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diff --git a/34811-8.txt b/34811-8.txt new file mode 100644 index 0000000..0d87f55 --- /dev/null +++ b/34811-8.txt @@ -0,0 +1,27641 @@ +The Project Gutenberg EBook of Buddenbrooks, by Thomas Mann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Buddenbrooks + Verfall einer Familie + +Author: Thomas Mann + +Release Date: January 1, 2011 [EBook #34811] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BUDDENBROOKS *** + + + + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Listen der + vorgenommenen Änderungen sowie der beibehaltenen inkonsistenten + Schreibweisen finden sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + THOMAS MANN + BUDDENBROOKS + + + + + THOMAS MANN + + Buddenbrooks + + Verfall + einer + Familie + + + DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT + GMBH + + Berlin + + + + + Mit Genehmigung von S. Fischer Verlag, Berlin + + Copyright 1909 by S. Fischer Verlag, Berlin + + Alle Rechte vorbehalten + + + + + Buddenbrooks + + + + +Erster Teil + + +Erstes Kapitel + +»Was ist das. -- Was -- ist das ...« + +»Je, den Düwel ook, _c'est la question, ma très chère demoiselle_!« + +Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem +geradlinigen, weiß lackierten und mit einem goldenen Löwenkopf +verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen +Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam +ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den +Knien hielt. + +»Tony!« sagte sie, »ich glaube, daß mich Gott --« + +Und die kleine Antonie, achtjährig und zartgebaut, in einem Kleidchen +aus ganz leichter changierender Seide, den hübschen Blondkopf ein wenig +vom Gesichte des Großvaters abgewandt, blickte aus ihren graublauen +Augen angestrengt nachdenkend und ohne etwas zu sehen ins Zimmer hinein, +wiederholte noch einmal: »Was ist das«, sprach darauf langsam: »Ich +glaube, daß mich Gott«, fügte, während ihr Gesicht sich aufklärte, rasch +hinzu: »-- geschaffen hat samt allen Kreaturen«, war plötzlich auf +glatte Bahn geraten und schnurrte nun, glückstrahlend und unaufhaltsam, +den ganzen Artikel daher, getreu nach dem Katechismus, wie er soeben, +_anno_ 1835, unter Genehmigung eines hohen und wohlweisen Senates, neu +revidiert herausgegeben war. Wenn man im Gange war, dachte sie, war es +ein Gefühl, wie wenn man im Winter auf dem kleinen Handschlitten mit den +Brüdern den »Jerusalemsberg« hinunterfuhr: es vergingen einem geradezu +die Gedanken dabei, und man konnte nicht einhalten, wenn man auch +wollte. + +»Dazu Kleider und Schuhe«, sprach sie, »Essen und Trinken, Haus und Hof, +Weib und Kind, Acker und Vieh ...« Bei diesen Worten aber brach der +alte M. Johann Buddenbrook einfach in Gelächter aus, in sein helles, +verkniffenes Kichern, das er heimlich in Bereitschaft gehalten hatte. Er +lachte vor Vergnügen, sich über den Katechismus mokieren zu können, und +hatte wahrscheinlich nur zu diesem Zwecke das kleine Examen vorgenommen. +Er erkundigte sich nach Tonys Acker und Vieh, fragte, wieviel sie für +den Sack Weizen nähme und erbot sich, Geschäfte mit ihr zu machen. Sein +rundes, rosig überhauchtes und wohlmeinendes Gesicht, dem er beim besten +Willen keinen Ausdruck von Bosheit zu geben vermochte, wurde von +schneeweiß gepudertem Haar eingerahmt, und etwas wie ein ganz leise +angedeutetes Zöpflein fiel auf den breiten Kragen seines mausgrauen +Rockes hinab. Er war, mit seinen siebenzig Jahren, der Mode seiner +Jugend nicht untreu geworden; nur auf den Tressenbesatz zwischen den +Knöpfen und den großen Taschen hatte er verzichtet, aber niemals im +Leben hatte er lange Beinkleider getragen. Sein Kinn ruhte breit, +doppelt und mit einem Ausdruck von Behaglichkeit auf dem weißen +Spitzen-Jabot. + +Alle hatten in sein Lachen eingestimmt, hauptsächlich aus Ehrerbietung +gegen das Familienoberhaupt. Mme. Antoinette Buddenbrook, geborene +Duchamps, kicherte in genau derselben Weise wie ihr Gatte. Sie war eine +korpulente Dame mit dicken, weißen Locken über den Ohren, einem schwarz +und hellgrau gestreiften Kleide ohne Schmuck, das Einfachheit und +Bescheidenheit verriet, und mit noch immer schönen und weißen Händen, in +denen sie einen kleinen, sammetnen Pompadour auf dem Schoße hielt. Ihre +Gesichtszüge waren im Laufe der Jahre auf wunderliche Weise denjenigen +ihres Gatten ähnlich geworden. Nur der Schnitt und die lebhafte Dunkelheit +ihrer Augen redeten ein wenig von ihrer halb romanischen Herkunft; sie +stammte großväterlicherseits aus einer französisch-schweizerischen +Familie und war eine geborene Hamburgerin. + +Ihre Schwiegertochter, die Konsulin Elisabeth Buddenbrook, eine geborene +Kröger, lachte das Krögersche Lachen, das mit einem pruschenden +Lippenlaut begann, und bei dem sie das Kinn auf die Brust drückte. Sie +war, wie alle Krögers, eine äußerst elegante Erscheinung, und war sie +auch keine Schönheit zu nennen, so gab sie doch mit ihrer hellen und +besonnenen Stimme, ihren ruhigen, sicheren und sanften Bewegungen aller +Welt ein Gefühl von Klarheit und Vertrauen. Ihrem rötlichen Haar, das +auf der Höhe des Kopfes zu einer kleinen Krone gewunden und in breiten +künstlichen Locken über die Ohren frisiert war, entsprach ein +außerordentlich zartweißer Teint mit vereinzelten kleinen +Sommersprossen. Das Charakteristische an ihrem Gesicht mit der etwas zu +langen Nase und dem kleinen Munde war, daß zwischen Unterlippe und Kinn +sich durchaus keine Vertiefung befand. Ihr kurzes Mieder mit +hochgepufften Ärmeln, an das sich ein enger Rock aus duftiger, +hellgeblümter Seide schloß, ließ einen Hals von vollendeter Schönheit +frei, geschmückt mit einem Atlasband, an dem eine Komposition von großen +Brillanten flimmerte. + +Der Konsul beugte sich mit einer etwas nervösen Bewegung im Sessel +vornüber. Er trug einen zimmetfarbenen Rock mit breiten Aufschlägen und +keulenförmigen Ärmeln, die sich erst unterhalb des Gelenkes eng um die +Hand schlossen. Seine anschließenden Beinkleider bestanden aus einem +weißen, waschbaren Stoff und waren an den Außenseiten mit schwarzen +Streifen versehen. Um die steifen Vatermörder, in die sich sein Kinn +schmiegte, war die seidene Krawatte geschlungen, die dick und breit den +ganzen Ausschnitt der buntfarbigen Weste ausfüllte ... Er hatte die ein +wenig tief liegenden, blauen und aufmerksamen Augen seines Vaters, wenn +ihr Ausdruck auch vielleicht träumerischer war; aber seine Gesichtszüge +waren ernster und schärfer, seine Nase sprang stark und gebogen hervor, +und die Wangen, bis zu deren Mitte blonde, lockige Bartstreifen liefen, +waren viel weniger voll als die des Alten. + +Madame Buddenbrook wandte sich an ihre Schwiegertochter, drückte mit +einer Hand ihren Arm, sah ihr kichernd in den Schoß und sagte: + +»Immer der nämliche, _mon vieux_, Bethsy ...?« »Immer« sprach sie wie +»Ümmer« aus. + +Die Konsulin drohte nur schweigend mit ihrer zarten Hand, so daß ihr +goldenes Armband leise klirrte; und dann vollführte sie eine ihr +eigentümliche Handbewegung vom Mundwinkel zur Frisur hinauf, als ob sie +ein loses Haar zurückstriche, das sich dorthin verirrt hatte. + +Der Konsul aber sagte mit einem Gemisch von entgegenkommendem Lächeln +und Vorwurf in der Stimme: + +»Aber Vater, Sie belustigen sich wieder einmal über das Heiligste!...« + +Man saß im »Landschaftszimmer«, im ersten Stockwerk des weitläufigen +alten Hauses in der Mengstraße, das die Firma Johann Buddenbrook vor +einiger Zeit käuflich erworben hatte und das die Familie noch nicht +lange bewohnte. Die starken und elastischen Tapeten, die von den Mauern +durch einen leeren Raum getrennt waren, zeigten umfangreiche +Landschaften, zartfarbig wie der dünne Teppich, der den Fußboden +bedeckte, Idylle im Geschmack des 18. Jahrhunderts, mit fröhlichen +Winzern, emsigen Ackersleuten, nett bebänderten Schäferinnen, die +reinliche Lämmer am Rande spiegelnden Wassers im Schoße hielten oder +sich mit zärtlichen Schäfern küßten ... Ein gelblicher Sonnenuntergang +herrschte meistens auf diesen Bildern, mit dem der gelbe Überzug der +weiß lackierten Möbel und die gelbseidenen Gardinen vor den beiden +Fenstern übereinstimmten. + +Im Verhältnis zu der Größe des Zimmers waren die Möbel nicht zahlreich. +Der runde Tisch mit den dünnen, geraden und leicht mit Gold +ornamentierten Beinen stand nicht vor dem Sofa, sondern an der +entgegengesetzten Wand, dem kleinen Harmonium gegenüber, auf dessen +Deckel ein Flötenbehälter lag. Außer den regelmäßig an den Wänden +verteilten, steifen Armstühlen gab es nur noch einen kleinen Nähtisch am +Fenster, und, dem Sofa gegenüber, einen zerbrechlichen Luxus-Sekretär, +bedeckt mit Nippes. + +Durch eine Glastür, den Fenstern gegenüber, blickte man in das +Halbdunkel einer Säulenhalle hinaus, während sich linker Hand vom +Eintretenden die hohe, weiße Flügeltür zum Speisesaale befand. An der +anderen Wand aber knisterte, in einer halbkreisförmigen Nische und +hinter einer kunstvoll durchbrochenen Tür aus blankem Schmiedeeisen, der +Ofen. + +Denn es war frühzeitig kalt geworden. Draußen, jenseits der Straße, war +schon jetzt, um die Mitte des Oktober, das Laub der kleinen Linden +vergilbt, die den Marienkirchhof umstanden, um die mächtigen gotischen +Ecken und Winkel der Kirche pfiff der Wind, und ein feiner, kalter +Regen ging hernieder. Madame Buddenbrook, der Älteren, zuliebe hatte man +die doppelten Fenster schon eingesetzt. + +Es war Donnerstag, der Tag, an dem ordnungsmäßig jede zweite Woche die +Familie zusammenkam; heute aber hatte man, außer den in der Stadt +ansässigen Familiengliedern, auch ein paar gute Hausfreunde auf ein ganz +einfaches Mittagbrot gebeten, und man saß nun, gegen vier Uhr +nachmittags, in der sinkenden Dämmerung und erwartete die Gäste ... + +Die kleine Antonie hatte sich in ihrer Schlittenfahrt durch den +Großvater nicht stören lassen, sondern hatte nur schmollend die immer +ein bißchen hervorstehende Oberlippe noch weiter über die untere +geschoben. Jetzt war sie am Fuße des »Jerusalemsberges« angelangt; aber +unfähig, der glatten Fahrt plötzlich Einhalt zu tun, schoß sie noch ein +Stück über das Ziel hinaus ... + +»Amen«, sagte sie, »ich weiß was, Großvater!« + +»_Tiens!_ Sie weiß was!« rief der alte Herr und tat, als ob ihn die +Neugier im ganzen Körper plage. »Hast du gehört, Mama? Sie weiß was! +Kann mir denn niemand sagen ...« + +»Wenn es ein warmer Schlag ist«, sprach Tony und nickte bei jedem Wort +mit dem Kopfe, »so schlägt der Blitz ein. Wenn es aber ein kalter Schlag +ist, so schlägt der Donner ein!« + +Hierauf kreuzte sie die Arme und blickte in die lachenden Gesichter wie +jemand, der seines Erfolges sicher ist. Herr Buddenbrook aber war böse +auf diese Weisheit, er verlangte durchaus zu wissen, wer dem Kinde diese +Stupidität beigebracht habe, und als sich ergab, Ida Jungmann, die +kürzlich für die Kleinen engagierte Mamsell aus Marienwerder, sei es +gewesen, mußte der Konsul diese Ida in Schutz nehmen. + +»Sie sind zu streng, Papa. Warum sollte man in diesem Alter über +dergleichen Dinge nicht seine eigenen wunderlichen Vorstellungen haben +dürfen ...« + +»_Excusez, mon cher!... Mais c'est une folie!_ Du weißt, daß solche +Verdunkelung der Kinderköpfe mir verdrüßlich ist! Wat, de Dunner sleit +in? Da sall doch gliek de Dunner inslahn! Geht mir mit eurer +Preußin ...« + +Die Sache war die, daß der alte Herr auf Ida Jungmann nicht zum besten +zu sprechen war. Er war kein beschränkter Kopf. Er hatte ein Stück von +der Welt gesehen, war _anno_ 13 vierspännig nach Süddeutschland +gefahren, um als Heereslieferant für Preußen Getreide aufzukaufen, war +in Amsterdam und Paris gewesen und hielt, ein aufgeklärter Mann, bei +Gott nicht alles für verurteilenswürdig, was außerhalb der Tore seiner +giebeligen Vaterstadt lag. Abgesehen vom geschäftlichen Verkehr aber, in +gesellschaftlicher Beziehung, war er mehr als sein Sohn, der Konsul, +geneigt, strenge Grenzen zu ziehen und Fremden ablehnend zu begegnen. +Als daher eines Tages seine Kinder von einer Reise nach Westpreußen dies +junge Mädchen -- sie war erst jetzt zwanzig Jahre alt -- als eine Art +Jesuskind mit sich ins Haus gebracht hatten, eine Waise, die Tochter +eines unmittelbar vor Ankunft der Buddenbrooks in Marienwerder +verstorbenen Gasthofsbesitzers, da hatte der Konsul für diesen frommen +Streich einen Auftritt mit seinem Vater zu bestehen gehabt, bei dem der +alte Herr fast nur Französisch und Plattdeutsch sprach ... Übrigens +hatte Ida Jungmann sich als tüchtig im Hausstande und im Verkehr mit den +Kindern erwiesen und eignete sich mit ihrer Loyalität und ihren +preußischen Rangbegriffen im Grunde aufs beste für ihre Stellung in +diesem Hause. Sie war eine Person von aristokratischen Grundsätzen, die +haarscharf zwischen ersten und zweiten Kreisen, zwischen Mittelstand und +geringerem Mittelstand unterschied, sie war stolz darauf, als ergebene +Dienerin den ersten Kreisen anzugehören und sah es ungern, wenn Tony +sich etwa mit einer Schulkameradin befreundete, die nach Mamsell +Jungmanns Schätzung nur dem guten Mittelstande zuzurechnen war ... + +In diesem Augenblick ward die Preußin selbst in der Säulenhalle sichtbar +und trat durch die Glastür ein: ein ziemlich großes, knochig gebautes +Mädchen in schwarzem Kleide, mit glattem Haar und einem ehrlichen +Gesicht. Sie führte die kleine Klothilde an der Hand, ein +außerordentlich mageres Kind in geblümtem Kattunkleidchen, mit +glanzlosem, aschigem Haar und stiller Altjungfernmiene. Sie stammte aus +einer völlig besitzlosen Nebenlinie, war die Tochter eines bei Rostock +als Gutsinspektor ansässigen Neffen des alten Herrn Buddenbrook und +ward, weil sie gleichaltrig mit Antonie und ein williges Geschöpf war, +hier im Hause erzogen. + +»Es ist alles bereit«, sagte Mamsell Jungmann und schnurrte das _r_ in +der Kehle, denn sie hatte es ursprünglich überhaupt nicht aussprechen +können. »Klothildchen hat tücht'g geholfen in der Küche, Trina hat fast +nichts zu tun brauchen ...« + +M. Buddenbrook schmunzelte spöttisch in sein Jabot über Idas fremdartige +Aussprache; der Konsul aber streichelte seiner kleinen Nichte die Wange +und sagte: + +»So ist es recht, Thilda. Bete und arbeite, heißt es. Unsere Tony sollte +sich ein Beispiel daran nehmen. Sie neigt nur allzuoft zu Müßiggang und +Übermut ...« + +Tony ließ den Kopf hängen und blickte von unten herauf den Großvater an, +denn sie wußte wohl, daß er sie, wie gewöhnlich, verteidigen werde. + +»Nein, nein«, sagte er, »Kopf hoch, Tony, _courage_! Eines schickt sich +nicht für alle. Jeder nach seiner Art. Thilda ist brav, aber wir sind +auch nicht zu verachten. Spreche ich _raisonnable_, Bethsy?« + +Er wandte sich an seine Schwiegertochter, die seinem Geschmacke +beizupflichten pflegte, während Mme. Antoinette, mehr aus Klugheit wohl +denn aus Überzeugung, meistens die Partei des Konsuls nahm. So reichten +sich die beiden Generationen, im _chassez croisez_ gleichsam, die Hände. + +»Sie sind sehr gut, Papa«, sagte die Konsulin. »Tony wird sich bemühen, +eine kluge und tüchtige Frau zu werden ... Sind die Knaben aus der +Schule gekommen?« fragte sie Ida. + +Aber Tony, die vom Knie des Großvaters aus in den »Spion« durchs Fenster +sah, rief fast gleichzeitig: + +»Tom und Christian kommen die Johannisstraße herauf ... und Herr +Hoffstede ... und Onkel Doktor ...« + +Das Glockenspiel von St. Marien setzte mit einem Chorale ein: pang! +ping, ping -- pung! ziemlich taktlos, so daß man nicht recht zu erkennen +vermochte, was es eigentlich sein sollte, aber doch voll Feierlichkeit, +und während dann die kleine und die große Glocke fröhlich und würdevoll +erzählten, daß es vier Uhr sei, schallte auch drunten die Glocke der +Windfangtür gellend über die große Diele, worauf es in der Tat Tom und +Christian waren, die ankamen, zusammen mit den ersten Gästen, mit Jean +Jacques Hoffstede, dem Dichter, und Doktor Grabow, dem Hausarzt. + + +Zweites Kapitel + +Herr Jean Jacques Hoffstede, der Poet der Stadt, der sicherlich auch für +den heutigen Tag ein paar Reime in der Tasche hatte, war nicht viel +jünger als Johann Buddenbrook, der Ältere, und abgesehen von der grünen +Farbe seines Leibrockes, in demselben Geschmack gekleidet. Aber er war +dünner und beweglicher als sein alter Freund und besaß kleine, flinke, +grünliche Augen und eine lange, spitze Nase. + +»Besten Dank«, sagte er, nachdem er den Herren die Hände geschüttelt und +vor den Damen -- im besonderen vor der Konsulin, die er außerordentlich +verehrte -- ein paar seiner ausgesuchtesten _compliments_ vollführt +hatte, _compliments_, wie die neue Generation sie schlechterdings nicht +mehr zustande brachte, und die von einem angenehm stillen und +verbindlichen Lächeln begleitet waren. »Besten Dank für die freundliche +Einladung, meine Hochverehrten. Diese beiden jungen Leute«, und er wies +auf Tom und Christian, die in blauen Kitteln mit Ledergürteln bei ihm +standen, »haben wir in der Königstraße getroffen, der Doktor und ich, +als sie von ihren Studien kamen. Prächtige Bursche -- Frau Konsulin? +Thomas, das ist ein solider und ernster Kopf; er muß Kaufmann werden, +darüber besteht kein Zweifel. Christian dagegen scheint mir ein wenig +Tausendsassa zu sein, wie? ein wenig _Incroyable_ ... Allein ich +verhehle nicht mein _engouement_. Er wird studieren, dünkt mich; er ist +witzig und brillant veranlagt ...« + +Herr Buddenbrook bediente sich seiner goldenen Tabaksdose. + +»'n Aap is hei! Soll er nicht gleich Dichter werden, Hoffstede?« + +Mamsell Jungmann steckte die Fenstervorhänge übereinander, und bald lag +das Zimmer in dem etwas unruhigen, aber diskreten und angenehmen Licht +der Kerzen des Kristallkronleuchters und der Armleuchter, die auf dem +Sekretär standen. + +»Nun, Christian«, sagte die Konsulin, deren Haar goldig aufleuchtete, +»was hast du heute nachmittag gelernt?« Und es ergab sich, daß Christian +Schreiben, Rechnen und Singen gehabt hatte. + +Er war ein Bürschchen von sieben Jahren, das schon jetzt in beinahe +lächerlicher Weise seinem Vater ähnlich war. Es waren die gleichen, +ziemlich kleinen, runden und tiefliegenden Augen, die gleiche stark +hervorspringende und gebogene Nase war schon erkenntlich, und unterhalb +der Wangenknochen deuteten bereits ein paar Linien darauf hin, daß die +Gesichtsform nicht immer die jetzige kindliche Fülle behalten werde. + +»Wir haben furchtbar gelacht«, fing er an zu plappern, während seine +Augen im Zimmer von einem zum anderen gingen. »Paßt mal auf, was Herr +Stengel zu Siegmund Köstermann gesagt hat.« Er beugte sich vor, +schüttelte den Kopf und redete eindringlich in die Luft hinein: +»Äußerlich, mein gutes Kind, äußerlich bist du glatt und geleckt, ja, +aber innerlich, mein gutes Kind, da bist du schwarz ...« Und dies sagte +er unter Weglassung des »r« und indem er »schwarz« wie »swärz« aussprach +-- mit einem Gesicht, in dem sich der Unwille über diese »äußeliche« +Glätte und Gelecktheit mit einer so überzeugenden Komik malte, daß alles +in Gelächter ausbrach. + +»'n Aap is hei!« wiederholte der alte Buddenbrook kichernd. Herr +Hoffstede aber war außer sich vor Entzücken. + +»Charmant!« rief er. »Unübertrefflich! Man muß Marcellus Stengel kennen! +Akkurat so! Nein, das ist gar zu köstlich!« + +Thomas, dem solche Begabung abging, stand neben seinem jüngeren Bruder +und lachte neidlos und herzlich. Seine Zähne waren nicht besonders +schön, sondern klein und gelblich. Aber seine Nase war auffallend fein +geschnitten, und er ähnelte in den Augen und in der Gesichtsform stark +seinem Großvater. + +Man hatte zum Teil auf den Stühlen und dem Sofa Platz genommen, man +plauderte mit den Kindern, sprach über die frühe Kälte, das Haus ... +Herr Hoffstede bewunderte am Sekretär ein prachtvolles Tintenfaß aus +Sevres-Porzellan in Gestalt eines schwarzgefleckten Jagdhundes. Doktor +Grabow aber, ein Mann vom Alter des Konsuls, zwischen dessen spärlichem +Backenbart ein langes, gutes und mildes Gesicht lächelte, betrachtete +die Kuchen, Korinthenbrote und verschiedenartigen gefüllten Salzfäßchen, +die auf dem Tische zur Schau gestellt waren. Es war das »Salz und Brot«, +das der Familie von Verwandten und Freunden zum Wohnungswechsel +übersandt worden war. Da man aber sehen sollte, daß die Gabe nicht aus +geringen Häusern komme, bestand das Brot in süßem, gewürztem und +schwerem Gebäck und war das Salz von massivem Golde umschlossen. + +»Ich werde wohl zu tun bekommen«, sagte der Doktor, indem er auf die +Süßigkeiten wies und den Kindern drohte. Dann hob er mit wiegendem Kopf +ein gediegenes Gerät für Salz, Pfeffer und Senf empor. + +»Von Lebrecht Kröger«, sagte M. Buddenbrook schmunzelnd. »Immer koulant, +mein lieber Herr Verwandter. Ich habe ihm dergleichen nicht spendiert, +als er sich sein Gartenhaus vorm Burgtor gebaut hatte. Aber so war er +immer ... nobel! spendabel! ein _à la mode_-Kavalier ...« + +Mehrmals hatte die Glocke durchs ganze Haus gegellt. Pastor Wunderlich +langte an, ein untersetzter alter Herr in langem, schwarzem Rock, mit +gepudertem Haar und einem weißen, behaglich lustigen Gesicht, in dem ein +Paar grauer, munterer Augen blinzelten. Er war seit vielen Jahren Witwer +und rechnete sich zu den Junggesellen aus der alten Zeit, wie der lange +Makler, Herr Grätjens, der mit ihm kam und beständig eine seiner hageren +Hände nach Art eines Fernrohrs zusammengerollt vors Auge hielt, als +prüfe er ein Gemälde; er war ein allgemein anerkannter Kunstkenner. + +Auch Senator Doktor Langhals nebst Frau kamen an, langjährige Freunde +des Hauses, -- nicht zu vergessen den Weinhändler Köppen mit dem großen, +dunkelroten Gesicht, das zwischen den hochgepolsterten Ärmeln saß, und +seine gleichfalls so sehr beleibte Gattin ... + +Es war schon nach halb fünf Uhr, als schließlich die Krögers eintrafen, +die Alten sowohl wie ihre Kinder, Konsul Krögers mit ihren Söhnen Jakob +und Jürgen, die im Alter von Tom und Christian standen. Und fast +gleichzeitig mit ihnen kamen auch die Eltern der Konsulin Kröger, +Holzgroßhändler Oeverdieck nebst Frau, ein altes, zärtliches Ehepaar, +das sich vor aller Ohren mit den bräutlichsten Kosenamen zu benennen +pflegte. + +»Feine Leute kommen spät«, sagte Konsul Buddenbrook und küßte seiner +Schwiegermutter die Hand. + +»Öwer denn ook gliek düchtig!« und Johann Buddenbrook machte eine weite +Armbewegung über die Krögersche Verwandtschaft hin, indem er dem Alten +die Hand schüttelte ... + +Lebrecht Kröger, der _à la mode_-Kavalier, eine große, distinguierte +Erscheinung, trug noch leicht gepudertes Haar, war aber modisch +gekleidet. An seiner Sammetweste blitzten zwei Reihen von +Edelsteinknöpfen. Justus, sein Sohn, mit kleinem Backenbart und spitz +emporgedrehtem Schnurrbart, ähnelte, was Figur und Benehmen anbetraf, +stark seinem Vater; auch über die nämlichen runden und eleganten +Handbewegungen verfügte er. + +Man setzte sich gar nicht erst, sondern stand, in Erwartung der +Hauptsache, in einem vorläufigen und nachlässigen Gespräch beieinander. +Und Johann Buddenbrook, der Ältere, bot auch schon Madame Köppen seinen +Arm, indem er mit vernehmlicher Stimme sagte: + +»Na, wenn wir alle Appetit haben, _mesdames et messieurs_ ...« + +Mamsell Jungmann und das Folgmädchen hatten die weiße Flügeltür zum +Speisesaal geöffnet, und langsam, in zuversichtlicher Gemächlichkeit, +bewegte sich die Gesellschaft hinüber; man konnte eines nahrhaften +Bissens gewärtig sein bei Buddenbrooks ... + + +Drittes Kapitel + +Der jüngere Hausherr hatte, als der allgemeine Aufbruch begann, mit der +Hand nach der linken Brustseite gegriffen, wo ein Papier knisterte, das +gesellschaftliche Lächeln war plötzlich von seinem Gesicht verschwunden, +um einem gespannten und besorgten Ausdruck Platz zu machen, und an +seinen Schläfen spielten, als ob er die Zähne aufeinander bisse, ein +paar Muskeln. Nur zum Schein machte er einige Schritte dem Speisesaale +zu, dann aber hielt er sich zurück und suchte mit den Augen seine +Mutter, die als eine der letzten, an der Seite Pastor Wunderlichs, die +Schwelle überschreiten wollte. + +»Pardon, lieber Herr Pastor ... Auf zwei Worte, Mama!« Und während der +Pastor ihm munter zunickte, nötigte Konsul Buddenbrook die alte Dame ins +Landschaftszimmer zurück und zum Fenster. + +»Es ist, um kurz zu sein, ein Brief von Gotthold gekommen«, sagte er +rasch und leise, indem er in ihre fragenden, dunklen Augen sah und das +gefaltete und versiegelte Papier aus der Tasche zog. »Das ist seine +Handschrift ... Es ist das dritte Schreiben, und nur das erste hat Papa +ihm beantwortet ... Was machen? Es ist schon um zwei Uhr angekommen, und +ich hätte es dem Vater längst einhändigen müssen, aber sollte ich ihm +heute die Stimmung verderben? Was sagen Sie? Es ist immer noch Zeit, ihn +herauszubitten ...« + +»Nein, du hast recht, Jean, warte damit!« sagte Madame Buddenbrook und +erfaßte nach ihrer Gewohnheit mit einer schnellen Bewegung den Arm ihres +Sohnes. »Was soll darin stehen!« fügte sie bekümmert hinzu. »Er gibt +nicht nach, der Junge. Er kapriziert sich auf diese Entschädigungssumme +für den Anteil am Hause ... Nein, nein, Jean, noch nicht jetzt ... Heute +abend vielleicht, vorm Zubettegehen ...« + +»Was tun?« wiederholte der Konsul, indem er den gesenkten Kopf +schüttelte. »Ich selbst habe Papa oft genug bitten wollen, nachzugeben +... Es soll nicht aussehen, als ob ich, der Stiefbruder, mich bei den +Eltern eingenistet hätte und gegen Gotthold intrigierte ... auch dem +Vater gegenüber muß ich den Anschein dieser Rolle vermeiden. Aber wenn +ich ehrlich sein soll ... ich bin schließlich Associé. Und dann bezahlen +Bethsy und ich vorläufig eine ganz normale Miete für den zweiten Stock +... Was meine Schwester in Frankfurt betrifft, nun, so ist die Sache +arrangiert. Ihr Mann bekommt schon jetzt, bei Papas Lebzeiten, eine +Abstandssumme, ein Viertel bloß von der Hauskaufsumme ... Das ist ein +vorteilhaftes Geschäft, das Papa sehr glatt und gut erledigt hat, und +das im Sinne der Firma höchst erfreulich ist. Und wenn Papa sich +Gotthold gegenüber so ganz abweisend verhält, so ist das ...« + +»Nein, Unsinn, Jean, dein Verhältnis zur Sache ist doch wohl klar. Aber +Gotthold glaubt, daß ich, seine Stiefmutter, nur für meine eigenen +Kinder sorge und ihm seinen Vater geflissentlich entfremde. Das ist das +Traurige ...« + +»Aber es ist seine Schuld!« rief der Konsul beinahe laut und mäßigte +dann seine Stimme mit einem Blick nach dem Speisesaal. »Es ist seine +Schuld, dies traurige Verhältnis! Urteilen Sie selbst! Warum konnte er +nicht vernünftig sein! Warum mußte er diese Demoiselle Stüwing heiraten +und den ... Laden ...« Der Konsul lachte ärgerlich und verlegen bei +diesem Worte. »Es ist eine Schwäche, Vaters Widerwille gegen den Laden; +aber Gotthold hätte diese kleine Eitelkeit respektieren müssen ...« + +»Ach, Jean, das beste wäre, Papa gäbe nach!« + +»Aber kann ich denn dazu raten?« flüsterte der Konsul mit einer erregten +Handbewegung nach der Stirn. »Ich bin persönlich interessiert, und +deshalb müßte ich sagen: Vater, bezahle. Aber ich bin auch Associé, ich +habe die Interessen der Firma zu vertreten, und wenn Papa nicht glaubt, +einem ungehorsamen und rebellischen Sohn gegenüber die Verpflichtung zu +haben, dem Betriebskapital die Summe zu entziehen ... Es handelt sich um +mehr als elftausend Kuranttaler. Das ist gutes Geld ... Nein, nein, ich +kann nicht zuraten ... aber auch nicht abraten. Ich will nichts davon +wissen. Nur die Szene mit Papa ist mir _désagréable_ ...« + +»Abends spät, Jean. Komm nun, man wartet ...« + +Der Konsul barg das Papier in der Brusttasche, bot seiner Mutter den +Arm, und nebeneinander überschritten sie die Schwelle zum +hellerleuchteten Speisesaal, wo die Gesellschaft mit der Placierung um +die lange Tafel soeben fertiggeworden war. + +Aus dem himmelblauen Hintergrund der Tapeten traten zwischen schlanken +Säulen weiße Götterbilder fast plastisch hervor. Die schweren roten +Fenstervorhänge waren geschlossen, und in jedem Winkel des Zimmers +brannten auf einem hohen, vergoldeten Kandelaber acht Kerzen, abgesehen +von denen, die in silbernen Armleuchtern auf der Tafel standen. Über +dem massigen Büfett, dem Landschaftszimmer gegenüber, hing ein +umfangreiches Gemälde, ein italienischer Golf, dessen blaudunstiger Ton +in dieser Beleuchtung außerordentlich wirksam war. Mächtige, +steiflehnige Sofas in rotem Damast standen an den Wänden. + +Es war jede Spur von Besorgnis und Unruhe aus dem Gesicht Madame +Buddenbrooks verschwunden, als sie sich, zwischen dem alten Kröger, der +an der Fensterseite präsidierte, und Pastor Wunderlich niederließ. + +»_Bon appétit!_« sagte sie mit ihrem kurzen, raschen, herzlichen +Kopfnicken, indem sie einen schnellen Blick über die ganze Tafel bis zu +den Kindern hinuntergleiten ließ ... + + +Viertes Kapitel + +»Wie gesagt, alle Achtung, Buddenbrook!« übertönte die wuchtige Stimme +des Herrn Köppen das allgemeine Gespräch, als das Folgmädchen mit den +nackten, roten Armen, dem dicken, gestreiften Rock, unter der kleinen +weißen Mütze auf dem Hinterkopf, unter Beihilfe Mamsell Jungmanns und +des Mädchens der Konsulin von oben, die heiße Kräutersuppe nebst +geröstetem Brot serviert hatte und man anfing, behutsam zu löffeln. + +»Alle Achtung! Diese Weitläufigkeit, diese Noblesse ... ich muß sagen, +hier läßt sich leben, muß ich sagen ...« Herr Köppen hatte bei den +früheren Besitzern des Hauses nicht verkehrt; er war noch nicht lange +reich, stammte nicht gerade aus einer Patrizierfamilie und konnte sich +einiger Dialektschwächen, wie die Wiederholung von »muß ich sagen«, +leider noch nicht entwöhnen. Außerdem sagte er »Achung« statt »Achtung«. + +»Hat auch gar kein Geld gekostet«, bemerkte trocken Herr Grätjens, der +es wissen mußte, und betrachtete durch die hohle Hand eingehend den +Golf. + +Man hatte so weit wie möglich bunte Reihe gemacht und die Kette der +Verwandten durch Hausfreunde unterbrochen. Streng aber war dies nicht +durchzuführen gewesen, und die alten Oeverdiecks saßen einander wie +gewöhnlich fast auf dem Schoße, sich innig zunickend. Der alte Kröger +aber thronte hoch und gerade zwischen der Senatorin Langhals und Madame +Antoinette und verteilte seine Handbewegungen und seine reservierten +Scherze an die beiden Damen. + +»Wann ist das Haus noch gebaut worden?« fragte Herr Hoffstede schräg +über den Tisch hinüber den alten Buddenbrook, der sich in jovialem und +etwas spöttischem Tone mit Madame Köppen unterhielt. + +»_Anno_ ... warte mal ... Um 1680, wenn ich nicht irre. Mein Sohn weiß +übrigens besser mit solchen Daten Bescheid ...« + +»Zweiundachtzig«, bestätigte, sich vorbeugend, der Konsul, der weiter +unten, ohne eine Tischdame, neben Senator Langhals seinen Platz hatte. +»1682, im Winter, ist es fertig geworden. Mit Ratenkamp & Komp. fing es +damals an, aufs glänzendste bergauf zu gehen ... Traurig, dieses Sinken +der Firma in den letzten zwanzig Jahren ...« + +Ein allgemeiner Stillstand des Gespräches trat ein und dauerte eine +halbe Minute. Man blickte in seinen Teller und gedachte dieser ehemals +so glänzenden Familie, die das Haus erbaut und bewohnt hatte und die +verarmt, heruntergekommen, davongezogen war ... + +»Tja, traurig«, sagte der Makler Grätjens; »wenn man bedenkt, welcher +Wahnsinn den Ruin herbeiführte ... Wenn Dietrich Ratenkamp damals nicht +diesen Geelmaack zum Kompagnon genommen hätte! Ich habe, weiß Gott, die +Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als der anfing zu wirtschaften. +Ich weiß es aus bester Quelle, meine Herrschaften, wie greulich der +hinter Ratenkamps Rücken spekuliert und Wechsel hier und Akzepte dort +auf Namen der Firma gegeben hat ... Schließlich war es aus ... Da waren +die Banken mißtrauisch, da fehlte die Deckung ... Sie haben keine +Vorstellung ... Wer hat auch nur das Lager kontrolliert? Geelmaack +vielleicht? Sie haben da wie die Ratten gehaust, jahraus, jahrein! Aber +Ratenkamp kümmerte sich um nichts ...« + +»Er war wie gelähmt«, sagte der Konsul. Sein Gesicht hatte einen +düsteren und verschlossenen Ausdruck angenommen. Er bewegte, +vornübergebeugt, den Löffel in seiner Suppe und ließ dann und wann +einen kurzen Blick seiner kleinen, runden, tiefliegenden Augen zum +oberen Tischende hinaufschweifen. + +»Er ging wie unter einem Drucke einher, und ich glaube, man kann diesen +Druck begreifen. Was veranlaßte ihn, sich mit Geelmaack zu verbinden, +der bitterwenig Kapital hinzubrachte, und dem niemand den besten Leumund +machte? Er muß das Bedürfnis empfunden haben, einen Teil der furchtbaren +Verantwortlichkeit auf irgend jemanden abzuwälzen, weil er fühlte, daß +es unaufhaltsam zu Ende ging ... Diese Firma hatte abgewirtschaftet, +diese alte Familie war _passée_. Wilhelm Geelmaack hat sicherlich nur +den letzten Anstoß zum Ruin gegeben ...« + +»Sie sind also der Ansicht, werter Herr Konsul«, sagte Pastor Wunderlich +mit bedächtigem Lächeln und schenkte seiner Dame und sich selbst Rotwein +ins Glas, »daß auch ohne den Hinzutritt des Geelmaack und seines wilden +Gebarens alles gekommen wäre, wie es gekommen ist?« + +»Das wohl nicht«, sagte der Konsul gedankenvoll und ohne sich an eine +bestimmte Person zu wenden. »Aber ich glaube, daß Dietrich Ratenkamp +sich notwendig und unvermeidlich mit Geelmaack verbinden mußte, damit +das Schicksal erfüllt würde ... Er muß unter dem Druck einer +unerbittlichen Notwendigkeit gehandelt haben ... Ach, ich bin überzeugt, +daß er das Treiben seines Associés halb und halb gekannt hat, daß er +auch über die Zustände in seinem Lager nicht so vollständig unwissend +war. Aber er war erstarrt ...« + +»Na, _assez_, Jean«, sagte der alte Buddenbrook und legte seinen Löffel +aus der Hand. »Das ist so eine von deinen _idées_ ...« + +Der Konsul hob mit einem zerstreuten Lächeln sein Glas seinem Vater +entgegen. Lebrecht Kröger aber sprach: + +»Nein, halten wir es nun mit der fröhlichen Gegenwart!« + +Er faßte dabei vorsichtig und elegant den Hals seiner Weißwein-Bouteille, +auf deren Pfropfen ein kleiner silberner Hirsch stand, legte sie ein +wenig auf die Seite und prüfte aufmerksam die Etikette. »C. F. Köppen«, +las er und nickte dem Weinhändler zu; »ach ja, was wären wir ohne Sie!« + +Die Meißener Teller mit Goldrand wurden gewechselt, wobei Madame +Antoinette die Bewegungen der Mädchen scharf beobachtete, und Mamsell +Jungmann rief Anordnungen in den Schalltrichter des Sprachrohres hinein, +das den Eßsaal mit der Küche verband. Es wurde der Fisch herumgereicht, +und während Pastor Wunderlich sich mit Vorsicht bediente, sagte er: + +»Diese fröhliche Gegenwart ist immerhin nicht so ganz selbstverständlich. +Die jungen Leute, die sich hier jetzt mit uns Alten freuen, denken wohl +nicht daran, daß es jemals anders gewesen sein könnte ... Ich darf +sagen, daß ich an den Schicksalen unserer Buddenbrooks nicht selten +persönlichen Anteil genommen habe ... Immer wenn ich diese Dinge vor +Augen habe« -- und er wandte sich an Madame Antoinette, indem er einen +der schweren silbernen Löffel vom Tische nahm --, »muß ich denken, ob +sie nicht zu den Stücken gehören, die _anno_ sechs unser Freund, der +Philosoph Lenoir, Sergeant Seiner Majestät des Kaisers Napoleon, in +Händen hatte ... und erinnere mich unserer Begegnung in der Alfstraße, +Madame ...« + +Madame Buddenbrook blickte mit einem halb verlegenen, halb +erinnerungsschweren Lächeln vor sich nieder. Tom und Tony, dort unten, +die keinen Fisch essen mochten und dem Gespräch der großen Leute +aufmerksam gefolgt waren, riefen beinahe einstimmig herauf: »Ach ja, +erzählen Sie, Großmama!« Aber der Pastor, der wußte, daß sie es nicht +liebte, von diesem für sie ein wenig peinlichen Vorfall selbst zu +berichten, begann statt ihrer noch einmal mit der alten kleinen +Geschichte, auf welche die Kinder gern zum hundertsten Male gehorcht +hätten, und die vielleicht einem oder dem anderen noch unbekannt war ... + +»Kurz und gut, man figuriere sich: Es ist ein Novembernachmittag, kalt +und regnicht, daß Gott erbarm', ich komme von einem Amtsgeschäft die +Alfstraße hinauf und denke der schlimmen Zeiten. Fürst Blücher war fort, +die Franzosen waren in der Stadt, aber von der herrschenden Erregung +merkte man wenig. Die Straßen lagen still, die Leute saßen in ihren +Häusern und hüteten sich. Schlachtermeister Prahl, der mit den Händen in +den Hosentaschen vor seiner Tür gestanden und mit seiner dröhnendsten +Stimme gesagt hatte: `Dat is je denn doch woll zu arg, is dat je denn +doch woll --!´ war einfach, bautz, vor den Kopf geknallt worden ... +Nun, ich denke: Du willst einmal zu Buddenbrooks hineinsehen, ein +Zuspruch könnte willkommen sein; der Mann liegt mit der Kopfrose, und +Madame wird mit der Einquartierung zu schaffen haben.« + +»Da, im nämlichen Moment, wen sehe ich mir entgegenkommen? Unsere +allverehrte Madame Buddenbrook. Allein in welcher Verfassung? Sie eilt +ohne Hut durch den Regen, sie hat kaum einen Schal um die Schultern +geworfen, sie stürzt mehr als sie geht, und ihre _coiffure_ ist eine +komplette Wirrnis ... Nein, das ist wahr, Madame! es war kaum noch die +Rede von einer _coiffure_.« + +»`Welch angenehme _surprise_!´ sage ich und erlaube mir, sie, die mich +gar nicht sieht, am Ärmel zu halten, denn mir schwant nichts Gutes ... +`Wohin doch so schnell, meine Liebe?´ Sie bemerkt mich, sie blickt mich +an, sie stößt hervor: `Sind Sie's ... leben Sie wohl! Alles ist zu Ende! +Ich gehe hinunter in die Trave!´« + +»`Behüte!´ sage ich und fühle, wie ich weiß werde. `Das ist der Ort +nicht für Sie, meine Liebe! Was ist aber passiert?´ Und ich halte sie so +fest, als der Respekt es zuläßt. `Was passiert ist?´ ruft sie und +zittert. `Sie sind über dem Silberzeug, Wunderlich! Das ist passiert! +Und Jean liegt mit der Kopfrose und kann mir nicht helfen! Und er könnte +auch nicht helfen, wäre er auf den Beinen! Sie stehlen meine Löffel, +meine silbernen Löffel, das ist passiert, Wunderlich, und ich gehe in +die Trave!´« + +»Nun, ich halte unsere Freundin, ich sage was man sagt in solchen +Fällen, `Courage´, sage ich, `Liebste!´ und `Alles wird gut werden!´ und +`Wir wollen reden mit den Leuten, fassen Sie sich, ich beschwöre Sie, +und gehen wir!´ Und ich führe sie die Straße hinauf in ihr Haus. Im +Eßzimmer droben finden wir die Miliz, wie Madame sie verlassen, an die +zwanzig Mann hoch, die sich mit der großen Truhe abgeben, wo das +Silberzeug liegt.« + +»`Mit wem von Ihnen kann ich Rücksprache nehmen´, frage ich höflich, +`meine Herren?´ Nun, man fängt an zu lachen und ruft: `Mit uns allen, +Papa!´ Dann aber tritt einer vor und präsentiert sich, ein Mensch, der +lang ist wie ein Baum, mit einem schwarz gewichsten Schnauzbart und +großen roten Händen, die aus den betreßten Aufschlägen heraussehen. +`Lenoir´, sagt er und salutiert mit der Linken, denn in der Rechten +hält er ein Bündel von fünf oder sechs silbernen Löffeln, `Lenoir, +Sergeant. Was wünscht der Herr?´« + +»`Herr Offizier!´ sage ich und ziele auf den _point d'honneur_. `Sollte +die Beschäftigung mit diesen Dingen sich mit Ihrer glänzenden Charge +vereinbaren?... Die Stadt hat sich dem Kaiser nicht verschlossen ...´ -- +`Was wollen Sie?´ antwortet er. `Das ist der Krieg! Die Leute benötigen +dergleichen Geschirr ...´« + +»`Sie sollten Rücksicht nehmen´, unterbrach ich ihn, denn mir kommt ein +Gedanke. `Diese Dame´, sage ich, denn was sagt man nicht in solcher +Lage, `die Herrin des Hauses, sie ist nicht etwa eine Deutsche, sie ist +beinahe Ihre Landsmännin, sie ist eine Französin ...´ -- `Wie, eine +Französin?´ wiederholt er. Und was glauben Sie, daß dieser lange +Haudegen hinzufügt? -- `Eine Emigrantin also?´ sagt er. `Aber dann ist +sie eine Feindin der Philosophie!´« + +»Ich bin baff, aber ich verschlucke mein Lachen. `Sie sind´, sage ich, +`ein Mann von Kopf, wie ich sehe. Ich wiederhole, daß es mir Ihrer nicht +würdig scheint, sich mit diesen Dingen zu befassen!´ -- Er schweigt +einen Augenblick; dann aber, plötzlich, wird er rot, er wirft seine +sechs Löffel in die Truhe und ruft: `Aber wer sagt Ihnen denn, daß ich +etwas anderes mit diesen Dingen beabsichtigte, als sie ein wenig zu +betrachten?! Hübsche Sachen, das! Wenn einer oder der andere der Leute +ein Stück als Souvenir mit sich nehmen sollte ...´« + +»Nun, sie haben immerhin noch genug Souvenirs mit sich genommen, da half +keine Berufung auf menschliche oder göttliche Gerechtigkeit ... Sie +kannten wohl keinen anderen Gott, als diesen fürchterlichen kleinen +Menschen ...« + + +Fünftes Kapitel + +»Sie haben ihn gesehen, Herr Pastor?« -- + +Die Teller wurden aufs neue gewechselt. Ein kolossaler, ziegelroter, +panierter Schinken erschien, geräuchert, gekocht, nebst brauner, +säuerlicher Chalottensauce, und solchen Mengen von Gemüsen, daß alle +aus einer einzigen Schüssel sich hätten sättigen können. Lebrecht Kröger +übernahm das Tranchieren. Die Ellenbogen in legerer Weise erhoben, die +langen Zeigefinger gerade auf den Rücken von Messer und Gabel +ausgestreckt, schnitt er mit Bedacht die saftigen Stücke hinunter. Auch +das Meisterwerk der Konsulin Buddenbrook, der »Russische Topf«, ein +prickelnd und spirituös schmeckendes Gemisch konservierter Früchte, +wurde gereicht. -- + +Nein, Pastor Wunderlich bedauerte, Bonaparte niemals zu Gesichte +bekommen zu haben. Der alte Buddenbrook aber sowohl wie Jean Jacques +Hoffstede hatten ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen; ersterer zu +Paris, unmittelbar vor der russischen Kampagne, gelegentlich einer +Parade im Schloßhofe der Tuilerien, letzterer zu Danzig ... + +»Gott, nein, er sah nicht gemütlich aus«, sagte er, indem er einen +Bissen von Schinken, Rosenkohl und Kartoffel, den er auf seiner Gabel +komponiert, mit erhobenen Brauen in den Mund schob. »Übrigens soll er +sich ganz heiter benommen haben, in Danzig. Man erzählte sich damals +einen Scherz ... Er hasardierte den ganzen Tag mit den Deutschen, und +zwar nicht eben harmlos, abends aber spielte er mit seinen Generälen. +`_N'est-ce pas, Rapp_´, sagte er, und griff eine Handvoll Gold vom +Tische, `_les Allemands aiment beaucoup ces petits Napoléons?_´ -- +`_Oui, Sire, plus que le Grand!_´ antwortete Rapp ...« + +In der allgemeinen Heiterkeit, die laut wurde -- denn Hoffstede hatte +die Anekdote hübsch erzählt und sogar ein wenig das Mienenspiel des +Kaisers markiert --, sagte der alte Buddenbrook: + +»Na, ungescherzt, allen Respekt übrigens vor seiner persönlichen +Großheit ... Was für eine Natur!« + +Der Konsul schüttelte ernsthaft den Kopf. + +»Nein, nein, wir Jüngeren verstehen nicht mehr die Verehrungswürdigkeit +des Mannes, der den Herzog von Enghien ermordete, der in Ägypten die +achthundert Gefangenen niedermetzelte ...« + +»Das alles ist möglicherweise übertrieben und gefälscht«, sagte Pastor +Wunderlich. »Der Herzog mag ein leichtsinniger und aufrührerischer Herr +gewesen sein, und was die Gefangenen betrifft, so war ihre Exekution +wahrscheinlich der wohlerwogene und notwendige Beschluß eines korrekten +Kriegsrates ...« Und er erzählte von einem Buche, das vor einigen Jahren +erschienen war, und das er gelesen hatte, das Werk eines Sekretärs des +Kaisers, das volle Aufmerksamkeit verdiene ... + +»Gleichviel«, beharrte der Konsul, indem er eine Kerze putzte, die im +Armleuchter vor ihm flackerte. »Ich begreife es nicht, ich begreife +nicht die Bewunderung für diesen Unmenschen! Als christlicher Mann, als +Mensch von religiösem Empfinden finde ich in meinem Herzen keinen Raum +für ein solches Gefühl.« + +Sein Gesicht hatte einen stillen und schwärmerischen Ausdruck +angenommen, ja, er hatte sogar den Kopf ein wenig auf die Seite gelegt +-- während es wahrhaftig aussah, als ob sein Vater und Pastor Wunderlich +einander ganz leise zulächelten. + +»Ja, ja«, schmunzelte Johann Buddenbrook, »aber die kleinen Napoléons +waren nicht übel, was? Mein Sohn schwärmt mehr für Louis Philipp«, fügte +er hinzu. + +»Schwärmt?« wiederholte Jean Jacques Hoffstede ein bißchen mokant ... +»Eine kuriose Zusammenstellung! Philipp Egalité und schwärmen ...« + +»Nun, mich dünkt, daß wir von der Juli-Monarchie bei Gott eine Menge zu +lernen haben ...« Der Konsul sprach ernst und eifrig. »Das freundliche +und hilfreiche Verhältnis des französischen Konstitutionalismus zu den +neuen praktischen Idealen und Interessen der Zeit ... ist etwas so +überaus Dankenswertes ...« + +»Praktische Ideale ... na, ja ...« Der alte Buddenbrook spielte während +einer Pause, die er seinen Kinnladen gönnte, mit seiner goldenen Dose. +»Praktische Ideale ... ne, ich bin da gar nich für!« Er verfiel vor +Verdruß in den Dialekt. »Da schießen nun die gewerblichen Anstalten und +die technischen Anstalten und die Handelsschulen aus der Erde, und das +Gymnasium und die klassische Bildung sind plötzlich Bêtisen, und alle +Welt denkt an nichts, als Bergwerke ... und Industrie ... und +Geldverdienen ... Brav, das alles, höchst brav! Aber ein bißchen +stüpide, von der anderen Seite, so auf die Dauer -- wie? Ich weiß nicht, +warum es mir ein Affront ist ... ich habe nichts gesagt, Jean ... die +Juli-Monarchie ist eine gute Sache ...« + +Senator Langhals aber sowohl wie Grätjens und Köppen standen dem Konsul +zur Seite ... Ja, wahrhaftig, vor der französischen Regierung und den +gleichartigen Bestrebungen in Deutschland müsse man die größte Achtung +haben ... Herr Köppen sagte wieder »Achung«. -- Er war noch viel röter +geworden während des Speisens und schnob vernehmlich; Pastor Wunderlichs +Gesicht aber blieb weiß, fein und aufgeweckt, obgleich er in aller +Behaglichkeit ein Glas nach dem anderen trank. + +Die Kerzen brannten langsam, langsam hinunter und ließen dann und wann, +wenn ihre Flammen im Luftzuge zur Seite flackerten, einen feinen +Wachsgeruch über die Tafel hinwehen. + +Man saß auf hochlehnigen, schweren Stühlen, speiste mit schwerem +Silbergerät schwere, gute Sachen, trank schwere, gute Weine dazu und +sagte seine Meinung. Man war bald bei den Geschäften und verfiel +unwillkürlich mehr und mehr dabei in den Dialekt, in diese behaglich +schwerfällige Ausdrucksweise, die kaufmännische Kürze sowohl wie +wohlhabende Nachlässigkeit an sich zu haben schien, und die hie und da +mit gutmütiger Selbstironie übertrieben wurde. Man sagte nicht: »an der +Börse«, man sagte ganz einfach: »an Börse« ..., wobei man zum Überfluß +das r wie ein kurzes ä aussprach und ein wohlgefälliges Gesicht dazu +machte. + +Die Damen waren dem Disput nicht lange gefolgt. Madame Kröger führte +ihnen das Wort, indem sie in der appetitlichsten Art die beste Manier +auseinandersetzte, Karpfen in Rotwein zu kochen ... »Wenn sie in +ordentliche Stücken zerschnitten sind, Liebe, dann mit Zwiebeln und +Nelken und Zwieback in die Kasserolle, und dann kriegen Sie sie mit +etwas Zucker und einem Löffel Butter zu Feuer ... Aber nicht waschen, +Liebste, alles Blut mitnehmen, um Gottes willen ...« + +Der alte Kröger ließ die angenehmsten Scherze einfließen. Konsul Justus, +sein Sohn, aber, der neben Doktor Grabow weiter unten in der Nähe der +Kinder saß, hatte mit Mamsell Jungmann ein neckisches Gespräch +angeknüpft; sie kniff ihre braunen Augen zusammen und hielt nach ihrer +Gewohnheit Messer und Gabel gerade empor, indem sie sie leicht hin und +her bewegte. Selbst Oeverdiecks waren ganz laut und lebendig geworden. +Die alte Konsulin hatte ein neues Kosewort für ihren Gatten erfunden: +»Du gutes Schnuckeltier!« sagte sie und schüttelte ihre Haube vor +Herzlichkeit. + +Das Gespräch floß in einen Gegenstand zusammen, als Jean Jacques +Hoffstede auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, auf die italienische +Reise, die er vor fünfzehn Jahren mit einem reichen Hamburger Verwandten +gemacht hatte. Er erzählte von Venedig, Rom und dem Vesuv, er sprach von +der Villa Borghese, wo der verstorbene Goethe einen Teil seines Faust +geschrieben habe, er schwärmte von Renaissance-Brunnen, die Kühlung +spendeten, von wohlbeschnittenen Alleen, in denen es sich so angenehm +lustwandeln lasse, und jemand erwähnte des großen, verwilderten Gartens, +den Buddenbrooks gleich hinter dem Burgtore besaßen ... + +»Ja, meiner Treu!« sagte der Alte. »Ich ärgere mich noch immer, daß ich +mich seinerzeit nicht resolvieren konnte, ihn ein bißchen menschlich +herrichten zu lassen! Ich bin kürzlich mal wieder hindurch gegangen -- +es ist eine Schande, dieser Urwald! Welch nett Besitztum, wenn das Gras +gepflegt, die Bäume hübsch kegel- und würfelförmig beschnitten +wären ...« + +Der Konsul aber protestierte mit Eifer. + +»Um Gottes willen, Papa --! Ich ergehe mich Sommers dort gern im +Gestrüpp; aber alles wäre mir verdorben, wenn die schöne, freie Natur so +kläglich zusammengeschnitten wäre ...« + +»Aber wenn die freie Natur doch mir gehört, habe ich da zum Kuckuck +nicht das Recht, sie nach meinem Belieben herzurichten ...« + +»Ach Vater, wenn ich dort im hohen Grase unter dem wuchernden Gebüsch +liege, ist es mir eher, als gehörte ich der Natur und als hätte ich +nicht das mindeste Recht über sie ...« + +»Krischan, freet mi nich tau veel«, rief plötzlich der alte Buddenbrook, +»Thilda, der schadt es nichts ... packt ein wie söben Drescher, die +Dirn ...« + +Und wahrhaftig, es war zum Erstaunen, welche Fähigkeiten dieses stille, +magere Kind mit dem langen, ältlichen Gesicht beim Essen entwickelte. +Sie hatte auf die Frage, ob sie zum zweiten Male Suppe wünsche, gedehnt +und demütig geantwortet: »J--a-- bit--te!« Sie hatte sich vom Fisch wie +vom Schinken zweimal je zwei der größten Stücke nebst starken Haufen +von Zutaten gewählt, sorgsam und kurzsichtig über den Teller gebeugt, +und sie verzehrte alles, ohne Überhastung, still und in großen Bissen. +Auf die Worte des alten Hausherrn antwortete sie nur langgezogen, +freundlich, verwundert und einfältig: »Gott -- On--k--el--?« Sie ließ +sich nicht einschüchtern, sie aß, ob es auch nicht anschlug und ob man +sie verspottete, mit dem instinktmäßig ausbeutenden Appetit der armen +Verwandten am reichen Freitische, lächelte unempfindlich und bedeckte +ihren Teller mit guten Dingen, geduldig, zäh, hungrig und mager. + + +Sechstes Kapitel + +Nun kam, in zwei großen Kristallschüsseln, der »Plettenpudding«, ein +schichtweises Gemisch aus Makronen, Himbeeren, Biskuits und Eiercreme; +am unteren Tischende aber begann es aufzuflammen, denn die Kinder hatten +ihren Lieblings-Nachtisch, den brennenden Plumpudding bekommen. + +»Thomas, mein Sohn, sei mal so gut«, sprach Johann Buddenbrook und zog +sein großes Schlüsselbund aus der Beinkleidtasche. »Im zweiten Keller +rechts, das zweite Fach, hinter dem roten Bordeaux, zwei Bouteillen, +du?« Und Thomas, der sich auf solche Aufträge verstand, lief fort und +kam wieder mit den ganz verstaubten und umsponnenen Flaschen. Kaum aber +war aus dieser unscheinbaren Hülle der goldgelbe, traubensüße alte +Malvasier in die kleinen Dessertweingläser geflossen, als der Augenblick +gekommen war, da Pastor Wunderlich sich erhob und, während das Gespräch +verstummte, das Glas in der Hand, in angenehmen Wendungen zu toasten +begann. Er sprach, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, ein feines und +spaßhaftes Lächeln auf seinem weißen Gesicht und die freie Hand in +zierlichen kleinen Gesten bewegend, in dem freien und behaglichen +Plauderton, den er auch auf der Kanzel innezuhalten liebte ... »Und +wohlan, so lassen Sie sich denn belieben, meine wackeren Freunde, ein +Glas dieses artigen Tropfens mit mir zu leeren auf die Wohlfahrt unserer +vielgeehrten Wirte in ihrem neuen, so prächtigen Heim, -- auf die +Wohlfahrt der Familie Buddenbrook, der anwesenden sowohl wie der +abwesenden Mitglieder ... vivant hoch!« + +»Die abwesenden Mitglieder?« dachte der Konsul, während er sich vor den +Gläsern verbeugte, die man ihm entgegenhob. »Sind damit nur die in +Frankfurt und vielleicht die Duchamps in Hamburg gemeint, oder hat der +alte Wunderlich seine Hintergedanken ...?« Er stand auf, um sein Glas an +das seines Vaters klingen zu lassen, indem er ihm herzlich in die Augen +blickte. + +Nun aber kam der Makler Grätjens von seinem Stuhle empor, und das nahm +Zeit in Anspruch; als er aber ein Ende genommen hatte, da widmete er mit +seiner etwas kreischenden Stimme ein Glas der Firma Johann Buddenbrook +und ihrem ferneren Wachsen, Blühen und Gedeihen, zur Ehre der Stadt. + +Und Johann Buddenbrook dankte für alle die freundlichen Worte, als +Oberhaupt der Familie zum ersten und als älterer Chef des Handelshauses +zum zweiten -- und schickte Thomas nach einer dritten Bouteille +Malvasier, denn die Berechnung hatte sich als falsch erwiesen, daß zwei +genügen würden. + +Auch Lebrecht Kröger sprach. Er erlaubte sich, sitzen zu bleiben dabei, +weil das einen noch kulanteren Eindruck machte, und nur aufs gefälligste +mit Kopf und Händen zu gestikulieren, während er seinen Trinkspruch den +beiden Damen des Hauses, Mme. Antoinette und der Konsulin, gelten ließ. + +Als er aber geendet, als der Plettenpudding schon beinahe verspeist war +und der Malvasier zur Neige ging, da erhob sich langsam, mit einem +Räuspern und unter einem allgemeinen »Ah!« Herr Jean Jacques Hoffstede +... die Kinder, da unten, applaudierten geradezu vor Freude. + +»Ja, _excusez_! ich konnte nicht umhin ...« sprach er, wobei er leicht +seine spitze Nase berührte und ein Papier aus der Rocktasche zog ... Ein +tiefes Stillschweigen verbreitete sich im Saale. + +Das Blatt, das er in Händen hielt, war allerliebst kunterbunt, und von +einem Oval, das auf der Außenseite von roten Blumen und vielen goldenen +Schnörkeln gebildet ward, verlas er die Worte: + + »Gelegentlich der freundschaftlichen Teilnahme an dem frohen + Einweihungsfeste des neuerworbenen Hauses mit der Familie + Buddenbrook. Oktober 1835.« + +Und dann wendete er und begann mit seiner schon etwas zitternden Stimme: + + Hochverehrte! -- Nicht versäumen + Darf es mein bescheiden Lied, + Euch zu nah'n in diesen Räumen, + Die der Himmel euch beschied. + + Dir soll's, Freund im Silberhaare, + Und der würd'gen Gattin dein, + Eurer Kinder trautem Paare, + Freudevoll gewidmet sein! + + Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne + Sich vor unserem Blick verband, -- + Venus Anadyomene + Und Vulcani fleiß'ge Hand. + + Keine trübe Zukunft störe + Eures Lebens Fröhlichkeit, + Jeder neue Tag gewähre + Euch stets neue Seligkeit. + + Freuen, ja unendlich freuen + Wird mich euer künftig Glück. + Ob ich oft den Wunsch erneuen + Werde, sagt euch itzt mein Blick. + + Lebet wohl im prächt'gen Hause + Und behaltet wert und lieb + Den, der in geringer Klause + Heute diese Zeilen schrieb! -- + +Er verbeugte sich, und ein einmütiger, begeisterter Beifall brach los. + +»Charmant, Hoffstede!« rief der alte Buddenbrook. »Dein Wohl! Nein, das +war allerliebst!« + +Als aber die Konsulin mit dem Dichter trank, färbte ein ganz feines Rot +ihren zarten Teint, denn sie hatte wohl die artige Reverenz bemerkt, die +er bei der »Venus Anadyomene« nach ihrer Seite vollführt hatte ... + + +Siebentes Kapitel + +Die allgemeine Munterkeit hatte nun ihren Gipfel erreicht, und Herr +Köppen verspürte das deutliche Bedürfnis, ein paar Knöpfe seiner Weste +zu öffnen; aber das ging wohl leider nicht an, denn nicht einmal die +alten Herren erlaubten sich dergleichen. Lebrecht Kröger saß noch genau +so aufrecht an seinem Platze, wie zu Beginn der Mahlzeit, Pastor +Wunderlich blieb weiß und formgewandt, der alte Buddenbrook hatte sich +zwar ein bißchen zurückgelegt, wahrte aber den feinsten Anstand, und nur +Justus Kröger war ersichtlich ein wenig betrunken. + +Wo war Doktor Grabow? Die Konsulin erhob sich ganz unauffällig und ging +davon, denn dort unten waren die Plätze von Mamsell Jungmann, Doktor +Grabow und Christian freigeworden, und aus der Säulenhalle klang es +beinahe wie unterdrücktes Jammern. Sie verließ schnell hinter dem +Folgmädchen, das Butter, Käse und Früchte serviert hatte, den Saal -- +und wahrhaftig, dort im Halbdunkel, auf der runden Polsterbank, die sich +um die mittlere Säule zog, saß, lag oder kauerte der kleine Christian +und ächzte leise und herzbrechend. + +»Ach Gott, Madamchen!« sagte Ida, die mit dem Doktor bei ihm stand, +»Christian, dem Jungchen, ist gar so schlecht ...« + +»Mir ist übel, Mama, mir ist =verdammt= übel!« wimmerte Christian, +während seine runden tiefliegenden Augen über der allzugroßen Nase +unruhig hin und her gingen. Er hatte das »verdammt« nur aus übergroßer +Verzweiflung hervorgestoßen, die Konsulin aber sagte: + +»Wenn wir solche Worte gebrauchen, straft uns der liebe Gott mit noch +größerer Übelkeit!« + +Doktor Grabow fühlte den Puls; sein gutes Gesicht schien noch länger und +milder geworden zu sein. + +»Eine kleine Indigestion ... nichts von Bedeutung, -- Frau Konsulin!« +tröstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen, pedantischen Amtstone +fort: »Es dürfte das beste sein, ihn zu Bette zu bringen ... ein bißchen +Kinderpulver, vielleicht ein Täßchen Kamillentee zum Transpirieren ... +Und strenge Diät, -- Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Diät. Ein wenig +Taube, -- ein wenig Franzbrot ...« + +»Ich will keine Taube!« rief Christian außer sich. »Ich will nie--mals +wieder etwas essen! Mir ist übel, mir ist =verdammt= übel!« Das starke +Wort schien ihm geradezu Linderung zu bereiten, mit solcher Inbrunst +stieß er es hervor. + +Doktor Grabow lächelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und beinahe +etwas schwermütigem Lächeln. Oh, er würde schon wieder essen, der junge +Mann! Er würde leben wie alle Welt. Er würde, wie seine Väter, +Verwandten und Bekannten, seine Tage sitzend verbringen und viermal +inzwischen so ausgesucht schwere und gute Dinge verzehren ... Nun, Gott +befohlen! Er, Friedrich Grabow, war nicht derjenige, welcher die +Lebensgewohnheiten aller dieser braven, wohlhabenden und behaglichen +Kaufmannsfamilien umstürzen würde. Er würde kommen, wenn er gerufen +würde, und für einen oder zwei Tage strenge Diät empfehlen, -- ein wenig +Taube, ein Scheibchen Franzbrot ... ja, ja -- und mit gutem Gewissen +versichern, daß es für diesmal nichts zu bedeuten habe. Er hatte, so +jung er war, die Hand manches wackeren Bürgers in der seinen gehalten, +der seine letzte Keule Rauchfleisch, seinen letzten gefüllten Puter +verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht in seinem +Kontorsessel oder nach einigem Leiden in seinem soliden alten Bett, sich +Gott befahl. Ein Schlag, hieß es dann, eine Lähmung, ein plötzlicher und +unvorhergesehener Tod ... ja, ja, und er, Friedrich Grabow, hätte sie +ihnen vorrechnen können, alle die vielen Male, wo es »nichts auf sich +gehabt hatte«, wo er vielleicht nicht einmal gerufen war, wo nur +vielleicht nach Tische, wenn man ins Kontor zurückgekehrt war, ein +kleiner, merkwürdiger Schwindel sich gemeldet hatte ... Nun, Gott +befohlen! Er, Friedrich Grabow, war selbst nicht derjenige, der die +gefüllten Puter verschmähte. Dieser panierte Schinken mit +Chalottensauce heute war delikat gewesen, zum Teufel, und dann, als man +schon schwer atmete, der Plettenpudding -- Makronen, Himbeeren und +Eierschaum, ja, ja ... »Strenge Diät, wie gesagt, -- Frau Konsulin? Ein +wenig Taube, -- ein wenig Franzbrot ...« + + +Achtes Kapitel + +Drinnen im Eßsaale herrschte Aufbruch. + +»Wohl bekomm's, _mesdames et messieurs_, gesegnete Mahlzeit! Drüben +wartet für Liebhaber eine Zigarre und ein Schluck Kaffee für uns alle +und, wenn Madame spendabel ist, ein Likör ... Die Billards, hinten, sind +zu jedermanns Verfügung, wie sich versteht; Jean, du übernimmst wohl die +Führung ins Hinterhaus ... Madame Köppen, -- die Ehre ...« + +Plaudernd, befriedigt und in bester Laune Wünsche in betreff einer +gesegneten Mahlzeit austauschend, verfügte man sich durch die große +Flügeltür ins Landschaftszimmer zurück. Aber der Konsul ging nicht erst +hinüber, sondern versammelte sofort die billardlustigen Herren um sich. + +»Sie wollen keine Partie riskieren, Vater?« + +Nein, Lebrecht Kröger blieb bei den Damen, aber Justus könne ja nach +hinten gehen ... Auch Senator Langhals, Köppen, Grätjens und Doktor +Grabow hielten zum Konsul, während Jean Jacques Hoffstede nachkommen +wollte: »Später, später! Johann Buddenbrook will Flöte blasen, das muß +ich abwarten ... _Au revoir, messieurs ..._« + +Die sechs Herren hörten noch, als sie durch die Säulenhalle schritten, +im Landschaftszimmer die ersten Flötentöne aufklingen, von der Konsulin +auf dem Harmonium begleitet, eine kleine, helle, graziöse Melodie, die +sinnig durch die weiten Räume schwebte. Der Konsul lauschte, so lange +etwas zu hören war. Er wäre gar zu gern im Landschaftszimmer +zurückgeblieben, um in einem Lehnsessel bei diesen Klängen seinen +Träumen und Gefühlen nachzuhängen; allein die Wirtspflicht ... + +»Bringe ein paar Tassen Kaffee und Zigarren in den Billardsaal«, sagte +er zu dem Folgmädchen, das über den Vorplatz ging. + +»Ja, Line, Kaffee, du? Kaffee!« wiederholte Herr Köppen mit einer +Stimme, die aus vollem Magen kam, und versuchte, das Mädchen in den +roten Arm zu kneifen. Er sprach das K ganz hinten im Halse, als schlucke +und schmecke er bereits. + +»Ich bin überzeugt, daß Madame Köppen durch die Glasscheiben gesehen +hat«, bemerkte Konsul Kröger. + +Senator Langhals fragte: »Da oben wohnst du also, Buddenbrook?« + +Rechts führte die Treppe in den zweiten Stock hinauf, wo die +Schlafzimmer des Konsuls und seiner Familie lagen; aber auch an der +linken Seite des Vorplatzes befand sich noch eine Reihe von Räumen. Die +Herren schritten rauchend die breite Treppe mit dem weißlackierten, +durchbrochenen Holzgeländer hinunter. Auf dem Absatz blieb der Konsul +stehen. + +»Dies Zwischengeschoß ist noch drei Zimmer tief«, erklärte er; »das +Frühstückszimmer, das Schlafzimmer meiner Eltern und ein wenig benutzter +Raum nach dem Garten hinaus; ein schmaler Gang läuft als Korridor +nebenher ... Aber vorwärts! -- Ja, sehen Sie, die Diele wird von den +Transportwagen passiert, sie fahren dann durch das ganze Grundstück bis +zur Bäckergrube.« + +Die weite, hallende Diele drunten war mit großen, viereckigen +Steinfliesen gepflastert. Bei der Windfangtüre sowohl wie am anderen +Ende lagen Kontorräumlichkeiten, während die Küche, aus der noch immer +der säuerliche Geruch der Chalottensauce hervordrang, mit dem Weg zu den +Kellern links von der Treppe lag. Ihr gegenüber, in beträchtlicher Höhe, +sprangen seltsame, plumpe aber reinlich lackierte Holzgelasse aus der +Wand hervor: die Mädchenkammern, die nur durch eine Art freiliegender, +gerader Stiege von der Diele aus zu erreichen waren. Ein Paar ungeheurer +alter Schränke und eine geschnitzte Truhe standen daneben. + +Durch eine hohe Glastür trat man über einige ganz flache, befahrbare +Stufen auf den Hof hinaus, an dem linkerseits sich das kleine Waschhaus +befand. Man blickte von hier aus in den hübsch angelegten, jetzt aber +herbstlich grauen und feuchten Garten hinein, dessen Beete mit +Strohmatten gegen den Frost geschützt waren, und der dort hinten vom +»Portal« abgeschlossen ward, der Rokokofassade des Gartenhauses. Die +Herren aber schlugen vom Hofe aus den Weg zur Linken ein, der zwischen +zwei Mauern über einen zweiten Hof zum Rückgebäude führte. + +Dort führten schlüpfrige Stufen in ein kelleriges Gewölbe mit Lehmboden +hinab, das als Speicher benutzt wurde, und von dessen höchstem Boden ein +Tau zum Hinaufwinden der Kornsäcke herabhing. Aber man stieg zur Rechten +die reinlich gehaltene Treppe ins erste Stockwerk hinauf, woselbst der +Konsul seinen Gästen die weiße Türe zum Billardsaale öffnete. + +Herr Köppen warf sich erschöpft auf einen der steifen Stühle, die an den +Wänden des weiten, kahl und streng aussehenden Raumes standen. + +»Ich sehe fürs erste zu!« rief er und klopfte die feinen Regentropfen +von seinem Leibrock. »Hole mich der Teufel, was ist das für eine Reise +durch Euer Haus, Buddenbrook!« + +Ähnlich wie im Landschaftszimmer brannte hier hinter einem Messinggitter +der Ofen. Durch die drei hohen und schmalen Fenster blickte man über +feuchtrote Dächer, graue Höfe und Giebel ... + +»Eine Karambolage, Herr Senator?« fragte der Konsul, während er die +Queues aus den Gestellen nahm. Dann ging er umher und schloß die Löcher +der beiden Billards. »Wer will mit uns sein? Grätjens? Der Doktor? _All +right._ Grätjens und Justus, dann nehmen Sie das andere ... Köppen, du +=mußt= mitspielen.« + +Der Weinhändler stand auf und horchte, den Mund voll Zigarrenrauch, auf +einen starken Windstoß, der zwischen den Häusern pfiff, den Regen +prickelnd gegen die Scheiben trieb und sich heulend im Ofenrohr verfing. + +»Verflucht!« sagte er und stieß den Rauch von sich. »Glaubst du, daß der +`Wullenwewer´ zu Hafen kann, Buddenbrook? Was für ein Hundewetter ...« + +Ja, die Nachrichten aus Travemünde waren nicht die besten; dies +bestätigte auch Konsul Kröger, der das Leder seines Stockes kreidete. +Stürme in allen Küsten. _Anno_ 24 war es, weiß Gott, nicht viel +schlimmer, als in St. Petersburg die große Wasserflut war ... Na, da kam +der Kaffee. + +Man bediente sich, man trank einen Schluck und begann zu spielen. Dann +aber begann man vom Zollverein zu sprechen ... oh, Konsul Buddenbrook +war begeistert für den Zollverein! + +»Welche Schöpfung, meine Herren!« rief er, sich nach einem geführten +Stoße lebhaft umwendend, zum anderen Billard hinüber, wo das erste Wort +gefallen war. »Bei erster Gelegenheit sollten wir beitreten ...« + +Herr Köppen aber war nicht dieser Meinung, nein, er schnob geradezu vor +Opposition. + +»Und unsere Selbständigkeit? Und unsere Unabhängigkeit?« fragte er +beleidigt und sich kriegerisch auf sein Queue stützend. »Wie steht es +damit? Würde Hamburg es sich beifallen lassen, bei dieser +Preußenerfindung mitzutun? Wollen wir uns nicht gleich einverleiben +lassen, Buddenbrook? Gott bewahre uns, nein, was sollen wir mit dem +Zollverein, möchte ich wissen! Geht nicht alles gut?...« + +»Ja, du mit deinem Rotspohn, Köppen! Und dann vielleicht mit den +russischen Produkten, davon sage ich nichts. Aber weiter wird ja nichts +importiert! Und was den Export betrifft, nun ja, so schicken wir ein +bißchen Korn nach Holland und England, gewiß!... Ach nein, es geht +leider nicht alles gut. Es sind bei Gott hier ehemals andere Geschäfte +gemacht worden ... Aber im Zollverein würden uns die Mecklenburgs und +Schleswig-Holstein geöffnet werden ... Und es ist nicht auszurechnen, +wie das Propregeschäft sich aufnehmen würde ...« + +»Aber ich bitte Sie, Buddenbrook«, fing Grätjens an, indem er sich lang +über das Billard beugte und den Stock auf seiner knochigen Hand sorgsam +zielend hin und her bewegte, »dieser Zollverein ... ich verstehe das +nicht. Unser System ist doch so einfach und praktisch, wie? Die +Einklarierung auf Bürgereid ...« + +»Eine schöne alte Institution.« Dies mußte der Konsul zugeben. + +»Nein, wahrhaftig, Herr Konsul, -- wenn Sie etwas `schön´ finden!« +Senator Langhals war ein wenig entrüstet: »Ich bin ja kein Kaufmann ... +aber wenn ich ehrlich sein soll -- nein, das mit dem Bürgereid ist ein +Unfug, allmählich, das muß ich sagen! Es ist eine Formalität geworden, +über die man ziemlich schlank hinweggeht ... und der Staat hat das +Nachsehen. Man erzählt sich Dinge, die denn doch arg sind. Ich bin +überzeugt, daß der Eintritt in den Zollverein von seiten des +Senates ...« + +»Dann gibt es einen Konflikt --!« Herr Köppen stieß zornentbrannt das +Queue auf den Boden. Er sagte »Kongflick« und stellte jetzt alle +Vorsicht in betreff der Aussprache hintan. »Einen Kongflick, da versteh' +ich mich auf. Nee, alle schuldige Achung, Herr Senater, aber Sie sind ja +woll nich zu helfen, Gott bewahre!« Und er redete hitzig von +Entscheidungskommissionen und Staatswohl und Bürgereid und +Freistaaten ... + +Gottlob, daß Jean Jacques Hoffstede ankam! Arm in Arm mit Pastor +Wunderlich trat er herein, zwei unbefangene und muntere alte Herren aus +sorgloserer Zeit. + +»Nun, meine braven Freunde«, fing er an, »ich habe etwas für Sie; einen +Scherz, etwas Lustiges, ein Verslein nach dem Französischen ... passen +Sie auf!« + +Er ließ sich gemächlich auf einen Stuhl nieder, den Spielern gegenüber, +die, auf ihre Queues gestützt, an den Billards lehnten, zog ein +Blättchen aus der Tasche, legte den langen Zeigefinger mit dem +Siegelring an die spitze Nase und verlas mit einer fröhlichen und +naiv-epischen Betonung: + + »Als Sachsens Marschall einst die stolze Pompadour + Im goldnen Phaeton -- vergnügt spazieren fuhr, + Sah Frelon dieses Paar -- + oh, rief er, seht sie beide! + Des Königs Schwert -- und seine Scheide!« + +Herr Köppen stutzte einen Augenblick, ließ dann Kongflick und Staatswohl +dahinfahren und stimmte in das Gelächter der übrigen ein, daß der Saal +widerhallte. Pastor Wunderlich aber war an ein Fenster getreten und +kicherte, der Bewegung seiner Schultern nach zu urteilen, still vor sich +hin. + +Man blieb noch eine gute Weile beisammen, hier hinten im Billardsaal, +denn Hoffstede hatte noch mehr Scherze ähnlicher Art in Bereitschaft. +Herr Köppen hatte seine ganze Weste geöffnet und war bei bester Laune, +denn er befand sich besser hier als im Speisesaal bei Tische. Er machte +drollige plattdeutsche Redensarten bei jedem Stoß und rezitierte dann +und wann beglückt vor sich hin: + +»Als Sachsens Marschall einst ...« + +Das Verslein nahm sich wunderlich genug aus in seinem rauhen Baß ... + + +Neuntes Kapitel + +Es war ziemlich spät, gegen elf Uhr, als die Gesellschaft, die sich im +Landschaftszimmer noch einmal zusammengefunden hatte, beinahe +gleichzeitig aufzubrechen begann. Die Konsulin begab sich sofort, +nachdem sie die Handküsse aller in Empfang genommen, in ihre Zimmer +hinauf, um nach dem leidenden Christian zu sehen, indem sie die Aufsicht +über die Mägde beim Wegräumen des Geschirres an Mamsell Jungmann abtrat, +und Mme. Antoinette zog sich ins Zwischengeschoß zurück. Der Konsul aber +geleitete die Gäste die Treppe hinunter über die Diele und bis vor die +Haustür auf die Straße hinaus. + +Ein scharfer Wind trieb den Regen seitwärts herunter, und die alten +Krögers krochen, in dicke Pelzmäntel gewickelt, eiligst in ihre +majestätische Equipage, die schon lange wartete. Das gelbe Licht der +Öllampen, die vorm Hause auf Stangen brannten und weiter unten an +dicken, über die Straße gespannten Ketten hingen, flackerte unruhig. Hie +und da sprangen die Häuser mit Vorbauten in die Straße hinein, die +abschüssig zur Trave hinunterführte, und einige waren mit Beischlägen +oder Bänken versehen. Feuchtes Gras sproß zwischen dem schlechten +Pflaster empor. Die Marienkirche dort drüben lag ganz in Schatten, +Dunkelheit und Regen gehüllt. + +»_Merci_«, sagte Lebrecht Kröger und drückte dem Konsul, der am Wagen +stand, die Hand. »_Merci_, Jean, es war allerliebst!« Dann knallte der +Schlag, und die Equipage polterte davon. Auch Pastor Wunderlich und der +Makler Grätjens gingen mit Dank ihres Weges. Herr Köppen, in einem +Mantel mit fünffacher Pelerine, einen weitschweifigen grauen Zylinder +auf dem Kopf und seine beleibte Gattin am Arm, sagte in seinem +bittersten Baß: + +»'n Abend, Buddenbrook! Na, geh' 'rein, erkält' dich nicht. Vielen Dank +-- du? Ich habe gegessen wie lange nicht ... und mein Roter zu vier +Kurantmark konveniert dir also? Gut' Nacht nochmal ...« + +Das Paar ging mit Konsul Kröger und seiner Familie gegen den Fluß +hinunter, während Senator Langhals, Doktor Grabow und Jean Jacques +Hoffstede die entgegengesetzte Richtung einschlugen ... + +Konsul Buddenbrook stand, die Hände in den Taschen seines hellen +Beinkleides vergraben, in seinem Tuchrock ein wenig fröstelnd, ein paar +Schritte vor der Haustür und lauschte den Schritten, die in den +menschenleeren, nassen und matt beleuchteten Straßen verhallten. Dann +wandte er sich und blickte an der grauen Giebelfassade des Hauses empor. +Seine Augen verweilten auf dem Spruch, der überm Eingang in +altertümlichen Lettern gemeißelt stand: -- »_Dominus providebit._« +Während er den Kopf ein wenig senkte, trat er ein und verschloß +sorgfältig die schwerfällig knarrende Haustür. Dann ließ er die +Windfangtüre ins Schloß schnappen und schritt langsam über die hallende +Diele. Die Köchin, die mit einem Teebrett voll Gläser klirrend die +Treppe herunterkam, fragte er: »Wo ist der Herr, Trina?« + +»Im Eßsaal, Herr Konsul ...« Ihr Gesicht wurde so rot wie ihre Arme, +denn sie war vom Lande und geriet leicht in Verwirrung. + +Er ging hinauf, und noch in der dunklen Säulenhalle machte seine Hand +eine Bewegung nach der Brusttasche, wo das Papier knisterte. Dann trat +er in den Saal, in dessen einem Winkel noch Kerzenreste auf einem der +Kandelaber brannten und die abgeräumte Tafel beleuchteten. Der +säuerliche Geruch der Chalottensauce lag beharrlich in der Luft. + +Dort hinten bei den Fenstern ging, die Hände auf dem Rücken, Johann +Buddenbrook gemächlich auf und ab. + + +Zehntes Kapitel + +»Na, min Söhn Johann! wo geiht di dat!« Er blieb stehen und streckte dem +Sohne die Hand entgegen, die weiße, ein wenig zu kurze, aber +feingegliederte Hand der Buddenbrooks. Seine rüstige Gestalt, an der nur +die gepuderte Perücke und das Spitzen-Jabot weiß aufleuchtete, hob sich +matt und unruhig beleuchtet von dem Dunkelrot der Fenstervorhänge ab. + +»Noch nicht müde? Ich gehe hier und horche auf den Wind ... verflixtes +Wetter! Kapitän Kloht ist von Riga unterwegs ...« + +»O Vater, mit Gottes Hilfe wird alles gut gehen!« + +»Kann ich mich darauf verlassen? Zugegeben, daß du mit dem Herrgott auf +du und du stehst ...« + +Dem Konsul ward wohler zumute angesichts dieser guten Laune. + +»Ja, um zur Sache zu kommen«, fing er an, »so wollte ich Ihnen nicht nur +gute Nacht sagen, Papa, sondern ... aber Sie dürfen nicht böse werden, +wie? Ich habe Sie mit diesem Briewe -- er ist heute Nachmittag gekommen +-- bis jetzt nicht ennuyieren wollen ... an diesem heiteren Abend ...« + +»Monsieur Gotthold -- _voilà_!« Der Alte tat, als bliebe er ganz ruhig +angesichts des bläulichen, versiegelte Papieres, das er entgegennahm. +»Herrn Johann Buddenbrook _sen._ Persönlich ... Ein Mann von _conduite_, +dein Herr Stiefbruder, Jean! Habe ich seinen zweiten Brief neulich +überhaupt beantwortet? Allein er schreibt einen dritten ...« Während +sein rosiges Gesicht sich mehr und mehr verdüsterte, zerriß er mit einem +Finger das Siegel, entfaltete rasch das dünne Papier, wandte sich +schräge, daß die Schrift vom Kandelaber aus beleuchtet ward und führte +einen energischen Schlag mit dem Handrücken darauf. Selbst in dieser +Handschrift schien Abtrünnigkeit und Rebellion zu liegen, denn während +die Zeilen der Buddenbrooks sonst winzig, leicht und schräge über das +Papier eilten, waren diese Buchstaben hoch, steil und mit plötzlichem +Drucke versehen; viele Wörter waren mit einem raschen, gebogenen +Federzug unterstrichen. + +Der Konsul hatte sich ein wenig seitwärts bis zur Wand, wo die Stühle +standen, zurückgezogen; aber er setzte sich nicht, da sein Vater stand, +sondern erfaßte nur mit einer nervösen Bewegung eine der hohen Lehnen, +während er den Alten beobachtete, der, den Kopf zur Seite geneigt, mit +finsteren Brauen und schnell sich bewegenden Lippen las ... + +»Mein Vater! + +Wohl zu Unrecht verhoffe ich, daß Ihr Rechtssinn groß genug sein wird, +um die =Entrüstung= zu ästimieren, welche ich empfand, als mein zweiter, +so =dringlicher= Brief in betreff der wohl bewußten Angelegenheit ohne +Antwort verblieb, nachdem nur auf den ersten eine Entgegnung (ich +geschweige welcher Art!) zur Hand gekommen war. Ich muß Ihnen +aussprechen, daß die Art, in welcher Sie die Kluft, welche, dem Herrn +sei's geklagt, zwischen uns besteht, durch Ihre Hartnäckigkeit +vertiefen, eine =Sünde= ist, welche Sie einstmals vor Gottes +Richterstuhl aufs =schwerste= werden verantworten müssen. Es ist traurig +genug, daß Sie vor Jahr und Tag, als ich, auch gegen Ihren Willen, dem +Zuge meines Herzens folgend, meine nunmehrige Gattin ehelichte und durch +Übernahme eines Laden-Geschäftes Ihren =maßlosen= Stolz beleidigte, sich +so überaus grausam und völlig von mir wandten; allein die Weise, in +welcher Sie mich jetzt traktieren, schreit zum Himmel, und sollten Sie +vermeinen, daß ich mich angesichts Ihres Schweigens kontentiert und +still verhalten werde, so irren Sie =gröblichst=. -- Der Kaufpreis Ihres +neu erworbenen Hauses in der Mengstraße hat 100000 Kurantmark betragen +und ist mir ferner bekannt, daß Ihr Sohn aus zweiter Ehe und Associé, +=Johann=, bei Ihnen mietweise wohnhaft ist und nach Ihrem Tode mit +dem Geschäfte auch das Haus als alleiniger Besitzer übernehmen wird. +Mit meiner Stiefschwester in Frankfurt und ihrem Gatten haben Sie +Vereinbarungen getroffen, in die ich mich nicht zu mischen habe. +Was aber mich, Ihren ältesten Sohn, angeht, so treiben Sie Ihren +=unchristlichen= Zorn so weit, es schlanker Hand zu refüsieren, mir +irgendeine Entschädigungssumme für den Anteil am Hause zukommen zu +lassen! Ich habe es mit Stillschweigen übergangen, als Sie mir bei +meiner Verheiratung und Etablierung 100000 Kurantmark auszahlten und mir +testamentarisch ein für allemal nur ein Erbteil von 100000 zusprachen. +Ich war damals nicht einmal hinlänglich orientiert über Ihre +Vermögensverhältnisse. Jetzt jedoch sehe ich klarer, und da ich mich +nicht als prinzipiell enterbt zu betrachten brauche, so =beanspruche= +ich in diesem besonderen Falle eine Entschädigungssumme von 33335 +Kurantmark, will sagen ein Drittel der Kaufsumme. Ich will keine +Vermutungen darüber anstellen, welchen =verdammungswürdigen= Einflüssen +ich die Behandlung verdanke, welche ich bislang zu dulden genötigt war; +aber ich =protestiere= gegen dieselbe mit dem ganzen Rechtssinn des +=Christen= und des =Geschäftsmannes= und versichere Sie zum letzten +Male, daß, sollten Sie sich nicht entschließen können, meine gerechten +Ansprüche zu respektieren, ich Sie weder als =Christ= noch als =Vater= +noch als =Geschäftsmann= länger werde achten können. + + =Gotthold Buddenbrook.=« + +»Verzeih, wenn es mir kein Pläsier macht, dir diese Litanei noch einmal +vorzubeten. -- _Voilà!_« Und mit einer grimmigen Bewegung warf Joh. +Buddenbrook den Brief seinem Sohne zu. + +Der Konsul fing das Papier auf, als es in der Höhe seiner Knie +flatterte, und folgte mit verwirrten und traurigen Augen den Schritten +des Vaters. Der alte Herr ergriff den langen Kerzenlöscher, der beim +Fenster lehnte und ging stramm und erzürnt am Tische entlang in den +entgegengesetzten Winkel, zum Kandelaber. + +»_Assez!_ sage ich. _N'en parlons plus_, Punktum! Ins Bett! _En avant!_« +Eine Flamme nach der anderen verschwand ohne Auferstehen unter dem +kleinen Metalltrichter, der oben an der Stange befestigt war. Es +brannten nur noch zwei Kerzen, als der Alte sich wieder nach seinem +Sohne umwandte, den er dort hinten kaum zu erkennen vermochte. + +»_Eh bien_, was stehst du, was sagst du? Du mußt doch irgend etwas +sagen!« + +»Was soll ich sagen, Vater? -- Ich bin ratlos.« + +»Es passiert leicht, daß du ratlos bist!« warf Johann Buddenbrook mit +böser Betonung hin, obgleich er selbst wußte, daß diese Bemerkung nicht +viel Wahres enthielt, und daß sein Sohn und Associé ihm manches Mal im +entschlossenen Ergreifen des Vorteils überlegen gewesen war. + +»Schlechte und verdammungswürdige Einflüsse ...« fuhr der Konsul fort. +»Das ist die erste Zeile, die ich entziffere! Sie begreifen nicht, wie +mich das quält, Vater? Und er wirft uns Unchristlichkeit vor!« + +»Du wirst dich durch dieses miserable Geschreibsel einschüchtern lassen, +-- ja?!« Johann Buddenbrook kam zornig herbei, den Kerzenlöscher hinter +sich her schleifend. »Unchristlichkeit! Ha! Geschmackvoll, muß ich +sagen, -- diese fromme Geldgier! Was seid ihr eigentlich für eine +Kompanei, ihr jungen Leute, -- wie? Den Kopf voll christlicher und +phantastischer Flausen ... und ... Idealismus! und wir Alten sind die +herzlosen Spötter ... und nebenbei die Juli-Monarchie und die +praktischen Ideale ... und lieber dem alten Vater die gröbsten Sottisen +ins Haus schicken, als auf ein paar tausend Taler verzichten!... Und als +Geschäftsmann wird er geruhen, mich zu verachten! Nun! als Geschäftsmann +weiß ich, was _faux-frais_ sind, -- _faux-frais_!« wiederholte er mit +grimmigem pariserischen Gurgel-r. »Ich mache mir diesen exaltierten +Schlingel von einem Sohn nicht ergebener, wenn ich mich demütigen sollte +und nachgeben ...« + +»Lieber Vater, was soll ich antworten! Ich will nicht, daß er recht hat +mit dem, was er von `Einflüssen´ sagt! Ich bin als Teilhaber +interessiert und gerade deshalb dürfte ich dir nicht raten, auf deinem +Standpunkt zu bestehen, jedoch ... Und ich bin ein so guter Christ als +Gotthold, jedoch ...« + +»Jedoch! Ja, du hast meiner Treu recht, `jedoch´ zu sagen, Jean! Wie +verhalten sich die Dinge denn eigentlich? Damals, als er für seine +Mamsell Stüwing inflammiert war, als er mir Szene für Szene machte und +am Ende, meinem strengen Verbot zum Trotz, diese Mesalliance einging, da +schrieb ich ihm: _Mon très cher fils_, du heiratest deinen Laden, +Punktum. Ich enterbe dich nicht, ich mache kein _spectacle_, aber mit +unserer Freundschaft ist es zu Ende. Hier hast du 100000 als Mitgift, +ich vermache dir andere 100000 im Testamente, aber damit basta, damit +bist du abgefertigt, es gibt keinen Schilling mehr. -- Dazu hat er +geschwiegen. Was geht es ihn an, wenn wir Geschäfte gemacht haben? Wenn +du und deine Schwester eine tüchtige Portion mehr bekommen werden? Wenn +von dem Erbteil, das euer ist, ein Haus gekauft wurde ...« + +»Wenn Sie verstünden, Vater, in welchem Dilemma ich mich befinde! Um der +Familieneintracht willen müßte ich raten ... aber ...« Der Konsul +seufzte leise auf, an seinen Stuhl gelehnt. Johann Buddenbrook spähte, +gestützt auf die Löschstange, aufmerksam in das unruhige Halbdunkel +hinein, um den Gesichtsausdruck des Sohnes zu erforschen. Die vorletzte +Kerze war heruntergebrannt und von selbst erloschen; nur eine flackerte +noch, dort hinten. Dann und wann trat eine hohe, weiße Figur ruhig +lächelnd aus der Tapete hervor und verschwand wieder. + +»Vater, -- dieses Verhältnis mit Gotthold bedrückt mich!« sagte der +Konsul leise. + +»Unsinn, Jean, keine Sentimentalität! Was bedrückt dich?« + +»Vater, ... wir haben hier heute so heiter beieinander gesessen, wir +haben einen schönen Tag gefeiert, wir waren stolz und glücklich in dem +Bewußtsein, etwas geleistet zu haben, etwas erreicht zu haben ... unsere +Firma, unsere Familie auf eine Höhe gebracht zu haben, wo ihr +Anerkennung und Ansehen im reichsten Maße zuteil wird ... Aber, Vater, +diese böse Feindschaft mit meinem Bruder, deinem ältesten Sohne ... Es +sollte kein heimlicher Riß durch das Gebäude laufen, das wir mit Gottes +gnädiger Hilfe errichtet haben ... Eine Familie muß einig sein, muß +zusammenhalten, Vater, sonst klopft das Übel an die Tür ...« + +»Flausen, Jean! Possen! Ein obstinater Junge ...« + +Es entstand eine Pause; die letzte Flamme senkte sich tiefer und tiefer. + +»Was machst du, Jean?« fragte Johann Buddenbrook. »Ich sehe dich gar +nicht mehr.« + +»Ich rechne«, sagte der Konsul trocken. Die Kerze flammte auf, und man +sah, wie er gerade aufgerichtet und mit Augen, so kalt und aufmerksam, +wie sie während des ganzen Nachmittags noch nicht darein geschaut +hatten, fest in die tanzende Flamme blickte. -- »Einerseits: Sie geben +33335 an Gotthold und 15000 an die in Frankfurt, und das macht 48335 in +Summa. Andererseits: Sie geben nur 25000 an die in Frankfurt, und das +bedeutet für die Firma einen Gewinn von 23335. Das ist aber nicht alles. +Gesetzt, Sie leisten an Gotthold eine Entschädigungssumme für den Anteil +am Hause, so ist das Prinzip durchbrochen, so ist er damals =nicht= +endgültig abgefunden worden, so kann er nach Ihrem Tode ein gleich +großes Erbe beanspruchen, wie meine Schwester und ich, und dann handelt +es sich für die Firma um einen Verlust von Hunderttausenden, mit dem sie +nicht rechnen kann, mit dem ich als künftiger alleiniger Inhaber nicht +rechnen kann ... Nein, Papa!« beschloß er mit einer energischen +Handbewegung und richtete sich noch höher auf. »Ich muß Ihnen abraten, +nachzugeben!« -- + +»Na also! Punktum! _N'en parlons plus! En avant!_ Ins Bett!« + +Das letzte Flämmchen verlosch unter dem Metallhütchen. In dichter +Finsternis schritten die beiden durch die Säulenhalle, und draußen, beim +Aufgang zum zweiten Stocke, schüttelten sie einander die Hand. + +»Gut' Nacht, Jean ... Courage, du? Das sind so Ärgerlichkeiten ... Auf +Wiedersehen morgen beim Frühstück!« + +Der Konsul stieg die Treppe hinauf in seine Wohnung, und der Alte +tastete sich am Geländer ins Zwischengeschoß hinunter. Dann lag das +weite, alte Haus wohlverschlossen in Dunkelheit und Schweigen. Stolz, +Hoffnungen und Befürchtungen ruhten, während draußen in den stillen +Straßen der Regen rieselte und der Herbstwind um Giebel und Ecken +pfiff. + + + + +Zweiter Teil + + +Erstes Kapitel + +Zweiundeinhalbes Jahr später, um die Mitte des April schon, war zeitiger +als jemals der Frühling gekommen, und zu gleicher Zeit war ein Ereignis +eingetreten, das den alten Johann Buddenbrook vor Vergnügen trällern +machte und seinen Sohn aufs freudigste bewegte. + +Um 9 Uhr, eines Sonntagmorgens, saß der Konsul im Frühstückszimmer vor +dem großen, braunen Sekretär, der am Fenster stand und dessen gewölbter +Deckel vermittelst eines witzigen Mechanismus zurückgeschoben war. Eine +dicke Ledermappe, gefüllt mit Papieren, lag vor ihm; aber er hatte ein +Heft mit gepreßtem Umschlage und Goldschnitt herausgenommen und schrieb, +eifrig darüber gebeugt, in seiner dünnen, winzig dahineilenden Schrift, +-- emsig und ohne Aufenthalt, es sei denn, daß er die Gänsefeder in das +schwere Metalltintenfaß tauchte ... + +Die beiden Fenster standen offen, und vom Garten her, wo eine milde +Sonne die ersten Knospen beschien, und wo ein paar kleine Vogelstimmen +einander kecke Antworten gaben, wehte voll frischer und zarter Würze die +Frühlingsluft herein und trieb dann und wann sacht und geräuschlos die +Gardinen ein wenig empor. Drüben, auf dem Frühstückstische, ruhte die +Sonne blendend auf dem weißen, hie und da von Brosamen gesprenkelten +Leinen und spielte in kleinen, blitzenden Drehungen und Sprüngen auf der +Vergoldung der mörserförmigen Tassen ... + +Beide Flügel der Tür zum Schlafzimmer waren geöffnet, und von dorther +vernahm man die Stimme Johann Buddenbrooks, der ganz leise nach einer +alten drolligen Melodie vor sich hin summte: + + »Ein guter Mann, ein braver Mann, + Ein Mann von Complaisancen; + Er kocht die Supp' und wiegt das Kind + Und riecht nach Pomeranzen.« + +Er saß zur Seite der kleinen Wiege mit grünseidenen Vorhängen, die bei +dem hohen Himmelbett der Konsulin stand, und die er mit einer Hand in +gleichmäßiger Schwingung erhielt. Die Konsulin und ihr Gatte hatten +sich, der leichteren Bedienung halber, für einige Zeit hier unten +eingerichtet, während ihr Vater und Madame Antoinette, die, eine Schürze +über dem gestreiften Kleide und eine Spitzenhaube auf den dicken weißen +Locken, sich dort hinten am Tische mit Flanell und Linnen zu schaffen +machte, das dritte Zimmer des Zwischengeschosses zum Schlafen benutzten. + +Konsul Buddenbrook warf kaum einen Blick in das Nebenzimmer, so sehr war +er von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Sein Gesicht trug einen +ernsten und vor Andacht beinahe leidenden Ausdruck. Sein Mund war leicht +geöffnet, er ließ das Kinn ein wenig hängen, und seine Augen +verschleierten sich dann und wann. Er schrieb: + +»Heute, d. 14. April 1838, morgens um 6 Uhr, ward meine liebe Frau +Elisabeth, geb. Kröger, mit Gottes gnädiger Hilfe aufs glücklichste von +einem Töchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Klara +empfangen soll. Ja, so gnädig half ihr der Herr, obgleich nach Aussage +des Doktors Grabow die Geburt um etwas zu früh eintrat und sich vordem +nicht alles zum besten verhielt und Bethsy große Schmerzen gelitten hat. +Ach, wo ist doch ein solcher Gott, wie du bist, du Herr Zebaoth, der du +hilfst in allen Nöten und Gefahren und uns lehrst deinen Willen recht zu +erkennen, damit wir dich fürchten und in deinem Willen und Geboten treu +mögen erfunden werden! Ach Herr, leite und führe uns alle, so lange wir +leben auf Erden ...« -- Die Feder eilte weiter, glatt, behende, und +indem sie hie und da einen kaufmännischen Schnörkel ausführte, und +redete Zeile für Zeile zu Gott. Zwei Seiten weiter hieß es: + +»Ich habe meiner jüngsten Tochter eine Police von 150 Kuranttalern +ausgeschrieben. Führe du sie, ach Herr! auf deinen Wegen, und schenke +du ihr ein reines Herz, auf daß sie einstmals eingehe in die Wohnungen +des ewigen Friedens. Denn wir wissen wohl, wie schwer es sei, von ganzer +Seele zu glauben, daß der ganze liebe süße Jesus mein sei, weil unser +irdisches kleines schwaches Herz ...« Nach drei Seiten schrieb der +Konsul ein »Amen«, allein die Feder glitt weiter, sie glitt mit feinem +Geräusch noch über manches Blatt, sie schrieb von der köstlichen Quelle, +die den müden Wandersmann labt, von des Seligmachers heiligen, +bluttriefenden Wunden, vom engen und vom breiten Wege und von Gottes +großer Herrlichkeit. Es kann nicht geleugnet werden, daß der Konsul nach +diesem oder jenem Satze die Neigung verspürte, es nun genug sein zu +lassen, die Feder fortzulegen, hinein zu seiner Gattin zu gehen oder +sich ins Kontor zu begeben. Wie aber! Wurde er es so bald müde, sich mit +seinem Schöpfer und Erhalter zu bereden? Welch ein Raub an Ihm, dem +Herrn, schon jetzt einzuhalten mit Schreiben ... Nein, nein, als +Züchtigung gerade für sein unfrommes Gelüste, zitierte er noch längere +Abschnitte aus den heiligen Schriften, betete für seine Eltern, seine +Frau, seine Kinder und sich selbst, betete auch für seinen Bruder +Gotthold, -- und endlich, nach einem letzten Bibelspruch und einem +letzten, dreimaligen Amen, streute er Goldsand auf die Schrift und +lehnte sich aufatmend zurück. + +Ein Bein über das andere geschlagen, blätterte er langsam in dem Hefte +zurück, um hie und da einen Abschnitt der Daten und Betrachtungen zu +lesen, die sich von seiner Hand dort vorfanden, und sich wieder einmal +dankbar der Erkenntnis zu freuen, wie immer und in aller Gefahr Gottes +Hand ihn sichtbar gesegnet. Er hatte die Pocken gehabt so stark, daß +alle Leute ihm das Leben absprachen, aber er war gerettet worden. Einmal +-- er war noch ein Knabe -- hatte er den Vorbereitungen zu einer +Hochzeit beigewohnt, wobei viel Bier gebraut wurde (denn es bestand die +alte Sitte, das Bier im Hause zu brauen), und zu diesem Ende stand ein +großes Brauküben vor der Türe aufgerichtet. Nun, dasselbe schlug nieder +und die Bodenseite auf den Knaben, mit solchem Knall und solcher Gewalt, +daß die Nachbarn vor die Türe kamen und ihrer sechs genug zu tun hatten, +es wieder aufzurichten. Sein Kopf ward gequetscht, und das Blut rann +heftig über alle seine Gliedmaßen. Er wurde in einen Laden getragen, +und da noch ein wenig Leben in ihm war, ward zum Doktor und zum Wundarzt +geschickt. Dem Vater aber sprach man zu, er möge sich in Gottes Willen +schicken, es sei unmöglich, daß der Knabe am Leben bliebe ... Und nun +höre: Gott der Allmächtige segnete die Mittel und half ihm wieder zur +vollkommenen Gesundheit! -- Als der Konsul diesen Unglücksfall im Geiste +aufs neue erlebt hatte, ergriff er noch einmal die Feder und schrieb +hinter sein letztes Amen: »Ja, Herr, ich will dich loben ewiglich!« + +Ein anderes Mal, als er, ein ganz junger Mensch noch, nach Bergen +gekommen war, hatte Gott ihn aus großer Wassersgefahr errettet. »Indem +wir«, stand dort, »in der Stromzeit, wenn die Nordfahrer angekommen +sind, sehr viel arbeiten mußten, durch die Jagden zu kommen und zu +unserer Brücke zu gelangen, so ging es mir dabei so, daß ich auf dem +Rande der Schute stand, die Füße gegen die Dollen und den Rücken gegen +die Jagd gestützt, um die Schute immer näher zu bringen; zu meinem +Unglück brechen die eichnen Dollen, wogegen ich die Füße gesetzt hatte, +und ich falle über Kopf ins Wasser. Ich komme zum erstenmal auf, aber +niemand ist so nahe, daß er mich fassen kann; ich komme zum zweitenmal +auf, allein die Schute geht mir über den Kopf. Es waren Leute genug da, +die mich gerne retten wollten, allein sie mußten erst schieben, daß die +Jagd und Schute nicht über mich kämen, und all' ihr Schieben hätte doch +nichts geholfen, wenn nicht in diesem Augenblick ein Tau auf einer +Nordfahrerjagd von selbst gerissen wäre, wodurch die Jagd hinaustrieb, +und ich also durch Gottes Verhängnis Raum erhielt, und obwohl ich zum +drittenmal nicht weiter aufkam, als daß nur die Haare zur Sicht kamen, +so gelang es, weil alle die Köpfe, der eine hier, der andere dort, aus +der Schute über dem Wasser waren, daß einer, der nach vorne zu aus der +Schute lag, mich an den Haaren faßte, und ich griff ihn am Arm. Allein +da er sich selbst nicht halten konnte, schrie und brüllte er so +gewaltig, daß die anderen es hörten und ihn so geschwind an den Hüften +faßten und mit Macht festhielten, daß er standhalten konnte. Auch ich +hielt immer fest, wenngleich er mich in den Arm biß, und kam es dadurch +dahin, daß er auch mir helfen konnte ...« Und dann folgte ein sehr +langes Dankgebet, das der Konsul mit feuchten Augen überlas. + +»Ich könnte gar vieles anführen«, hieß es an anderer Stelle, »wenn ich +gewilligt wäre, meine Leidenschaften zu entdecken, allein ...« Nun, +hierüber ging der Konsul hinweg und begann hie und da ein paar Zeilen +aus der Zeit seiner Verheiratung und seiner ersten Vaterschaft zu lesen. +Diese Verbindung war, sollte er ehrlich sein, nicht gerade das gewesen, +was man eine Liebesheirat nennt. Sein Vater hatte ihm auf die Schulter +geklopft und ihn auf die Tochter des reichen Kröger, die der Firma eine +stattliche Mitgift zuführte, aufmerksam gemacht, er war von Herzen +einverstanden gewesen und hatte fortan seine Gattin verehrt, als die ihm +von Gott vertraute Gefährtin ... + +Mit der zweiten Heirat seines Vaters hatte es sich ja nicht anders +verhalten. + + »Ein guter Mann, ein braver Mann, + Ein Mann von Complaisancen« ... + +trällerte er leise im Schlafzimmer. Bedauerlich, wie wenig Sinn er für +alle diese alten Aufzeichnungen und Papiere besaß. Er stand mit beiden +Beinen in der Gegenwart und beschäftigte sich nicht viel mit der +Vergangenheit der Familie, wenngleich er ehemals dem dicken +Goldschnittheft immerhin ein paar Notizen in seiner etwas schnörkeligen +Handschrift hinzugefügt hatte, und zwar hauptsächlich in betreff seiner +ersten Ehe. + +Der Konsul schlug die Blätter auf, die stärker und rauher waren als das +Papier, das er selbst hineingeheftet, und die schon zu vergilben +begannen ... Ja, Johann Buddenbrook mußte diese erste Gattin, die +Tochter eines Bremer Kaufmannes, in rührender Weise geliebt haben, und +das eine, kurze Jahr, das er an ihrer Seite hatte verleben dürfen, +schien sein schönstes gewesen zu sein. »_L'année la plus heureuse de ma +vie_«, stand dort, mit einer krausen Wellenlinie unterstrichen, auf die +Gefahr hin, daß Madame Antoinette es las ... + +Dann aber war Gotthold gekommen, und das Kind hatte Josephinen zugrunde +gerichtet ... Wunderliche Bemerkungen standen, was dies betrifft, auf +dem rauhen Papier. Johann Buddenbrook schien dieses neue Wesen ehrlich +und bitterlich gehaßt zu haben, von dem Augenblick an, wo seine ersten +kecken Regungen der Mutter gräßliche Schmerzen bereitet hatten, -- +gehaßt zu haben, bis es gesund und lebhaft zur Welt kam, während +Josephine, den blutleeren Kopf in die Kissen gewühlt, verschied, -- und +niemals diesem skrupellosen Eindringling, der kräftig und sorglos +heranwuchs, den Mord der Mutter verziehen zu haben ... Der Konsul +verstand das nicht. Sie starb, dachte er, indem sie die hohe Pflicht des +Weibes erfüllte, und ich hätte die Liebe zu ihr zärtlich auf das Wesen +übertragen, dem sie das Leben schenkte, und das sie mir scheidend +hinterließ ... Er aber, der Vater, hat in seinem ältesten Sohne nie +etwas anderes als den ruchlosen Zerstörer seines Glückes erblickt. Dann, +später, hatte er sich mit Antoinette Duchamps, dem Kinde einer reichen +und hochangesehenen Hamburger Familie, vermählt und respektvoll und +aufmerksam hatten die beiden nebeneinander gelebt ... + +Der Konsul blätterte hin und her im Hefte. Er las, ganz hinten, die +kleinen Geschichten seiner eigenen Kinder, wann Tom die Masern und +Antonie die Gelbsucht gehabt und Christian die Windpocken überstanden +hatte; er las von den verschiedenen Reisen nach Paris, der Schweiz und +Marienbad, die er mit seiner Gattin unternommen, und schlug zurück bis +zu den pergamentartigen, eingerissenen, gelbgesprenkelten Blättern, die +der alte Johann Buddenbrook, der Vater des Vaters, mit blaßgrauer Tinte +in weitläufigen Schnörkeln beschrieben hatte. Diese Aufzeichnungen +begannen mit einer weitläufigen Genealogie, welche die Hauptlinie +verfolgte. Wie am Ende des 16. Jahrhunderts ein Buddenbrook, der +älteste, der bekannt, in Parchim gelebt, und sein Sohn zu Grabau +Ratsherr geworden sei. Wie ein fernerer Buddenbrook, Gewandschneider +seines Zeichens, zu Rostock geheiratet, »sich sehr gut gestanden« -- was +unterstrichen war -- und eine ungemeine Menge von Kindern gezeugt habe, +tote und lebendige, wie es gerade kam ... Wie wiederum einer, der schon +Johan geheißen, als Kaufmann zu Rostock verblieben, und wie schließlich, +am Ende und nach manchem Jahr, des Konsuls Großvater hierhergekommen sei +und die Getreidefirma gegründet habe. Von diesem Vorfahren waren schon +alle Daten bekannt: Wann er die Frieseln und wann die echten Blattern +gehabt, war treu verzeichnet; wann er vom dritten Boden auf die Darre +gestürzt und am Leben geblieben, obgleich eine Menge Balken im Wege +gewesen seien, und wann er in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen, +stand reinlich vermerkt. Und er hatte seinen Notizen manche gute +Ermahnung an seine Nachkommen hinzugefügt, von denen, sorgfältig in +hoher gotischer Schrift gemalt und umrahmt, der Satz hervorstach: »Mein +Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, +daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.« Und dann war umständlich +nachgewiesen, daß ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte Bibel zugehöre, +und daß sie auf seinen Erstgeborenen und wiederum auf dessen Ältesten +übergehen solle ... + +Konsul Buddenbrook zog die Ledermappe zu sich heran, um dies oder jenes +der übrigen Papiere herauszugreifen und zu überlesen. Da waren uralte, +gelbe, zerrissene Briefe, welche sorgende Mütter an ihre in der Fremde +arbeitenden Söhne geschrieben hatten, und die vom Empfänger mit der +Bemerkung versehen waren: »Wohl empfangen und den Inhalt beherzigt.« Da +waren Bürgerbriefe mit Wappen und Siegel der freien und Hansestadt, +Policen, Gratulationspoeme und Patenbriefe. Da waren diese rührenden +Geschäftsbriefe, die etwa der Sohn an den Vater und Kompagnon aus +Stockholm oder Amsterdam geschrieben, die mit einer Beruhigung in +betreff des ziemlich gesicherten Weizens die dringende Bitte verbanden, +=sogleich= Frau und Kinder zu grüßen ... Da war ein besonderes Tagebuch +des Konsuls über seine Reise durch England und Brabant, ein Heft, auf +dessen Umschlag ein Kupfer das Edinburger Schloß mit dem Graßmarkte +darstellte. Da waren als traurige Dokumente die bösen Briefe Gottholds +an seinen Vater und schließlich, als heiterer Abschluß, das letzte +Festgedicht Jean Jacques Hoffstedes ... + +Ein feines, eiliges Klingeln ließ sich vernehmen. Der Kirchturm droben, +auf dem mattfarbigen Gemälde, das über dem Sekretär hing und einen +altertümlichen Marktplatz darstellte, besaß eine wirkliche Uhr, die nun +auf ihre Weise zehn schlug. Der Konsul verschloß die Familienmappe und +verwahrte sie sorgfältig in einem hinteren Fache des Sekretärs. Dann +ging er ins Schlafzimmer hinüber. + +Hier waren die Wände mit dunklem, großgeblümtem Tuche ausgeschlagen, dem +gleichen Stoffe, aus dem die hohen Gardinen des Wochenbettes bestanden. +Eine Stimmung von Erholung und Frieden nach überstandenen Ängsten und +Schmerzen lag in der Luft, die, vom Ofen noch leise erwärmt, mit einem +Mischgeruch von _Eau de Cologne_ und Medikamenten durchsetzt war. Die +geschlossenen Vorhänge ließen das Licht nur dämmernd herein. + +Über die Wiege gebeugt standen die beiden Alten nebeneinander und +betrachteten das schlafende Kind. Die Konsulin aber, in einer eleganten +Spitzenjacke, das rötliche Haar aufs beste frisiert, streckte, ein wenig +bleich noch, aber mit einem glücklichen Lächeln ihrem Gatten die schöne +Hand entgegen, an deren Gelenk auch jetzt ein goldenes Armband leise +klirrte. Sie wandte dabei, nach ihrer Gewohnheit, die Handfläche soweit +als möglich herum, was die Herzlichkeit der Bewegung zu erhöhen +schien ... + +»Nun, Bethsy, wie geht es?« + +»Vortrefflich, vortrefflich, mein lieber Jean!« + +Ihre Hand in der seinen, näherte er, den Eltern gegenüber, sein Gesicht +dem Kinde, das rasch und geräuschvoll Luft holte, und atmete während +einer Minute den warmen, gutmütigen und rührenden Duft ein, der von ihm +ausging. »Gott segne dich«, sagte er leise, indem er die Stirn des +kleinen Wesens küßte, dessen gelbe, runzlige Fingerchen eine +verzweifelte Ähnlichkeit mit Hühnerklauen besaßen. + +»Sie hat prächtig getrunken«, bemerkte Madame Antoinette. »Sieh nur, sie +hat stupende zugenommen ...« + +»Wollt ihr mir glauben, daß sie Netten ähnlich sieht?« Johann +Buddenbrooks Gesicht strahlte heute geradezu vor Glück und Stolz. +»Blitzschwarze Augen hat sie, hole mich der Teufel ...« + +Die alte Dame wehrte bescheiden ab. »Ach, wie kann man schon jetzt von +einer Ähnlichkeit sprechen ... Du willst zur Kirche, Jean?« + +»Ja, es ist zehn, -- hohe Zeit also, ich warte auf die Kinder ...« + +Und die Kinder ließen sich bereits hören. Sie lärmten ungebührlich auf +der Treppe, während man das beruhigende Zischen Klothildens vernahm; +dann aber traten sie in ihren Pelzmäntelchen -- denn in der Marienkirche +war es natürlich noch winterlich -- leise und vorsichtig herein, erstens +wegen der kleinen Schwester und zweitens, weil es nötig war, sich vor +dem Gottesdienste zu sammeln. Ihre Gesichter waren rot und erregt. Welch +ein Festtag heute! Der Storch, ein Storch mit braven Muskeln, +entschieden, hatte außer dem Schwesterchen noch allerlei Prachtvolles +mitgebracht: eine neue Schulmappe mit Seehundsfell für Thomas, eine +große Puppe mit wirklichem -- dies war das Außerordentliche -- mit +wirklichem Haar für Antonie, ein buntes Bilderbuch für die artige +Klothilde, die sich aber still und dankbar fast ausschließlich mit den +Zuckertüten beschäftigte, die gleichfalls eingetroffen waren, und für +Christian ein komplettes Kasperle-Theater mit Sultan, Tod und Teufel ... + +Sie küßten ihre Mutter und durften rasch noch einmal behutsam hinter die +grünseidne Gardine blicken, worauf sie mit dem Vater, der seinen +Pelerinenmantel übergeworfen und das Gesangbuch zur Hand genommen hatte, +schweigend und ruhigen Schrittes zur Kirche zogen, gefolgt von dem +durchdringenden Geschrei des neuen Familiengliedes, das plötzlich +erwacht war ... + + +Zweites Kapitel + +Zum Sommer, im Mai vielleicht schon, oder im Juni, zog Tony Buddenbrook +immer zu den Großeltern vors Burgtor hinaus, und zwar mit heller Freude. + +Es lebte sich gut dort draußen im Freien, in der luxuriös eingerichteten +Villa mit weitläufigen Nebengebäuden, Dienerschaftswohnungen und Remisen +und dem ungeheuren Obst-, Gemüse- und Blumengarten, der sich schräg +abfallend bis zur Trave hinunterzog. Die Krögers lebten auf großem Fuße, +und obgleich ein Unterschied bestand zwischen diesem blitzblanken +Reichtum und dem soliden, wenn auch ein wenig schwerfälligen Wohlstand +in Tonys Elternhause, so war es augenfällig, daß bei den Großeltern +alles immer noch um zwei Grade prächtiger war, als zu Hause; und das +machte Eindruck auf die junge Demoiselle Buddenbrook. + +An eine Tätigkeit im Hause oder gar in der Küche war hier niemals zu +denken, während in der Mengstraße der Großvater und die Mama wohl +gleichfalls nicht viel Gewicht darauf legten, der Vater aber und die +Großmama sie oft genug mahnten, den Staub zu wischen und ihr die +ergebene, fromme und fleißige Kusine Thilda als Muster vorhielten. Die +feudalen Neigungen der mütterlichen Familie regten sich in dem kleinen +Fräulein, wenn sie vom Schaukelstuhle aus der Zofe oder dem Diener einen +Befehl erteilte ... Zwei Mädchen und ein Kutscher gehörten außer ihnen +zum Personale der alten Herrschaften. + +Was man sagen mag, so ist es etwas Angenehmes, wenn beim Erwachen +morgens in dem großen, mit hellem Stoff tapezierten Schlafzimmer die +erste Bewegung der Hand eine schwere Atlassteppdecke trifft; und es ist +nennenswert, wenn zum ersten Frühstück vorn im Terrassenzimmer, während +durch die offene Glastür vom Garten die Morgenluft hereinstreicht, statt +des Kaffees oder des Tees eine Tasse Schokolade verabreicht wird, ja, +jeden Tag Geburtstagsschokolade mit einem dicken Stück feuchten +Napfkuchens. + +Dieses Frühstück freilich mußte Tony, abgesehen von den Sonntagen, ohne +Gesellschaft einnehmen, da die Großeltern lange nach Beginn der +Schulzeit herunterzukommen pflegten. Wenn sie ihren Kuchen zur +Schokolade verzehrt hatte, so ergriff sie die Büchermappe, trippelte die +Terrasse hinunter und schritt durch den wohlgepflegten Vorgarten. + +Sie war höchst niedlich, die kleine Tony Buddenbrook. Unter dem Strohhut +quoll ihr starkes Haar, dessen Blond mit den Jahren dunkler wurde, +natürlich gelockt hervor, und die ein wenig hervorstehende Oberlippe gab +dem frischen Gesichtchen mit den graublauen, munteren Augen einen +Ausdruck von Keckheit, der sich auch in ihrer graziösen kleinen Gestalt +wiederfand; sie setzte ihre schmalen Beinchen in den schneeweißen +Strümpfen mit einer wiegenden und elastischen Zuversichtlichkeit. Viele +Leute kannten und begrüßten die kleine Tochter des Konsuls Buddenbrook, +wenn sie durch die Gartenpforte in die Kastanienallee hinaustrat. Eine +Gemüsefrau vielleicht, die, ihre große Strohschute mit hellgrünen +Bändern auf dem Kopf, in ihrem Wägelchen vom Dorfe hereinkutschierte, +rief ihr ein freundliches »God'n Morgen ook, Mamselling!« zu, und der +große Kornträger Matthiesen, der in seinem schwarzen Habit mit +Pumphosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen vorüberging, nahm vor +Ehrerbietung sogar seinen rauhen Zylinder ab ... + +Tony blieb ein bißchen stehen, um auf ihre Nachbarin Julchen Hagenström +zu warten, mit der sie den Schulweg zurückzulegen pflegte. Dies war ein +Kind mit etwas zu hohen Schultern und großen, blanken, schwarzen Augen, +das nebenan in der völlig von Weinlaub bewachsenen Villa wohnte. Ihr +Vater, Herr Hagenström, dessen Familie noch nicht lange am Orte ansässig +war, hatte eine junge Frankfurterin geheiratet, eine Dame mit +außerordentlich dickem schwarzen Haar und den größten Brillanten der +Stadt an den Ohren, die übrigens Semlinger hieß. Herr Hagenström, +welcher Teilhaber einer Exportfirma -- Strunck & Hagenström -- war, +entwickelte in städtischen Angelegenheiten viel Eifer und Ehrgeiz, hatte +jedoch bei Leuten mit strengeren Traditionen, den Möllendorpfs, +Langhals' und Buddenbrooks, mit seiner Heirat einiges Befremden erregt +und war, davon abgesehen, trotz seiner Rührigkeit als Mitglied von +Ausschüssen, Kollegien, Verwaltungsräten und dergleichen nicht +sonderlich beliebt. Er schien es darauf abgesehen zu haben, den +Angehörigen der alteingesessenen Familien bei jeder Gelegenheit zu +opponieren, ihre Meinungen auf schlaue Weise zu widerlegen, die seine +dagegen durchzusetzen und sich als weit tüchtiger und unentbehrlicher zu +erweisen als sie. Konsul Buddenbrook sagte von ihm: »Hinrich Hagenström +ist aufdringlich mit seinen Schwierigkeiten ... Er muß es geradezu auf +mich persönlich abgesehen haben; wo er kann, behindert er mich ... Heute +gab es eine Szene in der Sitzung der Zentral-Armen-Deputation, vor ein +paar Tagen im Finanz-Departement ...« Und Johann Buddenbrook fügte +hinzu: »Ein oller Stänker!« -- Ein anderes Mal kamen Vater und Sohn +zornig und deprimiert zu Tische ... Was passiert sei? Ach, nichts ... +Eine große Lieferung Roggen nach Holland sei ihnen verloren gegangen; +Strunck & Hagenström hätten sie ihnen vor der Nase weggeschnappt; ein +Fuchs, dieser Hinrich Hagenström ... + +Solche Äußerungen hatte Tony oft genug angehört, um gar nicht zum besten +gegen Julchen Hagenström gestimmt zu sein. Sie gingen gemeinsam, weil +sie einmal Nachbarinnen waren, aber meistens ärgerten sie einander. + +»Mein Vater hat tausend Taler!« sagte Julchen und glaubte entsetzlich zu +lügen. »Deiner vielleicht --?« + +Tony schwieg vor Neid und Demütigung. Dann sagte sie ganz ruhig und +beiläufig: + +»Meine Schokolade eben hat furchtbar gut geschmeckt ... Was trinkst du +eigentlich zum Frühstück, Julchen?« + +»Ja, ehe ich es vergesse«, antwortete Julchen; »möchtest du gern einen +von meinen Äpfeln haben? -- Ja päh! ich gebe dir aber keinen!« Und dabei +kniff sie ihre Lippen zusammen, und ihre schwarzen Augen wurden feucht +vor Vergnügen. -- + +Manchmal ging Julchens Bruder Hermann, ein paar Jahre älter als sie, +gleichzeitig zur Schule. Sie besaß noch einen zweiten Bruder namens +Moritz, aber dieser war kränklich und ward zu Hause unterrichtet. +Hermann war blond, aber seine Nase lag ein wenig platt auf der +Oberlippe. Auch schmatzte er beständig mit den Lippen, denn er atmete +nur durch den Mund. + +»Unsinn!« sagte er, »Papa hat viel mehr als tausend Taler.« Das +Interessante an ihm aber war, daß er als zweites Frühstück zur Schule +nicht Brot mitnahm, sondern Zitronensemmel: ein weiches, ovales +Milchgebäck, das Korinthen enthielt, und das er sich zum Überfluß mit +Zungenwurst oder Gänsebrust belegte ... Dies war so sein Geschmack. + +Für Tony Buddenbrook war das etwas Neues. Zitronensemmel mit Gänsebrust, +-- übrigens mußte es gut schmecken! Und wenn er sie in seine Blechbüchse +blicken ließ, so verriet sie den Wunsch, ein Stück zu probieren. Eines +Morgens sagte Hermann: + +»Ich kann nichts entbehren, Tony, aber morgen werde ich ein Stück mehr +mitbringen, und das soll für dich sein, wenn du mir etwas dafür +wiedergeben willst.« + +Nun, am nächsten Morgen trat Tony in die Allee hinaus und wartete fünf +Minuten, ohne daß Julchen gekommen wäre. Sie wartete noch eine Minute, +und dann kam Hermann allein; er schwenkte seine Frühstücksdose am +Riemen hin und her und schmatzte leise. + +»Na«, sagte er, »hier ist eine Zitronensemmel mit Gänsebrust; es ist +nicht einmal Fett daran, -- das pure Fleisch ... Was gibst du mir +dafür?« + +»Ja, -- einen Schilling vielleicht?« fragte Tony. Sie standen mitten in +der Allee. + +»Einen Schilling ...« wiederholte Hermann; dann schluckte er hinunter +und sagte: + +»Nein, ich will etwas anderes haben.« + +»Was denn?« fragte Tony; sie war bereit, alles Mögliche für den +Leckerbissen zu geben ... + +»Einen Kuß!« rief Hermann Hagenström, schlang beide Arme um Tony und +küßte blindlings darauf los, ohne ihr Gesicht zu berühren, denn sie +hielt mit ungeheurer Gelenkigkeit den Kopf zurück, stemmte die linke +Hand mit der Büchermappe gegen seine Brust und klatschte mit der rechten +drei oder viermal aus allen Kräften in sein Gesicht ... Er taumelte +zurück; aber im selben Augenblick fuhr hinter einem Baume Schwester +Julchen wie ein schwarzes Teufelchen hervor, warf sich, zischend vor +Wut, auf Tony, riß ihr den Hut vom Kopf und zerkratzte ihr die Wangen +aufs jämmerlichste ... Seit diesem Ereignis war es beinahe zu Ende mit +der Kameradschaft. + +Übrigens hatte Tony sicherlich nicht aus Schüchternheit dem jungen +Hagenström den Kuß verweigert. Sie war ein ziemlich keckes Geschöpf, das +mit seiner Ausgelassenheit seinen Eltern, im besondern dem Konsul, +manche Sorge bereitete, und obgleich sie ein intelligentes Köpfchen +besaß, das flink in der Schule erlernte, was man begehrte, so war ihr +Betragen in so hohem Grade mangelhaft, daß schließlich sogar die +Schulvorsteherin, welche Fräulein Agathe Vermehren hieß, ein wenig +schwitzend vor Verlegenheit, in der Mengstraße erschien und der Konsulin +höflichst anheim gab, der jungen Tochter eine ernstliche Ermahnung +zuteil werden zu lassen -- denn dieselbe habe sich, trotz vieler +liebevoller Verwarnungen, auf der Straße aufs neue offenkundigen Unfugs +schuldig gemacht. + +Es war kein Schade, daß Tony auf ihren Gängen durch die Stadt alle Welt +kannte und mit aller Welt plauderte; der Konsul zumal war hiermit +einverstanden, weil es keinen Hochmut, sondern Gemeinsinn und +Nächstenliebe verriet. Sie kletterte, gemeinsam mit Thomas, in den +Speichern an der Trave zwischen den Mengen von Hafer und Weizen umher, +die auf den Böden ausgebreitet waren, sie schwatzte mit den Arbeitern +und den Schreibern, die dort in den kleinen dunklen Kontoren zu ebener +Erde saßen, ja, sie half sogar draußen beim Aufwinden der Säcke. Sie +kannte die Schlachter, die mit ihren weißen Schürzen und Mulden durch +die Breite Straße wanderten; sie kannte die Milchfrauen, die mit ihren +Blechkannen vom Lande hereinkamen und ließ sich manchmal ein Stück von +ihnen kutschieren; sie kannte die graubärtigen Meister in den kleinen, +hölzernen Goldschmiedebuden, die in die Marktarkaden hineingebaut waren, +die Fisch-, Obst- und Gemüsefrauen auf dem Markte, sowie die +Dienstmänner, die an den Straßenecken ihren Tabak kauten ... Gut und +schön! + +Aber ein bleicher, bartloser Mensch, dessen Alter nicht zu bestimmen ist +und der morgens mit einem traurigen Lächeln in der Breiten Straße zu +lustwandeln pflegt, kann nichts dafür, wenn er gezwungen ist, bei jedem +plötzlichen Laut, den man ausstößt -- zum Beispiel »Ha!« oder »Ho!« -- +auf einem Beine zu tanzen; und dennoch ließ Tony ihn tanzen, sobald sie +ihn zu Gesichte bekam. Es ist ferner nicht schön, eine ganz winzige +kleine Frau mit großem Kopfe, welche die Gewohnheit hat, bei jeder +Witterung einen ungeheuren, durchlöcherten Schirm über sich aufgespannt +zu halten, beständig durch Rufe wie »Schirmmadame!« oder »Champignon!« +zu betrüben; und es ist tadelnswert, wenn man mit zwei oder drei +gleichgesinnten Freundinnen vor dem Häuschen der alten Puppenliese +erscheint, die in einer engen Twiete bei der Johannisstraße mit wollenen +Puppen handelt und allerdings ganz merkwürdig rote Augen hat, -- dort +aus Leibeskräften die Glocke zieht und, wenn die Alte herauskommt, mit +falscher Freundlichkeit fragt, ob hier vielleicht Herr und Madame +Spucknapf wohnen, worauf man mit großem Gekreisch davonrennt ... Das +alles aber tat Tony Buddenbrook und zwar, wie es schien, mit völlig +gutem Gewissen. Denn wurde ihr von seiten irgendeines Gequälten eine +Drohung zuteil, so mußte man sehen, wie sie einen Schritt zurücktrat, +den hübschen Kopf mit der vorstehenden Oberlippe zurückwarf und ein halb +entrüstetes, halb mokantes »Pa!« hervorstieß, als wollte sie sagen: +»Wage es nur, mir etwas anhaben zu wollen! Ich bin Konsul Buddenbrooks +Tochter, wenn du es vielleicht nicht weißt ...« + +Sie ging in der Stadt wie eine kleine Königin umher, die sich das gute +Recht vorbehält, freundlich oder grausam zu sein, je nach Geschmack und +Laune. + + +Drittes Kapitel + +Jean Jacques Hoffstede hatte, was die beiden Söhne des Konsuls +Buddenbrook anging, sicherlich ein treffendes Urteil gefällt. + +Thomas, der seit seiner Geburt bereits zum Kaufmann und künftigen +Inhaber der Firma bestimmt war und die realwissenschaftliche Abteilung +der alten Schule mit den gotischen Gewölben besuchte, war ein kluger, +regsamer und verständiger Mensch, der sich übrigens aufs köstlichste +amüsierte, wenn Christian, welcher Gymnasiast war und nicht weniger +Begabung, aber weniger Ernsthaftigkeit zeigte, mit ungeheurem Geschick +die Lehrer nachahmte -- im besonderen den tüchtigen Herrn Marcellus +Stengel, der im Singen, Zeichnen und derartigen lustigen Fächern den +Unterricht erteilte. + +Herr Stengel, aus dessen Westentaschen stets ein halbes Dutzend +wundervoll gespitzter Bleistifte hervorstarrten, trug eine fuchsrote +Perücke und einen offenen, hellbraunen Rock, der ihm fast bis an die +Knöchel reichte, besaß Vatermörder, die sogar noch seine Schläfen +bedeckten, und war ein witziger Kopf, der philosophische +Unterscheidungen liebte, wie etwa: »Du sollst 'ne Linie machen, mein +gutes Kind, und was machst du? Du machst 'nen Strich!« -- Er sagte +»Line« statt »Linie«. Oder zu einem Faulen: »Du sitzest in Quarta nicht +Jahre, will ich dir sagen, sondern Jahren!« -- Wobei er »Quäta« statt +»Quarta« sagte und nicht »Jahre«, sondern beinahe »Schahre« aussprach +... Sein Lieblingsunterricht bestand darin, in der Gesangstunde das +schöne Lied »Der grüne Wald« üben zu lassen, wobei einige Schüler auf +den Korridor hinausgehen mußten, um, wenn der Chorus angestimmt hatte: +»Wir ziehen so fröhlich durch Feld und Wald ...« ganz leise und +vorsichtig das letzte Wort als Echo zu wiederholen. Waren jedoch +Christian Buddenbrook, sein Vetter Jürgen Kröger oder sein Freund +Andreas Giesecke, Sohn des Branddirektors, hiermit beamtet, so warfen +sie, statt das zarte Echo zu vollführen, den Kohlenkasten die Treppe +hinunter und mußten nachmittags um vier Uhr in der Wohnung des Herrn +Stengel nachsitzen. Hier ging es ziemlich behaglich zu. Herr Stengel +hatte alles vergessen und befahl seiner Haushälterin, den Schülern +Buddenbrook, Kröger und Giesecke »je« eine Tasse Kaffee zu verabreichen, +worauf er die jungen Herren wieder entließ ... + +In der Tat, die vortrefflichen Gelehrten, die unter der freundlichen +Herrschaft eines humanen, tabakschnupfenden, alten Direktors in den +Gewölben der alten Schule -- einer ehemaligen Klosterschule -- ihres +Amtes walteten, waren harmlose und gutmütige Leute, einig in der +Ansicht, daß Wissenschaft und Heiterkeit einander nicht ausschlössen, +und bestrebt, mit Wohlwollen und Behagen zu Werke zu gehen. Es war da in +den mittleren Klassen ein ehemaliger Prediger, der im Lateinischen +unterrichtete, ein gewisser Pastor Hirte, ein langer Herr mit braunem +Backenbart und munteren Augen, dessen Lebensglück geradezu in dieser +Übereinstimmung seines Namens mit seinem Titel bestand, und der nicht +oft genug die Vokabel _pastor_ sich übersetzen lassen konnte. Seine +Lieblingsredensart lautete »grenzenlos borniert!« und es ist niemals +aufgeklärt worden, ob dies ein bewußter Scherz war. Beabsichtigte er +aber, seine Schüler völlig zu verblüffen, so gebot er über die Kunst, +die Lippen in den Mund zu klemmen und sie wieder hinauszuschnellen, in +einer Art, daß es knallte wie ein springender Champagnerpfropfen. Er +liebte es, mit langen Schritten im Klassenzimmer umherzugehen und +einzelnen Schülern mit ungeheurer Lebhaftigkeit ihr ganzes zukünftiges +Leben zu erzählen, und zwar zu dem ausgesprochenen Zwecke, ihre +Phantasie ein bißchen anzuregen. Dann aber ging er ernstlich zur Arbeit +über, das heißt, er überhörte die Verse, die er über _genus_-Regeln -- +er sagte »Genußregeln« -- und allerhand schwierige Konstruktionen mit +wirklichem Geschick gedichtet hatte, Verse, die Pastor Hirte mit +unaussprechlich triumphierender Betonung des Rhythmus und der Reime +hervorbrachte ... + +Toms und Christians Jugendzeit ... es ist nichts Bedeutendes davon zu +melden. In jenen Tagen herrschte Sonnenschein im Hause Buddenbrook, wo +in den Kontoren die Geschäfte so ausgezeichnet gingen. Und manchmal gab +es ein Gewitter, ein kleines Unglück wie dieses: + +Herr Stuht in der Glockengießerstraße, ein Schneidermeister, dessen +Gattin alte Kleidungsstücke kaufte und darum in den ersten Kreisen +verkehrte, Herr Stuht, dessen Bauch von einem wollenen Hemd bekleidet +war und in erstaunlicher Rundung über das Beinkleid hinunterfiel ... +Herr Stuht hatte den jungen Herren Buddenbrook zwei Anzüge gefertigt, +die zusammen siebenzig Kurantmark kosteten; allein auf den Wunsch der +beiden hatte er sich bereit finden lassen, schlanker Hand achtzig auf +die Rechnung zu setzen und ihnen bar den Rest einzuhändigen. Das war ein +kleines Geschäft ... kein ganz säuberliches wohl, aber durchaus kein +ungewöhnliches. Das Unglück aber bestand darin, daß durch das Walten +irgendeines finsteren Schicksales das Ganze an den Tag kam, daß Herr +Stuht, einen schwarzen Rock über dem wollenen Hemd, im Privatkontor des +Konsuls erscheinen mußte und Tom und Christian in seiner Gegenwart einem +strengen Verhör unterzogen wurden. Herr Stuht, der breitbeinig, aber mit +seitwärts geneigtem Kopf und in achtungsvoller Haltung neben dem +Armsessel des Konsuls stand, hielt eine wohltönende Rede, des Inhaltes, +daß »dat nu so'n Saak« sei und daß er froh sein werde, die siebenzig +Kurantmark wiederzubekommen, »indem de Saak ja nu mal scheep gangen« +sei. Der Konsul war heftig aufgebracht über diesen Streich. Nach ernster +Überlegung aber auf seiner Seite war das Ergebnis, daß er das +Taschengeld seiner Söhne erhöhte; denn es hieß: Führe uns nicht in +Versuchung. + +Augenscheinlich waren auf Thomas Buddenbrook größere Hoffnungen zu +setzen als auf seinen Bruder. Sein Benehmen war gleichmäßig und von +verständiger Munterkeit; Christian dagegen erschien launenhaft, neigte +einerseits zu einer albernen Komik und konnte andererseits die gesamte +Familie auf die sonderbarste Weise erschrecken ... + +Man sitzt bei Tische, man ist beim Obste angelangt und speist unter +behaglichen Gesprächen. Plötzlich jedoch legt Christian einen +angebissenen Pfirsich auf den Teller zurück, sein Gesicht ist bleich, +und seine runden, tiefliegenden Augen über der allzu großen Nase haben +sich erweitert. + +»Ich esse nie wieder einen Pfirsich«, sagt er. + +»Warum nicht, Christian ... Was für ein Unsinn ... Was ist dir?« + +»Denkt euch, wenn ich aus Versehen ... diesen großen Kern verschluckte, +und wenn er mir im Halse steckte ... und ich nicht Luft bekommen könnte +... und ich spränge auf und würgte gräßlich, und ihr alle spränget auch +auf ...« Und plötzlich fügt er ein kurzes, stöhnendes »Oh!« hinzu, das +voll ist von Entsetzen, richtet sich unruhig auf seinem Stuhle empor und +wendet sich seitwärts, als wollte er fliehen. + +Die Konsulin und Mamsell Jungmann springen tatsächlich auf. + +»Gott im Himmel, -- Christian, du hast ihn doch nicht verschluckt?!« +Denn es hat vollkommen den Anschein, als sei es wirklich geschehen. + +»Nein, nein«, sagt Christian und beruhigt sich allmählich, »aber =wenn= +ich ihn verschluckte!« + +Der Konsul, der gleichfalls blaß vor Schrecken ist, beginnt nun zu +schelten, und auch der Großvater pocht indigniert auf den Tisch und +verbittet sich die Narrenspossen ... Allein Christian ißt wirklich +längere Zeit keinen Pfirsich mehr. -- + + +Viertes Kapitel + +Es war nicht bloß Altersschwäche, was die alte Madame Antoinette +Buddenbrook, sechs Jahre ungefähr nachdem die Familie das Haus in der +Mengstraße bezogen, an einem kalten Januartag endgültig auf ihr hohes +Himmelbett im Schlafzimmer des Zwischengeschosses darniederwarf. Die +alte Dame war rüstig gewesen bis zuletzt und hatte ihre dicken weißen +Seitenlocken mit aufrechter Würde getragen; sie hatte zusammen mit ihrem +Gatten und ihren Kindern die hauptsächlichsten Diners besucht, die in +der Stadt gegeben wurden, und bei den Gesellschaften, die Buddenbrooks +selbst veranstalteten, ihrer eleganten Schwiegertochter im +Repräsentieren nicht nachgestanden. Eines Tages aber, ganz plötzlich, +hatte sich ein halb unbestimmbares Leiden eingestellt, ein leichter +Darmkatarrh anfangs nur, gegen den Doktor Grabow ein wenig Taube und +Franzbrot verordnet hatte, eine mit Erbrechen verbundene Kolik, die mit +unbegreiflicher Schnelligkeit Entkräftung herbeiführte, einen sanften +und hinfälligen Zustand, der beängstigend war. + +Als dann Doktor Grabow mit dem Konsul eine kurze, ernste Unterredung +draußen auf der Treppe gehabt hatte, als ein zweiter, neu hinzugezogener +Arzt, ein untersetzter, schwarzbärtiger, düsterblickender Mann, neben +Grabow aus und ein zu gehen begann, da änderte sich gleichsam die +Physiognomie des Hauses. Man ging auf den Zehen umher, man flüsterte +ernst, und die Wagen durften nicht über die Diele rollen. Etwas Neues, +Fremdes, Außerordentliches schien eingekehrt, ein Geheimnis, das einer +in des anderen Augen las; der Gedanke an den Tod hatte sich Einlaß +geschafft und herrschte stumm in den weiten Räumen. + +Dabei durfte nicht gefeiert werden, denn es kam Besuch. Die Krankheit +währte vierzehn oder fünfzehn Tage, und nach einer Woche kam der alte +Senator Duchamps, ein Bruder der Sterbenden, nebst seiner Tochter von +Hamburg an, während ein paar Tage später des Konsuls Schwester mit ihrem +Gatten, dem Bankier aus Frankfurt eintraf. Die Herrschaften wohnten im +Hause, und Ida Jungmann hatte alle Hände voll zu tun, für die +verschiedenen Schlafzimmer zu sorgen und gute Frühstücke mit Krabben und +Portwein bereitzuhalten, während in der Küche gebraten und gebacken +ward ... + +Droben saß Johann Buddenbrook am Krankenbette und blickte, die matte +Hand seiner alten Nette in der seinen, mit erhobenen Brauen und ein +wenig hängender Unterlippe stumm vor sich hin. Die Wanduhr tickte dumpf +und mit langen Pausen, viel seltener aber noch atmete die Kranke einmal +kurz und oberflächlich auf ... Eine schwarze Schwester machte sich am +Tisch mit dem Beeftee zu schaffen, den man versuchsweise noch reichen +wollte; dann und wann trat geräuschlos ein Familienmitglied ein und +verschwand wieder. + +Der Alte mochte sich erinnern, wie er vor 46 Jahren zum erstenmal am +Sterbebette einer Gattin gesessen hatte, und er mochte der wilden +Verzweiflung, die damals in ihm aufbegehrt war, die nachdenkliche Wehmut +vergleichen, mit der er, nun selbst so alt, in das veränderte, +ausdruckslose und entsetzlich gleichgültige Gesicht der alten Frau +blickte, die ihm niemals ein großes Glück, niemals einen großen Schmerz +bereitet, die aber viele lange Jahre mit klugem Anstand bei ihm +ausgehalten und nun ebenfalls langsam davonging. + +Er dachte nicht viel, er sah nur unverwandt und mit einem leisen +Kopfschütteln auf sein Leben und das Leben im allgemeinen zurück, das +ihm plötzlich so fern und wunderlich erschien, dieses überflüssig +geräuschvolle Getümmel, in dessen Mitte er gestanden, das sich +unmerklich von ihm zurückgezogen hatte und nun vor seinem verwundert +aufhorchenden Ohr in der Ferne erhallte ... Manchmal sagte er mit halber +Stimme vor sich hin: + +»Kurios! Kurios!« + +Und als dann Madame Buddenbrook ihren letzten, ganz kurzen und +kampflosen Seufzer getan hatte, als im Eßsaal, woselbst die Einsegnung +stattfand, die Träger den blumenbedeckten Sarg aufgehoben hatten, um ihn +schwerfällig davonzuschaffen, -- da änderte sich seine Stimmung nicht, +da weinte er nicht einmal; aber dies leise, erstaunte Kopfschütteln +blieb ihm, und dies beinahe lächelnde »Kurios!« wurde sein Lieblingswort +... Kein Zweifel, daß es auch mit Johann Buddenbrook zu Ende ging. + +Er fing an, stumm und abwesend im Familienkreise zu sitzen, und wenn er +einmal die kleine Klara auf die Knie genommen hatte, um ihr vielleicht +eines seiner alten drolligen Lieder vorzusingen, zum Beispiel: + + »Der Omnibus fährt durch die Stadt ...« + +oder + + »Kiek, doa sitt'n Brummer an de Wand ...« + +so konnte er plötzlich stillschweigen, um dann die Enkelin, gleichsam +aus einem langen, halb unbewußten Gedankengange heraus, mit einem +kopfschüttelnden »Kurios!« zu Boden zu setzen und sich abzuwenden ... +Eines Tages sagte er: + +»Jean, -- _assez_, du?« + +Und alsbald begannen in der Stadt die reinlich gedruckten und mit zwei +Unterschriften versehenen Formulare zu zirkulieren, auf denen Johann +Buddenbrook _senior_ sich kundzutun erlaubte, daß sein zunehmendes Alter +ihn veranlasse, seine bisherige kaufmännische Wirksamkeit aufzugeben, +und daß er infolgedessen die von seinem seligen Vater _Anno_ 1768 +gegründete Handlung =Johann Buddenbrook= mit _Activis_ und _Passivis_ +unter gleicher Firma von heute an seinem Sohne und seitherigen Associé +Johann Buddenbrook als alleinigen Inhaber übertrage, mit der Bitte, das +ihm so vielseitig geschenkte Vertrauen seinem Sohne zu erhalten ... +Hochachtungsvoll -- Johann Buddenbrook _senior_, welcher aufhören wird +zu zeichnen. + +Als aber diese Kundgebung erfolgt war, als der Alte fortan sich +weigerte, noch einen Fuß ins Kontor zu setzen, da nahm seine +nachdenkliche Apathie in erschreckender Weise zu, da genügte, Mitte +März, ein paar Monate nur nach dem Tode seiner Frau, irgendein kleiner +Frühlingsschnupfen, um ihn bettlägerig zu machen, -- und dann, in einer +Nacht, kam die Stunde, wo die Familie auch sein Bett umstand, wo er zum +Konsul sagte: + +»Alles Glück, -- du? Jean? Und immer _courage_!« + +Und zu Thomas: + +»Hilf deinem Vater!« + +Und zu Christian: + +»Werde was Ordentliches!« + +-- worauf er schwieg, alle anblickte und sich mit einem letzten +»Kurios!« nach der Wand kehrte ... + +Er hatte Gottholds bis zum Schluß nicht Erwähnung getan, und auf die +schriftliche Aufforderung des Konsuls, am Sterbebette des Vaters zu +erscheinen, hatte der älteste Sohn mit Schweigen geantwortet. Am nächsten +Morgen jedoch, ganz früh, als die Todesanzeigen noch nicht versandt waren +und der Konsul auf die Treppe hinaustrat, um im Kontor das Notwendigste +zu erledigen, geschah das Merkwürdige, daß Gotthold Buddenbrook, Inhaber +der Leinenhandlung Siegmund Stüwing & Komp. in der Breitenstraße, raschen +Schrittes über die Diele kam. Sechsundvierzigjährig, klein und beleibt, +besaß er starke, aschblonde, mit weißen Fäden durchsetzte Kotelettes. Er +war kurzbeinig und trug sackartig weite Hosen aus rauhem, kariertem +Stoff. Die Treppe hinauf schritt er dem Konsul entgegen, indem er die +Brauen hoch unter die Krempe seines grauen Hutes erhob und sie dennoch +zusammenzog. + +»Johann«, sagte er, ohne dem Bruder die Hand zu reichen, mit hoher, +angenehmer Stimme, »wie steht es?« + +»Heute nacht ist er heimgegangen!« sagte der Konsul bewegt und ergriff +die Hand des Bruders, die einen Regenschirm hielt. »Er, der beste +Vater!« + +Gotthold senkte die Brauen so tief, daß seine Lider sich schlossen. Nach +einem Schweigen sagte er nachdrücklich: + +»Es ist nichts geändert worden, bis zum Schlusse, Johann?« + +Und sofort ließ der Konsul seine Hand fahren, ja, er trat sogar eine +Stufe zurück, und während seine runden, tiefliegenden Augen klar wurden, +sagte er: + +»Nichts.« + +Gottholds Brauen wanderten wieder unter die Hutkrempe hinauf, und seine +Augen richteten sich mit Anstrengung auf den Bruder. + +»Und was habe ich von =deiner= Gerechtigkeit zu gewärtigen?« sagte er +mit gesenkter Stimme. + +Der Konsul seinerseits senkte nun den Blick; dann aber, ohne ihn wieder +zu erheben, machte er jene entschiedene Handbewegung von oben nach unten +und antwortete leise und fest: + +»Ich habe dir in diesem schweren und ernsten Augenblick meine Hand als +Bruder gereicht; was aber geschäftliche Dinge betrifft, so kann ich dir +immer nur als Chef der ehrwürdigen Firma gegenüberstehen, deren +alleiniger Inhaber ich heute geworden bin. Du kannst nichts von mir +gewärtigen, was den Verpflichtungen widerspricht, die mir =diese= +Eigenschaft auferlegt; meine sonstigen Gefühle müssen schweigen.« + +Gotthold ging ... Zum Begräbnis jedoch, als die Menge der Verwandten, +Bekannten, Geschäftsfreunde, der Deputationen, Kornträger, Kontoristen +und Speicherarbeiter Zimmer, Treppen und Korridore füllte und die +sämtlichen Mietkutschen der Stadt die ganze Mengstraße hinunterstanden, +-- zum Begräbnis kam er zur aufrichtigen Freude des Konsuls aufs neue; +ja, er brachte sogar seine Gattin, die geborene Stüwing, und seine drei +schon erwachsenen Töchter mit: Friederike und Henriette, die beide sehr +lang und hager waren, und Pfiffi, die achtzehnjährige Jüngste, die allzu +klein und beleibt erschien. + +Und als dann am Grabe, am Buddenbrookschen Erbbegräbnis dort draußen +vorm Burgtore, am Rande des Friedhofgehölzes, Pastor Kölling von Sankt +Marien, ein robuster Mann mit dickem Kopf und derber Redeweise, das +maßvolle, gottgefällige Leben des Verstorbenen gepriesen hatte, im +Gegensatze zu dem der »Wollüstigen, Fresser und Säufer« -- dies war sein +Ausdruck, obgleich manche Leute, die sich der Diskretion des jüngst +verstorbenen alten Wunderlich erinnerten, die Köpfe schüttelten, -- als +die Feierlichkeiten und Formalitäten beendet waren und die 70 oder 80 +Mietkutschen in die Stadt zurückzurollen begannen ... da erbot sich +Gotthold Buddenbrook, den Konsul zu begleiten, weil er ihn unter vier +Augen zu sprechen wünsche. Und siehe da: hier, neben dem Stiefbruder auf +dem Rücksitz der hohen, weiten, plumpen Kutsche, eins seiner kurzen +Beine über das andere gelegt, zeigte er sich versöhnlich und sanft. Er +erkenne, sagte er, mehr und mehr, daß der Konsul handeln müsse, wie er +es tue, und das Andenken des Vaters solle für ihn kein böses sein. Er +verzichte auf seine Ansprüche, und zwar um so lieber, als er gesonnen +sei, sich von allen Geschäften zurückzuziehen und sich mit seinem Erbe +und dem, was ihm sonst erübrige, zur Ruhe zu setzen, denn das +Leinengeschäft mache ihm wenig Freude und gehe so mäßig, daß er sich +nicht entschließen werde, noch mehr hineinzustecken ... »Der Trotz gegen +den Vater hat ihm keinen Segen gebracht!« dachte der Konsul mit einem +inneren frommen Aufblick; und Gotthold dachte wahrscheinlich dasselbe. + +In der Mengstraße aber begleitete er den Bruder ins Frühstückszimmer +hinauf, woselbst die beiden Herren, nach dem langen Stehen in der +Frühlingsluft in ihren Fräcken fröstelnd, einen alten Kognak miteinander +tranken. Und als dann Gotthold ein paar höfliche und ernste Worte mit +seiner Schwägerin gewechselt und den Kindern die Köpfe gestreichelt +hatte, ging er davon, um am nächsten »Kindertag« bei Krögers draußen im +Gartenhause zu erscheinen ... Er begann schon zu liquidieren. + + +Fünftes Kapitel + +Eines schmerzte den Konsul: daß nämlich der Vater nicht mehr den +Eintritt seines ältesten Enkels ins Geschäft hatte erleben dürfen, der +schon um Ostern desselben Jahres erfolgte. + +Thomas war sechzehnjährig, als er die Schule verließ. Er war stark +gewachsen in letzter Zeit und trug seit seiner Konfirmation, bei der +Pastor Kölling ihm mit starken Ausdrücken Mäßigkeit! empfohlen hatte, +ganz herrenmäßige Kleidung, die ihn noch größer erscheinen ließ. Um +seinen Hals hing die lange goldene Uhrkette, die der Großvater ihm +zugesprochen hatte, und an der ein Medaillon mit dem Wappen der Familie +hing, diesem melancholischen Wappenschilde, das eine unregelmäßig +schraffierte Fläche, ein flaches Moorland mit einer einsamen und nackten +Weide am Ufer zeigte. Der noch ältere Siegelring mit grünem Stein, den +wahrscheinlich schon der sehr gut situierte Gewandschneider in Rostock +getragen hatte, war nebst der großen Bibel auf den Konsul übergegangen. + +Die Ähnlichkeit mit dem Großvater hatte sich bei Thomas so stark +entwickelt wie bei Christian diejenige mit dem Vater; besonders sein +rundes und festes Kinn und die feingeschnittene, gerade Nase waren die +des Alten. Sein seitwärts gescheiteltes Haar, das in zwei Einbuchtungen +von den schmalen und auffällig geäderten Schläfen zurücktrat, war +dunkelblond, und im Gegensatz dazu erschienen die langen Wimpern und die +Brauen, von denen er gern die eine ein wenig emporzog, ungewöhnlich hell +und farblos. Seine Bewegungen, seine Sprache, sowie sein Lachen, das +seine ziemlich mangelhaften Zähne sehen ließ, war ruhig und verständig. +Er blickte seinem Beruf mit Ernst und Eifer entgegen ... + +Es war ein äußerst feierlicher Tag, als der Konsul ihn nach dem ersten +Frühstück mit sich in die Kontore hinunternahm, um ihn Herrn Marcus, dem +Prokuristen, Herrn Havermann, dem Kassierer, sowie dem übrigen Personale +zu präsentieren, mit dem er eigentlich längst gut Freund war; als er zum +ersten Male auf seinem Drehsessel am Pulte saß, emsig mit Stempeln, +Ordnen, Kopieren beschäftigt, und als der Vater ihn nachmittags auch an +die Trave hinunter in die Speicher »Linde«, »Eiche«, »Löwe« und +»Walfisch« führte, wo Thomas eigentlich ebenfalls längst zu Hause war, +wo er aber nun als Mitarbeiter vorgestellt wurde ... + +Er war mit Hingebung bei der Sache und ahmte den stillen und zähen Fleiß +des Vaters nach, der mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete und manches +Gebet um Beistand in sein Tagebuch schrieb; denn es galt, die +bedeutenden Mittel wieder einzubringen, die beim Tode des Alten der +»Firma«, diesem vergötterten Begriff, verlorengegangen waren ... Eines +Abends, sehr spät, im Landschaftszimmer, ließ er sich gegen die Konsulin +ziemlich eingehend über die Verhältnisse aus. + +Es war halb zwölf Uhr, und die Kinder sowie Mamsell Jungmann schliefen +draußen in den Zimmern am Korridor, denn der zweite Stock stand nun leer +und wurde nur dann und wann für Fremde gebraucht. Die Konsulin saß auf +dem gelben Sofa neben ihrem Gatten, der, eine Zigarre im Munde, die +Kursnotizen der städtischen Anzeigen überblickte. Sie beugte sich über +eine Seidenstickerei und bewegte leichthin die Lippen, während sie mit +der Nadel eine Reihe von Stichen zählte. Neben ihr, auf dem zierlichen +Nähtisch mit Goldornamenten, brannten die sechs Kerzen eines +Armleuchters; der Kronleuchter hing unbenutzt. + +Johann Buddenbrook, der sich allgemach der Mitte der Vierziger näherte, +hatte in den letzten Jahren ersichtlich gealtert. Seine kleinen, runden +Augen schienen noch tiefer zu liegen, die große, gebogene Nase sprang, +wie die Wangenknochen, noch schärfer hervor, und ein Puderquast schien +an den Schläfen ein paarmal ganz leicht sein aschblondes, sorgfältig +gescheiteltes Haar berührt zu haben. Die Konsulin ihrerseits stand am +Ende der Dreißiger, aber sie konservierte ihre nicht schöne und dennoch +glänzende Erscheinung aufs beste, und ihr mattweißer Teint mit den +vereinzelten Sommersprossen hatte an Zartheit nichts eingebüßt. Ihr +rötliches, kunstvoll frisiertes Haar war vom Schein der Kerzen +durchleuchtet. Während sie die ganz hellblauen Augen ein wenig beiseite +gleiten ließ, sagte sie: + +»Eines wollte ich dir zur Überlegung empfehlen, mein lieber Jean: ob es +nämlich nicht ratsam wäre, einen Bedienten zu engagieren ... Ich bin zu +dieser Überzeugung gekommen. Wenn ich an meine Eltern denke ...« + +Der Konsul ließ die Zeitung auf die Knie sinken, und während er die +Zigarre aus dem Munde nahm, wurden seine Augen aufmerksam, denn es +handelte sich um Geldausgeben. + +»Ja, meine liebe und verehrte Bethsy«, fing er an und zog die Anrede in +die Länge, denn er mußte seine Einwände ordnen. »Einen Bedienten? Wir +haben nach dem Tode der seligen Eltern alle drei Mädchen, von Mamsell +Jungmann abgesehen, im Hause behalten, und mich dünkt ...« + +»Ach, das Haus ist so groß, Jean, daß es beinahe fatal ist. Ich sage: +`Lina, mein Kind, im Hinterhaus ist schrecklich lange nicht abgestäubt +worden!´ aber ich mag die Leute nicht überanstrengen, denn sie müssen +schon pusten, wenn hier vorn alles nett und reinlich ist ... Ein Diener +wäre so angenehm für Kommissionen und dergleichen ... Man bekommt einen +braven und anspruchslosen Mann vom Lande ... Aber ehe ich es vergesse, +Jean: Louise Möllendorpf will ihren Anton gehen lassen; ich habe ihn mit +Sicherheit servieren sehen ...« + +»Ich muß gestehen«, sagte der Konsul und rückte ein wenig unbehaglich +hin und her, »daß dieser Gedanke mir fremd ist. Wir besuchen jetzt weder +Gesellschaften, noch geben wir selbst welche ...« + +»Nein, nein; aber Besuch haben wir trotzdem häufig genug, und das ist +nicht meine Schuld, lieber Jean, obgleich du weißt, daß ich mich +herzlich darüber freue. Es kommt ein auswärtiger Geschäftsfreund von +dir, du bittest ihn zum Essen, er hat noch kein Gasthauszimmer genommen +und übernachtet natürlich bei uns. Dann kommt ein Missionar, der +vielleicht acht Tage bei uns bleibt ... Für übernächste Woche erwarten +wir Pastor Mathias aus Kannstatt ... Nun, um kurz zu sein, die Salairs +sind so gering ...« + +»Aber sie häufen sich, Bethsy! Wir honorieren vier Leute im Hause, und +du vergissest die vielen Männer, die im Dienste der Firma stehen!« + +»Sollten wir wirklich einen Bedienten nicht erschwingen können?« fragte +die Konsulin lächelnd, indem sie ihren Gatten mit seitwärts geneigtem +Kopfe anblickte. »Wenn ich an das Personal meiner Eltern denke ...« + +»Deine Eltern, liebe Bethsy! Nein, nun muß ich dich fragen, ob du dir +eigentlich über unsere Verhältnisse klar bist?« + +»Nein, das ist wahr, Jean, ich habe wohl nicht die hinlängliche +Einsicht ...« + +»Nun, die ist leicht zu beschaffen«, sagte der Konsul. Er setzte sich im +Sofa zurecht, schlug ein Bein über das andere, tat einen Zug aus seiner +Zigarre und begann, während er die Augen ein wenig zusammenkniff, mit +außerordentlicher Geläufigkeit seine Zahlen hervorzubringen ... + +»Kurz und gut: Mein seliger Vater hat seinerzeit, vor meiner Schwester +Heirat, rund und nett 900000 Mark Kurant besessen, abgesehen, wie sich +versteht, von dem Grundbesitz und dem Werte der Firma. 80000 sind als +Mitgift nach Frankfurt und 100000 bei Gottholds Etablierung abgegangen: +macht 720000. Dann kam der Kauf dieses Hauses, das trotz der Einnahme +für das kleine in der Alfstraße mit Verbesserungen und Neuanschaffungen +volle 100000 gekostet hat: macht 620000. Nach Frankfurt wurden als +Entschädigungssumme 25000 gezahlt: macht 595000, und so hätten die Dinge +bei Vaters Tode gelegen, wären alle diese Spesen nicht im Laufe der +Jahre durch rund 200000 Kurantmark Verdienst korrigiert worden. Das +Gesamtvermögen betrug also 795000. Dann wurden ferner 100000 an Gotthold +ausgekehrt und noch 267000 nach Frankfurt; das macht, wenn ich noch ein +paar tausend Kurantmark kleinerer Vermächtnisse abrechne, die nach Vaters +Testament an das Heilige-Geist-Hospital, die Kaufleute-Witwenkasse usw. +gingen, etwa 420000, mit deiner Mitgift um 100000 mehr. Das sind, in +runden Summen und abgesehen von allerhand kleineren Schwankungen des +Vermögens, ungefähr die Verhältnisse. Wir sind nicht so ungemein reich, +meine liebe Bethsy, und bei alledem muß man bedenken, daß das Geschäft +zwar kleiner geworden ist, daß aber die Geschäftsspesen dieselben +geblieben sind, weil der Zuschnitt des Geschäftes es nicht gestattet, +die Unkosten herabzusetzen ... Hast du mir folgen können?« + +Die Konsulin nickte ein wenig zögernd, die Stickerei im Schoße. »Recht +gut, mein lieber Jean«, sagte sie, obgleich sie nicht alles verstanden +hatte und durchaus nicht begriff, warum alle diese großen Summen sie +hindern sollten, einen Bedienten zu engagieren. + +Der Konsul ließ seine Zigarre aufglimmen, stieß mit zurückgeneigtem +Kopfe den Rauch von sich und fuhr dann fort: + +»Du denkst, daß wir ja, wenn einmal deine lieben Eltern zu Gott gerufen +werden, noch etwas Beträchtliches zu erwarten haben, und das ist +richtig. Jedoch ... wir dürfen damit nicht allzu unvorsichtig rechnen. +Ich weiß, daß dein Vater ziemlich peinliche Verluste gehabt hat, und +zwar, wie bekannt ist, durch Justus. Justus ist ein äußerst +liebenswürdiger Mensch, aber er ist nicht eben ein starker Geschäftsmann +und hat auch unverschuldetes Unglück gehabt. Er hat bei mehreren Kunden +höchst störende Einbußen erlitten, die Folge seines geschwächten +Betriebskapitals war teures Geld, durch Transaktionen mit Bankiers, und +dein Vater hat mehrere Male mit bedeutenden Summen einspringen müssen, +damit kein Unglück geschah. Dergleichen kann sich wiederholen und wird +sich, fürchte ich, wiederholen, denn -- verzeih mir, Bethsy, wenn ich +aufrichtig rede -- die gewisse heitere Leichtlebigkeit, die bei deinem +Vater, der mit Geschäften nichts mehr zu tun hat, so angenehm wirkt, +kommt deinem Bruder, als Geschäftsmann, schlecht zustatten ... Du +verstehst mich ... er ist nicht sehr behutsam, wie? ein bißchen rasch +und obenhinaus ... Im übrigen lassen sich deine Eltern, was mich so +aufrichtig freut, nichts abgehen, sie führen ein herrschaftliches Leben, +wie es ... ihren Verhältnissen entspricht ...« + +Die Konsulin lächelte nachsichtig; sie kannte das Vorurteil ihres Gatten +gegen die eleganten Neigungen ihrer Familie. + +»Genug«, fuhr er fort und legte den Rest seiner Zigarre in den +Aschbecher, »ich meinesteils verlasse mich in der Hauptsache darauf, daß +der Herr mir meine Arbeitskraft erhalten wird, damit ich mit seiner +gnädigen Hilfe das Vermögen der Firma auf die ehemalige Höhe +zurückführen kann ... Ich hoffe, deine Einsicht ist nun eine klarere, +liebe Bethsy --?« + +»Vollkommen, Jean, vollkommen!« beeilte sich die Konsulin zu antworten, +denn sie gab für heute abend den Bedienten auf. »Aber laß uns zur Ruhe +gehn, wie? es ist allzu spät geworden ...« + +Übrigens wurde nach ein paar Tagen, als der Konsul gutgelaunt aus dem +Kontor zu Tische kam, dennoch der Beschluß gefaßt, Möllendorpfs Anton zu +engagieren. + + +Sechstes Kapitel + +»Tony geben wir in Pension, und zwar zu Fräulein Weichbrodt«, sagte +Konsul Buddenbrook, und er äußerte das so bestimmt, daß es dabei blieb. + +Weniger zufrieden nämlich, wie angedeutet, als mit Thomas, der sich mit +Talent in die Geschäfte einlebte, mit Klara, die munter heranwuchs, und +der armen Klothilde, deren Appetit jeden Menschen erfreuen mußte, konnte +man mit Tony und Christian sein. Was den letzteren anging, so war es das +wenigste, daß er beinahe jeden Nachmittag genötigt war, bei Herrn +Stengel Kaffee zu trinken, -- obgleich die Konsulin, der dies zu viel +wurde, eines Tages den Herrn Lehrer durch ein zierliches Handbillett zum +Zwecke einer Rücksprache zu sich in die Mengstraße entbot. Herr Stengel +erschien in seiner Sonntagsperücke, mit seinen höchsten Vatermördern, +die Weste von lanzenartig gespitzten Bleistiften starrend, und saß mit +der Konsulin im Landschaftszimmer, während Christian heimlich im Eßsaale +der Unterredung zuhörte. Der ausgezeichnete Erzieher legte beredt, wenn +auch ein wenig befangen, seine Ansichten dar, sprach von dem bedeutsamen +Unterschied zwischen »Line« und »Strich«, erwähnte des schönen grünen +Waldes sowie des Kohlenkastens und gebrauchte im übrigen während dieser +Visite beständig das Wort »infolgedessen«, das ihm wohl dieser vornehmen +Umgebung am besten zu entsprechen schien. Nach einer Viertelstunde +erschien der Konsul, jagte Christian davon und drückte Herrn Stengel +sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß sein Sohn ihm Ursache zur +Unzufriedenheit gegeben habe ... »Oh, behüte, Herr Konsul, ich bitte +ergebenst! Ein geweckter Kopf, ein munterer Patron, der Schüler +Buddenbrook. Und infolgedessen ... Allein ein wenig übermütig, wenn ich +mir erlauben darf, hm ... und infolgedessen ...« Der Konsul führte ihn +höflich im Hause umher, worauf Herr Stengel sich verabschiedete ... Das +alles aber war nicht das Schlimme. + +Das Schlimme bestand darin, daß folgendes bekannt wurde: Der Schüler +Christian Buddenbrook durfte eines Abends mit einem guten Freunde das +Stadttheater besuchen, woselbst »Wilhelm Tell« von Schiller gegeben +wurde; die Rolle von Tells Knaben Walter jedoch spielte eine junge Dame, +eine Demoiselle Meyer-de la Grange, mit der es eine eigne Bewandtnis +hatte. Sie pflegte nämlich, war es ihrer Rolle nun angemessen oder +nicht, auf der Bühne eine Brillantbrosche zu tragen, die notorisch echt +war, denn wie allgemein bekannt, war sie ein Geschenk des jungen Konsuls +Peter Döhlmann, Sohn des verstorbenen Holzgroßhändlers Döhlmann in der +Ersten Wallstraße vorm Holstentor. Konsul Peter gehörte zu den Herren, +die in der Stadt »Suitiers« genannt wurden -- wie zum Beispiel auch +Justus Kröger --, das heißt seine Lebensführung war ein wenig locker. Er +war verheiratet und besaß sogar eine kleine Tochter, befand sich aber +seit längerer Zeit mit seiner Gattin in Zwietracht und lebte ganz wie +ein Junggeselle. Das Vermögen, das sein Vater ihm hinterlassen hatte, +dessen Geschäft er sozusagen fortführte, war ziemlich bedeutend gewesen; +aber man sagte sich, daß er dennoch vom Kapitale zehre. Er hielt sich +meistens im »Klub« oder im Ratskeller auf, um zu frühstücken, ward jeden +Morgen um 4 Uhr irgendwo in den Straßen gesehen und unternahm häufig +Geschäftsreisen nach Hamburg. Vor allem jedoch war er ein eifriger +Theaterliebhaber, versäumte keine Vorstellung und nahm persönliches +Interesse an dem ausübenden Personal. Demoiselle Meyer-de la Grange war +die letzte der jungen Künstlerinnen, die er in den vergangenen Jahren +mit Brillanten ausgezeichnet hatte ... + +Um zur Sache zu kommen, so sah die junge Dame als Walter Tell -- sie +trug auch in dieser Rolle ihre Brillantbrosche -- ganz allerliebst aus +und spielte so rührend, daß dem Schüler Buddenbrook vor innerer +Begeisterung die Tränen in die Augen traten, ja daß er sich zu einer +Handlungsweise hinreißen ließ, wie sie nur aus einem allzu starken +Empfinden hervorgehen kann. In einer Pause nämlich erstand er im +gegenübergelegenen Blumenladen für 1 Mark 8½ Schilling ein Bukett, mit +welchem dieser vierzehnjährige Knirps mit seiner großen Nase und seinen +kleinen tiefliegenden Augen den Weg zum Bühnenraum marschierte und, da +niemand ihn aufhielt, vor einer Garderobentür auf Fräulein Meyer-de la +Grange stieß, die im Gespräche mit Konsul Peter Döhlmann stand. Der +Konsul wäre vor Lachen beinahe gegen die Wand gefallen, als er Christian +mit dem Bukett daherkommen sah; der neue Suitier aber machte ernsthaft +sein bestes Kompliment vor Walter Tell, überreichte ihm die Blumen, +schüttelte langsam den Kopf und sagte in einem Tone, der vor +Aufrichtigkeit beinahe bekümmert klang: + +»Fräulein, wie schön haben Sie gespielt!« + +»Nun seh' mal einer diesen Krischan Buddenbrook!« schrie Konsul Döhlmann +mit seiner breiten Aussprache. Fräulein Meyer-de la Grange aber zog die +hübschen Brauen empor und fragte: + +»Sohn von Konsul Buddenbrook?« Dann streichelte sie ihrem neuen Verehrer +mit vielem Wohlwollen die Wange. + +Dies war der Tatbestand, den Peter Döhlmann am selben Abend im »Klub« +zum besten gab, der mit ungeheurer Schnelligkeit in der Stadt bekannt +wurde und sogar dem Schuldirektor zu Ohren kam, der ihn wiederum zum +Gegenstande einer Unterredung mit Konsul Buddenbrook machte. Wie faßte +dieser die Sache auf? Er war weniger zornig als geradezu überwältigt und +geschlagen ... Als er der Konsulin Mitteilung machte, saß er beinahe +gebrochen im Landschaftszimmer. + +»Das ist unser Sohn, so entwickelt er sich ...« + +»Jean, mein Gott, dein Vater hätte gelacht darüber ... Und erzähle es +nur Donnerstag bei meinen Eltern, Papa wird sich köstlich amüsieren ...« + +Hier begehrte der Konsul auf. »Ha! Ja! ich bin überzeugt, daß er sich +amüsieren wird, Bethsy! Er wird sich freuen, daß sein leichtfertiges +Blut und seine unfrommen Neigungen nicht nur in Justus, dem ... Suitier, +sondern ersichtlich auch in einem seiner Enkel fortleben ... sapperlot, +du zwingst mich zu dieser Äußerung! Er geht zu dieser Person! Er gibt +sein Taschengeld aus für diese Lorette --! Er weiß es nicht, nein; aber +die Neigung zeigt sich! Die Neigung zeigt sich!...« + +Ja, das war ein schlimmer Fall; und der Konsul war um so entsetzter, als +auch Tony, wie gesagt, sich nicht zum besten betrug. Zwar verzichtete +sie mit den Jahren darauf, den bleichen Mann tanzen zu lassen und die +Puppenliese zu besuchen; aber sie zeigte eine immer keckere Art, den +Kopf in den Nacken zu werfen und äußerte, besonders wenn sie den Sommer +draußen bei den Großeltern verlebt hatte, einen argen Hang zu Hoffart +und Eitelkeit. + +Eines Tages überraschte der Konsul sie mit Verdruß dabei, daß sie +gemeinsam mit Mamsell Jungmann Claurens »Mimili« las; er blätterte in +dem Bändchen, schwieg und verschloß es auf immer. Kurz darauf kam es an +den Tag, daß Tony -- Antonie Buddenbrook -- ganz allein mit einem +Gymnasiasten, einem Freunde ihrer Brüder, vorm Tore spazieren gegangen +war. Frau Stuht, dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, hatte +die beiden erblickt, hatte sich, gelegentlich eines Kleiderankaufes bei +Möllendorpfs, darüber geäußert, daß nun wahrhaftig auch Mamsell +Buddenbrook schon in die Jahre komme, wo ... und Frau Senatorin +Möllendorpf hatte in heiterem Tone dem Konsul davon erzählt. Diese +Spaziergänge wurden verhindert. Dann aber erwies es sich, daß +Mademoiselle Tony aus jenen alten, hohlen Bäumen, gleich hinter dem +Burgtore, die nur lückenhaft mit Mörtelmasse gefüllt waren, kleine +Korrespondenzen abholte oder daselbst zurückließ, die von ebendemselben +Gymnasiasten herrührten oder an ihn gerichtet waren. Als dies am Lichte +war, erschien es geboten, die nun fünfzehnjährige Tony in strengere +Obhut zu geben, in eine Pension, in diejenige von Fräulein Weichbrodt, +am Mühlenbrink Numero 7. + + +Siebentes Kapitel + +Therese Weichbrodt war bucklig, sie war so bucklig, daß sie nicht viel +höher war als ein Tisch. Sie war 41 Jahre alt, aber da sie niemals +Gewicht auf äußere Wohlgefälligkeit gelegt hatte, so ging sie gekleidet +wie eine Dame von 60 bis 70 Jahren. Auf ihren grauen, gepolsterten +Ohrlocken saß eine Haube mit grünen Bändern, die über die schmalen +Kinderschultern hinabfielen, und nie war an ihrem kümmerlichen schwarzen +Kleidchen etwas wie Putz gesehen worden ... ausgenommen die große, ovale +Brosche, auf der in Porzellanmalerei das Bild ihrer Mutter prangte. + +Das kleine Fräulein Weichbrodt besaß kluge und scharfe braune Augen, +eine leichtgebogene Nase und schmale Lippen, die sie aufs entschiedenste +zusammenpressen konnte ... Überhaupt lag in ihrer geringen Figur und +allen ihren Bewegungen ein Nachdruck, der zwar possierlich, aber +durchaus respektgebietend wirkte. Dazu trug in hohem Grade auch ihre +Sprache bei. Sie sprach mit lebhafter und stoßweiser Bewegung des +Unterkiefers und einem schnellen, eindringlichen Kopfschütteln, exakt +und dialektfrei, klar, bestimmt und mit sorgfältiger Betonung jedes +Konsonanten. Den Klang der Vokale aber übertrieb sie sogar in einer +Weise, daß sie z. B. nicht »Butterkruke«, sondern »Botter«- oder gar +»Batterkruke« sprach und ihr eigensinnig kläffendes Hündchen nicht +»Bobby«, sondern »Babby« rief. Wenn sie zu einer Schülerin sagte: »Kind, +sei nich--t sa domm!« und zweimal dabei ganz kurz mit dem gekrümmten +Zeigefinger auf den Tisch pochte, so machte dies Eindruck, das ist +sicher; und wenn Mademoiselle Popinet, die Französin, sich beim Kaffee +mit allzuviel Zucker bediente, so hatte Fräulein Weichbrodt eine Art, +die Zimmerdecke zu betrachten, mit einer Hand auf dem Tischtuch Klavier +zu spielen und zu sagen: »Ich wörde die =ganze= Zockerböchse nehmen!« +daß Mademoiselle Popinet heftig errötete ... + +Als Kind -- mein Gott, wie winzig mußte sie als Kind gewesen sein! -- +hatte Therese Weichbrodt sich selber »Sesemi« genannt, und diese +Änderung ihres Vornamens hatte sie beibehalten, indem sie den besseren +und tüchtigeren Schülerinnen, Internen sowohl wie Externen, gestattete, +sie so zu nennen. »Nenne mich `Sesemi´, Kind«, sagte sie gleich am +ersten Tage zu Tony Buddenbrook, indem sie sie kurz und mit einem leicht +knallenden Geräusch auf die Stirn küßte ... »Ich höre es gern.« Ihre +ältere Schwester Madame Kethelsen aber hieß Nelly. + +Madame Kethelsen, die ungefähr 48 Jahre zählte, war von ihrem +verstorbenen Gatten mittellos im Leben zurückgelassen worden, bewohnte +bei ihrer Schwester im oberen Stockwerk eine kleine Stube und beteiligte +sich an der allgemeinen Tafel. Sie kleidete sich ähnlich wie Sesemi, war +aber im Gegensatz zu ihr außerordentlich lang; an ihren hageren +Handgelenken trug sie wollene Pulswärmer. Sie war nicht Lehrerin, sie +wußte nichts von Strenge, und in Harmlosigkeit und stillem Frohsinn +bestand ihr Wesen. Hatte ein Zögling Fräulein Weichbrodts einen Streich +vollführt, so stieß sie darüber ein gutmütiges und vor Herzlichkeit +beinahe klagendes Lachen aus, bis Sesemi auf den Tisch pochte und so +eindringlich »Nelly!« rief, daß es wie »Nally« klang; dann verstummte +sie eingeschüchtert. + +Madame Kethelsen gehorchte ihrer jüngeren Schwester, sie ließ sich von +ihr ausschelten wie ein Kind, und die Sache war die, daß Sesemi sie +herzlich verachtete. Therese Weichbrodt war ein belesenes, ja beinahe +gelehrtes Mädchen und hatte sich ihren Kinderglauben, ihre positive +Religiosität und die Zuversicht, dort drüben einst für ihr schwieriges +und glanzloses Leben entschädigt zu werden, in ernstlichen kleinen +Kämpfen bewahren müssen. Madame Kethelsen dagegen war ungelehrt, +unschuldig und einfältigen Gemütes. »Die gute Nelly!« sagte Sesemi. +»Mein Gott, sie ist ein Kind, sie ist niemals auf einen Zweifel +gestoßen, sie hat niemals einen Kampf zu bestehen gehabt, sie ist +glücklich ...« In solchen Worten lag ebensoviel Geringschätzung wie +Neid, und das war ein schwacher, wenn auch verzeihlicher Charakterzug +Sesemis. + +Das hochgelegene Erdgeschoß des ziegelroten Vorstadthäuschens, das von +einem nett gehaltenen Garten umgeben war, wurde von den +Unterrichtsräumen und dem Speisezimmer eingenommen, während sich im +oberen Stockwerk und auch im Bodenraum die Schlafzimmer befanden. Die +Zöglinge Fräulein Weichbrodts waren nicht zahlreich, denn die Pension +nahm nur größere Mädchen auf und besaß, auch für externe Schülerinnen, +nur die drei ersten Schulklassen; auch sah Sesemi mit Strenge darauf, +daß nur Töchter aus zweifellos vornehmen Familien in ihr Haus kamen ... +Tony Buddenbrook ward, wie angedeutet, mit Zärtlichkeit empfangen; ja, +zum Abendessen hatte Therese »Bischof« gemacht, einen roten und süßen +Punsch, der kalt getrunken ward, und auf den sie sich mit Meisterschaft +verstand ... »Noch ein bißchen Beschaf?« fragte sie mit herzlichem +Kopfschütteln ... und das klang so appetitlich, daß niemand widerstand. + +Fräulein Weichbrodt saß auf zwei Sofakissen am oberen Ende der Tafel und +beherrschte die Mahlzeit mit Tatkraft und Umsicht; sie richtete ihr +verwachsenes Körperchen ganz stramm empor, pochte wachsam auf den Tisch, +rief »Nally!« und »Babby!« und demütigte Mlle. Popinet mit einem Blicke, +wenn diese im Begriffe stand, sich alles Gelée des kalten Kalbsbratens +anzueignen. Tony hatte ihren Platz inmitten zweier anderer +Pensionärinnen erhalten. Zwischen Armgard von Schilling, einer blonden +und stämmigen Gutsbesitzerstochter aus Mecklenburg, und Gerda Arnoldsen, +die in Amsterdam zu Hause war, einer eleganten und fremdartigen +Erscheinung mit schwerem, dunkelrotem Haar, nahe beieinander liegenden +braunen Augen und einem weißen, schönen, ein wenig hochmütigen Gesicht. +Ihr gegenüber plapperte die Französin, die aussah wie eine Negerin und +ungeheure goldene Ohrringe trug. Am unteren Tischende saß mit +säuerlichem Lächeln die hagere Engländerin Miß Brown, die gleichfalls im +Hause wohnte. + +Man befreundete sich rasch mit Hilfe von Sesemis Bischof. Mlle. Popinet +hatte in der letzten Nacht wieder Alpdrücken gehabt, erzählte sie ... +_Ah, quelle horreur!_ Sie pflegte dann »Ülfen, Ülfen! Dieben, Dieben!« +zu rufen, daß alles aus dem Bette sprang. Ferner stellte sich heraus, +daß Gerda Arnoldsen nicht Klavier spielte, wie die anderen, sondern +Geige, und daß Papa -- ihre Mutter war nicht mehr am Leben -- ihr eine +echte Stradivari versprochen habe. Tony war unmusikalisch; die meisten +Buddenbrooks und alle Krögers waren es. Sie konnte nicht einmal die +Choräle erkennen, die in der Marienkirche gespielt wurden ... Oh, die +Orgel in der Nieuwe Kerk zu Amsterdam hatte eine _vox humana_, eine +Menschenstimme, die prachtvoll klang! -- Armgard von Schilling erzählte +von den Kühen zu Hause. + +Diese Armgard hatte vom ersten Augenblicke an den größten Eindruck auf +Tony gemacht, und zwar als das erste adelige Mädchen, mit dem sie in +Berührung kam. Von Schilling zu heißen, welch ein Glück! Die Eltern +hatten das schönste alte Haus der Stadt, und die Großeltern waren +vornehme Leute; aber sie hießen doch ganz einfach »Buddenbrook« und +»Kröger«, und das war außerordentlich schade. Die Enkelin des noblen +Lebrecht Kröger erglühte in Bewunderung für Armgards Adel, und im +geheimen dachte sie manchmal, daß für sie selbst dieses prächtige »von« +eigentlich viel besser gepaßt haben würde, -- denn Armgard, mein Gott, +sie wußte ihr Glück nicht einmal zu schätzen, sie ging umher mit ihrem +dicken Zopf, ihren gutmütigen blauen Augen und ihrer breiten +mecklenburgischen Aussprache und dachte gar nicht daran; sie war +durchaus nicht vornehm, sie machte nicht den geringsten Anspruch darauf, +sie hatte keinen Sinn für Vornehmheit. Dieses Wort »vornehm« saß +erstaunlich fest in Tonys Köpfchen, und sie wandte es mit anerkennendem +Nachdruck auf Gerda Arnoldsen an. + +Gerda war ein wenig apart und hatte etwas Fremdes und Ausländisches an +sich; sie liebte es, ihr prachtvolles rotes Haar trotz Sesemis Einspruch +etwas auffallend zu frisieren, und viele fanden es =albern=, daß sie die +Geige spiele -- wobei zu bemerken ist, daß »albern« einen sehr harten +Ausdruck der Verurteilung bedeutete. Darin jedoch mußte man mit Tony +übereinstimmen, daß Gerda Arnoldsen ein vornehmes Mädchen war. Ihre für +ihr Alter voll entwickelte Erscheinung, ihre Gewohnheiten, die Dinge, +die sie besaß, alles war vornehm: Zum Beispiel die elfenbeinerne +Toiletteneinrichtung aus Paris, die Tony besonders zu schätzen wußte, da +sich auch bei ihr zu Hause allerlei Gegenstände vorfanden, die ihre +Eltern oder Großeltern aus Paris mitgebracht hatten und sehr wert +hielten. + +Die drei jungen Mädchen schlossen rasch einen Freundschaftsbund, sie +gehörten der gleichen Unterrichtsklasse an und bewohnten gemeinsam den +größten der Schlafräume im oberen Stockwerke. Welche amüsanten und +behaglichen Stunden waren das, wenn man um zehn Uhr zur Ruhe ging und +beim Auskleiden plauderte -- mit halber Stimme nur, denn nebenan begann +Mlle. Popinet von Dieben zu träumen ... Sie schlief zusammen mit der +kleinen Eva Ewers, einer Hamburgerin, deren Vater, ein Kunstschwärmer +und Sammler, sich in München angesiedelt hatte. + +Die braungestreiften Rouleaus waren geschlossen, die niedrige, +rotverhüllte Lampe brannte auf dem Tische, ein leiser Duft nach Veilchen +und frischer Wäsche erfüllte das Zimmer und eine gemächliche, gedämpfte +Stimmung von Müdigkeit, Sorglosigkeit und Träumerei. + +»Mein Gott«, sagte Armgard, die halb ausgekleidet auf dem Rande ihres +Bettes saß, »wie geläufig Doktor Neumann spricht! Er kommt in die +Klasse, stellt sich an den Tisch und spricht von Racine ...« + +»Er hat eine schöne, hohe Stirn«, bemerkte Gerda, während sie sich vor +dem Spiegel zwischen den beiden Fenstern beim Schein zweier Kerzen die +Haare kämmte. + +»Ja!« sagte Armgard rasch. + +»Und du hast auch =nur= von ihm angefangen, um das zu hören zu bekommen, +Armgard, denn du blickst ihn beständig mit deinen blauen Augen an, als +ob ...« + +»Liebst du ihn?« fragte Tony. »Mein Schuhband geht einfach nicht auf, +=bitte= Gerda ... so! nun! Liebst du ihn, Armgard? Heirate ihn doch; es +ist eine sehr gute Partie, er wird Professor am Gymnasium werden.« + +»Gott, ihr seid scheußlich. Ich liebe ihn gar nicht. Ich werde +sicherlich keinen Lehrer heiraten, sondern einen Landmann ...« + +»Einen Adligen?« Tony ließ den Strumpf sinken, den sie in der Hand +hielt, und blickte gedankenvoll in Armgards Gesicht. + +»Das weiß ich noch nicht; aber ein großes Gut muß er haben ... Ach, wie +freue ich mich darauf, Kinder! Ich werde um fünf Uhr aufstehen und +wirtschaften ...« Sie zog die Bettdecke über sich und sah träumend zum +Plafond empor. + +»Vor ihrem geistigen Auge stehen fünfhundert Kühe«, sprach Gerda und +betrachtete ihre Freundin im Spiegel. + +Tony war noch nicht fertig; aber sie ließ ihren Kopf im voraus aufs +Kissen sinken, verschränkte die Hände im Nacken und betrachtete auch +ihrerseits sinnend die Zimmerdecke. + +»Ich werde natürlich einen Kaufmann heiraten«, sagte sie. »Er muß recht +viel Geld haben, damit wir uns vornehm einrichten können; das bin ich +meiner Familie und der Firma schuldig«, fügte sie ernsthaft hinzu. »Ja, +ihr sollt sehn, das werde ich schon machen.« + +Gerda hatte ihre Schlaffrisur beendet und putzte ihre breiten, weißen +Zähne, wobei sie sich ihres elfenbeinernen Handspiegels bediente. + +»Ich werde =wahrscheinlich= gar nicht heiraten«, sagte sie ein wenig +mühsam, denn das Pfefferminzpulver behinderte sie. »Ich sehe nicht ein, +warum. Ich habe gar keine Lust dazu. Ich gehe nach Amsterdam und spiele +Duos mit Papa und lebe später bei meiner verheirateten Schwester ...« + +»Wie schade!« rief Tony lebhaft. »Nein, wie schade, Gerda! Du solltest +dich hier verheiraten und immer hier bleiben ... Höre mal, du solltest +zum Beispiel einen von meinen Brüdern heiraten ...« + +»Den mit der großen Nase?« fragte Gerda und gähnte mit einem kleinen +zierlichen und nachlässigen Seufzer, wobei sie den Handspiegel vor den +Mund hielt. + +»Oder den anderen, das ist ja gleichgültig ... Gott, wie ihr euch +einrichten würdet! Jakobs müßte es machen, Tapezierer Jakobs in der +Fischstraße, er hat einen vornehmen Geschmack. Ich würde täglich zu +Besuch kommen ...« + +Aber dann ließ sich Mlle. Popinets Stimme vernehmen: + +»_Ah! voyons, mesdames!_ zu Bette, _s'il vous plaît_! Sie werden sich +heute abend nicht mehr verheiraten!« + +Die Sonntage aber und die Ferien verlebte Tony in der Mengstraße oder +draußen bei den Großeltern. Welch Glück, wenn am Ostersonntag gutes +Wetter war und man die Eier und Marzipanhasen in dem ungeheuren +Krögerschen Garten suchen konnte! Welche Sommerferien an der See, wenn +man im Kurhause wohnte, an der Table d'hote speiste, badete und Esel +ritt! Auch wurden in einigen Jahren, wenn der Konsul Geschäfte gemacht, +Reisen von größerer Ausdehnung unternommen. Aber welch Weihnachtsfest, +vor allem, mit drei Bescherungen: zu Hause, bei den Großeltern und bei +Sesemi, woselbst an diesem Abend der Bischof in Strömen floß ... Am +herrlichsten aber war dennoch der Weihnachtsabend zu Hause, denn der +Konsul hielt darauf, daß das heilige Christfest mit Weihe, Glanz und +Stimmung begangen ward. Wenn man in tiefer Feierlichkeit im +Landschaftszimmer versammelt war, während die Dienstboten und allerlei +alte und arme Leute, denen der Konsul die blauroten Hände drückte, sich +in der Säulenhalle drängten, dann erscholl dort draußen vierstimmiger +Gesang, den die Chorknaben der Marienkirche vollführten, und man bekam +Herzklopfen, so festlich war es. Dann, während schon durch die Spalten +der hohen, weißen Flügeltür der Tannenduft drang, verlas die Konsulin +aus der alten Familienbibel mit den ungeheuerlichen Buchstaben langsam +das Weihnachtskapitel, und war draußen noch ein Gesang verklungen, so +stimmte man »O Tannebaum« an, während man sich in feierlichem Umzuge +durch die Säulenhalle in den Saal begab, den weiten Saal mit den Statuen +in der Tapete, wo der mit weißen Lilien geschmückte Baum flimmernd, +leuchtend und duftend zur Decke ragte und die Geschenktafel von den +Fenstern bis zur Tür reichte. Aber draußen, auf dem hartgefrorenen +Schnee der Straßen musizierten die italienischen Drehorgelmänner, und +vom Marktplatz scholl der Trubel des Weihnachtsmarktes herüber. Außer +der kleinen Klara beteiligten sich auch die Kinder an dem späten +Abendessen in der Säulenhalle, bei dem es Karpfen und gefüllten Puter in +übergewaltigen Mengen gab ... + +Hier ist zu erwähnen, daß Tony Buddenbrook in diesen Jahren zwei +mecklenburgische Güter besuchte. Ein paar Sommerwochen verlebte sie mit +ihrer Freundin Armgard auf dem Besitztum des Herrn von Schilling, das +Travemünde gegenüber jenseits der Bucht an der Küste lag. Und ein +anderes Mal reiste sie mit Cousine Thilda dorthin, wo Herr Bernhard +Buddenbrook Inspektor war. Dieses Gut hieß »Ungnade« und brachte nicht +einen Heller ein; aber als Ferienaufenthalt war es trotzdem nicht zu +verachten. + +So wanderten die Jahre vorbei, und es war, alles in allem, eine +glückliche Jugendzeit, die Tony verlebte. + + + + +Dritter Teil + + +Erstes Kapitel + +Kurz nach fünf Uhr, eines Juni-Nachmittages, saß man vor dem »Portale« +im Garten, woselbst man Kaffee getrunken hatte. Drinnen in dem +weißgetünchten Raum des Gartenhauses mit dem hohen Wandspiegel, dessen +Fläche mit flatternden Vögeln bemalt war, und den beiden lackierten +Flügeltüren im Hintergrunde, die genau betrachtet gar keine Türen waren +und nur gemalte Klinken besaßen, war die Luft zu warm und dumpfig, und +man hatte die aus knorrigem, gebeiztem Holze leicht gearbeiteten Möbel +hinausgestellt. + +Im Halbkreise saßen der Konsul, seine Gattin, Tony, Tom und Klothilde um +den runden gedeckten Tisch, auf dem das benutzte Service schimmerte, +während Christian, ein wenig seitwärts, mit einem unglücklichen +Gesichtsausdruck Ciceros zweite Catilinarische Rede präparierte. Der +Konsul war mit seiner Zigarre und den »Anzeigen« beschäftigt. Die +Konsulin hatte ihre Seidenstickerei sinken lassen und sah lächelnd der +kleinen Klara zu, die mit Ida Jungmann auf dem Rasenplatze Veilchen +suchte, denn es gab zuweilen Veilchen dort. Tony hatte den Kopf in beide +Hände gestützt und las versunken in Hoffmanns »Serapionsbrüdern«, +während Tom sie mit einem Grashalm ganz vorsichtig im Nacken kitzelte, +was sie aus Klugheit aber durchaus nicht bemerkte. Und Klothilde, die +mager und ältlich in ihrem geblümten Kattunkleide dasaß, las eine +Erzählung, welche den Titel trug: »Blind, taub, stumm und dennoch +glückselig«; zwischendurch schabte sie die Biskuitreste auf dem +Tischtuche zusammen, worauf sie das Häufchen mit allen fünf Fingern +ergriff und behutsam verzehrte. + +Der Himmel, an dem unbeweglich ein paar weiße Wolken standen, begann +langsam blasser zu werden. Das Stadtgärtchen lag mit symmetrisch +angelegten Wegen und Beeten bunt und reinlich in der Nachmittagssonne. +Der Duft der Reseden, die die Beete umsäumten, kam dann und wann durch +die Luft daher. + +»Na, Tom«, sagte der Konsul gutgelaunt und nahm die Zigarre aus dem +Mund; »die Roggenangelegenheit mit van Henkdom & Comp., von der ich dir +erzählte, arrangiert sich.« + +»Was gibt er?« fragte Thomas interessiert und hörte auf, Tony zu plagen. + +»Sechzig Taler für tausend Kilo ... nicht übel, wie?« + +»Das ist vorzüglich!« Tom wußte, daß dies ein sehr gutes Geschäft war. + +»Tony, deine Haltung ist nicht _comme il faut_«, bemerkte die Konsulin, +worauf Tony, ohne die Augen von ihrem Buche zu erheben, einen Ellbogen +vom Tische nahm. + +»Das schadet nichts«, sagte Tom. »Sie kann sitzen, wie sie will, sie +bleibt immer Tony Buddenbrook. Thilda und sie sind unstreitig die +Schönsten in der Familie.« + +Klothilde war zum Sterben erstaunt. »Gott! Tom --?« machte sie, und es +war unbegreiflich, wie lang sie diese kurzen Silben zu ziehen vermochte. +Tony duldete schweigend, denn Tom war ihr überlegen, da half nichts; er +würde wieder eine Antwort finden und die Lacher auf seiner Seite haben. +Sie zog nur mit geöffneten Nasenflügeln heftig die Luft ein und hob die +Schultern empor. Als aber die Konsulin von dem bevorstehenden Ball bei +Konsul Huneus zu sprechen begann und etwas über neue Lackschuhe fallen +ließ, nahm Tony auch den anderen Ellenbogen vom Tisch und zeigte sich +lebhaft bei der Sache. + +»Ihr redet und redet«, rief Christian kläglich, »und dies ist so +fürchterlich schwer! Ich wollte, ich wäre auch Kaufmann --!« + +»Ja, du willst jeden Tag etwas anderes«, sagte Tom. -- Hierauf kam Anton +über den Hof; er kam mit einer Karte auf dem Teebrett, und man sah ihm +erwartungsvoll entgegen. + +»=Grünlich=, Agent«, las der Konsul. »Aus Hamburg. Ein angenehmer, gut +empfohlener Mann, ein Pastorssohn. Ich habe Geschäfte mit ihm. Es ist da +eine Sache ... Sage dem Herrn, Anton -- es ist dir recht Bethsy? -- er +möge sich hierher bemühen ...« + +-- Durch den Garten kam, Hut und Stock in derselben Hand, mit ziemlich +kurzen Schritten und etwas vorgestrecktem Kopf, ein mittelgroßer Mann +von etwa 32 Jahren in einem grüngelben, wolligen und langschößigen Anzug +und grauen Zwirnhandschuhen. Sein Gesicht, unter dem hellblonden, +spärlichen Haupthaar war rosig und lächelte; neben dem einen Nasenflügel +aber befand sich eine auffällige Warze. Er trug Kinn und Oberlippe +glattrasiert und ließ den Backenbart nach englischer Mode lang +hinunterhängen; diese Favoris waren von ausgesprochen goldgelber Farbe. +-- Schon von weitem vollführte er mit seinem großen, hellgrauen Hut eine +Gebärde der Ergebenheit ... + +Mit einem letzten, sehr langen Schritte trat er heran, indem er mit dem +Oberkörper einen Halbkreis beschrieb und sich auf diese Weise vor allen +verbeugte. + +»Ich störe, ich trete in einen Familienkreis«, sprach er mit weicher +Stimme und feiner Zurückhaltung. »Man hat gute Bücher zur Hand genommen, +man plaudert ... Ich muß um Verzeihung bitten!« + +»Sie sind willkommen, mein werter Herr Grünlich!« sagte der Konsul, der +sich, wie seine beiden Söhne, erhoben hatte und dem Gaste die Hand +drückte. »Ich freue mich, Sie auch außerhalb des Kontors und im Kreise +meiner Familie begrüßen zu können. Herr Grünlich, Bethsy, mein wackerer +Geschäftsfreund ... Meine Tochter Antonie ... Meine Nichte Klothilde ... +Sie kennen Thomas bereits ... Das ist mein zweiter Sohn, Christian, ein +Gymnasiast.« + +Herr Grünlich hatte wiederum auf jeden Namen mit einer Verbeugung +geantwortet. + +»Wie gesagt«, fuhr er fort, »ich habe nicht die Absicht, den +Eindringling zu spielen ... Ich komme in Geschäften, und wenn ich den +Herrn Konsul ersuchen dürfte, einen Gang mit mir durch den Garten zu +tun ...« + +Die Konsulin antwortete: + +»Sie erweisen uns eine Liebenswürdigkeit, wenn Sie nicht sofort mit +meinem Manne von Geschäften reden, sondern ein Weilchen mit unserer +Gesellschaft fürlieb nehmen wollten. Nehmen Sie Platz!« + +»Tausend Dank«, sagte Herr Grünlich bewegt. Hierauf ließ er sich auf dem +Rande des Stuhles nieder, den Tom herbeigebracht hatte, setzte sich, Hut +und Stock auf den Knien, zurecht, strich mit der Hand über seinen einen +Backenbart und ließ ein Hüsteln vernehmen, das ungefähr klang wie: +»Hä-ä-hm!« Dies alles machte den Eindruck, als wollte er sagen: »Das +wäre die Einleitung. Was nun?« + +Die Konsulin eröffnete den Hauptteil der Unterhaltung. + +»Sie sind in Hamburg zu Hause?« fragte sie, indem sie den Kopf zur Seite +neigte und ihre Arbeit im Schoße ruhen ließ. + +»Allerdings, Frau Konsulin«, entgegnete Herr Grünlich mit einer neuen +Verbeugung. »Ich habe meinen Wohnsitz in Hamburg, allein ich bin viel +unterwegs, ich bin stark beschäftigt, mein Geschäft ist ein +außerordentlich reges ... hä-ä-hm, ja, das darf ich sagen.« + +Die Konsulin zog die Brauen empor und machte eine Mundbewegung, als +sagte sie mit respektvoller Betonung: »So?« + +»Rastlose Tätigkeit ist für mich Lebensbedingung«, setzte Herr Grünlich +halb zum Konsul gewendet hinzu, und er hüstelte aufs neue, als er den +Blick bemerkte, den Fräulein Antonie auf ihm ruhen ließ, diesen kalten +und musternden Blick, mit dem junge Mädchen fremde junge Herren messen, +und dessen Ausdruck jeden Augenblick bereit scheint, in Verachtung +überzugehen. + +»Wir haben Verwandte in Hamburg«, bemerkte Tony, um etwas zu sagen. + +»Die Duchamps«, erklärte der Konsul, »die Familie meiner seligen +Mutter.« + +»Oh, ich bin vollkommen orientiert!« beeilte sich Herr Grünlich zu +erwidern. »Ich habe die Ehre, ein wenig bei den Herrschaften bekannt zu +sein. Es sind ausgezeichnete Menschen insgesamt, Menschen von Herz und +Geist, -- hä-ä-hm. In der Tat, wenn in allen Familien ein Geist +herrschte wie in dieser, so stünde es besser um die Welt. Hier findet +man Gottesglaube, Mildherzigkeit, innige Frömmigkeit, kurz die wahre +Christlichkeit, die mein Ideal ist; und damit verbinden diese +Herrschaften eine edle Weltläufigkeit, eine Vornehmheit, eine glänzende +Eleganz, Frau Konsulin, die mich persönlich nun einmal charmiert!« + +Tony dachte: Woher kennt er meine Eltern? Er sagt ihnen, was sie hören +wollen ... Der Konsul aber sprach beifällig: + +»Diese doppelte Geschmacksrichtung kleidet jeden Mann aufs beste.« + +Und die Konsulin konnte nicht umhin, dem Gaste mit einem leisen Klirren +des Armbandes die Hand zu reichen, deren Fläche sie in herzlicher Weise +ganz weit herumdrehte. + +»Sie reden mir aus der Seele, mein werter Herr Grünlich!« sagte sie. + +Hierauf verbeugte sich Herr Grünlich, setzte sich zurecht, strich über +seinen Backenbart und hüstelte, als wollte er sagen: »Fahren wir fort.« + +Die Konsulin ließ ein paar Worte fallen über die für Herrn Grünlichs +Vaterstadt so furchtbaren zweiundvierziger Maitage ... »In der Tat«, +bemerkte Herr Grünlich, »ein schweres Unglück, eine betrübende +Heimsuchung, dieser Brand. Ein Schade von 135 Millionen, ja, das ist +ziemlich genau berechnet. Übrigens bin ich meinerseits der Vorsehung zu +hohem Danke verpflichtet ... ich bin nicht im geringsten getroffen +worden. Das Feuer wütete hauptsächlich in den Kirchspielen Sankt Petri +und Nikolai ... Welch reizender Garten«, unterbrach er sich, während er +sich dankend mit einer Zigarre des Konsuls bediente, »-- doch, für einen +Stadtgarten ist er ungewöhnlich groß! Und welch farbiger Blumenflor ... +oh, mein Gott, ich gestehe meine Schwäche für Blumen und für die Natur +im allgemeinen! Diese Klatschrosen dort drüben putzen ganz ungemein ...« + +Herr Grünlich lobte die vornehme Anlage des Hauses, er lobte die ganze +Stadt überhaupt, er lobte auch die Zigarre des Konsuls und hatte für +jeden ein liebenswürdiges Wort. + +»Darf ich es wagen, mich nach Ihrer Lektüre zu erkundigen, Mademoiselle +Antonie?« fragte er lächelnd. + +Tony zog aus irgendeinem Grunde plötzlich die Brauen zusammen und +antwortete ohne Herrn Grünlich anzublicken: + +»Hoffmanns Serapionsbrüder.« + +»In der Tat! Dieser Schriftsteller hat Hervorragendes geleistet«, +bemerkte er. »Aber um Vergebung ... ich vergaß den Namen Ihres zweiten +Herrn Sohnes, Frau Konsulin.« + +»Christian.« + +»Ein schöner Name! Ich liebe, wenn ich das aussprechen darf« -- und Herr +Grünlich wandte sich wieder an den Hausherrn -- »die Namen, welche schon +an und für sich erkennen lassen, daß ihr Träger ein Christ ist. In Ihrer +Familie ist, wie ich weiß, der Name Johann erblich ... wer dächte dabei +nicht an den Lieblingsjünger des Herrn. Ich zum Beispiel, wenn ich mir +diese Bemerkung gestatten darf«, fuhr er mit Beredsamkeit fort, »heiße +wie die meisten meiner Vorfahren Bendix, -- ein Name, der ja nur als +eine mundartliche Zusammenziehung von Benedikt zu betrachten ist. Und +Sie lesen, Herr Buddenbrook? Ah, Cicero! Eine schwierige Lektüre, die +Werke dieses großen römischen Redners. _Quousque tandem, Catilina_ ... +hä-ä-hm, ja, ich habe mein Latein gleichfalls noch nicht völlig +vergessen!« + +Der Konsul sagte: + +»Ich habe, im Gegensatze zu meinem seligen Vater, immer meine Einwände +gehabt gegen diese fortwährende Beschäftigung der jungen Köpfe mit dem +Griechischen und Lateinischen. Es gibt so viele ernste und wichtige +Dinge, die zur Vorbereitung auf das praktische Leben nötig sind ...« + +»Sie sprechen meine Meinung aus, Herr Konsul«, beeilte sich Herr +Grünlich zu antworten, »bevor ich ihr Worte verleihen konnte! Eine +schwierige und, wie ich hinzuzufügen vergaß, =nicht unanfechtbare= +Lektüre. Von allem abgesehen, erinnere ich mich einiger direkt +anstößiger Stellen in diesen Reden ...« + +Als eine Pause entstand, dachte Tony: Jetzt komme ich an die Reihe. Denn +Herrn Grünlichs Blicke ruhten auf ihr. Und richtig, sie kam an die +Reihe. Herr Grünlich nämlich schnellte plötzlich ein wenig auf seinem +Sitze empor, machte eine kurze, krampfhafte und dennoch elegante +Handbewegung nach der Seite der Konsulin und flüsterte heftig: + +»Ich bitte Sie, Frau Konsulin, beachten Sie? -- Ich beschwöre Sie, mein +Fräulein«, unterbrach er sich laut, als ob Tony nur dies verstehen +sollte, »bleiben Sie noch einen Moment in dieser Stellung ...! -- +Beachten Sie«, fuhr er wieder flüsternd fort, »wie die Sonne in dem +Haare Ihres Fräulein Tochter spielt? -- Ich habe niemals schöneres Haar +gesehen!« sprach er plötzlich ernst vor Entzücken in die Luft hinein, +als ob er zu Gott oder seinem Herzen redete. + +Die Konsulin lächelte wohlgefällig, der Konsul sagte: »Setzen Sie der +Dirn keine Schwachheiten in den Kopf!« und Tony zog wiederum stumm die +Brauen zusammen. Einige Minuten darauf erhob sich Herr Grünlich. + +»Aber ich inkommodiere nicht länger, nein, bei Gott, Frau Konsulin, ich +inkommodiere nicht länger! Ich kam in Geschäften ... allein wer könnte +widerstehen ... Nun ruft die Tätigkeit! Wenn ich den Herrn Konsul +ersuchen dürfte ...« + +»Ich brauche Sie nicht zu versichern«, sagte die Konsulin, »wie sehr es +mich freuen würde, wenn Sie während der Dauer Ihres Aufenthaltes am Orte +in unserem Hause vorlieb nehmen möchten ...« + +Herr Grünlich blieb einen Augenblick stumm vor Dankbarkeit. »Ich bin +Ihnen von ganzer Seele verbunden, Frau Konsulin!« sagte er mit dem +Ausdruck der Rührung. »Aber ich darf Ihre Liebenswürdigkeit nicht +mißbrauchen. Ich bewohne ein paar Zimmer im Gasthause Stadt Hamburg ...« + +»Ein =paar= Zimmer«, dachte die Konsulin, und dies war es auch, was sie +nach Herrn Grünlichs Absicht denken sollte. + +»Jedenfalls«, beschloß sie, indem sie ihm noch einmal mit herzlicher +Bewegung die Hand bot, »hoffe ich, daß wir uns nicht zum letzten Male +gesehen haben.« + +Herr Grünlich küßte der Konsulin die Hand, wartete einen Augenblick, daß +auch Antonie ihm die ihrige reiche, was aber nicht geschah, beschrieb +einen Halbkreis mit dem Oberkörper, trat einen großen Schritt zurück, +verbeugte sich nochmals, setzte dann mit einem Schwunge und indem er das +Haupt zurückwarf, seinen grauen Hut auf und schritt mit dem Konsul +davon ... + +»Ein angenehmer Mann!« wiederholte der letztere, als er zu seiner +Familie zurückkehrte und seinen Platz wieder einnahm. + +»Ich finde ihn =albern=«, erlaubte sich Tony zu bemerken und zwar mit +Nachdruck. + +»Tony! Mein Gott! Was für ein Urteil!« rief die Konsulin ein wenig +entrüstet. »Ein so christlicher junger Mann!« + +»Ein so wohlerzogener und weltläufiger Mann!« ergänzte der Konsul. »Du +weißt nicht, was du sagst.« -- Es geschah manchmal, daß die Eltern in +dieser Weise aus Höflichkeit den Standpunkt wechselten; dann waren sie +desto sicherer, einig zu sein. + +Christian zog seine große Nase in Falten und sagte: + +»Wie wichtig er immer spricht!... Man plaudert! Wir plauderten gar +nicht. Und Klatschrosen putzen ungemein! Manchmal tut er, als ob er ganz +laut zu sich selbst spräche. Ich störe -- ich muß um Verzeihung +bitten!... Ich habe niemals schöneres Haar gesehen!...« Und Christian +ahmte Herrn Grünlich so vortrefflich nach, daß selbst der Konsul lachen +mußte. + +»Ja, er macht sich allzu wichtig!« fing Tony wieder an. »Er sprach +beständig von sich selbst! =Sein= Geschäft ist rege, =er= liebt die +Natur, =er= bevorzugt die und die Namen, =er= heißt Bendix ... Was geht +uns das an, möchte ich wissen ... Er sagt alles nur, um sich +herauszustreichen!« rief sie plötzlich ganz wütend. »Er sagte dir, Mama, +und dir, Papa, =nur=, was ihr gern hört, um sich bei euch +einzuschmeicheln!« + +»Das ist kein Vorwurf, Tony!« sagte der Konsul streng. »Man befindet +sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von seiner besten Seite, setzt +seine Worte und sucht zu gefallen -- das ist klar ...« + +»Ich finde, er ist ein guter Mensch«, sagte Klothilde sanft und gedehnt, +obgleich sie die einzige Person war, um die Herr Grünlich sich nicht im +geringsten bekümmert hatte. Thomas enthielt sich des Urteils. + +»Genug«, beschloß der Konsul, »er ist ein christlicher, tüchtiger, +tätiger und feingebildeter Mann, und du, Tony, ein großes Mädchen von 18 +oder nächstens 19 Jahren, gegen das er sich so artig und galant betragen +hat, du solltest deine Tadelsucht bezähmen. Wir alle sind schwache +Menschen, und du bist, verzeih mir, wahrlich die letzte, die einen Stein +aufheben dürfte ... Tom, an die Arbeit!« + +Tony aber murmelte vor sich hin: »Ein goldgelber Backenbart!« und dabei +zog sie die Brauen zusammen, wie sie es schon mehrere Male getan hatte. + + +Zweites Kapitel + +»Wie aufrichtig betrübt war ich, mein Fräulein, Sie zu verfehlen!« +sprach Herr Grünlich einige Tage später, als Tony, die von einem Ausgang +zurückkehrte, an der Ecke der Breiten- und Mengstraße mit ihm +zusammentraf. »Ich erlaubte mir, Ihrer Frau Mama meine Aufwartung zu +machen, und ich vermißte Sie schmerzlich ... Wie entzückt aber bin ich, +Sie nun doch noch zu treffen!« + +Fräulein Buddenbrook war stehengeblieben, da Herr Grünlich zu sprechen +begann; aber ihre Augen, die sie halb geschlossen hatte und die +plötzlich dunkel wurden, richteten sich nicht höher als auf Herrn +Grünlichs Brust, und um ihren Mund lag das spöttische und vollkommen +unbarmherzige Lächeln, mit dem ein junges Mädchen einen Mann mißt und +verwirft ... Ihre Lippen bewegten sich -- was sollte sie antworten? Ha! +es mußte ein Wort sein, das diesen Bendix Grünlich ein für allemal +zurückschleuderte, vernichtete ... aber es mußte ein gewandtes, +witziges, schlagendes Wort sein, das ihn zugleich spitzig verwundete und +ihm imponierte ... + +»Das ist nicht gegenseitig!« sagte sie, immer den Blick auf Herrn +Grünlichs Brust geheftet; und nachdem sie diesen fein vergifteten Pfeil +abgeschossen, ließ sie ihn stehen, legte den Kopf zurück und ging rot +vor Stolz über ihre sarkastische Redegewandtheit nach Hause, woselbst +sie erfuhr, daß Herr Grünlich zum nächsten Sonntag auf einen Kalbsbraten +gebeten sei ... + +Und er kam. Er kam in einem nicht ganz neumodischen, aber feinen, +glockenförmigen und faltigen Gehrock, der ihm einen Anstrich von Ernst +und Solidität verlieh, -- rosig übrigens und lächelnd, das spärliche +Haar sorgfältig gescheitelt und mit duftig frisierten Favoris. Er aß +Muschelragout, Juliennesuppe, gebackene Seezungen, Kalbsbraten mit +Rahmkartoffeln und Blumenkohl, Marasquino-Pudding und Pumpernickel mit +Roquefort und fand bei jedem Gerichte einen neuen Lobspruch, den er mit +Delikatesse vorzubringen verstand. Er hob zum Beispiel seinen +Dessertlöffel empor, blickte eine Statue der Tapete an und sprach laut +zu sich selbst: »Gott verzeihe mir, ich kann nicht anders; ich habe ein +großes Stück genossen, aber dieser Pudding ist gar zu prächtig gelungen; +ich =muß= die gütige Wirtin noch um ein Stückchen ersuchen!« Worauf er +der Konsulin schalkhaft zublinzelte. Er sprach mit dem Konsul über +Geschäfte und Politik, wobei er ernste und tüchtige Grundsätze an den +Tag legte, er plauderte mit der Konsulin über Theater, Gesellschaften +und Toiletten; er hatte auch für Tom, Christian und die arme Klothilde, +ja selbst für die kleine Klara und Mamsell Jungmann liebenswürdige Worte +... Tony verhielt sich schweigsam, und er seinerseits unternahm es +nicht, sich ihr zu nähern, sondern betrachtete sie nur dann und wann mit +seitwärts geneigtem Kopfe und einem Blick, in dem sowohl Betrübnis wie +Ermunterung lag. + +Als Herr Grünlich sich an diesem Abend verabschiedete, hatte er den +Eindruck verstärkt, den sein erster Besuch hervorgebracht. »Ein +vollkommen erzogener Mann«, sagte die Konsulin. »Ein christlicher und +achtbarer Mensch«, sagte der Konsul. Christian konnte seine Bewegungen +und Sprache nun noch besser nachahmen, und Tony sagte mit finsteren +Brauen gute Nacht, denn sie ahnte undeutlich, daß sie diesen Herrn, der +sich mit so ungewöhnlicher Schnelligkeit die Herzen ihrer Eltern erobert +hatte, nicht zum letztenmal gesehen habe. + +In der Tat, sie fand Herrn Grünlich, wenn sie nachmittags von einem +Besuche, einer Mädchengesellschaft zurückkehrte, eingenistet im +Landschaftszimmer, woselbst er der Konsulin aus Walter Scotts »Waverley« +vorlas -- und zwar mit mustergültiger Aussprache, denn die Reisen im +Dienste seines regen Geschäftes hatten ihn, wie er berichtete, auch nach +England geführt. Tony setzte sich seitab mit einem anderen Buche, und +Herr Grünlich fragte mit weicher Stimme: »Es entspricht wohl nicht Ihrem +Geschmacke, mein Fräulein, was ich lese?« Worauf sie mit +zurückgeworfenem Kopf etwas recht spitzig Sarkastisches erwiderte, wie +zum Beispiel: »Nicht im geringsten!« + +Aber er ließ sich nicht stören, er begann von seinen zu früh +verstorbenen Eltern zu erzählen und berichtete von seinem Vater, der ein +Prediger, ein Pastor, ein höchst christlicher und dabei in ebenso hohem +Grade weltläufiger Mann gewesen war ... Dann jedoch, ohne daß Tony +seiner Abschiedsvisite beigewohnt hätte, war Herr Grünlich nach Hamburg +abgereist. »Ida!« sagte sie zu Mamsell Jungmann, an der sie eine +vertraute Freundin besaß. »Der Mensch ist fort!« Ida Jungmann aber +antwortete: »Kindchen, wirst sehen ...« + +Acht Tage später ereignete sich jene Szene im Frühstückszimmer ... Tony +kam um neun Uhr herunter und war erstaunt, ihren Vater noch neben der +Konsulin am Kaffeetische zu finden. Nachdem sie sich die Stirn hatte +küssen lassen, setzte sie sich frisch, hungrig und mit schlafroten Augen +an ihren Platz, nahm Zucker und Butter und bediente sich mit grünem +Kräuterkäse. + +»Wie hübsch, Papa, daß ich dich einmal noch vorfinde!« sagte sie, +während sie mit der Serviette ihr heißes Ei erfaßte und es mit dem +Teelöffel öffnete. + +»Ich habe heute auf unsere Langschläferin gewartet«, sagte der Konsul, +der eine Zigarre rauchte und beharrlich mit dem zusammengefalteten +Zeitungsblatt leicht auf den Tisch schlug. Die Konsulin ihrerseits +beendete langsam und mit graziösen Bewegungen ihr Frühstück und lehnte +sich dann ins Sofa zurück. + +»Thilda ist schon in der Küche tätig«, fuhr der Konsul bedeutsam fort, +»und ich wäre ebenfalls bei meiner Arbeit, wenn deine Mutter und ich +nicht in einer ernsthaften Angelegenheit mit unserem Töchterchen zu +sprechen hätten.« + +Tony, den Mund voll Butterbrot, blickte ihrem Vater und dann ihrer +Mutter mit einem Gemisch von Neugier und Erschrockenheit ins Gesicht. + +»Iß nur zuvor, mein Kind«, sagte die Konsulin, und als Tony trotzdem ihr +Messer niederlegte und rief: »Nur gleich heraus damit, bitte, Papa!« +wiederholte der Konsul, der durchaus nicht aufhörte, mit der Zeitung zu +spielen: »Iß nur.« + +Während Tony unter Stillschweigen und appetitlos ihren Kaffee trank, ihr +Ei und ihren grünen Käse zum Brote verzehrte, fing sie zu ahnen an, um +was es sich handelte. Die Morgenfrische verschwand von ihrem Gesicht, +sie ward ein wenig bleich, sie dankte für Honig und erklärte bald mit +leiser Stimme, daß sie fertig sei ... + +»Mein liebes Kind«, sagte der Konsul, nachdem er noch einen Augenblick +geschwiegen hatte, »die Frage, über die wir mit dir zu reden haben, ist +in diesem Briewe enthalten.« Und er pochte nun, statt mit der Zeitung, +mit einem großen, bläulichen Kuvert auf den Tisch. »Um kurz zu sein: +Herr Bendix Grünlich, den wir alle als einen braven und liebenswürdigen +Mann kennengelernt haben, schreibt mir, daß er während seines hiesigen +Aufenthaltes eine tiefe Neigung zu unserer Tochter gefaßt habe, und +bittet in aller Form um ihre Hand. Was denkt unser gutes Kind darüber?« + +Tony saß mit gesenktem Kopfe zurückgelehnt, und ihre rechte Hand drehte +den silbernen Serviettenring langsam um sich selbst. Plötzlich aber +schlug sie die Augen auf, Augen, die ganz dunkel geworden waren und voll +von Tränen standen. Und mit bedrängter Stimme stieß sie hervor: + +»Was will dieser Mensch von mir --! Was habe ich ihm getan --?!« Worauf +sie in Weinen ausbrach. -- + +Der Konsul warf seiner Gattin einen Blick zu und betrachtete ein wenig +verlegen seine leere Tasse. + +»Liebe Tony«, sagte die Konsulin sanft, »wozu dies Echauffement! Du +kannst sicher sein, nicht wahr, daß deine Eltern nur dein Bestes im Auge +haben, und daß sie dir nicht raten können, die Lebensstellung +auszuschlagen, die man dir anbietet. Siehst du, ich nehme an, daß du +noch keine entscheidenden Empfindungen für Herrn Grünlich hegst, aber +das kommt, ich versichere dich, das kommt mit der Zeit ... Einem so +jungen Dinge, wie du, ist es niemals klar, was es eigentlich will ... Im +Kopfe sieht es so wirr aus wie im Herzen ... Man muß dem Herzen Zeit +lassen und den Kopf offen halten für die Zusprüche erfahrener Leute, die +planvoll für unser Glück sorgen ...« + +»Ich weiß gar nichts von ihm --« brachte Tony trostlos hervor und +drückte mit der kleinen weißen Batistserviette, in der sich Eiflecke +befanden, ihre Augen. »Ich weiß nur, daß er einen goldgelben Backenbart +hat und ein reges Geschäft ...« Ihre Oberlippe, die beim Weinen +zitterte, machte einen unaussprechlich rührenden Eindruck. + +Der Konsul rückte mit einer Bewegung plötzlicher Zärtlichkeit seinen +Stuhl an sie heran und strich lächelnd über ihr Haar. + +»Meine kleine Tony«, sagte er, »was solltest du auch von ihm wissen? Du +bist ein Kind, siehst du, du würdest nicht mehr von ihm wissen, wenn er +nicht vier Wochen, sondern deren zweiundfünfzig hier verlebt hätte ... +Du bist ein kleines Mädchen, das noch keine Augen hat für die Welt, und +das sich auf die Augen anderer Leute verlassen muß, die Gutes mit dir im +Sinne haben ...« + +»Ich verstehe es nicht ... ich verstehe es nicht ...« schluchzte Tony +fassungslos und schmiegte ihren Kopf wie ein Kätzchen unter die +streichelnde Hand. »Er kommt hierher ... sagt allen etwas Angenehmes ... +reist wieder ab ... und schreibt, daß er mich ... ich verstehe es nicht +... wie kommt er dazu ... was habe ich ihm getan?!...« + +Der Konsul lächelte wieder. »Das hast du schon einmal gesagt, Tony, und +es zeigt so recht deine kindliche Ratlosigkeit. Mein Töchterchen muß +durchaus nicht glauben, daß ich es drängen und quälen will ... Das alles +kann mit Ruhe erwogen werden, =muß= mit Ruhe erwogen werden, denn es ist +eine ernste Sache. Das werde ich auch Herrn Grünlich vorläufig antworten +und sein Gesuch weder abschlagen noch bewilligen ... Es gibt da viele +Dinge zu überlegen ... So ... sehen wir wohl? abgemacht! Nun geht Papa +an seine Arbeit ... Adieu, Bethsy ...« + +»Auf Wiedersehen, mein lieber Jean.« + +-- »Du solltest immerhin noch ein wenig Honig nehmen, Tony«, sagte die +Konsulin, als sie mit ihrer Tochter allein geblieben war, die +unbeweglich und mit gesenktem Kopfe an ihrem Platze blieb. »Essen muß +man hinlänglich ...« + +Tonys Tränen versiegten allmählich. Ihr Kopf war heiß und voll von +Gedanken ... Gott! was für eine Angelegenheit! Sie hatte es ja gewußt, +daß sie eines Tages die Frau eines Kaufmannes werden, eine gute und +vorteilhafte Ehe eingehen werde, wie es der Würde der Familie und der +Firma entsprach ... Aber nun geschah es ihr plötzlich zum ersten Male, +daß jemand sie wirklich und allen Ernstes heiraten wollte! Wie sollte +man sich dabei benehmen? Für sie, Tony Buddenbrook, handelte es sich +plötzlich um alle diese furchtbar gewichtigen Ausdrücke, die sie +bislang nur gelesen hatte: um ihr »Jawort«, um ihre »Hand« ... »fürs +Leben« ... Gott! Was für eine gänzlich neue Lage auf einmal! + +»Und du, Mama?« sagte sie. »Du rätst mir also auch, mein ... Jawort zu +geben?« Sie zögerte einen Augenblick vor dem »Jawort«, weil es ihr allzu +hochtrabend und genant erschien; dann aber sprach sie es zum ersten Male +in ihrem Leben mit Würde aus. Sie begann, sich ihrer anfänglichen +Fassungslosigkeit ein wenig zu schämen. Es erschien ihr nicht weniger +unsinnig, als zehn Minuten früher, Herrn Grünlich zu heiraten, aber die +Wichtigkeit ihrer Stellung fing an, sie mit Wohlgefallen zu erfüllen. + +Die Konsulin sagte: + +»Zuraten, mein Kind? Hat Papa dir zugeraten? Er hat dir nicht abgeraten, +das ist alles. Und es wäre unverantwortlich, von ihm wie von mir, wenn +wir das tun wollten. Die Verbindung, die sich dir darbietet, ist +vollkommen das, was man eine gute Partie nennt, meine liebe Tony ... Du +kämest nach Hamburg in ausgezeichnete Verhältnisse und würdest auf +großem Fuße leben ...« + +Tony saß bewegungslos. Etwas wie seidene Portièren tauchte plötzlich vor +ihr auf, wie es deren im Salon der Großeltern gab ... Ob sie als Madame +Grünlich morgens Schokolade trinken würde? Es schickte sich nicht, +danach zu fragen. + +»Wie dein Vater dir sagte: du hast Zeit zur Überlegung«, fuhr die +Konsulin fort. »Aber wir müssen dir zu bedenken geben, daß sich eine +solche Gelegenheit, dein Glück zu machen, nicht alle Tage bietet, und +daß diese Heirat genau das ist, was Pflicht und Bestimmung dir +vorschreiben. Ja, mein Kind, auch das muß ich dir vorhalten. Der Weg, +der sich dir heute eröffnet, ist der dir vorgeschriebene, das weißt du +selbst recht wohl ...« + +»Ja«, sagte Tony gedankenvoll. »Gewiß.« Sie war sich ihrer +Verpflichtungen gegen die Familie und die Firma wohl bewußt, und sie war +stolz auf diese Verpflichtungen. Sie, Antonie Buddenbrook, vor der der +Träger Matthiesen tief seinen rauhen Zylinder abnahm, und die als +Tochter des Konsuls Buddenbrook in der Stadt wie eine kleine Herrscherin +umherging, war von der Geschichte ihrer Familie durchdrungen. Schon der +Gewandschneider zu Rostock hatte sich =sehr= gut gestanden, und seit +seiner Zeit war es immer glänzender bergauf gegangen. Sie hatte den +Beruf, auf ihre Art den Glanz der Familie und der Firma »Johann +Buddenbrook« zu fördern, indem sie eine reiche und vornehme Heirat +einging ... Tom arbeitete dafür im Kontor ... Ja, die Art dieser Partie +war sicherlich die richtige; aber ausgemacht Herr Grünlich ... Sie sah +ihn vor sich, seine goldgelben Favoris, sein rosiges, lächelndes Gesicht +mit der Warze am Nasenflügel, seine kurzen Schritte, sie glaubte seinen +wolligen Anzug zu fühlen und seine weiche Stimme zu hören ... + +»Ich wußte wohl«, sagte die Konsulin, »daß wir ruhigen Vorstellungen +zugänglich sind ... haben wir vielleicht schon einen Entschluß gefaßt?« + +»O bewahre!« rief Tony, und sie betonte das »O« mit plötzlicher +Entrüstung. »Was für ein Unsinn, Grünlich zu heiraten! Ich habe ihn +beständig mit spitzen Redensarten verhöhnt ... Ich begreife überhaupt +nicht, daß er mich noch leiden mag! Er müßte doch ein bißchen Stolz im +Leibe haben ...« + +Und damit fing sie an, sich Honig auf eine Scheibe Landbrot zu träufeln. + + +Drittes Kapitel + +In diesem Jahre unternahmen Buddenbrooks auch während der Schulferien +Christians und Klaras keine Erholungsreise. Der Konsul erklärte, +geschäftlich zu sehr in Anspruch genommen zu sein, und die schwebende +Frage in betreff Antoniens trug dazu bei, daß man abwartend in der +Mengstraße verblieb. An Herrn Grünlich war, von der Hand des Konsuls +geschrieben, ein überaus diplomatischer Brief abgegangen; aber der +Fortgang der Dinge ward durch Tonys in den kindischsten Formen geäußerte +Hartnäckigkeit behindert. »Bewahre, Mama!« sagte sie. »Ich kann ihn +nicht ausstehen!« wobei sie die zweite Silbe des letzten Wortes mit +höchstem Nachdruck betonte und das »st« ausnahmsweise nicht getrennt +sprach. Oder sie erklärte mit Feierlichkeit: »Vater!« -- sonst pflegte +Tony »Papa« zu sagen -- »Ich werde ihm mein Jawort niemals erteilen.« + +Auf diesem Punkte wäre die Angelegenheit sicherlich noch lange Zeit +stehengeblieben, wenn sich nicht, zehn Tage vielleicht nach jener +Unterredung im Frühstückszimmer -- man stand in der Mitte des Juli --, +das Folgende ereignet hätte ... + +Es war Nachmittag -- ein blauer, warmer Nachmittag; die Konsulin war +ausgegangen, und Tony saß mit einem Romane allein im Landschaftszimmer +am Fenster, als Anton ihr eine Visitkarte überbrachte. Bevor sie noch +Zeit gehabt, den Namen zu lesen, betrat ein Herr in glockenförmigem +Gehrock und erbsenfarbenem Beinkleid das Zimmer; es war, wie sich +versteht, Herr Grünlich, und auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck +flehender Zärtlichkeit. + +Tony fuhr entsetzt auf ihrem Stuhle empor und machte eine Bewegung, als +wollte sie in den Eßsaal entfliehen ... Wie war es möglich, noch mit +einem Herrn zu sprechen, der um ihre Hand angehalten hatte? Das Herz +pochte ihr bis in den Hals hinauf, und sie war sehr bleich geworden. +Solange sie Herrn Grünlich weit entfernt wußte, hatten die ernsthaften +Verhandlungen mit den Eltern und die plötzliche Wichtigkeit ihrer Person +und Entscheidung ihr geradezu Spaß gemacht. Nun aber war er wieder da! +Er stand vor ihr! Was würde geschehen? Sie fühlte schon wieder, daß sie +weinen werde. + +Mit raschen Schritten, die Arme ausgebreitet und den Kopf zur Seite +geneigt, in der Haltung eines Mannes, welcher sagen will: Hier bin ich! +Töte mich, wenn du willst! kam Herr Grünlich auf sie zu. »Welch eine +Fügung!« rief er. »Ich finde =Sie=, Antonie!« Er sagte »Antonie«. + +Tony, die, ihren Roman in der Rechten, aufgerichtet an ihrem Stuhle +stand, schob die Lippen hervor, und indem sie bei jedem Worte eine +Kopfbewegung von unten nach oben machte und jedes dieser Worte mit einer +tiefen Entrüstung betonte, stieß sie hervor: + +»Was -- fällt -- Ihnen -- ein!« + +Trotzdem standen ihr die Tränen bereits in der Kehle. + +Herrn Grünlichs Bewegung war allzu groß, als daß er diesen Einwurf hätte +beachten können. + +»Konnte ich länger warten ... Mußte ich nicht hierher zurückkehren?« +fragte er eindringlich. »Ich habe vor einer Woche den Brief Ihres +=lieben= Herrn Vaters erhalten, diesen Brief, der mich mit Hoffnung +erfüllt hat! Konnte ich noch länger in halber Gewißheit verharren, +Fräulein Antonie? Ich hielt es nicht länger aus ... Ich habe mich in +einen Wagen geworfen ... Ich bin hierher geeilt ... Ich habe ein paar +Zimmer im Gasthofe Stadt Hamburg genommen ... und da bin ich, Antonie, +um von Ihren Lippen das letzte, entscheidende Wort in Empfang zu nehmen, +das mich glücklicher machen wird, als ich es zu sagen vermag!« + +Tony war erstarrt; ihre Tränen traten zurück vor Verblüffung. Das also +war die Wirkung des vorsichtigen väterlichen Briefes, der jede +Entscheidung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben hatte! -- Sie +stammelte drei- oder viermal: + +»Sie irren sich. -- Sie irren sich ...« + +Herr Grünlich hatte einen Armsessel ganz dicht an ihren Fenstersitz +herangezogen, er setzte sich, er nötigte auch sie selbst, sich wieder +niederzulassen, und während er, vornübergebeugt, ihre Hand, die schlaff +war vor Ratlosigkeit, in der seinen hielt, fuhr er mit bewegter Stimme +fort: + +»Fräulein Antonie ... Seit dem ersten Augenblicke, seit jenem +Nachmittage ... Sie erinnern sich jenes Nachmittages?... als ich Sie zum +ersten Male im Kreise der Ihrigen, eine so vornehme, so traumhaft +liebliche Erscheinung, erblickte ... ist Ihr Name mit unauslöschlichen +Buchstaben in mein Herz geschrieben ...« Er verbesserte sich und sagte: +»gegraben«. »Seit jenem Tage, Fräulein Antonie, ist es mein einziger, +mein heißer Wunsch, Ihre schöne Hand fürs Leben zu gewinnen, und was der +Brief Ihres =lieben= Herrn Vaters mich nur hoffen ließ, das werden Sie +mir nun zur glücklichen Gewißheit machen ... nicht wahr?! ich darf mit +Ihrer Gegenneigung rechnen ... Ihrer Gegenneigung sicher sein!« Hierbei +ergriff er auch mit der anderen Hand die ihre und blickte ihr tief in +die ängstlich geöffneten Augen. Er trug heute keine Zwirnhandschuhe; +seine Hände waren lang, weiß und von hohen, blauen Adern durchzogen. + +Tony starrte in sein rosiges Gesicht, auf die Warze an seiner Nase, und +in seine Augen, die so blau waren wie diejenigen einer Gans. + +»Nein, nein!« brachte sie rasch und angstvoll hervor. Hierauf sagte sie +noch: »Ich gebe Ihnen nicht mein Jawort!« Sie bemühte sich fest zu +sprechen, aber sie weinte schon. + +»Womit habe ich dieses Zweifeln und Zögern Ihrerseits verdient?« fragte +er mit tief gesenkter und fast vorwurfsvoller Stimme. »Sie sind ein von +liebender Sorgfalt behütetes und verwöhntes Mädchen ... aber ich schwöre +Ihnen, ja, ich verpfände Ihnen mein Manneswort, daß ich Sie auf Händen +tragen werde, daß Sie als meine Gattin nichts entbehren werden, daß Sie +in Hamburg ein Ihrer würdiges Leben führen werden ...« + +Tony sprang auf, sie befreite ihre Hand, und während ihre Tränen +hervorstürzten, rief sie völlig verzweifelt: + +»Nein ... nein! Ich habe ja =nein= gesagt! Ich gebe Ihnen einen Korb, +verstehen Sie das denn nicht, Gott im Himmel?!...« + +Allein auch Herr Grünlich erhob sich. Er trat einen Schritt zurück, er +breitete die Arme aus, indem er ihr beide Handflächen entgegenhielt, und +sprach mit dem Ernst eines Mannes von Ehre und Entschluß: + +»Wissen Sie, Mademoiselle Buddenbrook, daß ich mich nicht in dieser +Weise beleidigen lassen darf?« + +»Aber ich beleidige Sie nicht, Herr Grünlich«, sagte Tony, denn sie +bereute, so heftig gewesen zu sein. Mein Gott, mußte gerade ihr dies +begegnen! Sie hatte sich so eine Werbung nicht vorgestellt. Sie hatte +geglaubt, man brauche nur zu sagen: »Ihr Antrag ehrt mich, aber ich kann +ihn nicht annehmen«, damit alles erledigt sei ... + +»Ihr Antrag ehrt mich«, sagte sie so ruhig sie konnte; »aber ich kann +ihn nicht annehmen ... So, und ich muß Sie nun ... verlassen, +entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit mehr.« + +Aber Herr Grünlich stand ihr im Wege. + +»Sie weisen mich zurück?« fragte er tonlos ... + +»Ja«, sagte Tony; und aus Vorsicht fügte sie hinzu: »Leider« ... + +Da atmete Herr Grünlich heftig auf, er machte zwei große Schritte +rückwärts, beugte den Oberkörper zur Seite, wies mit dem Zeigefinger auf +den Teppich und rief mit fürchterlicher Stimme: + +»Antonie --!« + +So standen sie sich während eines Augenblicks gegenüber; er in +aufrichtig erzürnter und gebietender Haltung, Tony blaß, verweint und +zitternd, das feuchte Taschentuch am Munde. Endlich wandte er sich ab +und durchmaß, die Hände auf dem Rücken, zweimal das Zimmer, als sei er +hier zu Hause. Dann blieb er am Fenster stehen und blickte durch die +Scheiben in die beginnende Dämmerung. + +Tony schritt langsam und mit einer gewissen Behutsamkeit auf die Glastür +zu; aber sie befand sich erst in der Mitte des Zimmers, als Herr +Grünlich aufs neue bei ihr stand. + +»Tony!« sagte er ganz leise, während er sanft ihre Hand erfaßte; und er +sank ... sank langsam bei ihr zu Boden auf die Knie. Seine beiden +goldgelben Favoris lagen auf ihrer Hand. + +»Tony ...«, wiederholte er, »sehen Sie mich hier ... Dahin haben Sie es +gebracht ... Haben Sie ein Herz, ein fühlendes Herz?... Hören Sie mich +an ... Sie sehen einen Mann vor sich, der vernichtet, zugrunde gerichtet +ist, wenn ... ja, der vor Kummer sterben wird«, unterbrach er sich mit +einer gewissen Hast, »wenn Sie seine Liebe verschmähen! Hier liege ich +... bringen Sie es über das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue Sie --?« + +»Nein, nein!« sagte Tony plötzlich in tröstendem Ton. Ihre Tränen waren +versiegt, Rührung und Mitleid stiegen in ihr auf. Mein Gott, wie sehr +mußte er sie lieben, daß er diese Sache, die ihr selbst innerlich ganz +fremd und gleichgültig war, so weit trieb! War es möglich, daß =sie= +dies erlebte? In Romanen las man dergleichen, und nun lag im +gewöhnlichen Leben ein Herr im Gehrock vor ihr auf den Knien und +flehte!... Ihr war der Gedanke, ihn zu heiraten, einfach unsinnig +erschienen, weil sie Herrn Grünlich albern gefunden hatte. Aber, bei +Gott, in diesem Augenblicke war er durchaus nicht albern! Aus seiner +Stimme und seinem Gesicht sprach eine so ehrliche Angst, eine so +aufrichtige und verzweifelte Bitte ... + +»Nein, nein«, wiederholte sie, indem sie sich ganz ergriffen über ihn +beugte, »ich verabscheue Sie nicht, Herr Grünlich, wie können Sie +dergleichen sagen!... Aber nun stehen Sie auf ... bitte ...« + +»Sie wollen mich nicht töten?« fragte er wieder, und sie sagte noch +einmal in einem beinahe mütterlich tröstenden Ton: + +»Nein -- nein ...« + +»Das ist ein Wort!« rief Herr Grünlich und sprang auf die Füße. Sofort +aber, als er Tonys erschrockene Bewegung sah, ließ er sich noch einmal +nieder und sagte ängstlich beschwichtigend: + +»Gut, gut ... sprechen Sie nun nichts mehr, Antonie! Genug für diesmal, +ich bitte Sie, von dieser Sache ... Wir reden weiter davon ... Ein +anderes Mal ... Ein anderes Mal ... Leben Sie wohl für heute ... Leben +Sie wohl ... Ich kehre zurück ... Leben Sie wohl! --« + +Er hatte sich rasch erhoben, er hatte seinen großen grauen Hut vom +Tische gerissen, hatte ihre Hand geküßt und war durch die Glastür +hinausgeeilt. + +Tony sah, wie er in der Säulenhalle seinen Stock ergriff und im Korridor +verschwand. Sie stand, völlig verwirrt und erschöpft, inmitten des +Zimmers, das feuchte Taschentuch in einer ihrer hinabhängenden Hände. + + +Viertes Kapitel + +Konsul Buddenbrook sagte zu seiner Gattin: + +»Wenn ich mir denken könnte, daß Tony irgendeinen delikaten Beweggrund +hat, sich für diese Verbindung nicht entschließen zu können! Aber sie +ist ein Kind, Bethsy, sie ist vergnügungslustig, tanzt auf Bällen, läßt +sich von den jungen Leuten bekuren, und zwar mit Pläsier, denn sie weiß, +daß sie hübsch und von Familie ist ... sie ist vielleicht im geheimen +und unbewußt auf der Suche, aber ich kenne sie, sie hat ihr Herz, wie +man zu sagen pflegt, noch gar nicht entdeckt ... Fragte man sie, so +würde sie den Kopf hin und her drehen und nachdenken ... aber sie würde +niemanden finden ... Sie ist ein Kind, ein Spatz, ein Springinsfeld ... +Sagt sie ja, so wird sie ihren Platz gefunden haben, sie wird sich nett +installieren können, wonach ihr der Sinn steht, und ihren Mann schon +nach ein paar Tagen lieben ... Er ist kein Beau, nein, mein Gott, nein, +er ist kein Beau ... aber er ist immerhin im höchsten Grade präsentabel, +und man kann am Ende nicht fünf Beine auf ein Schaf verlangen, wenn du +mir die kaufmännische Phrase zugut halten willst!... Wenn sie warten +will, bis jemand kommt, der eine Schönheit und außerdem eine gute Partie +ist -- nun, Gott befohlen! Tony Buddenbrook findet immer noch etwas. +Indessen andererseits ... es bleibt ein Risiko, und, um wieder +kaufmännisch zu reden, Fischzug ist alle Tage, aber nicht alle Tage +Fangetag!... Ich habe gestern vormittag in einer längeren Unterredung +mit Grünlich, der sich ja mit dem andauerndsten Ernste bewirbt, seine +Bücher gesehen ... er hat sie mir vorgelegt ... Bücher, Bethsy, zum +Einrahmen! Ich habe ihm mein höchstes Vergnügen ausgesprochen! Seine +Sachen stehen für ein so junges Geschäft recht gut, recht gut. Sein +Vermögen beläuft sich auf etwa 120000 Taler, was ersichtlich nur die +vorläufige Grundlage ist, denn er macht jährlich einen hübschen Schnitt +... Was Duchamps sagen, die ich befragte, klingt auch nicht übel: Seine +Verhältnisse seien ihnen zwar nicht bekannt, aber er lebe _gentleman +like_, verkehre in der besten Gesellschaft, und sein Geschäft sei ein +notorisch lebhaftes und weit verzweigtes ... Was ich bei einigen anderen +Hamburger Leuten, wie zum Beispiel bei einem Bankier Kesselmeyer, +erfahren, hat mich gleichfalls vollauf befriedigt. Kurz, wie du weißt, +Bethsy, ich kann nicht anders, als diese Heirat, die der Familie und der +Firma nur zum Vorteil gereichen würde, dringend erwünschen! -- Es tut +mir ja leid, mein Gott, daß das Kind sich in einer bedrängten Lage +befindet, daß sie von allen Seiten umlagert ist, bedrückt umhergeht und +kaum noch spricht; aber ich kann mich schlechterdings nicht +entschließen, Grünlich kurzerhand abzuweisen ... denn noch eines, +Bethsy, und das kann ich nicht oft genug wiederholen: Wir haben uns in +den letzten Jahren bei Gott nicht in allzu hocherfreulicher Weise +aufgenommen. Nicht als ob der Segen fehlte, behüte, nein, treue Arbeit +wird redlich belohnt. Die Geschäfte gehen ruhig ... ach, allzu ruhig, +und auch das nur, weil ich mit äußerster Vorsicht zu Werke gehe. Wir +sind nicht vorwärts gekommen, nicht wesentlich, seit Vater abgerufen +wurde. Die Zeiten jetzt sind wahrhaftig nicht gut für den Kaufmann ... +Kurz, es ist nicht viele Freude dabei. Unsere Tochter ist heiratsfähig +und in der Lage, eine Partie zu machen, die allen Leuten als vorteilhaft +und rühmlich in die Augen springt -- sie soll sie machen! Warten ist +nicht ratsam, nicht ratsam, Bethsy! Sprich noch einmal mit ihr; ich habe +ihr heute Nachmittag nach Kräften zugeredet ...« + +-- Tony war in bedrängter Lage, darin hatte der Konsul recht. Sie sagte +nicht mehr »nein«, aber sie vermochte auch das »Ja« nicht über die +Lippen zu bringen -- Gott mochte ihr helfen! Sie begriff selbst nicht +recht, warum sie sich die Zusage nicht abgewinnen konnte. + +Unterdessen nahm sie hier der Vater beiseite und sprach ein ernstes +Wort, ließ dort die Mutter sie bei sich Platz nehmen, um eine endliche +Entschließung zu fordern ... Onkel Gotthold und seine Familie hatte man +in die Angelegenheit nicht eingeweiht, weil sie immer ein bißchen mokant +gegen die in der Mengstraße gestimmt waren. Aber sogar Sesemi Weichbrodt +hatte von der Sache erfahren und riet mit korrekter Aussprache zum +guten, selbst Mamsell Jungmann sagte: »Tonychen, mein Kindchen, brauchst +keine Sorge haben, bleibst in den ersten Kreisen ...« und Tony konnte +nicht den verehrten seidnen Salon draußen vorm Burgtore besuchen, ohne +daß die alte Madame Kröger anfing: »_A propos_, ich höre da von einer +Affäre, ich hoffe, du wirst Räson annehmen, Kleine ...« + +Eines Sonntags, als sie mit den Eltern und Geschwistern in der +Marienkirche saß, redete Pastor Kölling in starken Worten über den Text, +der da besagt, daß das Weib Vater und Mutter verlassen und dem Manne +nachfolgen soll -- wobei er plötzlich ausfallend wurde. Tony starrte +entsetzt zu ihm empor, ob er sie vielleicht sogar ansähe ... Nein, Gott +sei Dank, er hielt seinen dicken Kopf nach einer anderen Seite gewandt +und predigte nur im allgemeinen über die andächtige Menge hin; und +dennoch war es nur allzu klar, daß dies ein neuer Angriff auf sie war +und jedes Wort ihr galt. Ein jugendliches, ein noch kindliches Weib, +verkündete er, das noch keinen eigenen Willen und keine eigene Einsicht +besitze und dennoch den liebevollen Ratschlüssen der Eltern sich +widersetze, das sei strafbar, das wolle der Herr ausspeien aus seinem +Munde ... und bei dieser Wendung, welche zu denen gehörte, für die +Pastor Kölling schwärmte und die er mit Begeisterung hervorbrachte, traf +Tony dennoch ein durchdringender Blick aus seinen Augen, der von einer +furchtbaren Armbewegung begleitet war ... Tony sah, wie ihr Vater neben +ihr eine Hand erhob, als wollte er sagen: »So! nicht zu heftig ...« Aber +es war kein Zweifel, daß Pastor Kölling von ihm oder der Mutter ins +Einverständnis gezogen war. Rot und gebückt saß sie an ihrem Platze, mit +dem Gefühle, daß die Augen aller Welt auf ihr ruhten -- und am nächsten +Sonntage weigerte sie sich aufs bestimmteste, die Kirche zu besuchen. + +Sie ging schweigsam umher, sie lachte nicht mehr genug, sie verlor +geradezu den Appetit und seufzte manchmal so herzbrechend, als ringe sie +mit einem Entschlusse, um dann die Ihren kläglich anzusehen ... Man +mußte Mitleid mit ihr haben. Sie magerte wahrhaftig ab und büßte an +Frische ein. Schließlich sagte der Konsul: + +»Das geht nicht länger, Bethsy, wir dürfen das Kind nicht malträtieren. +Sie muß mal ein bißchen heraus, zur Ruhe kommen und sich besinnen; du +sollst sehen, dann nimmt sie Vernunft an. Ich kann mich nicht losmachen, +und die Ferien sind beinahe vorüber ... aber wir können auch alle ganz +gut zu Hause bleiben. Gestern war zufällig der alte Schwarzkopf von +Travemünde hier, Diederich Schwarzkopf, der Lotsenkommandeur. Ich ließ +ein paar Worte fallen, und er zeigte sich mit Vergnügen bereit, die Dirn +für einige Zeit bei sich aufzunehmen ... Ich gebe ihm eine kleine +Entschädigung ... Da hat sie eine behagliche Häuslichkeit, kann baden +und Luft schnappen und mit sich ins reine kommen. Tom fährt mit ihr, und +alles ist in Ordnung. Das geschieht besser morgen als später ...« + +Mit diesem Einfalle erklärte Tony sich freudig einverstanden. Sie bekam +Herrn Grünlich zwar kaum zu Gesicht, aber sie wußte, daß er in der Stadt +war, mit den Eltern verhandelte und wartete ... Mein Gott, er konnte +jeden Tag wieder vor ihr stehen, um zu schreien und zu flehen! In +Travemünde und in einem fremden Hause würde sie sicherer vor ihm sein +... So packte sie eilig und vergnügt ihren Koffer, und dann, an einem +der letzten Julitage, stieg sie mit Tom, der sie begleiten sollte, in +die majestätische Krögersche Equipage, sagte in bester Laune Adieu und +fuhr aufatmend zum Burgtor hinaus. + + +Fünftes Kapitel + +Nach Travemünde geht es immer geradeaus, mit der Fähre übers Wasser und +dann wieder geradeaus; der Weg war beiden wohlbekannt. Die graue +Chaussee glitt flink unter den hohl und taktmäßig aufschlagenden Hufen +von Lebrecht Krögers dicken Braunen aus Mecklenburg dahin, obgleich die +Sonne brannte und der Staub die spärliche Aussicht verhüllte. Man hatte +ausnahmsweise um 1 Uhr zu Mittag gegessen, und die Geschwister waren +punkt 2 Uhr abgefahren, so würden sie kurz nach 4 Uhr anlangen, denn +wenn eine Droschke drei Stunden gebraucht, so hatte der Krögersche +Jochen Ehrgeiz genug, den Weg in zweien zu machen. + +Tony nickte in träumerischem Halbschlaf unter ihrem großen, flachen +Strohhut und ihrem mit cremefarbenen Spitzen besetzten Sonnenschirm, der +bindfadengrau war, wie ihr schlicht gearbeitetes, schlankes Kleid, und +den sie gegen das Rückverdeck gelehnt hatte. Ihre Füße in Schuhen mit +Kreuzbändern und weißen Strümpfen hatte sie zierlich übereinander +gestellt; sie saß bequem und elegant zurückgelehnt, wie für die Equipage +geschaffen. + +Tom, schon zwanzigjährig, mit Akkuratesse in blaugraues Tuch gekleidet, +hatte den Strohhut zurückgeschoben und rauchte russische Zigaretten. Er +war nicht sehr groß geworden; aber sein Schnurrbart, dunkler als Haar +und Wimpern, begann kräftig zu wachsen. Indem er nach seiner Gewohnheit +eine Braue ein wenig emporzog, blickte er in die Staubwolken und auf die +vorüberziehenden Chausseebäume. + +Tony sagte: + +»Ich bin noch niemals so froh gewesen, nach Travemünde zu kommen, wie +diesmal, ... erstens aus allerhand Gründen, Tom, du brauchst dich +durchaus nicht zu mokieren; ich wollte, ich könnte ein gewisses Paar +goldgelber Kotelettes noch einige Meilen weiter zurücklassen ... Dann +aber wird es ein ganz neues Travemünde sein, da in der Vorderreihe bei +Schwarzkopfs ... Ich werde mich gar nicht um die Kurgesellschaft +bekümmern ... Das kenne ich zur Genüge ... Und ich bin gar nicht dazu +aufgelegt ... Überdies steht dem ... Menschen da draußen alles offen, er +geniert sich nicht, paß auf, er würde eines Tages hold lächelnd neben +mir auftauchen ...« + +Tom warf die Zigarette fort und nahm sich eine neue aus der Büchse, in +deren Deckel eine von Wölfen überfallene Troika kunstvoll eingelegt war: +das Geschenk irgendeines russischen Kunden an den Konsul. Die +Zigaretten, diese kleinen scharfen Dinger mit gelbem Mundstück waren +Toms Leidenschaft; er rauchte sie massenweise und hatte die schlimme +Gewohnheit, den Rauch tief in die Lunge zu atmen, so daß er beim +Sprechen langsam wieder hervorsprudelte. + +»Ja«, sagte er, »was das betrifft, im Kurgarten wimmelt es von +Hamburgern. Konsul Fritsche, der das ganze gekauft hat, ist ja selbst +einer ... Er soll augenblicklich glänzende Geschäfte machen, sagt Papa +... Übrigens läßt du dir doch manches entgehen, wenn du nicht ein +bißchen mittust ... Peter Döhlmann ist natürlich dort; um diese Zeit ist +er nie in der Stadt; sein Geschäft geht ja wohl von selbst im Hundetrab +... komisch! Na ... Und Onkel Justus kommt sicher Sonntags ein bißchen +hinaus und macht der Roulette einen Besuch ... Dann sind da Möllendorpfs +und Kistenmakers, glaube ich, vollzählig, und Hagenströms ...« + +»Ha! -- Natürlich! Wie wäre Sarah Semlinger wohl entbehrlich ...« + +»Sie heißt übrigens Laura, mein Kind, man muß gerecht sein.« + +»Mit Julchen natürlich ... Julchen =soll= sich diesen Sommer mit August +Möllendorpf verloben, und Julchen =wird= es tun! Dann gehören sie doch +endgültig dazu! Weißt du, Tom, es ist empörend! Diese hergelaufene +Familie ...« + +»Ja, lieber Gott ... Strunck & Hagenström machen sich geschäftlich +heraus; das ist die Hauptsache ...« + +»Selbstverständlich! und man weiß ja auch, wie sie's machen ... Mit den +Ellenbogen, weißt du ... ohne jede Kulanz und Vornehmheit ... Großvater +sagte von Hinrich Hagenström: `Dem kalbt der Ochse´, das waren seine +Worte ...« + +»Ja, ja, ja, das ist nun einerlei. Verdienen wird groß geschrieben. Und +was diese Verlobung betrifft, so ist das ein ganz korrektes Geschäft. +Julchen wird eine Möllendorpf, und August bekommt einen hübschen +Posten ...« + +»Ach ... du willst mich übrigens ärgern, Tom, das ist alles ... Ich +verachte diese Menschen ...« + +Tom fing an zu lachen. »Mein Gott ... man wird sich mit ihnen einrichten +müssen, weißt du. Wie Papa neulich sagte: Sie sind die Heraufkommenden +... Während zum Beispiel Möllendorpfs ... Und dann kann man den +Hagenströms die Tüchtigkeit nicht absprechen. Hermann ist schon sehr +nützlich im Geschäft und Moritz hat trotz seiner schwachen Brust die +Schule glänzend absolviert. Er soll sehr gescheut sein und studiert +Jura.« + +»Schön ... aber dann freut es mich wenigstens, Tom, daß es auch noch +andere Familien gibt, die sich vor ihnen nicht zu bücken brauchen, und +daß zum Beispiel wir Buddenbrooks denn doch ...« + +»So«, sagte Tom, »nun wollen wir nur nicht anfangen zu prahlen. Ihre +wunden Punkte hat jede Familie«, fuhr er mit einem Blick auf Jochens +breiten Rücken leiser fort. »Wie es zum Beispiel mit Onkel Justus steht, +weiß der liebe Gott. Papa schüttelt immer den Kopf, wenn er von ihm +spricht, und Großvater Kröger hat ein paarmal, glaube ich, mit großen +Summen aushelfen müssen ... Und mit den Vettern ist auch nicht alles in +Ordnung. Jürgen, der ja studieren will, kommt immer noch nicht zum +Abgangsexamen ... Und mit Jakob, bei Dalbeck & Comp. in Hamburg, soll +man gar nicht zufrieden sein. Er kommt niemals mit seinem Gelde aus, +obgleich er wohl versorgt wird; und was Onkel Justus ihm verweigert, das +schickt ihm Tante Rosalie ... Nein, ich finde, man soll keinen Stein +aufheben. Wenn du übrigens den Hagenströms die Waagschale halten willst, +so solltest du doch Grünlich heiraten!« + +»Sind wir in diesen Wagen gestiegen, um davon zu sprechen? Ja! Ja! ich +sollte es vielleicht! Aber ich will jetzt nicht daran denken. Ich will +es einfach vergessen. Nun fahren wir zu Schwarzkopfs. Ich habe sie +wissentlich nie gesehen ... Es sind wohl nette Leute?« + +»Oh! Diederich Swattkopp, dat is'n ganz passablen ollen Kierl ... Das +heißt, so spricht er nicht immer, sondern nur, wenn er mehr als fünf +Gläser Grog getrunken hat. Einmal, als er im Kontor gewesen war, gingen +wir zusammen in die Schiffergesellschaft ... Er trank wie ein Loch. Sein +Vater ist auf einem Norwegenfahrer geboren und nachher Kapitän auf +dieser Linie gewesen. Diederich hat einen guten Bildungsgang gemacht; +die Lotsenkommandantur ist eine verantwortliche und ziemlich gut +bezahlte Stellung. Er ist ein alter Seebär ... aber immer galant mit den +Damen. Paß auf, er wird dir die Kur machen ...« + +»Ha! -- Und die Frau?« + +»Seine Frau kenne ich selbst nicht. Sie wird schon gemütlich sein. +Übrigens ist da ein Sohn, der zu meiner Zeit in Sekunda oder Prima saß +und jetzt wohl studiert ... Sieh mal, da ist die See! Eine kleine +Viertelstunde noch ...« + +In einer Allee von jungen Buchen fuhren sie eine Strecke ganz dicht am +Meere entlang, das blau und friedlich in der Sonne lag. Der runde gelbe +Leuchtturm tauchte auf, sie übersahen eine Weile Bucht und Bollwerk, die +roten Dächer des Städtchens und den kleinen Hafen mit dem Segel- und +Tauwerk der Böte. Dann fuhren sie zwischen den ersten Häusern hindurch, +ließen die Kirche zurück und rollten die »Vorderreihe«, die sich am +Flusse hinzog, entlang bis zu einem hübschen kleinen Hause, dessen +Veranda dicht mit Weinlaub bewachsen war. + +Lotsenkommandeur Schwarzkopf stand vor seiner Tür und nahm beim +Herannahen der Kalesche die Schiffermütze ab. Es war ein untersetzter, +breiter Mann mit rotem Gesicht, wasserblauen Augen und einem eisgrauen, +stacheligen Bart, der fächerförmig von einem Ohr zum anderen lief. Sein +abwärts gezogener Mund, in dem er eine Holzpfeife hielt und dessen +rasierte Oberlippe hart, rot und gewölbt war, machte einen Eindruck von +Würde und Biederkeit. Eine weiße Pikeeweste leuchtete unter seinem +offenen mit Goldborten verzierten Rock. Breitbeinig und mit etwas +vorgestrecktem Bauche stand er da. + +»Ist wahrhaftig eine Ehre für mich, Mamsell, alles was recht ist, daß +Sie eine Zeitlang bei uns fürliebnehmen wollen ...« Er hob Tony mit +Behutsamkeit aus dem Wagen. »Kompliment, Herr Buddenbrook! Wohlauf, der +Herr Papa? Und die Frau Konsulin?... Ist mir ein aufrichtiges +Pläsier!... Na, treten die Herrschaften näher! Meine Frau hat wohl so +etwas wie einen kleinen Imbiß bereit. -- Fahr'n Se man to Gastwirt +Peddersen«, sagte er zum Kutscher, der den Koffer ins Haus getragen +hatte; »da sünd de Pierd ganz gaut unnerbracht ... Sie übernachten doch +bei uns, Herr Buddenbrook?... I, warum nicht gar! Die Pferde müssen doch +verschnaufen, und dann kämen Sie ja nicht vor Dunkelwerden zur +Stadt ...« + +»Wissen Sie, hier wohnt man mindestens so gut, wie draußen im Kurhaus«, +sagte Tony eine Viertelstunde später, als man in der Veranda um den +Kaffeetisch saß. »Was für prachtvolle Luft! Man riecht den Tang bis +hierher. Ich bin entsetzlich froh, wieder in Travemünde zu sein!« + +Zwischen den grünbewachsenen Pfeilern der Veranda hindurch blickte man +auf den breiten, in der Sonne glitzernden Fluß mit Kähnen und +Landungsbrücken und hinüber zum Fährhaus auf dem »Priwal«, der +vorgeschobenen Halbinsel Mecklenburgs. Die weiten, kummenartigen Tassen +mit blauem Rande waren ungewohnt plump im Vergleich mit dem zierlichen +alten Porzellan zu Hause; aber der Tisch, auf dem an Tonys Platz ein +Strauß von Wiesenblumen stand, war einladend, und die Fahrt hatte Hunger +gemacht. + +»Ja, Mamsell soll sehen, daß sie sich hier herausmacht«, sagte die +Hausfrau. »Sie sieht ein bißchen strap'ziert aus, wenn ich mich so +ausdrücken darf; das macht die Stadtluft, und dann sind da die vielen +Fêten ...« + +Frau Schwarzkopf, eine Pastorstochter aus Schlutup, schien ungefähr 50 +Jahre zu zählen, war einen Kopf kleiner als Tony und ziemlich +schmächtig. Ihr noch schwarzes, glatt und reinlich frisiertes Haar stak +in einem großmaschigen Netze. Sie trug ein dunkelbraunes Kleid mit einem +kleinen weißgehäkelten Kragen und ebensolchen Manschetten. Sie war +sauber, sanft und freundlich und empfahl eifrig ihr selbstgebackenes +Korinthenbrot, das, umgeben von Rahm, Zucker, Butter und Scheibenhonig, +in dem bootförmigen Brotkorb lag. Diesen Korb schmückte eine Borte von +Perlenstickerei, welche die kleine Meta gearbeitet hatte, ein +achtjähriges, artiges, kleines Mädchen, das in schottischem Kleidchen +und mit einem flachsblonden, steif abstehenden Zöpfchen neben seiner +Mutter saß. + +Frau Schwarzkopf entschuldigte sich wegen des Zimmers, das für Tony +bestimmt war, und in dem diese schon ein wenig Toilette gemacht hatte. +Es sei so einfach ... + +»Pah allerliebst!« sagte Tony. Es habe Aussicht auf die See, das sei die +Hauptsache. Und dabei tauchte sie die vierte Scheibe Korinthenbrot in +ihren Kaffee. Tom sprach mit dem Alten über den »Wullenwewer«, der jetzt +in der Stadt repariert wurde ... + +Plötzlich kam ein junger Mensch von etwa 20 Jahren mit einem Buch in die +Veranda, der seinen grauen Filzhut abnahm und sich errötend und etwas +linkisch verbeugte. + +»Na, min Söhn«, sagte der Lotsenkommandeur, »du kömmst spät ...« Dann +stellte er vor: »Das ist mein Sohn --«, er nannte einen Vornamen, den +Tony nicht verstand. »Studiert auf den Doktor ... bringt seine Ferien +bei uns zu ...« + +»Sehr angenehm«, sagte Tony, wie sie es gelernt hatte. Tom stand auf und +gab ihm die Hand. Der junge Schwarzkopf verbeugte sich nochmals, legte +sein Buch aus der Hand und nahm, aufs neue errötend, am Tische Platz. + +Er war von mittlerer Größe, ziemlich schmal und so blond wie möglich. +Sein beginnender Schnurrbart, so farblos wie das kurzgeschnittene Haar, +das seinen länglichen Kopf bedeckte, war kaum zu sehen; und dem +entsprach ein außerordentlich heller Teint, eine Haut wie poröses +Porzellan, die bei der geringsten Gelegenheit hellrot anlaufen konnte. +Seine Augen waren von etwas dunklerem Blau als die seines Vaters, und +hatten denselben, nicht sehr lebhaften, gutmütig prüfenden Ausdruck; +seine Gesichtszüge waren ebenmäßig und ziemlich angenehm. Als er anfing +zu essen, zeigte er ungewöhnlich gutgeformte, engstehende Zähne, die +spiegelnd blank waren, wie poliertes Elfenbein. Übrigens trug er eine +graue, geschlossene Joppe mit Klappen an den Taschen und einem Gummizug +im Rücken. + +»Ja, ich bitte um Entschuldigung, ich komme zu spät«, sagte er. Seine +Sprache war ein wenig schwerfällig und knarrend. »Ich habe ein bißchen +am Strande gelesen und nicht früh genug nach der Uhr gesehen.« Hierauf +kaute er schweigsam und musterte Tom und Tony nur dann und wann prüfend +von unten herauf. + +Später, als Tony wieder einmal von der Hausfrau genötigt wurde, +zuzulangen, sagte er: + +»Dem Scheibenhonig können Sie vertrauen, Fräulein Buddenbrook ... Das +ist reines Naturprodukt ... Da weiß man doch, was man verschluckt ... +Sie müssen ordentlich essen, wissen Sie! Diese Luft hier, die zehrt ... +die beschleunigt den Stoffwechsel. Wenn Sie nicht genug zu sich nehmen, +so fallen Sie ab ...« Er hatte eine naive und sympathische Art, sich +beim Sprechen vorzubeugen und manchmal eine andere Person dabei +anzublicken als die, an die er sich wandte. + +Seine Mutter hörte ihm zärtlich zu und forschte dann in Tonys Gesicht +nach dem Eindruck, den seine Worte hervorbrächten. Der alte Schwarzkopf +aber sagte: + +»Nu speel di man nich up, Herr Dokter, mit deinem Stoffwechsel ... Da +wollen wir gar nichts von wissen«, worauf der junge Mensch lachte und +wieder errötend auf Tonys Teller blickte. + +Ein paarmal nannte der Lotsenkommandeur den Vornamen seines Sohnes, aber +Tony konnte ihn durchaus nicht verstehen. Es war etwas wie »Moor« oder +»Mord« ... unmöglich, es in der breiten und platten Aussprache des Alten +zu erkennen. + +Als die Mahlzeit beendet war, als Diederich Schwarzkopf, der, mit weit +von der weißen Weste zurückgeschlagenem Rock, behaglich in die Sonne +blinzelte, und sein Sohn ihre kurzen Holzpfeifen zu rauchen begannen und +Tom sich wieder seinen Zigaretten widmete, waren die jungen Leute in ein +lebhaftes Gespräch über alte Schulgeschichten geraten, an dem Tony sich +munter beteiligte. Herr Stengel wurde zitiert ... »Du sollst 'ne Line +machen, und was machst du? Du machst 'n Strich!« Schade, daß Christian +nicht da war; er konnte das noch viel besser ... + +Einmal sagte Tom zu seiner Schwester, indem er auf die vor ihr stehenden +Blumen wies: + +»Herr Grünlich würde sagen: Das putzt ganz ungemein!« + +Worauf Tony ihn, rot vor Zorn, in die Seite stieß und einen scheuen +Blick zu dem jungen Schwarzkopf hinübergleiten ließ. + +Man hatte mit dem Kaffeetrinken heute ungewöhnlich lange gewartet, und +man saß lange beieinander. Es war schon halb sieben Uhr, und über den +»Priwal« drüben begann sich die Dämmerung zu senken, als der Kommandeur +sich erhob. + +»Na, die Herrschaften entschuldigen«, sagte er. »Ich habe nun noch +drüben im Lotsenhause zu tun ... Wir essen um achte, wenn's gefällig ist +... Oder heut' mal ein bißchen später, Meta, wie?... Und du --« hier +nannte er wieder den Vornamen, -- »nun sitz hier nur nicht herum ... Nun +geh nur hinaus und gib dich wieder mit deinen Knochen ab ... Mamsell +Buddenbrook wird wohl auspacken ... Oder wenn die Herrschaften an den +Strand gehen wollen ... Störe nur nicht!« + +»Diederich, mein Gott, warum soll er nicht noch sitzen bleiben«, sagte +Frau Schwarzkopf sanft und vorwurfsvoll. »Und wenn die Herrschaften an +den Strand gehen wollen, warum soll er nicht mitgehen? Er hat doch +Ferien, Diederich!... Und soll er denn gar nichts von unserem Besuche +haben?« + + +Sechstes Kapitel + +In ihrem kleinen, reinlichen Zimmer, dessen Möbel mit hellgeblümtem +Kattun überzogen waren, erwachte Tony am nächsten Morgen mit dem +angeregten und freudigen Gefühl, mit dem man in einer neuen Lebenslage +die Augen öffnet. + +Sie setzte sich empor, und indem sie die Arme um ihre Knie schlang und +den zerzausten Kopf zurücklegte, blinzelte sie in den schmalen und +blendenden Streifen vom Tageslicht, der zwischen den geschlossenen Läden +hindurch ins Zimmer fiel, und kramte mit Muße die gestrigen Erlebnisse +wieder hervor. + +Kaum ein Gedanke streifte Herrn Grünlichs Person. Die Stadt und der +gräßliche Auftritt im Landschaftszimmer und die Ermahnungen der Familie +und Pastor Köllings lagen weit zurück. Hier würde sie nun jeden Morgen +ganz sorglos erwachen ... Diese Schwarzkopfs waren prächtige Leute. +Gestern abend hatte es wahrhaftig eine Apfelsinenbowle gegeben, und man +hatte auf ein glückliches Zusammenleben angestoßen. Man war sehr +vergnügt gewesen. Der alte Schwarzkopf hatte Seegeschichten zum besten +gegeben und der junge von Göttingen berichtet, wo er studierte ... Aber +es war doch sonderbar, daß sie noch immer seinen Vornamen nicht wußte! +Sie hatte mit Spannung darauf geachtet, aber er war beim Abendessen +nicht mehr genannt worden, und es hätte sich wohl nicht geschickt, +danach zu fragen. Sie dachte angestrengt nach ... Mein Gott, wie hieß +der junge Mensch! Moor ... Mord ...? Übrigens hatte er ihr gut gefallen, +dieser Moor oder Mord. Er hatte ein so gutmütig verschmitztes Lachen, +wenn er um Wasser bat und statt dessen ein paar Buchstaben mit Zahlen +dahinter nannte, so daß der Alte ganz böse wurde. Ja, das sei aber die +wissenschaftliche Formel für Wasser ... allerdings nicht für =dieses= +Wasser, denn die Formel für =diese= Travemünder Flüssigkeit sei wohl +viel komplizierter. Jeden Augenblick könne man eine Qualle darin finden +... Die hohe Obrigkeit habe ihre eignen Begriffe von Süßwasser ... +Worauf ihm wieder ein väterlicher Verweis zuteil geworden war, weil er +in wegwerfendem Tone von der Obrigkeit gesprochen hatte. Frau +Schwarzkopf hatte immer in Tonys Gesicht nach Bewunderung gesucht, und +wahrhaftig, er sprach sehr amüsant, zugleich lustig und gelehrt ... Er +hatte sich ziemlich viel um sie gekümmert, der junge Herr. Sie hatte +geklagt, daß sie beim Essen einen heißen Kopf bekäme, sie glaube zu viel +Blut zu haben ... Was hatte er geantwortet? Er hatte sie gemustert und +gesagt: Ja, die Arterien an den Schläfen seien gefüllt, aber das +schließe nicht aus, daß nicht genug Blut oder genug rote Blutkörperchen +im Kopfe seien ... Sie sei vielleicht ein =bißchen= bleichsüchtig ... + +Der Kuckuck sprang aus der geschnitzten Wanduhr und gluckste viele Male +hell und hohl. »Sieben, acht, neun«, zählte Tony, »aufgestanden!« Und +damit sprang sie aus dem Bette und stieß die Fensterläden auf. Der +Himmel war ein wenig bedeckt, aber die Sonne schien. Man sah über das +Leuchtenfeld mit dem Turm weit über die krause See hinaus, die rechts im +Bogen von der mecklenburgischen Küste begrenzt war und sich in +grünlichen und blauen Streifen erstreckte, bis sie mit dem dunstigen +Horizont zusammenfloß. Nachher will ich baden, dachte Tony, aber vorher +ordentlich frühstücken, damit der Stoffwechsel nicht an mir zehrt ... +Und damit machte sie sich lächelnd und mit raschen, vergnügten +Bewegungen ans Waschen und Ankleiden. + +Es war kurz nach halb 10 Uhr, als sie die Stube verließ. Die Tür des +Zimmers, wo Tom geschlafen hatte, stand offen; er war in aller Frühe +wieder zur Stadt gefahren. Schon hier oben in dem ziemlich hoch +gelegenen Stockwerk, in dem nur Schlafzimmer lagen, roch es nach Kaffee. +Das schien der charakteristische Geruch des kleinen Hauses zu sein, und +er nahm zu, als Tony die mit einem schlichten, undurchbrochenen +Holzgeländer versehene Treppe hinunterstieg und drunten über den +Korridor ging, an dem Wohn- und Eßzimmer und das Büro des +Lotsenkommandeurs lagen. Frisch und in bester Laune betrat sie in ihrem +weißen Pikeekleide die Veranda. + +Frau Schwarzkopf saß mit ihrem Sohne allein am Kaffeetische, der schon +teilweise abgeräumt war. Sie trug eine blaukarierte Küchenschürze über +ihrem braunen Kleid. Ein Schlüsselkorb stand vor ihr. + +»Tausendmal um Vergebung«, sagte sie, indem sie aufstand, »daß wir nicht +gewartet haben, Mamsell Buddenbrook! Wir sind früh auf, wir einfachen +Leute. Da gibt es hunderterlei zu tun ... Schwarzkopf ist in seinem Büro +... Nicht wahr, Mamsell ist nicht böse?« + +Tony ihrerseits entschuldigte sich. »Sie müssen nicht glauben, daß ich +immer so lange schlafe. Ich habe ein sehr böses Gewissen. Aber die Bowle +von gestern abend ...« + +Hier fing der junge Sohn des Hauses an zu lachen. Er stand, seine kurze +Holzpfeife in der Hand, hinter dem Tische. Die Zeitung lag vor ihm. + +»Ja, Sie sind schuld«, sagte Tony; »guten Morgen!... Sie haben beständig +mit mir angestoßen ... Jetzt verdiene ich nur noch kalten Kaffee. Ich +müßte schon gefrühstückt und gebadet haben ...« + +»Nein, das wäre zu früh für eine junge Dame! Um sieben war das Wasser +noch ziemlich kalt, wissen Sie; 11 Grad ... das schneidet ein bißchen +nach der Bettwärme ...« + +»Woher wissen Sie denn, daß ich lauwarm baden will, _monsieur_?« Und +Tony nahm am Tische Platz. »Sie haben mir den Kaffee warm gehalten, Frau +Schwarzkopf!... Aber einschenken tue ich mir selbst ... vielen Dank!« + +Die Hausfrau sah zu, wie ihr Gast die ersten Bissen aß. + +»Und Mamsell hat gut geschlafen die erste Nacht? Ja, mein Gott, die +Matratze ist mit Seegras gefüllt ... wir sind einfache Leute ... Aber +nun wünsche ich guten Appetit und einen vergnügten Vormittag. Mamsell +wird sicher mancherlei Bekannte am Strande treffen ... Wenn es angenehm +ist, begleitet mein Sohn Sie hin. Um Verzeihung, daß ich nicht länger +Gesellschaft leiste, aber ich =muß= nach dem Essen sehen. Ich habe eine +Bratwurst ... Wir geben es so gut, wie wir können.« + +»Ich halte mich an den Scheibenhonig«, sagte Tony, als die beiden allein +waren. »Sehen Sie, da weiß man doch, was man verschluckt!« + +Der junge Schwarzkopf stand auf und legte seine Pfeife auf die Brüstung +der Veranda. + +»Aber rauchen Sie doch! Nein, das stört mich ganz und gar nicht. Wenn +ich zu Hause zum Frühstück komme, ist immer schon Papas Zigarrenrauch in +der Stube ... Sagen Sie mal«, fragte sie plötzlich, »ist es wahr, daß +ein Ei soviel wert ist wie ein Viertelpfund Fleisch?« + +Er wurde über und über rot. »Wollen Sie mich eigentlich zum besten +haben, Fräulein Buddenbrook?« fragte er zwischen Lachen und Ärger. »Ich +habe gestern abend noch einen Rüffel von Vater bekommen wegen meiner +Fachsimpelei und Wichtigtuerei, wie er sagte ...« + +»Aber ich habe ganz harmlos gefragt?!« Tony hörte vor Bestürzung einen +Augenblick auf zu essen. »Wichtigtuerei! Wie kann man dergleichen +sagen!... Ich möchte gern etwas erfahren ... Mein Gott, ich bin eine +Gans, sehen Sie! Bei Sesemi Weichbrodt war ich immer unter den +Faulsten. Und Sie wissen, glaube ich, so viel ...« Innerlich dachte sie: +Wichtigtuerei? Man befindet sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von +seiner besten Seite, setzt seine Worte und sucht zu gefallen -- das ist +doch klar ... + +»Nun ja, es deckt sich in gewisser Weise«, sagte er geschmeichelt. »Was +gewisse Nährstoffe betrifft ...« + +Hierauf, während Tony frühstückte und der junge Schwarzkopf fortfuhr, +seine Pfeife zu rauchen, fing man an, von Sesemi Weichbrodt zu +schwatzen, von Tonys Pensionszeit, von ihren Freundinnen, Gerda +Arnoldsen, die nun wieder in Amsterdam war, und Armgard von Schilling, +deren weißes Haus man vom Strande aus sehen konnte, wenigstens bei +klarem Wetter ... + +Später, als sie schon mit essen fertig war und sich den Mund wischte, +fragte Tony, indem sie auf die Zeitung deutete: + +»Steht etwas Neues darin?« + +Der junge Schwarzkopf lachte und schüttelte mit spöttischem Mitleid den +Kopf. + +»Ach nein ... Was soll wohl darin stehen?... Wissen Sie, diese +Städtischen Anzeigen sind ein klägliches Blättchen!« + +»Oh?... Aber Papa und Mama haben sie immer gehalten?« + +»Ja, nun!« sagte er und wurde rot ... »Ich lese sie ja auch, wie Sie +sehen, weil eben nichts anderes zur Hand ist. Aber daß der Großhändler +Konsul So und So seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, ist nicht +allzu erschütternd ... Ja -- ja! Sie lachen ... Aber Sie sollten mal +andere Blätter lesen, die Königsberger Hartungsche Zeitung ... oder die +Rheinische Zeitung ... da würden Sie etwas anderes finden! Was der König +von Preußen auch sagen mag ...« + +»Was sagt er denn?« + +»Ja ... nein, das kann ich leider vor einer Dame nicht zitieren ...« Und +er wurde abermals rot. »Er hat sich ziemlich ungnädig über diese Presse +geäußert«, fuhr er mit einem etwas gewaltsam ironischen Lächeln fort, +das Tony einen Augenblick peinlich berührte. »Sie geht nicht sehr +glimpflich mit der Regierung um, wissen Sie, mit den Adligen, mit +Pfaffen und Junkern ... sie weiß allzu geschickt die Zensur an der Nase +zu führen ...« + +»Nun und Sie, gehen Sie auch nicht glimpflich mit den Adligen um?« + +»Ich?« fragte er und geriet in Verlegenheit ... Tony stand auf. + +»Na, darüber müssen wir ein anderes Mal reden. Wie wäre es, wenn ich nun +zum Strande ginge? Sehen Sie, es ist beinahe ganz blau geworden. Heute +wird es nicht mehr regnen. Ich habe die größte Lust, wieder einmal in +die See zu springen. Wollen Sie mich hinunter begleiten?...« + + +Siebentes Kapitel + +Sie hatte ihren großen Strohhut aufgesetzt und ihren Sonnenschirm +aufgespannt, denn es herrschte, obgleich ein kleiner Seewind ging, +heftige Hitze. Der junge Schwarzkopf schritt, in seinem grauen Filzhut, +sein Buch in der Hand, neben ihr her und betrachtete sie manchmal von +der Seite. Sie gingen die »Vorderreihe« entlang und spazierten durch den +Kurgarten, der stumm und schattenlos mit seinen Kieswegen und +Rosenanlagen dalag. Der Musiktempel, zwischen Nadelbäumen versteckt, +stand schweigend dem Kurhaus, der Konditorei und den beiden, durch ein +langes Zwischengebäude miteinander verbundenen Schweizerhäusern +gegenüber. Es war gegen halb 12 Uhr; die Badegäste mußten sich noch am +Strande befinden. + +Die beiden gingen über den Kinderspielplatz mit den Bänken und der +großen Schaukel; sie gingen nahe am Warmbadehause vorbei und wanderten +langsam über das Leuchtenfeld. Die Sonne brütete auf dem Grase und ließ +diesen heißen, würzigen Geruch von Klee und Kraut daraus aufsteigen, in +dem blaue Fliegen surrend standen und umherschossen. Ein monotones, +gedämpftes Rauschen kam vom Meere her, in dessen Ferne dann und wann +kleine Schaumköpfe aufblitzten. + +»Was lesen Sie da eigentlich?« fragte Tony. + +Der junge Mann nahm das Buch in beide Hände und blätterte es schnell von +hinten nach vorne durch. + +»Ach, das ist nichts für Sie, Fräulein Buddenbrook! Lauter Blut und +Gedärme und Elend ... Sehen Sie, hier ist gerade von Lungenödem die +Rede, auf deutsch: Stickfluß. Dabei sind nämlich die Lungenbläschen mit +einer so wässerigen Flüssigkeit angefüllt ... das ist hochgradig +gefährlich und kommt bei Lungenentzündung vor. Wenn es schlimm ist, kann +man nicht mehr atmen und stirbt ganz einfach. Und das alles ist ganz +kühl von oben herab behandelt ...« + +»Ja, pfui!... Aber wenn man Doktor werden will ... Ich werde dafür +sorgen, daß Sie bei uns Hausarzt werden, wenn Grabow sich später einmal +zur Ruhe setzt, passen Sie auf!« + +»Ha!... Und was lesen Sie denn, wenn ich fragen darf, Fräulein +Buddenbrook?« + +»Kennen Sie Hoffmann?« fragte Tony. + +»Den mit dem Kapellmeister und dem goldenen Topf? Ja, das ist sehr +hübsch ... Aber, wissen Sie, es ist doch wohl mehr für Damen. Männer +müssen heute etwas anderes lesen.« + +»Jetzt muß ich Sie =eines= fragen«, sagte Tony nach ein paar Schritten +und faßte einen Entschluß. »Nämlich, =wie= heißen Sie eigentlich mit +Vornamen! Ich habe ihn noch kein einziges Mal verstanden ... das macht +mich förmlich nervös! Ich habe geradezu darüber gegrübelt ...« + +»Sie haben darüber gegrübelt?« + +»Ach ja -- nun erschweren Sie mir die Sache nicht! Es schickt sich wohl +nicht, daß ich frage; aber ich bin natürlich neugierig ... Übrigens +brauche ich es ja, solange ich lebe, nicht zu erfahren.« + +»Na, ich heiße Morten«, sagte er und wurde so rot wie noch niemals. + +»Morten? Das ist hübsch!« + +»Nun! hübsch ...« + +»Ja, mein Gott ... es ist doch hübscher, als wenn Sie Hinz oder Kunz +hießen. Es ist etwas Besonderes, etwas Ausländisches ...« + +»Sie sind eine Romantikerin, Mademoiselle Buddenbrook; Sie haben zuviel +Hoffmann gelesen ... Ja, die Sache ist ganz einfach die: Mein Großvater +war ein halber Norweger und hieß Morten. Nach ihm bin ich getauft +worden. Das ist alles ...« + +Tony stieg behutsam durch das hohe, scharfe Schilfgras, das am Rande des +nackten Strandes stand. Die Reihe der hölzernen Strandpavillons mit +ihren kegelförmigen Dächern lag vor ihnen und ließ den Durchblick auf +die Strandkörbe frei, die näher am Wasser standen, und um die Familien +im warmen Sande lagerten: Damen mit blauen Schutzpincenez und +Leihbibliotheksbänden, Herren in hellen Anzügen, die müßig mit ihren +Spazierstöcken Figuren in den Sand zeichneten, gebräunte Kinder mit +großen Strohhüten auf den Köpfen, die schaufelten, sich wälzten, nach +Wasser gruben, mit Holzformen Kuchen buken, Tunnels bohrten, mit bloßen +Beinen in die niedrigen Wellen hineinwateten und Schiffe schwimmen +ließen ... Rechts ragte das Holzgebäude der Badeanstalt in die See +hinaus. + +»Nun marschieren wir geradeswegs auf den Möllendorpfschen Pavillon zu«, +sagte Tony. »Lassen Sie uns doch etwas abbiegen!« + +»Gern ... aber Sie werden sich nun ja wohl den Herrschaften anschließen +... Ich setze mich da hinten auf die Steine.« + +»Anschließen ... ja, ja, ich werde wohl guten Tag sagen müssen. Aber es +ist mir recht zuwider, müssen Sie wissen. Ich bin hierher gekommen, um +meinen Frieden zu haben ...« + +»Frieden? Vor wem?« + +»Nun! Vor wem ...« + +»Hören Sie, Fräulein Buddenbrook, ich muß Sie auch noch =eines= fragen +... aber bei Gelegenheit, später, wenn Zeit dazu ist. Nun erlauben Sie, +daß ich Ihnen Adieu sage. Ich setze mich dahinten auf die Steine ...« + +»Soll ich Sie nicht vorstellen, Herr Schwarzkopf?« fragte Tony mit +Wichtigkeit. + +»Nein, ach nein« ... sagte Morten eilig, »ich danke sehr. Ich gehöre +doch wohl kaum dazu, wissen Sie. Ich setze mich dahinten auf die +Steine ...« + +Es war eine größere Gesellschaft, auf die Tony zuschritt, während Morten +Schwarzkopf sich rechter Hand zu den großen Steinblöcken begab, die +neben der Badeanstalt vom Wasser bespült wurden, -- eine Gruppe, die vor +dem Möllendorpfschen Pavillon lagerte und von den Familien Möllendorpf, +Hagenström, Kistenmaker und Fritsche gebildet ward. Abgesehen von Konsul +Fritsche aus Hamburg, dem Besitzer des Ganzen, und Peter Döhlmann, dem +Suitier, bestand sie ausschließlich aus Damen und Kindern, denn es war +Alltag, und die meisten Herren befanden sich in der Stadt bei ihren +Geschäften. Konsul Fritsche, ein älterer Herr mit glattrasiertem, +distinguiertem Gesicht, beschäftigte sich droben im offenen Pavillon mit +einem Fernrohr, das er auf einen in der Ferne sichtbaren Segler +richtete. Peter Döhlmann, mit einem breitkrempigen Strohhut und +rundgeschnittenem Schifferbart, stand plaudernd bei den Damen, die auf +Plaids im Sande lagen oder auf kleinen Sesseln aus Segeltuch saßen: Frau +Senatorin Möllendorpf, geborene Langhals, die mit einer langgestielten +Lorgnette hantierte, und deren Haupt von grauem Haar unordentlich +umstanden war; Frau Hagenström nebst Julchen, die ziemlich klein +geblieben war, aber, wie ihre Mutter, bereits Brillanten in den Ohren +trug; Frau Konsul Kistenmaker nebst Töchtern und die Konsulin Fritsche, +eine runzelige kleine Dame, die eine Haube trug und im Bade +Wirtspflichten versah. Rot und ermattet sann sie auf nichts als +Reunions, Kinderbälle, Verlosungen und Segelpartien ... Ihre Vorleserin +saß in einiger Entfernung. Die Kinder spielten am Wasser. + +Kistenmaker & Sohn war die aufblühende Weinhandlung, die in den letzten +Jahren C. F. Köppen aus der Mode zu bringen begann. Die beiden Söhne, +Eduard und Stephan, arbeiteten bereits in dem väterlichen Geschäft. -- +Dem Konsul Döhlmann fehlten gänzlich die ausgesuchten Manieren, über die +etwa Justus Kröger verfügte; er war ein biederer Suitier, ein Suitier, +dessen Spezialität die gutmütige Grobheit war und der sich in der +Gesellschaft außerordentlich viel herausnehmen durfte, weil er wußte, +daß er besonders bei den Damen mit seinem behäbigen, dreisten und lauten +Gebaren als ein Original beliebt war. Als auf einem Diner bei +Buddenbrooks sich das Erscheinen eines Gerichtes lange Zeit verzögerte, +die Hausfrau in Verlegenheit und die beschäftigungslose Gesellschaft in +Mißstimmung geriet, stellte er die gute Laune wieder her, indem er mit +seiner breiten und lärmenden Stimme über die ganze Tafel brüllte: »Ick +bün so wied, Fru Konsulin!« + +Mit eben dieser schallenden und groben Stimme erzählte er augenblicklich +fragwürdige Anekdoten, die er mit plattdeutschen Wendungen würzte ... +Die Senatorin Möllendorpf rief, erschöpft und außer sich vor Lachen, +einmal über das andere: »Mein Gott, Herr Konsul, hören Sie einen +Augenblick auf!« + +-- Tony Buddenbrook ward von den Hagenströms kalt, von der übrigen +Gesellschaft mit großer Herzlichkeit empfangen. Selbst Konsul Fritsche +kam eilfertig die Stufen des Pavillons herunter, denn er hoffte, daß +wenigstens im nächsten Jahre wieder die Buddenbrooks helfen würden, das +Bad zu bevölkern. + +»Der Ihrige, Mamsell!« sagte Konsul Döhlmann, mit möglichst feiner +Aussprache, denn er wußte, daß Fräulein Buddenbrook seine Manieren nicht +besonders bevorzugte. + +»Mademoiselle Buddenbrook!« + +»Sie hier?« + +»Wie reizend!« + +»Und seit wann?« + +»Und welch inzückende Toilette!« -- Man sagte »inzückend«. -- + +»Und Sie wohnen?« + +»Bei Schwarzkopfs?« + +»Beim Lotsenkommandeur?« + +»Wie originell!« + +»Wie =finde= ich das =forchtbar= originell!« -- Man sagte +»forchtbar«. -- + +»Sie wohnen in der Stadt?« wiederholte Konsul Fritsche, der Besitzer des +Kurhauses, ohne ahnen zu lassen, daß ihn dies peinlich berührte ... + +»Werden Sie uns nicht das Vergnügen machen bei der nächsten Reunion?« +fragte seine Gattin ... + +»Oh, nur für kurze Zeit in Travemünde?« antwortete eine andere Dame ... + +»Finden Sie nicht, Liebe, daß die Buddenbrooks ein bißchen allzu +exklusiv sind?« wandte sich Frau Hagenström ganz leise an die Senatorin +Möllendorpf ... + +»Und Sie haben noch nicht gebadet?« fragte jemand. »Wer von den jungen +Damen hat sonst heute noch nicht gebadet? Mariechen, Julchen, Luischen? +Selbstredend begleiten Ihre Freundinnen Sie, Fräulein Antonie ...« + +Einige junge Mädchen trennten sich von der Gesellschaft, um mit Tony zu +baden, und Peter Döhlmann ließ es sich nicht nehmen, die Damen den +Strand entlang zu geleiten. + +»Gott! erinnerst du dich noch unserer Schulgänge von damals?« fragte +Tony Julchen Hagenström. + +»J--ja! Sie spielten immer die Boshafte«, sagte Julchen mit mitleidigem +Lächeln. + +Man ging oberhalb des Strandes auf dem Steg von paarweise gelegten +Brettern der Badeanstalt zu; und als man an den Steinen vorüberkam, wo +Morten Schwarzkopf mit seinem Buche saß, nickte Tony ihm aus der Ferne +mehrmals mit rascher Kopfbewegung zu. Jemand erkundigte sich: »Wen +grüßtest du, Tony?« + +»Oh, das war der junge Schwarzkopf«, sagte Tony; »er hat mich +herunterbegleitet ...« + +»Der Sohn des Lotsenkommandeurs?« fragte Julchen Hagenström und blickte +mit ihren blanken schwarzen Augen scharf zu Morten hinüber, der +seinerseits mit einer gewissen Melancholie die elegante Gesellschaft +musterte. Tony aber sagte mit lauter Stimme: »Eines bedaure ich: +nämlich, daß zum Beispiel August Möllendorpf nicht hier ist ... Es muß +doch alltags recht langweilig am Strande sein!« + + +Achtes Kapitel + +Hiermit begannen schöne Sommerwochen für Tony Buddenbrook, kurzweiligere +und angenehmere, als sie jemals in Travemünde erlebt hatte. Sie blühte +auf, nichts lastete mehr auf ihr; in ihre Worte und Bewegungen kehrten +Keckheit und Sorglosigkeit zurück. Der Konsul betrachtete sie mit +Wohlgefallen, wenn er Sonntags mit Tom und Christian nach Travemünde +kam. Dann speiste man an der Table d'hote, trank bei der Kurmusik den +Kaffee unter dem Zeltdach der Konditorei und sah drinnen im Saale der +Roulette zu, um die lustige Leute, wie Justus Kröger und Peter Döhlmann, +sich drängten: Der Konsul spielte niemals. -- + +Tony sonnte sich, sie badete, aß Bratwurst mit Pfeffernußsauce und +machte weite Spaziergänge mit Morten: den Chausseeweg zum Nachbarort, +den Strand entlang zu dem hoch gelegenen »Seetempel«, der eine weite +Aussicht über See und Land beherrschte, oder in das Wäldchen hinauf, das +hinterm Kurhause lag und auf dessen Höhe die große Table d'hote-Glocke +hing ... Oder sie ruderten über die Trave zum »Priwal«, wo es Bernstein +zu finden gab ... + +Morten war ein unterhaltender Begleiter, wiewohl seine Meinungen ein +wenig hitzig und absprechend waren. Er führte über alle Dinge ein +strenges und gerechtes Urteil mit sich, das er mit Entschiedenheit +hervorbrachte, obgleich er rot dabei wurde. Tony ward betrübt und sie +schalt ihn, wenn er mit etwas ungeschickter aber zorniger Geste alle +Adeligen für Idioten und Elende erklärte; aber sie war sehr stolz +darauf, daß er ihr gegenüber offen und zutraulich seine Anschauungen +aussprach, die er den Eltern verschwieg ... Einmal sagte er: »Dies muß +ich Ihnen noch erzählen: Auf meiner Bude in Göttingen habe ich ein +vollkommenes Gerippe ... wissen Sie, so ein Knochengerippe, notdürftig +mit etwas Draht zusammengehalten. Na, diesem Gerippe habe ich eine alte +Polizistenuniform angezogen ... ha! Finden Sie das nicht ausgezeichnet? +Aber sagen Sie es um Gottes willen nicht meinem Vater!« -- + +Es konnte nicht fehlen, daß Tony oftmals mit ihrer städtischen +Bekanntschaft am Strande oder im Kurgarten verkehrte, daß sie zu dieser +oder jener Reunion und Segelpartie hinzugezogen wurde. Dann saß Morten +»auf den Steinen«. Diese Steine waren seit dem ersten Tage zwischen den +beiden zur stehenden Redewendung geworden. »Auf den Steinen sitzen«, das +bedeutete: »Vereinsamt sein und sich langweilen«. Kam ein Regentag, der +die See weit und breit in einen grauen Schleier hüllte, daß sie völlig +mit dem tiefen Himmel zusammenfloß, der den Strand durchweichte und die +Wege überschwemmte, dann sagte Tony: »Heute müssen wir beide auf den +Steinen sitzen ... das heißt in der Veranda oder im Wohnzimmer. Es +bleibt nichts übrig, als daß Sie mir Ihre Studentenlieder vorspielen, +Morten, obgleich es mich greulich langweilt.« + +»Ja«, sagte Morten, »setzen wir uns ... Aber wissen Sie, wenn Sie dabei +sind, so sind es keine Steine mehr!« ... Übrigens sagte er dergleichen +nicht, wenn sein Vater zugegen war; seine Mutter durfte es hören. + +»Was nun?« fragte der Lotsenkommandeur, wenn nach dem Mittagessen Tony +und Morten gleichzeitig aufstanden und sich anschickten, auf und davon +zu gehen ... »Wohin mit den jungen Herrschaften!« + +»Ja, ich darf Fräulein Antonie ein bißchen zum Seetempel begleiten.« + +»So, darfst du das? -- Sage mal, mein Sohn Filius, wäre es nicht am Ende +angebrachter, du setztest dich auf deine Stube und repetiertest deine +Nervenstränge? Du hast alles vergessen, bis du wieder nach Göttingen +kommst ...« + +Frau Schwarzkopf aber sprach sanft: »Diederich, mein Gott! warum soll er +nicht mitgehen? Laß ihn doch mitgehen! Er hat doch Ferien! Und soll er +denn gar nichts von unserem Besuche haben?« -- So gingen sie. + +Sie gingen den Strand entlang, ganz unten am Wasser, dort wo der Sand +von der Flut benetzt, geglättet und gehärtet ist, so daß man mühelos +gehen kann; wo kleine, gewöhnliche, weiße Muscheln verstreut liegen und +andere, längliche, große, opalisierende; dazwischen gelbgrünes, nasses +Seegras mit runden, hohlen Früchten, welche knallen, wenn man sie +zerdrückt; und Quallen, einfache, wasserfarbene sowohl wie rotgelbe, +giftige, welche das Bein verbrennen, wenn man sie beim Baden berührt ... + +»Wollen Sie wissen, wie dumm ich früher war?« sagte Tony. »Ich wollte +die bunten Sterne aus den Quallen heraus haben. Ich trug eine ganze +Menge Quallen im Taschentuche nach Hause und legte sie säuberlich auf +den Balkon in die Sonne, damit sie verdunsteten ... dann mußten die +Sterne doch übrigbleiben! Ja, schön ... Als ich nachsah, war da ein +ziemlich großer nasser Fleck. Es roch nur ein bißchen nach faulem +Seetang ...« + +Sie gingen, das rhythmische Rauschen der langgestreckten Wellen neben +sich, den frischen Salzwind im Gesicht, der frei und ohne Hindernis +daherkommt, die Ohren umhüllt und einen angenehmen Schwindel, eine +gedämpfte Betäubung hervorruft ... Sie gingen in diesem weiten, still +sausenden Frieden am Meere, der jedes kleine Geräusch, ob fern oder nah, +zu geheimnisvoller Bedeutung erhebt ... + +Links befanden sich zerklüftete Abhänge aus gelbem Lehm und Geröll, +gleichförmig, mit immer neu hervorspringenden Ecken, welche die +Biegungen der Küste verdeckten. Hier irgendwo, weil der Strand zu +steinig wurde, kletterten sie hinauf, um droben durch das Gehölz den +ansteigenden Weg zum Seetempel fortzusetzen. Der Seetempel, ein runder +Pavillon, war aus rohen Borkenstämmen und Brettern erbaut, deren +Innenseiten mit Inschriften, Initialen, Herzen, Gedichten bedeckt war +... Tony und Morten setzten sich in eine der kleinen abgeteilten +Kammern, die der See zugewandt waren, und in denen es nach Holz roch wie +in den Kabinen der Badeanstalt, auf die schmale, roh gezimmerte Bank im +Hintergrunde. + +Es war sehr still und feierlich hier oben um diese Nachmittagsstunde. +Ein paar Vögel schwatzten, und das leise Rauschen der Bäume vermischte +sich mit dem des Meeres, das sich dort tief unten ausbreitete und in +dessen Ferne das Takelwerk eines Schiffes zu sehen war. Geschützt vor +dem Winde, der bislang um ihre Ohren gespielt hatte, empfanden sie +plötzlich eine nachdenklich stimmende Stille. + +Tony erkundigte sich: »Kommt der oder geht er?« + +»Wie?« fragte Morten mit seiner schwerfälligen Stimme ... und als ob er +aus irgendeiner tiefen Abwesenheit erwachte, sagte er rasch: »Geht! Das +ist der `Bürgermeister Steenbock´, der nach Rußland fährt. -- Ich möchte +nicht mit«, setzte er nach einer Pause hinzu. »Dort muß es noch +empörender zugehen als bei uns!« + +»So!« sagte Tony. »Nun gedenken Sie wieder mit den Adligen anzufangen, +Morten, ich sehe es Ihrem Gesichte an. Es ist nicht schön von Ihnen ... +Haben Sie jemals einen gekannt?« + +»Nein!« rief Morten beinahe entrüstet. »Gott sei Dank!« + +»Ja! ja, sehen Sie wohl? Ich aber. Ein Mädchen allerdings, Armgard von +Schilling dort drüben, von der ich Ihnen schon erzählte. Nun, sie war +gutmütiger als Sie und ich, sie wußte kaum, daß sie `von´ hieß, sie aß +Mettwurst und sprach von ihren Kühen ...« + +»Sicherlich gibt es Ausnahmen, Fräulein Tony!« sagte er eifrig. »Aber +hören Sie ... Sie sind eine junge Dame, Sie sehen alles persönlich an. +Sie kennen einen Adligen und sagen: Aber er ist doch ein braver Mensch! +Gewiß ... aber man braucht gar keinen zu kennen, um sie alle zu +verurteilen! Denn es handelt sich um das Prinzip, wissen Sie, um die +Einrichtung! Ja, darauf müssen Sie schweigen ... Wie? Jemand braucht nur +geboren zu werden, um ein Auserlesener und Edler zu sein ... der +verächtlich auf uns anderen herabblicken darf, ... die wir mit allen +Verdiensten nicht auf seine Höhe gelangen können?...« Morten sprach mit +einer naiven und gutherzigen Entrüstung; er versuchte, Handbewegungen zu +machen, sah selbst, daß sie ungeschickt waren, und unterließ sie wieder. +Aber er redete fort. Er war in Stimmung. Er saß vorgebeugt, einen Daumen +zwischen den Knöpfen seiner Joppe, und gab seinen gutmütigen Augen einen +trotzigen Ausdruck ... »Wir, die Bourgeoisie, der dritte Stand, wie wir +bis jetzt genannt worden sind, wir wollen, daß nur noch ein Adel des +Verdienstes bestehe, wir erkennen den faulen Adel nicht mehr an, wir +leugnen die jetzige Rangordnung der Stände ... wir wollen, daß alle +Menschen frei und gleich sind, daß niemand einer Person unterworfen ist, +sondern alle nur den Gesetzen untertänig sind!... Es soll keine +Privilegien und keine Willkür mehr geben!... Alle sollen +gleichberechtigte Kinder des Staates sein, und wie keine Mittlerschaft +mehr existiert zwischen dem Laien und dem lieben Gott, so soll auch der +Bürger zum Staate in unmittelbarem Verhältnis stehen!... Wir wollen +Freiheit der Presse, der Gewerbe, des Handels ... Wir wollen, daß alle +Menschen ohne Vorrechte miteinander konkurrieren können und daß dem +Verdienste seine Krone wird!... Aber wir sind geknechtet, geknebelt ... +was wollte ich eben sagen? Ja, passen Sie auf: Vor vier Jahren sind die +Bundesgesetze über die Universitäten und die Presse erneuert worden -- +schöne Gesetze! Es darf keine Wahrheit niedergeschrieben oder gelehrt +werden, die vielleicht nicht mit der bestehenden Ordnung der Dinge +übereinstimmt ... Verstehen Sie? Die Wahrheit wird unterdrückt, sie +kommt nicht zum Worte ... und warum? einem idiotischen, veralteten, +hinfälligen Zustande zuliebe, der, wie jedermann weiß, früher oder +später ja dennoch abgeschafft werden wird ... Ich glaube, Sie begreifen +diese Gemeinheit gar nicht! Die Gewalt, die dumme, rohe, +augenblickliche Polizistengewalt, ganz ohne Verständnis für das Geistige +und Neue ... Nein, von allem abgesehen will ich nur noch eines sagen ... +Der König von Preußen hat ein großes Unrecht begangen! Damals, _anno_ +dreizehn, als die Franzosen im Lande waren, hat er uns gerufen und uns +die Konstitution versprochen ... wir sind gekommen, wir haben +Deutschland befreit ...« + +Tony, die ihn, das Kinn in die Hand gestützt, von der Seite betrachtete, +überlegte einen Augenblick ernstlich, ob er selbst wohl wirklich +geholfen haben könne, Napoleon zu vertreiben. + +»... aber meinen Sie, daß das Versprechen eingelöst worden ist? Ach +nein! -- Der jetzige König ist ein Schönredner, ein Träumer, ein +Romantiker, wie Sie, Fräulein Tony ... Denn eines müssen Sie beachten: +Wenn die Philosophen und Dichter eine Wahrheit, eine Anschauung, ein +Prinzip soeben wieder überwunden und abgetan haben, dann kommt +allmählich ein König, der nun gerade =da=bei angelangt ist, der nun +gerade =dies= für das Neueste und Beste hält und sich danach benehmen zu +müssen glaubt ... Ja, so ist es mit dem Königtum bestellt! Die Könige +sind nicht nur Menschen, sie sind sogar höchst mittelmäßige Menschen, +sie sind immer um mehrere Postmeilen zurück ... Ach, mit Deutschland ist +es gegangen, wie mit einem Burschenschafts-Studenten, der zur Zeit der +Freiheitskriege seine mutige und begeisterte Jugend hatte und nun zum +kläglichen Philister geworden ist ...« + +»Jaja«, sagte Tony. »Alles gut. Aber lassen Sie mich das eine fragen ... +Was geht Sie das eigentlich an? Sie sind ja gar kein Preuße ...« + +»Ach, das ist alles eins, Fräulein Buddenbrook! Ja, ich nenne Ihren +Familiennamen, und zwar mit Absicht ... und ich müßte eigentlich noch +`Demoiselle´ Buddenbrook sagen, damit Ihnen Ihr ganzes Recht wird! Sind +bei uns etwa die Menschen freier, gleicher, brüderlicher als in Preußen? +Schranken, Abstand, Aristokratie -- hier wie dort!... Sie haben +Sympathie für die Adligen ... soll ich Ihnen sagen warum? Weil Sie +selbst eine Adlige sind! Ja--ha, haben Sie das noch nicht gewußt?... Ihr +Vater ist ein großer Herr, und Sie sind eine Prinzeß. Ein Abgrund trennt +Sie von uns anderen, die wir nicht zu Ihrem Kreise von herrschenden +Familien gehören. Sie können wohl einmal mit einem von uns zur Erholung +ein bißchen an der See spazieren gehen, aber wenn Sie wieder in Ihren +Kreis der Bevorzugten und Auserwählten treten, dann kann man auf den +Steinen sitzen ...« Seine Stimme war ganz fremdartig erregt geworden. + +»Morten«, sagte Tony traurig. »Nun haben Sie sich =doch= geärgert, wenn +Sie auf den Steinen saßen! Ich habe Sie doch gebeten, sich vorstellen zu +lassen ...« + +»Oh, Sie nehmen die Sache wieder als junge Dame, zu persönlich, Fräulein +Tony! Ich spreche doch im Prinzip ... Ich sage, daß bei uns nicht mehr +brüderliche Menschlichkeit herrscht als in Preußen ... Und wenn ich +persönlich spräche«, fuhr er nach einer kleinen Pause mit leiserer +Stimme fort, aus der aber die eigentümliche Erregung nicht verschwunden +war, »so würde ich nicht die Gegenwart meinen, sondern eher vielleicht +die Zukunft, ... wenn Sie als eine Madame So und So einmal endgültig in +Ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines +Lebens auf den Steinen sitzen kann ...« + +Er schwieg, und auch Tony schwieg. Sie blickte ihn nicht mehr an, +sondern nach der anderen Seite, auf die Bretterwand neben ihr. Es +herrschte ziemlich lange eine beklommene Stille. + +»Erinnern Sie sich«, fing Morten wieder an, »daß ich Ihnen einmal sagte, +ich hätte eine Frage an Sie zu richten? Ja, die beschäftigt mich seit +dem ersten Nachmittage, als Sie hier ankamen, müssen Sie wissen ... +Raten Sie nur nicht! Sie können unmöglich wissen, was ich meine. Ich +frage ein anderes Mal, bei Gelegenheit; es hat keine Eile, es geht mich +im Grunde gar nichts an, es ist bloß Neugierde ... Nein, heute will ich +Ihnen nur das eine verraten ... etwas anderes ... Sehen Sie mal.« + +Hierbei zog Morten aus einer Tasche seiner Joppe das Ende eines +schmalen, buntgestreiften Bandes hervor und sah mit einem Gemisch von +Erwartung und Triumph in Tonys Augen. + +»Wie hübsch«, sagte sie verständnislos. »Was bedeutet das?« + +Morten aber sprach feierlich: »Das bedeutet, daß ich in Göttingen einer +Burschenschaftsverbindung angehöre -- nun wissen Sie es! Ich habe auch +eine Mütze in diesen Farben, aber die habe ich für die Ferienzeit dem +Gerippe in der Polizistenuniform aufgesetzt ... denn hier dürfte ich +mich nicht damit sehen lassen, verstehen Sie ... Ich kann doch darauf +rechnen, daß Sie reinen Mund halten? Wenn mein Vater von der Sache +erführe, so gäbe es ein Unglück ...« + +»Kein Wort, Morten! Nein, auf mich können Sie zählen!... Aber ich weiß +gar nichts davon ... Sind Sie alle gegen die Adligen verschworen?... Was +wollen Sie?« + +»Wir wollen die Freiheit!« sagte Morten. + +»Die Freiheit?« fragte sie. + +»Nun ja, die Freiheit, wissen Sie, die Freiheit ...!« wiederholte er, +indem er eine vage, ein wenig linkische, aber begeisterte Armbewegung +hinaus, hinunter, über die See hin vollführte, und zwar nicht nach jener +Seite, wo die mecklenburgische Küste die Bucht beschränkte, sondern +dorthin, wo das Meer offen war, wo es sich in immer schmaler werdenden +grünen, blauen, gelben und grauen Streifen leicht gekräuselt, großartig +und unabsehbar dem verwischten Horizont entgegendehnte ... + +Tony folgte mit den Augen der Richtung seiner Hand; und während nicht +viel fehlte, daß beider Hände, die nebeneinander auf der rauhen Holzbank +lagen, sich vereinigten, blickten sie gemeinsam in dieselbe Ferne. Sie +schwiegen lange, indes das Meer ruhig und schwerfällig zu ihnen +heraufrauschte ... und Tony glaubte plötzlich einig zu sein mit Morten +in einem großen, unbestimmten, ahnungsvollen und sehnsüchtigen +Verständnis dessen, was »Freiheit« bedeutete. + + +Neuntes Kapitel + +»Es ist merkwürdig, daß man sich an der See nicht langweilen kann, +Morten. Liegen Sie einmal an einem anderen Orte drei oder vier Stunden +lang auf dem Rücken, ohne etwas zu tun, ohne auch nur einem Gedanken +nachzuhängen ...« + +»Ja, ja ... Übrigens muß ich gestehen, daß ich mich früher manchmal +gelangweilt habe, Fräulein Tony; aber das ist einige Wochen her ...« + +Der Herbst kam, der erste starke Wind hatte sich aufgemacht. Graue, +dünne und zerrissene Wolken flatterten eilig über den Himmel. Die trübe, +zerwühlte See war weit und breit mit Schaum bedeckt. Große, starke Wogen +wälzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflößenden Ruhe heran, +neigten sich majestätisch, indem sie eine dunkelgrüne, metallblanke +Rundung bildeten, und stürzten lärmend über den Sand. + +Die Saison war völlig zu Ende. Der Teil des Strandes, den sonst die +Menge der Badegäste bevölkerte und wo jetzt die Pavillons zum Teile +schon abgebrochen waren, lag mit wenigen Sitzkörben fast ausgestorben +da. Aber Tony und Morten lagerten nachmittags in einer entfernten +Gegend: dort, wo die gelben Lehmwände begannen, und wo die Wellen am +»Möwenstein« ihren Gischt hoch emporschleuderten. Morten hatte ihr einen +festgeklopften Sandberg getürmt: daran lehnte sie mit dem Rücken, die +Füße in Kreuzbandschuhen und weißen Strümpfen übereinandergelegt, in +ihrer weichen grauen Herbstjacke mit großen Knöpfen; Morten, ihr +zugewandt, lag, das Kinn in die Hand gestützt, auf der Seite. Eine Möwe +schoß dann und wann über die See und ließ ihren Raubvogelschrei +vernehmen. Sie sahen die grünen, mit Seegras durchwachsenen Wände der +Wellen an, die drohend daherkamen und an dem Steinblock zerbarsten, der +sich ihnen entgegenstellte ... in diesem irren, ewigen Getöse, das +betäubt, stumm macht und das Gefühl der Zeit ertötet. + +Endlich machte Morten eine Bewegung, als ob er sich selbst erweckte, und +fragte: »Nun werden Sie wohl bald abreisen, Fräulein Tony?« + +»Nein ... wieso?« sagte Tony abwesend und ohne Verständnis. + +»Ja, mein Gott, wir haben den zehnten September, ... meine Ferien sind +ohnehin bald zu Ende ... wie lange kann das noch dauern! Freuen Sie sich +auf die Gesellschaften in der Stadt ...? Sagen Sie mal: Es sind wohl +liebenswürdige Herren, mit denen Sie tanzen ... Nein, das wollte ich +auch nicht fragen! Jetzt müssen Sie mir eines beantworten«, sagte er, +indem er mit plötzlichem Entschlusse sein Kinn in der Hand zurechtrückte +und sie anblickte. »Es ist die Frage, die ich so lange aufgespart habe, +... wissen Sie? Nun! Wer ist Herr Grünlich?« + +Tony fuhr zusammen, sah ihm rasch ins Gesicht und ließ dann ihre Augen +umherschweifen wie jemand, der an einen fernen Traum erinnert wird. +Dabei wurde das Gefühl in ihr lebendig, das sie in der Zeit nach Herrn +Grünlichs Werbung erprobt hatte: Das Gefühl persönlicher Wichtigkeit. + +»=Das= wollen Sie wissen, Morten?« fragte sie ernst. »Nun, dann will ich +es Ihnen sagen. Es war mir zwar höchst peinlich, verstehen Sie, daß +Thomas den Namen am ersten Nachmittage erwähnte; aber da Sie ihn einmal +gehört haben ... genug: Herr Grünlich, Bendix Grünlich, das ist ein +Geschäftsfreund meines Vaters, ein wohlsituierter Kaufmann aus Hamburg, +der in der Stadt um meine Hand angehalten hat ... aber nein!« antwortete +sie rasch auf eine Bewegung Mortens, »ich habe ihn zurückgewiesen, ich +habe mich nicht entschließen können, ihm mein Jawort fürs Leben zu +erteilen.« + +»Und warum nicht ... wenn ich fragen darf?« sagte Morten ungeschickt. + +»Warum? O Gott, weil ich ihn nicht =ausstehen= konnte!« rief sie beinahe +entrüstet ... »Sie hätten ihn kennen sollen, wie er aussah und wie er +sich benahm! Unter anderem hatte er goldgelbe Favoris ... völlig +unnatürlich! Ich bin überzeugt, daß er sich mit dem Pulver frisierte, +mit dem man die Weihnachtsnüsse vergoldet ... Außerdem war er falsch. Er +schwänzelte um meine Eltern herum und sprach ihnen in schamloser Weise +nach dem Munde ...« + +Morten unterbrach sie. + +»Aber was heißt ... Sie müssen mir noch eines sagen ... was heißt: Das +putzt ganz ungemein?« + +Tony geriet in ein nervöses und kicherndes Lachen. + +»Ja ... so sprach er, Morten! Er sagte nicht: `Das nimmt sich gut aus´, +oder: `Das schmückt das Zimmer´, sondern: `Das putzt ganz ungemein´ ... +so albern war er, ich versichere Sie!... Dabei war er im höchsten Grade +aufdringlich; er ließ nicht von mir ab, obgleich ich ihn niemals anders +als mit Ironie behandelte. Einmal machte er mir eine Szene, bei der er +beinahe weinte ... ich bitte Sie: ein Mann, der weint ...« + +»Er muß Sie sehr verehrt haben«, sagte Morten leise. + +»Aber was ging das =mich= an!« rief sie erstaunt, indem sie sich an +ihrem Sandberg zur Seite wandte ... + +»Sie sind grausam, Fräulein Tony ... Sind Sie immer grausam? Sagen Sie +mir ... Sie haben diesen Herrn Grünlich nicht leiden können, aber sind +Sie jemals einem anderen zugetan gewesen?... Manchmal denke ich: Haben +Sie vielleicht ein kaltes Herz? Eines will ich Ihnen sagen ... es ist so +wahr, daß ich es Ihnen beschwören kann: Ein Mann ist nicht albern, weil +er darüber weint, daß Sie nichts von ihm wissen wollen ... das ist es. +Ich bin nicht sicher, durchaus nicht sicher, daß ich nicht ebenfalls ... +Sehen Sie, Sie sind ein verwöhntes, vornehmes Geschöpf ... Mokieren Sie +sich immer nur über die Leute, die zu Ihren Füßen liegen? Haben Sie +wirklich ein kaltes Herz?« + +Nach der kurzen Heiterkeit begann nun plötzlich Tonys Oberlippe zu +zittern. Sie richtete ein Paar großer und betrübter Augen auf ihn, die +langsam blank von Tränen wurden, und sagte leise: »Nein, Morten, glauben +Sie das von mir?... Das müssen Sie nicht von mir glauben.« + +»Ich glaube es ja auch nicht!« rief Morten mit einem Lachen, in dem +Ergriffenheit und mühsam unterdrückter Jubel zu hören war ... Er wälzte +sich völlig herum, so daß er nun auf dem Bauche neben ihr lag, ergriff, +indem er die Ellenbogen aufstützte, mit beiden Händen die ihre und sah +mit seinen stahlblauen, gutmütigen Augen entzückt und begeistert in ihr +Gesicht. + +»Und Sie ... Sie mokieren sich nicht über mich, wenn ich Ihnen sage, +daß ...« + +»Ich weiß, Morten«, unterbrach sie ihn leise, während sie seitwärts auf +ihre freie Hand blickte, die langsam den weichen, weißen Sand durch die +Finger gleiten ließ. + +»Sie wissen ...! Und Sie ... =Sie=, Fräulein Tony ...« + +»Ja, Morten. Ich halte große Stücke auf Sie. Ich habe Sie sehr gern. Ich +habe Sie lieber als alle, die ich kenne.« + +Er fuhr auf, er machte ein paar Armbewegungen und wußte nicht, was er +tun sollte. Er sprang auf die Füße, warf sich sofort wieder bei ihr +nieder und rief mit einer Stimme, die stockte, wankte, sich überschlug +und wieder tönend wurde vor Glück: »Ach, ich danke Ihnen, ich danke +Ihnen! Sehen Sie, nun bin ich so glücklich, wie noch niemals in meinem +Leben!...« Dann fing er an, ihre Hände zu küssen. + +Plötzlich sagte er leiser: »Sie werden nun bald nach der Stadt abreisen, +Tony, und meine Ferien sind in vierzehn Tagen zu Ende ... dann muß ich +wieder nach Göttingen. Aber wollen Sie mir versprechen, daß Sie diesen +Nachmittag hier am Strande nicht vergessen werden, bis ich zurückkomme +... und Doktor bin ... und bei Ihrem Vater für uns bitten kann, so +schwer es sein wird? Und daß Sie unterdessen keinen Herrn Grünlich +erhören werden?... Oh, es wird nicht lange dauern, passen Sie auf! Ich +werde arbeiten, wie ein ... und es ist gar nicht schwer ...« + +»Ja, Morten«, sagte sie glücklich und abwesend, indem sie seine Augen, +seinen Mund und seine Hände betrachtete, die die ihren hielten ... + +Er zog ihre Hand noch näher an seine Brust und fragte gedämpft und +bittend: »Wollen Sie mir daraufhin nicht ... Darf ich das nicht ... +bekräftigen ...?« + +Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht einmal an, sie schob nur ganz +leise ihren Oberkörper am Sandberg ein wenig näher zu ihm hin, und +Morten küßte sie langsam und umständlich auf den Mund. Dann sahen sie +nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schämten sich über die +Maßen. + + +Zehntes Kapitel + +»Teuerste Demoiselle Buddenbrook! + +Wie lange ist es her, daß Unterzeichneter das Angesicht des reizendsten +Mädchens nicht mehr erblicken durfte? Diese so wenigen Zeilen sollen +Ihnen sagen, daß dieses Angesicht nicht aufgehört hat, vor seinem +geistigen Auge zu schweben, daß er während dieser hangenden und +bangenden Wochen unablässig eingedenk gewesen ist des köstlichen +Nachmittags in Ihrem elterlichen Salon, an dem Sie sich ein Versprechen, +ein halbes und verschämtes zwar noch, und doch so beseligendes +entschlüpfen ließen. Seitdem sind lange Wochen verflossen, während derer +Sie sich behufs Sammlung und Selbsterkenntnis von der Welt zurückgezogen +haben, so daß ich nun wohl hoffen darf, daß die Zeit der Prüfung vorüber +ist. Endesunterfertigter erlaubt sich, Ihnen, teuerste Demoiselle, +mitfolgendes Ringlein als Unterpfand seiner unsterblichen Zärtlichkeit +hochachtungsvollst zu übersenden. Mit den devotesten Komplimenten und +liebevollsten Handküssen zeichne als + + Dero Hochwohlgeboren ergebenster + =Grünlich=.« + +»Lieber Papa! + +O Gott, wie habe ich mich geärgert! Beifolgenden Brief und Ring erhielt +ich soeben von Gr., so daß ich Kopfweh vor Aufregung habe, und weiß ich +nichts Besseres zu tun, als beides an =Dich= zurückgehen zu lassen. Gr. +=will= mich nicht verstehen, und ist das, was er so poetisch von dem +`Versprechen´ schreibt, einfach nicht der Fall, und bitte ich Dich so +dringend, ihm nun doch kurzerhand plausibel zu machen, daß =ich jetzt +noch tausendmal weniger= als vor sechs Wochen in der Lage bin, ihm mein +Jawort fürs Leben zu erteilen und daß er mich endlich in Frieden lassen +soll, er =macht= sich ja =lächerlich=. Dir, dem besten Vater, kann ich +es ja sagen, daß ich anderweitig gebunden bin an jemanden, der mich +liebt, und den ich liebe, daß es sich gar nicht sagen läßt. O Papa! +Darüber könnte ich viele Bogen vollschreiben, ich spreche von Herrn +Morten Schwarzkopf, der Arzt werden will, und, sowie er Doktor ist, um +meine Hand anhalten will. Ich weiß ja, daß es Sitte ist, einen Kaufmann +zu heiraten, aber Morten gehört eben zu dem anderen Teil von angesehenen +Herren, den Gelehrten. Er ist nicht reich, was wohl für Dich und Mama +gewichtig ist, aber das muß ich Dir sagen, lieber Papa, so jung ich bin, +aber das wird das Leben manchen gelehrt haben, daß Reichtum allein nicht +immer jeden glücklich macht. Mit tausend Küssen verbleibe ich + + Deine gehorsame Tochter + =Antonie=. + +_PS._ Der Ring ist niedriges Gold und ziemlich schmal, wie ich sehe.« + +»Meine liebe Tony! + +Dein Schreiben ist mir richtig geworden. Auf seinen Gehalt eingehend, +teile ich Dir mit, daß ich pflichtgemäß nicht ermangelt habe, Herrn Gr. +über Deine Anschauung der Dinge in geziemender Form zu unterrichten; das +Resultat jedoch war derartig, daß es mich aufrichtig erschüttert hat. Du +bist ein erwachsenes Mädchen und befindest Dich in einer so ernsten +Lebenslage, daß ich nicht anstehen darf, Dir die Folgen namhaft zu +machen, die ein leichtfertiger Schritt Deinerseits nach sich ziehen +kann. Herr Gr. nämlich brach bei meinen Worten in Verzweiflung aus, +indem er rief, so sehr liebe er Dich und so wenig könne er Deinen +Verlust verschmerzen, daß er willens sei, sich das Leben zu nehmen, wenn +Du auf Deinem Entschlusse bestündest. Da ich das, was Du mir von einer +anderweitigen Neigung schreibst, nicht ernst nehmen kann, so bitte ich +Dich, Deine Erregung über den zugesandten Ring zu bemeistern und alles +noch einmal bei Dir selbst mit Ernst zu erwägen. Meiner christlichen +Überzeugung nach, liebe Tochter, ist es des Menschen Pflicht, die +Gefühle eines anderen zu achten, und wir wissen nicht, ob Du nicht einst +würdest von einem höchsten Richter dafür haftbar gemacht werden, daß der +Mann, dessen Gefühle Du hartnäckig und kalt verschmähtest, sich gegen +sein eigenes Leben versündigte. Das eine aber, welches ich Dir mündlich +schon oft zu verstehen gegeben, möchte ich Dir ins Gedächtnis +zurückrufen und freue ich mich, Gelegenheit zu haben, es Dir schriftlich +zu wiederholen. Denn obgleich die mündliche Rede lebendiger und +unmittelbarer wirken mag, so hat doch das geschriebene Wort den Vorzug, +daß es mit Muße gewählt und gesetzt werden konnte, daß es feststeht und +in dieser vom Schreibenden wohl erwogenen und berechneten Form und +Stellung wieder und wieder gelesen werden und gleichmäßig wirken kann. +-- Wir sind, meine liebe Tochter, nicht =dafür= geboren, was wir mit +kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines, persönliches Glück +halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende +Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir wären, so wie +wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns vorangingen +und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und ohne nach +rechts oder links zu blicken, einer erprobten und ehrwürdigen +Überlieferung folgten. Dein Weg, wie mich dünkt, liegt seit längeren +Wochen klar und scharf abgegrenzt vor Dir, und du müßtest nicht meine +Tochter sein, nicht die Enkelin Deines in Gott ruhenden Großvaters und +überhaupt nicht ein würdig Glied unserer Familie, wenn Du ernstlich im +Sinne hättest, Du allein, mit Trotz und Flattersinn Deine eigenen, +unordentlichen Pfade zu gehen. Dies, meine liebe Antonie, bitte ich +Dich, in Deinem Herzen zu bewegen. -- + +Deine Mutter, Thomas, Christian, Klara und Klothilde (welch letztere +mehrere Wochen bei ihrem Vater auf Ungnade verlebt hat), auch Mamsell +Jungmann grüßen Dich von ganzem Herzen; wir freuen uns alle, Dich bald +wieder in unsere Arme schließen zu können. + + In treuer Liebe + =Dein Vater=.« + + +Elftes Kapitel + +Es regnete in Strömen. Himmel, Erde und Wasser verschwammen ineinander, +während der Stoßwind in den Regen fuhr und ihn gegen die Fensterscheiben +trieb, daß nicht Tropfen, sondern Bäche daran hinunterflossen und sie +undurchsichtig machten. Klagende und verzweifelnde Stimmen redeten in +den Ofenröhren ... + +Als Morten Schwarzkopf bald nach dem Mittagessen mit seiner Pfeife vor +die Veranda trat, um nachzusehen, wie es mit dem Himmel bestellt sei, +stand ein Herr in langem, engem, gelbkariertem Ülster und grauem Hute +vor ihm; eine geschlossene Droschke, deren Verdeck vor Nässe glänzte und +deren Räder so mit Kot besprengt waren, hielt vorm Hause. Morten starrte +fassungslos in das rosige Gesicht des Herrn. Er hatte Bartkotelettes, +die aussahen, als seien sie mit dem Pulver frisiert, mit dem man die +Weihnachtsnüsse vergoldet. + +Der Herr im Ülster sah Morten an, wie man einen Bedienten ansieht, +leicht blinzelnd, ohne ihn zu sehen, und fragte mit weicher Stimme: »Ist +der Herr Lotsenkommandeur zu sprechen?« + +»Allerdings ...« stammelte Morten, »ich glaube, daß mein Vater ...« + +Hier faßte ihn der Herr ins Auge; seine Augen waren so blau wie +diejenigen einer Gans. + +»Sind Sie Herr Morten Schwarzkopf?« fragte er ... + +»Ja, mein Herr«, antwortete Morten, indem er sich anstrengte, einen +festen Gesichtsausdruck zu gewinnen. + +»Sieh da! In der Tat ...« bemerkte der Herr im Ülster, und dann fuhr er +fort: »Haben Sie die Güte, mich Ihrem Herrn Vater zu melden, junger +Mann. Mein Name ist Grünlich.« + +Morten führte den Herrn durch die Veranda, öffnete ihm im Korridor +rechterhand die Tür zum Bureau, und kehrte ins Wohnzimmer zurück, um +seinen Vater zu benachrichtigen. Während Herr Schwarzkopf hinausging, +ließ der junge Mensch sich an dem runden Tische nieder, stützte die +Ellenbogen darauf und schien sich, ohne seine Mutter anzusehen, die am +trüben Fenster mit dem Stopfen von Strümpfen beschäftigt war, in das +»klägliche Blättchen« zu vertiefen, das von nichts anderem als der +silbernen Hochzeit des Konsuls So und So zu berichten wußte. -- Tony +befand sich droben in ihrem Zimmer, um auszuruhen. + +Der Lotsenkommandeur betrat sein Büro mit der Miene eines Mannes, der +mit dem Mittagessen zufrieden ist, das er zu sich genommen. Sein +Uniformrock, über der gewölbten weißen Weste, stand offen. Von seinem +roten Gesicht hob sich scharf der eisgraue Schifferbart ab. Seine Zunge +fuhr behaglich zwischen den Zähnen umher, wobei sein biederer Mund in +die abenteuerlichsten Stellungen geriet. Er verbeugte sich kurz, +ruckartig und mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: So macht man es +ja wohl! + +»Gesegnete Mahlzeit«, sagte er; »dem Herrn zu Diensten!« + +Herr Grünlich, von seiner Seite, verneigte sich mit Bedacht, indem seine +Mundwinkel sich ein wenig abwärts zogen. Hierbei sagte er leise: +»Hä-ä-hm.« + +Das Bureau war eine ziemlich kleine Stube, deren Wände einige Fuß hoch +mit Holz bekleidet waren und im übrigen den untapezierten Kalk zeigten. +Vor dem Fenster, an welches unablässig der Regen trommelte, hingen +gelbgerauchte Gardinen. Rechterhand von der Tür befand sich ein langer, +roher, mit Papieren bedeckter Tisch, über welchem eine große Karte von +Europa und eine kleinere der Ostsee an der Wand befestigt war. Von der +Mitte der Zimmerdecke hing das sauber gearbeitete Modell eines Schiffes +unter vollen Segeln herab. + +Der Lotsenkommandeur nötigte seinen Gast auf das geschweifte, mit +schwarzem, zersprungenem Wachstuch bezogene Sofa, das der Tür +gegenüberstand, und machte es sich selbst mit über dem Bauch gefalteten +Händen in einem hölzernen Armstuhl bequem, während Herr Grünlich in fest +geschlossenem Ülster, den Hut auf den Knien, ohne die Rückenlehne zu +berühren, genau auf der Kante des Sofas saß. + +»Mein Name«, sagte er, »ist, wie ich wiederhole, =Grünlich=, Grünlich +von Hamburg. Um mich Ihnen zu empfehlen, erwähne ich, daß ich mich einen +nahen Geschäftsfreund des Großhändlers Konsul Buddenbrook nennen darf.« + +»Allabonöhr! Ist mir eine Ehre, Herr Grünlich! Aber wollen der Herr +sich's nicht ein bißchen bequemer machen? Einen Grog nach der Fahrt? Ich +rufe sofort in die Küche ...« + +»Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken«, sprach Herr Grünlich mit Ruhe, +»daß meine Zeit gemessen ist, daß mein Wagen mich erwartet, und daß ich +lediglich genötigt bin, Sie um eine Unterredung von zwei Worten zu +ersuchen.« + +»Dem Herrn zu Diensten«, wiederholte Herr Schwarzkopf ein wenig +eingeschüchtert. Es entstand eine Pause. + +»Herr Kommandeur!« begann Herr Grünlich, indem er den Kopf mit +Entschlossenheit schüttelte und ihn dabei ein wenig zurückwarf. Dann +schwieg er aufs neue, um die Wirkung dieser Anrede zu verstärken; er +schloß seinen Mund dabei so fest wie einen Geldbeutel, den man mit +Schnüren zusammenzieht. + +»Herr Kommandeur«, wiederholte er und sagte dann rasch: »Die +Angelegenheit, in der ich zu Ihnen komme, betrifft unmittelbar die +junge Dame, die seit einigen Wochen in Ihrem Hause wohnt.« + +»Mamsell Buddenbrook?« fragte Herr Schwarzkopf ... + +»Allerdings«, versetzte Herr Grünlich tonlos und mit gesenktem Kopfe; an +seinen Mundwinkeln bildeten sich straffe Fältchen. + +»Ich ... sehe mich veranlaßt, Ihnen zu eröffnen«, fuhr er mit leichthin +trällernder Betonung fort, indem seine Augen mit ungeheurer +Aufmerksamkeit von einem Punkt des Zimmers auf einen anderen und dann +zum Fenster sprangen, »daß ich vor einiger Zeit um die Hand eben dieser +Demoiselle Buddenbrook angehalten habe, daß ich mich im vollen Besitz +der beiderseitigen elterlichen Zustimmung befinde, und daß das Fräulein +selbst mir, ohne daß zwar die Verlobung bereits in aller Form +stattgefunden hätte, mit unzweideutigen Worten Anrechte auf ihre Hand +gegeben hat.« + +»Wahrhaftigen Gott?« fragte Herr Schwarzkopf lebhaft ... »Davon hab' ich +noch gar nichts gewußt! Gratuliere, Herr ... Grünlich! Gratuliere Ihnen +aufrichtig! Da haben Sie was Gutes, was Reelles ...« + +»Sehr obligiert«, sagte Herr Grünlich mit kaltem Nachdruck. »Was mich +jedoch«, fuhr er mit singend erhobener Stimme fort, »in dieser +Angelegenheit zu Ihnen führt, mein werter Herr Kommandeur, ist der +Umstand, daß sich dieser Verbindung ganz neuerdings =Schwierigkeiten= in +den Weg stellen, und daß diese Schwierigkeiten ... von Ihrem Hause +ausgehen --?« Die letzten Worte sprach er mit fragender Betonung, als +wollte er sagen: Kann es möglich sein, was mir zu Ohren gekommen ist? + +Herr Schwarzkopf antwortete ausschließlich dadurch, daß er seine +ergrauten Augenbrauen hoch in die Stirne zog und mit beiden Händen, +braunen, blondbehaarten Schifferhänden, die Armlehnen seines Stuhles +ergriff. + +»Ja. In der Tat. So höre ich«, sprach Herr Grünlich mit trauriger +Bestimmtheit. »Ich =höre=, daß Ihr Sohn, der Herr Studiosus Medicinä es +sich ... unwissentlich zwar ... gestattet hat, in meine Rechte +einzugreifen, ich =höre=, daß er die hiesige Anwesenheit des Fräuleins +dazu benutzt hat, ihr gewisse Versprechungen abzugewinnen ...« + +»Was?« rief der Lotsenkommandeur, indem er sich heftig auf die Armlehnen +stützte und emporsprang ... »Da soll doch gleich ... I, dat wier je denn +doch woll ...« Und mit zwei Schritten war er an der Tür, riß sie auf und +rief mit einer Stimme über den Korridor, welche die ärgste Brandung +übertönt hätte: »Meta! Morten! Tretet mal an! Tretet mal alle beide an!« + +»Ich würde lebhaft bedauern«, sprach Herr Grünlich mit einem feinen +Lächeln, »wenn ich durch die Geltendmachung meiner älteren Rechte Ihre +eigenen väterlichen Pläne durchkreuzen sollte, Herr Kommandeur ...« + +Diederich Schwarzkopf wandte sich um und starrte ihm mit seinen +scharfen, von kleinen Fältchen umgebenen blauen Augen ins Gesicht, als +bemühte er sich vergebens, seine Worte zu verstehen. + +»Herr!« sagte er dann mit einer Stimme, die klang, als hätte soeben ein +scharfer Schluck Grog seine Kehle verbrannt ... »Ich bin man'n einfachen +Mann und versteh mich schlecht auf Medisangsen und Finessen ... aber +wenn Sie vielleicht meinen sollten, daß ... na! denn lassen Sie sich +gesagt sein, daß Sie auf dem Holzwege sind, Herr, und daß Sie sich über +meine Grundsätze täuschen! Ich weiß, wer mein Sohn ist, und weiß, wer +Mamsell Buddenbrook ist, und ich habe zuviel Respekt und auch zuviel +Stolz im Leibe, Herr, um solche väterlichen Pläne zu machen! Und nun +redet mal, nun antwortet mir mal! Was ist das eigentlich, wie? Was höre +ich da eigentlich, was?...« + +Frau Schwarzkopf und ihr Sohn standen in der Tür; die erstere +ahnungslos, mit dem Ordnen ihrer Schürze beschäftigt, Morten mit der +Miene eines verstockten Sünders ... Herr Grünlich hatte sich bei ihrem +Eintritt keineswegs erhoben; er verharrte in gerader und ruhevoller +Haltung fest in seinen Ülster geknöpft auf der Sofakante. + +»Du hast dich also wie ein dummer Junge betragen?« fuhr der +Lotsenkommandeur Morten an. + +Der junge Mensch hielt einen Daumen zwischen den Knöpfen seiner Joppe; +er machte finstere Augen und hatte vor Trotz sogar seine Wangen +aufgeblasen. + +»Ja, Vater«, sagte er, »Fräulein Buddenbrook und ich ...« + +»So, na, denn will 'k di man vertellen, daß du 'n Döskopp büs', 'n +Hanswurst, 'n groten Dummerjahn! Und daß du morgen nach Göttingen +abkutschierst, hörst du wohl? morgenden Tages! Und daß das Ganze 'n +Kinderkram ist, ein nichtsnutziger Kinderkram und damit Punktum!« + +»Diederich, mein Gott«, sagte Frau Schwarzkopf, indem sie die Hände +faltete; »das kann man doch nicht so ohne weiteres sagen! Wer weiß ...« +Sie schwieg und man sah, wie eine schöne Hoffnung vor ihren Augen +zusammenstürzte. + +»Wünschen der Herr das Fräulein zu sprechen?« wandte sich der +Lotsenkommandeur mit rauher Stimme an Herrn Grünlich ... + +»Sie ist in ihrem Zimmer! Sie schläft!« erklärte Frau Schwarzkopf +mitleidig und gerührt. + +»Das bedaure ich«, sagte Herr Grünlich, obgleich er ein wenig aufatmete, +und erhob sich. »Übrigens wiederhole ich, daß meine Zeit gemessen ist +und daß mein Wagen mich erwartet. Ich gestatte mir«, fuhr er fort, indem +er vor Herrn Schwarzkopf mit dem Hute eine Bewegung von oben nach unten +beschrieb, »Ihnen, Herr Kommandeur, meine vollste Genugtuung und +Anerkennung angesichts Ihres männlichen und charaktervollen Benehmens +auszusprechen. Ich empfehle mich Ihnen. Ich habe die Ehre. Adieu.« + +Diederich Schwarzkopf reichte ihm keineswegs die Hand: Er ließ nur kurz +und ruckartig seinen schweren Oberkörper ein wenig nach vorne fallen, +als wollte er sagen: So macht man es ja wohl! + +Zwischen Morten und seiner Mutter hindurch ging Herr Grünlich gemessenen +Schrittes zur Tür hinaus. + + +Zwölftes Kapitel + +Thomas erschien mit der Krögerschen Kalesche. Der Tag war da. + +Der junge Herr kam um zehn Uhr des Vormittags und nahm einen kleinen +Imbiß mit der Familie in der Wohnstube. Man saß beieinander wie am +ersten Tage; nur daß der Sommer dahin war, daß es zu kalt und windig +war, in der Veranda zu sitzen und daß Morten fehlte ... Er war in +Göttingen. Tony und er hatten nicht einmal ordentlich Abschied +voneinander genommen. Der Lotsenkommandeur hatte dabeigestanden und +gesagt: »So, Punktum. Hü.« + +Um elf Uhr stiegen die Geschwister in den Wagen, an dessen hinterem +Teile Tonys großer Koffer festgeschnallt worden war. Sie war blaß und +fröstelte in ihrer weichen Herbstjacke vor Kälte, Müdigkeit, Reisefieber +und einer Wehmut, die dann und wann plötzlich in ihr aufstieg und ihre +Brust mit einem drängenden Schmerzgefühl erfüllte. Sie küßte die kleine +Meta, drückte der Hausfrau die Hand und nickte Herrn Schwarzkopf zu, als +er sagte: »Na, vergessen Sie uns nicht, Mamselling. Und nichts für +ungut, was?« + +»So, und glückliche Reise und beste Empfehlungen an den Herrn Papa und +die Frau Konsulin ...« Dann schnappte der Schlag ins Schloß, die dicken +Braunen zogen an, und die drei Schwarzkopfs schwenkten ihre Tücher ... + +Tony drückte den Kopf in die Wagenecke und sah zum Fenster hinaus. Der +Himmel war weißlich bedeckt, die Trave warf kleine Wellen, die schnell +vor dem Winde dahineilten. Dann und wann prickelten kleine Tropfen gegen +die Scheiben. Am Ausgang der »Vorderreihe« saßen die Leute vor ihren +Haustüren und flickten Netze; barfüßige Kinder kamen herbeigelaufen und +betrachteten neugierig den Wagen. =Die= blieben hier ... + +Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Tony sich vor, um +noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte sie sich zurück und +schloß die Augen, die müde und empfindlich waren. Sie hatte in der Nacht +fast nicht geschlafen vor Erregung, war früh aufgestanden, um ihren +Koffer in Ordnung zu bringen, und hatte nicht frühstücken mögen. In +ihrem ausgetrockneten Munde hatte sie einen faden Geschmack. Sie fühlte +sich so hinfällig, daß sie es nicht einmal versuchte, die Tränen +zurückzudrängen, die jeden Augenblick langsam und heiß in ihre Augen +emporstiegen. + +Kaum hatte sie ihre Lider geschlossen, als sie sich wieder in Travemünde +in der Veranda befand. Sie sah Morten Schwarzkopf leibhaftig vor sich, +wie er zu ihr sprach, sich nach seiner Art dabei vorbeugte und hie und +da einen anderen gutmütig forschend ansah; wie er lachend seine schönen +Zähne zeigte, von denen er ersichtlich gar nichts wußte ... und es wurde +ihr ganz ruhig und heiter dabei zu Sinn. Sie rief sich alles ins +Gedächtnis zurück, was sie in vielen Gesprächen von ihm gehört und +erfahren hatte, und es bereitete ihr eine beglückende Genugtuung, sich +feierlich zu versprechen, daß sie dies alles als etwas Heiliges und +Unantastbares in sich bewahren wollte. Daß der König von Preußen ein +großes Unrecht begangen, daß die Städtischen Anzeigen ein klägliches +Blättchen seien, ja selbst, daß vor vier Jahren die Bundesgesetze über +die Universitäten erneuert worden, das würden ihr fortan ehrwürdige und +tröstliche Wahrheiten sein, ein geheimer Schatz, den sie würde +betrachten können, wann sie wollte. Mitten auf der Straße, im +Familienkreise, beim Essen würde sie daran denken ... Wer weiß? +vielleicht würde sie ihren vorgezeichneten Weg gehen und Herrn Grünlich +heiraten, das war ganz gleichgültig; aber wenn er zu ihr sprach, würde +sie plötzlich denken: Ich weiß etwas, was du nicht weißt ... Die +Adeligen sind -- im =Prinzip= gesprochen -- verächtlich! + +Sie lächelte zufrieden vor sich hin ... Aber da, plötzlich, vernahm sie +in dem Geräusch der Räder mit vollkommener, mit unglaublich lebendiger +Deutlichkeit Mortens Sprache; sie unterschied jeden Laut seiner +gutmütigen, ein wenig schwerfällig knarrenden Stimme, sie hörte mit +leiblichem Ohr, wie er sagte: »Heute müssen wir beide auf den Steinen +sitzen, Fräulein Tony ...«, und diese kleine Erinnerung überwältigte +sie. Ihre Brust zog sich zusammen vor Wehmut und Schmerz, ohne Gegenwehr +ließ sie die Tränen hervorstürzen ... In ihren Winkel gedrückt, hielt +sie das Taschentuch mit beiden Händen vors Gesicht und weinte +bitterlich. + +Thomas, seine Zigarette im Munde, blickte ein wenig ratlos auf die +Chaussee hinaus. + +»Arme Tony!« sagte er schließlich, indem er ihre Jacke streichelte. »Du +tust mir herzlich leid ... ich verstehe dich so gut, siehst du! Aber was +ist da zu tun? Dergleichen muß durchgemacht werden. Glaube mir nur ... +ich kenne das auch ...« + +»Ach, du kennst gar nichts, Tom!« schluchzte Tony. + +»Na, sage das nicht. Jetzt steht es zum Beispiel fest, daß ich Anfang +nächsten Jahres nach Amsterdam gehe. Papa hat eine Stelle für mich ... +bei van der Kellen & Comp. ... Da werde ich Abschied nehmen müssen für +lange, lange Zeit ...« + +»Ach, Tom! Ein Abschied von Eltern und Geschwistern! Das ist gar +nichts!« + +»Ja --!« sagte er ziemlich langgedehnt. Er atmete auf, als ob er noch +mehr sagen wollte und schwieg dann. Indem er die Zigarette von einem +Mundwinkel in den anderen wandern ließ, zog er eine Braue empor und +wandte den Kopf zur Seite. + +»Und es dauert ja nicht lange«, fing er nach einer Weile wieder an. »Das +gibt sich. Man vergißt ...« + +»Aber ich will ja gerade nicht vergessen!« rief Tony ganz verzweifelt. +»Vergessen ... ist das denn ein Trost?!« -- + + +Dreizehntes Kapitel + +Dann kam die Fähre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg, +das Burgfeld. Der Wagen passierte das Burgtor, neben dem zur Rechten die +Mauern des Gefängnisses aufragten, er rollte die Burgstraße entlang und +über den Koberg ... Tony betrachtete die grauen Giebelhäuser, die über +die Straße gespannten Öllampen, das Heilige-Geist-Hospital mit den schon +fast entblätterten Linden davor ... Mein Gott, alles das war geblieben, +wie es gewesen war! Es hatte hier gestanden, unabänderlich und +ehrwürdig, während sie sich daran als an einen alten, vergessenswerten +Traum erinnert hatte! Diese grauen Giebel waren das Alte, Gewohnte und +Überlieferte, das sie wieder aufgenommen und in dem sie nun wieder leben +sollte. Sie weinte nicht mehr; sie sah sich neugierig um. Das +Abschiedsleid war beinahe betäubt, angesichts dieser Straßen und dieser +altbekannten Gesichter darin. In diesem Augenblick -- der Wagen rasselte +durch die Breite Straße -- ging der Träger Matthiesen vorüber und nahm +tief seinen rauhen Zylinder ab mit einem so bärbeißigen Pflichtgesicht, +als dächte er: Ich wäre ja wohl ein Hundsfott ...! + +Die Equipage bog in die Mengstraße ein und die dicken Braunen standen +schnaubend und stampfend vorm Buddenbrookschen Hause. Tom war seiner +Schwester aufmerksam beim Aussteigen behilflich, während Anton und Line +herbeieilten, um den Koffer herunterzuschnallen. Aber man mußte warten, +bevor man ins Haus gelangte. Drei mächtige Transportwagen schoben sich +soeben dicht hintereinander durch die Haustür, hochbepackt mit vollen +Kornsäcken, auf denen in breiten schwarzen Buchstaben die Firma »Johann +Buddenbrook« zu lesen war. Mit schwerfällig widerhallendem Gepolter +schwankten sie über die große Diele und die flachen Stufen zum Hofe +hinunter. Ein Teil des Kornes sollte wohl im Hinterhause verladen werden +und der Rest in den »Walfisch«, den »Löwen« oder die »Eiche« wandern ... + +Der Konsul kam, die Feder hinterm Ohr, aus dem Kontor heraus, als die +Geschwister die Diele betraten, und streckte seiner Tochter die Arme +entgegen. + +»Willkommen zu Hause, meine liebe Tony!« + +Sie küßte ihn und sah ihn mit Augen an, die noch verweint waren und in +denen etwas wie Scham zu lesen war. Aber er war nicht böse, er erwähnte +kein Wort. Er sagte nur: »Es ist spät, aber wir haben mit dem zweiten +Frühstück gewartet.« + +Die Konsulin, Christian, Klothilde, Klara und Ida Jungmann standen zur +Begrüßung droben auf dem Treppenabsatz versammelt ... + + * * * * * + +Tony schlief fest und gut die erste Nacht in der Mengstraße, und sie +stieg am nächsten Morgen, den 22. September, erfrischt und ruhigen +Sinnes ins Frühstückszimmer hinunter. Es war noch ganz früh, kaum sieben +Uhr. Nur Mamsell Jungmann war schon anwesend und bereitete den +Morgenkaffee. + +»Ei, ei, Tonychen, mein Kindchen«, sagte sie und sah sich mit kleinen, +verschlafenen braunen Augen um; »schon so zeitig?« + +Tony setzte sich an den Sekretär, dessen Deckel zurückgeschoben war, +faltete die Hände hinter dem Kopf und blickte eine Weile auf das vor +Nässe schwarz glänzende Pflaster des Hofes und den vergilbten und +feuchten Garten hinaus. Dann fing sie an, neugierig unter den +Visitkarten und Briefschaften auf dem Sekretär zu kramen ... + +Dicht beim Tintenfaß lag das wohlbekannte große Schreibheft mit +gepreßtem Umschlag, goldenem Schnitt und verschiedenartigem Papier. Es +mußte noch gestern abend gebraucht worden sein, und ein Wunder nur, daß +Papa es nicht wie gewöhnlich in der Ledermappe und in der besonderen +Schublade dort hinten verschlossen hatte. + +Sie nahm es, blätterte darin, geriet ins Lesen und vertiefte sich. Was +sie las, waren meistens einfache und ihr vertraute Dinge; aber jeder der +Schreibenden hatte von seinem Vorgänger eine ohne Übertreibung +feierliche Vortragsweise übernommen, einen instinktiv und ungewollt +angedeuteten Chronikenstil, aus dem der diskrete und darum desto +würdevollere Respekt einer Familie vor sich selbst, vor Überlieferung +und Historie sprach. Für Tony war das nichts Neues; sie hatte sich +manchesmal mit diesen Blättern beschäftigen dürfen. Aber noch niemals +hatte ihr Inhalt einen Eindruck auf sie gemacht, wie diesen Morgen. Die +ehrerbietige Bedeutsamkeit, mit der hier auch die bescheidensten +Tatsachen behandelt waren, die der Familiengeschichte angehörten, stieg +ihr zu Kopf ... Sie stützte die Ellenbogen auf und las mit wachsender +Hingebung, mit Stolz und Ernst. + +Auch in ihrer eigenen kleinen Vergangenheit fehlte kein Punkt. Ihre +Geburt, ihre Kinderkrankheiten, ihr erster Schulgang, ihr Eintritt in +Mlle. Weichbrodts Pensionat, ihre Konfirmation ... Alles war in der +kleinen, fließenden Kaufmannsschrift des Konsuls sorgfältig und mit +einer fast religiösen Achtung vor Tatsachen überhaupt verzeichnet: Denn +war nicht der geringsten eine Gottes Wille und Werk, der die Geschicke +der Familie wunderbar gelenkt?... Was würde hier hinter ihrem Namen, den +sie von ihrer Großmutter Antoinette empfangen hatte, in Zukunft noch zu +berichten sein? Und alles würde von späteren Familiengliedern mit der +nämlichen Pietät gelesen werden, mit der jetzt sie die früheren +Begebnisse verfolgte. + +Sie lehnte sich aufatmend zurück, und ihr Herz pochte feierlich. +Ehrfurcht vor sich selbst erfüllte sie, und das Gefühl persönlicher +Wichtigkeit, das ihr vertraut war, durchrieselte sie, verstärkt durch +den Geist, den sie soeben hatte auf sich wirken lassen, wie ein +Schauer. »Wie ein Glied in einer Kette«, hatte Papa geschrieben ... ja, +ja! Gerade als Glied dieser Kette war sie von hoher und +verantwortungsvoller Bedeutung, -- berufen, mit Tat und Entschluß an der +Geschichte ihrer Familie mitzuarbeiten! + +Sie blätterte zurück bis ans Ende des großen Heftes, wo auf einem rauhen +Foliobogen die ganze Genealogie der Buddenbrooks mit Klammern und +Rubriken in übersichtlichen Daten von des Konsuls Hand resümiert worden +war: Von der Eheschließung des frühesten Stammhalters mit der +Predigerstochter Brigitta Schuren bis zu der Heirat des Konsuls Johann +Buddenbrook mit Elisabeth Kröger im Jahre 1825. Aus dieser Ehe, so hieß +es, entsprossen vier Kinder ... worauf mit den Geburtsjahren und -tagen +die Taufnamen untereinander aufgeführt waren; hinter demjenigen des +älteren Sohnes aber war bereits verzeichnet, daß er Ostern 1842 in das +väterliche Geschäft als Lehrling eingetreten sei. + +Tony blickte lange Zeit auf ihren Namen und auf den freien Raum +dahinter. Und dann, plötzlich, mit einem Ruck, mit einem nervösen und +eifrigen Mienenspiel -- sie schluckte hinunter, und ihre Lippen bewegten +sich einen Augenblick ganz schnell aneinander -- ergriff sie die Feder, +tauchte sie nicht, sondern stieß sie in das Tintenfaß und schrieb mit +gekrümmtem Zeigefinger und tief auf die Schulter geneigtem, hitzigem +Kopf, in ihrer ungelenken und schräg von links nach rechts +emporfliegenden Schrift: »... Verlobte sich am 22. September 1845 mit +Herrn Bendix Grünlich, Kaufmann zu Hamburg.« + + +Vierzehntes Kapitel + +»Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, mein werter Freund. Diese Frage ist +von Wichtigkeit und muß erledigt werden. Kurz und gut: Die traditionelle +Barmitgift für ein junges Mädchen aus unserer Familie beträgt 70000 +Mark.« + +Herr Grünlich warf seinem zukünftigen Schwiegervater den kurzen und +prüfenden Seitenblick eines Geschäftsmannes zu. + +»In der Tat ...«, sagte er, und dieses In der Tat war genau so lang wie +sein linker goldgelber Backenbart, den er bedächtig durch die Finger +gleiten ließ ... Er ließ die Spitze los, als das In der Tat vollendet +war. + +»Sie kennen«, fuhr er fort, »verehrter Vater, die tiefe Hochachtung, die +ich ehrwürdigen Überlieferungen und Prinzipien entgegenbringe! Allein +... sollte im gegenwärtigen Falle diese schöne Rücksicht nicht eine +Übertreibung bedeuten?... Ein Geschäft vergrößert sich ... eine Familie +blüht empor ... kurzum die Bedingungen werden andere und bessere ...« + +»Mein werter Freund«, sprach der Konsul ... »Sie sehen in mir einen +Geschäftsmann von Kulanz! Mein Gott ... Sie haben mich nicht einmal +ausreden lassen, sonst wüßten Sie bereits, daß ich willig und bereit +bin, Ihnen den Umständen entsprechend entgegenzukommen, und daß ich den +70000 schlankerhand 10000 hinzufüge.« + +»80000 also ...«, sagte Herr Grünlich; und dann machte er eine +Mundbewegung, als wollte er sagen: Nicht zu viel; aber es genügt. + +Man einigte sich in der liebenswürdigsten Weise, und der Konsul +klapperte, als er sich erhob, zufrieden mit dem großen Schlüsselbund in +seiner Beinkleidtasche. Erst mit den 80000 hatte er die »traditionelle +Höhe der Barmitgift« erreicht. -- + +Hierauf empfahl sich Herr Grünlich und reiste nach Hamburg ab. Tony +verspürte wenig von ihrer neuen Lebenslage. Niemand hinderte sie, bei +Möllendorpfs, Langhals', Kistenmakers und im eignen Hause zu tanzen, auf +dem Burgfelde und den Travenwiesen Schlittschuh zu laufen und die +Huldigungen der jungen Herren entgegenzunehmen ... Mitte Oktober hatte +sie Gelegenheit, der Verlobungsgesellschaft beizuwohnen, die man bei +Möllendorpfs zu Ehren des ältesten Sohnes und Julchen Hagenströms +veranstaltete. »Tom!« sagte sie. »Ich gehe nicht hin. Es ist empörend!« +Aber sie ging dennoch hin und unterhielt sich aufs beste. + +Im übrigen hatte sie sich mit den Federstrichen, die sie der +Familiengeschichte hinzugefügt, die Erlaubnis erworben, mit der Konsulin +oder allein in allen Läden der Stadt Kommissionen größeren Stiles zu +machen und für ihre Aussteuer, eine =vornehme= Aussteuer, Sorge zu +tragen. Tagelang saßen im Frühstückszimmer am Fenster zwei Nähterinnen, +welche säumten, Monogramme stickten und eine Menge Landbrot mit grünem +Käse aßen ... + +»Ist das Leinenzeug von Lentföhr gekommen, Mama?« + +»Nein, mein Kind, aber hier sind zwei Dutzend Teeservietten.« + +»Schön. -- Und er hatte versprochen, es bis heute nachmittag zu +schicken. Mein Gott, die Laken müssen gesäumt werden!« + +»Mamsell Bitterlich fragt nach den Spitzen für die Kissenbühren, Ida.« + +»Im Leinenschrank auf der Diele rechts, Tonychen, mein Kindchen.« + +»Line -- --!« + +»Könntest auch gern mal selbst springen, mein Herzchen ...« + +»O Gott, wenn ich darum heirate, um selber die Treppen zu laufen ...« + +»Hast du an die Trauungstoilette gedacht, Tony?« + +»_Moirée antique_, Mama!... Ich lasse mich nicht trauen ohne _moirée +antique_!« + +So verging der Oktober, der November. Zur Weihnachtszeit erschien Herr +Grünlich, um den heiligen Abend im Kreise der Buddenbrookschen Familie +zu verleben, und auch die Einladung zur Feier bei den alten Krögers +schlug er nicht aus. Sein Benehmen gegenüber seiner Braut war erfüllt +von dem Zartgefühl, das man von ihm zu gewärtigen berechtigt war. Keine +unnötige Feierlichkeit! Keine gesellschaftliche Behinderung! Keine +taktlosen Zärtlichkeiten! Ein hingehaucht diskreter Kuß auf die Stirn in +Gegenwart der Eltern hatte das Verlöbnis besiegelt ... Zuweilen +verwunderte Tony sich ein wenig, daß sein Glück jetzt der Verzweiflung, +die er bei ihren Weigerungen an den Tag gelegt hatte, kaum zu +entsprechen schien. Er betrachtete sie lediglich mit einer heiteren +Besitzermiene ... Hie und da freilich, wenn er zufällig mit ihr allein +geblieben war, konnte eine scherzhafte, eine neckische Stimmung ihn +überkommen, konnte er den Versuch machen, sie auf seine Knie zu ziehen, +um seine Favoris ihrem Gesichte zu nähern, und sie mit vor Heiterkeit +zitternder Stimme zu fragen: »Habe ich dich doch erwischt? Habe ich dich +doch noch ergattert?...« Worauf Tony antwortete: »O Gott, Sie vergessen +sich!« und sich mit Geschicklichkeit befreite. + +Herr Grünlich kehrte bald nach dem Weihnachtsfeste nach Hamburg zurück, +denn sein reges Geschäft forderte unerbittlich seine persönliche +Gegenwart, und Buddenbrooks stimmten mit ihm stillschweigend darin +überein, daß Tony vor der Verlobung Zeit genug gehabt habe, seine +Bekanntschaft zu machen. + +Die Wohnungsfrage ward brieflich geordnet. Tony, die sich ganz +außerordentlich auf das Leben in einer Großstadt freute, gab dem Wunsche +Ausdruck, sich im Innern Hamburgs niederzulassen, wo ja auch -- und zwar +in der Spitalerstraße -- sich Herrn Grünlichs Kontore befanden. Allein +der Bräutigam erlangte mit männlicher Beharrlichkeit die Ermächtigung +zum Ankaufe einer Villa vor der Stadt, bei Eimsbüttel ... in +romantischer und weltentrückter Lage, als idyllisches Nestchen so recht +geeignet für ein junges Ehepaar -- »_procul negotiis_« -- nein, er hatte +sein Latein gleichfalls noch nicht völlig vergessen! + +Es verging der Dezember, und zu Beginn des Jahres sechsundvierzig ward +Hochzeit gemacht. Es gab einen prächtigen Polterabend, bei dem die halbe +Stadt anwesend war. Tonys Freundinnen -- darunter auch Armgard von +Schilling, die in einer turmhohen Kutsche zur Stadt gekommen war -- +tanzten mit Toms und Christians Freunden --, darunter auch Andreas +Gieseke, Sohn des Branddirektors und _studiosus iuris_, sowie Stephan +und Eduard Kistenmaker, von »Kistenmaker & Sohn« --, im Eßsaale und auf +dem Korridor, der zu diesem Behufe mit Talkum bestreut worden war ... +Für das Poltern sorgte in erster Linie Konsul Peter Döhlmann, der auf +den Steinfliesen der großen Diele alle irdenen Töpfe zerschlug, deren er +habhaft werden konnte. + +Frau Stuht aus der Glockengießerstraße hatte wieder einmal Gelegenheit, +in den ersten Kreisen zu verkehren, indem sie Mamsell Jungmann und die +Schneiderin am Hochzeitstage bei Tonys Toilette unterstützte. Sie hatte, +strafe sie Gott, niemals eine schönere Braut gesehen, lag, so dick sie +war, auf den Knien und befestigte mit bewundernd erhobenen Augen die +kleinen Myrtenzweiglein auf der weißen _moirée antique_ ... Dies geschah +im Frühstückszimmer. Herr Grünlich wartete in langschößigem Frack und +seidener Weste vor der Tür. Sein rosiges Gesicht zeigte einen ernsten +und korrekten Ausdruck; auf der Warze an seinem linken Nasenflügel +bemerkte man ein wenig Puder, und seine goldgelben Favoris waren mit +Sorgfalt frisiert. + +Droben in der Säulenhalle, denn dort sollte die Trauung stattfinden, +hatte sich die Familie versammelt -- eine stattliche Gesellschaft! Da +saßen die alten Krögers, ein wenig kümmerlich beide schon, aber wie +stets die distinguiertesten Erscheinungen. Da waren Konsul Krögers mit +ihren Söhnen Jürgen und Jakob, welch letzterer, wie die Verwandten +Duchamps, von Hamburg gekommen war. Da war Gotthold Buddenbrook und +seine Frau, die geborene Stüwing, mit Friederike, Henriette und Pfiffi, +die sich leider alle drei wohl nicht mehr verheiraten würden ... Da war +die mecklenburgische Nebenlinie durch Klothildens Vater, Herrn Bernhardt +Buddenbrook vertreten, der von »Ungnade« hereingekommen war und mit +großen Augen das unerhört herrschaftliche Haus seines reichen Verwandten +betrachtete. Die in Frankfurt hatten nur Geschenke geschickt, denn die +Reise war doch zu umständlich ... An ihrer Stelle aber waren, als +einzige, die nicht der Familie zugehörten, Doktor Grabow, der Hausarzt, +und Mamsell Weichbrodt, Tonys mütterliche Freundin, zugegen -- Sesemi +Weichbrodt mit ganz neuen grünen Haubenbändern über den Seitenlocken und +einem schwarzen Kleidchen. »Sei glöcklich, du =gutes= Kind!« sagte sie, +als Tony an Herrn Grünlichs Seite in der Säulenhalle erschien, reckte +sich empor und küßte sie mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. -- +Die Familie war zufrieden mit der Braut; Tony sah hübsch, unbefangen und +heiter aus, wenn auch ein wenig blaß vor Neugier und Reisefieber. + +Die Halle war mit Blumen geschmückt und ein Altar an ihrer rechten Seite +errichtet worden. Pastor Kölling von St. Marien hielt die Trauung, wobei +er mit starken Worten im besonderen zur =Mäßigkeit= ermahnte. Alles +verlief nach Ordnung und Brauch. Tony brachte ein naives und gutmütiges +»Ja« heraus, während Herr Grünlich zuvor »Hä-ä-hm!« sagte, um seine +Kehle zu reinigen. Dann ward ganz außerordentlich gut und viel +gegessen. + +... Während droben im Saale die Gäste, mit dem Pastor in ihrer Mitte, zu +speisen fortfuhren, geleiteten der Konsul und seine Gattin das junge +Paar, das sich reisefertig gemacht hatte, in die weißnebelige Schneeluft +hinaus. Der große Reisewagen hielt, mit Koffern und Taschen bepackt, vor +der Haustür. + +Nachdem Tony mehrere Male die Überzeugung ausgesprochen hatte, daß sie +sehr bald zu Besuch nach Hause kommen und daß auch der Besuch der Eltern +in Hamburg nicht lange auf sich warten lassen werde, stieg sie guten +Mutes in die Kutsche und ließ sich von der Konsulin sorgfältig in die +warme Pelzdecke hüllen. Auch ihr Gatte nahm Platz. + +»Und ... Grünlich«, sagte der Konsul, »die neuen Spitzen liegen in der +kleineren Handtasche zu oberst. Sie nehmen sie vor Hamburg ein bißchen +unter den Paletot, wie? Diese Akzise ... man muß das nach Möglichkeit +umgehen. Leben Sie wohl! Leb' wohl, noch einmal, meine liebe Tony! Gott +sei mit dir!« + +»Sie werden doch in Arensburg gute Unterkunft finden?« fragte die +Konsulin ... + +»Bestellt, teuerste Mama, alles bestellt!« antwortete Herr Grünlich. + +Anton, Line, Trine, Sophie verabschiedeten sich von »Ma'm Grünlich« ... + +Man war im Begriffe, den Schlag zu schließen, als Tony von einer +plötzlichen Bewegung überkommen ward. Trotz der Umstände, die es +verursachte, wickelte sie sich noch einmal aus der Reisedecke heraus, +stieg rücksichtslos über Herrn Grünlichs Knie hinweg, der zu murren +begann, und umarmte mit Leidenschaft ihren Vater. + +»Adieu, Papa ... Mein guter Papa!« Und dann flüsterte sie ganz leise: +»Bist du zufrieden mit mir?« + +Der Konsul preßte sie einen Augenblick wortlos an sich; dann schob er +sie ein wenig von sich und schüttelte mit innigem Nachdruck ihre beiden +Hände ... + +Hierauf war alles bereit. Der Schlag knallte, der Kutscher schnalzte, +die Pferde zogen an, daß die Scheiben klirrten, und die Konsulin ließ +ihr Batisttüchlein im Winde spielen, bis der Wagen, der rasselnd die +Straße hinunterfuhr, im Schneenebel zu verschwinden begann. + +Der Konsul stand gedankenvoll neben seiner Gattin, die ihre Pelzpelerine +mit graziöser Bewegung fester um die Schultern zog. + +»Da fährt sie hin, Bethsy.« + +»Ja, Jean, das Erste, das davongeht. -- Glaubst du, daß sie glücklich +ist mit ihm?« + +»Ach, Bethsy, sie ist zufrieden mit sich selbst; das ist das solideste +Glück, das wir auf Erden erlangen können.« + +Sie kehrten zu ihren Gästen zurück. + + +Fünfzehntes Kapitel + +Thomas Buddenbrook ging die Mengstraße hinunter bis zum »Fünfhausen«. Er +vermied es, oben herum durch die Breitestraße zu gehen, um nicht der +vielen Bekannten wegen den Hut beständig in der Hand tragen zu müssen. +Beide Hände in den weiten Taschen seines warmen, dunkelgrauen +Kragenmantels schritt er ziemlich in sich gekehrt über den +hartgefrorenen, kristallisch aufblitzenden Schnee, der unter seinen +Stiefeln knarrte. Er ging seinen eigenen Weg, von dem niemand wußte ... +Der Himmel leuchtete hell, blau und kalt; es war eine frische, herbe, +würzige Luft, ein windstilles, hartes, klares und reinliches Wetter von +fünf Grad Frost, ein Februartag sondergleichen. + +Thomas schritt den »Fünfhausen« hinunter, er durchquerte die Bäckergrube +und gelangte durch eine schmale Querstraße in die Fischergrube. Diese +Straße, die in gleicher Richtung mit der Mengstraße steil zur Trave hin +abfiel, verfolgte er ein paar Schritte weit abwärts, bis er vor einem +kleinen Hause stand, einem ganz bescheidenen Blumenladen mit schmaler +Tür und dürftigem Schaufensterchen, in dem ein paar Töpfe mit +Zwiebelgewächsen nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe standen. + +Er trat ein, wobei die Blechglocke oben an der Tür zu kleffen begann wie +ein wachsames Hündchen. Drinnen vorm Ladentisch stand im Gespräch mit +der jungen Verkäuferin eine kleine, dicke, ältliche Dame in türkischem +Umhang. Sie wählte unter einigen Blumentöpfen, prüfte, roch, mäkelte und +schwatzte, daß sie beständig genötigt war, sich mit dem Schnupftuch den +Mund zu wischen. Thomas Buddenbrook grüßte sie höflich und trat zur +Seite ... Sie war eine unbegüterte Verwandte der Langhals', eine +gutmütige und schwatzhafte alte Jungfer, die den Namen einer Familie aus +der ersten Gesellschaft trug, ohne dieser Gesellschaft doch zuzugehören, +die nicht zu großen Diners und Bällen, sondern nur zu kleinen +Kaffeezirkeln gebeten ward und mit wenigen Ausnahmen von aller Welt +»Tante Lottchen« genannt wurde. Einen in Seidenpapier gewickelten +Blumentopf unter dem Arme, wandte sie sich zur Tür, und Thomas sagte, +nachdem er aufs neue gegrüßt hatte, mit lauter Stimme zum Ladenmädchen: +»Geben Sie mir ... ein paar Rosen, bitte ... Ja, gleichgültig. _La +France_ ...« + +Dann als Tante Lottchen die Tür hinter sich geschlossen hatte und +verschwunden war, sagte er leiser: »So, leg' nur wieder weg, Anna ... +Guten Tag, kleine Anna! Ja, heute bin ich recht schweren Herzens +gekommen.« + +Anna trug eine weiße Schürze über ihrem schwarzen, schlichten Kleide. +Sie war wunderbar hübsch. Sie war zart wie eine Gazelle und besaß einen +beinahe malaiischen Gesichtstypus: ein wenig hervorstehende +Wangenknochen, schmale, schwarze Augen voll eines weichen Schimmers und +einen mattgelblichen Teint, wie er weit und breit nicht ähnlich zu +finden war. Ihre Hände, von derselben Farbe, waren schmal und für ein +Ladenmädchen von außerordentlicher Schönheit. + +Sie ging hinter dem Verkaufstisch an das rechte Ende des kleinen Ladens, +wo man durchs Schaufenster nicht gesehen werden konnte. Thomas folgte +ihr diesseits des Tisches, beugte sich hinüber und küßte sie auf die +Lippen und die Augen. + +»Du bist ganz verfroren, du Ärmster!« sagte sie. + +»Fünf Grad!« sagte Tom ... »Ich habe nichts gemerkt, ich ging ziemlich +traurig hierher.« + +Er setzte sich auf den Ladentisch, behielt ihre Hand in der seinen und +fuhr fort: »Ja, hörst du, Anna?... heute müssen wir nun vernünftig sein. +Es ist so weit.« + +»Ach Gott ...!« sagte sie kläglich und erhob voll Furcht und Kummer ihre +Schürze ... + +»Einmal mußte es doch herankommen, Anna ... So! nicht weinen! Wir +wollten doch vernünftig sein, wie? -- Was ist da zu tun? Dergleichen muß +durchgemacht werden.« + +»Wann ...?« fragte Anna schluchzend. + +»Übermorgen.« + +»Ach Gott ... warum übermorgen? Eine Woche noch ... Bitte!... Fünf +Tage!...« + +»Das geht nicht, liebe kleine Anna. Alles ist bestimmt und in Ordnung +... Sie erwarten mich in Amsterdam ... Ich könnte auch nicht einen Tag +zulegen, wenn ich es noch so gerne wollte!« + +»Und das ist so fürchterlich weit fort ...!« + +»Amsterdam? Pah! gar nicht! Und =denken= kann man doch immer aneinander, +wie? Und ich schreibe! Paß auf, ich schreibe, sowie ich dort bin ...« + +»Weißt du noch ...«, sagte sie, »vor einundeinhalb Jahren? Beim +Schützenfest?...« + +Er unterbrach sie entzückt ... + +»Gott, ja, einundeinhalb Jahre!... Ich hielt dich für eine Italienerin +... Ich kaufte eine Nelke und steckte sie ins Knopfloch ... Ich habe sie +noch ... Ich nehme sie mit nach Amsterdam ... Was für ein Staub und eine +Hitze war auf der Wiese!...« + +»Ja, du holtest mir ein Glas Limonade aus der Bude nebenan ... Ich +erinnere das wie heute! Alles roch nach Schmalzgebäck und Menschen ...« + +»Aber schön war es doch! Sahen wir uns nicht gleich an den Augen an, was +für eine Bewandtnis es mit uns hatte?« + +»Und du wolltest mit mir Karussell fahren ... aber das ging nicht; ich +mußte doch verkaufen! Die Frau hätte gescholten ...« + +»Nein, es ging nicht, Anna, das sehe ich vollkommen ein.« + +Sie sagte leise: »Und es ist auch das Einzige geblieben, was ich dir +abgeschlagen habe.« + +Er küßte sie aufs neue, auf die Lippen und die Augen. + +»Adieu, meine liebe, gute, kleine Anna!... Ja, man muß anfangen, Adieu +zu sagen!« + +»Ach, du kommst doch morgen noch einmal wieder?« + +»Ja, sicher, um diese Zeit. Und auch übermorgen früh noch, wenn ich mich +irgend losmachen kann ... Aber jetzt will ich dir eines sagen, Anna ... +Ich gehe nun ziemlich weit fort, ja, es ist immerhin recht weit, +Amsterdam ... und du bleibst hier zurück. Aber wirf dich nicht weg, +hörst du, Anna?... Denn bis jetzt hast du dich =nicht= weggeworfen, das +sage ich dir!« + +Sie weinte in ihre Schürze, die sie mit ihrer freien Hand vors Gesicht +hielt. + +»Und du?... Und du?...« + +»Das weiß Gott, Anna, wie die Dinge gehen werden! Man bleibt nicht immer +jung ... du bist ein kluges Mädchen, du hast niemals etwas von heiraten +gesagt und dergleichen ...« + +»Nein, behüte!... daß ich das von dir verlange ...« + +»Man wird getragen, siehst du ... Wenn ich am Leben bin, werde ich das +Geschäft übernehmen, werde eine Partie machen ... ja, ich bin offen +gegen dich, beim Abschied ... Und auch du ... das wird so gehen ... Ich +wünsche dir alles Glück, meine liebe, gute, kleine Anna! Aber wirf dich +nicht weg, hörst du?... Denn bis jetzt hast du dich =nicht= weggeworfen, +das sage ich dir ...!« + +Hier drinnen war es warm. Ein feuchter Duft von Erde und Blumen lag in +dem kleinen Laden. Draußen schickte schon die Wintersonne sich an, +unterzugehen. Ein zartes, reines und wie auf Porzellan gemalt blasses +Abendrot schmückte jenseits des Flusses den Himmel. Das Kinn in die +aufgeschlagenen Kragen ihrer Überzieher versteckt, eilten die Leute am +Schaufenster vorüber und sahen nichts von den beiden, die in dem Winkel +des kleinen Blumenladens voneinander Abschied nahmen. + + + + +Vierter Teil + + +Erstes Kapitel + + Den 30. April 1846. + +Meine liebe Mama, + +tausend Dank für Deinen Brief, in welchem Du mir Armgard von Schillings +Verlobung mit Herrn von Maiboom auf Pöppenrade mitteiltest. Armgard +selbst hat mir ebenfalls eine Anzeige geschickt (sehr vornehm, Goldrand) +und dazu einen Brief geschrieben, in dem sie sich äußerst entzückt über +den Bräutigam ausläßt. Es soll ein bildschöner Mann sein und von +vornehmem Wesen. Wie glücklich sie sein muß! Alles heiratet; auch aus +München habe ich eine Anzeige von Eva Ewers. Sie bekömmt einen +Brauereidirektor. + +Aber nun muß ich Dich eines fragen, liebe Mama: warum nämlich noch immer +nichts über einen Besuch von Konsul Buddenbrooks hierselbst verlautet! +Wartet Ihr vielleicht auf eine offizielle Einladung Grünlichs? Das wäre +nicht nötig, denn er denkt, glaube ich, gar nicht daran, und wenn ich +ihn erinnere, so sagt er: Ja, ja, Kind, Dein Vater hat anderes zu tun. +Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr stört mich? Ach nein, nicht im +allergeringsten! Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr macht mir nur wieder +Heimweh? Du lieber Gott, ich bin doch eine verständige Frau, ich stehe +mitten im Leben und bin gereift. + +Soeben war ich zum Kaffee bei Madame Käselau, in der Nähe; es sind +angenehme Leute, und auch unsere Nachbarn linkerhand, namens Gußmann +(aber die Häuser liegen ziemlich weit voneinander), sind umgängliche +Menschen. Wir haben ein paar gute Hausfreunde, die beide ebenfalls hier +draußen wohnen: den Doktor Klaaßen (von welchem ich Dir nachher noch +werde erzählen müssen) und den Bankier Kesselmeyer, Grünlichs intimen +Freund. Du glaubst nicht, was für ein komischer alter Herr das ist! Er +hat einen weißen, geschorenen Backenbart und schwarz-weiße dünne Haare +auf dem Kopf, die aussehen wie Flaumfedern und in jedem Luftzuge +flattern. Da er auch so drollige Kopfbewegungen hat wie ein Vogel und +ziemlich geschwätzig ist, nenne ich ihn immer »die Elster«; aber +Grünlich verbietet mir dies, denn er sagt, die Elster stehle, Herr +Kesselmeyer aber sei ein Ehrenmann. Beim Gehen bückt er sich und rudert +mit den Armen. Seine Flaumfedern reichen nur bis zur Hälfte des +Hinterkopfes, und von da an ist sein Nacken ganz rot und rissig. Er hat +etwas so äußerst Fröhliches an sich! Manchmal klopft er mir auf die +Wange und sagt: Sie gute kleine Frau, welch Gottessegen für Grünlich, +daß er Sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat +stets drei davon bei sich, an langen Schnüren, die sich beständig auf +seiner weißen Weste verwickeln), schlägt ihn sich auf die Nase, die er +ganz kraus dabei macht, und sieht mich mit offenem Munde so vergnüglich +an, daß ich ihm laut ins Gesicht lache. Aber das nimmt er gar nicht +übel. + +Grünlich selbst ist viel beschäftigt, fährt morgens mit unserem kleinen +gelben Wagen zur Stadt und kommt oft erst spät nach Hause. Manchmal +sitzt er bei mir und liest die Zeitung. + +Wenn wir in Gesellschaft fahren, zum Beispiel zu Kesselmeyer oder Konsul +Goudstikker am Alsterdamm oder Senator Bock in der Rathausstraße, so +müssen wir eine Mietkutsche nehmen. Ich habe Grünlich schon oft um +Anschaffung eines Coupés gebeten, denn das ist nötig hier draußen. Er +hat es mir auch halb und halb versprochen, aber er begibt sich +merkwürdigerweise überhaupt nicht gern mit mir in Gesellschaft und sieht +es augenscheinlich nicht gern, wenn ich mich mit den Leuten in der Stadt +unterhalte. Sollte er eifersüchtig sein? + +Unsere Villa, die ich Dir schon eingehend beschrieb, liebe Mama, ist +wirklich sehr hübsch und hat sich durch neuerliche Möbelanschaffungen +noch verschönert. Gegen den Salon im Hochparterre hättest Du nichts +einzuwenden: ganz in brauner Seide. Das Eßzimmer nebenan ist sehr hübsch +getäfelt; die Stühle haben 25 Kurant-Mark das Stück gekostet. Ich sitze +im Penseezimmer, das als Wohnstube dient. Dann ist da noch ein Rauch- +und Spielkabinett. Der Saal, der jenseits des Korridors die andere +Hälfte des Parterres einnimmt, hat jetzt noch gelbe Stores bekommen und +nimmt sich vornehm aus. Oben sind Schlaf-, Bade-, Ankleide- und +Dienerschaftszimmer. Für den gelben Wagen haben wir einen kleinen Groom. +Mit den beiden Mädchen bin ich ziemlich zufrieden. Ich weiß nicht, ob +sie ganz ehrlich sind; aber Gott sei Dank brauche ich ja nicht auf jeden +Dreier zu sehen! Kurz, es ist alles, wie es unserem Namen zukommt. + +Nun aber kommt etwas, liebe Mama, das Wichtigste, welches ich mir bis +zum Schlusse aufgehoben. Vor einiger Zeit nämlich fühlte ich mich ein +bißchen sonderbar, weißt Du, nicht ganz gesund und doch wieder noch +anders; bei Gelegenheit sagte ich es dem Doktor Klaaßen. Das ist ein +ganz kleiner Mensch mit einem großen Kopf und einem noch größeren +geschweiften Hut darauf. Immer drückt er sein spanisches Rohr, das als +Griff eine runde Knochenplatte hat, an seinen langen Kinnbart, der +beinahe hellgrün ist, weil er ihn lange Jahre schwarz gefärbt hat. Nun, +Du hättest ihn sehen sollen! Er antwortete gar nicht, rückte an seiner +Brille, zwinkerte mit seinen roten Äuglein, nickte mir mit seiner +Kartoffelnase zu, kicherte und musterte mich so impertinent, daß ich +nicht wußte, wo ich bleiben sollte. Dann untersuchte er mich und sagte, +alles lasse sich aufs prächtigste an, nur müsse ich Mineralwasser +trinken, denn ich sei vielleicht ein =bißchen= bleichsüchtig. -- O Mama, +vertraue es dem guten Papa ganz vorsichtig an, damit er es in die +Familienpapiere schreibt. Sobald als möglich hörst Du Weiteres! + +Grüße Papa, Christian, Klara, Thilda und Ida Jungmann innig von mir. An +Thomas, nach Amsterdam, habe ich kürzlich geschrieben. + + Deine treugehorsame Tochter + =Antonie=. + + Den 2. August 1846. + +Mein lieber Thomas, + +mit Vergnügen habe ich Deine Mitteilungen über Dein Zusammensein mit +Christian in Amsterdam empfangen; es mögen einige fröhliche Tage gewesen +sein. Ich habe über Deines Bruders Weiterreise über Ostende nach England +noch keine Nachrichten, hoffe jedoch zu Gott, daß sie glücklich +vonstatten gegangen sein wird. Möchte es doch, nachdem Christian sich +entschlossen, den wissenschaftlichen Beruf fahren zu lassen, noch nicht +zu spät für ihn sein, bei seinem Prinzipale Mr. Richardson etwas +Tüchtiges zu lernen, und möchte seine merkantile Laufbahn von Erfolg und +Segen begleitet sein! Mr. Richardson (Threedneedle Street) ist, wie Du +weißt, ein naher Geschäftsfreund meines Hauses. Ich schätze mich +glücklich, meine beiden Söhne in Firmen untergebracht zu haben, die mir +freundschaftlichst verbunden sind. Den Segen davon darfst Du jetzt schon +verspüren: Ich empfinde vollkommene Genugtuung, daß Herr van der Kellen +Dein Salair bereits in diesem Vierteljahr erhöht hat und Dir weiterhin +Nebenverdienste einräumen wird; ich bin überzeugt, daß Du durch ein +tüchtig Führen Dich dieses Entgegenkommens würdig gezeigt hast und +zeigen wirst. + +Bei alledem schmerzt es mich, daß Deine Gesundheit sich nicht völlig auf +der Höhe befindet. Was Du mir von Nervosität geschrieben, gemahnte mich +an meine eigene Jugend, als ich in Antwerpen arbeitete und von dort nach +Ems gehen mußte, um die Kur zu gebrauchen. Wenn etwas ähnliches sich für +Dich als nötig erweisen sollte, mein Sohn, so bin ich, versteht sich, +bereit, Dir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, wiewohl ich für uns +andere derartige Ausgaben in diesen politisch unruhigen Zeiten scheue. + +Immerhin haben Deine Mutter und ich um die Mitte des Junius eine Fahrt +nach Hamburg unternommen, um Deine Schwester Tony zu besuchen. Ihr Gatte +hatte uns nicht aufgefordert, empfing uns jedoch mit großer Herzlichkeit +und widmete sich uns während der zwei Tage, die wir bei ihm verbrachten, +so vollständig, daß er sein Geschäft vernachlässigte und mir kaum Zeit +zu einer Visite in der Stadt bei Duchamps' ließ. Antonie befand sich im +fünften Monat; ihr Arzt versicherte, daß alles in normaler und +erfreulicher Weise verlaufen werde. -- + +Noch möchte ich eines Briefes des Herrn van der Kellen erwähnen, dem ich +mit Freude entnahm, daß Du auch privatim in seinem Familienkreise ein +gern gesehener Gast bist. Du bist nun, mein Sohn, in dem Alter, wo Du +die Früchte der Erziehung zu ernten beginnst, die Deine Eltern Dir +zuteil werden ließen. Es möge Dir als Ratschlag dienen, daß ich in +Deinem Alter, sowohl in Bergen als in Antwerpen, es mir immer angelegen +sein ließ, mich meinen =Prinzipalinnen= dienstlich und angenehm zu +machen, was mir zum höchsten Vorteil gereicht hat. Abgesehen selbst von +der ehrenden Annehmlichkeit eines näheren Verkehrs mit der +Vorstandsfamilie, schafft man sich in der Prinzipalin eine fördernde +Fürsprecherin, wenn der allerdings möglichst zu vermeidende, +nichtsdestoweniger mögliche Fall eintreten sollte, daß ein Versehen im +Geschäft sich ereignete oder die Zufriedenheit des Prinzipals hie oder +da zu wünschen übrigließe. -- + +Was Deine geschäftlichen Zukunftspläne angeht, mein Sohn, so erfreuen +sie mich durch das lebhafte Interesse, das sich in ihnen ausspricht, +ohne zwar, daß ich ihnen vollkommen beizustimmen vermöchte. Du gehst von +der Ansicht aus, daß der Absatz derjenigen Produkte, welche die Umgegend +unserer Vaterstadt hervorbringe, als: Getreide, Rappsaat, Häute und +Felle, Wolle, Öl, Ölkuchen, Knochen usw. das natürlichste, nachhaltigste +Geschäft Deiner Vaterstadt sei und denkst Dich neben dem +Kommissionshandel vorzugsweise jener Branche zuzuwenden. Ich habe mich +zu einer Zeit, als die Konkurrenz in diesem Geschäftszweige noch sehr +gering war (während sie jetzt erheblich gewachsen), gleichfalls mit +diesem Gedanken beschäftigt und, soweit Raum und Gelegenheit dazu +vorlagen, auch einige Experimente gemacht. Meine Reise nach England +hatte hauptsächlich den Zweck, auch in diesem Lande Verbindungen für +meine Unternehmungen nachzusuchen. Ich ging zu diesem Ende bis +Schottland hinauf und machte manche nutzbringende Bekanntschaften, +erkannte aber alsbald auch den gefährlichen Charakter, welchen die +Exportgeschäfte dorthin an sich trugen, weshalb eine weitere +Kultivierung derselben in der Folge auch unterblieb, zumal ich immer des +Mahnwortes eingedenk gewesen bin, welches unser Vorfahr, der Gründer der +Firma, uns hinterlassen: »Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am +Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können!« + +Diesen Grundsatz gedenke ich heilig zu halten bis an mein Lebensende, +obgleich man ja hie und da in Zweifel geraten kann angesichts von +Leuten, die ohne solche Prinzipien scheinbar besser fahren. Ich denke an +Strunck & Hagenström, die eminent im Wachsen begriffen sind, während +unsere Angelegenheiten einen allzu ruhigen Gang gehen. Du weißt, daß das +Haus nach der Verkleinerung infolge des Todes Deines Großvaters nicht +mehr gewachsen ist, und ich bete zu Gott, daß ich Dir die Geschäfte +wenigstens in dem jetzigen Zustande werde hinterlassen können. An dem +Prokuristen Herrn Marcus habe ich ja einen erfahrenen und bedächtigen +Helfer. Wenn nur die Familie Deiner Mutter ihre Groschen ein wenig +besser beieinander halten wollte; die Erbschaft wird für uns von so +großer Wichtigkeit sein! + +Ich bin mit geschäftlichen und städtischen Arbeiten außerordentlich +überhäuft. Ich bin Ältermann des Bergenfahrer-Kollegiums, und hat man +mich sukzessive zum bürgerlichen Deputierten fürs Finanzdepartement, das +Kommerzkollegium, die Rechnungsrevisionsdeputation und das St. +Annen-Armenhaus gewählt. + +Deine Mutter, Klara und Klothilde grüßen Dich herzlich. Auch haben mir +mehrere Herren: die Senatoren Möllendorpf und Doktor Överdieck, Konsul +Kistenmaker, der Makler Gosch, C. F. Köppen sowie im Kontor Herr Marcus +und die Kapitäne Kloot und Klötermann Grüße an Dich aufgetragen. Gottes +Segen mit Dir, mein Sohn! Arbeite, bete und spare! + + In sorgender Liebe + Dein =Vater=. + + Den 8. Oktober 1846. + +Liebe und hochverehrte Eltern! + +Unterfertigter sieht sich in der angenehmen Lage, Sie von der vor einer +halben Stunde erfolgten, glücklichen Niederkunft Ihrer Tochter, meiner +innig geliebten Gattin Antonie zu benachrichtigen. Es ist nach Gottes +Willen ein Mädchen, und finde ich keine Worte, zu sagen, wie freudig +bewegt ich bin. Das Befinden der teuren Wöchnerin sowie des Kindes ist +ein ausgezeichnetes, und zeigte sich Doktor Klaaßen völligst vom +Verlaufe der Sache befriedigt. Auch Frau Großgeorgis, die Hebamme, sagt, +es wäre gar nichts gewesen. -- Die Erregung zwingt mich, die Feder +niederzulegen. Ich empfehle mich den würdigsten Eltern in +hochachtungsvoller Zärtlichkeit. + + =B. Grünlich.= + +Wenn es ein Junge wäre, so wüßte ich einen sehr hübschen Namen. Jetzt +möchte ich sie Meta nennen, aber Gr. ist für Erika. + + T. + + +Zweites Kapitel + +»Was fehlt dir, Bethsy?« sagte der Konsul, als er zu Tische kam und den +Teller erhob, mit dem man seine Suppe bedeckt hatte. »Fühlst du dich +unwohl? Was hast du? Mir scheint du siehst leidend aus?« + +Der runde Tisch in dem weitläufigen Speisesaal war sehr klein geworden. +Außer den Eltern saßen alltäglich nur Mamsell Jungmann, die zehnjährige +Klara und die hagere, demütige und still essende Klothilde daran. Der +Konsul blickte umher ... alle Gesichter waren lang und bekümmert. Was +war geschehen? Er selbst war nervös und sorgenvoll, denn die Börse ward +in Unruhe gehalten von dieser verzwickten schleswig-holsteinischen +Angelegenheit ... Und noch eine andere Unruhe lag in der Luft: Später, +als Anton hinausgegangen war, um das Fleischgericht zu holen, erfuhr der +Konsul, was im Hause vorgefallen war. Trina, die Köchin Trina, ein +Mädchen, das bislang nur Treue und Biedersinn an den Tag gelegt hatte, +war plötzlich zu unverhüllter Empörung übergegangen. Zum großen Verdrusse +der Konsulin unterhielt sie seit einiger Zeit eine Freundschaft, eine +Art von geistigem Bündnis mit einem Schlachtergesellen, und dieser ewig +blutige Mensch mußte die Entwicklung ihrer politischen Ansichten in der +nachteiligsten Weise beeinflußt haben. Als die Konsulin ihr wegen einer +mißratenen Chalottensauce einen Verweis hatte zuteil werden lassen, +hatte sie die nackten Arme in die Hüften gestemmt und sich wie folgt +geäußert: »Warten Sie man bloß, Fru Konsulin, dat duert nu nich mehr +lang, denn kommt ne annere Ordnung in de Saak; denn sitt =ick= doar +up'm Sofa in' sieden Kleed, un =Sei= bedeinen mich denn ...« +Selbstverständlich war ihr sofort gekündigt worden. + +Der Konsul schüttelte den Kopf. Er selbst hatte in letzter Zeit +allerhand Besorgniserregendes verspüren müssen. Freilich, die älteren +Träger und Speicherarbeiter waren bieder genug, sich nichts in den Kopf +setzen zu lassen; aber unter den jungen Leuten hatte dieser und jener +durch sein Benehmen Zeugnis davon gegeben, daß der neue Geist der +Empörung sich tückisch Einlaß zu verschaffen gewußt hatte ... Im +Frühjahr hatte ein Straßenkrawall stattgefunden, obgleich eine neue +Verfassung, die den Anforderungen der neuen Zeit entsprach, bereits im +Entwurf vorhanden war, welcher ein wenig später, trotz des Widerspruches +Lebrecht Krögers und einiger anderer störrischer alter Herren, durch +Senatsdekret zum Staatsgrundgesetz erhoben wurde. Volksvertreter wurden +gewählt, eine Bürgerschaft trat zusammen. Aber es gab keine Ruhe. Die +Welt war ganz in Unordnung. Jeder wollte die Verfassung und das +Wahlrecht revidieren, und die Bürger zankten sich. »Ständisches +Prinzip!« sagten die einen; auch Johann Buddenbrook, der Konsul, sagte +es. »Allgemeines Wahlrecht!« sagten die anderen; auch Hinrich Hagenström +sagte es. Noch andere schrien: »Allgemeine Ständewahl!« und vielleicht +wußten sie sogar, was darunter zu verstehen war. Dann schwirrten noch +solche Ideen in der Luft umher wie Aufhebung des Unterschiedes zwischen +Bürgern und Einwohnern, Ausdehnung der Möglichkeit, das Bürgerrecht zu +erlangen, auch auf Nichtchristen ... Kein Wunder, daß Buddenbrooks Trina +auf Gedanken verfiel, wie der mit dem Sofa und dem seidenen Kleid! Ach, +es sollte noch ärger kommen. Die Dinge drohten eine fürchterliche +Wendung zu nehmen ... + +Es war ein erster Oktobertag des Jahres achtundvierzig, ein blauer +Himmel mit einigen leichten, schwebenden Wolken daran, silberweiß +durchleuchtet von einer Sonne, deren Kraft freilich nicht mehr so groß +war, daß nicht hinter dem hohen, blanken Gitter im Landschaftszimmer +schon der Ofen geknistert hätte. + +Die kleine Klara, ein dunkelblondes Kind mit ziemlich strengen Augen, +saß mit einer Strickerei vorm Nähtische am Fenster, während Klothilde, +auf gleiche Weise beschäftigt, den Sofaplatz neben der Konsulin +innehatte. Obgleich Klothilde Buddenbrook nicht viel älter war als ihre +verheiratete Kusine, also erst einundzwanzig Jahre zählte, begann ihr +langes Gesicht bereits scharfe Linien zu zeigen, und ihr +glattgescheiteltes Haar, das niemals blond, sondern von jeher mattgrau +gewesen, trug dazu bei, daß das Bild der alten Jungfer schon fertig war. +Sie war zufrieden damit, sie tat nichts, um dem abzuhelfen. Vielleicht +war es ihr Bedürfnis, schnell alt zu werden, um schnell über alle +Zweifel und Hoffnungen hinauszugelangen. Da sie keinen Silbergroschen +besaß, so wußte sie, daß niemand in der weiten Welt sich finden würde, +sie zu heiraten, und mit Demut sah sie ihrer Zukunft entgegen, die darin +bestand, in irgendeiner kleinen Stube eine kleine Rente zu verzehren, +die ihr mächtiger Onkel ihr aus der Kasse irgendeiner wohltätigen +Anstalt für arme Mädchen aus angesehener Familie verschaffen würde. + +Die Konsulin ihrerseits war mit der Lektüre zweier Briefe beschäftigt. +Tony erzählte von dem glücklichen Gedeihen der kleinen Erika, und +Christian berichtete eifrig von dem Londoner Leben und Treiben, ohne +freilich seiner Tätigkeit bei Mr. Richardson eingehend zu erwähnen ... +Die Konsulin, die sich der Mitte der Vierziger näherte, beklagte sich +bitterlich über das Schicksal der blonden Frauen, so rasch zu altern. +Der zarte Teint, der einem rötlichen Haar entspricht, wird in diesen +Jahren trotz aller Erfrischungsmittel matt, und das Haar selbst würde +unerbittlich zu ergrauen beginnen, wenn man nicht Gott sei Dank das +Rezept einer Pariser Tinktur besäße, die das fürs erste verhütete. Die +Konsulin war entschlossen, niemals weiß zu werden. Wenn das Färbemittel +sich nicht mehr als tauglich erwiese, so würde sie eine Perücke von der +Farbe ihres jugendlichen Haares tragen ... Auf der Höhe ihrer noch immer +kunstvollen Coiffure war eine kleine, von weißen Spitzen umgebene +seidene Schleife angebracht: der Beginn, die erste Andeutung einer +Haube. Ihr seidener Kleiderrock umgab sie weit und bauschig; ihre +glockenförmigen Ärmel waren mit steifem Mull unterlegt. Wie stets +klirrten ein paar goldene Reifen leise an ihrem Handgelenk. -- Es war +drei Uhr nachmittags. + +Plötzlich wurde Rufen und Schreien, eine Art von übermütigem Johlen, +Pfeifen und das Gestampf vieler Schritte auf der Straße vernehmbar, ein +Lärm, der sich näherte und anwuchs ... + +»Mama, was ist das?« sagte Klara, die durchs Fenster und in den »Spion« +blickte. »All die Leute ... Was haben sie? Worüber freuen sie sich so?« + +»Mein Gott!« rief die Konsulin, indem sie die Briefe von sich warf, +angstvoll aufsprang und zum Fenster eilte. »Sollte es ... O mein Gott, +ja, die Revolution ... Es ist das Volk ...« + +Die Sache war die, daß während des ganzen Tages bereits Unruhen in der +Stadt geherrscht hatten. In der Breiten Straße war am Morgen die +Schaufensterscheibe des Tuchhändlers Benthien vermittels Steinwurfes +zertrümmert worden, wobei Gott allein wußte, was das Fenster des Herrn +Benthien mit der hohen Politik zu schaffen hatte. + +»Anton?!« rief die Konsulin mit bebender Stimme in den Eßsaal hinüber, +wo der Bediente mit dem Silberzeug hantierte ... »Anton, geh hinunter! +Schließe die Haustür! Mach' alles zu! Es ist das Volk ...« + +»Ja, Frau Konsulin!« sagte Anton. »Kann ich das auch wagen? Ich bin ein +Herrschaftsknecht ... Wenn sie meine Livree zu sehen kriegen ...« + +»Die bösen Menschen«, sagte Klothilde traurig und gedehnt, ohne ihrer +Handarbeit Einhalt zu tun. -- In diesem Augenblick kam der Konsul durch +die Säulenhalle und trat durch die Glastür ein. Er trug seinen Paletot +über dem Arm und den Hut in der Hand. + +»Du willst ausgehen, Jean?« fragte die Konsulin entsetzt ... + +»Ja, Liebe, ich muß in die Bürgerschaft ...« + +»Aber das Volk, Jean, die Revolution ...« + +»Ach, lieber Gott, das ist nicht so ernst, Bethsy ... Wir stehen in +Gottes Hand. Sie sind schon am Hause vorüber. Ich gehe durch das +Hinterhaus ...« + +»Jean, wenn du mich lieb hast ... Du willst dich dieser Gefahr +aussetzen, willst uns hier allein lassen ... Oh, ich ängstige mich, ich +ängstige mich!« + +»Liebste, ich bitte dich, du echauffierst dich auf eine Weise ... die +Leute werden vorm Rathaus oder auf dem Markt ein bißchen spektakeln ... +Vielleicht wird es dem Staat noch ein paar Fensterscheiben kosten, das +ist alles.« + +»=Wohin= willst du, Jean?« + +»In die Bürgerschaft ... Ich komme schon fast zu spät, die Geschäfte +haben mich aufgehalten. Es wäre eine Schande, da heute zu fehlen. Meinst +du, daß dein Vater sich abhalten läßt? So alt er ist ...« + +»Ja, dann geh mit Gott, Jean ... Aber sei vorsichtig, ich bitte dich, +nimm dich in acht! Und habe ein Auge auf meinen Vater! Wenn ihm etwas +zustieße ...« + +»Unbesorgt, meine Liebe ...« + +»Wann kommst du zurück?« rief die Konsulin ihm nach ... + +»Je nun, um halb fünf, um fünf Uhr ... je nachdem. Es steht Wichtiges +auf der Tagesordnung, es kommt darauf an ...« + +»Ach, ich ängstige mich, ich ängstige mich!« wiederholte die Konsulin, +indem sie mit ratlosen Seitenblicken sich im Zimmer auf und nieder +bewegte. + + +Drittes Kapitel + +Konsul Buddenbrook durchschritt eilig sein weitläufiges Grundstück. Als +er in die Bäckergrube hinaustrat, vernahm er hinter sich Schritte und +erblickte den Makler Gosch, welcher, malerisch in seinen langen Mantel +gehüllt, gleichfalls die schräge Straße hinauf zur Sitzung strebte. +Während er mit der einen seiner langen und mageren Hände den Jesuitenhut +lüftete und mit der anderen eine glatte Gebärde der Demut vollführte, +sprach er mit gepreßter und verbissener Stimme: »Herr Konsul ... ich +grüße Sie!« + +Dieser Makler Siegismund Gosch, ein Junggeselle von etwa vierzig Jahren, +war trotz seines Gebarens der ehrlichste und gutmütigste Mensch von der +Welt; nur war er ein Schöngeist, ein origineller Kopf. Sein +glattrasiertes Gesicht zeichnete sich aus durch eine gebogene Nase, ein +spitz hervorspringendes Kinn, scharfe Züge und einen breiten, abwärts +gezogenen Mund, dessen schmale Lippen er in verschlossener und +bösartiger Weise zusammenpreßte. Es war sein Bestreben - und es gelang +ihm nicht übel -- ein wildes, schönes und teuflisches Intrigantenhaupt +zur Schau zu stellen, eine böse, hämische, interessante und +furchtgebietende Charakterfigur zwischen Mephistopheles und Napoleon ... +Sein ergrautes Haar war tief und düster in die Stirn gestrichen. Er +bedauerte aufrichtig, nicht bucklig zu sein. -- Er war eine fremdartige +und liebenswürdige Erscheinung unter den Bewohnern der alten +Handelsstadt. Er gehörte zu ihnen, weil er in aller Bürgerlichkeit ein +kleines, solides und in seiner Bescheidenheit geachtetes +Vermittlungsgeschäft betrieb; in seinem engen, dunklen Kontor aber stand +ein großer Bücherschrank, der mit Dichtwerken in allen Sprachen gefüllt +war, und es ging das Gerücht, daß er seit seinem zwanzigsten Jahre an +einer Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen Dramen arbeite ... Einmal +jedoch hatte er bei einer Liebhaberaufführung von Schillers »Don Carlos« +den Domingo gespielt. Dies war der Höhepunkt seines Lebens. -- Niemals +war ein unedles Wort über seine Lippen gekommen, und selbst in +geschäftlichen Gesprächen brachte er die üblichen Redewendungen nur +zwischen den Zähnen und mit einem Mienenspiele hervor, als wollte er +sagen: »Schurke, ha! Im Grab verfluch' ich deine Ahnen!« Er war, in +mancher Beziehung, der Erbe und Nachfolger des seligen Jean Jacques +Hoffstede; nur daß sein Wesen düsterer und pathetischer war und daß ihm +nichts von der scherzhaften Heiterkeit eignete, die der Freund des +älteren Johann Buddenbrook aus dem vorigen Jahrhundert herübergerettet +hatte. -- Eines Tages verlor er an der Börse mit einem Schlage sechs und +einen halben Kuranttaler an zwei oder drei Papieren, die er +spekulativerweise gekauft hatte. Da riß sein dramatisches Empfinden ihn +mit sich fort, und er gab eine Vorstellung. Er ließ sich auf einer Bank +nieder in einer Haltung, als habe er die Schlacht bei Waterloo verloren, +preßte eine geballte Faust gegen die Stirn und wiederholte mehrere Male +mit einem gotteslästerlichen Augenaufschlag: »Ha, verflucht!« Da die +kleinen, ruhigen, sicheren Gewinste, die er beim Verkaufe dieses oder +jenes Grundstückes einstrich, ihn im Grunde langweilten, so war dieser +Verlust, dieser tragische Schlag, mit dem der Himmel ihn, den +Intriganten, getroffen, ein Genuß, ein Glück für ihn, an dem er +wochenlang zehrte. Auf die Anrede: »Ich höre, Sie haben Unglück gehabt, +Herr Gosch? Das tut mir leid ...«, pflegte er zu antworten: »Oh, mein +werter Freund! _Uomo non educato dal dolore riman sempre bambino!_« +Begreiflicherweise verstand das niemand. War es von Lope de Vega? Fest +stand, daß dieser Siegismund Gosch ein gelehrter und merkwürdiger Mensch +war. + +»Welche Zeiten, in denen wir leben!« sagte er zu Konsul Buddenbrook, +während er, in gebückter Haltung auf seinen Stock gestützt, neben ihm +die Straße hinaufschritt. »Zeiten des Sturmes und der Bewegung!« + +»Da haben Sie recht«, erwiderte der Konsul. Die Zeiten seien bewegt. Man +dürfe auf die heutige Sitzung gespannt sein. Das ständische Prinzip ... + +»Nein, hören Sie!« fuhr Herr Gosch zu sprechen fort. »Ich bin den ganzen +Tag unterwegs gewesen, ich habe den Pöbel beobachtet. Es waren herrliche +Bursche darunter, das Auge flammend von Haß und Begeisterung ...« + +Johann Buddenbrook fing an zu lachen. »Sie sind mir der Rechte, mein +Freund! Sie scheinen Gefallen daran zu finden? Nein, erlauben Sie mir +... eine Kinderei, das alles! Was wollen diese Menschen? Eine Anzahl +ungezogener junger Leute, die die Gelegenheit benützen, ein bißchen +Spektakel zu machen ...« + +»Gewiß! Allein man kann nicht leugnen ... Ich war dabei, als +Schlachtergeselle Berkemeyer Herrn Benthiens Fensterscheibe zerwarf ... +Er war wie ein Panther!« Das letzte Wort sprach Herr Gosch mit besonders +fest zusammengebissenen Zähnen und fuhr dann fort: »Oh, man kann nicht +leugnen, daß die Sache ihre erhabene Seite besitzt! Es ist endlich +einmal etwas anderes, wissen Sie, etwas Unalltägliches, Gewalttätiges, +Sturm, Wildheit ... ein Gewitter ... Ach, das Volk ist unwissend, ich +weiß es! Jedoch mein Herz, dieses mein Herz, es ist mit ihm ...« Sie +waren schon vor das einfache, mit gelber Ölfarbe gestrichene Haus +gelangt, in dessen Erdgeschoß sich der Sitzungssaal der Bürgerschaft +befand. + +Dieser Saal gehörte zu der Bier- und Tanzwirtschaft einer Witwe namens +Suerkringel, stand aber an gewissen Tagen den Herren von der +»Bürgerschaft« zur Verfügung. Von einem schmalen, gepflasterten Korridor +aus, an dessen rechter Seite sich Restaurationslokalitäten befanden, und +auf dem es nach Bier und Speisen roch, betrat man ihn linkerhand durch +eine aus grüngestrichenen Brettern gefertigte Tür, die weder Griff noch +Schloß besaß und so schmal und niedrig war, daß niemand hinter ihr einen +so großen Raum vermutet hätte. Der Saal war kalt, kahl, scheunenartig, +mit geweißter Decke, an der die Balken hervortraten, und geweißten +Wänden; seine drei ziemlich hohen Fenster hatten grüngemalte Kreuze und +waren ohne Gardinen. Ihnen gegenüber erhoben sich amphitheatralisch +aufsteigend die Sitzreihen, an deren Fuß ein grün gedeckter, mit einer +großen Glocke, Aktenstücken und Schreibutensilien geschmückter Tisch für +den Wortführer, den Protokollführer und die anwesenden Senatskommissare +bestimmt war. An der Wand, die den Türen gegenüberlag, waren mehrere +hohe Garderobehalter mit Mänteln und Hüten bedeckt. + +Stimmengewirr schlug dem Konsul und seinem Begleiter entgegen, als sie +hintereinander durch die schmale Tür den Saal betraten. Sie waren +ersichtlich die Letzten, die ankamen. Der Raum war gefüllt mit Bürgern, +welche, die Hände in den Hosentaschen, auf dem Rücken, in der Luft, in +Gruppen beieinander standen und disputierten. Von den 120 Mitgliedern +der Körperschaft waren sicherlich 100 versammelt. Eine Anzahl von +Abgeordneten der Landbezirke hatte es unter den obwaltenden Umständen +vorgezogen, zu Hause zu bleiben. + +Dem Eingang zunächst stand eine Gruppe, die aus kleineren Leuten, aus +zwei oder drei unbedeutenden Geschäftsinhabern, einem Gymnasiallehrer, +dem »Waisenvater« Herrn Mindermann und Herrn Wenzel, dem beliebten +Barbier, bestand. Herr Wenzel, ein kleiner, kräftiger Mann mit schwarzem +Schnurrbart, intelligentem Gesicht und roten Händen, hatte den Konsul +noch heute morgen rasiert; hier jedoch war er ihm gleichgestellt. Er +rasierte nur in den ersten Kreisen, er rasierte fast ausschließlich die +Möllendorpfs, Langhals', Buddenbrooks und Överdiecks, und seiner +Allwissenheit in städtischen Dingen, seiner Umgänglichkeit und +Gewandtheit, seinem bei aller Unterordnung merklichen Selbstbewußtsein +verdankte er seine Wahl in die Bürgerschaft. + +»Wissen Herr Konsul das Neueste?« rief er eifrig und mit ernsten Augen +seinem Gönner entgegen ... + +»Was soll ich wissen, mein lieber Wenzel?« + +»Man konnte es heute morgen noch nicht erfahren haben ... Herr Konsul +entschuldigen, es ist das Neueste! Das Volk zieht nicht vor das Rathaus +oder auf den Markt! Es kommt hierher und will die Bürgerschaft bedrohen! +Redakteur Rübsam hat es aufgewiegelt ...« + +»Ei, nicht möglich!« sagte der Konsul. Er drängte sich zwischen den +vorderen Gruppen hindurch nach der Mitte des Saales, wo er seinen +Schwiegervater zusammen mit den anwesenden Senatoren Doktor Langhals und +James Möllendorpf erblickte. »Ist es denn wahr, meine Herren?« fragte +er, indem er ihnen die Hände schüttelte ... + +In der Tat, die ganze Versammlung war voll davon; die Tumultuanten zogen +hierher, sie waren schon zu hören ... + +»Die Canaille!« sagte Lebrecht Kröger kalt und verächtlich. Er war in +seiner Equipage hierhergekommen. Die hohe, distinguierte Gestalt des +ehemaligen »_à la mode_-Kavaliers« begann, unter gewöhnlichen Umständen +von der Last seiner achtzig Jahre gebeugt zu werden; heute aber stand er +ganz aufrecht, mit halb geschlossenen Augen, die Mundwinkel, über denen +die kurzen Spitzen seines weißen Schnurrbartes senkrecht emporstarrten, +vornehm und geringschätzig gesenkt. An seiner schwarzen Sammetweste +blitzten zwei Reihen von Edelsteinknöpfen ... + +Unweit dieser Gruppe gewahrte man Hinrich Hagenström, einen +untersetzten, beleibten Herrn mit rötlichem, ergrautem Backenbart, einer +dicken Uhrkette auf der blau karierten Weste und offenem Leibrock. Er +stand zusammen mit seinem Kompagnon, Herrn Strunck, und grüßte den +Konsul durchaus nicht. + +Weiterhin hatte der Tuchhändler Benthien, ein wohlhabend aussehender +Mann, eine große Anzahl anderer Herren um sich versammelt, denen er +haarklein erzählte, wie es sich mit seiner Fensterscheibe begeben habe +... »Ein Ziegelstein, ein halber Ziegelstein, meine Herren! Krach ... +hindurch und dann auf eine Rolle grünen Rips ... Das Pack!... Nun, es +ist Sache des Staates ...« + +In irgendeinem Winkel vernahm man unaufhörlich die Stimme des Herrn +Stuht aus der Glockengießerstraße, welcher, einen schwarzen Rock über +dem wollenen Hemd, sich an der Auseinandersetzung beteiligte, indem er +mit entrüsteter Betonung beständig wiederholte: »Unerhörte Infamie!« -- +Übrigens sagte er »Infamje«. + +Johann Buddenbrook ging umher, um hier seinen alten Freund C. F. Köppen, +dort den Konkurrenten desselben, Konsul Kistenmaker, zu begrüßen. Er +drückte dem Doktor Grabow die Hand und wechselte ein paar Worte mit dem +Branddirektor Gieseke, dem Baumeister Voigt, dem Wortführer Doktor +Langhals, einem Bruder des Senators, mit Kaufleuten, Lehrern und +Advokaten ... + +Die Sitzung war nicht eröffnet, aber die Debatte war äußerst rege. Alle +Herren verfluchten diesen Skribifax, diesen Redakteur, diesen Rübsam, +von dem man wußte, daß er die Menge aufgewiegelt habe ... und zwar wozu? +Man war hier, um festzustellen, ob das ständische Prinzip in der +Volksvertretung beizubehalten oder das allgemeine und gleiche Wahlrecht +einzuführen sei. Der Senat hatte bereits das letztere beantragt. Was +aber wollte das Volk? Es wollte den Herren an den Kragen, das war alles. +Es war, zum Teufel, die faulste Lage, in der sich die Herren jemals +befunden hatten! Man umringte die Senatskommissare, um ihre Meinung zu +erfahren. Man umringte auch Konsul Buddenbrook, der wissen mußte, wie +Bürgermeister Överdieck sich zu der Sache verhielt; denn seitdem im +vorigen Jahre Senator Doktor Överdieck, ein Schwager Konsul Justus +Krögers, Senatspräsident geworden war, waren Buddenbrooks mit dem +Bürgermeister verwandt, was sie in der öffentlichen Achtung beträchtlich +hatte steigen lassen ... + +Plötzlich schwoll draußen das Getöse an ... Die Revolution war unter den +Fenstern des Sitzungssaales angelangt! Mit einem Schlage verstummten die +erregten Meinungsäußerungen hier drinnen. Man faltete, stumm vor +Entsetzen, die Hände auf dem Bauch und sah einander ins Gesicht oder auf +die Fenster, hinter denen sich Fäuste erhoben und ein ausgelassenes, +unsinniges und betäubendes Hoh- und Höhgeheul die Luft erfüllte. Dann +jedoch, ganz überraschend, als ob die Aufständischen selbst über ihr +Betragen erschrocken gewesen wären, ward es draußen ebenso still wie im +Saale, und in der tiefen Lautlosigkeit, die sich über das Ganze legte, +ward lediglich in der Gegend der untersten Sitzreihen, wo Lebrecht +Kröger sich niedergelassen hatte, ein Wort vernehmbar, das kalt, langsam +und nachdrücklich sich dem Schweigen entrang: »=Die Canaille!=« + +Gleich darauf tat in irgendeinem Winkel ein dumpfes und entrüstetes +Organ den Ausspruch: »Unerhörte Infamje!« + +Und dann flatterte plötzlich die eilige, zitternde und geheimnisvolle +Stimme des Tuchhändlers Benthien über die Versammlung hin ... + +»Meine Herren ... meine Herren ... hören Sie auf mich ... Ich kenne das +Haus ... Wenn man auf den Boden steigt, so gibt es da eine Dachluke ... +Ich habe schon als Junge Katzen dadurch geschossen ... Man kann ganz gut +aufs Nachbardach klettern und sich in Sicherheit bringen ...« + +»Nichtswürdige Feigheit!« zischte der Makler Gosch zwischen den Zähnen. +Er lehnte mit verschränkten Armen am Wortführertische und starrte, +gesenkten Hauptes, mit einem grauenerregenden Blick zu den Fenstern +hinüber. + +»Feigheit, Herr? Wieso? Gottesdunner ... Die Leute werfen mit +Ziegelsteinen! Ick heww da nu 'naug von ...« + +In diesem Augenblick wuchs draußen der Lärm von neuem an, aber ohne sich +wieder zu der anfänglichen stürmischen Höhe zu erheben, tönte er nun +ruhig und ununterbrochen fort, ein geduldiges, singendes und beinahe +vergnügt klingendes Gesumme, in welchem man hie und da Pfiffe sowie +einzelne Ausrufe wie »Prinzip!« und »Bürgerrecht!« unterschied ... Die +Bürgerschaft lauschte mit Andacht. + +»Meine Herren«, sprach nach einer Weile der Wortführer Herr Doktor +Langhals mit gedämpfter Stimme über die Versammlung hin. »Ich hoffe, +mich mit Ihnen im Einverständnis zu befinden, wenn ich nunmehr die +Sitzung eröffne ...« + +Das war ein unmaßgeblicher Vorschlag, dem aber weit und breit nicht die +geringste Unterstützung zuteil wurde. + +»Da bün ick nich für tau haben«, sagte jemand mit einer biederen +Entschlossenheit, die keinen Einwand gestattete. Es war ein bäuerlicher +Mann namens Pfahl, aus dem Ritzerauer Landbezirk, der Deputierte für das +Dorf Klein-Schretstaken. Niemand erinnerte sich, seine Stimme schon +einmal in den Verhandlungen vernommen zu haben; allein in der +gegenwärtigen Lage fiel die Meinung auch des schlichtesten Kopfes schwer +ins Gewicht ... Unerschrocken und mit sicherem politischen Instinkt +hatte Herr Pfahl der Anschauung der gesamten Bürgerschaft Ausdruck +verliehen. + +»Gott soll uns bewahren!« sagte Herr Benthien entrüstet. »Da oben auf +den Sitzen kann man von der Straße aus gesehen werden! Die Leute werfen +mit Ziegelsteinen! Nee, Gottesdunner, ick heww da nu 'naug von ...« + +»Daß auch die verfluchte Tür so eng ist!« stieß der Weinhändler Köppen +verzweifelt hervor. »Wenn wir hinaus wollen, drücken wir ja wol dot ... +drücken wir uns ja wol!« + +»Unerhörte Infamje«, sprach dumpf Herr Stuht. + +»Meine Herren!« begann der Wortführer eindringlich aufs neue. »Ich bitte +Sie, doch zu erwägen ... Ich habe binnen drei Tagen eine Ausfertigung +des heute zu führenden Protokolles dem regierenden Bürgermeister +zuzustellen ... Überdies erwartet die Stadt die Veröffentlichung durch +den Druck ... Ich möchte jedenfalls zur Abstimmung darüber schreiten, ob +die Sitzung eröffnet werden soll ...« + +Aber abgesehen von einigen wenigen Bürgern, die den Wortführer +unterstützten, fand sich niemand, der bereit gewesen wäre, zur +Tagesordnung überzugehen. Eine Abstimmung hätte sich als zwecklos +erwiesen. Man durfte das Volk nicht reizen. Niemand wußte, was es +wollte. Man durfte es nicht durch einen Beschluß nach irgendeiner +Richtung hin vor den Kopf stoßen. Man mußte abwarten und sich nicht +regen. Von der Marienkirche schlug es halb fünf ... + +Man bestärkte einander in dem Entschlusse, geduldig auszuharren. Man +begann, sich an das Geräusch zu gewöhnen, das dort draußen anschwoll, +abnahm, pausierte und wieder einsetzte. Man fing an, ruhiger zu werden, +sich's bequemer zu machen, sich auf den unteren Sitzreihen und den +Stühlen niederzulassen ... Die Betriebsamkeit all dieser tüchtigen +Bürger begann sich zu regen ... Man wagte hie und da, über Geschäfte zu +sprechen, hie und da sogar ein Geschäft zu machen ... Die Makler +näherten sich den Großkaufleuten ... Die eingeschlossenen Herren +plauderten miteinander wie Leute, die während eines heftigen Gewitters +beisammen sitzen, von anderen Dingen reden und manchmal mit ernsten und +respektvollen Gesichtern auf den Donner horchen. Es wurde fünf Uhr, halb +sechs Uhr, und die Dämmerung sank. Dann und wann seufzte jemand darüber, +daß seine Frau mit dem Kaffee warte, worauf Herr Benthien sich erlaubte, +die Dachluke in Erinnerung zu bringen. Aber die meisten dachten darüber +wie Herr Stuht, der mit einem fatalistischen Kopfschütteln erklärte: +»Ich bin ja doch zu dick dazu!« + +Johann Buddenbrook hatte sich, eingedenk der Mahnung der Konsulin, neben +seinem Schwiegervater gehalten, und er betrachtete ihn etwas besorgt, +als er ihn fragte: »Dies kleine Abenteuer geht Ihnen hoffentlich nicht +nahe, Vater?« + +Unter dem schneeweißen Toupet waren auf Lebrecht Krögers Stirn zwei +bläuliche Adern in besorgniserregender Weise geschwollen, und während +die eine seiner aristokratischen Greisenhände mit den opalisierenden +Knöpfen an seiner Weste spielte, zitterte die andere, mit einem großen +Brillanten geschmückt, auf seinen Knien. + +»Papperlapapp, Buddenbrook!« sagte er mit sonderbarer Müdigkeit. »Ich +bin ennuyiert, das ist das Ganze.« Aber er strafte sich selber Lügen, +indem er plötzlich hervorzischte: »_Parbleu_, Jean! man müßte diesen +infamen Schmierfinken den Respekt mit Pulver und Blei in den Leib +knallen ... Das Pack ...! Die Canaille ...!« + +Der Konsul summte begütigend. »So ... so ... Sie haben ja recht, es ist +eine ziemlich unwürdige Komödie ... Aber was soll man tun? Man muß gute +Miene machen. Es wird Abend. Die Leute werden schon abziehen ...« + +»Wo ist mein Wagen?... Ich befehle meinen Wagen!« kommandierte Lebrecht +Kröger gänzlich außer sich. Seine Wut explodierte, er bebte am ganzen +Leibe. »Ich habe ihn auf fünf Uhr bestellt!... Wo ist er?... Die Sitzung +wird nicht abgehalten ... Was soll ich hier?... Ich bin nicht gesonnen, +mich narren zu lassen!... Ich will meinen Wagen!... Insultiert man +meinen Kutscher? Sehen Sie nach, Buddenbrook!« + +»Lieber Schwiegervater, um Gottes willen, beruhigen Sie sich! Sie +alterieren sich ... das bekommt Ihnen nicht! Selbstverständlich ... ich +gehe nun, mich nach Ihrem Wagen umzusehen. Ich selbst bin dieser Lage +überdrüssig. Ich werde mit den Leuten sprechen, sie auffordern, nach +Hause zu gehen ...« + +Und obgleich Lebrecht Kröger protestierte, obgleich er mit plötzlich +ganz kalter und verächtlicher Betonung befahl: »Halt, hiergeblieben! Sie +vergeben sich nichts, Buddenbrook!« schritt der Konsul schnell durch den +Saal. + +Dicht bei der kleinen grünen Tür wurde er von Siegismund Gosch +eingeholt, der ihn mit knochiger Hand am Arm ergriff und mit gräßlicher +Flüsterstimme fragte: »Wohin, Herr Konsul?...« + +Das Gesicht des Maklers war in tausend tiefe Falten gelegt. Mit dem +Ausdruck wilder Entschlossenheit schob sich sein spitzes Kinn fast bis +zur Nase empor, sein graues Haar fiel düster in Schläfen und Stirn, und +er hielt seinen Kopf so tief zwischen den Schultern, daß es ihm +wahrhaftig gelang, das Aussehen eines Verwachsenen zu bieten, als er +hervorstieß: »Sie sehen mich gewillt, zum Volke zu reden!« + +Der Konsul sagte: »Nein, lassen Sie mich das lieber tun, Gosch ... Ich +habe wahrscheinlich mehr Bekannte unter den Leuten ...« + +»Es sei!« antwortete der Makler tonlos. »Sie sind ein größerer Mensch +als ich.« Und indem er seine Stimme erhob, fuhr er fort: »Aber ich werde +Sie begleiten, ich werde an Ihrer Seite stehen, Konsul Buddenbrook! Mag +die Wut der entfesselten Sklaven mich zerreißen ...« + +»Ach, welch ein Tag! Welch ein Abend!« sagte er, als sie hinausgingen +... Sicherlich hatte er sich noch niemals so glücklich gefühlt. »Ha, +Herr Konsul! Da ist das Volk!« + +Die beiden hatten den Korridor überschritten und traten vor die Haustür +hinaus, indem sie auf der oberen der drei schmalen Stufen stehen +blieben, die auf das Trottoir führten. Die Straße bot einen +befremdenden Anblick. Sie war ausgestorben, und an den offenen, schon +erleuchteten Fenstern der umliegenden Häuser gewahrte man Neugierige, +die auf die schwärzliche, sich vorm Bürgerschaftshause drängende Menge +der Aufrührer hinabblickten. Diese Menge war an Zahl nicht viel stärker +als die Versammlung im Saale und bestand aus jugendlichen Hafen- und +Lagerarbeitern, Dienstmännern, Volksschülern, einigen Matrosen von +Kauffahrteischiffen und anderen Leuten, die in den geringen +Stadtgegenden, in den »Twieten«, »Gängen«, »Wischen« und »Höfen« zu +Hause waren. Auch drei oder vier Frauen waren dabei, die sich von diesem +Unternehmen wohl ähnliche Erfolge versprachen, wie die Buddenbrooksche +Köchin. Einige Empörer, des Stehens müde, hatten sich, die Füße im +Rinnstein, auf den Bürgersteig gesetzt und aßen Butterbrot. + +Es war bald sechs Uhr, und obgleich die Dämmerung weit vorgeschritten +war, hingen die Öllampen unangezündet an ihren Ketten über der Straße. +Diese Tatsache, diese offenbare und unerhörte Unterbrechung der Ordnung, +war das erste, was den Konsul Buddenbrook aufrichtig erzürnte, und sie +war schuld daran, daß er in ziemlich kurzem und ärgerlichem Tone zu +sprechen begann: »Lüd, wat is dat nu bloß für dumm Tüg, wat Ji da +anstellt!« + +Die Vespernden waren vom Trottoir emporgesprungen. Die Hinteren, +jenseits des Fahrdammes, stellten sich auf die Zehenspitzen. Einige +Hafenarbeiter, die im Dienste des Konsuls standen, nahmen ihre Mützen +ab. Man machte sich aufmerksam, stieß sich in die Seiten und sagte +gedämpft: »Dat's Kunsel Buddenbrook! Kunsel Buddenbrook will 'ne Red' +hollen! Holl din Mul, Krischan, hei kann höllschen fuchtig warn!... +Dat's Makler Gosch ... kiek! Dat's son Aap!... Is hei 'n beeten +öwerspönig?« + +»Corl Smolt!« fing der Konsul wieder an, indem er seine kleinen, +tiefliegenden Augen auf einen etwa 22jährigen Lagerarbeiter mit krummen +Beinen richtete, der, die Mütze in der Hand und den Mund voll Brot, +unmittelbar vor den Stufen stand. »Nu red' mal, Corl Smolt! Nu is' Tiet! +Ji heww hier den leewen langen Namiddag bröllt ...« + +»Je, Herr Kunsel ...«, brachte Corl Smolt kauend hervor. »Dat's nu so 'n +Saak ... öäwer ... Dat is nu so wied ... Wi maaken nu Revolutschon.« + +»Wat's dat för Undög, Smolt!« + +»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll, öäwer dat is nu so wied ... wi +sünd nu nich mihr taufreeden mit de Saak ... Wie verlangen nu ne anner +Ordnung, un dat is ja ook gor nich mihr, daß dat =wat= is ...« + +»Hür mal, Smolt, un ihr annern Lüd! Wer nu 'n verstännigen Kierl is, der +geht naa Hus un scheert sich nich mihr um Revolution und stört hier nich +de Ordnung ...« + +»Die heilige Ordnung!« unterbrach Herr Gosch ihn zischend ... + +»De Ordnung, seg ick!« beschloß Konsul Buddenbrook. »Nicht mal die +Lampen sind angezündet ... Dat geiht denn doch tau wied mit de +Revolution!« + +Corl Smolt aber hatte nun seinen Bissen verschluckt und, die Menge im +Rücken, stand er breitbeinig da und hatte seine Einwände ... + +»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll! Öäwer dat is man bloß wegen das +allgemeine Prinzip von dat Wahlrecht ...« + +»Großer Gott, du Tropf!« rief der Konsul und vergaß, platt zu sprechen +vor Indignation ... »Du redest ja lauter Unsinn ...« + +»Je, Herr Kunsel«, sagte Corl Smolt ein bißchen eingeschüchtert; »dat is +nu allens so as dat is. Öäwer Revolutschon mütt sien, dat is tau gewiß. +Revolutschon is öwerall, in Berlin und in Poris ...« + +»Smolt, wat wull Ji nu eentlich! Nu seggen Sei dat mal!« + +»Je, Herr Kunsel, ick seg man bloß: wi wull nu 'ne Republike, seg ick +man bloß ...« + +»Öwer du Döskopp ... Ji =heww= ja schon een!« + +»Je, Herr Kunsel, denn wull wi noch een.« + +Einige der Umstehenden, die es besser wußten, begannen schwerfällig und +herzlich zu lachen, und obgleich die wenigsten die Antwort Corl Smolts +verstanden hatten, pflanzte diese Heiterkeit sich fort, bis die ganze +Menge der Republikaner in breitem und gutmütigem Gelächter stand. An den +Fenstern des Bürgerschaftssaales erschienen mit neugierigen Gesichtern +einige Herren mit Bierseideln in den Händen ... Der einzige, den diese +Wendung der Dinge enttäuschte und schmerzte, war Siegismund Gosch. + +»Na Lüd«, sagte schließlich Konsul Buddenbrook, »ick glöw, dat is nu dat +beste, wenn ihr alle naa Hus gaht!« + +Corl Smolt, gänzlich verdutzt über die Wirkung, die er hervorgebracht, +antwortete: »Je, Herr Kunsel, dat is nu so, un denn möht man de Saak je +woll up sick beruhn laten, un ick bün je ook man froh, dat Herr Kunsel +mi dat nich öwelnehmen daut, un adjüs denn ook, Herr Kunsel ...« + +Die Menge fing an, sich in der allerbesten Laune zu zerstreuen. + +»Smolt, töf mal 'n Oogenblick!« rief der Konsul. »Seg mal, hast du den +Krögerschen Wagen nich seihn, de Kalesch' vorm Burgtor?« + +»Jewoll, Herr Kunsel! De is kamen. De is doar unnerwarts upp Herr Kunsel +sin Hoff ruppfoahrn ...« + +»Schön; denn loop mal fixing hin, Smolt, un seg tau Jochen, hei sall mal +'n beeten rannerkommen; sin Herr will naa Hus.« + +»Jewoll, Herr Kunsel!« ... Und indem er seine Mütze auf den Kopf warf +und den Lederschirm ganz tief in die Augen zog, lief Corl Smolt mit +breitspurigen, wiegenden Schritten die Straße hinunter. + + +Viertes Kapitel + +Als Konsul Buddenbrook mit Siegismund Gosch in die Versammlung +zurückkehrte, bot der Saal ein behaglicheres Bild als vor einer +Viertelstunde. Er war von zwei großen Paraffinlampen erleuchtet, die auf +dem Wortführertisch standen, und in ihrem gelben Licht saßen und standen +die Herren beieinander, gossen sich Flaschenbier in blanke Seidel, +stießen an und plauderten geräuschvoll in fröhlichster Stimmung. Frau +Suerkringel, die Witwe Suerkringel war dagewesen, sie hatte sich +treuherzig ihrer eingeschlossenen Gäste angenommen, mit beredten Worten, +da die Belagerung ja noch lange dauern könne, eine kleine Stärkung in +Vorschlag gebracht und sich die erregten Zeiten zunutze gemacht, um eine +bedeutende Quantität ihres hellen und ziemlich spirituösen Bieres +abzusetzen. Soeben, beim Wiedereintritt der beiden Unterhändler, +schleppte der Hausknecht in Hemdärmeln und mit wohlmeinendem Lächeln +einen neuen Vorrat von Flaschen herbei, und obgleich der Abend +vorgeschritten, obgleich es zu spät war, der Verfassungsrevision noch +Aufmerksamkeit zu schenken, war niemand geneigt, schon jetzt dies +Beisammensein zu unterbrechen und nach Hause zu gehen. Mit dem Kaffee +war es in jedem Fall für heute vorbei ... + +Nachdem der Konsul mehrere Händedrücke entgegengenommen, die ihn zu +seinem Erfolge beglückwünschten, begab er sich ohne Verzug zu seinem +Schwiegervater. Lebrecht Kröger schien der einzige zu sein, dessen +Stimmung sich nicht verbessert hatte. Hoch, kalt und abweisend saß er an +seinem Platze und antwortete auf den Bericht, in diesem Augenblick fahre +der Wagen vor, mit höhnischer Stimme, die vor Erbitterung mehr als vor +Greisenalter zitterte: »Beliebt der Pöbel, mich in mein Haus +zurückkehren zu lassen?« + +Mit steifen Bewegungen, die nicht im entferntesten an die scharmanten +Gesten gemahnten, die man sonst an ihm kannte, ließ er sich den +Pelzmantel um die Schultern legen und schob, da der Konsul sich erbot, +ihn zu begleiten, mit einem nachlässigen »_merci_« seinen Arm unter den +seines Schwiegersohnes. + +Die majestätische Kalesche, mit zwei großen Laternen am Bock, hielt vor +der Tür, woselbst man nun zur herzlichen Genugtuung des Konsuls begann, +die Lampen in Brand zu setzen, und die beiden stiegen ein. Steil, stumm, +ohne sich zurückzulehnen, mit halb geschlossenen Augen saß Lebrecht +Kröger, die Wagendecke über den Knien, zur Rechten des Konsuls, während +der Wagen durch die Straßen rollte, und unter den kurzen Spitzen seines +weißen Schnurrbartes liefen seine abwärts gezogenen Mundwinkel in zwei +senkrechte Falten aus, die sich bis zum Kinn hinunterzogen. Der Grimm +über die erlittene Demütigung zehrte und nagte in ihm. Matt und kalt +blickte er auf das leere Polster ihm gegenüber. + +In den Straßen ging es lebhafter zu als an einem Sonntagabend. +Augenscheinlich herrschte Feststimmung. Das Volk, entzückt über den +glücklichen Verlauf der Revolution, zog wohlgelaunt umher. Es wurde +sogar gesungen. Hie und da schrien Jungen Hurra! wenn der Wagen +vorüberfuhr, und warfen ihre Mützen in die Luft. + +»Ich glaube wahrhaftig, Sie lassen sich die Sache zu nahegehn, Vater«, +sagte der Konsul. »Wenn man bedenkt, was für eine Narrensposse das Ganze +war ... Eine Farce ...« Und um irgendeine Antwort und Äußerung des Alten +zu erlangen, fing er an, lebhaft über die Revolution im allgemeinen zu +sprechen ... »Wenn die besitzlose Menge zu der Erkenntnis gelangte, wie +wenig sie in diesen Zeiten ihrer eigenen Sache dient ... Ach, mein Gott, +es ist überall das nämliche! Ich hatte heute nachmittag ein kurzes +Gespräch mit dem Makler Gosch, diesem wunderlichen Manne, der alles mit +den Augen eines Poeten und Stückeschreibers betrachtet ... Sehen Sie, +Schwiegervater, die Revolution ist in Berlin an ästhetischen Teetischen +vorbereitet worden ... Dann hat das Volk die Sache ausgefochten und +seine Haut zu Markte getragen ... Wird es auf seine Kosten kommen?« + +»Sie täten gut, das Fenster an Ihrer Seite zu öffnen«, sagte Herr +Kröger. + +Johann Buddenbrook warf ihm einen raschen Blick zu und ließ eilig die +Glasscheibe nieder. + +»Fühlen Sie sich nicht ganz wohl, lieber Vater?« fragte er besorgt ... + +»Nein. Durchaus nicht«, antwortete Lebrecht Kröger streng. + +»Sie haben einen Imbiß und Ruhe nötig«, sagte der Konsul, indem er, um +irgend etwas zu tun, die Felldecke fester um die Knie seines +Schwiegervaters zog. + +Plötzlich -- die Equipage rasselte durch die Burgstraße -- geschah etwas +Erschreckendes. Als nämlich der Wagen, fünfzehn Schritte etwa von dem in +Halbdunkel getauchten Gemäuer des Tores, eine Ansammlung lärmender und +vergnügter Gassenjungen passierte, flog durch das offene Fenster ein +Stein herein. Es war ein ganz harmloser Feldstein, kaum von der Größe +eines Hühnereies, der, zur Feier der Revolution von der Hand irgendeines +Krischan Snut oder Heine Voß geschleudert, sicherlich nicht böse gemeint +und wahrscheinlich gar nicht nach dem Wagen gezielt worden war. Lautlos +kam er durchs Fenster herein, prallte lautlos gegen Lebrecht Krögers von +dickem Pelze bedeckte Brust, rollte ebenso lautlos an der Felldecke +hinab und blieb am Boden liegen. + +»Täppische Flegelei!« sagte der Konsul ärgerlich. »Ist man denn heute +abend aus Rand und Band?... Aber er hat Sie nicht verletzt, wie, +Schwiegervater?« + +Der alte Kröger schwieg, er schwieg beängstigend. Es war zu dunkel im +Wagen, um den Ausdruck seines Gesichtes zu unterscheiden. Gerader, +höher, steifer noch, denn zuvor, saß er, ohne das Rückenpolster zu +berühren. Dann aber kam es ganz tief aus ihm heraus ... langsam, kalt +und schwer, ein einziges Wort: »=Die Canaille.=« + +Aus Besorgnis, ihn noch mehr zu reizen, antwortete der Konsul nicht. Der +Wagen rollte mit hallendem Geräusch durch das Tor und befand sich drei +Minuten später in der breiten Allee vor dem mit vergoldeten Spitzen +versehenen Gatter, welches das Krögersche Besitztum begrenzte. Zu beiden +Seiten der breiten Gartenpforte, die den Eingang zu einer mit Kastanien +besetzten Anfahrt zur Terrasse bildete, brannten hell zwei Laternen mit +vergoldeten Knöpfen auf ihren Deckeln. Der Konsul entsetzte sich, als er +hier in das Gesicht seines Schwiegervaters sah. Es war gelb und von +schlaffen Furchen zerrissen. Der kalte, feste und verächtliche Ausdruck, +den der Mund bis dahin bewahrt, hatte sich zu einer schwachen, schiefen, +hängenden und blöden Greisengrimasse verzerrt ... Der Wagen hielt an der +Terrasse. + +»Helfen Sie mir«, sagte Lebrecht Kröger, obgleich der Konsul, der zuerst +ausgestiegen war, schon die Felldecke zurückwarf und ihm Arm und +Schulter als Stütze darbot. Er führte ihn auf dem Kiesboden langsam die +wenigen Schritte bis zu der weißglänzenden Freitreppe, die zum +Speisezimmer emporführte. Am Fuße der Stufen knickte der Greis in die +Knie. Der Kopf fiel so schwer auf die Brust, daß der hängende +Unterkiefer mit klapperndem Geräusch gegen den oberen schlug. Die Augen +verdrehten sich und brachen ... + +Lebrecht Kröger, der _à la mode_-Kavalier, war bei seinen Vätern. + + +Fünftes Kapitel + +Ein Jahr und zwei Monate später, an einem schneedunstigen Januarmorgen +des Jahres 1850, saßen Herr und Madame Grünlich nebst ihrem kleinen +dreijährigen Töchterchen in dem mit hellbraunfarbigem Holze getäfelten +Speisezimmer auf Stühlen, von denen ein jeder 25 Kurantmark gekostet +hatte, beim ersten Frühstück. + +Die Scheiben der Fenster waren vor Nebel beinahe undurchsichtig; +verschwommen gewahrte man nackte Bäume und Sträucher dahinter. In dem +grünglasierten niedrigen Ofen, der in einem Winkel stand -- neben der +offenen Tür, die ins »Penseezimmer« führte, woselbst man Blattgewächse +erblickte -- knisterte die rote Glut und erfüllte den Raum mit einer +sanften, ein wenig riechenden Wärme. An der entgegengesetzten Seite +gestatteten halb zurückgeschlagene grüne Tuchportieren den Durchblick in +den braunseidenen Salon und auf eine hohe Glastür, deren Ritzen mit +wattierten Rollen verstopft waren und hinter der eine kleine Terrasse +sich in dem weißgrauen, undurchsichtigen Nebel verlor. Seitwärts führte +ein dritter Ausgang auf den Korridor. + +Der schneeweiße gewirkte Damast auf dem runden Tische war von einem +grüngestickten Tischläufer durchzogen und bedeckt mit goldgerändertem +und so durchsichtigem Porzellan, daß es hie und da wie Perlmutter +schimmerte. Eine Teemaschine summte. In einem dünnsilbernen, flachen +Brotkorb, der die Gestalt eines großen, gezackten, leicht gerollten +Blattes hatte, lagen Rundstücke und Schnitten von Milchgebäck. Unter +einer Kristallglocke türmten sich kleine, geriefelte Butterkugeln, unter +einer anderen waren verschiedene Arten von Käse, gelber, +grünmarmorierter und weißer sichtbar. Es fehlte nicht an einer Flasche +Rotwein, welche vor dem Hausherrn stand, denn Herr Grünlich frühstückte +warm. + +Mit frisch frisierten Favoris und einem Gesicht, das um diese +Morgenstunde besonders rosig erschien, saß er, den Rücken dem Salon +zugewandt, fertig angekleidet, in schwarzem Rock und hellen, +großkarierten Beinkleidern, und verspeiste nach englischer Sitte ein +leicht gebratenes Kotelett. Seine Gattin fand dies zwar vornehm, +außerdem aber auch in so hohem Grade widerlich, daß sie sich niemals +hatte entschließen können, ihr gewohntes Brot- und Eifrühstück dagegen +einzutauschen. + +Tony war im Schlafrock; sie schwärmte für Schlafröcke. Nichts erschien +ihr vornehmer als ein elegantes Negligé, und da sie sich im Elternhause +dieser Leidenschaft nicht hatte überlassen dürfen, frönte sie ihr nun +als verheiratete Frau desto eifriger. Sie besaß drei dieser schmiegsamen +und zarten Kleidungsstücke, bei deren Herstellung mehr Geschmack, +Raffinement und Phantasie entfaltet werden kann, als bei einer +Balltoilette. Heute aber trug sie das dunkelrote Morgenkleid, dessen +Farbe genau mit dem Tone der Tapete über der Holztäfelung übereinstimmte +und dessen großgeblümter Stoff, weicher als Watte, überall mit einem +Sprühregen ganz winziger Glasperlchen von derselben Färbung durchwirkt +war ... Eine gerade und dichte Reihe von roten Sammetschleifen lief vom +Halsverschluß bis zum Saume hinunter. + +Ihr starkes aschblondes Haar, mit einer dunkelroten Sammetschleife +geschmückt, war über der Stirn gelockt. Obgleich, wie sie selbst wohl +wußte, ihr Äußeres seinen Höhepunkt bereits erreicht hatte, war der +kindliche, naive und kecke Ausdruck ihrer etwas hervorstehenden +Oberlippe derselbe geblieben wie ehemals. Die Lider ihrer graublauen +Augen waren vom kalten Wasser gerötet. Ihre Hände, die weißen, ein wenig +kurzen, aber feingegliederten Hände der Buddenbrooks, deren zarte +Gelenke von den Sammetrevers der Ärmel weich umschlossen wurden, +handhabten Messer, Löffel und Tasse mit Bewegungen, die heute aus +irgendeinem Grunde ein wenig abrupt und hastig waren. + +Neben ihr, in einem turmartigen Kinderstuhl und bekleidet mit einem aus +dicker hellblauer Wolle gestrickten, formlosen und drolligen Röckchen, +saß die kleine Erika, ein wohlgenährtes Kind mit kurzen hellblonden +Locken. Sie hielt mit beiden Händchen eine große Tasse umklammert, in +der ihr Gesichtchen völlig verschwand, und schluckte ihre Milch, indem +sie hie und da kleine, hingebende Seufzer vernehmen ließ. + +Hierauf klingelte Frau Grünlich, und Thinka, das Folgmädchen, trat vom +Korridor ein, um das Kind aus dem Turm zu heben und es hinauf in die +Spielstube zu tragen. + +»Du kannst sie eine halbe Stunde draußen spazierenfahren, Thinka«, sagte +Tony. »Aber nicht länger, und in der dickeren Jacke, hörst du?... Es +nebelt.« -- Sie blieb mit ihrem Gatten allein. + +»Du machst dich ja lächerlich«, sagte sie nach einigem Stillschweigen, +indem sie ersichtlich ein unterbrochenes Gespräch wieder aufnahm ... +»Hast du Gegengründe? Gib doch Gegengründe an!... Ich =kann= mich nicht +immer um das Kind bekümmern ...« + +»Du bist nicht kinderlieb, Antonie.« + +»Kinderlieb ... kinderlieb ... Es fehlt mir an Zeit! Der Haushalt nimmt +mich in Anspruch! Ich wache mit zwanzig Gedanken auf, die tagsüber +auszuführen sind, und gehe mit vierzig zu Bett, die noch nicht +ausgeführt sind ...« + +»Es sind zwei Mädchen da. Eine so junge Frau ...« + +»Zwei Mädchen, gut. Thinka hat abzuwaschen, zu putzen, reinzumachen, zu +bedienen. Die Köchin ist über und über beschäftigt. Du ißt schon am +frühen Morgen Koteletts ... Denke doch nach, Grünlich! Erika muß über +kurz oder lang jedenfalls eine Bonne, eine Erzieherin haben ...« + +»Es entspricht nicht unseren Verhältnissen, ihr schon jetzt ein eigenes +Kindermädchen zu halten.« + +»Unseren Verhältnissen!... O Gott, du =machst= dich lächerlich! Sind wir +denn Bettler? Sind wir gezwungen, uns das Notwendigste abgehen zu +lassen? Meines Wissens habe ich dir achtzigtausend Mark in die Ehe +gebracht ...« + +»Ach, mit deinen achtzigtausend!« + +»Gewiß!... Du sprichst geringschätzig davon ... Es kam dir nicht darauf +an ... Du hast mich aus Liebe geheiratet ... Gut. Aber liebst du mich +überhaupt noch? Du gehst über meine berechtigten Wünsche hinweg. Das +Kind soll kein Mädchen haben ... Von dem Coupé, das uns nötig ist, wie +das tägliche Brot, ist überhaupt keine Rede mehr ... Warum läßt du uns +dann beständig auf dem Lande wohnen, wenn es unseren =Verhältnissen= +nicht =entspricht=, einen Wagen zu halten, in dem wir anständigerweise +in Gesellschaft fahren können? Warum siehst du es niemals gern, daß ich +in die Stadt komme?... Am liebsten möchtest du, daß wir uns hier ein für +alle Male vergrüben und daß ich keinen Menschen mehr zu Gesichte bekäme. +Du bist sauertöpfig!« + +Herr Grünlich goß sich Rotwein ins Glas, erhob die Kristallglocke und +ging zum Käse über. Er antwortete durchaus nicht. + +»Liebst du mich überhaupt noch?« wiederholte Tony ... »Dein Schweigen +ist so ungezogen, daß ich mir sehr wohl erlauben darf, dich an einen +gewissen Auftritt in unserem Landschaftszimmer zu erinnern ... Damals +machtest du eine andere Figur!... Vom ersten Tage an hast du nur abends +bei mir gesessen, und das nur, um die Zeitung zu lesen. Anfangs nahmst +du wenigstens einige Rücksicht auf meine Wünsche. Aber seit langer Zeit +ist es auch damit zu Ende. Du vernachlässigst mich!« + +»Und du? Du ruinierst mich.« + +»Ich?... Ich ruiniere dich ...« + +»Ja. Du ruinierst mich mit deiner Trägheit, deiner Sucht nach Bedienung +und Aufwand ...« + +»Oh! wirf mir nicht meine gute Erziehung vor! Ich habe bei meinen Eltern +nicht nötig gehabt, einen Finger zu rühren. Jetzt habe ich mich mühsam +in den Haushalt einleben müssen, aber ich kann verlangen, daß du mir +nicht die einfachsten Hilfsmittel verweigerst. Vater ist ein reicher +Mann; er konnte nicht erwarten, daß es mir jemals an Personal fehlen +würde ...« + +»Dann warte mit dem dritten Mädchen, bis dieser Reichtum uns etwas +nützt.« + +»Willst du etwa Vaters Tod wünschen?!... Ich sage, daß wir vermögende +Leute sind, daß ich nicht mit leeren Händen zu dir gekommen bin ...« + +Obgleich Herr Grünlich im Kauen begriffen war, lächelte er; er lächelte +überlegen, wehmütig und schweigend. Dies verwirrte Tony. + +»Grünlich«, sagte sie ruhiger ... »Du lächelst, du sprichst von unseren +Verhältnissen ... Täusche ich mich über die Lage? Hast du schlechte +Geschäfte gemacht? Hast du ...« + +In diesem Augenblicke geschah ein Klopfen, ein kurzer Trommelwirbel +gegen die Korridortür, und Herr Kesselmeyer trat ein. + + +Sechstes Kapitel + +Herr Kesselmeyer kam als Hausfreund unangemeldet, ohne Hut und Paletot +in die Stube und blieb an der Türe stehen. Sein Äußeres entsprach +durchaus der Beschreibung, die Tony in einem Briefe an ihre Mutter davon +gemacht hatte. Er war von leicht untersetzter Gestalt und weder dick +noch dünn. Er trug einen schwarzen und schon etwas blanken Rock, +ebensolche Beinkleider, die eng und kurz waren und eine weiße Weste, auf +der sich eine lange dünne Uhrkette mit zwei oder drei Kneiferschnüren +kreuzte. Von seinem roten Gesicht hob sich scharf der geschorene weiße +Backenbart ab, der die Wangen bedeckte und Kinn und Lippen frei ließ. +Sein Mund war klein, beweglich, drollig und enthielt lediglich im +Unterkiefer zwei Zähne. Während Herr Kesselmeyer, die Hände in seinen +senkrechten Hosentaschen vergraben, konfus, abwesend und nachdenklich +stehenblieb, setzte er diese beiden gelben, kegelförmigen Eckzähne auf +die Oberlippe. Die weißen und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe +flatterten leise, obgleich nicht der geringste Lufthauch fühlbar war. + +Endlich zog er die Hände hervor, bückte sich, ließ die Unterlippe hängen +und befreite mühselig ein Kneiferband aus der allgemeinen Verwicklung +auf seiner Brust. Dann hieb er sich das Pincenez mit einem Schlag auf +die Nase, wobei er die abenteuerlichste Grimasse schnitt, musterte das +Ehepaar und bemerkte: »Ahah.« + +Es ist, da er diese Redewendung außerordentlich oft gebrauchte, sofort +zu bemerken, daß er sie in sehr verschiedener und sehr eigenartiger +Weise hervorzubringen pflegte. Er konnte sie mit zurückgelegtem Kopf, +krausgezogener Nase, weit offenem Munde und in der Luft umherfuchtelnden +Händen mit einem langgezogenen, nasalen und metallischen Klange ertönen +lassen, der an den Gesang eines chinesischen Gongs erinnerte ... und er +konnte sie, andererseits und abgesehen von vielen Nuancen, ganz kurz, +beiläufig und sanft beiseite werfen, was sich vielleicht noch drolliger +ausnahm; denn er sprach ein sehr getrübtes und näselndes A. Heute ließ +er ein flüchtiges, heiteres und von einem kleinen krampfhaften +Kopfschütteln begleitetes »Ahah« verlauten, das aus einer ungeheuer +fröhlichen Gemütsstimmung hervorzugehen schien ... und doch durfte dem +nicht getraut werden, denn es bestand die Tatsache, daß der Bankier +Kesselmeyer sich desto lustiger benahm, in je gefährlicherer Laune er +sich befand. Wenn er mit tausend Ahahs umhersprang, den Kneifer auf die +Nase hieb und wieder fallen ließ, mit den Armen flatterte, schwatzte und +sich vor übermäßiger Albernheit ersichtlich nicht zu lassen wußte, so +konnte man sicher sein, daß die Bosheit an seinem Inneren zehrte ... +Herr Grünlich sah ihn blinzelnd und mit unverhohlenem Mißtrauen an. + +»Schon so früh?« fragte er ... + +»Jaha ...« antwortete Herr Kesselmeyer und schüttelte eine seiner +kleinen, roten, runzligen Hände in der Luft, als wollte er sagen: +Gedulde dich nur, es gibt eine Überraschung!... »Ich habe mit Ihnen zu +reden! Unverzüglich zu reden mit Ihnen, mein Lieber!« Er sprach höchst +lächerlich. Er wälzte jedes Wort im Munde umher und gab es mit +unsinnigem Kraftaufwand seines kleinen, zahnarmen, beweglichen Mundes +von sich. Das R rollte er in einer Weise, als sei sein Gaumen gefettet. +Herrn Grünlichs Blinzeln wurde noch mißtrauischer. + +»Kommen Sie her, Herr Kesselmeyer«, sagte Tony. »Setzen Sie sich hin. Es +ist hübsch, daß Sie kommen ... Passen Sie mal auf. Sie sollen +Schiedsrichter sein. Ich habe eben einen Streit mit Grünlich gehabt ... +Nun sagen Sie mal: Muß ein dreijähriges Kind ein Kindermädchen haben +oder nicht! Nun?...« + +Allein Herr Kesselmeyer schien gar nicht auf sie zu achten. Er hatte +Platz genommen, kraute, indem er seinen winzigen Mund so weit wie nur +immer möglich öffnete und die Nase in Falten legte, mit einem +Zeigefinger seinen geschorenen Backenbart, was ein nervös machendes +Geräusch ergab, und musterte über das Pincenez hinweg mit unsäglich +fröhlicher Miene den eleganten Frühstückstisch, den silbernen Brotkorb, +die Etikette der Rotweinflasche ... + +»Nämlich«, fuhr Tony fort, »Grünlich behauptet, ich ruiniere ihn!« + +Hier blickte Herr Kesselmeyer sie an ... und dann blickte er Herrn +Grünlich an ... und dann brach er in ein unerhörtes Gelächter aus! »Sie +ruinieren ihn ...?« rief er. »Sie ... ruin ... Sie ... Sie ruinieren ihn +also?... O Gott! Ach Gott! Du liebe Zeit!... Das ist spaßhaft!... Das +ist höchst, höchst, =höchst= spaßhaft!« Worauf er sich einer Flut von +unterschiedlichen Ahahs überließ. + +Herr Grünlich rückte sichtlich nervös auf seinem Stuhl hin und her. +Abwechselnd fuhr er mit seinem langen Zeigefinger zwischen Kragen und +Hals und ließ hastig seine goldgelben Favoris durch die Hände +gleiten ... + +»Kesselmeyer!« sagte er. »Fassen Sie sich doch! Sind Sie von Sinnen? +Hören Sie doch auf zu lachen! Wollen Sie Wein haben? Wollen Sie eine +Zigarre haben? Worüber lachen Sie eigentlich?« + +»Worüber ich lache?... Ja, geben Sie mir ein Glas Wein, geben Sie mir +eine Zigarre ... Worüber ich lache? Sie finden also, daß Ihre Frau +Gemahlin Sie ruiniert?« + +»Sie ist allzu luxuriös veranlagt«, sagte Herr Grünlich ärgerlich. + +Tony bestritt dies durchaus nicht. Ganz ruhig zurückgelehnt, die Hände +im Schoße, auf den Sammetschleifen ihres Schlafrockes, sagte sie mit +keck hervorgeschobener Oberlippe: »Ja ... So bin ich einmal. Das ist +klar. Ich habe es von Mama. Alle Krögers haben immer Hang zum Luxus +gehabt.« + +Sie würde mit der gleichen Ruhe erklärt haben, daß sie leichtsinnig, +jähzornig, rachsüchtig sei. Ihr ausgeprägter Familiensinn entfremdete +sie nahezu den Begriffen des freien Willens und der Selbstbestimmung und +machte, daß sie mit einem beinahe fatalistischen Gleichmut ihre +Eigenschaften feststellte und anerkannte ... ohne Unterschied und ohne +den Versuch, sie zu korrigieren. Sie war, ohne es selbst zu wissen, der +Meinung, daß jede Eigenschaft, gleichviel welcher Art, ein Erbstück, +eine Familientradition bedeute und folglich etwas Ehrwürdiges sei, wovor +man in jedem Falle Respekt haben müsse. + +Herr Grünlich hatte fertig gefrühstückt, und der Duft der beiden +Zigarren vermischte sich mit dem warmen Ofendunst. + +»Haben Sie Luft, Kesselmeyer?« fragte der Hausherr ... »Nehmen Sie eine +andere. Ich schenke Ihnen noch ein Glas Rotwein ein ... Sie wollen also +mit mir reden? Ist es eilig? Von Belang?... Finden Sie es vielleicht zu +warm hier?... Wir fahren nachher zusammen zur Stadt ... Im Rauchzimmer +ist es übrigens kühler ...« Aber zu allen diesen Bemühungen schüttelte +Herr Kesselmeyer lediglich eine Hand in der Luft, als wollte er sagen: +Das führt zu nichts, mein Lieber! + +Endlich erhob man sich, und während Tony im Speisezimmer verblieb, um +das Folgmädchen beim Abdecken zu überwachen, führte Herr Grünlich +seinen Geschäftsfreund durch das Penseezimmer. Indem er die Spitze +seines linken Backenbartes nachdenklich zwischen den Fingern drehte, +schritt er geneigten Hauptes voran; mit den Armen rudernd, verschwand +Herr Kesselmeyer hinter ihm im Rauchzimmer. + +Zehn Minuten verstrichen. Tony hatte sich auf einen Augenblick in den +Salon begeben, um persönlich mit einem bunten Federbüschel über die +glänzende Nußholzplatte des winzigen Sekretärs und die geschweiften +Beine des Tisches zu fahren, und ging nun langsam durch das Eßzimmer ins +Wohngemach hinüber. Sie schritt ruhig und mit unverkennbarer Würde. +Demoiselle Buddenbrook hatte als Madame Grünlich ersichtlich an +Selbstbewußtsein nichts eingebüßt. Sie hielt sich überaus aufrecht, +drückte das Kinn ein wenig auf die Brust und betrachtete die Dinge von +oben herab. In der einen Hand den zierlichen lackierten Schlüsselkorb, +die andere leichthin in die Seitentasche ihres dunkelroten Schlafrockes +geschoben, ließ sie sich ernsthaft von den langen, weichen Falten +umspielen, während doch der naive und unwissende Ausdruck ihres Mundes +verriet, daß diese ganze Würde etwas unendlich Kindliches, Harmloses und +Spielerisches war. + +Im Penseezimmer bewegte sie sich mit der kleinen messingnen Brause +umher, um die schwarze Erde der Blattgewächse zu tränken. Sie liebte +ihre Palmen sehr, die so prachtvoll zur Vornehmheit der Wohnung +beitrugen. Sie betastete behutsam einen jungen Trieb an einem der +dicken, runden Schäfte, prüfte zärtlich die majestätisch entfalteten +Fächer und entfernte hie und da eine gelbe Spitze mit der Schere ... +Plötzlich horchte sie auf. Die Unterredung im Rauchzimmer, die schon +seit mehreren Minuten einen lebhaften Klang angenommen hatte, ward jetzt +so laut, daß man hier drinnen jedes Wort verstand, obgleich die Türe +stark und die Portiere schwer war. + +»Schreien Sie doch nicht! Mäßigen Sie sich doch, Gott im Himmel!« hörte +man Herrn Grünlich rufen, dessen weiche Stimme die Überanstrengung nicht +vertragen konnte und sich daher quiekend überschlug ... »Nehmen Sie doch +noch eine Zigarre!« setzte er dann mit verzweifelter Milde hinzu. + +»Ja, mit dem größesten Vergnügen, danke sehr«, antwortete der Bankier, +worauf eine Pause eintrat, während derer Herr Kesselmeyer sich wohl +bediente. Hierauf sagte er: »Kurz und gut, wollen Sie nun oder wollen +Sie nicht, eins von beidem!« + +»Kesselmeyer, prolongieren Sie!« + +»Ahah? Na...hein, =nein=, mein Lieber, keineswegs, davon ist überhaupt +nicht die Rede ...« + +»Warum nicht? Was ficht Sie an? Seien Sie doch verständig um des Himmels +willen! Haben Sie so lange gewartet ...« + +»Keinen Tag länger, mein Lieber! Ja, sagen wir acht Tage, aber keine +Stunde länger! Verläßt sich denn noch irgend jemand auf ...« + +»Keinen Namen, Kesselmeyer!« + +»Keinen Namen ... schön. Verläßt sich noch irgend jemand auf Ihren +wohllöblichen Herrn Schw ...« + +»Keine Bezeichnung ...! Allmächtiger Gott, seien Sie doch nicht albern!« + +»Schön, keine Bezeichnung! Verläßt sich noch irgend jemand auf die +bewußte Firma, mit der Ihr Kredit steht und fällt, mein Lieber? Wieviel +hat sie verloren bei dem Bankerott in Bremen? Fünfzigtausend? +Siebzigtausend? Hunderttausend? Noch mehr? Daß sie engagiert war, ganz +ungeheuer engagiert war, das wissen die Spatzen auf den Dächern ... +Dergleichen ist Stimmungssache. Gestern war ... schön, keinen Namen! +Gestern war die bewußte Firma gut und schützte Sie unbewußt vollkommen +vor Bedrängnis ... Heute ist sie flau, und B. Grünlich ist +fläuer-am-fläuesten ... das ist doch klar? Merken Sie es denn nicht? Sie +sind doch der erste, der solche Schwankungen zu fühlen hat ... Wie +begegnet man Ihnen denn? Wie sieht man Sie denn an? Bock und Goudstikker +sind wohl ungeheuer zuvorkommend und vertrauensvoll? Wie benimmt sich +denn die Kreditbank?« + +»Sie prolongiert.« + +»Ahah? Sie lügen ja? Ich weiß ja, daß sie Ihnen schon gestern einen +Tritt versetzt hat? Einen höchst, höchst aufmunternden Tritt?... Nun +sehen Sie mal!... Aber schämen Sie sich nur nicht. Es liegt natürlich in +Ihrem Interesse, mir weiszumachen, daß die anderen nach wie vor ruhig +und sicher sind ... Na -- hein, mein Lieber! Schreiben Sie dem Konsul. +Ich warte eine Woche.« + +»Eine Abschlagssumme, Kesselmeyer!« + +»Abschlagssumme her und hin! Abschlagssummen läßt man sich erlegen, um +sich vorderhand von jemandes Zahlungsfähigkeit zu überzeugen! Habe ich +das Bedürfnis, =darüber= Experimente anzustellen? Ich weiß doch +wundervoll Bescheid, wie es mit =Ihrer= Zahlungsfähigkeit bestellt ist! +Ha-ahah ... Abschlagssumme finde ich höchst, höchst spaßhaft ...« + +»Mäßigen Sie doch Ihre Stimme, Kesselmeyer! Lachen Sie doch nicht +fortwährend so gottverflucht! Meine Lage ist so ernst ... ja, ich +gestehe, sie ist ernst; aber ich habe soundso viele Geschäfte in der +Schwebe ... Alles kann sich zum Guten wenden. Hören Sie, passen Sie auf: +Prolongieren Sie, und ich unterschreibe Ihnen 20 Prozent ...« + +»Nichtsda, nichtsda ... höchst lächerlich, mein Lieber! Na-hein, ich bin +ein Freund des Verkaufs zur rechten Zeit! Sie haben mir 8 Prozent +geboten, und ich habe prolongiert. Sie haben mir 12 und 16 Prozent +geboten, und ich habe jedesmal prolongiert. Jetzt könnten Sie mir 40 +bieten, und ich würde nicht denken an Prolongation, nicht einmal daran +denken, mein Lieber!... Seit Gebrüder Westfahl in Bremen auf die Nase +fielen, sucht für den Augenblick jeder seine Interessen von der bewußten +Firma abzuwickeln und sich sicherzustellen ... Wie gesagt, ich bin für +rechtzeitigen Verkauf. Ich habe Ihre Unterschriften behalten, solange +Johann Buddenbrook zweifellos gut war ... mittlerweile konnte ich ja die +rückständigen Zinsen zum Kapitale schlagen und Ihnen die Prozente +steigern! Aber man behält eine Sache doch nur so lange, als sie steigt +oder wenigstens solide feststeht ... wenn sie anfängt zu fallen, so +verkauft man ... will sagen, ich verlange mein Kapital.« + +»Kesselmeyer, Sie sind schamlos!« + +»A-aha, schamlos finde ich höchst spaßhaft!... Was wollen Sie überhaupt? +Sie müssen sich ja sowieso an Ihren Schwiegervater wenden! Die +Kreditbank tobt, und im übrigen sind Sie doch auch nicht grade +fleckenlos ...« + +»Nein, Kesselmeyer ... ich beschwöre Sie, hören Sie jetzt mal ruhig +zu!... Ja, ich bin offen, ich gestehe Ihnen unumwunden, meine Lage ist +ernst. Sie und die Kreditbank sind ja nicht die einzigen ... Es sind mir +Wechsel vorgelegt worden ... Alles scheint sich verabredet zu haben ...« + +»Selbstverständlich. Unter diesen Umständen ... Aber da ist es doch ein +Aufwaschen ...« + +»Nein, Kesselmeyer, hören Sie mich an!... Tun Sie mir doch die Liebe, +noch eine Zigarre zu nehmen ...« + +»Ich bin ja mit dieser noch nicht zur Hälfte fertig?! Lassen Sie mich +mit Ihren Zigarren in Ruhe! Bezahlen Sie ...« + +»Kesselmeyer, lassen Sie mich jetzt nicht fallen ... Sie sind mein +Freund, Sie haben an meinem Tische gesessen ...« + +»Sie vielleicht nicht an meinem, mein Lieber?« + +»Jaja ... aber kündigen Sie mir jetzt Ihren Kredit nicht, +Kesselmeyer ...!« + +»Kredit? =Kredit= auch noch? Sind Sie eigentlich bei Troste? Eine neue +Anleihe ...?« + +»Ja, Kesselmeyer, ich beschwöre Sie ... wenig, eine Kleinigkeit!... Ich +brauche nur nach rechts und links ein paar Aus- und Abschlagszahlungen +zu machen, um mir wieder Respekt und Geduld zu verschaffen ... Halten +Sie mich, und Sie werden ein großes Geschäft machen! Wie gesagt, eine +Menge Angelegenheiten befinden sich in der Schwebe ... Alles wird sich +zum Guten wenden ... Sie wissen, ich bin rege und findig ...« + +»Ja, ein Geck, ein Tapps sind Sie, mein Lieber! Wollen Sie nicht die +übergroße Güte haben, mir zu sagen, was Sie jetzt noch ausfindig machen +wollen?... Vielleicht irgendwo in der weiten Welt eine Bank, die Ihnen +auch nur einen Silbergroschen auf den Tisch legt? Oder noch einen +Schwiegervater?... Ach nein ... Ihren Hauptcoup haben Sie doch wohl +hinter sich! Dergleichen machen Sie nicht noch einmal! Alle Achtung! +Na-hein, meine höchste Anerkennung ...« + +»Sprechen Sie doch leiser in Teufels Namen ...« + +»Ein Geck sind Sie! Rege und findig ... ja, aber immer nur zugunsten +anderer Leute! Sie sind gar nicht skrupulös, und doch haben Sie noch +niemals Vorteile davon gehabt. Sie haben Spitzbübereien begangen, Sie +haben sich Kapital ergaunert, nur um mir statt 12 Prozent 16 zu zahlen. +Sie haben Ihre ganze Ehrlichkeit über Bord geworfen, ohne den geringsten +Nutzen davon zu haben. Sie haben ein Gewissen wie ein Schlachterhund und +sind doch ein Pechvogel, ein Tropf, ein armer Narr! Es gibt solche +Leute; sie sind höchst, höchst spaßhaft!... Warum haben Sie eigentlich +solche Angst, sich endgültig mit der ganzen Geschichte an den Bewußten +zu wenden? Weil Sie sich nicht ganz wohl dabei fühlen? Weil es damals +vor vier Jahren nicht alles in Ordnung war? nicht alles ganz säuberlich +zugegangen ist, wie? Fürchten Sie, daß gewisse Dinge ...« + +»Gut, Kesselmeyer, ich werde schreiben. Aber wenn er sich weigert? Wenn +er mich fallen läßt?...« + +»Oh ... aha! Dann machen wir einen kleinen Bankerott, ein höchst +spaßhaftes Bankeröttchen, mein Lieber! Das ficht mich gar nicht an, +nicht im allermindesten! Ich persönlich bin durch die Zinsen, die Sie +hie und da zusammengekratzt haben, schon ungefähr auf meine Kosten +gekommen ... und bei der Konkursmasse habe ich die Vorhand, mein Teurer +... Und passen Sie auf, ich werde nicht zu kurz kommen. Ich weiß hier +Bescheid bei Ihnen, mein Verehrter! Ich habe die Inventaraufnahme schon +zum voraus in der Tasche ... aha! ich werde schon dafür sorgen, daß auch +kein silbernes Brotkörbchen und kein Schlafrock beiseite geschafft +wird ...« + +»Kesselmeyer, Sie haben an meinem Tische gesessen ...« + +»Lassen Sie mich mit Ihrem Tische in Ruhe!... In acht Tagen hole ich mir +Antwort. Ich =gehe= zur Stadt; ein bißchen Bewegung wird mir ungeheuer +gut tun. Guten Morgen, mein Lieber! Fröhlichen guten Morgen ...« + +Und Herr Kesselmeyer schien aufzubrechen; ja, er ging. Man vernahm seine +sonderbaren, schlürfenden Schritte auf dem Korridor und sah ihn im +Geiste mit den Armen rudern ... + +Als Herr Grünlich ins Penseezimmer trat, stand Tony dort, die messingne +Brause in der Hand, und blickte ihm in die Augen. + +»Was stehst du ... was starrst du ...«, sagte er, indem er die Zähne +zeigte, mit den Händen vage Bewegungen in der Luft beschrieb und den +Oberkörper hin und her wiegte. Sein rosiges Gesicht besaß nicht die +Fähigkeit, völlig bleich zu werden. Es war rot gefleckt, wie das eines +Scharlachkranken. + + +Siebentes Kapitel + +Der Konsul Johann Buddenbrook traf nachmittags um 2 Uhr in der Villa +ein; im grauen Reisemantel betrat er den Salon der Grünlichs und umarmte +mit einer gewissen schmerzlichen Innigkeit seine Tochter. Er war bleich +und schien gealtert. Seine kleinen Augen lagen tief in den Höhlen, seine +Nase sprang scharf und groß zwischen den eingefallenen Wangen hervor, +seine Lippen schienen schmaler geworden zu sein, und sein Bart, den er +neuerdings nicht mehr als zwei gelockte Streifen trug, die von den +Schläfen bis zur Mitte der Wangen liefen, sondern der, halb verdeckt von +den steifen Vatermördern und der hohen Halsbinde, unterhalb des Kinnes +und der Kinnladen an seinem Halse wuchs, war so stark ergraut wie sein +Haupthaar. + +Der Konsul hatte schwere und aufreibende Tage hinter sich. Thomas war an +einer Lungenblutung erkrankt; durch einen Brief des Herrn van der Kellen +war der Vater von dem Unglücksfalle benachrichtigt worden. Er hatte die +Geschäfte in den bedächtigen Händen seines Prokuristen zurückgelassen +und war auf dem kürzesten Wege nach Amsterdam geeilt. Es hatte sich +erwiesen, daß die Erkrankung seines Sohnes keine unmittelbare Gefahr in +sich schließe, daß aber eine Luftkur im Süden, in Südfrankreich, +dringend ratsam sei, und da es sich günstig getroffen hatte, daß auch +für den jungen Sohn des Prinzipals eine Erholungsreise geplant worden +war, so hatte er die beiden jungen Leute, sobald Thomas reisefähig war, +gemeinsam nach Pau abreisen lassen. + +Kaum nach Hause zurückgekehrt, war er von diesem Schlage getroffen +worden, der sein Haus für einen Augenblick in seinen Grundfesten +erschüttert hatte: diesem Bankerotte in Bremen, bei welchem er »auf +einem Brett« achtzigtausend Mark verloren hatte ... wodurch? Die auf +»Gebr. Westfahl« gezogenen, diskontierten Wechsel waren, da die Käufer +ihre Zahlungen eingestellt hatten, auf die Firma zurückgekommen. Nicht +als ob Deckung gefehlt hätte; die Firma hatte gezeigt, was sie +vermochte, sofort, ohne Zögern und Verlegenheit vermochte. Dies aber war +kein Hindernis dafür gewesen, daß der Konsul all die plötzliche Kälte, +die Zurückhaltung, das Mißtrauen auszukosten bekommen hatte, welches ein +solcher Unglücksfall, eine solche Schwächung des Betriebskapitals bei +Banken, bei »Freunden«, bei Firmen im Auslande hervorzurufen pflegt ... + +Nun, er hatte sich aufgerichtet, hatte alles ins Auge gefaßt, beruhigt, +geregelt, die Stirne geboten ... Da aber, mitten im Kampf, mitten unter +Depeschen, Briefen, Berechnungen, war noch dies über ihn +hereingebrochen: Grünlich, B. Grünlich, der Mann seiner Tochter, war +zahlungsunfähig, und in einem langen, verwirrten und unendlich +kläglichen Brief erbat, erflehte, erjammerte er eine Aushilfe von +hundert- bis hundertzwanzigtausend Mark! Der Konsul hatte kurz, +oberflächlich und schonend seiner Gattin Mitteilung gemacht, hatte kalt +und unverbindlich geantwortet, er ersuche Herrn Grünlich in Gemeinschaft +mit dem erwähnten Bankier Kesselmeyer um eine Unterredung im Hause des +ersteren, und war abgereist. + +Tony empfing ihn im Salon. Sie schwärmte dafür, in dem braunseidenen +Salon Besuch zu empfangen, und da sie, ohne klar zu sehen, eine +durchdringende und feierliche Empfindung von der Wichtigkeit der +gegenwärtigen Lage hatte, so machte sie heute auch mit dem Vater keine +Ausnahme. Sie sah wohl, hübsch und ernsthaft aus und trug ein +hellgraues, auf der Brust und an den Handgelenken mit Spitzen besetztes +Kleid mit Glockenärmeln, stark geschweiftem Reifrock nach neuester Mode +und einer kleinen Brillantspange am Halsverschluß. + +»Guten Tag, Papa, =endlich= sieht man dich einmal wieder! Wie geht es +Mama?... Hast du gute Nachrichten von Tom?... Lege doch ab, setz' dich +doch, bitte, lieber Papa!... Willst du nicht ein bißchen Toilette +machen? Ich habe das Fremdenzimmer oben für dich herrichten lassen ... +Grünlich macht auch gerade Toilette ...« + +»Laß ihn nur, mein Kind; ich will ihn hier unten erwarten. Du weißt, ich +bin zu einer Unterredung mit deinem Mann gekommen ... zu einer sehr, +sehr ernsten Unterredung, meine liebe Tony. Ist Herr Kesselmeyer hier?« + +»Jawohl, Papa, er sitzt im Penseezimmer und besieht das Album ...« + +»Wo ist Erika?« + +»Oben, mit Thinka, im Kinderzimmer, es geht ihr gut. Sie badet ihre +Puppe ... natürlich nicht im Wasser ... eine Wachspuppe ... kurzum, sie +tut nur so ...« + +»Versteht sich.« Der Konsul atmete auf und fuhr fort: »Ich kann nicht +annehmen, liebes Kind, daß du über die Lage ... die Lage deines Mannes +unterrichtet bist?« + +Er hatte sich auf einem der Fauteuils niedergelassen, die den großen +Tisch umgaben, während Tony auf einem kleinen Sessel, der drei schräg +übereinander getürmte seidene Kissen darstellte, zu seinen Füßen saß. +Die Finger seiner Rechten spielten behutsam mit den Diamanten an ihrem +Halse. + +»Nein, Papa«, antwortete Tony; »das muß ich dir gestehen, ich weiß gar +nichts. Mein Gott, ich bin eine Gans, weißt du, ich habe gar keine +Einsicht! Neulich habe ich ein bißchen zugehört, als Kesselmeyer mit +Grünlich sprach ... Zum Schlusse schien es mir, als ob Herr Kesselmeyer +wieder nur Spaß machte ... er redet immer so lächerlich. Ein- oder +zweimal verstand ich deinen Namen ...« + +»Du verstandest meinen Namen? In welcher Beziehung?« + +»Nein, von der Beziehung weiß ich gar nichts, Papa!... Grünlich war seit +diesem Tage mürrisch ... ja, unausstehlich, das muß ich sagen!... Bis +gestern ... gestern war er sanft gestimmt und fragte zehn- oder +zwölfmal, ob ich ihn liebe, ob ich ein gutes Wort bei dir für ihn +einlegen würde, wenn er dich etwas zu bitten hätte ...« + +»Ah ...« + +»Ja ... er teilte mir mit, er habe dir geschrieben, du würdest kommen +... Gut, daß du da bist! Es ist ein bißchen unheimlich ... Grünlich hat +den grünen Spieltisch hergerichtet ... es liegen eine Menge Papiere und +Bleistifte darauf ... daran sollst du nachher mit ihm und Kesselmeyer +eine Beratung abhalten ...« + +»Höre, mein liebes Kind«, sagte der Konsul, indem er mit der Hand über +ihr Haar strich ... »Ich muß dich nun etwas fragen, etwas Ernstes! Sage +mir einmal ... du liebst doch deinen Mann von ganzem Herzen?« + +»Gewiß, Papa«, sagte Tony mit einem so kindisch heuchlerischen Gesicht, +wie sie es ehemals zustande gebracht, wenn man sie gefragt hatte: Du +wirst nun doch niemals wieder die Puppenliese ärgern, Tony?... Der +Konsul schwieg einen Augenblick. + +»Du liebst ihn doch so«, fragte er dann, »daß du nicht ohne ihn leben +könntest ... unter keinen Umständen, wie? auch wenn durch Gottes Willen +seine Lage sich ändern sollte, wenn er in Verhältnisse versetzt werden +würde, die es ihm nicht mehr erlaubten, dich fernerhin mit allen diesen +Dingen zu umgeben ...?« Und seine Hand beschrieb eine flüchtige Bewegung +über die Möbel und Portieren des Zimmers hin, über die vergoldete +Stutzuhr auf der Spiegeletagere und endlich über ihr Kleid hinunter. + +»Gewiß, Papa«, wiederholte Tony in dem tröstenden Ton, den sie beinahe +immer annahm, wenn jemand ernst zu ihr sprach. Sie blickte an ihres +Vaters Gesicht vorbei aufs Fenster, hinter dem lautlos ein zarter und +dichter Schleierregen sich hernieder bewegte. Ihre Augen waren voll von +einem Ausdruck, wie Kinder ihn annehmen, wenn man beim Märchenvorlesen +so taktlos ist, eine allgemeine Betrachtung über Moral und Pflichten +einfließen zu lassen ... einem Mischausdruck von Verlegenheit und +Ungeduld, Frömmigkeit und Verdrossenheit. + +Der Konsul betrachtete sie während einer Minute stumm und mit +nachdenklichem Blinzeln. War er mit ihrer Antwort zufrieden? Er hatte +daheim und unterwegs alles reiflich erwogen ... + +Jeder Mensch begreift, daß Johann Buddenbrooks erster und aufrichtigster +Beschluß dahin ging, eine Auszahlung irgendwelcher Höhe an seinen +Schwiegersohn nach Kräften zu vermeiden. Als er sich aber erinnerte, wie +dringend er, um ein gelindes Wort zu gebrauchen, diese Ehe befürwortet +hatte, als er sich den Blick ins Gedächtnis zurückrief, mit dem das +Kind nach der Hochzeitsfeier von ihm Abschied genommen und ihn gefragt +hatte: »Bist du mit mir zufrieden?«, da mußte er einem ziemlich +niederdrückenden Schuldbewußtsein seiner Tochter gegenüber Raum geben +und sich sagen, daß diese Sache ganz und gar durch ihren Willen +entschieden werden müsse. Er wußte wohl, daß sie in diese Verbindung +nicht aus Gründen der Liebe gewilligt hatte, aber er rechnete mit der +Möglichkeit, daß diese vier Jahre, die Gewöhnung und die Geburt des +Kindes vieles verändert haben konnten, daß Tony sich jetzt ihrem Manne +mit Leib und Seele verbunden fühlen und aus guten christlichen und +weltlichen Gründen jeden Gedanken an eine Trennung zurückweisen konnte. +In diesem Falle, überlegte der Konsul, müsse er sich zur Hergabe jeder +Geldsumme bequemen. Zwar verlangten Christenpflicht und Frauenwürde, daß +Tony ihrem angetrauten Gatten bedingungslos auch ins Unglück folgte; +wenn sie aber tatsächlich diesen Entschluß an den Tag legen würde, so +fühlte er sich nicht berechtigt, sie fortan alle die Verschönerungen und +Bequemlichkeiten des Lebens, an die sie von Kindesbeinen an gewöhnt war, +unverschuldet entbehren zu lassen ... so fühlte er sich verpflichtet, +eine Katastrophe zu verhüten und B. Grünlich um jeden Preis zu halten. +Kurz, das Ergebnis seiner Erwägungen war der Wunsch gewesen, seine +Tochter mitsamt ihrem Kinde zu sich zu nehmen und Herrn Grünlich seiner +Wege gehen zu lassen. Mochte Gott dies Äußerste verhüten! Für jeden Fall +bewegte er den Rechtsparagraphen bei sich, der bei bestehender +Unfähigkeit des Gatten, Frau und Kinder zu ernähren, zur Scheidung +berechtigte. Vor allem aber mußte er die Ansichten seiner Tochter +erforschen ... + +»Ich sehe«, sagte er, indem er fortfuhr, zärtlich ihr Haar zu +streicheln, »ich sehe, mein liebes Kind, daß du von guten und +lobenswerten Grundsätzen beseelt bist. Allein ... ich kann nicht +annehmen, daß du die Dinge betrachtest, wie sie, Gott sei's geklagt, +betrachtet werden müssen: nämlich als Tatsachen. Ich habe dich nicht +gefragt, was du in diesem oder jenem Falle vielleicht tun =würdest=, +sondern was du jetzt, heute, sogleich tun =wirst=. Ich weiß nicht, +inwiefern du die Verhältnisse kennst oder ahnst ... ich habe also die +traurige Pflicht, dir zu sagen, daß dein Mann sich genötigt sieht, +seine Zahlungen einzustellen, daß er sich geschäftlich nicht mehr halten +kann ... ich glaube, du verstehst mich ...« + +»Grünlich macht Bankerott ...?« fragte Tony leise, indem sie sich halb +von ihren Kissen erhob und rasch des Konsuls Hand ergriff ... + +»Ja, mein Kind«, sagte er ernst. »Du vermutetest das nicht?« + +»Ich habe nichts Bestimmtes vermutet ...«, stammelte sie. »Dann hat +Kesselmeyer also nicht Spaß gemacht ...?« fuhr sie fort, indem sie +schräg vor sich hin auf den braunen Teppich starrte ... »=O Gott!=« +stieß sie plötzlich hervor und sank auf ihren Sitz zurück. Erst in +diesem Augenblick ging alles vor ihr auf, was in dem Worte »Bankerott« +verschlossen lag, alles, was sie schon als kleines Kind dabei an Vagem +und Fürchterlichem empfunden hatte ... »Bankerott« ... das war etwas +Gräßlicheres als der Tod, das war Tumult, Zusammenbruch, Ruin, Schmach, +Schande, Verzweiflung und Elend ... »Er macht Bankerott!« wiederholte +sie. Sie war dermaßen geschlagen und niedergeschmettert von diesem +Schicksalswort, daß sie an keine Hilfe dachte, auch nicht an eine, die +von ihrem Vater kommen könnte. + +Er betrachtete sie mit emporgezogenen Brauen, mit seinen kleinen, +tiefliegenden Augen, die traurig und müde aussahen und dennoch eine ganz +außerordentliche Spannung verrieten. + +»Ich fragte dich also«, sagte er sanft, »meine liebe Tony, ob du dich +bereit hältst, deinem Manne auch in die Armut hinein zu folgen?...« +Gleich darauf gestand er sich, daß er das harte Wort »Armut« instinktiv +als Abschreckungsmittel gewählt habe, und fügte hinzu: »Er kann sich +wieder emporarbeiten ...« + +»Gewiß, Papa«, antwortete Tony. Aber das hinderte nicht, daß sie in +Tränen ausbrach. Sie schluchzte in ihr Batisttüchlein, das mit Spitzen +besetzt war und das Monogramm _AG_ trug. Sie hatte noch völlig ihr +Kinderweinen: ganz ungeniert und ohne Ziererei. Ihre Oberlippe machte +einen unaussprechlich rührenden Eindruck dabei. + +Ihr Vater fuhr fort, sie mit den Augen zu prüfen. »Das ist dein Ernst, +mein Kind?« fragte er. Er war genau so ratlos wie sie. + +»Muß ich nicht ...«, schluchzte sie. »Ich muß doch ...« + +»Durchaus nicht!« sagte er lebhaft; aber schuldbewußt verbesserte er +sich sofort: »Ich würde dich nicht unbedingt dazu zwingen, meine liebe +Tony. Gesetzt den Fall, daß deine Gefühle dich nicht unverbrüchlich an +deinen Mann fesselten ...« + +Sie sah ihn mit in Tränen schwimmenden und verständnislosen Augen an. + +»Wieso, Papa ...?« + +Der Konsul wand sich ein wenig hin und her und fand ein Auskunftsmittel. + +»Mein gutes Kind, du kannst glauben, daß ich es sehr schmerzhaft +empfinden würde, dich all den Unbilden und Peinlichkeiten aussetzen zu +müssen, die durch das Unglück deines Mannes, durch die Auflösung des +Geschäftes und deines Hausstandes unmittelbar werden herbeigeführt +werden ... Ich habe den Wunsch, dich diesen ersten Unannehmlichkeiten zu +entziehen und dich sowie unsere kleine Erika vorderhand zu uns nach +Hause zu nehmen. Ich glaube, daß du mir das danken wirst ...?« + +Tony schwieg einen Augenblick, während dessen sie ihre Tränen trocknete. +Sie hauchte umständlich auf ihr Taschentuch und drückte es gegen die +Augen, um die Entzündung zu verhüten. Hierauf fragte sie in +entschiedenem Tone, ohne die Stimme zu erheben: »Papa, =ist= Grünlich +schuldig! =kommt= er aus Leichtsinn und Unredlichkeit ins Unglück!« + +»Höchst wahrscheinlich!...« sagte der Konsul. »Das heißt ... nein, ich +weiß es nicht, mein Kind. Ich sagte dir, daß die Auseinandersetzung mit +ihm und seinem Bankier noch aussteht ...« + +Tony schien auf diese Antwort gar nicht geachtet zu haben. Gebückt auf +ihren drei seidenen Kissen stützte sie den Ellenbogen auf das Knie und +das Kinn in die Hand und blickte mit tiefgesenktem Kopfe versunken und +träumerisch von unten herauf ins Zimmer hinein. + +»Ach, Papa«, sagte sie leise und beinahe ohne die Lippen zu bewegen, +»wäre es damals nicht besser gewesen ...« + +Der Konsul konnte ihr Gesicht nicht sehen; aber es trug den Ausdruck, +der an manchem Sommerabend, wenn sie zu Travemünde an dem Fenster ihres +kleinen Zimmers lehnte, darauf gelegen hatte ... Ihr einer Arm ruhte +auf den Knien ihres Vaters, während die Hand schlaff und ohne Stütze +nach unten hing. Selbst diese Hand drückte eine unendlich wehmütige und +zärtliche Hingebung aus, eine erinnerungsvolle und süße Sehnsucht, die +in die Ferne schweifte. + +»Besser ...?« fragte Konsul Buddenbrook. »Wenn was nicht geschehen wäre, +mein Kind?« + +Er war von Herzen zu dem Geständnis bereit, daß es besser gewesen wäre, +diese Ehe nicht zu schließen; aber Tony sagte nur mit einem Seufzer: +»Ach, nichts!« + +Es schien, daß ihre Gedanken sie fesselten, daß sie weit abseits weilte +und den »Bankerott« beinahe vergessen hatte. Der Konsul sah sich +genötigt, selbst auszusprechen, was er lieber nur bestätigt hätte. + +»Ich glaube deine Gedanken zu erraten, liebe Tony«, sagte er, »und auch +ich meinerseits, ich zögere nicht, dir zu bekennen, daß ich den Schritt, +der mir vor vier Jahren als klug und heilsam erschien, in dieser Stunde +bereue ... aufrichtig bereue. Ich glaube, vor Gott nicht schuldig zu +sein. Ich glaube, meine Pflicht getan zu haben, indem ich mich bemühte, +dir eine deiner Herkunft angemessene Existenz zu schaffen ... Der Himmel +hat es anders gewollt ... du wirst von deinem Vater nicht glauben, daß +er damals, leichtfertig und unüberlegt, dein Glück aufs Spiel gesetzt +hat! Grünlich trat mit mir in Verbindung, versehen mit den besten +Empfehlungen, ein Pastorssohn, ein christlicher und weltläufiger Mann +... Später habe ich geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, die +so günstig lauteten als möglich. Ich habe die Verhältnisse geprüft ... +Das alles ist dunkel, dunkel und harrt noch der Aufklärung. Aber nicht +wahr, du klagst mich nicht an ...« + +»Nein, Papa! wie kannst du dergleichen sagen! Komm, laß es dir nicht zu +Herzen gehen, armer Papa ... Du siehst blaß aus, soll ich nicht ein paar +Magentropfen herunterholen?« Sie hatte ihre Arme um seinen Hals gelegt +und küßte ihn auf die Wangen. + +»Ich danke dir«, sagte er; »so, so ... laß nur, ich danke dir. Ja, ich +habe angreifende Tage hinter mir ... Was soll man tun? Ich habe viel +Ärgernis gehabt. Das sind Prüfungen von Gott. Aber das hindert nicht, +daß ich mich dir gegenüber nicht ganz ohne Schuld fühlen kann, mein +Kind. Alles kommt jetzt auf die Frage an, die ich dir schon vorgelegt +habe, die du mir aber noch nicht hinlänglich beantwortet hast. Sprich +offen zu mir, Tony ... hast du in diesen Jahren der Ehe deinen Mann +lieben gelernt?« + +Tony weinte aufs neue, und indem sie mit beiden Händen, in denen sie das +Batisttüchlein hielt, ihre Augen bedeckte, brachte sie unter Schluchzen +hervor: »Ach ... was fragst du, Papa!... Ich habe ihn niemals geliebt +... er war mir immer widerlich ... weißt du das denn nicht ...?« + +Es wäre schwer zu sagen, was auf dem Gesichte Johann Buddenbrooks sich +abspielte. Seine Augen blickten erschrocken und traurig, und dennoch +kniff er die Lippen zusammen, so daß Mundwinkel und Wangen sich +falteten, wie es zu geschehen pflegte, wenn er ein vorteilhaftes +Geschäft zum Abschluß gebracht hatte. Er sagte leise: »Vier Jahre ...« + +Tonys Tränen versiegten plötzlich. Das feuchte Taschentuch in der Hand, +richtete sie sich auf ihrem Sitze empor und sagte zornig: »Vier Jahre +... ha! manchmal hat er abends bei mir gesessen und die Zeitung gelesen +in diesen vier Jahren ...!« + +»Gott hat euch beiden ein Kind geschenkt ...«, sagte der Konsul bewegt. + +»Ja, Papa ... und ich habe Erika sehr lieb ... obgleich Grünlich +behauptet, ich sei nicht kinderlieb ... Ich würde mich nie von ihr +trennen, das sage ich dir ... aber Grünlich -- nein!... Grünlich -- +nein!... Nun macht er auch noch Bankerott!... Ach Papa, wenn du mich und +Erika nach Hause nehmen willst ... mit Freuden! Nun weißt du es!« + +Der Konsul kniff wiederum die Lippen zusammen; er war äußerst zufrieden. +Immerhin mußte der Hauptpunkt noch berührt werden, aber bei der +Entschlossenheit, die Tony an den Tag legte, riskierte man wenig damit. + +»Bei alledem«, sagte er, »scheinst du völlig zu vergessen, mein Kind, +daß ja Hilfe denkbar wäre ... und zwar durch mich. Dein Vater hat dir +bereits bekannt, daß er sich dir gegenüber nicht unbedingt schuldlos +fühlen kann, und in dem Falle ... nun, in dem Falle, daß du es von ihm +erhoffst ... erwartest ... würde er einspringen, würde er das Falliment +verhüten, würde er die Schulden deines Mannes wohl oder übel decken und +sein Geschäft flott erhalten ...« + +Er prüfte sie gespannt, und ihr Mienenspiel erfüllte ihn mit Genugtuung. +Es drückte Enttäuschung aus. + +»Um wieviel handelt es sich eigentlich?« fragte sie. + +»Was tut das zur Sache, mein Kind ... um eine große, große Summe!« Und +Konsul Buddenbrook nickte einigemal mit dem Kopfe, als ob die Wucht des +Gedankens an diese Summe ihn langsam hin und her schüttelte. »Dabei«, +fuhr er fort, »darf ich dir nicht verhehlen, daß die Firma, ganz +abgesehen von dieser Sache, Verluste erlitten hat, und daß die Hergabe +dieser Summe eine Schwächung für sie bedeuten würde, von der sie sich +schwer ... schwer wieder erholen könnte. Ich sage das keineswegs, +um ...« + +Er vollendete nicht. Tony war aufgesprungen, sie war sogar ein paar +Schritte zurückgetreten und, noch immer das nasse Spitzentüchlein in der +Hand, rief sie: »Gut! Genug! Nie!« + +Sie sah beinahe heroisch aus. Das Wort »Firma« hatte eingeschlagen. +Höchst wahrscheinlich wirkte es entscheidender als selbst ihre Abneigung +gegen Herrn Grünlich. + +»Das tust du =nicht=, Papa!« redete sie ganz außer sich fort. »Willst +auch du noch Bankerott machen? Genug! Niemals!« + +In diesem Augenblick öffnete sich die Korridortür ein wenig zögernd, und +Herr Grünlich trat ein. + +Johann Buddenbrook erhob sich mit einer Bewegung, welche ausdrückte: +Erledigt. + + +Achtes Kapitel + +Herrn Grünlichs Gesicht war rot gefleckt, aber er war aufs sorgfältigste +gekleidet. Er trug einen ähnlichen schwarzen, faltigen, soliden +Leibrock, ähnliche erbsenfarbene Beinkleider, wie diejenigen, in denen +er einstmals in der Mengstraße seine ersten Visiten gemacht. In einer +schlaffen Haltung blieb er stehen und sprach, den Blick zu Boden +gerichtet, mit weicher und matter Stimme: »Vater ...« + +Der Konsul verbeugte sich kalt und ordnete dann mit einigen energischen +Griffen seine Halsbinde. + +»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind«, setzte Herr Grünlich hinzu. + +»Das war meine Pflicht, mein Freund«, erwiderte der Konsul; »nur fürchte +ich, daß es das einzige bleiben wird, was ich in Ihrer Sache zu tun +vermag.« + +Sein Schwiegersohn warf ihm einen hastigen Blick zu und nahm dann eine +noch schlaffere Haltung an. + +»Ich höre«, fuhr der Konsul fort, »daß Ihr Bankier, Herr Kesselmeyer, +uns erwartet ... welchen Ort haben Sie für die Unterredung bestimmt? Ich +stehe zu Ihrer Verfügung ...« + +»Ich bitte Sie um die Güte, mir zu folgen«, murmelte Herr Grünlich. + +Konsul Buddenbrook küßte seine Tochter auf die Stirn und sagte: »Geh +hinauf zu deinem Kinde, Antonie!« + +Dann schritt er mit Herrn Grünlich, der sich bald vor ihm, bald hinter +ihm bewegte und die Portieren öffnete, durch das Speisezimmer ins +Wohngemach. + +Als Herr Kesselmeyer, der am Fenster stand, sich umwandte, richteten die +weißen und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe sich auf und sanken +dann sanft auf den Schädel zurück. + +»Herr Bankier Kesselmeyer ... Großhändler Konsul Buddenbrook, mein +Schwiegervater ...«, sagte Herr Grünlich ernst und bescheiden. Des +Konsuls Gesicht war bewegungslos. Herr Kesselmeyer bückte sich mit +hängenden Armen, indem er seine beiden gelben Eckzähne auf die Oberlippe +setzte und sagte: »Ihr Diener, Herr Konsul! Meine lebhafte Satisfaktion, +das Vergnügen zu haben!« + +»Verzeihen Sie gütigst, daß Sie haben warten müssen, Kesselmeyer«, sagte +Herr Grünlich. Er war voll Höflichkeit für den einen wie für den +anderen. + +»Kommen wir zur Sache?« bemerkte der Konsul, indem er sich suchend hin +und her wandte ... Der Hausherr beeilte sich zu antworten: »Ich bitte +die Herren ...« + +Während man ins Rauchkabinett hinüberging, sagte Herr Kesselmeyer +aufgeräumt: »Eine angenehme Reise gehabt, Herr Konsul?... Aha, Regen? +Ja, eine schlechte Jahreszeit, eine häßliche, schmutzige Jahreszeit! +Gäbe es ein bißchen Frost, ein bißchen Schnee ...! Aber nichts da! +Regen! Kot! Höchst, höchst widerwärtig ...« + +Was für ein sonderbarer Mensch, dachte der Konsul. + +In der Mitte des kleinen Zimmers, dessen Tapeten dunkel geblümt waren, +stand ein ziemlich umfangreicher, viereckiger, grünbezogener Tisch. Der +Regen draußen hatte zugenommen. Es war so finster, daß Herr Grünlich die +drei Kerzen, die in silbernen Leuchtern auf der Tafel standen, alsbald +entzündete. Bläuliche, mit Firmenstempeln versehene Geschäftsbriefe und +abgegriffene, hie und da eingerissene, mit Daten und Namenszügen +bedeckte Papiere lagen auf dem grünen Tuch. Außerdem bemerkte man ein +dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften Gänsefedern und +Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfaß aus Metall. + +Herr Grünlich machte die Honneurs mit den stillen, taktvollen und +zurückhaltenden Mienen und Bewegungen, mit denen man die Gäste bei einem +Begräbnis komplimentiert. + +»Lieber Vater, bitte, nehmen Sie den Armstuhl«, sagte er sanft. »Herr +Kesselmeyer, haben Sie die Freundlichkeit, sich =hier= zu setzen?...« + +Endlich war die Ordnung hergestellt. Der Bankier saß dem Hausherrn +gegenüber, während der Konsul im Armsessel an der Breitseite des Tisches +präsidierte. Die Rückenlehne seines Stuhles berührte die Korridortür. + +Herr Kesselmeyer bückte sich, ließ die Unterlippe hängen, entwirrte auf +seiner Weste einen Kneifer und hieb ihn sich auf die Nase, indem er +dieselbe krauste und den Mund aufriß. Dann kraute er sich mit einem +nervös machenden Geräusch den geschorenen Backenbart, stemmte die Hände +auf die Knie, nickte den Papieren zu und bemerkte kurz und fröhlich: +»Aha! Da haben wir die ganze Bescherung!« + +»Sie erlauben nun, daß ich mir einen genaueren Einblick in die Lage der +Dinge verschaffe«, sagte der Konsul und griff nach dem Hauptbuch. +Plötzlich jedoch streckte Herr Grünlich schirmend beide Hände über den +Tisch hin, lange, von hohen blauen Adern durchzogene Hände, die +ersichtlich zitterten, und rief mit bewegter Stimme: »Einen Augenblick! +Noch einen Augenblick, Vater! Oh, lassen Sie mich noch eine einleitende +Bemerkung vorausschicken!... Ja, Sie werden Einblick gewinnen, Ihrem +Blick wird nichts entgehen ... Aber glauben Sie mir: Sie werden Einblick +in die Lage eines Unglücklichen gewinnen, nicht eines Schuldigen! Sehen +Sie in mir einen Mann, Vater, der sich ohn' Ermatten gegen das Schicksal +gewehrt hat, der aber von ihm zu Boden geschlagen ist! In diesem +Sinne ...« + +»Ich werde sehen, mein Freund, ich werde sehen!« sagte der Konsul mit +sichtlicher Ungeduld; und Herr Grünlich zog seine Hände zurück, um dem +Geschicke seinen Lauf zu lassen. + +Es vergingen lange, furchtbare Minuten des Schweigens. In dem unruhigen +Kerzenlicht saßen die drei Herren, eingeschlossen von vier dunklen +Wänden, dicht beieinander. Man vernahm keine Bewegung als das Rascheln +des Papieres, mit dem der Konsul hantierte. Sonst war draußen der +fallende Regen das einzige Geräusch. + +Herr Kesselmeyer hatte seine Daumen in die Armlöcher der Weste +geschoben, spielte mit den übrigen Fingern an den Schultern Klavier und +sah mit unsäglicher Heiterkeit von einem zum anderen. Herr Grünlich saß +ohne sich zurückzulehnen, die Hände auf dem Tisch, starrte trüb vor sich +hin und ließ dann und wann einen ängstlichen Blick seitwärts zu seinem +Schwiegervater gleiten. Der Konsul blätterte im Hauptbuch, verfolgte mit +dem Fingernagel Kolonnen von Zahlen, verglich Daten und warf mit dem +Bleistift seine kleinen, unleserlichen Ziffern aufs Papier. Sein +abgespanntes Gesicht drückte Entsetzen vor den Verhältnissen aus, in die +er nun »Einblick gewann« ... Endlich legte er seine Linke auf Herrn +Grünlichs Arm und sagte erschüttert: »Sie armer Mann!« + +»Vater ...« brachte Herr Grünlich hervor. Dem bedauernswerten Menschen +liefen zwei große Tränen die Wangen hinab und in die goldgelben Favoris +hinein. Herr Kesselmeyer verfolgte den Weg dieser beiden Tropfen mit dem +größten Interesse; er stand sogar ein wenig auf, beugte sich vor und +starrte seinem Gegenüber mit offenem Munde ins Gesicht. Konsul +Buddenbrook war heftig bewegt. Weich gemacht durch das Unglück, das ihn +selbst betroffen, fühlte er, wie das Erbarmen ihn mit sich fortriß; aber +rasch wurde er wieder Herr seiner Gefühle. + +»Wie ist es möglich!« sagte er mit einem trostlosen Kopfschütteln ... +»In diesen wenigen Jahren!« + +»Kinderspiel!« antwortete Herr Kesselmeyer gut gelaunt. »In vier Jahren +kann man allerliebst vor die Hunde kommen! Wenn man bedenkt, wie munter +Gebrüder Westfahl in Bremen vor kurzer Zeit noch umhersprangen ...« + +Der Konsul sah ihn blinzelnd an, indem er ihn weder sah noch hörte. Er +hatte keineswegs seinem wirklichen Gedanken Ausdruck gegeben, über den +er grübelte ... Warum, fragte er sich argwöhnisch und dennoch +verständnislos, warum dies alles gerade jetzt? B. Grünlich hätte schon +vor zwei, vor drei Jahren stehen können, wo er jetzt stand; das übersah +man mit einem Blick. Aber sein Kredit war unerschöpflich gewesen, er +hatte von den Banken Kapital erhalten, er hatte die Unterschriften von +soliden Häusern wie Senator Bock und Konsul Goudstikker immer wieder für +seine Unternehmungen in Empfang genommen, und seine Wechsel hatten +kursiert wie Bargeld. Warum gerade jetzt, jetzt, jetzt -- und der Chef +der Firma Johann Buddenbrook wußte wohl, was er unter diesem Jetzt +verstand -- dieser Zusammenbruch auf allen Seiten, dieses totale +Zurückziehen alles Vertrauens wie auf Verabredung, dieses einmütige +Herfallen über B. Grünlich unter Hintansetzung jeder Rücksicht, ja jeder +Höflichkeitsform? Der Konsul wäre allzu naiv gewesen, hätte er nicht +gewußt, daß das Ansehen seines eignen Hauses nach der Verlobung +Grünlichs mit seiner Tochter auch seinem Schwiegersohne hatte zugute +kommen müssen. Aber hatte der Kredit des Letzteren so vollkommen, so +eklatant, so ausschließlich von dem seinen abgehangen? War Grünlich +selbst denn nichts gewesen? Und die Erkundigungen, die der Konsul +eingezogen, die Bücher, die er geprüft hatte?... Mochte es sich damit +verhalten, wie es wollte, so stand sein Entschluß, in dieser Sache auch +nicht das Glied eines Fingers zu regen, fester als jemals. Man sollte +sich verrechnet haben! Augenscheinlich hatte B. Grünlich die Anschauung +zu erwecken gewußt, als sei er mit Johann Buddenbrook solidarisch? +Diesem, wie es schien, entsetzlich weit verbreiteten Irrtum mußte ein +für alle Male vorgebeugt werden! Und auch dieser Kesselmeyer sollte sich +wundern! Besaß dieser Bajazz ein Gewissen? Es sprang in die Augen, wie +schamlos er ganz allein darauf spekuliert hatte, daß er, Johann +Buddenbrook, den Mann seiner Tochter nicht würde fallen lassen, wie er +dem längst vernichteten Grünlich zwar fort und fort Kredit gewährt, ihn +aber immer blutigere Wucherzinsen hatte unterschreiben lassen ... + +»Gleichviel«, sagte er kurz. »Kommen wir zur Sache. Wenn ich hier als +Kaufmann mein Gutachten abgeben soll, so bedauere ich, aussprechen zu +müssen, daß dies die Lage eines zwar unglücklichen, aber auch eines in +hohem Grade schuldigen Mannes ist.« + +»Vater ...« stammelte Herr Grünlich. + +»Diese Anrede klingt mir =schlecht= in die Ohren!« sagte der Konsul +rasch und hart. »Ihre Forderungen, mein Herr«, fuhr er fort, indem er +sich flüchtig dem Bankier zuwandte, »an Herrn Grünlich betragen +sechzigtausend Mark ...« + +»Mit den rückständigen und den zum Kapital geschlagenen Zinsen +achtundsechzigtausendsiebenhundertundfünfundfünfzig Mark und fünfzehn +Schillinge«, antwortete Herr Kesselmeyer behaglich. + +»Sehr wohl ... Und Sie wären unter keinen Umständen geneigt, Ihre Geduld +zu verlängern?« + +Herr Kesselmeyer begann einfach zu lachen. Er lachte mit offenem Munde, +stoßweise, ohne eine Spur von Hohn und sogar gutmütig, indem er dem +Konsul ins Gesicht sah, als wollte er ihn auffordern, gleichfalls +einzustimmen. + +Johann Buddenbrooks kleine, tiefliegende Augen trübten sich und umgaben +sich plötzlich mit roten Rändern, die sich bis zu den Wangenknochen +hinzogen. Er hatte nur der Form wegen gefragt und wußte sehr wohl, daß +ein Aufschub von seiten dieses einen Gläubigers die Sachlage ganz +unwesentlich verändert haben würde. Aber die Art, in der dieser Mensch +ihn zurückwies, beschämte und erbitterte ihn aufs äußerste. Mit einer +einzigen Handbewegung schob er alles weit von sich, was vor ihm lag, +legte mit einem Ruck den Bleistift auf den Tisch und sagte: »So erkläre +ich, daß ich nicht willens bin, mich länger in irgendeiner Weise mit +dieser Angelegenheit zu beschäftigen.« + +»Aha!« rief Herr Kesselmeyer, indem er seine Hände in der Luft +schüttelte ... »Das nenne ich ein Wort, das nenne ich würdig gesprochen. +Der Herr Konsul wird die Sache ganz einfach regeln! Ohne langes +Parlamentieren! Schlanker Hand!« + +Johann Buddenbrook sah ihn nicht einmal an. + +»Ich kann Ihnen nicht helfen, mein Freund«, wandte er sich ruhig an +Herrn Grünlich. »Die Dinge müssen den Weg nehmen, den sie eingeschlagen +haben ... Ich sehe mich nicht in der Lage, sie aufzuhalten. Fassen Sie +sich und suchen Sie Trost und Kraft bei Gott. Ich muß diese Unterredung +als geschlossen betrachten.« + +Überraschenderweise nahm Herrn Kesselmeyers Gesicht einen ernsten +Ausdruck an, was sich ganz wunderlich ausnahm; dann aber nickte er Herrn +Grünlich aufmunternd zu. Dieser saß bewegungslos und rang nur seine +langen Hände auf dem Tische so heftig, daß die Finger leise krachten. + +»Vater ... Herr Konsul ...« sagte er mit wankender Stimme, »Sie werden +... Sie können meinen Ruin, mein Elend nicht wollen! Hören Sie mich an! +Es handelt sich in Summa um ein Manko von hundertzwanzigtausend ... Sie +können mich retten! Sie sind ein reicher Mann! Betrachten Sie die Summe +wie Sie wollen ... als eine endgültige Abfindung, als das Erbteil Ihrer +Tochter, als ein verzinsbares Darlehen ... Ich werde arbeiten ... Sie +wissen, daß ich rege und findig bin ...« + +»Ich habe mein letztes Wort gesprochen«, sagte der Konsul. + +»Erlauben Sie nur ... =können= Sie nicht?« fragte Herr Kesselmeyer und +sah ihn durch seinen Kneifer mit krauser Nase an ... »Wenn ich dem Herrn +Konsul zu bedenken geben dürfte ... dies wäre eigentlich gerade jetzt +eine allerliebste Okkasion, die Stärke der Firma Johann Buddenbrook zu +beweisen ...« + +»Sie täten gut daran, mein Herr, die Sorge für das Ansehen meines Hauses +mir selbst zu überlassen. Um meine Zahlungsfähigkeit klarzustellen, +habe ich nicht nötig, mein Geld in die nächste Pfütze zu werfen ...« + +»Nicht doch, nicht doch! A-aha, `Pfütze´ ist höchst spaßhaft! Aber +meinen Herr Konsul nicht, daß der Konkurs Ihres Herrn Schwiegersohnes +auch Ihre Lage in eine falsche und schiefe Beleuchtung ... wie?... +bringen würde ... wie?... rücken würde?...« + +»Ich kann Ihnen nur noch einmal empfehlen, meinen Ruf in der +Geschäftswelt meine eigene Sache sein zu lassen«, sagte der Konsul. + +Herr Grünlich sah ratlos seinem Bankier ins Gesicht und begann von +neuem: »Vater ... ich flehe Sie an, bedenken Sie, was Sie tun!... Ist +denn von mir allein die Rede? Oh, ich ... mag ich immerhin zugrunde +gehen! Aber Ihre Tochter, mein Weib, sie, die ich so liebe, die ich mir +in so heißem Kampfe erworben ... und unser Kind, unser beider +unschuldiges Kind ... auch sie im Elend! Nein, Vater, ich würde es nicht +tragen! Ich würde mich töten! Ja, mit dieser meiner eigenen Hand würde +ich mich töten ... glauben Sie mir! Und möge der Himmel Sie dann von +jeder Schuld freisprechen!« + +Johann Buddenbrook lehnte bleich und mit pochendem Herzen in seinem +Armsessel. Zum zweiten Male stürmten die Empfindungen dieses Mannes auf +ihn ein, deren Äußerung durchaus das Gepräge der Echtheit trug, wieder +mußte er, wie damals, als er Herrn Grünlich den Travemünder Brief seiner +Tochter mitgeteilt hatte, dieselbe gräßliche Drohung vernehmen, und +wieder durchschauerte ihn die schwärmerische Ehrfurcht seiner Generation +vor menschlichen Gefühlen, die stets mit seinem nüchternen und +praktischen Geschäftssinn in Hader gelegen hatte. Dieser Anfall aber +währte nicht länger als eine Sekunde. Hundertundzwanzigtausend Mark ... +wiederholte er innerlich, und dann sagte er ruhig und fest: »Antonie ist +meine Tochter. Ich werde zu verhindern wissen, daß sie unschuldig +leidet.« + +»Was wollen Sie damit sagen ...?« fragte Herr Grünlich, indem er langsam +erstarrte ... + +»Das werden Sie erfahren«, antwortete der Konsul. »Für jetzt habe ich +meinen Worten nichts hinzuzufügen.« Und damit erhob er sich, stellte +seinen Stuhl fest auf den Boden und wandte sich zur Tür. + +Herr Grünlich saß stumm, steif, fassungslos, und sein Mund bewegte sich +ruckweise nach beiden Seiten, ohne daß sich ihm ein Wort zu entringen +vermochte. Herrn Kesselmeyers Munterkeit aber kehrte bei dieser +abschließenden und endgültigen Bewegung des Konsuls zurück ... ja, sie +nahm überhand, sie überschritt alle Grenzen und wurde fürchterlich! Das +Binokel fiel von seiner Nase, die sich zwischen die Augen hinaufzog, +während sein winziger Mund, in dem die beiden Eckzähne gelb und einsam +ragten, zu zerreißen drohte. Seine kleinen, roten Hände ruderten in der +Luft, seine Flaumfedern flatterten, sein gänzlich verschobenes und vor +übermäßiger Fröhlichkeit verzerrtes Gesicht mit dem weißen, geschorenen +Backenbart war zinnoberfarben ... + +»A-aha!« schrie er, daß seine Stimme sich überschlug ... »Das finde ich +höchst ... höchst spaßhaft! Aber Sie sollten es sich überlegen, Herr +Konsul Buddenbrook, ein solch allerliebstes, ein solch köstliches +Exemplar von einem Schwiegersöhnchen in den Graben zu werfen!... So +etwas von Regsamkeit und Findigkeit gibt es auf Gottes weiter, lieber +Erdenwelt nicht zum zweiten Male! Aha! schon vor vier Jahren, als uns +schon einmal das Messer an der Kehle stand ... der Strick um den Hals +lag ... wie wir da plötzlich die Verlobung mit Mademoiselle Buddenbrook +an der Börse ausschreien ließen, noch bevor sie wirklich stattgefunden +hatte ... jederlei Achtung! Na-hein, meine höchste Anerkennung ...!« + +»Kesselmeyer!« kreischte Herr Grünlich, machte krampfhafte Bewegungen +mit den Händen, als ob er ein Gespenst von sich abwehrte, und lief in +einen Winkel des Zimmers, woselbst er sich auf einen Stuhl setzte, das +Gesicht in den Händen verbarg und sich so tief bückte, daß die Enden +seiner Favoris auf seinen Schenkeln lagen. Einige Male zog er sogar die +Knie empor. + +»Wie haben wir das eigentlich gemacht?« fuhr Herr Kesselmeyer fort. »Wie +haben wir es eigentlich angefangen, das Töchterchen und die +achtzigtausend Mark zu ergattern? O-ho! das arrangiert sich! Wenn man +auch nur für einen Sechsling Regsamkeit und Findigkeit besitzt, so +arrangiert sich das! Man legt dem rettenden Herrn Papa recht hübsche +Bücher vor, allerliebste, reinliche Bücher, in denen alles aufs beste +bestellt ist ... nur daß sie mit der rauhen Wirklichkeit nicht völlig +übereinstimmen ... Denn in der rauhen Wirklichkeit sind drei Viertel der +Mitgift schon Wechselschulden!« + +Der Konsul stand totenblaß an der Tür, den Griff in der Hand. Das Grauen +rann ihm den Rücken hinunter. Befand er sich in dieser kleinen, unruhig +beleuchteten Stube allein mit einem Gauner und einem vor Bosheit tollen +Affen? + +»Herr, ich verachte Ihre Worte«, brachte er mit geringer Sicherheit +hervor. »Ich verachte Ihre wahnsinnigen Verleumdungen um so mehr, als +sie auch mich treffen ... mich, der ich meine Tochter nicht +leichtfertigerweise ins Unglück gebracht habe. Ich habe sichere +Erkundigungen über meinen Schwiegersohn eingezogen ... das übrige war +Gottes Wille!« + +Er wandte sich, er =wollte= nichts mehr hören, er öffnete die Tür. Aber +Herr Kesselmeyer schrie ihm nach: »Aha? Erkundigungen? Bei wem? Bei +Bock? Bei Goudstikker? Bei Petersen? Bei Maßmann & Timm? Die waren ja +alle engagiert! Die waren ja alle ganz ungeheuer engagiert! Die waren ja +alle ungemein froh, daß sie durch die Heirat sichergestellt wurden ...« + +Der Konsul schlug die Tür hinter sich zu. + + +Neuntes Kapitel + +Im Speisezimmer hantierte Dora, die nicht ganz ehrliche Köchin. + +»Bitte Madame Grünlich herunterzukommen«, befahl der Konsul. + +»Mach' dich fertig, mein Kind«, sagte er, als Tony erschien. Er ging mit +ihr in den Salon hinüber. »Mach' dich in aller Eile bereit und trage +Sorge, daß auch Erika bald reisefertig ist ... Wir fahren zur Stadt ... +Wir werden im Gasthof übernachten und morgen nach Hause fahren.« + +»Ja, Papa«, sagte Tony. Ihr Gesicht war rot, verstört und ratlos. Sie +machte unnütze und eilfertige Handbewegungen an ihrer Taille, ohne zu +wissen, womit sie ihre Vorbereitungen beginnen sollte, und ohne noch +recht an die Wirklichkeit dieses Erlebnisses glauben zu können. + +»Was soll ich mitnehmen, Papa?« fragte sie ängstlich und erregt ... +»Alles? Alle Kleider? Einen oder zwei Koffer?... Macht Grünlich wirklich +Bankerott?... O Gott!... Aber kann ich dann meine Schmucksachen +mitnehmen?... Papa, die Mädchen müssen doch gehen ... ich kann sie nicht +mehr ablohnen ... Grünlich hätte mir heute oder morgen Wirtschaftsgeld +geben müssen ...« + +»Laß das, mein Kind; diese Dinge werden hier geordnet werden. Nimm nur +das Notwendigste ... einen Koffer ... einen kleinen. Man wird dir dein +Eigentum nachschicken. Spute dich, hörst du? Wir haben ...« + +In diesem Augenblicke wurden die Portieren auseinandergeschlagen und in +den Salon kam Herr Grünlich. Mit raschen Schritten, die Arme +ausgebreitet und den Kopf zur Seite geneigt, in der Haltung eines +Mannes, welcher sagen will: Hier bin ich! Töte mich, wenn du willst! +eilte er auf seine Gattin zu und sank dicht vor ihr auf beide Knie +nieder. Sein Anblick war mitleiderregend. Seine goldgelben Favoris waren +zerzaust, sein Leibrock war zerknittert, seine Halsbinde verschoben, +sein Kragen stand offen, und auf seiner Stirn waren kleine Tropfen zu +bemerken. + +»Antonie ...!« sagte er. »Sieh mich hier ... Hast du ein Herz, ein +fühlendes Herz?... Höre mich an ... du siehst einen Mann vor dir, der +vernichtet, zugrunde gerichtet ist, wenn ... ja, der vor Kummer sterben +wird, wenn du seine Liebe verschmähst! Hier liege ich ... bringst du es +über das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue dich --? Ich verlasse +dich --?« + +Tony weinte. Es war genau wie damals im Landschaftszimmer. Wieder sah +sie dies angstverzerrte Gesicht, diese flehenden Augen auf sich +gerichtet, und wieder sah sie mit Erstaunen und Rührung, daß diese Angst +und dieses Flehen ehrlich und ungeheuchelt waren. + +»Steh' auf, Grünlich«, sagte sie schluchzend. »Bitte, steh' doch auf!« +Und sie versuchte, ihn an den Schultern emporzuheben. Ich verabscheue +dich nicht! Wie kannst du dergleichen sagen!...« Ohne zu wissen, was sie +sonst noch sprechen sollte, wandte sie sich vollkommen hilflos ihrem +Vater zu. Der Konsul ergriff ihre Hand, verneigte sich vor seinem +Schwiegersohn und ging mit ihr der Korridortüre zu. + +»Du gehst?« rief Herr Grünlich und sprang auf die Füße ... + +»Ich habe Ihnen schon ausgesprochen«, sagte der Konsul, »daß ich es +nicht verantworten kann, mein Kind so ganz unverschuldet dem Unglück zu +überlassen, und ich füge hinzu, daß auch Sie das nicht können. Nein, +mein Herr, Sie haben den Besitz meiner Tochter verscherzt. Und danken +Sie Ihrem Schöpfer dafür, daß er das Herz dieses Kindes so rein und +ahnungslos erhalten hat, daß sie sich =ohne= Abscheu von Ihnen trennt! +Leben Sie wohl.« + +Hier aber verlor Herr Grünlich den Kopf. Er hätte von kurzer Trennung, +von Rückkehr und neuem Leben sprechen und vielleicht die Erbschaft +retten können; aber es war zu Ende mit seiner Überlegung, seiner +Regsamkeit und Findigkeit. Er hätte den großen, unzerbrechlichen, +bronzenen Teller nehmen können, der auf der Spiegeletagere stand, aber +er nahm die dünne, mit Blumen bemalte Vase, die sich dicht daneben +befand, und warf sie zu Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang ... + +»Ha! Schön! Gut!« schrie er. »Geh' nur! Meinst du, daß ich dir +nachheule, du Gans? Ach nein, Sie irren sich, meine Teuerste! Ich habe +dich =nur= deines Geldes wegen geheiratet, aber da es noch lange nicht +genug war, so mach' nur, daß du wieder nach Hause kommst! Ich bin deiner +überdrüssig ... überdrüssig ... überdrüssig ...!« + +Johann Buddenbrook führte seine Tochter schweigend hinaus. Er selbst +aber kehrte noch einmal zurück, schritt auf Herrn Grünlich zu, der, die +Hände auf dem Rücken, am Fenster stand und in den Regen hinausstarrte, +berührte sanft seine Schulter und sprach leise und mahnend: »Fassen Sie +sich. =Beten= Sie.« + + +Zehntes Kapitel + +Das große Haus in der Mengstraße blieb lange Zeit von einer gedämpften +Stimmung erfüllt, als Madame Grünlich, zusammen mit ihrer kleinen +Tochter, dort wieder eingezogen war. Man ging behutsam umher und sprach +nicht gerne »davon« ... ausgenommen die Hauptperson der ganzen +Angelegenheit selbst, die im Gegenteile mit Leidenschaft davon sprach +und sich dabei wahrhaft in ihrem Elemente fühlte. + +Tony bezog mit Erika im zweiten Stockwerk die Zimmer, die ehemals, zur +Zeit der alten Buddenbrooks, ihre Eltern innegehabt hatten. Sie war ein +wenig enttäuscht, als ihr Papa es sich keineswegs in den Sinn kommen +ließ, ein eignes Dienstmädchen für sie zu engagieren, und sie durchlebte +eine nachdenkliche halbe Stunde, als er ihr mit sanften Worten +auseinandersetzte, es zieme sich vorderhand nichts anderes für sie, als +in Zurückgezogenheit zu leben und auf die Geselligkeit in der Stadt zu +verzichten, denn wenn sie auch an dem Geschick, das Gott als Prüfung +über sie verhängt, nach menschlichen Begriffen unschuldig sei, so lege +doch ihre Stellung als geschiedene Frau ihr fürs erste die äußerste +Zurückhaltung auf. Aber Tony besaß die schöne Gabe, sich jeder +Lebenslage mit Talent, Gewandtheit und lebhafter Freude am Neuen +anzupassen. Sie gefiel sich bald in ihrer Rolle als eine von +unverschuldetem Unglück heimgesuchte Frau, kleidete sich dunkel, trug +ihr hübsches aschblondes Haar glatt gescheitelt wie als junges Mädchen +und hielt sich für die mangelnde Geselligkeit schadlos, indem sie zu +Hause mit ungeheurer Wichtigkeit und unermüdlicher Freude an dem Ernst +und der Bedeutsamkeit ihrer Lage Betrachtungen über ihre Ehe, über Herrn +Grünlich und über Leben und Schicksal im allgemeinen anstellte. + +Nicht jedermann bot ihr Gelegenheit dazu. Die Konsulin war zwar +überzeugt, daß ihr Gatte korrekt und pflichtgemäß gehandelt habe; aber +sie erhob, wenn Tony zu sprechen begann, nur leicht ihre schöne weiße +Hand und sagte: »_Assez_, mein Kind. Ich höre nicht gern von dieser +Affäre.« + +Klara, erst zwölfjährig, verstand nichts von der Sache, und Cousine +Thilda war gleichfalls zu dumm. »O Tony, wie traurig!« war alles, was +sie langgedehnt und erstaunt hervorzubringen wußte. Dagegen fand die +junge Frau eine aufmerksame Zuhörerin in Mamsell Jungmann, die nun schon +35 Jahre zählte und sich rühmen durfte, im Dienste der ersten Kreise +ergraut zu sein. »Brauchst nicht Furcht haben, Tonychen, mein +Kindchen«, sagte sie; »bist noch jung, wirst dich wieder verheiraten.« +Übrigens widmete sie sich mit Liebe und Treue der Erziehung der kleinen +Erika und erzählte ihr dieselben Erinnerungen und Geschichten, denen vor +fünfzehn Jahren die Kinder des Konsuls gelauscht hatten: von einem Onkel +im besonderen, der zu Marienwerder am Schluckauf gestorben war, weil er +»sich das Herz abgestoßen« hatte. + +Am liebsten und längsten aber plauderte Tony, nach dem Mittagessen oder +morgens beim ersten Frühstück, mit ihrem Vater. Ihr Verhältnis zu ihm +war mit einem Schlage weit inniger geworden als früher. Sie hatte +bislang, bei seiner Machtstellung in der Stadt, bei seiner emsigen, +soliden, strengen und frommen Tüchtigkeit, mehr ängstliche Ehrfurcht als +Zärtlichkeit für ihn empfunden; während jener Auseinandersetzung aber in +ihrem Salon war er ihr menschlich nahegetreten, und es hatte sie mit +Stolz und Rührung erfüllt, daß er sie eines vertrauten und ernsten +Gespräches über diese Sache gewürdigt, daß er die Entscheidung ihr +selbst anheim gestellt und daß er der Unantastbare, ihr fast mit Demut +gestanden, er fühle sich nicht schuldlos ihr gegenüber. Es ist sicher, +daß Tony selbst niemals auf diesen Gedanken gekommen wäre; da er es aber +sagte, so glaubte sie es, und ihre Gefühle für ihn wurden weicher und +zarter dadurch. Was den Konsul selbst anging, so änderte er seine +Anschauungsweise nicht und glaubte seiner Tochter mit verdoppelter Liebe +ihr schweres Geschick entgelten zu müssen. + +Johann Buddenbrook war in keiner Weise persönlich gegen seinen +betrügerischen Schwiegersohn vorgegangen. Zwar hatten Tony und ihre +Mutter aus dem Verlaufe einiger Gespräche erfahren, zu welch unredlichen +Mitteln Herr Grünlich gegriffen hatte, um 80000 Mark zu erlangen; aber +der Konsul hütete sich wohl, die Sache der Öffentlichkeit oder gar der +Justiz zu übergeben. Er fühlte in seinem Stolz als Geschäftsmann sich +bitter gekränkt und verwand schweigend die Schmach, so plump übers Ohr +gehauen worden zu sein. + +Jedenfalls strengte er, sobald der Konkurs des Hauses B. Grünlich +erfolgt -- der übrigens in Hamburg verschiedenen Firmen nicht +unerhebliche Verluste bereitete --, mit Entschlossenheit den +Scheidungsprozeß an ... und dieser Prozeß war es hauptsächlich, der +Gedanke, daß sie, sie selbst den Mittelpunkt eines wirklichen Prozesses +bildete, der Tony mit einem unbeschreiblichen Würdegefühl erfüllte. + +»Vater«, sagte sie; denn in solchen Gesprächen nannte sie den Konsul +niemals »Papa«. »Vater, wie geht unsere Sache vorwärts? Du meinst doch, +daß alles gut gehen wird? Der Paragraph ist vollkommen klar; ich habe +ihn genau studiert! `Unfähigkeit des Mannes, seine Familie zu +ernähren ...´ Die Herren müssen das einsehen. Wenn ein Sohn da wäre, +würde Grünlich ihn behalten ...« + +Ein anderes Mal sagte sie: »Ich habe noch viel über die Jahre meiner Ehe +nachgedacht, Vater. Ha! also =deshalb= wollte der Mensch durchaus nicht, +daß wir in der Stadt wohnten, was ich doch so sehr wünschte. Also +=deshalb= sah er es niemals gern, daß ich überhaupt in der Stadt +verkehrte und Gesellschaften besuchte! Die Gefahr war dort wohl größer +als in Eimsbüttel, daß ich auf irgendeine Weise erfuhr, wie es +eigentlich um ihn bestellt war!... Was für ein Filou!« + +»Wir sollen nicht richten, mein Kind«, erwiderte der Konsul. + +Oder sie begann, als die Ehescheidung ausgesprochen war, mit wichtiger +Miene: »Du hast es doch schon in die Familienpapiere eingetragen, Vater? +Nein? Oh, dann darf ich es wohl tun ... Bitte, gib mir den Schlüssel zum +Sekretär.« + +Und emsig und stolz schrieb sie unter die Zeilen, die sie vor vier +Jahren hinter ihren Namen gesetzt: »Diese Ehe ward _anno_ 1850 im +Februar rechtskräftig wieder aufgelöst.« + +Dann legte sie die Feder fort und dachte einen Augenblick nach. + +»Vater«, sagte sie, »ich weiß wohl, daß dies Ereignis einen Flecken in +unserer Familiengeschichte bildet. Ja, ich habe schon viel darüber +nachgedacht. Es ist genau, als wäre hier ein Tintenklecks in diesem +Buche. Aber sei ruhig ... es ist meine Sache, ihn wieder fortzuradieren! +Ich bin noch jung ... findest du nicht, daß ich noch ziemlich hübsch +bin? Obgleich Madame Stuht, als sie mich wiedersah, zu mir sagte: `O +Gott, Madame Grünlich, wie sind Sie alt geworden!´ Nun, man kann +unmöglich sein Lebtag eine solche Gans bleiben, wie ich vor vier Jahren +war ... das Leben nimmt einen natürlich mit ... Kurz, nein, ich werde +mich wieder verheiraten! Du sollst sehen, alles wird durch eine neue +vorteilhafte Partie wieder gut gemacht werden! Meinst du nicht?« + +»Das steht in Gottes Hand, mein Kind. Aber es schickt sich durchaus +nicht, jetzt über solche Dinge zu sprechen.« + +Im übrigen begann Tony um diese Zeit sich sehr oft der Redewendung »Wie +es im Leben so geht ...« zu bedienen, und bei dem Worte »Leben« hatte +sie einen hübschen und ernsten Augenaufschlag, welcher zu ahnen gab, +welch tiefe Blicke sie in Menschenleben und -schicksal getan ... + +Der Tisch im Eßsaale vergrößerte sich noch mehr, und Tony erhielt neue +Gelegenheit, sich auszusprechen, als Thomas im August dieses Jahres von +Pau nach Hause zurückkehrte. Sie liebte und verehrte diesen Bruder, der +ja auch damals bei der Abreise von Travemünde ihren Schmerz gekannt und +gewürdigt hatte und in dem sie den zukünftigen Firmenchef, das +einstmalige Familienhaupt erblickte, von ganzem Herzen. + +»Ja, ja«, sagte er, »wir beide haben schon allerhand durchgemacht, +Tony ...« Dann zog er eine Braue empor, ließ die russische Zigarette in +den anderen Mundwinkel wandern und dachte wahrscheinlich an das kleine +Blumenmädchen mit dem malaiischen Gesichtstypus, das vor kurzer Zeit den +Sohn ihrer Brotgeberin geheiratet hatte und nun auf eigene Hand das +Blumengeschäft in der Fischergrube fortführte. + +Thomas Buddenbrook, noch ein wenig blaß, war eine auffallend elegante +Erscheinung. Es schien, daß diese letzten Jahre seine Erziehung durchaus +vollendet hatten. Mit seiner über den Ohren zu kleinen Hügeln +zusammengebürsteten Frisur, mit seinen nach französischer Mode sehr +spitz gedrehten und mit der Brennzange waagerecht ausgezogenen +Schnurrbart und seiner untersetzten, ziemlich breitschulterigen Gestalt +machte seine Figur einen beinahe militärischen Eindruck. Aber das +bläuliche, allzu sichtbare Geäder an seinen schmalen Schläfen, von denen +das Haar in zwei Einbuchtungen zurücktrat, sowie eine leichte Neigung +zum Schüttelfrost, die der gute Doktor Grabow vergebens bekämpfte, +deutete an, daß seine Konstitution nicht besonders kräftig war. Was +Einzelheiten der Körperbildung, wie das Kinn, die Nase und besonders die +Hände ... wunderbar echt Buddenbrooksche Hände! betraf, so war seine +Ähnlichkeit mit dem Großvater noch größer geworden. + +Er sprach ein mit spanischen Lauten untermischtes Französisch und setzte +jedermann durch seine Liebhaberei für gewisse moderne Schriftsteller +satirischen und polemischen Charakters in Erstaunen ... Nur bei dem +finsteren Makler, Herrn Gosch, fand er in der Stadt für diese Neigung +Verständnis; sein Vater verurteilte sie aufs strengste. + +Das hinderte nicht, daß der Stolz und das Glück, das der Konsul über +seinen ältesten Sohn empfand, ihm in den Augen zu lesen war. Mit Rührung +und Freude begrüßte er ihn alsbald nach seiner Ankunft aufs neue als +Mitarbeiter in seinen Kontors, in denen er selbst jetzt wieder mit +größerer Genugtuung zu wirken begann: und zwar nach dem Tode der alten +Madame Kröger, der am Ende des Jahres erfolgte. + +Man mußte den Verlust der alten Dame mit Fassung ertragen. Sie war +steinalt geworden und hatte zuletzt ganz einsam gelebt. Sie ging zu +Gott, und Buddenbrooks bekamen eine Menge Geld, volle runde 100000 Taler +Kurant, die das Betriebskapital der Firma in wünschenswertester Weise +verstärkten. + +Eine weitere Folge dieses Sterbefalles war diejenige, daß des Konsuls +Schwager Justus, sobald er den Rest seines Erbteiles in Händen hatte, +müde seiner beständigen geschäftlichen Mißerfolge, liquidierte und sich +zur Ruhe setzte. Justus Kröger, der Suitier, des _à la mode_-Kavaliers +lebensfroher Sohn, war kein sehr glücklicher Mensch. Er hatte, mit +seiner Kulanz und seiner heiteren Leichtlebigkeit, es niemals zu einer +sicheren, soliden und zweifellosen Position in der Kaufmannswelt bringen +können, er hatte einen bedeutenden Teil seines elterlichen Erbes im +voraus eingebüßt, und neuerdings kam hinzu, daß Jakob, sein ältester +Sohn, ihm schwere Kümmernisse bereitete. + +Der junge Mann, der in dem großen Hamburg sich sittenlose Gesellschaft +gewählt zu haben schien, hatte seinem Vater mit den Jahren eine +ungebührliche Menge Kurantmark gekostet, und da, wenn Konsul Kröger +sich weigerte, noch mehr zu leisten, seine Gattin, eine schwache und +zärtliche Frau, dem lockeren Sohne heimlich weitere Geldsummen zukommen +ließ, so waren zwischen dem Ehepaar traurige Mißhelligkeiten entstanden. +Um allem die Krone aufzusetzen, war fast zur selben Zeit, als B. +Grünlich seine Zahlungen einstellte, in Hamburg, wo Jakob Kröger bei den +Herren Dalbeck & Comp. arbeitete, noch etwas anderes, Unheimliches +vorgefallen ... Ein Übergriff, eine Unredlichkeit hatte stattgefunden +... Man sprach nicht davon und richtete keine Fragen an Justus Kröger; +aber es hieß, daß Jakob in Neuyork eine Stellung als Reisender gefunden +habe und demnächst zu Schiff gehen werde. Einmal, vor seiner Fahrt, +wurde er in der Stadt gesehen, wohin er wahrscheinlich gekommen war, um +außer dem Reisegelde, das sein Vater ihm zugeschickt, von seiner Mutter +noch mehr zu erlangen: ein geckenhaft gekleideter Jüngling von +ungesundem Aussehen. + +Kurz, es war dahin gekommen, daß Konsul Justus, als ob er nur einen +Leibeserben besäße, ausschließlich von »meinem Sohne« sprach ... womit +er Jürgen meinte, der sich zwar niemals eines Vergehens schuldig +gemacht, aber geistig allzu beschränkt erschien. Er hatte das Gymnasium +mit großer Mühe absolviert und befand sich seit einiger Zeit in Jena, wo +er sich, ohne viel Freude und Erfolg, wie es den Anschein hatte, der +Jurisprudenz widmete. + +Johann Buddenbrook empfand aufs schmerzlichste die wenig ehrenvolle +Entwicklung der Familie seiner Frau und blickte mit desto ängstlicherer +Erwartung auf seine eigenen Kinder. Er war berechtigt, die vollste +Zuversicht in die Tüchtigkeit und den Ernst seines ältesten Sohnes zu +setzen; was aber Christian betraf, so hatte Mr. Richardson geschrieben, +der junge Mann habe sich zwar mit entschiedener Begabung die englische +Sprache zu eigen gemacht, zeige aber im Geschäft nicht immer +hinreichendes Interesse und lege eine allzu große Schwäche für die +Zerstreuungen der Weltstadt, zum Beispiel für das Theater, an den Tag. +Christian selbst bewies in seinen Briefen ein lebhaftes Wanderbedürfnis +und bat eifrig um die Erlaubnis, »drüben«, das heißt in Südamerika, +vielleicht in Chile, eine Stellung annehmen zu dürfen. »Aber das ist +Abenteuerlust«, sagte der Konsul und befahl ihm, vorerst während eines +vierten Jahres seine merkantilen Kenntnisse bei Mr. Richardson zu +vervollständigen. Es wurden dann noch einige Briefe über seine Pläne +gewechselt, und im Sommer 1851 segelte Christian Buddenbrook in der Tat +nach Valparaiso, wo er sich eine Position verschafft hatte. Er reiste +direkt von England, ohne vorher in die Heimat zurückzukehren. + +Abgesehen aber von den beiden Söhnen, bemerkte der Konsul zu seiner +Genugtuung, mit welcher Entschiedenheit und welchem Selbstgefühle Tony +ihre Stellung als eine geborene Buddenbrook in der Stadt verteidigte ... +obgleich man hatte vorhersehen müssen, daß sie in ihrer Eigenschaft als +geschiedene Frau allerlei Schadenfreude und Voreingenommenheiten auf +seiten der anderen Familien werde zu überwinden haben. + +»Ha!« sagte sie, als sie mit gerötetem Gesicht von einem Spaziergang +zurückkam, und warf ihren Hut auf das Sofa im Landschaftszimmer ... +»Diese Möllendorpf, diese geborene Hagenström, diese Semmlinger, dieses +Julchen, dieses Geschöpf ... was meinst du wohl, Mama! Sie grüßt mich +nicht ... nein, sie grüßt mich nicht! Sie wartet, daß ich sie zuerst +grüße! Was sagst du dazu! Ich bin in der Breiten Straße mit erhobenem +Kopfe an ihr vorübergegangen und habe ihr gerade ins Gesicht +gesehen ...« + +»Du gehst zu weit, Tony ... Nein, alles hat seine Grenzen. Warum +konntest du Madame Möllendorpf nicht zuerst grüßen? Ihr seid +gleichaltrig, und sie ist eine verheiratete Frau so gut wie du es +warst ...« + +»Niemals, Mama! O Gott, das Geschmeiß!« + +»_Assez_, meine Liebe! So undelikate Worte ...« + +»Oh, man kann sich hinreißen lassen!« + +Ihr Haß gegen diese »hergelaufene Familie« wurde durch die bloße +Vorstellung genährt, daß die Hagenströms sich nun vielleicht berechtigt +fühlen könnten, auf sie herabzusehen, und nicht minder durch das Glück, +mit dem dies Geschlecht emporblühte. Der alte Hinrich starb zu Anfang +des Jahres 51, und sein Sohn Hermann ... Hermann mit den Zitronensemmeln +und der Ohrfeige, führte nun an der Seite des Herrn Strunck das glänzend +gehende Exportgeschäft fort und heiratete ein kurzes Jahr später die +Tochter des Konsuls Huneus, des reichsten Mannes der Stadt, der es mit +seinem Holzhandel dahin gebracht hatte, jedem seiner drei Kinder zwei +Millionen hinterlassen zu können. Sein Bruder Moritz hatte trotz seiner +Brustschwächlichkeit ein ungewöhnlich erfolgreiches Studium hinter sich +und ließ sich in der Stadt als Rechtsgelehrter nieder. Er galt für einen +hellen, schlauen, witzigen, ja sogar schöngeistigen Kopf und zog rasch +eine beträchtliche Praxis an sich. Er hatte nichts Semlingersches in +seinem Äußern, besaß aber ein gelbes Gesicht und spitzige, lückenhafte +Zähne. + +Sogar in der Familie selbst galt es den Kopf hochzuhalten. Seit Onkel +Gotthold fern den Geschäften lebte, mit seinen kurzen Beinen und weiten +Hosen sorglos in seiner bescheidenen Wohnung umherging und aus einer +Blechbüchse Brustbonbons aß, denn er liebte sehr die Süßigkeiten ... war +seine Stimmung gegen den bevorzugten Stiefbruder mit den Jahren immer +milder und resignierter geworden, was freilich nicht ausschloß, daß er +angesichts seiner drei unverheirateten Töchter einige stille Genugtuung +über Tonys mißglückte Ehe empfand. Um aber vor seiner Frau, der +geborenen Stüwing, und besonders von den drei nun schon sechs-, sieben- +und achtundzwanzig Jahre alten Mädchen zu reden, so bewiesen sie für das +Unglück ihrer Cousine und den Scheidungsprozeß ein beinahe +übertriebenes, ein weitaus lebhafteres Interesse, als sie damals für die +Verlobung und Hochzeit selbst offenbart hatten. An den »Kindertagen«, +die seit dem Tode der alten Madame Kröger Donnerstags wieder in der +Mengstraße abgehalten wurden, hatte Tony keinen leichten Stand ihnen +gegenüber ... + +»O Gott, du Ärmste!« sagte Pfiffi, die Jüngste, die klein und beleibt +war und eine drollige Art hatte, sich bei jedem Worte zu schütteln und +Feuchtigkeit in die Mundwinkel zu bekommen. »Nun ist es also +ausgesprochen? Nun bist du also gerade so weit wie vorher?« + +»Ach, im Gegenteile!« sagte Henriette, die wie ihre ältere Schwester von +außerordentlich langer und dürrer Gestalt war. »Du bist sehr viel +trauriger daran, als wenn du dich überhaupt nicht verheiratet hättest.« + +»Das muß ich sagen«, bestätigte Friederike. »=Dann= ist es ja +unvergleichlich viel besser, =niemals= zu heiraten.« + +»O nein, liebe Friederike!« sagte Tony, indem sie den Kopf zurücklegte +und sich eine recht schlagkräftige und formgewandte Erwiderung +ausdachte. »Da dürftest du denn doch wohl in einem Irrtum befangen sein, +nicht wahr?! Man hat doch immerhin das Leben kennengelernt, weißt du! +Man ist doch keine Gans mehr! Und dann habe ich ja immer noch mehr +Aussicht, mich wieder zu verheiraten, als so manche andere, es zum +ersten Male zu tun.« + +»Zo?« sagten die Kusinen einstimmig ... Sie sagten »Zo« mit einem Z, was +sich desto spitziger und ungläubiger ausnahm. + +Sesemi Weichbrodt aber war viel zu gut und taktvoll, um die Sache auch +nur zu erwähnen. Tony besuchte ihre ehemalige Pflegerin zuweilen in dem +roten Häuschen, am Mühlenbrink Nr. 7, das noch immer von einer Anzahl +junger Mädchen belebt wurde, obgleich die Pension anfing, langsam aus +der Mode zu kommen; und auch das tüchtige alte Mädchen ward hie und da +in die Mengstraße auf einen Rehrücken oder eine gefüllte Gans gebeten. +Dann erhob sie sich auf die Zehenspitzen und küßte Tony gerührt, +ausdrucksvoll und mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. Was ihre +ungelehrte Schwester, Madame Kethelsen anging, so begann sie neuerdings +mit großer Schnelligkeit taub zu werden und hatte fast nichts von Tonys +Geschichte verstanden. Sie stieß bei immer unpassenderen Gelegenheiten +ihr unwissendes und vor unbefangener Herzlichkeit fast klagendes Lachen +aus, so daß Sesemi sich beständig genötigt sah, auf den Tisch zu pochen +und »Nally!« zu rufen ... + +Die Jahre schwanden dahin. Der Eindruck, den das Erlebnis von Konsul +Buddenbrooks Tochter in der Stadt und in der Familie hervorgerufen +hatte, verwischte sich mehr und mehr. Tony selbst wurde an ihre Ehe nur +dann und wann erinnert, wenn sie im Gesicht der gesund heranwachsenden +kleinen Erika diese oder jene Ähnlichkeit mit Bendix Grünlich bemerkte. +Aber sie kleidete sich wieder hell, trug ihr Haar wieder über die Stirn +gekraust und besuchte wie ehemals Gesellschaften in ihrem +Bekanntenkreise. + +Immerhin war sie recht froh, daß ihr Gelegenheit geboten wurde, jährlich +im Sommer die Stadt auf längere Zeit zu verlassen ... denn leider machte +das Befinden des Konsuls jetzt weitere Kurreisen notwendig. + +»Man weiß nicht, was es heißt, alt zu werden!« sagte er. »Ich bekomme +einen Kaffeefleck in mein Beinkleid und kann nicht kaltes Wasser +daraufbringen, ohne sofort den heftigsten Rheumatismus davonzutragen ... +Was konnte man sich früher erlauben?« Auch litt er manchmal an +Schwindelanfällen. + +Man ging nach Obersalzbrunn, nach Ems und Baden-Baden, nach Kissingen, +man machte von dort aus sogar eine so bildende wie unterhaltende Reise +über Nürnberg nach München, durchs Salzburgische über Ischl nach Wien, +über Prag, Dresden, Berlin nach Hause ... und obgleich Madame Grünlich +wegen einer nervösen Magenschwäche, die sich neuerdings bei ihr +bemerkbar zu machen begann, in den Bädern gezwungen war, sich einer +strengen Kur zu unterwerfen, empfand sie diese Reisen als eine höchst +erwünschte Abwechselung, denn sie verhehlte durchaus nicht, daß sie sich +zu Hause ein wenig langweilte. + +»Oh, mein Gott, weißt du, wie es im Leben so geht, Vater!« sagte sie, +indem sie gedankenvoll die Zimmerdecke betrachtete ... »Gewiß, ich habe +das Leben kennengelernt ... aber gerade darum ist es eine etwas trübe +Aussicht für mich, hier nun immer zu Hause sitzen zu müssen wie ein +dummes Ding. Du glaubst hoffentlich nicht, daß ich nicht gern bei euch +bin, Papa ... ich müßte ja Schläge haben, es wäre die höchste +Undankbarkeit! Aber wie es im Leben so ist, weißt du ...« + +Hauptsächlich aber ärgerte sie sich über den immer religiöseren Geist, +der ihr weitläufiges Vaterhaus erfüllte, denn des Konsuls fromme +Neigungen traten in dem Grade, in welchem er betagt und kränklich wurde, +immer stärker hervor, und seitdem die Konsulin alterte, begann auch sie +an dieser Geistesrichtung Geschmack zu finden. Die Tischgebete waren +stets im Buddenbrookschen Hause üblich gewesen; jetzt aber bestand seit +längerer Zeit das Gesetz, daß sich morgens und abends die Familie +gemeinsam mit den Dienstboten im Frühstückszimmer versammelte, um aus +dem Munde des Hausherrn einen Bibelabschnitt zu vernehmen. Außerdem +mehrten die Besuche von Pastoren und Missionaren sich von Jahr zu Jahr, +denn das würdige Patrizierhaus in der Mengstraße, wo man, nebenbei +bemerkt, so vorzüglich speiste, war in der Welt der lutherischen und +reformierten Geistlichkeit, der inneren und äußeren Mission längst als +ein gastlicher Hafen bekannt, und aus allen Teilen des Vaterlandes kamen +gelegentlich schwarzgekleidete und langhaarige Herren herbei, um ein +paar Tage hier zu verweilen ... gottgefälliger Gespräche, einiger +nahrhafter Mahlzeiten und klingender Unterstützung zu heiligen Zwecken +gewiß. Auch die Prediger der Stadt gingen als Hausfreunde aus und +ein ... + +Tom war viel zu diskret und verständig, um auch nur ein Lächeln sichtbar +werden zu lassen, aber Tony mokierte sich ganz einfach, ja, sie ließ es +sich leider angelegen sein, die geistlichen Herren lächerlich zu machen, +sobald sich ihr Gelegenheit dazu bot. + +Zuweilen, wenn die Konsulin an Migräne litt, war es Madame Grünlichs +Sache, die Wirtschaft zu besorgen und das Menü zu bestimmen. Eines +Tages, als eben ein fremder Prediger, dessen Appetit die allgemeine +Freude erregte, im Hause zu Gast war, ordnete sie heimtückisch +Specksuppe an, das städtische Spezialgericht, eine mit säuerlichem +Kraute bereitete Bouillon, in die man das ganze Mittagsmahl: Schinken, +Kartoffeln, saure Pflaumen, Backbirnen, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen, +Rüben und andere Dinge mitsamt der Fruchtsauce hineinrührte, und die +niemand auf der Welt genießen konnte, der nicht von Kindesbeinen daran +gewöhnt war. + +»Schmeckt es? Schmeckt es, Herr Pastor?« fragte Tony beständig ... +»Nein? O Gott, wer hätte das gedacht!« Und dabei machte sie ein wahrhaft +spitzbübisches Gesicht und ließ ihre Zungenspitze, wie sie es zu tun +pflegte, wenn sie einen Streich erdachte oder ausführte, ganz leicht an +der Oberlippe spielen. + +Der dicke Herr legte mit Ergebung den Löffel nieder und sagte arglos: +»Ich werde mich an das nächste Gericht halten.« + +»Ja, es gibt noch ein kleines Apres«, sagte die Konsulin hastig ... denn +ein »nächstes Gericht« war nach dieser Suppe undenkbar, und trotz +einiger Armeritter mit Apfelgelee, welche nachfolgten, mußte der +betrogene Geistliche, während Tony vor sich hin kicherte und Tom mit +Selbstüberwindung eine Braue emporzog, sich ungesättigt vom Tische +erheben ... + +Ein anderes Mal stand Tony mit der Köchin Stina in häuslichem Gespräche +auf der Diele, als Pastor Mathias aus Kannstatt, der wieder einmal +während einiger Tage im Hause weilte, von einem Ausgang zurückkehrte und +an der Windfangtür klingelte. Mit ländlich watschelnden Schritten ging +Trina zu öffnen, und der Pastor, in der Absicht, ein leutseliges Wort an +sie zu richten und sie ein wenig zu prüfen, fragte freundlich: »Liebscht +den Herrn?« ... Vielleicht war er willens, ihr etwas zu schenken, wenn +sie sich treu zu ihrem Heiland bekannte. + +»Je, Herr Paster« ... sagte Trine zögernd, errötend und mit großen +Augen. »Wekken meenen's denn? den Ollen oder den Jungen?« + +Madame Grünlich verfehlte nicht, diese Geschichte bei Tische mit lauter +Stimme zu erzählen, so daß selbst die Konsulin in ihr pruschendes +Krögersches Lachen ausbrach. + +Der Konsul freilich sah ernst und indigniert auf seinen Teller nieder. + +»Ein Mißverständnis ...« sagte Pastor Mathias verwirrt. + + +Elftes Kapitel + +Was folgt, geschah im Spätsommer des Jahres fünfundfünfzig, an einem +Sonntagnachmittage. Buddenbrooks saßen im Landschaftszimmer und warteten +auf den Konsul, der sich unten noch ankleidete. Man hatte mit der +Familie Kistenmaker ein Festtagsunternehmen, einen Spaziergang zu einem +Vergnügungsgarten vorm Tore, verabredet. Ausgenommen Klara und +Klothilde, die jeden Sonntagabend im Hause einer Freundin für kleine +Negerkinder Strümpfe strickten, wollte man dort Kaffee trinken und +vielleicht, wenn das Wetter es erlaubte, eine Ruderpartie auf dem Flusse +unternehmen ... + +»Mit Papa ist es zum Heulen«, sagte Tony, indem sie nach ihrer +Gewohnheit starke Worte wählte. »Kann er jemals zur festgesetzten Zeit +fertig sein? Er sitzt an seinem Pult und sitzt ... und sitzt ... dies +und das =muß= noch fertig werden ... großer Gott, vielleicht ist es +wirklich notwendig, ich will nichts gesagt haben ... obgleich ich nicht +glaube, daß wir geradezu Bankerott ansagen müßten, wenn er die Feder +eine Viertelstunde früher weggelegt hätte. Gut ... wenn es schon zehn +Minuten zu spät ist, fällt ihm sein Versprechen ein, und er kommt die +Treppen herauf, indem er immer zwei Stufen überspringt, obgleich er +weiß, daß er oben Kongestionen und Herzklopfen bekommt ... So ist es vor +jeder Gesellschaft, vor jedem Ausgang! Kann er sich nicht Zeit lassen? +Kann er nicht rechtzeitig aufbrechen und langsam gehen? Es ist +unverantwortlich. Ich würde meinem Manne einmal ernstlich ins Gewissen +reden, Mama ...« + +Sie saß, nach der Mode in changierende Seide gekleidet, auf dem Sofa bei +der Konsulin, die ihrerseits eine schwerere Robe aus grauer, gerippter, +mit schwarzen Spitzen besetzter Seide trug. Die Enden ihrer aus Spitzen +und steifem Tüll gefertigten Haube, die unterm Kinn mit einer +Atlasschleife zusammengefaßt waren, fielen auf die Brust hinab. Ihr +glattgescheiteltes Haar war unveränderlich rotblond. Sie hielt einen +Pompadour in ihren beiden weißen und zartblau geäderten Händen. Neben +ihr im Fauteuil lehnte Tom und rauchte seine Zigarette, während am +Fenster Klara und Thilda einander gegenübersaßen. Es war unfaßlich, wie +völlig erfolglos die arme Klothilde täglich so gute und reichliche +Nahrung zu sich nahm. Sie wurde beständig magerer, und ihr schwarzes +Kleid, welches überhaupt gar keinen Schnitt hatte, beschönigte diese +Tatsache nicht. In ihrem langen, stillen, grauen Gesicht unter dem +glatten, aschfarbenen Scheitel stand eine gerade und poröse Nase, die +sich vorn verdickte ... + +»Meint ihr, daß es =nicht= regnen wird!« sagte Klara. Das junge Mädchen +hatte die Gewohnheit, bei einer Frage niemals die Stimme zu erheben, und +sah mit einem bestimmten und ziemlich strengen Blick jedem einzelnen ins +Gesicht. Ihr braunes Kleid war lediglich mit einem kleinen, weißen, +gestärkten Fallkragen und ebensolchen Manschetten geschmückt. Sie saß +aufrecht, die Hände im Schoße zusammengelegt. Die Dienstboten fürchteten +sie am meisten, und sie hielt morgens und abends die Andacht ab, denn +der Konsul konnte nicht mehr vorlesen, ohne sich Beschwerden im Kopf zu +verursachen. + +»Nimmst du für heute abend deinen =Baschlik= mit, Tony!« fragte sie +wieder. »Er wird verregnen. Schade um den neuen Baschlik. Ich halte es +für richtiger, daß ihr euren Spaziergang verschiebt ...« + +»Nein«, erwiderte Tom; »Kistenmakers kommen. Es macht nichts ... das +Barometer ist zu plötzlich gefallen ... Es gibt irgendeine kleine +Katastrophe, einen Guß ... nichts Dauerndes. Papa ist noch nicht fertig, +schön. Wir können ruhig warten, bis es vorüber ist.« + +Die Konsulin erhob abwehrend eine Hand. »Du glaubst, daß ein Gewitter +kommt, Tom? Ach, du weißt, ich ängstige mich.« + +»Nein«, sagte Tom. »Ich habe heute morgen am Hafen mit Kapitän Kloot +gesprochen. Er ist unfehlbar. Es gibt bloß einen Platzregen ... nicht +einmal stärkeren Wind.« + +Verspätete Hundstage hatte diese zweite Septemberwoche gebracht. Bei +Süd-Süd-Ostwind hatte der Sommer schwerer als im Juli auf der Stadt +gelastet. Ein fremdartig dunkelblauer Himmel hatte über den Giebeln +geleuchtet, fahl am Horizonte, wie in der Wüste; und nach +Sonnenuntergang hatten in den schmalen Straßen Häuser und Bürgersteige +wie Öfen eine dumpfe Wärme ausgestrahlt. Heute war der Wind ganz nach +Westen hin umgeschlagen, und gleichzeitig hatte dieser plötzliche +Barometersturz stattgefunden ... Noch war ein großer Teil des Himmels +blau, aber langsam zog ein Komplex von graublauen Wolken daran herauf, +dick und weich wie Kissen. + +Tom fügte hinzu: »Ich finde auch, der Regen käme höchst erwünscht. Wir +würden verschmachten, wenn wir in dieser Luft marschieren müßten. Es ist +eine unnatürliche Wärme. Ich habe dergleichen in Pau nicht gehabt ...« + +In diesem Augenblick trat Ida Jungmann, die kleine Erika an der Hand, +ins Zimmer. Das Kind stak in einem frisch gesteiften Kattunkleidchen, +verbreitete einen Geruch von Stärke und Seife und sah sehr drollig aus. +Es hatte ganz die rosige Gesichtsfarbe und die Augen des Herrn Grünlich; +aber die Oberlippe war diejenige Tonys. + +Die gute Ida war schon ganz grau, beinahe weiß, obgleich sie kaum die +Vierzig überschritten hatte. Aber das lag in ihrer Familie; auch der +Onkel, welcher am Schluckauf zugrunde gegangen war, hatte mit dreißig +Jahren schon weißes Haar gehabt; übrigens blickten ihre kleinen braunen +Augen treu, frisch und aufmerksam. Sie war nun zwanzig Jahre bei +Buddenbrooks und empfand mit Stolz ihre Unentbehrlichkeit. Sie führte +die Aufsicht über Küche, Speisekammer, Wäscheschränke und Porzellan, sie +machte die wichtigeren Einkäufe, sie las der kleinen Erika vor, machte +ihr Puppenkleider, arbeitete mit ihr und holte sie, bewaffnet mit einem +Paket von belegtem Franzbrot, mittags von der Schule ab, um mit ihr auf +dem Mühlenwall spazieren zu gehen. Jede Dame sagte zur Konsulin +Buddenbrook oder ihrer Tochter: »Was für eine Mamsell haben Sie, Liebe! +Gott, die Person ist goldeswert, was ich Ihnen sage! Zwanzig Jahre!... +und sie wird mit sechzig und länger noch rüstig sein! Diese knochigen +Leute ... und dann die treuen Augen! Ich beneide Sie, -- Liebe!« Aber +Ida Jungmann hielt auch auf sich. Sie wußte, wer sie war, und wenn auf +dem Mühlenwall sich ein gewöhnliches Dienstmädchen mit ihrem Zögling auf +derselben Bank niederließ und von gleich zu gleich ein Gespräch beginnen +wollte, so sagte Mamsell Jungmann: »Erikachen, hier zieht's«, und ging +von dannen. + +Tony zog ihre kleine Tochter zu sich heran und küßte sie auf eine der +rosigen Bäckchen, worauf die Konsulin ihr mit etwas zerstreutem Lächeln +die Handfläche entgegenstreckte ... denn sie beobachtete ängstlich den +Himmel, der dunkler und dunkler wurde. Ihre linke Hand fingerte nervös +auf dem Sofapolster, und ihre hellen Augen wanderten unruhig seitwärts +zum Fenster. + +Erika durfte sich neben die Großmutter setzen, und Ida nahm, ohne die +Rückenlehne zu benützen, auf einem Sessel Platz und begann zu häkeln. So +saßen alle eine Weile schweigend und warteten auf den Konsul. Die Luft +war dumpf. Draußen war das letzte Stück Blau verschwunden, und tief, +schwer und trächtig hing der dunkelgraue Himmel hernieder. Die Farben +des Zimmers, die Tinten der Landschaften auf den Tapeten, das Gelb der +Möbel und der Vorhänge, waren erloschen, die Nuancen in Tonys Kleide +spielten nicht mehr, und die Augen der Menschen waren ohne Glanz. Und +der Wind, der Westwind, der eben noch drüben in den Bäumen auf dem +Marienkirchhof gespielt hatte und den Staub auf der dunklen Straße in +kleinen Wirbeln umhergetrieben hatte, regte sich nicht mehr. Es war +einen Augenblick vollkommen still. + +Da, plötzlich, trat dieser Moment ein ... ereignete sich etwas +Lautloses, Erschreckendes. Die Schwüle schien verdoppelt, die Atmosphäre +schien einen, sich binnen einer Sekunde rapide steigernden Druck +auszuüben, der das Gehirn beängstigte, das Herz bedrängte, die Atmung +verwehrte ... drunten flatterte eine Schwalbe so dicht über der Straße, +daß ihre Flügel das Pflaster schlugen ... Und dieser unentwirrbare +Druck, diese Spannung, diese wachsende Beklemmung des Organismus wäre +unerträglich geworden, wenn sie den geringsten Teil eines Augenblicks +länger gedauert hätte, wenn nicht auf ihrem sofort erreichten Höhepunkt +eine Abspannung, ein Überspringen stattgefunden hätte ... ein kleiner, +erlösender Bruch, der sich unhörbar irgendwo ereignete und den man +gleichwohl zu hören glaubte ... wenn nicht in demselben Moment, fast +ohne daß ein Tropfenfall vorhergegangen wäre, der Regen +herniedergebrochen wäre, daß das Wasser im Rinnstein schäumte und auf +dem Bürgersteig hoch emporsprang ... + +Thomas, durch Krankheit daran gewöhnt, die Kundgebungen seiner Nerven zu +beobachten, hatte sich in dieser seltsamen Sekunde vorgebeugt, eine +Handbewegung nach dem Kopfe gemacht und die Zigarette fortgeworfen. Er +sah im Kreise umher, ob auch die anderen es gefühlt und beachtet hätten. +Er glaubte etwas bei seiner Mutter bemerkt zu haben; den übrigen schien +nichts bewußt geworden zu sein. Jetzt blickte die Konsulin in den dicken +Regen hinaus, der die Marienkirche völlig verhüllte, und seufzte: »Gott +sei Dank.« + +»So«, sagte Tom. »Das kühlt in zwei Minuten. Nun werden draußen die +Tropfen an den Bäumen hängen, und wir werden in der Veranda Kaffee +trinken. Thilda, mach' mal das Fenster auf.« + +Das Geräusch des Regens drang stärker herein. Er lärmte förmlich. Alles +rauschte, plätscherte, rieselte und schäumte. Der Wind war wieder +aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerriß ihn +und trieb ihn umher. Jede Minute brachte neue Kühlung. + +Da kam Line, das Folgmädchen Line im Laufschritt durch die Säulenhalle +und fuhr so heftig ins Zimmer herein, daß Ida Jungmann beschwichtigend +und vorwurfsvoll ausrief: »Gott, ich sage!...« + +Lines ausdruckslose blaue Augen waren weit aufgerissen, und ihre +Kinnbacken arbeiteten eine Weile vergebens ... + +»Ach, Fru Konsulin, ach nee, nu kamen's man flink ... ach Gottes nee, +wat heww ick mi verfiert ...!« + +»Gut«, sagte Tony, »nun hat sie wieder Stücke gemacht! Wahrscheinlich +aus gutem Porzellan! Nein, Mama, dein Personal ...!« + +Aber das Mädchen stieß geängstigt hervor: »Ach nee, Ma'm' Grünlich ... +un wenn es dat man wier ... öäwer dat is mit den Herrn, und ick wollt +man die Stiefel bringen, un doar sitt Herr Kunsel doar upp'm Lehnstaul +und kann nich reden und kiemt man immer bloß so, un ick glöw, dat geht +nich gaut, denn Herr Kunsel is ook goar tau geel ...« + +»Zu Grabow!« schrie Thomas und drängte sie zur Tür hinaus. + +»Mein Gott! O mein Gott!« rief die Konsulin, indem sie die Hände neben +ihrem Gesichte faltete und hinauseilte ... + +»Zu Grabow ... mit einem Wagen ... sofort!« wiederholte Tony atemlos. + +Man flog die Treppe hinunter, durchs Frühstückszimmer, ins Schlafzimmer. + +Aber Johann Buddenbrook war schon tot. + + + + +Fünfter Teil + + +Erstes Kapitel + +»Guten Abend, Justus«, sagte die Konsulin. »Geht es dir gut? Nimm +Platz.« + +Konsul Kröger umarmte sie zart und flüchtig und schüttelte seiner +ältesten Nichte die Hand, die gleichfalls im Eßsaale zugegen war. Er +zählte nun ungefähr fünfundfünfzig Jahre und hatte sich zu seinem +kleinen Schnurrbart einen starken runden Backenbart wachsen lassen, der +das Kinn frei ließ und ganz grau war. Über seine breite und rosige +Glatze waren sorgfältig ein paar spärliche Haarstreifen frisiert. Ein +breiter Trauerflor saß an dem Ärmel seines eleganten Leibrockes. + +»Weißt du das Neueste, Bethsy?« fragte er. »Ja, Tony, dich wird es +besonders interessieren. Kurz, unser Grundstück vorm Burgtor ist nun +verkauft ... an wen? Nicht etwa an =einen= Mann, sondern an zwei, denn +es wird geteilt, das Haus wird abgebrochen, ein Zaun quer +hindurchgezogen, und dann baut sich rechts Kaufmann Benthien und links +Kaufmann Sörenson eine Hundehütte ... nun, Gott befohlen.« + +»Unerhört«, sagte Frau Grünlich, indem sie die Hände im Schoße faltete +und zum Plafond emporblickte ... »Großvaters Grundstück! Gut, damit ist +das Besitztum verpfuscht. Der Reiz bestand gerade in der Weitläufigkeit +... die eigentlich überflüssig war ... aber das war das Vornehme. Der +große Garten ... bis zur Trave hinunter ... und das zurückliegende Haus +mit der Auffahrt, der Kastanienallee ... Nun wird es also geteilt. +Benthien wird vor der einen Tür stehen und seine Pfeife rauchen, und +Sörenson vor der anderen. Ja, ich sage auch `Gott befohlen´, Onkel +Justus. Es ist wohl niemand mehr vornehm genug, um das Ganze zu +bewohnen. Gut, daß Großpapa es nicht mehr zu sehen bekommt ...« + +Die Trauerstimmung lag noch zu schwer und ernst in der Luft, als daß +Tony ihrer Entrüstung in lauteren und stärkeren Worten hätte Ausdruck +geben mögen. Es war am Tage der Testamentseröffnung, zwei Wochen nach +des Konsuls Ableben, nachmittags halb sechs Uhr. Die Konsulin +Buddenbrook hatte ihren Bruder in die Mengstraße gebeten, damit er sich +mit Thomas und Herrn Marcus, dem Prokuristen, an einer Unterredung über +die Verfügungen des Verstorbenen und die Vermögensverhältnisse +beteilige, und Tony hatte den Entschluß kundgetan, gleichfalls an den +Auseinandersetzungen teilzunehmen. Dieses Interesse, hatte sie gesagt, +sei sie der Firma sowohl wie der Familie schuldig, und sie trug Sorge, +dieser Zusammenkunft den Charakter einer Sitzung, eines Familienrates zu +verleihen. Sie hatte die Fenstervorhänge geschlossen und trotz der +beiden Paraffinlampen, die auf dem ausgezogenen, grüngedeckten +Speisetisch brannten, zum Überfluß sämtliche Kerzen auf den großen +vergoldeten Kandelabern entzündet. Außerdem hatte sie auf der Tafel eine +Menge Schreibpapiers und gespitzter Bleistifte verteilt, von denen +niemand wußte, wozu sie eigentlich gebraucht werden sollten. + +Das schwarze Kleid gab ihrer Gestalt eine mädchenhafte Schlankheit, und +obgleich sie den Tod des Konsuls, dem sie während der letzten Zeit so +herzlich nahegestanden, vielleicht von allen am schmerzlichsten empfand, +obgleich sie noch heute bei dem Gedanken an ihn zweimal in bittere +Tränen ausgebrochen war, vermochte die Aussicht auf diesen kleinen +Familienrat, diese kleine ernsthafte Unterredung, an der sie mit Würde +teilzunehmen gedachte, ihre hübschen Wangen zu röten, ihren Blick zu +beleben, ihren Bewegungen Freude und Wichtigkeit zu geben ... Die +Konsulin dagegen, ermattet vom Schrecken, vom Schmerz, von tausend +Trauerformalitäten und den Begräbnisfeierlichkeiten, sah leidend aus. +Ihr Gesicht, von den schwarzen Spitzen der Haubenbänder umrahmt, +erschien noch bleicher dadurch, und ihre hellblauen Augen blickten matt. +In ihrem glattgescheitelten, rotblonden Haar aber war noch immer kein +einziges weißes Fädchen zu sehen ... War auch dies noch die Pariser +Tinktur oder schon die Perücke? Das wußte Mamsell Jungmann allein, und +sie würde es nicht einmal den Damen des Hauses verraten haben. + +Man saß am Ende des Speisetisches und wartete, daß Thomas und Herr +Marcus aus dem Kontor kämen. Weiß und stolz hoben sich die gemalten +Götterbilder auf ihren Sockeln von dem himmelblauen Hintergrunde ab. + +Die Konsulin sagte: »Die Sache ist diese, mein lieber Justus ... ich +habe dich bitten lassen ... kurz zu sein, es handelt sich um Klara, das +Kind. Mein lieber seliger Jean hat die Wahl eines Vormundes, dessen die +Dirn noch während dreier Jahre bedarf, mir überlassen ... Ich weiß, du +liebst es nicht, mit Verpflichtungen überhäuft zu werden; du hast +Pflichten gegen deine Frau, gegen deine Söhne ...« + +»Gegen meinen Sohn, Bethsy.« + +»Gut, gut, wir sollen christlich und barmherzig sein, Justus. Wie wir +vergeben unseren Schuldigern, heißt es. Gedenke unseres gnädigen Vaters +im Himmel.« + +Ihr Bruder sah sie ein wenig verwundert an. Man hatte bisher nur aus des +verstorbenen Konsuls Munde solche Redewendungen vernommen ... + +»Genug!« fuhr sie fort, »es sind so gut wie keine Mühseligkeiten mit +diesem Liebesamte verbunden ... Ich möchte dich bitten, die +Vormundschaft zu übernehmen.« + +»Gern, Bethsy, wahrhaftig, das tu ich gern. Darf ich mein Mündel nicht +sehen? Ein bißchen zu ernst das gute Kind ...« + +Klara ward gerufen. Schwarz und bleich erschien sie langsam, mit traurig +zurückhaltenden Bewegungen. Sie hatte die Zeit nach ihres Vaters Tode +fast unaufhörlich mit Beten auf ihrem Zimmer verbracht. Ihre dunklen +Augen waren unbeweglich; sie schien erstarrt in Schmerz und +Gottesfurcht. + +Onkel Justus, galant wie er war, schritt ihr entgegen und verbeugte sich +beinahe, als er ihr die Hand drückte; dann richtete er einige +wohlgesetzte Worte an sie, und sie ging wieder, nachdem sie von der +Konsulin einen Kuß auf ihre unbeweglichen Lippen entgegengenommen hatte. + +»Wie geht es dem guten Jürgen?« begann die Konsulin aufs neue. »Wie +fühlt er sich in Wismar?« + +»Gut«, antwortete Justus Kröger, indem er sich mit einem Achselzucken +wieder niedersetzte ... »Ich glaube, er hat nun seinen Platz gefunden. +Er ist ein braver Junge, Bethsy, ein Junge von Ehre; aber ... nachdem +ihm das Examen zweimal mißglückt, war es das beste ... Die Jurisprudenz +machte ihm selbst keinen Spaß, und die Position an der Post in Wismar +ist ganz akzeptabel ... Sage mal, ich höre, dein Christian kommt?« + +»Ja, Justus, er wird kommen, und Gott behüte ihn auf der See! Ach, es +dauert so fürchterlich lange! Obgleich ich ihm am nächsten Tage nach +Jeans Tode geschrieben habe, hat er den Brief noch lange nicht, und dann +braucht er mit dem Segelschiff noch ungefähr zwei Monate. Aber er muß +kommen, ich habe so sehr das Bedürfnis, Justus! Tom sagte zwar, Jean +würde es niemals zugegeben haben, daß er seine Stelle in Valparaiso +fahren läßt ... aber ich bitte dich: acht Jahre beinahe, daß ich ihn +nicht gesehen habe! Und dann unter diesen Umständen! Nein, ich will sie +alle um mich haben in dieser schweren Zeit ... das ist natürlich für +eine Mutter ...« + +»Sicherlich, sicherlich!« sagte Konsul Kröger, denn ihr kamen die +Tränen. + +»Jetzt ist auch Thomas einverstanden«, fuhr sie fort, »denn wo ist +Christian besser aufgehoben als in dem Geschäft seines seligen Vaters, +in Toms Geschäft? Er kann hierbleiben, hier arbeiten ... ach, ich bin +auch beständig in Angst, daß ihm dort drüben das Klima ein Übel tut ...« + +Nun kam, begleitet von Herrn Marcus, Thomas Buddenbrook in den Saal. +Friedrich Wilhelm Marcus, des verstorbenen Konsuls langjähriger +Prokurist, war ein hochgewachsener Mann in braunem Schoßrock mit +Trauerflor. Er sprach sehr leise, zögernd, ein wenig stotternd, jedes +Wort eine Sekunde lang überlegend, und pflegte mit dem gerade +ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger seiner Linken langsam und +vorsichtig über seinen rotbraunen, ungepflegt den Mund bedeckenden +Schnurrbart zu streichen oder sich mit Sorgfalt die Hände zu reiben, +wobei er seine runden, braunen Augen so bedächtig zur Seite wandern +ließ, daß er den Eindruck völliger Konfusion und Abwesenheit machte, +obgleich er stets aufmerksam prüfend bei der Sache war. + +Thomas Buddenbrook, in so jungen Jahren bereits der Chef des großen +Handelshauses, legte in Miene und Haltung ein ernstes Würdegefühl an +den Tag; aber er war bleich, und seine Hände im besonderen, an deren +einer nun der große Erbsiegelring mit grünem Steine glänzte, waren weiß +wie die Manschetten, die aus den schwarzen Tuchärmeln hervorsahen, von +einer frostigen Blässe, die erkennen ließ, daß sie vollkommen trocken +und kalt waren. Diese Hände, deren schön gepflegte ovale Fingernägel +dazu neigten, eine bläuliche Färbung zu zeigen, konnten in gewissen +Augenblicken, in gewissen, ein wenig krampfhaften und unbewußten +Stellungen einen unbeschreiblichen Ausdruck von abweisender +Empfindsamkeit und einer beinahe ängstlichen Zurückhaltung annehmen, +einen Ausdruck, der den ziemlich breiten und bürgerlichen, wenn auch +fein gegliederten Händen der Buddenbrooks bis dahin fremd gewesen war +und wenig zu ihnen paßte ... Toms erste Sorge war, die Flügeltür zum +Landschaftszimmer zu öffnen, um die Wärme des Ofens, der dort hinter dem +schmiedeeisernen Gitter brannte, dem Saale zugute kommen zu lassen. + +Dann wechselte er einen Händedruck mit Konsul Kröger und nahm, Herrn +Marcus gegenüber, Platz an der Tafel, wobei er seine Schwester Tony mit +erhobener Augenbraue ziemlich verwundert ansah. Aber sie legte in einer +Weise den Kopf zurück und das Kinn auf die Brust, daß er jede Bemerkung +über ihre Gegenwart unterdrückte. + +»Also man darf noch nicht `Herr Konsul´ sagen?« fragte Justus Kröger ... +»Die Niederlande hoffen vergebens auf deine Vertretung, alter Tom?« + +»Ja, Onkel Justus; ich habe es für besser gehalten ... sieh mal, ich +hätte das Konsulat sofort übernehmen können, mit so manch anderer +Verpflichtung; aber erstens bin ich noch ein bißchen jung ... und dann +habe ich mit Onkel Gotthold gesprochen; er freute sich und akzeptierte.« + +»Sehr vernünftig, mein Junge. Sehr politisch ... Vollkommen +_gentlemanlike_.« + +»Herr Marcus«, sagte die Konsulin, »mein lieber Herr Marcus!« Und sie +reichte ihm die Hand, deren Fläche sie ganz weit herumdrehte, und die er +langsam, mit einem bedächtigen und verbindlichen Seitenblick +entgegennahm. »Ich habe Sie heraufgebeten ... Sie wissen, um was es +sich handelt, und ich weiß, daß Sie einig mit uns sind. Mein seliger +Mann hat in seinen letztwilligen Verfügungen den Wunsch ausgesprochen, +Sie möchten nach seinem Heimgang Ihre treue, bewährte Kraft nicht länger +als fremder Mitarbeiter, sondern als Teilhaber in den Dienst der Firma +stellen ...« + +»Gewiß, allerdings Frau Konsulin«, sprach Herr Marcus. »Ich bitte +ergebenst, überzeugt zu sein, daß ich die Ehrung meiner Person, welche +in diesem Anerbieten liegt, mit Dankbarkeit zu schätzen weiß, denn die +Mittel, welche ich der Firma entgegenzubringen vermag, sind nur allzu +geringe. Ich weiß vor Gott und den Menschen nichts Besseres zu tun, als +Ihre und Ihres Herrn Sohnes Offerte dankbarst zu akzeptieren.« + +»Ja, Marcus, dann danke ich Ihnen herzlich für Ihre Bereitwilligkeit, +einen Teil der großen Verantwortlichkeit zu übernehmen, die für mich +vielleicht zu schwer wäre.« Dies sprach Thomas schnell und leichthin, +indem er seinem Associé über den Tisch hinüber die Hand reichte, denn +die beiden waren längst einig, und dies alles war Formalität. + +»Kumpanie is Lumperie ... na, Sie beide werden den Schnack ja wohl +zuschanden machen!« sagte Konsul Kröger. »Und nun wollen wir die +Verhältnisse mal durchgehen, Kinder. Ich habe hier bloß auf die Mitgift +meines Mündels zu achten; das übrige ist mir egal. Hast du eine Kopie +des Testamentes da, Bethsy? Und du, Tom, einen kleinen Überschlag?« + +»Den habe ich im Kopf«, sagte Thomas und begann, während er sein goldnes +Crayon auf der Tischplatte hin und her bewegte und, zurückgelehnt, +ins Landschaftszimmer hinüberblickte, den Stand der Dinge +auseinanderzusetzen ... + +Die Sache war die, daß des Konsuls hinterlassenes Vermögen +beträchtlicher war, als irgendein Mensch geglaubt hatte. Die Mitgift +seiner ältesten Tochter freilich war verlorengegangen, die Einbuße, die +die Firma gelegentlich des Bremer Konkurses im Jahre 51 erlitten, war +ein schwerer Schlag gewesen. Und auch das Jahr 48 sowie das gegenwärtige +Jahr 55 mit ihren Unruhen und Kriegsläuften hatten Verluste gebracht. +Aber der Buddenbrooksche Anteil an der Krögerschen Hinterlassenschaft +von 400000 Kurantmark hatte, da Justus eine Menge im voraus verbraucht, +volle 300000 betragen, und obgleich Johann Buddenbrook nach Kaufmannsart +beständig geklagt hatte, war den Verlusten doch durch einen etwa +fünfzehnjährigen Verdienst von 30000 Talern Kurant die Waage gehalten +worden. Das Vermögen also betrug, abgesehen von jedem Grundbesitz, in +runder Zahl 750000 Mark Kurant. + +Selbst Thomas war, bei aller Einsicht in den Geschäftsgang, von seinem +Vater über diese Höhe im unklaren gelassen worden, und während die +Konsulin mit ruhiger Diskretion die Zahl entgegennahm, während Tony mit +einer allerliebsten und verständnislosen Würde geradeaus blickte und +dennoch einen ängstlichen Zweifel aus ihrer Miene nicht verbannen +konnte, welcher ausdrückte: Ist das auch viel? Sehr viel? Sind wir auch +reiche Leute?... während Herr Marcus sich langsam und anscheinend +zerstreut die Hände rieb und Konsul Kröger sich ersichtlich langweilte, +erfüllte ihn selbst diese Zahl, die er aussprach, mit einem nervösen und +treibenden Stolz, der sich beinahe wie Unmut ausnahm. + +»Wir müßten längst die Million erreicht haben!« sagte er mit vor +Erregung gepreßter Stimme, indes seine Hände zitterten ... »Großvater +hat in seiner besten Zeit schon 900000 zur Verfügung gehabt ... Und +welche Anstrengungen seitdem, welch hübscher Erfolg, welche guten Coups +hie und da! Und Mamas Mitgift! Mamas Erbe! Ach, aber die beständige +Zersplitterung ... Mein Gott, sie liegt in der Natur der Dinge; +verzeiht, wenn ich in diesem Augenblick allzu ausschließlich im Sinne +der Firma rede und wenig familiär ... Diese Mitgiften, diese +Auszahlungen an Onkel Gotthold und nach Frankfurt, diese +Hunderttausende, die dem Betrieb entzogen werden mußten ... Und das +waren damals nur =zwei= Geschwister des Firmenchefs ... Genug, wir +werden zu tun bekommen, Marcus!« + +Die Sehnsucht nach Tat, Sieg und Macht, die Begier, das Glück auf die +Knie zu zwingen, flammte kurz und heftig in seinen Augen auf. Er fühlte +die Blicke aller Welt auf sich gerichtet, erwartungsvoll, ob er das +Prestige der Firma, der alten Familie zu fördern und auch nur zu wahren +wissen werde. An der Börse begegnete er diesen musternden Seitenblicken +aus alten jovialen, skeptischen und ein bißchen mokanten +Geschäftsmannsaugen, welche zu fragen schienen: »Wirst de Saak ook +unnerkregen, min Söhn?« Ich werde es, dachte er ... + +Friedrich Wilhelm Marcus rieb sich bedächtig die Hände, und Justus +Kröger sagte: + +»Na, ruhig Blut, alter Tom! Die Zeiten sind nicht mehr wie damals, als +dein Großpapa preußischer Heereslieferant war.« -- + +Und nun begann ein ausführliches Gespräch über die großen und kleinen +Anordnungen des Testamentes, ein Gespräch, an dem sich alle beteiligten, +und in welchem Konsul Kröger die gute Laune vertrat, indem er von Thomas +beständig als von »Seiner Hoheit dem nunmehr regierenden Fürsten« +sprach. »Der Speicher-Grundbesitz bleibt der Tradition gemäß ohne +weiteres bei der Krone«, sagte er. + +Im übrigen gingen, wie sich versteht, die Bestimmungen dahin, daß alles +nach Möglichkeit beisammengelassen werden sollte, daß Frau Elisabeth +Buddenbrook im Prinzip Universalerbin sei und das ganze Vermögen im +Geschäfte verbleibe, wobei Herr Marcus konstatierte, daß er das +Betriebskapital als Teilhaber um 120000 Kurant verstärke. Für Thomas +waren als vorläufiges Privatvermögen 50000 ausgesetzt und die gleiche +Summe für Christian, in dem Falle, daß er sich selbständig etabliere. +Justus Kröger war eifrig bei der Sache, als der Passus verlesen ward: +»Die Fixierung der Mitgiftsumme für meine inniggeliebte jüngere Tochter +Klara im Falle ihrer Verehelichung überlasse ich dem Ermessen meiner +inniggeliebten Frau« ... »Sagen wir 100000!« schlug er vor, indem er +sich zurücklehnte, ein Bein über das andere schlug und mit beiden Händen +seinen kurzen grauen Schnurrbart empordrehte. Er war die Kulanz selbst. +Aber man setzte die hergebrachte Summe von 80000 Kurantmark fest. + +»Im Falle einer abermaligen Verheiratung meiner inniggeliebten ältesten +Tochter Antonie«, hieß es weiter, »darf, angesichts der Tatsache, daß +bereits an ihre erste Ehe 80000 Kurantmark gewendet worden, als +Aussteuer die Summe von 17000 Talern Kurant nicht überschritten +werden ...« Frau Antonie bewegte mit ebenso graziöser wie erregter Geste +die Arme nach vorn, um die Ärmel der Taille zurückzuschieben, und sie +blickte zur Decke empor, indem sie ausrief: »=Grünlich -- ha!=« Es klang +wie ein Kriegsruf, wie ein kleiner Trompetenstoß. »Wissen Sie +eigentlich, wie es sich mit dem Manne verhält, Herr Marcus?« fragte sie. +»Wir sitzen eines harmlosen Nachmittags im Garten ... vorm Portal ... +Sie wissen, Herr Marcus: unser Portal. -- Gut! Wer erscheint? Eine +Person mit einem goldfarbenen Backenbart ... Was für ein Filou!...« + +»So«, sagte Thomas. »Wir reden nachher von Herrn Grünlich, nicht wahr?« + +»Gut, gut; aber das wirst du mir zugeben, Tom, du bist ein kluger +Mensch, und die Erfahrung habe ich gemacht, weißt du, obgleich ich vor +kurzer Zeit noch so sehr einfältig war, nämlich daß im Leben nicht alles +immer mit ehrlichen und gerechten Dingen zugeht« ... + +»Ja ...«, sagte Tom. Und man fuhr fort, man ging ins Detail, man nahm +Kenntnis von den Bestimmungen über die große Familienbibel, über des +Konsuls Diamantknöpfe, über viele einzelne Dinge ... Justus Kröger und +Herr Marcus blieben zum Abendbrot. + + +Zweites Kapitel + +Zu Beginn des Februar 1856, nach achtjähriger Abwesenheit, kehrte +Christian Buddenbrook in die Vaterstadt zurück. Er kam, in einem gelben +und großkarierten Anzug, der durchaus etwas Tropisches an sich hatte, +mit der Postkutsche von Hamburg, brachte den Schnabel eines +Schwertfisches und ein großes Zuckerrohr mit und nahm in halb +zerstreuter, halb verlegener Haltung die Umarmungen der Konsulin +entgegen. + +Diese Haltung bewahrte er auch, als gleich am nächsten Vormittag nach +seiner Ankunft die Familie vors Burgtor hinaus zum Friedhofe ging, um +auf dem Grabe einen Kranz niederzulegen. Sie standen alle beieinander +auf dem verschneiten Wege vor der umfangreichen Platte, auf welcher die +Namen der hier Ruhenden das in Stein gearbeitete Wappen der Familie +umgaben ... vor dem aufrechten Marmorkreuz, das sich an den Rand des +kleinen, winterlich kahlen Friedhofgehölzes lehnte: Alle, ausgenommen +Klothilde, die auf »Ungnade« weilte, um ihren kranken Vater zu pflegen. + +Tony legte den Kranz auf den in goldenen Buchstaben frisch in die Platte +eingelassenen Namen des Vaters und kniete dann trotz des Schnees am +Grabe nieder, um leise zu beten; der schwarze Schleier umspielte sie, +und ihr weiter Kleiderrock lag ein wenig malerisch schwungvoll neben ihr +ausgebreitet. Gott allein wußte, wieviel Schmerz und Religiosität, und +andererseits wieviel Selbstgefälligkeit einer hübschen Frau in dieser +hingegossenen Stellung lag. Thomas war nicht in der Stimmung, darüber +nachzudenken. Christian aber blickte seine Schwester mit einem +Mischausdruck von Moquerie und Ängstlichkeit von der Seite an, als +wollte er sagen: »Wirst du das auch verantworten können? Wirst du auch +nicht verlegen werden, wenn du aufstehst? Wie unangenehm!« Tony fing +diesen Blick auf, als sie sich erhob; aber sie geriet durchaus nicht in +Verlegenheit. Sie legte den Kopf zurück, ordnete Schleier und Rock und +wandte sich mit würdevoller Sicherheit zum Gehen, was Christian +sichtlich erleichterte. + +War der verstorbene Konsul, mit seiner schwärmerischen Liebe zu Gott und +dem Gekreuzigten, der erste seines Geschlechtes gewesen, der +unalltägliche, unbürgerliche und differenzierte Gefühle gekannt und +gepflegt hatte, so schienen seine beiden Söhne die ersten Buddenbrooks +zu sein, die vor dem freien und naiven Hervortreten solcher Gefühle +empfindlich zurückschreckten. Sicherlich hatte Thomas mit reizbarerer +Schmerzfähigkeit den Tod seines Vaters erlebt, als etwa sein Großvater +den Verlust des seinen. Dennoch pflegte er nicht am Grabe in die Knie zu +sinken, hatte er sich niemals, wie seine Schwester Tony, über den Tisch +geworfen, um zu schluchzen wie ein Kind, empfand er als im höchsten +Grade peinlich, die großen, mit Tränen gemischten Worte, mit denen +Madame Grünlich zwischen Braten und Nachtisch die Charaktereigenschaften +und die Person des toten Vaters zu feiern liebte. Solchen Ausbrüchen +gegenüber hatte er einen taktvollen Ernst, ein gefaßtes Schweigen, ein +zurückhaltendes Kopfnicken ... und gerade dann, wenn niemand des +Verstorbenen erwähnt oder gedacht hatte, füllten sich, ohne daß sein +Gesichtsausdruck sich verändert hätte, langsam seine Augen mit Tränen. + +Es war anders mit Christian. Er vermochte bei den naiven und kindlichen +Ergüssen seiner Schwester schlechterdings nicht, seine Haltung zu +bewahren; er bückte sich über seinen Teller, wandte sich ab, zeigte das +Bedürfnis, sich zu verkriechen und unterbrach sie mehrere Male sogar mit +einem leisen und gequälten: »Gott ... Tony ...«, wobei seine große Nase +in unzählige Fältchen gezogen war. + +Ja, er legte Unruhe und Verlegenheit an den Tag, sobald das Gespräch +sich dem Verstorbenen zuwandte, und es schien, als ob er nicht nur die +undelikaten Äußerungen tiefer und feierlicher Gefühle, sondern auch die +Gefühle selbst fürchtete und mied. + +Man hatte ihn noch keine Träne über den Tod des Vaters vergießen sehen. +Die lange Entwöhnung allein erklärte dies nicht. Das Merkwürdige aber +war, daß er, im Gegensatze zu seinem sonstigen Widerwillen gegen +derartige Gespräche, immer wieder seine Schwester Tony ganz allein +beiseite nahm, um sich von ihr die Vorgänge jenes fürchterlichen +Sterbenachmittages so recht anschaulich und im einzelnen erzählen zu +lassen: denn Madame Grünlich erzählte am lebhaftesten. + +»Also gelb sah er aus?« fragte er zum fünften Male ... »Was schrie das +Mädchen, als es zu euch hereinstürzte?... Er sah also ganz gelb aus?... +Und hat nichts mehr sagen können, bevor er starb?... Was sagte das +Mädchen? Wie hat er nur noch machen können? `Ua ... ua´?...« Er schwieg, +schwieg lange Zeit, indes seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen +schnell und gedankenvoll im Zimmer umherirrten. »=Gräßlich=«, sagte er +plötzlich, und man sah, daß ein Schauer ihn überlief, während er +aufstand. Und immer mit unruhigen und grübelnden Augen ging er auf und +nieder, während Tony sich wunderte, daß ihr Bruder, der sich aus +unbegreiflichen Gründen zu schämen schien, wenn sie laut den Vater +betrauerte, mit einer Art schauerlicher Nachdenklichkeit ganz laut die +Todeslaute desselben wiederholen mochte, die er mit vieler Mühe von +Line, dem Mädchen, erfragt hatte ... + +Christian hatte sich durchaus nicht verschönt. Er war hager und bleich. +Die Haut umspannte überall straff seinen Schädel, zwischen den +Wangenknochen sprang die große, mit einem Höcker versehene Nase scharf +und fleischlos hervor, und das Haupthaar war schon merklich gelichtet. +Sein Hals war dünn und zu lang, und seine mageren Beine zeigten eine +starke Krümmung nach außen ... Übrigens schien sein Londoner Aufenthalt +ihn am nachhaltigsten beeinflußt zu haben, und da er auch in Valparaiso +am meisten mit Engländern verkehrt hatte, so hatte seine ganze +Erscheinung etwas Englisches angenommen, was nicht übel zu ihr paßte. Es +lag etwas davon in dem bequemen Schnitt und dem wolligen, durablen Stoff +seines Anzuges, in der breiten und soliden Eleganz seiner Stiefel und in +der Art, wie sein rotblonder, starker Schnurrbart mit etwas säuerlichem +Ausdruck ihm über den Mund hing. Ja selbst seine Hände, die von jenem +matten und porösen Weiß waren, wie die Hitze es hervorbringt, machten +mit ihren rund und kurz geschnittenen sauberen Nägeln aus irgendwelchen +Gründen einen englischen Eindruck. + +»Sage mal ...« fragte er unvermittelt, »kennst du das Gefühl ... es ist +schwer zu beschreiben ... wenn man einen harten Bissen verschluckt und +es tut hinten den ganzen Rücken hinunter weh?« Dabei war wieder seine +ganze Nase in straffe kleine Fältchen gezogen. + +»Ja«, sagte Tony, »das ist etwas ganz Gewöhnliches. Man trinkt einen +Schluck Wasser ...« + +»So?« erwiderte er unbefriedigt. »Nein, ich glaube nicht, daß wir +dasselbe meinen.« Und ein unruhiger Ernst bewegte sich auf seinem +Gesichte hin und her ... + +Dabei war er der erste, der im Hause eine freie und der Trauer +abgewandte Stimmung vertrat. Er hatte von der Kunst, den verstorbenen +Marcellus Stengel nachzuahmen, nichts verlernt und redete oft +stundenlang in seiner Sprache. Bei Tische erkundigte er sich nach dem +Stadttheater ... ob eine gute Truppe dort sei, was gespielt werde ... + +»Ich weiß nicht«, sagte Tom mit einer Betonung, die übertrieben +gleichgültig war, um nicht ungeduldig zu sein. »Ich kümmere mich jetzt +nicht darum.« + +Christian aber überhörte dies völlig und fing an, vom Theater zu +sprechen ... »Ich kann gar nicht sagen, wie gern ich im Theater bin! +Schon das Wort `Theater´ macht mich geradezu glücklich ... Ich weiß +nicht, ob jemand von euch dies Gefühl kennt? Ich könnte stundenlang +stillsitzen und den geschlossenen Vorhang ansehen ... Dabei freue ich +mich wie als Kind, wenn wir hier herein zur Weihnachtsbescherung gingen +... Schon das Stimmen der Orchesterinstrumente! Ich würde ins Theater +gehen, nur um =das= zu hören!... Besonders gern habe ich die +Liebesszenen ... Einige Liebhaberinnen verstehen es, den Kopf des +Liebhabers so zwischen beide Hände zu nehmen ... Überhaupt die +Schauspieler ... ich habe in London und auch in Valparaiso viel mit +Schauspielern verkehrt. Zu Anfang war ich wahrhaftig stolz, mit ihnen so +im ganz gewöhnlichen Leben sprechen zu können. Im Theater achte ich auf +jede ihrer Bewegungen ... das ist sehr interessant! Einer sagt sein +letztes Wort, dreht sich in aller Ruhe um und geht ganz langsam und +sicher und ohne Verlegenheit zur Tür, obgleich er weiß, daß die Augen +des ganzen Theaters auf seinem Rücken liegen ... wie man das kann!... +Früher habe ich mich fortwährend gesehnt, einmal hinter die Kulissen zu +kommen -- ja, jetzt bin ich da ziemlich zu Hause, das kann ich sagen. +Stellt euch vor ... in einem Operettentheater -- es war in London -- +ging eines Abends der Vorhang auf, als ich noch auf der Bühne stand ... +Ich unterhielt mich mit Miß Watercloose ... einem Fräulein Watercloose +... ein sehr hübsches Mädchen! Genug! plötzlich öffnet sich der +Zuschauerraum ... mein Gott, ich weiß nicht, wie ich von der Bühne +heruntergekommen bin!« + +Madame Grünlich lachte so ziemlich allein in der kleinen Tafelrunde; +aber Christian fuhr mit umherwandernden Augen zu sprechen fort. Er +sprach von englischen Kaffee-Konzertsängerinnen, er erzählte von einer +Dame, die mit einer gepuderten Perücke aufgetreten sei, mit einem langen +Stock auf die Erde gestoßen und ein Lied namens »_That's Maria_«! +gesungen habe ... »_Maria_, wißt ihr, _Maria_ ist die Schändlichste von +allen ... Wenn eine das Sündhafteste begangen hat: _that's Maria!_ +_Maria_ ist die =Allerschlimmste=, wißt ihr ... das Laster ...« Und das +letzte Wort sprach er mit abscheulichem Ausdruck, indem er die Nase +krauste und die rechte Hand mit gekrümmten Fingern erhob. + +»_Assez_, Christian!« sagte die Konsulin. »Dies interessiert uns +durchaus nicht.« + +Allein Christians Blick schweifte abwesend über sie hin, und er hätte +auch wohl ohne ihren Einwurf zu sprechen aufgehört, denn, während seine +kleinen, runden, tiefliegenden Augen rastlos wanderten, schien er in ein +tiefes, unruhiges Nachdenken über _Maria_ und das Laster versunken. + +Plötzlich sagte er: »Sonderbar ... manchmal kann ich nicht schlucken! +Nein, da ist nichts zu lachen; ich finde es furchtbar ernst. Mir fällt +ein, daß ich vielleicht nicht schlucken kann, und dann kann ich es +wirklich nicht. Der Bissen sitzt schon ganz hinten, aber dies hier, der +Hals, die Muskeln ... es versagt ganz einfach ... Es gehorcht dem Willen +nicht, wißt ihr. Ja, die Sache ist: ich wage nicht einmal, es ordentlich +zu wollen.« + +Tony rief ganz außer sich: »Christian! mein Gott, was für dummes Zeug! +Du wagst nicht, schlucken zu wollen ... Nein, du machst dich ja +lächerlich! Was erzählst du uns eigentlich alles ...!« + +Thomas schwieg. Die Konsulin aber sagte: »Das sind die Nerven, +Christian, ja, es war höchste Zeit, daß du nach Hause kamst; das Klima +drüben hätte dich noch krank gemacht.« -- + +Nach Tische setzte er sich an das kleine Harmonium, das im Eßsaale +stand, und machte einen Klaviervirtuosen. Er tat, als ob er sein Haar +zurückwürfe, rieb sich die Hände und blickte von unten herauf ins +Zimmer; dann, lautlos, ohne die Bälge zu treten, denn er konnte durchaus +nicht spielen und war überhaupt unmusikalisch wie die meisten +Buddenbrooks, begann er, emsig vornübergebeugt, den Baß zu bearbeiten, +vollführte wahnsinnige Passagen, warf sich zurück, blickte entzückt nach +oben und griff mit beiden Händen machtvoll und sieghaft in die Tasten +... Selbst Klara geriet ins Lachen. Sein Spiel war täuschend, voll von +Leidenschaft und Charlatanerie, voll von unwiderstehlicher Komik, die +den burlesken und exzentrischen englisch-amerikanischen Charakter trug +und weit entfernt war, einen Augenblick unangenehm zu berühren, denn er +selbst fühlte sich allzu wohl und sicher darin. + +»Ich bin immer sehr häufig in Konzerte gegangen«, sagte er; »ich sehe es +gar zu gern, wie die Leute sich mit ihren Instrumenten benehmen!... Ja, +es ist wahrhaftig wunderschön, ein Künstler zu sein!« + +Dann begann er von neuem. Plötzlich jedoch brach er ab. Ganz +unvermittelt wurde er ernst: so überraschend, daß es aussah, als ob eine +Maske von seinem Gesicht hinunterfiel; er stand auf, strich mit der Hand +durch sein spärliches Haar, begab sich an einen anderen Platz und blieb +dort, schweigsam, übellaunig, mit unruhigen Augen und einem +Gesichtsausdruck, als horche er auf irgendein unheimliches Geräusch. + +... »Manchmal finde ich Christian ein bißchen sonderbar«, sagte Madame +Grünlich eines Abends zu ihrem Bruder Thomas, als sie allein waren ... +»Wie spricht er eigentlich? Er geht so merkwürdig ins Detail, dünkt mich +... oder wie soll ich sagen! Er sieht die Dinge von einer so +fremdartigen Seite an, wie?...« + +»Ja«, sagte Tom, »ich verstehe recht wohl, was du meinst, Tony. +Christian ist herzlich indiskret ... es ist schwer, es auszudrücken. Ihm +fehlt etwas, was man das Gleichgewicht, das persönliche Gleichgewicht +nennen kann. Einerseits ist er nicht imstande, taktlosen Naivitäten +anderer Leute gegenüber die Fassung zu bewahren ... Er ist dem nicht +gewachsen, er versteht nicht, es zu vertuschen, er verliert ganz und gar +die Contenance ... Aber andererseits kann er auch in =der= Weise die +Contenance verlieren, daß er selbst in das unangenehmste Ausplaudern +gerät und sein Intimstes nach außen kehrt. Das mutet manchmal geradezu +unheimlich an. Ist es nicht, wie wenn einer im Fieber spricht? Dem +Phantasierenden fehlt in ganz derselben Weise die Haltung und die +Rücksicht ... Ach, die Sache ist ganz einfach die, daß Christian sich zu +viel mit sich selbst beschäftigt, mit den Vorgängen in seinem eignen +Inneren. Manchmal ergreift ihn eine wahre Manie, die kleinsten und +tiefsten dieser Vorgänge ans Licht zu ziehen und auszusprechen ... +Vorgänge, um die ein verständiger Mensch sich gar nicht bekümmert, von +denen er gar nichts wissen will, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil +er sich genieren würde, sie mitzuteilen. Es liegt so viel Schamlosigkeit +in solcher Mitteilerei, Tony!... Siehst du: auch ein anderer Mensch als +Christian mag sagen, daß er das Theater liebt; aber er wird es mit einem +anderen Akzent, beiläufiger, kurz: bescheidener sagen. Christian aber +sagt es mit einer Betonung, die bedeutet: Ist meine Schwärmerei für die +Bühne nicht etwas ungeheuer Merkwürdiges und Interessantes? Er kämpft +mit den Worten dabei, er tut, als ringe er danach, etwas ausbündig +Feines, Verborgenes und Seltsames zum Ausdruck zu bringen ...« + +»Ich will dir eines sagen«, fuhr er nach einer Pause fort, indem er +seine Zigarette durch die schmiedeeiserne Gittertür in den Ofen warf ... +»Ich selbst habe manchmal über diese ängstliche, eitle und neugierige +Beschäftigung mit sich selbst nachgedacht, denn ich habe früher +ebenfalls dazu geneigt. Aber ich habe gemerkt, daß sie zerfahren, +untüchtig und haltlos macht ... und die Haltung, das Gleichgewicht ist +für mich meinerseits die Hauptsache. Es wird immer Menschen geben, die +zu diesem Interesse an sich selbst, diesem eingehenden Beobachten ihrer +Empfindungen berechtigt sind, Dichter, die ihr bevorzugtes Innenleben +mit Sicherheit und Schönheit auszusprechen vermögen und damit die +Gefühlswelt der anderen Leute bereichern. Aber wir sind bloß einfache +Kaufleute, mein Kind; unsere Selbstbeobachtungen sind verzweifelt +unbeträchtlich. Wir können zur Not hervorbringen, daß das Stimmen von +Orchesterinstrumenten uns ein merkwürdiges Vergnügen macht, und daß wir +manchmal nicht wagen, schlucken zu wollen ... Ach, wir sollen uns +hinsetzen, zum Teufel, und etwas leisten, wie unsere Vorfahren etwas +geleistet haben ...« + +»Ja, Tom, du sprichst meine Ansicht aus. Wenn ich bedenke, daß diese +Hagenströms sich immer mehr aufnehmen ... O Gott, das =Geschmeiß=, weißt +du ... Mutter will das Wort nicht hören, aber es ist das einzig +richtige. Glauben sie vielleicht, daß es außer ihnen keine vornehmen +Familien mehr gibt in der Stadt? Ha! ich muß lachen, weißt du, ich muß +laut lachen ...!« + + +Drittes Kapitel + +Der Chef der Firma »Johann Buddenbrook« hatte seinen Bruder bei dessen +Ankunft mit einem längeren, prüfenden Blick gemessen, er hatte ihm +während der ersten Tage eine ganz unauffällige und beiläufige +Beobachtung zugewandt, und dann, ohne daß ein Urteil auf seinem ruhigen +und diskreten Gesicht zu lesen gewesen wäre, schien seine Neugier +befriedigt, seine Meinung abgeschlossen zu sein. Er sprach mit ihm im +Familienkreise mit gleichgültigem Tone über gleichgültige Dinge und +amüsierte sich wie die übrigen, wenn Christian irgendeine Vorstellung +gab ... + +Nach acht Tagen etwa sagte er zu ihm: »Wir werden also zusammen +arbeiten, mein Junge?... Soviel ich weiß, bist du mit Mamas Wunsch im +Einverständnis, nicht wahr?... Na, wie du weißt, ist Marcus mein +Kompagnon geworden, gegen die Quote, die seinem eingezahlten Vermögen +entspricht. Ich denke mir, daß du äußerlich, als mein Bruder, ungefähr +seinen früheren Platz einnehmen wirst, eine Prokuristenstellung ... +wenigstens repräsentativ ... Was deine Beschäftigung betrifft, so weiß +ich ja nicht, wie weit deine kaufmännischen Kenntnisse vorgeschritten +sind. Ich denke mir, daß du bislang ein bißchen gebummelt hast, wie?... +Jedenfalls wird dir in der Hauptsache die englische Korrespondenz am +meisten zusagen ... Dann aber muß ich dich um eines bitten, mein Lieber! +In deiner Eigenschaft als Bruder des Chefs nimmst du natürlich +tatsächlich unter den übrigen Angestellten eine bevorzugte Stellung ein +... aber ich brauche dir nicht zu sagen, nicht wahr, daß du ihnen viel +mehr durch Gleichstellung und energische Pflichterfüllung imponierst, +als indem du von Vorrechten Gebrauch machst und dir Freiheiten nimmst. +Also die Kontorstunden innehalten und immer die _dehors_ wahren, +wie?...« + +Und dann machte er ihm einen Vorschlag in betreff der Prokura, den +Christian ohne Besinnen und Handeln akzeptierte: mit einem verlegenen +und zerstreuten Gesicht, das von sehr wenig Habsucht und einem eifrigen +Bestreben zeugte, die Sache rasch zu erledigen. + +Am folgenden Tage führte Thomas ihn in die Kontors ein, und Christians +Tätigkeit im Dienste der alten Firma begann ... + +Die Geschäfte hatten nach dem Tode des Konsuls ihren ununterbrochenen +und soliden Gang genommen. Aber bald wurde bemerkbar, daß, seitdem +Thomas Buddenbrook die Zügel in Händen hielt, ein genialerer, ein +frischerer und unternehmenderer Geist den Betrieb beherrschte. Hie und +da ward etwas gewagt, hie und da ward der Kredit des Hauses, der unter +dem früheren _régime_ eigentlich bloß ein Begriff, eine Theorie, ein +Luxus gewesen war, mit Selbstbewußtsein angespannt und ausgenützt ... +Die Herren an der Börse nickten einander zu. »Buddenbrook will mit +_avec_ Geld verdienen«, sagten sie. Aber sie fanden es doch ganz gut, +daß Thomas den ehrenfesten Herrn Friedrich Wilhelm Marcus wie eine +Bleikugel am Fuße hinter sich drein zu ziehen hatte. Herrn Marcus' +Einfluß bildete das retardierende Moment im Gang der Geschäfte. Er +strich mit zwei Fingern sorgsam über seinen Schnurrbart, rückte mit +peinlicher Ordnungsliebe seine Schreibutensilien und das Glas Wasser +zurecht, das stets auf seinem Pulte stand, prüfte eine Sache mit +abwesendem Gesichtsausdruck von mehreren Seiten und hatte übrigens die +Gewohnheit, fünf- oder sechsmal während der Kontorzeit hinaus auf den +Hof und in die Waschküche zu gehen, um seinen ganzen Kopf unter den +Strahl der Wasserleitung zu halten und sich so zu erfrischen. + +»Die beiden ergänzen sich«, sagten die Chefs der größeren Häuser +zueinander: Konsul Huneus vielleicht zu Konsul Kistenmaker; und unter +Schiffsleuten und Speichereiarbeitern wie in den kleinen Bürgersfamilien +wiederholte man sich dieses Urteil, denn die Stadt nahm Anteil daran, +wie der junge Buddenbrook »de Saak woll befingern« werde ... Auch Herr +Stuht in der Glockengießerstraße sagte zu seiner Frau, welche in den +ersten Kreisen verkehrte: »Die beiden ergänzen sich ganz gaut, will 'k +di man vertellen!« + +Die »Persönlichkeit« im Geschäfte aber, darüber bestand kein Zweifel, +war dennoch der jüngere der beiden Kompagnons. Das zeigte sich schon +darin, daß er es war, der mit den Bediensteten des Hauses, mit den +Kapitänen, den Geschäftsführern in den Speicherkontors, den Fuhrleuten +und den Lagerarbeitern zu verkehren wußte. Er verstand es, mit +Ungezwungenheit ihre Sprache zu reden und sich dennoch in unnahbarer +Entfernung zu halten ... Wenn aber Herr Marcus zu einem biederen +Arbeitsmann: »Verstahn Sie mich?« sagte, so klang dies so völlig +unmöglich, daß sein Sozius, ihm gegenüber am Pulte, einfach anfing zu +lachen, auf welches Zeichen das ganze Kontor sich der Heiterkeit +überließ. + +Thomas Buddenbrook, ganz voll von dem Wunsche, der Firma den Glanz zu +wahren und zu mehren, der ihrem alten Namen entsprach, liebte es +überhaupt, im täglichen Kampf um den Erfolg seine Person einzusetzen, +denn er wußte wohl, daß er seinem sicheren und eleganten Auftreten, +seiner gewinnenden Liebenswürdigkeit, seinem gewandten Takt im Gespräche +manch gutes Geschäft verdankte. + +»Ein Geschäftsmann darf kein Bürokrat sein!« sagte er zu Stephan +Kistenmaker -- von »Kistenmaker & Söhne« -- seinem ehemaligen +Schulkameraden, dessen geistig überlegener Freund er geblieben war, und +der auf jedes seiner Worte horchte, um es dann als seine eigene Meinung +weiterzugeben ... »Es gehört Persönlichkeit dazu, das ist =mein= +Geschmack. Ich glaube nicht, daß ein großer Erfolg vom Kontorbock aus zu +erkämpfen ist ... wenigstens würde er mir nicht viel Freude machen. Der +Erfolg will nicht bloß am Pulte berechnet sein ... Ich habe stets das +Bedürfnis, den Gang der Dinge ganz gegenwärtig mit Blick, Mund und Geste +zu dirigieren ... ihn mit dem unmittelbaren Einfluß meines Willens, +meines Talentes, meines Glückes, wie du es nennen willst, zu +beherrschen. Aber das kommt leider allmählich aus der Mode, dies +persönliche Eingreifen des Kaufmannes ... Die Zeit schreitet fort, aber +sie läßt, wie mich dünkt, das Beste zurück ... Der Verkehr erleichtert +sich immer mehr, die Kurse sind immer schneller bekannt ... Das Risiko +verringert sich und mit ihm auch der Profit ... Ja, die alten Leute +hatten es anders. Mein Großvater zum Beispiel ... er kutschierte +vierspännig nach Süddeutschland, der alte Herr mit seinem Puderkopf und +seinen Eskarpins, als preußischer Heereslieferant. Und dann scharmierte +er umher und ließ seine Künste spielen und machte ein unglaubliches +Geld, Kistenmaker! -- Ach, ich fürchte beinahe, daß der Kaufmann eine +immer banalere Existenz wird, mit der Zeit ...« + +So klagte er manchmal, und darum waren es im Grunde seine liebsten +Geschäfte, wenn er ganz gelegentlich, auf einem Familienspaziergange +vielleicht, in eine Mühle eintrat, mit dem Besitzer, der sich geehrt +fühlte, plauderte und leichthin, _en passant_, in guter Laune, einen +guten Kontrakt mit ihm abschloß ... Dergleichen lag seinem Sozius fern. + +... Was Christian betraf, so schien er sich zunächst mit wirklichem +Eifer und Vergnügen seiner Tätigkeit zu widmen; ja, er schien sich +ausnehmend wohl und zufrieden darin zu befinden und hatte während +mehrerer Tage eine Art, mit Appetit zu essen, seine kurze Pfeife zu +rauchen und seine Schultern in dem englischen Jackett zurechtzuschieben, +die seiner behaglichen Genugtuung Ausdruck gab. Er ging morgens ungefähr +gleichzeitig mit Thomas ins Kontor hinunter und nahm neben Herrn Marcus +und seinem Bruder schräg gegenüber in seinem verstellbaren Armsessel +Platz, denn er hatte wie die beiden Chefs einen Armsessel. Zunächst las +er die »Anzeigen«, wobei er in Gemütlichkeit seine Morgenzigarette zu +Ende rauchte. Dann holte er sich aus dem unteren Pultschranke einen +alten Kognak, streckte die Arme aus, um sich Bewegungsfreiheit zu +verschaffen, sagte »Na!« und ging, während er die Zunge zwischen den +Zähnen umherwandern ließ, guten Mutes zur Arbeit über. Seine englischen +Briefe waren ganz außerordentlich gewandt und wirksam, denn wie er das +Englische sprach, schlechthin, ungewählt, gleichgültig und mühelos +dahinplätschernd, so schrieb er es auch. + +Seiner Art gemäß verlieh er im Familienkreise der Stimmung Worte, die +ihn erfüllte. + +»Der Kaufmannsstand ist doch ein schöner, wirklich beglückender Beruf!« +sagte er. »Solide, genügsam, emsig, behaglich ... ich bin wahrhaftig +ganz dafür geboren! Und so als Angehöriger des Hauses, wißt ihr ... +kurz, ich fühle mich so wohl wie nie. Man kommt morgens frisch ins +Kontor, man sieht die Zeitung durch, raucht, denkt an dies und jenes und +wie gut man es hat, nimmt seinen Kognak und arbeitet mal eben ein +bißchen. Es kommt die Mittagszeit, man ißt mit seiner Familie, ruht sich +aus, und dann geht's wieder an die Arbeit ... Man schreibt, man hat +gutes, glattes, reinliches Firmenpapier, eine gute Feder ... Lineal, +Papiermesser, Stempel, alles ist prima Sorte, ordentlich ... und damit +erledigt man alles, emsig, nach der Reihe, eins nach dem anderen, bis +man schließlich zusammenpackt. Morgen ist wieder ein Tag. Und wenn man +zum Abendbrot hinaufgeht, fühlt man sich so durchdringend zufrieden ... +jedes Glied fühlt sich zufrieden ... die Hände fühlen sich +zufrieden ...!« + +»Gott, Christian!« rief Tony. »Du machst dich ja lächerlich! Die Hände +fühlen sich zufrieden ...« + +»Doch! Ja! Das kennst du also nicht? Ich meine ...« Und ereiferte sich +in dem Bestreben, dies auszudrücken, dies zu erklären ... »Man schließt +die Faust, weißt du ... sie ist nicht besonders kräftig, denn man ist +müde von der Arbeit. Aber sie ist nicht feucht ... sie ärgert einen +nicht ... Sie fühlt sich selbst gut und behaglich an ... Es ist ein +Gefühl von Selbstgenügsamkeit ... Man kann ganz stillsitzen, ohne sich +zu langweilen ...« + +Alle schwiegen. Dann sagte Thomas ganz gleichgültig, um seinen +Widerwillen zu verbergen: »Mir scheint, daß man nicht arbeitet, +damit ...« Aber er brach ab, er wiederholte nichts. »Ich wenigstens habe +andere Ziele dabei vor Augen«, fügte er hinzu. + +Christian jedoch, dessen Augen wanderten, überhörte dies, denn er befand +sich in Gedanken, und alsbald begann er eine Geschichte aus Valparaiso +zu erzählen, eine Mord- und Totschlagaffäre, bei der er persönlich +zugegen gewesen war ... »Aber da reißt der Kerl das Messer heraus -- --« +Aus irgendwelchen Gründen wurden solche Erzählungen, an denen Christian +reich war, und über die Madame Grünlich sich köstlich amüsierte, während +die Konsulin, Klara und Klothilde sich entsetzten und Mamsell Jungmann +nebst Erika mit offenem Munde zuhörten, von Thomas stets ohne Beifall +aufgenommen. Er pflegte sie mit kühlen und spöttischen Bemerkungen zu +begleiten und sich den deutlichen Anschein zu geben, als glaube er, daß +Christian übertreibe und blagiere ... was sicherlich nicht der Fall war; +aber er erzählte mit Verve und Farbe. Erfuhr Thomas es nicht gern, daß +sein jüngerer Bruder weiter herumgekommen sei und mehr gesehen habe als +er? Oder empfand er mit Widerwillen ein Lob der Unordnung und der +exotischen Gewalttätigkeit in diesen Messer- und Revolvergeschichten?... +Feststeht, daß Christian sich durchaus nicht um die Ablehnung seiner +Erzählungen von seiten seines Bruders bekümmerte; er selbst war +allzusehr in Anspruch genommen von seinen Schilderungen, als daß er auf +Erfolg oder Mißerfolg bei anderen geachtet hätte, und wenn er geendet +hatte, so blickte er nachdenklich und abwesend im Zimmer um. + +Wenn überhaupt das Verhältnis der beiden Buddenbrooks zueinander mit der +Zeit sich nicht zum Guten gestaltete, so war Christian dabei nicht +derjenige, der es sich beifallen ließ, irgendwelche Gehässigkeit gegen +seinen Bruder zu zeigen oder zu hegen, sich irgendeine Meinung, ein +Urteil, eine Abschätzung desselben anzumaßen. Er ließ mit +stillschweigender Selbstverständlichkeit keinen Zweifel darüber, daß er +die Überlegenheit, den größeren Ernst, die größere Fähigkeit, +Tüchtigkeit und Respektabilität des Älteren anerkannte. Aber gerade +diese unbegrenzte, gleichgültige und kampflose Unterordnung reizte +Thomas, denn Christian ging bei jeder Gelegenheit leichten Herzens so +weit darin, daß es den Anschein gewann, als lege er überhaupt gar keinen +Wert auf Überlegenheit, Tüchtigkeit, Respektabilität und Ernst. + +Er schien es durchaus nicht zu bemerken, daß der Firmenchef ihm mehr und +mehr mit stillem Unwillen entgegenkam ... wozu derselbe Gründe hatte, denn +leider begann Christians geschäftlicher Eifer bereits nach der ersten +Woche, mehr noch jedoch nach der zweiten, sich erheblich zu verringern. +Dies äußerte sich zuerst darin, daß die Vorbereitungen zur Arbeit, +die anfangs wie eine künstlich und raffiniert verlängerte Vorfreude +ausgesehen hatten: das Zeitunglesen, Frühstückszigarettenrauchen und +Kognaktrinken immer mehr Zeit in Anspruch nahmen und sich schließlich +über den ganzen Vormittag erstreckten. Dann aber machte es sich ganz +von selbst, daß Christian sich über den Zwang der Kontorstunden +hinwegzusetzen begann, daß er des Morgens immer später mit seiner +Frühstückszigarette erschien, um Vorbereitungen zur Arbeit zu treffen, +daß er mittags zum Essen in den Klub ging und zu spät, zuweilen erst +abends, zuweilen auch gar nicht zurückkehrte ... + +Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angehörten, besaß +im ersten Stock eines Weinrestaurants ein paar komfortable Lokalitäten, +woselbst man seine Mahlzeiten nahm und sich zu zwanglosen und oft nicht +ganz harmlosen Unterhaltungen zusammenfand: denn es gab eine Roulette. +Auch einige ein wenig flatterhafte Familienväter, wie Konsul Kröger und +selbstverständlicherweise Peter Döhlmann, waren Mitglieder, und der +Polizeisenator Cremer war hier »der erste Mann an der Spritze«. So +drückte Doktor Gieseke, Andreas Gieseke, Sohn des Branddirektors, +sich aus, Christians alter Schulkamerad, der in der Stadt sich als +Rechtsanwalt niedergelassen hatte, und dem sich, trotzdem er für +einen ziemlich wüsten Suitier galt, der junge Buddenbrook alsbald in +erneuerter Freundschaft anschloß. + +Christian oder, wie er schlecht und recht meistens genannt wurde, +Krischan, der aus früherer Zeit mit allen mehr oder weniger bekannt oder +befreundet war -- denn die meisten waren Schüler des seligen Marcellus +Stengel --, ward hier mit offenen Armen empfangen, denn wenn auch weder +Kaufleute noch Gelehrte seine Geistesfähigkeiten für groß hielten, so +kannte man doch seine amüsante, gesellschaftliche Begabung. In der Tat +gab er hier seine besten Vorstellungen, erzählte er hier seine besten +Geschichten. Er machte am Klubklavier einen Virtuosen, er ahmte +englische und transatlantische Schauspieler und Opernsänger nach, er gab +in der harmlosesten und unterhaltendsten Art Weiberaffären aus +verschiedenen Gegenden zum besten -- denn kein Zweifel: Christian +Buddenbrook war ein »Suitier« --, er berichtete Abenteuer, die er auf +Schiffen, auf Eisenbahnen, in St. Pauli, in Whitechapel, im Urwald +erlebt hatte ... Er erzählte bezwingend, hinreißend, in mühelosem Fluß, +mit leicht klagender und schleppender Aussprache, burlesk und harmlos +wie ein englischer Humorist. Er erzählte die Geschichte eines Hundes, +der in einer Schachtel von Valparaiso nach San Franzisko geschickt +worden und obendrein räudig war. Gott weiß, worin eigentlich die Pointe +der Anekdote bestand; aber in seinem Munde war sie von ungeheurer Komik. +Und wenn dann ringsumher sich niemand vor Lachen zu lassen wußte, so saß +er selbst, mit seiner großen, gebogenen Nase, seinem dünnen, zu langen +Halse und seinem rötlichblonden, schon spärlichen Haar und ließ, einen +unruhigen und unerklärlichen Ernst auf dem Gesichte, eins seiner +mageren, nach außen gekrümmten Beine über das andere geschlagen, seine +kleinen, runden, tiefliegenden Augen nachdenklich umherschweifen ... +Beinahe schien es, als lache man auf seine Kosten, als lache man über +ihn ... Aber daran dachte er nicht. + +Zu Hause erzählte er mit besonderer Vorliebe von seinem Kontor in +Valparaiso, von der unmäßigen Temperatur, die dort geherrscht, und von +einem jungen Londoner namens Johnny Thunderstorm, einem Bummelanten, +einem unglaublichen Kerl, den er, »Gott verdamm' mich, niemals hatte +arbeiten sehen«, und der doch ein sehr gewandter Kaufmann gewesen sei +... »Du lieber Gott!« sagte er. »Bei der Hitze! Na, der Chef kommt ins +Kontor ... wir liegen, acht Mann, wie die Fliegen umher und rauchen +Zigaretten, um wenigstens die Moskitos wegzujagen. Du lieber Gott! +`Nun´, sagt der Chef, `Sie arbeiten nicht, meine Herren?!´ ... `_No, +Sir!_´ sagt Johnny Thunderstorm. `Wie Sie sehen, Sir!´ Und dabei blasen +wir ihm alle unseren Zigarettenrauch ins Gesicht. Du lieber Gott!« + +»Warum sagst du eigentlich fortwährend `Du lieber Gott´?« fragte Thomas +gereizt. Aber das war es nicht, was ihn ärgerte. Sondern er fühlte, daß +Christian diese Geschichte nur deshalb mit soviel Freude erzählte, weil +sie ihm eine Gelegenheit bot, mit Spott und Verachtung von der Arbeit zu +sprechen. + +Dann ging ihre Mutter diskret zu etwas anderem über. + +Es gibt viele häßliche Dinge auf Erden, dachte die Konsulin Buddenbrook, +geborene Kröger. Auch Brüder können sich hassen und verachten; das kommt +vor, so schauerlich es klingt. Aber man spricht nicht davon. Man +vertuscht es. Man braucht nichts davon zu wissen. + + +Viertes Kapitel + +Im Mai geschah es, daß Onkel Gotthold, Konsul Gotthold Buddenbrook, nun +sechzigjährig, in einer traurigen Nacht von Herzkrämpfen befallen ward +und in den Armen seiner Gattin, der geborenen Stüwing, eines schweren +Todes starb. + +Der Sohn der armen Madame Josephine, der, gegenüber seiner nachgeborenen +und mächtigeren Geschwisterschaft von seiten Madame Antoinettens, im +Leben zu kurz gekommen war, hatte sich längst mit seinem Geschicke +beschieden und in den letzten Jahren, besonders nachdem ihm sein Neffe +das niederländische Konsulat überlassen, ganz ohne Ranküne aus seiner +Blechdose Brustbonbons gegessen. Wer den alten Familienzwist in Form +einer allgemeinen und unbestimmten Animosität hegte und bewahrte, das +waren vielmehr seine Damen: seine gutmütige und beschränkte Gattin nicht +sowohl, wie die drei ältlichen Mädchen, die weder die Konsulin, noch +Antonie, noch Thomas ohne ein kleines giftiges Flämmchen in den Augen +anzublicken vermochten ... + +Donnerstags, an den überlieferungsgemäßen »Kindertagen«, um vier Uhr, +fand man sich in dem großen Hause in der Mengstraße zusammen, um dort zu +Mittag zu speisen und den Abend zuzubringen -- manchmal erschienen auch +Konsul Krögers oder Sesemi Weichbrodt mit ihrer ungelehrten Schwester -- +und hier war es, wo die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße mit +ungezwungener Vorliebe die Rede auf Tonys verflossene Ehe brachten, um +Madame Grünlich zu einigen großen Worten zu veranlassen und sich dabei +kurze, spitzige Blicke zuzusenden ... oder wo sie allgemeine +Betrachtungen darüber anstellten, welche unwürdige Eitelkeit es doch +sei, sich das Haar zu färben, und allzu anteilnehmende Erkundigungen +über Jakob Kröger, den Neffen der Konsulin, einzogen. Sie gaben der +armen, unschuldigen und geduldigen Klothilde, der einzigen, die sich in +der Tat auch ihnen noch unterlegen fühlen mußte, einen Spott zu kosten, +der durchaus nicht so harmlos war wie der, den das mittellose und +hungrige Mädchen alltäglich von Tom oder Tony mit gedehnter und +erstaunter Freundlichkeit entgegennahm. Sie mokierten sich über Klaras +Strenge und Bigotterie, sie fanden schnell heraus, daß Christian mit +Thomas sich nicht zum besten stand, und daß sie ihn überhaupt, Gott sei +Dank, nicht zu achten brauchten, denn er war ein Hans Quast, ein +lächerlicher Mensch. Was Thomas selbst betraf, an dem durchaus keine +Schwäche erfindlich war, und der ihnen seinerseits mit einem +nachsichtigen Gleichmut entgegenkam, welcher andeutete: Ich verstehe +euch, und ihr tut mir leid ... so behandelten sie ihn mit leicht +vergifteter Hochachtung. Von der kleinen Erika aber, rosig und +wohlgepflegt, wie sie war, mußte denn doch gesagt werden, daß sie in +beunruhigender Weise im Wachstum zurückgeblieben sei. Worauf Pfiffi, +indem sie sich schüttelte und Feuchtigkeit in die Mundwinkel bekam, zum +Überfluß auf die erschreckende Ähnlichkeit des Kindes mit dem Betrüger +Grünlich aufmerksam machte ... + +Nun umstanden sie weinend mit ihrer Mutter das Sterbebett des Vaters, +und trotzdem es ihnen schien, als ob selbst dieser Tod noch von der +Verwandtschaft in der Mengstraße verschuldet sei, ward doch ein Bote +dorthin entsandt. + +Mitten in der Nacht hallte die Haustürglocke über die große Diele, und +da Christian spät nach Hause gekommen war und sich leidend fühlte, +machte Thomas sich allein auf den Weg, in den Frühlingsregen hinaus. + +Er kam nur zur rechten Zeit, um die letzten konvulsivischen Zuckungen +des alten Herrn zu sehen, und dann stand er lange mit gefalteten Händen +im Sterbezimmer und blickte auf diese kurze Gestalt, die sich unter den +Umhüllungen abzeichnete, in dieses tote Gesicht mit den etwas +weichlichen Zügen und den weißen Koteletts ... + +»Du hast es nicht sehr gut gehabt, Onkel Gotthold«, dachte er. »Du hast +es zu spät gelernt, Zugeständnisse zu machen, Rücksicht zu nehmen ... +Aber das ist nötig ... Wenn ich wäre wie du, hätte ich vor Jahr und Tag +bereits einen Laden geheiratet ... Die _dehors_ wahren!... Wolltest du +es überhaupt anders, als du es gehabt hast? Obgleich du trotzig warst +und wohl glaubtest, dieser Trotz sei etwas Idealistisches, besaß dein +Geist wenig Schwungkraft, wenig Phantasie, wenig von dem Idealismus, der +jemanden befähigt, mit einem stillen Enthusiasmus, süßer, beglückender, +befriedigender als eine heimliche Liebe, irgendein abstraktes Gut, einen +alten Namen, ein Firmenschild zu hegen, zu pflegen, zu verteidigen, zu +Ehren und Macht und Glanz zu bringen. Der Sinn für Poesie ging dir ab, +obgleich du so tapfer warst, trotz dem Befehl deines Vaters zu lieben +und zu heiraten. Du besaßest auch keinen Ehrgeiz, Onkel Gotthold. +Freilich, der alte Name ist bloß ein Bürgername, und man pflegt ihn, +indem man einer Getreidehandlung zum Flor verhilft, indem man seine +eigene Person in einem kleinen Stück Welt geehrt, beliebt und mächtig +macht ... Dachtest du: Ich heirate die Stüwing, die ich liebe, und +schere mich um keine praktischen Rücksichten, denn sie sind Kleinkram +und Pfahlbürgertum?... Oh, auch wir sind gerade gereist und gebildet +genug, um recht gut zu erkennen, daß die Grenzen, die unserem Ehrgeize +gesteckt sind, von außen und oben gesehen nur eng und kläglich sind. +Aber alles ist bloß ein Gleichnis auf Erden, Onkel Gotthold! Wußtest du +nicht, daß man auch in einer kleinen Stadt ein großer Mann sein kann? +Daß man ein Cäsar sein kann an einem mäßigen Handelsplatz an der Ostsee? +Freilich, dazu gehört ein wenig Phantasie, ein wenig Idealismus ... und +den besaßest du nicht, was du auch von dir selbst gedacht haben magst.« + +Und Thomas Buddenbrook wandte sich ab. Er trat ans Fenster und blickte, +die Hände auf dem Rücken, ein Lächeln auf seinem intelligenten Gesicht, +zu der schwachbeleuchteten und in Regen gehüllten gotischen Fassade des +Rathauses hinüber. + + * * * * * + +Wie es in der Natur der Dinge lag, gingen Amt und Titel des königlich +niederländischen Konsulats, das Thomas sofort nach dem Tode seines +Vaters hätte für sich in Anspruch nehmen können, zu Tony Grünlichs +maßlosem Stolze jetzt an ihn über, und das gewölbte Schild mit Löwen, +Wappen und Krone war nunmehr wieder an der Giebelfront in der Mengstraße +unter dem »_Dominus providebit_« zu sehen. + +Gleich nach Erledigung dieser Angelegenheit, im Juni bereits desselben +Jahres, trat der junge Konsul eine Reise an, eine Geschäftsreise nach +Amsterdam, von der er nicht wußte, wieviel Zeit sie in Anspruch nehmen +werde. + + +Fünftes Kapitel + +Todesfälle pflegen eine dem Himmlischen zugewandte Stimmung +hervorzubringen, und niemand wunderte sich, aus dem Munde der Konsulin +Buddenbrook nach dem Dahinscheiden ihres Gatten diese oder jene +hochreligiöse Wendung zu vernehmen, die man früher nicht an ihr gewohnt +gewesen war. + +Bald jedoch zeigte es sich, daß dies nichts Vorübergehendes war, und +rasch war in der Stadt die Tatsache bekannt, daß die Konsulin gewillt +war, das Andenken des Verewigten in erster Linie dadurch zu ehren, daß +sie, die schon in den letzten Jahren seines Lebens, und zwar seit sie +alterte, mit seinen geistlichen Neigungen sympathisiert hatte, nun seine +fromme Weltanschauung vollends zu der ihren machte. + +Sie strebte danach, das weitläufige Haus mit dem Geiste des +Heimgegangenen zu erfüllen, mit dem milden und christlichen Ernst, der +eine vornehme Herzensheiterkeit nicht ausschloß. Die Morgen- und +Abendandachten wurden in ausgedehnterem Umfange fortgesetzt. Die Familie +versammelte sich im Eßsaale, während das Dienstpersonal in der +Säulenhalle stand, und die Konsulin oder Klara verlasen aus der großen +Familienbibel mit den ungeheuren Lettern einen Abschnitt, worauf man aus +dem Gesangbuch ein paar Verse zum Harmonium sang, das die Konsulin +spielte. Auch trat oft an die Stelle der Bibel eines der Predigt- und +Erbauungsbücher mit schwarzem Einband und Goldschnitt, dieser +Schatzkästchen, Psalter, Weihestunden, Morgenklänge und Pilgerstäbe, +deren beständige Zärtlichkeit für das süße, wonnesame Jesulein ein wenig +widerlich anmutete und von denen allzu viele im Hause vorhanden waren. + +Christian erschien nicht oft zu den Andachten. Ein Einwand, den Thomas +bei Gelegenheit ganz vorsichtig und halb im Scherze gegen die Übungen +erhoben hatte, war mit Milde und Würde zurückgewiesen worden. Was Madame +Grünlich anging, so benahm sie sich leider nicht immer völlig korrekt +dabei. Eines Morgens -- es war gerade ein fremder Prediger bei +Buddenbrooks zu Gast -- war man genötigt, zu einer feierlichen, +glaubensfesten und innigen Melodie die Worte zu singen: + + »Ich bin ein rechtes Rabenaas, + Ein wahrer Sündenkrüppel, + Der seine Sünden in sich fraß, + Als wie der Rost den Zwippel. + Ach Herr, so nimm mich Hund beim Ohr, + Wirf mir den Gnadenknochen vor + Und nimm mich Sündenlümmel + In deinen Gnadenhimmel!« + +... worauf Frau Grünlich vor innerlicher Zerknirschung das Buch von sich +warf und den Saal verließ. + +Die Konsulin selbst aber verlangte weit mehr noch von sich, als von +ihren Kindern. Sie richtete zum Beispiel eine Sonntagsschule ein. Am +Sonntagvormittag klingelten lauter kleine Volksschulmädchen in der +Mengstraße, und Stine Voß, die an der Mauer, und Mike Stuht, die in der +Glockengießerstraße, und Fike Snut, die an der Trave oder in der Kleinen +Gröpelgrube oder im Engelswisch zu Hause waren, wanderten mit ihrem +semmelblonden, mit Wasser gekämmtem Haar über die große Diele in das +helle Gartenzimmer, dort hinten, das als Kontor seit längerer Zeit nicht +mehr benutzt wurde, wo Sitzbänke aufgeschlagen waren und wo die Konsulin +Buddenbrook, geborene Kröger, mit ihrem Kleid aus schwerem schwarzem +Atlas, ihrem weißen, vornehmen Gesicht und ihrer noch weißeren +Spitzenhaube, ihnen an einem Tischchen, auf welchem ein Glas +Zuckerwasser stand, gegenübersaß und sie eine Stunde lang katechisierte. + +Auch begründete sie den »Jerusalemsabend«, und an diesem mußte außer +Klara und Klothilde auch Tony sich wohl oder übel beteiligen. Einmal +wöchentlich saßen an der langausgezogenen Tafel im Eßsaale beim Scheine +von Lampen und Kerzen etwa zwanzig Damen, die in dem Alter standen, wo +es an der Zeit ist, sich nach einem guten Platze im Himmel umzusehen, +tranken Tee oder Bischof, aßen fein belegtes Butterbrot und Pudding, +lasen sich geistliche Lieder und Abhandlungen vor und fertigten +Handarbeiten an, die am Ende des Jahres in einem Basar verkauft wurden +und deren Erlös zu Missionszwecken nach Jerusalem geschickt ward. + +Der fromme Verein ward in der Hauptsache von Damen aus der +Gesellschaftssphäre der Konsulin gebildet, und die Senatorin Langhals, +die Konsulin Möllendorpf und die alte Konsulin Kistenmaker gehörten ihm +an, während andere alte Damen, die weltlicher und profaner angelegt +waren, wie Madame Köppen, sich über ihre Freundin Bethsy mokierten. Auch +die Predigersgattinnen der Stadt sowie die verwitwete Konsulin +Buddenbrook, geborene Stüwing, und Sesemi Weichbrodt nebst ihrer +ungelehrten Schwester waren Mitglieder. Vor Jesu jedoch ist kein Rang +und kein Unterschied, und so nahmen am Jerusalemsabend auch armseligere +und seltsamere Gestalten teil, wie zum Beispiel ein kleines, runzeliges +Geschöpf, reich an Gottgefälligkeit und Häkelmustern, das im +Heiligen-Geist-Hospitale wohnte, Himmelsbürger hieß und die Letzte ihres +Geschlechtes war ... »Die letzte Himmelsbürgern« nannte sie sich +wehmütig, und dabei fuhr sie mit der Stricknadel unter ihre Haube, um +sich zu krauen. + +Weit bemerkenswerter aber waren zwei andere Mitglieder, ein +Zwillingspaar, zwei sonderbare alte Mädchen, die mit Schäferhüten aus +dem achtzehnten Jahrhundert und seit manchem Jahr schon verblichenen +Kleidern Hand in Hand in der Stadt umhergingen und Gutes taten. Sie +hießen Gerhardt und beteuerten, in gerader Linie von Paul Gerhardt +abzustammen. Man sagte, daß sie durchaus nicht mittellos seien; aber sie +lebten aufs jämmerlichste und gaben alles den Armen ... »Liebe!« +bemerkte die Konsulin Buddenbrook, die sich ihrer zuweilen ein bißchen +schämte, »Gott sieht ins Herze, aber Ihre Kleider sind wenig adrett ... +Man muß auf sich halten ...« Aber dann küßten sie ihre elegante +Freundin, welche die Weltdame nicht verleugnen konnte, nur auf die Stirn +... mit der ganzen nachsichtigen, liebevollen und mitleidigen +Überlegenheit des Geringen über den Vornehmen, der das Heil sucht. Es +waren keineswegs dumme Geschöpfe, und in ihren kleinen, häßlichen, +verschrumpften Papageiköpfen saßen blanke, sanft verschleierte braune +Augen, die mit einem seltsamen Ausdruck von Milde und Wissen in die Welt +schauten ... Ihre Herzen waren voll von wunderbaren und geheimnisvollen +Kenntnissen. Sie wußten, daß in unserer letzten Stunde all unsere zu +Gott vorangegangenen Lieben in Sang und Seligkeit kommen, uns abzuholen. +Sie sprachen das Wort »der Herr« mit der Leichtigkeit und +Ursprünglichkeit von ersten Christen, die aus des Meisters eigenem Munde +noch das »Über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen« vernommen haben. +Sie besaßen die merkwürdigsten Theorien über innere Lichter und +Ahnungen, über Gedankenübertragung und -wanderungen ... denn Lea, die +eine von ihnen, war taub und wußte gleichwohl fast immer, wovon die Rede +war. + +Da Lea Gerhardt taub war, war sie es gewöhnlich, die an den +Jerusalemsabenden vorlas; auch fanden die Damen, daß sie schön und +ergreifend läse. Sie nahm aus ihrem Beutel ein uraltes Buch, welches +lächerlich und unverhältnismäßig viel höher als breit war und vorn, in +Kupfer gestochen, das übermenschlich pausbäckige Bildnis ihres Ahnherrn +enthielt, nahm es in beide Hände und las, damit sie selbst sich ein +wenig hören konnte, mit fürchterlicher Stimme, die klang, wie wenn der +Wind sich im Ofenrohre verfängt: + + »Will Satan mich verschlingen ...« + +Nun! dachte Tony Grünlich. Welcher Satan möchte die wohl verschlingen! +Aber sie sagte nichts, hielt sich ihrerseits an den Pudding und dachte +darüber nach, ob sie wohl auch dermaleinst so häßlich sein werde wie die +beiden Fräulein Gerhardt. + +Sie war nicht glücklich, sie empfand Langeweile und ärgerte sich über +die Pastoren und Missionare, deren Besuche nach dem Tode des Konsuls +sich vielleicht noch vermehrt hatten und die nach Tonys Meinung im Hause +allzusehr das Regiment führten und allzuviel Geld bekamen. Der letztere +Punkt ging Thomas an; aber er schwieg darüber, während seine Schwester +hie und da etwas von Leuten vor sich hin murmelte, die der Witwen Häuser +fressen und lange Gebete vorwenden. + +Sie haßte diese schwarzen Herren aufs bitterlichste. Als gereifte Frau, +die das Leben kennengelernt hatte und kein dummes Ding mehr war, sah sie +sich nicht in der Lage, an ihre unbedingte Heiligkeit zu glauben. +»Mutter!« sagte sie; »o Gott, man soll seinem Nächsten nichts Übles +nachsagen ... gut, ich weiß es! Aber das eine muß ich denn doch +aussprechen, und ich würde mich wundern, wenn das Leben dich das nicht +gelehrt hätte, nämlich, daß nicht alle, die einen langen Rock tragen und +`Herr, Herr!´ sagen, immer ganz makellos sind!« + +Es blieb unaufgeklärt, wie Thomas sich zu solchen Wahrheiten verhielt, +die seine Schwester mit ungeheurem Nachdruck vertrat. Christian aber +hatte gar keine Meinung; er beschränkte sich darauf, die Herren mit +krauser Nase zu beobachten, um hernach im Klub oder in der Familie ihre +Kopie zu liefern ... + +Aber es ist wahr, daß Tony am meisten von den geistlichen Gästen zu +leiden hatte. Eines Tages geschah es wahr und wahrhaftig, daß ein +Missionar namens Jonathan, der sowohl in Syrien als auch in Arabien +gewesen war, ein Mann mit großen, vorwurfsvollen Augen und betrübt +herniederhängenden Wangen, vor sie hintrat und sie mit trauriger Strenge +zur Entscheidung der Frage aufforderte, ob ihre gebrannten Stirnlocken +sich eigentlich mit der wahren christlichen Demut vereinbaren ließen ... +Ach! er hatte nicht mit Tony Grünlichs spitzig sarkastischer +Redegewandtheit gerechnet. Sie schwieg während einiger Augenblicke, und +man sah, wie ihr Hirn arbeitete. Dann aber kam es: »=Darf ich Sie +bitten, mein Herr Pastor, sich um Ihre eigenen Locken zu bekümmern?!=« +... Und hinaus rauschte sie, indem sie die Schultern ein wenig emporzog, +den Kopf zurückwarf und trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken +suchte. -- Und Pastor Jonathan besaß äußerst wenig Haupthaar, ja, sein +Schädel war nackt zu nennen! + +Einst aber wurde ihr ein noch größerer Triumph zuteil. Pastor Trieschke +nämlich, Tränen-Trieschke aus Berlin, der diesen Beinamen führte, weil +er allsonntäglich einmal inmitten seiner Predigt an geeigneter Stelle zu +weinen begann ... Tränen-Trieschke, der sich durch ein bleiches Gesicht, +rote Augen und wahre Pferdekinnbacken auszeichnete und acht oder zehn +Tage lang bei Buddenbrooks wechselweise mit der armen Klothilde um die +Wette aß und Andachten abhielt, verliebte sich bei dieser Gelegenheit in +Tony ... nicht etwa in ihre unsterbliche Seele, o nein, sondern in ihre +Oberlippe, ihr starkes Haar, ihre hübschen Augen und ihre blühende +Gestalt! Und dieser Gottesmann, der zu Berlin ein Weib und viele Kinder +besaß, entblödete sich nicht, durch den Bedienten Anton in Madame +Grünlichs Schlafzimmer im zweiten Stock einen Brief niederlegen zu +lassen, der aus Bibelextrakten und einer sonderbar anschmiegsamen +Zärtlichkeit wirksam gemischt war ... Sie fand ihn beim Zubettegehen, +sie las ihn und ging festen Schrittes die Treppen hinunter ins +Zwischengeschoß und ins Schlafzimmer der Konsulin, woselbst sie ihrer +Mutter beim Kerzenscheine das Schreiben des Seelsorgers völlig ungeniert +und mit lauter Stimme vortrug, so daß Tränen-Trieschke fortan in der +Mengstraße unmöglich war. + +»So sind sie alle!« sagte Madame Grünlich ... »Ha! so sind sie alle! O +Gott, ich war eine Gans früher, ein dummes Ding, Mama, aber das Leben +hat mir das Vertrauen zu den Menschen genommen. Die meisten sind Filous +... ja, das ist leider wahr. =Grünlich -- --!=« Und der Name klang wie +eine Fanfare, wie ein kleiner Trompetenstoß, den sie mit etwas erhobenen +Schultern und emporgerichteten Augen in die Luft hinein ertönen ließ. + + +Sechstes Kapitel + +Sievert Tiburtius war ein kleiner schmaler Mann mit großem Kopfe und +trug einen dünnen, aber langen blonden Backenbart, der geteilt war und +dessen Enden er manchmal, der Bequemlichkeit halber, nach beiden Seiten +hin über die Schultern legte. Seinen runden Schädel bedeckte eine Unzahl +ganz kleiner wolliger Ringellöckchen. Seine Ohrmuscheln waren groß, +äußerst abstehend, an den Rändern weit nach innen zusammengerollt und +oben so spitz, wie die eines Fuchses. Seine Nase saß wie ein kleiner +platter Knopf in seinem Gesicht, seine Wangenknochen standen hervor, und +seine grauen Augen, die gemeinhin eng zusammengekniffen ein wenig blöde +umherblinzelten, konnten in gewissen Momenten sich in ungeahnter Weise +erweitern, größer und größer werden, hervorquellen, beinahe +herausspringen ... + +Dies war der Pastor Tiburtius, welcher aus Riga stammte, einige Jahre in +Mitteldeutschland amtiert hatte und nun, auf der Reise nach seiner +Heimat, wo eine Predigersstelle ihm zugefallen war, die Stadt berührte. +Versehen mit der Empfehlung eines Amtsbruders, der ebenfalls einst in +der Mengstraße Mockturtlesuppe und Schinken mit Schalottensauce gegessen +hatte, machte er der Konsulin seine Aufwartung, ward für die Dauer +seines Aufenthaltes, der einige wenige Tage in Anspruch nehmen sollte, +zu Gaste geladen und bewohnte das geräumige Fremdenzimmer im ersten +Stockwerk am Korridor. + +Aber er verweilte länger, als er erwartet hatte. Es vergingen acht Tage, +und noch immer hatte er diese oder jene Sehenswürdigkeit, den Totentanz +und das Aposteluhrwerk in der Marienkirche, das Rathaus, die +»Schiffergesellschaft« oder die Sonne mit den beweglichen Augen im Dom +nicht besucht. Es vergingen zehn Tage, und er sprach wiederholt von +seiner Abreise; infolge des ersten Wörtchens jedoch, das ihn zum Bleiben +aufforderte, verzog er aufs neue. + +Er war ein besserer Mensch als die Herren Jonathan und Tränen-Trieschke. +Er bekümmerte sich durchaus nicht um Frau Antoniens gebrannte +Stirnlöckchen und schrieb ihr keinerlei Briefe. Desto aufmerksamer aber +beschäftigte er sich mit Klara, ihrer jüngeren und ernsthafteren +Schwester. In =ihrer= Gegenwart, wenn =sie= sprach, ging oder kam, +konnte es geschehen, daß seine Augen sich in ungeahnter Weise +erweiterten, größer und größer wurden, hervorquollen, fast +heraussprangen ... und beinahe den ganzen Tag hielt er sich bei ihr auf, +indem er geistliche und weltliche Gespräche mit ihr pflog oder ihr +vorlas ... mit seiner hohen, sich überschlagenden Stimme und in der +drollig hüpfenden Aussprache seiner baltischen Heimat. + +Gleich am ersten Tage hatte er gesagt: »Erbarmen Sie sich, Frau +Konsulin! Welch einen Schatz und Gottessegen besitzen Sie an Ihrer +Tochter Klara. Das ist wohl ein herrliches Kind!« + +»Sie haben recht«, erwiderte die Konsulin. Aber er wiederholte es so +oft, daß sie ihre hellen blauen Augen in diskreter Prüfung zu ihm +hinschweifen ließ und ihn veranlaßte, ein wenig eingehender von seiner +Herkunft, seinen Verhältnissen, seinen Aussichten zu erzählen. Es ergab +sich, daß er aus einer Kaufmannsfamilie stammte, daß seine Mutter bei +Gott sei, daß er Geschwister nicht besitze und daß sein alter Vater zu +Riga als Privatier mit einem auskömmlichen Vermögen lebe, welches +einstmals ihm selbst, dem Pastor Tiburtius, gehören werde; übrigens +sichere sein Amt ihm ein hinreichendes Einkommen. + +Was Klara Buddenbrook betraf, so stand sie nun im neunzehnten Jahre und +war, mit ihrem dunklen, glattgescheitelten Haar, ihren strenge und +dennoch träumerisch blickenden braunen Augen, ihrer leicht gebogenen +Nase, ihrem ein wenig zu fest geschlossenen Munde und ihrer hohen, +schlanken Gestalt, zu einer jungen Dame von herber und eigentümlicher +Schönheit erwachsen. Im Hause hielt sie am festesten mit ihrer armen und +ebenfalls frommen Cousine Klothilde zusammen, deren Vater kürzlich +gestorben war und die mit dem Gedanken umging, sich demnächst einmal zu +»etablieren«, das heißt, mit einigen Groschen und Möbeln, die sie +ererbt, sich irgendwo in Pension zu begeben ... Von Thildas gedehnter, +geduldiger und hungriger Demut freilich kannte Klara nichts. Im +Gegenteil eignete ihr im Verkehr mit den Dienstboten, ja, auch mit ihren +Geschwistern und ihrer Mutter ein etwas herrischer Ton, und ihre +Altstimme schon, die sich nur mit Bestimmtheit zu senken, nie aber +fragend zu heben verstand, trug einen befehlshaberischen Charakter und +konnte oft eine kurze, harte, unduldsame und hochfahrende Klangfarbe +annehmen: an Tagen nämlich, wo Klara an Kopfschmerzen litt. + +Sie hatte, bevor der Tod des Konsuls die Familie in Trauer hüllte, mit +unnahbarer Würde die Gesellschaften im Elternhause und den Häusern von +gleicher Rangstufe mitgemacht ... Die Konsulin betrachtete sie, und sie +konnte sich nicht verhehlen, daß es trotz der stattlichen Mitgift und +Klaras häuslicher Tüchtigkeit schwer halten werde, dies Kind zu +verehelichen. Keinen der skeptischen, rotspontrinkenden und jovialen +Kaufherren ihrer Umgebung, wohl aber einen Geistlichen konnte sie sich +an der Seite des ernsten und gottesfürchtigen Mädchens vorstellen, und +da dieser Gedanke die Konsulin freudig bewegte, so fanden des Pastors +Tiburtius zarte Einleitungen von ihrer Seite ein maßvolles und +freundliches Entgegenkommen. + +Und wahrhaftig entwickelte sich die Angelegenheit mit großer Präzision. +An einem warmen und wolkenlosen Julinachmittag machte die Familie einen +Spaziergang. Die Konsulin, Antonie, Christian, Klara, Thilda, Erika +Grünlich mit Mamsell Jungmann und in ihrer Mitte Pastor Tiburtius zogen +weit vors Burgtor hinaus, um bei einem ländlichen Wirte im Freien an +Holztischen Erdbeeren, Sattenmilch oder Rote Grütze zu essen, und nach +der Vespermahlzeit erging man sich in dem großen Nutzgarten, der bis zum +Flusse sich hinzog, im Schatten von allerlei Obstbäumen zwischen +Johannis- und Stachelbeerbüschen, Spargel- und Kartoffelfeldern. + +Sievert Tiburtius und Klara Buddenbrook blieben ein wenig zurück. Er, +sehr viel kleiner als sie, den geteilten Backenbart über beiden +Schultern, hatte den geschweiften schwarzen Strohhut von seinem großen +Kopfe genommen und führte, indem er sich hie und da mit dem Tuche die +Stirn trocknete, mit großen Augen ein langes und sanftes Gespräch mit +ihr, in dessen Verlaufe sie beide einmal stehenblieben und Klara mit +ernster und ruhiger Stimme ein Ja sprach. + +Dann, nach der Rückkehr, als die Konsulin, ein wenig ermüdet und +erhitzt, allein im Landschaftszimmer saß, setzte sich Pastor Tiburtius +-- draußen lag die nachdenkliche Stille des Sonntagnachmittags -- zu ihr +in den sommerlichen Abendglanz und begann auch mit ihr ein langes und +sanftes Gespräch, an dessen Ende die Konsulin sagte: »Genug, mein lieber +Herr Pastor ... Ihr Antrag entspricht meinen mütterlichen Wünschen, und +Sie Ihrerseits haben nicht schlecht gewählt, dessen kann ich Sie +versichern. Wer hätte gedacht, daß Ihr Eingang und Aufenthalt in unserem +Hause so wunderbar gesegnet sein werde!... Ich will heute mein letztes +Wort noch nicht sprechen, denn es gehört sich, daß ich zuvor meinem +Sohne, dem Konsul, schreibe, der sich augenblicklich, wie Sie wissen, im +Auslande befindet. Sie reisen bei Leben und Gesundheit morgen nach Riga +ab, um Ihr Amt anzutreten, und wir gedenken, uns für einige Wochen an +die See zu begeben ... Sie werden in Bälde Nachricht von mir empfangen, +und der Herr gebe, daß wir uns glücklich wiedersehen.« + + +Siebentes Kapitel + + Amsterdam, den 20. Juli 56. + Hotel »Het Haasje« + +Meine liebe Mutter! + +Soeben in den Besitz Deines inhaltreichen Schreibens gelangt, beeile ich +mich, Dir auf das herzlichste für die Aufmerksamkeit zu danken, die +darin liegt, daß Du in der bewußten Angelegenheit meine Zustimmung +einziehst; ich erteile selbstverständlicherweise nicht nur sie, sondern +füge auch meine freudigsten Glückwünsche hinzu, vollauf überzeugt, daß +Ihr, Du und Klara, eine gute Wahl werdet getroffen haben. Der schöne +Name Tiburtius ist mir bekannt, und ich glaube bestimmt, daß Papa mit +dem Alten in geschäftlicher Verbindung stand. Klara kommt jedenfalls in +angenehme Verhältnisse, und die Position als Pastorin wird ihrem +Temperamente zusagen. + +Tiburtius ist also nach Riga abgereist und wird seine Braut im August +noch einmal besuchen? Nun, es wird wahrhaftig munter zugehen alsdann bei +uns in der Mengstraße -- munterer noch, als Ihr alle vorausseht, denn +Ihr wißt nicht, aus welchen absonderlichen Gründen ich so überaus froh +erstaunt über Mademoiselle Klaras Verlobung bin und um welches +allerliebste Zusammentreffen es sich dabei handelt. Ja, meine +ausgezeichnete Frau Mama, wenn ich mich heute bequeme, meinen +gravitätischen Konsens zu Klaras irdischem Glücke von der Amstel zur +Ostsee zu senden, so geschieht es ganz einfach unter der Bedingung, daß +ich mit wendender Post aus Deiner Feder einen ebensolchen Konsens in +betreff einer ebensolchen Angelegenheit zurückempfange! Drei harte +Gulden würde ich dafür geben, könnte ich Dein Gesicht, besonders aber +dasjenige unserer wackeren Tony sehen, wenn Ihr diese Zeilen lest ... +Aber ich will zur Sache reden. + +Mein kleines, reinliches Hotel ist mit hübscher Aussicht auf den Kanal, +inmitten der Stadt, unweit der Börse gelegen, und die Geschäfte, denen +zuliebe ich hierher gekommen (es handelte sich um die Anknüpfung einer +neuen, wertvollen Verbindung: Du weißt, ich besorge dergleichen mit +Vorliebe persönlich), entwickelten sich vom ersten Tage an in +erwünschter Weise. Von meiner Lehrzeit her aber wohlbekannt in der +Stadt, war ich, obgleich viele Familien sich in den Seebädern befinden, +auch gesellschaftlich sofort sehr lebhaft in Anspruch genommen. Ich habe +kleinere Abendgesellschaften bei Van Henkdoms und Moelens mitgemacht, +und schon am dritten Tage meines Hierseins mußte ich mich in Gala +werfen, um einem Diner bei meinem ehemaligen Prinzipale Herrn van der +Kellen beizuwohnen, das er so außerhalb der Saison, ersichtlich mir zu +Ehren, arrangierte. Zu Tische aber führte ich ... habt Ihr Lust zu +raten? Fräulein Arnoldsen, Gerda Arnoldsen, Tonys ehemalige +Pensionsgenossin, deren Vater, der große Kaufmann, und beinahe noch +größere Geigenvirtuos, sowie seine verheiratete Tochter und ihr Gatte +ebenfalls zugegen waren. + +Ich erinnere mich sehr wohl, daß Gerda -- gestattet, daß ich mich +bereits ausschließlich des Vornamens bediene -- schon als ganz junges +Mädchen, als sie noch bei Mademoiselle Weichbrodt am Mühlenbrink zur +Schule ging, einen starken und nie ganz verlöschten Eindruck auf mich +gemacht hat. Jetzt aber sah ich sie wieder: größer, entwickelter, +schöner, geistreicher ... Erlaßt mir, da sie leicht ein wenig ungestüm +ausfallen könnte, die Beschreibung ihrer Persönlichkeit, die Ihr bald +von Angesicht zu Angesicht werdet schauen können! + +Ihr könnt Euch denken, daß sich eine Menge von Ausgangspunkten zu einem +guten Tischgespräche darboten; aber wir verließen schon nach der Suppe +das Gebiet der alten Anekdoten und gingen zu ernsteren und fesselnderen +Dingen über. In der Musik konnte ich ihr nicht Widerpart halten, denn +wir bedauernswerten Buddenbrooks wissen allzuwenig davon; aber in der +niederländischen Malerei war ich schon besser zu Hause, und in der +Literatur verstanden wir uns durchaus. + +Wahrlich, die Zeit verging im Fluge. Nach Tische ließ ich mich dem alten +Arnoldsen präsentieren, der mir mit ausgesuchter Verbindlichkeit +entgegenkam. Später, im Salon, trug er mehrere Konzertpiecen vor, und +auch Gerda produzierte sich. Sie sah prachtvoll dabei aus, und obgleich +ich keine Ahnung vom Violinspiel habe, so weiß ich, daß sie auf ihrem +Instrument (einer echten Stradivari) zu singen verstand, daß einem +beinahe die Tränen in die Augen traten. + +Am folgenden Tage machte ich Besuch bei Arnoldsens, Buitenkant. Ich +wurde zunächst von einer alten Gesellschaftsdame empfangen, mit der ich +mich französisch unterhalten mußte; dann aber kam Gerda hinzu, und wir +plauderten wie tagszuvor wohl eine Stunde lang: nur daß wir uns diesmal +noch mehr einander näherten, uns noch mehr bestrebten, einander zu +verstehen und kennenzulernen. Es war wieder von Dir, Mama, von Tony, von +unserer guten, alten Stadt und meiner Tätigkeit daselbst die Rede ... + +Schon an diesem Tage stand mein Entschluß fest, welcher lautete: Diese +oder keine, jetzt oder niemals! Ich traf mit ihr noch gelegentlich eines +Gartenfestes bei meinem Freunde van Svindren zusammen, ich ward zu einer +kleinen musikalischen Soiree bei Arnoldsens selbst gebeten, in deren +Verlauf ich der jungen Dame gegenüber das Experiment einer halben und +sondierenden Erklärung machte, die ermutigend beantwortet wurde ... und +nun ist es fünf Tage her, daß ich mich vormittags zu Herrn Arnoldsen +begab, um mir die Erlaubnis zu erbitten, um die Hand seiner Tochter zu +werben. Er empfing mich in seinem Privatkontor. »Mein lieber Konsul«, +sagte er, »Sie sind mir aufs höchste willkommen, so schwer es mir altem +Witwer fallen würde, mich von meiner Tochter zu trennen! Aber sie? Sie +hat bislang ihren Entschluß, niemals zu heiraten, mit Festigkeit +aufrechterhalten. Haben Sie denn Chancen?« Und er war äußerst erstaunt, +als ich ihm erwiderte, daß Fräulein Gerda mir in der Tat Veranlassung zu +einiger Hoffnung gegeben habe. + +Er hat ihr einige Tage Zeit zum Besinnen gelassen, und ich glaube, er +hat ihr aus argem Egoismus sogar abgeraten. Aber es hilft nichts: ich +bin der Auserwählte, und seit gestern Nachmittag ist die Verlobung +perfekt. + +Nein, meine liebe Mama, ich bitte Dich jetzt nicht um Deinen +schriftlichen Segen zu dieser Verbindung, denn schon übermorgen reise +ich ab; aber ich nehme das Versprechen der Arnoldsens mit, daß sie uns, +der Vater, Gerda und auch ihre verheiratete Schwester, im August +besuchen werden, und dann wirst Du nicht umhin können zuzugestehen, daß +dies die Rechte für mich ist. Denn es liegt für Dich doch kein Einwand +darin, daß Gerda nur drei Jahr jünger ist als ich? Du wirst wohl niemals +angenommen haben, hoffe ich, daß ich irgendeinen Backfisch aus dem +Kreise Möllendorpf-Langhals-Kistenmaker-Hagenström heimführen würde. + +Und was die »Partie« betrifft?... Ach, ich ängstige mich beinahe davor, +daß Stephan Kistenmaker und Hermann Hagenström und Peter Döhlmann und +Onkel Justus und die ganze Stadt mich pfiffig anblinzeln wird, wenn man +von der Partie erfährt; denn mein zukünftiger Schwiegervater ist +Millionär ... Mein Gott, was läßt sich darüber sagen? Es gibt so viel +Halbes in uns, das so oder so gedeutet werden kann. Ich verehre Gerda +Arnoldsen mit Enthusiasmus, aber ich bin durchaus nicht gesonnen, tief +genug in mich selbst hinabzusteigen, um zu ergründen, ob und inwiefern +die hohe Mitgift, die man mir gleich bei der ersten Vorstellung in +ziemlich zynischer Weise ins Ohr flüsterte, zu diesem Enthusiasmus +beigetragen hat. Ich liebe sie, aber es macht mein Glück und meinen +Stolz desto größer, daß ich, indem sie mein eigen wird, gleichzeitig +unserer Firma einen bedeutenden Kapitalzufluß erobere. + +Ich schließe, liebe Mutter, diesen Brief, der in Anbetracht des +Umstandes, daß wir uns in wenigen Tagen schon mündlich über mein Glück +werden bereden können, schon allzulang geworden ist. Ich wünsche dir +einen angenehmen und erholsamen Badeaufenthalt und bitte Dich, alle die +Unsrigen auf das Herzlichste von mir zu grüßen. + + In treuer Liebe + Dein gehorsamer Sohn + T. + + +Achtes Kapitel + +In der Tat, es gab dieses Jahr einen lebhaften und festlichen Hochsommer +im Buddenbrookschen Hause. + +Am Ende des Juli traf Thomas wieder in der Mengstraße ein und besuchte, +gleich den übrigen Herren, die in der Stadt geschäftlich in Anspruch +genommen waren, seine Familie einige Male am Meere, während Christian +sich daselbst vollkommene Ferien gemacht hatte, denn er klagte über +einen unbestimmten Schmerz im linken Bein, mit dem Doktor Grabow +durchaus nichts anzufangen wußte, und über den Christian daher desto +eingehender nachdachte ... + +»Es ist kein Schmerz ... so kann man es nicht nennen«, erklärte er +mühsam, indem er mit der Hand an dem Beine auf und nieder fuhr, seine +große Nase krauste und die Augen wandern ließ. »Es ist eine Qual, eine +fortwährende, leise, beunruhigende Qual im ganzen Bein ... und an der +linken Seite, an der Seite, wo das Herz sitzt ... Sonderbar ... ich +finde es sonderbar! Was denkst du eigentlich darüber, Tom ...« + +»Ja, ja ...« sagte Tom. »Du hast nun Ruhe und Seebäder ...« + +Und dann ging Christian an die See hinunter, um der Badegesellschaft +Geschichten zu erzählen, daß der Strand von Lachen widerhallte, oder in +den Kursaal, um mit Peter Döhlmann, Onkel Justus, Doktor Gieseke und +einigen Hamburger Suitiers Roulette zu spielen. + +Und Konsul Buddenbrook besuchte mit Tony, wie immer, wenn man in +Travemünde war, die alten Schwarzkopfs in der Vorderreihe ... »Good'n +Dag ook, Ma'm' Grünlich!« sagte der Lotsenkommandeur und redete vor +Freude platt. »Na, weetens woll noch? Dat's nu all bangig lang her, +öäwer dat wier ne verdammt nette Tied ... Un uns Morten, de is nu all +lang Dokter in Breslau, un hei hett ook all ne ganz staatsche Praxis, +der Bengel ...« Dann lief Frau Schwarzkopf umher und machte Kaffee, und +sie vesperten in der grünen Veranda wie ehemals ... nur daß alle um +volle zehn Jahre älter waren nunmehr, daß Morten und die kleine Meta, +die den Ortsvorsteher von Haffkrug geheiratet hatte, fern waren, daß der +Kommandeur, schon ganz weiß und ziemlich taub, im Ruhestand lebte, daß +seine Frau in ihrem Netze ebenfalls sehr graues Haar trug und Madame +Grünlich keine Gans mehr war, sondern das Leben kennengelernt hatte, was +sie aber nicht hinderte, eine Menge Scheibenhonig zu essen, denn sie +sagte: »Das ist reines Naturprodukt; da weiß man doch, was man +verschluckt!« + +Zu Anfang des August jedoch kehrten Buddenbrooks wie die meisten anderen +Familien in die Stadt zurück, und dann kam der große Augenblick, wo, +fast gleichzeitig, Pastor Tiburtius von Rußland und die Arnoldsens von +Holland her zu längerem Besuche in der Mengstraße eintrafen. + +Es war eine sehr schöne Szene, als der Konsul zum ersten Male seine +Braut ins Landschaftszimmer und zu seiner Mutter führte, die ihr mit +ausgebreiteten Armen, den Kopf zur Seite geneigt, entgegenkam. Gerda, +die mit freier und stolzer Anmut auf dem hellen Teppich dahinschritt, +war hoch und üppig gewachsen. Mit ihrem schweren dunkelroten Haar, ihren +nahe beieinander liegenden, braunen, von feinen bläulichen Schatten +umlagerten Augen, ihren breiten, schimmernden Zähnen, die sie lächelnd +zeigte, ihrer geraden, starken Nase und ihrem wundervoll edel geformten +Munde war dieses siebenundzwanzigjährige Mädchen von einer eleganten, +fremdartigen, fesselnden und rätselhaften Schönheit. Ihr Gesicht war +mattweiß und ein wenig hochmütig; aber sie neigte es dennoch, als die +Konsulin ihr Haupt mit sanfter Innigkeit zwischen beide Hände nahm und +ihr die schneeige, makellose Stirne küßte ... »Ja, nun heiße ich dich +willkommen in unserem Hause und unserer Familie, du liebe, schöne, +gesegnete Tochter«, sagte sie. »Du wirst ihn glücklich machen ... sehe +ich es nicht schon, wie glücklich du ihn machst?« Und sie zog mit dem +rechten Arme Thomas herbei, um ihn ebenfalls zu küssen. + +Niemals, höchstens vielleicht zu Großvaters Zeiten, war es heiterer und +geselliger zugegangen in dem großen Hause, das mit Leichtigkeit die +Gäste aufnahm. Nur Pastor Tiburtius hatte aus Bescheidenheit sich im +Rückgebäude beim Billardsaale ein Zimmer erwählt; die übrigen, Herr +Arnoldsen, ein beweglicher, witziger Mann am Ende der Fünfziger mit +grauem Spitzbart und einem liebenswürdigen Elan in jeder Bewegung, seine +ältere Tochter, eine leidend aussehende Dame, sein Schwiegersohn, ein +eleganter Lebemann, der sich von Christian in der Stadt umher und in den +Klub führen ließ, und Gerda verteilten sich in den überflüssigen Räumen +zu ebener Erde, bei der Säulenhalle, im ersten Stock ... + +Antonie Grünlich war froh, daß Sievert Tiburtius zur Zeit der einzige +Geistliche im elterlichen Hause war ... sie war mehr als froh! Die +Verlobung ihres verehrten Bruders, die Tatsache, daß ausgemacht ihre +Freundin Gerda die Erwählte war, das Glänzende dieser Partie, die den +Familiennamen und die Firma mit neuem Schimmer bestrahlte, die 300000 +Kurantmark Mitgift, von der sie hatte munkeln hören, der Gedanke, was +die Stadt, was die anderen Familien, was im besonderen Hagenströms dazu +sagen würden ... das alles trug dazu bei, sie in einen Zustand +beständiger Entzückung zu versetzen. Dreimal stündlich zum wenigsten +umarmte sie ihre zukünftige Schwägerin mit Leidenschaft ... + +»Oh, Gerda!« rief sie. »Ich liebe dich, weißt du, ich habe dich immer +geliebt! Ich weiß ja, du kannst mich nicht leiden, du hast mich immer +gehaßt, aber ...« + +»Aber ich bitte dich, Tony!« sagte Fräulein Arnoldsen. »Wie sollte ich +wohl dazu gekommen sein, dich zu hassen? Darf ich fragen, was du mir +eigentlich Greuliches angetan hast?« + +Aus irgendwelchen Gründen jedoch, wahrscheinlich ganz allein aus +übermäßiger Freude und bloßer Lust am Reden, beharrte Tony störrisch +dabei, daß Gerda sie immer gehaßt habe, daß sie aber ihrerseits -- und +ihre Augen füllten sich mit Tränen -- diesen Haß stets mit Liebe +vergolten habe. Hierauf nahm sie Thomas beiseite und sagte zu ihm: »Das +hast du gut gemacht, Tom, o Gott, wie hast du das gut gemacht! Nein, daß +=Vater= dies nicht mehr erlebt ... es ist zum Heulen, weißt du! Ja, +hiermit wird manches ausgewetzt ... nicht zuletzt die Sache mit jener +Persönlichkeit, deren Namen ich nicht gern in den Mund nehme ...« Worauf +es ihr einfiel, Gerda in ein leeres Zimmer zu ziehen und ihr ihre ganze +Ehe mit Bendix Grünlich in fürchterlicher Ausführlichkeit zu erzählen. +Auch plauderte sie lange Stunden mit ihr von der Pensionszeit, von ihren +abendlichen Gesprächen damals, von Armgard von Schilling in Mecklenburg +und Eva Ewers in München ... Um Sievert Tiburtius und seine Verlobung +mit Klara bekümmerte sie sich beinahe gar nicht; aber die beiden +trachteten auch nicht danach. Sie saßen meist stille Hand in Hand und +sprachen sanft und ernst von einer schönen Zukunft. + +Da das Trauerjahr der Buddenbrooks noch nicht abgelaufen war, so wurden +die beiden Verlobungen nur in der Familie gefeiert; Gerda Arnoldsen aber +war dennoch rasch genug berühmt in der Stadt, ja, ihre Person bildete +den hauptsächlichen Gesprächsstoff an der Börse, im Klub, im +Stadttheater, in Gesellschaft ... »Tipptopp«, sagten die Suitiers und +schnalzten mit der Zunge, denn das war der neueste hamburgische Ausdruck +für etwas auserlesen Feines, handelte es sich nun um eine Rotweinmarke, +um eine Zigarre, um ein Diner oder um geschäftliche Bonität. Aber unter +den soliden, biederen und ehrenfesten Bürgern waren viele, die den Kopf +schüttelten ... »Sonderbar ... diese Toiletten, dieses Haar, diese +Haltung, dieses Gesicht ... ein bißchen reichlich sonderbar.« Kaufmann +Sörensen drückte es aus: »Sie hat ein bißchen was Gewisses ...«, und +dabei wand er sich und machte ein krauses Gesicht, wie wenn ihm an der +Börse eine faule Offerte gemacht wurde. Aber es war Konsul Buddenbrook +... es sah ihm ähnlich. Ein bißchen prätentiös, dieser Thomas +Buddenbrook, ein bißchen ... anders: anders auch als seine Vorfahren. +Man wußte, besonders der Tuchhändler Benthien wußte es, daß er nicht nur +seine sämtlichen feinen und neumodischen Kleidungsstücke -- und er besaß +deren ungewöhnlich viele: Pardessus, Röcke, Hüte, Westen, Beinkleider +und Krawatten -- ja auch seine Wäsche aus Hamburg bezog. Man wußte +sogar, daß er tagtäglich, manchmal sogar zweimal am Tage, das Hemd +wechselte und sich das Taschentuch und den _à la_ Napoleon _III._ +ausgezogenen Schnurrbart parfümierte. Und das alles tat er nicht der +Firma und der Repräsentation zuliebe -- das Haus »Johann Buddenbrook« +hatte das nicht nötig --, sondern aus einer persönlichen Neigung zum +Superfeinen und Aristokratischen ... wie sollte man das ausdrücken, +Teufel noch mal! Und dann diese Zitate aus Heine und anderen Dichtern, +die er manchmal bei den praktischsten Gelegenheiten, bei geschäftlichen +oder städtischen Fragen in seine Rede einfließen ließ ... Und nun diese +Frau ... Nein, auch an ihm selbst, an Konsul Buddenbrook war »ein +bißchen was Gewisses« -- -- was selbstverständlich mit jederlei Respekt +bemerkt werden sollte, denn die Familie war hoch achtbar, und die Firma +war von höchster Bonität, und der Chef war ein gescheuter, +liebenswürdiger Mann, der die Stadt liebte und ihr sicher noch +erfolgreich dienen würde ... Und es war ja auch eine höllisch feine +Partie, man sprach von runden 100000 Talern Kurant ... Indessen ... Und +unter den Damen befanden sich manche, die Gerda Arnoldsen ganz einfach +»=albern=« fanden; wobei daran zu erinnern ist, daß »albern« einen sehr +harten Ausdruck der Verurteilung bedeutete. + +Wer aber, seitdem er sie zum ersten Male auf der Straße erschaut, +Thomas Buddenbrooks Braut mit einer ingrimmigen Begeisterung verehrte, +das war der Makler Gosch. »Ha!« sagte er im Klub oder in der +»Schiffergesellschaft«, indem er sein Punschglas emporhielt und sein +Intrigantengesicht in greulicher Mimik verzerrte ... »Welch ein Weib, +meine Herren! Here und Aphrodite, Brünhilde und Melusine in einer Person +... Ha, das Leben ist doch schön!« fügte er unvermittelt hinzu; und +keiner der Bürger, die um ihn her auf den schweren geschnitzten +Holzbänken des alten Schifferhauses unter den Seglermodellen und großen +Fischen, die von der Decke herabhingen, saßen und ihren Schoppen +tranken, keiner verstand, welches Ereignis das Erscheinen Gerda +Arnoldsens in dem bescheidenen und nach Außerordentlichem sehnsüchtigen +Leben des Maklers Gosch bedeutete ... + +Nicht verpflichtet, wie gesagt, zu größeren Festlichkeiten, hatte die +kleine Gesellschaft in der Mengstraße desto bessere Muße, vertraut +miteinander zu werden. Sievert Tiburtius erzählte, Klaras Hand in der +seinen, von seinen Eltern, seiner Jugend und seinen Zukunftsplänen; die +Arnoldsens erzählten von ihrem Stammbaum, der in Dresden zu Hause war, +und von dem nur dieser eine Zweig in die Niederlande verpflanzt worden +sei; und dann verlangte Madame Grünlich nach dem Schlüssel zum Sekretär +im Landschaftszimmer und schleppte ernsthaft die Mappe mit den +Familienpapieren herbei, in denen Thomas auch die neuesten Daten bereits +vermerkt hatte. Sie kündete mit Wichtigkeit von der Geschichte der +Buddenbrooks, von dem Gewandschneider zu Rostock an, der sich bereits so +sehr gut gestanden, sie las alte Festgedichte vor: + + »Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne + Sich vor unsrem Blick verband: + Venus Anadyomene + Und Vulcani fleiß'ge Hand ...« + +wobei sie Tom und Gerda anblinzelte und die Zunge an der Oberlippe +spielen ließ; und aus Achtung vor der Historie überging sie keineswegs +das Eingreifen in die Familiengeschichte von seiten einer +Persönlichkeit, deren Namen sie eigentlich nicht gern in den Mund +nahm ... + +Donnerstags um vier Uhr aber kamen die gewohnten Gäste: Justus Kröger kam +mit seiner schwachen Gattin, mit der er sehr in Unfrieden lebte, weil sie +selbst nach Amerika noch dem ungeratenen und enterbten Jakob Geld über +Geld sandte ... sie ersparte es ganz einfach vom Wirtschaftsgelde und aß +mit ihrem Manne beinahe nichts als Buchweizengrütze, da war nichts zu +machen. Es kamen die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße, die denn +doch der Wahrheit die Ehre geben und feststellen mußten, daß Erika +Grünlich wieder nicht zugenommen habe, daß sie ihrem Vater, dem +Betrüger, noch ähnlicher geworden sei, und daß des Konsuls Braut eine +=ziemlich= auffällige Frisur trage ... Und auch Sesemi Weichbrodt kam, +stellte sich auf die Zehenspitzen, küßte Gerda mit leise knallendem +Geräusch auf die Stirn und sagte bewegt: »Sei glöcklich, du gutes Kend!« + +Dann sprach bei Tische Herr Arnoldsen einen seiner witzigen und +phantasievollen Toaste zu Ehren der Brautpaare, und hernach, während man +den Kaffee nahm, spielte er die Geige wie ein Zigeuner, mit einer +Wildheit, einer Leidenschaft, einer Fertigkeit ... aber auch Gerda holte +ihre Stradivari herbei, von der sie sich niemals trennte, und griff mit +ihrer süßen Cantilene in seine Passagen ein, und sie spielten pompöse +Duos, im Landschaftszimmer, beim Harmonium, an derselben Stelle, wo +einstmals des Konsuls Großvater seine kleinen, sinnigen Melodien auf der +Flöte geblasen hatte. + +»Erhaben!« sagte Tony, die weit zurückgebeugt in ihrem Lehnsessel saß +... »O Gott, wie finde ich es erhaben!« Und ernst, langsam und +gewichtig, mit aufwärts gerichteten Augen fuhr sie fort, ihre lebhaften +und aufrichtigen Empfindungen auszudrücken ... »Nein, wißt ihr, wie es +im Leben so geht ... nicht jedem wird ja immer eine solche Gabe zuteil! +Mir hat der Himmel dergleichen versagt, wißt ihr, obgleich ich ihn in +mancher Nacht darum angefleht ... Ich bin eine Gans, ein dummes Ding ... +Ja, Gerda, laß dir sagen ... ich bin die Ältere und habe das Leben +kennengelernt .... Du solltest täglich deinem Schöpfer auf den Knien +dafür danken, ein solch gottbegnadigtes Geschöpf zu sein ...!« + +»... Begnadetes«, sagte Gerda und zeigte lachend ihre schönen, weißen, +breiten Zähne. + +Später aber rückten alle zusammen, um gemeinsam über die nächste Zukunft +das Nötige zu beratschlagen und Weingelee dazu zu essen. Am Ende des +Monats oder Anfang September, so ward beschlossen, würden Sievert +Tiburtius sowohl wie Arnoldsens in die Heimat zurückkehren. Gleich nach +der Weihnacht sollte Klaras Trauung in der Säulenhalle mit allem Aufwand +gefeiert werden, während die Hochzeit in Amsterdam, der »bei Leben und +Gesundheit« auch die Konsulin beizuwohnen gedachte, bis zum Beginn des +nächsten Jahres verschoben werden mußte: damit eine Ruhepause +vorherginge. Es half nichts, daß Thomas sich widersetzte. »Bitte!« sagte +die Konsulin und legte die Hand auf seinen Arm ... »Sievert hat das +_prévenir_!« + +Der Pastor und seine Braut verzichteten auf eine Hochzeitsreise. Gerda +und Thomas aber wurden sich einig über eine Route durch Oberitalien nach +Florenz. Sie würden etwa zwei Monate abwesend sein; unterdessen aber +sollte Antonie, zusammen mit dem Tapezierer Jacobs aus der Fischstraße, +das hübsche kleine Haus in der Breiten Straße bereitmachen, das einem +nach Hamburg verzogenen Junggesellen gehörte, und dessen Ankauf der +Konsul bereits betrieb. Oh, Tony würde das schon zur Zufriedenheit +ausführen! »Ihr sollt es =vornehm= haben!« sagte sie; und davon waren +alle überzeugt. + +Christian aber ging mit seinen dünnen, gebogenen Beinen und seiner +großen Nase in diesem Zimmer umher, in dem zwei Brautpaare sich an den +Händen hielten, und in dem von nichts anderem als von Trauung, Aussteuer +und Hochzeitsreisen die Rede war. Er empfand eine Qual, eine unbestimmte +Qual in seinem linken Bein und sah alle aus seinen kleinen, runden, +tiefliegenden Augen ernst, unruhig und nachdenklich an. Schließlich +sagte er in der Aussprache Marcellus Stengels zu seiner armen Kusine, +die ältlich, still, dürr und selbst nach Tische noch hungrig inmitten +der Glücklichen saß: »Na, Thilda, nun heiraten wir auch bald; das heißt +... jeder für sich!« + + +Neuntes Kapitel + +Ungefähr sieben Monate später kehrte Konsul Buddenbrook mit seiner +Gattin aus Italien zurück. Märzschnee lag in der Breiten Straße, als +fünf Uhr nachmittags die Droschke an der schlichten, mit Ölfarbe +gestrichenen Fassade ihres Hauses vorfuhr. Ein paar Kinder und +erwachsene Bürger blieben stehen, um die Ankömmlinge aussteigen zu +sehen. Frau Antonie Grünlich stand, stolz auf die Vorbereitungen, die +sie getroffen, in der Haustür, und hinter ihr hielten sich, gleichfalls +zum Empfange bereit, mit weißen Mützen, nackten Armen und dicken, +gestreiften Röcken, die beiden Dienstmädchen, die sie ihrer Schwägerin +kundig erwählt hatte. + +Eilfertig und erhitzt von Arbeit und Freude lief sie die flachen Stufen +hinunter und zog Gerda und Thomas, die in ihren Pelzen den mit Koffern +bepackten Wagen verließen, unter Umarmungen in den Hausflur hinein ... + +»Da seid ihr! Da seid ihr, ihr Glücklichen, die ihr so weit +herumgekommen seid! Habt ihr das Haus gesehen: auf Säulen ruht sein +Dach?... Gerda, du bist noch schöner geworden, komm, laß mich dich +küssen ... nein, auch auf den Mund ... so! Guten Tag, alter Tom, ja, du +bekömmst auch einen Kuß. Marcus hat gesagt, es sei hier alles sehr gut +gegangen unterdessen. Mutter erwartet euch in der Mengstraße; aber zuvor +macht ihr es euch bequem ... Wollt ihr Tee haben? Ein Bad nehmen? Es ist +alles bereit. Ihr werdet euch nicht zu beklagen haben. Jacobs hat sich +angestrengt, und ich habe auch getan, was ich konnte ...« + +Sie gingen zusammen auf den Vorplatz, während die Mädchen mit dem +Kutscher das Gepäck hereinschleppten. Tony sagte: »Die Zimmer hier im +Parterre werdet ihr vorläufig nicht viel gebrauchen ... vorläufig«, +wiederholte sie und ließ die Zungenspitze an der Oberlippe spielen. +»Dies hier ist hübsch« -- und sie öffnete gleich rechts beim Windfang +eine Tür. -- »Da ist Efeu vor den Fenstern ... einfache Holzmöbel ... +Eiche ... Dort hinten, jenseits des Korridors, liegt ein anderes, +größeres. Hier rechts sind Küche und Speisekammer ... Aber wir wollen +hinaufgehen; oh, ich will euch alles zeigen!« + +Sie stiegen auf dem breiten, dunkelroten Läufer die bequeme Treppe +empor. Droben, hinter einer gläsernen Etagentür, war ein schmaler +Korridor. Es lag das Speisezimmer daran, mit einem schweren runden +Tisch, auf dem der Samowar kochte, und dunkelroten, damastartigen +Tapeten, an denen geschnitzte Nußholzstühle mit Rohrsitzen und ein +massives Büfett standen. Ein behagliches Wohnzimmer in grauem Tuche war +da, nur durch Portieren getrennt von einem schmalen Salon mit +grüngestreiften Ripsfauteuils und einem Erker. Ein Viertel des ganzen +Stockwerkes aber nahm ein Saal von drei Fenstern ein. Dann gingen sie +ins Schlafzimmer hinüber. + +Es lag zur rechten Hand am Korridor, mit geblümten Gardinen und +mächtigen Mahagonibetten. Tony aber ging zu der kleinen, durchbrochenen +Pforte dort hinten, drückte die Klinke und legte den Zugang zu einer +Wendeltreppe frei, deren Windungen ins Souterrain hinabführten: ins +Badezimmer und die Mädchenkammern. + +»Hier ist es hübsch. Hier will ich bleiben«, sagte Gerda und sank +aufatmend in den Lehnsessel an einem der Betten. + +Der Konsul beugte sich zu ihr und küßte ihr die Stirne. »Müde? Aber es +ist wahr, ich habe auch Lust, mich ein bißchen zu säubern ...« + +»Und ich werde nach dem Teewasser sehen«, sagte Frau Grünlich; »ich +erwarte euch im Eßzimmer ...« Und sie ging dorthin. + +Der Tee stand dampfend in Meißener Tassen bereit, als Thomas herüberkam. +»Da bin ich«, sagte er, »Gerda möchte noch eine halbe Stunde ruhen. Sie +hat Kopfschmerzen. Wir wollen nachher in die Mengstraße ... Alles +wohlauf, meine liebe Tony? Mutter, Erika, Christian?... Aber nun«, fuhr +er mit seiner liebenswürdigsten Bewegung fort, »unseren herzlichsten +Dank, auch Gerdas, für all deine Mühen, du Gute! Wie hübsch du das alles +gemacht hast! Es fehlt nichts, als daß meine Frau ein paar Palmen für +ihren Erker bekommt, und daß ich mich nach einigen brauchbaren +Ölgemälden umsehe ... Aber nun erzähle mal! Wie geht es dir, was hast du +getrieben unterdessen!« + +Er hatte seiner Schwester einen Stuhl zu sich herangezogen, trank +langsam seinen Tee und aß ein Biskuit, während sie sprachen. + +»Ach, Tom«, antwortete sie. »Was soll ich treiben? Mein Leben liegt +hinter mir ...« + +»Unsinn, Tony! Du mit deinem Leben ... Aber wir langweilen uns wohl +ziemlich stark?« + +»Ja, Tom, ich langweile mich ganz ungemein. Manchmal heule ich vor +Langerweile. Die Beschäftigung mit diesem Hause hat mir Freude gemacht, +und du glaubst nicht, wie glücklich ich über eure Rückkehr bin ... Aber +ich bin nicht gern zu Hause, weißt du; Gott strafe mich, wenn das eine +Sünde ist. Ich bin nun im Dreißigsten, aber das ist noch nicht das +Alter, um mit der letzten Himmelsbürgern oder den Damen Gerhardt oder +einem von Mutters Dunkelmännern, die der Witwen Häuser fressen, +Busenfreundschaft zu schließen ... Ich glaube nicht an sie, Tom, es sind +Wölfe in Schafspelzen ... Otterngezücht ... Wir sind alle schwache +Menschen mit sündigen Herzen, und wenn sie mitleidig auf mich armes +Weltkind herabsehen wollen, so lache ich sie aus. Ich bin immer der +Meinung gewesen, daß alle Menschen gleich sind, und daß es keiner +Mittlerschaft bedarf zwischen uns und dem lieben Gott. Du kennst auch +meine politischen Grundsätze. Ich will, daß der Bürger zum Staate ...« + +»Also du fühlst dich ein wenig vereinsamt, wie?« fragte Thomas, um sie +wieder auf den Weg zu bringen. »Aber höre, du hast doch Erika?« + +»Ja, Tom, und ich liebe das Kind von ganzem Herzen, obgleich eine +gewisse Persönlichkeit behauptete, ich sei nicht kinderlieb ... Aber, +siehst du ... ich bin offen zu dir, ich bin ein ehrliches Weib, ich +rede, wie's mir ums Herz ist und halte nichts vom Wortemachen ...« + +»Was sehr hübsch von dir ist, Tony.« + +»Kurz, das traurige ist, daß das Kind mich allzusehr an Grünlich +erinnert ... auch Buddenbrooks in der Breiten Straße sagen, daß es ihm +so sehr ähnlich ist ... Und dann, wenn ich es vor mir habe, muß ich +beständig denken: Du bist eine alte Frau mit einer großen Tochter und +das Leben liegt hinter dir. Du hast einmal während einiger Jahre +daringestanden, aber nun kannst du siebzig und achtzig Jahre alt werden +und wirst hier sitzen bleiben und Lea Gerhardt vorlesen hören. Der +Gedanke ist mir so traurig, Tom, daß er mir hier in der Kehle sitzt und +drückt. Denn ich empfinde noch so jugendlich, weißt du, und sehne mich +danach, noch einmal ins Leben hinauszukommen ... Und schließlich: nicht +bloß im Hause, auch in der ganzen Stadt fühle ich mich nicht ganz wohl, +denn du mußt nicht glauben, daß ich mit Blindheit geschlagen bin für die +Verhältnisse, ich bin keine Gans mehr und habe meine Augen im Kopfe. Ich +bin eine geschiedene Frau und bekomme es zu fühlen, das ist sehr klar. +Du kannst mir glauben, Tom, daß es mir immer schwer auf dem Herzen +liegt, unseren Namen, wenn auch ohne eigene Schuld, so befleckt zu +haben. Du kannst tun, was du willst, du kannst Geld verdienen und der +erste Mann in der Stadt werden, -- die Leute werden immer noch sagen: +`Ja ... seine Schwester ist übrigens eine geschiedene Frau.´ Julchen +Möllendorpf, geborene Hagenström, grüßt mich nicht ... nun, sie ist eine +Gans! Aber so geht es bei allen Familien ... Und doch, ich =kann= die +Hoffnung nicht aufgeben, Tom, daß alles noch wieder gutzumachen ist! Ich +bin noch jung ... Bin ich nicht noch ziemlich hübsch? Mama kann mir +nicht mehr viel mitgeben, aber es ist immerhin ein annehmbares Stück +Geld. Wenn ich mich wieder verheiratete? Offen gestanden, Tom, es ist +mein lebhaftester Wunsch! Damit wäre alles in Ordnung, der Fleck wäre +ausgelöscht ... O Gott, wenn ich eine unseres Namens würdige Partie +machen, mich wieder einrichten könnte --! Glaubst du, daß es so völlig +ausgeschlossen ist?« + +»Bewahre, Tony! Oh, keineswegs! Ich habe niemals aufgehört, damit zu +rechnen. Aber vor allem scheint es mir nötig, daß du mal ein bißchen +hinauskommst, dich ein wenig aufmunterst, Abwechselung hast ...« + +»Das ist es eben!« sagte sie eifrig. »Nun muß ich dir mal eine +Geschichte erzählen.« + +Sehr befriedigt von diesem Vorschlage lehnte sich Thomas zurück. Er war +schon bei der zweiten Zigarette. Die Dämmerung begann vorzuschreiten. + +»Also während euerer Abwesenheit hätte ich beinahe eine Stelle +angenommen, eine Stelle als Gesellschafterin in Liverpool! Hättest du +es empörend gefunden?... Aber immerhin etwas fragwürdig?... Ja, ja, es +wäre wahrscheinlich unwürdig gewesen. Aber es war mein so dringender +Wunsch, fortzukommen ... Kurz, es hat sich zerschlagen. Ich schickte der +Missis meine Photographie, und sie mußte auf meine Dienste verzichten, +weil ich zu hübsch sei; es sei ein erwachsener Sohn im Hause. `Sie sind +zu hübsch´, schrieb sie ... ha, ich habe mich niemals so amüsiert!« + +Die beiden lachten sehr herzlich. + +»Aber nun habe ich etwas anderes in Aussicht genommen«, fuhr Tony fort. +»Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach München von Eva Ewers +... ja, sie heißt übrigens nun Eva Niederpaur, und ihr Mann ist +Brauereidirektor. Genug, sie hat mich gebeten, sie zu besuchen, und ich +denke demnächst von der Aufforderung Gebrauch zu machen. Freilich, Erika +könnte nicht mitgehen. Ich würde sie zu Sesemi Weichbrodt in Pension +geben. Dort wäre sie ausgezeichnet aufgehoben. Hättest du etwas dagegen +einzuwenden?« + +»Gar nichts. Jedenfalls ist es nötig, daß du einmal wieder in neue +Verhältnisse kommst.« + +»Ja, das ist es!« sagte sie dankbar. »Aber nun du, Tom! Ich spreche +beständig von mir, ich bin ein eigennütziges Weib! Nun erzähle du. O +Gott, wie glücklich du sein mußt!« + +»Ja, Tony!« sagte er nachdrücklich. Es entstand eine Pause. Er atmete +den Rauch über den Tisch hinüber und fuhr fort: »Zunächst bin ich sehr +froh, verheiratet zu sein und einen eigenen Hausstand begründet zu +haben. Du kennst mich: ich hätte schlecht zum Garçon getaugt. Alles +Junggesellentum hat einen Beigeschmack von Isoliertheit und Bummelei, +und ich besitze einigen Ehrgeiz, wie du weißt. Ich halte meine Karriere +weder geschäftlich, noch, sagen wir scherzeshalber: politisch für +beendigt ... aber das rechte Vertrauen der Welt gewinnt man erst, wenn +man Hausherr und Familienvater ist. Dennoch hat es an einem Haar +gehangen, Tony ... Ich bin ein bißchen wählerisch. Ich habe es lange +Zeit nicht für möglich gehalten, auf der Welt eine Passende zu finden. +Aber Gerdas Anblick gab den Ausschlag. Ich sah sofort, daß sie die +einzige sei, ausgemacht sie ... obgleich ich weiß, daß viele Leute in +der Stadt mir böse sind ob meines Geschmackes. Sie ist ein wundervolles +Wesen, wie es deren sicher wenige gibt auf Erden. Freilich ist sie +sehr anders als du, Tony. Du bist einfacher von Gemüt, du bist auch +natürlicher ... Meine Frau Schwester ist ganz einfach temperamentvoller«, +fuhr er fort, indem er plötzlich zu einem leichteren Tone überging. »Daß +übrigens auch Gerda Temperament besitzt, das beweist wahrhaftig ihr +Geigenspiel; aber sie kann manchmal ein bißchen kalt sein ... Kurz, es +ist nicht der gewöhnliche Maßstab an sie zu legen. Sie ist eine +Künstlernatur, ein eigenartiges, rätselhaftes, entzückendes Geschöpf.« + +»Ja, ja«, sagte Tony. Sie hatte ihrem Bruder ernst und aufmerksam +zugehört. Ohne an die Lampe zu denken, hatten sie den Abend +hereinbrechen lassen. + +Da öffnete sich die Korridortür, und von der Dämmerung umgeben stand vor +den beiden, in einem faltig hinabwallenden Hauskleide aus schneeweißem +Pikee, eine aufrechte Gestalt. Das schwere, dunkelrote Haar umrahmte das +weiße Gesicht, und in den Winkeln der nahe beieinander liegenden braunen +Augen lagerten bläuliche Schatten. + +Es war Gerda, die Mutter zukünftiger Buddenbrooks. + + + + +Sechster Teil + + +Erstes Kapitel + +Thomas Buddenbrook nahm das erste Frühstück in seinem hübschen +Speisezimmer fast immer allein, denn seine Gattin pflegte sehr spät das +Schlafzimmer zu verlassen, da sie während des Vormittags oft einer +Migräne und allgemeiner Mißstimmung unterworfen war. Der Konsul begab +sich dann sofort in die Mengstraße, wo die Kontors der Firma verblieben +waren, nahm das zweite Frühstück im Zwischengeschoß gemeinsam mit seiner +Mutter, Christian und Ida Jungmann und traf mit Gerda erst wieder um +vier Uhr beim Mittagessen zusammen. + +Das geschäftliche Treiben bewahrte dem Erdgeschoß Leben und Bewegung; +die Stockwerke aber des großen Mengstraßenhauses lagen nun recht leer +und vereinsamt da. Die kleine Erika war von Mademoiselle Weichbrodt als +interner Zögling aufgenommen worden, die arme Klothilde hatte sich mit +ihren vier oder fünf Möbeln bei der Witwe eines Gymnasiallehrers, einer +Doktorin Krauseminz, in wohlfeile Pension begeben, selbst der Bediente +Anton hatte das Haus verlassen, um zu den jungen Herrschaften +überzugehen, wo er nötiger war, und wenn Christian im Klub weilte, so +saßen um vier Uhr die Konsulin und Mamsell Jungmann an dem runden Tisch, +in den kein einziges Brett mehr eingelassen war, und der sich in dem +weiten Speisetempel mit seinen Götterbildern verlor, nun ganz allein +beieinander. + +Mit dem Tode des Konsuls Johann Buddenbrook war das gesellschaftliche +Leben in der Mengstraße erloschen, und die Konsulin sah, abgesehen von +dem Besuche dieses oder jenes Geistlichen, keine anderen Gäste mehr um +sich als am Donnerstag die Glieder ihrer Familie. Ihr Sohn aber und +seine Gattin hatten bereits ihr erstes Diner hinter sich, ein Diner, bei +dem im Speise- und Wohnzimmer gedeckt worden war, ein Diner mit +Kochfrau, Lohndienern und Kistenmakerschen Weinen, eine +Mittagsgesellschaft, die um fünf Uhr begonnen, und deren Gerüche und +Geräusche um elf Uhr noch fortgeherrscht hatten, bei der alle Langhals', +Hagenströms, Huneus', Kistenmakers, Överdiecks und Möllendorpfs zugegen +gewesen waren, Kaufleute und Gelehrte, Ehepaare und Suitiers, die mit +Whist und ein paar Ohren voll Musik geschlossen hatte, und von der man +an der Börse noch acht Tage lang in den lobendsten Ausdrücken sprach. +Wahrhaftig, es hatte sich gezeigt, daß die junge Frau Konsulin zu +repräsentieren verstand ... Der Konsul hatte an jenem Abend, allein +geblieben mit ihr in den von hinabgebrannten Kerzen erleuchteten Räumen, +zwischen den durcheinandergerückten Möbeln, in dem dichten, süßen und +schweren Dunst von feinen Speisen, Parfüms, Weinen, Kaffee, Zigarren und +den Blumen der Toiletten und Tafelaufsätze, ihre Hände gedrückt und +gesagt: »Sehr brav, Gerda! Wir haben uns nicht zu schämen brauchen. +Dergleichen ist sehr wichtig ... Ich habe gar keine Lust, mich viel mit +Bällen abzugeben und die jungen Leute hier umherspringen zu lassen; dazu +reicht auch der Raum nicht. Aber den gesetzten Leuten muß es schmecken +bei uns. So ein Diner kostet ein wenig mehr ... aber das ist nicht übel +angelegt.« + +»Du hast recht«, hatte sie geantwortet und die Spitzen geordnet, durch +die ihre Brust wie Marmor hindurchschimmerte. »Auch ich ziehe durchaus +die Diners den Bällen vor. Ein Diner wirkt so außerordentlich beruhigend +... Ich hatte heute nachmittag musiziert und fühlte mich ein wenig +merkwürdig ... Jetzt ist mein Gehirn so tot, daß hier der Blitz +einschlagen könnte, ohne daß ich bleich oder rot würde.« + + * * * * * + +Als um halb zwölf Uhr heute der Konsul sich neben seiner Mutter am +Frühstückstische niederließ, las sie ihm folgenden Brief vor: + + München, den 2. April 1857. + Am Marienplatz Nr. 5. + +Meine liebe Mama, + +ich bitte um Verzeihung, denn es ist eine Schande, daß ich noch nicht +geschrieben habe, während ich doch schon acht Tage hier bin; ich bin zu +sehr in Anspruch genommen worden von allem, was es hier zu sehen gibt -- +aber davon später. Nun frage ich erst einmal, ob es Euch Lieben, Dir und +Tom und Gerda und Erika und Christian und Thilda und Ida und allen gut +geht; das ist das Wichtigste. + +Ach, was habe ich in diesen Tagen nicht zu sehen bekommen! Da ist die +Pinakothek und die Glyptothek und das Hofbräuhaus und das Hoftheater und +die Kirchen und viele andere Dinge. Ich muß davon mündlich erzählen, +sonst schreibe ich mich tot. Auch eine Wagenfahrt im Isartal haben wir +schon gemacht, und für morgen ist ein Ausflug an den Würmsee in Aussicht +genommen. Das geht immer so weiter; Eva ist sehr lieb zu mir, und Herr +Niederpaur, der Brauereidirektor, ist ein gemütlicher Mann. Wir wohnen +an einem sehr hübschen Platz inmitten der Stadt, mit einem Brunnen in +der Mitte, wie bei uns auf dem Markt, und unser Haus steht ganz in der +Nähe des Rathauses. Ich habe niemals ein solches Haus gesehen! Es ist +von oben bis unten ganz kunterbunt bemalt, mit heiligen Georgs, die den +Drachen töten, und alten bayerischen Fürsten in vollem Ornat und Wappen. +Stellt Euch vor! + +Ja, München gefällt mir ganz ausnehmend. Die Luft soll sehr +nervenstärkend sein, und mit meinem Magen ist es im Augenblick ganz in +Ordnung. Ich trinke mit großem Vergnügen sehr viel Bier, um so mehr, als +das Wasser nicht ganz gesund ist; aber an das Essen kann ich mich noch +nicht recht gewöhnen. Es gibt zuwenig Gemüse und zuviel Mehl, zum +Beispiel in den Soßen, deren sich Gott erbarmen möge. Was ein +ordentlicher Kalbsrücken ist, das ahnt man hier gar nicht, denn die +Schlachter zerschneiden alles aufs jämmerlichste. Und mir fehlen sehr +die Fische. Und dann ist es doch ein Wahnsinn, beständig Gurken- und +Kartoffelsalat mit Bier durcheinander zu schlucken! Mein Magen gibt Töne +von sich dabei. + +Überhaupt muß man ja an mancherlei sich erst gewöhnen, könnt Ihr Euch +denken, man befindet sich eben in einem fremden Lande. Da ist die +ungewohnte Münze, da ist die Schwierigkeit, sich mit den einfachen +Leuten, dem Dienstpersonal zu verständigen, denn ich spreche ihnen zu +rasch und sie mir zu kauderwelsch -- und dann ist da der Katholizismus; +ich hasse ihn, wie Ihr wißt, ich halte gar nichts davon ... + +Hier fing der Konsul an zu lachen, indem er, ein Stück Butterbrot mit +geriebenem Kräuterkäse in der Hand, sich in das Sofa zurücklehnte. + +»Ja, Tom, du lachst ...«, sagte seine Mutter, und ließ ein paarmal den +Mittelfinger ihrer Hand auf das Tischtuch fallen. »Aber mir gefällt es +völlig an ihr, daß sie an dem Glauben ihrer Väter festhält und die +unevangelischen Schnurrpfeifereien verabscheut. Ich weiß, daß du in +Frankreich und Italien eine gewisse Sympathie für die päpstliche Kirche +gefaßt hast, aber das ist nicht Religiosität bei dir, Tom, sondern etwas +anderes, und ich verstehe auch, was; aber obgleich wir duldsam sein +sollen, ist Spielerei und Liebhaberei in diesen Dingen in hohem Grade +strafbar, und ich muß Gott bitten, daß er dir und deiner Gerda -- denn +ich weiß, sie gehört ebenfalls nicht gerade zu den Gefesteten, mit den +Jahren den nötigen Ernst darin gibt. Diese Bemerkung wirst du deiner +Mutter verzeihen.« + +»Oben auf dem Brunnen«, las sie weiter, »den ich von meinem Fenster aus +sehen kann, steht eine Maria, und manchmal wird er bekränzt, und dann +knien dort Leute aus dem Volke mit Rosenkränzen und beten, was ja recht +hübsch aussieht, aber es steht geschrieben: Gehe in dein Kämmerlein. Oft +sieht man hier Mönche auf der Straße, und sie sehen recht ehrwürdig aus. +Aber stelle Dir vor, Mama, gestern fuhr in der Theatinerstraße irgendein +höherer Kirchenmann in seiner Kutsche an mir vorüber, vielleicht war es +der Erzbischof, ein älterer Herr -- genug, und dieser Herr wirft mir aus +dem Fenster ein paar Augen zu wie ein Gardeleutnant! Du weißt, Mutter, +ich halte nicht so sehr große Stücke auf Deine Freunde, die Missionare +und Pastoren, aber Tränen-Trieschke ist sicherlich nichts gegen diesen +Suitier von einem Kirchenfürsten ...« + +»Pfui!« schaltete die Konsulin bekümmert ein. + +»Echt Tony!« sagte der Konsul. + +»Wieso, Tom?« + +»Na, sollte sie ihn nicht ein bißchen provoziert haben ... zur Prüfung? +Ich kenne doch Tony! Und jedenfalls hat dieses `Paar Augen´ sie köstlich +amüsiert ... was wohl die Absicht des alten Herrn gewesen ist.« + +Hierauf ging die Konsulin nicht ein, sondern fuhr zu lesen fort: +»Vorgestern hatten Niederpaurs Abendgesellschaft, was wunderhübsch war, +obgleich ich der Unterhaltung nicht immer folgen konnte und den Ton +manchmal ziemlich _équivoque_ fand. Sogar ein Hofopernsänger war da, +welcher Lieder sang, und ein junger Kunstmaler, der mich bat, mich von +ihm porträtieren zu lassen, was ich aber ablehnte, weil ich es nicht für +passend halte. Am besten habe ich mich mit einem Herrn =Permaneder= +unterhalten -- hättest Du jemals gedacht, daß jemand so heißen +könnte? --, Hopfenhändler, ein netter, spaßhafter Mann in gesetzten +Jahren und Junggeselle. Ich hatte ihn zu Tische und hielt mich an ihn, +weil er der einzige Protestant in der Gesellschaft war, denn obgleich er +ein guter Münchener Bürger ist, stammt seine Familie aus Nürnberg. Er +versicherte, daß er unsere Firma dem Namen nach sehr wohl kenne, und Du +kannst Dir denken, Tom, welche Freude mir der respektvolle Ton machte, +in welchem er das sagte. Auch erkundigte er sich genau nach uns, wie +viele Geschwister wir seien und dergleichen mehr. Auch nach Erika und +sogar nach Grünlich fragte er. Er kommt manchmal zu Niederpaurs und wird +wohl morgen mit uns zum Würmsee fahren. + +Nun adieu, liebe Mama, ich kann nicht mehr schreiben. Bei Leben und +Gesundheit, wie Du immer sagst, bleibe ich noch drei oder vier Wochen +hier, und dann kann ich Euch mündlich von München erzählen, denn +brieflich weiß ich nicht, womit ich anfangen soll. Aber es gefällt mir +sehr gut, das kann ich sagen, nur müßte man sich eine Köchin auf +anständige Saucen dressieren. Siehst Du, ich bin eine alte Frau, die das +Leben hinter sich hat, und habe nichts mehr zu erwarten auf Erden, aber +wenn zum Beispiel Erika später bei Leben und Gesundheit sich hierher +verheiratete, so würde ich nichts dagegen haben, das muß ich sagen ...« + +Hier mußte der Konsul wieder aufhören, zu essen, und sich lachend in das +Sofa zurücklegen. + +»Sie ist unbezahlbar, Mutter! Wenn sie heucheln will, ist sie +unvergleichlich! Ich schwärme für sie, weil sie einfach nicht imstande +ist, sich zu verstellen, nicht über tausend Meilen weg ...« + +»Ja, Tom«, sagte die Konsulin; »sie ist ein gutes Kind, das alles Glück +verdient.« + +Dann las sie den Brief zu Ende ... + + +Zweites Kapitel + +Am Ende des April zog Frau Grünlich wieder im Elternhause ein, und +obgleich nun abermals ein Stück Leben hinter ihr lag, obgleich das alte +Dasein wieder begann, sie wieder den Andachten beiwohnen und am +Jerusalemsabend Lea Gerhardt vorlesen hören mußte, befand sie sich ganz +augenscheinlich in froher und hoffnungsvoller Stimmung. + +Gleich als ihr Bruder, der Konsul, sie vom Bahnhofe abgeholt hatte -- +sie war von Büchen gekommen -- und mit ihr durch das Holstentor in die +Stadt gefahren war, hatte er nicht umhin gekonnt, ihr das Kompliment zu +machen, daß -- nächst Klothilden -- sie doch noch immer die Schönste in +der Familie sei, worauf sie geantwortet hatte: »O Gott, Tom, ich hasse +dich! Eine alte Frau in dieser Weise zu verhöhnen ...« + +Aber es hatte trotzdem seine Richtigkeit: Madame Grünlich konservierte +sich aufs vorteilhafteste, und angesichts ihres starken, aschblonden +Haares, das zu beiden Seiten des Scheitels gepolstert, über den kleinen +Ohren zurückgestrichen und auf der Höhe des Kopfes mit einem breiten +Schildkrotkamm zusammengefaßt war -- angesichts des weichen Ausdrucks, +der ihren graublauen Augen blieb, ihrer hübschen Oberlippe, des feinen +Ovals und der zarten Farben ihres Gesichtes hätte man nicht auf dreißig, +sondern auf dreiundzwanzig Jahre geraten. Sie trug höchst elegante +herabhängende Ohrringe von Gold, die in etwas anderer Form schon ihre +Großmutter getragen hatte. Eine lose sitzende Taille aus leichtem, +dunklem Seidenstoff mit Atlasrevers und flachen Epaulettes von Spitzen +gab ihrer Büste einen entzückenden Ausdruck von Weichheit ... + +Sie befand sich in bester Laune, wie gesagt, und erzählte Donnerstags, +wenn Konsul Buddenbrooks und die Damen Buddenbrook aus der +Breitenstraße, Konsul Krögers, Klothilde und Sesemi Weichbrodt mit Erika +zu Tische kamen, aufs anschaulichste von München, von dem Biere, den +Dampfnudeln, dem Kunstmaler, der sie hatte porträtieren wollen, und den +Hofequipagen, die ihr den größten Eindruck gemacht hatten. Sie erwähnte +im Vorübergehen auch des Herrn Permaneder, und gesetzt den Fall, daß +Pfiffi Buddenbrook eine oder die andere Bemerkung darüber fallen ließ, +daß so eine Reise ja recht angenehm sei, daß jedoch irgendein +praktischer Erfolg sich nicht scheine eingestellt zu haben, so überhörte +Frau Grünlich das mit einer unsäglichen Würde, indem sie den Kopf +zurücklegte und trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken suchte ... + +Übrigens eignete sie sich die Gewohnheit an, immer, wenn die Glocke der +Windfangtür über die große Diele schallte, auf den Treppenabsatz zu +eilen, um zu sehen, wer käme ... Was mochte dies zu bedeuten haben? Das +wußte wohl nur Ida Jungmann, Tonys Erzieherin und langjährige Vertraute, +die hier und da etwas zu ihr sagte, wie: »Tonychen, mein Kindchen, +sollst sehen, er wird kommen! Er wird doch kein Dujak sein wollen ...« + +Die einzelnen Familienglieder wußten der heimgekehrten Antonie Dank für +ihre Heiterkeit; die Stimmung im Hause bedurfte dringend der +Aufmunterung, und zwar aus dem Grunde, weil das Verhältnis zwischen dem +Firmenchef und seinem jüngeren Bruder sich im Verlaufe der Zeit nicht +gebessert, sondern in trauriger Weise verschlimmert hatte. Ihre Mutter, +die Konsulin, die diesen Gang der Dinge mit Kummer verfolgte, hatte +genug zu tun, zwischen den beiden notdürftig zu vermitteln ... Ihren +Ermahnungen, das Kontor mit größerer Regelmäßigkeit zu besuchen, war +Christian mit zerstreutem Schweigen begegnet, und diejenigen seines +Bruders selbst hatte er mit einer ernsten, unruhigen und nachdenklichen +Beschämung ohne Widerspruch über sich ergehen lassen, um dann während +weniger Tage der englischen Korrespondenz mit etwas mehr Eifer +obzuliegen. Mehr und mehr aber entwickelte sich in dem Älteren eine +gereizte Verachtung gegen den Jüngeren, die dadurch nicht beeinträchtigt +wurde, daß Christian ihre gelegentlichen Äußerungen ohne Gegenwehr und +mit nachdenklich umherwandernden Augen entgegennahm. + +Thomas' angestrengte Tätigkeit, der Zustand seiner Nerven gestattete ihm +nicht, mit Teilnahme oder Gelassenheit Christians eingehende +Mitteilungen über seine wechselnden Krankheitserscheinungen anzuhören, +und seiner Mutter oder Schwester gegenüber nannte er sie mit Unwillen +»die albernen Ergebnisse einer widerwärtigen Selbstbeobachtung«. + +Die Qual, die unbestimmte Qual in Christians linkem Beine, war seit +einiger Zeit mehreren äußerlichen Mitteln gewichen; die +Schluckbeschwerden aber kehrten noch oft bei Tische wieder, und +neuerdings war eine zeitweilige Atemnot, ein asthmatisches Übel +hinzugetreten, das Christian während längerer Wochen für +Lungenschwindsucht hielt und dessen Wesen und Wirkungen er seiner +Familie mit gekrauster Nase in ausführlichen Beschreibungen mitzuteilen +bemüht war. Doktor Grabow wurde zu Rate gezogen. Er stellte fest, daß +Herz und Lunge recht kräftig arbeiteten, daß aber der gelegentliche +Atemmangel auf eine gewisse Trägheit gewisser Muskeln zurückzuführen +sei, und verordnete zur Erleichterung der Respiration erstens den +Gebrauch eines Fächers, zweitens ein grünliches Pulver, das man +entzünden und dessen Rauch man einatmen mußte. Des Fächers bediente +Christian sich auch im Kontor, und auf einen Vorhalt des Chefs +antwortete er, daß in Valparaiso jeder Kontorist schon der Hitze wegen +einen Fächer besessen habe: »Johnny Thunderstorm ... du lieber Gott!« +Als er aber eines Tages, nachdem er längere Zeit ernst und unruhig auf +seinem Sessel hin und her gerückt, auch sein Pulver im Kontor aus der +Tasche zog und einen so starken und übelriechenden Qualm entwickelte, +daß mehrere Leute heftig zu husten begannen und Herr Marcus sogar ganz +blaß wurde ... da gab es einen öffentlichen Eklat, einen Skandal, eine +fürchterliche Auseinandersetzung, die zum sofortigen Bruch geführt haben +würde, hätte nicht die Konsulin noch einmal alles vertuscht, mit +Vernunft besprochen und zum Guten gewandt ... + +Es war nicht dies allein. Auch das Leben, das Christian außerhalb des +Hauses, und zwar meistens gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Doktor Gieseke, +seinem Schulkameraden, führte, verfolgte der Konsul mit Widerwillen. Er +war kein Mucker und Spielverderber. Er erinnerte sich wohl seiner +eigenen Jugendsünden. Er wußte wohl, daß seine Vaterstadt, diese Hafen- +und Handelsstadt, in der die geschäftlich hochachtbaren Bürger mit so +unvergleichlich ehrenfester Miene das Trottoir mit ihren Spazierstöcken +stießen, keineswegs die Heimstätte makelloser Moralität sei. Man +entschädigte sich hier für seine auf dem Kontorbock seßhaft verbrachten +Tage nicht nur mit schweren Weinen und schweren Gerichten ... Aber ein +dicker Mantel von biederer Solidität bedeckte diese Entschädigungen, und +wenn es Konsul Buddenbrooks erstes Gesetz war, »die Dehors zu wahren«, +so zeigte er sich in dieser Beziehung durchdrungen von der +Weltanschauung seiner Mitbürger. Der Rechtsanwalt Gieseke gehörte zu den +»Gelehrten«, die sich der Daseinsform der »Kaufleute« behaglich +anpaßten, und zu den notorischen »Suitiers«, was ihm übrigens jedermann +ansehen konnte. Aber wie die übrigen behäbigen Lebemänner verstand er +es, die richtige Miene dazu zu machen, Ärgernis zu vermeiden und seinen +politischen und beruflichen Grundsätzen den Ruf unanfechtbarer Solidität +zu wahren. Seine Verlobung mit einem Fräulein Huneus war soeben publik +geworden. Er erheiratete also einen Platz in der ersten Gesellschaft und +eine bedeutende Mitgift. Er war mit stark unterstrichenem Interesse in +städtischen Angelegenheiten tätig, und man sagte sich, daß er sein +Augenmerk auf einen Sitz im Rathause und zuletzt wohl auf den Sessel des +alten Bürgermeisters Doktor Överdieck gerichtet halte. + +Christian Buddenbrook aber, sein Freund, derselbe, der einst +entschlossenen Schrittes zu Mademoiselle Meyer-de la Grange gegangen +war, ihr sein Blumenbukett gegeben und zu ihr gesagt hatte: »O Fräulein, +wie schön haben Sie gespielt!« -- Christian hatte sich infolge seines +Charakters und seiner langen Wanderjahre zu einem Suitier von viel zu +naiver und unbekümmerter Art entwickelt und war in Herzenssachen so +wenig wie im übrigen geneigt, seinen Empfindungen Zwang anzutun, +Diskretion zu üben, die Würde zu wahren. Über sein Verhältnis zu einer +Statistin vom Sommertheater zum Beispiel amüsierte sich die ganze Stadt, +und Frau Stuht aus der Glockengießerstraße, dieselbe, die in den ersten +Kreisen verkehrte, erzählte es jeder Dame, die es hören wollte, daß +»Krischan« wieder einmal mit der vom »Tivoli« auf offener, hellichter +Straße gesehen worden sei. + +Auch das nahm man nicht übel ... Man war von einer zu biderben Skepsis, +um ernstlich moralische Entrüstung an den Tag zu legen. Christian +Buddenbrook und etwa Konsul Peter Döhlmann, den sein gänzlich +darniederliegendes Geschäft veranlaßte, in ähnlich harmloser Weise zu +Werke zu gehen, waren als Amüseurs beliebt und in Herrengesellschaft +geradezu unentbehrlich. Aber sie waren eben nicht ernst zu nehmen; sie +zählten in ernsthaften Angelegenheiten nicht mit; es war bezeichnend, +daß in der ganzen Stadt, im Klub, an der Börse, am Hafen, nur ihre +Vornamen genannt wurden: »Krischan« und »Peter«, und Übelwollenden, wie +den Hagenströms, stand es frei, nicht über Krischans Geschichten und +Späße, sondern über Krischan selbst zu lachen. + +Er dachte daran nicht oder ging, seiner Art gemäß, nach einem Augenblick +seltsam unruhigen Nachdenkens darüber hinweg. Sein Bruder, der Konsul, +aber wußte es; er wußte, daß Christian den Widersachern der Familie +einen Angriffspunkt bot, und ... es waren der Angriffspunkte bereits zu +viele. Die Verwandtschaft mit den Överdiecks war weitläufig und würde +nach dem Tode des Bürgermeisters ganz wertlos sein. Die Krögers spielten +gar keine Rolle mehr, lebten zurückgezogen und hatten arge Geschichten +mit ihrem Sohne ... Des seligen Onkel Gotthold Mißheirat blieb etwas +Unangenehmes ... Des Konsuls Schwester war eine geschiedene Frau, wenn +man auch die Hoffnung auf ihre Wiedervermählung nicht fahren zu lassen +brauchte -- und sein Bruder sollte ein lächerlicher Mensch sein, durch +dessen Clownerien sich tätige Herren mit wohlwollendem oder höhnischem +Lachen die Mußestunden ausfüllen ließen, der zu alledem Schulden machte +und am Ende des Quartals, wenn er kein Geld mehr hatte, sich ganz +offenkundig von Doktor Gieseke freihalten ließ ... eine unmittelbare +Blamage der Firma. + +Die gehässige Verachtung, die Thomas auf seinem Bruder ruhen ließ und +die dieser mit einer nachdenklichen Indifferenz ertrug, äußerte sich in +all den feinen Kleinlichkeiten, wie sie nur zwischen Familiengliedern, +die aufeinander angewiesen sind, zutage treten. Kam zum Beispiel das +Gespräch auf die Geschichte der Buddenbrooks, so konnte Christian in die +Stimmung geraten, die ihm allerdings nicht sehr gut zu Gesichte stand, +mit Ernst, Liebe und Bewunderung von seiner Vaterstadt und seinen +Vorfahren zu reden. Alsbald beendete der Konsul mit einer kalten +Bemerkung das Gespräch. Er ertrug das nicht. Er verachtete seinen Bruder +so sehr, daß er ihm nicht gestattete, dort zu lieben, wo er selbst +liebte. Er hätte es viel lieber gehört, wenn Christian im Dialekte +Marcellus Stengels davon gesprochen hätte. Er hatte ein Buch gelesen, +irgendein historisches Werk, das starken Eindruck auf ihn gemacht und +das er mit bewegten Worten rühmte. Christian, ein unselbständiger Kopf, +der das Buch allein gar nicht ausfindig gemacht haben würde, aber +eindrucksfähig und jeder Beeinflussung zugänglich, las es, in dieser +Weise vorbereitet und empfänglich gemacht, nun gleichfalls, fand es ganz +herrlich, gab seinen Empfindungen möglichst genauen Ausdruck ... und +fortan war das Buch für Thomas erledigt. Er sprach mit Gleichgültigkeit +und Kälte davon. Er tat, als habe er es kaum gelesen. Er überließ seinem +Bruder, es allein zu bewundern ... + + +Drittes Kapitel + +Konsul Buddenbrook kehrte aus der »Harmonie«, dem Lesezirkel für Herren, +in dem er nach dem zweiten Frühstück eine Stunde verbracht hatte, in die +Mengstraße zurück. Er durchschritt das Grundstück von hinten, kam rasch +zur Seite des Gartens über den gepflasterten Gang, der, zwischen +bewachsenen Mauern hinlaufend, den hinteren Hof mit dem vorderen +verband, ging über die Diele und rief in die Küche hinein, ob sein +Bruder zu Hause sei; man solle ihn benachrichtigen, wenn er käme. Dann +schritt er durch das Kontor, wo die Leute an den Pulten bei seinem +Erscheinen sich tiefer über die Rechnungen beugten, in sein +Privatbureau, legte Hut und Stock beiseite, zog den Arbeitsrock an und +begab sich an seinen Fensterplatz, Herrn Marcus gegenüber. Zwei Falten +standen zwischen seinen auffallend hellen Brauen. Das gelbe Mundstück +einer aufgerauchten russischen Zigarette wanderte unruhig von einem +Mundwinkel in den anderen. Die Bewegungen, mit denen er Papier und +Schreibzeug zur Hand nahm, waren so kurz und schroff, daß Herr Marcus +sich mit zwei Fingern bedächtig den Schnurrbart strich und einen ganz +langsamen, prüfenden Blick zu seinem Sozius gleiten ließ, während die +jungen Leute sich mit erhobenen Augenbrauen ansahen. Der Chef war im +Zorn. + +Nach Verlauf einer halben Stunde, während der man nichts als das Kratzen +der Federn und das bedächtige Räuspern des Herrn Marcus vernommen hatte, +blickte der Konsul über den grünen Fenstervorsatz hinweg und sah +Christian die Straße daherkommen. Er rauchte. Er kam aus dem Klub, wo er +gefrühstückt und ein kleines Jeu gemacht hatte. Er trug den Hut ein +wenig schief in der Stirn und schwenkte seinen gelben Stock, der »von +drüben« stammte und dessen Knopf die in Ebenholz geschnitzte Büste einer +Nonne darstellte. Ersichtlich war er bei guter Gesundheit und bester +Laune. Irgendeinen _song_ vor sich hinsummend, kam er ins Kontor, sagte +»Morgen, meine Herren!«, wiewohl es ein heller Frühlingsnachmittag war, +und schritt auf seinen Platz zu, um »mal eben ein bißchen zu arbeiten«. +Aber der Konsul erhob sich, und im Vorübergehen sagte er, ohne ihn +anzublicken: »Ach ... auf zwei Worte, mein Lieber.« + +Christian folgte ihm. Sie gingen ziemlich rasch über die Diele. Thomas +hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und unwillkürlich tat Christian +dasselbe, wobei er dem Bruder seine große Nase zuwandte, die oberhalb +des englisch über den Mund hängenden rotblonden Schnurrbartes scharf, +knochig und gebogen zwischen den hohlen Wangen hervortrat. Während sie +über den Hof gingen, sagte Thomas: »Du mußt mich mal ein paar Schritte +durch den Garten begleiten, mein Freund.« + +»Schön«, antwortete Christian. Und dann folgte wieder ein längeres +Schweigen, während sie, links herum, auf dem äußeren Wege, an der +Rokokofassade des »Portals« vorbei, den Garten umschritten, der die +ersten Knospen trieb. Schließlich sagte der Konsul nach einem schnellen +Aufatmen mit lauter Stimme: »Ich habe eben schweren Ärger gehabt, und +zwar infolge deines Betragens.« + +»Meines ...« + +»Ja. -- Man hat mir in der `Harmonie´ von einer Bemerkung erzählt, die +du gestern abend im Klub hast fallen lassen, und die so deplaziert, so +über alle Begriffe taktlos war, daß ich keine Worte finde ... Die +Blamage hat nicht auf sich warten lassen. Es ist dir eine klägliche +Abfertigung zuteil geworden. Hast du Lust, dich zu erinnern?« + +»Ach ... nun weiß ich, was du meinst. -- Wer hat dir denn das erzählt?« + +»Was tut das zur Sache. -- Döhlmann. -- Mit einer Stimme +selbstverständlich, daß die Leute, die die Geschichte etwa noch nicht +kannten, sich nun ebenfalls darüber freuen können ...« + +»Ja, Tom, ich muß dir sagen ... Ich habe mich für Hagenström geschämt!« + +»Du hast dich für ... Aber das ist denn doch ... Höre mal!« rief der +Konsul, indem er beide Hände, die Innenflächen nach oben, vor sich +ausstreckte und sie, mit seitwärts geneigtem Kopfe, erregt +demonstrierend schüttelte. »Du sagst in einer Gesellschaft, die sowohl +aus Kaufleuten als aus Gelehrten besteht, daß alle es hören können: +Eigentlich und bei Lichte besehen sei doch jeder Geschäftsmann ein +Gauner ... du, selbst ein Kaufmann, Angehöriger einer Firma, die aus +allen Kräften nach absoluter Integrität, nach makelloser Solidität +strebt ...« + +»Lieber Himmel, Thomas, ich machte Spaß!... Obgleich ... eigentlich ...« +fügte Christian hinzu, indem er die Nase krauste und den Kopf ein wenig +schräge nach vorne schob ... In dieser Haltung machte er mehrere +Schritte. + +»Spaß! Spaß!« rief der Konsul. »Ich bilde mir ein, einen Spaß zu +verstehen, aber du hast ja gesehen, wie der Spaß verstanden worden ist! +`Ich meinerseits halte meinen Beruf =sehr= hoch´, hat Hermann Hagenström +dir geantwortet ... Und da saßest du nun, ein verbummelter Mensch, der +von seinem eignen Beruf nichts hält ...« + +»Ja, Tom, ich bitte dich, was sagst du dazu! Ich versichere dich, die +ganze Gemütlichkeit war plötzlich zum Teufel. Die Leute lachten, als ob +sie mir recht gaben. Und da sitzt dieser Hagenström und sagt +fürchterlich ernst: `Ich meinerseits ...´ Der dumme Kerl. Ich habe mich +wahrhaftig für ihn geschämt. Noch gestern abend im Bett habe ich lange +darüber nachgedacht und hatte ein ganz sonderbares Gefühl dabei ... Ich +weiß nicht, ob du das kennst ...« + +»Schwatze nicht, ich bitte dich, schwatze nicht!« unterbrach ihn der +Konsul. Er zitterte am ganzen Körper vor Unwillen. »Ich gebe ja zu ... +ich gebe dir ja zu, daß die Antwort vielleicht nicht der Stimmung +entsprach, daß sie geschmacklos war. Aber man sucht sich eben die Leute +aus, zu denen man dergleichen sagt ... wenn es schon einmal durchaus +gesagt werden muß ... und setzt sich nicht in seiner Albernheit einer so +schnöden Abfertigung aus! Hagenström hat die Gelegenheit benutzt, uns +... ja, nicht nur dir, sondern =uns= eins zu versetzen, denn weißt du, +was sein `Ich meinerseits´ bedeutete? `Solche Erkenntnisse verschaffen +Sie sich wohl im Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook?´ =Das= +bedeutete es, du Esel!« + +»Na ... Esel ...«, sagte Christian und machte ein verlegenes und +unruhiges Gesicht ... + +»Schließlich gehörst du nicht dir allein an«, fuhr der Konsul fort, +»aber trotzdem soll es mir gleichgültig sein, wenn du dich persönlich +lächerlich machst ... und womit machst du dich =nicht= lächerlich!« rief +er. Er war blaß, und die blauen Äderchen an seinen schmalen Schläfen, +von denen das Haar in zwei Einbuchtungen zurücktrat, waren deutlich zu +sehen. Eine seiner hellen Brauen hielt er emporgezogen, und selbst die +steifen, lang ausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes hatten etwas +Zorniges, während er mit hinwerfenden Handbewegungen seine Worte +seitwärts vor Christians Füße hin auf den Kiesweg niedersprach ... »Du +machst dich lächerlich mit deinen Liebschaften, mit deinen +Harlekiniaden, mit deinen Krankheiten, mit deinen Mitteln dagegen ...« + +»Oh, Thomas«, sagte Christian, schüttelte ganz ernsthaft den Kopf und +hob in etwas ungeschickter Weise einen Zeigefinger empor ... »Was das +betrifft, das kannst du nicht so ganz verstehen, siehst du ... Die Sache +ist die ... Man muß sozusagen sein Gewissen in Ordnung halten ... Ich +weiß nicht, ob du das kennst ... Grabow hat mir eine Salbe für die +Halsmuskeln verordnet ... gut! Gebrauche ich sie nicht, unterlasse ich +es, sie zu gebrauchen, so komme ich mir ganz verloren und hilflos vor, +bin unruhig und unsicher und ängstlich und in Unordnung und kann nicht +schlucken. Habe ich sie aber gebraucht, so fühle ich, daß ich meine +Pflicht getan habe und in Ordnung bin; dann habe ich ein gutes Gewissen, +bin still und zufrieden, und das Schlucken geht herrlich. Die Salbe tut +es, glaube ich, nicht, weißt du ... aber die Sache ist, daß so eine +Vorstellung, versteh mich recht, nur durch eine andere Vorstellung, eine +Gegenvorstellung aufgehoben werden kann ... Ich weiß nicht, ob du das +kennst ...« + +»Ach ja --! Ach ja --!« rief der Konsul und hielt einen Augenblick +seinen Kopf mit beiden Händen fest ... »Tue es doch! Handele doch +danach! Aber rede nicht darüber! Schwatze nicht darüber! Laß andere +Leute mit deinen widerlichen Finessen in Ruhe! Auch mit dieser +unanständigen Geschwätzigkeit machst du dich lächerlich vom Morgen bis +zum Abend! Aber das sage ich dir, das wiederhole ich dir: Es soll mich +kalt lassen, wie sehr du dich persönlich zum Narren machst; aber ich +verbiete dir, hörst du mich wohl? ich =verbiete= es dir, die Firma in +einer Weise zu kompromittieren, wie du es gestern abend getan hast!« + +Hierauf antwortete Christian nicht, sondern fuhr langsam mit der Hand +über sein schon spärliches rötlichblondes Haar und ließ, einen unruhigen +Ernst auf dem Gesichte, seine Augen haltlos und abwesend umherschweifen. +Ohne Zweifel beschäftigte er sich noch mit dem, was er zuletzt gesagt +hatte. Es herrschte eine Pause. Thomas schritt in stiller Verzweiflung +daher. + +»Alle Kaufleute sind Schwindler, sagst du«, begann er von neuem ... +»Gut! bist du deines Berufes überdrüssig? Bereust du es, Kaufmann +geworden zu sein? Du hast damals die Erlaubnis von Vater erwirkt ...« + +»Ja, Tom«, sagte Christian nachdenklich; »ich würde wahrhaftig lieber +studieren! Auf der Universität, weißt du, das muß sehr nett sein ... Man +geht hin, wenn man Lust hat, ganz freiwillig, setzt sich und hört zu, +wie im Theater ...« + +»Wie im Theater ... Ach, ins _Café chantant_ gehörst du als Possenreißer +... Ich scherze nicht! Es ist meine vollkommen ernsthafte Überzeugung, +daß das dein heimliches Ideal ist!« beteuerte der Konsul, und Christian +widersprach dem durchaus nicht; er blickte gedankenvoll in der Luft +umher. + +»Und du erfrechst dich, eine solche Bemerkung von dir zu geben, du, der +du keine Ahnung ... nicht einmal eine Ahnung davon hast, was Arbeit ist, +der du dein Leben ausfüllst, indem du dir mit Theater und Bummelei und +Narreteien eine Reihe von Gefühlen und Empfindungen und Zuständen +verschaffst, mit denen du dich beschäftigen, die du beobachten und +pflegen, über die du in schamloser Weise schwatzen kannst ...« + +»Ja, Tom«, sagte Christian ein wenig betrübt und strich wieder mit der +Hand über seinen Schädel. »Das ist wahr; das hast du ganz richtig +ausgedrückt. Das ist der Unterschied zwischen uns, siehst du. Du siehst +auch gern ein Theaterstück an und hast früher, unter uns gesagt, auch +deine Techtelmechtel gehabt und lasest eine Zeitlang mal mit Vorliebe +Romane und Gedichte und dergleichen ... Aber du hast es immer so gut +verstanden, das alles mit der ordentlichen Arbeit und dem Ernst des +Lebens zu verbinden ... Das geht mir ab, siehst du. Ich werde von dem +anderen, von dem Kram, ganz und gar aufgebraucht, weißt du, und behalte +für das Ordentliche gar nichts übrig ... Ich weiß nicht, ob du mich +verstehst ...« + +»Also, das siehst du ein!« rief Thomas, indem er stehenblieb und die +Arme auf der Brust kreuzte. »Das gibst du kleinlaut zu, und dennoch läßt +du alles beim alten! Bist du denn ein Hund, Christian?! Man hat doch +seinen Stolz, Herrgott im Himmel! Man führt doch nicht ein Leben fort, +das man selbst nicht einmal zu verteidigen wagt! Aber so bist du! =Das= +ist dein Wesen! Wenn du eine Sache nur einsiehst und verstehst und sie +beschreiben kannst ... Nein, meine Geduld ist zu Ende, Christian!« Und +der Konsul tat einen raschen Schritt rückwärts, wobei er mit dem Arme +waagrecht eine heftige Bewegung machte ... »Sie ist zu Ende, sage ich +dir! Du beziehst deine Prokura, aber du kommst niemals ins Kontor ... +das ist es nicht, was mich aufbringt. Gehe hin und verjökele dein Leben, +wie du es bisher getan! Aber du kompromittierst uns, uns alle, wo du +gehst und stehst! Du bist ein Auswuchs, eine ungesunde Stelle am Körper +unserer Familie! Du bist vom Übel hier in dieser Stadt, und wenn dies +Haus mein eigen wäre, so würde ich dich hinausweisen, da hinaus, zur +Türe hinaus!« schrie er, indem er eine wilde und weite Bewegung über den +Garten, den Hof, die große Diele hin vollführte ... Er hielt nicht mehr +an sich. Eine lange aufgespeicherte Menge von Wut entlud sich ... + +»Was fällt dir ein, Thomas!« sagte Christian. Er hatte einen Anfall von +Entrüstung, was sich ziemlich sonderbar ausnahm. Er stand da in der +Haltung, die oft Krummbeinigen eigen ist, ein wenig geknickt, ein wenig +fragezeichenartig, Kopf, Bauch und Knie nach vorn geschoben, und seine +runden, tiefliegenden Augen, die er so groß wie möglich machte, hatten +sich, wie bei seinem Vater, wenn er zornig war, mit roten Rändern +umgeben, die bis zu den Wangenknochen liefen. »Wie sprichst du zu mir!« +sagte er. »Was habe ich dir getan! Ich gehe schon von selbst, du +brauchst mich nicht hinauszuwerfen. -- =Pfui!=« fügte er mit +aufrichtigem Vorwurf hinzu, und dieses Wort begleitete er mit einer +kurzen, schnappenden Handbewegung nach vorn, als finge er eine Fliege. + +Merkwürdigerweise entgegnete Thomas hierauf durchaus nicht noch +heftiger, sondern senkte schweigend den Kopf und nahm dann langsam den +Weg um den Garten wieder auf. Es schien ihn zu befriedigen, ihm geradezu +wohlzutun, seinen Bruder endlich in Zorn gebracht ... ihn endlich zu +einer energischen Erwiderung, einem Protest vermocht zu haben. + +»Du kannst mir glauben«, sagte er ruhig, indem er die Hände wieder auf +dem Rücken zusammenlegte, »daß diese Unterredung mir aufrichtig leid +tut, Christian, aber sie mußte einmal stattfinden. Solche Szenen +innerhalb der Familie sind etwas Fürchterliches, aber aussprechen mußten +wir uns einmal ... und wir können ganz gelassen über die Dinge reden, +mein Junge. Du gefällst dir nicht in deiner jetzigen Position, wie ich +sehe, nicht wahr ...?« + +»Nein, Tom, das hast du richtig erkannt. Siehst du: zu Anfang war ich ja +außerordentlich zufrieden ... und ich habe es hier ja auch besser, als +in einem fremden Geschäft. Aber was mir fehlt, ist die Selbständigkeit, +glaube ich ... Ich habe dich immer beneidet, wenn ich dich sitzen sah +und arbeiten, denn es ist eigentlich gar keine Arbeit für dich; du +arbeitest nicht, weil du mußt, sondern als Herr und Chef, und läßt +andere für dich arbeiten und machst deine Berechnungen und regierst und +bist frei ... Das ist ganz etwas anderes ...« + +»Gut, Christian; hättest du das nicht schon früher sagen können? Es +steht dir doch frei, dich selbständig oder selbständiger zu machen. Du +weißt, daß Vater dir so gut wie mir ein vorläufiges Erbteil von 50000 +Kurantmark ausgesetzt hat und daß ich selbstverständlicherweise in jeder +Sekunde bereit bin, dir diese Summe zu einer vernünftigen und soliden +Verwertung auszuzahlen. Es gibt, in Hamburg oder wo auch immer, sichere, +aber beschränkte Geschäfte genug, die einen Kapitalzufluß gebrauchen +können und in denen du als Teilhaber eintreten könntest ... Laß uns, +jeder für sich, die Sache mal überlegen und gelegentlich auch mit Mutter +darüber sprechen. Ich habe jetzt zu tun, und du könntest in diesen Tagen +die englische Korrespondenz noch erledigen, bitte ...« + +»Wie denkst du zum Beispiel über H. C. F. Burmeester & Comp. in +Hamburg?« fragte er noch auf der Diele ... »Import und Export ... Ich +kenne den Mann. Ich bin überzeugt, daß er zugreifen würde ...« + + * * * * * + +Das war Ende Mai des Jahres siebenundfünfzig. Zu Beginn des Juni bereits +reiste Christian über Büchen nach Hamburg ab ... ein schwerer Verlust +für den Klub, das Stadttheater, das »Tivoli« und die ganze freiere +Geselligkeit der Stadt. Sämtliche »Suitiers«, darunter Doktor Gieseke +und Peter Döhlmann, verabschiedeten ihn am Bahnhofe und überbrachten ihm +Blumen und sogar Zigarren, wobei sie aus Leibeskräften lachten ... in +der Erinnerung ohne Zweifel an all die Geschichten, die Christian ihnen +erzählt hatte. Zum Schlusse befestigte Rechtsanwalt Doktor Gieseke unter +allgemeinem Hallo einen großen Kotillonorden aus Goldpapier an +Christians Paletot. Dieser Orden stammte aus einem Hause in der Nähe des +Hafens, einem Gasthause, das abends eine rote Laterne über der Haustür +führte, einem Orte zwangloser Zusammenkunft, an dem es stets heiter +herging ... und war dem scheidenden Krischan Buddenbrook für +hervorragende Verdienste verliehen worden. + + +Viertes Kapitel + +Es klingelte am Windfang, und ihrer neuen Gewohnheit gemäß erschien Frau +Grünlich auf dem Treppenabsatz, um über das weißlackierte Geländer +hinweg auf die Diele hinabzulugen. Kaum aber war drunten geöffnet +worden, als sie sich mit einem jähen Ruck noch weiter hinabbeugte, dann +zurückprallte, dann mit der einen Hand ihr Taschentuch vor den Mund +drückte, mit der anderen ihre Röcke zusammenfaßte und in etwas gebückter +Haltung nach oben eilte ... Auf der Treppe zur zweiten Etage begegnete +ihr Mamsell Jungmann, der sie mit ersterbender Stimme etwas zuflüsterte, +worauf Ida vor freudigem Schreck etwas Polnisches antwortete, das klang +wie: »Meiboschekochhanne!« -- + +Zur selben Zeit saß die Konsulin Buddenbrook im Landschaftszimmer und +häkelte mit zwei großen hölzernen Nadeln einen Schal, eine Decke oder +etwas Ähnliches. Es war elf Uhr vormittags. + +Plötzlich kam das Folgmädchen durch die Säulenhalle, pochte an die +Glastür und überbrachte der Konsulin watschelnden Schrittes eine +Visitenkarte. Die Konsulin nahm die Karte, rückte ihre Brille zurecht, +denn sie trug bei der Handarbeit eine Brille, und las. Dann blickte sie +wieder zu dem roten Gesichte des Mädchens empor, las abermals und sah +aufs neue das Mädchen an. Schließlich sagte sie freundlich, aber +bestimmt: »Was soll dies, Liebe? Was bedeutet dies, du?« + +Auf der Karte stand gedruckt: »X. Noppe & Comp.« X. Noppe aber sowohl +wie das &-Zeichen waren mit einem Blaustift stark durchstrichen, so daß +nur das »Comp.« übrigblieb. + +»Je, Fru Kunsel«, sagte das Mädchen, »doar wier'n Herr, öäwer hei red' +nich dütsch un is ook goar tau snaksch ...« + +»Bitte den Herrn«, sagte die Konsulin, denn sie begriff nun, daß es die +»Comp.« sei, die Einlaß begehrte. Das Mädchen ging. Gleich darauf +öffnete es die Glastür aufs neue und ließ eine untersetzte Gestalt +eintreten, die im schattigen Hintergrunde des Zimmers einen Augenblick +stehenblieb und etwas Langgezogenes verlauten ließ, das klang wie: »Hab' +die Ähre ...« + +»Guten Morgen!« sagte die Konsulin. »Wollen Sie nicht nähertreten?« +Dabei stützte sie sich leicht mit der Hand auf das Sofapolster und erhob +sich ein wenig, denn sie wußte noch nicht, ob es angezeigt sei, sich +ganz zu erheben ... + +»I bin so frei ...«, antwortete der Herr wiederum mit einer gemütlich +singenden und gedehnten Betonung, indem er, höflich gebückt, zwei +Schritte vorwärts tat, worauf er abermals stehenblieb und sich suchend +umblickte: sei es nun nach einer Sitzgelegenheit oder nach einem +Aufbewahrungsort für Hut und Stock, denn beides, auch den Stock, dessen +klauenartig gebogene Hornkrücke gut und gern anderthalb Fuß maß, hatte +er mit ins Zimmer gebracht. + +Es war ein Mann von vierzig Jahren. Kurzgliedrig und beleibt, trug er +einen weit offenstehenden Rock aus braunem Loden, eine helle und +geblümte Weste, die in weicher Wölbung seinen Bauch bedeckte und auf der +eine goldene Uhrkette mit einem wahren Bukett, einer ganzen Sammlung von +Anhängseln aus Horn, Knochen, Silber und Korallen prangte -- ein +Beinkleid ferner von unbestimmter graugrüner Farbe, welches zu kurz war +und aus ungewöhnlich steifem Stoff gearbeitet schien, denn seine Ränder +umstanden unten kreisförmig und faltenlos die Schäfte der kurzen und +breiten Stiefel. -- Der hellblonde, spärliche, fransenartig den Mund +überhängende Schnurrbart gab dem kugelrunden Kopfe mit seiner +gedrungenen Nase und seinem ziemlich dünnen und unfrisierten Haar etwas +Seehundartiges. Die »Fliege«, die der fremde Herr zwischen Kinn und +Unterlippe trug, stand im Gegensatze zum Schnurrbart ein wenig borstig +empor. Die Wangen waren außerordentlich dick, fett, aufgetrieben und +gleichsam hinaufgeschoben zu den Augen, die sie zu zwei ganz schmalen, +hellblauen Ritzen zusammenpreßten und in deren Winkeln sie Fältchen +bildeten. Dies gab dem solcherart verquollenen Gesicht einen +Mischausdruck von Ergrimmtheit und biederer, unbeholfener, rührender +Gutmütigkeit. Unterhalb des kleinen Kinnes lief eine steile Linie in die +schmale weiße Halsbinde hinein ... die Linie eines kropfartigen Halses, +der keine Vatermörder geduldet haben würde. Untergesicht und Hals, +Hinterkopf und Nacken, Wangen und Nase, alles ging ein wenig formlos und +gepolstert ineinander über ... Die ganze Gesichtshaut war infolge aller +dieser Schwellungen über die Gebühr straff gespannt und zeigte an +einzelnen Stellen, wie am Ansatz der Ohrläppchen und zu beiden Seiten +der Nase, eine spröde Rötung ... In der einen seiner kurzen, weißen und +fetten Hände hielt der Herr seinen Stock, in der anderen ein grünes +Tirolerhütchen, geschmückt mit einem Gemsbart. + +Die Konsulin hatte die Brille abgenommen und stützte sich noch immer in +halb stehender Haltung auf das Sofapolster. + +»Wie kann ich Ihnen dienen«, sagte sie höflich, aber bestimmt. + +Da legte der Herr mit einer entschlossenen Bewegung Hut und Stock auf +den Deckel des Harmoniums, rieb sich dann befriedigt die freigewordenen +Hände, blickte die Konsulin treuherzig aus seinen hellen, verquollenen +Äuglein an und sagte: »I bitt' die gnädige Frau um Verzeihung von wegen +dem Kartl; i hob kei onderes zur Hond k'habt. Mei Name ist Permaneder; +Alois Permaneder aus München. Vielleicht hat die gnädige Frau schon von +der Frau Tochter meinen Namen k'hert --« + +Dies alles sagte er laut und mit ziemlich grober Betonung, in seinem +knorrigen Dialekt voller plötzlicher Zusammenziehungen, aber mit einem +vertraulichen Blinzeln seiner Augenritzen, welches andeutete: »Wir +verstehen uns schon ...« + +Die Konsulin hatte sich nun völlig erhoben und trat mit seitwärts +geneigtem Kopfe und ausgestreckten Händen auf ihn zu ... + +»Herr Permaneder! Sie sind es? Gewiß hat meine Tochter uns von Ihnen +erzählt. Ich weiß, wie sehr Sie dazu beigetragen haben, ihr den +Aufenthalt in München angenehm und unterhaltend zu machen ... Und Sie +sind in unsere Stadt verschlagen worden?« + +»Geltn's, da schaun's!« sagte Herr Permaneder, indem er sich bei der +Konsulin in einem Lehnsessel niederließ, auf den sie mit vornehmer +Bewegung gedeutet hatte, und begann, mit beiden Händen behaglich seine +kurzen und runden Oberschenkel zu reiben ... + +»Wie beliebt?« fragte die Konsulin ... + +»Geltn's, da spitzen's!« antwortete Herr Permaneder, indem er aufhörte, +seine Knie zu reiben. + +»Nett!« sagte die Konsulin verständnislos und lehnte sich, die Hände im +Schoß, mit erheuchelter Befriedigung zurück. Aber Herr Permaneder merkte +das; er beugte sich vor, beschrieb, Gott weiß warum, mit der Hand Kreise +in der Luft und sagte mit großer Kraftanstrengung: »Da tun sich die +gnädige Frau halt ... wundern!« + +»Ja, ja, mein lieber Herr Permaneder, das ist wahr!« erwiderte die +Konsulin freudig, und nachdem dies erledigt war, trat eine Pause ein. Um +aber diese Pause auszufüllen, sagte Herr Permaneder mit einem ächzenden +Seufzer: »Es is halt a Kreiz!« + +»Hm ... wie beliebt?« fragte die Konsulin, indem sie ihre hellen Augen +ein wenig beiseite gleiten ließ ... + +»A Kreiz is'!« wiederholte Herr Permaneder außerordentlich laut und +grob. + +»Nett«, sagte die Konsulin begütigend; und somit war auch dieser Punkt +abgetan. + +»Darf man fragen«, fuhr sie fort, »was Sie so weit hergeführt hat, +lieber Herr? Es ist eine tüchtige Reise von München ...« + +»A G'schäfterl«, sagte Herr Permaneder, indem er seine kurze Hand in der +Luft hin und her drehte, »a kloans G'schäfterl, gnädige Frau, mit der +Brauerei zur Walkmühle!« + +»Oh, richtig, Sie sind Hopfenhändler, mein lieber Herr Permaneder! Noppe +& Comp., nicht wahr? Seien Sie überzeugt, ich habe von meinem Sohne, dem +Konsul, hie und da viel Vorteilhaftes über Ihre Firma gehört«, sagte die +Konsulin höflich. Aber Herr Permaneder wehrte ab: »Is scho recht. Davon +is koa Red'. Ah, naa, die Hauptsach' is halt, daß i allweil den Wunsch +k'habt hob, der gnädigen Frau amol mei Aufwartung z' mochn und die Frau +Grünlich wiederzusehn! Dös is Sach' gnua, um die Reis' net z' scheun!« + +»Ich danke Ihnen«, sagte die Konsulin herzlich, indem sie ihm nochmals +die Hand reichte, deren Fläche sie ganz weit herumwandte. »Aber nun soll +man meine Tochter benachrichtigen!« fügte sie hinzu, stand auf und +schritt auf den gestickten Klingelzug zu, der neben der Glastür hing. + +»Ja, Himmi Sakrament, werd' i a Freid' ha'm!« rief Herr Permaneder und +drehte sich mitsamt seinem Lehnsessel der Tür zu. + +Die Konsulin befahl dem Mädchen: »Bitte Madame Grünlich herunter, +Liebe.« + +Dann kehrte sie zum Sofa zurück, worauf auch Herr Permaneder seinen +Sessel wieder herumdrehte. + +»Werd' i a Freid' ha'm ...« wiederholte er abwesend, indem er die +Tapeten, das große Sevrestintenfaß auf dem Sekretär und die Möbel +betrachtete. Dann sagte er mehrere Male: »Is dös a Kreiz!... Es is halt +a Kreiz!...« wobei er sich die Knie rieb und ohne ersichtlichen Grund +schwer seufzte. Dies füllte ungefähr die Zeit bis zu Frau Grünlichs +Erscheinen aus. + +Sie hatte entschieden ein wenig Toilette gemacht, eine helle Taille +angelegt, ihre Frisur geordnet. Ihr Gesicht war frischer und hübscher +denn je. Ihre Zungenspitze spielte verschmitzt in einem Mundwinkel ... + +Kaum war sie eingetreten, als Herr Permaneder emporsprang und ihr mit +einer ungeheuren Begeisterung entgegenkam. Alles an ihm geriet in +Bewegung. Er ergriff ihre beiden Hände, schüttelte sie und rief: »Ja, +die Frau Grünlich! Ja, grüß Eana Gott! Ja, wie hat's denn derweil +gegangen? was haben's denn allweil g'macht, da heroben? Jessas, hab' i a +narrische Freid'! Denken's denn noch amol an d' Münchnerstadt und an +unsre Berg'? O mei, ham wir a Gaudi k'habt, geltn's ja?! Kruzi Türken +nei! und da san mer wieder! Jetzt wer hätt' denn des glaubt ...« + +Auch Tony ihrerseits begrüßte ihn mit großer Lebhaftigkeit, zog einen +Stuhl herbei und begann, mit ihm von ihren Münchener Wochen zu plaudern +... Die Unterhaltung floß nun ohne Hindernis dahin, und die Konsulin +folgte ihr, indem sie Herrn Permaneder nachsichtig und ermunternd +zunickte, diese oder jene seiner Redewendungen ins Schriftdeutsche +übersetzte und sich dann jedesmal, zufrieden, daß sie es verstanden, ins +Sofa zurücklehnte. + +Herr Permaneder mußte auch Frau Antonien nochmals den Grund seines +Hierseins erklären, aber er legte diesem »G'schäfterl« mit der Brauerei +ersichtlich so wenig Bedeutung bei, daß es den Anschein gewann, als habe +er eigentlich gar nichts in der Stadt zu suchen. Dagegen erkundigte er +sich mit Interesse nach der zweiten Tochter sowie nach den Söhnen der +Konsulin und bedauerte laut die Abwesenheit Klaras und Christians, da er +»allweil den Wunsch k'habt« habe, »die gonze Famili« kennenzulernen ... + +Über die Dauer seines Aufenthaltes in der Stadt äußerte er sich überaus +unbestimmt; als aber die Konsulin bemerkte: »Ich erwarte in jedem +Augenblick meinen Sohn zum Frühstück, Herr Permaneder; machen Sie uns +das Vergnügen, ein Butterbrot mit uns zu essen ...?« -- da nahm er diese +Einladung, noch ehe sie ausgesprochen war, mit einer Bereitwilligkeit +an, als habe er darauf gewartet. + +Der Konsul kam. Er hatte das Frühstückszimmer leer gefunden und erschien +im Kontorrock, eilig, ein wenig abgespannt und überhäuft, um zu einem +flüchtigen Imbiß zu mahnen ... Aber kaum war er der fremden Erscheinung +des Gastes mit seinen ungeheuren Uhrgehängen und seiner Lodenjacke sowie +des Gemsbartes auf dem Harmonium gewahr geworden, als er aufmerksam den +Kopf erhob, und kaum war der Name genannt worden, den er aus Frau +Antoniens Munde oft genug gehört hatte, als er einen raschen Blick zu +seiner Schwester hinüberwarf und Herrn Permaneder mit seiner +gewinnendsten Liebenswürdigkeit begrüßte ... Er nahm nicht erst Platz. +Man ging sofort ins Zwischengeschoß hinunter, wo Mamsell Jungmann den +Tisch gedeckt hatte und den Samowar summen ließ -- einen echten Samowar, +ein Geschenk des Pastors Tiburtius und seiner Gattin. + +»Ös tuats enk leicht!« sagte Herr Permaneder, als er sich niederließ und +die Auswahl an kalter Küche auf dem Tische überblickte ... Hie und da, +in der Mehrzahl wenigstens, bediente er sich mit dem harmlosesten +Gesichtsausdruck der zweiten Person bei der Anrede. + +»Es ist nicht gerade Hofbräu, Herr Permaneder, aber immerhin +genießbarer, als unser einheimisches Gebräu.« Und der Konsul schenkte +ihm von dem braun schäumenden Porter ein, den er selbst um diese Zeit zu +trinken pflegte. + +»I donk scheen, Herr Nachbohr!« sagte Herr Permaneder kauend und merkte +nichts von dem entsetzten Blick, den Mamsell Jungmann ihm zuwarf. Von +dem Porter aber genoß er mit solcher Zurückhaltung, daß die Konsulin +eine Bouteille Rotwein heraufkommen ließ, worauf er merklich munterer +wurde und wieder mit Frau Grünlich zu plaudern begann. Er saß, des +Bauches wegen, ziemlich weit vom Tische entfernt, hielt seine Beine weit +voneinander entfernt und ließ meistens den einen seiner kurzen Arme mit +der feisten, weißen Hand senkrecht an der Stuhllehne hinunterhängen, +während er, den dicken Kopf mit dem Seehundsschnurrbart ein wenig zur +Seite gelegt, mit dem Ausdruck einer verdrießlichen Behaglichkeit und +einem treuherzigen Blinzeln seiner Augenritzen, Tonys Reden und +Antworten anhörte. + +Mit zierlichen Bewegungen zerlegte sie ihm Brätlinge, worin er gar keine +Übung besaß, und hielt nicht mit dieser oder jener Betrachtung über das +Leben zurück ... + +»O Gott, wie traurig ist es doch, Herr Permaneder, daß alles Gute und +Schöne im Leben so schnell vorübergeht!« sagte sie mit Bezug auf ihren +Münchener Aufenthalt, legte für einen Augenblick Messer und Gabel fort +und sah ernst zur Decke empor. Übrigens machte sie dann und wann ebenso +drollige wie talentlose Versuche, in bayerischer Mundart zu sprechen ... + +Während der Mahlzeit pochte es, und der Kontorlehrling überbrachte ein +Telegramm. Der Konsul las es, indem er die lange Spitze seines +Schnurrbartes langsam durch die Finger gleiten ließ, und obgleich man +sah, daß er angestrengt mit dem Inhalt der Depesche beschäftigt war, +fragte er dabei im leichtesten Tone: »Wie gehen die Geschäfte, Herr +Permaneder?...« + +»Es ist gut«, sagte er gleich darauf zu dem Lehrling, und der junge +Mensch verschwand. + +»O mei, Herr Nachbohr!« antwortete Herr Permaneder und wandte sich mit +der Unbeholfenheit eines Mannes, der einen dicken und steifen Hals hat, +nach des Konsuls Seite, um nun den anderen Arm an der Stuhllehne +hinunterhängen zu lassen. »Do is nix'n z'red'n, dös is halt a Plog! +Schaun's, München« -- er sprach den Namen seiner Vaterstadt stets in +einer Weise aus, daß man nur erraten konnte, was gemeint war -- »München +is koane G'schäftsstadt ... Da will an jeder sei' Ruh' und sei' Maß ... +Und a Depeschen tuat ma fei nöt lesen beim Essen, dös fei net. Jetzt da +haben's daheroben an onderen Schneid, Sakrament!... I donk scheen, i +nehm' scho noch a Glaserl ... Es is a Kreiz! Mei' Kompagnon, der Noppe, +hat allweil nach Nürnberg g'wollt, weil's da die Börs' ham und an +Unternehmungsgeist ... aber i verloß mei München nöt ... Dös fei nöt! -- +Es is halt a Kreiz!... Schaun's, da hamer dö damische Konkurrenz, dö +damische ... und der Export, dös is scho z'm Lochen ... Sogar in Rußland +werden's nächstens anfangen, selber a Pflanzen z' bauen ...« + +Plötzlich aber warf er dem Konsul einen ungewöhnlich hurtigen Blick zu +und sagte: »Übrigens ... i will nixen g'sagt ham, Herr Nachbohr! Dös is +fei a nett's G'schäfterl! Mer machen a Geld mit der Aktien-Brauerei, +wovon der Niederpaur Direktor is, wissen's. Dös is a ganz a kloane +G'sellschaft g'wesen, aber mer ham eahna an Kredit geben und a bares +Göld ... zu 4 Prozent, auf Hypothek ... damit's eahnere Gebäud' ham +vergreßern können ... Und jatzt mochen's an G'schäft, und mer ham an +Umsatz und a Jahreseinnahm' -- dös haut scho!« schloß Herr Permaneder, +lehnte dankend Zigarette und Zigarre ab, zog, mit Verlaub, seine Pfeife +mit langem Hornkopf aus der Tasche und ließ sich, von Qualm umhüllt, mit +dem Konsul in ein geschäftliches Gespräch ein, welches sodann auf das +politische Gebiet hinüberglitt und von Bayerns Verhältnis zu Preußen, +vom Könige Max und dem Kaiser Napoleon handelte ... ein Gespräch, das +Herr Permaneder hie und da mit vollkommen unverständlichen Redewendungen +würzte, und dessen Pausen er ohne erkennbare Beziehung mit Stoßseufzern +ausfüllte, wie: »Is dös a Hetz!« oder: »Des san G'schichten!« ... + +Mamsell Jungmann vergaß vor Erstaunen, auch wenn sie einen Bissen im +Munde hatte, beständig zu kauen und blickte den Gast sprachlos aus ihren +blanken, braunen Augen an, wobei sie, ihrer Gewohnheit nach, Messer und +Gabel senkrecht auf dem Tische hielt, und beides leicht hin und her +bewegte. Solche Laute hatten diese Räume noch nicht vernommen, solcher +Pfeifenrauch hatte sie noch nicht erfüllt, solche verdrossen behagliche +Formlosigkeit des Benehmens war ihnen fremd ... Die Konsulin verharrte, +nachdem sie eine besorgte Erkundigung über die Anfechtungen eingezogen, +denen eine so kleine evangelische Gemeinde unter lauter Papisten +ausgesetzt sein mußte, in freundlicher Verständnislosigkeit, und Tony +schien im Verlauf der Mahlzeit ein wenig nachdenklich und unruhig +geworden zu sein. Der Konsul aber amüsierte sich ganz vortrefflich, +bewog sogar seine Mutter, eine zweite Flasche Rotwein heraufkommen zu +lassen und lud Herrn Permaneder lebhaft zu einem Besuche in der +Breitenstraße ein; seine Frau werde außerordentlich erfreut sein ... + +Volle drei Stunden nach seiner Ankunft begann der Hopfenhändler +Anstalten zum Aufbruch zu treffen, klopfte seine Pfeife aus, leerte sein +Glas, erklärte irgend etwas für ein »Kreiz« und erhob sich. + +»I hob die Ähre, gnädige Frau ... Pfüaht Ihna Gott, Frau Grünlich ... +Pfüaht Gott, Herr Buddenbrook ...« Bei dieser Anrede zuckte Ida Jungmann +sogar zusammen und verfärbte sich ... »Guten Tag, Freilein ...« Er sagte +beim Fortgehen »Guten Tag«!... + +Die Konsulin und ihr Sohn wechselten einen Blick ... Herr Permaneder +hatte die Absicht kundgegeben, nun in den bescheidenen Gasthof an der +Trave zurückzukehren, woselbst er abgestiegen war ... + +»Die Münchener Freundin meiner Tochter und ihr Gatte«, sagte die alte +Dame, indem sie noch einmal auf Herrn Permaneder zutrat, »sind fern, und +wir werden wohl nicht so bald Gelegenheit haben, uns für ihre +Gastfreundschaft erkenntlich zu erweisen. Aber wenn Sie, lieber Herr, +uns die Freude machen würden, solange Sie in unserer Stadt sind, bei uns +vorlieb zu nehmen ... Sie würden uns herzlich willkommen sein ...« + +Sie hielt ihm die Hand hin, und siehe da: Herr Permaneder schlug ohne +Bedenken ein; ebenso rasch und bereitwillig wie diejenige zum Frühstück +nahm er auch diese Einladung an, küßte den beiden Damen die Hand, was +ihm ziemlich merkwürdig zu Gesichte stand, holte Hut und Stock aus dem +Landschaftszimmer, versprach nochmals, sogleich seinen Koffer +herbeischaffen zu lassen und um vier Uhr, nach Erledigung seiner +Geschäfte, wieder zur Stelle zu sein und ließ sich vom Konsul die Treppe +hinunterbegleiten. Am Windfang aber wendete er sich noch einmal um und +sprach mit einem stillbegeisterten Kopfschütteln: »Nix für ungut, Herr +Nachbohr, Ihre Frau Schwester, dös is scho a liaber Kerl! Pfüaht Ihna +Gott!« ... Und immer noch kopfschüttelnd verschwand er. + +Der Konsul empfand das dringendste Bedürfnis, sich nochmals hinauf zu +begeben und nach den Damen umzusehen. Ida Jungmann lief bereits mit +Bettwäsche im Hause umher, um eine Stube am Korridor herzurichten. + +Die Konsulin saß noch am Frühstückstisch, hielt ihre hellen Augen auf +einen Fleck der Zimmerdecke gerichtet und trommelte mit ihren weißen +Fingern leicht auf das Tischtuch. Tony saß am Fenster, hielt die Arme +verschränkt und blickte weder rechts noch links, sondern mit würdiger +und sogar strenger Miene geradeaus. Es herrschte Schweigen. + +»Nun?« fragte Thomas, indem er in der Tür stehenblieb und der Dose mit +der Troika eine Zigarette entnahm ... Seine Schultern bewegten sich auf +und ab vor Lachen. + +»Ein angenehmer Mann«, erwiderte die Konsulin harmlos. + +»Ganz meine Ansicht!« Dann machte der Konsul eine schnelle und überaus +galante humoristische Wendung nach Tonys Seite, als befragte er +ehrerbietigst auch sie um ihre Meinung. Sie schwieg. Sie blickte streng +geradeaus. + +»Aber mich dünkt, Tom, er sollte das Fluchen lassen«, fuhr die Konsulin +ein wenig bekümmert fort. »Verstand ich ihn recht, so sprach er in einer +Weise vom Sakramente und vom Kreuze ...« + +»Oh, das macht nichts, Mutter, dabei denkt er nichts Böses ...« + +»Und vielleicht ein wenig zu viel Nonchalance im Benehmen, Tom, wie?« + +»Ja, lieber Gott, das ist süddeutsch!« sagte der Konsul, atmete langsam +den Rauch in die Stube hinein, lächelte seiner Mutter zu und ließ +verstohlen seine Augen auf Tony ruhen. Die Konsulin bemerkte das +durchaus nicht. + +»Du kommst heute mit Gerda zu Tische, nicht wahr, Tom? Tut mir die +Liebe.« + +»Gern, Mutter; mit dem größten Vergnügen. Ehrlich gesagt, ich verspreche +mir viel Vergnügen von diesem Hausbesuch. Du nicht auch? Das ist doch +einmal etwas anderes, als deine Geistlichen ...« + +»Jeder nach seiner Art, Tom.« + +»Einverstanden! Ich gehe ... Apropos!« sagte er, den Türgriff in der +Hand. »Du hast entschiedenen Eindruck auf ihn gemacht, Tony! Nein, ganz +ohne Zweifel! Weißt du, wie er dich eben da unten genannt hat? `Ein +lieber Kerl´ -- das sind seine Worte ...« + +Hier aber wandte Frau Grünlich sich um und sagte mit lauter Stimme: +»Gut, Tom, du erzählst mir dies ... er wird es dir wohl nicht verboten +haben, aber trotzdem weiß ich nicht, ob es passend ist, daß du es mir +hinterbringst. Das aber weiß ich, und das möchte ich denn doch +aussprechen, daß es in diesem Leben nicht darauf ankommt, wie etwas +ausgesprochen und ausgedrückt wird, sondern wie es im Herzen gemeint und +empfunden ist, und wenn du dich über Herrn Permaneders Ausdrucksweise +mokierst ... wenn du ihn etwa lächerlich findest ...« + +»Wen?! Aber Tony, ich denke gar nicht daran! Worüber ereiferst du +dich ...« + +»_Assez!_« sagte die Konsulin und warf ihrem Sohne einen ernsten und +bittenden Blick zu, welcher bedeutete: Schone sie! + +»Na, nicht böse sein, Tony!« sagte er. »Ich habe dich nicht ärgern +wollen. So, und nun gehe ich und gebe Order, daß jemand von den +Speicherleuten den Koffer hierherbesorgt ... Auf Wiedersehn!« + + +Fünftes Kapitel + +Herr Permaneder zog in der Mengstraße ein, er speiste am folgenden Tage +bei Thomas Buddenbrook und seiner Gattin und machte am dritten, einem +Donnerstag, die Bekanntschaft Justus Krögers und seiner Frau, der Damen +Buddenbrook aus der Breitenstraße, die ihn forchtbar komisch fanden -- +sie sagten »forchtbar« ... Sesemi Weichbrodts, die ihn ziemlich streng +behandelte, sowie diejenige der armen Klothilde und der kleinen Erika, +welcher er eine Tüte mit »Gutzeln«, das heißt: Bonbons, überreichte ... + +Er war von unverwüstlich gemütlicher Laune mit seinen verdrießlichen +Stoßseufzern, die nichts bedeuteten und aus einem Überfluß mit +Behaglichkeit hervorzugehen schienen, seiner Pfeife, seiner kuriosen +Sprache, der unverdrossenen Seßhaftigkeit, mit der er lange nach den +Mahlzeiten in bequemster Haltung an seinem Platze verharrte, rauchte, +trank und plauschte, und obgleich er dem stillen Leben in dem alten +Hause einen ganz neuen und fremden Ton hinzufügte, obgleich sein ganzes +Wesen gleichsam etwas Stilwidriges in diese Räume brachte, störte er +doch keine der herrschenden Gewohnheiten. Er wohnte treu den Morgen- und +Abendandachten bei, erbat sich die Erlaubnis, einmal der Sonntagsschule +der Konsulin zuzuhören und erschien sogar am »Jerusalemsabend« auf einen +Augenblick im Saale, um sich den Damen vorstellen zu lassen, worauf er +sich freilich, als Lea Gerhardt vorzulesen begann, verstört zurückzog. + +Seine Erscheinung war rasch bekannt in der Stadt, und in den großen +Häusern sprach man mit Neugier von dem Buddenbrookschen Gaste aus +Bayern; aber weder in den Familien noch an der Börse besaß er +Verbindungen, und da die Jahreszeit vorgeschritten war, da man zum +großen Teile sich anschickte, an die See zu gehen, nahm der Konsul +Abstand von einer Einführung Herrn Permaneders in die Gesellschaft. Er +selbst widmete sich dem Gaste lebhaft und angelegentlich. Trotz allen +geschäftlichen und städtischen Pflichten nahm er sich Zeit, ihn in der +Stadt umherzuführen, ihm alle mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten, die +Kirchen, die Tore, die Brunnen, den Markt, das Rathaus, die +»Schiffergesellschaft«, zu zeigen, ihn in all und jeder Weise zu +unterhalten, ihn immerhin auch an der Börse mit seinen nächsten Freunden +bekannt zu machen ... und als die Konsulin, seine Mutter, Gelegenheit +nahm, ihm für seine Opferwilligkeit Dank zu sagen, bemerkte er trocken: +»Tja, Mutter, was tut man nicht alles ...« + +Dieses Wort ließ die Konsulin so unbeantwortet, daß sie nicht einmal +lächelte, nicht einmal die Lider bewegte, sondern ihre hellen Augen +still beiseitegleiten ließ und irgendeine Frage in anderer Beziehung +tat ... + +Sie war von gleichmäßig herzlicher Freundlichkeit gegen Herrn +Permaneder, was so unbedingt von ihrer Tochter nicht gesagt werden +konnte. Zwei »Kindertagen« hatte der Hopfenhändler schon angewohnt -- +denn, obgleich er bereits am dritten oder vierten Tage nach seiner +Ankunft beiläufig zu erkennen gegeben hatte, daß sein Geschäft mit der +hiesigen Brauerei erledigt sei, waren allgemach anderthalb Wochen +seitdem verflossen -- und an jedem dieser Donnerstagabende hatte Frau +Grünlich mehrmals, wenn Herr Permaneder sprach und agierte, hurtige und +scheue Blicke auf den Familienkreis, auf Onkel Justus, die Cousinen +Buddenbrook oder Thomas geworfen, war errötet, hatte sich während +längerer Minuten steif und stumm verhalten oder sogar das Zimmer +verlassen ... + + * * * * * + +Die grünen Stores in Frau Grünlichs Schlafzimmer im zweiten Stockwerk +wurden sacht von dem lauen Atem einer klaren Juninacht bewegt, denn die +beiden Fenster standen offen. Auf dem Nachttischchen zur Seite des +Himmelbettes brannten in einem Glase auf einer Ölschicht, die ihrerseits +auf dem Wasser schwamm, mit dem das Glas zur Hälfte gefüllt war, mehrere +kleine Dochte und gaben dem großen Zimmer mit seinen gradlinigen +Armstühlen, deren Polster zum Schutze mit grauer Leinwand bezogen waren, +ein stilles, ebenmäßiges und schwaches Licht. Frau Grünlich ruhte im +Bette. Ihr hübscher Kopf war weich in die von breiten Spitzenborten +umgebenen Kissen gesunken, und ihre Hände lagen gefaltet auf der +Steppdecke. Aber ihre Augen, zu nachdenklich, um sich zu schließen, +folgten langsam den Bewegungen eines großen Insektes mit langem Leibe, +das standhaft mit Millionen lautloser Flügelschwingungen das helle Glas +umkreiste ... Neben dem Bett an der Wand, zwischen zwei alten +Kupferstichen, Ansichten der Stadt aus dem Mittelalter, war eingerahmt +der Spruch zu lesen: »Befiehl dem Herrn deine Wege ...« aber ist das ein +Trost, wenn man um Mitternacht mit offenen Augen liegt und sich +entschließen, sich entscheiden, ganz allein und ohne Rat mit Ja oder +Nein über sein Leben und nicht nur darüber entscheiden soll? + +Es war sehr still. Nur die Wanduhr tickte, und dann und wann erklang im +Nebenzimmer, das von Tonys Schlafzimmer nur durch Portieren getrennt +war, das Räuspern Mamsell Jungmanns. Dort war noch helles Licht. Die +treue Preußin saß noch aufrecht am Ausziehtische unter der Hängelampe +und stopfte Strümpfe für die kleine Erika, deren tiefe und friedliche +Atemzüge man vernehmen konnte, denn Sesemi Weichbrodts Zöglinge hatten +nun Sommerferien, und das Kind wohnte in der Mengstraße. + +Frau Grünlich richtete sich mit einem Seufzer ein wenig empor und +stützte den Kopf in die Hand. + +»Ida?« fragte sie mit verhaltener Stimme, »sitzest du noch da und +stopfst?« + +»Ja, ja, Tonychen, mein Kindchen«, ließ sich Idas Stimme hören ... +»Schlaf nur, wirst morgen früh aufstehen müssen, wirst nicht +ausgeschlafen haben.« + +»Schon gut, Ida ... Du weckst mich also morgen um sechs?« + +»Halb sieben ist früh genug, mein Kindchen. Der Wagen ist auf acht +bestellt. Schlaf nun weiter, daß du wirst hübsch frisch sein ...« + +»Ach, ich habe noch gar nicht geschlafen!« + +»Ei, ei, Tonychen, das ist nicht recht; wirst doch in Schwartau nicht +marode sein wollen? Trink sieben Schluck Wasser, leg' dich rechts und +zähl' bis tausend ...« + +»Ach, Ida, bitte, komm doch noch ein bißchen herüber! Ich kann nicht +schlafen, will ich dir sagen, ich muß so viel denken, daß der Kopf mir +weh tut ... sieh mal, ich glaube, ich habe Fieber, und dann ist es +wieder der Magen; oder es ist Bleichsucht, denn die Adern an meinen +Schläfen sind ganz geschwollen und pulsieren, daß es weh tut, so voll +sind sie, was ja nicht ausschließt, daß trotzdem zu wenig Blut im Kopfe +ist ...« + +Ein Stuhl ward gerückt, und Ida Jungmanns knochige, rüstige Gestalt in +ihrem schlichten und unmodernen braunen Kleid erschien zwischen den +Portieren. + +»Ei, ei, Tonychen, Fieber? Laß mal fühlen, mein Kindchen ... Woll'n mal +ein Kompreßchen machen ...« + +Und mit ihren ein wenig männlich langen und festen Schritten ging sie +zur Kommode und holte ein Taschentuch, tauchte es in die Waschschüssel, +trat wieder ans Bett und legte es behutsam auf Tonys Stirn, worauf sie +es noch ein paarmal mit beiden Händen glatt strich. + +»Danke, Ida, das tut gut ... Ach, setz' dich noch ein bißchen zu mir, +gute alte Ida, hier, auf den Bettrand. Sieh mal, ich muß beständig an +morgen denken ... Was soll ich bloß tun? Bei mir dreht sich alles im +Kopfe herum.« + +Ida hatte sich zu ihr gesetzt, hatte ihre Nadel und den über die +Stopfkugel gezogenen Strumpf wieder zur Hand genommen, und während sie +den glatten grauen Scheitel neigte und mit ihren unermüdlich blanken +braunen Augen die Stiche verfolgte, sagte sie: »Meinst du, daß er wird +fragen, morgen?« + +»Sicher, Ida! Da ist gar kein Zweifel. Die Gelegenheit wird er nicht +verpassen. Wie war's mit Klara? Auch auf solcher Partie ... Ich könnte +es ja vermeiden, siehst du. Ich könnte mich ja zu den anderen halten und +ihn nicht herankommen lassen ... Aber damit ist es dann auch vorbei! Er +reist übermorgen, das hat er gesagt, und er kann auch unmöglich länger +bleiben, wenn morgen nichts daraus wird ... Es =muß= sich morgen +entscheiden ... Aber was soll ich nur sagen, Ida, wenn er fragt?! Du +bist noch nie verheiratet gewesen und kennst daher das Leben eigentlich +nicht, aber du bist ein ehrliches Weib und hast deinen Verstand und bist +zweiundvierzig Jahre alt. Kannst du mir nicht raten? Ich hab' es so +nötig ...« + +Ida Jungmann ließ den Strumpf in den Schoß sinken. + +»Ja, ja, Tonychen, hab' auch schon viel drüber nachjedacht. Aber was ich +finde, das ist, daß da gar nichts mehr zu raten ist, mein Kindchen. Er +kann gar nicht mehr weg« -- Ida sagte, »weck« -- »ohne mit dir und +deiner Mama zu sprechen, und wenn du nicht wirst wollen, ja, da hätt'st +ihn müssen früher weckschicken ...« + +»Da hast du recht, Ida; aber das konnte ich doch nicht, denn es soll ja +schließlich doch sein! Ich muß nur immer denken: Noch kann ich zurück, +noch ist es nicht zu spät! Und da liege ich nun und quäle mich ...« + +»Magst ihn leiden, Tonychen? Sag' mal ehrlich!« + +»Ja, Ida. Da müßte ich lügen, wenn ich das leugnen wollte. Er ist nicht +schön, aber darauf kommt es nicht an in diesem Leben, und er ist ein +grundguter Mann und keiner Bosheit fähig, das glaube mir. Wenn ich an +Grünlich denke ... o Gott! er sagte beständig, daß er rege und findig +sei, und bemäntelte in tückischer Weise seine Filouhaftigkeit ... So ist +Permaneder nicht, siehst du. Er ist, möchte ich sagen, zu bequem dazu, +und nimmt das Leben zu gemütlich dazu, was übrigens andererseits auch +wieder ein Vorwurf ist, denn Millionär wird er sicher nicht werden und +neigt, glaube ich, ein bißchen dazu, sich gehen zu lassen und so +weiterzuwursteln, wie sie da unten sagen ... Denn sie sind alle so dort +unten, und das ist es, was ich sagen wollte, Ida, das ist die Sache. +Nämlich in München, wo er unter seinesgleichen war, unter Leuten, die so +sprachen und so waren wie er, da liebte ich ihn geradezu, so nett fand +ich ihn, so treuherzig und behaglich. Und ich merkte auch gleich, daß es +gegenseitig war, -- wozu vielleicht beitrug, daß er mich für eine reiche +Frau hält, für reicher, fürchte ich, als ich bin, denn Mutter kann mir +nicht mehr viel mitgeben, wie du weißt ... Aber das wird ihm nichts +ausmachen, bin ich überzeugt. So sehr viel Geld, das ist gar nicht nach +seinem Sinn ... Genug ... was wollte ich sagen, Ida?« + +»In München, Tonychen; aber hier?« + +»Aber hier, Ida! Du merkst schon, was ich sagen will. Hier, wo er so +ganz aus seiner eigentlichen Umgebung herausgerissen ist, wo alle anders +sind, strenger und ehrgeiziger und würdiger, sozusagen ... hier muß ich +mich oft für ihn genieren, ja, ich gestehe es dir offen, Ida, ich bin +ein ehrliches Weib, ich geniere mich für ihn, obgleich es vielleicht +eine Schlechtigkeit von mir ist! Siehst du ... mehrere Male ist es ganz +einfach vorgekommen, daß er im Gespräche »mir« statt »mich« gesagt hat. +Das tut man da unten, Ida, das kommt vor, das passiert den gebildetsten +Menschen, wenn sie guter Laune sind, und tut keinem weh und kostet +nichts und läuft so mit unter, und niemand wundert sich. Aber hier sieht +Mutter ihn von der Seite an, und Tom zieht die Augenbraue hoch, und +Onkel Justus gibt sich einen Ruck und pruscht beinahe, wie die Krögers +immer tun, und Pfiffi Buddenbrook wirft ihrer Mutter oder Friederike +oder Henriette einen Blick zu, und dann schäme ich mich so sehr, daß ich +am liebsten aus der Stube laufen möchte, und kann mir nicht denken, daß +ich ihn heiraten könnte ...« + +»Ach wo, Tonychen! Sollst ja auch in München mit ihm leben.« + +»Da hast du recht, Ida. Aber nun kommt die Verlobung, und die wird +gefeiert, und nun bitte ich dich, wenn ich mich vor der Familie und vor +Kistenmakers und Möllendorpfs und den anderen beständig schämen muß, +weil er so wenig vornehm ist ... ach, Grünlich war vornehmer, wofür er +allerdings innerlich schwarz war, wie Herr Stengel seinerzeit immer +gesagt haben soll ... Ida, der Kopf dreht sich mir, bitte, tauch' die +Kompresse ein.« + +»Schließlich soll es ja doch sein«, sagte sie wieder, indem sie +aufatmend den kalten Umschlag entgegennahm, »denn die Hauptsache ist und +bleibt, daß ich wieder unter die Haube komme und hier nicht länger als +geschiedene Frau herumliege ... Ach, Ida, ich muß soviel zurückdenken in +diesen Tagen, an damals, als Grünlich zuerst erschien, und an die +Auftritte, die er mir machte -- skandalös, Ida! -- und dann Travemünde, +Schwarzkopfs ...«, sagte sie langsam, und ihre Augen ruhten eine Weile +träumerisch auf der gestopften Stelle von Erikas Strumpf ... »und dann +die Verlobung und Eimsbüttel, und unser Haus -- es war vornehm, Ida; +wenn ich an meine Schlafröcke denke ... So werde ich es nicht wieder +haben, mit Permaneder; das Leben macht einen immer bescheidener, weißt +du -- und Doktor Klaaßen, und das Kind, und Bankier Kesselmeyer ... und +dann das Ende -- es war entsetzlich, du machst dir keinen Begriff, und +wenn man so grauenhafte Erfahrungen gemacht hat im Leben ... Aber +Permaneder wird sich nicht auf schmutzige Sachen einlassen; -- das ist +das letzte, was ich ihm zutraue, und geschäftlich können wir uns gut auf +ihn verlassen, denn ich glaube wirklich, daß er mit Noppe bei der +Niederpaurschen Brauerei ziemlich viel verdient. Und wenn ich seine Frau +bin, Ida, das sollst du sehen, dann will ich schon dafür sorgen, daß er +ehrgeiziger wird und uns weiterbringt und sich anstrengt und mir und +uns allen Ehre macht, denn =die= Verpflichtung übernimmt er schließlich, +wenn er eine Buddenbrook heiratet!« + +Sie faltete die Hände unterm Kopf und sah zur Decke hinauf. + +»Ja, das ist nun gut und gern seine zehn Jahre her, seit ich Grünlich +nahm ... Zehn Jahre! Und nun bin ich wieder so weit und soll wieder +jemandem mein Jawort erteilen. Weißt du, Ida, das Leben ist furchtbar +ernst!... Aber der Unterschied ist, daß damals ein großes Wesen gemacht +wurde und alle mich drängten und quälten, und daß sich jetzt alle ganz +still verhalten und es als selbstverständlich nehmen, daß ich Ja sage; +denn du mußt wissen, Ida, diese Verlobung mit Alois -- ich sage schon +Alois, denn es soll ja schließlich doch sein -- ist gar nichts +Festliches und Freudiges, und um mein Glück handelt es sich eigentlich +gar nicht dabei, sondern, indem ich diese zweite Ehe eingehe, mache ich +nur in aller Ruhe und Selbstverständlichkeit meine erste Ehe wieder gut, +denn das ist meine Pflicht unserem Namen gegenüber. So denkt Mutter, und +so denkt Tom ...« + +»Ach wo, Tonychen! wenn ihn nicht wirst wollen, und wenn er dich nicht +wird glücklich machen ...« + +»Ida, ich kenne das Leben und bin keine Gans mehr und habe meine Augen +im Kopf. Mutter ... das mag sein, die würde nicht geradezu darauf +dringen, denn über fragwürdige Dinge geht sie hinweg und sagt _Assez_. +Aber Tom, der will es. Lehre du mich Tom kennen! Weißt du, wie Tom +denkt? Er denkt: `Jeder! Jeder, der nicht absolut unwürdig ist. Denn es +handelt sich diesmal nicht um eine glänzende Partie, sondern nur darum, +daß die Scharte von damals durch eine zweite Ehe so ungefähr wieder +ausgewetzt wird.´ So denkt er. Und sobald Permaneder angekommen war, hat +Tom in aller Stille geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, da +sei überzeugt, und als die ziemlich günstig und sicher lauteten, da war +es beschlossene Sache bei ihm ... Tom ist ein Politiker und weiß, was er +will. Wer hat Christian an die Luft gesetzt?... Obgleich das ein hartes +Wort ist, Ida, aber es verhält sich so. Und warum? Weil er die Firma und +die Familie kompromittierte, und das tue ich in seinen Augen auch, Ida, +nicht mit Taten und Worten, sondern mit meiner bloßen Existenz als +geschiedene Frau. Das, will er, soll aufhören, und damit hat er recht, +und ich liebe ihn darum bei Gott nicht weniger und hoffe auch, daß das +auf Gegenseitigkeit beruht. Schließlich habe ich mich in all diesen +Jahren immer danach gesehnt, wieder ins Leben hinauszutreten, denn ich +langweile mich bei Mutter, Gott strafe mich, wenn das eine Sünde ist, +aber ich bin kaum dreißig und fühle mich jung. Das ist verschieden +verteilt im Leben, Ida; du hattest mit dreißig schon graues Haar, das +liegt in eurer Familie, und dein Onkel Prahl, der am Schluckauf +starb ...« + +Sie stellte noch mehrere Betrachtungen an in dieser Nacht, sagte hie und +da noch einmal: »Schließlich soll es ja doch so sein«, und schlummerte +dann fünf Stunden lang sanft und tief. + + +Sechstes Kapitel + +Dunst lag über der Stadt, aber Herr Longuet, Mietkutschenbesitzer in der +Johannisstraße, der um acht Uhr in eigener Person einen gedeckten, aber +an allen Seiten offenen Gesellschaftswagen in der Mengstraße vorfuhr, +sagte: »In 'ner lütten Stund' is de Sünn durch«, und somit konnte man +beruhigt sein. + +Die Konsulin, Antonie, Herr Permaneder, Erika und Ida Jungmann hatten +miteinander gefrühstückt und fanden sich nun einer nach dem anderen +reisefertig auf der großen Diele ein, um Gerda und Tom zu erwarten. Frau +Grünlich, in cremefarbenem Kleide mit einer Atlaskrawatte unterm Kinn, +sah trotz der verkürzten Nachtruhe ganz vortrefflich aus; Zagen und +Fragen schienen in ihr ein Ende gefunden zu haben, denn ihre Miene, +während sie im Gespräch mit dem Gaste langsam die Knöpfe ihrer leichten +Handschuhe schloß, war ruhig, sicher, fast feierlich ... Sie hatte die +Stimmung wiedergefunden, die ihr aus früheren Zeiten her wohlbekannt +war. Das Gefühl ihrer Wichtigkeit, der Bedeutsamkeit der Entscheidung, +die ihr anheimgestellt war, das Bewußtsein, daß abermals ein Tag +gekommen sei, der es ihr zur Pflicht mache, mit ernstem Entschluß in die +Geschichte ihrer Familie einzugreifen, erfüllte sie und machte ihr Herz +höher schlagen. Diese Nacht hatte sie im Traume die Stelle in den +Familienpapieren vor Augen gesehen, an der sie die Tatsache ihrer +zweiten Verlobung zu vermerken gedachte ... diese Tatsache, die jenen +schwarzen Flecken, den die Blätter enthielten, tilgte und bedeutungslos +machte, und nun freute sie sich mit Spannung auf den Augenblick, wo Tom +erscheinen und sie ihn mit ernsthaftem Nicken begrüßen würde ... + +Etwas verspätet, denn die junge Konsulin Buddenbrook war nicht gewohnt, +so früh ihre Toilette zu beenden, traf der Konsul mit seiner Gattin ein. +Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarierten Anzug, +dessen breite Reverse den Rand der Sommerweste sehen ließen, und seine +Augen lächelten, als er Tonys unvergleichlich würdevolle Miene gewahrte. +Aber Gerda, deren ein wenig morbide und rätselhafte Schönheit einen +seltsamen Gegensatz zu der hübschen Gesundheit ihrer Schwägerin bildete, +zeigte durchaus keine Sonntags- und Ausflugsstimmung. Wahrscheinlich +hatte sie nicht ausgeschlafen. Das satte Lila, das die Grundfarbe ihrer +Robe ausmachte und in höchst eigenartiger Weise mit dem Dunkelrot ihres +schweren Haares zusammenklang, ließ ihren Teint noch weißer, noch matter +erscheinen; tiefer und dunkler als sonst lagerten in den Winkeln ihrer +nahe beieinander liegenden braunen Augen bläuliche Schatten ... Kalt bot +sie ihrer Schwiegermutter die Stirn zum Kusse, reichte Herrn Permaneder +mit ziemlich ironischem Ausdruck die Hand, und als Frau Grünlich bei +ihrem Anblick die Hände zusammenschlug und mit lauter Stimme ausrief: +»Gerda, o Gott, wie =schön= bist du wieder --!« antwortete sie lediglich +mit einem ablehnenden Lächeln. + +Sie hegte eine tiefe Abneigung gegen Unternehmungen wie die heutige: +zumal im Sommer, und nun gar am Sonntag. Sie, deren Wohnräume meistens +verhängt, im Dämmerlicht lagen, und die selten ausging, fürchtete die +Sonne, den Staub, die festtäglich gekleideten Kleinbürger, den Geruch +von Kaffee, Bier, Tabak ... und über alles in der Welt verabscheute sie +die Erhitzung, das Derangement. »Mein lieber Freund«, hatte sie +beiläufig zu Thomas gesagt, als die Ausfahrt nach Schwartau und dem +»Riesebusch« verabredet worden war, damit der Münchener Gast auch ein +wenig von der Umgebung der alten Stadt kennenlerne -- »du weißt: wie +Gott mich gemacht hat, bin ich auf Ruhe und Alltag angewiesen ... In +diesem Falle ist man für Anregung und Abwechselung nicht geschaffen. +Nicht wahr, ihr dispensiert mich ...« + +Sie würde ihn nicht geheiratet haben, wenn sie nicht bei solchen Dingen +im wesentlichen seiner Zustimmung sicher gewesen wäre. + +»Ja, lieber Gott, du hast natürlich recht, Gerda. Daß man sich bei +derartigen Sachen amüsiert, ist meistens bloß Einbildung ... Aber man +macht sie eben mit, weil man vor den anderen und sich selbst nicht gern +als Sonderling erscheinen möchte. Diese Eitelkeit hegt jeder, du +nicht?... Man gerät sonst leicht in einen Schein von Vereinsamung und +Unglück und büßt an Achtung ein. Und dann noch eins, liebe Gerda ... Wir +alle haben Ursache, dem Herrn Permaneder ein bißchen den Hof zu machen. +Ich zweifle nicht, daß du die Situation übersiehst. Es entwickelt sich +da etwas, und es wäre schade, ganz einfach schade, käme es nicht +zustande ...« + +»Ich sehe nicht ein, lieber Freund, inwiefern meine Gegenwart ... aber +gleichviel. Da du es wünschest, so sei es. Lassen wir dies Vergnügen +über uns ergehen.« + +»Ich werde dir aufrichtig verbunden sein.« -- + +Man trat auf die Straße hinaus ... Wahrhaftig, schon jetzt begann die +Sonne durch den Morgendunst zu dringen; sonntäglich läuteten die Glocken +von Sankt Marien, und Vogelgezwitscher erfüllte die Luft. Der Kutscher +zog den Hut, und mit dem patriarchalischen Wohlwollen, das Thomas +manchmal ein bißchen in Verlegenheit brachte, nickte die Konsulin ein +überaus herzliches »Guten Morgen, lieber Mann!« zu ihm hinauf. »Also +eingestiegen denn nun, ihr Lieben! Es wäre Zeit zur Frühpredigt, aber +heut' wollen wir Gott in seiner freien Natur mit unseren Herzen loben, +nicht wahr, Herr Permaneder?« + +»Is scho recht, Frau Konsul.« + +Und man kletterte nacheinander über die beiden Blechstufen durch das +schmale Hintertürchen in den Wagen hinein, der zehn Personen gefaßt +haben würde, und machte es sich auf den Polstern bequem, die -- ohne +Zweifel zu Ehren Herrn Permaneders -- blau und weiß gestreift waren. +Dann klinkte das Türchen ins Schloß, Herr Longuet schnalzte mit der +Zunge und stieß unterschiedliche Ho- und Hürufe aus, seine muskulösen +Braunen zogen an, und das Gefährt rollte die Mengstraße hinunter, +entlang der Trave, am Holstentore vorbei, und später nach rechts auf der +Schwartauer Landstraße dahin ... + +Felder, Wiesen, Baumgruppen, Gehöfte ... und man suchte in dem immer +höheren, dünneren, blaueren Dunst nach den Lerchen, deren Stimmen man +vernahm. Thomas, der Zigaretten rauchte, sah aufmerksam um sich, wenn +man an Getreide vorüberkam, und zeigte Herrn Permaneder, wie es stand. +Der Hopfenhändler war in einer wahrhaft jugendlichen Laune, hatte seinen +grünen Hut mit dem Gemsbart ein wenig schief gesetzt, balancierte seinen +Stock mit dem ungeheuren Horngriff auf seiner weißen und breiten +Handfläche und sogar auf der Unterlippe, ein Kunststück, welchem, +obgleich es beständig mißlang, besonders von seiten der kleinen Erika +lauter Beifall zuteil ward, und wiederholte mehrere Male: »Die Zugspitz' +wird's halt net sein, aber a weng kraxeln wermer doch, und a Hetz wermer +ham, a Gaudi a sakrisches, gelten's, Frau Grünlich?!« + +Dann begann er mit vielem Temperament von Bergpartien mit Rucksack und +Eispickel zu erzählen, wofür ihn die Konsulin mit mehreren bewundernden +»Dausend!« belohnte, und bedauerte dann aus irgendeinem Gedankengange +heraus mit bewegten Worten die Abwesenheit Christians, von dem er gehört +habe, daß er gar so ein lustiger Herr sei. + +»Unterschiedlich«, sagte der Konsul. »Aber bei solchen Gelegenheiten ist +er unvergleichlich, das ist wahr. -- Wir werden Krebse essen, Herr +Permaneder!« rief er aufgeräumt. »Krebse und Ostseekrabben! Sie haben +schon bei meiner Mutter ein paarmal davon gekostet, aber mein Freund +Dieckmann, der Besitzer der Restauration `Zum Riesebusch´, führt sie +stets in hervorragender Qualität. Und Pfeffernüsse, die berühmten +Pfeffernüsse dieser Gegend! Oder ist ihr Ruf bis an die Isar noch nicht +gedrungen? Nun, Sie werden sehen.« + +Frau Grünlich ließ zwei- oder dreimal den Wagen halten, um am +Chausseerande Mohn- und Kornblumen zu pflücken, und jedesmal beteuerte +Herr Permaneder mit wahrer Wildheit, ihr dabei behilflich sein zu +wollen; da er sich aber vor dem Ein- und Aussteigen ein wenig fürchtete, +so unterließ er es dennoch. + +Erika jubelte über jede Krähe, die aufflog, und Ida Jungmann, die wie +immer beim sichersten Wetter einen langen, offenen Regenmantel nebst +Regenschirm trug, stimmte als eine richtige Kinderpflegerin, die auf die +kindlichen Stimmungen nicht nur äußerlich eingeht, sondern sie ebenso +kindlich mitempfindet, mit ihrem ungenierten und etwas wiehernden Lachen +ein, so daß Gerda, die sie nicht hatte in der Familie grau werden sehen, +sie wiederholt einigermaßen kalt und erstaunt betrachtete ... + +Man war im Oldenburgischen. Buchenwaldungen kamen in Sicht, der Wagen +fuhr durch den Ort, über das Marktplätzchen mit seinem Ziehbrunnen, +gelangte wieder ins Freie, rollte über die Brücke, die über das Flüßchen +Au führt und hielt endlich vor dem einstöckigen Wirtshaus »Zum +Riesebusch«. Dies war an der einen Seite eines flachen Platzes mit +Grasflächen, sandigen Wegen und ländlichen Beeten gelegen, und jenseits +dieses Platzes erhob sich amphitheatralisch aufsteigend der Wald. Die +einzelnen Stufen waren durch rauh angelegte Treppen verbunden, zu denen +man hochliegende Baumwurzeln und vorspringendes Gestein benutzt hatte, +und auf den Etagen, zwischen den Bäumen, waren weiß gestrichene Tische, +Bänke und Stühle aufgeschlagen. + +Buddenbrooks waren keineswegs die ersten Gäste. Ein paar wohlgenährte +Mägde und sogar ein Kellner in fettigem Frack marschierten eilfertig +über den Platz und trugen kalte Küche, Limonaden, Milch und Bier zu den +Tischen hinauf, an denen, wenn auch in weiteren Abständen, schon mehrere +Familien mit Kindern Platz genommen hatten. + +Herr Dieckmann, der Wirt, in gelbgesticktem Käppchen und Hemdärmeln, +trat persönlich an den Schlag, um den Herrschaften beim Aussteigen +behilflich zu sein, und während Longuet beiseite fuhr, um auszuspannen, +sagte die Konsulin: »Wir machen nun also zunächst einen Spaziergang, +guter Mann, und möchten dann, nach einer Stunde oder anderthalb, ein +Frühstück haben. Bitte, lassen Sie uns drüben servieren ... aber nicht +zu hoch; auf dem zweiten Absatz dünkt mich ...« + +»Strengen Sie sich an, Dieckmann«, fügte der Konsul hinzu. »Wir haben +einen verwöhnten Gast ...« + +Herr Permaneder protestierte. »I ka Spur! A Bier und a Kaas ...« + +Allein das verstand Herr Dieckmann nicht, sondern er begann mit großer +Geläufigkeit: »Allens, was da is, Herr Kunsel ... Krebse, Krabben, +diverse Wurst, diverse Käse, geräucherten Aal, geräucherten Lachs, +geräucherten Stör ...« + +»Schön, Dieckmann, Sie werden das schon machen. Und dann geben Sie uns +-- sechs Gläser Milch und ein Seidel Bier, wenn ich nicht irre, Herr +Permaneder, wie?...« + +»Einmal Bier, sechsmal Milch ... Süße Milch, Buttermilch, dicke Milch, +Sattenmilch, Herr Kunsel ...« + +»Halb und halb, Dieckmann; süße Milch und Buttermilch. In einer Stunde +also.« + +Und sie gingen über den Platz. + +»Zunächst liegt es uns nun ob, die Quelle zu besuchen, Herr Permaneder«, +sagte Thomas. »Die Quelle: das heißt die Quelle der Au, und die Au ist +das kleine Flüßchen, daran Schwartau liegt und daran im grauen +Mittelalter ursprünglich unsere Stadt gelegen war, bis sie niederbrannte +-- sie wird wohl nicht sehr durabel gewesen sein, wissen Sie -- und an +der Trave wieder aufgebaut wurde. Übrigens knüpfen sich schmerzliche +Erinnerungen an den Namen des Flüßchens. Als Jungen fanden wir es +witzig, uns einander in den Arm zu kneifen und zu fragen: Wie heißt der +Fluß bei Schwartau? Worauf man natürlich, weil's wehtat, wider Willen +den Namen rief ... Da!« unterbrach er sich plötzlich, zehn Schritte von +dem Anstieg entfernt; »wir sind überholt worden. Möllendorpfs und +Hagenströms.« + +In der Tat, dort oben auf der dritten Etage der waldigen Terrasse saßen +die hauptsächlichsten Mitglieder dieser beiden vorteilhaft liierten +Familien an zwei zusammengerückten Tischen und speisten unter angeregten +Gesprächen. Der alte Senator Möllendorpf präsidierte, ein blasser Herr +mit weißen, dünnen, spitzen Kotelettes; er war zuckerkrank. Seine +Gattin, geborene Langhals, hantierte mit ihrer langgestielten Lorgnette, +und nach wie vor umstand das graue Haar unordentlich ihren Kopf. Ihr +Sohn war da, August, ein blonder junger Mann von wohlsituiertem Äußeren +und Gatte Julchens, der geborenen Hagenström, welche, klein, lebhaft, +mit großen, blanken, schwarzen Augen und beinahe ebenso großen +Brillanten an den Ohrläppchen, zwischen ihren Brüdern Hermann und Moritz +saß. Konsul Hermann Hagenström begann sehr stark zu werden, denn er +lebte vortrefflich und man sagte sich, daß er gleich morgens mit +Gänseleberpastete beginne. Er trug einen rötlich blonden kurzgehaltenen +Vollbart, und seine Nase -- die Nase seiner Mutter -- lag auffallend +platt auf der Oberlippe. Doktor Moritz, mit flacher Brust und gelblichem +Teint, zeigte in lebhaftem Gespräch seine spitzigen, lückenhaften Zähne. +Beide Brüder hatten ihre Damen bei sich, denn auch der Rechtsgelehrte +war seit mehreren Jahren verheiratet, und zwar mit einem Fräulein +Puttfarken aus Hamburg, einer Dame mit butterfarbenem Haar und übermäßig +leidenschaftslosen, augenscheinlich anglisierenden, aber außerordentlich +schönen und regelmäßigen Gesichtszügen, denn Doktor Hagenström hätte es +mit seinem Rufe als Schöngeist nicht vereinbaren können, ein häßliches +Mädchen zu ehelichen. Schließlich waren noch die kleine Tochter von +Hermann Hagenström und der kleine Sohn von Moritz Hagenström zugegen, +zwei weißgekleidete Kinder, die schon jetzt sogut wie miteinander +verlobt waren, denn das Huneus-Hagenströmsche Vermögen sollte nicht +verzettelt werden. -- Alle aßen Rührei mit Schinken. + +Man grüßte sich erst, als Buddenbrooks in geringer Entfernung an der +Gesellschaft vorüberstiegen. Die Konsulin neigte ein wenig zerstreut und +gleichsam verwundert den Kopf, Thomas lüftete den Hut, indem er die +Lippen bewegte, als sagte er irgend etwas Verbindliches und Kühles, und +Gerda verbeugte sich fremd und formell. Herr Permaneder aber, angeregt +durch das Steigen, schwenkte unbefangen seinen grünen Hut und rief mit +lauter und fröhlicher Stimme: »Wünsch' recht an guat'n Morg'n!« -- +Worauf die Senatorin Möllendorpf ihr Lorgnon zur Hand nahm ... Tony +ihrerseits zog ein wenig die Schultern empor, legte den Kopf zurück, +suchte trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken und grüßte gleichsam +von einer unabsehbaren Höhe herab, wobei sie genau über Julchen +Möllendorpfs breitrandigen und eleganten Hut hinwegblickte ... In dieser +Minute setzte sich ihr Entschluß endgültig und unerschütterlich in ihr +fest ... + +»Gott sei Lob und tausend Dank, Tom, daß wir erst in einer Stunde +frühstücken! Ich möchte mir von diesem Julchen nicht gern auf den Bissen +sehen lassen, weißt du ... Hast du beachtet, wie sie grüßte? Beinahe gar +nicht. Dabei war meiner unmaßgeblichen Ansicht nach ihr Hut ganz unmäßig +geschmacklos ...« + +»Na, was den Hut betrifft ... Und mit dem Grüßen warst du wohl auch +nicht viel entgegenkommender, meine Liebe. Übrigens ärgere dich nicht; +das macht Falten.« + +»Ärgern, Tom? Ach nein! Wenn diese Leute meinen, sie seien die ersten an +der Spritze, so ist das zum Lachen und weiter nichts. Was ist für ein +Unterschied zwischen diesem Julchen und mir, wenn ich fragen darf? Daß +sie keinen Filou, sondern bloß einen `Duschack´ zum Manne bekommen hat, +wie Ida sagen würde, und wenn sie einmal in meiner Lage wäre im Leben, +so würde es sich ja erweisen, ob sie einen zweiten finden würde ...« + +»Was besagt, daß du deinerseits einen finden wirst?« + +»Einen Duschack, Thomas?« + +»Sehr viel besser als ein Filou.« + +»Es braucht weder das eine noch das andere zu sein. Aber darüber spricht +man nicht.« + +»Richtig. Wir bleiben auch zurück. Herr Permaneder steigt mit Elan ...« + +Der schattige Waldweg wurde eben, und es dauerte gar nicht lange, bis +sie die »Quelle« erreicht hatten, einen hübschen, romantischen Punkt mit +einer hölzernen Brücke über einem kleinen Abgrund, zerklüfteten Abhängen +und überhängenden Bäumen, deren Wurzeln bloßlagen. Sie schöpften mit +einem silbernen, zusammenschiebbaren Becher, den die Konsulin +mitgebracht hatte, aus dem kleinen, steinernen Bassin gleich unterhalb +der Austrittsstelle und erquickten sich mit dem frischen, eisenhaltigen +Wasser, wobei Herr Permaneder einen kleinen Anfall von Galanterie hatte, +indem er darauf bestand, daß Frau Grünlich ihm den Trunk kredenzte. Er +war voll Dankbarkeit, wiederholte mehrmals: »A, des is fei nett!« und +plauderte umsichtig und aufmerksam sowohl mit der Konsulin und Thomas +als mit Gerda und Tony und sogar mit der kleinen Erika ... Selbst Gerda, +die bislang unter fliegender Hitze gelitten und in einer Art von +stummer und starrer Nervosität einhergegangen war, begann nun +aufzuleben, und als man nach einem beschleunigten Rückwege wieder vor +dem Wirtshause anlangte und sich auf der zweiten Stufe der Waldterrasse +an einem überreichlich besetzten Tische niederließ, war sie es, die es +in liebenswürdigen Wendungen bedauerte, daß Herrn Permaneders Abreise so +nahe bevorstehe: jetzt, wo man einander ein wenig kennengelernt, wo es +zum Beispiel ganz leicht zu beobachten sei, daß auf beiden Seiten immer +seltener Miß- und Nichtverständnisse des Dialektes wegen unterliefen ... +Sie könne die Behauptung vertreten, daß ihre Freundin und Schwägerin +Tony zwei- oder dreimal mit Virtuosität »Pfüaht Gott!« gesagt habe ... + +Herr Permaneder unterließ es, auf das Wort »Abreise« irgendeine +bestätigende Antwort zu geben, sondern widmete sich vorderhand den +Leckerbissen, von denen die Tafel strotzte, und die er jenseits der +Donau nicht alle Tage bekam. + +Sie verzehrten die guten Sachen mit Muße, wobei die kleine Erika sich +beinahe am meisten über die Servietten aus Seidenpapier freute, die ihr +unvergleichlich schöner schienen als die großen leinenen zu Hause, und +von denen sie mit Erlaubnis des Kellners sogar einige zum Andenken in +die Tasche steckte; und dann saß, während Herr Permaneder mehrere +tiefschwarze Zigarren zum Biere und der Konsul seine Zigaretten rauchte, +die Familie mit ihrem Gaste noch längere Zeit beisammen und plauderte; +-- bemerkenswert aber war, daß niemand mehr der Abreise des Herrn +Permaneder gedachte und daß überhaupt die Zukunft völlig unberührt +gelassen ward. Vielmehr tauschte man Erinnerungen aus, besprach die +politischen Ereignisse der letzten Jahre, und Herr Permaneder +berichtete, nachdem er über einige achtundvierziger Anekdoten, die die +Konsulin ihrem verstorbenen Gatten nacherzählte, sich vor Lachen +geschüttelt hatte, von der Revolution in München und von Lola Montez, +für welche Frau Grünlich sich unbändig interessierte. Dann aber, als +allgemach die erste Stunde nach Mittag vorüber war, als Erika, ganz +erhitzt und bepackt mit Gänseblumen, Wiesenschaumkraut und Gräsern, von +einem Streifzug mit Ida zurückkehrte und die Pfeffernüsse in Erinnerung +brachte, die noch einzukaufen seien, brach man zu einem Gang in den Ort +hinunter auf ... nicht bevor die Konsulin, deren Gäste heut alle waren, +mit einem gar nicht kleinen Goldstück die Rechnung beglichen hatte. + +Vorm Gasthaus ward Order gegeben, daß in einer Stunde der Wagen +bereitstehen solle, denn man wollte in der Stadt vor Tisch noch ein +wenig ruhen können; und dann wanderten sie langsam, denn die Sonne +brannte auf den Staub, den niedrigen Häusern des Fleckens zu. + +Gleich nach der Au-Brücke ordnete sich ungezwungen und von selbst die +Reihenfolge, die dann während des Weges innegehalten ward: Voran nämlich +war Mamsell Jungmann, vermöge ihrer langen Schritte, neben der +unermüdlich springenden und nach Kohlweißlingen jagenden Erika, dann +folgten miteinander die Konsulin, Thomas und Gerda und zuletzt, in +einigem Abstande sogar, Frau Grünlich mit Herrn Permaneder. Vorn war es +laut, denn das kleine Mädchen jubelte, und Ida stimmte mit ihrem +eigentümlich tiefen, gutmütigen Wiehern ein. In der Mitte schwiegen alle +drei, denn Gerda war wegen des Staubes aufs neue in eine nervöse +Verzagtheit verfallen, und die alte Konsulin sowohl wie ihr Sohn waren +in Gedanken. Auch hinten war es still ... aber nur scheinbar, denn Tony +und der Gast aus Bayern unterhielten sich gedämpft und intim. -- Wovon +sprachen sie? Von Herrn Grünlich ... + +Herr Permaneder hatte die treffende Bemerkung gemacht, daß Erika »fei« +ein gar zu liebes und hübsches Kind sei, daß sie aber trotzdem der Frau +Mama fast gar nicht ähnlich sehe; worauf Tony geantwortet hatte: »Sie +ist ganz der Vater, und man kann sagen: nicht zu ihrem Schaden, denn +äußerlich war Grünlich ein Gentleman -- alles, was wahr ist! So hatte er +goldfarbene Favoris; völlig originell; ich habe nie wieder dergleichen +gesehen ...« + +Und dann erkundigte er sich, obgleich Tony ihm schon bei Niederpaurs in +München die Geschichte ihrer Ehe ziemlich genau erzählt hatte, noch +einmal genau nach allem und erfragte eingehend und mit einem ängstlich +teilnehmenden Blinzeln alle Einzelheiten bei dem Bankerott ... + +»Er war ein böser Mensch, Herr Permaneder, sonst hätte Vater mich ihm +nicht wieder weggenommen, das können Sie mir glauben. Nicht alle +Menschen haben auf Erden immer ein gutes Herz, das hat das Leben mich +gelehrt, wissen Sie, so jung wie ich für eine Person, die seit zehn +Jahren Witwe oder etwas Ähnliches ist, noch bin. Er war böse, und +Kesselmeyer, sein Bankier, der obendrein so albern war wie ein junger +Hund, war noch böser. Aber das soll nicht heißen, daß ich mich selbst +für einen Engel halte und aller Schuld bar erachte ... mißverstehen Sie +mich nicht! Grünlich vernachlässigte mich, und wenn er einmal bei mir +saß, so las er die Zeitung, und er hinterging mich und ließ mich +beständig in Eimsbüttel sitzen, weil ich in der Stadt von dem Morast +hätte erfahren können, darin er steckte ... Aber ich bin auch nur eine +schwache Frau und habe meine Fehler und bin ganz sicher nicht immer +richtig zu Werke gegangen. Zum Beispiel gab ich meinem Mann durch +Leichtsinn und Verschwendungssucht und neue Schlafröcke Grund zu Sorge +und Klage ... Aber eins darf ich hinzufügen: ich habe eine +Entschuldigung, und die besteht darin, daß ich ein Kind war, als ich +heiratete, eine Gans war ich, ein dummes Ding. Glauben Sie zum Beispiel, +daß ich ganz kurze Zeit vor meiner Verlobung auch nur gewußt hätte, daß +vier Jahre früher die Bundesgesetze über die Universitäten und die +Presse erneuert worden seien? Schöne Gesetze übrigens!... Ach, ja, es +ist wahrhaftig so sehr traurig, daß man nur einmal lebt, Herr +Permaneder, daß man das Leben nicht noch einmal anfangen kann; man würde +so manches geschickter anfassen ...« + +Sie schwieg und blickte gespannt auf den Weg nieder; sie hatte ihm, +nicht ohne Geschick, einen Anhaltspunkt gegeben, denn die Erwägung lag +gar nicht fern, daß ein ganz neues Leben zu beginnen zwar unmöglich, der +Wiederbeginn einer neuen, besseren Ehe aber doch nicht ausgeschlossen +sei. Allein Herr Permaneder ließ die Gelegenheit vorübergehen und +beschränkte sich darauf, mit heftigen Worten auf Herrn Grünlich zu +schelten, wobei die Fliege über seinem kleinen, runden Kinn sich +sträubte ... + +»Der fade Kerl, der z'widre! Den wann i dahier hätt', den Hund, den +ausg'schamten, der wann net a Watschen dawischen tät' ...« + +»Pfui, Herr Permaneder! Nein, damit müssen Sie aufhören. Wir sollen +vergeben und vergessen, und die Rache ist mein, spricht der Herr ... +fragen Sie nur Mutter. Bewahre ... ich weiß nicht, wo Grünlich sich +aufhält, und wie es ihm ergangen ist im Leben; aber ich wünsche ihm +alles Gute, wenn er es auch vielleicht nicht verdient hat ...« + +Sie waren im Ort und standen vor dem kleinen Häuschen, in dem der +Bäckerladen sich befand. Beinahe, ohne es zu wissen, waren sie +stehengeblieben, und ohne sich Rechenschaft davon zu geben, hatten sie +mit ernsten und abwesenden Augen Erika, Ida, die Konsulin, Thomas und +Gerda gebückt durch die lächerlich niedrige Ladentür verschwinden sehen: +so vertieft waren sie in ihr Gespräch, obgleich sie bis jetzt nichts als +überflüssige und alberne Dinge geredet hatten. + +Neben ihnen war ein Zaun, und daran lief ein langes, schmales Beet +entlang, auf dem ein paar Reseden wuchsen und dessen lockere, schwarze +Erde Frau Grünlich, geneigten und etwas erhitzten Hauptes, ungeheuer +eifrig mit der Spitze ihres Sonnenschirms pflügte. Herr Permaneder, +dessen grünes Hütchen mit dem Gemsbart in die Stirn geglitten war, stand +dicht bei ihr und beteiligte sich hie und da vermittels seines +Spazierstockes an dem Umgraben des Beetes. Auch er ließ den Kopf hängen; +aber seine kleinen, hellblauen, verquollenen Augen, die ganz blank +geworden und sogar ein wenig gerötet waren, blickten von unten herauf +mit einem Gemisch von Ergebenheit, Betrübtheit und Spannung zu ihr +empor, und mit ebendemselben Ausdruck überhing der ausgefranste +Schnauzbart seinen Mund ... + +»Und da haben's jetzt wohl«, sagte er, »a damische Furcht vor der Eh' +und wollen's nimmer noch amal versuchen, gelten's nei, Frau +Grünlich ...?« + +Wie ungeschickt! dachte sie. Das muß ich ja bestätigen?... Sie +antwortete: »Ja, lieber Herr Permaneder, ich bekenne Ihnen offen, daß es +mir schwer fallen würde, noch einmal jemandem mein Jawort fürs Leben zu +erteilen, denn ich bin belehrt worden, wissen Sie, was für ein furchtbar +ernster Entschluß das ist ... und dazu bedürfte es der festen +Überzeugung, daß es sich um einen wirklich braven, einen edlen, einen +herzensguten Mann handelt ...« + +Hierauf erlaubte er sich die Frage, ob sie ihn für einen solchen Mann +halte, worauf sie antwortete: »Ja, Herr Permaneder, dafür halte ich +Sie.« + +Und dann folgten noch ganz wenige leise und kurze Worte, in denen das +Verlöbnis enthalten war, und für Herrn Permaneder die Erlaubnis, sich zu +Hause an die Konsulin und Thomas zu wenden ... + +Als die übrigen Mitglieder der Gesellschaft, bepackt mit mehreren großen +Düten voll Pfeffernüssen, wieder im Freien erschienen, ließ der Konsul +seine Augen diskret über die Köpfe der beiden hinwegschweifen, denn sie +waren in starker Verlegenheit: Herr Permaneder ohne Versuch, das zu +verbergen, Tony unter der Maske einer fast majestätischen Würde. + +Man beeilte sich, den Wagen zu gewinnen, denn der Himmel hatte sich +bedeckt und Tropfen fielen. + + * * * * * + +Wie Tony angenommen, hatte ihr Bruder bald nach Herrn Permaneders +Erscheinen genaue Erkundigungen über seine Lebensstellung eingezogen, +die als Resultat ergeben hatten, daß X. Noppe & Comp. eine etwas +beschränkte aber durchaus solide Firma sei, die im gemeinsamen Wirken +mit der Aktienbrauerei, der Herr Niederpaur als Direktor vorstand, einen +hübschen Gewinn erzielte, und daß, im Verein mit Tonys 17000 +Kuranttalern, Herrn Permaneders Anteil für ein gutbürgerliches +Zusammenleben ohne Luxus ausreichen würde. Die Konsulin war unterrichtet +darüber, und in einem ausführlichen Gespräche zwischen ihr, Herrn +Permaneder, Antonie und Thomas, welches gleich am Abend des +Verlobungstages im Landschaftszimmer stattfand, wurden ohne Hindernis +alle Fragen geregelt: auch in betreff der kleinen Erika, welche auf +Tonys Wunsch und mit dem gerührten Einverständnis ihres Verlobten +ebenfalls nach München übersiedeln sollte. + +Zwei Tage später reiste der Hopfenhändler ab -- »weil der Noppe sonst +schimpfen tät'« --, aber schon im Monat Juli traf Frau Grünlich +wiederum in seiner Vaterstadt mit ihm zusammen: gemeinsam mit Tom und +Gerda, die sie für vier oder fünf Wochen nach Bad Kreuth begleitete, +während die Konsulin mit Erika und der Jungmann an der Ostsee verblieb. +Übrigens hatten die beiden Paare in München bereits Gelegenheit, das +Haus zu besichtigen, das Herr Permaneder in der Kaufinger Straße -- ganz +in der Nähe also der Niederpaurs -- anzukaufen im Begriffe war, und +dessen größten Teil er zu vermieten gedachte; ein ganz merkwürdiges, +altes Haus, mit einer schmalen Treppe, die gleich hinter der Haustür +schnurgerade und ohne Absatz und Biegung wie eine Himmelsleiter in den +ersten Stock hinanführte, woselbst man erst nach beiden Seiten über den +Korridor zurückschreitend zu den nach vorn gelegenen Zimmern +gelangte ... + +Mitte August kehrte Tony nach Hause zurück, um sich während der nächsten +Wochen der Sorge für ihre Aussteuer zu widmen. Vieles zwar war noch aus +der Zeit ihrer ersten Ehe vorhanden, aber es mußte durch Neuankäufe +ergänzt werden, und eines Tages langte aus Hamburg, woher manches +bezogen ward, sogar ein Schlafrock an ... nicht mit Sammet freilich, +sondern diesmal nur mit Tuchschleifen garniert. + +Zu vorgeschrittener Herbstzeit traf Herr Permaneder wieder in der +Mengstraße ein; man wollte die Sache nicht länger verzögern ... + +Was die Hochzeitsfeierlichkeiten anging, so verliefen sie genau, wie +Tony es erwartet und nicht anders gewünscht hatte: Es wurde nicht viel +Aufhebens davon gemacht. »Lassen wir den Pomp«, sagte der Konsul; »du +bist wieder verheiratet, und es ist ganz einfach, als hättest du niemals +aufgehört, es zu sein.« Nur wenige Verlobungskarten waren versandt +worden -- daß aber Julchen Möllendorpf, geborene Hagenström, eine +erhalten hatte, dafür hatte Madame Grünlich gesorgt --, von einer +Hochzeitsreise ward abgesehen, weil Herr Permaneder »so a Hetz'« +verabscheute und Tony, vor kurzem vom Sommeraufenthalt zurückgekehrt, +schon die Reise nach München zu weit fand, und die Trauung, die diesmal +nicht die Säulenhalle, sondern die Marienkirche zum Schauplatze hatte, +fand in engem Familienkreise statt. Tony trug mit Würde die +Orangeblüten statt der Myrten, und Hauptpastor Kölling predigte mit +etwas schwächerer Stimme als ehemals, aber noch immer in starken +Ausdrücken über =Mäßigkeit=. + +Christian kam von Hamburg, sehr elegant gekleidet und ein wenig +angegriffen, aber lustig aussehend, erzählte, daß sein Geschäft mit +Burmeester »tip-top« sei, erklärte, daß Klothilde und er sich wohl erst +»da oben« verheiraten würden -- »das heißt: Jeder für sich!...« und kam +viel zu spät zur Kirche, weil er dem Klub einen Besuch abgestattet +hatte. Onkel Justus war sehr gerührt und zeigte sich so kulant wie +stets, indem er den Neuvermählten einen außerordentlich schönen, +schwersilbernen Tafelaufsatz verehrte ... Er und seine Frau hungerten zu +Hause beinahe, denn die schwache Mutter bezahlte dem längst enterbten +und verstoßenen Jakob, der sich, wie verlautete, augenblicklich in Paris +aufhielt, nach wie vor von ihrem Wirtschaftsgelde die Schulden. -- Die +Damen Buddenbrook aus der Breitenstraße bemerkten: »Nun, hoffentlich +hält es diesmal.« Wobei das Unangenehme der allgemeine Zweifel war, ob +sie dies wirklich hofften ... Sesemi Weichbrodt jedoch erhob sich auf +die Zehenspitzen, küßte ihren Zögling, die nunmehrige Frau Permaneder, +mit leicht knallendem Geräusch auf die Stirn und sagte mit ihren +herzlichsten Vokalen: »Sei glöcklich, du =gutes= Kend!« + + +Siebentes Kapitel + +Gleich morgens um acht Uhr, sobald er das Bett verlassen hatte, über die +Wendeltreppe hinter der kleinen Pforte ins Souterrain hinabgestiegen +war, ein Bad genommen und seinen Schlafrock wieder angelegt hatte, +begann Konsul Buddenbrook sich mit öffentlichen Dingen zu beschäftigen. +Dann nämlich erschien, mit seinen roten Händen und seinem intelligenten +Gesicht, mit einem Topfe warmen Wassers, den er sich aus der Küche +geholt, und den übrigen Utensilien, Herr Wenzel, Barbier und Mitglied +der Bürgerschaft, in der Badestube, und während der Konsul sich, +zurückgebeugten Hauptes, in einem großen Lehnstuhle niederließ und Herr +Wenzel Schaum zu schlagen begann, entspann sich fast immer ein +Gespräch, das, mit Nachtruhe und Witterung beginnend, alsbald zu +Ereignissen in der großen Welt überging, sich hierauf mit intim +städtischen Angelegenheiten beschäftigte und mit ganz eng geschäftlichen +und familiären Gegenständen zu schließen pflegte ... Dies alles zog die +Prozedur sehr in die Länge, denn immer, wenn der Konsul sprach, mußte +Herr Wenzel das Messer von seinem Gesicht entfernen. + +»Wohl geruht, Herr Konsul?« + +»Danke, Wenzel. Gutes Wetter heute?« + +»Frost und ein bißchen Schneenebel, Herr Konsul. Vor der Jacobikirche +haben die Jungens schon wieder 'ne Schleisterbahn, zehn Meter lang, daß +ich beinah' hingeschlagen wär', als ich vom Bürgermeister kam. Hol' sie +der Düwel ...« + +»Schon Zeitungen gesehen?« + +»Die Anzeigen und die Hamburger Nachrichten, ja. Nichts als Orsinibomben +... Schauderhaft. Auf dem Weg in die Oper ... Eine nette Gesellschaft da +drüben ...« + +»Na, es hat nichts zu bedeuten, denke ich. Mit dem Volke hat das nichts +zu tun, und der Effekt ist nun bloß, daß die Polizei und der Druck auf +die Presse und all das verdoppelt wird. Er ist auf seiner Hut ... Ja, es +ist eine ewige Unruhe, das muß wahr sein, denn er ist immer auf +Unternehmungen angewiesen, um sich zu halten. Aber meinen Respekt hat er +-- ganz einerlei. Mit =den= Traditionen kann man wenigstens kein Dujack +sein, wie Mamsell Jungmann sagt, und das mit der Bäckereikasse und den +billigen Brotpreisen zum Beispiel hat mir wahrhaftig imponiert. Er tut +ohne Zweifel eine Menge fürs Volk ...« + +»Ja, das sagte Herr Kistenmaker vorhin auch schon.« + +»Stephan? Wir sprachen gestern darüber.« + +»Und mit Friedrich Wilhelm von Preußen, das steht schlimm, Herr Konsul, +das wird nichts mehr. Man sagt schon, daß der Prinz endgültig Regent +werden soll ...« + +»Oh, darauf muß man gespannt sein. Er hat sich schon jetzt als ein +liberaler Kopf gezeigt, dieser Wilhelm, und steht sicher der +Konstitution nicht mit dem geheimen Ekel seines Bruders gegenüber ... Es +ist doch am Ende nur der Gram, der ihn aufreibt, den armen Mann ... Was +Neues aus Kopenhagen?« + +»Gar nichts, Herr Konsul. Sie wollen nicht. Da hat der Bund gut +erklären, daß die Gesamtverfassung für Holstein und Lauenburg +rechtswidrig ist ... Sie sind da oben ganz einfach nicht dafür zu haben, +sie aufzuheben ...« + +»Ja, es ist ganz unerhört, Wenzel. Sie fordern den Bundestag ja zur +Exekution heraus, und wenn er ein bißchen alerter wäre ... Ach ja, diese +Dänen! Ich erinnere mich lebhaft, wie ich mich schon als ganz kleiner +Junge beständig über einen Gesangvers ärgerte, der anfing: `Gib mir, gib +allen denen, die sich von Herzen sehnen ...´ wobei ich `denen´ im Geiste +immer mit `ä´ schrieb und nicht begriff, daß der Herrgott auch den Dänen +irgend etwas geben sollte ...« + +»Sehen Sie sich mit der spröden Stelle vor, Wenzel, Sie lachen ... Nun, +und jetzt wieder mit unserer direkten Hamburger Eisenbahn! Das hat schon +diplomatische Kämpfe gekostet und wird noch welche kosten, bis sie in +Kopenhagen die Konzession geben ...« + +»Ja, Herr Konsul, und das Dumme ist, daß die Altona-Kieler +Eisenbahngesellschaft und genau besehen ganz Holstein dagegen ist; das +sagte Bürgermeister Doktor Överdieck vorhin auch schon. Sie haben eine +verfluchte Angst für den Aufschwung von Kiel ...« + +»Versteht sich, Wenzel. Solche neue Verbindung zwischen Ost- und Nordsee +... Und Sie sollen sehn, die Altona-Kieler wird nicht aufhören, zu +intriguieren. Sie sind imstande, eine Konkurrenzbahn zu bauen: +Ostholsteinisch, Neumünster-Neustadt, ja, das ist nicht ausgeschlossen. +Aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen, und direkte Fahrt nach +Hamburg müssen wir haben.« + +»Herr Konsul nehmen sich der Sache warm an.« + +»Tja ... soweit das in meinen Kräften steht, und soweit mein bißchen +Einfluß reicht ... Ich interessiere mich für unsere Eisenbahnpolitik, +und das ist Tradition bei uns, denn mein Vater hat schon seit 51 dem +Vorstand der Büchener Bahn angehört, und daran liegt es denn auch wohl, +daß ich mit meinen zweiunddreißig Jahren hineingewählt bin; meine +Verdienste sind ja noch nicht beträchtlich ...« + +»Oh, Herr Konsul; nach Herrn Konsuls Rede damals in der +Bürgerschaft ...« + +»Ja, damit habe ich wohl etwas Eindruck gemacht, und der gute Wille ist +jedenfalls vorhanden. Ich kann nur dankbar sein, wissen Sie, daß mein +Vater, Großvater und Urgroßvater mir die Wege geebnet haben, und daß +viel von dem Vertrauen und dem Ansehen, das sie sich in der Stadt +erworben haben, ohne weiteres auf mich übertragen wird, denn sonst +könnte ich mich gar nicht so regen ... Was hat zum Beispiel nach 48 und +zu Anfang dieses Jahrzehnts mein Vater nicht alles für die Reformation +unseres Postwesens getan! Denken Sie mal, Wenzel, wie er in der +Bürgerschaft gemahnt hat, die Hamburger Diligencen mit der Post zu +vereinigen, und wie er _anno_ 50 beim Senate, der damals ganz +unverantwortlich langsam war, mit immer neuen Anträgen zum Anschluß an +den deutsch-österreichischen Postverein getrieben hat ... Wenn wir jetzt +einen niedrigen Portosatz für Briefe haben und die Kreuzbandsendungen +und die Freimarken und Briefkasten und die telegraphischen Verbindungen +mit Berlin und Travemünde, er ist nicht der Letzte, dem wir dafür zu +danken haben, und wenn er und ein paar andere Leute den Senat nicht +immer wieder gedrängt hätten, so wären wir wohl ewig hinter der +dänischen und der Thurn- und Taxischen Post zurückgeblieben. Nun, und +wenn ich jetzt in solchen Sachen meine Meinung sage, so hört man +darauf ...« + +»Das weiß Gott, Herr Konsul, da sagen Herr Konsul ein wahres Wort. Und +was die Hamburger Bahn betrifft: Das ist keine drei Tage her, daß +Bürgermeister Doktor Överdieck zu mir gesagt hat: `Wenn wir erst so weit +sind, daß wir in Hamburg ein geeignetes Terrain für den Bahnhof ankaufen +können, dann schicken wir Konsul Buddenbrook mit; Konsul Buddenbrook ist +bei solchen Verhandlungen besser zu gebrauchen als mancher Jurist´ ... +Das waren seine Worte ...« + +»Na, das ist mir sehr schmeichelhaft, Wenzel. Aber geben Sie da überm +Kinn noch ein bißchen Schaum; das muß da noch sauberer werden.« + +»Ja, kurz und gut, wir müssen uns regen! Nichts gegen Överdieck, aber er +ist eben bei Jahren, und wenn ich Bürgermeister wäre, so ginge alles ein +wenig schneller, meine ich. Ich kann nicht sagen, welche Genugtuung ich +empfinde, daß nun die Arbeiten für die Gasbeleuchtung begonnen haben +und endlich die fatalen Öllampen mit ihren Ketten verschwinden; ich darf +mir gestehen, daß ich auch nicht ganz unbeteiligt an diesem Erfolge bin +... Ach, was gibt es nicht noch alles zu tun! Denn, Wenzel, die Zeiten +ändern sich, und wir haben eine Menge von Verpflichtungen gegen die neue +Zeit. Wenn ich an meine erste Jugend denke ... Sie wissen besser, als +ich, wie es damals bei uns aussah. Die Straßen ohne Trottoirs und +zwischen den Pflastersteinen fußhoher Graswuchs und die Häuser mit +Vorbauten und Beischlägen und Bänken ... Und unsere Bauten aus dem +Mittelalter waren durch Anbauten verhäßlicht und bröckelten nur so +herunter, denn die einzelnen Leute hatten wohl Geld, und niemand +hungerte; aber der Staat hatte gar nichts, und alles wurstelte so +weiter, wie mein Schwager Permaneder sagt, und an Reparaturen war nicht +zu denken. Das waren ganz behäbige und glückliche Generationen damals, +und der Intimus meines Großvaters, wissen Sie, der gute Jean Jacques +Hoffstede, spazierte umher und übersetzte kleine unanständige Gedichte +aus dem Französischen ... aber beständig so weiter konnte es nicht +gehen; es hat sich vieles geändert und wird sich noch immer mehr ändern +müssen ... Wir haben nicht mehr 37000 Einwohner, sondern schon über 50, +wie Sie wissen, und der Charakter der Stadt ändert sich. Da haben wir +Neubauten, und die Vorstädte, die sich ausdehnen, und gute Straßen und +können die Denkmäler aus unserer großen Zeit restaurieren. Aber das ist +am Ende bloß äußerlich. Das meiste vom Wichtigsten steht noch aus, mein +lieber Wenzel; und nun bin ich wieder bei dem _ceterum censeo_ meines +seligen Vaters angelangt: der Zollverein, Wenzel, wir müssen in den +Zollverein, das sollte gar keine Frage mehr sein, und Sie müssen mir +alle helfen, wenn ich dafür kämpfe ... Als Kaufmann, glauben Sie mir, +weiß ich da besser Bescheid als unsere Diplomaten, und die Angst, an +Selbständigkeit und Freiheit einzubüßen, ist lächerlich in diesem Falle. +Das Inland, die Mecklenburg und Schleswig-Holstein, würde sich uns +erschließen, und das ist um so wünschenswerter, als wir den Verkehr mit +dem Norden nicht mehr so vollständig beherrschen wie früher ... genug +... bitte, das Handtuch, Wenzel«, schloß der Konsul, und wenn dann noch +über den augenblicklichen Kurs des Roggens ein Wort gesagt worden war, +der auf 55 Taler stehe und noch immer verflucht zum Fallen inkliniere, +wenn vielleicht noch eine Bemerkung über irgendein Familienereignis in +der Stadt gefallen war, so verschwand Herr Wenzel durch das Souterrain, +um auf der Straße sein blankes Schaumgefäß aufs Pflaster zu entleeren, +und der Konsul stieg über die Wendeltreppe ins Schlafzimmer hinauf, wo +er Gerda, die unterdessen erwacht war, auf die Stirn küßte und sich +ankleidete. + +Diese kleinen Morgengespräche mit dem aufgeweckten Barbier bildeten die +Einleitung zu den lebhaftesten und tätigsten Tagen, über und über +ausgefüllt mit Denken, Reden, Handeln, Schreiben, Berechnen, Hin- und +Widergehen ... Dank seinen Reisen, seinen Kenntnissen, seinen Interessen +war Thomas Buddenbrook in seiner Umgebung der am wenigsten bürgerlich +beschränkte Kopf, und sicherlich war er der erste, die Enge und +Kleinheit der Verhältnisse zu empfinden, in denen er sich bewegte. Aber +draußen in seinem weiteren Vaterlande war auf den Aufschwung des +öffentlichen Lebens, den die Revolutionsjahre gebracht hatten, eine +Periode der Erschlaffung, des Stillstandes und der Umkehr gefolgt, zu +öde, um einen lebendigen Sinn zu beschäftigen, und so besaß er denn +Geist genug, um den Spruch von der bloß symbolischen Bedeutung alles +menschlichen Tuns zu seiner Lieblingswahrheit zu machen und alles, was +an Wollen, Können, Enthusiasmus und aktivem Schwung sein eigen war, in +den Dienst des kleinen Gemeinwesens zu stellen, in dessen Bezirk sein +Name zu den ersten gehörte -- sowie in den Dienst dieses Namens und des +Firmenschildes, das er ererbt ... Geist genug, seinen Ehrgeiz, es im +kleinen zu Größe und Macht zu bringen, gleichzeitig zu belächeln und +ernst zu nehmen. + +Kaum hatte er, von Anton bedient, im Speisezimmer das Frühstück +genommen, so machte er Straßentoilette und begab sich in sein Kontor an +der Mengstraße. Er verweilte dort nicht viel länger als eine Stunde. Er +schrieb zwei oder drei dringende Briefe und Telegramme, erteilte diese +oder jene Weisung, gab gleichsam dem großen Triebrade des Geschäftes +einen kleinen Stoß und überließ dann die Überwachung des Fortganges dem +bedächtigen Seitenblick des Herrn Marcus. + +Er zeigte sich und sprach in Sitzungen und Versammlungen, verweilte an +der Börse unter den gotischen Arkaden am Marktplatz, tat +Inspektionsgänge an den Hafen, in die Speicher, verhandelte als Reeder +mit Kapitänen ... und es folgten, unterbrochen nur durch ein flüchtiges +Frühstück mit der alten Konsulin und das Mittagessen mit Gerda, nach +welchem er eine halbe Stunde auf dem Diwan mit einer Zigarre und der +Zeitung verbrachte, bis in den Abend hinein eine Menge von Arbeiten: +handelte es sich nun um sein eigenes Geschäft oder um Zoll, Steuer, Bau, +Eisenbahn, Post, Armenpflege; auch in Gebiete, die ihm eigentlich +fernlagen und in der Regel den »Gelehrten« zustanden, verschaffte er +sich Einsicht, und besonders in Finanzangelegenheiten bewies er rasch +eine glänzende Begabung ... + +Er hütete sich, das gesellige Leben zu vernachlässigen. Zwar ließ in +dieser Beziehung seine Pünktlichkeit zu wünschen übrig, und beständig +erst in der letzten Sekunde, wenn seine Gattin, in großer Toilette, und +der Wagen unten schon eine halbe Stunde gewartet hatten, erschien er mit +einem »Pardon, Gerda; Geschäfte ...« um sich hastig in den Frack zu +werfen. Aber an Ort und Stelle, bei Diners, Bällen und Abendgesellschaften +verstand er es doch, ein lebhaftes Interesse an den Tag zu legen, sich +als liebenswürdigen Causeur zu zeigen ... und er und seine Gattin +standen den anderen reichen Häusern an Repräsentation nicht nach; seine +Küche, sein Keller galten für »tip-top«, er war als verbindlicher, +aufmerksamer und umsichtiger Gastgeber geschätzt, und der Witz seiner +Toaste erhob sich über das Durchschnittsniveau. Stille Abende aber +verbrachte er in Gerdas Gesellschaft, indem er rauchend ihrem +Geigenspiel lauschte oder ein Buch mit ihr las, deutsche, französische +und russische Erzählungen, die sie auswählte ... + +So arbeitete er und zwang den Erfolg, denn sein Ansehen wuchs in der +Stadt, und trotz der Kapitalsentziehungen durch Christians Etablierung +und Tonys zweite Heirat hatte die Firma vortreffliche Jahre. Bei alledem +aber gab es manches, was für Stunden seinen Mut lähmte, die Elastizität +seines Geistes beeinträchtigte, seine Stimmung trübte. + +Da war Christian in Hamburg, dessen Sozius, Herr Burmeester, im Frühling +dieses Jahres 58 ganz plötzlich einem Schlaganfalle erlag. Seine Erben +entzogen der Firma das Kapital des Verstorbenen, und der Konsul +widerriet es seinem Bruder dringend, sie mit seinen eigenen Mitteln +fortzuführen, denn er wisse wohl, wie schwer es sei, ein größer +zugeschnittenes Geschäft mit plötzlich stark vermindertem Kapital zu +halten. Aber Christian drang auf die Fortdauer seiner Selbständigkeit, +er übernahm Aktiva und Passiva von H. C. F. Burmeester & Comp. ... und +Unannehmlichkeiten standen zu befürchten. + +Da war ferner des Konsuls Schwester Klara in Riga ... Daß ihre Ehe mit +dem Pastor Tiburtius ohne Kindersegen geblieben war, mochte hingehen, +denn Klara Buddenbrook hatte sich niemals Kinder gewünscht und besaß +ohne Zweifel höchst wenig mütterliches Talent. Aber ihre Gesundheit +ließ, ihren und ihres Mannes Briefen zufolge, allzuviel zu wünschen +übrig, und die Gehirnschmerzen, an denen sie schon als junges Mädchen +gelitten, traten, so hieß es, neuerdings periodisch in fast +unerträglichem Grade auf. + +Das war beunruhigend. Eine dritte Sorge aber bestand darin, daß auch +hier, an Ort und Stelle selbst, für das Fortleben des Familiennamens +noch immer keine Sicherheit gegeben war. Gerda behandelte diese Frage +mit einem souveränen Gleichmut, der einer degoutierten Ablehnung äußerst +nahe kam. Thomas verschwieg seinen Kummer. Die alte Konsulin aber nahm +die Sache in die Hand und zog Grabow beiseite. »Doktor, unter uns, da +muß endlich etwas geschehen, nicht wahr? Ein bißchen Bergluft in Kreuth +und ein bißchen Seeluft in Glücksburg oder Travemünde scheint da nicht +anzuschlagen. Was meinen Sie ...« Und Grabow, weil sein angenehmes +Rezept: »Strenge Diät; ein wenig Taube, ein wenig Franzbrot« in diesem +Falle doch wohl wieder einmal nicht energisch genug eingegriffen haben +würde, verordnete Pyrmont und Schlangenbad ... + +Das waren drei Bedenken. Und Tony? -- Arme Tony! + + +Achtes Kapitel + +Sie schrieb: »Und wenn ich `Frikadellen´ sage, so begreift sie es nicht, +denn es heißt hier `Pflanzerln´; und wenn sie `Karfiol´ sagt, so findet +sich wohl nicht so leicht ein Christenmensch, der darauf verfällt, daß +sie Blumenkohl meint; und wenn ich sage: `Bratkartoffeln´, so schreit +sie so lange `Wahs!´, bis ich `Geröhste Kartoffeln´ sage, denn so heißt +es hier, und mit `Wahs´ meint sie `Wie beliebt´. Und das ist nun schon +die zweite, denn die erste Person, welche Kathi hieß, habe ich mir +erlaubt, aus dem Hause zu schicken, weil sie immer gleich grob wurde; +oder wenigstens schien es mir so, denn ich kann mich auch geirrt haben, +wie ich nachträglich einsehe, denn man weiß hier nicht recht, ob die +Leute eigentlich grob oder freundlich reden. Diese jetzige, welche +Babette heißt, was Babett auszusprechen ist, hat übrigens ein recht +angenehmes Exterieur und schon etwas ganz Südliches, wie es hier manche +gibt, mit schwarzem Haar und schwarzen Augen und Zähnen, um die man sie +beneiden könnte. Auch sie ist willig und bereitet unter meiner Anleitung +manches von unseren heimatlichen Gerichten, so gestern zum Beispiel +Sauerampfer mit Korinthen, aber davon habe ich großen Kummer gehabt, +denn Permaneder nahm mir dies Gemüse so übel (obgleich er die Korinthen +mit der Gabel herauspickte), daß er den ganzen Nachmittag nicht mit mir +sprach, sondern nur murrte, und kann ich sagen, Mutter, daß das Leben +nicht immer leicht ist.« + +Allein, es waren nicht nur die »Pflanzerln« und der Sauerampfer, die ihr +das Leben verbitterten ... Gleich in den Flitterwochen hatte ein Schlag +sie getroffen, ein Unvorhergesehenes, Ungeahntes, Unfaßliches war über +sie hereingebrochen, ein Ereignis, das ihr alle Freudigkeit genommen +hatte und das sie nicht zu verwinden vermochte. Dieses Ereignis war +folgendes. + +Erst als das Ehepaar Permaneder bereits einige Wochen in München lebte, +hatte Konsul Buddenbrook die testamentarisch fixierte Mitgift seiner +Schwester, das heißt 51000 Mark Kurant, flüssig machen können, und diese +Summe war hierauf, in Gulden umgesetzt vollkommen richtig in Herrn +Permaneders Hände gelangt. Herr Permaneder hatte sie sicher und nicht +ungünstig deponiert. Was er aber dann, ohne Zögern und Erröten, seiner +Gattin gesagt hatte, war dies: »Tonerl« -- er nannte sie Tonerl -- +»Tonerl, mir war's gnua. Mehr brauchen mer nimmer. I hab' mi allweil +g'schunden, und jetzt will i mei Ruh, Himmi Sakrament. Mer vermieten's +Parterre und die zwoate Etasch, und dahier hamer a guate Wohnung und +können a Schweinshaxen essen und brauchen uns net allweil gar so nobi +z'sammrichten und aufdrahn ... und am Abend hab' i 's Hofbräuhaus. I bin +ka Prozen net und mag net allweil a Göld z'ammscharrn; i mag mei +G'müatlichkeit! Von morgen ab mach' i Schluß und werd' Privatier!« + +»Permaneder!« hatte sie ausgerufen, und zwar zum ersten Male mit dem +ganz besonderen Kehllaut, mit dem sie Herrn Grünlichs Namen zu nennen +pflegte. Er aber hatte nur geantwortet: »A geh, sei stad!« und dann +hatte ein Streit sich entsponnen, wie er, so früh, so ernst und heftig, +das Glück einer Ehe für alle Zeit erschüttern muß ... Er war Sieger +geblieben. Ihr leidenschaftlicher Widerstand war an seinem Drang nach +»G'müatlichkeit« gescheitert, das Ende war gewesen, daß Herr Permaneder +sein in dem Hopfengeschäft steckendes Kapital liquidiert hatte, so daß +nun Herr Noppe seinerseits das »Komp.« auf seiner Karte blau +durchstreichen konnte ... und wie die Mehrzahl seiner Freunde, mit denen +er abends am Stammtische im Hofbräuhause Karten spielte und seine +regelmäßigen drei Liter trank, beschränkte Tonys Gatte nun seine +Tätigkeit auf Mietesteigern als Hausbesitzer und ein bescheidenes und +friedliches Kuponschneiden. + +Der Konsulin war dies ganz einfach mitgeteilt worden. In den Briefen +aber, die Frau Permaneder darüber an ihren Bruder geschrieben hatte, war +der Schmerz zu erkennen gewesen, den sie empfand ... arme Tony! ihre +schlimmsten Befürchtungen waren weitaus übertroffen worden. Sie hatte +zuvor gewußt, daß Herr Permaneder nichts von der »Regsamkeit« besaß, von +der ihr erster Gatte zu viel an den Tag gelegt hatte; daß er aber so +gänzlich die Erwartungen zuschanden machen werde, die sie noch am +Vorabend ihrer Verlobung gegen Mamsell Jungmann ausgesprochen hatte, daß +er so völlig die Verpflichtungen verkennen werde, die er übernahm, +indem er eine Buddenbrook ehelichte, das hatte sie nicht geahnt ... + +Es mußte verwunden werden, und ihre Familie zu Hause ersah aus ihren +Briefen, wie sie resignierte. Ziemlich einförmig lebte sie mit ihrem +Manne und Erika, welche die Schule besuchte, dahin, besorgte ihren +Hausstand, verkehrte freundschaftlich mit den Leuten, die für das +Parterre und den ersten Stock sich als Mieter gefunden hatten, sowie mit +der Familie Niederpaur am Marienplatz und berichtete dann und wann von +Hoftheaterbesuchen, die sie mit ihrer Freundin Eva vornahm, denn Herr +Permaneder liebte dergleichen nicht, und es erwies sich, daß er, der in +seinem »liaben« München mehr als vierzig Jahre alt geworden war, noch +niemals das Innere der Pinakothek erblickt hatte. + +Die Tage gingen ... Die rechte Freude aber an ihrem neuen Leben war für +Tony dahin, seit Herr Permaneder sich sofort nach dem Empfang ihrer +Mitgift zur Ruhe gesetzt hatte. Die Hoffnung fehlte. Niemals würde sie +einen Erfolg, einen Aufschwung nach Hause berichten können. So wie es +jetzt war, sorglos aber beschränkt und so herzlich wenig »vornehm«, so +sollte es unabänderlich bleiben bis an ihr Lebensende. Das lastete auf +ihr. Und aus ihren Briefen ging ganz deutlich hervor, daß gerade diese +nicht sehr gehobene Stimmung ihr die Eingewöhnung in die süddeutschen +Verhältnisse erschwerte. Es ging ja im einzelnen. Sie lernte es, sich +mit den Dienstmädchen und Lieferanten zu verständigen, »Pflanzerln« +statt »Frikadellen« zu sagen und ihrem Manne keine Fruchtsuppe mehr +vorzusetzen, nachdem er dergleichen als »a G'schlamp, a z'widres« +bezeichnet hatte. Aber im großen ganzen blieb sie stets eine Fremde in +ihrer neuen Heimat, denn die Empfindung, daß eine geborene Buddenbrook +zu sein hier unten durchaus nichts Bemerkenswertes war, bedeutete eine +beständige, eine unaufhörliche Demütigung für sie, und wenn sie +brieflich erzählte, irgendein Maurersmann habe sie, in der einen Hand +einen Maßkrug und in der anderen einen Radi am Schwanze, auf der Straße +angeredet und gesagt: »I bitt', wiea spät is', Frau Nachborin?«, so war +trotz aller Scherzhaftigkeit ein sehr starker Unterton von Entrüstung +fühlbar, und man konnte überzeugt sein, daß sie den Kopf zurückgelegt +und den Mann weder einer Antwort noch eines Blickes gewürdigt hatte ... +Übrigens war es nicht diese Formlosigkeit und dieser geringe Sinn für +Distanz allein, was ihr fremd und unsympathisch blieb: Sie drang nicht +tief in das Münchener Leben und Treiben ein, aber es umgab sie doch die +Münchener Luft, die Luft einer großen Stadt, voller Künstler und Bürger, +die nichts taten, eine ein wenig demoralisierte Luft, die mit Humor +einzuatmen ihre Stimmung ihr oft verwehrte. + +Die Tage gingen ... Dann aber schien doch ein Glück kommen zu wollen, +und zwar dasjenige, welches man in der »Breiten Straße« und der +»Mengstraße« vergeblich ersehnte, denn nicht lange nach dem Neujahrstage +1859 ward die Hoffnung zur Gewißheit, daß Tony zum zweiten Male Mutter +werden sollte. + +Die Freude zitterte nun gleichsam in ihren Briefen, die so voll von +übermütigen, kindlichen und gewichtigen Redewendungen waren, wie lange +nicht mehr. Die Konsulin, welche, abgesehen von ihren Sommerfahrten, die +sich übrigens mehr und mehr auf den Ostseestrand beschränkten, das +Reisen nicht mehr liebte, bedauerte, ihrer Tochter in dieser Zeit +fernbleiben zu müssen und versicherte sie nur schriftlich des göttlichen +Beistandes; Tom aber sowohl wie Gerda meldeten sich zur Taufe an, und +Tonys Kopf war erfüllt von Plänen in betreff eines =vornehmen= Empfanges +... Arme Tony! Dieser Empfang sollte sich unendlich traurig gestalten, +und diese Taufe, die ihr als ein entzückendes kleines Fest mit Blumen, +Konfekt und Schokolade vor Augen geschwebt hatte, sollte überhaupt nicht +stattfinden, -- denn das Kind, ein kleines Mädchen, sollte nur ins Leben +treten, um nach einer armen Viertelstunde, während welcher der Arzt sich +vergeblich bemühte, den unfähigen kleinen Organismus in Gang zu halten, +dem Dasein schon nicht mehr anzugehören ... + +Konsul Buddenbrook und seine Gattin fanden, als sie in München +eintrafen, Tony selbst nicht außer Gefahr. Weit schwerer als das +erstemal lag sie danieder, und während mehrerer Tage verweigerte ihr +Magen, an dessen nervöser Schwäche sie schon vorher hie und da gelitten +hatte, die Annahme fast jeder Nahrung. Indessen, sie genas, und die +Buddenbrooks konnten in dieser Beziehung beruhigt abreisen, -- wenn auch +andererseits nicht ohne Nachdenklichkeit, denn es hatte sich ihnen +allzu deutlich gezeigt und besonders der Beobachtung des Konsuls war es +nicht entgangen, daß nicht einmal das gemeinsame Leid imstande gewesen +war, die beiden Gatten einander erheblich zu nähern. + +Nichts gegen Herrn Permaneders gutes Herz ... Er war aufrichtig +erschüttert gewesen, dicke Tränen waren angesichts seines leblosen +Kindes aus den verquollenen Äuglein über die zu aufgetriebenen Wangen in +den ausgefransten Schnauzbart geflossen, und er hatte mehrere Male mit +schwerem Seufzen hervorgebracht: »Es is halt a Kreiz! A Kreiz is'! O +mei!« Aber seine »G'müatlichkeit« hatte nach Tonys Begriffen nicht lange +genug darunter gelitten, seine Abendstunden im Hofbräuhaus hatten ihn +bald darüber hinweggebracht, und mit dem bequemen, gutmütigen, ein +bißchen mürrischen und ein bißchen stumpfsinnigen Fatalismus, der in +seinem »Es is halt a Kreiz!« enthalten war, »wurstelte« er fort. + +Tonys Briefe aber verloren von nun an nicht mehr den Ton von +Hoffnungslosigkeit und selbst von Anklage ... »Ach, Mutter«, schrieb +sie, »was kommt auch alles auf mich herab! Erst Grünlich und der +Bankerott und dann Permaneder als Privatier und dann das tote Kind. +Womit habe ich soviel Unglück verdient!« + +Der Konsul, zu Hause, wenn er solche Äußerungen las, konnte sich eines +Lächelns nicht erwehren, denn trotz alles Schmerzes, der in den Zeilen +steckte, verspürte er einen Unterton von beinahe drolligem Stolz, und er +wußte, daß Tony Buddenbrook als Madame Grünlich sowohl wie als Madame +Permaneder immer ein Kind blieb, daß sie alle ihre sehr erwachsenen +Erlebnisse fast ungläubig, dann aber mit kindlichem Ernst, kindlicher +Wichtigkeit und -- vor allem -- kindlicher Widerstandsfähigkeit erlebte. + +Sie begriff nicht, womit sie Leid verdient habe; denn, obgleich sie sich +über die große Frömmigkeit ihrer Mutter mokierte, war sie selbst so voll +davon, daß sie an Verdienst und Gerechtigkeit auf Erden inbrünstig +glaubte ... arme Tony! Der Tod ihres zweiten Kindes war weder der letzte +noch der härteste Schlag, der sie treffen sollte ... + +Als das Jahr 1859 sich zu Ende neigte, geschah etwas Fürchterliches ... + + +Neuntes Kapitel + +Es war ein Tag gegen Ende des Novembers, ein kalter Herbsttag mit +dunstigem Himmel, der beinahe schon Schnee versprach, und wallendem +Nebel, den hie und da die Sonne durchdrang, einer von den Tagen, an +denen in der Hafenstadt der scharfe Nordost mit einem tückischen Pfeifen +um die massigen Ecken der Kirchen sauste und eine Lungenentzündung +wohlfeil zu haben war. + +Als gegen Mittag Konsul Thomas Buddenbrook ins »Frühstückszimmer« trat, +fand er seine Mutter, die Brille auf der Nase, am Tische über ein Papier +gebeugt. + +»Tom«, sagte sie, indem sie ihn anblickte und das Papier mit beiden +Händen beiseitehielt, als zögere sie, es ihm zu zeigen ... »Erschrick +nicht ... Etwas Unangenehmes ... Ich begreife nicht ... Es ist aus +Berlin ... Es muß etwas geschehen sein ...« + +»Bitte!« sagte er kurz. Er verfärbte sich, und einen Augenblick traten +die Muskeln an seinen Schläfen hervor, denn er biß die Zähne zusammen. +Er streckte mit einer äußerst entschiedenen Bewegung die Hand aus, als +wollte er sagen: »Nur schnell, bitte, das Unangenehme, nur keine +Vorbereitungen!« + +Stehend las er die Zeilen auf dem Papier, indem er eine seiner hellen +Brauen emporzog und langsam die lange Spitze seines Schnurrbartes durch +die Finger zog. Es war ein Telegramm und lautete: »Erschreckt nicht. +Komme umgehend mit Erika. Alles ist zu Ende. Eure unglückliche Antonie.« + +»Umgehend ... umgehend«, sagte er gereizt und sah die Konsulin mit +schnellem Kopfschütteln an. »Was heißt umgehend ...« + +»Das ist nur so eine Redensart, Tom, das hat nichts zu bedeuten. Sie +meint: `Sogleich´ oder etwas Ähnliches ...« + +»Und aus Berlin? Was tut sie in Berlin? Wie kommt sie nach Berlin?« + +»Ich weiß es nicht, Tom, ich begreife es noch nicht; die Depesche ist +vor zehn Minuten gekommen. Aber es muß etwas geschehen sein, und wir +müssen abwarten, was es ist. Gott wird geben, daß alles sich zum Guten +wendet. Setze dich, mein Sohn, und iß.« + +Er nahm Platz und schenkte sich mechanisch Porter in das dicke, hohe +Glas. + +»Alles ist zu Ende«, wiederholte er. »Und dann `Antonie´. -- +Kindereien ...« + +Dann aß und trank er schweigend. + +Nach einer Weile wagte die Konsulin zu bemerken: »Sollte es etwas mit +Permaneder sein, Tom?« + +Er zuckte nur die Achseln, ohne aufzusehen. + +Beim Weggehen, den Türgriff in der Hand, sagte er: »Ja, Mutter, wir +müssen sie erwarten. Da sie dir vermutlich nicht spät in der Nacht ins +Haus fallen will, wird es wohl morgen im Laufe des Tages sein. Daß man +mich benachrichtigt, bitte ...« + + * * * * * + +Die Konsulin wartete von Stunde zu Stunde. Sie ruhte höchst ungenügend +in der Nacht, klingelte nach Ida Jungmann, die jetzt neben ihr im +hintersten Zimmer des Zwischengeschosses schlief, ließ sich Zuckerwasser +bereiten und saß sogar während längerer Zeit mit einer Handarbeit +aufrecht im Bett. Auch der nächste Vormittag verstrich in ängstlicher +Spannung. Beim zweiten Frühstück erklärte der Konsul, daß Tony, wenn sie +käme, nur drei Uhr dreiunddreißig Minuten nachmittags von Büchen +eintreffen könne. Um diese Zeit saß die Konsulin im »Landschaftszimmer« +am Fenster und versuchte, in einem Buche zu lesen, auf dessen schwarzem +Lederdeckel ein in Gold gepreßter Palmzweig zu sehen war. + +Es war ein Tag wie gestern: Kälte, Dunst und Wind; hinter dem blanken +Schmiedeeisengitter knisterte der Ofen. Die alte Dame erbebte und +blickte hinaus, sobald Wagenräder vernehmbar wurden. Und dann, um vier +Uhr, als sie eben nicht achtgegeben und beinahe ihrer Tochter vergessen +hatte, entstand eine Bewegung unten im Hause ... Sie wandte hastig den +Oberkörper zum Fenster, sie wischte mit dem Spitzentuch den tropfenden +Beschlag von der Scheibe: in der Tat, eine Droschke hielt drunten, und +schon kam man die Treppe herauf! + +Sie erfaßte mit den Händen die Armlehnen des Stuhles, um aufzustehen; +aber sie besann sich eines Besseren, ließ sich wieder zurücksinken und +drehte nur mit beinahe abwehrendem Ausdruck den Kopf ihrer Tochter +entgegen, die, während Erika Grünlich an Ida Jungmanns Hand bei der +Glastür stehenblieb, mit schnellen und fast stürzenden Schritten durch +das Zimmer kam. + +Frau Permaneder trug einen pelzbesetzten Überwurf und einen länglichen +Filzhut mit Schleier. Sie sah sehr bleich und angegriffen aus, ihre +Augen waren gerötet, und ihre Oberlippe bebte wie früher, wenn Tony als +Kind geweint hatte. Sie erhob die Arme, ließ sie wieder sinken und glitt +alsdann bei ihrer Mutter auf die Knie nieder, indem sie das Gesicht in +den Kleiderfalten der alten Dame verbarg und bitterlich aufschluchzte. +Dies alles machte den Eindruck, als sei sie in dieser Weise geraden +Weges von München in einem Atem dahergestürmt -- und da lag sie nun, am +Ziele ihrer Flucht, erschöpft und gerettet. Die Konsulin schwieg einen +Augenblick. + +»Tony!« sagte sie dann mit zärtlichem Vorwurf, zog vorsichtig die große +Nadel hervor, die Frau Permaneders Hut an ihrer Frisur befestigte, legte +den Hut auf die Fensterbank und streichelte liebevoll und beruhigend mit +beiden Händen das starke, aschblonde Haar ihrer Tochter ... + +»Was ist, mein Kind ... Was ist geschehen?« + +Aber man mußte sich mit Geduld waffnen, denn es dauerte noch ziemlich +lange, bis dieser Frage eine Antwort zuteil wurde. + +»Mutter«, brachte Frau Permaneder hervor ... »Mama!« Allein dabei blieb +es. + +Die Konsulin erhob den Kopf nach der Glastür, und während sie mit einem +Arm ihre Tochter umfing, streckte sie die freie Hand ihrer Enkelin +entgegen, die dort, einen Zeigefinger am Munde, verlegen stand. + +»Komm, Kind; komm her und sage guten Tag. Du bist groß geworden und +siehst frisch und wohl aus, wofür wir Gott danken wollen. Wie alt bist +du nun, Erika?« + +»Dreizehn, Großmama ...« + +»Tausend! Eine Dame ...« + +Und über Tonys Kopf hinweg küßte sie das kleine Mädchen, worauf sie +fortfuhr: »Geh' nun mit Ida hinauf, mein Kind, wir werden bald essen. +Aber jetzt hat Mama mit mir zu reden, weißt du.« + +Sie blieben allein. + +»Nun, meine liebe Tony? Willst du nicht aufhören zu weinen? Wenn Gott +uns eine Prüfung schickt, so sollen wir sie mit Fassung ertragen. Nimm +dein Kreuz auf dich, heißt es ... Aber hast du vielleicht den Wunsch, +ebenfalls erst hinaufzugehen, ein wenig zu ruhen und dich zu erfrischen +und dann zu mir herunterzukommen? Unsere gute Jungmann hat dein Zimmer +vorbereitet ... Ich danke dir für dein Telegramm. Es hat uns recht sehr +erschreckt ...« Sie unterbrach sich, denn Laute drangen bebend und +gedämpft aus ihren Kleiderfalten hervor: »Er ist ein verworfener Mensch +... ein verworfener Mensch ist er ... ein verworfener ...« + +Über dieses starke Wort kam Frau Permaneder nicht hinweg. Es schien sie +völlig zu beherrschen. Sie preßte ihr Gesicht dabei fester in den Schoß +der Konsulin und machte neben dem Stuhle sogar eine Faust. + +»Solltest du etwa deinen Mann damit meinen, mein Kind?« fragte die alte +Dame nach einer Pause. »Ich sollte nicht auf diesen Gedanken kommen, ich +weiß es; aber es bleibt mir nichts anderes zu denken übrig, Tony. Hat +Permaneder dir Leid zugefügt? Hast du dich über ihn zu beklagen?« + +»Babett ...!« stieß Frau Permaneder hervor ... »Babett ...!« + +»Babette?« wiederholte die Konsulin fragend ... Dann lehnte sie sich +zurück und ließ ihre hellen Augen durchs Fenster schweifen. Sie wußte +nun, um was es sich handelte. Eine Pause trat ein, die dann und wann von +Tonys allmählich seltener werdendem Schluchzen unterbrochen ward. + +»Tony«, sagte die Konsulin nach einer Weile, »ich sehe nun, daß dir in +der Tat ein Kummer zugefügt worden ist ... daß dir Grund zur Klage +gegeben wurde ... Aber war es nötig, diese Klage so stürmisch zu äußern? +War diese Reise von München hierher notwendig, zusammen mit Erika, so +daß es für weniger verständige Leute als ich und du beinahe den Anschein +haben könnte, als wolltest du niemals zu deinem Manne zurückkehren ...?« + +»Das will ich auch nicht!... Nie ...!« rief Frau Permaneder, indem sie +mit einem Ruck den Kopf erhob, ihrer Mutter aus weinenden Augen ganz +wild ins Gesicht blickte und dann ebenso plötzlich ihr Antlitz wieder +in den Kleiderfalten verbarg. Die Konsulin überhörte diesen Ausruf. + +»-- Nun aber«, setzte sie mit erhöhter Stimme ein und wandte langsam +ihren Kopf von einer Seite zur anderen ... »nun aber, da du hier bist, +ist es gut so. Denn nun wirst du dein Herz erleichtern können und wirst +mir alles erzählen, und dann wollen wir sehen, wie mit Liebe, Nachsicht +und Bedacht der Schaden zu korrigieren ist.« + +»Nie!« sagte Tony noch einmal. »Nie!« Aber dann erzählte sie, und +obgleich man nicht jedes Wort verstand, denn sie sprach in den faltigen +Tuchrock der Konsulin hinein, und ihr Bericht war explosiv und von +Ausrufen der äußersten Entrüstung zerrissen, so ward doch klar, daß ganz +einfach folgender Sachverhalt bestand. + +Um die Mitternacht zwischen dem 24. und 25. des laufenden Monats war +Madame Permaneder, die während des Tages an Störungen der Magennerven +gelitten und sehr spät Ruhe gefunden hatte, aus einem leichten Schlummer +geweckt worden. Ein anhaltendes Geräusch dort vorn an der Treppe war +schuld daran gewesen, ein schlecht unterdrückter, geheimnisvoller Lärm, +in dem man das Knarren der Stufen, ein hustendes Gekicher, gepreßte +Worte der Abwehr und ganz sonderbare knurrende und ächzende Laute +unterschied ... Nicht einen Augenblick konnte man über das Wesen dieses +Geräusches im Zweifel sein. Frau Permaneder hatte nicht sobald, mit noch +schlaftrunkenen Sinnen, etwas davon aufgefangen, als sie es auch schon +begriffen, als sie auch schon das Blut hatte aus ihren Wangen weichen +fühlen und zum Herzen strömen, das sich zusammengezogen und mit +schweren, beklemmenden Schlägen fortgearbeitet hatte. Während einer +langen, grausamen Minute hatte sie wie betäubt, wie gelähmt in den +Kissen gelegen; dann aber, als dieses schamlose Geräusch nicht +verstummte, hatte sie mit bebenden Händen Licht gemacht, hatte voll +Verzweiflung, Grimm und Abscheu das Bett verlassen, hatte die Tür +aufgerissen und war in Pantoffeln, das Licht in der Hand, nach vorn bis +in die Nähe der Treppe geeilt: jener schnurgeraden »Himmelsleiter«, die +von der Haustür direkt in das erste Stockwerk heraufführte. Und dort, +auf den oberen Stufen eben dieser Himmelsleiter, hatte sich ihr das +Bild in voller Körperlichkeit dargeboten, das sie drinnen im +Schlafzimmer, beim Lauschen auf das unzweideutige Geräusch, mit Augen, +die das Entsetzen erweiterte, schon im Geiste hatte erblicken müssen ... +Es war eine Balgerei gewesen, ein unerlaubter und unsittlicher Ringkampf +zwischen der Köchin Babette und Herrn Permaneder. Das Mädchen, ein +Schlüsselbund und ebenfalls eine Kerze in der Hand, denn sie mußte so +spät noch irgendwo im Hause beschäftigt gewesen sein, hatte sich hin und +her gewunden und den Hausherrn abzuwehren gestrebt, der seinerseits, den +Hut auf dem Hinterkopfe, sie umschlungen gehalten und beständig versucht +hatte, seinen Seehundsschnauzbart in ihr Gesicht zu drücken, was ihm hie +und da auch gelungen war ... Bei Antoniens Erscheinen hatte Babette +etwas wie »Jessas, Maria und Joseph!« hervorgestoßen, »Jessas, Maria und +Joseph!« hatte Herr Permaneder wiederholt, hatte sie fahren lassen -- +und während das Mädchen im selben Augenblick auf geschickte Weise +spurlos verschwunden gewesen war, hatte er mit hängenden Armen, +hängendem Kopfe und hängendem Schnauzbart vor seiner Gattin gestanden +und irgend etwas ausgemacht Unsinniges wie: »Is dös a Hetz!... Es is +halt a Kreiz!« gestammelt ... Sie war nicht mehr dagewesen, als er die +Augen aufzuschlagen gewagt hatte; drinnen im Schlafzimmer hatte er sie +gefunden: in halb sitzender, halb liegender Haltung, auf dem Bette, wie +sie unter verzweifeltem Schluchzen immer wieder das Wort »Schande« +wiederholt hatte. Er war, in schlaffer Haltung an die Tür gelehnt, +stehengeblieben, hatte eine ruckartige Schulterbewegung nach vorn +gemacht, als erteilte er ihr einen aufmunternden Rippenstoß, und hatte +gesagt: »Sei stad! A, geh, sei stad, Tonerl! Schau, der Ramsauer Franzl +hat halt sei Namenstag g'feiert heit abend ... Wir san alle a weng +schwar ...« Aber der stark alkoholische Geruch, den er im Zimmer +verbreitet, hatte ihre Exaltation zum Gipfel gebracht. Sie hatte nicht +mehr geschluchzt, sie war nicht länger hinfällig und schwach gewesen, +ihr Temperament hatte sie emporgerissen, und mit der Maßlosigkeit der +Verzweiflung hatte sie ihm laut ihren ganzen Ekel, ihren ganzen Abscheu, +ihre fundamentale Verachtung seines ganzen Seins und Wesens ins Gesicht +geschleudert ... Herr Permaneder war nicht stillgeblieben. Sein Kopf +war heiß gewesen, denn er hatte seinem Freunde Ramsauer zu Ehren nicht +nur viele »Maß«, sondern auch »Schampaninger« getrunken; er hatte +geantwortet, wild geantwortet, ein Streit hatte sich entsponnen, weit +schrecklicher als derjenige bei Herrn Permaneders Rückzug in den +Ruhestand, Frau Antonie hatte ihre Kleider zusammengerafft, um sich ins +Wohnzimmer zurückzuziehen ... Da aber war, zum Schlusse, ein Wort ihr +nachgeklungen, ein Wort seinerseits, ein Wort, das sie nicht wiederholen +würde, das über ihre Lippen niemals kommen würde, ein Wort ... ein +Wort ... + +Dies alles war der hauptsächlichste Inhalt der Geständnisse, die Madame +Permaneder in die Kleiderfalten ihrer Mutter hinein verlauten ließ. Über +das »Wort« aber, dieses »Wort«, das sie in jener fürchterlichen Nacht +bis in ihr Innerstes hinein hatte erstarren lassen, kam sie nicht +hinweg, sie wiederholte es nicht, oh, bei Gott, sie wiederholte es +nicht, beteuerte sie, obgleich die Konsulin durchaus nicht in sie drang, +sondern nur, kaum merklich, langsam und nachdenklich mit dem Kopfe +nickte, während sie auf Tonys schönes, aschblondes Haar herniedersah. + +»Ja, ja«, sagte sie, »da habe ich traurige Dinge hören müssen, Tony. Und +ich verstehe alles ganz gut, meine arme kleine Dirn, denn ich bin nicht +bloß deine Mama, sondern auch eine Frau wie du ... Ich sehe nun, wie +sehr berechtigt dein Schmerz ist, wie völlig dein Mann während eines +Augenblickes der Schwäche vergessen hat, was er dir schuldet ...« + +»Während eines Augenblickes?!« rief Tony. Sie sprang auf. Sie trat zwei +Schritte zurück und trocknete fieberhaft ihre Augen. »Während eines +Augenblickes, Mama?!... Was er mir und unserem Namen schuldig ist, das +hat er vergessen ... das hat er nicht gewußt von Anfang an! Ein Mann, +der sich mit der Mitgift seiner Frau ganz einfach zur Ruhe setzt! Ein +Mann ohne Ehrgeiz, ohne Streben, ohne Ziele! Ein Mann, der statt des +Blutes einen dickflüssigen Malz- und Hopfenbrei in den Adern hat ... ja, +davon bin ich überzeugt!... der sich dann noch zu solchen Niedrigkeiten +herbeiläßt, wie dies mit der Babett, und, wenn man ihm seine +Nichtswürdigkeit vorhält, mit einem Worte antwortet ... einem +Worte ...« + +Sie war wieder bei dem Worte angelangt, diesem Worte, das sie nicht +wiederholte. Plötzlich aber tat sie einen Schritt vorwärts und sagte mit +unvermittelt ruhiger und sanft interessierter Stimme: »Wie allerliebst. +Woher ist das, Mama?« + +Sie wies mit dem Kinn auf einen kleinen Behälter, einen rohrgeflochtenen +Korb, einen zierlichen kleinen Ständer, mit Atlasschleifen geschmückt, +in dem die Konsulin seit einiger Zeit ihre Handarbeit zu bewahren +pflegte. + +»Ich habe ihn mir zugelegt«, antwortete die alte Dame; »ich hatte ihn +nötig.« + +»Vornehm!« ... sagte Tony, indem sie das Gestell mit seitwärts geneigtem +Kopfe betrachtete. Auch die Konsulin ließ ihre Augen auf dem Gegenstande +ruhen, aber ohne ihn zu sehen, in tiefen Gedanken. + +»Nun, meine liebe Tony«, sagte sie endlich, indem sie ihrer Tochter noch +einmal die Hände entgegenstreckte, »wie die Dinge auch liegen mögen: du +bist da, und so sei mir denn aufs herzlichste willkommen, mein Kind. Mit +ruhigerem Gemüte wird sich alles besprechen lassen ... Lege ab, in +deinem Zimmer, mach' es dir bequem ... Ida!?« rief sie mit erhobener +Stimme in den Eßsaal hinein. »Daß Kuverts aufgelegt werden für Madame +Permaneder und Erika, Liebe!« + + +Zehntes Kapitel + +Tony hatte sich gleich nach Tische in ihr Schlafzimmer zurückgezogen, +denn während des Essens war ihr durch die Konsulin die Vermutung +bestätigt worden, daß Thomas um ihre Ankunft wisse ... und sie schien +auf das Zusammentreffen mit ihm nicht sonderlich begierig zu sein. + +Um sechs Uhr nachmittags kam der Konsul herauf. Er begab sich ins +Landschaftszimmer, woselbst er eine lange Unterredung mit seiner Mutter +hatte. + +»Und wie ist sie?« fragte er. »Wie benimmt sie sich?« + +»Ach, Tom, ich fürchte, sie ist unversöhnlich ... Mein Gott, sie ist so +sehr gereizt ... Und dann dieses Wort ... wenn ich nur das Wort wüßte, +das er gesagt hat ...« + +»Ich gehe zu ihr.« + +»Tu' das, Tom. Aber klopfe leise, daß sie nicht erschrickt, und bleibe +ruhig, hörst du? Ihre Nerven sind in Unordnung ... Sie hat fast nichts +gegessen ... Es ist ihr Magen, weißt du ... Sprich mit Ruhe zu ihr.« + +Rasch, mit gewohnheitsmäßiger Eile immer eine Stufe überspringend, stieg +er die Treppe zur zweiten Etage empor, indem er sinnend an seinem +Schnurrbart drehte. Aber schon während er pochte, hellte sein Gesicht +sich auf, denn er war entschlossen, die Angelegenheit so lange wie nur +möglich mit Humor zu behandeln. + +Er öffnete auf ein leidend klingendes Herein und fand Frau Permaneder +vollständig angekleidet auf dem Bette liegend, dessen Vorhänge +zurückgeschlagen waren, das Plumeau hinter dem Rücken, ein Fläschchen +mit Magentropfen neben sich auf dem Nachttischchen. Sie wandte sich ein +wenig, stützte den Kopf auf die Hand und sah ihm mit einem schmollenden +Lächeln entgegen. Er verbeugte sich sehr tief, indem er mit +ausgebreiteten Händen eine feierliche Geste beschrieb. + +»Gnädige Frau ...! Was verschafft uns die Ehre, diese Haupt- und +Residenzstädterin ...« + +»Gib mir einen Kuß, Tom«, sagte sie und richtete sich auf, um ihm ihre +Wange darzubieten und sich dann wieder zurücksinken zu lassen. »Guten +Tag, mein guter Junge! Du bist ganz unverändert, wie ich sehe, seit +euren Münchener Tagen!« + +»Na, darüber kannst du hier bei geschlossenen Rouleaus wohl kein Urteil +haben, meine Teure. Und jedenfalls hättest du mir das Kompliment nicht +vor der Nase wegnehmen dürfen, denn es gebührt natürlich dir ...« + +Er hatte, während er ihre Hand in der seinen hielt, einen Stuhl +herbeigezogen und sich zu ihr gesetzt. + +»Wie schon so oft ausgesprochen: du und Klothilde ...« + +»Pfui, Tom!... Wie geht es Thilda?« + +»Gut, versteht sich! Madame Krauseminz sorgt für sie und daß sie nicht +hungert. Was aber nicht hindert, daß Thilda hier Donnerstags ganz +ausnehmend schlingt, als wäre es für die nächste Woche im voraus ...« + +Sie lachte so herzlich wie seit langer Zeit nicht mehr, brach dann aber +mit einem Seufzer ab und fragte: »Und was machen die Geschäfte?« + +»Tja ... man schlägt sich durch. Man muß zufrieden sein ...« + +»Oh, Gott sei Dank, daß =hier= wenigstens alles steht, wie es stehen +soll! Ach, ich bin gar nicht aufgelegt, vergnügt zu schwatzen ...« + +»Schade. Den Humor soll man sich, _quand même_, bewahren.« + +»Nein, damit ist es aus, Tom. -- Du weißt alles?« + +»Du weißt alles ...!« wiederholte er, ließ ihre Hand fahren und setzte +mit einem Ruck seinen Stuhl ein Stück rückwärts. »Heiliger Gott, wie das +klingt! `Alles!´ Was liegt alles in diesem `alles´ begraben! `Ich senkt' +auch meine Liebe und meinen Schmerz hinein´, wie? Nein, höre mal ...« + +Sie schwieg. Sie streifte ihn mit einem tief erstaunten und tief +gekränkten Blick. + +»Ja, dies Gesicht habe ich erwartet«, sagte er, »denn ohne dieses +Gesicht wärest du ja nicht hier. Aber erlaube mir, meine gute Tony, daß +ich die Sache um ebensoviel zu leicht nehme, als du sie zu schwer +nimmst, und du wirst sehen, daß wir uns vorteilhaft ergänzen ...« + +»Zu schwer, Thomas, zu schwer ...?« + +»Ja; Herrgott, spielen wir doch nicht Tragödie! Reden wir ein bißchen +bescheiden und nicht mit `Alles ist zu Ende´ und `Eure unglückliche +Antonie´! Versteh' mich recht, Tony; du weißt gut, daß ich der erste +bin, der sich so herzlich über dein Kommen freut. Ich habe schon lange +gewünscht, du möchtest einmal zu Besuch kommen, ohne deinen Mann, daß +wir wieder einmal so ganz _en famille_ beieinander sitzen könnten. Aber, +daß du =jetzt= kommst und =so= kommst, pardon, das ist eine Dummheit, +mein Kind!... Ja ... laß mich zu Ende sprechen! -- Permaneder hat sich +reichlich mangelhaft betragen, das muß wahr sein, und das werde auch ich +ihm zu verstehen geben, sei überzeugt ...« + +»=Wie= er sich betragen hat, Thomas«, unterbrach sie ihn, indem sie sich +aufrichtete und eine Hand auf ihre Brust legte, »das habe ich ihm schon +zu verstehen gegeben und nicht nur `zu verstehen gegeben´, will ich dir +sagen. Weitere Auseinandersetzungen mit dem Manne halte ich, meinem +Taktgefühle nach, für vollkommen unangebracht!« Damit ließ sie sich +wieder zurückfallen und blickte streng und unbewegt zur Decke empor. + +Er neigte sich, wie unter dem Gewichte ihrer Worte, und dabei blickte er +lächelnd auf seine Knie nieder. + +»Na, so werde ich ihm denn also =keinen= groben Brief schreiben: ganz +wie du befiehlst. Zuletzt ist es ja deine Angelegenheit, und es genügt +durchaus, daß du selbst ihm den Kopf zurechtsetzest; als seine Frau bist +du berufen dazu. Bei Lichte besehen, sind ihm ja übrigens die mildernden +Umstände nicht abzusprechen. Ein Freund hat Namenstag gefeiert, er kommt +in festlicher Stimmung, in etwas zu guter Laune nach Hause und läßt sich +einen kleinen Übergriff, einen kleinen unziemlichen Seitensprung +zuschulden kommen ...« + +»Thomas«, sagte sie, »ich verstehe dich nicht. Ich verstehe nicht den +Ton, in dem du redest! Du ... Ein Mann von deinen Grundsätzen ... Aber +du hast ihn nicht gesehen! Wie er sie anfaßte in seiner Betrunkenheit, +wie er aussah ...« + +»Komisch genug, wie ich mir denken kann. Aber das ist es ja, Tony: du +nimmst die Sache nicht komisch genug, und daran ist natürlich dein Magen +schuld. Du hast deinen Mann auf einer Schwäche ertappt, du hast ihn ein +wenig lächerlich gesehen ... aber das sollte dich nicht so fürchterlich +empören, sondern dich eher ein bißchen amüsieren und ihn dir menschlich +noch näher bringen ... Ich will dir eines sagen: du konntest sein +Betragen natürlich nicht ohne weiteres mit Lächeln und Stillschweigen +billigen, bewahre. Du bist abgereist: das war eine Demonstration, etwas +lebhaft vielleicht, vielleicht eine zu strenge Strafe -- denn wie +betrübt er in diesem Augenblick dasitzt, das möchte ich nicht sehen -- +aber immerhin gerecht. Meine Bitte geht nur dahin, du möchtest die Dinge +etwas weniger entrüstet und wenig mehr vom politischen Standpunkte aus +betrachten ... wir reden ja unter uns. Ich muß dir einmal andeuten, daß +es doch in einer Ehe keineswegs gleichgültig ist, auf welcher Seite sich +das ... moralische Übergewicht befindet ... versteh' mich, Tony! Dein +Mann hat sich eine Blöße gegeben, darüber besteht kein Zweifel. Er hat +sich kompromittiert, sich ein bißchen lächerlich gemacht ... lächerlich +gerade darum, weil sein Vergehen so harmlos, so wenig ernsthaft zu +nehmen ist ... Kurz, seine Würde ist nicht mehr unantastbar, eine +gewisse Überlegenheit ist jetzt entschieden auf deiner Seite, und +gesetzt, daß du sie geschickt zu nutzen verstehst, so ist dein Glück +gewiß. Wenn du nun in ... sagen wir vierzehn Tagen -- ja, bitte, so +lange muß ich dich =mindestens= für uns in Anspruch nehmen! -- in +vierzehn Tagen nach München zurückkehrst, so wirst du sehen ...« + +»Ich werde nicht nach München zurückkehren, Thomas.« + +»Wie beliebt?« fragte er, indem er sein Gesicht verzog, eine Hand ans +Ohr legte und sich vorwärts beugte ... + +Sie lag auf dem Rücken, den Hinterkopf fest in die Kissen gedrückt, so +daß das Kinn mit einer gewissen Strenge vorgeschoben schien. +»=Niemals=«, sagte sie; worauf sie lang und geräuschvoll ausatmete und +sich räusperte: langsam und ausdrücklich -- ein trockenes Räuspern, das +anfing, bei ihr zur nervösen Gewohnheit zu werden und wahrscheinlich mit +ihrem Magenleiden zusammenhing. -- Eine Pause trat ein. + +»Tony«, sagte er plötzlich, indem er aufstand und seine Hand fest auf +die Lehne des Empirestuhles niedersinken ließ, »du machst mir keinen +Skandal!...« + +Ein Seitenblick belehrte sie, daß er bleich war, und daß die Muskeln an +seinen Schläfen arbeiteten. Ihre Lage war nicht länger haltbar. Auch sie +geriet in Bewegung, und, um die Furcht zu verbergen, die sie vor ihm +empfand, ward sie laut und zornig. Sie schnellte empor, sie ließ die +Füße vom Bette hinuntergleiten, und mit hitzigen Wangen, +zusammengezogenen Brauen und raschen Kopf- und Handbewegungen fing sie +an: »Skandal, Thomas ...?! Du magst mir befehlen, keinen Skandal zu +machen, wenn man mich mit Schande bedeckt, mir ganz einfach ins Gesicht +speit?! Ist das eines Bruders würdig?... Ja, diese Frage mußt du mir +gefälligst erlauben! Rücksicht und Takt sind gute Sachen, bewahre! Aber +es gibt eine Grenze im Leben, Tom -- und ich kenne das Leben, so gut wie +du -- wo die Angst vor dem Skandale anfängt, Feigheit zu heißen, ja! Und +ich wundere mich, daß ich dir das sagen muß, die ich bloß eine Gans und +ein dummes Ding bin ... Ja, das bin ich und verstehe es gut, wenn +Permaneder mich nie geliebt hat, denn ich bin alt und ein häßliches +Weib, das mag sein, und Babett ist sicherlich hübscher. Aber das enthob +ihn nicht der Rücksicht, die er meiner Herkunft und meiner Erziehung und +meinem Empfinden schuldete! Du hast nicht gesehen, Tom, in welcher Weise +er diese Rücksicht vergaß, und wer es nicht gesehen hat, der weiß gar +nichts, denn erzählen läßt es sich nicht, wie widerlich er war in seinem +Zustande ... Und du hast das Wort nicht gehört, das er mir, mir, deiner +Schwester, nachgerufen hat, als ich meine Sachen nahm und das Zimmer +verließ, um im Wohnzimmer auf dem Sofa zu schlafen ... Ja! da habe ich +hinter mir aus seinem Munde ein Wort anhören müssen ... ein Wort ... ein +Wort ...! ... Kurz, Thomas, dies Wort war es ganz eigentlich, daß du es +weißt, was mich veranlaßt, =gezwungen= hat, während der ganzen Nacht zu +packen und in aller Frühe Erika zu wecken und davonzugehen, denn bei +einem Manne, in dessen Nähe ich solcher Worte gewärtig sein muß, konnte +ich nicht bleiben, und zu einem solchen Manne werde ich, wie gesagt, +niemals zurückkehren ... oder ich müßte verkommen und könnte mich nicht +mehr achten und hätte keinen Halt mehr im Leben!« + +»Willst du nun die Güte haben, mir dieses gottverdammte Wort +mitzuteilen, ja oder nein?« + +»Niemals, Thomas! Niemals werde ich es mit meinen Lippen wiederholen! +Ich weiß, was ich mir und dir in diesen Räumen schuldig bin ...« + +»Dann ist nicht mit dir zu reden!« + +»Das mag sein; und ich wollte, wir redeten auch gar nicht mehr +darüber ...« + +»Was willst du tun? Willst du dich scheiden lassen?« + +»Das will ich, Tom. Das ist mein fester Entschluß. Das ist die +Handlungsweise, die ich mir selbst und meinem Kinde und euch allen +schuldig bin.« + +»Na, das ist also Unsinn«, sagte er gelassen, drehte sich auf dem +Absatze um und ging von ihr fort, als ob damit überhaupt das Ganze +erledigt sei. »Zum Scheidenlassen gehören zwei, mein Kind; und daß +Permaneder sich so ohne weiteres mit Vergnügen dazu bereit finden wird, +der Gedanke ist doch wohl bloß belustigend ...« + +»Oh, das laß meine Sorge sein«, sagte sie, ohne sich einschüchtern zu +lassen. »Du meinst, daß er sich widersetzen wird, und zwar wegen meiner +17000 Taler Kurant; aber Grünlich hat auch nicht gewollt, und man hat +ihn gezwungen, da gibt es Mittel, und ich gehe zu Doktor Gieseke; das +ist Christians Freund, und der wird mir beistehen ... Gewiß, es war +etwas anderes damals, ich weiß, was du sagen willst. Damals war es +`Unfähigkeit des Mannes, seine Familie zu ernähren´ ja! Du siehst +übrigens, daß ich sehr wohl Bescheid weiß in diesen Dingen, während du +wahrhaftig tust, als wäre es das erstemal im Leben, daß ich mich +scheiden lasse!... Aber das ist ganz gleich, Tom. Vielleicht geht es +nicht an und ist unmöglich -- das mag sein; du kannst gern recht haben. +Aber das ändert nichts. Das ändert nichts an meinen Entschlüssen. Dann +mag er die Groschen behalten -- es gibt höhere Dinge im Leben! Aber mich +sieht er niemals wieder.« + +Und darauf räusperte sie sich. Sie hatte das Bett verlassen, hatte sich +in dem Armsessel niedergelassen, einen Ellenbogen auf die Seitenlehne +gestemmt und das Kinn so fest in die Hand vergraben, daß vier gekrümmte +Finger die Unterlippe gepackt hielten. So, den Oberkörper seitwärts +gewandt, blickte sie mit erregten und geröteten Augen starr durchs +Fenster hinaus. + +Der Konsul schritt im Zimmer auf und ab, seufzte, schüttelte den Kopf +und zuckte die Achseln. Schließlich blieb er mit gerungenen Händen vor +ihr stehen. + +»Du bist ja ein Kindskopf, Tony!« sagte er verzagt und flehend. »Jedes +Wort, das du sprichst, ist ja eine Kinderei! Willst du dich nun nicht, +wenn ich dich bitte, dazu bequemen, die Dinge während eines einzigen +Augenblicks wie ein Erwachsener anzusehen?! Merkst du denn nicht, daß du +dich benimmst, als hättest du etwas Ernstes und Schweres erlebt, als +hätte dein Mann dich grausam betrogen, dich vor aller Welt mit Schmach +überhäuft!? Aber so bedenke doch nur, daß ja nichts geschehen ist! Daß +von diesem albernen Vorkommnis auf eurer Himmelsleiter in der +Kaufingerstraße ja keines Menschen Seele etwas weiß! Daß du deiner und +unserer Würde durchaus keinen Abbruch tust, wenn du in aller Ruhe und +höchstens mit einer etwas mokanten Miene zu Permaneder zurückkehrst ... +im Gegenteil! daß du unserer Würde erst schadest, indem du das =nicht= +tust, denn erst dadurch machst du etwas aus dieser Bagatelle, erst +dadurch erregst du Skandal ...« + +Sie ließ rasch ihr Kinn los und sah ihm ins Gesicht. + +»Jetzt sei still, Thomas! Jetzt bin ich an der Reihe! Jetzt höre zu! +Wie? ist nur das Schande und Skandal im Leben, was laut wird und unter +die Leute kommt? Ach nein! Der heimliche Skandal, der im stillen an +einem zehrt und die Selbstachtung wegfrißt, der ist viel schlimmer! Sind +wir Buddenbrooks Leute, die nach außen hin `tip-top´ sein wollen, wie +ihr hier immer sagt, und zwischen unseren vier Wänden dafür Demütigungen +hinunterwürgen? Tom, ich muß mich wundern über dich! Stelle dir Vater +vor, wie er sich heute verhalten würde, und dann urteile in seinem +Sinne! Nein, Sauberkeit und Offenheit muß herrschen ... Du kannst +täglich aller Welt deine Bücher zeigen und sagen: Da ... Anders darf es +mit keinem von uns sein. Ich weiß, wie Gott mich gemacht hat. Ich +fürchte mich gar nicht! Laß Julchen Möllendorpf nur an mir vorübergehen +und mich nicht grüßen! Und laß Pfiffi Buddenbrook nur Donnerstags hier +sitzen und sich vor Schadenfreude schütteln und sagen: `Nun, das ist ja +leider schon das zweitemal, aber es hat =natürlich= beide Male an den +Männern gelegen!´ Ich bin so unsäglich erhaben darüber, Thomas! Ich +weiß, daß ich getan habe, was ich für gut hielt. Aber aus Angst vor +Julchen Möllendorpf und Pfiffi Buddenbrook Beleidigungen +hinunterzuschlucken und mich in einem ungebildeten Bierdialekt +beschimpfen zu lassen ... aus Angst vor ihnen bei einem Manne, in einer +Stadt auszuhalten, wo ich mich an solche Worte, an solche Szenen, wie +die auf der Himmelsleiter, gewöhnen müßte, wo ich mich und meine +Herkunft und meine Erziehung und alles in mir ganz und gar verleugnen +lernen müßte, nur um glücklich und zufrieden zu erscheinen, -- das nenne +=ich= unwürdig, das nenne =ich= skandalös, will ich dir sagen ...!« + +Sie brach ab, warf das Kinn wieder in die Hand und starrte erregt auf +die Fensterscheiben. Er stand vor ihr, auf ein Bein gestützt, die Hände +in den Hosentaschen, und ließ seine Augen auf ihr ruhen, ohne sie zu +sehen, in Gedanken, und indem er langsam den Kopf hin und her bewegte. + +»Tony«, sagte er, »du machst mir nichts weis. Ich habe es schon vorher +gewußt, aber in deinen letzten Worten hast du dich verraten. Es ist gar +nicht der Mann. Es ist die Stadt. Es ist gar nicht diese Albernheit auf +der Himmelsleiter. Es ist das Ganze überhaupt. Du hast dich nicht +akklimatisieren können. Sei aufrichtig.« + +»Da hast du recht, Thomas!« rief sie. Sie sprang sogar empor dabei und +wies ihm mit ausgestreckter Hand gerade ins Gesicht hinein. Ihr Gesicht +war rot. Sie blieb in einer kriegerischen Haltung stehen, mit der einen +Hand den Stuhl erfaßt, gestikulierte mit der anderen und hielt eine +Rede, eine leidenschaftlich bewegte Rede, die unaufhaltsam +hervorsprudelte. Der Konsul betrachtete sie tief erstaunt. Kaum, daß sie +sich Zeit ließ, Atem zu schöpfen, so brausten und brodelten schon wieder +neue Worte hervor. Ja, sie fand Worte, sie drückte alles aus, was sich +während dieser Jahre an Widerwillen in ihr gesammelt hatte: ein bißchen +ungeordnet und verworren, aber sie drückte es aus. Es war eine +Explosion, ein Ausbruch voll verzweifelter Ehrlichkeit ... Hier entlud +sich etwas, gegen das es keine Widerrede gab, etwas Elementares, worüber +nicht mehr zu streiten war ... + +»Da hast du recht, Thomas! Das sage du nur noch einmal! Ha, ich bemerke +dir ausdrücklich, daß ich kein dummes Ding mehr bin und weiß, was ich +vom Leben zu halten habe. Ich erstarre nicht mehr, wenn ich erfahre, daß +es nicht immer ganz säuberlich zugeht darin. Ich habe Leute wie +Tränen-Trieschke gekannt und bin mit Grünlich verheiratet gewesen und +kenne unsere Suitiers hier in der Stadt. Ich bin keine Unschuld vom +Lande, will ich dir sagen, und die Sache mit Babett an und für sich und +aus dem Zusammenhang genommen, hätte mich nicht auf und davon gejagt, +das glaube mir! Sondern die Sache ist die, Thomas, daß es das Maß voll +gemacht hat ... und dazu gehörte nicht viel, denn es war eigentlich +schon voll ... schon lange voll ... schon lange voll! Ein Nichts hätte +es überfließen lassen und nun gar dies! Nun gar die Erkenntnis, daß ich +mich nicht einmal in diesem Punkte auf Permaneder verlassen konnte! Das +hat allem die Krone aufgesetzt! Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen! +Das hat meinen Entschluß, von München auf und davon zu gehen, mit einem +Schlage zur Reife gebracht, und der war lange, lange im Reifen begriffen +gewesen, Tom, denn ich kann dort unten nicht leben, bei Gott und seinen +heiligen Heerscharen, ich kann es nicht! =Wie= unglücklich ich gewesen +bin, du weißt es nicht, Thomas, denn auch, als du zu Besuch kamst, habe +ich nichts merken lassen, nein, denn ich bin eine Frau von Takt, die +andere nicht mit Klagen belästigt und ihr Herz nicht an jedem Wochentage +auf der Zunge trägt, und habe immer zur Verschlossenheit geneigt. Aber +ich habe gelitten, Tom, gelitten mit allem, was in mir ist, und +sozusagen mit meiner ganzen Persönlichkeit. Wie eine Pflanze, um mich +dieses Bildes zu bedienen, wie eine Blume, die in fremdes Erdreich +verpflanzt worden ... obgleich du den Vergleich wohl unpassend findest, +denn ich bin ein häßliches Weib ... aber in fremderes Erdreich konnte +ich nicht kommen, und lieber ginge ich in die Türkei! Oh, wir sollten +niemals fortgehen, wir hier oben! Wir sollten an unserer Seebucht +bleiben und uns redlich nähren ... Ihr habt euch zuweilen über meine +Vorliebe für den Adel mokiert ... ja, ich habe in diesen Jahren oft an +einige Worte gedacht, die mir vor längerer Zeit einmal jemand gesagt +hat, ein gescheuter Mensch. `Sie haben Sympathie für die Adligen ...´ +sagte er, `soll ich Ihnen sagen, warum? Weil Sie selbst eine Adlige +sind! Ihr Vater ist ein großer Herr und Sie sind eine Prinzeß. Ein +Abgrund trennt Sie von uns anderen, die wir nicht zu Ihrem Kreise von +herrschenden Familien gehören ...´ Ja, Tom, wir fühlen uns als Adel und +fühlen einen Abstand und wir sollten nirgend zu leben versuchen, wo man +nichts von uns weiß und uns nicht einzuschätzen versteht, denn wir +werden nichts als Demütigungen davon haben, und man wird uns lächerlich +hochmütig finden. Ja, -- alle haben mich lächerlich hochmütig gefunden. +Man hat es mir nicht gesagt, aber gefühlt habe ich es zu jeder Stunde +und auch darunter habe ich gelitten. Ha! In einem Lande, wo man Torte +mit dem Messer ißt, und wo die Prinzen falsches Deutsch reden, und wo es +als eine verliebte Handlungsweise auffällt, wenn ein Herr einer Dame +den Fächer aufhebt, in einem solchen Lande ist es leicht, hochmütig zu +scheinen, Tom! Akklimatisieren? Nein, bei Leuten ohne Würde, Moral, +Ehrgeiz, Vornehmheit und Strenge, bei unsoignierten, unhöflichen und +saloppen Leuten, bei Leuten, die zu gleicher Zeit träge und +leichtsinnig, dickblütig und oberflächlich sind ... bei solchen Leuten +kann ich mich nicht akklimatisieren und würde es niemals können, so wahr +ich deine Schwester bin! Eva Ewers hat es gekonnt ... gut! Aber eine +Ewers ist noch keine Buddenbrook, und dann hat sie ihren Mann, der zu +etwas nütze ist im Leben. Wie aber habe ich es gehabt? Denke nach, +Thomas, fang' von vorne an und erinnere dich! Ich bin von hier, aus +diesem Hause, wo es etwas gilt, wo man sich regt und Ziele hat, dorthin +gekommen, zu Permaneder, der sich mit meiner Mitgift zur Ruhe gesetzt +hat ... ha, es war echt, es war wahrhaftig kennzeichnend, aber das war +auch das einzig Erfreuliche daran. Was weiter? Ein Kind soll kommen! Wie +habe ich mich gefreut! Es hätte mir alles entgolten! Was geschieht? Es +stirbt. Es ist tot. Das war nicht Permaneders Schuld, behüte, nein. Er +hatte getan, was er konnte, und ist sogar zwei bis drei Tage nicht ins +Wirtshaus gegangen, bewahre! Aber es gehörte doch dazu, Thomas. Es +machte mich nicht glücklicher, kannst du dir denken. Ich habe +ausgehalten und nicht gemurrt. Ich bin allein und unverstanden und als +hochmütig verschrien umhergegangen und habe mir gesagt: Du hast ihm dein +Jawort fürs Leben erteilt. Er ist ein bißchen plump und träge und hat +deine Hoffnungen getäuscht; aber er meint es gut, und sein Herz ist +rein. Und dann habe ich dies erleben müssen und ihn in diesem +widerlichen Augenblick gesehen. Dann habe ich erfahren: so gut versteht +er mich und um so viel besser weiß er mich zu respektieren als die +anderen, daß er mir ein Wort nachruft, ein Wort, das keiner deiner +Speicherarbeiter einem Hunde zuwerfen würde! Und da habe ich gesehen, +daß nichts mich hielt, und daß es eine Schande gewesen wäre, zu bleiben. +Und als ich hier vom Bahnhof die Holstenstraße herauffuhr, ging der +Träger Nielsen vorüber und nahm tief seinen Zylinder ab, und ich habe +wiedergegrüßt: durchaus nicht hochmütig, sondern wie Vater die Leute +grüßte ... so ... mit der Hand. Und jetzt bin ich hier. Und du kannst +zwei Dutzend Arbeitspferde anspannen, Tom: nach München bekömmst du +mich nicht wieder. Und morgen gehe ich zu Gieseke! --« + +Dies war die Rede, die Tony hielt, worauf sie sich ziemlich erschöpft in +den Stuhl zurücksinken ließ, das Kinn in die Hand vergrub und auf die +Fensterscheiben starrte. + +Ganz erschrocken, benommen, beinahe erschüttert stand der Konsul vor ihr +und schwieg. Dann atmete er auf, erhob die Arme bis zur Höhe der +Schultern und ließ sie auf die Oberschenkel hinabfallen. + +»Ja, da ist nichts zu machen!« sagte er leise, drehte sich still auf dem +Absatz um und ging zur Tür. + +Sie sah ihm mit demselben Ausdruck nach, mit dem sie ihn empfangen +hatte: leidend und schmollend. + +»Tom?« fragte sie. »Bist du mir böse?« + +Er hielt den ovalen Türgriff in der einen und machte eine müde Bewegung +der Abwehr mit der anderen Hand. »Ach nein. Keineswegs.« + +Sie streckte die Hand nach ihm aus und legte den Kopf auf die Schulter. + +»Komm her, Tom ... Deine Schwester hat es nicht sehr gut im Leben. Alles +kommt auf sie herab ... Und sie hat in diesem Augenblick wohl niemanden, +der zu ihr steht ...« + +Er kehrte zurück und nahm ihre Hand: von der Seite, einigermaßen +gleichgültig und matt, ohne sie anzusehen. + +Plötzlich begann ihre Oberlippe zu zittern ... + +»Du mußt nun allein arbeiten«, sagte sie. »Mit Christian, das ist wohl +nichts Rechtes, und ich bin nun fertig ... ich habe abgewirtschaftet ... +ich kann nichts mehr ausrichten ... ja, ihr müßt mir nun schon das +Gnadenbrot geben, mir unnützem Weibe. Ich hätte nicht gedacht, daß es +mir so gänzlich mißlingen würde, dir ein wenig zur Seite zu stehen, Tom! +Nun mußt du ganz allein zusehen, daß wir Buddenbrooks den Platz +behaupten ... Und Gott sei mit dir.« + +Es rollten zwei Tränen, große, helle Kindertränen über ihre Wangen +hinunter, deren Haut anfing, kleine Unebenheiten zu zeigen. + + +Elftes Kapitel + +Tony ging nicht müßig, sie nahm ihre Sache in die Hand. In der Hoffnung, +sie möchte sich beruhigen, besänftigen, anderen Sinnes werden, hatte der +Konsul vorläufig nur eines von ihr verlangt: sich still zu verhalten +und, sowie auch Erika, das Haus nicht zu verlassen. Alles konnte sich +zum besten wenden ... Fürs erste sollte nichts in der Stadt bekannt +werden. Der Familientag, am Donnerstag, ward abgesagt. + +Aber schon am ersten Tage nach Frau Permaneders Ankunft ward +Rechtsanwalt Doktor Gieseke durch ein Schreiben von ihrer Hand in die +Mengstraße entboten. Sie empfing ihn allein, in dem Mittelzimmer am +Korridor der ersten Etage, wo geheizt worden war und wo sie zu +irgendeinem Behufe auf einem schweren Tische ein Tintenfaß, Schreibzeug +und eine Menge weißen Papiers in Folioformat, das von unten aus dem +Kontor stammte, geordnet hatte. Man nahm in zwei Lehnstühlen Platz ... + +»Herr Doktor!« sagte sie, indem sie die Arme kreuzte, den Kopf +zurücklegte und zur Decke emporblickte. »Sie sind ein Mann, der das +Leben kennt, sowohl als Mensch wie von Berufs wegen; ich darf offen zu +Ihnen sprechen!« Und dann eröffnete sie ihm, wie sich mit Babett und im +Schlafzimmer alles begeben habe, worauf Doktor Gieseke bedauerte, ihr +erklären zu müssen, daß weder der betrübende Vorfall auf der Treppe, +noch die gewisse, ihr zuteil gewordene Beschimpfung, über die des Nähern +sich zu äußern sie sich weigere, einen hinlänglichen Scheidungsgrund +darstelle. + +»Gut«, sagte sie. »Ich danke Ihnen.« + +Dann ließ sie sich eine Übersicht der zu Recht bestehenden +Scheidungsgründe liefern und nahm daranschließend mit offenem Kopf und +eindringlichem Interesse einen längeren dotalrechtlichen Vortrag +entgegen, worauf sie den Doktor Gieseke vorläufig mit ernster +Freundlichkeit entließ. + +Sie begab sich ins Erdgeschoß hinab und nötigte den Konsul in sein +Privatkontor. + +»Thomas«, sagte sie, »ich bitte dich, dem Manne nun unverzüglich zu +schreiben ... ich nenne nicht gern seinen Namen. Was mein Geld +betrifft, so bin ich aufs genaueste unterrichtet. Er soll sich erklären. +So oder so, mich sieht er nicht wieder. Willigt er in die rechtskräftige +Scheidung, gut, so betreiben wir Rechnungslegung sowie Erstattung meiner +_dos_. Weigert er sich, so brauchen wir ebenfalls nicht zu verzagen, +denn du mußt wissen, Tom, daß Permaneders Recht an meiner _dos_ nach +seiner juristischen Gestalt allerdings Eigentum ist, -- gewiß, das ist +zuzugeben! -- daß ich aber materiell immerhin auch meine Befugnisse +habe, Gottseidank ...« + +Der Konsul ging, die Hände auf dem Rücken, umher und bewegte nervös die +Schultern, denn das Gesicht, mit dem sie das Wort »_dos_« hervorbrachte, +war gar zu unsäglich stolz. + +Er hatte keine Zeit. Er war bei Gott überhäuft. Sie sollte sich gedulden +und sich gefälligst noch fünfzigmal besinnen! Ihm stand jetzt zunächst, +und zwar morgenden Tages, eine Fahrt nach Hamburg bevor: zu einer +Konferenz, einer leidigen Unterredung mit Christian. Christian hatte +geschrieben, um Unterstützung, um Aushilfe geschrieben, welche die +Konsulin seinem dereinstigen Erbe entnehmen mußte. Um seine Geschäfte +stand es jammervoll, und obgleich er beständig einer Reihe von +Beschwerden unterlag, schien er sich im Restaurant, im Zirkus, im +Theater doch königlich zu amüsieren, und, den Schulden nach zu urteilen, +die jetzt zutage kamen und die er auf seinen gut klingenden Namen hin +hatte machen können, weit über seine Verhältnisse zu leben. Man wußte in +der Mengstraße, wußte es im »Klub« und in der ganzen Stadt, wer vor +allem schuld daran war. Es war eine weibliche Person, eine +alleinstehende Dame, die Aline Puvogel hieß und zwei hübsche Kinder +besaß. Von den Hamburger Kaufherren stand nicht Christian Buddenbrook +allein zu ihr in engen und kostspieligen Beziehungen ... + +Kurz, es gab außer Tonys Scheidungswünschen der widerwärtigen Dinge +noch mehr, und die Fahrt nach Hamburg war dringlich. Übrigens war es +wahrscheinlich, daß Permaneder seinerseits zunächst selbst von sich +hören lassen würde ... + +Der Konsul reiste, und er kehrte in zorniger und trüber Stimmung zurück. +Da aber aus München noch immer keine Nachricht gekommen war, so sah er +sich genötigt, den ersten Schritt zu tun. Er schrieb; schrieb kühl, +sachlich und ein wenig von oben herab: Unleugbar sei Antonie im +Zusammenleben mit Permaneder schweren Enttäuschungen ausgesetzt gewesen +... auch abgesehen von Einzelheiten habe sie im großen und ganzen das +erhoffte Glück in dieser Ehe nicht finden können ... ihr Wunsch, das +Bündnis gelöst zu sehen, müsse dem billig Denkenden berechtigt +erscheinen ... leider scheine ihr Entschluß, nicht nach München +zurückzukehren, unerschütterlich festzustehen ... Und es folgte die +Frage, wie Permaneder sich diesen Tatsachen gegenüber verhalte ... + +Tage der Spannung!... Dann antwortete Herr Permaneder. + +Er antwortete, wie niemand, wie weder Doktor Gieseke, noch die Konsulin, +noch Thomas, noch selbst Antonie es erwartet hatte. Er willigte mit +schlichten Worten in die Scheidung. + +Er schrieb, daß er das Vorgefallene herzlich bedaure, daß er aber +Antoniens Wünsche respektiere, denn er sähe ein: sie und er paßten »doch +halt nimmer so recht zueinand'«. Wenn er ihr schwere Jahre bereitet +habe, so möge sie versuchen, sie zu vergessen und ihm zu verzeihen ... +Da er sie und Erika wohl nicht wiedersehen werde, so wünsche er ihr und +dem Kinde für immer alles erdenkliche Glück ... Alois Permaneder. -- +Ausdrücklich erbot er sich in einer Nachschrift zur sofortigen +Restituierung der Mitgift. Er für sein Teil könne mit dem Seinen sorglos +leben. Er brauche keine Frist, denn Geschäfte seien nicht abzuwickeln, +das Haus sei seine Sache, und die Summe sei sofort liquid. -- + +Tony war fast ein wenig beschämt und fühlte sich zum ersten Male +geneigt, Herrn Permaneders geringe Leidenschaft in Geldangelegenheiten +lobenswert zu finden. + +Nun trat Doktor Gieseke aufs neue in Funktion, er setzte sich mit dem +Gatten in betreff des Scheidungsgrundes in Verbindung, »beiderseitige +unüberwindliche Abneigung« ward festgesetzt, und der Prozeß begann -- +Tonys zweiter Scheidungsprozeß, dessen Phasen sie mit Ernst, +Sachkenntnis und ungeheurem Eifer verfolgte. Sie sprach davon, wo sie +ging und stand, so daß der Konsul mehrere Male ärgerlich wurde. Sie war +fürs erste nicht imstande, seinen Kummer zu teilen. Sie war in Anspruch +genommen von Wörtern wie »Früchte«, »Erträgnisse«, »Akzessionen«, +»Dotalsachen«, »Tangibilien«, die sie, den Kopf zurückgelegt und die +Schultern ein wenig emporgezogen, mit würdevoller Geläufigkeit beständig +hervorbrachte. Den tiefsten Eindruck von Doktor Giesekes +Auseinandersetzungen hatte ihr ein Paragraph gemacht, der von einem +etwaigen im Dotalgrundstück gefundenen »Schatze« handelte, welcher als +Bestandteil des Dotalvermögens anzusehen und nach Beendigung der Ehe +herauszugeben sei. Von diesem Schatze, der gar nicht vorhanden war, +erzählte sie aller Welt: Ida Jungmann, Onkel Justus, der armen +Klothilde, den Damen Buddenbrook in der Breiten Straße, die übrigens, +als ihnen die Ereignisse bekanntgeworden waren, die Hände im Schoße +zusammengeschlagen und sich angeblickt hatten: starr vor Erstaunen, daß +ihnen auch diese Genugtuung noch zuteil wurde ... Therese Weichbrodt, +deren Unterricht Erika Grünlich nun wieder genoß, und sogar der guten +Madame Kethelsen, die aus mehr als einem Grunde nicht das geringste +davon begriff ... + +Dann kam der Tag, an dem die Scheidung rechtskräftig und endgültig +ausgesprochen wurde, an dem Tony die letzte notwendige Formalität +erledigte, indem sie sich von Thomas die Familienpapiere erbat und +eigenhändig das neue Faktum verzeichnete ... und nun galt es, sich an +die Sachlage zu gewöhnen. + +Sie tat es mit Tapferkeit. Sie überhörte mit unberührbarer Würde die +wunderbar hämischen kleinen Pointen der Damen Buddenbrook, sie übersah +auf der Straße mit unaussprechlicher Kälte die Köpfe der Hagenströms und +Möllendorpfs, die ihr begegneten, und sie verzichtete gänzlich auf das +gesellschaftliche Leben, das ja übrigens seit Jahren nicht mehr in ihrem +elterlichen Hause, sondern in dem ihres Bruders sich abspielte. Sie +hatte ihre nächsten Angehörigen: die Konsulin, Thomas, Gerda; sie hatte +Ida Jungmann, Sesemi Weichbrodt, ihre mütterliche Freundin, Erika, auf +deren =vornehme= Erziehung sie Sorgfalt verwandte und in deren Zukunft +sie vielleicht letzte heimliche Hoffnungen setzte ... So lebte sie, und +so entschwand die Zeit. + +Später, auf irgendeine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen +Familiengliedern das »Wort« bekanntgeworden, dieses desperate Wort, das +in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlüpfen lassen. Was hatte +er gesagt? -- »Geh zum Deifi, =Saulud'r dreckats=!« + +So schloß Tony Buddenbrooks zweite Ehe. + + + + +Siebenter Teil + + +Erstes Kapitel + +Taufe!... Taufe in der Breiten Straße! + +Alles ist vorhanden, was Mme. Permaneder in Tagen der Hoffnung träumend +vor Augen sah, alles: Denn im Eßzimmer am Tische -- behutsam und ohne +Geklapper, das drüben im Saale die Feier stören würde -- füllt das +Folgmädchen Schlagsahne in viele Tassen mit kochend heißer Schokolade, +die dicht gedrängt auf einem ungeheuren runden Teebrett mit vergoldeten, +muschelförmigen Griffen beieinander stehen ... während der Diener Anton +einen ragenden Baumkuchen in Stücke schneidet und Mamsell Jungmann +Konfekt und frische Blumen in silbernen Dessertschüsseln ordnet, wobei +sie prüfend den Kopf auf die Schulter legt und die beiden kleinen Finger +weit von den übrigen entfernt hält ... + +Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten werden, wenn die Herrschaften +sich's im Wohnzimmer und Salon bequem gemacht haben, umhergereicht +werden, und hoffentlich werden sie ausreichen, denn es ist die Familie +im weiteren Sinne versammelt, wenn auch nicht geradezu im weitesten, +denn durch die Överdiecks ist man auch mit den Kistenmakers ein wenig +verwandt, durch diese mit den Möllendorpfs und so fort. Es wäre +unmöglich, eine Grenze zu ziehen!... Die Överdiecks aber sind vertreten, +und zwar durch das Haupt, den mehr als achtzigjährigen Doktor Kaspar +Överdieck, regierender Bürgermeister. + +Er ist zu Wagen gekommen und, gestützt auf seinen Krückstock und den Arm +Thomas Buddenbrooks, die Treppe heraufgestiegen. Seine Anwesenheit +erhöht die Würde der Feier ... und ohne Zweifel: Diese Feier ist aller +Würde würdig! + +Denn dort im Saale, vor einem als Altar verkleideten, mit Blumen +geschmückten Tischchen, hinter dem in schwarzem Ornat und schneeweißer, +gestärkter, mühlsteinartiger Halskrause ein junger Geistlicher spricht, +hält eine reich in Rot und Gold gekleidete, große, stämmige, sorgfältig +genährte Person ein kleines, unter Spitzen und Atlasschleifen +verschwindendes Etwas auf ihren schwellenden Armen ... ein Erbe! Ein +Stammhalter! Ein Buddenbrook! Begreift man, was das bedeutet? + +Begreift man das stille Entzücken, mit dem die Kunde, als das erste, +leise, ahnende Wort gefallen, von der Breiten in die Mengstraße getragen +worden? Den stummen Enthusiasmus, mit dem Frau Permaneder bei dieser +Nachricht ihre Mutter, ihren Bruder und -- behutsamer -- ihre Schwägerin +umarmt hat? Und nun, da der Frühling gekommen, der Frühling des Jahres +einundsechzig, nun ist er da und empfängt das Sakrament der heiligen +Taufe, er, auf dem längst so viele Hoffnungen ruhen, von dem längst so +viel gesprochen, der seit langen Jahren erwartet, ersehnt worden, den +man von Gott erbeten und um den man Doktor Grabow gequält hat ... er ist +da und sieht ganz unscheinbar aus. + +Die kleinen Hände spielen mit den Goldlitzen an der Taille der Amme, und +der Kopf, der mit einem hellblau garnierten Spitzenhäubchen bedeckt ist, +liegt ein wenig seitwärts und unachtsam vom Pastor abgewandt, auf dem +Kissen, so daß die Augen mit einem beinahe altklug prüfenden Blinzeln in +den Saal hinein und auf die Verwandten blicken. In diesen Augen, deren +obere Lider sehr lange Wimpern haben, ist das Hellblau der väterlichen +und das Braun der mütterlichen Iris zu einem lichten, unbestimmten, nach +der Beleuchtung wechselnden Goldbraun geworden; die Winkel aber zu +beiden Seiten der Nasenwurzel sind tief und liegen in bläulichem +Schatten. Das gibt diesem Gesichtchen, das noch kaum eines ist, etwas +vorzeitig Charakteristisches und kleidet ein vier Wochen altes nicht zum +besten; aber Gott wird geben, daß es nichts Ungünstiges bedeutet, denn +auch bei der Mutter, die doch wohlauf ist, verhält es sich so ... und +gleichviel: er lebt, und daß es ein Knabe ist, das war vor vier Wochen +die eigentliche Freude. + +Er lebt, und es könnte anders sein. Der Konsul wird niemals den +Händedruck vergessen, mit dem der gute Doktor Grabow, als er vor vier +Wochen Mutter und Kind verlassen konnte, zu ihm gesagt hat: »Seien Sie +dankbar, lieber Freund, es hätte nicht viel gefehlt ...« Der Konsul hat +nicht zu fragen gewagt, woran nicht viel gefehlt hätte. Er weist den +Gedanken, daß es mit diesem lange vergebens ersehnten, winzigen +Geschöpfe, das so sonderbar lautlos zur Welt kam, beinahe gegangen wäre +wie mit Antoniens zweitem Töchterchen, mit Entsetzen von sich ... Aber +er weiß, daß es für Mutter und Kind eine verzweifelte Stunde gewesen +ist, vor vier Wochen, und er beugt sich glücklich und zärtlich zu Gerda +nieder, welche, die Lackschuhe auf einem Sammetkissen gekreuzt, vor ihm +und neben der alten Konsulin in einem Armsessel lehnt. + +Wie bleich sie noch ist! Und wie fremdartig schön in ihrer Blässe, mit +ihrem schweren, dunkelroten Haar und ihren rätselhaften Augen, die mit +einer gewissen verschleierten Moquerie auf dem Prediger ruhen. Es ist +Herr Andreas Pringsheim, _pastor marianus_, der nach des alten Kölling +plötzlichem Tode in jungen Jahren schon zum Hauptpastor aufgerückt ist. +Er hält die Hände inbrünstig, dicht unter dem erhobenen Kinn gefaltet. +Er hat blondes, kurzgelocktes Haar und ein knochiges, glattrasiertes +Gesicht, dessen Mimik zwischen fanatischem Ernst und heller Verklärung +wechselt und ein wenig theatralisch erscheint. Er stammt aus Franken, +woselbst er während einiger Jahre inmitten von lauter Katholiken eine +kleine lutherische Gemeinde gehütet hat, und sein Dialekt ist unter dem +Streben nach reiner und pathetischer Aussprache zu einer völlig +eigenartigen Redeweise, mit langen und dunklen oder jäh akzentuierten +Vokalen und einem an den Zähnen rollenden r geworden ... + +Er lobt Gott mit leiser, schwellender oder starker Stimme, und die +Familie hört ihm zu: Frau Permaneder, gehüllt in würdevollen Ernst, der +ihr Entzücken und ihren Stolz verbirgt; Erika Grünlich, nun schon fast +fünfzehnjährig, ein kräftiges, junges Mädchen mit aufgestecktem Zopf und +dem rosigen Teint ihres Vaters, und Christian, der heute morgen von +Hamburg eingetroffen ist und seine tiefliegenden Augen von einer zur +anderen Seite schweifen läßt ... Pastor Tiburtius und seine Gattin haben +die Reise von Riga nicht gescheut, um bei der Feier zugegen sein zu +können: Sievert Tiburtius, der die Enden seines langen, dünnen +Backenbartes über beide Schultern gelegt hat, und dessen kleine, graue +Augen sich hie und da in ungeahnter Weise erweitern, größer und größer +werden, hervorquellen, beinahe herausspringen ... und Klara, die dunkel, +ernst und streng dareinblickt und manchmal eine Hand zum Kopfe führt, +denn dort schmerzt es ... Übrigens haben sie den Buddenbrooks ein +prachtvolles Geschenk mitgebracht: einen mächtigen, aufrechten, +ausgestopften, braunen Bären mit offenem Rachen, den ein Verwandter des +Pastors irgendwo im inneren Rußland geschossen, und der jetzt, eine +Visitenkartenschale zwischen den Tatzen, drunten auf dem Vorplatz steht. + +Krögers haben ihren Jürgen zu Besuch, den Postbeamten aus Rostock: ein +einfach gekleideter, stiller Mensch. Wo Jakob sich aufhält, weiß niemand +außer seiner Mutter, der geborenen Överdieck, der schwachen Frau, die +heimlich Silberzeug verkauft, um dem Enterbten Geld zu senden ... Auch +die Damen Buddenbrook sind anwesend, und sie sind tief erfreut über das +glückliche Familienereignis, was aber Pfiffi nicht gehindert hat, zu +bemerken, das Kind sehe ziemlich ungesund aus; und das haben die +Konsulin, geborene Stüwing, sowohl wie Friederike und Henriette leider +bestätigen müssen. Die arme Klothilde jedoch, grau, hager, geduldig und +hungrig, ist bewegt von Pastor Pringsheims Worten und der Hoffnung auf +Baumkuchen mit Schokolade ... Von nicht zur Familie gehörigen Personen +sind Herr Friedrich Wilhelm Marcus und Sesemi Weichbrodt zugegen. + +Nun wendet der Pastor sich an die Paten und spricht ihnen von ihrer +Pflicht. Justus Kröger ist der eine ... Konsul Buddenbrook hat sich +anfangs geweigert, ihn zu bitten. »Fordern wir den alten Mann nicht zu +Torheiten heraus!« sagte er. »Täglich hat er die furchtbarsten Szenen +mit seiner Frau wegen des Sohnes, und sein bißchen Vermögen verfällt, +und er fängt wahrhaftig vor Kummer schon an, ein bißchen salopp in +seinem Äußern zu werden! Aber was meint ihr? Bitten wir ihn zu Gevatter, +so schenkt er dem Kinde ein ganzes Service aus schwerem Golde und nimmt +keinen Dank dafür!« Onkel Justus indessen ist, als er von einem anderen +Paten hörte -- Stephan Kistenmaker, des Konsuls Freund, wurde genannt +-- in so hohem Grade pikiert gewesen, daß man ihn dennoch herangezogen +hat; und der goldene Becher, den er gespendet, ist zu Thomas +Buddenbrooks Befriedigung nicht übertrieben schwer. + +Und der zweite Pate? Es ist dieser schneeweiße, würdige, alte Herr, der +hier mit seiner hohen Halsbinde und seinem weichen, schwarzen Tuchrock, +aus dessen hinterer Tasche stets der Zipfel eines roten Schnupftuches +hervorhängt, sich in dem bequemsten Lehnstuhl über seinen Krückstock +beugt: Bürgermeister Doktor Överdieck. Es ist ein Ereignis, ein Sieg! +Manche Leute begreifen nicht, wie es zugegangen ist. Guter Gott, es ist +doch kaum eine Verwandtschaft! Die Buddenbrooks haben den Alten an den +Haaren herbeigezogen ... Und in der Tat: es ist ein Streich, eine kleine +Intrige, die der Konsul zusammen mit Mme. Permaneder eingefädelt hat. +Eigentlich, in der ersten Freude, als Mutter und Kind in Sicherheit +waren, ist es bloß ein Scherz gewesen. »Ein Junge, Tony! -- Der soll den +Bürgermeister zum Gevatter haben!« hat der Konsul gerufen; aber sie hat +es aufgegriffen und ist mit Ernst darauf eingegangen, worauf auch er +sich die Sache wohl überlegt und dann in einen Versuch gewilligt hat. So +haben sie sich hinter Onkel Justus gesteckt, der seine Frau zu ihrer +Schwägerin, der Gattin des Holzhändlers Överdieck, geschickt hat, die +ihrerseits ihren greisen Schwiegervater ein wenig hat präparieren +müssen. Dann hat ein ehrerbietiger Besuch Thomas Buddenbrooks bei dem +Staatsoberhaupte das Seine getan ... + +Und nun sprengt, während die Amme die Haube des Kindes lüftet, der +Pastor vorsichtig zwei oder drei Tropfen aus der silbernen, innen +vergoldeten Schale, die vor ihm steht, auf das spärliche Haar des +kleinen Buddenbrook und nennt langsam und nachdrücklich die Namen, auf +die er ihn tauft: -- =Justus=, =Johann=, =Kaspar=. Dann folgt ein kurzes +Gebet, und die Verwandten gehen vorbei, um dem stillen und gleichmütigen +Wesen einen glückwünschenden Kuß auf die Stirn zu drücken ... Therese +Weichbrodt kommt zuletzt, und die Amme muß ihr das Kind ein wenig +hinunterreichen; dafür aber gibt Sesemi ihm =zwei= Küsse, die leise +knallen und zwischen denen sie sagt: »Du gutes Kend!« + +Drei Minuten später hat man sich im Salon und im Wohnzimmer gruppiert, +und die Süßigkeiten machen die Runde. Auch Pastor Pringsheim in seinem +langen Ornat, unter dem die breiten, blankgewichsten Stiefel +hervorsehen, und seiner Halskrause sitzt da, nippt die kühle Schlagsahne +von seiner heißen Schokolade und plaudert mit verklärtem Gesicht in +einer ganz leichten Art, die im Gegensatze zu seiner Rede von besonderer +Wirksamkeit ist. In jeder seiner Bewegungen liegt ausgedrückt: Seht, ich +kann auch den Priester ablegen und ein ganz harmlos fröhliches Weltkind +sein! Er ist ein gewandter, anschmiegsamer Mann. Er spricht mit der +alten Konsulin ein wenig salbungsvoll, mit Thomas und Gerda weltmännisch +und mit glatten Gebärden, mit Frau Permaneder im Tone einer herzlichen, +schalkhaften Heiterkeit ... Hie und da, wenn er sich besinnt, kreuzt er +die Hände im Schoß, legt den Kopf zurück, verfinstert die Brauen und +macht ein langes Gesicht. Beim Lachen zieht er die Luft stoßweise und +zischend durch die geschlossenen Zähne ein. + +Plötzlich entsteht draußen auf dem Korridor Bewegung, man hört die +Dienstboten lachen, und in der Tür erscheint ein sonderbarer Gratulant. +Es ist Grobleben: Grobleben, an dessen magerer Nase zu jeder Jahreszeit +beständig ein länglicher Tropfen hängt, ohne jemals hinunterzufallen. +Grobleben ist ein Speicherarbeiter des Konsuls, und sein Brotherr hat +ihm einen Nebenverdienst als Stiefelwichser angewiesen. Frühmorgens +erscheint er in der Breiten Straße, nimmt das vor die Tür gestellte +Schuhwerk und reinigt es unten auf der Diele. Bei Familienfestlichkeiten +aber stellt er sich feiertäglich gekleidet ein, bringt Blumen und hält, +während der Tropfen an seiner Nase balanciert, mit weinerlicher und +salbungsvoller Stimme eine Ansprache, worauf er ein Geldgeschenk +entgegennimmt. Aber er tut es nicht =darum=! + +Er hat einen schwarzen Rock angezogen -- es ist ein abgelegter des +Konsuls -- trägt aber Schmierstiefel mit Schäften und einen blauwollenen +Schal um den Hals. In der Hand, einer dürren, roten Hand, hält er ein +großes Bukett von blassen, ein wenig zu weit erblühten Rosen, die sich +zum Teil langsam auf den Teppich entblättern. Seine kleinen, entzündeten +Augen blinzeln umher, scheinbar ohne etwas zu sehen ... Er bleibt in +der Tür stehen, hält den Strauß vor sich hin und beginnt sofort zu +reden, während die alte Konsulin ihm nach jedem Worte ermunternd zunickt +und kleine, erleichternde Einwürfe macht, der Konsul ihn betrachtet, +indem er eine seiner hellen Brauen emporzieht, und einige +Familienmitglieder, wie zum Beispiel Frau Permaneder, den Mund mit dem +Taschentuch bedecken. + +»Ick bün man 'n armen Mann, mine Herrschaften, öäwer ick hew 'n +empfindend Hart, un dat Glück und de Freud von min Herrn, Kunsel +Buddenbrook, welcher ümmer gaut tau mi west is, dat geiht mi nah, und so +bün ick kamen, um den Hern Kunsel un die Fru Kunsulin un die ganze +hochverehrte Fomili ut vollem Harten tau gratuleern, un dat dat Kind +gedeihen mög', denn dat verdeinen sei vor Gott un den Minschen, un so'n +Herr, as Kunsel Buddenbrook, giwt dat nich veele, dat is 'n edeln Herrn, +un uns Herrgott wird ihn das allens lohnen ...« + +»So, Grobleben! Dat hewn Sei schön segt! Veelen Dank ook, Grobleben! Wat +wolln Sei denn mit de Rosen?« + +Aber Grobleben ist noch nicht zu Ende, er strengt seine weinerliche +Stimme an und übertönt die des Konsuls. + +»... uns Herrgott wird ihn das allens lohnen, segg ick, ihn un die ganze +hochverehrte Fomili, wenn dat so wid is, un wenn wi vor sinen Staul +stahn, denn eenmal müssen all in de Gruw fahrn, arm un riek, dat is sin +heiliger Will' un Ratschluß, un eener krigt 'nen finen polierten Sarg ut +düern Holz, un de andere krigt 'ne oll Kist', öäwer tau Moder müssen wi +alle warn, wi müssen all tau Moder warn, tau Moder ... tau Moder ...!« + +»Nee, Grobleben! Wi hebb'm 'ne Tauf' hüt, un Sei mit eern Moder!...« + +»Un düs wärn einige Blumens«, schließt Grobleben. + +»Dank Ihnen, Grobleben! Dat is öäwer tau veel! Wat hebb'm Sei sik dat +kosten laten, Minsch! Un so 'ne Red' hew ick all lang nich hürt!... Na, +hier! Maken Sei sik 'nen vergneugten Dag!« Und der Konsul legt ihm die +Hand auf die Schulter, indem er ihm einen Taler gibt. + +»Da, guter Mann!« sagt die alte Konsulin. »Haben Sie auch Ihren Heiland +lieb?« + +»Den hew ick von Harten leiw, Fru Kunselin, dat is so woahr ...!« Und +Grobleben nimmt auch von ihr einen Taler in Empfang, und dann einen +dritten von Madame Permaneder, worauf er sich unter Kratzfüßen +zurückzieht und die Rosen, soweit sie noch nicht auf dem Teppich liegen, +in Gedanken wieder mitnimmt ... + +... Nun ist der Bürgermeister aufgebrochen -- der Konsul hat ihn +hinunter zum Wagen geleitet -- und das ist das Zeichen zum Abschiede +auch für die übrigen Gäste, denn Gerda Buddenbrook bedarf der Schonung. +Es wird still in den Zimmern. Die alte Konsulin mit Tony, Erika und +Mamsell Jungmann sind die letzten. + +»Ja, Ida«, sagt der Konsul, »ich habe mir gedacht -- und meine Mutter +ist einverstanden -- Sie haben uns alle einmal gepflegt, und wenn der +kleine Johann ein bißchen größer ist ... jetzt hat er noch die Amme, und +nach ihr wird wohl eine Kinderfrau nötig sein, aber haben Sie Lust, dann +zu uns überzusiedeln?« + +»Ja, ja, Herr Konsul, und wenn's Ihrer Frau Gemahlin wird recht +sein ...« + +Auch Gerda ist zufrieden mit diesem Plan, und so wird der Vorschlag +schon jetzt zum Beschluß. + +Beim Weggehen aber, schon in der Tür, wendet Frau Permaneder sich noch +einmal um. Sie kehrt zu ihrem Bruder zurück, küßt ihn auf beide Wangen +und sagt: »Das ist ein schöner Tag, Tom, ich bin so glücklich, wie seit +manchem Jahr nicht mehr! Wir Buddenbrooks pfeifen noch nicht aus dem +letzten Loch, Gott sei Dank, wer das glaubt, der irrt im höchsten Grade! +Jetzt, wo der kleine Johann da ist -- es ist so schön, daß wir ihn +wieder Johann genannt haben -- jetzt ist mir, als ob noch einmal eine +ganz neue Zeit kommen muß!« + + +Zweites Kapitel + +Christian Buddenbrook, Inhaber der Firma H. C. F. Burmeester & Comp. zu +Hamburg, seinen modischen grauen Hut und seinen gelben Stock mit der +Nonnenbüste in der Hand, kam in das Wohnzimmer seines Bruders, der mit +Gerda lesend beisammen saß. Es war halb zehn Uhr am Abend des +Tauftages. + +»Guten Abend«, sagte Christian. »Ach, Thomas, ich muß dich mal dringend +sprechen ... Entschuldige, Gerda ... Es eilt, Thomas.« + +Sie gingen in das dunkle Speisezimmer hinüber, woselbst der Konsul eine +der Gaslampen an der Wand entzündete und seinen Bruder betrachtete. Ihm +ahnte nichts Gutes. Er hatte, abgesehen von der ersten Begrüßung, noch +nicht Gelegenheit gehabt, mit Christian zu sprechen; aber er hatte ihn +heute während der Feierlichkeit aufmerksam beobachtet und gesehen, daß +er ungewöhnlich ernst und unruhig gewesen war, ja, daß er im Verlaufe +von Pastor Pringsheims Rede einmal sogar aus irgendwelchen Gründen den +Saal für mehrere Minuten verlassen hatte ... Thomas hatte ihm keine +Zeile mehr geschrieben seit jenem Tage in Hamburg, an dem Christian +zehntausend Mark Kurant von seinem Erbe im voraus aus seinen Händen zur +Deckung von Schulden empfangen. »Fahre nur so fort!« hatte der Konsul +gesagt. »Dann werden deine Groschen rasch vertan sein. Was mich +betrifft, ich hoffe, daß du künftig recht wenig meine Wege kreuzen +wirst. Du hast meine Freundschaft während all der Jahre auf zu harte +Proben gestellt« ... Warum kam er jetzt? Etwas Dringendes mußte ihn +treiben ... + +»Nun?« fragte der Konsul. + +»Ich kann es nun nicht mehr«, antwortete Christian, indem er sich, Hut +und Stock zwischen den mageren Knien, seitwärts auf einen der +hochlehnigen Stühle niederließ, die den Eßtisch umstanden. + +»Darf ich fragen, was du nun nicht mehr kannst, und was dich zu mir +führt?« sagte der Konsul, der stehenblieb. + +»Ich kann es nun nicht mehr«, wiederholte Christian, drehte mit +fürchterlich unruhigem Ernst seinen Kopf hin und her und ließ seine +kleinen, runden, tiefliegenden Augen schweifen. Er zählte jetzt 33 +Jahre, aber er sah weit älter aus. Sein rötlichblondes Haar war so stark +gelichtet, daß fast schon die ganze Schädeldecke freilag. Über den tief +eingefallenen Wangen traten die Knochen scharf hervor; dazwischen aber +buckelte sich, nackt, fleischlos, hager, in ungeheurer Wölbung seine +große Nase ... + +»Wenn es nur dies wäre«, fuhr er fort, indem er mit der Hand an seiner +linken Seite hinunterstrich, ohne seinen Körper zu berühren ... »Es ist +kein Schmerz, es ist eine Qual, weißt du, eine beständige, unbestimmte +Qual. Doktor Drögemüller in Hamburg hat mir gesagt, daß an dieser Seite +alle Nerven zu kurz sind ... Stelle dir vor, an der ganzen linken Seite +sind alle Nerven zu kurz bei mir! Es ist so sonderbar ... manchmal ist +mir, als ob hier an der Seite irgendein Krampf oder eine Lähmung +stattfinden müßte, eine Lähmung für immer ... Du hast keine Vorstellung +... Keinen Abend schlafe ich ordentlich ein. Ich fahre auf, weil +plötzlich mein Herz nicht mehr klopft und ich einen ganz entsetzlichen +Schreck bekomme ... Das geschieht nicht einmal, sondern zehnmal, bevor +ich einschlafe. Ich weiß nicht, ob du es kennst ... ich will es dir ganz +genau beschreiben ... Es ist ...« + +»Laß nur«, sagte der Konsul kalt. »Ich nehme nicht an, daß du +hierhergekommen bist, um mir dies zu erzählen?« + +»Nein, Thomas, wenn es nur =das= wäre; aber =das= ist es nicht allein! +Es ist mit dem Geschäft ... Ich kann es nun nicht mehr.« + +»Du bist wieder in Unordnung?« Der Konsul fuhr nicht einmal auf, er +wurde nicht mehr laut. Er fragte es ganz ruhig, während er seinen Bruder +von der Seite mit einer müden Kälte ansah. + +»Nein, Thomas. Und um die Wahrheit zu sagen -- es ist ja nun doch gleich +-- ich bin niemals recht in Ordnung gekommen, auch durch die +Zehntausende damals nicht, wie du selbst weißt ... Die waren eigentlich +nur, damit ich nicht gleich zuzumachen brauchte. Die Sache ist die ... +Ich habe gleich darauf noch Verluste gehabt, in Kaffee ... und bei dem +Bankerott in Antwerpen ... Das ist wahr. Aber dann habe ich eigentlich +gar nichts mehr getan und mich still verhalten. Aber man muß doch leben +... und nun sind da Wechsel und andere Schulden ... fünftausend Taler +... Ach, du weißt nicht, wie sehr ich herunter bin! Und zu allem diese +Qual ...« + +»Also, du hast dich still verhalten!« schrie der Konsul außer sich. In +diesem Augenblick verlor er dennoch die Fassung. »Du hast die Karre im +Dreck gelassen und dich anderweitig unterhalten! Meinst du, daß ich +nicht vor Augen sehe, wie du gelebt hast, im Theater und im Zirkus und +in Klubs und mit minderwertigen Frauenzimmern.« + +»Du meinst Aline ... Ja, für diese Dinge hast du wenig Sinn, Thomas, und +es ist vielleicht mein Unglück, daß ich zuviel Sinn dafür habe; denn +darin hast du recht, daß es mich zuviel gekostet hat und noch immer +ziemlich viel kosten wird, denn ich will dir eines sagen ... wir sind +hier unter uns Brüdern ... Das dritte Kind, das kleine Mädchen, das seit +einem halben Jahre da ist ... es ist von mir.« + +»Esel.« + +»Sage das nicht, Thomas. Du mußt gerecht sein, auch im Zorne, gegen sie +und gegen ... warum sollte es nicht von mir sein. Was aber Aline +betrifft, so ist sie durchaus nicht minderwertig; so etwas darfst du +nicht sagen. Es ist ihr keineswegs gleichgültig, mit wem sie lebt, und +sie hat meinetwegen mit Konsul Holm gebrochen, der viel mehr Geld hat +als ich, so gut ist sie gesinnt ... Nein, du hast keinen Begriff, +Thomas, was für ein prachtvolles Geschöpf das ist! Sie ist so gesund ... +so =gesund= ...!« wiederholte Christian, indem er eine Hand, ihren +Rücken nach außen, mit gekrümmten Fingern vors Gesicht hielt, ähnlich +wie er zu tun pflegte, wenn er von »_That's Maria_« und dem Laster in +London erzählte. »Du solltest nur ihre Zähne sehen, wenn sie lacht! Ich +habe solche Zähne auf der ganzen Welt noch nicht gefunden, in Valparaiso +nicht und in London nicht ... Ich werde nie den Abend vergessen, als ich +sie kennenlernte ... bei Uhlich in der Austernstube ... Sie hielt es +damals mit Konsul Holm; aber ich erzählte ein bißchen und war ein +bißchen nett mit ihr ... Und als ich sie dann nachher bekam ... tja, +Thomas! Das ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn man ein gutes Geschäft +macht ... Aber du hörst nicht gern von solchen Dingen, ich sehe es dir +auch jetzt wieder an, und es ist nun ja auch zu Ende. Ich werde ihr nun +Adieu sagen, obgleich ich ja, wegen des Kindes, mit ihr in Verbindung +bleiben werde ... Ich will in Hamburg alles bezahlen, was ich schuldig +bin, verstehst du, und dann zumachen. Ich kann es nun nicht mehr. Mit +Mutter habe ich gesprochen, und sie will mir auch die fünftausend Taler +im voraus geben, damit ich Ordnung machen kann, und damit wirst du +einverstanden sein, denn es ist doch besser, man sagt ganz einfach: +Christian Buddenbrook liquidiert und geht ins Ausland ... als wenn +ich Bankerott mache, darin wirst du mir recht geben. Ich will nämlich +wieder nach London gehen, Thomas, in London eine Stelle annehmen. Die +Selbständigkeit ist so gar nichts für mich, das merke ich mehr und mehr. +Diese Verantwortlichkeit ... Als Angestellter geht man abends sorglos +nach Hause ... Und in London bin ich gern gewesen ... Hast du etwas +dagegen?« + +Der Konsul hatte während dieser ganzen Auseinandersetzung seinem Bruder +den Rücken zugewandt und, die Hände in den Hosentaschen, mit einem Fuße +Figuren auf dem Boden beschrieben. + +»Schön, gehe also nach London«, sagte er ganz einfach. Und ohne sich +auch nur halbwegs noch einmal nach Christian umzuwenden, ließ er ihn +hinter sich und schritt zum Wohnzimmer zurück. + +Aber Christian folgte ihm. Er ging auf Gerda zu, die dort allein bei der +Lektüre saß, und gab ihr die Hand. + +»Gute Nacht, Gerda. Ja, Gerda, ich gehe nun also demnächst wieder nach +London. Merkwürdig, wie man umhergeworfen wird. Nun wieder so ins +Ungewisse, weißt du, in solche große Stadt, wo es bei jedem dritten +Schritt ein Abenteuer gibt und man soviel erleben kann. Sonderbar ... +kennst du das Gefühl? Es sitzt hier, ungefähr im Magen ... ganz +sonderbar ...« + + +Drittes Kapitel + +James Möllendorpf, der älteste kaufmännische Senator, starb auf groteske +und schauerliche Weise. Diesem diabetischen Greise waren die +Selbsterhaltungsinstinkte so sehr abhanden gekommen, daß er in den +letzten Jahren seines Lebens mehr und mehr einer Leidenschaft für Kuchen +und Torten unterlegen war. Doktor Grabow, der auch bei Möllendorpfs +Hausarzt war, hatte mit aller Energie, deren er fähig war, protestiert, +und die besorgte Familie hatte ihrem Oberhaupte das süße Gebäck mit +sanfter Gewalt entzogen. Was aber hatte der Senator getan? Geistig +gebrochen, wie er war, hatte er sich irgendwo in einer unstandesgemäßen +Straße, in der Kleinen Gröpelgrube, An der Mauer oder im Engelswisch ein +Zimmer gemietet, eine Kammer, ein wahres Loch, wohin er sich heimlich +geschlichen hatte, um Torte zu essen ... und dort fand man auch den +Entseelten, den Mund noch voll halb zerkauten Kuchens, dessen Reste +seinen Rock befleckten und auf dem ärmlichen Tische umherlagen. Ein +tödlicher Schlaganfall war der langsamen Auszehrung zuvorgekommen. + +Die widerlichen Einzelheiten dieses Todesfalles wurden von der Familie +nach Möglichkeit geheimgehalten; aber sie verbreiteten sich rasch in der +Stadt und bildeten den Gesprächsstoff an der Börse, im »Klub«, in der +»Harmonie«, in den Kontors, in der Bürgerschaft und auf den Bällen, +Diners und Abendgesellschaften, denn das Ereignis fiel in den Februar -- +den Februar des Jahres 62 -- und das gesellschaftliche Leben war noch in +vollem Gange. Selbst die Freundinnen der Konsulin Buddenbrook erzählten +sich am »Jerusalemsabend« von Senator Möllendorpfs Tode, wenn Lea +Gerhardt im Vorlesen eine Pause machte, selbst die kleinen +Sonntagsschülerinnen flüsterten davon, wenn sie ehrfürchtig über die +große Buddenbrooksche Diele gingen, und Herr Stuht in der +Glockengießerstraße hatte mit seiner Frau, die in den ersten Kreisen +verkehrte, eine ausführliche Unterredung darüber. + +Allein das Interesse konnte nicht lange auf das Zurückliegende gerichtet +bleiben. Gleich mit dem ersten Gerücht von dem Ableben dieses alten +Ratsherrn war die eine große Frage aufgetaucht ... als aber die Erde ihn +deckte, war es diese Frage allein, die alle Gemüter beherrschte: Wer ist +der Nachfolger? + +Welche Spannung und welche unterirdische Geschäftigkeit! Der Fremde, der +gekommen ist, die mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten und die anmutige +Umgebung der Stadt in Augenschein zu nehmen, merkt nichts davon; aber +welch Treiben unter der Oberfläche! Welche Agitation! Ehrenfeste, +gesunde, von keiner Skepsis angekränkelte Meinungen platzen aufeinander, +poltern vor Überzeugung, prüfen einander und verständigen sich langsam, +langsam. Die Leidenschaften sind aufgeregt. Ehrgeiz und Eitelkeit wühlen +im stillen. Eingesargte Hoffnungen regen sich, stehen auf und werden +enttäuscht. Der alte Kaufmann Kurz in der Bäckergrube, der bei jeder +Wahl drei oder vier Stimmen erhält, wird wiederum am Wahltage bebend in +seiner Wohnung sitzen und des Rufes harren; aber er wird auch diesmal +nicht gewählt werden, er wird fortfahren, mit einer Miene voll +Biedersinn und Selbstzufriedenheit, das Trottoir mit seinem Spazierstock +zu stoßen, und er wird sich mit diesem heimlichen Grame ins Grab legen, +nicht Senator geworden zu sein ... + +Als James Möllendorpfs Tod am Donnerstage beim Buddenbrookschen +Familienmittagessen besprochen worden war, hatte Frau Permaneder nach +einigen Ausdrücken des Bedauerns begonnen, ihre Zungenspitze an der +Oberlippe spielen zu lassen und verschlagen zu ihrem Bruder +hinüberzublicken, was die Damen Buddenbrook veranlaßt hatte, +unbeschreiblich spitzige Blicke zu tauschen und dann sämtlich, wie auf +Kommando, während einer Sekunde Augen und Lippen ganz fest zu schließen. +Der Konsul hatte einen Moment das listige Lächeln seiner Schwester +erwidert und dann dem Gespräche eine andere Richtung gegeben. Er wußte, +daß man in der Stadt den Gedanken aussprach, den Tony glückselig in sich +bewegte ... + +Namen wurden genannt und verworfen. Andere tauchten auf und wurden +gesichtet. Henning Kurz in der Bäckergrube war zu alt. Eine frische +Kraft war endlich vonnöten. Konsul Huneus, der Holzhändler, dessen +Millionen übrigens nicht leicht ins Gewicht gefallen wären, war +verfassungsmäßig ausgeschlossen, weil sein Bruder dem Senate angehörte. +Konsul Eduard Kistenmaker, der Weinhändler, und Konsul Hermann +Hagenström behaupteten sich auf der Liste. Von Anfang an aber klang +beständig dieser Name mit: Thomas Buddenbrook. Und je mehr der Wahltag +sich näherte, desto klarer ward es, daß er zusammen mit Hermann +Hagenström die meisten Chancen besaß. + +Kein Zweifel, Hermann Hagenström hatte Anhänger und Bewunderer. Sein +Eifer in öffentlichen Angelegenheiten, die frappierende Schnelligkeit, +mit der die Firma Strunck & Hagenström emporgeblüht war und sich +entfaltet hatte, des Konsuls luxuriöse Lebensführung, das Haus, das er +führte, und die Gänseleberpastete, die er frühstückte, verfehlten nicht, +ihren Eindruck zu machen. Dieser große, ein wenig zu fette Mann mit +seinem rötlichen, kurzgehaltenen Vollbart und seiner ein wenig zu platt +auf der Oberlippe liegenden Nase, dieser Mann, dessen Großvater noch +niemand und er selbst nicht gekannt hatte, dessen Vater infolge seiner +reichen, aber zweifelhaften Heirat gesellschaftlich noch beinahe +unmöglich gewesen war und der dennoch, verschwägert sowohl mit den +Huneus als mit den Möllendorpfs, seinen Namen denjenigen der fünf oder +sechs herrschenden Familien angereiht und gleichgestellt hatte, war +unleugbar eine merkwürdige und respektable Erscheinung in der Stadt. Das +Neuartige und damit Reizvolle seiner Persönlichkeit, das, was ihn +auszeichnete und ihm in den Augen vieler eine führende Stellung gab, war +der liberale und tolerante Grundzug seines Wesens. Die legere und +großzügige Art, mit der er Geld verdiente und verausgabte, war etwas +anderes als die zähe, geduldige und von streng überlieferten Prinzipien +geleitete Arbeit seiner kaufmännischen Mitbürger. Dieser Mann stand frei +von den hemmenden Fesseln der Tradition und der Pietät auf seinen +eigenen Füßen, und alles Altmodische war ihm fremd. Er bewohnte keines +der alten, mit unsinniger Raumverschwendung gebauten Patrizierhäuser, um +deren ungeheure Steindielen sich weißlackierte Galerien zogen. Sein Haus +in der Sandstraße -- der südlichen Verlängerung der Breiten Straße --, +mit schlichter Ölfassade, praktisch ausgebeuteten Raumverhältnissen und +reicher, eleganter, bequemer Einrichtung, war neu und jedes steifen +Stiles bar. Übrigens hatte er in dieses sein Haus noch vor kurzem, +gelegentlich einer seiner größeren Abendgesellschaften, eine ans +Stadttheater engagierte Sängerin geladen, hatte sie nach Tische vor +seinen Gästen, unter denen sich auch sein kunstliebender und +schöngeistiger Bruder, der Rechtsgelehrte, befand, singen lassen und die +Dame aufs glänzendste honoriert. Er war nicht der Mann, in der +Bürgerschaft die Bewilligung größerer Geldsummen zur Restaurierung und +Erhaltung der mittelalterlichen Denkmäler zu befürworten. Daß er aber +der erste, absolut in der ganzen Stadt der erste gewesen war, der seine +Wohnräume und seine Kontors mit Gas beleuchtet hatte, war Tatsache. +Gewiß, wenn Konsul Hagenström irgendeiner Tradition lebte, so war es die +von seinem Vater, dem alten Hinrich Hagenström, übernommene +unbeschränkte, fortgeschrittene, duldsame und vorurteilsfreie +Denkungsart, und hierauf gründete sich die Bewunderung, die er genoß. + +Das Prestige Thomas Buddenbrooks war anderer Art. Er war nicht nur er +selbst; man ehrte in ihm noch die unvergessenen Persönlichkeiten seines +Vaters, Großvaters und Urgroßvaters, und abgesehen von seinen eigenen +geschäftlichen und öffentlichen Erfolgen war er der Träger eines +hundertjährigen Bürgerruhmes. Die leichte, geschmackvolle und bezwingend +liebenswürdige Art freilich, in der er ihn repräsentierte und +verwertete, war wohl das Wichtigste; und was ihn auszeichnete, war ein +selbst unter seinen gelehrten Mitbürgern ganz ungewöhnlicher Grad +formaler Bildung, der, wo er sich äußerte, ebensoviel Befremdung wie +Respekt erregte ... + +Donnerstags, bei Buddenbrooks, war von der bevorstehenden Wahl in +Gegenwart des Konsuls meist nur in Form von kurzen und fast +gleichgültigen Bemerkungen die Rede, bei denen die alte Konsulin diskret +ihre hellen Augen beiseiteschweifen ließ. Hie und da aber konnte Frau +Permaneder sich trotzdem nicht entbrechen, ein wenig mit ihrer +erstaunlichen Kenntnis der Staatsverfassung zu prunken, deren Satzungen +sie, soweit sie die Wahl eines Senatsmitgliedes betrafen, ebenso +eingehend studiert hatte wie vor Jahr und Tag die Scheidungsparagraphen. +Sie sprach dann von Wahlkammern, Wahlbürgern und Stimmzetteln, erwog +alle denkbaren Eventualitäten, zitierte wörtlich und ohne Anstoß den +feierlichen Eid, der von den Wählern zu leisten ist, erzählte von der +»freimütigen Besprechung«, die verfassungsmäßig von den einzelnen +Wahlkammern über alle diejenigen vorgenommen wird, deren Namen auf der +Kandidatenliste stehen, und gab dem lebhaften Wunsche Ausdruck, an der +»freimütigen Besprechung« der Persönlichkeit Hermann Hagenströms +teilnehmen zu dürfen. Einen Augenblick später beugte sie sich vor und +begann, die Pflaumenkerne auf dem Kompotteller ihres Bruders zu zählen: +»Edelmann -- Bedelmann -- Doktor -- Pastor -- -- Ratsherr!« sagte sie +und schnellte mit ihrer Messerspitze den fehlenden Kern auf den kleinen +Teller hinüber ... Nach Tische aber, unfähig, an sich zu halten, zog sie +den Konsul am Arme beiseite, in eine Fensternische. + +»O Gott, Tom! wenn du es wirst ... wenn unser Wappen in die Kriegsstube +im Rathause kommt ... ich sterbe vor Freude! ich falle um und bin tot, +du sollst sehen!« + +»So, liebe Tony! Nun etwas mehr Haltung und Würde, wenn ich dich bitten +darf! Das pflegt dir doch sonst nicht abzugehen? Gehe ich umher wie +Henning Kurz? Wir sind auch ohne `Senator´ was ... Und du wirst +hoffentlich am Leben bleiben, im einen wie im anderen Falle.« + +Und die Agitation, die Beratungen, die Kämpfe der Meinungen nahmen ihren +Fortgang. Konsul Peter Döhlmann, der Suitier, mit seinem gänzlich +verkommenen Geschäft, das nur noch dem Namen nach existierte, und seiner +27jährigen Tochter, deren Erbe er verfrühstückte, beteiligte sich daran, +indem er bei einem Diner, das Thomas Buddenbrook gab, und bei einem +ebensolchen, das Hermann Hagenström veranstaltete, jedesmal den +betreffenden Wirt mit schallender und lärmender Stimme »Herr Senator« +nannte. Siegismund Gosch aber, der alte Makler Gosch, ging umher wie ein +brüllender Löwe und machte sich anheischig, ohne Umschweife jeden zu +erdrosseln, der nicht gewillt sei, für Konsul Buddenbrook zu stimmen. + +»Konsul Buddenbrook, meine Herren ... ha! welch ein Mann! Ich habe an +der Seite seines Vaters gestanden, als er _anno_ 48 mit einem Worte die +Wut des entfesselten Pöbels zähmte ... Gäbe es eine Gerechtigkeit auf +Erden, so hätte schon sein Vater, schon der Vater seines Vaters dem +Senate angehören müssen ...« + +Im Grunde jedoch war es nicht sowohl Konsul Buddenbrook selbst, dessen +Persönlichkeit das Innere des Herrn Gosch in Flammen setzte, als +vielmehr die junge Frau Konsulin, geborene Arnoldsen. Nicht als ob der +Makler jemals ein Wort mit ihr gewechselt hätte. Er gehörte nicht zu dem +Kreise der reichen Kaufleute, speiste nicht an ihren Tafeln und tauschte +nicht Visiten mit ihnen. Aber, wie schon erwähnt, Gerda Buddenbrook war +nicht sobald in der Stadt erschienen, als der immer sehnsüchtig nach +Außerordentlichem schweifende Blick des finsteren Maklers sie auch schon +erspäht hatte. Mit sicherem Instinkte hatte er alsbald erkannt, daß +diese Erscheinung geeignet sei, seinem unbefriedigten Dasein ein wenig +mehr Inhalt zu verleihen, und mit Leib und Seele hatte er sich ihr, die +ihn kaum dem Namen nach kannte, als Sklave ergeben. Seitdem umkreiste er +in Gedanken diese nervöse und aufs äußerste reservierte Dame, der +niemand ihn vorstellte, wie der Tiger den Bändiger: mit demselben +verbissenen Mienenspiel, derselben tückisch-demütigen Haltung, in der er +auf der Straße, ohne daß sie das erwartet hätte, seinen Jesuitenhut vor +ihr zog ... Diese Welt der Mittelmäßigkeit bot ihm keine Möglichkeit, +für diese Frau eine Tat von gräßlicher Ruchlosigkeit zu begehen, welche +er, bucklig, düster und kalt in seinen Mantel gehüllt, mit teuflischem +Gleichmut verantwortet haben würde! Ihre langweiligen Gewohnheiten +gestatteten ihm nicht, diese Frau durch Mord, Verbrechen und blutige +Listen auf einen Kaiserthron zu erhöhen. Nichts ließ sie ihm übrig, als +im Rathause für die Wahl ihres ingrimmig verehrten Gatten zu stimmen und +ihr, vielleicht, dereinst, die Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen +Dramen zu widmen. + + +Viertes Kapitel + +Jede im Senate erledigte Stelle muß binnen vier Wochen wieder besetzt +werden; so will es die Verfassung. Drei Wochen sind seit James +Möllendorpfs Hintritt verflossen, und nun ist der Wahltag herangekommen, +ein Tauwettertag am Ende des Februar. + +In der Breiten Straße, vor dem Rathause mit seiner durchbrochenen +Glasurziegelfassade, seinen spitzen Türmen und Türmchen, die gegen den +grauweißlichen Himmel stehen, seinem auf vorgeschobenen Säulen ruhenden +gedeckten Treppenaufgang, seinen spitzen Arkaden, die den Durchblick auf +den Marktplatz und seinen Brunnen gewähren ... vorm Rathause drängen +sich mittags um 1 Uhr die Leute. Sie stehen unentwegt in dem +schmutzig-wässerigen Schnee der Straße, der unter ihren Füßen vollends +zergeht, sehen sich an, sehen wieder geradeaus und recken die Hälse. +Denn dort, hinter jenem Portale, im Ratssaale, mit seinen vierzehn im +Halbkreise stehenden Armsesseln, erwartet noch zu dieser Stunde die aus +Mitgliedern des Senates und der Bürgerschaft bestehende Wahlversammlung +die Vorschläge der Wahlkammern ... + +Die Sache hat sich in die Länge gezogen. Es scheint, daß die Debatten in +den Kammern sich nicht beruhigen wollen, daß der Kampf hart ist, und +daß, bis jetzt, der Versammlung im Ratssaale keineswegs ein und dieselbe +Person vorgeschlagen wurde, denn sie würde vom Bürgermeister sofort als +gewählt erklärt werden ... Sonderbar! Niemand begreift, woher sie +kommen, wo und wie sie entstehen, aber Gerüchte dringen aus dem Portale +auf die Straße heraus und verbreiten sich. Steht dort drinnen Herr +Kaspersen, der ältere der beiden Ratsdiener, der sich selbst nie anders +als »Staatsbeamter« nennt, und dirigiert, was er erfährt, mit +geschlossenen Zähnen und abgewandten Augen durch einen Mundwinkel nach +draußen? Jetzt heißt es, daß die Vorschläge im Sitzungssaale eingelaufen +sind, und daß von jeder der drei Kammern ein anderer vorgeschlagen +wurde: Hagenström, Buddenbrook, Kistenmaker! Gott gebe, daß nun +wenigstens die allgemeine Wahl durch geheime Abstimmung mittels +Stimmzettel eine unbedingte Stimmenmehrheit ergibt! Wer nicht warme +Überschuhe trägt, fängt an, die Beine zu heben und zu stampfen, denn die +Füße schmerzen vor Kälte. + +Es sind Leute aus allen Volksklassen, die hier stehen und warten. Man +sieht Seeleute mit bloßem, tätowiertem Halse, die Hände in den weiten, +niedrigen Hosentaschen, Kornträger mit ihren Blusen und Kniehosen aus +schwarzem Glanzleinen und ihrem unvergleichlich biederen +Gesichtsausdruck; Fuhrleute, die von ihren zu Hauf geschichteten +Getreidesäcken geklettert sind, um, die Peitsche in der Hand, des +Wahlergebnisses zu harren; Dienstmädchen mit Halstuch, Schürze und +dickem, gestreiftem Rock, die kleine, weiße Mütze auf dem Hinterkopf und +den großen Henkelkorb am nackten Arme; Fisch- und Gemüsefrauen mit ihren +Strohschuten; sogar ein paar hübsche Gärtnermädchen mit holländischen +Hauben, kurzen Röcken und langen, faltigen, weißen Ärmeln, die aus dem +buntgestickten Mieder hervorquellen ... Dazwischen Bürger, Ladenbesitzer +aus der Nähe, die ohne Hut herausgetreten sind und ihre Meinungen +tauschen, junge, gutgekleidete Kaufleute, Söhne, die im Kontor ihres +Vaters oder eines seiner Freunde ihre drei- oder vierjährige Lehrzeit +erledigen, Schuljungen mit Ränzeln und Bücherpaketen ... + +Hinter zwei tabakkauenden Arbeitsleuten mit harten Schifferbärten steht +eine Dame, die in großer Erregung den Kopf hin und her wendet, um +zwischen den Schultern der beiden vierschrötigen Kerle hindurch auf das +Rathaus sehen zu können. Sie trägt eine Art von langem, mit braunem Pelz +besetzten Abendmantel, den sie von innen mit beiden Händen zusammenhält, +und ihr Gesicht ist gänzlich von einem dichten, braunen Schleier +verhüllt. Ihre Gummischuhe trippeln rastlos in dem Schneewasser +umher ... + +»Bi Gott, hei ward dat wedder nich, din Herr Kurz«, sagt der eine +Arbeitsmann zum andern. + +»Nee, du Döhsbartel, dat brukst mi nich mehr tau vertellen. Sei stimmen +nu je all öwer Hagenström, Kistenmaker un Buddenbrook af.« + +»Je, un nu is dat de Frag', wekker von de dre die annern öwer is.« + +»Je, dat seg du man noch mal.« + +»Weitst wat? Ick glöw, sei wählen Hagenström.« + +»Je, du Klaukscheeter ... Red' du un de Düwel.« + +Dann speit er seinen Tabak vor sich nieder, denn das Gedränge erlaubt +ihm nicht, ihn im Bogen von sich zu geben, zieht mit beiden Händen die +Hosen höher unter den Leibriemen hinauf und fährt fort: »Hagenström, +dat's so'n Freßsack, un krigt nich mal Luft durch die Näs, so fett is +hei all ... Nee, wo min Herr Kurz dat nu wedder nich warden daut, nu bün +ick vör Buddenbrook. Dat's 'n fixen Kierl ...« + +»Je, dat segst du wull; öäwer Hagenström is all veel rieker ...« + +»Doar kömmp es nich auf an. Dat steiht nich in Frag'.« + +»Un denn is Buddenbrook ook ümmer so höllschen fien mit sin Manschetten +un sin sieden Krawatt un sin pielen Snurrboart ... Hest em gehen seihn? +Hei huppt ümmer so'n beeten as 'n Vagel ...« + +»Je, du Dömelklaas, doarvon is nich de Red'.« + +»Hei het je woll 'ne Swester, die von twe Männern wedder aff kamen is?« + +... Die Dame im Abendmantel erbebt ... + +»Je, dat's so'n' Saak. Öäwer doar weiten wi nix von, un denn kann der +Kunsel doar ook nix för.« + +Nein, nicht wahr?! denkt die Dame im Schleier, indem sie ihre Hände +unterm Mantel zusammenpreßt ... Nicht wahr? Oh, Gott sei Dank! + +»Un denn«, fügt der Mann hinzu, der zu Buddenbrook hält, »un denn hat +ook Bürgermeester Överdieck Gevadder bi sinen Söhn standen; dat will wat +bedüden, will 'k di man vertellen ...« + +Nicht wahr? denkt die Dame. Ja, Gott sei Dank, es hat gewirkt!... Sie +zuckt zusammen. Ein neues Gerücht ist herausgedrungen, läuft im +Zick-Zack nach hinten und gelangt zu ihr. Die allgemeine Wahl hat keine +Entscheidung gebracht. Eduard Kistenmaker, der die wenigsten Stimmen +erhalten, ist ausrangiert worden. Der Kampf zwischen Hagenström und +Buddenbrook dauert fort. Ein Bürger bemerkt mit gewichtiger Miene, daß, +wenn sich Stimmengleichheit ergibt, es nötig sein wird, fünf »Obmänner« +zu erwählen, die nach Stimmenmehrheit zu entscheiden haben ... + +Plötzlich ruft ganz vorn am Portal eine Stimme: »Heine Seehas is wählt!« + +Und dabei ist Seehase ein immer und ewig betrunkener Mensch, der +Dampfbrot auf einem Handwagen herumfährt! Alles lacht und stellt sich +auf die Zehenspitzen, um sich den Witzbold anzusehen. Auch die Dame im +Schleier wird von einem nervösen Lachen ergriffen, das einen Augenblick +ihre Schultern erschüttert. Dann jedoch, mit einer Bewegung, die +ausdrückt: Ist dies die Stunde, Späße zu machen?... nimmt sie sich +ungeduldig zusammen und lugt wieder leidenschaftlich zwischen den beiden +Arbeitsmännern hindurch zum Rathaus hinüber. Aber in demselben +Augenblick läßt sie die Hände sinken, daß ihr Abendmantel sich vorne +öffnet, und steht da, mit hinabgefallenen Schultern, erschlafft, +vernichtet ... + +=Hagenström!= -- Die Nachricht ist da, niemand weiß woher. Sie ist da, +wie aus dem Erdboden hervorgekommen oder vom Himmel gefallen und ist +überall zugleich. Es gibt keinen Widerspruch. Es ist entschieden. +Hagenström! -- Ja, ja, er ist es nun also. Da ist nichts mehr zu +erwarten. Die Dame im Schleier hätte es vorher wissen können. So geht es +immer im Leben. Man kann nun ganz einfach nach Hause gehen. Sie fühlt, +wie das Weinen in ihr aufsteigt ... + +Und kaum hat dieser Zustand eine Sekunde lang gedauert, als ein +plötzlicher Stoß, eine ruckartige Bewegung durch die ganze +Menschenansammlung geht, ein Schub, der sich von vorn nach hinten +fortsetzt und die Vorderen gegen ihre Hintermänner lehnt, während zu +gleicher Zeit dort hinten im Portale etwas Hellrotes aufblitzt ... Die +roten Röcke der beiden Ratsdiener, Kaspersen und Uhlefeldt, welche in +Gala, mit Dreispitz, weißen Reithosen, gelben Stulpen und +Galanteriedegen, Seite an Seite erscheinen und durch die zurückweichende +Menge hindurch ihren Weg gehen. + +Sie gehen wie das Schicksal: ernst, stumm, verschlossen, ohne nach +rechts oder links zu sehen, mit gesenkten Augen ... und schlagen mit +unerbittlicher Entschiedenheit die Richtung ein, die ihnen das Ergebnis +der Wahl, von dem sie unterrichtet sind, gewiesen hat. Und es ist +=nicht= die Richtung der Sandstraße, sondern sie gehen nach rechts die +Breite Straße hinunter! + +Die Dame im Schleier traut ihren Augen nicht. Aber rings um sie her +sieht man es gleich ihr. Die Leute schieben sich in eben derselben +Richtung den Ratsdienern nach, sie sagen einander: »Nee, nee, +Buddenbrook! nich Hagenström!« ... und schon kommen in angeregten +Gesprächen allerlei Herren aus dem Portale, biegen um und gehen +geschwinden Schrittes die Breite Straße hinunter, um die ersten bei der +Gratulation zu sein. + +Da nimmt die Dame ihren Abendmantel zusammen und läuft davon. Sie läuft, +wie eine Dame sonst eigentlich nicht läuft. Ihr Schleier verschiebt sich +und läßt ihr erhitztes Gesicht sehen; aber das ist gleichgültig. Und +obgleich einer ihrer pelzbesetzten Überschuhe in dem wässerigen Schnee +beständig ausschlappt und sie in der boshaftesten Weise behindert, +überholt sie alle Welt. Sie erreicht zuerst das Eckhaus an der +Bäckergrube, sie schellt am Windfang Feuer und Mordio, sie ruft dem +öffnenden Mädchen zu: »Sie kommen, Kathrin, sie kommen!« sie nimmt die +Treppe, stürmt droben ins Wohnzimmer, woselbst ihr Bruder, der +wahrhaftig ein bißchen bleich ist, die Zeitung beiseite legt und ihr +eine etwas abwehrende Handbewegung entgegen macht ... sie umarmt ihn +und wiederholt: »Sie kommen, Tom, sie kommen! Du bist es, und Hermann +Hagenström ist durchgefallen!« + + * * * * * + +Das war ein Freitag. Schon am folgenden Tage stand Senator Buddenbrook +im Ratssaale vor dem Stuhle des verstorbenen James Möllendorpf, und in +Gegenwart der versammelten Väter sowie des Bürgerausschusses leistete er +diesen Eid: »Ich will meinem Amte gewissenhaft vorstehen, das Wohl des +Staates nach allen meinen Kräften erstreben, die Verfassung desselben +getreu befolgen, das öffentliche Gut redlich verwalten und bei meiner +Amtsführung, namentlich auch bei allen Wahlen, weder auf eigenen Vorteil +noch auf Verwandtschaft oder Freundschaft Rücksicht nehmen. Ich will die +Gesetze des Staates handhaben und Gerechtigkeit üben gegen jeden, er sei +reich oder arm. Ich will auch verschwiegen sein in allem, was +Verschwiegenheit erfordert, besonders aber will ich geheimhalten, was +geheimzuhalten mir geboten wird. So wahr mir Gott helfe!« + + +Fünftes Kapitel + +Unsere Wünsche und Unternehmungen gehen aus gewissen Bedürfnissen +unserer Nerven hervor, die mit Worten schwer zu bestimmen sind. Das, was +man Thomas Buddenbrooks »Eitelkeit« nannte, die Sorgfalt, die er seinem +Äußeren zuwandte, der Luxus, den er mit seiner Toilette trieb, war in +Wirklichkeit etwas gründlich anderes. Es war ursprünglich um nichts +mehr, als das Bestreben eines Menschen der Aktion, sich vom Kopf bis zur +Zehe stets jener Korrektheit und Intaktheit bewußt zu sein, die Haltung +gibt. Die Anforderungen aber wuchsen, die er selbst und die Leute an +seine Begabung und seine Kräfte stellten. Er war mit privaten und +öffentlichen Pflichten überhäuft. Bei der »Ratssetzung«, der Verteilung +der Ämter an die Mitglieder des Senates, war ihm als Hauptressort das +Steuerwesen zugefallen. Aber auch Eisenbahn-, Zoll- und andere +staatliche Geschäfte nahmen ihn in Anspruch, und in tausend Sitzungen +von Verwaltungs- und Aufsichtsräten, in denen ihm seit seiner Wahl das +Präsidium zufiel, bedurfte es seiner ganzen Umsicht, Liebenswürdigkeit +und Elastizität, um beständig die Empfindlichkeit weit bejahrterer Leute +zu berücksichtigen, sich scheinbar ihrer älteren Erfahrung unterzuordnen +und dennoch die Macht in Händen zu behalten. Wenn das Merkwürdige zu +beobachten war, daß gleichzeitig seine »Eitelkeit«, das heißt dieses +Bedürfnis, sich körperlich zu erquicken, zu erneuern, mehrere Male am +Tage die Kleidung zu wechseln, sich wiederherzustellen und morgenfrisch +zu machen, in auffälliger Weise zunahm, so bedeutete das, obgleich +Thomas Buddenbrook kaum 37 Jahre zählte, ganz einfach ein Nachlassen +seiner Spannkraft, eine raschere Abnützbarkeit ... + +Bat der gute Doktor Grabow ihn, sich ein wenig mehr Ruhe zu gönnen, so +antwortete er: »Oh, mein lieber Doktor! Soweit bin ich noch nicht.« Er +wollte damit sagen, daß er noch unabsehbar viel an sich zu arbeiten +habe, bevor er, dermaleinst vielleicht, sich einen Zustand erobert haben +würde, den er, fertig und am Ziele, nun in Behagen würde genießen +können. In Wahrheit glaubte er kaum an diesen Zustand. Es trieb ihn +vorwärts und ließ ihm keinen Frieden. Auch wenn er scheinbar ruhte, nach +Tisch vielleicht, mit den Zeitungen, arbeiteten, während er mit einer +gewissen langsamen Leidenschaftlichkeit die ausgezogene Spitze seines +Schnurrbartes drehte und an seinen blassen Schläfen die Adern sichtbar +wurden, tausend Pläne in seinem Kopf durcheinander. Und sein Ernst war +gleich heftig beim Ersinnen eines geschäftlichen Manövers oder einer +öffentlichen Rede, wie bei dem Vorhaben, nun endlich einmal kurzerhand +seinen gesamten Vorrat an Leibwäsche zu erneuern, um wenigstens in +dieser Beziehung für einige Zeit fertig und in Ordnung zu sein! + +Wenn solche Anschaffungen und Restaurierungen ihm vorübergehend eine +gewisse Befriedigung und Beruhigung gewährten, so mochte er die Ausgaben +dafür sich skrupellos gestatten, denn seine Geschäfte gingen in diesen +Jahren so ausgezeichnet wie ehemals nur zur Zeit seines Großvaters. Der +Name der Firma gewann nicht nur in der Stadt, sondern auch draußen an +Klang, und innerhalb des Gemeinwesens wuchs noch immer sein Ansehen. +Jedermann anerkannte mit Neid oder freudiger Teilnahme seine Tüchtigkeit +und Geschicklichkeit, während er selbst vergeblich danach rang, mit +Behagen in Reihe und Ordnung zu schaffen, weil er hinter seiner +planenden Phantasie sich beständig zum Verzweifeln im Rückstande fühlte. + +So war es nicht Übermut, daß Senator Buddenbrook im Sommer dieses Jahres +63 umherging und über dem Plane sann, sich ein großes, neues Haus zu +bauen. Wer glücklich ist, bleibt am Platze. Seine Rastlosigkeit trieb +ihn dazu, und seine Mitbürger hätten dies Unternehmen seiner »Eitelkeit« +zurechnen können, denn es gehörte dazu. Ein neues Haus, eine radikale +Veränderung des äußeren Lebens, Aufräumen, Umzug, Neuinstallierung mit +Ausscheidung alles Alten und Überflüssigen, des ganzen Niederschlages +vergangener Jahre: diese Vorstellungen gaben ihm ein Gefühl von +Sauberkeit, Neuheit, Erfrischung, Unberührtheit, Stärkung ... und er +mußte alles dessen wohl bedürftig sein, denn er griff mit Eifer danach +und hatte sein Augenmerk schon auf eine bestimmte Stelle gerichtet. + +Es war ein ziemlich umfangreiches Grundstück in der unteren +Fischergrube. Ein altersgraues, schlecht unterhaltenes Haus stand dort +zum Verkaufe, dessen Besitzerin, eine steinalte Jungfer, die es als ein +Überbleibsel einer vergessenen Familie ganz allein bewohnt hatte, +kürzlich gestorben war. An diesem Platze wollte der Senator sein Haus +erstehen lassen, und auf seinen Gängen zum Hafen passierte er ihn oft +mit prüfenden Blicken. Die Nachbarschaft war sympathisch: gute +Bürgerhäuser mit Giebeln; am bescheidensten unter ihnen erschien das +_vis-à-vis_: ein schmales Ding mit einem kleinen Blumenladen im +Erdgeschoß. + +Er beschäftigte sich angestrengt mit diesem Unternehmen. Er machte einen +ungefähren Überschlag der Kosten, und obgleich die Summe, die er +vorläufig festsetzte, nicht gering war, fand er, daß er sie ohne +Überanstrengung zu leisten vermochte. Dennoch erblaßte er bei dem +Gedanken, daß das Ganze vielleicht ein unnützer Streich sein könne, und +gestand sich, daß sein jetziges Haus für ihn, seine Frau, sein Kind und +die Dienerschaft ja eigentlich Raum in Fülle hatte. Aber seine +halbbewußten Bedürfnisse waren stärker, und in dem Wunsche, von außen +her in seinem Vorhaben bekräftigt und berechtigt zu werden, eröffnete er +sich zunächst seiner Schwester. + +»Kurz, Tony, was hältst du von der Sache! Die Wendeltreppe zum +Badezimmer ist ja ganz spaßhaft, aber im Grunde ist das Ganze doch bloß +eine Schachtel. Es ist so wenig repräsentabel, wie? Und jetzt, wo du es +richtig dahin gebracht hast, daß ich Senator geworden bin ... Mit einem +Worte: Bin ich's mir schuldig ...?« + +Ach, mein Gott, was war er sich in Madame Permaneders Augen nicht +schuldig! Sie war voll ernster Begeisterung. Sie kreuzte die Arme auf +der Brust und ging mit etwas erhobenen Schultern und zurückgelegtem +Kopfe im Zimmer umher. + +»Da hast du recht, Tom! O Gott, wie recht du hast! Da gibt es gar keinen +Einwand, denn wer zum Überfluß eine Arnoldsen mit 100000 Talern hat ... +Übrigens bin ich stolz, daß du mich zuerst ins Vertrauen ziehst, das ist +schön von dir!... Und =wenn= schon, Tom, dann auch =vornehm=, das sage +ich dir ...!« + +»Nun ja, der Meinung bin ich auch. Ich will etwas daranwenden. Voigt +soll es machen, und ich freue mich schon darauf, den Riß mit dir zu +besehen. Voigt hat viel Geschmack ...« + +Die zweite Zustimmung, die Thomas sich einholte, war diejenige Gerdas. +Sie lobte den Plan durchaus. Das Getümmel des Umzuges würde nichts +Angenehmes sein, aber die Aussicht auf ein großes Musikzimmer mit guter +Akustik stimmte sie glücklich. Und was die alte Konsulin betraf, so war +sie sofort bereit, den Bau als logische Folge der übrigen Glücksfälle zu +betrachten, die sie mit Genugtuung und Dank gegen Gott erlebte. Seit der +Geburt des Erben und des Konsuls Wahl in den Rat äußerte sich ihr +Mutterstolz noch unverhohlener als früher; sie hatte eine Art, »mein +Sohn, der Senator« zu sagen, die die Damen Buddenbrook aus der Breiten +Straße aufs höchste irritierte. + +Die alternden Mädchen fanden wahrhaftig allzu wenig Ablenkung von dem +Anblick des eklatanten Aufschwunges, den Thomas' äußeres Leben nahm. Am +Donnerstag die arme Klothilde zu verhöhnen, bereitete wenig Genugtuung, +und über Christian, der durch Vermittlung Mr. Richardsons, seines +ehemaligen Prinzipals, in London eine Stellung gefunden und von dort aus +ganz kürzlich den aberwitzigen Wunsch herübertelegraphiert hatte, +Fräulein Puvogel als Gattin sich zu nehmen, worauf er allerdings von der +Konsulin aufs strengste zurückgewiesen war ... über Christian, der ganz +einfach zur Rangordnung Jakob Krögers gehörte, waren die Akten +geschlossen. So entschädigte man sich ein wenig an den kleinen Schwächen +der Konsulin und Frau Permaneders, indem man zum Beispiel das Gespräch +auf Haartrachten brachte; denn die Konsulin war imstande, mit der +sanftesten Miene zu sagen, sie trage »ihr« Haar schlicht ... während +doch alle von Gott mit Verstand begabten Menschen, vor allen aber die +Damen Buddenbrook sich sagen mußten, daß der unveränderlich +rötlichblonde Scheitel unter der Haube der alten Dame längst nicht mehr +»ihr« Haar genannt werden könne. Noch lohnender aber war es, Kusine Tony +zu veranlassen, sich ein wenig über die Personen zu äußern, die ihr +bisheriges Leben in hassenswerter Weise beeinflußt hatten. +Tränen-Trieschke! Grünlich! Permaneder! Hagenströms!... Diese Namen, die +Tony, wenn sie gereizt ward, wie ebenso viele kleine Trompetenstöße des +Abscheus mit etwas emporgezogenen Schultern in die Luft hinein verlauten +ließ, klangen den Töchtern Onkel Gottholds recht angenehm in die Ohren. + +Übrigens verhehlten sie sich nicht -- und übernahmen keineswegs die +Verantwortung, es zu verschweigen --, daß der kleine Johann zum +Erschrecken langsam gehen und sprechen lerne ... Sie waren im Rechte +damit, und es ist zuzugeben, daß Hanno -- dies war der Rufname, den Frau +Senator Buddenbrook für ihren Sohn eingeführt hatte -- zu einer Zeit, +als er alle Mitglieder seiner Familie mit ziemlicher Korrektheit zu +nennen vermochte, noch immer außerstande war, die Namen Friederike, +Henriette und Pfiffi in verständlicher Weise zu bilden. Was das Gehen +betraf, so war ihm jetzt, im Alter von fünf Vierteljahren, noch kein +selbständiger Schritt gelungen, und es war um diese Zeit, daß die Damen +Buddenbrook mit hoffnungslosem Kopfschütteln erklärten, dieses Kind +werde stumm und lahm bleiben für sein ganzes Leben. + +Sie durften später diese traurige Prophezeiung als Irrtum erkennen; aber +niemand leugnete, daß Hanno in seiner Entwicklung ein wenig zurückstand. +Er hatte gleich in der frühesten Zeit seines Lebens schwere Kämpfe zu +bestehen gehabt und seine Umgebung in beständiger Furcht gehalten. Als +ein stilles und wenig kräftiges Kind war er zur Welt gekommen, und bald +nach der Taufe hatte ein nur drei Tage dauernder Anfall von +Brechdurchfall beinahe genügt, sein mit Mühe in Gang gebrachtes kleines +Herz endgültig stillstehen zu lassen. Er blieb am Leben, und der gute +Doktor Grabow traf nun, mit der sorgfältigsten Ernährung und Pflege, +Vorkehrungen gegen die drohenden Krisen des Zahnens. Kaum aber wollte +die erste weiße Spitze den Kiefer durchbrechen, als auch schon die +Krämpfe sich einstellten, um sich dann stärker und einige Male in +Entsetzen erregender Weise zu wiederholen. Wieder kam es dahin, daß der +alte Arzt den Eltern nur noch wortlos die Hände drückte ... Das Kind lag +in tiefster Erschöpfung, und der stiere Seitenblick der tief +umschatteten Augen deutete auf eine Gehirnaffektion. Das Ende schien +fast wünschenswert. + +Dennoch gelangte Hanno wieder zu einigen Kräften, sein Blick begann die +Dinge zu fassen, und wenn auch die überstandenen Strapazen seine +Fortschritte im Sprechen und Gehen verlangsamten, so gab es nun doch +keine unmittelbare Gefahr mehr zu fürchten. + +Hanno war schlankgliedrig und ziemlich lang für sein Alter. Sein +hellbraunes, sehr weiches Haar begann in dieser Zeit ungemein schnell zu +wachsen und fiel bald, kaum merklich gewellt, auf die Schultern seines +faltigen, schürzenartigen Kleidchens nieder. Schon begannen die +Familienähnlichkeiten sich vollkommen erkennbar bei ihm auszuprägen. Von +Anbeginn besaß er ganz ausgesprochen die Hände der Buddenbrooks: breit, +ein wenig zu kurz, aber fein gegliedert; und seine Nase war genau die +seines Vaters und Urgroßvaters, wenn auch die Flügel noch zarter bleiben +zu wollen schienen. Das ganze längliche und schmale Untergesicht jedoch +gehörte weder den Buddenbrooks noch den Krögers, sondern der +mütterlichen Familie -- wie auch vor allem sein Mund, der frühzeitig -- +schon jetzt -- dazu neigte, sich in zugleich wehmütiger und ängstlicher +Weise verschlossen zu halten ... mit diesem Ausdruck, dem später der +Blick seiner eigenartig goldbraunen Augen mit den bläulichen Schatten +sich immer mehr anpaßte ... + +Unter den Blicken voll verhaltener Zärtlichkeit, die sein Vater ihm +schenkte, unter der Sorgfalt, mit der seine Mutter seine Kleidung und +Pflege überwachte, angebetet von seiner Tante Antonie, mit Reitern und +Kreiseln beschenkt von der Konsulin und Onkel Justus -- begann er zu +leben, und wenn sein hübscher kleiner Wagen auf der Straße erschien, +blickten die Leute ihm mit Interesse und Erwartung nach. Was aber die +würdige Kinderfrau Madame Decho betraf, die zunächst noch den Dienst +versah, so war es beschlossene Sache, daß in das neue Haus nicht mehr +sie, sondern an ihrer Statt Ida Jungmann einziehen sollte, während die +Konsulin sich nach anderer Hilfe umsehen würde ... + +Senator Buddenbrook verwirklichte seine Pläne. Der Ankauf des +Grundstückes in der Fischergrube machte keinerlei Schwierigkeiten, und +das Haus in der Breiten Straße, zu dessen Übernahme der Makler Gosch +sich sofort mit Ingrimm bereit erklärt hatte, brachte Herr Stephan +Kistenmaker, dessen Familie wuchs und der mit seinem Bruder in Rotspohn +gutes Geld verdiente, unmittelbar käuflich an sich. Herr Voigt übernahm +den Bau, und bald schon konnte man Donnerstags im Familienkreise seinen +sauberen Riß entrollen und die Fassade im voraus schauen: ein prächtiger +Rohbau mit Sandstein-Karyatiden, die den Erker trugen, und einem flachen +Dache, über welches Klothilde gedehnt und freundlich bemerkte, daß man +nachmittags Kaffee darauf trinken könne ... Selbst in betreff der +Parterreräumlichkeiten des Mengstraßenhauses, die nun leer stehen +würden, denn auch seine Kontors gedachte der Senator in die Fischergrube +zu verlegen, ordnete sich rasch alles zum besten, denn es erwies sich, +daß die städtische Feuer-Versicherungsgesellschaft gewillt war, die +Stuben mietweise als Büros zu übernehmen. + +Der Herbst kam, graues Gemäuer stürzte zu Schutt zusammen, und über +geräumigen Kellern erwuchs, während der Winter hereinbrach und wieder an +Kraft verlor, Thomas Buddenbrooks neues Haus. Kein Gesprächsstoff in der +Stadt, der anziehender gewesen wäre! Es wurde tipptopp, es wurde das +schönste Wohnhaus weit und breit! Gab es etwa in Hamburg schönere?... +Mußte aber auch verzweifelt teuer sein, und der alte Konsul hätte solche +Sprünge sicherlich nicht gemacht ... Die Nachbarn, die Bürgersleute in +den Giebelhäusern, lagen in den Fenstern, sahen den Arbeiten der Männer +auf den Gerüsten zu, freuten sich, wie der Bau emporstieg, und suchten +den Zeitpunkt des Richtfestes zu bestimmen. + +Es kam heran und ward mit allen Umständlichkeiten begangen. Droben auf +dem flachen Dache hielt ein alter Maurerpolier eine Rede, an deren Ende +er eine Champagnerflasche über seine Schulter schleuderte, während +zwischen den Fahnen die großmächtige Richtkrone aus Rosen, grünem Laub +und bunten Blättern schwerfällig im Winde schwankte. Dann aber ward in +einem nahen Wirtshause den sämtlichen Arbeitern an langen Tischen ein +Festmahl mit Bier, belegtem Butterbrot und Zigarren gegeben, und mit +seiner Gattin und seinem kleinen Sohne, den Madame Decho auf dem Arme +trug, schritt Senator Buddenbrook in dem niedrigen Raume zwischen den +Reihen der Tafelnden hindurch und nahm dankend die Hochrufe entgegen, +die man ihm darbrachte. + +Draußen ward Hanno wieder in seinen Wagen gesetzt, und Thomas +überschritt mit Gerda den Fahrdamm, um noch einen Blick an der roten +Fassade mit den weißen Karyatiden hinaufgleiten zu lassen. Drüben, vor +dem kleinen Blumenladen mit der schmalen Tür und dem dürftigen +Schaufensterchen, in welchem ein paar Töpfe mit Zwiebelgewächsen +nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe paradierten, stand Iwersen, +der Besitzer des Geschäftes, ein blonder, riesenstarker Mann, in +wollener Jacke, neben seiner Frau, die weit schmächtiger war und einen +dunklen, südlichen Gesichtstypus zeigte. Sie hielt einen vier- oder +fünfjährigen Jungen an der einen Hand, schob mit der andern ein +Wägelchen, in dem ein kleineres Kind schlummerte, langsam hin und her +und befand sich ersichtlich in guter Hoffnung. + +Iwersen verbeugte sich ebenso tief wie ungeschickt, während seine Frau, +die nicht aufhörte, das Kinderwägelchen hin und her zu rollen, aus ihren +schwarzen, länglich geschnittenen Augen ruhig und aufmerksam die +Senatorin betrachtete, die am Arme ihres Gatten auf sie zukam. + +Thomas blieb stehen und wies mit dem Stock nach der Richtkrone hinauf. + +»Das haben Sie schön gemacht, Iwersen!« + +»Kömmt nich mir zu, Herr Senator. Dat's min Fru eer Saak.« + +»Ah!« sagte der Senator kurz, wobei er mit einem kleinen Ruck den Kopf +erhob und eine Sekunde lang hell, fest und freundlich in das Gesicht +Frau Iwersens blickte. Und ohne ein Wort hinzuzufügen, verabschiedete er +sich mit einer verbindlichen Handbewegung. + + +Sechstes Kapitel + +Eines Sonntags, zu Beginn des Juli -- Senator Buddenbrook hatte seit +etwa vier Wochen sein neues Haus bezogen -- erschien Frau Permaneder +noch gegen Abend bei ihrem Bruder. Sie überschritt den kühlen, +steinernen Flur, der mit Reliefs nach Thorwaldsen geschmückt war und von +dem zur Rechten eine Tür in die Kontors führte, schellte an der +Windfangtür, die von der Küche aus durch den Druck auf einen Gummiball +geöffnet werden konnte, und erfuhr auf dem geräumigen Vorplatz, wo, am +Fuße der Haupttreppe, der Bär, das Geschenk der Tiburtius', stand, von +Anton, dem Bedienten, daß der Senator noch bei der Arbeit sei. + +»Schön«, sagte sie, »danke, Anton; ich gehe zu ihm.« + +Aber sie schritt zuvor noch am Kontoreingang vorbei, ein wenig nach +rechts, dorthin, wo über ihr das kolossale Treppenhaus sich auftat, +dieses Treppenhaus, das im ersten Stockwerk von der Fortsetzung des +gußeisernen Treppengeländers gebildet ward, in der Höhe der zweiten +Etage aber zu einer weiten Säulengalerie in Weiß und Gold wurde, während +von der schwindelnden Höhe des »einfallenden Lichtes« ein mächtiger, +goldblanker Lustre herniederschwebte ... »Vornehm!« sagte Frau +Permaneder leise und befriedigt, indem sie in diese offene und helle +Pracht hineinblickte, die ihr ganz einfach die Macht, den Glanz und +Triumph der Buddenbrooks bedeutete. Dann aber fiel ihr ein, daß sie in +einer betrübenden Angelegenheit hierhergekommen sei, und sie wandte sich +langsam dem Kontoreingang zu. + +Thomas war ganz allein dort drinnen; er saß an seinem Fensterplatz und +schrieb einen Brief. Er blickte auf, indem er eine seiner hellen Brauen +emporzog, und streckte seiner Schwester die Hand entgegen. + +»'n Abend, Tony. Was bringst du Gutes.« + +»Ach, nicht viel Gutes, Tom!... Nein, das Treppenhaus ist gar zu +herrlich!... Übrigens sitzest du hier im Halbdunkeln und schreibst.« + +»Ja ... ein eiliger Brief. -- Also nichts Gutes? Jedenfalls wollen wir +ein bißchen im Garten herumgehen dabei; das ist angenehmer. Komm.« + +Ein Geigenadagio tönte tremolierend aus der ersten Etage herab, während +sie über die Diele gingen. + +»Horch!« sagte Frau Permaneder und blieb einen Augenblick stehen ... +»Gerda spielt. Wie himmlisch! O Gott, dieses Weib ... sie ist eine Fee! +Wie geht es Hanno, Tom?« + +»Er wird gerade mit der Jungmann zu Abend essen. Schlimm, daß es mit +seinem Gehen noch immer nicht so recht vorwärts will ...« + +»Das wird schon kommen, Tom, wird schon kommen! Wie seid ihr mit Ida +zufrieden?« + +»Oh, wie sollten wir nicht zufrieden sein ...« + +Sie passierten den rückwärts gelegenen steinernen Flur, indem sie die +Küche zur Rechten ließen, und traten durch eine Glastür über zwei Stufen +in den zierlichen und duftenden Blumengarten hinaus. + +»Nun?« fragte der Senator. + +Es war warm und still. Die Düfte der reinlich abgezirkelten Beete lagen +in der Abendluft, und der von hohen lilafarbenen Iris umstandene +Springbrunnen sandte seinen Strahl mit friedlichem Plätschern dem +dunklen Himmel entgegen, an dem die ersten Sterne zu erglimmen begannen. +Im Hintergrunde führte eine kleine, von zwei niedrigen Obelisken +flankierte Freitreppe zu einem erhöhten Kiesplatze empor, auf welchem +ein offener, hölzerner Pavillon stand, der mit seiner herabgelassenen +Markise einige Gartenstühle beschirmte. Zur Linken ward das Grundstück +durch eine Mauer vom Nachbargarten abgegrenzt; rechts aber war die +Seitenwand des Nebenhauses in ihrer ganzen Höhe mit einem hölzernen +Gerüst verkleidet, das bestimmt war, mit der Zeit von Schlinggewächsen +bedeckt zu werden. Es gab zu den Seiten der Freitreppe und des +Pavillonplatzes ein paar Johannis- und Stachelbeersträucher; aber nur +=ein= großer Baum war da, ein knorriger Walnußbaum, der links an der +Mauer stand. + +»Die Sache ist die«, antwortete Frau Permaneder zögernd, während die +Geschwister auf dem Kieswege langsam den vorderen Platz zu umschreiten +begannen ... »Tiburtius schreibt ...« + +»Klara?!« fragte Thomas ... »Bitte, kurz und ohne Umstände!« + +»Ja, Tom, sie liegt, es steht schlimm mit ihr, und der Doktor fürchtet, +daß es Tuberkeln sind ... Gehirntuberkulose ... so schwer es mir fällt, +es auszusprechen. Sieh her: dies ist der Brief, den ihr Mann mir +schreibt. Diese Einlage, die an Mutter adressiert ist und in der, sagt +er, dasselbe steht, sollen wir ihr geben, nachdem wir sie ein bißchen +vorbereitet haben. Und dann ist hier noch diese zweite Einlage: auch an +Mutter und von Klara selbst sehr unsicher mit Bleistift geschrieben. Und +Tiburtius erzählt, daß sie selbst dabei gesagt hat, es seien ihre +letzten Zeilen, denn es sei das Traurige, daß sie sich gar keine Mühe +gäbe, zu leben. Sie hat sich ja immer nach dem Himmel gesehnt ...« +schloß Frau Permaneder und trocknete ihre Augen. + +Der Senator ging schweigend, die Hände auf dem Rücken und mit tief +gesenktem Kopfe neben ihr. + +»Du bist so still, Tom ... Und du hast recht; was soll man sagen? Und +dies grade jetzt, wo auch Christian krank in Hamburg liegt ...« + +Denn so verhielt es sich. Christians »Qual« in der linken Seite war in +letzter Zeit zu London so stark geworden, hatte sich in so reelle +Schmerzen verwandelt, daß er alle seine kleineren Beschwerden darüber +vergessen hatte. Er hatte sich nicht mehr zu helfen gewußt, hatte seiner +Mutter geschrieben, er müsse nach Hause kommen, um sich von ihr pflegen +zu lassen, hatte seinen Platz in London fahren lassen und war abgereist. +Kaum aber in Hamburg angelangt, hatte er zu Bette gehen müssen, der +Arzt hatte Gelenkrheumatismus festgestellt und Christian aus dem Hotel +ins Krankenhaus schaffen lassen, da eine Weiterreise fürs erste +unmöglich sei. Da lag er nun und diktierte seinem Wärter höchst +trübselige Briefe ... + +»Ja«, antwortete der Senator leise; »es scheint, daß eins zum andern +kommen soll.« + +Sie legte einen Augenblick den Arm um seine Schultern. + +»Aber du mußt nicht verzagt sein, Tom! Dazu hast du noch lange kein +Recht! Du hast guten Mut nötig ...« + +»Ja, bei Gott, den hätte ich nötig!« + +»Wieso, Tom?... Sage mal: Warum warst du eigentlich vorgestern, +Donnerstag, den ganzen Nachmittag so schweigsam, wenn ich das wissen +darf?« + +»Ach ... Geschäfte, mein Kind. Ich habe eine nicht ganz kleine Partie +Roggen nicht sehr vorteilhaft ... na, kurz und gut: eine große Partie +sehr unvorteilhaft verkaufen müssen ...« + +»Oh, das kommt vor, Tom! Das passiert heute, und morgen bringst du's +wieder ein. Sich dadurch gleich die Stimmung verderben zu lassen ...« + +»Falsch, Tony«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Meine Stimmung ist +nicht unter Null, weil ich Mißerfolg habe. =Umgekehrt.= Das ist mein +Glaube, und darum trifft es auch zu.« + +»Aber, was ist denn mit deiner Stimmung?!« fragte sie erschreckt und +erstaunt. »Man sollte annehmen ... du solltest fröhlich sein, Tom! Klara +ist am Leben ... alles wird gut gehen mit Gottes Hilfe! Und im übrigen? +Hier gehen wir in deinem Garten umher, und alles duftet nur so. Dort +liegt dein Haus, ein Traum von einem Haus; Hermann Hagenström bewohnt +eine Kate im Vergleiche damit! Das alles hast du zuwege gebracht ...« + +»Ja, es ist fast zu schön, Tony. Ich will sagen: es ist noch zu neu. Es +verstört mich noch ein wenig, und daher mag die üble Stimmung kommen, +die mir zusetzt und mir in allen Dingen schadet. Ich habe mich sehr auf +dies alles gefreut, aber diese Vorfreude war, wie ja immer, das Beste, +denn das Gute kommt immer zu spät, immer wird es zu spät fertig, wenn +man sich nicht mehr recht darüber freuen kann ...« + +»Nicht mehr freuen, Tom! Jung wie du bist!« + +»Man ist so jung oder alt wie man sich fühlt. -- Und =wenn= es kommt, +das Gute und Erwünschte, schwerfällig und verspätet, so kommt es, +behaftet mit allem kleinlichen, störenden, ärgerlichen Beiwerk, allem +Staube der Wirklichkeit, mit dem man in der Phantasie nicht gerechnet +hat, und der einen reizt ... reizt ...« + +»Ja, ja ... Aber so jung oder alt wie man sich =fühlt=, Tom --?« + +»Ja, Tony. Es mag vorübergehen ... eine Verstimmung -- gewiß. Aber ich +fühle mich in dieser Zeit älter, als ich bin. Ich habe geschäftliche +Sorgen, und im Aufsichtsrat der Büchener Eisenbahn hat mich Konsul +Hagenström gestern ganz einfach zu Boden geredet, widerlegt, beinahe dem +allgemeinen Lächeln ausgesetzt ... Mir ist, als ob mir dergleichen +früher nicht hätte geschehen können. Mir ist, als ob mir etwas zu +entschlüpfen begönne, als ob ich dieses Unbestimmte nicht mehr so fest +in Händen hielte, wie ehemals ... Was ist der Erfolg? Eine geheime, +unbeschreibliche Kraft, Umsichtigkeit, Bereitschaft ... das Bewußtsein, +einen Druck auf die Bewegungen des Lebens um mich her durch mein bloßes +Vorhandensein auszuüben ... Der Glaube an die Gefügigkeit des Lebens zu +meinen Gunsten ... Glück und Erfolg sind in uns. Wir müssen sie halten: +fest, tief. Sowie hier drinnen etwas nachzulassen beginnt, sich +abzuspannen, müde zu werden, alsbald wird alles frei um uns her, +widerstrebt, rebelliert, entzieht sich unserem Einfluß ... Dann kommt +eines zum andern, Schlappe folgt auf Schlappe, und man ist fertig. Ich +habe in den letzten Tagen oft an ein türkisches Sprichwort gedacht, das +ich irgendwo las: `Wenn das Haus fertig ist, so kommt der Tod´. Nun, es +braucht noch nicht grade der Tod zu sein. Aber der Rückgang ... der +Abstieg ... der Anfang vom Ende ... Siehst du, Tony«, fuhr er fort, +indem er den Arm unter den seiner Schwester schob, und seine Stimme +wurde noch leiser: »Als wir Hanno tauften, erinnerst du dich? Da sagtest +du zu mir: `Mir ist, als ob jetzt noch eine ganz neue Zeit beginnen +müsse!´ Ich höre es noch ganz deutlich, und es schien dann, als solltest +du recht bekommen, denn es kam die Senatswahl, und ich hatte Glück, und +hier wuchs das Haus aus dem Erdboden. Aber `Senator´ und Haus sind +Äußerlichkeiten, und ich weiß etwas, woran du noch nicht gedacht hast, +ich weiß es aus Leben und Geschichte. Ich weiß, daß oft die äußeren, +sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glückes und +Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder abwärts +geht. Diese äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das Licht +eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht +schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am +hellsten strahlt ...« + +Er verstummte, und sie gingen eine Weile schweigend, während der +Springbrunnen in der Stille plätscherte und es in der Krone des +Walnußbaumes flüsterte. Dann atmete Frau Permaneder so mühsam auf, daß +es wie Schluchzen klang. + +»Wie traurig du sprichst, Tom! So traurig wie noch nie! Aber es ist gut, +daß du dich ausgesprochen hast, und nun wird es dir leichter werden, dir +alles das aus dem Sinn zu schlagen.« + +»Ja, Tony, das muß ich, so gut es geht, versuchen. Und nun gib mir die +beiden Einlagen von Klara und dem Pastor. Es wird dir recht sein, wenn +ich dir die Sache abnehme und morgen vormittag selbst mit Mutter +spreche. Die gute Mutter! Aber wenn es Tuberkeln sind, so muß man sich +ergeben.« + + +Siebentes Kapitel + +»Und du fragst mich nicht?! Du gehst über mich hinweg?!« + +»Ich habe gehandelt, wie ich handeln mußte!« + +»Du hast über alle Grenzen verwirrt und vernunftlos gehandelt!« + +»Vernunft ist nicht das Höchste auf Erden!« + +»Oh, keine Phrasen!... Es handelt sich um die einfachste Gerechtigkeit, +die du in empörender Weise außer acht gelassen hast!« + +»Ich bemerke dir, mein Sohn, daß du deinerseits in deinem Tone die +Ehrfurcht außer acht läßt, die du mir schuldest!« + +»Und ich entgegne dir, meine liebe Mutter, daß ich diese Ehrfurcht noch +niemals vergessen habe, daß aber meine Eigenschaft als Sohn zu Null +wird, sobald ich dir in Sachen der Firma und der Familie als männliches +Oberhaupt und an der Stelle meines Vaters gegenüberstehe!« ... + +»Ich will nun, daß du schweigst, Thomas!« + +»O nein! ich werde nicht schweigen, bis du deine maßlose Torheit und +Schwäche erkennst!« + +»Ich disponiere über mein Vermögen wie es mir beliebt!« + +»Billigkeit und Vernunft setzen deinem Belieben Schranken!« + +»Nie hätte ich gedacht, daß du mich so zu kränken vermöchtest!« + +»Nie hätte ich gedacht, daß du mir so rücksichtslos ins Gesicht zu +schlagen vermöchtest ...!« + +»Tom!... Aber Tom!« ließ sich Frau Permaneders verängstigte Stimme +vernehmen. Sie saß, die Hände ringend, am Fenster des Landschaftszimmers, +während ihr Bruder mit furchtbar erregten Schritten den Raum durchmaß +und die Konsulin, aufgelöst in Zorn und Schmerz, auf dem Sofa saß, indem +sie sich mit einer Hand auf das Polster stützte und die andere bei einem +heftigen Wort auf die Tischplatte niederfallen ließ. Alle drei trugen +Trauer um Klara, die nicht mehr auf Erden weilte, und alle drei waren +bleich und außer sich ... + +Was ging vor? Etwas Entsetzliches, Grauenerregendes, etwas, was den +Beteiligten selbst als monströs und unglaublich erschien! Ein Streit, +eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn! + +Es war im August, an einem schwülen Nachmittage. Zehn Tage schon, +nachdem der Senator seiner Mutter mit aller Vorsicht die beiden Briefe +von Sievert und Klara Tiburtius überreicht hatte, war ihm die schwere +Aufgabe geworden, die alte Dame mit der Todesnachricht zu treffen. Dann +war er zum Begräbnis nach Riga gereist, war zusammen mit seinem Schwager +Tiburtius zurückgekehrt, der einige Tage bei der Familie seiner +entschlafenen Gattin verbracht, und auch Christian im Hamburger +Krankenhause besucht hatte ... und jetzt, da der Pastor seit zwei Tagen +sich wieder in seiner Heimat befand, hatte die Konsulin ihrem Sohne mit +ersichtlichem Zögern diese Eröffnung gemacht ... + +»Hundertsiebenundzwanzigtausendfünfhundert Kurantmark!« rief er und +schüttelte die gefalteten Hände vor seinem Gesicht. »Sei's um die +Mitgift! Hätte er doch die Achtzigtausend behalten mögen, obgleich kein +Kind vorhanden ist! Aber das Erbe! Klaras Erbe ihm zuzusprechen! Und du +fragst mich nicht! Du gehst über mich hinweg!« ... + +»Thomas, um Christi willen, laß mir Gerechtigkeit widerfahren! Konnte +ich denn anders? Konnte ich es denn?!... Sie, die nun bei Gott, und all +dem entrückt ist, sie schreibt mir von ihrem Sterbebette aus ... mit +Bleistift ... mit zitternder Hand ... `Mutter´, schreibt sie, `wir +werden uns hier unten niemals wiedersehen, und dies sind, das fühle ich +so deutlich, meine letzten Zeilen ... Mit meinem letzten Bewußtsein +schreibe ich sie, das meinem Manne gilt ... Gott hat uns nicht mit +Kindern gesegnet; aber was =mein= gewesen wäre, wenn ich Dich überlebt +hätte, laß es, wenn Du mir dereinst =dorthin= nachfolgst -- laß es =ihm= +zufallen, damit er es zu seinen Lebzeiten genieße! Mutter, es ist meine +letzte Bitte ... die Bitte einer Sterbenden ... Du wirst sie mir nicht +abschlagen ...´ Nein, Thomas! ich habe sie ihr nicht abgeschlagen; ich +konnte es nicht! Ich habe ihr depeschiert, und sie ist in Frieden +hinübergegangen ...« Die Konsulin weinte heftig. + +»Und man gönnt mir nicht eine Silbe! Man verheimlicht mir alles! Man +geht über mich hinweg!« wiederholte der Senator. + +»Ja, ich =habe= geschwiegen, Thomas; denn ich fühlte, daß ich die letzte +Bitte meines sterbenden Kindes erfüllen =mußte= ... und ich weiß, daß du +versucht hättest, es mir zu verbieten!« + +»Ja! bei Gott! Das hätte ich!« + +»Und du hättest das Recht nicht dazu gehabt, denn drei meiner Kinder +sind einig mit mir!« + +»Oh, mich dünkt, meine Meinung wiegt die zweier Damen und eines maroden +Narren auf ...« + +»Du sprichst so lieblos von deinen Geschwistern, wie hart zu mir!« + +»Klara war eine fromme aber unwissende Frau, Mutter! Und Tony ist ein +Kind, -- das übrigens bis zur Stunde ebenfalls nichts gewußt hat, denn +es hätte ja zur Unzeit geplaudert, nicht wahr? Und Christian?... Ja, er +hat sich Christians Einwilligung verschafft, dieser Tiburtius ... Wer +hätte dergleichen von ihm erwartet?!... Weißt du noch nicht, begreifst +du noch nicht, was er ist, dieser ingeniöse Pastor? Ein Wicht ist er! +Ein Erbschleicher ...!« + +»Schwiegersöhne sind immer Filous«, sagte Frau Permaneder mit dumpfer +Stimme. + +»Ein Erbschleicher! Was tut er? Er fährt nach Hamburg, er setzt sich an +Christians Bett und redet auf ihn ein. `Ja!´ sagt Christian. `Ja, +Tiburtius. Gott befohlen. Haben Sie einen Begriff von der Qual in meiner +linken Seite?...´ Oh, Dummheit und Schlechtigkeit sind gegen mich +verschworen --!« Und der Senator -- außer sich, an das Schmiedeeisengitter +der Ofennische gelehnt -- drückte seine beiden verschlungenen Hände +gegen die Stirn. + +Dieser Paroxysmus von Entrüstung entsprach nicht den Umständen! Nein, es +waren nicht diese 127500 Kurantmark, die ihn in einen Zustand +versetzten, wie ihn noch niemals irgend jemand an ihm beobachtet hatte! +Es war vielmehr dies, daß in seinem vorher schon gereizten Empfinden +sich auch dieser Fall noch der Kette von Niederlagen und Demütigungen +anreihte, die er während der letzten Monate im Geschäft und in der Stadt +hatte erfahren müssen ... Nichts fügte sich mehr! Nichts ging mehr nach +seinem Willen! War es so weit gekommen, daß man im Hause seiner Väter in +den wichtigsten Angelegenheiten »über ihn hinwegging« ...? Daß ein +Rigaer Pastor ihn rücklings übertölpelte?... Er hätte es verhindern +können, aber sein Einfluß war gar nicht erprobt worden! Die Ereignisse +waren ohne ihn ihren Gang gegangen! Aber ihm schien, daß das früher +nicht hätte geschehen können, daß es früher nicht =gewagt= haben würde, +zu geschehen! Es war eine neue Erschütterung des eigenen Glaubens an +sein Glück, seine Macht, seine Zukunft ... Und es war nichts als seine +innere Schwäche und Verzweiflung, die vor Mutter und Schwester während +dieses Auftrittes hervorbrach. + +Frau Permaneder stand auf und umarmte ihn. + +»Tom«, sagte sie, »beruhige dich doch! Komm doch zu dir! Ist es so +schlimm? Du machst dich ja krank! Tiburtius braucht ja nicht gar so +lange zu leben ... und nach seinem Tode fällt ja das Erbteil an uns +zurück! Und es soll ja auch geändert werden, wenn du willst! Kann es +nicht geändert werden, Mama?« + +Die Konsulin antwortete nur mit Schluchzen. + +»Nein ... ach nein!« sagte der Senator, indem er sich zusammenraffte und +mit der Hand eine schwach ablehnende Geste beschrieb. »Es ist, wie es +ist. Meint ihr, ich werde in die Gerichte laufen und gegen meine Mutter +prozessieren, um dem internen Skandal einen öffentlichen hinzuzufügen? +Es gehe wie es will ...« schloß er und ging mit erschlafften Bewegungen +zur Glastür, wo er noch einmal stehenblieb. + +»Nur glaubt nicht, daß es zum besten mit uns steht«, sagte er gedämpft. +»Tony hat 80000 Kurantmark verloren ... und Christian hat außer seiner +Mitgift von 50000, die er vertan, schon an die 30000 Vorschuß verbraucht +... die sich vermehren werden, da er ohne Verdienst ist und eine Kur in +Öynhausen gebrauchen wird ... Nun fällt nicht nur Klaras Mitgift für +immer, sondern dereinst auch ihr ganzer Vermögensanteil für +unbestimmbare Zeit aus der Familie hinaus ... Und die Geschäfte gehen +schlecht, sie gehen zum Verzweifeln, genau seit der Zeit, daß ich mehr +als Hunderttausend an mein Haus gewandt habe ... Nein, es steht nicht +gut um eine Familie, in der Veranlassung gegeben wird zu Auftritten wie +dieser hier. Glaubt mir -- glaubt mir das eine: Wäre Vater am Leben, +wäre er hier bei uns zugegen: er würde die Hände falten und uns alle der +Gnade Gottes empfehlen.« + + +Achtes Kapitel + +Krieg und Kriegsgeschrei, Einquartierung und Geschäftigkeit: Preußische +Offiziere bewegen sich in der parkettierten Zimmerflucht der Bel-Etage +von Senator Buddenbrooks neuem Hause, küssen der Hausdame die Hände und +werden von Christian, der von Öynhausen zurückgekehrt ist, in den Klub +eingeführt, während im Mengstraßenhause Mamsell Severin, Riekchen +Severin, der Konsulin neue Jungfer, zusammen mit den Mädchen eine Menge +Matratzen in das »Portal«, das alte Gartenhaus, schleppt, das voll von +Soldaten ist. + +Gewimmel, Verstörung und Spannung überall! Die Mannschaften ziehen zum +Tore hinaus, neue rücken ein, überfluten die Stadt, essen, schlafen, +erfüllen die Ohren der Bürger mit Trommelwirbeln, Trompetensignalen und +Kommandorufen und marschieren wieder ab. Königliche Prinzen werden +begrüßt; Durchmarsch folgt auf Durchmarsch. Dann Stille und Erwartung. + +Im Spätherbst und Winter kehren die Truppen siegreich zurück, werden +wiederum einquartiert und ziehen unter den Hochrufen der aufatmenden +Bürger nach Hause. -- Friede. Der kurze, ereignisschwangere Friede von +fünfundsechzig. + +Und zwischen zwei Kriegen, unberührt und ruhevoll in den Falten seines +Schürzenkleidchens und dem Gelock seines weichen Haares, spielt der +kleine Johann im Garten am Springbrunnen oder auf dem »Altan«, der +eigens für ihn durch eine kleine Säulenestrade vom Vorplatz der zweiten +Etage abgetrennt ist, die Spiele seiner 4½ Jahre ... Diese Spiele, deren +Tiefsinn und Reiz kein Erwachsener mehr zu verstehen vermag, und zu +denen nichts weiter nötig ist als drei Kieselsteine oder ein Stück Holz, +das vielleicht eine Löwenzahnblüte als Helm trägt: vor allem aber die +reine, starke, inbrünstige, keusche, noch unverstörte und +uneingeschüchterte Phantasie jenes glückseligen Alters, wo das Leben +sich noch scheut, uns anzutasten, wo noch weder Pflicht noch Schuld Hand +an uns zu legen wagt, wo wir sehen, hören, lachen, staunen und träumen +dürfen, ohne daß noch die Welt Dienste von uns verlangt ... wo die +Ungeduld derer, die wir doch lieben möchten, uns noch nicht nach +Anzeichen und ersten Beweisen quält, daß wir diese Dienste mit +Tüchtigkeit werden leisten können ... Ach, nicht lange mehr, und mit +plumper Übermacht wird alles über uns herfallen, um uns zu +vergewaltigen, zu exerzieren, zu strecken, zu kürzen, zu verderben ... + +Große Dinge geschahen, während Hanno spielte. Der Krieg entbrannte, der +Sieg schwankte und entschied sich, und Hanno Buddenbrooks Vaterstadt, +die klug zu Preußen gestanden hatte, blickte nicht ohne Genugtuung auf +das reiche Frankfurt, das seinen Glauben an Österreich bezahlen mußte, +indem es aufhörte, eine freie Stadt zu sein. + +Bei dem Fallissement einer Frankfurter Großfirma aber, im Juli, +unmittelbar vor Eintritt des Waffenstillstandes, verlor das Haus Johann +Buddenbrook mit einem Schlage die runde Summe von zwanzigtausend Talern +Kurant. + + + + +Achter Teil + + +Erstes Kapitel + +Wenn Herr Hugo Weinschenk, seit einiger Zeit Direktor im Dienste der +städtischen Feuerversicherungsgesellschaft, mit seinem geschlossenen +Leibrock, seinem schmalen, schwarzen, auf männliche und ernste Art in +die Mundwinkel hineingewachsenen Schnurrbart und seiner etwas hängenden +Unterlippe, wiegenden und selbstbewußten Schrittes über die große Diele +schritt, um sich von den vorderen Büros in die hinteren zu begeben, +wobei er seine beiden Fäuste vor sich hertrug und die Ellenbogen in +legerer Weise an den Seiten bewegte, bot er das Bild eines tätigen, +wohlsituierten und imponierenden Mannes. + +Andererseits war Erika Grünlich, nun zwanzigjährig: ein großes, +erblühtes Mädchen, frischfarbig und hübsch vor Gesundheit und Kraft. +Führte der Zufall sie die Treppe hinab oder an das obere Geländer, wenn +eben Herr Weinschenk des Weges kam -- und der Zufall tat dies nicht +selten -- so nahm der Direktor den Zylinder von seinem kurzen, schwarzen +Haupthaar, das an den Schläfen schon zu ergrauen begann, wiegte sich +stärker in der Taille seines Gehrockes und begrüßte das junge Mädchen +mit einem erstaunten und bewundernden Blick seiner kühn +umherschweifenden, braunen Augen ... worauf Erika davonlief, sich +irgendwo auf eine Fensterbank setzte und vor Ratlosigkeit und Verwirrung +eine Stunde lang weinte. + +Fräulein Grünlich war unter Therese Weichbrodts Obhut in Züchten +herangewachsen, und ihre Gedanken gingen nicht weit. Sie weinte über +Herrn Weinschenks Zylinder, die Art, mit der er bei ihrem Anblick seine +Brauen emporzucken und wieder fallen ließ, seine höchst königliche +Haltung und seine balancierenden Fäuste. Ihre Mutter inzwischen, Frau +Permaneder, sah weiter. + +Die Zukunft ihrer Tochter bekümmerte sie seit Jahren, denn Erika war, +verglichen mit anderen heiratsfähigen Mädchen, ja im Nachteile. Frau +Permaneder verkehrte nicht nur nicht in der Gesellschaft, sie lebte in +Feindschaft mit ihr. Die Annahme, daß man sie in den ersten Kreisen auf +Grund ihrer zweimaligen Scheidung als minderwertig betrachte, war ihr +ein wenig zur fixen Idee geworden, und sie sah Verachtung und +Gehässigkeit da, wo wahrscheinlich oft nichts als Gleichgültigkeit +vorhanden war. Wahrscheinlich zum Beispiel würde Konsul Hermann +Hagenström, dieser freisinnige und loyale Kopf, den der Reichtum heiter +und wohlwollend machte, sie auf der Straße gegrüßt haben, wenn der +Blick, mit dem sie zurückgeworfenen Hauptes an seinem Gesichte +vorbeisah, diesem »Gänseleberpastetengesicht«, das sie, mit einem ihrer +starken Worte, »haßte wie die Pest«, es ihm nicht aufs strengste +verboten hätte. So kam es, daß auch Erika der Sphäre ihres Onkels, des +Senators, durchaus fern stand, daß sie keine Bälle besuchte und, +Herrenbekanntschaften zu machen, sich ihr wenig Gelegenheit bot. + +Dennoch war es, besonders seit sie selbst, wie sie sagte, +»abgewirtschaftet« hatte, Frau Antonies heißester Wunsch, daß ihre +Tochter die Hoffnungen erfüllen möge, die ihr, der Mutter, +fehlgeschlagen, und eine Heirat machen, welche, vorteilhaft und +glücklich, der Familie zur Ehre gereichen, und die Schicksale der Mutter +vergessen lassen würde. In erster Linie ihrem älteren Bruder gegenüber, +der in letzter Zeit so geringe Hoffnungsfreudigkeit an den Tag legte, +sehnte Tony sich nach einem Beweise, daß das Glück der Familie noch +nicht erschöpft, daß sie keineswegs schon am Ende angelangt sei ... Ihre +zweite Mitgift, die 17000 Taler, die Herr Permaneder mit so viel Kulanz +wieder herausgegeben hatte, lagen für Erika bereit, und kaum hatte Frau +Antonie, scharfäugig und erfahren, die zarte Verbindung bemerkt, die +sich zwischen ihrer Tochter und dem Direktor angesponnen hatte, als sie +schon den Himmel mit Gebeten anzugehen begann, Herr Weinschenk möge +Visite machen. + +Er tat es. Er erschien in der ersten Etage, ward von den drei Damen, +Großmutter, Tochter und Enkelin, empfangen, plauderte zehn Minuten lang +und versprach, nachmittags um die Kaffeezeit einmal zu zwangloser +Unterhaltung wiederzukommen. + +Auch das geschah, und man lernte einander kennen. Der Direktor war aus +Schlesien gebürtig, woselbst sein alter Vater noch lebte; seine Familie +indes schien nicht in Betracht zu kommen, und Hugo Weinschenk vielmehr +ein _self-made man_ zu sein. Er besaß das nicht angeborene, nicht ganz +sichere, etwas übertriebene und etwas mißtrauische Selbstbewußtsein +eines solchen, seine Formen waren nicht eben vollkommen, und seine +Konversation von Herzen ungewandt. Übrigens zeigte sein etwas +kleinbürgerlich geschnittener Gehrock einige blanke Stellen, seine +Manschetten mit den großen Jettknöpfen waren nicht ganz frisch und +sauber, und am Mittelfinger der linken Hand war infolge irgendeines +Unglücksfalles der Nagel völlig verdorrt und kohlschwarz ... ein +ziemlich unerfreulicher Anblick, der aber nicht hinderte, daß Hugo +Weinschenk ein hochachtungswerter, fleißiger, energischer Mensch mit +12000 Kurantmark jährlicher Einkünfte und in Erika Grünlichs Augen sogar +ein schöner Mann war. + +Frau Permaneder hatte rasch die Lage überblickt und abgeschätzt. Sie +sprach sich gegen die Konsulin und den Senator offen darüber aus. Es war +klar, daß die Interessen sich entgegenkamen und sich ergänzten. Direktor +Weinschenk war, wie Erika, ohne jegliche gesellschaftliche Verbindung; +die beiden waren geradezu aufeinander angewiesen und von Gott +ersichtlich füreinander bestimmt. Wollte der Direktor, der sich den +Vierzig näherte, und dessen Haupthaar sich zu melieren begann, einen +Hausstand gründen, was seiner Stellung zukam und seinen Verhältnissen +entsprach, so eröffnete ihm die Verbindung mit Erika Grünlich den +Eintritt in eine der ersten Familien der Stadt und war geeignet, ihn in +seinem Berufe zu fördern, in seiner Position zu befestigen. Was aber +Erikas Wohlfahrt betraf, so durfte Frau Permaneder sich sagen, daß +wenigstens ihre eigenen Schicksale in diesem Falle ausgeschlossen seien. +Mit Herrn Permaneder wies Hugo Weinschenk nicht die geringste +Ähnlichkeit auf, und von Bendix Grünlich unterschied er sich durch seine +Eigenschaft als solid situierter Beamter mit festem Gehalt, die eine +weitere Karriere nicht ausschloß. + +Mit einem Worte: es war auf beiden Seiten viel guter Wille vorhanden, +die Nachmittagsbesuche Direktor Weinschenks wiederholten sich in rascher +Folge, und im Januar -- dem Januar des Jahres 1867 -- gestattete er +sich, mit einigen kurzen, männlichen und geraden Worten um Erika +Grünlichs Hand zu bitten. + +Von nun an gehörte er zur Familie, begann an den »Kindertagen« +teilzunehmen und ward von den Angehörigen seiner Braut mit +Zuvorkommenheit aufgenommen. Ohne Zweifel empfand er sofort, daß er +unter ihnen nicht recht am Platze war; aber er verkleidete dies Gefühl +mit einer desto kühneren Haltung, und die Konsulin, Onkel Justus, +Senator Buddenbrook -- wenn auch nicht gerade die Damen Buddenbrook aus +der Breiten Straße -- waren gegenüber diesem tüchtigen Büromenschen, +diesem gesellschaftlich unerfahrenen Manne der harten Arbeit zu +taktvoller Nachsicht bereit. + +Sie war vonnöten; denn immer wieder galt es, mit einem belebenden und +ablenkenden Worte eine Stille zu verscheuchen, die sich an der +Familientafel im Eßsaale ausbreitete, wenn etwa der Direktor sich in +allzu neckischer Art mit Erikas Wangen und Armen beschäftigte, wenn er +sich gesprächsweise erkundigte, ob Orangemarmelade eine Mehlspeise sei, +-- »Mehlschpeis'« sagte er mit kecker Betonung -- oder wenn er der +Meinung Ausdruck gab, »Romeo und Julia« sei ein Stück von Schiller ... +Dinge, die er unter sorglosem Händereiben, den Oberkörper schräg gegen +die Stuhllehne zurückgeworfen, mit vieler Frische und Festigkeit +hervorbrachte. + +Am besten verständigte er sich mit dem Senator, der über Politik und +Geschäftliches hin eine Unterhaltung mit ihm sicher zu steuern wußte, +ohne daß ein Unglück geschah. Vollkommen verzweifelt aber gestaltete +sich sein Verhältnis zu Gerda Buddenbrook. Die Persönlichkeit dieser +Dame befremdete ihn in solchem Grade, daß er außerstande war, einen auch +nur für zwei Minuten ausreichenden Gesprächsstoff für sie zu finden. Da +er wußte, daß sie die Violine spielte, und diese Tatsache starken +Eindruck auf ihn gemacht hatte, so beschränkte er sich darauf, bei jedem +Zusammentreffen am Donnerstag aufs neue die scherzhafte Frage an sie zu +richten: »Wie geht's der Geige?« -- Nach dem dritten Male aber bereits +enthielt die Senatorin sich jeder Antwort hierauf. + +Christian seinerseits pflegte seinen neuen Verwandten mit gekrauster +Nase zu beobachten und am nächsten Tage sein Benehmen und seine +Sprechweise eingehend nachzuahmen. Der zweite Sohn des seligen Konsul +Johann Buddenbrook war in Öynhausen von seinem Gelenkrheumatismus +genesen; aber eine gewisse Steifheit der Glieder dauerte noch fort, und +die periodische »Qual« in seiner linken Seite -- dort, wo »alle Nerven +zu kurz« waren -- sowie die sonstigen Störungen, denen er sich +ausgesetzt fühlte: Atmungs- und Schluckbeschwerden, Unregelmäßigkeiten +des Herzens und Neigung zu Lähmungserscheinungen oder Furcht davor -- +waren keineswegs aus der Welt geschafft. Auch war sein Äußeres kaum +dasjenige eines Mannes, der erst am Ende der Dreißiger steht. Sein +Schädel war vollständig entblößt; nur am Hinterkopf und an den Schläfen +stand noch ein wenig seines dünnen, rötlichen Haares, und seine kleinen, +runden Augen, die mit unruhigem Ernste umherschweiften, lagen tiefer als +jemals in ihren Höhlen. Gewaltiger aber auch und knochiger, als jemals, +sprang seine große, gehöckerte Nase zwischen den hageren und fahlen +Wangen hervor, über dem dichten, rotblonden Schnurrbart, der den Mund +überhing ... Und die Hose aus durablem und elegantem englischen Stoff +umschlotterte seine dürren, gekrümmten Beine. + +Seit seiner Heimkehr bewohnte er wie ehemals ein Zimmer am Korridor der +ersten Etage im Hause seiner Mutter, hielt sich jedoch mehr im »Klub« +als in der Mengstraße auf, denn dort wurde ihm das Leben nicht sehr +angenehm gemacht. Riekchen Severin nämlich, Ida Jungmanns Nachfolgerin, +die nun die Dienstboten der Konsulin regierte und den Hausstand führte, +ein untersetztes, 27jähriges Geschöpf vom Lande, mit roten, gesprungenen +Wangen und aufgeworfenen Lippen, hatte mit bäuerlichem Sinn für Tatsachen +erkannt, daß auf diesen beschäftigungslosen Geschichtenerzähler, der +abwechselnd albern und elend war, und über den die Respektsperson, der +Senator, mit erhobener Augenbraue hinwegsah, nicht viel Rücksicht zu +nehmen sei, und sie vernachlässigte ganz einfach seine Bedürfnisse. »Je, +Herr Buddenbrook!« sagte sie. »Ich hab' nu keine Zeit für Ihnen!« Worauf +Christian sie mit krauser Nase anblickte, als wollte er sagen: Schämst +du dich gar nicht?... und mit steifen Gelenken seines Weges ging. + +»Meinst du, ich habe immer eine Kerze?« sagte er zu Tony ... »Selten! +Meistens muß ich mit einem Streichholz zu Bette gehen ...« Oder er +erklärte auch -- denn das Taschengeld, das seine Mutter ihm noch +bewilligen konnte, war gering --: »Schlechte Zeiten!... Ja, das war +früher alles anders! Was meinst du wohl?... ich muß mir jetzt oft fünf +Schillinge für Zahnpulver leihen!« + +»Christian!« rief Frau Permaneder. »Wie unwürdig! Mit einem Streichholz! +Fünf Schillinge! Sprich doch wenigstens nicht davon!« Sie war entrüstet, +empört, in ihren heiligsten Gefühlen beleidigt; allein das änderte +nichts ... + +Die fünf Schillinge für Zahnpulver entlieh Christian von seinem alten +Freunde Andreas Gieseke, Doktor beider Rechte. Er hatte Glück mit dieser +Freundschaft, und sie ehrte ihn; denn der Rechtsanwalt Gieseke, dieser +Suitier, der die Würde zu wahren wußte, war im vergangenen Winter, als +der alte Kaspar Överdieck sanft entschlummert und Doktor Langhals an +seine Stelle gerückt war, zum Senator erwählt worden. Seinen +Lebenswandel aber beeinflußte das nicht. Man wußte, daß ihm, der seit +seiner Verheiratung mit einem Fräulein Huneus inmitten der Stadt ein +geräumiges Haus besaß, auch in der Vorstadt St. Gertrud jene kleine, +grünbewachsene und behaglich ausgestattete Villa gehörte, die von einer +noch jungen und außerordentlich hübschen Dame unbestimmter Herkunft ganz +allein bewohnt ward. Über der Haustür prangte in zierlich vergoldeten +Buchstaben das Wort »_=Quisisana=_«, und in der ganzen Stadt war das +friedliche Häuschen bekannt unter diesem Namen, den man übrigens mit +sehr weichen S- und sehr getrübten A-Lauten sprach. Christian +Buddenbrook aber, als bester Freund des Senators Gieseke, hatte sich +Zutritt verschafft in Quisisana, und er hatte dort auf die nämliche Art +reüssiert wie zu Hamburg bei Aline Puvogel und bei ähnlichen +Gelegenheiten in London, in Valparaiso und an so vielen anderen Punkten +der Erde. Er hatte »ein bißchen erzählt«, er war »ein bißchen nett« +gewesen, und er verkehrte nun in dem grünen Häuschen mit der gleichen +Regelmäßigkeit wie Senator Gieseke selbst. Ob dies mit dem Wissen und +Einverständnis des letzteren geschah, das steht dahin; sicher aber ist, +daß Christian Buddenbrook in Quisisana ganz kostenlos dieselbe +freundliche Zerstreuung fand, die Senator Gieseke mit dem schweren Gelde +seiner Gattin bezahlen mußte. + +Kurze Zeit nach der Verlobung Hugo Weinschenks mit Erika Grünlich machte +der Direktor seinem Schwager den Vorschlag, in das Versicherungsbüro +einzutreten, und in der Tat arbeitete Christian vierzehn Tage lang im +Dienste der Brandkasse. Leider jedoch zeigte sich dann, daß nicht allein +die Qual in seiner linken Seite, sondern auch seine übrigen, schwer +bestimmbaren Übel sich hierdurch verstärkten, daß übrigens der Direktor +ein überaus heftiger Vorgesetzter war, der gelegentlich eines Mißgriffes +keinen Anstand genommen hatte, seinen Schwager einen »Seehund« zu nennen +... und Christian war genötigt, diesen Posten wieder zu verlassen. + +Was aber Madame Permaneder anging, so war sie glücklich, so äußerte ihre +lichte Gemütsstimmung sich in Aperçus wie dieses, daß das irdische Leben +doch hin und wieder auch seine guten Seiten habe. Wahrhaftig, sie +erblühte aufs neue in diesen Wochen, die, mit ihrer belebenden +Geschäftigkeit, ihren vielfältigen Plänen, ihren Wohnungssorgen und +ihrem Ausstattungsfieber, sie allzu deutlich an die Zeit ihres eignen +ersten Verlöbnisses gemahnten, als daß sie sie nicht verjüngt und mit +grenzenloser Hoffnungsfreudigkeit erfüllt hätten. Viel von dem graziösen +Übermut ihrer Mädchentage kehrte in ihre Mienen und ihre Bewegungen +zurück, ja, die Stimmung eines ganzen Jerusalemsabends entweihte sie +durch eine so ausgelassene Fröhlichkeit, daß selbst Lea Gerhardt das +Buch ihres Vorfahren sinken ließ und mit den großen, unwissenden und +mißtrauischen Augen der Tauben im Saale umherblickte ... + +Erika sollte sich von ihrer Mutter nicht trennen. Mit dem Einverständnis +des Direktors, ja, auf seinen Wunsch hin, war beschlossen worden, daß +Frau Antonie -- wenigstens vorderhand -- bei den Weinschenks wohnen, daß +sie der unerfahrenen Erika im Haushalte zur Seite stehen sollte ... und +dies grade war es, was in ihr die köstliche Empfindung hervorrief, als +hätte niemals ein Bendix Grünlich, niemals ein Alois Permaneder gelebt, +als zergingen alle Mißerfolge, Enttäuschungen und Leiden ihres Lebens zu +nichts, und als dürfe sie mit frischen Hoffnungen nun noch einmal von +vorne beginnen. Zwar ermahnte sie Erika zur Dankbarkeit gegen Gott, der +ihr den einzig geliebten Mann beschere, während sie selbst, die Mutter, +ihre erste und herzliche Neigung mit Pflicht und Vernunft habe ertöten +müssen; zwar war es Erikas Name, den sie zusammen mit dem des Direktors +mit vor Freude unsicherer Hand in die Familienpapiere schrieb ... aber +sie, sie selbst, Tony Buddenbrook, war die eigentliche Braut. Sie war +es, die noch einmal mit kundiger Hand Portieren und Teppiche prüfen, +noch einmal Möbel- und Ausstattungsmagazine durchstöbern, noch einmal +eine =vornehme= Wohnung besichtigen und mieten durfte! Sie war es, die +noch einmal das fromme und weitläufige Elternhaus verlassen und aufhören +sollte, bloß eine geschiedene Frau zu sein; der noch einmal die +Möglichkeit sich auftat, ihr Haupt zu erheben und ein neues Leben zu +beginnen, geeignet, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erwecken und das +Ansehen der Familie zu fördern ... Ja, war es ein Traum? Schlafröcke +erschienen auf der Bildfläche! Zwei Schlafröcke für sie und Erika, aus +weichem, gewirktem Stoff, mit breiten Schleppen und dichten Reihen von +Sammetschleifen, vom Halsverschluß bis zum Saume hinunter! + +Die Wochen aber verstrichen, und Erika Grünlichs Brautzeit neigte sich +ihrem Ende entgegen. Das junge Paar hatte in einigen wenigen Häusern +Besuche gemacht, denn der Direktor, ernster und in geselligen Dingen +unerfahrener Arbeitsmensch, wie er war, gedachte seine Mußestunden der +intimen Häuslichkeit zu widmen ... ein Verlobungsdiner hatte Thomas, +Gerda, das Brautpaar, Friederike, Henriette und Pfiffi Buddenbrook mit +der nächsten Freundschaft des Senators in dem großen Saale des +Fischergrubenhauses vereint, wobei es wiederum befremdete, daß der +Direktor nicht aufhörte, Erikas dekolletierten Hals zu klopfen ... und +die Hochzeit nahte heran. + +Die Säulenhalle war, wie einst, als Frau Grünlich die Myrten trug, der +Schauplatz der Trauung. Frau Stuht aus der Glockengießerstraße, +dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, war der Braut beim +Faltenarrangement ihres weißen Atlaskleides und beim Anlegen des grünen +Schmuckes behilflich gewesen, Senator Buddenbrook war erster, und +Christians Freund, Senator Gieseke, zweiter Brautführer, zwei ehemalige +Pensionsfreundinnen Erikas fungierten als Brautjungfern, Direktor Hugo +Weinschenk sah stattlich und männlich aus und trat, auf dem Wege zum +improvisierten Altar, nur =ein=mal auf Erikas herabwallenden Schleier, +Pastor Pringsheim, die Hände unterm Kinn gefaltet, zelebrierte mit aller +verklärten Feierlichkeit, die ihm eigen, und alles verlief nach Brauch +und Würde. Als die Ringe gewechselt wurden, und das tiefe und das helle +»Ja« -- beide ein wenig heiser -- in der Stille erklangen, brach Frau +Permaneder, überwältigt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in +lautes Weinen aus -- es war noch immer ihr unbedenkliches und +unverhohlenes Kinderweinen -- während die Damen Buddenbrook, von denen +Pfiffi zur Feier des Tages eine goldene Kette an ihrem Pincenez trug, +wie immer bei solchen Gelegenheiten ein wenig säuerlich dareinlächelten +... Mlle. Weichbrodt jedoch, Therese Weichbrodt, die in den letzten +Jahren noch sehr viel kleiner geworden war, als früher, Sesemi, die +ovale Brosche mit dem Porträt ihrer Mutter an ihrem dünnen Hälschen, +sprach mit jener übergroßen Festigkeit, welche eine tiefe innere Rührung +verbergen soll: »Sei glöcklich, du =gutes= Kend!« + +Dann folgte, im Kreise der weißen Götterfiguren, welche in +unveränderlich gelassenen Stellungen aus der blauen Tapete hervortraten, +ein ebenso solennes, wie solides Festmahl, gegen dessen Ende die +Neuvermählten verschwanden, um ihre Reise durch einige Großstädte +anzutreten ... Das war um die Mitte des April; und während der folgenden +vierzehn Tage vollbrachte Frau Permaneder, unterstützt vom Tapezierer +Jacobs, eines ihrer Meisterstücke: die vornehme Herrichtung jener +geräumigen ersten Etage, die in einem Hause der mittleren Bäckergrube +gemietet worden war, und deren mit Blumen reichlich geputzte Räume dann +das heimkehrende Paar umfingen. + +Und es begann Tony Buddenbrooks dritte Ehe. + +Ja, diese Bezeichnung war zutreffend, und der Senator selbst hatte eines +Donnerstags, als Weinschenks nicht zugegen waren, die Sache bei diesem +Namen genannt, was Frau Permaneder sich mit Behagen hatte gefallen +lassen. In der Tat, alle Sorgen des Hausstandes fielen auf sie, aber +auch Freude und Stolz nahm sie für sich in Anspruch, und eines Tages, +als sie unversehens mit der Konsulin Julchen Möllendorpf geb. Hagenström +auf der Straße zusammentraf, blickte sie ihr mit einem so +triumphierenden und herausfordernden Ausdruck ins Gesicht, daß Frau +Möllendorpf sich dazu verstand, zuerst zu grüßen ... Stolz und Freude +wurden in ihrer Miene und Haltung zur ernsten Feierlichkeit, wenn sie +die Verwandten, die kamen, das neue Heim zu besichtigen, darin +umherführte, während Erika Weinschenk selbst fast ebenfalls wie ein +bewundernder Gast dabei erschien. + +Die Schleppe ihres Schlafrockes hinter sich herziehend, die Schultern +ein wenig emporgezogen, den Kopf zurückgelehnt und am Arme den mit +Atlasschleifen besetzten Schlüsselkorb -- sie schwärmte für +Atlasschleifen -- zeigte Frau Antonie den Besuchern die Möbel, die +Portieren, das durchsichtige Porzellan, das blitzende Silberzeug, die +großen Ölgemälde, die der Direktor angeschafft hatte: lauter Stilleben +von Eßwaren und unbekleidete Frauengestalten, denn dies war Hugo +Weinschenks Geschmack -- und ihre Bewegungen schienen zu sagen: Seht, +dahin habe ich es noch einmal gebracht im Leben. Es ist fast so vornehm +wie bei Grünlich und sicherlich vornehmer als bei Permaneder! + +Die alte Konsulin kam, in grau und schwarz gestreifter Seide, einen +diskreten Patschuliduft um sich verbreitend, ließ ihre hellen Augen +geruhig über alles hingleiten und legte, ohne laute Bewunderung zu +äußern, eine anerkennende Befriedigung an den Tag. Der Senator kam mit +Frau und Kind, amüsierte sich mit Gerda über Tonys glückselige +Überheblichkeit und verhinderte mit Mühe, daß sie ihren angebeteten +kleinen Hanno mit Korinthenbrot und Portwein erstickte ... Es kamen die +Damen Buddenbrook, welche einstimmig bemerkten, alles sei so schön, daß +sie ihrerseits, bescheidene Mädchen wie sie seien, nicht darin wohnen +möchten ... Die arme Klothilde kam, grau, geduldig und hager, ließ sich +auslachen und trank vier Tassen Kaffee, worauf sie auch alles übrige in +gedehnten und freundlichen Worten belobte ... Dann und wann, wenn im +»Klub« niemand anwesend gewesen war, erschien auch Christian, nahm ein +Gläschen Benediktiner, erzählte, daß er jetzt willens sei, die Agentur +für eine Champagner- und Kognakfirma zu übernehmen -- darauf verstehe er +sich, und es sei eine leichte, angenehme Arbeit, man sei sein eigner +Herr, schreibe sich hie und da ein bißchen in sein Notizbuch und habe im +Handumdrehen dreißig Taler verdient -- lieh sich hierauf vierzig +Schilling von Frau Permaneder, um der ersten Liebhaberin vom +Stadttheater ein Bukett überreichen zu können, kam, Gott weiß, infolge +welcher Ideenverbindung, auf »Maria« und das »Laster« in London zu +sprechen, verfiel in die Geschichte des räudigen Hundes, der in einer +Schachtel von Valparaiso nach San Franzisko gereist war, und erzählte +nun, da er im Zuge war, mit einer solchen Fülle, Schwunghaftigkeit und +Komik, daß er einen Saal voll Menschen hätte unterhalten können. + +Er geriet in Begeisterung, er redete in Zungen. Er sprach Englisch, +Spanisch, Plattdeutsch und Hamburgisch, er schilderte chilenische +Messerabenteurer und Diebsaffären aus Whitechapel, verfiel darauf, einen +Blick in seinen Vorrat von Couplets tun zu lassen und sang oder sprach +mit mustergültigem Mienenspiel und einem pittoresken Talent in den +Handbewegungen: + + »Ick güng so ganz pomad' + So up de Esplanad', + Da güng so'n lüttje Deern + So vor mir up; + Die hatt' so'n feinen Pli + Mi so'n französ'schen _cu_ + Und 'n groten Deller achter up'm Kopp + Ick seg: `Mein liebes Kind, + Wei Sie so nüdlich sind, + Erlauben Sie mir Ihren Arm vielleicht?´ + Sie dreit sik um so recht + Und -- kiekt -- mi an -- und segt -- --: + `Ga man na Hus, mi Jung, und si vergneugt!´« + +Und kaum war er hiermit fertig, als er zu Berichten aus dem Zirkus Renz +überging und die ganze Entree eines englischen Sprechclowns in einer Art +wiederzugeben begann, daß man sich einbilden konnte, vor der Manege zu +sitzen. Man vernahm das übliche Geschrei schon hinter der Gardine, das +»Machen Sie mich die Türe auf!«, die Streitigkeiten mit dem Stallmeister +und dann, in breitem und jammerndem Englisch-Deutsch, eine Reihe von +Erzählungen. Es war die Geschichte von dem Manne, der im Schlafe eine +Maus verschluckt und sich deshalb zum Tierarzt begibt, welcher ihm +seinerseits rät, nunmehr auch eine Katze zu verschlucken ... Die +Geschichte von »Meiner Großmutter, frisch und gesund wie die Frau war«, +in welcher ebendieser Großmutter auf dem Wege zum Bahnhofe tausend +Abenteuer begegnen und ihr schließlich, frisch und gesund wie die Frau +war, der Zug vor der Nase davonfährt ... worauf Christian die Pointe mit +einem triumphierenden »Musik, Herr Kapellmeister!« abbrach und selbst, +wie erwachend, ganz erstaunt schien, daß die Musik nicht einsetzte ... + +Und dann, ganz plötzlich, verstummte er, veränderte sich sein Gesicht, +erschlafften seine Bewegungen. Seine kleinen, runden, tiefliegenden +Augen begannen mit unruhigem Ernst nach allen Richtungen zu wandern, er +strich mit der Hand an seiner linken Seite hinunter, es war, als horche +er in sein Inneres hinein, woselbst Seltsames geschah ... Er trank noch +ein Gläschen Likör, ward noch einmal ein wenig aufgeräumter, versuchte +noch eine Geschichte zu erzählen und brach dann in ziemlich deprimierter +Stimmung auf. + +Frau Permaneder, die in dieser Zeit ausnehmend lachlustig war und sich +köstlich amüsiert hatte, begleitete ihren Bruder in ausgelassener Laune +zur Treppe. »Adieu, Herr Agent!« sagte sie. »Minnesänger! Mädchenfänger! +Altes Schaf! Komm bald mal wieder!« Und sie lachte aus vollem Halse +hinter ihm drein und kehrte in ihre Wohnung zurück. + +Aber Christian Buddenbrook focht das nicht an; er überhörte es, denn er +war in Gedanken. Na, dachte er, nun will ich mal ein bißchen nach +Quisisana gehen. Und den Hut etwas schief auf dem Kopf, gestützt auf +seinen Stock mit der Nonnenbüste, langsam, steif und ein wenig lahmend +ging er die Treppe hinab. + + +Zweites Kapitel + +Es war im Frühling des Jahres achtundsechzig, als Frau Permaneder eines +Abends gegen zehn Uhr sich in der ersten Etage des Fischergrubenhauses +einstellte. Senator Buddenbrook saß allein im Wohnzimmer, das mit +olivenfarbenen Ripsmöbeln ausgestattet war, an dem runden Mitteltisch im +Lichte der großen Gaslampe, die vom Plafond herabhing. Er hatte die +»Berliner Börsenzeitung« vor sich ausgebreitet und las, leicht über den +Tisch gebeugt, seine Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der +Linken und auf der Nase ein goldenes Pincenez, dessen er sich seit +einiger Zeit bei der Arbeit bedienen mußte. Er hörte die Schritte seiner +Schwester durch das Eßzimmer kommen, nahm das Glas von den Augen und +blickte gespannt in das Dunkel hinein, bis Tony zwischen den Portieren +und im Lichtbereich auftauchte. + +»Oh, du bist es. Guten Abend. Schon zurück von Pöppenrade? Wie geht es +deinen Freunden?« + +»Guten Abend, Tom! Danke, Armgard ist wohlauf ... Du bist hier ganz +einsam?« + +»Ja, du kommst mir sehr erwünscht. Ich habe heute abend so allein essen +müssen, wie der Papst; denn Fräulein Jungmann kommt als Gesellschaft +nicht recht in Betracht, weil sie jeden Augenblick aufspringt und +hinaufläuft, um nach Hanno zu sehen ... Gerda ist im Kasino. Tamayo +geigt dort. Christian hat sie abgeholt ...« + +»Dausend! um wie Mutter zu reden. -- Ja, ich habe in letzter Zeit +bemerkt, Tom, daß Gerda und Christian sich gut vertragen.« + +»Ich auch. Seit er dauernd hier ist, fängt sie an, Geschmack an ihm zu +gewinnen. Sie hört auch ganz aufmerksam zu, wenn er seine Leiden +beschreibt ... Mein Gott, er amüsiert sie. Neulich sagte sie zu mir: `Er +ist kein Bürger, Thomas! Er ist noch weniger ein Bürger, als du!´ ...« + +»Bürger ... Bürger, Tom?! Ha, mir scheint, daß es auf Gottes weiter Welt +keinen besseren Bürger als du ...« + +»Nun ja; nicht gerade so zu verstehen!... Leg' ein bißchen ab, mein +Kind. Dein Aussehen ist süperb. Die Landluft hat dir gut getan?« + +»Vortrefflich!« sagte sie, indem sie ihre Mantille und den Kapotthut mit +lilaseidenen Bändern beiseitelegte und sich in majestätischer Haltung +auf einem der Fauteuils am Tische niederließ ... »Magen und Nachtruhe, +alles hat sich gebessert in dieser kurzen Zeit. Diese kuhwarme Milch und +diese Würste und Schinken ... man gedeiht, wie das Vieh und das Korn. +Und dieser frische Honig, Tom, ich habe ihn immer für eines der besten +Nahrungsmittel gehalten. Das ist reines Naturprodukt! Da weiß man doch, +was man verschluckt! Ja, es war wahrhaftig liebenswürdig von Armgard, +daß sie sich unserer alten Pensionsfreundschaft erinnerte und mich +einlud. Und Herr von Maiboom war gleichfalls von einer Zuvorkommenheit +... Sie baten mich so inständig, doch noch ein paar Wochen zu bleiben, +aber du weißt: Erika behilft sich nur schwer ohne mich, und besonders +jetzt, da die kleine Elisabeth auf der Welt ist ...« + +»_A propos_, wie geht es dem Kinde?« + +»Danke, Tom, es macht sich; es ist gottlob recht gut bei Schick für +seine vier Monate, obgleich Friederike, Henriette und Pfiffi es nicht +für lebensfähig hielten ...« + +»Und Weinschenk? Wie fühlt er sich als Vater? Ich sehe ihn ja eigentlich +nur Donnerstags ...« + +»Oh, der ist unverändert! Siehst du: er ist ein so braver und fleißiger +Mann, und in gewisser Weise ja auch das Muster eines Ehegatten, denn er +verachtet die Wirtshäuser, kommt vom Büro geraden Weges nach Hause und +verbringt seine Freistunden bei uns. Aber nun ist die Sache die, Tom -- +unter uns können wir ja offen darüber reden --: Er verlangt von Erika, +daß sie beständig heiter ist, beständig spricht und scherzt, denn wenn +er abgearbeitet und verstimmt nach Hause kommt, sagt er, dann will er, +daß seine Frau ihn in leichter und fröhlicher Weise unterhält, ihn +amüsiert und aufheitert; dazu, sagt er, sei die Frau auf der Welt ...« + +»Dummkopf!« murmelte der Senator. + +»Wie?... Nun, das Schlimme ist, daß Erika ein wenig zur Melancholie +neigt, Tom, sie muß es von mir haben. Sie ist hier und da ernst und +schweigsam und gedankenvoll, und dann schilt er sie und braust auf, in +Worten, die, ehrlich gesagt, nicht immer ganz zartfühlend sind. Man +merkt es eben allzu häufig, daß er eigentlich kein Mann von Familie ist +und das, was man eine vornehme Erziehung nennt, leider nicht genossen +hat. Ja, ich gestehe dir offen: noch ein paar Tage vor meiner Abreise +nach Pöppenrade ist es vorgekommen, daß er den Deckel der Suppenterrine +am Boden zerschlagen hat, weil die Suppe versalzen war ...« + +»Allerliebst!« + +»Nein, im Gegenteil. Aber wir wollen ihn deshalb nicht verurteilen. Mein +Gott, wir sind alle mit Mängeln behaftet, und ein so tüchtiger, +gediegener und arbeitsamer Mann ... behüte ... Nein, Tom, eine rauhe +Außenseite und ein guter Kern, das ist noch nicht das Schlimmste im +irdischen Leben. Ich komme soeben aus Verhältnissen, will ich dir sagen, +die trauriger sind. Armgard hat, wenn sie mit mir allein war, bitterlich +geweint ...« + +»Was du sagst! -- Herr von Maiboom?...« + +»Ja, Tom; und darauf wollte ich hinaus. Wir sitzen hier und plaudern, +aber in Wirklichkeit bin ich heute abend in einer sehr ernsten und +wichtigen Angelegenheit gekommen.« + +»Nun? Was ist denn mit Herrn von Maiboom?« + +»Ralf von Maiboom ist ein liebenswürdiger Mann, Thomas, aber er ist ein +Junker Leichtfuß, ein Daus. Er spielt in Rostock, er spielt in +Warnemünde, und seine Schulden sind wie Sand am Meer. Man sollte es +nicht glauben, wenn man ein paar Wochen auf Pöppenrade lebt! Das +Herrenhaus ist vornehm, und alles ringsumher gedeiht, und an Milch und +Wurst und Schinken ist kein Mangel. Man hat auf so einem Gute manchmal +keinen Maßstab für die tatsächlichen Verhältnisse ... Kurz, sie sind in +Wahrheit aufs jämmerlichste zerrüttet, Tom, was Armgard mir unter +herzbrechendem Schluchzen gestanden hat.« + +»Traurig, traurig.« + +»Das sage du nur noch einmal. Aber die Sache ist nun diese, daß, wie +sich mir herausgestellt hat, die Leute mich nicht aus ganz +uneigennützigem Antriebe zu sich eingeladen haben.« + +»Wieso?« + +»Das will ich dir sagen, Tom. Herr von Maiboom braucht Geld, er braucht +sofort eine größere Summe, und da er die alte Freundschaft kannte, die +zwischen seiner Frau und mir besteht, und wußte, daß ich deine Schwester +bin, so hat er in seiner Bedrängnis sich hinter seine Frau gesteckt, die +ihrerseits sich hinter mich gesteckt hat ... verstehst du?« + +Der Senator bewegte die Fingerspitzen seiner Rechten auf seinem Scheitel +hin und her und verzog ein wenig das Gesicht. + +»Ich glaube, ja«, sagte er. »Deine ernste und wichtige Angelegenheit +scheint mir auf einen Vorschuß auf die Pöppenrader Ernte hinauszulaufen, +wenn ich nicht irre? Aber da habt ihr euch, du und deine Freunde, nicht +an den richtigen Mann gewandt, wie mich dünkt. Erstens nämlich habe ich +noch niemals ein Geschäft mit Herrn von Maiboom gemacht, und dies wäre +denn doch wohl eine ziemlich sonderbare Anknüpfung von Beziehungen. +Zweitens haben wir, Urgroßvater, Großvater, Vater und ich, wohl hie und +da den Landleuten Vorschüsse gezahlt, wenn anders sie durch ihre +Persönlichkeit und sonstigen Verhältnisse eine gewisse Sicherheit boten +... Wie du selbst mir aber vor zwei Minuten Herrn von Maibooms +Persönlichkeit und Verhältnisse charakterisiert hast, kann doch von +solcher Sicherheit hier kaum die Rede sein ...« + +»Du bist im Irrtum, Tom. Ich habe dich ausreden lassen, aber du bist im +Irrtum. Es kann sich hier nicht um irgendeinen Vorschuß handeln. Maiboom +braucht fünfunddreißigtausend Kurantmark ...« + +»Donnerwetter!« + +»Fünfunddreißigtausend Kurantmark, die binnen knapper zwei Wochen fällig +sind. Das Messer steht ihm an der Kehle, und, um deutlich zu sein: er +muß zusehen, schon jetzt, sofort, zu verkaufen.« + +»Auf dem Halm? Oh, o der arme Kerl!« Und der Senator, der mit dem +Pincenez auf der Tischdecke spielte, schüttelte den Kopf. »Aber das +scheint mir für unsere Verhältnisse ein ziemlich ungewöhnlicher Fall zu +sein«, sagte er. »Ich habe von solchen Geschäften hauptsächlich aus +Hessen gehört, wo ein nicht kleiner Teil der Landleute in den Händen von +Juden ist ... Wer weiß, in das Netz welches Halsabschneiders der arme +Herr von Maiboom gerät ...« + +»Juden? Halsabschneider?« rief Frau Permaneder überaus verwundert ... +»Aber es ist von dir die Rede, Tom, von =dir=!« + +Plötzlich warf Thomas Buddenbrook das Pincenez vor sich hin auf den +Tisch, so daß es ein Stück auf der Zeitung entlang glitt, und wandte mit +einem Ruck den ganzen Oberkörper seiner Schwester zu. + +»Von -- mir?« fragte er mit den Lippen, ohne einen Ton von sich zu +geben; und dann setzte er laut hinzu: »Geh schlafen, Tony! Du bist ja +übermüde.« + +»Ja, Tom, so sagte Ida Jungmann abends zu uns, wenn wir gerade anfingen, +vergnügt zu werden. Aber ich versichere dich, daß ich niemals wacher und +munterer gewesen bin als jetzt, wo ich bei Nacht und Nebel zu dir komme, +um dir Armgards -- also, indirekt, Ralf von Maibooms Vorschlag zu +machen ...« + +»Nun, ich halte diesen Vorschlag deiner Naivität und der Ratlosigkeit +der Maibooms zugute.« + +»Ratlosigkeit? Naivität? Ich verstehe dich nicht, Thomas, ich bin leider +weit entfernt davon! Dir wird Gelegenheit geboten, eine gute Tat zu tun +und gleichzeitig das beste Geschäft deines Lebens zu machen ...« + +»Ach was, meine Liebe, du redest lauter Unsinn!« rief der Senator und +warf sich sehr ungeduldig zurück. »Verzeih, aber du kannst einen mit +deiner Unschuld in Harnisch jagen! Du begreifst also nicht, daß du mir +zu etwas höchst Unwürdigem, zu unreinlichen Manipulationen rätst? Ich +soll im Trüben fischen? Einen Menschen brutal ausbeuten? Die Bedrängnis +dieses Gutsbesitzers benützen, um den Wehrlosen übers Ohr zu hauen? Ihn +zwingen, mir die Ernte eines Jahres gegen den halben Preis abzutreten, +damit ich einen Wucherprofit einstreichen kann?« + +»Ach, so siehst du die Sache an«, sagte Frau Permaneder eingeschüchtert +und nachdenklich. Und wieder lebhaft fuhr sie fort: »Aber es ist nicht +nötig, durchaus nicht nötig, Tom, es von dieser Seite zu nehmen! Ihn +zwingen? Aber er kommt ja zu dir. Er benötigt das Geld, und er möchte +die Sache auf dem Wege der Freundschaft erledigen; unter der Hand, in +aller Stille. Darum hat er die Verbindung mit uns aufgespürt, und darum +bin ich eingeladen worden!« + +»Kurz, er täuscht sich über mich und den Charakter meiner Firma. Ich +habe meine Überlieferungen. Ein solches Geschäft ist von uns in hundert +Jahren nicht gemacht worden, und ich bin nicht gesonnen, mit derartigen +Manövern den Anfang zu machen.« + +»Gewiß, du hast deine Überlieferungen, Tom, und jederlei Achtung davor! +Sicherlich, Vater hätte sich hierauf nicht eingelassen; bewahre; wer +behauptet das?... Aber, so dumm ich bin, das weiß ich, daß du ein ganz +anderer Mensch bist als Vater, und daß, als du die Geschäfte übernahmst, +du einen ganz anderen Wind wehen ließest als er, und daß du unterdessen +manches getan hast, was er nicht getan haben würde. Dafür bist du jung +und ein unternehmender Kopf. Aber ich fürchte immer, du hast dich in +letzter Zeit durch ein und das andere Mißgeschick einschüchtern lassen +... und wenn du jetzt nicht mehr mit so gutem Erfolge arbeitest wie +früher, so liegt das daran, daß du dir aus lauter Vorsicht und +ängstlicher Gewissenhaftigkeit die Gelegenheit zu guten Coups +entschlüpfen läßt ...« + +»Ach, ich bitte dich, liebes Kind, du reizest mich!« sagte der Senator +mit scharfer Stimme und wandte sich hin und her. »Sprechen wir doch von +etwas anderem!« + +»Ja, du bist gereizt, Thomas, ich sehe es wohl. Du warst es von Anfang +an, und gerade darum habe ich weitergeredet, um dir zu beweisen, daß du +dich zu Unrecht beleidigt fühlst. Wenn ich mich aber frage, warum du +gereizt bist, so kann ich mir nur sagen, daß du im Grunde doch nicht so +ganz abgeneigt bist, dich mit der Sache zu beschäftigen. Denn ein so +dummes Weib ich bin, das weiß ich aus mir selbst und von anderen Leuten, +daß man im Leben über einen Vorschlag nur dann erregt und böse wird, +wenn man sich in seinem Widerstande nicht ganz sicher fühlt und +innerlich sehr versucht ist, darauf einzugehen.« + +»Sehr fein«, sagte der Senator, zerbiß das Mundstück seiner Zigarette +und schwieg. + +»Fein? Ha, nein, das ist die einfachste Erfahrung, die das Leben mich +gelehrt hat. Aber laß es gut sein, Tom. Ich will nicht in dich dringen. +Kann ich dich zu einer solchen Sache überreden? Nein, dazu fehlen mir +die Kenntnisse. Ich bin bloß ein dummes Ding ... Schade ... Nun, +gleichviel. Es hat mich sehr interessiert. Ich war einerseits +erschrocken und betrübt für Maibooms, andererseits aber froh für dich. +Ich habe mir gedacht: Tom geht seit einiger Zeit ein bißchen freudelos +umher. Früher klagte er, und jetzt klagt er schon nicht einmal mehr. Er +hat hie und da Geld verloren, die Zeiten sind schlecht, und das grade +jetzt, da =meine= Lage sich eben wieder durch Gottes Güte verbessert hat +und ich mich glücklich fühle. Und dann habe ich mir gedacht: Dies ist +etwas für ihn, ein Coup, ein guter Fang. Damit kann er manche Scharte +auswetzen und den Leuten zeigen, daß bis heute die Firma Johann +Buddenbrook noch nicht gänzlich vom Glücke verlassen ist. Und wenn du +darauf eingegangen wärest, so wäre ich sehr stolz gewesen, die Sache +vermittelt zu haben, denn du weißt, daß es immer mein Traum und meine +Sehnsucht gewesen ist, unserem Namen dienstlich zu sein ... Genug ... +nun ist also die Frage wohl erledigt. -- Was mich aber ärgert, das ist +der Gedanke, daß Maiboom ja dennoch und in jedem Falle auf dem Halm +verkaufen muß, Tom, und wenn er hier in der Stadt sich umsieht, so wird +er schon Käufer finden ... er wird schon einen finden ... und das wird +Hermann Hagenström sein, ha, der Filou ...« + +»Oh, ja, man darf zweifeln, ob er die Sache von der Hand weisen würde«, +sagte der Senator mit Bitterkeit; und Frau Permaneder antwortete dreimal +hintereinander: »Siehst du wohl, siehst du wohl, siehst du wohl?!« + +Plötzlich begann Thomas Buddenbrook den Kopf zu schütteln und ärgerlich +zu lachen. + +»Es ist albern ... Wir sprechen hier, mit einem großen Aufwand von +Ernst, -- wenigstens deinerseits -- über etwas ganz Unbestimmtes, +vollständig in der Luft Stehendes! Meines Wissens habe ich dich noch +nicht einmal gefragt, um was es sich eigentlich handelt, was Herr von +Maiboom eigentlich zu verkaufen hat ... Ich kenne ja Pöppenrade gar +nicht ...« + +»Oh, du hättest natürlich hinfahren müssen!« sagte sie eifrig. »Es ist +ein Katzensprung bis Rostock, und von dort aus ist es gar nichts mehr! +Was er zu verkaufen hat? Pöppenrade ist ein großes Gut. Ich weiß +positiv, daß es mehr als tausend Sack Weizen bringt ... Aber mir ist +nichts Genaueres bekannt. Wie es mit Roggen, Hafer und Gerste bestellt? +Sind es 500 Sack von jedem? Mehr oder weniger? Ich weiß es nicht. Es +steht alles herrlich, das kann ich sagen. Aber ich kann dir nicht mit +Zahlen dienen, Tom, ich bin eine Gans. Du müßtest natürlich +hinfahren ...« + +Eine Pause entstand. + +»Nun, es ist nicht der Mühe wert, zwei Worte darüber zu verlieren«, +sagte der Senator kurz und fest, ergriff sein Pincenez, schob es in die +Westentasche, knöpfte seinen Rock zu, erhob sich und fing an, mit +raschen, starken und freien Bewegungen, die jedes Zeichen von +Nachdenklichkeit geflissentlich ausschlossen, im Zimmer hin und her zu +gehen. + +Dann blieb er am Tische stehen, und während er sich ein wenig darüber +hin seiner Schwester entgegenbeugte und mit der Spitze des gekrümmten +Zeigefingers leicht auf die Platte schlug, sagte er: »Ich werde dir mal +eine Geschichte erzählen, meine liebe Tony, die dir zeigen soll, wie ich +mich zu dieser Sache verhalte. Ich kenne dein _faible_ für den Adel im +allgemeinen und die mecklenburgische Noblesse im besonderen, und darum +bitte ich dich um Geduld, wenn in meiner Geschichte einer dieser Herren +einen Denkzettel erhält ... Du weißt, unter ihnen ist dieser und jener, +der den Kaufleuten, obgleich sie ihm doch so nötig sind wie er ihnen, +nicht allzuviel Hochachtung entgegenbringt, die -- bis zu einem gewissen +Grade anzuerkennende -- Überlegenheit des Produzenten über den +Zwischenhändler im geschäftlichen Verkehre allzusehr betont und, kurz, +den Kaufmann mit nicht sehr anderen Augen ansieht als den hausierenden +Juden, dem man, mit dem Bewußtsein, übervorteilt zu werden, getragene +Kleider überläßt. Ich schmeichle mir, im allgemeinen den Eindruck eines +moralisch minderwertigen Ausbeuters auf die Herren nicht gemacht zu +haben, und habe unter ihnen weit zähere Händler angetroffen, als ich +bin. Bei einem aber bedurfte es erst des folgenden kleinen +Gewaltstreichs, um mich ihm gesellschaftlich ein wenig näher zu bringen +... Es war der Herr von Groß-Poggendorf, von dem du gewiß gehört hast, +und mit dem ich vor Jahr und Tag vielfach zu tun hatte: Graf Strelitz, +ein höchst feudaler Mann mit einem viereckigen Glas im Auge ... ich +begriff niemals, daß er sich nicht schnitt ... lackierten Stulpstiefeln +und einer Reitpeitsche mit goldenem Griff. Er hatte die Gewohnheit, mit +halb geöffnetem Munde und halb geschlossenen Augen von einer +unbegreiflichen Höhe auf mich herabzublicken ... Mein erster Besuch bei +ihm war bedeutsam. Nach einer einleitenden Korrespondenz fuhr ich zu ihm +und trat, vom Bedienten gemeldet, ins Arbeitszimmer. Graf Strelitz saß +am Schreibtisch. Er erwidert meine Verbeugung, indem er sich halbwegs +vom Sessel erhebt, schreibt die letzte Zeile eines Briefes, wendet sich +dann zu mir, indem er über mich hinwegsieht, und beginnt die +Unterhandlungen über seine Ware. Ich lehne am Sofatische, kreuze Arme +und Beine und bin amüsiert. Ich stehe fünf Minuten lang im Gespräche. +Nach weiteren fünf Minuten setze ich mich auf den Tisch und lasse ein +Bein in der Luft schaukeln. Unsere Verhandlungen nehmen ihren Fortgang, +und nach Verlauf einer Viertelstunde sagt er mit einer wirklich gnädigen +Handbewegung leichthin: »Wollen Sie nicht übrigens einen Stuhl nehmen?« +-- »Wie?« sagte ich ... »Oh, nicht nötig! Ich sitze längst.« + +»Sagtest du? Sagtest du es?« rief Frau Permaneder entzückt ... Sofort +hatte sie alles Vorhergehende beinahe vergessen und lebte vollständig in +dieser Anekdote. »Du saßest längst! Es ist ausgezeichnet!...« + +»Nun ja; und ich versichere dich, daß der Graf von diesem Augenblick an +sein Benehmen durchaus änderte, daß er mir die Hand reichte, wenn ich +kam, mich zum Sitzen nötigte ... und daß wir in der Folge geradezu +befreundet geworden sind. Warum aber erzähle ich dir das? Um dich zu +fragen: Würde ich wohl das Herz, das Recht, die innere Sicherheit haben, +auch Herrn von Maiboom in dieser Weise zu belehren, wenn er, mit mir +über den Pauschalpreis für seine Ernte verhandelnd, vergessen sollte, +mir -- einen Stuhl anzubieten ...?« + +Frau Permaneder schwieg. »Gut«, sagte sie dann und stand auf. »Du sollst +recht haben, Tom, und wie ich schon sagte, ich will nicht in dich +dringen. Du mußt wissen, was du zu tun und zu lassen hast, und damit +Punktum. Wenn du mir nur glaubst, daß ich in guter Absicht gesprochen +habe ... Abgemacht! Gute Nacht, Tom!... Oder nein, warte. Ich muß zuvor +deinem Hanno einen Kuß geben und die gute Ida begrüßen ... Ich gucke +dann hier noch einmal herein ...« + +Und damit ging sie. + + +Drittes Kapitel + +Sie stieg die Treppe zur zweiten Etage hinan, ließ den »Altan« zur +Rechten liegen, ging an dem weißgoldenen Geländer der Galerie entlang +und durchschritt ein Vorzimmer, dessen Tür zum Korridor offenstand und +von dem ein zweiter Ausgang linkerseits in das Ankleidezimmer des +Senators führte. Dann drückte sie vorsichtig auf den Griff der geradeaus +gelegenen Tür und trat ein. + +Es war eine außerordentlich geräumige Stube, deren Fenster mit faltigen, +großgeblümten Vorhängen verhüllt waren. Die Wände waren ein wenig kahl. +Abgesehen von einem sehr großen schwarzgerahmten Stich, der über +Fräulein Jungmanns Bett hing und Giacomo Meyerbeer, umgeben von den +Gestalten seiner Opern, darstellte, gab es nur noch eine Anzahl von +englischen Buntdrucken, die Kinder mit gelbem Haar und roten +Babykleidern darstellten und mit Stecknadeln an der hellen Tapete +befestigt waren. Ida Jungmann saß in der Mitte des Zimmers an dem großen +Ausziehtisch und stopfte Hannos Strümpfchen. Die treue Preußin stand nun +am Anfang der Fünfziger, aber obgleich sie sehr früh begonnen hatte, zu +ergrauen, war ihr glatter Scheitel doch noch immer nicht weiß geworden, +sondern in einem bestimmten Zustande der Melierung verblieben, und ihre +aufrechte Gestalt war so starkknochig und rüstig, ihre braunen Augen +waren so frisch, klar und unermüdlich wie vor zwanzig Jahren. + +»Guten Abend, Ida, du gute Seele!« sagte Frau Permaneder gedämpft aber +fröhlich, denn die kleine Erzählung ihres Bruders hatte sie in die beste +Stimmung versetzt. »Wie geht es dir, du altes Möbel?« + +»Ei, ei, Tonychen; Möbel, mein Kindchen? So spät noch hier?« + +»Ja, ich war bei meinem Bruder ... in Geschäften, die keinen Aufschub +duldeten ... Leider hat sich die Sache zerschlagen ... Schläft er?« +fragte sie und wies mit dem Kinn nach dem kleinen Bette, welches an der +linken Seitenwand stand, das grünverhüllte Kopfende hart an der hohen +Tür, die zum Schlafzimmer Senator Buddenbrooks und seiner Gattin +führte ... + +»Pst«, sagte Ida; »ja, er schläft.« Und Frau Permaneder trat auf den +Zehenspitzen an das Bettchen, lüftete vorsichtig die Gardinen und lugte +gebückt in das Gesicht ihres schlafenden Neffen. + +Der kleine Johann Buddenbrook lag auf dem Rücken, hatte aber sein von +dem langen, hellbraunen Haar umrahmtes Gesichtchen dem Zimmer zugewandt +und atmete mit einem leichten Geräusch in das Kopfkissen hinein. Von +seinen Händen, deren Finger kaum aus den viel zu langen und weiten +Ärmeln seines Nachthemdes hervorsahen, lag die eine auf seiner Brust, +die andere neben ihm auf der Steppdecke, und dann und wann zuckten die +gekrümmten Finger leise. Auch an den halb geöffneten Lippen war eine +schwache Bewegung bemerkbar, als versuchten sie, Worte zu bilden. Von +Zeit zu Zeit ging, von unten nach oben, etwas Schmerzliches über dieses +ganze Gesichtchen, das, mit einem Erzittern des Kinnes beginnend, sich +über die Mundpartie fortpflanzte, die zarten Nüstern vibrieren ließ und +die Muskeln der schmalen Stirn in Bewegung versetzte ... Die langen +Wimpern vermochten nicht die bläulichen Schatten zu verdecken, die in +den Augenwinkeln lagerten. + +»Er träumt«, sagte Frau Permaneder gerührt. Dann beugte sie sich über +das Kind, küßte behutsam seine schlafwarme Wange, ordnete mit Sorgfalt +die Gardine und trat wieder an den Tisch, wo Ida, im gelben Schein der +Lampe, einen neuen Strumpf über die Stopfkugel zog, das Loch prüfte und +es zu schließen begann. + +»Du stopfst, Ida. Merkwürdig, ich kenne dich eigentlich gar nicht +anders!« + +»Ja, ja, Tonychen ... Was das Jungchen alles zerreißt, seit er zur +Schule geht!« + +»Aber er ist doch ein so stilles und sanftes Kind?« + +»Ja, ja ... Aber doch.« + +»Geht er denn gern zur Schule?« + +»Nein, nein, Tonychen! Hätt' lieber noch bei mir weiterlernen wollen. +Und ich hätt's auch gewünscht, mein Kindchen, denn die Herren kennen ihn +ja nicht so von klein auf wie ich und wissen es nicht so, wie man ihn +nehmen muß beim Lernen ... Das Aufmerken wird ihm oft schwer, und er +wird rasch müde ...« + +»Der Arme! Hat er schon Schläge bekommen?« + +»Aber nein! Mei boje kochhanne ... sie werden doch nicht so hartherz'g +sein wollen! Wenn das Jungchen sie ansieht ...« + +»Wie war's denn eigentlich, als er zum ersten Male hinging? Hat er +geweint?« + +»Ja, das hat er. Er weint so leicht ... Nicht laut, aber so in sich +hinein ... Und dann hat er deinen Herrn Bruder am Rock festhalten wollen +und immer wieder gebeten, er möchte dableiben ...« + +»So, hat mein Bruder ihn hingebracht?... Ja, das ist ein schwerer +Moment, Ida, glaube mir. Ha, ich weiß es wie gestern! Ich heulte ... ich +versichere dich, ich heulte wie ein Kettenhund, es wurde mir entsetzlich +schwer. Und warum? Weil ich es zu Hause so gut gehabt hatte, gerade wie +Hanno. Die Kinder aus vornehmen Häusern weinten alle, das ist mir sofort +aufgefallen, während die anderen sich gar nichts daraus machten und uns +anglotzten und grinsten ... Gott! was ist ihm, Ida --?!« + +Sie vollendete ihre Handbewegung nicht und wandte sich erschrocken nach +dem Bettchen um, von wo ein Schrei ihr Plaudern unterbrochen hatte, ein +Angstschrei, der sich im nächsten Augenblick mit noch gequälterem, noch +entsetzterem Ausdruck wiederholte und dann drei-, vier-, fünfmal rasch +nacheinander erklang ... »Oh! oh! oh!« ein vor Grauen überlauter, +entrüsteter und verzweifelter Protest, der sich gegen etwas +Abscheuliches richten mußte, was sich zeigte oder geschah ... Im +nächsten Augenblick stand der kleine Johann aufrecht im Bette, und +während er unverständliche Worte stammelte, blickten seine +weitgeöffneten, so eigenartig goldbraunen Augen, ohne etwas von der +Wirklichkeit wahrzunehmen, starr in eine gänzlich andere Welt hinein ... + +»Nichts«, sagte Ida. »Der _pavor_. Ach, das ist manchmal noch viel +ärger.« Und in aller Ruhe legte sie die Arbeit beiseite, ging mit ihren +langen, schweren Schritten auf Hanno zu und legte ihn, während sie mit +tiefer, beruhigender Stimme zu ihm sprach, wieder unter die Decke. + +»Ja, so, der _pavor_ ...« wiederholte Frau Permaneder. »Wacht er nun?« + +Aber Hanno wachte keineswegs, obgleich seine Augen weit und starr +blieben und seine Lippen fortfuhren, sich zu bewegen ... + +»Wie? So ... so ... Nun hören wir auf zu plappern ... =Was= sagst du?« +fragte Ida; und auch Frau Permaneder trat näher, um auf dies unruhige +Murmeln und Stammeln zu horchen. + +»Will ich ... in mein ... Gärtlein gehn ...«, sagte Hanno mit schwerer +Zunge, »will mein' Zwiebeln gießen ...« + +»Er sagt seine Gedichte her«, erklärte Ida Jungmann mit Kopfschütteln. +»So, so! Genug, schlaf nun, mein Jungchen!...« + +»Steht ein ... bucklicht Männlein da, ... fängt als an zu niesen ...«, +sagte Hanno und seufzte dann. Plötzlich aber veränderte sich sein +Gesichtsausdruck, seine Augen schlossen sich halb, er bewegte den Kopf +auf dem Kissen hin und her, und mit leiser, schmerzlicher Stimme fuhr er +fort: + + »Der Mond der scheint, + Das Kindlein weint, + Die Glock schlägt zwölf, + Daß Gott doch allen Kranken helf!...« + +Bei diesen Worten aber schluchzte er tief auf, Tränen traten hinter +seinen Wimpern hervor, liefen langsam über seine Wangen ... und hiervon +erwachte er. Er umarmte Ida, sah sich mit nassen Augen um, murmelte +befriedigt etwas von »Tante Tony«, schob sich ein wenig zurecht und +schlief dann ruhig weiter. + +»Sonderbar!« sagte Frau Permaneder, als Ida sich wieder an den Tisch +setzte. »Was für Gedichte waren das, Ida?« + +»Sie stehen in seinem Lesebuch«, antwortete Fräulein Jungmann, »und +darunter ist gedruckt: `Des Knaben Wunderhorn´. Sie sind kurios ... Er +hat sie in diesen Tagen lernen müssen, und über das mit dem Männlein hat +er viel gesprochen. Kennst du es?... Recht graulich ist es. Dies +bucklige Männlein steht überall, zerbricht den Kochtopf, ißt das Mus, +stiehlt das Holz, läßt das Spinnrad nicht gehen, lacht einen aus ... und +dann, zum Schlusse, bittet es auch noch, man möge es in sein Gebet +einschließen! Ja, das hat es dem Jungchen nun angetan. Er hat tagein -- +tagaus darüber nachgedacht. Weißt du, was er sagte? Zwei-, dreimal hat +er gesagt: `Nicht wahr, Ida, es tut es nicht aus Schlechtigkeit, nicht +aus Schlechtigkeit!... Es tut es aus Traurigkeit und ist dann noch +trauriger darüber ... Wenn man betet, so braucht es das alles nicht mehr +zu tun.´ Und heute abend noch, als seine Mama ihm Gute Nacht sagte, +bevor sie ins Konzert ging, hat er sie gefragt, ob er auch für das +bucklige Männlein beten solle ...« + +»Und hat es auch getan?« + +»Nicht laut, aber wahrscheinlich im stillen ... Aber über das andere +Gedicht, das `Ammenuhr´ heißt, hat er gar nicht gesprochen, sondern nur +geweint. Er gerät so leicht ins Weinen, das Jungchen, und kann dann +lange nicht aufhören ...« + +»Aber was ist denn so traurig darin?« + +»Weiß =ich= ... Über den Anfang, die Stelle, bei der er sogar eben im +Schlafe schluchzte, kam er beim Aufsagen nie hinweg ... und auch nachher +über den Fuhrmann, der sich schon um drei von der Streu erhebt, hat er +geweint ...« + +Frau Permaneder lachte gerührt und machte dann ein ernstes Gesicht. + +»Aber ich will dir sagen, Ida, es ist nicht gut, ich halte es nicht für +gut, daß ihm alles so nahe geht. Der Fuhrmann steht um drei Uhr auf -- +nun, mein lieber Gott, dafür ist er ein Fuhrmann! Das Kind -- soviel +weiß ich schon -- neigt dazu, alle Dinge mit zu eindringlichen Augen +anzusehen und sich alles zu sehr zu Herzen zu nehmen ... Das muß an ihm +zehren, glaube mir. Man sollte einmal ernstlich mit Grabow sprechen ... +Aber das ist es eben«, fuhr sie fort, indem sie die Arme verschränkte, +den Kopf zur Seite neigte und mißmutig mit der Fußspitze auf dem Boden +trommelte; »Grabow wird alt, und, abgesehen davon: so herzensgut er ist, +ein Biedermann, ein wirklich braver Mensch ... was seine Eigenschaften +als Arzt betrifft, so halte ich nicht gerade große Stücke auf ihn, Ida, +Gott verzeihe mir, wenn ich mich in ihm täusche. So zum Beispiel mit +Hannos Unruhe, seinem Auffahren bei Nacht, seinen Angstanfällen im +Traume ... Grabow weiß es, und alles, was er tut, ist, daß er uns sagt, +was es ist, uns einen lateinischen Namen nennt: _pavor nocturnus_ ... +ja, lieber Gott, das ist sehr belehrend ... Nein, er ist ein lieber +Mann, ein guter Hausfreund, alles; aber ein Licht ist er nicht. Ein +bedeutender Mensch sieht anders aus und zeigt schon in der Jugend, daß +etwas an ihm ist. Grabow hat die Zeit von Achtundvierzig mit erlebt; er +war ein junger Mann damals. Aber meinst du, daß er sich jemals erregt +hat -- über die Freiheit und die Gerechtigkeit und den Umsturz von +Privilegien und Willkür? Er ist ein Gelehrter, aber ich bin überzeugt, +daß die unerhörten Bundesgesetze von damals über die Universitäten und +die Presse ihn vollständig kalt gelassen haben. Er hat sich niemals ein +wenig wild gebärdet, niemals ein wenig über die Schnur gehauen ... Er +hat immer sein langes, mildes Gesicht gehabt, und nun verordnet er Taube +und Franzbrot und, wenn der Fall ernst ist, einen Eßlöffel Altheesaft +... Gute Nacht, Ida ... Ach nein, ich glaube, da gibt es ganz andere +Ärzte!... Schade, daß ich Gerda nicht mehr sehe ... Ja, danke, es ist +noch Licht auf dem Korridor ... Gute Nacht.« + +Als Frau Permaneder im Vorübergehen die Tür zum Eßzimmer öffnete, um, +ins Wohnzimmer hinein, auch ihrem Bruder gute Nacht zuzurufen, sah sie, +daß in der ganzen Flucht Licht war und daß Thomas, die Hände auf dem +Rücken, darin hin und wider ging. + + +Viertes Kapitel + +Allein geblieben, hatte der Senator seinen Platz am Tische wieder +eingenommen, sein Pincenez hervorgezogen und in der Lektüre seiner +Zeitung fortfahren wollen. Aber nach zwei Minuten schon hatten seine +Augen sich von dem bedruckten Papier erhoben, und ohne die Haltung +seines Körpers zu verändern, hatte er lange Zeit geradeaus, zwischen den +Portieren hindurch, unverwandt in das Dunkel des Salons geblickt. + +Wie bis zur Unkenntlichkeit verändert sein Gesicht sich ausnahm, wenn er +sich allein befand! Die Muskeln des Mundes und der Wangen, sonst +diszipliniert und zum Gehorsam gezwungen, im Dienste einer +unaufhörlichen Willensanstrengung, spannten sich ab, erschlafften; wie +eine Maske fiel die längst nur noch künstlich festgehaltene Miene der +Wachheit, Umsicht, Liebenswürdigkeit und Energie von diesem Gesichte ab, +um es in dem Zustande einer gequälten Müdigkeit zurückzulassen; die +Augen, mit trübem und stumpfem Ausdruck auf einen Gegenstand gerichtet, +ohne ihn zu umfassen, röteten sich, begannen zu tränen -- und ohne Mut +zu dem Versuche, auch sich selbst noch zu täuschen, vermochte er von +allen Gedanken, die schwer, wirr und ruhelos seinen Kopf erfüllten, nur +den einen, verzweifelten festzuhalten, daß Thomas Buddenbrook mit +zweiundvierzig Jahren ein ermatteter Mann war. + +Er strich langsam und tief aufatmend mit der Hand über Stirn und Augen, +entzündete mechanisch eine neue Zigarette, obgleich er wußte, daß es ihm +schadete, und fuhr fort, durch den Rauch ins Dunkel zu blicken ... Welch +ein Gegensatz zwischen der leidenden Schlaffheit seiner Züge und der +eleganten, beinahe martialischen Toilette, die diesem Kopfe gewidmet war +-- dem parfümierten, lang ausgezogenen Schnurrbart, der peinlich +rasierten Glätte von Kinn und Wangen, der sorgfältigen Frisur des +Haupthaares, dessen beginnende Lichtung am Wirbel nach Möglichkeit +verdeckt war, das, in zwei länglichen Einbuchtungen von den zarten +Schläfen zurücktretend, einen schmalen Scheitel bildete und über den +Ohren nicht mehr lang und gekraust, wie einst, sondern sehr kurz +gehalten war, damit man nicht sehe, daß es an dieser Stelle ergraute ... +Er selbst empfand ihn, diesen Gegensatz, und er wußte wohl, daß +niemandem draußen in der Stadt der Widerstreit entgehen konnte, der +zwischen seiner beweglichen, elastischen Aktivität und der matten Blässe +seines Gesichtes bestand. + +Nicht, daß er in geringerem Maße als ehemals dort draußen eine wichtige +und unentbehrliche Persönlichkeit gewesen wäre. Die Freunde wiederholten +es, und die Neider konnten es nicht leugnen, daß Bürgermeister Doktor +Langhals mit weit vernehmbarer Stimme den Ausspruch seines Vorgängers +Oeverdieck bestätigt hatte: Senator Buddenbrook sei des Bürgermeisters +rechte Hand. Daß aber die Firma Johann Buddenbrook nicht mehr das war, +was sie vorzeiten gewesen, das schien eine so gassenläufige Wahrheit, +daß Herr Stuht in der Glockengießerstraße es seiner Frau erzählen +konnte, wenn sie mittags zusammen ihre Specksuppe verzehrten ... und +Thomas Buddenbrook stöhnte darüber. + +Gleichwohl war er selbst es, der zur Entstehung dieser Anschauungsweise +am meisten beigetragen hatte. Er war ein reicher Mann, und keiner der +Verluste, die er erlitten, auch den schweren des Jahres sechsundsechzig +nicht ausgenommen, hatte die Existenz der Firma ernstlich in Frage +stellen können. Aber obgleich er, wie selbstverständlich, fortfuhr, in +angemessener Weise zu repräsentieren und seinen Diners die Anzahl von +Gängen zu geben, die seine Gäste von ihnen erwarteten, hatte doch die +Vorstellung, sein Glück und Erfolg sei dahin, diese Vorstellung, die +mehr eine innere Wahrheit war, als daß sie auf äußere Tatsachen +gegründet gewesen wäre, ihn in einen Zustand so argwöhnischer +Verzagtheit versetzt, daß er, wie niemals zuvor, das Geld an sich zu +halten und in seinem Privatleben in fast kleinlicher Weise zu sparen +begann. Hundertmal hatte er den kostspieligen Bau seines neuen Hauses +verwünscht, das ihm, so empfand er, nichts als Unheil gebracht hatte. +Die Sommerreisen wurden eingestellt, und der kleine Stadtgarten mußte +den Aufenthalt am Strande oder im Gebirge ersetzen. Die Mahlzeiten, die +er gemeinsam mit seiner Gattin und dem kleinen Hanno einnahm, waren auf +sein wiederholtes und strenges Geheiß von einer Einfachheit, die im +Gegensatze zu dem weiten, parkettierten Speisezimmer mit seinem hohen +und luxuriösen Plafond und seinen prachtvollen Eichenmöbeln komisch +wirkte. Während längerer Zeit war Dessert nur für den Sonntag gestattet +... Die Eleganz seines Äußeren blieb dieselbe; aber Anton, der +langjährige Bediente, wußte doch in der Küche zu erzählen, daß der +Senator jetzt nur noch jeden zweiten Tag das weiße Hemd wechsele, da die +Wäsche das feine Linnen allzusehr ruiniere ... Er wußte noch mehr. Er +wußte auch, daß er entlassen werden sollte. Gerda protestierte. Drei +Dienstboten seien zur Instandhaltung eines so großen Hauses kaum genug. +Es half nichts: mit einem angemessenen Geldgeschenk ward Anton, der so +lange den Bock eingenommen hatte, wenn Thomas Buddenbrook in den Senat +fuhr, verabschiedet. + +Solchen Maßregeln entsprach das freudlose Tempo, das der Geschäftsgang +angenommen hatte. Nichts war mehr zu verspüren von dem neuen und +frischen Geiste, mit dem der junge Thomas Buddenbrook einst den Betrieb +belebt hatte -- und sein Sozius, Herr Friedrich Wilhelm Marcus, welcher, +nur mit geringem Kapitale beteiligt, in keinem Falle bedeutenden Einfluß +besessen hätte, war von Natur und Temperament jeder Initiative bar. + +Im Laufe der Jahre hatte seine Pedanterie zugenommen und war zur +vollständigen Wunderlichkeit geworden. Er brauchte eine Viertelstunde, +um sich, unter Schnurrbartstreichen, Räuspern und bedächtigen +Seitenblicken, eine Zigarre anzuschneiden und die Spitze in seinen +Geldbeutel zu versenken. Des Abends, wenn die Gaslampen jeden Winkel des +Kontors taghell erleuchteten, unterließ er es niemals, noch eine +brennende Stearinkerze auf sein Pult zu stellen. Nach jeder halben +Stunde erhob er sich, um sich zur Wasserleitung zu begeben und seinen +Kopf zu begießen. Eines Vormittags lag unordentlicherweise ein leerer +Getreidesack unter seinem Pult, den er für eine Katze hielt und zum +Gaudium des gesamten Personals unter lauten Verwünschungen zu verjagen +suchte ... Nein, er war nicht der Mann, der jetzigen Mattigkeit seines +Kompagnons zum Trotz, fördernd in die Geschäfte einzugreifen, und oft +erfaßte den Senator, wie jetzt, während er matten Blickes in die +Finsternis des Salons hinüberstarrte, die Scham und eine verzweifelte +Ungeduld, wenn er sich den unbeträchtlichen Kleinbetrieb, das +pfennigweise Geschäftemachen vergegenwärtigte, zu dem sich in letzter +Zeit die Firma Johann Buddenbrook erniedrigt hatte. + +Aber, war es nicht gut so? Auch das Unglück, dachte er, hat seine Zeit. +War es nicht weise, sich still zu verhalten, während es in uns herrscht, +sich nicht zu rühren, abzuwarten und in Ruhe innere Kräfte zu sammeln? +Warum mußte man jetzt mit diesem Vorschlag an ihn herantreten, ihn aus +seiner klugen Resignation vor der Zeit aufstören und ihn mit Zweifeln +und Bedenken erfüllen! War die Zeit gekommen? War dies ein Fingerzeig? +Sollte er ermuntert werden, aufzustehen und einen Schlag zu führen? Mit +aller Entschiedenheit, die er seiner Stimme zu geben vermocht, hatte er +das Ansinnen zurückgewiesen; aber war, seit Tony aufgebrochen, wirklich +das Ganze erledigt? Es schien nicht, denn er saß hier und grübelte. »Man +begegnet einem Vorschlage nur dann mit Erregtheit, wenn man sich in +seinem Widerstande nicht sicher fühlt ...« Eine verteufelt schlaue +Person, diese kleine Tony! + +Was hatte er ihr entgegengehalten? Er hatte es sehr gut und eindringlich +gesagt, wie er sich erinnerte. »Unreinliche Manipulation ... Im Trüben +fischen ... Brutale Ausbeutung ... Einen Wehrlosen übers Ohr hauen ... +Wucherprofit ...« ausgezeichnet! Allein es fragte sich, ob dies die +Gelegenheit war, so laute Worte ins Gefecht zu führen. Konsul Hermann +Hagenström würde sie nicht gesucht und würde sie nicht gefunden haben. +War Thomas Buddenbrook ein Geschäftsmann, ein Mann der unbefangenen Tat +oder ein skrupulöser Nachdenker? + +O ja, das war die Frage; das war von jeher, so lange er denken konnte, +seine Frage gewesen! Das Leben war hart, und das Geschäftsleben war in +seinem rücksichtslosen und unsentimentalen Verlaufe ein Abbild des +großen und ganzen Lebens. Stand Thomas Buddenbrook mit beiden Beinen +fest wie seine Väter in diesem harten und praktischen Leben? Oft genug, +von jeher, hatte er Ursache gehabt, daran zu zweifeln! Oft genug, von +Jugend an, hatte er diesem Leben gegenüber sein Fühlen korrigieren +müssen ... Härte zufügen, Härte erleiden und es nicht als Härte, sondern +als etwas Selbstverständliches =empfinden= -- würde er das niemals +vollständig erlernen? + +Er erinnerte sich des Eindruckes, den die Katastrophe des Jahres 66 auf +ihn hervorgebracht hatte, und er rief sich die unaussprechlich +schmerzlichen Empfindungen zurück, die ihn damals überwältigt hatten. Er +hatte eine große Summe Geldes verloren ... ach, nicht das war das +Unerträglichste gewesen! Aber er hatte zum ersten Male in vollem Umfange +und am eigenen Leibe die grausame Brutalität des Geschäftslebens +verspüren müssen, in dem alle guten, sanften und liebenswürdigen +Empfindungen sich vor dem einen rohen, nackten und herrischen Instinkt +der Selbsterhaltung verkriechen und in dem ein erlittenes Unglück bei +den Freunden, den besten Freunden, nicht Teilnahme, nicht Mitgefühl, +sondern -- »Mißtrauen«, kaltes, ablehnendes Mißtrauen hervorruft. Hatte +er das nicht gewußt? War er berufen, sich darüber zu verwundern? Wie +sehr hatte er sich später in besseren und stärkeren Stunden darüber +geschämt, daß er in den schlaflosen Nächten von damals sich empört, voll +Ekel und unheilbar verletzt gegen die häßliche und schamlose Härte des +Lebens aufgelehnt hatte! + +Wie albern das gewesen war! Wie lächerlich jedesmal diese Regungen +gewesen waren, wenn er sie empfunden hatte! Wie war es überhaupt +möglich, daß sie in ihm entstanden? Denn nochmals gefragt: War er ein +praktischer Mensch oder ein zärtlicher Träumer? + +Ach, diese Frage hatte er sich schon tausendmal gestellt, und er hatte +sie, in starken und zuversichtlichen Stunden, bald so und -- in müden -- +bald so beantwortet. Aber er war zu scharfsinnig und ehrlich, als daß er +sich nicht schließlich die Wahrheit hätte gestehen müssen, daß er ein +Gemisch von beidem sei. + +Zeit seines Lebens hatte er sich den Leuten als tätiger Mann +präsentiert; aber soweit er mit Recht dafür galt -- war er es nicht, mit +seinem gern zitierten Goetheschen Wahl- und Wahrspruch -- aus bewußter +Überlegung gewesen? Er hatte ehemals Erfolge zu verzeichnen gehabt ... +aber waren sie nicht nur aus dem Enthusiasmus, der Schwungkraft +hervorgegangen, die er der Reflexion verdankte? Und da er nun +daniederlag, da seine Kräfte -- wenn auch, Gott gebe es, nicht für immer +-- erschöpft schienen: war es nicht die notwendige Folge dieses +unhaltbaren Zustandes, dieses unnatürlichen und aufreibenden +Widerstreites in seinem Innern?... Ob sein Vater, sein Großvater, sein +Urgroßvater die Pöppenrader Ernte auf dem Halme gekauft haben würden? +Gleichviel!... Gleichviel!... Aber daß sie praktische Menschen gewesen, +daß sie es voller, ganzer, stärker, unbefangener, natürlicher gewesen +waren, als er, das war es, was feststand!... + +Eine große Unruhe ergriff ihn, ein Bedürfnis nach Bewegung, Raum und +Licht. Er schob seinen Stuhl zurück, ging hinüber in den Salon und +entzündete mehrere Gasflammen des Lüsters über dem Mitteltische. Er +blieb stehen, drehte langsam und krampfhaft an der langen Spitze seines +Schnurrbartes und blickte, ohne etwas zu sehen, in diesem luxuriösen +Gemache umher. Es nahm zusammen mit dem Wohnzimmer die ganze +Frontbreite des Hauses ein, war mit hellen, geschweiften Möbeln +ausgestattet und trug, mit seinem großen Konzertflügel, auf dem Gerdas +Geigenkasten stand, seiner mit Notenbüchern beladenen Etagere daneben, +dem geschnitzten Stehpult und den Basreliefs von musizierenden Amoretten +über den Türen, den Charakter eines Musikzimmers. Der Erker war mit +Palmen angefüllt. + +Senator Buddenbrook stand zwei oder drei Minuten, ohne sich zu bewegen. +Dann raffte er sich auf, ging ins Wohnzimmer zurück, trat ins +Speisezimmer und erleuchtete auch dies. Er machte sich am Büffett zu +schaffen, trank, um sein Herz zu beruhigen, oder um überhaupt etwas zu +tun, ein Glas Wasser und ging dann rasch, die Hände auf dem Rücken, +weiter in die Tiefe des Hauses hinein. Das »Rauchzimmer« war dunkel +möbliert und mit Holz getäfelt. Er öffnete mechanisch den +Zigarrenschrank, verschloß ihn sofort wieder und erhob, am Spieltische, +den Deckel einer kleinen eichenen Truhe, die Kartenspiele, Notizblocks +und ähnliche Dinge enthielt. Er ließ eine Anzahl knöcherner Anlegemarken +klappernd durch seine Hand gleiten, warf den Deckel zu und wandte sich +abermals zum Gehen. + +Ein kleines Kabinett mit einem buntfarbigen Fensterchen grenzte an das +Rauchzimmer. Es war leer bis auf einige ganz leichte »Servanten«, die +ineinander geschoben waren und auf denen ein Likörkasten stand. Von hier +aus aber betrat man den Saal, welcher, mit seiner ungeheuren +Parkettfläche und seinen vier hohen, weinrot verhangenen Fenstern, die +auf den Garten hinausblickten, wiederum die ganze Breite des Hauses in +Anspruch nahm. Er war ausgestattet mit einem Paar schwerer, niedriger +Sofas von dem Rot der Portieren und einer Anzahl von Stühlen, die +hochlehnig und ernst an den Wänden standen. Ein Kamin war dort, hinter +dessen Gitter falsche Kohlen lagen und mit ihren Streifen von +rotgoldenem Glanzpapier zu glühen schienen. Auf der Marmorplatte, vor +dem Spiegel, ragten zwei mächtige chinesische Vasen ... + +Nun lag die ganze Zimmerflucht im Lichte einzelner Gasflammen, wie nach +einem Feste, wenn der letzte Gast soeben davongefahren. Der Senator +durchmaß den Saal einmal der Länge nach, blieb dann an dem Fenster +stehen, das dem Kabinett gegenüber lag, und blickte in den Garten +hinaus. + +Der Mond stand hoch und klein zwischen flockigen Wolken, und der +Springbrunnen ließ seinen Strahl in der Stille unter den überhängenden +Zweigen des Walnußbaumes plätschern. Thomas sah hinüber auf den +Pavillon, der das Ganze abschloß, auf die kleine, weiß glänzende +Terrasse mit den beiden Obelisken, auf die regelmäßigen Kieswege, die +frisch umgegrabenen, abgezirkelten Beete und Rasenplätze ... aber diese +ganze zierliche und ungestörte Symmetrie, weit entfernt, ihn zu +beruhigen, verletzte und reizte ihn. Er erfaßte mit der Hand die Klinke +des Fensters, legte seine Stirn darauf und ließ seine Gedanken ihren +qualvollen Gang wieder antreten. + +Wo wollte es mit ihm hinaus? Er erinnerte sich einer Bemerkung, die er +vorhin seiner Schwester gegenüber hatte fallen lassen und über die er +selbst sich, sobald sie ausgesprochen, als über etwas höchst +Überflüssiges geärgert hatte. Er hatte vom Grafen Strelitz gesprochen, +vom Landadel, und hatte bei dieser Gelegenheit klar und deutlich die +Meinung ausgedrückt, daß eine soziale Überlegenheit des Produzenten über +den Zwischenhändler anzuerkennen sei. War das zutreffend? Ach, mein +Gott, es war so unsäglich gleichgültig, ob es zutreffend war! Aber war +=er= berufen, diesen Gedanken auszusprechen, ihn in Erwägung zu ziehen, +überhaupt darauf zu verfallen? War er imstande, sich seinen Vater, +seinen Großvater, irgendeinen seiner Mitbürger vorzustellen, wie er +diesem Gedanken nachhing und ihm Ausdruck verlieh? Ein Mann, der fest +und zweifellos in seinem Berufe steht, kennt nur diesen, weiß nur von +diesem, schätzt nur diesen ... + +Plötzlich fühlte er, wie das Blut ihm heiß zum Kopfe stieg, wie er +errötete bei einer zweiten Erinnerung, die weiter zurücklag. Er sah sich +mit seinem Bruder Christian im Garten des Mengstraßen-Hauses umhergehen, +begriffen in einem Streite, einer dieser so tief bedauernswerten +erregten Auseinandersetzungen ... Christian hatte, in seiner indiskreten +und kompromittierenden Art, vor vielen Ohren eine liederliche Äußerung +getan, über welche er ihn, wütend, empört, aufs äußerste gereizt, zur +Rede gestellt hatte. Eigentlich, hatte Christian gesagt, eigentlich und +im Grunde sei doch jeder Geschäftsmann ein Betrüger ... Wie? war diese +insipide und nichtswürdige Redensart ihrem Wesen nach so weit entfernt +von derjenigen, die er selbst sich soeben noch seiner Schwester +gegenüber gestattet hatte? Er hatte sich darüber entrüstet, hatte +wutentbrannt dagegen protestiert ... Aber wie hatte diese schlaue, +kleine Tony, gesagt? Wer sich ereifert ... + +»Nein!« sagte der Senator plötzlich mit lauter Stimme, erhob mit einem +Ruck den Kopf, ließ den Fenstergriff fahren, stieß sich förmlich davon +zurück und sagte ebenso laut: »Dies ist zu Ende!« Dann räusperte er +sich, um über die unangenehme Empfindung hinwegzukommen, die seine +eigene, einsame Stimme ihm verursachte, wandte sich und begann, schnell +gesenkten Kopfes, die Hände auf dem Rücken, hin und her durch alle +Zimmer zu gehen. + +»Dies ist zu Ende!« wiederholte er. »Es muß ein Ende gemacht werden! Ich +verbummele, ich versumpfe, ich werde alberner als Christian!« Oh, es war +unendlich dankenswert, daß er sich nicht in Unwissenheit darüber befand, +wie es mit ihm stand! Nun war es in seine Hand gegeben, sich zu +korrigieren! Mit Gewalt!... Laß sehen ... laß sehen ... was war es für +ein Angebot, das ihm da gemacht worden war? Die Ernte ... Die +Pöppenrader Ernte auf dem Halm? »Ich werde es tun!« sagte er mit +leidenschaftlichem Flüstern und schüttelte sogar eine Hand mit +ausgestrecktem Zeigefinger. »Ich werde es tun!« + +Es war ja wohl das, was man einen Coup nennt? Eine Gelegenheit, ein +Kapital von, sagen wir einmal, vierzigtausend Kurantmark ganz einfach -- +und ein wenig übertrieben ausgedrückt -- zu verdoppeln?... Ja, es war +ein Fingerzeig, ein Wink, sich zu erheben! Es handelte sich um einen +Anfang, einen ersten Streich, und das Risiko, das damit verbunden war, +ergab nur eine Widerlegung mehr aller moralischen Skrupeln. Gelang es, +dann war er wieder hergestellt, dann würde er wieder wagen, dann würde +er das Glück und die Macht wieder mit diesen inneren elastischen +Klammern halten ... + +Nein, den Herren Strunck & Hagenström würde dieser Fang leider entgehen! +Es gab am Orte eine Firma, die in diesem Falle infolge von persönlichen +Verbindungen denn doch die Vorhand hatte!... In der Tat, das Persönliche +war hier das Entscheidende. Es war kein gewöhnliches Geschäft, das man +kühl und in den üblichen Formen erledigt. Es trug vielmehr, wie es durch +Tonys Vermittlung eingeleitet worden, halbwegs den Charakter einer +Privatangelegenheit, die mit Diskretion und Verbindlichkeit zu behandeln +war. Ach nein, Hermann Hagenström wäre wohl kaum der Mann dafür +gewesen!... Thomas benutzte als Kaufmann die Konjunktur und auch beim +Verkaufe, nachher, würde er sie bei Gott zu benutzen wissen! Andererseits +aber erwies er dem bedrängten Gutsherrn einen Dienst, zu dem er, durch +die Freundschaft Tonys mit Frau von Maiboom, ganz allein berufen +war. Schreiben also ... heute abend noch schreiben -- nicht auf dem +Geschäftspapier mit Firmendruck, sondern auf einem Privatbriefbogen, auf +dem nur »Senator Buddenbrook« gedruckt stand -- in rücksichtsvollster +Weise schreiben und fragen, ob ein Besuch in den nächsten Tagen genehm +sei. Eine heikle Sache immerhin. Ein etwas glatter Grund und Boden, auf +dem man sich mit einiger Grazie bewegen mußte ... Desto mehr etwas für +ihn! + +Und seine Schritte wurden noch geschwinder, sein Atem tiefer. Er setzte +sich einen Augenblick, sprang auf und wanderte aufs neue durch alle +Zimmer. Er durchdachte das Ganze noch einmal, er dachte an Herrn Marcus, +an Hermann Hagenström, Christian und Tony, sah die gelbreife Ernte von +Pöppenrade im Winde schwanken, phantasierte von dem allgemeinen +Aufschwung der Firma, der diesem Coup folgen würde, verwarf zornig alle +Bedenken, schüttelte seine Hand und sagte: »Ich werde es tun!« + +Frau Permaneder öffnete die Tür zum Speisezimmer und rief: »Gute Nacht!« +Er antwortete, ohne es zu wissen. Gerda, von der sich Christian an der +Haustür verabschiedet hatte, trat ein, und in ihren seltsamen, nahe +beieinanderliegenden braunen Augen lag der rätselhafte Schimmer, den die +Musik ihnen zu geben pflegt. Der Senator blieb mechanisch vor ihr +stehen, fragte mechanisch nach dem spanischen Virtuosen und dem Verlaufe +seines Konzertes und versicherte dann, sogleich sich ebenfalls zur Ruhe +begeben zu wollen. + +Aber er ging nicht zur Ruhe, sondern nahm seine Wanderung wieder auf. Er +dachte an die Säcke mit Weizen, Roggen, Hafer und Gerste, welche die +Böden des »Löwen«, des »Walfisches«, der »Eiche« und der »Linde« füllen +sollten, sann über dem Preise, dem -- oh, durchaus nicht unanständigen +Preise, den er zu bieten beabsichtigte, stieg um Mitternacht leise ins +Kontor hinunter und schrieb bei Herrn Marcus' Stearinkerze in einem Zuge +einen Brief an Herrn von Maiboom auf Pöppenrade, einen Brief, der, als +er ihn mit fieberheißem und schwerem Kopfe durchlas, ihm als der beste +und taktvollste seines Lebens erschien. + +Das war in der Nacht vor dem 27. Mai. Am nächsten Tage eröffnete er +seiner Schwester in leichter und humoristischer Weise, daß er die Sache +nun von allen Seiten betrachtet habe und daß er Herrn von Maiboom nicht +einfach einen Korb geben und an den nächsten Beutelschneider verweisen +könne. Am 30. des Monats unternahm er eine Reise nach Rostock und fuhr +von dort mit einem Mietswagen über Land. + +Seine Laune war vortrefflich in den nächsten Tagen, sein Gang elastisch +und frei, sein Mienenspiel verbindlich. Er neckte Klothilde, lachte +herzlich über Christian, scherzte mit Tony, spielte am Sonntag eine +ganze Stunde lang mit Hanno auf dem »Altan« in der zweiten Etage, indem +er seinem Sohne half, winzige Getreidesäcke an einem kleinen, +ziegelroten Speicher hinaufzuwinden und dabei die hohlen und gedehnten +Rufe der Arbeiter nachahmte ... und hielt in der Bürgerschaftssitzung +vom 3. Juni über den langweiligsten Gegenstand von der Welt, über +irgendeine Steuerfrage, eine so ausgezeichnete und witzige Rede, daß er +in allen Stücken Recht bekam und Konsul Hagenström, der ihm opponiert +hatte, der allgemeinen Heiterkeit anheimfiel. + + +Fünftes Kapitel + +War es Unachtsamkeit oder Absicht von des Senators Seite -- es fehlte +nicht viel, so wäre er über eine Tatsache hinweggegangen, die nun durch +Frau Permaneder, welche sich am treuesten und hingebendsten mit den +Familienpapieren beschäftigte, aller Welt verkündet ward: die Tatsache, +daß in den Dokumenten der 7. Juli des Jahres 1768 als Gründungstag der +Firma angenommen war, und daß die hundertste Wiederkehr dieses Tages +bevorstand. + +Fast schien es, daß Thomas sich unangenehm berührt fühlte, als Tony ihn +mit bewegter Stimme darauf aufmerksam machte. Der Aufschwung seiner +Laune war nicht von Dauer gewesen. Allzubald war er wieder still +geworden, stiller vielleicht als vorher. Mitten in der Arbeit konnte er +das Kontor verlassen, um, von Unruhe erfaßt, einsam im Garten +umherzugehen, dann und wann wie gehemmt und aufgehalten stehenzubleiben +und seufzend die Augen mit der Hand zu bedecken. Er sagte nichts, er +sprach sich nicht aus ... Gegen wen auch? Herr Marcus war -- ein +erstaunlicher Anblick -- zum ersten Male in seinem Leben heftig +geworden, als sein Kompagnon ihm kurzerhand von dem Geschäfte mit +Pöppenrade Mitteilung gemacht hatte, und hatte jede Verantwortung und +jede Beteiligung abgelehnt. Seiner Schwester, Frau Permaneder, aber +verriet sich Thomas an einem Donnerstagabend auf der Straße, als sie +sich mit einer Anspielung auf die Ernte von ihm verabschiedete, durch +einen einzigen kurzen Händedruck, dem er hastig und leise die Worte +hinzufügte: »Ach, Tony, ich wollte, ich hätte schon wieder verkauft!« +Dann wandte er sich, jäh abbrechend, zum Gehen und ließ Frau Antonie +verdutzt und ergriffen zurück ... Dieser plötzliche Händedruck hatte +etwas von ausbrechender Verzweiflung, dieses geflüsterte Wort so viel +von lange verhaltener Angst gehabt ... Als aber Tony bei der nächsten +Gelegenheit versucht hatte, auf die Sache zurückzukommen, hatte er sich +in desto ablehnenderes Schweigen gehüllt, voll Scham über die Schwäche, +mit der er sich einen Augenblick hatte gehen lassen, voll Erbitterung +über seine Untauglichkeit, dies Unternehmen vor sich selbst zu +verantworten ... + +Nun sagte er schwerfällig und verdrießlich: »Ach, meine Liebe, ich +wollte, wir könnten das ganz einfach ignorieren!« + +»Ignorieren, Tom? Unmöglich! Undenkbar! Meinst du, du könntest diese +Tatsache unterschlagen? Meinst du, die ganze Stadt könnte die Bedeutung +dieses Tages vergessen?« + +»Ich sage nicht, daß es möglich ist; ich sage, daß es mir lieber wäre, +wir könnten den Tag mit Stillschweigen begehen. Die Vergangenheit zu +feiern, ist hübsch, wenn man, was Gegenwart und Zukunft betrifft, guter +Dinge ist ... Sich seiner Väter zu erinnern ist angenehm, wenn man sich +einig mit ihnen weiß und sich bewußt ist, immer in ihrem Sinne gehandelt +zu haben ... Käme das Jubiläum zu gelegenerer Zeit ... Kurz, ich bin +wenig aufgelegt, Feste zu feiern.« + +»Du mußt so nicht reden, Tom. Du meinst es auch nicht so und weißt wohl, +daß es eine Schande, eine Schande wäre, das hundertjährige Jubiläum der +Firma Johann Buddenbrook sang- und klanglos vorübergehen zu lassen! Du +bist jetzt nur ein bißchen nervös, und ich weiß auch warum ... obgleich +eigentlich gar keine Ursache dafür vorhanden ist ... Aber wenn der Tag +da ist, dann wirst du so freudig bewegt sein, wie wir alle ...« + +Sie hatte recht, der Tag war nicht mit Stillschweigen zu übergehen. +Nicht lange, so tauchte in den »Anzeigen« eine vorbereitende Notiz auf, +die eine ausführliche Rekapitulation der Geschichte des altangesehenen +Handelshauses für den Festtag selbst in Aussicht stellte -- und es hätte +ihrer kaum bedurft, um die wohllöbliche Kaufmannschaft aufmerksam zu +machen. Was aber die Familie betraf, so war Justus Kröger der erste, der +am Donnerstag das Bevorstehende zur Sprache brachte, und Frau Permaneder +sorgte dafür, daß, war das Dessert abgetragen, die ehrwürdige Ledermappe +mit den Familiendokumenten feierlich aufgelegt ward, und daß man als +Vorfeier sich mit den Daten, die aus dem Leben des seligen Johan +Buddenbrook, Hannos Ur-Ur-Großvater, des Gründers der Firma, bekannt +waren, eingehend beschäftigte. Wann er die Frieseln und wann die echten +Blattern gehabt, wann er vom dritten Boden auf die Darre gestürzt und +wann in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen, verlas sie mit einem +religiösen Ernste. Sie konnte sich nicht genug tun, sie griff zurück +bis ins 16. Jahrhundert zu dem ältesten Buddenbrook, der bekannt, zu +dem, der zu Grabau Ratsherr gewesen und zu dem Gewandschneider in +Rostock, der sich »sehr gut gestanden« -- was unterstrichen war -- und +so außerordentlich viele lebendige und tote Kinder gehabt ... »Was für +ein prächtiger Mensch!« rief sie aus und machte sich daran, alte +vergilbte und eingerissene Briefe und Festpoeme vorzutragen ... + + * * * * * + +Herr Wenzel war, wie sich versteht, am Morgen des siebenten Juli der +erste Gratulant. + +»Ja, Herr Senater, hundert Jahr!« sagte er und ließ Messer und +Streichriemen behende in seinen roten Händen spielen ... »Und ungefähr +die Hälfte davon, das darf ich woll sagen, hab' ich in der werten +Familie rasiert, und da erlebt man manches mit, wenn man immer der erste +ist, der den Chef zu sprechen kriegt ... Der selige Herr Konsul war auch +immer des Morgens am gesprächigsten, und dann fragte er mich woll: +Wenzel, fragt' er, was halten Sie von dem Roggen? Soll ich verkaufen +oder meinen Sie, daß er noch steigt?...« + +»Ja, Wenzel, ich kann mir das Ganze auch ohne Sie nicht denken. Ihr +Beruf, wie ich Ihnen schon manchmal sagte, hat wirklich sehr viel +Reizvolles. Wenn Sie morgens mit Ihrer Tour fertig sind, dann sind Sie +klüger als alle, denn dann haben Sie die Chefs von ungefähr allen großen +Häusern unter dem Messer gehabt und kennen die Laune von jedem +einzelnen, und darum kann Sie jeder einzelne beneiden, denn das ist sehr +interessant.« + +»Da is was Wahres dran, Herr Senater. Was aber Herrn Senater seine eigne +Laune betrifft, wenn ich so sagen darf ... Herr Senater sind heut' +morgen wieder ein bißchen blaß?« + +»So? Ja, ich habe Kopfschmerzen, und die werden nach menschlicher +Voraussicht nicht so schnell vorübergehen, denn ich glaube, man wird +mich heute etwas in Anspruch nehmen.« + +»Glaub' ich auch, Herr Senater. Die Teilnahme ist groß, die Teilnahme +ist sehr groß. Sehen Herr Senater nachher man gleich mal aus dem +Fenster. Eine Menge Fahnen! Und unten vor der Fischergrube liegen der +`Wullenwewer´ und die `Friederike Oeverdieck´ mit allen Wimpeln ...« + +»Na, machen Sie also schnell, Wenzel, ich habe keine Zeit zu +verlieren.« -- + +Der Senator nahm heute nicht erst die Kontorjacke, sondern zog zu seinem +hellen Beinkleid sofort einen schwarzen, offenen Rock an, der die weiße +Pikeeweste sehen ließ. Besuche waren für den Vormittag zu erwarten. Er +warf einen letzten Blick in den Toilettespiegel, ließ noch einmal die +langen Spitzen des Schnurrbartes durch die Brennschere gleiten und +wandte sich mit einem kurzen Seufzer zum Gehen. Der Tanz begann ... Wäre +erst dieser Tag vorüber! Würde er einen Augenblick allein sein, einen +Augenblick seine Gesichtsmuskeln abspannen können? Empfänge während des +ganzen Tages, bei denen es galt, den Gratulationen von hundert Menschen +mit Takt und Würde zu begegnen, nach allen Seiten mit Umsicht und +sicherer Nuancierung passende Worte zu finden, ehrerbietige, ernste, +freundliche, ironische, scherzhafte, nachsichtige, herzliche ... und vom +Nachmittag bis in die Nacht hinein ein Herrendiner im Ratsweinkeller ... + +Es war nicht wahr, daß er Kopfschmerzen hatte. Er war nur müde und +fühlte wieder, kaum daß der erste Morgenfriede der Nerven vorbei, diesen +unbestimmten Gram auf sich lasten ... Warum hatte er gelogen? War es +nicht beständig, als hätte er seinem Übelbefinden gegenüber ein +schlechtes Gewissen? Warum? Warum?... Aber es war jetzt keine Zeit, +darüber nachzudenken. + +Als er ins Eßzimmer trat, kam Gerda ihm lebhaft entgegen. Auch sie war +schon in Empfangstoilette. Sie trug einen glatten Rock aus schottischem +Stoff, eine weiße Bluse und ein dünnes, seidenes Zuavenjäckchen darüber, +von der dunkelroten Farbe ihres schweren Haares. Sie zeigte lächelnd +ihre breiten, ebenmäßigen Zähne, die noch weißer waren als ihr schönes +Gesicht, und auch ihre Augen, diese nahe beisammen liegenden, +rätselhaften, braunen Augen mit den bläulichen Schatten, lächelten +heute. + +»Ich bin schon stundenlang auf den Füßen; woraus du schließen kannst, +wie enthusiastisch meine Glückwünsche sind.« + +»Sieh da! Die hundert Jahre machen Eindruck auf dich?« + +»Den allertiefsten!... Aber es ist auch möglich, daß es nur das +Festliche überhaupt ist ... Was für ein Tag! Dies da, zum Beispiel«, und +sie wies auf den Frühstückstisch, der mit Blumen aus dem Garten bekränzt +war, »ist Fräulein Jungmanns Werk ... Übrigens irrst du, wenn du denkst, +du könntest jetzt Tee trinken. Im Salon erwarten dich schon die +wichtigsten Mitglieder der Familie, und zwar mit einer Festgabe, an der +ich ebenfalls nicht ganz unbeteiligt bin ... Höre, Thomas, dies ist +natürlich nur der Anfang des Reigens von Visiten, der sich entwickeln +wird. Zu Anfang will ich aushalten, aber gegen Mittag ziehe ich mich +zurück, das sage ich dir. Der Himmel ist, obgleich das Barometer ein +wenig gefallen ist, noch immer von einem unverschämten Blau -- was zwar +zu den Flaggen ... denn die ganze Stadt ist beflaggt ... sehr gut +aussieht -- aber es wird eine fürchterliche Hitze geben ... Komm jetzt +hinüber. Dein Frühstück muß warten. Du hättest früher aufstehen sollen. +Nun mußt du die erste Rührung auf deinen leeren Magen wirken lassen ...« + +Die Konsulin, Christian, Klothilde, Ida Jungmann, Frau Permaneder und +Hanno befanden sich im Salon, und die beiden letzteren hielten, nicht +ohne Anstrengung, die Festgabe der Familie, eine große Gedenktafel, +aufrecht ... Die Konsulin umarmte ihren Ältesten in tiefer Bewegung. + +»Mein lieber Sohn, das ist ein schöner Tag ... ein schöner Tag ...« +wiederholte sie. »Wir dürfen niemals aufhören, Gott in unseren Herzen zu +preisen für alle Gnade ... für alle Gnade ...« Sie weinte. + +Den Senator befiel eine Schwäche in dieser Umarmung. Es war, als ob in +seinem Inneren sich etwas löste und ihn verließ. Seine Lippen bebten. +Ein hinfälliges Bedürfnis erfüllte ihn, in den Armen seiner Mutter, an +ihrer Brust, in dem zarten Parfüm, das von der weichen Seide ihres +Kleides ausging, mit geschlossenen Augen zu verharren, nichts mehr sehen +und nichts mehr sagen zu müssen ... Er küßte sie und richtete sich auf, +um seinem Bruder die Hand zu reichen, der sie mit der halb zerstreuten +und halb verlegenen Miene drückte, die ihm bei Feierlichkeiten eigen +war. Klothilde sagte etwas Gedehntes und Freundliches. Was Fräulein +Jungmann betraf, so beschränkte sie sich darauf, sich sehr tief zu +verbeugen, wobei ihre Hand mit der silbernen Uhrkette spielte, die an +ihrem flachen Busen hing ... + +»Komm her, Tom«, sagte Frau Permaneder mit wankender Stimme; »wir können +es nun nicht mehr halten, Hanno und ich.« Sie trug die Tafel beinahe +allein, da Hannos Arme nicht viel vermochten, und bot in ihrer +begeisterten Überanstrengung das Bild einer verzückten Märtyrerin. Ihre +Augen waren feucht, ihre Wangen hoch gerötet, und ihre Zungenspitze +spielte mit einem halb verzweifelten, halb spitzbübischen Ausdruck an +der Oberlippe ... + +»Ja, nun zu euch!« sagte der Senator. »Was ist denn das? Kommt, laßt +los, wir wollen sie anlehnen.« Er stellte die Tafel neben dem Flügel +aufrecht gegen die Wand und blieb, umgeben von den Seinen, davor stehen. + +Der schwere, geschnitzte Nußholzrahmen umspannte einen Karton, welcher +unter Glas die Porträts der vier Inhaber der Firma Johann Buddenbrook +zeigte; Name und Jahreszahl standen in Golddruck unter jedem. Da war, +nach einem alten Ölgemälde angefertigt, das Bild Johan Buddenbrooks, des +Gründers, ein langer und ernster alter Herr, der mit festgeschlossenen +Lippen streng und willensfest über sein Jabot hinwegblickte; da war das +breite und joviale Angesicht Johann Buddenbrooks, Jean Jacques +Hoffstedes Freund; da hielt, mit seinem in die Vatermörder geschobenen +Kinn, seinem breiten und faltigen Munde und seiner großen, stark +gebogenen Nase, der Konsul Johann Buddenbrook die geistvollen, von +religiöser Schwärmerei sprechenden Augen auf den Beschauer gerichtet; +und endlich war da Thomas Buddenbrook selbst, in etwas jüngeren Jahren +... Eine stilisierte, goldene Kornähre zog sich zwischen den Bildern +hin, unter denen, ebenfalls in Golddruck, die Zahlen 1768 und 1868 +bedeutsam nebeneinander prangten. Zu Häupten des Ganzen aber war in +hohen gotischen Lettern und in der Schreibart dessen, der ihn seinen +Nachfahren überliefert, der Spruch zu lesen: »Mein Sohn, sey mit Lust +bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht +ruhig schlafen können.« + +Die Hände auf dem Rücken betrachtete der Senator die Tafel längere Zeit. + +»Ja, ja«, sagte er plötzlich mit ziemlich spöttischem Akzent, »eine +ungestörte Nachtruhe ist eine gute Sache ...« Dann, ernst, wenn auch ein +wenig flüchtig, sagte er an alle Anwesenden gewandt: »Ich dank' euch +herzlich, meine Lieben! Das ist ein sehr schönes und sinniges +Geschenk!... Was meint ihr -- wohin hängen wir es? Ins Privatkontor?« + +»Ja, Tom, über deinen Schreibtisch im Privatkontor!« antwortete Frau +Permaneder und umarmte ihren Bruder; dann zog sie ihn in den Erker und +wies hinaus. + +Unter dem tiefblauen Sommerhimmel flatterten die zweifarbigen Flaggen +von allen Häusern -- die ganze Fischergrube hinunter, von der +Breitenstraße bis zum Hafen, woselbst der »Wullenwewer« und die +»Friederike Oeverdieck« ihrem Reeder zu Ehren unter vollem Wimpelschmuck +lagen. + +»So ist die ganze Stadt!« sagte Frau Permaneder, und ihre Stimme bebte +... »Ich bin schon spazieren gegangen, Tom. Auch Hagenströms haben +geflaggt! Ha, sie können nicht anders ... Ich würde ihnen die Fenster +einwerfen ...« + +Er lächelte, und sie zog ihn ins Zimmer zurück an den Tisch. + +»Und hier sind Telegramme, Tom ... nur die ersten, persönlichen +natürlich, von der auswärtigen Familie. Die von den Geschäftsfreunden +gehen ans Kontor ...« + +Sie öffneten ein paar Depeschen: von den Hamburgern, von den +Frankfurtern, von Herrn Arnoldsen und seinen Angehörigen in Amsterdam, +von Jürgen Kröger in Wismar ... Plötzlich errötete Frau Permaneder tief. + +»Er ist in seiner Art ein guter Mensch«, sagte sie und schob ihrem +Bruder ein Telegramm zu, das sie erbrochen. Es war gezeichnet: +»=Permaneder=«. + +»Aber die Zeit vergeht«, sagte der Senator und ließ den Deckel seiner +Taschenuhr springen. »Ich möchte Tee trinken. Wollt ihr mir Gesellschaft +leisten? Das Haus wird nachher wie ein Taubenschlag ...« + +Seine Gattin, der Ida Jungmann ein Zeichen gegeben hatte, hielt ihn +zurück. + +»Einen Augenblick, Thomas ... Du weißt, Hanno muß gleich in die +Privatstunde ... Er möchte dir ein Gedicht hersagen ... Komm her, Hanno. +Und nun als ob niemand da wäre. Keine Aufregung!« + +Der kleine Johann mußte auch während der Ferien -- denn im Juli waren +Sommerferien -- Privatunterricht im Rechnen nehmen, um in diesem Fache +mit seiner Klasse Schritt halten zu können. Irgendwo in der Vorstadt +Sankt Gertrud, in einer heißen Stube, in der es nicht zum besten roch, +erwartete ihn ein Mann mit rotem Bart und unreinlichen Fingernägeln, um +mit ihm dies verzweifelte Einmaleins zu exerzieren. Zuvor aber galt es, +dem Papa das Gedicht aufzusagen, das Gedicht, das er mit Ida auf dem +Altan in der zweiten Etage sorgfältig erlernt ... + +Er lehnte am Flügel, in seinem Kopenhagener Matrosenanzug mit dem +breiten Leinwandkragen, dem weißen Halseinsatz und dem dicken +Schifferknoten, der unter dem Kragen hervorquoll, die zarten Beine +gekreuzt, Kopf und Oberkörper ein wenig abgewandt, in einer Haltung voll +scheuer und unbewußter Grazie. Vor zwei oder drei Wochen war sein langes +Haar ihm abgeschnitten worden, weil in der Schule nicht nur seine +Kameraden, sondern auch seine Lehrer sich darüber lustig gemacht hatten. +Aber auf dem Kopfe war es noch stark und weich gelockt und wuchs tief in +die Schläfen und in die zarte Stirn hinein. Er hielt seine Lider +gesenkt, daß die langen, braunen Wimpern auf die bläuliche Umschattung +seiner Augen fielen, und seine geschlossenen Lippen waren ein wenig +verzerrt. + +Er wußte wohl, was geschehen würde. Er würde weinen müssen, vor Weinen +dies Gedicht nicht beenden können, bei dem sich einem das Herz +zusammenzog, wie wenn am Sonntag in der Marienkirche Herr Pfühl, der +Organist, die Orgel auf eine gewisse, durchdringend feierliche Weise +spielte ... weinen, wie es immer geschah, wenn man von ihm verlangte, +daß er sich produziere, ihn examinierte, ihn auf seine Fähigkeit und +Geistesgegenwart prüfte, wie Papa das liebte. Hätte nur Mama lieber +nichts von Aufregung gesagt! Es sollte eine Ermutigung sein, aber sie +war verfehlt, das fühlte er. Da standen sie und sahen ihn an. Sie +fürchteten und erwarteten, daß er weinen werde ... war es da möglich, +=nicht= zu weinen? Er hob die Wimpern und suchte die Augen Idas, die mit +ihrer Uhrkette spielte und ihm in ihrer säuerlich-biderben Art mit dem +Kopfe zunickte. Ein übergroßes Bedürfnis befiel ihn, sich an sie zu +schmiegen, sich von ihr fortbringen zu lassen und nichts zu hören, als +ihre tiefe, beruhigende Stimme, die da sagte: Sei still, Hannochen, mein +Jungchen, brauchst nichts hersagen ... + +»Nun, mein Sohn, laß hören«, sagte der Senator kurz. Er hatte sich in +einen Lehnsessel am Tische niedergelassen und wartete. Er lächelte +durchaus nicht -- heute so wenig wie sonst bei ähnlichen Gelegenheiten. +Ernst, die eine Braue emporgezogen, maß er die Gestalt des kleinen +Johann mit prüfendem, ja sogar kaltem Blick. + +Hanno richtete sich auf. Er strich mit der Hand über das glattpolierte +Holz des Flügels, ließ einen scheuen Rundblick über die Anwesenden +hingleiten, und ein wenig ermutigt durch die Milde, die ihm aus den +Augen Großmamas und Tante Tonys entgegenleuchtete, sagte er mit leiser, +ein wenig harter Stimme: »Schäfers Sonntagslied ... Von Uhland.« + +»Oh, mein Lieber, das ist nichts!« rief der Senator. »Man hängt dort +nicht am Klavier und faltet die Hände auf dem Bauche ... Frei stehen! +Frei sprechen! Das ist das Erste. Hier stelle dich mal zwischen die +Portieren! Und nun den Kopf hoch ... und die Arme ruhig hängen +lassen ...« + +Hanno stellte sich auf die Schwelle zum Wohnzimmer und ließ die Arme +hängen. Gehorsam erhob er den Kopf, aber die Wimpern hielt er so tief +gesenkt, daß nichts von seinen Augen zu sehen war. Wahrscheinlich +schwammen schon Tränen darin. + +»Das ist der Tag des Herrn«, sagte er ganz leise, und desto stärker +klang die Stimme seines Vaters, der ihn unterbrach: »Einen Vortrag +beginnt man mit einer Verbeugung, mein Sohn! Und dann viel lauter. Noch +einmal, bitte! `Schäfers Sonntagslied´ ...« + +Das war grausam, und der Senator wußte wohl, daß er dem Kinde damit den +letzten Rest von Haltung und Widerstandskraft raubte. Aber der Junge +sollte ihn sich nicht rauben lassen! Er sollte sich nicht beirren +lassen! Er sollte Festigkeit und Männlichkeit gewinnen ... »Schäfers +Sonntagslied ...!« wiederholte er unerbittlich und aufmunternd ... + +Aber mit Hanno war es zu Ende. Sein Kopf hing tief auf der Brust, und +seine kleine Rechte, die blaß und mit bläulichen Pulsadern aus dem unten +ganz engen, dunkelblauen, mit einem Anker bestickten Matrosenärmel +hervorsah, zerrte krampfhaft an dem Brokatstoff der Portiere. »Ich bin +allein auf weiter Flur«, sagte er noch, und dann war es endgültig aus. +Die Stimmung des Verses ging mit ihm durch. Ein übergewaltiges Mitleid +mit sich selbst machte, daß die Stimme ihm ganz und gar versagte, und +daß die Tränen unwiderstehlich unter den Lidern hervorquollen. Eine +Sehnsucht nach gewissen Nächten überkam ihn plötzlich, in denen er, ein +wenig krank, mit Halsschmerzen und leichtem Fieber im Bette lag und Ida +kam, um ihm zu trinken zu geben und liebevoll eine frische Kompresse auf +seine Stirn zu legen ... Er beugte sich seitwärts, legte den Kopf auf +die Hand, mit der er sich an der Portiere hielt, und schluchzte. + +»Nun, das ist kein Vergnügen!« sagte der Senator hart und gereizt und +stand auf. »Worüber weinst du? Weinen könnte man darüber, daß du selbst +an einem Tage, wie heute, nicht genug Energie aufbringen kannst, um mir +eine Freude zu machen. Bist du denn ein kleines Mädchen? Was soll aus +dir werden, wenn du so fortfährst? Gedenkst du dich später immer in +Tränen zu baden, wenn du zu den Leuten sprechen sollst?...« + +Nie, dachte Hanno verzweifelt, nie werde ich zu den Leuten sprechen! + +»Überlege dir die Sache bis heute nachmittag«, schloß der Senator; und +während Ida Jungmann bei ihrem Pflegling kniete, ihm die Augen trocknete +und halb vorwurfsvoll, halb zärtlich tröstend auf ihn einsprach, ging er +ins Eßzimmer hinüber. + +Während er eilig frühstückte, verabschiedeten sich die Konsulin, Tony, +Klothilde und Christian von ihm. Sie sollten heute zusammen mit den +Krögers, den Weinschenks und den Damen Buddenbrook hier bei Gerda zu +Mittag speisen, indes der Senator wohl oder übel bei dem Diner im +Ratskeller zugegen sein mußte, aber nicht so lange dort zu bleiben +gedachte, als daß er nicht hoffte, die Familie abends noch in seinem +Hause vorzufinden. + +Er trank an dem bekränzten Tische den heißen Tee aus der Untertasse, aß +hastig ein Ei und tat auf der Treppe ein paar Züge aus der Zigarette. +Grobleben, seinen wollenen Schal auch zu dieser Sommerszeit um den Hals, +einen Stiefel über den linken Unterarm gezogen, die Wichsbürste in der +Rechten und einen länglichen Tropfen an der Nase, kam vom Gartenflur auf +die vordere Diele und trat seinem Herrn am Fuße der Haupttreppe +entgegen, wo jetzt der aufrechte Braunbär mit seiner Visitkartenschale +seinen Platz hatte ... + +»Je, Herr Senater, hunnert Jahr' ... un de Ein is arm, und de Anner is +riek ...« + +»Schön, Grobleben, is all gaut!« Und der Senator ließ ein Geldstück in +die Hand mit der Wichsbürste gleiten, worauf er über die Diele und durch +das Empfangskontor schritt, das ihr zunächst lag. Im Hauptkontor kam der +Kassierer, ein langer Mann mit treuen Augen, ihm entgegen, um ihm in +sorgfältigen Redewendungen die Glückwünsche des gesamten Personals zu +übermitteln. Der Senator dankte in zwei Worten und ging an seinen Platz +am Fenster. Aber kaum hatte er begonnen, einen Blick in die +bereitliegenden Zeitungen zu tun und die Post zu öffnen, als an die Tür +gepocht wurde, die zum vorderen Flur führte, und Gratulanten erschienen. + +Es war eine Abordnung der Speicher-Arbeiterschaft, sechs Männer, die +breitbeinig und schwer wie Bären hereinkamen, mit ungeheurer Biederkeit +ihre Mundwinkel nach unten zogen und ihre Mützen in den Händen drehten. +Ihr Wortführer spie den braunen Saft seines Kautabaks in die Stube, zog +seine Hose empor und redete mit wildbewegter Stimme von »hunnert Jahren« +und »noch veelen hunnert Jahren« ... Der Senator stellte ihnen eine +beträchtliche Lohnerhöhung für diese Woche in Aussicht und entließ sie. + +Steuerbeamte kamen, um im Namen des Ressorts ihren Chef zu +beglückwünschen. Als sie gingen, trafen sie in der Tür mit einer Anzahl +Matrosen zusammen, welche, unter der Führung zweier Steuermänner, von +den beiden zur Reederei gehörigen Schiffen »Wullenwewer« und »Friederike +Oeverdieck« gesandt waren, die augenblicklich im Hafen lagen. Und es kam +eine Deputation der Kornträger in schwarzen Blusen, Kniehosen und +Zylindern. Dazwischen meldeten sich einzelne Bürger. Schneidermeister +Stuht aus der Glockengießerstraße erschien, einen schwarzen Rock über +dem wollenen Hemd. Dieser oder jener Nachbar, Blumenhändler Iwersen +gratulierte. Ein alter Briefträger, mit weißem Bart, Ringen in den Ohren +und Triefaugen, ein origineller Kauz, den der Senator an guten Tagen auf +der Straße anzureden und »Herr Oberpostmeister« zu nennen pflegte, rief +schon in der Tür: »Es is nich =da=rum, Herr Senator, ick komm nich +=da=rum! Ick weet wull, de Lüd vertellen sick dat all, dat hier hüt +jeder wat schenkt kriegt ... öäwer dat is nicht darum ...!« Dennoch nahm +er dankbar sein Geldstück entgegen ... Das fand kein Ende. Als es halb +elf Uhr war, meldete das Folgmädchen, daß die Senatorin im Salon die +ersten Gäste empfange. + +Thomas Buddenbrook verließ das Kontor und eilte die Haupttreppe hinan. +Droben am Eingang zum Salon verweilte er eine halbe Minute vorm Spiegel, +ordnete seine Krawatte und sog einen Augenblick den Eau-de-Cologne-Duft +seines Taschentuches ein. Er war bleich, obgleich sein Körper sich in +Transpiration befand; seine Hände und Füße aber waren kalt. Die Empfänge +im Kontor hatten ihn beinahe schon abgenutzt ... Er atmete auf und trat +ein, um in dem von Sonnenlicht erfüllten Gemach den Konsul Huneus, +Holzgroßhändler und fünffacher Millionär, seine Gemahlin, ihre Tochter +und deren Gatten, Herrn Senator Doktor Gieseke, zu begrüßen. Die +Herrschaften waren zusammen von Travemünde hereingekommen, woselbst sie, +wie mehrere der ersten Familien, die nur dem Buddenbrookschen +Geschäftsjubiläum zu Ehren ihre Badekur unterbrachen, den Juli +verbrachten. + +Man saß nicht drei Minuten auf den hellen, geschweiften Fauteuils +beieinander, als Konsul Oeverdieck, Sohn des verstorbenen +Bürgermeisters, mit seiner Gattin, der geborenen Kistenmaker, eintraf; +und als Konsul Huneus sich verabschiedete, begegnete er seinem Bruder, +der eine Million weniger besaß, aber dafür Senator war. + +Nun war der Reigen eröffnet. Die große, weiße Tür mit dem Relief von +musizierenden Amoretten darüber blieb kaum einen Augenblick geschlossen +und gewährte beständig den Ausblick auf das vom einfallenden Licht +durchflutete Treppenhaus, sowie auf die Haupttreppe selbst, auf der sich +unaufhörlich die Gäste herauf- und hinunterbewegten. Da aber der Salon +geräumig war und die Gruppen, die sich bildeten, von Gesprächen +zusammengehalten wurden, so waren die Kommenden weit zahlreicher als die +Gehenden, und bald beschränkte man sich nicht mehr auf das Zimmer, +sondern überhob das Dienstmädchen des Öffnens und Schließens der Tür, +ließ sie offen und stand auch auf dem parkettierten Korridor beisammen. +Schwirrendes und dröhnendes Gespräch von Damen- und Männerstimmen, +Händeschütteln, Verbeugungen, Scherzworte und lautes, behagliches +Lachen, das sich zwischen den Säulen des Treppenhauses emporschwingt und +von der Decke, der großen Glasscheibe des »Einfallenden Lichtes«, +widerhallt. Senator Buddenbrook nimmt bald zu Häupten der Treppe, bald +drinnen an der Schwelle des Erkers ernst und formell gemurmelte oder +kordial hervorgestoßene Glückwünsche entgegen. Bürgermeister Doktor +Langhals, ein vornehm untersetzter Herr, der sein rasiertes Kinn in der +weißen Binde birgt, mit kurzen, grauen Koteletts und müdem +Diplomatenblick, wird mit allgemeiner Ehrerbietung empfangen. Der +Weinhändler Konsul Eduard Kistenmaker nebst seiner Gattin, der geborenen +Möllendorpf, sowie sein Bruder und Teilhaber Stephan, Senator +Buddenbrooks treuester Anhänger und Freund, mit seiner Frau, einer +außerordentlich gesunden Gutsbesitzerstochter, sind eingetroffen. Die +verwitwete Senatorin Möllendorpf thront im Salon inmitten des Sofas, +während ihre Kinder, Herr Konsul August Möllendorpf mit seiner Gemahlin +Julchen, geborene Hagenström, soeben anlangen, ihre Gratulation +erledigen und sich grüßend durch die Versammlung bewegen. Konsul Hermann +Hagenström hat für seinen schweren Körper eine Stütze am Treppengeländer +gefunden und plaudert, während seine platt auf der Oberlippe liegende +Nase ein wenig mühsam in den rötlichen Bart hineinatmet, mit Herrn +Senator Doktor Cremer, dem Polizeichef, dessen braungrau melierter +Backenbart sein mit einer gewissen milden Schlauheit lächelndes Gesicht +umrahmt. Staatsanwalt Doktor Moritz Hagenström, dessen schöne Gattin, +die geborene Puttfarken aus Hamburg, ebenfalls anwesend ist, zeigt +irgendwo lächelnd seine spitzigen, lückenhaften Zähne. Einen Augenblick +sieht man, wie der alte Doktor Grabow Senator Buddenbrooks Rechte +zwischen seinen beiden Händen hält, um gleich darauf vom Baumeister +Voigt verdrängt zu werden. Pastor Pringsheim, in bürgerlicher Kleidung +und nur durch die Länge seines Gehrockes seine Würde andeutend, kommt +mit ausgebreiteten Armen und gänzlich verklärtem Angesicht die Treppe +herauf. Auch Friedrich Wilhelm Marcus ist zugegen. Diejenigen Herren, +die irgendeine Körperschaft, den Senat, die Bürgerschaft, die +Handelskammer repräsentieren, sind im Frack erschienen. -- Halb zwölf +Uhr. Die Hitze ist sehr stark geworden. Die Dame des Hauses hat sich vor +einer Viertelstunde zurückgezogen ... + +Plötzlich wird drunten am Windfang ein stampfendes und schlürfendes +Geräusch laut, wie wenn viele Leute auf einmal die Diele beträten, und +gleichzeitig klingt eine lärmende und schallende Stimme auf, die das +ganze Haus erfüllt ... Alles drängt zum Geländer; man staut sich auf dem +ganzen Korridor, vor den Türen zum Salon, zum Eßzimmer und Rauchzimmer, +und lugt hinunter. Dort unten ordnet sich eine Schar von fünfzehn oder +zwanzig Männern mit Musikinstrumenten, kommandiert von einem Herrn mit +brauner Perücke, grauem Schifferbart und einem künstlichen Gebiß von +breiten gelben Zähnen, das er lautredend zeigt ... Was geschieht? Konsul +Peter Döhlmann hält mit der Kapelle vom Stadttheater seinen Einzug! +Schon steigt er selbst im Triumphe die Treppe herauf, ein Paket mit +Programmen in der Hand schwingend! + +Und nun beginnt in dieser unmöglichen und maßlosen Akustik, in der die +Töne zusammenfließen, die Akkorde einander verschlingen und sinnlos +machen, und in der das überlaut knarrende Grunzen der großen Baßtrompete, +in welche ein dicker Mann mit verzweifeltem Gesichtsausdruck stößt, +alles übrige dominiert, das Ständchen, das man dem Hause Buddenbrook zu +seinem Jubiläum bringt -- es beginnt mit dem Chorale »Nun danket alle +Gott«, dem alsbald eine Paraphrase über Offenbachs »Schöne Helena« +folgt, worauf zunächst ein Potpourri von Volksliedern erklingen wird +... Es ist ein ziemlich umfangreiches Programm. + +Ein hübscher Einfall von Döhlmann! Man beglückwünscht den Konsul, und +niemand ist nun geneigt, aufzubrechen, bevor das Konzert zu Ende. Man +steht und sitzt im Salon und auf dem Korridor, hört zu und plaudert ... + +Thomas Buddenbrook hielt sich, zusammen mit Stephan Kistenmaker, Senator +Doktor Gieseke und Baumeister Voigt jenseits der Haupttreppe auf, bei +der äußeren Tür zum Rauchzimmer und unweit des Aufganges zur zweiten +Etage. Er stand an die Wand gelehnt, warf hier und da ein Wort in das +Gespräch seiner Gruppe und blickte im übrigen schweigsam über das +Geländer hinweg ins Leere. Die Hitze hatte noch zugenommen, sie war noch +drückender geworden; aber Regen war nun nicht mehr ausgeschlossen, denn +den Schatten nach zu urteilen, die über das »Einfallende Licht« +hinwegzogen, waren Wolken am Himmel. Ja, diese Schatten waren so häufig +und folgten einander so schnell, daß die beständig wechselnde, zuckende +Beleuchtung des Treppenhauses schließlich die Augen schmerzen machte. +Jeden Augenblick erlosch der Glanz des vergoldeten Stucks, des +Messingkronleuchters und der Blechinstrumente dort unten, um gleich +darauf wieder aufzublitzen ... Nur einmal verweilte der Schatten ein +wenig länger als gewöhnlich, und unterdessen hörte man mit leicht +prasselndem Geräusch und in längeren Pausen fünf-, sechs- oder siebenmal +etwas Hartes auf die Scheibe des »Einfallenden Lichtes« niederprallen: +ein paar Hagelkörner ohne Zweifel. Dann erfüllte wieder Sonnenlicht das +Haus von oben bis unten. + +Es gibt einen Zustand der Depression, in dem alles, was uns unter +normalen Umständen ärgert und eine gesunde Reaktion unseres Unwillens +hervorruft, uns mit einem matten, dumpfen und schweigsamen Grame +niederdrückt ... So grämte Thomas sich über das Benehmen des kleinen +Johann, so grämte er sich über die Empfindungen, die diese ganze +Feierlichkeit in ihm bewirkte, und noch mehr über diejenigen, deren er +sich beim besten Willen unfähig fühlte. Mehrere Male versuchte er sich +aufzuraffen, seinen Blick zu erhellen und sich zu sagen, daß dies ein +schöner Tag sei, der ihn notwendig mit gehobener und freudiger Stimmung +erfüllen müsse. Aber, obgleich der Lärm der Instrumente, das +Stimmengewirr und der Anblick der vielen Menschen seine Nerven +erschütterten und zusammen mit der Erinnerung an die Vergangenheit, an +seinen Vater, oftmals eine schwache Rührung in ihm aufsteigen ließen, so +überwog doch der Eindruck des Lächerlichen und Peinlichen, das für ihn +dem Ganzen anhaftete, dieser minderwertigen, akustisch verzerrten Musik, +dieser banalen, von Kursen und Diners schwatzenden Versammlung ... und +dieses Gemisch von Rührung und Widerwillen gerade versetzte ihn in eine +matte Verzweiflung ... + +Um 12¼ Uhr, als das Programm des Stadttheater-Orchesters anfing, seinem +Ende entgegenzugehen, trat ein Zwischenfall ein, der die herrschende +Festlichkeit in keiner Weise berührte oder unterbrach, der aber, seinem +geschäftlichen Charakter zufolge, den Hausherrn nötigte, seine Gäste für +kurze Minuten zu verlassen. Die Haupttreppe herauf nämlich kam, als die +Musik eben pausierte, in völliger Verwirrung ob der vielen Herrschaften, +der jüngste Lehrling des Kontors, ein kleiner, stark verwachsener +Mensch, der seinen schamroten Kopf noch tiefer als nötig zwischen den +Schultern trug, den einen seiner unnatürlich langen, dünnen Arme in +übertriebener Weise hin und her schlenkerte, um sich das Ansehen +zuversichtlicher Lässigkeit zu geben, und mit dem anderen ein gefaltetes +Papier vor sich her trug, ein Telegramm. Im Heraufsteigen suchte er mit +scheu umherspringenden Blicken nach seinem Chef, und als er ihn dort +drüben entdeckt hatte, wand er sich mit hastig gemurmelten +Entschuldigungen durch die Menge der Gäste, die ihm den Weg versperrte. + +Seine Verschämtheit war ganz überflüssig, denn niemand achtete seiner. +Ohne ihn anzusehen, und indem man fortfuhr, zu plaudern, machte man ihm +mit einer kleinen Bewegung Platz und bemerkte kaum mit einem flüchtigen +Blick, daß er dem Senator Buddenbrook das Telegramm mit einem Bückling +überreichte, und daß dieser hierauf von Kistenmaker, Gieseke und Voigt +weg mit ihm beiseite trat, um zu lesen. Auch heute, da doch die weitaus +meisten Drahtnachrichten in bloßen Glückwünschen bestanden, mußte +während der Geschäftszeit jede Depesche sofort und unter allen Umständen +überbracht werden. + +Beim Aufgang zur zweiten Etage bildete der Korridor ein Knie, um sich +nun in der Richtung der Saallänge bis zur Gesindetreppe hinzuziehen, bei +der sich ein Nebeneingang zum Saale befand. Der Treppe zum zweiten +Stockwerk gegenüber war die Öffnung zum Schacht der Winde, mit der die +Speisen aus der Küche heraufbefördert wurden, und dabei stand an der +Wand ein größerer Tisch, an welchem das Folgmädchen Silberzeug zu putzen +pflegte. Hier blieb der Senator stehen, indem er dem buckligen Lehrling +den Rücken zuwandte, und erbrach die Depesche. + +Plötzlich erweiterten sich seine Augen so sehr, daß jeder, der es +gesehen hätte, entsetzt zurückgefahren wäre, und mit einem einzigen, +kurzen, krampfhaften Ruck zog er die Luft so heftig ein, daß sie im Nu +seine Kehle austrocknete und ihn husten machte. + +Er vermochte zu sagen: »Es ist gut.« Aber das Stimmengeräusch hinter ihm +machte ihn unverständlich. »Es ist gut«, wiederholte er; aber nur die +beiden ersten Wörter hatten Ton; das letzte war ein Flüstern. + +Da der Senator sich nicht bewegte, sich nicht umwandte, nicht einmal +andeutungsweise eine Bewegung rückwärts machte, so wiegte der bucklige +Lehrling sich noch einen Augenblick unsicher und zögernd von einem Fuß +auf den andern. Dann vollführte er abermals seinen bizarren Bückling und +begab sich die Gesindetreppe hinunter. + +Senator Buddenbrook blieb an dem Tische stehen. Seine Hände, in denen er +die entfaltete Depesche hielt, hingen schlaff vor ihm nieder, und +während er noch immer mit halb offenem Munde kurz, mühsam und schnell +atmete, wobei sein Oberkörper sich arbeitend vor- und rückwärts bewegte, +schüttelte er, verständnislos und wie vom Schlage gerührt, unaufhörlich +seinen Kopf hin und her. »Das bißchen Hagel ... das bißchen Hagel ...« +wiederholte er sinnlos. Dann aber ward sein Atem tiefer und ruhiger, die +Bewegung seines Körpers langsamer; seine halbgeschlossenen Augen +verschleierten sich mit einem müden und fast gebrochenen Ausdruck, und +mit schwerem Kopfnicken wandte er sich zur Seite. + +Er öffnete die Tür zum Saale und trat ein. Langsam, gesenkten Hauptes, +schritt er über die spiegelnde Fußbodenfläche des weiten Raumes und +ließ sich ganz hinten am Fenster auf einem der dunkelroten Ecksofas +nieder. Es war still und kühl hier. Man vernahm das Plätschern des +Springbrunnens im Garten, eine Fliege stieß summend gegen die +Fensterscheibe, und nur ein gedämpftes Geräusch drang vom Vorplatze zu +ihm. + +Er legte ermattet den Kopf auf das Polster und schloß die Augen. »Es ist +gut so, es ist gut so«, murmelte er halblaut; und dann, ausatmend, +befriedigt, befreit, wiederholte er noch einmal: »Es ist ganz gut so!« + +Mit gelösten Gliedern und friedevollem Gesichtsausdruck ruhte er fünf +Minuten lang. Dann richtete er sich auf, faltete das Telegramm zusammen, +schob es in die Brusttasche seines Rockes und stand auf, um zu seinen +Gästen zu gehen. + +Aber in demselben Augenblick sank er mit einem Ächzen des Ekels auf das +Polster zurück. Die Musik ... die Musik setzte wieder ein, mit einem +albernen Lärm, der einen Galopp bedeuten sollte und in welchem Pauke und +Becken einen Rhythmus markierten, den die übrigen voreilig und verspätet +ineinander hallenden Schallmassen nicht innehielten, einem +aufdringlichen und in seiner naiven Unbefangenheit unerträglich +aufreizenden Tohuwabohu von Knarren, Schmettern und Quinquilieren, +zerrissen von den aberwitzigen Pfiffen der Pikkoloflöte. -- + + +Sechstes Kapitel + +»O Bach! Sebastian Bach, verehrteste Frau!« rief Herr Edmund Pfühl, +Organist von Sankt Marien, der in großer Bewegung den Salon +durchschritt, während Gerda lächelnd, den Kopf in die Hand gestützt, am +Flügel saß, und Hanno, lauschend in einem Sessel, eins seiner Knie mit +beiden Händen umspannte ... »Gewiß ... wie Sie sagen ... er ist es, +durch den das Harmonische über das Kontrapunktische den Sieg +davongetragen hat ... er hat die moderne Harmonik erzeugt, gewiß! Aber +wodurch? Muß ich Ihnen sagen, wodurch? Durch die vorwärtsschreitende +Entwicklung des kontrapunktischen Stiles -- Sie wissen es so gut wie +ich! Was also ist das treibende Prinzip dieser Entwicklung gewesen? Die +Harmonik? O nein! Keineswegs! Sondern die Kontrapunktik, verehrteste +Frau! Die Kontrapunktik!... Wozu, frage ich Sie, hätten wohl die +absoluten Experimente der Harmonik geführt? Ich warne ... solange meine +Zunge mir gehorcht, warne ich vor den bloßen Experimenten der Harmonik!« + +Sein Eifer war groß bei solchen Gesprächen, und er ließ ihm freien Lauf, +denn er fühlte sich zu Hause in diesem Salon. Jeden Mittwoch, am +Nachmittage, erschien seine große, vierschrötige und ein wenig +hochschultrige Gestalt, in einem kaffeebraunen Leibrock, dessen Schöße +die Kniekehlen bedeckten, auf der Schwelle, und in Erwartung seiner +Partnerin öffnete er liebevoll den Bechstein-Flügel, ordnete die +Violinstimmen auf dem geschnitzten Stehpult und präludierte dann einen +Augenblick leicht und kunstvoll, indem er seinen Kopf wohlgefällig von +einer Schulter auf die andere sinken ließ. + +Ein erstaunlicher Haarwuchs, eine verwirrende Menge von kleinen, festen, +fuchsbraun und graumelierten Löckchen ließ diesen Kopf ungewöhnlich dick +und schwer erscheinen, obgleich er frei auf dem langen, mit einem sehr +großen Kehlkopfknoten versehenen Halse thronte, der aus dem Klappkragen +hervorragte. Der unfrisierte, gebauschte Schnurrbart, von der Farbe des +Haupthaares, trat weiter aus dem Gesichte hervor, als die kleine, +gedrungene Nase ... Unter seinen runden Augen, die braun und blank +waren, und deren Blick beim Musizieren die Dinge träumerisch zu +durchschauen und jenseits ihrer Erscheinung zu ruhen schien, war die +Haut ein wenig beutelartig geschwollen ... Dies Gesicht war nicht +bedeutend, es trug zum mindesten nicht den Stempel einer starken und +wachen Intelligenz. Seine Lider waren meist halb gesenkt, und oft hing +sein rasiertes Kinn, ohne daß sich doch die Unterlippe von der oberen +trennte, schlaff und willenlos abwärts, was dem Munde einen weichen, +innig verschlossenen, stupiden und hingebenden Ausdruck verlieh, wie ihn +derjenige eines süß Schlummernden zeigt ... + +Übrigens kontrastierte mit dieser Weichheit seines äußeren Wesens ganz +seltsam die Strenge und Würde seines Charakters. Edmund Pfühl war ein +weithin hochgeschätzter Organist, und der Ruf seiner kontrapunktischen +Gelehrsamkeit hatte sich nicht innerhalb der Mauern seiner Vaterstadt +gehalten. Das kleine Buch über die Kirchentonarten, das er hatte drucken +lassen, wurde an zwei oder drei Konservatorien zum Privatstudium +empfohlen, und seine Fugen und Choralbearbeitungen wurden hie und da +gespielt, wo zu Gottes Ehre eine Orgel erklang. Diese Kompositionen, +sowie auch die Phantasien, die er Sonntags in der Marienkirche zum +besten gab, waren unangreifbar, makellos, erfüllt von der +unerbittlichen, imposanten, moralisch-logischen Würde des Strengen +Satzes. Ihr Wesen war fremd aller irdischen Schönheit, und was sie +ausdrückten, berührte keines Laien rein menschliches Empfinden. Es +sprach aus ihnen, es triumphierte sieghaft in ihnen die zur asketischen +Religion gewordene Technik, das zum Selbstzweck, zur absoluten +Heiligkeit erhobene Können. Edmund Pfühl dachte gering von aller +Wohlgefälligkeit und sprach ohne Liebe von der schönen Melodie, das ist +wahr. Aber so rätselhaft es sein mag: dennoch war er kein trockener +Mensch und kein verknöcherter Gesell. »Palestrina!« sagte er mit einer +kategorischen und furchteinflößenden Miene. Aber gleich darauf, während +er am Instrumente eine Reihe von archaistischen Kunststücken ertönen +ließ, war sein Gesicht eitel Weichheit, Entrücktheit und Schwärmerei, +und als sähe er die letzte Notwendigkeit alles Geschehens unmittelbar an +der Arbeit, ruhte sein Blick in einer heiligen Ferne ... Dieser +Musikantenblick, der vag und leer erscheint, weil er in dem Reiche einer +tieferen, reineren, schlackenloseren und unbedingteren Logik weilt, als +dem unserer sprachlichen Begriffe und Gedanken. + +Seine Hände waren groß, weich, scheinbar knochenlos und mit +Sommersprossen bedeckt -- und weich und hohl, gleichsam als stäke ein +Bissen in seiner Speiseröhre, war die Stimme, mit welcher er Gerda +Buddenbrook begrüßte, wenn sie die Portieren zurückschlug und vom +Wohnzimmer aus eintrat: »Ihr Diener, gnädige Frau!« + +Während er sich ein wenig von dem Sessel erhob und mit gesenktem Kopfe +ehrerbietig die Hand entgegennahm, die sie ihm reichte, ließ er mit der +Linken schon fest und klar die Quinten erklingen, worauf Gerda die +Stradivari ergriff und rasch, mit sicherem Gehör die Saiten stimmte. + +»Das _G_-Moll-Konzert von Bach, Herr Pfühl. Mich dünkt, das ganze Adagio +ging noch ziemlich mangelhaft ...« + +Und der Organist intonierte. Kaum aber waren die ersten Akkorde einander +gefolgt, so pflegte es zu geschehen, daß langsam, ganz vorsichtig die +Tür zum Korridor geöffnet ward und mit lautloser Behutsamkeit der kleine +Johann über den Teppich zu einem Lehnsessel schlich. Dort ließ er sich +nieder, umfaßte seine Knie mit beiden Händen, verhielt sich still und +lauschte: auf die Klänge sowohl, wie auf das, was gesprochen wurde. + +»Nun, Hanno, ein bißchen Musik naschen?« fragte Gerda in einer Pause und +ließ ihre nahe beieinander liegenden, umschatteten Augen, in denen das +Spiel einen feuchten Glanz entzündet hatte, zu ihm hinübergleiten ... + +Dann stand er auf und reichte mit einer stummen Verbeugung Herrn Pfühl +die Hand, der sacht und liebevoll über Hannos hellbraunes Haar strich, +das sich so weich und graziös um Stirn und Schläfen schmiegte. + +»Horche du nur, mein Sohn!« sagte er mit mildem Nachdruck, und das Kind +betrachtete ein wenig scheu des Organisten großen, beim Sprechen in die +Höhe wandernden Kehlkopfapfel, worauf es sich leise und schnell an +seinen Platz zurückbegab, als könne es die Fortsetzung des Spieles und +der Gespräche kaum erwarten. + +Ein Satz Haydn, einige Seiten Mozart, eine Sonate von Beethoven wurden +durchgeführt. Dann jedoch, während Gerda, die Geige unterm Arm, neue +Noten herbeisuchte, geschah das Überraschende, daß Herr Pfühl, Edmund +Pfühl, Organist an Sankt Marien, mit seinem freien Zwischenspiel +allgemach in einen sehr seltsamen Stil hinüberglitt, wobei in seinem +fernen Blick eine Art verschämten Glückes erglänzte ... Unter seinen +Fingern hub ein Schwellen und Blühen, ein Weben und Singen an, aus +welchem sich, leise zuerst und wieder verwehend, dann immer klarer und +markiger, in kunstvoller Kontrapunktik ein altväterisch grandioses, +wunderlich pomphaftes Marschmotiv hervorhob ... Eine Steigerung, eine +Verschlingung, ein Übergang ... und mit der Auflösung setzte im +_fortissimo_ die Violine ein. Das Meistersinger-Vorspiel zog vorüber. + +Gerda Buddenbrook war eine leidenschaftliche Verehrerin der neuen Musik. +Was aber Herrn Pfühl betraf, so war sie bei ihm auf einen so wild +empörten Widerstand gestoßen, daß sie anfangs daran verzweifelt hatte, +ihn für sich zu gewinnen. + +Am Tage, da sie ihm zum ersten Male Klavierauszüge aus »Tristan und +Isolde« aufs Pult gelegt und ihn gebeten hatte, ihr vorzuspielen, war er +nach fünfundzwanzig Takten aufgesprungen und mit allen Anzeichen des +äußersten Ekels zwischen Erker und Flügel hin und wider geeilt. + +»Ich spiele dies nicht, gnädige Frau, ich bin Ihr ergebenster Diener, +aber ich spiele dies nicht! Das ist keine Musik ... glauben Sie mir doch +... ich habe mir immer eingebildet, ein wenig von Musik zu verstehen! +Dies ist das Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies +ist ein parfümierter Qualm, in dem es blitzt! Dies ist das Ende aller +Moral in der Kunst! Ich spiele es nicht!« Und mit diesen Worten hatte er +sich wieder auf den Sessel geworfen und, während sein Kehlkopf auf und +nieder wanderte, unter Schlucken und hohlem Husten weitere +fünfundzwanzig Takte hervorgebracht, um dann das Klavier zu schließen +und zu rufen: + +»Pfui! Nein, Herr du mein Gott, dies geht zu weit! Verzeihen Sie mir, +verehrteste Frau, ich rede offen ... Sie honorieren mich, Sie bezahlen +mich seit Jahr und Tag für meine Dienste ... und ich bin ein Mann in +bescheidener Lebenslage. Aber ich lege mein Amt nieder, ich verzichte +darauf, wenn Sie mich zu diesen Ruchlosigkeiten zwingen ...! Und das +Kind, dort sitzt das Kind auf seinem Stuhle! Es ist leise +hereingekommen, um Musik zu hören! Wollen Sie seinen Geist denn ganz und +gar vergiften?« ... + +Aber so fürchterlich er sich gebärdete, -- langsam und Schritt für +Schritt, durch Gewöhnung und Zureden, zog sie ihn zu sich herüber. + +»Pfühl«, sagte sie, »seien Sie billig und nehmen Sie die Sache mit Ruhe. +Seine ungewohnte Art im Gebrauch der Harmonien verwirrt Sie ... Sie +finden, im Vergleich damit, Beethoven rein, klar und natürlich. Aber +bedenken Sie, wie Beethoven seine nach alter Weise gebildeten +Zeitgenossen aus der Fassung gebracht hat ... und Bach selbst, mein +Gott, man warf ihm Mangel an Wohlklang und Klarheit vor!... Sie sprechen +von Moral ... aber was verstehen Sie unter Moral in der Kunst? Wenn ich +nicht irre, ist sie der Gegensatz zu allem Hedonismus? Nun gut, den +haben Sie hier. So gut wie bei Bach. Großartiger, bewußter, vertiefter +als bei Bach. Glauben Sie mir, Pfühl, diese Musik ist Ihrem innersten +Wesen weniger fremd, als Sie annehmen!« + +»Gaukelei und Sophismen -- um Vergebung«, murrte Herr Pfühl. Aber sie +behielt recht: diese Musik war ihm im Grunde weniger fremd, als er +anfangs glaubte. Zwar mit dem Tristan söhnte er sich niemals vollständig +aus, obgleich er Gerdas Bitte, den »Liebestod« für Violine und +Pianoforte zu setzen, schließlich mit vielem Geschick erfüllte. Gewisse +Partien der »Meistersinger« waren es, für die er zuerst ein oder das +andere Wort der Anerkennung fand ... und nun begann unwiderstehlich +erstarkend die Liebe zu dieser Kunst sich in ihm zu regen. Er gestand +sie nicht, er erschrak fast darüber und verleugnete sie mit Murren. Aber +seine Partnerin brauchte nun nicht mehr in ihn zu dringen, damit er, +hatten die alten Meister ihr Recht erhalten, seine Griffe kompliziere +und, mit jenem Ausdrucke eines verschämten und fast ärgerlichen Glückes +im Blick, in das Leben und Weben der Leitmotive hinüberführe. Nach dem +Spiele aber entspann sich vielleicht eine Auseinandersetzung über die +Beziehungen dieses Kunststiles zu dem des Strengen Satzes, und eines +Tages erklärte Herr Pfühl, er sähe sich, obgleich das Thema ihn +persönlich ja nicht berühre, nun doch verpflichtet, seinem Buche über +den Kirchenstil einen Anhang »über die Anwendung der alten Tonarten in +Richard Wagners Kirchen- und Volksmusik« hinzuzufügen. + +Hanno saß ganz still, die kleinen Hände um sein Knie gefaltet und, wie +er zu tun pflegte, die Zunge an einem Backenzahn scheuernd, wodurch sein +Mund ein wenig verzogen wurde. Mit großen, unverwandten Augen +beobachtete er seine Mutter und Herrn Pfühl. Er lauschte auf ihr Spiel +und auf ihre Gespräche, und so geschah es, daß, nach den ersten +Schritten, die er auf seinem Lebenswege getan, er der Musik als einer +außerordentlich ernsten, wichtigen und tiefsinnigen Sache gewahr wurde. +Kaum hie und da verstand er ein Wort von dem, was gesprochen wurde, und +was erklang, ging meist weit über sein kindliches Verständnis hinaus. +Wenn er dennoch immer wiederkam und ohne sich zu langweilen Stunde für +Stunde reglos an seinem Platze ausharrte, so waren es Glaube, Liebe und +Ehrfurcht, die ihn dazu vermochten. + +Er war erst sieben Jahre alt, als er mit Versuchen begann, gewisse +Klangverbindungen, die Eindruck auf ihn gemacht, auf eigene Hand am +Flügel zu wiederholen. Seine Mutter sah ihm lächelnd zu, verbesserte +seine mit stummem Eifer zusammengesuchten Griffe und unterwies ihn +darin, warum gerade dieser Ton nicht fehlen dürfe, damit sich aus diesem +Akkord der andere ergäbe. Und sein Gehör bestätigte ihm, was sie ihm +sagte. + +Nachdem Gerda Buddenbrook ihn ein wenig hatte gewähren lassen, beschloß +sie, daß er Klavierunterricht bekommen sollte. + +»Ich glaube, er inkliniert nicht zum Solistentum«, sagte sie zu Herrn +Pfühl, »und ich bin eigentlich froh darüber, denn es hat seine +Schattenseiten. Ich rede nicht über die Abhängigkeit des Solisten von +der Begleitung, obgleich sie unter Umständen sehr empfindlich werden +kann, und wenn ich Sie nicht hätte ... Aber dann besteht immer die +Gefahr, daß man in mehr oder minder vollendetes Virtuosentum gerät ... +Sehen Sie, ich weiß ein Lied davon zu singen. Ich bekenne Ihnen offen, +ich bin der Ansicht, daß für den Solisten eigentlich die Musik erst mit +einem sehr hohen Grade von Können beginnt. Die angestrengte +Konzentration auf die Oberstimme, ihre Phrasierung und Tonbildung, wobei +die Polyphonie nur als etwas sehr Vages und Allgemeines zum Bewußtsein +kommt, kann bei mittelmäßig Begabten ganz leicht eine Verkümmerung des +harmonischen Sinnes und des Gedächtnisses für Harmonien zur Folge haben, +die später schwer zu korrigieren ist. Ich liebe meine Geige und habe es +ziemlich weit mit ihr gebracht, aber eigentlich steht das Klavier mir +höher ... Ich sage nur dies: die Vertrautheit mit dem Klavier, als mit +einem Mittel, die vielfältigsten und reichsten Tongebilde zu resümieren, +einem unübertrefflichen Mittel zur musikalischen Reproduktion, bedeutet +für mich ein intimeres, klareres und umfassenderes Verhältnis zur Musik +... Hören Sie, Pfühl, ich möchte Sie gleich selbst für ihn in Anspruch +nehmen, seien Sie so gut! Ich weiß wohl, es gibt hier in der Stadt noch +zwei oder drei Leute -- ich glaube, weiblichen Geschlechts --, die +Unterricht geben; aber das sind eben Klavierlehrerinnen ... Sie +verstehen mich ... Es kommt so wenig darauf an, auf ein Instrument +dressiert zu werden, sondern vielmehr darauf, ein wenig von Musik zu +verstehen, nicht wahr?... Auf Sie verlasse ich mich. Sie nehmen die +Sache ernster. Und Sie sollen sehen, Sie werden ganz guten Erfolg mit +ihm haben. Er hat die Buddenbrookschen Hände ... Die Buddenbrooks können +alle Nonen und Dezimen greifen. -- Aber sie haben noch niemals Gewicht +darauf gelegt«, schloß sie lachend, und Herr Pfühl erklärte sich bereit, +den Unterricht zu übernehmen. + +Von nun an kam er auch am Montagnachmittag, um sich, während Gerda im +Wohnzimmer saß, mit dem kleinen Johann zu beschäftigen. Er ging in nicht +gewöhnlicher Art dabei vor, denn er fühlte, daß er dem stummen und +leidenschaftlichen Eifer des Kindes mehr schuldig war, als es ein +bißchen auf dem Klavier spielen zu lehren. Kaum war das Erste und +Elementarste überwunden, als er schon anfing, in leicht faßlicher Form +zu theoretisieren und seinen Schüler die Grundlagen der Harmonielehre +sehen zu lassen. Und Hanno verstand; denn man bestätigte ihm nur, was er +eigentlich von jeher schon gewußt hatte. + +Soweit wie nur immer möglich, trug Herr Pfühl dem sehnsüchtigen +Vorwärtsdrängen des Kindes Rechnung. Mit liebevoller Sorgfalt war er +darauf bedacht, die Bleigewichte zu erleichtern, mit denen die Materie +die Füße der Phantasie und des eifernden Talentes beschwert. Er +verlangte nicht allzu streng eine große Fingerfertigkeit beim Üben der +Tonleitern, oder sie war ihm doch nicht der Zweck dieser Übungen. Was er +bezweckte und schnell erreichte, war vielmehr eine klare, umfassende und +eindringliche Übersicht über alle Tonarten, eine innere und +überblickende Vertrautheit mit ihren Verwandtschaften und Verbindungen, +aus welcher nach gar nicht langer Zeit sich jener rasche Blick für viele +Kombinationsmöglichkeiten, jenes intuitive Herrschaftsgefühl über die +Klaviatur ergab, das zur Phantasie und Improvisation verführt ... Mit +einer rührenden Feinfühligkeit würdigte er die geistigen Bedürfnisse +dieses kleinen, vom Hören verwöhnten Schülers, die auf einen ernsten +Stil gerichtet waren. Er ernüchterte die Tiefe und Feierlichkeit seiner +Stimmung nicht mit dem Üben banaler Liedchen. Er ließ ihn Choräle +spielen und ließ keinen Akkord sich aus dem anderen ergeben, ohne auf +die Gesetzmäßigkeit dieses Ergebnisses hinzuweisen. + +Bei ihrer Stickerei oder ihrem Buche verfolgte Gerda jenseits der +Portieren den Gang des Unterrichtes. + +»Sie übertreffen alle meine Erwartungen«, sagte sie gelegentlich zu +Herrn Pfühl. »Aber gehen Sie nicht zu weit? Gehen Sie nicht zu +außerordentlich vor? Ihre Methode ist, wie mir scheint, eminent +schöpferisch ... Manchmal fängt er wahrhaftig schon mit Versuchen an, zu +phantasieren. Aber wenn er Ihre Methode nicht verdient, wenn er nicht +begabt genug dafür ist, so lernt er gar nichts ...« + +»Er verdient sie«, sagte Herr Pfühl und nickte. »Manchmal betrachte ich +seine Augen ... es liegt so vieles darin, aber seinen Mund hält er +verschlossen. Später einmal im Leben, das vielleicht seinen Mund immer +fester verschließen wird, muß er eine Möglichkeit haben, zu reden ...« + +Sie sah ihn an, diesen vierschrötigen Musikanten mit seiner +Fuchsperücke, seinen Beuteln unter den Augen, seinem gebauschten +Schnurrbart und seinem großen Kehlkopf -- und dann reichte sie ihm die +Hand und sagte: »Haben Sie Dank, Pfühl. Sie meinen es gut, und wir +können noch gar nicht wissen, wieviel Sie an ihm tun.« -- + +Und Hannos Dankbarkeit für diesen Lehrer, seine Hingabe an seine +Führerschaft war ohnegleichen. Er, der trotz aller Nachhilfestunden in +der Schule dumpf und ohne Hoffnung auf Verständnis über seiner +Rechentafel brütete, er begriff am Flügel alles, was Herr Pfühl ihm +sagte, er begriff es und eignete es sich an, wie man nur das sich +aneignen kann, was einem schon von jeher gehört hat. Edmund Pfühl aber, +in seinem braunen Schoßrock, erschien ihm wie ein großer Engel, der ihn +jeden Montag Nachmittag in die Arme nahm, um ihn aus aller alltäglichen +Misere in das klingende Reich eines milden, süßen und trostreichen +Ernstes zu entführen ... + +Manchmal fand der Unterricht in Herrn Pfühls Hause statt, einem +geräumigen alten Giebelhause mit vielen kühlen Gängen und Winkeln, das +der Organist ganz allein mit einer alten Wirtschafterin bewohnte. +Manchmal auch, am Sonntag, durfte der kleine Buddenbrook dem +Gottesdienst in der Marienkirche droben an der Orgel beiwohnen, und das +war etwas anderes als unten mit den anderen Leuten im Schiff zu sitzen. +Hoch über der Gemeinde, hoch noch über Pastor Pringsheim auf seiner +Kanzel saßen die beiden inmitten des Brausens der gewaltigen +Klangmassen, die sie gemeinsam entfesselten und beherrschten, denn mit +glückseligem Eifer und Stolz durfte Hanno seinem Lehrer manchmal beim +Handhaben der Register behilflich sein. Wenn aber das Nachspiel zum +Chorgesang zu Ende war, wenn Herr Pfühl langsam alle Finger von den +Tasten gelöst hatte und nur den Grund- und Baßton noch leise und +feierlich hatte verhallen lassen -- wenn dann nach einer stimmungsvollen +Kunstpause unter dem Schalldeckel der Kanzel Pastor Pringsheims +modulierende Stimme hervorzudringen begann, so geschah es gar nicht +selten, daß Herr Pfühl ganz einfach sich über die Predigt zu mokieren, +über Pastor Pringsheims stilisiertes Fränkisch, seine langen, dunklen +oder scharf akzentuierten Vokale, seine Seufzer und den jähen Wechsel +zwischen Finsternis und Verklärung auf seinem Angesicht zu lachen +anfing. Dann lachte auch Hanno, leise und tiefbelustigt, denn ohne sich +anzusehen und ohne es sich zu sagen, waren die beiden dort oben der +Ansicht, daß diese Predigt ein ziemlich albernes Geschwätz und der +eigentliche Gottesdienst vielmehr das sei, was der Pastor und seine +Gemeinde wohl nur für eine Beigabe zur Erhöhung der Andacht hielten: +nämlich die Musik. + +Ja, das geringe Verständnis, das er unten im Schiff, unter diesen +Senatoren, Konsuln und Bürgern und ihren Familien, für seine Leistungen +vorhanden wußte, war Herrn Pfühls beständige Kümmernis, und eben darum +hatte er gern seinen kleinen Schüler bei sich, den er wenigstens leise +darauf aufmerksam machen konnte, daß das, was er soeben gespielt, etwas +außerordentlich Schwieriges gewesen sei. Er erging sich in den +sonderbarsten technischen Unternehmungen. Er hatte eine »rückgängige +Imitation« angefertigt, eine Melodie komponiert, welche vorwärts und +rückwärts gelesen gleich war, und hierauf eine ganze »krebsgängig« zu +spielende Fuge gegründet. Als er fertig war, legte er mit trübem +Gesichtsausdruck die Hände in den Schoß. »Es merkt es niemand«, sagte er +mit hoffnungslosem Kopfschütteln. Und dann flüsterte er, während Pastor +Pringsheim predigte: »Das war eine krebsgängige Imitation, Johann. Du +weißt noch nicht, was das ist ... es ist die Nachahmung eines Themas von +hinten nach vorn, von der letzten Note zur ersten ... etwas ziemlich +Schwieriges. Später wirst du erfahren, was die Nachahmung im strengen +Satze bedeutet ... Mit dem Krebsgang werde ich dich niemals quälen, dich +nicht dazu zwingen ... Man braucht ihn nicht zu können. Aber glaube nie +denen, die dergleichen als Spielerei ohne musikalischen Wert bezeichnen. +Du findest den Krebsgang bei den großen Komponisten aller Zeiten. Nur +die Lauen und Mittelmäßigen verwerfen solche Übungen aus Hochmut. +=Demut= ziemt sich; das merke dir, Johann.« -- + +-- Am 15. April 1869, seinem achten Geburtstage, spielte Hanno der +versammelten Familie zusammen mit seiner Mutter eine kleine, eigene +Phantasie vor, ein einfaches Motiv, das er ausfindig gemacht, merkwürdig +gefunden und ein wenig ausgebaut hatte. Natürlich hatte Herr Pfühl, dem +er es anvertraut, mancherlei daran auszusetzen gehabt. + +»Was ist das für ein theatralischer Schluß, Johann! Das paßt ja gar +nicht zum übrigen? Zu Anfang ist alles ganz ordentlich, aber wie +verfällst du hier plötzlich aus _H_-Dur in den Quart-Sext-Akkord der +vierten Stufe mit erniedrigter Terz, möchte ich wissen? Das sind Possen. +Und du tremolierst ihn auch noch. Das hast du irgendwo aufgeschnappt ... +Woher stammt es? ich weiß es schon. Du hast zu gut zugehört, wenn ich +deiner Frau Mama gewisse Sachen vorspielen mußte ... Ändere den Schluß, +Kind, dann ist es ein ganz sauberes kleines Ding.« + +Aber gerade auf diesen Mollakkord und diesen Schluß legte Hanno das +allergrößte Gewicht, und seine Mutter amüsierte sich so sehr darüber, +daß es dabei blieb. Sie nahm die Geige, spielte die Oberstimme mit und +variierte dann, während Hanno den Satz ganz einfach wiederholte, den +Diskant bis zum Schluß in Läufen von Zweiunddreißigsteln. Das klang ganz +großartig, Hanno küßte sie vor Glück, und so trugen sie es am 15. April +der Familie vor. + +Die Konsulin, Frau Permaneder, Christian, Klothilde, Herr und Frau +Konsul Kröger, Herr und Frau Direktor Weinschenk, sowie die Damen +Buddenbrook aus der Breiten Straße und Fräulein Weichbrodt hatten zur +Feier von Hannos Geburtstag um vier Uhr beim Senator und seiner Frau zu +Mittag gegessen; nun saßen sie im Salon und blickten lauschend auf das +Kind, das in seinem Matrosenanzug am Flügel saß, und auf die fremdartige +und elegante Erscheinung Gerdas, die zuerst auf der _g_-Saite eine +prachtvolle Kantilene entwickelte und dann, mit unfehlbarer Virtuosität, +eine Flut von perlenden und schäumenden Kadenzen entfesselte. Der +Silberdraht am Griff ihres Bogens blitzte im Licht der Gasflammen. + +Hanno, bleich vor Erregung, hatte bei Tische fast nichts essen können; +aber jetzt war die Hingebung an sein Werk, das, ach, nach zwei Minuten +schon wieder zu Ende sein sollte, so groß in ihm, daß er in +vollständiger Entrücktheit alles um sich her vergessen hatte. Dies +kleine melodische Gebilde war mehr harmonischer als rhythmischer Natur, +und ganz seltsam mutete der Gegensatz an, der zwischen den primitiven, +fundamentalen und kindlichen musikalischen Mitteln und der gewichtigen, +leidenschaftlichen und fast raffinierten Art bestand, in welcher diese +Mittel betont und zur Geltung gebracht wurden. Mit einer schrägen und +ziehenden Bewegung des Kopfes nach vorn hob Hanno bedeutsam jeden +Übergangston hervor, und, ganz vorn auf dem Sessel sitzend, suchte er +durch Pedal und Verschiebung jedem neuen Akkord einen empfindlichen Wert +zu verleihen. In der Tat, wenn der kleine Hanno einen Effekt erzielte -- +und beschränkte sich derselbe auch ganz allein auf ihn selbst --, so war +der Effekt weniger empfindsamer als empfindlicher Natur. Irgendein ganz +einfacher harmonischer Kunstgriff ward durch gewichtige und verzögernde +Akzentuierung zu einer geheimnisvollen und preziösen Bedeutung erhoben. +Irgendeinem Akkord, einer neuen Harmonie, einem Einsatz wurde, während +Hanno die Augenbrauen emporzog und mit dem Oberkörper eine hebende, +schwebende Bewegung vollführte, durch eine plötzlich eintretende, matt +hallende Klanggebung eine nervös überraschende Wirkungsfähigkeit zuteil +... Und nun kam der Schluß, Hannos geliebter Schluß, der an primitiver +Gehobenheit dem Ganzen die Krone aufsetzte. Leise und glockenrein +umperlt und umflossen von den Läufen der Violine, tremolierte +_pianissimo_ der _E_-Mollakkord ... Er wuchs, er nahm zu, er schwoll +langsam, langsam an, im _forte_ zog Hanno das dissonierende, zur +Grundtonart leitende _Cis_ herzu, und während die Stradivari wogend und +klingend auch dieses _Cis_ umrauschte, steigerte er die Dissonanz mit +aller seiner Kraft bis zum _fortissimo_. Er verweigerte sich die +Auflösung, er enthielt sie sich und den Hörern vor. Was würde sie sein, +diese Auflösung, dieses entzückende und befreite Hineinsinken in +_H_-Dur? Ein Glück ohnegleichen, eine Genugtuung von überschwänglicher +Süßigkeit. Der Friede! Die Seligkeit! Das Himmelreich!... Noch nicht ... +noch nicht! Noch einen Augenblick des Aufschubs, der Verzögerung, der +Spannung, die unerträglich werden mußte, damit die Befriedigung desto +köstlicher sei ... Noch ein letztes, allerletztes Auskosten dieser +drängenden und treibenden Sehnsucht, dieser Begierde des ganzen Wesens, +dieser äußersten und krampfhaften Anspannung des Willens, der sich +dennoch die Erfüllung und Erlösung noch verweigerte, weil er wußte: Das +Glück ist nur ein Augenblick ... Hannos Oberkörper reckte sich langsam +empor, seine Augen wurden ganz groß, seine geschlossenen Lippen +zitterten, mit einem stoßweisen Beben zog er die Luft durch die Nase ein +... und dann war die Wonne nicht mehr zurückzuhalten. Sie kam, kam über +ihn, und er wehrte ihr nicht länger. Seine Muskeln spannten sich ab, +ermattet und überwältigt sank sein Kopf auf die Schulter nieder, seine +Augen schlossen sich, und ein wehmütiges, fast schmerzliches Lächeln +unaussprechlicher Beseligung umspielte seinen Mund, während mit +Verschiebung und Pedal, umflüstert, umwoben, umrauscht und umwogt von +den Läufen der Violine, sein Tremolo, dem er nun Baßläufe gesellte, nach +_H_-Dur hinüberglitt, sich ganz rasch zum _fortissimo_ steigerte und +dann mit einem kurzen, nachhallosen Aufbrausen abbrach. -- + +Es war unmöglich, daß die Wirkung, die dieses Spiel auf Hanno selbst +ausübte, sich auch auf die Zuhörer erstreckte. Frau Permaneder zum +Beispiel hatte von dem ganzen Aufwand nicht das allermindeste +verstanden. Wohl aber hatte sie des Kindes Lächeln gesehen, die Bewegung +seines Oberkörpers, das selige Zur-Seite-Sinken seines kleinen, zärtlich +geliebten Kopfes ... und dieser Anblick hatte sie in den Tiefen ihrer +leicht gerührten Gutmütigkeit ergriffen. + +»Wie spielt der Junge! Wie spielt das Kind!« rief sie aus, indem sie +beinahe weinend auf ihn zueilte und ihn in die Arme schloß ... »Gerda, +Tom, er wird ein Mozart, ein Meyerbeer, ein ...« und in Ermangelung +eines dritten Namens von ähnlicher Bedeutung, der ihr nicht sogleich +einfiel, beschränkte sie sich darauf, ihren Neffen, der, die Hände im +Schoße, noch ganz ermattet und mit abwesenden Augen dasaß, mit Küssen zu +bedecken. + +»Genug, Tony, genug!« sagte der Senator leise. »Ich bitte dich, was +setzest du ihm in den Kopf ...« + + +Siebentes Kapitel + +Thomas Buddenbrook war in seinem Herzen nicht einverstanden mit dem +Wesen und der Entwicklung des kleinen Johann. + +Er hatte einst, allem Kopfschütteln schnell verblüffter Philister zum +Trotz, Gerda Arnoldsen heimgeführt, weil er sich stark und frei genug +gefühlt hatte, unbeschadet seiner bürgerlichen Tüchtigkeit einen +distinguierteren Geschmack an den Tag zu legen als den allgemein +üblichen. Aber sollte nun das Kind, dieser lange vergebens ersehnte +Erbe, der doch äußerlich und körperlich manche Abzeichen seiner +väterlichen Familie trug, so ganz und gar dieser Mutter gehören? Sollte +er, von dem er erhofft hatte, daß er einst mit glücklicherer und +unbefangenerer Hand die Arbeit seines Lebens fortführen werde, der +ganzen Umgebung, in der er zu leben und zu wirken berufen, ja seinem +Vater selbst, innerlich und von Natur aus fremd und befremdend +gegenüberstehen? + +Gerdas Geigenspiel hatte für Thomas bislang, übereinstimmend mit ihren +seltsamen Augen, die er liebte, zu ihrem schweren dunkelroten Haar und +ihrer ganzen außerordentlichen Erscheinung, eine reizvolle Beigabe mehr +zu ihrem eigenartigen Wesen bedeutet; jetzt aber, da er sehen mußte, wie +die Leidenschaft der Musik, die ihm fremd war, so früh schon, so von +Anbeginn und von Grund aus sich auch seines Sohnes bemächtigte, wurde +sie ihm zu einer feindlichen Macht, die sich zwischen ihn und das Kind +stellte, aus dem seine Hoffnungen doch einen echten Buddenbrook, einen +starken und praktisch gesinnten Mann mit kräftigen Trieben nach außen, +nach Macht und Eroberung machen wollten. Und in der reizbaren +Verfassung, in der er sich befand, schien es ihm, als drohe diese +feindselige Macht ihn zu einem Fremden in seinem eigenen Hause zu +machen. + +Er war nicht imstande, sich der Musik, wie Gerda und ihr Freund, dieser +Herr Pfühl, sie betrieben, zu nähern, und Gerda, exklusiv und unduldsam +in Dingen der Kunst, erschwerte ihm noch diese Annäherung in wirklich +grausamer Weise. + +Nie hatte er geglaubt, daß das Wesen der Musik seiner Familie so +gänzlich fremd sei, wie es jetzt den Anschein gewann. Sein Großvater +hatte gern ein wenig die Flöte geblasen, und er selbst hatte immer mit +Wohlgefallen auf hübsche Melodien, die entweder eine leichte Grazie oder +einige beschauliche Wehmut oder eine munterstimmende Schwunghaftigkeit +an den Tag legten, gelauscht. Gab er aber seinem Geschmack an +irgendeinem derartigen Gebilde Ausdruck, so konnte er gewärtig sein, daß +Gerda die Achseln zuckte und mit einem mitleidigen Lächeln sagte: »Wie +ist es möglich, mein Freund! Ein Ding so ganz ohne musikalischen +Wert ...« + +Er haßte diesen »musikalischen Wert«, dieses Wort, mit dem sich für ihn +kein anderer Begriff verband als der eines kalten Hochmutes. Es trieb +ihn, sich, während Hanno dabeisaß, dagegen zu erheben. Mehr als einmal +geschah es, daß er bei solchen Gelegenheiten aufbegehrte und ausrief: +»Ach, Liebste, das Trumpfen auf diesen `musikalischen Wert´ scheint mir +eine ziemlich dünkelhafte und geschmacklose Sache zu sein!« + +Und sie erwiderte ihm: »Thomas, ein für allemal, von der Musik als Kunst +wirst du niemals etwas verstehen, und so intelligent du bist, wirst du +niemals einsehen, daß sie mehr ist als ein kleiner Nachtischspaß und +Ohrenschmaus. In der Musik geht dir der Sinn für das Banale ab, der dir +doch sonst nicht fehlt ... und er ist das Kriterium des Verständnisses +in der Kunst. Wie fremd dir die Musik ist, kannst du schon daraus +ersehen, daß dein musikalischer Geschmack deinen übrigen Bedürfnissen +und Anschauungen ja eigentlich gar nicht entspricht. Was freut dich in +der Musik? Der Geist eines gewissen faden Optimismus, den du, wäre er in +einem Buche eingeschlossen, empört oder ärgerlich belustigt in die Ecke +werfen würdest. Schnelle Erfüllung jedes kaum erregten Wunsches ... +Prompte, freundliche Befriedigung des kaum ein wenig aufgestachelten +Willens ... Geht es in der Welt etwa zu wie in einer hübschen +Melodie?... Das ist läppischer Idealismus ...« + +Er verstand sie, er verstand, was sie sagte. Aber er vermochte ihr mit +dem Gefühl nicht zu folgen und nicht zu begreifen, warum Melodien, die +ihn ermunterten oder rührten, null und nichtig sein -- und Musikstücke, +die ihn herb und verworren anmuteten, den höchsten musikalischen Wert +besitzen sollten. Er stand vor einem Tempel, von dessen Schwelle Gerda +ihn mit unnachsichtiger Gebärde verwies ... und kummervoll sah er, wie +sie mit dem Kinde darin verschwand. + +Er ließ nichts merken von der Sorge, mit der er die Entfremdung +beobachtete, die zwischen ihm und seinem kleinen Sohne zuzunehmen +schien, und der Anschein, als bewürbe er sich um des Kindes Gunst, wäre +ihm furchtbar gewesen. Er hatte ja während des Tages nur wenig Muße, mit +dem Kleinen zusammenzutreffen; gelegentlich der Mahlzeiten aber +behandelte er ihn mit einer freundschaftlichen Kordialität, die einen +Anflug von ermunternder Härte besaß. »Nun, Kamerad«, sagte er, indem er +ihn ein paarmal auf den Hinterkopf klopfte und sich, seiner Frau +gegenüber, neben ihn an den Speisetisch setzte ... »Wie geht's! Was +haben wir getrieben! Gelernt?... Und Klavier gespielt? Das ist recht! +Aber nicht zu viel, sonst haben wir keine Lust mehr zum übrigen und +bleiben Ostern sitzen!« Keine Muskel in seinem Gesicht verriet dabei die +besorgte Spannung, mit der er erwartete, wie Hanno seine Begrüßung +aufnehmen, wie sie erwidern werde; nichts verriet etwas von dem +schmerzlichen Sichzusammenziehen seines Inneren, wenn das Kind einfach +einen scheuen Blick aus seinen goldbraunen, umschatteten Augen zu ihm +hingleiten ließ, der nicht einmal sein Gesicht erreichte, -- und sich +stumm über seinen Teller beugte. + +Ungeheuerlich wäre es gewesen, sich über diese kindische Unbeholfenheit +zu bekümmern. Während des Beisammenseins, in den Pausen etwa, beim +Wechseln des Geschirrs, war es seine Pflicht, sich ein wenig mit dem +Jungen zu beschäftigen, ihn ein bißchen zu prüfen, seinen praktischen +Sinn für Tatsachen herauszufordern ... Wieviel Einwohner besaß die +Stadt? Welche Straßen führten von der Trave zur oberen Stadt hinauf? Wie +hießen die zum Geschäft gehörigen Speicher? Frisch und schlagfertig +hergesagt! -- Aber Hanno schwieg. Nicht aus Trotz gegen seinen Vater, +nicht um ihm wehe zu tun. Aber die Einwohner, die Straßen und selbst die +Speicher, die ihm unter gewöhnlichen Umständen unendlich gleichgültig +waren, flößten ihm, zum Gegenstand eines Examens erhoben, einen +verzweifelten Widerwillen ein. Er mochte vorher ganz munter gewesen +sein, mochte sogar mit seinem Vater geplaudert haben -- sowie das +Gespräch auch nur annähernd den Charakter einer kleinen Prüfung annahm, +sank seine Stimmung unter Null, brach seine Widerstandskraft vollständig +zusammen. Seine Augen verschleierten sich, sein Mund nahm einen +verzagten Ausdruck an, und was ihn beherrschte, war ein großes +schmerzliches Bedauern über die Unvorsichtigkeit, mit welcher Papa, der +doch wissen mußte, daß solche Versuche zu nichts Gutem führten, nun sich +selbst und allen die Mahlzeit verdorben habe. Mit Augen, die in Tränen +schwammen, sah er auf seinen Teller nieder. Ida stieß ihn an und +flüsterte ihm zu ... die Straßen, die Speicher. Aber ach, das war ja +unnütz, ganz unnütz! Sie mißverstand ihn. Er wußte ja die Namen, zum +Teile wenigstens, ganz gut, und so leicht wäre es gewesen, Papas +Wünschen bis zu einem gewissen Grade wenigstens entgegenzukommen, wenn +es eben möglich gewesen wäre, wenn ihn nicht eben etwas unüberwindlich +Trauriges daran gehindert hätte ... Ein strenges Wort, ein Klopfen mit +der Gabel auf den Messerblock von seiten seines Vaters schreckte ihn +auf. Er warf einen Blick auf seine Mutter und Ida und versuchte zu +sprechen; aber schon die ersten Silben wurden von Schluchzen erstickt; +es ging nicht. »Genug!« rief der Senator zornig. »Schweig! Ich will gar +nichts mehr hören! Du brauchst nichts herzusagen! Du darfst stumm und +dumm vor dich hinbrüten dein Lebtag!« Und in schweigsamer Mißstimmung +ward die Mahlzeit zu Ende geführt. + +Diese träumerische Schwäche aber, dieses Weinen, dieser vollständige +Mangel an Frische und Energie war der Punkt, an dem der Senator +einsetzte, wenn er gegen Hannos leidenschaftliche Beschäftigung mit der +Musik Bedenken erhob. + +Hannos Gesundheit war immer zart gewesen. Besonders seine Zähne hatten +von jeher die Ursache von mancherlei schmerzhaften Störungen und +Beschwerden ausgemacht. Das Hervorbrechen der Milchzähne mit seiner +Gefolgschaft von Fieber und Krämpfen hatte ihm beinah das Leben +gekostet, und dann hatte sein Zahnfleisch stets zur Entzündung und zur +Bildung von Geschwüren geneigt, die Mamsell Jungmann, wenn sie reif +waren, mit einer Stecknadel zu öffnen pflegte. Jetzt, zur Zeit des +Zahnwechsels, waren die Leiden noch größer. Schmerzen kamen, die fast +über Hannos Kräfte gingen, und schlaflos, unter leisem Stöhnen und +Weinen in einem matten Fieber, das keine andere Ursache als eben den +Schmerz hatte, verbrachte er ganze Nächte. Die Zähne, die äußerlich so +schön und weiß wie die seiner Mutter, dabei aber außerordentlich weich +und verletzlich waren, wuchsen falsch, sie bedrängten einander, und +damit allen diesen Übelständen gesteuert würde, mußte der kleine Johann +einen furchtbaren Menschen in sein junges Leben eintreten sehen: Herrn +Brecht, den Zahnarzt Brecht in der Mühlenstraße ... + +Schon der Name dieses Mannes gemahnte gräßlich an jenes Geräusch, das im +Kiefer entsteht, wenn mit Ziehen, Drehen und Heben die Wurzeln eines +Zahnes herausgebrochen werden, und ließ Hannos Herz sich in der Angst +zusammenziehen, die er erlitt, wenn er, gegenüber der treuen Ida +Jungmann, im Wartezimmer des Herrn Brecht in einem Lehnstuhl kauerte +und, während er die scharf riechende Luft dieser Räumlichkeiten atmete, +illustrierte Journale besah, bis der Zahnarzt mit seinem ebenso +höflichen wie grauenerregenden »Bitte« in der Tür des Operationszimmers +erschien ... + +Eine Anziehungskraft, einen seltsamen Reiz besaß dieses Wartezimmer, und +das war ein stattlicher bunter Papagei mit giftigen kleinen Augen, der +in einem Winkel inmitten eines Messingbauers saß und aus unbekannten +Gründen Josephus hieß. Mit der Stimme eines wütenden alten Weibes +pflegte er zu sagen: »Nehmen Sie Platz ... Einen Momang ...« und +obgleich dies unter den obwaltenden Umständen wie ein abscheulicher Hohn +klang, war Hanno Buddenbrook ihm mit einem Gemisch von Liebe und Grauen +zugetan. Ein Papagei ... ein großer, bunter Vogel, welcher Josephus hieß +und reden konnte! War er nicht wie entwischt aus einem Zauberwalde, aus +einem der Grimmschen Märchen, die Ida zu Hause vorlas?... Auch das +»Bitte«, mit dem Herr Brecht die Tür öffnete, wiederholte Josephus aufs +eindringlichste, und so geschah es, daß man seltsamerweise lachend das +Operationszimmer betrat und sich auf den großen, unheimlich +konstruierten Stuhl am Fenster setzte, neben dem die Tretmaschine stand. + +Was Herrn Brecht persönlich betraf, so sah er ganz ähnlich aus wie +Josephus, denn ebenso hart und krumm bog seine Nase sich auf den schwarz +und grau melierten Schnurrbart hinab, wie der Schnabel des Papageis. Das +Schlimme aber, das eigentlich Entsetzliche an ihm bestand darin, daß er +nervös und selbst den Qualen nicht gewachsen war, die zuzufügen sein Amt +ihn zwang. »Wir müssen zur Extraktion schreiten, Fräulein«, sagte er zu +Ida Jungmann und erblich. Dann, wenn Hanno in einem matten, kalten +Schweiße und mit übergroßen Augen, unfähig, zu protestieren, unfähig, +davonzulaufen, in einem Seelenzustand, der sich absolut durch nichts von +dem eines hinzurichtenden Delinquenten unterschied, Herrn Brecht, die +Zange im Ärmel, auf sich zukommen sah, so konnte er bemerken, daß auf +der kahlen Stirn des Zahnarztes kleine Schweißtropfen perlten, und daß +sein Mund ebenfalls von Angst verzogen war ... Und wenn der abscheuliche +Vorgang vorüber, wenn Hanno, bleich, zitternd, mit tränenden Augen und +entstelltem Gesicht, sein Blut in die blaue Schale zu seiner Seite +spie, so mußte Herr Brecht einen Augenblick irgendwo Platz nehmen, sich +die Stirn trocknen und ein wenig Wasser trinken ... + +Man versicherte den kleinen Johann, daß dieser Mann ihm viel Gutes tue +und ihn vor vielen noch größeren Schmerzen bewahre; aber wenn Hanno die +Pein, die Herr Brecht ihm zugefügt, mit dem positiven und fühlbaren +Vorteil verglich, den er ihm verdankte, so überwog die erstere zu sehr, +als daß er nicht alle diese Besuche in der Mühlenstraße zu den +schlimmsten aller unnützen Qualen hätte rechnen müssen. Im Hinblick auf +die Weisheitszähne, die dermaleinst kommen würden, mußten vier +Backzähne, die soeben, weiß, schön und noch vollkommen gesund +herangewachsen waren, entfernt werden, und das nahm, da man das Kind +nicht überanstrengen wollte, vier Wochen in Anspruch. Was für eine Zeit! +Diese langgezogene Marter, in der schon die Angst vor dem Bevorstehenden +wieder einsetzte, wenn noch die Erschöpfung nach dem Überstandenen +herrschte, ging zu weit. Als der letzte Zahn gezogen war, lag Hanno acht +Tage lang krank, und zwar aus reiner Ermattung. + +Übrigens beeinflußten diese Zahnbeschwerden nicht nur seine +Gemütsstimmung, sondern auch die Funktionen einzelner Organe. Die +Behinderungen beim Kauen hatten immer wieder Verdauungsstörungen, ja +auch Anfälle von gastrischem Fieber zur Folge, und diese +Magenverstimmungen standen im Zusammenhange mit vorübergehenden Anfällen +von verstärktem oder geschwächtem unregelmäßigen Herzschlag und +Schwindelgefühlen. Bei all dem bestand unvermindert, ja verstärkt, das +seltsame Leiden fort, das Doktor Grabow »_pavor nocturnus_« nannte. Kaum +eine Nacht verging, ohne daß der kleine Johann ein- oder zweimal +emporfuhr und händeringend, mit allen Anzeichen der unerträglichsten +Angst nach Hilfe oder Erbarmen rief, als stände er in Flammen, als +wollte man ihn erwürgen, als geschähe etwas unsäglich Grauenhaftes ... +Am Morgen wußte er nichts mehr von allem. -- Doktor Grabow suchte dieses +Leiden mit einem abendlichen Trunk von Heidelbeersaft zu behandeln; +allein das half ganz und gar nichts. + +Die Hemmungen, denen Hannos Körper unterworfen war, die Schmerzen, die +er erlitt, verfehlten nicht, in ihm jenes ernsthafte Gefühl vorzeitiger +Erfahrenheit hervorzurufen, das man Altklugheit nennt, und wenn es +auch, gleichsam als würde es von einer überwiegenden Begabung mit gutem +Geschmacke niedergehalten, nicht oft und durchaus nicht aufdringlich +zutage trat, so äußerte es sich doch hie und da in Form einer wehmütigen +Überlegenheit ... »Wie geht es dir, Hanno?« fragte jemand von seinen +Verwandten, seine Großmutter, die Damen Buddenbrook aus der Breiten +Straße ... und ein kleines, resigniertes Emporziehen des Mundes, ein +Zucken seiner vom blauen Matrosenkragen bedeckten Achseln war die ganze +Antwort. + +»Gehst du gern zur Schule?« + +»Nein«, antwortete Hanno ruhig und mit einer Offenheit, welche +angesichts ernsterer Dinge es nicht der Mühe wert erachtet, in solchen +Angelegenheiten zu lügen. + +»Nicht? Oh! Man muß aber doch lernen: Schreiben, Rechnen, Lesen ...« + +»Und so weiter«, sagte der kleine Johann. + +Nein, er ging nicht gern in die alte Schule, diese ehemalige +Klosterschule mit Kreuzgängen und gotisch gewölbten Klassenzimmern. +Fehlen wegen Unwohlseins und gänzliche Unaufmerksamkeit, wenn seine +Gedanken bei irgendeiner harmonischen Verbindung oder den noch +unenträtselten Wundern eines Musikstückes weilten, das er von seiner +Mutter und Herrn Pfühl gehört, förderten ihn nicht eben in den +Wissenschaften, und die Hilfslehrer und Seminaristen, die ihn in diesen +unteren Klassen unterrichteten, und deren gesellschaftliche +Unterlegenheit, geistige Gedrücktheit und körperliche Ungepflegtheit er +empfand, flößten ihm neben der Furcht vor Strafe eine heimliche +Mißachtung ein. Herr Tietge, der Rechenlehrer, ein kleiner Greis in +fettigem schwarzen Rock, der schon zur Zeit des verstorbenen Marcellus +Stengel im Dienste der Anstalt gewirkt hatte, und der auf eine +unmögliche Weise in sich hineinschielte, was er durch Brillengläser, +rund und dick wie Schiffsluken, zu korrigieren suchte, -- Herr Tietge +gemahnte den kleinen Johann in jeder Stunde, wie fleißig und +scharfsinnig sein Vater stets beim Rechnen gewesen sei ... Beständig +nötigten Herrn Tietge starke Hustenanfälle, den Boden des Katheders mit +seinem Auswurf zu bedecken. + +Hannos Verhältnis zu seinen kleinen Kameraden war im allgemeinen ganz +fremder und äußerlicher Natur; nur mit einem von ihnen verknüpfte ihn, +und zwar seit den ersten Schultagen, ein festes Band, und das war ein +Kind von vornehmer Herkunft, aber gänzlich verwahrlostem Äußeren, ein +Graf Mölln mit dem Vornamen Kai. + +Es war ein Junge von Hannos Statur, aber nicht wie dieser mit einem +dänischen Matrosenhabit, sondern mit einem ärmlichen Anzug von +unbestimmter Farbe bekleidet, an dem hie und da ein Knopf fehlte, und +der am Gesäß einen großen Flicken zeigte. Seine Hände, die aus den zu +kurzen Ärmeln hervorsahen, erschienen imprägniert mit Staub und Erde und +von unveränderlich hellgrauer Farbe, aber sie waren schmal und +außerordentlich fein gebildet, mit langen Fingern und langen, spitz +zulaufenden Nägeln. Und diesen Händen entsprach der Kopf, welcher, +vernachlässigt, ungekämmt und nicht sehr reinlich, von Natur mit allen +Merkmalen einer reinen und edlen Rasse ausgestattet war. Das flüchtig in +der Mitte gescheitelte, rötlichgelbe Haar war von einer alabasterweißen +Stirn zurückgestrichen, unter welcher, tief und scharf zugleich, +hellblaue Augen blitzten. Die Wangenknochen traten ein wenig hervor, und +die Nase, mit zarten Nüstern und schmalem, ganz leicht gebogenem Rücken, +war, wie der Mund mit etwas geschürzter Oberlippe, schon jetzt von +charakteristischem Gepräge. + +Hanno Buddenbrook hatte den kleinen Grafen schon vor Beginn der +Schulzeit zwei- oder dreimal ganz flüchtig zu sehen bekommen, und zwar +auf Spaziergängen, die er mit Ida gen Norden durchs Burgtor hinaus +gemacht. Dort nämlich, weit draußen, unfern des ersten Dorfes, war +irgendwo ein kleines Gehöft, ein winziges, fast wertloses Anwesen, das +überhaupt keinen Namen hatte. Man gewann, blickte man hin, den Eindruck +eines Misthaufens, einer Anzahl Hühner, einer Hundehütte und eines +armseligen, katenartigen Gebäudes, mit tief hinunterreichendem, rotem +Dache. Dies war das Herrenhaus, und dort wohnte Kais Vater, Eberhard +Graf Mölln. + +Er war ein Sonderling, den selten jemand zu sehen bekam, und der, +beschäftigt mit Hühner-, Hunde- und Gemüsezucht, abgeschieden von aller +Welt auf seinem kleinen Gehöfte hauste: ein großer Mann mit +Stulpenstiefeln, einer grünen Friesjoppe, kahlem Kopfe, einem ungeheuren +ergrauten Rübezahlbarte, einer Reitpeitsche in der Hand, obgleich er +durchaus kein Pferd besaß, und einem unter der buschigen Braue ins Auge +geklemmten Monokel. Es gab, außer ihm und seinem Sohne, weit und breit +keinen Grafen Mölln mehr im Lande. Die einzelnen Zweige der ehemals +reichen, mächtigen und stolzen Familie waren nach und nach verdorrt, +abgestorben und vermodert, und nur eine Tante des kleinen Kai, mit der +sein Vater aber nicht in Korrespondenz stand, war noch am Leben. Sie +veröffentlichte unter einem abenteuerlichen Pseudonym Romane in +Familienblättern. -- Was den Grafen Eberhard betraf, so erinnerte man +sich, daß er, um sich vor allen Störungen durch Anfragen, Angebote und +Bettelei zu schützen, während längerer Zeit, nachdem er das Anwesen vorm +Burgtor bezogen, ein Schild an seiner niedrigen Haustür geführt hatte, +auf dem zu lesen gewesen: »Hier wohnt Graf Mölln ganz allein, braucht +nichts, kauft nichts und hat nichts zu verschenken.« Als das Schild +seine Wirkung getan und niemand ihn mehr belästigte, hatte er es wieder +entfernt. + +Mutterlos -- denn die Gräfin war an seiner Geburt gestorben, und +irgendein ältliches Frauenzimmer führte das Hauswesen -- war der kleine +Kai hier wild wie ein Tier unter den Hühnern und Hunden herangewachsen, +und hier hatte -- von fern und mit großer Scheu -- Hanno Buddenbrook ihn +gesehen, wie er gleich einem Kaninchen im Kohle umhersprang, sich mit +jungen Hunden balgte und mit seinen Purzelbäumen die Hühner erschreckte. + +In der Schulstube hatte er ihn wiedergefunden, und seine Scheu vor dem +verwilderten Äußeren des kleinen Grafen hatte wohl anfangs +fortbestanden. Aber nicht lange, so hatte ein sicherer Instinkt ihn die +unsoignierte Hülle durchschauen lassen, hatte ihn auf diese weiße Stirn, +diesen schmalen Mund, diese länglich geschnittenen, hellblauen Augen +achten lassen, die mit einer Art zorniger Befremdung dareingeblickt +hatten, und eine große Sympathie für diesen Kameraden unter allen +übrigen hatte ihn ganz erfüllt. Dennoch war er viel zu zurückhaltend, +als daß er den Mut gefunden hätte, die Freundschaft einzuleiten, und +ohne die rücksichtslose Initiative des kleinen Kai wären die beiden +einander wohl fremd geblieben. Ja, das leidenschaftliche Tempo, mit dem +Kai sich ihm genähert, hatte den kleinen Johann anfangs sogar +erschreckt. Dieser kleine, verwahrloste Gesell hatte mit einem Feuer, +einer stürmisch aggressiven Männlichkeit um die Gunst des stillen, +elegant gekleideten Hanno geworben, der gar nicht zu widerstehen gewesen +war. Zwar konnte er ihm beim Unterricht nicht behilflich sein, denn +seinem ungezähmten und frei umherschweifenden Sinn war das Einmaleins +etwas ebenso Abscheuliches wie dem träumerisch abwesenden des kleinen +Buddenbrook; aber er hatte ihn mit allem beschenkt, was sein gewesen +war, mit Glaskugeln, Holzkreiseln und sogar mit einer kleinen, +verbogenen Blechpistole, obgleich sie das Beste war, was er besaß ... +Hand in Hand mit ihm, in den Pausen, hatte er ihm von seinem Heim, von +den jungen Hunden und Hühnern erzählt, und hatte ihn mittags, obgleich +stets Ida Jungmann, ein Päckchen belegten Butterbrotes in der Hand, +ihren Pflegling vor der Schultür zum Spazierengehen erwartete, so weit +wie möglich begleitet. Bei dieser Gelegenheit hatte er erfahren, daß der +kleine Buddenbrook zu Hause Hanno genannt wurde, und sofort hatte er +sich dieses Kosenamens bemächtigt, um seinen Freund nun nie mehr anders +zu nennen. + +Eines Tages hatte er verlangt, daß Hanno, statt nach dem Mühlenwall, mit +ihm nach seines Vaters Besitz spazierengehe, um neugeborene +Meerschweinchen zu besehen, und Fräulein Jungmann hatte endlich den +Bitten der beiden nachgegeben. Sie waren nach dem gräflichen Anwesen +hinausgewandert, hatten den Misthaufen, das Gemüse, die Hunde, Hühner +und Meerschweinchen in Augenschein genommen und waren schließlich auch +in das Haus eingetreten, woselbst in einem niedrigen, langgestreckten +Raume zu ebener Erde Graf Eberhard, ein Bild trotziger Vereinsamung, +lesend an einem schweren Bauerntisch gesessen und unwirsch nach dem +Begehren gefragt hatte ... + +Ida Jungmann war nicht zu bewegen gewesen, diesen Besuch zu wiederholen; +vielmehr hatte sie darauf bestanden, daß, wollten die beiden beieinander +sein, Kai lieber Hanno besuchen sollte, und so hatte der kleine Graf +denn zum ersten Male mit aufrichtiger Bewunderung, aber doch ohne Scheu +das prachtvolle Vaterhaus seines Freundes betreten. Von da an hatte er +oft und öfter sich eingestellt, und nun konnte nur im Winter hoch +liegender Schnee ihn hindern, den weiten Weg am Nachmittage noch einmal +zurückzulegen, um ein paar Stunden bei Hanno Buddenbrook zu verbringen. + +Man saß in dem großen Kinderzimmer im zweiten Stockwerk zusammen und +erledigte seine Schularbeiten. Es gab da lange Rechenaufgaben zu lösen, +die, nachdem man beide Seiten der Schiefertafel mit Additionen, +Subtraktionen, Multiplikationen und Divisionen bedeckt hatte, am Ende +und als Resultat ganz einfach Null ergeben mußten -- wo nicht, so +steckte irgendwo ein Fehler, der gesucht, gesucht werden mußte, bis man +das kleine bösartige Tier gefunden hatte und vertilgen konnte: und +hoffentlich steckte er nicht zu hoch, weil sonst beinahe das Ganze noch +einmal geschrieben werden mußte. Ferner galt es, sich mit deutscher +Grammatik zu beschäftigen, die Kunst der Komparation zu erlernen und +ganz reinlich und gradlinig Betrachtungen untereinander zu schreiben, +wie zum Beispiel: »Horn ist durchsichtig, Glas ist durchsichtiger, Luft +ist am durchsichtigsten.« Worauf man sein Diktatheft zur Hand nahm, um +Sätze zu studieren wie diesen: »Unsere Hedwig ist zwar sehr willig, aber +den Kehricht auf dem Estrich fegt sie niemals ordentlich zusammen.« Bei +dieser Übung voller Versuchungen und Fußangeln hatte die Absicht +bestanden, daß man Hedwig, willig und fegt mit einem ch, Estrich mit g +und Kehricht womöglich ebenfalls mit einem g schreiben sollte, und das +hatte man denn auch gründlich besorgt, weshalb nun die Korrektur +vorgenommen werden mußte. War aber alles fertig, so packte man ein und +setzte sich auf das Fensterbrett, um Ida vorlesen zu hören. + +Die gute Seele las vom Katerlieschen, von dem, der auszog, das Fürchten +zu lernen, von Rumpelstilzchen, Rapunzel und Froschkönig -- mit tiefer, +geduldiger Stimme und halb geschlossenen Augen, denn sie sagte die +Märchen, die sie in ihrem Leben schon allzuoft gelesen, beinahe ganz aus +dem Kopfe her, und dabei schlug sie mechanisch die Blätter mit dem +benetzten Zeigefinger um. + +Bei dieser Unterhaltung aber geschah das Merkwürdige, daß in dem kleinen +Kai sich das Bedürfnis zu regen und auszubilden begann, es dem Buche +gleichzutun und selbst etwas zu erzählen, und das war um so erwünschter, +als man die gedruckten Märchen allmählich alle kannte, und auch Ida sich +dann und wann ein wenig ausruhen mußte. Kais Geschichten waren anfangs +kurz und einfach, wurden dann aber kühner und komplizierter und gewannen +an Interesse dadurch, daß sie nicht gänzlich in der Luft standen, +sondern von der Wirklichkeit ausgingen und diese in ein seltsames und +geheimnisvolles Licht rückten ... Besonders gern vernahm Hanno die +Erzählung von einem bösen, aber außerordentlich mächtigen Zauberer, der +einen schönen und hochbegabten Prinzen mit Namen Josephus in der Gestalt +eines bunten Vogels bei sich gefangen halte und alle Menschen mit seinen +tückischen Künsten quäle. Schon aber wachse in der Ferne der Auserwählte +heran, welcher dereinst an der Spitze einer unwiderstehlichen Armee von +Hunden, Hühnern und Meerschweinchen gegen den Zauberer furchtlos zu +Felde ziehen und den Prinzen, sowie die ganze Welt, besonders aber Hanno +Buddenbrook vermittels eines Schwertstreiches von ihm erlösen werde. +Dann werde, befreit und entzaubert, Josephus in sein Reich zurückkehren, +König werden und Hanno sowohl wie Kai zu sehr hohen Würden emporsteigen +lassen ... + +Senator Buddenbrook, der hie und da, wenn er das Kinderzimmer passierte, +die Freunde beisammen sah, hatte gegen diesen Verkehr nichts +einzuwenden, denn es war leicht zu beobachten, daß die beiden einander +vorteilhaft beeinflußten. Hanno wirkte besänftigend, zähmend und +geradezu veredelnd auf Kai, der ihn zärtlich liebte, die Weiße seiner +Hände bewunderte und sich ihm zuliebe die seinen von Fräulein Jungmann +mit Bürste und Seife behandeln ließ. Und wenn Hanno seinerseits ein +wenig Frische und Wildheit von dem kleinen Grafen empfing, so war das +mit Freude zu begrüßen, denn Senator Buddenbrook verhehlte sich nicht, +daß die beständige weibliche Obhut, unter welcher der Junge stand, nicht +eben geeignet war, die Eigenschaften der Männlichkeit in ihm anzureizen +und zu entwickeln. + +Die Treue und Hingebung der guten Ida Jungmann, die nun schon länger als +drei Jahrzehnte den Buddenbrooks diente, war ja mit Gold nicht zu +bezahlen. Sie hatte die vorhergehende Generation mit Aufopferung gehegt +und gepflegt: Hanno aber trug sie auf Händen, sie hüllte ihn gänzlich in +Zärtlichkeit und Sorgfalt ein, sie liebte ihn abgöttisch und ging in +ihrem naiven und unerschütterlichen Glauben an seine absolut bevorzugte +und bevorrechtigte Stellung in der Welt oftmals bis zum Absurden. Sie +war, galt es, für ihn zu handeln, von erstaunlicher und manchmal +peinlicher Unverfrorenheit. Gelegentlich eines Einkaufs beim Konditor +zum Beispiel unterließ sie es niemals, sehr ungeniert in die +ausgestellten Schalen hineinzugreifen, um ihm diese oder jene Süßigkeit +zuzustecken, ohne dafür zu bezahlen -- denn konnte der Mann sich nicht +nur geehrt fühlen? Und vor einem umlagerten Schaufenster war sie sofort +bei der Hand, die Leute in ihrem westpreußischen Dialekt freundlich, +aber entschieden um Platz für ihren Schützling zu ersuchen. Ja, er war +in ihren Augen etwas so ganz Besonderes, daß sie kaum je ein anderes +Kind würdig gehalten hatte, mit ihm in Berührung zu kommen. Was den +kleinen Kai betraf, so war die beiderseitige Zuneigung stärker gewesen +als ihr Mißtrauen; auch hatte der Name sie ein wenig bestochen. +Gesellten sich aber auf dem Mühlenwall, wenn sie sich mit Hanno auf +einer Bank niedergelassen hatte, andere Kinder mit ihrer Begleitung zu +ihnen, so erhob Fräulein Jungmann sich beinahe sogleich und ging unter +irgendeinem Vorwande von Verspätung oder Zugwind von dannen. Die +Erklärungen, die sie dem kleinen Johann dafür zuteil werden ließ, waren +geeignet, in ihm die Vorstellung zu erwecken, als seien alle seine +Altersgenossen mit Skrofeln und »Bösen Säften« schwer behaftet, -- nur +er nicht. Und das trug nicht gerade dazu bei, seine sowieso schon +mangelnde Zutraulichkeit und Unbefangenheit zu stärken. + +Senator Buddenbrook wußte von solchen Einzelheiten nicht; aber er sah, +daß die Entwicklung seines Sohnes von Natur und infolge äußerer +Einflüsse vorläufig keineswegs die Richtung einschlug, die er ihr zu +geben wünschte. Hätte er seine Erziehung in die Hand nehmen, täglich und +stündlich auf seinen Geist wirken können! Aber die Zeit fehlte ihm +dazu, und mit Schmerz mußte er sehen, wie gelegentliche Versuche dazu +kläglich mißlangen und das Verhältnis zwischen Vater und Kind nur kälter +und fremder machten. Ein Bild schwebte ihm vor, nach dem er seinen Sohn +zu modeln sich sehnte: das Bild von Hannos Urgroßvater, wie er selbst +ihn als Knabe gekannt -- ein heller Kopf, jovial, einfach, humoristisch +und stark ... Konnte er so nicht werden? War das unmöglich? Und +warum?... Hätte er wenigstens die Musik unterdrücken und verbannen +können, die den Jungen dem praktischen Leben entfremdete, seiner +körperlichen Gesundheit sicherlich nicht nützlich war und seine +Geisteskräfte absorbierte! Grenzte sein träumerisches Wesen nicht +manchmal geradezu an Unzurechnungsfähigkeit? + +Eines Nachmittags war Hanno drei Viertelstunden vorm Essen, das um vier +Uhr stattfand, allein in die erste Etage hinabgestiegen. Er hatte eine +Zeitlang am Flügel geübt und hielt sich nun müßig im Wohnzimmer auf. +Halb liegend saß er auf der Chaiselongue, nestelte an dem Schifferknoten +auf seiner Brust, und indem seine Augen, ohne etwas zu suchen, seitwärts +glitten, gewahrte er auf dem zierlichen Nußholzschreibtisch seiner +Mutter eine offene Ledermappe -- die Mappe mit den Familienpapieren. Er +stützte den Ellbogen auf das Rückenpolster und das Kinn in die Hand und +betrachtete die Sachen ein Weilchen aus der Ferne. Ohne Zweifel hatte +Papa sich heute nach dem zweiten Frühstück damit beschäftigt und sie zu +weiterem Gebrauche liegenlassen. Eines stak in der Mappe, lose Blätter, +die draußen lagen, waren vorläufig mit einem metallenen Lineal +beschwert, das große Schreibheft mit goldnem Schnitt und +verschiedenartigem Papier lag offen da. + +Hanno glitt nachlässig von der Ottomane hinunter und ging zum +Schreibtisch. Das Buch war an jener Stelle aufgeschlagen, wo in den +Handschriften mehrerer seiner Vorfahren und zuletzt in der seines Vaters +der ganze Stammbaum der Buddenbrooks mit Klammern und Rubriken in +übersichtlichen Daten geordnet war. Mit einem Bein auf dem Schreibsessel +kniend, das weichgewellte hellbraune Haar in die flache Hand gestützt, +musterte Hanno das Manuskript ein wenig von der Seite, mit dem +mattkritischen und ein bißchen verächtlichen Ernste einer vollkommenen +Gleichgültigkeit und ließ seine freie Hand mit Mamas Federhalter +spielen, der halb aus Gold und halb aus Ebenholz bestand. Seine Augen +wanderten über all diese männlichen und weiblichen Namen hin, die hier +unter- und nebeneinander standen, zum Teile in altmodisch +verschnörkelter Schrift mit weit ausladenden Schleifen, in gelblich +verblaßter oder stark aufgetragener schwarzer Tinte, an der Reste von +Goldstreusand klebten ... Er las auch, ganz zuletzt, in Papas winziger, +geschwind über das Papier eilender Schrift, unter denen seiner Eltern +seinen eigenen Namen -- Justus, =Johann=, Kaspar, geb. d. 15. April +1861 --, was ihm einigen Spaß machte, richtete sich dann ein wenig auf, +nahm mit nachlässigen Bewegungen Lineal und Feder zur Hand, legte das +Lineal unter seinen Namen, ließ seine Augen noch einmal über das ganze +genealogische Gewimmel hingleiten: und hierauf, mit stiller Miene und +gedankenloser Sorgfalt, mechanisch und verträumt, zog er mit der +Goldfeder einen schönen, sauberen Doppelstrich quer über das ganze Blatt +hinüber, die obere Linie ein wenig stärker als die untere, so, wie er +jede Seite seines Rechenheftes verzieren mußte ... Dann legte er einen +Augenblick prüfend den Kopf auf die Seite und wandte sich ab. + +Nach Tische rief der Senator ihn zu sich und herrschte ihn mit +zusammengezogenen Brauen an. + +»Was ist das. Woher kommt das. Hast du das getan?« + +Er mußte sich einen Augenblick besinnen, ob er es getan habe, und dann +sagte er schüchtern und ängstlich: »Ja.« »Was heißt das! Was ficht dich +an! Antworte! Wie kommst du zu dem Unfug!« rief der Senator, indem er +mit dem leicht zusammengerollten Heft auf Hannos Wange schlug. + +Und der kleine Johann, zurückweichend, stammelte, indem er mit der Hand +nach seiner Wange fuhr: »Ich glaubte ... ich glaubte ... es käme nichts +mehr ...« + + +Achtes Kapitel + +Donnerstags, wenn die Familie, umgeben von den ruhevoll lächelnden +Götterstatuen der Tapete, beim Essen saß, gab es seit kurzem einen +neuen, sehr ernsten Gesprächsgegenstand, der auf den Gesichtern der +Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße den Ausdruck kalter +Zurückhaltung, in den Mienen und Gesten Frau Permaneders aber eine +außerordentliche Erregung hervorrief. Sie sprach zurückgelegten Hauptes +und indem sie beide Arme zugleich vorwärts oder nach oben streckte, mit +Zorn, mit Entrüstung, mit aufrichtiger, tiefgefühlter Empörung. Sie ging +von dem besonderen Falle, um den es sich handelte, zum allgemeinen über, +sprach über schlechte Menschen überhaupt und ließ, unterbrochen von dem +trockenen nervösen Räuspern, das mit ihrer Magenschwäche zusammenhing, +mit einer gewissen Kehlkopfstimme, die ihr eigen war, wenn sie zürnte, +kleine Trompetenstöße des Abscheus ertönen, die etwa klangen wie +»Tränen-Trieschke --!« »Grünlich --!« »Permaneder --!« ... Das +Sonderbare aber war der neue Ruf, der hinzugekommen war, und den sie mit +unbeschreiblicher Verachtung und Gehässigkeit hervorbrachte. Er lautete: +»=Der Staatsanwalt --!=« + +Wenn dann Direktor Hugo Weinschenk, verspätet wie immer, denn er war mit +Geschäften überhäuft, den Saal betrat und, mit balancierenden Fäusten +sich ungewöhnlich lebhaft in der Taille seines Gehrockes wiegend, zu +seinem Platze schritt, wobei seine Unterlippe unter dem schmalen +Schnurrbart mit keckem Ausdruck hinabhing, so verstummte das Gespräch, +so lagerte sich eine peinliche, schwüle Stille über der Tafel, bis der +Senator allen aus der Verlegenheit half, indem er ganz leichthin und als +handle es sich um irgendein Geschäft, sich bei dem Direktor nach dem +Stande der Angelegenheit erkundigte. Und Hugo Weinschenk antwortete, die +Sachen ständen sehr gut, sie ständen, wie das nicht anders möglich sei, +vortrefflich ... worauf er leicht und fröhlich von etwas anderem sprach. +Er war viel aufgeräumter als früher, ließ seine Augen mit einer gewissen +wilden Unbefangenheit umherschweifen und fragte viele Male, ohne Antwort +zu erhalten, nach dem Befinden von Gerda Buddenbrooks Geige. Überhaupt +plauderte er viel und munter, und unangenehm war nur der Umstand, daß +er in seinem Freimut nicht immer genügend nach seinen Worten sah und vor +übermäßig guter Laune hie und da Geschichten vorbrachte, die nicht ganz +am Platze waren. Eine Anekdote zum Beispiel, die er erzählte, handelte +von einer Amme, welche die Gesundheit des ihr anvertrauten Kindes +dadurch beeinträchtigt hatte, daß sie an Blähungen litt; in einer Weise, +die er ohne Zweifel für humoristisch hielt, ahmte er den Hausarzt nach, +der gerufen hatte: »Wer stinkt hier so! Wer ist es, der hier so stinkt!« +und spät oder nie bemerkte er, daß seine Gattin heftig errötet war, daß +die Konsulin, Thomas und Gerda unbewegt dasaßen, die Damen Buddenbrook +durchbohrende Blicke tauschten, selbst Riekchen Severin am unteren +Tischende beleidigt dareinblickte und höchstens der alte Konsul Kröger +leise pruschte ... + +Was war es mit dem Direktor Weinschenk? Dieser ernste, tätige und +kernhafte Mann, dieser Mann, der, abhold aller Geselligkeit und von +rauher Außenseite, mit zäher Pflichttreue nur seiner Arbeit zugetan war, +-- dieser Mann sollte nicht =ein=mal, nein, wiederholt sich eines +schweren Fehltrittes schuldig gemacht haben, ja, er war angeklagt, +gerichtlich angeklagt, mehrere Male ein geschäftliches Manöver +ausgeführt zu haben, das nicht fragwürdig, sondern unreinlich und +verbrecherisch zu nennen war, und ein Prozeß, dessen Ausgang nicht +abzusehen, war gegen ihn im Gange! -- Was wurde ihm zur Last gelegt? -- +Brände hatten an verschiedenen Orten stattgefunden, größere +Feuersbrünste, die der Gesellschaft, welche den damit Betroffenen +kontraktlich verbunden gewesen, große Summen gekostet haben würden. +Direktor Weinschenk aber sollte, erst nachdem er durch seine Agenten +rasche vertrauliche Mitteilung von den Unglücksfällen empfangen, also +bewußt betrügerischerweise, die Rückversicherungen bei einer anderen +Gesellschaft vorgenommen und dieser so den Schaden zugeschoben haben. +Nun lag die Sache in den Händen des Staatsanwaltes, des Staatsanwaltes +Doktor Moritz Hagenström ... + +»Thomas«, sagte die Konsulin unter vier Augen zu ihrem Sohne, »ich bitte +dich ... ich verstehe nichts. Was soll ich von der Sache halten!« + +Und er antwortete: »Ja, meine liebe Mutter ... Was läßt sich da sagen! +Daß alles ganz in Ordnung ist, muß man leider bezweifeln. Aber daß +Weinschenk in dem Umfange schuldig ist, wie gewisse Leute es wollen, +halte ich ebenfalls für unwahrscheinlich. Es gibt im Geschäftsleben +moderneren Stiles etwas, was man Usance nennt ... Eine Usance, verstehst +du, das ist ein Manöver, das nicht ganz einwandfrei ist, sich nicht ganz +mit dem geschriebenen Gesetze verträgt und für den Laienverstand schon +unredlich aussieht, das aber dennoch nach stillschweigender Übereinkunft +in der Geschäftswelt gang und gäbe ist. Die Grenzlinie zwischen Usance +und Schlimmerem ist sehr schwer zu ziehen ... Einerlei ... Wenn +Weinschenk sich vergangen hat, so hat er es höchstwahrscheinlich nicht +ärger getrieben als viele seiner Kollegen, die ungestraft davongekommen +sind. Aber ... für einen günstigen Ausgang des Prozesses stehe ich +deshalb durchaus nicht. Vielleicht würde er in einer großen Stadt +freigesprochen werden; aber hier, wo alles auf Cliquenwesen und +persönliche Motive hinausläuft ... Das hätte er bei der Wahl seines +Verteidigers besser bedenken sollen. Wir haben hier in der Stadt keinen +hervorragenden Anwalt, keinen eminenten Kopf mit überlegenem und +überzeugendem Rednertalent, der mit allen Hunden gehetzt und in den +bedenklichsten Sachen versiert wäre. Dafür aber hängen unsere Herren +Juristen untereinander zusammen, sie sind einander verbunden durch +gemeinsame Interessen, durch Mittagessen, womöglich durch +Verwandtschaft, und haben aufeinander Rücksicht zu nehmen. Meiner +Ansicht nach wäre es klug gewesen, wenn Weinschenk einen hier ansässigen +Advokaten genommen hätte. Aber was hat er getan? Er hat es für nötig +befunden -- ich sage für nötig befunden, und das gibt zuletzt über sein +gutes Gewissen zu denken --, sich einen Verteidiger aus Berlin zu +verschreiben, den Doktor Breslauer, einen rechten Teufelsbraten, einen +geriebenen Redner, einen raffinierten Rechtsvirtuosen, dem der Ruhm +vorangeht, soundso vielen betrügerischen Bankerottiers am Zuchthause +vorbeigeholfen zu haben. Der wird nun ohne Zweifel die Sache gegen ein +sehr großes Honorar mit ebenso großer Schlauheit führen ... Aber ob das +von Nutzen sein wird? Ich sehe es kommen, daß unsere wackeren +Rechtsgelehrten sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben werden, sich +von dem fremden Herrn imponieren zu lassen, und daß der Gerichtshof für +Doktor Hagenströms Plaidoyer ein sehr viel willigeres Ohr haben wird ... +Und die Zeugen? Was sein eigenes Geschäftspersonal betrifft, so glaube +ich nicht, daß es ihm besonders liebevoll zur Seite stehen wird. Das, +was wir Wohlwollenden -- und, ich glaube, auch er selbst -- seine rauhe +Außenseite nennen, hat ihm nicht viel Freunde gemacht ... Kurz, Mutter, +mir ahnt Arges. Es wäre ja schlimm für Erika, wenn es ein Unglück gäbe, +aber am wehesten sollte es mir um Tony tun. Siehst du, sie hat ja recht, +wenn sie sagt, daß Hagenström die Sache mit Genugtuung in die Hand +genommen hat. Sie geht uns alle an, und ein schmählicher Ausgang würde +uns insgesamt betreffen, denn Weinschenk gehört einmal zur Familie und +sitzt an unserem Tische. Was mich angeht, ich komme darüber hinweg. Ich +weiß, wie ich mich zu benehmen habe. Ich muß in der Öffentlichkeit der +Sache ganz fremd gegenüberstehen, darf nicht die Verhandlungen besuchen +-- obgleich Breslauer mich interessieren würde -- und darf mich, schon +um mich vor dem Vorwurf irgendwelcher Beeinflussungsgelüste zu wahren, +überhaupt um nichts bekümmern. Aber Tony? Ich mag nicht ausdenken, wie +traurig eine Verurteilung für sie wäre. Man muß hören, wie aus ihren +lauten Protesten gegen Verleumdung und neidische Intrigen die Angst +herausklingt ... die Angst, nach allem Malheur, das sie erduldet, auch +dieser letzten, ehrenvollen Position, des würdigen Hausstandes ihrer +Tochter noch verlustig zu gehen. Ach, paß auf, sie wird immer lauter +Weinschenks Unschuld beteuern, je mehr sie zu Zweifeln daran gedrängt +werden wird ... Aber er kann ja auch unschuldig sein, gewiß, ganz +unschuldig sein ... Wir müssen es abwarten, Mutter, und ihn und Tony und +Erika taktvoll behandeln. Aber mir ahnt nichts Gutes ...« + + * * * * * + +Unter solchen Umständen kam diesmal das Weihnachtsfest heran, und der +kleine Johann verfolgte mit Hilfe des Abreißkalenders, den Ida ihm +angefertigt, und auf dessen letztem Blatte ein Tannenbaum gezeichnet +war, pochenden Herzens das Nahen der unvergleichlichen Zeit. + +Die Vorzeichen mehrten sich ... Schon seit dem ersten Advent hing in +Großmamas Eßsaal ein lebensgroßes, buntes Bild des Knecht Ruprecht an +der Wand. Eines Morgens fand Hanno seine Bettdecke, die Bettvorlage und +seine Kleider mit knisterndem Flittergold bestreut. Dann, wenige Tage +später, nachmittags im Wohnzimmer, als Papa mit der Zeitung auf der +Chaiselongue lag und Hanno gerade in Geroks »Palmblättern« das Gedicht +von der Hexe zu Endor las, wurde wie alljährlich und doch auch diesmal +ganz überraschenderweise ein »alter Mann« gemeldet, welcher »nach dem +Kleinen frage«. Er wurde hereingebeten, dieser alte Mann, und kam +schlürfenden Schrittes, in einem langen Pelze, dessen rauhe Seiten nach +außen gekehrt, und der mit Flittergold und Schneeflocken besetzt war, +ebensolcher Mütze, schwarzen Zügen im Gesicht und einem ungeheuren +weißen Barte, der wie die übernatürlich dicken Augenbrauen mit +glitzernder Lametta durchsetzt war. Er erklärte, wie jedes Jahr, mit +eherner Stimme, daß =dieser= Sack -- auf seiner linken Schulter -- für +gute Kinder, welche beten könnten, Äpfel und goldene Nüsse enthalte, daß +aber andererseits =diese= Rute -- auf seiner rechten Schulter -- für die +bösen Kinder bestimmt sei ... Es war Knecht Ruprecht. Das heißt, +natürlich nicht so ganz und vollkommen der echte und im Grunde +vielleicht bloß Barbier Wenzel in Papas gewendetem Pelz; aber soweit ein +Knecht Ruprecht überhaupt möglich, war er dies, und Hanno sagte auch +dieses Jahr wieder, aufrichtig erschüttert und nur ein- oder zweimal von +einem nervösen und halb unbewußten Aufschluchzen unterbrochen, sein +Vaterunser her, worauf er einen Griff in den Sack für die guten Kinder +tun durfte, den der alte Mann dann überhaupt wieder mit sich zu nehmen +vergaß ... + +Es setzten die Ferien ein, und der Augenblick ging ziemlich glücklich +vorüber, da Papa das Zeugnis las, das auch in der Weihnachtszeit +notwendig ausgestellt werden mußte ... Schon war der große Saal +geheimnisvoll verschlossen, schon waren Marzipan und braune Kuchen auf +den Tisch gekommen, schon war es Weihnacht draußen in der Stadt. Schnee +fiel, es kam Frost, und in der scharfen, klaren Luft erklangen durch +die Straßen die geläufigen oder wehmütigen Melodien der italienischen +Drehorgelmänner, die mit ihren Sammetjacken und schwarzen Schnurrbärten +zum Feste herbeigekommen waren. In den Schaufenstern prangten die +Weihnachtsausstellungen. Um den hohen gotischen Brunnen auf dem +Marktplatze waren die bunten Belustigungen des Weihnachtsmarktes +aufgeschlagen. Und wo man ging, atmete man mit dem Duft der zum Kauf +gebotenen Tannenbäume das Aroma des Festes ein. + +Dann endlich kam der Abend des dreiundzwanzigsten Dezembers heran und +mit ihm die Bescherung im Saale zu Haus, in der Fischergrube, eine +Bescherung im engsten Kreise, die nur ein Anfang, eine Eröffnung, ein +Vorspiel war, denn den Heiligen Abend hielt die Konsulin fest in Besitz, +und zwar für die ganze Familie, so daß am Spätnachmittage des +Vierundzwanzigsten die gesamte Donnerstagstafelrunde, und dazu noch +Jürgen Kröger aus Wismar, sowie Therese Weichbrodt mit Madame Kethelsen, +im Landschaftszimmer zusammentrat. + +In schwerer, grau und schwarz gestreifter Seide, mit geröteten Wangen +und erhitzten Augen, in einem zarten Duft von Patschuli, empfing die +alte Dame die nach und nach eintretenden Gäste, und bei den wortlosen +Umarmungen klirrten ihre goldenen Armbänder leise. Sie war in +unaussprechlicher stummer und zitternder Erregung an diesem Abend. »Mein +Gott, du fieberst ja, Mutter!« sagte der Senator, als er mit Gerda und +Hanno eintraf ... »Alles kann doch ganz gemütlich vonstatten gehen.« +Aber sie flüsterte, indem sie alle drei küßte: »Zu Jesu Ehren ... Und +dann mein lieber seliger Jean ...« + +In der Tat, das weihevolle Programm, das der verstorbene Konsul für die +Feierlichkeit festgesetzt hatte, mußte aufrechterhalten werden, und das +Gefühl ihrer Verantwortung für den würdigen Verlauf des Abends, der von +der Stimmung einer tiefen, ernsten und inbrünstigen Fröhlichkeit erfüllt +sein mußte, trieb sie rastlos hin und her -- von der Säulenhalle, wo +schon die Marien-Chorknaben sich versammelten, in den Eßsaal, wo +Riekchen Severin letzte Hand an den Baum und die Geschenktafel legte, +hinaus auf den Korridor, wo scheu und verlegen einige fremde alte +Leutchen umherstanden, Hausarme, die ebenfalls an der Bescherung +teilnehmen sollten, und wieder ins Landschaftszimmer, wo sie mit einem +stummen Seitenblick jedes überflüssige Wort und Geräusch strafte. Es war +so still, daß man die Klänge einer entfernten Drehorgel vernahm, die +zart und klar wie die einer Spieluhr aus irgendeiner beschneiten Straße +den Weg hierher fanden. Denn obgleich nun an zwanzig Menschen im Zimmer +saßen und standen, war die Ruhe größer als in einer Kirche, und die +Stimmung gemahnte, wie der Senator ganz vorsichtig seinem Onkel Justus +zuflüsterte, ein wenig an die eines Leichenbegängnisses. + +Übrigens war kaum Gefahr vorhanden, diese Stimmung möchte durch einen +Laut jugendlichen Übermutes zerrissen werden. Ein Blick hätte genügt, zu +bemerken, daß fast alle Glieder der hier versammelten Familie in einem +Alter standen, in welchem die Lebensäußerungen längst gesetzte Formen +angenommen haben. Senator Thomas Buddenbrook, dessen Blässe den wachen, +energischen und sogar humoristischen Ausdruck seines Gesichtes Lügen +strafte; Gerda, seine Gattin, welche, unbeweglich in einem Sessel +zurückgelehnt und das schöne, weiße Gesicht nach oben gewandt, ihre nahe +beieinanderliegenden, bläulich umschatteten, seltsam schimmernden Augen +von den flimmernden Glasprismen des Kronleuchters bannen ließ; seine +Schwester, Frau Permaneder; Jürgen Kröger, sein Kousin, der stille, +schlicht gekleidete Beamte; seine Kusinen Friederike, Henriette und +Pfiffi, von denen die beiden ersteren noch magerer und länger geworden +waren und die letztere noch kleiner und beleibter erschien als früher, +denen aber ein stereotyper Gesichtsausdruck durchaus gemeinsam war, ein +spitziges und übelwollendes Lächeln, das gegen alle Personen und Dinge +mit einer allgemeinen medisanten Skepsis gerichtet war, als sagten sie +beständig: »Wirklich? Das möchten wir denn doch fürs erste noch +bezweifeln« ...; schließlich die arme, aschgraue Klothilde, deren +Gedanken wohl direkt auf das Abendessen gerichtet waren: -- sie alle +hatten die Vierzig überschritten, während die Hausherrin mit ihrem +Bruder Justus und seiner Frau gleich der kleinen Therese Weichbrodt +schon ziemlich weit über die Sechzig hinaus war, und die alte Konsulin +Buddenbrook, geborene Stüwing, sowie die gänzlich taube Madame +Kethelsen, sich schon in den Siebzigern befanden. + +In der Blüte ihrer Jugend stand eigentlich nur Erika Weinschenk; aber +wenn ihre hellblauen Augen -- die Augen Herrn Grünlichs -- zu ihrem +Manne, dem Direktor, hinüberglitten, dessen geschorener, an den Schläfen +ergrauter Kopf mit dem schmalen, in die Mundwinkel hineingewachsenen +Schnurrbart sich dort neben dem Sofa von der idyllischen +Tapetenlandschaft abhob, so konnte man bemerken, daß ihr voller Busen +sich in lautlosem aber schwerem Atemzuge hob ... Ängstliche und wirre +Gedanken an Usancen, Buchführung, Zeugen, Staatsanwalt, Verteidiger und +Richter mochten sie bedrängen, ja, es war wohl keiner im Zimmer, dem +diese unweihnachtlichen Gedanken nicht im Sinne gelegen hätten. Der +angeklagte Zustand von Frau Permaneders Schwiegersohn, das Bewußtsein +der gesamten Familie von der Gegenwart eines Mitgliedes, das eines +Verbrechens gegen die Gesetze, die bürgerliche Ordnung und die +geschäftliche Ehrenhaftigkeit geziehen und vielleicht der Schande und +dem Gefängnis verfallen war, gab der Versammlung ein vollständig +fremdes, ungeheuerliches Gepräge. Ein Weihnachtsabend der Familie +Buddenbrook mit einem Angeklagten in ihrer Mitte! Frau Permaneder lehnte +sich mit strengerer Majestät in ihren Sessel zurück, das Lächeln der +Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße ward um noch eine Nüance +spitziger ... + +Und die Kinder? Der ein wenig spärliche Nachwuchs? War auch er für das +leis Schauerliche dieses so ganz neuen und ungekannten Umstandes +empfänglich? Was die kleine Elisabeth betraf, so war es unmöglich, über +ihren Gemütszustand zu urteilen. In einem Kleidchen, an dessen +reichlicher Garnitur mit Atlasschleifen man Frau Permaneders Geschmack +erkannte, saß das Kind auf dem Arm seiner Bonne, hielt seine Daumen in +die winzigen Fäuste geklemmt, sog an seiner Zunge, blickte mit etwas +hervortretenden Augen starr vor sich hin und ließ dann und wann einen +kurzen, knarrenden Laut vernehmen, worauf das Mädchen es ein wenig +schaukeln ließ. Hanno aber saß still auf seinem Schemel zu den Füßen +seiner Mutter und blickte gerade wie sie zu einem Prisma des +Kronleuchters empor ... + +Christian fehlte! Wo war Christian? Erst jetzt im letzten Augenblick +bemerkte man, daß er noch nicht anwesend sei. Die Bewegungen der +Konsulin, die eigentümliche Manipulation, mit der sie vom Mundwinkel zur +Frisur hinaufzustreichen pflegte, als brächte sie ein hinabgefallenes +Haar an seine Stelle zurück, wurden noch fieberhafter ... Sie +instruierte eilig Mamsell Severin, und die Jungfer begab sich an den +Chorknaben vorbei durch die Säulenhalle, zwischen den Hausarmen hin über +den Korridor und pochte an Herrn Buddenbrooks Tür. + +Gleich darauf erschien Christian. Er kam mit seinen mageren, krummen +Beinen, die seit dem Gelenkrheumatismus etwas lahmten, ganz gemächlich +ins Landschaftszimmer, indem er sich mit der Hand die kahle Stirne rieb. + +»Donnerwetter, Kinder«, sagte er, »das hätte ich beinahe vergessen!« + +»Du hättest es ...« wiederholte seine Mutter und erstarrte ... + +»Ja, beinah vergessen, daß heut Weihnacht ist ... Ich saß und las ... in +einem Buch, einem Reisebuch über Südamerika ... Du lieber Gott, ich habe +schon andere Weihnachten gehabt ...« fügte er hinzu und war soeben im +Begriff, mit der Erzählung von einem Heiligen Abend anzufangen, den er +zu London in einem Tingeltangel fünfter Ordnung verlebt, als plötzlich +die im Zimmer herrschende Kirchenstille auf ihn zu wirken begann, so daß +er mit krausgezogener Nase und auf den Zehenspitzen zu seinem Platze +ging. + +»Tochter Zion, freue dich!« sangen die Chorknaben, und sie, die eben +noch da draußen so hörbare Allotria getrieben, daß der Senator sich +einen Augenblick an die Tür hatte stellen müssen, um ihnen Respekt +einzuflößen, -- sie sangen nun ganz wunderschön. Diese hellen Stimmen, +die sich, getragen von den tieferen Organen, rein, jubelnd und +lobpreisend aufschwangen, zogen aller Herzen mit sich empor, ließen das +Lächeln der alten Jungfern milder werden und machten, daß die alten +Leute in sich hineinsahen und ihr Leben überdachten, während die, welche +mitten im Leben standen, ein Weilchen ihrer Sorgen vergaßen. + +Hanno ließ sein Knie los, das er bislang umschlungen gehalten hatte. Er +sah ganz blaß aus, spielte mit den Fransen seines Schemels und scheuerte +seine Zunge an einem Zahn, mit halbgeöffnetem Munde und einem +Gesichtsausdruck, als fröre ihn. Dann und wann empfand er das Bedürfnis, +tief aufzuatmen, denn jetzt, da der Gesang, dieser glockenreine +_a-cappella_-Gesang die Luft erfüllte, zog sein Herz sich in einem fast +schmerzhaften Glück zusammen. Weihnachten ... Durch die Spalten der +hohen, weißlackierten, noch fest geschlossenen Flügeltür drang der +Tannenduft und erweckte mit seiner süßen Würze die Vorstellung der +Wunder dort drinnen im Saale, die man jedes Jahr aufs neue mit pochenden +Pulsen als eine unfaßbare, unirdische Pracht erharrte ... Was würde dort +drinnen für ihn sein? Das, was er sich gewünscht hatte, natürlich, denn +das bekam man ohne Frage, gesetzt, daß es einem nicht als eine +Unmöglichkeit zuvor schon ausgeredet worden war. Das Theater würde ihm +gleich in die Augen springen und ihm den Weg zu seinem Platze weisen +müssen, das ersehnte Puppentheater, das dem Wunschzettel für Großmama +stark unterstrichen zu Häupten gestanden hatte, und das seit dem +»Fidelio« beinahe sein einziger Gedanke gewesen war. + +Ja, als Entschädigung und Belohnung für einen Besuch bei Herrn Brecht +hatte Hanno kürzlich zum ersten Male das Theater besucht, das +Stadttheater, wo er im ersten Range an der Seite seiner Mutter atemlos +den Klängen und Vorgängen des »Fidelio« hatte folgen dürfen. Seitdem +träumte er nichts als Opernszenen, und eine Leidenschaft für die Bühne +erfüllte ihn, die ihn kaum schlafen ließ. Mit unaussprechlichem Neide +betrachtete er auf der Straße die Leute, die, wie ja auch sein Onkel +Christian, als Theaterhabitués bekannt waren, Konsul Döhlmann, Makler +Gosch ... War das Glück ertragbar, wie sie fast jeden Abend dort +anwesend sein zu dürfen? Könnte er nur einmal in der Woche vor Beginn +der Aufführung einen Blick in den Saal tun, das Stimmen der Instrumente +hören und ein wenig den geschlossenen Vorhang ansehen! Denn er liebte +alles im Theater: den Gasgeruch, die Sitze, die Musiker, den Vorhang ... + +Wird sein Puppentheater groß sein? Groß und breit? Wie wird der Vorhang +aussehen? Man muß baldmöglichst ein kleines Loch hineinschneiden, denn +auch im Vorhang des Stadttheaters war ein Guckloch ... Ob Großmama oder +Mamsell Severin -- denn Großmama konnte nicht alles besorgen -- die +nötigen Dekorationen zum »Fidelio« gefunden hatte? Gleich morgen wird er +sich irgendwo einschließen und ganz allein eine Vorstellung geben ... +Und schon ließ er seine Figuren im Geiste singen; denn die Musik hatte +sich ihm mit dem Theater sofort aufs engste verbunden ... + +»Jauchze laut, Jerusalem!« schlossen die Chorknaben, und die Stimmen, +die fugenartig nebeneinander hergegangen waren, fanden sich in der +letzten Silbe friedlich und freudig zusammen. Der klare Akkord +verhallte, und tiefe Stille legte sich über Säulenhalle und +Landschaftszimmer. Die Mitglieder der Familie blickten unter dem Drucke +der Pause vor sich nieder; nur Direktor Weinschenks Augen schweiften +keck und unbefangen umher, und Frau Permaneder ließ ihr trocknes +Räuspern vernehmen, das ununterdrückbar war. Die Konsulin aber schritt +langsam zum Tische und setzte sich inmitten ihrer Angehörigen auf das +Sofa, das nun nicht mehr wie in alter Zeit unabhängig und abgesondert +vom Tische dastand. Sie rückte die Lampe zurecht und zog die große Bibel +heran, deren altersbleiche Goldschnittfläche ungeheuerlich breit war. +Dann schob sie die Brille auf die Nase, öffnete die beiden ledernen +Spangen, mit denen das kolossale Buch geschlossen war, schlug dort auf, +wo das Zeichen lag, daß das dicke, rauhe, gelbliche Papier mit dem +übergroßen Druck zum Vorschein kam, nahm einen Schluck Zuckerwasser und +begann, das Weihnachtskapitel zu lesen. + +Sie las die altvertrauten Worte langsam und mit einfacher, zu Herzen +gehender Betonung, mit einer Stimme, die sich klar, bewegt und heiter +von der andächtigen Stille abhob. »Und den Menschen ein Wohlgefallen!« +sagte sie. Kaum aber schwieg sie, so erklang in der Säulenhalle +dreistimmig das »Stille Nacht, heilige Nacht«, in das die Familie im +Landschaftszimmer einstimmte. Man ging ein wenig vorsichtig zu Werke +dabei, denn die meisten der Anwesenden waren unmusikalisch, und hie und +da vernahm man in dem Ensemble einen tiefen und ganz ungehörigen Ton ... +Aber das beeinträchtigte nicht die Wirkung dieses Liedes ... Frau +Permaneder sang es mit bebenden Lippen, denn am süßesten und +schmerzlichsten rührt es an dessen Herz, der ein bewegtes Leben hinter +sich hat und im kurzen Frieden der Feierstunde Rückblick hält ... Madame +Kethelsen weinte still und bitterlich, obgleich sie von allem fast +nichts vernahm. + +Und dann erhob sich die Konsulin. Sie ergriff die Hand ihres Enkels +Johann und die ihrer Urenkelin Elisabeth und schritt durch das Zimmer. +Die alten Herrschaften schlossen sich an, die jüngeren folgten, in der +Säulenhalle gesellten sich die Dienstboten und die Hausarmen hinzu, und +während alles einmütig »O Tannebaum« anstimmte und Onkel Christian vorn +die Kinder zum Lachen brachte, indem er beim Marschieren die Beine hob +wie ein Hampelmann und albernerweise »O Tantebaum« sang, zog man mit +geblendeten Augen und ein Lächeln auf dem Gesicht durch die +weitgeöffnete hohe Flügeltür direkt in den Himmel hinein. + +Der ganze Saal, erfüllt von dem Dufte angesengter Tannenzweige, +leuchtete und glitzerte von unzähligen kleinen Flammen, und das +Himmelblau der Tapete mit ihren weißen Götterstatuen ließ den großen +Raum noch heller erscheinen. Die Flämmchen der Kerzen, die dort hinten +zwischen den dunkelrot verhängten Fenstern den gewaltigen Tannenbaum +bedeckten, welcher, geschmückt mit Silberflittern und großen, weißen +Lilien, einen schimmernden Engel an seiner Spitze und ein plastisches +Krippenarrangement zu seinen Füßen, fast bis zur Decke emporragte, +flimmerten in der allgemeinen Lichtflut wie ferne Sterne. Denn auf der +weißgedeckten Tafel, die sich lang und breit, mit den Geschenken +beladen, von den Fenstern fast bis zur Türe zog, setzte sich eine Reihe +kleinerer, mit Konfekt behängter Bäume fort, die ebenfalls von +brennenden Wachslichtchen erstrahlten. Und es brannten die Gasarme, die +aus den Wänden hervorkamen, und es brannten die dicken Kerzen auf den +vergoldeten Kandelabern in allen vier Winkeln. Große Gegenstände, +Geschenke, die auf der Tafel nicht Platz hatten, standen nebeneinander +auf dem Fußboden. Kleinere Tische, ebenfalls weiß gedeckt, mit Gaben +belegt und mit brennenden Bäumchen geschmückt, befanden sich zu den +Seiten der beiden Türen: Das waren die Bescherungen der Dienstboten und +der Hausarmen. + +Singend, geblendet und dem altvertrauten Raume ganz entfremdet umschritt +man einmal den Saal, defilierte an der Krippe vorbei, in der ein +wächsernes Jesuskind das Kreuzeszeichen zu machen schien, und blieb +dann, nachdem man Blick für die einzelnen Gegenstände bekommen hatte, +verstummend an seinem Platze stehen. + +Hanno war vollständig verwirrt. Bald nach dem Eintritt hatten seine +fieberhaft suchenden Augen das Theater erblickt ... ein Theater, das, +wie es dort oben auf dem Tische prangte, von so extremer Größe und +Breite erschien, wie er es sich vorzustellen niemals erkühnt hatte. Aber +sein Platz hatte gewechselt, er befand sich an einer der vorjährigen +entgegengesetzten Stelle, und dies bewirkte, daß Hanno in seiner +Verblüffung ernstlich daran zweifelte, ob dies fabelhafte Theater für +ihn bestimmt sei. Hinzu kam, daß zu den Füßen der Bühne, auf dem Boden, +etwas Großes, Fremdes aufgestellt war, etwas, was nicht auf seinem +Wunschzettel gestanden hatte, ein Möbel, ein kommodenartiger Gegenstand +... war er für ihn? + +»Komm her, Kind, und sieh dir dies an«, sagte die Konsulin und öffnete +den Deckel. »Ich weiß, du spielst gern Choräle ... Herr Pfühl wird dir +die nötigen Anweisungen geben ... Man muß immer treten ... manchmal +schwächer und manchmal stärker ... und dann die Hände nicht aufheben, +sondern immer nur so _peu à peu_ die Finger wechseln ...« + +Es war ein Harmonium, ein kleines, hübsches Harmonium, braun poliert, +mit Metallgriffen an beiden Seiten, bunten Tretbälgen und einem +zierlichen Drehsessel. Hanno griff einen Akkord ... ein sanfter +Orgelklang löste sich los und ließ die Umstehenden von ihren Geschenken +aufblicken ... Hanno umarmte seine Großmutter, die ihn zärtlich an sich +preßte und ihn dann verließ, um die Danksagungen der anderen +entgegenzunehmen. + +Er wandte sich dem Theater zu. Das Harmonium war ein überwältigender +Traum, aber er hatte doch fürs erste noch keine Zeit, sich näher damit +zu beschäftigen. Es war der Überfluß des Glückes, in dem man, undankbar +gegen das Einzelne, alles nur flüchtig berührt, um erst einmal das Ganze +übersehen zu lernen ... Oh, ein Souffleurkasten war da, ein +muschelförmiger Souffleurkasten, hinter dem breit und majestätisch in +Rot und Gold der Vorhang emporrollte. Auf der Bühne war die Dekoration +des letzten Fidelio-Aktes aufgestellt. Die armen Gefangenen falteten die +Hände. Don Pizarro, mit gewaltig gepufften Ärmeln, verharrte irgendwo in +fürchterlicher Attitüde. Und von hinten nahte im Geschwindschritt und +ganz in schwarzem Sammet der Minister, um alles zum Besten zu kehren. Es +war wie im Stadttheater und beinahe noch schöner. In Hannos Ohren +widerhallte der Jubelchor, das Finale, und er setzte sich vor das +Harmonium, um ein Stückchen daraus, das er behalten, zum Erklingen zu +bringen ... Aber er stand wieder auf, um das Buch zur Hand zu nehmen, +das erwünschte Buch der griechischen Mythologie, das ganz rot gebunden +war und eine goldene Pallas Athene auf dem Deckel trug. Er aß von seinem +Teller mit Konfekt, Marzipan und Braunen Kuchen, musterte die kleineren +Dinge, die Schreibutensilien und Schulhefte und vergaß einen Augenblick +alles übrige über einem Federhalter, an dem sich irgendwo ein winziges +Glaskörnchen befand, das man nur vors Auge zu halten brauchte, um wie +durch Zauberspiel eine weite Schweizerlandschaft vor sich zu sehen ... + +Jetzt gingen Mamsell Severin und das Folgmädchen mit Tee und Biskuits +umher, und während Hanno eintauchte, fand er ein wenig Muße, von seinem +Platze aufzusehen. Man stand an der Tafel oder ging daran hin und her, +plauderte und lachte, indem man einander die Geschenke zeigte und die +des anderen bewunderte. Es gab da Gegenstände aus allen Stoffen: aus +Porzellan, aus Nickel, aus Silber, aus Gold, aus Holz, Seide und Tuch. +Große mit Mandeln und Suckade symmetrisch besetzte Braune Kuchen lagen +abwechselnd mit massiven Marzipanbroten, die innen naß waren vor +Frische, in langer Reihe auf dem Tische. Diejenigen Geschenke, die Frau +Permaneder angefertigt oder dekoriert hatte, ein Arbeitsbeutel, ein +Untersatz für Blattpflanzen, ein Fußkissen, waren mit großen +Atlasschleifen geziert. + +Dann und wann besuchte man den kleinen Johann, legte den Arm um seinen +Matrosenkragen und nahm seine Geschenke mit der ironisch übertriebenen +Bewunderung in Augenschein, mit der man die Herrlichkeiten der Kinder zu +bestaunen pflegt. Nur Onkel Christian wußte nichts von diesem +Erwachsenenhochmut, und seine Freude an dem Puppentheater, als er, +einen Brillantring am Finger, den er von seiner Mutter beschert bekommen +hatte, an Hannos Platz vorüberschlenderte, unterschied sich gar nicht +von der seines Neffen. + +»Donnerwetter, das ist drollig!« sagte er, indem er den Vorhang auf- und +niederzog und einen Schritt zurücktrat, um das szenische Bild zu +betrachten. »Hast du dir das gewünscht? -- So, das hast du dir also +gewünscht«, sagte er plötzlich, nachdem er eine Weile mit sonderbarem +Ernst und voll unruhiger Gedanken seine Augen hatte wandern lassen. +»Warum? Wie kommst du auf den Gedanken? Bist du schon mal im Theater +gewesen?... Im Fidelio? Ja, das wird gut gegeben ... Und nun willst du +das nachmachen, wie? nachahmen, selbst Opern aufführen?... Hat es +solchen Eindruck auf dich gemacht?... Hör' mal, Kind, laß dir raten, +hänge deine Gedanken nur nicht zu sehr an solche Sachen ... Theater ... +und sowas ... Das taugt nichts, glaube deinem Onkel. Ich habe mich auch +immer viel zu sehr für diese Dinge interessiert, und darum ist auch +nicht viel aus mir geworden. Ich habe große Fehler begangen, mußt du +wissen ...« + +Er hielt das seinem Neffen ernst und eindringlich vor, während Hanno +neugierig zu ihm aufsah. Dann jedoch, nach einer Pause, während welcher +in Betrachtung des Theaters sein knochiges und verfallenes Gesicht sich +aufhellte, ließ er plötzlich eine Figur sich auf der Bühne vorwärts +bewegen und sang mit hohl krächzender und tremolierender Stimme: »Ha, +welch gräßliches Verbrechen!« worauf er den Sessel des Harmoniums vor +das Theater schob, sich setzte und eine Oper aufzuführen begann, indem +er, singend und gestikulierend, abwechselnd die Bewegungen des +Kapellmeisters und der agierenden Personen vollführte. Hinter seinem +Rücken versammelten sich mehrere Familienglieder, lachten, schüttelten +den Kopf und amüsierten sich. Hanno sah ihm mit aufrichtigem Vergnügen +zu. Nach einer Weile aber, ganz überraschend, brach Christian ab. Er +verstummte, ein unruhiger Ernst überflog sein Gesicht, er strich mit der +Hand über seinen Schädel und an seiner linken Seite hinab und wandte +sich dann mit krauser Nase und sorgenvoller Miene zum Publikum. + +»Ja, seht ihr, nun ist es wieder aus«, sagte er; »nun kommt wieder die +Strafe. Es rächt sich immer gleich, wenn ich mir mal einen Spaß erlaube. +Es ist kein Schmerz, wißt ihr, es ist eine Qual ... eine unbestimmte +Qual, weil hier alle Nerven zu kurz sind. Sie sind ganz einfach alle zu +kurz ...« + +Aber die Verwandten nahmen diese Klagen ebensowenig ernst wie seine +Späße und antworteten kaum. Sie zerstreuten sich gleichgültig, und so +saß denn Christian noch eine Zeitlang stumm vor dem Theater, betrachtete +es mit schnellem und gedankenvollem Blinzeln und erhob sich dann. + +»Na, Kind, amüsiere dich damit«, sagte er, indem er über Hannos Haar +strich. »Aber nicht zu viel ... und vergiß deine ernsten Arbeiten nicht +darüber, hörst du? Ich habe viele Fehler gemacht ... Jetzt will ich aber +in den Klub ... Ich gehe ein bißchen in den Klub!« rief er den +Erwachsenen zu. »Da feiern sie auch Weihnachten heut. Auf Wiedersehn.« +Und mit steifen, krummen Beinen ging er durch die Säulenhalle von +dannen. + +Alle hatten heute früher als sonst zu Mittag gegessen und sich daher mit +Tee und Biskuits ausgiebig bedient. Aber man war kaum damit fertig, als +große Kristallschüsseln mit einem gelben, körnigen Brei zum Imbiß +herumgereicht wurden. Es war Mandelcreme, ein Gemisch aus Eiern, +geriebenen Mandeln und Rosenwasser, das ganz wundervoll schmeckte, das +aber, nahm man ein Löffelchen zuviel, die furchtbarsten Magenbeschwerden +verursachte. Dennoch, und obgleich die Konsulin bat, für das Abendbrot +»ein kleines Loch offen zu lassen«, tat man sich keinen Zwang an. Was +Klothilde betraf, so vollführte sie Wunderdinge. Still und dankbar +löffelte sie die Mandelcreme, als wäre es Buchweizengrütze. Zur +Erfrischung gab es auch Weingelee in Gläsern, wozu englischer Plumkake +gegessen wurde. Nach und nach zog man sich ins Landschaftszimmer hinüber +und gruppierte sich mit den Tellern um den Tisch. + +Hanno blieb allein im Saale zurück, denn die kleine Elisabeth Weinschenk +war nach Hause gebracht worden, während er dieses Jahr zum ersten Male +zum Abendessen in der Mengstraße bleiben durfte, die Dienstmädchen und +die Hausarmen hatten sich mit ihren Geschenken zurückgezogen, und Ida +Jungmann plauderte in der Säulenhalle mit Riekchen Severin, obgleich +sie, als Erzieherin, der Jungfer gegenüber gewöhnlich eine strenge +gesellschaftliche Distanz innehielt. Die Lichte des großen Baumes waren +herabgebrannt und ausgelöscht, so daß die Krippe nun im Dunkel lag; aber +einzelne Kerzen an den kleinen Bäumen auf der Tafel brannten noch, und +hie und da geriet ein Zweig in den Bereich eines Flämmchens, sengte +knisternd an und verstärkte den Duft, der im Saale herrschte. Jeder +Lufthauch, der die Bäume berührte, ließ die Stücke Flittergoldes, die +daran befestigt waren, mit einem zart metallischen Geräusch erschauern. +Es war nun wieder still genug, die leisen Drehorgelklänge zu vernehmen, +die von einer fernen Straße durch den kalten Abend daherkamen. + +Hanno genoß die weihnachtlichen Düfte und Laute mit Hingebung. Er las, +den Kopf in die Hand gestützt, in seinem Mythologiebuch, aß mechanisch +und weil es zur Sache gehörte, Konfekt, Marzipan, Mandelcreme und +Plumkake, und die ängstliche Beklommenheit, die ein überfüllter Magen +verursacht, vermischte sich mit der süßen Erregung des Abends zu einer +wehmütigen Glückseligkeit. Er las von den Kämpfen, die Zeus zu bestehen +hatte, um zur Herrschaft zu gelangen, und horchte dann und wann einen +Augenblick ins Wohnzimmer hinüber, wo man Tante Klothildens Zukunft +eingehend besprach. + +Klothilde war weitaus die Glücklichste von allen an diesem Abend und +nahm die Gratulationen und Neckereien, die ihr von allen Seiten zuteil +wurden, mit einem Lächeln entgegen, das ihr aschgraues Gesicht +verklärte; ihre Stimme brach sich beim Sprechen vor freudiger Bewegung. +-- Sie war in das »Johanniskloster« aufgenommen worden. Der Senator +hatte ihr die Aufnahme unter der Hand im Verwaltungsrat erwirkt, +obgleich gewisse Herren heimlich über Nepotismus gemurrt hatten. Man +unterhielt sich über diese dankenswerte Institution, die den adeligen +Damenklöstern in Mecklenburg, Dobberthien und Ribnitz entsprach und die +würdige Altersversorgung mittelloser Mädchen aus verdienter und +alteingesessener Familie bezweckte. Der armen Klothilde war nun zu einer +kleinen, aber sicheren Rente verholfen, die sich mit den Jahren +steigern würde, und für ihr Alter, wenn sie in die höchste Klasse +aufgerückt sein würde, sogar zu einer friedlichen und reinlichen Wohnung +im Kloster selbst ... + +Der kleine Johann verweilte ein wenig bei den Erwachsenen, aber er +kehrte bald in den Saal zurück, der nun, da er weniger licht erstrahlte +und mit seiner Herrlichkeit keine so verblüffte Scheu mehr hervorrief +wie anfangs, einen Reiz von neuer Art ausübte. Es war ein ganz seltsames +Vergnügen, wie auf einer halbdunklen Bühne nach Schluß der Vorstellung +darin umherzustreifen und ein wenig hinter die Kulissen zu sehen: die +Lilien des großen Tannenbaumes mit ihren goldnen Staubfäden aus der Nähe +zu betrachten, die Tier- und Menschenfiguren des Krippenaufbaus in die +Hand zu nehmen, die Kerze ausfindig zu machen, die den transparenten +Stern über Bethlehems Stall hatte leuchten lassen, und das lang +herabhängende Tafeltuch zu lüften, um der Menge von Kartons und +Packpapieren gewahr zu werden, die unter dem Tisch aufgestapelt waren. + +Auch gestaltete sich die Unterhaltung im Landschaftszimmer immer weniger +anziehend. Mit unentrinnbarer Notwendigkeit war allmählich die eine, +unheimliche Angelegenheit Gegenstand des Gespräches geworden, über die +man bislang dem festlichen Abend zu Ehren geschwiegen, die aber fast +keinen Augenblick aufgehört hatte, alle Gemüter zu beschäftigen: +Direktor Weinschenks Prozeß. Hugo Weinschenk selbst hielt Vortrag +darüber, mit einer gewissen wilden Munterkeit in Miene und Bewegungen. +Er berichtete über Einzelheiten der nun durch das Fest unterbrochenen +Zeugenvernehmung, tadelte lebhaft die allzu bemerkbare Voreingenommenheit +des Präsidenten Doktor Philander und kritisierte mit souveränem Spott +den höhnischen Ton, den der Staatsanwalt Doktor Hagenström gegen ihn und +die Entlastungszeugen anzuwenden für passend erachte. Übrigens habe +Breslauer verschiedene belastende Aussagen sehr witzig entkräftet und +ihn aufs bestimmteste versichert, daß an eine Verurteilung vorläufig gar +nicht zu denken sei. -- Der Senator warf hie und da aus Höflichkeit eine +Frage ein, und Frau Permaneder, die mit emporgezogenen Schultern auf dem +Sofa saß, murmelte manchmal einen furchtbaren Fluch gegen Moritz +Hagenström. Die übrigen aber schwiegen. Sie schwiegen so tief, daß auch +der Direktor allmählich verstummte; und während drüben im Saale dem +kleinen Hanno die Zeit schnell wie im Himmelreiche verging, lagerte im +Landschaftszimmer eine schwere, beklommene, ängstliche Stille, die noch +fortherrschte, als um halb 9 Uhr Christian aus dem Klub, von der +Weihnachtsfeier der Junggesellen und Suitiers zurückkehrte. + +Ein erkalteter Zigarrenstummel stak zwischen seinen Lippen, und seine +hageren Wangen waren gerötet. Er kam durch den Saal und sagte, als er +ins Landschaftszimmer trat: »Kinder, der Saal ist doch wunderhübsch! +Weinschenk, wir hätten heute eigentlich Breslauer mitbringen sollen; so +was hat er sicher noch gar nicht gesehen.« + +Ein stiller, strafender Seitenblick traf ihn aus den Augen der Konsulin. +Er erwiderte ihn mit unbefangener und verständnislos fragender Miene. -- +Um neun Uhr ging man zu Tische. + +Wie alljährlich an diesem Abend war in der Säulenhalle gedeckt worden. +Die Konsulin sprach mit herzlichem Ausdruck das hergebrachte Tischgebet: + + »Komm, Herr Jesus, sei unser Gast + Und segne, was du uns bescheret hast.« + +woran sie, wie an diesem Abend ebenfalls üblich, eine kleine, mahnende +Ansprache schloß, die hauptsächlich aufforderte, aller derer zu +gedenken, die es an diesem heiligen Abend nicht so gut hätten, wie die +Familie Buddenbrook ... Und als dies erledigt war, setzte man sich mit +gutem Gewissen zu einer nachhaltigen Mahlzeit nieder, die alsbald mit +Karpfen in aufgelöster Butter und mit altem Rheinwein ihren Anfang nahm. + +Der Senator schob ein paar Schuppen des Fisches in sein Portemonnaie, +damit während des ganzen Jahres das Geld nicht darin ausgehe; Christian +aber bemerkte trübe, das helfe ja doch nichts, und Konsul Kröger +entschlug sich solcher Vorsichtsmaßregeln, da er ja keine +Kursschwankungen mehr zu fürchten habe und mit seinen anderthalb +Schillingen längst im Hafen sei. Der alte Herr saß möglichst weit +entfernt von seiner Frau, mit der er seit Jahr und Tag beinahe kein Wort +mehr sprach, weil sie nicht aufhörte, dem enterbten Jakob, der in +London, Paris oder Amerika -- nur sie wußte das bestimmt -- sein +entwurzeltes Abenteurerleben führte, heimlich Geld zufließen zu lassen. +Er runzelte finster die Stirn, als beim zweiten Gange sich das Gespräch +den abwesenden Familienmitgliedern zuwandte und als er sah, wie die +schwache Mutter sich die Augen trocknete. Man erwähnte die in Frankfurt +und die in Hamburg, man gedachte auch ohne Übelwollen des Pastors +Tiburtius in Riga, und der Senator stieß in aller Stille mit seiner +Schwester Tony auf die Gesundheit der Herren Grünlich und Permaneder an, +die in gewissem Sinne doch auch dazu gehörten ... + +Der Puter, gefüllt mit einem Brei von Maronen, Rosinen und Äpfeln fand +das allgemeine Lob. Vergleiche mit denen früherer Jahre wurden +angestellt, und es ergab sich, daß dieser seit langer Zeit der größte +war. Es gab gebratene Kartoffeln, zweierlei Gemüse und zweierlei Kompott +dazu, und die kreisenden Schüsseln enthielten Portionen, als ob es sich +bei jeder einzelnen von ihnen nicht um eine Beigabe und Zutat, sondern +um das Hauptgericht handelte, an dem alle sich sättigen sollten. Es +wurde alter Rotwein von der Firma Möllendorpf getrunken. + +Der kleine Johann saß zwischen seinen Eltern und verstaute mit Mühe ein +weißes Stück Brustfleisch nebst Farce in seinem Magen. Er konnte nicht +mehr soviel essen wie Tante Thilda, sondern fühlte sich müde und nicht +sehr wohl; er war nur stolz darauf, daß er mit den Erwachsenen tafeln +durfte, daß auch auf =seiner= kunstvoll gefalteten Serviette eins von +diesen köstlichen, mit Mohn bestreuten Milchbrötchen gelegen hatte, daß +auch vor =ihm= drei Weingläser standen, während er sonst aus dem kleinen +goldenen Becher, dem Patengeschenk Onkel Krögers, zu trinken pflegte ... +Aber als dann, während Onkel Justus einen ölgelben, griechischen Wein in +die kleinsten Gläser zu schenken begann, die Eisbaisers erschienen -- +rote, weiße und braune -- wurde auch sein Appetit wieder rege. Er +verzehrte, obgleich es ihm fast unerträglich weh an den Zähnen tat, ein +rotes, dann die Hälfte eines weißen, mußte schließlich doch auch von den +braunen, mit Schokoladeeis gefüllten, ein Stück probieren, knusperte +Waffeln dazu, nippte an dem süßen Wein und hörte auf Onkel Christian, +der ins Reden gekommen war. + +Er erzählte von der Weihnachtsfeier im Klub, die sehr fidel gewesen sei. +»Du lieber Gott!« sagte er in jenem Tone, in dem er von Johnny +Thunderstorm zu sprechen pflegte. »Die Kerls tranken Schwedischen Punsch +wie Wasser!« + +»Pfui«, bemerkte die Konsulin kurz und schlug die Augen nieder. + +Aber er beachtete das nicht. Seine Augen begannen zu wandern, und +Gedanken und Erinnerungen waren so lebendig in ihm, daß sie wie Schatten +über sein hageres Gesicht huschten. + +»Weiß jemand von euch«, fragte er, »wie es ist, wenn man zu viel +Schwedenpunsch getrunken hat? Ich meine nicht die Betrunkenheit, sondern +das, was am nächsten Tage kommt, die Folgen ... sie sind sonderbar und +widerlich ... ja, sonderbar und widerlich zu gleicher Zeit.« + +»Grund genug, sie genau zu beschreiben«, sagte der Senator. + +»_Assez_, Christian, dies interessiert uns durchaus nicht«, sagte die +Konsulin. + +Aber er überhörte es. Es war seine Eigentümlichkeit, daß in solchen +Augenblicken keine Einrede zu ihm drang. Er schwieg eine Weile, und dann +plötzlich schien das, was ihn bewegte, zur Mitteilung reif zu sein. + +»Du gehst umher und fühlst dich übel«, sagte er und wandte sich mit +krauser Nase an seinen Bruder. »Kopfschmerzen und unordentliche +Eingeweide ... nun ja, das gibt es auch bei anderen Gelegenheiten. Aber +du fühlst dich =schmutzig= --« und Christian rieb mit gänzlich +verzerrtem Gesicht seine Hände -- »du fühlst dich schmutzig und +ungewaschen am ganzen Körper. Du wäschst deine Hände, aber es nützt +nichts, sie fühlen sich feucht und unsauber an, und deine Nägel haben +etwas Fettiges ... Du badest dich, aber es hilft nichts, dein ganzer +Körper scheint dir klebrig und unrein. Dein ganzer Körper ärgert dich, +reizt dich, du bist dir selbst zum Ekel ... Kennst du es, Thomas, kennst +du es?« + +»Ja, ja!« sagte der Senator mit abwehrender Handbewegung. Aber mit der +seltsamen Taktlosigkeit, die mit den Jahren immer mehr an Christian +hervortrat und ihn nicht daran denken ließ, daß diese Auseinandersetzung +von der ganzen Tafelrunde peinlich empfunden wurde, daß sie in dieser +Umgebung und an diesem Abend nicht am Platze war, fuhr er fort, den +üblen Zustand nach übermäßigem Genuß von Schwedischem Punsch zu +schildern, bis er glaubte, ihn erschöpfend charakterisiert zu haben und +allmählich verstummte. + +Bevor man zu Butter und Käse überging, ergriff die Konsulin noch einmal +das Wort zu einer kleinen Ansprache an die Ihrigen. Wenn auch nicht +alles, sagte sie, im Laufe der Jahre sich so gestaltet habe, wie man es +kurzsichtig und unweise erwünscht habe, so bleibe doch immer noch +übergenug des sichtbarlichen Segens übrig, um die Herzen mit Dank zu +erfüllen. Gerade der Wechsel von Glück und strenger Heimsuchung zeige, +daß Gott seine Hand niemals von der Familie gezogen, sondern daß er ihre +Geschicke nach tiefen und weisen Absichten gelenkt habe und lenke, die +ungeduldig ergründen zu wollen man sich nicht erkühnen dürfe. Und nun +wolle man, mit hoffenden Herzen, einträchtig anstoßen auf das Wohl der +Familie, auf ihre Zukunft, jene Zukunft, die da sein werde, wenn die +Alten und Älteren unter den Anwesenden längst in kühler Erde ruhen +würden ... auf die Kinder, denen das heutige Fest ja recht eigentlich +gehöre ... + +Und da Direktor Weinschenks Töchterchen nicht mehr anwesend war, mußte +der kleine Johann, während die Großen auch untereinander sich zutranken, +allein einen Umzug um die Tafel halten, um mit allen, von der Großmutter +bis zu Mamsell Severin hinab, anzustoßen. Als er zu seinem Vater kam, +hob der Senator, indem er sein Glas dem des Kindes näherte, sanft Hannos +Kinn empor, um ihm in die Augen zu sehen ... Er fand nicht seinen Blick; +denn Hannos lange, goldbraune Wimpern hatten sich tief, tief, bis auf +die zart bläuliche Umschattung seiner Augen gesenkt. + +Therese Weichbrodt aber ergriff seinen Kopf mit beiden Händen, küßte ihn +mit leise knallendem Geräusch auf jede Wange und sagte mit einer +Betonung, so herzlich, daß Gott ihr nicht widerstehen konnte: »Sei +glöcklich, du gutes Kend!« + +-- Eine Stunde später lag Hanno in seinem Bett, das jetzt in dem +Vorzimmer stand, welches man vom Korridor der zweiten Etage aus betrat, +und an das zur Linken das Ankleidekabinett des Senators stieß. Er lag +auf dem Rücken, aus Rücksicht auf seinen Magen, der sich mit all dem, +was er im Laufe des Abends hatte in Empfang nehmen müssen, noch +keineswegs ausgesöhnt hatte, und sah mit erregten Augen der guten Ida +entgegen, die, schon in der Nachtjacke, aus ihrem Zimmer kam und mit +einem Wasserglase vor sich in der Luft umrührende Kreisbewegungen +beschrieb. Er trank das kohlensaure Natron rasch aus, schnitt eine +Grimasse und ließ sich wieder zurückfallen. + +»Ich glaube, nun muß ich mich erst recht übergeben, Ida.« + +»Ach wo, Hannochen. Nur still auf dem Rücken liegen ... Aber siehst du +wohl? Wer hat dir mehrmals zugewinkt? Und wer nicht folgen wollt', war +das Jungchen ...« + +»Ja, ja, vielleicht geht es auch gut ... Wann kommen die Sachen, Ida?« + +»Morgen früh, mein Jungchen.« + +»Daß sie hier hereingesetzt werden! Daß ich sie gleich habe!« + +»Schon gut, Hannochen, aber erst mal ausschlafen.« Und sie küßte ihn, +löschte das Licht und ging. + +Er war allein, und während er still liegend sich der segenvollen Wirkung +des Natrons überließ, entzündete sich vor seinen geschlossenen Augen der +Glanz des Bescherungssaales aufs neue. Er sah sein Theater, sein +Harmonium, sein Mythologiebuch und hörte irgendwo in der Ferne das +»Jauchze laut, Jerusalem« der Chorknaben. Alles flimmerte. Ein mattes +Fieber summte in seinem Kopfe, und sein Herz, das von dem revoltierenden +Magen ein wenig beengt und beängstigt wurde, schlug langsam, stark und +unregelmäßig. In einem Zustand von Unwohlsein, Erregtheit, +Beklommenheit, Müdigkeit und Glück lag er lange und konnte nicht +schlafen. + +Morgen kam der dritte Weihnachtsabend an die Reihe, die Bescherung bei +Therese Weichbrodt, und er freute sich darauf als auf ein kleines +burleskes Spiel. Therese Weichbrodt hatte im vorigen Jahre ihr Pensionat +gänzlich aufgegeben, so daß nun Madame Kethelsen das Stockwerk und sie +selbst das Erdgeschoß des kleinen Hauses am Mühlenbrink allein bewohnte. +Die Beschwerden nämlich, die ihr mißglückter und gebrechlicher kleiner +Körper ihr verursachte, hatten mit den Jahren zugenommen, und in aller +Sanftmut und christlichen Bereitwilligkeit nahm Sesemi Weichbrodt an, +daß ihre Abberufung nahe bevorstehe. Daher hielt sie auch seit mehreren +Jahren schon jedes Weihnachtsfest für ihr letztes und suchte der Feier, +die sie in ihren kleinen, fürchterlich überheizten Stuben veranstaltete, +so viel Glanz zu verleihen, wie in ihren schwachen Kräften stand. Da sie +nicht viel zu kaufen vermochte, so verschenkte sie jedes Jahr einen +neuen Teil ihrer bescheidenen Habseligkeiten und baute unter dem Baume +auf, was sie nur entbehren konnte: Nippsachen, Briefbeschwerer, +Nadelkissen, Glasvasen und Bruchstücke ihrer Bibliothek, alte Bücher in +drolligen Formaten und Einbänden, das »Geheime Tagebuch von einem +Beobachter Seiner Selbst«, Hebels Alemannische Gedichte, Krummachers +Parabeln ... Hanno besaß schon von ihr eine Ausgabe der »_Pensées de +Blaise Pascal_«, die so winzig war, daß man nicht ohne Vergrößerungsglas +darin lesen konnte. + +»Bischof« gab es in unüberwindlichen Mengen und die mit Ingwer +bereiteten braunen Kuchen Sesemis waren ungeheuer schmackhaft. Niemals +aber, dank der bebenden Hingabe, mit der Fräulein Weichbrodt jedesmal +ihr letztes Weihnachtsfest beging, niemals verfloß dieser Abend, ohne +daß eine Überraschung, ein Malheur, irgendeine kleine Katastrophe sich +ereignet hätte, die die Gäste zum Lachen brachte und die stumme +Leidenschaftlichkeit der Wirtin noch erhöhte. Eine Kanne mit Bischof +stürzte und überschwemmte alles mit der roten, süßen, würzigen +Flüssigkeit ... Oder es fiel der geputzte Baum von seinen hölzernen +Füßen, genau in dem Augenblick, wenn man feierlich das Bescherungszimmer +betrat ... Im Einschlafen sah Hanno den Unglücksfall des vorigen Jahres +vor Augen: Es war unmittelbar vor der Bescherung. Therese Weichbrodt +hatte mit soviel Nachdruck, daß alle Vokale ihre Plätze gewechselt +hatten, das Weihnachtskapitel verlesen und trat nun von ihren Gästen +zurück zur Tür, um von hier aus eine kleine Ansprache zu halten. Sie +stand auf der Schwelle, bucklig, winzig, die alten Hände vor ihrer +Kinderbrust zusammengelegt; die grünseidnen Bänder ihrer Haube fielen +auf ihre zerbrechlichen Schultern, und zu ihren Häupten, über der Tür, +ließ ein mit Tannenzweigen umkränztes Transparent die Worte leuchten. +»Ehre sei Gott in der Höhe!« Und Sesemi sprach von Gottes Güte, sie +erwähnte, daß dies ihr letztes Weihnachtsfest sei und schloß damit, daß +sie alle mit des Apostels Worten zur Fröhlichkeit aufforderte, wobei sie +von oben bis unten erzitterte, so sehr nahm ihr ganzer kleiner Körper +Anteil an dieser Mahnung. »Freuet euch!« sagte sie, indem sie den Kopf +auf die Seite legte und ihn heftig schüttelte. »Und abermals sage ich: +Freuet euch!« In diesem Augenblick aber ging über ihr mit einem +puffenden, fauchenden und knisternden Geräusch das ganze Transparent +in Flammen auf, so daß Mademoiselle Weichbrodt mit einem kleinen +Schreckenslaut und einem Sprunge von ungeahnter und pittoresker +Behendigkeit sich dem Funkenregen entziehen mußte, der auf sie +herniederging ... + +Hanno erinnerte sich dieses Sprunges, den das alte Mädchen vollführt +hatte, und während mehrerer Minuten lachte er ganz ergriffen, irritiert +und nervös belustigt, leise und unterdrückt in sein Kissen hinein. + + +Neuntes Kapitel + +Frau Permaneder ging die Breite Straße entlang, sie ging in großer Eile. +Etwas Aufgelöstes lag in ihrer Haltung, und nur flüchtig war mit +Schultern und Haupt die majestätische Würde angedeutet, die sonst auf +der Straße ihre Gestalt umgab. Bedrängt, gehetzt und in höchster Eile, +hatte sie gleichsam nur ein wenig davon zusammengerafft, wie ein +geschlagener König den Rest seiner Truppen an sich zieht, um sich mit +ihm in die Arme der Flucht zu werfen ... + +Ach, sie sah nicht gut aus! Ihre Oberlippe, diese etwas hervorstehende +und gewölbte Oberlippe, die ehemals dazu beigetragen hatte, ihr Gesicht +so hübsch zu machen, bebte jetzt, ihre Augen waren angstvoll vergrößert +und blickten mit einem exaltierten Zwinkern, gleichsam vorwärts hastend, +geradeaus ... ihre Frisur kam sichtlich zerzaust unter dem Kapotthut +hervor, und ihr Antlitz zeigte jene mattgelbliche Färbung, die es +annahm, wenn der Zustand ihres Magens sich verschlechterte. + +Ja, es stand schlecht um ihren Magen in dieser Zeit; an den Donnerstagen +konnte die gesamte Familie die Verschlimmerung beobachten. Wie man die +Klippe zu vermeiden suchte -- das Gespräch strandete an dem Prozeß Hugo +Weinschenks, Frau Permaneder selbst führte es unwiderstehlich darauf zu; +und dann begann sie zu fragen, Gott und alle Welt furchtbar erregt um +Antwort anzugehen, wie es möglich sei, daß Staatsanwalt Moritz +Hagenström nachts ruhig schlafen könne! Sie begriff es nicht, sie würde +es niemals fassen ... und dabei wuchs ihre Aufregung bei jedem Worte. +»Ich danke, ich esse nichts«, sagte sie und schob alles von sich, indem +sie die Schultern erhob, den Kopf zurücklegte und sich einsam auf die +Höhe ihrer Entrüstung zurückzog, um nichts als Bier zu sich zu nehmen, +kaltes, bayerisches Bier, das sie seit der Zeit ihrer Münchener Ehe zu +trinken gewöhnt war, in ihren leeren Magen hinabzugießen, dessen Nerven +in Aufruhr waren, und der sich bitter rächte. Denn gegen Ende der +Mahlzeit mußte sie sich erheben, in den Garten oder den Hof hinuntergehen +und dort, gestützt auf Ida Jungmann oder Riekchen Severin, die +fürchterlichsten Übelkeiten erdulden. Ihr Magen entledigte sich seines +Inhaltes und fuhr dann fort, sich qualvoll zusammenzuziehen, um in +diesem Krampfzustande minutenlang zu verharren; unfähig, noch etwas von +sich zu geben, würgte und litt sie so lange Zeit ... + +Es war etwa 3 Uhr nachmittags, ein windiger, regnerischer Januartag. Als +Frau Permaneder zur Ecke der Fischergrube gelangt war, bog sie ein und +eilte die abschüssige Straße hinunter und in das Haus ihres Bruders. +Nach hastigem Klopfen trat sie vom Flur aus in das Kontor, ließ ihren +Blick über die Pulte hin zu dem Fensterplatz des Senators fliegen und +machte eine so bittende Kopfbewegung, daß Thomas Buddenbrook +unverzüglich die Feder beiseite legte und ihr entgegenging. + +»Nun?« fragte er, indem er eine Braue emporzog ... + +»Einen Augenblick, Thomas ... etwas Dringendes ... es duldet keinen +Aufschub ...« + +Er öffnete ihr die gepolsterte Tür zu seinem Privatbüro, zog sie hinter +sich zu, als sie beide eingetreten waren, und sah seine Schwester +fragend an. + +»Tom«, sagte sie mit wankender Stimme und rang die Hände in ihrer +Pelzmuff, »du mußt es hergeben ... vorläufig auslegen ... du mußt sie, +bitte, stellen, die Kaution ... Wir haben sie nicht ... Woher sollten +wir jetzt fünfundzwanzigtausend Kurantmark nehmen?... Du wirst sie voll +und ganz zurückbekommen ... ach, wohl nur zu bald ... du verstehst +... es ist eingetreten, daß ... kurz, der Prozeß ist auf dem +Punkte, daß Hagenström sofortige Verhaftung oder eine Kaution von +fünfundzwanzigtausend Kurantmark beantragt hat. Und Weinschenk gibt dir +sein Ehrenwort, an Ort und Stelle zu bleiben ...« + +»Ist es wirklich so weit gekommen«, sagte der Senator kopfschüttelnd. + +»Ja, dahin haben sie es gebracht, die Schurken, die Elenden ...!« Und +mit einem Aufschluchzen ohnmächtigen Zornes sank Frau Permaneder in den +mit Wachstuch überzogenen Sessel, der neben ihr stand. »Und sie werden +es noch weiterbringen, Tom, sie werden es bis ans Ende führen ...« + +»Tony«, sagte er und setzte sich schräg vor den Mahagonischreibtisch, +schlug ein Bein über das andere und stützte den Kopf in die Hand ... +»Sprich aufrichtig, glaubst du noch an seine Unschuld?« + +Sie schluchzte ein paarmal und antwortete dann leise und verzweifelt: +»Ach, nein, Tom ... Wie könnte ich das wohl? Gerade ich, die soviel +Böses erleben mußte? Ich habe es von Anfang an nicht recht gekonnt, +obgleich ich mich so ehrlich bemüht habe. Das Leben, weißt du, macht es +einem so furchtbar schwer, an die Unschuld irgendeines Menschen zu +glauben ... Ach nein, mich haben schon seit langem Zweifel an seinem +guten Gewissen gequält, und Erika selbst ... sie ist irre an ihm +geworden ... sie hat es mir mit Weinen gestanden ... irre an ihm +geworden durch sein Betragen zu Hause. Wir haben natürlich geschwiegen +... Seine Außenseite wurde immer rauher ... und dabei verlangte er immer +strenger, daß Erika heiter sein und seine Sorgen zerstreuen sollte und +zerschlug Geschirr, wenn sie ernst war. Du weißt nicht, wie es war, wenn +er sich spät abends noch stundenlang mit seinen Akten einschloß ... und +wenn man klopfte, so hörte man, wie er aufsprang und rief: `Wer ist da! +Was ist da!´ ...« + +Sie schwiegen. + +»Aber möge er doch schuldig sein! Möge er sich doch vergangen haben!« +begann Frau Permaneder aufs neue, und hierbei schwoll ihre Stimme an. +»Er hat nicht für seine Tasche gearbeitet, sondern für die der +Gesellschaft; und dann ... Herr du mein Gott, es gibt doch Rücksichten +zu beobachten in diesem Leben, Tom! Er hat nun einmal in unsere Familie +hineingeheiratet ... er gehört nun einmal zu uns ... Man kann einen von +uns doch nicht ins Gefängnis sperren, grundgütiger Himmel!...« + +Er zuckte die Achseln. + +»Du zuckst die Achseln, Tom ... Du bist also willens, es zu dulden, es +hinzunehmen, daß dieses Geschmeiß sich erfrecht, der Sache die Krone +aufzusetzen? Man muß doch irgend etwas tun! Er darf doch nicht +verurteilt werden!... Du bist doch des Bürgermeisters rechte Hand ... +mein Gott, kann der Senat ihn denn nicht sofort begnadigen?... Ich will +dir sagen ... eben, bevor ich zu dir kam, war ich im Begriffe, zu Cremer +zu gehen und ihn auf alle Weise anzuflehen, er möge intervenieren, möge +in die Sache eingreifen ... Er ist Polizeichef ...« + +»Oh, Kind, was für Torheiten.« + +»Torheiten, Tom? -- Und Erika? Und das Kind?« sagte sie und hob ihm +flehend die Muff entgegen, in der ihre beiden Hände steckten. Dann +schwieg sie einen Augenblick und ließ die Arme sinken; ihr Mund +verbreiterte sich, ihr Kinn, das sich kraus zusammenzog, geriet in +zitternde Bewegung, und während unter ihren gesenkten Lidern zwei große +Tränen hervorquollen, fügte sie ganz leise hinzu: »Und ich ...?« + +»Oh, Tony, Courage!« sagte der Senator, und gerührt und ergriffen von +ihrer Hilflosigkeit rückte er ihr nahe, um ihr tröstend das Haar +zurückzustreichen. »Noch ist nicht aller Tage Abend. Noch ist er ja +nicht verurteilt. Es kann ja alles gut gehen. Jetzt stelle ich erst +einmal die Kaution, ich sage natürlich nicht nein dazu. Und dann ist +Breslauer ja ein schlauer Mensch ...« + +Sie schüttelte weinend den Kopf. + +»Nein, Tom, es wird nicht gut gehen, ich glaube nicht daran. Sie werden +ihn verurteilen und einstecken, und dann kommt eine schwere Zeit für +Erika und das Kind und mich. Ihre Mitgift ist nicht mehr da, sie steckt +in der Ausstattung, in den Möbeln und den Bildern ... und beim Verkaufe +bekommt man kaum ein Viertel heraus ... Und das Gehalt haben wir immer +verbraucht ... Weinschenk hat nichts zurückgelegt. Wir werden wieder zu +Mutter ziehen, wenn sie es erlaubt, bis er wieder auf freiem Fuße ist +... und dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und +uns?... Wir können einfach auf den Steinen sitzen«, sagte sie +schluchzend. + +»Auf den Steinen?« + +»Nun ja, das ist eine Redewendung ... eine bildliche ... Ach nein, es +wird nicht gut gehen. Auf mich ist zu vieles herabgekommen ... ich weiß +nicht, womit ich es verdient habe ... aber ich kann nicht mehr hoffen. +Nun wird es Erika ergehen, wie es mir mit Grünlich und Permaneder +ergangen ist ... Aber jetzt kannst du es sehen, jetzt kannst du es aus +nächster Nähe beurteilen, wie es ist, wie es kommt, wie es über einen +hereinbricht! Kann man nun etwas dafür? Tom, ich bitte dich, kann man +nun etwas dafür!« wiederholte sie und nickte ihm trostlos fragend, mit +großen, tränenvollen Augen zu. »Alles ist fehlgeschlagen und hat sich +zum Unglück gewandt, was ich unternommen habe ... Und ich habe so gute +Absichten gehabt, Gott weiß es!... Ich habe immer so innig gewünscht, es +zu etwas zu bringen im Leben und ein bißchen Ehre einzulegen ... Nun +bricht auch dies zusammen. So muß es enden ... Das Letzte ...« + +Und an seinen Arm gelehnt, den er besänftigend um sie gelegt hatte, +weinte sie über ihr verfehltes Leben, in dem nun die letzten Hoffnungen +erloschen waren. + + * * * * * + +Eine Woche später ward Direktor Hugo Weinschenk zu einer Gefängnisstrafe +von drei Jahren und einem halben verurteilt und sofort in Haft genommen. + +Der Andrang zu der Sitzung, welche die Plaidoyers gebracht hatte, war +sehr groß gewesen, und Rechtsanwalt Doktor Breslauer aus Berlin hatte +geredet, wie man niemals einen Menschen hatte reden hören. Der Makler +Sigismund Gosch ging wochenlang zischend vor Begeisterung über diese +Ironie, dieses Pathos, diese Rührung umher, und Christian Buddenbrook, +der ebenfalls zugegen gewesen war, stellte sich im Klub hinter einen +Tisch, legte ein Paket Zeitungen als Akten vor sich hin und lieferte +eine vollendete Kopie des Verteidigers. Übrigens erklärte er zu Hause, +die Jurisprudenz sei der schönste Beruf, ja, das wäre ein Beruf für ihn +gewesen ... Selbst Staatsanwalt Doktor Hagenström, der ja ein Schöngeist +war, tat private Äußerungen, die dahin gingen, daß Breslauers Rede ihm +einen wirklichen Genuß bereitet habe. Aber das Talent des berühmten +Advokaten hatte nicht gehindert, daß die Juristen der Stadt ihm auf die +Schulter geklopft und ihm in aller Bonhomie mitgeteilt hatten, sie +ließen sich nichts weis machen ... + +Dann, nachdem die Verkäufe, die nach des Direktors Verschwinden +notwendig wurden, beendet waren, begann man in der Stadt Hugo Weinschenk +zu vergessen. Aber die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße +bekannten nun Donnerstags an der Familientafel: sofort, beim ersten +Anblicke dieses Mannes hätten sie es ihm an den Augen angesehen, daß mit +ihm nicht alles in Ordnung sei, daß sein Charakter voller Makel sein +müsse, und daß es kein gutes Ende mit ihm nehmen werde. Rücksichten, die +nicht lieber außer acht gelassen zu haben sie jetzt bedauerten, hätten +sie veranlaßt, über diese traurige Erkenntnis Stillschweigen zu +beobachten. + + + + +Neunter Teil + + +Erstes Kapitel + +Hinter den beiden Herren, dem alten Doktor Grabow und dem jungen Doktor +Langhals, einem Angehörigen der Familie Langhals, der etwa seit einem +Jahre in der Stadt praktizierte, trat Senator Buddenbrook aus dem +Schlafzimmer der Konsulin in das Frühstückszimmer und schloß die Tür. + +»Darf ich Sie bitten, meine Herren ... auf einen Augenblick«, sagte er +und führte sie die Treppe hinauf, über den Korridor und durch die +Säulenhalle ins Landschaftszimmer, wo des feuchten und kalten +Herbstwetters wegen schon geheizt war. »Meine Spannung wird Ihnen +begreiflich sein ... nehmen Sie Platz! Beruhigen Sie mich, wenn es +irgend möglich ist!« + +»Potztausend, mein lieber Senator!« antwortete Doktor Grabow, der sich, +das Kinn in der Halsbinde, bequem zurückgelehnt hatte und die Hutkrempe +mit beiden Händen gegen seinen Magen gestemmt hielt, während Doktor +Langhals, ein untersetzter, brünetter Herr mit spitzgeschnittenem Bart, +aufrecht stehendem Haar, schönen Augen und einem eitlen +Gesichtsausdruck, seinen Zylinder neben sich auf den Teppich gestellt +hatte und seine außerordentlich kleinen, schwarzbehaarten Hände +betrachtete ... »Für irgendwelche ernstliche Beunruhigung ist natürlich +fürs erste platterdings keine Ursache vorhanden; ich bitte Sie ... eine +Patientin von der verhältnismäßigen Widerstandskraft unserer verehrten +Frau Konsulin ... Meiner Treu, als gedienter Ratgeber kenne ich diese +Widerstandskraft. Für ihre Jahre wirklich erstaunlich ... was ich Ihnen +sage ...« + +»Ja, eben, in ihren Jahren ...«, sagte der Senator unruhig und drehte an +der langen Spitze seines Schnurrbartes. + +»Ich sage natürlich nicht, daß Ihre liebe Frau Mutter wird morgen wieder +spazierengehen können«, fuhr Doktor Grabow sanftmütig fort. »Diesen +Eindruck wird die Patientin nicht auf Sie gemacht haben, lieber Senator. +Es ist ja nicht zu leugnen, daß der Katarrh seit vierundzwanzig Stunden +eine ärgerliche Wendung genommen hat. Der Schüttelfrost gestern abend +gefiel mir nicht recht, und heute gibt es da nun wahrhaftig ein bißchen +Seitenstechen und Kurzluftigkeit. Etwas Fieber ist auch vorhanden -- oh, +unbedeutend, aber es ist Fieber. Kurz, lieber Senator, man muß sich wohl +mit der vertrakten Tatsache abfinden, daß die Lunge ein bißchen +affiziert ist ...« + +»Lungenentzündung also?« fragte der Senator und blickte von einem Arzte +zum andern ... + +»Ja, -- _Pneumonia_«, sagte Doktor Langhals mit ernster und korrekter +Verbeugung. + +»Allerdings, eine kleine, rechtsseitige Lungenentzündung«, antwortete +der Hausarzt, »die wir sehr sorgfältig zu lokalisieren trachten +müssen ...« + +»Danach ist immerhin Grund zu ernster Besorgnis vorhanden?« Der Senator +saß ganz still und sah dem Sprechenden unverwandt ins Gesicht. + +»Besorgnis? O ... wir müssen, wie gesagt, darum besorgt sein, die +Erkrankung einzuschränken, den Husten zu mildern, dem Fieber zu Leibe zu +gehen ... nun, das Chinin wird seine Schuldigkeit tun ... Und dann noch +eins, lieber Senator ... Keine Schreckhaftigkeit den einzelnen Symptomen +gegenüber, nicht wahr? Sollte sich die Atemnot ein wenig verstärken, +sollte in der Nacht vielleicht etwas Delirium stattfinden, oder morgen +ein bißchen Auswurf sich einstellen ... wissen Sie, so ein +rotbräunlicher Auswurf, wenn auch Blut dabei ist ... Das ist alles +durchaus logisch, durchaus zur Sache gehörig, durchaus normal. Bereiten +Sie, bitte, auch unsere liebe, verehrte Madame Permaneder darauf vor, +die ja die Pflege mit soviel Hingebung leitet ... _A propos_, wie geht +es ihr? Ich habe ganz und gar zu fragen vergessen, wie es in den letzten +Tagen mit ihrem Magen gewesen ist ...« + +»Wie gewöhnlich. Ich weiß nichts Neues. Die Sorge um ihr Befinden tritt +ja jetzt naturgemäß etwas zurück ...« + +»Versteht sich. Übrigens ... mir kommt dabei ein Gedanke. Ihre Frau +Schwester hat Ruhe nötig, besonders in der Nacht, und Mamsell Severin +allein dürfte doch wohl nicht ausreichen ... wie wäre es mit einer +Pflegerin, lieber Senator? Wir haben da unsere guten katholischen Grauen +Schwestern, für die Sie immer so wohlwollend eintreten ... Die Schwester +Oberin wird sich freuen, Ihnen dienen zu können.« + +»Sie halten das also für nötig?« + +»Ich bringe es in Vorschlag. Es ist so angenehm ... Die Schwestern sind +unschätzbar. Sie wirken mit ihrer Erfahrenheit und Besonnenheit so +beruhigend auf die Kranken ... gerade bei diesen Krankheiten, die, wie +gesagt, mit einer Reihe von etwas unheimlichen Symptomen verbunden sind +... Also, um es zu wiederholen: ruhig Blut, nicht wahr, mein lieber +Senator? Übrigens werden wir ja sehen ... wir werden ja sehen ... Wir +sprechen ja heute abend noch einmal vor ...« + +»Zuversichtlich«, sagte Doktor Langhals, nahm seinen Zylinder und erhob +sich gleichzeitig mit seinem älteren Kollegen. Aber der Senator blieb +noch sitzen, er war noch nicht fertig, hatte noch eine Frage im Sinne, +wollte noch eine Probe machen ... + +»Meine Herren«, sagte er, »ein Wort noch ... Mein Bruder Christian ist +nervös, kurz, verträgt nicht viel ... Raten Sie mir, ihm von der +Erkrankung Mitteilung zu machen? Ihm vielleicht ... die Rückkehr +nahezulegen --?« + +»Ihr Bruder Christian ist nicht in der Stadt?« + +»Nein, in Hamburg. Vorübergehend. In Geschäften, soviel ich weiß ...« + +Doktor Grabow warf seinem Kollegen einen Blick zu; dann schüttelte er +dem Senator lachend die Hand und sagte: »Also lassen wir ihn ruhig bei +seinen Geschäften! Warum ihn unnütz erschrecken? Sollte irgendeine +Wendung in dem Befinden eintreten, die seine Anwesenheit wünschenswert +macht, sagen wir: um die Patientin zu beruhigen, ihre Stimmung zu heben +... nun, so wird ja immer noch Zeit sein ... immer noch Zeit ...« + +Während die Herren über Säulenhalle und Korridor zurückgingen und auf +dem Treppenabsatz ein Weilchen stehenblieben, sprachen sie über andere +Dinge, über Politik, über die Erschütterungen und Umwälzungen des kaum +beendeten Krieges ... + +»Nun, jetzt kommen gute Zeiten, wie, Herr Senator? Geld im Lande ... Und +frische Stimmung weit und breit ...« + +Und der Senator stimmte dem halb und halb bei. Er bestätigte, daß der +Ausbruch des Krieges den Verkehr in Getreide von Rußland zu großem +Aufschwung gebracht habe und erwähnte der großen Dimensionen, die damals +der Haferimport, zum Zwecke der Armeelieferung angenommen habe. Aber der +Profit habe sich sehr ungleich verteilt ... + +Die Ärzte gingen, und Senator Buddenbrook wandte sich, um noch einmal in +das Krankenzimmer zurückzukehren. Er überlegte, was Grabow gesagt hatte +... Es hatte soviel Hinterhältiges darin gelegen ... Man hatte gefühlt, +wie er sich vor einer entschiedenen Äußerung hütete. Das einzige klare +Wort war »Lungenentzündung« gewesen, und dieses Wort wurde nicht +tröstlicher dadurch, daß Doktor Langhals es in die Sprache der +Wissenschaft übersetzt hatte. Lungenentzündung in den Jahren der +Konsulin ... Schon, daß es zwei Ärzte waren, die kamen und gingen, gab +der Sache einen beunruhigenden Aspekt. Grabow hatte das ganz leichthin +und fast unmerklich arrangiert. Er gedenke, sich über kurz oder lang zur +Ruhe zu setzen, hatte er gesagt, und da der junge Langhals berufen sei, +seine Praxis zu übernehmen, so mache er -- Grabow -- sich ein Vergnügen +daraus, ihn hie und da schon jetzt heranzuziehen und einzuführen ... + +Als der Senator in das halbdunkle Schlafzimmer trat, war seine Miene +munter und seine Haltung energisch. Er war so gewöhnt daran, Sorge und +Müdigkeit unter einem Ausdruck von überlegener Sicherheit zu verbergen, +daß beim Öffnen der Tür diese Maske beinahe von selbst infolge eines +ganz kurzen Willensaktes über sein Gesicht geglitten war. + +Frau Permaneder saß an dem Himmelbett, dessen Vorhänge zurückgeschlagen +waren, und hielt die Hand ihrer Mutter, die, von Kissen gestützt, den +Kopf dem Eintretenden zuwandte und ihm mit ihren hellblauen Augen +forschend ins Gesicht sah. Es war ein Blick voll beherrschter Ruhe und +von angespannter, unausweichlicher Eindringlichkeit, der, da er ein +wenig von der Seite kam, beinahe etwas Lauerndes hatte. Abgesehen von +der Blässe der Haut, die auf den Wangen ein paar Flecke von fieberiger +Röte hervortreten ließ, zeigte dies Gesicht durchaus keine Mattigkeit +und Schwäche. Die alte Dame war sehr aufmerksam bei der Sache, +aufmerksamer noch als ihre Umgebung, denn am Ende war sie die zunächst +Beteiligte. Sie mißtraute dieser Krankheit und war ganz und gar nicht +gewillt, sich aufs Ohr zu legen und den Dingen nachgiebig ihren Lauf zu +lassen ... + +»Was haben sie gesagt, Thomas?« fragte sie mit so bestimmter und +lebhafter Stimme, daß sich sofort ein heftiger Husten einstellte, den +sie mit geschlossenen Lippen zurückzuhalten suchte, der aber hervorbrach +und sie zwang, die Hand gegen ihre rechte Seite zu pressen. + +»Sie haben gesagt«, antwortete der Senator, als der Anfall vorüber war, +und streichelte ihre Hand ... »Sie haben gesagt, daß unsere gute Mutter +in ein paar Tagen wieder auf den Füßen sein wird. Daß du das noch nicht +kannst, weißt du, das liegt daran, daß dieser dumme Husten natürlich die +Lunge ein bißchen angegriffen hat ... es ist nicht gerade +Lungenentzündung«, sagte er, da er sah, daß ihr Blick noch +eindringlicher wurde ... »obgleich ja auch das noch nicht das Ende aller +Dinge wäre, ach, da gibt es Schlimmeres! Kurz, die Lunge ist etwas +gereizt, sagen die beiden, und damit mögen sie wohl recht haben ... Wo +ist denn die Severin?« + +»Zur Apotheke«, sagte Frau Permaneder. + +»Seht ihr, die ist schon wieder in der Apotheke, und du, Tony, siehst +aus, als wolltest du jeden Augenblick einschlafen. Nein, das geht nicht +länger. Wenn es auch nur für ein paar Tage ist ... wir müssen eine +Pflegerin hier haben, meint ihr nicht auch? Wartet, ich lasse jetzt +gleich bei meiner Grauen-Schwester-Oberin anfragen, ob eine disponibel +ist ...« + +»Thomas«, sagte die Konsulin jetzt mit behutsamer Stimme, um den +Hustenreiz nicht wieder zu entfesseln, »glaube mir, du erregst Anstoß +mit deiner beständigen Protektion der Katholischen gegenüber den +Schwarzen Protestantischen. Du hast den einen direkte Vorteile +verschafft und tust nichts für die anderen. Ich versichere dich, Pastor +Pringsheim hat sich neulich mit deutlichen Worten bei mir darüber +beklagt ...« + +»Ja, das nützt ihm gar nichts. Ich bin überzeugt, daß die Grauen +Schwestern treuer, hingebender, aufopferungsfähiger sind als die +Schwarzen. Diese Protestantinnen, das ist nicht das Wahre. Das will sich +alles bei erster Gelegenheit verheiraten ... Kurzum, sie sind irdisch, +egoistisch, ordinär ... Die Grauen sind degagierter, ja, ganz sicher, +sie stehen dem Himmel näher. Und gerade, weil sie mir Dank schulden, +sind sie vorzuziehen. Was ist Schwester Leandra uns nicht gewesen, als +Hanno Zahnkrämpfe hatte! Ich will nur hoffen, daß sie frei ist ...« + +Und Schwester Leandra kam. Sie legte still ihre kleine Handtasche, ihren +Umhang und die graue Haube ab, die sie über der weißen trug, und ging, +während der Rosenkranz, der an ihrem Gürtel hing, leise klapperte, mit +sanften und freundlichen Worten und Bewegungen an ihre Arbeit. Sie +pflegte die verwöhnte und nicht immer geduldige Kranke Tag und Nacht und +zog sich dann stumm und fast beschämt über die menschliche Schwäche, der +sie unterlag, zurück, um sich von einer anderen Schwester ablösen zu +lassen, zu Hause ein wenig zu schlafen und dann zurückzukehren. + +Denn die Konsulin verlangte beständigen Dienst an ihrem Bette. Je mehr +sich ihr Zustand verschlimmerte, desto mehr wandte sich ihr ganzes +Denken, ihr ganzes Interesse ihrer Krankheit zu, die sie mit Furcht und +einem offenkundigen, naiven Haß beobachtete. Sie, die ehemalige +Weltdame, mit ihrer stillen, natürlichen und dauerhaften Liebe zum +Wohlleben und zum Leben überhaupt, hatte ihre letzten Jahre mit +Frömmigkeit und Wohltätigkeit erfüllt ... warum? Vielleicht nicht nur +aus Pietät gegen ihren verstorbenen Gatten, sondern auch aus dem +unbewußten Triebe, den Himmel mit ihrer starken Vitalität zu versöhnen +und ihn zu veranlassen, ihr dereinst trotz ihrer zähen Anhänglichkeit an +das Leben einen sanften Tod zu vergönnen? Aber sie konnte nicht sanft +sterben. Manches schmerzlichen Erlebnisses ungeachtet war ihre Gestalt +vollständig ungebeugt und ihr Auge klar geblieben. Sie liebte es, gute +Mahlzeiten zu halten, sich vornehm und reich zu kleiden, das +Unerfreuliche, was um sie her bestand oder geschah, zu übersehen, zu +vertuschen und wohlgefällig an dem hohen Ansehen teilzunehmen, das ihr +ältester Sohn sich weit und breit verschafft hatte. Diese Krankheit, +diese Lungenentzündung war in ihren aufrechten Körper eingebrochen, ohne +daß irgendwelche seelische Vorarbeit ihr das Zerstörungswerk erleichtert +hätte ... jene Minierarbeit des Leidens, die uns langsam und unter +Schmerzen dem Leben selbst oder doch den Bedingungen entfremdet, unter +denen wir es empfangen haben, und in uns die süße Sehnsucht nach einem +Ende, nach anderen Bedingungen oder nach dem Frieden erweckt ... Nein, +die alte Konsulin fühlte wohl, daß sie trotz der christlichen +Lebensführung ihrer letzten Jahre nicht eigentlich bereit war, zu +sterben, und der unbestimmte Gedanke, daß, sollte dies ihre letzte +Krankheit sein, diese Krankheit ganz selbständig, in letzter Stunde und +in gräßlicher Eile, mit Körperqualen ihren Widerstand zerbrechen und die +Selbstaufgabe herbeiführen müsse, erfüllte sie mit Angst. + +Sie betete viel; aber fast noch mehr überwachte sie, sooft sie bei +Besinnung war, ihren Zustand, fühlte selbst ihren Puls, maß ihr Fieber, +bekämpfte ihren Husten ... Der Puls aber ging schlecht, das Fieber stieg +desto höher, nachdem es ein wenig gefallen war und warf sie aus +Schüttelfrösten in hitzige Delirien, der Husten, der mit inneren +Schmerzen verbunden war und blutigen Auswurf zutage förderte, nahm zu, +und Atemnot ängstigte sie. Das alles aber kam daher, daß jetzt nicht +mehr nur ein Lappen der rechten Lunge, sondern die ganze rechte Lunge in +Mitleidenschaft gezogen war, ja, daß, wenn nicht alles täuschte, auch +schon an der linken Seite Spuren des Vorganges bemerkbar waren, den +Doktor Langhals, indem er seine Fingernägel besah, »Hepatisation« nannte +und über den Doktor Grabow sich lieber gar nicht weiter ausließ ... Das +Fieber zehrte unablässig. Der Magen begann zu versagen. Unaufhaltsam, +mit zäher Langsamkeit, schritt der Kräfteverfall vorwärts. + +Sie verfolgte ihn, nahm, wenn sie irgend dazu imstande war, eifrig die +konzentrierte Nahrung, die man ihr bot, hielt sorglicher noch als ihre +Pflegerinnen die Stunden des Medizinierens inne und war von all dem so +in Anspruch genommen, daß sie beinahe nur noch mit den Ärzten sprach und +wenigstens nur im Gespräche mit ihnen aufrichtiges Interesse an den Tag +legte. Besuche, die anfänglich vorgelassen wurden, Freundinnen, +Mitglieder des »Jerusalemsabend«, alte Damen aus der Gesellschaft und +Pastorsgattinnen, empfing sie apathisch oder mit zerstreuter +Herzlichkeit und entließ sie rasch. Ihre Angehörigen empfanden peinlich +die Gleichgültigkeit, mit der die alte Dame ihnen begegnete; sie nahm +sich wie eine Art Geringschätzung aus, die besagte: »Ihr könnt mir ja +doch nicht helfen.« Selbst dem kleinen Hanno, der in einer erträglichen +Stunde eingelassen wurde, strich sie nur flüchtig über die Wange und +wandte sich dann ab. Es war, als wollte sie sagen: »Kinder, ihr seid +alle liebe Leute, aber ich -- ich muß vielleicht sterben!« Die beiden +Ärzte dagegen empfing sie mit lebhafter und interessierter Wärme, um +eingehend mit ihnen zu konferieren ... + +Eines Tages erschienen die alten Damen Gerhardt, die Nachkommen Paul +Gerhardts. Sie kamen mit ihren Mantillen, ihren tellerartigen Hüten und +ihren Provianttaschen von Armenbesuchen, und man konnte ihnen nicht +verwehren, ihre kranke Freundin zu sehen. Man ließ sie allein mit ihr, +und Gott allein weiß, was sie zu ihr sprachen, während sie an ihrem +Bette saßen. Als sie aber gingen, waren ihre Augen und Gesichtszüge noch +klarer, noch milder und selig verschlossener als vorher, und drinnen lag +die Konsulin mit ebensolchen Augen und ebensolchem Gesichtsausdruck, lag +ganz still, ganz friedlich, friedlicher als jemals, ihr Atem ging selten +und sanft, und sie fiel ersichtlich von Schwäche zu Schwäche. Frau +Permaneder, die den Damen Gerhardt ein starkes Wort nachmurmelte, +schickte sofort zu den Ärzten, und kaum erschienen die beiden Herren im +Rahmen der Tür, als eine vollständige, eine verblüffende Veränderung mit +der Konsulin vor sich ging. Sie erwachte, sie geriet in Bewegung, sie +richtete sich beinahe auf. Der Anblick dieser Männer, dieser beiden +notdürftig unterrichteten Mediziner gab sie mit einem Schlage der Erde +wieder. Sie streckte ihnen die Hände entgegen, beide Hände, und fing an: +»Seien Sie mir willkommen, meine Herren! Die Sachen stehen nun so, daß +heute im Lauf des Tages ...« + +Aber es war längst der Tag gekommen, da die doppelseitige +Lungenentzündung nicht mehr wegzuleugnen gewesen war. + +»Ja, mein lieber Herr Senator«, hatte Doktor Grabow gesagt und Thomas +Buddenbrooks Hände genommen ... »Wir haben es nicht verhindern können, +es ist nun doppelseitig, und das ist immer bedenklich, wie Sie so gut +wissen wie ich, ich mache Ihnen kein X für ein U ... Es ist, ob der +Patient nun zwanzig oder siebenzig Jahre alt ist, in jedem Falle eine +Sache, die man ernst nehmen muß, und wenn Sie mich daher heute noch +einmal fragten, ob Sie Ihrem Herrn Bruder Christian schreiben, ihm +vielleicht ein kleines Telegramm schicken sollten, so würde ich nicht +abraten, ich würde mich besinnen, Sie davon abzuhalten ... Wie geht es +ihm übrigens? Ein spaßhafter Mann; ich habe ihn immer herzlich gern +gehabt ... Um Gottes willen, ziehen Sie keine übertriebenen Folgerungen +aus meinen Worten, lieber Senator! Nicht als ob nun eine unmittelbare +Gefahr vorläge ... ach was, ich bin töricht, das Wort in den Mund zu +nehmen! Aber unter diesen Verhältnissen, wissen Sie, muß man immer aus +der Ferne mit unvorhersehbaren Zufälligkeiten rechnen ... Mit Ihrer +verehrten Frau Mutter als Patientin sind wir ja ganz außerordentlich +zufrieden. Sie hilft uns wacker, sie läßt uns nicht im Stich ... nein, +ohne Kompliment, als Patientin ist sie unübertrefflich! Und darum +hoffen, mein lieber Herr Senator, hoffen! Lassen Sie uns immer das Beste +hoffen!« + +Aber es kommt ein Augenblick, von dem an die Hoffnung der Angehörigen +etwas Künstliches und Unaufrichtiges ist. Schon hat sich eine +Veränderung mit dem Kranken vollzogen, und etwas der Person Fremdes, die +er im Leben darstellte, ist in seinem Benehmen. Gewisse, seltsame Worte +kommen aus seinem Munde, auf die wir nicht zu antworten verstehen und +die ihm gleichsam den Rückweg abschneiden und ihn dem Tode verpflichten. +Und wäre er uns der Liebste, wir können nach all dem nicht mehr wollen, +daß er aufstehe und wandle. Würde er es dennoch tun, so würde er Grauen +um sich verbreiten wie einer, der dem Sarge entstiegen ... + +Gräßliche Merkmale der beginnenden Auflösung zeigten sich, während die +Organe, von einem zähen Willen in Gang gehalten, noch arbeiteten. Da, +seit die Konsulin sich mit einem Katarrh hatte zu Bette legen müssen, +Wochen vergangen waren, so hatten sich durch das Liegen an ihrem Körper +mehrere Wunden gebildet, die sich nicht mehr schlossen und in einen +fürchterlichen Zustand übergingen. Sie schlief nicht mehr; erstens, weil +Schmerz, Husten und Atemnot sie daran hinderten, dann aber, weil sie +selbst sich gegen den Schlaf auflehnte und sich an das Wachsein +klammerte. Nur für Minuten ging ihr Bewußtsein im Fieber unter; aber +auch bei bewußten Sinnen sprach sie laut mit Personen, die längst +gestorben waren. Eines Nachmittags in der Dämmerung sagte sie plötzlich +mit lauter, etwas ängstlicher, aber inbrünstiger Stimme: »Ja, mein +lieber Jean, ich komme!« Und die Unmittelbarkeit dieser Antwort war so +täuschend, daß man nachträglich die Stimme des verstorbenen Konsuls zu +hören glaubte, der sie gerufen hatte. + +Christian traf ein; er kam von Hamburg, woselbst er, wie er sagte, +Geschäfte gehabt hatte, und verweilte übrigens nur kurze Zeit im +Krankenzimmer; dann verließ er es, indem er sich über die Stirn strich, +die Augen wandern ließ und sagte: »Das ist ja furchtbar ... Das ist ja +furchtbar ... Ich kann es nun nicht mehr.« + +Auch Pastor Pringsheim erschien, streifte Schwester Leandra mit einem +kalten Blick und betete mit modulierender Stimme am Bette der Konsulin. + +Und dann kam die kurze Besserung, das Aufflackern, ein Nachlassen des +Fiebers, eine täuschende Rückkehr der Kräfte, ein Stillewerden der +Schmerzen, ein paar klare und hoffnungsvolle Äußerungen, die den +Umstehenden Tränen der Freude in die Augen treiben ... + +»Kinder, wir behalten sie, ihr sollt sehen, wir behalten sie trotz +alledem!« sagte Thomas Buddenbrook. »Wir haben sie Weihnachten bei uns +und erlauben nicht, daß sie sich dabei aufregt wie sonst ...« + +Aber schon in der nächstfolgenden Nacht, kurze Zeit nachdem Gerda und +ihr Gatte zu Bette gegangen waren, wurden sie von seiten Frau +Permaneders in die Mengstraße berufen, da die Kranke mit dem Tode +kämpfe. Der Wind fuhr in den kalten Regen, der herniederging, und trieb +ihn prasselnd gegen die Fensterscheiben. + +Als der Senator und seine Frau das Zimmer betraten, das von den Kerzen +zweier Armleuchter erhellt war, die auf dem Tische brannten, waren die +beiden Ärzte schon zugegen. Auch Christian war aus seinem Zimmer +heruntergeholt worden und saß irgendwo, indem er dem Himmelbette den +Rücken zuwandte und die Stirn, tief gebückt, in beide Hände stützte. +Man erwartete den Bruder der Kranken, Konsul Justus Kröger, nach dem +ebenfalls geschickt worden war. Frau Permaneder und Erika Weinschenk +hielten sich leise schluchzend am Fußende des Bettes. Schwester Leandra +und Mamsell Severin hatten nichts mehr zu tun und blickten betrübt in +das Gesicht der Sterbenden. + +Die Konsulin lag, von mehreren Kissen gestützt, auf dem Rücken, und ihre +beiden Hände, diese schönen, mattblau geäderten Hände, die nun so mager, +so ganz abgezehrt waren, streichelten hastig und unaufhörlich, mit +zitternder Eilfertigkeit die Steppdecke. Ihr Kopf, mit einer weißen +Nachthaube bedeckt, wandte sich ohne Unterlaß, mit entsetzenerregender +Taktmäßigkeit, von einer Seite zur anderen. Ihr Mund, dessen Lippen +einwärts gezogen zu sein schienen, öffnete und schloß sich schnappend +bei jedem qualvollen Atmungsversuch, und ihre eingesunkenen Augen irrten +hilfesuchend umher, um hie und da mit einem erschütternden Ausdruck von +Neid auf einer der anwesenden Personen haften zu bleiben, die +angekleidet waren und atmen konnten, denen das Leben gehörte und die +nichts weiter zu tun vermochten, als das Liebesopfer zu bringen, das +darin bestand, den Blick auf dieses Bild gerichtet zu halten. Und die +Nacht rückte vor, ohne daß eine Veränderung eingetreten wäre. + +»Wie lange kann es noch dauern?« fragte Thomas Buddenbrook leise und zog +den alten Doktor Grabow in den Hintergrund des Zimmers, während Doktor +Langhals gerade irgendeine Injektion an der Kranken vornahm. Auch Frau +Permaneder, das Taschentuch am Munde, trat herzu. + +»Ganz unbestimmt, lieber Senator«, antwortete Doktor Grabow. »Ihre Frau +Mutter kann in fünf Minuten erlöst sein, und sie kann noch stundenlang +leben ... ich kann Ihnen nichts sagen. Es handelt sich um das, was man +Stickfluß nennt ... ein Ödem ...« + +»Ich weiß es«, sagte Frau Permaneder und nickte in ihr Taschentuch, +während die Tränen über ihre Wangen rannen. »Es kommt bei +Lungenentzündungen oft vor ... Es hat sich dann so eine wässerige +Flüssigkeit in den Lungenbläschen angesammelt, und wenn es schlimm wird, +so kann man nicht mehr atmen ... Ja, ich weiß es ...« + +Die Hände vor sich gefaltet, blickte der Senator zum Himmelbette +hinüber. + +»Wie furchtbar sie leiden muß!« flüsterte er. + +»Nein!« sagte Doktor Grabow ebenso leise, aber mit ungeheurer Autorität +und legte sein langes, mildes Gesicht in entschiedene Falten ... »Das +täuscht, glauben Sie mir, liebster Freund, das täuscht! Das Bewußtsein +ist sehr getrübt ... Es sind allergrößten Teiles Reflexbewegungen, was +Sie da sehen ... Glauben Sie mir ...« + +Und Thomas antwortete: »Gott gebe es!« -- Aber jedes Kind hätte es an +den Augen der Konsulin sehen können, daß sie ganz und gar bei Bewußtsein +war und alles empfand ... + +Man nahm seine Plätze wieder ein ... Auch Konsul Kröger war eingetroffen +und saß, über die Krücke seines Stockes gebeugt, mit geröteten Augen am +Bette. + +Die Bewegungen der Kranken hatten zugenommen. Eine schreckliche Unruhe, +eine unsägliche Angst und Not, ein unentrinnbares Verlassenheits- und +Hilflosigkeitsgefühl ohne Grenzen mußte diesen, dem Tode ausgelieferten +Körper vom Scheitel bis zur Sohle erfüllen. Ihre Augen, diese armen, +flehenden, wehklagenden und suchenden Augen schlossen sich bei den +röchelnden Drehungen des Kopfes manchmal mit brechendem Ausdruck oder +erweiterten sich so sehr, daß die kleinen Adern des Augapfels blutrot +hervortraten. Und keine Ohnmacht kam! + +Kurz nach drei Uhr sah man, wie Christian aufstand. »Ich kann es nun +nicht mehr«, sagte er und ging, indem er sich auf die Möbelstücke +stützte, die an seinem Wege standen, lahmend zur Tür hinaus. -- Übrigens +waren Erika Weinschenk sowohl wie Mamsell Severin, eingelullt +wahrscheinlich von den einförmigen Schmerzenslauten, auf ihren Stühlen +eingeschlafen und blühten rosig im Schlummer. + +Um vier Uhr ward es schlimmer und schlimmer. Man stützte die Kranke und +trocknete ihr den Schweiß von der Stirn. Die Atmung drohte gänzlich zu +versagen, und die Ängste nahmen zu. »Etwas zu schlafen ...!« brachte sie +hervor. »Ein Mittel ...!« Aber man war weit entfernt davon, ihr etwas zu +schlafen zu geben. + +Plötzlich begann sie wieder zu antworten, auf etwas, was die anderen +nicht hörten, wie sie es schon einmal getan hatte. »Ja, Jean, nicht +lange mehr!« ... Und gleich darauf: »Ja, liebe Klara, ich komme!...« + +Und dann begann der Kampf aufs neue ... War es noch ein Kampf mit dem +Tode? Nein, sie rang jetzt mit dem Leben um den Tod. »Ich will +gerne ...«, keuchte sie ... »ich kann nicht ... Was zu schlafen!... +Meine Herren, aus Barmherzigkeit! was zu schlafen ...!« + +Dieses »aus Barmherzigkeit« machte, daß Frau Permaneder laut aufweinte +und Thomas leise stöhnte, indem er einen Augenblick seinen Kopf mit den +Händen erfaßte. Aber die Ärzte kannten ihre Pflicht. Es galt unter allen +Umständen, dieses Leben den Angehörigen so lange wie nur irgend möglich +zu erhalten, während ein Betäubungsmittel sofort ein widerstandsloses +Aufgeben des Geistes bewirkt haben würde. Ärzte waren nicht auf der +Welt, den Tod herbeizuführen, sondern das Leben um jeden Preis zu +konservieren. Dafür sprachen außerdem gewisse religiöse und moralische +Gründe, von denen sie auf der Universität sehr wohl gehört hatten, wenn +sie ihnen im Augenblick auch nicht gegenwärtig waren ... Sie stärkten im +Gegenteil mit verschiedenen Mitteln das Herz und brachten durch +Brechreiz mehrere Male eine momentane Erleichterung hervor. + +Um fünf Uhr konnte der Kampf nicht mehr furchtbarer werden. Die +Konsulin, im Krampfe aufgerichtet und mit weit geöffneten Augen, stieß +mit den Armen um sich, als griffe sie nach einem Haltepunkt oder nach +Händen, die sich ihr entgegenstreckten, und antwortete nun unaufhörlich +in die Luft hinein nach allen Seiten auf Rufe, die nur sie vernahm, und +die immer zahlreicher und dringlicher zu werden schienen. Es war, als ob +nicht nur ihr verstorbener Gatte und ihre Tochter, sondern auch ihre +Eltern, Schwiegereltern und mehrere andere, ihr im Tode vorangegangene +Anverwandte irgendwo anwesend waren, und sie nannte Vornamen, von denen +niemand im Zimmer sofort hätte sagen können, welche Verstorbenen damit +gemeint seien. »Ja!« rief sie und wandte sich nach verschiedenen +Richtungen ... »Jetzt komme ich ... Sofort ... Diesen Augenblick noch +... So ... Ich kann nicht ... Ein Mittel, meine Herren ...« + +Um halb sechs Uhr trat ein Augenblick der Ruhe ein. Und dann, ganz +plötzlich, ging über ihre gealterten und vom Leiden zerrissenen Züge ein +Zucken, eine jähe, entsetzte Freude, eine tiefe, schauernde, furchtsame +Zärtlichkeit, blitzschnell breitete sie die Arme aus, und mit einer so +stoßartigen und unvermittelten Schnelligkeit, daß man fühlte: zwischen +dem, was sie gehört, und ihrer Antwort lag nicht ein Augenblick -- rief +sie laut mit dem Ausdruck des unbedingtesten Gehorsams und einer +grenzenlosen angst- und liebevollen Gefügigkeit und Hingebung: »Hier bin +ich!« ... und verschied. + +Alle waren zusammengeschrocken. Was war das gewesen? Wer hatte gerufen, +daß sie sofort gefolgt war? + +Jemand zog den Fenstervorhang zurück und löschte die Kerzen, während +Doktor Grabow mit mildem Gesicht der Toten die Augen schloß. + +Alle fröstelten in dem fahlen Herbstmorgen, der nun das Zimmer erfüllte. +Schwester Leandra verkleidete den Toilettenspiegel mit einem Tuche. + + +Zweites Kapitel + +Durch die offene Tür sah man im Sterbezimmer Frau Permaneder im Gebete +liegen. Sie befand sich allein und kniete, ihre Trauergewänder um sich +her auf dem Boden ausgebreitet, in der Nähe des Bettes, an einem Stuhle, +indem sie die fest gefalteten Hände auf dem Sitze ruhen ließ und +gebeugten Hauptes murmelte ... Sie hörte sehr wohl, daß ihr Bruder und +ihre Schwägerin das Frühstückszimmer betraten, in dessen Mitte sie +unwillkürlich stehen blieben, um das Ende der Andacht zu erwarten; aber +sie beeilte sich deswegen nicht sonderlich, ließ zum Schlusse ihr +trockenes Räuspern ertönen, nahm mit langsamer Feierlichkeit ihr Kleid +zusammen, erhob sich und ging ihren Verwandten ohne eine Spur von +Verwirrung in vollkommen würdiger Haltung entgegen. + +»Thomas«, sagte sie nicht ohne Härte, »was die Severin betrifft, so +scheint es mir, daß die selige Mutter eine Natter an ihrem Busen genährt +hat.« + +»Wieso?« + +»Ich bin voll Ärger über sie. Man könnte die Fassung verlieren und sich +vergessen ... Hat dies Weib ein Recht, einem den Schmerz dieser Tage in +so ordinärer Weise zu vergällen?« + +»Aber was ist es denn?« + +»Erstens einmal ist sie von einer empörenden Habsucht. Sie geht an den +Schrank, nimmt Mutters seidene Kleider heraus, packt sie über den Arm +und will sich zurückziehen. `Riekchen´, sage ich, `wohin damit?´ -- `Das +hat Frau Konsul mir versprochen!´ -- `Liebe Severin!´ sage ich und gebe +ihr in aller Zurückhaltung das Voreilige ihrer Handlungsweise zu +bedenken. Meinst du, daß es etwas nützt? Sie nimmt nicht nur die +seidenen Kleider, sie nimmt auch noch ein Paket Wäsche und geht. Ich +kann mich doch nicht mit ihr prügeln, nicht wahr?... Und nicht sie +allein ... auch die Mädchen ... Waschkörbe voll Kleider und Leinenzeug +werden aus dem Hause geschafft ... Das Personal teilt sich unter meinen +Augen in die Sachen, denn die Severin hat die Schlüssel zu den +Schränken. `Fräulein Severin!´ sage ich, `ich wünsche die Schlüssel.´ +Was antwortet sie mir? Sie erklärt mir mit deutlichen und gewöhnlichen +Worten, ich hätte ihr nichts zu sagen, sie stände nicht bei mir in +Dienst, ich hätte sie nicht engagiert, sie werde die Schlüssel behalten, +bis sie gehe!« + +»Hast du die Schlüssel zum Silberzeug? -- Gut. Laß dem übrigen seinen +Lauf. Dergleichen ist unvermeidlich, wenn ein Haushalt aufgelöst wird, +in dem zuletzt sowieso schon ein bißchen lax regiert wurde. Ich will +jetzt keinen Lärm machen. Das Weißzeug ist alt und defekt ... Übrigens +werden wir ja sehen, was noch da ist. Hast du die Verzeichnisse? Auf dem +Tische? Gut. Wir werden ja gleich sehen.« + +Und sie traten in das Schlafzimmer, um ein Weilchen still nebeneinander +an dem Bette stehenzubleiben, nachdem Frau Antonie das weiße Tuch vom +Gesicht der Toten genommen hatte. Die Konsulin war schon in dem seidenen +Gewand, in welchem sie heute nachmittag im Saale droben aufgebahrt +werden sollte; es war achtundzwanzig Stunden nach ihrem letzten +Atemzuge. Mund und Wangen waren, da die künstlichen Zähne fehlten, +greisenhaft eingefallen, und das Kinn schob sich schroff und eckig +aufwärts. Alle drei bemühten sich schmerzlich, während sie auf diese +unerbittlich tief und fest geschlossenen Augenlider blickten, in diesem +Antlitz das ihrer Mutter wiederzuerkennen. Aber unter der Haube, die die +alte Dame Sonntags getragen, saß wie im Leben das rötlichbraune, +glattgescheitelte Toupet, über das die Damen Buddenbrook aus der Breiten +Straße sich sooft lustig gemacht hatten ... Blumen lagen verstreut auf +der Steppdecke. + +»Es sind schon die prachtvollsten Kränze gekommen«, sagte Frau +Permaneder leise. »Von allen Familien ... ach, einfach von aller Welt! +Ich habe alles auf den Korridor hinaufschaffen lassen; ihr müßt es euch +später ansehen, Gerda und Tom. Es ist traurigschön. Atlasschleifen von +dieser Größe ...« + +»Wie weit ist es mit dem Saal?« fragte der Senator. + +»Bald fertig, Tom. Fast bereit. Tapezierer Jacobs hat sich alle Mühe +gegeben. Auch der ...«, und sie schluckte einen Augenblick ... »auch der +Sarg ist vorhin gekommen. Aber ihr müßt nun ablegen, ihr Lieben«, fuhr +sie fort und zog behutsam das weiße Tuch an seinen Platz zurück. »Hier +ist es kalt, aber im Frühstückszimmer ist ein bißchen geheizt ... Laß +dir helfen, Gerda; mit einem so prachtvollen Umhang muß man vorsichtig +umgehen ... Darf ich dir einen Kuß geben? Du weißt, ich liebe dich, wenn +du mich auch immer verabscheut hast ... Nein, ich verderbe dir nicht die +Frisur, wenn ich dir den Hut abnehme ... Dein schönes Haar! Solches Haar +hat Mutter auch in ihrer Jugend gehabt. Sie war ja niemals so herrlich +wie du, aber es hat doch eine Zeit gegeben, und ich war schon auf der +Welt, wo sie eine wirklich schöne Erscheinung gewesen ist. Und nun ... +Ist es nicht wahr, was euer Grobleben immer sagt: Wir müssen alle zu +Moder werden --? Ein so einfacher Mann er ist ... Ja, Tom, das sind die +hauptsächlichsten Verzeichnisse.« + +Sie waren ins Nebenzimmer zurückgekehrt und setzten sich an den runden +Tisch, während der Senator die Papiere zur Hand nahm, auf welchen die +Gegenstände verzeichnet standen, die unter die nächsten Erben verteilt +werden sollten ... Frau Permaneder ließ das Gesicht ihres Bruders nicht +aus den Augen, sie beobachtete es mit erregtem und gespanntem Ausdruck. +Es gab etwas, eine schwere unabwendbare Frage, auf die ihr ganzes +Denken ängstlich gerichtet war, und die in der nächsten Stunde zur +Sprache kommen mußte ... + +»Ich denke«, fing der Senator an, »wir halten den üblichen Grundsatz +fest, daß Geschenke zurückgehen, so daß also ...« + +Seine Frau unterbrach ihn. + +»Verzeih, Thomas, mir scheint ... Christian ... wo ist er denn?« + +»Ja, mein Gott, Christian!« rief Frau Permaneder. »Wir vergessen ihn +ja!« + +»Richtig«, sagte der Senator und ließ die Papiere sinken. »Wird er denn +nicht gerufen?« + +Und Frau Permaneder ging zum Glockenzug. Aber in demselben Augenblick +öffnete schon Christian selbst die Tür und trat ein. Er kam ziemlich +rasch ins Zimmer, schloß die Tür nicht ganz geräuschlos und blieb mit +zusammengezogenen Brauen stehen, indem er seine kleinen, runden, +tiefliegenden Augen ohne jemanden anzublicken von einer Seite zur +anderen wandern ließ und seinen Mund unter dem buschigen, rötlichen +Schnurrbart in unruhiger Bewegung öffnete und schloß ... Er schien sich +in einer Art trotziger und gereizter Stimmung zu befinden. + +»Ich höre, daß ihr da seid«, sagte er kurz. »Wenn über die Sachen +gesprochen werden soll, so muß ich doch benachrichtigt werden.« + +»Wir waren im Begriffe«, antwortete der Senator gleichgültig. »Nimm nur +Platz.« + +Dabei aber blieben seine Augen auf den weißen Knöpfen haften, mit denen +Christians Hemd geschlossen war. Er selbst war in tadelloser +Trauerkleidung, und auf seinem Hemdeinsatz, welcher, am Kragen von der +breiten, schwarzen Schleife abgeschlossen, blendend weiß aus der +Umrahmung des schwarzen Tuchrockes hervortrat, saßen statt der goldenen, +die er zu tragen pflegte, schwarze Knöpfe. Christian bemerkte den Blick, +denn während er einen Stuhl herbeizog und sich setzte, berührte er mit +der Hand seine Brust und sagte: »Ich weiß, daß ich weiße Knöpfe trage. +Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir schwarze zu kaufen, oder vielmehr, +ich habe es unterlassen. Ich habe mir in den letzten Jahren oft fünf +Schillinge für Zahnpulver leihen und mit einem Streichholz zu Bette +gehen müssen ... ich weiß nicht, ob ich so ausschließlich schuld daran +bin. Übrigens sind schwarze Knöpfe in der Welt ja nicht die Hauptsache. +Ich liebe die Äußerlichkeiten nicht. Ich habe nie Wert darauf gelegt.« + +Gerda betrachtete ihn, während er sprach, und lachte nun leise. Der +Senator bemerkte: »Die letzte Behauptung kannst du wohl auf die Dauer +nicht vertreten, mein Lieber.« + +»So? Vielleicht weißt du es besser, Thomas. Ich sage nur dies, daß ich +auf solche Sachen kein Gewicht lege. Ich habe zuviel von der Welt +gesehen, habe unter zu verschiedenen Menschen mit zu verschiedenen +Sitten gelebt, als daß ich ... Übrigens bin ich ein erwachsener Mensch«, +sagte er plötzlich laut, »ich bin dreiundvierzig Jahre alt, ich bin mein +eigener Herr und darf jedem verwehren, sich in meine Angelegenheiten zu +mischen.« + +»Mir scheint, du hast etwas auf dem Herzen, mein Freund«, sagte der +Senator erstaunt. »Was die Knöpfe betrifft, so habe ich ja, wenn mich +nicht alles täuscht, noch kein Wort darüber verloren. Regle deine +Trauertoilette ganz nach Geschmack; nur glaube nicht, daß du mit deiner +billigen Vorurteilslosigkeit Eindruck auf mich machst ...« + +»Ich will gar keinen Eindruck auf dich machen ...« + +»Tom ... Christian ...«, sagte Frau Permaneder. »Wir wollen doch keinen +gereizten Ton anschlagen ... heute ... und hier, wo nebenan ... Fahr' +fort, Thomas. Geschenke gehen also zurück? Das ist nicht mehr als +billig.« + +Und Thomas fuhr fort. Er fing mit den größeren Gegenständen an und +schrieb sich diejenigen zu, die er für sein Haus gebrauchen konnte: die +Kandelaber des Eßsaales, die große geschnitzte Truhe, die auf der Diele +stand. Frau Permaneder war mit außerordentlichem Eifer bei der Sache und +hatte, sobald der künftige Besitzer irgendeines Dinges nur ein wenig +zweifelhaft war, eine unvergleichliche Art zu sagen: »Nun, ich bin +bereit, es zu übernehmen« ... mit einer Miene, als verpflichte sie sich +mit ihrer Opferwilligkeit die ganze Welt zu Danke. Sie erhielt für sich, +ihre Tochter und ihre Enkelin weitaus den größten Teil des +Ameublements. + +Christian hatte einige Möbelstücke, eine Empire-Stutzuhr und sogar das +Harmonium bekommen, und er zeigte sich zufrieden damit. Als aber die +Verteilung sich dem Silber- und Weißzeug, sowie dem verschiedenen +Speiseservice zuwandte, begann er zu dem Erstaunen aller einen Eifer +merken zu lassen, der sich fast wie Habsucht ausnahm. + +»Und ich? Und ich?« fragte er ... »Ich bitte doch, mich nicht ganz und +gar zu vergessen ...« + +»Wer vergißt dich denn? Ich habe dir ja ... sieh doch her, ich habe dir +ja schon ein ganzes Teeservice mit silbernem Tablett zugeschrieben. Für +das Sonntagsservice mit der Vergoldung haben doch wohl nur wir +Verwendung, und ...« + +»Das alltägliche mit Zwiebelmuster bin ich bereit zu übernehmen«, sagte +Frau Permaneder. + +»Und ich?!« rief Christian mit jener Entrüstung, die ihn zuweilen +befallen konnte, seine Wangen noch hagerer erscheinen ließ und ihm so +seltsam zu Gesichte stand ... »Ich möchte doch an dem Eßgeschirr +beteiligt werden! Wie viele Löffeln und Gabeln bekomme ich denn? Ich +sehe, ich bekomme beinahe nichts!...« + +»Aber Bester, was willst du denn mit den Sachen anfangen! Du wirst ja +gar keine Verwendung dafür haben! Ich begreife nicht ... Es ist doch +besser, solche Dinge bleiben im Familiengebrauch ...« + +»Und wenn es auch nur als Andenken an Mutter wäre«, sagte Christian +trotzig. + +»Lieber Freund«, erwiderte der Senator ziemlich ungeduldig ... »ich bin +nicht aufgelegt, zu scherzen ... aber deinen Worten nach zu urteilen, +scheint es, als wolltest du dir als Andenken an Mutter eine +Suppenterrine auf die Kommode stellen? Ich bitte, doch nicht anzunehmen, +daß wir dich übervorteilen wollen. Was du an Effekten weniger erhältst, +wird dir natürlich demnächst in anderer Form ersetzt werden. Es ist mit +dem Weißzeug ebenso ...« + +»Ich wünsche kein Geld, ich wünsche Wäsche und Eßgeschirr.« + +»Aber wozu denn, um alles in der Welt?« + +Jetzt aber gab Christian eine Antwort, die bewirkte, daß Gerda +Buddenbrook sich ihm eilig zuwandte und ihn mit einem rätselhaften +Ausdruck in ihren Augen musterte, der Senator sehr rasch das Pincenez +von der Nase nahm und ihm starr ins Gesicht blickte, und Frau Permaneder +sogar die Hände faltete. Er sagte nämlich: »Na, mit einem Worte, ich +denke, mich über kurz oder lang zu verheiraten.« + +Er tat diesen Ausspruch ziemlich leise und schnell, mit einer kurzen +Handbewegung, als würfe er seinem Bruder über den Tisch hin etwas zu, +worauf er sich zurücklehnte und mit einer mürrischen, gleichsam +beleidigten und merkwürdig zerstreuten Miene seine Augen haltlos +umherschweifen ließ. Eine längere Pause trat ein. Endlich sagte der +Senator: »Man muß gestehen, Christian, diese Pläne kommen etwas spät ... +gesetzt natürlich, daß es reelle und ausführbare Pläne sind, nicht von +der Art derer, die du aus Unüberlegtheit früher schon einmal der seligen +Mutter vorgelegt hast ...« + +»Meine Absichten sind dieselben geblieben«, sagte Christian, immer ohne +jemanden anzusehen und immer mit dem gleichen Gesichtsausdruck. + +»Das ist doch wohl unmöglich. Du hättest Mutters Tod abgewartet, um ...« + +»Ich habe diese Rücksicht genommen, ja. Du scheinst der Ansicht +zuzuneigen, Thomas, daß du allein alles Takt- und Feingefühl der Welt in +Pacht hast ...« + +»Ich weiß nicht, was dich zu dieser Redensart berechtigt. Übrigens muß +ich den Umfang deiner Rücksichtnahme bewundern. Am Tage nach Mutters +Tode machst du Miene, den Ungehorsam gegen sie zu proklamieren ...« + +»Weil das Gespräch darauf kam. Und dann ist die Hauptsache die, daß +Mutter sich über meinen Schritt nicht mehr alterieren kann. Das kann sie +heute so wenig wie in einem Jahre ... Herr Gott, Thomas, Mutter hatte +doch nicht unbedingt recht, sondern nur von ihrem Standpunkt aus, auf +den ich Rücksicht genommen habe, solange sie lebte. Sie war eine alte +Frau, eine Frau aus einer anderen Zeit, mit einer anderen +Anschauungsweise ...« + +»Nun, so bemerke ich dir, daß diese Anschauungsweise in dem Punkte, der +hier in Frage kommt, durchaus auch die meine ist.« + +»Darum kann ich mich nicht kümmern.« + +»Du =wirst= dich darum kümmern, mein Freund.« + +Christian sah ihn an. + +»Nein --!« rief er. »Ich kann es nicht! Wenn ich dir sage, daß ich es +nicht kann?!... Ich muß wissen, was ich zu tun habe. Ich bin ein +erwachsener Mensch ...« + +»Ach, das mit dem `erwachsenen Menschen´ ist etwas sehr Äußerliches bei +dir! Du weißt durchaus nicht, was du zu tun hast ...« + +»Doch!... Ich handle erstens als Ehrenmann ... Du bedenkst ja nicht, wie +die Sache liegt, Thomas! Hier sitzen Tony und Gerda ... wir können nicht +ausführlich darüber reden. Aber ich habe dir doch gesagt, daß ich +Verpflichtungen habe! Das letzte Kind, die kleine Gisela ...« + +»Ich weiß von keiner kleinen Gisela und will von keiner wissen! Ich bin +überzeugt, daß man dich belügt. Jedenfalls aber hast du einer Person +gegenüber, wie der, die du im Sinne hast, keine andere Verpflichtung als +die gesetzliche, die du wie bisher weitererfüllen magst ...« + +»Person, Thomas? Person? Du täuschst dich über sie! Aline ...« + +»Schweig!« rief Senator Buddenbrook mit Donnerstimme. Die beiden Brüder +starrten einander jetzt über den Tisch hinweg ins Gesicht, Thomas blaß +und zitternd vor Zorn, Christian, indem er seine kleinen, runden, +tiefliegenden Augen, deren Lider sich plötzlich entzündet hatten, +gewaltsam aufriß und auch seinen Mund in Entrüstung geöffnet hielt, so +daß seine hageren Wangen ganz ausgehöhlt erschienen. Ein Stückchen unter +den Augen zeigten sich ein paar rote Flecken ... Gerda blickte mit +ziemlich spöttischer Miene von einem zum anderen, und Tony rang die +Hände und sagte flehend: »Aber Tom ... Aber Christian ... Und Mutter +liegt nebenan!« + +»Du bist so sehr jeden Schamgefühles bar«, fuhr der Senator fort, »daß +du es über dich gewinnst ... nein, daß es dich gar keine Überwindung +kostet, an dieser Stelle und unter diesen Umständen diesen Namen zu +nennen! Dein Mangel an Takt ist abnorm, er ist krankhaft ...« + +»Ich begreife nicht, warum ich Alines Namen nicht nennen soll!« +Christian war so außerordentlich erregt, daß Gerda ihn mit wachsender +Aufmerksamkeit betrachtete. »Ich nenne ihn gerade, wie du hörst, Thomas, +ich gedenke, sie zu heiraten -- denn ich sehne mich nach einem Heim, +nach Ruhe und Frieden -- und ich verbitte mir, hörst du, das ist das +Wort, das ich gebrauche, ich =verbitte= mir jede Einmischung von deiner +Seite! Ich bin frei, ich bin mein eigener Herr ...« + +»Ein Narr bist du! Der Tag der Testamentseröffnung wird dich lehren, wie +weit du dein eigener Herr bist! Es ist dafür gesorgt, verstehst du mich, +daß du nicht Mutters Erbe verlotterst, wie du bereits dreißigtausend +Kurantmark im voraus verlottert hast. Ich werde den Rest deines +Vermögens verwalten, und du wirst nie mehr als ein Monatsgeld in die +Hände bekommen, das schwöre ich dir ...« + +»Nun, du selbst wirst wohl am besten wissen, wer Mutter zu dieser +Maßregel veranlaßt hat. Aber wundern muß ich mich doch, daß Mutter mit +dem Amte nicht jemanden betraut hat, der mir nähersteht und mir +brüderlicher zugetan ist als du ...« Christian war nun ganz und gar +außer sich; er fing an, Dinge zu sagen, wie er sie noch niemals hatte +laut werden lassen. Er hatte sich über den Tisch gebeugt, pochte +unaufhörlich mit der Spitze des gekrümmten Zeigefingers auf die Platte +und starrte mit gesträubtem Schnurrbart und geröteten Augen zu seinem +Bruder empor, der seinerseits aufrecht, bleich und mit halb gesenkten +Lidern auf ihn hinabblickte. + +»Dein Herz ist so voll von Kälte und Übelwollen und Mißachtung gegen +mich«, fuhr Christian fort, und seine Stimme war zugleich hohl und +krächzend ... »Solange ich denken kann, hast du eine solche Kälte auf +mich ausströmen lassen, daß mich in deiner Gegenwart beständig gefroren +hat ... ja, das mag ein sonderbarer Ausdruck sein, aber wenn ich es doch +so empfinde?... Du weisest mich ab ... Du weisest mich ab, wenn du mich +nur ansiehst, und auch das tust du beinahe nie. Und was gibt dir das +Recht dazu? Du bist doch auch ein Mensch und hast deine Schwächen! Du +bist unseren Eltern immer der bessere Sohn gewesen, aber wenn du ihnen +wirklich so viel näherstehst als ich, so solltest du dir doch auch ein +wenig von ihrer christlichen Denkungsart aneignen, und wenn dir schon +alle geschwisterliche Liebe fremd ist, so sollte man doch eine Spur von +christlicher Liebe von dir erwarten dürfen. Aber du bist so lieblos, daß +du mich nicht einmal besucht ... nicht ein einziges Mal im Krankenhause +besucht hast, als ich in Hamburg mit Gelenkrheumatismus daniederlag ...« + +»Ich habe Ernsteres zu bedenken als deine Krankheiten. Übrigens ist +meine eigene Gesundheit ...« + +»Nein, Thomas, deine Gesundheit ist prächtig! Du säßest hier nicht als +der, der du bist, wenn sie nicht im Verhältnis zu meiner ganz +ausgezeichnet wäre ...« + +»Ich bin vielleicht kränker als du.« + +»Du wärest ... Nein, das ist stark! Tony! Gerda! Er sagt, er sei kränker +als ich! Was! Hast =du= vielleicht in Hamburg mit Gelenkrheumatismus auf +dem Tode gelegen?! Hast =du= nach jeder kleinsten Unregelmäßigkeit eine +Qual in deinem Körper auszuhalten, die ganz unbeschreiblich ist?! Sind +vielleicht an =deiner= linken Seite alle Nerven zu kurz?! Autoritäten +haben mich versichert, daß es bei mir der Fall ist! Passieren =dir= +vielleicht solche Dinge, daß, wenn du in der Dämmerung in dein Zimmer +kommst, du auf deinem Sofa einen Mann sitzen siehst, der dir zunickt und +dabei überhaupt gar nicht vorhanden ist?!...« + +»Christian!« stieß Frau Permaneder entsetzt hervor. »Was sprichst du!... +Mein Gott, worüber streitet ihr euch eigentlich? Ihr tut, als sei es +eine Ehre, der Kränkere zu sein! Wenn es =da=rauf ankäme, so hätten +leider Gerda und ich auch noch ein Wörtchen mitzureden!... Und Mutter +liegt nebenan ...!« + +»Und du begreifst nicht, Mensch«, rief Thomas Buddenbrook +leidenschaftlich, »daß alle diese Widrigkeiten Folgen und Ausgeburten +deiner Laster sind, deines Nichtstuns, deiner Selbstbeobachtung?! +Arbeite! Höre auf, deine Zustände zu hegen und zu pflegen und darüber zu +reden!... Wenn du verrückt wirst -- und ich sage dir ausdrücklich, daß +das nicht unmöglich ist -- ich werde nicht imstande sein, eine Träne +darüber zu vergießen, denn es wird deine Schuld sein, deine allein ...« + +»Nein, du wirst auch keine Träne vergießen, wenn ich sterbe.« + +»Du stirbst ja nicht«, sagte der Senator verächtlich. + +»Ich sterbe nicht? Gut, ich sterbe also nicht! Wir werden ja sehen, wer +von uns beiden früher stirbt!... Arbeite! Wenn ich aber nicht kann? Wenn +ich es nun aber auf die Dauer nicht kann, Herr Gott im Himmel?! Ich kann +nicht lange Zeit dasselbe tun, ich werde elend davon! Wenn du es gekonnt +hast und kannst, so freue dich doch, aber sitze nicht zu Gericht, denn +ein Verdienst ist nicht dabei ... Gott gibt dem einen Kraft und dem +anderen nicht ... Aber so bist du, Thomas«, fuhr er fort, indem er sich +mit immer verzerrterem Gesicht über den Tisch beugte und immer heftiger +auf die Platte pochte ... »Du bist selbstgerecht ... ach, warte nur, das +ist es nicht, was ich sagen wollte und was ich gegen dich vorzubringen +habe ... Aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, und das, was ich +werde sagen können, ist nur der tausendste ... ach, es ist nur der +millionste Teil von dem, was ich gegen dich auf dem Herzen habe! Du hast +dir einen Platz im Leben erobert, eine geehrte Stellung, und da stehst +du nun und weisest kalt und mit Bewußtsein alles zurück, was dich einen +Augenblick beirren und dein Gleichgewicht stören könnte, denn das +Gleichgewicht, das ist dir das Wichtigste. Aber es ist nicht das +Wichtigste, Thomas, es ist vor Gott nicht die Hauptsache! Du bist ein +Egoist, ja, das bist du! Ich liebe dich noch, wenn du schiltst und +auftrittst und einen niederdonnerst. Aber am schlimmsten ist dein +Schweigen, am schlimmsten ist es, wenn du auf etwas, was man gesagt hat, +plötzlich verstummst und dich zurückziehst und jede Verantwortung +ablehnst, vornehm und intakt, und den anderen hilflos seiner Beschämung +überläßt ... Du bist so ohne Mitleid und Liebe und Demut ... Ach!« rief +er plötzlich, indem er beide Hände hinter seinen Kopf bewegte und sie +dann weit vorwärts stieß, als wehrte er die ganze Welt von sich ab ... +»Wie satt ich das alles habe, dies Taktgefühl und Feingefühl und +Gleichgewicht, diese Haltung und Würde ... wie sterbenssatt!...« Und +dieser letzte Ruf war in einem solchen Grade echt, er kam so sehr von +Herzen und brach mit einem solchen Nachdruck von Widerwillen und +Überdruß hervor, daß er tatsächlich etwas Niederschmetterndes hatte, ja, +daß Thomas ein wenig zusammensank und eine Weile wortlos und mit müder +Miene vor sich niederblickte. + +»Ich bin geworden wie ich bin«, sagte er endlich, und seine Stimme klang +bewegt, »weil ich nicht werden wollte wie du. Wenn ich dich innerlich +gemieden habe, so geschah es, weil ich mich vor dir hüten muß, weil dein +Sein und Wesen eine Gefahr für mich ist ... ich spreche die Wahrheit.« + +Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann in kürzerem und befestigtem +Tone fort: »Übrigens haben wir uns weit von unserem Gegenstande +entfernt. Du hast mir eine Rede über meinen Charakter gehalten ... eine +etwas verworrene Rede, die vielleicht einen Kern von Wahrheit enthielt. +Aber es handelt sich jetzt nicht um mich, sondern um dich. Du trägst +dich mit Heiratsgedanken, und ich möchte dich möglichst gründlich davon +überzeugen, daß die Ausführung in der Weise, wie du sie planst, +unmöglich ist. Erstens werden die Zinsen, die ich dir werde auszahlen +können, von keiner sehr ermutigenden Höhe sein ...« + +»Aline hat manches zurückgelegt.« + +Der Senator schluckte hinunter und bezwang sich. + +»Hm ... zurückgelegt. Du gedenkst also Mutters Erbe mit den Ersparnissen +dieser Dame zu vermischen ...« + +»Ja. Ich sehne mich nach einem Heim und nach jemandem, der Mitleid mit +mir hat, wenn ich krank bin. Übrigens passen wir ganz gut zusammen. Wir +sind beide ein bißchen verfahren ...« + +»Du gedenkst ferner, die vorhandenen Kinder zu adoptieren, +beziehungsweise zu ... legitimieren?« + +»Jawohl.« + +»So daß also dein Vermögen nach deinem Tode an jene Leute überginge?« -- +Als der Senator dies sagte, legte Frau Permaneder ihre Hand auf seinen +Arm und flüsterte beschwörend: »Thomas!... Mutter liegt nebenan!...« + +»Ja«, antwortete Christian, »das gehört sich doch so.« + +»Nun, du wirst das alles =nicht= tun!« rief der Senator und sprang auf. +Auch Christian erhob sich, trat hinter seinen Stuhl, erfaßte ihn mit +einer Hand, drückte das Kinn auf die Brust und sah seinen Bruder halb +scheu und halb entrüstet an. + +»Du wirst es nicht tun ...«, wiederholte Thomas Buddenbrook beinahe +sinnlos vor Zorn, blaß, bebend und mit zuckenden Bewegungen. »Solange +ich über der Erde bin, geschieht dies nicht ... ich schwöre es dir!... +Hüte dich ... nimm dich in acht ...! Es ist genug Geld durch Unglück, +Torheit und Niedertracht verloren gegangen, als daß du dich unterstehen +dürftest, ein Viertel von Mutters Vermögen diesem Frauenzimmer und ihren +Bastarden in den Schoß zu werfen!... Und das, nachdem schon ein anderes +Viertel von Tiburtius erschlichen worden!... Du hast der Familie genug +der Blamage zugefügt, Mensch, als daß es noch nötig wäre, uns mit einer +Kurtisane zu verschwägern und ihren Kindern unseren Namen zu geben. Ich +verbiete es dir, hörst du? ich verbiete es dir!« rief er mit einer +Stimme, daß das Zimmer erdröhnte und Frau Permaneder sich weinend in +einen Winkel des Sofas drückte. »Und wage es nicht, gegen dies Verbot zu +handeln, das rate ich dir! Ich habe dich bis jetzt bloß verachtet, ich +habe über dich hinweggesehen ... aber forderst du mich heraus, läßt du +es zum Äußersten kommen, so werden wir sehen, wer den kürzeren zieht! +Ich sage dir, hüte dich! Ich kenne keine Rücksicht mehr! Ich lasse dich +für kindisch erklären, ich lasse dich einsperren, ich mache dich +zunichte! Zunichte! Verstehst du mich?!...« + +»Und ich sage dir ...«, fing Christian an ... Und nun ging das Ganze in +einen Wortstreit über, einen abgerissenen, nichtigen, beklagenswerten +Wortstreit ohne ein eigentliches Thema, ohne einen anderen Zweck als +den, zu beleidigen, einander mit Worten bis aufs Blut zu verwunden. +Christian kam auf den Charakter seines Bruders zurück und suchte aus +alter Vergangenheit einzelne Züge, peinliche Anekdoten hervor, die +Thomas' Egoismus belegen sollten und die Christian nicht hatte vergessen +können, sondern mit sich umhergetragen und mit Bitterkeit durchtränkt +hatte. Und der Senator antwortete ihm in übertriebenen Worten der +Verachtung und der Drohung, die er zehn Minuten später bereute. Gerda +hatte das Haupt leicht in die Hand gestützt und beobachtete die beiden +mit verschleierten Augen und einem nicht bestimmbaren Gesichtsausdruck. +Frau Permaneder wiederholte beständig in Verzweiflung: »Und Mutter liegt +nebenan ... Und Mutter liegt nebenan ...« + +Christian, der sich schon während der letzten Repliken im Zimmer hin und +her bewegt hatte, räumte endlich den Kampfplatz. + +»Es ist gut! Wir werden ja sehen!« rief er, und mit verwildertem +Schnurrbart und roten Augen, den Rock offen, das Taschentuch in der +herabhängenden Hand, hitzig und exaltiert, ging er zur Tür und ließ sie +hinter sich ins Schloß fallen. + +In der plötzlichen Stille stand der Senator noch einen Augenblick +aufrecht und sah dorthin, wo sein Bruder verschwunden war. Dann setzte +er sich schweigend, nahm mit kurzen Bewegungen die Papiere wieder zur +Hand und erledigte mit trockenen Worten, was noch zu erledigen war, +worauf er sich zurücklehnte, die Spitzen seines Bartes durch die Finger +gleiten ließ und in Gedanken versank. + +Frau Permaneders Herz pochte so voller Angst! Die Frage, die große Frage +war nun nicht länger hinauszuschieben; sie mußte zur Sprache kommen, er +mußte sie beantworten ... aber ach, war er jetzt in der Stimmung, Pietät +und Milde walten zu lassen? + +»Und ... Tom --«, fing sie an, indem sie zuerst in ihren Schoß blickte +und dann einen zagen Versuch machte, in seiner Miene zu lesen ... »Die +Möbel ... Du hast natürlich schon alles in Erwägung gezogen ... Die +Sachen, die uns gehören, ich meine Erika, der Kleinen und mir ... sie +bleiben hier ... mit uns ... kurz ... das Haus, wie ist es damit?« +fragte sie und rang heimlich die Hände. + +Der Senator antwortete nicht sogleich, sondern fuhr eine Weile fort, den +Schnurrbart zu drehen und mit trüber Nachdenklichkeit in sich +hineinzublicken. Dann atmete er auf und richtete sich empor. + +»Das Haus?« sagte er ... »Es gehört natürlich uns allen, dir, Christian +und mir ... und komischerweise auch dem Pastor Tiburtius, denn der +Anteil gehört zu Klaras Erbe. Ich allein habe nichts darüber zu +entscheiden, sondern bedarf eurer Zustimmung. Aber das Gegebene ist +selbstverständlich, so bald als möglich zu verkaufen«, schloß er +achselzuckend. Dennoch ging etwas dabei über sein Gesicht, als erschräke +er über seine eigenen Worte. + +Frau Permaneders Kopf sank tief herab; ihre Hände hörten auf, einander +zu pressen und erschlafften plötzlich in allen Gliedern. + +»Unserer Zustimmung!« wiederholte sie nach einer Pause, traurig und +sogar mit einiger Bitterkeit. »Lieber Gott, du weißt gut, Tom, daß du +tun wirst, was du für richtig hältst, und daß wir anderen dir unsere +Zustimmung nicht lange versagen können!... Aber wenn wir ein Wort +einlegen ... dich bitten dürfen«, fuhr sie beinahe tonlos fort, und ihre +Oberlippe begann zu beben ... »Das Haus! Mutters Haus! Unser Elternhaus! +In dem wir so glücklich gewesen sind! Wir sollen es verkaufen ...!« + +Der Senator zuckte wieder die Achseln. + +»Du wirst mir glauben, Kind, daß alles, was du mir vorhalten kannst, +mich ohnehin so sehr bewegt wie dich ... Aber Gegengründe sind das +nicht, sondern Sentiments. Was zu tun ist, steht fest. Da haben wir dies +große Grundstück ... was sollen wir jetzt damit beginnen? Seit langen +Jahren, schon seit Vaters Tode, verfällt das ganze Rückgebäude. Im +Billardsaal lebt eine freie Katzenfamilie, und tritt man näher, so läuft +man Gefahr, durch den Fußboden zu brechen ... Ja, hätte ich nicht mein +Haus in der Fischergrube! Aber ich habe es, und wohin damit? Soll ich +vielleicht lieber =das= verkaufen? Urteile doch selbst ... an wen? Ich +würde ungefähr die Hälfte des Geldes verlieren, das ich hineingesteckt. +Ach Tony, wir haben Grundstücke genug, wir haben viel zuviel davon! Die +Speicher und zwei große Häuser! Der Wert der Grundstücke steht ja kaum +noch in einem Verhältnis zu dem beweglichen Kapital! Nein, verkaufen, +verkaufen!...« + +Aber Frau Permaneder hörte nicht. Niedergebeugt und in sich gekehrt saß +sie da und blickte mit feuchten Augen ins Leere. + +»Unser Haus!« murmelte sie ... »Ich weiß noch, wie wir es einweihten ... +Wir waren nicht größer als =so= damals. Die ganze Familie war da. Und +Onkel Hoffstede trug ein Gedicht vor ... Es liegt in der Mappe ... Ich +weiß es auswendig ... Venus Anadyomene ... Das Landschaftszimmer! Der +Eßsaal! Fremde Leute ...!« + +»Ja, Tony, so werden damals die auch gedacht haben, die das Haus +verlassen mußten, als Großvater es kaufte. Sie hatten ihr Geld verloren +und mußten davonziehen und sind gestorben und verdorben. Alles hat seine +Zeit. Freuen wir uns und danken wir Gott, daß es mit uns noch nicht so +weit ist, wie es damals mit Ratenkamps war, und daß wir noch unter +günstigeren Umständen von hier Abschied nehmen als sie ...« + +Schluchzen, ein langsames, schmerzliches Aufschluchzen unterbrach ihn. +Frau Permaneders Hingebung an ihren Kummer war so groß, daß sie nicht +einmal daran dachte, die Tränen zu trocknen, die über ihre Wangen +rannen. Sie saß vornüber gebeugt und zusammengesunken, und ein warmer +Tropfen fiel auf ihre matt im Schoße ruhenden Hände hinab, ohne daß sie +dessen achtete. + +»Tom«, sagte sie und gewann ihrer Stimme, die die Tränen zu ersticken +drohten, eine leise, rührende Festigkeit ab. »Du weißt nicht, wie mir +zumute ist in dieser Stunde, du weißt es nicht. Es ist deiner Schwester +nicht gut ergangen im Leben, es hat ihr übel mitgespielt. Alles ist auf +mich herabgekommen, was sich nur ausdenken ließ ... ich weiß nicht, +womit ich es verdient habe. Aber ich habe alles hingenommen, ohne zu +verzagen, Tom, das mit Grünlich und das mit Permaneder und das mit +Weinschenk. Denn immer, wenn Gott mein Leben wieder in Stücke gehen +ließ, so war ich doch nicht ganz verloren. Ich wußte einen Ort, einen +sicheren Hafen, sozusagen, wo ich zu Hause und geborgen war, wohin ich +mich flüchten konnte, vor allem Ungemach des Lebens ... Auch jetzt noch, +als doch alles zu Ende war, und als sie Weinschenk ins Gefängnis fuhren +... `Mutter´, sagte ich, `dürfen wir zu dir ziehen?´ `Ja, Kinder, kommt´ +... Als wir klein waren und `Kriegen´ spielten, Tom, da gab es immer ein +`Mal´, ein abgegrenztes Fleckchen, wohin man laufen konnte, wenn man in +Not und Bedrängnis war, und wo man nicht abgeschlagen werden durfte, +sondern in Frieden ausruhen konnte. Mutters Haus, dies Haus hier war +mein `Mal´ im Leben, Tom ... Und nun ... und nun ... verkaufen ...« + +Sie lehnte sich zurück, verbarg ihr Gesicht im Schnupftuch und weinte +bitterlich. + +Er zog eine ihrer Hände herunter und nahm sie in die seinen. + +»Ich weiß es ja, liebe Tony, ich weiß es ja alles! Aber wollen wir nun +nicht ein wenig vernünftig sein? Die gute Mutter ist dahin ... wir rufen +sie nicht zurück. Was nun? Es ist unsinnig geworden, dies Haus als totes +Kapital zu behalten ... ich muß das wissen, nicht wahr. Sollen wir eine +Mietskaserne daraus machen?... Der Gedanke ist dir schwer, daß fremde +Leute hier wohnen sollen; aber da ist es doch besser, du siehst es +nicht mit an, sondern nimmst dir und den Deinen ein kleines, hübsches +Haus oder eine Etage irgendwo vorm Tore zum Beispiel ... Oder wäre es +dir lieber, hier mit einer Anzahl von Mietsparteien zusammen zu +hausen?... Und deine Familie hast du doch immer noch, Gerda und mich und +Buddenbrooks in der Breiten Straße und Krögers und auch Mademoiselle +Weichbrodt ... ohne von Klothilde zu reden, von der ich nicht weiß, ob +ihr der Umgang mit uns genehm ist; seit sie Klosterdame geworden, ist +sie ein wenig exklusiv ...« + +Sie stieß einen Seufzer aus, der halb ein Lachen war, wandte sich ab und +drückte das Taschentuch fester gegen die Augen, schmollend wie ein Kind, +das man mit einem Spaß seinem Leide abwendig zu machen sucht. Dann aber +enthüllte sie mit Entschlossenheit ihr Gesicht und setzte sich zurecht, +indem sie, wie immer, wenn es galt, Charakter und Würde zu zeigen, den +Kopf zurücklegte und dennoch versuchte, das Kinn auf die Brust zu +drücken. + +»Ja, Tom«, sagte sie, und ihre verweinten Augen zwinkerten mit ernstem +und gefaßtem Ausdruck zum Fenster hinüber, »ich will auch verständig +sein ... ich bin es schon. Du mußt verzeihen ... und du auch, Gerda ... +daß ich geweint habe. Das kann einem ankommen ... es ist eine Schwäche. +Aber es ist nur äußerlich, glaubt mir. Ihr wißt sehr wohl, daß ich im +Grunde eine vom Leben gestählte Frau bin ... Ja, Tom, das mit dem toten +Kapital leuchtet mir ein, so viel Verstand habe ich. Ich kann nur +wiederholen, daß du tun mußt, was du für richtig hältst. Du mußt für uns +denken und handeln, denn Gerda und ich sind Weiber, und Christian ... +nun, Gott sei mit ihm!... Wir können dir nicht Widerpart halten, denn +was wir vorbringen können, sind keine Gegengründe, sondern Sentiments, +das liegt auf der Hand. An wen wirst du es wohl verkaufen, Tom? Meinst +du, daß es bald vonstatten gehen wird?« + +»Ja, Kind, wenn ich das wüßte ... Immerhin ... ich habe schon heute +morgen ein paar Worte mit Gosch, dem alten Makler Gosch, gewechselt; er +schien nicht abgeneigt, die Sache in die Hand zu nehmen ...« + +»Das wäre gut, ja, das wäre sehr gut. Sigismund Gosch hat natürlich +seine Schwächen ... Das mit seinen Übersetzungen aus dem Spanischen, +wovon man erzählt -- ich kann nicht wissen, wie der Dichter heißt -- ist +etwas sonderbar, das mußt du zugeben, Tom. Aber er war schon ein Freund +vom Vater und ist ein grundehrlicher Mann. Und dann hat er Herz, dafür +ist er bekannt. Er wird begreifen, daß es sich hier nicht um irgendeinen +Kauf handelt, um irgendein beliebiges Haus ... Was denkst du, Tom, was +wirst du verlangen? Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste, +wie?...« + +»Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste, Tom!« sagte sie noch, +die Tür in der Hand, als ihr Bruder und seine Frau schon die Treppe +hinunterstiegen. Dann, allein geblieben, stand sie inmitten des Zimmers +still, und die hinabhängenden Hände vor sich gefaltet, derart, daß die +Flächen nach unten gewandt waren, blickte sie mit großen, ratlosen Augen +rund um sich her. Ihr mit einem Häubchen aus schwarzen Spitzen +geschmückter Kopf, den sie unaufhörlich leise schüttelte, sank, von +Gedanken beschwert, langsam tiefer und tiefer auf eine Schulter hinab. + + +Drittes Kapitel + +Der kleine Johann war gehalten, sich von der sterblichen Hülle seiner +Großmutter zu verabschieden; sein Vater ordnete dies an, und er ließ +keinen Laut des Widerspruches vernehmen, obgleich er sich fürchtete. Am +Tage nach dem schweren Todeskampfe der Konsulin hatte der Senator, bei +Tische und, wie es schien, geflissentlich in Gegenwart seines Sohnes, +gegen seine Gattin mit ein paar harten Worten das Betragen Onkel +Christians verurteilt, der, als es der Kranken am schlimmsten ging, +davongeschlichen und zu Bette gegangen war. »Das sind die Nerven, +Thomas«, hatte Gerda geantwortet; aber mit einem Blick auf Hanno, der +dem Kinde keineswegs entgangen war, hatte er ihr in fast strengem Tone +zurückgegeben, daß hier kein Wort der Entschuldigung am Platze sei. Die +selige Mutter habe so sehr gelitten, daß man sich hätte schämen müssen, +allzu schmerzlos dabei zu sitzen, und sich nicht feige dem bißchen +Leiden entziehen, das der Anblick ihrer Kämpfe in einem hervorgerufen +hätte. Hieraus hatte Hanno geschlossen, daß er es nicht wagen dürfe, +gegen den Besuch am offenen Sarge etwas einzuwenden. + +Wie beim weihnachtlichen Einzuge war ihm der große Raum entfremdet, als +er ihn am Tage vorm Begräbnisse zwischen Vater und Mutter von der +Säulenhalle aus betrat. Geradeaus, weiß leuchtend gegen das dunkle Grün +großer Topfgewächse, die, mit hohen, silbernen Armleuchtern abwechselnd, +einen Halbkreis bildeten, stand auf schwarzem Postamente die Kopie von +Thorwaldsens Segnendem Christus, die draußen auf dem Korridor ihren +Platz gehabt hatte. Überall an den Wänden bewegte sich im Luftzuge +schwarzer Flor und verhüllte das Himmelblau der Tapete sowohl wie das +Lächeln der weißen Götterstatuen, die zugeschaut hatten, wenn man in +diesem Saale wohlgemut tafelte. Und umgeben von seinen ganz in Schwarz +gekleideten Anverwandten, den breiten Trauerflor um den Ärmel seines +Matrosenanzuges, den Sinn umnebelt von den Düften, welche den Mengen von +Blumengebinden und Kränzen entströmten, und mit denen sich, ganz leise +und nur bei diesem oder jenem Atemzug bemerkbar, ein anderer fremder und +doch auf seltsame Art vertrauter Duft vermengte, stand der kleine Johann +zur Seite der Bahre und blickte auf die regungslose Gestalt, die vor ihm +zwischen weißem Atlas streng und feierlich ausgestreckt lag ... + +Dies war nicht Großmama. Es war ihre Gesellschaftshaube mit den +weißseidenen Bändern und ihr rotbrauner Scheitel darunter. Aber diese +spitze Nase, diese nach innen gezogenen Lippen, dieses hervorgeschobene +Kinn, diese gelben, durchsichtigen, gefalteten Hände, denen man Kälte +und Steifheit ansah, gehörten nicht ihr. Dies war eine fremde, wächserne +Puppe, die in dieser Weise aufzubauen und zu feiern, etwas Grauenhaftes +hatte. Und er blickte zum Landschaftszimmer hinüber, als müßte dort im +nächsten Augenblick die wirkliche Großmama erscheinen ... Aber sie kam +nicht. Sie war tot. Der Tod hatte sie für immer mit dieser wächsernen +Figur vertauscht, die ihre Lider und Lippen so unerbittlich, so unnahbar +fest geschlossen hielt ... + +Er stand, auf dem linken Beine ruhend, das rechte Knie so gebogen, daß +der Fuß leicht auf der Spitze balancierte, und hielt mit einer Hand den +Schifferknoten auf seiner Brust umfaßt, während die andere schlaff +hinabhing. Sein Kopf mit dem lockig in die Schläfen fallenden +hellbraunen Haar war zur Seite geneigt, und unter zusammengezogenen +Brauen blickten seine goldbraunen, von bläulichen Schatten umlagerten +Augen blinzelnd, mit einem abgestoßenen und grüblerischen Ausdruck in +das Antlitz der Leiche. Er atmete langsam und zögernd, denn bei jedem +Atemzuge erwartete er den Duft, jenen fremden und doch so seltsam +vertrauten Duft, den die Wolken von Blumengerüchen nicht immer zu +übertäuben vermochten. Und wenn er kam, wenn er ihn verspürte, so zogen +sich seine Brauen fester zusammen, und seine Lippen gerieten einen +Augenblick in zitternde Bewegung ... Schließlich seufzte er; aber es +klang so sehr wie ein tränenloses Schluchzen, daß Frau Permaneder sich +zu ihm niederbeugte, ihn küßte und ihn fortführte. + +Und nachdem der Senator und seine Frau, zusammen mit Frau Permaneder und +Erika Weinschenk, während langer Stunden im Landschaftszimmer die +Kondolationen der Stadt entgegengenommen hatten, ward Elisabeth +Buddenbrook, geborene Kröger, zur Erde bestattet. Auswärtige Verwandte +waren aus Frankfurt und Hamburg dazu eingetroffen und hatten zum letzten +Male gastliche Aufnahme im Mengstraßenhause gefunden. Und die Menge der +Leidtragenden füllte Saal und Landschaftszimmer, Säulenhalle und +Korridor, als bei brennenden Kerzen, in aufrechter Majestät zu Häupten +des Sarges, das rasierte Antlitz, dessen Ausdruck zwischen düsterem +Fanatismus und milder Verklärung wechselte, über der breiten, gefalteten +Halskrause gegen Himmel gewandt und die Hände dicht unterm Kinn +gefaltet, Pastor Pringsheim von St. Marien die Trauerrede hielt. + +Er lobpries in schwellenden und verhallenden Lauten die Eigenschaften +der Dahingeschiedenen, ihre Vornehmheit und Demut, ihre Heiterkeit und +Frömmigkeit, ihre Wohltätigkeit und Milde. Er erwähnte des +»Jerusalemsabends« und der »Sonntagsschule«, er ließ das ganze lange, +reiche und glückselige Erdenleben der Verewigten noch einmal im Glanz +seiner Dialektik erstrahlen ... und da das Wort »Ende« ein Beiwort haben +muß, so sprach er zuletzt von ihrem sanften Ende. + +Frau Permaneder wußte wohl, was sie in dieser Stunde sich selbst und der +ganzen Versammlung an Würde und repräsentativer Haltung schuldete. Sie +hatte, zusammen mit ihrer Tochter Erika und ihrer Enkelin Elisabeth, die +sichtbarsten Ehrenplätze dicht beim Pastor, neben dem Kopfende des mit +Kränzen bedeckten Sarges, in Besitz genommen, während Thomas, Gerda, +Christian, Klothilde und der kleine Johann, sowie der alte Konsul +Kröger, der auf einem Stuhle saß, gleich den Verwandten zweiten Grades +es sich gefallen ließen, der Feier an minder ausgezeichneten Plätzen +beizuwohnen. Hochaufgerichtet, mit ein wenig emporgezogenen Schultern, +das schwarzgeränderte Batisttuch zwischen den zusammengelegten Händen, +stand sie da, und ihr Stolz über die erste Rolle, die ihr bei dieser +Feierlichkeit zufiel, war so groß, daß er manchmal den Schmerz +vollständig zurückdrängte und in Vergessenheit geraten ließ. Ihre Augen, +die sie in dem Bewußtsein, den beobachtenden Blicken der ganzen Stadt +ausgesetzt zu sein, meistens gesenkt hielt, konnten es sich hie und da +nicht versagen, über die Menge hinzuschweifen, in der sie auch Julchen +Möllendorpf, geborene Hagenström, und ihren Gatten gewahrte ... Ja, sie +hatten alle kommen müssen, die Möllendorpfs, Kistenmakers, Langhals und +Oeverdiecks! Bevor Tony Buddenbrook ihr Elternhaus räumte, hatten sie +sich noch einmal hier zusammenscharen müssen, um ihr, trotz Grünlich, +trotz Permaneder und trotz Hugo Weinschenk, ihre mittrauernde +Ehrerbietung zu erweisen ...! + +Und Pastor Pringsheim bohrte mit seiner Trauerrede in der Wunde herum, +die der Tod geschlagen hatte, er führte mit Berechnung einem jeden vor +Augen, was er verloren, er verstand es, Tränen auch dort +hervorzupressen, wo von selbst keine geflossen wären, und dafür waren +die Gerührten ihm dankbar. Als er den »Jerusalemsabend« zur Sprache +brachte, begannen alle alten Freundinnen der Verstorbenen zu schluchzen, +mit Ausnahme von Madame Kethelsen, die nichts vernahm und mit der +verschlossenen Miene der Tauben geradeaus blickte, und der Schwestern +Gerhardt, der Nachkommen Paul Gerhardts, die Hand in Hand mit klaren +Augen in einem Winkel standen; denn sie waren fröhlich über den Tod +ihrer Freundin, und beneideten sie nur deshalb nicht, weil Neid und +Mißgunst ihren Herzen fremd war. + +Was Mademoiselle Weichbrodt betraf, so putzte sie unaufhörlich ihre Nase +mit einem kurzen und energischen Akzent. Aber die Damen Buddenbrook aus +der Breiten Straße weinten nicht; dies war nicht ihre Gewohnheit. Ihre +Mienen, weniger spitz immerhin als gewöhnlich, drückten eine milde +Genugtuung über die unparteiische Gerechtigkeit des Todes aus ... + +Dann, als Pastor Pringsheims letztes Amen verklungen, kamen mit ihren +schwarzen Dreispitzen, leise und dennoch so schnell, daß die schwarzen +Mäntel hinter ihnen sich bauschten, die vier Träger herein und legten +Hand an den Sarg. Es waren vier Lakaiengesichter, die jedermann kannte, +Lohndiener, die bei jedem Diner in den ersten Kreisen die schweren +Schüsseln reichten und auf den Korridoren Möllendorpfschen Rotwein aus +den Karaffen tranken. Aber auch bei jedem Begräbnis erster und zweiter +Klasse waren sie unentbehrlich, und ihre Gewandtheit bei dieser Arbeit +war groß. Sie wußten wohl, daß dieser Augenblick, da der Sarg, aus der +Mitte der Verbliebenen heraus, von Fremden ergriffen und für immer +davongeschleppt wird, durch Takt und Behendigkeit überwunden werden muß. +Mit zwei oder drei hurtigen, geräuschlosen und kräftigen Bewegungen +hatten sie die Last von der Bahre auf ihre Schultern gehoben, und kaum, +daß jemand Zeit hatte, sich das Schreckliche des Augenblicks klar zu +machen, so schwankte der blumenbedeckte Schrein schon ohne Verzögerung +und dennoch gemessenen Tempos davon und verschwand durch die +Säulenhalle. + +Die Damen drängten sich behutsam zum Händedruck um Frau Permaneder und +ihre Tochter, wobei sie mit niedergeschlagenen Augen nicht mehr und +nicht weniger murmelten, als was bei dieser Gelegenheit gemurmelt werden +mußte, während die Herren sich anschickten, zu den Wagen +hinunterzusteigen ... + +Und es kam, in langem, schwarzem Zuge, die lange, langsame Fahrt durch +die grauen und feuchten Straßen, durchs Burgtor hinaus, die +entblätterte, im kalten Sprühregen schauernde Allee entlang bis zum +Friedhof, woselbst man, während hinter einem halbkahlen Gesträuch ein +Trauermarsch erklang, zu Fuß dem Sarge über die aufgeweichten Wege +folgte, bis dorthin, wo am Rande des Gehölzes das Buddenbrooksche +Erbbegräbnis seine von dem großen Sandsteinkreuz gekrönte gotische +Namensplatte emporragen ließ ... Der steinerne Deckel des Grabes, mit +dem plastisch gearbeiteten Familienwappen geziert, lag neben der +schwarzen, von feuchtem Grün umrahmten Gruft. + +Der Platz war dort unten dem neuen Ankömmling bereitet. Unter der +Aufsicht des Senators war dort in den letzten Tagen ein wenig geräumt +und Überreste alter Buddenbrooks waren beiseite geschafft worden. Nun +schwebte, während die Musik verklang, der Sarg an den Stricken der +Träger über der ausgemauerten Tiefe; mit einem leisen Gepolter glitt er +hinab, und Pastor Pringsheim, welcher Pulswärmer angezogen hatte, begann +aufs neue zu sprechen. Seine geschulte Stimme klang klar, beweglich und +fromm über das offene Grab und die gebeugten oder wehmütig zur Seite +gelegten Köpfe der anwesenden Herren hin in die kühle und stille +Herbstluft hinein. Schließlich beugte er sich über die Gruft, redete die +Tote mit ihrem vollständigen Namen an und segnete sie mit dem Zeichen +des Kreuzes. Als er verstummte und alle Herren mit ihren schwarz +bekleideten Händen den Zylinder vor das Gesicht hielten, um still zu +beten, kam ein wenig Sonne hervor. Es regnete nicht mehr, und in das +Geräusch der Tropfen, die vereinzelt von Bäumen und Sträuchern fielen, +klang hie und da ein kurzes, feines und fragendes Vogelzwitschern +hinein. + +Und dann machte sich ein jeder daran, den Söhnen und dem Bruder der +Toten noch einmal die Hand zu drücken. + +Thomas Buddenbrook, den dicken und dunklen Stoff seines Überziehers mit +feinen, silbernen Regentropfen betaut, stand zwischen seinem Bruder +Christian und seinem Onkel Justus bei diesem Defilee. Er begann in +letzter Zeit ein wenig stark zu werden -- das einzige Anzeichen des +Alterns an seinem sorgfältig gepflegten Äußeren. Seine Wangen, über die +der spitz ausgezogene Schnurrbart hinausragte, rundeten sich; aber sie +waren weißlich, bleich, ohne Blut und Leben. Seine leicht geröteten +Augen blickten jedem Herrn, dessen Hand er während eines Augenblicks in +der seinen hielt, mit einer matten Höflichkeit ins Gesicht. + + +Viertes Kapitel + +Acht Tage später saß in Senator Buddenbrooks Privatkontor, auf dem +Ledersessel zur Seite des Schreibtisches, ein kleiner, glattrasierter +Greis mit tief in Stirn und Schläfen gestrichenem, schlohweißem Haar. In +gebückter Haltung stützte er sich mit beiden Händen auf die weiße Krücke +seines Stockes, ließ das spitz hervorspringende Kinn auf den Händen +ruhen und hielt mit bösartig zusammengepreßten Lippen und abwärts +gezogenen Mundwinkeln von unten herauf einen so abscheulichen und +durchdringend tückischen Blick auf den Senator gerichtet, daß es +unbegreiflich erschien, warum dieser die Gemeinschaft mit einem solchen +Menschen nicht lieber mied. Aber Thomas Buddenbrook saß ohne merkliche +Unruhe zurückgelehnt und sprach zu dieser hämischen und dämonischen +Erscheinung wie zu einem harmlosen Bürger ... Zwischen dem Chef der +Firma Johann Buddenbrook und dem Makler Sigismund Gosch ward über die +Kaufsumme für das alte Haus in der Mengstraße beratschlagt. + +Das nahm eine lange Zeit in Anspruch, denn das Angebot von 28000 Talern +Kurant, das Herr Gosch gemacht hatte, schien dem Senator zu niedrig, +während der Makler sich zur Hölle verschwur, wenn dieser Summe auch nur +einen Silbergroschen hinzuzufügen nicht eine Tat des Wahnwitzes wäre. +Thomas Buddenbrook sprach von der zentralen Lage und dem ungewöhnlichen +Umfange des Grundstückes, aber Herr Gosch hielt mit zischender, +gepreßter und verbissener Stimme, verzerrten Lippen und grauenerregenden +Gesten einen Vortrag über das erdrückende Risiko, das er übernähme, eine +Explikation, die in ihrer lebensvollen Eindringlichkeit beinahe ein +Gedicht zu nennen war ... Ha! Wann, an wen, für wieviel er dieses Haus +wohl wieder würde absetzen können? Wie oft im Rollen der Jahrhunderte +denn eine Nachfrage nach einem solchen Grundstück laut würde? Ob sein +hochverehrter Freund und Gönner ihm etwa versprechen könne, daß morgen +mit dem Zuge von Büchen ein Nabob aus Indien eintreffen werde, um sich +im Buddenbrookschen Hause einzurichten? Er -- Sigismund Gosch -- werde +damit sitzenbleiben ... damit sitzenbleiben werde er, und dann sei er +ein geschlagener, ein endgültig vernichteter Mensch, der nicht mehr die +Zeit haben werde, sich zu erheben, denn seine Uhr sei abgelaufen, sein +Grab sei geschaufelt, geschaufelt sei es ... Und da diese Wendung ihn +fesselte, so fügte er noch etwas von schlotternden Lemuren und dumpf auf +den Sargdeckel fallenden Erdschollen hinzu. + +Dennoch gab der Senator sich nicht zufrieden. Er sprach über die +vortreffliche Teilbarkeit des Grundstückes, betonte die Verantwortung, +die er seinen Geschwistern gegenüber trage, und beharrte bei dem Preise +von 30000 Talern Kurant, um dann aufs neue mit einem Gemisch von +Nervosität und Wohlgefallen eine wohlpointierte Entgegnung des Herrn +Gosch anzuhören. Das dauerte wohl zwei Stunden lang, in deren Verlaufe +Herr Gosch Gelegenheit hatte, alle Register seiner Charakterkunst zu +ziehen. Er spielte gleichsam ein doppeltes Spiel, er spielte einen +heuchelnden Bösewicht. »Schlagen Sie ein, Herr Senator, mein +jugendlicher Gönner ... 84000 Kurantmark ... es ist das Angebot eines +alten, ehrlichen Mannes!« sagte er mit süßer Stimme, indem er den Kopf +auf die Seite legte, sein von Grimassen verwüstetes Gesicht zu einem +Lächeln der treuherzigen Einfalt verzog und seine Hand, eine große, +weiße Hand, mit langen und zitternden Fingern, von sich streckte. Aber +das war Lüge und Verräterei! Ein Kind hätte diese heuchlerische Maske +durchschauen müssen, unter welcher die tiefinnere Schurkenhaftigkeit +dieses Menschen gräßlich hervorgrinste ... + +Endlich erklärte Thomas Buddenbrook, daß er sich eine Bedenkzeit +erbitten und jedenfalls mit seinen Geschwistern Rücksprache nehmen +müsse, bevor er die 28000 Taler akzeptiere, was wohl kaum jemals +geschehen könne. Er brachte vorderhand das Gespräch auf ein neutrales +Gebiet, erkundigte sich nach den geschäftlichen Erfolgen des Herrn +Gosch, nach seinem persönlichen Wohlergehen ... + +Herrn Gosch ging es schlecht; mit einer schönen und großen Armbewegung +wies er die Annahme zurück, er könne zu den Glücklichen gehören. Das +beschwerliche Greisenalter nahte heran, es war da, wie gesagt, seine +Grube war geschaufelt. Er konnte abends kaum noch sein Glas Grog zum +Munde führen, ohne die Hälfte zu verschütten, so machte der Teufel +seinen Arm zittern. Da nützte kein Fluchen ... Der Wille triumphierte +nicht mehr ... Immerhin! Er hatte ein Leben hinter sich, ein nicht ganz +armes Leben. Mit wachen Augen hatte er in die Welt gesehen. Revolutionen +und Kriege waren vorübergebraust, und ihre Wogen waren auch durch sein +Herz gegangen ... sozusagen. Ha, verdammt, das waren andere Zeiten +gewesen, als er während jener historischen Bürgerschaftssitzung an der +Seite von des Senators Vater, neben Konsul Johann Buddenbrook dem +Ansturm des wütenden Pöbels getrotzt hatte! Der schrecklichste der +Schrecken ... Nein, sein Leben war nicht arm gewesen, auch innerlich +nicht so ganz. Verdammt, er hatte Kräfte verspürt, und wie die Kraft, so +das Ideal -- sagt Feuerbach. Und auch jetzt noch, auch jetzt ... seine +Seele war nicht verarmt, sein Herz war jung geblieben, es hatte nie +aufgehört, würde nie aufhören, grandioser Erlebnisse fähig zu sein, +seine Ideale warm und treu zu umschließen ... Er würde sie mit ins Grab +nehmen, gewiß! Aber waren Ideale dazu da, erreicht und verwirklicht zu +werden? Keineswegs! Die Sterne, die begehrt man nicht, aber die Hoffnung +... oh, die Hoffnung, nicht die Erfüllung, die Hoffnung war das beste im +Leben. _L'espérance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins à nous +mener à la fin de la vie par un chemin agréable._ Das hatte +Larochefoucauld gesagt, und es war schön, nicht wahr?... Ja, sein +hochverehrter Freund und Gönner brauchte dergleichen nicht zu wissen! +Wen die Wogen des realen Lebens hoch auf ihre Schultern genommen hatten, +daß das Glück seine Stirn umspielte, der brauchte solche Dinge nicht im +Kopfe zu haben. Aber wer einsam tief unten im Dunkel träumte, der hatte +dergleichen nötig!... + +»Sie sind glücklich«, sagte er plötzlich, indem er eine Hand auf des +Senators Knie legte und mit schwimmendem Blick zu ihm emporsah. »... O +doch! Versündigen Sie sich nicht, indem Sie das leugnen! Sie sind +glücklich! Sie halten das Glück in den Armen! Sie sind ausgezogen und +haben es sich mit starkem Arm erobert ... mit starker Hand!« verbesserte +er sich, weil er die zu schnelle Wiederholung des Wortes »Arm« nicht +ertragen konnte. Dann verstummte er, und ohne ein Wort von des Senators +abwehrender und resignierter Antwort zu vernehmen, fuhr er fort, ihm mit +einer dunklen Träumerei ins Gesicht zu blicken. Plötzlich richtete er +sich auf. + +»Aber wir plaudern«, sagte er, »und doch sind wir in Geschäften +zusammengekommen. Die Zeit ist kostbar -- verlieren wir sie nicht mit +Bedenken! Hören Sie mich an ... Weil =Sie= es sind ... verstehen Sie +mich? Weil ...« Es sah aus, als wollte Herr Gosch aufs neue in ein +schönes Sinnen versinken, aber er raffte sich auf und rief mit einer +weiten, schwungvollen und enthusiastischen Geste: »Neunundzwanzigtausend +Taler ... Siebenundachtzigtausend Mark Kurant für das Haus Ihrer Mutter! +Top?...« + +Und Senator Buddenbrook schlug ein. + +Frau Permaneder fand, wie zu erwarten stand, den Kaufpreis zum Lachen +gering. Würde jemand, in Anbetracht der Erinnerungen, die sich für sie +daran knüpften, eine Million für das Haus auf den Tisch gezählt haben, +sie hätte dies als eine anständige Handlungsweise empfunden -- weiter +nichts. Indessen gewöhnte sie sich rasch an die Zahl, die ihr Bruder ihr +genannt hatte, besonders, da ihr Denken und Trachten von Zukunftsplänen +in Anspruch genommen war. + +Sie freute sich von Herzen über die vielen guten Möbel, die ihr +zugefallen waren, und obgleich fürs erste niemand daran dachte, sie aus +ihrem Elternhause zu verjagen, betrieb sie das Auffinden und Mieten +einer neuen Wohnung für sich und die Ihren mit vielem Eifer. Der +Abschied würde schwer sein ... gewiß, der Gedanke daran trieb ihr die +Tränen in die Augen. Aber andererseits hatte die Aussicht auf Neuerung +und Veränderung doch ihren Reiz ... War es nicht fast wie eine neue, +eine vierte Etablierung? Wieder besichtigte sie Wohnräume, wieder nahm +sie Rücksprache mit dem Tapezierer Jacobs, wieder unterhandelte sie in +den Läden über Portieren und Läuferstoffe ... Ihr Herz pochte, +wahrhaftig, das Herz dieser alten, vom Leben gestählten Frau schlug +höher! + +So vergingen Wochen, vier, fünf und sechs Wochen. Der erste Schnee kam, +der Winter war da, die Öfen prasselten, und Buddenbrooks überlegten +traurig, wie diesmal das Weihnachtsfest vergehen werde ... Da plötzlich +geschah etwas, etwas Dramatisches, etwas über alle Maßen Überraschendes; +der Lauf der Dinge nahm eine Wendung, die das allgemeinste Interesse +verdiente und auch erhielt; ein Ereignis trat ein ... es =schlug= ein, +es machte, daß Frau Permaneder inmitten ihrer Geschäfte stille stand und +erstarrte! + +»Thomas«, sagte sie, »bin ich verrückt? Phantasiert vielleicht Gosch? Es +kann nicht möglich sein! Es ist zu absurd, zu undenkbar, zu ...« Sie +verstummte und hielt ihre Schläfen mit beiden Händen erfaßt. Aber der +Senator zuckte die Achseln. + +»Liebes Kind, noch ist nichts entschieden; aber der Gedanke, die +Möglichkeit ist aufgetaucht, und bei einiger ruhigen Überlegung wirst du +finden, daß an der Sache gar nichts Undenkbares ist. Ein bißchen +frappierend ist es, gewiß. Ich trat auch einen Schritt zurück, als Gosch +es mir sagte. Aber undenkbar? Was steht denn im Wege?...« + +»Ich überlebe es nicht«, sagte sie, setzte sich in einen Stuhl und blieb +regungslos. + +Was ging vor? -- Schon hatte sich ein Käufer für das Haus gefunden oder +doch eine Person, die Interesse für den Fall an den Tag legte und +bereits dem Wunsche Ausdruck gegeben hatte, das feilstehende Besitztum +behufs weiterer Unterhandlungen einmal gründlich in Augenschein zu +nehmen. Und diese Person war Herr Hermann Hagenström, Großhändler und +Königlich Portugiesischer Konsul. + +Als das erste Gerücht Frau Permaneder erreicht hatte, war sie gelähmt +gewesen, verblüfft, vor den Kopf geschlagen, ungläubig, unfähig, den +Gedanken in seiner Tiefe zu erfassen. Nun aber, da die Frage mehr und +mehr an Form und Gestalt gewann, da der Besuch Konsul Hagenströms in der +Mengstraße ganz einfach schon vor der Türe stand, nun raffte sie sich +zusammen, und es kam Leben in sie. Sie protestierte nicht, sie bäumte +sich auf. Sie fand Worte, glühende und scharfschneidige Worte, und sie +schwang sie wie Brandfackeln und Kriegsbeile. + +»Dies geschieht nicht, Thomas! So lange ich lebe, geschieht dies nicht! +Wenn man seinen Hund verkauft, so sieht man danach, was für einen Herrn +er bekommt. Und Mutters Haus! Unser Haus! Das Landschaftszimmer!...« + +»Aber ich frage dich ja, was denn eigentlich im Wege steht?« + +»Was im Wege steht? Grundgütiger Gott, was im Wege steht! Berge sollten +ihm im Wege stehen, diesem dicken Menschen, Thomas! Berge! Aber er sieht +sie nicht! Er kümmert sich nicht darum! Er hat kein Gefühl dafür! Ist er +denn ein Vieh?... Seit Urzeiten sind Hagenströms unsere Widersacher ... +Der alte Hinrich hat Großvater und Vater schikaniert, und wenn Hermann +dir noch nichts Ernstliches hat antun können, wenn er dir noch keinen +Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, so geschah es, weil sich ihm +noch keine Gelegenheit dazu bot ... Als wir Kinder waren, habe ich ihn +auf offener Straße geohrfeigt, wozu ich meine Gründe hatte, und seine +holdselige Schwester Julchen hat mich dafür beinahe zuschanden gekratzt. +Das sind Kindereien ... gut! Aber sie haben voll Hohn und Freude +zugesehen, wenn wir Unglück hatten, und meistens war ich diejenige, die +ihnen dies Vergnügen verschaffte ... Gott hat es so gewollt ... Aber +inwiefern der Konsul dir geschäftlich geschadet, und mit welcher +Unverschämtheit er dich überflügelt hat, das mußt du selbst am besten +wissen, Tom, darüber kann ich dich nicht belehren. Und als zu guter +Letzt noch Erika eine gute Heirat machte, da hat es sie gewurmt, so +lange, bis sie es fertig gebracht hatten, den Direktor aus der Welt zu +schaffen und einzusperren, durch die Hand ihres Bruders, dieses Katers, +dieses Satans von Staatsanwalt ... Und nun wollen sie sich erfrechen ... +sie entblöden sich nicht ...« + +»Höre, Tony, erstens haben wir in der Sache ja ernstlich gar nicht mehr +mitzureden, denn wir haben mit Gosch abgeschlossen, und es ist nun an +ihm, das Geschäft zu machen mit wem er will. Ich gebe dir ja zu, daß +eine gewisse Ironie des Schicksals darin läge ...« + +»Ironie des Schicksals? Ja, Tom, das ist nun =deine= Art, dich +auszudrücken! Ich aber nenne es eine Schmach, einen Faustschlag mitten +ins Gesicht, und das wäre es!... Bedenkst du denn nicht, was es +bedeutet? So bedenke doch, was es bedeuten würde, Thomas! Es würde +bedeuten: Buddenbrooks sind fertig, sie sind endgültig abgetan, sie +ziehen ab, und Hagenströms rücken mit Kling und Klang an ihre Stelle ... +Nie, Thomas, niemals wirke ich mit bei diesem Schauspiele! Niemals biete +ich die Hand zu dieser Niederträchtigkeit! Mag er nur kommen, laß ihn +nur sich unterstehen, hierher zu kommen, um das Haus zu besichtigen. Ich +empfange ihn nicht, das glaube mir! Ich setze mich mit meiner Tochter +und meiner Enkelin in ein Zimmer und drehe den Schlüssel um und verwehre +ihm den Eintritt, das tue ich ...« + +»Du wirst das machen, wie du es für klug hältst, meine Liebe, und vorher +überlegen, ob es nicht ratsam sein wird, den gesellschaftlichen Anstand +aufmerksam zu wahren. Vermutlich glaubst du, daß Konsul Hagenström sich +durch dein Benehmen tief getroffen fühlen würde? Nein, weit gefehlt, +mein Kind. Er würde sich weder erfreuen noch erbosen darüber, sondern er +würde erstaunt sein, kühl und gleichgültig erstaunt ... Die Sache ist +die, daß du bei ihm dieselben Gefühle gegen dich und uns voraussetzest, +die du gegen ihn hegst. Irrtum, Tony! Er haßt dich ja gar nicht. Warum +sollte er dich hassen? Er haßt keinen Menschen. Er sitzt in Erfolg und +Glück und ist voll Heiterkeit und Wohlwollen, glaube mir das eine. Ich +habe dir schon mehr als zehnmal versichert, daß er dich auf der Straße +in der liebenswürdigsten Weise grüßen würde, wenn du dich überwinden +könntest, einmal nicht gar zu kriegerisch und hochmütig in die Luft zu +blicken. Er wundert sich darüber, zwei Minuten lang empfindet er ein +ruhevolles und etwas mokantes Erstaunen, unfähig, einen Mann, dem +niemand etwas anhaben kann, aus dem Gleichgewicht zu bringen ... Was +wirfst du ihm vor? Wenn er mich geschäftlich weit überflügelt hat und +mir hie und da mit Erfolg in öffentlichen Angelegenheiten entgegentritt +-- schön und gut, so muß er denn wohl ein tüchtigerer Kaufmann und ein +besserer Politiker sein als ich ... Durchaus kein Grund, so sonderbar +wütend zu lachen, wie du da tust! Um aber auf das Haus zurückzukommen, +so hat ja das alte längst kaum noch eine tatsächliche Bedeutung für die +Familie, sondern die ist allmählich ganz auf das meine übergegangen ... +ich sage das, um dich für jeden Fall zu trösten. Andererseits ist es ja +klar, wodurch Konsul Hagenström auf Kaufgedanken gebracht worden ist. +Die Leute sind emporgekommen, ihre Familie wächst, sie sind mit +Möllendorpfs verschwägert und an Geld und Ansehen den Ersten gleich. +Aber es fehlt ihnen etwas, etwas Äußerliches, worauf sie bislang mit +Überlegenheit und Vorurteilslosigkeit verzichtet haben ... Die +historische Weihe, sozusagen das Legitime ... Sie scheinen jetzt Appetit +danach bekommen zu haben, und sie verschaffen sich etwas davon, indem +sie ein Haus beziehen wie dieses hier ... Paß auf, der Konsul wird hier +alles möglichst konservieren, er wird nichts umbauen, er wird auch das +`_Dominus providebit_´ über der Haustür stehen lassen, obgleich man +billig sein und ihm zugestehen muß, daß nicht der Herr, sondern er ganz +allein der Firma Strunck & Hagenström zu einem so erfreulichen +Aufschwung verholfen hat ...« + +»Bravo, Tom! Ach, wie das wohltut, einmal von dir eine Bosheit über ihn +zu hören! Das ist ja eigentlich alles, was ich will! Mein Gott, hätte +ich deinen Kopf, wie wollte ich ihm zusetzen! Aber da stehst du nun ...« + +»Du siehst ja, daß mein Kopf mir tatsächlich wenig nützt.« + +»Aber da stehst du nun, sage ich, und sprichst über die Sache mit dieser +unfaßlichen Gelassenheit und erklärst mir Hagenströms Handlungsweise ... +Ach, rede wie du willst, du hast ein Herz im Leibe so gut wie ich, und +ich glaube einfach nicht, daß es dich innerlich so ruhig läßt, wie du +tust! Du antwortest mir auf meine Klagen ... vielleicht willst du dich +selbst nur trösten ...« + +»Jetzt wirst du vorlaut, Tony. Wie ich `tue´, das gilt -- bitte ich mir +aus! Alles übrige geht niemanden etwas an.« + +»Sage nur das eine, Tom, ich flehe dich an: Wäre es nicht ein +Fiebertraum?« + +»Vollkommen.« + +»Ein Alpdrücken?« + +»Warum nicht.« + +»Eine Katzenkomödie zum Heulen?« + +»Genug! Genug!« -- + +-- Und Konsul Hagenström erschien in der Mengstraße, er erschien +zusammen mit Herrn Gosch, der, seinen Jesuitenhut in der Hand, gebückt +und verräterisch um sich blickend, an dem Folgmädchen vorbei, das die +Karten überbracht hatte und die Glastür offen hielt, hinter dem Konsul +ins Landschaftszimmer trat ... + +Hermann Hagenström, in einem fußlangen, dicken und schweren Pelze, der +vorne offen stand und einen grüngelben, faserigen und durablen +englischen Winteranzug sehen ließ, war eine großstädtische Figur, ein +imposanter Börsentypus. Er war so außerordentlich fett, daß nicht nur +sein Kinn, sondern sein ganzes Untergesicht doppelt war, was der +kurzgehaltene, blonde Vollbart nicht verhüllte, ja, daß die geschorene +Haut seiner Schädeldecke bei gewissen Bewegungen der Stirn und der +Augenbrauen dicke Falten warf. Seine Nase lag platter als jemals auf der +Oberlippe und atmete mühsam in den Schnurrbart hinein; dann und wann +aber mußte der Mund ihr zu Hilfe kommen, indem er sich zu einem +ergiebigen Atemzuge öffnete. Und das war noch immer mit einem gelinde +schmatzenden Geräusch verbunden, hervorgerufen durch ein allmähliches +Loslösen der Zunge vom Oberkiefer und vom Schlunde. + +Frau Permaneder verfärbte sich, als sie dieses altbekannte Geräusch +vernahm. Eine Vision von Zitronensemmeln mit Trüffelwurst und von +Straßburger Gänseleberpastete suchte sie heim dabei und hätte beinahe +für einen Augenblick die steinerne Würde ihrer Haltung erschüttert ... +Das Trauerhäubchen auf dem glattgescheitelten Haar, in einem +vortrefflich sitzenden schwarzen Kleid, dessen Rock mit Volants bis oben +hinauf besetzt war, saß sie mit gekreuzten Armen und etwas +emporgezogenen Schultern auf dem Sofa und richtete noch beim Eintritt +der beiden Herren eine gleichgültige und ruhevolle Bemerkung an ihren +Bruder, den Senator, der es nicht hätte verantworten können, sie in +dieser Stunde im Stiche zu lassen ... Sie blieb auch noch sitzen, +während der Senator, der den Gästen bis zur Mitte des Zimmers +entgegengeschritten war, eine herzliche Begrüßung mit dem Makler Gosch +und eine korrekt höfliche mit dem Konsul tauschte, erhob sich dann auch +ihrerseits, vollführte eine gemessene Verbeugung vor beiden zugleich und +beteiligte sich dann ohne jedweden Übereifer mit Wort und Hand an den +Aufforderungen ihres Bruders, gefälligst Platz zu nehmen. Übrigens hielt +sie hierbei vor unberührter Gleichgültigkeit ihre Augen beinahe ganz +geschlossen. + +Während man sich setzte und im Verlaufe der ersten darauf folgenden +Minuten sprachen abwechselnd der Konsul und der Makler. Herr Gosch bat +mit abstoßend falscher Demut, hinter der allen sichtbar die Tücke +lauerte, gütigst die Störung zu entschuldigen, doch hege Herr Konsul +Hagenström den Wunsch, einen Rundgang durch die Räumlichkeiten des +Hauses zu tun, da er eventuell als Käufer darauf reflektiere ... Und +dann wiederholte der Konsul mit einer Stimme, die Frau Permaneder +wiederum an belegte Zitronensemmeln gemahnte, dasselbe noch einmal in +anderen Worten. Ja, in der Tat, der Gedanke sei ihm gekommen, und er sei +schnell zum Wunsche geworden, den er sich und den Seinen erfüllen zu +können hoffe, gesetzt, daß nicht Herr Gosch ein gar zu gutes Geschäft +dabei zu machen beabsichtige, ha, ha!... nun, er zweifle nicht, daß sich +die Angelegenheit zur allseitigen Zufriedenheit werde ordnen lassen. + +Sein Gehaben war frei, sorglos, behaglich und weltmännisch, was seinen +Eindruck auf Frau Permaneder nicht verfehlte, besonders da er aus +Courtoisie sich mit seinen Worten fast immer an sie wandte. Er ließ sich +sogar darauf ein, seinen Wunsch in beinahe entschuldigendem Ton +ausführlich zu begründen. »Raum! Mehr Raum!« sagte er. »Mein Haus in der +Sandstraße ... Sie glauben es nicht, gnädige Frau, und Sie, Herr Senator +... es wird uns effektiv zu eng, wir können uns manchmal nicht mehr +darin rühren. Ich rede nicht einmal von Gesellschaft ... bewahre. Es ist +effektiv nur die Familie nötig, Huneus', Möllendorpfs, die Angehörigen +meines Bruders Moritz ... und wir befinden uns effektiv wie die Heringe. +Also warum -- nicht wahr?« + +Er sprach in dem Tone einer leichten Entrüstung, mit einem Ausdruck und +mit Handbewegungen, welche besagten: Sie werden das einsehen ... ich +brauche mir das nicht gefallen zu lassen ... ich wäre ja dumm ... da es +doch, Gott sei Dank, am Nötigsten nicht fehlt, der Sache abzuhelfen ... + +»Nun habe ich warten wollen«, fuhr er fort, »ich habe warten wollen, bis +Zerline und Bob ein Haus gebrauchen würden, um ihnen erst dann das meine +abzutreten und mich nach etwas Größerem umzutun; aber ... Sie wissen«, +unterbrach er sich, »daß meine Tochter Zerline und Bob, der Älteste +meines Bruders, des Staatsanwaltes, seit langen Jahren verlobt sind ... +Die Hochzeit soll nun nicht allzu lange mehr hinausgeschoben werden. +Zwei Jahre höchstens noch ... Sie sind jung -- desto besser! Aber kurz +und gut, warum soll ich auf sie warten und mir die günstige Gelegenheit +entgehen lassen, die sich mir augenblicklich bietet? Es läge effektiv +kein vernünftiger Sinn darin ...« + +Zustimmung herrschte im Zimmer, und die Unterhaltung blieb ein wenig bei +dieser Familienangelegenheit, dieser bevorstehenden Verehelichung +stehen; denn da vorteilhafte Heiraten zwischen Geschwisterkindern in der +Stadt nichts Ungewöhnliches waren, so nahm niemand Anstoß daran. Man +erkundigte sich nach den Plänen der jungen Herrschaften, Pläne, die +sogar schon die Hochzeitsreise betrafen ... Sie gedachten an die Riviera +zu gehen, nach Nizza usw. Sie hatten Lust dazu -- und warum also nicht, +nicht wahr?... Auch der jüngeren Kinder wurde erwähnt, und der Konsul +sprach mit Behagen und Wohlgefallen von ihnen, leichthin und mit +Achselzucken. Er selbst besaß fünf Kinder und sein Bruder Moritz deren +vier: Söhne und Töchter ... ja, danke sehr, sie waren alle wohlauf. +Warum sollten sie übrigens nicht wohlauf sein -- nicht wahr? Kurzum, es +ging ihnen gut. Und dann kam er wieder auf das Anwachsen der Familie und +die Enge in seinem Hause zu sprechen ... »Ja, dies hier ist etwas +anderes!« sagte er. »Das habe ich schon auf dem Wege hier herauf sehen +können -- das Haus ist eine Perle, eine Perle ohne Frage, gesetzt, daß +der Vergleich bei diesen Dimensionen haltbar ist, ha! ha!... Schon die +Tapeten hier ... ich gestehe Ihnen, gnädige Frau, ich bewundere, während +ich spreche, beständig die Tapeten. Ein scharmantes Zimmer effektiv! +Wenn ich denke ... hier haben Sie bislang Ihr Leben verbringen +dürfen ...« + +»Mit einigen Unterbrechungen -- ja«, sprach Frau Permaneder mit jener +besonderen Kehlkopfstimme, die ihr manchmal zu Gebote stand. + +»Unterbrechungen -- ja«, wiederholte der Konsul mit zuvorkommendem +Lächeln. Dann warf er einen Blick auf Senator Buddenbrook und Herrn +Gosch, und da die beiden Herren im Gespräche begriffen waren, rückte er +seinen Sessel näher zu Frau Permaneders Sofasitz heran und beugte sich +zu ihr, so daß nun das schwere Pusten seiner Nase dicht unter der ihren +ertönte. Zu höflich, sich abzuwenden und sich seinem Atem zu entziehen, +saß sie steif und möglichst hoch aufgerichtet und blickte mit gesenkten +Lidern auf ihn nieder. Aber er bemerkte durchaus nicht das Gezwungene +und Unangenehme ihrer Lage. + +»Wie ist es, gnädige Frau«, sagte er ... »Mir scheint, wir haben früher +schon einmal Geschäfte miteinander gemacht? Damals handelte es sich +freilich nur ... um was noch gleich? Leckereien, Zuckerwerk, wie?... Und +jetzt um ein ganzes Haus ...« + +»Ich erinnere mich nicht«, sagte Frau Permaneder und steifte ihren Hals +noch mehr, denn sein Gesicht war ihr unanständig und unerträglich +nahe ... + +»Sie erinnern sich nicht?« + +»Nein, ich weiß, ehrlich gesagt, nichts von Zuckerwerk. Mir schwebt +etwas vor von Zitronensemmeln mit fetter Wurst belegt ... einem recht +widerlichen Frühstücksbrot ... Ich weiß nicht, ob es mir oder Ihnen +gehörte ... Wir waren Kinder damals ... Aber das mit dem Hause heute ist +ja ganz und gar Sache des Herrn Gosch ...« + +Sie warf ihrem Bruder einen raschen, dankbaren Blick zu, denn er hatte +ihre Not gesehen und kam ihr zu Hilfe, indem er sich die Frage erlaubte, +ob es den Herren genehm sei, vorerst einmal den Gang durchs Haus zu +unternehmen. Man war bereit dazu, man verabschiedete sich vorläufig von +Frau Permaneder, denn man hoffte, später noch einmal das Vergnügen zu +haben ... und dann führte der Senator die beiden Gäste durch den Eßsaal +hinaus. + +Er führte sie treppauf, treppab und zeigte ihnen die Zimmer der zweiten +Etage sowie diejenigen, die am Korridor des ersten Stockwerks gelegen +waren, und die Parterreräumlichkeiten, ja selbst Küche und Keller. Was +die Büros betraf, so nahm man Abstand davon, einzutreten, da der +Rundgang in die Arbeitszeit der Versicherungsbeamtenschaft fiel. Ein +paar Bemerkungen über den neuen Direktor wurden gewechselt, den Konsul +Hagenström zweimal hintereinander für einen grundehrlichen Mann +erklärte, worauf der Senator verstummte. + +Sie gingen dann durch den kahlen, in halbgeschmolzenem Schnee liegenden +Garten, taten einen Blick in das »Portal« und kehrten auf den vorderen +Hof zurück, dorthin, wo die Waschküche lag, um sich von hier aus den +schmalen gepflasterten Gang zwischen den Mauern entlang über den +hinteren Hof, wo der Eichbaum stand, nach dem Rückgebäude zu begeben. +Hier gab es nichts als vernachlässigte Altersschwäche. Zwischen den +Pflastersteinen des Hofes wucherte Gras und Moos, die Treppen des Hauses +waren in vollem Verfall, und die freie Katzenfamilie im Billardsaale +konnte man nur flüchtig beunruhigen, indem man die Tür öffnete, ohne +einzutreten, denn der Fußboden war hier nicht sicher. + +Konsul Hagenström war schweigsam und ersichtlich mit Erwägungen und +Plänen beschäftigt. »Nun ja --«, sagte er beständig, gleichgültig +abwehrend, und deutete damit an, daß, sollte er hier Herr werden, dies +alles natürlich nicht so bleiben könne. Mit der gleichen Miene stand er +auch ein Weilchen auf dem harten Lehmboden zu ebener Erde und blickte zu +den öden Speicherböden empor. »Nun ja --«, wiederholte er, setzte das +dicke und schadhafte Windetau, das hier, mit seinem verrosteten +Eisenhaken am Ende, während langer Jahre regungslos inmitten des Raumes +gehangen hatte, ein wenig in Pendelbewegung und wandte sich dann auf dem +Absatze um. + +»Ja, nehmen Sie besten Dank für Ihre Bemühungen, Herr Senator; wir sind +wohl zu Ende«, sagte er, und dann blieb er beinahe stumm, auf dem rasch +zurückgelegten Wege zum Vordergebäude sowie auch später, als die beiden +Gäste sich im Landschaftszimmer, ohne noch einmal Platz zu nehmen, bei +Frau Permaneder empfohlen hatten und Thomas Buddenbrook sie die Treppe +hinunter und über die Diele geleitete. Kaum aber war die Verabschiedung +erledigt, und kaum wandte sich Konsul Hagenström, auf die Straße +hinaustretend, seinem Begleiter, dem Makler, zu, als zu bemerken war, +daß ein überaus lebhaftes Gespräch zwischen den beiden begann ... + +Der Senator kehrte ins Landschaftszimmer zurück, woselbst Frau +Permaneder, ohne sich anzulehnen und mit strenger Miene, an ihrem +Fensterplatze saß, mit zwei großen Holznadeln an einem schwarzwollenen +Röckchen für ihre Enkelin, die kleine Elisabeth, strickte und hie und da +einen Blick seitwärts in den »Spion« warf. Thomas ging eine Weile, die +Hände in den Hosentaschen, schweigend auf und nieder. + +»Ja, ich habe ihn nun dem Makler überlassen«, sagte er dann; »man muß +abwarten, was daraus wird. Ich denke, er wird das Ganze kaufen, hier +vorne wohnen und das hintere Terrain anderweitig verwerten ...« + +Sie sah ihn nicht an, sie veränderte auch nicht die aufrechte Haltung +ihres Oberkörpers und hörte nicht auf, zu stricken; im Gegenteile, die +Schnelligkeit, mit der die Nadeln sich in ihren Händen umeinander +bewegten, nahm merklich zu. + +»O gewiß, er wird es kaufen, er wird das Ganze kaufen«, sagte sie, und +es war die Kehlkopfstimme, deren sie sich bediente. »Warum sollte er es +nicht kaufen, nicht wahr? Es läge effektiv kein vernünftiger Sinn +darin.« + +Und mit emporgezogenen Brauen blickte sie durch das Pincenez, das sie +jetzt bei Handarbeiten gebrauchen mußte, aber durchaus nicht richtig +aufzusetzen verstand, steif und fest auf ihre Nadeln, die mit +verwirrender Geschwindigkeit und leisem Geklapper umeinanderwirbelten. + + * * * * * + +Weihnachten kam, das erste Weihnachtsfest ohne die Konsulin. Der Abend +des vierundzwanzigsten Dezembers wurde im Hause des Senators begangen, +ohne die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße und ohne die alten +Krögers; denn wie es nun mit den regelmäßigen »Kindertagen« ein Ende +hatte, so war Thomas Buddenbrook auch nicht geneigt, alle Teilnehmer an +den Weihnachtsabenden der Konsulin nun seinerseits zu versammeln und zu +beschenken. Nur Frau Permaneder mit Erika Weinschenk und der kleinen +Elisabeth, Christian, Klothilde, die Klosterdame und Mademoiselle +Weichbrodt waren gebeten, welch letztere ja nicht abließ, am +fünfundzwanzigsten in ihren heißen Stübchen die übliche, mit +Unglücksfällen verbundene Bescherung abzuhalten. + +Es fehlte der Chor der »Hausarmen«, die in der Mengstraße Schuhzeug und +wollene Sachen in Empfang genommen hatten, und es gab keinen +Knabengesang. Man stimmte im Salon ganz einfach das »Stille Nacht, +heilige Nacht« an, worauf Therese Weichbrodt aufs exakteste das +Weihnachtskapitel verlas, an Stelle der Senatorin, die das nicht +sonderlich liebte; und dann ging man, indem man mit halber Stimme die +erste Strophe des »O Tannebaum« sang, durch die Zimmerflucht in den +großen Saal hinüber. + +Es lag kein besonderer Grund vor zu freudigen Veranstaltungen. Die +Gesichter waren nicht eben glückstrahlend und die Unterhaltung nicht +eben heiter bewegt. Worüber sollte man plaudern? Es gab nicht viel +Erfreuliches in der Welt. Man gedachte der seligen Mutter, sprach über +den Hausverkauf, über die helle Etage, die Frau Permaneder vorm +Holstentore in einem freundlichen Hause angesichts der Anlagen des +»Lindenplatzes« gemietet hatte, und über das, was geschehen werde, wenn +Hugo Weinschenk wieder auf freiem Fuße wäre ... Inzwischen spielte der +kleine Johann auf dem Flügel einiges, was er mit Herrn Pfühl geübt +hatte, und begleitete seiner Mutter, etwas fehlerhaft, aber mit schönem +Klange, eine Sonate von Mozart. Er wurde belobt und geküßt, mußte dann +aber von Ida Jungmann zur Ruhe gebracht werden, da er heute abend, noch +infolge einer kaum überstandenen Darmaffektion, sehr blaß und matt +aussah. + +Selbst Christian, welcher, da er nach jenem Zusammenstoße im +Frühstückszimmer von Heiratsgedanken nichts mehr hatte verlautbaren +lassen, mit seinem Bruder in dem alten, für ihn nicht sehr ehrenvollen +Verhältnis fortlebte, war gänzlich ungesprächig und zu keinem Spaße +aufgelegt. Er machte mit wandernden Augen einen kurzen Versuch, bei den +Anwesenden ein wenig Verständnis für die »Qual« in seiner linken Seite +zu erwecken und ging früh in den Klub, um erst zum Abendessen +zurückzukehren, das in der hergebrachten Weise zusammengesetzt war ... +Dann hatten Buddenbrooks diesen Weihnachtsabend hinter sich, und sie +waren beinahe froh darüber. + +Zu Beginn des Jahres 72 ward der Hausstand der verstorbenen Konsulin +aufgelöst. Die Dienstmädchen zogen davon, und Frau Permaneder lobte +Gott, als auch Mamsell Severin, die ihr bislang im Wirtschaftswesen aufs +unerträglichste die Autorität streitig gemacht hatte, sich mit den +übernommenen Seidenkleidern und Wäschestücken verabschiedete. Dann +standen Möbelwagen in der Mengstraße, und die Räumung des alten Hauses +begann. Die große geschnitzte Truhe, die vergoldeten Kandelaber und die +übrigen Dinge, die dem Senator und seiner Gattin zugefallen waren, +wurden nun in die Fischergrube geschafft, Christian bezog mit den Seinen +eine Garçonwohnung von drei Zimmern in der Nähe des Klubs, und die +kleine Familie Permaneder-Weinschenk hielt ihren Einzug in dem hellen +und nicht ohne Anspruch auf Vornehmheit eingerichteten Stockwerk am +Lindenplatze. Es war eine hübsche kleine Wohnung, und an der Etagentür +stand auf einem blanken Kupferschilde in zierlicher Schrift zu lesen: +=A. Permaneder-Buddenbrook, Witwe=. + +Kaum aber stand das Haus in der Mengstraße leer, als auch schon eine +Schar von Arbeitern am Platze erschien, die das Rückgebäude abzubrechen +begannen, daß der alte Mörtelstaub die Luft verfinsterte ... Das +Grundstück war nun endgültig in den Besitz Konsul Hagenströms +übergegangen. Er hatte es gekauft, er schien seinen Ehrgeiz darein +gesetzt zu haben, es zu kaufen, denn ein Angebot, das Herrn Sigismund +Gosch von Bremen aus zugegangen war, hatte er unverzüglich überboten, +und er begann nun, sein Eigentum in der ingeniösen Art zu verwerten, die +man seit langer Zeit an ihm bewunderte. Schon im Frühjahr bezog er mit +seiner Familie das Vorderhaus, indem er dort nach Möglichkeit alles beim +alten beließ, vorbehaltlich kleiner gelegentlicher Renovierungen und +abgesehen von einigen sofortigen, der Neuzeit entsprechenden Änderungen; +zum Beispiel wurden alle Glockenzüge abgeschafft und das Haus durchaus +mit elektrischen Klingeln versehen ... Schon aber war das Rückgebäude +vom Boden verschwunden, und an seiner Statt stieg ein neues empor, ein +schmucker und luftiger Bau, dessen Front der Bäckergrube zugekehrt war +und der für Magazine und Läden hohe und weite Räume bot. + +Frau Permaneder hatte ihrem Bruder Thomas gegenüber wiederholt eidlich +beteuert, daß fortan keine Macht der Erde sie werde bewegen können, ihr +Elternhaus auch nur mit einem Blicke wiederzusehen. Allein es war +unmöglich, dies innezuhalten, und hie und da führte ihr Weg sie +notwendig an den rasch aufs vorteilhafteste vermieteten Läden und +Schaufenstern des Rückgebäudes oder der ehrwürdigen Giebelfassade +andererseits vorüber, wo nun unter dem »_Dominus providebit_« der Name +Konsul Hermann Hagenströms zu lesen war. Dann aber begann Frau +Permaneder-Buddenbrook auf offener Straße und angesichts noch so vieler +Menschen einfach laut zu weinen. Sie legte den Kopf zurück, ähnlich +einem Vogel, der zu singen anhebt, drückte das Schnupftuch gegen die +Augen und stieß wiederholt einen Wehelaut hervor, dessen Ausdruck aus +Protest und Klage gemischt war, worauf sie, ohne sich um irgendeinen +Vorübergehenden noch um die Mahnungen ihrer Tochter zu bekümmern, sich +ihren Tränen überließ. + +Es war noch ganz ihr unbedenkliches, erquickendes Kinderweinen, das ihr +in allen Stürmen und Schiffbrüchen des Lebens treugeblieben war. + + + + +Zehnter Teil + + +Erstes Kapitel + +Oftmals, wenn die trüben Stunden kamen, fragte sich Thomas Buddenbrook, +was er eigentlich noch sei, was ihn eigentlich noch berechtige, sich +auch nur ein wenig höher einzuschätzen als irgendeiner seiner einfach +veranlagten, biderben und kleinbürgerlich beschränkten Mitbürger. Die +phantasievolle Schwungkraft, der muntere Idealismus seiner Jugend war +dahin. Im Spiele zu arbeiten und mit der Arbeit zu spielen, mit einem +halb ernst, halb spaßhaft gemeinten Ehrgeiz nach Zielen zu streben, +denen man nur einen Gleichniswert zuerkennt -- zu solchen +heiter-skeptischen Kompromissen und geistreichen Halbheiten gehört viel +Frische, Humor und guter Mut; aber Thomas Buddenbrook fühlte sich +unaussprechlich müde und verdrossen. + +Was für ihn zu erreichen gewesen war, hatte er erreicht, und er wußte +wohl, daß er den Höhepunkt seines Lebens, wenn überhaupt, wie er bei +sich hinzufügte, bei einem so mittelmäßigen und niedrigen Leben von +einem Höhepunkte die Rede sein konnte, längst überschritten hatte. + +Was das rein Geschäftliche betraf, so galt im allgemeinen sein Vermögen +für stark reduziert und die Firma für im Rückgange begriffen. Dennoch +war er, sein mütterliches Erbe, den Anteil am Mengstraßenhause und den +Grundbesitz eingerechnet, ein Mann von mehr als sechsmalhunderttausend +Mark Kurant. Das Betriebskapital aber lag brach seit langen Jahren, mit +dem pfennigweisen Geschäftemachen, dessen sich der Senator zur Zeit der +Pöppenrader Ernteangelegenheit angeklagt hatte, war es seit dem Schlage, +den er damals empfangen, nicht besser, sondern schlimmer geworden, und +jetzt, in einer Zeit, da alles sich frisch und siegesfroh regte, da seit +dem Eintritt der Stadt in den Zollverband kleine Krämergeschäfte +imstande waren, sich binnen weniger Jahre zu angesehenen Großhandlungen +zu entwickeln, jetzt ruhte die Firma Johann Buddenbrook, ohne +irgendeinen Vorteil aus den Errungenschaften der Zeit zu ziehen, und +über den Gang der Geschäfte befragt, antwortete der Chef mit matt +abwehrender Handbewegung: »Ach, dabei ist nicht viel Freude ...« Ein +lebhafterer Konkurrent, der ein naher Freund der Hagenströms war, tat +die Äußerung, daß Thomas Buddenbrook an der Börse eigentlich nur noch +dekorativ wirke, und dieser Scherz, der auf das sorgfältig gepflegte +Äußere des Senators anspielte, wurde von den Bürgern als eine unerhörte +Leistung gewandter Dialektik bewundert und belacht. + +War aber der Senator im Fortwirken für das alte Firmenschild, dem er +ehemals mit soviel Enthusiasmus gedient hatte, durch erlittenes +Mißgeschick und innere Mattigkeit gelähmt, so waren seinem Emporstreben +im städtischen Gemeinwesen äußere Grenzen gezogen, die unüberschreitbar +waren. Seit Jahren, schon seit seiner Berufung in den Senat, hatte er +auch hier erlangt, was für ihn zu erlangen war. Es gab nur noch +Stellungen innezuhalten und Ämter zu bekleiden, aber nichts mehr zu +erobern; es gab nur noch Gegenwart und kleinliche Wirklichkeit, aber +keine Zukunft und keine ehrgeizigen Pläne mehr. Zwar hatte er seine +Macht in der Stadt umfänglicher zu gestalten gewußt, als ein anderer an +seiner Stelle das vermocht hätte, und seinen Feinden wurde es schwer, zu +leugnen, daß er »des Bürgermeisters rechte Hand« sei. Bürgermeister aber +konnte Thomas Buddenbrook nicht werden, denn er war Kaufmann und nicht +Gelehrter, er hatte kein Gymnasium absolviert, war nicht Jurist und +überhaupt nicht akademisch ausgebildet. Er aber, der von jeher seine +Mußestunden mit historischer und literarischer Lektüre ausgefüllt hatte, +der sich seiner gesamten Umgebung an Geist, Verstand und innerer wie +äußerer Bildung überlegen fühlte, er verwand nicht den Ärger darüber, +daß das Fehlen der ordnungsmäßigen Qualifikationen es ihm unmöglich +machte, in dem kleinen Reich, in das er hineingeboren, die erste Stelle +einzunehmen. »Wie dumm sind wir gewesen«, sagte er zu seinem Freunde und +Bewunderer Stephan Kistenmaker -- aber mit dem »wir« meinte er nur sich +allein --, »daß wir so früh ins Kontor gelaufen sind und nicht lieber +die Schule beendigt haben!« Und Stephan Kistenmaker antwortete: »Ja, da +hast du wahrhaftig recht!... Warum übrigens?« + +Der Senator arbeitete jetzt meistens allein an dem großen +Mahagonischreibtisch in seinem Privatbüro; erstens, weil dort niemand es +sah, wenn er den Kopf in die Hand stützte und mit geschlossenen Augen +grübelte, hauptsächlich aber, weil die haarsträubende Pedanterie, mit +der sein Sozius, Herr Friedrich Wilhelm Marcus, ihm gegenüber immer aufs +neue seine Utensilien ordnete und seinen Schnurrbart strich, ihn von +seinem Fensterplatz im Hauptkontor verjagt hatte. + +Die bedächtige Umständlichkeit des alten Herrn Marcus war im Laufe der +Jahre zur vollständigen Manie und Wunderlichkeit geworden; was sie aber +in letzter Zeit für Thomas Buddenbrook zu etwas unerträglich +Aufreizendem und Beleidigendem machte, war der Umstand, daß er selbst zu +seinem Entsetzen oftmals etwas Ähnliches an sich beobachten mußte. Ja, +auch in ihm, der ehemals aller Kleinlichkeit so abhold gewesen war, +hatte sich eine Art von Pedanterie entwickelt, wenn auch aus einer +anderen Konstitution und einer anderen Gemütsverfassung heraus. + +In ihm war es leer, und er sah keinen anregenden Plan und keine +fesselnde Arbeit, der er sich mit Freude und Befriedigung hätte hingeben +können. Sein Tätigkeitstrieb aber, die Unfähigkeit seines Kopfes, zu +ruhen, seine Aktivität, die stets etwas gründlich anderes gewesen war +als die natürliche und durable Arbeitslust seiner Väter: etwas +Künstliches nämlich, ein Drang seiner Nerven, ein Betäubungsmittel im +Grunde, so gut wie die kleinen, scharfen russischen Zigaretten, die er +beständig dazu rauchte ... sie hatte ihn nicht verlassen, er war ihrer +weniger Herr als jemals, sie hatte überhandgenommen und wurde zur +Marter, indem sie sich an eine Menge von Nichtigkeiten verzettelte. Er +war gehetzt von fünfhundert nichtswürdigen Bagatellen, die zum großen +Teil nur die Instandhaltung seines Hauses und seiner Toilette betrafen, +die er aus Überdruß verschob, die sein Kopf nicht beieinander zu halten +vermochte und mit denen er nicht in Ordnung kam, weil er +unverhältnismäßig viel Nachdenken und Zeit daran verschwendete. + +Das, was man in der Stadt seine »Eitelkeit« nannte, hatte in einer Weise +zugenommen, deren er selbst längst begonnen hatte sich zu schämen, ohne +daß er imstande gewesen wäre, sich der Gewohnheiten zu entschlagen, die +sich in dieser Beziehung entwickelt hatten. Von dem Augenblicke an, da +er nach einer nicht unruhig aber in dumpfem und unerquicklichem Schlafe +verbrachten Nacht im Schlafrock zu Herrn Wenzel, dem alten Barbier, ins +Ankleidezimmer trat -- es war 9 Uhr, und er hatte sich früher viel +zeitiger erhoben -- verbrauchte er volle anderthalb Stunden bei seinem +Anzuge, bis er sich fertig und entschlossen fühlte, den Tag zu beginnen, +indem er sich zum Tee ins erste Stockwerk hinunterbegab. Seine Toilette +war so umständlich und dabei in der Reihenfolge ihrer Einzelheiten, von +der kalten Dusche im Badezimmer bis zum Schluß, wenn das letzte +Stäubchen vom Rocke entfernt war und die Bartenden zum letzten Male +durch die Brennschere glitten, so fest und unabänderlich geregelt, daß +die beständig wiederholte Abhaspelung dieser zahllosen kleinen +Handgriffe und Arbeiten ihn jeden Augenblick zur Verzweiflung brachte. +Dennoch hätte er es nicht vermocht, das Kabinett mit dem Bewußtsein zu +verlassen, irgend etwas davon unterlassen oder nur flüchtig erledigt zu +haben, aus Furcht, dieses Gefühls von Frische, Ruhe und Intaktheit +verlustig zu gehen, das doch nach einer einzigen Stunde wieder verloren +war und notdürftig erneuert werden mußte. + +Er sparte in allen Dingen, soweit das, ohne sich dem Gerede auszusetzen, +tunlich war, -- nur nicht in betreff seiner Garderobe, die er durchaus +bei dem elegantesten Schneider von Hamburg anfertigen ließ und für deren +Erhaltung und Ergänzung er keine Kosten scheute. Eine Tür, die in ein +anderes Zimmer zu führen schien, verschloß die geräumige Nische, die in +eine Wand des Ankleidekabinetts eingemauert war, und in der an langen +Reihen von Haken, über gebogene Holzleisten ausgespannt, die Jacketts, +Smokings, Gehröcke, Fräcke für alle Jahreszeiten und in allen +Gradabstufungen der gesellschaftlichen Feierlichkeit hingen, während auf +mehreren Stühlen die Beinkleider, sorgfältig in die Falten gelegt, +aufgestapelt waren. In der Kommode aber, mit dem gewaltigen +Spiegelaufsatz, dessen Platte mit Kämmen, Bürsten und Präparaten für +die Pflege des Haupthaares und Bartes bedeckt war, lagerte der Vorrat +von verschiedenartiger Leibwäsche, die beständig gewechselt, gewaschen, +verbraucht und ergänzt wurde ... + +In diesem Kabinett verbrachte er nicht nur am Morgen eine lange Zeit, +sondern auch vor jedem Diner, jeder Senatssitzung, jeder öffentlichen +Versammlung, kurz, immer, bevor es galt, sich unter Menschen zu zeigen +und zu bewegen, ja selbst vor den alltäglichen Mahlzeiten zu Hause, bei +denen außer ihm selbst nur seine Frau, der kleine Johann und Ida +Jungmann zugegen waren. Und wenn er hinaustrat, so verschaffte die +frische Wäsche an seinem Körper, die tadellose und diskrete Eleganz +seines Anzuges, sein sorgfältig gewaschenes Gesicht, der Geruch der +Brillantine in seinem Schnurrbart und der herb-kühle Geschmack des +gebrauchten Mundwassers ihm das Befriedigungs- und Bereitschaftsgefühl, +mit dem ein Schauspieler, der seine Maske in allen Einzelheiten +vollendet hergestellt hat, sich zur Bühne begibt ... Wirklich! Thomas +Buddenbrooks Dasein war kein anderes mehr als das eines Schauspielers, +eines solchen aber, dessen ganzes Leben bis auf die geringste und +alltäglichste Kleinigkeit zu einer einzigen Produktion geworden ist, +einer Produktion, die mit Ausnahme einiger weniger und kurzer Stunden +des Alleinseins und der Abspannung beständig alle Kräfte in Anspruch +nimmt und verzehrt ... Der gänzliche Mangel eines aufrichtig feurigen +Interesses, das ihn in Anspruch genommen hätte, die Verarmung und +Verödung seines Inneren -- eine Verödung, so stark, daß sie sich fast +unablässig als ein unbestimmt lastender Gram fühlbar machte -- verbunden +mit einer unerbittlichen inneren Verpflichtung und zähen +Entschlossenheit, um jeden Preis würdig zu repräsentieren, seine +Hinfälligkeit mit allen Mitteln zu verstecken und die »Dehors« zu +wahren, hatte dies aus seinem Dasein gemacht, hatte es künstlich, +bewußt, gezwungen gemacht und bewirkt, daß jedes Wort, jede Bewegung, +jede geringste Aktion unter Menschen zu einer anstrengenden und +aufreibenden Schauspielerei geworden war. + +Seltsame Einzelheiten traten dabei zutage, eigenartige Bedürfnisse, die +er selbst mit Erstaunen und Widerwillen an sich wahrnahm. Im Gegensatze +zu Leuten, die selbst keine Rolle spielen, sondern nur unbeachtet und +den Blicken unzugänglich in aller Stille ihre Beobachtungen anstellen +wollen, liebte er es nicht, das Tageslicht im Rücken zu haben, sich +selbst im Schatten zu wissen und die Leute in heller Beleuchtung vor +sich zu sehen; halb geblendet vielmehr das Licht in den Augen zu fühlen +und die Leute, sein Publikum, die, auf die er als liebenswürdiger +Gesellschafter oder als lebhafter Geschäftsmann und repräsentierender +Firmenchef oder als öffentlicher Redner zu wirken hatte, als eine bloße +Masse im Schatten vor sich zu sehen ... nur dies gab ihm das Gefühl der +Separation und Sicherheit, jenen blinden Rausch des Sich-Produzierens, +in dem er seine Erfolge erzielte. Ja, eben dieser rauschartige Zustand +der Aktion war es, der ihm allgemach zu dem weitaus erträglichsten +geworden war. Wenn er, das Weinglas zur Hand, am Tische stand und mit +liebenswürdigem Mienenspiele, gefälligen Gesten und geschickt +vorgebrachten Redewendungen, welche einschlugen und beifällige +Heiterkeit entfesselten, einen Toast ausbrachte, so konnte er trotz +seiner Blässe als der Thomas Buddenbrook von ehedem erscheinen; viel +schwerer war es ihm, in untätigem Stillesitzen die Herrschaft über sich +selbst zu bewahren. Dann stiegen Müdigkeit und Überdruß in ihm empor, +trübten seine Augen und nahmen ihm die Gewalt über seine Gesichtsmuskeln +und die Haltung seines Körpers. Nur =ein= Wunsch erfüllte ihn dann: +dieser matten Verzweiflung nachzugeben, sich davonzustehlen und zu Hause +seinen Kopf auf ein kühles Kissen zu legen. + + * * * * * + +Frau Permaneder hatte in der Fischergrube zu Abend gegessen und zwar +allein; denn ihre Tochter, die gleichfalls gebeten worden war, hatte +nachmittags ihrem Gatten im Gefängnis einen Besuch gemacht und fühlte +sich, wie stets in diesem Falle, ermüdet und unwohl, weshalb sie zu +Hause geblieben war. + +Frau Antonie hatte bei Tische über Hugo Weinschenk gesprochen, dessen +Gemütszustand äußerst traurig sein sollte, und dann war die Frage +erörtert worden, wann man wohl, mit einiger Aussicht auf Erfolg, dem +Senate ein Gnadengesuch werde einreichen können. Nun hatten sich die +drei Verwandten im Wohnzimmer um den runden Mitteltisch unter der +großen Gaslampe niedergelassen. Gerda Buddenbrook und ihre Schwägerin +saßen, mit Handarbeiten beschäftigt, einander gegenüber. Die Senatorin +hielt ihr schönes weißes Gesicht über eine Seidenstickerei gebeugt, daß +ihr schweres Haar, vom Lichte beschienen, dunkel zu erglühen schien, und +Frau Permaneder, den Klemmer gänzlich schief und zweckwidrig auf der +Nase, befestigte mit sorglichen Fingern eine große, wunderbar rote +Atlasschleife an einem winzigen gelben Körbchen. Das wurde ein +Geburtstagsgeschenk für irgendeine Bekannte. Der Senator aber saß +seitwärts vom Tische in einem breiten Polsterfauteuil mit schräger +Rückenlehne und las mit gekreuzten Beinen die Zeitung, während er dann +und wann den Rauch seiner russischen Zigarette einzog und ihn als einen +hellgrauen Strom durch den Schnurrbart wieder ausatmete ... + +Es war ein warmer Sommer-Sonntagabend. Das hohe Fenster stand offen und +ließ die laue, ein wenig feuchte Luft das Zimmer erfüllen. Vom Tische +aus konnte man, über den grauen Giebeln der gegenüberliegenden Häuser, +zwischen ganz langsam ziehenden Wolken die Sterne sehen. Drüben, in dem +kleinen Blumenladen von Iwersen, war noch Licht. Weiter oben in der +stillen Straße ward unter allerhand Mißgriffen eine Handharmonika +gespielt, wahrscheinlich von einem Knechte des Fuhrmannes Dankwart. Dann +und wann wurde es laut dort draußen. Ein Trupp von Matrosen zog vorüber, +die singend, rauchend und Arm in Arm aus einer zweifelhaften +Hafenwirtschaft kamen und sich in Feierstimmung nach einer noch +zweifelhafteren umtaten. Ihre rauhen Stimmen und wiegenden Schritte +verhallten in einer Querstraße. + +Der Senator legte die Zeitung neben sich auf den Tisch, schob sein +Pincenez in die Westentasche und strich mit der Hand über Stirn und +Augen. + +»Schwach, sehr schwach, diese `Anzeigen´!« sagte er. »Mir fällt jedesmal +dabei ein, was Großvater von faden und konsistenzlosen Gerichten sagte: +Es schmeckt, als ob man die Zunge zum Fenster hinaushängt ... In drei +langweiligen Minuten ist man mit dem Ganzen fertig. Es steht einfach gar +nichts darin ...« + +»Ja, Gott weiß es, das darfst du getrost wiederholen, Tom!« sagte Frau +Permaneder, indem sie ihre Arbeit sinken ließ und an dem Klemmer vorbei +auf ihren Bruder sah ... »Was soll auch wohl darin stehen? Ich habe es +von jeher gesagt, schon als ganz junges, dummes Ding: Diese Städtischen +Anzeigen sind ein klägliches Blättchen! Ich lese sie ja auch, gewiß, +weil eben meistens nichts anderes zur Hand ist ... Aber daß der +Großhändler Konsul so und so seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, +finde ich meinesteils nicht allzu erschütternd. Man sollte andere +Blätter lesen, die Königsberger Hartungsche Zeitung oder die Rheinische +Zeitung. Da würde man ...« + +Sie unterbrach sich. Sie hatte die Zeitung zur Hand genommen, hatte sie +noch einmal entfaltet und, während sie sprach, ihre Augen geringschätzig +über die Spalten gleiten lassen. Nun aber blieb ihr Blick an einer +Stelle haften, einer kurzen Notiz von vier oder fünf Zeilen ... Sie +verstummte, sie griff mit einer Hand nach ihrem Augenglas, las, während +ihr Mund sich langsam öffnete, die Notiz zu Ende und stieß dann zwei +Schreckensrufe aus, wobei sie beide Handflächen gegen die Wangen preßte +und die Ellenbogen weit vom Körper entfernt hielt. + +»Unmöglich!... Es ist nicht möglich!... Nein, Gerda ... Tom ... Das +konntest du übersehen!... Es ist entsetzlich ... Die arme Armgard! So +mußte es für sie kommen ...« + +Gerda hatte den Kopf von ihrer Arbeit erhoben und Thomas sich erschreckt +seiner Schwester zugewandt. Und heftig ergriffen, mit bebender +Kehlstimme jedes Wort schicksalsschwer betonend, las Frau Permaneder +laut diese Nachricht, die aus Rostock kam und dahinging, daß gestern +nacht der Rittergutsbesitzer Ralf von Maiboom im Arbeitszimmer des +Herrenhauses von Pöppenrade sich vermittels eines Revolverschusses +entleibt habe. »Pekuniäre Bedrängnis scheint der Beweggrund zur Tat +gewesen zu sein. Herr von Maiboom hinterläßt eine Frau mit drei +Kindern.« So schloß sie, und dann ließ sie die Zeitung in den Schoß +sinken, lehnte sich zurück und sah Bruder und Schwägerin schweigend und +fassungslos mit klagenden Augen an. + +Thomas Buddenbrook hatte sich, schon während sie las, wieder von ihr +abgekehrt und blickte an ihr vorbei, zwischen den Portieren hindurch, in +das Dunkel des Salons hinüber. + +»Mit einem Revolver?« fragte er, nachdem wohl zwei Minuten lang Stille +geherrscht hatte. -- Und wiederum nach einer Pause sprach er leise, +langsam und spöttisch: »Ja, ja, so ein Rittersmann!...« + +Dann versank er aufs neue in Sinnen. Die Schnelligkeit, mit der er die +eine Spitze seines Schnurrbartes zwischen den Fingern drehte, stand in +sonderbarem Gegensatz zu der verschwommenen, starren und ziellosen +Unbeweglichkeit seines Blickes. + +Er achtete nicht auf die Klagereden seiner Schwester und auf die +Mutmaßungen, die sie in betreff des ferneren Lebens ihrer Freundin +Armgard anstellte, noch bemerkte er, daß Gerda, ohne den Kopf ihm +zuzuwenden, ihre nahe beieinanderliegenden braunen Augen, in deren +Winkeln bläuliche Schatten lagerten, fest und spähend auf ihn gerichtet +hielt. + + +Zweites Kapitel + +Niemals vermochte Thomas Buddenbrook mit dem Blicke matten Mißmutes, mit +dem er den Rest seines eigenen Lebens erwartete, auch in die Zukunft des +kleinen Johann zu sehen. Sein Familiensinn, dieses ererbte und +anerzogene, rückwärts sowohl wie vorwärts gewandte, pietätvolle +Interesse für die intime Historie seines Hauses hinderte ihn daran, und +die liebevolle oder neugierige Erwartung, mit der seine Freundschaft und +Bekanntschaft in der Stadt, seine Schwester und selbst die Damen +Buddenbrook in der Breiten Straße seinen Sohn betrachteten, beeinflußte +seine Gedanken. Er sagte sich mit Genugtuung, daß, wie aufgerieben und +hoffnungslos auch immer er selbst für seine Person sich fühlte, er +angesichts seines kleinen Erbfolgers stets belebender Zukunftsträume von +Tüchtigkeit, praktischer und unbefangener Arbeit, Erfolg, Erwerb, Macht, +Reichtum und Ehren fähig war ... ja, daß an dieser einen Stelle sein +erkaltetes und künstliches Leben zu warmem und aufrichtigem Sorgen, +Fürchten und Hoffen wurde. + +Wie, wenn er selbst noch dereinst auf seine alten Tage, von einem +Ruhewinkel aus, den Wiederbeginn der alten Zeit, der Zeit von Hannos +Urgroßvater, erblicken dürfte? War diese Hoffnung denn so gänzlich +unmöglich? Er hatte die Musik als seine Feindin empfunden; aber hatte es +denn in Wirklichkeit eine so ernste Bewandtnis damit? Zugegeben, daß die +Liebe des Jungen zum freien Spiele ohne Noten von einer nicht ganz +gewöhnlichen Veranlagung Zeugnis gab, -- im regelrechten Unterrichte bei +Herrn Pfühl war er keineswegs außerordentlich weit vorgeschritten. Die +Musik, das war keine Frage, war der Einfluß seiner Mutter, und kein +Wunder, daß während der ersten Kinderjahre dieser Einfluß überwogen +hatte. Aber die Zeit begann, da einem Vater Gelegenheit gegeben wird, +auch seinerseits auf seinen Sohn zu wirken, ihn ein wenig auf seine +Seite zu ziehen und mit männlichen Gegeneindrücken die bisherigen +weiblichen Einflüsse zu neutralisieren. Und der Senator war +entschlossen, keine solche Gelegenheit unbenutzt zu lassen. + +Hanno, nun elfjährig, war zu Ostern ebenso wie sein Freund, der kleine +Graf Mölln, mit genauer Not und zwei Nachprüfungen, im Rechnen und in +der Geographie, nach Quarta versetzt worden. Es stand fest, daß er die +Realklassen besuchen sollte, denn daß er Kaufmann werden und dereinst +die Firma übernehmen mußte, war selbstverständlich, und Fragen seines +Vaters, ob er Lust zu seinem künftigen Berufe in sich verspüre, +beantwortete er mit Ja ... einem einfachen, etwas scheuen Ja ohne +Zusatz, das der Senator durch weitere drängende Fragen ein wenig +lebhafter und ausführlicher zu machen suchte -- und zwar meistens +vergebens. + +Hätte Senator Buddenbrook zwei Söhne besessen, so hätte er den Jüngeren +ohne Frage das Gymnasium absolvieren und studieren lassen. Aber die +Firma verlangte einen Erben, und abgesehen hiervon glaubte er dem +Kleinen eine Wohltat zu erweisen, wenn er ihn der unnötigen Mühen mit +dem Griechischen überhob. Er war der Meinung, daß das Realpensum +leichter zu bewältigen sei, und daß Hanno, mit seiner oft schwerfälligen +Auffassung, seiner träumerischen Unaufmerksamkeit und seiner +körperlichen Zartheit, die ihn allzuoft nötigte, die Schule zu +versäumen, in den Realklassen ohne Überanstrengung schneller und +ehrenvoller vorwärts kommen werde. Sollte der kleine Johann Buddenbrook +einstmals das leisten, wozu er berufen war und was die Seinen von ihm +erhofften, so mußte man vor allem darauf bedacht sein, seine nicht eben +kräftige Konstitution durch Rücksichtnahme einerseits und durch +rationelle Pflege und Abhärtung andererseits zu festigen und zu heben ... + +Mit seinem braunen Haar, das er jetzt seitwärts gescheitelt und schräg +von seiner weißen Stirn zurückgebürstet trug, das aber dennoch danach +strebte, sich in weichen Locken tief über die Schläfen zu schmiegen, mit +seinen langen, braunen Wimpern und seinen goldbraunen Augen stach Johann +Buddenbrook auf dem Schulhof und auf der Straße trotz seines +Kopenhagener Matrosenanzuges stets ein wenig fremdartig unter den +hellblonden und stahlblauäugigen, skandinavischen Typen seiner Kameraden +hervor. Er war in letzter Zeit ziemlich stark gewachsen, aber seine +Beine in den schwarzen Strümpfen und seine Arme in den dunkelblauen, +bauschigen und gesteppten Ärmeln waren schmal und weich wie die eines +Mädchens, und noch immer lagen, wie bei seiner Mutter, die bläulichen +Schatten in den Winkeln seiner Augen, -- dieser Augen, die, besonders +wenn sie seitwärts gerichtet waren, mit einem so zagen und ablehnenden +Ausdruck dareinblickten, während sein Mund sich noch immer auf jene +wehmütige Art geschlossen hielt, oder während Hanno nachdenklich die +Zungenspitze an einem Zahne scheuerte, dem er mißtraute, mit +leichtverzerrten Lippen und einer Miene, als fröre ihn ... + +Wie man von Doktor Langhals erfuhr, der jetzt die Praxis des alten +Doktor Grabow gänzlich übernommen hatte und Hausarzt bei Buddenbrooks +war, hatte Hannos unzulänglicher Kräftezustand sowie die Blässe seiner +Haut ihren triftigen Grund, und dieser bestand darin, daß der Organismus +des Kleinen leider die so wichtigen roten Blutkörperchen in nicht +genügender Anzahl produzierte. Dieser Unzuträglichkeit zu steuern aber +gab es ein Mittel, ein ganz vortreffliches Mittel, das Doktor Langhals +in großen Mengen verordnete: Lebertran, guter, gelber, fetter, +dickflüssiger Dorschlebertran, der aus einem Porzellanlöffel zweimal +täglich zu nehmen war; und auf entschiedenen Befehl des Senators sorgte +Ida Jungmann mit liebevoller Strenge dafür, daß dies pünktlich geschah. +Anfangs zwar erbrach sich Hanno nach jedem Löffel, und sein Magen schien +den guten Dorschlebertran nicht beherbergen zu können; aber er gewöhnte +sich daran, und wenn man gleich nach dem Niederschlucken ein Stück +Roggenbrot mit angehaltenem Atem im Munde zerkaute, so ward der Ekel ein +wenig beruhigt. + +Alle übrigen Beschwerden waren ja nur Folgeerscheinungen dieses Mangels +an roten Blutkörperchen, »sekundäre Erscheinungen«, wie Doktor Langhals +sagte, indem er seine Fingernägel besah. Allein auch diesen sekundären +Erscheinungen mußte unnachsichtig zu Leibe gegangen werden. Um die Zähne +zu behandeln, zu füllen und gegebenen Falles zu extrahieren, dazu wohnte +Herr Brecht mit seinem Josephus in der Mühlenstraße; und um die +Verdauung zu regulieren, gab es Rizinusöl auf der Welt, gutes, dickes, +silberblankes Rizinusöl, welches, aus einem Eßlöffel genommen, wie ein +schlüpfriger Molch durch die Kehle glitschte und das man drei Tage lang +roch, schmeckte, im Schlunde spürte, wo man ging und stand ... Ach, +warum war das alles doch so unüberwindlich widerlich? Ein einziges Mal +-- Hanno hatte recht krank zu Bette gelegen, und sein Herz hatte sich +besondere Unregelmäßigkeiten zuschulden kommen lassen -- war Doktor +Langhals mit einer gewissen Nervosität zur Verschreibung eines Mittels +geschritten, das dem kleinen Johann Freude gemacht und ihm so +unvergleichlich wohlgetan hatte: und das waren Arsenikpillen gewesen. +Hanno fragte in der Folge oftmals danach, von einem beinahe zärtlichen +Bedürfnis nach diesen kleinen, süßen, beglückenden Pillen getrieben. +Aber er erhielt sie nicht mehr. + +Lebertran und Rizinusöl waren gute Dinge, aber darin war Doktor Langhals +vollständig mit dem Senator einig, daß sie allein nicht hinreichten, den +kleinen Johann zu einem tüchtigen und wetterfesten Manne zu machen, wenn +er selbst nicht das Seine dazu täte. Da waren zum Beispiel, geleitet von +dem Turnlehrer Herrn Fritsche, die Turnspiele, die zur Sommerszeit +allwöchentlich draußen auf dem »Burgfelde« veranstaltet wurden und der +männlichen Jugend der Stadt Gelegenheit gaben, Mut, Kraft, Gewandtheit +und Geistesgegenwart zu zeigen und zu pflegen. Aber zum Zorne seines +Vaters legte Hanno nichts als Widerwillen, einen stummen, reservierten, +beinahe hochmütigen Widerwillen gegen solche gesunde Unterhaltungen an +den Tag ... Warum hatte er so gar keine Fühlung mit seinen Klassen- und +Altersgenossen, mit denen er später zu leben und zu wirken haben würde? +Warum hockte er beständig nur mit diesem kleinen, halb gewaschenen Kai +zusammen, der ja ein gutes Kind, aber immerhin eine etwas zweifelhafte +Existenz und kaum eine Freundschaft für die Zukunft war? Auf irgendeine +Weise muß ein Knabe sich das Vertrauen und den Respekt seiner Umgebung, +die mit ihm aufwächst und auf deren Schätzung er für sein ganzes Leben +angewiesen ist, von Anfang an zu gewinnen wissen. Da waren die beiden +Söhne des Konsuls Hagenström: vierzehn- und zwölfjährig, zwei +Prachtkerle, dick, stark und übermütig, die in den Gehölzen der Umgegend +regelrechte Faustduelle veranstalteten, die besten Turner der Schule +waren, schwammen wie Seehunde, Zigarren rauchten und zu jeder Schandtat +bereit waren. Sie waren gefürchtet, beliebt und respektiert. Ihre +Cousins, die beiden Söhne des Staatsanwaltes Doktor Moritz Hagenström +andererseits, von zarterer Konstitution und sanfteren Sitten, zeichneten +sich auf geistigem Gebiete aus und waren Musterschüler, ehrgeizig, +devot, still und bienenfleißig, bebend aufmerksam und beinahe verzehrt +von der Begier, stets Primus zu sein und das Zeugnis Numero Eins zu +erhalten. Sie erhielten es und genossen die Achtung ihrer dümmeren und +fauleren Genossen. Was aber mochten, ganz abgesehen von seinen Lehrern, +seine Mitschüler von Hanno halten, der ein höchst mittelmäßiger Schüler +war und obendrein ein Weichling, welcher allem, wozu ein wenig Mut, +Kraft, Gewandtheit und Munterkeit gehörte, scheu aus dem Wege zu gehen +suchte? Und wenn Senator Buddenbrook, auf dem Wege zu seinem +Ankleidezimmer, an dem »Altan« in der zweiten Etage vorüberging, so +hörte er aus dem mittleren der drei dort oben gelegenen Zimmer, das +Hannos war, seitdem er zu groß geworden, bei Ida Jungmann zu schlafen, +die Töne des Harmoniums oder Kais halblaute und geheimnisvolle Stimme, +die eine Geschichte erzählte ... + +Was Kai betraf, so mied er die »Turnspiele«, weil er die Disziplin und +gesetzmäßige Ordnung verabscheute, die dabei beobachtet werden mußte. +»Nein, Hanno«, sagte er, »ich gehe nicht hin. Du vielleicht? Hol's der +Geier ... Alles, was einem Spaß dabei machen würde, das gilt nicht.« +Solche Redewendungen wie »Hol's der Geier« hatte er von seinem Vater; +Hanno aber antwortete: »Wenn Herr Fritsche =einen= Tag nach etwas +anderem röche als nach Schweiß und Bier, so ließe sich über die Sache +reden ... Ja, nun laß das nur, Kai, und erzähle weiter. Das mit dem +Ringe, den du aus dem Sumpfe holtest, war noch lange nicht fertig ...« +»Gut«, sagte Kai; »aber wenn ich winke, so mußt du spielen.« Und Kai +fuhr fort zu erzählen. + +Durfte man ihm glauben, so war er vor einiger Zeit bei schwüler Nacht +und in fremder, unkenntlicher Gegend einen schlüpfrigen und unermeßlich +tiefen Abhang hinabgeglitten, an dessen Fuße er im fahlen und +flackernden Schein von Irrlichtern ein schwarzes Sumpfgewässer gefunden +hatte, aus dem mit hohl glucksendem Geräusch unaufhörlich silberblanke +Blasen aufgestiegen waren. Eine aber davon, die, nahe dem Ufer, +beständig wiedergekehrt war, sooft sie zersprungen, hatte die Form eines +Ringes gehabt, und diese hatte er nach langen, gefahrvollen Bemühungen +mit der Hand zu erhaschen verstanden, worauf sie nicht mehr zerplatzt +war, sondern sich als glatter und fester Reif hatte an den Finger +stecken lassen. Er aber, der mit Recht diesem Ringe ungewöhnliche +Eigenschaften zugetraut hatte, war mit seiner Hilfe den steilen und +schlüpfrigen Abhang wieder emporgelangt und hatte unweit davon in +rötlichem Nebel ein schwarzes, totenstilles und ungeheuerlich bewachtes +Schloß gefunden, in das er eingedrungen war und in dem er, immer mit +Hilfe des Ringes, die dankenswertesten Entzauberungen und Erlösungen +vorgenommen hatte ... In den seltsamsten Augenblicken aber griff Hanno +auf seinem Harmonium süße Akkordfolgen ... Auch wurden, standen nicht +unüberwindliche szenische Schwierigkeiten im Wege, diese Erzählungen mit +Musikbegleitung auf dem Puppentheater dargestellt ... Zu den +»Turnspielen« aber ging Hanno nur auf ausdrücklichen und strengen Befehl +seines Vaters, und dann begleitete ihn der kleine Kai. + +Es war nicht anders mit dem Schlittschuhlaufen zur Winterszeit und mit +dem Baden in der hölzernen Anstalt des Herrn Asmussen, unten am Fluß, im +Sommer ... »Baden! Schwimmen!« hatte Doktor Langhals gesagt. »Der Junge +muß baden und schwimmen!« Und der Senator war vollständig damit +einverstanden gewesen. Was aber hauptsächlich Hanno veranlaßte, sich vom +Baden sowohl wie vom Schlittschuhlaufen und von den »Turnspielen«, +sobald es nur immer anging, fernzuhalten, war der Umstand, daß die +beiden Söhne des Konsuls Hagenström, die sich an allen diesen Dingen +ehrenvoll beteiligten, es auf ihn abgesehen hatten und, obgleich sie +doch in dem Hause seiner Großmutter wohnten, keine Gelegenheit +versäumten, ihn mit ihrer Stärke zu demütigen und zu quälen. Sie kniffen +und verhöhnten ihn bei den »Turnspielen«, sie stießen ihn in den +Schneekehricht auf der Eisbahn, sie kamen im Schwimmbassin mit +bedrohlichen Lauten durch das Wasser auf ihn zu ... Hanno versuchte +nicht zu entfliehen, was übrigens wenig nützlich gewesen wäre. Er stand +da, mit seinen Mädchenarmen, bis zum Bauche in dem ziemlich trüben +Wasser, auf dessen Oberfläche hie und da grüne Gebilde von Pflanzen, +sogenanntes Gänsefutter, umhertrieben, und sah mit zusammengezogenen +Brauen, einem finsteren Senkblick und leicht verzerrten Lippen den +beiden entgegen, die, sicher ihrer Beute, mit langen, schäumenden +Sprungschritten daherkamen. Sie hatten Muskeln an den Armen, die beiden +Hagenströms, und damit umklammerten sie ihn und tauchten ihn, tauchten +ihn recht lange, so daß er ziemlich viel von dem unreinlichen Wasser +schluckte und lange nachher, sich hin und her wendend, nach Atem rang +... Ein einziges Mal ward er ein wenig gerächt. Gerade als ihn nämlich +eines Nachmittags die beiden Hagenströms unter die Wasserfläche hielten, +stieß der eine von ihnen plötzlich einen Wut- und Schmerzensschrei aus +und hob sein eines fleischiges Bein empor, von dem das Blut in großen +Tropfen rann. Neben ihm aber kam Kai Graf Mölln zum Vorschein, welcher +sich auf irgendeine Weise das Eintrittsgeld verschafft hatte, +unversehens unter Wasser herbeigeschwommen war und den jungen Hagenström +gebissen -- mit allen Zähnen ins Bein gebissen hatte, wie ein kleiner +wütender Hund. Seine blauen Augen blitzten durch das rötlich-blonde +Haar, das naß darüber hing ... Ach, es erging ihm schlecht für seine +Tat, dem kleinen Grafen, und übel zugerichtet stieg er aus dem Bassin. +Allein Konsul Hagenströms starker Sohn hinkte doch beträchtlich, als er +nach Hause ging ... + +Nährende Mittel und körperliche Übungen aller Art -- das war die +Grundlage von Senator Buddenbrooks sorgenden Bemühungen um seinen Sohn. +Nicht minder aufmerksam aber trachtete er danach, ihn geistig zu +beeinflussen und ihn mit lebendigen Eindrücken aus der praktischen Welt +zu versehen, für die er bestimmt war. + +Er fing an, ihn ein wenig in das Bereich seiner zukünftigen Tätigkeit +einzuführen, er nahm ihn mit sich auf Geschäftsgänge, zum Hafen hinunter +und ließ ihn dabeistehen, wenn er am Kai mit den Löscharbeitern in einem +Gemisch von Dänisch und Plattdeutsch plauderte, in den kleinen, +finsteren Speicherkontoren mit den Geschäftsführern konferierte oder +draußen den Männern einen Befehl erteilte, die mit hohlen und +langgezogenen Rufen die Kornsäcke zu den Böden hinaufwanden ... Für +Thomas Buddenbrook selbst war dieses Stück Welt am Hafen, zwischen +Schiffen, Schuppen und Speichern, wo es nach Butter, Fischen, Wasser, +Teer und geöltem Eisen roch, von klein auf der liebste und +interessanteste Aufenthalt gewesen; und da Freude und Teilnahme daran +sich bei seinem Sohne von selbst nicht äußerten, so mußte er darauf +bedacht sein, sie zu wecken ... Wie hießen nun die Dampfer, die mit +Kopenhagen verkehrten? Najaden ... Halmstadt ... Friederike Oeverdieck +... »Nun, daß du wenigstens diese weißt, mein Junge, das ist schon +=etwas=. Auch die anderen wirst du dir noch merken ... Ja, von den +Leuten, die da die Säcke hinaufwinden, heißen manche wie du, mein +Lieber, weil sie nach deinem Großvater getauft sind. Und unter ihren +Kindern kommt häufig mein Name vor ... und auch der von Mama ... Man +schenkt ihnen dann jährlich eine Kleinigkeit ... So, an diesem Speicher +gehen wir vorüber und reden nicht mit den Männern; da haben wir nichts +zu sagen; das ist ein Konkurrent ...« + +»Willst du mitkommen, Hanno?« sagte er ein andermal ... »Ein neues +Schiff, das zu unserer Reederei gehört, läuft heute nachmittag vom +Stapel. Ich taufe es ... Hast du Lust?« + +Und Hanno gab an, daß er Lust habe. Er ging mit und hörte die Taufrede +seines Vaters, sah zu, wie er eine Champagnerflasche am Bug zerschellte +und blickte mit fremden Augen dem Schiffe nach, welches die gänzlich mit +grüner Seife beschmierte schiefe Ebene hinab und in das hoch +aufschäumende Wasser glitt ... + +An gewissen Tagen des Jahres, am Palmsonntag, wenn die Konfirmationen +stattfanden, oder am Neujahrstage, unternahm Senator Buddenbrook zu +Wagen eine Tournee von Visiten in einer Reihe von Häusern, denen er +gesellschaftlich verpflichtet war, und da seine Gattin es vorzog, sich +bei solchen Gelegenheiten mit Nervosität und Migräne zu entschuldigen, +so forderte er Hanno auf, ihn zu begleiten. Und Hanno hatte auch hierzu +Lust. Er stieg zu seinem Vater in die Droschke und saß stumm an seiner +Seite in den Empfangszimmern, indem er mit stillen Augen sein leichtes, +taktsicheres und so verschiedenartiges, so sorgfältig abgetöntes +Benehmen gegen die Leute beobachtete. Er sah zu, wie er dem +Oberstleutnant und Bezirkskommandanten Herrn von Rinnlingen, welcher +beim Abschied betonte, er wisse die Ehre dieses Besuches sehr wohl zu +schätzen, mit liebenswürdiger Erschrockenheit einen Augenblick den Arm +um die Schulter legte; wie er an anderer Stelle eine ähnliche Bemerkung +ruhig und ernst entgegennahm und sie an einer dritten mit einem ironisch +übertriebenen Gegenkompliment abwehrte ... Alles mit einer formalen +Versiertheit des Wortes und der Gebärde, die er ersichtlich gern der +Bewunderung seines Sohnes produzierte und von der er sich unterrichtende +Wirkung versprach. + +Aber der kleine Johann sah mehr, als er sehen sollte, und seine +Augen, diese schüchternen, goldbraunen, bläulich umschatteten Augen +beobachteten zu gut. Er sah nicht nur die sichere Liebenswürdigkeit, +die sein Vater auf alle wirken ließ, er sah auch -- sah es mit einem +seltsamen, quälenden Scharfblick --, wie furchtbar schwer sie zu +=machen= war, wie sein Vater nach jeder Visite wortkarger und bleicher, +mit geschlossenen Augen, deren Lider sich gerötet hatten, in der +Wagenecke lehnte, und mit Entsetzen im Herzen erlebte er es, daß auf der +Schwelle des nächsten Hauses eine Maske über ebendieses Gesicht glitt, +immer aufs neue eine plötzliche Elastizität in die Bewegungen ebendieses +ermüdeten Körpers kam ... Das Auftreten, Reden, Sichbenehmen, Wirken und +Handeln unter Menschen stellte sich dem kleinen Johann nicht als ein +naives, natürliches und halb unbewußtes Vertreten praktischer Interessen +dar, die man mit anderen gemein hat und gegen andere durchsetzen will, +sondern als eine Art von Selbstzweck, eine bewußte und künstliche +Anstrengung, bei welcher, anstatt der aufrichtigen und einfachen inneren +Beteiligung, eine furchtbar schwierige und aufreibende Virtuosität für +Haltung und Rückgrat aufkommen mußte. Und bei dem Gedanken, man erwarte, +daß auch er dereinst in öffentlichen Versammlungen auftreten und unter +dem Druck aller Blicke mit Wort und Gebärde tätig sein sollte, schloß +Hanno mit einem Schauder angstvollen Widerstrebens seine Augen ... + +Ach, das war die Wirkung nicht, die Thomas Buddenbrook von dem Einfluß +seiner Persönlichkeit auf seinen Sohn erhoffte! Unbefangenheit vielmehr, +Rücksichtslosigkeit und einen einfachen Sinn für das praktische Leben in +ihm zu erwecken, auf nichts anderes waren all seine Gedanken gerichtet. + +»Du scheinst gern gut zu leben, mein Lieber«, sagte er, wenn Hanno eine +zweite Portion Dessert oder eine halbe Tasse Kaffee nach dem Essen erbat +... »Da mußt du ein tüchtiger Kaufmann werden und viel Geld verdienen! +Willst du das?« Und der kleine Johann antwortete: »Ja.« + +Dann und wann, wenn die Familie beim Senator zu Tische gebeten war und +Tante Antonie oder Onkel Christian nach alter Gewohnheit sich über die +arme Tante Klothilde lustig zu machen und in der ihr eigenen +langgedehnten und demütig-freundlichen Sprache mit ihr zu reden +begannen, so konnte es geschehen, daß Hanno, unter der Einwirkung des +unalltäglich schweren Rotweines, einen Augenblick auch seinerseits in +diesen Ton geriet und sich mit irgendeiner Mokerie an Tante Klothilde +wandte. Dann lachte Thomas Buddenbrook -- ein lautes, herzliches, +ermunterndes, fast dankbares Lachen, wie ein Mensch, dem eine +hocherfreuliche, heitere Genugtuung zuteil geworden ist, ja, er fing an, +seinen Sohn zu unterstützen und selbst in die Neckerei einzustimmen: und +doch hatte er sich eigentlich seit Jahr und Tag dieses Tones gegen die +arme Verwandte begeben. Es war so billig, so gänzlich gefahrlos, seine +Überlegenheit über die beschränkte, demütige, magere und immer hungrige +Klothilde geltend zu machen, daß er es trotz aller Harmlosigkeit, die +dabei herrschte, als gemein empfand. Mit Widerstreben empfand er es so, +mit jenem verzweifelten Widerstreben, das er alltäglich im praktischen +Leben seiner skrupulösen Natur entgegensetzen mußte, wenn er es wieder +einmal nicht fassen, nicht darüber hinwegkommen konnte, wie es möglich +sei, eine Situation zu erkennen, zu durchschauen und sie dennoch ohne +Schamempfindung auszunutzen ... Aber die Situation ohne Schamgefühl +auszunutzen, sagte er sich, das ist Lebenstüchtigkeit! + +Ach, wie froh, wie glücklich, wie hoffnungsvoll entzückt er über jedes +geringste Anzeichen dieser Lebenstüchtigkeit war, das der kleine Johann +an den Tag legte! + + +Drittes Kapitel + +Seit manchem Jahr hatten Buddenbrooks sich der weiteren sommerlichen +Reisen entwöhnt, die ehemals üblich gewesen waren, und selbst als im +vorigen Frühling die Senatorin dem Wunsche gefolgt war, ihren alten +Vater in Amsterdam zu besuchen und nach so langer Zeit einmal wieder ein +paar Duos mit ihm zu geigen, hatte ihr Gatte nur in ziemlich wortkarger +Weise seine Einwilligung gegeben. Daß aber Gerda, der kleine Johann und +Fräulein Jungmann alljährlich für die Dauer der Sommerferien ins Kurhaus +von Travemünde übersiedelten, war hauptsächlich Hannos Gesundheit wegen +die Regel geblieben ... + +Sommerferien an der See! Begriff wohl irgend jemand weit und breit, was +für ein Glück das bedeutete? Nach dem schwerflüssigen und sorgenvollen +Einerlei unzähliger Schultage vier Wochen lang eine friedliche und +kummerlose Abgeschiedenheit, erfüllt von Tanggeruch und dem Rauschen der +sanften Brandung ... Vier Wochen, eine Zeit, die an ihrem Beginne nicht +zu übersehen und ermessen war, an deren Ende zu glauben unmöglich und +von deren Ende zu sprechen eine lästerliche Roheit war. Niemals verstand +es der kleine Johann, wie dieser oder jener Lehrer es über sich gewann, +am Schlusse des Unterrichts Redewendungen laut werden zu lassen wie +etwa: »Hier werden wir nach den Ferien fortfahren und zu dem und dem +übergehen ...« Nach den Ferien! Er schien sich noch darauf zu freuen, +dieser unbegreifliche Mann im blanken Kammgarnrock! Nach den Ferien! War +das überhaupt ein Gedanke! So wundervoll weit in graue Ferne entrückt +war alles, was jenseits dieser vier Wochen lag! + +In einem der beiden Schweizerhäuser, welche, durch einen schmalen +Mittelbau verbunden, mit der »Konditorei« und dem Hauptgebäude des +Kurhauses eine gerade Linie bildeten: welch ein Erwachen, am ersten +Morgen, nachdem tags zuvor ein Vorzeigen des Zeugnisses wohl oder übel +überstanden und die Fahrt in der bepackten Droschke zurückgelegt war! +Ein unbestimmtes Glücksgefühl, das in seinem Körper emporstieg und sein +Herz sich zusammenziehen ließ, schreckte ihn auf ... er öffnete die +Augen und umfaßte mit einem gierigen und seligen Blick die +altfränkischen Möbel des reinlichen kleinen Zimmers ... Eine Sekunde +schlaftrunkener, wonniger Verwirrung -- und dann begriff er, daß er in +Travemünde war, für vier unermeßliche Wochen in Travemünde! Er regte +sich nicht; er lag still auf dem Rücken in dem schmalen gelbhölzernen +Bette, dessen Linnen vor Alter außerordentlich dünn und weich waren, +schloß hie und da aufs neue seine Augen und fühlte, wie seine Brust in +tiefen, langsamen Atemzügen vor Glück und Unruhe erzitterte. + +Das Zimmer lag in dem gelblichen Tageslicht, das schon durch das +gestreifte Rouleau hereinfiel, während doch ringsum noch alles still war +und Ida Jungmann sowohl wie Mama noch schliefen. Nichts war zu vernehmen +als das gleichmäßige und friedliche Geräusch, mit dem drunten der +Hausknecht den Kies des Kurgartens harkte, und das Summen einer Fliege, +die zwischen Rouleau und Fenster beharrlich gegen die Scheibe stürmte +und deren Schatten man auf der gestreiften Leinwand in langen +Zickzacklinien umherschießen sah ... Stille! Das einsame Geräusch der +Harke und monotones Summen! Und dieser sanft belebte Friede erfüllte den +kleinen Johann alsbald mit der köstlichen Empfindung jener ruhigen, +wohlgepflegten und distinguierten Abgeschiedenheit des Bades, die er so +über alles liebte. Nein, Gott sei gepriesen, hierher kam keiner der +blanken Kammgarnröcke, die auf Erden Regeldetrie und Grammatik +vertraten, hierher nicht, denn es war ziemlich kostspielig hier +draußen ... + +Ein Anfall von Freude machte, daß er aus dem Bette sprang und auf +nackten Füßen zum Fenster lief. Er zog das Rouleau empor, öffnete den +einen Flügel, indem er den weißlackierten Haken löste, und blickte der +Fliege nach, die über die Kieswege und Rosenbeete des Kurgartens hin +davonflog. Der Musiktempel, im Halbkreise von Buchsbaum umwachsen, stand +noch leer und still den Hotelgebäuden gegenüber. Das »Leuchtenfeld«, das +seinen Namen nach dem Leuchtturm trug, der irgendwo zur Rechten +aufragte, dehnte sich unter dem weißlich bezogenen Himmel aus, bis sein +kurzes, von kahlen Erdflecken unterbrochenes Gras in hohe und harte +Strandgewächse und dann in Sand überging, dort, wo man die Reihen der +kleinen hölzernen Privatpavillons und der Sitzkörbe unterschied, die auf +die See hinausblickten. Sie lag da, die See, in Frieden und Morgenlicht, +in flaschengrünen und blauen, glatten und gekrausten Streifen, und ein +Dampfer kam zwischen den rotgemalten Tonnen, die ihm das Fahrwasser +bezeichneten, von Kopenhagen daher, ohne daß man zu wissen brauchte, ob +er »Najaden« oder »Friederike Oeverdieck« hieß. Und Hanno Buddenbrook +zog wieder tief und mit stiller Seligkeit den würzigen Atem ein, den die +See zu ihm herübersandte, und grüßte sie zärtlich mit den Augen, mit +einem stummen, dankbaren und liebevollen Gruße. + +Und dann begann der Tag, der erste dieser armseligen achtundzwanzig +Tage, die anfangs wie eine ewige Seligkeit erschienen und, waren die +ersten vorüber, so verzweifelt schnell zerrannen ... Es wurde auf dem +Balkon oder unter dem großen Kastanienbaum gefrühstückt, der drunten vor +dem Kinderspielplatze stand, dort, wo die große Schaukel hing -- und +alles, der Geruch, den das eilig gewaschene Tischtuch ausströmte, wenn +der Kellner es ausbreitete, die Servietten aus Seidenpapier, das +fremdartige Brot, der Umstand, daß man die Eier nicht wie zu Hause mit +knöchernen, sondern mit gewöhnlichen Teelöffeln und aus metallenen +Bechern aß -- alles entzückte den kleinen Johann. + +Und was folgte, war alles frei und leicht geordnet, ein wunderbar +müßiges und pflegsames Wohlleben, das ungestört und kummerlos verging: +der Vormittag am Strande, während droben die Kurkapelle ihr +Morgenprogramm erledigte, dieses Liegen und Ruhen zu Füßen des +Sitzkorbes, dieses zärtliche und träumerische Spielen mit dem weichen +Sande, der nicht beschmutzt, dieses mühe- und schmerzlose Schweifen und +Sichverlieren der Augen über die grüne und blaue Unendlichkeit hin, von +welcher, frei und ohne Hindernis, mit sanftem Sausen ein starker, +frisch, wild und herrlich duftender Hauch daherkam, der die Ohren +umhüllte und einen angenehmen Schwindel hervorrief, eine gedämpfte +Betäubung, in der das Bewußtsein von Zeit und Raum und allem Begrenzten +still selig unterging ... Das Baden dann, das hier eine erfreulichere +Sache war als in Herrn Asmussens Anstalt, denn es gab hier kein +»Gänsefutter«, das hellgrüne, kristallklare Wasser schäumte weithin, +wenn man es aufrührte, statt eines schleimigen Bretterbodens +schmeichelte der weich gewellte Sandboden den Sohlen, und Konsul +Hagenströms Söhne waren weit, sehr weit, in Norwegen oder Tirol. Der +Konsul liebte es, im Sommer eine ausgedehntere Erholungsreise zu +unternehmen -- und warum also nicht, nicht wahr ... Ein Spaziergang, zur +Erwärmung, den Strand entlang, bis zum »Mövenstein« oder zum +»Seetempel«, ein Imbiß, am Sitzkorbe eingenommen -- und die Stunde +näherte sich, da man hinauf in die Zimmer ging, um vor der Toilette zur +Table d'hote eine kleine Stunde zu ruhen. Die Table d'hote war lustig, +das Bad stand in Flor, viele Leute, Familien, die den Buddenbrooks +befreundet waren, sowohl wie Hamburger und sogar englische und russische +Herrschaften füllten den großen Saal des Kurhauses, an einem feierlichen +Tischchen kredenzte ein schwarz gekleideter Herr die Suppe aus einer +silberblanken Terrine, es gab vier Gänge, die schmackhafter, würziger +und jedenfalls auf irgendeine festlichere Weise zubereitet waren als zu +Hause, und an vielen Stellen der langen Tafeln ward Champagner +getrunken. Oftmals kamen einzelne Herren aus der Stadt, die sich von +ihren Geschäften nicht während der ganzen Woche fesseln ließen, die sich +amüsieren und nach dem Essen die Roulette ein wenig in Bewegung setzen +wollten: Konsul Peter Döhlmann, der seine Tochter zu Hause gelassen +hatte und mit schallender Stimme auf Plattdeutsch so ungenierte +Geschichten erzählte, daß die Hamburger Damen vor Lachen husteten und um +einen Augenblick Pause baten; Senator Doktor Cremer, der alte +Polizeichef; Onkel Christian und sein Schulfreund, Senator Gieseke, der +ebenfalls ohne Familie war und alles für Christian Buddenbrook bezahlte +... Später, wenn die Erwachsenen zu den Klängen der Musik unter dem +Zeltdache der Konditorei den Kaffee tranken, saß Hanno auf einem Stuhle +unermüdlich vor den Stufen des Tempels und lauschte ... Es war gesorgt +für den Nachmittag. Es gab eine Schießbude im Kurgarten, und zur Rechten +der Schweizerhäuser standen die Stallgebäude mit Pferden, Eseln und den +Kühen, deren Milch man warm, schaumig und duftend zur Vesperstunde +trank. Man konnte einen Spaziergang machen, in das Städtchen, die +»Vorderreihe« entlang; man konnte von dort aus mit einem Boote zum +»Priwal« übersetzen, an dessen Strande es Bernstein zu finden gab, +konnte sich auf dem Kinderspielplatze an einer Krocketpartie beteiligen +oder sich auf einer Bank des bewaldeten Hügels, der hinter den Hotels +gelegen war und auf dem die große Table-d'hote-Glocke hing, von Ida +Jungmann vorlesen lassen ... Und doch war das Klügste stets, zur See +zurückzukehren und noch im Zwielicht, das Gesicht dem offenen Horizonte +zugewandt, auf der Spitze des Bollwerks zu sitzen, den großen Schiffen, +die vorüberglitten, mit dem Taschentuch zuzuwinken und zu horchen, wie +die kleinen Wellen mit leisem Plaudern wider die Steinblöcke klatschten +und die ganze Weite ringsum von diesem gelinden und großartigen Sausen +erfüllt war, das dem kleinen Johann gütevoll zusprach und ihn beredete, +in ungeheurer Zufriedenheit seine Augen zu schließen. Dann aber sagte +Ida Jungmann: »Komm, Hannochen; müssen gehen; Abendbrotzeit; wirst dir +den Tod holen, wenn du hier wirst schlafen wollen ...« Welch ein +beruhigtes, befriedigtes und in wohltätiger Ordnung arbeitendes Herz er +immer mitnahm vom Meere! Und wenn er sein Abendbrot mit Milch oder stark +gemalztem Braunbier im Zimmer gegessen hatte, während seine Mutter +später in der Glasveranda des Kurhauses in größerer Gesellschaft +speiste, so senkte sich, kaum daß er wieder zwischen dem altersdünnen +Linnen seines Bettes lag, zu den sanften und vollen Schlägen eben +dieses befriedigten Herzens und den gedämpften Rhythmen des +Abendkonzertes ganz ohne Schrecken und Fieber der Schlaf über ihn ... + +Am Sonntag erschien, gleich einigen anderen Herren, die während der +Woche von ihren Geschäften in der Stadt zurückgehalten wurden, der +Senator bei den Seinen und blieb bis zum Montagmorgen. Aber obgleich +dann Eis und Champagner an der Table d'hote serviert ward, obgleich +Eselritte und Segelpartien in die offene See hinaus veranstaltet wurden, +liebte der kleine Johann diese Sonntage nicht sehr. Die Ruhe und +Abgeschlossenheit des Bades war gestört. Eine Menge von Leuten aus der +Stadt, die gar nicht hierher gehörten, »Eintagsfliegen aus dem guten +Mittelstande«, wie Ida Jungmann sie mit wohlwollender Geringschätzung +nannte, bevölkerte am Nachmittage Kurgarten und Strand, um Kaffee zu +trinken, Musik zu hören, zu baden, und Hanno hätte am liebsten im +geschlossenen Zimmer den Abfluß dieser festlich geputzten Störenfriede +erwartet ... Nein, er war froh, wenn am Montag alles wieder ins +alltägliche Geleise kam, wenn auch die Augen seines Vaters, diese Augen, +denen er sechs Tage lang fern gewesen war und die, er hatte es wohl +gefühlt, während des ganzen Sonntages wieder kritisch und forschend auf +ihm geruht hatten, nicht mehr da waren ... + +Und vierzehn Tage waren vorbei, und Hanno sagte sich und beteuerte es +jedem, der es hören wollte, daß jetzt noch eine Zeit komme, so lang wie +die Michaelisferien. Allein das war ein trügerischer Trost, denn war die +Höhe der Ferien erreicht, so ging es abwärts und gegen Ende, schnell, so +fürchterlich schnell, daß er sich an jede Stunde hätte klammern mögen, +um sie nicht vorüberzulassen, und jeden Seeluftatemzug verlangsamen, um +das Glück nicht achtlos zu vergeuden. + +Aber die Zeit verging unaufhaltsam im Wechsel von Regen und +Sonnenschein, See- und Landwind, stiller, brütender Wärme und lärmenden +Gewittern, die nicht über das Wasser konnten und kein Ende nehmen zu +wollen schienen. Es gab Tage, an denen der Nordostwind die Bucht mit +schwarzgrüner Flut überfüllte, welche den Strand mit Tang, Muscheln und +Quallen bedeckte und die Pavillons bedrohte. Dann war die trübe, +zerwühlte See weit und breit mit Schaum bedeckt. Große, starke Wogen +wälzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflößenden Ruhe heran, +neigten sich majestätisch, indem sie eine dunkelgrüne, metallblanke +Rundung bildeten, und stürzten tosend, krachend, zischend, donnernd über +den Sand ... Es gab andere Tage, an denen der Westwind die See +zurücktrieb, daß der zierlich gewellte Grund weit hinaus freilag und +überall nackte Sandbänke sichtbar waren, während der Regen in Strömen +herniederging, Himmel, Erde und Wasser ineinander verschwammen und der +Stoßwind in den Regen fuhr und ihn gegen die Fensterscheiben trieb, daß +nicht Tropfen, sondern Bäche daran hinunterflossen und sie +undurchsichtig machten. Dann hielt Hanno sich meistens im Kursaale auf, +am Pianino, das zwar bei den Reunions von Walzern und Schottischen ein +wenig zerhämmert war und auf dem sich nicht so wohllautend phantasieren +ließ wie zu Haus auf dem Flügel, aber mit dessen gedeckter und +glucksender Klangart doch recht unterhaltende Wirkungen zu erzielen +waren ... Und wieder kamen andere Tage, träumerische, blaue, ganz +windstille und brütend warme, an denen die blauen Fliegen summend in der +Sonne über dem »Leuchtenfeld« standen und die See stumm und spiegelnd, +ohne Hauch und Regung lag. Und waren noch drei Tage übrig, so sagte sich +Hanno und machte es jedem klar, daß jetzt noch eine Zeit komme, so lang +wie die ganzen Pfingstferien. Aber so unanfechtbar diese Rechnung war, +glaubte er doch selbst nicht daran, und seines Herzens hatte sich längst +die Erkenntnis bemächtigt, daß der Mann im blanken Kammgarnrock dennoch +recht gehabt, daß die vier Wochen dennoch ein Ende nahmen und daß man +nun dennoch da fortfahren, wo man aufgehört, und zu dem und dem +übergehen werde ... + +Die bepackte Droschke hielt vorm Kurhause, der Tag war da. Hanno hatte +frühmorgens der See und dem Strande sein Adieu gesagt; er sagte es nun +den Kellnern, die ihre Trinkgelder entgegennahmen, dem Musiktempel, den +Rosenbeeten und dieser ganzen Sommerszeit. Und dann, unter den +Verbeugungen des Hotelpersonals, setzte sich der Wagen in Bewegung. + +Er passierte die Allee, die zum Städtchen führte, und fuhr die +»Vorderreihe« entlang ... Hanno drückte den Kopf in die Wagenecke und +sah, an Ida Jungmann vorbei, die frischäugig, weißhaarig und knochig ihm +gegenüber auf dem Rückplatze saß, zum Fenster hinaus. Der Morgenhimmel +war weißlich bedeckt, und die Trave warf kleine Wellen, die schnell vor +dem Winde dahereilten. Dann und wann prickelten Regentropfen gegen die +Scheiben. Am Ausgange der »Vorderreihe« saßen Leute vor ihren Haustüren +und flickten Netze; barfüßige Kinder kamen herbeigelaufen und +betrachteten neugierig den Wagen. =Die= blieben hier ... + +Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Hanno sich vor, um +noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte er sich zurück und +schloß die Augen. »Nächst's Jahr wieder, Hannochen«, sagte Ida Jungmann +mit tiefer, tröstender Stimme; aber dieser Zuspruch hatte nur gefehlt, +um sein Kinn in zitternde Bewegung zu setzen und die Tränen unter seinen +langen Wimpern hervorquellen zu lassen. + +Sein Gesicht und seine Hände waren von der Seeluft gebräunt; aber wenn +man mit diesem Badeaufenthalt den Zweck verfolgt hatte, ihn härter, +energischer, frischer und widerstandsfähiger zu machen, so war man +jämmerlich fehlgegangen; von dieser hoffnungslosen Wahrheit war er ganz +erfüllt. Sein Herz war durch diese vier Wochen voll Meeresandacht und +eingehegtem Frieden nur noch viel weicher, verwöhnter, träumerischer, +empfindlicher geworden und nur noch viel unfähiger, bei dem Ausblick auf +Herrn Tiedges Regeldetri tapfer zu bleiben und bei dem Gedanken an das +Auswendiglernen der Geschichtszahlen und grammatischen Regeln, an das +verzweifelt leichtsinnige Wegwerfen der Bücher und den tiefen Schlaf, um +allem zu entgehen, an die Angst am Morgen und vor den Stunden, die +Katastrophen, die feindlichen Hagenströms und die Anforderungen, die +sein Vater an ihn stellte, nicht vollständig zu verzagen. + +Dann aber ermunterte die morgendliche Fahrt ihn ein wenig, die, zwischen +dem Gezwitscher der Vögel, durch die wassererfüllten Geleise der +Landstraße dahinging. Er dachte an Kai und das Wiedersehen mit ihm, an +Herrn Pfühl, die Klavierstunden, den Flügel und sein Harmonium. Übrigens +war morgen Sonntag, und der erste Schultag, übermorgen, war noch +gefahrlos. Ach, er fühlte noch ein wenig Sand vom Strande in seinen +Knöpfstiefeln ... er wollte den alten Grobleben bitten, ihn immer darin +zu lassen ... Mochte es nur alles wieder beginnen, das mit den +Kammgarnröcken und das mit Hagenströms und das andere. Er hatte, was er +hatte. Er wollte sich der See und des Kurgartens erinnern, wenn alles +wieder auf ihn einstürmte, und ein ganz kurzer Gedanke an das Geräusch, +mit dem abends in der Stille die kleinen Wellen, weither, aus der in +geheimnisvollem Schlummer liegenden Ferne kommend, gegen das Bollwerk +geplanscht hatten, sollte ihn so getrost, so unberührbar gegen alle +Widrigkeiten machen ... + +Dann kam die Fähre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg, +das Burgfeld, der Wagen erreichte das Burgtor, neben dem zur Rechten die +Mauern des Gefängnisses aufragten, wo Onkel Weinschenk saß, er rollte +die Burgstraße entlang und über den Koberg, ließ die Breite Straße +zurück und fuhr bremsend die stark abfallende Fischergrube hinunter ... +Da war die rote Fassade mit dem Erker und den weißen Karyatiden, und als +sie von der mittagwarmen Straße in die Kühle des steinernen Flures +traten, kam der Senator, die Feder in der Hand, aus dem Kontor heraus, +um sie zu begrüßen ... + +Und langsam, langsam, mit heimlichen Tränen, lernte der kleine Johann +wieder, die See zu missen, sich zu ängstigen und ungeheuerlich zu +langweilen, stets der Hagenströms gewärtig zu sein und sich mit Kai, +Herrn Pfühl und der Musik zu trösten. + +Die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße und Tante Klothilde +richteten, sobald sie seiner ansichtig wurden, die Frage an ihn, wie +nach den Ferien die Schule schmecke -- mit einem neckischen Blinzeln, +das ein überlegenes Verständnis für seine Lage vorgab, und jenem +sonderbaren Erwachsenen-Hochmut, der alles, was Kinder angeht, möglichst +spaßhaft und oberflächlich behandelt; und Hanno hielt diesen Fragen +stand. + +Drei oder vier Tage nach der Rückkehr in die Stadt erschien der Hausarzt +Doktor Langhals in der Fischergrube, um die Wirkungen des Bades +festzustellen. Nachdem er eine längere Konferenz mit der Senatorin +gehabt, ward Hanno vorgeführt, um sich, halb entkleidet, einer +eingehenden Prüfung zu unterziehen -- seines _status praesens_, wie +Doktor Langhals sagte, indem er seine Fingernägel besah. Er untersuchte +Hannos spärliche Muskulatur, die Breite seiner Brust und die Funktion +seines Herzens, ließ sich über alle seine Lebensäußerungen Bericht +erstatten, nahm schließlich vermittels einer Nadelspritze einen +Blutstropfen aus Hannos schmalem Arm, um zu Hause eine Analyse +vorzunehmen, und schien im allgemeinen wieder nicht recht befriedigt. + +»Wir sind ziemlich braun geworden«, sagte er, indem er Hanno, der vor +ihm stand, umarmte, die kleine schwarzbehaarte Hand auf seiner Schulter +gruppierte und zur Senatorin und Fräulein Jungmann emporsah, »aber ein +allzu betrübtes Gesicht machen wir immer noch.« + +»Er hat Heimweh nach der See«, bemerkte Gerda Buddenbrook. + +»So, so ... also dort bist du so gern!« fragte Doktor Langhals, indem er +dem kleinen Johann mit seinen eitlen Augen ins Gesicht blickte ... Hanno +verfärbte sich. Was bedeutete diese Frage, auf die Doktor Langhals +ersichtlich eine Antwort erwartete? Eine wahnwitzige und phantastische +Hoffnung, möglich gemacht durch die schwärmerische Überzeugung, daß +allen Kammgarnmännern der Welt zum Trotz vor Gott nichts unmöglich sei, +stieg in ihm auf. + +»Ja ...«, brachte er hervor, seine erweiterten Augen starr auf den +Doktor gerichtet. Aber Doktor Langhals hatte gar nichts Besonderes bei +seiner Frage im Sinne gehabt. + +»Nun, der Effekt der Bäder und der guten Luft wird schon noch nachkommen +... schon noch nachkommen!« sagte er, indem er dem kleinen Johann auf +die Schulter klopfte, ihn von sich schob und mit einem Kopfnicken gegen +die Senatorin und Ida Jungmann -- dem überlegenen, wohlwollenden und +ermunternden Kopfnicken des wissenden Arztes, an dessen Augen und Lippen +man hängt -- sich erhob und die Konsultation beendete ... + +Das bereitwilligste Verständnis noch für seinen Schmerz um die See, +diese Wunde, die so langsam vernarbte und, von der geringsten Härte des +Alltages berührt, wieder zu brennen und zu bluten begann, fand Hanno bei +Tante Antonie, die ihn mit ersichtlichem Vergnügen vom Travemünder Leben +erzählen hörte und auf seine sehnsüchtigen Lobpreisungen lebhaften +Herzens einging. + +»Ja, Hanno«, sagte sie, »was wahr ist, bleibt ewig wahr, und Travemünde +ist ein schöner Aufenthalt! Bis ich den Fuß ins Grab setze, weißt du, +werde ich mich mit Freuden an die Sommerwochen erinnern, die ich dort +als junges, dummes Ding einmal erlebte. Ich wohnte bei Leuten, die ich +gern hatte und die mich auch wohl leiden konnten, wie es schien, denn +ich war ein hübscher Springinsfeld damals -- jetzt kann ich altes Weib +es ja aussprechen -- und fast immer guter Dinge. Es waren brave Leute, +will ich dir sagen, bieder, gutherzig und gradsinnig und außerdem so +gescheit, gelehrt und begeistert, wie ich später im Leben überhaupt +keine mehr gefunden habe. Ja, es war ein außerordentlich anregender +Verkehr mit ihnen. Ich habe da, was Anschauungen und Kenntnisse +betrifft, weißt du, für mein ganzes Leben viel gelernt, und wenn nicht +anderes dazwischen gekommen wäre, allerhand Ereignisse ... kurz, wie es +im Leben so geht ... so hätte ich dummes Ding wohl noch manches +profitiert. Willst du wissen, wie dumm ich damals war? Ich wollte die +bunten Sterne aus den Quallen heraushaben. Ich trug eine ganze Menge +Quallen im Taschentuche nach Hause und legte sie säuberlich auf den +Balkon in die Sonne, damit sie verdunsteten ... Dann mußten die Sterne +doch übrigbleiben! Ja, gut ... als ich nachsah, war da ein ziemlich +großer nasser Fleck. Es roch nur ein bißchen nach faulem Seetang ...« + + +Viertes Kapitel + +Zu Beginn des Jahres 1873 ward dem Gnadengesuch Hugo Weinschenks vom +Senate stattgegeben und der ehemalige Direktor ein halbes Jahr vor +Ablauf der ihm zugemessenen Strafzeit auf freien Fuß gesetzt. + +Würde Frau Permaneder ehrlich gesprochen haben, so hätte sie zugeben +müssen, daß dieses Ereignis sie gar nicht sehr freudig berührte und daß +sie es lieber gesehen hätte, wenn alles nun auch bis ans Ende geblieben +wäre, wie es einmal war. Sie lebte mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin +friedlich am Lindenplatze, im Verkehr mit dem Hause in der Fischergrube +und mit ihrer Pensionsfreundin Armgard von Maiboom, geb. von Schilling, +die seit dem Ableben ihres Gatten in der Stadt wohnte. Sie wußte längst, +daß sie außerhalb der Mauern ihrer Vaterstadt eigentlich nirgends am +richtigen und würdigen Platze war und verspürte mit ihren Münchener +Erinnerungen, ihrem beständig schwächer und reizbarer werdenden Magen +und ihrem wachsenden Ruhebedürfnis durchaus keine Neigung, auf ihre +alten Tage noch einmal in eine große Stadt des geeinten Vaterlandes oder +gar ins Ausland überzusiedeln. + +»Liebes Kind«, sagte sie zu ihrer Tochter, »ich muß dich nun etwas +fragen, etwas Ernstes!... Du liebst deinen Mann doch noch immer von +ganzem Herzen? Du liebst ihn doch so, daß du ihm, wohin er sich jetzt +auch wenden möge, mit eurem Kinde folgen willst, da seines Bleibens hier +ja leider nicht ist?« + +Und da Frau Erika Weinschenk, geb. Grünlich, hierauf unter Tränen, die +alles mögliche bedeuten konnten, genau so pflichtgemäß antwortete, wie +Tony selbst einstmals unter ähnlichen Umständen in ihrer Villa bei +Hamburg ihrem Vater geantwortet hatte, so fing man an, mit einer nahen +Trennung zu rechnen ... + +Es war ein Tag, beinahe so schauerlich wie der, an dem Direktor +Weinschenk in Haft genommen war, als Frau Permaneder ihren Schwiegersohn +in einer geschlossenen Droschke vom Gefängnisse abholte. Sie brachte ihn +in ihre Wohnung am Lindenplatze, und dort blieb er, nachdem er verwirrt +und ratlos Frau und Kind begrüßt, in dem Zimmer, das man ihm eingeräumt, +und rauchte von früh bis spät Zigarren, ohne es zu wagen, auf die Straße +zu gehen, ja meistens ohne die Mahlzeiten mit den Seinen gemeinsam zu +nehmen, ein ergrauter und vollständig kopfscheuer Mensch. + +Das Gefängnisleben hatte seiner körperlichen Gesundheit nichts anhaben +können, denn Hugo Weinschenk war stets von durabler Konstitution +gewesen; aber es stand doch äußerst traurig um ihn. Es war entsetzlich, +zu sehen, wie dieser Mann -- der höchstwahrscheinlich nichts anderes +begangen hatte, als was die meisten seiner Kollegen ringsum mit gutem +Mut alle Tage begingen, und der, wäre er nicht ertappt worden, ohne +Zweifel erhobenen Hauptes und unberührt heiteren Gewissens seinen Pfad +gewandert wäre -- durch seinen bürgerlichen Fall, durch die Tatsache der +gerichtlichen Verurteilung und diese drei Gefängnisjahre nun moralisch +so vollkommen gebrochen war. Er hatte vor Gericht aus tiefster +Überzeugung beteuert, und von Sachverständigen war es ihm bestätigt +worden, daß das kecke Manöver, welches er seiner Gesellschaft und sich +selbst zu Ehr' und Vorteil unternommen, in der Geschäftswelt als Usance +gelte. Die Juristen aber, Herren, die nach seiner eigenen Meinung von +diesen Dingen gar nichts verstanden, die unter ganz anderen Begriffen +und in einer ganz anderen Weltanschauung lebten, hatten ihn wegen +Betruges verurteilt, und dieser Spruch, dem die staatliche Macht zur +Seite stand, hatte seine Selbstschätzung dermaßen zu erschüttern +vermocht, daß er niemandem mehr ins Angesicht zu blicken wagte. Sein +federnder Gang, die unternehmende Art, mit der er sich in der Taille +seines Gehrockes gewiegt, mit den Fäusten balanciert und die Augen +gerollt hatte, die ungemeine Frische, mit der er von der Höhe seiner +Unwissenheit und Unbildung herab seine Fragen und Erzählungen zum besten +gegeben hatte -- alles war dahin! Es war so sehr dahin, daß den Seinen +vor so viel Gedrücktheit, Feigheit und dumpfer Würdelosigkeit graute. + +Nachdem Herr Hugo Weinschenk acht oder zehn Tage lang sich lediglich mit +Rauchen beschäftigt hatte, fing er an, Zeitungen zu lesen und Briefe zu +schreiben. Und dies hatte nach dem Verlaufe weiterer acht oder zehn Tage +zur Folge, daß er in unbestimmten Wendungen erklärte, in London scheine +sich ihm eine neue Position zu bieten, doch wolle er zunächst allein +dorthin reisen, um die Sache persönlich zu regeln und erst, wenn alles +in Richtigkeit sei, Frau und Kind zu sich rufen. + +Er fuhr, von Erika begleitet, in geschlossenem Wagen zum Bahnhof und +reiste ab, ohne irgendeinen seiner übrigen Verwandten noch einmal +gesehen zu haben. + +Einige Tage später traf, noch aus Hamburg, ein an seine Gattin +gerichtetes Schreiben ein, in welchem er zu wissen tat, er sei +entschlossen, sich keinesfalls eher mit Frau und Kind zu vereinigen +oder auch nur von sich hören zu lassen, als bis er ihnen eine +angemessene Existenz werde bieten können. Und dies war Hugo Weinschenks +letztes Lebenszeichen. Niemand vernahm seitdem das geringste von ihm. +Obgleich später Frau Permaneder, versiert in solchen Dingen und voll +umsichtiger Tatkraft wie sie war, mehrere Aufrufe nach ihrem +Schwiegersohn ergehen ließ, um, wie sie mit wichtiger Miene erklärte, +der Scheidungsklage wegen böswilligen Verlassens eine volle Begründung +zu geben, war und blieb er verschollen, und so kam es, daß Erika +Weinschenk mit der kleinen Elisabeth nach wie vor bei ihrer Mutter in +der hellen Etage am »Lindenplatze« verblieb. + + +Fünftes Kapitel + +Die Ehe, aus welcher der kleine Johann hervorgegangen war, hatte, als +Gesprächsgegenstand genommen, in der Stadt niemals an Reiz verloren. So +gewiß wie jedem der beiden Gatten etwas Extravagantes und Rätselhaftes +eigen war, so gewiß trug diese Ehe selbst den Charakter des +Ungewöhnlichen und Fragwürdigen. Hier ein wenig hinters Licht zu kommen +und, abgesehen von den dürftigen, äußeren Tatsachen, dem Verhältnis ein +wenig auf den Grund zu gehen, schien eine schwierige, aber lohnende +Aufgabe ... Und in Wohn- und Schlafstuben, in Klubs und Kasinos, ja +selbst an der Börse sprachen die Leute über Gerda und Thomas Buddenbrook +desto mehr, je weniger sie von ihnen wußten. + +Wie hatten diese beiden sich gefunden, und wie standen sie zueinander? +Man erinnerte sich der jähen Entschlossenheit, mit der vor achtzehn +Jahren der damals dreißigjährige Thomas Buddenbrook zu Werke gegangen +war. »Diese oder keine«, das war sein Wort gewesen, und es mußte sich +mit Gerda wohl ähnlich verhalten haben, denn sie hatte in Amsterdam bis +zu ihrem siebenundzwanzigsten Jahre Körbe ausgeteilt und diesen Bewerber +alsbald erhört. Eine Liebesheirat also, dachten die Leute in ihrem +Sinne; denn so schwer es ihnen wurde, mußten sie einräumen, daß Gerdas +Dreihunderttausend doch wohl nur eine Rolle zweiten Ranges bei der +Sache gespielt hatten. Allein von Liebe wiederum, von dem, was man unter +Liebe verstand, war zwischen den beiden von Anbeginn höchst wenig zu +spüren gewesen. Von Anbeginn vielmehr hatte man nichts als Höflichkeit +in ihrem Umgang konstatiert, eine zwischen Gatten ganz außerordentliche, +korrekte und respektvolle Höflichkeit, die aber unverständlicherweise +nicht aus innerer Fernheit und Fremdheit, sondern aus einer sehr +eigenartigen, stummen und tiefen gegenseitigen Vertrautheit und +Kenntnis, einer beständigen gegenseitigen Rücksicht und Nachsicht +hervorzugehen schien. Daran hatten die Jahre nicht das geringste +geändert. Die Änderung, die sie hervorgebracht hatten, bestand nur +darin, daß jetzt der Altersunterschied der beiden, so selten geringfügig +er den Jahren nach war, anfing, in auffälliger Weise hervorzutreten ... + +Man sah die beiden an und fand, daß dies ein stark alternder, schon ein +bißchen beleibter Mann, mit einer jungen Frau zur Seite, war. Man fand, +daß Thomas Buddenbrook verfallen aussah -- ja, dies war trotz der +nachgerade ein wenig komisch wirkenden Eitelkeit, mit der er sich +zurechtstutzte, das einzig richtige Wort für ihn -- während Gerda sich +in diesen achtzehn Jahren fast gar nicht verändert hatte. Sie erschien +gleichsam konserviert in der nervösen Kälte, in der sie lebte und die +sie ausströmte. Ihr dunkelrotes Haar hatte genau seine Farbe behalten, +ihr schönes, weißes Gesicht genau sein Ebenmaß und die Gestalt ihre +schlanke und hohe Vornehmheit. In den Winkeln ihrer etwas zu kleinen und +etwas zu nahe beieinander liegenden braunen Augen lagerten immer noch +die bläulichen Schatten ... Man traute diesen Augen nicht. Sie blickten +seltsam, und was etwa in ihnen geschrieben stand, vermochten die Leute +nicht zu entziffern. Diese Frau, deren Wesen so kühl, so eingezogen, +verschlossen, reserviert und ablehnend war und die nur an ihre Musik ein +wenig Lebenswärme zu verausgaben schien, erregte unbestimmte Verdächte. +Die Leute holten ihr bißchen verstaubte Menschenkenntnis hervor, um sie +gegen Senator Buddenbrooks Gattin anzuwenden. Stille Wasser waren oft +tief. Mancher hatte es faustdick hinter den Ohren. Und da sie doch +wünschten, sich die ganze Sache ein Stückchen näher zu bringen und +überhaupt irgend etwas davon zu wissen und zu verstehen, so führte ihre +bescheidene Phantasie sie zu der Annahme, es könne wohl nicht anders +sein, als daß die schöne Gerda ihren alternden Mann nun ein wenig +betröge. + +Sie gaben wohl acht, und es dauerte nicht lange, bis sie einig darüber +waren, daß Gerda Buddenbrook in ihrem Verhältnis zu Herrn Leutnant von +Throta gelinde gesagt die Grenzen des Sittsamen überschritt. + +Renee Maria von Throta, aus den Rheinlanden gebürtig, stand als +Sekondeleutnant bei einem der Infanteriebataillone, die in der Stadt +garnisonierten. Der rote Kragen nahm sich gut aus zu seinem schwarzen +Haar, das seitwärts gescheitelt und rechts in einem hohen, dichten und +gelockten Kamm von der weißen Stirn zurückgestrichen war. Aber obwohl er +groß und stark von Gestalt erschien, rief seine ganze Erscheinung, seine +Bewegungen sowohl wie seine Art zu sprechen und zu schweigen, einen +äußerst unmilitärischen Eindruck hervor. Er liebte es, eine Hand +zwischen die Knöpfe seines halb offenen Interimsrockes zu schieben oder +dazusitzen, indem er die Wange gegen den Handrücken lehnte; seine +Verbeugungen entbehrten jeglicher Strammheit, man hörte nicht einmal +seine Absätze dabei zusammenschlagen, und er behandelte die Uniform an +seinem muskulösen Körper genau so nachlässig und launisch wie einen +Zivilanzug. Selbst sein schmales, schräg zu den Mundwinkeln +hinablaufendes Jünglings-Schnurrbärtchen, dem nicht Spitze noch Schwung +hätte gegeben werden können, trug dazu bei, diesen unmartialischen +Gesamteindruck zu verstärken. Das merkwürdigste an ihm aber waren die +Augen: große, außerordentlich glänzende und so schwarze Augen, daß sie +wie unergründliche, glühende Tiefen erschienen, Augen, welche +schwärmerisch, ernst und schimmernd auf Dingen und Gesichtern ruhten ... + +Ohne Zweifel war er wider Willen oder doch ohne Liebe zur Sache in die +Armee eingetreten, denn trotz seiner Körperstärke war er untüchtig im +Dienste und unbeliebt bei seinen Kameraden, deren Interessen und +Vergnügungen -- die Interessen und Vergnügungen junger Offiziere, die +vor kurzem von einem siegreichen Feldzuge zurückgekehrt waren -- er zu +wenig teilte. Er galt für einen unangenehmen und extravaganten +Sonderling unter ihnen, der einsame Spaziergänge machte, der weder +Pferde noch Jagd, noch Spiel, noch Frauen liebte, und dessen ganzer Sinn +der Musik zugewandt war, denn er spielte mehrere Instrumente und war, +mit seinen glühenden Augen und seiner unmilitärischen, zugleich saloppen +und schauspielerhaften Haltung, in allen Opern und Konzerten zu sehen, +während er Klub und Kasino mißachtete. + +Wohl oder übel erledigte er die notwendigsten Visiten in den +hervorragenden Familien; aber er lehnte beinahe alle Einladungen ab und +verkehrte eigentlich nur im Hause Buddenbrook ... zuviel, wie die Leute +meinten, zuviel, wie auch der Senator selber meinte ... + +Niemand ahnte, was in Thomas Buddenbrook vorging, niemand durfte es +ahnen, und gerade dies: alle Welt über seinen Gram, seinen Haß, seine +Ohnmacht in Unwissenheit zu erhalten, war so fürchterlich schwer! Die +Leute fingen an, ihn ein wenig lächerlich zu finden, aber vielleicht +hätten sie Mitleid verspürt und solche Gefühle unterdrückt, wenn sie im +entferntesten vermutet hätten, mit welcher angstvollen Reizbarkeit er +vor dem Lächerlichen auf der Hut war, wie er es längst von weitem hatte +nahen sehen und es vorausempfunden hatte, bevor noch ihnen irgend etwas +davon in den Sinn gekommen war. Auch seine Eitelkeit, diese vielfach +bespöttelte »Eitelkeit«, war ja zum guten Teile aus dieser Sorge +hervorgegangen. Er war der erste gewesen, der das beständig +hervortretende Mißverhältnis zwischen seiner eigenen Erscheinung und +Gerdas sonderbarer Unberührtheit, der die Jahre nichts anhatten, mit +Argwohn ins Auge gefaßt hatte, und jetzt, seit Herr von Throta in sein +Haus gekommen war, mußte er seine Besorgnis mit dem Rest seiner Kräfte +bekämpfen und verstecken, mußte es, um nicht durch das Kundwerden dieser +Besorgnis schon seinen Namen dem allgemeinen Lächeln preiszugeben. + +Gerda Buddenbrook und der junge, eigenartige Offizier hatten einander, +wie sich versteht, auf dem Gebiete der Musik gefunden. Herr von Throta +spielte Klavier, Geige, Bratsche, Violoncell und Flöte -- alles +vortrefflich -- und oft ward dem Senator der kommende Besuch im voraus +angekündigt, dadurch, daß Herr von Throtas Bursche, den Cellokasten auf +dem Rücken schleppend, an den grünen Fenstervorsätzen des Privatkontors +vorüberging und im Hause verschwand ... Dann saß Thomas Buddenbrook an +seinem Schreibtisch und wartete, bis er auch ihn selbst, den Freund +seiner Frau, in sein Haus eintreten sah, bis über ihm im Salon die +Harmonien aufwogten, die unter Singen, Klagen und übermenschlichem +Jubeln gleichsam mit krampfhaft ausgestreckten, gefalteten Händen +emporrangen und nach allen irren und vagen Ekstasen in Schwäche und +Schluchzen hinsanken in Nacht und Schweigen. Mochten sie doch rollen und +brausen, weinen und jauchzen, einander aufschäumend umschlingen und sich +so übernatürlich gebärden wie sie nur wollten! Das Schlimme, das +eigentlich Qualvolle war die Lautlosigkeit, die ihnen folgte, die dann +dort oben im Salon =so= lange, lange herrschte, und die zu tief und +unbelebt war, um nicht Grauen zu erregen. Kein Schritt erschütterte die +Decke, kein Stuhl ward gerückt; es war eine unlautere, hinterhältige, +schweigende, =ver=schweigende Stille ... Dann saß Thomas Buddenbrook und +ängstigte sich so sehr, daß er manchmal leise ächzte. + +Was fürchtete er? Wieder hatten die Leute Herrn von Throta in das Haus +eintreten sehen, und mit ihren Augen gleichsam, so, wie es sich ihnen +darstellte, sah er dies Bild: sich selbst, den alternden, abgenutzten +und übellaunigen Mann unten im Kontor am Fenster sitzen, während droben +seine schöne Frau mit ihrem Galan musizierte und nicht nur musizierte +... Ja, so erschienen ihnen die Dinge, er wußte es. Und dennoch wußte er +auch, daß das Wort »Galan« für Herrn von Throta eigentlich sehr wenig +bezeichnend war. Ach, er wäre beinahe glücklich gewesen, wenn er ihn so +hätte nennen und auffassen dürfen, ihn als einen windigen, unwissenden +und ordinären Jungen hätte verstehen und verachten können, der seine +normale Portion von Übermut in ein wenig Kunst ausströmen läßt und damit +Frauenherzen gewinnt. Er ließ nichts unversucht, ihn zu einer solchen +Figur zu stempeln. Er rief einzig und allein zu diesem Behufe die +Instinkte seiner Väter in sich wach: das ablehnende Mißtrauen des +seßhaften und sparsamen Kaufmannes gegenüber der abenteuerlustigen, +leichtfertigen und geschäftlich unsicheren Kriegerkaste. In Gedanken +sowohl wie in Gesprächen nannte er Herrn von Throta beständig mit +geringschätziger Betonung »der Leutnant«; und dabei fühlte er allzu gut, +daß dieser Titel nach allen am schlechtesten geeignet war, das Wesen +dieses jungen Mannes auszudrücken ... + +Was fürchtete Thomas Buddenbrook? Nichts ... Nichts Nennbares. Ach, +hätte er sich gegen etwas Handgreifliches, Einfaches und Brutales zur +Wehr setzen dürfen! Er neidete den Leuten dort draußen die Schlichtheit +des Bildes, das sie sich von der Sache machten; aber während er hier saß +und, den Kopf in den Händen, qualvoll horchte, wußte er allzu wohl, daß +»Betrug« und »Ehebruch« nicht Laute waren, um die singenden und +abgründig stillen Dinge bei Namen zu nennen, die sich dort oben begaben. + +Manchmal, wenn er hinaus auf die grauen Giebel und die vorübergehenden +Bürger blickte, wenn er seine Augen auf der vor ihm hängenden +Gedenktafel, dem Jubiläumsgeschenk, den Porträts seiner Väter ruhen ließ +und der Geschichte seines Hauses gedachte, so sagte er sich, daß all +dies das Ende von allem sei, und daß nur dies, was jetzt vorgehe, noch +gefehlt habe. Ja, es hatte nur gefehlt, daß seine Person zum Gespött +werde und sein Name, sein Familienleben in das Geschrei der Leute komme, +damit allem die Krone aufgesetzt würde ... Aber dieser Gedanke tat ihm +fast wohl, weil er ihm einfach, faßlich und gesund, ausdenkbar und +aussprechbar erschien im Vergleich mit dem Brüten über diesem +schimpflichen Rätsel, diesem mysteriösen Skandal zu seinen Häupten ... + +Er ertrug es nicht länger, er schob den Sessel zurück, verließ das +Kontor und stieg in das Haus hinauf. Wohin sollte er sich wenden? In den +Salon, um Herrn von Throta unbefangen und ein wenig von oben herab zu +begrüßen, ihn zum Abendessen zu bitten und, wie schon mehrere Male, eine +abschlägige Antwort entgegenzunehmen? Denn es war das eigentlich +Unerträgliche, daß der Leutnant ihn vollständig mied, fast alle +offiziellen Einladungen ablehnte und nur an dem privaten und freien +Verkehr mit der Senatorin festzuhalten beliebte ... + +Warten? Irgendwo, vielleicht im Rauchzimmer, warten, bis er fortginge, +und dann vor Gerda treten und sich mit ihr aussprechen, sie zur Rede +stellen? -- Man stellte Gerda nicht zur Rede, man sprach sich mit ihr +nicht aus. Worüber? Das Bündnis mit ihr war auf Verständnis, Rücksicht +und Schweigen gegründet. Es war nicht nötig, sich auch vor ihr noch +lächerlich zu machen. Den Eifersüchtigen spielen, hieße den Leuten dort +draußen recht geben, den Skandal proklamieren, ihn laut werden lassen +... Empfand er Eifersucht? Auf wen? Auf was? Ach, weit entfernt! Etwas +so Starkes weiß Handlungen hervorzubringen, falsche, törichte +vielleicht, aber eingreifende und befreiende. Ach nein, nur ein wenig +Angst empfand er, ein wenig quälende und jagende Angst vor dem +Ganzen ... + +Er ging in sein Ankleidekabinett hinauf, um sich die Stirn mit Eau de +Cologne zu waschen, und stieg dann wieder zum ersten Stockwerk hinunter, +entschlossen, das Schweigen im Salon um jeden Preis zu brechen. Aber als +er den schwarzgoldenen Griff der weißen Tür schon erfaßt hielt, setzte +mit einem stürmischen Aufbrausen die Musik wieder ein, und er wich +zurück. + +Er ging über die Gesindetreppe ins Erdgeschoß hinab, über die Diele und +den kalten Flur bis zum Garten, kehrte wieder zurück und machte sich auf +der Diele mit dem ausgestopften Bären und auf dem Absatz der Haupttreppe +mit dem Goldfischbassin zu schaffen, unfähig, irgendwo zur Ruhe zu +kommen, horchend und lauernd, voll Scham und Gram, niedergedrückt und +umhergetrieben von dieser Furcht vor dem heimlichen und vor dem +öffentlichen Skandal ... + +Einstmals, in solcher Stunde, als er im zweiten Stockwerk an der Galerie +lehnte und durch das lichte Treppenhaus hinunterblickte, wo alles +schwieg, kam der kleine Johann aus seinem Zimmer, die Stufen des +»Altans« herab und über den Korridor, um sich in irgendeiner +Angelegenheit zu Ida Jungmann zu begeben. Er wollte, indem er mit dem +Buche, das er trug, die Wand entlangstrich, mit gesenkten Augen und +einem leisen Gruße an seinem Vater vorübergehen; aber der Senator redete +ihn an. + +»Nun, Hanno, was treibst du?« + +»Ich arbeite, Papa; ich will zu Ida, um ihr vorzuübersetzen ...« + +»Wie geht es? Was hast du auf?« + +Und immer mit gesenkten Wimpern, aber rasch und sichtlich angestrengt, +mit einer korrekten, klaren und geistesgegenwärtigen Antwort +aufzuwarten, erwiderte Hanno, nachdem er eilig hinuntergeschluckt hatte: +»Wir haben eine Nepos-Präparation, eine kaufmännische Rechnung ins reine +zu schreiben, französische Grammatik, die Flüsse von Nordamerika ... +deutsche Aufsatzkorrektur ...« + +Er schwieg, unglücklich darüber, daß er zuletzt nicht »und« gesagt und +die Stimme mit Entschiedenheit gesenkt hatte; denn nun wußte er nicht +mehr zu nennen, und die ganze Antwort war wieder abrupt und +ungeschlossen hervorgebracht. -- »Mehr nicht«, sagte er, so bestimmt er +konnte, wenn auch ohne aufzublicken. Aber sein Vater schien nicht darauf +zu achten. Er hielt Hannos freie Hand in seinen Händen und spielte +damit, zerstreut und augenscheinlich ohne etwas von dem Gesagten +aufgefangen zu haben, fingerte unbewußt und langsam an den zarten +Gelenken und schwieg. + +Und dann, plötzlich, vernahm Hanno über sich etwas, was in gar keinem +Zusammenhange mit dem eigentlichen Gespräche stand, eine leise, +angstvoll bewegte und beinahe beschwörende Stimme, die er noch nie +gehört, die Stimme seines Vaters dennoch, welche sagte: »Nun ist der +Leutnant schon zwei Stunden bei Mama ... Hanno ...« + +Und siehe da, bei diesem Klange schlug der kleine Johann seine +goldbraunen Augen auf und richtete sie so groß, klar und liebevoll wie +noch niemals auf seines Vaters Gesicht, dieses Gesicht mit den geröteten +Lidern unter den hellen Brauen und den weißen, ein wenig gedunsenen +Wangen, die von den lang ausgezogenen Spitzen des Schnurrbartes starr +überragt wurden. Gott weiß, wieviel er begriff. Das eine aber war +sicher, und sie fühlten es beide, daß in diesen Sekunden, während ihre +Blicke ineinander ruhten, jede Fremdheit und Kälte, jeder Zwang und +jedes Mißverständnis zwischen ihnen dahinsank, daß Thomas Buddenbrook, +wie hier, so überall, wo es sich nicht um Energie, Tüchtigkeit und +helläugige Frische, sondern um Furcht und Leiden handelte, des +Vertrauens und der Hingabe seines Sohnes gewiß sein konnte. + +Er achtete dessen nicht, er sträubte sich, dessen zu achten. Strenger +als jemals zog er Hanno in dieser Zeit zu praktischen Vorübungen für +sein künftiges, tätiges Leben heran, examinierte er seine +Geisteskräfte, drang er in ihn nach entschlossenen Äußerungen der Lust +zu dem Beruf, der seiner harrte, und brach in Zorn aus bei jedem Zeichen +des Widerstrebens und der Mattigkeit ... Denn es war an dem, daß Thomas +Buddenbrook, achtundvierzig Jahre alt, seine Tage mehr und mehr als +gezählt betrachtete und mit seinem nahen Tode zu rechnen begann. + +Sein körperliches Befinden hatte sich verschlechtert. Appetit- und +Schlaflosigkeit, Schwindel und jene Schüttelfröste, zu denen er immer +geneigt hatte, zwangen ihn mehrere Male, Doktor Langhals zu Rate zu +ziehen. Aber er gelangte nicht dazu, des Arztes Verordnungen zu +befolgen. Seine Willenskraft, in Jahren voll geschäftiger und gehetzter +Tatenlosigkeit angegriffen, reichte nicht aus dazu. Er hatte begonnen, +am Morgen sehr lange zu schlafen, obgleich er jeden Abend den zornigen +Entschluß faßte, sich früh zu erheben, um den anbefohlenen Spaziergang +vorm Tee zu machen. In Wirklichkeit führte er dies zwei- oder dreimal +aus ... und so ging es in all und jeder Sache. Die beständige Anspannung +des Willens ohne Erfolg und Genugtuung zehrte an seiner Selbstachtung +und stimmte ihn verzweifelt. Er war weit entfernt, sich den betäubenden +Genuß der kleinen, scharfen, russischen Zigaretten zu versagen, die er, +seit seiner Jugend schon, täglich in Massen rauchte. Er sagte dem Doktor +Langhals ohne Umschweife in sein eitles Gesicht hinein: »Sehen Sie, +Doktor, mir die Zigaretten zu verbieten, ist Ihre Pflicht ... eine sehr +leichte und sehr angenehme Pflicht, wahrhaftig! Das Verbot innezuhalten, +ist meine Sache! dabei dürfen Sie zusehen ... Nein, wir wollen zusammen +an meiner Gesundheit arbeiten, aber die Rollen sind zu ungerecht +verteilt, mir fällt ein zu großer Anteil an dieser Arbeit zu! Lachen Sie +nicht ... Das ist kein Witz ... Man ist so fürchterlich allein ... Ich +rauche. Darf ich bitten?« + +Und er präsentierte ihm sein Tula-Etui ... + +Alle seine Kräfte nahmen ab; was sich in ihm verstärkte, war allein die +Überzeugung, daß dies alles nicht lange währen könne, und daß sein +Hintritt nahe bevorstehe. Es kamen ihm seltsame und ahnungsvolle +Vorstellungen. Einige Male befiel ihn bei Tische die Empfindung, daß er +schon nicht mehr eigentlich mit den Seinen zusammensitze, sondern, in +eine gewisse, verschwommene Ferne entrückt, zu ihnen hinüberblicke ... +Ich werde sterben, sagte er sich, und er rief abermals Hanno zu sich und +sprach auf ihn ein: »Ich kann früher dahingehen, als wir denken, mein +Sohn. Du mußt dann am Platze sein! Auch ich bin früh berufen worden ... +Begreife doch, daß deine Indifferenz mich quält! Bist du nun +entschlossen?... Ja -- ja -- das ist keine Antwort, das ist wieder keine +Antwort! Ob du mit Mut und Freudigkeit entschlossen bist, frage ich ... +Glaubst du, daß du Geld genug hast und nichts wirst zu tun brauchen? Du +hast nichts, du hast bitterwenig, du wirst gänzlich auf dich selbst +gestellt sein! Wenn du leben willst, und sogar gut leben, so wirst du +arbeiten müssen, schwer, hart, härter noch als ich ...« + +Aber es war nicht nur dies; es war nicht mehr allein die Sorge um die +Zukunft seines Sohnes und seines Hauses, unter der er litt. Etwas +anderes, Neues kam über ihn, bemächtigte sich seiner und trieb seine +müden Gedanken vor sich her ... Sobald er nämlich sein zeitliches Ende +nicht mehr als eine ferne, theoretische und unbeträchtliche +Notwendigkeit, sondern als etwas ganz Nahes und Greifbares betrachtete, +für das es unmittelbare Vorbereitungen zu treffen galt, begann er zu +grübeln, in sich zu forschen, sein Verhältnis zum Tode und den +unirdischen Fragen zu prüfen ... und bereits bei den ersten derartigen +Versuchen ergab sich ihm als Resultat eine heillose Unreife und +Unbereitschaft seines Geistes, zu sterben. + +Der Buchstabenglaube, das schwärmerische Bibelchristentum, das sein +Vater mit einem sehr praktischen Geschäftssinn zu verbinden gewußt, und +das später auch seine Mutter übernommen hatte, war ihm immer fremd +gewesen. Seit Lebtag vielmehr hatte er den ersten und letzten Dingen die +weltmännische Skepsis seines Großvaters entgegengebracht; zu tief aber, +zu geistreich und zu metaphysisch bedürftig, um in der behaglichen +Oberflächlichkeit des alten Johann Buddenbrook Genüge zu finden, hatte +er sich die Fragen der Ewigkeit und Unsterblichkeit historisch +beantwortet und sich gesagt, daß er in seinen Vorfahren gelebt habe und +in seinen Nachfahren leben werde. Dies hatte nicht allein mit seinem +Familiensinn, seinem Patrizierselbstbewußtsein, seiner geschichtlichen +Pietät übereingestimmt, es hatte ihn auch in seiner Tätigkeit, seinem +Ehrgeiz, seiner ganzen Lebensführung unterstützt und bekräftigt. Nun +aber zeigte sich, daß es vor dem nahen und durchdringenden Auge des +Todes dahinsank und zunichte ward, unfähig, auch nur eine Stunde der +Beruhigung und Bereitschaft hervorzubringen. + +Obgleich Thomas Buddenbrook in seinem Leben hie und da mit einer kleinen +Neigung zum Katholizismus gespielt hatte, war er doch ganz erfüllt von +dem ernsten, tiefen, bis zur Selbstpeinigung strengen und unerbittlichen +Verantwortlichkeitsgefühl des echten und leidenschaftlichen +Protestanten. Nein, dem Höchsten und Letzten gegenüber gab es keinen +Beistand von außen, keine Vermittlung, Absolution, Betäubung und +Tröstung! Ganz einsam, selbständig und aus eigener Kraft mußte man in +heißer und emsiger Arbeit, ehe es zu spät war, das Rätsel entwirren und +sich klare Bereitschaft erringen, oder in Verzweiflung dahinfahren ... +Und Thomas Buddenbrook wandte sich enttäuscht und hoffnungslos von +seinem einzigen Sohne ab, in dem er stark und verjüngt fortzuleben +gehofft hatte, und fing an, in Hast und Furcht nach der Wahrheit zu +suchen, die es irgendwo für ihn geben mußte ... + +Es war der Hochsommer des Jahres vierundsiebenzig. Silberweiße, +rundliche Wolken zogen am tiefblauen Himmel über die zierliche Symmetrie +des Stadtgartens hin, in den Zweigen des Walnußbaumes zwitscherten die +Vögel mit fragender Betonung, der Springbrunnen plätscherte inmitten des +Kranzes von hohen, lilafarbenen Schwertlilien, der ihn umgab, und der +Duft des Flieders vermischte sich leider mit dem Sirupgeruch, den ein +warmer Luftzug von der nahen Zuckerbrennerei herübertrug. Zum Erstaunen +des Personals verließ der Senator jetzt oftmals in voller Arbeitszeit +das Kontor, um sich, die Hände auf dem Rücken, in seinem Garten zu +ergehen, den Kies zu harken, den Schlamm vom Springbrunnen zu fischen +oder einen Rosenzweig zu stützen ... Sein Gesicht, mit den hellen +Brauen, von denen eine ein wenig emporgezogen war, schien ernst und +aufmerksam bei diesen Beschäftigungen; aber seine Gedanken gingen weit +fort im Dunklen, ihre eigenen, mühseligen Pfade. + +Manchmal setzte er sich, auf der Höhe der kleinen Terrasse, in den von +Weinlaub gänzlich eingehüllten Pavillon und blickte, ohne etwas zu +sehen, über den Garten hin auf die rote Rückwand seines Hauses. Die Luft +war warm und süß, und es war, als ob die friedlichen Geräusche rings +umher ihm besänftigend zusprächen und ihn einzulullen trachteten. Müde +vom Ins-Leere-Starren, von Einsamkeit und Schweigen, schloß er dann und +wann die Augen, um sich alsbald wieder aufzuraffen und hastig den +Frieden von sich zu scheuchen. Ich muß denken, sagte er beinahe laut ... +Ich muß alles ordnen, ehe es zu spät ist ... + +Hier aber war es, in diesem Pavillon, in dem kleinen Schaukelstuhl aus +gelbem Rohr, wo er eines Tages vier volle Stunden lang mit wachsender +Ergriffenheit in einem Buche las, das halb gesucht, halb zufällig in +seine Hände geraten war ... Nach dem zweiten Frühstück, die Zigarette im +Munde, hatte er es im Rauchzimmer, in einem tiefen Winkel des +Bücherschrankes, hinter stattlichen Bänden versteckt, gefunden und sich +erinnert, daß er es einst vor Jahr und Tag beim Buchhändler zu einem +Gelegenheitspreise achtlos erstanden hatte: ein ziemlich umfangreiches, +auf dünnem und gelblichem Papier schlecht gedrucktes und schlecht +geheftetes Werk, der zweite Teil nur eines berühmten metaphysischen +Systems ... Er hatte es mit sich in den Garten genommen und wandte nun, +in tiefer Versunkenheit, Blatt um Blatt ... + +Eine ungekannte, große und dankbare Zufriedenheit erfüllte ihn. Er +empfand die unvergleichliche Genugtuung, zu sehen, wie ein gewaltig +überlegenes Gehirn sich des Lebens, dieses so starken, grausamen und +höhnischen Lebens, bemächtigt, um es zu bezwingen und zu verurteilen ... +die Genugtuung des Leidenden, der vor der Kälte und Härte des Lebens +sein Leiden beständig schamvoll und bösen Gewissens versteckt hielt und +plötzlich aus der Hand eines Großen und Weisen die grundsätzliche und +feierliche Berechtigung erhält, an der Welt zu leiden -- dieser besten +aller denkbaren Welten, von der mit spielendem Hohne bewiesen ward, daß +sie die schlechteste aller denkbaren sei. + +Er begriff nicht alles; Prinzipien und Voraussetzungen blieben ihm +unklar, und sein Sinn, in solcher Lektüre ungeübt, vermochte gewissen +Gedankengängen nicht zu folgen. Aber gerade der Wechsel von Licht und +Finsternis, von dumpfer Verständnislosigkeit, vagem Ahnen und +plötzlicher Hellsicht hielt ihn in Atem, und die Stunden schwanden, ohne +daß er vom Buche aufgeblickt oder auch nur seine Stellung im Stuhle +verändert hätte. + +Er hatte anfänglich manche Seite ungelesen gelassen und rasch +vorwärtsschreitend, unbewußt und eilig nach der Hauptsache, nach dem +eigentlich Wichtigen verlangend, sich nur diesen oder jenen Abschnitt zu +eigen gemacht, der ihn fesselte. Dann aber stieß er auf ein umfängliches +Kapitel, das er vom ersten bis zum letzten Buchstaben durchlas, mit +festgeschlossenen Lippen und zusammengezogenen Brauen, ernst, mit einem +vollkommenen, beinahe erstorbenen, von keiner Regung des Lebens um ihn +her beeinflußbaren Ernst in der Miene. Es trug aber dieses Kapitel den +Titel: »Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres +Wesens an sich.« -- + +Ihm fehlten wenige Zeilen, als um vier Uhr das Folgmädchen durch den +Garten kam und ihn zu Tische bat. Er nickte, las die übrigen Sätze, +schloß das Buch und blickte um sich ... Er fühlte sein ganzes Wesen auf +ungeheuerliche Art geweitet und von einer schweren, dunklen Trunkenheit +erfüllt; seinen Sinn umnebelt und vollständig berauscht von irgend etwas +unsäglich Neuem, Lockendem und Verheißungsvollem, das an erste, hoffende +Liebessehnsucht gemahnte. Aber als er mit kalten und unsicheren Händen +das Buch in der Schublade des Gartentisches verwahrte, war sein +glühender Kopf, in dem ein seltsamer Druck, eine beängstigende Spannung +herrschte, als könnte irgend etwas darin zerspringen, nicht eines +vollkommenen Gedankens fähig. + +Was war dies? fragte er sich, während er ins Haus ging, die Haupttreppe +erstieg und sich im Eßzimmer zu den Seinen setzte ... Was ist mir +geschehen? Was habe ich vernommen? Was ist zu mir gesprochen worden, zu +mir, Thomas Buddenbrook, Ratsherr dieser Stadt, Chef der Getreidefirma +Johann Buddenbrook ...? War dies für mich bestimmt? Kann ich es +ertragen? Ich weiß nicht, was es war ... ich weiß nur, daß es zu viel, +zu viel ist für mein Bürgerhirn ... + +In diesem Zustande eines schweren, dunklen, trunkenen und gedankenlosen +Überwältigtseins verblieb er den ganzen Tag. Dann aber kam der Abend, +und unfähig, seinen Kopf länger auf den Schultern zu halten, ging er +frühzeitig zu Bette. Er schlief drei Stunden lang, tief, unerreichbar +tief, wie noch niemals in seinem Leben. Dann erwachte er, so jäh, so +köstlich erschrocken, wie man einsam erwacht, mit einer keimenden Liebe +im Herzen. + +Er wußte sich allein in dem großen Schlafgemach, denn Gerda schlief +jetzt in Ida Jungmanns Zimmer, die kürzlich, um näher beim kleinen +Johann zu sein, eines der drei Altan-Zimmer bezogen hatte. Es herrschte +dichte Nacht um ihn her, da die Vorhänge der beiden hohen Fenster fest +geschlossen waren. In tiefer Stille und sacht lastender Schwüle lag er +auf dem Rücken und blickte in das Dunkel empor. + +Und siehe da: plötzlich war es, wie wenn die Finsternis vor seinen Augen +zerrisse, wie wenn die samtne Wand der Nacht sich klaffend teilte und +eine unermeßlich tiefe, eine ewige Fernsicht von Licht enthüllte ... +=Ich werde leben!= sagte Thomas Buddenbrook beinahe laut und fühlte, wie +seine Brust dabei vor innerlichem Schluchzen erzitterte. Dies ist es, +daß ich leben werde! Es wird leben ... und daß dieses Es nicht ich bin, +das ist nur eine Täuschung, das war nur ein Irrtum, den der Tod +berichtigen wird. So ist es, so ist es!... Warum? -- Und bei dieser +Frage schlug die Nacht wieder vor seinen Augen zusammen. Er sah, er +wußte und verstand wieder nicht das geringste mehr und ließ sich tiefer +in die Kissen zurücksinken, gänzlich geblendet und ermattet von dem +bißchen Wahrheit, das er soeben hatte erschauen dürfen. + +Und er lag stille und wartete inbrünstig, fühlte sich versucht, zu +beten, daß es noch einmal kommen und ihn erhellen möge. Und es kam. Mit +gefalteten Händen, ohne eine Regung zu wagen, lag er und durfte +schauen ... + +Was war der Tod? Die Antwort darauf erschien ihm nicht in armen und +wichtigtuerischen Worten: er fühlte sie, er besaß sie zuinnerst. Der Tod +war ein Glück, so tief, daß es nur in begnadeten Augenblicken, wie +dieser, ganz zu ermessen war. Er war die Rückkunft von einem unsäglich +peinlichen Irrgang, die Korrektur eines schweren Fehlers, die Befreiung +von den widrigsten Banden und Schranken -- einen beklagenswerten +Unglücksfall machte er wieder gut. + +Ende und Auflösung? Dreimal erbarmungswürdig jeder, der diese nichtigen +Begriffe als Schrecknisse empfand! Was würde enden und was sich +auflösen? Dieser sein Leib ... Diese seine Persönlichkeit und +Individualität, dieses schwerfällige, störrische, fehlerhafte und +hassenswerte =Hindernis, etwas anderes und Besseres zu sein=! + +War nicht jeder Mensch ein Mißgriff und Fehltritt? Geriet er nicht in +eine peinvolle Haft, sowie er geboren ward? Gefängnis! Gefängnis! +Schranken und Bande überall! Durch die Gitterfenster seiner +Individualität starrt der Mensch hoffnungslos auf die Ringmauern der +äußeren Umstände, bis der Tod kommt und ihn zu Heimkehr und Freiheit +ruft ... + +Individualität!... Ach, was man ist, kann und hat, scheint arm, grau, +unzulänglich und langweilig; was man aber nicht ist, nicht kann und +nicht hat, das eben ist es, worauf man mit jenem sehnsüchtigen Neide +blickt, der zur Liebe wird, weil er sich fürchtet, zum Haß zu werden. + +Ich trage den Keim, den Ansatz, die Möglichkeit zu allen Befähigungen +und Betätigungen der Welt in mir ... Wo könnte ich sein, wenn ich nicht +hier wäre! Wer, was, wie könnte ich sein, wenn ich nicht ich wäre, wenn +diese meine persönliche Erscheinung mich nicht abschlösse und mein +Bewußtsein von dem aller derer trennte, die nicht ich sind! Organismus! +Blinde, unbedachte, bedauerliche Eruption des drängenden Willens! +Besser, wahrhaftig, dieser Wille webt frei in raum- und zeitloser Nacht, +als daß er in einem Kerker schmachtet, der von dem zitternden und +wankenden Flämmchen des Intellektes notdürftig erhellt wird! + +In meinem Sohne habe ich fortzuleben gehofft? In einer noch +ängstlicheren, schwächeren, schwankenderen Persönlichkeit? Kindische, +irregeführte Torheit! Was soll mir ein Sohn? Ich brauche keinen Sohn!... +Wo ich sein werde, wenn ich tot bin? Aber es ist so leuchtend klar, so +überwältigend einfach! In allen denen werde ich sein, die je und je Ich +gesagt haben, sagen und sagen werden: =besonders aber in denen, die es +voller, kräftiger, fröhlicher sagen= ... + +Irgendwo in der Welt wächst ein Knabe auf, gut ausgerüstet und +wohlgelungen, begabt, seine Fähigkeiten zu entwickeln, gerade gewachsen +und ungetrübt, rein, grausam und munter, einer von diesen Menschen, +deren Anblick das Glück der Glücklichen erhöht und die Unglücklichen zur +Verzweiflung treibt: -- Das ist mein Sohn. =Das bin ich=, bald ... bald +... sobald der Tod mich von dem armseligen Wahne befreit, ich sei nicht +sowohl er wie ich ... + +Habe ich je das Leben gehaßt, dies reine, grausame und starke Leben? +Torheit und Mißverständnis! Nur mich habe ich gehaßt, dafür, daß ich es +nicht ertragen konnte. Aber ich liebe euch ... ich liebe euch alle, ihr +Glücklichen, und bald werde ich aufhören, durch eine enge Haft von euch +ausgeschlossen zu sein; bald wird das in mir, was euch liebt, wird meine +Liebe zu euch frei werden und bei und in euch sein ... bei und in euch +allen! -- -- + +Er weinte; preßte das Gesicht in die Kissen und weinte, durchbebt und +wie im Rausche emporgehoben von einem Glück, dem keins in der Welt an +schmerzlicher Süßigkeit zu vergleichen. Dies war es, dies alles, was ihn +seit gestern nachmittag trunken und dunkel erfüllt, was sich inmitten +der Nacht in seinem Herzen geregt und ihn geweckt hatte wie eine +keimende Liebe. Und während er es nun begreifen und erkennen durfte -- +nicht in Worten und aufeinanderfolgenden Gedanken, sondern in +plötzlichen, beseligenden Erhellungen seines Inneren --, war er schon +frei, war er ganz eigentlich schon erlöst und aller natürlichen wie +künstlichen Schranken und Bande entledigt. Die Mauern seiner Vaterstadt, +in denen er sich mit Willen und Bewußtsein eingeschlossen, taten sich +auf und erschlossen seinem Blicke die Welt, die ganze Welt, von der er +in jungen Jahren dies und jenes Stückchen gesehen, und die der Tod ihm +ganz und gar zu schenken versprach. Die trügerischen Erkenntnisformen +des Raumes, der Zeit und also der Geschichte, die Sorge um ein +rühmliches, historisches Fortbestehen in der Person von Nachkommen, die +Furcht vor irgendeiner endlichen historischen Auflösung und Zersetzung, +-- dies alles gab seinen Geist frei und hinderte ihn nicht mehr, die +stete Ewigkeit zu begreifen. Nichts begann und nichts hörte auf. Es gab +nur eine unendliche Gegenwart, und diejenige Kraft in ihm, die mit einer +so schmerzlich süßen, drängenden und sehnsüchtigen Liebe das Leben +liebte, und von der seine Person nur ein verfehlter Ausdruck war -- sie +würde die Zugänge zu dieser Gegenwart immer zu finden wissen. + +Ich werde leben! flüsterte er in das Kissen, weinte und ... wußte im +nächsten Augenblick nicht mehr, worüber. Sein Gehirn stand still, sein +Wissen erlosch, und in ihm gab es plötzlich wieder nichts mehr als +verstummende Finsternis. Aber es wird wiederkehren! versicherte er sich. +Habe ich es nicht besessen?... Und während er fühlte, wie Betäubung und +Schlaf ihn unwiderstehlich überschatteten, schwor er sich einen teuren +Eid, dies ungeheure Glück niemals fahren zu lassen, sondern seine Kräfte +zu sammeln und zu lernen, zu lesen und zu studieren, bis er sich fest +und unveräußerlich die ganze Weltanschauung zu eigen gemacht haben +würde, aus der dies alles hervorgegangen war. + +Allein das konnte nicht sein, und schon am nächsten Morgen, als er mit +einem ganz kleinen Gefühl von Geniertheit über die geistigen +Extravaganzen von gestern erwachte, ahnte er etwas von der +Unausführbarkeit dieser schönen Vorsätze. + +Er stand spät auf und hatte sich sogleich an den Debatten einer +Bürgerschaftssitzung zu beteiligen. Das öffentliche, geschäftliche, +bürgerliche Leben in den giebeligen und winkeligen Straßen dieser +mittelgroßen Handelsstadt nahm seinen Geist und seine Kräfte wieder in +Besitz. Immer noch mit dem Vorsatz beschäftigt, die wunderbare Lektüre +wieder aufzunehmen, fing er doch an, sich zu fragen, ob die Erlebnisse +jener Nacht in Wahrheit und auf die Dauer etwas für ihn seien und ob +sie, träte der Tod ihn an, praktisch standhalten würden. Seine +bürgerlichen Instinkte regten sich dagegen. Auch seine Eitelkeit regte +sich: die Furcht vor einer wunderlichen und lächerlichen Rolle. Standen +ihm diese Dinge zu Gesicht? Ziemten sie ihm, ihm, Senator Thomas +Buddenbrook, Chef der Firma Johann Buddenbrook?... + +Er gelangte niemals wieder dazu, einen Blick in das seltsame Buch zu +werfen, das so viele Schätze barg, geschweige denn sich die übrigen +Bände des großen Werkes zu verschaffen. Die nervöse Pedanterie, die sich +mit den Jahren seiner bemächtigt, verzehrte seine Tage. Gehetzt von +fünfhundert nichtswürdigen und alltäglichen Bagatellen, die in Ordnung +zu halten und zu erledigen sein Kopf sich plagte, war er zu +willensschwach, um eine vernünftige und ergiebige Einteilung seiner Zeit +zu erreichen. Und zwei Wochen ungefähr nach jenem denkwürdigen +Nachmittage war er so weit, daß er alles aufgab und dem Dienstmädchen +befahl, ein Buch, das unordentlicherweise in der Schublade des +Gartentisches umherliege, sofort hinaufzutragen und in den Bücherschrank +zu stellen. + +So aber geschah es, daß Thomas Buddenbrook, der die Hände verlangend +nach hohen und letzten Wahrheiten ausgestreckt hatte, matt zurücksank zu +den Begriffen und Bildern, in deren gläubigem Gebrauch man seine +Kindheit geübt hatte. Er ging umher und erinnerte sich des einigen und +persönlichen Gottes, des Vaters der Menschenkinder, der einen +persönlichen Teil seines Selbst auf die Erde entsandt hatte, damit er +für uns leide und blute, der am Jüngsten Tage Gericht halten würde, und +zu dessen Füßen die Gerechten im Laufe der dann ihren Anfang nehmenden +Ewigkeit für die Kümmernisse dieses Jammertales entschädigt werden +würden ... Dieser ganzen, ein wenig unklaren und ein wenig absurden +Geschichte, die aber kein Verständnis, sondern nur gehorsamen Glauben +beanspruchte, und die in feststehenden und kindlichen Worten zur Hand +sein würde, wenn die letzten Ängste kamen ... Wirklich? + +Ach, auch hierin gelangte er nicht zum Frieden. Dieser Mann mit seiner +nagenden Sorge um die Ehre seines Hauses, um seine Frau, seinen Sohn, +seinen Namen, seine Familie, dieser abgenutzte Mann, der seinen Körper +mit Mühe und Kunst elegant, korrekt und aufrecht erhielt, er plagte sich +mehrere Tage mit der Frage, wie es nun eigentlich bestellt sei: ob nun +eigentlich die Seele unmittelbar nach dem Tode in den Himmel gelange, +oder ob die Seligkeit erst mit der Auferstehung des Fleisches beginne +... Und wo blieb die Seele bis dahin? Hatte ihn jemals jemand in der +Schule oder der Kirche darüber belehrt? Wie war es verantwortbar, den +Menschen in einer solchen Unwissenheit zu lassen? -- Und er war darauf +und daran, Pastor Pringsheim zu besuchen und ihn um Rat und Trost +anzugehen, bis er es im letzten Augenblick aus Furcht vor der +Lächerlichkeit unterließ. + +Endlich gab er alles auf und stellte alles Gott anheim. Da er aber mit +der Ordnung seiner ewigen Angelegenheiten zu einem so unbefriedigenden +Schluß gekommen war, so beschloß er, zum wenigsten einmal seine +irdischen gewissenhaft zu bestellen, womit er einen lange gehegten +Vorsatz zur Ausführung bringen würde. + +Eines Tages vernahm der kleine Johann nach dem Mittagessen, im +Wohnzimmer, wo die Eltern ihren Kaffee tranken, wie sein Vater der Mama +die Mitteilung machte, er erwarte heute den Rechtsanwalt Doktor Soundso, +um mit ihm sein Testament zu machen, dessen Fixierung er nicht beständig +ins Ungewisse hinausschieben dürfe. Später übte Hanno im Salon eine +Stunde lang auf dem Flügel. Als er aber dann über den Korridor gehen +wollte, traf er mit seinem Vater und einem Herrn in langem, schwarzem +Überrock zusammen, welche die Haupttreppe heraufkamen. + +»Hanno!« sagte der Senator kurz. Und der kleine Johann blieb stehen, +schluckte hinunter und antwortete leise und eilig: »Ja, Papa ...« + +»Ich habe mit diesem Herrn Wichtiges zu arbeiten«, fuhr sein Vater fort. +»Du stellst dich, wenn ich bitten darf, vor diese Tür« -- er wies auf +den Eingang zum Rauchzimmer -- »und gibst acht, daß niemand, hörst du? +absolut niemand uns stört.« + +»Ja, Papa«, sagte der kleine Johann und stellte sich vor die Tür, die +sich hinter den beiden Herren schloß. + +Er stand dort, hielt mit einer Hand den Schifferknoten auf seiner Brust +erfaßt, scheuerte seine Zunge an einem Zahne, dem er mißtraute, und +horchte auf die ernsten und gedämpften Stimmen, die aus dem Inneren des +Zimmers zu ihm drangen. Sein Kopf mit dem lockig in die Schläfen +fallenden hellbraunen Haar war zur Seite geneigt, und unter +zusammengezogenen Brauen blickten seine goldbraunen, von bläulichen +Schatten umlagerten Augen blinzelnd, mit einem abgestoßenen und +grüblerischen Ausdruck zur Seite, einem Ausdruck, ganz ähnlich +demjenigen, mit dem er an der Bahre seiner Großmutter den Blumengeruch +und jenen anderen, fremden und doch so seltsam vertrauten Duft +eingeatmet hatte. + +Ida Jungmann kam und sagte: »Hannochen, mein Jungchen, wo bleibst du, +was wirst du hier herumzustehen haben!« + +Der bucklige Lehrling kam aus dem Kontor, eine Depesche in der Hand und +fragte nach dem Senator. + +Und jedesmal streckte der kleine Johann seinen Arm in dem blauen mit +einem Anker bestickten Matrosenärmel waagerecht vor der Tür aus, +schüttelte den Kopf und sagte nach einem Augenblicke des Schweigens +leise und fest: »Niemand darf hinein. -- Papa macht sein Testament.« + + +Sechstes Kapitel + +Im Herbst sagte Doktor Langhals, indem er seine schönen Augen spielen +ließ wie eine Frau: »Die Nerven, Herr Senator ... an allem sind bloß die +Nerven schuld. Und hie und da läßt auch die Blutzirkulation ein wenig zu +wünschen übrig. Darf ich mir einen Ratschlag erlauben? Sie sollten sich +dieses Jahr noch ein bißchen ausspannen! Diese paar Seeluft-Sonntage im +Sommer haben natürlich nicht viel vermocht ... Wir haben Ende September, +Travemünde ist noch in Betrieb, es ist noch nicht vollständig +entvölkert. Fahren Sie hin, Herr Senator, und setzen Sie sich noch ein +wenig an den Strand. Vierzehn Tage oder drei Wochen reparieren schon +manches ...« + +Und Thomas Buddenbrook sagte Ja und Amen hierzu. Als aber die Seinen von +dem Entschlusse erfuhren, erbot sich Christian, ihn zu begleiten. + +»Ich gehe mit, Thomas«, sagte er einfach. »Du hast wohl nichts dagegen.« +Und obgleich der Senator eigentlich eine Menge dagegen hatte, sagte er +abermals Ja und Amen. + +Die Sache war die, daß Christian jetzt mehr als jemals Herr seiner Zeit +war, denn wegen schwankender Gesundheit hatte er sich genötigt gesehen, +auch seine letzte kaufmännische Tätigkeit, die Champagner- und +Kognakagentur, fahren zu lassen. Das Trugbild eines Mannes, der in der +Dämmerung auf seinem Sofa saß und ihm zunickte, hatte sich +erfreulicherweise nicht wiederholt. Aber mit der periodischen »Qual« in +seiner linken Seite war es womöglich noch schlimmer geworden, und Hand +in Hand mit ihr ging eine große Anzahl anderer Unzuträglichkeiten, die +Christian sorgfältig beobachtete und mit krauser Nase schilderte, wo er +ging und stand. Oftmals, wie schon früher, versagten beim Essen seine +Schluckmuskeln, so daß er, den Bissen im Halse, dasaß und seine kleinen, +runden, tiefliegenden Augen wandern ließ. Oftmals, wie schon früher, +litt er an dem unbestimmten aber unbesiegbaren Furchtgefühl vor einer +plötzlichen Lähmung seiner Zunge, seines Schlundes, seiner Extremitäten, +ja sogar seines Denkvermögens. Zwar wurde nichts an ihm gelähmt; aber +war nicht die Furcht davor beinahe noch schlimmer? Er erzählte +ausführlich, wie er eines Tages, als er sich Tee bereitete, das +brennende Zündholz statt über den Kochapparat über die offene +Spiritusflasche gehalten habe, so daß beinahe nicht nur er selbst, +sondern auch die übrigen Hausbewohner, ja, vielleicht auch die der +Nachbarhäuser auf fürchterliche Weise umgekommen wären ... Dies ging zu +weit. Was er aber mit besonderer Ausführlichkeit, Eindringlichkeit und +Anstrengung, sich ganz verständlich zu machen, beschrieb, war eine +scheußliche Anomalie, die er in letzter Zeit an sich wahrgenommen hatte +und die darin bestand, daß er an gewissen Tagen, das heißt bei gewisser +Witterung und Gemütsverfassung, kein offenes Fenster sehen konnte, ohne +von dem gräßlichen und durch nichts gerechtfertigten Drange befallen zu +werden, hinauszuspringen ... einem wilden und kaum unterdrückbaren +Triebe, einer Art von unsinnigem und verzweifeltem Übermut! Eines +Sonntages, als die Familie in der Fischergrube speiste, beschrieb er, +wie er unter Aufbietung aller moralischen Kräfte auf Händen und Füßen +habe zum offenen Fenster kriechen müssen, um es zu schließen ... Hier +aber schrie alles auf, und niemand wollte ihm weiter zuhören. + +Diese und ähnliche Dinge konstatierte er mit einer gewissen +schauerlichen Genugtuung. Was er aber nicht beobachtete und nicht +feststellte, was ihm unbewußt blieb und sich darum beständig +verschlimmerte, war der sonderbare Mangel an Taktgefühl, der ihm mit +den Jahren immer mehr zu eigen geworden war. Es war schlimm, daß er im +Familienkreise Anekdoten erzählte, so geartet, daß er sie höchstens im +Klub hätte vorbringen dürfen. Aber es gab auch direkte Anzeichen dafür, +daß sein Sinn für körperliche Schamhaftigkeit im Erlahmen begriffen war. +In der Absicht, seiner Schwägerin Gerda, mit der er auf +freundschaftlichem Fuße stand, zu zeigen, wie durabel gearbeitet seine +englischen Socken seien, und wie mager er übrigens geworden sei, gewann +er es über sich, vor ihren Augen sein weites, kariertes Beinkleid bis +hoch über das Knie zurückzuziehen ... »Da sieh, wie mager ich werde ... +Ist es nicht auffällig und sonderbar?« sagte er bekümmert, indem er mit +krauser Nase auf sein knochiges und stark nach außen gekrümmtes Bein in +der weißwollenen Unterhose zeigte, unter der sich das hagere Knie +trübselig abzeichnete ... + +Er hatte, wie gesagt, jetzt jede kaufmännische Tätigkeit fahren lassen; +aber diejenigen Stunden am Tage, die er nicht im »Klub« verbrachte, +suchte er doch auf verschiedene Weise auszufüllen, und er liebte es, +ausdrücklich hervorzuheben, daß er trotz aller Behinderungen niemals +vollständig aufgehört habe zu arbeiten. Er erweiterte seine +Sprachkenntnisse und hatte, der Wissenschaft halber und ohne praktischen +Endzweck, kürzlich begonnen, Chinesisch zu lernen, worauf er vierzehn +Tage lang viel Fleiß verwendet hatte. Zur Zeit war er damit beschäftigt, +ein englisch-deutsches Lexikon, das ihm unzulänglich schien, zu +»ergänzen«; aber, da eine kleine Luftveränderung ihm sowieso einmal +wieder not tat und da es schließlich ja wünschenswert war, daß der +Senator irgendwelche Begleitung hatte, so vermochte dies Geschäft jetzt +nicht, ihn in der Stadt festzuhalten ... + +Die beiden Brüder fuhren an die See; sie fuhren, indes der Regen auf das +Verdeck des Wagens trommelte, auf der Landstraße dahin, die nur eine +Pfütze war, und sprachen beinahe kein Wort. Christian ließ seine Augen +wandern, als horche er auf irgend etwas Verdächtiges; Thomas saß +fröstelnd in seinen Mantel gehüllt, mit müde blickenden, geröteten +Augen, und die langausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes überragten +starr seine weißlichen Wangen. So fuhren sie nachmittags in den +Kurgarten ein, in dessen verschwemmtem Kies die Räder knirschten. Der +alte Makler Sigismund Gosch saß in der Glasveranda des Hauptgebäudes und +trank Grog von Rum. Er stand auf, indem er durch die Zähne zischte, und +dann setzten sie sich zu ihm, um, während die Koffer hinaufgetragen +wurden, auch ihrerseits etwas Warmes zu genießen. + +Herr Gosch war ebenfalls noch Kurgast, gleich einigen wenigen Leuten, +einer englischen Familie, einer ledigen Holländerin und einem ledigen +Hamburger, die jetzt mutmaßlich ihr Schläfchen vor der Table d'hote +hielten, denn es war überall totenstill, und nur der Regen planschte. +Mochten sie schlafen. Herr Gosch schlief am Tage nicht. Er war froh, +wenn er sich zur Nacht ein paar Stunden Bewußtlosigkeit erobern konnte. +Es ging ihm nicht gut, er gebrauchte diese späte Luftkur gegen das +Zittern, das Zittern in seinen Gliedmaßen ... verflucht! er konnte kaum +noch das Grogglas halten, und -- teuflischer! -- er konnte nur selten +noch schreiben, so daß es mit der Übersetzung von Lope de Vegas +sämtlichen Dramen jämmerlich langsam vorwärts ging. Er war in sehr +gedrückter Stimmung, und seine Gotteslästerungen waren ohne die rechte +Freudigkeit. »Laß fahren dahin!« sagte er, und dies schien seine +Lieblingsredensart geworden zu sein, denn er wiederholte sie beständig +und oftmals ganz außer dem Zusammenhange. + +Und der Senator? Was war es mit ihm? Wie lange gedachten die Herren zu +bleiben? + +Ach, Doktor Langhals habe ihn der Nerven wegen hergeschickt, antwortete +Thomas Buddenbrook. Er habe natürlich gehorcht, trotz dieses +Hundewetters, denn was tue man nicht aus Furcht vor seinem Arzte! Er +fühlte sich ja wirklich ein wenig miserabel. Sie würden eben bleiben, +bis es ihm besser gehe ... + +»Ja, übrigens geht es auch mir sehr schlecht«, sagte Christian voll Neid +und Erbitterung, daß Thomas nur von sich sprach; und er war im Begriffe, +von dem nickenden Manne, der Spiritusflasche und dem offenen Fenster zu +berichten, als sein Bruder aufbrach, um die Zimmer in Besitz zu nehmen. + +Der Regen ließ nicht nach. Er zerwühlte den Boden und tanzte in +springenden Tropfen auf der See, die, vom Südwest überschauert, vom +Strande zurückwich. Alles war in Grau gehüllt. Die Dampfer zogen wie +Schatten und Geisterschiffe vorüber und verschwanden am verwischten +Horizont. + +Mit den fremden Gästen traf man nur beim Essen zusammen. Der Senator +ging mit dem Makler Gosch in Gummimantel und Galoschen spazieren, indes +Christian droben in der Konditorei mit der Büfettdame schwedischen +Punsch trank. + +Zwei- oder dreimal, an Nachmittagen, da es aussah, als ob die Sonne +hervorkommen wollte, erschienen zur Table d'hote ein paar Bekannte aus +der Stadt, die sich gern ein wenig unabhängig von ihren Angehörigen +unterhielten: Senator Doktor Gieseke, Christians Schulkamerad, und +Konsul Peter Döhlmann, der übrigens schlecht aussah, weil er sich durch +maßlosen Gebrauch von Hunyadi-Janos-Wasser verdarb. Dann setzten sich +die Herren in ihren Paletots unter das Zeltdach der Konditorei, +gegenüber dem Musiktempel, in dem nicht mehr musiziert wurde, tranken +ihren Kaffee und verdauten ihre fünf Gänge, indem sie in den +herbstlichen Kurgarten hinausblickten und plauderten ... + +Die Ereignisse der Stadt, das letzte Hochwasser, das in viele Keller +gedrungen, und bei dem man in den unteren Gruben mit Booten gefahren +war, eine Feuersbrunst, ein Schuppenbrand am Hafen, eine Senatswahl +wurden besprochen ... Alfred Lauritzen, in Firma Stürmann & Lauritzen, +Kolonialwaren _en gros & en détail_, war vorige Woche gewählt worden, +und Senator Buddenbrook war nicht einverstanden damit. Er saß in seinen +Kragenmantel gehüllt, rauchte Zigaretten und warf nur an diesem Punkte +des Gespräches ein paar Bemerkungen ein. Er habe Herrn Lauritzen seine +Stimme nicht gegeben, sagte er, soviel sei sicher. Lauritzen sei ein +ehrenfester Mensch und ein vortrefflicher Kaufmann, ohne Frage; aber er +sei Mittelstand, guter Mittelstand, sein Vater habe noch eigenhändig den +Dienstmädchen die sauren Heringe aus der Tonne geholt und eingewickelt +... und jetzt habe man den Inhaber eines Detailgeschäftes im Senate. +Sein, Thomas Buddenbrooks, Großvater habe sich mit seinem ältesten Sohne +überworfen, weil dieser einen Laden erheiratet habe; so seien die Dinge +damals gewesen. »Aber das Niveau sinkt, ja, das gesellschaftliche +Niveau des Senates ist im Sinken begriffen, der Senat wird +demokratisiert, lieber Gieseke, und das ist nicht gut. Kaufmännische +Tüchtigkeit tut es doch nicht so ganz, meiner Meinung nach sollte man +nicht aufhören, ein wenig mehr zu verlangen. Alfred Lauritzen mit seinen +großen Füßen und seinem Bootsmannsgesicht im Ratssaal zu denken, +beleidigt mich ... ich weiß nicht, was in mir. Es ist gegen alles +Stilgefühl, kurzum, eine Geschmacklosigkeit.« + +Aber Senator Gieseke war etwas pikiert. Schließlich war er auch nur der +Sohn eines Branddirektors ... Nein, dem Verdienste seine Krone. Dafür +sei man Republikaner. »Übrigens sollten Sie nicht so viele Zigaretten +rauchen, Buddenbrook, Sie haben ja gar nichts von der Seeluft.« + +»Ja, nun höre ich auf«, sagte Thomas Buddenbrook, warf das Mundstück +fort und schloß die Augen. + +Träge, während der Regen, der unausbleiblich wieder einsetzte, die +Aussicht verschleierte, glitt das Gespräch dahin. Man kam auf den +letzten Skandal der Stadt, eine Wechselfälschung, auf Großkaufmann +Kaßbaum, P. Philipp Kaßbaum & Co., der nun hinter Schloß und Riegel saß. +Man ereiferte sich durchaus nicht; man nannte Herrn Kaßbaums Tat eine +Dummheit, lachte kurz und zuckte die Achseln. Senator Doktor Gieseke +erzählte, daß der Großkaufmann übrigens bei gutem Humor geblieben sei. +An seinem neuen Aufenthaltsort habe er sogleich einen Toilette-Spiegel +verlangt, der in seiner Zelle gefehlt habe. »Ich sitze hier ja nicht +Jahre, sondern Jahren«, hatte er gesagt; »da muß ich doch einen Spiegel +haben!« -- Er war, wie Christian Buddenbrook und Andreas Gieseke, ein +Schüler des seligen Marcellus Stengel gewesen. + +Ohne die Miene zu verziehen, lachten die Herren wieder kurz durch die +Nase. Sigismund Gosch bestellte Grog von Rum, mit einer Betonung, als +wollte er ausdrücken: Was soll das schlechte Leben nützen?... Konsul +Döhlmann sprach einer Flasche Aquavit zu, und Christian war wieder beim +schwedischen Punsch angelangt, den Senator Gieseke für sich und ihn +hatte kommen lassen. Es dauerte nicht lange, bis Thomas Buddenbrook +wieder zu rauchen begann. + +Und immer in einem trägen, wegwerfenden und skeptisch fahrlässigen Ton, +gleichgültig und schwer gesinnt vom Essen, vom Trinken und vom Regen, +sprach man von Geschäften, den Geschäften jedes einzelnen; aber auch +dies Thema belebte niemanden. + +»Ach, dabei ist nicht viel Freude«, sagte Thomas Buddenbrook mit +schwerer Brust und legte angewidert den Kopf über die Stuhllehne zurück. + +»Nun, und Sie, Döhlmann?« erkundigte sich Senator Gieseke und gähnte ... +»Sie haben sich gänzlich dem Aquavit ergeben, wie?« + +»Wovon soll der Schornstein rauchen«, sagte der Konsul. »Ich gucke alle +paar Tage mal ins Kontor. Kurze Haare sind bald gekämmt.« + +»Und alles Wichtige haben ja doch Strunck & Hagenström in Händen«, +bemerkte trübe der Makler Gosch, der seinen Ellenbogen weit vor sich hin +auf den Tisch gestützt hatte und den bösartigen Greisenkopf in der Hand +ruhen ließ. + +»Gegen einen Haufen Mist kann man nicht anstinken«, sagte Konsul +Döhlmann mit einer so geflissentlich ordinären Aussprache, daß jedermann +wie durch einen hoffnungslosen Zynismus trübe gestimmt werden mußte. +»Na, und Sie, Buddenbrook, tun Sie noch was?« + +»Nein«, antwortete Christian; »ich kann es nun nicht mehr.« Und ohne +Übergang, lediglich aus seinem Verständnis der herrschenden Stimmung +heraus, und aus dem Bedürfnis, sie zu vertiefen, begann er plötzlich, +den Hut schräg in die Stirn geschoben, von seinem Kontor in Valparaiso +und von Johnny Thunderstorm zu sprechen ... »Ha, bei =der= Hitze. Du +lieber Gott!... Arbeiten? _No, Sir_, wie Sie sehen, _Sir_!« Und dabei +hatten sie dem Chef ihren Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen. Du +lieber Gott!... Seine Mienen und Bewegungen drückten unübertrefflich +eine zugleich frech herausfordernde und gutmütig verbummelte Trägheit +aus. Sein Bruder rührte sich nicht. + +Herr Gosch versuchte, seinen Grog zum Munde zu führen, stellte ihn +zischend auf den Tisch zurück und hieb sich selbst mit der Faust auf +den widerspenstigen Arm, worauf er das Glas aufs neue an seine schmalen +Lippen riß, mehreres verschüttete und den Rest in Wut auf einmal +hinuntergoß. + +»Ach, Sie mit Ihrem Zittern, Gosch!« sagte Döhlmann. »Sie sollten sich's +mal gehen lassen wie mir. Dies verfluchte Hunyadi-János ... Ich +krepiere, wenn ich nicht täglich meinen Liter trinke, soweit bin ich, +und wenn ich ihn trinke, so krepiere ich erst recht. Wissen Sie, wie es +tut, wenn man niemals, nicht einen Tag, mit seinem Mittagessen fertig +werden kann ... ich meine, wenn man es im Magen hat?...« Und er gab +einige widerliche Einzelheiten seines Befindens zum besten, die +Christian Buddenbrook mit schauerlichem Interesse und kraus gezogener +Nase anhörte und mit einer kleinen eindringlichen Beschreibung seiner +»Qual« beantwortete. + +Der Regen hatte sich wieder verstärkt. Dicht und senkrecht ging er +hernieder, und sein Rauschen erfüllte unabänderlich, öde und +hoffnungslos die Stille des Kurgartens. + +»Ja, das Leben ist faul«, sagte Senator Gieseke, der sehr viel getrunken +hatte. + +»Ich mag gar nicht mehr auf der Welt sein«, sagte Christian. + +»Laß fahren dahin!« sagte Herr Gosch. + +»Da kommt Fiken Dahlbeck«, sagte Senator Gieseke. + +Dies war die Besitzerin des Kuhstalles, die mit einem Milcheimer +vorüberging und den Herren zulächelte. Sie war an die vierzig, korpulent +und frech. + +Senator Gieseke sah sie mit verwilderten Augen an. + +»Was für ein Busen!« sagte er; und hieran knüpfte Konsul Döhlmann einen +übermäßig unflätigen Witz, der nur bewirkte, daß die Herren wieder kurz +und wegwerfend durch die Nase lachten. + +Dann ward der aufwartende Kellner herangerufen. + +»Ich bin mit der Flasche fertig geworden, Schröder«, sagte Döhlmann. +»Wir können auch ebensogut mal bezahlen. Einmal muß es ja sein ... Und +Sie, Christian? Na, für Sie zahlt wohl Gieseke.« + +Hier aber belebte sich Senator Buddenbrook. Er hatte, in seinen +Kragenmantel gehüllt, die Hände im Schoße und die Zigarette im +Mundwinkel, fast ohne Teilnahme dagesessen; plötzlich aber richtete er +sich auf und sagte scharf: »Hast du kein Geld bei dir, Christian? Dann +erlaubst du, daß =ich= die Kleinigkeit auslege.« + +Man spannte die Regenschirme auf und trat unter dem Zeltdach hervor, um +ein bißchen zu promenieren ... + +-- Hie und da besuchte Frau Permaneder ihren Bruder. Dann gingen die +beiden zum »Mövenstein« oder zum »Seetempel« spazieren, wobei Tony +Buddenbrook aus unbekannten Gründen jedesmal in eine begeisterte und +unbestimmt aufrührerische Stimmung geriet. Sie betonte wiederholt die +Freiheit und Gleichheit aller Menschen, verwarf kurzerhand jede +Rangordnung der Stände, ließ harte Worte gegen Privilegien und Willkür +fallen und verlangte ausdrücklich, daß dem Verdienste seine Krone werde. +Und dann kam sie auf ihr Leben zu sprechen. Sie sprach gut, sie +unterhielt ihren Bruder aufs beste. Dieses glückliche Geschöpf hatte, +solange sie auf Erden wandelte, nichts, nicht das geringste +hinunterzuschlucken und stumm zu verwinden gebraucht. Auf keine +Schmeichelei und keine Beleidigung, die ihr das Leben gesagt, hatte sie +geschwiegen. Alles, jedes Glück und jeden Kummer, hatte sie in einer +Flut von banalen und kindisch wichtigen Worten, die ihrem +Mitteilungsbedürfnis vollkommen genügten, wieder von sich gegeben. Ihr +Magen war nicht ganz gesund, aber ihr Herz war leicht und frei -- sie +wußte selbst nicht, wie sehr. Nichts Unausgesprochenes zehrte an ihr; +kein stummes Erlebnis belastete sie. Und darum hatte sie auch gar nichts +an ihrer Vergangenheit zu tragen. Sie wußte, daß sie bewegte und arge +Schicksale gehabt, aber all das hatte ihr keinerlei Schwere und +Müdigkeit hinterlassen, und im Grunde glaubte sie gar nicht daran. +Allein, da es allseitig anerkannte Tatsache schien, so nutzte sie es +aus, indem sie damit prahlte und mit gewaltig ernsthafter Miene darüber +redete ... Sie geriet ins Schelten, sie rief voll ehrlicher Entrüstung +die Personen bei Namen, die ihr Leben -- und folglich das der Familie +Buddenbrook -- schädlich beeinflußt hatten und deren Zahl mit der Zeit +recht stattlich geworden war. »Tränen-Trieschke!« rief sie. »Grünlich! +Permaneder! Tiburtius! Weinschenk! Hagenströms! Der Staatsanwalt! Die +Severin! Was für Filous, Thomas, Gott wird sie strafen dereinst, =den= +Glauben bewahre ich mir!« + +Als sie hinauf zum »Seetempel« kamen, brach schon die Dämmerung herein; +der Herbst war vorgeschritten. Sie standen in einer der nach der Bucht +zu sich öffnenden Kammern, in denen es nach Holz roch, wie in den +Kabinen der Badeanstalt, und deren roh gezimmerte Wände mit Inschriften, +Initialen, Herzen, Versen bedeckt waren. Nebeneinander blickten sie über +den feuchtgrünen Abhang und den schmalen, steinigen Strandstreifen +hinweg auf die trübbewegte See hinaus. + +»Breite Wellen ...«, sagte Thomas Buddenbrook. »Wie sie daherkommen und +zerschellen, daherkommen und zerschellen, eine nach der anderen, endlos, +zwecklos, öde und irr. Und doch wirkt es beruhigend und tröstlich, wie +das Einfache und Notwendige. Mehr und mehr habe ich die See lieben +gelernt ... vielleicht zog ich ehemals das Gebirge nur vor, weil es in +weiterer Ferne lag. Jetzt möchte ich nicht mehr dorthin. Ich glaube, daß +ich mich fürchten und schämen würde. Es ist zu willkürlich, zu +unregelmäßig, zu vielfach ... sicher, ich würde mich allzu unterlegen +fühlen. Was für Menschen es wohl sind, die der Monotonie des Meeres den +Vorzug geben? Mir scheint, es sind solche, die zu lange und tief in die +Verwicklungen der innerlichen Dinge hineingesehen haben, um nicht +wenigstens von den äußeren vor allem eins verlangen zu müssen: +Einfachheit ... Es ist das wenigste, daß man tapfer umhersteigt im +Gebirge, während man am Meere still im Sande ruht. Aber ich kenne den +Blick, mit dem man dem einen, und jenen, mit dem man dem andern huldigt. +Sichere, trotzige, glückliche Augen, die voll sind von Unternehmungslust, +Festigkeit und Lebensmut, schweifen von Gipfel zu Gipfel; aber auf der +Weite des Meeres, das mit diesem mystischen und lähmenden Fatalismus +seine Wogen heranwälzt, träumt ein verschleierter, hoffnungsloser und +wissender Blick, der irgendwo einstmals tief in traurige Wirrnisse sah +... Gesundheit und Krankheit, das ist der Unterschied. Man klettert keck +in die wundervolle Vielfachheit der zackigen, ragenden, zerklüfteten +Erscheinungen hinein, um seine Lebenskraft zu erproben, von der noch +nichts verausgabt wurde. Aber man ruht an der weiten Einfachheit der +äußeren Dinge, müde wie man ist von der Wirrnis der inneren.« + +Frau Permaneder verstummte so eingeschüchtert und unangenehm berührt, +wie harmlose Leute verstummen, wenn in Gesellschaft plötzlich etwas +Gutes und Ernstes ausgesprochen wird. Dergleichen sagt man doch nicht! +dachte sie, indem sie fest ins Weite sah, um seinen Augen nicht zu +begegnen. Und um ihm in der Stille abzubitten, daß sie sich für ihn +schämte, zog sie seinen Arm in den ihrigen. + + +Siebentes Kapitel + +Es war Winter geworden, Weihnacht war vorüber, man schrieb Januar, +Januar 1875. Der Schnee, der die Bürgersteige als eine festgetretene, +mit Sand und Asche untermischte Masse bedeckte, lagerte zu beiden Seiten +der Fahrdämme in hohen Haufen, die beständig grauer, zerklüfteter und +poröser wurden, denn es waren Wärmegrade in der Luft. Das Pflaster war +naß und schmutzig, und von den grauen Giebeln troff es. Aber darüber +spannte sich der Himmel zartblau und makellos, und Milliarden von +Lichtatomen schienen wie Kristalle in dem Azur zu flimmern und zu +tanzen ... + +Im Zentrum der Stadt war es lebendig, denn es war Sonnabend und +Markttag. Unter den Spitzbogen der Rathaus-Arkaden hatten die Fleischer +ihre Stände und wogen mit blutigen Händen ihre Ware ab. Auf dem +Marktplatze selbst aber, um den Brunnen herum, war Fischmarkt. Dort +saßen, die Hände in halb enthaarten Pelzmüffen und die Füße an +Kohlenbecken wärmend, beleibte Weiber, die ihre naßkalten Gefangenen +hüteten und die umherwandernden Köchinnen und Hausfrauen mit breiten +Worten zum Kaufe einluden. Es war keine Gefahr, betrogen zu werden. Man +konnte sicher sein, etwas Frisches zu erhandeln, denn die Fische lebten +fast alle noch, die fetten, muskulösen Fische ... Einige hatten es gut. +Sie schwammen, in einiger Enge zwar, aber doch guten Mutes, in +Wassereimern umher und hatten nichts auszustehen. Andere aber lagen mit +fürchterlich glotzenden Augen und arbeitenden Kiemen, zählebig und +qualvoll auf ihrem Brett und schlugen hart und verzweifelt mit dem +Schwanze, bis man sie endlich packte und ein spitzes, blutiges Messer +ihnen mit Knirschen die Kehle zerschnitt. Lange und dicke Aale wanden +und schlängelten sich zu abenteuerlichen Figuren. In tiefen Bütten +wimmelte es schwärzlich von Ostseekrabben. Manchmal zog ein starker Butt +sich krampfhaft zusammen und schnellte sich in seiner tollen Angst weit +vom Brette fort auf das schlüpfrige, von Abfällen verunreinigte +Pflaster, so daß seine Besitzerin ihm nachlaufen und ihn unter harten +Worten der Mißbilligung seiner Pflicht wieder zuführen mußte ... + +In der Breiten Straße herrschte um Mittag reger Verkehr. Schulkinder, +die Ränzel auf dem Rücken, kamen daher, erfüllten die Luft mit Lachen +und Geplapper und warfen einander mit dem halb zertauten Schnee. Junge +Kaufmannslehrlinge aus guter Familie, mit dänischen Schiffermützen oder +elegant nach englischer Mode gekleidet, Portefeuilles in den Händen, +gingen nicht ohne Würde vorüber, stolz, dem Realgymnasium entronnen zu +sein. Gesetzte, graubärtige und höchlichst verdiente Bürger stießen mit +dem Gesichtsausdruck unerschütterlich nationalliberaler Gesinnung ihre +Spazierstöcke vor sich her und blickten aufmerksam zu der +Glasurziegelfassade des Rathauses hinüber, an dessen Portal die +Doppelwache aufgezogen war. Denn der Senat war versammelt. Die beiden +Infanteristen schritten in ihren Mänteln, das Gewehr auf der Schulter, +die ihnen zugemessene Strecke ab, indem sie kaltblütig durch die kotige +und halbflüssige Schneemasse am Boden stampften. Sie begegneten sich in +der Mitte vorm Eingang, sahen sich an, wechselten ein Wort und gingen +nach beiden Seiten wieder auseinander. Manchmal, wenn mit +emporgeklapptem Paletotkragen und beide Hände in den Taschen, ein +Offizier sich näherte, der den Spuren irgendeines Mamsellchens folgte +und sich gleichzeitig von den jungen Damen aus großem Hause bewundern +ließ, stellte sich jeder vor sein Schilderhaus, besah sich selbst von +oben bis unten und präsentierte ... Es hatte noch gute Weile, bis sie +den Senatoren beim Herauskommen zu salutieren haben würden. Die Sitzung +dauerte erst drei Viertelstunden. Sie würden wohl vorher noch abgelöst +werden ... + +Da aber, plötzlich, vernahm der eine der beiden Soldaten ein kurzes, +diskretes Zischen im Innern des Gebäudes, und im selben Augenblick +leuchtete im Portal der rote Frack des Ratsdieners Uhlefeldt auf, +welcher mit Dreispitz und Galanteriedegen, in äußerster Geschäftigkeit +zum Vorschein kam, ein leises »Achtung!« hervorstieß und sich eilfertig +wieder zurückzog, während drinnen auf den hallenden Fliesen schon +nahende Schritte sich hören ließen ... + +Die Infanteristen machten Front, sie zogen die Absätze zusammen, +steiften das Genick, blähten die Brust, setzten das Gewehr bei Fuß und +präsentierten es mit ein paar prompt zusammenklappenden Griffen. +Zwischen ihnen hindurch schritt ziemlich geschwind, mit gelüftetem +Zylinder, ein kaum mittelgroßer Herr, der eine seiner hellen Brauen ein +wenig emporgezogen hielt, und dessen weißliche Wangen von den lang +ausgezogenen Schnurrbartspitzen überragt wurden. Senator Thomas +Buddenbrook verließ heute lange vor Schluß der Sitzung das Rathaus. + +Er bog rechts ab und schlug also nicht den Weg zu seinem Hause ein. +Korrekt, tadellos sauber und elegant ging er mit dem etwas hüpfenden +Schritte, der ihm eigen war, die Breite Straße entlang, indem er +beständig nach allen Seiten zu grüßen hatte. Er trug weiße +Glacéhandschuhe und hielt seinen Stock mit silberner Krücke unter dem +linken Arm. Hinter den dicken Revers seines Pelzes sah man die weiße +Frackkrawatte. Aber sein sorgfältig hergerichteter Kopf sah übernächtig +aus. Verschiedene Leute bemerkten im Vorübergehen, daß ihm plötzlich die +Tränen in die geröteten Augen stiegen, und daß er die Lippen auf eine +ganz sonderbare, behutsame und verzerrte Weise geschlossen hielt. +Manchmal schluckte er hinunter, als habe sein Mund sich mit Flüssigkeit +gefüllt; und dann konnte man an den Bewegungen der Muskeln an Wangen und +Schläfen beobachten, daß er die Kiefer zusammenbiß. + +»Was nun, Buddenbrook, du schwänzst die Sitzung? Das ist mal was Neues!« +sagte am Anfang der Mühlenstraße jemand zu ihm, den er nicht hatte +kommen sehen. Es war Stephan Kistenmaker, der plötzlich vor ihm stand, +sein Freund und Bewunderer, der sich in öffentlichen Fragen jede seiner +Meinungen zu eigen machte. Er besaß einen rundgeschnittenen, +ergrauenden Vollbart, furchtbar dicke Augenbrauen und eine lange, poröse +Nase. Vor ein paar Jahren hatte er sich, nachdem er ein gutes Stück Geld +verdient, von dem Weingeschäft zurückgezogen, das nun sein Bruder Eduard +auf eigene Hand weiterführte. Seitdem lebte er als Privatier; da er sich +dieses Standes im Grunde aber ein wenig schämte, so tat er beständig, +als habe er unüberwindlich viel zu tun. »Ich reibe mich auf!« sagte er +und strich mit der Hand über seinen grauen, mit der Brennschere +gewellten Scheitel. »Aber wozu ist der Mensch auf der Welt, als um sich +aufzureiben?« Stundenlang stand er mit wichtigen Gebärden an der Börse, +ohne dort das geringste zu suchen zu haben. Er bekleidete eine Menge von +gleichgültigen Ämtern. Kürzlich hatte er sich zum Direktor der +Städtischen Badeanstalt gemacht. Er fungierte emsig als Geschworener, +als Makler, als Testamentsvollstrecker und wischte sich den Schweiß von +der Stirn ... + +»Es ist doch Sitzung, Buddenbrook«, wiederholte er, »und du gehst +spazieren?« + +»Ach, du bist es«, sagte der Senator leise und mit widerwillig sich +bewegenden Lippen ... »Ich kann minutenlang nichts sehen. Ich habe +wahnsinnige Schmerzen.« + +»Schmerzen? Wo?« + +»Zahnschmerzen. Seit gestern schon. Ich habe in der Nacht kein Auge +zugetan ... Ich war noch nicht beim Arzt, weil ich heute vormittag im +Geschäft zu tun hatte und dann die Sitzung nicht versäumen wollte. Nun +konnte ich es doch nicht aushalten und bin auf dem Wege zu Brecht ...« + +»Wo sitzt es denn?« + +»Hier unten links ... Ein Backenzahn ... Er ist natürlich hohl ... Es +ist unerträglich ... Adieu, Kistenmaker! Du begreifst, daß ich Eile +habe ...« + +»Ja, meinst du, daß ich =keine= habe? Fürchterlich viel zu tun ... +Adieu! Gute Besserung übrigens! Laß ihn ausziehen! Immer gleich raus +damit, das ist das beste ...« + +Thomas Buddenbrook ging weiter und biß die Kiefer zusammen, obgleich +dies die Sache nur verschlimmerte. Es war ein wilder, brennender und +bohrender Schmerz, eine boshafte Pein, die sich von einem kranken +Backenzahn aus der ganzen linken Seite des Unterkiefers bemächtigt +hatte. Die Entzündung pochte darin mit glühenden Hämmerchen und machte, +daß ihm die Fieberhitze ins Gesicht und die Tränen in die Augen +schossen. Die schlaflose Nacht hatte seine Nerven schrecklich +angegriffen. Er hatte sich eben beim Sprechen zusammennehmen müssen, +damit seine Stimme sich nicht breche. + +In der Mühlenstraße betrat er ein mit gelbbrauner Ölfarbe gestrichenes +Haus und stieg zum ersten Stockwerk empor, woselbst an der Tür auf einem +Messingschild »Zahnarzt Brecht« zu lesen war. Er sah das Dienstmädchen +nicht, das ihm öffnete. Auf dem Korridor roch es warm nach Beefsteak und +Blumenkohl. Dann plötzlich atmete er die scharfriechende Luft des +Wartezimmers, in das man ihn nötigte. »Nehmen Sie Platz ... einen +Momang!« schrie die Stimme eines alten Weibes. Es war Josephus, der im +Hintergrunde des Raumes in seinem blanken Bauer saß und ihm mit kleinen, +giftigen Augen schief und tückisch entgegenstarrte. + +Der Senator setzte sich an den runden Tisch und versuchte, die Witze in +einem Band »Fliegender Blätter« auf sich wirken zu lassen, schlug dann +aber das Buch mit Ekel zu, drückte das kühle Silber seiner Stockkrücke +gegen die Wange, schloß seine brennenden Augen und stöhnte. Rings war +alles still, und nur Josephus biß mit Knacken und Knirschen in das ihn +umgebende Gitter. Herr Brecht war es sich schuldig, auch wenn er +unbeschäftigt war, eine Weile warten zu lassen. + +Thomas Buddenbrook stand hastig auf und trank an einem Tischchen aus +einer dort aufgestellten Karaffe ein Glas Wasser, das nach Chloroform +roch und schmeckte. Dann öffnete er die Tür zum Korridor und rief mit +gereizter Betonung hinaus, wenn nicht dringende Abhaltung vorhanden sei, +möge Herr Brecht die Güte haben, sich ein wenig zu beeilen. Er habe +Schmerzen. + +Gleich darauf erschien der graumelierte Schnurrbart, die Hakennase und +die kahle Stirn des Zahnarztes in der Tür zum Operationszimmer. »Bitte«, +sagte er. »Bitte!« schrie auch Josephus. Der Senator folgte der +Einladung ohne zu lachen. Ein schwerer Fall! dachte Herr Brecht und +verfärbte sich ... + +Sie gingen beide rasch durch das helle Zimmer zu dem großen, +verstellbaren Stuhl mit Kopfpolster und grünplüschenen Armlehnen, der +vor einem der beiden Fenster stand. Während er sich niederließ, erklärte +Thomas Buddenbrook kurz, um was es sich handele, legte den Kopf zurück +und schloß die Augen. + +Herr Brecht schrob ein wenig an dem Stuhle und machte sich dann mit +einem Spiegelchen und einem Stahlstäbchen an dem Zahne zu schaffen. +Seine Hand roch nach Mandelseife, sein Atem nach Beefsteak und +Blumenkohl. + +»Wir müssen zur Extraktion schreiten«, sagte er nach einer Weile und +erblich noch mehr. + +»Schreiten Sie nur«, sagte der Senator und schloß die Lider noch fester. + +Nun trat eine Pause ein. Herr Brecht präparierte an einem Schranke +irgend etwas und suchte Instrumente hervor. Dann näherte er sich dem +Patienten aufs neue. + +»Ich werde ein bißchen pinseln«, sagte er. Und sogleich begann er, +diesen Entschluß zur Tat zu machen, indem er das Zahnfleisch ausgiebig +mit einer scharf riechenden Flüssigkeit bestrich. Hierauf bat er leise +und herzlich, stille zu halten und den Mund sehr weit zu öffnen, und +begann sein Werk. + +Thomas Buddenbrook hielt mit beiden Händen die Sammetarmpolster fest +erfaßt. Er empfand kaum das Ansetzen und Zugreifen der Zange, bemerkte +dann aber an dem Knirschen in seinem Munde sowie an dem wachsenden, +immer schmerzhafter und wütender werdenden Druck, dem sein ganzer Kopf +ausgesetzt war, daß alles auf dem besten Wege sei. Gott befohlen! dachte +er. Nun muß es seinen Gang gehen. Dies wächst und wächst bis ins Maßlose +und Unerträgliche, bis zur eigentlichen Katastrophe, bis zu einem +wahnsinnigen, kreischenden, unmenschlichen Schmerz, der das ganze Gehirn +zerreißt ... Dann ist es überstanden; ich muß es nun abwarten. + +Es dauerte drei oder vier Sekunden. Herrn Brechts bebende +Kraftanstrengung teilte sich Thomas Buddenbrooks ganzem Körper mit, er +wurde ein wenig auf seinem Sitze emporgezogen und hörte ein leise +piependes Geräusch in der Kehle des Zahnarztes ... Plötzlich gab es +einen furchtbaren Stoß, eine Erschütterung, als würde ihm das Genick +gebrochen, begleitet von einem kurzen Knacken und Krachen. Er öffnete +hastig die Augen ... Der Druck war fort, aber sein Kopf dröhnte, der +Schmerz tobte heiß in dem entzündeten und mißhandelten Kiefer, und er +fühlte deutlich, daß dies nicht das Bezweckte, nicht die wahre Lösung +der Frage, sondern eine verfrühte Katastrophe sei, die die Sachlage nur +verschlimmerte ... Herr Brecht war zurückgetreten. Er lehnte am +Instrumentenschrank, sah aus wie der Tod und sagte: »Die Krone ... Ich +dachte mir's.« + +Thomas Buddenbrook spie ein wenig Blut in die blaue Schale zu seiner +Seite, denn das Zahnfleisch war verletzt. Dann fragte er halb bewußtlos: +»Was dachten Sie sich? Was ist mit der Krone?« + +»Die Krone ist abgebrochen, Herr Senator ... Ich fürchtete es ... Der +Zahn ist außerordentlich defekt ... Aber es war meine Pflicht, das +Experiment zu wagen ...« + +»Was nun?« + +»Überlassen Sie alles mir, Herr Senator ...« + +»Was muß geschehen?« + +»Die Wurzeln müssen entfernt werden. Vermittels des Hebels ... Es sind +vier an der Zahl ...« + +»Vier? Also ist viermaliges Ansetzen und Ziehen nötig?« + +»Leider.« + +»Nun, für heute ist es genug!« sagte der Senator und wollte sich rasch +erheben, blieb aber trotzdem sitzen und legte den Kopf zurück. + +»Lieber Herr, Sie dürfen nur Menschliches verlangen«, sagte er. »Ich +stehe nicht auf den festesten Füßen ... Für diesmal bin ich jedenfalls +fertig ... Wollen Sie die Güte haben, das Fenster da einen Augenblick zu +öffnen.« + +Dies tat Herr Brecht und dann erwiderte er: »Es wäre mir vollkommen +lieb, Herr Senator, wenn Sie morgen oder übermorgen zu einer beliebigen +Stunde wieder vorsprechen möchten und wir die Operation bis dahin +verschöben. Ich muß gestehen, ich selbst ... Ich werde mir jetzt +erlauben, noch eine Spülung und eine Pinselung vorzunehmen, um den +Schmerz vorläufig zu lindern ...« + +Er nahm die Spülung und die Pinselung vor, und dann ging der Senator, +begleitet von dem bedauernden Achselzucken, an das der schneebleiche +Herr Brecht seine letzten Kräfte verausgabte. + +»Einen Momang ... bitte!« schrie Josephus, als sie das Wartezimmer +passierten, und er schrie es noch, als Thomas Buddenbrook schon die +Treppe hinunterstieg. + +Vermittels des Hebels ... ja, ja, das war morgen. Was nun? Nach Hause +und ruhen, zu schlafen versuchen. Der eigentliche Nervenschmerz schien +betäubt; es war nur ein dunkles, schweres Brennen in seinem Munde. Nach +Hause also ... Und er ging langsam durch die Straßen, mechanisch Grüße +erwidernd, die ihm dargebracht wurden, mit sinnenden und ungewissen +Augen, als dächte er darüber nach, wie ihm eigentlich zumute sei. + +Er gelangte zur Fischergrube und begann das linke Trottoir +hinunterzugehen. Nach zwanzig Schritten befiel ihn eine Übelkeit. Ich +werde dort drüben in die Schänke treten und einen Kognak trinken müssen, +dachte er, und beschritt den Fahrdamm. Als er etwa die Mitte desselben +erreicht hatte, geschah ihm folgendes. Es war genau, als würde sein +Gehirn ergriffen und von einer unwiderstehlichen Kraft mit wachsender, +fürchterlich wachsender Geschwindigkeit in großen, kleineren und immer +kleineren konzentrischen Kreisen herumgeschwungen und schließlich mit +einer unmäßigen, brutalen und erbarmungslosen Wucht gegen den +steinharten Mittelpunkt dieser Kreise geschmettert ... Er vollführte +eine halbe Drehung und schlug mit ausgestreckten Armen vornüber auf das +nasse Pflaster. + +Da die Straße stark abfiel, befand sich sein Oberkörper ziemlich viel +tiefer als seine Füße. Er war aufs Gesicht gefallen, unter dem sofort +eine Blutlache sich auszubreiten begann. Sein Hut rollte ein Stück des +Fahrdammes hinunter. Sein Pelz war mit Kot und Schneewasser bespritzt. +Seine Hände, in den weißen Glacéhandschuhen, lagen ausgestreckt in einer +Pfütze. + +So lag er und so blieb er liegen, bis ein paar Leute herangekommen waren +und ihn umwandten. + + +Achtes Kapitel + +Frau Permaneder kam die Haupttreppe herauf, indem sie vorn mit der Hand +ihr Kleid emporraffte und mit der anderen die große, braune Muff gegen +ihre Wange drückte. Sie stürzte und stolperte mehr als daß sie ging, ihr +Kapotthut war unordentlich aufgesetzt, ihre Wangen waren hitzig, und auf +ihrer ein wenig vorgeschobenen Oberlippe standen kleine Schweißtropfen. +Obgleich ihr niemand begegnete, sprach sie unaufhörlich im +Vorwärtshasten, und aus ihrem Flüstern löste sich dann und wann mit +plötzlichem Vorstoße ein Wort los, dem die Angst lauten Ton verlieh ... +»Es ist nichts ...« sagte sie. »Es hat gar nichts zu bedeuten ... Der +liebe Gott wird das nicht wollen ... Er weiß, was er tut; =den= Glauben +bewahre ich mir ... Es hat ganz sicherlich nichts zu sagen ... Ach, du +Herr, tagtäglich will ich beten ...« Sie plapperte einfach Unsinn vor +Angst, stürzte die Treppe zur zweiten Etage hinauf und über den +Korridor ... + +Die Tür zum Vorzimmer stand offen, und dort kam ihre Schwägerin ihr +entgegen. + +Gerda Buddenbrooks schönes, weißes Gesicht war in Grauen und Ekel ganz +und gar verzogen, und ihre nahe beieinanderliegenden, braunen, von +bläulichen Schatten umlagerten Augen blickten blinzelnd, zornig, +verstört und angewidert. Als sie Frau Permaneder erkannte, winkte sie +ihr rasch mit ausgestrecktem Arme und umarmte sie, indem sie den Kopf an +ihrer Schulter verbarg. + +»Gerda, Gerda, was ist!« rief Frau Permaneder. »Was ist geschehen!... +Was bedeutet dies!... Gestürzt, sagen sie? Bewußtlos?... Wie ist es mit +ihm?... Der liebe Gott wird das Schlimmste nicht wollen ... Sage mir +doch um aller Barmherzigkeit willen ...« + +Aber sie erhielt nicht sogleich eine Antwort, sondern fühlte nur, wie +Gerdas ganze Gestalt sich in einem Schauer dehnte. Und dann vernahm sie +an ihrer Schulter ein Flüstern ... + +»Wie er aussah«, verstand sie, »als sie ihn brachten! Sein ganzes Leben +lang hat man nicht ein Staubfäserchen an ihm sehen dürfen ... Es ist ein +Hohn und eine Niedertracht, daß das Letzte =so= kommen muß ...!« + +Gedämpftes Geräusch drang zu ihnen. Die Tür zum Ankleidekabinett hatte +sich geöffnet, und Ida Jungmann stand in ihrem Rahmen, in weißer +Schürze, eine Schüssel in den Händen. Ihre Augen waren gerötet. Sie +erblickte Frau Permaneder und trat mit gesenktem Kopfe zurück, um den +Weg freizugeben. Ihr Kinn zitterte in Falten. + +Die hohen, geblümten Fenstervorhänge bewegten sich im Luftzuge, als +Tony, gefolgt von ihrer Schwägerin, ins Schlafzimmer trat. Der Geruch +von Karbol, Äther und anderen Medikamenten wehte ihnen entgegen. In dem +breiten Mahagonibett, unter der roten Steppdecke lag Thomas Buddenbrook +ausgekleidet und im gestickten Nachthemd auf dem Rücken. Seine halb +offenen Augen waren gebrochen und verdreht, unter dem zerzausten +Schnurrbart bewegten seine Lippen sich lallend, und gurgelnde Laute +drangen dann und wann aus seiner Kehle. Der junge Doktor Langhals beugte +sich über ihn, nahm einen blutigen Verband von seinem Gesicht und +tauchte einen neuen in ein Schälchen, das auf dem Nachttische stand. +Dann horchte er an der Brust des Kranken und fühlte den Puls ... Auf dem +Wäschepuff, zu Füßen des Bettes, saß der kleine Johann, drehte an seinem +Schifferknoten und horchte mit grüblerischem Gesichtsausdruck hinter +sich auf die Laute, die sein Vater ausstieß. Die besudelten +Kleidungsstücke hingen irgendwo über einem Stuhle. + +Frau Permaneder kauerte sich zur Seite des Bettes nieder, ergriff die +Hand ihres Bruders, die kalt und schwer war, und starrte in sein Gesicht +... Sie begann zu begreifen, daß, wußte der liebe Gott nun, was er tat, +oder nicht, er jedenfalls dennoch »das Schlimmste« wollte. + +»Tom!« jammerte sie. »Erkennst du mich nicht? Wie ist dir? Willst du von +uns gehen? Du willst doch nicht von uns gehen?! Ach, es =darf= nicht +sein ...!« + +Nichts erfolgte, was einer Antwort ähnlich gewesen wäre. Sie blickte +hilfesuchend zu Doktor Langhals auf. Er stand da, hielt seine schönen +Augen gesenkt und drückte in seiner Miene, nicht ohne einige +Selbstgefälligkeit, den Willen des lieben Gottes aus ... + +Ida Jungmann kam wieder herein, um zu helfen, wo es zu helfen gab. Der +alte Doktor Grabow erschien persönlich, drückte mit langem und mildem +Gesichte allen die Hand, betrachtete kopfschüttelnd den Kranken und tat +genau, was auch Doktor Langhals schon getan hatte ... Die Kunde hatte +sich mit Windeseile in der ganzen Stadt verbreitet. Beständig schellte +es drunten am Windfang, und Fragen nach dem Befinden des Senators +drangen ins Schlafzimmer. Es war unverändert, unverändert ... jeder +bekam die gleiche Antwort. + +Die beiden Ärzte hielten dafür, daß auf jeden Fall für die Nacht eine +barmherzige Schwester herbeigeschafft werden müsse. Es wurde nach +Schwester Leandra geschickt, und sie kam. Es war keine Spur von +Überraschung und Schrecken in ihrem Gesicht, als sie eintrat. Sie legte +auch diesmal still ihr Ledertäschchen, ihre Haube und ihren Umhang +beiseite und ging mit sanften und freundlichen Bewegungen an ihre +Arbeit. + +Der kleine Johann saß Stunde für Stunde auf seinem Puff, sah alles an +und horchte auf die gurgelnden Laute. Er hätte sich eigentlich zum +Privatunterricht im Rechnen begeben müssen, aber er begriff, daß dies +Ereignisse waren, vor denen die Kammgarnröcke verstummen mußten. Auch +seiner Schulaufgaben gedachte er nur kurz und mit Spott ... Manchmal, +wenn Frau Permaneder zu ihm trat und ihn an sich preßte, vergoß er +Tränen; aber meistens blinzelte er trockenen Auges mit einem +abgestoßenen und grüblerischen Gesichtsausdruck darein, unregelmäßig und +vorsichtig atmend, als erwarte er den Duft, den fremden und doch so +seltsam vertrauten Duft ... + +Gegen vier Uhr faßte Frau Permaneder einen Entschluß. Sie veranlaßte den +Doktor Langhals, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, verschränkte die Arme +und legte den Kopf zurück, wobei sie trotzdem versuchte, das Kinn auf +die Brust zu drücken. + +»Herr Doktor«, sagte sie, »eines steht in Ihrer Macht, und darum bitte +ich Sie! Schenken Sie mir reinen Wein ein, tun Sie es! Ich bin eine vom +Leben gestählte Frau ... Ich habe gelernt, die Wahrheit zu ertragen, +glauben Sie mir!... Wird mein Bruder morgen am Leben sein? Reden Sie +offen!« + +Und Doktor Langhals wandte seine schönen Augen ab, besah seine +Fingernägel und sprach von menschlicher Ohnmacht, sowie von der +Unmöglichkeit, die Frage zu entscheiden, ob Frau Permaneders Herr Bruder +die Nacht überleben werde oder in der nächsten Minute abberufen werden +würde ... + +»Dann weiß ich, was ich zu tun habe«, sagte sie, ging hinaus und +schickte zu Pastor Pringsheim. + +In halbem Ornat, ohne Halskrause, aber in langem Talar, erschien er, +streifte Schwester Leandra mit einem kalten Blick und ließ sich am Bette +auf den Stuhl nieder, den man ihm zuschob. Er bat den Kranken, ihn zu +erkennen und ihm ein wenig Gehör zu schenken; da dieser Versuch aber +fruchtlos blieb, so wandte er sich direkt an Gott, redete ihn in +stilisiertem Fränkisch an und sprach zu ihm mit modulierender Stimme in +bald dunklen, bald jäh akzentuierten Lauten, indes finsterer Fanatismus +und milde Verklärung auf seinem Gesichte wechselten ... Während er das R +auf eine eigenartig fette und gewandte Art am Gaumen rollte, gewann der +kleine Johann die deutliche Vorstellung, daß er soeben Kaffee und +Buttersemmeln zu sich genommen haben müsse. + +Er sagte, daß er und die hier Anwesenden nicht mehr um das Leben dieses +Lieben und Teuren bäten, denn sie sähen, daß es des Herrn heiliger Wille +sei, ihn zu sich zu nehmen. Nur um die Gnade einer sanften Erlösung +flehten sie noch ... Und dann sprach er mit wirksamer Pointierung noch +zwei in solchen Fällen übliche Gebete und erhob sich. Er drückte Gerda +Buddenbrooks und Frau Permaneders Hand, nahm den Kopf des kleinen Johann +zwischen beide Hände und blickte ihm eine Minute lang zitternd vor +Wehmut und Innigkeit auf die gesenkten Wimpern, grüßte Fräulein +Jungmann, streifte Schwester Leandra nochmals mit einem kalten Blick und +hielt seinen Abgang. + +Als Doktor Langhals zurückkehrte, der ein wenig nach Hause gegangen war, +fand er alles beim alten. Er nahm nur eine kurze Rücksprache mit der +Pflegerin und empfahl sich wieder. Auch Doktor Grabow sprach noch einmal +vor, sah mit mildem Gesicht nach dem Rechten und ging. Thomas +Buddenbrook fuhr fort, gebrochenen Auges die Lippen zu bewegen und +gurgelnde Laute auszustoßen. Die Dämmerung fiel ein. Draußen gab es ein +wenig winterliches Abendrot, und es beschien durchs Fenster sanft die +besudelten Kleidungsstücke, die irgendwo über einem Stuhle hingen. + +Um fünf Uhr ließ Frau Permaneder sich zu einer Unbedachtsamkeit +hinreißen. Ihrer Schwägerin gegenüber am Bette sitzend, begann sie +plötzlich, unter Anwendung ihrer Kehlkopfstimme sehr laut und mit +gefalteten Händen, einen Gesang zu sprechen ... »Mach' End', o Herr«, +sagte sie, und alles hörte ihr regungslos zu -- »mach' Ende mit aller +seiner Not; stärk' seine Füß' und Hände und laß bis in den Tod ...« Aber +sie betete so sehr aus Herzensgrund, daß sie sich immer nur mit dem +Worte beschäftigte, welches sie gerade aussprach, und nicht erwog, daß +sie die Strophe gar nicht zu Ende wisse und nach dem dritten Verse +jämmerlich stecken bleiben müsse. Das tat sie, brach mit erhobener +Stimme ab und ersetzte den Schluß durch die erhöhte Würde ihrer Haltung. +Jedermann im Zimmer wartete und zog sich zusammen vor Geniertheit. Der +kleine Johann räusperte sich so schwer, daß es wie Ächzen klang. Und +dann war in der Stille nichts als das agonierende Gurgeln Thomas +Buddenbrooks zu vernehmen. + +Es war eine Erlösung, als das Folgmädchen meldete, nebenan sei etwas +Essen aufgetragen. Als man aber in Gerdas Schlafzimmer anfing, ein wenig +Suppe zu genießen, erschien Schwester Leandra in der Tür und winkte +freundlich. + +Der Senator starb. Er schluchzte zwei- oder dreimal leise, verstummte +und hörte auf, die Lippen zu bewegen. Das war die ganze Veränderung, die +mit ihm vor sich ging; seine Augen waren schon vorher tot gewesen. + +Doktor Langhals, der wenige Minuten später zur Stelle war, setzte sein +schwarzes Hörrohr auf die Brust der Leiche, horchte längere Zeit und +sprach nach gewissenhafter Prüfung: »Ja, es ist zu Ende.« + +Und mit dem Ringfinger ihrer blassen, sanftmütigen Hand schloß Schwester +Leandra behutsam dem Toten die Augenlider. + +Da warf sich Frau Permaneder an dem Bett in die Knie, drückte das +Gesicht in die Steppdecke und weinte laut, gab sich rückhaltlos und ohne +irgend etwas in sich zu dämpfen und zu unterdrücken, einem dieser +erfrischenden Gefühlsausbrüche hin, die ihrer glücklichen Natur zu +Gebote standen ... Mit gänzlich nassem Gesicht, aber gestärkt, +erleichtert und vollkommen im seelischen Gleichgewicht, erhob sie sich +und war sofort imstande, der Todesanzeigen zu gedenken, die unverzüglich +und in höchster Eile hergestellt werden mußten, -- ein ungeheurer Posten +vornehm gedruckter Todesanzeigen ... + +Christian betrat die Bildfläche. Es verhielt sich so mit ihm, daß er die +Nachricht von dem Sturz des Senators im Klub erhalten hatte und auch +sogleich aufgebrochen war. Aus Furcht jedoch vor irgendeinem gräßlichen +Anblick hatte er einen weiten Spaziergang vors Tor unternommen, so daß +niemand ihn hatte finden können. Nun stellte er sich dennoch ein und +erfuhr schon auf der Diele, daß sein Bruder verschieden sei. + +»Ist doch wohl nicht möglich!« sagte er und ging lahmend und mit +wandernden Augen die Treppen hinauf. + +Dann stand er, zwischen Schwester und Schwägerin, am Sterbebette. Er +stand dort, mit seinem kahlen Schädel, seinen eingefallenen Wangen, +seinem hängenden Schnurrbart und seiner ungeheuren, gehöckerten Nase, +auf krummen und mageren Beinen, ein wenig geknickt, ein wenig +fragezeichenartig, und seine kleinen, tiefliegenden Augen blickten in +des Bruders Gesicht, das so schweigsam, kalt, ablehnend und einwandfrei, +so sehr jedem menschlichen Urteil unzugänglich erschien ... Thomas' +Mundwinkel waren mit beinahe verächtlichem Ausdruck nach unten gezogen. +Er, dem Christian vorgeworfen hatte, daß er bei seinem Tode nicht weinen +werde, er war seinerseits tot, er war ohne ein Wort zu sagen ganz +einfach gestorben, hatte sich vornehm und intakt ins Schweigen +zurückgezogen und überließ den andern mitleidlos der Beschämung, wie so +oft im Leben! Hatte er nun gut oder schnöde gehandelt, indem er den +Leiden Christians, seiner »Qual«, dem nickenden Manne, der +Spiritusflasche, dem offenen Fenster, stets nur kalte Verachtung +entgegengesetzt hatte? Diese Frage fiel dahin, sie war sinnlos geworden, +da der Tod in eigensinniger und unberechenbarer Parteilichkeit ihn, ihn +ausgezeichnet und gerechtfertigt, ihn angenommen und aufgenommen, ihn +ehrwürdig gemacht und ihm befehlshaberisch das allgemeine, scheue +Interesse verschafft hatte, während er Christian verschmähte und nur +fortfahren würde, ihn mit fünfzig Mätzchen und Schikanen zu hänseln, vor +denen niemand Respekt hatte. Nie hatte Thomas Buddenbrook seinem Bruder +mehr imponiert, als zu dieser Stunde. Der Erfolg ist ausschlaggebend. +Der anderen Achtung vor unseren Leiden verschafft uns nur der Tod, und +auch die kläglichsten Leiden werden ehrwürdig durch ihn. Du hast recht +bekommen, ich beuge mich, dachte Christian, und mit einer raschen, +unbeholfenen Bewegung ließ er sich auf ein Knie nieder und küßte die +kalte Hand auf der Steppdecke. Dann trat er zurück und begann mit +schweifenden Augen im Zimmer umherzugehen. + +Andere Besucher, die alten Krögers, die Damen Buddenbrook aus der +Breiten Straße, der alte Herr Marcus, stellten sich ein. Auch die arme +Klothilde kam, stand mager und aschgrau am Bette und faltete apathischen +Angesichts ihre mit Zwirnhandschuhen bekleideten Hände. »Ihr müßt nicht +glauben, Tony und Gerda«, sagte sie unendlich gedehnt und klagend, »daß +ich kalten Herzens bin, weil ich nicht weine. Ich habe keine Tränen +mehr ...« Und jedermann glaubte ihr das aufs Wort, so hoffnungslos +verstaubt und ausgedörrt wie sie dastand ... + +Schließlich räumten alle das Feld vor einer Frauensperson, einem +unsympathischen alten Geschöpf mit kauendem, zahnlosem Munde, die +angekommen war, um zusammen mit Schwester Leandra die Leiche zu waschen +und umzukleiden. + + * * * * * + +Zu vorgerückter Abendstunde noch saßen im Wohnzimmer Gerda Buddenbrook, +Frau Permaneder, Christian und der kleine Johann unter der großen +Gaslampe um den runden Mitteltisch und arbeiteten emsig. Es galt die +Liste derjenigen Leute zusammenzustellen, die Todesanzeigen bekommen +mußten, und die Adressen auf die Briefumschläge zu schreiben. Alle +Federn knirschten. Dann und wann hatte jemand einen Einfall und setzte +einen neuen Namen auf die Liste ... Auch Hanno mußte helfen, denn er +schrieb reinlich, und die Zeit drängte. + +Es war still im Hause und auf der Straße. Selten wurden Schritte laut +und verhallten. Die Gaslampe puffte leise, ein Name ward gemurmelt, das +Papier knisterte. Zuweilen blickten alle einander an und erinnerten sich +dessen, was geschehen war. + +Frau Permaneder kritzelte in höchster Geschäftigkeit. Aber wie +ausgerechnet in jeder fünften Minute legte sie die Feder fort, erhob die +zusammengelegten Hände bis zur Höhe des Mundes und brach in Klagerufe +aus. »Ich fasse es nicht!« rief sie und deutete damit an, daß sie +allmählich zu fassen beginne, was eigentlich vor sich gegangen war. +»Aber es ist ja nun alles aus!« rief sie ganz unerwartet in heller +Verzweiflung und schlang laut weinend die Arme um den Hals ihrer +Schwägerin, worauf sie gestärkt ihre Tätigkeit wieder aufnahm. + +Mit Christian stand es ähnlich wie mit der armen Klothilde. Er hatte +noch nicht eine Träne vergossen und schämte sich dessen ein wenig. Das +Gefühl der Blamiertheit überwog in ihm jegliche andere Empfindung. Auch +hatte die beständige Beschäftigung mit den eigenen Zuständen und +Sonderbarkeiten ihn abgenutzt und stumpf gemacht. Hie und da richtete er +sich auf, strich mit der Hand über seine kahle Stirn und sagte mit +gepreßter Stimme: »Ja, es ist furchtbar traurig!« Er sagte dies zu sich +selbst, hielt es sich gewaltsam vor und nötigte seine Augen, ein wenig +feucht zu werden ... + +Plötzlich geschah etwas, was alle verstörte. Der kleine Johann geriet +ins Lachen. Er war beim Schreiben auf einen Namen gestoßen, irgendeinen +kuriosen Klang, dem er nicht widerstehen konnte. Er wiederholte ihn, +schnob durch die Nase, beugte sich vornüber, zitterte, schluchzte und +konnte nicht an sich halten. Anfangs konnte man glauben, daß er weine; +aber es war nicht an dem. Die Erwachsenen sahen ihn ungläubig und +fassungslos an. Dann schickte seine Mutter ihn schlafen ... + + +Neuntes Kapitel + +An einem Zahne ... Senator Buddenbrook war an einem Zahne gestorben, +hieß es in der Stadt. Aber, zum Donnerwetter, daran starb man doch +nicht! Er hatte Schmerzen gehabt, Herr Brecht hatte ihm die Krone +abgebrochen, und daraufhin war er auf der Straße einfach umgefallen. War +dergleichen erhört?... + +Aber das war nun gleich, es war seine Angelegenheit. Was man zunächst in +der Sache zu tun hatte, war dies, daß man Kränze schickte, große Kränze, +teure Kränze, Kränze, mit denen man Ehre einlegen konnte, die in den +Zeitungsartikeln erwähnt werden würden, und denen man ansah, daß sie von +loyalen und zahlungsfähigen Leuten kamen. Sie wurden geschickt, sie +strömten von allen Seiten herbei, von den Körperschaften sowohl wie von +den Familien und Privatpersonen; Kränze aus Lorbeer, aus starkriechenden +Blumen, aus Silber, mit schwarzen Schleifen und solchen in den Farben +der Stadt, mit schwarzgedruckten Widmungen und solchen in goldenen +Buchstaben. Und Palmenwedel, ungeheure Palmenwedel ... + +Alle Blumenhandlungen machten Geschäfte großen Stils, nicht zum +wenigsten diejenige von Iwersen, gegenüber dem Buddenbrookschen Hause. +Frau Iwersen schellte mehrmals des Tages am Windfang und brachte +Arrangements in verschiedenen Gestalten, von Senator Soundso, von Konsul +Soundso, von der und der Beamtenschaft ... Einmal fragte sie, ob sie +nicht vielleicht ein wenig hinauf dürfe und den Senator sehen? Ja, das +dürfe sie, wurde ihr geantwortet, und sie folgte dem Fräulein Jungmann +über die Haupttreppe, indem sie stumme Blicke in das glänzende +Treppenhaus hinaufgleiten ließ. + +Sie ging schwer, denn sie war guter Hoffnung wie gewöhnlich. Ihre +Erscheinung im allgemeinen war mit den Jahren ein bißchen gemein +geworden, aber die schmalgeschnittenen schwarzen Augen sowie die +malaiischen Wangenknochen waren reizvoll, und man sah wohl, daß sie +einstmals außerordentlich hübsch gewesen sein mußte. -- Sie wurde in den +Salon eingelassen, denn dort lag Thomas Buddenbrook aufgebahrt. + +Er lag inmitten des weiten und lichten Gemaches, dessen Möbel +fortgeschafft waren, in den weißseidenen Polstern des Sarges, in weiße +Seide gekleidet und mit weißer Seide bedeckt, in einem strengen und +betäubenden Duftgemisch von Tuberosen, Veilchen und hundert anderen +Gewächsen. Zu seinen Häupten, in einem Halbkreise von silbernen +Armleuchtern, auf umflorten Postamenten, stand Thorwaldsens Segnender +Christus. Die Blumengebinde, die Kränze, Körbe und Sträuße, standen und +lagen an den Wänden entlang, auf dem Fußboden und auf der Steppdecke; +Palmenwedel lehnten an der Bahre und neigten sich über des Toten Füße. +-- Sein Gesicht war stellenweise zerschunden, und besonders die Nase +zeigte Quetschungen. Aber sein Haupthaar war wie im Leben frisiert, und +der Schnurrbart, von dem alten Herrn Wenzel noch einmal mit der +Brennschere ausgezogen, überragte lang und starr seine weißen Wangen. +Sein Kopf war ein wenig zur Seite gewandt, und zwischen seinen +zusammengefalteten Händen stak ein Elfenbeinkreuz. + +Frau Iwersen blieb beinahe an der Tür stehen und blickte von dort aus +blinzelnd zur Bahre hinüber; erst als Frau Permaneder, ganz in Schwarz +gehüllt und verschnupft vom Weinen, vom Wohnzimmer aus, zwischen den +Portieren erschien und sie mit sanften Worten zum Nähertreten einlud, +wagte sie sich ein Stückchen weiter auf der parkettierten Fußbodenfläche +vorwärts. Sie stand, die Hände auf ihrem hervortretenden Leibe gefaltet, +und blickte mit ihren schmalen, schwarzen Augen auf die Pflanzen, die +Armleuchter, die Schleifen, all die weiße Seide und in Thomas +Buddenbrooks Angesicht. Es wäre schwer gewesen, den Ausdruck ihrer +bleichen und verwischten Wöchnerinnenzüge bei Namen zu nennen. +Schließlich sagte sie »Ja ...«, schluchzte einmal -- ein einziges Mal -- +ganz kurz und undeutlich auf und wandte sich zum Gehen. + +Frau Permaneder liebte solche Besuche. Sie wich nicht aus dem Hause und +überwachte mit unermüdlichem Eifer die Huldigungen, die man der +sterblichen Hülle ihres Bruders darzubringen sich drängte. Unter +Anwendung ihrer Kehlkopfstimme verlas sie viele Male die +Zeitungsartikel, in denen, wie zur Zeit des Geschäftsjubiläums, seine +Verdienste gefeiert, der unersetzliche Verlust seiner Persönlichkeit +beklagt wurde. Sie war im Wohnzimmer zugegen bei allen Kondolenzvisiten, +die Gerda im Salon entgegennahm; und die fanden kein Ende, ihre Zahl war +Legion. Sie hielt mit verschiedenen Personen Konferenzen ab in betreff +des Begräbnisses, das sich unsäglich vornehm gestalten mußte. Sie +arrangierte Abschiedsszenen. Sie ließ das Kontorpersonal heraufkommen, +damit es seinem Chef ein letztes Lebewohl sage. Und dann mußten die +Speicherarbeiter kommen. Sie schoben sich auf ihren kolossalen Füßen +über das Parkett, zogen mit ungeheurer Biederkeit ihre Mundwinkel +abwärts und verbreiteten einen Geruch von Branntwein, Kautabak und +körperlicher Arbeit. Sie sahen sich die prunkhafte Aufbahrung an, indem +sie ihre Mützen drehten, wunderten sich zuerst und langweilten sich +dann, bis einer den Mut hatte, wieder aufzubrechen, worauf ihm +schlürfend die ganze Schar auf den Fersen folgte ... Frau Permaneder war +entzückt. Sie behauptete, mehreren seien die Tränen in die harten Bärte +geronnen. Das war einfach nicht wahr. Dergleichen war nicht vorgekommen. +Aber wenn sie es doch so gesehen hatte und wenn es sie glücklich machte? + +Und der Tag der Beisetzung kam heran. Der Metallsarg war luftdicht +verschlossen und mit Blumen bedeckt, die Kerzen auf den Armleuchtern +brannten, das Haus füllte sich mit Menschen, und umgeben von den +Leidtragenden, den einheimischen und auswärtigen, stand in aufrechter +Majestät Pastor Pringsheim zu Häupten des Sarges, indem er seinen +ausdrucksvollen Kopf auf der breiten Halskrause ruhen ließ, wie auf +einem Teller. + +Ein hochgeschulter Lohndiener, ein behendes Mittelding zwischen +Aufwärter und Festordner, hatte die äußere Leitung der Feierlichkeit +übernommen. Er lief, den Zylinder in der Hand, auf leisen Sohlen die +Haupttreppe hinunter und rief mit durchdringender Flüsterstimme über die +Diele hin, die soeben von Steuerbeamten in Uniform und Kornträgern in +Blusen, Kniehosen und Zylindern überflutet wurde: »Die Zimmer sind voll, +aber auf dem Korridor ist noch ein wenig Platz ...« + +Dann verstummte alles; Pastor Pringsheim begann zu reden, und sein +kunstvolles Organ erfüllte tönend und modulierend das ganze Haus. +Während er aber dort oben neben der Christusfigur die Hände vorm Gesicht +rang und sie segnend spreizte, hielt drunten vorm Hause unter dem weißen +Winterhimmel die vierspännige Leichenkutsche, an die sich die übrigen +Wagen in langer Folge die Straße hinab bis zum Flusse reihten. Der +Haustür gegenüber aber stand, Gewehr bei Fuß, in zwei Reihen +aufgestellt, eine Kompanie Soldaten, mit Leutnant von Throta an ihrer +Front, welcher, den gezogenen Degen im Arm, mit seinen glühenden Augen +zum Erker hinaufblickte ... Viele Leute reckten in den Fenstern ringsum +und auf dem Pflaster die Hälse. + +Schließlich entstand Bewegung im Vestibül, des Leutnants leise +hervorgestoßenes Kommandowort klang auf, die Soldaten präsentierten +klappend, Herr von Throta senkte seinen Degen, der Sarg erschien. Von +den vier Männern in schwarzen Mänteln und Dreispitzen getragen, +schwankte er behutsam zur Haustür heraus, und der Wind führte den +Blumenduft über die Köpfe der Neugierigen hin, indes er zugleich den +schwarzen Federbusch auf dem Dache des Leichenwagens zerzauste, in den +Mähnen aller Pferde spielte, die bis zum Flusse hinunter standen, und an +den schwarzen Hutschleiern des Trauerkutschers und der Stallknechte +zerrte. Einzelne, ganz seltene Schneeflocken kamen in großen, langsamen +Bogenlinien vom Himmel herab. + +Die Pferde des Leichenwagens, ganz in Schwarz gehüllt, daß nur die +unruhigen Augen sichtbar waren, setzten sich, von den vier schwarzen +Knechten geführt, langsam in Bewegung, das Militär schloß sich an, und +eine nach der anderen fuhren die übrigen Kutschen vor. Christian +Buddenbrook stieg mit dem Pastor in die erste. Der kleine Johann folgte +zusammen mit einem wohlgenährt aussehenden Verwandten aus Hamburg. Und +langsam, langsam, lang ausgedehnt, betrübt und feierlich, wand sich +Thomas Buddenbrooks Leichenzug dahin, während an allen Häusern der Wind +mit den auf Halbmast gezogenen Fahnen klatschte ... Die Beamtenschaft +und die Kornträger schritten zu Fuß. + +Als draußen, über die Wege des Friedhofes hin, der Sarg, gefolgt von der +Schar der Leidtragenden, vorbei an Kreuzen, Statuen, Kapellen und +nackten Trauerweiden, dem Buddenbrookschen Erbbegräbnis sich näherte, +stand schon die Ehrenkompanie bereit und präsentierte aufs neue. Hinter +einem Gebüsch erklang in gedämpften und schweren Rhythmen ein +Trauermarsch. + +Und wieder war die große Grabplatte mit dem plastisch gearbeiteten +Familienwappen beiseitegeschafft worden, und wieder umstanden am Saume +des kahlen Gehölzes die Herren der Stadt den ausgemauerten Schlund, in +den nun Thomas Buddenbrook zu seinen Eltern hinabgelassen ward. Sie +standen da, die Herren von Verdienst und Vermögen, mit gesenkten oder +wehmütig zur Seite geneigten Köpfen, und unter ihnen waren die +Ratsherren an ihren weißen Handschuhen und Krawatten erkenntlich. +Weithin aber drängten sich die Beamten, die Kornträger, die Kontoristen, +die Speicherarbeiter. + +Die Musik verstummte, Pastor Pringsheim sprach. Und als seine +Segenssprüche in der kühlen Luft verhallten, schickte sich alles an, dem +Bruder und dem Sohne des Verblichenen noch einmal die Hand zu drücken. + +Es gab ein langwieriges Defilee. Christian Buddenbrook nahm alle +Beileidsbezeugungen mit dem halb zerstreuten, halb verlegenen +Gesichtsausdruck entgegen, der ihm bei Feierlichkeiten eigen war. Der +kleine Johann stand in seiner dicken Seemannsjacke mit goldenen Knöpfen +neben ihm, hielt seine bläulich umschatteten Augen zu Boden gesenkt, +ohne irgend jemanden anzublicken, und neigte den Kopf mit einer +empfindlichen Grimasse schräg rückwärts gegen den Wind. + + + + +Elfter Teil + + +Erstes Kapitel + +Man erinnert sich dieser oder jener Person, man denkt nach, wie es ihr +gehen mag, und plötzlich fällt einem ein, daß sie nicht mehr auf den +Trottoirs umherspaziert, daß ihre Stimme nicht mehr in dem allgemeinen +Stimmenkonzert mitklingt, sondern daß sie einfach auf immer vom +Schauplatz verschwunden ist und irgendwo draußen vorm Tore unter der +Erde liegt. + +Die Konsulin Buddenbrook, geborene Stüwing, die Witwe Onkel Gottholds, +war tot. Auch ihr, die ehemals die Ursache so heftigen Zwists in der +Familie gewesen war, hatte der Tod seine sühnende und verklärende Krone +aufgesetzt, und ihre drei Töchter, Friederike, Henriette und Pfiffi, +fühlten nun das Recht, den Kondolationen ihrer Verwandten eine +beleidigte Miene entgegenzusetzen, als wollten sie sagen: »Da seht, eure +Verfolgungen haben sie in die Grube gebracht!« ... Obgleich die Konsulin +steinalt geworden war ... + +Auch Madame Kethelsen hatte den Frieden. Nachdem sie sich während der +letzten Jahre mit der Gicht hatte plagen müssen, war sie sanft, +einfältig und kindergläubig dahingegangen, beneidet von ihrer gelehrten +Schwester, die immer noch hie und da gegen kleine rationalistische +Anfechtungen zu kämpfen hatte und, obgleich sie beständig buckliger und +winziger wurde, durch eine zähere Konstitution an diese schlechte Erde +gebannt war. + +Konsul Peter Döhlmann war abgerufen worden. Er hatte sein ganzes +Vermögen verfrühstückt, war schließlich dem Hunyadi-Janos erlegen und +hinterließ seiner Tochter eine Rente von zweihundert Mark jährlich, +indem er es der öffentlichen Pietät gegen den Namen Döhlmann anheimgab, +sie durch Aufnahme in das Johanniskloster zu versorgen. + +Justus Kröger war ebenfalls abgeschieden, und das war schlimm; denn nun +hinderte niemand mehr seine schwache Gattin, das letzte Silberzeug zu +verkaufen, um dem entarteten Jakob Geld schicken zu können, der irgendwo +draußen in der Welt sein Lotterleben führte ... + +Was Christian Buddenbrook betrifft, so hätte man ihn vergebens in der +Stadt gesucht; er weilte nicht mehr in ihren Mauern. Ein knappes Jahr +nach dem Tode seines Bruders, des Senators, war er nach Hamburg +übergesiedelt, woselbst er sich mit einer Dame, der er längst schon +nahegestanden, mit Fräulein Aline Puvogel, vor Gott und den Menschen +vermählt hatte. Niemand hatte ihm wehren können. Sein mütterliches Erbe +zwar, dessen Zinsen übrigens schon immer zur Hälfte nach Hamburg +gewandert waren, wurde, soweit es noch nicht im voraus verbraucht war, +von Herrn Stephan Kistenmaker verwaltet, der dazu durch seines toten +Freundes Testament bestellt worden war; aber Christian war im übrigen +Herr seines Willens ... Sobald seine Verehelichung ruchbar wurde, +richtete Frau Permaneder an Frau Aline Buddenbrook zu Hamburg einen +langen und außerordentlich feindseligen Brief, der mit der Anrede +»Madame!« begann und in sorgfältig vergifteten Worten die Erklärung +enthielt, daß Frau Permaneder weder die Adressatin noch ihre Kinder +jemals als Verwandte anzuerkennen gesonnen sei. + +Herr Kistenmaker war Testamentsvollstrecker, Verwalter des +Buddenbrookschen Vermögens und Vormund des kleinen Johann, und er hielt +diese Ämter in Ehren. Sie verschafften ihm eine höchst wichtige +Tätigkeit, sie berechtigten ihn, an der Börse mit allen Anzeichen der +Überarbeitung sein Haupthaar zu streichen und zu versichern, daß er sich +aufreibe ... nicht zu vergessen, daß er für seine Mühewaltung mit großer +Pünktlichkeit zwei Prozent der Revenüen bezog. Im übrigen aber hatte er +nicht viel Glück bei den Geschäften und zog sich sehr bald die +Unzufriedenheit Gerda Buddenbrooks zu. + +Die Dinge lagen so, daß liquidiert werden, daß die Firma verschwinden +sollte, und zwar binnen eines Jahres; dies war des Senators letztwillige +Bestimmung. Frau Permaneder zeigte sich heftig bewegt hierüber. »Und +Johann, und der kleine Johann, und Hanno?!« fragte sie ... Die Tatsache, +daß ihr Bruder über seinen Sohn und einzigen Erben hinweggegangen war, +daß er für ihn nicht hatte die Firma am Leben erhalten wollen, +enttäuschte und schmerzte sie sehr. Manche Stunde weinte sie darüber, +daß man sich des ehrwürdigen Firmenschildes, dieses durch vier +Generationen überlieferten Kleinods, entäußern, daß man seine Geschichte +abschließen sollte, während doch ein natürlicher Erbfolger vorhanden +war. Aber dann tröstete sie sich damit, daß das Ende der Firma ja nicht +geradezu dasjenige der Familie sei, und daß ihr Neffe eben ein junges +und neues Werk werde beginnen müssen, um seinem hohen Berufe +nachzukommen, der ja darin bestand, dem Namen seiner Väter Glanz und +Klang zu erhalten und die Familie zu neuer Blüte zu bringen. Nicht +umsonst besaß er soviel Ähnlichkeit mit seinem Urgroßvater ... + +Die Abwicklung der Geschäfte also begann unter der Leitung Herrn +Kistenmakers und des alten Herrn Marcus und sie nahm einen +außerordentlich kläglichen Verlauf. Die gegebene Frist war kurz, sie +sollte mit buchstäblicher Genauigkeit innegehalten werden, die Zeit +drängte. Die schwebenden Angelegenheiten wurden in übereilter und +ungünstiger Weise erledigt. Ein überstürzter und unvorteilhafter Verkauf +folgte dem anderen. Das Lager, die Speicher wurden mit großem Schaden zu +Gelde gemacht. Und was Herrn Kistenmakers Übereifer nicht verdarb, das +vollbrachte die Saumseligkeit des alten Herrn Marcus, von dem man sich +in der Stadt erzählte, daß er zur Winterszeit, bevor er ausgehe, nicht +nur seinen Paletot und Hut, sondern auch seinen Spazierstock sorgfältig +am Ofen wärme, und der, bot sich einmal eine günstige Konjunktur, +sicherlich die Gelegenheit vorübergehen ließ ... Kurzum, die Verluste +häuften sich. Thomas Buddenbrook hatte auf dem Papiere ein Vermögen von +sechsmalhundertundfünfzigtausend Mark hinterlassen; ein Jahr nach der +Testamentseröffnung stellte sich heraus, daß mit dieser Summe im +entferntesten nicht zu rechnen war ... + +Unbestimmte und übertriebene Gerüchte über die ungünstige Liquidation +gingen um, und sie wurden genährt durch die Nachricht, daß Gerda +Buddenbrook das große Haus zu verkaufen gedenke. Man erzählte sich +Wunderdinge über das, was sie dazu nötigte, über das bedenkliche +Zusammenschmelzen des Buddenbrookschen Vermögens, und so konnte es +geschehen, daß allgemach in der Stadt eine Stimmung Platz zu greifen +begann, die die verwitwete Senatorin anfangs mit Erstaunen und +Befremdung, dann mit wachsendem Unwillen in ihrem Haushalt empfinden +mußte ... Als sie eines Tages ihrer Schwägerin berichtete, daß mehrere +Handwerker und Lieferanten in unanständiger Weise auf die Berichtigung +größerer Rechnungen gedrungen hatten, blieb Frau Permaneder lange Zeit +erstarrt und brach dann in ein fürchterliches Gelächter aus ... Gerda +Buddenbrook war so indigniert, daß sie sogar etwas wie einen halben +Entschluß laut werden ließ, mit dem kleinen Johann die Stadt zu +verlassen, zu ihrem alten Vater nach Amsterdam zu ziehen und wieder Duos +mit ihm zu geigen. Aber dies rief einen solchen Sturm des Entsetzens von +seiten Frau Permaneders hervor, daß sie den Plan fürs erste fahren +lassen mußte. + +Wie zu erwarten stand, erstreckten sich Frau Permaneders Proteste auch +auf den Verkauf des von ihrem Bruder erbauten Hauses. Sie jammerte laut +über den üblen Eindruck, den dies hervorrufen könne, und klagte, daß es +für den Namen der Familie eine neue Einbuße an Prestige bedeuten werde. +Aber sie mußte doch einräumen, daß es unpraktisch gewesen wäre, das +weitläufige und prächtige Haus, das Thomas Buddenbrooks kostspielige +Liebhaberei gewesen war, fernerhin zu bewohnen und instand zu halten, +und daß Gerdas Wunsch nach einer bequemen kleinen Villa, vorm Tore, im +Grünen, seine Berechtigung hatte ... + +Herrn Gosch, dem Makler Sigismund Gosch, dämmerte ein erhabener Tag. Ein +Erlebnis verklärte sein Greisenalter, das seinen Gliedern sogar für +mehrere Stunden das Zittern nahm. Es geschah, daß er sich in Gerda +Buddenbrooks Salon erblicken durfte, ihr gegenüber in einem Fauteuil, +Aug' in Auge mit ihr über den Preis ihres Hauses verhandelnd. Das +schlohweiße Haar von allen Seiten ins Gesicht gestrichen, starrte er ihr +mit gräßlich vorgeschobenem Kinn von unten herauf ins Angesicht und +erreichte es, vollkommen bucklig auszusehen. Seine Stimme zischte, aber +er sprach kalt und geschäftlich, und nichts verriet die Erschütterung +seiner Seele. Er machte sich anheischig, das Haus zu übernehmen, streckte +die Hand aus und bot mit tückischem Lächeln fünfundachtzigtausend +Mark. Das war annehmbar, denn ein Verlust war bei diesem Verkaufe +unvermeidlich. Allein Herrn Kistenmakers Meinung mußte gehört werden, +Gerda Buddenbrook mußte Herrn Gosch entlassen, ohne mit ihm abgeschlossen +zu haben, und es zeigte sich, daß Herr Kistenmaker nicht gesonnen war, +irgendwelche Eingriffe in seine Tätigkeit zu gestatten. Er mißachtete +das Angebot des Herrn Gosch, er lachte darüber und schwor, daß man weit +mehr bekommen werde. Und er beschwor dies so lange, bis er sich, um +überhaupt einmal ein Ende zu machen, genötigt sah, das Haus für +fünfundsiebenzigtausend Mark an einen alternden Junggesellen abzugeben, +der, von weiten Reisen zurückkehrend, sich in der Stadt niederzulassen +gedachte ... + +Herr Kistenmaker besorgte auch den Ankauf des neuen Hauses, einer +angenehmen kleinen Villa, die vielleicht ein wenig zu teuer erstanden +wurde, die aber, vorm Burgtore an einer alten Kastanienallee gelegen und +von einem hübschen Zier- und Nutzgarten umgeben, den Wünschen Gerda +Buddenbrooks entsprach ... Dorthin zog die Senatorin, im Herbst des +Jahres sechsundsiebenzig, mit ihrem Sohne, ihren Dienstboten und einem +Teile ihres Hausrates, während ein anderer Teil davon unter dem +Wehklagen Frau Permaneders zurückgelassen werden und in den Besitz des +alternden Junggesellen übergehen mußte. + +Nicht genug der Veränderungen! Mamsell Jungmann, Ida Jungmann, seit +vierzig Jahren im Buddenbrookschen Hause, trat aus den Diensten der +Familie und kehrte in ihre westpreußische Heimat zurück, um bei +Verwandten den Feierabend ihres Lebens zu verbringen. Die Wahrheit zu +sagen, so wurde sie von der Senatorin entlassen. Die gute Seele hatte, +als die vorige Generation ihr entwachsen war, alsbald den kleinen Johann +vorgefunden, den sie hegen und pflegen, dem sie Grimmsche Märchen +vorlesen und die Geschichte des Onkels erzählen konnte, welcher am +Schluckauf gestorben war. Nun aber war der kleine Johann eigentlich gar +nicht mehr klein, er war ein fünfzehnjähriger Junge, dem sie trotz +seiner Zartheit nicht mehr beträchtlich nützen konnte ... und zu seiner +Mutter stand sie, lange schon, in einem ziemlich unangenehmen +Verhältnis. Sie hatte diese Frau, die weit später in die Familie +eingetreten war als sie, eigentlich niemals recht als zugehörig und +vollwertig angesehen und begann andererseits in vorgerückten Jahren mit +dem Dünkel einer alten Dienerin sich selbst übertriebene Befugnisse +anzumaßen. Sie erregte Anstoß, indem sie ihre Person als allzu wichtig +betrachtete, indem sie sich im Haushalte dieses oder jenes Übergriffes +schuldig machte ... Die Lage ward unhaltbar, erregte Auftritte fanden +statt, und obgleich Frau Permaneder mit der nämlichen Beredsamkeit für +sie bat, mit der sie für die großen Wohnhäuser und die Möbel gebeten +hatte, erhielt die alte Ida den Abschied. + +Sie weinte bitterlich, als die Stunde herankam, da sie dem kleinen +Johann Lebewohl zu sagen hatte. Er umarmte sie, legte dann die Hände auf +den Rücken, stützte sich auf sein eines Bein, indem er den anderen +Fuß auf die Zehenspitzen stellte, und sah zu, wie sie davonging, mit +demselben grüblerischen und nach innen gekehrten Blick, den seine +goldbraunen, bläulich umschatteten Augen an der Leiche seiner +Großmutter, beim Tode seines Vaters, bei der Auflösung der großen +Haushalte und so manchem weniger äußerlichen Erlebnis ähnlicher Art +angenommen hatten ... Der alten Ida Verabschiedung schloß sich in seiner +Anschauung folgerichtig den anderen Vorgängen des Abbröckelns, des +Endens, des Abschließens, der Zersetzung an, denen er beigewohnt hatte. +Dergleichen befremdete ihn nicht mehr; es hatte ihn seltsamerweise +niemals befremdet. Manchmal, wenn er seinen Kopf mit dem gelockten +hellbraunen Haar und den immer ein wenig verzerrten Lippen erhob und die +feinen Flügel seiner Nase sich empfindlich öffneten, war es, als +schnuppere er behutsam in die Atmosphäre und Lebensluft, die ihn umgab, +gewärtig, den Duft, den seltsam vertrauten Duft zu verspüren, den an der +Bahre seiner Großmutter alle Blumengerüche nicht zu übertäuben vermocht +hatten ... + +Immer, wenn Frau Permaneder bei ihrer Schwägerin vorsprach, zog sie +ihren Neffen an sich, um ihm von der Vergangenheit und jener Zukunft zu +erzählen, welche Buddenbrooks, nächst der Gnade Gottes, ihm, dem kleinen +Johann, zu verdanken haben sollten. Je unerquicklicher die Gegenwart +sich darstellte, desto weniger konnte sie sich genug tun in +Schilderungen, wie vornehm das Leben in den Häusern ihrer Eltern und +Großeltern gewesen und wie Hannos Urgroßvater vierspännig über Land +gefahren sei ... Eines Tages erlitt sie einen heftigen Anfall von +Magenkrampf, infolge davon, daß Friederike, Henriette und Pfiffi +Buddenbrook einstimmig behauptet hatten, Hagenströms seien die Creme der +Gesellschaft ... + +Über Christian lagen betrübende Nachrichten vor. Die Ehe schien sein +Befinden nicht günstig beeinflußt zu haben. Unheimliche Wahnideen und +Zwangsvorstellungen hatten sich bei ihm in verstärktem Maße wiederholt, +und auf Veranlassung seiner Gattin und eines Arztes hatte er sich +nunmehr in eine Anstalt begeben. Er war nicht gern dort, schrieb +lamentierende Briefe an die Seinen und gab dem heftigen Wunsche +Ausdruck, aus dieser Anstalt, in der man ihn sehr streng zu behandeln +schien, wieder befreit zu werden. Aber man hielt ihn fest, und das war +wohl das beste für ihn. Jedenfalls setzte es seine Gemahlin in den +Stand, unbeschadet der praktischen und ideellen Vorteile, die sie der +Heirat verdankte, ihr früheres unabhängiges Leben ohne Rücksicht und +Behinderung fortzuführen. + + +Zweites Kapitel + +Das Werk der Weckuhr schnappte ein und rasselte pflichttreu und grausam. +Es war ein heiseres und geborstenes Geräusch, ein Klappern mehr als ein +Klingeln, denn sie war altgedient und abgenutzt; aber es dauerte lange, +hoffnungslos lange, denn sie war gründlich aufgezogen. + +Hanno Buddenbrook erschrak zuinnerst. Wie jeden Morgen zogen sich bei +dem jähen Einsetzen dieses zugleich boshaften und treuherzigen Lärmes, +auf dem Nachttische, dicht neben seinem Ohre, vor Grimm, Klage und +Verzweiflung seine Eingeweide zusammen. Äußerlich aber blieb er ganz +ruhig, veränderte seine Lage im Bette nicht und riß nur rasch, aus +irgendeinem verwischten Morgentraume gejagt, die Augen auf. + +Es war vollkommen finster in der winterkalten Stube; er unterschied +keinen Gegenstand und konnte die Zeiger der Uhr nicht sehen. Aber er +wußte, daß es sechs Uhr war, denn er hatte gestern abend den Wecker auf +diese Stunde gestellt ... Gestern ... gestern ... Während er mit +angespannten Nerven, um den Entschluß kämpfend, Licht zu machen und das +Bett zu verlassen, regungslos auf dem Rücken lag, kehrte ihm nach und +nach alles ins Bewußtsein zurück, was ihn gestern erfüllt hatte ... + +Es war Sonntag gewesen, und nachdem er sich mehrere Tage hintereinander +von Herrn Brecht hatte malträtieren lassen müssen, hatte er zur +Belohnung seine Mutter ins Stadttheater begleiten dürfen, um den +»Lohengrin« zu hören. Die Freude auf diesen Abend hatte seit einer Woche +schon sein Leben ausgemacht. Beklagenswert war nur, daß stets vor +solcherlei Festen soviel des Widerwärtigen lagerte und bis zum letzten +Augenblick die freie und freudige Aussicht darauf verdarb. Aber endlich +war doch am Sonnabend die Schulzeit überstanden gewesen, und die +Tretmaschine hatte zum letzten Male in seinem Munde mit schmerzhaftem +Summen gebohrt ... Nun war alles beiseite geschafft und überwunden +gewesen, denn die Schulaufgaben hatte er kurz entschlossen jenseits des +Sonntagabends geschoben. Was hatte der Montag bedeutet? War es +wahrscheinlich gewesen, daß er jemals anbrechen würde? Man glaubt an +keinen Montag, wenn man am Sonntag abend den »Lohengrin« hören soll ... +Er hatte am Montag frühzeitig aufstehen wollen und diese albernen Sachen +erledigen -- damit genug! Nun war er frei umhergegangen, hatte die +Freude seines Herzens gepflegt, am Flügel geträumt und alle Widrigkeiten +vergessen. + +Und dann war das Glück zur Wirklichkeit geworden. Es war über ihn +gekommen mit seinen Weihen und Entzückungen, seinem heimlichen +Erschauern und Erbeben, seinem plötzlichen innerlichen Schluchzen, +seinem ganzen überschwänglichen und unersättlichen Rausche ... Freilich, +die billigen Geigen des Orchesters hatten beim Vorspiel ein wenig +versagt, und ein dicker, eingebildeter Mensch mit brotblondem Vollbarte +war im Nachen ein wenig ruckweise herangeschwommen. Auch war in der +Nachbarloge sein Vormund Herr Stephan Kistenmaker zugegen gewesen und +hatte gemurrt, daß man den Jungen auf solche Weise zerstreue und von +seinen Pflichten ablenke. Aber darüber hatte ihn die süße und verklärte +Herrlichkeit, auf die er lauschte, hinweggehoben ... + +Und endlich war doch das Ende gekommen. Das singende, schimmernde Glück +war verstummt und erloschen, mit fiebrigem Kopfe hatte er sich daheim in +seinem Zimmer wiedergefunden und war gewahr worden, daß nur ein paar +Stunden des Schlafes dort in seinem Bett ihn von grauem Alltag trennten. +Da hatte ihn ein Anfall jener gänzlichen Verzagtheit überwältigt, die er +so wohl kannte. Er hatte wieder empfunden, wie wehe die Schönheit tut, +wie tief sie in Scham und sehnsüchtige Verzweiflung stürzt und doch auch +den Mut und die Tauglichkeit zum gemeinen Leben verzehrt. So +fürchterlich hoffnungslos und bergeschwer hatte es ihn niedergedrückt, +daß er sich wieder einmal gesagt hatte, es müsse mehr sein als seine +persönlichen Kümmernisse, was auf ihm laste, eine Bürde, die von +Anbeginn seine Seele beschwert habe und sie irgendwann einmal ersticken +müsse ... + +Dann hatte er den Wecker gerichtet und geschlafen, so tief und tot, wie +man schläft, wenn man niemals wieder erwachen möchte. Und nun war der +Montag da, und es war sechs Uhr, und er hatte für keine Stunde +gearbeitet! + +Er richtete sich auf und entzündete die Kerze auf dem Nachttische. Da +aber in der eiskalten Luft seine Arme und Schultern sofort heftig zu +frieren begannen, ließ er sich rasch wieder zurücksinken und zog die +Decke über sich. + +Die Zeiger wiesen auf zehn Minuten nach sechs Uhr ... Ach, es war +sinnlos, nun aufzustehen und zu arbeiten, es war zuviel, es gab beinahe +für jede Stunde etwas zu lernen, es lohnte nicht, damit anzufangen, und +der Zeitpunkt, den er sich festgesetzt, war sowieso überschritten ... +War es denn so sicher, wie es ihm gestern erschienen war, daß er heute +sowohl im Lateinischen wie in der Chemie an die Reihe kommen würde? Es +war anzunehmen, ja, nach menschlicher Voraussicht war es wahrscheinlich. +Was den Ovid betraf, so waren neulich die Namen ausgerufen worden, die +mit den letzten Buchstaben des Alphabetes begannen, und mutmaßlich würde +es heute mit A und B von vorn anfangen. Aber es war doch nicht unbedingt +sicher, nicht ganz und gar zweifellos! Es kamen doch Abweichungen von +der Regel vor! Was bewirkte nicht manchmal der Zufall, du lieber +Gott!... Und während er sich mit diesen trügerischen und gewaltsamen +Erwägungen beschäftigte, verschwammen seine Gedanken ineinander, und er +entschlief aufs neue. + +Das kleine Schülerzimmer, kalt und kahl, mit seiner Sixtinischen Madonna +als Kupferstich über dem Bette, seinem Ausziehtisch in der Mitte, seinem +unordentlich vollgepfropften Bücherbord, einem steifbeinigen +Mahagonipult, dem Harmonium und dem schmalen Waschtisch, lag stumm in +dem wankenden Schein der Kerze. Eisblumen blühten am Fenster, dessen +Rouleau nicht hinabgelassen war, damit das Tageslicht früher +hereindringe. Und Hanno Buddenbrook schlief, die Wange in das Kissen +geschmiegt. Er schlief mit getrennten Lippen und tief und fest gesenkten +Wimpern, mit dem Ausdruck einer inbrünstigen und schmerzlichen Hingabe +an den Schlaf, und sein weiches, hellbraunes Haar bedeckte gelockt seine +Schläfen. Und langsam verlor das Flämmchen auf dem Nachttische seinen +rotgelben Schein, da durch die Eiskruste der Fensterscheibe der matte +Morgen starr und fahl ins Zimmer blickte. + +Als es sieben Uhr war, erwachte er wieder mit Schrecken. Nun war auch +diese Frist abgelaufen. Aufstehen und den Tag auf sich nehmen -- es gab +nichts, um das abzuwenden. Eine kurze Stunde nur noch bis zum +Schulanfang ... Die Zeit drängte, von den Arbeiten nun ganz zu +schweigen. Trotzdem blieb er noch liegen, voll von Erbitterung, Trauer +und Anklage dieses brutalen Zwanges wegen, in frostigem Halbdunkel das +warme Bett zu verlassen und sich hinaus unter strenge und übelwollende +Menschen in Not und Gefahr zu begeben. Ach, noch zwei armselige Minuten, +nicht wahr? fragte er sein Kopfkissen mit überquellender Zärtlichkeit. +Und dann, in einem Anfall von Trotz, schenkte er sich fünf volle +Minuten, um noch ein wenig die Augen zu schließen, von Zeit zu Zeit das +eine zu öffnen und verzweiflungsvoll auf den Zeiger zu starren, der +stumpfsinnig, unwissend und korrekt seines Weges vorwärts ging ... + +Zehn Minuten nach sieben Uhr riß er sich los und fing an, sich in +höchster Hast im Zimmer hin und her zu bewegen. Die Kerze brannte fort, +denn das Tageslicht allein genügte noch nicht. Als er eine Eisblume +zerhauchte, sah er, daß draußen dichter Nebel herrschte. + +Ihn fror über alle Maßen. Der Frost schüttelte manchmal mit +schmerzhaftem Schauder seinen ganzen Körper. Seine Fingerspitzen +brannten und waren so geschwollen, daß mit der Nagelbürste nichts +anzufangen war. Als er sich den Oberkörper wusch, ließ seine beinah +erstorbene Hand den Schwamm zu Boden fallen, und er stand einen +Augenblick starr und hilflos da, qualmend wie ein schwitzendes Pferd. + +Und endlich, mit gehetztem Atem und trüben Augen, stand er dennoch +fertig am Ausziehtische, ergriff die Ledermappe und raffte die +Geisteskräfte zusammen, welche die Verzweiflung ihm übrig ließ, um für +die Stunden von heute die nötigen Bücher hineinzupacken. Er stand, sah +angestrengt in die Luft, murmelte angstvoll: »Religion ... Lateinisch +... Chemie ...« und stopfte die defekten und mit Tinte befleckten +Pappbände zueinander ... + +Ja, er war nun schon ziemlich lang, der kleine Johann. Er war mehr als +fünfzehnjährig und trug kein Kopenhagener Matrosenhabit mehr, sondern +einen hellbraunen Jackettanzug mit blauer, weißgesprenkelter Krawatte. +Auf seiner Weste war die lange und dünne goldene Uhrkette zu sehen, die +von seinem Urgroßvater auf ihn gekommen war, und an dem vierten Finger +seiner ein wenig zu breiten, aber zartgegliederten Rechten stak der alte +Erbsiegelring mit grünem Stein, der nun ebenfalls ihm gehörte ... Er zog +die dicke, wollige Winterjacke an, setzte den Hut auf, riß die Mappe an +sich, löschte die Kerze und stürzte die Treppe hinunter ins Erdgeschoß, +an dem ausgestopften Bären vorbei, zur Rechten ins Speisezimmer. + +Fräulein Clementine, die neue Jungfer seiner Mutter, ein mageres Mädchen +mit Stirnlocken, spitzer Nase und kurzsichtigen Augen, war bereits zur +Stelle und machte sich am Frühstückstische zu schaffen. + +»Wie spät ist es eigentlich?« fragte er zwischen den Zähnen, obgleich er +es sehr genau wußte. + +»Viertel vor acht«, antwortete sie und wies mit ihrer dünnen, roten +Hand, die aussah wie gichtisch, auf die Wanduhr. »Sie müssen wohl +zusehen, daß Sie fortkommen, Hanno ...« Damit setzte sie die dampfende +Tasse an seinen Platz und schob ihm Brotkorb und Butter, Salz und +Eierbecher zu. + +Er sagte nichts mehr, griff nach einer Semmel und begann im Stehen, den +Hut auf dem Kopfe und die Mappe unterm Arm, den Kakao zu schlucken. Das +heiße Getränk tat entsetzlich weh an einem Backenzahn, den gerade Herr +Brecht in Behandlung gehabt hatte ... Er ließ die Hälfte stehen, +verschmähte auch das Ei, ließ mit verzerrtem Munde einen leisen Laut +vernehmen, den man als Adieu deuten mochte, und lief aus dem Hause. + +Es war zehn Minuten vor acht Uhr, als er den Vorgarten passierte, die +kleine rote Villa zurückließ und nach rechts die winterliche Allee +entlang zu hasten begann ... Zehn, neun, acht Minuten nur noch. Und der +Weg war weit. Und man konnte vor Nebel kaum sehen, wie weit man gekommen +war! Er zog ihn ein und stieß ihn wieder aus, diesen dicken, eiskalten +Nebel, mit der ganzen Kraft seiner schmalen Brust, stemmte die Zunge +gegen den Zahn, der vom Kakao noch brannte, und tat den Muskeln seiner +Beine eine unsinnige Gewalt an. Er war in Schweiß gebadet und fühlte +sich dennoch erfroren in jedem Gliede. In seinen Seiten fing es an zu +stechen. Das bißchen Frühstück revoltierte in seinem Magen bei diesem +Morgenspaziergang, ihm ward übel, und sein Herz war nur noch ein +bebendes und haltlos flatterndes Ding, das ihm den Atem nahm. + +Das Burgtor, das Burgtor erst, und dabei war es vier Minuten vor acht! +Während er sich in kalter Transpiration, in Schmerz, Übelkeit und Not +durch die Straßen kämpfte, spähte er nach allen Seiten, ob nicht +vielleicht noch andre Schüler zu sehen seien ... Nein, nein, es kam +niemand mehr. Alle waren an Ort und Stelle, und da begann es auch schon +acht Uhr zu schlagen! Die Glocken klangen durch den Nebel von allen +Türmen, und diejenigen von Sankt Marien spielten zur Feier des +Augenblicks sogar »Nun danket alle Gott« ... Sie spielten es +grundfalsch, wie Hanno rasend vor Verzweiflung konstatierte, sie hatten +keine Ahnung von Rhythmus und waren höchst mangelhaft gestimmt ... Aber +das war nun das wenigste, das wenigste! Ja, er kam zu spät, es war wohl +keine Frage mehr. Die Schuluhr war ein wenig im Rückstande, aber er kam +dennoch zu spät, es war sicher. Er starrte den Leuten ins Gesicht, die +an ihm vorübergingen. Sie begaben sich in ihre Kontore und an ihre +Geschäfte, sie eilten gar nicht sehr, und nichts drohte ihnen. Manche +erwiderten seinen neidischen und klagenden Blick, musterten seine +aufgelöste Erscheinung und lächelten. Er war außer sich über dieses +Lächeln. Was dachten sie sich und wie beurteilten diese Ungeängstigten +die Sachlage? Es beruht auf Roheit, hätte er ihnen zuschreien mögen, Ihr +Lächeln, meine Herrschaften! Sie könnten bedenken, daß es innig +wünschenswert wäre, vor dem geschlossenen Hoftore tot umzufallen ... + +Das anhaltend gellende Klingeln, das Zeichen zum Beginne der +Montagsandacht, schlug an sein Ohr, als er noch zwanzig Schritte von der +langen, roten, von zwei gußeisernen Pforten unterbrochenen Mauer +entfernt war, die den vorderen Schulhof von der Straße trennte. Ohne +über irgendwelche Kräfte zum Ausschreiten und Laufen mehr zu verfügen, +ließ er seinen Oberkörper einfach nach vorne fallen, wobei die Beine +wohl oder übel das Hinstürzen verhindern mußten, indem sie sich +stolpernd und schlotternd ebenfalls vorwärts bewegten, und gelangte so +vor die erste Pforte, als das Klingeln schon verstummt war. + +Herr Schlemiel, der Kustos, ein untersetzter Mann mit rauhbärtigem +Arbeitergesicht, war eben im Begriff, sie zu verschließen. »Na ...« +sagte er und ließ den Schüler Buddenbrook hindurchschlüpfen ... +Vielleicht, vielleicht war er gerettet. Es galt, sich ungesehen ins +Klassenzimmer zu stehlen, dort heimlich das Ende der Andacht abzuwarten, +die in der Turnhalle abgehalten wurde, und zu tun, als ob alles in +Ordnung sei. Und mit Keuchen nach Luft ringend, aufgerieben und in +kaltem Schweiße erstarrt, schleppte er sich über den mit roten Klinkern +gepflasterten Hof und durch eine der hübschen, mit bunten Glasscheiben +versehenen Klapptüren ins Innere ... + +Es war alles neu, reinlich und schön hier in der Anstalt. Der Zeit war +ihr Recht geworden, und die grauen und altersmorschen Teile der +ehemaligen Klosterschule, in denen noch die Väter der jetzigen +Generation der Wissenschaft gepflogen hatten, waren der Erde +gleichgemacht, um neue, luftige, prächtige Baulichkeiten an ihrer Stelle +erstehen zu lassen. Der Stil des Ganzen war gewahrt worden, und über +Korridoren und Kreuzgängen spannten sich feierlich die gotischen +Gewölbe. Was aber die Beleuchtung und Heizung, was die Geräumigkeit und +Helligkeit der Klassen, die Behaglichkeit der Lehrerzimmer, die +praktische Einrichtung der Säle für Chemie-, Physik- und +Zeichenunterricht betraf, so herrschte der vollste Komfort der +Neuzeit ... + +Der erschöpfte Hanno Buddenbrook drückte sich an der Wand entlang und +blickte um sich ... Nein, gepriesen sei Gott, es sah ihn niemand. Von +fernen Korridoren hallte das Gewühl der Schüler- und Lehrermasse zu ihm +her, die sich zur Turnhalle wälzte, um dort für die Arbeit der Woche +eine kleine religiöse Stärkung zu sich zu nehmen. Hier vorn lag alles +tot und still, und auch der Weg über die breite, mit Linoleum gedeckte +Treppe war frei. Behutsam, auf den Zehenspitzen, verhaltenen Atems und +angespannt lauschend, schlich er hinauf. Sein Klassenzimmer, die +Realuntersekunda, war im ersten Stockwerk, der Treppe gegenüber gelegen; +die Tür stand offen. Auf der obersten Stufe spähte er, vorgebeugt, den +langen Wandelgang entlang, an dessen beiden Seiten sich die mit +Porzellanschildern versehenen Eingänge zu den verschiedenen Klassen +reihten, tat drei rasche, geräuschlose Schritte vorwärts und befand sich +im Zimmer. + +Es war leer. Die drei breiten Fenster waren noch verhangen, und die +brennenden Gaslampen, die von der Decke niederhingen, kochten leise in +der Stille. Grüne Schirme breiteten das Licht über die drei Kolonnen +zweisitziger Pultbänke aus hellem Holze hin, denen dunkel, lehrhaft und +reserviert, mit einer Wandtafel zu seinen Häupten, das Katheder +gegenüber stand. Eine gelbe Holztäfelung bekleidete den unteren Teil der +Wände, und darüber waren die nackten Kalkflächen mit ein paar Landkarten +geschmückt. Eine zweite Tafel lehnte auf einer Staffelei zur Seite des +Katheders. + +Hanno ging zu seinem Platz, der sich ungefähr inmitten des Zimmers +befand, schob die Mappe ins Fach, sank auf den harten Sitz, legte die +Arme auf die schräge Platte und bettete seinen Kopf darauf. Ein +unsägliches Wohlgefühl durchrieselte ihn. Diese kahle und harte Stube +war häßlich und hassenswert, und auf seinem Herzen lastete der ganze +drohende Vormittag mit tausend Gefahren. Aber er war doch fürs erste in +Sicherheit, war körperlich geborgen und konnte die Dinge an sich +herankommen lassen. Auch war die erste, die Religionsstunde bei Herrn +Ballerstedt ziemlich harmloser Natur ... An dem Vibrieren des +Papierzüngleins dort oben vor der kreisrunden Öffnung in der Wand sah +man, wie die warme Luft hereinströmte, und auch die Gasflammen heizten +den Raum. Ach, man konnte sich strecken und die starr-feuchten Glieder +langsam sich lösen und auftauen lassen. Eine wohlige und ungesunde Hitze +stieg in seinen Kopf hinauf, summte in seinen Ohren und verschleierte +seine Augen ... + +Plötzlich vernahm er hinter sich ein Geräusch, das ihn zusammenzucken +und sich jäh herumwenden ließ ... Und siehe da, hinter der hintersten +Bank kam der Oberkörper Kais, des Grafen Mölln, zum Vorschein. Er kroch +hervor, der junge Herr, er arbeitete sich heraus, stellte sich auf die +Füße, schlug leicht und schnell die Hände gegeneinander, um den Staub +davon abzustreifen, und schritt strahlenden Angesichts auf Hanno +Buddenbrook zu. + +»Ach, du bist es, Hanno!« sagte er. »Und ich zog mich =dort=hin zurück, +weil ich dich für ein Stück Lehrkörper hielt, als du kamst!« + +Seine Stimme brach sich beim Sprechen, merklich im Wechseln begriffen, +was bei seinem Freunde noch nicht der Fall war. Er war in gleichem Maße +gewachsen wie dieser, aber sonst war er ganz und gar derselbe geblieben. +Immer noch trug er einen Anzug von unbestimmter Farbe, an dem hie und da +ein Knopf fehlte, und dessen Gesäß von einem großen Flicken gebildet +ward. Immer noch waren seine Hände nicht ganz reinlich, aber schmal und +außerordentlich edel gebildet, mit langen, schlanken Fingern und spitz +zulaufenden Nägeln. Und immer noch fiel sein flüchtig in der Mitte +gescheiteltes, rötlich gelbes Haar in eine alabasterweiße und makellose +Stirn, unter welcher, tief und scharf zugleich, die hellblauen Augen +blitzten ... Der Gegensatz zwischen seiner arg vernachlässigten Toilette +und der Rassereinheit dieses zartknochigen Gesichts mit der ganz leicht +gebogenen Nase und der ein wenig geschürzten Oberlippe sprang jetzt noch +mehr in die Augen als ehemals. + +»Nein, Kai«, sagte Hanno mit verzogenem Munde und indem er eine Hand in +der Gegend des Herzens umherbewegte, »wie kannst du mich dermaßen +erschrecken! Warum bist du hier oben? Warum hast du dich versteckt? Bist +du auch zu spät gekommen?« + +»Bewahre«, antwortete Kai. »Ich bin schon lange hier ... Am Montagmorgen +kann man es ja nicht erwarten, endlich wieder in die Anstalt zu +gelangen, wie du selbst am besten weißt, mein Lieber ... Nein, ich bin +nur zum Spaß hier oben geblieben. Der tiefe Oberlehrer hatte die +Aufsicht und achtete es nicht für Raub, das Volk zur Andacht +hinunterzutreiben. Da machte ich es so, daß ich mich immer dicht hinter +seinem Rücken hielt ... Wie er sich auch drehte und um sich lugte, der +Mystiker, ich war immer dicht hinter seinem Rücken, bis er wegging, und +so konnte ich oben bleiben ... Aber du«, sagte er mitleidig und setzte +sich mit einer zärtlichen Bewegung neben Hanno auf die Bank ... »Du hast +rennen müssen, wie? Armer! Du siehst ganz verhetzt aus. Das Haar klebt +dir ja an den Schläfen ...« Und er nahm ein Lineal vom Tische und +lockerte damit, ernst und sorgsam, das Haar des kleinen Johann. »Du hast +also die Zeit verschlafen?... Übrigens sitze ich hier auf Adolf +Todtenhaupts Platz«, unterbrach er sich und blickte um sich, »auf des +Primus geweihtem Platze! Nun, für diesmal macht es wohl nichts ... Du +hast also die Zeit verschlafen?« + +Hanno hatte sein Gesicht wieder auf die gekreuzten Arme gebettet. »Ich +war ja im Theater gestern Abend«, sagte er nach einem schweren Seufzer. + +»Oh, richtig, das hatte ich vergessen!... War es so schön?« + +Kai bekam keine Antwort. + +»Du hast es doch gut«, fuhr er überredend fort, »das solltest du +bedenken, Hanno. Sieh, ich bin noch nie im Theater gewesen, und es +besteht auf lange Jahre hinaus nicht die geringste Aussicht, daß ich +jemals hineinkomme ...« + +»Wenn nur der Katzenjammer nicht wäre«, sagte Hanno gepreßt. + +»Ja, den Zustand kenne ich ohnehin.« Und Kai bückte sich nach dem Hut +und dem Überzieher seines Freundes, die neben der Bank auf dem Boden +lagen, nahm die Sachen und trug sie leise auf den Korridor hinaus. + +»Dann hast du die Metamorphosenverse wohl nicht sehr genau im Kopfe?« +fragte er, als er wieder hereinkam. + +»Nein«, sagte Hanno. + +»Oder bist du vielleicht auf das Geographie-Extemporale präpariert?« + +»Ich bin gar nichts und kann gar nichts«, sagte Hanno. + +»Also auch nicht Chemie und Englisch! _All right!_ Wir sind +Herzensfreunde und Waffenbrüder!« Kai war sichtlich erleichtert. »Ich +bin in genau derselben Lage«, erklärte er munter. »Ich habe am Sonnabend +nicht gearbeitet, weil morgen Sonntag war, und am Sonntag nicht, aus +Pietät ... Nein, Unsinn ... hauptsächlich, weil ich etwas Besseres zu +arbeiten hatte, natürlich«, sagte er mit plötzlichem Ernst, indem eine +leichte Röte sein Gesicht überflog. »Ja, heute kann es vergnüglich +werden, Hanno.« + +»Wenn ich noch einen Tadel bekomme«, sagte der kleine Johann, »so bleibe +ich sitzen; und den bekomme ich sicher, wenn er mich im Lateinischen +darannimmt. Der Buchstabe B ist an der Reihe, Kai, das ist nicht aus der +Welt zu schaffen ...« + +»Warten wir's ab! Ha, Cäsar geht aus. Mir haben stets Gefahren im Rücken +nur gedroht; wenn sie die Stirn des Cäsar werden sehen ...« Aber Kai kam +mit seiner Deklamation nicht zu Ende. Es war ihm ebenfalls sehr schlecht +zumute. Er ging zum Katheder, setzte sich darauf und fing an, sich mit +finsterer Miene in dem Armstuhl zu schaukeln. Hanno Buddenbrook ließ +seine Stirn noch immer auf den gekreuzten Armen ruhen. So saßen sie sich +eine Weile schweigend gegenüber. + +Plötzlich klang irgendwo in weiter Ferne ein dumpfes Summen auf, das +schnell zum Brausen ward und sich binnen einer halben Minute bedrohlich +heranwälzte ... + +»Das Volk«, sagte Kai erbittert. »Herr, mein Gott, wie rasch sie fertig +sind! Nicht einmal um zehn Minuten ist die Stunde kürzer geworden ...« + +Er stieg vom Katheder hinab und begab sich zur Tür, um sich unter die +Hereinkommenden zu mischen. Was Hanno betraf, so erhob er nur einen +Augenblick den Kopf, verzog den Mund und blieb einfach sitzen. + +Es kam heran, mit Schlürfen, Stampfen und einem Gewirr von männlichen +Stimmen, Diskanten und sich überschlagenden Wechselorganen, flutete über +die Treppen herauf, ergoß sich über den Korridor und strömte auch in +dieses Zimmer, das plötzlich von Leben, Bewegung und Geräusch erfüllt +ward. Sie kamen herein, die jungen Leute, die Kameraden Hannos und Kais, +die Realuntersekundaner, etwa fünfundzwanzig an der Zahl, schlenderten, +die Hände in den Hosentaschen oder mit den Armen schlenkernd an ihre +Plätze und schlugen ihre Bibeln auf. Es waren da angenehme und +konfiszierte Physiognomien, solche, die wohl und gesund, und andere, die +bedenklich aussahen, lange, starke Schlingel, die demnächst Kaufleute +werden oder gar zur See gehen wollten und sich um gar nichts mehr +kümmerten, und kleine, über ihr Alter hinaus vorgeschrittene Streber, +die in den Fächern brillierten, in denen es auswendig zu lernen galt. +Adolf Todtenhaupt aber, der Primus, wußte alles; er war seiner Lebtage +noch nicht eine Antwort schuldig geblieben. Das lag zum Teil an seinem +stillen, leidenschaftlichen Fleiße, zum Teil daran, daß die Lehrer sich +hüteten, ihn etwas zu fragen, was er vielleicht nicht hätte wissen +können. Es hätte sie schmerzlich berührt und beschämt, es hätte sie in +ihrem Glauben an menschliche Vollkommenheit erschüttert, ein Verstummen +Adolf Todtenhaupts zu erleben ... Er besaß einen merkwürdig gebuckelten +Schädel, dem das blonde Haar spiegelglatt angeklebt war, graue, schwarz +umringte Augen und lange, braune Hände, die aus den zu kurzen Ärmeln +seiner sauber gebürsteten Jacke hervorsahen. Er setzte sich neben Hanno +Buddenbrook, lächelte sanft und ein wenig tückisch und bot dem Nachbar +einen Guten Morgen, wobei er sich dem herrschenden Jargon anbequemte, +der das Wort zu einem kecken und nachlässigen Laute verzerrte. Dann +begann er, während um ihn her alles halblaut plauderte, sich +präparierte, gähnte und lachte, stillschweigend in dem Klassenbuch zu +arbeiten, indem er die Feder auf unvergleichlich korrekte Art mit +schlank und gerade ausgestreckten Fingern handhabte. + +Nach Verlauf von zwei Minuten wurden draußen Schritte laut, die Inhaber +der vorderen Bänke erhoben sich ohne Eile von ihren Plätzen, und weiter +hinten folgte dieser und jener ihrem Beispiel, während andere sich in +ihren Beschäftigungen nicht stören ließen und kaum Notiz davon nahmen, +daß Herr Oberlehrer Ballerstedt ins Zimmer kam, seinen Hut an die Tür +hängte und sich zum Katheder begab. + +Er war ein Vierziger von sympathischem Embonpoint, mit großer Glatze, +rötlichgelbem, kurz gehaltenem Vollbart, rosigem Teint und einem +Mischausdruck von Salbung und behaglicher Sinnlichkeit um die feuchten +Lippen. Er nahm sein Notizbuch zur Hand und blätterte schweigend darin; +da aber die Ruhe in der Klasse vieles zu wünschen übrig ließ, erhob er +den Kopf, streckte den Arm auf der Pultplatte aus und bewegte, während +sein Gesicht langsam so dunkelrot anschwoll, daß sein Bart hellgelb +erschien, seine schwache und weiße Faust ein paarmal kraftlos auf und +nieder, wobei seine Lippen eine halbe Minute lang krampfhaft und +fruchtlos arbeiteten, um schließlich nichts hervorzubringen als ein +kurzes, gepreßtes und ächzendes »Nun ...« Dann rang er noch eine Weile +nach ferneren Ausdrücken des Tadels, wandte sich schließlich wieder +seinem Notizbuch zu, schwoll ab und gab sich zufrieden. Dies war so +Oberlehrer Ballerstedts Art und Weise. + +Er hatte ehemals Prediger werden wollen, war dann jedoch durch seine +Neigung zum Stottern wie durch seinen Hang zu weltlichem Wohlleben +bestimmt worden, sich lieber der Pädagogik zuzuwenden. Er war +Junggeselle, besaß einiges Vermögen, trug einen kleinen Brillanten am +Finger und war dem Essen und Trinken herzlich zugetan. Er war derjenige +Oberlehrer, der nur dienstlich mit seinen Standesgenossen, im übrigen +aber vorwiegend mit der unverheirateten kaufmännischen Lebewelt der +Stadt, ja auch mit den Offizieren der Garnison verkehrte, täglich +zweimal im ersten Gasthause speiste und Mitglied des »Klubs« war. +Begegnete er größeren Schülern nachts um zwei oder drei Uhr irgendwo in +der Stadt, so schwoll er an, brachte einen »Guten Morgen« zustande und +ließ die Sache für beide Teile auf sich beruhen ... Hanno Buddenbrook +hatte nichts von ihm zu befürchten und wurde fast nie von ihm gefragt. +Der Oberlehrer hatte sich mit seinem Onkel Christian allzuoft in +allzurein menschlicher Weise zusammengefunden, als daß es ihn hätte +freuen können, mit dem Neffen in dienstliche Konflikte zu geraten ... + +»Nun ...« sagte er abermals, sah in der Klasse umher, bewegte wieder +seine schwach geballte Faust mit dem kleinen Brillanten und blickte in +sein Notizbuch. »Perlemann. Die Übersicht.« + +Irgendwo in der Klasse erhob sich Perlemann. Man merkte es kaum, daß er +emporstieg. Es war einer von den Kleinen, Vorgeschrittenen. »Die +Übersicht«, sagte er leise und artig, indem er mit ängstlichem Lächeln +den Kopf vorstreckte. »Das Buch Hiob zerfällt in drei Teile. Erstens der +Zustand Hiobs, ehe er in das Kreuz oder Züchtigung des Herrn geraten; +Kapitel _I_, Vers eins bis sechs. Zweitens das Kreuz selbst und was sich +dabei zugetragen; Kapitel ...« + +»Es war richtig, Perlemann«, unterbrach ihn Herr Ballerstedt, gerührt +von soviel zager Willfährigkeit, und schrieb eine gute Note in sein +Taschenbuch. »Heinricy, fahren Sie fort.« + +Heinricy war einer von den langen Schlingeln, die sich um gar nichts +mehr kümmerten. Er schob das griffeste Messer, mit dem er sich +beschäftigt hatte, in die Hosentasche, stand geräuschvoll auf, ließ die +Unterlippe hängen und räusperte sich mit rauher und roher Männerstimme. +Alle waren unzufrieden, daß nun er statt des sanften Perlemann an die +Reihe kam. Die Schüler träumten und brüteten in der warmen Stube unter +den leise sausenden Gasflammen im Halbschlafe vor sich hin. Alle waren +müde vom Sonntag, und alle waren an dem kalten Nebelmorgen seufzend und +mit klappernden Zähnen aus den warmen Betten gekrochen. Jedem wäre es +lieb gewesen, wenn der kleine Perlemann die ganze Stunde lang +weitergesäuselt hätte, während Heinricy nun sicherlich Streit machen +würde ... + +»Ich habe gefehlt, als dies durchgenommen wurde«, sagte er mit grober +Betonung. + +Herr Ballerstedt schwoll an, er bewegte seine schwache Faust, arbeitete +mit den Lippen und starrte dem jungen Heinricy mit emporgezogenen +Augenbrauen ins Gesicht. Sein dunkelroter Kopf zitterte vor ringender +Anstrengung, bis er schließlich ein »Nun ...« hervorzustoßen vermochte, +womit der Bann gebrochen und das Spiel gewonnen war. »Von Ihnen ist nie +eine Leistung zu erlangen«, fuhr er mit Leichtigkeit und Redegewandtheit +fort, »und immer haben Sie eine Entschuldigung bei der Hand, Heinricy. +Wenn Sie vorige Stunde krank waren, so hätten Sie sich doch in diesen +Tagen sehr wohl über das durchgenommene Pensum unterrichten können, und +wenn der erste Teil vom Zustande vor dem Kreuze und der zweite vom +Kreuze selbst handelt, so könnten Sie sich am Ende an den Fingern +abzählen, daß der dritte Teil den Zustand =nach= vorbesagtem Jammer +betrifft. Aber es fehlt Ihnen an der rechten Hingebung, und Sie sind +nicht allein ein schwacher Mensch, Sie sind auch immer bereit, ihre +Schwäche zu beschönigen und zu verteidigen. Merken Sie sich aber, daß, +solange dies der Fall, an eine Erhebung und Besserung nicht zu denken +ist, Heinricy. Setzen Sie sich. Wasservogel, fahren Sie fort.« + +Heinricy, dickfellig und trotzig, setzte sich mit Scharren und Knarren, +raunte seinem Nachbar eine Frechheit zu und zog sein griffestes Messer +wieder hervor. Der Schüler Wasservogel stand auf, ein Junge mit +entzündeten Augen, aufgestülpter Nase, abstehenden Ohren und zerkauten +Fingernägeln. Er vollendete mit weichlicher Quetschstimme die +»Übersicht« und fing an, von Hiob, dem Manne im Lande Uz, zu erzählen, +und was sich mit ihm begeben. Er hatte das Alte Testament hinter dem +Rücken seines Vordermannes aufgeschlagen, las darin mit dem Ausdruck +vollendeter Unschuld und hingebender Nachdenklichkeit, starrte dann auf +einen Punkt der Wand und sprach, indem er das Erschaute unter Stocken +und quäkendem Husten in ein hilfloses, modernes Deutsch übersetzte ... +Er hatte etwas äußerst Widerliches an sich, aber Herr Ballerstedt lobte +ihn sehr für alle seine Bemühungen. Der Schüler Wasservogel hatte es +insofern gut im Leben, als die meisten Lehrer ihn gern und über seine +Verdienste lobten, um ihm, sich selbst und den anderen zu zeigen, daß +sie sich durch seine Häßlichkeit keineswegs zur Ungerechtigkeit +verführen ließen ... + +Und die Religionstunde nahm ihren Fortgang. Verschiedene junge Leute +wurden noch aufgerufen, um sich über ihr Wissen um Hiob, den Mann im +Lande Uz, auszuweisen, und Gottlieb Kaßbaum, Sohn des verunglückten +Großkaufmanns Kaßbaum, erhielt trotz seiner zerrütteten +Familienverhältnisse eine vorzügliche Note, weil er mit Genauigkeit +feststellen konnte, daß Hiob an Vieh siebentausend Schafe, dreitausend +Kamele, fünfhundert Joch Rinder, fünfhundert Esel und sehr viel Gesindes +besessen habe. + +Dann durften die Bibeln aufgeschlagen werden, die meistens schon +aufgeschlagen waren, und man fuhr mit Lesen fort. Kam eine Stelle, die +Herrn Ballerstedt der Erläuterung bedürftig erschien, so schwoll er an, +sagte »Nun ...« und hielt nach den üblichen Vorbereitungen einen kleinen +mit allgemeinen moralischen Betrachtungen untermischten Vortrag über den +fraglichen Punkt. Kein Mensch hörte ihm zu. Friede und Schläfrigkeit +herrschten im Zimmer. Die Hitze war durch die beständig arbeitende +Heizung und die Gaslampen schon ziemlich stark geworden und die Luft +durch diese fünfundzwanzig atmenden und dünstenden Körper schon ziemlich +verdorben. Die Wärme, das gelinde Sausen der Flammen und die monotone +Stimme des Vorlesenden legten sich um die gelangweilten Gehirne und +lullten sie in dumpfe Traumseligkeit. Kai Graf Mölln hatte außer seiner +Bibel auch die »Unbegreiflichen Ereignisse und geheimnisvollen Taten« +von Edgar Allan Poe vor sich aufgeschlagen und las darin, den Kopf in +die aristokratische und nicht ganz saubere Hand gestützt. Hanno +Buddenbrook saß zurückgelehnt und zusammengesunken und blickte mit +schlaffem Munde und schwimmenden, heißen Augen auf das Buch Hiob, dessen +Zeilen und Buchstaben zu einem schwärzlichen Gewimmel verschwammen. +Manchmal, wenn er sich des Gralmotives oder des Ganges zum Münster +erinnerte, senkte er langsam die Lider und fühlte ein innerliches +Schluchzen. Und sein Herz betete, es möchte möglich sein, daß diese +gefahrlose und friedevolle Morgenstunde niemals ein Ende nähme. + +Und dennoch kam es, wie es in der Ordnung der Dinge lag, und der schrill +heulende Klang der Kustosglocke, der durch die Korridore gellte und +hallte, riß die fünfundzwanzig Gehirne aus ihrem warmen Dämmern. + +»So weit!« sagte Herr Ballerstedt und ließ sich das Klassenbuch reichen, +um darin mit seinem Namenszeichen zu bescheinigen, daß er diese Stunde +seines Amtes gewaltet. + +Hanno Buddenbrook schloß seine Bibel und reckte sich zitternd und mit +nervösem Gähnen; als er aber die Arme senkte und die Glieder abspannte, +mußte er eilig und mühsam aufatmen, um sein Herz, das einen Augenblick +schwach und wankend den Dienst versagte, ein wenig in Takt zu bringen. +Jetzt kam das Lateinische ... Er warf einen hilfesuchenden Seitenblick +zu Kai hinüber, der das Ende der Stunde gar nicht bemerkt zu haben +schien und immer noch in Versunkenheit seiner Privatlektüre oblag, zog +den in marmorierte Pappe gebundenen Ovid aus seiner Mappe und schlug die +Verse auf, die für heute auswendig zu lernen waren ... Nein, es gab +keine Hoffnung, diese schwarzen Zeilen, die sich, mit Bleistiftzeichen +versehen, schnurgerade und zu fünfen numeriert aneinanderreihten und ihn +so hoffnungslos dunkel und unbekannt anstarrten, sich jetzt noch ein +wenig vertraut zu machen. Er verstand kaum ihren Sinn, geschweige denn +hätte er eine einzige davon aus dem Kopfe hersagen können. Und von +denjenigen, die sich daran schlossen und die für heute zu präparieren +waren, enträtselte er nicht ein Sätzchen. + +»Was heißt denn `_deciderant, patula Jovis arbore, glandes_´?« wandte er +sich mit verzweifelter Stimme an Adolf Todtenhaupt, der neben ihm im +Klassenbuch arbeitete. »Das ist ja alles Unsinn! Nur um einen zu +schikanieren ...« + +»Wie?« sagte Todtenhaupt und fuhr fort, zu schreiben ... »Die Eicheln +vom Baum des Jupiter ... Das ist die Eiche ... Ja, ich weiß selbst nicht +recht ...« + +»Sage mir nur ein bißchen zu, Todtenhaupt, wenn ich darankomme!« bat +Hanno und schob das Buch von sich. Dann, nachdem er mit düsterem Blick +des Primus unachtsames und unverbindliches Nicken betrachtet hatte, +schob er sich seitwärts aus der Bank hinaus und stand auf. + +Die Situation hatte sich verändert. Herr Ballerstedt hatte das Zimmer +verlassen, und statt seiner stand jetzt am Katheder, ganz gerade und +stramm, ein kleines, schwaches und ausgemergeltes Männchen mit dünnem +weißen Bart, dessen rotes Hälschen aus einem engen Klappkragen +hervorragte, und das mit dem einen seiner weißbehaarten Händchen seinen +Zylinder, die Öffnung nach oben, vor sich hinhielt. Es führte bei den +Schülern den Namen »die Spinne« und hieß in Wirklichkeit Professor +Hückopp. Da ihm während dieser Pause auf dem Korridor die Aufsicht +zuerteilt war, hatte es auch in den Klassenzimmern nach dem Rechten zu +sehen ... »Die Lampen aus! Die Vorhänge auf! Die Fenster auf!« sagte es, +indem es seinem Stimmchen soviel Kommandokraft wie möglich gab und mit +unbeholfen energischer Geste seinen Arm in der Luft bewegte, als drehe +es eine Kurbel ... »Und alles hinunter, hinaus in die frische Luft, +potztausendnochmal dazu!« + +Die Lampen verloschen, die Vorhänge flogen empor, das fahle Tageslicht +erfüllte das Zimmer, und die kalte Nebelluft stürzte durch die breiten +Fenster herein, während die Untersekundaner sich an Professor Hückopp +vorbei zum Ausgange schoben; nur der Primus durfte hier oben bleiben. + +Hanno und Kai trafen an der Tür zusammen und gingen nebeneinander die +komfortable Treppe hinunter und drunten über die stilvollen Vorplätze. +Sie schwiegen beide. Hanno sah jämmerlich elend aus und Kai war in +Gedanken. Auf dem großen Hofe angelangt, begannen sie auf und nieder zu +wandern, inmitten der Menge von Kameraden verschiedenen Alters, die sich +auf den feuchtroten Fliesen geräuschvoll durcheinander bewegten. + +Ein noch jugendlicher Herr mit blondem Spitzbart führte hier unten die +Aufsicht. Dies war der feine Oberlehrer. Er hieß Doktor Goldener und +unterhielt ein Knabenpensionat, das von reichen und adeligen +Gutsbesitzerssöhnen aus Holstein und Mecklenburg besucht war. Beeinflußt +von den feudalen jungen Leuten, die seiner Hut empfohlen waren, pflegte +er sein Äußeres in einer Weise, wie sie unter seinen Kollegen gänzlich +ungebräuchlich war. Er trug buntseidene Krawatten, ein stutzerhaftes +Röckchen, zartfarbene Beinkleider, die mit Strippen unter den Sohlen +befestigt waren, und parfümierte Taschentücher mit farbigen Borten. +Bescheidener Leute Kind wie er war, stand ihm solcher Prunk eigentlich +gar nicht zu Gesicht, und seine großmächtigen Füße zum Beispiel nahmen +sich in den spitz zulaufenden Knöpfstiefeln ziemlich lächerlich aus. +Unbegreiflicherweise war er eitel auf seine plumpen und roten Hände, die +er unaufhörlich aneinanderrieb, ineinanderschlang und liebevoll prüfend +betrachtete. Er pflegte seinen Kopf schräg zurückgelehnt zu tragen und +mit blinzelnden Augen, gekrauster Nase und halboffenem Munde beständig +ein Gesicht zu schneiden, als sei er im Begriffe, zu sagen: »Was ist +denn nun schon wieder los?« ... Dennoch war er zu vornehm, um nicht alle +kleinen Unerlaubtheiten auf distinguierte Art zu übersehen, die sich +etwa auf dem Hofe ereigneten. Er übersah, daß dieser oder jener Schüler +ein Buch mit sich heruntergebracht hatte, um sich im letzten Augenblick +ein wenig zu präparieren, übersah, daß seine Pensionäre Herrn Schlemiel, +dem Kustos, Geld einhändigten, um sich Bäckereien holen zu lassen, daß +hier eine kleine Kraftprobe zwischen zwei Tertianern in eine Prügelei +ausartete, um die sich sofort ein Ring von Sachverständigen bildete, +und daß dort hinten jemand, der auf irgendeine Weise eine +unkameradschaftliche, feige oder unehrenhafte Gesinnung an den Tag +gelegt hatte, von seinen Klassengenossen zwangsweise zur Pumpe befördert +wurde, um zu seiner Schande mit Wasser begossen zu werden ... + +Es war ein wackeres und ein bißchen ungehobeltes Geschlecht, die laute +Menge, in der Kai und Hanno hin und wider wanderten. Herangewachsen in +der Luft eines kriegerisch siegreichen und verjüngten Vaterlandes, +huldigte man Sitten von rauher Männlichkeit. Man redete in einem Jargon, +der zugleich salopp und schneidig war und von technischen Ausdrücken +wimmelte. Trink- und Rauchtüchtigkeit, Körperstärke und Turnertugend +standen sehr hoch in der Schätzung, und die verächtlichsten Laster waren +Weichlichkeit und Geckenhaftigkeit. Wer mit emporgeklapptem Rockkragen +getroffen wurde, durfte der Pumpe gewärtig sein. Wer sich aber gar auf +der Straße mit einem Spazierstock hatte sehen lassen, an dem wurde in +der Turnhalle auf ebenso schimpfliche wie schmerzhafte Art eine +öffentliche Züchtigung vollzogen ... + +Das, was Hanno und Kai miteinander sprachen, ging fremd und sonderbar in +dem Stimmengewirr unter, das die kalte und feuchte Luft erfüllte. Diese +Freundschaft war seit langem in der ganzen Schule bekannt. Die Lehrer +duldeten sie mit Übelwollen, weil sie Unrat und Opposition dahinter +vermuteten, und die Kameraden, außerstande, ihr Wesen zu enträtseln, +hatten sich gewöhnt, sie mit einem gewissen scheuen Widerwillen gelten +zu lassen und diese beiden Genossen als _outlaws_ und fremdartige +Sonderlinge zu betrachten, die man sich selbst überlassen mußte ... +Übrigens genoß Kai Graf Mölln eines gewissen Respekts wegen der Wildheit +und zügellosen Unbotmäßigkeit, die man an ihm kannte. Was aber Hanno +Buddenbrook betraf, so konnte selbst der große Heinricy, der doch alle +Welt prügelte, sich nicht entschließen, wegen Geckenhaftigkeit und +Feigheit Hand an ihn zu legen, aus unbestimmter Furcht vor der Weichheit +seines Haares, vor der Zartheit seiner Glieder, vor seinem trüben, +scheuen und kalten Blick ... + +»Ich habe Angst«, sagte Hanno zu Kai, indem er an der einen Seitenwand +des Hofes stehenblieb, sich gegen die Mauer lehnte und mit fröstelndem +Gähnen seine Jacke fester zusammenzog ... »Ich habe eine unsinnige +Angst, Kai, sie tut mir überall weh im Körper. Ist nun Herr Mantelsack +der Mann, vor dem man sich derartig fürchten dürfte? Sage selbst! Wenn +diese widerliche Ovidstunde erst vorüber wäre! Wenn ich meinen Tadel im +Klassenbuch hätte und sitzenbliebe und alles in Ordnung wäre! Ich +fürchte mich nicht =davor=, ich fürchte mich vor dem Eklat, der damit +verbunden ist ...« + +Kai verfiel in Gedanken. »Dieser Roderich Usher ist die wundervollste +Figur, die je erfunden worden ist!« sagte er schnell und unvermittelt. +»Ich habe eben die ganze Stunde gelesen ... Wenn ich jemals eine so gute +Geschichte schreiben könnte!« + +Die Sache war die, daß Kai sich mit Schreiben abgab. Dies war es auch, +was er heute morgen gemeint hatte, als er sagte, er habe besseres zu +tun, als Schularbeiten zu machen, und Hanno hatte ihn wohl verstanden. +Aus der Neigung zum Geschichtenerzählen, die er als kleiner Junge an den +Tag gelegt hatte, hatten sich schriftstellerische Versuche entwickelt, +und kürzlich hatte er eine Dichtung vollendet, ein Märchen, ein +rücksichtslos phantastisches Abenteuer, in dem alles in einem dunklen +Schein erglühte, das unter Metallen und geheimnisvollen Gluten in den +tiefsten und heiligsten Werkstätten der Erde und zugleich in denen der +menschlichen Seele spielte, und in dem die Urgewalten der Natur und der +Seele auf eine sonderbare Art vermischt, gewandt, gewandelt und +geläutert wurden, -- geschrieben in einer innerlichen, deutsamen, ein +wenig überschwenglichen und sehnsüchtigen Sprache von zarter +Leidenschaftlichkeit ... + +Hanno kannte diese Geschichte wohl und liebte sie sehr; aber er war +jetzt nicht aufgelegt, von Kais Arbeiten oder von Edgar Poe zu sprechen. +Er gähnte wieder und seufzte dann, indem er gleichzeitig ein Motiv vor +sich hinsang, das er kürzlich am Flügel erfunden hatte. Dies war so +seine Gewohnheit. Er pflegte oft zu seufzen, tief aufzuatmen aus dem +dringenden Bedürfnis, sein unzulänglich arbeitendes Herz in einen etwas +munteren Gang zu bringen, und er hatte sich gewöhnt, das Ausatmen nach +einem musikalischen Thema, irgendeinem Stück Melodie eigener oder +fremder Erfindung, geschehen zu lassen ... + +»Siehe, da kommt der liebe Gott!« sagte Kai. »Er lustwandelt in seinem +Garten.« + +»Ein netter Garten«, sagte Hanno und geriet ins Lachen. Er lachte nervös +und konnte nicht aufhören, hielt sein Taschentuch vor den Mund und +blickte darüber hinweg auf den, welchen Kai als den »lieben Gott« +bezeichnet hatte. + +Es war Direktor Doktor Wulicke, der Leiter der Schule, der auf dem Hofe +erschienen war: ein außerordentlich langer Mann mit schwarzem +Schlapphut, kurzem Vollbart, einem spitzen Bauche, viel zu kurzen +Beinkleidern und trichterförmigen Manschetten, die stets sehr unsauber +waren. Er ging mit einem Gesicht, das vor Zorn beinahe leidend aussah, +schnell über die Steinfliesen, indem er mit ausgestrecktem Arme auf die +Pumpe wies ... Das Wasser floß! Eine Anzahl Schüler liefen vor ihm her +und überstürzten sich, dem Schaden dadurch abzuhelfen, daß sie die +Leitung schlossen. Aber auch dann standen sie noch lange und +betrachteten mit verstörten Gesichtern abwechselnd die Pumpe und den +Direktor, der sich an den mit rotem Antlitz herbeigeeilten Doktor +Goldener gewandt hatte und mit tiefer, dumpfer und bewegter Stimme auf +ihn einsprach. Seine Rede war mit brummenden und unartikulierten +Lippenlauten durchsetzt ... + +Dieser Direktor Wulicke war ein furchtbarer Mann. Er war der Nachfolger +des jovialen und menschenfreundlichen alten Herrn, unter dessen +Regierung Hannos Vater und Onkel studiert hatten, und der bald nach dem +Jahre einundsiebzig gestorben war. Damals war Doktor Wulicke, bislang +Professor an einem preußischen Gymnasium, berufen worden, und mit ihm +war ein anderer, ein neuer Geist in die alte Schule eingezogen. Wo +ehemals die klassische Bildung als ein heiterer Selbstzweck gegolten +hatte, den man mit Ruhe, Muße und fröhlichem Idealismus verfolgte, da +waren nun die Begriffe Autorität, Pflicht, Macht, Dienst, Karriere zu +höchster Würde gelangt, und der »kategorische Imperativ unseres +Philosophen Kant« war das Banner, das Direktor Wulicke in jeder Festrede +bedrohlich entfaltete. Die Schule war ein Staat im Staate geworden, in +dem preußische Dienststrammheit so gewaltig herrschte, daß nicht allein +die Lehrer, sondern auch die Schüler sich als Beamte empfanden, die um +nichts als ihr Avancement und darum besorgt waren, bei den Machthabern +gut angeschrieben zu stehen ... Bald nach dem Einzug des neuen Direktors +war auch unter den vortrefflichsten hygienischen und ästhetischen +Gesichtspunkten mit dem Umbau und der Neueinrichtung der Anstalt +begonnen und alles aufs glücklichste fertiggestellt worden. Allein es +blieb die Frage, ob nicht früher, als weniger Komfort der Neuzeit und +ein bißchen mehr Gutmütigkeit, Gemüt, Heiterkeit, Wohlwollen und Behagen +in diesen Räumen geherrscht hatte, die Schule ein sympathischeres und +segenvolleres Institut gewesen war ... + +Was Direktor Wulicke persönlich betraf, so war er von der rätselhaften, +zweideutigen, eigensinnigen und eifersüchtigen Schrecklichkeit des +alttestamentlichen Gottes. Er war entsetzlich im Lächeln wie im Zorne. +Die ungeheure Autorität, die in seinen Händen lag, machte ihn +schauerlich launenhaft und unberechenbar. Er war imstande, etwas +Scherzhaftes zu sagen und fürchterlich zu werden, wenn man lachte. Keine +seiner zitternden Kreaturen wußte Rat, wie man sich ihm gegenüber zu +benehmen habe. Es blieb nichts übrig, als ihn im Staub zu verehren und +durch eine wahnsinnige Demut vielleicht zu verhüten, daß er einen nicht +dahinraffe in seinem Grimm und nicht zermalme in seiner großen +Gerechtigkeit ... + +Der Name, den Kai ihm gegeben hatte, wurde nur von ihm selbst und Hanno +Buddenbrook gebraucht, und sie hüteten sich, ihn vor den Kameraden laut +werden zu lassen, aus Scheu vor dem starren und kalten Blick des +Unverständnisses, den sie so wohl kannten ... Nein, es gab nicht einen +Punkt, in dem diese beiden sich mit ihren Genossen verstanden. Es war +ihnen sogar die Art von Opposition und Rache fremd, an der die anderen +sich genügen ließen, und sie mißachteten die üblichen Spottnamen, weil +ein Humor daraus sprach, der sie nicht berührte und sie nicht einmal zum +Lächeln brachte. Es war so billig, so nüchtern und unwitzig, den dünnen +Professor Hückopp »die Spinne« und Oberlehrer Ballerstedt »Kakadu« zu +nennen, eine so armselige Schadloshaltung für den Zwang des +Staatsdienstes! Nein, Kai Graf Mölln war ein wenig bissiger! Für seine +und Hannos Person hatte er den Brauch eingeführt, von den Lehrern nur +vermittels ihres richtigen bürgerlichen Namens unter Hinzufügung des +Wortes »Herr« zu sprechen: »Herr Ballerstedt«, »Herr Mantelsack«, »Herr +Hückopp« ... Das ergab gleichsam eine ablehnende und ironische Kälte, +eine spöttische Distanz und Fremdheit ... Sie sprachen von dem +»Lehrkörper« und amüsierten sich während ganzer Pausen damit, sich ein +wirklich vorhandenes Geschöpf, eine Art Ungeheuer von widerlicher und +phantastischer Gestaltung darunter vorzustellen. Und sie sprachen im +allgemeinen von der »Anstalt« mit einer Betonung, als handele es sich um +eine solche wie die, in der Hannos Onkel Christian sich aufhielt ... + +Durch den Anblick des lieben Gottes, der noch eine Weile alles in +bleichen Schrecken versetzte, indem er mit fürchterlichem Brummen nach +verschiedenen Richtungen auf das Butterbrotpapier zeigte, das hie und da +auf den Fliesen lag, war Kai in vorzügliche Laune geraten. Er zog Hanno +mit sich fort, zu einem der Tore, durch das die Lehrer, die zur zweiten +Stunde eintrafen, den Hof beschritten, und fing an, sich ungeheuer tief +vor den rotäugigen, blassen und dürftigen Seminaristen zu verbeugen, die +vorübergingen, um sich zu ihren Sextanern und Septimanern auf die +hinteren Höfe zu begeben. Er bückte sich übermäßig, ließ die Arme hängen +und blickte von unten herauf hingebungsvoll zu den armen Gesellen +empor. Als jedoch der greise Rechenlehrer, Herr Tietge, erschien, +einige Bücher mit zitternder Hand auf dem Rücken haltend, auf unmögliche +Art in sich hineinschielend, krumm, gelb und speiend, da sagte er mit +klangvoller Stimme: »Guten Tag, du Leiche.« Worauf er klaren und +scharfen Blickes irgendwo hin in die Luft sah ..... + +Es schellte gellend in diesem Augenblick, und sofort begannen die +Schüler von allen Seiten zu den Eingängen zusammenzuströmen. Aber Hanno +hörte nicht auf zu lachen; er lachte noch auf der Treppe so sehr, daß +seine Klassengenossen, die ihn und Kai umgaben, ihm kalt, befremdet und +sogar ein wenig angewidert von soviel Albernheit ins Gesicht +blickten ... + +Es ward still in der Klasse, und alles stand einmütig auf, als +Oberlehrer Doktor Mantelsack eintrat. Er war der Ordinarius, und es war +Sitte, vor dem Ordinarius Respekt zu haben. Er zog die Tür hinter sich +zu, indem er sich bückte, reckte den Hals, um zu sehen, ob alle standen, +hing seinen Hut an den Nagel und ging dann rasch zum Katheder, wobei er +seinen Kopf in schnellem Wechsel hob und senkte. Hier nahm er +Aufstellung und sah ein wenig zum Fenster hinaus, indem er seinen +ausgestreckten Zeigefinger, an dem ein großer Siegelring saß, zwischen +Kragen und Hals hin und her bewegte. Er war ein mittelgroßer Mann mit +dünnem, ergrautem Haar, einem krausen Jupiterbart und kurzsichtig +hervortretenden saphirblauen Augen, die hinter den scharfen +Brillengläsern glänzten. Er war gekleidet in einen offenen Gehrock aus +grauem, weichem Stoff, den er in der Taillengegend mit seiner +kurzfingerigen und runzeligen Hand sanft zu betasten liebte. Seine +Beinkleider waren, wie bei allen Lehrern, bis auf den feinen Doktor +Goldener, zu kurz und ließen die Schäfte von einem Paar außerordentlich +breiter und marmorblank gewichster Stiefel sehen. + +Plötzlich wandte er den Kopf vom Fenster weg, stieß einen kleinen +freundlichen Seufzer aus, indem er in die lautlose Klasse hineinblickte, +sagte »Ja, ja!« und lächelte mehrere Schüler zutraulich an. Er war guter +Laune, es war offenbar. Eine Bewegung der Erleichterung ging durch den +Raum. Es kam so viel, es kam alles darauf an, ob Doktor Mantelsack guter +Laune war oder nicht, denn man wußte, daß er sich seinen Stimmungen +unbewußt und ohne die geringste Selbstkritik überließ. Er war von einer +ganz ausnehmenden, grenzenlos naiven Ungerechtigkeit, und seine Gunst +war hold und flatterhaft wie das Glück. Stets hatte er ein paar +Lieblinge, zwei oder drei, die er »Du« und mit Vornamen nannte, und die +es gut hatten wie im Paradiese. Sie konnten beinahe sagen, was sie +wollten, und es war dennoch richtig; und nach der Stunde plauderte +Doktor Mantelsack aufs menschlichste mit ihnen. Eines Tages jedoch, +vielleicht nach den Ferien, Gott allein wußte, warum, war man gestürzt, +vernichtet, abgeschafft, verworfen, und ein anderer wurde mit Vornamen +genannt ... Diesen Glückseligen pflegte er die Fehler in den +Extemporalien ganz leicht und zierlich anzustreichen, so daß ihre +Arbeiten auch bei großer Mangelhaftigkeit einen reinlichen Aspekt +behielten. In anderen Heften aber fuhr er mit breiter und zorniger Feder +umher und überschwemmte sie mit Rot, so daß sie einen abschreckenden und +verwahrlosten Eindruck machten. Und da er die Fehler nicht zählte, +sondern die Zensuren je nach der Menge von roter Tinte erteilte, so +gingen seine Günstlinge mit großem Vorteil aus der Sache hervor. Bei +diesem Verfahren dachte er sich nicht das geringste, sondern fand es +vollständig in der Ordnung und ahnte nichts von Parteilichkeit. Hätte +jemand den traurigen Mut besessen, dagegen zu protestieren, so wäre er +der Aussicht verlustig gegangen, jemals geduzt und mit Vornamen genannt +zu werden. Und diese Hoffnung ließ niemand fahren ... + +Nun kreuzte Doktor Mantelsack im Stehen die Beine und blätterte in +seinem Notizbuch. Hanno Buddenbrook saß vornüber gebeugt und rang unter +dem Tische die Hände. Das B, der Buchstabe B war an der Reihe! Gleich +würde sein Name ertönen, und er würde aufstehen und nicht eine Zeile +wissen, und es würde einen Skandal geben, eine laute, schreckliche +Katastrophe, so guter Laune der Ordinarius auch sein mochte ... Die +Sekunden dehnten sich martervoll. »Buddenbrook« ... jetzt sagte er +»Buddenbrook« ... + +»Edgar!« sagte Doktor Mantelsack, schloß sein Notizbuch, indem er seinen +Zeigefinger darin stecken ließ, und setzte sich aufs Katheder, als ob +nun alles in bester Ordnung sei. + +Was? Wie war das? Edgar ... Das war Lüders, der dicke Lüders dort, am +Fenster, der Buchstabe L, der nicht im entferntesten an der Reihe war! +Nein, war es möglich? Doktor Mantelsack war so guter Laune, daß er +einfach einen Liebling herausgriff und sich gar nicht darum kümmerte, +wer heute ordnungsmäßig vorgenommen werden mußte ... + +Der dicke Lüders stand auf. Er hatte ein Mopsgesicht und braune +apathische Augen. Obgleich er einen vorzüglichen Platz innehatte und mit +Bequemlichkeit hätte ablesen können, war er auch hierzu zu träge. Er +fühlte sich zu sicher im Paradiese und antwortete einfach: »Ich habe +gestern wegen Kopfschmerzen nicht lernen können.« + +»Oh, du lässest mich im Stich, Edgar?« sagte Doktor Mantelsack betrübt +... »Du willst mir die Verse vom goldenen Zeitalter nicht sprechen? Wie +jammerschade, mein Freund! Hattest du Kopfschmerzen? Aber mich dünkt, du +hättest mir das zu Beginn der Stunde sagen sollen, bevor ich dich +aufrief ... Hattest du nicht schon neulich Kopfschmerzen gehabt? Du +solltest etwas dagegen tun, Edgar, denn sonst ist die Gefahr nicht +ausgeschlossen, daß du Rückschritte machst ... Timm, wollen Sie ihn +vertreten.« + +Lüders setzte sich. In diesem Augenblick war er allgemein verhaßt. Man +sah deutlich, daß des Ordinarius Laune beträchtlich gesunken war, und +daß Lüders vielleicht schon in der nächsten Stunde würde mit Nachnamen +genannt werden ... Timm stand auf, in einer der hintersten Bänke. Es war +ein blonder Junge von ländlichem Äußeren, mit einer hellbraunen Jacke +und kurzen, breiten Fingern. Er hielt seinen Mund mit eifrigem und +törichtem Ausdruck trichterförmig geöffnet und rückte hastig sein +offenes Buch zurecht, indem er angestrengt geradeaus blickte. Dann +senkte er den Kopf und begann vorzulesen, langgezogen, stockend und +monoton, wie ein Kind aus der Fibel: »_Aurea prima sata est aetas ..._« + +Es war klar, daß Doktor Mantelsack heute außerhalb jeder Ordnung fragte +und sich gar nicht darum kümmerte, wer am längsten nicht examiniert +worden war. Es war jetzt nicht mehr so drohend wahrscheinlich, daß Hanno +aufgerufen wurde, es konnte nur noch durch einen unseligen Zufall +geschehen. Er wechselte einen glücklichen Blick mit Kai und fing an, +seine Glieder ein wenig abzuspannen und auszuruhen ... + +Plötzlich ward Timm in seiner Lektüre unterbrochen. Sei es nun, daß +Doktor Mantelsack den Rezitierenden nicht recht verstand, oder daß er +sich Bewegung zu machen wünschte: er verließ das Katheder, lustwandelte +gemächlich durch die Klasse und stellte sich, seinen Ovid in der Hand, +dicht neben Timm, der mit kurzen unsichtbaren Bewegungen sein Buch +beiseitegeräumt hatte und nun vollkommen hilflos war. Er schnappte mit +seinem trichterförmigen Munde, blickte den Ordinarius mit blauen, +ehrlichen, verstörten Augen an und brachte nicht eine Silbe mehr +zustande. + +»Nun, Timm«, sagte Doktor Mantelsack ... »Jetzt geht es auf einmal nicht +mehr?« + +Und Timm griff sich nach dem Kopf, rollte die Augen, atmete heftig und +sagte schließlich mit einem irren Lächeln: »Ich bin so verwirrt, wenn +Sie bei mir stehen, Herr Doktor.« + +Auch Doktor Mantelsack lächelte; er lächelte geschmeichelt und sagte: +»Nun, sammeln Sie sich und fahren Sie fort.« Damit wandelte er zum +Katheder zurück. + +Und Timm sammelte sich. Er zog sein Buch wieder vor sich hin, öffnete +es, indem er, sichtlich nach Fassung ringend, im Zimmer umherblickte, +senkte dann den Kopf und hatte sich wiedergefunden. + +»Ich bin befriedigt«, sagte der Ordinarius, als Timm geendet hatte. »Sie +haben gut gelernt, das steht außer Zweifel. Nur entbehren Sie zu sehr +des rhythmischen Gefühles, Timm. Über die Bindungen sind Sie sich klar, +und dennoch haben Sie nicht eigentlich Hexameter gesprochen. Ich habe +den Eindruck, als ob Sie das Ganze wie Prosa auswendig gelernt hätten +... Aber wie gesagt, Sie sind fleißig gewesen, Sie haben Ihr Bestes +getan, und wer immer strebend sich bemüht ... Sie können sich setzen.« + +Timm setzte sich stolz und strahlend, und Doktor Mantelsack schrieb eine +wohl befriedigende Note hinter seinen Namen. Das Merkwürdige aber war, +daß in diesem Augenblick nicht allein der Lehrer, sondern auch Timm +selbst und seine sämtlichen Kameraden der aufrichtigen Ansicht waren, +daß Timm wirklich und wahrhaftig ein guter und fleißiger Schüler sei, +der seine gute Note vollauf verdient hatte. Auch Hanno Buddenbrook war +außerstande, sich diesem Eindruck zu entziehen, obgleich er fühlte, wie +etwas in ihm sich mit Widerwillen dagegen wehrte ... Wieder horchte er +angespannt auf den Namen, der nun ertönen würde ... + +»Mumme!« sagte Doktor Mantelsack. »Noch einmal! _Aurea prima ...?_« + +Also Mumme! Gott sei gelobt, nun war Hanno wohl in Sicherheit! Zum +drittenmal würden die Verse kaum rezitiert werden müssen, und bei der +Neupräparation war der Buchstabe B erst kürzlich an der Reihe +gewesen ... + +Mumme erhob sich. Er war ein langer, bleicher Mensch mit zitternden +Händen und außerordentlich großen, runden Brillengläsern. Er war +augenleidend und so kurzsichtig, daß es ihm unmöglich war, im Stehen aus +einem vor ihm liegenden Buche zu lesen. Er mußte lernen, und er hatte +gelernt. Da er aber herzlich unbegabt war und außerdem nicht geglaubt +hatte, heute aufgerufen zu werden, so wußte er dennoch nur wenig und +verstummte schon nach den ersten Worten. Doktor Mantelsack half ihm ein, +er half ihm zum zweiten Male mit schärferer Stimme und zum dritten Male +mit äußerst gereiztem Tone ein; als aber Mumme dann ganz und gar +festsaß, wurde der Ordinarius von heftigem Zorne ergriffen. + +»Das ist vollständig ungenügend, Mumme! Setzen Sie sich hin! Sie sind +eine traurige Figur, dessen können Sie versichert sein, Sie Kretin! Dumm +=und= faul ist zuviel des Guten ...« + +Mumme versank. Er sah aus wie das Unglück, und es gab in diesem +Augenblicke niemanden im Zimmer, der ihn nicht verachtet hätte. Abermals +stieg ein Widerwille, eine Art von Brechreiz in Hanno Buddenbrook auf +und schnürte ihm die Kehle zusammen. Gleichzeitig aber beobachtete er +mit entsetzlicher Klarheit, was vor sich ging. Doktor Mantelsack malte +heftig ein Zeichen von böser Bedeutung hinter Mummes Namen und sah sich +dann mit finsteren Brauen in seinem Notizbuch um. Aus Zorn ging er zur +Tagesordnung über, sah nach, wer eigentlich an der Reihe war, es war +klar! Und als Hanno von dieser Erkenntnis gerade gänzlich überwältigt +war, hörte er auch schon seinen Namen, hörte ihn wie in einem bösen +Traum. + +»Buddenbrook!« -- Doktor Mantelsack hatte »Buddenbrook« gesagt, der +Schall war noch in der Luft, und dennoch glaubte Hanno nicht daran. Ein +Sausen war in seinen Ohren entstanden. Er blieb sitzen. + +»=Herr= Buddenbrook!« sagte Doktor Mantelsack und starrte ihn mit seinen +saphirblauen, hervorquellenden Augen an, die hinter den scharfen +Brillengläsern glänzten .... »Wollen Sie die Güte haben?« + +Gut, also es sollte so sein. So hatte es kommen müssen. Ganz anders, als +er es sich gedacht hatte, aber nun war dennoch alles verloren. Er war +nun gefaßt. Ob es wohl ein sehr großes Gebrüll geben würde? Er stand auf +und war im Begriffe, eine unsinnige und lächerliche Entschuldigung +vorzubringen, zu sagen, daß er »vergessen« habe, die Verse zu lernen, +als er plötzlich gewahrte, daß sein Vordermann ihm das offene Buch +hinhielt. + +Sein Vordermann, Hans Hermann Kilian, war ein Kleiner, Brauner, mit +fettem Haar und breiten Schultern. Er wollte Offizier werden und war so +beseelt von Kameradschaftlichkeit, daß er selbst Johann Buddenbrook, den +er doch nicht leiden mochte, nicht im Stiche ließ. Er wies sogar mit dem +Zeigefinger auf die Stelle, wo anzufangen war ... + +Und Hanno starrte dorthin und fing an zu lesen. Mit wankender Stimme und +verzogenen Brauen und Lippen las er von dem goldenen Zeitalter, das +zuerst entsprossen war und ohne Rächer, aus freiem Willen, ohne +Gesetzesvorschrift, Treue und Recht gepflegt hatte. »Strafe und Furcht +waren nicht vorhanden«, sagte er auf Lateinisch. »Es wurden weder +drohende Worte auf angehefteter eherner Tafel gelesen, noch scheute die +bittende Schar das Antlitz ihres Richters ...« Er las mit gequältem und +angeekeltem Gesichtsausdruck, las mit Willen schlecht und +unzusammenhängend, vernachlässigte absichtlich einzelne Bindungen, die +in Kilians Buch mit Bleistift angegeben waren, sprach fehlerhafte Verse, +stockte und arbeitete sich scheinbar nur mühsam vorwärts, immer +gewärtig, daß der Ordinarius alles entdecken und sich auf ihn stürzen +werde ... Der diebische Genuß, das offene Buch vor sich zu sehen, +verursachte ein Prickeln in seiner Haut; aber er war voll Widerwillen +und betrog mit Absicht so schlecht wie möglich, nur um den Betrug +dadurch weniger gemein zu machen. Dann schwieg er, und es entstand eine +Stille, in der er nicht aufzublicken wagte. Diese Stille war +entsetzlich; er war überzeugt, daß Doktor Mantelsack alles gesehen habe, +und seine Lippen waren ganz weiß. Schließlich aber seufzte der +Ordinarius und sagte: + +»O Buddenbrook, _si tacuisses_! Sie entschuldigen wohl ausnahmsweise das +klassische Du!... Wissen Sie, was Sie getan haben? Sie haben die +Schönheit in den Staub gezogen, Sie haben sich benommen wie ein Vandale, +wie ein Barbar, Sie sind ein amusisches Geschöpf, Buddenbrook, man sieht +es Ihnen an der Nase an! Wenn ich mich frage, ob Sie die ganze Zeit +gehustet oder erhabene Verse gesprochen haben, so neige ich mehr der +ersteren Ansicht zu. Timm hat wenig rhythmisches Gefühl entwickelt, aber +gegen Sie ist er ein Genie, ein Rhapsode ... Setzen Sie sich, Unseliger. +Sie haben gelernt, gewiß, Sie haben gelernt. Ich kann Ihnen kein +schlechtes Zeugnis geben. Sie haben sich wohl nach Kräften bemüht ... +Hören Sie, erzählt man sich nicht, daß Sie musikalisch sind, daß Sie +Klavier spielen? Wie ist das möglich?... Nun, es ist gut, setzen Sie +sich, Sie mögen fleißig gewesen sein, es ist gut.« + +Er schrieb eine befriedigende Note in sein Taschenbuch, und Hanno +Buddenbrook setzte sich. Wie es vorhin bei dem Rhapsoden Timm gewesen +war, so war es auch jetzt. Er konnte nicht umhin, sich durch das Lob, +das in Doktor Mantelsacks Worten enthalten gewesen war, aufrichtig +getroffen zu fühlen. Er war in diesem Augenblick ernstlich der Meinung, +daß er ein etwas unbegabter, aber fleißiger Schüler sei, der +verhältnismäßig mit Ehren aus der Sache hervorgegangen war, und er +empfand deutlich, daß seine sämtlichen Klassengenossen, Hans Hermann +Kilian nicht ausgeschlossen, ebenderselben Anschauung huldigten. Wieder +regte sich etwas wie Übelkeit in ihm; aber er war zu ermattet, um über +die Vorgänge nachzudenken. Bleich und zitternd schloß er die Augen und +versank in Lethargie ... + +Doktor Mantelsack aber setzte den Unterricht fort. Er ging zu den Versen +über, die für heute neu zu präparieren waren, und rief Petersen auf. +Petersen erhob sich, frisch, munter und zuversichtlich, in tapferer +Attitüde, streitbar und bereit, den Strauß zu wagen. Und dennoch war ihm +heute der Untergang bestimmt! Ja, die Stunde sollte nicht vorübergehen, +ohne daß eine Katastrophe eintrat, weit schrecklicher als diejenige mit +dem armen, kurzsichtigen Mumme ... + +Petersen übersetzte, indem er dann und wann einen Blick auf die andere +Seite seines Buches warf, dorthin, wo er eigentlich gar nichts zu suchen +hatte. Er trieb dies mit Geschick. Er tat, als störe ihn dort etwas, +fuhr mit der Hand darüber hin und blies darauf, als gelte es, ein +Staubfäserchen oder dergleichen zu entfernen, das ihn inkommodierte. Und +doch erfolgte nun das Entsetzliche. + +Doktor Mantelsack nämlich vollführte plötzlich eine heftige Bewegung, +die Petersen mit einer ebensolchen Bewegung beantwortete. Und in +demselben Augenblick verließ der Ordinarius das Katheder, er stürzte +sich förmlich kopfüber hinab und ging mit langen, unaufhaltsamen +Schritten auf Petersen zu. + +»Sie haben einen Schlüssel im Buche, eine Übersetzung«, sagte er, als er +bei ihm stand. + +»Einen Schlüssel ... ich ... nein ...«, stammelte Petersen. Es war ein +hübscher Junge, mit einem blonden Haarwulst über der Stirn und +außerordentlich schönen blauen Augen, die jetzt angstvoll flackerten. + +»Sie haben keinen Schlüssel im Buche?« + +»Nein ... Herr Oberlehrer ... Herr Doktor ... Einen Schlüssel?... Ich +habe wahrhaftig keinen Schlüssel ... Sie befinden sich im Irrtum ... Sie +haben mich in einem falschen Verdacht ...« Petersen redete, wie man +eigentlich nicht zu reden pflegte. Die Angst bewirkte, daß er ordentlich +gewählt sprach, in der Absicht, dadurch den Ordinarius zu erschüttern. +»Ich betrüge nicht«, sagte er aus übergroßer Not. »Ich bin immer ehrlich +gewesen ... mein Lebtag!« + +Aber Doktor Mantelsack war seiner traurigen Sache allzu sicher. + +»Geben Sie mir Ihr Buch«, sagte er kalt. + +Petersen klammerte sich an sein Buch, er hob es beschwörend mit beiden +Händen empor und fuhr fort, mit halb gelähmter Zunge zu deklamieren: +»Glauben Sie mir doch ... Herr Oberlehrer ... Herr Doktor ... Es ist +nichts im Buche ... Ich habe keinen Schlüssel .... Ich habe nicht +betrogen ... Ich bin immer ehrlich gewesen ...« + +»Geben Sie mir das Buch«, wiederholte der Ordinarius und stampfte mit +dem Fuße. + +Da erschlaffte Petersen, und sein Gesicht wurde ganz grau. + +»Gut«, sagte er und lieferte das Buch aus, »hier ist es. Ja, es ist ein +Schlüssel darin! Sehen Sie selbst, da steckt er!... Aber ich habe ihn +nicht gebraucht!« schrie er plötzlich in die Luft hinein. + +Allein Doktor Mantelsack überhörte diese unsinnige Lüge, die der +Verzweiflung entsprang. Er zog den »Schlüssel« hervor, betrachtete ihn +mit einem Gesicht, als hätte er stinkenden Unrat in der Hand, schob ihn +in die Tasche und warf den Ovid verächtlich auf Petersens Platz zurück. +»Das Klassenbuch«, sagte er dumpf. + +Adolf Todtenhaupt brachte dienstbeflissen das Klassenbuch herbei, und +Petersen erhielt einen Tadel wegen versuchten Betruges, was ihn auf +lange Zeit hinaus vernichtete und die Unmöglichkeit seiner Versetzung zu +Ostern besiegelte. »Sie sind der Schandfleck der Klasse«, sagte Doktor +Mantelsack noch und kehrte dann zum Katheder zurück. + +Petersen setzte sich und war gerichtet. Man sah deutlich, wie sein +Nebenmann ein Stück von ihm wegrückte. Alle betrachteten ihn mit einem +Gemisch von Ekel, Mitleid und Grauen. Er war gestürzt, einsam und +vollkommen verlassen, darum, daß er ertappt worden war. Es gab nur +=eine= Meinung über Petersen, und das war die, daß er wirklich »der +Schandfleck der Klasse« sei. Man anerkannte und akzeptierte seinen Fall +ebenso widerstandslos, wie man Timms und Buddenbrooks Erfolge und das +Unglück des armen Mumme anerkannt und akzeptiert hatte ... Und er selbst +tat desgleichen. + +Wer unter diesen fünfundzwanzig jungen Leuten von rechtschaffener +Konstitution, stark und tüchtig für das Leben war, wie es ist, der nahm +in diesem Augenblicke die Dinge völlig wie sie lagen, fühlte sich nicht +durch sie beleidigt und fand, daß alles selbstverständlich und in der +Ordnung sei. Aber es gab auch Augen, die sich in finsterer +Nachdenklichkeit auf einen Punkt richteten ... Der kleine Johann starrte +auf Hans Hermann Kilians breiten Rücken, und seine goldbraunen, +bläulich umschatteten Augen waren ganz voll von Abscheu, Widerstand und +Furcht ... Doktor Mantelsack aber fuhr fort zu unterrichten. Er rief +einen anderen Schüler auf, irgendeinen, Adolf Todtenhaupt, weil er für +heute ganz und gar die Lust verloren hatte, die Zweifelhaften zu prüfen. +Und dann kam noch einer daran, der mäßig vorbereitet war und nicht +einmal wußte, was »_patula Jovis arbore, glandes_« hieß, weshalb +Buddenbrook es sagen mußte ... Er sagte es leise und ohne aufzublicken, +weil Doktor Mantelsack ihn fragte, und erhielt ein Kopfnicken dafür. + +Und als es mit den Produktionen der Schüler zu Ende war, hatte die +Stunde auch jedes Interesse verloren. Doktor Mantelsack ließ einen +Hochbegabten auf eigene Faust weiter übersetzen und hörte ebensowenig zu +wie die anderen vierundzwanzig, die anfingen, sich für die nächste +Stunde zu präparieren. Dies war nun gleichgültig. Man konnte niemandem +ein Zeugnis dafür geben, noch überhaupt den dienstlichen Eifer darnach +beurteilen ... Auch war die Stunde nun gleich zu Ende. Sie war zu Ende; +es schellte. So hatte es kommen sollen für Hanno. Sogar ein Kopfnicken +hatte er bekommen. + +»Nun«, sagte Kai, als sie inmitten der Kameraden über die gotischen +Korridore ins Chemiezimmer gingen ... »Was sagst du jetzt, Hanno! Wenn +sie die Stirn des Cäsar werden sehen ... Du hast ein unerhörtes Glück +gehabt!« + +»Mir ist übel, Kai«, sagte der kleine Johann. »Ich will es gar nicht, +das Glück, es macht mir übel ...« + +Und Kai wußte, daß er in Hannos Lage genau so empfunden haben würde. + +Das Chemiezimmer war ein Gewölbe mit amphitheatralisch aufsteigenden +Bänken, einem langen Experimentiertisch und zwei Glasschränken voller +Phiolen. Die Luft war in der Klasse zuletzt wieder sehr heiß und +schlecht gewesen, aber hier war sie gesättigt mit Schwefelwasserstoff, +mit dem soeben experimentiert worden war, und stank über alle Maßen. Kai +riß das Fenster auf, stahl dann Adolf Todtenhaupts Reinschriftheft und +begann in großer Eile das Pensum abzuschreiben, das heute vorzuweisen +war. Hanno und mehrere andere Schüler taten dasselbe. Das nahm die +ganze Pause in Anspruch, bis es schellte und Doktor Marotzke erschien. + +Dies war der tiefe Oberlehrer, wie Kai und Hanno ihn nannten. Es war ein +mittelgroßer, brünetter Mann, mit außerordentlich gelbem Teint, zwei +Wulsten an der Stirn, einem harten und schmierigen Bart und ebensolchem +Haupthaar. Er sah beständig übernächtig und ungewaschen aus, was aber +wohl auf Täuschung beruhte. Er unterrichtete in den Naturwissenschaften, +aber sein Hauptgebiet war die Mathematik, und er galt für einen +bedeutenden Denker in diesem Fache. Er liebte es, von den +philosophischen Stellen der Bibel zu sprechen, und zuweilen, in guter +und träumerischer Stimmung, ließ er sich vor Sekundanern und Primanern +herab, seltsame Auslegungen geheimnisvoller Schriftstellen zu liefern +... Außerdem aber war er Reserveoffizier, und zwar mit Begeisterung. Als +Beamter, der zugleich Militär war, stand er bei Direktor Wulicke aufs +beste angeschrieben. Er hielt von allen Lehrern am meisten auf +Disziplin, musterte die Front der strammstehenden Schüler mit kritischem +Blick und verlangte kurze und scharfe Antworten. Diese Mischung von +Mystizismus und Schneidigkeit war ein wenig abstoßend ... + +Die Reinschriften wurden vorgezeigt, und Doktor Marotzke ging umher und +tippte auf jedes Heft mit dem Finger, wobei gewisse Schüler, die nichts +geschrieben hatten, ihm ganz andere Bücher oder alte Arbeiten vorlegten, +ohne daß er dies bemerkte. + +Dann begann er den Unterricht; und wie soeben gelegentlich des Ovid, so +hatten die fünfundzwanzig jungen Leute sich jetzt mit Rücksicht auf Bor, +Chlor oder Strontium über ihren Diensteifer auszuweisen. Hans Hermann +Kilian ward belobigt, weil er wußte, daß _BaSO4_ oder Schwerspat das +gebräuchlichste Fälschungsmittel sei. Überhaupt war er der Beste, darum, +weil er Offizier werden wollte. Hanno und Kai wußten gar nichts, und in +Doktor Marotzkes Notizbuch erging es ihnen übel. + +Und als es mit dem Prüfen, Verhören und Zeugnisgeben zu Ende war, war +auch das Interesse an der Chemiestunde allerseits so gut wie erschöpft. +Doktor Marotzke fing an, ein paar Experimente zu machen, ein wenig zu +knallen und farbige Dämpfe zu entwickeln, aber das war gleichsam nur, +um den Rest der Stunde auszufüllen. Schließlich diktierte er das Pensum, +das fürs nächste Mal zu lernen war. Dann klingelte es, und auch die +dritte Stunde war vorüber. + +Alle waren vergnügt, bis auf Petersen, den es heute getroffen hatte, +denn jetzt kam eine lustige Stunde, vor der sich keine Seele zu fürchten +brauchte und die nichts als Unfug und Amüsement versprach. Es war das +Englische bei dem Kandidaten Modersohn, einem jungen Philologen, der +seit ein paar Wochen probeweise in der Anstalt wirkte oder, wie Kai Graf +Mölln es ausdrückte, ein Gastspiel auf Engagement absolvierte. Aber er +hatte wenig Aussicht, engagiert zu werden; es ging allzu fröhlich in +seinen Stunden zu ... + +Einige blieben im Chemiesaale, und andere gingen ins Klassenzimmer +hinauf; aber auf dem Hofe brauchte jetzt niemand zu frieren, denn droben +auf dem Korridor hatte schon während der Pause Herr Modersohn die +Aufsicht, und der wagte keinen hinunterzuschicken. Auch galt es, +Vorbereitungen zu seinem Empfange zu treffen ... + +Es wurde nicht einmal ein wenig stiller in der Klasse, als es zur +vierten Stunde schellte. Alles schwatzte und lachte, voll Freude auf den +Tanz, der nun bevorstand. Graf Mölln, den Kopf in beide Hände gestützt, +fuhr fort, sich mit Roderich Usher zu beschäftigen, und Hanno saß still +und sah dem Spektakel zu. Einige ahmten Tierstimmen nach. Ein +Hahnenschrei zerriß die Luft, und dort hinten saß Wasservogel und +grunzte genau wie ein Schwein, ohne daß man sehen konnte, daß diese +Laute aus seinem Innern kamen. An der Wandtafel prangte eine große +Kreidezeichnung, eine schielende Fratze, die der Rhapsode Timm +vollbracht hatte. Und als dann Herr Modersohn eintrat, konnte er trotz +der heftigsten Anstrengungen die Tür nicht hinter sich schließen, weil +ein dicker Tannenzapfen in der Spalte stak, der erst von Adolf +Todtenhaupt entfernt werden mußte ... + +Der Kandidat Modersohn war ein kleiner, unansehnlicher Mann, der beim +Gehen eine Schulter schräg voranschob, mit einem säuerlich verzogenen +Gesicht und sehr dünnem schwarzen Bart. Er war in furchtbarer +Verlegenheit. Immer zwinkerte er mit seinen blanken Augen, zog den Atem +ein und öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen. Aber er fand nicht +die Worte, die nötig waren. Nach drei Schritten, die er von der Tür aus +zurückgelegt, trat er auf eine Knallerbse, eine Knallerbse von seltener +Qualität, die einen Lärm verursachte, als habe er auf Dynamit getreten. +Er fuhr heftig zusammen, lächelte dann in seiner Not, tat, als sei +nichts geschehen und stellte sich vor die mittlere Bankreihe, indem er +sich nach seiner Gewohnheit, schief gebückt, mit einer Handfläche auf +die vorderste Pultplatte stützte. Aber man kannte diese seine +Lieblingsstellung, und darum hatte man diese Stelle des Tisches mit +Tinte beschmiert, so daß Herr Modersohn sich nun seine ganze kleine, +ungeschickte Hand besudelte. Er tat, als bemerke er es nicht, legte die +nasse und geschwärzte Hand auf den Rücken, blinzelte und sagte mit +weicher und schwacher Stimme: »Die Ordnung in der Klasse läßt zu +wünschen übrig.« + +Hanno Buddenbrook liebte ihn in diesem Augenblick und blickte +unbeweglich in sein hilflos verzogenes Gesicht. Aber Wasservogels +Grunzen ward immer lauter und natürlicher, und plötzlich prasselten eine +Menge Erbsen gegen die Fensterscheibe, prallten ab und fielen rasselnd +ins Zimmer zurück. + +»Es hagelt«, sagte jemand laut und deutlich; und Herr Modersohn schien +dies zu glauben, denn er zog sich ohne weiteres aufs Katheder zurück und +verlangte nach dem Klassenbuche. Dies tat er nicht, um jemanden +einzuschreiben; sondern, obgleich er bereits fünf oder sechs +Unterrichtsstunden in dieser Klasse erteilt hatte, kannte er doch die +Schüler bis auf einige wenige noch nicht und war genötigt, die Namen +aufs Geratewohl aus dem schriftlichen Verzeichnis abzulesen. + +»Feddermann«, sagte er, »wollen Sie, bitte, das Gedicht aufsagen.« + +»Fehlt!« schrie eine Menge verschiedenartiger Stimmen. Und dabei saß +Feddermann groß und breit an seinem Platze und schnellte mit +unglaublicher Geschicklichkeit Erbsen durch die ganze Stube. + +Herr Modersohn blinzelte und buchstabierte sich einen neuen Namen +zusammen. + +»Wasservogel«, sagte er. + +»Verstorben!« rief Petersen, der vom Galgenhumor ergriffen worden war. +Und unter Füßescharren, Gegrunz, Gekräh und Hohngelächter wiederholten +alle, daß Wasservogel tot sei. + +Herr Modersohn blinzelte abermals, er blickte um sich, verzog säuerlich +den Mund und sah dann wieder ins Klassenbuch, indem er mit seiner +kleinen, ungeschickten Hand auf den Namen zeigte, den er nun aufrufen +wollte. + +»Perlemann«, sagte er ohne viel Zuversicht. + +»Leider dem Wahnsinn verfallen«, sprach Kai Graf Mölln klar und fest; +und unter wachsendem Hallo wurde auch dies bestätigt. + +Da stand Herr Modersohn auf und rief in den Lärm hinein: »Buddenbrook, +Sie werden mir eine Strafarbeit anfertigen. Wiederholt sich Ihr Lachen, +so werde ich Sie tadeln müssen.« + +Dann setzte er sich wieder. -- In der Tat, Buddenbrook hatte gelacht, er +war über Kais Witz in ein leises und heftiges Lachen geraten, dem er +nicht Einhalt gebieten konnte. Er fand ihn gut, und besonders das +»Leider« erschütterte ihn mit Komik. Als aber Herr Modersohn ihn +anherrschte, wurde er ruhig und blickte still und finster auf den +Kandidaten. Er sah in diesem Augenblick alles an ihm, jedes jämmerliche +Härchen seines Bartes, der überall die Haut durchscheinen ließ, und +seine braunen, blanken, hoffnungslosen Augen; sah, daß er gleichsam zwei +Paar Manschetten an seinen kleinen, ungeschickten Händen trug, weil +seine Hemdärmel an den Gelenken ebenso lang und breit waren, wie die +eigentlichen Manschetten, sah seine ganze armselige und verzweifelte +Gestalt. Er sah auch in sein Inneres hinein. Hanno Buddenbrook war +beinahe der einzige, den Herr Modersohn schon mit Namen kannte, und das +benutzte er dazu, ihn beständig zur Ordnung zu rufen, ihm Strafarbeiten +zu diktieren und ihn zu tyrannisieren. Er kannte den Schüler Buddenbrook +nur deshalb, weil er sich durch stilles Verhalten von den anderen +unterschieden hatte, und diese Sanftmut nützte er dazu aus, ihn +unaufhörlich die Autorität fühlen zu lassen, die er den Lauten und +Frechen gegenüber nicht geltend zu machen wagte. Selbst das Mitleid wird +einem auf Erden durch die Gemeinheit unmöglich gemacht, dachte Hanno. +Ich nehme nicht daran teil, Sie zu quälen und auszubeuten, Kandidat +Modersohn, weil ich das brutal, häßlich und gewöhnlich finde, und wie +antworten Sie mir? Aber so ist es, so ist es, so wird es immer und +überall sich verhalten, dachte er, und Furcht und Übelkeit stiegen +wieder in ihm auf. Und daß ich Sie obendrein so widerlich deutlich +durchschauen muß!... + +Endlich fand sich einer, der weder tot noch wahnsinnig war und es +übernehmen wollte, die englischen Verse aufzusagen. Es handelte sich um +ein Gedicht, das »_The monkey_« hieß, ein kindisches Machwerk, das man +diesen jungen Leuten, die sich großenteils aufs Meer, ins Geschäft, ins +ernsthafte Lebensgetriebe sehnten, zugemutet hatte, auswendig zu lernen. + + »_Monkey, little merry fellow, + Thou art nature's punchinello ..._« + +Es gab eine Menge Strophen, und der Schüler Kaßbaum las sie aus seinem +Buche vor. Herrn Modersohn gegenüber brauchte man sich nicht den +geringsten Zwang anzutun. Und der Lärm war immer noch ärger geworden. +Alle Füße waren in Bewegung und scharrten den staubigen Boden. Der Hahn +krähte, das Schwein grunzte, die Erbsen flogen. Die Zügellosigkeit +berauschte die fünfundzwanzig. Die ungeordneten Instinkte ihrer +sechzehn, siebzehn Jahre wurden wach. Blätter mit den obszönsten +Bleistiftzeichnungen wurden emporgehoben, umhergeschickt und gierig +belacht ... + +Auf einmal verstummte alles. Der Rezitierende unterbrach sich. Herr +Modersohn selbst richtete sich auf und lauschte. Etwas Liebliches +geschah. Feine und glockenreine Klänge drangen aus dem Hintergrunde des +Zimmers und flossen süß, sinnig und zärtlich in die plötzliche Stille. +Es war eine Spieluhr, die jemand mitgebracht hatte, und die »Du, du +liegst mir am Herzen« spielte, mitten in der englischen Stunde. Genau +aber in dem Augenblick, da die zierliche Melodie verklang, vollzog sich +etwas Fürchterliches ... es brach über alle Anwesenden herein, grausam, +unerwartet, übergewaltig und lähmend. + +Ohne daß nämlich geklopft worden wäre, öffnete sich mit einem Ruck die +Tür sperrangelweit, etwas Langes und Ungeheures kam herein, stieß einen +brummenden Lippenlaut aus und stand mit einem einzigen Seitenschritt +mitten vor den Bänken ... Es war der liebe Gott. + +Herr Modersohn war aschfahl geworden und zerrte den Armstuhl vom +Katheder herunter, indem er ihn mit seinem Schnupftuche abwischte. Die +Schüler waren emporgeschnellt wie ein Mann. Sie preßten die Arme an die +Flanken, stellten sich auf die Zehenspitzen, beugten die Köpfe und +bissen sich auf die Zungen vor rasender Devotion. Es herrschte tiefe +Lautlosigkeit. Jemand seufzte vor Anstrengung, und dann war alles wieder +still. + +Direktor Wulicke musterte eine Weile die salutierenden Kolonnen, worauf +er die Arme mit den trichterförmigen schmutzigen Manschetten erhob und +sie mit weitgespreizten Fingern senkte, wie jemand, der voll in die +Tasten greift. »Setzt euch«, sagte er dabei mit seinem Kontrabaßorgan. +Er duzte jedermann. + +Die Schüler versanken. Herr Modersohn zog mit zitternden Händen den +Armstuhl herbei, und der Direktor setzte sich zur Seite des Katheders. +»Bitte, nur fortzufahren«, sagte er; und das klang genau so entsetzlich, +als hätte er gesagt: »Wir werden ja sehen, und wehe demjenigen ...!« + +Es war klar, warum er erschienen war. Herr Modersohn sollte vor ihm eine +Probe seiner Unterrichtskunst ablegen, sollte zeigen, was die +Real-Untersekunda in sechs oder sieben Stunden bei ihm gelernt hatte; es +galt Herrn Modersohns Existenz und Zukunft. Der Kandidat bot einen +traurigen Anblick, als er wieder auf dem Katheder stand und jemanden zur +Wiederholung des Gedichtes »_The monkey_« aufrief. Und wie bislang nur +die Schüler geprüft und begutachtet worden waren, so geschah es nun +gleichzeitig auch mit dem Lehrer ... Ach, es erging beiden Teilen +schlecht! Das Erscheinen Direktor Wulickes war eine Überrumpelung, und +niemand, bis auf zwei oder drei, war vorbereitet. Herr Modersohn konnte +unmöglich die ganze Stunde lang Adolf Todtenhaupt fragen, der alles +wußte. Da »_The monkey_« in Gegenwart des Direktors nicht mehr abgelesen +werden konnte, so ging es jammervoll, und als die Lektüre von +»_Ivanhoe_« an die Reihe kam, konnte eigentlich nur der junge Graf +Mölln ein wenig übersetzen, weil bei ihm ein privates Interesse für den +Roman vorhanden war. Die übrigen stocherten hustend und hilflos zwischen +den Vokabeln umher. Auch Hanno Buddenbrook ward aufgerufen und kam nicht +über eine Zeile hinweg. Direktor Wulicke stieß einen Laut aus, wie wenn +die tiefste Saite des Kontrabasses heftig angestrichen wird. Herr +Modersohn rang seine kleinen, ungeschickten, mit Tinte besudelten Hände +und wiederholte jammernd: »Und sonst ging es immer so gut! Und sonst +ging es immer so gut!« + +Dies wiederholte er noch, als es schellte, verzweiflungsvoll halb an die +Schüler und halb an den Direktor gewendet. Aber der liebe Gott stand +fürchterlich aufgerichtet, mit verschränkten Armen vor seinem Stuhle und +blickte mit abweisendem Kopfnicken starr über die Klasse hinweg ... Und +dann befahl er das Klassenbuch und schrieb langsam allen denjenigen, +deren Leistungen soeben mangelhaft oder gleich Null gewesen waren, einen +Tadel wegen Trägheit hinein, sechs oder sieben Schülern auf einmal. Herr +Modersohn konnte nicht eingeschrieben werden, aber er war schlimmer +daran als alle; er stand da, fahl, gebrochen und abgetan. Hanno +Buddenbrook aber war ebenfalls unter den Getadelten. -- »Ich will euch +eure Karriere schon verderben«, sagte Direktor Wulicke noch. Und dann +verschwand er. + +Es schellte, die Stunde war aus. So hatte es kommen sollen. Ja, so war +es immer. Wenn man sich am meisten ängstigte, so ging es einem, wie aus +Hohn, beinahe gut; aber wenn man nichts Übles gewärtigte, so kam das +Unglück. Hannos Avancement zu Ostern war nun endgültig unmöglich. Er +stand auf und ging mit müden Augen aus dem Zimmer, indem er seine Zunge +an dem kranken Backenzahne scheuerte. + +Kai kam zu ihm, legte den Arm um ihn und ging mit ihm, inmitten der +erregten Kameraden, die über die außerordentlichen Ereignisse +disputierten, auf den Hof hinunter. Er blickte ängstlich und liebevoll +in Hannos Gesicht und sagte: »Verzeih, Hanno, daß ich eben übersetzt +habe und nicht lieber stillschwieg und mich auch einschreiben ließ! Es +ist so gemein ...« + +»Habe ich vorhin nicht auch gesagt, was `_patula Jovis arbore, glandes_´ +heißt?« antwortete Hanno. »Das ist nun schon so, Kai, laß es gut sein. +Man muß es gut sein lassen.« + +»Ja, das muß man wohl. -- Also der liebe Gott will dir die Karriere +verderben. Dann mußt du dich wohl darein ergeben, Hanno; denn wenn es +sein unerforschlicher Wille ist ... Die Karriere, was für ein liebes +Wort! Herrn Modersohns Karriere ist nun auch dahin. Er wird nie +Oberlehrer werden, der Arme! Ja, es gibt Hilfslehrer und es gibt +Oberlehrer, mußt du wissen, aber Lehrer gibt es nicht. Dies ist nun +etwas, was man nicht so leicht verstehen kann, weil es nur für ganz +Erwachsene ist und solche, die vom Leben gereift sind. Man könnte sagen: +Jemand ist ein Lehrer oder er ist keiner; wie jemand ein Oberlehrer sein +kann, das verstehe ich nicht. Man könnte damit vor den lieben Gott oder +Herrn Marotzke hintreten und es ihnen auseinandersetzen. Was würde +geschehen? Sie würden es als Beleidigung nehmen und dich wegen +Unbotmäßigkeit vernichten, während du doch eine sehr viel höhere Meinung +von ihrem Beruf an den Tag gelegt hättest, als sie selber besitzen +können ... Na, laß sie, komm, es sind lauter Nashörner.« + +Sie gingen auf dem Hofe spazieren, und Hanno horchte wohlgefällig auf +das, was Kai zum besten gab, um ihn seinen Tadel vergessen zu lassen. + +»Sieh, hier ist eine Tür, eine Hoftür, sie ist offen, da draußen ist die +Straße. Wie wäre es, wenn wir hinausträten und ein bißchen auf dem +Trottoir umhergingen? Es ist Pause, wir haben noch sechs Minuten; und +wir könnten ja pünktlich zurückkehren. Aber die Sache ist die: es ist +unmöglich. Verstehst du das? Hier ist die Tür, sie ist offen, es ist +kein Gitter davor, nichts, kein Hindernis, hier ist die Schwelle. Und +dennoch ist es unmöglich, schon der Gedanke ist unmöglich, auch nur auf +eine Sekunde hinauszutreten ... Nun, sehen wir davon ab! Aber nehmen wir +ein anderes Beispiel. Es wäre gänzlich verkehrt, zu sagen, daß die Uhr +jetzt ungefähr halb zwölf ist. Nein, es kommt jetzt die Geographiestunde +an die Reihe: so verhält es sich! Nun frage ich aber jedermann: ist dies +ein Leben? Alles ist verzerrt ... Ach, Herr Gott, wollte die Anstalt +uns erst aus ihrer liebenden Umarmung entlassen!« + +»Ja, und was dann? Nein, laß nur, Kai, dann wäre es auch noch so: Was +soll man anfangen? Hier ist man wenigstens aufgehoben. Seit mein Vater +tot ist, haben Herr Stephan Kistenmaker und Pastor Pringsheim es +übernommen, mich tagtäglich zu fragen, was ich werden will. Ich weiß es +nicht. Ich kann nichts antworten. Ich kann nichts werden. Ich fürchte +mich vor dem Ganzen ...« + +»Nein, wie kann man so verzagt reden! Du mit deiner Musik ...« + +»Was ist mit meiner Musik, Kai? Es ist nichts damit. Soll ich +umherreisen und spielen? Erstens würden sie es mir nicht erlauben, und +zweitens werde ich nie genug dazu können. Ich kann beinahe nichts, ich +kann nur ein bißchen phantasieren, wenn ich allein bin. Und dann stelle +ich mir das Umherreisen auch schrecklich vor ... Mit dir ist es so +anders. Du hast mehr Mut. Du gehst hier herum und lachst über das Ganze +und hast ihnen etwas entgegenzuhalten. Du willst schreiben, willst den +Leuten Schönes und Merkwürdiges erzählen, gut: das ist etwas. Und du +wirst sicher berühmt werden, du bist so geschickt. Woran liegt es? Du +bist lustiger. Manchmal in der Stunde sehen wir uns an, wie vorhin einen +Augenblick, bei Herrn Mantelsack, als Petersen unter allen, die +abgelesen hatten, einen Tadel bekam. Wir denken dasselbe, aber du +schneidest eine Fratze und bist stolz ... Ich kann das nicht. Ich werde +so müde davon. Ich möchte schlafen und nichts mehr wissen. Ich möchte +sterben, Kai!... Nein, es ist nichts mit mir. Ich kann nichts wollen. +Ich will nicht einmal berühmt werden. Ich habe Angst davor, genau als +wäre ein Unrecht dabei! Es kann nichts aus mir werden, sei sicher. +Neulich nach der Konfirmationsstunde hat Pastor Pringsheim zu jemandem +gesagt, man müsse mich aufgeben, ich stammte aus einer verrotteten +Familie ...« + +»Hat er das gesagt?« fragte Kai mit angespanntem Interesse ... + +»Ja, er meint meinen Onkel Christian damit, der in Hamburg in einer +Anstalt sitzt. -- Er hat sicher recht. Man sollte mich nur aufgeben. Ich +wäre so dankbar dafür!... Ich habe so vielerlei Sorgen, und alles fällt +mir so schwer. Nehmen wir an, ich schneide mich in den Finger, tue mir +irgendwo weh ... es ist eine Wunde, die bei einem anderen in acht Tagen +geheilt wäre. Bei mir dauert es vier Wochen. Es will nicht heilen, es +entzündet sich, es wird schlimm und macht mir unmäßige Beschwerden ... +Neulich sagte mir Herr Brecht, um meine Zähne sähe es jämmerlich aus, +fast alle seien schon unterminiert und verbraucht, nicht zu reden von +denen, die ausgezogen sind. So steht es jetzt. Und womit werde ich +beißen, wenn ich dreißig, vierzig Jahre alt bin? Ich habe gar keine +Hoffnung ...« + +»So«, sagte Kai und schlug eine schnellere Gangart an; »nun erzählst du +mir ein bißchen von deinem Klavierspiel. Ich will nämlich jetzt etwas +Wunderbares schreiben, etwas Wunderbares ... Vielleicht fange ich +nachher in der Zeichenstunde an. Willst du heute nachmittag spielen?« + +Hanno schwieg einen Augenblick. Etwas Trübes, Verwirrtes und Heißes war +in seinen Blick gekommen. + +»Ja, ich werde wohl spielen«, sagte er, »obgleich ich es nicht tun +sollte. Ich sollte meine Etüden und Sonaten üben und dann aufhören. Aber +ich werde wohl spielen, ich kann es nicht lassen, obgleich es alles noch +schlimmer macht.« + +»Schlimmer?« + +Hanno schwieg. + +»Ich weiß, wovon du spielst«, sagte Kai. Und dann schwiegen beide. + +Sie waren in einem seltsamen Alter. Kai war sehr rot geworden und +blickte zu Boden, ohne den Kopf zu senken. Hanno sah blaß aus. Er war +furchtbar ernst und hielt seine verschleierten Augen seitwärts +gerichtet. + +Dann schellte Herr Schlemiel und sie gingen hinauf. + +Es kam die Geographiestunde und mit ihr das Extemporale, ein sehr +wichtiges Extemporale über das Gebiet von Hessen-Nassau. Ein Mann mit +rotem Bart und braunem Schoßrock trat ein. Sein Gesicht war bleich, und +auf seinen Händen, deren Poren weit offen standen, wuchs nicht ein +einziges Härchen. Dies war der geistreiche Oberlehrer, Herr Doktor +Mühsam. Er litt zuweilen an Lungenblutungen und sprach beständig in +ironischem Tone, weil er sich für ebenso witzig wie leidend hielt. Zu +Hause besaß er eine Art Heine-Archiv, eine Sammlung von Papieren und +Gegenständen, die sich auf den frechen und kranken Poeten bezogen. Jetzt +fixierte er die Grenzen von Hessen-Nassau auf der Wandtafel und bat dann +mit einem zugleich melancholischen und höhnischen Lächeln, die Herren +möchten in ihre Hefte zeichnen, was das Land an Merkwürdigem biete. Er +schien sowohl die Schüler wie das Land Hessen-Nassau verspotten zu +wollen; und doch war es ein sehr wichtiges Extemporale, vor dem alle +sich fürchteten. + +Hanno Buddenbrook wußte nichts von Hessen-Nassau, nicht viel, so gut wie +nichts. Er wollte ein wenig auf Adolf Todtenhaupts Heft hinübersehen, +aber Heinrich Heine, der trotz seiner überlegenen und leidenden Ironie +mit gespanntester Aufmerksamkeit jede Bewegung überwachte, bemerkte es +sofort und sagte: »Herr Buddenbrook, ich bin versucht, Sie Ihr Buch +schließen zu lassen, aber ich fürchte allzusehr, Ihnen eine Wohltat +damit zu erweisen. Fahren Sie fort.« + +Diese Bemerkung enthielt zwei Witze. Erstens denjenigen, daß Doktor +Mühsam Hanno mit »Herr« anredete, und zweitens den mit der »Wohltat«. +Hanno Buddenbrook aber fuhr fort, über seinem Heft zu brüten und +lieferte schließlich ein beinahe leeres Blatt ab, worauf er wieder mit +Kai hinausging. + +Für heute war nun alles überstanden. Wohl dem, der glücklich +davongekommen war und dessen Bewußtsein von keinem Tadel beschwert +wurde. Er konnte nun frei und wohlgemut bei Herrn Drägemüller im hellen +Saale sitzen und zeichnen ... + +Der Zeichensaal war weit und licht. Gipsabgüsse nach der Antike standen +auf den Wandborden, und in einem großen Schranke gab es allerhand +Holzklötze und Puppenmöbel, die ebenfalls als Modelle dienten. Herr +Drägemüller war ein untersetzter Mann mit rundgeschnittenem Vollbart und +einer braunen, glatten, billigen Perücke, die im Nacken verräterisch +abstand. Er besaß zwei Perücken, eine mit längerem und eine mit kürzerem +Haar; hatte er sich den Bart scheren lassen, so setzte er die kürzere +auf ... Auch sonst war er ein Mann von einigen drolligen +Eigentümlichkeiten. Statt »der Bleistift« sagte er »die Blei«. Außerdem +verbreitete er einen ölig-spirituösen Geruch wo er ging und stand, und +einige sagten, er tränke Petroleum. Seine schönsten Stunden kamen, wenn +er vertretungsweise einmal in einem anderen Fache als im Zeichnen +unterrichten durfte. Dann hielt er Vorträge über Bismarcks Politik, die +er mit eindringlichen, spiralförmigen Bogenbewegungen von der Nase zur +Schulter begleitete, und sprach mit Haß und Furcht von der +Sozialdemokratie ... »Wir müssen zusammenhalten!« pflegte er zu +schlechten Schülern zu sagen, indem er sie am Arme packte. »Die +Sozialdemokratie steht vor der Tür!« Er hatte etwas krampfhaft +Geschäftiges an sich. Er setzte sich neben einen, verbreitete einen +heftigen Spiritusgeruch, schlug einem mit seinem Siegelring vor die +Stirn, stieß einzelne Wörter hervor, wie »Perspektive!« +»Schlagschatten!« »Die Blei!« »Sozialdemokratie!« »Zusammenhalten!« und +enteilte ... + +Kai schrieb an seiner neuen literarischen Arbeit in dieser Stunde, und +Hanno beschäftigte sich damit, daß er in Gedanken eine Orchester-Ouvertüre +aufführte. Dann war es aus, man holte seine Sachen herunter, der Weg +durch die Hoftore war freigegeben, man ging nach Hause. + +Hanno und Kai hatten denselben Weg, und bis zu der kleinen, roten Villa +draußen in der Vorstadt gingen sie zusammen, ihre Bücher unterm Arm. +Dann hatte der junge Graf Mölln noch eine weite Strecke bis zu dem +väterlichen Wohnsitz allein zu wandern. Er trug nicht einmal einen +Paletot. + +Der Nebel, der am Morgen geherrscht hatte, war zu Schnee geworden, der +in großen weichen Flocken herniedersank und sich in Kot verwandelte. An +der Buddenbrookschen Gartenpforte trennten sie sich; aber als Hanno +schon den Vorgarten zur Hälfte durchschritten hatte, kam Kai noch einmal +zurück und legte den Arm um seinen Hals. »Sei nicht verzweifelt ... Und +spiele lieber nicht!« sagte er leise; dann verschwand seine schlanke, +verwahrloste Gestalt im Schneegestöber. + +Hanno ließ seine Bücher auf dem Korridor in der Schale zurück, die der +Bär vor sich hinstreckte, und ging ins Wohnzimmer, um seine Mutter zu +begrüßen. Sie saß auf der Chaiselongue und las in einem gelb gehefteten +Buche. Während er über den Teppich schritt, blickte sie ihm mit ihren +braunen, nahe beieinanderliegenden Augen entgegen, in deren Winkeln +bläuliche Schatten lagerten. Als er vor ihr stand, nahm sie seinen Kopf +zwischen die Hände und küßte ihn auf die Stirn. + +Er ging in sein Zimmer hinauf, wo Fräulein Clementine ein wenig +Frühstück für ihn bereitgestellt hatte, wusch sich und aß. Als er fertig +war, nahm er aus dem Pulte ein Päckchen jener kleinen, scharfen +russischen Zigaretten, die ihm ebenfalls nicht mehr unbekannt waren, und +begann zu rauchen. Dann setzte er sich ans Harmonium und spielte etwas +sehr Schwieriges, Strenges, Fugiertes, von Bach. Und schließlich faltete +er die Hände hinter dem Kopf und blickte zum Fenster hinaus in den +lautlos niedertaumelnden Schnee. Es gab da sonst nichts zu sehen. Es lag +kein zierlicher Garten mit plätscherndem Springbrunnen mehr unter seinem +Fenster. Die Aussicht wurde durch die graue Seitenwand der benachbarten +Villa abgeschnitten. + +Um vier Uhr wurde zu Mittag gegessen. Gerda Buddenbrook, der kleine +Johann und Fräulein Clementine waren allein. Später traf Hanno im Salon +die Vorbereitungen zum Musizieren und erwartete am Flügel seine Mutter. +Sie spielten die Sonate Opus 24 von Beethoven. Bei dem Adagio sang die +Geige wie ein Engel; aber Gerda nahm dennoch unbefriedigt das Instrument +vom Kinn, betrachtete es mißmutig und sagte, daß es nicht in Stimmung +sei. Sie spielte nicht weiter und ging hinauf, um zu ruhen. + +Hanno blieb im Salon zurück. Er trat an die Glastür, die auf die schmale +Veranda führte, und blickte ein paar Minuten lang in den aufgeweichten +Vorgarten hinaus. Plötzlich aber trat er einen Schritt rückwärts, zog +heftig den cremefarbenen Vorhang vor die Tür, so daß das Zimmer in einem +gelblichen Halbdunkel lag, und ging in Bewegung zum Flügel. Dort stand +er abermals eine Weile, und sein Blick, starr und unbestimmt auf einen +Punkt gerichtet, verdunkelte sich langsam, verschleierte sich, +verschwamm ... Er setzte sich und begann eine seiner Phantasien. + +Es war ein ganz einfaches Motiv, das er sich vorführte, ein Nichts, das +Bruchstück einer nicht vorhandenen Melodie, eine Figur von anderthalb +Takten, und als er sie zum erstenmal mit einer Kraft, die man ihm nicht +zugetraut hätte, in tiefer Lage als einzelne Stimme ertönen ließ, wie +als sollte sie von Posaunen einstimmig und befehlshaberisch als Urstoff +und Ausgang alles Kommenden verkündigt werden, war gar nicht abzusehen, +was eigentlich gemeint sei. Als er sie aber im Diskant, in einer +Klangfarbe von mattem Silber, harmonisiert wiederholte, erwies sich, daß +sie im wesentlichen aus einer einzigen Auflösung bestand, einem +sehnsüchtigen und schmerzlichen Hinsinken von einer Tonart in die andere +... eine kurzatmige, armselige Erfindung, der aber durch die preziöse +und feierliche Entschiedenheit, mit der sie hingestellt und vorgebracht +wurde, ein seltsamer, geheimnis- und bedeutungsvoller Wert verschafft +ward. Und nun begannen bewegte Gänge, ein rastloses Kommen und Gehen von +Synkopen, suchend, irrend und von Aufschreien zerrissen, wie als sei +eine Seele voll Unruhe über das, was sie vernommen, und was doch nicht +verstummen wollte, sondern in immer anderen Harmonien, fragend, klagend, +ersterbend, verlangend, verheißungsvoll sich wiederholte. Und immer +heftiger wurden die Synkopen, ratlos umhergedrängt von hastigen Triolen; +die Schreie der Furcht jedoch, die hineinklangen, nahmen Gestalt an, sie +schlossen sich zusammen, sie wurden zur Melodie, und der Augenblick kam, +da sie wie ein inbrünstig und flehentlich hervortretender Gesang des +Bläserchores stark und demütig zur Herrschaft gelangten. Das haltlos +Drängende, das Wogende, Irrende und Entgleitende war verstummt und +besiegt, und in unbeirrbar einfachem Rhythmus erscholl dieser +zerknirschte und kindlich betende Choral ... Mit einer Art von +Kirchenschluß endete er. Eine Fermate kam, und eine Stille. Und siehe, +plötzlich war, ganz leise, in einer Klangfarbe von mattem Silber, das +erste Motiv wieder da, diese armselige Erfindung, diese dumme oder +geheimnisvolle Figur, dieses süße, schmerzliche Hinsinken von einer +Tonart in die andere. Da entstand ein ungeheurer Aufruhr und wild +erregte Geschäftigkeit, beherrscht von fanfarenartigen Akzenten, +Ausdrücken einer wilden Entschlossenheit. Was geschah? Was war in +Vorbereitung? Es scholl wie Hörner, die zum Aufbruch riefen. Und dann +trat etwas ein wie eine Sammlung und Konzentration, festere Rhythmen +fügten sich zusammen, und eine neue Figur setzte ein, eine kecke +Improvisation, eine Art Jagdlied, unternehmend und stürmisch. Aber es +war nicht fröhlich, es war im Innersten voll verzweifelten Übermuts, die +Signale, die darein tönten, waren gleich Angstrufen, und immer wieder +war zwischen allem, in verzerrten und bizarren Harmonien, quälend, +irrselig und süß, das Motiv, jenes erste, rätselhafte Motiv zu vernehmen +... Und nun begann ein unaufhaltsamer Wechsel von Begebenheiten, deren +Sinn und Wesen nicht zu erraten war, eine Flucht von Abenteuern des +Klanges, des Rhythmus und der Harmonie, über die Hanno nicht Herr war, +sondern die sich unter seinen arbeitenden Fingern gestalteten, und die +er erlebte, ohne sie vorher zu kennen ... Er saß, ein wenig über die +Tasten gebeugt, mit getrennten Lippen und fernem, tiefem Blick, und sein +braunes Haar bedeckte in weichen Locken seine Schläfen. Was geschah? Was +wurde erlebt? Wurden hier furchtbare Hindernisse bewältigt, Drachen +getötet, Felsen erklommen, Ströme durchschwommen, Flammen +durchschritten? Und wie ein gellendes Lachen oder wie eine unbegreiflich +selige Verheißung schlang sich das erste Motiv hindurch, dies nichtige +Gebilde, dies Hinsinken von einer Tonart in die andere ... ja, es war, +als reize es auf zu immer neuen, gewaltsamen Anstrengungen, rasende +Anläufe in Oktaven folgten ihm, die in Schreie ausklangen, und dann +begann ein Aufschwellen, eine langsame, unaufhaltsame Steigerung, ein +chromatisches Aufwärtsringen von wilder, unwiderstehlicher Sehnsucht, +jäh unterbrochen durch plötzliche, erschreckende und aufstachelnde +Pianissimi, die wie ein Weggleiten des Bodens unter den Füßen und wie +ein Versinken in Begierde waren ... Einmal war es, als ob fern und leise +mahnend die ersten Akkorde des flehenden, zerknirschten Gebetes +vernehmbar werden wollten; alsbald aber stürzte die Flut der +empordrängenden Kakophonien darüber her, die sich zusammenballten, sich +vorwärts wälzten, zurückwichen, aufwärts klommen, versanken und wieder +einem unaussprechlichen Ziele entgegenrangen, das kommen mußte, nun +kommen mußte, in diesem Augenblick, an diesem furchtbaren Höhepunkt, da +die lechzende Drangsal zur Unerträglichkeit geworden war ... Und es kam, +es war nicht mehr hintanzuhalten, die Krämpfe der Sehnsucht hätten nicht +mehr verlängert werden können, es kam, gleichwie wenn ein Vorhang +zerrisse, Tore aufsprängen, Dornenhecken sich erschlossen, Flammenmauern +in sich zusammensänken ... Die Lösung, die Auflösung, die Erfüllung, die +vollkommene Befriedigung brach herein, und mit entzücktem Aufjauchzen +entwirrte sich alles zu einem Wohlklang, der in süßem und sehnsüchtigem +Ritardando sogleich in einen anderen hinübersank ... es war das Motiv, +das erste Motiv, was erklang! Und was nun begann, war ein Fest, ein +Triumph, eine zügellose Orgie ebendieser Figur, die in allen +Klangschattierungen prahlte, sich durch alle Oktaven ergoß, aufweinte, +im Tremolando verzitterte, sang, jubelte, schluchzte, angetan mit allem +brausenden, klingelnden, perlenden, schäumenden Prunk der orchestralen +Ausstattung sieghaft daherkam ... Es lag etwas Brutales und +Stumpfsinniges und zugleich etwas asketisch Religiöses, etwas wie Glaube +und Selbstaufgabe in dem fanatischen Kultus dieses Nichts, dieses Stücks +Melodie, dieser kurzen, kindischen, harmonischen Erfindung von +anderthalb Takten ... etwas Lasterhaftes in der Maßlosigkeit und +Unersättlichkeit, mit der sie genossen und ausgebeutet wurde, und etwas +zynisch Verzweifeltes, etwas wie Wille zu Wonne und Untergang in der +Gier, mit der die letzte Süßigkeit aus ihr gesogen wurde, bis zur +Erschöpfung, bis zum Ekel und Überdruß, bis endlich, endlich in +Ermattung nach allen Ausschweifungen ein langes, leises Arpeggio in Moll +hinrieselte, um einen Ton emporstieg, sich in Dur auflöste und mit einem +wehmütigen Zögern erstarb. + +Hanno saß noch einen Augenblick still, das Kinn auf der Brust, die Hände +im Schoß. Dann stand er auf und schloß den Flügel. Er war sehr blaß, in +seinen Knien war gar keine Kraft, und seine Augen brannten. Er ging ins +Nebenzimmer, streckte sich auf der Chaiselongue aus und blieb so lange +Zeit, ohne ein Glied zu rühren. + +Später wurde zu Abend gegessen, worauf er mit seiner Mutter eine Partie +Schach spielte, bei der niemand gewann. Aber nach Mitternacht noch saß +er in seinem Zimmer bei einer Kerze vor dem Harmonium und spielte, weil +nichts mehr erklingen durfte, in Gedanken, obgleich er gewillt war, +morgen um halb sechs Uhr aufzustehen, um die wichtigsten Schularbeiten +anzufertigen. + +Dies war ein Tag aus dem Leben des kleinen Johann. + + +Drittes Kapitel + +Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt. + +Der Mensch fühlt eine seelische Mißstimmung in sich entstehen, die sich +rasch vertieft und zu einer hinfälligen Verzweiflung wird. Zu gleicher +Zeit bemächtigt sich seiner eine physische Mattigkeit, die sich nicht +allein auf Muskeln und Sehnen, sondern auch auf die Funktionen aller +inneren Organe erstreckt, und nicht zuletzt auf die des Magens, der die +Aufnahme von Speise mit Widerwillen verweigert. Es besteht ein starkes +Schlafbedürfnis, allein trotz äußerster Müdigkeit ist der Schlaf +unruhig, oberflächlich, beängstigt und unerquicklich. Das Gehirn +schmerzt; es ist dumpf, befangen, wie von Nebeln umhüllt, und von +Schwindel durchzogen. Ein unbestimmter Schmerz sitzt in allen Gliedern. +Hie und da fließt ohne jedwede besondere Veranlassung Blut aus der Nase. +-- Dies ist die Introduktion. + +Dann gibt ein heftiger Frostanfall, der den ganzen Körper durchrüttelt +und die Zähne gegeneinander wirbelt, das Zeichen zum Einsatze des +Fiebers, das sofort die höchsten Grade erreicht. Auf der Haut der Brust +und des Bauches werden nun einzelne linsengroße, rote Flecken sichtbar, +die durch den Druck eines Fingers entfernt werden können, aber sofort +zurückkehren. Der Puls rast; er hat bis zu hundert Schläge in einer +Minute. So vergeht, bei einer Körpertemperatur von vierzig Grad, die +erste Woche. + +In der zweiten Woche ist der Mensch von Kopf- und Gliederschmerzen +befreit; dafür aber ist der Schwindel bedeutend heftiger geworden, und +in den Ohren ist ein solches Sausen und Brausen, daß es geradezu +Schwerhörigkeit hervorruft. Der Ausdruck des Gesichtes wird dumm. Der +Mund fängt an, offen zu stehen, die Augen sind verschleiert und ohne +Teilnahme. Das Bewußtsein ist verdunkelt; Schlafsucht beherrscht den +Kranken, und oft versinkt er, ohne wirklich zu schlafen, in eine +bleierne Betäubung. Dazwischen erfüllen seine Irreden, seine lauten, +erregten Phantasien das Zimmer. Seine schlaffe Hilflosigkeit hat sich +bis zum Unreinlichen und Widerwärtigen gesteigert. Auch sind sein +Zahnfleisch, seine Zähne und seine Zunge mit einer schwärzlichen Masse +bedeckt, die den Atem verpestet. Mit aufgetriebenem Unterleibe liegt er +regungslos auf dem Rücken. Er ist im Bette hinabgesunken und seine Knie +sind gespreizt. Alles an ihm arbeitet hastig, jagend und oberflächlich, +seine Atmung sowohl wie der Puls, der an hundertundzwanzig flüchtig +zuckende Schläge in einer Minute vollführt. Die Augenlider sind halb +geschlossen, und die Wangen glühen nicht mehr wie zu Anfang rot vor +Fieberhitze, sondern haben eine bläuliche Färbung angenommen. Die +linsengroßen, roten Flecke auf der Brust und dem Bauche haben sich +vermehrt. Die Temperatur des Körpers erreicht einundvierzig Grad ... + +In der dritten Woche ist die Schwäche auf ihrem Gipfel. Die lauten +Delirien sind verstummt, und niemand kann sagen, ob der Geist des +Kranken in leere Nacht versunken ist, oder ob er, fremd und abgewandt +dem Zustande des Leibes, in fernen, tiefen, stillen Träumen weilt, von +denen kein Laut und kein Zeichen Kunde gibt. Der Körper liegt in +grenzenloser Unempfindlichkeit. -- Dies ist der Zeitpunkt der +Entscheidung ... + +Bei gewissen Individuen wird die Diagnose durch besondere Umstände +erschwert. Gesetzt zum Beispiel, daß die Anfangssymptome der Krankheit, +Verstimmung, Mattigkeit, Appetitlosigkeit, unruhiger Schlaf, +Kopfschmerzen, schon meistens vorhanden waren, als der Patient noch, die +Hoffnung der Seinen, in völliger Gesundheit umherging? Daß sie sich, +auch bei plötzlich verstärktem Auftreten, kaum als etwas +Außergewöhnliches bemerkbar machen? -- Ein tüchtiger Arzt von soliden +Kenntnissen, wie, um einen Namen zu nennen, Doktor Langhals, der hübsche +Doktor Langhals, mit den kleinen, schwarzbehaarten Händen, wird +gleichwohl bald in der Lage sein, die Sache bei ihrem richtigen Namen zu +nennen, und das Erscheinen der fatalen roten Flecke auf der Brust und +dem Bauche gibt ja völlige Gewißheit. Er wird über die Maßregeln, die zu +treffen, die Mittel, die anzuwenden, nicht in Zweifel sein. Er wird für +ein möglichst großes, oft gelüftetes Krankenzimmer sorgen, dessen +Temperatur siebenzehn Grad nicht übersteigen darf. Er wird auf äußerste +Sauberkeit dringen und auch durch immer erneutes Ordnen des Bettes den +Körper, solange dies irgend möglich, -- in gewissen Fällen ist es nicht +lange möglich -- vor dem »Wundliegen« zu schützen suchen. Er wird eine +beständige Reinigung der Mundhöhle mit nassen Leinwandläppchen +veranlassen, wird, was die Arzneien betrifft, sich einer Mischung von +Jod und Jodkalium bedienen, Chinin und Antipyrin verschreiben und, vor +allem, da der Magen und die Gedärme schwer in Mitleidenschaft gezogen +sind, eine äußerst leichte und äußerst kräftigende Diät verordnen. Er +wird das zehrende Fieber durch Bäder bekämpfen, durch Vollbäder, in die +der Kranke oft, jede dritte Stunde, ohne Unterlaß, bei Tag und Nacht +hineinzutragen ist, und die vom Fußende der Wanne aus langsam zu +erkälten sind. Und nach einem jeden Bade wird er rasch etwas Stärkendes +und Anregendes, Kognak, auch Champagner verabreichen ... + +Alle diese Mittel aber gebraucht er durchaus aufs Geratewohl, für den +Fall gleichsam nur, daß sie überhaupt von irgendeiner Wirkung sein +können, unwissend darüber, ob ihre Anwendung nicht jedes Wertes, Sinnes +und Zweckes entbehrt. Denn =eines= weiß er nicht, was =eine= Frage +betrifft, so tappt er im Dunkel, über ein Entweder-Oder schwebt er bis +zur dritten Woche, bis zur Krisis und Entscheidung in völliger +Unentschiedenheit. Er weiß nicht, ob die Krankheit, die er »Typhus« +nennt, in diesem Falle ein im Grunde belangloses Unglück bedeutet, die +unangenehme Folge einer Infektion, die sich vielleicht hätte vermeiden +lassen, und der mit den Mitteln der Wissenschaft entgegenzuwirken ist -- +oder ob sie ganz einfach eine Form der Auflösung ist, das Gewand des +Todes selbst, der ebensogut in einer anderen Maske erscheinen könnte, +und gegen den kein Kraut gewachsen ist. + +Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt: In die fernen +Fieberträume, in die glühende Verlorenheit des Kranken wird das Leben +hineingerufen mit unverkennbarer, ermunternder Stimme. Hart und frisch +wird diese Stimme den Geist auf dem fremden, heißen Wege erreichen, auf +dem er vorwärts wandelt, und der in den Schatten, die Kühle, den Frieden +führt. Aufhorchend wird der Mensch diese helle, muntere, ein wenig +höhnische Mahnung zur Umkehr und Rückkehr vernehmen, die aus jener +Gegend zu ihm dringt, die er so weit zurückgelassen und schon vergessen +hatte. Wallt es dann auf in ihm, wie ein Gefühl der feigen +Pflichtversäumnis, der Scham, der erneuten Energie, des Mutes und der +Freude, der Liebe und Zugehörigkeit zu dem spöttischen, bunten und +brutalen Getriebe, das er im Rücken gelassen: wie weit er auch auf dem +fremden, heißen Pfade fortgeirrt sein mag, er wird umkehren und leben. +Aber zuckt er zusammen vor Furcht und Abneigung bei der Stimme des +Lebens, die er vernimmt, bewirkt diese Erinnerung, dieser lustige, +herausfordernde Laut, daß er den Kopf schüttelt und in Abwehr die Hand +hinter sich streckt und sich vorwärts flüchtet auf dem Wege, der sich +ihm zum Entrinnen eröffnet hat ... nein, es ist klar, dann wird er +sterben. -- + + +Viertes Kapitel + +»Es ist nicht recht, es ist nicht recht, Gerda!« sagte das alte Fräulein +Weichbrodt wohl zum hundertsten Male bekümmert und vorwurfsvoll. Sie +nahm heute abend im Wohnzimmer ihrer ehemaligen Schülerin einen +Sofaplatz in dem Kreise ein, der von Gerda Buddenbrook, Frau Permaneder, +ihrer Tochter Erika, der armen Klothilde und den drei Damen Buddenbrook +aus der Breiten Straße um den runden Mitteltisch gebildet ward. Die +grünen Bänder ihrer Haube fielen auf ihre Kinderschultern hinab, von +denen sie die eine ganz hoch emporziehen mußte, um den Oberarm auf der +Tischplatte gestikulieren lassen zu können; so winzig war sie mit ihren +fünfundsiebenzig Jahren geworden. + +»Es ist nicht recht, laß dir sagen, daß es nicht wohlgetan ist, Gerda!« +wiederholte sie mit eifernder und zitternder Stimme. »Ich stehe mit +einem Fuße im Grabe, mir bleibt nur eine kurze Frist, und du willst mich +... Du willst uns verlassen, willst dich auf immer von uns trennen ... +fortziehen ... Wenn es eine Reise, einen Besuch in Amsterdam gälte ... +allein auf immer!« Und sie schüttelte ihren alten Vogelkopf mit den +braunen, gescheuten, betrübten Augen. »Es ist wahr, daß du vieles +verloren hast ...« + +»Nein, sie hat alles verloren«, sagte Frau Permaneder. »Wir dürfen nicht +egoistisch sein, Therese. Gerda will gehen und sie geht, da ist nichts +zu tun. Sie ist mit Thomas gekommen, vor einundzwanzig Jahren, und wir +haben sie alle geliebt, obgleich wir ihr wohl immer widerwärtig waren +... ja, das waren wir, Gerda, keine Widerrede! Aber Thomas ist nicht +mehr, und ... niemand ist mehr. Was sind wir ihr? Nichts. Uns tut es +weh, aber reise mit Gott, Gerda, und Dank, daß du nicht schon früher +reistest, damals, als Thomas starb ...« + +Es war nach dem Abendbrot, im Herbst; der kleine Johann (Justus, Johann, +Kaspar) lag ungefähr seit sechs Monaten, mit den Segnungen Pastor +Pringsheims wohl versehen, dort draußen am Rande des Gehölzes unter dem +Sandsteinkreuz und dem Familienwappen. Vorm Hause rauschte der Regen in +den halbentblätterten Bäumen der Allee. Manchmal kamen Windstöße und +trieben ihn gegen die Fensterscheiben. Alle acht Damen waren schwarz +gekleidet. + +Es war eine kleine Familienzusammenkunft, um Abschied zu nehmen, +Abschied von Gerda Buddenbrook, die im Begriff stand, die Stadt zu +verlassen und nach Amsterdam zurückzukehren, um wie ehemals mit ihrem +alten Vater Duos zu spielen. Keine Verpflichtung hielt sie mehr zurück. +Frau Permaneder hatte diesem Entschlusse nichts mehr entgegenzuhalten. +Sie ergab sich darein, aber in ihrem Inneren war sie tief unglücklich +darüber. Wäre die Witwe des Senators in der Stadt verblieben, hätte sie +sich Platz und Rang in der Gesellschaft gewahrt und ihr Vermögen am +Platze gelassen, so wäre dem Namen der Familie doch ein wenig Prestige +erhalten geblieben ... Mochte dem nun wie immer sein, Frau Antonie war +gewillt, den Kopf hoch zu tragen, solange sie über der Erde weilte und +Menschen auf sie blickten. Ihr Großvater war vierspännig über Land +gefahren ... + +Trotz des bewegten Lebens, das hinter ihr lag, und trotz der Schwäche +ihres Magens sah man ihr ihre fünfzig Jahre nicht an. Ihr Teint war ein +wenig flaumig und matt geworden, und auf ihrer Oberlippe -- der hübschen +Oberlippe Tony Buddenbrooks -- wuchsen die Härchen reichlicher; aber in +dem glatten Scheitel unter dem Trauerhäubchen war nicht ein einziger +weißer Faden zu sehen. + +Ihre Kusine, die arme Klothilde, nahm Gerdas Abreise, wie man alle Dinge +im Diesseits zu nehmen hat, gleichmütig und sanft. Sie hatte vorhin beim +Abendessen still und gewaltig zugelangt und saß nun da, aschgrau und +mager wie stets, mit gedehnten und freundlichen Worten. + +Erika Weinschenk, nun einunddreißigjährig, war ebenfalls nicht die Frau, +sich über den Abschied von ihrer Tante zu erregen. Sie hatte Schwereres +erlebt und sich frühzeitig ein resigniertes Wesen zu eigen gemacht. In +ihren müde blickenden, wasserblauen Augen -- den Augen Herrn Grünlichs +-- las man Ergebenheit in ein fehlgeschlagenes Leben, und aus ihrer +gelassenen und manchmal ein wenig klagenden Stimme klang dasselbe. + +Was die drei Damen Buddenbrook, die Töchter Onkel Gottholds, betraf, so +waren ihre Mienen pikiert und voll Kritik, wie gewöhnlich. Friederike +und Henriette, die älteren, waren mit den Jahren immer hagerer und +spitziger geworden, während Pfiffi, die dreiundfünfzigjährige jüngste, +allzu klein und beleibt erschien ... + +Auch die alte Konsulin Kröger, die Witwe Onkel Justus', war geladen +worden; aber sie war unpäßlich und hatte vielleicht auch kein +präsentables Kleid anzuziehen; das war nicht zu entscheiden. + +Es war von Gerdas Reise die Rede, von dem Zuge, mit dem sie zu fahren +gedachte, und dem Verkaufe der Villa samt den Möbeln, den der Makler +Gosch übernommen hatte. Denn Gerda nahm nichts mit und ging fort wie sie +gekommen war. + +Dann kam Frau Permaneder auf das Leben zu sprechen, nahm es von seiner +wichtigsten Seite und stellte Betrachtungen an über Vergangenheit und +Zukunft, obgleich über die Zukunft fast gar nichts zu sagen war. + +»Ja, wenn ich tot bin, kann Erika meinetwegen auch davonziehen«, sagte +sie, »aber ich halte es sonst nirgends aus, und solange ich am Leben +bin, wollen wir hier zusammenhalten, wir paar Leute, die wir +übrigbleiben ... Einmal in der Woche kommt ihr zu mir zum Essen ... Und +dann lesen wir in den Familienpapieren --« Sie berührte die Mappe, die +vor ihr lag. »Ja, Gerda, ich übernehme sie mit Dank. -- Das ist +abgemacht ... Hörst du Thilda?... Obgleich nun eigentlich ebensogut du +es sein könntest, die uns einlüde, denn im Grunde stehst du dich ja gar +nicht mehr schlechter als wir. Ja, so geht es. Man müht sich und nimmt +Anläufe und kämpft ... und du hast dagesessen und geduldig alles +abgewartet. Aber darum bist du doch ein Kamel, Thilda, das nimm mir +nicht übel ...« + +»Oh, Tony?« sagte Klothilde lächelnd. + +»Es tut mir leid, daß ich mich von Christian nicht verabschieden kann«, +sagte Gerda, und so kam die Rede auf Christian. Es war wenig Aussicht +vorhanden, daß er je aus der Anstalt, in der er saß, wieder hervorgehen +würde, obgleich es wohl nicht so schlimm mit ihm stand, daß er nicht +hätte in Freiheit umhergehen können. Aber seiner Gattin war der +gegenwärtige Zustand allzu angenehm, sie war, wie Frau Permaneder +behauptete, mit dem Arzte im Bunde, und voraussichtlich würde Christian +seine Tage in der Anstalt beschließen. + +Dann entstand eine Pause. Leise und zögernd wandte das Gespräch sich den +jüngst vergangenen Ereignissen zu, und als der Name des kleinen Johann +gefallen war, ward es wieder stumm in der Stube, und nur den Regen vorm +Hause hörte man stärker rauschen. + +Es lag wie ein schweres Geheimnis über Hannos letzter Krankheit, die in +außerordentlich schrecklicher Weise vor sich gegangen sein mußte. Man +blickte sich nicht an, während man, gedämpften Tones, in Andeutungen und +halben Worten davon sprach. Und dann rief man sich jene letzte Episode +ins Gedächtnis zurück ... den Besuch dieses kleinen, abgerissenen +Grafen, der sich beinahe mit Gewalt den Weg zum Krankenzimmer gebahnt +hatte ... Hanno hatte gelächelt, als er seine Stimme vernahm, obgleich +er sonst niemanden mehr erkannte, und Kai hatte ihm unaufhörlich beide +Hände geküßt. + +»Er hat ihm die Hände geküßt?« fragten die Damen Buddenbrook. + +»Ja, viele Male.« + +Hierüber dachten alle eine Weile nach. + +Plötzlich brach Frau Permaneder in Tränen aus. + +»Ich habe ihn so geliebt«, schluchzte sie ... »Ihr wißt nicht, wie sehr +ich ihn geliebt habe ... mehr als ihr alle ... ja, verzeih Gerda, du +bist die Mutter ... Ach, er war ein Engel ...« + +»Nun ist er ein Engel«, verbesserte Sesemi. + +»Hanno, kleiner Hanno«, fuhr Frau Permaneder fort, und die Tränen +flossen über die flaumige, matte Haut ihrer Wangen ... »Tom, Vater, +Großvater und die anderen alle! Wo sind sie hin? Man sieht sie nicht +mehr. Ach, es ist so hart und traurig!« + +»Es gibt ein Wiedersehen«, sagte Friederike Buddenbrook, wobei sie die +Hände fest im Schoße zusammenlegte, die Augen niederschlug und mit ihrer +Nase in die Luft stach. + +»Ja, so sagt man ... Ach, es gibt Stunden, Friederike, wo es kein Trost +ist, Gott strafe mich, wo man irre wird an der Gerechtigkeit, an der +Güte ... an allem. Das Leben, wißt ihr, zerbricht so manches in uns, es +läßt so manchen Glauben zuschanden werden ... Ein Wiedersehen ... Wenn +es so wäre ...« + +Da aber kam Sesemi Weichbrodt am Tische in die Höhe, so hoch sie nur +irgend konnte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, reckte den Hals, +pochte auf die Platte, und die Haube zitterte auf ihrem Kopfe. + +»=Es ist so!=« sagte sie mit ihrer ganzen Kraft und blickte alle +herausfordernd an. + +Sie stand da, eine Siegerin in dem guten Streite, den sie während der +Zeit ihres Lebens gegen die Anfechtungen von seiten ihrer +Lehrerinnenvernunft geführt hatte, bucklig, winzig und bebend vor +Überzeugung, eine kleine, strafende, begeisterte Prophetin. + + =Ende= + + + + + Dieses Werk ist eine Veröffentlichung der + Deutschen Buch-Gemeinschaft + Wien Berlin SW 68 New York + Alte Jakobstraße 156/157 + +Guten und doch billigen Büchern in vorbildlicher Formgebung und bester +Ausstattung den Weg in alle Schichten unseres Volkes zu bahnen, ist die +Aufgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft. Sie erreicht dies durch +Herstellung und Vertrieb in eigenem Wirkungsbereich + +Jedermann wird durch Beitritt zur Deutschen Buch-Gemeinschaft die +vorteilhafteste Gelegenheit gegeben, sich unter neuen Bezugsformen eine +eigene und wertvolle Hausbibliothek anzuschaffen. + + Ausführliche, reich illustrierte Werbeschrift wird auf + Wunsch kostenlos zugesandt + + + + + Druck von + A. Seydel & Cie. Aktiengesellschaft + Berlin _SW_ 61 + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + der Welt gesehen, war Anno 13 vierspännig nach Süddeutschland + der Welt gesehen, war _anno_ 13 vierspännig nach Süddeutschland + + verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht in seinen + verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht in seinem + + =Johann=, bei Ihnen mietweise wohnhaf ist und nach Ihrem Tode mit + =Johann=, bei Ihnen mietweise wohnhaft ist und nach Ihrem Tode mit + + einem Töchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Clara + einem Töchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Klara + + irdisches kleines schwaches Herz ... Nach drei Seiten schrieb der + irdisches kleines schwaches Herz ...« Nach drei Seiten schrieb der + + nachgewiesen; daß ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte Bibel zugehöre, + nachgewiesen, daß ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte Bibel zugehöre, + + denken, während in der Mengsstraße der Großvater und die Mama wohl + denken, während in der Mengstraße der Großvater und die Mama wohl + + »Na«, sagte er, hier ist »eine Zitronensemmel mit Gänsebrust; es ist + »Na«, sagte er, »hier ist eine Zitronensemmel mit Gänsebrust; es ist + + März, ein paar Monate nur und nach dem Tode seiner Frau, irgendein + März, ein paar Monate nur nach dem Tode seiner Frau, irgendein + + Gerda war ein wenig appart und hatte etwas Fremdes und Ausländisches an + Gerda war ein wenig apart und hatte etwas Fremdes und Ausländisches an + + durchaus nicht glauben, daß ich es drängen und quällen will ... Das alles + durchaus nicht glauben, daß ich es drängen und quälen will ... Das alles + + Allein auch Herr Grünlich erhob sich. Er trat einen Schritt urück, er + Allein auch Herr Grünlich erhob sich. Er trat einen Schritt zurück, er + + ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines + Ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines + + als dächte er: Ich wäre jawohl ein Hundsfott ...! + als dächte er: Ich wäre ja wohl ein Hundsfott ...! + + und der Rest in den »Wallfisch«, den »Löwen« oder die »Eiche« wandern ... + und der Rest in den »Walfisch«, den »Löwen« oder die »Eiche« wandern ... + + sich empo und küßte sie mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. -- + sich empor und küßte sie mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. -- + + daß er sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat + daß er Sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat + + »=Wohin= willst, Jean?« + »=Wohin= willst du, Jean?« + + hängenden und blöden Greisengrimmasse verzerrt ... Der Wagen hielt an der + hängenden und blöden Greisengrimasse verzerrt ... Der Wagen hielt an der + + Tony. Aber nicht länger, und in der dickeren Jacke, hörst du?... Es + Tony. »Aber nicht länger, und in der dickeren Jacke, hörst du?... Es + + dem längst vernichtet n Grünlich zwar fort und fort Kredit gewährt, ihn + dem längst vernichteten Grünlich zwar fort und fort Kredit gewährt, ihn + + aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerrieß ihn + aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerriß ihn + + es wird geteilt, das Haus wird abgeb rochen, ein Zaun quer + es wird geteilt, das Haus wird abgebrochen, ein Zaun quer + + Buddenbrooks, begann er, emsig vorübergebeugt, den Baß zu bearbeiten, + Buddenbrooks, begann er, emsig vornübergebeugt, den Baß zu bearbeiten, + + Christian jedoch, dessen Augen wanderten, überhörten dies, denn er befand + Christian jedoch, dessen Augen wanderten, überhörte dies, denn er befand + + Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angegehörten, besaß + Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angehörten, besaß + + es zu spät gelernt, Zugeständnisse zu machen, Rücksicht zu nehmen . . + es zu spät gelernt, Zugeständnisse zu machen, Rücksicht zu nehmen ... + + machen. Es kamen die Damen Buddenbrooks aus der Breiten Straße, die denn + machen. Es kamen die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße, die denn + + einem von Mutters Dunkelmännern, die der Witwen Häuser fressen. + einem von Mutters Dunkelmännern, die der Witwen Häuser fressen, + + Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach München von Eva Ewers + »Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach München von Eva Ewers + + sie sich wohl im Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook?´ =Das= + Sie sich wohl im Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook?´ =Das= + + uns die Freude machen würden, solange sie in unserer Stadt sind, bei uns + uns die Freude machen würden, solange Sie in unserer Stadt sind, bei uns + + vorlieb zu nehmen ... sie würden uns herzlich willkommen sein ...« + vorlieb zu nehmen ... Sie würden uns herzlich willkommen sein ...« + + Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarrierten Anzug, + Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarierten Anzug, + + »Ja, das sagte Herr Kistenmaaker vorhin auch schon.« + »Ja, das sagte Herr Kistenmaker vorhin auch schon.« + + ... bitte, das Handtuch. Wenzel«, schloß der Konsul, und wenn dann noch + ... bitte, das Handtuch, Wenzel«, schloß der Konsul, und wenn dann noch + + »Tony«, sagte er, »du machst mir nichts weiß. Ich habe es schon vorher + »Tony«, sagte er, »du machst mir nichts weis. Ich habe es schon vorher + + Kurz es gab außer Tonys Scheidungswünschen der widerwärtigen Dinge + Kurz, es gab außer Tonys Scheidungswünschen der widerwärtigen Dinge + + Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten reden, wenn die Herrschaften + Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten werden, wenn die Herrschaften + + die Damen Buddenbrooks sind anwesend, und sie sind tief erfreut über das + die Damen Buddenbrook sind anwesend, und sie sind tief erfreut über das + + bin, verstehst du, und dann zumachen Ich kann es nun nicht mehr. Mit + bin, verstehst du, und dann zumachen. Ich kann es nun nicht mehr. Mit + + Abenteurer begegnen und ihr schließlich, frisch und gesund wie die Frau + Abenteuer begegnen und ihr schließlich, frisch und gesund wie die Frau + + um dir Armgards -- also, indirekt, Rolf von Maibooms Vorschlag zu + um dir Armgards -- also, indirekt, Ralf von Maibooms Vorschlag zu + + »Oh, du hättest natürlich hinfahren müssen!« sagte sie eifrig. Es ist + »Oh, du hättest natürlich hinfahren müssen!« sagte sie eifrig. »Es ist + + mir -- einen Stuhl anzubieten ...«? + mir -- einen Stuhl anzubieten ...?« + + ausgestrecktem Zeigezinger. »Ich werde es tun!« + ausgestrecktem Zeigefinger. »Ich werde es tun!« + + folgt, worauf zunächst ein Poutpourri von Volksliedern erklingen wird + folgt, worauf zunächst ein Potpourri von Volksliedern erklingen wird + + Am Tage, da sie ihn zum ersten Male Klavierauszüge aus »Tristan und + Am Tage, da sie ihm zum ersten Male Klavierauszüge aus »Tristan und + + gegenüber, neben ihn an den Speisetisch setzte ... »Wie gehts! Was + gegenüber, neben ihn an den Speisetisch setzte ... »Wie geht's! Was + + durchbohrende Blicke tauschten, selbst Rieckchen Severin am unteren + durchbohrende Blicke tauschten, selbst Riekchen Severin am unteren + + erfüllen. Gerade der Wechsel von Gück und strenger Heimsuchung zeige, + erfüllen. Gerade der Wechsel von Glück und strenger Heimsuchung zeige, + + ihr letztes Weihnachsfest beging, niemals verfloß dieser Abend, ohne + ihr letztes Weihnachtsfest beging, niemals verfloß dieser Abend, ohne + + und dort, gestützt auf Ida Jungmann oder Rieckchen Severin, die + und dort, gestützt auf Ida Jungmann oder Riekchen Severin, die + + .. und dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und + ... und dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und + + Schwestern, für die Sie immer so wohlwollend eintreten .. Die Schwester + Schwestern, für die Sie immer so wohlwollend eintreten ... Die Schwester + + dabei überhaupt gar nicht vorhanden ist?!... + dabei überhaupt gar nicht vorhanden ist?!...« + + waren weißlich, belich, ohne Blut und Leben. Seine leicht geröteten + waren weißlich, bleich, ohne Blut und Leben. Seine leicht geröteten + + Leben. _L'esperance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins à nous + Leben. _L'espérance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins à nous + + effektiv nur di Familie nötig, Huneus', Möllendorpfs, die Angehörigen + effektiv nur die Familie nötig, Huneus', Möllendorpfs, die Angehörigen + + erste Strophe des »O Tannenbaum« sang, durch die Zimmerflucht in den + erste Strophe des »O Tannebaum« sang, durch die Zimmerflucht in den + + Gemütszustand äußerst traurig sein sollte, und dann wa rdie Frage + Gemütszustand äußerst traurig sein sollte, und dann war die Frage + + rationelle Pflege und Abhärtung andererseits zu festigen und zu heben .. + rationelle Pflege und Abhärtung andererseits zu festigen und zu heben ... + + Wagenecke lehnte, und Entsetzen im Herzen erlebte er es, daß auf der + Wagenecke lehnte, und mit Entsetzen im Herzen erlebte er es, daß auf der + + Hamburg ihren Vater geantwortet hatte, so fing man an, mit einer nahen + Hamburg ihrem Vater geantwortet hatte, so fing man an, mit einer nahen + + werden kann ... ich meine, wenn man es im Magen hat?... Und er gab + werden kann ... ich meine, wenn man es im Magen hat?...« Und er gab + + wenigsten diejenigen von Iwersen, gegenüber dem Buddenbrookschen Hause. + wenigsten diejenige von Iwersen, gegenüber dem Buddenbrookschen Hause. + + überhaupt einmal eine Ende zu machen, genötigt sah, das Haus für + überhaupt einmal ein Ende zu machen, genötigt sah, das Haus für + + den Rücken, stützte sich auf sein eines Beines, indem er den anderen + den Rücken, stützte sich auf sein eines Bein, indem er den anderen + + Ausdruck, aus dieser Anstalt, in der man ihn sehr str ng zu behandeln + Ausdruck, aus dieser Anstalt, in der man ihn sehr streng zu behandeln + + Chlor oder Strontium über ihren Diensteifer aufzuweisen. Hans Hermann + Chlor oder Strontium über ihren Diensteifer auszuweisen. Hans Hermann + + »Habe ich vorhin nicht auch gesagt, was `_patula Jovis arbore, glandos_´ + »Habe ich vorhin nicht auch gesagt, was `_patula Jovis arbore, glandes_´ + + + Folgende inkonsistente Schreibweisen wurden wie gedruckt beibehalten: + + Breite Straße/Breitestraße + Comp./Komp. + gentlemanlike/gentleman like + Hunyadi-Janos/Hunyadi-János + Kotelettes/Koteletts + Kurantmark/Kurant-Mark + Oeverdieck/Överdieck + Portieren/Portièren + Regeldetri/Regeldetrie + Religionsstunde/Religionstunde + Rotspohn/Rotspon + Table d'hote-Glocke/Table-d'hote-Glocke + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Buddenbrooks, by Thomas Mann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BUDDENBROOKS *** + +***** This file should be named 34811-8.txt or 34811-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/4/8/1/34811/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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