Ei verflucht!&ldquo;
+
+</p><p>Und da kam ihm seine Kraft zurück und riß den Wahnsinn aus
+den Augen.
+
+</p><p>Und sieh: Heilige Mutter Maria, Joseph! Der andere steckte
+schon halb im Loch.
+
+</p><p>Wie eine Riesenschlange wälzte sich Jean auf den Knien vor
+und faßte Séverins Beine.
+
+</p><p>&bdquo;&rsquo;Rauß da, du Mörder!&ldquo;
+
+</p><p>Séverin stürzte platt zu Boden. Drehte sich herum. Sein
+Gesicht gab ein wüstes Gebrüll. Er schlug mit den Armen wild
+um sich. Kam mit einem Ruck wieder auf die Beine und rutschte
+nach der Öffnung.
+
+</p><p>Da kugelte sich Jean noch einmal auf ihn, biß und kratzte.
+
+</p><p>&bdquo;Was willst du Lump? Hast du einen Flapps?&ldquo; krächzte
+Séverin.
+
+</p><p>Jean hatte Séverins Kehle zu fassen bekommen. Schraubte
+seine Finger fest herum.
+
+</p><p>Séverin fühlte diese Krallen wie Schüsse im Gehirn. Jeder
+Finger schoß hundert Kugeln. Das Herz stand ihm bebend in der
+Kehle. Finger rissen es heraus. Fünf Finger, die wie ein Fluch
+geschlossen waren.
+
+</p><p>&bdquo;Maruscha .&nbsp;.&nbsp;. !&ldquo;
+
+</p><p>Das war der einzige Laut, den die Finger aus dem zuckenden
+Herzen quetschten.
+
+</p><p>Dann schnellten diese Finger zurück, und Jean fuhr sich damit
+über den rauchenden Schädel.
+
+</p><p>Und da befiel ihn naßkalt schweißiges Grausen.
+
+</p><p>Mit einem Satz war er aus dem Loch heraus. Tastete sich
+mit blinden Händen durch den Schacht. Sein Kopf ging wie ein
+Pendel. Ein ganz kleines Pendel. Bis er an ein Gerüst schlug
+und stehenblieb.
+
+</p><p>Verdammt und verflucht stehenblieb.
+
+</p><p>Mit einem gut Teil Anstrengung war es Jean dann gelungen,
+sich wieder zu konzentrieren. Seine Finger griffen etwas Festes.
+Balken, die hochsteilten. Ein widerlicher Luftstrom brauste da von
+oben herab. Ein Fauchen und Zischen von Drähten.
+
+</p><p>Und dann stolperte Jean in den Korb. Riß an dem Zinkseil.
+Das Auffahrtsignal schnellte nach oben. Packend schnappten die
+schweren Traggesenke ineinander. Der Korb stieg wie eine Wolke.
+Die Luft pfiff heiß und giftig.
+
+</p><p>Jean hatte eine Empfindung, als sei er erst jetzt er selber geworden,
+ganz und gar. Und jubelte: o ihr Heiligen alle! Gelobt!
+Gelobt Jesus Christus!
+
+</p><p>Plötzlich stand der Korb mit einem Ruck. Schleuderte Jean
+herauf, daß ihm die Bordkante tief in die Brust schnitt.
+
+</p><p>Jäh grub er beide Fäuste wild in seinen Busen hinein. Krähend
+vor Schreck. Und suchte das Seil.
+
+</p><p>Riß mit beiden Händen an dem Tau und schrie alle Schutzpatronen
+hinauf. Riß das Tau herunter und riß es tief in seinen
+Schädel. Mit den Armen, die in weißlichen glatten Windungen
+von seinem Körper herabfielen.
+
+</p><p>Und da! Wie ein geborstener Meteor, sausend, polternd fegte
+der Korb wieder in die Tiefe hinab, von einer Satanskralle wütend
+herabgezogen.
+
+</p><p>Immer tiefer.
+
+</p><p>Grenzenlos durch Finsternis und Nächte sausend.
+
+</p><p>Bis auf den Grund durch Meerjahre und Sternkorallen.
+
+</p><p>Abwärts.
+
+</p><p>Endlos in das torweit aufgesperrte Maul des Alten, der einmal
+im Knochenrock über die Halde tanzte.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-6">Nervil Munta</h2><p>
+
+</p><p class="center">(1912)
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">I</h3><p>
+
+</p><p class="first">Soo .&nbsp;.&nbsp;. soo .&nbsp;.&nbsp;. seufzte Nervil Munta, nach dem sich die eisenbezackte
+Tür des Zuchthauses zu Ottignies hinter ihm geschlossen
+hatte und hob die Brust. Hob sie, wie um den roten Mauerberg
+der Stadt, der vor ihm aufragte, empor zu drücken.
+
+</p><p>&bdquo;Soo .&nbsp;.&nbsp;. das Jährchen ist um. Der Streik wird auch vorbei
+sein. Jarse wird einen schönen Stein auf seinem Grabe haben. Die
+Hauer zwei Frank die Woche mehr verdienen. Vielleicht nimmt mich
+der Direktor wieder an. Gewesenes, kann nicht mehr dauern. O,
+ich will schon arbeiten. Für zwei oder drei, wenn es sein muß.
+Und acht Schichten die Woche. Mutter braucht dann nicht mehr
+auf die Zinkschmelze gehen. Und wenn mich eine von den Koksmädchen
+will, wird sie geheiratet, man muß nun endlich voll werden.&ldquo;
+
+</p><p>Er hob die Brust und ging durch die lichtbeglänzte schnurgerade
+Straße. Ging mit schaukelnden Schritten zum Bahnhof wie auf
+einem Schiff. Radfahrer stießen mit krummen Lichthörnern die gehetzte
+Menge an die Häuserkanten. Funken von den Stromzuleitungen
+der Tram schossen wie Silberfische durch die dichtmaschigen Netze
+der Luft, und die Paukenwirbel der Geräusche dröhnten langgezogen
+und jagten Echos auf und nieder. Dann und wann blieb Nervil
+Munta vor einem großen Schaufenster stehen. Hob die Hände aus
+den tiefen Hosentaschen, bewegte die Lippen lautlos und schob die
+Hände wieder hinein. Ging weiter, kopfschüttelnd, murmelnd, ließ
+sich anrempeln. Rauch ins Gesicht blasen. Lief einen Baum um.
+Kam in Gefahr, von einem Lastwagen überfahren zu werden und
+stand endlich vor dem Bahnhofsgebäude.
+
+</p><p>Hinter ihm schlug es zusammen wie ein geteilt gewesenes Meer.
+Der Ziffernkreis der Uhr stand groß und gelb wie ein aufgehender
+Mond. Die Fahrkarte kostete fünf Frank, die er gewissenhaft abgezählt
+auf das Zahlbrett warf. Er wog das graue Pappstückchen
+in der Hand und fühlte Heimat und eine freiere Luft. Im Warteraum
+erstand er sich einen Genever. Trank noch einen und kam bis
+zum fünften.
+
+</p><p>Da rief der Wärter den Zug aus.
+
+</p><p>Nervil Munta schlüpfte in den Wagen und fuhr drei Stunden
+wie im Traum. Die Augen leblos in den schwarzen, bespienen Boden
+gebohrt.
+
+</p><p>In Namur mußte er umsteigen und vier Stunden auf den Zug
+nach Charleroi warten. Seine Fahrtgenossen, Bauern, Kleinbürger
+und Soldaten suchten sich in dem großen Wartesaal geeignete Plätze
+zum Schlafen.
+
+</p><p>Ein junger Bursche, den Leinenkittel dick mit Kalk beschmiert, &mdash;
+vielleicht war es ein Maurer, der, nachdem die Bauerei in der Stadt
+zu Ende war, in sein Heimatdorf zurückkehren wollte, &mdash; sprach ihn an.
+
+</p><p>Ließ die weißen Zähne lächelnd blecken und forderte ihn zum
+Trinken auf.
+
+</p><p>Sie traten an den Schanktisch und stießen miteinander an. Der
+Maurer aber hatte eine geläufige Zunge und schnurrte wie ein geschmiertes
+Rad. Der Speichelschaum zischte und spritzte.
+
+</p><p>Da drehte sich Nervil Munta wortlos um und suchte sich einen
+freien Tisch. Streckte die Beine aus und stürzte die Ellenbogen auf.
+Nun er die vielen Menschen gesehen hatte, nach einem Jahre wieder
+richtig gehende Menschen, die laut und lustig schwatzen konnten,
+fluchen und rauchen durften, wurde ihm die Zunge, über die der
+Schnaps gebrannt war, wie Stiche von Insekten, seltsam trocken und
+der Kopf wie ein Klumpen Blei widerlich schwer.
+
+</p><p>Es überkam ihn, zurückzudenken. Sich zurückzudenken in den
+kahlen gefühllosen Kerker. Er hörte vernehmlich den Filzschritt der
+Wache und das böse Geklirr des Schließers. Der Dunst von vergossenen
+Getränken und verbrodelten Speisen kitzelte seine Nase, die
+noch wund war von dem faden Leichengeruch der Zelle. Klappern
+von Tellern und Gläsern schwirrte durch die heftigen Pulsschläge
+seines Gehirns wie das Scharren der Blechschüssel jeden Mittag
+über den Zement des Zellenbodens, vom Fuß des Kalfaktors durch
+die Eisentür geschoben. Jedes geregte Leben, das hier im Wartesaal
+geschah, wurde zum Fühler zurück in kaum überstandene Stunden
+der Einzelhaft.
+
+</p><p>Und er hüllte sich in die wiederaufgebrochenen Gefühle, glaubte,
+daß er sie fühlte und merkte nicht, daß er nur die Mäntel der Gefühle
+ausbreitete zum Spiel, das Schlaf herbeilockte.
+
+</p><p>Er schlief fest und fuhr wie gestochen auf, als die Glocke der
+Abfahrt schrillte.
+
+</p><p>Wie zerschlagen tappte er sich auf den Perron und erreichte mit
+Not den Zug. Die Abteile waren überfüllt, dunkel und dunstig.
+
+</p><p>Als die schweren Wagen die Halle verließen, hämmerte der
+graue, windharte Morgen an die Scheiben.
+
+</p><p>Nervil Munta, der sich einen Fensterplatz mit seinen starken
+Knochen erdrückt hatte, sah spähend in die rauchige Landschaft hinaus.
+Die hereinbrechende Frühe hatte seine Gedanken aufgepeitscht, in Zukunft
+zu sinnen, und lebendiges Feuer in seine Glieder geworfen. Das
+Wirbelnde der bewegten Erde tanzte in sein Gehirn wie ein Kirmesreigen
+und wälzte ein freudiges Schnalzen auf seine Zunge, das lange
+anhielt. Dann überschrie der Bremsstrom die Achsen, und der Train
+stand am Ziel wie festgerammt.
+
+</p><p>Fluchend vorgeschoben verließ Nervil Munta den Wagen und
+zwängte sich durch das Portal.
+
+</p><p>Auf der Straße blieb er stehen. Sah sich nach allen Seiten
+lauernd um wie einer, der zum ersten Mal in dieses Gesichtsfeld
+rückt. Klopfte an den Kleidern herum, schob die Mütze zurecht
+und trabte der Vorstadt zu.
+
+</p><p>Gasometer und Hochöfen winkten mit klobigen Fäusten. Rauch
+zog in gelben, grauen und weißen Klumpen wie ein Riesengeschwader
+über die zermürbten Lehmhäuser. Dunst von verbranntem Erz und
+ranzigen Ölen machte die Luft schwer und feucht.
+
+</p><p>Nervil Munta aber blähte die Nasenflügel weit, spreizte die
+Finger und schmeichelte sich ein Leuchten in die Augen. Federnd
+schnellten seine Beine über das schlechte Pflaster, und wie ein Verfolgter
+griff er die Klinke einer Tür, die in das letzte Haus diesseits
+der Straße führte.
+
+</p><p>Mit der Mutter, die ihren schwarzen Tuchrock angezogen hatte
+und ein reines Häubchen aufgestülpt, machte er nicht viel Umstände.
+Als sie freudeweinend auffuhr, küßte er sie sauber ab und drückte
+sie wieder in den Stuhl zurück.
+
+</p><p>Der weiße Kopf neigte sich seitwärts, und ganz leise sagte sie:
+&bdquo;Wie bist du gewachsen, mein Sohn! Und wie stark siehst du aus.
+O, alles ist besser geworden, als ich meinte. Und wie ich mich
+gegrämt habe, mein Sohn! Sieben Vaterunser habe ich für dich
+gebetet. Und die heilige Jungfrau beschworen. Und du, du mein
+Sohn .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo;
+
+</p><p>Nervil Munta hob den Kopf und tastete die Wand ab. Blieb
+vor dem Muttergottesbilde stehen und reckte die Arme. Ging in die
+Kammer, wühlte in seinen Sachen herum und ging wieder ans Fenster
+und sah lange auf die Straße, wo die Kinder sich jagten und schrieen.
+
+</p><p>Zum Mittag hatte ihm die Mutter eine Fleischsuppe gekocht. Er
+wagte erst nicht, die würzige Brühe zu berühren. Dann aber, als
+ihm die Kostprobe auf der prüfenden Zunge zergangen war, schlürfte
+er den Teller in einem Zuge leer und schnalzte wie ein an der Brust
+gestilltes Kind. Erzählte der Frau mit dem weißen Scheitel von
+den harten Erbsen und trockenen Brotrinden im Kerker und geriet
+dabei in einen hellen Zorn. Obwohl er sich in der Zelle vorgenommen
+hatte, niemandem etwas von den schweren Tagen zu erzählen, erfuhr
+die Mutter alles, was ihm noch im Gedächtnis geblieben war. Und
+er kam sich wie ein Held vor, als er die Erzählung beendet
+hatte.
+
+</p><p>Zum Abend ging er ins Wirtshaus und vertrank mit den Freunden,
+die ihn schon erwartet hatten, das ganze Geld, welches man ihm für
+geleistete Arbeit im Zuchthaus gezahlt hatte. Nichts sollte mehr von
+den Tagen in seinem Besitz bleiben.
+
+</p><p>Und alle, die er freigehalten hatte, wollten sich bemühen, für
+ihn zu sprechen beim Steiger, Inspektor und Direktor. Und der
+Wirt sagte gewichtig: &bdquo;Wenn alles reißt, Nervil Munta, kannst du
+bei mir im Hause schaffen. Bekommst dein schönes Essen und guten
+Lohn.&ldquo;
+
+</p><p>Aber es gab zwischen den bereiten Helfern und dem siegbewußten
+Nervil Munta keine voneinander abhängigen Zusammenschlüsse. Da
+ihm seine von der Mutter gelobte Stärke einfiel, wurde sein Bewußtsein
+freier und von stolzem Erhobensein.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">II</h3><p>
+
+</p><p class="first">Am nächsten Tage, nachdem er bis zum Mittag geschlafen hatte,
+ging Nervil Munta auf die Gewerkschaft hinaus.
+
+</p><p>Grauer verstörter Regen rann, und in den verkrüppelten Bäumen
+der Allee hing der Sturm und heulte. Von den Hochöfen her brausten
+die Gebläse wie Wiehern lüsterner lüstiger Hengste. Die Zinkhütten
+qualmten empor wie dunkle Wäldermassen, und die spitzen Schornsteine
+zerstachen den Horizont, der wie eine riesige Blase schwamm.
+
+</p><p>Nervil Munta stieg in sein Innerstes nieder und brachte die
+Tage herauf, da er in Begleitung seines Vaters diesen Weg zum
+ersten Male geschritten war. Zur Arbeit aufgeschrieben wurde, das
+erste Geld der Mutter brachte. Vertrauensmann des Arbeitskomitees
+wurde. Beiträge einziehen mußte. Und dann der Streik. Und die
+Schlägerei mit dem Jarse. Das Gericht. Der Kerker .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Und nun ging er wieder Arbeit suchen.
+
+</p><p>Mancher Zelle Kern, der während des stumpfen Jahres sich
+verhüllt hatte, ergoß sich in den fiebernden Puls der Adern und überschwemmte
+die Schlacken der verflackten Flüche, die in den ersten
+Wochen der Gefangenschaft sein Denken vergifteten. Das Schmerzen
+der Schläfen war nicht mehr. Zu Tat und Freude schwollen Atem
+und Muskeln und fühlten die Arbeit vor sich als edelste Lust. Nicht
+für Erbärmlichkeiten mehr würde man diese wiedergeborenen Gefühle
+in Fesseln zwängen.
+
+</p><p>Das Gefühl dieser gesteigerten Bedeutung von dem Erhobensein
+seines Ichs erfuhr der Portier, den er gebietend ansprach und die
+Passiermarke zum Direktor forderte.
+
+</p><p>Der dicke Kerl, der in der Kolonialarmee als Korporal gedient
+hatte, ließ sich so leicht nicht überzeugen und fauchte ihn an wie
+einen Strolch. Stellte ein Kreuzverhör an und ließ sich die Papiere
+geben. Dann erst langte er die Marke heraus.
+
+</p><p>Nervil Munta sagte dem Portier ein Trinkgeld zu, wenn der
+Direktor ihm den alten Posten an der Fördermaschine wiedergeben würde.
+
+</p><p>Dann stieg er die Treppe zum Büro pfeifend empor und klopfte
+stark an. Die Angeln der Tür kreischten wie die Riegel der Zelle,
+die er kaum verlassen hatte. Das machte ihn schon unsicher, als
+hätte er den frohen Umschwung des Blutes vergessen.
+
+</p><p>Der Direktor kam ihm barsch bis zur Schranke entgegen und
+hob die Stirn gekräuselt.
+
+</p><p>&bdquo;Sie suchen Arbeit?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Soo .&nbsp;.&nbsp;. soo .&nbsp;.&nbsp;. ist es, Herr Direktor!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Arbeitsbuch! Papiere!&ldquo;
+
+</p><p>Nervil Munta wickelte das gelbe Buch aus der Zeitung und
+reichte es dem Direktor zögernd hin. Geduckt, wie einer, der Prügel
+empfangen soll.
+
+</p><p>Der schlug das Buch auf. Las. Hob die Schultern. Las noch
+einmal und machte das Buch wieder zu, überlegen und kalt.
+
+</p><p>Sagte dann: &bdquo;Die neuen Bestimmungen der Gesellschaft verbieten,
+Bestrafte anzunehmen. Zumal Leute, die dem Komitee angehört
+haben. Auf die Nichtorganisierten muß Rücksicht genommen
+werden. Sind die fleißigsten Arbeiter. Reibereien würden wieder
+entstehen. Streik und Schlägerei. Sehr bedauerlich, aber nicht zu
+ändern.&ldquo;
+
+</p><p>Mit zwei Fingern reichte er dem zusammengesackten Menschen
+das Buch zurück und drehte ihm den Rücken zu.
+
+</p><p>Nervil Munta schlich sich stöhnend hinaus und kam erst wieder
+zu sich, als er auf dem Hof stand. Mitten in dem satten Gewirr
+von Arbeit, das von den Werken herübergewitterte.
+
+</p><p>Dem Portier, der die Hand geöffnet hinhielt, spie er ins Gesicht.
+Stellte sich draußen vor den Zaun und ballte die Fäuste. Das Gesicht
+zerriß ein böser Krampf, und trockener Husten quälte die Kehle.
+Aber dann hakte sich etwas in die Stirn hinein und zog den Willen
+zurück von einem Sprung ins Rächerische. Beruhigte das Gehirn
+und fürchtete die letzte Armut nicht.
+
+</p><p>Wie er nun dastand und das Gespannte der Fäuste löste, brach
+weiße Sonne schräg durch die Wolken und verwirrte seine Augen
+so, daß sie tränten. Er bedeckte das Gesicht mit der Hand und ging
+in die Stadt zurück. Auf Umwegen. Es war ein steiler und
+steiniger Pfad, der über den Hügel zwischen Ginster hindurch führte.
+
+</p><p>Die Mutter betrachtete ihn blinzelnd.
+
+</p><p>Seine hervorstehenden Augen aber starrten ins Dunkel der
+Kammer. Und die Unterlippe fiel herab. Zum Reden war er an
+diesem Tage nicht zu bewegen.
+
+</p><p>Am dritten Tage endlich, nachdem er auf sechs Stellen abgewiesen
+war, im Walzwerk, in der Bleihütte, in der Ziegelei, Pumpanlage,
+Gasanstalt, Teerfabrik, bekam er auf der Koksmühle Arbeit.
+Da zwanzig Leute die Brocken dort hingeworfen hatten, nahm man
+gern Ersatz. Gleichviel, wo er herkam.
+
+</p><p>Nervil Munta, der einem Streikbrecher das Messer in die
+Rippen gesetzt hatte, nun selber ein solcher Lump?
+
+</p><p>Er fürchtete die letzte Armut nicht. Aber die andere Angst.
+Vor dem Ekel des Nichtstuns fürchtete er sich maßlos und griff
+darum zu und belobte den Tag und das Werk.
+
+</p><p>Da er zur Nachtschicht befohlen war, war ihm eine Last genommen.
+Die Genossen, denen er nicht gern begegnet wäre auf dem
+Werkgang, waren ihm auf diese Weise entrückt. Man würde nun
+nicht mit Fingern auf ihn zeigen. Ihn nicht anspein, auflauern,
+verprügeln.
+
+</p><p>Aber in Gedanken noch wollte er ein Körper der Freiheit sein.
+Entflohen aus der Armut, der Fremde, der Schande. Im Schaffen
+war ihm Leben. Wollust hierzu peitschte sein ungeschwächtes
+Blut auf.
+
+</p><p>Der Aufseher, bei dem sich Nervil Munta um acht Uhr zur
+Nachtschicht meldete, war der Schwager des erstochenen Jarse. Er
+beriet schon in Gedanken dem Mörder, der ihm in die Hände gegeben
+war, waffenlos und gedemütigt, die Minute seines letzten Blickes.
+
+</p><p>Nervil Munta aber merkte nicht den Triumph und ließ sich wie
+ein blindes Kind an die gewaltige Maschine, die sonst von zwei
+Männern bedient wurde, führen.
+
+</p><p>Zwischen kreischenden Schwungrädern und sausenden Treibriemen
+wurde sein arbeitshungriger Körper hingestellt. Wie ein
+stürzender Felsblock warf er sich in die Fron und ließ die Muskeln
+springen. In rhythmischem Hin- und Herwärtswiegen zitterte sein
+geladener Körper. Da ihm diese Arbeit ungewohnt war, ermüdete
+er bald und bog den gekrümmten Rücken ächzend gerade. Wischte
+sich den Schweiß aus der Stirn und hustete den Staub, der seine
+Kehle zugeschnürt hatte, hinaus. Das Zuchthaus hat mir das
+Fleisch von den Knochen gefressen und das Mark ausgesogen, dachte
+er und strich sich mit der flachen Hand über die gedunsenen Adern.
+
+</p><p>Aber da stand der Aufseher lauernd hinter ihm und brüllte
+&bdquo;Was zum Satan glotzt du herum? Hast dich nicht lange genug
+ausgeruht. Da hinten im Bau?&ldquo;
+
+</p><p>Nervil Munta starrte mit verglasten Augen empor, griff nach
+der Schaufel und warf den Koks in die Mühle. Der Aufseher
+stand lauernd hinter ihm und sah zu.
+
+</p><p>&bdquo;Du Faulpelz mußt schneller schippen. Noch einmal so schnell.
+Soll die Maschine leerlaufen, springen?&ldquo;
+
+</p><p>Nervil Munta nahm sich zusammen. Irgendwo schwoll eine
+Wut in ihm und befeuerte die Gelenke. Nur mehr ein Werkzeug
+war ihm der Arm. Und durch sein Gehirn blitzte das Erkennen:
+Ich bin nicht mehr <i>ich</i>.
+
+</p><p>&bdquo;Immer noch fixer und mehr auf die Schippe,&ldquo; brummte der
+Aufseher und ging.
+
+</p><p>Nervil brach am Morgen wie ein Sack zusammen. Lag im
+Ankleideraum erst eine gute halbe Stunde lang auf der Erde, ehe
+er aus der Fabrik in die Stadt zurücktaumelte.
+
+</p><p>Dann trank er die Kanne Kaffee, die ihm die Mutter vorsetzte,
+in einem Zuge leer und warf sich auf&rsquo;s Bett. Schlief bis zum Abend
+und war nur mit Mühe wach zu kriegen.
+
+</p><p>Packte dann die Brotstücke und die Geneverflasche in den Kober
+und ging wieder auf die Mühle.
+
+</p><p>Und Nacht für Nacht kamen die gleichen Auftritte mit dem
+Aufseher, der ihn zwackte und peinigte wie eine Schindmähre. Seine
+Rachlust lebte ihm darum und davon. Nur die Geschicklichkeit
+&bdquo;Jetzt&ldquo; zu sagen, war ihm noch nicht geworden.
+
+</p><p>Nervil Munta lebte in einem besinnungslosen Dämmer.
+
+</p><p>War steingewordene Antwort eines lebendigen Hetzers.
+
+</p><p>Seine Hände waren aufgerissen, und das Blut klebte den Holzgriff
+der Schaufel unentrinnbar ans Fleisch.
+
+</p><p>Stand nicht einer hinter ihm, der mit den Fäusten an seine
+Schläfen hämmerte, so, daß man die Knochen klingen hörte?
+
+</p><p>Dann wieder kam die Angst: Gib acht; die Räder donnern auseinander
+und zerschlagen deinen Schädel. Die Riemen zischen wie
+Schlangen und werden dich umringeln und die Brust zerquetschen.
+Gib acht! Gib acht!
+
+</p><p>Durch das Gedröhn der Walzen, durch Staub, Aufseherfluch
+und Schweißtropfen kam ihm diese Furcht.
+
+</p><p>Würde sie nie aufhören zu sein?
+
+</p><p>In der fünften Nacht sprang ein Koksstück aus der Mühle und
+zerfetzte sein Ohr. Das blutete und wurde eine einzige schwarzblaue
+Geschwulst.
+
+</p><p>&bdquo;Siehst du,&ldquo; sagte der Aufseher, der ihm die Wunde verband,
+&bdquo;siehst du, der Jarse hat dich gerufen. Nimm dich in acht, daß er
+dich nicht ganz holt!&ldquo;
+
+</p><p>Nervil Munta dachte an die Schlägerei und versprach sich, dem
+Jarse von dem ersten Verdienst eine Messe lesen zu lassen.
+
+</p><p>Der Aufseher begann zu hoffen und trieb es in der siebenten
+Nacht noch ärger mit Nervil Munta. Der Mörder mußte zu Ende
+gepeinigt werden. Und sein blutgieriger Wille hetzte sich hinauf in
+seinen letzten Mut.
+
+</p><p>Als Nervil Munta sich unter den letzten Flüchen des Hetzers
+schließlich aufbäumte und nach einem Eisenstück greifen wollte, glitt
+er auf der glatten Bühne plötzlich aus und geriet in das Radgezähn.
+Und ehe der Aufseher dazu kam, den Schwung der Transmission zu
+stoppen, war sein Schwager Jarse gerächt.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-7">Der Anarchist</h2><p>
+
+</p><p class="center">(1912)
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">I</h3><p>
+
+</p><p class="first">Mitte März trat der neue Ingenieur Erwin Vallotti sein Amt
+an. Er hatte die drei Dynamo-Maschinen zu beaufsichtigen,
+die in Bordael dröhnten und ratterten, die Pumpanlagen und Paternosterwerke
+betrieben.
+
+</p><p>Der Direktor der Grubengesellschaft stellte ihm die drei Gehilfen
+vor. Zuerst den Techniker Vildrac, dann den Jean Paquet und zuletzt
+Henri Semella.
+
+</p><p>Der Techniker Vildrac war der einzige auf diesem Werk, der
+keiner Organisation angehörte. Er mied den Schnaps, ging jeden
+Sonntag zweimal in die Kirche und besaß fünf Kinder. Außerdem
+hatte er rote Haare, Sommersprossen in einem wulstigen Gesicht und
+ein unregelmäßiges Gebiß.
+
+</p><p>Von den beiden anderen Kerlen war Jean Paquet der intelligentere.
+Obwohl etwas Raubtierhaftes von ihm ausging (wenn
+man z.&nbsp;B. seine unverhältnismäßig langen Arme und den wüst bebuschten
+Schädel betrachtete) war sein Gesicht schmal und offen, und
+der Blick stand fast immer frei.
+
+</p><p>Henri Semella endlich fiel nur durch sein Sprechen auf, das
+mehr wie ein gewürgtes Knurren ging und gut zu dem Bulldoggenmaul
+paßte. Daß er in der Kneipe häufig zu finden war, mag auch
+erwähnt werden.
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti machte, nachdem er sich von dem
+Vorhandensein der drei Mitarbeiter zur Genüge überzeugt hatte,
+nunmehr die Bekanntschaft der Maschinen in der weißen Riesenhalle,
+die aus zwölf ungeheuren Bogenfenstern Weltmeere von Licht empfing.
+
+</p><p>Die drei Dynamos mit ihren Kesseln waren von verschiedenen
+Dimensionen. Jene zwei an den beiden Außenflügeln des Raumes
+hielten sich in älteren Konstruktionsmaßen und verursachten nur
+mäßige Geräusche. Aber es schien, als äußerten diese Geräusche
+feinste Wissenschaft, welche die Menschen kannte, in denen Tore
+sind, ihnen zueilte, in ihnen bebte wie ein gewordenes Spiegelbild
+des Daseins und Nächte zerstach.
+
+</p><p>Wenn die breiten Lederriemen über die Stahltrommeln fuhren,
+die Bürsten schrill pfiffen und die Luft sich zwischen den Polen wie
+eine Gewitterboe erbrach, spürte man deutlich, wie in den Menschen
+dünne Schichten einer Halluzination gegeneinanderdrängten, nebelzart
+und schmerzgefranzt, sich ineinanderschoben und ein Gesicht formten,
+das nicht von dieser Welt war.
+
+</p><p>Mimische Ausdrucksposen dieses also Geformten stellte das
+jeweilige Blut-Tempo des Halluzinierten.
+
+</p><p>Aber all diese traum-trächtigen Geräusche der zwei äußeren
+Maschinen verstummten, sobald das Ungetüm in der Mitte die
+Flügel erhob. Hart wie ein Gebirge stand sein Schnauben im Raum
+und ballte die Luft zu Lawinen, die vom Schwungrad durcheinandergewürfelt
+eisige Nacht säeten, wer wohl fände Worte, die die
+Kräfte jener frostigen Niederbrüche mündig machen, um sie gegeneinander
+sprechen zu lassen? Könnten es Laute aus unseren Sprachen
+sein? Ach, solche Laute fügen sich nie zu Wörtern und Sätzen, die
+antworten. Sie können auch nicht beschreiben. Ununterscheidbar
+schwarz in schwarzem dünnem Tuche wären alle Schlünde und Abhänge,
+von denen unsere Sprache gesprochen hat.
+
+</p><p>Unersättlich mahlte das Maschinenungeheuer. Thronte in dem
+schwärzlich düsteren Rot der Höhle wie ein Drachen und lenkte mit
+seiner gigantischen Schwere das Pendel Mensch in die nächste
+herzukommende Zeit hinein, die eine völlige Wahrheit strahlen
+wird.
+
+</p><p>War es nicht eine infernalische Groteske, daß der Techniker
+Vildrac auf der Plattform stand und den Gang dieser Maschinen
+lenkte? Mit den Füßen eines gebrechlichen Glaubens sein Dasein
+in das Hirn dieses Gott-Embryos rammte, ohne zerzwirbelt zu werden
+wie ein lästiges Insekt?
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti kannte, fremd in dieser Halle,
+natürlich noch nicht das wahre Gesicht des Molochs. Als ihm aber
+Jean Paquet wie auf eine heimliche Verabredung hin die Opfer
+nannte (zwölf vom Hundert), da war kein Zweifel mehr in ihm. Er
+segnete diese Stunde. Und alle Furchen in seinem hageren Antlitz
+schienen wie eingemeißelt in die harte Haut. Jeder Zug um Nase
+und Mundwinkel stand starrend steif.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">II</h3><p>
+
+</p><p class="first">Drei Wochen waren verrollt. Da zogen die Grubenleute in
+hellen Scharen in die Versammlung. Ein Obmann von der Zentralleitung
+der roten Organisation war gekommen und sprach für den
+Achtstunden-Tag. Man jubelte ihm zu, wenn er mit einem Worthieb
+starre Gesetze splitterte, oder alles Bestehende, das faul war, mit
+einem Fußtritt in den &bdquo;Orkus&ldquo; stieß. Man heulte auf, als er mit einem
+Scheinwerferstrich von Allwissenheit in das sumpfige Qual-Labyrinth
+der Gewerkschaft von Bordael stach und Zustände lichtete, die schon
+nicht mehr sträflich waren. Und das Geheul der Wissenden klang
+wie das Feldgeschrei irgendeines wilden Volksstammes und schien
+von dumpfen, schmetternden Trommelwirbeln begleitet. Denn in den
+Mienen des Redners stand gläubig geschrieben: Ich bin schon nah;
+gleich wird das Vollbringen mich umhüllen.
+
+</p><p>Sieghaft verlas er die Resolution, welche forderte: sogleich in
+den Streik zu treten, der als ein Unerwartetes schon halberfüllte
+Forderung war.
+
+</p><p>Da setzte breit und dumm die Diskussion ein. Zog den Willen
+zurück von dem letzten Sprung und ließ ihn wie eine offengestöpselte
+Essenz verflüchten, die zum Himmel stank. Und die Stimmung zerriß.
+Blut kochte. Exzesse wurden.
+
+</p><p>Da trat der Ingenieur Erwin Vallotti, der von einem Pfeiler
+verdeckt der Strömung gefolgt war, vor und versuchte sich einen
+Weg zu der Tribüne zu bahnen, wo der fremde Redner saß. Halsgeschwollen
+und mit zurückgebeugten Armen. Hatte Hämmern im
+Kopf, während Adern sich verknoteten, wühlten und zerrten: Fäuste
+zu ballen über diese Haltlosen. Zu brüllen: Ihr Vieh!
+
+</p><p>Rings um ihn her hatte sich aus Getreuen und Standhaften
+ein tonnenförmiger Kreis geschlossen, dessen Dauben alle Mühe
+hatten, den Druck von außen auszuhalten. Die armen Leute quetschten
+sich so schmal wie möglich. Krümmten die Schultern und spreizten
+die Beine, um dem entsetzlichen Muskel standzuhalten, der sich um
+das lebende Faß wand und preßte.
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti kam nicht einmal bis zur Mitte
+des Saales. Als er umherblickte mit verwundert fragenden Augen,
+sah er, daß er der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden
+war. Man stierte ihn verdutzt an. Ließ die Unterkiefer
+hängen und erreizte sich Gedanken, wer er sei, was er hier zu tun
+habe und mit welchen Absichten.
+
+</p><p>Da schrie einer: &rsquo;Raus mit dem Spion!
+
+</p><p>Aber noch ehe es aus dem zwiespältigen Gemurmel zum Orkan
+schwoll, ging die Glocke auf der Tribüne.
+
+</p><p>Da drängte es sich in ihm auf wie ein Gefühl von Scham: Wer
+sind denn eigentlich diese Geschöpfe. Diese schlappen Gesichter mit
+ihrer gedunsenen Un-Ironie? Ihrem matten Unwillen? Daß gerade
+diese des Elementaren verlustig gegangen waren: der Kraft, zu zürnen.
+Gewaltsam ans Licht zu drängen!
+
+</p><p>Er empfand diesen Augenblick etwas wie Verachtung gegen sich
+selbst und suchte den Ausweg zur Tür. Ging über die Straße zum
+Kanal hinunter, wo ein Sturm erbost war. Schob sich mit wagerechtem
+Oberkörper durch den treibenden, puffenden Widerstand.
+
+</p><p>Da segelten dichte, monderhellte Wolken um einen Strahlenkern.
+Unter ihnen klatschte und flatterte es wie unter einer Reihe riesig
+gebauschter Segel, und unter dem Holzpfahlwerk des Kais wetzten
+zerbrochene Scherben ein Spiel, das keinen Klang mehr hatte.
+Schiffsmaste beschrieben weite Pendelbewegungen. Schornsteine von
+drüben schnellten wie Gerten und zerrissen die Wasserhaut in lange
+weißschäumende Wunden.
+
+</p><p>Es lag nahe, die Raserei von einem flammenden Zorn mißhandelter
+Elemente, in denen es ohne Unterlaß riß und peitschte,
+knirschte und schrie, winselte, zischte und schluchzte, unvernünftig
+sinnlos zu nennen. Aber gehorchten nicht die Elemente des Menschenhirns
+denselben Gesetzen wie Himmel und Flut?
+
+</p><p>Und doch: die Elemente da hinten im Versammlungshaus interessierten
+ihn mehr, als das Unwetter hier draußen, das ja wohl
+ihr entfernter Verwandter war. Sie sprachen eine gleich unartikuliert
+klingende Sprache, wenn auch von Furcht noch gehalten.
+
+</p><p>Aber diese Naturkraft muß noch im Keim konzentriert, gezähmt
+werden, um sie als Kraft auf gewaltige Entfernungen zu übertragen.
+Und ohne ihre Macht zu dämpfen, muß man sie hindern können,
+ihre eigene Maschine zu zerschmettern.
+
+</p><p>Ach, begreifen sie wirklich schon: wie, lebten sie so, wie sie
+leben? Und wie vermöchten sie es, wie vermögen sie&rsquo;s? Hören
+sie denn nicht den Schrei: Es wartet einer draußen schon?
+
+</p><p>Sind sie denn krank?
+
+</p><p>Krank, da sie sich noch bemühen können, ehe der Schrei des
+Todes herausgenommen ist aus ihrer Welt oder &mdash; ganz in sie hineingekommen?
+Aber wie können nur ganze Haufen sich als die Einzelnen
+fühlen, da jener Schrei doch an alle und als das Erste
+herangeht. Müßten die Menschen innerlich so verschieden sein, wie
+sie heute ihr Äußeres einander verweist?
+
+</p><p>Man ginge lieber zu den Kaffern und wüßte schon, bevor man
+mit ihnen spräche, über sie: In diesen bist du wie in jedem Lebenden
+zu Hause. Und diese Sicherheit stärkte und man könnte leben ohne
+das Schmerzen der einsamen Wachheit.
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte die Straße wieder erreicht.
+Der Sturm blies nun von rückwärts, hob ihn empor, stieß ihn fast
+vor sich her und spreizte ihm die Rockschöße aus wie Flügel. Er
+sah nach dem Versammlungshaus hinüber. Alle Lichter waren erloschen
+dort. Der Regen hatte das Volk wie Spreu zerstreut. War
+der hundertfältige Willen der Vielen endlich geknotet zu einem einzigen
+Tau, jenen Riesen zu fesseln, gegen dessen Bestialität man anzurennen
+versuchte?
+
+</p><p>Vor einer miserablen Wirtschaft stand noch eine kleine Gruppe
+Abschiednehmender. Das Harmonikagezwitscher von drinnen drang
+kaum durch die Scheiben ins Freie, und das Klirren der Gläser
+nahm sich aus wie ein schwaches tickendes Knipsen.
+
+</p><p>In der Nähe einer Laterne stieß der Ingenieur Erwin Vallotti
+mit einem älteren Mann zusammen, der ihn trotz seiner klar gehörten
+Entschuldigung mit den Augen verfolgte.
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti guckte neugierig über die Achsel
+zurück und wäre vor Erstaunen fast gestolpert. Diesen buschigen
+Kopf hatte er schon gesehen, ebenso, wie diesen starren Blick unter
+den Hängebrauen.
+
+</p><p>Er rief darum, nicht mehr zweifelnd: &bdquo;Jean Paquet!&ldquo;
+
+</p><p>Da drehte sich der Schwarze um und kam rasch aus der
+brausenden Finsternis.
+
+</p><p>Nun sah er deutlich: der Mann, dessen Gesicht sauber geseift
+war, hatte Fanatisches. Und war sein Mitarbeiter.
+
+</p><p>Dann sagte er: &bdquo;Nun, mein lieber Paquet, wie lief die Sache?
+Wird gestreikt oder nicht?&ldquo;
+
+</p><p>Jean Paquet beugte sich vor. Wie jung er doch aussah!
+
+</p><p>Fast sieghaft kam es heraus: &bdquo;Ja. Sie, morgen schon! Und
+Sie können es auch gleich wissen: ich mach mit. Dafür können
+<i>Sie</i> meine Maschine lenken. Oder der Vildrac. Oder ihr alle
+zusammen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wer?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Na, der Vildrac, der Kriecher! Wer denn sonst? Sein Gott
+wird ihm wohl noch einen Arm dazu wachsen lassen, damit er nicht
+mehr zehn, ach, gleich zwanzig Stunden schuften kann.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sagen Sie mal, Paquet, weshalb beschimpfen Sie gleich Ihren
+Genossen? Wissen Sie denn schon, daß er nicht mittut, wenn alle
+streiken?&ldquo;
+
+</p><p>Jean Paquet verzog den Mund und spuckte aus: &bdquo;Der und
+streiken? Tausend Knüppel jagen ihn nicht aus dem Maschinenhaus!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie sollten ihm mal ins Gewissen reden! Oder mit Geld herumkriegen.
+Vielleicht hat er Angst zu hungern.&ldquo;
+
+</p><p>Jean Paquet richtete sich auf. Trotzig. Hob die Schultern.
+Und schrie gemein: &bdquo;Sie wollen mich wohl aushorchen. Herr
+Ingenieur??&ldquo;
+
+</p><p>Da faßte ihn der Ingenieur Erwin Vallotti bei der Schulter,
+um ihn in das gegenüberliegende Lokal zu zerren.
+
+</p><p>Paquet aber witterte Verrat. Bekam einen Wutanfall und riß sich
+los. Brüllte über die Straße hin: &bdquo;Nun pack&rsquo; dich aber, du Spion!
+Pack&rsquo; dich! Sonst gibt&rsquo;s noch eine Leiche heute Nacht!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Feigling!&ldquo; knurrte der Ingenieur Erwin Vallotti und ging mit
+starren Blicken in das fahle Frühlicht.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">III</h3><p>
+
+</p><p class="first">Am nächsten Morgen waren nur zehn Knappen von der ganzen
+Belegschaft gekommen, die sich zur Einfahrt meldeten. Man wies
+sie zurück und hing doppelte Schlösser vor die Tore. Die Heizer
+aber, junge Kerle aus dem Osten, standen vollzählig vor den Kesseln,
+und in der Maschinenhalle fehlte nur Jean Paquet.
+
+</p><p>Da ersuchte der Direktor, dem der Streik wirklich nicht naheging,
+den Ingenieur Erwin Vallotti, die verwaiste Maschine für die
+paar Tage, wo dieser Karneval tobte, selbst zu halten. Denn das
+Wasser müßte unter allen Umständen aus dem Schacht.
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti schwoll rot an. Zuckte aber
+nicht. Stellte sich vor das Schwungrad und lenkte den Hebel. Der
+Schweiß glänzte dick in den schwarzen Haarsträhnen, die ihm unter
+dem Hut hervorhingen. Und seine Augen lagen tief wie zwei ausgebrannte
+Kohlen.
+
+</p><p>Er dachte: warum sind nur die Heizer da? Dieser Streik wäre
+dann der erste, der zu gewinnen ist. Lumpenpack!
+
+</p><p>In der Mittagspause, als der Vildrac im Ölkeller war, hatte
+der Ingenieur Erwin Vallotti eine Unterredung mit Henri Semella,
+die so gestellt war, daß dieser am nächsten Morgen nicht wieder kam.
+Da setzte der Ingenieur Erwin Vallotti mit den kleinen Maschinen aus.
+
+</p><p>Nun ging die große Riesenmühle allein, und Vildrac war stolz
+auf das durchdringende Getöse, das sie verursachte. Er sog das
+Sausen der Zylinder wie Musik ein und ahmte mit heftigen Lungenstößen
+das Auszischen des Dampfes nach. Er putzte und reinigte
+die Metallteile, bis sie die Sonne an Glanz übertrafen. Sang und
+putzte und sah strahlend erhoben auf den Ingenieur herab, dessen
+schlangenhafter Schatten in dem Lichtpfad auf zitternden Steinen
+zwischen den ruhenden Dynamos unter den Riemen hin- und herhuschte.
+
+
+</p><p>Das ging Tag für Tag so. Und drei Wochen hindurch. Und
+um keinen Schritt waren die Streikenden mit ihren Forderungen
+näher gekommen.
+
+</p><p>Der Herr Direktor ging wie ein Pfau umher und rauchte teure
+Zigarren auf dem Grubenhof. Sein Blick fuhr streichelnd über die
+festverrammten Tore und über jedes Gebäude. Minutenlang horchte
+er auf das Brausen aus dem Maschinenhaus und klopfte sich befriedigt
+auf den Bauch. Denn auf den Höfen lagen noch ungeheure
+Kohlenvorräte aufgestapelt. Und solange die Pumpen das Wasser
+in breiten Strömen aus den Schächten hoben und der König und
+Soldaten waren &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Eines Abends belauschte der Ingenieur Erwin Vallotti einen
+Trupp Ausständiger im Wäldchen, wo sie faul und mutlos im Moos
+lagen. Man resignierte da: &bdquo;Solange die Maschinen gehen, gibt
+der Hund von Direktor nicht nach. Warum haben wir die Heizer
+nicht auf unserer Seite? Der Streik ist doch auch ihre Sache.
+Man sollte das Maschinenhaus stürmen und die Lumpenkerle totschlagen.
+Diese Lumpenkerle,&ldquo; &mdash; sie spuckten alle geräuschvoll aus, &mdash;
+&bdquo;die ihren Brüdern in der Verdammnis noch ein Bein stellen, gerade das:
+ein Bein stellen, denn es ist doch so, wie wenn zwei raufen und ein
+dritter kommt und stößt den Schwächeren mit dem Fuß unter die
+Kniekehlen und nimmt dann für die Mühe noch fünf Groschen. Es
+ist akkurat dasselbe, wie wenn das Schwalbenjunge dem Kuckucksjungen
+hülfe, die Schwalben aus dem Nest zu schmeißen. Aber man
+kann die Hunde nicht mehr fassen. Tag und Nacht liegen sie auf
+dem Werk. Dynamit sollte man legen.&ldquo;
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti zuckte auf: &bdquo;Verwirre ich mich
+denn immer mehr? Geht nicht einer hinter mir, der mit den Knöcheln
+seiner Finger auf meinen Rücken klopft, so daß ich meine Gedanken
+aus den Knochen klingen höre? Als Echo einer gewordenen Tat
+klingen höre: &bdquo;Dynamit sollte man legen .&nbsp;.&nbsp;. !&ldquo;
+
+</p><p>Bin ich denn Gott?
+
+</p><p>Freilich, der Gott, den unsere Völker zu fühlen glauben, hat ja
+auch nicht gelernt, <i>der</i> Gott zu sein.
+
+</p><p>Trotzdem will ich mein Werk vollenden. Sei&rsquo;s auch um den
+Preis der Brüder.&ldquo;
+
+</p><p>Als der Ingenieur Erwin Vallotti wieder in das Maschinenhaus
+kam, schickte er den Heizer, der ihn vertreten hatte, wieder weg und
+nahm sich den Vildrac vor.
+
+</p><p>&bdquo;Sie sind schon fünfzehn Jahre auf dem Werk, hörte ich!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja, Herr Ingenieur!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Was sagen <i>Sie</i> denn zu dem Streik, he?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich .&nbsp;.&nbsp;. ich .&nbsp;.&nbsp;. meine, die Kerle haben keinen Grund. Sie
+haben doch ihr Auskommen und acht Stunden den Tag &mdash; das geht
+doch nicht. Da lungern sie bloß in der Kneipe herum und vertrinken
+noch mehr. Es ist eine Schande, Herr, wie die Kerle saufen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie lesen viel in der Zeitung, Vildrac?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ach, mehr in der heiligen Schrift. Die Zeitungen lügen ja so.
+Nur im Kreisblatt steht manchmal Wahres. Da steht <i>auch</i>, daß
+der Streik nichts wie Erpressung ist. Aber man weiß ja, die Kerle
+haben sich aufhetzen lassen von denen, die oben stehen und berühmt
+werden wollen. Der Jean Paquet ist übrigens auch so ein Hetzer.
+Was hat er als Maschinist mit den Grubenleuten zu tun? Schon
+längst hätte er hier weg müssen. Der Hetzer!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sind Sie nie in einer Versammlung gewesen?&ldquo;
+
+</p><p>Vildrac richtete sich auf mit geröteten Augen. Sein sonst gelbes
+Gesicht glich augenblicklich einem nebligen Herbstmond. Es war fast
+glutrot. Mit schleimigen Gurgelstößen erwiderte er: &bdquo;Soll ich auch
+etwa unter die Hungerleider gehn, Herr Ingenieur? Ich habe fünf
+Kinder, Herr! Gegen meine Überzeugung soll ich Front machen?
+Nein. Nie im Leben! Sie sehen ja, die Geschichte führt ja doch zu
+nichts. Nächste Woche werden Leute aus Holland kommen. Dann
+können die hier sich trollen. Und dann: Ist das ein Kampf? Nichts
+als Mord. Mord!&ldquo;
+
+</p><p>Da brauste der Ingenieur Erwin Vallotti auf: &bdquo;Aber nun hören
+Sie mal. Gewiß ist das ein Kampf. Ein Bazillenkampf. Ihre
+Brüder hungern. Ihre Brüder finden das Hungern unbehaglich.
+Sie vereinigen sich, um sich das Brot, d.&nbsp;h. die Produktion zu erkämpfen.
+Sie sagen Mord? Nun, wenn Kampf einmal im Gange
+ist, hagelt es auch Hiebe. Und wenn Brotläden gestürmt werden,
+hol&rsquo; der Henker den, der umherfackelt und von den Lilien auf dem
+Felde faselt. Es wird ja nicht nach Formen und Billigkeit gefragt,
+sondern nach Macht und Konjunkturen. Rechtmäßig heißt jeder
+Streik, der gelingt. Und dieser Streik wird und muß gelingen, weil
+er sozial und ein Kraftmesser ist.&ldquo;
+
+</p><p>Vildrac spreizte die Hände. In seinen Mienen jagten sich Abwehr
+und Angst. Keifte Unverständliches und kroch wie ein verprügelter
+Hund unter die Riemen.
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti hingegen stand mit geballten
+Fäusten. Ein Verödendes lief über sein Denken. Er wurde fast irre
+in der Wut darüber, daß jener, ein Vernarrter, da war und sein
+Haus beschrie. Einer da war, der nicht fühlte, daß die große Quelle
+des Neuen draußen unter den Brüdern herausgebrochen ist, die schon
+lebte in ihrer dem Tode abgekehrten Art. Ihre Sache ist Zweck und
+ihre Seele Lust. Frei freute diese sich erst, wenn keiner der Beteiligten
+mehr unentwickelt im Knäuel der primären Triebe läge,
+wenn nicht mehr lebende Möglichkeiten von Menschen aus dem Meere
+des Goldes hinausgeworfen wären auf den Strand der Not.
+
+</p><p>In diesen Gedankengängen kam der Ingenieur Erwin Vallotti
+dazu, ein Signal zu geben. Und sein Wille konzentrierte sich vorerst
+auf die große Maschine, die Ursache war, daß unter den Brüdern
+Unlust und Untätigkeit verheerend kroch. Und eine Eingebung versetzte
+ihn in einen Zustand freudiger Erregung.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">IV</h3><p>
+
+</p><p class="first">In der Nacht auf den Tag, da zweihundert Streikbrecher unter
+Begleitung von Gendarmen ins Dorf gekommen waren, gingen alle
+drei Dynamomaschinen. Die Förderkörbe stiegen auf und ab und
+in den Paternosterwerken lärmten die eisernen Schieber. Vildrac
+und der Ingenieur Erwin Vallotti waren allein in dem Maschinenhaus.
+Ihre schwarzen Schatten standen riesengroß auf den weißen
+Wänden. Die Bogenlampen schwammen wie in Blut, und die großen
+Regulatoren zerspritzten das Purpurne mit rasendgeregten Drehungen.
+Die Pistons ächzten unruhig einem Unfaßbaren entgegen. Durch
+die Fenster zwängte sich der Flor der Nacht und trieb die Außenwelt
+weit hinaus.
+
+</p><p>Vildrac hockte wie ein Götze auf der Plattform, und unter ihm
+sausten die öligen Drahtseile wie Befehle aus <i>seinen</i> Händen entsprungen.
+Die Ringe unter den Kupferbürsten liefen durch sein
+Gehirn, das von jeder Runde das geschöpfte Wasser zu messen schien.
+Der dumpfe Ton des Tumultes klang ihm wie eine Bestätigung.
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti pendelte mit unruhig gelängten
+Schritten durch den ungeheuern Raum. Als er aber an den Schalttafeln
+hantierte, ließ ihn Vildrac nicht mehr aus den Augen. Eine
+erträumte Ahnung quoll die weißverzerrten Äpfel wie Knollen aus
+den Höhlen vor. Plötzlich vereinte sich dem ahnend Erdachten, zu
+dem ihm Hellsehen stieß, eine Tat. Er hörte etwas einschnappen
+und sah, daß die Armatur ihren Lauf veränderte. Kurzschluß!
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti stand am Fenster und rührte
+sich nicht.
+
+</p><p>Da kroch Vildrac von der Plattform und untersuchte den Draht.
+Er ächzte und stöhnte dabei. Hielt Schläge aus, die vom Strom
+sprangen, und näherte sich befriedigt der Endung, als die Armatur
+plötzlich zurücksprang und den Körper hochriß.
+
+</p><p>Wie ein nasser Sandsack platschte er aus der Höhe auf den
+Steinboden zurück.
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti klingelte die Heizer herein. Einer
+mußte den Direktor holen. Der richtete an den Ingenieur einige
+Fragen, die dieser mit gleichgültigem Kopfnicken bestätigte.
+
+</p><p>Unfall. Selbstverschuldet.
+
+</p><p>Man hielt sich nicht lange auf und schaffte den Leichnam hinaus.
+Es waren noch zwei Stunden bis zur Ablösung, und die nützte der
+Ingenieur Erwin Vallotti, der allein in der Halle blieb, aus zu dem
+rächerischen Werk, das keiner Zeugen bedurfte. Er hatte den vorerwogenen
+Weg, der doch zu keinem Ziele führte, endgültig verlassen
+und strebte darum dem Letzten zu. Er wußte: nur ein dröhnendes
+Signal könnte die Scharen sammeln. Und dieses furchtbare Signal
+wollte er geben. Denn die Brüder brauchten einen Schlachtruf zu
+jener Sieghaftigkeit, die ihres Willens zur Freude wert ist. Sie
+werden dann nicht mehr sich selber zerfühlen, zerfleischen müssen,
+fühlten sie erst den großen Kampf vor sich als einen halberrungenen
+Sieg.
+
+</p><p>Dann erst wandelte sich zur Tat jedes Mühn, wenn der es in
+den Ekel zerrende Zusammenhang mit der Stillung des Hungers zerrissen
+wäre und auch nicht mehr die Farbe des Einzelnen trüge.
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti atmete erst auf, als die Patronen
+gelegt waren und die Drähte verbunden. Und niemand würde, das
+war ihm gewiß, den Plan in den ersten vierundzwanzig Stunden
+entdecken.
+
+</p><p>Mit gehobenen Schultern trat er ins Freie.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">V</h3><p>
+
+</p><p class="first">Vor dem Tor der Grube staute sich ein wütender Menschenschwarm.
+Mit Steinen standen sie da. Wurfbereit, manche
+schwangen schwere Knüppel. So wollten sie die Streikbrecher
+empfangen.
+
+</p><p>Der Direktor hatte nach der Stadtkommandantur telegraphiert.
+Militär war unterwegs. Um sechs sollte es eintreffen. Das war
+zeitig genug. Denn um sieben kamen erst die Streikbrecher aus der
+Schicht. Als der Ingenieur Erwin Vallotti sich durch den Menschenwald
+zwängte, vertrat ihm Jean Paquet den Weg. Ein unheimliches
+Feuer brannte in dessen Blick.
+
+</p><p>Da sagte der Ingenieur, indem er ihm die Hand hinreichte:
+&bdquo;Was ist Ihnen? Sie sehen aus wie der Tod. Zweifeln Sie an
+der Sache ?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Verflucht! Sie fragen noch? Mit den Soldaten hat man
+uns gedroht!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Den Ausgang habe ich vorausgesehen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Natürlich wußten Sie das. Denn Sie haben ja ein Interesse
+daran, daß die Maschinen wieder voll gehen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das können Sie glauben?&ldquo;
+
+</p><p>Jean Paquet griff sich ans Herz. Aber dann ging wieder die
+Wut über sein Gesicht und er schrie: &bdquo;Das sage ich Ihnen, ehe das
+erste Bajonett blitzt, haben wir die fremden Teufel aus dem Dorf
+gejagt. Mit Steinen werden wir sie jagen. Und das Maschinenhaus
+werden wir stürmen. Kein Rad soll ganz bleiben. Dann
+wird der Hund von Direktor schon nachgeben! Und wenn Sie kein
+Messer zwischen die Rippen haben wollen, Herr Ingenieur, dann
+bleiben Sie nur heute aus dem Werk.&ldquo;
+
+</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte von dem Sprecher kein
+Auge gewandt. Und dachte: Seltsam, daß niemand von den Oberbeamten
+begriffen hat, was da unter den rauchigen Augenbrauen
+dieses Kerls qualmte. Heute forderte er diese Idioten heran, sie
+zu zermalmen. Die Masse wird sie zermalmen, die schlau genug ist,
+ihre Dummheit zu hüten, diesen unersetzlichen Vorrat an Energie,
+Glauben und Selbstsicherheit. Sie braucht nicht von ihrer Höhe
+hinabzusteigen wie der Philosoph, wenn er zur Schimäre des Wissens
+vorgedrungen ist und ein Verlangen nach Handgreiflichkeit und
+Handlung fühlt. Sie besitzt aber auch nicht jene Naivität, die der
+Philosoph vorheucheln oder erst schaffen muß, wenn er sich auf
+Erden wandeln fühlen will. Die Kultur ist ihr Zeughaus für ihren
+Kampf gegen die Kultur, und das einzige, was sie sich aus Hellas
+geholt hat, heißt Ostrazismus, die Verfolgung der Selbständigen.
+Und jetzt ballen sie die Fäuste, jetzt lockert der halbnackte Rotzbengel
+den Leibgurt mit der Stahlschnalle.
+
+</p><p>Ein Ellenbogenpuff irgendwoher weckte den Ingenieur Erwin
+Vallotti aus seinem Traumzustande, der schon eine Helle war. Dicht
+trat er an Jean Paquet heran und flüsterte fast: &bdquo;Sie haben recht.
+Ich werde das Werk nicht mehr betreten. Ich reise heute ab, und
+unsere Wege werden sich nicht mehr kreuzen. Denn meine Arbeit ist
+hier beendet. Aber ein Signal werde ich zurücklassen. Das soll die
+neue Stunde anzeigen. Denken Sie dann an mich.&ldquo;
+
+</p><p>Seine Brust arbeitete, er richtete den Blick nach oben.
+
+</p><p>Jean Paquet stand gefesselt, gelähmt auf dem Fleck, von wo
+aus der Ingenieur wie ein Spuk sich erhoben hatte. Nicht einmal
+der Geruch seines Atems war geblieben.
+
+</p><p>Jean Paquet stand und tat nichts, schrie nicht auf: Simson
+wach auf! Philister über dir!
+
+</p><p>Ein Signal? Sollte es das Recht sein, ehe das Rufen zum
+Wiederwerden aus dem Gewordenen zu tönen beginnt, diese Unterdrückten
+hinüberzusenden in ihren Ursprung, ins Nichts?
+
+</p><p>Da zerriß endlich heiseres Rufen die Menge, die geballt
+war. Bewegung schnellte in die Breite: Auf! Die Soldaten
+kommen!
+
+</p><p>Das rüttelte empor. Raste durch&rsquo;s Dorf. Riß an den Fensterläden.
+Stieg über die Dächer. Strich wie Brandgeruch.
+
+</p><p>Und es war ein Blitz: Auf mit dir, alter Faulpelz, der du mit
+deinen achtzig Jahren daliegst und dich räkelst!
+
+</p><p>Auf Gebärende, deine Geburtswehen können warten!
+
+</p><p>Und der Boden dröhnte schon unter dem Marschtritt: eins,
+zwei! Eins, zwei!
+
+</p><p>Die Masse stand wie eine Mauer. Und der buntgefleckte
+Schlangenleib wälzte sich näher heran.
+
+</p><p>Helme blitzten.
+
+</p><p>Mann an Mann.
+
+</p><p>Schritt und Tritt.
+
+</p><p>&bdquo;Steine her! Steine her!&ldquo;
+
+</p><p>Trommelwirbel.
+
+</p><p>&bdquo;Kerle, schleppt Steine .&nbsp;.&nbsp;. Steine .&nbsp;.&nbsp;. !&ldquo;
+
+</p><p>Lautlose Stille hüben und drüben.
+
+</p><p>Da fegte ein Donner über die Straße und riß alles zu Boden.
+Über dem Gewerkschaftskomplex entbrannte furchtbarer Qualm.
+Ein Steinhagel pflügte Blutfurchen.
+
+</p><p>Durch die schreckentwaffnete Menge stampfte der Soldatenzug
+in prachtvoller Auflösung zu retten. Kletterte über die Fabrikmauern
+und sammelte sich auf dem Hof.
+
+</p><p>Das Maschinenhaus war vom Boden rasiert und die Dächer
+von den stehengebliebenen Häusern einfach abgesägt.
+
+</p><p>Mit wahnsinnig vorgerollten Augen sprang der Direktor durch
+die Trümmer. Stieg auf den Steigerturm und riß die Notglocke.
+
+</p><p>Da kamen die Ausständigen mit kindlichem Willen. Verbrüdert
+mit der Soldateska retteten sie, was zu retten war. Stiegen auf
+Leitern die Notschächte hinab, die Streikbrecher zu suchen, die gänzlich
+abgeschnitten waren und versaufen mußten, nun, da die Pumpen
+nicht gingen.
+
+</p><p>Draußen aber, auf der höchsten Geröllhalde, stand der Ingenieur
+Erwin Vallotti mit ausgebreiteten Armen und sah beschwörend auf
+die Trümmer, wo die Saat des Neuen aufging.
+
+</p><p>Über seine Lippen strich es wie Osterwind: Nun werden Wandlungen
+sein, und sie werden nicht mehr wissen, daß sie waren. Immer
+aber: daß sie <i>sind</i>. Sie werden das wissen, weil sie nicht <i>sie</i> sind,
+sondern irgendein Mai, der sich in jedem Baum fühlt, der grün
+wird. Denn das unendliche Grün ist unendlicher Weg geworden.
+Dieses genügt, dieses befiehlt. Ist schön und lockte.
+
+</p><p><i>Ich aber nehme mich zurück. Denn in Wahrheit ist
+meine Welt nicht die ihre zu fühlen, daß ich ehrlich
+war mitten in dem Verbrechen.</i>
+
+
+</p>
+<p style="page-break-before: always;">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="noindent" style="font-size:small">
+Gedruckt bei Gottfr. Pätz, Naumburg a. S.
+
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der schwarze Baal, by Paul Zech
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWARZE BAAL ***
+
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+Produced by Jens Sadowski
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
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