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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:02:25 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der schwarze Baal + Novellen + +Author: Paul Zech + +Release Date: January 3, 2011 [EBook #34833] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWARZE BAAL *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + +Paul Zech + +Der schwarze Baal + +Novellen + + + + + + + + +Verlag der Weißen Bücher / Leipzig + +1917 + + + + + + + + + + + + + +Copyright Verlag der Weißen Bücher, Leipzig, 1917 + + + + + +Inhalt + +Die Birke +Der schwarze Baal +Das Pferdejuppchen +Die Gruft von Valero +Das Vorgesicht +Nervil Munta +Der Anarchist + + + + + + + + + + + +Die Birke + + +(1910) + +Eine halbe Stunde weit von der großen Stadt, deren Türme, Gasometer und +Riesenschornsteine aus dem gelbgrauen Nebel wie Köpfe langsam Ertrinkender +sich emporquälen, liegt die Gewerkschaft »Frisch auf«. + +Mitten im Grün flacher Weideflächen und bis zum Rand der pastellhaften +Kurve brauner Äcker. Aufrecht und starr wie eine starkbefestigte Insel. + +Sie bleckt wie alle diese klobigen Tempel Vulkans bissig unnahbar aus den +Umzäunungen. + +Braune, mächtige Eichenbohlen stehn riesenhaft verkettet. An den vier Enden +erheben sich schmiedeeiserne Tore mit spitzen Zacken auf den Häuptern; +martialische Landsknechte. + +Aus der Umzäunung ragen drohend die Fördergerüste empor: Phantastische +Wurfmaschinen mit großen, flinkkreisenden Rädern; darüber Seile gleiten, +welche die Geschosse auf- und niederheben. Die ringförmige Straße ist wie +ein Graben vertieft. Schienenstränge gleißen darin wie dünne halbversiegte +Wasserrillen. Die Lastwagen schaukeln wie Boote vorüber; alte +vorsintflutliche Kasten. + +Jenseits der Straße ragen die Halden. + +Das sind die Forts. Regelrechte Gebirge mit ausgewaschenen Höhlen, +verwitterten Kanten und schroffen Kämmen. Sie sind keine dreißig Meter +hoch. Aber mit finsteren Mienen bewachen sie die Gewerkschaft wie riesige +Fleischerhunde, weißer Geifer quillt aus den aufgesperrten Rachen. Dann und +wann verschlingen sie ein paar Kinder, die, klein wie Vögel mit spitzen +Schnäbeln, auf ihren Häuptern herumstelzen und aus dem struppigen Gesträhn +kleine Kohlenstückchen in Säcke sammeln. + +Unten, nach der Kolonie zu, wo die Häuser wie blanke Zahnreihen blitzen, +hat man einen neuen Berg aufgeschichtet. + +Unbarmherzig über saftige Grasflächen und Strauchwerk rollte das schwarze +Verhängnis und fraß alles stückweise weg mit qualmender, zischender +Begierde. + +Nur eine Birke war stehen geblieben. Obwohl ihr das schwarze Gift in +Mannshöhe schon den weißen Leib umklammert hatte. + +Es war kein dürrer Ast an ihr. Sie war zart und hob das kraus gekämmte Haar +trotzig in den Wind empor. Mit Abscheu sah sie auf die magern Gartenklexe +der Kolonie, die gar nicht anrennen wollten gegen die weit umsichgreifende +Umklammerung des Gebirges. Sie schaute gelangweilt auf die schmutzigen +Höfe, wo frischgesäuberte Leibwäsche sich auf den Leinen spreizte, um das +Weiß ihres jungfräulichen Gewandes nachzuahmen, und sie zuckte nur auf, als +ein verirrter Vogel Schutz in ihrem grünen Blätterschoß suchte. Schutz vor +den gelben Ausdünstungen der Kokereien und dem Gestöber der Rauchwolken, +die unaufhörlich den Feuerschlünden entquollen. + +Sie sträubte das Gefieder wie eine Gluckhenne und nickte beseligt ein, als +der aller Gefahr entronnene Sänger, den draußen niemand mehr anhören +wollte, sein Lied zu Ende flötete. Das war ein Lied von der andern Welt, wo +ein kristallner Himmel sich zur Kuppel wölbte, weiße, gleißende Sonne die +Felder segnete und phantastische Schatten weglang hin- und herwärts jagten. + +Die Seele der Birke weitete sich. Kindheitserinnerungen zogen vorüber; ewig +blauer Himmel und immergrüne Wiesen mit zottigen Schafen und silbernen +Bächen. + +Und der Vogel sang stärker. Immer leidenschaftlicher rollten die Töne, +überschlugen sich. Und endeten schließlich in einer weichen Wiegenmusik. + +Die Birke schloß die Augen. Ihre smaragdnen Behänge kuschelten sich +zusammen, und die Dämmerung breitete die schweren Schlafdecken darüber. + +Ein böser Traum erschütterte das Herz der Birke. + +Wie mit wachen Augen sah sie das Kommen wildfremder Dinge und konnte sich +nicht wehren. Der Alp lastete mit Zentnergewichten und schlug alle +Anstrengungen des Wachwerdenwollens in Fesseln. Droben auf der Halde aber +rauschten die Flammenkessel. Signalposaunen bliesen. Transmissionen +kreischten und wildbärtige Sturmkolonnen rüsteten sich zum Angriff auf die +arme, frierende Birke. Dampfmaschinen fuhren auf wie Kanonen. Männer mit +furchtbar entstellten Gesichtern hoben lodernde Blöcke auf kleine +Kippwagen. Dumpf rollte der Niedersturz. Und dann dröhnten die Lavablöcke +mit höllischem Gepolter den Abhang hinunter. Weiße Dunstwolken mit +orangenen Helmen jauchzten hinterdrein. Donnernd schlug die ehern glühende +Masse unten auf. Ein Funkenregen spritzte bis in die Kolonie. Die Birke +stand in einem blutroten Nebel. Sie erbebte bis in die feinsten +Faserwurzeln. Und konnte sich doch nicht rühren. Immer neue Geschosse +flogen hinab. Die Splitter schwirrten wie ein Gewitterregen. Sturzbäche +schwollen zu Tal. + +Die Birke stand bis zu den Armen in der brodelnden Flut. Immer +unermeßlicher rauschte das Funkenmeer. Der rote Nebel blähte sich wie eine +Retorte. Minutenlang war die Birke darin verschwunden. + +Und als sich die letzten Schwaden verzogen hatten, die straffen Gurten der +Funken gelockert, wehte nur das zerzauste Haar des Baumes herauf. Stamm und +Arme krümmten sich unten in dem qualmenden Schlackenmorast und starben +brüchig ab. + +Lange nachdem der Feind vor den Pfeilen der Morgenschauer geflüchtet war, +erwachte die Birke mit fieberndem Kopf. Ihr Herz ging in langsamen +Schlägen, und in den Schläfen hämmerte der Brand. + +Erst gegen den Nachmittag zu, als die Sonne ihr das Haar wieder geglättet +hatte, und ein frischer Wind, der vom Fluß heraufkam, kühlen Tau +mitbrachte, begann das böse Fieber zu weichen. + +Die Birke sah mit kranken Augen in die Kolonie hinunter. Da polterten die +schwarzen Wagen über das Pflaster, als wäre nichts geschehen. +Halberwachsene Mädchen spazierten langsam mit den Kindern: zottelige, +ungewaschene Brüder und Schwestern in allen Altersstufen. Der Obersteiger +trug seine Würde behäbig in die Fliederlaube, wo der Kaffeetisch gedeckt +stand, umbrämt von einem schäbig blauen Rideaux. Die Frau Kuscinsky stritt +sich mit der Frau des Maschinisten Klöwer um einen neuen Hut, den sie beide +nicht besaßen. Hinter dem Kaninchenstall lag der Invalide Wladislaw und war +wieder einmal selig besoffen. Die magern Schweine grunsten. Hühner warfen +den Staub auf den Höfen wirr durcheinander. Spatzen hüpften umher. Dünne +Glocken schnarrten die langweiligen Viertelstunden mit Bravour herunter. + +Die Birke versuchte zu lächeln über so viel Lebensbunterlei, das nutzlos in +den Tag hineinlebte. + +Aber die Brust. O, wenn nur die Brust nicht so geschmerzt hätte! Das Wetter +war bedeckt und der Wind -- es war ein anderer -- hob alle die +entsetzlichen Gerüche von dem Zechenhof und versprengte sie wie durch eine +Brause. + +Die Birke reckte, so gut es eben ging, den Kopf. + +Aber das verirrte Vögelchen von gestern war einfach nicht mehr vorhanden, +vielleicht hockte es schon irgendwo in einem Käfig. Denn die jungen +Burschen, die unten im Schacht die Pferde mißhandelten, fingen mit +Leimruten alles weg, was auch nur einen kleinen Ton in der Kehle stecken +hatte. + +In langen Reihen hingen die Vogelzwinger vor den kleinen Häusern. +Grammophone animierten die Drosseln, Stare und Hänflinge zum Konzert. + +Nicht ein Vögelchen schwirrte mehr durch den hereinbrechenden Dämmer. Nur +die ekelhaften Fledermäuse mit den stumpfen Nasen und kühlen Krallen. + +Und da wurde es merkwürdig still in den Mienen der Birke. Schwer fiel ihr +das Haar in die Stirn. Und sie mußte es geschehen lassen, daß die +heraufspringende Abendkühle sich darin festsetzte und die grauen Sacktücher +wusch. + +Ein bleicher Stern, der zischend vom Himmel fiel und um Haaresbreite das +herabgebeugte Haupt der Birke streifte, weckte die Halberstarrte noch +einmal aus dem langsamen Hinüberschlummern. + +Zwischen den halbgeöffneten Lidern sah sie noch die lang aufquellende +Lichterreihe, und dicht dahinter fuhren schon wieder die mörderischen +Geschütze auf. + +Ein Schreckschauer rieselte schwer über ihre blasse Stirne. Gleichgültig +ließ sie die beiden Verliebten vorüberstreichen, die sich nicht schämten, +die Wildgier ihrer Lippen vor den Augen der vielen jungfräulichen +Wasserspiegel auf dem Pfad zu schüren. + +Oh, diese Jungverliebten, die in diesem geizigen, raubgierigen Lande doch +nur allezeit zwei verlobte Waisenkinder sein werden! Die Birke zitterte +stärker auf. + +Es war nichts. Oder es war das Atmen der Stille, der tödlichen Stille vor +dem letzten Herzschlag. + +Auf der äußersten Flanke der Halde flatterten schon die schneeigen Gewänder +der Engel auf, um die Seele der Birke hinwegzutragen. Feuerbäche brausten +in der Tiefe und wehten den metallischen Schaum bis zum Gipfel empor. + +Die ersten Geschosse knatterten. + +Dicht vor der zusammengebrochenen Birke schlugen sie ein. + +Geröllstücke lösten sich los und brachen krachend in das Häufchen Tod. + +Langsam begruben sie die spärlichen Überreste. + +Der ganze Höllenspektakel der Schlacht rauschte noch einmal auf. +Unheilvolles Gebrüll zog Kreis zu Kreis. Der Himmel tanzte. Die Erde tat +sich auf. Und aus dem klaffenden Spalt schwebte langsam, von hundert weißen +Fittichen getragen, die arme Seele der Birke empor. Glockengeläut schwoll +auf. Und die schauervolle schwarze Nacht wallte wie ein unabsehbares +Trauergefolge. + + + + +Der schwarze Baal + + +(1911) + +Oh, das Unglück! Oh, das Unglück! + +Wie ein dichtes Schneegestöber fuhr dieses flockige Rufen über das Dorf, +immer wenn der schwarze Baal die roten Fangarme durch den Schacht gestoßen +hatte und von jenen Männern, die ihr Bündel heiler Knochen Tag für Tag auf +die blutrostigen Böden der Förderschale legen mußten, sich irgend einen, +oder ein Dutzend oder Hundert auswählte zum Fraß und den Rest wieder von +sich gab wie einen ausgedörrten Kothaufen. + +Oh, das Unglück! Oh, das Unglück! + +Und die Witwen im schwarzverlogenen Gewand der Trauer, die diesen Ruf +gleichgültig hinausmurmelten wie den Perlenfall des Rosenkranzes, +zerdrückten in der Linken das Taschentuch und wogen in der Rechten den +Goldklumpen der Unfallprämie. Sie wogen und prahlten, bis das Gleißende zum +Glück wurde für den neuen Schuft aus der Reihe der Schlafburschen. + +Und dann schickten die wiederum Mütter Gewordenen ihre Söhne in den Schacht +hinunter. Und es dünkte ihnen eine große, unverdiente Gnade, wenn der +Grubendirektor Brot gab für die hungrigen Mäuler. Denn der Schatten des +Hungers lag wuchtender auf den paar aussätzigen Hütten am Fluß, als der +hagelwolkige Vorübergang einer Katastrophe, die eigentlich nur die Fenster +zum Klirren brachte und ein paar Gänge zum Kirchhof mehr. + +Niemand im Dorf glaubte an die Brandopfergier des Baals. Kein Gatte, Sohn, +Bräutigam, Kostgänger war ihnen ein dem Baal Geweihter. Vorbestimmt war +diesen nur jenes sanfte Hinüberschlummern zwischen den Kissen des +Ehebettes. Aller Tod, der anders kam, war ein Unglück. Oder ein Zufall, wie +die Aufgeklärten meinten. + +Und die, die auf das Kreuz des Alltags genagelt, hinunterfuhren in die +verfluchten Bezirke der Fron und Station an Station durchwanderten, da +einen Arm, dort ein Bein ließen, fürchteten den Hunger maßloser als die +fünf Bretter des Sarges. Nicht einen Augenblick dachten sie bei dem +zerfetzten Kadaver eines Kameraden an die Möglichkeit, an gleicher Stelle +zu liegen. Heute oder morgen. -- Oh ein Unglück! Ein Unglück! Nichts +weiter. + +Und das Opfer in den hakigen Klauen des Baals, reißt es nicht das Maul auf +zum Schrei: »Oh ihr Brüder: das Unglück! Das Unglück!« + +Und die diesen Schrei hören, sind sie nicht ein furchtbares Echo, das das +Bersten und Krachen der Planken übertönt wie ein Orkan? + +Aber alle, die es auffangen dort oben im weißen Dunst des Tages, blasen es +weiter in die stumpfe Melodie des Trauermarsches: Oh das Unglück! Das +Unglück! + +Das schnurrt der Pfaffe am Massengrab nach. Die Mütter und Witwen und +Töchter verdrehen die Augen, die nicht weinen wollen und krümmen die Rücken +ein paar Tage lang. Dann entklafft ihrem Schoß ein Neues und wird Unglück, +das sie nicht wissen wollen. + +Und doch war einer in dieses Dorf gekommen, den man alsogleich zum Opfer +bestimmte. Obwohl er das Schandmal des Unglücks an der Stirn trug wie eine +aufgebrochene Schwäre, bekam er seinen Tod zugewiesen. Und die, die ihn +hielt, war nicht untertänig wie Abraham, da er Isaak opfern ging. Das +brachte ihn nun in eine allzuschiefe Stellung zu den wichtigsten Dingen +dieses Lebens, wiewohl seine Mutter dagegen ankämpfte mit den Instinkten +eines Raubtiers. + +Schon daß Fredrik als eine Frühgeburt just in dem Augenblick zur Welt kam, +da man seinen Erzeuger ins Haus brachte: schwarz, entstellt und +rotgeschunden, gab ihm eine Sonderstellung inmitten des großen Haufens. + +Und dieser unabgestempelte Vater hinterließ ihm nicht einmal seinen Namen. +Denn die Hochzeit, die jene zwei, die sich erkannt hatten, zusammenkoppeln +sollte nach dem Gesetz, stand erst vier Wochen nach dem Unglücksfall an. +Einen Toten aber mit einer Lebenden zu verbinden, war derzeit noch nicht +gestattet. + +Das zerstach der jungen Mutter das Herz, und sie haßte hinfort den Mann, +der solches heraufbeschworen hatte. Sie haßte diesen Mann über das Grab +hinaus und sie haßte seine Hantierung. + +Sie gab dem Jungen die Brust und harte Pellkartoffeln, die sie dem Amtmann +stahl, bei dem sie bedienstet war, und sie übertrug auf den Bastard alle +Zärtlichkeiten, die sie Israel, dem Geliebten, schuldig geblieben war. + +Fredrik wuchs auf wie die anderen Würmchen, trotzdem die hohe Obrigkeit +allerhand Schwierigkeiten machte, ihm die Türchen ins Dasein aufzusperren. + +Tags war er im Spital bei der Muhme. Und die alten Klatschmühlen, die mit +auf der Stube waren, rissen ihn dutzendmal aus der Wiege und betasteten den +Körper, um irgend etwas Besonderes zu entdecken. Denn daß Fredrik dem Vater +nachmußte, stand sicherlich irgendwo auf der Haut geschrieben. Und sie +fanden auch nach langem Suchen einen dunklen Fleck auf dem rechten Oberarm, +der sah aus wie zwei gekreuzte Schlägel. + +Die junge Mutter war verzweifelt, wenn sie solches gewahrte, und entriß das +Kind den Triefaugen der Hexen, um sich mit ihm in eine dunkle Ecke zu +verkriechen. + +Und wenn dann Fredrik aufkrähte unter dem warmen Strom der Sättigung, hob +sie ihn empor und ging in der Stube herum wie eine Siegerin: »Seht, was für +ein gesundes Jungchen! Mein Jungchen hat gerade Arme und gerade Beinchen. +O, was für ein gesundes Jungchen. Aber in die Grube soll mein Jungchen doch +nicht!« + +Die Spitalweiber ließen sich aber nicht bereden. + +»Der Vater wird ihn schon holen kommen, Antje. Du mußt ihn doch einen +Bergmann werden lassen. Ja, ja, der Vater wird ihn schon holen.« + +Sie sagten das mit einem furchtbaren Ernst und verdrehten mystisch die +Nasen. + +In den Worten der runzligen Hexen lag ihr Schicksal. Das fühlte Antje. Die +Worte schnitten wie zwei scharfe Messer gleichzeitig in ihr Herz. Aber sie +kämpfte dagegen an und verstopfte die Wunde immer wieder mit einem +kleberigen Trotz. + +Als Fredrik vier Jahre alt wurde, kaufte Antje sich von dem Ersparten ein +Häuschen und tat einen Handel auf. Das Jungchen lag in der Tür und +beschnupperte jeden einzelnen Eintretenden. Manchmal ging er auch mit den +Jungens auf die Gasse zum Spiel. Auf die Schlackenhalde, oder nach dem +großen Kohlenlager. Da spielten sie Verstecken und balgten sich wie junge +Katzentiere. + +Einmal waren sie ihrer vier die Halde emporgeklettert. Es war so schön warm +dort oben, und die dünnen Rauchschlangen, die aus den Ritzen züngelten, +fingen sie mit den Händen auf, oder hielten den offenen Mund darüber, bis +die Wangen ganz blaß wurden und eine Übelkeit die Köpfe in heftige +Umdrehungen brachte. Dann rollten sie den Abhang hinunter wie Murmeltiere +und lagen lange in dem dürftigen Gras der Böschung. Starr und mit dünnen +Atemzügen. + +Die schwarzen Männer, die oben die Wagen entleerten, warfen ihnen böse +Flüche nach und drohten furchtbar mit den Armen. + +Lächelnd erzählte Fredrik der Mutter von dem großen Berg, der immer so +schön rauchte und ganz warm war. + +Da wurde Antje sehr zornig und verbot Fredrik dort hinzugeben. Sie schärfte +ihren Willen an dem ewigen Wahrsagenwollen der Spitalweiber. Und diesen +Willen bläute sie dem Jungen ein. + +Ein paar Tage lang ließ sie Fredrik nicht aus den Augen. Als dann aber der +Öljude kam und ihre ganze Aufmerksamkeit wegfeilschte, schlich Fredrik sich +flugs auf die Gasse und fand ein paar Gefährten, die mit ihm zum +Schlackenberg gingen. + +Sie hatten aber kaum die Hälfte der Anhöhe erstiegen, da gab es ein +ohrenbetäubendes Donnern. Der Berg öffnete sich, eine Rauchwolke wirbelte +hervor, und die drei Spielgefährten Fredriks polterten in den Spalt. + +Fredrik schoß den Abhang hinunter und lag, mit versengten Haaren und ein +paar Brandwunden im Gesicht, zappelnd in einer Pfütze. + +Die Männer, die ihn der Mutter ins Haus brachten, grinsten, als diese sich +wie eine Irrsinnige über den Jungen stürzte. Einer von den verrußten +Männern sagte: »Antje, daß du's weißt, der Israel hat das Söhnchen holen +wollen, aber der Bengel war zu langsam. Na, ein andermal wird er ihn schon +sicherer fassen bei der Gurgel.« + +Da stellte Antje sich wie eine angeschossene Bärin und trieb die Lästerer +mit Ruten aus dem Hause. + +Und die Kinder wichen dem kleinen Fredrik aus, wenn er zur Schule ging. Und +die Spitalweiber murmelten: »Antje hat ihn verhext. Sie hat Stutenmilch +getrunken, als sie den Bengel säugte. Das feit gegen das Unglück. Aber wenn +ihm die Milchzähne ausgegangen sind, wird es doch mit ihm kommen!« + +Antje nahm den Buben nun jeden Morgen bei der Hand und brachte ihn zur +Schule. Um zwölf stand sie wieder vor dem gebrechlichen alten Hause mit den +vielen Fenstern und holte ihn ab. Dann mußte er das Pensum erledigen und +sich auf die Salzkiste setzen bis zum Abend. Sie gab ihm Maiskolben und +getrocknete Pflaumen zum Spielen. Und nach dem Essen brachte sie ihn zu +Bett und atmete auf. + +»Er wird nie mehr auf die Straße kommen zu den anderen Jungens, und wenn er +zwölf Jahre alt ist, bringe ich ihn zum Oheim nach Karna. Dort kann er auf +der Mühle helfen und ein Müller werden!« + +Sonntags ging Antje auch mit dem Söhnchen durch die mageren Kartoffelfelder +und zeigte ihm die bunten Schmetterlinge und den Grashüpfer mit dem gelben +Schopf. + +Einmal sagte Fredrik: »Mutter, wo ist mein Vater? Alle Jungens haben einen +Vater. Nur ich nicht und der Schorch. Aber Schorchens Vater ist doch auf +dem Kirchhof. Mutter, sag, ist mein Vater auch auf dem Kirchhof?« + +Antje preßte den Zipfel des Kopftuches heftig gegen die Lippen, damit der +Junge nicht das leise Stöhnen hörte. + +So gingen sie eine weile schweigend. Jedes ein Schicksal, und ihre +Schicksale stöhnten in der herben Luft. + +Schwarz fielen die Schatten von den Pappelbäumen. + +Und Fredrik schaute noch immer fragend zur Mutter hinauf. Er betrachtete +ihre Hände, die welk und rissig waren, und liebkoste sie. + +Ganz schüchtern öffnete er dann wieder den Mund: + +»Mutter, sag . . .« + +Und da bemerkte sie sein schmales, entstelltes Gesichtchen. Die spitze +Falte zwischen den Augenbrauen und den verquollenen Mund, den die obere +Zahnreihe gewaltsam aufstieß. + +»Ja, ja, Jungchen. Ich werde dir den Vater zeigen, wenn wir wieder zu Hause +sind. Wenn die Sterne scheinen. Dein Vater ist ein Stern. Ein ganz heller +Stern.« + +Fredrik reckte den Hals, und der Atem pfiff hindurch wie das Gekreisch +einer Ratte, die im Eisen sitzt. Er mahlte mit den Zähnen irgendein Wort, +aber eine fröstelnde Scheu fraß es ungeboren wieder weg. + +»Ja, ja, Jungchen, dein Vater ist ein Stern.« + +Fredrik gab sich einen Ruck und sagte weinerlich: »Wenn du mir den Stern +zeigst, werde ich auch nie mehr fortlaufen.« + +Am Abend, als sie daheim am offenen Kammerfenster standen, zeigte Antje dem +Buben einen runden Stern, der flimmernd über dem Kirchturm stand. + +»Das ist dein Vater, Jungchen, sieh nur!« + +Fredrik reckte die Hand und versuchte den Stern zu pflücken wie eine Blume. +Und er träumte die ganze Nacht von dem schönen, blanken Stern. + +Und jeden Abend, wenn ihn die Mutter entkleidet hatte, sprang er ans +Fenster und griff mit dem hageren Ärmchen den Stern. Er verschloß ihn mit +der kleinen Faust und trug ihn in den Traum hinüber. Dort schien er die +ganze Nacht so hell, so hell. + +Da machten die Kinder mit dem Lehrer einen Spaziergang. Fredrik ging +anfangs ganz still zur Seite des Magisters und suchte den Boden ab. Bis ihn +zwei größere Buben beim Arm nahmen und mit fortrissen. + +Er kam bald in Feuer und war der schnellste Junge. Er sprang wie ein +abgekoppeltes Fohlen querfeldein: Greift mich! Greift mich! + +Doch als die Buben einen Graben übersprangen, gab die Erde plötzlich nach +und klaffte breit auf. + +Unten war die Hauptsohle des Schachtes. + +Der Lehrer drehte sich ein paar mal im Kreise. Irr. Dann war er mit einem +Satz zur Stelle und sah ganz unten den Jungen auf einem Gesteinsblock +liegen. + +Die Rettungsmannschaft von der Grube kam und holte den zerschundenen Körper +herauf. Das Haar war mit Blut verklebt, und die Beine hingen schlaff +herunter wie an Zwirnfäden. + +»Diesmal wird es sein Tod sein,« sagte der alte Doktor. + +Und die Spitalweiber grinsten und hoben die dürren Finger: »Ja, sein Tod +wird es sein.« + +Und: »Siehste Antje, der Israel hat ihn doch geholt. Haha, haha, haha.« + +Vier Monate lang lag das Jungchen in Gips, und die Mutter legte derweilen +ihr Haar in den Rauhfrost hinaus. + +Sie hatte auch ihrem Verstorbenen endlich ein Denkmal gesetzt und ging +immer in der Früh, wenn das Jungchen schlief, auf den Kirchhof hinaus. Die +Weiber versuchten ein Gespräch mit ihr anzubändeln, aber ihre Augen waren +weit und weiß wie zwei gleißende Schlünde. Nur ihre Hände konnte, sie noch +ballen, immer, wenn sie an der Unfallstelle vorüberging, die jetzt in einem +großen Umkreis abgezäunt war. Und die Männer von der Direktion waren da und +fremde Herren, die maßen, klopften und bohrten. + +Und dann hörte sie, daß das Dorf niedergerissen werden sollte, der +Unsicherheit des Gesteins wegen. + +Sie sah das alles kommen wie eine Märzahnung. Denn die Wege hier dünkten +ihr jetzt öde und verworfen. Und Fredrik lag im Bett und fieberte. + +Diese verfluchten Spitalweiber mit dem Blutgeruch . . . O, daß die Erde +sich noch einmal auftäte, diese Henker zu verschlingen! + +Als Fredrik wieder den Oberkörper heben konnte aus den rotgewürfelten +Kissen, holte die Mutter allerlei Spielwerk zusammen, damit der Junge +wieder lachen könnte. Und aus einem alten Legendenbuch las sie ihm vor von +den frommen Einsiedlern und dem großen Propheten in der Löwengrube. + +Und da Fredrik einmal mit beiden Händen nach dem Büchlein griff, um die +Bilder anzuschaun, fiel eine verblichene Photographie aus dem Buch. + +Fredrik faßte danach und betrachtete lange das fremde Gesicht. + +»Mutter, was ist das für ein böser Mann? Sieh, er hat genau solch einen +schwarzen Kittel an wie die Männer, die immer hinter den Särgen gehn!« + +Antje rieb sich ein paar Mal die Augen und ihre Lippen sprangen scharf von +den Zähnen. Die leeren Augen des Jungen irrten um sie wie feuchtrauchende +Phosphorkugeln. Dann sagte sie ganz ernst: »Das ist dein Vater, Jungchen, +dein Vater, ehe er ein Stern ward.« + +Und sie stand vor dem zerwalkten Bett und wartete auf ihn mitten in dem +gelben Zwielicht, das so peinvoll war. + +Fredrik hob den Kopf etwas. Die Augen quollen auf, und entgeisterte Blicke +schossen heraus wie ein böser Schreck. Und die Lippen raschelten Worte, die +sie nicht verstand. + +Dann zerschlug den armen Körper ein tonloses Wimmern. Stoßweises Meckern +und Sägen und Kratzen. + +Und er wehrte sich nicht, daß sie sich über ihn beugte in sanfter +Sinnlichkeit, wie einst über den Israel, als er noch nicht wild gewesen war +in ihres Leibes Rosenbeet. + +Sie küßte den Buben, trocknete ihm das Gesicht, strich ihm das Haar glatt +und die tiefen Kummerfalten. Sorgsam, mädchenhaft und ganz sinnlich. +Immerzu und stetiger, heftiger. + +Antje wagte auch nicht, dem Jungen das Bild wieder abzufordern. Etwas +Feindliches lag schattenhaft auf seinem Gesicht. Er fragte nie mehr nach +dem schönen blanken Stern. Aber sie wollte nichts wissen. Nichts wissen, +nichts wissen. + +Da Fredrik wieder aufstand, vergrub er das Bildchen schnell in der +Lehmgrube unter dem Ofen. Denn er hatte Angst, daß ihm die Mutter das +schöne Ding wieder abnehmen könnte. + +Fredrik hatte jetzt eine verkrüppelte Schulter und mußte sich auf einen +Stock stützen. + +Aber der Steiger Verweno, der ein Bruder der Antje war, meinte: »Och, och, +ich werde den Bengel schon mitnehmen. Er kann in meinem Revier Pferdejunge +werden. Da verdient er seine vier Gulden die Woche.« + +Antje fuhr wild auf und verbat sich solche Reden. + +»Jungchen soll nie und nimmer zur Grube. Er wird überhaupt nicht arbeiten +gehn!« + +Das sagte sie auch dem Pfarrer, als Fredrik zur Kommunion ging. + +Die Spitalweiber, die auch in der Kirche waren, sahen den Jungen fremd wie +einen Toten an und bekreuzten sich. + +Im Spätsommer kam der große Auszug. Der Staat hatte das Dorf geschlossen. +Am jenseitigen Ufer war unterdessen eine neue Kolonie errichtet. Da war die +Erde noch nicht angebohrt. Und die Bäume standen grün und saftig in den +Blättern. + +Das alte Dorf sollte niedergesprengt werden. Von der Genietruppe hatte man +zwanzig Mann gesandt, die legten überall Sprengschüsse, um die elenden +Hütten dem Boden gleichzumachen. Und auf den abgesperrten Gassen standen +Posten mit geladenem Gewehr, damit niemand mehr in das Dorf zurückkehre. + +Antje hatte ein schönes, weißgekalktes Häuschen bekommen. Fredrik half +wacker beim Einräumen der Sachen. Plötzlich vermißte Antje zwei +Speckseiten. Da fiel ihr ein, daß sie die im Schornstein hatte hängen +lassen. + +Und Fredrik hatte sein Bildchen unter dem Ofen vergessen. Er gab sich das +aber nicht bloß. Antje jammerte um den schönen Speck. + +»Mutter,« sagte Fredrik ganz heftig, »heut abend, wenn die Soldaten in der +Schenke sind, holen wir den Speck!« + +Antje wollte nichts davon wissen, wie sehr auch der Verlust des Speckes +schmerzte. + +»Die Erde kann sich auftun und dann haben wir wieder das Unglück. Nein, +nein! Laß man den Speck.« Das sagte sie Fredrik. + +Aber Fredrik, der das Bild nicht missen wollte, quälte die Mutter immerzu. + +Sie fröstelte und fluchte, die Hände schlaff im Schoß. Sie dachte das +wieder aus, das Furchtbare, das dem jähen Unglück vorausging. Josef, Maria! +Das Unglück! Nein, nein! + +Doch Fredrik ließ nicht nach, bis die harten Linien des Zornes in ihrem +Gesicht verschmolzen. + +Und als es Abend wurde, nahm Antje den Jungen und sie gingen miteinander +hinaus. + +Sie holperten schweigend den Weg hinunter, weiter und nach dem Fluß hin. +Die Brücke schwankte und stöhnte laut wie eine Vergewaltigte. Und der +Stern, den Antje suchte, kam nicht. Schauer rieselten dahin. + +Durch den dicken, trägen Dunst schaukelte das Dorf heran. Ein armseliges +Ausgestoßenes hinter den Schachttürmen und Erzmühlen. Der Schein der +Hochöfen lag darüber wie aufgelöstes Blondhaar von Millionen Frauen. + +Da flammte das hohe weiße Kreuz, das sie dem Israel hatte setzen lassen, +auf und überschwemmte alle Gräber. + +Sie riß den Jungen zurück, wollte ihn hinbetten an die offene Brust, daraus +sieben Schwerter starrten. Sie riß den Jungen zurück. Etwas schnürte ihr +die Kehle zu. Ein Blutschrei, der hinaus wollte. + +Und sie fühlte des Knaben Abwehr wie eine gemeine Schändung und konnte doch +nicht die magern, abwehrenden Hände halten. + +Als Fredrik seine Arme locker fühlte, wandte er sich jäh ab und hopste wie +ein Heupferdchen davon. + +Da war Antje wach gerufen und sah nur den stachligen Zaun vor sich. + +Fredrik zwängte sich hindurch, schlenkerte das lahme Bein hinunter und +stand steif in dem Abgezäunten. + +Antje sah noch sein starres, verstörtes Gesicht aus dem roten Nebel wie +einen Totenschädel. + +Sie konnte nicht weiter und beschloß zu warten. + +Rief da nicht jemand: »Fredrik? -- -- Fredrik . . .?« + +Eine Eule huschte laut vorüber. + +Fredrik ging nicht zuerst in die Räucherkammer, um nach dem Speck zu +fingern. Er tastete sich durch den Flur in das Hinterstübchen und stolperte +über einen schweren Balken, den die fremden Soldaten wohl dort hingeworfen +hatten. + +Fredrik erhob sich ächzend. + +Blut rann über sein Gesicht, und der Totenvogel schrie stärker. Mit beiden +Händen grub er wie ein Maulwurf den Lehm vor dem Ofen auf. Das Bildchen kam +noch immer nicht. + +Plötzlich fühlte er einen harten runden Gegenstand, der an einer Schnur +hing. Dieses fremde Ding machte ihn neugierig zittern. Er mußte das +Feuerzeug schlagen. Das Feuerzeug an der Sprengpatrone. + +Schwer rollte der Donner über das tote Dorf und die Erde spaltete +klafterweit. + +Knirschen und Krachen von Gebälk übertönte das Brausen der Hochöfen. Und +Wände und Estrich und Dach knarrten, polterten, wälzten sich in den Abgrund +hinein. Rauch und Staub jagten wie ein Wetter davon, und die Nacht +flatterte auf mit blutigen Tüchern. + +Die aber, die auf dem Stein an der Umzäunung saß, sah alles mit +aufgerissenen Augen und schlug hintenüber, als die Explosion über die Erde +fuhr und das Dunkel zerfetzte. + +Und unten aus dem grausen Spalt lachte und wieherte gellwahnsinnig der Tanz +zweier Stimmen, die sich verschwisterten. Lachten, posaunten, rollten +weiter und immer ferner scholl das Gelach: Huhu -- huhu -- huhu -- huhu -- +hu -- huhu. + +Huhu -- huhu sprang Antje aus der Betäubung auf und rannte querfeldein. +Blutrote Fragen vorauf. Sie breitete die Arme aus. Die Schatten +überschlugen sich, verwirrten sich in der gräßlichen Lache, oh das Unglück! +oh das Unglück! + +Das war wie eine Beschwörung. Wie eine Erlösung. + +Und es war kein hohles Echo, das tausendstimmig zurückdonnerte aus der +zerklüfteten Nacht. In dichten Scharen kam es von der Grube und von der +neuen Siedlung. + +Und sie wußten alle, daß einer fort mußte von der Welt. Einer, dessen Tag +nun gekommen war, wie sie es vorausgesagt hatten mit lästerlichen, kalten, +trostlosen Worten. + +Sie suchten triumphierend Antje. Ihre Blicke glühten wie in der Extase des +Rausches. Es war ein Blutrausch. Der Rausch nach dem Opfer. + +Antje aber fand sich wieder in einem anderen fernen Grubendorf. Dort +verdingte sie sich auf der Erzmühle. Suchte dort den Tod und suchte ihn +vergebens. + + + + +Das Pferdejuppchen + + +(1910) + + + + +I + + +Am Palmsonntag war Juppchens Konfirmation. Der Vater hatte versprochen +mitzugehen. Dann aber kam plötzlich das mit dem Wetterbruch dazwischen, und +er mußte die ganze Samstagnacht auf der zweiten Sohle durcharbeiten. Erst +gegen sechs Uhr war er von der Grube gekommen. Mistnaß und hundemüde. Und +um neun begann schon die Kirche. Als ihn seine Frau leise weckte, richtete +er sich halb auf, stieß einen kräftigen Fluch aus und wälzte sich auf die +andere Seite. + +Da gingen Juppchen, Mutter und Großmutter allein. Es waren an die zwanzig +Knaben, die eingesegnet wurden. Und sie trugen alle schon die Runen der +Adamsqual auf der Stirn. + +Der alte Pastor hatte danach seinen Text gewählt und schob mit viel +Umständlichkeit den sechsten Vers des elften Kapitels aus dem Prediger +Salomo seiner Rede voraus. Er hatte die Genugtuung, daß nur wenige Augen +trocken blieben. + +Die Orgel spielte einen Choral dazu, der dumpf wie das Donnern der großen +Fördermaschine klang. + +Juppchens Lippen murmelten mechanisch das Schlußgebet, und dann stand er +mit der Mutter wieder draußen auf dem öden, sandigen Kiesplatz. + +Langsam kam die Großmutter angehumpelt. Sie küßte Juppchen auf beide +Backen, daß es schallte. Und darüber hin gingen drei fröhliche +Kirchenglocken. + +Juppchen fuhr sich mit dem Handrücken durch das Gesicht und sprang auf den +Weg. + +Als sie den Vorgarten des Häuschens betraten, kam der Vater in Hemdsärmeln +aus dem Kaninchenstall, die abgezogenen Felle von zwei weißen Tieren in der +Hand. + +Juppchen erschrak, als er des Vaters blutbefleckte Hände sah. An dem +Küchenfensterkreuz hingen die dicken Bälge mit den bloßen Billen. Die +runden Köpfe waren eine unkenntliche Masse mit herausquellenden Augen. + +»O meine Hänschen«, seufzte Juppchen und eine Träne kollerte über sein +Gesicht. + +Es waren seine eigenen Tiere. Er mußte für das Futter sorgen und den Stall +reinmachen. Er lebte mit den Tieren, er wußte, wann die Jungen geboren +waren und wieviel von den Dingern jedesmal im Nest lagen. Er nahm sie, so +oft er in den Stall kam, in die Hand, strich langsam und zärtlich über das +samtene Fell und küßte die offenen runden Schnäuzchen. Nun waren die zwei +schönsten Tiere tot. + +»Mausetot«, sagte der Vater, wie wenn er die Gedanken Juppchens erraten +hatte. + +Sie gingen zusammen in die Stube. + +Mutter zog das schwarze Kleid aus und band sich eine große blaue Schürze +vor, um das Mittagessen zu bereiten. Während sie in der Küche hantierte, +setzte sich Juppchen ans Fenster und erzählte dem Vater von der Predigt. + +»Schon recht! Schon recht!« brummte der und schob den Pfeifenstummel von +einem Mundwinkel zum andern. + +Inzwischen hatte Mutter das Mittagessen bereitet: eine Schüssel +Salzkartoffeln und Buttersauce und in einem tiefen runden Napf das weiße +Kaninchenfleisch. + +Juppchen aß nur von den Kartoffeln und ließ das Fleisch stehen. + +Mutter schalt. Aber Vater sagte: »Laß nur, Alte. Morgen schmeckts dem +Bengel schon besser.« + +Juppchen stand vom Tisch auf. Zum ersten Mal hatte er vergessen, das +Dankgebet zu sprechen und den Alten die Hände zu küssen. + +Es erinnerte ihn auch niemand daran. + +Er setzte sich in die Laube und weinte still und stetig. + +Am Nachmittag gingen sie aufs Feld und pflanzten Bohnen. Die Sonne stach +heiß wie im August. Die Erde staubte weiß auf. Und die Bäume der Allee +tanzten hin und her in der ersten Knospenfreude. + +Vom Dorfplatz, wo ein paar Karusselle, Luftschaukeln und allerlei Krambuden +standen, kam wüstes Geräusch: Drehorgelgekreisch und Blechmusik. + +Juppchen horchte auf und flüsterte der Mutter etwas ins Ohr. + +»Was will er?« schnauzte der Vater. + +»Juppchen möchte auf die Kirmes gehn!« + +»Da wird nix draus. Morgen um fünf müssen wir aufstehn. Die Bummelei muß +jetzt aufhören.« + +Juppchen duckte sich wie unter einem Schlag. Er wollte ein Wort +hinausstoßen. Aber die Zunge hielt es fest und verstopfte seinen Mund wie +mit einem trocknen Lappen. + +Gern hätte er auf den schönen braunen Holzpferden geritten. + +Pferde liebte er noch mehr wie die Kaninchen. Jeden Nachmittag nach der +Schulstunde war er dem Pferdeknecht des Direktors begegnet, der ein +schwarzes blankgeputztes Tier durch das Dorf spazieren ritt. + +Juppchen war immer eine Weile stehen geblieben und hatte mit +feuchtglänzenden Augen dem Reiter nachgeschaut. + +Einmal, als der Knecht vor dem Wirtshaus abgesessen war, mußte Juppchen das +Pferd so lange halten, bis der bestaubte Reiter seinen Durst gelöscht +hatte. + +Juppchen bekam dafür ein paar Pfennige. Er sagte danach zur Mutter, daß er +auch gern ein Kutscher werden möchte. + +Aber die Mutter meinte, daß der Vater nie so etwas zulassen würde. Denn er +sollte ein Bergmann werden, wie Vater und Großvater und all die anderen aus +der Familie. + +Juppchen hatte versucht, vielerlei Einwände aus seinem kleinen Gehirn zu +kramen. Er hatte wirklich deren gefunden und die Mutter damit überschüttet, +Tag für Tag. Bis sie des Geredes überdrüssig geworden war und ihn strafen +mußte. Da hatte Juppchen einen kleinen verwunderlichen Schmerz empfunden +und fortan der Mutter gegenüber von den Plänen geschwiegen. + +An den stillen Vormittagen aber, wenn die Mutter im Gärtchen hantieren +mußte, war er zur Großmutter auf die Stube gegangen und hatte vor ihren +erstaunten Augen alle Wünsche vollzählig aufgebaut. Und die verhutzelte +Greisin war immer milder Tröstungen voll, bis der Raum sich in Rührung +gehoben hatte. + +Sobald ein Karussell dann im Dorf war, steckte Großmutter dem Jungchen eine +kleine Münze zu, sich nach Herzenslust auf den Holzpferdchen auszureiten. + +Am Morgen vor der Konfirmation hatte sie ihm gar zwei Groschen geschenkt, +auf den Kirmesrummel zu gehn. + +»Wer weiß was morgen ist,« hatte sie gesagt und war mit der Hand über die +Augen gefahren. + +Nun hatte ihm der Vater das alles zunichte gemacht. Und sein Herz war doch +so voll davon gewesen. Während der Predigt und beim Mittagsmahl und noch +lange nachher. + +Juppchen sah nach dem Vater hinüber mit zerfurchten Mienen, böse glimmenden +Augen und dumpfen Blutes im Kopf. + +Als die Dämmerung schattenhaft über das Feld kroch, gingen sie zusammen +nach Hause. Vor der Straßenbiegung drehte sich Juppchen noch einmal um und +sog die verworrenen Geräusche vom Kirmesplatz wie einen schönen Geruch ein. + +Gleich nach dem Abendessen fing man an sich auszuziehen. Hosen und Röcke +flogen über die Stuhllehnen. Mutter holte den neuen blauen Leinenanzug für +Juppchen aus der Kommode und legte ihn auf den Schemel vor das Bett. + +»Und nun fix in die Falle und morgen frisch aufgewacht!« polterte der +Vater. + +Bald wurde es totenstill im Hause. Aus der Kammer und vom Boden herab, wo +die Großmutter schlief, scholl schweres Schnarchen. + +Draußen im Garten blieb graugrünes Dämmerlicht, bis der Mond vorüber war. + +Juppchen wachte die halbe Nacht. Zauberte sich Pferdchen in allen Farben +vor und wählte sich aus der Schar einen kleinen schlanken Silberschimmel +aus. Darauf ritt er hurtig über Berg und Tal einer fremden Ferne zu, und +fühlte sich wachsen und sah sich wie einen glänzenden Ritter aus dem +Märchenbuch. Und als die Uhr schlug, drei harte abgezählte Schläge, fühlte +Juppchen dieses wie einen Befehl über sich: zurückzukehren und auszuharren +in der Bestimmung des Vaters. + +So wollte er nun ohne Gedanken wachliegen und warten, bis die Mutter +aufstand und das Feuer in der Küche schürte. + +Aber seine Augenlider wurden so schwer und auf der weißen Wand des Zimmers +fingerte ein blutroter Schatten. Hastig zog Juppchen die Decke über den +Kopf. + +Mutters schwere Holzpantoffeln, die über die Diele stampften und nach +draußen gingen und wieder zurückkamen, rissen ihn wie ein heftiger Schreck +empor. Er fuhr hastig in die Leinenhosen und ging breitbeinig an die +Wasserleitung. Mit viel Umständlichkeit wusch er sich Brust, Nacken und +Hals, so wie er es beim Vater gesehen hatte. Danach setzte er sich wartend +an den Tisch. + +Da kam auch schon der Vater aus der Kammer. Schaute schlaftrunken drein und +blieb gähnend vor dem Herd stehen. + +Die Mutter stellte den Kaffee auf den Tisch und schnitt das Brot zurecht, +das Vater und Juppchen mitnehmen sollten auf die Grube. + +Juppchen trank hastig den Kaffee und vervollständigte seinen Anzug. Ein +Schauer der Erwartung fröstelte über sein schmales Gesicht und färbte die +Lippen blau. + +Der Vater nahm ihn beim Arm und zog ihn hinaus in den kühlen Morgen. + + + + +II + + +Über den toten Lehmweg zog schon ein langer schwarzer Zug von Fronleuten +der Grube zu. Man ging wie über einen Feuerwerkplatz. Die kleinen Häuser an +der Straße warfen große, braunblaue Vierecke auf den geölten Weg. Das +Geräusch der Seiltürme flog gewitternd über die krausen Netze des Rauches. +Rußschwärme jagten wirbelnd durcheinander. Töne von menschlichen Stimmen: +Ein Zusammengeworfenes, dumpfes, melodisches Summen wie von Insekten, +zerrissen in der Orgie der materiellen Brandung. Klangen nur in Pausen nach +wie gedunsene Halle eines Echos, waren Endungen eines Spieles, das Seele +verlor. + +Im Schein der wattigen Lampenhelle, die kaum die Giebel berührte, wanderten +alle Menschen krumm, wie vergreist. Sie schienen nichts mehr wissen zu +wollen und träumten ihre Wege hinab. Erde zitterte ihren Hälsen zu und +mühte sich, die eckigen, durchgearbeiteten Schädel zu halten. In den Köpfen +waren allein nur Kerne noch wach. Alles, was diese Kerne umhüllte, war ein +trunkener Mechanismus. Eine Welle regelte ihn. Ein Magnetismus, der von +einer außerordentlich organisierten Zentrale herkam: zu regieren und zu +profanieren. + +Und eins dieser Tore gähnte gefräßig und sog die Menschen, die waren, +mühelos hinein. + +Lange Arme ruderten. Gesichter sprangen weiß vor. Knochige Hände griffen +Zahlen an. Gewirr von Lampen flog auf. Signalglocken überschrien den +Steiger, der vielerlei Namen gleichgültig aufrief. Und die Namen bejahten +halbgemurmelt die Aufrufe. + +Dann und wann schnellte eine Hand empor: wie, wenn Kinder Schulweisheiten +auskramen. Eine Hand, die kühle Gefühle spürte. Wäre ein Wille darüber +gelegen, hätte sie zugestoßen. Spitz und blank. Und wäre warm geworden in +Röte. + +Die Menschen aber wanderten in die Kaue. Das war ein kalkweißer Saal zur +ebenen Erde. Lange Steintröge mit fließendem Wasser flankierten die Wände. +Von der Decke baumelte in gedrehten Wirbeln das verschwärzte Blau der +Arbeitsanzüge. + +Man zog sich um. Die Luft stank von Schweiß und verschwitzter +Unterkleidung. Dann standen Akte: blank wie Bronzen von Meunier. + +Tatzenbreite Klauen klatschten zum Spaß auf muskulöse Schultern. +Krampfadern standen geschwollen auf Fleischklumpen der Oberarme und +Unterschenkel. Geschlechtliches lag dumpfverkrochen in den Höhlen. Nur das +gewohnte Werfen mit Zoten, das gering und automatenhaft war, täuschte +Springlebendigkeit vor. + +Die Glocke ratterte wieder. Und ein Blöken schwoll wie Gedränge von Schafen +im engen Stall. Hitzige Geräusche aus den Kehlen hatten aber kein Medium zu +durchdringen. + +Juppchen stand mit hochroten Wangen und klopfenden Herzens da. Etwas in +ihm, das lange geschwiegen hatte, jubelte auf. + +Der Vater aber sagte plötzlich ganz barsch: »Marsch, hallo!« + +Und übergab den Jungen dem Schreiber und entfernte sich mit einem +gleichgültigen »Glück auf!« + +Mit fünf anderen Burschen, die schon länger auf der Grube waren, wurde +Juppchen in den Förderkorb geschoben. Dann ging es hinunter. Dreihundert +Meter tief. + +Juppchen fühlte, wie sich alles in seinem Leib im Kreisel drehte und nach +oben stieg. Sein Mund wässerte sauer, und seine Nase begann zu bluten. + +Da hielt der Korb mit einem heftigen Stoß. Die Burschen zerrten Juppchen +heraus und stießen ihn durch den Querschacht zur Pferdehalle. + +Warmer Stallgeruch kam aus dem niedrigen Saal. An fünfzig Pferde standen da +in Reih und Glied vor den langen Zementkrippen. Von der schwarzen, +glimmernden Decke baumelten lange Lichterreihen und der weiße +Strahlengischt schäumte in die entlegensten Ecken. + +Ein Halbinvalide führte die Aufsicht über den Stall. Juppchen reichte ihm +den Schein, den er vom Schreiber erhalten hatte, und bekam darauf seinen +Platz zugewiesen. Ein älterer Bursche mußte ihn mit der Handhabung von +Striegel und Bürste bekanntmachen und das Füttern zeigen. + +Juppchen paßte mit hellen Augen auf und begriff sehr schnell. Er fühlte +sich jetzt dem Willen des Vaters überlegen und triumphierte innerlich. + +Als er nach Beendigung der Schicht wieder auffuhr, stand der Vater schon +fertig in der Kaue. Er machte ein böses Gesicht und fragte auch Juppchen +nicht, wie es ihm unten ergangen war. Wortlos machten sie sich auf den +Heimweg. + +In der harten schneidenden Luft des Spätnachmittags fühlte Juppchen eine +schwere Müdigkeit in den Gliedern. Seine Knie drohten einzuknicken. Er +hielt sich aber tapfer bis zur Behausung. + +»Da, hier hast du dein Pferdejuppchen, Mutter. Zu schwach ist er, um ins +Gedinge zu fahren. Einen ganzen Taler Löhnung weniger bekommt er. Kaum +genug, die Kost zu bezahlen!« + +Die Mutter erwiderte nichts auf die ungewöhnlich harten Worte des Vaters, +der sich mißmutig auf den Stuhl warf. Sie strich Juppchen über das feuchte +Braunhaar und über die schmalen, sommersprossigen Backen. + +Juppchen wollte der Mutter die Freude, daß er ganz unerwartet zu den +Pferden gekommen war, jubelnd mitteilen. Aber vor dem Vater wagte er es +nicht auszusprechen. Durch seinen Kopf rauschten die frischen Eindrücke +wirr durcheinander. Er schwankte zwischen Wollen und Nichtwollen eine lange +Weile. Dann legte sich das Fieber. + +Nach und nach verschwand auch die Müdigkeit in den Gliedern, wenn er von +der Grube kam. Ganz heimisch war er dort unten schon geworden und stand mit +den sechs Pferden, die er zu besorgen hatte, auf Du und Du. Den einäugigen +Schimmel hatte er besonders lieb. Diese Liebe ging mit der Zeit so weit, +daß er die Haferration der anderen Pferde beschnitt und das Ergatterte dem +Schimmel zuführte. + +Das merkte das so bevorzugte Pferd sehr bald, und es entspann sich eine +innige Freundschaft zwischen den Beiden. Jeden Abend, wenn Juppchen den +Stall verließ, drehte sich der Schimmel um, wippte mit dem Kopf und stieß +ein helles Gewieher aus. Und sobald am nächsten Morgen der Förderkorb in +die Sicherung schlug, vernahm Juppchen schon aus dem betäubenden Geräusch +den leise gewieherten Frühgruß. + +Immer, wenn er das Tier für die Wagenfahrt zurecht machte, erzählte er ihm +alle Pläne, die er mit ihm noch vorhatte. Er würde sich Geld sparen. Jede +Löhnung eine Mark. Und wenn dann ein schönes Sümmchen zusammen war, würde +er den Schimmel dem Direktor abkaufen und mit ihm die Grube verlassen auf +Nimmerwiedersehen. Oben konnte man vielleicht billig einen Wagen erstehen +und für die Bahn Fuhrdienste tun. In der Sonne müßte es dem Schimmel doch +viel besser gefallen. Da gab es frischen Klee und langes, weiches Gras. Und +ein blankes Ledergeschirr mit Schellen am Joch sollte der Schimmel haben. +Eine weiße, gebogene Peitsche mit einem goldenen Griff würde er auch +kaufen. Aber nicht um den Schimmel zu schlagen. O nein, das tun nur die +rohen Sandkärrer, die ihre Tiere im Regen stehen lassen, derweil sie im +Wirtshaus sitzen und stundenlang Karten spielen. + +Manchmal flocht Juppchen seinem Schimmel ein buntes Wollband, das er der +Mutter abgeluxt hatte, in die Mähne. Und den Fahrer bat er, nicht so rauh +mit dem Tiere umzugehen. + +Doch der verlachte ihn und riß das bunte Band immer wieder aus der Mähne +heraus. + +Eines Tages sagte Juppchen zum Schimmel: »Weißt Du, zwanzig Mark habe ich +schon zusammen. Das wird bald langen zum Kauf. Dem Vater will ich es nicht +eher sagen, bis es soweit ist. Dann räume ich den Kaninchenstall aus und +bau Dir eine Krippe hin. Daraus sollst Du ganz allein fressen. Das wird +viel schöner sein als mit den vielen zusammen. Und an den Wagen spanne ich +Dich auch allein. Kein anderer soll Dich führen.« + +Der Schimmel senkte den Kopf und schnupperte mit den weiten Nüstern über +Juppchens Gesicht. + +Während dieses Auftritts war der Inspektor mit dem Stallwärter in den +Verschlag getreten und machte sich an dem Schimmel zu schaffen. Juppchen +hätte aufweinen mögen, so rauh fuhr der Mann dem Tier über Rücken und +Gelenke. + +Nach einer Weile des Prüfens sagte der Inspektor: »Na, den alten Bock +können wir ebenfalls ausrangieren. Zusammen mit dem lahmen Fuchs aus der +vordersten Coje. Die Tiere brauchen nicht mehr eingespannt zu werden. Um +zehn kommt der neue Transport.« + +Der Wärter nickte und begleitete den Inspektor hinaus. + +Juppchen, der den Sinn der Worte nur halb verstanden hatte, stand mit +offenem Munde da und sah bald den Schimmel an, bald die anderen Pferde. + +»So«, sagte der Wärter, der wieder zurückgekommen war, »nun werden wir den +Klepper endlich los, Juppchen. Dafür bekommen wir ein ganz junges Tier! +Fein, was?« + +Juppchen kroch tief in sich hinein. Seine Knie zitterten. Die Augen rollten +vor wie auf Stahlnadeln gespießt. Ein Weinen stieg von unten herauf und +würgte ihm in der Kehle. Und dann war es, als ob er sich mit ausgereckten +Armen an einen festen Gegenstand lehnen müßte. Die Schläfen klopften wie +Hämmer. Die Lippen brachen auf. Ein heller Schrei zerfetzte die Luft. + +»Ich laß ihn nicht fort! Ich will ihn kaufen! Ich habe Geld! Wieviel willst +Du haben? Morgen bringe ich es Dir! Ein ganzes Beutelchen voll Geld habe +ich! Ich laß den Schimmel wirklich nicht fort!« + +»Ach, was bist Du für ein kindischer Bengel! So ein Junge! Hat man so etwas +schon erlebt?« + +Juppchen weinte lautlos und ganz gebrochen. + +Da riß ihn der Wärter an der Schulter empor: »Marsch, die Kette los. Und +daß Du mir den Halfter ordentlich aufsetzt. Gleich kommt der Korb herab.« + +Juppchen schritt an den Schimmel, strich ihm zärtlich das Fell und machte +langsam die Kette los. + +Der Schimmel beugte den Kopf herab. Mit dem offenen weitsichtigen Auge +starrte er den Knaben an, als wüßte er, daß es ein Abschiednehmen für immer +war. + +Juppchen fühlte, wie ein blutiger Tau sein heißes Herz überströmte. Er fuhr +sich über die Stirn und ließ die Hände schlaff herabfallen. + +Plötzlich sprang er an den Verschlag, holte sein ganzes Brot und gab es +Stück für Stück dem Tier. + +Noch ehe der Schimmel den letzten Happen verschluckt hatte, rief der +Wärter. + +Juppchen warf dem Pferde den Halfter um und zerrte es hinaus. Er schritt +wie zu einem Begräbnis. + +Der Wärter riß ihm die Zügel aus der Hand, versetzte dem Schimmel einen +Stoß in die Weichen und trieb ihn in den Förderkorb. Der Fuchs war schon +festgebunden an der Gitterstange und stand ruhig mit herabgesenktem Kopf. +Juppchens Schimmel kam vorn zu stehen. Der Seilschläger riß an, und +pfeifend fuhr der Korb in die Höhe. + +Juppchen stand gerade unter der Schachtluke. Er schnalzte mit der Zunge, +und gleich darauf vernahm er in dem schwelenden Düster ein unterdrücktes +Gewieher. Und ganz deutlich sah er noch, daß der Schimmel den Kopf aus dem +Gitter herabbeugte. + +Juppchen wollte die Hand heben und winken -- -- in demselben Augenblick +fiel etwas unendlich Schweres herab und traf ihn mitten in das erhobene +Gesicht, wie ein nasser Sack klatschte er breit hin und erhob sich nicht +wieder. + +Ein kantiger Türrahmen bei dem ersten Füllschacht hatte den vorgelegten +Kopf des Tieres während der rasenden Fahrt glatt vom Halse getrennt. + +Der Grubenarzt, der Juppchen den Totenschein ausschrieb, setzte trocken +hinzu: er wurde von einem in den Schacht herabfallenden Pferdekopf +erschlagen. + + + + +Die Gruft von Valero + + +(1911) + + + + +I + + +Unter den Zwanzig, die den Förderkorb betraten, als er schon murrend in den +Gelenken knackte, waren zwei bemerkenswert. Piet, der Vollhauer und Jonsen, +sein Gehilfe. Sie waren Wühler auf derselben Sohle. Piet begrüßte den +Jonsen zuerst. Ein kurzes heftiges Anziehen durch die Nase ging seinem Gruß +vorauf. Und der Fall seiner Worte gluckste wie das Gerinsel einer +Regentraufe. + +»Wir werden heute den neuen Flöz anpacken. Du weißt ja, den am +Wetterschacht. Saure Arbeit wird's geben!« + +Dabei stieß er seine Fäuste klumpig empor wie fluchend. Und sein Gesicht +schrumpfte aus dem Ungewissen des Lichtes tierisch ins Besessene. + +Jonsen nickte. Nickte nur und sagte rein nichts. Vielleicht war es ein +Vorgefühl tiefsten Schreckes. Zudem krankte er an der Formulierung eines +Prinzipes zu höherem Lebenszweck. Man sagte unten im Dorf, daß er nur +Studien halber sich ins Joch gespannt hatte. + +Polternd schüttete der Korb die Hauer auf den Gang. Sie rannen auseinander +wie gewordene Brut aus Schalen. Immer in Trupps zu zwein und drein. + +Piet und Jonsen hatten von dem Steinriff, wo die Knappen in gesonderten +Höhlen Hacken und Schaufeln rührten, noch eine viertelstündige Wanderung zu +machen. Das gewohnte dumpfe Surren der Kippwagen, das Kreischen der +Sauerstoffgebläse und alle Geräusche von Schlägel und Bohreisen hinderten +nicht, daß den Wallern die Minuten durch den stockdunklen Gang lautlos +erschienen, wie von einer bis zur letzten Endung gespannten Feder gehalten. + +Jonsen hob die Lampe. Ein winziger blauer Kranz umschwirrte zitternd den +roten Lichtkegel. + +Piet schnüffelte lange und verdrehte die Augen wie unter der Nähe von etwas +bitter Süßem. + +»Hier stimmt es nicht mit der Luft. Die Berieselung klappt ja. Aber die +Enge -- -- die Enge. Spürst du das denn nicht?« + +Jonsen verneinte. Aber mit offenen Augen horchte er herum. Endlich, leise +. . . aus Tiefen -- rauschten Dinge. Aber er war nicht aufgeklärt, sie zu +deuten. Sein Instinkt war hier einfach abgeschraubt. + +Da ging Piet voran. Der gekrümmte Rücken, dessen Muskulatur bei jedem +Schritt aufschwoll, sowie die eckigen Knullen der Oberarme scharrten an der +Verzimmerung. Feuchtigkeit triefte dünn von den Bohlen herab. Der schwarze +Schlamm lag zäh wie ein pilziger Brotteig auf dem Boden und sog das +Schuhzeug an: schöner Teppich für Besoffene. Ins Gesicht Getropftes +schmeckte sauer und ließ den Speichel auf der Zunge gerinnen. Es ließ sich +auch nicht vernichten. Klebte sich an die Kleider und wurde gewohnt. + +Piet und Jonsen standen am Ende der Sohle. Der Fels, das reine, +schwarzglänzende Fleisch der Erde, hob sich aus dem überschwemmten Bett der +Seugen. + +An einen Pfosten, dem lange Schmarotzer der Fäule wie Strähnen eines +verwilderten Bartes herabhingen, klemmten sie die Lampen. Piet tat noch den +grünen Kittel hinzu. + +Eine torartige Verzimmerung schloß den Gang ab. Dahinter lag der +Schlagwetterherd: die Gruft. Man war gewohnt, nie von dieser Leichenkammer +zu sprechen, ohne sich zu bekreuzen. Vielleicht waren noch Scherben darin +von Toten, die vermißt wurden, damals vor zehn Jahren, und die man nie +wiederfinden wird. Achtzig waren eingefahren und nur siebenundsechzig hatte +man ausgegraben. Dieses befahl Furcht. Und Jonsen fürchtete sich. Sein Blut +sah. Und sein Gehirn fühlte so, wie man, von einer Ursache geregt, fühlen +kann. Aber er konnte es sich nicht erklären und das Trübe des Geahnten +nicht filtern. Darum meinte er: + +»Warum mauert die Verwaltung das Ding nicht zu? Tote wollen doch ihre Ruhe. +Gestörte Ruh aber fordert Opfer.« + +»Na, Jungchen, die Herren glauben, daß sich der Teufel wieder verkriechen +wird. Voriges Jahr ließen sie den Berg absuchen. Aber der schwarze Satan +speit immer noch Gift. Wir wollen gleich mal schaun!« + +Jonsen zitterte vor dieser Schwärze. Als er noch klein gewesen war, litt er +unter epileptischen Anfällen. Vielleicht war das Zittern in manchen +Minuten, die dieser glichen, ein matter Nachhall der Krankheit. + +Piet aber riß mit Gewalt das Brett los und zwängte seinen zyklopischen +Körper durch den Spalt. + +Jonsen zögerte. + +»Du hast wohl Angst, mein Lieber, was? Nicht? Na, dann lang' mir mal die +Lampe her!« + +Er reichte sie ihm durch das Dunkel und kroch hinterdrein. Der Frost stand +ihm auf der Haut, die wie mit grobem Sand bestreut war. + +Das träge Dunkel, das Jonsen überfiel, war mulmig, wie zerkaut und +ausgespien. Das Grundwasser klatschte breiig gegen seine Schaftstiefel. +Irgendwoher kam ein Geräusch wie angestrengtes Sägen. Stahl durch Stahl. + +»Nun schau mal her, Jonsen. Siehst du diese Blasen? . . . Hier die Klumpen +meine ich! Da unten kommt es herauf.« + +Piet bückte sich noch tiefer herab und betastete mit dem hochgeschraubten +Licht den Boden. Das Wasser war wie mit Millionen Perlen bestreut; Blasen, +die ständig emporrollten und zerschlugen, gerieben durch ein ewiges Grau. + +»Wird denn hier nicht mehr gepumpt?« fragte gedehnt Jonsen. + +»Aber gewiß, gewiß doch. Da, vom andern Ende pumpen sie schon seit Jahr und +Tag Hunderttausende von Kubikmetern frische Luft hinunter. Der Satan +schluckt das aber wie Wein und mästet sich daran. Der geht nie hier weg.« + +»Und wenn man einen Luftschacht baut?« + +»Dann fällt der Dreck wieder zusammen wie damals. Unser Schliefche war auch +schon drin. Meine Alte hat ihn noch an der geflickten Hose erkannt. +Gesichter hatten sie alle nicht mehr. Die hatte das Wetter eingeschlagen.« + +Piet schwieg einen Augenblick. Sein Gesicht verzog sich grimassenhaft gelb. +Seine Schultern bogen sich flach herab. Die Lampe pendelte wie ein Zeiger, +der die letzten Sekunden eines Mörders unter dem Beil von der Endung +schneidet. + +Dann wurde der Ausdruck seines Gesichtes wieder borstigrot. Die Schultern +hoben sich in Beruhigung. Die Lampe stieg. + +Jonsen hatte sich mit dem Rücken gegen die Verschalung gestemmt, Übelkeiten +zerwalkten seine Gurgel. Durch die gehöhte Tätigkeit der Nerven sah er viel +schärfer und suchte, wie in Sturmnächten, einen unbekannten Weg. + +Piet rüttelte Jonsen auf: »Siehst du den Fels dort? Da geht der Flöz durch, +den wir anreißen sollen, von hier hätte man halbe Arbeit. Aber was nicht +geht, kommt auch nicht. Und solange der Teufel hier die Luft verpestet --« + +Sie schritten auf den Gesteinssturz zu. Glänzend frisch, wie die +aufgehauenen Innenseiten eines Ochsen, quoll der schwarze Flöz heraus. + +»Das ist schon ein massives Kohlchen,« meinte Jonsen interessiert. + +»Eigentlich sollte man den Abbau vornehmen. Es muß doch Mittel geben, die +Wetter wegzublasen, wenn _eine_ Pumpe nicht genügt, nimmt man drei, +vielleicht kümmert sich der Steiger darum.« + +»O Jonsen, der möchte schon. Aber die Direktion will noch nicht. Vorläufig +wenigstens. Die andern Sohlen liefern ja genug. Und dann: sie bluten jetzt +noch, die Aktionäre. Der Bruch hat viel Geld gekostet. Einmal aber müssen +sie doch anfangen. Nur ich werd's schon nicht mehr erleben. Gewiß nicht.« + +Er wischte sich mit der Hand über die Stirne, und mit zwei Fingern strich +er sich über die Augen. + +Dann zupfte er Jonsen am Ärmel und zog ihn hinaus. Schichten von +ausgelebten Stundenkörpern fielen zurück. Sie trugen gestohlene Larven vom +Schauplatz der Seelen. + +Als Jonsen im Hinausgehen endlich begriffen hatte, was war, kroch er wie +ein getretenes Tier und wünschte sich weg. + +Mit einem Faustschlag setzte Piet die Bohle wieder in die Öffnung. Der +blaue Lichtkegel in der Lampe stumpfte ab und ließ sich von der Röte der +Dochtstrahlung verschlingen. + +Die beiden Hauer bogen schweigend um die Ecke und setzten das Gezähe in den +harten Stein. Schränen und Schürfen füllte die sechs Stunden der +Restschicht. Wie dumme Kletten in Mädchenhaaren saß das Radgetriebe der +Fron im Blut beider und mahlte Schweiß und Ächzen. + +Ehe sie die Schicht beendet hatten, kam der Steiger und störte. + +Er schnupperte wie ein Polizeihund am Gestein herum. Klopfte, horchte und +trat in den Abbruch. + +»Ich werde morgen noch ein Dutzend Kerle herschicken,« sagte er gedehnt. + +Piet zerbiß einen dicken Fluch. Jonsen sah nicht auf. + +Dann verließ der Steiger mit den beiden den Ort. Sie schritten wie Gänse +durch die Enge. Jonsen war der letzte, über eine verschobene Schiene +stürzte er plötzlich und brach das Bein. + + + + +II + + +Man hatte Jonsen ins Spital geschafft. Die süßen Giftgerüche waren Räuber +seines Gehirns für Wochen, wie durch einen blutroten Nebel sah er die nahen +Fördertürme und Schachtgerüste. Geräusche, die durch die geöffneten Fenster +gekommen waren, empfand er wie die Nähe eines Meeres, das von verschluckten +heißen Untergängen wimmelt. Die Schwestern waren einfach unerträglich. Und +die Ärzte griffen zu wie Henker. + +Manchmal umschwirrten ihn Bestimmungen: was tatest du! Du! Wen wecktest du! +Wen wecktest du! + +Die Feinde, unter denen er hier lebte, wann würden sie das Seil knüpfen +. . . die Klinge heben . . . das Gift gießen? + +Begräbnisse fuhren stündlich durch sein Gehirn. Er schritt hinter seinem +eigenen Sarge einmal. + +Und als er sah, wozu er geholfen hatte, dachte er: gerade das Gegenteil +wollte ich. + +Das Fieber aber war stärker als der gepfählte Willen. Es zerstäubte ihn +völlig, wie Töne eines dunklen Spieles. Schmerzen des Wachen rissen sie +fort. + +An einem Sonntage kam Piet zu Besuch. Jonsen richtete sich auf. Aus dem +gebürsteten Sonntagsrock des Kameraden kam ihm ein lieber Geruch zugeweht. + +Piets Stimme machte einen brutalen Griff: »Daß du auch so ein Tölpel sein +mußt! Warum hast du das nicht dem Steiger überlassen? Lag der hier, wäre +die Gruft nicht offen. Nun sind wir drin. Acht Tage haben wir gebraucht, um +den Sumpf zu stopfen. Aber weißt du, der Satan ist immer noch da. So was +riecht man doch. Die andern ja gewiß nicht. Aber weißt du, eine Kohle gibt +es . . . o, . . . eine Kohle . . . die Kerle haben noch nie so verdient. +Und du mußt hier nun faulenzen! Na, es geht doch besser? Was?« + +Piet beugte sich herab. Sein langer Bart kitzelte Jonsens Ohr. Sein Atem +war geschwängert vom Geruch der Gruft. So schien es Jonsen. Und dieses +Fühlen von Verwestem, das durch seine Wachträume gerast war solange er hier +lag, ließ ihn zurückschaudern von der Berührung mit den Händen Piets. + +Aber Piets Hände waren wie Eisenklammern. Wie Zangen. Und griffen zu. + +Er saß eine Viertelstunde auf dem Matratzenrand Jonsens. Der Abend brach +weißgelb herein. Todbereite und Genesende dieses Saales freuten sich daran. +Beflügelung ihrer Atemzüge klang wie Vogelgezwitscher. Urteile waren +aufgehoben. Hoffnungen stiegen strahlend und standen real. Jonsens Blut +allein ging träge. Manchmal setzte das Herz ganz aus. In diesen +Augenblicken der absoluten Leere nickte der kahle Schädel Piets in sein +Bewußtsein hinein wie die Fratze eines Skeletts. Er hatte sicher noch +Wundfieber. Denn er schrie plötzlich auf. + +Piet sprang wie gestochen empor und rief die Wärterin. + +»Sie haben den Jonsen behext,« schrie sie wutkreidig auf und stand wie ein +Panther geduckt vor ihm. + +Piet drehte die Mütze in den schwitzigen Händen und ging langsam rückwärts +zur Tür. Die großen Ohren, die von seinem Kopf weit abstanden, bogen sich +wie krumme Hörner vor. + +»Satan! Satan !« bellte da Jonsen und war mit einem Satz aus dem Bett. Aber +die Beine hielten ihn nicht und warfen ihn platt auf den Boden. Man mußte +ihm die Zwangsjacke anlegen. Vierzehn Stunden währte das Delirium. + +Die schwarze Fahne des Todes und die rote des Wahnsinns umarmten sich. Doch +das Dickträge des bäurischen Blutes hielt sich wie ein Wall. Das Gift +schrumpfte einschläfernd zurück. + + + + +III + + +Mitten im Winter warf man den wieder gesunden Jonsen aus dem Spital. Die +Schlackenhalden glänzten wie blaue Schneeberge. Vom Förderturm rutschten +die Seilbahnen wie Gletscher. Den Häusern waren greise Bärte gewachsen von +den Dächern. Fenster schauten blind wie aus weißen Wimpern. + +Jonsen ging lahm auf einem derben Stock gestützt. Der Schimmelwirt nahm ihn +wieder auf. Jonsen schuldete diesem bierseligen Faulenzer noch achtzig +Frank. Die sollte er abarbeiten. Ein Lahmer ist immerhin noch als +Nachtwächter nütz, hieß es auf der Gewerkschaft. Jonsen bemühte sich um +diesen Posten. Aber er dachte sich fast widerwillig auf die Grube. Noch +waren Pläne da, die harrten. Seine Organe betrogen ihn nicht. Seine Ohren +hörten lange die Melodie des wiedergewordenen Fronens und griffen danach. +Richteten sie auf und verdrängten andere Assoziationen. Gewesenes zeigte +sich in neuer Gestaltung. Alles Seiende vermochte nichts mehr zu gestalten. +Der dünne Strich Verzicht war nur noch ein kaum gesehener Punkt. + +Nach dem Abendessen sagte der Wirt zu Jonsen: »Daß die Gruft sich wieder +aufgetan hat, weißt du wohl? Zwanzig Kerle hat sich der Satan geholt. +Schade um den Piet. Es war ein schönes Begräbnis. Die Knappen von Ronsdael +und Saint Legér waren mit ihren Fahnen gekommen.« + +Es war etwas Gebieterisch-Entsetzliches in dieser grauenhaft nüchternen +Rede des Berichtes. Feuer und Schwefel standen darüber und dörrten +Blutströme. + +Jonsen war aufgesprungen. Er hielt sich die Schläfen, die schmerzhaft +hämmerten. In seiner Kehle war kein Ton. Nur eine schwärende verklumpte +Tiefe. Ein Reflex kam herauf und spiegelte das Wiedersein der Gräuel als +Meer im Gehirn. + +Das Gesicht des Schimmelwirts hatte sich zu einer Grimasse breiten Lächelns +verzogen. Es kam wie ein Pfiff: »Den Steiger haben sie eingesperrt. Er soll +an allem schuld sein . . . he . . . he, he, he.« + +Als Jonsen die ohnmächtig gebrochenen Augen auftat, um einen Satz zu +sprechen, sah er hundert Gesichter. Flache Fragen wie Fischbäuche und +teergesalbt von der Schwärze der Explosion, fuhren ihn an mit Augen, die +aus den Höhlen gesprungen waren. Heißer Atem qualmte auf und sengte alles +Denken an. + +Der Schimmelwirt glotzte Jonsen an wie: ist der Bengel verrückt! Hat er +Fusel gesoffen? Gestohlenen Fusel? + +So quälte er Jonsen und hatte den Heiligenschein Luzifers mit einem Mal. Da +riß Jonsen eine Flasche vom Tisch und schlug sie dem Wirt in die Frage. +Säufer und Weiber liefen zusammen. + +Jonsen wollte fliehen. Hinunter in die Gruft, zu Piet -- zu Piet -- und +weiter . . . + +Der Gendarm aber legte ihm blanke Handeisen fest um die Gelenke. + + + + +Das Vorgesicht + + +(1912) + + + + +I + + +Einmal geschah es, daß Séverin Roubaud den erkrankten Steiger Poulein +plötzlich vertreten mußte, weil er der Älteste auf der Sohle war. + +Séverin aber betrachtete den Auftrag, einen verlodderten Flöz wieder +berggerecht zu schaffen, sozusagen als Prüfungsaufgabe für den +Hilfssteiger-Posten, der zu vergeben war. + +Er spannte, von brutalem Ehrgeiz getreten, Hirn und Muskeln an. Trieb die +fünf Kameraden wie Ochsen und fluchte bei der Einfahrt wie der +Berginspektor selber. + +Jaques, der fünfte von den Kerlen, lockerte im ersten Zorn schon das +Messer. + +Der verwahrloste Schacht stundete bereits ein paar Jahre und war schlüpfrig +wie ein Sumpf. + +Die sechs Männer hatten schwere Arbeit mit dem hervorgequetschten Gebirge, +das sich über zehn Fuß Mächtigkeit hinstreckte. + +Sie sackten jeden Schritt breit, den sie herausschlugen, sofort zu. Keile +und Bolzen saßen fest im Aufhieb. Und aus Pram und Sohl rieselte kaum noch +Staub. + +Nur im vordersten Gang, wo Séverin allein schaffte, stand das Feuer in +geduckten Funken und schrie nach der Wettermühle. + +Aber Séverin hatte einen harten Schnapsschädel und bohrte fort, trotzdem +die Bläser aus dem gerissenen Bruch schon explodierten und ein Heulen wie +von gereizten Löwen war. + +Dicht hinter den anderen stürzten die Ladungen wie Lawinen von Staub. +Benahmen ihnen allen den Atem und saßen faustdick auf dem Gestänge. + +Jaques murrte und warnte Séverin: den Bruch doch erst ausschwelen zu +lassen. + +Séverin aber stemmte die Eisen, als säße hinter ihm einer mit Keulen. + +Da fingen auch die anderen um Jaques an, unruhig zu werden. »Man sollte den +Obersteiger anklingeln,« schrie der rote Jean. + +Zwei Weiber, die ganz hinten die Wagen andrückten und in Rufnähe waren, +pfiff man heran. + +Sie mußten die Wettermühle holen. + +Séverin schlug weiter. Schlug, daß die ausgeklüfteten Felsen dröhnten. + +In den Hölzern knackte es, als bohrten tausend Würmer darin, und aus den +Nebengebirgen scholl dumpfes Grollen herüber. + +Man deckte das Kappholz und rammte die Buchenpfähle Schlag auf Schlag. + +Widerliche Schwüle kam aus den Gängen, trotzdem die Mühle ungeheuer mit den +Flügeln aus den Saugern schlug. + +Der rote Jean, der aus dem Vlämischen stammte, warf die Eisen einfach fort +und verkroch sich hinter das Gestänge. Ein schweres Grauen war über ihn +gekommen, denn er hatte in der verflossenen Nacht einen bösen Traum gehabt. +Er hatte seinen Vater rot und groß gesehen. Seinen Vater, der vom +Förderseil aufgerissen wurde, vor Jahren, im Leichenkittel über die Halde +tanzen sehen. + +»Du Séverin!« heulte er auf und wischte sich den Schmutz von den dünnen +Lippen. + +Séverin blickte nicht auf von der Arbeit. Er lag auf den Knien und +arbeitete, daß ihm die Zunge breit aus dem Halse hing. + +Hin und wieder tat er ein paar Fehlschläge. Dann rann ihm das Blut aus +großen Wunden von den Händen. Aber er zuckte nicht. Er fühlte sich wie ein +Teil dieses Gebirges, das den anderen wie ein massiver Haufen aus dicker, +ansteckender Finsternis erschien, in die sie ohnmächtig hineinbellten. + +Endlich hatte er ein riesiges Loch geschlagen. Das Geröll quatschte auf +seine Lenden wie lauter feuchte Sandsäcke. + +Er beugte sich vor, tastete klirrend herum, ergriff die Flasche vom Rücken +und goß sie ganz in sein inflammiertes Inwendige. + +Als ihm der letzte Tropfen des Fusels durch den Schlund gefahren war, +fühlte er wieder, was er vorhatte und schleuderte die Flasche zurück. + +Der Hammer sprang wie geölt von seinen Schultern herab. + +Rings war es ganz still geworden von den Fäustelschlägen der anderen. + +Jean stand mitten im Gang und schrie noch einmal: »Du . . . du . . . +Séverin . . . du . . . Mörder!« + +Sein Gesicht war kreidig verzerrt. + +Und die Augen zerrissen die Finsternis. Und plötzlich öffnete sich da im +innersten Innern ihrer Pupillen eine Luke. Kohlschwarze Sammetpforten +wurden tief drinnen aufgeschoben. Und es stiebte eine schwarze Glut heraus. +Ein knitternder Schatten von Feuer. Eine Flamme . . . + +Sein Atem hielt mit einem Seufzer inne. + +Er fühlte sich sengend heiß. + +Die Lippen brannten. + +Mein Gott! + +Mutter Maria! + +Joseph . . . + +Der Vater . . . ! + +Und da . . . da . . . da . . . wie von unten mit riesigem Nacken wütend +emporgedrückt, brach die ganze Arbeit zusammen. + +Splitterte. Riß. Knallte und rollte empor. + +Die Kolbenwuchten steilten sich wie Dämme. Berg und Gehölz verschwanden in +Rauch und Steinhagel. Ein Geheul wie nicht mehr aus menschlichen Kehlen +donnerte auf. + +Aber die wahnsinnigen Rufe starben hin in dem Lärm von herabstürzenden +Brocken und Wasser, das wie ein Bergstrom einbrach und den Staub +verschlammte. + +Séverin schnaubte durch den verstopften Mund wie ein wilder Hengst. Stürzte +in das Dunkel vor, wo er die Kameraden vermutete. + +Da brach es noch einmal los und es war, als barst die ganze Erde zusammen. + +Bis zur Brust war er festgekeilt und griff mit den Händen wie in Mehlberge. + +Und immer neues Wasser ergoß sich und verschlang die Staubwolken. + +Von einem geknickten Pfahl herunter blinkte gelbes Licht. + +Das war Jeans Lampe. + +Er griff danach und hob sie hoch. + +Seine Augen zersägten das Dunkel. + +Da hörte er ein Jammern tief unter sich wie aus einem ungeheueren Keller +herauf. + +Seine Augen begannen zu hüpfen. + +Blut siedete auf den zackigen Felsstücken. Fleischteile lagen dampfend auf +den zerschmetterten Hölzern. + +Er bekam endlich eine warme Hand zu fassen und versuchte sie mit aller +Macht emporzuziehen. + +Tastete hinunter und griff nasses Gestein. + +Die Hand ging verloren. + +Er kratzte überall herum und konnte sie nicht wiederfinden. + +Er versuchte, sich aus dem Bruch herauszuwinden. Aber je heftiger er sich +abmühte, um so nachgiebiger rollte neues Gestein herab. + +Seine Kraft erlahmte. Seine Augen brannten weh aus der Schwärze und suchten +nach der Hand. Sie wurden gejagt von einem furchtbaren Wahnwitz. Jeder Nerv +war aufgespannt. + +Und da sah er sie wieder. + +Die Hand . . . + +Mit fünf Fingern . . . + +Die bewegten sich. Zitterten. Krallten sich zusammen. + +Séverin ächzte und drehte sich aus der Umklammerung in unsinnigen +Verrenkungen. + +Die dicke Luft machte seinen Atem kurz. + +An den Geröllklumpen hämmerte sein Arm sich lahm. + +Und dort unten war noch immer die Hand . . . + +Finger, die krampfhaft verzerrt um Hilfe zuckten. + +Sich wieder schlossen. + +Ein mörderisch geballter Fluch, diese Faust. + +Und sie wuchs heraus aus dem Gestein. + +Ungeheuer groß heraus. + +Séverin schüttelte sich wild. + +Frost klirrte über sein Gesicht. + +Tausend Räder brausten durch sein Gehirn. + +Brausten und rissen die Augen mit, die nun nichts mehr sahen. Nur eine +furchtbare Nähe geisterhaft fühlten. + +Die krummgeballte Faust des Satans. + +Und Brausen und Stampfen des Weltgerichts. + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + + + + +II + + +Als Séverin erwachte aus purpurner Finsternis, sah er in das blutige +verzerrte Gesicht Jeans. Und die Hand, die er gefühlt hatte, die sich in +sein Gehirn gehämmert hatte, hielt ihm die Lampe in die Augen. + +»Ah -- -- -- ah . . . du . . . du . . .« ächzte er und schüttelte sich +vollends wach. + +Jean erhob sich, langsam, mühselig, den Raum wie ein Riese ausfüllend. Eine +Wolke, ein Berg -- und brüllte: »Seht da! Seht den Séverin! Seht ihn an: da +ist er, der das alles getan hat. Seht da! Den Mörder!« + +Séverin, ganz Besinnung wieder und stark, packte ihn bei den Schultern, riß +ihm die Lampe weg und kommandierte: »Maul halten! Du . . . du Tier. Siehst +du nicht, daß wir hier fest sind?« + +Jean schwankte zurück und grinste. + +Séverin suchte indes mit der Lampe das Geröll ab. Nach einem Eisen oder so +etwas. Und fand schließlich einen Fäustel. + +Damit beklopfte er hinten die Wand. + +Es klang hohl. + +Séverin schrie auf: »Hierher Jean. Hier müssen wir durch.« + +Jean hatte sich inzwischen ein Eisen herausgekratzt und kroch heran. +Séverin hielt die Lampe in der einen Hand und hämmerte mit der anderen wild +auf den Felsen. + +Jean stieß mit dem Eisen schon wuchtig hinterdrein. Jeder Stoß würgte ihm +das Gedärm in die Kehle. Sein nackter Oberkörper war klatschnaß und hautlos +vor Schweiß. + +Das Gebirge gab langsam nach und brach in kurzen Schollen herab. Dumpfes +Dröhnen schauerte nach allen Seiten und fand keinen Ausweg. Die Adern der +beiden Wühler bäumten sich gegen die Geräusche wie Stacheln auf, und +Spannung brannte in den Muskeln mit rauchendem Eiter. + +Sie hämmerten drei volle Stunden in einem Zuge. Und fielen beide zu +gleicher Zeit erschöpft um. + +Es war, als würden ihnen erst jetzt Augen, Ohren und alle Eingeweide allen +Ernstes geöffnet für die Bodenlosigkeit dieses nachtschwarzen Elends! + +Séverin flüsterte matt: »Jean . . . Jean . . . hör doch!« + +»Was ist noch zu hören?« ächzte der aus schmerzhaften Krümmungen herauf. + +»Du Jean!« + +»Zum Teufel noch, was soll ich!« + +»Du Jean, wenn wir noch eine Stunde schlagen, müssen wir durch sein. Keinen +Meter mehr ist die Wand.« + +»Verflucht, schlag doch wenn du kannst!« + +»Hör', ehe sie uns von vorn herausgraben, sind wir da hinten schon auf dem +alten Gang. Ein Notschacht ist da.« + +»Schrei doch nicht so, du Hund! Mein Kopf ist ganz zerschossen. Krepieren +müssen wir doch hier. Alles ist vorbei.« + +Sein Gesicht fiel mit einem Knick vornüber. + +Séverin bemühte sich, wieder auf die Füße zu kommen. In seinen Schläfen und +in seiner Stirn beutelten sich dicke Blasen. Blut trat ihm schwarz aus Kinn +und Hals. + +Dann begann er zu hämmern und dachte an Maruscha. O, schönes warmes Bett +mit Maruscha! Nun wird sie oben am Tor stehen und mit den anderen Weibern +flennen. O Maruscha! Bald, ja, ach bald komm ich wieder zum Küssen. Schönes +warmes Bett. Maruscha! + +Er hatte wieder Schwung in den Muskeln und sein Riemen stand. O Maruscha! + +Auch Jean hatte sich wieder aufgereckt. Stützte sich auf das Eisen und +horchte. Schlenkerte mit dem verwundeten Arm und sackte ein bißchen in den +Knien ein. + +Plötzlich jauchzte er laut: »Schüsse . . . hör' . . . Sprengschüsse!« + +Séverin ließ den Hammer fallen und drückte sich mit dem Kopf tief in das +Gestein. + +»Donner, ja. Jean, ganz deutlich, wirklich Schüsse!« + +Nun hieben sie alle beide wie verrückt. Körper an Körper. Und Jeans +Besinnung wuchs mit jedem Hieb, den er ausholte. + +Ach, die Wand gab nicht nach. Und die Minuten zogen die Sekunden mehr und +mehr in die Länge, zerrten sie ungeheuer auseinander, walzten sie wie Draht +aus, der mit spinnendem Klang in die Ohren hineintönte. Jean schmiß das +Eisen trostlos hin. Seufzte: »Alles ist wieder still. Horch . . . ganz +still . . .« + +Séverin klappte zusammen. Tastete blind und grausam in der Luft herum. +Dachte einen Augenblick: »Hab' ich wirklich Schüsse gehört? Wie? Hab' ich +Schüsse gehört?« + +Jean fühlte sich wie ins Genick gestoßen. Ein Knochengerüst klapperte über +seinen Rücken. + +»Hu . . . Hu . . . Der Alte . . .« spie er fröstelnd, und sprang wieder an +die Wand. + +Helles Feuer blitzte vom Eisen. Und der Staub pfiff, von einer fremden +Schwingung weggestoßen, ihm breit ins Maul. + +Splitternd gab die Gesteinswand nach. + +Eine handgroße Lücke klaffte und ließ eine wunderlich kalte Luft +hereinziehen. + +Séverin, der einen halben Meter seitwärts stand, bekam den Durchzug zu +schnappen. + +»O ihr Heiligen all! Jean! Jean! Nun können wir bald durchschlüpfen.« + +Jean spürte, wie seine Adern heraufschwollen: Dieser Hund kann noch lachen? +In diesem Unglück noch lachen? + +Und stellte sich vor das Loch: so, daß der andere nicht hinzukonnte und +schlug in besessener Wut in den Bruch. + +Stück um Stück fiel klirrend herab. Und das Loch war schon so, daß man den +Kopf durchstecken konnte. + +Und noch immer ließ er Séverin nicht heran. Eine wahnsinnige Ahnung +polterte durch sein Gehirn. + +Mit einem Ruck hob er sich in die Ellenbogen und zwängte erst seinen Kopf +und dann den Oberkörper durch das Loch. + +Enttäuscht ließ er sich wieder zurückschnellen und fiel hinterrücks auf +eine Steinkante. Séverin sah, wie er die Beine hoch in die Luft warf. Und +dann auf einmal die Hand. + +Die Hand mit den fünf Fingern, die auf- und zugingen. Sich ballten und wie +ein fleischgewordener Fluch standen. + +Er hielt sich an einen Felszacken gepackt. Und aus seinen Augen, die vor +Qual schimmerten, schoß wagerecht die Angst. + +Da flog er vor, warf den Hammer wütend in den Bruch und begann die Öffnung +weiter auszubrechen. + +Jean konnte sich nicht rühren. Seine Augen waren voll Blut. Und durch +dieses Blut schwamm das knarrende Geripp des Alten. Und immer hörte er den +andern hämmern. + +»Er wird durchkriechen und mich hier liegen lassen! Der Mörder wird mich +hier verrecken lassen! Ei verflucht!« + +Und da kam ihm seine Kraft zurück und riß den Wahnsinn aus den Augen. + +Und sieh: Heilige Mutter Maria, Joseph! Der andere steckte schon halb im +Loch. + +Wie eine Riesenschlange wälzte sich Jean auf den Knien vor und faßte +Séverins Beine. + +»'Rauß da, du Mörder!« + +Séverin stürzte platt zu Boden. Drehte sich herum. Sein Gesicht gab ein +wüstes Gebrüll. Er schlug mit den Armen wild um sich. Kam mit einem Ruck +wieder auf die Beine und rutschte nach der Öffnung. + +Da kugelte sich Jean noch einmal auf ihn, biß und kratzte. + +»Was willst du Lump? Hast du einen Flapps?« krächzte Séverin. + +Jean hatte Séverins Kehle zu fassen bekommen. Schraubte seine Finger fest +herum. + +Séverin fühlte diese Krallen wie Schüsse im Gehirn. Jeder Finger schoß +hundert Kugeln. Das Herz stand ihm bebend in der Kehle. Finger rissen es +heraus. Fünf Finger, die wie ein Fluch geschlossen waren. + +»Maruscha . . . !« + +Das war der einzige Laut, den die Finger aus dem zuckenden Herzen +quetschten. + +Dann schnellten diese Finger zurück, und Jean fuhr sich damit über den +rauchenden Schädel. + +Und da befiel ihn naßkalt schweißiges Grausen. + +Mit einem Satz war er aus dem Loch heraus. Tastete sich mit blinden Händen +durch den Schacht. Sein Kopf ging wie ein Pendel. Ein ganz kleines Pendel. +Bis er an ein Gerüst schlug und stehenblieb. + +Verdammt und verflucht stehenblieb. + +Mit einem gut Teil Anstrengung war es Jean dann gelungen, sich wieder zu +konzentrieren. Seine Finger griffen etwas Festes. Balken, die hochsteilten. +Ein widerlicher Luftstrom brauste da von oben herab. Ein Fauchen und +Zischen von Drähten. + +Und dann stolperte Jean in den Korb. Riß an dem Zinkseil. Das +Auffahrtsignal schnellte nach oben. Packend schnappten die schweren +Traggesenke ineinander. Der Korb stieg wie eine Wolke. Die Luft pfiff heiß +und giftig. + +Jean hatte eine Empfindung, als sei er erst jetzt er selber geworden, ganz +und gar. Und jubelte: o ihr Heiligen alle! Gelobt! Gelobt Jesus Christus! + +Plötzlich stand der Korb mit einem Ruck. Schleuderte Jean herauf, daß ihm +die Bordkante tief in die Brust schnitt. + +Jäh grub er beide Fäuste wild in seinen Busen hinein. Krähend vor Schreck. +Und suchte das Seil. + +Riß mit beiden Händen an dem Tau und schrie alle Schutzpatronen hinauf. Riß +das Tau herunter und riß es tief in seinen Schädel. Mit den Armen, die in +weißlichen glatten Windungen von seinem Körper herabfielen. + +Und da! Wie ein geborstener Meteor, sausend, polternd fegte der Korb wieder +in die Tiefe hinab, von einer Satanskralle wütend herabgezogen. + +Immer tiefer. + +Grenzenlos durch Finsternis und Nächte sausend. + +Bis auf den Grund durch Meerjahre und Sternkorallen. + +Abwärts. + +Endlos in das torweit aufgesperrte Maul des Alten, der einmal im +Knochenrock über die Halde tanzte. + + + + +Nervil Munta + + +(1912) + + + + +I + + +Soo . . . soo . . . seufzte Nervil Munta, nach dem sich die eisenbezackte +Tür des Zuchthauses zu Ottignies hinter ihm geschlossen hatte und hob die +Brust. Hob sie, wie um den roten Mauerberg der Stadt, der vor ihm aufragte, +empor zu drücken. + +»Soo . . . das Jährchen ist um. Der Streik wird auch vorbei sein. Jarse +wird einen schönen Stein auf seinem Grabe haben. Die Hauer zwei Frank die +Woche mehr verdienen. Vielleicht nimmt mich der Direktor wieder an. +Gewesenes, kann nicht mehr dauern. O, ich will schon arbeiten. Für zwei +oder drei, wenn es sein muß. Und acht Schichten die Woche. Mutter braucht +dann nicht mehr auf die Zinkschmelze gehen. Und wenn mich eine von den +Koksmädchen will, wird sie geheiratet, man muß nun endlich voll werden.« + +Er hob die Brust und ging durch die lichtbeglänzte schnurgerade Straße. +Ging mit schaukelnden Schritten zum Bahnhof wie auf einem Schiff. Radfahrer +stießen mit krummen Lichthörnern die gehetzte Menge an die Häuserkanten. +Funken von den Stromzuleitungen der Tram schossen wie Silberfische durch +die dichtmaschigen Netze der Luft, und die Paukenwirbel der Geräusche +dröhnten langgezogen und jagten Echos auf und nieder. Dann und wann blieb +Nervil Munta vor einem großen Schaufenster stehen. Hob die Hände aus den +tiefen Hosentaschen, bewegte die Lippen lautlos und schob die Hände wieder +hinein. Ging weiter, kopfschüttelnd, murmelnd, ließ sich anrempeln. Rauch +ins Gesicht blasen. Lief einen Baum um. Kam in Gefahr, von einem Lastwagen +überfahren zu werden und stand endlich vor dem Bahnhofsgebäude. + +Hinter ihm schlug es zusammen wie ein geteilt gewesenes Meer. Der +Ziffernkreis der Uhr stand groß und gelb wie ein aufgehender Mond. Die +Fahrkarte kostete fünf Frank, die er gewissenhaft abgezählt auf das +Zahlbrett warf. Er wog das graue Pappstückchen in der Hand und fühlte +Heimat und eine freiere Luft. Im Warteraum erstand er sich einen Genever. +Trank noch einen und kam bis zum fünften. + +Da rief der Wärter den Zug aus. + +Nervil Munta schlüpfte in den Wagen und fuhr drei Stunden wie im Traum. Die +Augen leblos in den schwarzen, bespienen Boden gebohrt. + +In Namur mußte er umsteigen und vier Stunden auf den Zug nach Charleroi +warten. Seine Fahrtgenossen, Bauern, Kleinbürger und Soldaten suchten sich +in dem großen Wartesaal geeignete Plätze zum Schlafen. + +Ein junger Bursche, den Leinenkittel dick mit Kalk beschmiert, -- +vielleicht war es ein Maurer, der, nachdem die Bauerei in der Stadt zu Ende +war, in sein Heimatdorf zurückkehren wollte, -- sprach ihn an. + +Ließ die weißen Zähne lächelnd blecken und forderte ihn zum Trinken auf. + +Sie traten an den Schanktisch und stießen miteinander an. Der Maurer aber +hatte eine geläufige Zunge und schnurrte wie ein geschmiertes Rad. Der +Speichelschaum zischte und spritzte. + +Da drehte sich Nervil Munta wortlos um und suchte sich einen freien Tisch. +Streckte die Beine aus und stürzte die Ellenbogen auf. Nun er die vielen +Menschen gesehen hatte, nach einem Jahre wieder richtig gehende Menschen, +die laut und lustig schwatzen konnten, fluchen und rauchen durften, wurde +ihm die Zunge, über die der Schnaps gebrannt war, wie Stiche von Insekten, +seltsam trocken und der Kopf wie ein Klumpen Blei widerlich schwer. + +Es überkam ihn, zurückzudenken. Sich zurückzudenken in den kahlen +gefühllosen Kerker. Er hörte vernehmlich den Filzschritt der Wache und das +böse Geklirr des Schließers. Der Dunst von vergossenen Getränken und +verbrodelten Speisen kitzelte seine Nase, die noch wund war von dem faden +Leichengeruch der Zelle. Klappern von Tellern und Gläsern schwirrte durch +die heftigen Pulsschläge seines Gehirns wie das Scharren der Blechschüssel +jeden Mittag über den Zement des Zellenbodens, vom Fuß des Kalfaktors durch +die Eisentür geschoben. Jedes geregte Leben, das hier im Wartesaal geschah, +wurde zum Fühler zurück in kaum überstandene Stunden der Einzelhaft. + +Und er hüllte sich in die wiederaufgebrochenen Gefühle, glaubte, daß er sie +fühlte und merkte nicht, daß er nur die Mäntel der Gefühle ausbreitete zum +Spiel, das Schlaf herbeilockte. + +Er schlief fest und fuhr wie gestochen auf, als die Glocke der Abfahrt +schrillte. + +Wie zerschlagen tappte er sich auf den Perron und erreichte mit Not den +Zug. Die Abteile waren überfüllt, dunkel und dunstig. + +Als die schweren Wagen die Halle verließen, hämmerte der graue, windharte +Morgen an die Scheiben. + +Nervil Munta, der sich einen Fensterplatz mit seinen starken Knochen +erdrückt hatte, sah spähend in die rauchige Landschaft hinaus. Die +hereinbrechende Frühe hatte seine Gedanken aufgepeitscht, in Zukunft zu +sinnen, und lebendiges Feuer in seine Glieder geworfen. Das Wirbelnde der +bewegten Erde tanzte in sein Gehirn wie ein Kirmesreigen und wälzte ein +freudiges Schnalzen auf seine Zunge, das lange anhielt. Dann überschrie der +Bremsstrom die Achsen, und der Train stand am Ziel wie festgerammt. + +Fluchend vorgeschoben verließ Nervil Munta den Wagen und zwängte sich durch +das Portal. + +Auf der Straße blieb er stehen. Sah sich nach allen Seiten lauernd um wie +einer, der zum ersten Mal in dieses Gesichtsfeld rückt. Klopfte an den +Kleidern herum, schob die Mütze zurecht und trabte der Vorstadt zu. + +Gasometer und Hochöfen winkten mit klobigen Fäusten. Rauch zog in gelben, +grauen und weißen Klumpen wie ein Riesengeschwader über die zermürbten +Lehmhäuser. Dunst von verbranntem Erz und ranzigen Ölen machte die Luft +schwer und feucht. + +Nervil Munta aber blähte die Nasenflügel weit, spreizte die Finger und +schmeichelte sich ein Leuchten in die Augen. Federnd schnellten seine Beine +über das schlechte Pflaster, und wie ein Verfolgter griff er die Klinke +einer Tür, die in das letzte Haus diesseits der Straße führte. + +Mit der Mutter, die ihren schwarzen Tuchrock angezogen hatte und ein reines +Häubchen aufgestülpt, machte er nicht viel Umstände. Als sie freudeweinend +auffuhr, küßte er sie sauber ab und drückte sie wieder in den Stuhl zurück. + +Der weiße Kopf neigte sich seitwärts, und ganz leise sagte sie: »Wie bist +du gewachsen, mein Sohn! Und wie stark siehst du aus. O, alles ist besser +geworden, als ich meinte. Und wie ich mich gegrämt habe, mein Sohn! Sieben +Vaterunser habe ich für dich gebetet. Und die heilige Jungfrau beschworen. +Und du, du mein Sohn . . .?« + +Nervil Munta hob den Kopf und tastete die Wand ab. Blieb vor dem +Muttergottesbilde stehen und reckte die Arme. Ging in die Kammer, wühlte in +seinen Sachen herum und ging wieder ans Fenster und sah lange auf die +Straße, wo die Kinder sich jagten und schrieen. + +Zum Mittag hatte ihm die Mutter eine Fleischsuppe gekocht. Er wagte erst +nicht, die würzige Brühe zu berühren. Dann aber, als ihm die Kostprobe auf +der prüfenden Zunge zergangen war, schlürfte er den Teller in einem Zuge +leer und schnalzte wie ein an der Brust gestilltes Kind. Erzählte der Frau +mit dem weißen Scheitel von den harten Erbsen und trockenen Brotrinden im +Kerker und geriet dabei in einen hellen Zorn. Obwohl er sich in der Zelle +vorgenommen hatte, niemandem etwas von den schweren Tagen zu erzählen, +erfuhr die Mutter alles, was ihm noch im Gedächtnis geblieben war. Und er +kam sich wie ein Held vor, als er die Erzählung beendet hatte. + +Zum Abend ging er ins Wirtshaus und vertrank mit den Freunden, die ihn +schon erwartet hatten, das ganze Geld, welches man ihm für geleistete +Arbeit im Zuchthaus gezahlt hatte. Nichts sollte mehr von den Tagen in +seinem Besitz bleiben. + +Und alle, die er freigehalten hatte, wollten sich bemühen, für ihn zu +sprechen beim Steiger, Inspektor und Direktor. Und der Wirt sagte +gewichtig: »Wenn alles reißt, Nervil Munta, kannst du bei mir im Hause +schaffen. Bekommst dein schönes Essen und guten Lohn.« + +Aber es gab zwischen den bereiten Helfern und dem siegbewußten Nervil Munta +keine voneinander abhängigen Zusammenschlüsse. Da ihm seine von der Mutter +gelobte Stärke einfiel, wurde sein Bewußtsein freier und von stolzem +Erhobensein. + + + + +II + + +Am nächsten Tage, nachdem er bis zum Mittag geschlafen hatte, ging Nervil +Munta auf die Gewerkschaft hinaus. + +Grauer verstörter Regen rann, und in den verkrüppelten Bäumen der Allee +hing der Sturm und heulte. Von den Hochöfen her brausten die Gebläse wie +Wiehern lüsterner lüstiger Hengste. Die Zinkhütten qualmten empor wie +dunkle Wäldermassen, und die spitzen Schornsteine zerstachen den Horizont, +der wie eine riesige Blase schwamm. + +Nervil Munta stieg in sein Innerstes nieder und brachte die Tage herauf, da +er in Begleitung seines Vaters diesen Weg zum ersten Male geschritten war. +Zur Arbeit aufgeschrieben wurde, das erste Geld der Mutter brachte. +Vertrauensmann des Arbeitskomitees wurde. Beiträge einziehen mußte. Und +dann der Streik. Und die Schlägerei mit dem Jarse. Das Gericht. Der Kerker +. . . + +Und nun ging er wieder Arbeit suchen. + +Mancher Zelle Kern, der während des stumpfen Jahres sich verhüllt hatte, +ergoß sich in den fiebernden Puls der Adern und überschwemmte die Schlacken +der verflackten Flüche, die in den ersten Wochen der Gefangenschaft sein +Denken vergifteten. Das Schmerzen der Schläfen war nicht mehr. Zu Tat und +Freude schwollen Atem und Muskeln und fühlten die Arbeit vor sich als +edelste Lust. Nicht für Erbärmlichkeiten mehr würde man diese +wiedergeborenen Gefühle in Fesseln zwängen. + +Das Gefühl dieser gesteigerten Bedeutung von dem Erhobensein seines Ichs +erfuhr der Portier, den er gebietend ansprach und die Passiermarke zum +Direktor forderte. + +Der dicke Kerl, der in der Kolonialarmee als Korporal gedient hatte, ließ +sich so leicht nicht überzeugen und fauchte ihn an wie einen Strolch. +Stellte ein Kreuzverhör an und ließ sich die Papiere geben. Dann erst +langte er die Marke heraus. + +Nervil Munta sagte dem Portier ein Trinkgeld zu, wenn der Direktor ihm den +alten Posten an der Fördermaschine wiedergeben würde. + +Dann stieg er die Treppe zum Büro pfeifend empor und klopfte stark an. Die +Angeln der Tür kreischten wie die Riegel der Zelle, die er kaum verlassen +hatte. Das machte ihn schon unsicher, als hätte er den frohen Umschwung des +Blutes vergessen. + +Der Direktor kam ihm barsch bis zur Schranke entgegen und hob die Stirn +gekräuselt. + +»Sie suchen Arbeit?« + +»Soo . . . soo . . . ist es, Herr Direktor!« + +»Arbeitsbuch! Papiere!« + +Nervil Munta wickelte das gelbe Buch aus der Zeitung und reichte es dem +Direktor zögernd hin. Geduckt, wie einer, der Prügel empfangen soll. + +Der schlug das Buch auf. Las. Hob die Schultern. Las noch einmal und machte +das Buch wieder zu, überlegen und kalt. + +Sagte dann: »Die neuen Bestimmungen der Gesellschaft verbieten, Bestrafte +anzunehmen. Zumal Leute, die dem Komitee angehört haben. Auf die +Nichtorganisierten muß Rücksicht genommen werden. Sind die fleißigsten +Arbeiter. Reibereien würden wieder entstehen. Streik und Schlägerei. Sehr +bedauerlich, aber nicht zu ändern.« + +Mit zwei Fingern reichte er dem zusammengesackten Menschen das Buch zurück +und drehte ihm den Rücken zu. + +Nervil Munta schlich sich stöhnend hinaus und kam erst wieder zu sich, als +er auf dem Hof stand. Mitten in dem satten Gewirr von Arbeit, das von den +Werken herübergewitterte. + +Dem Portier, der die Hand geöffnet hinhielt, spie er ins Gesicht. Stellte +sich draußen vor den Zaun und ballte die Fäuste. Das Gesicht zerriß ein +böser Krampf, und trockener Husten quälte die Kehle. Aber dann hakte sich +etwas in die Stirn hinein und zog den Willen zurück von einem Sprung ins +Rächerische. Beruhigte das Gehirn und fürchtete die letzte Armut nicht. + +Wie er nun dastand und das Gespannte der Fäuste löste, brach weiße Sonne +schräg durch die Wolken und verwirrte seine Augen so, daß sie tränten. Er +bedeckte das Gesicht mit der Hand und ging in die Stadt zurück. Auf +Umwegen. Es war ein steiler und steiniger Pfad, der über den Hügel zwischen +Ginster hindurch führte. + +Die Mutter betrachtete ihn blinzelnd. + +Seine hervorstehenden Augen aber starrten ins Dunkel der Kammer. Und die +Unterlippe fiel herab. Zum Reden war er an diesem Tage nicht zu bewegen. + +Am dritten Tage endlich, nachdem er auf sechs Stellen abgewiesen war, im +Walzwerk, in der Bleihütte, in der Ziegelei, Pumpanlage, Gasanstalt, +Teerfabrik, bekam er auf der Koksmühle Arbeit. Da zwanzig Leute die Brocken +dort hingeworfen hatten, nahm man gern Ersatz. Gleichviel, wo er herkam. + +Nervil Munta, der einem Streikbrecher das Messer in die Rippen gesetzt +hatte, nun selber ein solcher Lump? + +Er fürchtete die letzte Armut nicht. Aber die andere Angst. Vor dem Ekel +des Nichtstuns fürchtete er sich maßlos und griff darum zu und belobte den +Tag und das Werk. + +Da er zur Nachtschicht befohlen war, war ihm eine Last genommen. Die +Genossen, denen er nicht gern begegnet wäre auf dem Werkgang, waren ihm auf +diese Weise entrückt. Man würde nun nicht mit Fingern auf ihn zeigen. Ihn +nicht anspein, auflauern, verprügeln. + +Aber in Gedanken noch wollte er ein Körper der Freiheit sein. Entflohen aus +der Armut, der Fremde, der Schande. Im Schaffen war ihm Leben. Wollust +hierzu peitschte sein ungeschwächtes Blut auf. + +Der Aufseher, bei dem sich Nervil Munta um acht Uhr zur Nachtschicht +meldete, war der Schwager des erstochenen Jarse. Er beriet schon in +Gedanken dem Mörder, der ihm in die Hände gegeben war, waffenlos und +gedemütigt, die Minute seines letzten Blickes. + +Nervil Munta aber merkte nicht den Triumph und ließ sich wie ein blindes +Kind an die gewaltige Maschine, die sonst von zwei Männern bedient wurde, +führen. + +Zwischen kreischenden Schwungrädern und sausenden Treibriemen wurde sein +arbeitshungriger Körper hingestellt. Wie ein stürzender Felsblock warf er +sich in die Fron und ließ die Muskeln springen. In rhythmischem Hin- und +Herwärtswiegen zitterte sein geladener Körper. Da ihm diese Arbeit +ungewohnt war, ermüdete er bald und bog den gekrümmten Rücken ächzend +gerade. Wischte sich den Schweiß aus der Stirn und hustete den Staub, der +seine Kehle zugeschnürt hatte, hinaus. Das Zuchthaus hat mir das Fleisch +von den Knochen gefressen und das Mark ausgesogen, dachte er und strich +sich mit der flachen Hand über die gedunsenen Adern. + +Aber da stand der Aufseher lauernd hinter ihm und brüllte »Was zum Satan +glotzt du herum? Hast dich nicht lange genug ausgeruht. Da hinten im Bau?« + +Nervil Munta starrte mit verglasten Augen empor, griff nach der Schaufel +und warf den Koks in die Mühle. Der Aufseher stand lauernd hinter ihm und +sah zu. + +»Du Faulpelz mußt schneller schippen. Noch einmal so schnell. Soll die +Maschine leerlaufen, springen?« + +Nervil Munta nahm sich zusammen. Irgendwo schwoll eine Wut in ihm und +befeuerte die Gelenke. Nur mehr ein Werkzeug war ihm der Arm. Und durch +sein Gehirn blitzte das Erkennen: Ich bin nicht mehr _ich_. + +»Immer noch fixer und mehr auf die Schippe,« brummte der Aufseher und ging. + +Nervil brach am Morgen wie ein Sack zusammen. Lag im Ankleideraum erst eine +gute halbe Stunde lang auf der Erde, ehe er aus der Fabrik in die Stadt +zurücktaumelte. + +Dann trank er die Kanne Kaffee, die ihm die Mutter vorsetzte, in einem Zuge +leer und warf sich auf's Bett. Schlief bis zum Abend und war nur mit Mühe +wach zu kriegen. + +Packte dann die Brotstücke und die Geneverflasche in den Kober und ging +wieder auf die Mühle. + +Und Nacht für Nacht kamen die gleichen Auftritte mit dem Aufseher, der ihn +zwackte und peinigte wie eine Schindmähre. Seine Rachlust lebte ihm darum +und davon. Nur die Geschicklichkeit »Jetzt« zu sagen, war ihm noch nicht +geworden. + +Nervil Munta lebte in einem besinnungslosen Dämmer. + +War steingewordene Antwort eines lebendigen Hetzers. + +Seine Hände waren aufgerissen, und das Blut klebte den Holzgriff der +Schaufel unentrinnbar ans Fleisch. + +Stand nicht einer hinter ihm, der mit den Fäusten an seine Schläfen +hämmerte, so, daß man die Knochen klingen hörte? + +Dann wieder kam die Angst: Gib acht; die Räder donnern auseinander und +zerschlagen deinen Schädel. Die Riemen zischen wie Schlangen und werden +dich umringeln und die Brust zerquetschen. Gib acht! Gib acht! + +Durch das Gedröhn der Walzen, durch Staub, Aufseherfluch und Schweißtropfen +kam ihm diese Furcht. + +Würde sie nie aufhören zu sein? + +In der fünften Nacht sprang ein Koksstück aus der Mühle und zerfetzte sein +Ohr. Das blutete und wurde eine einzige schwarzblaue Geschwulst. + +»Siehst du,« sagte der Aufseher, der ihm die Wunde verband, »siehst du, der +Jarse hat dich gerufen. Nimm dich in acht, daß er dich nicht ganz holt!« + +Nervil Munta dachte an die Schlägerei und versprach sich, dem Jarse von dem +ersten Verdienst eine Messe lesen zu lassen. + +Der Aufseher begann zu hoffen und trieb es in der siebenten Nacht noch +ärger mit Nervil Munta. Der Mörder mußte zu Ende gepeinigt werden. Und sein +blutgieriger Wille hetzte sich hinauf in seinen letzten Mut. + +Als Nervil Munta sich unter den letzten Flüchen des Hetzers schließlich +aufbäumte und nach einem Eisenstück greifen wollte, glitt er auf der +glatten Bühne plötzlich aus und geriet in das Radgezähn. Und ehe der +Aufseher dazu kam, den Schwung der Transmission zu stoppen, war sein +Schwager Jarse gerächt. + + + + +Der Anarchist + + +(1912) + + + + +I + + +Mitte März trat der neue Ingenieur Erwin Vallotti sein Amt an. Er hatte die +drei Dynamo-Maschinen zu beaufsichtigen, die in Bordael dröhnten und +ratterten, die Pumpanlagen und Paternosterwerke betrieben. + +Der Direktor der Grubengesellschaft stellte ihm die drei Gehilfen vor. +Zuerst den Techniker Vildrac, dann den Jean Paquet und zuletzt Henri +Semella. + +Der Techniker Vildrac war der einzige auf diesem Werk, der keiner +Organisation angehörte. Er mied den Schnaps, ging jeden Sonntag zweimal in +die Kirche und besaß fünf Kinder. Außerdem hatte er rote Haare, +Sommersprossen in einem wulstigen Gesicht und ein unregelmäßiges Gebiß. + +Von den beiden anderen Kerlen war Jean Paquet der intelligentere. Obwohl +etwas Raubtierhaftes von ihm ausging (wenn man z. B. seine +unverhältnismäßig langen Arme und den wüst bebuschten Schädel betrachtete) +war sein Gesicht schmal und offen, und der Blick stand fast immer frei. + +Henri Semella endlich fiel nur durch sein Sprechen auf, das mehr wie ein +gewürgtes Knurren ging und gut zu dem Bulldoggenmaul paßte. Daß er in der +Kneipe häufig zu finden war, mag auch erwähnt werden. + +Der Ingenieur Erwin Vallotti machte, nachdem er sich von dem Vorhandensein +der drei Mitarbeiter zur Genüge überzeugt hatte, nunmehr die Bekanntschaft +der Maschinen in der weißen Riesenhalle, die aus zwölf ungeheuren +Bogenfenstern Weltmeere von Licht empfing. + +Die drei Dynamos mit ihren Kesseln waren von verschiedenen Dimensionen. +Jene zwei an den beiden Außenflügeln des Raumes hielten sich in älteren +Konstruktionsmaßen und verursachten nur mäßige Geräusche. Aber es schien, +als äußerten diese Geräusche feinste Wissenschaft, welche die Menschen +kannte, in denen Tore sind, ihnen zueilte, in ihnen bebte wie ein +gewordenes Spiegelbild des Daseins und Nächte zerstach. + +Wenn die breiten Lederriemen über die Stahltrommeln fuhren, die Bürsten +schrill pfiffen und die Luft sich zwischen den Polen wie eine Gewitterboe +erbrach, spürte man deutlich, wie in den Menschen dünne Schichten einer +Halluzination gegeneinanderdrängten, nebelzart und schmerzgefranzt, sich +ineinanderschoben und ein Gesicht formten, das nicht von dieser Welt war. + +Mimische Ausdrucksposen dieses also Geformten stellte das jeweilige +Blut-Tempo des Halluzinierten. + +Aber all diese traum-trächtigen Geräusche der zwei äußeren Maschinen +verstummten, sobald das Ungetüm in der Mitte die Flügel erhob. Hart wie ein +Gebirge stand sein Schnauben im Raum und ballte die Luft zu Lawinen, die +vom Schwungrad durcheinandergewürfelt eisige Nacht säeten, wer wohl fände +Worte, die die Kräfte jener frostigen Niederbrüche mündig machen, um sie +gegeneinander sprechen zu lassen? Könnten es Laute aus unseren Sprachen +sein? Ach, solche Laute fügen sich nie zu Wörtern und Sätzen, die +antworten. Sie können auch nicht beschreiben. Ununterscheidbar schwarz in +schwarzem dünnem Tuche wären alle Schlünde und Abhänge, von denen unsere +Sprache gesprochen hat. + +Unersättlich mahlte das Maschinenungeheuer. Thronte in dem schwärzlich +düsteren Rot der Höhle wie ein Drachen und lenkte mit seiner gigantischen +Schwere das Pendel Mensch in die nächste herzukommende Zeit hinein, die +eine völlige Wahrheit strahlen wird. + +War es nicht eine infernalische Groteske, daß der Techniker Vildrac auf der +Plattform stand und den Gang dieser Maschinen lenkte? Mit den Füßen eines +gebrechlichen Glaubens sein Dasein in das Hirn dieses Gott-Embryos rammte, +ohne zerzwirbelt zu werden wie ein lästiges Insekt? + +Der Ingenieur Erwin Vallotti kannte, fremd in dieser Halle, natürlich noch +nicht das wahre Gesicht des Molochs. Als ihm aber Jean Paquet wie auf eine +heimliche Verabredung hin die Opfer nannte (zwölf vom Hundert), da war kein +Zweifel mehr in ihm. Er segnete diese Stunde. Und alle Furchen in seinem +hageren Antlitz schienen wie eingemeißelt in die harte Haut. Jeder Zug um +Nase und Mundwinkel stand starrend steif. + + + + +II + + +Drei Wochen waren verrollt. Da zogen die Grubenleute in hellen Scharen in +die Versammlung. Ein Obmann von der Zentralleitung der roten Organisation +war gekommen und sprach für den Achtstunden-Tag. Man jubelte ihm zu, wenn +er mit einem Worthieb starre Gesetze splitterte, oder alles Bestehende, das +faul war, mit einem Fußtritt in den »Orkus« stieß. Man heulte auf, als er +mit einem Scheinwerferstrich von Allwissenheit in das sumpfige +Qual-Labyrinth der Gewerkschaft von Bordael stach und Zustände lichtete, +die schon nicht mehr sträflich waren. Und das Geheul der Wissenden klang +wie das Feldgeschrei irgendeines wilden Volksstammes und schien von +dumpfen, schmetternden Trommelwirbeln begleitet. Denn in den Mienen des +Redners stand gläubig geschrieben: Ich bin schon nah; gleich wird das +Vollbringen mich umhüllen. + +Sieghaft verlas er die Resolution, welche forderte: sogleich in den Streik +zu treten, der als ein Unerwartetes schon halberfüllte Forderung war. + +Da setzte breit und dumm die Diskussion ein. Zog den Willen zurück von dem +letzten Sprung und ließ ihn wie eine offengestöpselte Essenz verflüchten, +die zum Himmel stank. Und die Stimmung zerriß. Blut kochte. Exzesse wurden. + +Da trat der Ingenieur Erwin Vallotti, der von einem Pfeiler verdeckt der +Strömung gefolgt war, vor und versuchte sich einen Weg zu der Tribüne zu +bahnen, wo der fremde Redner saß. Halsgeschwollen und mit zurückgebeugten +Armen. Hatte Hämmern im Kopf, während Adern sich verknoteten, wühlten und +zerrten: Fäuste zu ballen über diese Haltlosen. Zu brüllen: Ihr Vieh! + +Rings um ihn her hatte sich aus Getreuen und Standhaften ein tonnenförmiger +Kreis geschlossen, dessen Dauben alle Mühe hatten, den Druck von außen +auszuhalten. Die armen Leute quetschten sich so schmal wie möglich. +Krümmten die Schultern und spreizten die Beine, um dem entsetzlichen Muskel +standzuhalten, der sich um das lebende Faß wand und preßte. + +Der Ingenieur Erwin Vallotti kam nicht einmal bis zur Mitte des Saales. Als +er umherblickte mit verwundert fragenden Augen, sah er, daß er der +Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war. Man stierte ihn +verdutzt an. Ließ die Unterkiefer hängen und erreizte sich Gedanken, wer er +sei, was er hier zu tun habe und mit welchen Absichten. + +Da schrie einer: 'Raus mit dem Spion! + +Aber noch ehe es aus dem zwiespältigen Gemurmel zum Orkan schwoll, ging die +Glocke auf der Tribüne. + +Da drängte es sich in ihm auf wie ein Gefühl von Scham: Wer sind denn +eigentlich diese Geschöpfe. Diese schlappen Gesichter mit ihrer gedunsenen +Un-Ironie? Ihrem matten Unwillen? Daß gerade diese des Elementaren +verlustig gegangen waren: der Kraft, zu zürnen. Gewaltsam ans Licht zu +drängen! + +Er empfand diesen Augenblick etwas wie Verachtung gegen sich selbst und +suchte den Ausweg zur Tür. Ging über die Straße zum Kanal hinunter, wo ein +Sturm erbost war. Schob sich mit wagerechtem Oberkörper durch den +treibenden, puffenden Widerstand. + +Da segelten dichte, monderhellte Wolken um einen Strahlenkern. Unter ihnen +klatschte und flatterte es wie unter einer Reihe riesig gebauschter Segel, +und unter dem Holzpfahlwerk des Kais wetzten zerbrochene Scherben ein +Spiel, das keinen Klang mehr hatte. Schiffsmaste beschrieben weite +Pendelbewegungen. Schornsteine von drüben schnellten wie Gerten und +zerrissen die Wasserhaut in lange weißschäumende Wunden. + +Es lag nahe, die Raserei von einem flammenden Zorn mißhandelter Elemente, +in denen es ohne Unterlaß riß und peitschte, knirschte und schrie, +winselte, zischte und schluchzte, unvernünftig sinnlos zu nennen. Aber +gehorchten nicht die Elemente des Menschenhirns denselben Gesetzen wie +Himmel und Flut? + +Und doch: die Elemente da hinten im Versammlungshaus interessierten ihn +mehr, als das Unwetter hier draußen, das ja wohl ihr entfernter Verwandter +war. Sie sprachen eine gleich unartikuliert klingende Sprache, wenn auch +von Furcht noch gehalten. + +Aber diese Naturkraft muß noch im Keim konzentriert, gezähmt werden, um sie +als Kraft auf gewaltige Entfernungen zu übertragen. Und ohne ihre Macht zu +dämpfen, muß man sie hindern können, ihre eigene Maschine zu zerschmettern. + +Ach, begreifen sie wirklich schon: wie, lebten sie so, wie sie leben? Und +wie vermöchten sie es, wie vermögen sie's? Hören sie denn nicht den Schrei: +Es wartet einer draußen schon? + +Sind sie denn krank? + +Krank, da sie sich noch bemühen können, ehe der Schrei des Todes +herausgenommen ist aus ihrer Welt oder -- ganz in sie hineingekommen? Aber +wie können nur ganze Haufen sich als die Einzelnen fühlen, da jener Schrei +doch an alle und als das Erste herangeht. Müßten die Menschen innerlich so +verschieden sein, wie sie heute ihr Äußeres einander verweist? + +Man ginge lieber zu den Kaffern und wüßte schon, bevor man mit ihnen +spräche, über sie: In diesen bist du wie in jedem Lebenden zu Hause. Und +diese Sicherheit stärkte und man könnte leben ohne das Schmerzen der +einsamen Wachheit. + +Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte die Straße wieder erreicht. Der Sturm +blies nun von rückwärts, hob ihn empor, stieß ihn fast vor sich her und +spreizte ihm die Rockschöße aus wie Flügel. Er sah nach dem +Versammlungshaus hinüber. Alle Lichter waren erloschen dort. Der Regen +hatte das Volk wie Spreu zerstreut. War der hundertfältige Willen der +Vielen endlich geknotet zu einem einzigen Tau, jenen Riesen zu fesseln, +gegen dessen Bestialität man anzurennen versuchte? + +Vor einer miserablen Wirtschaft stand noch eine kleine Gruppe +Abschiednehmender. Das Harmonikagezwitscher von drinnen drang kaum durch +die Scheiben ins Freie, und das Klirren der Gläser nahm sich aus wie ein +schwaches tickendes Knipsen. + +In der Nähe einer Laterne stieß der Ingenieur Erwin Vallotti mit einem +älteren Mann zusammen, der ihn trotz seiner klar gehörten Entschuldigung +mit den Augen verfolgte. + +Der Ingenieur Erwin Vallotti guckte neugierig über die Achsel zurück und +wäre vor Erstaunen fast gestolpert. Diesen buschigen Kopf hatte er schon +gesehen, ebenso, wie diesen starren Blick unter den Hängebrauen. + +Er rief darum, nicht mehr zweifelnd: »Jean Paquet!« + +Da drehte sich der Schwarze um und kam rasch aus der brausenden Finsternis. + +Nun sah er deutlich: der Mann, dessen Gesicht sauber geseift war, hatte +Fanatisches. Und war sein Mitarbeiter. + +Dann sagte er: »Nun, mein lieber Paquet, wie lief die Sache? Wird gestreikt +oder nicht?« + +Jean Paquet beugte sich vor. Wie jung er doch aussah! + +Fast sieghaft kam es heraus: »Ja. Sie, morgen schon! Und Sie können es auch +gleich wissen: ich mach mit. Dafür können _Sie_ meine Maschine lenken. Oder +der Vildrac. Oder ihr alle zusammen!« + +»Wer?« + +»Na, der Vildrac, der Kriecher! Wer denn sonst? Sein Gott wird ihm wohl +noch einen Arm dazu wachsen lassen, damit er nicht mehr zehn, ach, gleich +zwanzig Stunden schuften kann.« + +»Sagen Sie mal, Paquet, weshalb beschimpfen Sie gleich Ihren Genossen? +Wissen Sie denn schon, daß er nicht mittut, wenn alle streiken?« + +Jean Paquet verzog den Mund und spuckte aus: »Der und streiken? Tausend +Knüppel jagen ihn nicht aus dem Maschinenhaus!« + +»Sie sollten ihm mal ins Gewissen reden! Oder mit Geld herumkriegen. +Vielleicht hat er Angst zu hungern.« + +Jean Paquet richtete sich auf. Trotzig. Hob die Schultern. Und schrie +gemein: »Sie wollen mich wohl aushorchen. Herr Ingenieur??« + +Da faßte ihn der Ingenieur Erwin Vallotti bei der Schulter, um ihn in das +gegenüberliegende Lokal zu zerren. + +Paquet aber witterte Verrat. Bekam einen Wutanfall und riß sich los. +Brüllte über die Straße hin: »Nun pack' dich aber, du Spion! Pack' dich! +Sonst gibt's noch eine Leiche heute Nacht!« + +»Feigling!« knurrte der Ingenieur Erwin Vallotti und ging mit starren +Blicken in das fahle Frühlicht. + + + + +III + + +Am nächsten Morgen waren nur zehn Knappen von der ganzen Belegschaft +gekommen, die sich zur Einfahrt meldeten. Man wies sie zurück und hing +doppelte Schlösser vor die Tore. Die Heizer aber, junge Kerle aus dem +Osten, standen vollzählig vor den Kesseln, und in der Maschinenhalle fehlte +nur Jean Paquet. + +Da ersuchte der Direktor, dem der Streik wirklich nicht naheging, den +Ingenieur Erwin Vallotti, die verwaiste Maschine für die paar Tage, wo +dieser Karneval tobte, selbst zu halten. Denn das Wasser müßte unter allen +Umständen aus dem Schacht. + +Der Ingenieur Erwin Vallotti schwoll rot an. Zuckte aber nicht. Stellte +sich vor das Schwungrad und lenkte den Hebel. Der Schweiß glänzte dick in +den schwarzen Haarsträhnen, die ihm unter dem Hut hervorhingen. Und seine +Augen lagen tief wie zwei ausgebrannte Kohlen. + +Er dachte: warum sind nur die Heizer da? Dieser Streik wäre dann der erste, +der zu gewinnen ist. Lumpenpack! + +In der Mittagspause, als der Vildrac im Ölkeller war, hatte der Ingenieur +Erwin Vallotti eine Unterredung mit Henri Semella, die so gestellt war, daß +dieser am nächsten Morgen nicht wieder kam. Da setzte der Ingenieur Erwin +Vallotti mit den kleinen Maschinen aus. + +Nun ging die große Riesenmühle allein, und Vildrac war stolz auf das +durchdringende Getöse, das sie verursachte. Er sog das Sausen der Zylinder +wie Musik ein und ahmte mit heftigen Lungenstößen das Auszischen des +Dampfes nach. Er putzte und reinigte die Metallteile, bis sie die Sonne an +Glanz übertrafen. Sang und putzte und sah strahlend erhoben auf den +Ingenieur herab, dessen schlangenhafter Schatten in dem Lichtpfad auf +zitternden Steinen zwischen den ruhenden Dynamos unter den Riemen hin- und +herhuschte. + +Das ging Tag für Tag so. Und drei Wochen hindurch. Und um keinen Schritt +waren die Streikenden mit ihren Forderungen näher gekommen. + +Der Herr Direktor ging wie ein Pfau umher und rauchte teure Zigarren auf +dem Grubenhof. Sein Blick fuhr streichelnd über die festverrammten Tore und +über jedes Gebäude. Minutenlang horchte er auf das Brausen aus dem +Maschinenhaus und klopfte sich befriedigt auf den Bauch. Denn auf den Höfen +lagen noch ungeheure Kohlenvorräte aufgestapelt. Und solange die Pumpen das +Wasser in breiten Strömen aus den Schächten hoben und der König und +Soldaten waren -- -- -- + +Eines Abends belauschte der Ingenieur Erwin Vallotti einen Trupp +Ausständiger im Wäldchen, wo sie faul und mutlos im Moos lagen. Man +resignierte da: »Solange die Maschinen gehen, gibt der Hund von Direktor +nicht nach. Warum haben wir die Heizer nicht auf unserer Seite? Der Streik +ist doch auch ihre Sache. Man sollte das Maschinenhaus stürmen und die +Lumpenkerle totschlagen. Diese Lumpenkerle,« -- sie spuckten alle +geräuschvoll aus, -- »die ihren Brüdern in der Verdammnis noch ein Bein +stellen, gerade das: ein Bein stellen, denn es ist doch so, wie wenn zwei +raufen und ein dritter kommt und stößt den Schwächeren mit dem Fuß unter +die Kniekehlen und nimmt dann für die Mühe noch fünf Groschen. Es ist +akkurat dasselbe, wie wenn das Schwalbenjunge dem Kuckucksjungen hülfe, die +Schwalben aus dem Nest zu schmeißen. Aber man kann die Hunde nicht mehr +fassen. Tag und Nacht liegen sie auf dem Werk. Dynamit sollte man legen.« + +Der Ingenieur Erwin Vallotti zuckte auf: »Verwirre ich mich denn immer +mehr? Geht nicht einer hinter mir, der mit den Knöcheln seiner Finger auf +meinen Rücken klopft, so daß ich meine Gedanken aus den Knochen klingen +höre? Als Echo einer gewordenen Tat klingen höre: »Dynamit sollte man legen +. . . !« + +Bin ich denn Gott? + +Freilich, der Gott, den unsere Völker zu fühlen glauben, hat ja auch nicht +gelernt, _der_ Gott zu sein. + +Trotzdem will ich mein Werk vollenden. Sei's auch um den Preis der Brüder.« + +Als der Ingenieur Erwin Vallotti wieder in das Maschinenhaus kam, schickte +er den Heizer, der ihn vertreten hatte, wieder weg und nahm sich den +Vildrac vor. + +»Sie sind schon fünfzehn Jahre auf dem Werk, hörte ich!« + +»Ja, Herr Ingenieur!« + +»Was sagen _Sie_ denn zu dem Streik, he?« + +»Ich . . . ich . . . meine, die Kerle haben keinen Grund. Sie haben doch +ihr Auskommen und acht Stunden den Tag -- das geht doch nicht. Da lungern +sie bloß in der Kneipe herum und vertrinken noch mehr. Es ist eine Schande, +Herr, wie die Kerle saufen!« + +»Sie lesen viel in der Zeitung, Vildrac?« + +»Ach, mehr in der heiligen Schrift. Die Zeitungen lügen ja so. Nur im +Kreisblatt steht manchmal Wahres. Da steht _auch_, daß der Streik nichts +wie Erpressung ist. Aber man weiß ja, die Kerle haben sich aufhetzen lassen +von denen, die oben stehen und berühmt werden wollen. Der Jean Paquet ist +übrigens auch so ein Hetzer. Was hat er als Maschinist mit den Grubenleuten +zu tun? Schon längst hätte er hier weg müssen. Der Hetzer!« + +»Sind Sie nie in einer Versammlung gewesen?« + +Vildrac richtete sich auf mit geröteten Augen. Sein sonst gelbes Gesicht +glich augenblicklich einem nebligen Herbstmond. Es war fast glutrot. Mit +schleimigen Gurgelstößen erwiderte er: »Soll ich auch etwa unter die +Hungerleider gehn, Herr Ingenieur? Ich habe fünf Kinder, Herr! Gegen meine +Überzeugung soll ich Front machen? Nein. Nie im Leben! Sie sehen ja, die +Geschichte führt ja doch zu nichts. Nächste Woche werden Leute aus Holland +kommen. Dann können die hier sich trollen. Und dann: Ist das ein Kampf? +Nichts als Mord. Mord!« + +Da brauste der Ingenieur Erwin Vallotti auf: »Aber nun hören Sie mal. Gewiß +ist das ein Kampf. Ein Bazillenkampf. Ihre Brüder hungern. Ihre Brüder +finden das Hungern unbehaglich. Sie vereinigen sich, um sich das Brot, d. +h. die Produktion zu erkämpfen. Sie sagen Mord? Nun, wenn Kampf einmal im +Gange ist, hagelt es auch Hiebe. Und wenn Brotläden gestürmt werden, hol' +der Henker den, der umherfackelt und von den Lilien auf dem Felde faselt. +Es wird ja nicht nach Formen und Billigkeit gefragt, sondern nach Macht und +Konjunkturen. Rechtmäßig heißt jeder Streik, der gelingt. Und dieser Streik +wird und muß gelingen, weil er sozial und ein Kraftmesser ist.« + +Vildrac spreizte die Hände. In seinen Mienen jagten sich Abwehr und Angst. +Keifte Unverständliches und kroch wie ein verprügelter Hund unter die +Riemen. + +Der Ingenieur Erwin Vallotti hingegen stand mit geballten Fäusten. Ein +Verödendes lief über sein Denken. Er wurde fast irre in der Wut darüber, +daß jener, ein Vernarrter, da war und sein Haus beschrie. Einer da war, der +nicht fühlte, daß die große Quelle des Neuen draußen unter den Brüdern +herausgebrochen ist, die schon lebte in ihrer dem Tode abgekehrten Art. +Ihre Sache ist Zweck und ihre Seele Lust. Frei freute diese sich erst, wenn +keiner der Beteiligten mehr unentwickelt im Knäuel der primären Triebe +läge, wenn nicht mehr lebende Möglichkeiten von Menschen aus dem Meere des +Goldes hinausgeworfen wären auf den Strand der Not. + +In diesen Gedankengängen kam der Ingenieur Erwin Vallotti dazu, ein Signal +zu geben. Und sein Wille konzentrierte sich vorerst auf die große Maschine, +die Ursache war, daß unter den Brüdern Unlust und Untätigkeit verheerend +kroch. Und eine Eingebung versetzte ihn in einen Zustand freudiger +Erregung. + + + + +IV + + +In der Nacht auf den Tag, da zweihundert Streikbrecher unter Begleitung von +Gendarmen ins Dorf gekommen waren, gingen alle drei Dynamomaschinen. Die +Förderkörbe stiegen auf und ab und in den Paternosterwerken lärmten die +eisernen Schieber. Vildrac und der Ingenieur Erwin Vallotti waren allein in +dem Maschinenhaus. Ihre schwarzen Schatten standen riesengroß auf den +weißen Wänden. Die Bogenlampen schwammen wie in Blut, und die großen +Regulatoren zerspritzten das Purpurne mit rasendgeregten Drehungen. Die +Pistons ächzten unruhig einem Unfaßbaren entgegen. Durch die Fenster +zwängte sich der Flor der Nacht und trieb die Außenwelt weit hinaus. + +Vildrac hockte wie ein Götze auf der Plattform, und unter ihm sausten die +öligen Drahtseile wie Befehle aus _seinen_ Händen entsprungen. Die Ringe +unter den Kupferbürsten liefen durch sein Gehirn, das von jeder Runde das +geschöpfte Wasser zu messen schien. Der dumpfe Ton des Tumultes klang ihm +wie eine Bestätigung. + +Der Ingenieur Erwin Vallotti pendelte mit unruhig gelängten Schritten durch +den ungeheuern Raum. Als er aber an den Schalttafeln hantierte, ließ ihn +Vildrac nicht mehr aus den Augen. Eine erträumte Ahnung quoll die +weißverzerrten Äpfel wie Knollen aus den Höhlen vor. Plötzlich vereinte +sich dem ahnend Erdachten, zu dem ihm Hellsehen stieß, eine Tat. Er hörte +etwas einschnappen und sah, daß die Armatur ihren Lauf veränderte. +Kurzschluß! + +Der Ingenieur Erwin Vallotti stand am Fenster und rührte sich nicht. + +Da kroch Vildrac von der Plattform und untersuchte den Draht. Er ächzte und +stöhnte dabei. Hielt Schläge aus, die vom Strom sprangen, und näherte sich +befriedigt der Endung, als die Armatur plötzlich zurücksprang und den +Körper hochriß. + +Wie ein nasser Sandsack platschte er aus der Höhe auf den Steinboden +zurück. + +Der Ingenieur Erwin Vallotti klingelte die Heizer herein. Einer mußte den +Direktor holen. Der richtete an den Ingenieur einige Fragen, die dieser mit +gleichgültigem Kopfnicken bestätigte. + +Unfall. Selbstverschuldet. + +Man hielt sich nicht lange auf und schaffte den Leichnam hinaus. Es waren +noch zwei Stunden bis zur Ablösung, und die nützte der Ingenieur Erwin +Vallotti, der allein in der Halle blieb, aus zu dem rächerischen Werk, das +keiner Zeugen bedurfte. Er hatte den vorerwogenen Weg, der doch zu keinem +Ziele führte, endgültig verlassen und strebte darum dem Letzten zu. Er +wußte: nur ein dröhnendes Signal könnte die Scharen sammeln. Und dieses +furchtbare Signal wollte er geben. Denn die Brüder brauchten einen +Schlachtruf zu jener Sieghaftigkeit, die ihres Willens zur Freude wert ist. +Sie werden dann nicht mehr sich selber zerfühlen, zerfleischen müssen, +fühlten sie erst den großen Kampf vor sich als einen halberrungenen Sieg. + +Dann erst wandelte sich zur Tat jedes Mühn, wenn der es in den Ekel +zerrende Zusammenhang mit der Stillung des Hungers zerrissen wäre und auch +nicht mehr die Farbe des Einzelnen trüge. + +Der Ingenieur Erwin Vallotti atmete erst auf, als die Patronen gelegt waren +und die Drähte verbunden. Und niemand würde, das war ihm gewiß, den Plan in +den ersten vierundzwanzig Stunden entdecken. + +Mit gehobenen Schultern trat er ins Freie. + + + + +V + + +Vor dem Tor der Grube staute sich ein wütender Menschenschwarm. Mit Steinen +standen sie da. Wurfbereit, manche schwangen schwere Knüppel. So wollten +sie die Streikbrecher empfangen. + +Der Direktor hatte nach der Stadtkommandantur telegraphiert. Militär war +unterwegs. Um sechs sollte es eintreffen. Das war zeitig genug. Denn um +sieben kamen erst die Streikbrecher aus der Schicht. Als der Ingenieur +Erwin Vallotti sich durch den Menschenwald zwängte, vertrat ihm Jean Paquet +den Weg. Ein unheimliches Feuer brannte in dessen Blick. + +Da sagte der Ingenieur, indem er ihm die Hand hinreichte: »Was ist Ihnen? +Sie sehen aus wie der Tod. Zweifeln Sie an der Sache ?« + +»Verflucht! Sie fragen noch? Mit den Soldaten hat man uns gedroht!« + +»Den Ausgang habe ich vorausgesehen!« + +»Natürlich wußten Sie das. Denn Sie haben ja ein Interesse daran, daß die +Maschinen wieder voll gehen.« + +»Das können Sie glauben?« + +Jean Paquet griff sich ans Herz. Aber dann ging wieder die Wut über sein +Gesicht und er schrie: »Das sage ich Ihnen, ehe das erste Bajonett blitzt, +haben wir die fremden Teufel aus dem Dorf gejagt. Mit Steinen werden wir +sie jagen. Und das Maschinenhaus werden wir stürmen. Kein Rad soll ganz +bleiben. Dann wird der Hund von Direktor schon nachgeben! Und wenn Sie kein +Messer zwischen die Rippen haben wollen, Herr Ingenieur, dann bleiben Sie +nur heute aus dem Werk.« + +Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte von dem Sprecher kein Auge gewandt. Und +dachte: Seltsam, daß niemand von den Oberbeamten begriffen hat, was da +unter den rauchigen Augenbrauen dieses Kerls qualmte. Heute forderte er +diese Idioten heran, sie zu zermalmen. Die Masse wird sie zermalmen, die +schlau genug ist, ihre Dummheit zu hüten, diesen unersetzlichen Vorrat an +Energie, Glauben und Selbstsicherheit. Sie braucht nicht von ihrer Höhe +hinabzusteigen wie der Philosoph, wenn er zur Schimäre des Wissens +vorgedrungen ist und ein Verlangen nach Handgreiflichkeit und Handlung +fühlt. Sie besitzt aber auch nicht jene Naivität, die der Philosoph +vorheucheln oder erst schaffen muß, wenn er sich auf Erden wandeln fühlen +will. Die Kultur ist ihr Zeughaus für ihren Kampf gegen die Kultur, und das +einzige, was sie sich aus Hellas geholt hat, heißt Ostrazismus, die +Verfolgung der Selbständigen. Und jetzt ballen sie die Fäuste, jetzt +lockert der halbnackte Rotzbengel den Leibgurt mit der Stahlschnalle. + +Ein Ellenbogenpuff irgendwoher weckte den Ingenieur Erwin Vallotti aus +seinem Traumzustande, der schon eine Helle war. Dicht trat er an Jean +Paquet heran und flüsterte fast: »Sie haben recht. Ich werde das Werk nicht +mehr betreten. Ich reise heute ab, und unsere Wege werden sich nicht mehr +kreuzen. Denn meine Arbeit ist hier beendet. Aber ein Signal werde ich +zurücklassen. Das soll die neue Stunde anzeigen. Denken Sie dann an mich.« + +Seine Brust arbeitete, er richtete den Blick nach oben. + +Jean Paquet stand gefesselt, gelähmt auf dem Fleck, von wo aus der +Ingenieur wie ein Spuk sich erhoben hatte. Nicht einmal der Geruch seines +Atems war geblieben. + +Jean Paquet stand und tat nichts, schrie nicht auf: Simson wach auf! +Philister über dir! + +Ein Signal? Sollte es das Recht sein, ehe das Rufen zum Wiederwerden aus +dem Gewordenen zu tönen beginnt, diese Unterdrückten hinüberzusenden in +ihren Ursprung, ins Nichts? + +Da zerriß endlich heiseres Rufen die Menge, die geballt war. Bewegung +schnellte in die Breite: Auf! Die Soldaten kommen! + +Das rüttelte empor. Raste durch's Dorf. Riß an den Fensterläden. Stieg über +die Dächer. Strich wie Brandgeruch. + +Und es war ein Blitz: Auf mit dir, alter Faulpelz, der du mit deinen +achtzig Jahren daliegst und dich räkelst! + +Auf Gebärende, deine Geburtswehen können warten! + +Und der Boden dröhnte schon unter dem Marschtritt: eins, zwei! Eins, zwei! + +Die Masse stand wie eine Mauer. Und der buntgefleckte Schlangenleib wälzte +sich näher heran. + +Helme blitzten. + +Mann an Mann. + +Schritt und Tritt. + +»Steine her! Steine her!« + +Trommelwirbel. + +»Kerle, schleppt Steine . . . Steine . . . !« + +Lautlose Stille hüben und drüben. + +Da fegte ein Donner über die Straße und riß alles zu Boden. Über dem +Gewerkschaftskomplex entbrannte furchtbarer Qualm. Ein Steinhagel pflügte +Blutfurchen. + +Durch die schreckentwaffnete Menge stampfte der Soldatenzug in prachtvoller +Auflösung zu retten. Kletterte über die Fabrikmauern und sammelte sich auf +dem Hof. + +Das Maschinenhaus war vom Boden rasiert und die Dächer von den +stehengebliebenen Häusern einfach abgesägt. + +Mit wahnsinnig vorgerollten Augen sprang der Direktor durch die Trümmer. +Stieg auf den Steigerturm und riß die Notglocke. + +Da kamen die Ausständigen mit kindlichem Willen. Verbrüdert mit der +Soldateska retteten sie, was zu retten war. Stiegen auf Leitern die +Notschächte hinab, die Streikbrecher zu suchen, die gänzlich abgeschnitten +waren und versaufen mußten, nun, da die Pumpen nicht gingen. + +Draußen aber, auf der höchsten Geröllhalde, stand der Ingenieur Erwin +Vallotti mit ausgebreiteten Armen und sah beschwörend auf die Trümmer, wo +die Saat des Neuen aufging. + +Über seine Lippen strich es wie Osterwind: Nun werden Wandlungen sein, und +sie werden nicht mehr wissen, daß sie waren. Immer aber: daß sie _sind_. +Sie werden das wissen, weil sie nicht _sie_ sind, sondern irgendein Mai, +der sich in jedem Baum fühlt, der grün wird. Denn das unendliche Grün ist +unendlicher Weg geworden. Dieses genügt, dieses befiehlt. Ist schön und +lockte. + +_Ich aber nehme mich zurück. Denn in Wahrheit ist meine Welt nicht die ihre +zu fühlen, daß ich ehrlich war mitten in dem Verbrechen._ + + + + + + + + + +Gedruckt bei Gottfr. Pätz, Naumburg a. S. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der schwarze Baal, by Paul Zech + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWARZE BAAL *** + +***** This file should be named 34833-8.txt or 34833-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/4/8/3/34833/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der schwarze Baal + Novellen + +Author: Paul Zech + +Release Date: January 3, 2011 [EBook #34833] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWARZE BAAL *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + + +<h1> +Paul Zech<br /> +<br /> +Der schwarze Baal +</h1> + +<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-weight:bold"> +Novellen +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center"><img src="images/logo_small.jpg" alt="Verlagslogo"/></p> + +<hr class="title" /> + +<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:large;"> +Verlag der Weißen Bücher / Leipzig<br /> +1917 +</p> + + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:small;"> +Copyright Verlag der Weißen Bücher, Leipzig, 1917 +</p> + +<h2 class="chapter">Inhalt</h2> + +<p class="contents"><a href="#chapter-1">Die Birke</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-2">Der schwarze Baal</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-3">Das Pferdejuppchen</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-4">Die Gruft von Valero</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-5">Das Vorgesicht</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-6">Nervil Munta</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-7">Der Anarchist</a></p> + + +<p> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Die Birke</h2><p> + +</p><p class="center">(1910) + +</p><p class="first">Eine halbe Stunde weit von der großen Stadt, deren Türme, +Gasometer und Riesenschornsteine aus dem gelbgrauen Nebel +wie Köpfe langsam Ertrinkender sich emporquälen, liegt die Gewerkschaft +„Frisch auf“. + +</p><p>Mitten im Grün flacher Weideflächen und bis zum Rand der +pastellhaften Kurve brauner Äcker. Aufrecht und starr wie eine +starkbefestigte Insel. + +</p><p>Sie bleckt wie alle diese klobigen Tempel Vulkans bissig unnahbar +aus den Umzäunungen. + +</p><p>Braune, mächtige Eichenbohlen stehn riesenhaft verkettet. An +den vier Enden erheben sich schmiedeeiserne Tore mit spitzen Zacken +auf den Häuptern; martialische Landsknechte. + +</p><p>Aus der Umzäunung ragen drohend die Fördergerüste empor: +Phantastische Wurfmaschinen mit großen, flinkkreisenden Rädern; +darüber Seile gleiten, welche die Geschosse auf- und niederheben. +Die ringförmige Straße ist wie ein Graben vertieft. Schienenstränge +gleißen darin wie dünne halbversiegte Wasserrillen. Die +Lastwagen schaukeln wie Boote vorüber; alte vorsintflutliche Kasten. + +</p><p>Jenseits der Straße ragen die Halden. + +</p><p>Das sind die Forts. Regelrechte Gebirge mit ausgewaschenen +Höhlen, verwitterten Kanten und schroffen Kämmen. Sie sind keine +dreißig Meter hoch. Aber mit finsteren Mienen bewachen sie die +Gewerkschaft wie riesige Fleischerhunde, weißer Geifer quillt aus +den aufgesperrten Rachen. Dann und wann verschlingen sie ein +paar Kinder, die, klein wie Vögel mit spitzen Schnäbeln, auf ihren +Häuptern herumstelzen und aus dem struppigen Gesträhn kleine +Kohlenstückchen in Säcke sammeln. + +</p><p>Unten, nach der Kolonie zu, wo die Häuser wie blanke Zahnreihen +blitzen, hat man einen neuen Berg aufgeschichtet. + +</p><p>Unbarmherzig über saftige Grasflächen und Strauchwerk rollte +das schwarze Verhängnis und fraß alles stückweise weg mit qualmender, +zischender Begierde. + +</p><p>Nur eine Birke war stehen geblieben. Obwohl ihr das schwarze +Gift in Mannshöhe schon den weißen Leib umklammert hatte. + +</p><p>Es war kein dürrer Ast an ihr. Sie war zart und hob das +kraus gekämmte Haar trotzig in den Wind empor. Mit Abscheu +sah sie auf die magern Gartenklexe der Kolonie, die gar nicht anrennen +wollten gegen die weit umsichgreifende Umklammerung des +Gebirges. Sie schaute gelangweilt auf die schmutzigen Höfe, wo +frischgesäuberte Leibwäsche sich auf den Leinen spreizte, um das +Weiß ihres jungfräulichen Gewandes nachzuahmen, und sie zuckte +nur auf, als ein verirrter Vogel Schutz in ihrem grünen Blätterschoß +suchte. Schutz vor den gelben Ausdünstungen der Kokereien +und dem Gestöber der Rauchwolken, die unaufhörlich den Feuerschlünden +entquollen. + +</p><p>Sie sträubte das Gefieder wie eine Gluckhenne und nickte beseligt +ein, als der aller Gefahr entronnene Sänger, den draußen +niemand mehr anhören wollte, sein Lied zu Ende flötete. Das war +ein Lied von der andern Welt, wo ein kristallner Himmel sich zur +Kuppel wölbte, weiße, gleißende Sonne die Felder segnete und +phantastische Schatten weglang hin- und herwärts jagten. + +</p><p>Die Seele der Birke weitete sich. Kindheitserinnerungen zogen +vorüber; ewig blauer Himmel und immergrüne Wiesen mit zottigen +Schafen und silbernen Bächen. + +</p><p>Und der Vogel sang stärker. Immer leidenschaftlicher rollten +die Töne, überschlugen sich. Und endeten schließlich in einer weichen +Wiegenmusik. + +</p><p>Die Birke schloß die Augen. Ihre smaragdnen Behänge +kuschelten sich zusammen, und die Dämmerung breitete die schweren +Schlafdecken darüber. + +</p><p>Ein böser Traum erschütterte das Herz der Birke. + +</p><p>Wie mit wachen Augen sah sie das Kommen wildfremder Dinge +und konnte sich nicht wehren. Der Alp lastete mit Zentnergewichten +und schlug alle Anstrengungen des Wachwerdenwollens in Fesseln. +Droben auf der Halde aber rauschten die Flammenkessel. Signalposaunen +bliesen. Transmissionen kreischten und wildbärtige Sturmkolonnen +rüsteten sich zum Angriff auf die arme, frierende Birke. +Dampfmaschinen fuhren auf wie Kanonen. Männer mit furchtbar +entstellten Gesichtern hoben lodernde Blöcke auf kleine Kippwagen. +Dumpf rollte der Niedersturz. Und dann dröhnten die Lavablöcke +mit höllischem Gepolter den Abhang hinunter. Weiße Dunstwolken +mit orangenen Helmen jauchzten hinterdrein. Donnernd schlug die +ehern glühende Masse unten auf. Ein Funkenregen spritzte bis in +die Kolonie. Die Birke stand in einem blutroten Nebel. Sie erbebte +bis in die feinsten Faserwurzeln. Und konnte sich doch nicht +rühren. Immer neue Geschosse flogen hinab. Die Splitter schwirrten +wie ein Gewitterregen. Sturzbäche schwollen zu Tal. + +</p><p>Die Birke stand bis zu den Armen in der brodelnden Flut. +Immer unermeßlicher rauschte das Funkenmeer. Der rote Nebel +blähte sich wie eine Retorte. Minutenlang war die Birke darin +verschwunden. + +</p><p>Und als sich die letzten Schwaden verzogen hatten, die straffen +Gurten der Funken gelockert, wehte nur das zerzauste Haar des +Baumes herauf. Stamm und Arme krümmten sich unten in dem +qualmenden Schlackenmorast und starben brüchig ab. + +</p><p>Lange nachdem der Feind vor den Pfeilen der Morgenschauer +geflüchtet war, erwachte die Birke mit fieberndem Kopf. Ihr Herz +ging in langsamen Schlägen, und in den Schläfen hämmerte der Brand. + +</p><p>Erst gegen den Nachmittag zu, als die Sonne ihr das Haar +wieder geglättet hatte, und ein frischer Wind, der vom Fluß heraufkam, +kühlen Tau mitbrachte, begann das böse Fieber zu weichen. + +</p><p>Die Birke sah mit kranken Augen in die Kolonie hinunter. +Da polterten die schwarzen Wagen über das Pflaster, als wäre +nichts geschehen. Halberwachsene Mädchen spazierten langsam mit +den Kindern: zottelige, ungewaschene Brüder und Schwestern in +allen Altersstufen. Der Obersteiger trug seine Würde behäbig in die +Fliederlaube, wo der Kaffeetisch gedeckt stand, umbrämt von einem +schäbig blauen Rideaux. Die Frau Kuscinsky stritt sich mit der +Frau des Maschinisten Klöwer um einen neuen Hut, den sie beide +nicht besaßen. Hinter dem Kaninchenstall lag der Invalide Wladislaw +und war wieder einmal selig besoffen. Die magern Schweine +grunsten. Hühner warfen den Staub auf den Höfen wirr durcheinander. +Spatzen hüpften umher. Dünne Glocken schnarrten die +langweiligen Viertelstunden mit Bravour herunter. + +</p><p>Die Birke versuchte zu lächeln über so viel Lebensbunterlei, das +nutzlos in den Tag hineinlebte. + +</p><p>Aber die Brust. O, wenn nur die Brust nicht so geschmerzt +hätte! Das Wetter war bedeckt und der Wind — es war ein anderer +— hob alle die entsetzlichen Gerüche von dem Zechenhof und versprengte +sie wie durch eine Brause. + +</p><p>Die Birke reckte, so gut es eben ging, den Kopf. + +</p><p>Aber das verirrte Vögelchen von gestern war einfach nicht mehr +vorhanden, vielleicht hockte es schon irgendwo in einem Käfig. +Denn die jungen Burschen, die unten im Schacht die Pferde mißhandelten, +fingen mit Leimruten alles weg, was auch nur einen +kleinen Ton in der Kehle stecken hatte. + +</p><p>In langen Reihen hingen die Vogelzwinger vor den kleinen +Häusern. Grammophone animierten die Drosseln, Stare und Hänflinge +zum Konzert. + +</p><p>Nicht ein Vögelchen schwirrte mehr durch den hereinbrechenden +Dämmer. Nur die ekelhaften Fledermäuse mit den stumpfen Nasen +und kühlen Krallen. + +</p><p>Und da wurde es merkwürdig still in den Mienen der Birke. +Schwer fiel ihr das Haar in die Stirn. Und sie mußte es geschehen +lassen, daß die heraufspringende Abendkühle sich darin festsetzte und +die grauen Sacktücher wusch. + +</p><p>Ein bleicher Stern, der zischend vom Himmel fiel und um +Haaresbreite das herabgebeugte Haupt der Birke streifte, weckte +die Halberstarrte noch einmal aus dem langsamen Hinüberschlummern. + + +</p><p>Zwischen den halbgeöffneten Lidern sah sie noch die lang aufquellende +Lichterreihe, und dicht dahinter fuhren schon wieder die +mörderischen Geschütze auf. + +</p><p>Ein Schreckschauer rieselte schwer über ihre blasse Stirne. +Gleichgültig ließ sie die beiden Verliebten vorüberstreichen, die sich +nicht schämten, die Wildgier ihrer Lippen vor den Augen der vielen +jungfräulichen Wasserspiegel auf dem Pfad zu schüren. + +</p><p>Oh, diese Jungverliebten, die in diesem geizigen, raubgierigen +Lande doch nur allezeit zwei verlobte Waisenkinder sein werden! +Die Birke zitterte stärker auf. + +</p><p>Es war nichts. Oder es war das Atmen der Stille, der tödlichen +Stille vor dem letzten Herzschlag. + +</p><p>Auf der äußersten Flanke der Halde flatterten schon die schneeigen +Gewänder der Engel auf, um die Seele der Birke hinwegzutragen. +Feuerbäche brausten in der Tiefe und wehten den metallischen +Schaum bis zum Gipfel empor. + +</p><p>Die ersten Geschosse knatterten. + +</p><p>Dicht vor der zusammengebrochenen Birke schlugen sie ein. + +</p><p>Geröllstücke lösten sich los und brachen krachend in das Häufchen +Tod. + +</p><p>Langsam begruben sie die spärlichen Überreste. + +</p><p>Der ganze Höllenspektakel der Schlacht rauschte noch einmal +auf. Unheilvolles Gebrüll zog Kreis zu Kreis. Der Himmel tanzte. +Die Erde tat sich auf. Und aus dem klaffenden Spalt schwebte +langsam, von hundert weißen Fittichen getragen, die arme Seele +der Birke empor. Glockengeläut schwoll auf. Und die schauervolle +schwarze Nacht wallte wie ein unabsehbares Trauergefolge. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Der schwarze Baal</h2><p> + +</p><p class="center">(1911) + +</p><p class="first">Oh, das Unglück! Oh, das Unglück! + +</p><p>Wie ein dichtes Schneegestöber fuhr dieses flockige Rufen über +das Dorf, immer wenn der schwarze Baal die roten Fangarme durch +den Schacht gestoßen hatte und von jenen Männern, die ihr Bündel +heiler Knochen Tag für Tag auf die blutrostigen Böden der Förderschale +legen mußten, sich irgend einen, oder ein Dutzend oder Hundert +auswählte zum Fraß und den Rest wieder von sich gab wie einen +ausgedörrten Kothaufen. + +</p><p>Oh, das Unglück! Oh, das Unglück! + +</p><p>Und die Witwen im schwarzverlogenen Gewand der Trauer, die +diesen Ruf gleichgültig hinausmurmelten wie den Perlenfall des Rosenkranzes, +zerdrückten in der Linken das Taschentuch und wogen in der +Rechten den Goldklumpen der Unfallprämie. Sie wogen und prahlten, +bis das Gleißende zum Glück wurde für den neuen Schuft aus der +Reihe der Schlafburschen. + +</p><p>Und dann schickten die wiederum Mütter Gewordenen ihre Söhne +in den Schacht hinunter. Und es dünkte ihnen eine große, unverdiente +Gnade, wenn der Grubendirektor Brot gab für die hungrigen +Mäuler. Denn der Schatten des Hungers lag wuchtender auf den +paar aussätzigen Hütten am Fluß, als der hagelwolkige Vorübergang +einer Katastrophe, die eigentlich nur die Fenster zum Klirren brachte +und ein paar Gänge zum Kirchhof mehr. + +</p><p>Niemand im Dorf glaubte an die Brandopfergier des Baals. +Kein Gatte, Sohn, Bräutigam, Kostgänger war ihnen ein dem Baal +Geweihter. Vorbestimmt war diesen nur jenes sanfte Hinüberschlummern +zwischen den Kissen des Ehebettes. Aller Tod, der anders +kam, war ein Unglück. Oder ein Zufall, wie die Aufgeklärten meinten. + +</p><p>Und die, die auf das Kreuz des Alltags genagelt, hinunterfuhren +in die verfluchten Bezirke der Fron und Station an Station durchwanderten, +da einen Arm, dort ein Bein ließen, fürchteten den Hunger +maßloser als die fünf Bretter des Sarges. Nicht einen Augenblick +dachten sie bei dem zerfetzten Kadaver eines Kameraden an die Möglichkeit, +an gleicher Stelle zu liegen. Heute oder morgen. — Oh ein +Unglück! Ein Unglück! Nichts weiter. + +</p><p>Und das Opfer in den hakigen Klauen des Baals, reißt es nicht +das Maul auf zum Schrei: „Oh ihr Brüder: das Unglück! Das +Unglück!“ + +</p><p>Und die diesen Schrei hören, sind sie nicht ein furchtbares Echo, +das das Bersten und Krachen der Planken übertönt wie ein Orkan? + +</p><p>Aber alle, die es auffangen dort oben im weißen Dunst des +Tages, blasen es weiter in die stumpfe Melodie des Trauermarsches: +Oh das Unglück! Das Unglück! + +</p><p>Das schnurrt der Pfaffe am Massengrab nach. Die Mütter +und Witwen und Töchter verdrehen die Augen, die nicht weinen +wollen und krümmen die Rücken ein paar Tage lang. Dann entklafft +ihrem Schoß ein Neues und wird Unglück, das sie nicht wissen +wollen. + +</p><p>Und doch war einer in dieses Dorf gekommen, den man alsogleich +zum Opfer bestimmte. Obwohl er das Schandmal des Unglücks +an der Stirn trug wie eine aufgebrochene Schwäre, bekam er seinen +Tod zugewiesen. Und die, die ihn hielt, war nicht untertänig wie +Abraham, da er Isaak opfern ging. Das brachte ihn nun in eine +allzuschiefe Stellung zu den wichtigsten Dingen dieses Lebens, wiewohl +seine Mutter dagegen ankämpfte mit den Instinkten eines Raubtiers. + +</p><p>Schon daß Fredrik als eine Frühgeburt just in dem Augenblick +zur Welt kam, da man seinen Erzeuger ins Haus brachte: schwarz, +entstellt und rotgeschunden, gab ihm eine Sonderstellung inmitten +des großen Haufens. + +</p><p>Und dieser unabgestempelte Vater hinterließ ihm nicht einmal +seinen Namen. Denn die Hochzeit, die jene zwei, die sich erkannt +hatten, zusammenkoppeln sollte nach dem Gesetz, stand erst vier +Wochen nach dem Unglücksfall an. Einen Toten aber mit einer +Lebenden zu verbinden, war derzeit noch nicht gestattet. + +</p><p>Das zerstach der jungen Mutter das Herz, und sie haßte +hinfort den Mann, der solches heraufbeschworen hatte. Sie +haßte diesen Mann über das Grab hinaus und sie haßte seine +Hantierung. + +</p><p>Sie gab dem Jungen die Brust und harte Pellkartoffeln, die sie +dem Amtmann stahl, bei dem sie bedienstet war, und sie übertrug +auf den Bastard alle Zärtlichkeiten, die sie Israel, dem Geliebten, +schuldig geblieben war. + +</p><p>Fredrik wuchs auf wie die anderen Würmchen, trotzdem die +hohe Obrigkeit allerhand Schwierigkeiten machte, ihm die Türchen +ins Dasein aufzusperren. + +</p><p>Tags war er im Spital bei der Muhme. Und die alten Klatschmühlen, +die mit auf der Stube waren, rissen ihn dutzendmal aus der +Wiege und betasteten den Körper, um irgend etwas Besonderes zu +entdecken. Denn daß Fredrik dem Vater nachmußte, stand sicherlich +irgendwo auf der Haut geschrieben. Und sie fanden auch nach langem +Suchen einen dunklen Fleck auf dem rechten Oberarm, der sah aus +wie zwei gekreuzte Schlägel. + +</p><p>Die junge Mutter war verzweifelt, wenn sie solches gewahrte, +und entriß das Kind den Triefaugen der Hexen, um sich mit ihm in +eine dunkle Ecke zu verkriechen. + +</p><p>Und wenn dann Fredrik aufkrähte unter dem warmen Strom +der Sättigung, hob sie ihn empor und ging in der Stube herum +wie eine Siegerin: „Seht, was für ein gesundes Jungchen! Mein +Jungchen hat gerade Arme und gerade Beinchen. O, was für ein +gesundes Jungchen. Aber in die Grube soll mein Jungchen doch +nicht!“ + +</p><p>Die Spitalweiber ließen sich aber nicht bereden. + +</p><p>„Der Vater wird ihn schon holen kommen, Antje. Du mußt +ihn doch einen Bergmann werden lassen. Ja, ja, der Vater wird +ihn schon holen.“ + +</p><p>Sie sagten das mit einem furchtbaren Ernst und verdrehten +mystisch die Nasen. + +</p><p>In den Worten der runzligen Hexen lag ihr Schicksal. Das +fühlte Antje. Die Worte schnitten wie zwei scharfe Messer gleichzeitig +in ihr Herz. Aber sie kämpfte dagegen an und verstopfte die +Wunde immer wieder mit einem kleberigen Trotz. + +</p><p>Als Fredrik vier Jahre alt wurde, kaufte Antje sich von dem +Ersparten ein Häuschen und tat einen Handel auf. Das Jungchen +lag in der Tür und beschnupperte jeden einzelnen Eintretenden. +Manchmal ging er auch mit den Jungens auf die Gasse zum Spiel. +Auf die Schlackenhalde, oder nach dem großen Kohlenlager. Da +spielten sie Verstecken und balgten sich wie junge Katzentiere. + +</p><p>Einmal waren sie ihrer vier die Halde emporgeklettert. Es war +so schön warm dort oben, und die dünnen Rauchschlangen, die aus +den Ritzen züngelten, fingen sie mit den Händen auf, oder hielten +den offenen Mund darüber, bis die Wangen ganz blaß wurden und +eine Übelkeit die Köpfe in heftige Umdrehungen brachte. Dann rollten +sie den Abhang hinunter wie Murmeltiere und lagen lange in dem +dürftigen Gras der Böschung. Starr und mit dünnen Atemzügen. + +</p><p>Die schwarzen Männer, die oben die Wagen entleerten, warfen +ihnen böse Flüche nach und drohten furchtbar mit den Armen. + +</p><p>Lächelnd erzählte Fredrik der Mutter von dem großen Berg, +der immer so schön rauchte und ganz warm war. + +</p><p>Da wurde Antje sehr zornig und verbot Fredrik dort hinzugeben. +Sie schärfte ihren Willen an dem ewigen Wahrsagenwollen der Spitalweiber. +Und diesen Willen bläute sie dem Jungen ein. + +</p><p>Ein paar Tage lang ließ sie Fredrik nicht aus den Augen. Als +dann aber der Öljude kam und ihre ganze Aufmerksamkeit wegfeilschte, +schlich Fredrik sich flugs auf die Gasse und fand ein paar +Gefährten, die mit ihm zum Schlackenberg gingen. + +</p><p>Sie hatten aber kaum die Hälfte der Anhöhe erstiegen, da gab +es ein ohrenbetäubendes Donnern. Der Berg öffnete sich, eine Rauchwolke +wirbelte hervor, und die drei Spielgefährten Fredriks polterten +in den Spalt. + +</p><p>Fredrik schoß den Abhang hinunter und lag, mit versengten +Haaren und ein paar Brandwunden im Gesicht, zappelnd in einer +Pfütze. + +</p><p>Die Männer, die ihn der Mutter ins Haus brachten, grinsten, +als diese sich wie eine Irrsinnige über den Jungen stürzte. Einer +von den verrußten Männern sagte: „Antje, daß du’s weißt, der +Israel hat das Söhnchen holen wollen, aber der Bengel war zu +langsam. Na, ein andermal wird er ihn schon sicherer fassen bei +der Gurgel.“ + +</p><p>Da stellte Antje sich wie eine angeschossene Bärin und trieb die +Lästerer mit Ruten aus dem Hause. + +</p><p>Und die Kinder wichen dem kleinen Fredrik aus, wenn er zur +Schule ging. Und die Spitalweiber murmelten: „Antje hat ihn +verhext. Sie hat Stutenmilch getrunken, als sie den Bengel säugte. +Das feit gegen das Unglück. Aber wenn ihm die Milchzähne ausgegangen +sind, wird es doch mit ihm kommen!“ + +</p><p>Antje nahm den Buben nun jeden Morgen bei der Hand und +brachte ihn zur Schule. Um zwölf stand sie wieder vor dem gebrechlichen +alten Hause mit den vielen Fenstern und holte ihn ab. Dann +mußte er das Pensum erledigen und sich auf die Salzkiste setzen bis +zum Abend. Sie gab ihm Maiskolben und getrocknete Pflaumen +zum Spielen. Und nach dem Essen brachte sie ihn zu Bett und +atmete auf. + +</p><p>„Er wird nie mehr auf die Straße kommen zu den anderen +Jungens, und wenn er zwölf Jahre alt ist, bringe ich ihn zum +Oheim nach Karna. Dort kann er auf der Mühle helfen und ein +Müller werden!“ + +</p><p>Sonntags ging Antje auch mit dem Söhnchen durch die mageren +Kartoffelfelder und zeigte ihm die bunten Schmetterlinge und den +Grashüpfer mit dem gelben Schopf. + +</p><p>Einmal sagte Fredrik: „Mutter, wo ist mein Vater? Alle Jungens +haben einen Vater. Nur ich nicht und der Schorch. Aber Schorchens +Vater ist doch auf dem Kirchhof. Mutter, sag, ist mein Vater auch +auf dem Kirchhof?“ + +</p><p>Antje preßte den Zipfel des Kopftuches heftig gegen die Lippen, +damit der Junge nicht das leise Stöhnen hörte. + +</p><p>So gingen sie eine weile schweigend. Jedes ein Schicksal, und +ihre Schicksale stöhnten in der herben Luft. + +</p><p>Schwarz fielen die Schatten von den Pappelbäumen. + +</p><p>Und Fredrik schaute noch immer fragend zur Mutter hinauf. Er +betrachtete ihre Hände, die welk und rissig waren, und liebkoste sie. + +</p><p>Ganz schüchtern öffnete er dann wieder den Mund: + +</p><p>„Mutter, sag . . .“ + +</p><p>Und da bemerkte sie sein schmales, entstelltes Gesichtchen. Die +spitze Falte zwischen den Augenbrauen und den verquollenen Mund, +den die obere Zahnreihe gewaltsam aufstieß. + +</p><p>„Ja, ja, Jungchen. Ich werde dir den Vater zeigen, wenn wir +wieder zu Hause sind. Wenn die Sterne scheinen. Dein Vater ist +ein Stern. Ein ganz heller Stern.“ + +</p><p>Fredrik reckte den Hals, und der Atem pfiff hindurch wie das +Gekreisch einer Ratte, die im Eisen sitzt. Er mahlte mit den Zähnen +irgendein Wort, aber eine fröstelnde Scheu fraß es ungeboren +wieder weg. + +</p><p>„Ja, ja, Jungchen, dein Vater ist ein Stern.“ + +</p><p>Fredrik gab sich einen Ruck und sagte weinerlich: „Wenn du +mir den Stern zeigst, werde ich auch nie mehr fortlaufen.“ + +</p><p>Am Abend, als sie daheim am offenen Kammerfenster standen, +zeigte Antje dem Buben einen runden Stern, der flimmernd über +dem Kirchturm stand. + +</p><p>„Das ist dein Vater, Jungchen, sieh nur!“ + +</p><p>Fredrik reckte die Hand und versuchte den Stern zu pflücken +wie eine Blume. Und er träumte die ganze Nacht von dem schönen, +blanken Stern. + +</p><p>Und jeden Abend, wenn ihn die Mutter entkleidet hatte, sprang +er ans Fenster und griff mit dem hageren Ärmchen den Stern. Er verschloß +ihn mit der kleinen Faust und trug ihn in den Traum hinüber. +Dort schien er die ganze Nacht so hell, so hell. + +</p><p>Da machten die Kinder mit dem Lehrer einen Spaziergang. +Fredrik ging anfangs ganz still zur Seite des Magisters und suchte +den Boden ab. Bis ihn zwei größere Buben beim Arm nahmen +und mit fortrissen. + +</p><p>Er kam bald in Feuer und war der schnellste Junge. Er sprang +wie ein abgekoppeltes Fohlen querfeldein: Greift mich! Greift mich! + +</p><p>Doch als die Buben einen Graben übersprangen, gab die Erde +plötzlich nach und klaffte breit auf. + +</p><p>Unten war die Hauptsohle des Schachtes. + +</p><p>Der Lehrer drehte sich ein paar mal im Kreise. Irr. Dann +war er mit einem Satz zur Stelle und sah ganz unten den Jungen +auf einem Gesteinsblock liegen. + +</p><p>Die Rettungsmannschaft von der Grube kam und holte den zerschundenen +Körper herauf. Das Haar war mit Blut verklebt, und +die Beine hingen schlaff herunter wie an Zwirnfäden. + +</p><p>„Diesmal wird es sein Tod sein,“ sagte der alte Doktor. + +</p><p>Und die Spitalweiber grinsten und hoben die dürren Finger: +„Ja, sein Tod wird es sein.“ + +</p><p>Und: „Siehste Antje, der Israel hat ihn doch geholt. Haha, +haha, haha.“ + +</p><p>Vier Monate lang lag das Jungchen in Gips, und die Mutter +legte derweilen ihr Haar in den Rauhfrost hinaus. + +</p><p>Sie hatte auch ihrem Verstorbenen endlich ein Denkmal gesetzt +und ging immer in der Früh, wenn das Jungchen schlief, auf den +Kirchhof hinaus. Die Weiber versuchten ein Gespräch mit ihr anzubändeln, +aber ihre Augen waren weit und weiß wie zwei gleißende +Schlünde. Nur ihre Hände konnte, sie noch ballen, immer, wenn sie +an der Unfallstelle vorüberging, die jetzt in einem großen Umkreis +abgezäunt war. Und die Männer von der Direktion waren da und +fremde Herren, die maßen, klopften und bohrten. + +</p><p>Und dann hörte sie, daß das Dorf niedergerissen werden sollte, +der Unsicherheit des Gesteins wegen. + +</p><p>Sie sah das alles kommen wie eine Märzahnung. Denn die +Wege hier dünkten ihr jetzt öde und verworfen. Und Fredrik lag +im Bett und fieberte. + +</p><p>Diese verfluchten Spitalweiber mit dem Blutgeruch . . . O, daß +die Erde sich noch einmal auftäte, diese Henker zu verschlingen! + +</p><p>Als Fredrik wieder den Oberkörper heben konnte aus den rotgewürfelten +Kissen, holte die Mutter allerlei Spielwerk zusammen, +damit der Junge wieder lachen könnte. Und aus einem alten +Legendenbuch las sie ihm vor von den frommen Einsiedlern und dem +großen Propheten in der Löwengrube. + +</p><p>Und da Fredrik einmal mit beiden Händen nach dem Büchlein +griff, um die Bilder anzuschaun, fiel eine verblichene Photographie +aus dem Buch. + +</p><p>Fredrik faßte danach und betrachtete lange das fremde Gesicht. + +</p><p>„Mutter, was ist das für ein böser Mann? Sieh, er hat genau +solch einen schwarzen Kittel an wie die Männer, die immer hinter +den Särgen gehn!“ + +</p><p>Antje rieb sich ein paar Mal die Augen und ihre Lippen +sprangen scharf von den Zähnen. Die leeren Augen des Jungen +irrten um sie wie feuchtrauchende Phosphorkugeln. Dann sagte sie +ganz ernst: „Das ist dein Vater, Jungchen, dein Vater, ehe er ein +Stern ward.“ + +</p><p>Und sie stand vor dem zerwalkten Bett und wartete auf ihn +mitten in dem gelben Zwielicht, das so peinvoll war. + +</p><p>Fredrik hob den Kopf etwas. Die Augen quollen auf, und entgeisterte +Blicke schossen heraus wie ein böser Schreck. Und die +Lippen raschelten Worte, die sie nicht verstand. + +</p><p>Dann zerschlug den armen Körper ein tonloses Wimmern. Stoßweises +Meckern und Sägen und Kratzen. + +</p><p>Und er wehrte sich nicht, daß sie sich über ihn beugte in sanfter +Sinnlichkeit, wie einst über den Israel, als er noch nicht wild gewesen +war in ihres Leibes Rosenbeet. + +</p><p>Sie küßte den Buben, trocknete ihm das Gesicht, strich ihm das +Haar glatt und die tiefen Kummerfalten. Sorgsam, mädchenhaft +und ganz sinnlich. Immerzu und stetiger, heftiger. + +</p><p>Antje wagte auch nicht, dem Jungen das Bild wieder abzufordern. +Etwas Feindliches lag schattenhaft auf seinem Gesicht. +Er fragte nie mehr nach dem schönen blanken Stern. Aber sie wollte +nichts wissen. Nichts wissen, nichts wissen. + +</p><p>Da Fredrik wieder aufstand, vergrub er das Bildchen schnell in +der Lehmgrube unter dem Ofen. Denn er hatte Angst, daß ihm die +Mutter das schöne Ding wieder abnehmen könnte. + +</p><p>Fredrik hatte jetzt eine verkrüppelte Schulter und mußte sich +auf einen Stock stützen. + +</p><p>Aber der Steiger Verweno, der ein Bruder der Antje war, meinte: +„Och, och, ich werde den Bengel schon mitnehmen. Er kann in meinem +Revier Pferdejunge werden. Da verdient er seine vier Gulden die Woche.“ + +</p><p>Antje fuhr wild auf und verbat sich solche Reden. + +</p><p>„Jungchen soll nie und nimmer zur Grube. Er wird überhaupt +nicht arbeiten gehn!“ + +</p><p>Das sagte sie auch dem Pfarrer, als Fredrik zur Kommunion ging. + +</p><p>Die Spitalweiber, die auch in der Kirche waren, sahen den +Jungen fremd wie einen Toten an und bekreuzten sich. + +</p><p>Im Spätsommer kam der große Auszug. Der Staat hatte das +Dorf geschlossen. Am jenseitigen Ufer war unterdessen eine neue +Kolonie errichtet. Da war die Erde noch nicht angebohrt. Und +die Bäume standen grün und saftig in den Blättern. + +</p><p>Das alte Dorf sollte niedergesprengt werden. Von der Genietruppe +hatte man zwanzig Mann gesandt, die legten überall Sprengschüsse, +um die elenden Hütten dem Boden gleichzumachen. Und +auf den abgesperrten Gassen standen Posten mit geladenem Gewehr, +damit niemand mehr in das Dorf zurückkehre. + +</p><p>Antje hatte ein schönes, weißgekalktes Häuschen bekommen. +Fredrik half wacker beim Einräumen der Sachen. Plötzlich vermißte +Antje zwei Speckseiten. Da fiel ihr ein, daß sie die im +Schornstein hatte hängen lassen. + +</p><p>Und Fredrik hatte sein Bildchen unter dem Ofen vergessen. Er +gab sich das aber nicht bloß. Antje jammerte um den schönen Speck. + +</p><p>„Mutter,“ sagte Fredrik ganz heftig, „heut abend, wenn die +Soldaten in der Schenke sind, holen wir den Speck!“ + +</p><p>Antje wollte nichts davon wissen, wie sehr auch der Verlust +des Speckes schmerzte. + +</p><p>„Die Erde kann sich auftun und dann haben wir wieder das +Unglück. Nein, nein! Laß man den Speck.“ Das sagte sie Fredrik. + +</p><p>Aber Fredrik, der das Bild nicht missen wollte, quälte die +Mutter immerzu. + +</p><p>Sie fröstelte und fluchte, die Hände schlaff im Schoß. Sie +dachte das wieder aus, das Furchtbare, das dem jähen Unglück vorausging. +Josef, Maria! Das Unglück! Nein, nein! + +</p><p>Doch Fredrik ließ nicht nach, bis die harten Linien des Zornes +in ihrem Gesicht verschmolzen. + +</p><p>Und als es Abend wurde, nahm Antje den Jungen und sie +gingen miteinander hinaus. + +</p><p>Sie holperten schweigend den Weg hinunter, weiter und nach +dem Fluß hin. Die Brücke schwankte und stöhnte laut wie eine +Vergewaltigte. Und der Stern, den Antje suchte, kam nicht. Schauer +rieselten dahin. + +</p><p>Durch den dicken, trägen Dunst schaukelte das Dorf heran. Ein +armseliges Ausgestoßenes hinter den Schachttürmen und Erzmühlen. +Der Schein der Hochöfen lag darüber wie aufgelöstes Blondhaar +von Millionen Frauen. + +</p><p>Da flammte das hohe weiße Kreuz, das sie dem Israel hatte +setzen lassen, auf und überschwemmte alle Gräber. + +</p><p>Sie riß den Jungen zurück, wollte ihn hinbetten an die offene +Brust, daraus sieben Schwerter starrten. Sie riß den Jungen +zurück. Etwas schnürte ihr die Kehle zu. Ein Blutschrei, der hinaus +wollte. + +</p><p>Und sie fühlte des Knaben Abwehr wie eine gemeine Schändung +und konnte doch nicht die magern, abwehrenden Hände halten. + +</p><p>Als Fredrik seine Arme locker fühlte, wandte er sich jäh ab und +hopste wie ein Heupferdchen davon. + +</p><p>Da war Antje wach gerufen und sah nur den stachligen Zaun +vor sich. + +</p><p>Fredrik zwängte sich hindurch, schlenkerte das lahme Bein hinunter +und stand steif in dem Abgezäunten. + +</p><p>Antje sah noch sein starres, verstörtes Gesicht aus dem roten +Nebel wie einen Totenschädel. + +</p><p>Sie konnte nicht weiter und beschloß zu warten. + +</p><p>Rief da nicht jemand: „Fredrik? — — Fredrik . . .?“ + +</p><p>Eine Eule huschte laut vorüber. + +</p><p>Fredrik ging nicht zuerst in die Räucherkammer, um nach dem +Speck zu fingern. Er tastete sich durch den Flur in das Hinterstübchen +und stolperte über einen schweren Balken, den die fremden +Soldaten wohl dort hingeworfen hatten. + +</p><p>Fredrik erhob sich ächzend. + +</p><p>Blut rann über sein Gesicht, und der Totenvogel schrie stärker. +Mit beiden Händen grub er wie ein Maulwurf den Lehm vor dem +Ofen auf. Das Bildchen kam noch immer nicht. + +</p><p>Plötzlich fühlte er einen harten runden Gegenstand, der an +einer Schnur hing. Dieses fremde Ding machte ihn neugierig +zittern. Er mußte das Feuerzeug schlagen. Das Feuerzeug an der +Sprengpatrone. + +</p><p>Schwer rollte der Donner über das tote Dorf und die Erde +spaltete klafterweit. + +</p><p>Knirschen und Krachen von Gebälk übertönte das Brausen der +Hochöfen. Und Wände und Estrich und Dach knarrten, polterten, +wälzten sich in den Abgrund hinein. Rauch und Staub jagten wie ein +Wetter davon, und die Nacht flatterte auf mit blutigen Tüchern. + +</p><p>Die aber, die auf dem Stein an der Umzäunung saß, sah alles +mit aufgerissenen Augen und schlug hintenüber, als die Explosion +über die Erde fuhr und das Dunkel zerfetzte. + +</p><p>Und unten aus dem grausen Spalt lachte und wieherte gellwahnsinnig +der Tanz zweier Stimmen, die sich verschwisterten. +Lachten, posaunten, rollten weiter und immer ferner scholl das Gelach: +Huhu — huhu — huhu — huhu — hu — huhu. + +</p><p>Huhu — huhu sprang Antje aus der Betäubung auf und rannte +querfeldein. Blutrote Fragen vorauf. Sie breitete die Arme aus. +Die Schatten überschlugen sich, verwirrten sich in der gräßlichen +Lache, oh das Unglück! oh das Unglück! + +</p><p>Das war wie eine Beschwörung. Wie eine Erlösung. + +</p><p>Und es war kein hohles Echo, das tausendstimmig zurückdonnerte +aus der zerklüfteten Nacht. In dichten Scharen kam es +von der Grube und von der neuen Siedlung. + +</p><p>Und sie wußten alle, daß einer fort mußte von der Welt. Einer, +dessen Tag nun gekommen war, wie sie es vorausgesagt hatten mit +lästerlichen, kalten, trostlosen Worten. + +</p><p>Sie suchten triumphierend Antje. Ihre Blicke glühten wie in +der Extase des Rausches. Es war ein Blutrausch. Der Rausch +nach dem Opfer. + +</p><p>Antje aber fand sich wieder in einem anderen fernen Grubendorf. +Dort verdingte sie sich auf der Erzmühle. Suchte dort den +Tod und suchte ihn vergebens. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Das Pferdejuppchen</h2><p> + +</p><p class="center">(1910) + +</p> +<h3 class="subchapter">I</h3><p> + +</p><p class="first">Am Palmsonntag war Juppchens Konfirmation. Der Vater +hatte versprochen mitzugehen. Dann aber kam plötzlich das mit +dem Wetterbruch dazwischen, und er mußte die ganze Samstagnacht +auf der zweiten Sohle durcharbeiten. Erst gegen sechs Uhr war er +von der Grube gekommen. Mistnaß und hundemüde. Und um neun +begann schon die Kirche. Als ihn seine Frau leise weckte, richtete +er sich halb auf, stieß einen kräftigen Fluch aus und wälzte sich auf +die andere Seite. + +</p><p>Da gingen Juppchen, Mutter und Großmutter allein. Es +waren an die zwanzig Knaben, die eingesegnet wurden. Und sie +trugen alle schon die Runen der Adamsqual auf der Stirn. + +</p><p>Der alte Pastor hatte danach seinen Text gewählt und schob +mit viel Umständlichkeit den sechsten Vers des elften Kapitels aus +dem Prediger Salomo seiner Rede voraus. Er hatte die Genugtuung, +daß nur wenige Augen trocken blieben. + +</p><p>Die Orgel spielte einen Choral dazu, der dumpf wie das Donnern +der großen Fördermaschine klang. + +</p><p>Juppchens Lippen murmelten mechanisch das Schlußgebet, und +dann stand er mit der Mutter wieder draußen auf dem öden, +sandigen Kiesplatz. + +</p><p>Langsam kam die Großmutter angehumpelt. Sie küßte Juppchen +auf beide Backen, daß es schallte. Und darüber hin gingen drei +fröhliche Kirchenglocken. + +</p><p>Juppchen fuhr sich mit dem Handrücken durch das Gesicht und +sprang auf den Weg. + +</p><p>Als sie den Vorgarten des Häuschens betraten, kam der Vater +in Hemdsärmeln aus dem Kaninchenstall, die abgezogenen Felle von +zwei weißen Tieren in der Hand. + +</p><p>Juppchen erschrak, als er des Vaters blutbefleckte Hände sah. +An dem Küchenfensterkreuz hingen die dicken Bälge mit den bloßen +Billen. Die runden Köpfe waren eine unkenntliche Masse mit herausquellenden +Augen. + +</p><p>„O meine Hänschen“, seufzte Juppchen und eine Träne kollerte +über sein Gesicht. + +</p><p>Es waren seine eigenen Tiere. Er mußte für das Futter sorgen +und den Stall reinmachen. Er lebte mit den Tieren, er wußte, +wann die Jungen geboren waren und wieviel von den Dingern +jedesmal im Nest lagen. Er nahm sie, so oft er in den Stall kam, +in die Hand, strich langsam und zärtlich über das samtene Fell und +küßte die offenen runden Schnäuzchen. Nun waren die zwei schönsten +Tiere tot. + +</p><p>„Mausetot“, sagte der Vater, wie wenn er die Gedanken +Juppchens erraten hatte. + +</p><p>Sie gingen zusammen in die Stube. + +</p><p>Mutter zog das schwarze Kleid aus und band sich eine große +blaue Schürze vor, um das Mittagessen zu bereiten. Während sie +in der Küche hantierte, setzte sich Juppchen ans Fenster und erzählte +dem Vater von der Predigt. + +</p><p>„Schon recht! Schon recht!“ brummte der und schob den +Pfeifenstummel von einem Mundwinkel zum andern. + +</p><p>Inzwischen hatte Mutter das Mittagessen bereitet: eine Schüssel +Salzkartoffeln und Buttersauce und in einem tiefen runden Napf +das weiße Kaninchenfleisch. + +</p><p>Juppchen aß nur von den Kartoffeln und ließ das Fleisch +stehen. + +</p><p>Mutter schalt. Aber Vater sagte: „Laß nur, Alte. Morgen +schmeckts dem Bengel schon besser.“ + +</p><p>Juppchen stand vom Tisch auf. Zum ersten Mal hatte er vergessen, +das Dankgebet zu sprechen und den Alten die Hände zu küssen. + +</p><p>Es erinnerte ihn auch niemand daran. + +</p><p>Er setzte sich in die Laube und weinte still und stetig. + +</p><p>Am Nachmittag gingen sie aufs Feld und pflanzten Bohnen. +Die Sonne stach heiß wie im August. Die Erde staubte weiß auf. +Und die Bäume der Allee tanzten hin und her in der ersten Knospenfreude. + +</p><p>Vom Dorfplatz, wo ein paar Karusselle, Luftschaukeln und +allerlei Krambuden standen, kam wüstes Geräusch: Drehorgelgekreisch +und Blechmusik. + +</p><p>Juppchen horchte auf und flüsterte der Mutter etwas ins Ohr. + +</p><p>„Was will er?“ schnauzte der Vater. + +</p><p>„Juppchen möchte auf die Kirmes gehn!“ + +</p><p>„Da wird nix draus. Morgen um fünf müssen wir aufstehn. +Die Bummelei muß jetzt aufhören.“ + +</p><p>Juppchen duckte sich wie unter einem Schlag. Er wollte ein +Wort hinausstoßen. Aber die Zunge hielt es fest und verstopfte +seinen Mund wie mit einem trocknen Lappen. + +</p><p>Gern hätte er auf den schönen braunen Holzpferden geritten. + +</p><p>Pferde liebte er noch mehr wie die Kaninchen. Jeden Nachmittag +nach der Schulstunde war er dem Pferdeknecht des Direktors +begegnet, der ein schwarzes blankgeputztes Tier durch das Dorf +spazieren ritt. + +</p><p>Juppchen war immer eine Weile stehen geblieben und hatte mit +feuchtglänzenden Augen dem Reiter nachgeschaut. + +</p><p>Einmal, als der Knecht vor dem Wirtshaus abgesessen war, +mußte Juppchen das Pferd so lange halten, bis der bestaubte Reiter +seinen Durst gelöscht hatte. + +</p><p>Juppchen bekam dafür ein paar Pfennige. Er sagte danach +zur Mutter, daß er auch gern ein Kutscher werden möchte. + +</p><p>Aber die Mutter meinte, daß der Vater nie so etwas zulassen +würde. Denn er sollte ein Bergmann werden, wie Vater und Großvater +und all die anderen aus der Familie. + +</p><p>Juppchen hatte versucht, vielerlei Einwände aus seinem kleinen +Gehirn zu kramen. Er hatte wirklich deren gefunden und die +Mutter damit überschüttet, Tag für Tag. Bis sie des Geredes überdrüssig +geworden war und ihn strafen mußte. Da hatte Juppchen +einen kleinen verwunderlichen Schmerz empfunden und fortan der +Mutter gegenüber von den Plänen geschwiegen. + +</p><p>An den stillen Vormittagen aber, wenn die Mutter im Gärtchen +hantieren mußte, war er zur Großmutter auf die Stube gegangen +und hatte vor ihren erstaunten Augen alle Wünsche vollzählig aufgebaut. +Und die verhutzelte Greisin war immer milder Tröstungen +voll, bis der Raum sich in Rührung gehoben hatte. + +</p><p>Sobald ein Karussell dann im Dorf war, steckte Großmutter +dem Jungchen eine kleine Münze zu, sich nach Herzenslust auf den +Holzpferdchen auszureiten. + +</p><p>Am Morgen vor der Konfirmation hatte sie ihm gar zwei +Groschen geschenkt, auf den Kirmesrummel zu gehn. + +</p><p>„Wer weiß was morgen ist,“ hatte sie gesagt und war mit der +Hand über die Augen gefahren. + +</p><p>Nun hatte ihm der Vater das alles zunichte gemacht. Und sein +Herz war doch so voll davon gewesen. Während der Predigt und +beim Mittagsmahl und noch lange nachher. + +</p><p>Juppchen sah nach dem Vater hinüber mit zerfurchten Mienen, +böse glimmenden Augen und dumpfen Blutes im Kopf. + +</p><p>Als die Dämmerung schattenhaft über das Feld kroch, gingen +sie zusammen nach Hause. Vor der Straßenbiegung drehte sich +Juppchen noch einmal um und sog die verworrenen Geräusche vom +Kirmesplatz wie einen schönen Geruch ein. + +</p><p>Gleich nach dem Abendessen fing man an sich auszuziehen. Hosen +und Röcke flogen über die Stuhllehnen. Mutter holte den neuen +blauen Leinenanzug für Juppchen aus der Kommode und legte ihn +auf den Schemel vor das Bett. + +</p><p>„Und nun fix in die Falle und morgen frisch aufgewacht!“ +polterte der Vater. + +</p><p>Bald wurde es totenstill im Hause. Aus der Kammer und vom +Boden herab, wo die Großmutter schlief, scholl schweres Schnarchen. + +</p><p>Draußen im Garten blieb graugrünes Dämmerlicht, bis der +Mond vorüber war. + +</p><p>Juppchen wachte die halbe Nacht. Zauberte sich Pferdchen in +allen Farben vor und wählte sich aus der Schar einen kleinen +schlanken Silberschimmel aus. Darauf ritt er hurtig über Berg und +Tal einer fremden Ferne zu, und fühlte sich wachsen und sah sich +wie einen glänzenden Ritter aus dem Märchenbuch. Und als die +Uhr schlug, drei harte abgezählte Schläge, fühlte Juppchen dieses +wie einen Befehl über sich: zurückzukehren und auszuharren in der +Bestimmung des Vaters. + +</p><p>So wollte er nun ohne Gedanken wachliegen und warten, bis +die Mutter aufstand und das Feuer in der Küche schürte. + +</p><p>Aber seine Augenlider wurden so schwer und auf der weißen +Wand des Zimmers fingerte ein blutroter Schatten. Hastig zog +Juppchen die Decke über den Kopf. + +</p><p>Mutters schwere Holzpantoffeln, die über die Diele stampften +und nach draußen gingen und wieder zurückkamen, rissen ihn wie ein +heftiger Schreck empor. Er fuhr hastig in die Leinenhosen und ging +breitbeinig an die Wasserleitung. Mit viel Umständlichkeit wusch +er sich Brust, Nacken und Hals, so wie er es beim Vater gesehen +hatte. Danach setzte er sich wartend an den Tisch. + +</p><p>Da kam auch schon der Vater aus der Kammer. Schaute +schlaftrunken drein und blieb gähnend vor dem Herd stehen. + +</p><p>Die Mutter stellte den Kaffee auf den Tisch und schnitt das +Brot zurecht, das Vater und Juppchen mitnehmen sollten auf die +Grube. + +</p><p>Juppchen trank hastig den Kaffee und vervollständigte seinen +Anzug. Ein Schauer der Erwartung fröstelte über sein schmales +Gesicht und färbte die Lippen blau. + +</p><p>Der Vater nahm ihn beim Arm und zog ihn hinaus in den +kühlen Morgen. + +</p> +<h3 class="subchapter">II</h3><p> + +</p><p class="first">Über den toten Lehmweg zog schon ein langer schwarzer Zug +von Fronleuten der Grube zu. Man ging wie über einen Feuerwerkplatz. +Die kleinen Häuser an der Straße warfen große, braunblaue +Vierecke auf den geölten Weg. Das Geräusch der Seiltürme flog +gewitternd über die krausen Netze des Rauches. Rußschwärme jagten +wirbelnd durcheinander. Töne von menschlichen Stimmen: Ein Zusammengeworfenes, +dumpfes, melodisches Summen wie von Insekten, +zerrissen in der Orgie der materiellen Brandung. Klangen nur in +Pausen nach wie gedunsene Halle eines Echos, waren Endungen +eines Spieles, das Seele verlor. + +</p><p>Im Schein der wattigen Lampenhelle, die kaum die Giebel berührte, +wanderten alle Menschen krumm, wie vergreist. Sie schienen +nichts mehr wissen zu wollen und träumten ihre Wege hinab. Erde +zitterte ihren Hälsen zu und mühte sich, die eckigen, durchgearbeiteten +Schädel zu halten. In den Köpfen waren allein nur Kerne noch wach. +Alles, was diese Kerne umhüllte, war ein trunkener Mechanismus. +Eine Welle regelte ihn. Ein Magnetismus, der von einer außerordentlich +organisierten Zentrale herkam: zu regieren und zu profanieren. + +</p><p>Und eins dieser Tore gähnte gefräßig und sog die Menschen, +die waren, mühelos hinein. + +</p><p>Lange Arme ruderten. Gesichter sprangen weiß vor. Knochige +Hände griffen Zahlen an. Gewirr von Lampen flog auf. Signalglocken +überschrien den Steiger, der vielerlei Namen gleichgültig aufrief. +Und die Namen bejahten halbgemurmelt die Aufrufe. + +</p><p>Dann und wann schnellte eine Hand empor: wie, wenn Kinder +Schulweisheiten auskramen. Eine Hand, die kühle Gefühle spürte. +Wäre ein Wille darüber gelegen, hätte sie zugestoßen. Spitz und +blank. Und wäre warm geworden in Röte. + +</p><p>Die Menschen aber wanderten in die Kaue. Das war ein kalkweißer +Saal zur ebenen Erde. Lange Steintröge mit fließendem +Wasser flankierten die Wände. Von der Decke baumelte in gedrehten +Wirbeln das verschwärzte Blau der Arbeitsanzüge. + +</p><p>Man zog sich um. Die Luft stank von Schweiß und verschwitzter +Unterkleidung. Dann standen Akte: blank wie Bronzen von Meunier. + +</p><p>Tatzenbreite Klauen klatschten zum Spaß auf muskulöse +Schultern. Krampfadern standen geschwollen auf Fleischklumpen +der Oberarme und Unterschenkel. Geschlechtliches lag dumpfverkrochen +in den Höhlen. Nur das gewohnte Werfen mit Zoten, das gering +und automatenhaft war, täuschte Springlebendigkeit vor. + +</p><p>Die Glocke ratterte wieder. Und ein Blöken schwoll wie Gedränge +von Schafen im engen Stall. Hitzige Geräusche aus den +Kehlen hatten aber kein Medium zu durchdringen. + +</p><p>Juppchen stand mit hochroten Wangen und klopfenden Herzens +da. Etwas in ihm, das lange geschwiegen hatte, jubelte auf. + +</p><p>Der Vater aber sagte plötzlich ganz barsch: „Marsch, hallo!“ + +</p><p>Und übergab den Jungen dem Schreiber und entfernte sich mit +einem gleichgültigen „Glück auf!“ + +</p><p>Mit fünf anderen Burschen, die schon länger auf der Grube +waren, wurde Juppchen in den Förderkorb geschoben. Dann ging +es hinunter. Dreihundert Meter tief. + +</p><p>Juppchen fühlte, wie sich alles in seinem Leib im Kreisel drehte +und nach oben stieg. Sein Mund wässerte sauer, und seine Nase +begann zu bluten. + +</p><p>Da hielt der Korb mit einem heftigen Stoß. Die Burschen +zerrten Juppchen heraus und stießen ihn durch den Querschacht zur +Pferdehalle. + +</p><p>Warmer Stallgeruch kam aus dem niedrigen Saal. An fünfzig +Pferde standen da in Reih und Glied vor den langen Zementkrippen. +Von der schwarzen, glimmernden Decke baumelten lange Lichterreihen +und der weiße Strahlengischt schäumte in die entlegensten +Ecken. + +</p><p>Ein Halbinvalide führte die Aufsicht über den Stall. Juppchen +reichte ihm den Schein, den er vom Schreiber erhalten hatte, und +bekam darauf seinen Platz zugewiesen. Ein älterer Bursche mußte +ihn mit der Handhabung von Striegel und Bürste bekanntmachen +und das Füttern zeigen. + +</p><p>Juppchen paßte mit hellen Augen auf und begriff sehr schnell. +Er fühlte sich jetzt dem Willen des Vaters überlegen und triumphierte +innerlich. + +</p><p>Als er nach Beendigung der Schicht wieder auffuhr, stand der +Vater schon fertig in der Kaue. Er machte ein böses Gesicht und +fragte auch Juppchen nicht, wie es ihm unten ergangen war. Wortlos +machten sie sich auf den Heimweg. + +</p><p>In der harten schneidenden Luft des Spätnachmittags fühlte +Juppchen eine schwere Müdigkeit in den Gliedern. Seine Knie +drohten einzuknicken. Er hielt sich aber tapfer bis zur Behausung. + +</p><p>„Da, hier hast du dein Pferdejuppchen, Mutter. Zu schwach ist +er, um ins Gedinge zu fahren. Einen ganzen Taler Löhnung weniger +bekommt er. Kaum genug, die Kost zu bezahlen!“ + +</p><p>Die Mutter erwiderte nichts auf die ungewöhnlich harten Worte +des Vaters, der sich mißmutig auf den Stuhl warf. Sie strich +Juppchen über das feuchte Braunhaar und über die schmalen, sommersprossigen +Backen. + +</p><p>Juppchen wollte der Mutter die Freude, daß er ganz unerwartet +zu den Pferden gekommen war, jubelnd mitteilen. Aber vor dem +Vater wagte er es nicht auszusprechen. Durch seinen Kopf rauschten +die frischen Eindrücke wirr durcheinander. Er schwankte zwischen +Wollen und Nichtwollen eine lange Weile. Dann legte sich das +Fieber. + +</p><p>Nach und nach verschwand auch die Müdigkeit in den Gliedern, +wenn er von der Grube kam. Ganz heimisch war er dort unten +schon geworden und stand mit den sechs Pferden, die er zu besorgen +hatte, auf Du und Du. Den einäugigen Schimmel hatte er besonders +lieb. Diese Liebe ging mit der Zeit so weit, daß er die Haferration +der anderen Pferde beschnitt und das Ergatterte dem Schimmel +zuführte. + +</p><p>Das merkte das so bevorzugte Pferd sehr bald, und es entspann +sich eine innige Freundschaft zwischen den Beiden. Jeden Abend, +wenn Juppchen den Stall verließ, drehte sich der Schimmel um, +wippte mit dem Kopf und stieß ein helles Gewieher aus. Und sobald +am nächsten Morgen der Förderkorb in die Sicherung schlug, vernahm +Juppchen schon aus dem betäubenden Geräusch den leise gewieherten +Frühgruß. + +</p><p>Immer, wenn er das Tier für die Wagenfahrt zurecht machte, +erzählte er ihm alle Pläne, die er mit ihm noch vorhatte. Er würde +sich Geld sparen. Jede Löhnung eine Mark. Und wenn dann ein +schönes Sümmchen zusammen war, würde er den Schimmel dem +Direktor abkaufen und mit ihm die Grube verlassen auf Nimmerwiedersehen. +Oben konnte man vielleicht billig einen Wagen erstehen +und für die Bahn Fuhrdienste tun. In der Sonne müßte es dem +Schimmel doch viel besser gefallen. Da gab es frischen Klee und +langes, weiches Gras. Und ein blankes Ledergeschirr mit Schellen +am Joch sollte der Schimmel haben. Eine weiße, gebogene Peitsche +mit einem goldenen Griff würde er auch kaufen. Aber nicht um +den Schimmel zu schlagen. O nein, das tun nur die rohen Sandkärrer, +die ihre Tiere im Regen stehen lassen, derweil sie im Wirtshaus +sitzen und stundenlang Karten spielen. + +</p><p>Manchmal flocht Juppchen seinem Schimmel ein buntes Wollband, +das er der Mutter abgeluxt hatte, in die Mähne. Und den +Fahrer bat er, nicht so rauh mit dem Tiere umzugehen. + +</p><p>Doch der verlachte ihn und riß das bunte Band immer wieder +aus der Mähne heraus. + +</p><p>Eines Tages sagte Juppchen zum Schimmel: „Weißt Du, zwanzig +Mark habe ich schon zusammen. Das wird bald langen zum Kauf. +Dem Vater will ich es nicht eher sagen, bis es soweit ist. Dann +räume ich den Kaninchenstall aus und bau Dir eine Krippe hin. +Daraus sollst Du ganz allein fressen. Das wird viel schöner sein als +mit den vielen zusammen. Und an den Wagen spanne ich Dich auch +allein. Kein anderer soll Dich führen.“ + +</p><p>Der Schimmel senkte den Kopf und schnupperte mit den weiten +Nüstern über Juppchens Gesicht. + +</p><p>Während dieses Auftritts war der Inspektor mit dem Stallwärter +in den Verschlag getreten und machte sich an dem Schimmel zu +schaffen. Juppchen hätte aufweinen mögen, so rauh fuhr der Mann +dem Tier über Rücken und Gelenke. + +</p><p>Nach einer Weile des Prüfens sagte der Inspektor: „Na, den +alten Bock können wir ebenfalls ausrangieren. Zusammen mit dem +lahmen Fuchs aus der vordersten Coje. Die Tiere brauchen nicht +mehr eingespannt zu werden. Um zehn kommt der neue Transport.“ + +</p><p>Der Wärter nickte und begleitete den Inspektor hinaus. + +</p><p>Juppchen, der den Sinn der Worte nur halb verstanden hatte, +stand mit offenem Munde da und sah bald den Schimmel an, bald +die anderen Pferde. + +</p><p>„So“, sagte der Wärter, der wieder zurückgekommen war, „nun +werden wir den Klepper endlich los, Juppchen. Dafür bekommen +wir ein ganz junges Tier! Fein, was?“ + +</p><p>Juppchen kroch tief in sich hinein. Seine Knie zitterten. Die +Augen rollten vor wie auf Stahlnadeln gespießt. Ein Weinen stieg +von unten herauf und würgte ihm in der Kehle. Und dann war +es, als ob er sich mit ausgereckten Armen an einen festen Gegenstand +lehnen müßte. Die Schläfen klopften wie Hämmer. Die Lippen +brachen auf. Ein heller Schrei zerfetzte die Luft. + +</p><p>„Ich laß ihn nicht fort! Ich will ihn kaufen! Ich habe Geld! +Wieviel willst Du haben? Morgen bringe ich es Dir! Ein ganzes +Beutelchen voll Geld habe ich! Ich laß den Schimmel wirklich +nicht fort!“ + +</p><p>„Ach, was bist Du für ein kindischer Bengel! So ein Junge! +Hat man so etwas schon erlebt?“ + +</p><p>Juppchen weinte lautlos und ganz gebrochen. + +</p><p>Da riß ihn der Wärter an der Schulter empor: „Marsch, die +Kette los. Und daß Du mir den Halfter ordentlich aufsetzt. Gleich +kommt der Korb herab.“ + +</p><p>Juppchen schritt an den Schimmel, strich ihm zärtlich das Fell +und machte langsam die Kette los. + +</p><p>Der Schimmel beugte den Kopf herab. Mit dem offenen weitsichtigen +Auge starrte er den Knaben an, als wüßte er, daß es ein +Abschiednehmen für immer war. + +</p><p>Juppchen fühlte, wie ein blutiger Tau sein heißes Herz überströmte. +Er fuhr sich über die Stirn und ließ die Hände schlaff +herabfallen. + +</p><p>Plötzlich sprang er an den Verschlag, holte sein ganzes Brot +und gab es Stück für Stück dem Tier. + +</p><p>Noch ehe der Schimmel den letzten Happen verschluckt hatte, +rief der Wärter. + +</p><p>Juppchen warf dem Pferde den Halfter um und zerrte es hinaus. +Er schritt wie zu einem Begräbnis. + +</p><p>Der Wärter riß ihm die Zügel aus der Hand, versetzte dem +Schimmel einen Stoß in die Weichen und trieb ihn in den Förderkorb. +Der Fuchs war schon festgebunden an der Gitterstange und +stand ruhig mit herabgesenktem Kopf. Juppchens Schimmel kam +vorn zu stehen. Der Seilschläger riß an, und pfeifend fuhr der +Korb in die Höhe. + +</p><p>Juppchen stand gerade unter der Schachtluke. Er schnalzte mit +der Zunge, und gleich darauf vernahm er in dem schwelenden Düster +ein unterdrücktes Gewieher. Und ganz deutlich sah er noch, daß +der Schimmel den Kopf aus dem Gitter herabbeugte. + +</p><p>Juppchen wollte die Hand heben und winken — — in demselben +Augenblick fiel etwas unendlich Schweres herab und traf ihn mitten +in das erhobene Gesicht, wie ein nasser Sack klatschte er breit hin +und erhob sich nicht wieder. + +</p><p>Ein kantiger Türrahmen bei dem ersten Füllschacht hatte den +vorgelegten Kopf des Tieres während der rasenden Fahrt glatt vom +Halse getrennt. + +</p><p>Der Grubenarzt, der Juppchen den Totenschein ausschrieb, setzte +trocken hinzu: er wurde von einem in den Schacht herabfallenden +Pferdekopf erschlagen. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-4">Die Gruft von Valero</h2><p> + +</p><p class="center">(1911) + +</p> +<h3 class="subchapter">I</h3><p> + +</p><p class="first">Unter den Zwanzig, die den Förderkorb betraten, als er schon +murrend in den Gelenken knackte, waren zwei bemerkenswert. +Piet, der Vollhauer und Jonsen, sein Gehilfe. Sie waren Wühler +auf derselben Sohle. Piet begrüßte den Jonsen zuerst. Ein kurzes +heftiges Anziehen durch die Nase ging seinem Gruß vorauf. Und +der Fall seiner Worte gluckste wie das Gerinsel einer Regentraufe. + +</p><p>„Wir werden heute den neuen Flöz anpacken. Du weißt ja, den +am Wetterschacht. Saure Arbeit wird’s geben!“ + +</p><p>Dabei stieß er seine Fäuste klumpig empor wie fluchend. Und sein Gesicht +schrumpfte aus dem Ungewissen des Lichtes tierisch ins Besessene. + +</p><p>Jonsen nickte. Nickte nur und sagte rein nichts. Vielleicht war +es ein Vorgefühl tiefsten Schreckes. Zudem krankte er an der Formulierung +eines Prinzipes zu höherem Lebenszweck. Man sagte unten im +Dorf, daß er nur Studien halber sich ins Joch gespannt hatte. + +</p><p>Polternd schüttete der Korb die Hauer auf den Gang. Sie +rannen auseinander wie gewordene Brut aus Schalen. Immer in +Trupps zu zwein und drein. + +</p><p>Piet und Jonsen hatten von dem Steinriff, wo die Knappen in +gesonderten Höhlen Hacken und Schaufeln rührten, noch eine viertelstündige +Wanderung zu machen. Das gewohnte dumpfe Surren der +Kippwagen, das Kreischen der Sauerstoffgebläse und alle Geräusche +von Schlägel und Bohreisen hinderten nicht, daß den Wallern die +Minuten durch den stockdunklen Gang lautlos erschienen, wie von +einer bis zur letzten Endung gespannten Feder gehalten. + +</p><p>Jonsen hob die Lampe. Ein winziger blauer Kranz umschwirrte +zitternd den roten Lichtkegel. + +</p><p>Piet schnüffelte lange und verdrehte die Augen wie unter der +Nähe von etwas bitter Süßem. + +</p><p>„Hier stimmt es nicht mit der Luft. Die Berieselung klappt ja. +Aber die Enge — — die Enge. Spürst du das denn nicht?“ + +</p><p>Jonsen verneinte. Aber mit offenen Augen horchte er herum. +Endlich, leise . . . aus Tiefen — rauschten Dinge. Aber er war nicht +aufgeklärt, sie zu deuten. Sein Instinkt war hier einfach abgeschraubt. + +</p><p>Da ging Piet voran. Der gekrümmte Rücken, dessen Muskulatur +bei jedem Schritt aufschwoll, sowie die eckigen Knullen der Oberarme +scharrten an der Verzimmerung. Feuchtigkeit triefte dünn von +den Bohlen herab. Der schwarze Schlamm lag zäh wie ein pilziger +Brotteig auf dem Boden und sog das Schuhzeug an: schöner Teppich +für Besoffene. Ins Gesicht Getropftes schmeckte sauer und ließ den +Speichel auf der Zunge gerinnen. Es ließ sich auch nicht vernichten. +Klebte sich an die Kleider und wurde gewohnt. + +</p><p>Piet und Jonsen standen am Ende der Sohle. Der Fels, das +reine, schwarzglänzende Fleisch der Erde, hob sich aus dem überschwemmten +Bett der Seugen. + +</p><p>An einen Pfosten, dem lange Schmarotzer der Fäule wie Strähnen +eines verwilderten Bartes herabhingen, klemmten sie die Lampen. +Piet tat noch den grünen Kittel hinzu. + +</p><p>Eine torartige Verzimmerung schloß den Gang ab. Dahinter +lag der Schlagwetterherd: die Gruft. Man war gewohnt, nie von +dieser Leichenkammer zu sprechen, ohne sich zu bekreuzen. Vielleicht +waren noch Scherben darin von Toten, die vermißt wurden, damals +vor zehn Jahren, und die man nie wiederfinden wird. Achtzig waren +eingefahren und nur siebenundsechzig hatte man ausgegraben. Dieses +befahl Furcht. Und Jonsen fürchtete sich. Sein Blut sah. Und +sein Gehirn fühlte so, wie man, von einer Ursache geregt, fühlen +kann. Aber er konnte es sich nicht erklären und das Trübe des Geahnten +nicht filtern. Darum meinte er: + +</p><p>„Warum mauert die Verwaltung das Ding nicht zu? Tote +wollen doch ihre Ruhe. Gestörte Ruh aber fordert Opfer.“ + +</p><p>„Na, Jungchen, die Herren glauben, daß sich der Teufel wieder +verkriechen wird. Voriges Jahr ließen sie den Berg absuchen. Aber +der schwarze Satan speit immer noch Gift. Wir wollen gleich mal +schaun!“ + +</p><p>Jonsen zitterte vor dieser Schwärze. Als er noch klein gewesen +war, litt er unter epileptischen Anfällen. Vielleicht war das Zittern +in manchen Minuten, die dieser glichen, ein matter Nachhall der +Krankheit. + +</p><p>Piet aber riß mit Gewalt das Brett los und zwängte seinen +zyklopischen Körper durch den Spalt. + +</p><p>Jonsen zögerte. + +</p><p>„Du hast wohl Angst, mein Lieber, was? Nicht? Na, dann +lang’ mir mal die Lampe her!“ + +</p><p>Er reichte sie ihm durch das Dunkel und kroch hinterdrein. Der +Frost stand ihm auf der Haut, die wie mit grobem Sand bestreut war. + +</p><p>Das träge Dunkel, das Jonsen überfiel, war mulmig, wie zerkaut +und ausgespien. Das Grundwasser klatschte breiig gegen seine Schaftstiefel. +Irgendwoher kam ein Geräusch wie angestrengtes Sägen. +Stahl durch Stahl. + +</p><p>„Nun schau mal her, Jonsen. Siehst du diese Blasen? . . . +Hier die Klumpen meine ich! Da unten kommt es herauf.“ + +</p><p>Piet bückte sich noch tiefer herab und betastete mit dem hochgeschraubten +Licht den Boden. Das Wasser war wie mit Millionen +Perlen bestreut; Blasen, die ständig emporrollten und zerschlugen, +gerieben durch ein ewiges Grau. + +</p><p>„Wird denn hier nicht mehr gepumpt?“ fragte gedehnt Jonsen. + +</p><p>„Aber gewiß, gewiß doch. Da, vom andern Ende pumpen sie +schon seit Jahr und Tag Hunderttausende von Kubikmetern frische +Luft hinunter. Der Satan schluckt das aber wie Wein und mästet +sich daran. Der geht nie hier weg.“ + +</p><p>„Und wenn man einen Luftschacht baut?“ + +</p><p>„Dann fällt der Dreck wieder zusammen wie damals. Unser +Schliefche war auch schon drin. Meine Alte hat ihn noch an der +geflickten Hose erkannt. Gesichter hatten sie alle nicht mehr. Die +hatte das Wetter eingeschlagen.“ + +</p><p>Piet schwieg einen Augenblick. Sein Gesicht verzog sich grimassenhaft +gelb. Seine Schultern bogen sich flach herab. Die Lampe +pendelte wie ein Zeiger, der die letzten Sekunden eines Mörders +unter dem Beil von der Endung schneidet. + +</p><p>Dann wurde der Ausdruck seines Gesichtes wieder borstigrot. +Die Schultern hoben sich in Beruhigung. Die Lampe stieg. + +</p><p>Jonsen hatte sich mit dem Rücken gegen die Verschalung gestemmt, +Übelkeiten zerwalkten seine Gurgel. Durch die gehöhte +Tätigkeit der Nerven sah er viel schärfer und suchte, wie in Sturmnächten, +einen unbekannten Weg. + +</p><p>Piet rüttelte Jonsen auf: „Siehst du den Fels dort? Da geht +der Flöz durch, den wir anreißen sollen, von hier hätte man halbe +Arbeit. Aber was nicht geht, kommt auch nicht. Und solange der +Teufel hier die Luft verpestet —“ + +</p><p>Sie schritten auf den Gesteinssturz zu. Glänzend frisch, wie die +aufgehauenen Innenseiten eines Ochsen, quoll der schwarze Flöz heraus. + +</p><p>„Das ist schon ein massives Kohlchen,“ meinte Jonsen interessiert. + +</p><p>„Eigentlich sollte man den Abbau vornehmen. Es muß doch +Mittel geben, die Wetter wegzublasen, wenn <i>eine</i> Pumpe nicht genügt, +nimmt man drei, vielleicht kümmert sich der Steiger darum.“ + +</p><p>„O Jonsen, der möchte schon. Aber die Direktion will noch +nicht. Vorläufig wenigstens. Die andern Sohlen liefern ja genug. +Und dann: sie bluten jetzt noch, die Aktionäre. Der Bruch hat viel +Geld gekostet. Einmal aber müssen sie doch anfangen. Nur ich +werd’s schon nicht mehr erleben. Gewiß nicht.“ + +</p><p>Er wischte sich mit der Hand über die Stirne, und mit zwei +Fingern strich er sich über die Augen. + +</p><p>Dann zupfte er Jonsen am Ärmel und zog ihn hinaus. Schichten +von ausgelebten Stundenkörpern fielen zurück. Sie trugen gestohlene +Larven vom Schauplatz der Seelen. + +</p><p>Als Jonsen im Hinausgehen endlich begriffen hatte, was war, +kroch er wie ein getretenes Tier und wünschte sich weg. + +</p><p>Mit einem Faustschlag setzte Piet die Bohle wieder in die Öffnung. +Der blaue Lichtkegel in der Lampe stumpfte ab und ließ sich +von der Röte der Dochtstrahlung verschlingen. + +</p><p>Die beiden Hauer bogen schweigend um die Ecke und setzten +das Gezähe in den harten Stein. Schränen und Schürfen füllte +die sechs Stunden der Restschicht. Wie dumme Kletten in Mädchenhaaren +saß das Radgetriebe der Fron im Blut beider und mahlte +Schweiß und Ächzen. + +</p><p>Ehe sie die Schicht beendet hatten, kam der Steiger und störte. + +</p><p>Er schnupperte wie ein Polizeihund am Gestein herum. Klopfte, +horchte und trat in den Abbruch. + +</p><p>„Ich werde morgen noch ein Dutzend Kerle herschicken,“ sagte +er gedehnt. + +</p><p>Piet zerbiß einen dicken Fluch. Jonsen sah nicht auf. + +</p><p>Dann verließ der Steiger mit den beiden den Ort. Sie schritten +wie Gänse durch die Enge. Jonsen war der letzte, über eine verschobene +Schiene stürzte er plötzlich und brach das Bein. + +</p> +<h3 class="subchapter">II</h3><p> + +</p><p class="first">Man hatte Jonsen ins Spital geschafft. Die süßen Giftgerüche +waren Räuber seines Gehirns für Wochen, wie durch einen blutroten +Nebel sah er die nahen Fördertürme und Schachtgerüste. +Geräusche, die durch die geöffneten Fenster gekommen waren, empfand +er wie die Nähe eines Meeres, das von verschluckten heißen +Untergängen wimmelt. Die Schwestern waren einfach unerträglich. +Und die Ärzte griffen zu wie Henker. + +</p><p>Manchmal umschwirrten ihn Bestimmungen: was tatest du! Du! +Wen wecktest du! Wen wecktest du! + +</p><p>Die Feinde, unter denen er hier lebte, wann würden sie das +Seil knüpfen . . . die Klinge heben . . . das Gift gießen? + +</p><p>Begräbnisse fuhren stündlich durch sein Gehirn. Er schritt +hinter seinem eigenen Sarge einmal. + +</p><p>Und als er sah, wozu er geholfen hatte, dachte er: gerade das +Gegenteil wollte ich. + +</p><p>Das Fieber aber war stärker als der gepfählte Willen. Es zerstäubte +ihn völlig, wie Töne eines dunklen Spieles. Schmerzen +des Wachen rissen sie fort. + +</p><p>An einem Sonntage kam Piet zu Besuch. Jonsen richtete sich +auf. Aus dem gebürsteten Sonntagsrock des Kameraden kam ihm +ein lieber Geruch zugeweht. + +</p><p>Piets Stimme machte einen brutalen Griff: „Daß du auch so +ein Tölpel sein mußt! Warum hast du das nicht dem Steiger überlassen? +Lag der hier, wäre die Gruft nicht offen. Nun sind wir +drin. Acht Tage haben wir gebraucht, um den Sumpf zu stopfen. +Aber weißt du, der Satan ist immer noch da. So was riecht man +doch. Die andern ja gewiß nicht. Aber weißt du, eine Kohle gibt +es . . . o, . . . eine Kohle . . . die Kerle haben noch nie so verdient. +Und du mußt hier nun faulenzen! Na, es geht doch besser? Was?“ + +</p><p>Piet beugte sich herab. Sein langer Bart kitzelte Jonsens Ohr. +Sein Atem war geschwängert vom Geruch der Gruft. So schien +es Jonsen. Und dieses Fühlen von Verwestem, das durch seine +Wachträume gerast war solange er hier lag, ließ ihn zurückschaudern +von der Berührung mit den Händen Piets. + +</p><p>Aber Piets Hände waren wie Eisenklammern. Wie Zangen. +Und griffen zu. + +</p><p>Er saß eine Viertelstunde auf dem Matratzenrand Jonsens. +Der Abend brach weißgelb herein. Todbereite und Genesende dieses +Saales freuten sich daran. Beflügelung ihrer Atemzüge klang wie +Vogelgezwitscher. Urteile waren aufgehoben. Hoffnungen stiegen +strahlend und standen real. Jonsens Blut allein ging träge. Manchmal +setzte das Herz ganz aus. In diesen Augenblicken der absoluten +Leere nickte der kahle Schädel Piets in sein Bewußtsein hinein +wie die Fratze eines Skeletts. Er hatte sicher noch Wundfieber. +Denn er schrie plötzlich auf. + +</p><p>Piet sprang wie gestochen empor und rief die Wärterin. + +</p><p>„Sie haben den Jonsen behext,“ schrie sie wutkreidig auf und +stand wie ein Panther geduckt vor ihm. + +</p><p>Piet drehte die Mütze in den schwitzigen Händen und ging langsam +rückwärts zur Tür. Die großen Ohren, die von seinem Kopf +weit abstanden, bogen sich wie krumme Hörner vor. + +</p><p>„Satan! Satan !“ bellte da Jonsen und war mit einem Satz aus +dem Bett. Aber die Beine hielten ihn nicht und warfen ihn platt +auf den Boden. Man mußte ihm die Zwangsjacke anlegen. Vierzehn +Stunden währte das Delirium. + +</p><p>Die schwarze Fahne des Todes und die rote des Wahnsinns +umarmten sich. Doch das Dickträge des bäurischen Blutes hielt sich +wie ein Wall. Das Gift schrumpfte einschläfernd zurück. + +</p> +<h3 class="subchapter">III</h3><p> + +</p><p class="first">Mitten im Winter warf man den wieder gesunden Jonsen aus +dem Spital. Die Schlackenhalden glänzten wie blaue Schneeberge. +Vom Förderturm rutschten die Seilbahnen wie Gletscher. Den +Häusern waren greise Bärte gewachsen von den Dächern. Fenster +schauten blind wie aus weißen Wimpern. + +</p><p>Jonsen ging lahm auf einem derben Stock gestützt. Der +Schimmelwirt nahm ihn wieder auf. Jonsen schuldete diesem bierseligen +Faulenzer noch achtzig Frank. Die sollte er abarbeiten. Ein +Lahmer ist immerhin noch als Nachtwächter nütz, hieß es auf der +Gewerkschaft. Jonsen bemühte sich um diesen Posten. Aber er +dachte sich fast widerwillig auf die Grube. Noch waren Pläne da, +die harrten. Seine Organe betrogen ihn nicht. Seine Ohren hörten +lange die Melodie des wiedergewordenen Fronens und griffen danach. +Richteten sie auf und verdrängten andere Assoziationen. Gewesenes +zeigte sich in neuer Gestaltung. Alles Seiende vermochte nichts +mehr zu gestalten. Der dünne Strich Verzicht war nur noch ein +kaum gesehener Punkt. + +</p><p>Nach dem Abendessen sagte der Wirt zu Jonsen: „Daß die +Gruft sich wieder aufgetan hat, weißt du wohl? Zwanzig Kerle +hat sich der Satan geholt. Schade um den Piet. Es war ein +schönes Begräbnis. Die Knappen von Ronsdael und Saint Legér +waren mit ihren Fahnen gekommen.“ + +</p><p>Es war etwas Gebieterisch-Entsetzliches in dieser grauenhaft +nüchternen Rede des Berichtes. Feuer und Schwefel standen darüber +und dörrten Blutströme. + +</p><p>Jonsen war aufgesprungen. Er hielt sich die Schläfen, die +schmerzhaft hämmerten. In seiner Kehle war kein Ton. Nur eine +schwärende verklumpte Tiefe. Ein Reflex kam herauf und spiegelte +das Wiedersein der Gräuel als Meer im Gehirn. + +</p><p>Das Gesicht des Schimmelwirts hatte sich zu einer Grimasse +breiten Lächelns verzogen. Es kam wie ein Pfiff: „Den Steiger +haben sie eingesperrt. Er soll an allem schuld sein . . . he . . . +he, he, he.“ + +</p><p>Als Jonsen die ohnmächtig gebrochenen Augen auftat, um einen +Satz zu sprechen, sah er hundert Gesichter. Flache Fragen wie +Fischbäuche und teergesalbt von der Schwärze der Explosion, fuhren +ihn an mit Augen, die aus den Höhlen gesprungen waren. Heißer +Atem qualmte auf und sengte alles Denken an. + +</p><p>Der Schimmelwirt glotzte Jonsen an wie: ist der Bengel verrückt! +Hat er Fusel gesoffen? Gestohlenen Fusel? + +</p><p>So quälte er Jonsen und hatte den Heiligenschein Luzifers mit einem +Mal. Da riß Jonsen eine Flasche vom Tisch und schlug sie dem +Wirt in die Frage. Säufer und Weiber liefen zusammen. + +</p><p>Jonsen wollte fliehen. Hinunter in die Gruft, zu Piet — zu +Piet — und weiter . . . + +</p><p>Der Gendarm aber legte ihm blanke Handeisen fest um die +Gelenke. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-5">Das Vorgesicht</h2><p> + +</p><p class="center">(1912) + +</p> +<h3 class="subchapter">I</h3><p> + +</p><p class="first">Einmal geschah es, daß Séverin Roubaud den erkrankten Steiger +Poulein plötzlich vertreten mußte, weil er der Älteste auf der +Sohle war. + +</p><p>Séverin aber betrachtete den Auftrag, einen verlodderten Flöz +wieder berggerecht zu schaffen, sozusagen als Prüfungsaufgabe für +den Hilfssteiger-Posten, der zu vergeben war. + +</p><p>Er spannte, von brutalem Ehrgeiz getreten, Hirn und Muskeln +an. Trieb die fünf Kameraden wie Ochsen und fluchte bei der Einfahrt +wie der Berginspektor selber. + +</p><p>Jaques, der fünfte von den Kerlen, lockerte im ersten Zorn schon +das Messer. + +</p><p>Der verwahrloste Schacht stundete bereits ein paar Jahre und +war schlüpfrig wie ein Sumpf. + +</p><p>Die sechs Männer hatten schwere Arbeit mit dem hervorgequetschten +Gebirge, das sich über zehn Fuß Mächtigkeit hinstreckte. + +</p><p>Sie sackten jeden Schritt breit, den sie herausschlugen, sofort zu. +Keile und Bolzen saßen fest im Aufhieb. Und aus Pram und Sohl +rieselte kaum noch Staub. + +</p><p>Nur im vordersten Gang, wo Séverin allein schaffte, stand das +Feuer in geduckten Funken und schrie nach der Wettermühle. + +</p><p>Aber Séverin hatte einen harten Schnapsschädel und bohrte +fort, trotzdem die Bläser aus dem gerissenen Bruch schon explodierten +und ein Heulen wie von gereizten Löwen war. + +</p><p>Dicht hinter den anderen stürzten die Ladungen wie Lawinen +von Staub. Benahmen ihnen allen den Atem und saßen faustdick +auf dem Gestänge. + +</p><p>Jaques murrte und warnte Séverin: den Bruch doch erst ausschwelen +zu lassen. + +</p><p>Séverin aber stemmte die Eisen, als säße hinter ihm einer mit Keulen. + +</p><p>Da fingen auch die anderen um Jaques an, unruhig zu werden. +„Man sollte den Obersteiger anklingeln,“ schrie der rote Jean. + +</p><p>Zwei Weiber, die ganz hinten die Wagen andrückten und in +Rufnähe waren, pfiff man heran. + +</p><p>Sie mußten die Wettermühle holen. + +</p><p>Séverin schlug weiter. Schlug, daß die ausgeklüfteten Felsen +dröhnten. + +</p><p>In den Hölzern knackte es, als bohrten tausend Würmer darin, +und aus den Nebengebirgen scholl dumpfes Grollen herüber. + +</p><p>Man deckte das Kappholz und rammte die Buchenpfähle Schlag +auf Schlag. + +</p><p>Widerliche Schwüle kam aus den Gängen, trotzdem die Mühle +ungeheuer mit den Flügeln aus den Saugern schlug. + +</p><p>Der rote Jean, der aus dem Vlämischen stammte, warf die +Eisen einfach fort und verkroch sich hinter das Gestänge. Ein schweres +Grauen war über ihn gekommen, denn er hatte in der verflossenen +Nacht einen bösen Traum gehabt. Er hatte seinen Vater rot und +groß gesehen. Seinen Vater, der vom Förderseil aufgerissen wurde, +vor Jahren, im Leichenkittel über die Halde tanzen sehen. + +</p><p>„Du Séverin!“ heulte er auf und wischte sich den Schmutz von +den dünnen Lippen. + +</p><p>Séverin blickte nicht auf von der Arbeit. Er lag auf den +Knien und arbeitete, daß ihm die Zunge breit aus dem Halse hing. + +</p><p>Hin und wieder tat er ein paar Fehlschläge. Dann rann ihm +das Blut aus großen Wunden von den Händen. Aber er zuckte nicht. +Er fühlte sich wie ein Teil dieses Gebirges, das den anderen wie ein +massiver Haufen aus dicker, ansteckender Finsternis erschien, in die +sie ohnmächtig hineinbellten. + +</p><p>Endlich hatte er ein riesiges Loch geschlagen. Das Geröll +quatschte auf seine Lenden wie lauter feuchte Sandsäcke. + +</p><p>Er beugte sich vor, tastete klirrend herum, ergriff die Flasche +vom Rücken und goß sie ganz in sein inflammiertes Inwendige. + +</p><p>Als ihm der letzte Tropfen des Fusels durch den Schlund gefahren +war, fühlte er wieder, was er vorhatte und schleuderte die +Flasche zurück. + +</p><p>Der Hammer sprang wie geölt von seinen Schultern herab. + +</p><p>Rings war es ganz still geworden von den Fäustelschlägen der anderen. + +</p><p>Jean stand mitten im Gang und schrie noch einmal: „Du . . . +du . . . Séverin . . . du . . . Mörder!“ + +</p><p>Sein Gesicht war kreidig verzerrt. + +</p><p>Und die Augen zerrissen die Finsternis. Und plötzlich öffnete sich +da im innersten Innern ihrer Pupillen eine Luke. Kohlschwarze +Sammetpforten wurden tief drinnen aufgeschoben. Und es stiebte +eine schwarze Glut heraus. Ein knitternder Schatten von Feuer. +Eine Flamme . . . + +</p><p>Sein Atem hielt mit einem Seufzer inne. + +</p><p>Er fühlte sich sengend heiß. + +</p><p>Die Lippen brannten. + +</p><p>Mein Gott! + +</p><p>Mutter Maria! + +</p><p>Joseph . . . + +</p><p>Der Vater . . . ! + +</p><p>Und da . . . da . . . da . . . wie von unten mit riesigem Nacken +wütend emporgedrückt, brach die ganze Arbeit zusammen. + +</p><p>Splitterte. Riß. Knallte und rollte empor. + +</p><p>Die Kolbenwuchten steilten sich wie Dämme. Berg und Gehölz +verschwanden in Rauch und Steinhagel. Ein Geheul wie nicht mehr +aus menschlichen Kehlen donnerte auf. + +</p><p>Aber die wahnsinnigen Rufe starben hin in dem Lärm von herabstürzenden +Brocken und Wasser, das wie ein Bergstrom einbrach und +den Staub verschlammte. + +</p><p>Séverin schnaubte durch den verstopften Mund wie ein wilder +Hengst. Stürzte in das Dunkel vor, wo er die Kameraden vermutete. + +</p><p>Da brach es noch einmal los und es war, als barst die ganze +Erde zusammen. + +</p><p>Bis zur Brust war er festgekeilt und griff mit den Händen wie +in Mehlberge. + +</p><p>Und immer neues Wasser ergoß sich und verschlang die Staubwolken. + +</p><p>Von einem geknickten Pfahl herunter blinkte gelbes Licht. + +</p><p>Das war Jeans Lampe. + +</p><p>Er griff danach und hob sie hoch. + +</p><p>Seine Augen zersägten das Dunkel. + +</p><p>Da hörte er ein Jammern tief unter sich wie aus einem ungeheueren +Keller herauf. + +</p><p>Seine Augen begannen zu hüpfen. + +</p><p>Blut siedete auf den zackigen Felsstücken. Fleischteile lagen +dampfend auf den zerschmetterten Hölzern. + +</p><p>Er bekam endlich eine warme Hand zu fassen und versuchte sie +mit aller Macht emporzuziehen. + +</p><p>Tastete hinunter und griff nasses Gestein. + +</p><p>Die Hand ging verloren. + +</p><p>Er kratzte überall herum und konnte sie nicht wiederfinden. + +</p><p>Er versuchte, sich aus dem Bruch herauszuwinden. Aber je heftiger +er sich abmühte, um so nachgiebiger rollte neues Gestein herab. + +</p><p>Seine Kraft erlahmte. Seine Augen brannten weh aus der +Schwärze und suchten nach der Hand. Sie wurden gejagt von einem +furchtbaren Wahnwitz. Jeder Nerv war aufgespannt. + +</p><p>Und da sah er sie wieder. + +</p><p>Die Hand . . . + +</p><p>Mit fünf Fingern . . . + +</p><p>Die bewegten sich. Zitterten. Krallten sich zusammen. + +</p><p>Séverin ächzte und drehte sich aus der Umklammerung in unsinnigen +Verrenkungen. + +</p><p>Die dicke Luft machte seinen Atem kurz. + +</p><p>An den Geröllklumpen hämmerte sein Arm sich lahm. + +</p><p>Und dort unten war noch immer die Hand . . . + +</p><p>Finger, die krampfhaft verzerrt um Hilfe zuckten. + +</p><p>Sich wieder schlossen. + +</p><p>Ein mörderisch geballter Fluch, diese Faust. + +</p><p>Und sie wuchs heraus aus dem Gestein. + +</p><p>Ungeheuer groß heraus. + +</p><p>Séverin schüttelte sich wild. + +</p><p>Frost klirrte über sein Gesicht. + +</p><p>Tausend Räder brausten durch sein Gehirn. + +</p><p>Brausten und rissen die Augen mit, die nun nichts mehr sahen. +Nur eine furchtbare Nähe geisterhaft fühlten. + +</p><p>Die krummgeballte Faust des Satans. + +</p><p>Und Brausen und Stampfen des Weltgerichts. + +</p><p>— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — + +</p><p>— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — + +</p> +<h3 class="subchapter">II</h3><p> + +</p><p class="first">Als Séverin erwachte aus purpurner Finsternis, sah er in das +blutige verzerrte Gesicht Jeans. Und die Hand, die er gefühlt hatte, +die sich in sein Gehirn gehämmert hatte, hielt ihm die Lampe in die +Augen. + +</p><p>„Ah — — — ah . . . du . . . du . . .“ ächzte er und schüttelte +sich vollends wach. + +</p><p>Jean erhob sich, langsam, mühselig, den Raum wie ein Riese +ausfüllend. Eine Wolke, ein Berg — und brüllte: „Seht da! Seht +den Séverin! Seht ihn an: da ist er, der das alles getan hat. +Seht da! Den Mörder!“ + +</p><p>Séverin, ganz Besinnung wieder und stark, packte ihn bei den +Schultern, riß ihm die Lampe weg und kommandierte: „Maul halten! +Du . . . du Tier. Siehst du nicht, daß wir hier fest sind?“ + +</p><p>Jean schwankte zurück und grinste. + +</p><p>Séverin suchte indes mit der Lampe das Geröll ab. Nach +einem Eisen oder so etwas. Und fand schließlich einen Fäustel. + +</p><p>Damit beklopfte er hinten die Wand. + +</p><p>Es klang hohl. + +</p><p>Séverin schrie auf: „Hierher Jean. Hier müssen wir durch.“ + +</p><p>Jean hatte sich inzwischen ein Eisen herausgekratzt und kroch +heran. Séverin hielt die Lampe in der einen Hand und hämmerte +mit der anderen wild auf den Felsen. + +</p><p>Jean stieß mit dem Eisen schon wuchtig hinterdrein. Jeder +Stoß würgte ihm das Gedärm in die Kehle. Sein nackter Oberkörper +war klatschnaß und hautlos vor Schweiß. + +</p><p>Das Gebirge gab langsam nach und brach in kurzen Schollen +herab. Dumpfes Dröhnen schauerte nach allen Seiten und fand +keinen Ausweg. Die Adern der beiden Wühler bäumten sich gegen +die Geräusche wie Stacheln auf, und Spannung brannte in den +Muskeln mit rauchendem Eiter. + +</p><p>Sie hämmerten drei volle Stunden in einem Zuge. Und fielen +beide zu gleicher Zeit erschöpft um. + +</p><p>Es war, als würden ihnen erst jetzt Augen, Ohren und alle Eingeweide +allen Ernstes geöffnet für die Bodenlosigkeit dieses nachtschwarzen +Elends! + +</p><p>Séverin flüsterte matt: „Jean . . . Jean . . . hör doch!“ + +</p><p>„Was ist noch zu hören?“ ächzte der aus schmerzhaften Krümmungen +herauf. + +</p><p>„Du Jean!“ + +</p><p>„Zum Teufel noch, was soll ich!“ + +</p><p>„Du Jean, wenn wir noch eine Stunde schlagen, müssen wir +durch sein. Keinen Meter mehr ist die Wand.“ + +</p><p>„Verflucht, schlag doch wenn du kannst!“ + +</p><p>„Hör’, ehe sie uns von vorn herausgraben, sind wir da hinten +schon auf dem alten Gang. Ein Notschacht ist da.“ + +</p><p>„Schrei doch nicht so, du Hund! Mein Kopf ist ganz zerschossen. +Krepieren müssen wir doch hier. Alles ist vorbei.“ + +</p><p>Sein Gesicht fiel mit einem Knick vornüber. + +</p><p>Séverin bemühte sich, wieder auf die Füße zu kommen. In +seinen Schläfen und in seiner Stirn beutelten sich dicke Blasen. +Blut trat ihm schwarz aus Kinn und Hals. + +</p><p>Dann begann er zu hämmern und dachte an Maruscha. O, +schönes warmes Bett mit Maruscha! Nun wird sie oben am Tor +stehen und mit den anderen Weibern flennen. O Maruscha! Bald, +ja, ach bald komm ich wieder zum Küssen. Schönes warmes Bett. +Maruscha! + +</p><p>Er hatte wieder Schwung in den Muskeln und sein Riemen +stand. O Maruscha! + +</p><p>Auch Jean hatte sich wieder aufgereckt. Stützte sich auf das +Eisen und horchte. Schlenkerte mit dem verwundeten Arm und +sackte ein bißchen in den Knien ein. + +</p><p>Plötzlich jauchzte er laut: „Schüsse . . . hör’ . . . Sprengschüsse!“ + +</p><p>Séverin ließ den Hammer fallen und drückte sich mit dem Kopf +tief in das Gestein. + +</p><p>„Donner, ja. Jean, ganz deutlich, wirklich Schüsse!“ + +</p><p>Nun hieben sie alle beide wie verrückt. Körper an +Körper. Und Jeans Besinnung wuchs mit jedem Hieb, den er ausholte. + +</p><p>Ach, die Wand gab nicht nach. Und die Minuten zogen die +Sekunden mehr und mehr in die Länge, zerrten sie ungeheuer auseinander, +walzten sie wie Draht aus, der mit spinnendem Klang in +die Ohren hineintönte. +Jean schmiß das Eisen trostlos hin. Seufzte: „Alles ist wieder +still. Horch . . . ganz still . . .“ + +</p><p>Séverin klappte zusammen. Tastete blind und grausam in der +Luft herum. Dachte einen Augenblick: „Hab’ ich wirklich Schüsse +gehört? Wie? Hab’ ich Schüsse gehört?“ + +</p><p>Jean fühlte sich wie ins Genick gestoßen. Ein Knochengerüst +klapperte über seinen Rücken. + +</p><p>„Hu . . . Hu . . . Der Alte . . .“ spie er fröstelnd, und sprang +wieder an die Wand. + +</p><p>Helles Feuer blitzte vom Eisen. Und der Staub pfiff, von einer +fremden Schwingung weggestoßen, ihm breit ins Maul. + +</p><p>Splitternd gab die Gesteinswand nach. + +</p><p>Eine handgroße Lücke klaffte und ließ eine wunderlich kalte Luft +hereinziehen. + +</p><p>Séverin, der einen halben Meter seitwärts stand, bekam den +Durchzug zu schnappen. + +</p><p>„O ihr Heiligen all! Jean! Jean! Nun können wir bald +durchschlüpfen.“ + +</p><p>Jean spürte, wie seine Adern heraufschwollen: Dieser Hund +kann noch lachen? In diesem Unglück noch lachen? + +</p><p>Und stellte sich vor das Loch: so, daß der andere nicht hinzukonnte +und schlug in besessener Wut in den Bruch. + +</p><p>Stück um Stück fiel klirrend herab. Und das Loch war schon +so, daß man den Kopf durchstecken konnte. + +</p><p>Und noch immer ließ er Séverin nicht heran. Eine wahnsinnige +Ahnung polterte durch sein Gehirn. + +</p><p>Mit einem Ruck hob er sich in die Ellenbogen und zwängte erst +seinen Kopf und dann den Oberkörper durch das Loch. + +</p><p>Enttäuscht ließ er sich wieder zurückschnellen und fiel hinterrücks +auf eine Steinkante. +Séverin sah, wie er die Beine hoch in die Luft warf. Und +dann auf einmal die Hand. + +</p><p>Die Hand mit den fünf Fingern, die auf- und zugingen. Sich +ballten und wie ein fleischgewordener Fluch standen. + +</p><p>Er hielt sich an einen Felszacken gepackt. Und aus seinen Augen, +die vor Qual schimmerten, schoß wagerecht die Angst. + +</p><p>Da flog er vor, warf den Hammer wütend in den Bruch und +begann die Öffnung weiter auszubrechen. + +</p><p>Jean konnte sich nicht rühren. Seine Augen waren voll Blut. +Und durch dieses Blut schwamm das knarrende Geripp des Alten. +Und immer hörte er den andern hämmern. + +</p><p>„Er wird durchkriechen und mich hier liegen lassen! Der +Mörder wird mich hier verrecken lassen! Ei verflucht!“ + +</p><p>Und da kam ihm seine Kraft zurück und riß den Wahnsinn aus +den Augen. + +</p><p>Und sieh: Heilige Mutter Maria, Joseph! Der andere steckte +schon halb im Loch. + +</p><p>Wie eine Riesenschlange wälzte sich Jean auf den Knien vor +und faßte Séverins Beine. + +</p><p>„’Rauß da, du Mörder!“ + +</p><p>Séverin stürzte platt zu Boden. Drehte sich herum. Sein +Gesicht gab ein wüstes Gebrüll. Er schlug mit den Armen wild +um sich. Kam mit einem Ruck wieder auf die Beine und rutschte +nach der Öffnung. + +</p><p>Da kugelte sich Jean noch einmal auf ihn, biß und kratzte. + +</p><p>„Was willst du Lump? Hast du einen Flapps?“ krächzte +Séverin. + +</p><p>Jean hatte Séverins Kehle zu fassen bekommen. Schraubte +seine Finger fest herum. + +</p><p>Séverin fühlte diese Krallen wie Schüsse im Gehirn. Jeder +Finger schoß hundert Kugeln. Das Herz stand ihm bebend in der +Kehle. Finger rissen es heraus. Fünf Finger, die wie ein Fluch +geschlossen waren. + +</p><p>„Maruscha . . . !“ + +</p><p>Das war der einzige Laut, den die Finger aus dem zuckenden +Herzen quetschten. + +</p><p>Dann schnellten diese Finger zurück, und Jean fuhr sich damit +über den rauchenden Schädel. + +</p><p>Und da befiel ihn naßkalt schweißiges Grausen. + +</p><p>Mit einem Satz war er aus dem Loch heraus. Tastete sich +mit blinden Händen durch den Schacht. Sein Kopf ging wie ein +Pendel. Ein ganz kleines Pendel. Bis er an ein Gerüst schlug +und stehenblieb. + +</p><p>Verdammt und verflucht stehenblieb. + +</p><p>Mit einem gut Teil Anstrengung war es Jean dann gelungen, +sich wieder zu konzentrieren. Seine Finger griffen etwas Festes. +Balken, die hochsteilten. Ein widerlicher Luftstrom brauste da von +oben herab. Ein Fauchen und Zischen von Drähten. + +</p><p>Und dann stolperte Jean in den Korb. Riß an dem Zinkseil. +Das Auffahrtsignal schnellte nach oben. Packend schnappten die +schweren Traggesenke ineinander. Der Korb stieg wie eine Wolke. +Die Luft pfiff heiß und giftig. + +</p><p>Jean hatte eine Empfindung, als sei er erst jetzt er selber geworden, +ganz und gar. Und jubelte: o ihr Heiligen alle! Gelobt! +Gelobt Jesus Christus! + +</p><p>Plötzlich stand der Korb mit einem Ruck. Schleuderte Jean +herauf, daß ihm die Bordkante tief in die Brust schnitt. + +</p><p>Jäh grub er beide Fäuste wild in seinen Busen hinein. Krähend +vor Schreck. Und suchte das Seil. + +</p><p>Riß mit beiden Händen an dem Tau und schrie alle Schutzpatronen +hinauf. Riß das Tau herunter und riß es tief in seinen +Schädel. Mit den Armen, die in weißlichen glatten Windungen +von seinem Körper herabfielen. + +</p><p>Und da! Wie ein geborstener Meteor, sausend, polternd fegte +der Korb wieder in die Tiefe hinab, von einer Satanskralle wütend +herabgezogen. + +</p><p>Immer tiefer. + +</p><p>Grenzenlos durch Finsternis und Nächte sausend. + +</p><p>Bis auf den Grund durch Meerjahre und Sternkorallen. + +</p><p>Abwärts. + +</p><p>Endlos in das torweit aufgesperrte Maul des Alten, der einmal +im Knochenrock über die Halde tanzte. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-6">Nervil Munta</h2><p> + +</p><p class="center">(1912) + +</p> +<h3 class="subchapter">I</h3><p> + +</p><p class="first">Soo . . . soo . . . seufzte Nervil Munta, nach dem sich die eisenbezackte +Tür des Zuchthauses zu Ottignies hinter ihm geschlossen +hatte und hob die Brust. Hob sie, wie um den roten Mauerberg +der Stadt, der vor ihm aufragte, empor zu drücken. + +</p><p>„Soo . . . das Jährchen ist um. Der Streik wird auch vorbei +sein. Jarse wird einen schönen Stein auf seinem Grabe haben. Die +Hauer zwei Frank die Woche mehr verdienen. Vielleicht nimmt mich +der Direktor wieder an. Gewesenes, kann nicht mehr dauern. O, +ich will schon arbeiten. Für zwei oder drei, wenn es sein muß. +Und acht Schichten die Woche. Mutter braucht dann nicht mehr +auf die Zinkschmelze gehen. Und wenn mich eine von den Koksmädchen +will, wird sie geheiratet, man muß nun endlich voll werden.“ + +</p><p>Er hob die Brust und ging durch die lichtbeglänzte schnurgerade +Straße. Ging mit schaukelnden Schritten zum Bahnhof wie auf +einem Schiff. Radfahrer stießen mit krummen Lichthörnern die gehetzte +Menge an die Häuserkanten. Funken von den Stromzuleitungen +der Tram schossen wie Silberfische durch die dichtmaschigen Netze +der Luft, und die Paukenwirbel der Geräusche dröhnten langgezogen +und jagten Echos auf und nieder. Dann und wann blieb Nervil +Munta vor einem großen Schaufenster stehen. Hob die Hände aus +den tiefen Hosentaschen, bewegte die Lippen lautlos und schob die +Hände wieder hinein. Ging weiter, kopfschüttelnd, murmelnd, ließ +sich anrempeln. Rauch ins Gesicht blasen. Lief einen Baum um. +Kam in Gefahr, von einem Lastwagen überfahren zu werden und +stand endlich vor dem Bahnhofsgebäude. + +</p><p>Hinter ihm schlug es zusammen wie ein geteilt gewesenes Meer. +Der Ziffernkreis der Uhr stand groß und gelb wie ein aufgehender +Mond. Die Fahrkarte kostete fünf Frank, die er gewissenhaft abgezählt +auf das Zahlbrett warf. Er wog das graue Pappstückchen +in der Hand und fühlte Heimat und eine freiere Luft. Im Warteraum +erstand er sich einen Genever. Trank noch einen und kam bis +zum fünften. + +</p><p>Da rief der Wärter den Zug aus. + +</p><p>Nervil Munta schlüpfte in den Wagen und fuhr drei Stunden +wie im Traum. Die Augen leblos in den schwarzen, bespienen Boden +gebohrt. + +</p><p>In Namur mußte er umsteigen und vier Stunden auf den Zug +nach Charleroi warten. Seine Fahrtgenossen, Bauern, Kleinbürger +und Soldaten suchten sich in dem großen Wartesaal geeignete Plätze +zum Schlafen. + +</p><p>Ein junger Bursche, den Leinenkittel dick mit Kalk beschmiert, — +vielleicht war es ein Maurer, der, nachdem die Bauerei in der Stadt +zu Ende war, in sein Heimatdorf zurückkehren wollte, — sprach ihn an. + +</p><p>Ließ die weißen Zähne lächelnd blecken und forderte ihn zum +Trinken auf. + +</p><p>Sie traten an den Schanktisch und stießen miteinander an. Der +Maurer aber hatte eine geläufige Zunge und schnurrte wie ein geschmiertes +Rad. Der Speichelschaum zischte und spritzte. + +</p><p>Da drehte sich Nervil Munta wortlos um und suchte sich einen +freien Tisch. Streckte die Beine aus und stürzte die Ellenbogen auf. +Nun er die vielen Menschen gesehen hatte, nach einem Jahre wieder +richtig gehende Menschen, die laut und lustig schwatzen konnten, +fluchen und rauchen durften, wurde ihm die Zunge, über die der +Schnaps gebrannt war, wie Stiche von Insekten, seltsam trocken und +der Kopf wie ein Klumpen Blei widerlich schwer. + +</p><p>Es überkam ihn, zurückzudenken. Sich zurückzudenken in den +kahlen gefühllosen Kerker. Er hörte vernehmlich den Filzschritt der +Wache und das böse Geklirr des Schließers. Der Dunst von vergossenen +Getränken und verbrodelten Speisen kitzelte seine Nase, die +noch wund war von dem faden Leichengeruch der Zelle. Klappern +von Tellern und Gläsern schwirrte durch die heftigen Pulsschläge +seines Gehirns wie das Scharren der Blechschüssel jeden Mittag +über den Zement des Zellenbodens, vom Fuß des Kalfaktors durch +die Eisentür geschoben. Jedes geregte Leben, das hier im Wartesaal +geschah, wurde zum Fühler zurück in kaum überstandene Stunden +der Einzelhaft. + +</p><p>Und er hüllte sich in die wiederaufgebrochenen Gefühle, glaubte, +daß er sie fühlte und merkte nicht, daß er nur die Mäntel der Gefühle +ausbreitete zum Spiel, das Schlaf herbeilockte. + +</p><p>Er schlief fest und fuhr wie gestochen auf, als die Glocke der +Abfahrt schrillte. + +</p><p>Wie zerschlagen tappte er sich auf den Perron und erreichte mit +Not den Zug. Die Abteile waren überfüllt, dunkel und dunstig. + +</p><p>Als die schweren Wagen die Halle verließen, hämmerte der +graue, windharte Morgen an die Scheiben. + +</p><p>Nervil Munta, der sich einen Fensterplatz mit seinen starken +Knochen erdrückt hatte, sah spähend in die rauchige Landschaft hinaus. +Die hereinbrechende Frühe hatte seine Gedanken aufgepeitscht, in Zukunft +zu sinnen, und lebendiges Feuer in seine Glieder geworfen. Das +Wirbelnde der bewegten Erde tanzte in sein Gehirn wie ein Kirmesreigen +und wälzte ein freudiges Schnalzen auf seine Zunge, das lange +anhielt. Dann überschrie der Bremsstrom die Achsen, und der Train +stand am Ziel wie festgerammt. + +</p><p>Fluchend vorgeschoben verließ Nervil Munta den Wagen und +zwängte sich durch das Portal. + +</p><p>Auf der Straße blieb er stehen. Sah sich nach allen Seiten +lauernd um wie einer, der zum ersten Mal in dieses Gesichtsfeld +rückt. Klopfte an den Kleidern herum, schob die Mütze zurecht +und trabte der Vorstadt zu. + +</p><p>Gasometer und Hochöfen winkten mit klobigen Fäusten. Rauch +zog in gelben, grauen und weißen Klumpen wie ein Riesengeschwader +über die zermürbten Lehmhäuser. Dunst von verbranntem Erz und +ranzigen Ölen machte die Luft schwer und feucht. + +</p><p>Nervil Munta aber blähte die Nasenflügel weit, spreizte die +Finger und schmeichelte sich ein Leuchten in die Augen. Federnd +schnellten seine Beine über das schlechte Pflaster, und wie ein Verfolgter +griff er die Klinke einer Tür, die in das letzte Haus diesseits +der Straße führte. + +</p><p>Mit der Mutter, die ihren schwarzen Tuchrock angezogen hatte +und ein reines Häubchen aufgestülpt, machte er nicht viel Umstände. +Als sie freudeweinend auffuhr, küßte er sie sauber ab und drückte +sie wieder in den Stuhl zurück. + +</p><p>Der weiße Kopf neigte sich seitwärts, und ganz leise sagte sie: +„Wie bist du gewachsen, mein Sohn! Und wie stark siehst du aus. +O, alles ist besser geworden, als ich meinte. Und wie ich mich +gegrämt habe, mein Sohn! Sieben Vaterunser habe ich für dich +gebetet. Und die heilige Jungfrau beschworen. Und du, du mein +Sohn . . .?“ + +</p><p>Nervil Munta hob den Kopf und tastete die Wand ab. Blieb +vor dem Muttergottesbilde stehen und reckte die Arme. Ging in die +Kammer, wühlte in seinen Sachen herum und ging wieder ans Fenster +und sah lange auf die Straße, wo die Kinder sich jagten und schrieen. + +</p><p>Zum Mittag hatte ihm die Mutter eine Fleischsuppe gekocht. Er +wagte erst nicht, die würzige Brühe zu berühren. Dann aber, als +ihm die Kostprobe auf der prüfenden Zunge zergangen war, schlürfte +er den Teller in einem Zuge leer und schnalzte wie ein an der Brust +gestilltes Kind. Erzählte der Frau mit dem weißen Scheitel von +den harten Erbsen und trockenen Brotrinden im Kerker und geriet +dabei in einen hellen Zorn. Obwohl er sich in der Zelle vorgenommen +hatte, niemandem etwas von den schweren Tagen zu erzählen, erfuhr +die Mutter alles, was ihm noch im Gedächtnis geblieben war. Und +er kam sich wie ein Held vor, als er die Erzählung beendet +hatte. + +</p><p>Zum Abend ging er ins Wirtshaus und vertrank mit den Freunden, +die ihn schon erwartet hatten, das ganze Geld, welches man ihm für +geleistete Arbeit im Zuchthaus gezahlt hatte. Nichts sollte mehr von +den Tagen in seinem Besitz bleiben. + +</p><p>Und alle, die er freigehalten hatte, wollten sich bemühen, für +ihn zu sprechen beim Steiger, Inspektor und Direktor. Und der +Wirt sagte gewichtig: „Wenn alles reißt, Nervil Munta, kannst du +bei mir im Hause schaffen. Bekommst dein schönes Essen und guten +Lohn.“ + +</p><p>Aber es gab zwischen den bereiten Helfern und dem siegbewußten +Nervil Munta keine voneinander abhängigen Zusammenschlüsse. Da +ihm seine von der Mutter gelobte Stärke einfiel, wurde sein Bewußtsein +freier und von stolzem Erhobensein. + +</p> +<h3 class="subchapter">II</h3><p> + +</p><p class="first">Am nächsten Tage, nachdem er bis zum Mittag geschlafen hatte, +ging Nervil Munta auf die Gewerkschaft hinaus. + +</p><p>Grauer verstörter Regen rann, und in den verkrüppelten Bäumen +der Allee hing der Sturm und heulte. Von den Hochöfen her brausten +die Gebläse wie Wiehern lüsterner lüstiger Hengste. Die Zinkhütten +qualmten empor wie dunkle Wäldermassen, und die spitzen Schornsteine +zerstachen den Horizont, der wie eine riesige Blase schwamm. + +</p><p>Nervil Munta stieg in sein Innerstes nieder und brachte die +Tage herauf, da er in Begleitung seines Vaters diesen Weg zum +ersten Male geschritten war. Zur Arbeit aufgeschrieben wurde, das +erste Geld der Mutter brachte. Vertrauensmann des Arbeitskomitees +wurde. Beiträge einziehen mußte. Und dann der Streik. Und die +Schlägerei mit dem Jarse. Das Gericht. Der Kerker . . . + +</p><p>Und nun ging er wieder Arbeit suchen. + +</p><p>Mancher Zelle Kern, der während des stumpfen Jahres sich +verhüllt hatte, ergoß sich in den fiebernden Puls der Adern und überschwemmte +die Schlacken der verflackten Flüche, die in den ersten +Wochen der Gefangenschaft sein Denken vergifteten. Das Schmerzen +der Schläfen war nicht mehr. Zu Tat und Freude schwollen Atem +und Muskeln und fühlten die Arbeit vor sich als edelste Lust. Nicht +für Erbärmlichkeiten mehr würde man diese wiedergeborenen Gefühle +in Fesseln zwängen. + +</p><p>Das Gefühl dieser gesteigerten Bedeutung von dem Erhobensein +seines Ichs erfuhr der Portier, den er gebietend ansprach und die +Passiermarke zum Direktor forderte. + +</p><p>Der dicke Kerl, der in der Kolonialarmee als Korporal gedient +hatte, ließ sich so leicht nicht überzeugen und fauchte ihn an wie +einen Strolch. Stellte ein Kreuzverhör an und ließ sich die Papiere +geben. Dann erst langte er die Marke heraus. + +</p><p>Nervil Munta sagte dem Portier ein Trinkgeld zu, wenn der +Direktor ihm den alten Posten an der Fördermaschine wiedergeben würde. + +</p><p>Dann stieg er die Treppe zum Büro pfeifend empor und klopfte +stark an. Die Angeln der Tür kreischten wie die Riegel der Zelle, +die er kaum verlassen hatte. Das machte ihn schon unsicher, als +hätte er den frohen Umschwung des Blutes vergessen. + +</p><p>Der Direktor kam ihm barsch bis zur Schranke entgegen und +hob die Stirn gekräuselt. + +</p><p>„Sie suchen Arbeit?“ + +</p><p>„Soo . . . soo . . . ist es, Herr Direktor!“ + +</p><p>„Arbeitsbuch! Papiere!“ + +</p><p>Nervil Munta wickelte das gelbe Buch aus der Zeitung und +reichte es dem Direktor zögernd hin. Geduckt, wie einer, der Prügel +empfangen soll. + +</p><p>Der schlug das Buch auf. Las. Hob die Schultern. Las noch +einmal und machte das Buch wieder zu, überlegen und kalt. + +</p><p>Sagte dann: „Die neuen Bestimmungen der Gesellschaft verbieten, +Bestrafte anzunehmen. Zumal Leute, die dem Komitee angehört +haben. Auf die Nichtorganisierten muß Rücksicht genommen +werden. Sind die fleißigsten Arbeiter. Reibereien würden wieder +entstehen. Streik und Schlägerei. Sehr bedauerlich, aber nicht zu +ändern.“ + +</p><p>Mit zwei Fingern reichte er dem zusammengesackten Menschen +das Buch zurück und drehte ihm den Rücken zu. + +</p><p>Nervil Munta schlich sich stöhnend hinaus und kam erst wieder +zu sich, als er auf dem Hof stand. Mitten in dem satten Gewirr +von Arbeit, das von den Werken herübergewitterte. + +</p><p>Dem Portier, der die Hand geöffnet hinhielt, spie er ins Gesicht. +Stellte sich draußen vor den Zaun und ballte die Fäuste. Das Gesicht +zerriß ein böser Krampf, und trockener Husten quälte die Kehle. +Aber dann hakte sich etwas in die Stirn hinein und zog den Willen +zurück von einem Sprung ins Rächerische. Beruhigte das Gehirn +und fürchtete die letzte Armut nicht. + +</p><p>Wie er nun dastand und das Gespannte der Fäuste löste, brach +weiße Sonne schräg durch die Wolken und verwirrte seine Augen +so, daß sie tränten. Er bedeckte das Gesicht mit der Hand und ging +in die Stadt zurück. Auf Umwegen. Es war ein steiler und +steiniger Pfad, der über den Hügel zwischen Ginster hindurch führte. + +</p><p>Die Mutter betrachtete ihn blinzelnd. + +</p><p>Seine hervorstehenden Augen aber starrten ins Dunkel der +Kammer. Und die Unterlippe fiel herab. Zum Reden war er an +diesem Tage nicht zu bewegen. + +</p><p>Am dritten Tage endlich, nachdem er auf sechs Stellen abgewiesen +war, im Walzwerk, in der Bleihütte, in der Ziegelei, Pumpanlage, +Gasanstalt, Teerfabrik, bekam er auf der Koksmühle Arbeit. +Da zwanzig Leute die Brocken dort hingeworfen hatten, nahm man +gern Ersatz. Gleichviel, wo er herkam. + +</p><p>Nervil Munta, der einem Streikbrecher das Messer in die +Rippen gesetzt hatte, nun selber ein solcher Lump? + +</p><p>Er fürchtete die letzte Armut nicht. Aber die andere Angst. +Vor dem Ekel des Nichtstuns fürchtete er sich maßlos und griff +darum zu und belobte den Tag und das Werk. + +</p><p>Da er zur Nachtschicht befohlen war, war ihm eine Last genommen. +Die Genossen, denen er nicht gern begegnet wäre auf dem +Werkgang, waren ihm auf diese Weise entrückt. Man würde nun +nicht mit Fingern auf ihn zeigen. Ihn nicht anspein, auflauern, +verprügeln. + +</p><p>Aber in Gedanken noch wollte er ein Körper der Freiheit sein. +Entflohen aus der Armut, der Fremde, der Schande. Im Schaffen +war ihm Leben. Wollust hierzu peitschte sein ungeschwächtes +Blut auf. + +</p><p>Der Aufseher, bei dem sich Nervil Munta um acht Uhr zur +Nachtschicht meldete, war der Schwager des erstochenen Jarse. Er +beriet schon in Gedanken dem Mörder, der ihm in die Hände gegeben +war, waffenlos und gedemütigt, die Minute seines letzten Blickes. + +</p><p>Nervil Munta aber merkte nicht den Triumph und ließ sich wie +ein blindes Kind an die gewaltige Maschine, die sonst von zwei +Männern bedient wurde, führen. + +</p><p>Zwischen kreischenden Schwungrädern und sausenden Treibriemen +wurde sein arbeitshungriger Körper hingestellt. Wie ein +stürzender Felsblock warf er sich in die Fron und ließ die Muskeln +springen. In rhythmischem Hin- und Herwärtswiegen zitterte sein +geladener Körper. Da ihm diese Arbeit ungewohnt war, ermüdete +er bald und bog den gekrümmten Rücken ächzend gerade. Wischte +sich den Schweiß aus der Stirn und hustete den Staub, der seine +Kehle zugeschnürt hatte, hinaus. Das Zuchthaus hat mir das +Fleisch von den Knochen gefressen und das Mark ausgesogen, dachte +er und strich sich mit der flachen Hand über die gedunsenen Adern. + +</p><p>Aber da stand der Aufseher lauernd hinter ihm und brüllte +„Was zum Satan glotzt du herum? Hast dich nicht lange genug +ausgeruht. Da hinten im Bau?“ + +</p><p>Nervil Munta starrte mit verglasten Augen empor, griff nach +der Schaufel und warf den Koks in die Mühle. Der Aufseher +stand lauernd hinter ihm und sah zu. + +</p><p>„Du Faulpelz mußt schneller schippen. Noch einmal so schnell. +Soll die Maschine leerlaufen, springen?“ + +</p><p>Nervil Munta nahm sich zusammen. Irgendwo schwoll eine +Wut in ihm und befeuerte die Gelenke. Nur mehr ein Werkzeug +war ihm der Arm. Und durch sein Gehirn blitzte das Erkennen: +Ich bin nicht mehr <i>ich</i>. + +</p><p>„Immer noch fixer und mehr auf die Schippe,“ brummte der +Aufseher und ging. + +</p><p>Nervil brach am Morgen wie ein Sack zusammen. Lag im +Ankleideraum erst eine gute halbe Stunde lang auf der Erde, ehe +er aus der Fabrik in die Stadt zurücktaumelte. + +</p><p>Dann trank er die Kanne Kaffee, die ihm die Mutter vorsetzte, +in einem Zuge leer und warf sich auf’s Bett. Schlief bis zum Abend +und war nur mit Mühe wach zu kriegen. + +</p><p>Packte dann die Brotstücke und die Geneverflasche in den Kober +und ging wieder auf die Mühle. + +</p><p>Und Nacht für Nacht kamen die gleichen Auftritte mit dem +Aufseher, der ihn zwackte und peinigte wie eine Schindmähre. Seine +Rachlust lebte ihm darum und davon. Nur die Geschicklichkeit +„Jetzt“ zu sagen, war ihm noch nicht geworden. + +</p><p>Nervil Munta lebte in einem besinnungslosen Dämmer. + +</p><p>War steingewordene Antwort eines lebendigen Hetzers. + +</p><p>Seine Hände waren aufgerissen, und das Blut klebte den Holzgriff +der Schaufel unentrinnbar ans Fleisch. + +</p><p>Stand nicht einer hinter ihm, der mit den Fäusten an seine +Schläfen hämmerte, so, daß man die Knochen klingen hörte? + +</p><p>Dann wieder kam die Angst: Gib acht; die Räder donnern auseinander +und zerschlagen deinen Schädel. Die Riemen zischen wie +Schlangen und werden dich umringeln und die Brust zerquetschen. +Gib acht! Gib acht! + +</p><p>Durch das Gedröhn der Walzen, durch Staub, Aufseherfluch +und Schweißtropfen kam ihm diese Furcht. + +</p><p>Würde sie nie aufhören zu sein? + +</p><p>In der fünften Nacht sprang ein Koksstück aus der Mühle und +zerfetzte sein Ohr. Das blutete und wurde eine einzige schwarzblaue +Geschwulst. + +</p><p>„Siehst du,“ sagte der Aufseher, der ihm die Wunde verband, +„siehst du, der Jarse hat dich gerufen. Nimm dich in acht, daß er +dich nicht ganz holt!“ + +</p><p>Nervil Munta dachte an die Schlägerei und versprach sich, dem +Jarse von dem ersten Verdienst eine Messe lesen zu lassen. + +</p><p>Der Aufseher begann zu hoffen und trieb es in der siebenten +Nacht noch ärger mit Nervil Munta. Der Mörder mußte zu Ende +gepeinigt werden. Und sein blutgieriger Wille hetzte sich hinauf in +seinen letzten Mut. + +</p><p>Als Nervil Munta sich unter den letzten Flüchen des Hetzers +schließlich aufbäumte und nach einem Eisenstück greifen wollte, glitt +er auf der glatten Bühne plötzlich aus und geriet in das Radgezähn. +Und ehe der Aufseher dazu kam, den Schwung der Transmission zu +stoppen, war sein Schwager Jarse gerächt. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-7">Der Anarchist</h2><p> + +</p><p class="center">(1912) + +</p> +<h3 class="subchapter">I</h3><p> + +</p><p class="first">Mitte März trat der neue Ingenieur Erwin Vallotti sein Amt +an. Er hatte die drei Dynamo-Maschinen zu beaufsichtigen, +die in Bordael dröhnten und ratterten, die Pumpanlagen und Paternosterwerke +betrieben. + +</p><p>Der Direktor der Grubengesellschaft stellte ihm die drei Gehilfen +vor. Zuerst den Techniker Vildrac, dann den Jean Paquet und zuletzt +Henri Semella. + +</p><p>Der Techniker Vildrac war der einzige auf diesem Werk, der +keiner Organisation angehörte. Er mied den Schnaps, ging jeden +Sonntag zweimal in die Kirche und besaß fünf Kinder. Außerdem +hatte er rote Haare, Sommersprossen in einem wulstigen Gesicht und +ein unregelmäßiges Gebiß. + +</p><p>Von den beiden anderen Kerlen war Jean Paquet der intelligentere. +Obwohl etwas Raubtierhaftes von ihm ausging (wenn +man z. B. seine unverhältnismäßig langen Arme und den wüst bebuschten +Schädel betrachtete) war sein Gesicht schmal und offen, und +der Blick stand fast immer frei. + +</p><p>Henri Semella endlich fiel nur durch sein Sprechen auf, das +mehr wie ein gewürgtes Knurren ging und gut zu dem Bulldoggenmaul +paßte. Daß er in der Kneipe häufig zu finden war, mag auch +erwähnt werden. + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti machte, nachdem er sich von dem +Vorhandensein der drei Mitarbeiter zur Genüge überzeugt hatte, +nunmehr die Bekanntschaft der Maschinen in der weißen Riesenhalle, +die aus zwölf ungeheuren Bogenfenstern Weltmeere von Licht empfing. + +</p><p>Die drei Dynamos mit ihren Kesseln waren von verschiedenen +Dimensionen. Jene zwei an den beiden Außenflügeln des Raumes +hielten sich in älteren Konstruktionsmaßen und verursachten nur +mäßige Geräusche. Aber es schien, als äußerten diese Geräusche +feinste Wissenschaft, welche die Menschen kannte, in denen Tore +sind, ihnen zueilte, in ihnen bebte wie ein gewordenes Spiegelbild +des Daseins und Nächte zerstach. + +</p><p>Wenn die breiten Lederriemen über die Stahltrommeln fuhren, +die Bürsten schrill pfiffen und die Luft sich zwischen den Polen wie +eine Gewitterboe erbrach, spürte man deutlich, wie in den Menschen +dünne Schichten einer Halluzination gegeneinanderdrängten, nebelzart +und schmerzgefranzt, sich ineinanderschoben und ein Gesicht formten, +das nicht von dieser Welt war. + +</p><p>Mimische Ausdrucksposen dieses also Geformten stellte das +jeweilige Blut-Tempo des Halluzinierten. + +</p><p>Aber all diese traum-trächtigen Geräusche der zwei äußeren +Maschinen verstummten, sobald das Ungetüm in der Mitte die +Flügel erhob. Hart wie ein Gebirge stand sein Schnauben im Raum +und ballte die Luft zu Lawinen, die vom Schwungrad durcheinandergewürfelt +eisige Nacht säeten, wer wohl fände Worte, die die +Kräfte jener frostigen Niederbrüche mündig machen, um sie gegeneinander +sprechen zu lassen? Könnten es Laute aus unseren Sprachen +sein? Ach, solche Laute fügen sich nie zu Wörtern und Sätzen, die +antworten. Sie können auch nicht beschreiben. Ununterscheidbar +schwarz in schwarzem dünnem Tuche wären alle Schlünde und Abhänge, +von denen unsere Sprache gesprochen hat. + +</p><p>Unersättlich mahlte das Maschinenungeheuer. Thronte in dem +schwärzlich düsteren Rot der Höhle wie ein Drachen und lenkte mit +seiner gigantischen Schwere das Pendel Mensch in die nächste +herzukommende Zeit hinein, die eine völlige Wahrheit strahlen +wird. + +</p><p>War es nicht eine infernalische Groteske, daß der Techniker +Vildrac auf der Plattform stand und den Gang dieser Maschinen +lenkte? Mit den Füßen eines gebrechlichen Glaubens sein Dasein +in das Hirn dieses Gott-Embryos rammte, ohne zerzwirbelt zu werden +wie ein lästiges Insekt? + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti kannte, fremd in dieser Halle, +natürlich noch nicht das wahre Gesicht des Molochs. Als ihm aber +Jean Paquet wie auf eine heimliche Verabredung hin die Opfer +nannte (zwölf vom Hundert), da war kein Zweifel mehr in ihm. Er +segnete diese Stunde. Und alle Furchen in seinem hageren Antlitz +schienen wie eingemeißelt in die harte Haut. Jeder Zug um Nase +und Mundwinkel stand starrend steif. + +</p> +<h3 class="subchapter">II</h3><p> + +</p><p class="first">Drei Wochen waren verrollt. Da zogen die Grubenleute in +hellen Scharen in die Versammlung. Ein Obmann von der Zentralleitung +der roten Organisation war gekommen und sprach für den +Achtstunden-Tag. Man jubelte ihm zu, wenn er mit einem Worthieb +starre Gesetze splitterte, oder alles Bestehende, das faul war, mit +einem Fußtritt in den „Orkus“ stieß. Man heulte auf, als er mit einem +Scheinwerferstrich von Allwissenheit in das sumpfige Qual-Labyrinth +der Gewerkschaft von Bordael stach und Zustände lichtete, die schon +nicht mehr sträflich waren. Und das Geheul der Wissenden klang +wie das Feldgeschrei irgendeines wilden Volksstammes und schien +von dumpfen, schmetternden Trommelwirbeln begleitet. Denn in den +Mienen des Redners stand gläubig geschrieben: Ich bin schon nah; +gleich wird das Vollbringen mich umhüllen. + +</p><p>Sieghaft verlas er die Resolution, welche forderte: sogleich in +den Streik zu treten, der als ein Unerwartetes schon halberfüllte +Forderung war. + +</p><p>Da setzte breit und dumm die Diskussion ein. Zog den Willen +zurück von dem letzten Sprung und ließ ihn wie eine offengestöpselte +Essenz verflüchten, die zum Himmel stank. Und die Stimmung zerriß. +Blut kochte. Exzesse wurden. + +</p><p>Da trat der Ingenieur Erwin Vallotti, der von einem Pfeiler +verdeckt der Strömung gefolgt war, vor und versuchte sich einen +Weg zu der Tribüne zu bahnen, wo der fremde Redner saß. Halsgeschwollen +und mit zurückgebeugten Armen. Hatte Hämmern im +Kopf, während Adern sich verknoteten, wühlten und zerrten: Fäuste +zu ballen über diese Haltlosen. Zu brüllen: Ihr Vieh! + +</p><p>Rings um ihn her hatte sich aus Getreuen und Standhaften +ein tonnenförmiger Kreis geschlossen, dessen Dauben alle Mühe +hatten, den Druck von außen auszuhalten. Die armen Leute quetschten +sich so schmal wie möglich. Krümmten die Schultern und spreizten +die Beine, um dem entsetzlichen Muskel standzuhalten, der sich um +das lebende Faß wand und preßte. + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti kam nicht einmal bis zur Mitte +des Saales. Als er umherblickte mit verwundert fragenden Augen, +sah er, daß er der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden +war. Man stierte ihn verdutzt an. Ließ die Unterkiefer +hängen und erreizte sich Gedanken, wer er sei, was er hier zu tun +habe und mit welchen Absichten. + +</p><p>Da schrie einer: ’Raus mit dem Spion! + +</p><p>Aber noch ehe es aus dem zwiespältigen Gemurmel zum Orkan +schwoll, ging die Glocke auf der Tribüne. + +</p><p>Da drängte es sich in ihm auf wie ein Gefühl von Scham: Wer +sind denn eigentlich diese Geschöpfe. Diese schlappen Gesichter mit +ihrer gedunsenen Un-Ironie? Ihrem matten Unwillen? Daß gerade +diese des Elementaren verlustig gegangen waren: der Kraft, zu zürnen. +Gewaltsam ans Licht zu drängen! + +</p><p>Er empfand diesen Augenblick etwas wie Verachtung gegen sich +selbst und suchte den Ausweg zur Tür. Ging über die Straße zum +Kanal hinunter, wo ein Sturm erbost war. Schob sich mit wagerechtem +Oberkörper durch den treibenden, puffenden Widerstand. + +</p><p>Da segelten dichte, monderhellte Wolken um einen Strahlenkern. +Unter ihnen klatschte und flatterte es wie unter einer Reihe riesig +gebauschter Segel, und unter dem Holzpfahlwerk des Kais wetzten +zerbrochene Scherben ein Spiel, das keinen Klang mehr hatte. +Schiffsmaste beschrieben weite Pendelbewegungen. Schornsteine von +drüben schnellten wie Gerten und zerrissen die Wasserhaut in lange +weißschäumende Wunden. + +</p><p>Es lag nahe, die Raserei von einem flammenden Zorn mißhandelter +Elemente, in denen es ohne Unterlaß riß und peitschte, +knirschte und schrie, winselte, zischte und schluchzte, unvernünftig +sinnlos zu nennen. Aber gehorchten nicht die Elemente des Menschenhirns +denselben Gesetzen wie Himmel und Flut? + +</p><p>Und doch: die Elemente da hinten im Versammlungshaus interessierten +ihn mehr, als das Unwetter hier draußen, das ja wohl +ihr entfernter Verwandter war. Sie sprachen eine gleich unartikuliert +klingende Sprache, wenn auch von Furcht noch gehalten. + +</p><p>Aber diese Naturkraft muß noch im Keim konzentriert, gezähmt +werden, um sie als Kraft auf gewaltige Entfernungen zu übertragen. +Und ohne ihre Macht zu dämpfen, muß man sie hindern können, +ihre eigene Maschine zu zerschmettern. + +</p><p>Ach, begreifen sie wirklich schon: wie, lebten sie so, wie sie +leben? Und wie vermöchten sie es, wie vermögen sie’s? Hören +sie denn nicht den Schrei: Es wartet einer draußen schon? + +</p><p>Sind sie denn krank? + +</p><p>Krank, da sie sich noch bemühen können, ehe der Schrei des +Todes herausgenommen ist aus ihrer Welt oder — ganz in sie hineingekommen? +Aber wie können nur ganze Haufen sich als die Einzelnen +fühlen, da jener Schrei doch an alle und als das Erste +herangeht. Müßten die Menschen innerlich so verschieden sein, wie +sie heute ihr Äußeres einander verweist? + +</p><p>Man ginge lieber zu den Kaffern und wüßte schon, bevor man +mit ihnen spräche, über sie: In diesen bist du wie in jedem Lebenden +zu Hause. Und diese Sicherheit stärkte und man könnte leben ohne +das Schmerzen der einsamen Wachheit. + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte die Straße wieder erreicht. +Der Sturm blies nun von rückwärts, hob ihn empor, stieß ihn fast +vor sich her und spreizte ihm die Rockschöße aus wie Flügel. Er +sah nach dem Versammlungshaus hinüber. Alle Lichter waren erloschen +dort. Der Regen hatte das Volk wie Spreu zerstreut. War +der hundertfältige Willen der Vielen endlich geknotet zu einem einzigen +Tau, jenen Riesen zu fesseln, gegen dessen Bestialität man anzurennen +versuchte? + +</p><p>Vor einer miserablen Wirtschaft stand noch eine kleine Gruppe +Abschiednehmender. Das Harmonikagezwitscher von drinnen drang +kaum durch die Scheiben ins Freie, und das Klirren der Gläser +nahm sich aus wie ein schwaches tickendes Knipsen. + +</p><p>In der Nähe einer Laterne stieß der Ingenieur Erwin Vallotti +mit einem älteren Mann zusammen, der ihn trotz seiner klar gehörten +Entschuldigung mit den Augen verfolgte. + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti guckte neugierig über die Achsel +zurück und wäre vor Erstaunen fast gestolpert. Diesen buschigen +Kopf hatte er schon gesehen, ebenso, wie diesen starren Blick unter +den Hängebrauen. + +</p><p>Er rief darum, nicht mehr zweifelnd: „Jean Paquet!“ + +</p><p>Da drehte sich der Schwarze um und kam rasch aus der +brausenden Finsternis. + +</p><p>Nun sah er deutlich: der Mann, dessen Gesicht sauber geseift +war, hatte Fanatisches. Und war sein Mitarbeiter. + +</p><p>Dann sagte er: „Nun, mein lieber Paquet, wie lief die Sache? +Wird gestreikt oder nicht?“ + +</p><p>Jean Paquet beugte sich vor. Wie jung er doch aussah! + +</p><p>Fast sieghaft kam es heraus: „Ja. Sie, morgen schon! Und +Sie können es auch gleich wissen: ich mach mit. Dafür können +<i>Sie</i> meine Maschine lenken. Oder der Vildrac. Oder ihr alle +zusammen!“ + +</p><p>„Wer?“ + +</p><p>„Na, der Vildrac, der Kriecher! Wer denn sonst? Sein Gott +wird ihm wohl noch einen Arm dazu wachsen lassen, damit er nicht +mehr zehn, ach, gleich zwanzig Stunden schuften kann.“ + +</p><p>„Sagen Sie mal, Paquet, weshalb beschimpfen Sie gleich Ihren +Genossen? Wissen Sie denn schon, daß er nicht mittut, wenn alle +streiken?“ + +</p><p>Jean Paquet verzog den Mund und spuckte aus: „Der und +streiken? Tausend Knüppel jagen ihn nicht aus dem Maschinenhaus!“ + +</p><p>„Sie sollten ihm mal ins Gewissen reden! Oder mit Geld herumkriegen. +Vielleicht hat er Angst zu hungern.“ + +</p><p>Jean Paquet richtete sich auf. Trotzig. Hob die Schultern. +Und schrie gemein: „Sie wollen mich wohl aushorchen. Herr +Ingenieur??“ + +</p><p>Da faßte ihn der Ingenieur Erwin Vallotti bei der Schulter, +um ihn in das gegenüberliegende Lokal zu zerren. + +</p><p>Paquet aber witterte Verrat. Bekam einen Wutanfall und riß sich +los. Brüllte über die Straße hin: „Nun pack’ dich aber, du Spion! +Pack’ dich! Sonst gibt’s noch eine Leiche heute Nacht!“ + +</p><p>„Feigling!“ knurrte der Ingenieur Erwin Vallotti und ging mit +starren Blicken in das fahle Frühlicht. + +</p> +<h3 class="subchapter">III</h3><p> + +</p><p class="first">Am nächsten Morgen waren nur zehn Knappen von der ganzen +Belegschaft gekommen, die sich zur Einfahrt meldeten. Man wies +sie zurück und hing doppelte Schlösser vor die Tore. Die Heizer +aber, junge Kerle aus dem Osten, standen vollzählig vor den Kesseln, +und in der Maschinenhalle fehlte nur Jean Paquet. + +</p><p>Da ersuchte der Direktor, dem der Streik wirklich nicht naheging, +den Ingenieur Erwin Vallotti, die verwaiste Maschine für die +paar Tage, wo dieser Karneval tobte, selbst zu halten. Denn das +Wasser müßte unter allen Umständen aus dem Schacht. + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti schwoll rot an. Zuckte aber +nicht. Stellte sich vor das Schwungrad und lenkte den Hebel. Der +Schweiß glänzte dick in den schwarzen Haarsträhnen, die ihm unter +dem Hut hervorhingen. Und seine Augen lagen tief wie zwei ausgebrannte +Kohlen. + +</p><p>Er dachte: warum sind nur die Heizer da? Dieser Streik wäre +dann der erste, der zu gewinnen ist. Lumpenpack! + +</p><p>In der Mittagspause, als der Vildrac im Ölkeller war, hatte +der Ingenieur Erwin Vallotti eine Unterredung mit Henri Semella, +die so gestellt war, daß dieser am nächsten Morgen nicht wieder kam. +Da setzte der Ingenieur Erwin Vallotti mit den kleinen Maschinen aus. + +</p><p>Nun ging die große Riesenmühle allein, und Vildrac war stolz +auf das durchdringende Getöse, das sie verursachte. Er sog das +Sausen der Zylinder wie Musik ein und ahmte mit heftigen Lungenstößen +das Auszischen des Dampfes nach. Er putzte und reinigte +die Metallteile, bis sie die Sonne an Glanz übertrafen. Sang und +putzte und sah strahlend erhoben auf den Ingenieur herab, dessen +schlangenhafter Schatten in dem Lichtpfad auf zitternden Steinen +zwischen den ruhenden Dynamos unter den Riemen hin- und herhuschte. + + +</p><p>Das ging Tag für Tag so. Und drei Wochen hindurch. Und +um keinen Schritt waren die Streikenden mit ihren Forderungen +näher gekommen. + +</p><p>Der Herr Direktor ging wie ein Pfau umher und rauchte teure +Zigarren auf dem Grubenhof. Sein Blick fuhr streichelnd über die +festverrammten Tore und über jedes Gebäude. Minutenlang horchte +er auf das Brausen aus dem Maschinenhaus und klopfte sich befriedigt +auf den Bauch. Denn auf den Höfen lagen noch ungeheure +Kohlenvorräte aufgestapelt. Und solange die Pumpen das Wasser +in breiten Strömen aus den Schächten hoben und der König und +Soldaten waren — — — + +</p><p>Eines Abends belauschte der Ingenieur Erwin Vallotti einen +Trupp Ausständiger im Wäldchen, wo sie faul und mutlos im Moos +lagen. Man resignierte da: „Solange die Maschinen gehen, gibt +der Hund von Direktor nicht nach. Warum haben wir die Heizer +nicht auf unserer Seite? Der Streik ist doch auch ihre Sache. +Man sollte das Maschinenhaus stürmen und die Lumpenkerle totschlagen. +Diese Lumpenkerle,“ — sie spuckten alle geräuschvoll aus, — +„die ihren Brüdern in der Verdammnis noch ein Bein stellen, gerade das: +ein Bein stellen, denn es ist doch so, wie wenn zwei raufen und ein +dritter kommt und stößt den Schwächeren mit dem Fuß unter die +Kniekehlen und nimmt dann für die Mühe noch fünf Groschen. Es +ist akkurat dasselbe, wie wenn das Schwalbenjunge dem Kuckucksjungen +hülfe, die Schwalben aus dem Nest zu schmeißen. Aber man +kann die Hunde nicht mehr fassen. Tag und Nacht liegen sie auf +dem Werk. Dynamit sollte man legen.“ + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti zuckte auf: „Verwirre ich mich +denn immer mehr? Geht nicht einer hinter mir, der mit den Knöcheln +seiner Finger auf meinen Rücken klopft, so daß ich meine Gedanken +aus den Knochen klingen höre? Als Echo einer gewordenen Tat +klingen höre: „Dynamit sollte man legen . . . !“ + +</p><p>Bin ich denn Gott? + +</p><p>Freilich, der Gott, den unsere Völker zu fühlen glauben, hat ja +auch nicht gelernt, <i>der</i> Gott zu sein. + +</p><p>Trotzdem will ich mein Werk vollenden. Sei’s auch um den +Preis der Brüder.“ + +</p><p>Als der Ingenieur Erwin Vallotti wieder in das Maschinenhaus +kam, schickte er den Heizer, der ihn vertreten hatte, wieder weg und +nahm sich den Vildrac vor. + +</p><p>„Sie sind schon fünfzehn Jahre auf dem Werk, hörte ich!“ + +</p><p>„Ja, Herr Ingenieur!“ + +</p><p>„Was sagen <i>Sie</i> denn zu dem Streik, he?“ + +</p><p>„Ich . . . ich . . . meine, die Kerle haben keinen Grund. Sie +haben doch ihr Auskommen und acht Stunden den Tag — das geht +doch nicht. Da lungern sie bloß in der Kneipe herum und vertrinken +noch mehr. Es ist eine Schande, Herr, wie die Kerle saufen!“ + +</p><p>„Sie lesen viel in der Zeitung, Vildrac?“ + +</p><p>„Ach, mehr in der heiligen Schrift. Die Zeitungen lügen ja so. +Nur im Kreisblatt steht manchmal Wahres. Da steht <i>auch</i>, daß +der Streik nichts wie Erpressung ist. Aber man weiß ja, die Kerle +haben sich aufhetzen lassen von denen, die oben stehen und berühmt +werden wollen. Der Jean Paquet ist übrigens auch so ein Hetzer. +Was hat er als Maschinist mit den Grubenleuten zu tun? Schon +längst hätte er hier weg müssen. Der Hetzer!“ + +</p><p>„Sind Sie nie in einer Versammlung gewesen?“ + +</p><p>Vildrac richtete sich auf mit geröteten Augen. Sein sonst gelbes +Gesicht glich augenblicklich einem nebligen Herbstmond. Es war fast +glutrot. Mit schleimigen Gurgelstößen erwiderte er: „Soll ich auch +etwa unter die Hungerleider gehn, Herr Ingenieur? Ich habe fünf +Kinder, Herr! Gegen meine Überzeugung soll ich Front machen? +Nein. Nie im Leben! Sie sehen ja, die Geschichte führt ja doch zu +nichts. Nächste Woche werden Leute aus Holland kommen. Dann +können die hier sich trollen. Und dann: Ist das ein Kampf? Nichts +als Mord. Mord!“ + +</p><p>Da brauste der Ingenieur Erwin Vallotti auf: „Aber nun hören +Sie mal. Gewiß ist das ein Kampf. Ein Bazillenkampf. Ihre +Brüder hungern. Ihre Brüder finden das Hungern unbehaglich. +Sie vereinigen sich, um sich das Brot, d. h. die Produktion zu erkämpfen. +Sie sagen Mord? Nun, wenn Kampf einmal im Gange +ist, hagelt es auch Hiebe. Und wenn Brotläden gestürmt werden, +hol’ der Henker den, der umherfackelt und von den Lilien auf dem +Felde faselt. Es wird ja nicht nach Formen und Billigkeit gefragt, +sondern nach Macht und Konjunkturen. Rechtmäßig heißt jeder +Streik, der gelingt. Und dieser Streik wird und muß gelingen, weil +er sozial und ein Kraftmesser ist.“ + +</p><p>Vildrac spreizte die Hände. In seinen Mienen jagten sich Abwehr +und Angst. Keifte Unverständliches und kroch wie ein verprügelter +Hund unter die Riemen. + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti hingegen stand mit geballten +Fäusten. Ein Verödendes lief über sein Denken. Er wurde fast irre +in der Wut darüber, daß jener, ein Vernarrter, da war und sein +Haus beschrie. Einer da war, der nicht fühlte, daß die große Quelle +des Neuen draußen unter den Brüdern herausgebrochen ist, die schon +lebte in ihrer dem Tode abgekehrten Art. Ihre Sache ist Zweck und +ihre Seele Lust. Frei freute diese sich erst, wenn keiner der Beteiligten +mehr unentwickelt im Knäuel der primären Triebe läge, +wenn nicht mehr lebende Möglichkeiten von Menschen aus dem Meere +des Goldes hinausgeworfen wären auf den Strand der Not. + +</p><p>In diesen Gedankengängen kam der Ingenieur Erwin Vallotti +dazu, ein Signal zu geben. Und sein Wille konzentrierte sich vorerst +auf die große Maschine, die Ursache war, daß unter den Brüdern +Unlust und Untätigkeit verheerend kroch. Und eine Eingebung versetzte +ihn in einen Zustand freudiger Erregung. + +</p> +<h3 class="subchapter">IV</h3><p> + +</p><p class="first">In der Nacht auf den Tag, da zweihundert Streikbrecher unter +Begleitung von Gendarmen ins Dorf gekommen waren, gingen alle +drei Dynamomaschinen. Die Förderkörbe stiegen auf und ab und +in den Paternosterwerken lärmten die eisernen Schieber. Vildrac +und der Ingenieur Erwin Vallotti waren allein in dem Maschinenhaus. +Ihre schwarzen Schatten standen riesengroß auf den weißen +Wänden. Die Bogenlampen schwammen wie in Blut, und die großen +Regulatoren zerspritzten das Purpurne mit rasendgeregten Drehungen. +Die Pistons ächzten unruhig einem Unfaßbaren entgegen. Durch +die Fenster zwängte sich der Flor der Nacht und trieb die Außenwelt +weit hinaus. + +</p><p>Vildrac hockte wie ein Götze auf der Plattform, und unter ihm +sausten die öligen Drahtseile wie Befehle aus <i>seinen</i> Händen entsprungen. +Die Ringe unter den Kupferbürsten liefen durch sein +Gehirn, das von jeder Runde das geschöpfte Wasser zu messen schien. +Der dumpfe Ton des Tumultes klang ihm wie eine Bestätigung. + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti pendelte mit unruhig gelängten +Schritten durch den ungeheuern Raum. Als er aber an den Schalttafeln +hantierte, ließ ihn Vildrac nicht mehr aus den Augen. Eine +erträumte Ahnung quoll die weißverzerrten Äpfel wie Knollen aus +den Höhlen vor. Plötzlich vereinte sich dem ahnend Erdachten, zu +dem ihm Hellsehen stieß, eine Tat. Er hörte etwas einschnappen +und sah, daß die Armatur ihren Lauf veränderte. Kurzschluß! + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti stand am Fenster und rührte +sich nicht. + +</p><p>Da kroch Vildrac von der Plattform und untersuchte den Draht. +Er ächzte und stöhnte dabei. Hielt Schläge aus, die vom Strom +sprangen, und näherte sich befriedigt der Endung, als die Armatur +plötzlich zurücksprang und den Körper hochriß. + +</p><p>Wie ein nasser Sandsack platschte er aus der Höhe auf den +Steinboden zurück. + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti klingelte die Heizer herein. Einer +mußte den Direktor holen. Der richtete an den Ingenieur einige +Fragen, die dieser mit gleichgültigem Kopfnicken bestätigte. + +</p><p>Unfall. Selbstverschuldet. + +</p><p>Man hielt sich nicht lange auf und schaffte den Leichnam hinaus. +Es waren noch zwei Stunden bis zur Ablösung, und die nützte der +Ingenieur Erwin Vallotti, der allein in der Halle blieb, aus zu dem +rächerischen Werk, das keiner Zeugen bedurfte. Er hatte den vorerwogenen +Weg, der doch zu keinem Ziele führte, endgültig verlassen +und strebte darum dem Letzten zu. Er wußte: nur ein dröhnendes +Signal könnte die Scharen sammeln. Und dieses furchtbare Signal +wollte er geben. Denn die Brüder brauchten einen Schlachtruf zu +jener Sieghaftigkeit, die ihres Willens zur Freude wert ist. Sie +werden dann nicht mehr sich selber zerfühlen, zerfleischen müssen, +fühlten sie erst den großen Kampf vor sich als einen halberrungenen +Sieg. + +</p><p>Dann erst wandelte sich zur Tat jedes Mühn, wenn der es in +den Ekel zerrende Zusammenhang mit der Stillung des Hungers zerrissen +wäre und auch nicht mehr die Farbe des Einzelnen trüge. + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti atmete erst auf, als die Patronen +gelegt waren und die Drähte verbunden. Und niemand würde, das +war ihm gewiß, den Plan in den ersten vierundzwanzig Stunden +entdecken. + +</p><p>Mit gehobenen Schultern trat er ins Freie. + +</p> +<h3 class="subchapter">V</h3><p> + +</p><p class="first">Vor dem Tor der Grube staute sich ein wütender Menschenschwarm. +Mit Steinen standen sie da. Wurfbereit, manche +schwangen schwere Knüppel. So wollten sie die Streikbrecher +empfangen. + +</p><p>Der Direktor hatte nach der Stadtkommandantur telegraphiert. +Militär war unterwegs. Um sechs sollte es eintreffen. Das war +zeitig genug. Denn um sieben kamen erst die Streikbrecher aus der +Schicht. Als der Ingenieur Erwin Vallotti sich durch den Menschenwald +zwängte, vertrat ihm Jean Paquet den Weg. Ein unheimliches +Feuer brannte in dessen Blick. + +</p><p>Da sagte der Ingenieur, indem er ihm die Hand hinreichte: +„Was ist Ihnen? Sie sehen aus wie der Tod. Zweifeln Sie an +der Sache ?“ + +</p><p>„Verflucht! Sie fragen noch? Mit den Soldaten hat man +uns gedroht!“ + +</p><p>„Den Ausgang habe ich vorausgesehen!“ + +</p><p>„Natürlich wußten Sie das. Denn Sie haben ja ein Interesse +daran, daß die Maschinen wieder voll gehen.“ + +</p><p>„Das können Sie glauben?“ + +</p><p>Jean Paquet griff sich ans Herz. Aber dann ging wieder die +Wut über sein Gesicht und er schrie: „Das sage ich Ihnen, ehe das +erste Bajonett blitzt, haben wir die fremden Teufel aus dem Dorf +gejagt. Mit Steinen werden wir sie jagen. Und das Maschinenhaus +werden wir stürmen. Kein Rad soll ganz bleiben. Dann +wird der Hund von Direktor schon nachgeben! Und wenn Sie kein +Messer zwischen die Rippen haben wollen, Herr Ingenieur, dann +bleiben Sie nur heute aus dem Werk.“ + +</p><p>Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte von dem Sprecher kein +Auge gewandt. Und dachte: Seltsam, daß niemand von den Oberbeamten +begriffen hat, was da unter den rauchigen Augenbrauen +dieses Kerls qualmte. Heute forderte er diese Idioten heran, sie +zu zermalmen. Die Masse wird sie zermalmen, die schlau genug ist, +ihre Dummheit zu hüten, diesen unersetzlichen Vorrat an Energie, +Glauben und Selbstsicherheit. Sie braucht nicht von ihrer Höhe +hinabzusteigen wie der Philosoph, wenn er zur Schimäre des Wissens +vorgedrungen ist und ein Verlangen nach Handgreiflichkeit und +Handlung fühlt. Sie besitzt aber auch nicht jene Naivität, die der +Philosoph vorheucheln oder erst schaffen muß, wenn er sich auf +Erden wandeln fühlen will. Die Kultur ist ihr Zeughaus für ihren +Kampf gegen die Kultur, und das einzige, was sie sich aus Hellas +geholt hat, heißt Ostrazismus, die Verfolgung der Selbständigen. +Und jetzt ballen sie die Fäuste, jetzt lockert der halbnackte Rotzbengel +den Leibgurt mit der Stahlschnalle. + +</p><p>Ein Ellenbogenpuff irgendwoher weckte den Ingenieur Erwin +Vallotti aus seinem Traumzustande, der schon eine Helle war. Dicht +trat er an Jean Paquet heran und flüsterte fast: „Sie haben recht. +Ich werde das Werk nicht mehr betreten. Ich reise heute ab, und +unsere Wege werden sich nicht mehr kreuzen. Denn meine Arbeit ist +hier beendet. Aber ein Signal werde ich zurücklassen. Das soll die +neue Stunde anzeigen. Denken Sie dann an mich.“ + +</p><p>Seine Brust arbeitete, er richtete den Blick nach oben. + +</p><p>Jean Paquet stand gefesselt, gelähmt auf dem Fleck, von wo +aus der Ingenieur wie ein Spuk sich erhoben hatte. Nicht einmal +der Geruch seines Atems war geblieben. + +</p><p>Jean Paquet stand und tat nichts, schrie nicht auf: Simson +wach auf! Philister über dir! + +</p><p>Ein Signal? Sollte es das Recht sein, ehe das Rufen zum +Wiederwerden aus dem Gewordenen zu tönen beginnt, diese Unterdrückten +hinüberzusenden in ihren Ursprung, ins Nichts? + +</p><p>Da zerriß endlich heiseres Rufen die Menge, die geballt +war. Bewegung schnellte in die Breite: Auf! Die Soldaten +kommen! + +</p><p>Das rüttelte empor. Raste durch’s Dorf. Riß an den Fensterläden. +Stieg über die Dächer. Strich wie Brandgeruch. + +</p><p>Und es war ein Blitz: Auf mit dir, alter Faulpelz, der du mit +deinen achtzig Jahren daliegst und dich räkelst! + +</p><p>Auf Gebärende, deine Geburtswehen können warten! + +</p><p>Und der Boden dröhnte schon unter dem Marschtritt: eins, +zwei! Eins, zwei! + +</p><p>Die Masse stand wie eine Mauer. Und der buntgefleckte +Schlangenleib wälzte sich näher heran. + +</p><p>Helme blitzten. + +</p><p>Mann an Mann. + +</p><p>Schritt und Tritt. + +</p><p>„Steine her! Steine her!“ + +</p><p>Trommelwirbel. + +</p><p>„Kerle, schleppt Steine . . . Steine . . . !“ + +</p><p>Lautlose Stille hüben und drüben. + +</p><p>Da fegte ein Donner über die Straße und riß alles zu Boden. +Über dem Gewerkschaftskomplex entbrannte furchtbarer Qualm. +Ein Steinhagel pflügte Blutfurchen. + +</p><p>Durch die schreckentwaffnete Menge stampfte der Soldatenzug +in prachtvoller Auflösung zu retten. Kletterte über die Fabrikmauern +und sammelte sich auf dem Hof. + +</p><p>Das Maschinenhaus war vom Boden rasiert und die Dächer +von den stehengebliebenen Häusern einfach abgesägt. + +</p><p>Mit wahnsinnig vorgerollten Augen sprang der Direktor durch +die Trümmer. Stieg auf den Steigerturm und riß die Notglocke. + +</p><p>Da kamen die Ausständigen mit kindlichem Willen. Verbrüdert +mit der Soldateska retteten sie, was zu retten war. Stiegen auf +Leitern die Notschächte hinab, die Streikbrecher zu suchen, die gänzlich +abgeschnitten waren und versaufen mußten, nun, da die Pumpen +nicht gingen. + +</p><p>Draußen aber, auf der höchsten Geröllhalde, stand der Ingenieur +Erwin Vallotti mit ausgebreiteten Armen und sah beschwörend auf +die Trümmer, wo die Saat des Neuen aufging. + +</p><p>Über seine Lippen strich es wie Osterwind: Nun werden Wandlungen +sein, und sie werden nicht mehr wissen, daß sie waren. Immer +aber: daß sie <i>sind</i>. Sie werden das wissen, weil sie nicht <i>sie</i> sind, +sondern irgendein Mai, der sich in jedem Baum fühlt, der grün +wird. Denn das unendliche Grün ist unendlicher Weg geworden. +Dieses genügt, dieses befiehlt. Ist schön und lockte. + +</p><p><i>Ich aber nehme mich zurück. Denn in Wahrheit ist +meine Welt nicht die ihre zu fühlen, daß ich ehrlich +war mitten in dem Verbrechen.</i> + + +</p> +<p style="page-break-before: always;"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p class="noindent" style="font-size:small"> +Gedruckt bei Gottfr. Pätz, Naumburg a. S. + +</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der schwarze Baal, by Paul Zech + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWARZE BAAL *** + +***** This file should be named 34833-h.htm or 34833-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/4/8/3/34833/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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