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+The Project Gutenberg EBook of Buddenbrooks, by Thomas Mann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Buddenbrooks
+ Verfall einer Familie
+
+Author: Thomas Mann
+
+Release Date: January 1, 2011 [EBook #34811]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BUDDENBROOKS ***
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+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
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+ THOMAS MANN + BUDDENBROOKS
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+ THOMAS MANN
+
+ Buddenbrooks
+
+ Verfall
+ einer
+ Familie
+
+
+ DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT
+ GMBH
+
+ Berlin
+
+
+
+
+ Mit Genehmigung von S. Fischer Verlag, Berlin
+
+ Copyright 1909 by S. Fischer Verlag, Berlin
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+
+
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+
+ Buddenbrooks
+
+
+
+
+Erster Teil
+
+
+Erstes Kapitel
+
+»Was ist das. -- Was -- ist das ...«
+
+»Je, den Düwel ook, _c'est la question, ma très chère demoiselle_!«
+
+Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem
+geradlinigen, weiß lackierten und mit einem goldenen Löwenkopf
+verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen
+Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam
+ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den
+Knien hielt.
+
+»Tony!« sagte sie, »ich glaube, daß mich Gott --«
+
+Und die kleine Antonie, achtjährig und zartgebaut, in einem Kleidchen
+aus ganz leichter changierender Seide, den hübschen Blondkopf ein wenig
+vom Gesichte des Großvaters abgewandt, blickte aus ihren graublauen
+Augen angestrengt nachdenkend und ohne etwas zu sehen ins Zimmer hinein,
+wiederholte noch einmal: »Was ist das«, sprach darauf langsam: »Ich
+glaube, daß mich Gott«, fügte, während ihr Gesicht sich aufklärte, rasch
+hinzu: »-- geschaffen hat samt allen Kreaturen«, war plötzlich auf
+glatte Bahn geraten und schnurrte nun, glückstrahlend und unaufhaltsam,
+den ganzen Artikel daher, getreu nach dem Katechismus, wie er soeben,
+_anno_ 1835, unter Genehmigung eines hohen und wohlweisen Senates, neu
+revidiert herausgegeben war. Wenn man im Gange war, dachte sie, war es
+ein Gefühl, wie wenn man im Winter auf dem kleinen Handschlitten mit den
+Brüdern den »Jerusalemsberg« hinunterfuhr: es vergingen einem geradezu
+die Gedanken dabei, und man konnte nicht einhalten, wenn man auch
+wollte.
+
+»Dazu Kleider und Schuhe«, sprach sie, »Essen und Trinken, Haus und Hof,
+Weib und Kind, Acker und Vieh ...« Bei diesen Worten aber brach der
+alte M. Johann Buddenbrook einfach in Gelächter aus, in sein helles,
+verkniffenes Kichern, das er heimlich in Bereitschaft gehalten hatte. Er
+lachte vor Vergnügen, sich über den Katechismus mokieren zu können, und
+hatte wahrscheinlich nur zu diesem Zwecke das kleine Examen vorgenommen.
+Er erkundigte sich nach Tonys Acker und Vieh, fragte, wieviel sie für
+den Sack Weizen nähme und erbot sich, Geschäfte mit ihr zu machen. Sein
+rundes, rosig überhauchtes und wohlmeinendes Gesicht, dem er beim besten
+Willen keinen Ausdruck von Bosheit zu geben vermochte, wurde von
+schneeweiß gepudertem Haar eingerahmt, und etwas wie ein ganz leise
+angedeutetes Zöpflein fiel auf den breiten Kragen seines mausgrauen
+Rockes hinab. Er war, mit seinen siebenzig Jahren, der Mode seiner
+Jugend nicht untreu geworden; nur auf den Tressenbesatz zwischen den
+Knöpfen und den großen Taschen hatte er verzichtet, aber niemals im
+Leben hatte er lange Beinkleider getragen. Sein Kinn ruhte breit,
+doppelt und mit einem Ausdruck von Behaglichkeit auf dem weißen
+Spitzen-Jabot.
+
+Alle hatten in sein Lachen eingestimmt, hauptsächlich aus Ehrerbietung
+gegen das Familienoberhaupt. Mme. Antoinette Buddenbrook, geborene
+Duchamps, kicherte in genau derselben Weise wie ihr Gatte. Sie war eine
+korpulente Dame mit dicken, weißen Locken über den Ohren, einem schwarz
+und hellgrau gestreiften Kleide ohne Schmuck, das Einfachheit und
+Bescheidenheit verriet, und mit noch immer schönen und weißen Händen, in
+denen sie einen kleinen, sammetnen Pompadour auf dem Schoße hielt. Ihre
+Gesichtszüge waren im Laufe der Jahre auf wunderliche Weise denjenigen
+ihres Gatten ähnlich geworden. Nur der Schnitt und die lebhafte Dunkelheit
+ihrer Augen redeten ein wenig von ihrer halb romanischen Herkunft; sie
+stammte großväterlicherseits aus einer französisch-schweizerischen
+Familie und war eine geborene Hamburgerin.
+
+Ihre Schwiegertochter, die Konsulin Elisabeth Buddenbrook, eine geborene
+Kröger, lachte das Krögersche Lachen, das mit einem pruschenden
+Lippenlaut begann, und bei dem sie das Kinn auf die Brust drückte. Sie
+war, wie alle Krögers, eine äußerst elegante Erscheinung, und war sie
+auch keine Schönheit zu nennen, so gab sie doch mit ihrer hellen und
+besonnenen Stimme, ihren ruhigen, sicheren und sanften Bewegungen aller
+Welt ein Gefühl von Klarheit und Vertrauen. Ihrem rötlichen Haar, das
+auf der Höhe des Kopfes zu einer kleinen Krone gewunden und in breiten
+künstlichen Locken über die Ohren frisiert war, entsprach ein
+außerordentlich zartweißer Teint mit vereinzelten kleinen
+Sommersprossen. Das Charakteristische an ihrem Gesicht mit der etwas zu
+langen Nase und dem kleinen Munde war, daß zwischen Unterlippe und Kinn
+sich durchaus keine Vertiefung befand. Ihr kurzes Mieder mit
+hochgepufften Ärmeln, an das sich ein enger Rock aus duftiger,
+hellgeblümter Seide schloß, ließ einen Hals von vollendeter Schönheit
+frei, geschmückt mit einem Atlasband, an dem eine Komposition von großen
+Brillanten flimmerte.
+
+Der Konsul beugte sich mit einer etwas nervösen Bewegung im Sessel
+vornüber. Er trug einen zimmetfarbenen Rock mit breiten Aufschlägen und
+keulenförmigen Ärmeln, die sich erst unterhalb des Gelenkes eng um die
+Hand schlossen. Seine anschließenden Beinkleider bestanden aus einem
+weißen, waschbaren Stoff und waren an den Außenseiten mit schwarzen
+Streifen versehen. Um die steifen Vatermörder, in die sich sein Kinn
+schmiegte, war die seidene Krawatte geschlungen, die dick und breit den
+ganzen Ausschnitt der buntfarbigen Weste ausfüllte ... Er hatte die ein
+wenig tief liegenden, blauen und aufmerksamen Augen seines Vaters, wenn
+ihr Ausdruck auch vielleicht träumerischer war; aber seine Gesichtszüge
+waren ernster und schärfer, seine Nase sprang stark und gebogen hervor,
+und die Wangen, bis zu deren Mitte blonde, lockige Bartstreifen liefen,
+waren viel weniger voll als die des Alten.
+
+Madame Buddenbrook wandte sich an ihre Schwiegertochter, drückte mit
+einer Hand ihren Arm, sah ihr kichernd in den Schoß und sagte:
+
+»Immer der nämliche, _mon vieux_, Bethsy ...?« »Immer« sprach sie wie
+»Ümmer« aus.
+
+Die Konsulin drohte nur schweigend mit ihrer zarten Hand, so daß ihr
+goldenes Armband leise klirrte; und dann vollführte sie eine ihr
+eigentümliche Handbewegung vom Mundwinkel zur Frisur hinauf, als ob sie
+ein loses Haar zurückstriche, das sich dorthin verirrt hatte.
+
+Der Konsul aber sagte mit einem Gemisch von entgegenkommendem Lächeln
+und Vorwurf in der Stimme:
+
+»Aber Vater, Sie belustigen sich wieder einmal über das Heiligste!...«
+
+Man saß im »Landschaftszimmer«, im ersten Stockwerk des weitläufigen
+alten Hauses in der Mengstraße, das die Firma Johann Buddenbrook vor
+einiger Zeit käuflich erworben hatte und das die Familie noch nicht
+lange bewohnte. Die starken und elastischen Tapeten, die von den Mauern
+durch einen leeren Raum getrennt waren, zeigten umfangreiche
+Landschaften, zartfarbig wie der dünne Teppich, der den Fußboden
+bedeckte, Idylle im Geschmack des 18. Jahrhunderts, mit fröhlichen
+Winzern, emsigen Ackersleuten, nett bebänderten Schäferinnen, die
+reinliche Lämmer am Rande spiegelnden Wassers im Schoße hielten oder
+sich mit zärtlichen Schäfern küßten ... Ein gelblicher Sonnenuntergang
+herrschte meistens auf diesen Bildern, mit dem der gelbe Überzug der
+weiß lackierten Möbel und die gelbseidenen Gardinen vor den beiden
+Fenstern übereinstimmten.
+
+Im Verhältnis zu der Größe des Zimmers waren die Möbel nicht zahlreich.
+Der runde Tisch mit den dünnen, geraden und leicht mit Gold
+ornamentierten Beinen stand nicht vor dem Sofa, sondern an der
+entgegengesetzten Wand, dem kleinen Harmonium gegenüber, auf dessen
+Deckel ein Flötenbehälter lag. Außer den regelmäßig an den Wänden
+verteilten, steifen Armstühlen gab es nur noch einen kleinen Nähtisch am
+Fenster, und, dem Sofa gegenüber, einen zerbrechlichen Luxus-Sekretär,
+bedeckt mit Nippes.
+
+Durch eine Glastür, den Fenstern gegenüber, blickte man in das
+Halbdunkel einer Säulenhalle hinaus, während sich linker Hand vom
+Eintretenden die hohe, weiße Flügeltür zum Speisesaale befand. An der
+anderen Wand aber knisterte, in einer halbkreisförmigen Nische und
+hinter einer kunstvoll durchbrochenen Tür aus blankem Schmiedeeisen, der
+Ofen.
+
+Denn es war frühzeitig kalt geworden. Draußen, jenseits der Straße, war
+schon jetzt, um die Mitte des Oktober, das Laub der kleinen Linden
+vergilbt, die den Marienkirchhof umstanden, um die mächtigen gotischen
+Ecken und Winkel der Kirche pfiff der Wind, und ein feiner, kalter
+Regen ging hernieder. Madame Buddenbrook, der Älteren, zuliebe hatte man
+die doppelten Fenster schon eingesetzt.
+
+Es war Donnerstag, der Tag, an dem ordnungsmäßig jede zweite Woche die
+Familie zusammenkam; heute aber hatte man, außer den in der Stadt
+ansässigen Familiengliedern, auch ein paar gute Hausfreunde auf ein ganz
+einfaches Mittagbrot gebeten, und man saß nun, gegen vier Uhr
+nachmittags, in der sinkenden Dämmerung und erwartete die Gäste ...
+
+Die kleine Antonie hatte sich in ihrer Schlittenfahrt durch den
+Großvater nicht stören lassen, sondern hatte nur schmollend die immer
+ein bißchen hervorstehende Oberlippe noch weiter über die untere
+geschoben. Jetzt war sie am Fuße des »Jerusalemsberges« angelangt; aber
+unfähig, der glatten Fahrt plötzlich Einhalt zu tun, schoß sie noch ein
+Stück über das Ziel hinaus ...
+
+»Amen«, sagte sie, »ich weiß was, Großvater!«
+
+»_Tiens!_ Sie weiß was!« rief der alte Herr und tat, als ob ihn die
+Neugier im ganzen Körper plage. »Hast du gehört, Mama? Sie weiß was!
+Kann mir denn niemand sagen ...«
+
+»Wenn es ein warmer Schlag ist«, sprach Tony und nickte bei jedem Wort
+mit dem Kopfe, »so schlägt der Blitz ein. Wenn es aber ein kalter Schlag
+ist, so schlägt der Donner ein!«
+
+Hierauf kreuzte sie die Arme und blickte in die lachenden Gesichter wie
+jemand, der seines Erfolges sicher ist. Herr Buddenbrook aber war böse
+auf diese Weisheit, er verlangte durchaus zu wissen, wer dem Kinde diese
+Stupidität beigebracht habe, und als sich ergab, Ida Jungmann, die
+kürzlich für die Kleinen engagierte Mamsell aus Marienwerder, sei es
+gewesen, mußte der Konsul diese Ida in Schutz nehmen.
+
+»Sie sind zu streng, Papa. Warum sollte man in diesem Alter über
+dergleichen Dinge nicht seine eigenen wunderlichen Vorstellungen haben
+dürfen ...«
+
+»_Excusez, mon cher!... Mais c'est une folie!_ Du weißt, daß solche
+Verdunkelung der Kinderköpfe mir verdrüßlich ist! Wat, de Dunner sleit
+in? Da sall doch gliek de Dunner inslahn! Geht mir mit eurer
+Preußin ...«
+
+Die Sache war die, daß der alte Herr auf Ida Jungmann nicht zum besten
+zu sprechen war. Er war kein beschränkter Kopf. Er hatte ein Stück von
+der Welt gesehen, war _anno_ 13 vierspännig nach Süddeutschland
+gefahren, um als Heereslieferant für Preußen Getreide aufzukaufen, war
+in Amsterdam und Paris gewesen und hielt, ein aufgeklärter Mann, bei
+Gott nicht alles für verurteilenswürdig, was außerhalb der Tore seiner
+giebeligen Vaterstadt lag. Abgesehen vom geschäftlichen Verkehr aber, in
+gesellschaftlicher Beziehung, war er mehr als sein Sohn, der Konsul,
+geneigt, strenge Grenzen zu ziehen und Fremden ablehnend zu begegnen.
+Als daher eines Tages seine Kinder von einer Reise nach Westpreußen dies
+junge Mädchen -- sie war erst jetzt zwanzig Jahre alt -- als eine Art
+Jesuskind mit sich ins Haus gebracht hatten, eine Waise, die Tochter
+eines unmittelbar vor Ankunft der Buddenbrooks in Marienwerder
+verstorbenen Gasthofsbesitzers, da hatte der Konsul für diesen frommen
+Streich einen Auftritt mit seinem Vater zu bestehen gehabt, bei dem der
+alte Herr fast nur Französisch und Plattdeutsch sprach ... Übrigens
+hatte Ida Jungmann sich als tüchtig im Hausstande und im Verkehr mit den
+Kindern erwiesen und eignete sich mit ihrer Loyalität und ihren
+preußischen Rangbegriffen im Grunde aufs beste für ihre Stellung in
+diesem Hause. Sie war eine Person von aristokratischen Grundsätzen, die
+haarscharf zwischen ersten und zweiten Kreisen, zwischen Mittelstand und
+geringerem Mittelstand unterschied, sie war stolz darauf, als ergebene
+Dienerin den ersten Kreisen anzugehören und sah es ungern, wenn Tony
+sich etwa mit einer Schulkameradin befreundete, die nach Mamsell
+Jungmanns Schätzung nur dem guten Mittelstande zuzurechnen war ...
+
+In diesem Augenblick ward die Preußin selbst in der Säulenhalle sichtbar
+und trat durch die Glastür ein: ein ziemlich großes, knochig gebautes
+Mädchen in schwarzem Kleide, mit glattem Haar und einem ehrlichen
+Gesicht. Sie führte die kleine Klothilde an der Hand, ein
+außerordentlich mageres Kind in geblümtem Kattunkleidchen, mit
+glanzlosem, aschigem Haar und stiller Altjungfernmiene. Sie stammte aus
+einer völlig besitzlosen Nebenlinie, war die Tochter eines bei Rostock
+als Gutsinspektor ansässigen Neffen des alten Herrn Buddenbrook und
+ward, weil sie gleichaltrig mit Antonie und ein williges Geschöpf war,
+hier im Hause erzogen.
+
+»Es ist alles bereit«, sagte Mamsell Jungmann und schnurrte das _r_ in
+der Kehle, denn sie hatte es ursprünglich überhaupt nicht aussprechen
+können. »Klothildchen hat tücht'g geholfen in der Küche, Trina hat fast
+nichts zu tun brauchen ...«
+
+M. Buddenbrook schmunzelte spöttisch in sein Jabot über Idas fremdartige
+Aussprache; der Konsul aber streichelte seiner kleinen Nichte die Wange
+und sagte:
+
+»So ist es recht, Thilda. Bete und arbeite, heißt es. Unsere Tony sollte
+sich ein Beispiel daran nehmen. Sie neigt nur allzuoft zu Müßiggang und
+Übermut ...«
+
+Tony ließ den Kopf hängen und blickte von unten herauf den Großvater an,
+denn sie wußte wohl, daß er sie, wie gewöhnlich, verteidigen werde.
+
+»Nein, nein«, sagte er, »Kopf hoch, Tony, _courage_! Eines schickt sich
+nicht für alle. Jeder nach seiner Art. Thilda ist brav, aber wir sind
+auch nicht zu verachten. Spreche ich _raisonnable_, Bethsy?«
+
+Er wandte sich an seine Schwiegertochter, die seinem Geschmacke
+beizupflichten pflegte, während Mme. Antoinette, mehr aus Klugheit wohl
+denn aus Überzeugung, meistens die Partei des Konsuls nahm. So reichten
+sich die beiden Generationen, im _chassez croisez_ gleichsam, die Hände.
+
+»Sie sind sehr gut, Papa«, sagte die Konsulin. »Tony wird sich bemühen,
+eine kluge und tüchtige Frau zu werden ... Sind die Knaben aus der
+Schule gekommen?« fragte sie Ida.
+
+Aber Tony, die vom Knie des Großvaters aus in den »Spion« durchs Fenster
+sah, rief fast gleichzeitig:
+
+»Tom und Christian kommen die Johannisstraße herauf ... und Herr
+Hoffstede ... und Onkel Doktor ...«
+
+Das Glockenspiel von St. Marien setzte mit einem Chorale ein: pang!
+ping, ping -- pung! ziemlich taktlos, so daß man nicht recht zu erkennen
+vermochte, was es eigentlich sein sollte, aber doch voll Feierlichkeit,
+und während dann die kleine und die große Glocke fröhlich und würdevoll
+erzählten, daß es vier Uhr sei, schallte auch drunten die Glocke der
+Windfangtür gellend über die große Diele, worauf es in der Tat Tom und
+Christian waren, die ankamen, zusammen mit den ersten Gästen, mit Jean
+Jacques Hoffstede, dem Dichter, und Doktor Grabow, dem Hausarzt.
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Herr Jean Jacques Hoffstede, der Poet der Stadt, der sicherlich auch für
+den heutigen Tag ein paar Reime in der Tasche hatte, war nicht viel
+jünger als Johann Buddenbrook, der Ältere, und abgesehen von der grünen
+Farbe seines Leibrockes, in demselben Geschmack gekleidet. Aber er war
+dünner und beweglicher als sein alter Freund und besaß kleine, flinke,
+grünliche Augen und eine lange, spitze Nase.
+
+»Besten Dank«, sagte er, nachdem er den Herren die Hände geschüttelt und
+vor den Damen -- im besonderen vor der Konsulin, die er außerordentlich
+verehrte -- ein paar seiner ausgesuchtesten _compliments_ vollführt
+hatte, _compliments_, wie die neue Generation sie schlechterdings nicht
+mehr zustande brachte, und die von einem angenehm stillen und
+verbindlichen Lächeln begleitet waren. »Besten Dank für die freundliche
+Einladung, meine Hochverehrten. Diese beiden jungen Leute«, und er wies
+auf Tom und Christian, die in blauen Kitteln mit Ledergürteln bei ihm
+standen, »haben wir in der Königstraße getroffen, der Doktor und ich,
+als sie von ihren Studien kamen. Prächtige Bursche -- Frau Konsulin?
+Thomas, das ist ein solider und ernster Kopf; er muß Kaufmann werden,
+darüber besteht kein Zweifel. Christian dagegen scheint mir ein wenig
+Tausendsassa zu sein, wie? ein wenig _Incroyable_ ... Allein ich
+verhehle nicht mein _engouement_. Er wird studieren, dünkt mich; er ist
+witzig und brillant veranlagt ...«
+
+Herr Buddenbrook bediente sich seiner goldenen Tabaksdose.
+
+»'n Aap is hei! Soll er nicht gleich Dichter werden, Hoffstede?«
+
+Mamsell Jungmann steckte die Fenstervorhänge übereinander, und bald lag
+das Zimmer in dem etwas unruhigen, aber diskreten und angenehmen Licht
+der Kerzen des Kristallkronleuchters und der Armleuchter, die auf dem
+Sekretär standen.
+
+»Nun, Christian«, sagte die Konsulin, deren Haar goldig aufleuchtete,
+»was hast du heute nachmittag gelernt?« Und es ergab sich, daß Christian
+Schreiben, Rechnen und Singen gehabt hatte.
+
+Er war ein Bürschchen von sieben Jahren, das schon jetzt in beinahe
+lächerlicher Weise seinem Vater ähnlich war. Es waren die gleichen,
+ziemlich kleinen, runden und tiefliegenden Augen, die gleiche stark
+hervorspringende und gebogene Nase war schon erkenntlich, und unterhalb
+der Wangenknochen deuteten bereits ein paar Linien darauf hin, daß die
+Gesichtsform nicht immer die jetzige kindliche Fülle behalten werde.
+
+»Wir haben furchtbar gelacht«, fing er an zu plappern, während seine
+Augen im Zimmer von einem zum anderen gingen. »Paßt mal auf, was Herr
+Stengel zu Siegmund Köstermann gesagt hat.« Er beugte sich vor,
+schüttelte den Kopf und redete eindringlich in die Luft hinein:
+»Äußerlich, mein gutes Kind, äußerlich bist du glatt und geleckt, ja,
+aber innerlich, mein gutes Kind, da bist du schwarz ...« Und dies sagte
+er unter Weglassung des »r« und indem er »schwarz« wie »swärz« aussprach
+-- mit einem Gesicht, in dem sich der Unwille über diese »äußeliche«
+Glätte und Gelecktheit mit einer so überzeugenden Komik malte, daß alles
+in Gelächter ausbrach.
+
+»'n Aap is hei!« wiederholte der alte Buddenbrook kichernd. Herr
+Hoffstede aber war außer sich vor Entzücken.
+
+»Charmant!« rief er. »Unübertrefflich! Man muß Marcellus Stengel kennen!
+Akkurat so! Nein, das ist gar zu köstlich!«
+
+Thomas, dem solche Begabung abging, stand neben seinem jüngeren Bruder
+und lachte neidlos und herzlich. Seine Zähne waren nicht besonders
+schön, sondern klein und gelblich. Aber seine Nase war auffallend fein
+geschnitten, und er ähnelte in den Augen und in der Gesichtsform stark
+seinem Großvater.
+
+Man hatte zum Teil auf den Stühlen und dem Sofa Platz genommen, man
+plauderte mit den Kindern, sprach über die frühe Kälte, das Haus ...
+Herr Hoffstede bewunderte am Sekretär ein prachtvolles Tintenfaß aus
+Sevres-Porzellan in Gestalt eines schwarzgefleckten Jagdhundes. Doktor
+Grabow aber, ein Mann vom Alter des Konsuls, zwischen dessen spärlichem
+Backenbart ein langes, gutes und mildes Gesicht lächelte, betrachtete
+die Kuchen, Korinthenbrote und verschiedenartigen gefüllten Salzfäßchen,
+die auf dem Tische zur Schau gestellt waren. Es war das »Salz und Brot«,
+das der Familie von Verwandten und Freunden zum Wohnungswechsel
+übersandt worden war. Da man aber sehen sollte, daß die Gabe nicht aus
+geringen Häusern komme, bestand das Brot in süßem, gewürztem und
+schwerem Gebäck und war das Salz von massivem Golde umschlossen.
+
+»Ich werde wohl zu tun bekommen«, sagte der Doktor, indem er auf die
+Süßigkeiten wies und den Kindern drohte. Dann hob er mit wiegendem Kopf
+ein gediegenes Gerät für Salz, Pfeffer und Senf empor.
+
+»Von Lebrecht Kröger«, sagte M. Buddenbrook schmunzelnd. »Immer koulant,
+mein lieber Herr Verwandter. Ich habe ihm dergleichen nicht spendiert,
+als er sich sein Gartenhaus vorm Burgtor gebaut hatte. Aber so war er
+immer ... nobel! spendabel! ein _à la mode_-Kavalier ...«
+
+Mehrmals hatte die Glocke durchs ganze Haus gegellt. Pastor Wunderlich
+langte an, ein untersetzter alter Herr in langem, schwarzem Rock, mit
+gepudertem Haar und einem weißen, behaglich lustigen Gesicht, in dem ein
+Paar grauer, munterer Augen blinzelten. Er war seit vielen Jahren Witwer
+und rechnete sich zu den Junggesellen aus der alten Zeit, wie der lange
+Makler, Herr Grätjens, der mit ihm kam und beständig eine seiner hageren
+Hände nach Art eines Fernrohrs zusammengerollt vors Auge hielt, als
+prüfe er ein Gemälde; er war ein allgemein anerkannter Kunstkenner.
+
+Auch Senator Doktor Langhals nebst Frau kamen an, langjährige Freunde
+des Hauses, -- nicht zu vergessen den Weinhändler Köppen mit dem großen,
+dunkelroten Gesicht, das zwischen den hochgepolsterten Ärmeln saß, und
+seine gleichfalls so sehr beleibte Gattin ...
+
+Es war schon nach halb fünf Uhr, als schließlich die Krögers eintrafen,
+die Alten sowohl wie ihre Kinder, Konsul Krögers mit ihren Söhnen Jakob
+und Jürgen, die im Alter von Tom und Christian standen. Und fast
+gleichzeitig mit ihnen kamen auch die Eltern der Konsulin Kröger,
+Holzgroßhändler Oeverdieck nebst Frau, ein altes, zärtliches Ehepaar,
+das sich vor aller Ohren mit den bräutlichsten Kosenamen zu benennen
+pflegte.
+
+»Feine Leute kommen spät«, sagte Konsul Buddenbrook und küßte seiner
+Schwiegermutter die Hand.
+
+»Öwer denn ook gliek düchtig!« und Johann Buddenbrook machte eine weite
+Armbewegung über die Krögersche Verwandtschaft hin, indem er dem Alten
+die Hand schüttelte ...
+
+Lebrecht Kröger, der _à la mode_-Kavalier, eine große, distinguierte
+Erscheinung, trug noch leicht gepudertes Haar, war aber modisch
+gekleidet. An seiner Sammetweste blitzten zwei Reihen von
+Edelsteinknöpfen. Justus, sein Sohn, mit kleinem Backenbart und spitz
+emporgedrehtem Schnurrbart, ähnelte, was Figur und Benehmen anbetraf,
+stark seinem Vater; auch über die nämlichen runden und eleganten
+Handbewegungen verfügte er.
+
+Man setzte sich gar nicht erst, sondern stand, in Erwartung der
+Hauptsache, in einem vorläufigen und nachlässigen Gespräch beieinander.
+Und Johann Buddenbrook, der Ältere, bot auch schon Madame Köppen seinen
+Arm, indem er mit vernehmlicher Stimme sagte:
+
+»Na, wenn wir alle Appetit haben, _mesdames et messieurs_ ...«
+
+Mamsell Jungmann und das Folgmädchen hatten die weiße Flügeltür zum
+Speisesaal geöffnet, und langsam, in zuversichtlicher Gemächlichkeit,
+bewegte sich die Gesellschaft hinüber; man konnte eines nahrhaften
+Bissens gewärtig sein bei Buddenbrooks ...
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Der jüngere Hausherr hatte, als der allgemeine Aufbruch begann, mit der
+Hand nach der linken Brustseite gegriffen, wo ein Papier knisterte, das
+gesellschaftliche Lächeln war plötzlich von seinem Gesicht verschwunden,
+um einem gespannten und besorgten Ausdruck Platz zu machen, und an
+seinen Schläfen spielten, als ob er die Zähne aufeinander bisse, ein
+paar Muskeln. Nur zum Schein machte er einige Schritte dem Speisesaale
+zu, dann aber hielt er sich zurück und suchte mit den Augen seine
+Mutter, die als eine der letzten, an der Seite Pastor Wunderlichs, die
+Schwelle überschreiten wollte.
+
+»Pardon, lieber Herr Pastor ... Auf zwei Worte, Mama!« Und während der
+Pastor ihm munter zunickte, nötigte Konsul Buddenbrook die alte Dame ins
+Landschaftszimmer zurück und zum Fenster.
+
+»Es ist, um kurz zu sein, ein Brief von Gotthold gekommen«, sagte er
+rasch und leise, indem er in ihre fragenden, dunklen Augen sah und das
+gefaltete und versiegelte Papier aus der Tasche zog. »Das ist seine
+Handschrift ... Es ist das dritte Schreiben, und nur das erste hat Papa
+ihm beantwortet ... Was machen? Es ist schon um zwei Uhr angekommen, und
+ich hätte es dem Vater längst einhändigen müssen, aber sollte ich ihm
+heute die Stimmung verderben? Was sagen Sie? Es ist immer noch Zeit, ihn
+herauszubitten ...«
+
+»Nein, du hast recht, Jean, warte damit!« sagte Madame Buddenbrook und
+erfaßte nach ihrer Gewohnheit mit einer schnellen Bewegung den Arm ihres
+Sohnes. »Was soll darin stehen!« fügte sie bekümmert hinzu. »Er gibt
+nicht nach, der Junge. Er kapriziert sich auf diese Entschädigungssumme
+für den Anteil am Hause ... Nein, nein, Jean, noch nicht jetzt ... Heute
+abend vielleicht, vorm Zubettegehen ...«
+
+»Was tun?« wiederholte der Konsul, indem er den gesenkten Kopf
+schüttelte. »Ich selbst habe Papa oft genug bitten wollen, nachzugeben
+... Es soll nicht aussehen, als ob ich, der Stiefbruder, mich bei den
+Eltern eingenistet hätte und gegen Gotthold intrigierte ... auch dem
+Vater gegenüber muß ich den Anschein dieser Rolle vermeiden. Aber wenn
+ich ehrlich sein soll ... ich bin schließlich Associé. Und dann bezahlen
+Bethsy und ich vorläufig eine ganz normale Miete für den zweiten Stock
+... Was meine Schwester in Frankfurt betrifft, nun, so ist die Sache
+arrangiert. Ihr Mann bekommt schon jetzt, bei Papas Lebzeiten, eine
+Abstandssumme, ein Viertel bloß von der Hauskaufsumme ... Das ist ein
+vorteilhaftes Geschäft, das Papa sehr glatt und gut erledigt hat, und
+das im Sinne der Firma höchst erfreulich ist. Und wenn Papa sich
+Gotthold gegenüber so ganz abweisend verhält, so ist das ...«
+
+»Nein, Unsinn, Jean, dein Verhältnis zur Sache ist doch wohl klar. Aber
+Gotthold glaubt, daß ich, seine Stiefmutter, nur für meine eigenen
+Kinder sorge und ihm seinen Vater geflissentlich entfremde. Das ist das
+Traurige ...«
+
+»Aber es ist seine Schuld!« rief der Konsul beinahe laut und mäßigte
+dann seine Stimme mit einem Blick nach dem Speisesaal. »Es ist seine
+Schuld, dies traurige Verhältnis! Urteilen Sie selbst! Warum konnte er
+nicht vernünftig sein! Warum mußte er diese Demoiselle Stüwing heiraten
+und den ... Laden ...« Der Konsul lachte ärgerlich und verlegen bei
+diesem Worte. »Es ist eine Schwäche, Vaters Widerwille gegen den Laden;
+aber Gotthold hätte diese kleine Eitelkeit respektieren müssen ...«
+
+»Ach, Jean, das beste wäre, Papa gäbe nach!«
+
+»Aber kann ich denn dazu raten?« flüsterte der Konsul mit einer erregten
+Handbewegung nach der Stirn. »Ich bin persönlich interessiert, und
+deshalb müßte ich sagen: Vater, bezahle. Aber ich bin auch Associé, ich
+habe die Interessen der Firma zu vertreten, und wenn Papa nicht glaubt,
+einem ungehorsamen und rebellischen Sohn gegenüber die Verpflichtung zu
+haben, dem Betriebskapital die Summe zu entziehen ... Es handelt sich um
+mehr als elftausend Kuranttaler. Das ist gutes Geld ... Nein, nein, ich
+kann nicht zuraten ... aber auch nicht abraten. Ich will nichts davon
+wissen. Nur die Szene mit Papa ist mir _désagréable_ ...«
+
+»Abends spät, Jean. Komm nun, man wartet ...«
+
+Der Konsul barg das Papier in der Brusttasche, bot seiner Mutter den
+Arm, und nebeneinander überschritten sie die Schwelle zum
+hellerleuchteten Speisesaal, wo die Gesellschaft mit der Placierung um
+die lange Tafel soeben fertiggeworden war.
+
+Aus dem himmelblauen Hintergrund der Tapeten traten zwischen schlanken
+Säulen weiße Götterbilder fast plastisch hervor. Die schweren roten
+Fenstervorhänge waren geschlossen, und in jedem Winkel des Zimmers
+brannten auf einem hohen, vergoldeten Kandelaber acht Kerzen, abgesehen
+von denen, die in silbernen Armleuchtern auf der Tafel standen. Über
+dem massigen Büfett, dem Landschaftszimmer gegenüber, hing ein
+umfangreiches Gemälde, ein italienischer Golf, dessen blaudunstiger Ton
+in dieser Beleuchtung außerordentlich wirksam war. Mächtige,
+steiflehnige Sofas in rotem Damast standen an den Wänden.
+
+Es war jede Spur von Besorgnis und Unruhe aus dem Gesicht Madame
+Buddenbrooks verschwunden, als sie sich, zwischen dem alten Kröger, der
+an der Fensterseite präsidierte, und Pastor Wunderlich niederließ.
+
+»_Bon appétit!_« sagte sie mit ihrem kurzen, raschen, herzlichen
+Kopfnicken, indem sie einen schnellen Blick über die ganze Tafel bis zu
+den Kindern hinuntergleiten ließ ...
+
+
+Viertes Kapitel
+
+»Wie gesagt, alle Achtung, Buddenbrook!« übertönte die wuchtige Stimme
+des Herrn Köppen das allgemeine Gespräch, als das Folgmädchen mit den
+nackten, roten Armen, dem dicken, gestreiften Rock, unter der kleinen
+weißen Mütze auf dem Hinterkopf, unter Beihilfe Mamsell Jungmanns und
+des Mädchens der Konsulin von oben, die heiße Kräutersuppe nebst
+geröstetem Brot serviert hatte und man anfing, behutsam zu löffeln.
+
+»Alle Achtung! Diese Weitläufigkeit, diese Noblesse ... ich muß sagen,
+hier läßt sich leben, muß ich sagen ...« Herr Köppen hatte bei den
+früheren Besitzern des Hauses nicht verkehrt; er war noch nicht lange
+reich, stammte nicht gerade aus einer Patrizierfamilie und konnte sich
+einiger Dialektschwächen, wie die Wiederholung von »muß ich sagen«,
+leider noch nicht entwöhnen. Außerdem sagte er »Achung« statt »Achtung«.
+
+»Hat auch gar kein Geld gekostet«, bemerkte trocken Herr Grätjens, der
+es wissen mußte, und betrachtete durch die hohle Hand eingehend den
+Golf.
+
+Man hatte so weit wie möglich bunte Reihe gemacht und die Kette der
+Verwandten durch Hausfreunde unterbrochen. Streng aber war dies nicht
+durchzuführen gewesen, und die alten Oeverdiecks saßen einander wie
+gewöhnlich fast auf dem Schoße, sich innig zunickend. Der alte Kröger
+aber thronte hoch und gerade zwischen der Senatorin Langhals und Madame
+Antoinette und verteilte seine Handbewegungen und seine reservierten
+Scherze an die beiden Damen.
+
+»Wann ist das Haus noch gebaut worden?« fragte Herr Hoffstede schräg
+über den Tisch hinüber den alten Buddenbrook, der sich in jovialem und
+etwas spöttischem Tone mit Madame Köppen unterhielt.
+
+»_Anno_ ... warte mal ... Um 1680, wenn ich nicht irre. Mein Sohn weiß
+übrigens besser mit solchen Daten Bescheid ...«
+
+»Zweiundachtzig«, bestätigte, sich vorbeugend, der Konsul, der weiter
+unten, ohne eine Tischdame, neben Senator Langhals seinen Platz hatte.
+»1682, im Winter, ist es fertig geworden. Mit Ratenkamp & Komp. fing es
+damals an, aufs glänzendste bergauf zu gehen ... Traurig, dieses Sinken
+der Firma in den letzten zwanzig Jahren ...«
+
+Ein allgemeiner Stillstand des Gespräches trat ein und dauerte eine
+halbe Minute. Man blickte in seinen Teller und gedachte dieser ehemals
+so glänzenden Familie, die das Haus erbaut und bewohnt hatte und die
+verarmt, heruntergekommen, davongezogen war ...
+
+»Tja, traurig«, sagte der Makler Grätjens; »wenn man bedenkt, welcher
+Wahnsinn den Ruin herbeiführte ... Wenn Dietrich Ratenkamp damals nicht
+diesen Geelmaack zum Kompagnon genommen hätte! Ich habe, weiß Gott, die
+Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als der anfing zu wirtschaften.
+Ich weiß es aus bester Quelle, meine Herrschaften, wie greulich der
+hinter Ratenkamps Rücken spekuliert und Wechsel hier und Akzepte dort
+auf Namen der Firma gegeben hat ... Schließlich war es aus ... Da waren
+die Banken mißtrauisch, da fehlte die Deckung ... Sie haben keine
+Vorstellung ... Wer hat auch nur das Lager kontrolliert? Geelmaack
+vielleicht? Sie haben da wie die Ratten gehaust, jahraus, jahrein! Aber
+Ratenkamp kümmerte sich um nichts ...«
+
+»Er war wie gelähmt«, sagte der Konsul. Sein Gesicht hatte einen
+düsteren und verschlossenen Ausdruck angenommen. Er bewegte,
+vornübergebeugt, den Löffel in seiner Suppe und ließ dann und wann
+einen kurzen Blick seiner kleinen, runden, tiefliegenden Augen zum
+oberen Tischende hinaufschweifen.
+
+»Er ging wie unter einem Drucke einher, und ich glaube, man kann diesen
+Druck begreifen. Was veranlaßte ihn, sich mit Geelmaack zu verbinden,
+der bitterwenig Kapital hinzubrachte, und dem niemand den besten Leumund
+machte? Er muß das Bedürfnis empfunden haben, einen Teil der furchtbaren
+Verantwortlichkeit auf irgend jemanden abzuwälzen, weil er fühlte, daß
+es unaufhaltsam zu Ende ging ... Diese Firma hatte abgewirtschaftet,
+diese alte Familie war _passée_. Wilhelm Geelmaack hat sicherlich nur
+den letzten Anstoß zum Ruin gegeben ...«
+
+»Sie sind also der Ansicht, werter Herr Konsul«, sagte Pastor Wunderlich
+mit bedächtigem Lächeln und schenkte seiner Dame und sich selbst Rotwein
+ins Glas, »daß auch ohne den Hinzutritt des Geelmaack und seines wilden
+Gebarens alles gekommen wäre, wie es gekommen ist?«
+
+»Das wohl nicht«, sagte der Konsul gedankenvoll und ohne sich an eine
+bestimmte Person zu wenden. »Aber ich glaube, daß Dietrich Ratenkamp
+sich notwendig und unvermeidlich mit Geelmaack verbinden mußte, damit
+das Schicksal erfüllt würde ... Er muß unter dem Druck einer
+unerbittlichen Notwendigkeit gehandelt haben ... Ach, ich bin überzeugt,
+daß er das Treiben seines Associés halb und halb gekannt hat, daß er
+auch über die Zustände in seinem Lager nicht so vollständig unwissend
+war. Aber er war erstarrt ...«
+
+»Na, _assez_, Jean«, sagte der alte Buddenbrook und legte seinen Löffel
+aus der Hand. »Das ist so eine von deinen _idées_ ...«
+
+Der Konsul hob mit einem zerstreuten Lächeln sein Glas seinem Vater
+entgegen. Lebrecht Kröger aber sprach:
+
+»Nein, halten wir es nun mit der fröhlichen Gegenwart!«
+
+Er faßte dabei vorsichtig und elegant den Hals seiner Weißwein-Bouteille,
+auf deren Pfropfen ein kleiner silberner Hirsch stand, legte sie ein
+wenig auf die Seite und prüfte aufmerksam die Etikette. »C. F. Köppen«,
+las er und nickte dem Weinhändler zu; »ach ja, was wären wir ohne Sie!«
+
+Die Meißener Teller mit Goldrand wurden gewechselt, wobei Madame
+Antoinette die Bewegungen der Mädchen scharf beobachtete, und Mamsell
+Jungmann rief Anordnungen in den Schalltrichter des Sprachrohres hinein,
+das den Eßsaal mit der Küche verband. Es wurde der Fisch herumgereicht,
+und während Pastor Wunderlich sich mit Vorsicht bediente, sagte er:
+
+»Diese fröhliche Gegenwart ist immerhin nicht so ganz selbstverständlich.
+Die jungen Leute, die sich hier jetzt mit uns Alten freuen, denken wohl
+nicht daran, daß es jemals anders gewesen sein könnte ... Ich darf
+sagen, daß ich an den Schicksalen unserer Buddenbrooks nicht selten
+persönlichen Anteil genommen habe ... Immer wenn ich diese Dinge vor
+Augen habe« -- und er wandte sich an Madame Antoinette, indem er einen
+der schweren silbernen Löffel vom Tische nahm --, »muß ich denken, ob
+sie nicht zu den Stücken gehören, die _anno_ sechs unser Freund, der
+Philosoph Lenoir, Sergeant Seiner Majestät des Kaisers Napoleon, in
+Händen hatte ... und erinnere mich unserer Begegnung in der Alfstraße,
+Madame ...«
+
+Madame Buddenbrook blickte mit einem halb verlegenen, halb
+erinnerungsschweren Lächeln vor sich nieder. Tom und Tony, dort unten,
+die keinen Fisch essen mochten und dem Gespräch der großen Leute
+aufmerksam gefolgt waren, riefen beinahe einstimmig herauf: »Ach ja,
+erzählen Sie, Großmama!« Aber der Pastor, der wußte, daß sie es nicht
+liebte, von diesem für sie ein wenig peinlichen Vorfall selbst zu
+berichten, begann statt ihrer noch einmal mit der alten kleinen
+Geschichte, auf welche die Kinder gern zum hundertsten Male gehorcht
+hätten, und die vielleicht einem oder dem anderen noch unbekannt war ...
+
+»Kurz und gut, man figuriere sich: Es ist ein Novembernachmittag, kalt
+und regnicht, daß Gott erbarm', ich komme von einem Amtsgeschäft die
+Alfstraße hinauf und denke der schlimmen Zeiten. Fürst Blücher war fort,
+die Franzosen waren in der Stadt, aber von der herrschenden Erregung
+merkte man wenig. Die Straßen lagen still, die Leute saßen in ihren
+Häusern und hüteten sich. Schlachtermeister Prahl, der mit den Händen in
+den Hosentaschen vor seiner Tür gestanden und mit seiner dröhnendsten
+Stimme gesagt hatte: `Dat is je denn doch woll zu arg, is dat je denn
+doch woll --!´ war einfach, bautz, vor den Kopf geknallt worden ...
+Nun, ich denke: Du willst einmal zu Buddenbrooks hineinsehen, ein
+Zuspruch könnte willkommen sein; der Mann liegt mit der Kopfrose, und
+Madame wird mit der Einquartierung zu schaffen haben.«
+
+»Da, im nämlichen Moment, wen sehe ich mir entgegenkommen? Unsere
+allverehrte Madame Buddenbrook. Allein in welcher Verfassung? Sie eilt
+ohne Hut durch den Regen, sie hat kaum einen Schal um die Schultern
+geworfen, sie stürzt mehr als sie geht, und ihre _coiffure_ ist eine
+komplette Wirrnis ... Nein, das ist wahr, Madame! es war kaum noch die
+Rede von einer _coiffure_.«
+
+»`Welch angenehme _surprise_!´ sage ich und erlaube mir, sie, die mich
+gar nicht sieht, am Ärmel zu halten, denn mir schwant nichts Gutes ...
+`Wohin doch so schnell, meine Liebe?´ Sie bemerkt mich, sie blickt mich
+an, sie stößt hervor: `Sind Sie's ... leben Sie wohl! Alles ist zu Ende!
+Ich gehe hinunter in die Trave!´«
+
+»`Behüte!´ sage ich und fühle, wie ich weiß werde. `Das ist der Ort
+nicht für Sie, meine Liebe! Was ist aber passiert?´ Und ich halte sie so
+fest, als der Respekt es zuläßt. `Was passiert ist?´ ruft sie und
+zittert. `Sie sind über dem Silberzeug, Wunderlich! Das ist passiert!
+Und Jean liegt mit der Kopfrose und kann mir nicht helfen! Und er könnte
+auch nicht helfen, wäre er auf den Beinen! Sie stehlen meine Löffel,
+meine silbernen Löffel, das ist passiert, Wunderlich, und ich gehe in
+die Trave!´«
+
+»Nun, ich halte unsere Freundin, ich sage was man sagt in solchen
+Fällen, `Courage´, sage ich, `Liebste!´ und `Alles wird gut werden!´ und
+`Wir wollen reden mit den Leuten, fassen Sie sich, ich beschwöre Sie,
+und gehen wir!´ Und ich führe sie die Straße hinauf in ihr Haus. Im
+Eßzimmer droben finden wir die Miliz, wie Madame sie verlassen, an die
+zwanzig Mann hoch, die sich mit der großen Truhe abgeben, wo das
+Silberzeug liegt.«
+
+»`Mit wem von Ihnen kann ich Rücksprache nehmen´, frage ich höflich,
+`meine Herren?´ Nun, man fängt an zu lachen und ruft: `Mit uns allen,
+Papa!´ Dann aber tritt einer vor und präsentiert sich, ein Mensch, der
+lang ist wie ein Baum, mit einem schwarz gewichsten Schnauzbart und
+großen roten Händen, die aus den betreßten Aufschlägen heraussehen.
+`Lenoir´, sagt er und salutiert mit der Linken, denn in der Rechten
+hält er ein Bündel von fünf oder sechs silbernen Löffeln, `Lenoir,
+Sergeant. Was wünscht der Herr?´«
+
+»`Herr Offizier!´ sage ich und ziele auf den _point d'honneur_. `Sollte
+die Beschäftigung mit diesen Dingen sich mit Ihrer glänzenden Charge
+vereinbaren?... Die Stadt hat sich dem Kaiser nicht verschlossen ...´ --
+`Was wollen Sie?´ antwortet er. `Das ist der Krieg! Die Leute benötigen
+dergleichen Geschirr ...´«
+
+»`Sie sollten Rücksicht nehmen´, unterbrach ich ihn, denn mir kommt ein
+Gedanke. `Diese Dame´, sage ich, denn was sagt man nicht in solcher
+Lage, `die Herrin des Hauses, sie ist nicht etwa eine Deutsche, sie ist
+beinahe Ihre Landsmännin, sie ist eine Französin ...´ -- `Wie, eine
+Französin?´ wiederholt er. Und was glauben Sie, daß dieser lange
+Haudegen hinzufügt? -- `Eine Emigrantin also?´ sagt er. `Aber dann ist
+sie eine Feindin der Philosophie!´«
+
+»Ich bin baff, aber ich verschlucke mein Lachen. `Sie sind´, sage ich,
+`ein Mann von Kopf, wie ich sehe. Ich wiederhole, daß es mir Ihrer nicht
+würdig scheint, sich mit diesen Dingen zu befassen!´ -- Er schweigt
+einen Augenblick; dann aber, plötzlich, wird er rot, er wirft seine
+sechs Löffel in die Truhe und ruft: `Aber wer sagt Ihnen denn, daß ich
+etwas anderes mit diesen Dingen beabsichtigte, als sie ein wenig zu
+betrachten?! Hübsche Sachen, das! Wenn einer oder der andere der Leute
+ein Stück als Souvenir mit sich nehmen sollte ...´«
+
+»Nun, sie haben immerhin noch genug Souvenirs mit sich genommen, da half
+keine Berufung auf menschliche oder göttliche Gerechtigkeit ... Sie
+kannten wohl keinen anderen Gott, als diesen fürchterlichen kleinen
+Menschen ...«
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+»Sie haben ihn gesehen, Herr Pastor?« --
+
+Die Teller wurden aufs neue gewechselt. Ein kolossaler, ziegelroter,
+panierter Schinken erschien, geräuchert, gekocht, nebst brauner,
+säuerlicher Chalottensauce, und solchen Mengen von Gemüsen, daß alle
+aus einer einzigen Schüssel sich hätten sättigen können. Lebrecht Kröger
+übernahm das Tranchieren. Die Ellenbogen in legerer Weise erhoben, die
+langen Zeigefinger gerade auf den Rücken von Messer und Gabel
+ausgestreckt, schnitt er mit Bedacht die saftigen Stücke hinunter. Auch
+das Meisterwerk der Konsulin Buddenbrook, der »Russische Topf«, ein
+prickelnd und spirituös schmeckendes Gemisch konservierter Früchte,
+wurde gereicht. --
+
+Nein, Pastor Wunderlich bedauerte, Bonaparte niemals zu Gesichte
+bekommen zu haben. Der alte Buddenbrook aber sowohl wie Jean Jacques
+Hoffstede hatten ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen; ersterer zu
+Paris, unmittelbar vor der russischen Kampagne, gelegentlich einer
+Parade im Schloßhofe der Tuilerien, letzterer zu Danzig ...
+
+»Gott, nein, er sah nicht gemütlich aus«, sagte er, indem er einen
+Bissen von Schinken, Rosenkohl und Kartoffel, den er auf seiner Gabel
+komponiert, mit erhobenen Brauen in den Mund schob. Ȇbrigens soll er
+sich ganz heiter benommen haben, in Danzig. Man erzählte sich damals
+einen Scherz ... Er hasardierte den ganzen Tag mit den Deutschen, und
+zwar nicht eben harmlos, abends aber spielte er mit seinen Generälen.
+`_N'est-ce pas, Rapp_´, sagte er, und griff eine Handvoll Gold vom
+Tische, `_les Allemands aiment beaucoup ces petits Napoléons?_´ --
+`_Oui, Sire, plus que le Grand!_´ antwortete Rapp ...«
+
+In der allgemeinen Heiterkeit, die laut wurde -- denn Hoffstede hatte
+die Anekdote hübsch erzählt und sogar ein wenig das Mienenspiel des
+Kaisers markiert --, sagte der alte Buddenbrook:
+
+»Na, ungescherzt, allen Respekt übrigens vor seiner persönlichen
+Großheit ... Was für eine Natur!«
+
+Der Konsul schüttelte ernsthaft den Kopf.
+
+»Nein, nein, wir Jüngeren verstehen nicht mehr die Verehrungswürdigkeit
+des Mannes, der den Herzog von Enghien ermordete, der in Ägypten die
+achthundert Gefangenen niedermetzelte ...«
+
+»Das alles ist möglicherweise übertrieben und gefälscht«, sagte Pastor
+Wunderlich. »Der Herzog mag ein leichtsinniger und aufrührerischer Herr
+gewesen sein, und was die Gefangenen betrifft, so war ihre Exekution
+wahrscheinlich der wohlerwogene und notwendige Beschluß eines korrekten
+Kriegsrates ...« Und er erzählte von einem Buche, das vor einigen Jahren
+erschienen war, und das er gelesen hatte, das Werk eines Sekretärs des
+Kaisers, das volle Aufmerksamkeit verdiene ...
+
+»Gleichviel«, beharrte der Konsul, indem er eine Kerze putzte, die im
+Armleuchter vor ihm flackerte. »Ich begreife es nicht, ich begreife
+nicht die Bewunderung für diesen Unmenschen! Als christlicher Mann, als
+Mensch von religiösem Empfinden finde ich in meinem Herzen keinen Raum
+für ein solches Gefühl.«
+
+Sein Gesicht hatte einen stillen und schwärmerischen Ausdruck
+angenommen, ja, er hatte sogar den Kopf ein wenig auf die Seite gelegt
+-- während es wahrhaftig aussah, als ob sein Vater und Pastor Wunderlich
+einander ganz leise zulächelten.
+
+»Ja, ja«, schmunzelte Johann Buddenbrook, »aber die kleinen Napoléons
+waren nicht übel, was? Mein Sohn schwärmt mehr für Louis Philipp«, fügte
+er hinzu.
+
+»Schwärmt?« wiederholte Jean Jacques Hoffstede ein bißchen mokant ...
+»Eine kuriose Zusammenstellung! Philipp Egalité und schwärmen ...«
+
+»Nun, mich dünkt, daß wir von der Juli-Monarchie bei Gott eine Menge zu
+lernen haben ...« Der Konsul sprach ernst und eifrig. »Das freundliche
+und hilfreiche Verhältnis des französischen Konstitutionalismus zu den
+neuen praktischen Idealen und Interessen der Zeit ... ist etwas so
+überaus Dankenswertes ...«
+
+»Praktische Ideale ... na, ja ...« Der alte Buddenbrook spielte während
+einer Pause, die er seinen Kinnladen gönnte, mit seiner goldenen Dose.
+»Praktische Ideale ... ne, ich bin da gar nich für!« Er verfiel vor
+Verdruß in den Dialekt. »Da schießen nun die gewerblichen Anstalten und
+die technischen Anstalten und die Handelsschulen aus der Erde, und das
+Gymnasium und die klassische Bildung sind plötzlich Bêtisen, und alle
+Welt denkt an nichts, als Bergwerke ... und Industrie ... und
+Geldverdienen ... Brav, das alles, höchst brav! Aber ein bißchen
+stüpide, von der anderen Seite, so auf die Dauer -- wie? Ich weiß nicht,
+warum es mir ein Affront ist ... ich habe nichts gesagt, Jean ... die
+Juli-Monarchie ist eine gute Sache ...«
+
+Senator Langhals aber sowohl wie Grätjens und Köppen standen dem Konsul
+zur Seite ... Ja, wahrhaftig, vor der französischen Regierung und den
+gleichartigen Bestrebungen in Deutschland müsse man die größte Achtung
+haben ... Herr Köppen sagte wieder »Achung«. -- Er war noch viel röter
+geworden während des Speisens und schnob vernehmlich; Pastor Wunderlichs
+Gesicht aber blieb weiß, fein und aufgeweckt, obgleich er in aller
+Behaglichkeit ein Glas nach dem anderen trank.
+
+Die Kerzen brannten langsam, langsam hinunter und ließen dann und wann,
+wenn ihre Flammen im Luftzuge zur Seite flackerten, einen feinen
+Wachsgeruch über die Tafel hinwehen.
+
+Man saß auf hochlehnigen, schweren Stühlen, speiste mit schwerem
+Silbergerät schwere, gute Sachen, trank schwere, gute Weine dazu und
+sagte seine Meinung. Man war bald bei den Geschäften und verfiel
+unwillkürlich mehr und mehr dabei in den Dialekt, in diese behaglich
+schwerfällige Ausdrucksweise, die kaufmännische Kürze sowohl wie
+wohlhabende Nachlässigkeit an sich zu haben schien, und die hie und da
+mit gutmütiger Selbstironie übertrieben wurde. Man sagte nicht: »an der
+Börse«, man sagte ganz einfach: »an Börse« ..., wobei man zum Überfluß
+das r wie ein kurzes ä aussprach und ein wohlgefälliges Gesicht dazu
+machte.
+
+Die Damen waren dem Disput nicht lange gefolgt. Madame Kröger führte
+ihnen das Wort, indem sie in der appetitlichsten Art die beste Manier
+auseinandersetzte, Karpfen in Rotwein zu kochen ... »Wenn sie in
+ordentliche Stücken zerschnitten sind, Liebe, dann mit Zwiebeln und
+Nelken und Zwieback in die Kasserolle, und dann kriegen Sie sie mit
+etwas Zucker und einem Löffel Butter zu Feuer ... Aber nicht waschen,
+Liebste, alles Blut mitnehmen, um Gottes willen ...«
+
+Der alte Kröger ließ die angenehmsten Scherze einfließen. Konsul Justus,
+sein Sohn, aber, der neben Doktor Grabow weiter unten in der Nähe der
+Kinder saß, hatte mit Mamsell Jungmann ein neckisches Gespräch
+angeknüpft; sie kniff ihre braunen Augen zusammen und hielt nach ihrer
+Gewohnheit Messer und Gabel gerade empor, indem sie sie leicht hin und
+her bewegte. Selbst Oeverdiecks waren ganz laut und lebendig geworden.
+Die alte Konsulin hatte ein neues Kosewort für ihren Gatten erfunden:
+»Du gutes Schnuckeltier!« sagte sie und schüttelte ihre Haube vor
+Herzlichkeit.
+
+Das Gespräch floß in einen Gegenstand zusammen, als Jean Jacques
+Hoffstede auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, auf die italienische
+Reise, die er vor fünfzehn Jahren mit einem reichen Hamburger Verwandten
+gemacht hatte. Er erzählte von Venedig, Rom und dem Vesuv, er sprach von
+der Villa Borghese, wo der verstorbene Goethe einen Teil seines Faust
+geschrieben habe, er schwärmte von Renaissance-Brunnen, die Kühlung
+spendeten, von wohlbeschnittenen Alleen, in denen es sich so angenehm
+lustwandeln lasse, und jemand erwähnte des großen, verwilderten Gartens,
+den Buddenbrooks gleich hinter dem Burgtore besaßen ...
+
+»Ja, meiner Treu!« sagte der Alte. »Ich ärgere mich noch immer, daß ich
+mich seinerzeit nicht resolvieren konnte, ihn ein bißchen menschlich
+herrichten zu lassen! Ich bin kürzlich mal wieder hindurch gegangen --
+es ist eine Schande, dieser Urwald! Welch nett Besitztum, wenn das Gras
+gepflegt, die Bäume hübsch kegel- und würfelförmig beschnitten
+wären ...«
+
+Der Konsul aber protestierte mit Eifer.
+
+»Um Gottes willen, Papa --! Ich ergehe mich Sommers dort gern im
+Gestrüpp; aber alles wäre mir verdorben, wenn die schöne, freie Natur so
+kläglich zusammengeschnitten wäre ...«
+
+»Aber wenn die freie Natur doch mir gehört, habe ich da zum Kuckuck
+nicht das Recht, sie nach meinem Belieben herzurichten ...«
+
+»Ach Vater, wenn ich dort im hohen Grase unter dem wuchernden Gebüsch
+liege, ist es mir eher, als gehörte ich der Natur und als hätte ich
+nicht das mindeste Recht über sie ...«
+
+»Krischan, freet mi nich tau veel«, rief plötzlich der alte Buddenbrook,
+»Thilda, der schadt es nichts ... packt ein wie söben Drescher, die
+Dirn ...«
+
+Und wahrhaftig, es war zum Erstaunen, welche Fähigkeiten dieses stille,
+magere Kind mit dem langen, ältlichen Gesicht beim Essen entwickelte.
+Sie hatte auf die Frage, ob sie zum zweiten Male Suppe wünsche, gedehnt
+und demütig geantwortet: »J--a-- bit--te!« Sie hatte sich vom Fisch wie
+vom Schinken zweimal je zwei der größten Stücke nebst starken Haufen
+von Zutaten gewählt, sorgsam und kurzsichtig über den Teller gebeugt,
+und sie verzehrte alles, ohne Überhastung, still und in großen Bissen.
+Auf die Worte des alten Hausherrn antwortete sie nur langgezogen,
+freundlich, verwundert und einfältig: »Gott -- On--k--el--?« Sie ließ
+sich nicht einschüchtern, sie aß, ob es auch nicht anschlug und ob man
+sie verspottete, mit dem instinktmäßig ausbeutenden Appetit der armen
+Verwandten am reichen Freitische, lächelte unempfindlich und bedeckte
+ihren Teller mit guten Dingen, geduldig, zäh, hungrig und mager.
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Nun kam, in zwei großen Kristallschüsseln, der »Plettenpudding«, ein
+schichtweises Gemisch aus Makronen, Himbeeren, Biskuits und Eiercreme;
+am unteren Tischende aber begann es aufzuflammen, denn die Kinder hatten
+ihren Lieblings-Nachtisch, den brennenden Plumpudding bekommen.
+
+»Thomas, mein Sohn, sei mal so gut«, sprach Johann Buddenbrook und zog
+sein großes Schlüsselbund aus der Beinkleidtasche. »Im zweiten Keller
+rechts, das zweite Fach, hinter dem roten Bordeaux, zwei Bouteillen,
+du?« Und Thomas, der sich auf solche Aufträge verstand, lief fort und
+kam wieder mit den ganz verstaubten und umsponnenen Flaschen. Kaum aber
+war aus dieser unscheinbaren Hülle der goldgelbe, traubensüße alte
+Malvasier in die kleinen Dessertweingläser geflossen, als der Augenblick
+gekommen war, da Pastor Wunderlich sich erhob und, während das Gespräch
+verstummte, das Glas in der Hand, in angenehmen Wendungen zu toasten
+begann. Er sprach, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, ein feines und
+spaßhaftes Lächeln auf seinem weißen Gesicht und die freie Hand in
+zierlichen kleinen Gesten bewegend, in dem freien und behaglichen
+Plauderton, den er auch auf der Kanzel innezuhalten liebte ... »Und
+wohlan, so lassen Sie sich denn belieben, meine wackeren Freunde, ein
+Glas dieses artigen Tropfens mit mir zu leeren auf die Wohlfahrt unserer
+vielgeehrten Wirte in ihrem neuen, so prächtigen Heim, -- auf die
+Wohlfahrt der Familie Buddenbrook, der anwesenden sowohl wie der
+abwesenden Mitglieder ... vivant hoch!«
+
+»Die abwesenden Mitglieder?« dachte der Konsul, während er sich vor den
+Gläsern verbeugte, die man ihm entgegenhob. »Sind damit nur die in
+Frankfurt und vielleicht die Duchamps in Hamburg gemeint, oder hat der
+alte Wunderlich seine Hintergedanken ...?« Er stand auf, um sein Glas an
+das seines Vaters klingen zu lassen, indem er ihm herzlich in die Augen
+blickte.
+
+Nun aber kam der Makler Grätjens von seinem Stuhle empor, und das nahm
+Zeit in Anspruch; als er aber ein Ende genommen hatte, da widmete er mit
+seiner etwas kreischenden Stimme ein Glas der Firma Johann Buddenbrook
+und ihrem ferneren Wachsen, Blühen und Gedeihen, zur Ehre der Stadt.
+
+Und Johann Buddenbrook dankte für alle die freundlichen Worte, als
+Oberhaupt der Familie zum ersten und als älterer Chef des Handelshauses
+zum zweiten -- und schickte Thomas nach einer dritten Bouteille
+Malvasier, denn die Berechnung hatte sich als falsch erwiesen, daß zwei
+genügen würden.
+
+Auch Lebrecht Kröger sprach. Er erlaubte sich, sitzen zu bleiben dabei,
+weil das einen noch kulanteren Eindruck machte, und nur aufs gefälligste
+mit Kopf und Händen zu gestikulieren, während er seinen Trinkspruch den
+beiden Damen des Hauses, Mme. Antoinette und der Konsulin, gelten ließ.
+
+Als er aber geendet, als der Plettenpudding schon beinahe verspeist war
+und der Malvasier zur Neige ging, da erhob sich langsam, mit einem
+Räuspern und unter einem allgemeinen »Ah!« Herr Jean Jacques Hoffstede
+... die Kinder, da unten, applaudierten geradezu vor Freude.
+
+»Ja, _excusez_! ich konnte nicht umhin ...« sprach er, wobei er leicht
+seine spitze Nase berührte und ein Papier aus der Rocktasche zog ... Ein
+tiefes Stillschweigen verbreitete sich im Saale.
+
+Das Blatt, das er in Händen hielt, war allerliebst kunterbunt, und von
+einem Oval, das auf der Außenseite von roten Blumen und vielen goldenen
+Schnörkeln gebildet ward, verlas er die Worte:
+
+ »Gelegentlich der freundschaftlichen Teilnahme an dem frohen
+ Einweihungsfeste des neuerworbenen Hauses mit der Familie
+ Buddenbrook. Oktober 1835.«
+
+Und dann wendete er und begann mit seiner schon etwas zitternden Stimme:
+
+ Hochverehrte! -- Nicht versäumen
+ Darf es mein bescheiden Lied,
+ Euch zu nah'n in diesen Räumen,
+ Die der Himmel euch beschied.
+
+ Dir soll's, Freund im Silberhaare,
+ Und der würd'gen Gattin dein,
+ Eurer Kinder trautem Paare,
+ Freudevoll gewidmet sein!
+
+ Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne
+ Sich vor unserem Blick verband, --
+ Venus Anadyomene
+ Und Vulcani fleiß'ge Hand.
+
+ Keine trübe Zukunft störe
+ Eures Lebens Fröhlichkeit,
+ Jeder neue Tag gewähre
+ Euch stets neue Seligkeit.
+
+ Freuen, ja unendlich freuen
+ Wird mich euer künftig Glück.
+ Ob ich oft den Wunsch erneuen
+ Werde, sagt euch itzt mein Blick.
+
+ Lebet wohl im prächt'gen Hause
+ Und behaltet wert und lieb
+ Den, der in geringer Klause
+ Heute diese Zeilen schrieb! --
+
+Er verbeugte sich, und ein einmütiger, begeisterter Beifall brach los.
+
+»Charmant, Hoffstede!« rief der alte Buddenbrook. »Dein Wohl! Nein, das
+war allerliebst!«
+
+Als aber die Konsulin mit dem Dichter trank, färbte ein ganz feines Rot
+ihren zarten Teint, denn sie hatte wohl die artige Reverenz bemerkt, die
+er bei der »Venus Anadyomene« nach ihrer Seite vollführt hatte ...
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Die allgemeine Munterkeit hatte nun ihren Gipfel erreicht, und Herr
+Köppen verspürte das deutliche Bedürfnis, ein paar Knöpfe seiner Weste
+zu öffnen; aber das ging wohl leider nicht an, denn nicht einmal die
+alten Herren erlaubten sich dergleichen. Lebrecht Kröger saß noch genau
+so aufrecht an seinem Platze, wie zu Beginn der Mahlzeit, Pastor
+Wunderlich blieb weiß und formgewandt, der alte Buddenbrook hatte sich
+zwar ein bißchen zurückgelegt, wahrte aber den feinsten Anstand, und nur
+Justus Kröger war ersichtlich ein wenig betrunken.
+
+Wo war Doktor Grabow? Die Konsulin erhob sich ganz unauffällig und ging
+davon, denn dort unten waren die Plätze von Mamsell Jungmann, Doktor
+Grabow und Christian freigeworden, und aus der Säulenhalle klang es
+beinahe wie unterdrücktes Jammern. Sie verließ schnell hinter dem
+Folgmädchen, das Butter, Käse und Früchte serviert hatte, den Saal --
+und wahrhaftig, dort im Halbdunkel, auf der runden Polsterbank, die sich
+um die mittlere Säule zog, saß, lag oder kauerte der kleine Christian
+und ächzte leise und herzbrechend.
+
+»Ach Gott, Madamchen!« sagte Ida, die mit dem Doktor bei ihm stand,
+»Christian, dem Jungchen, ist gar so schlecht ...«
+
+»Mir ist übel, Mama, mir ist =verdammt= übel!« wimmerte Christian,
+während seine runden tiefliegenden Augen über der allzugroßen Nase
+unruhig hin und her gingen. Er hatte das »verdammt« nur aus übergroßer
+Verzweiflung hervorgestoßen, die Konsulin aber sagte:
+
+»Wenn wir solche Worte gebrauchen, straft uns der liebe Gott mit noch
+größerer Übelkeit!«
+
+Doktor Grabow fühlte den Puls; sein gutes Gesicht schien noch länger und
+milder geworden zu sein.
+
+»Eine kleine Indigestion ... nichts von Bedeutung, -- Frau Konsulin!«
+tröstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen, pedantischen Amtstone
+fort: »Es dürfte das beste sein, ihn zu Bette zu bringen ... ein bißchen
+Kinderpulver, vielleicht ein Täßchen Kamillentee zum Transpirieren ...
+Und strenge Diät, -- Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Diät. Ein wenig
+Taube, -- ein wenig Franzbrot ...«
+
+»Ich will keine Taube!« rief Christian außer sich. »Ich will nie--mals
+wieder etwas essen! Mir ist übel, mir ist =verdammt= übel!« Das starke
+Wort schien ihm geradezu Linderung zu bereiten, mit solcher Inbrunst
+stieß er es hervor.
+
+Doktor Grabow lächelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und beinahe
+etwas schwermütigem Lächeln. Oh, er würde schon wieder essen, der junge
+Mann! Er würde leben wie alle Welt. Er würde, wie seine Väter,
+Verwandten und Bekannten, seine Tage sitzend verbringen und viermal
+inzwischen so ausgesucht schwere und gute Dinge verzehren ... Nun, Gott
+befohlen! Er, Friedrich Grabow, war nicht derjenige, welcher die
+Lebensgewohnheiten aller dieser braven, wohlhabenden und behaglichen
+Kaufmannsfamilien umstürzen würde. Er würde kommen, wenn er gerufen
+würde, und für einen oder zwei Tage strenge Diät empfehlen, -- ein wenig
+Taube, ein Scheibchen Franzbrot ... ja, ja -- und mit gutem Gewissen
+versichern, daß es für diesmal nichts zu bedeuten habe. Er hatte, so
+jung er war, die Hand manches wackeren Bürgers in der seinen gehalten,
+der seine letzte Keule Rauchfleisch, seinen letzten gefüllten Puter
+verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht in seinem
+Kontorsessel oder nach einigem Leiden in seinem soliden alten Bett, sich
+Gott befahl. Ein Schlag, hieß es dann, eine Lähmung, ein plötzlicher und
+unvorhergesehener Tod ... ja, ja, und er, Friedrich Grabow, hätte sie
+ihnen vorrechnen können, alle die vielen Male, wo es »nichts auf sich
+gehabt hatte«, wo er vielleicht nicht einmal gerufen war, wo nur
+vielleicht nach Tische, wenn man ins Kontor zurückgekehrt war, ein
+kleiner, merkwürdiger Schwindel sich gemeldet hatte ... Nun, Gott
+befohlen! Er, Friedrich Grabow, war selbst nicht derjenige, der die
+gefüllten Puter verschmähte. Dieser panierte Schinken mit
+Chalottensauce heute war delikat gewesen, zum Teufel, und dann, als man
+schon schwer atmete, der Plettenpudding -- Makronen, Himbeeren und
+Eierschaum, ja, ja ... »Strenge Diät, wie gesagt, -- Frau Konsulin? Ein
+wenig Taube, -- ein wenig Franzbrot ...«
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Drinnen im Eßsaale herrschte Aufbruch.
+
+»Wohl bekomm's, _mesdames et messieurs_, gesegnete Mahlzeit! Drüben
+wartet für Liebhaber eine Zigarre und ein Schluck Kaffee für uns alle
+und, wenn Madame spendabel ist, ein Likör ... Die Billards, hinten, sind
+zu jedermanns Verfügung, wie sich versteht; Jean, du übernimmst wohl die
+Führung ins Hinterhaus ... Madame Köppen, -- die Ehre ...«
+
+Plaudernd, befriedigt und in bester Laune Wünsche in betreff einer
+gesegneten Mahlzeit austauschend, verfügte man sich durch die große
+Flügeltür ins Landschaftszimmer zurück. Aber der Konsul ging nicht erst
+hinüber, sondern versammelte sofort die billardlustigen Herren um sich.
+
+»Sie wollen keine Partie riskieren, Vater?«
+
+Nein, Lebrecht Kröger blieb bei den Damen, aber Justus könne ja nach
+hinten gehen ... Auch Senator Langhals, Köppen, Grätjens und Doktor
+Grabow hielten zum Konsul, während Jean Jacques Hoffstede nachkommen
+wollte: »Später, später! Johann Buddenbrook will Flöte blasen, das muß
+ich abwarten ... _Au revoir, messieurs ..._«
+
+Die sechs Herren hörten noch, als sie durch die Säulenhalle schritten,
+im Landschaftszimmer die ersten Flötentöne aufklingen, von der Konsulin
+auf dem Harmonium begleitet, eine kleine, helle, graziöse Melodie, die
+sinnig durch die weiten Räume schwebte. Der Konsul lauschte, so lange
+etwas zu hören war. Er wäre gar zu gern im Landschaftszimmer
+zurückgeblieben, um in einem Lehnsessel bei diesen Klängen seinen
+Träumen und Gefühlen nachzuhängen; allein die Wirtspflicht ...
+
+»Bringe ein paar Tassen Kaffee und Zigarren in den Billardsaal«, sagte
+er zu dem Folgmädchen, das über den Vorplatz ging.
+
+»Ja, Line, Kaffee, du? Kaffee!« wiederholte Herr Köppen mit einer
+Stimme, die aus vollem Magen kam, und versuchte, das Mädchen in den
+roten Arm zu kneifen. Er sprach das K ganz hinten im Halse, als schlucke
+und schmecke er bereits.
+
+»Ich bin überzeugt, daß Madame Köppen durch die Glasscheiben gesehen
+hat«, bemerkte Konsul Kröger.
+
+Senator Langhals fragte: »Da oben wohnst du also, Buddenbrook?«
+
+Rechts führte die Treppe in den zweiten Stock hinauf, wo die
+Schlafzimmer des Konsuls und seiner Familie lagen; aber auch an der
+linken Seite des Vorplatzes befand sich noch eine Reihe von Räumen. Die
+Herren schritten rauchend die breite Treppe mit dem weißlackierten,
+durchbrochenen Holzgeländer hinunter. Auf dem Absatz blieb der Konsul
+stehen.
+
+»Dies Zwischengeschoß ist noch drei Zimmer tief«, erklärte er; »das
+Frühstückszimmer, das Schlafzimmer meiner Eltern und ein wenig benutzter
+Raum nach dem Garten hinaus; ein schmaler Gang läuft als Korridor
+nebenher ... Aber vorwärts! -- Ja, sehen Sie, die Diele wird von den
+Transportwagen passiert, sie fahren dann durch das ganze Grundstück bis
+zur Bäckergrube.«
+
+Die weite, hallende Diele drunten war mit großen, viereckigen
+Steinfliesen gepflastert. Bei der Windfangtüre sowohl wie am anderen
+Ende lagen Kontorräumlichkeiten, während die Küche, aus der noch immer
+der säuerliche Geruch der Chalottensauce hervordrang, mit dem Weg zu den
+Kellern links von der Treppe lag. Ihr gegenüber, in beträchtlicher Höhe,
+sprangen seltsame, plumpe aber reinlich lackierte Holzgelasse aus der
+Wand hervor: die Mädchenkammern, die nur durch eine Art freiliegender,
+gerader Stiege von der Diele aus zu erreichen waren. Ein Paar ungeheurer
+alter Schränke und eine geschnitzte Truhe standen daneben.
+
+Durch eine hohe Glastür trat man über einige ganz flache, befahrbare
+Stufen auf den Hof hinaus, an dem linkerseits sich das kleine Waschhaus
+befand. Man blickte von hier aus in den hübsch angelegten, jetzt aber
+herbstlich grauen und feuchten Garten hinein, dessen Beete mit
+Strohmatten gegen den Frost geschützt waren, und der dort hinten vom
+»Portal« abgeschlossen ward, der Rokokofassade des Gartenhauses. Die
+Herren aber schlugen vom Hofe aus den Weg zur Linken ein, der zwischen
+zwei Mauern über einen zweiten Hof zum Rückgebäude führte.
+
+Dort führten schlüpfrige Stufen in ein kelleriges Gewölbe mit Lehmboden
+hinab, das als Speicher benutzt wurde, und von dessen höchstem Boden ein
+Tau zum Hinaufwinden der Kornsäcke herabhing. Aber man stieg zur Rechten
+die reinlich gehaltene Treppe ins erste Stockwerk hinauf, woselbst der
+Konsul seinen Gästen die weiße Türe zum Billardsaale öffnete.
+
+Herr Köppen warf sich erschöpft auf einen der steifen Stühle, die an den
+Wänden des weiten, kahl und streng aussehenden Raumes standen.
+
+»Ich sehe fürs erste zu!« rief er und klopfte die feinen Regentropfen
+von seinem Leibrock. »Hole mich der Teufel, was ist das für eine Reise
+durch Euer Haus, Buddenbrook!«
+
+Ähnlich wie im Landschaftszimmer brannte hier hinter einem Messinggitter
+der Ofen. Durch die drei hohen und schmalen Fenster blickte man über
+feuchtrote Dächer, graue Höfe und Giebel ...
+
+»Eine Karambolage, Herr Senator?« fragte der Konsul, während er die
+Queues aus den Gestellen nahm. Dann ging er umher und schloß die Löcher
+der beiden Billards. »Wer will mit uns sein? Grätjens? Der Doktor? _All
+right._ Grätjens und Justus, dann nehmen Sie das andere ... Köppen, du
+=mußt= mitspielen.«
+
+Der Weinhändler stand auf und horchte, den Mund voll Zigarrenrauch, auf
+einen starken Windstoß, der zwischen den Häusern pfiff, den Regen
+prickelnd gegen die Scheiben trieb und sich heulend im Ofenrohr verfing.
+
+»Verflucht!« sagte er und stieß den Rauch von sich. »Glaubst du, daß der
+`Wullenwewer´ zu Hafen kann, Buddenbrook? Was für ein Hundewetter ...«
+
+Ja, die Nachrichten aus Travemünde waren nicht die besten; dies
+bestätigte auch Konsul Kröger, der das Leder seines Stockes kreidete.
+Stürme in allen Küsten. _Anno_ 24 war es, weiß Gott, nicht viel
+schlimmer, als in St. Petersburg die große Wasserflut war ... Na, da kam
+der Kaffee.
+
+Man bediente sich, man trank einen Schluck und begann zu spielen. Dann
+aber begann man vom Zollverein zu sprechen ... oh, Konsul Buddenbrook
+war begeistert für den Zollverein!
+
+»Welche Schöpfung, meine Herren!« rief er, sich nach einem geführten
+Stoße lebhaft umwendend, zum anderen Billard hinüber, wo das erste Wort
+gefallen war. »Bei erster Gelegenheit sollten wir beitreten ...«
+
+Herr Köppen aber war nicht dieser Meinung, nein, er schnob geradezu vor
+Opposition.
+
+»Und unsere Selbständigkeit? Und unsere Unabhängigkeit?« fragte er
+beleidigt und sich kriegerisch auf sein Queue stützend. »Wie steht es
+damit? Würde Hamburg es sich beifallen lassen, bei dieser
+Preußenerfindung mitzutun? Wollen wir uns nicht gleich einverleiben
+lassen, Buddenbrook? Gott bewahre uns, nein, was sollen wir mit dem
+Zollverein, möchte ich wissen! Geht nicht alles gut?...«
+
+»Ja, du mit deinem Rotspohn, Köppen! Und dann vielleicht mit den
+russischen Produkten, davon sage ich nichts. Aber weiter wird ja nichts
+importiert! Und was den Export betrifft, nun ja, so schicken wir ein
+bißchen Korn nach Holland und England, gewiß!... Ach nein, es geht
+leider nicht alles gut. Es sind bei Gott hier ehemals andere Geschäfte
+gemacht worden ... Aber im Zollverein würden uns die Mecklenburgs und
+Schleswig-Holstein geöffnet werden ... Und es ist nicht auszurechnen,
+wie das Propregeschäft sich aufnehmen würde ...«
+
+»Aber ich bitte Sie, Buddenbrook«, fing Grätjens an, indem er sich lang
+über das Billard beugte und den Stock auf seiner knochigen Hand sorgsam
+zielend hin und her bewegte, »dieser Zollverein ... ich verstehe das
+nicht. Unser System ist doch so einfach und praktisch, wie? Die
+Einklarierung auf Bürgereid ...«
+
+»Eine schöne alte Institution.« Dies mußte der Konsul zugeben.
+
+»Nein, wahrhaftig, Herr Konsul, -- wenn Sie etwas `schön´ finden!«
+Senator Langhals war ein wenig entrüstet: »Ich bin ja kein Kaufmann ...
+aber wenn ich ehrlich sein soll -- nein, das mit dem Bürgereid ist ein
+Unfug, allmählich, das muß ich sagen! Es ist eine Formalität geworden,
+über die man ziemlich schlank hinweggeht ... und der Staat hat das
+Nachsehen. Man erzählt sich Dinge, die denn doch arg sind. Ich bin
+überzeugt, daß der Eintritt in den Zollverein von seiten des
+Senates ...«
+
+»Dann gibt es einen Konflikt --!« Herr Köppen stieß zornentbrannt das
+Queue auf den Boden. Er sagte »Kongflick« und stellte jetzt alle
+Vorsicht in betreff der Aussprache hintan. »Einen Kongflick, da versteh'
+ich mich auf. Nee, alle schuldige Achung, Herr Senater, aber Sie sind ja
+woll nich zu helfen, Gott bewahre!« Und er redete hitzig von
+Entscheidungskommissionen und Staatswohl und Bürgereid und
+Freistaaten ...
+
+Gottlob, daß Jean Jacques Hoffstede ankam! Arm in Arm mit Pastor
+Wunderlich trat er herein, zwei unbefangene und muntere alte Herren aus
+sorgloserer Zeit.
+
+»Nun, meine braven Freunde«, fing er an, »ich habe etwas für Sie; einen
+Scherz, etwas Lustiges, ein Verslein nach dem Französischen ... passen
+Sie auf!«
+
+Er ließ sich gemächlich auf einen Stuhl nieder, den Spielern gegenüber,
+die, auf ihre Queues gestützt, an den Billards lehnten, zog ein
+Blättchen aus der Tasche, legte den langen Zeigefinger mit dem
+Siegelring an die spitze Nase und verlas mit einer fröhlichen und
+naiv-epischen Betonung:
+
+ »Als Sachsens Marschall einst die stolze Pompadour
+ Im goldnen Phaeton -- vergnügt spazieren fuhr,
+ Sah Frelon dieses Paar --
+ oh, rief er, seht sie beide!
+ Des Königs Schwert -- und seine Scheide!«
+
+Herr Köppen stutzte einen Augenblick, ließ dann Kongflick und Staatswohl
+dahinfahren und stimmte in das Gelächter der übrigen ein, daß der Saal
+widerhallte. Pastor Wunderlich aber war an ein Fenster getreten und
+kicherte, der Bewegung seiner Schultern nach zu urteilen, still vor sich
+hin.
+
+Man blieb noch eine gute Weile beisammen, hier hinten im Billardsaal,
+denn Hoffstede hatte noch mehr Scherze ähnlicher Art in Bereitschaft.
+Herr Köppen hatte seine ganze Weste geöffnet und war bei bester Laune,
+denn er befand sich besser hier als im Speisesaal bei Tische. Er machte
+drollige plattdeutsche Redensarten bei jedem Stoß und rezitierte dann
+und wann beglückt vor sich hin:
+
+»Als Sachsens Marschall einst ...«
+
+Das Verslein nahm sich wunderlich genug aus in seinem rauhen Baß ...
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Es war ziemlich spät, gegen elf Uhr, als die Gesellschaft, die sich im
+Landschaftszimmer noch einmal zusammengefunden hatte, beinahe
+gleichzeitig aufzubrechen begann. Die Konsulin begab sich sofort,
+nachdem sie die Handküsse aller in Empfang genommen, in ihre Zimmer
+hinauf, um nach dem leidenden Christian zu sehen, indem sie die Aufsicht
+über die Mägde beim Wegräumen des Geschirres an Mamsell Jungmann abtrat,
+und Mme. Antoinette zog sich ins Zwischengeschoß zurück. Der Konsul aber
+geleitete die Gäste die Treppe hinunter über die Diele und bis vor die
+Haustür auf die Straße hinaus.
+
+Ein scharfer Wind trieb den Regen seitwärts herunter, und die alten
+Krögers krochen, in dicke Pelzmäntel gewickelt, eiligst in ihre
+majestätische Equipage, die schon lange wartete. Das gelbe Licht der
+Öllampen, die vorm Hause auf Stangen brannten und weiter unten an
+dicken, über die Straße gespannten Ketten hingen, flackerte unruhig. Hie
+und da sprangen die Häuser mit Vorbauten in die Straße hinein, die
+abschüssig zur Trave hinunterführte, und einige waren mit Beischlägen
+oder Bänken versehen. Feuchtes Gras sproß zwischen dem schlechten
+Pflaster empor. Die Marienkirche dort drüben lag ganz in Schatten,
+Dunkelheit und Regen gehüllt.
+
+»_Merci_«, sagte Lebrecht Kröger und drückte dem Konsul, der am Wagen
+stand, die Hand. »_Merci_, Jean, es war allerliebst!« Dann knallte der
+Schlag, und die Equipage polterte davon. Auch Pastor Wunderlich und der
+Makler Grätjens gingen mit Dank ihres Weges. Herr Köppen, in einem
+Mantel mit fünffacher Pelerine, einen weitschweifigen grauen Zylinder
+auf dem Kopf und seine beleibte Gattin am Arm, sagte in seinem
+bittersten Baß:
+
+»'n Abend, Buddenbrook! Na, geh' 'rein, erkält' dich nicht. Vielen Dank
+-- du? Ich habe gegessen wie lange nicht ... und mein Roter zu vier
+Kurantmark konveniert dir also? Gut' Nacht nochmal ...«
+
+Das Paar ging mit Konsul Kröger und seiner Familie gegen den Fluß
+hinunter, während Senator Langhals, Doktor Grabow und Jean Jacques
+Hoffstede die entgegengesetzte Richtung einschlugen ...
+
+Konsul Buddenbrook stand, die Hände in den Taschen seines hellen
+Beinkleides vergraben, in seinem Tuchrock ein wenig fröstelnd, ein paar
+Schritte vor der Haustür und lauschte den Schritten, die in den
+menschenleeren, nassen und matt beleuchteten Straßen verhallten. Dann
+wandte er sich und blickte an der grauen Giebelfassade des Hauses empor.
+Seine Augen verweilten auf dem Spruch, der überm Eingang in
+altertümlichen Lettern gemeißelt stand: -- »_Dominus providebit._«
+Während er den Kopf ein wenig senkte, trat er ein und verschloß
+sorgfältig die schwerfällig knarrende Haustür. Dann ließ er die
+Windfangtüre ins Schloß schnappen und schritt langsam über die hallende
+Diele. Die Köchin, die mit einem Teebrett voll Gläser klirrend die
+Treppe herunterkam, fragte er: »Wo ist der Herr, Trina?«
+
+»Im Eßsaal, Herr Konsul ...« Ihr Gesicht wurde so rot wie ihre Arme,
+denn sie war vom Lande und geriet leicht in Verwirrung.
+
+Er ging hinauf, und noch in der dunklen Säulenhalle machte seine Hand
+eine Bewegung nach der Brusttasche, wo das Papier knisterte. Dann trat
+er in den Saal, in dessen einem Winkel noch Kerzenreste auf einem der
+Kandelaber brannten und die abgeräumte Tafel beleuchteten. Der
+säuerliche Geruch der Chalottensauce lag beharrlich in der Luft.
+
+Dort hinten bei den Fenstern ging, die Hände auf dem Rücken, Johann
+Buddenbrook gemächlich auf und ab.
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+»Na, min Söhn Johann! wo geiht di dat!« Er blieb stehen und streckte dem
+Sohne die Hand entgegen, die weiße, ein wenig zu kurze, aber
+feingegliederte Hand der Buddenbrooks. Seine rüstige Gestalt, an der nur
+die gepuderte Perücke und das Spitzen-Jabot weiß aufleuchtete, hob sich
+matt und unruhig beleuchtet von dem Dunkelrot der Fenstervorhänge ab.
+
+»Noch nicht müde? Ich gehe hier und horche auf den Wind ... verflixtes
+Wetter! Kapitän Kloht ist von Riga unterwegs ...«
+
+»O Vater, mit Gottes Hilfe wird alles gut gehen!«
+
+»Kann ich mich darauf verlassen? Zugegeben, daß du mit dem Herrgott auf
+du und du stehst ...«
+
+Dem Konsul ward wohler zumute angesichts dieser guten Laune.
+
+»Ja, um zur Sache zu kommen«, fing er an, »so wollte ich Ihnen nicht nur
+gute Nacht sagen, Papa, sondern ... aber Sie dürfen nicht böse werden,
+wie? Ich habe Sie mit diesem Briewe -- er ist heute Nachmittag gekommen
+-- bis jetzt nicht ennuyieren wollen ... an diesem heiteren Abend ...«
+
+»Monsieur Gotthold -- _voilà_!« Der Alte tat, als bliebe er ganz ruhig
+angesichts des bläulichen, versiegelte Papieres, das er entgegennahm.
+»Herrn Johann Buddenbrook _sen._ Persönlich ... Ein Mann von _conduite_,
+dein Herr Stiefbruder, Jean! Habe ich seinen zweiten Brief neulich
+überhaupt beantwortet? Allein er schreibt einen dritten ...« Während
+sein rosiges Gesicht sich mehr und mehr verdüsterte, zerriß er mit einem
+Finger das Siegel, entfaltete rasch das dünne Papier, wandte sich
+schräge, daß die Schrift vom Kandelaber aus beleuchtet ward und führte
+einen energischen Schlag mit dem Handrücken darauf. Selbst in dieser
+Handschrift schien Abtrünnigkeit und Rebellion zu liegen, denn während
+die Zeilen der Buddenbrooks sonst winzig, leicht und schräge über das
+Papier eilten, waren diese Buchstaben hoch, steil und mit plötzlichem
+Drucke versehen; viele Wörter waren mit einem raschen, gebogenen
+Federzug unterstrichen.
+
+Der Konsul hatte sich ein wenig seitwärts bis zur Wand, wo die Stühle
+standen, zurückgezogen; aber er setzte sich nicht, da sein Vater stand,
+sondern erfaßte nur mit einer nervösen Bewegung eine der hohen Lehnen,
+während er den Alten beobachtete, der, den Kopf zur Seite geneigt, mit
+finsteren Brauen und schnell sich bewegenden Lippen las ...
+
+»Mein Vater!
+
+Wohl zu Unrecht verhoffe ich, daß Ihr Rechtssinn groß genug sein wird,
+um die =Entrüstung= zu ästimieren, welche ich empfand, als mein zweiter,
+so =dringlicher= Brief in betreff der wohl bewußten Angelegenheit ohne
+Antwort verblieb, nachdem nur auf den ersten eine Entgegnung (ich
+geschweige welcher Art!) zur Hand gekommen war. Ich muß Ihnen
+aussprechen, daß die Art, in welcher Sie die Kluft, welche, dem Herrn
+sei's geklagt, zwischen uns besteht, durch Ihre Hartnäckigkeit
+vertiefen, eine =Sünde= ist, welche Sie einstmals vor Gottes
+Richterstuhl aufs =schwerste= werden verantworten müssen. Es ist traurig
+genug, daß Sie vor Jahr und Tag, als ich, auch gegen Ihren Willen, dem
+Zuge meines Herzens folgend, meine nunmehrige Gattin ehelichte und durch
+Übernahme eines Laden-Geschäftes Ihren =maßlosen= Stolz beleidigte, sich
+so überaus grausam und völlig von mir wandten; allein die Weise, in
+welcher Sie mich jetzt traktieren, schreit zum Himmel, und sollten Sie
+vermeinen, daß ich mich angesichts Ihres Schweigens kontentiert und
+still verhalten werde, so irren Sie =gröblichst=. -- Der Kaufpreis Ihres
+neu erworbenen Hauses in der Mengstraße hat 100000 Kurantmark betragen
+und ist mir ferner bekannt, daß Ihr Sohn aus zweiter Ehe und Associé,
+=Johann=, bei Ihnen mietweise wohnhaft ist und nach Ihrem Tode mit
+dem Geschäfte auch das Haus als alleiniger Besitzer übernehmen wird.
+Mit meiner Stiefschwester in Frankfurt und ihrem Gatten haben Sie
+Vereinbarungen getroffen, in die ich mich nicht zu mischen habe.
+Was aber mich, Ihren ältesten Sohn, angeht, so treiben Sie Ihren
+=unchristlichen= Zorn so weit, es schlanker Hand zu refüsieren, mir
+irgendeine Entschädigungssumme für den Anteil am Hause zukommen zu
+lassen! Ich habe es mit Stillschweigen übergangen, als Sie mir bei
+meiner Verheiratung und Etablierung 100000 Kurantmark auszahlten und mir
+testamentarisch ein für allemal nur ein Erbteil von 100000 zusprachen.
+Ich war damals nicht einmal hinlänglich orientiert über Ihre
+Vermögensverhältnisse. Jetzt jedoch sehe ich klarer, und da ich mich
+nicht als prinzipiell enterbt zu betrachten brauche, so =beanspruche=
+ich in diesem besonderen Falle eine Entschädigungssumme von 33335
+Kurantmark, will sagen ein Drittel der Kaufsumme. Ich will keine
+Vermutungen darüber anstellen, welchen =verdammungswürdigen= Einflüssen
+ich die Behandlung verdanke, welche ich bislang zu dulden genötigt war;
+aber ich =protestiere= gegen dieselbe mit dem ganzen Rechtssinn des
+=Christen= und des =Geschäftsmannes= und versichere Sie zum letzten
+Male, daß, sollten Sie sich nicht entschließen können, meine gerechten
+Ansprüche zu respektieren, ich Sie weder als =Christ= noch als =Vater=
+noch als =Geschäftsmann= länger werde achten können.
+
+ =Gotthold Buddenbrook.=«
+
+»Verzeih, wenn es mir kein Pläsier macht, dir diese Litanei noch einmal
+vorzubeten. -- _Voilà!_« Und mit einer grimmigen Bewegung warf Joh.
+Buddenbrook den Brief seinem Sohne zu.
+
+Der Konsul fing das Papier auf, als es in der Höhe seiner Knie
+flatterte, und folgte mit verwirrten und traurigen Augen den Schritten
+des Vaters. Der alte Herr ergriff den langen Kerzenlöscher, der beim
+Fenster lehnte und ging stramm und erzürnt am Tische entlang in den
+entgegengesetzten Winkel, zum Kandelaber.
+
+»_Assez!_ sage ich. _N'en parlons plus_, Punktum! Ins Bett! _En avant!_«
+Eine Flamme nach der anderen verschwand ohne Auferstehen unter dem
+kleinen Metalltrichter, der oben an der Stange befestigt war. Es
+brannten nur noch zwei Kerzen, als der Alte sich wieder nach seinem
+Sohne umwandte, den er dort hinten kaum zu erkennen vermochte.
+
+»_Eh bien_, was stehst du, was sagst du? Du mußt doch irgend etwas
+sagen!«
+
+»Was soll ich sagen, Vater? -- Ich bin ratlos.«
+
+»Es passiert leicht, daß du ratlos bist!« warf Johann Buddenbrook mit
+böser Betonung hin, obgleich er selbst wußte, daß diese Bemerkung nicht
+viel Wahres enthielt, und daß sein Sohn und Associé ihm manches Mal im
+entschlossenen Ergreifen des Vorteils überlegen gewesen war.
+
+»Schlechte und verdammungswürdige Einflüsse ...« fuhr der Konsul fort.
+»Das ist die erste Zeile, die ich entziffere! Sie begreifen nicht, wie
+mich das quält, Vater? Und er wirft uns Unchristlichkeit vor!«
+
+»Du wirst dich durch dieses miserable Geschreibsel einschüchtern lassen,
+-- ja?!« Johann Buddenbrook kam zornig herbei, den Kerzenlöscher hinter
+sich her schleifend. »Unchristlichkeit! Ha! Geschmackvoll, muß ich
+sagen, -- diese fromme Geldgier! Was seid ihr eigentlich für eine
+Kompanei, ihr jungen Leute, -- wie? Den Kopf voll christlicher und
+phantastischer Flausen ... und ... Idealismus! und wir Alten sind die
+herzlosen Spötter ... und nebenbei die Juli-Monarchie und die
+praktischen Ideale ... und lieber dem alten Vater die gröbsten Sottisen
+ins Haus schicken, als auf ein paar tausend Taler verzichten!... Und als
+Geschäftsmann wird er geruhen, mich zu verachten! Nun! als Geschäftsmann
+weiß ich, was _faux-frais_ sind, -- _faux-frais_!« wiederholte er mit
+grimmigem pariserischen Gurgel-r. »Ich mache mir diesen exaltierten
+Schlingel von einem Sohn nicht ergebener, wenn ich mich demütigen sollte
+und nachgeben ...«
+
+»Lieber Vater, was soll ich antworten! Ich will nicht, daß er recht hat
+mit dem, was er von `Einflüssen´ sagt! Ich bin als Teilhaber
+interessiert und gerade deshalb dürfte ich dir nicht raten, auf deinem
+Standpunkt zu bestehen, jedoch ... Und ich bin ein so guter Christ als
+Gotthold, jedoch ...«
+
+»Jedoch! Ja, du hast meiner Treu recht, `jedoch´ zu sagen, Jean! Wie
+verhalten sich die Dinge denn eigentlich? Damals, als er für seine
+Mamsell Stüwing inflammiert war, als er mir Szene für Szene machte und
+am Ende, meinem strengen Verbot zum Trotz, diese Mesalliance einging, da
+schrieb ich ihm: _Mon très cher fils_, du heiratest deinen Laden,
+Punktum. Ich enterbe dich nicht, ich mache kein _spectacle_, aber mit
+unserer Freundschaft ist es zu Ende. Hier hast du 100000 als Mitgift,
+ich vermache dir andere 100000 im Testamente, aber damit basta, damit
+bist du abgefertigt, es gibt keinen Schilling mehr. -- Dazu hat er
+geschwiegen. Was geht es ihn an, wenn wir Geschäfte gemacht haben? Wenn
+du und deine Schwester eine tüchtige Portion mehr bekommen werden? Wenn
+von dem Erbteil, das euer ist, ein Haus gekauft wurde ...«
+
+»Wenn Sie verstünden, Vater, in welchem Dilemma ich mich befinde! Um der
+Familieneintracht willen müßte ich raten ... aber ...« Der Konsul
+seufzte leise auf, an seinen Stuhl gelehnt. Johann Buddenbrook spähte,
+gestützt auf die Löschstange, aufmerksam in das unruhige Halbdunkel
+hinein, um den Gesichtsausdruck des Sohnes zu erforschen. Die vorletzte
+Kerze war heruntergebrannt und von selbst erloschen; nur eine flackerte
+noch, dort hinten. Dann und wann trat eine hohe, weiße Figur ruhig
+lächelnd aus der Tapete hervor und verschwand wieder.
+
+»Vater, -- dieses Verhältnis mit Gotthold bedrückt mich!« sagte der
+Konsul leise.
+
+»Unsinn, Jean, keine Sentimentalität! Was bedrückt dich?«
+
+»Vater, ... wir haben hier heute so heiter beieinander gesessen, wir
+haben einen schönen Tag gefeiert, wir waren stolz und glücklich in dem
+Bewußtsein, etwas geleistet zu haben, etwas erreicht zu haben ... unsere
+Firma, unsere Familie auf eine Höhe gebracht zu haben, wo ihr
+Anerkennung und Ansehen im reichsten Maße zuteil wird ... Aber, Vater,
+diese böse Feindschaft mit meinem Bruder, deinem ältesten Sohne ... Es
+sollte kein heimlicher Riß durch das Gebäude laufen, das wir mit Gottes
+gnädiger Hilfe errichtet haben ... Eine Familie muß einig sein, muß
+zusammenhalten, Vater, sonst klopft das Übel an die Tür ...«
+
+»Flausen, Jean! Possen! Ein obstinater Junge ...«
+
+Es entstand eine Pause; die letzte Flamme senkte sich tiefer und tiefer.
+
+»Was machst du, Jean?« fragte Johann Buddenbrook. »Ich sehe dich gar
+nicht mehr.«
+
+»Ich rechne«, sagte der Konsul trocken. Die Kerze flammte auf, und man
+sah, wie er gerade aufgerichtet und mit Augen, so kalt und aufmerksam,
+wie sie während des ganzen Nachmittags noch nicht darein geschaut
+hatten, fest in die tanzende Flamme blickte. -- »Einerseits: Sie geben
+33335 an Gotthold und 15000 an die in Frankfurt, und das macht 48335 in
+Summa. Andererseits: Sie geben nur 25000 an die in Frankfurt, und das
+bedeutet für die Firma einen Gewinn von 23335. Das ist aber nicht alles.
+Gesetzt, Sie leisten an Gotthold eine Entschädigungssumme für den Anteil
+am Hause, so ist das Prinzip durchbrochen, so ist er damals =nicht=
+endgültig abgefunden worden, so kann er nach Ihrem Tode ein gleich
+großes Erbe beanspruchen, wie meine Schwester und ich, und dann handelt
+es sich für die Firma um einen Verlust von Hunderttausenden, mit dem sie
+nicht rechnen kann, mit dem ich als künftiger alleiniger Inhaber nicht
+rechnen kann ... Nein, Papa!« beschloß er mit einer energischen
+Handbewegung und richtete sich noch höher auf. »Ich muß Ihnen abraten,
+nachzugeben!« --
+
+»Na also! Punktum! _N'en parlons plus! En avant!_ Ins Bett!«
+
+Das letzte Flämmchen verlosch unter dem Metallhütchen. In dichter
+Finsternis schritten die beiden durch die Säulenhalle, und draußen, beim
+Aufgang zum zweiten Stocke, schüttelten sie einander die Hand.
+
+»Gut' Nacht, Jean ... Courage, du? Das sind so Ärgerlichkeiten ... Auf
+Wiedersehen morgen beim Frühstück!«
+
+Der Konsul stieg die Treppe hinauf in seine Wohnung, und der Alte
+tastete sich am Geländer ins Zwischengeschoß hinunter. Dann lag das
+weite, alte Haus wohlverschlossen in Dunkelheit und Schweigen. Stolz,
+Hoffnungen und Befürchtungen ruhten, während draußen in den stillen
+Straßen der Regen rieselte und der Herbstwind um Giebel und Ecken
+pfiff.
+
+
+
+
+Zweiter Teil
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Zweiundeinhalbes Jahr später, um die Mitte des April schon, war zeitiger
+als jemals der Frühling gekommen, und zu gleicher Zeit war ein Ereignis
+eingetreten, das den alten Johann Buddenbrook vor Vergnügen trällern
+machte und seinen Sohn aufs freudigste bewegte.
+
+Um 9 Uhr, eines Sonntagmorgens, saß der Konsul im Frühstückszimmer vor
+dem großen, braunen Sekretär, der am Fenster stand und dessen gewölbter
+Deckel vermittelst eines witzigen Mechanismus zurückgeschoben war. Eine
+dicke Ledermappe, gefüllt mit Papieren, lag vor ihm; aber er hatte ein
+Heft mit gepreßtem Umschlage und Goldschnitt herausgenommen und schrieb,
+eifrig darüber gebeugt, in seiner dünnen, winzig dahineilenden Schrift,
+-- emsig und ohne Aufenthalt, es sei denn, daß er die Gänsefeder in das
+schwere Metalltintenfaß tauchte ...
+
+Die beiden Fenster standen offen, und vom Garten her, wo eine milde
+Sonne die ersten Knospen beschien, und wo ein paar kleine Vogelstimmen
+einander kecke Antworten gaben, wehte voll frischer und zarter Würze die
+Frühlingsluft herein und trieb dann und wann sacht und geräuschlos die
+Gardinen ein wenig empor. Drüben, auf dem Frühstückstische, ruhte die
+Sonne blendend auf dem weißen, hie und da von Brosamen gesprenkelten
+Leinen und spielte in kleinen, blitzenden Drehungen und Sprüngen auf der
+Vergoldung der mörserförmigen Tassen ...
+
+Beide Flügel der Tür zum Schlafzimmer waren geöffnet, und von dorther
+vernahm man die Stimme Johann Buddenbrooks, der ganz leise nach einer
+alten drolligen Melodie vor sich hin summte:
+
+ »Ein guter Mann, ein braver Mann,
+ Ein Mann von Complaisancen;
+ Er kocht die Supp' und wiegt das Kind
+ Und riecht nach Pomeranzen.«
+
+Er saß zur Seite der kleinen Wiege mit grünseidenen Vorhängen, die bei
+dem hohen Himmelbett der Konsulin stand, und die er mit einer Hand in
+gleichmäßiger Schwingung erhielt. Die Konsulin und ihr Gatte hatten
+sich, der leichteren Bedienung halber, für einige Zeit hier unten
+eingerichtet, während ihr Vater und Madame Antoinette, die, eine Schürze
+über dem gestreiften Kleide und eine Spitzenhaube auf den dicken weißen
+Locken, sich dort hinten am Tische mit Flanell und Linnen zu schaffen
+machte, das dritte Zimmer des Zwischengeschosses zum Schlafen benutzten.
+
+Konsul Buddenbrook warf kaum einen Blick in das Nebenzimmer, so sehr war
+er von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Sein Gesicht trug einen
+ernsten und vor Andacht beinahe leidenden Ausdruck. Sein Mund war leicht
+geöffnet, er ließ das Kinn ein wenig hängen, und seine Augen
+verschleierten sich dann und wann. Er schrieb:
+
+»Heute, d. 14. April 1838, morgens um 6 Uhr, ward meine liebe Frau
+Elisabeth, geb. Kröger, mit Gottes gnädiger Hilfe aufs glücklichste von
+einem Töchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Klara
+empfangen soll. Ja, so gnädig half ihr der Herr, obgleich nach Aussage
+des Doktors Grabow die Geburt um etwas zu früh eintrat und sich vordem
+nicht alles zum besten verhielt und Bethsy große Schmerzen gelitten hat.
+Ach, wo ist doch ein solcher Gott, wie du bist, du Herr Zebaoth, der du
+hilfst in allen Nöten und Gefahren und uns lehrst deinen Willen recht zu
+erkennen, damit wir dich fürchten und in deinem Willen und Geboten treu
+mögen erfunden werden! Ach Herr, leite und führe uns alle, so lange wir
+leben auf Erden ...« -- Die Feder eilte weiter, glatt, behende, und
+indem sie hie und da einen kaufmännischen Schnörkel ausführte, und
+redete Zeile für Zeile zu Gott. Zwei Seiten weiter hieß es:
+
+»Ich habe meiner jüngsten Tochter eine Police von 150 Kuranttalern
+ausgeschrieben. Führe du sie, ach Herr! auf deinen Wegen, und schenke
+du ihr ein reines Herz, auf daß sie einstmals eingehe in die Wohnungen
+des ewigen Friedens. Denn wir wissen wohl, wie schwer es sei, von ganzer
+Seele zu glauben, daß der ganze liebe süße Jesus mein sei, weil unser
+irdisches kleines schwaches Herz ...« Nach drei Seiten schrieb der
+Konsul ein »Amen«, allein die Feder glitt weiter, sie glitt mit feinem
+Geräusch noch über manches Blatt, sie schrieb von der köstlichen Quelle,
+die den müden Wandersmann labt, von des Seligmachers heiligen,
+bluttriefenden Wunden, vom engen und vom breiten Wege und von Gottes
+großer Herrlichkeit. Es kann nicht geleugnet werden, daß der Konsul nach
+diesem oder jenem Satze die Neigung verspürte, es nun genug sein zu
+lassen, die Feder fortzulegen, hinein zu seiner Gattin zu gehen oder
+sich ins Kontor zu begeben. Wie aber! Wurde er es so bald müde, sich mit
+seinem Schöpfer und Erhalter zu bereden? Welch ein Raub an Ihm, dem
+Herrn, schon jetzt einzuhalten mit Schreiben ... Nein, nein, als
+Züchtigung gerade für sein unfrommes Gelüste, zitierte er noch längere
+Abschnitte aus den heiligen Schriften, betete für seine Eltern, seine
+Frau, seine Kinder und sich selbst, betete auch für seinen Bruder
+Gotthold, -- und endlich, nach einem letzten Bibelspruch und einem
+letzten, dreimaligen Amen, streute er Goldsand auf die Schrift und
+lehnte sich aufatmend zurück.
+
+Ein Bein über das andere geschlagen, blätterte er langsam in dem Hefte
+zurück, um hie und da einen Abschnitt der Daten und Betrachtungen zu
+lesen, die sich von seiner Hand dort vorfanden, und sich wieder einmal
+dankbar der Erkenntnis zu freuen, wie immer und in aller Gefahr Gottes
+Hand ihn sichtbar gesegnet. Er hatte die Pocken gehabt so stark, daß
+alle Leute ihm das Leben absprachen, aber er war gerettet worden. Einmal
+-- er war noch ein Knabe -- hatte er den Vorbereitungen zu einer
+Hochzeit beigewohnt, wobei viel Bier gebraut wurde (denn es bestand die
+alte Sitte, das Bier im Hause zu brauen), und zu diesem Ende stand ein
+großes Brauküben vor der Türe aufgerichtet. Nun, dasselbe schlug nieder
+und die Bodenseite auf den Knaben, mit solchem Knall und solcher Gewalt,
+daß die Nachbarn vor die Türe kamen und ihrer sechs genug zu tun hatten,
+es wieder aufzurichten. Sein Kopf ward gequetscht, und das Blut rann
+heftig über alle seine Gliedmaßen. Er wurde in einen Laden getragen,
+und da noch ein wenig Leben in ihm war, ward zum Doktor und zum Wundarzt
+geschickt. Dem Vater aber sprach man zu, er möge sich in Gottes Willen
+schicken, es sei unmöglich, daß der Knabe am Leben bliebe ... Und nun
+höre: Gott der Allmächtige segnete die Mittel und half ihm wieder zur
+vollkommenen Gesundheit! -- Als der Konsul diesen Unglücksfall im Geiste
+aufs neue erlebt hatte, ergriff er noch einmal die Feder und schrieb
+hinter sein letztes Amen: »Ja, Herr, ich will dich loben ewiglich!«
+
+Ein anderes Mal, als er, ein ganz junger Mensch noch, nach Bergen
+gekommen war, hatte Gott ihn aus großer Wassersgefahr errettet. »Indem
+wir«, stand dort, »in der Stromzeit, wenn die Nordfahrer angekommen
+sind, sehr viel arbeiten mußten, durch die Jagden zu kommen und zu
+unserer Brücke zu gelangen, so ging es mir dabei so, daß ich auf dem
+Rande der Schute stand, die Füße gegen die Dollen und den Rücken gegen
+die Jagd gestützt, um die Schute immer näher zu bringen; zu meinem
+Unglück brechen die eichnen Dollen, wogegen ich die Füße gesetzt hatte,
+und ich falle über Kopf ins Wasser. Ich komme zum erstenmal auf, aber
+niemand ist so nahe, daß er mich fassen kann; ich komme zum zweitenmal
+auf, allein die Schute geht mir über den Kopf. Es waren Leute genug da,
+die mich gerne retten wollten, allein sie mußten erst schieben, daß die
+Jagd und Schute nicht über mich kämen, und all' ihr Schieben hätte doch
+nichts geholfen, wenn nicht in diesem Augenblick ein Tau auf einer
+Nordfahrerjagd von selbst gerissen wäre, wodurch die Jagd hinaustrieb,
+und ich also durch Gottes Verhängnis Raum erhielt, und obwohl ich zum
+drittenmal nicht weiter aufkam, als daß nur die Haare zur Sicht kamen,
+so gelang es, weil alle die Köpfe, der eine hier, der andere dort, aus
+der Schute über dem Wasser waren, daß einer, der nach vorne zu aus der
+Schute lag, mich an den Haaren faßte, und ich griff ihn am Arm. Allein
+da er sich selbst nicht halten konnte, schrie und brüllte er so
+gewaltig, daß die anderen es hörten und ihn so geschwind an den Hüften
+faßten und mit Macht festhielten, daß er standhalten konnte. Auch ich
+hielt immer fest, wenngleich er mich in den Arm biß, und kam es dadurch
+dahin, daß er auch mir helfen konnte ...« Und dann folgte ein sehr
+langes Dankgebet, das der Konsul mit feuchten Augen überlas.
+
+»Ich könnte gar vieles anführen«, hieß es an anderer Stelle, »wenn ich
+gewilligt wäre, meine Leidenschaften zu entdecken, allein ...« Nun,
+hierüber ging der Konsul hinweg und begann hie und da ein paar Zeilen
+aus der Zeit seiner Verheiratung und seiner ersten Vaterschaft zu lesen.
+Diese Verbindung war, sollte er ehrlich sein, nicht gerade das gewesen,
+was man eine Liebesheirat nennt. Sein Vater hatte ihm auf die Schulter
+geklopft und ihn auf die Tochter des reichen Kröger, die der Firma eine
+stattliche Mitgift zuführte, aufmerksam gemacht, er war von Herzen
+einverstanden gewesen und hatte fortan seine Gattin verehrt, als die ihm
+von Gott vertraute Gefährtin ...
+
+Mit der zweiten Heirat seines Vaters hatte es sich ja nicht anders
+verhalten.
+
+ »Ein guter Mann, ein braver Mann,
+ Ein Mann von Complaisancen« ...
+
+trällerte er leise im Schlafzimmer. Bedauerlich, wie wenig Sinn er für
+alle diese alten Aufzeichnungen und Papiere besaß. Er stand mit beiden
+Beinen in der Gegenwart und beschäftigte sich nicht viel mit der
+Vergangenheit der Familie, wenngleich er ehemals dem dicken
+Goldschnittheft immerhin ein paar Notizen in seiner etwas schnörkeligen
+Handschrift hinzugefügt hatte, und zwar hauptsächlich in betreff seiner
+ersten Ehe.
+
+Der Konsul schlug die Blätter auf, die stärker und rauher waren als das
+Papier, das er selbst hineingeheftet, und die schon zu vergilben
+begannen ... Ja, Johann Buddenbrook mußte diese erste Gattin, die
+Tochter eines Bremer Kaufmannes, in rührender Weise geliebt haben, und
+das eine, kurze Jahr, das er an ihrer Seite hatte verleben dürfen,
+schien sein schönstes gewesen zu sein. »_L'année la plus heureuse de ma
+vie_«, stand dort, mit einer krausen Wellenlinie unterstrichen, auf die
+Gefahr hin, daß Madame Antoinette es las ...
+
+Dann aber war Gotthold gekommen, und das Kind hatte Josephinen zugrunde
+gerichtet ... Wunderliche Bemerkungen standen, was dies betrifft, auf
+dem rauhen Papier. Johann Buddenbrook schien dieses neue Wesen ehrlich
+und bitterlich gehaßt zu haben, von dem Augenblick an, wo seine ersten
+kecken Regungen der Mutter gräßliche Schmerzen bereitet hatten, --
+gehaßt zu haben, bis es gesund und lebhaft zur Welt kam, während
+Josephine, den blutleeren Kopf in die Kissen gewühlt, verschied, -- und
+niemals diesem skrupellosen Eindringling, der kräftig und sorglos
+heranwuchs, den Mord der Mutter verziehen zu haben ... Der Konsul
+verstand das nicht. Sie starb, dachte er, indem sie die hohe Pflicht des
+Weibes erfüllte, und ich hätte die Liebe zu ihr zärtlich auf das Wesen
+übertragen, dem sie das Leben schenkte, und das sie mir scheidend
+hinterließ ... Er aber, der Vater, hat in seinem ältesten Sohne nie
+etwas anderes als den ruchlosen Zerstörer seines Glückes erblickt. Dann,
+später, hatte er sich mit Antoinette Duchamps, dem Kinde einer reichen
+und hochangesehenen Hamburger Familie, vermählt und respektvoll und
+aufmerksam hatten die beiden nebeneinander gelebt ...
+
+Der Konsul blätterte hin und her im Hefte. Er las, ganz hinten, die
+kleinen Geschichten seiner eigenen Kinder, wann Tom die Masern und
+Antonie die Gelbsucht gehabt und Christian die Windpocken überstanden
+hatte; er las von den verschiedenen Reisen nach Paris, der Schweiz und
+Marienbad, die er mit seiner Gattin unternommen, und schlug zurück bis
+zu den pergamentartigen, eingerissenen, gelbgesprenkelten Blättern, die
+der alte Johann Buddenbrook, der Vater des Vaters, mit blaßgrauer Tinte
+in weitläufigen Schnörkeln beschrieben hatte. Diese Aufzeichnungen
+begannen mit einer weitläufigen Genealogie, welche die Hauptlinie
+verfolgte. Wie am Ende des 16. Jahrhunderts ein Buddenbrook, der
+älteste, der bekannt, in Parchim gelebt, und sein Sohn zu Grabau
+Ratsherr geworden sei. Wie ein fernerer Buddenbrook, Gewandschneider
+seines Zeichens, zu Rostock geheiratet, »sich sehr gut gestanden« -- was
+unterstrichen war -- und eine ungemeine Menge von Kindern gezeugt habe,
+tote und lebendige, wie es gerade kam ... Wie wiederum einer, der schon
+Johan geheißen, als Kaufmann zu Rostock verblieben, und wie schließlich,
+am Ende und nach manchem Jahr, des Konsuls Großvater hierhergekommen sei
+und die Getreidefirma gegründet habe. Von diesem Vorfahren waren schon
+alle Daten bekannt: Wann er die Frieseln und wann die echten Blattern
+gehabt, war treu verzeichnet; wann er vom dritten Boden auf die Darre
+gestürzt und am Leben geblieben, obgleich eine Menge Balken im Wege
+gewesen seien, und wann er in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen,
+stand reinlich vermerkt. Und er hatte seinen Notizen manche gute
+Ermahnung an seine Nachkommen hinzugefügt, von denen, sorgfältig in
+hoher gotischer Schrift gemalt und umrahmt, der Satz hervorstach: »Mein
+Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche,
+daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.« Und dann war umständlich
+nachgewiesen, daß ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte Bibel zugehöre,
+und daß sie auf seinen Erstgeborenen und wiederum auf dessen Ältesten
+übergehen solle ...
+
+Konsul Buddenbrook zog die Ledermappe zu sich heran, um dies oder jenes
+der übrigen Papiere herauszugreifen und zu überlesen. Da waren uralte,
+gelbe, zerrissene Briefe, welche sorgende Mütter an ihre in der Fremde
+arbeitenden Söhne geschrieben hatten, und die vom Empfänger mit der
+Bemerkung versehen waren: »Wohl empfangen und den Inhalt beherzigt.« Da
+waren Bürgerbriefe mit Wappen und Siegel der freien und Hansestadt,
+Policen, Gratulationspoeme und Patenbriefe. Da waren diese rührenden
+Geschäftsbriefe, die etwa der Sohn an den Vater und Kompagnon aus
+Stockholm oder Amsterdam geschrieben, die mit einer Beruhigung in
+betreff des ziemlich gesicherten Weizens die dringende Bitte verbanden,
+=sogleich= Frau und Kinder zu grüßen ... Da war ein besonderes Tagebuch
+des Konsuls über seine Reise durch England und Brabant, ein Heft, auf
+dessen Umschlag ein Kupfer das Edinburger Schloß mit dem Graßmarkte
+darstellte. Da waren als traurige Dokumente die bösen Briefe Gottholds
+an seinen Vater und schließlich, als heiterer Abschluß, das letzte
+Festgedicht Jean Jacques Hoffstedes ...
+
+Ein feines, eiliges Klingeln ließ sich vernehmen. Der Kirchturm droben,
+auf dem mattfarbigen Gemälde, das über dem Sekretär hing und einen
+altertümlichen Marktplatz darstellte, besaß eine wirkliche Uhr, die nun
+auf ihre Weise zehn schlug. Der Konsul verschloß die Familienmappe und
+verwahrte sie sorgfältig in einem hinteren Fache des Sekretärs. Dann
+ging er ins Schlafzimmer hinüber.
+
+Hier waren die Wände mit dunklem, großgeblümtem Tuche ausgeschlagen, dem
+gleichen Stoffe, aus dem die hohen Gardinen des Wochenbettes bestanden.
+Eine Stimmung von Erholung und Frieden nach überstandenen Ängsten und
+Schmerzen lag in der Luft, die, vom Ofen noch leise erwärmt, mit einem
+Mischgeruch von _Eau de Cologne_ und Medikamenten durchsetzt war. Die
+geschlossenen Vorhänge ließen das Licht nur dämmernd herein.
+
+Über die Wiege gebeugt standen die beiden Alten nebeneinander und
+betrachteten das schlafende Kind. Die Konsulin aber, in einer eleganten
+Spitzenjacke, das rötliche Haar aufs beste frisiert, streckte, ein wenig
+bleich noch, aber mit einem glücklichen Lächeln ihrem Gatten die schöne
+Hand entgegen, an deren Gelenk auch jetzt ein goldenes Armband leise
+klirrte. Sie wandte dabei, nach ihrer Gewohnheit, die Handfläche soweit
+als möglich herum, was die Herzlichkeit der Bewegung zu erhöhen
+schien ...
+
+»Nun, Bethsy, wie geht es?«
+
+»Vortrefflich, vortrefflich, mein lieber Jean!«
+
+Ihre Hand in der seinen, näherte er, den Eltern gegenüber, sein Gesicht
+dem Kinde, das rasch und geräuschvoll Luft holte, und atmete während
+einer Minute den warmen, gutmütigen und rührenden Duft ein, der von ihm
+ausging. »Gott segne dich«, sagte er leise, indem er die Stirn des
+kleinen Wesens küßte, dessen gelbe, runzlige Fingerchen eine
+verzweifelte Ähnlichkeit mit Hühnerklauen besaßen.
+
+»Sie hat prächtig getrunken«, bemerkte Madame Antoinette. »Sieh nur, sie
+hat stupende zugenommen ...«
+
+»Wollt ihr mir glauben, daß sie Netten ähnlich sieht?« Johann
+Buddenbrooks Gesicht strahlte heute geradezu vor Glück und Stolz.
+»Blitzschwarze Augen hat sie, hole mich der Teufel ...«
+
+Die alte Dame wehrte bescheiden ab. »Ach, wie kann man schon jetzt von
+einer Ähnlichkeit sprechen ... Du willst zur Kirche, Jean?«
+
+»Ja, es ist zehn, -- hohe Zeit also, ich warte auf die Kinder ...«
+
+Und die Kinder ließen sich bereits hören. Sie lärmten ungebührlich auf
+der Treppe, während man das beruhigende Zischen Klothildens vernahm;
+dann aber traten sie in ihren Pelzmäntelchen -- denn in der Marienkirche
+war es natürlich noch winterlich -- leise und vorsichtig herein, erstens
+wegen der kleinen Schwester und zweitens, weil es nötig war, sich vor
+dem Gottesdienste zu sammeln. Ihre Gesichter waren rot und erregt. Welch
+ein Festtag heute! Der Storch, ein Storch mit braven Muskeln,
+entschieden, hatte außer dem Schwesterchen noch allerlei Prachtvolles
+mitgebracht: eine neue Schulmappe mit Seehundsfell für Thomas, eine
+große Puppe mit wirklichem -- dies war das Außerordentliche -- mit
+wirklichem Haar für Antonie, ein buntes Bilderbuch für die artige
+Klothilde, die sich aber still und dankbar fast ausschließlich mit den
+Zuckertüten beschäftigte, die gleichfalls eingetroffen waren, und für
+Christian ein komplettes Kasperle-Theater mit Sultan, Tod und Teufel ...
+
+Sie küßten ihre Mutter und durften rasch noch einmal behutsam hinter die
+grünseidne Gardine blicken, worauf sie mit dem Vater, der seinen
+Pelerinenmantel übergeworfen und das Gesangbuch zur Hand genommen hatte,
+schweigend und ruhigen Schrittes zur Kirche zogen, gefolgt von dem
+durchdringenden Geschrei des neuen Familiengliedes, das plötzlich
+erwacht war ...
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Zum Sommer, im Mai vielleicht schon, oder im Juni, zog Tony Buddenbrook
+immer zu den Großeltern vors Burgtor hinaus, und zwar mit heller Freude.
+
+Es lebte sich gut dort draußen im Freien, in der luxuriös eingerichteten
+Villa mit weitläufigen Nebengebäuden, Dienerschaftswohnungen und Remisen
+und dem ungeheuren Obst-, Gemüse- und Blumengarten, der sich schräg
+abfallend bis zur Trave hinunterzog. Die Krögers lebten auf großem Fuße,
+und obgleich ein Unterschied bestand zwischen diesem blitzblanken
+Reichtum und dem soliden, wenn auch ein wenig schwerfälligen Wohlstand
+in Tonys Elternhause, so war es augenfällig, daß bei den Großeltern
+alles immer noch um zwei Grade prächtiger war, als zu Hause; und das
+machte Eindruck auf die junge Demoiselle Buddenbrook.
+
+An eine Tätigkeit im Hause oder gar in der Küche war hier niemals zu
+denken, während in der Mengstraße der Großvater und die Mama wohl
+gleichfalls nicht viel Gewicht darauf legten, der Vater aber und die
+Großmama sie oft genug mahnten, den Staub zu wischen und ihr die
+ergebene, fromme und fleißige Kusine Thilda als Muster vorhielten. Die
+feudalen Neigungen der mütterlichen Familie regten sich in dem kleinen
+Fräulein, wenn sie vom Schaukelstuhle aus der Zofe oder dem Diener einen
+Befehl erteilte ... Zwei Mädchen und ein Kutscher gehörten außer ihnen
+zum Personale der alten Herrschaften.
+
+Was man sagen mag, so ist es etwas Angenehmes, wenn beim Erwachen
+morgens in dem großen, mit hellem Stoff tapezierten Schlafzimmer die
+erste Bewegung der Hand eine schwere Atlassteppdecke trifft; und es ist
+nennenswert, wenn zum ersten Frühstück vorn im Terrassenzimmer, während
+durch die offene Glastür vom Garten die Morgenluft hereinstreicht, statt
+des Kaffees oder des Tees eine Tasse Schokolade verabreicht wird, ja,
+jeden Tag Geburtstagsschokolade mit einem dicken Stück feuchten
+Napfkuchens.
+
+Dieses Frühstück freilich mußte Tony, abgesehen von den Sonntagen, ohne
+Gesellschaft einnehmen, da die Großeltern lange nach Beginn der
+Schulzeit herunterzukommen pflegten. Wenn sie ihren Kuchen zur
+Schokolade verzehrt hatte, so ergriff sie die Büchermappe, trippelte die
+Terrasse hinunter und schritt durch den wohlgepflegten Vorgarten.
+
+Sie war höchst niedlich, die kleine Tony Buddenbrook. Unter dem Strohhut
+quoll ihr starkes Haar, dessen Blond mit den Jahren dunkler wurde,
+natürlich gelockt hervor, und die ein wenig hervorstehende Oberlippe gab
+dem frischen Gesichtchen mit den graublauen, munteren Augen einen
+Ausdruck von Keckheit, der sich auch in ihrer graziösen kleinen Gestalt
+wiederfand; sie setzte ihre schmalen Beinchen in den schneeweißen
+Strümpfen mit einer wiegenden und elastischen Zuversichtlichkeit. Viele
+Leute kannten und begrüßten die kleine Tochter des Konsuls Buddenbrook,
+wenn sie durch die Gartenpforte in die Kastanienallee hinaustrat. Eine
+Gemüsefrau vielleicht, die, ihre große Strohschute mit hellgrünen
+Bändern auf dem Kopf, in ihrem Wägelchen vom Dorfe hereinkutschierte,
+rief ihr ein freundliches »God'n Morgen ook, Mamselling!« zu, und der
+große Kornträger Matthiesen, der in seinem schwarzen Habit mit
+Pumphosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen vorüberging, nahm vor
+Ehrerbietung sogar seinen rauhen Zylinder ab ...
+
+Tony blieb ein bißchen stehen, um auf ihre Nachbarin Julchen Hagenström
+zu warten, mit der sie den Schulweg zurückzulegen pflegte. Dies war ein
+Kind mit etwas zu hohen Schultern und großen, blanken, schwarzen Augen,
+das nebenan in der völlig von Weinlaub bewachsenen Villa wohnte. Ihr
+Vater, Herr Hagenström, dessen Familie noch nicht lange am Orte ansässig
+war, hatte eine junge Frankfurterin geheiratet, eine Dame mit
+außerordentlich dickem schwarzen Haar und den größten Brillanten der
+Stadt an den Ohren, die übrigens Semlinger hieß. Herr Hagenström,
+welcher Teilhaber einer Exportfirma -- Strunck & Hagenström -- war,
+entwickelte in städtischen Angelegenheiten viel Eifer und Ehrgeiz, hatte
+jedoch bei Leuten mit strengeren Traditionen, den Möllendorpfs,
+Langhals' und Buddenbrooks, mit seiner Heirat einiges Befremden erregt
+und war, davon abgesehen, trotz seiner Rührigkeit als Mitglied von
+Ausschüssen, Kollegien, Verwaltungsräten und dergleichen nicht
+sonderlich beliebt. Er schien es darauf abgesehen zu haben, den
+Angehörigen der alteingesessenen Familien bei jeder Gelegenheit zu
+opponieren, ihre Meinungen auf schlaue Weise zu widerlegen, die seine
+dagegen durchzusetzen und sich als weit tüchtiger und unentbehrlicher zu
+erweisen als sie. Konsul Buddenbrook sagte von ihm: »Hinrich Hagenström
+ist aufdringlich mit seinen Schwierigkeiten ... Er muß es geradezu auf
+mich persönlich abgesehen haben; wo er kann, behindert er mich ... Heute
+gab es eine Szene in der Sitzung der Zentral-Armen-Deputation, vor ein
+paar Tagen im Finanz-Departement ...« Und Johann Buddenbrook fügte
+hinzu: »Ein oller Stänker!« -- Ein anderes Mal kamen Vater und Sohn
+zornig und deprimiert zu Tische ... Was passiert sei? Ach, nichts ...
+Eine große Lieferung Roggen nach Holland sei ihnen verloren gegangen;
+Strunck & Hagenström hätten sie ihnen vor der Nase weggeschnappt; ein
+Fuchs, dieser Hinrich Hagenström ...
+
+Solche Äußerungen hatte Tony oft genug angehört, um gar nicht zum besten
+gegen Julchen Hagenström gestimmt zu sein. Sie gingen gemeinsam, weil
+sie einmal Nachbarinnen waren, aber meistens ärgerten sie einander.
+
+»Mein Vater hat tausend Taler!« sagte Julchen und glaubte entsetzlich zu
+lügen. »Deiner vielleicht --?«
+
+Tony schwieg vor Neid und Demütigung. Dann sagte sie ganz ruhig und
+beiläufig:
+
+»Meine Schokolade eben hat furchtbar gut geschmeckt ... Was trinkst du
+eigentlich zum Frühstück, Julchen?«
+
+»Ja, ehe ich es vergesse«, antwortete Julchen; »möchtest du gern einen
+von meinen Äpfeln haben? -- Ja päh! ich gebe dir aber keinen!« Und dabei
+kniff sie ihre Lippen zusammen, und ihre schwarzen Augen wurden feucht
+vor Vergnügen. --
+
+Manchmal ging Julchens Bruder Hermann, ein paar Jahre älter als sie,
+gleichzeitig zur Schule. Sie besaß noch einen zweiten Bruder namens
+Moritz, aber dieser war kränklich und ward zu Hause unterrichtet.
+Hermann war blond, aber seine Nase lag ein wenig platt auf der
+Oberlippe. Auch schmatzte er beständig mit den Lippen, denn er atmete
+nur durch den Mund.
+
+»Unsinn!« sagte er, »Papa hat viel mehr als tausend Taler.« Das
+Interessante an ihm aber war, daß er als zweites Frühstück zur Schule
+nicht Brot mitnahm, sondern Zitronensemmel: ein weiches, ovales
+Milchgebäck, das Korinthen enthielt, und das er sich zum Überfluß mit
+Zungenwurst oder Gänsebrust belegte ... Dies war so sein Geschmack.
+
+Für Tony Buddenbrook war das etwas Neues. Zitronensemmel mit Gänsebrust,
+-- übrigens mußte es gut schmecken! Und wenn er sie in seine Blechbüchse
+blicken ließ, so verriet sie den Wunsch, ein Stück zu probieren. Eines
+Morgens sagte Hermann:
+
+»Ich kann nichts entbehren, Tony, aber morgen werde ich ein Stück mehr
+mitbringen, und das soll für dich sein, wenn du mir etwas dafür
+wiedergeben willst.«
+
+Nun, am nächsten Morgen trat Tony in die Allee hinaus und wartete fünf
+Minuten, ohne daß Julchen gekommen wäre. Sie wartete noch eine Minute,
+und dann kam Hermann allein; er schwenkte seine Frühstücksdose am
+Riemen hin und her und schmatzte leise.
+
+»Na«, sagte er, »hier ist eine Zitronensemmel mit Gänsebrust; es ist
+nicht einmal Fett daran, -- das pure Fleisch ... Was gibst du mir
+dafür?«
+
+»Ja, -- einen Schilling vielleicht?« fragte Tony. Sie standen mitten in
+der Allee.
+
+»Einen Schilling ...« wiederholte Hermann; dann schluckte er hinunter
+und sagte:
+
+»Nein, ich will etwas anderes haben.«
+
+»Was denn?« fragte Tony; sie war bereit, alles Mögliche für den
+Leckerbissen zu geben ...
+
+»Einen Kuß!« rief Hermann Hagenström, schlang beide Arme um Tony und
+küßte blindlings darauf los, ohne ihr Gesicht zu berühren, denn sie
+hielt mit ungeheurer Gelenkigkeit den Kopf zurück, stemmte die linke
+Hand mit der Büchermappe gegen seine Brust und klatschte mit der rechten
+drei oder viermal aus allen Kräften in sein Gesicht ... Er taumelte
+zurück; aber im selben Augenblick fuhr hinter einem Baume Schwester
+Julchen wie ein schwarzes Teufelchen hervor, warf sich, zischend vor
+Wut, auf Tony, riß ihr den Hut vom Kopf und zerkratzte ihr die Wangen
+aufs jämmerlichste ... Seit diesem Ereignis war es beinahe zu Ende mit
+der Kameradschaft.
+
+Übrigens hatte Tony sicherlich nicht aus Schüchternheit dem jungen
+Hagenström den Kuß verweigert. Sie war ein ziemlich keckes Geschöpf, das
+mit seiner Ausgelassenheit seinen Eltern, im besondern dem Konsul,
+manche Sorge bereitete, und obgleich sie ein intelligentes Köpfchen
+besaß, das flink in der Schule erlernte, was man begehrte, so war ihr
+Betragen in so hohem Grade mangelhaft, daß schließlich sogar die
+Schulvorsteherin, welche Fräulein Agathe Vermehren hieß, ein wenig
+schwitzend vor Verlegenheit, in der Mengstraße erschien und der Konsulin
+höflichst anheim gab, der jungen Tochter eine ernstliche Ermahnung
+zuteil werden zu lassen -- denn dieselbe habe sich, trotz vieler
+liebevoller Verwarnungen, auf der Straße aufs neue offenkundigen Unfugs
+schuldig gemacht.
+
+Es war kein Schade, daß Tony auf ihren Gängen durch die Stadt alle Welt
+kannte und mit aller Welt plauderte; der Konsul zumal war hiermit
+einverstanden, weil es keinen Hochmut, sondern Gemeinsinn und
+Nächstenliebe verriet. Sie kletterte, gemeinsam mit Thomas, in den
+Speichern an der Trave zwischen den Mengen von Hafer und Weizen umher,
+die auf den Böden ausgebreitet waren, sie schwatzte mit den Arbeitern
+und den Schreibern, die dort in den kleinen dunklen Kontoren zu ebener
+Erde saßen, ja, sie half sogar draußen beim Aufwinden der Säcke. Sie
+kannte die Schlachter, die mit ihren weißen Schürzen und Mulden durch
+die Breite Straße wanderten; sie kannte die Milchfrauen, die mit ihren
+Blechkannen vom Lande hereinkamen und ließ sich manchmal ein Stück von
+ihnen kutschieren; sie kannte die graubärtigen Meister in den kleinen,
+hölzernen Goldschmiedebuden, die in die Marktarkaden hineingebaut waren,
+die Fisch-, Obst- und Gemüsefrauen auf dem Markte, sowie die
+Dienstmänner, die an den Straßenecken ihren Tabak kauten ... Gut und
+schön!
+
+Aber ein bleicher, bartloser Mensch, dessen Alter nicht zu bestimmen ist
+und der morgens mit einem traurigen Lächeln in der Breiten Straße zu
+lustwandeln pflegt, kann nichts dafür, wenn er gezwungen ist, bei jedem
+plötzlichen Laut, den man ausstößt -- zum Beispiel »Ha!« oder »Ho!« --
+auf einem Beine zu tanzen; und dennoch ließ Tony ihn tanzen, sobald sie
+ihn zu Gesichte bekam. Es ist ferner nicht schön, eine ganz winzige
+kleine Frau mit großem Kopfe, welche die Gewohnheit hat, bei jeder
+Witterung einen ungeheuren, durchlöcherten Schirm über sich aufgespannt
+zu halten, beständig durch Rufe wie »Schirmmadame!« oder »Champignon!«
+zu betrüben; und es ist tadelnswert, wenn man mit zwei oder drei
+gleichgesinnten Freundinnen vor dem Häuschen der alten Puppenliese
+erscheint, die in einer engen Twiete bei der Johannisstraße mit wollenen
+Puppen handelt und allerdings ganz merkwürdig rote Augen hat, -- dort
+aus Leibeskräften die Glocke zieht und, wenn die Alte herauskommt, mit
+falscher Freundlichkeit fragt, ob hier vielleicht Herr und Madame
+Spucknapf wohnen, worauf man mit großem Gekreisch davonrennt ... Das
+alles aber tat Tony Buddenbrook und zwar, wie es schien, mit völlig
+gutem Gewissen. Denn wurde ihr von seiten irgendeines Gequälten eine
+Drohung zuteil, so mußte man sehen, wie sie einen Schritt zurücktrat,
+den hübschen Kopf mit der vorstehenden Oberlippe zurückwarf und ein halb
+entrüstetes, halb mokantes »Pa!« hervorstieß, als wollte sie sagen:
+»Wage es nur, mir etwas anhaben zu wollen! Ich bin Konsul Buddenbrooks
+Tochter, wenn du es vielleicht nicht weißt ...«
+
+Sie ging in der Stadt wie eine kleine Königin umher, die sich das gute
+Recht vorbehält, freundlich oder grausam zu sein, je nach Geschmack und
+Laune.
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Jean Jacques Hoffstede hatte, was die beiden Söhne des Konsuls
+Buddenbrook anging, sicherlich ein treffendes Urteil gefällt.
+
+Thomas, der seit seiner Geburt bereits zum Kaufmann und künftigen
+Inhaber der Firma bestimmt war und die realwissenschaftliche Abteilung
+der alten Schule mit den gotischen Gewölben besuchte, war ein kluger,
+regsamer und verständiger Mensch, der sich übrigens aufs köstlichste
+amüsierte, wenn Christian, welcher Gymnasiast war und nicht weniger
+Begabung, aber weniger Ernsthaftigkeit zeigte, mit ungeheurem Geschick
+die Lehrer nachahmte -- im besonderen den tüchtigen Herrn Marcellus
+Stengel, der im Singen, Zeichnen und derartigen lustigen Fächern den
+Unterricht erteilte.
+
+Herr Stengel, aus dessen Westentaschen stets ein halbes Dutzend
+wundervoll gespitzter Bleistifte hervorstarrten, trug eine fuchsrote
+Perücke und einen offenen, hellbraunen Rock, der ihm fast bis an die
+Knöchel reichte, besaß Vatermörder, die sogar noch seine Schläfen
+bedeckten, und war ein witziger Kopf, der philosophische
+Unterscheidungen liebte, wie etwa: »Du sollst 'ne Linie machen, mein
+gutes Kind, und was machst du? Du machst 'nen Strich!« -- Er sagte
+»Line« statt »Linie«. Oder zu einem Faulen: »Du sitzest in Quarta nicht
+Jahre, will ich dir sagen, sondern Jahren!« -- Wobei er »Quäta« statt
+»Quarta« sagte und nicht »Jahre«, sondern beinahe »Schahre« aussprach
+... Sein Lieblingsunterricht bestand darin, in der Gesangstunde das
+schöne Lied »Der grüne Wald« üben zu lassen, wobei einige Schüler auf
+den Korridor hinausgehen mußten, um, wenn der Chorus angestimmt hatte:
+»Wir ziehen so fröhlich durch Feld und Wald ...« ganz leise und
+vorsichtig das letzte Wort als Echo zu wiederholen. Waren jedoch
+Christian Buddenbrook, sein Vetter Jürgen Kröger oder sein Freund
+Andreas Giesecke, Sohn des Branddirektors, hiermit beamtet, so warfen
+sie, statt das zarte Echo zu vollführen, den Kohlenkasten die Treppe
+hinunter und mußten nachmittags um vier Uhr in der Wohnung des Herrn
+Stengel nachsitzen. Hier ging es ziemlich behaglich zu. Herr Stengel
+hatte alles vergessen und befahl seiner Haushälterin, den Schülern
+Buddenbrook, Kröger und Giesecke »je« eine Tasse Kaffee zu verabreichen,
+worauf er die jungen Herren wieder entließ ...
+
+In der Tat, die vortrefflichen Gelehrten, die unter der freundlichen
+Herrschaft eines humanen, tabakschnupfenden, alten Direktors in den
+Gewölben der alten Schule -- einer ehemaligen Klosterschule -- ihres
+Amtes walteten, waren harmlose und gutmütige Leute, einig in der
+Ansicht, daß Wissenschaft und Heiterkeit einander nicht ausschlössen,
+und bestrebt, mit Wohlwollen und Behagen zu Werke zu gehen. Es war da in
+den mittleren Klassen ein ehemaliger Prediger, der im Lateinischen
+unterrichtete, ein gewisser Pastor Hirte, ein langer Herr mit braunem
+Backenbart und munteren Augen, dessen Lebensglück geradezu in dieser
+Übereinstimmung seines Namens mit seinem Titel bestand, und der nicht
+oft genug die Vokabel _pastor_ sich übersetzen lassen konnte. Seine
+Lieblingsredensart lautete »grenzenlos borniert!« und es ist niemals
+aufgeklärt worden, ob dies ein bewußter Scherz war. Beabsichtigte er
+aber, seine Schüler völlig zu verblüffen, so gebot er über die Kunst,
+die Lippen in den Mund zu klemmen und sie wieder hinauszuschnellen, in
+einer Art, daß es knallte wie ein springender Champagnerpfropfen. Er
+liebte es, mit langen Schritten im Klassenzimmer umherzugehen und
+einzelnen Schülern mit ungeheurer Lebhaftigkeit ihr ganzes zukünftiges
+Leben zu erzählen, und zwar zu dem ausgesprochenen Zwecke, ihre
+Phantasie ein bißchen anzuregen. Dann aber ging er ernstlich zur Arbeit
+über, das heißt, er überhörte die Verse, die er über _genus_-Regeln --
+er sagte »Genußregeln« -- und allerhand schwierige Konstruktionen mit
+wirklichem Geschick gedichtet hatte, Verse, die Pastor Hirte mit
+unaussprechlich triumphierender Betonung des Rhythmus und der Reime
+hervorbrachte ...
+
+Toms und Christians Jugendzeit ... es ist nichts Bedeutendes davon zu
+melden. In jenen Tagen herrschte Sonnenschein im Hause Buddenbrook, wo
+in den Kontoren die Geschäfte so ausgezeichnet gingen. Und manchmal gab
+es ein Gewitter, ein kleines Unglück wie dieses:
+
+Herr Stuht in der Glockengießerstraße, ein Schneidermeister, dessen
+Gattin alte Kleidungsstücke kaufte und darum in den ersten Kreisen
+verkehrte, Herr Stuht, dessen Bauch von einem wollenen Hemd bekleidet
+war und in erstaunlicher Rundung über das Beinkleid hinunterfiel ...
+Herr Stuht hatte den jungen Herren Buddenbrook zwei Anzüge gefertigt,
+die zusammen siebenzig Kurantmark kosteten; allein auf den Wunsch der
+beiden hatte er sich bereit finden lassen, schlanker Hand achtzig auf
+die Rechnung zu setzen und ihnen bar den Rest einzuhändigen. Das war ein
+kleines Geschäft ... kein ganz säuberliches wohl, aber durchaus kein
+ungewöhnliches. Das Unglück aber bestand darin, daß durch das Walten
+irgendeines finsteren Schicksales das Ganze an den Tag kam, daß Herr
+Stuht, einen schwarzen Rock über dem wollenen Hemd, im Privatkontor des
+Konsuls erscheinen mußte und Tom und Christian in seiner Gegenwart einem
+strengen Verhör unterzogen wurden. Herr Stuht, der breitbeinig, aber mit
+seitwärts geneigtem Kopf und in achtungsvoller Haltung neben dem
+Armsessel des Konsuls stand, hielt eine wohltönende Rede, des Inhaltes,
+daß »dat nu so'n Saak« sei und daß er froh sein werde, die siebenzig
+Kurantmark wiederzubekommen, »indem de Saak ja nu mal scheep gangen«
+sei. Der Konsul war heftig aufgebracht über diesen Streich. Nach ernster
+Überlegung aber auf seiner Seite war das Ergebnis, daß er das
+Taschengeld seiner Söhne erhöhte; denn es hieß: Führe uns nicht in
+Versuchung.
+
+Augenscheinlich waren auf Thomas Buddenbrook größere Hoffnungen zu
+setzen als auf seinen Bruder. Sein Benehmen war gleichmäßig und von
+verständiger Munterkeit; Christian dagegen erschien launenhaft, neigte
+einerseits zu einer albernen Komik und konnte andererseits die gesamte
+Familie auf die sonderbarste Weise erschrecken ...
+
+Man sitzt bei Tische, man ist beim Obste angelangt und speist unter
+behaglichen Gesprächen. Plötzlich jedoch legt Christian einen
+angebissenen Pfirsich auf den Teller zurück, sein Gesicht ist bleich,
+und seine runden, tiefliegenden Augen über der allzu großen Nase haben
+sich erweitert.
+
+»Ich esse nie wieder einen Pfirsich«, sagt er.
+
+»Warum nicht, Christian ... Was für ein Unsinn ... Was ist dir?«
+
+»Denkt euch, wenn ich aus Versehen ... diesen großen Kern verschluckte,
+und wenn er mir im Halse steckte ... und ich nicht Luft bekommen könnte
+... und ich spränge auf und würgte gräßlich, und ihr alle spränget auch
+auf ...« Und plötzlich fügt er ein kurzes, stöhnendes »Oh!« hinzu, das
+voll ist von Entsetzen, richtet sich unruhig auf seinem Stuhle empor und
+wendet sich seitwärts, als wollte er fliehen.
+
+Die Konsulin und Mamsell Jungmann springen tatsächlich auf.
+
+»Gott im Himmel, -- Christian, du hast ihn doch nicht verschluckt?!«
+Denn es hat vollkommen den Anschein, als sei es wirklich geschehen.
+
+»Nein, nein«, sagt Christian und beruhigt sich allmählich, »aber =wenn=
+ich ihn verschluckte!«
+
+Der Konsul, der gleichfalls blaß vor Schrecken ist, beginnt nun zu
+schelten, und auch der Großvater pocht indigniert auf den Tisch und
+verbittet sich die Narrenspossen ... Allein Christian ißt wirklich
+längere Zeit keinen Pfirsich mehr. --
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Es war nicht bloß Altersschwäche, was die alte Madame Antoinette
+Buddenbrook, sechs Jahre ungefähr nachdem die Familie das Haus in der
+Mengstraße bezogen, an einem kalten Januartag endgültig auf ihr hohes
+Himmelbett im Schlafzimmer des Zwischengeschosses darniederwarf. Die
+alte Dame war rüstig gewesen bis zuletzt und hatte ihre dicken weißen
+Seitenlocken mit aufrechter Würde getragen; sie hatte zusammen mit ihrem
+Gatten und ihren Kindern die hauptsächlichsten Diners besucht, die in
+der Stadt gegeben wurden, und bei den Gesellschaften, die Buddenbrooks
+selbst veranstalteten, ihrer eleganten Schwiegertochter im
+Repräsentieren nicht nachgestanden. Eines Tages aber, ganz plötzlich,
+hatte sich ein halb unbestimmbares Leiden eingestellt, ein leichter
+Darmkatarrh anfangs nur, gegen den Doktor Grabow ein wenig Taube und
+Franzbrot verordnet hatte, eine mit Erbrechen verbundene Kolik, die mit
+unbegreiflicher Schnelligkeit Entkräftung herbeiführte, einen sanften
+und hinfälligen Zustand, der beängstigend war.
+
+Als dann Doktor Grabow mit dem Konsul eine kurze, ernste Unterredung
+draußen auf der Treppe gehabt hatte, als ein zweiter, neu hinzugezogener
+Arzt, ein untersetzter, schwarzbärtiger, düsterblickender Mann, neben
+Grabow aus und ein zu gehen begann, da änderte sich gleichsam die
+Physiognomie des Hauses. Man ging auf den Zehen umher, man flüsterte
+ernst, und die Wagen durften nicht über die Diele rollen. Etwas Neues,
+Fremdes, Außerordentliches schien eingekehrt, ein Geheimnis, das einer
+in des anderen Augen las; der Gedanke an den Tod hatte sich Einlaß
+geschafft und herrschte stumm in den weiten Räumen.
+
+Dabei durfte nicht gefeiert werden, denn es kam Besuch. Die Krankheit
+währte vierzehn oder fünfzehn Tage, und nach einer Woche kam der alte
+Senator Duchamps, ein Bruder der Sterbenden, nebst seiner Tochter von
+Hamburg an, während ein paar Tage später des Konsuls Schwester mit ihrem
+Gatten, dem Bankier aus Frankfurt eintraf. Die Herrschaften wohnten im
+Hause, und Ida Jungmann hatte alle Hände voll zu tun, für die
+verschiedenen Schlafzimmer zu sorgen und gute Frühstücke mit Krabben und
+Portwein bereitzuhalten, während in der Küche gebraten und gebacken
+ward ...
+
+Droben saß Johann Buddenbrook am Krankenbette und blickte, die matte
+Hand seiner alten Nette in der seinen, mit erhobenen Brauen und ein
+wenig hängender Unterlippe stumm vor sich hin. Die Wanduhr tickte dumpf
+und mit langen Pausen, viel seltener aber noch atmete die Kranke einmal
+kurz und oberflächlich auf ... Eine schwarze Schwester machte sich am
+Tisch mit dem Beeftee zu schaffen, den man versuchsweise noch reichen
+wollte; dann und wann trat geräuschlos ein Familienmitglied ein und
+verschwand wieder.
+
+Der Alte mochte sich erinnern, wie er vor 46 Jahren zum erstenmal am
+Sterbebette einer Gattin gesessen hatte, und er mochte der wilden
+Verzweiflung, die damals in ihm aufbegehrt war, die nachdenkliche Wehmut
+vergleichen, mit der er, nun selbst so alt, in das veränderte,
+ausdruckslose und entsetzlich gleichgültige Gesicht der alten Frau
+blickte, die ihm niemals ein großes Glück, niemals einen großen Schmerz
+bereitet, die aber viele lange Jahre mit klugem Anstand bei ihm
+ausgehalten und nun ebenfalls langsam davonging.
+
+Er dachte nicht viel, er sah nur unverwandt und mit einem leisen
+Kopfschütteln auf sein Leben und das Leben im allgemeinen zurück, das
+ihm plötzlich so fern und wunderlich erschien, dieses überflüssig
+geräuschvolle Getümmel, in dessen Mitte er gestanden, das sich
+unmerklich von ihm zurückgezogen hatte und nun vor seinem verwundert
+aufhorchenden Ohr in der Ferne erhallte ... Manchmal sagte er mit halber
+Stimme vor sich hin:
+
+»Kurios! Kurios!«
+
+Und als dann Madame Buddenbrook ihren letzten, ganz kurzen und
+kampflosen Seufzer getan hatte, als im Eßsaal, woselbst die Einsegnung
+stattfand, die Träger den blumenbedeckten Sarg aufgehoben hatten, um ihn
+schwerfällig davonzuschaffen, -- da änderte sich seine Stimmung nicht,
+da weinte er nicht einmal; aber dies leise, erstaunte Kopfschütteln
+blieb ihm, und dies beinahe lächelnde »Kurios!« wurde sein Lieblingswort
+... Kein Zweifel, daß es auch mit Johann Buddenbrook zu Ende ging.
+
+Er fing an, stumm und abwesend im Familienkreise zu sitzen, und wenn er
+einmal die kleine Klara auf die Knie genommen hatte, um ihr vielleicht
+eines seiner alten drolligen Lieder vorzusingen, zum Beispiel:
+
+ »Der Omnibus fährt durch die Stadt ...«
+
+oder
+
+ »Kiek, doa sitt'n Brummer an de Wand ...«
+
+so konnte er plötzlich stillschweigen, um dann die Enkelin, gleichsam
+aus einem langen, halb unbewußten Gedankengange heraus, mit einem
+kopfschüttelnden »Kurios!« zu Boden zu setzen und sich abzuwenden ...
+Eines Tages sagte er:
+
+»Jean, -- _assez_, du?«
+
+Und alsbald begannen in der Stadt die reinlich gedruckten und mit zwei
+Unterschriften versehenen Formulare zu zirkulieren, auf denen Johann
+Buddenbrook _senior_ sich kundzutun erlaubte, daß sein zunehmendes Alter
+ihn veranlasse, seine bisherige kaufmännische Wirksamkeit aufzugeben,
+und daß er infolgedessen die von seinem seligen Vater _Anno_ 1768
+gegründete Handlung =Johann Buddenbrook= mit _Activis_ und _Passivis_
+unter gleicher Firma von heute an seinem Sohne und seitherigen Associé
+Johann Buddenbrook als alleinigen Inhaber übertrage, mit der Bitte, das
+ihm so vielseitig geschenkte Vertrauen seinem Sohne zu erhalten ...
+Hochachtungsvoll -- Johann Buddenbrook _senior_, welcher aufhören wird
+zu zeichnen.
+
+Als aber diese Kundgebung erfolgt war, als der Alte fortan sich
+weigerte, noch einen Fuß ins Kontor zu setzen, da nahm seine
+nachdenkliche Apathie in erschreckender Weise zu, da genügte, Mitte
+März, ein paar Monate nur nach dem Tode seiner Frau, irgendein kleiner
+Frühlingsschnupfen, um ihn bettlägerig zu machen, -- und dann, in einer
+Nacht, kam die Stunde, wo die Familie auch sein Bett umstand, wo er zum
+Konsul sagte:
+
+»Alles Glück, -- du? Jean? Und immer _courage_!«
+
+Und zu Thomas:
+
+»Hilf deinem Vater!«
+
+Und zu Christian:
+
+»Werde was Ordentliches!«
+
+-- worauf er schwieg, alle anblickte und sich mit einem letzten
+»Kurios!« nach der Wand kehrte ...
+
+Er hatte Gottholds bis zum Schluß nicht Erwähnung getan, und auf die
+schriftliche Aufforderung des Konsuls, am Sterbebette des Vaters zu
+erscheinen, hatte der älteste Sohn mit Schweigen geantwortet. Am nächsten
+Morgen jedoch, ganz früh, als die Todesanzeigen noch nicht versandt waren
+und der Konsul auf die Treppe hinaustrat, um im Kontor das Notwendigste
+zu erledigen, geschah das Merkwürdige, daß Gotthold Buddenbrook, Inhaber
+der Leinenhandlung Siegmund Stüwing & Komp. in der Breitenstraße, raschen
+Schrittes über die Diele kam. Sechsundvierzigjährig, klein und beleibt,
+besaß er starke, aschblonde, mit weißen Fäden durchsetzte Kotelettes. Er
+war kurzbeinig und trug sackartig weite Hosen aus rauhem, kariertem
+Stoff. Die Treppe hinauf schritt er dem Konsul entgegen, indem er die
+Brauen hoch unter die Krempe seines grauen Hutes erhob und sie dennoch
+zusammenzog.
+
+»Johann«, sagte er, ohne dem Bruder die Hand zu reichen, mit hoher,
+angenehmer Stimme, »wie steht es?«
+
+»Heute nacht ist er heimgegangen!« sagte der Konsul bewegt und ergriff
+die Hand des Bruders, die einen Regenschirm hielt. »Er, der beste
+Vater!«
+
+Gotthold senkte die Brauen so tief, daß seine Lider sich schlossen. Nach
+einem Schweigen sagte er nachdrücklich:
+
+»Es ist nichts geändert worden, bis zum Schlusse, Johann?«
+
+Und sofort ließ der Konsul seine Hand fahren, ja, er trat sogar eine
+Stufe zurück, und während seine runden, tiefliegenden Augen klar wurden,
+sagte er:
+
+»Nichts.«
+
+Gottholds Brauen wanderten wieder unter die Hutkrempe hinauf, und seine
+Augen richteten sich mit Anstrengung auf den Bruder.
+
+»Und was habe ich von =deiner= Gerechtigkeit zu gewärtigen?« sagte er
+mit gesenkter Stimme.
+
+Der Konsul seinerseits senkte nun den Blick; dann aber, ohne ihn wieder
+zu erheben, machte er jene entschiedene Handbewegung von oben nach unten
+und antwortete leise und fest:
+
+»Ich habe dir in diesem schweren und ernsten Augenblick meine Hand als
+Bruder gereicht; was aber geschäftliche Dinge betrifft, so kann ich dir
+immer nur als Chef der ehrwürdigen Firma gegenüberstehen, deren
+alleiniger Inhaber ich heute geworden bin. Du kannst nichts von mir
+gewärtigen, was den Verpflichtungen widerspricht, die mir =diese=
+Eigenschaft auferlegt; meine sonstigen Gefühle müssen schweigen.«
+
+Gotthold ging ... Zum Begräbnis jedoch, als die Menge der Verwandten,
+Bekannten, Geschäftsfreunde, der Deputationen, Kornträger, Kontoristen
+und Speicherarbeiter Zimmer, Treppen und Korridore füllte und die
+sämtlichen Mietkutschen der Stadt die ganze Mengstraße hinunterstanden,
+-- zum Begräbnis kam er zur aufrichtigen Freude des Konsuls aufs neue;
+ja, er brachte sogar seine Gattin, die geborene Stüwing, und seine drei
+schon erwachsenen Töchter mit: Friederike und Henriette, die beide sehr
+lang und hager waren, und Pfiffi, die achtzehnjährige Jüngste, die allzu
+klein und beleibt erschien.
+
+Und als dann am Grabe, am Buddenbrookschen Erbbegräbnis dort draußen
+vorm Burgtore, am Rande des Friedhofgehölzes, Pastor Kölling von Sankt
+Marien, ein robuster Mann mit dickem Kopf und derber Redeweise, das
+maßvolle, gottgefällige Leben des Verstorbenen gepriesen hatte, im
+Gegensatze zu dem der »Wollüstigen, Fresser und Säufer« -- dies war sein
+Ausdruck, obgleich manche Leute, die sich der Diskretion des jüngst
+verstorbenen alten Wunderlich erinnerten, die Köpfe schüttelten, -- als
+die Feierlichkeiten und Formalitäten beendet waren und die 70 oder 80
+Mietkutschen in die Stadt zurückzurollen begannen ... da erbot sich
+Gotthold Buddenbrook, den Konsul zu begleiten, weil er ihn unter vier
+Augen zu sprechen wünsche. Und siehe da: hier, neben dem Stiefbruder auf
+dem Rücksitz der hohen, weiten, plumpen Kutsche, eins seiner kurzen
+Beine über das andere gelegt, zeigte er sich versöhnlich und sanft. Er
+erkenne, sagte er, mehr und mehr, daß der Konsul handeln müsse, wie er
+es tue, und das Andenken des Vaters solle für ihn kein böses sein. Er
+verzichte auf seine Ansprüche, und zwar um so lieber, als er gesonnen
+sei, sich von allen Geschäften zurückzuziehen und sich mit seinem Erbe
+und dem, was ihm sonst erübrige, zur Ruhe zu setzen, denn das
+Leinengeschäft mache ihm wenig Freude und gehe so mäßig, daß er sich
+nicht entschließen werde, noch mehr hineinzustecken ... »Der Trotz gegen
+den Vater hat ihm keinen Segen gebracht!« dachte der Konsul mit einem
+inneren frommen Aufblick; und Gotthold dachte wahrscheinlich dasselbe.
+
+In der Mengstraße aber begleitete er den Bruder ins Frühstückszimmer
+hinauf, woselbst die beiden Herren, nach dem langen Stehen in der
+Frühlingsluft in ihren Fräcken fröstelnd, einen alten Kognak miteinander
+tranken. Und als dann Gotthold ein paar höfliche und ernste Worte mit
+seiner Schwägerin gewechselt und den Kindern die Köpfe gestreichelt
+hatte, ging er davon, um am nächsten »Kindertag« bei Krögers draußen im
+Gartenhause zu erscheinen ... Er begann schon zu liquidieren.
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Eines schmerzte den Konsul: daß nämlich der Vater nicht mehr den
+Eintritt seines ältesten Enkels ins Geschäft hatte erleben dürfen, der
+schon um Ostern desselben Jahres erfolgte.
+
+Thomas war sechzehnjährig, als er die Schule verließ. Er war stark
+gewachsen in letzter Zeit und trug seit seiner Konfirmation, bei der
+Pastor Kölling ihm mit starken Ausdrücken Mäßigkeit! empfohlen hatte,
+ganz herrenmäßige Kleidung, die ihn noch größer erscheinen ließ. Um
+seinen Hals hing die lange goldene Uhrkette, die der Großvater ihm
+zugesprochen hatte, und an der ein Medaillon mit dem Wappen der Familie
+hing, diesem melancholischen Wappenschilde, das eine unregelmäßig
+schraffierte Fläche, ein flaches Moorland mit einer einsamen und nackten
+Weide am Ufer zeigte. Der noch ältere Siegelring mit grünem Stein, den
+wahrscheinlich schon der sehr gut situierte Gewandschneider in Rostock
+getragen hatte, war nebst der großen Bibel auf den Konsul übergegangen.
+
+Die Ähnlichkeit mit dem Großvater hatte sich bei Thomas so stark
+entwickelt wie bei Christian diejenige mit dem Vater; besonders sein
+rundes und festes Kinn und die feingeschnittene, gerade Nase waren die
+des Alten. Sein seitwärts gescheiteltes Haar, das in zwei Einbuchtungen
+von den schmalen und auffällig geäderten Schläfen zurücktrat, war
+dunkelblond, und im Gegensatz dazu erschienen die langen Wimpern und die
+Brauen, von denen er gern die eine ein wenig emporzog, ungewöhnlich hell
+und farblos. Seine Bewegungen, seine Sprache, sowie sein Lachen, das
+seine ziemlich mangelhaften Zähne sehen ließ, war ruhig und verständig.
+Er blickte seinem Beruf mit Ernst und Eifer entgegen ...
+
+Es war ein äußerst feierlicher Tag, als der Konsul ihn nach dem ersten
+Frühstück mit sich in die Kontore hinunternahm, um ihn Herrn Marcus, dem
+Prokuristen, Herrn Havermann, dem Kassierer, sowie dem übrigen Personale
+zu präsentieren, mit dem er eigentlich längst gut Freund war; als er zum
+ersten Male auf seinem Drehsessel am Pulte saß, emsig mit Stempeln,
+Ordnen, Kopieren beschäftigt, und als der Vater ihn nachmittags auch an
+die Trave hinunter in die Speicher »Linde«, »Eiche«, »Löwe« und
+»Walfisch« führte, wo Thomas eigentlich ebenfalls längst zu Hause war,
+wo er aber nun als Mitarbeiter vorgestellt wurde ...
+
+Er war mit Hingebung bei der Sache und ahmte den stillen und zähen Fleiß
+des Vaters nach, der mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete und manches
+Gebet um Beistand in sein Tagebuch schrieb; denn es galt, die
+bedeutenden Mittel wieder einzubringen, die beim Tode des Alten der
+»Firma«, diesem vergötterten Begriff, verlorengegangen waren ... Eines
+Abends, sehr spät, im Landschaftszimmer, ließ er sich gegen die Konsulin
+ziemlich eingehend über die Verhältnisse aus.
+
+Es war halb zwölf Uhr, und die Kinder sowie Mamsell Jungmann schliefen
+draußen in den Zimmern am Korridor, denn der zweite Stock stand nun leer
+und wurde nur dann und wann für Fremde gebraucht. Die Konsulin saß auf
+dem gelben Sofa neben ihrem Gatten, der, eine Zigarre im Munde, die
+Kursnotizen der städtischen Anzeigen überblickte. Sie beugte sich über
+eine Seidenstickerei und bewegte leichthin die Lippen, während sie mit
+der Nadel eine Reihe von Stichen zählte. Neben ihr, auf dem zierlichen
+Nähtisch mit Goldornamenten, brannten die sechs Kerzen eines
+Armleuchters; der Kronleuchter hing unbenutzt.
+
+Johann Buddenbrook, der sich allgemach der Mitte der Vierziger näherte,
+hatte in den letzten Jahren ersichtlich gealtert. Seine kleinen, runden
+Augen schienen noch tiefer zu liegen, die große, gebogene Nase sprang,
+wie die Wangenknochen, noch schärfer hervor, und ein Puderquast schien
+an den Schläfen ein paarmal ganz leicht sein aschblondes, sorgfältig
+gescheiteltes Haar berührt zu haben. Die Konsulin ihrerseits stand am
+Ende der Dreißiger, aber sie konservierte ihre nicht schöne und dennoch
+glänzende Erscheinung aufs beste, und ihr mattweißer Teint mit den
+vereinzelten Sommersprossen hatte an Zartheit nichts eingebüßt. Ihr
+rötliches, kunstvoll frisiertes Haar war vom Schein der Kerzen
+durchleuchtet. Während sie die ganz hellblauen Augen ein wenig beiseite
+gleiten ließ, sagte sie:
+
+»Eines wollte ich dir zur Überlegung empfehlen, mein lieber Jean: ob es
+nämlich nicht ratsam wäre, einen Bedienten zu engagieren ... Ich bin zu
+dieser Überzeugung gekommen. Wenn ich an meine Eltern denke ...«
+
+Der Konsul ließ die Zeitung auf die Knie sinken, und während er die
+Zigarre aus dem Munde nahm, wurden seine Augen aufmerksam, denn es
+handelte sich um Geldausgeben.
+
+»Ja, meine liebe und verehrte Bethsy«, fing er an und zog die Anrede in
+die Länge, denn er mußte seine Einwände ordnen. »Einen Bedienten? Wir
+haben nach dem Tode der seligen Eltern alle drei Mädchen, von Mamsell
+Jungmann abgesehen, im Hause behalten, und mich dünkt ...«
+
+»Ach, das Haus ist so groß, Jean, daß es beinahe fatal ist. Ich sage:
+`Lina, mein Kind, im Hinterhaus ist schrecklich lange nicht abgestäubt
+worden!´ aber ich mag die Leute nicht überanstrengen, denn sie müssen
+schon pusten, wenn hier vorn alles nett und reinlich ist ... Ein Diener
+wäre so angenehm für Kommissionen und dergleichen ... Man bekommt einen
+braven und anspruchslosen Mann vom Lande ... Aber ehe ich es vergesse,
+Jean: Louise Möllendorpf will ihren Anton gehen lassen; ich habe ihn mit
+Sicherheit servieren sehen ...«
+
+»Ich muß gestehen«, sagte der Konsul und rückte ein wenig unbehaglich
+hin und her, »daß dieser Gedanke mir fremd ist. Wir besuchen jetzt weder
+Gesellschaften, noch geben wir selbst welche ...«
+
+»Nein, nein; aber Besuch haben wir trotzdem häufig genug, und das ist
+nicht meine Schuld, lieber Jean, obgleich du weißt, daß ich mich
+herzlich darüber freue. Es kommt ein auswärtiger Geschäftsfreund von
+dir, du bittest ihn zum Essen, er hat noch kein Gasthauszimmer genommen
+und übernachtet natürlich bei uns. Dann kommt ein Missionar, der
+vielleicht acht Tage bei uns bleibt ... Für übernächste Woche erwarten
+wir Pastor Mathias aus Kannstatt ... Nun, um kurz zu sein, die Salairs
+sind so gering ...«
+
+»Aber sie häufen sich, Bethsy! Wir honorieren vier Leute im Hause, und
+du vergissest die vielen Männer, die im Dienste der Firma stehen!«
+
+»Sollten wir wirklich einen Bedienten nicht erschwingen können?« fragte
+die Konsulin lächelnd, indem sie ihren Gatten mit seitwärts geneigtem
+Kopfe anblickte. »Wenn ich an das Personal meiner Eltern denke ...«
+
+»Deine Eltern, liebe Bethsy! Nein, nun muß ich dich fragen, ob du dir
+eigentlich über unsere Verhältnisse klar bist?«
+
+»Nein, das ist wahr, Jean, ich habe wohl nicht die hinlängliche
+Einsicht ...«
+
+»Nun, die ist leicht zu beschaffen«, sagte der Konsul. Er setzte sich im
+Sofa zurecht, schlug ein Bein über das andere, tat einen Zug aus seiner
+Zigarre und begann, während er die Augen ein wenig zusammenkniff, mit
+außerordentlicher Geläufigkeit seine Zahlen hervorzubringen ...
+
+»Kurz und gut: Mein seliger Vater hat seinerzeit, vor meiner Schwester
+Heirat, rund und nett 900000 Mark Kurant besessen, abgesehen, wie sich
+versteht, von dem Grundbesitz und dem Werte der Firma. 80000 sind als
+Mitgift nach Frankfurt und 100000 bei Gottholds Etablierung abgegangen:
+macht 720000. Dann kam der Kauf dieses Hauses, das trotz der Einnahme
+für das kleine in der Alfstraße mit Verbesserungen und Neuanschaffungen
+volle 100000 gekostet hat: macht 620000. Nach Frankfurt wurden als
+Entschädigungssumme 25000 gezahlt: macht 595000, und so hätten die Dinge
+bei Vaters Tode gelegen, wären alle diese Spesen nicht im Laufe der
+Jahre durch rund 200000 Kurantmark Verdienst korrigiert worden. Das
+Gesamtvermögen betrug also 795000. Dann wurden ferner 100000 an Gotthold
+ausgekehrt und noch 267000 nach Frankfurt; das macht, wenn ich noch ein
+paar tausend Kurantmark kleinerer Vermächtnisse abrechne, die nach Vaters
+Testament an das Heilige-Geist-Hospital, die Kaufleute-Witwenkasse usw.
+gingen, etwa 420000, mit deiner Mitgift um 100000 mehr. Das sind, in
+runden Summen und abgesehen von allerhand kleineren Schwankungen des
+Vermögens, ungefähr die Verhältnisse. Wir sind nicht so ungemein reich,
+meine liebe Bethsy, und bei alledem muß man bedenken, daß das Geschäft
+zwar kleiner geworden ist, daß aber die Geschäftsspesen dieselben
+geblieben sind, weil der Zuschnitt des Geschäftes es nicht gestattet,
+die Unkosten herabzusetzen ... Hast du mir folgen können?«
+
+Die Konsulin nickte ein wenig zögernd, die Stickerei im Schoße. »Recht
+gut, mein lieber Jean«, sagte sie, obgleich sie nicht alles verstanden
+hatte und durchaus nicht begriff, warum alle diese großen Summen sie
+hindern sollten, einen Bedienten zu engagieren.
+
+Der Konsul ließ seine Zigarre aufglimmen, stieß mit zurückgeneigtem
+Kopfe den Rauch von sich und fuhr dann fort:
+
+»Du denkst, daß wir ja, wenn einmal deine lieben Eltern zu Gott gerufen
+werden, noch etwas Beträchtliches zu erwarten haben, und das ist
+richtig. Jedoch ... wir dürfen damit nicht allzu unvorsichtig rechnen.
+Ich weiß, daß dein Vater ziemlich peinliche Verluste gehabt hat, und
+zwar, wie bekannt ist, durch Justus. Justus ist ein äußerst
+liebenswürdiger Mensch, aber er ist nicht eben ein starker Geschäftsmann
+und hat auch unverschuldetes Unglück gehabt. Er hat bei mehreren Kunden
+höchst störende Einbußen erlitten, die Folge seines geschwächten
+Betriebskapitals war teures Geld, durch Transaktionen mit Bankiers, und
+dein Vater hat mehrere Male mit bedeutenden Summen einspringen müssen,
+damit kein Unglück geschah. Dergleichen kann sich wiederholen und wird
+sich, fürchte ich, wiederholen, denn -- verzeih mir, Bethsy, wenn ich
+aufrichtig rede -- die gewisse heitere Leichtlebigkeit, die bei deinem
+Vater, der mit Geschäften nichts mehr zu tun hat, so angenehm wirkt,
+kommt deinem Bruder, als Geschäftsmann, schlecht zustatten ... Du
+verstehst mich ... er ist nicht sehr behutsam, wie? ein bißchen rasch
+und obenhinaus ... Im übrigen lassen sich deine Eltern, was mich so
+aufrichtig freut, nichts abgehen, sie führen ein herrschaftliches Leben,
+wie es ... ihren Verhältnissen entspricht ...«
+
+Die Konsulin lächelte nachsichtig; sie kannte das Vorurteil ihres Gatten
+gegen die eleganten Neigungen ihrer Familie.
+
+»Genug«, fuhr er fort und legte den Rest seiner Zigarre in den
+Aschbecher, »ich meinesteils verlasse mich in der Hauptsache darauf, daß
+der Herr mir meine Arbeitskraft erhalten wird, damit ich mit seiner
+gnädigen Hilfe das Vermögen der Firma auf die ehemalige Höhe
+zurückführen kann ... Ich hoffe, deine Einsicht ist nun eine klarere,
+liebe Bethsy --?«
+
+»Vollkommen, Jean, vollkommen!« beeilte sich die Konsulin zu antworten,
+denn sie gab für heute abend den Bedienten auf. »Aber laß uns zur Ruhe
+gehn, wie? es ist allzu spät geworden ...«
+
+Übrigens wurde nach ein paar Tagen, als der Konsul gutgelaunt aus dem
+Kontor zu Tische kam, dennoch der Beschluß gefaßt, Möllendorpfs Anton zu
+engagieren.
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+»Tony geben wir in Pension, und zwar zu Fräulein Weichbrodt«, sagte
+Konsul Buddenbrook, und er äußerte das so bestimmt, daß es dabei blieb.
+
+Weniger zufrieden nämlich, wie angedeutet, als mit Thomas, der sich mit
+Talent in die Geschäfte einlebte, mit Klara, die munter heranwuchs, und
+der armen Klothilde, deren Appetit jeden Menschen erfreuen mußte, konnte
+man mit Tony und Christian sein. Was den letzteren anging, so war es das
+wenigste, daß er beinahe jeden Nachmittag genötigt war, bei Herrn
+Stengel Kaffee zu trinken, -- obgleich die Konsulin, der dies zu viel
+wurde, eines Tages den Herrn Lehrer durch ein zierliches Handbillett zum
+Zwecke einer Rücksprache zu sich in die Mengstraße entbot. Herr Stengel
+erschien in seiner Sonntagsperücke, mit seinen höchsten Vatermördern,
+die Weste von lanzenartig gespitzten Bleistiften starrend, und saß mit
+der Konsulin im Landschaftszimmer, während Christian heimlich im Eßsaale
+der Unterredung zuhörte. Der ausgezeichnete Erzieher legte beredt, wenn
+auch ein wenig befangen, seine Ansichten dar, sprach von dem bedeutsamen
+Unterschied zwischen »Line« und »Strich«, erwähnte des schönen grünen
+Waldes sowie des Kohlenkastens und gebrauchte im übrigen während dieser
+Visite beständig das Wort »infolgedessen«, das ihm wohl dieser vornehmen
+Umgebung am besten zu entsprechen schien. Nach einer Viertelstunde
+erschien der Konsul, jagte Christian davon und drückte Herrn Stengel
+sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß sein Sohn ihm Ursache zur
+Unzufriedenheit gegeben habe ... »Oh, behüte, Herr Konsul, ich bitte
+ergebenst! Ein geweckter Kopf, ein munterer Patron, der Schüler
+Buddenbrook. Und infolgedessen ... Allein ein wenig übermütig, wenn ich
+mir erlauben darf, hm ... und infolgedessen ...« Der Konsul führte ihn
+höflich im Hause umher, worauf Herr Stengel sich verabschiedete ... Das
+alles aber war nicht das Schlimme.
+
+Das Schlimme bestand darin, daß folgendes bekannt wurde: Der Schüler
+Christian Buddenbrook durfte eines Abends mit einem guten Freunde das
+Stadttheater besuchen, woselbst »Wilhelm Tell« von Schiller gegeben
+wurde; die Rolle von Tells Knaben Walter jedoch spielte eine junge Dame,
+eine Demoiselle Meyer-de la Grange, mit der es eine eigne Bewandtnis
+hatte. Sie pflegte nämlich, war es ihrer Rolle nun angemessen oder
+nicht, auf der Bühne eine Brillantbrosche zu tragen, die notorisch echt
+war, denn wie allgemein bekannt, war sie ein Geschenk des jungen Konsuls
+Peter Döhlmann, Sohn des verstorbenen Holzgroßhändlers Döhlmann in der
+Ersten Wallstraße vorm Holstentor. Konsul Peter gehörte zu den Herren,
+die in der Stadt »Suitiers« genannt wurden -- wie zum Beispiel auch
+Justus Kröger --, das heißt seine Lebensführung war ein wenig locker. Er
+war verheiratet und besaß sogar eine kleine Tochter, befand sich aber
+seit längerer Zeit mit seiner Gattin in Zwietracht und lebte ganz wie
+ein Junggeselle. Das Vermögen, das sein Vater ihm hinterlassen hatte,
+dessen Geschäft er sozusagen fortführte, war ziemlich bedeutend gewesen;
+aber man sagte sich, daß er dennoch vom Kapitale zehre. Er hielt sich
+meistens im »Klub« oder im Ratskeller auf, um zu frühstücken, ward jeden
+Morgen um 4 Uhr irgendwo in den Straßen gesehen und unternahm häufig
+Geschäftsreisen nach Hamburg. Vor allem jedoch war er ein eifriger
+Theaterliebhaber, versäumte keine Vorstellung und nahm persönliches
+Interesse an dem ausübenden Personal. Demoiselle Meyer-de la Grange war
+die letzte der jungen Künstlerinnen, die er in den vergangenen Jahren
+mit Brillanten ausgezeichnet hatte ...
+
+Um zur Sache zu kommen, so sah die junge Dame als Walter Tell -- sie
+trug auch in dieser Rolle ihre Brillantbrosche -- ganz allerliebst aus
+und spielte so rührend, daß dem Schüler Buddenbrook vor innerer
+Begeisterung die Tränen in die Augen traten, ja daß er sich zu einer
+Handlungsweise hinreißen ließ, wie sie nur aus einem allzu starken
+Empfinden hervorgehen kann. In einer Pause nämlich erstand er im
+gegenübergelegenen Blumenladen für 1 Mark 8½ Schilling ein Bukett, mit
+welchem dieser vierzehnjährige Knirps mit seiner großen Nase und seinen
+kleinen tiefliegenden Augen den Weg zum Bühnenraum marschierte und, da
+niemand ihn aufhielt, vor einer Garderobentür auf Fräulein Meyer-de la
+Grange stieß, die im Gespräche mit Konsul Peter Döhlmann stand. Der
+Konsul wäre vor Lachen beinahe gegen die Wand gefallen, als er Christian
+mit dem Bukett daherkommen sah; der neue Suitier aber machte ernsthaft
+sein bestes Kompliment vor Walter Tell, überreichte ihm die Blumen,
+schüttelte langsam den Kopf und sagte in einem Tone, der vor
+Aufrichtigkeit beinahe bekümmert klang:
+
+»Fräulein, wie schön haben Sie gespielt!«
+
+»Nun seh' mal einer diesen Krischan Buddenbrook!« schrie Konsul Döhlmann
+mit seiner breiten Aussprache. Fräulein Meyer-de la Grange aber zog die
+hübschen Brauen empor und fragte:
+
+»Sohn von Konsul Buddenbrook?« Dann streichelte sie ihrem neuen Verehrer
+mit vielem Wohlwollen die Wange.
+
+Dies war der Tatbestand, den Peter Döhlmann am selben Abend im »Klub«
+zum besten gab, der mit ungeheurer Schnelligkeit in der Stadt bekannt
+wurde und sogar dem Schuldirektor zu Ohren kam, der ihn wiederum zum
+Gegenstande einer Unterredung mit Konsul Buddenbrook machte. Wie faßte
+dieser die Sache auf? Er war weniger zornig als geradezu überwältigt und
+geschlagen ... Als er der Konsulin Mitteilung machte, saß er beinahe
+gebrochen im Landschaftszimmer.
+
+»Das ist unser Sohn, so entwickelt er sich ...«
+
+»Jean, mein Gott, dein Vater hätte gelacht darüber ... Und erzähle es
+nur Donnerstag bei meinen Eltern, Papa wird sich köstlich amüsieren ...«
+
+Hier begehrte der Konsul auf. »Ha! Ja! ich bin überzeugt, daß er sich
+amüsieren wird, Bethsy! Er wird sich freuen, daß sein leichtfertiges
+Blut und seine unfrommen Neigungen nicht nur in Justus, dem ... Suitier,
+sondern ersichtlich auch in einem seiner Enkel fortleben ... sapperlot,
+du zwingst mich zu dieser Äußerung! Er geht zu dieser Person! Er gibt
+sein Taschengeld aus für diese Lorette --! Er weiß es nicht, nein; aber
+die Neigung zeigt sich! Die Neigung zeigt sich!...«
+
+Ja, das war ein schlimmer Fall; und der Konsul war um so entsetzter, als
+auch Tony, wie gesagt, sich nicht zum besten betrug. Zwar verzichtete
+sie mit den Jahren darauf, den bleichen Mann tanzen zu lassen und die
+Puppenliese zu besuchen; aber sie zeigte eine immer keckere Art, den
+Kopf in den Nacken zu werfen und äußerte, besonders wenn sie den Sommer
+draußen bei den Großeltern verlebt hatte, einen argen Hang zu Hoffart
+und Eitelkeit.
+
+Eines Tages überraschte der Konsul sie mit Verdruß dabei, daß sie
+gemeinsam mit Mamsell Jungmann Claurens »Mimili« las; er blätterte in
+dem Bändchen, schwieg und verschloß es auf immer. Kurz darauf kam es an
+den Tag, daß Tony -- Antonie Buddenbrook -- ganz allein mit einem
+Gymnasiasten, einem Freunde ihrer Brüder, vorm Tore spazieren gegangen
+war. Frau Stuht, dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, hatte
+die beiden erblickt, hatte sich, gelegentlich eines Kleiderankaufes bei
+Möllendorpfs, darüber geäußert, daß nun wahrhaftig auch Mamsell
+Buddenbrook schon in die Jahre komme, wo ... und Frau Senatorin
+Möllendorpf hatte in heiterem Tone dem Konsul davon erzählt. Diese
+Spaziergänge wurden verhindert. Dann aber erwies es sich, daß
+Mademoiselle Tony aus jenen alten, hohlen Bäumen, gleich hinter dem
+Burgtore, die nur lückenhaft mit Mörtelmasse gefüllt waren, kleine
+Korrespondenzen abholte oder daselbst zurückließ, die von ebendemselben
+Gymnasiasten herrührten oder an ihn gerichtet waren. Als dies am Lichte
+war, erschien es geboten, die nun fünfzehnjährige Tony in strengere
+Obhut zu geben, in eine Pension, in diejenige von Fräulein Weichbrodt,
+am Mühlenbrink Numero 7.
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Therese Weichbrodt war bucklig, sie war so bucklig, daß sie nicht viel
+höher war als ein Tisch. Sie war 41 Jahre alt, aber da sie niemals
+Gewicht auf äußere Wohlgefälligkeit gelegt hatte, so ging sie gekleidet
+wie eine Dame von 60 bis 70 Jahren. Auf ihren grauen, gepolsterten
+Ohrlocken saß eine Haube mit grünen Bändern, die über die schmalen
+Kinderschultern hinabfielen, und nie war an ihrem kümmerlichen schwarzen
+Kleidchen etwas wie Putz gesehen worden ... ausgenommen die große, ovale
+Brosche, auf der in Porzellanmalerei das Bild ihrer Mutter prangte.
+
+Das kleine Fräulein Weichbrodt besaß kluge und scharfe braune Augen,
+eine leichtgebogene Nase und schmale Lippen, die sie aufs entschiedenste
+zusammenpressen konnte ... Überhaupt lag in ihrer geringen Figur und
+allen ihren Bewegungen ein Nachdruck, der zwar possierlich, aber
+durchaus respektgebietend wirkte. Dazu trug in hohem Grade auch ihre
+Sprache bei. Sie sprach mit lebhafter und stoßweiser Bewegung des
+Unterkiefers und einem schnellen, eindringlichen Kopfschütteln, exakt
+und dialektfrei, klar, bestimmt und mit sorgfältiger Betonung jedes
+Konsonanten. Den Klang der Vokale aber übertrieb sie sogar in einer
+Weise, daß sie z. B. nicht »Butterkruke«, sondern »Botter«- oder gar
+»Batterkruke« sprach und ihr eigensinnig kläffendes Hündchen nicht
+»Bobby«, sondern »Babby« rief. Wenn sie zu einer Schülerin sagte: »Kind,
+sei nich--t sa domm!« und zweimal dabei ganz kurz mit dem gekrümmten
+Zeigefinger auf den Tisch pochte, so machte dies Eindruck, das ist
+sicher; und wenn Mademoiselle Popinet, die Französin, sich beim Kaffee
+mit allzuviel Zucker bediente, so hatte Fräulein Weichbrodt eine Art,
+die Zimmerdecke zu betrachten, mit einer Hand auf dem Tischtuch Klavier
+zu spielen und zu sagen: »Ich wörde die =ganze= Zockerböchse nehmen!«
+daß Mademoiselle Popinet heftig errötete ...
+
+Als Kind -- mein Gott, wie winzig mußte sie als Kind gewesen sein! --
+hatte Therese Weichbrodt sich selber »Sesemi« genannt, und diese
+Änderung ihres Vornamens hatte sie beibehalten, indem sie den besseren
+und tüchtigeren Schülerinnen, Internen sowohl wie Externen, gestattete,
+sie so zu nennen. »Nenne mich `Sesemi´, Kind«, sagte sie gleich am
+ersten Tage zu Tony Buddenbrook, indem sie sie kurz und mit einem leicht
+knallenden Geräusch auf die Stirn küßte ... »Ich höre es gern.« Ihre
+ältere Schwester Madame Kethelsen aber hieß Nelly.
+
+Madame Kethelsen, die ungefähr 48 Jahre zählte, war von ihrem
+verstorbenen Gatten mittellos im Leben zurückgelassen worden, bewohnte
+bei ihrer Schwester im oberen Stockwerk eine kleine Stube und beteiligte
+sich an der allgemeinen Tafel. Sie kleidete sich ähnlich wie Sesemi, war
+aber im Gegensatz zu ihr außerordentlich lang; an ihren hageren
+Handgelenken trug sie wollene Pulswärmer. Sie war nicht Lehrerin, sie
+wußte nichts von Strenge, und in Harmlosigkeit und stillem Frohsinn
+bestand ihr Wesen. Hatte ein Zögling Fräulein Weichbrodts einen Streich
+vollführt, so stieß sie darüber ein gutmütiges und vor Herzlichkeit
+beinahe klagendes Lachen aus, bis Sesemi auf den Tisch pochte und so
+eindringlich »Nelly!« rief, daß es wie »Nally« klang; dann verstummte
+sie eingeschüchtert.
+
+Madame Kethelsen gehorchte ihrer jüngeren Schwester, sie ließ sich von
+ihr ausschelten wie ein Kind, und die Sache war die, daß Sesemi sie
+herzlich verachtete. Therese Weichbrodt war ein belesenes, ja beinahe
+gelehrtes Mädchen und hatte sich ihren Kinderglauben, ihre positive
+Religiosität und die Zuversicht, dort drüben einst für ihr schwieriges
+und glanzloses Leben entschädigt zu werden, in ernstlichen kleinen
+Kämpfen bewahren müssen. Madame Kethelsen dagegen war ungelehrt,
+unschuldig und einfältigen Gemütes. »Die gute Nelly!« sagte Sesemi.
+»Mein Gott, sie ist ein Kind, sie ist niemals auf einen Zweifel
+gestoßen, sie hat niemals einen Kampf zu bestehen gehabt, sie ist
+glücklich ...« In solchen Worten lag ebensoviel Geringschätzung wie
+Neid, und das war ein schwacher, wenn auch verzeihlicher Charakterzug
+Sesemis.
+
+Das hochgelegene Erdgeschoß des ziegelroten Vorstadthäuschens, das von
+einem nett gehaltenen Garten umgeben war, wurde von den
+Unterrichtsräumen und dem Speisezimmer eingenommen, während sich im
+oberen Stockwerk und auch im Bodenraum die Schlafzimmer befanden. Die
+Zöglinge Fräulein Weichbrodts waren nicht zahlreich, denn die Pension
+nahm nur größere Mädchen auf und besaß, auch für externe Schülerinnen,
+nur die drei ersten Schulklassen; auch sah Sesemi mit Strenge darauf,
+daß nur Töchter aus zweifellos vornehmen Familien in ihr Haus kamen ...
+Tony Buddenbrook ward, wie angedeutet, mit Zärtlichkeit empfangen; ja,
+zum Abendessen hatte Therese »Bischof« gemacht, einen roten und süßen
+Punsch, der kalt getrunken ward, und auf den sie sich mit Meisterschaft
+verstand ... »Noch ein bißchen Beschaf?« fragte sie mit herzlichem
+Kopfschütteln ... und das klang so appetitlich, daß niemand widerstand.
+
+Fräulein Weichbrodt saß auf zwei Sofakissen am oberen Ende der Tafel und
+beherrschte die Mahlzeit mit Tatkraft und Umsicht; sie richtete ihr
+verwachsenes Körperchen ganz stramm empor, pochte wachsam auf den Tisch,
+rief »Nally!« und »Babby!« und demütigte Mlle. Popinet mit einem Blicke,
+wenn diese im Begriffe stand, sich alles Gelée des kalten Kalbsbratens
+anzueignen. Tony hatte ihren Platz inmitten zweier anderer
+Pensionärinnen erhalten. Zwischen Armgard von Schilling, einer blonden
+und stämmigen Gutsbesitzerstochter aus Mecklenburg, und Gerda Arnoldsen,
+die in Amsterdam zu Hause war, einer eleganten und fremdartigen
+Erscheinung mit schwerem, dunkelrotem Haar, nahe beieinander liegenden
+braunen Augen und einem weißen, schönen, ein wenig hochmütigen Gesicht.
+Ihr gegenüber plapperte die Französin, die aussah wie eine Negerin und
+ungeheure goldene Ohrringe trug. Am unteren Tischende saß mit
+säuerlichem Lächeln die hagere Engländerin Miß Brown, die gleichfalls im
+Hause wohnte.
+
+Man befreundete sich rasch mit Hilfe von Sesemis Bischof. Mlle. Popinet
+hatte in der letzten Nacht wieder Alpdrücken gehabt, erzählte sie ...
+_Ah, quelle horreur!_ Sie pflegte dann »Ülfen, Ülfen! Dieben, Dieben!«
+zu rufen, daß alles aus dem Bette sprang. Ferner stellte sich heraus,
+daß Gerda Arnoldsen nicht Klavier spielte, wie die anderen, sondern
+Geige, und daß Papa -- ihre Mutter war nicht mehr am Leben -- ihr eine
+echte Stradivari versprochen habe. Tony war unmusikalisch; die meisten
+Buddenbrooks und alle Krögers waren es. Sie konnte nicht einmal die
+Choräle erkennen, die in der Marienkirche gespielt wurden ... Oh, die
+Orgel in der Nieuwe Kerk zu Amsterdam hatte eine _vox humana_, eine
+Menschenstimme, die prachtvoll klang! -- Armgard von Schilling erzählte
+von den Kühen zu Hause.
+
+Diese Armgard hatte vom ersten Augenblicke an den größten Eindruck auf
+Tony gemacht, und zwar als das erste adelige Mädchen, mit dem sie in
+Berührung kam. Von Schilling zu heißen, welch ein Glück! Die Eltern
+hatten das schönste alte Haus der Stadt, und die Großeltern waren
+vornehme Leute; aber sie hießen doch ganz einfach »Buddenbrook« und
+»Kröger«, und das war außerordentlich schade. Die Enkelin des noblen
+Lebrecht Kröger erglühte in Bewunderung für Armgards Adel, und im
+geheimen dachte sie manchmal, daß für sie selbst dieses prächtige »von«
+eigentlich viel besser gepaßt haben würde, -- denn Armgard, mein Gott,
+sie wußte ihr Glück nicht einmal zu schätzen, sie ging umher mit ihrem
+dicken Zopf, ihren gutmütigen blauen Augen und ihrer breiten
+mecklenburgischen Aussprache und dachte gar nicht daran; sie war
+durchaus nicht vornehm, sie machte nicht den geringsten Anspruch darauf,
+sie hatte keinen Sinn für Vornehmheit. Dieses Wort »vornehm« saß
+erstaunlich fest in Tonys Köpfchen, und sie wandte es mit anerkennendem
+Nachdruck auf Gerda Arnoldsen an.
+
+Gerda war ein wenig apart und hatte etwas Fremdes und Ausländisches an
+sich; sie liebte es, ihr prachtvolles rotes Haar trotz Sesemis Einspruch
+etwas auffallend zu frisieren, und viele fanden es =albern=, daß sie die
+Geige spiele -- wobei zu bemerken ist, daß »albern« einen sehr harten
+Ausdruck der Verurteilung bedeutete. Darin jedoch mußte man mit Tony
+übereinstimmen, daß Gerda Arnoldsen ein vornehmes Mädchen war. Ihre für
+ihr Alter voll entwickelte Erscheinung, ihre Gewohnheiten, die Dinge,
+die sie besaß, alles war vornehm: Zum Beispiel die elfenbeinerne
+Toiletteneinrichtung aus Paris, die Tony besonders zu schätzen wußte, da
+sich auch bei ihr zu Hause allerlei Gegenstände vorfanden, die ihre
+Eltern oder Großeltern aus Paris mitgebracht hatten und sehr wert
+hielten.
+
+Die drei jungen Mädchen schlossen rasch einen Freundschaftsbund, sie
+gehörten der gleichen Unterrichtsklasse an und bewohnten gemeinsam den
+größten der Schlafräume im oberen Stockwerke. Welche amüsanten und
+behaglichen Stunden waren das, wenn man um zehn Uhr zur Ruhe ging und
+beim Auskleiden plauderte -- mit halber Stimme nur, denn nebenan begann
+Mlle. Popinet von Dieben zu träumen ... Sie schlief zusammen mit der
+kleinen Eva Ewers, einer Hamburgerin, deren Vater, ein Kunstschwärmer
+und Sammler, sich in München angesiedelt hatte.
+
+Die braungestreiften Rouleaus waren geschlossen, die niedrige,
+rotverhüllte Lampe brannte auf dem Tische, ein leiser Duft nach Veilchen
+und frischer Wäsche erfüllte das Zimmer und eine gemächliche, gedämpfte
+Stimmung von Müdigkeit, Sorglosigkeit und Träumerei.
+
+»Mein Gott«, sagte Armgard, die halb ausgekleidet auf dem Rande ihres
+Bettes saß, »wie geläufig Doktor Neumann spricht! Er kommt in die
+Klasse, stellt sich an den Tisch und spricht von Racine ...«
+
+»Er hat eine schöne, hohe Stirn«, bemerkte Gerda, während sie sich vor
+dem Spiegel zwischen den beiden Fenstern beim Schein zweier Kerzen die
+Haare kämmte.
+
+»Ja!« sagte Armgard rasch.
+
+»Und du hast auch =nur= von ihm angefangen, um das zu hören zu bekommen,
+Armgard, denn du blickst ihn beständig mit deinen blauen Augen an, als
+ob ...«
+
+»Liebst du ihn?« fragte Tony. »Mein Schuhband geht einfach nicht auf,
+=bitte= Gerda ... so! nun! Liebst du ihn, Armgard? Heirate ihn doch; es
+ist eine sehr gute Partie, er wird Professor am Gymnasium werden.«
+
+»Gott, ihr seid scheußlich. Ich liebe ihn gar nicht. Ich werde
+sicherlich keinen Lehrer heiraten, sondern einen Landmann ...«
+
+»Einen Adligen?« Tony ließ den Strumpf sinken, den sie in der Hand
+hielt, und blickte gedankenvoll in Armgards Gesicht.
+
+»Das weiß ich noch nicht; aber ein großes Gut muß er haben ... Ach, wie
+freue ich mich darauf, Kinder! Ich werde um fünf Uhr aufstehen und
+wirtschaften ...« Sie zog die Bettdecke über sich und sah träumend zum
+Plafond empor.
+
+»Vor ihrem geistigen Auge stehen fünfhundert Kühe«, sprach Gerda und
+betrachtete ihre Freundin im Spiegel.
+
+Tony war noch nicht fertig; aber sie ließ ihren Kopf im voraus aufs
+Kissen sinken, verschränkte die Hände im Nacken und betrachtete auch
+ihrerseits sinnend die Zimmerdecke.
+
+»Ich werde natürlich einen Kaufmann heiraten«, sagte sie. »Er muß recht
+viel Geld haben, damit wir uns vornehm einrichten können; das bin ich
+meiner Familie und der Firma schuldig«, fügte sie ernsthaft hinzu. »Ja,
+ihr sollt sehn, das werde ich schon machen.«
+
+Gerda hatte ihre Schlaffrisur beendet und putzte ihre breiten, weißen
+Zähne, wobei sie sich ihres elfenbeinernen Handspiegels bediente.
+
+»Ich werde =wahrscheinlich= gar nicht heiraten«, sagte sie ein wenig
+mühsam, denn das Pfefferminzpulver behinderte sie. »Ich sehe nicht ein,
+warum. Ich habe gar keine Lust dazu. Ich gehe nach Amsterdam und spiele
+Duos mit Papa und lebe später bei meiner verheirateten Schwester ...«
+
+»Wie schade!« rief Tony lebhaft. »Nein, wie schade, Gerda! Du solltest
+dich hier verheiraten und immer hier bleiben ... Höre mal, du solltest
+zum Beispiel einen von meinen Brüdern heiraten ...«
+
+»Den mit der großen Nase?« fragte Gerda und gähnte mit einem kleinen
+zierlichen und nachlässigen Seufzer, wobei sie den Handspiegel vor den
+Mund hielt.
+
+»Oder den anderen, das ist ja gleichgültig ... Gott, wie ihr euch
+einrichten würdet! Jakobs müßte es machen, Tapezierer Jakobs in der
+Fischstraße, er hat einen vornehmen Geschmack. Ich würde täglich zu
+Besuch kommen ...«
+
+Aber dann ließ sich Mlle. Popinets Stimme vernehmen:
+
+»_Ah! voyons, mesdames!_ zu Bette, _s'il vous plaît_! Sie werden sich
+heute abend nicht mehr verheiraten!«
+
+Die Sonntage aber und die Ferien verlebte Tony in der Mengstraße oder
+draußen bei den Großeltern. Welch Glück, wenn am Ostersonntag gutes
+Wetter war und man die Eier und Marzipanhasen in dem ungeheuren
+Krögerschen Garten suchen konnte! Welche Sommerferien an der See, wenn
+man im Kurhause wohnte, an der Table d'hote speiste, badete und Esel
+ritt! Auch wurden in einigen Jahren, wenn der Konsul Geschäfte gemacht,
+Reisen von größerer Ausdehnung unternommen. Aber welch Weihnachtsfest,
+vor allem, mit drei Bescherungen: zu Hause, bei den Großeltern und bei
+Sesemi, woselbst an diesem Abend der Bischof in Strömen floß ... Am
+herrlichsten aber war dennoch der Weihnachtsabend zu Hause, denn der
+Konsul hielt darauf, daß das heilige Christfest mit Weihe, Glanz und
+Stimmung begangen ward. Wenn man in tiefer Feierlichkeit im
+Landschaftszimmer versammelt war, während die Dienstboten und allerlei
+alte und arme Leute, denen der Konsul die blauroten Hände drückte, sich
+in der Säulenhalle drängten, dann erscholl dort draußen vierstimmiger
+Gesang, den die Chorknaben der Marienkirche vollführten, und man bekam
+Herzklopfen, so festlich war es. Dann, während schon durch die Spalten
+der hohen, weißen Flügeltür der Tannenduft drang, verlas die Konsulin
+aus der alten Familienbibel mit den ungeheuerlichen Buchstaben langsam
+das Weihnachtskapitel, und war draußen noch ein Gesang verklungen, so
+stimmte man »O Tannebaum« an, während man sich in feierlichem Umzuge
+durch die Säulenhalle in den Saal begab, den weiten Saal mit den Statuen
+in der Tapete, wo der mit weißen Lilien geschmückte Baum flimmernd,
+leuchtend und duftend zur Decke ragte und die Geschenktafel von den
+Fenstern bis zur Tür reichte. Aber draußen, auf dem hartgefrorenen
+Schnee der Straßen musizierten die italienischen Drehorgelmänner, und
+vom Marktplatz scholl der Trubel des Weihnachtsmarktes herüber. Außer
+der kleinen Klara beteiligten sich auch die Kinder an dem späten
+Abendessen in der Säulenhalle, bei dem es Karpfen und gefüllten Puter in
+übergewaltigen Mengen gab ...
+
+Hier ist zu erwähnen, daß Tony Buddenbrook in diesen Jahren zwei
+mecklenburgische Güter besuchte. Ein paar Sommerwochen verlebte sie mit
+ihrer Freundin Armgard auf dem Besitztum des Herrn von Schilling, das
+Travemünde gegenüber jenseits der Bucht an der Küste lag. Und ein
+anderes Mal reiste sie mit Cousine Thilda dorthin, wo Herr Bernhard
+Buddenbrook Inspektor war. Dieses Gut hieß »Ungnade« und brachte nicht
+einen Heller ein; aber als Ferienaufenthalt war es trotzdem nicht zu
+verachten.
+
+So wanderten die Jahre vorbei, und es war, alles in allem, eine
+glückliche Jugendzeit, die Tony verlebte.
+
+
+
+
+Dritter Teil
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Kurz nach fünf Uhr, eines Juni-Nachmittages, saß man vor dem »Portale«
+im Garten, woselbst man Kaffee getrunken hatte. Drinnen in dem
+weißgetünchten Raum des Gartenhauses mit dem hohen Wandspiegel, dessen
+Fläche mit flatternden Vögeln bemalt war, und den beiden lackierten
+Flügeltüren im Hintergrunde, die genau betrachtet gar keine Türen waren
+und nur gemalte Klinken besaßen, war die Luft zu warm und dumpfig, und
+man hatte die aus knorrigem, gebeiztem Holze leicht gearbeiteten Möbel
+hinausgestellt.
+
+Im Halbkreise saßen der Konsul, seine Gattin, Tony, Tom und Klothilde um
+den runden gedeckten Tisch, auf dem das benutzte Service schimmerte,
+während Christian, ein wenig seitwärts, mit einem unglücklichen
+Gesichtsausdruck Ciceros zweite Catilinarische Rede präparierte. Der
+Konsul war mit seiner Zigarre und den »Anzeigen« beschäftigt. Die
+Konsulin hatte ihre Seidenstickerei sinken lassen und sah lächelnd der
+kleinen Klara zu, die mit Ida Jungmann auf dem Rasenplatze Veilchen
+suchte, denn es gab zuweilen Veilchen dort. Tony hatte den Kopf in beide
+Hände gestützt und las versunken in Hoffmanns »Serapionsbrüdern«,
+während Tom sie mit einem Grashalm ganz vorsichtig im Nacken kitzelte,
+was sie aus Klugheit aber durchaus nicht bemerkte. Und Klothilde, die
+mager und ältlich in ihrem geblümten Kattunkleide dasaß, las eine
+Erzählung, welche den Titel trug: »Blind, taub, stumm und dennoch
+glückselig«; zwischendurch schabte sie die Biskuitreste auf dem
+Tischtuche zusammen, worauf sie das Häufchen mit allen fünf Fingern
+ergriff und behutsam verzehrte.
+
+Der Himmel, an dem unbeweglich ein paar weiße Wolken standen, begann
+langsam blasser zu werden. Das Stadtgärtchen lag mit symmetrisch
+angelegten Wegen und Beeten bunt und reinlich in der Nachmittagssonne.
+Der Duft der Reseden, die die Beete umsäumten, kam dann und wann durch
+die Luft daher.
+
+»Na, Tom«, sagte der Konsul gutgelaunt und nahm die Zigarre aus dem
+Mund; »die Roggenangelegenheit mit van Henkdom & Comp., von der ich dir
+erzählte, arrangiert sich.«
+
+»Was gibt er?« fragte Thomas interessiert und hörte auf, Tony zu plagen.
+
+»Sechzig Taler für tausend Kilo ... nicht übel, wie?«
+
+»Das ist vorzüglich!« Tom wußte, daß dies ein sehr gutes Geschäft war.
+
+»Tony, deine Haltung ist nicht _comme il faut_«, bemerkte die Konsulin,
+worauf Tony, ohne die Augen von ihrem Buche zu erheben, einen Ellbogen
+vom Tische nahm.
+
+»Das schadet nichts«, sagte Tom. »Sie kann sitzen, wie sie will, sie
+bleibt immer Tony Buddenbrook. Thilda und sie sind unstreitig die
+Schönsten in der Familie.«
+
+Klothilde war zum Sterben erstaunt. »Gott! Tom --?« machte sie, und es
+war unbegreiflich, wie lang sie diese kurzen Silben zu ziehen vermochte.
+Tony duldete schweigend, denn Tom war ihr überlegen, da half nichts; er
+würde wieder eine Antwort finden und die Lacher auf seiner Seite haben.
+Sie zog nur mit geöffneten Nasenflügeln heftig die Luft ein und hob die
+Schultern empor. Als aber die Konsulin von dem bevorstehenden Ball bei
+Konsul Huneus zu sprechen begann und etwas über neue Lackschuhe fallen
+ließ, nahm Tony auch den anderen Ellenbogen vom Tisch und zeigte sich
+lebhaft bei der Sache.
+
+»Ihr redet und redet«, rief Christian kläglich, »und dies ist so
+fürchterlich schwer! Ich wollte, ich wäre auch Kaufmann --!«
+
+»Ja, du willst jeden Tag etwas anderes«, sagte Tom. -- Hierauf kam Anton
+über den Hof; er kam mit einer Karte auf dem Teebrett, und man sah ihm
+erwartungsvoll entgegen.
+
+»=Grünlich=, Agent«, las der Konsul. »Aus Hamburg. Ein angenehmer, gut
+empfohlener Mann, ein Pastorssohn. Ich habe Geschäfte mit ihm. Es ist da
+eine Sache ... Sage dem Herrn, Anton -- es ist dir recht Bethsy? -- er
+möge sich hierher bemühen ...«
+
+-- Durch den Garten kam, Hut und Stock in derselben Hand, mit ziemlich
+kurzen Schritten und etwas vorgestrecktem Kopf, ein mittelgroßer Mann
+von etwa 32 Jahren in einem grüngelben, wolligen und langschößigen Anzug
+und grauen Zwirnhandschuhen. Sein Gesicht, unter dem hellblonden,
+spärlichen Haupthaar war rosig und lächelte; neben dem einen Nasenflügel
+aber befand sich eine auffällige Warze. Er trug Kinn und Oberlippe
+glattrasiert und ließ den Backenbart nach englischer Mode lang
+hinunterhängen; diese Favoris waren von ausgesprochen goldgelber Farbe.
+-- Schon von weitem vollführte er mit seinem großen, hellgrauen Hut eine
+Gebärde der Ergebenheit ...
+
+Mit einem letzten, sehr langen Schritte trat er heran, indem er mit dem
+Oberkörper einen Halbkreis beschrieb und sich auf diese Weise vor allen
+verbeugte.
+
+»Ich störe, ich trete in einen Familienkreis«, sprach er mit weicher
+Stimme und feiner Zurückhaltung. »Man hat gute Bücher zur Hand genommen,
+man plaudert ... Ich muß um Verzeihung bitten!«
+
+»Sie sind willkommen, mein werter Herr Grünlich!« sagte der Konsul, der
+sich, wie seine beiden Söhne, erhoben hatte und dem Gaste die Hand
+drückte. »Ich freue mich, Sie auch außerhalb des Kontors und im Kreise
+meiner Familie begrüßen zu können. Herr Grünlich, Bethsy, mein wackerer
+Geschäftsfreund ... Meine Tochter Antonie ... Meine Nichte Klothilde ...
+Sie kennen Thomas bereits ... Das ist mein zweiter Sohn, Christian, ein
+Gymnasiast.«
+
+Herr Grünlich hatte wiederum auf jeden Namen mit einer Verbeugung
+geantwortet.
+
+»Wie gesagt«, fuhr er fort, »ich habe nicht die Absicht, den
+Eindringling zu spielen ... Ich komme in Geschäften, und wenn ich den
+Herrn Konsul ersuchen dürfte, einen Gang mit mir durch den Garten zu
+tun ...«
+
+Die Konsulin antwortete:
+
+»Sie erweisen uns eine Liebenswürdigkeit, wenn Sie nicht sofort mit
+meinem Manne von Geschäften reden, sondern ein Weilchen mit unserer
+Gesellschaft fürlieb nehmen wollten. Nehmen Sie Platz!«
+
+»Tausend Dank«, sagte Herr Grünlich bewegt. Hierauf ließ er sich auf dem
+Rande des Stuhles nieder, den Tom herbeigebracht hatte, setzte sich, Hut
+und Stock auf den Knien, zurecht, strich mit der Hand über seinen einen
+Backenbart und ließ ein Hüsteln vernehmen, das ungefähr klang wie:
+»Hä-ä-hm!« Dies alles machte den Eindruck, als wollte er sagen: »Das
+wäre die Einleitung. Was nun?«
+
+Die Konsulin eröffnete den Hauptteil der Unterhaltung.
+
+»Sie sind in Hamburg zu Hause?« fragte sie, indem sie den Kopf zur Seite
+neigte und ihre Arbeit im Schoße ruhen ließ.
+
+»Allerdings, Frau Konsulin«, entgegnete Herr Grünlich mit einer neuen
+Verbeugung. »Ich habe meinen Wohnsitz in Hamburg, allein ich bin viel
+unterwegs, ich bin stark beschäftigt, mein Geschäft ist ein
+außerordentlich reges ... hä-ä-hm, ja, das darf ich sagen.«
+
+Die Konsulin zog die Brauen empor und machte eine Mundbewegung, als
+sagte sie mit respektvoller Betonung: »So?«
+
+»Rastlose Tätigkeit ist für mich Lebensbedingung«, setzte Herr Grünlich
+halb zum Konsul gewendet hinzu, und er hüstelte aufs neue, als er den
+Blick bemerkte, den Fräulein Antonie auf ihm ruhen ließ, diesen kalten
+und musternden Blick, mit dem junge Mädchen fremde junge Herren messen,
+und dessen Ausdruck jeden Augenblick bereit scheint, in Verachtung
+überzugehen.
+
+»Wir haben Verwandte in Hamburg«, bemerkte Tony, um etwas zu sagen.
+
+»Die Duchamps«, erklärte der Konsul, »die Familie meiner seligen
+Mutter.«
+
+»Oh, ich bin vollkommen orientiert!« beeilte sich Herr Grünlich zu
+erwidern. »Ich habe die Ehre, ein wenig bei den Herrschaften bekannt zu
+sein. Es sind ausgezeichnete Menschen insgesamt, Menschen von Herz und
+Geist, -- hä-ä-hm. In der Tat, wenn in allen Familien ein Geist
+herrschte wie in dieser, so stünde es besser um die Welt. Hier findet
+man Gottesglaube, Mildherzigkeit, innige Frömmigkeit, kurz die wahre
+Christlichkeit, die mein Ideal ist; und damit verbinden diese
+Herrschaften eine edle Weltläufigkeit, eine Vornehmheit, eine glänzende
+Eleganz, Frau Konsulin, die mich persönlich nun einmal charmiert!«
+
+Tony dachte: Woher kennt er meine Eltern? Er sagt ihnen, was sie hören
+wollen ... Der Konsul aber sprach beifällig:
+
+»Diese doppelte Geschmacksrichtung kleidet jeden Mann aufs beste.«
+
+Und die Konsulin konnte nicht umhin, dem Gaste mit einem leisen Klirren
+des Armbandes die Hand zu reichen, deren Fläche sie in herzlicher Weise
+ganz weit herumdrehte.
+
+»Sie reden mir aus der Seele, mein werter Herr Grünlich!« sagte sie.
+
+Hierauf verbeugte sich Herr Grünlich, setzte sich zurecht, strich über
+seinen Backenbart und hüstelte, als wollte er sagen: »Fahren wir fort.«
+
+Die Konsulin ließ ein paar Worte fallen über die für Herrn Grünlichs
+Vaterstadt so furchtbaren zweiundvierziger Maitage ... »In der Tat«,
+bemerkte Herr Grünlich, »ein schweres Unglück, eine betrübende
+Heimsuchung, dieser Brand. Ein Schade von 135 Millionen, ja, das ist
+ziemlich genau berechnet. Übrigens bin ich meinerseits der Vorsehung zu
+hohem Danke verpflichtet ... ich bin nicht im geringsten getroffen
+worden. Das Feuer wütete hauptsächlich in den Kirchspielen Sankt Petri
+und Nikolai ... Welch reizender Garten«, unterbrach er sich, während er
+sich dankend mit einer Zigarre des Konsuls bediente, »-- doch, für einen
+Stadtgarten ist er ungewöhnlich groß! Und welch farbiger Blumenflor ...
+oh, mein Gott, ich gestehe meine Schwäche für Blumen und für die Natur
+im allgemeinen! Diese Klatschrosen dort drüben putzen ganz ungemein ...«
+
+Herr Grünlich lobte die vornehme Anlage des Hauses, er lobte die ganze
+Stadt überhaupt, er lobte auch die Zigarre des Konsuls und hatte für
+jeden ein liebenswürdiges Wort.
+
+»Darf ich es wagen, mich nach Ihrer Lektüre zu erkundigen, Mademoiselle
+Antonie?« fragte er lächelnd.
+
+Tony zog aus irgendeinem Grunde plötzlich die Brauen zusammen und
+antwortete ohne Herrn Grünlich anzublicken:
+
+»Hoffmanns Serapionsbrüder.«
+
+»In der Tat! Dieser Schriftsteller hat Hervorragendes geleistet«,
+bemerkte er. »Aber um Vergebung ... ich vergaß den Namen Ihres zweiten
+Herrn Sohnes, Frau Konsulin.«
+
+»Christian.«
+
+»Ein schöner Name! Ich liebe, wenn ich das aussprechen darf« -- und Herr
+Grünlich wandte sich wieder an den Hausherrn -- »die Namen, welche schon
+an und für sich erkennen lassen, daß ihr Träger ein Christ ist. In Ihrer
+Familie ist, wie ich weiß, der Name Johann erblich ... wer dächte dabei
+nicht an den Lieblingsjünger des Herrn. Ich zum Beispiel, wenn ich mir
+diese Bemerkung gestatten darf«, fuhr er mit Beredsamkeit fort, »heiße
+wie die meisten meiner Vorfahren Bendix, -- ein Name, der ja nur als
+eine mundartliche Zusammenziehung von Benedikt zu betrachten ist. Und
+Sie lesen, Herr Buddenbrook? Ah, Cicero! Eine schwierige Lektüre, die
+Werke dieses großen römischen Redners. _Quousque tandem, Catilina_ ...
+hä-ä-hm, ja, ich habe mein Latein gleichfalls noch nicht völlig
+vergessen!«
+
+Der Konsul sagte:
+
+»Ich habe, im Gegensatze zu meinem seligen Vater, immer meine Einwände
+gehabt gegen diese fortwährende Beschäftigung der jungen Köpfe mit dem
+Griechischen und Lateinischen. Es gibt so viele ernste und wichtige
+Dinge, die zur Vorbereitung auf das praktische Leben nötig sind ...«
+
+»Sie sprechen meine Meinung aus, Herr Konsul«, beeilte sich Herr
+Grünlich zu antworten, »bevor ich ihr Worte verleihen konnte! Eine
+schwierige und, wie ich hinzuzufügen vergaß, =nicht unanfechtbare=
+Lektüre. Von allem abgesehen, erinnere ich mich einiger direkt
+anstößiger Stellen in diesen Reden ...«
+
+Als eine Pause entstand, dachte Tony: Jetzt komme ich an die Reihe. Denn
+Herrn Grünlichs Blicke ruhten auf ihr. Und richtig, sie kam an die
+Reihe. Herr Grünlich nämlich schnellte plötzlich ein wenig auf seinem
+Sitze empor, machte eine kurze, krampfhafte und dennoch elegante
+Handbewegung nach der Seite der Konsulin und flüsterte heftig:
+
+»Ich bitte Sie, Frau Konsulin, beachten Sie? -- Ich beschwöre Sie, mein
+Fräulein«, unterbrach er sich laut, als ob Tony nur dies verstehen
+sollte, »bleiben Sie noch einen Moment in dieser Stellung ...! --
+Beachten Sie«, fuhr er wieder flüsternd fort, »wie die Sonne in dem
+Haare Ihres Fräulein Tochter spielt? -- Ich habe niemals schöneres Haar
+gesehen!« sprach er plötzlich ernst vor Entzücken in die Luft hinein,
+als ob er zu Gott oder seinem Herzen redete.
+
+Die Konsulin lächelte wohlgefällig, der Konsul sagte: »Setzen Sie der
+Dirn keine Schwachheiten in den Kopf!« und Tony zog wiederum stumm die
+Brauen zusammen. Einige Minuten darauf erhob sich Herr Grünlich.
+
+»Aber ich inkommodiere nicht länger, nein, bei Gott, Frau Konsulin, ich
+inkommodiere nicht länger! Ich kam in Geschäften ... allein wer könnte
+widerstehen ... Nun ruft die Tätigkeit! Wenn ich den Herrn Konsul
+ersuchen dürfte ...«
+
+»Ich brauche Sie nicht zu versichern«, sagte die Konsulin, »wie sehr es
+mich freuen würde, wenn Sie während der Dauer Ihres Aufenthaltes am Orte
+in unserem Hause vorlieb nehmen möchten ...«
+
+Herr Grünlich blieb einen Augenblick stumm vor Dankbarkeit. »Ich bin
+Ihnen von ganzer Seele verbunden, Frau Konsulin!« sagte er mit dem
+Ausdruck der Rührung. »Aber ich darf Ihre Liebenswürdigkeit nicht
+mißbrauchen. Ich bewohne ein paar Zimmer im Gasthause Stadt Hamburg ...«
+
+»Ein =paar= Zimmer«, dachte die Konsulin, und dies war es auch, was sie
+nach Herrn Grünlichs Absicht denken sollte.
+
+»Jedenfalls«, beschloß sie, indem sie ihm noch einmal mit herzlicher
+Bewegung die Hand bot, »hoffe ich, daß wir uns nicht zum letzten Male
+gesehen haben.«
+
+Herr Grünlich küßte der Konsulin die Hand, wartete einen Augenblick, daß
+auch Antonie ihm die ihrige reiche, was aber nicht geschah, beschrieb
+einen Halbkreis mit dem Oberkörper, trat einen großen Schritt zurück,
+verbeugte sich nochmals, setzte dann mit einem Schwunge und indem er das
+Haupt zurückwarf, seinen grauen Hut auf und schritt mit dem Konsul
+davon ...
+
+»Ein angenehmer Mann!« wiederholte der letztere, als er zu seiner
+Familie zurückkehrte und seinen Platz wieder einnahm.
+
+»Ich finde ihn =albern=«, erlaubte sich Tony zu bemerken und zwar mit
+Nachdruck.
+
+»Tony! Mein Gott! Was für ein Urteil!« rief die Konsulin ein wenig
+entrüstet. »Ein so christlicher junger Mann!«
+
+»Ein so wohlerzogener und weltläufiger Mann!« ergänzte der Konsul. »Du
+weißt nicht, was du sagst.« -- Es geschah manchmal, daß die Eltern in
+dieser Weise aus Höflichkeit den Standpunkt wechselten; dann waren sie
+desto sicherer, einig zu sein.
+
+Christian zog seine große Nase in Falten und sagte:
+
+»Wie wichtig er immer spricht!... Man plaudert! Wir plauderten gar
+nicht. Und Klatschrosen putzen ungemein! Manchmal tut er, als ob er ganz
+laut zu sich selbst spräche. Ich störe -- ich muß um Verzeihung
+bitten!... Ich habe niemals schöneres Haar gesehen!...« Und Christian
+ahmte Herrn Grünlich so vortrefflich nach, daß selbst der Konsul lachen
+mußte.
+
+»Ja, er macht sich allzu wichtig!« fing Tony wieder an. »Er sprach
+beständig von sich selbst! =Sein= Geschäft ist rege, =er= liebt die
+Natur, =er= bevorzugt die und die Namen, =er= heißt Bendix ... Was geht
+uns das an, möchte ich wissen ... Er sagt alles nur, um sich
+herauszustreichen!« rief sie plötzlich ganz wütend. »Er sagte dir, Mama,
+und dir, Papa, =nur=, was ihr gern hört, um sich bei euch
+einzuschmeicheln!«
+
+»Das ist kein Vorwurf, Tony!« sagte der Konsul streng. »Man befindet
+sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von seiner besten Seite, setzt
+seine Worte und sucht zu gefallen -- das ist klar ...«
+
+»Ich finde, er ist ein guter Mensch«, sagte Klothilde sanft und gedehnt,
+obgleich sie die einzige Person war, um die Herr Grünlich sich nicht im
+geringsten bekümmert hatte. Thomas enthielt sich des Urteils.
+
+»Genug«, beschloß der Konsul, »er ist ein christlicher, tüchtiger,
+tätiger und feingebildeter Mann, und du, Tony, ein großes Mädchen von 18
+oder nächstens 19 Jahren, gegen das er sich so artig und galant betragen
+hat, du solltest deine Tadelsucht bezähmen. Wir alle sind schwache
+Menschen, und du bist, verzeih mir, wahrlich die letzte, die einen Stein
+aufheben dürfte ... Tom, an die Arbeit!«
+
+Tony aber murmelte vor sich hin: »Ein goldgelber Backenbart!« und dabei
+zog sie die Brauen zusammen, wie sie es schon mehrere Male getan hatte.
+
+
+Zweites Kapitel
+
+»Wie aufrichtig betrübt war ich, mein Fräulein, Sie zu verfehlen!«
+sprach Herr Grünlich einige Tage später, als Tony, die von einem Ausgang
+zurückkehrte, an der Ecke der Breiten- und Mengstraße mit ihm
+zusammentraf. »Ich erlaubte mir, Ihrer Frau Mama meine Aufwartung zu
+machen, und ich vermißte Sie schmerzlich ... Wie entzückt aber bin ich,
+Sie nun doch noch zu treffen!«
+
+Fräulein Buddenbrook war stehengeblieben, da Herr Grünlich zu sprechen
+begann; aber ihre Augen, die sie halb geschlossen hatte und die
+plötzlich dunkel wurden, richteten sich nicht höher als auf Herrn
+Grünlichs Brust, und um ihren Mund lag das spöttische und vollkommen
+unbarmherzige Lächeln, mit dem ein junges Mädchen einen Mann mißt und
+verwirft ... Ihre Lippen bewegten sich -- was sollte sie antworten? Ha!
+es mußte ein Wort sein, das diesen Bendix Grünlich ein für allemal
+zurückschleuderte, vernichtete ... aber es mußte ein gewandtes,
+witziges, schlagendes Wort sein, das ihn zugleich spitzig verwundete und
+ihm imponierte ...
+
+»Das ist nicht gegenseitig!« sagte sie, immer den Blick auf Herrn
+Grünlichs Brust geheftet; und nachdem sie diesen fein vergifteten Pfeil
+abgeschossen, ließ sie ihn stehen, legte den Kopf zurück und ging rot
+vor Stolz über ihre sarkastische Redegewandtheit nach Hause, woselbst
+sie erfuhr, daß Herr Grünlich zum nächsten Sonntag auf einen Kalbsbraten
+gebeten sei ...
+
+Und er kam. Er kam in einem nicht ganz neumodischen, aber feinen,
+glockenförmigen und faltigen Gehrock, der ihm einen Anstrich von Ernst
+und Solidität verlieh, -- rosig übrigens und lächelnd, das spärliche
+Haar sorgfältig gescheitelt und mit duftig frisierten Favoris. Er aß
+Muschelragout, Juliennesuppe, gebackene Seezungen, Kalbsbraten mit
+Rahmkartoffeln und Blumenkohl, Marasquino-Pudding und Pumpernickel mit
+Roquefort und fand bei jedem Gerichte einen neuen Lobspruch, den er mit
+Delikatesse vorzubringen verstand. Er hob zum Beispiel seinen
+Dessertlöffel empor, blickte eine Statue der Tapete an und sprach laut
+zu sich selbst: »Gott verzeihe mir, ich kann nicht anders; ich habe ein
+großes Stück genossen, aber dieser Pudding ist gar zu prächtig gelungen;
+ich =muß= die gütige Wirtin noch um ein Stückchen ersuchen!« Worauf er
+der Konsulin schalkhaft zublinzelte. Er sprach mit dem Konsul über
+Geschäfte und Politik, wobei er ernste und tüchtige Grundsätze an den
+Tag legte, er plauderte mit der Konsulin über Theater, Gesellschaften
+und Toiletten; er hatte auch für Tom, Christian und die arme Klothilde,
+ja selbst für die kleine Klara und Mamsell Jungmann liebenswürdige Worte
+... Tony verhielt sich schweigsam, und er seinerseits unternahm es
+nicht, sich ihr zu nähern, sondern betrachtete sie nur dann und wann mit
+seitwärts geneigtem Kopfe und einem Blick, in dem sowohl Betrübnis wie
+Ermunterung lag.
+
+Als Herr Grünlich sich an diesem Abend verabschiedete, hatte er den
+Eindruck verstärkt, den sein erster Besuch hervorgebracht. »Ein
+vollkommen erzogener Mann«, sagte die Konsulin. »Ein christlicher und
+achtbarer Mensch«, sagte der Konsul. Christian konnte seine Bewegungen
+und Sprache nun noch besser nachahmen, und Tony sagte mit finsteren
+Brauen gute Nacht, denn sie ahnte undeutlich, daß sie diesen Herrn, der
+sich mit so ungewöhnlicher Schnelligkeit die Herzen ihrer Eltern erobert
+hatte, nicht zum letztenmal gesehen habe.
+
+In der Tat, sie fand Herrn Grünlich, wenn sie nachmittags von einem
+Besuche, einer Mädchengesellschaft zurückkehrte, eingenistet im
+Landschaftszimmer, woselbst er der Konsulin aus Walter Scotts »Waverley«
+vorlas -- und zwar mit mustergültiger Aussprache, denn die Reisen im
+Dienste seines regen Geschäftes hatten ihn, wie er berichtete, auch nach
+England geführt. Tony setzte sich seitab mit einem anderen Buche, und
+Herr Grünlich fragte mit weicher Stimme: »Es entspricht wohl nicht Ihrem
+Geschmacke, mein Fräulein, was ich lese?« Worauf sie mit
+zurückgeworfenem Kopf etwas recht spitzig Sarkastisches erwiderte, wie
+zum Beispiel: »Nicht im geringsten!«
+
+Aber er ließ sich nicht stören, er begann von seinen zu früh
+verstorbenen Eltern zu erzählen und berichtete von seinem Vater, der ein
+Prediger, ein Pastor, ein höchst christlicher und dabei in ebenso hohem
+Grade weltläufiger Mann gewesen war ... Dann jedoch, ohne daß Tony
+seiner Abschiedsvisite beigewohnt hätte, war Herr Grünlich nach Hamburg
+abgereist. »Ida!« sagte sie zu Mamsell Jungmann, an der sie eine
+vertraute Freundin besaß. »Der Mensch ist fort!« Ida Jungmann aber
+antwortete: »Kindchen, wirst sehen ...«
+
+Acht Tage später ereignete sich jene Szene im Frühstückszimmer ... Tony
+kam um neun Uhr herunter und war erstaunt, ihren Vater noch neben der
+Konsulin am Kaffeetische zu finden. Nachdem sie sich die Stirn hatte
+küssen lassen, setzte sie sich frisch, hungrig und mit schlafroten Augen
+an ihren Platz, nahm Zucker und Butter und bediente sich mit grünem
+Kräuterkäse.
+
+»Wie hübsch, Papa, daß ich dich einmal noch vorfinde!« sagte sie,
+während sie mit der Serviette ihr heißes Ei erfaßte und es mit dem
+Teelöffel öffnete.
+
+»Ich habe heute auf unsere Langschläferin gewartet«, sagte der Konsul,
+der eine Zigarre rauchte und beharrlich mit dem zusammengefalteten
+Zeitungsblatt leicht auf den Tisch schlug. Die Konsulin ihrerseits
+beendete langsam und mit graziösen Bewegungen ihr Frühstück und lehnte
+sich dann ins Sofa zurück.
+
+»Thilda ist schon in der Küche tätig«, fuhr der Konsul bedeutsam fort,
+»und ich wäre ebenfalls bei meiner Arbeit, wenn deine Mutter und ich
+nicht in einer ernsthaften Angelegenheit mit unserem Töchterchen zu
+sprechen hätten.«
+
+Tony, den Mund voll Butterbrot, blickte ihrem Vater und dann ihrer
+Mutter mit einem Gemisch von Neugier und Erschrockenheit ins Gesicht.
+
+»Iß nur zuvor, mein Kind«, sagte die Konsulin, und als Tony trotzdem ihr
+Messer niederlegte und rief: »Nur gleich heraus damit, bitte, Papa!«
+wiederholte der Konsul, der durchaus nicht aufhörte, mit der Zeitung zu
+spielen: »Iß nur.«
+
+Während Tony unter Stillschweigen und appetitlos ihren Kaffee trank, ihr
+Ei und ihren grünen Käse zum Brote verzehrte, fing sie zu ahnen an, um
+was es sich handelte. Die Morgenfrische verschwand von ihrem Gesicht,
+sie ward ein wenig bleich, sie dankte für Honig und erklärte bald mit
+leiser Stimme, daß sie fertig sei ...
+
+»Mein liebes Kind«, sagte der Konsul, nachdem er noch einen Augenblick
+geschwiegen hatte, »die Frage, über die wir mit dir zu reden haben, ist
+in diesem Briewe enthalten.« Und er pochte nun, statt mit der Zeitung,
+mit einem großen, bläulichen Kuvert auf den Tisch. »Um kurz zu sein:
+Herr Bendix Grünlich, den wir alle als einen braven und liebenswürdigen
+Mann kennengelernt haben, schreibt mir, daß er während seines hiesigen
+Aufenthaltes eine tiefe Neigung zu unserer Tochter gefaßt habe, und
+bittet in aller Form um ihre Hand. Was denkt unser gutes Kind darüber?«
+
+Tony saß mit gesenktem Kopfe zurückgelehnt, und ihre rechte Hand drehte
+den silbernen Serviettenring langsam um sich selbst. Plötzlich aber
+schlug sie die Augen auf, Augen, die ganz dunkel geworden waren und voll
+von Tränen standen. Und mit bedrängter Stimme stieß sie hervor:
+
+»Was will dieser Mensch von mir --! Was habe ich ihm getan --?!« Worauf
+sie in Weinen ausbrach. --
+
+Der Konsul warf seiner Gattin einen Blick zu und betrachtete ein wenig
+verlegen seine leere Tasse.
+
+»Liebe Tony«, sagte die Konsulin sanft, »wozu dies Echauffement! Du
+kannst sicher sein, nicht wahr, daß deine Eltern nur dein Bestes im Auge
+haben, und daß sie dir nicht raten können, die Lebensstellung
+auszuschlagen, die man dir anbietet. Siehst du, ich nehme an, daß du
+noch keine entscheidenden Empfindungen für Herrn Grünlich hegst, aber
+das kommt, ich versichere dich, das kommt mit der Zeit ... Einem so
+jungen Dinge, wie du, ist es niemals klar, was es eigentlich will ... Im
+Kopfe sieht es so wirr aus wie im Herzen ... Man muß dem Herzen Zeit
+lassen und den Kopf offen halten für die Zusprüche erfahrener Leute, die
+planvoll für unser Glück sorgen ...«
+
+»Ich weiß gar nichts von ihm --« brachte Tony trostlos hervor und
+drückte mit der kleinen weißen Batistserviette, in der sich Eiflecke
+befanden, ihre Augen. »Ich weiß nur, daß er einen goldgelben Backenbart
+hat und ein reges Geschäft ...« Ihre Oberlippe, die beim Weinen
+zitterte, machte einen unaussprechlich rührenden Eindruck.
+
+Der Konsul rückte mit einer Bewegung plötzlicher Zärtlichkeit seinen
+Stuhl an sie heran und strich lächelnd über ihr Haar.
+
+»Meine kleine Tony«, sagte er, »was solltest du auch von ihm wissen? Du
+bist ein Kind, siehst du, du würdest nicht mehr von ihm wissen, wenn er
+nicht vier Wochen, sondern deren zweiundfünfzig hier verlebt hätte ...
+Du bist ein kleines Mädchen, das noch keine Augen hat für die Welt, und
+das sich auf die Augen anderer Leute verlassen muß, die Gutes mit dir im
+Sinne haben ...«
+
+»Ich verstehe es nicht ... ich verstehe es nicht ...« schluchzte Tony
+fassungslos und schmiegte ihren Kopf wie ein Kätzchen unter die
+streichelnde Hand. »Er kommt hierher ... sagt allen etwas Angenehmes ...
+reist wieder ab ... und schreibt, daß er mich ... ich verstehe es nicht
+... wie kommt er dazu ... was habe ich ihm getan?!...«
+
+Der Konsul lächelte wieder. »Das hast du schon einmal gesagt, Tony, und
+es zeigt so recht deine kindliche Ratlosigkeit. Mein Töchterchen muß
+durchaus nicht glauben, daß ich es drängen und quälen will ... Das alles
+kann mit Ruhe erwogen werden, =muß= mit Ruhe erwogen werden, denn es ist
+eine ernste Sache. Das werde ich auch Herrn Grünlich vorläufig antworten
+und sein Gesuch weder abschlagen noch bewilligen ... Es gibt da viele
+Dinge zu überlegen ... So ... sehen wir wohl? abgemacht! Nun geht Papa
+an seine Arbeit ... Adieu, Bethsy ...«
+
+»Auf Wiedersehen, mein lieber Jean.«
+
+-- »Du solltest immerhin noch ein wenig Honig nehmen, Tony«, sagte die
+Konsulin, als sie mit ihrer Tochter allein geblieben war, die
+unbeweglich und mit gesenktem Kopfe an ihrem Platze blieb. »Essen muß
+man hinlänglich ...«
+
+Tonys Tränen versiegten allmählich. Ihr Kopf war heiß und voll von
+Gedanken ... Gott! was für eine Angelegenheit! Sie hatte es ja gewußt,
+daß sie eines Tages die Frau eines Kaufmannes werden, eine gute und
+vorteilhafte Ehe eingehen werde, wie es der Würde der Familie und der
+Firma entsprach ... Aber nun geschah es ihr plötzlich zum ersten Male,
+daß jemand sie wirklich und allen Ernstes heiraten wollte! Wie sollte
+man sich dabei benehmen? Für sie, Tony Buddenbrook, handelte es sich
+plötzlich um alle diese furchtbar gewichtigen Ausdrücke, die sie
+bislang nur gelesen hatte: um ihr »Jawort«, um ihre »Hand« ... »fürs
+Leben« ... Gott! Was für eine gänzlich neue Lage auf einmal!
+
+»Und du, Mama?« sagte sie. »Du rätst mir also auch, mein ... Jawort zu
+geben?« Sie zögerte einen Augenblick vor dem »Jawort«, weil es ihr allzu
+hochtrabend und genant erschien; dann aber sprach sie es zum ersten Male
+in ihrem Leben mit Würde aus. Sie begann, sich ihrer anfänglichen
+Fassungslosigkeit ein wenig zu schämen. Es erschien ihr nicht weniger
+unsinnig, als zehn Minuten früher, Herrn Grünlich zu heiraten, aber die
+Wichtigkeit ihrer Stellung fing an, sie mit Wohlgefallen zu erfüllen.
+
+Die Konsulin sagte:
+
+»Zuraten, mein Kind? Hat Papa dir zugeraten? Er hat dir nicht abgeraten,
+das ist alles. Und es wäre unverantwortlich, von ihm wie von mir, wenn
+wir das tun wollten. Die Verbindung, die sich dir darbietet, ist
+vollkommen das, was man eine gute Partie nennt, meine liebe Tony ... Du
+kämest nach Hamburg in ausgezeichnete Verhältnisse und würdest auf
+großem Fuße leben ...«
+
+Tony saß bewegungslos. Etwas wie seidene Portièren tauchte plötzlich vor
+ihr auf, wie es deren im Salon der Großeltern gab ... Ob sie als Madame
+Grünlich morgens Schokolade trinken würde? Es schickte sich nicht,
+danach zu fragen.
+
+»Wie dein Vater dir sagte: du hast Zeit zur Überlegung«, fuhr die
+Konsulin fort. »Aber wir müssen dir zu bedenken geben, daß sich eine
+solche Gelegenheit, dein Glück zu machen, nicht alle Tage bietet, und
+daß diese Heirat genau das ist, was Pflicht und Bestimmung dir
+vorschreiben. Ja, mein Kind, auch das muß ich dir vorhalten. Der Weg,
+der sich dir heute eröffnet, ist der dir vorgeschriebene, das weißt du
+selbst recht wohl ...«
+
+»Ja«, sagte Tony gedankenvoll. »Gewiß.« Sie war sich ihrer
+Verpflichtungen gegen die Familie und die Firma wohl bewußt, und sie war
+stolz auf diese Verpflichtungen. Sie, Antonie Buddenbrook, vor der der
+Träger Matthiesen tief seinen rauhen Zylinder abnahm, und die als
+Tochter des Konsuls Buddenbrook in der Stadt wie eine kleine Herrscherin
+umherging, war von der Geschichte ihrer Familie durchdrungen. Schon der
+Gewandschneider zu Rostock hatte sich =sehr= gut gestanden, und seit
+seiner Zeit war es immer glänzender bergauf gegangen. Sie hatte den
+Beruf, auf ihre Art den Glanz der Familie und der Firma »Johann
+Buddenbrook« zu fördern, indem sie eine reiche und vornehme Heirat
+einging ... Tom arbeitete dafür im Kontor ... Ja, die Art dieser Partie
+war sicherlich die richtige; aber ausgemacht Herr Grünlich ... Sie sah
+ihn vor sich, seine goldgelben Favoris, sein rosiges, lächelndes Gesicht
+mit der Warze am Nasenflügel, seine kurzen Schritte, sie glaubte seinen
+wolligen Anzug zu fühlen und seine weiche Stimme zu hören ...
+
+»Ich wußte wohl«, sagte die Konsulin, »daß wir ruhigen Vorstellungen
+zugänglich sind ... haben wir vielleicht schon einen Entschluß gefaßt?«
+
+»O bewahre!« rief Tony, und sie betonte das »O« mit plötzlicher
+Entrüstung. »Was für ein Unsinn, Grünlich zu heiraten! Ich habe ihn
+beständig mit spitzen Redensarten verhöhnt ... Ich begreife überhaupt
+nicht, daß er mich noch leiden mag! Er müßte doch ein bißchen Stolz im
+Leibe haben ...«
+
+Und damit fing sie an, sich Honig auf eine Scheibe Landbrot zu träufeln.
+
+
+Drittes Kapitel
+
+In diesem Jahre unternahmen Buddenbrooks auch während der Schulferien
+Christians und Klaras keine Erholungsreise. Der Konsul erklärte,
+geschäftlich zu sehr in Anspruch genommen zu sein, und die schwebende
+Frage in betreff Antoniens trug dazu bei, daß man abwartend in der
+Mengstraße verblieb. An Herrn Grünlich war, von der Hand des Konsuls
+geschrieben, ein überaus diplomatischer Brief abgegangen; aber der
+Fortgang der Dinge ward durch Tonys in den kindischsten Formen geäußerte
+Hartnäckigkeit behindert. »Bewahre, Mama!« sagte sie. »Ich kann ihn
+nicht ausstehen!« wobei sie die zweite Silbe des letzten Wortes mit
+höchstem Nachdruck betonte und das »st« ausnahmsweise nicht getrennt
+sprach. Oder sie erklärte mit Feierlichkeit: »Vater!« -- sonst pflegte
+Tony »Papa« zu sagen -- »Ich werde ihm mein Jawort niemals erteilen.«
+
+Auf diesem Punkte wäre die Angelegenheit sicherlich noch lange Zeit
+stehengeblieben, wenn sich nicht, zehn Tage vielleicht nach jener
+Unterredung im Frühstückszimmer -- man stand in der Mitte des Juli --,
+das Folgende ereignet hätte ...
+
+Es war Nachmittag -- ein blauer, warmer Nachmittag; die Konsulin war
+ausgegangen, und Tony saß mit einem Romane allein im Landschaftszimmer
+am Fenster, als Anton ihr eine Visitkarte überbrachte. Bevor sie noch
+Zeit gehabt, den Namen zu lesen, betrat ein Herr in glockenförmigem
+Gehrock und erbsenfarbenem Beinkleid das Zimmer; es war, wie sich
+versteht, Herr Grünlich, und auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck
+flehender Zärtlichkeit.
+
+Tony fuhr entsetzt auf ihrem Stuhle empor und machte eine Bewegung, als
+wollte sie in den Eßsaal entfliehen ... Wie war es möglich, noch mit
+einem Herrn zu sprechen, der um ihre Hand angehalten hatte? Das Herz
+pochte ihr bis in den Hals hinauf, und sie war sehr bleich geworden.
+Solange sie Herrn Grünlich weit entfernt wußte, hatten die ernsthaften
+Verhandlungen mit den Eltern und die plötzliche Wichtigkeit ihrer Person
+und Entscheidung ihr geradezu Spaß gemacht. Nun aber war er wieder da!
+Er stand vor ihr! Was würde geschehen? Sie fühlte schon wieder, daß sie
+weinen werde.
+
+Mit raschen Schritten, die Arme ausgebreitet und den Kopf zur Seite
+geneigt, in der Haltung eines Mannes, welcher sagen will: Hier bin ich!
+Töte mich, wenn du willst! kam Herr Grünlich auf sie zu. »Welch eine
+Fügung!« rief er. »Ich finde =Sie=, Antonie!« Er sagte »Antonie«.
+
+Tony, die, ihren Roman in der Rechten, aufgerichtet an ihrem Stuhle
+stand, schob die Lippen hervor, und indem sie bei jedem Worte eine
+Kopfbewegung von unten nach oben machte und jedes dieser Worte mit einer
+tiefen Entrüstung betonte, stieß sie hervor:
+
+»Was -- fällt -- Ihnen -- ein!«
+
+Trotzdem standen ihr die Tränen bereits in der Kehle.
+
+Herrn Grünlichs Bewegung war allzu groß, als daß er diesen Einwurf hätte
+beachten können.
+
+»Konnte ich länger warten ... Mußte ich nicht hierher zurückkehren?«
+fragte er eindringlich. »Ich habe vor einer Woche den Brief Ihres
+=lieben= Herrn Vaters erhalten, diesen Brief, der mich mit Hoffnung
+erfüllt hat! Konnte ich noch länger in halber Gewißheit verharren,
+Fräulein Antonie? Ich hielt es nicht länger aus ... Ich habe mich in
+einen Wagen geworfen ... Ich bin hierher geeilt ... Ich habe ein paar
+Zimmer im Gasthofe Stadt Hamburg genommen ... und da bin ich, Antonie,
+um von Ihren Lippen das letzte, entscheidende Wort in Empfang zu nehmen,
+das mich glücklicher machen wird, als ich es zu sagen vermag!«
+
+Tony war erstarrt; ihre Tränen traten zurück vor Verblüffung. Das also
+war die Wirkung des vorsichtigen väterlichen Briefes, der jede
+Entscheidung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben hatte! -- Sie
+stammelte drei- oder viermal:
+
+»Sie irren sich. -- Sie irren sich ...«
+
+Herr Grünlich hatte einen Armsessel ganz dicht an ihren Fenstersitz
+herangezogen, er setzte sich, er nötigte auch sie selbst, sich wieder
+niederzulassen, und während er, vornübergebeugt, ihre Hand, die schlaff
+war vor Ratlosigkeit, in der seinen hielt, fuhr er mit bewegter Stimme
+fort:
+
+»Fräulein Antonie ... Seit dem ersten Augenblicke, seit jenem
+Nachmittage ... Sie erinnern sich jenes Nachmittages?... als ich Sie zum
+ersten Male im Kreise der Ihrigen, eine so vornehme, so traumhaft
+liebliche Erscheinung, erblickte ... ist Ihr Name mit unauslöschlichen
+Buchstaben in mein Herz geschrieben ...« Er verbesserte sich und sagte:
+»gegraben«. »Seit jenem Tage, Fräulein Antonie, ist es mein einziger,
+mein heißer Wunsch, Ihre schöne Hand fürs Leben zu gewinnen, und was der
+Brief Ihres =lieben= Herrn Vaters mich nur hoffen ließ, das werden Sie
+mir nun zur glücklichen Gewißheit machen ... nicht wahr?! ich darf mit
+Ihrer Gegenneigung rechnen ... Ihrer Gegenneigung sicher sein!« Hierbei
+ergriff er auch mit der anderen Hand die ihre und blickte ihr tief in
+die ängstlich geöffneten Augen. Er trug heute keine Zwirnhandschuhe;
+seine Hände waren lang, weiß und von hohen, blauen Adern durchzogen.
+
+Tony starrte in sein rosiges Gesicht, auf die Warze an seiner Nase, und
+in seine Augen, die so blau waren wie diejenigen einer Gans.
+
+»Nein, nein!« brachte sie rasch und angstvoll hervor. Hierauf sagte sie
+noch: »Ich gebe Ihnen nicht mein Jawort!« Sie bemühte sich fest zu
+sprechen, aber sie weinte schon.
+
+»Womit habe ich dieses Zweifeln und Zögern Ihrerseits verdient?« fragte
+er mit tief gesenkter und fast vorwurfsvoller Stimme. »Sie sind ein von
+liebender Sorgfalt behütetes und verwöhntes Mädchen ... aber ich schwöre
+Ihnen, ja, ich verpfände Ihnen mein Manneswort, daß ich Sie auf Händen
+tragen werde, daß Sie als meine Gattin nichts entbehren werden, daß Sie
+in Hamburg ein Ihrer würdiges Leben führen werden ...«
+
+Tony sprang auf, sie befreite ihre Hand, und während ihre Tränen
+hervorstürzten, rief sie völlig verzweifelt:
+
+»Nein ... nein! Ich habe ja =nein= gesagt! Ich gebe Ihnen einen Korb,
+verstehen Sie das denn nicht, Gott im Himmel?!...«
+
+Allein auch Herr Grünlich erhob sich. Er trat einen Schritt zurück, er
+breitete die Arme aus, indem er ihr beide Handflächen entgegenhielt, und
+sprach mit dem Ernst eines Mannes von Ehre und Entschluß:
+
+»Wissen Sie, Mademoiselle Buddenbrook, daß ich mich nicht in dieser
+Weise beleidigen lassen darf?«
+
+»Aber ich beleidige Sie nicht, Herr Grünlich«, sagte Tony, denn sie
+bereute, so heftig gewesen zu sein. Mein Gott, mußte gerade ihr dies
+begegnen! Sie hatte sich so eine Werbung nicht vorgestellt. Sie hatte
+geglaubt, man brauche nur zu sagen: »Ihr Antrag ehrt mich, aber ich kann
+ihn nicht annehmen«, damit alles erledigt sei ...
+
+»Ihr Antrag ehrt mich«, sagte sie so ruhig sie konnte; »aber ich kann
+ihn nicht annehmen ... So, und ich muß Sie nun ... verlassen,
+entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit mehr.«
+
+Aber Herr Grünlich stand ihr im Wege.
+
+»Sie weisen mich zurück?« fragte er tonlos ...
+
+»Ja«, sagte Tony; und aus Vorsicht fügte sie hinzu: »Leider« ...
+
+Da atmete Herr Grünlich heftig auf, er machte zwei große Schritte
+rückwärts, beugte den Oberkörper zur Seite, wies mit dem Zeigefinger auf
+den Teppich und rief mit fürchterlicher Stimme:
+
+»Antonie --!«
+
+So standen sie sich während eines Augenblicks gegenüber; er in
+aufrichtig erzürnter und gebietender Haltung, Tony blaß, verweint und
+zitternd, das feuchte Taschentuch am Munde. Endlich wandte er sich ab
+und durchmaß, die Hände auf dem Rücken, zweimal das Zimmer, als sei er
+hier zu Hause. Dann blieb er am Fenster stehen und blickte durch die
+Scheiben in die beginnende Dämmerung.
+
+Tony schritt langsam und mit einer gewissen Behutsamkeit auf die Glastür
+zu; aber sie befand sich erst in der Mitte des Zimmers, als Herr
+Grünlich aufs neue bei ihr stand.
+
+»Tony!« sagte er ganz leise, während er sanft ihre Hand erfaßte; und er
+sank ... sank langsam bei ihr zu Boden auf die Knie. Seine beiden
+goldgelben Favoris lagen auf ihrer Hand.
+
+»Tony ...«, wiederholte er, »sehen Sie mich hier ... Dahin haben Sie es
+gebracht ... Haben Sie ein Herz, ein fühlendes Herz?... Hören Sie mich
+an ... Sie sehen einen Mann vor sich, der vernichtet, zugrunde gerichtet
+ist, wenn ... ja, der vor Kummer sterben wird«, unterbrach er sich mit
+einer gewissen Hast, »wenn Sie seine Liebe verschmähen! Hier liege ich
+... bringen Sie es über das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue Sie --?«
+
+»Nein, nein!« sagte Tony plötzlich in tröstendem Ton. Ihre Tränen waren
+versiegt, Rührung und Mitleid stiegen in ihr auf. Mein Gott, wie sehr
+mußte er sie lieben, daß er diese Sache, die ihr selbst innerlich ganz
+fremd und gleichgültig war, so weit trieb! War es möglich, daß =sie=
+dies erlebte? In Romanen las man dergleichen, und nun lag im
+gewöhnlichen Leben ein Herr im Gehrock vor ihr auf den Knien und
+flehte!... Ihr war der Gedanke, ihn zu heiraten, einfach unsinnig
+erschienen, weil sie Herrn Grünlich albern gefunden hatte. Aber, bei
+Gott, in diesem Augenblicke war er durchaus nicht albern! Aus seiner
+Stimme und seinem Gesicht sprach eine so ehrliche Angst, eine so
+aufrichtige und verzweifelte Bitte ...
+
+»Nein, nein«, wiederholte sie, indem sie sich ganz ergriffen über ihn
+beugte, »ich verabscheue Sie nicht, Herr Grünlich, wie können Sie
+dergleichen sagen!... Aber nun stehen Sie auf ... bitte ...«
+
+»Sie wollen mich nicht töten?« fragte er wieder, und sie sagte noch
+einmal in einem beinahe mütterlich tröstenden Ton:
+
+»Nein -- nein ...«
+
+»Das ist ein Wort!« rief Herr Grünlich und sprang auf die Füße. Sofort
+aber, als er Tonys erschrockene Bewegung sah, ließ er sich noch einmal
+nieder und sagte ängstlich beschwichtigend:
+
+»Gut, gut ... sprechen Sie nun nichts mehr, Antonie! Genug für diesmal,
+ich bitte Sie, von dieser Sache ... Wir reden weiter davon ... Ein
+anderes Mal ... Ein anderes Mal ... Leben Sie wohl für heute ... Leben
+Sie wohl ... Ich kehre zurück ... Leben Sie wohl! --«
+
+Er hatte sich rasch erhoben, er hatte seinen großen grauen Hut vom
+Tische gerissen, hatte ihre Hand geküßt und war durch die Glastür
+hinausgeeilt.
+
+Tony sah, wie er in der Säulenhalle seinen Stock ergriff und im Korridor
+verschwand. Sie stand, völlig verwirrt und erschöpft, inmitten des
+Zimmers, das feuchte Taschentuch in einer ihrer hinabhängenden Hände.
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Konsul Buddenbrook sagte zu seiner Gattin:
+
+»Wenn ich mir denken könnte, daß Tony irgendeinen delikaten Beweggrund
+hat, sich für diese Verbindung nicht entschließen zu können! Aber sie
+ist ein Kind, Bethsy, sie ist vergnügungslustig, tanzt auf Bällen, läßt
+sich von den jungen Leuten bekuren, und zwar mit Pläsier, denn sie weiß,
+daß sie hübsch und von Familie ist ... sie ist vielleicht im geheimen
+und unbewußt auf der Suche, aber ich kenne sie, sie hat ihr Herz, wie
+man zu sagen pflegt, noch gar nicht entdeckt ... Fragte man sie, so
+würde sie den Kopf hin und her drehen und nachdenken ... aber sie würde
+niemanden finden ... Sie ist ein Kind, ein Spatz, ein Springinsfeld ...
+Sagt sie ja, so wird sie ihren Platz gefunden haben, sie wird sich nett
+installieren können, wonach ihr der Sinn steht, und ihren Mann schon
+nach ein paar Tagen lieben ... Er ist kein Beau, nein, mein Gott, nein,
+er ist kein Beau ... aber er ist immerhin im höchsten Grade präsentabel,
+und man kann am Ende nicht fünf Beine auf ein Schaf verlangen, wenn du
+mir die kaufmännische Phrase zugut halten willst!... Wenn sie warten
+will, bis jemand kommt, der eine Schönheit und außerdem eine gute Partie
+ist -- nun, Gott befohlen! Tony Buddenbrook findet immer noch etwas.
+Indessen andererseits ... es bleibt ein Risiko, und, um wieder
+kaufmännisch zu reden, Fischzug ist alle Tage, aber nicht alle Tage
+Fangetag!... Ich habe gestern vormittag in einer längeren Unterredung
+mit Grünlich, der sich ja mit dem andauerndsten Ernste bewirbt, seine
+Bücher gesehen ... er hat sie mir vorgelegt ... Bücher, Bethsy, zum
+Einrahmen! Ich habe ihm mein höchstes Vergnügen ausgesprochen! Seine
+Sachen stehen für ein so junges Geschäft recht gut, recht gut. Sein
+Vermögen beläuft sich auf etwa 120000 Taler, was ersichtlich nur die
+vorläufige Grundlage ist, denn er macht jährlich einen hübschen Schnitt
+... Was Duchamps sagen, die ich befragte, klingt auch nicht übel: Seine
+Verhältnisse seien ihnen zwar nicht bekannt, aber er lebe _gentleman
+like_, verkehre in der besten Gesellschaft, und sein Geschäft sei ein
+notorisch lebhaftes und weit verzweigtes ... Was ich bei einigen anderen
+Hamburger Leuten, wie zum Beispiel bei einem Bankier Kesselmeyer,
+erfahren, hat mich gleichfalls vollauf befriedigt. Kurz, wie du weißt,
+Bethsy, ich kann nicht anders, als diese Heirat, die der Familie und der
+Firma nur zum Vorteil gereichen würde, dringend erwünschen! -- Es tut
+mir ja leid, mein Gott, daß das Kind sich in einer bedrängten Lage
+befindet, daß sie von allen Seiten umlagert ist, bedrückt umhergeht und
+kaum noch spricht; aber ich kann mich schlechterdings nicht
+entschließen, Grünlich kurzerhand abzuweisen ... denn noch eines,
+Bethsy, und das kann ich nicht oft genug wiederholen: Wir haben uns in
+den letzten Jahren bei Gott nicht in allzu hocherfreulicher Weise
+aufgenommen. Nicht als ob der Segen fehlte, behüte, nein, treue Arbeit
+wird redlich belohnt. Die Geschäfte gehen ruhig ... ach, allzu ruhig,
+und auch das nur, weil ich mit äußerster Vorsicht zu Werke gehe. Wir
+sind nicht vorwärts gekommen, nicht wesentlich, seit Vater abgerufen
+wurde. Die Zeiten jetzt sind wahrhaftig nicht gut für den Kaufmann ...
+Kurz, es ist nicht viele Freude dabei. Unsere Tochter ist heiratsfähig
+und in der Lage, eine Partie zu machen, die allen Leuten als vorteilhaft
+und rühmlich in die Augen springt -- sie soll sie machen! Warten ist
+nicht ratsam, nicht ratsam, Bethsy! Sprich noch einmal mit ihr; ich habe
+ihr heute Nachmittag nach Kräften zugeredet ...«
+
+-- Tony war in bedrängter Lage, darin hatte der Konsul recht. Sie sagte
+nicht mehr »nein«, aber sie vermochte auch das »Ja« nicht über die
+Lippen zu bringen -- Gott mochte ihr helfen! Sie begriff selbst nicht
+recht, warum sie sich die Zusage nicht abgewinnen konnte.
+
+Unterdessen nahm sie hier der Vater beiseite und sprach ein ernstes
+Wort, ließ dort die Mutter sie bei sich Platz nehmen, um eine endliche
+Entschließung zu fordern ... Onkel Gotthold und seine Familie hatte man
+in die Angelegenheit nicht eingeweiht, weil sie immer ein bißchen mokant
+gegen die in der Mengstraße gestimmt waren. Aber sogar Sesemi Weichbrodt
+hatte von der Sache erfahren und riet mit korrekter Aussprache zum
+guten, selbst Mamsell Jungmann sagte: »Tonychen, mein Kindchen, brauchst
+keine Sorge haben, bleibst in den ersten Kreisen ...« und Tony konnte
+nicht den verehrten seidnen Salon draußen vorm Burgtore besuchen, ohne
+daß die alte Madame Kröger anfing: »_A propos_, ich höre da von einer
+Affäre, ich hoffe, du wirst Räson annehmen, Kleine ...«
+
+Eines Sonntags, als sie mit den Eltern und Geschwistern in der
+Marienkirche saß, redete Pastor Kölling in starken Worten über den Text,
+der da besagt, daß das Weib Vater und Mutter verlassen und dem Manne
+nachfolgen soll -- wobei er plötzlich ausfallend wurde. Tony starrte
+entsetzt zu ihm empor, ob er sie vielleicht sogar ansähe ... Nein, Gott
+sei Dank, er hielt seinen dicken Kopf nach einer anderen Seite gewandt
+und predigte nur im allgemeinen über die andächtige Menge hin; und
+dennoch war es nur allzu klar, daß dies ein neuer Angriff auf sie war
+und jedes Wort ihr galt. Ein jugendliches, ein noch kindliches Weib,
+verkündete er, das noch keinen eigenen Willen und keine eigene Einsicht
+besitze und dennoch den liebevollen Ratschlüssen der Eltern sich
+widersetze, das sei strafbar, das wolle der Herr ausspeien aus seinem
+Munde ... und bei dieser Wendung, welche zu denen gehörte, für die
+Pastor Kölling schwärmte und die er mit Begeisterung hervorbrachte, traf
+Tony dennoch ein durchdringender Blick aus seinen Augen, der von einer
+furchtbaren Armbewegung begleitet war ... Tony sah, wie ihr Vater neben
+ihr eine Hand erhob, als wollte er sagen: »So! nicht zu heftig ...« Aber
+es war kein Zweifel, daß Pastor Kölling von ihm oder der Mutter ins
+Einverständnis gezogen war. Rot und gebückt saß sie an ihrem Platze, mit
+dem Gefühle, daß die Augen aller Welt auf ihr ruhten -- und am nächsten
+Sonntage weigerte sie sich aufs bestimmteste, die Kirche zu besuchen.
+
+Sie ging schweigsam umher, sie lachte nicht mehr genug, sie verlor
+geradezu den Appetit und seufzte manchmal so herzbrechend, als ringe sie
+mit einem Entschlusse, um dann die Ihren kläglich anzusehen ... Man
+mußte Mitleid mit ihr haben. Sie magerte wahrhaftig ab und büßte an
+Frische ein. Schließlich sagte der Konsul:
+
+»Das geht nicht länger, Bethsy, wir dürfen das Kind nicht malträtieren.
+Sie muß mal ein bißchen heraus, zur Ruhe kommen und sich besinnen; du
+sollst sehen, dann nimmt sie Vernunft an. Ich kann mich nicht losmachen,
+und die Ferien sind beinahe vorüber ... aber wir können auch alle ganz
+gut zu Hause bleiben. Gestern war zufällig der alte Schwarzkopf von
+Travemünde hier, Diederich Schwarzkopf, der Lotsenkommandeur. Ich ließ
+ein paar Worte fallen, und er zeigte sich mit Vergnügen bereit, die Dirn
+für einige Zeit bei sich aufzunehmen ... Ich gebe ihm eine kleine
+Entschädigung ... Da hat sie eine behagliche Häuslichkeit, kann baden
+und Luft schnappen und mit sich ins reine kommen. Tom fährt mit ihr, und
+alles ist in Ordnung. Das geschieht besser morgen als später ...«
+
+Mit diesem Einfalle erklärte Tony sich freudig einverstanden. Sie bekam
+Herrn Grünlich zwar kaum zu Gesicht, aber sie wußte, daß er in der Stadt
+war, mit den Eltern verhandelte und wartete ... Mein Gott, er konnte
+jeden Tag wieder vor ihr stehen, um zu schreien und zu flehen! In
+Travemünde und in einem fremden Hause würde sie sicherer vor ihm sein
+... So packte sie eilig und vergnügt ihren Koffer, und dann, an einem
+der letzten Julitage, stieg sie mit Tom, der sie begleiten sollte, in
+die majestätische Krögersche Equipage, sagte in bester Laune Adieu und
+fuhr aufatmend zum Burgtor hinaus.
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Nach Travemünde geht es immer geradeaus, mit der Fähre übers Wasser und
+dann wieder geradeaus; der Weg war beiden wohlbekannt. Die graue
+Chaussee glitt flink unter den hohl und taktmäßig aufschlagenden Hufen
+von Lebrecht Krögers dicken Braunen aus Mecklenburg dahin, obgleich die
+Sonne brannte und der Staub die spärliche Aussicht verhüllte. Man hatte
+ausnahmsweise um 1 Uhr zu Mittag gegessen, und die Geschwister waren
+punkt 2 Uhr abgefahren, so würden sie kurz nach 4 Uhr anlangen, denn
+wenn eine Droschke drei Stunden gebraucht, so hatte der Krögersche
+Jochen Ehrgeiz genug, den Weg in zweien zu machen.
+
+Tony nickte in träumerischem Halbschlaf unter ihrem großen, flachen
+Strohhut und ihrem mit cremefarbenen Spitzen besetzten Sonnenschirm, der
+bindfadengrau war, wie ihr schlicht gearbeitetes, schlankes Kleid, und
+den sie gegen das Rückverdeck gelehnt hatte. Ihre Füße in Schuhen mit
+Kreuzbändern und weißen Strümpfen hatte sie zierlich übereinander
+gestellt; sie saß bequem und elegant zurückgelehnt, wie für die Equipage
+geschaffen.
+
+Tom, schon zwanzigjährig, mit Akkuratesse in blaugraues Tuch gekleidet,
+hatte den Strohhut zurückgeschoben und rauchte russische Zigaretten. Er
+war nicht sehr groß geworden; aber sein Schnurrbart, dunkler als Haar
+und Wimpern, begann kräftig zu wachsen. Indem er nach seiner Gewohnheit
+eine Braue ein wenig emporzog, blickte er in die Staubwolken und auf die
+vorüberziehenden Chausseebäume.
+
+Tony sagte:
+
+»Ich bin noch niemals so froh gewesen, nach Travemünde zu kommen, wie
+diesmal, ... erstens aus allerhand Gründen, Tom, du brauchst dich
+durchaus nicht zu mokieren; ich wollte, ich könnte ein gewisses Paar
+goldgelber Kotelettes noch einige Meilen weiter zurücklassen ... Dann
+aber wird es ein ganz neues Travemünde sein, da in der Vorderreihe bei
+Schwarzkopfs ... Ich werde mich gar nicht um die Kurgesellschaft
+bekümmern ... Das kenne ich zur Genüge ... Und ich bin gar nicht dazu
+aufgelegt ... Überdies steht dem ... Menschen da draußen alles offen, er
+geniert sich nicht, paß auf, er würde eines Tages hold lächelnd neben
+mir auftauchen ...«
+
+Tom warf die Zigarette fort und nahm sich eine neue aus der Büchse, in
+deren Deckel eine von Wölfen überfallene Troika kunstvoll eingelegt war:
+das Geschenk irgendeines russischen Kunden an den Konsul. Die
+Zigaretten, diese kleinen scharfen Dinger mit gelbem Mundstück waren
+Toms Leidenschaft; er rauchte sie massenweise und hatte die schlimme
+Gewohnheit, den Rauch tief in die Lunge zu atmen, so daß er beim
+Sprechen langsam wieder hervorsprudelte.
+
+»Ja«, sagte er, »was das betrifft, im Kurgarten wimmelt es von
+Hamburgern. Konsul Fritsche, der das ganze gekauft hat, ist ja selbst
+einer ... Er soll augenblicklich glänzende Geschäfte machen, sagt Papa
+... Übrigens läßt du dir doch manches entgehen, wenn du nicht ein
+bißchen mittust ... Peter Döhlmann ist natürlich dort; um diese Zeit ist
+er nie in der Stadt; sein Geschäft geht ja wohl von selbst im Hundetrab
+... komisch! Na ... Und Onkel Justus kommt sicher Sonntags ein bißchen
+hinaus und macht der Roulette einen Besuch ... Dann sind da Möllendorpfs
+und Kistenmakers, glaube ich, vollzählig, und Hagenströms ...«
+
+»Ha! -- Natürlich! Wie wäre Sarah Semlinger wohl entbehrlich ...«
+
+»Sie heißt übrigens Laura, mein Kind, man muß gerecht sein.«
+
+»Mit Julchen natürlich ... Julchen =soll= sich diesen Sommer mit August
+Möllendorpf verloben, und Julchen =wird= es tun! Dann gehören sie doch
+endgültig dazu! Weißt du, Tom, es ist empörend! Diese hergelaufene
+Familie ...«
+
+»Ja, lieber Gott ... Strunck & Hagenström machen sich geschäftlich
+heraus; das ist die Hauptsache ...«
+
+»Selbstverständlich! und man weiß ja auch, wie sie's machen ... Mit den
+Ellenbogen, weißt du ... ohne jede Kulanz und Vornehmheit ... Großvater
+sagte von Hinrich Hagenström: `Dem kalbt der Ochse´, das waren seine
+Worte ...«
+
+»Ja, ja, ja, das ist nun einerlei. Verdienen wird groß geschrieben. Und
+was diese Verlobung betrifft, so ist das ein ganz korrektes Geschäft.
+Julchen wird eine Möllendorpf, und August bekommt einen hübschen
+Posten ...«
+
+»Ach ... du willst mich übrigens ärgern, Tom, das ist alles ... Ich
+verachte diese Menschen ...«
+
+Tom fing an zu lachen. »Mein Gott ... man wird sich mit ihnen einrichten
+müssen, weißt du. Wie Papa neulich sagte: Sie sind die Heraufkommenden
+... Während zum Beispiel Möllendorpfs ... Und dann kann man den
+Hagenströms die Tüchtigkeit nicht absprechen. Hermann ist schon sehr
+nützlich im Geschäft und Moritz hat trotz seiner schwachen Brust die
+Schule glänzend absolviert. Er soll sehr gescheut sein und studiert
+Jura.«
+
+»Schön ... aber dann freut es mich wenigstens, Tom, daß es auch noch
+andere Familien gibt, die sich vor ihnen nicht zu bücken brauchen, und
+daß zum Beispiel wir Buddenbrooks denn doch ...«
+
+»So«, sagte Tom, »nun wollen wir nur nicht anfangen zu prahlen. Ihre
+wunden Punkte hat jede Familie«, fuhr er mit einem Blick auf Jochens
+breiten Rücken leiser fort. »Wie es zum Beispiel mit Onkel Justus steht,
+weiß der liebe Gott. Papa schüttelt immer den Kopf, wenn er von ihm
+spricht, und Großvater Kröger hat ein paarmal, glaube ich, mit großen
+Summen aushelfen müssen ... Und mit den Vettern ist auch nicht alles in
+Ordnung. Jürgen, der ja studieren will, kommt immer noch nicht zum
+Abgangsexamen ... Und mit Jakob, bei Dalbeck & Comp. in Hamburg, soll
+man gar nicht zufrieden sein. Er kommt niemals mit seinem Gelde aus,
+obgleich er wohl versorgt wird; und was Onkel Justus ihm verweigert, das
+schickt ihm Tante Rosalie ... Nein, ich finde, man soll keinen Stein
+aufheben. Wenn du übrigens den Hagenströms die Waagschale halten willst,
+so solltest du doch Grünlich heiraten!«
+
+»Sind wir in diesen Wagen gestiegen, um davon zu sprechen? Ja! Ja! ich
+sollte es vielleicht! Aber ich will jetzt nicht daran denken. Ich will
+es einfach vergessen. Nun fahren wir zu Schwarzkopfs. Ich habe sie
+wissentlich nie gesehen ... Es sind wohl nette Leute?«
+
+»Oh! Diederich Swattkopp, dat is'n ganz passablen ollen Kierl ... Das
+heißt, so spricht er nicht immer, sondern nur, wenn er mehr als fünf
+Gläser Grog getrunken hat. Einmal, als er im Kontor gewesen war, gingen
+wir zusammen in die Schiffergesellschaft ... Er trank wie ein Loch. Sein
+Vater ist auf einem Norwegenfahrer geboren und nachher Kapitän auf
+dieser Linie gewesen. Diederich hat einen guten Bildungsgang gemacht;
+die Lotsenkommandantur ist eine verantwortliche und ziemlich gut
+bezahlte Stellung. Er ist ein alter Seebär ... aber immer galant mit den
+Damen. Paß auf, er wird dir die Kur machen ...«
+
+»Ha! -- Und die Frau?«
+
+»Seine Frau kenne ich selbst nicht. Sie wird schon gemütlich sein.
+Übrigens ist da ein Sohn, der zu meiner Zeit in Sekunda oder Prima saß
+und jetzt wohl studiert ... Sieh mal, da ist die See! Eine kleine
+Viertelstunde noch ...«
+
+In einer Allee von jungen Buchen fuhren sie eine Strecke ganz dicht am
+Meere entlang, das blau und friedlich in der Sonne lag. Der runde gelbe
+Leuchtturm tauchte auf, sie übersahen eine Weile Bucht und Bollwerk, die
+roten Dächer des Städtchens und den kleinen Hafen mit dem Segel- und
+Tauwerk der Böte. Dann fuhren sie zwischen den ersten Häusern hindurch,
+ließen die Kirche zurück und rollten die »Vorderreihe«, die sich am
+Flusse hinzog, entlang bis zu einem hübschen kleinen Hause, dessen
+Veranda dicht mit Weinlaub bewachsen war.
+
+Lotsenkommandeur Schwarzkopf stand vor seiner Tür und nahm beim
+Herannahen der Kalesche die Schiffermütze ab. Es war ein untersetzter,
+breiter Mann mit rotem Gesicht, wasserblauen Augen und einem eisgrauen,
+stacheligen Bart, der fächerförmig von einem Ohr zum anderen lief. Sein
+abwärts gezogener Mund, in dem er eine Holzpfeife hielt und dessen
+rasierte Oberlippe hart, rot und gewölbt war, machte einen Eindruck von
+Würde und Biederkeit. Eine weiße Pikeeweste leuchtete unter seinem
+offenen mit Goldborten verzierten Rock. Breitbeinig und mit etwas
+vorgestrecktem Bauche stand er da.
+
+»Ist wahrhaftig eine Ehre für mich, Mamsell, alles was recht ist, daß
+Sie eine Zeitlang bei uns fürliebnehmen wollen ...« Er hob Tony mit
+Behutsamkeit aus dem Wagen. »Kompliment, Herr Buddenbrook! Wohlauf, der
+Herr Papa? Und die Frau Konsulin?... Ist mir ein aufrichtiges
+Pläsier!... Na, treten die Herrschaften näher! Meine Frau hat wohl so
+etwas wie einen kleinen Imbiß bereit. -- Fahr'n Se man to Gastwirt
+Peddersen«, sagte er zum Kutscher, der den Koffer ins Haus getragen
+hatte; »da sünd de Pierd ganz gaut unnerbracht ... Sie übernachten doch
+bei uns, Herr Buddenbrook?... I, warum nicht gar! Die Pferde müssen doch
+verschnaufen, und dann kämen Sie ja nicht vor Dunkelwerden zur
+Stadt ...«
+
+»Wissen Sie, hier wohnt man mindestens so gut, wie draußen im Kurhaus«,
+sagte Tony eine Viertelstunde später, als man in der Veranda um den
+Kaffeetisch saß. »Was für prachtvolle Luft! Man riecht den Tang bis
+hierher. Ich bin entsetzlich froh, wieder in Travemünde zu sein!«
+
+Zwischen den grünbewachsenen Pfeilern der Veranda hindurch blickte man
+auf den breiten, in der Sonne glitzernden Fluß mit Kähnen und
+Landungsbrücken und hinüber zum Fährhaus auf dem »Priwal«, der
+vorgeschobenen Halbinsel Mecklenburgs. Die weiten, kummenartigen Tassen
+mit blauem Rande waren ungewohnt plump im Vergleich mit dem zierlichen
+alten Porzellan zu Hause; aber der Tisch, auf dem an Tonys Platz ein
+Strauß von Wiesenblumen stand, war einladend, und die Fahrt hatte Hunger
+gemacht.
+
+»Ja, Mamsell soll sehen, daß sie sich hier herausmacht«, sagte die
+Hausfrau. »Sie sieht ein bißchen strap'ziert aus, wenn ich mich so
+ausdrücken darf; das macht die Stadtluft, und dann sind da die vielen
+Fêten ...«
+
+Frau Schwarzkopf, eine Pastorstochter aus Schlutup, schien ungefähr 50
+Jahre zu zählen, war einen Kopf kleiner als Tony und ziemlich
+schmächtig. Ihr noch schwarzes, glatt und reinlich frisiertes Haar stak
+in einem großmaschigen Netze. Sie trug ein dunkelbraunes Kleid mit einem
+kleinen weißgehäkelten Kragen und ebensolchen Manschetten. Sie war
+sauber, sanft und freundlich und empfahl eifrig ihr selbstgebackenes
+Korinthenbrot, das, umgeben von Rahm, Zucker, Butter und Scheibenhonig,
+in dem bootförmigen Brotkorb lag. Diesen Korb schmückte eine Borte von
+Perlenstickerei, welche die kleine Meta gearbeitet hatte, ein
+achtjähriges, artiges, kleines Mädchen, das in schottischem Kleidchen
+und mit einem flachsblonden, steif abstehenden Zöpfchen neben seiner
+Mutter saß.
+
+Frau Schwarzkopf entschuldigte sich wegen des Zimmers, das für Tony
+bestimmt war, und in dem diese schon ein wenig Toilette gemacht hatte.
+Es sei so einfach ...
+
+»Pah allerliebst!« sagte Tony. Es habe Aussicht auf die See, das sei die
+Hauptsache. Und dabei tauchte sie die vierte Scheibe Korinthenbrot in
+ihren Kaffee. Tom sprach mit dem Alten über den »Wullenwewer«, der jetzt
+in der Stadt repariert wurde ...
+
+Plötzlich kam ein junger Mensch von etwa 20 Jahren mit einem Buch in die
+Veranda, der seinen grauen Filzhut abnahm und sich errötend und etwas
+linkisch verbeugte.
+
+»Na, min Söhn«, sagte der Lotsenkommandeur, »du kömmst spät ...« Dann
+stellte er vor: »Das ist mein Sohn --«, er nannte einen Vornamen, den
+Tony nicht verstand. »Studiert auf den Doktor ... bringt seine Ferien
+bei uns zu ...«
+
+»Sehr angenehm«, sagte Tony, wie sie es gelernt hatte. Tom stand auf und
+gab ihm die Hand. Der junge Schwarzkopf verbeugte sich nochmals, legte
+sein Buch aus der Hand und nahm, aufs neue errötend, am Tische Platz.
+
+Er war von mittlerer Größe, ziemlich schmal und so blond wie möglich.
+Sein beginnender Schnurrbart, so farblos wie das kurzgeschnittene Haar,
+das seinen länglichen Kopf bedeckte, war kaum zu sehen; und dem
+entsprach ein außerordentlich heller Teint, eine Haut wie poröses
+Porzellan, die bei der geringsten Gelegenheit hellrot anlaufen konnte.
+Seine Augen waren von etwas dunklerem Blau als die seines Vaters, und
+hatten denselben, nicht sehr lebhaften, gutmütig prüfenden Ausdruck;
+seine Gesichtszüge waren ebenmäßig und ziemlich angenehm. Als er anfing
+zu essen, zeigte er ungewöhnlich gutgeformte, engstehende Zähne, die
+spiegelnd blank waren, wie poliertes Elfenbein. Übrigens trug er eine
+graue, geschlossene Joppe mit Klappen an den Taschen und einem Gummizug
+im Rücken.
+
+»Ja, ich bitte um Entschuldigung, ich komme zu spät«, sagte er. Seine
+Sprache war ein wenig schwerfällig und knarrend. »Ich habe ein bißchen
+am Strande gelesen und nicht früh genug nach der Uhr gesehen.« Hierauf
+kaute er schweigsam und musterte Tom und Tony nur dann und wann prüfend
+von unten herauf.
+
+Später, als Tony wieder einmal von der Hausfrau genötigt wurde,
+zuzulangen, sagte er:
+
+»Dem Scheibenhonig können Sie vertrauen, Fräulein Buddenbrook ... Das
+ist reines Naturprodukt ... Da weiß man doch, was man verschluckt ...
+Sie müssen ordentlich essen, wissen Sie! Diese Luft hier, die zehrt ...
+die beschleunigt den Stoffwechsel. Wenn Sie nicht genug zu sich nehmen,
+so fallen Sie ab ...« Er hatte eine naive und sympathische Art, sich
+beim Sprechen vorzubeugen und manchmal eine andere Person dabei
+anzublicken als die, an die er sich wandte.
+
+Seine Mutter hörte ihm zärtlich zu und forschte dann in Tonys Gesicht
+nach dem Eindruck, den seine Worte hervorbrächten. Der alte Schwarzkopf
+aber sagte:
+
+»Nu speel di man nich up, Herr Dokter, mit deinem Stoffwechsel ... Da
+wollen wir gar nichts von wissen«, worauf der junge Mensch lachte und
+wieder errötend auf Tonys Teller blickte.
+
+Ein paarmal nannte der Lotsenkommandeur den Vornamen seines Sohnes, aber
+Tony konnte ihn durchaus nicht verstehen. Es war etwas wie »Moor« oder
+»Mord« ... unmöglich, es in der breiten und platten Aussprache des Alten
+zu erkennen.
+
+Als die Mahlzeit beendet war, als Diederich Schwarzkopf, der, mit weit
+von der weißen Weste zurückgeschlagenem Rock, behaglich in die Sonne
+blinzelte, und sein Sohn ihre kurzen Holzpfeifen zu rauchen begannen und
+Tom sich wieder seinen Zigaretten widmete, waren die jungen Leute in ein
+lebhaftes Gespräch über alte Schulgeschichten geraten, an dem Tony sich
+munter beteiligte. Herr Stengel wurde zitiert ... »Du sollst 'ne Line
+machen, und was machst du? Du machst 'n Strich!« Schade, daß Christian
+nicht da war; er konnte das noch viel besser ...
+
+Einmal sagte Tom zu seiner Schwester, indem er auf die vor ihr stehenden
+Blumen wies:
+
+»Herr Grünlich würde sagen: Das putzt ganz ungemein!«
+
+Worauf Tony ihn, rot vor Zorn, in die Seite stieß und einen scheuen
+Blick zu dem jungen Schwarzkopf hinübergleiten ließ.
+
+Man hatte mit dem Kaffeetrinken heute ungewöhnlich lange gewartet, und
+man saß lange beieinander. Es war schon halb sieben Uhr, und über den
+»Priwal« drüben begann sich die Dämmerung zu senken, als der Kommandeur
+sich erhob.
+
+»Na, die Herrschaften entschuldigen«, sagte er. »Ich habe nun noch
+drüben im Lotsenhause zu tun ... Wir essen um achte, wenn's gefällig ist
+... Oder heut' mal ein bißchen später, Meta, wie?... Und du --« hier
+nannte er wieder den Vornamen, -- »nun sitz hier nur nicht herum ... Nun
+geh nur hinaus und gib dich wieder mit deinen Knochen ab ... Mamsell
+Buddenbrook wird wohl auspacken ... Oder wenn die Herrschaften an den
+Strand gehen wollen ... Störe nur nicht!«
+
+»Diederich, mein Gott, warum soll er nicht noch sitzen bleiben«, sagte
+Frau Schwarzkopf sanft und vorwurfsvoll. »Und wenn die Herrschaften an
+den Strand gehen wollen, warum soll er nicht mitgehen? Er hat doch
+Ferien, Diederich!... Und soll er denn gar nichts von unserem Besuche
+haben?«
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+In ihrem kleinen, reinlichen Zimmer, dessen Möbel mit hellgeblümtem
+Kattun überzogen waren, erwachte Tony am nächsten Morgen mit dem
+angeregten und freudigen Gefühl, mit dem man in einer neuen Lebenslage
+die Augen öffnet.
+
+Sie setzte sich empor, und indem sie die Arme um ihre Knie schlang und
+den zerzausten Kopf zurücklegte, blinzelte sie in den schmalen und
+blendenden Streifen vom Tageslicht, der zwischen den geschlossenen Läden
+hindurch ins Zimmer fiel, und kramte mit Muße die gestrigen Erlebnisse
+wieder hervor.
+
+Kaum ein Gedanke streifte Herrn Grünlichs Person. Die Stadt und der
+gräßliche Auftritt im Landschaftszimmer und die Ermahnungen der Familie
+und Pastor Köllings lagen weit zurück. Hier würde sie nun jeden Morgen
+ganz sorglos erwachen ... Diese Schwarzkopfs waren prächtige Leute.
+Gestern abend hatte es wahrhaftig eine Apfelsinenbowle gegeben, und man
+hatte auf ein glückliches Zusammenleben angestoßen. Man war sehr
+vergnügt gewesen. Der alte Schwarzkopf hatte Seegeschichten zum besten
+gegeben und der junge von Göttingen berichtet, wo er studierte ... Aber
+es war doch sonderbar, daß sie noch immer seinen Vornamen nicht wußte!
+Sie hatte mit Spannung darauf geachtet, aber er war beim Abendessen
+nicht mehr genannt worden, und es hätte sich wohl nicht geschickt,
+danach zu fragen. Sie dachte angestrengt nach ... Mein Gott, wie hieß
+der junge Mensch! Moor ... Mord ...? Übrigens hatte er ihr gut gefallen,
+dieser Moor oder Mord. Er hatte ein so gutmütig verschmitztes Lachen,
+wenn er um Wasser bat und statt dessen ein paar Buchstaben mit Zahlen
+dahinter nannte, so daß der Alte ganz böse wurde. Ja, das sei aber die
+wissenschaftliche Formel für Wasser ... allerdings nicht für =dieses=
+Wasser, denn die Formel für =diese= Travemünder Flüssigkeit sei wohl
+viel komplizierter. Jeden Augenblick könne man eine Qualle darin finden
+... Die hohe Obrigkeit habe ihre eignen Begriffe von Süßwasser ...
+Worauf ihm wieder ein väterlicher Verweis zuteil geworden war, weil er
+in wegwerfendem Tone von der Obrigkeit gesprochen hatte. Frau
+Schwarzkopf hatte immer in Tonys Gesicht nach Bewunderung gesucht, und
+wahrhaftig, er sprach sehr amüsant, zugleich lustig und gelehrt ... Er
+hatte sich ziemlich viel um sie gekümmert, der junge Herr. Sie hatte
+geklagt, daß sie beim Essen einen heißen Kopf bekäme, sie glaube zu viel
+Blut zu haben ... Was hatte er geantwortet? Er hatte sie gemustert und
+gesagt: Ja, die Arterien an den Schläfen seien gefüllt, aber das
+schließe nicht aus, daß nicht genug Blut oder genug rote Blutkörperchen
+im Kopfe seien ... Sie sei vielleicht ein =bißchen= bleichsüchtig ...
+
+Der Kuckuck sprang aus der geschnitzten Wanduhr und gluckste viele Male
+hell und hohl. »Sieben, acht, neun«, zählte Tony, »aufgestanden!« Und
+damit sprang sie aus dem Bette und stieß die Fensterläden auf. Der
+Himmel war ein wenig bedeckt, aber die Sonne schien. Man sah über das
+Leuchtenfeld mit dem Turm weit über die krause See hinaus, die rechts im
+Bogen von der mecklenburgischen Küste begrenzt war und sich in
+grünlichen und blauen Streifen erstreckte, bis sie mit dem dunstigen
+Horizont zusammenfloß. Nachher will ich baden, dachte Tony, aber vorher
+ordentlich frühstücken, damit der Stoffwechsel nicht an mir zehrt ...
+Und damit machte sie sich lächelnd und mit raschen, vergnügten
+Bewegungen ans Waschen und Ankleiden.
+
+Es war kurz nach halb 10 Uhr, als sie die Stube verließ. Die Tür des
+Zimmers, wo Tom geschlafen hatte, stand offen; er war in aller Frühe
+wieder zur Stadt gefahren. Schon hier oben in dem ziemlich hoch
+gelegenen Stockwerk, in dem nur Schlafzimmer lagen, roch es nach Kaffee.
+Das schien der charakteristische Geruch des kleinen Hauses zu sein, und
+er nahm zu, als Tony die mit einem schlichten, undurchbrochenen
+Holzgeländer versehene Treppe hinunterstieg und drunten über den
+Korridor ging, an dem Wohn- und Eßzimmer und das Büro des
+Lotsenkommandeurs lagen. Frisch und in bester Laune betrat sie in ihrem
+weißen Pikeekleide die Veranda.
+
+Frau Schwarzkopf saß mit ihrem Sohne allein am Kaffeetische, der schon
+teilweise abgeräumt war. Sie trug eine blaukarierte Küchenschürze über
+ihrem braunen Kleid. Ein Schlüsselkorb stand vor ihr.
+
+»Tausendmal um Vergebung«, sagte sie, indem sie aufstand, »daß wir nicht
+gewartet haben, Mamsell Buddenbrook! Wir sind früh auf, wir einfachen
+Leute. Da gibt es hunderterlei zu tun ... Schwarzkopf ist in seinem Büro
+... Nicht wahr, Mamsell ist nicht böse?«
+
+Tony ihrerseits entschuldigte sich. »Sie müssen nicht glauben, daß ich
+immer so lange schlafe. Ich habe ein sehr böses Gewissen. Aber die Bowle
+von gestern abend ...«
+
+Hier fing der junge Sohn des Hauses an zu lachen. Er stand, seine kurze
+Holzpfeife in der Hand, hinter dem Tische. Die Zeitung lag vor ihm.
+
+»Ja, Sie sind schuld«, sagte Tony; »guten Morgen!... Sie haben beständig
+mit mir angestoßen ... Jetzt verdiene ich nur noch kalten Kaffee. Ich
+müßte schon gefrühstückt und gebadet haben ...«
+
+»Nein, das wäre zu früh für eine junge Dame! Um sieben war das Wasser
+noch ziemlich kalt, wissen Sie; 11 Grad ... das schneidet ein bißchen
+nach der Bettwärme ...«
+
+»Woher wissen Sie denn, daß ich lauwarm baden will, _monsieur_?« Und
+Tony nahm am Tische Platz. »Sie haben mir den Kaffee warm gehalten, Frau
+Schwarzkopf!... Aber einschenken tue ich mir selbst ... vielen Dank!«
+
+Die Hausfrau sah zu, wie ihr Gast die ersten Bissen aß.
+
+»Und Mamsell hat gut geschlafen die erste Nacht? Ja, mein Gott, die
+Matratze ist mit Seegras gefüllt ... wir sind einfache Leute ... Aber
+nun wünsche ich guten Appetit und einen vergnügten Vormittag. Mamsell
+wird sicher mancherlei Bekannte am Strande treffen ... Wenn es angenehm
+ist, begleitet mein Sohn Sie hin. Um Verzeihung, daß ich nicht länger
+Gesellschaft leiste, aber ich =muß= nach dem Essen sehen. Ich habe eine
+Bratwurst ... Wir geben es so gut, wie wir können.«
+
+»Ich halte mich an den Scheibenhonig«, sagte Tony, als die beiden allein
+waren. »Sehen Sie, da weiß man doch, was man verschluckt!«
+
+Der junge Schwarzkopf stand auf und legte seine Pfeife auf die Brüstung
+der Veranda.
+
+»Aber rauchen Sie doch! Nein, das stört mich ganz und gar nicht. Wenn
+ich zu Hause zum Frühstück komme, ist immer schon Papas Zigarrenrauch in
+der Stube ... Sagen Sie mal«, fragte sie plötzlich, »ist es wahr, daß
+ein Ei soviel wert ist wie ein Viertelpfund Fleisch?«
+
+Er wurde über und über rot. »Wollen Sie mich eigentlich zum besten
+haben, Fräulein Buddenbrook?« fragte er zwischen Lachen und Ärger. »Ich
+habe gestern abend noch einen Rüffel von Vater bekommen wegen meiner
+Fachsimpelei und Wichtigtuerei, wie er sagte ...«
+
+»Aber ich habe ganz harmlos gefragt?!« Tony hörte vor Bestürzung einen
+Augenblick auf zu essen. »Wichtigtuerei! Wie kann man dergleichen
+sagen!... Ich möchte gern etwas erfahren ... Mein Gott, ich bin eine
+Gans, sehen Sie! Bei Sesemi Weichbrodt war ich immer unter den
+Faulsten. Und Sie wissen, glaube ich, so viel ...« Innerlich dachte sie:
+Wichtigtuerei? Man befindet sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von
+seiner besten Seite, setzt seine Worte und sucht zu gefallen -- das ist
+doch klar ...
+
+»Nun ja, es deckt sich in gewisser Weise«, sagte er geschmeichelt. »Was
+gewisse Nährstoffe betrifft ...«
+
+Hierauf, während Tony frühstückte und der junge Schwarzkopf fortfuhr,
+seine Pfeife zu rauchen, fing man an, von Sesemi Weichbrodt zu
+schwatzen, von Tonys Pensionszeit, von ihren Freundinnen, Gerda
+Arnoldsen, die nun wieder in Amsterdam war, und Armgard von Schilling,
+deren weißes Haus man vom Strande aus sehen konnte, wenigstens bei
+klarem Wetter ...
+
+Später, als sie schon mit essen fertig war und sich den Mund wischte,
+fragte Tony, indem sie auf die Zeitung deutete:
+
+»Steht etwas Neues darin?«
+
+Der junge Schwarzkopf lachte und schüttelte mit spöttischem Mitleid den
+Kopf.
+
+»Ach nein ... Was soll wohl darin stehen?... Wissen Sie, diese
+Städtischen Anzeigen sind ein klägliches Blättchen!«
+
+»Oh?... Aber Papa und Mama haben sie immer gehalten?«
+
+»Ja, nun!« sagte er und wurde rot ... »Ich lese sie ja auch, wie Sie
+sehen, weil eben nichts anderes zur Hand ist. Aber daß der Großhändler
+Konsul So und So seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, ist nicht
+allzu erschütternd ... Ja -- ja! Sie lachen ... Aber Sie sollten mal
+andere Blätter lesen, die Königsberger Hartungsche Zeitung ... oder die
+Rheinische Zeitung ... da würden Sie etwas anderes finden! Was der König
+von Preußen auch sagen mag ...«
+
+»Was sagt er denn?«
+
+»Ja ... nein, das kann ich leider vor einer Dame nicht zitieren ...« Und
+er wurde abermals rot. »Er hat sich ziemlich ungnädig über diese Presse
+geäußert«, fuhr er mit einem etwas gewaltsam ironischen Lächeln fort,
+das Tony einen Augenblick peinlich berührte. »Sie geht nicht sehr
+glimpflich mit der Regierung um, wissen Sie, mit den Adligen, mit
+Pfaffen und Junkern ... sie weiß allzu geschickt die Zensur an der Nase
+zu führen ...«
+
+»Nun und Sie, gehen Sie auch nicht glimpflich mit den Adligen um?«
+
+»Ich?« fragte er und geriet in Verlegenheit ... Tony stand auf.
+
+»Na, darüber müssen wir ein anderes Mal reden. Wie wäre es, wenn ich nun
+zum Strande ginge? Sehen Sie, es ist beinahe ganz blau geworden. Heute
+wird es nicht mehr regnen. Ich habe die größte Lust, wieder einmal in
+die See zu springen. Wollen Sie mich hinunter begleiten?...«
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Sie hatte ihren großen Strohhut aufgesetzt und ihren Sonnenschirm
+aufgespannt, denn es herrschte, obgleich ein kleiner Seewind ging,
+heftige Hitze. Der junge Schwarzkopf schritt, in seinem grauen Filzhut,
+sein Buch in der Hand, neben ihr her und betrachtete sie manchmal von
+der Seite. Sie gingen die »Vorderreihe« entlang und spazierten durch den
+Kurgarten, der stumm und schattenlos mit seinen Kieswegen und
+Rosenanlagen dalag. Der Musiktempel, zwischen Nadelbäumen versteckt,
+stand schweigend dem Kurhaus, der Konditorei und den beiden, durch ein
+langes Zwischengebäude miteinander verbundenen Schweizerhäusern
+gegenüber. Es war gegen halb 12 Uhr; die Badegäste mußten sich noch am
+Strande befinden.
+
+Die beiden gingen über den Kinderspielplatz mit den Bänken und der
+großen Schaukel; sie gingen nahe am Warmbadehause vorbei und wanderten
+langsam über das Leuchtenfeld. Die Sonne brütete auf dem Grase und ließ
+diesen heißen, würzigen Geruch von Klee und Kraut daraus aufsteigen, in
+dem blaue Fliegen surrend standen und umherschossen. Ein monotones,
+gedämpftes Rauschen kam vom Meere her, in dessen Ferne dann und wann
+kleine Schaumköpfe aufblitzten.
+
+»Was lesen Sie da eigentlich?« fragte Tony.
+
+Der junge Mann nahm das Buch in beide Hände und blätterte es schnell von
+hinten nach vorne durch.
+
+»Ach, das ist nichts für Sie, Fräulein Buddenbrook! Lauter Blut und
+Gedärme und Elend ... Sehen Sie, hier ist gerade von Lungenödem die
+Rede, auf deutsch: Stickfluß. Dabei sind nämlich die Lungenbläschen mit
+einer so wässerigen Flüssigkeit angefüllt ... das ist hochgradig
+gefährlich und kommt bei Lungenentzündung vor. Wenn es schlimm ist, kann
+man nicht mehr atmen und stirbt ganz einfach. Und das alles ist ganz
+kühl von oben herab behandelt ...«
+
+»Ja, pfui!... Aber wenn man Doktor werden will ... Ich werde dafür
+sorgen, daß Sie bei uns Hausarzt werden, wenn Grabow sich später einmal
+zur Ruhe setzt, passen Sie auf!«
+
+»Ha!... Und was lesen Sie denn, wenn ich fragen darf, Fräulein
+Buddenbrook?«
+
+»Kennen Sie Hoffmann?« fragte Tony.
+
+»Den mit dem Kapellmeister und dem goldenen Topf? Ja, das ist sehr
+hübsch ... Aber, wissen Sie, es ist doch wohl mehr für Damen. Männer
+müssen heute etwas anderes lesen.«
+
+»Jetzt muß ich Sie =eines= fragen«, sagte Tony nach ein paar Schritten
+und faßte einen Entschluß. »Nämlich, =wie= heißen Sie eigentlich mit
+Vornamen! Ich habe ihn noch kein einziges Mal verstanden ... das macht
+mich förmlich nervös! Ich habe geradezu darüber gegrübelt ...«
+
+»Sie haben darüber gegrübelt?«
+
+»Ach ja -- nun erschweren Sie mir die Sache nicht! Es schickt sich wohl
+nicht, daß ich frage; aber ich bin natürlich neugierig ... Übrigens
+brauche ich es ja, solange ich lebe, nicht zu erfahren.«
+
+»Na, ich heiße Morten«, sagte er und wurde so rot wie noch niemals.
+
+»Morten? Das ist hübsch!«
+
+»Nun! hübsch ...«
+
+»Ja, mein Gott ... es ist doch hübscher, als wenn Sie Hinz oder Kunz
+hießen. Es ist etwas Besonderes, etwas Ausländisches ...«
+
+»Sie sind eine Romantikerin, Mademoiselle Buddenbrook; Sie haben zuviel
+Hoffmann gelesen ... Ja, die Sache ist ganz einfach die: Mein Großvater
+war ein halber Norweger und hieß Morten. Nach ihm bin ich getauft
+worden. Das ist alles ...«
+
+Tony stieg behutsam durch das hohe, scharfe Schilfgras, das am Rande des
+nackten Strandes stand. Die Reihe der hölzernen Strandpavillons mit
+ihren kegelförmigen Dächern lag vor ihnen und ließ den Durchblick auf
+die Strandkörbe frei, die näher am Wasser standen, und um die Familien
+im warmen Sande lagerten: Damen mit blauen Schutzpincenez und
+Leihbibliotheksbänden, Herren in hellen Anzügen, die müßig mit ihren
+Spazierstöcken Figuren in den Sand zeichneten, gebräunte Kinder mit
+großen Strohhüten auf den Köpfen, die schaufelten, sich wälzten, nach
+Wasser gruben, mit Holzformen Kuchen buken, Tunnels bohrten, mit bloßen
+Beinen in die niedrigen Wellen hineinwateten und Schiffe schwimmen
+ließen ... Rechts ragte das Holzgebäude der Badeanstalt in die See
+hinaus.
+
+»Nun marschieren wir geradeswegs auf den Möllendorpfschen Pavillon zu«,
+sagte Tony. »Lassen Sie uns doch etwas abbiegen!«
+
+»Gern ... aber Sie werden sich nun ja wohl den Herrschaften anschließen
+... Ich setze mich da hinten auf die Steine.«
+
+»Anschließen ... ja, ja, ich werde wohl guten Tag sagen müssen. Aber es
+ist mir recht zuwider, müssen Sie wissen. Ich bin hierher gekommen, um
+meinen Frieden zu haben ...«
+
+»Frieden? Vor wem?«
+
+»Nun! Vor wem ...«
+
+»Hören Sie, Fräulein Buddenbrook, ich muß Sie auch noch =eines= fragen
+... aber bei Gelegenheit, später, wenn Zeit dazu ist. Nun erlauben Sie,
+daß ich Ihnen Adieu sage. Ich setze mich dahinten auf die Steine ...«
+
+»Soll ich Sie nicht vorstellen, Herr Schwarzkopf?« fragte Tony mit
+Wichtigkeit.
+
+»Nein, ach nein« ... sagte Morten eilig, »ich danke sehr. Ich gehöre
+doch wohl kaum dazu, wissen Sie. Ich setze mich dahinten auf die
+Steine ...«
+
+Es war eine größere Gesellschaft, auf die Tony zuschritt, während Morten
+Schwarzkopf sich rechter Hand zu den großen Steinblöcken begab, die
+neben der Badeanstalt vom Wasser bespült wurden, -- eine Gruppe, die vor
+dem Möllendorpfschen Pavillon lagerte und von den Familien Möllendorpf,
+Hagenström, Kistenmaker und Fritsche gebildet ward. Abgesehen von Konsul
+Fritsche aus Hamburg, dem Besitzer des Ganzen, und Peter Döhlmann, dem
+Suitier, bestand sie ausschließlich aus Damen und Kindern, denn es war
+Alltag, und die meisten Herren befanden sich in der Stadt bei ihren
+Geschäften. Konsul Fritsche, ein älterer Herr mit glattrasiertem,
+distinguiertem Gesicht, beschäftigte sich droben im offenen Pavillon mit
+einem Fernrohr, das er auf einen in der Ferne sichtbaren Segler
+richtete. Peter Döhlmann, mit einem breitkrempigen Strohhut und
+rundgeschnittenem Schifferbart, stand plaudernd bei den Damen, die auf
+Plaids im Sande lagen oder auf kleinen Sesseln aus Segeltuch saßen: Frau
+Senatorin Möllendorpf, geborene Langhals, die mit einer langgestielten
+Lorgnette hantierte, und deren Haupt von grauem Haar unordentlich
+umstanden war; Frau Hagenström nebst Julchen, die ziemlich klein
+geblieben war, aber, wie ihre Mutter, bereits Brillanten in den Ohren
+trug; Frau Konsul Kistenmaker nebst Töchtern und die Konsulin Fritsche,
+eine runzelige kleine Dame, die eine Haube trug und im Bade
+Wirtspflichten versah. Rot und ermattet sann sie auf nichts als
+Reunions, Kinderbälle, Verlosungen und Segelpartien ... Ihre Vorleserin
+saß in einiger Entfernung. Die Kinder spielten am Wasser.
+
+Kistenmaker & Sohn war die aufblühende Weinhandlung, die in den letzten
+Jahren C. F. Köppen aus der Mode zu bringen begann. Die beiden Söhne,
+Eduard und Stephan, arbeiteten bereits in dem väterlichen Geschäft. --
+Dem Konsul Döhlmann fehlten gänzlich die ausgesuchten Manieren, über die
+etwa Justus Kröger verfügte; er war ein biederer Suitier, ein Suitier,
+dessen Spezialität die gutmütige Grobheit war und der sich in der
+Gesellschaft außerordentlich viel herausnehmen durfte, weil er wußte,
+daß er besonders bei den Damen mit seinem behäbigen, dreisten und lauten
+Gebaren als ein Original beliebt war. Als auf einem Diner bei
+Buddenbrooks sich das Erscheinen eines Gerichtes lange Zeit verzögerte,
+die Hausfrau in Verlegenheit und die beschäftigungslose Gesellschaft in
+Mißstimmung geriet, stellte er die gute Laune wieder her, indem er mit
+seiner breiten und lärmenden Stimme über die ganze Tafel brüllte: »Ick
+bün so wied, Fru Konsulin!«
+
+Mit eben dieser schallenden und groben Stimme erzählte er augenblicklich
+fragwürdige Anekdoten, die er mit plattdeutschen Wendungen würzte ...
+Die Senatorin Möllendorpf rief, erschöpft und außer sich vor Lachen,
+einmal über das andere: »Mein Gott, Herr Konsul, hören Sie einen
+Augenblick auf!«
+
+-- Tony Buddenbrook ward von den Hagenströms kalt, von der übrigen
+Gesellschaft mit großer Herzlichkeit empfangen. Selbst Konsul Fritsche
+kam eilfertig die Stufen des Pavillons herunter, denn er hoffte, daß
+wenigstens im nächsten Jahre wieder die Buddenbrooks helfen würden, das
+Bad zu bevölkern.
+
+»Der Ihrige, Mamsell!« sagte Konsul Döhlmann, mit möglichst feiner
+Aussprache, denn er wußte, daß Fräulein Buddenbrook seine Manieren nicht
+besonders bevorzugte.
+
+»Mademoiselle Buddenbrook!«
+
+»Sie hier?«
+
+»Wie reizend!«
+
+»Und seit wann?«
+
+»Und welch inzückende Toilette!« -- Man sagte »inzückend«. --
+
+»Und Sie wohnen?«
+
+»Bei Schwarzkopfs?«
+
+»Beim Lotsenkommandeur?«
+
+»Wie originell!«
+
+»Wie =finde= ich das =forchtbar= originell!« -- Man sagte
+»forchtbar«. --
+
+»Sie wohnen in der Stadt?« wiederholte Konsul Fritsche, der Besitzer des
+Kurhauses, ohne ahnen zu lassen, daß ihn dies peinlich berührte ...
+
+»Werden Sie uns nicht das Vergnügen machen bei der nächsten Reunion?«
+fragte seine Gattin ...
+
+»Oh, nur für kurze Zeit in Travemünde?« antwortete eine andere Dame ...
+
+»Finden Sie nicht, Liebe, daß die Buddenbrooks ein bißchen allzu
+exklusiv sind?« wandte sich Frau Hagenström ganz leise an die Senatorin
+Möllendorpf ...
+
+»Und Sie haben noch nicht gebadet?« fragte jemand. »Wer von den jungen
+Damen hat sonst heute noch nicht gebadet? Mariechen, Julchen, Luischen?
+Selbstredend begleiten Ihre Freundinnen Sie, Fräulein Antonie ...«
+
+Einige junge Mädchen trennten sich von der Gesellschaft, um mit Tony zu
+baden, und Peter Döhlmann ließ es sich nicht nehmen, die Damen den
+Strand entlang zu geleiten.
+
+»Gott! erinnerst du dich noch unserer Schulgänge von damals?« fragte
+Tony Julchen Hagenström.
+
+»J--ja! Sie spielten immer die Boshafte«, sagte Julchen mit mitleidigem
+Lächeln.
+
+Man ging oberhalb des Strandes auf dem Steg von paarweise gelegten
+Brettern der Badeanstalt zu; und als man an den Steinen vorüberkam, wo
+Morten Schwarzkopf mit seinem Buche saß, nickte Tony ihm aus der Ferne
+mehrmals mit rascher Kopfbewegung zu. Jemand erkundigte sich: »Wen
+grüßtest du, Tony?«
+
+»Oh, das war der junge Schwarzkopf«, sagte Tony; »er hat mich
+herunterbegleitet ...«
+
+»Der Sohn des Lotsenkommandeurs?« fragte Julchen Hagenström und blickte
+mit ihren blanken schwarzen Augen scharf zu Morten hinüber, der
+seinerseits mit einer gewissen Melancholie die elegante Gesellschaft
+musterte. Tony aber sagte mit lauter Stimme: »Eines bedaure ich:
+nämlich, daß zum Beispiel August Möllendorpf nicht hier ist ... Es muß
+doch alltags recht langweilig am Strande sein!«
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Hiermit begannen schöne Sommerwochen für Tony Buddenbrook, kurzweiligere
+und angenehmere, als sie jemals in Travemünde erlebt hatte. Sie blühte
+auf, nichts lastete mehr auf ihr; in ihre Worte und Bewegungen kehrten
+Keckheit und Sorglosigkeit zurück. Der Konsul betrachtete sie mit
+Wohlgefallen, wenn er Sonntags mit Tom und Christian nach Travemünde
+kam. Dann speiste man an der Table d'hote, trank bei der Kurmusik den
+Kaffee unter dem Zeltdach der Konditorei und sah drinnen im Saale der
+Roulette zu, um die lustige Leute, wie Justus Kröger und Peter Döhlmann,
+sich drängten: Der Konsul spielte niemals. --
+
+Tony sonnte sich, sie badete, aß Bratwurst mit Pfeffernußsauce und
+machte weite Spaziergänge mit Morten: den Chausseeweg zum Nachbarort,
+den Strand entlang zu dem hoch gelegenen »Seetempel«, der eine weite
+Aussicht über See und Land beherrschte, oder in das Wäldchen hinauf, das
+hinterm Kurhause lag und auf dessen Höhe die große Table d'hote-Glocke
+hing ... Oder sie ruderten über die Trave zum »Priwal«, wo es Bernstein
+zu finden gab ...
+
+Morten war ein unterhaltender Begleiter, wiewohl seine Meinungen ein
+wenig hitzig und absprechend waren. Er führte über alle Dinge ein
+strenges und gerechtes Urteil mit sich, das er mit Entschiedenheit
+hervorbrachte, obgleich er rot dabei wurde. Tony ward betrübt und sie
+schalt ihn, wenn er mit etwas ungeschickter aber zorniger Geste alle
+Adeligen für Idioten und Elende erklärte; aber sie war sehr stolz
+darauf, daß er ihr gegenüber offen und zutraulich seine Anschauungen
+aussprach, die er den Eltern verschwieg ... Einmal sagte er: »Dies muß
+ich Ihnen noch erzählen: Auf meiner Bude in Göttingen habe ich ein
+vollkommenes Gerippe ... wissen Sie, so ein Knochengerippe, notdürftig
+mit etwas Draht zusammengehalten. Na, diesem Gerippe habe ich eine alte
+Polizistenuniform angezogen ... ha! Finden Sie das nicht ausgezeichnet?
+Aber sagen Sie es um Gottes willen nicht meinem Vater!« --
+
+Es konnte nicht fehlen, daß Tony oftmals mit ihrer städtischen
+Bekanntschaft am Strande oder im Kurgarten verkehrte, daß sie zu dieser
+oder jener Reunion und Segelpartie hinzugezogen wurde. Dann saß Morten
+»auf den Steinen«. Diese Steine waren seit dem ersten Tage zwischen den
+beiden zur stehenden Redewendung geworden. »Auf den Steinen sitzen«, das
+bedeutete: »Vereinsamt sein und sich langweilen«. Kam ein Regentag, der
+die See weit und breit in einen grauen Schleier hüllte, daß sie völlig
+mit dem tiefen Himmel zusammenfloß, der den Strand durchweichte und die
+Wege überschwemmte, dann sagte Tony: »Heute müssen wir beide auf den
+Steinen sitzen ... das heißt in der Veranda oder im Wohnzimmer. Es
+bleibt nichts übrig, als daß Sie mir Ihre Studentenlieder vorspielen,
+Morten, obgleich es mich greulich langweilt.«
+
+»Ja«, sagte Morten, »setzen wir uns ... Aber wissen Sie, wenn Sie dabei
+sind, so sind es keine Steine mehr!« ... Übrigens sagte er dergleichen
+nicht, wenn sein Vater zugegen war; seine Mutter durfte es hören.
+
+»Was nun?« fragte der Lotsenkommandeur, wenn nach dem Mittagessen Tony
+und Morten gleichzeitig aufstanden und sich anschickten, auf und davon
+zu gehen ... »Wohin mit den jungen Herrschaften!«
+
+»Ja, ich darf Fräulein Antonie ein bißchen zum Seetempel begleiten.«
+
+»So, darfst du das? -- Sage mal, mein Sohn Filius, wäre es nicht am Ende
+angebrachter, du setztest dich auf deine Stube und repetiertest deine
+Nervenstränge? Du hast alles vergessen, bis du wieder nach Göttingen
+kommst ...«
+
+Frau Schwarzkopf aber sprach sanft: »Diederich, mein Gott! warum soll er
+nicht mitgehen? Laß ihn doch mitgehen! Er hat doch Ferien! Und soll er
+denn gar nichts von unserem Besuche haben?« -- So gingen sie.
+
+Sie gingen den Strand entlang, ganz unten am Wasser, dort wo der Sand
+von der Flut benetzt, geglättet und gehärtet ist, so daß man mühelos
+gehen kann; wo kleine, gewöhnliche, weiße Muscheln verstreut liegen und
+andere, längliche, große, opalisierende; dazwischen gelbgrünes, nasses
+Seegras mit runden, hohlen Früchten, welche knallen, wenn man sie
+zerdrückt; und Quallen, einfache, wasserfarbene sowohl wie rotgelbe,
+giftige, welche das Bein verbrennen, wenn man sie beim Baden berührt ...
+
+»Wollen Sie wissen, wie dumm ich früher war?« sagte Tony. »Ich wollte
+die bunten Sterne aus den Quallen heraus haben. Ich trug eine ganze
+Menge Quallen im Taschentuche nach Hause und legte sie säuberlich auf
+den Balkon in die Sonne, damit sie verdunsteten ... dann mußten die
+Sterne doch übrigbleiben! Ja, schön ... Als ich nachsah, war da ein
+ziemlich großer nasser Fleck. Es roch nur ein bißchen nach faulem
+Seetang ...«
+
+Sie gingen, das rhythmische Rauschen der langgestreckten Wellen neben
+sich, den frischen Salzwind im Gesicht, der frei und ohne Hindernis
+daherkommt, die Ohren umhüllt und einen angenehmen Schwindel, eine
+gedämpfte Betäubung hervorruft ... Sie gingen in diesem weiten, still
+sausenden Frieden am Meere, der jedes kleine Geräusch, ob fern oder nah,
+zu geheimnisvoller Bedeutung erhebt ...
+
+Links befanden sich zerklüftete Abhänge aus gelbem Lehm und Geröll,
+gleichförmig, mit immer neu hervorspringenden Ecken, welche die
+Biegungen der Küste verdeckten. Hier irgendwo, weil der Strand zu
+steinig wurde, kletterten sie hinauf, um droben durch das Gehölz den
+ansteigenden Weg zum Seetempel fortzusetzen. Der Seetempel, ein runder
+Pavillon, war aus rohen Borkenstämmen und Brettern erbaut, deren
+Innenseiten mit Inschriften, Initialen, Herzen, Gedichten bedeckt war
+... Tony und Morten setzten sich in eine der kleinen abgeteilten
+Kammern, die der See zugewandt waren, und in denen es nach Holz roch wie
+in den Kabinen der Badeanstalt, auf die schmale, roh gezimmerte Bank im
+Hintergrunde.
+
+Es war sehr still und feierlich hier oben um diese Nachmittagsstunde.
+Ein paar Vögel schwatzten, und das leise Rauschen der Bäume vermischte
+sich mit dem des Meeres, das sich dort tief unten ausbreitete und in
+dessen Ferne das Takelwerk eines Schiffes zu sehen war. Geschützt vor
+dem Winde, der bislang um ihre Ohren gespielt hatte, empfanden sie
+plötzlich eine nachdenklich stimmende Stille.
+
+Tony erkundigte sich: »Kommt der oder geht er?«
+
+»Wie?« fragte Morten mit seiner schwerfälligen Stimme ... und als ob er
+aus irgendeiner tiefen Abwesenheit erwachte, sagte er rasch: »Geht! Das
+ist der `Bürgermeister Steenbock´, der nach Rußland fährt. -- Ich möchte
+nicht mit«, setzte er nach einer Pause hinzu. »Dort muß es noch
+empörender zugehen als bei uns!«
+
+»So!« sagte Tony. »Nun gedenken Sie wieder mit den Adligen anzufangen,
+Morten, ich sehe es Ihrem Gesichte an. Es ist nicht schön von Ihnen ...
+Haben Sie jemals einen gekannt?«
+
+»Nein!« rief Morten beinahe entrüstet. »Gott sei Dank!«
+
+»Ja! ja, sehen Sie wohl? Ich aber. Ein Mädchen allerdings, Armgard von
+Schilling dort drüben, von der ich Ihnen schon erzählte. Nun, sie war
+gutmütiger als Sie und ich, sie wußte kaum, daß sie `von´ hieß, sie aß
+Mettwurst und sprach von ihren Kühen ...«
+
+»Sicherlich gibt es Ausnahmen, Fräulein Tony!« sagte er eifrig. »Aber
+hören Sie ... Sie sind eine junge Dame, Sie sehen alles persönlich an.
+Sie kennen einen Adligen und sagen: Aber er ist doch ein braver Mensch!
+Gewiß ... aber man braucht gar keinen zu kennen, um sie alle zu
+verurteilen! Denn es handelt sich um das Prinzip, wissen Sie, um die
+Einrichtung! Ja, darauf müssen Sie schweigen ... Wie? Jemand braucht nur
+geboren zu werden, um ein Auserlesener und Edler zu sein ... der
+verächtlich auf uns anderen herabblicken darf, ... die wir mit allen
+Verdiensten nicht auf seine Höhe gelangen können?...« Morten sprach mit
+einer naiven und gutherzigen Entrüstung; er versuchte, Handbewegungen zu
+machen, sah selbst, daß sie ungeschickt waren, und unterließ sie wieder.
+Aber er redete fort. Er war in Stimmung. Er saß vorgebeugt, einen Daumen
+zwischen den Knöpfen seiner Joppe, und gab seinen gutmütigen Augen einen
+trotzigen Ausdruck ... »Wir, die Bourgeoisie, der dritte Stand, wie wir
+bis jetzt genannt worden sind, wir wollen, daß nur noch ein Adel des
+Verdienstes bestehe, wir erkennen den faulen Adel nicht mehr an, wir
+leugnen die jetzige Rangordnung der Stände ... wir wollen, daß alle
+Menschen frei und gleich sind, daß niemand einer Person unterworfen ist,
+sondern alle nur den Gesetzen untertänig sind!... Es soll keine
+Privilegien und keine Willkür mehr geben!... Alle sollen
+gleichberechtigte Kinder des Staates sein, und wie keine Mittlerschaft
+mehr existiert zwischen dem Laien und dem lieben Gott, so soll auch der
+Bürger zum Staate in unmittelbarem Verhältnis stehen!... Wir wollen
+Freiheit der Presse, der Gewerbe, des Handels ... Wir wollen, daß alle
+Menschen ohne Vorrechte miteinander konkurrieren können und daß dem
+Verdienste seine Krone wird!... Aber wir sind geknechtet, geknebelt ...
+was wollte ich eben sagen? Ja, passen Sie auf: Vor vier Jahren sind die
+Bundesgesetze über die Universitäten und die Presse erneuert worden --
+schöne Gesetze! Es darf keine Wahrheit niedergeschrieben oder gelehrt
+werden, die vielleicht nicht mit der bestehenden Ordnung der Dinge
+übereinstimmt ... Verstehen Sie? Die Wahrheit wird unterdrückt, sie
+kommt nicht zum Worte ... und warum? einem idiotischen, veralteten,
+hinfälligen Zustande zuliebe, der, wie jedermann weiß, früher oder
+später ja dennoch abgeschafft werden wird ... Ich glaube, Sie begreifen
+diese Gemeinheit gar nicht! Die Gewalt, die dumme, rohe,
+augenblickliche Polizistengewalt, ganz ohne Verständnis für das Geistige
+und Neue ... Nein, von allem abgesehen will ich nur noch eines sagen ...
+Der König von Preußen hat ein großes Unrecht begangen! Damals, _anno_
+dreizehn, als die Franzosen im Lande waren, hat er uns gerufen und uns
+die Konstitution versprochen ... wir sind gekommen, wir haben
+Deutschland befreit ...«
+
+Tony, die ihn, das Kinn in die Hand gestützt, von der Seite betrachtete,
+überlegte einen Augenblick ernstlich, ob er selbst wohl wirklich
+geholfen haben könne, Napoleon zu vertreiben.
+
+»... aber meinen Sie, daß das Versprechen eingelöst worden ist? Ach
+nein! -- Der jetzige König ist ein Schönredner, ein Träumer, ein
+Romantiker, wie Sie, Fräulein Tony ... Denn eines müssen Sie beachten:
+Wenn die Philosophen und Dichter eine Wahrheit, eine Anschauung, ein
+Prinzip soeben wieder überwunden und abgetan haben, dann kommt
+allmählich ein König, der nun gerade =da=bei angelangt ist, der nun
+gerade =dies= für das Neueste und Beste hält und sich danach benehmen zu
+müssen glaubt ... Ja, so ist es mit dem Königtum bestellt! Die Könige
+sind nicht nur Menschen, sie sind sogar höchst mittelmäßige Menschen,
+sie sind immer um mehrere Postmeilen zurück ... Ach, mit Deutschland ist
+es gegangen, wie mit einem Burschenschafts-Studenten, der zur Zeit der
+Freiheitskriege seine mutige und begeisterte Jugend hatte und nun zum
+kläglichen Philister geworden ist ...«
+
+»Jaja«, sagte Tony. »Alles gut. Aber lassen Sie mich das eine fragen ...
+Was geht Sie das eigentlich an? Sie sind ja gar kein Preuße ...«
+
+»Ach, das ist alles eins, Fräulein Buddenbrook! Ja, ich nenne Ihren
+Familiennamen, und zwar mit Absicht ... und ich müßte eigentlich noch
+`Demoiselle´ Buddenbrook sagen, damit Ihnen Ihr ganzes Recht wird! Sind
+bei uns etwa die Menschen freier, gleicher, brüderlicher als in Preußen?
+Schranken, Abstand, Aristokratie -- hier wie dort!... Sie haben
+Sympathie für die Adligen ... soll ich Ihnen sagen warum? Weil Sie
+selbst eine Adlige sind! Ja--ha, haben Sie das noch nicht gewußt?... Ihr
+Vater ist ein großer Herr, und Sie sind eine Prinzeß. Ein Abgrund trennt
+Sie von uns anderen, die wir nicht zu Ihrem Kreise von herrschenden
+Familien gehören. Sie können wohl einmal mit einem von uns zur Erholung
+ein bißchen an der See spazieren gehen, aber wenn Sie wieder in Ihren
+Kreis der Bevorzugten und Auserwählten treten, dann kann man auf den
+Steinen sitzen ...« Seine Stimme war ganz fremdartig erregt geworden.
+
+»Morten«, sagte Tony traurig. »Nun haben Sie sich =doch= geärgert, wenn
+Sie auf den Steinen saßen! Ich habe Sie doch gebeten, sich vorstellen zu
+lassen ...«
+
+»Oh, Sie nehmen die Sache wieder als junge Dame, zu persönlich, Fräulein
+Tony! Ich spreche doch im Prinzip ... Ich sage, daß bei uns nicht mehr
+brüderliche Menschlichkeit herrscht als in Preußen ... Und wenn ich
+persönlich spräche«, fuhr er nach einer kleinen Pause mit leiserer
+Stimme fort, aus der aber die eigentümliche Erregung nicht verschwunden
+war, »so würde ich nicht die Gegenwart meinen, sondern eher vielleicht
+die Zukunft, ... wenn Sie als eine Madame So und So einmal endgültig in
+Ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines
+Lebens auf den Steinen sitzen kann ...«
+
+Er schwieg, und auch Tony schwieg. Sie blickte ihn nicht mehr an,
+sondern nach der anderen Seite, auf die Bretterwand neben ihr. Es
+herrschte ziemlich lange eine beklommene Stille.
+
+»Erinnern Sie sich«, fing Morten wieder an, »daß ich Ihnen einmal sagte,
+ich hätte eine Frage an Sie zu richten? Ja, die beschäftigt mich seit
+dem ersten Nachmittage, als Sie hier ankamen, müssen Sie wissen ...
+Raten Sie nur nicht! Sie können unmöglich wissen, was ich meine. Ich
+frage ein anderes Mal, bei Gelegenheit; es hat keine Eile, es geht mich
+im Grunde gar nichts an, es ist bloß Neugierde ... Nein, heute will ich
+Ihnen nur das eine verraten ... etwas anderes ... Sehen Sie mal.«
+
+Hierbei zog Morten aus einer Tasche seiner Joppe das Ende eines
+schmalen, buntgestreiften Bandes hervor und sah mit einem Gemisch von
+Erwartung und Triumph in Tonys Augen.
+
+»Wie hübsch«, sagte sie verständnislos. »Was bedeutet das?«
+
+Morten aber sprach feierlich: »Das bedeutet, daß ich in Göttingen einer
+Burschenschaftsverbindung angehöre -- nun wissen Sie es! Ich habe auch
+eine Mütze in diesen Farben, aber die habe ich für die Ferienzeit dem
+Gerippe in der Polizistenuniform aufgesetzt ... denn hier dürfte ich
+mich nicht damit sehen lassen, verstehen Sie ... Ich kann doch darauf
+rechnen, daß Sie reinen Mund halten? Wenn mein Vater von der Sache
+erführe, so gäbe es ein Unglück ...«
+
+»Kein Wort, Morten! Nein, auf mich können Sie zählen!... Aber ich weiß
+gar nichts davon ... Sind Sie alle gegen die Adligen verschworen?... Was
+wollen Sie?«
+
+»Wir wollen die Freiheit!« sagte Morten.
+
+»Die Freiheit?« fragte sie.
+
+»Nun ja, die Freiheit, wissen Sie, die Freiheit ...!« wiederholte er,
+indem er eine vage, ein wenig linkische, aber begeisterte Armbewegung
+hinaus, hinunter, über die See hin vollführte, und zwar nicht nach jener
+Seite, wo die mecklenburgische Küste die Bucht beschränkte, sondern
+dorthin, wo das Meer offen war, wo es sich in immer schmaler werdenden
+grünen, blauen, gelben und grauen Streifen leicht gekräuselt, großartig
+und unabsehbar dem verwischten Horizont entgegendehnte ...
+
+Tony folgte mit den Augen der Richtung seiner Hand; und während nicht
+viel fehlte, daß beider Hände, die nebeneinander auf der rauhen Holzbank
+lagen, sich vereinigten, blickten sie gemeinsam in dieselbe Ferne. Sie
+schwiegen lange, indes das Meer ruhig und schwerfällig zu ihnen
+heraufrauschte ... und Tony glaubte plötzlich einig zu sein mit Morten
+in einem großen, unbestimmten, ahnungsvollen und sehnsüchtigen
+Verständnis dessen, was »Freiheit« bedeutete.
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+»Es ist merkwürdig, daß man sich an der See nicht langweilen kann,
+Morten. Liegen Sie einmal an einem anderen Orte drei oder vier Stunden
+lang auf dem Rücken, ohne etwas zu tun, ohne auch nur einem Gedanken
+nachzuhängen ...«
+
+»Ja, ja ... Übrigens muß ich gestehen, daß ich mich früher manchmal
+gelangweilt habe, Fräulein Tony; aber das ist einige Wochen her ...«
+
+Der Herbst kam, der erste starke Wind hatte sich aufgemacht. Graue,
+dünne und zerrissene Wolken flatterten eilig über den Himmel. Die trübe,
+zerwühlte See war weit und breit mit Schaum bedeckt. Große, starke Wogen
+wälzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflößenden Ruhe heran,
+neigten sich majestätisch, indem sie eine dunkelgrüne, metallblanke
+Rundung bildeten, und stürzten lärmend über den Sand.
+
+Die Saison war völlig zu Ende. Der Teil des Strandes, den sonst die
+Menge der Badegäste bevölkerte und wo jetzt die Pavillons zum Teile
+schon abgebrochen waren, lag mit wenigen Sitzkörben fast ausgestorben
+da. Aber Tony und Morten lagerten nachmittags in einer entfernten
+Gegend: dort, wo die gelben Lehmwände begannen, und wo die Wellen am
+»Möwenstein« ihren Gischt hoch emporschleuderten. Morten hatte ihr einen
+festgeklopften Sandberg getürmt: daran lehnte sie mit dem Rücken, die
+Füße in Kreuzbandschuhen und weißen Strümpfen übereinandergelegt, in
+ihrer weichen grauen Herbstjacke mit großen Knöpfen; Morten, ihr
+zugewandt, lag, das Kinn in die Hand gestützt, auf der Seite. Eine Möwe
+schoß dann und wann über die See und ließ ihren Raubvogelschrei
+vernehmen. Sie sahen die grünen, mit Seegras durchwachsenen Wände der
+Wellen an, die drohend daherkamen und an dem Steinblock zerbarsten, der
+sich ihnen entgegenstellte ... in diesem irren, ewigen Getöse, das
+betäubt, stumm macht und das Gefühl der Zeit ertötet.
+
+Endlich machte Morten eine Bewegung, als ob er sich selbst erweckte, und
+fragte: »Nun werden Sie wohl bald abreisen, Fräulein Tony?«
+
+»Nein ... wieso?« sagte Tony abwesend und ohne Verständnis.
+
+»Ja, mein Gott, wir haben den zehnten September, ... meine Ferien sind
+ohnehin bald zu Ende ... wie lange kann das noch dauern! Freuen Sie sich
+auf die Gesellschaften in der Stadt ...? Sagen Sie mal: Es sind wohl
+liebenswürdige Herren, mit denen Sie tanzen ... Nein, das wollte ich
+auch nicht fragen! Jetzt müssen Sie mir eines beantworten«, sagte er,
+indem er mit plötzlichem Entschlusse sein Kinn in der Hand zurechtrückte
+und sie anblickte. »Es ist die Frage, die ich so lange aufgespart habe,
+... wissen Sie? Nun! Wer ist Herr Grünlich?«
+
+Tony fuhr zusammen, sah ihm rasch ins Gesicht und ließ dann ihre Augen
+umherschweifen wie jemand, der an einen fernen Traum erinnert wird.
+Dabei wurde das Gefühl in ihr lebendig, das sie in der Zeit nach Herrn
+Grünlichs Werbung erprobt hatte: Das Gefühl persönlicher Wichtigkeit.
+
+»=Das= wollen Sie wissen, Morten?« fragte sie ernst. »Nun, dann will ich
+es Ihnen sagen. Es war mir zwar höchst peinlich, verstehen Sie, daß
+Thomas den Namen am ersten Nachmittage erwähnte; aber da Sie ihn einmal
+gehört haben ... genug: Herr Grünlich, Bendix Grünlich, das ist ein
+Geschäftsfreund meines Vaters, ein wohlsituierter Kaufmann aus Hamburg,
+der in der Stadt um meine Hand angehalten hat ... aber nein!« antwortete
+sie rasch auf eine Bewegung Mortens, »ich habe ihn zurückgewiesen, ich
+habe mich nicht entschließen können, ihm mein Jawort fürs Leben zu
+erteilen.«
+
+»Und warum nicht ... wenn ich fragen darf?« sagte Morten ungeschickt.
+
+»Warum? O Gott, weil ich ihn nicht =ausstehen= konnte!« rief sie beinahe
+entrüstet ... »Sie hätten ihn kennen sollen, wie er aussah und wie er
+sich benahm! Unter anderem hatte er goldgelbe Favoris ... völlig
+unnatürlich! Ich bin überzeugt, daß er sich mit dem Pulver frisierte,
+mit dem man die Weihnachtsnüsse vergoldet ... Außerdem war er falsch. Er
+schwänzelte um meine Eltern herum und sprach ihnen in schamloser Weise
+nach dem Munde ...«
+
+Morten unterbrach sie.
+
+»Aber was heißt ... Sie müssen mir noch eines sagen ... was heißt: Das
+putzt ganz ungemein?«
+
+Tony geriet in ein nervöses und kicherndes Lachen.
+
+»Ja ... so sprach er, Morten! Er sagte nicht: `Das nimmt sich gut aus´,
+oder: `Das schmückt das Zimmer´, sondern: `Das putzt ganz ungemein´ ...
+so albern war er, ich versichere Sie!... Dabei war er im höchsten Grade
+aufdringlich; er ließ nicht von mir ab, obgleich ich ihn niemals anders
+als mit Ironie behandelte. Einmal machte er mir eine Szene, bei der er
+beinahe weinte ... ich bitte Sie: ein Mann, der weint ...«
+
+»Er muß Sie sehr verehrt haben«, sagte Morten leise.
+
+»Aber was ging das =mich= an!« rief sie erstaunt, indem sie sich an
+ihrem Sandberg zur Seite wandte ...
+
+»Sie sind grausam, Fräulein Tony ... Sind Sie immer grausam? Sagen Sie
+mir ... Sie haben diesen Herrn Grünlich nicht leiden können, aber sind
+Sie jemals einem anderen zugetan gewesen?... Manchmal denke ich: Haben
+Sie vielleicht ein kaltes Herz? Eines will ich Ihnen sagen ... es ist so
+wahr, daß ich es Ihnen beschwören kann: Ein Mann ist nicht albern, weil
+er darüber weint, daß Sie nichts von ihm wissen wollen ... das ist es.
+Ich bin nicht sicher, durchaus nicht sicher, daß ich nicht ebenfalls ...
+Sehen Sie, Sie sind ein verwöhntes, vornehmes Geschöpf ... Mokieren Sie
+sich immer nur über die Leute, die zu Ihren Füßen liegen? Haben Sie
+wirklich ein kaltes Herz?«
+
+Nach der kurzen Heiterkeit begann nun plötzlich Tonys Oberlippe zu
+zittern. Sie richtete ein Paar großer und betrübter Augen auf ihn, die
+langsam blank von Tränen wurden, und sagte leise: »Nein, Morten, glauben
+Sie das von mir?... Das müssen Sie nicht von mir glauben.«
+
+»Ich glaube es ja auch nicht!« rief Morten mit einem Lachen, in dem
+Ergriffenheit und mühsam unterdrückter Jubel zu hören war ... Er wälzte
+sich völlig herum, so daß er nun auf dem Bauche neben ihr lag, ergriff,
+indem er die Ellenbogen aufstützte, mit beiden Händen die ihre und sah
+mit seinen stahlblauen, gutmütigen Augen entzückt und begeistert in ihr
+Gesicht.
+
+»Und Sie ... Sie mokieren sich nicht über mich, wenn ich Ihnen sage,
+daß ...«
+
+»Ich weiß, Morten«, unterbrach sie ihn leise, während sie seitwärts auf
+ihre freie Hand blickte, die langsam den weichen, weißen Sand durch die
+Finger gleiten ließ.
+
+»Sie wissen ...! Und Sie ... =Sie=, Fräulein Tony ...«
+
+»Ja, Morten. Ich halte große Stücke auf Sie. Ich habe Sie sehr gern. Ich
+habe Sie lieber als alle, die ich kenne.«
+
+Er fuhr auf, er machte ein paar Armbewegungen und wußte nicht, was er
+tun sollte. Er sprang auf die Füße, warf sich sofort wieder bei ihr
+nieder und rief mit einer Stimme, die stockte, wankte, sich überschlug
+und wieder tönend wurde vor Glück: »Ach, ich danke Ihnen, ich danke
+Ihnen! Sehen Sie, nun bin ich so glücklich, wie noch niemals in meinem
+Leben!...« Dann fing er an, ihre Hände zu küssen.
+
+Plötzlich sagte er leiser: »Sie werden nun bald nach der Stadt abreisen,
+Tony, und meine Ferien sind in vierzehn Tagen zu Ende ... dann muß ich
+wieder nach Göttingen. Aber wollen Sie mir versprechen, daß Sie diesen
+Nachmittag hier am Strande nicht vergessen werden, bis ich zurückkomme
+... und Doktor bin ... und bei Ihrem Vater für uns bitten kann, so
+schwer es sein wird? Und daß Sie unterdessen keinen Herrn Grünlich
+erhören werden?... Oh, es wird nicht lange dauern, passen Sie auf! Ich
+werde arbeiten, wie ein ... und es ist gar nicht schwer ...«
+
+»Ja, Morten«, sagte sie glücklich und abwesend, indem sie seine Augen,
+seinen Mund und seine Hände betrachtete, die die ihren hielten ...
+
+Er zog ihre Hand noch näher an seine Brust und fragte gedämpft und
+bittend: »Wollen Sie mir daraufhin nicht ... Darf ich das nicht ...
+bekräftigen ...?«
+
+Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht einmal an, sie schob nur ganz
+leise ihren Oberkörper am Sandberg ein wenig näher zu ihm hin, und
+Morten küßte sie langsam und umständlich auf den Mund. Dann sahen sie
+nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schämten sich über die
+Maßen.
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+»Teuerste Demoiselle Buddenbrook!
+
+Wie lange ist es her, daß Unterzeichneter das Angesicht des reizendsten
+Mädchens nicht mehr erblicken durfte? Diese so wenigen Zeilen sollen
+Ihnen sagen, daß dieses Angesicht nicht aufgehört hat, vor seinem
+geistigen Auge zu schweben, daß er während dieser hangenden und
+bangenden Wochen unablässig eingedenk gewesen ist des köstlichen
+Nachmittags in Ihrem elterlichen Salon, an dem Sie sich ein Versprechen,
+ein halbes und verschämtes zwar noch, und doch so beseligendes
+entschlüpfen ließen. Seitdem sind lange Wochen verflossen, während derer
+Sie sich behufs Sammlung und Selbsterkenntnis von der Welt zurückgezogen
+haben, so daß ich nun wohl hoffen darf, daß die Zeit der Prüfung vorüber
+ist. Endesunterfertigter erlaubt sich, Ihnen, teuerste Demoiselle,
+mitfolgendes Ringlein als Unterpfand seiner unsterblichen Zärtlichkeit
+hochachtungsvollst zu übersenden. Mit den devotesten Komplimenten und
+liebevollsten Handküssen zeichne als
+
+ Dero Hochwohlgeboren ergebenster
+ =Grünlich=.«
+
+»Lieber Papa!
+
+O Gott, wie habe ich mich geärgert! Beifolgenden Brief und Ring erhielt
+ich soeben von Gr., so daß ich Kopfweh vor Aufregung habe, und weiß ich
+nichts Besseres zu tun, als beides an =Dich= zurückgehen zu lassen. Gr.
+=will= mich nicht verstehen, und ist das, was er so poetisch von dem
+`Versprechen´ schreibt, einfach nicht der Fall, und bitte ich Dich so
+dringend, ihm nun doch kurzerhand plausibel zu machen, daß =ich jetzt
+noch tausendmal weniger= als vor sechs Wochen in der Lage bin, ihm mein
+Jawort fürs Leben zu erteilen und daß er mich endlich in Frieden lassen
+soll, er =macht= sich ja =lächerlich=. Dir, dem besten Vater, kann ich
+es ja sagen, daß ich anderweitig gebunden bin an jemanden, der mich
+liebt, und den ich liebe, daß es sich gar nicht sagen läßt. O Papa!
+Darüber könnte ich viele Bogen vollschreiben, ich spreche von Herrn
+Morten Schwarzkopf, der Arzt werden will, und, sowie er Doktor ist, um
+meine Hand anhalten will. Ich weiß ja, daß es Sitte ist, einen Kaufmann
+zu heiraten, aber Morten gehört eben zu dem anderen Teil von angesehenen
+Herren, den Gelehrten. Er ist nicht reich, was wohl für Dich und Mama
+gewichtig ist, aber das muß ich Dir sagen, lieber Papa, so jung ich bin,
+aber das wird das Leben manchen gelehrt haben, daß Reichtum allein nicht
+immer jeden glücklich macht. Mit tausend Küssen verbleibe ich
+
+ Deine gehorsame Tochter
+ =Antonie=.
+
+_PS._ Der Ring ist niedriges Gold und ziemlich schmal, wie ich sehe.«
+
+»Meine liebe Tony!
+
+Dein Schreiben ist mir richtig geworden. Auf seinen Gehalt eingehend,
+teile ich Dir mit, daß ich pflichtgemäß nicht ermangelt habe, Herrn Gr.
+über Deine Anschauung der Dinge in geziemender Form zu unterrichten; das
+Resultat jedoch war derartig, daß es mich aufrichtig erschüttert hat. Du
+bist ein erwachsenes Mädchen und befindest Dich in einer so ernsten
+Lebenslage, daß ich nicht anstehen darf, Dir die Folgen namhaft zu
+machen, die ein leichtfertiger Schritt Deinerseits nach sich ziehen
+kann. Herr Gr. nämlich brach bei meinen Worten in Verzweiflung aus,
+indem er rief, so sehr liebe er Dich und so wenig könne er Deinen
+Verlust verschmerzen, daß er willens sei, sich das Leben zu nehmen, wenn
+Du auf Deinem Entschlusse bestündest. Da ich das, was Du mir von einer
+anderweitigen Neigung schreibst, nicht ernst nehmen kann, so bitte ich
+Dich, Deine Erregung über den zugesandten Ring zu bemeistern und alles
+noch einmal bei Dir selbst mit Ernst zu erwägen. Meiner christlichen
+Überzeugung nach, liebe Tochter, ist es des Menschen Pflicht, die
+Gefühle eines anderen zu achten, und wir wissen nicht, ob Du nicht einst
+würdest von einem höchsten Richter dafür haftbar gemacht werden, daß der
+Mann, dessen Gefühle Du hartnäckig und kalt verschmähtest, sich gegen
+sein eigenes Leben versündigte. Das eine aber, welches ich Dir mündlich
+schon oft zu verstehen gegeben, möchte ich Dir ins Gedächtnis
+zurückrufen und freue ich mich, Gelegenheit zu haben, es Dir schriftlich
+zu wiederholen. Denn obgleich die mündliche Rede lebendiger und
+unmittelbarer wirken mag, so hat doch das geschriebene Wort den Vorzug,
+daß es mit Muße gewählt und gesetzt werden konnte, daß es feststeht und
+in dieser vom Schreibenden wohl erwogenen und berechneten Form und
+Stellung wieder und wieder gelesen werden und gleichmäßig wirken kann.
+-- Wir sind, meine liebe Tochter, nicht =dafür= geboren, was wir mit
+kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines, persönliches Glück
+halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende
+Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir wären, so wie
+wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns vorangingen
+und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und ohne nach
+rechts oder links zu blicken, einer erprobten und ehrwürdigen
+Überlieferung folgten. Dein Weg, wie mich dünkt, liegt seit längeren
+Wochen klar und scharf abgegrenzt vor Dir, und du müßtest nicht meine
+Tochter sein, nicht die Enkelin Deines in Gott ruhenden Großvaters und
+überhaupt nicht ein würdig Glied unserer Familie, wenn Du ernstlich im
+Sinne hättest, Du allein, mit Trotz und Flattersinn Deine eigenen,
+unordentlichen Pfade zu gehen. Dies, meine liebe Antonie, bitte ich
+Dich, in Deinem Herzen zu bewegen. --
+
+Deine Mutter, Thomas, Christian, Klara und Klothilde (welch letztere
+mehrere Wochen bei ihrem Vater auf Ungnade verlebt hat), auch Mamsell
+Jungmann grüßen Dich von ganzem Herzen; wir freuen uns alle, Dich bald
+wieder in unsere Arme schließen zu können.
+
+ In treuer Liebe
+ =Dein Vater=.«
+
+
+Elftes Kapitel
+
+Es regnete in Strömen. Himmel, Erde und Wasser verschwammen ineinander,
+während der Stoßwind in den Regen fuhr und ihn gegen die Fensterscheiben
+trieb, daß nicht Tropfen, sondern Bäche daran hinunterflossen und sie
+undurchsichtig machten. Klagende und verzweifelnde Stimmen redeten in
+den Ofenröhren ...
+
+Als Morten Schwarzkopf bald nach dem Mittagessen mit seiner Pfeife vor
+die Veranda trat, um nachzusehen, wie es mit dem Himmel bestellt sei,
+stand ein Herr in langem, engem, gelbkariertem Ülster und grauem Hute
+vor ihm; eine geschlossene Droschke, deren Verdeck vor Nässe glänzte und
+deren Räder so mit Kot besprengt waren, hielt vorm Hause. Morten starrte
+fassungslos in das rosige Gesicht des Herrn. Er hatte Bartkotelettes,
+die aussahen, als seien sie mit dem Pulver frisiert, mit dem man die
+Weihnachtsnüsse vergoldet.
+
+Der Herr im Ülster sah Morten an, wie man einen Bedienten ansieht,
+leicht blinzelnd, ohne ihn zu sehen, und fragte mit weicher Stimme: »Ist
+der Herr Lotsenkommandeur zu sprechen?«
+
+»Allerdings ...« stammelte Morten, »ich glaube, daß mein Vater ...«
+
+Hier faßte ihn der Herr ins Auge; seine Augen waren so blau wie
+diejenigen einer Gans.
+
+»Sind Sie Herr Morten Schwarzkopf?« fragte er ...
+
+»Ja, mein Herr«, antwortete Morten, indem er sich anstrengte, einen
+festen Gesichtsausdruck zu gewinnen.
+
+»Sieh da! In der Tat ...« bemerkte der Herr im Ülster, und dann fuhr er
+fort: »Haben Sie die Güte, mich Ihrem Herrn Vater zu melden, junger
+Mann. Mein Name ist Grünlich.«
+
+Morten führte den Herrn durch die Veranda, öffnete ihm im Korridor
+rechterhand die Tür zum Bureau, und kehrte ins Wohnzimmer zurück, um
+seinen Vater zu benachrichtigen. Während Herr Schwarzkopf hinausging,
+ließ der junge Mensch sich an dem runden Tische nieder, stützte die
+Ellenbogen darauf und schien sich, ohne seine Mutter anzusehen, die am
+trüben Fenster mit dem Stopfen von Strümpfen beschäftigt war, in das
+»klägliche Blättchen« zu vertiefen, das von nichts anderem als der
+silbernen Hochzeit des Konsuls So und So zu berichten wußte. -- Tony
+befand sich droben in ihrem Zimmer, um auszuruhen.
+
+Der Lotsenkommandeur betrat sein Büro mit der Miene eines Mannes, der
+mit dem Mittagessen zufrieden ist, das er zu sich genommen. Sein
+Uniformrock, über der gewölbten weißen Weste, stand offen. Von seinem
+roten Gesicht hob sich scharf der eisgraue Schifferbart ab. Seine Zunge
+fuhr behaglich zwischen den Zähnen umher, wobei sein biederer Mund in
+die abenteuerlichsten Stellungen geriet. Er verbeugte sich kurz,
+ruckartig und mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: So macht man es
+ja wohl!
+
+»Gesegnete Mahlzeit«, sagte er; »dem Herrn zu Diensten!«
+
+Herr Grünlich, von seiner Seite, verneigte sich mit Bedacht, indem seine
+Mundwinkel sich ein wenig abwärts zogen. Hierbei sagte er leise:
+»Hä-ä-hm.«
+
+Das Bureau war eine ziemlich kleine Stube, deren Wände einige Fuß hoch
+mit Holz bekleidet waren und im übrigen den untapezierten Kalk zeigten.
+Vor dem Fenster, an welches unablässig der Regen trommelte, hingen
+gelbgerauchte Gardinen. Rechterhand von der Tür befand sich ein langer,
+roher, mit Papieren bedeckter Tisch, über welchem eine große Karte von
+Europa und eine kleinere der Ostsee an der Wand befestigt war. Von der
+Mitte der Zimmerdecke hing das sauber gearbeitete Modell eines Schiffes
+unter vollen Segeln herab.
+
+Der Lotsenkommandeur nötigte seinen Gast auf das geschweifte, mit
+schwarzem, zersprungenem Wachstuch bezogene Sofa, das der Tür
+gegenüberstand, und machte es sich selbst mit über dem Bauch gefalteten
+Händen in einem hölzernen Armstuhl bequem, während Herr Grünlich in fest
+geschlossenem Ülster, den Hut auf den Knien, ohne die Rückenlehne zu
+berühren, genau auf der Kante des Sofas saß.
+
+»Mein Name«, sagte er, »ist, wie ich wiederhole, =Grünlich=, Grünlich
+von Hamburg. Um mich Ihnen zu empfehlen, erwähne ich, daß ich mich einen
+nahen Geschäftsfreund des Großhändlers Konsul Buddenbrook nennen darf.«
+
+»Allabonöhr! Ist mir eine Ehre, Herr Grünlich! Aber wollen der Herr
+sich's nicht ein bißchen bequemer machen? Einen Grog nach der Fahrt? Ich
+rufe sofort in die Küche ...«
+
+»Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken«, sprach Herr Grünlich mit Ruhe,
+»daß meine Zeit gemessen ist, daß mein Wagen mich erwartet, und daß ich
+lediglich genötigt bin, Sie um eine Unterredung von zwei Worten zu
+ersuchen.«
+
+»Dem Herrn zu Diensten«, wiederholte Herr Schwarzkopf ein wenig
+eingeschüchtert. Es entstand eine Pause.
+
+»Herr Kommandeur!« begann Herr Grünlich, indem er den Kopf mit
+Entschlossenheit schüttelte und ihn dabei ein wenig zurückwarf. Dann
+schwieg er aufs neue, um die Wirkung dieser Anrede zu verstärken; er
+schloß seinen Mund dabei so fest wie einen Geldbeutel, den man mit
+Schnüren zusammenzieht.
+
+»Herr Kommandeur«, wiederholte er und sagte dann rasch: »Die
+Angelegenheit, in der ich zu Ihnen komme, betrifft unmittelbar die
+junge Dame, die seit einigen Wochen in Ihrem Hause wohnt.«
+
+»Mamsell Buddenbrook?« fragte Herr Schwarzkopf ...
+
+»Allerdings«, versetzte Herr Grünlich tonlos und mit gesenktem Kopfe; an
+seinen Mundwinkeln bildeten sich straffe Fältchen.
+
+»Ich ... sehe mich veranlaßt, Ihnen zu eröffnen«, fuhr er mit leichthin
+trällernder Betonung fort, indem seine Augen mit ungeheurer
+Aufmerksamkeit von einem Punkt des Zimmers auf einen anderen und dann
+zum Fenster sprangen, »daß ich vor einiger Zeit um die Hand eben dieser
+Demoiselle Buddenbrook angehalten habe, daß ich mich im vollen Besitz
+der beiderseitigen elterlichen Zustimmung befinde, und daß das Fräulein
+selbst mir, ohne daß zwar die Verlobung bereits in aller Form
+stattgefunden hätte, mit unzweideutigen Worten Anrechte auf ihre Hand
+gegeben hat.«
+
+»Wahrhaftigen Gott?« fragte Herr Schwarzkopf lebhaft ... »Davon hab' ich
+noch gar nichts gewußt! Gratuliere, Herr ... Grünlich! Gratuliere Ihnen
+aufrichtig! Da haben Sie was Gutes, was Reelles ...«
+
+»Sehr obligiert«, sagte Herr Grünlich mit kaltem Nachdruck. »Was mich
+jedoch«, fuhr er mit singend erhobener Stimme fort, »in dieser
+Angelegenheit zu Ihnen führt, mein werter Herr Kommandeur, ist der
+Umstand, daß sich dieser Verbindung ganz neuerdings =Schwierigkeiten= in
+den Weg stellen, und daß diese Schwierigkeiten ... von Ihrem Hause
+ausgehen --?« Die letzten Worte sprach er mit fragender Betonung, als
+wollte er sagen: Kann es möglich sein, was mir zu Ohren gekommen ist?
+
+Herr Schwarzkopf antwortete ausschließlich dadurch, daß er seine
+ergrauten Augenbrauen hoch in die Stirne zog und mit beiden Händen,
+braunen, blondbehaarten Schifferhänden, die Armlehnen seines Stuhles
+ergriff.
+
+»Ja. In der Tat. So höre ich«, sprach Herr Grünlich mit trauriger
+Bestimmtheit. »Ich =höre=, daß Ihr Sohn, der Herr Studiosus Medicinä es
+sich ... unwissentlich zwar ... gestattet hat, in meine Rechte
+einzugreifen, ich =höre=, daß er die hiesige Anwesenheit des Fräuleins
+dazu benutzt hat, ihr gewisse Versprechungen abzugewinnen ...«
+
+»Was?« rief der Lotsenkommandeur, indem er sich heftig auf die Armlehnen
+stützte und emporsprang ... »Da soll doch gleich ... I, dat wier je denn
+doch woll ...« Und mit zwei Schritten war er an der Tür, riß sie auf und
+rief mit einer Stimme über den Korridor, welche die ärgste Brandung
+übertönt hätte: »Meta! Morten! Tretet mal an! Tretet mal alle beide an!«
+
+»Ich würde lebhaft bedauern«, sprach Herr Grünlich mit einem feinen
+Lächeln, »wenn ich durch die Geltendmachung meiner älteren Rechte Ihre
+eigenen väterlichen Pläne durchkreuzen sollte, Herr Kommandeur ...«
+
+Diederich Schwarzkopf wandte sich um und starrte ihm mit seinen
+scharfen, von kleinen Fältchen umgebenen blauen Augen ins Gesicht, als
+bemühte er sich vergebens, seine Worte zu verstehen.
+
+»Herr!« sagte er dann mit einer Stimme, die klang, als hätte soeben ein
+scharfer Schluck Grog seine Kehle verbrannt ... »Ich bin man'n einfachen
+Mann und versteh mich schlecht auf Medisangsen und Finessen ... aber
+wenn Sie vielleicht meinen sollten, daß ... na! denn lassen Sie sich
+gesagt sein, daß Sie auf dem Holzwege sind, Herr, und daß Sie sich über
+meine Grundsätze täuschen! Ich weiß, wer mein Sohn ist, und weiß, wer
+Mamsell Buddenbrook ist, und ich habe zuviel Respekt und auch zuviel
+Stolz im Leibe, Herr, um solche väterlichen Pläne zu machen! Und nun
+redet mal, nun antwortet mir mal! Was ist das eigentlich, wie? Was höre
+ich da eigentlich, was?...«
+
+Frau Schwarzkopf und ihr Sohn standen in der Tür; die erstere
+ahnungslos, mit dem Ordnen ihrer Schürze beschäftigt, Morten mit der
+Miene eines verstockten Sünders ... Herr Grünlich hatte sich bei ihrem
+Eintritt keineswegs erhoben; er verharrte in gerader und ruhevoller
+Haltung fest in seinen Ülster geknöpft auf der Sofakante.
+
+»Du hast dich also wie ein dummer Junge betragen?« fuhr der
+Lotsenkommandeur Morten an.
+
+Der junge Mensch hielt einen Daumen zwischen den Knöpfen seiner Joppe;
+er machte finstere Augen und hatte vor Trotz sogar seine Wangen
+aufgeblasen.
+
+»Ja, Vater«, sagte er, »Fräulein Buddenbrook und ich ...«
+
+»So, na, denn will 'k di man vertellen, daß du 'n Döskopp büs', 'n
+Hanswurst, 'n groten Dummerjahn! Und daß du morgen nach Göttingen
+abkutschierst, hörst du wohl? morgenden Tages! Und daß das Ganze 'n
+Kinderkram ist, ein nichtsnutziger Kinderkram und damit Punktum!«
+
+»Diederich, mein Gott«, sagte Frau Schwarzkopf, indem sie die Hände
+faltete; »das kann man doch nicht so ohne weiteres sagen! Wer weiß ...«
+Sie schwieg und man sah, wie eine schöne Hoffnung vor ihren Augen
+zusammenstürzte.
+
+»Wünschen der Herr das Fräulein zu sprechen?« wandte sich der
+Lotsenkommandeur mit rauher Stimme an Herrn Grünlich ...
+
+»Sie ist in ihrem Zimmer! Sie schläft!« erklärte Frau Schwarzkopf
+mitleidig und gerührt.
+
+»Das bedaure ich«, sagte Herr Grünlich, obgleich er ein wenig aufatmete,
+und erhob sich. »Übrigens wiederhole ich, daß meine Zeit gemessen ist
+und daß mein Wagen mich erwartet. Ich gestatte mir«, fuhr er fort, indem
+er vor Herrn Schwarzkopf mit dem Hute eine Bewegung von oben nach unten
+beschrieb, »Ihnen, Herr Kommandeur, meine vollste Genugtuung und
+Anerkennung angesichts Ihres männlichen und charaktervollen Benehmens
+auszusprechen. Ich empfehle mich Ihnen. Ich habe die Ehre. Adieu.«
+
+Diederich Schwarzkopf reichte ihm keineswegs die Hand: Er ließ nur kurz
+und ruckartig seinen schweren Oberkörper ein wenig nach vorne fallen,
+als wollte er sagen: So macht man es ja wohl!
+
+Zwischen Morten und seiner Mutter hindurch ging Herr Grünlich gemessenen
+Schrittes zur Tür hinaus.
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+Thomas erschien mit der Krögerschen Kalesche. Der Tag war da.
+
+Der junge Herr kam um zehn Uhr des Vormittags und nahm einen kleinen
+Imbiß mit der Familie in der Wohnstube. Man saß beieinander wie am
+ersten Tage; nur daß der Sommer dahin war, daß es zu kalt und windig
+war, in der Veranda zu sitzen und daß Morten fehlte ... Er war in
+Göttingen. Tony und er hatten nicht einmal ordentlich Abschied
+voneinander genommen. Der Lotsenkommandeur hatte dabeigestanden und
+gesagt: »So, Punktum. Hü.«
+
+Um elf Uhr stiegen die Geschwister in den Wagen, an dessen hinterem
+Teile Tonys großer Koffer festgeschnallt worden war. Sie war blaß und
+fröstelte in ihrer weichen Herbstjacke vor Kälte, Müdigkeit, Reisefieber
+und einer Wehmut, die dann und wann plötzlich in ihr aufstieg und ihre
+Brust mit einem drängenden Schmerzgefühl erfüllte. Sie küßte die kleine
+Meta, drückte der Hausfrau die Hand und nickte Herrn Schwarzkopf zu, als
+er sagte: »Na, vergessen Sie uns nicht, Mamselling. Und nichts für
+ungut, was?«
+
+»So, und glückliche Reise und beste Empfehlungen an den Herrn Papa und
+die Frau Konsulin ...« Dann schnappte der Schlag ins Schloß, die dicken
+Braunen zogen an, und die drei Schwarzkopfs schwenkten ihre Tücher ...
+
+Tony drückte den Kopf in die Wagenecke und sah zum Fenster hinaus. Der
+Himmel war weißlich bedeckt, die Trave warf kleine Wellen, die schnell
+vor dem Winde dahineilten. Dann und wann prickelten kleine Tropfen gegen
+die Scheiben. Am Ausgang der »Vorderreihe« saßen die Leute vor ihren
+Haustüren und flickten Netze; barfüßige Kinder kamen herbeigelaufen und
+betrachteten neugierig den Wagen. =Die= blieben hier ...
+
+Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Tony sich vor, um
+noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte sie sich zurück und
+schloß die Augen, die müde und empfindlich waren. Sie hatte in der Nacht
+fast nicht geschlafen vor Erregung, war früh aufgestanden, um ihren
+Koffer in Ordnung zu bringen, und hatte nicht frühstücken mögen. In
+ihrem ausgetrockneten Munde hatte sie einen faden Geschmack. Sie fühlte
+sich so hinfällig, daß sie es nicht einmal versuchte, die Tränen
+zurückzudrängen, die jeden Augenblick langsam und heiß in ihre Augen
+emporstiegen.
+
+Kaum hatte sie ihre Lider geschlossen, als sie sich wieder in Travemünde
+in der Veranda befand. Sie sah Morten Schwarzkopf leibhaftig vor sich,
+wie er zu ihr sprach, sich nach seiner Art dabei vorbeugte und hie und
+da einen anderen gutmütig forschend ansah; wie er lachend seine schönen
+Zähne zeigte, von denen er ersichtlich gar nichts wußte ... und es wurde
+ihr ganz ruhig und heiter dabei zu Sinn. Sie rief sich alles ins
+Gedächtnis zurück, was sie in vielen Gesprächen von ihm gehört und
+erfahren hatte, und es bereitete ihr eine beglückende Genugtuung, sich
+feierlich zu versprechen, daß sie dies alles als etwas Heiliges und
+Unantastbares in sich bewahren wollte. Daß der König von Preußen ein
+großes Unrecht begangen, daß die Städtischen Anzeigen ein klägliches
+Blättchen seien, ja selbst, daß vor vier Jahren die Bundesgesetze über
+die Universitäten erneuert worden, das würden ihr fortan ehrwürdige und
+tröstliche Wahrheiten sein, ein geheimer Schatz, den sie würde
+betrachten können, wann sie wollte. Mitten auf der Straße, im
+Familienkreise, beim Essen würde sie daran denken ... Wer weiß?
+vielleicht würde sie ihren vorgezeichneten Weg gehen und Herrn Grünlich
+heiraten, das war ganz gleichgültig; aber wenn er zu ihr sprach, würde
+sie plötzlich denken: Ich weiß etwas, was du nicht weißt ... Die
+Adeligen sind -- im =Prinzip= gesprochen -- verächtlich!
+
+Sie lächelte zufrieden vor sich hin ... Aber da, plötzlich, vernahm sie
+in dem Geräusch der Räder mit vollkommener, mit unglaublich lebendiger
+Deutlichkeit Mortens Sprache; sie unterschied jeden Laut seiner
+gutmütigen, ein wenig schwerfällig knarrenden Stimme, sie hörte mit
+leiblichem Ohr, wie er sagte: »Heute müssen wir beide auf den Steinen
+sitzen, Fräulein Tony ...«, und diese kleine Erinnerung überwältigte
+sie. Ihre Brust zog sich zusammen vor Wehmut und Schmerz, ohne Gegenwehr
+ließ sie die Tränen hervorstürzen ... In ihren Winkel gedrückt, hielt
+sie das Taschentuch mit beiden Händen vors Gesicht und weinte
+bitterlich.
+
+Thomas, seine Zigarette im Munde, blickte ein wenig ratlos auf die
+Chaussee hinaus.
+
+»Arme Tony!« sagte er schließlich, indem er ihre Jacke streichelte. »Du
+tust mir herzlich leid ... ich verstehe dich so gut, siehst du! Aber was
+ist da zu tun? Dergleichen muß durchgemacht werden. Glaube mir nur ...
+ich kenne das auch ...«
+
+»Ach, du kennst gar nichts, Tom!« schluchzte Tony.
+
+»Na, sage das nicht. Jetzt steht es zum Beispiel fest, daß ich Anfang
+nächsten Jahres nach Amsterdam gehe. Papa hat eine Stelle für mich ...
+bei van der Kellen & Comp. ... Da werde ich Abschied nehmen müssen für
+lange, lange Zeit ...«
+
+»Ach, Tom! Ein Abschied von Eltern und Geschwistern! Das ist gar
+nichts!«
+
+»Ja --!« sagte er ziemlich langgedehnt. Er atmete auf, als ob er noch
+mehr sagen wollte und schwieg dann. Indem er die Zigarette von einem
+Mundwinkel in den anderen wandern ließ, zog er eine Braue empor und
+wandte den Kopf zur Seite.
+
+»Und es dauert ja nicht lange«, fing er nach einer Weile wieder an. »Das
+gibt sich. Man vergißt ...«
+
+»Aber ich will ja gerade nicht vergessen!« rief Tony ganz verzweifelt.
+»Vergessen ... ist das denn ein Trost?!« --
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+Dann kam die Fähre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg,
+das Burgfeld. Der Wagen passierte das Burgtor, neben dem zur Rechten die
+Mauern des Gefängnisses aufragten, er rollte die Burgstraße entlang und
+über den Koberg ... Tony betrachtete die grauen Giebelhäuser, die über
+die Straße gespannten Öllampen, das Heilige-Geist-Hospital mit den schon
+fast entblätterten Linden davor ... Mein Gott, alles das war geblieben,
+wie es gewesen war! Es hatte hier gestanden, unabänderlich und
+ehrwürdig, während sie sich daran als an einen alten, vergessenswerten
+Traum erinnert hatte! Diese grauen Giebel waren das Alte, Gewohnte und
+Überlieferte, das sie wieder aufgenommen und in dem sie nun wieder leben
+sollte. Sie weinte nicht mehr; sie sah sich neugierig um. Das
+Abschiedsleid war beinahe betäubt, angesichts dieser Straßen und dieser
+altbekannten Gesichter darin. In diesem Augenblick -- der Wagen rasselte
+durch die Breite Straße -- ging der Träger Matthiesen vorüber und nahm
+tief seinen rauhen Zylinder ab mit einem so bärbeißigen Pflichtgesicht,
+als dächte er: Ich wäre ja wohl ein Hundsfott ...!
+
+Die Equipage bog in die Mengstraße ein und die dicken Braunen standen
+schnaubend und stampfend vorm Buddenbrookschen Hause. Tom war seiner
+Schwester aufmerksam beim Aussteigen behilflich, während Anton und Line
+herbeieilten, um den Koffer herunterzuschnallen. Aber man mußte warten,
+bevor man ins Haus gelangte. Drei mächtige Transportwagen schoben sich
+soeben dicht hintereinander durch die Haustür, hochbepackt mit vollen
+Kornsäcken, auf denen in breiten schwarzen Buchstaben die Firma »Johann
+Buddenbrook« zu lesen war. Mit schwerfällig widerhallendem Gepolter
+schwankten sie über die große Diele und die flachen Stufen zum Hofe
+hinunter. Ein Teil des Kornes sollte wohl im Hinterhause verladen werden
+und der Rest in den »Walfisch«, den »Löwen« oder die »Eiche« wandern ...
+
+Der Konsul kam, die Feder hinterm Ohr, aus dem Kontor heraus, als die
+Geschwister die Diele betraten, und streckte seiner Tochter die Arme
+entgegen.
+
+»Willkommen zu Hause, meine liebe Tony!«
+
+Sie küßte ihn und sah ihn mit Augen an, die noch verweint waren und in
+denen etwas wie Scham zu lesen war. Aber er war nicht böse, er erwähnte
+kein Wort. Er sagte nur: »Es ist spät, aber wir haben mit dem zweiten
+Frühstück gewartet.«
+
+Die Konsulin, Christian, Klothilde, Klara und Ida Jungmann standen zur
+Begrüßung droben auf dem Treppenabsatz versammelt ...
+
+ * * * * *
+
+Tony schlief fest und gut die erste Nacht in der Mengstraße, und sie
+stieg am nächsten Morgen, den 22. September, erfrischt und ruhigen
+Sinnes ins Frühstückszimmer hinunter. Es war noch ganz früh, kaum sieben
+Uhr. Nur Mamsell Jungmann war schon anwesend und bereitete den
+Morgenkaffee.
+
+»Ei, ei, Tonychen, mein Kindchen«, sagte sie und sah sich mit kleinen,
+verschlafenen braunen Augen um; »schon so zeitig?«
+
+Tony setzte sich an den Sekretär, dessen Deckel zurückgeschoben war,
+faltete die Hände hinter dem Kopf und blickte eine Weile auf das vor
+Nässe schwarz glänzende Pflaster des Hofes und den vergilbten und
+feuchten Garten hinaus. Dann fing sie an, neugierig unter den
+Visitkarten und Briefschaften auf dem Sekretär zu kramen ...
+
+Dicht beim Tintenfaß lag das wohlbekannte große Schreibheft mit
+gepreßtem Umschlag, goldenem Schnitt und verschiedenartigem Papier. Es
+mußte noch gestern abend gebraucht worden sein, und ein Wunder nur, daß
+Papa es nicht wie gewöhnlich in der Ledermappe und in der besonderen
+Schublade dort hinten verschlossen hatte.
+
+Sie nahm es, blätterte darin, geriet ins Lesen und vertiefte sich. Was
+sie las, waren meistens einfache und ihr vertraute Dinge; aber jeder der
+Schreibenden hatte von seinem Vorgänger eine ohne Übertreibung
+feierliche Vortragsweise übernommen, einen instinktiv und ungewollt
+angedeuteten Chronikenstil, aus dem der diskrete und darum desto
+würdevollere Respekt einer Familie vor sich selbst, vor Überlieferung
+und Historie sprach. Für Tony war das nichts Neues; sie hatte sich
+manchesmal mit diesen Blättern beschäftigen dürfen. Aber noch niemals
+hatte ihr Inhalt einen Eindruck auf sie gemacht, wie diesen Morgen. Die
+ehrerbietige Bedeutsamkeit, mit der hier auch die bescheidensten
+Tatsachen behandelt waren, die der Familiengeschichte angehörten, stieg
+ihr zu Kopf ... Sie stützte die Ellenbogen auf und las mit wachsender
+Hingebung, mit Stolz und Ernst.
+
+Auch in ihrer eigenen kleinen Vergangenheit fehlte kein Punkt. Ihre
+Geburt, ihre Kinderkrankheiten, ihr erster Schulgang, ihr Eintritt in
+Mlle. Weichbrodts Pensionat, ihre Konfirmation ... Alles war in der
+kleinen, fließenden Kaufmannsschrift des Konsuls sorgfältig und mit
+einer fast religiösen Achtung vor Tatsachen überhaupt verzeichnet: Denn
+war nicht der geringsten eine Gottes Wille und Werk, der die Geschicke
+der Familie wunderbar gelenkt?... Was würde hier hinter ihrem Namen, den
+sie von ihrer Großmutter Antoinette empfangen hatte, in Zukunft noch zu
+berichten sein? Und alles würde von späteren Familiengliedern mit der
+nämlichen Pietät gelesen werden, mit der jetzt sie die früheren
+Begebnisse verfolgte.
+
+Sie lehnte sich aufatmend zurück, und ihr Herz pochte feierlich.
+Ehrfurcht vor sich selbst erfüllte sie, und das Gefühl persönlicher
+Wichtigkeit, das ihr vertraut war, durchrieselte sie, verstärkt durch
+den Geist, den sie soeben hatte auf sich wirken lassen, wie ein
+Schauer. »Wie ein Glied in einer Kette«, hatte Papa geschrieben ... ja,
+ja! Gerade als Glied dieser Kette war sie von hoher und
+verantwortungsvoller Bedeutung, -- berufen, mit Tat und Entschluß an der
+Geschichte ihrer Familie mitzuarbeiten!
+
+Sie blätterte zurück bis ans Ende des großen Heftes, wo auf einem rauhen
+Foliobogen die ganze Genealogie der Buddenbrooks mit Klammern und
+Rubriken in übersichtlichen Daten von des Konsuls Hand resümiert worden
+war: Von der Eheschließung des frühesten Stammhalters mit der
+Predigerstochter Brigitta Schuren bis zu der Heirat des Konsuls Johann
+Buddenbrook mit Elisabeth Kröger im Jahre 1825. Aus dieser Ehe, so hieß
+es, entsprossen vier Kinder ... worauf mit den Geburtsjahren und -tagen
+die Taufnamen untereinander aufgeführt waren; hinter demjenigen des
+älteren Sohnes aber war bereits verzeichnet, daß er Ostern 1842 in das
+väterliche Geschäft als Lehrling eingetreten sei.
+
+Tony blickte lange Zeit auf ihren Namen und auf den freien Raum
+dahinter. Und dann, plötzlich, mit einem Ruck, mit einem nervösen und
+eifrigen Mienenspiel -- sie schluckte hinunter, und ihre Lippen bewegten
+sich einen Augenblick ganz schnell aneinander -- ergriff sie die Feder,
+tauchte sie nicht, sondern stieß sie in das Tintenfaß und schrieb mit
+gekrümmtem Zeigefinger und tief auf die Schulter geneigtem, hitzigem
+Kopf, in ihrer ungelenken und schräg von links nach rechts
+emporfliegenden Schrift: »... Verlobte sich am 22. September 1845 mit
+Herrn Bendix Grünlich, Kaufmann zu Hamburg.«
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+»Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, mein werter Freund. Diese Frage ist
+von Wichtigkeit und muß erledigt werden. Kurz und gut: Die traditionelle
+Barmitgift für ein junges Mädchen aus unserer Familie beträgt 70000
+Mark.«
+
+Herr Grünlich warf seinem zukünftigen Schwiegervater den kurzen und
+prüfenden Seitenblick eines Geschäftsmannes zu.
+
+»In der Tat ...«, sagte er, und dieses In der Tat war genau so lang wie
+sein linker goldgelber Backenbart, den er bedächtig durch die Finger
+gleiten ließ ... Er ließ die Spitze los, als das In der Tat vollendet
+war.
+
+»Sie kennen«, fuhr er fort, »verehrter Vater, die tiefe Hochachtung, die
+ich ehrwürdigen Überlieferungen und Prinzipien entgegenbringe! Allein
+... sollte im gegenwärtigen Falle diese schöne Rücksicht nicht eine
+Übertreibung bedeuten?... Ein Geschäft vergrößert sich ... eine Familie
+blüht empor ... kurzum die Bedingungen werden andere und bessere ...«
+
+»Mein werter Freund«, sprach der Konsul ... »Sie sehen in mir einen
+Geschäftsmann von Kulanz! Mein Gott ... Sie haben mich nicht einmal
+ausreden lassen, sonst wüßten Sie bereits, daß ich willig und bereit
+bin, Ihnen den Umständen entsprechend entgegenzukommen, und daß ich den
+70000 schlankerhand 10000 hinzufüge.«
+
+»80000 also ...«, sagte Herr Grünlich; und dann machte er eine
+Mundbewegung, als wollte er sagen: Nicht zu viel; aber es genügt.
+
+Man einigte sich in der liebenswürdigsten Weise, und der Konsul
+klapperte, als er sich erhob, zufrieden mit dem großen Schlüsselbund in
+seiner Beinkleidtasche. Erst mit den 80000 hatte er die »traditionelle
+Höhe der Barmitgift« erreicht. --
+
+Hierauf empfahl sich Herr Grünlich und reiste nach Hamburg ab. Tony
+verspürte wenig von ihrer neuen Lebenslage. Niemand hinderte sie, bei
+Möllendorpfs, Langhals', Kistenmakers und im eignen Hause zu tanzen, auf
+dem Burgfelde und den Travenwiesen Schlittschuh zu laufen und die
+Huldigungen der jungen Herren entgegenzunehmen ... Mitte Oktober hatte
+sie Gelegenheit, der Verlobungsgesellschaft beizuwohnen, die man bei
+Möllendorpfs zu Ehren des ältesten Sohnes und Julchen Hagenströms
+veranstaltete. »Tom!« sagte sie. »Ich gehe nicht hin. Es ist empörend!«
+Aber sie ging dennoch hin und unterhielt sich aufs beste.
+
+Im übrigen hatte sie sich mit den Federstrichen, die sie der
+Familiengeschichte hinzugefügt, die Erlaubnis erworben, mit der Konsulin
+oder allein in allen Läden der Stadt Kommissionen größeren Stiles zu
+machen und für ihre Aussteuer, eine =vornehme= Aussteuer, Sorge zu
+tragen. Tagelang saßen im Frühstückszimmer am Fenster zwei Nähterinnen,
+welche säumten, Monogramme stickten und eine Menge Landbrot mit grünem
+Käse aßen ...
+
+»Ist das Leinenzeug von Lentföhr gekommen, Mama?«
+
+»Nein, mein Kind, aber hier sind zwei Dutzend Teeservietten.«
+
+»Schön. -- Und er hatte versprochen, es bis heute nachmittag zu
+schicken. Mein Gott, die Laken müssen gesäumt werden!«
+
+»Mamsell Bitterlich fragt nach den Spitzen für die Kissenbühren, Ida.«
+
+»Im Leinenschrank auf der Diele rechts, Tonychen, mein Kindchen.«
+
+»Line -- --!«
+
+»Könntest auch gern mal selbst springen, mein Herzchen ...«
+
+»O Gott, wenn ich darum heirate, um selber die Treppen zu laufen ...«
+
+»Hast du an die Trauungstoilette gedacht, Tony?«
+
+»_Moirée antique_, Mama!... Ich lasse mich nicht trauen ohne _moirée
+antique_!«
+
+So verging der Oktober, der November. Zur Weihnachtszeit erschien Herr
+Grünlich, um den heiligen Abend im Kreise der Buddenbrookschen Familie
+zu verleben, und auch die Einladung zur Feier bei den alten Krögers
+schlug er nicht aus. Sein Benehmen gegenüber seiner Braut war erfüllt
+von dem Zartgefühl, das man von ihm zu gewärtigen berechtigt war. Keine
+unnötige Feierlichkeit! Keine gesellschaftliche Behinderung! Keine
+taktlosen Zärtlichkeiten! Ein hingehaucht diskreter Kuß auf die Stirn in
+Gegenwart der Eltern hatte das Verlöbnis besiegelt ... Zuweilen
+verwunderte Tony sich ein wenig, daß sein Glück jetzt der Verzweiflung,
+die er bei ihren Weigerungen an den Tag gelegt hatte, kaum zu
+entsprechen schien. Er betrachtete sie lediglich mit einer heiteren
+Besitzermiene ... Hie und da freilich, wenn er zufällig mit ihr allein
+geblieben war, konnte eine scherzhafte, eine neckische Stimmung ihn
+überkommen, konnte er den Versuch machen, sie auf seine Knie zu ziehen,
+um seine Favoris ihrem Gesichte zu nähern, und sie mit vor Heiterkeit
+zitternder Stimme zu fragen: »Habe ich dich doch erwischt? Habe ich dich
+doch noch ergattert?...« Worauf Tony antwortete: »O Gott, Sie vergessen
+sich!« und sich mit Geschicklichkeit befreite.
+
+Herr Grünlich kehrte bald nach dem Weihnachtsfeste nach Hamburg zurück,
+denn sein reges Geschäft forderte unerbittlich seine persönliche
+Gegenwart, und Buddenbrooks stimmten mit ihm stillschweigend darin
+überein, daß Tony vor der Verlobung Zeit genug gehabt habe, seine
+Bekanntschaft zu machen.
+
+Die Wohnungsfrage ward brieflich geordnet. Tony, die sich ganz
+außerordentlich auf das Leben in einer Großstadt freute, gab dem Wunsche
+Ausdruck, sich im Innern Hamburgs niederzulassen, wo ja auch -- und zwar
+in der Spitalerstraße -- sich Herrn Grünlichs Kontore befanden. Allein
+der Bräutigam erlangte mit männlicher Beharrlichkeit die Ermächtigung
+zum Ankaufe einer Villa vor der Stadt, bei Eimsbüttel ... in
+romantischer und weltentrückter Lage, als idyllisches Nestchen so recht
+geeignet für ein junges Ehepaar -- »_procul negotiis_« -- nein, er hatte
+sein Latein gleichfalls noch nicht völlig vergessen!
+
+Es verging der Dezember, und zu Beginn des Jahres sechsundvierzig ward
+Hochzeit gemacht. Es gab einen prächtigen Polterabend, bei dem die halbe
+Stadt anwesend war. Tonys Freundinnen -- darunter auch Armgard von
+Schilling, die in einer turmhohen Kutsche zur Stadt gekommen war --
+tanzten mit Toms und Christians Freunden --, darunter auch Andreas
+Gieseke, Sohn des Branddirektors und _studiosus iuris_, sowie Stephan
+und Eduard Kistenmaker, von »Kistenmaker & Sohn« --, im Eßsaale und auf
+dem Korridor, der zu diesem Behufe mit Talkum bestreut worden war ...
+Für das Poltern sorgte in erster Linie Konsul Peter Döhlmann, der auf
+den Steinfliesen der großen Diele alle irdenen Töpfe zerschlug, deren er
+habhaft werden konnte.
+
+Frau Stuht aus der Glockengießerstraße hatte wieder einmal Gelegenheit,
+in den ersten Kreisen zu verkehren, indem sie Mamsell Jungmann und die
+Schneiderin am Hochzeitstage bei Tonys Toilette unterstützte. Sie hatte,
+strafe sie Gott, niemals eine schönere Braut gesehen, lag, so dick sie
+war, auf den Knien und befestigte mit bewundernd erhobenen Augen die
+kleinen Myrtenzweiglein auf der weißen _moirée antique_ ... Dies geschah
+im Frühstückszimmer. Herr Grünlich wartete in langschößigem Frack und
+seidener Weste vor der Tür. Sein rosiges Gesicht zeigte einen ernsten
+und korrekten Ausdruck; auf der Warze an seinem linken Nasenflügel
+bemerkte man ein wenig Puder, und seine goldgelben Favoris waren mit
+Sorgfalt frisiert.
+
+Droben in der Säulenhalle, denn dort sollte die Trauung stattfinden,
+hatte sich die Familie versammelt -- eine stattliche Gesellschaft! Da
+saßen die alten Krögers, ein wenig kümmerlich beide schon, aber wie
+stets die distinguiertesten Erscheinungen. Da waren Konsul Krögers mit
+ihren Söhnen Jürgen und Jakob, welch letzterer, wie die Verwandten
+Duchamps, von Hamburg gekommen war. Da war Gotthold Buddenbrook und
+seine Frau, die geborene Stüwing, mit Friederike, Henriette und Pfiffi,
+die sich leider alle drei wohl nicht mehr verheiraten würden ... Da war
+die mecklenburgische Nebenlinie durch Klothildens Vater, Herrn Bernhardt
+Buddenbrook vertreten, der von »Ungnade« hereingekommen war und mit
+großen Augen das unerhört herrschaftliche Haus seines reichen Verwandten
+betrachtete. Die in Frankfurt hatten nur Geschenke geschickt, denn die
+Reise war doch zu umständlich ... An ihrer Stelle aber waren, als
+einzige, die nicht der Familie zugehörten, Doktor Grabow, der Hausarzt,
+und Mamsell Weichbrodt, Tonys mütterliche Freundin, zugegen -- Sesemi
+Weichbrodt mit ganz neuen grünen Haubenbändern über den Seitenlocken und
+einem schwarzen Kleidchen. »Sei glöcklich, du =gutes= Kind!« sagte sie,
+als Tony an Herrn Grünlichs Seite in der Säulenhalle erschien, reckte
+sich empor und küßte sie mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. --
+Die Familie war zufrieden mit der Braut; Tony sah hübsch, unbefangen und
+heiter aus, wenn auch ein wenig blaß vor Neugier und Reisefieber.
+
+Die Halle war mit Blumen geschmückt und ein Altar an ihrer rechten Seite
+errichtet worden. Pastor Kölling von St. Marien hielt die Trauung, wobei
+er mit starken Worten im besonderen zur =Mäßigkeit= ermahnte. Alles
+verlief nach Ordnung und Brauch. Tony brachte ein naives und gutmütiges
+»Ja« heraus, während Herr Grünlich zuvor »Hä-ä-hm!« sagte, um seine
+Kehle zu reinigen. Dann ward ganz außerordentlich gut und viel
+gegessen.
+
+... Während droben im Saale die Gäste, mit dem Pastor in ihrer Mitte, zu
+speisen fortfuhren, geleiteten der Konsul und seine Gattin das junge
+Paar, das sich reisefertig gemacht hatte, in die weißnebelige Schneeluft
+hinaus. Der große Reisewagen hielt, mit Koffern und Taschen bepackt, vor
+der Haustür.
+
+Nachdem Tony mehrere Male die Überzeugung ausgesprochen hatte, daß sie
+sehr bald zu Besuch nach Hause kommen und daß auch der Besuch der Eltern
+in Hamburg nicht lange auf sich warten lassen werde, stieg sie guten
+Mutes in die Kutsche und ließ sich von der Konsulin sorgfältig in die
+warme Pelzdecke hüllen. Auch ihr Gatte nahm Platz.
+
+»Und ... Grünlich«, sagte der Konsul, »die neuen Spitzen liegen in der
+kleineren Handtasche zu oberst. Sie nehmen sie vor Hamburg ein bißchen
+unter den Paletot, wie? Diese Akzise ... man muß das nach Möglichkeit
+umgehen. Leben Sie wohl! Leb' wohl, noch einmal, meine liebe Tony! Gott
+sei mit dir!«
+
+»Sie werden doch in Arensburg gute Unterkunft finden?« fragte die
+Konsulin ...
+
+»Bestellt, teuerste Mama, alles bestellt!« antwortete Herr Grünlich.
+
+Anton, Line, Trine, Sophie verabschiedeten sich von »Ma'm Grünlich« ...
+
+Man war im Begriffe, den Schlag zu schließen, als Tony von einer
+plötzlichen Bewegung überkommen ward. Trotz der Umstände, die es
+verursachte, wickelte sie sich noch einmal aus der Reisedecke heraus,
+stieg rücksichtslos über Herrn Grünlichs Knie hinweg, der zu murren
+begann, und umarmte mit Leidenschaft ihren Vater.
+
+»Adieu, Papa ... Mein guter Papa!« Und dann flüsterte sie ganz leise:
+»Bist du zufrieden mit mir?«
+
+Der Konsul preßte sie einen Augenblick wortlos an sich; dann schob er
+sie ein wenig von sich und schüttelte mit innigem Nachdruck ihre beiden
+Hände ...
+
+Hierauf war alles bereit. Der Schlag knallte, der Kutscher schnalzte,
+die Pferde zogen an, daß die Scheiben klirrten, und die Konsulin ließ
+ihr Batisttüchlein im Winde spielen, bis der Wagen, der rasselnd die
+Straße hinunterfuhr, im Schneenebel zu verschwinden begann.
+
+Der Konsul stand gedankenvoll neben seiner Gattin, die ihre Pelzpelerine
+mit graziöser Bewegung fester um die Schultern zog.
+
+»Da fährt sie hin, Bethsy.«
+
+»Ja, Jean, das Erste, das davongeht. -- Glaubst du, daß sie glücklich
+ist mit ihm?«
+
+»Ach, Bethsy, sie ist zufrieden mit sich selbst; das ist das solideste
+Glück, das wir auf Erden erlangen können.«
+
+Sie kehrten zu ihren Gästen zurück.
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+Thomas Buddenbrook ging die Mengstraße hinunter bis zum »Fünfhausen«. Er
+vermied es, oben herum durch die Breitestraße zu gehen, um nicht der
+vielen Bekannten wegen den Hut beständig in der Hand tragen zu müssen.
+Beide Hände in den weiten Taschen seines warmen, dunkelgrauen
+Kragenmantels schritt er ziemlich in sich gekehrt über den
+hartgefrorenen, kristallisch aufblitzenden Schnee, der unter seinen
+Stiefeln knarrte. Er ging seinen eigenen Weg, von dem niemand wußte ...
+Der Himmel leuchtete hell, blau und kalt; es war eine frische, herbe,
+würzige Luft, ein windstilles, hartes, klares und reinliches Wetter von
+fünf Grad Frost, ein Februartag sondergleichen.
+
+Thomas schritt den »Fünfhausen« hinunter, er durchquerte die Bäckergrube
+und gelangte durch eine schmale Querstraße in die Fischergrube. Diese
+Straße, die in gleicher Richtung mit der Mengstraße steil zur Trave hin
+abfiel, verfolgte er ein paar Schritte weit abwärts, bis er vor einem
+kleinen Hause stand, einem ganz bescheidenen Blumenladen mit schmaler
+Tür und dürftigem Schaufensterchen, in dem ein paar Töpfe mit
+Zwiebelgewächsen nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe standen.
+
+Er trat ein, wobei die Blechglocke oben an der Tür zu kleffen begann wie
+ein wachsames Hündchen. Drinnen vorm Ladentisch stand im Gespräch mit
+der jungen Verkäuferin eine kleine, dicke, ältliche Dame in türkischem
+Umhang. Sie wählte unter einigen Blumentöpfen, prüfte, roch, mäkelte und
+schwatzte, daß sie beständig genötigt war, sich mit dem Schnupftuch den
+Mund zu wischen. Thomas Buddenbrook grüßte sie höflich und trat zur
+Seite ... Sie war eine unbegüterte Verwandte der Langhals', eine
+gutmütige und schwatzhafte alte Jungfer, die den Namen einer Familie aus
+der ersten Gesellschaft trug, ohne dieser Gesellschaft doch zuzugehören,
+die nicht zu großen Diners und Bällen, sondern nur zu kleinen
+Kaffeezirkeln gebeten ward und mit wenigen Ausnahmen von aller Welt
+»Tante Lottchen« genannt wurde. Einen in Seidenpapier gewickelten
+Blumentopf unter dem Arme, wandte sie sich zur Tür, und Thomas sagte,
+nachdem er aufs neue gegrüßt hatte, mit lauter Stimme zum Ladenmädchen:
+»Geben Sie mir ... ein paar Rosen, bitte ... Ja, gleichgültig. _La
+France_ ...«
+
+Dann als Tante Lottchen die Tür hinter sich geschlossen hatte und
+verschwunden war, sagte er leiser: »So, leg' nur wieder weg, Anna ...
+Guten Tag, kleine Anna! Ja, heute bin ich recht schweren Herzens
+gekommen.«
+
+Anna trug eine weiße Schürze über ihrem schwarzen, schlichten Kleide.
+Sie war wunderbar hübsch. Sie war zart wie eine Gazelle und besaß einen
+beinahe malaiischen Gesichtstypus: ein wenig hervorstehende
+Wangenknochen, schmale, schwarze Augen voll eines weichen Schimmers und
+einen mattgelblichen Teint, wie er weit und breit nicht ähnlich zu
+finden war. Ihre Hände, von derselben Farbe, waren schmal und für ein
+Ladenmädchen von außerordentlicher Schönheit.
+
+Sie ging hinter dem Verkaufstisch an das rechte Ende des kleinen Ladens,
+wo man durchs Schaufenster nicht gesehen werden konnte. Thomas folgte
+ihr diesseits des Tisches, beugte sich hinüber und küßte sie auf die
+Lippen und die Augen.
+
+»Du bist ganz verfroren, du Ärmster!« sagte sie.
+
+»Fünf Grad!« sagte Tom ... »Ich habe nichts gemerkt, ich ging ziemlich
+traurig hierher.«
+
+Er setzte sich auf den Ladentisch, behielt ihre Hand in der seinen und
+fuhr fort: »Ja, hörst du, Anna?... heute müssen wir nun vernünftig sein.
+Es ist so weit.«
+
+»Ach Gott ...!« sagte sie kläglich und erhob voll Furcht und Kummer ihre
+Schürze ...
+
+»Einmal mußte es doch herankommen, Anna ... So! nicht weinen! Wir
+wollten doch vernünftig sein, wie? -- Was ist da zu tun? Dergleichen muß
+durchgemacht werden.«
+
+»Wann ...?« fragte Anna schluchzend.
+
+»Übermorgen.«
+
+»Ach Gott ... warum übermorgen? Eine Woche noch ... Bitte!... Fünf
+Tage!...«
+
+»Das geht nicht, liebe kleine Anna. Alles ist bestimmt und in Ordnung
+... Sie erwarten mich in Amsterdam ... Ich könnte auch nicht einen Tag
+zulegen, wenn ich es noch so gerne wollte!«
+
+»Und das ist so fürchterlich weit fort ...!«
+
+»Amsterdam? Pah! gar nicht! Und =denken= kann man doch immer aneinander,
+wie? Und ich schreibe! Paß auf, ich schreibe, sowie ich dort bin ...«
+
+»Weißt du noch ...«, sagte sie, »vor einundeinhalb Jahren? Beim
+Schützenfest?...«
+
+Er unterbrach sie entzückt ...
+
+»Gott, ja, einundeinhalb Jahre!... Ich hielt dich für eine Italienerin
+... Ich kaufte eine Nelke und steckte sie ins Knopfloch ... Ich habe sie
+noch ... Ich nehme sie mit nach Amsterdam ... Was für ein Staub und eine
+Hitze war auf der Wiese!...«
+
+»Ja, du holtest mir ein Glas Limonade aus der Bude nebenan ... Ich
+erinnere das wie heute! Alles roch nach Schmalzgebäck und Menschen ...«
+
+»Aber schön war es doch! Sahen wir uns nicht gleich an den Augen an, was
+für eine Bewandtnis es mit uns hatte?«
+
+»Und du wolltest mit mir Karussell fahren ... aber das ging nicht; ich
+mußte doch verkaufen! Die Frau hätte gescholten ...«
+
+»Nein, es ging nicht, Anna, das sehe ich vollkommen ein.«
+
+Sie sagte leise: »Und es ist auch das Einzige geblieben, was ich dir
+abgeschlagen habe.«
+
+Er küßte sie aufs neue, auf die Lippen und die Augen.
+
+»Adieu, meine liebe, gute, kleine Anna!... Ja, man muß anfangen, Adieu
+zu sagen!«
+
+»Ach, du kommst doch morgen noch einmal wieder?«
+
+»Ja, sicher, um diese Zeit. Und auch übermorgen früh noch, wenn ich mich
+irgend losmachen kann ... Aber jetzt will ich dir eines sagen, Anna ...
+Ich gehe nun ziemlich weit fort, ja, es ist immerhin recht weit,
+Amsterdam ... und du bleibst hier zurück. Aber wirf dich nicht weg,
+hörst du, Anna?... Denn bis jetzt hast du dich =nicht= weggeworfen, das
+sage ich dir!«
+
+Sie weinte in ihre Schürze, die sie mit ihrer freien Hand vors Gesicht
+hielt.
+
+»Und du?... Und du?...«
+
+»Das weiß Gott, Anna, wie die Dinge gehen werden! Man bleibt nicht immer
+jung ... du bist ein kluges Mädchen, du hast niemals etwas von heiraten
+gesagt und dergleichen ...«
+
+»Nein, behüte!... daß ich das von dir verlange ...«
+
+»Man wird getragen, siehst du ... Wenn ich am Leben bin, werde ich das
+Geschäft übernehmen, werde eine Partie machen ... ja, ich bin offen
+gegen dich, beim Abschied ... Und auch du ... das wird so gehen ... Ich
+wünsche dir alles Glück, meine liebe, gute, kleine Anna! Aber wirf dich
+nicht weg, hörst du?... Denn bis jetzt hast du dich =nicht= weggeworfen,
+das sage ich dir ...!«
+
+Hier drinnen war es warm. Ein feuchter Duft von Erde und Blumen lag in
+dem kleinen Laden. Draußen schickte schon die Wintersonne sich an,
+unterzugehen. Ein zartes, reines und wie auf Porzellan gemalt blasses
+Abendrot schmückte jenseits des Flusses den Himmel. Das Kinn in die
+aufgeschlagenen Kragen ihrer Überzieher versteckt, eilten die Leute am
+Schaufenster vorüber und sahen nichts von den beiden, die in dem Winkel
+des kleinen Blumenladens voneinander Abschied nahmen.
+
+
+
+
+Vierter Teil
+
+
+Erstes Kapitel
+
+ Den 30. April 1846.
+
+Meine liebe Mama,
+
+tausend Dank für Deinen Brief, in welchem Du mir Armgard von Schillings
+Verlobung mit Herrn von Maiboom auf Pöppenrade mitteiltest. Armgard
+selbst hat mir ebenfalls eine Anzeige geschickt (sehr vornehm, Goldrand)
+und dazu einen Brief geschrieben, in dem sie sich äußerst entzückt über
+den Bräutigam ausläßt. Es soll ein bildschöner Mann sein und von
+vornehmem Wesen. Wie glücklich sie sein muß! Alles heiratet; auch aus
+München habe ich eine Anzeige von Eva Ewers. Sie bekömmt einen
+Brauereidirektor.
+
+Aber nun muß ich Dich eines fragen, liebe Mama: warum nämlich noch immer
+nichts über einen Besuch von Konsul Buddenbrooks hierselbst verlautet!
+Wartet Ihr vielleicht auf eine offizielle Einladung Grünlichs? Das wäre
+nicht nötig, denn er denkt, glaube ich, gar nicht daran, und wenn ich
+ihn erinnere, so sagt er: Ja, ja, Kind, Dein Vater hat anderes zu tun.
+Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr stört mich? Ach nein, nicht im
+allergeringsten! Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr macht mir nur wieder
+Heimweh? Du lieber Gott, ich bin doch eine verständige Frau, ich stehe
+mitten im Leben und bin gereift.
+
+Soeben war ich zum Kaffee bei Madame Käselau, in der Nähe; es sind
+angenehme Leute, und auch unsere Nachbarn linkerhand, namens Gußmann
+(aber die Häuser liegen ziemlich weit voneinander), sind umgängliche
+Menschen. Wir haben ein paar gute Hausfreunde, die beide ebenfalls hier
+draußen wohnen: den Doktor Klaaßen (von welchem ich Dir nachher noch
+werde erzählen müssen) und den Bankier Kesselmeyer, Grünlichs intimen
+Freund. Du glaubst nicht, was für ein komischer alter Herr das ist! Er
+hat einen weißen, geschorenen Backenbart und schwarz-weiße dünne Haare
+auf dem Kopf, die aussehen wie Flaumfedern und in jedem Luftzuge
+flattern. Da er auch so drollige Kopfbewegungen hat wie ein Vogel und
+ziemlich geschwätzig ist, nenne ich ihn immer »die Elster«; aber
+Grünlich verbietet mir dies, denn er sagt, die Elster stehle, Herr
+Kesselmeyer aber sei ein Ehrenmann. Beim Gehen bückt er sich und rudert
+mit den Armen. Seine Flaumfedern reichen nur bis zur Hälfte des
+Hinterkopfes, und von da an ist sein Nacken ganz rot und rissig. Er hat
+etwas so äußerst Fröhliches an sich! Manchmal klopft er mir auf die
+Wange und sagt: Sie gute kleine Frau, welch Gottessegen für Grünlich,
+daß er Sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat
+stets drei davon bei sich, an langen Schnüren, die sich beständig auf
+seiner weißen Weste verwickeln), schlägt ihn sich auf die Nase, die er
+ganz kraus dabei macht, und sieht mich mit offenem Munde so vergnüglich
+an, daß ich ihm laut ins Gesicht lache. Aber das nimmt er gar nicht
+übel.
+
+Grünlich selbst ist viel beschäftigt, fährt morgens mit unserem kleinen
+gelben Wagen zur Stadt und kommt oft erst spät nach Hause. Manchmal
+sitzt er bei mir und liest die Zeitung.
+
+Wenn wir in Gesellschaft fahren, zum Beispiel zu Kesselmeyer oder Konsul
+Goudstikker am Alsterdamm oder Senator Bock in der Rathausstraße, so
+müssen wir eine Mietkutsche nehmen. Ich habe Grünlich schon oft um
+Anschaffung eines Coupés gebeten, denn das ist nötig hier draußen. Er
+hat es mir auch halb und halb versprochen, aber er begibt sich
+merkwürdigerweise überhaupt nicht gern mit mir in Gesellschaft und sieht
+es augenscheinlich nicht gern, wenn ich mich mit den Leuten in der Stadt
+unterhalte. Sollte er eifersüchtig sein?
+
+Unsere Villa, die ich Dir schon eingehend beschrieb, liebe Mama, ist
+wirklich sehr hübsch und hat sich durch neuerliche Möbelanschaffungen
+noch verschönert. Gegen den Salon im Hochparterre hättest Du nichts
+einzuwenden: ganz in brauner Seide. Das Eßzimmer nebenan ist sehr hübsch
+getäfelt; die Stühle haben 25 Kurant-Mark das Stück gekostet. Ich sitze
+im Penseezimmer, das als Wohnstube dient. Dann ist da noch ein Rauch-
+und Spielkabinett. Der Saal, der jenseits des Korridors die andere
+Hälfte des Parterres einnimmt, hat jetzt noch gelbe Stores bekommen und
+nimmt sich vornehm aus. Oben sind Schlaf-, Bade-, Ankleide- und
+Dienerschaftszimmer. Für den gelben Wagen haben wir einen kleinen Groom.
+Mit den beiden Mädchen bin ich ziemlich zufrieden. Ich weiß nicht, ob
+sie ganz ehrlich sind; aber Gott sei Dank brauche ich ja nicht auf jeden
+Dreier zu sehen! Kurz, es ist alles, wie es unserem Namen zukommt.
+
+Nun aber kommt etwas, liebe Mama, das Wichtigste, welches ich mir bis
+zum Schlusse aufgehoben. Vor einiger Zeit nämlich fühlte ich mich ein
+bißchen sonderbar, weißt Du, nicht ganz gesund und doch wieder noch
+anders; bei Gelegenheit sagte ich es dem Doktor Klaaßen. Das ist ein
+ganz kleiner Mensch mit einem großen Kopf und einem noch größeren
+geschweiften Hut darauf. Immer drückt er sein spanisches Rohr, das als
+Griff eine runde Knochenplatte hat, an seinen langen Kinnbart, der
+beinahe hellgrün ist, weil er ihn lange Jahre schwarz gefärbt hat. Nun,
+Du hättest ihn sehen sollen! Er antwortete gar nicht, rückte an seiner
+Brille, zwinkerte mit seinen roten Äuglein, nickte mir mit seiner
+Kartoffelnase zu, kicherte und musterte mich so impertinent, daß ich
+nicht wußte, wo ich bleiben sollte. Dann untersuchte er mich und sagte,
+alles lasse sich aufs prächtigste an, nur müsse ich Mineralwasser
+trinken, denn ich sei vielleicht ein =bißchen= bleichsüchtig. -- O Mama,
+vertraue es dem guten Papa ganz vorsichtig an, damit er es in die
+Familienpapiere schreibt. Sobald als möglich hörst Du Weiteres!
+
+Grüße Papa, Christian, Klara, Thilda und Ida Jungmann innig von mir. An
+Thomas, nach Amsterdam, habe ich kürzlich geschrieben.
+
+ Deine treugehorsame Tochter
+ =Antonie=.
+
+ Den 2. August 1846.
+
+Mein lieber Thomas,
+
+mit Vergnügen habe ich Deine Mitteilungen über Dein Zusammensein mit
+Christian in Amsterdam empfangen; es mögen einige fröhliche Tage gewesen
+sein. Ich habe über Deines Bruders Weiterreise über Ostende nach England
+noch keine Nachrichten, hoffe jedoch zu Gott, daß sie glücklich
+vonstatten gegangen sein wird. Möchte es doch, nachdem Christian sich
+entschlossen, den wissenschaftlichen Beruf fahren zu lassen, noch nicht
+zu spät für ihn sein, bei seinem Prinzipale Mr. Richardson etwas
+Tüchtiges zu lernen, und möchte seine merkantile Laufbahn von Erfolg und
+Segen begleitet sein! Mr. Richardson (Threedneedle Street) ist, wie Du
+weißt, ein naher Geschäftsfreund meines Hauses. Ich schätze mich
+glücklich, meine beiden Söhne in Firmen untergebracht zu haben, die mir
+freundschaftlichst verbunden sind. Den Segen davon darfst Du jetzt schon
+verspüren: Ich empfinde vollkommene Genugtuung, daß Herr van der Kellen
+Dein Salair bereits in diesem Vierteljahr erhöht hat und Dir weiterhin
+Nebenverdienste einräumen wird; ich bin überzeugt, daß Du durch ein
+tüchtig Führen Dich dieses Entgegenkommens würdig gezeigt hast und
+zeigen wirst.
+
+Bei alledem schmerzt es mich, daß Deine Gesundheit sich nicht völlig auf
+der Höhe befindet. Was Du mir von Nervosität geschrieben, gemahnte mich
+an meine eigene Jugend, als ich in Antwerpen arbeitete und von dort nach
+Ems gehen mußte, um die Kur zu gebrauchen. Wenn etwas ähnliches sich für
+Dich als nötig erweisen sollte, mein Sohn, so bin ich, versteht sich,
+bereit, Dir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, wiewohl ich für uns
+andere derartige Ausgaben in diesen politisch unruhigen Zeiten scheue.
+
+Immerhin haben Deine Mutter und ich um die Mitte des Junius eine Fahrt
+nach Hamburg unternommen, um Deine Schwester Tony zu besuchen. Ihr Gatte
+hatte uns nicht aufgefordert, empfing uns jedoch mit großer Herzlichkeit
+und widmete sich uns während der zwei Tage, die wir bei ihm verbrachten,
+so vollständig, daß er sein Geschäft vernachlässigte und mir kaum Zeit
+zu einer Visite in der Stadt bei Duchamps' ließ. Antonie befand sich im
+fünften Monat; ihr Arzt versicherte, daß alles in normaler und
+erfreulicher Weise verlaufen werde. --
+
+Noch möchte ich eines Briefes des Herrn van der Kellen erwähnen, dem ich
+mit Freude entnahm, daß Du auch privatim in seinem Familienkreise ein
+gern gesehener Gast bist. Du bist nun, mein Sohn, in dem Alter, wo Du
+die Früchte der Erziehung zu ernten beginnst, die Deine Eltern Dir
+zuteil werden ließen. Es möge Dir als Ratschlag dienen, daß ich in
+Deinem Alter, sowohl in Bergen als in Antwerpen, es mir immer angelegen
+sein ließ, mich meinen =Prinzipalinnen= dienstlich und angenehm zu
+machen, was mir zum höchsten Vorteil gereicht hat. Abgesehen selbst von
+der ehrenden Annehmlichkeit eines näheren Verkehrs mit der
+Vorstandsfamilie, schafft man sich in der Prinzipalin eine fördernde
+Fürsprecherin, wenn der allerdings möglichst zu vermeidende,
+nichtsdestoweniger mögliche Fall eintreten sollte, daß ein Versehen im
+Geschäft sich ereignete oder die Zufriedenheit des Prinzipals hie oder
+da zu wünschen übrigließe. --
+
+Was Deine geschäftlichen Zukunftspläne angeht, mein Sohn, so erfreuen
+sie mich durch das lebhafte Interesse, das sich in ihnen ausspricht,
+ohne zwar, daß ich ihnen vollkommen beizustimmen vermöchte. Du gehst von
+der Ansicht aus, daß der Absatz derjenigen Produkte, welche die Umgegend
+unserer Vaterstadt hervorbringe, als: Getreide, Rappsaat, Häute und
+Felle, Wolle, Öl, Ölkuchen, Knochen usw. das natürlichste, nachhaltigste
+Geschäft Deiner Vaterstadt sei und denkst Dich neben dem
+Kommissionshandel vorzugsweise jener Branche zuzuwenden. Ich habe mich
+zu einer Zeit, als die Konkurrenz in diesem Geschäftszweige noch sehr
+gering war (während sie jetzt erheblich gewachsen), gleichfalls mit
+diesem Gedanken beschäftigt und, soweit Raum und Gelegenheit dazu
+vorlagen, auch einige Experimente gemacht. Meine Reise nach England
+hatte hauptsächlich den Zweck, auch in diesem Lande Verbindungen für
+meine Unternehmungen nachzusuchen. Ich ging zu diesem Ende bis
+Schottland hinauf und machte manche nutzbringende Bekanntschaften,
+erkannte aber alsbald auch den gefährlichen Charakter, welchen die
+Exportgeschäfte dorthin an sich trugen, weshalb eine weitere
+Kultivierung derselben in der Folge auch unterblieb, zumal ich immer des
+Mahnwortes eingedenk gewesen bin, welches unser Vorfahr, der Gründer der
+Firma, uns hinterlassen: »Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am
+Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können!«
+
+Diesen Grundsatz gedenke ich heilig zu halten bis an mein Lebensende,
+obgleich man ja hie und da in Zweifel geraten kann angesichts von
+Leuten, die ohne solche Prinzipien scheinbar besser fahren. Ich denke an
+Strunck & Hagenström, die eminent im Wachsen begriffen sind, während
+unsere Angelegenheiten einen allzu ruhigen Gang gehen. Du weißt, daß das
+Haus nach der Verkleinerung infolge des Todes Deines Großvaters nicht
+mehr gewachsen ist, und ich bete zu Gott, daß ich Dir die Geschäfte
+wenigstens in dem jetzigen Zustande werde hinterlassen können. An dem
+Prokuristen Herrn Marcus habe ich ja einen erfahrenen und bedächtigen
+Helfer. Wenn nur die Familie Deiner Mutter ihre Groschen ein wenig
+besser beieinander halten wollte; die Erbschaft wird für uns von so
+großer Wichtigkeit sein!
+
+Ich bin mit geschäftlichen und städtischen Arbeiten außerordentlich
+überhäuft. Ich bin Ältermann des Bergenfahrer-Kollegiums, und hat man
+mich sukzessive zum bürgerlichen Deputierten fürs Finanzdepartement, das
+Kommerzkollegium, die Rechnungsrevisionsdeputation und das St.
+Annen-Armenhaus gewählt.
+
+Deine Mutter, Klara und Klothilde grüßen Dich herzlich. Auch haben mir
+mehrere Herren: die Senatoren Möllendorpf und Doktor Överdieck, Konsul
+Kistenmaker, der Makler Gosch, C. F. Köppen sowie im Kontor Herr Marcus
+und die Kapitäne Kloot und Klötermann Grüße an Dich aufgetragen. Gottes
+Segen mit Dir, mein Sohn! Arbeite, bete und spare!
+
+ In sorgender Liebe
+ Dein =Vater=.
+
+ Den 8. Oktober 1846.
+
+Liebe und hochverehrte Eltern!
+
+Unterfertigter sieht sich in der angenehmen Lage, Sie von der vor einer
+halben Stunde erfolgten, glücklichen Niederkunft Ihrer Tochter, meiner
+innig geliebten Gattin Antonie zu benachrichtigen. Es ist nach Gottes
+Willen ein Mädchen, und finde ich keine Worte, zu sagen, wie freudig
+bewegt ich bin. Das Befinden der teuren Wöchnerin sowie des Kindes ist
+ein ausgezeichnetes, und zeigte sich Doktor Klaaßen völligst vom
+Verlaufe der Sache befriedigt. Auch Frau Großgeorgis, die Hebamme, sagt,
+es wäre gar nichts gewesen. -- Die Erregung zwingt mich, die Feder
+niederzulegen. Ich empfehle mich den würdigsten Eltern in
+hochachtungsvoller Zärtlichkeit.
+
+ =B. Grünlich.=
+
+Wenn es ein Junge wäre, so wüßte ich einen sehr hübschen Namen. Jetzt
+möchte ich sie Meta nennen, aber Gr. ist für Erika.
+
+ T.
+
+
+Zweites Kapitel
+
+»Was fehlt dir, Bethsy?« sagte der Konsul, als er zu Tische kam und den
+Teller erhob, mit dem man seine Suppe bedeckt hatte. »Fühlst du dich
+unwohl? Was hast du? Mir scheint du siehst leidend aus?«
+
+Der runde Tisch in dem weitläufigen Speisesaal war sehr klein geworden.
+Außer den Eltern saßen alltäglich nur Mamsell Jungmann, die zehnjährige
+Klara und die hagere, demütige und still essende Klothilde daran. Der
+Konsul blickte umher ... alle Gesichter waren lang und bekümmert. Was
+war geschehen? Er selbst war nervös und sorgenvoll, denn die Börse ward
+in Unruhe gehalten von dieser verzwickten schleswig-holsteinischen
+Angelegenheit ... Und noch eine andere Unruhe lag in der Luft: Später,
+als Anton hinausgegangen war, um das Fleischgericht zu holen, erfuhr der
+Konsul, was im Hause vorgefallen war. Trina, die Köchin Trina, ein
+Mädchen, das bislang nur Treue und Biedersinn an den Tag gelegt hatte,
+war plötzlich zu unverhüllter Empörung übergegangen. Zum großen Verdrusse
+der Konsulin unterhielt sie seit einiger Zeit eine Freundschaft, eine
+Art von geistigem Bündnis mit einem Schlachtergesellen, und dieser ewig
+blutige Mensch mußte die Entwicklung ihrer politischen Ansichten in der
+nachteiligsten Weise beeinflußt haben. Als die Konsulin ihr wegen einer
+mißratenen Chalottensauce einen Verweis hatte zuteil werden lassen,
+hatte sie die nackten Arme in die Hüften gestemmt und sich wie folgt
+geäußert: »Warten Sie man bloß, Fru Konsulin, dat duert nu nich mehr
+lang, denn kommt ne annere Ordnung in de Saak; denn sitt =ick= doar
+up'm Sofa in' sieden Kleed, un =Sei= bedeinen mich denn ...«
+Selbstverständlich war ihr sofort gekündigt worden.
+
+Der Konsul schüttelte den Kopf. Er selbst hatte in letzter Zeit
+allerhand Besorgniserregendes verspüren müssen. Freilich, die älteren
+Träger und Speicherarbeiter waren bieder genug, sich nichts in den Kopf
+setzen zu lassen; aber unter den jungen Leuten hatte dieser und jener
+durch sein Benehmen Zeugnis davon gegeben, daß der neue Geist der
+Empörung sich tückisch Einlaß zu verschaffen gewußt hatte ... Im
+Frühjahr hatte ein Straßenkrawall stattgefunden, obgleich eine neue
+Verfassung, die den Anforderungen der neuen Zeit entsprach, bereits im
+Entwurf vorhanden war, welcher ein wenig später, trotz des Widerspruches
+Lebrecht Krögers und einiger anderer störrischer alter Herren, durch
+Senatsdekret zum Staatsgrundgesetz erhoben wurde. Volksvertreter wurden
+gewählt, eine Bürgerschaft trat zusammen. Aber es gab keine Ruhe. Die
+Welt war ganz in Unordnung. Jeder wollte die Verfassung und das
+Wahlrecht revidieren, und die Bürger zankten sich. »Ständisches
+Prinzip!« sagten die einen; auch Johann Buddenbrook, der Konsul, sagte
+es. »Allgemeines Wahlrecht!« sagten die anderen; auch Hinrich Hagenström
+sagte es. Noch andere schrien: »Allgemeine Ständewahl!« und vielleicht
+wußten sie sogar, was darunter zu verstehen war. Dann schwirrten noch
+solche Ideen in der Luft umher wie Aufhebung des Unterschiedes zwischen
+Bürgern und Einwohnern, Ausdehnung der Möglichkeit, das Bürgerrecht zu
+erlangen, auch auf Nichtchristen ... Kein Wunder, daß Buddenbrooks Trina
+auf Gedanken verfiel, wie der mit dem Sofa und dem seidenen Kleid! Ach,
+es sollte noch ärger kommen. Die Dinge drohten eine fürchterliche
+Wendung zu nehmen ...
+
+Es war ein erster Oktobertag des Jahres achtundvierzig, ein blauer
+Himmel mit einigen leichten, schwebenden Wolken daran, silberweiß
+durchleuchtet von einer Sonne, deren Kraft freilich nicht mehr so groß
+war, daß nicht hinter dem hohen, blanken Gitter im Landschaftszimmer
+schon der Ofen geknistert hätte.
+
+Die kleine Klara, ein dunkelblondes Kind mit ziemlich strengen Augen,
+saß mit einer Strickerei vorm Nähtische am Fenster, während Klothilde,
+auf gleiche Weise beschäftigt, den Sofaplatz neben der Konsulin
+innehatte. Obgleich Klothilde Buddenbrook nicht viel älter war als ihre
+verheiratete Kusine, also erst einundzwanzig Jahre zählte, begann ihr
+langes Gesicht bereits scharfe Linien zu zeigen, und ihr
+glattgescheiteltes Haar, das niemals blond, sondern von jeher mattgrau
+gewesen, trug dazu bei, daß das Bild der alten Jungfer schon fertig war.
+Sie war zufrieden damit, sie tat nichts, um dem abzuhelfen. Vielleicht
+war es ihr Bedürfnis, schnell alt zu werden, um schnell über alle
+Zweifel und Hoffnungen hinauszugelangen. Da sie keinen Silbergroschen
+besaß, so wußte sie, daß niemand in der weiten Welt sich finden würde,
+sie zu heiraten, und mit Demut sah sie ihrer Zukunft entgegen, die darin
+bestand, in irgendeiner kleinen Stube eine kleine Rente zu verzehren,
+die ihr mächtiger Onkel ihr aus der Kasse irgendeiner wohltätigen
+Anstalt für arme Mädchen aus angesehener Familie verschaffen würde.
+
+Die Konsulin ihrerseits war mit der Lektüre zweier Briefe beschäftigt.
+Tony erzählte von dem glücklichen Gedeihen der kleinen Erika, und
+Christian berichtete eifrig von dem Londoner Leben und Treiben, ohne
+freilich seiner Tätigkeit bei Mr. Richardson eingehend zu erwähnen ...
+Die Konsulin, die sich der Mitte der Vierziger näherte, beklagte sich
+bitterlich über das Schicksal der blonden Frauen, so rasch zu altern.
+Der zarte Teint, der einem rötlichen Haar entspricht, wird in diesen
+Jahren trotz aller Erfrischungsmittel matt, und das Haar selbst würde
+unerbittlich zu ergrauen beginnen, wenn man nicht Gott sei Dank das
+Rezept einer Pariser Tinktur besäße, die das fürs erste verhütete. Die
+Konsulin war entschlossen, niemals weiß zu werden. Wenn das Färbemittel
+sich nicht mehr als tauglich erwiese, so würde sie eine Perücke von der
+Farbe ihres jugendlichen Haares tragen ... Auf der Höhe ihrer noch immer
+kunstvollen Coiffure war eine kleine, von weißen Spitzen umgebene
+seidene Schleife angebracht: der Beginn, die erste Andeutung einer
+Haube. Ihr seidener Kleiderrock umgab sie weit und bauschig; ihre
+glockenförmigen Ärmel waren mit steifem Mull unterlegt. Wie stets
+klirrten ein paar goldene Reifen leise an ihrem Handgelenk. -- Es war
+drei Uhr nachmittags.
+
+Plötzlich wurde Rufen und Schreien, eine Art von übermütigem Johlen,
+Pfeifen und das Gestampf vieler Schritte auf der Straße vernehmbar, ein
+Lärm, der sich näherte und anwuchs ...
+
+»Mama, was ist das?« sagte Klara, die durchs Fenster und in den »Spion«
+blickte. »All die Leute ... Was haben sie? Worüber freuen sie sich so?«
+
+»Mein Gott!« rief die Konsulin, indem sie die Briefe von sich warf,
+angstvoll aufsprang und zum Fenster eilte. »Sollte es ... O mein Gott,
+ja, die Revolution ... Es ist das Volk ...«
+
+Die Sache war die, daß während des ganzen Tages bereits Unruhen in der
+Stadt geherrscht hatten. In der Breiten Straße war am Morgen die
+Schaufensterscheibe des Tuchhändlers Benthien vermittels Steinwurfes
+zertrümmert worden, wobei Gott allein wußte, was das Fenster des Herrn
+Benthien mit der hohen Politik zu schaffen hatte.
+
+»Anton?!« rief die Konsulin mit bebender Stimme in den Eßsaal hinüber,
+wo der Bediente mit dem Silberzeug hantierte ... »Anton, geh hinunter!
+Schließe die Haustür! Mach' alles zu! Es ist das Volk ...«
+
+»Ja, Frau Konsulin!« sagte Anton. »Kann ich das auch wagen? Ich bin ein
+Herrschaftsknecht ... Wenn sie meine Livree zu sehen kriegen ...«
+
+»Die bösen Menschen«, sagte Klothilde traurig und gedehnt, ohne ihrer
+Handarbeit Einhalt zu tun. -- In diesem Augenblick kam der Konsul durch
+die Säulenhalle und trat durch die Glastür ein. Er trug seinen Paletot
+über dem Arm und den Hut in der Hand.
+
+»Du willst ausgehen, Jean?« fragte die Konsulin entsetzt ...
+
+»Ja, Liebe, ich muß in die Bürgerschaft ...«
+
+»Aber das Volk, Jean, die Revolution ...«
+
+»Ach, lieber Gott, das ist nicht so ernst, Bethsy ... Wir stehen in
+Gottes Hand. Sie sind schon am Hause vorüber. Ich gehe durch das
+Hinterhaus ...«
+
+»Jean, wenn du mich lieb hast ... Du willst dich dieser Gefahr
+aussetzen, willst uns hier allein lassen ... Oh, ich ängstige mich, ich
+ängstige mich!«
+
+»Liebste, ich bitte dich, du echauffierst dich auf eine Weise ... die
+Leute werden vorm Rathaus oder auf dem Markt ein bißchen spektakeln ...
+Vielleicht wird es dem Staat noch ein paar Fensterscheiben kosten, das
+ist alles.«
+
+»=Wohin= willst du, Jean?«
+
+»In die Bürgerschaft ... Ich komme schon fast zu spät, die Geschäfte
+haben mich aufgehalten. Es wäre eine Schande, da heute zu fehlen. Meinst
+du, daß dein Vater sich abhalten läßt? So alt er ist ...«
+
+»Ja, dann geh mit Gott, Jean ... Aber sei vorsichtig, ich bitte dich,
+nimm dich in acht! Und habe ein Auge auf meinen Vater! Wenn ihm etwas
+zustieße ...«
+
+»Unbesorgt, meine Liebe ...«
+
+»Wann kommst du zurück?« rief die Konsulin ihm nach ...
+
+»Je nun, um halb fünf, um fünf Uhr ... je nachdem. Es steht Wichtiges
+auf der Tagesordnung, es kommt darauf an ...«
+
+»Ach, ich ängstige mich, ich ängstige mich!« wiederholte die Konsulin,
+indem sie mit ratlosen Seitenblicken sich im Zimmer auf und nieder
+bewegte.
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Konsul Buddenbrook durchschritt eilig sein weitläufiges Grundstück. Als
+er in die Bäckergrube hinaustrat, vernahm er hinter sich Schritte und
+erblickte den Makler Gosch, welcher, malerisch in seinen langen Mantel
+gehüllt, gleichfalls die schräge Straße hinauf zur Sitzung strebte.
+Während er mit der einen seiner langen und mageren Hände den Jesuitenhut
+lüftete und mit der anderen eine glatte Gebärde der Demut vollführte,
+sprach er mit gepreßter und verbissener Stimme: »Herr Konsul ... ich
+grüße Sie!«
+
+Dieser Makler Siegismund Gosch, ein Junggeselle von etwa vierzig Jahren,
+war trotz seines Gebarens der ehrlichste und gutmütigste Mensch von der
+Welt; nur war er ein Schöngeist, ein origineller Kopf. Sein
+glattrasiertes Gesicht zeichnete sich aus durch eine gebogene Nase, ein
+spitz hervorspringendes Kinn, scharfe Züge und einen breiten, abwärts
+gezogenen Mund, dessen schmale Lippen er in verschlossener und
+bösartiger Weise zusammenpreßte. Es war sein Bestreben - und es gelang
+ihm nicht übel -- ein wildes, schönes und teuflisches Intrigantenhaupt
+zur Schau zu stellen, eine böse, hämische, interessante und
+furchtgebietende Charakterfigur zwischen Mephistopheles und Napoleon ...
+Sein ergrautes Haar war tief und düster in die Stirn gestrichen. Er
+bedauerte aufrichtig, nicht bucklig zu sein. -- Er war eine fremdartige
+und liebenswürdige Erscheinung unter den Bewohnern der alten
+Handelsstadt. Er gehörte zu ihnen, weil er in aller Bürgerlichkeit ein
+kleines, solides und in seiner Bescheidenheit geachtetes
+Vermittlungsgeschäft betrieb; in seinem engen, dunklen Kontor aber stand
+ein großer Bücherschrank, der mit Dichtwerken in allen Sprachen gefüllt
+war, und es ging das Gerücht, daß er seit seinem zwanzigsten Jahre an
+einer Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen Dramen arbeite ... Einmal
+jedoch hatte er bei einer Liebhaberaufführung von Schillers »Don Carlos«
+den Domingo gespielt. Dies war der Höhepunkt seines Lebens. -- Niemals
+war ein unedles Wort über seine Lippen gekommen, und selbst in
+geschäftlichen Gesprächen brachte er die üblichen Redewendungen nur
+zwischen den Zähnen und mit einem Mienenspiele hervor, als wollte er
+sagen: »Schurke, ha! Im Grab verfluch' ich deine Ahnen!« Er war, in
+mancher Beziehung, der Erbe und Nachfolger des seligen Jean Jacques
+Hoffstede; nur daß sein Wesen düsterer und pathetischer war und daß ihm
+nichts von der scherzhaften Heiterkeit eignete, die der Freund des
+älteren Johann Buddenbrook aus dem vorigen Jahrhundert herübergerettet
+hatte. -- Eines Tages verlor er an der Börse mit einem Schlage sechs und
+einen halben Kuranttaler an zwei oder drei Papieren, die er
+spekulativerweise gekauft hatte. Da riß sein dramatisches Empfinden ihn
+mit sich fort, und er gab eine Vorstellung. Er ließ sich auf einer Bank
+nieder in einer Haltung, als habe er die Schlacht bei Waterloo verloren,
+preßte eine geballte Faust gegen die Stirn und wiederholte mehrere Male
+mit einem gotteslästerlichen Augenaufschlag: »Ha, verflucht!« Da die
+kleinen, ruhigen, sicheren Gewinste, die er beim Verkaufe dieses oder
+jenes Grundstückes einstrich, ihn im Grunde langweilten, so war dieser
+Verlust, dieser tragische Schlag, mit dem der Himmel ihn, den
+Intriganten, getroffen, ein Genuß, ein Glück für ihn, an dem er
+wochenlang zehrte. Auf die Anrede: »Ich höre, Sie haben Unglück gehabt,
+Herr Gosch? Das tut mir leid ...«, pflegte er zu antworten: »Oh, mein
+werter Freund! _Uomo non educato dal dolore riman sempre bambino!_«
+Begreiflicherweise verstand das niemand. War es von Lope de Vega? Fest
+stand, daß dieser Siegismund Gosch ein gelehrter und merkwürdiger Mensch
+war.
+
+»Welche Zeiten, in denen wir leben!« sagte er zu Konsul Buddenbrook,
+während er, in gebückter Haltung auf seinen Stock gestützt, neben ihm
+die Straße hinaufschritt. »Zeiten des Sturmes und der Bewegung!«
+
+»Da haben Sie recht«, erwiderte der Konsul. Die Zeiten seien bewegt. Man
+dürfe auf die heutige Sitzung gespannt sein. Das ständische Prinzip ...
+
+»Nein, hören Sie!« fuhr Herr Gosch zu sprechen fort. »Ich bin den ganzen
+Tag unterwegs gewesen, ich habe den Pöbel beobachtet. Es waren herrliche
+Bursche darunter, das Auge flammend von Haß und Begeisterung ...«
+
+Johann Buddenbrook fing an zu lachen. »Sie sind mir der Rechte, mein
+Freund! Sie scheinen Gefallen daran zu finden? Nein, erlauben Sie mir
+... eine Kinderei, das alles! Was wollen diese Menschen? Eine Anzahl
+ungezogener junger Leute, die die Gelegenheit benützen, ein bißchen
+Spektakel zu machen ...«
+
+»Gewiß! Allein man kann nicht leugnen ... Ich war dabei, als
+Schlachtergeselle Berkemeyer Herrn Benthiens Fensterscheibe zerwarf ...
+Er war wie ein Panther!« Das letzte Wort sprach Herr Gosch mit besonders
+fest zusammengebissenen Zähnen und fuhr dann fort: »Oh, man kann nicht
+leugnen, daß die Sache ihre erhabene Seite besitzt! Es ist endlich
+einmal etwas anderes, wissen Sie, etwas Unalltägliches, Gewalttätiges,
+Sturm, Wildheit ... ein Gewitter ... Ach, das Volk ist unwissend, ich
+weiß es! Jedoch mein Herz, dieses mein Herz, es ist mit ihm ...« Sie
+waren schon vor das einfache, mit gelber Ölfarbe gestrichene Haus
+gelangt, in dessen Erdgeschoß sich der Sitzungssaal der Bürgerschaft
+befand.
+
+Dieser Saal gehörte zu der Bier- und Tanzwirtschaft einer Witwe namens
+Suerkringel, stand aber an gewissen Tagen den Herren von der
+»Bürgerschaft« zur Verfügung. Von einem schmalen, gepflasterten Korridor
+aus, an dessen rechter Seite sich Restaurationslokalitäten befanden, und
+auf dem es nach Bier und Speisen roch, betrat man ihn linkerhand durch
+eine aus grüngestrichenen Brettern gefertigte Tür, die weder Griff noch
+Schloß besaß und so schmal und niedrig war, daß niemand hinter ihr einen
+so großen Raum vermutet hätte. Der Saal war kalt, kahl, scheunenartig,
+mit geweißter Decke, an der die Balken hervortraten, und geweißten
+Wänden; seine drei ziemlich hohen Fenster hatten grüngemalte Kreuze und
+waren ohne Gardinen. Ihnen gegenüber erhoben sich amphitheatralisch
+aufsteigend die Sitzreihen, an deren Fuß ein grün gedeckter, mit einer
+großen Glocke, Aktenstücken und Schreibutensilien geschmückter Tisch für
+den Wortführer, den Protokollführer und die anwesenden Senatskommissare
+bestimmt war. An der Wand, die den Türen gegenüberlag, waren mehrere
+hohe Garderobehalter mit Mänteln und Hüten bedeckt.
+
+Stimmengewirr schlug dem Konsul und seinem Begleiter entgegen, als sie
+hintereinander durch die schmale Tür den Saal betraten. Sie waren
+ersichtlich die Letzten, die ankamen. Der Raum war gefüllt mit Bürgern,
+welche, die Hände in den Hosentaschen, auf dem Rücken, in der Luft, in
+Gruppen beieinander standen und disputierten. Von den 120 Mitgliedern
+der Körperschaft waren sicherlich 100 versammelt. Eine Anzahl von
+Abgeordneten der Landbezirke hatte es unter den obwaltenden Umständen
+vorgezogen, zu Hause zu bleiben.
+
+Dem Eingang zunächst stand eine Gruppe, die aus kleineren Leuten, aus
+zwei oder drei unbedeutenden Geschäftsinhabern, einem Gymnasiallehrer,
+dem »Waisenvater« Herrn Mindermann und Herrn Wenzel, dem beliebten
+Barbier, bestand. Herr Wenzel, ein kleiner, kräftiger Mann mit schwarzem
+Schnurrbart, intelligentem Gesicht und roten Händen, hatte den Konsul
+noch heute morgen rasiert; hier jedoch war er ihm gleichgestellt. Er
+rasierte nur in den ersten Kreisen, er rasierte fast ausschließlich die
+Möllendorpfs, Langhals', Buddenbrooks und Överdiecks, und seiner
+Allwissenheit in städtischen Dingen, seiner Umgänglichkeit und
+Gewandtheit, seinem bei aller Unterordnung merklichen Selbstbewußtsein
+verdankte er seine Wahl in die Bürgerschaft.
+
+»Wissen Herr Konsul das Neueste?« rief er eifrig und mit ernsten Augen
+seinem Gönner entgegen ...
+
+»Was soll ich wissen, mein lieber Wenzel?«
+
+»Man konnte es heute morgen noch nicht erfahren haben ... Herr Konsul
+entschuldigen, es ist das Neueste! Das Volk zieht nicht vor das Rathaus
+oder auf den Markt! Es kommt hierher und will die Bürgerschaft bedrohen!
+Redakteur Rübsam hat es aufgewiegelt ...«
+
+»Ei, nicht möglich!« sagte der Konsul. Er drängte sich zwischen den
+vorderen Gruppen hindurch nach der Mitte des Saales, wo er seinen
+Schwiegervater zusammen mit den anwesenden Senatoren Doktor Langhals und
+James Möllendorpf erblickte. »Ist es denn wahr, meine Herren?« fragte
+er, indem er ihnen die Hände schüttelte ...
+
+In der Tat, die ganze Versammlung war voll davon; die Tumultuanten zogen
+hierher, sie waren schon zu hören ...
+
+»Die Canaille!« sagte Lebrecht Kröger kalt und verächtlich. Er war in
+seiner Equipage hierhergekommen. Die hohe, distinguierte Gestalt des
+ehemaligen »_à la mode_-Kavaliers« begann, unter gewöhnlichen Umständen
+von der Last seiner achtzig Jahre gebeugt zu werden; heute aber stand er
+ganz aufrecht, mit halb geschlossenen Augen, die Mundwinkel, über denen
+die kurzen Spitzen seines weißen Schnurrbartes senkrecht emporstarrten,
+vornehm und geringschätzig gesenkt. An seiner schwarzen Sammetweste
+blitzten zwei Reihen von Edelsteinknöpfen ...
+
+Unweit dieser Gruppe gewahrte man Hinrich Hagenström, einen
+untersetzten, beleibten Herrn mit rötlichem, ergrautem Backenbart, einer
+dicken Uhrkette auf der blau karierten Weste und offenem Leibrock. Er
+stand zusammen mit seinem Kompagnon, Herrn Strunck, und grüßte den
+Konsul durchaus nicht.
+
+Weiterhin hatte der Tuchhändler Benthien, ein wohlhabend aussehender
+Mann, eine große Anzahl anderer Herren um sich versammelt, denen er
+haarklein erzählte, wie es sich mit seiner Fensterscheibe begeben habe
+... »Ein Ziegelstein, ein halber Ziegelstein, meine Herren! Krach ...
+hindurch und dann auf eine Rolle grünen Rips ... Das Pack!... Nun, es
+ist Sache des Staates ...«
+
+In irgendeinem Winkel vernahm man unaufhörlich die Stimme des Herrn
+Stuht aus der Glockengießerstraße, welcher, einen schwarzen Rock über
+dem wollenen Hemd, sich an der Auseinandersetzung beteiligte, indem er
+mit entrüsteter Betonung beständig wiederholte: »Unerhörte Infamie!« --
+Übrigens sagte er »Infamje«.
+
+Johann Buddenbrook ging umher, um hier seinen alten Freund C. F. Köppen,
+dort den Konkurrenten desselben, Konsul Kistenmaker, zu begrüßen. Er
+drückte dem Doktor Grabow die Hand und wechselte ein paar Worte mit dem
+Branddirektor Gieseke, dem Baumeister Voigt, dem Wortführer Doktor
+Langhals, einem Bruder des Senators, mit Kaufleuten, Lehrern und
+Advokaten ...
+
+Die Sitzung war nicht eröffnet, aber die Debatte war äußerst rege. Alle
+Herren verfluchten diesen Skribifax, diesen Redakteur, diesen Rübsam,
+von dem man wußte, daß er die Menge aufgewiegelt habe ... und zwar wozu?
+Man war hier, um festzustellen, ob das ständische Prinzip in der
+Volksvertretung beizubehalten oder das allgemeine und gleiche Wahlrecht
+einzuführen sei. Der Senat hatte bereits das letztere beantragt. Was
+aber wollte das Volk? Es wollte den Herren an den Kragen, das war alles.
+Es war, zum Teufel, die faulste Lage, in der sich die Herren jemals
+befunden hatten! Man umringte die Senatskommissare, um ihre Meinung zu
+erfahren. Man umringte auch Konsul Buddenbrook, der wissen mußte, wie
+Bürgermeister Överdieck sich zu der Sache verhielt; denn seitdem im
+vorigen Jahre Senator Doktor Överdieck, ein Schwager Konsul Justus
+Krögers, Senatspräsident geworden war, waren Buddenbrooks mit dem
+Bürgermeister verwandt, was sie in der öffentlichen Achtung beträchtlich
+hatte steigen lassen ...
+
+Plötzlich schwoll draußen das Getöse an ... Die Revolution war unter den
+Fenstern des Sitzungssaales angelangt! Mit einem Schlage verstummten die
+erregten Meinungsäußerungen hier drinnen. Man faltete, stumm vor
+Entsetzen, die Hände auf dem Bauch und sah einander ins Gesicht oder auf
+die Fenster, hinter denen sich Fäuste erhoben und ein ausgelassenes,
+unsinniges und betäubendes Hoh- und Höhgeheul die Luft erfüllte. Dann
+jedoch, ganz überraschend, als ob die Aufständischen selbst über ihr
+Betragen erschrocken gewesen wären, ward es draußen ebenso still wie im
+Saale, und in der tiefen Lautlosigkeit, die sich über das Ganze legte,
+ward lediglich in der Gegend der untersten Sitzreihen, wo Lebrecht
+Kröger sich niedergelassen hatte, ein Wort vernehmbar, das kalt, langsam
+und nachdrücklich sich dem Schweigen entrang: »=Die Canaille!=«
+
+Gleich darauf tat in irgendeinem Winkel ein dumpfes und entrüstetes
+Organ den Ausspruch: »Unerhörte Infamje!«
+
+Und dann flatterte plötzlich die eilige, zitternde und geheimnisvolle
+Stimme des Tuchhändlers Benthien über die Versammlung hin ...
+
+»Meine Herren ... meine Herren ... hören Sie auf mich ... Ich kenne das
+Haus ... Wenn man auf den Boden steigt, so gibt es da eine Dachluke ...
+Ich habe schon als Junge Katzen dadurch geschossen ... Man kann ganz gut
+aufs Nachbardach klettern und sich in Sicherheit bringen ...«
+
+»Nichtswürdige Feigheit!« zischte der Makler Gosch zwischen den Zähnen.
+Er lehnte mit verschränkten Armen am Wortführertische und starrte,
+gesenkten Hauptes, mit einem grauenerregenden Blick zu den Fenstern
+hinüber.
+
+»Feigheit, Herr? Wieso? Gottesdunner ... Die Leute werfen mit
+Ziegelsteinen! Ick heww da nu 'naug von ...«
+
+In diesem Augenblick wuchs draußen der Lärm von neuem an, aber ohne sich
+wieder zu der anfänglichen stürmischen Höhe zu erheben, tönte er nun
+ruhig und ununterbrochen fort, ein geduldiges, singendes und beinahe
+vergnügt klingendes Gesumme, in welchem man hie und da Pfiffe sowie
+einzelne Ausrufe wie »Prinzip!« und »Bürgerrecht!« unterschied ... Die
+Bürgerschaft lauschte mit Andacht.
+
+»Meine Herren«, sprach nach einer Weile der Wortführer Herr Doktor
+Langhals mit gedämpfter Stimme über die Versammlung hin. »Ich hoffe,
+mich mit Ihnen im Einverständnis zu befinden, wenn ich nunmehr die
+Sitzung eröffne ...«
+
+Das war ein unmaßgeblicher Vorschlag, dem aber weit und breit nicht die
+geringste Unterstützung zuteil wurde.
+
+»Da bün ick nich für tau haben«, sagte jemand mit einer biederen
+Entschlossenheit, die keinen Einwand gestattete. Es war ein bäuerlicher
+Mann namens Pfahl, aus dem Ritzerauer Landbezirk, der Deputierte für das
+Dorf Klein-Schretstaken. Niemand erinnerte sich, seine Stimme schon
+einmal in den Verhandlungen vernommen zu haben; allein in der
+gegenwärtigen Lage fiel die Meinung auch des schlichtesten Kopfes schwer
+ins Gewicht ... Unerschrocken und mit sicherem politischen Instinkt
+hatte Herr Pfahl der Anschauung der gesamten Bürgerschaft Ausdruck
+verliehen.
+
+»Gott soll uns bewahren!« sagte Herr Benthien entrüstet. »Da oben auf
+den Sitzen kann man von der Straße aus gesehen werden! Die Leute werfen
+mit Ziegelsteinen! Nee, Gottesdunner, ick heww da nu 'naug von ...«
+
+»Daß auch die verfluchte Tür so eng ist!« stieß der Weinhändler Köppen
+verzweifelt hervor. »Wenn wir hinaus wollen, drücken wir ja wol dot ...
+drücken wir uns ja wol!«
+
+»Unerhörte Infamje«, sprach dumpf Herr Stuht.
+
+»Meine Herren!« begann der Wortführer eindringlich aufs neue. »Ich bitte
+Sie, doch zu erwägen ... Ich habe binnen drei Tagen eine Ausfertigung
+des heute zu führenden Protokolles dem regierenden Bürgermeister
+zuzustellen ... Überdies erwartet die Stadt die Veröffentlichung durch
+den Druck ... Ich möchte jedenfalls zur Abstimmung darüber schreiten, ob
+die Sitzung eröffnet werden soll ...«
+
+Aber abgesehen von einigen wenigen Bürgern, die den Wortführer
+unterstützten, fand sich niemand, der bereit gewesen wäre, zur
+Tagesordnung überzugehen. Eine Abstimmung hätte sich als zwecklos
+erwiesen. Man durfte das Volk nicht reizen. Niemand wußte, was es
+wollte. Man durfte es nicht durch einen Beschluß nach irgendeiner
+Richtung hin vor den Kopf stoßen. Man mußte abwarten und sich nicht
+regen. Von der Marienkirche schlug es halb fünf ...
+
+Man bestärkte einander in dem Entschlusse, geduldig auszuharren. Man
+begann, sich an das Geräusch zu gewöhnen, das dort draußen anschwoll,
+abnahm, pausierte und wieder einsetzte. Man fing an, ruhiger zu werden,
+sich's bequemer zu machen, sich auf den unteren Sitzreihen und den
+Stühlen niederzulassen ... Die Betriebsamkeit all dieser tüchtigen
+Bürger begann sich zu regen ... Man wagte hie und da, über Geschäfte zu
+sprechen, hie und da sogar ein Geschäft zu machen ... Die Makler
+näherten sich den Großkaufleuten ... Die eingeschlossenen Herren
+plauderten miteinander wie Leute, die während eines heftigen Gewitters
+beisammen sitzen, von anderen Dingen reden und manchmal mit ernsten und
+respektvollen Gesichtern auf den Donner horchen. Es wurde fünf Uhr, halb
+sechs Uhr, und die Dämmerung sank. Dann und wann seufzte jemand darüber,
+daß seine Frau mit dem Kaffee warte, worauf Herr Benthien sich erlaubte,
+die Dachluke in Erinnerung zu bringen. Aber die meisten dachten darüber
+wie Herr Stuht, der mit einem fatalistischen Kopfschütteln erklärte:
+»Ich bin ja doch zu dick dazu!«
+
+Johann Buddenbrook hatte sich, eingedenk der Mahnung der Konsulin, neben
+seinem Schwiegervater gehalten, und er betrachtete ihn etwas besorgt,
+als er ihn fragte: »Dies kleine Abenteuer geht Ihnen hoffentlich nicht
+nahe, Vater?«
+
+Unter dem schneeweißen Toupet waren auf Lebrecht Krögers Stirn zwei
+bläuliche Adern in besorgniserregender Weise geschwollen, und während
+die eine seiner aristokratischen Greisenhände mit den opalisierenden
+Knöpfen an seiner Weste spielte, zitterte die andere, mit einem großen
+Brillanten geschmückt, auf seinen Knien.
+
+»Papperlapapp, Buddenbrook!« sagte er mit sonderbarer Müdigkeit. »Ich
+bin ennuyiert, das ist das Ganze.« Aber er strafte sich selber Lügen,
+indem er plötzlich hervorzischte: »_Parbleu_, Jean! man müßte diesen
+infamen Schmierfinken den Respekt mit Pulver und Blei in den Leib
+knallen ... Das Pack ...! Die Canaille ...!«
+
+Der Konsul summte begütigend. »So ... so ... Sie haben ja recht, es ist
+eine ziemlich unwürdige Komödie ... Aber was soll man tun? Man muß gute
+Miene machen. Es wird Abend. Die Leute werden schon abziehen ...«
+
+»Wo ist mein Wagen?... Ich befehle meinen Wagen!« kommandierte Lebrecht
+Kröger gänzlich außer sich. Seine Wut explodierte, er bebte am ganzen
+Leibe. »Ich habe ihn auf fünf Uhr bestellt!... Wo ist er?... Die Sitzung
+wird nicht abgehalten ... Was soll ich hier?... Ich bin nicht gesonnen,
+mich narren zu lassen!... Ich will meinen Wagen!... Insultiert man
+meinen Kutscher? Sehen Sie nach, Buddenbrook!«
+
+»Lieber Schwiegervater, um Gottes willen, beruhigen Sie sich! Sie
+alterieren sich ... das bekommt Ihnen nicht! Selbstverständlich ... ich
+gehe nun, mich nach Ihrem Wagen umzusehen. Ich selbst bin dieser Lage
+überdrüssig. Ich werde mit den Leuten sprechen, sie auffordern, nach
+Hause zu gehen ...«
+
+Und obgleich Lebrecht Kröger protestierte, obgleich er mit plötzlich
+ganz kalter und verächtlicher Betonung befahl: »Halt, hiergeblieben! Sie
+vergeben sich nichts, Buddenbrook!« schritt der Konsul schnell durch den
+Saal.
+
+Dicht bei der kleinen grünen Tür wurde er von Siegismund Gosch
+eingeholt, der ihn mit knochiger Hand am Arm ergriff und mit gräßlicher
+Flüsterstimme fragte: »Wohin, Herr Konsul?...«
+
+Das Gesicht des Maklers war in tausend tiefe Falten gelegt. Mit dem
+Ausdruck wilder Entschlossenheit schob sich sein spitzes Kinn fast bis
+zur Nase empor, sein graues Haar fiel düster in Schläfen und Stirn, und
+er hielt seinen Kopf so tief zwischen den Schultern, daß es ihm
+wahrhaftig gelang, das Aussehen eines Verwachsenen zu bieten, als er
+hervorstieß: »Sie sehen mich gewillt, zum Volke zu reden!«
+
+Der Konsul sagte: »Nein, lassen Sie mich das lieber tun, Gosch ... Ich
+habe wahrscheinlich mehr Bekannte unter den Leuten ...«
+
+»Es sei!« antwortete der Makler tonlos. »Sie sind ein größerer Mensch
+als ich.« Und indem er seine Stimme erhob, fuhr er fort: »Aber ich werde
+Sie begleiten, ich werde an Ihrer Seite stehen, Konsul Buddenbrook! Mag
+die Wut der entfesselten Sklaven mich zerreißen ...«
+
+»Ach, welch ein Tag! Welch ein Abend!« sagte er, als sie hinausgingen
+... Sicherlich hatte er sich noch niemals so glücklich gefühlt. »Ha,
+Herr Konsul! Da ist das Volk!«
+
+Die beiden hatten den Korridor überschritten und traten vor die Haustür
+hinaus, indem sie auf der oberen der drei schmalen Stufen stehen
+blieben, die auf das Trottoir führten. Die Straße bot einen
+befremdenden Anblick. Sie war ausgestorben, und an den offenen, schon
+erleuchteten Fenstern der umliegenden Häuser gewahrte man Neugierige,
+die auf die schwärzliche, sich vorm Bürgerschaftshause drängende Menge
+der Aufrührer hinabblickten. Diese Menge war an Zahl nicht viel stärker
+als die Versammlung im Saale und bestand aus jugendlichen Hafen- und
+Lagerarbeitern, Dienstmännern, Volksschülern, einigen Matrosen von
+Kauffahrteischiffen und anderen Leuten, die in den geringen
+Stadtgegenden, in den »Twieten«, »Gängen«, »Wischen« und »Höfen« zu
+Hause waren. Auch drei oder vier Frauen waren dabei, die sich von diesem
+Unternehmen wohl ähnliche Erfolge versprachen, wie die Buddenbrooksche
+Köchin. Einige Empörer, des Stehens müde, hatten sich, die Füße im
+Rinnstein, auf den Bürgersteig gesetzt und aßen Butterbrot.
+
+Es war bald sechs Uhr, und obgleich die Dämmerung weit vorgeschritten
+war, hingen die Öllampen unangezündet an ihren Ketten über der Straße.
+Diese Tatsache, diese offenbare und unerhörte Unterbrechung der Ordnung,
+war das erste, was den Konsul Buddenbrook aufrichtig erzürnte, und sie
+war schuld daran, daß er in ziemlich kurzem und ärgerlichem Tone zu
+sprechen begann: »Lüd, wat is dat nu bloß für dumm Tüg, wat Ji da
+anstellt!«
+
+Die Vespernden waren vom Trottoir emporgesprungen. Die Hinteren,
+jenseits des Fahrdammes, stellten sich auf die Zehenspitzen. Einige
+Hafenarbeiter, die im Dienste des Konsuls standen, nahmen ihre Mützen
+ab. Man machte sich aufmerksam, stieß sich in die Seiten und sagte
+gedämpft: »Dat's Kunsel Buddenbrook! Kunsel Buddenbrook will 'ne Red'
+hollen! Holl din Mul, Krischan, hei kann höllschen fuchtig warn!...
+Dat's Makler Gosch ... kiek! Dat's son Aap!... Is hei 'n beeten
+öwerspönig?«
+
+»Corl Smolt!« fing der Konsul wieder an, indem er seine kleinen,
+tiefliegenden Augen auf einen etwa 22jährigen Lagerarbeiter mit krummen
+Beinen richtete, der, die Mütze in der Hand und den Mund voll Brot,
+unmittelbar vor den Stufen stand. »Nu red' mal, Corl Smolt! Nu is' Tiet!
+Ji heww hier den leewen langen Namiddag bröllt ...«
+
+»Je, Herr Kunsel ...«, brachte Corl Smolt kauend hervor. »Dat's nu so 'n
+Saak ... öäwer ... Dat is nu so wied ... Wi maaken nu Revolutschon.«
+
+»Wat's dat för Undög, Smolt!«
+
+»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll, öäwer dat is nu so wied ... wi
+sünd nu nich mihr taufreeden mit de Saak ... Wie verlangen nu ne anner
+Ordnung, un dat is ja ook gor nich mihr, daß dat =wat= is ...«
+
+»Hür mal, Smolt, un ihr annern Lüd! Wer nu 'n verstännigen Kierl is, der
+geht naa Hus un scheert sich nich mihr um Revolution und stört hier nich
+de Ordnung ...«
+
+»Die heilige Ordnung!« unterbrach Herr Gosch ihn zischend ...
+
+»De Ordnung, seg ick!« beschloß Konsul Buddenbrook. »Nicht mal die
+Lampen sind angezündet ... Dat geiht denn doch tau wied mit de
+Revolution!«
+
+Corl Smolt aber hatte nun seinen Bissen verschluckt und, die Menge im
+Rücken, stand er breitbeinig da und hatte seine Einwände ...
+
+»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll! Öäwer dat is man bloß wegen das
+allgemeine Prinzip von dat Wahlrecht ...«
+
+»Großer Gott, du Tropf!« rief der Konsul und vergaß, platt zu sprechen
+vor Indignation ... »Du redest ja lauter Unsinn ...«
+
+»Je, Herr Kunsel«, sagte Corl Smolt ein bißchen eingeschüchtert; »dat is
+nu allens so as dat is. Öäwer Revolutschon mütt sien, dat is tau gewiß.
+Revolutschon is öwerall, in Berlin und in Poris ...«
+
+»Smolt, wat wull Ji nu eentlich! Nu seggen Sei dat mal!«
+
+»Je, Herr Kunsel, ick seg man bloß: wi wull nu 'ne Republike, seg ick
+man bloß ...«
+
+»Öwer du Döskopp ... Ji =heww= ja schon een!«
+
+»Je, Herr Kunsel, denn wull wi noch een.«
+
+Einige der Umstehenden, die es besser wußten, begannen schwerfällig und
+herzlich zu lachen, und obgleich die wenigsten die Antwort Corl Smolts
+verstanden hatten, pflanzte diese Heiterkeit sich fort, bis die ganze
+Menge der Republikaner in breitem und gutmütigem Gelächter stand. An den
+Fenstern des Bürgerschaftssaales erschienen mit neugierigen Gesichtern
+einige Herren mit Bierseideln in den Händen ... Der einzige, den diese
+Wendung der Dinge enttäuschte und schmerzte, war Siegismund Gosch.
+
+»Na Lüd«, sagte schließlich Konsul Buddenbrook, »ick glöw, dat is nu dat
+beste, wenn ihr alle naa Hus gaht!«
+
+Corl Smolt, gänzlich verdutzt über die Wirkung, die er hervorgebracht,
+antwortete: »Je, Herr Kunsel, dat is nu so, un denn möht man de Saak je
+woll up sick beruhn laten, un ick bün je ook man froh, dat Herr Kunsel
+mi dat nich öwelnehmen daut, un adjüs denn ook, Herr Kunsel ...«
+
+Die Menge fing an, sich in der allerbesten Laune zu zerstreuen.
+
+»Smolt, töf mal 'n Oogenblick!« rief der Konsul. »Seg mal, hast du den
+Krögerschen Wagen nich seihn, de Kalesch' vorm Burgtor?«
+
+»Jewoll, Herr Kunsel! De is kamen. De is doar unnerwarts upp Herr Kunsel
+sin Hoff ruppfoahrn ...«
+
+»Schön; denn loop mal fixing hin, Smolt, un seg tau Jochen, hei sall mal
+'n beeten rannerkommen; sin Herr will naa Hus.«
+
+»Jewoll, Herr Kunsel!« ... Und indem er seine Mütze auf den Kopf warf
+und den Lederschirm ganz tief in die Augen zog, lief Corl Smolt mit
+breitspurigen, wiegenden Schritten die Straße hinunter.
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Als Konsul Buddenbrook mit Siegismund Gosch in die Versammlung
+zurückkehrte, bot der Saal ein behaglicheres Bild als vor einer
+Viertelstunde. Er war von zwei großen Paraffinlampen erleuchtet, die auf
+dem Wortführertisch standen, und in ihrem gelben Licht saßen und standen
+die Herren beieinander, gossen sich Flaschenbier in blanke Seidel,
+stießen an und plauderten geräuschvoll in fröhlichster Stimmung. Frau
+Suerkringel, die Witwe Suerkringel war dagewesen, sie hatte sich
+treuherzig ihrer eingeschlossenen Gäste angenommen, mit beredten Worten,
+da die Belagerung ja noch lange dauern könne, eine kleine Stärkung in
+Vorschlag gebracht und sich die erregten Zeiten zunutze gemacht, um eine
+bedeutende Quantität ihres hellen und ziemlich spirituösen Bieres
+abzusetzen. Soeben, beim Wiedereintritt der beiden Unterhändler,
+schleppte der Hausknecht in Hemdärmeln und mit wohlmeinendem Lächeln
+einen neuen Vorrat von Flaschen herbei, und obgleich der Abend
+vorgeschritten, obgleich es zu spät war, der Verfassungsrevision noch
+Aufmerksamkeit zu schenken, war niemand geneigt, schon jetzt dies
+Beisammensein zu unterbrechen und nach Hause zu gehen. Mit dem Kaffee
+war es in jedem Fall für heute vorbei ...
+
+Nachdem der Konsul mehrere Händedrücke entgegengenommen, die ihn zu
+seinem Erfolge beglückwünschten, begab er sich ohne Verzug zu seinem
+Schwiegervater. Lebrecht Kröger schien der einzige zu sein, dessen
+Stimmung sich nicht verbessert hatte. Hoch, kalt und abweisend saß er an
+seinem Platze und antwortete auf den Bericht, in diesem Augenblick fahre
+der Wagen vor, mit höhnischer Stimme, die vor Erbitterung mehr als vor
+Greisenalter zitterte: »Beliebt der Pöbel, mich in mein Haus
+zurückkehren zu lassen?«
+
+Mit steifen Bewegungen, die nicht im entferntesten an die scharmanten
+Gesten gemahnten, die man sonst an ihm kannte, ließ er sich den
+Pelzmantel um die Schultern legen und schob, da der Konsul sich erbot,
+ihn zu begleiten, mit einem nachlässigen »_merci_« seinen Arm unter den
+seines Schwiegersohnes.
+
+Die majestätische Kalesche, mit zwei großen Laternen am Bock, hielt vor
+der Tür, woselbst man nun zur herzlichen Genugtuung des Konsuls begann,
+die Lampen in Brand zu setzen, und die beiden stiegen ein. Steil, stumm,
+ohne sich zurückzulehnen, mit halb geschlossenen Augen saß Lebrecht
+Kröger, die Wagendecke über den Knien, zur Rechten des Konsuls, während
+der Wagen durch die Straßen rollte, und unter den kurzen Spitzen seines
+weißen Schnurrbartes liefen seine abwärts gezogenen Mundwinkel in zwei
+senkrechte Falten aus, die sich bis zum Kinn hinunterzogen. Der Grimm
+über die erlittene Demütigung zehrte und nagte in ihm. Matt und kalt
+blickte er auf das leere Polster ihm gegenüber.
+
+In den Straßen ging es lebhafter zu als an einem Sonntagabend.
+Augenscheinlich herrschte Feststimmung. Das Volk, entzückt über den
+glücklichen Verlauf der Revolution, zog wohlgelaunt umher. Es wurde
+sogar gesungen. Hie und da schrien Jungen Hurra! wenn der Wagen
+vorüberfuhr, und warfen ihre Mützen in die Luft.
+
+»Ich glaube wahrhaftig, Sie lassen sich die Sache zu nahegehn, Vater«,
+sagte der Konsul. »Wenn man bedenkt, was für eine Narrensposse das Ganze
+war ... Eine Farce ...« Und um irgendeine Antwort und Äußerung des Alten
+zu erlangen, fing er an, lebhaft über die Revolution im allgemeinen zu
+sprechen ... »Wenn die besitzlose Menge zu der Erkenntnis gelangte, wie
+wenig sie in diesen Zeiten ihrer eigenen Sache dient ... Ach, mein Gott,
+es ist überall das nämliche! Ich hatte heute nachmittag ein kurzes
+Gespräch mit dem Makler Gosch, diesem wunderlichen Manne, der alles mit
+den Augen eines Poeten und Stückeschreibers betrachtet ... Sehen Sie,
+Schwiegervater, die Revolution ist in Berlin an ästhetischen Teetischen
+vorbereitet worden ... Dann hat das Volk die Sache ausgefochten und
+seine Haut zu Markte getragen ... Wird es auf seine Kosten kommen?«
+
+»Sie täten gut, das Fenster an Ihrer Seite zu öffnen«, sagte Herr
+Kröger.
+
+Johann Buddenbrook warf ihm einen raschen Blick zu und ließ eilig die
+Glasscheibe nieder.
+
+»Fühlen Sie sich nicht ganz wohl, lieber Vater?« fragte er besorgt ...
+
+»Nein. Durchaus nicht«, antwortete Lebrecht Kröger streng.
+
+»Sie haben einen Imbiß und Ruhe nötig«, sagte der Konsul, indem er, um
+irgend etwas zu tun, die Felldecke fester um die Knie seines
+Schwiegervaters zog.
+
+Plötzlich -- die Equipage rasselte durch die Burgstraße -- geschah etwas
+Erschreckendes. Als nämlich der Wagen, fünfzehn Schritte etwa von dem in
+Halbdunkel getauchten Gemäuer des Tores, eine Ansammlung lärmender und
+vergnügter Gassenjungen passierte, flog durch das offene Fenster ein
+Stein herein. Es war ein ganz harmloser Feldstein, kaum von der Größe
+eines Hühnereies, der, zur Feier der Revolution von der Hand irgendeines
+Krischan Snut oder Heine Voß geschleudert, sicherlich nicht böse gemeint
+und wahrscheinlich gar nicht nach dem Wagen gezielt worden war. Lautlos
+kam er durchs Fenster herein, prallte lautlos gegen Lebrecht Krögers von
+dickem Pelze bedeckte Brust, rollte ebenso lautlos an der Felldecke
+hinab und blieb am Boden liegen.
+
+»Täppische Flegelei!« sagte der Konsul ärgerlich. »Ist man denn heute
+abend aus Rand und Band?... Aber er hat Sie nicht verletzt, wie,
+Schwiegervater?«
+
+Der alte Kröger schwieg, er schwieg beängstigend. Es war zu dunkel im
+Wagen, um den Ausdruck seines Gesichtes zu unterscheiden. Gerader,
+höher, steifer noch, denn zuvor, saß er, ohne das Rückenpolster zu
+berühren. Dann aber kam es ganz tief aus ihm heraus ... langsam, kalt
+und schwer, ein einziges Wort: »=Die Canaille.=«
+
+Aus Besorgnis, ihn noch mehr zu reizen, antwortete der Konsul nicht. Der
+Wagen rollte mit hallendem Geräusch durch das Tor und befand sich drei
+Minuten später in der breiten Allee vor dem mit vergoldeten Spitzen
+versehenen Gatter, welches das Krögersche Besitztum begrenzte. Zu beiden
+Seiten der breiten Gartenpforte, die den Eingang zu einer mit Kastanien
+besetzten Anfahrt zur Terrasse bildete, brannten hell zwei Laternen mit
+vergoldeten Knöpfen auf ihren Deckeln. Der Konsul entsetzte sich, als er
+hier in das Gesicht seines Schwiegervaters sah. Es war gelb und von
+schlaffen Furchen zerrissen. Der kalte, feste und verächtliche Ausdruck,
+den der Mund bis dahin bewahrt, hatte sich zu einer schwachen, schiefen,
+hängenden und blöden Greisengrimasse verzerrt ... Der Wagen hielt an der
+Terrasse.
+
+»Helfen Sie mir«, sagte Lebrecht Kröger, obgleich der Konsul, der zuerst
+ausgestiegen war, schon die Felldecke zurückwarf und ihm Arm und
+Schulter als Stütze darbot. Er führte ihn auf dem Kiesboden langsam die
+wenigen Schritte bis zu der weißglänzenden Freitreppe, die zum
+Speisezimmer emporführte. Am Fuße der Stufen knickte der Greis in die
+Knie. Der Kopf fiel so schwer auf die Brust, daß der hängende
+Unterkiefer mit klapperndem Geräusch gegen den oberen schlug. Die Augen
+verdrehten sich und brachen ...
+
+Lebrecht Kröger, der _à la mode_-Kavalier, war bei seinen Vätern.
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Ein Jahr und zwei Monate später, an einem schneedunstigen Januarmorgen
+des Jahres 1850, saßen Herr und Madame Grünlich nebst ihrem kleinen
+dreijährigen Töchterchen in dem mit hellbraunfarbigem Holze getäfelten
+Speisezimmer auf Stühlen, von denen ein jeder 25 Kurantmark gekostet
+hatte, beim ersten Frühstück.
+
+Die Scheiben der Fenster waren vor Nebel beinahe undurchsichtig;
+verschwommen gewahrte man nackte Bäume und Sträucher dahinter. In dem
+grünglasierten niedrigen Ofen, der in einem Winkel stand -- neben der
+offenen Tür, die ins »Penseezimmer« führte, woselbst man Blattgewächse
+erblickte -- knisterte die rote Glut und erfüllte den Raum mit einer
+sanften, ein wenig riechenden Wärme. An der entgegengesetzten Seite
+gestatteten halb zurückgeschlagene grüne Tuchportieren den Durchblick in
+den braunseidenen Salon und auf eine hohe Glastür, deren Ritzen mit
+wattierten Rollen verstopft waren und hinter der eine kleine Terrasse
+sich in dem weißgrauen, undurchsichtigen Nebel verlor. Seitwärts führte
+ein dritter Ausgang auf den Korridor.
+
+Der schneeweiße gewirkte Damast auf dem runden Tische war von einem
+grüngestickten Tischläufer durchzogen und bedeckt mit goldgerändertem
+und so durchsichtigem Porzellan, daß es hie und da wie Perlmutter
+schimmerte. Eine Teemaschine summte. In einem dünnsilbernen, flachen
+Brotkorb, der die Gestalt eines großen, gezackten, leicht gerollten
+Blattes hatte, lagen Rundstücke und Schnitten von Milchgebäck. Unter
+einer Kristallglocke türmten sich kleine, geriefelte Butterkugeln, unter
+einer anderen waren verschiedene Arten von Käse, gelber,
+grünmarmorierter und weißer sichtbar. Es fehlte nicht an einer Flasche
+Rotwein, welche vor dem Hausherrn stand, denn Herr Grünlich frühstückte
+warm.
+
+Mit frisch frisierten Favoris und einem Gesicht, das um diese
+Morgenstunde besonders rosig erschien, saß er, den Rücken dem Salon
+zugewandt, fertig angekleidet, in schwarzem Rock und hellen,
+großkarierten Beinkleidern, und verspeiste nach englischer Sitte ein
+leicht gebratenes Kotelett. Seine Gattin fand dies zwar vornehm,
+außerdem aber auch in so hohem Grade widerlich, daß sie sich niemals
+hatte entschließen können, ihr gewohntes Brot- und Eifrühstück dagegen
+einzutauschen.
+
+Tony war im Schlafrock; sie schwärmte für Schlafröcke. Nichts erschien
+ihr vornehmer als ein elegantes Negligé, und da sie sich im Elternhause
+dieser Leidenschaft nicht hatte überlassen dürfen, frönte sie ihr nun
+als verheiratete Frau desto eifriger. Sie besaß drei dieser schmiegsamen
+und zarten Kleidungsstücke, bei deren Herstellung mehr Geschmack,
+Raffinement und Phantasie entfaltet werden kann, als bei einer
+Balltoilette. Heute aber trug sie das dunkelrote Morgenkleid, dessen
+Farbe genau mit dem Tone der Tapete über der Holztäfelung übereinstimmte
+und dessen großgeblümter Stoff, weicher als Watte, überall mit einem
+Sprühregen ganz winziger Glasperlchen von derselben Färbung durchwirkt
+war ... Eine gerade und dichte Reihe von roten Sammetschleifen lief vom
+Halsverschluß bis zum Saume hinunter.
+
+Ihr starkes aschblondes Haar, mit einer dunkelroten Sammetschleife
+geschmückt, war über der Stirn gelockt. Obgleich, wie sie selbst wohl
+wußte, ihr Äußeres seinen Höhepunkt bereits erreicht hatte, war der
+kindliche, naive und kecke Ausdruck ihrer etwas hervorstehenden
+Oberlippe derselbe geblieben wie ehemals. Die Lider ihrer graublauen
+Augen waren vom kalten Wasser gerötet. Ihre Hände, die weißen, ein wenig
+kurzen, aber feingegliederten Hände der Buddenbrooks, deren zarte
+Gelenke von den Sammetrevers der Ärmel weich umschlossen wurden,
+handhabten Messer, Löffel und Tasse mit Bewegungen, die heute aus
+irgendeinem Grunde ein wenig abrupt und hastig waren.
+
+Neben ihr, in einem turmartigen Kinderstuhl und bekleidet mit einem aus
+dicker hellblauer Wolle gestrickten, formlosen und drolligen Röckchen,
+saß die kleine Erika, ein wohlgenährtes Kind mit kurzen hellblonden
+Locken. Sie hielt mit beiden Händchen eine große Tasse umklammert, in
+der ihr Gesichtchen völlig verschwand, und schluckte ihre Milch, indem
+sie hie und da kleine, hingebende Seufzer vernehmen ließ.
+
+Hierauf klingelte Frau Grünlich, und Thinka, das Folgmädchen, trat vom
+Korridor ein, um das Kind aus dem Turm zu heben und es hinauf in die
+Spielstube zu tragen.
+
+»Du kannst sie eine halbe Stunde draußen spazierenfahren, Thinka«, sagte
+Tony. »Aber nicht länger, und in der dickeren Jacke, hörst du?... Es
+nebelt.« -- Sie blieb mit ihrem Gatten allein.
+
+»Du machst dich ja lächerlich«, sagte sie nach einigem Stillschweigen,
+indem sie ersichtlich ein unterbrochenes Gespräch wieder aufnahm ...
+»Hast du Gegengründe? Gib doch Gegengründe an!... Ich =kann= mich nicht
+immer um das Kind bekümmern ...«
+
+»Du bist nicht kinderlieb, Antonie.«
+
+»Kinderlieb ... kinderlieb ... Es fehlt mir an Zeit! Der Haushalt nimmt
+mich in Anspruch! Ich wache mit zwanzig Gedanken auf, die tagsüber
+auszuführen sind, und gehe mit vierzig zu Bett, die noch nicht
+ausgeführt sind ...«
+
+»Es sind zwei Mädchen da. Eine so junge Frau ...«
+
+»Zwei Mädchen, gut. Thinka hat abzuwaschen, zu putzen, reinzumachen, zu
+bedienen. Die Köchin ist über und über beschäftigt. Du ißt schon am
+frühen Morgen Koteletts ... Denke doch nach, Grünlich! Erika muß über
+kurz oder lang jedenfalls eine Bonne, eine Erzieherin haben ...«
+
+»Es entspricht nicht unseren Verhältnissen, ihr schon jetzt ein eigenes
+Kindermädchen zu halten.«
+
+»Unseren Verhältnissen!... O Gott, du =machst= dich lächerlich! Sind wir
+denn Bettler? Sind wir gezwungen, uns das Notwendigste abgehen zu
+lassen? Meines Wissens habe ich dir achtzigtausend Mark in die Ehe
+gebracht ...«
+
+»Ach, mit deinen achtzigtausend!«
+
+»Gewiß!... Du sprichst geringschätzig davon ... Es kam dir nicht darauf
+an ... Du hast mich aus Liebe geheiratet ... Gut. Aber liebst du mich
+überhaupt noch? Du gehst über meine berechtigten Wünsche hinweg. Das
+Kind soll kein Mädchen haben ... Von dem Coupé, das uns nötig ist, wie
+das tägliche Brot, ist überhaupt keine Rede mehr ... Warum läßt du uns
+dann beständig auf dem Lande wohnen, wenn es unseren =Verhältnissen=
+nicht =entspricht=, einen Wagen zu halten, in dem wir anständigerweise
+in Gesellschaft fahren können? Warum siehst du es niemals gern, daß ich
+in die Stadt komme?... Am liebsten möchtest du, daß wir uns hier ein für
+alle Male vergrüben und daß ich keinen Menschen mehr zu Gesichte bekäme.
+Du bist sauertöpfig!«
+
+Herr Grünlich goß sich Rotwein ins Glas, erhob die Kristallglocke und
+ging zum Käse über. Er antwortete durchaus nicht.
+
+»Liebst du mich überhaupt noch?« wiederholte Tony ... »Dein Schweigen
+ist so ungezogen, daß ich mir sehr wohl erlauben darf, dich an einen
+gewissen Auftritt in unserem Landschaftszimmer zu erinnern ... Damals
+machtest du eine andere Figur!... Vom ersten Tage an hast du nur abends
+bei mir gesessen, und das nur, um die Zeitung zu lesen. Anfangs nahmst
+du wenigstens einige Rücksicht auf meine Wünsche. Aber seit langer Zeit
+ist es auch damit zu Ende. Du vernachlässigst mich!«
+
+»Und du? Du ruinierst mich.«
+
+»Ich?... Ich ruiniere dich ...«
+
+»Ja. Du ruinierst mich mit deiner Trägheit, deiner Sucht nach Bedienung
+und Aufwand ...«
+
+»Oh! wirf mir nicht meine gute Erziehung vor! Ich habe bei meinen Eltern
+nicht nötig gehabt, einen Finger zu rühren. Jetzt habe ich mich mühsam
+in den Haushalt einleben müssen, aber ich kann verlangen, daß du mir
+nicht die einfachsten Hilfsmittel verweigerst. Vater ist ein reicher
+Mann; er konnte nicht erwarten, daß es mir jemals an Personal fehlen
+würde ...«
+
+»Dann warte mit dem dritten Mädchen, bis dieser Reichtum uns etwas
+nützt.«
+
+»Willst du etwa Vaters Tod wünschen?!... Ich sage, daß wir vermögende
+Leute sind, daß ich nicht mit leeren Händen zu dir gekommen bin ...«
+
+Obgleich Herr Grünlich im Kauen begriffen war, lächelte er; er lächelte
+überlegen, wehmütig und schweigend. Dies verwirrte Tony.
+
+»Grünlich«, sagte sie ruhiger ... »Du lächelst, du sprichst von unseren
+Verhältnissen ... Täusche ich mich über die Lage? Hast du schlechte
+Geschäfte gemacht? Hast du ...«
+
+In diesem Augenblicke geschah ein Klopfen, ein kurzer Trommelwirbel
+gegen die Korridortür, und Herr Kesselmeyer trat ein.
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Herr Kesselmeyer kam als Hausfreund unangemeldet, ohne Hut und Paletot
+in die Stube und blieb an der Türe stehen. Sein Äußeres entsprach
+durchaus der Beschreibung, die Tony in einem Briefe an ihre Mutter davon
+gemacht hatte. Er war von leicht untersetzter Gestalt und weder dick
+noch dünn. Er trug einen schwarzen und schon etwas blanken Rock,
+ebensolche Beinkleider, die eng und kurz waren und eine weiße Weste, auf
+der sich eine lange dünne Uhrkette mit zwei oder drei Kneiferschnüren
+kreuzte. Von seinem roten Gesicht hob sich scharf der geschorene weiße
+Backenbart ab, der die Wangen bedeckte und Kinn und Lippen frei ließ.
+Sein Mund war klein, beweglich, drollig und enthielt lediglich im
+Unterkiefer zwei Zähne. Während Herr Kesselmeyer, die Hände in seinen
+senkrechten Hosentaschen vergraben, konfus, abwesend und nachdenklich
+stehenblieb, setzte er diese beiden gelben, kegelförmigen Eckzähne auf
+die Oberlippe. Die weißen und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe
+flatterten leise, obgleich nicht der geringste Lufthauch fühlbar war.
+
+Endlich zog er die Hände hervor, bückte sich, ließ die Unterlippe hängen
+und befreite mühselig ein Kneiferband aus der allgemeinen Verwicklung
+auf seiner Brust. Dann hieb er sich das Pincenez mit einem Schlag auf
+die Nase, wobei er die abenteuerlichste Grimasse schnitt, musterte das
+Ehepaar und bemerkte: »Ahah.«
+
+Es ist, da er diese Redewendung außerordentlich oft gebrauchte, sofort
+zu bemerken, daß er sie in sehr verschiedener und sehr eigenartiger
+Weise hervorzubringen pflegte. Er konnte sie mit zurückgelegtem Kopf,
+krausgezogener Nase, weit offenem Munde und in der Luft umherfuchtelnden
+Händen mit einem langgezogenen, nasalen und metallischen Klange ertönen
+lassen, der an den Gesang eines chinesischen Gongs erinnerte ... und er
+konnte sie, andererseits und abgesehen von vielen Nuancen, ganz kurz,
+beiläufig und sanft beiseite werfen, was sich vielleicht noch drolliger
+ausnahm; denn er sprach ein sehr getrübtes und näselndes A. Heute ließ
+er ein flüchtiges, heiteres und von einem kleinen krampfhaften
+Kopfschütteln begleitetes »Ahah« verlauten, das aus einer ungeheuer
+fröhlichen Gemütsstimmung hervorzugehen schien ... und doch durfte dem
+nicht getraut werden, denn es bestand die Tatsache, daß der Bankier
+Kesselmeyer sich desto lustiger benahm, in je gefährlicherer Laune er
+sich befand. Wenn er mit tausend Ahahs umhersprang, den Kneifer auf die
+Nase hieb und wieder fallen ließ, mit den Armen flatterte, schwatzte und
+sich vor übermäßiger Albernheit ersichtlich nicht zu lassen wußte, so
+konnte man sicher sein, daß die Bosheit an seinem Inneren zehrte ...
+Herr Grünlich sah ihn blinzelnd und mit unverhohlenem Mißtrauen an.
+
+»Schon so früh?« fragte er ...
+
+»Jaha ...« antwortete Herr Kesselmeyer und schüttelte eine seiner
+kleinen, roten, runzligen Hände in der Luft, als wollte er sagen:
+Gedulde dich nur, es gibt eine Überraschung!... »Ich habe mit Ihnen zu
+reden! Unverzüglich zu reden mit Ihnen, mein Lieber!« Er sprach höchst
+lächerlich. Er wälzte jedes Wort im Munde umher und gab es mit
+unsinnigem Kraftaufwand seines kleinen, zahnarmen, beweglichen Mundes
+von sich. Das R rollte er in einer Weise, als sei sein Gaumen gefettet.
+Herrn Grünlichs Blinzeln wurde noch mißtrauischer.
+
+»Kommen Sie her, Herr Kesselmeyer«, sagte Tony. »Setzen Sie sich hin. Es
+ist hübsch, daß Sie kommen ... Passen Sie mal auf. Sie sollen
+Schiedsrichter sein. Ich habe eben einen Streit mit Grünlich gehabt ...
+Nun sagen Sie mal: Muß ein dreijähriges Kind ein Kindermädchen haben
+oder nicht! Nun?...«
+
+Allein Herr Kesselmeyer schien gar nicht auf sie zu achten. Er hatte
+Platz genommen, kraute, indem er seinen winzigen Mund so weit wie nur
+immer möglich öffnete und die Nase in Falten legte, mit einem
+Zeigefinger seinen geschorenen Backenbart, was ein nervös machendes
+Geräusch ergab, und musterte über das Pincenez hinweg mit unsäglich
+fröhlicher Miene den eleganten Frühstückstisch, den silbernen Brotkorb,
+die Etikette der Rotweinflasche ...
+
+»Nämlich«, fuhr Tony fort, »Grünlich behauptet, ich ruiniere ihn!«
+
+Hier blickte Herr Kesselmeyer sie an ... und dann blickte er Herrn
+Grünlich an ... und dann brach er in ein unerhörtes Gelächter aus! »Sie
+ruinieren ihn ...?« rief er. »Sie ... ruin ... Sie ... Sie ruinieren ihn
+also?... O Gott! Ach Gott! Du liebe Zeit!... Das ist spaßhaft!... Das
+ist höchst, höchst, =höchst= spaßhaft!« Worauf er sich einer Flut von
+unterschiedlichen Ahahs überließ.
+
+Herr Grünlich rückte sichtlich nervös auf seinem Stuhl hin und her.
+Abwechselnd fuhr er mit seinem langen Zeigefinger zwischen Kragen und
+Hals und ließ hastig seine goldgelben Favoris durch die Hände
+gleiten ...
+
+»Kesselmeyer!« sagte er. »Fassen Sie sich doch! Sind Sie von Sinnen?
+Hören Sie doch auf zu lachen! Wollen Sie Wein haben? Wollen Sie eine
+Zigarre haben? Worüber lachen Sie eigentlich?«
+
+»Worüber ich lache?... Ja, geben Sie mir ein Glas Wein, geben Sie mir
+eine Zigarre ... Worüber ich lache? Sie finden also, daß Ihre Frau
+Gemahlin Sie ruiniert?«
+
+»Sie ist allzu luxuriös veranlagt«, sagte Herr Grünlich ärgerlich.
+
+Tony bestritt dies durchaus nicht. Ganz ruhig zurückgelehnt, die Hände
+im Schoße, auf den Sammetschleifen ihres Schlafrockes, sagte sie mit
+keck hervorgeschobener Oberlippe: »Ja ... So bin ich einmal. Das ist
+klar. Ich habe es von Mama. Alle Krögers haben immer Hang zum Luxus
+gehabt.«
+
+Sie würde mit der gleichen Ruhe erklärt haben, daß sie leichtsinnig,
+jähzornig, rachsüchtig sei. Ihr ausgeprägter Familiensinn entfremdete
+sie nahezu den Begriffen des freien Willens und der Selbstbestimmung und
+machte, daß sie mit einem beinahe fatalistischen Gleichmut ihre
+Eigenschaften feststellte und anerkannte ... ohne Unterschied und ohne
+den Versuch, sie zu korrigieren. Sie war, ohne es selbst zu wissen, der
+Meinung, daß jede Eigenschaft, gleichviel welcher Art, ein Erbstück,
+eine Familientradition bedeute und folglich etwas Ehrwürdiges sei, wovor
+man in jedem Falle Respekt haben müsse.
+
+Herr Grünlich hatte fertig gefrühstückt, und der Duft der beiden
+Zigarren vermischte sich mit dem warmen Ofendunst.
+
+»Haben Sie Luft, Kesselmeyer?« fragte der Hausherr ... »Nehmen Sie eine
+andere. Ich schenke Ihnen noch ein Glas Rotwein ein ... Sie wollen also
+mit mir reden? Ist es eilig? Von Belang?... Finden Sie es vielleicht zu
+warm hier?... Wir fahren nachher zusammen zur Stadt ... Im Rauchzimmer
+ist es übrigens kühler ...« Aber zu allen diesen Bemühungen schüttelte
+Herr Kesselmeyer lediglich eine Hand in der Luft, als wollte er sagen:
+Das führt zu nichts, mein Lieber!
+
+Endlich erhob man sich, und während Tony im Speisezimmer verblieb, um
+das Folgmädchen beim Abdecken zu überwachen, führte Herr Grünlich
+seinen Geschäftsfreund durch das Penseezimmer. Indem er die Spitze
+seines linken Backenbartes nachdenklich zwischen den Fingern drehte,
+schritt er geneigten Hauptes voran; mit den Armen rudernd, verschwand
+Herr Kesselmeyer hinter ihm im Rauchzimmer.
+
+Zehn Minuten verstrichen. Tony hatte sich auf einen Augenblick in den
+Salon begeben, um persönlich mit einem bunten Federbüschel über die
+glänzende Nußholzplatte des winzigen Sekretärs und die geschweiften
+Beine des Tisches zu fahren, und ging nun langsam durch das Eßzimmer ins
+Wohngemach hinüber. Sie schritt ruhig und mit unverkennbarer Würde.
+Demoiselle Buddenbrook hatte als Madame Grünlich ersichtlich an
+Selbstbewußtsein nichts eingebüßt. Sie hielt sich überaus aufrecht,
+drückte das Kinn ein wenig auf die Brust und betrachtete die Dinge von
+oben herab. In der einen Hand den zierlichen lackierten Schlüsselkorb,
+die andere leichthin in die Seitentasche ihres dunkelroten Schlafrockes
+geschoben, ließ sie sich ernsthaft von den langen, weichen Falten
+umspielen, während doch der naive und unwissende Ausdruck ihres Mundes
+verriet, daß diese ganze Würde etwas unendlich Kindliches, Harmloses und
+Spielerisches war.
+
+Im Penseezimmer bewegte sie sich mit der kleinen messingnen Brause
+umher, um die schwarze Erde der Blattgewächse zu tränken. Sie liebte
+ihre Palmen sehr, die so prachtvoll zur Vornehmheit der Wohnung
+beitrugen. Sie betastete behutsam einen jungen Trieb an einem der
+dicken, runden Schäfte, prüfte zärtlich die majestätisch entfalteten
+Fächer und entfernte hie und da eine gelbe Spitze mit der Schere ...
+Plötzlich horchte sie auf. Die Unterredung im Rauchzimmer, die schon
+seit mehreren Minuten einen lebhaften Klang angenommen hatte, ward jetzt
+so laut, daß man hier drinnen jedes Wort verstand, obgleich die Türe
+stark und die Portiere schwer war.
+
+»Schreien Sie doch nicht! Mäßigen Sie sich doch, Gott im Himmel!« hörte
+man Herrn Grünlich rufen, dessen weiche Stimme die Überanstrengung nicht
+vertragen konnte und sich daher quiekend überschlug ... »Nehmen Sie doch
+noch eine Zigarre!« setzte er dann mit verzweifelter Milde hinzu.
+
+»Ja, mit dem größesten Vergnügen, danke sehr«, antwortete der Bankier,
+worauf eine Pause eintrat, während derer Herr Kesselmeyer sich wohl
+bediente. Hierauf sagte er: »Kurz und gut, wollen Sie nun oder wollen
+Sie nicht, eins von beidem!«
+
+»Kesselmeyer, prolongieren Sie!«
+
+»Ahah? Na...hein, =nein=, mein Lieber, keineswegs, davon ist überhaupt
+nicht die Rede ...«
+
+»Warum nicht? Was ficht Sie an? Seien Sie doch verständig um des Himmels
+willen! Haben Sie so lange gewartet ...«
+
+»Keinen Tag länger, mein Lieber! Ja, sagen wir acht Tage, aber keine
+Stunde länger! Verläßt sich denn noch irgend jemand auf ...«
+
+»Keinen Namen, Kesselmeyer!«
+
+»Keinen Namen ... schön. Verläßt sich noch irgend jemand auf Ihren
+wohllöblichen Herrn Schw ...«
+
+»Keine Bezeichnung ...! Allmächtiger Gott, seien Sie doch nicht albern!«
+
+»Schön, keine Bezeichnung! Verläßt sich noch irgend jemand auf die
+bewußte Firma, mit der Ihr Kredit steht und fällt, mein Lieber? Wieviel
+hat sie verloren bei dem Bankerott in Bremen? Fünfzigtausend?
+Siebzigtausend? Hunderttausend? Noch mehr? Daß sie engagiert war, ganz
+ungeheuer engagiert war, das wissen die Spatzen auf den Dächern ...
+Dergleichen ist Stimmungssache. Gestern war ... schön, keinen Namen!
+Gestern war die bewußte Firma gut und schützte Sie unbewußt vollkommen
+vor Bedrängnis ... Heute ist sie flau, und B. Grünlich ist
+fläuer-am-fläuesten ... das ist doch klar? Merken Sie es denn nicht? Sie
+sind doch der erste, der solche Schwankungen zu fühlen hat ... Wie
+begegnet man Ihnen denn? Wie sieht man Sie denn an? Bock und Goudstikker
+sind wohl ungeheuer zuvorkommend und vertrauensvoll? Wie benimmt sich
+denn die Kreditbank?«
+
+»Sie prolongiert.«
+
+»Ahah? Sie lügen ja? Ich weiß ja, daß sie Ihnen schon gestern einen
+Tritt versetzt hat? Einen höchst, höchst aufmunternden Tritt?... Nun
+sehen Sie mal!... Aber schämen Sie sich nur nicht. Es liegt natürlich in
+Ihrem Interesse, mir weiszumachen, daß die anderen nach wie vor ruhig
+und sicher sind ... Na -- hein, mein Lieber! Schreiben Sie dem Konsul.
+Ich warte eine Woche.«
+
+»Eine Abschlagssumme, Kesselmeyer!«
+
+»Abschlagssumme her und hin! Abschlagssummen läßt man sich erlegen, um
+sich vorderhand von jemandes Zahlungsfähigkeit zu überzeugen! Habe ich
+das Bedürfnis, =darüber= Experimente anzustellen? Ich weiß doch
+wundervoll Bescheid, wie es mit =Ihrer= Zahlungsfähigkeit bestellt ist!
+Ha-ahah ... Abschlagssumme finde ich höchst, höchst spaßhaft ...«
+
+»Mäßigen Sie doch Ihre Stimme, Kesselmeyer! Lachen Sie doch nicht
+fortwährend so gottverflucht! Meine Lage ist so ernst ... ja, ich
+gestehe, sie ist ernst; aber ich habe soundso viele Geschäfte in der
+Schwebe ... Alles kann sich zum Guten wenden. Hören Sie, passen Sie auf:
+Prolongieren Sie, und ich unterschreibe Ihnen 20 Prozent ...«
+
+»Nichtsda, nichtsda ... höchst lächerlich, mein Lieber! Na-hein, ich bin
+ein Freund des Verkaufs zur rechten Zeit! Sie haben mir 8 Prozent
+geboten, und ich habe prolongiert. Sie haben mir 12 und 16 Prozent
+geboten, und ich habe jedesmal prolongiert. Jetzt könnten Sie mir 40
+bieten, und ich würde nicht denken an Prolongation, nicht einmal daran
+denken, mein Lieber!... Seit Gebrüder Westfahl in Bremen auf die Nase
+fielen, sucht für den Augenblick jeder seine Interessen von der bewußten
+Firma abzuwickeln und sich sicherzustellen ... Wie gesagt, ich bin für
+rechtzeitigen Verkauf. Ich habe Ihre Unterschriften behalten, solange
+Johann Buddenbrook zweifellos gut war ... mittlerweile konnte ich ja die
+rückständigen Zinsen zum Kapitale schlagen und Ihnen die Prozente
+steigern! Aber man behält eine Sache doch nur so lange, als sie steigt
+oder wenigstens solide feststeht ... wenn sie anfängt zu fallen, so
+verkauft man ... will sagen, ich verlange mein Kapital.«
+
+»Kesselmeyer, Sie sind schamlos!«
+
+»A-aha, schamlos finde ich höchst spaßhaft!... Was wollen Sie überhaupt?
+Sie müssen sich ja sowieso an Ihren Schwiegervater wenden! Die
+Kreditbank tobt, und im übrigen sind Sie doch auch nicht grade
+fleckenlos ...«
+
+»Nein, Kesselmeyer ... ich beschwöre Sie, hören Sie jetzt mal ruhig
+zu!... Ja, ich bin offen, ich gestehe Ihnen unumwunden, meine Lage ist
+ernst. Sie und die Kreditbank sind ja nicht die einzigen ... Es sind mir
+Wechsel vorgelegt worden ... Alles scheint sich verabredet zu haben ...«
+
+»Selbstverständlich. Unter diesen Umständen ... Aber da ist es doch ein
+Aufwaschen ...«
+
+»Nein, Kesselmeyer, hören Sie mich an!... Tun Sie mir doch die Liebe,
+noch eine Zigarre zu nehmen ...«
+
+»Ich bin ja mit dieser noch nicht zur Hälfte fertig?! Lassen Sie mich
+mit Ihren Zigarren in Ruhe! Bezahlen Sie ...«
+
+»Kesselmeyer, lassen Sie mich jetzt nicht fallen ... Sie sind mein
+Freund, Sie haben an meinem Tische gesessen ...«
+
+»Sie vielleicht nicht an meinem, mein Lieber?«
+
+»Jaja ... aber kündigen Sie mir jetzt Ihren Kredit nicht,
+Kesselmeyer ...!«
+
+»Kredit? =Kredit= auch noch? Sind Sie eigentlich bei Troste? Eine neue
+Anleihe ...?«
+
+»Ja, Kesselmeyer, ich beschwöre Sie ... wenig, eine Kleinigkeit!... Ich
+brauche nur nach rechts und links ein paar Aus- und Abschlagszahlungen
+zu machen, um mir wieder Respekt und Geduld zu verschaffen ... Halten
+Sie mich, und Sie werden ein großes Geschäft machen! Wie gesagt, eine
+Menge Angelegenheiten befinden sich in der Schwebe ... Alles wird sich
+zum Guten wenden ... Sie wissen, ich bin rege und findig ...«
+
+»Ja, ein Geck, ein Tapps sind Sie, mein Lieber! Wollen Sie nicht die
+übergroße Güte haben, mir zu sagen, was Sie jetzt noch ausfindig machen
+wollen?... Vielleicht irgendwo in der weiten Welt eine Bank, die Ihnen
+auch nur einen Silbergroschen auf den Tisch legt? Oder noch einen
+Schwiegervater?... Ach nein ... Ihren Hauptcoup haben Sie doch wohl
+hinter sich! Dergleichen machen Sie nicht noch einmal! Alle Achtung!
+Na-hein, meine höchste Anerkennung ...«
+
+»Sprechen Sie doch leiser in Teufels Namen ...«
+
+»Ein Geck sind Sie! Rege und findig ... ja, aber immer nur zugunsten
+anderer Leute! Sie sind gar nicht skrupulös, und doch haben Sie noch
+niemals Vorteile davon gehabt. Sie haben Spitzbübereien begangen, Sie
+haben sich Kapital ergaunert, nur um mir statt 12 Prozent 16 zu zahlen.
+Sie haben Ihre ganze Ehrlichkeit über Bord geworfen, ohne den geringsten
+Nutzen davon zu haben. Sie haben ein Gewissen wie ein Schlachterhund und
+sind doch ein Pechvogel, ein Tropf, ein armer Narr! Es gibt solche
+Leute; sie sind höchst, höchst spaßhaft!... Warum haben Sie eigentlich
+solche Angst, sich endgültig mit der ganzen Geschichte an den Bewußten
+zu wenden? Weil Sie sich nicht ganz wohl dabei fühlen? Weil es damals
+vor vier Jahren nicht alles in Ordnung war? nicht alles ganz säuberlich
+zugegangen ist, wie? Fürchten Sie, daß gewisse Dinge ...«
+
+»Gut, Kesselmeyer, ich werde schreiben. Aber wenn er sich weigert? Wenn
+er mich fallen läßt?...«
+
+»Oh ... aha! Dann machen wir einen kleinen Bankerott, ein höchst
+spaßhaftes Bankeröttchen, mein Lieber! Das ficht mich gar nicht an,
+nicht im allermindesten! Ich persönlich bin durch die Zinsen, die Sie
+hie und da zusammengekratzt haben, schon ungefähr auf meine Kosten
+gekommen ... und bei der Konkursmasse habe ich die Vorhand, mein Teurer
+... Und passen Sie auf, ich werde nicht zu kurz kommen. Ich weiß hier
+Bescheid bei Ihnen, mein Verehrter! Ich habe die Inventaraufnahme schon
+zum voraus in der Tasche ... aha! ich werde schon dafür sorgen, daß auch
+kein silbernes Brotkörbchen und kein Schlafrock beiseite geschafft
+wird ...«
+
+»Kesselmeyer, Sie haben an meinem Tische gesessen ...«
+
+»Lassen Sie mich mit Ihrem Tische in Ruhe!... In acht Tagen hole ich mir
+Antwort. Ich =gehe= zur Stadt; ein bißchen Bewegung wird mir ungeheuer
+gut tun. Guten Morgen, mein Lieber! Fröhlichen guten Morgen ...«
+
+Und Herr Kesselmeyer schien aufzubrechen; ja, er ging. Man vernahm seine
+sonderbaren, schlürfenden Schritte auf dem Korridor und sah ihn im
+Geiste mit den Armen rudern ...
+
+Als Herr Grünlich ins Penseezimmer trat, stand Tony dort, die messingne
+Brause in der Hand, und blickte ihm in die Augen.
+
+»Was stehst du ... was starrst du ...«, sagte er, indem er die Zähne
+zeigte, mit den Händen vage Bewegungen in der Luft beschrieb und den
+Oberkörper hin und her wiegte. Sein rosiges Gesicht besaß nicht die
+Fähigkeit, völlig bleich zu werden. Es war rot gefleckt, wie das eines
+Scharlachkranken.
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Der Konsul Johann Buddenbrook traf nachmittags um 2 Uhr in der Villa
+ein; im grauen Reisemantel betrat er den Salon der Grünlichs und umarmte
+mit einer gewissen schmerzlichen Innigkeit seine Tochter. Er war bleich
+und schien gealtert. Seine kleinen Augen lagen tief in den Höhlen, seine
+Nase sprang scharf und groß zwischen den eingefallenen Wangen hervor,
+seine Lippen schienen schmaler geworden zu sein, und sein Bart, den er
+neuerdings nicht mehr als zwei gelockte Streifen trug, die von den
+Schläfen bis zur Mitte der Wangen liefen, sondern der, halb verdeckt von
+den steifen Vatermördern und der hohen Halsbinde, unterhalb des Kinnes
+und der Kinnladen an seinem Halse wuchs, war so stark ergraut wie sein
+Haupthaar.
+
+Der Konsul hatte schwere und aufreibende Tage hinter sich. Thomas war an
+einer Lungenblutung erkrankt; durch einen Brief des Herrn van der Kellen
+war der Vater von dem Unglücksfalle benachrichtigt worden. Er hatte die
+Geschäfte in den bedächtigen Händen seines Prokuristen zurückgelassen
+und war auf dem kürzesten Wege nach Amsterdam geeilt. Es hatte sich
+erwiesen, daß die Erkrankung seines Sohnes keine unmittelbare Gefahr in
+sich schließe, daß aber eine Luftkur im Süden, in Südfrankreich,
+dringend ratsam sei, und da es sich günstig getroffen hatte, daß auch
+für den jungen Sohn des Prinzipals eine Erholungsreise geplant worden
+war, so hatte er die beiden jungen Leute, sobald Thomas reisefähig war,
+gemeinsam nach Pau abreisen lassen.
+
+Kaum nach Hause zurückgekehrt, war er von diesem Schlage getroffen
+worden, der sein Haus für einen Augenblick in seinen Grundfesten
+erschüttert hatte: diesem Bankerotte in Bremen, bei welchem er »auf
+einem Brett« achtzigtausend Mark verloren hatte ... wodurch? Die auf
+»Gebr. Westfahl« gezogenen, diskontierten Wechsel waren, da die Käufer
+ihre Zahlungen eingestellt hatten, auf die Firma zurückgekommen. Nicht
+als ob Deckung gefehlt hätte; die Firma hatte gezeigt, was sie
+vermochte, sofort, ohne Zögern und Verlegenheit vermochte. Dies aber war
+kein Hindernis dafür gewesen, daß der Konsul all die plötzliche Kälte,
+die Zurückhaltung, das Mißtrauen auszukosten bekommen hatte, welches ein
+solcher Unglücksfall, eine solche Schwächung des Betriebskapitals bei
+Banken, bei »Freunden«, bei Firmen im Auslande hervorzurufen pflegt ...
+
+Nun, er hatte sich aufgerichtet, hatte alles ins Auge gefaßt, beruhigt,
+geregelt, die Stirne geboten ... Da aber, mitten im Kampf, mitten unter
+Depeschen, Briefen, Berechnungen, war noch dies über ihn
+hereingebrochen: Grünlich, B. Grünlich, der Mann seiner Tochter, war
+zahlungsunfähig, und in einem langen, verwirrten und unendlich
+kläglichen Brief erbat, erflehte, erjammerte er eine Aushilfe von
+hundert- bis hundertzwanzigtausend Mark! Der Konsul hatte kurz,
+oberflächlich und schonend seiner Gattin Mitteilung gemacht, hatte kalt
+und unverbindlich geantwortet, er ersuche Herrn Grünlich in Gemeinschaft
+mit dem erwähnten Bankier Kesselmeyer um eine Unterredung im Hause des
+ersteren, und war abgereist.
+
+Tony empfing ihn im Salon. Sie schwärmte dafür, in dem braunseidenen
+Salon Besuch zu empfangen, und da sie, ohne klar zu sehen, eine
+durchdringende und feierliche Empfindung von der Wichtigkeit der
+gegenwärtigen Lage hatte, so machte sie heute auch mit dem Vater keine
+Ausnahme. Sie sah wohl, hübsch und ernsthaft aus und trug ein
+hellgraues, auf der Brust und an den Handgelenken mit Spitzen besetztes
+Kleid mit Glockenärmeln, stark geschweiftem Reifrock nach neuester Mode
+und einer kleinen Brillantspange am Halsverschluß.
+
+»Guten Tag, Papa, =endlich= sieht man dich einmal wieder! Wie geht es
+Mama?... Hast du gute Nachrichten von Tom?... Lege doch ab, setz' dich
+doch, bitte, lieber Papa!... Willst du nicht ein bißchen Toilette
+machen? Ich habe das Fremdenzimmer oben für dich herrichten lassen ...
+Grünlich macht auch gerade Toilette ...«
+
+»Laß ihn nur, mein Kind; ich will ihn hier unten erwarten. Du weißt, ich
+bin zu einer Unterredung mit deinem Mann gekommen ... zu einer sehr,
+sehr ernsten Unterredung, meine liebe Tony. Ist Herr Kesselmeyer hier?«
+
+»Jawohl, Papa, er sitzt im Penseezimmer und besieht das Album ...«
+
+»Wo ist Erika?«
+
+»Oben, mit Thinka, im Kinderzimmer, es geht ihr gut. Sie badet ihre
+Puppe ... natürlich nicht im Wasser ... eine Wachspuppe ... kurzum, sie
+tut nur so ...«
+
+»Versteht sich.« Der Konsul atmete auf und fuhr fort: »Ich kann nicht
+annehmen, liebes Kind, daß du über die Lage ... die Lage deines Mannes
+unterrichtet bist?«
+
+Er hatte sich auf einem der Fauteuils niedergelassen, die den großen
+Tisch umgaben, während Tony auf einem kleinen Sessel, der drei schräg
+übereinander getürmte seidene Kissen darstellte, zu seinen Füßen saß.
+Die Finger seiner Rechten spielten behutsam mit den Diamanten an ihrem
+Halse.
+
+»Nein, Papa«, antwortete Tony; »das muß ich dir gestehen, ich weiß gar
+nichts. Mein Gott, ich bin eine Gans, weißt du, ich habe gar keine
+Einsicht! Neulich habe ich ein bißchen zugehört, als Kesselmeyer mit
+Grünlich sprach ... Zum Schlusse schien es mir, als ob Herr Kesselmeyer
+wieder nur Spaß machte ... er redet immer so lächerlich. Ein- oder
+zweimal verstand ich deinen Namen ...«
+
+»Du verstandest meinen Namen? In welcher Beziehung?«
+
+»Nein, von der Beziehung weiß ich gar nichts, Papa!... Grünlich war seit
+diesem Tage mürrisch ... ja, unausstehlich, das muß ich sagen!... Bis
+gestern ... gestern war er sanft gestimmt und fragte zehn- oder
+zwölfmal, ob ich ihn liebe, ob ich ein gutes Wort bei dir für ihn
+einlegen würde, wenn er dich etwas zu bitten hätte ...«
+
+»Ah ...«
+
+»Ja ... er teilte mir mit, er habe dir geschrieben, du würdest kommen
+... Gut, daß du da bist! Es ist ein bißchen unheimlich ... Grünlich hat
+den grünen Spieltisch hergerichtet ... es liegen eine Menge Papiere und
+Bleistifte darauf ... daran sollst du nachher mit ihm und Kesselmeyer
+eine Beratung abhalten ...«
+
+»Höre, mein liebes Kind«, sagte der Konsul, indem er mit der Hand über
+ihr Haar strich ... »Ich muß dich nun etwas fragen, etwas Ernstes! Sage
+mir einmal ... du liebst doch deinen Mann von ganzem Herzen?«
+
+»Gewiß, Papa«, sagte Tony mit einem so kindisch heuchlerischen Gesicht,
+wie sie es ehemals zustande gebracht, wenn man sie gefragt hatte: Du
+wirst nun doch niemals wieder die Puppenliese ärgern, Tony?... Der
+Konsul schwieg einen Augenblick.
+
+»Du liebst ihn doch so«, fragte er dann, »daß du nicht ohne ihn leben
+könntest ... unter keinen Umständen, wie? auch wenn durch Gottes Willen
+seine Lage sich ändern sollte, wenn er in Verhältnisse versetzt werden
+würde, die es ihm nicht mehr erlaubten, dich fernerhin mit allen diesen
+Dingen zu umgeben ...?« Und seine Hand beschrieb eine flüchtige Bewegung
+über die Möbel und Portieren des Zimmers hin, über die vergoldete
+Stutzuhr auf der Spiegeletagere und endlich über ihr Kleid hinunter.
+
+»Gewiß, Papa«, wiederholte Tony in dem tröstenden Ton, den sie beinahe
+immer annahm, wenn jemand ernst zu ihr sprach. Sie blickte an ihres
+Vaters Gesicht vorbei aufs Fenster, hinter dem lautlos ein zarter und
+dichter Schleierregen sich hernieder bewegte. Ihre Augen waren voll von
+einem Ausdruck, wie Kinder ihn annehmen, wenn man beim Märchenvorlesen
+so taktlos ist, eine allgemeine Betrachtung über Moral und Pflichten
+einfließen zu lassen ... einem Mischausdruck von Verlegenheit und
+Ungeduld, Frömmigkeit und Verdrossenheit.
+
+Der Konsul betrachtete sie während einer Minute stumm und mit
+nachdenklichem Blinzeln. War er mit ihrer Antwort zufrieden? Er hatte
+daheim und unterwegs alles reiflich erwogen ...
+
+Jeder Mensch begreift, daß Johann Buddenbrooks erster und aufrichtigster
+Beschluß dahin ging, eine Auszahlung irgendwelcher Höhe an seinen
+Schwiegersohn nach Kräften zu vermeiden. Als er sich aber erinnerte, wie
+dringend er, um ein gelindes Wort zu gebrauchen, diese Ehe befürwortet
+hatte, als er sich den Blick ins Gedächtnis zurückrief, mit dem das
+Kind nach der Hochzeitsfeier von ihm Abschied genommen und ihn gefragt
+hatte: »Bist du mit mir zufrieden?«, da mußte er einem ziemlich
+niederdrückenden Schuldbewußtsein seiner Tochter gegenüber Raum geben
+und sich sagen, daß diese Sache ganz und gar durch ihren Willen
+entschieden werden müsse. Er wußte wohl, daß sie in diese Verbindung
+nicht aus Gründen der Liebe gewilligt hatte, aber er rechnete mit der
+Möglichkeit, daß diese vier Jahre, die Gewöhnung und die Geburt des
+Kindes vieles verändert haben konnten, daß Tony sich jetzt ihrem Manne
+mit Leib und Seele verbunden fühlen und aus guten christlichen und
+weltlichen Gründen jeden Gedanken an eine Trennung zurückweisen konnte.
+In diesem Falle, überlegte der Konsul, müsse er sich zur Hergabe jeder
+Geldsumme bequemen. Zwar verlangten Christenpflicht und Frauenwürde, daß
+Tony ihrem angetrauten Gatten bedingungslos auch ins Unglück folgte;
+wenn sie aber tatsächlich diesen Entschluß an den Tag legen würde, so
+fühlte er sich nicht berechtigt, sie fortan alle die Verschönerungen und
+Bequemlichkeiten des Lebens, an die sie von Kindesbeinen an gewöhnt war,
+unverschuldet entbehren zu lassen ... so fühlte er sich verpflichtet,
+eine Katastrophe zu verhüten und B. Grünlich um jeden Preis zu halten.
+Kurz, das Ergebnis seiner Erwägungen war der Wunsch gewesen, seine
+Tochter mitsamt ihrem Kinde zu sich zu nehmen und Herrn Grünlich seiner
+Wege gehen zu lassen. Mochte Gott dies Äußerste verhüten! Für jeden Fall
+bewegte er den Rechtsparagraphen bei sich, der bei bestehender
+Unfähigkeit des Gatten, Frau und Kinder zu ernähren, zur Scheidung
+berechtigte. Vor allem aber mußte er die Ansichten seiner Tochter
+erforschen ...
+
+»Ich sehe«, sagte er, indem er fortfuhr, zärtlich ihr Haar zu
+streicheln, »ich sehe, mein liebes Kind, daß du von guten und
+lobenswerten Grundsätzen beseelt bist. Allein ... ich kann nicht
+annehmen, daß du die Dinge betrachtest, wie sie, Gott sei's geklagt,
+betrachtet werden müssen: nämlich als Tatsachen. Ich habe dich nicht
+gefragt, was du in diesem oder jenem Falle vielleicht tun =würdest=,
+sondern was du jetzt, heute, sogleich tun =wirst=. Ich weiß nicht,
+inwiefern du die Verhältnisse kennst oder ahnst ... ich habe also die
+traurige Pflicht, dir zu sagen, daß dein Mann sich genötigt sieht,
+seine Zahlungen einzustellen, daß er sich geschäftlich nicht mehr halten
+kann ... ich glaube, du verstehst mich ...«
+
+»Grünlich macht Bankerott ...?« fragte Tony leise, indem sie sich halb
+von ihren Kissen erhob und rasch des Konsuls Hand ergriff ...
+
+»Ja, mein Kind«, sagte er ernst. »Du vermutetest das nicht?«
+
+»Ich habe nichts Bestimmtes vermutet ...«, stammelte sie. »Dann hat
+Kesselmeyer also nicht Spaß gemacht ...?« fuhr sie fort, indem sie
+schräg vor sich hin auf den braunen Teppich starrte ... »=O Gott!=«
+stieß sie plötzlich hervor und sank auf ihren Sitz zurück. Erst in
+diesem Augenblick ging alles vor ihr auf, was in dem Worte »Bankerott«
+verschlossen lag, alles, was sie schon als kleines Kind dabei an Vagem
+und Fürchterlichem empfunden hatte ... »Bankerott« ... das war etwas
+Gräßlicheres als der Tod, das war Tumult, Zusammenbruch, Ruin, Schmach,
+Schande, Verzweiflung und Elend ... »Er macht Bankerott!« wiederholte
+sie. Sie war dermaßen geschlagen und niedergeschmettert von diesem
+Schicksalswort, daß sie an keine Hilfe dachte, auch nicht an eine, die
+von ihrem Vater kommen könnte.
+
+Er betrachtete sie mit emporgezogenen Brauen, mit seinen kleinen,
+tiefliegenden Augen, die traurig und müde aussahen und dennoch eine ganz
+außerordentliche Spannung verrieten.
+
+»Ich fragte dich also«, sagte er sanft, »meine liebe Tony, ob du dich
+bereit hältst, deinem Manne auch in die Armut hinein zu folgen?...«
+Gleich darauf gestand er sich, daß er das harte Wort »Armut« instinktiv
+als Abschreckungsmittel gewählt habe, und fügte hinzu: »Er kann sich
+wieder emporarbeiten ...«
+
+»Gewiß, Papa«, antwortete Tony. Aber das hinderte nicht, daß sie in
+Tränen ausbrach. Sie schluchzte in ihr Batisttüchlein, das mit Spitzen
+besetzt war und das Monogramm _AG_ trug. Sie hatte noch völlig ihr
+Kinderweinen: ganz ungeniert und ohne Ziererei. Ihre Oberlippe machte
+einen unaussprechlich rührenden Eindruck dabei.
+
+Ihr Vater fuhr fort, sie mit den Augen zu prüfen. »Das ist dein Ernst,
+mein Kind?« fragte er. Er war genau so ratlos wie sie.
+
+»Muß ich nicht ...«, schluchzte sie. »Ich muß doch ...«
+
+»Durchaus nicht!« sagte er lebhaft; aber schuldbewußt verbesserte er
+sich sofort: »Ich würde dich nicht unbedingt dazu zwingen, meine liebe
+Tony. Gesetzt den Fall, daß deine Gefühle dich nicht unverbrüchlich an
+deinen Mann fesselten ...«
+
+Sie sah ihn mit in Tränen schwimmenden und verständnislosen Augen an.
+
+»Wieso, Papa ...?«
+
+Der Konsul wand sich ein wenig hin und her und fand ein Auskunftsmittel.
+
+»Mein gutes Kind, du kannst glauben, daß ich es sehr schmerzhaft
+empfinden würde, dich all den Unbilden und Peinlichkeiten aussetzen zu
+müssen, die durch das Unglück deines Mannes, durch die Auflösung des
+Geschäftes und deines Hausstandes unmittelbar werden herbeigeführt
+werden ... Ich habe den Wunsch, dich diesen ersten Unannehmlichkeiten zu
+entziehen und dich sowie unsere kleine Erika vorderhand zu uns nach
+Hause zu nehmen. Ich glaube, daß du mir das danken wirst ...?«
+
+Tony schwieg einen Augenblick, während dessen sie ihre Tränen trocknete.
+Sie hauchte umständlich auf ihr Taschentuch und drückte es gegen die
+Augen, um die Entzündung zu verhüten. Hierauf fragte sie in
+entschiedenem Tone, ohne die Stimme zu erheben: »Papa, =ist= Grünlich
+schuldig! =kommt= er aus Leichtsinn und Unredlichkeit ins Unglück!«
+
+»Höchst wahrscheinlich!...« sagte der Konsul. »Das heißt ... nein, ich
+weiß es nicht, mein Kind. Ich sagte dir, daß die Auseinandersetzung mit
+ihm und seinem Bankier noch aussteht ...«
+
+Tony schien auf diese Antwort gar nicht geachtet zu haben. Gebückt auf
+ihren drei seidenen Kissen stützte sie den Ellenbogen auf das Knie und
+das Kinn in die Hand und blickte mit tiefgesenktem Kopfe versunken und
+träumerisch von unten herauf ins Zimmer hinein.
+
+»Ach, Papa«, sagte sie leise und beinahe ohne die Lippen zu bewegen,
+»wäre es damals nicht besser gewesen ...«
+
+Der Konsul konnte ihr Gesicht nicht sehen; aber es trug den Ausdruck,
+der an manchem Sommerabend, wenn sie zu Travemünde an dem Fenster ihres
+kleinen Zimmers lehnte, darauf gelegen hatte ... Ihr einer Arm ruhte
+auf den Knien ihres Vaters, während die Hand schlaff und ohne Stütze
+nach unten hing. Selbst diese Hand drückte eine unendlich wehmütige und
+zärtliche Hingebung aus, eine erinnerungsvolle und süße Sehnsucht, die
+in die Ferne schweifte.
+
+»Besser ...?« fragte Konsul Buddenbrook. »Wenn was nicht geschehen wäre,
+mein Kind?«
+
+Er war von Herzen zu dem Geständnis bereit, daß es besser gewesen wäre,
+diese Ehe nicht zu schließen; aber Tony sagte nur mit einem Seufzer:
+»Ach, nichts!«
+
+Es schien, daß ihre Gedanken sie fesselten, daß sie weit abseits weilte
+und den »Bankerott« beinahe vergessen hatte. Der Konsul sah sich
+genötigt, selbst auszusprechen, was er lieber nur bestätigt hätte.
+
+»Ich glaube deine Gedanken zu erraten, liebe Tony«, sagte er, »und auch
+ich meinerseits, ich zögere nicht, dir zu bekennen, daß ich den Schritt,
+der mir vor vier Jahren als klug und heilsam erschien, in dieser Stunde
+bereue ... aufrichtig bereue. Ich glaube, vor Gott nicht schuldig zu
+sein. Ich glaube, meine Pflicht getan zu haben, indem ich mich bemühte,
+dir eine deiner Herkunft angemessene Existenz zu schaffen ... Der Himmel
+hat es anders gewollt ... du wirst von deinem Vater nicht glauben, daß
+er damals, leichtfertig und unüberlegt, dein Glück aufs Spiel gesetzt
+hat! Grünlich trat mit mir in Verbindung, versehen mit den besten
+Empfehlungen, ein Pastorssohn, ein christlicher und weltläufiger Mann
+... Später habe ich geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, die
+so günstig lauteten als möglich. Ich habe die Verhältnisse geprüft ...
+Das alles ist dunkel, dunkel und harrt noch der Aufklärung. Aber nicht
+wahr, du klagst mich nicht an ...«
+
+»Nein, Papa! wie kannst du dergleichen sagen! Komm, laß es dir nicht zu
+Herzen gehen, armer Papa ... Du siehst blaß aus, soll ich nicht ein paar
+Magentropfen herunterholen?« Sie hatte ihre Arme um seinen Hals gelegt
+und küßte ihn auf die Wangen.
+
+»Ich danke dir«, sagte er; »so, so ... laß nur, ich danke dir. Ja, ich
+habe angreifende Tage hinter mir ... Was soll man tun? Ich habe viel
+Ärgernis gehabt. Das sind Prüfungen von Gott. Aber das hindert nicht,
+daß ich mich dir gegenüber nicht ganz ohne Schuld fühlen kann, mein
+Kind. Alles kommt jetzt auf die Frage an, die ich dir schon vorgelegt
+habe, die du mir aber noch nicht hinlänglich beantwortet hast. Sprich
+offen zu mir, Tony ... hast du in diesen Jahren der Ehe deinen Mann
+lieben gelernt?«
+
+Tony weinte aufs neue, und indem sie mit beiden Händen, in denen sie das
+Batisttüchlein hielt, ihre Augen bedeckte, brachte sie unter Schluchzen
+hervor: »Ach ... was fragst du, Papa!... Ich habe ihn niemals geliebt
+... er war mir immer widerlich ... weißt du das denn nicht ...?«
+
+Es wäre schwer zu sagen, was auf dem Gesichte Johann Buddenbrooks sich
+abspielte. Seine Augen blickten erschrocken und traurig, und dennoch
+kniff er die Lippen zusammen, so daß Mundwinkel und Wangen sich
+falteten, wie es zu geschehen pflegte, wenn er ein vorteilhaftes
+Geschäft zum Abschluß gebracht hatte. Er sagte leise: »Vier Jahre ...«
+
+Tonys Tränen versiegten plötzlich. Das feuchte Taschentuch in der Hand,
+richtete sie sich auf ihrem Sitze empor und sagte zornig: »Vier Jahre
+... ha! manchmal hat er abends bei mir gesessen und die Zeitung gelesen
+in diesen vier Jahren ...!«
+
+»Gott hat euch beiden ein Kind geschenkt ...«, sagte der Konsul bewegt.
+
+»Ja, Papa ... und ich habe Erika sehr lieb ... obgleich Grünlich
+behauptet, ich sei nicht kinderlieb ... Ich würde mich nie von ihr
+trennen, das sage ich dir ... aber Grünlich -- nein!... Grünlich --
+nein!... Nun macht er auch noch Bankerott!... Ach Papa, wenn du mich und
+Erika nach Hause nehmen willst ... mit Freuden! Nun weißt du es!«
+
+Der Konsul kniff wiederum die Lippen zusammen; er war äußerst zufrieden.
+Immerhin mußte der Hauptpunkt noch berührt werden, aber bei der
+Entschlossenheit, die Tony an den Tag legte, riskierte man wenig damit.
+
+»Bei alledem«, sagte er, »scheinst du völlig zu vergessen, mein Kind,
+daß ja Hilfe denkbar wäre ... und zwar durch mich. Dein Vater hat dir
+bereits bekannt, daß er sich dir gegenüber nicht unbedingt schuldlos
+fühlen kann, und in dem Falle ... nun, in dem Falle, daß du es von ihm
+erhoffst ... erwartest ... würde er einspringen, würde er das Falliment
+verhüten, würde er die Schulden deines Mannes wohl oder übel decken und
+sein Geschäft flott erhalten ...«
+
+Er prüfte sie gespannt, und ihr Mienenspiel erfüllte ihn mit Genugtuung.
+Es drückte Enttäuschung aus.
+
+»Um wieviel handelt es sich eigentlich?« fragte sie.
+
+»Was tut das zur Sache, mein Kind ... um eine große, große Summe!« Und
+Konsul Buddenbrook nickte einigemal mit dem Kopfe, als ob die Wucht des
+Gedankens an diese Summe ihn langsam hin und her schüttelte. »Dabei«,
+fuhr er fort, »darf ich dir nicht verhehlen, daß die Firma, ganz
+abgesehen von dieser Sache, Verluste erlitten hat, und daß die Hergabe
+dieser Summe eine Schwächung für sie bedeuten würde, von der sie sich
+schwer ... schwer wieder erholen könnte. Ich sage das keineswegs,
+um ...«
+
+Er vollendete nicht. Tony war aufgesprungen, sie war sogar ein paar
+Schritte zurückgetreten und, noch immer das nasse Spitzentüchlein in der
+Hand, rief sie: »Gut! Genug! Nie!«
+
+Sie sah beinahe heroisch aus. Das Wort »Firma« hatte eingeschlagen.
+Höchst wahrscheinlich wirkte es entscheidender als selbst ihre Abneigung
+gegen Herrn Grünlich.
+
+»Das tust du =nicht=, Papa!« redete sie ganz außer sich fort. »Willst
+auch du noch Bankerott machen? Genug! Niemals!«
+
+In diesem Augenblick öffnete sich die Korridortür ein wenig zögernd, und
+Herr Grünlich trat ein.
+
+Johann Buddenbrook erhob sich mit einer Bewegung, welche ausdrückte:
+Erledigt.
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Herrn Grünlichs Gesicht war rot gefleckt, aber er war aufs sorgfältigste
+gekleidet. Er trug einen ähnlichen schwarzen, faltigen, soliden
+Leibrock, ähnliche erbsenfarbene Beinkleider, wie diejenigen, in denen
+er einstmals in der Mengstraße seine ersten Visiten gemacht. In einer
+schlaffen Haltung blieb er stehen und sprach, den Blick zu Boden
+gerichtet, mit weicher und matter Stimme: »Vater ...«
+
+Der Konsul verbeugte sich kalt und ordnete dann mit einigen energischen
+Griffen seine Halsbinde.
+
+»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind«, setzte Herr Grünlich hinzu.
+
+»Das war meine Pflicht, mein Freund«, erwiderte der Konsul; »nur fürchte
+ich, daß es das einzige bleiben wird, was ich in Ihrer Sache zu tun
+vermag.«
+
+Sein Schwiegersohn warf ihm einen hastigen Blick zu und nahm dann eine
+noch schlaffere Haltung an.
+
+»Ich höre«, fuhr der Konsul fort, »daß Ihr Bankier, Herr Kesselmeyer,
+uns erwartet ... welchen Ort haben Sie für die Unterredung bestimmt? Ich
+stehe zu Ihrer Verfügung ...«
+
+»Ich bitte Sie um die Güte, mir zu folgen«, murmelte Herr Grünlich.
+
+Konsul Buddenbrook küßte seine Tochter auf die Stirn und sagte: »Geh
+hinauf zu deinem Kinde, Antonie!«
+
+Dann schritt er mit Herrn Grünlich, der sich bald vor ihm, bald hinter
+ihm bewegte und die Portieren öffnete, durch das Speisezimmer ins
+Wohngemach.
+
+Als Herr Kesselmeyer, der am Fenster stand, sich umwandte, richteten die
+weißen und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe sich auf und sanken
+dann sanft auf den Schädel zurück.
+
+»Herr Bankier Kesselmeyer ... Großhändler Konsul Buddenbrook, mein
+Schwiegervater ...«, sagte Herr Grünlich ernst und bescheiden. Des
+Konsuls Gesicht war bewegungslos. Herr Kesselmeyer bückte sich mit
+hängenden Armen, indem er seine beiden gelben Eckzähne auf die Oberlippe
+setzte und sagte: »Ihr Diener, Herr Konsul! Meine lebhafte Satisfaktion,
+das Vergnügen zu haben!«
+
+»Verzeihen Sie gütigst, daß Sie haben warten müssen, Kesselmeyer«, sagte
+Herr Grünlich. Er war voll Höflichkeit für den einen wie für den
+anderen.
+
+»Kommen wir zur Sache?« bemerkte der Konsul, indem er sich suchend hin
+und her wandte ... Der Hausherr beeilte sich zu antworten: »Ich bitte
+die Herren ...«
+
+Während man ins Rauchkabinett hinüberging, sagte Herr Kesselmeyer
+aufgeräumt: »Eine angenehme Reise gehabt, Herr Konsul?... Aha, Regen?
+Ja, eine schlechte Jahreszeit, eine häßliche, schmutzige Jahreszeit!
+Gäbe es ein bißchen Frost, ein bißchen Schnee ...! Aber nichts da!
+Regen! Kot! Höchst, höchst widerwärtig ...«
+
+Was für ein sonderbarer Mensch, dachte der Konsul.
+
+In der Mitte des kleinen Zimmers, dessen Tapeten dunkel geblümt waren,
+stand ein ziemlich umfangreicher, viereckiger, grünbezogener Tisch. Der
+Regen draußen hatte zugenommen. Es war so finster, daß Herr Grünlich die
+drei Kerzen, die in silbernen Leuchtern auf der Tafel standen, alsbald
+entzündete. Bläuliche, mit Firmenstempeln versehene Geschäftsbriefe und
+abgegriffene, hie und da eingerissene, mit Daten und Namenszügen
+bedeckte Papiere lagen auf dem grünen Tuch. Außerdem bemerkte man ein
+dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften Gänsefedern und
+Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfaß aus Metall.
+
+Herr Grünlich machte die Honneurs mit den stillen, taktvollen und
+zurückhaltenden Mienen und Bewegungen, mit denen man die Gäste bei einem
+Begräbnis komplimentiert.
+
+»Lieber Vater, bitte, nehmen Sie den Armstuhl«, sagte er sanft. »Herr
+Kesselmeyer, haben Sie die Freundlichkeit, sich =hier= zu setzen?...«
+
+Endlich war die Ordnung hergestellt. Der Bankier saß dem Hausherrn
+gegenüber, während der Konsul im Armsessel an der Breitseite des Tisches
+präsidierte. Die Rückenlehne seines Stuhles berührte die Korridortür.
+
+Herr Kesselmeyer bückte sich, ließ die Unterlippe hängen, entwirrte auf
+seiner Weste einen Kneifer und hieb ihn sich auf die Nase, indem er
+dieselbe krauste und den Mund aufriß. Dann kraute er sich mit einem
+nervös machenden Geräusch den geschorenen Backenbart, stemmte die Hände
+auf die Knie, nickte den Papieren zu und bemerkte kurz und fröhlich:
+»Aha! Da haben wir die ganze Bescherung!«
+
+»Sie erlauben nun, daß ich mir einen genaueren Einblick in die Lage der
+Dinge verschaffe«, sagte der Konsul und griff nach dem Hauptbuch.
+Plötzlich jedoch streckte Herr Grünlich schirmend beide Hände über den
+Tisch hin, lange, von hohen blauen Adern durchzogene Hände, die
+ersichtlich zitterten, und rief mit bewegter Stimme: »Einen Augenblick!
+Noch einen Augenblick, Vater! Oh, lassen Sie mich noch eine einleitende
+Bemerkung vorausschicken!... Ja, Sie werden Einblick gewinnen, Ihrem
+Blick wird nichts entgehen ... Aber glauben Sie mir: Sie werden Einblick
+in die Lage eines Unglücklichen gewinnen, nicht eines Schuldigen! Sehen
+Sie in mir einen Mann, Vater, der sich ohn' Ermatten gegen das Schicksal
+gewehrt hat, der aber von ihm zu Boden geschlagen ist! In diesem
+Sinne ...«
+
+»Ich werde sehen, mein Freund, ich werde sehen!« sagte der Konsul mit
+sichtlicher Ungeduld; und Herr Grünlich zog seine Hände zurück, um dem
+Geschicke seinen Lauf zu lassen.
+
+Es vergingen lange, furchtbare Minuten des Schweigens. In dem unruhigen
+Kerzenlicht saßen die drei Herren, eingeschlossen von vier dunklen
+Wänden, dicht beieinander. Man vernahm keine Bewegung als das Rascheln
+des Papieres, mit dem der Konsul hantierte. Sonst war draußen der
+fallende Regen das einzige Geräusch.
+
+Herr Kesselmeyer hatte seine Daumen in die Armlöcher der Weste
+geschoben, spielte mit den übrigen Fingern an den Schultern Klavier und
+sah mit unsäglicher Heiterkeit von einem zum anderen. Herr Grünlich saß
+ohne sich zurückzulehnen, die Hände auf dem Tisch, starrte trüb vor sich
+hin und ließ dann und wann einen ängstlichen Blick seitwärts zu seinem
+Schwiegervater gleiten. Der Konsul blätterte im Hauptbuch, verfolgte mit
+dem Fingernagel Kolonnen von Zahlen, verglich Daten und warf mit dem
+Bleistift seine kleinen, unleserlichen Ziffern aufs Papier. Sein
+abgespanntes Gesicht drückte Entsetzen vor den Verhältnissen aus, in die
+er nun »Einblick gewann« ... Endlich legte er seine Linke auf Herrn
+Grünlichs Arm und sagte erschüttert: »Sie armer Mann!«
+
+»Vater ...« brachte Herr Grünlich hervor. Dem bedauernswerten Menschen
+liefen zwei große Tränen die Wangen hinab und in die goldgelben Favoris
+hinein. Herr Kesselmeyer verfolgte den Weg dieser beiden Tropfen mit dem
+größten Interesse; er stand sogar ein wenig auf, beugte sich vor und
+starrte seinem Gegenüber mit offenem Munde ins Gesicht. Konsul
+Buddenbrook war heftig bewegt. Weich gemacht durch das Unglück, das ihn
+selbst betroffen, fühlte er, wie das Erbarmen ihn mit sich fortriß; aber
+rasch wurde er wieder Herr seiner Gefühle.
+
+»Wie ist es möglich!« sagte er mit einem trostlosen Kopfschütteln ...
+»In diesen wenigen Jahren!«
+
+»Kinderspiel!« antwortete Herr Kesselmeyer gut gelaunt. »In vier Jahren
+kann man allerliebst vor die Hunde kommen! Wenn man bedenkt, wie munter
+Gebrüder Westfahl in Bremen vor kurzer Zeit noch umhersprangen ...«
+
+Der Konsul sah ihn blinzelnd an, indem er ihn weder sah noch hörte. Er
+hatte keineswegs seinem wirklichen Gedanken Ausdruck gegeben, über den
+er grübelte ... Warum, fragte er sich argwöhnisch und dennoch
+verständnislos, warum dies alles gerade jetzt? B. Grünlich hätte schon
+vor zwei, vor drei Jahren stehen können, wo er jetzt stand; das übersah
+man mit einem Blick. Aber sein Kredit war unerschöpflich gewesen, er
+hatte von den Banken Kapital erhalten, er hatte die Unterschriften von
+soliden Häusern wie Senator Bock und Konsul Goudstikker immer wieder für
+seine Unternehmungen in Empfang genommen, und seine Wechsel hatten
+kursiert wie Bargeld. Warum gerade jetzt, jetzt, jetzt -- und der Chef
+der Firma Johann Buddenbrook wußte wohl, was er unter diesem Jetzt
+verstand -- dieser Zusammenbruch auf allen Seiten, dieses totale
+Zurückziehen alles Vertrauens wie auf Verabredung, dieses einmütige
+Herfallen über B. Grünlich unter Hintansetzung jeder Rücksicht, ja jeder
+Höflichkeitsform? Der Konsul wäre allzu naiv gewesen, hätte er nicht
+gewußt, daß das Ansehen seines eignen Hauses nach der Verlobung
+Grünlichs mit seiner Tochter auch seinem Schwiegersohne hatte zugute
+kommen müssen. Aber hatte der Kredit des Letzteren so vollkommen, so
+eklatant, so ausschließlich von dem seinen abgehangen? War Grünlich
+selbst denn nichts gewesen? Und die Erkundigungen, die der Konsul
+eingezogen, die Bücher, die er geprüft hatte?... Mochte es sich damit
+verhalten, wie es wollte, so stand sein Entschluß, in dieser Sache auch
+nicht das Glied eines Fingers zu regen, fester als jemals. Man sollte
+sich verrechnet haben! Augenscheinlich hatte B. Grünlich die Anschauung
+zu erwecken gewußt, als sei er mit Johann Buddenbrook solidarisch?
+Diesem, wie es schien, entsetzlich weit verbreiteten Irrtum mußte ein
+für alle Male vorgebeugt werden! Und auch dieser Kesselmeyer sollte sich
+wundern! Besaß dieser Bajazz ein Gewissen? Es sprang in die Augen, wie
+schamlos er ganz allein darauf spekuliert hatte, daß er, Johann
+Buddenbrook, den Mann seiner Tochter nicht würde fallen lassen, wie er
+dem längst vernichteten Grünlich zwar fort und fort Kredit gewährt, ihn
+aber immer blutigere Wucherzinsen hatte unterschreiben lassen ...
+
+»Gleichviel«, sagte er kurz. »Kommen wir zur Sache. Wenn ich hier als
+Kaufmann mein Gutachten abgeben soll, so bedauere ich, aussprechen zu
+müssen, daß dies die Lage eines zwar unglücklichen, aber auch eines in
+hohem Grade schuldigen Mannes ist.«
+
+»Vater ...« stammelte Herr Grünlich.
+
+»Diese Anrede klingt mir =schlecht= in die Ohren!« sagte der Konsul
+rasch und hart. »Ihre Forderungen, mein Herr«, fuhr er fort, indem er
+sich flüchtig dem Bankier zuwandte, »an Herrn Grünlich betragen
+sechzigtausend Mark ...«
+
+»Mit den rückständigen und den zum Kapital geschlagenen Zinsen
+achtundsechzigtausendsiebenhundertundfünfundfünfzig Mark und fünfzehn
+Schillinge«, antwortete Herr Kesselmeyer behaglich.
+
+»Sehr wohl ... Und Sie wären unter keinen Umständen geneigt, Ihre Geduld
+zu verlängern?«
+
+Herr Kesselmeyer begann einfach zu lachen. Er lachte mit offenem Munde,
+stoßweise, ohne eine Spur von Hohn und sogar gutmütig, indem er dem
+Konsul ins Gesicht sah, als wollte er ihn auffordern, gleichfalls
+einzustimmen.
+
+Johann Buddenbrooks kleine, tiefliegende Augen trübten sich und umgaben
+sich plötzlich mit roten Rändern, die sich bis zu den Wangenknochen
+hinzogen. Er hatte nur der Form wegen gefragt und wußte sehr wohl, daß
+ein Aufschub von seiten dieses einen Gläubigers die Sachlage ganz
+unwesentlich verändert haben würde. Aber die Art, in der dieser Mensch
+ihn zurückwies, beschämte und erbitterte ihn aufs äußerste. Mit einer
+einzigen Handbewegung schob er alles weit von sich, was vor ihm lag,
+legte mit einem Ruck den Bleistift auf den Tisch und sagte: »So erkläre
+ich, daß ich nicht willens bin, mich länger in irgendeiner Weise mit
+dieser Angelegenheit zu beschäftigen.«
+
+»Aha!« rief Herr Kesselmeyer, indem er seine Hände in der Luft
+schüttelte ... »Das nenne ich ein Wort, das nenne ich würdig gesprochen.
+Der Herr Konsul wird die Sache ganz einfach regeln! Ohne langes
+Parlamentieren! Schlanker Hand!«
+
+Johann Buddenbrook sah ihn nicht einmal an.
+
+»Ich kann Ihnen nicht helfen, mein Freund«, wandte er sich ruhig an
+Herrn Grünlich. »Die Dinge müssen den Weg nehmen, den sie eingeschlagen
+haben ... Ich sehe mich nicht in der Lage, sie aufzuhalten. Fassen Sie
+sich und suchen Sie Trost und Kraft bei Gott. Ich muß diese Unterredung
+als geschlossen betrachten.«
+
+Überraschenderweise nahm Herrn Kesselmeyers Gesicht einen ernsten
+Ausdruck an, was sich ganz wunderlich ausnahm; dann aber nickte er Herrn
+Grünlich aufmunternd zu. Dieser saß bewegungslos und rang nur seine
+langen Hände auf dem Tische so heftig, daß die Finger leise krachten.
+
+»Vater ... Herr Konsul ...« sagte er mit wankender Stimme, »Sie werden
+... Sie können meinen Ruin, mein Elend nicht wollen! Hören Sie mich an!
+Es handelt sich in Summa um ein Manko von hundertzwanzigtausend ... Sie
+können mich retten! Sie sind ein reicher Mann! Betrachten Sie die Summe
+wie Sie wollen ... als eine endgültige Abfindung, als das Erbteil Ihrer
+Tochter, als ein verzinsbares Darlehen ... Ich werde arbeiten ... Sie
+wissen, daß ich rege und findig bin ...«
+
+»Ich habe mein letztes Wort gesprochen«, sagte der Konsul.
+
+»Erlauben Sie nur ... =können= Sie nicht?« fragte Herr Kesselmeyer und
+sah ihn durch seinen Kneifer mit krauser Nase an ... »Wenn ich dem Herrn
+Konsul zu bedenken geben dürfte ... dies wäre eigentlich gerade jetzt
+eine allerliebste Okkasion, die Stärke der Firma Johann Buddenbrook zu
+beweisen ...«
+
+»Sie täten gut daran, mein Herr, die Sorge für das Ansehen meines Hauses
+mir selbst zu überlassen. Um meine Zahlungsfähigkeit klarzustellen,
+habe ich nicht nötig, mein Geld in die nächste Pfütze zu werfen ...«
+
+»Nicht doch, nicht doch! A-aha, `Pfütze´ ist höchst spaßhaft! Aber
+meinen Herr Konsul nicht, daß der Konkurs Ihres Herrn Schwiegersohnes
+auch Ihre Lage in eine falsche und schiefe Beleuchtung ... wie?...
+bringen würde ... wie?... rücken würde?...«
+
+»Ich kann Ihnen nur noch einmal empfehlen, meinen Ruf in der
+Geschäftswelt meine eigene Sache sein zu lassen«, sagte der Konsul.
+
+Herr Grünlich sah ratlos seinem Bankier ins Gesicht und begann von
+neuem: »Vater ... ich flehe Sie an, bedenken Sie, was Sie tun!... Ist
+denn von mir allein die Rede? Oh, ich ... mag ich immerhin zugrunde
+gehen! Aber Ihre Tochter, mein Weib, sie, die ich so liebe, die ich mir
+in so heißem Kampfe erworben ... und unser Kind, unser beider
+unschuldiges Kind ... auch sie im Elend! Nein, Vater, ich würde es nicht
+tragen! Ich würde mich töten! Ja, mit dieser meiner eigenen Hand würde
+ich mich töten ... glauben Sie mir! Und möge der Himmel Sie dann von
+jeder Schuld freisprechen!«
+
+Johann Buddenbrook lehnte bleich und mit pochendem Herzen in seinem
+Armsessel. Zum zweiten Male stürmten die Empfindungen dieses Mannes auf
+ihn ein, deren Äußerung durchaus das Gepräge der Echtheit trug, wieder
+mußte er, wie damals, als er Herrn Grünlich den Travemünder Brief seiner
+Tochter mitgeteilt hatte, dieselbe gräßliche Drohung vernehmen, und
+wieder durchschauerte ihn die schwärmerische Ehrfurcht seiner Generation
+vor menschlichen Gefühlen, die stets mit seinem nüchternen und
+praktischen Geschäftssinn in Hader gelegen hatte. Dieser Anfall aber
+währte nicht länger als eine Sekunde. Hundertundzwanzigtausend Mark ...
+wiederholte er innerlich, und dann sagte er ruhig und fest: »Antonie ist
+meine Tochter. Ich werde zu verhindern wissen, daß sie unschuldig
+leidet.«
+
+»Was wollen Sie damit sagen ...?« fragte Herr Grünlich, indem er langsam
+erstarrte ...
+
+»Das werden Sie erfahren«, antwortete der Konsul. »Für jetzt habe ich
+meinen Worten nichts hinzuzufügen.« Und damit erhob er sich, stellte
+seinen Stuhl fest auf den Boden und wandte sich zur Tür.
+
+Herr Grünlich saß stumm, steif, fassungslos, und sein Mund bewegte sich
+ruckweise nach beiden Seiten, ohne daß sich ihm ein Wort zu entringen
+vermochte. Herrn Kesselmeyers Munterkeit aber kehrte bei dieser
+abschließenden und endgültigen Bewegung des Konsuls zurück ... ja, sie
+nahm überhand, sie überschritt alle Grenzen und wurde fürchterlich! Das
+Binokel fiel von seiner Nase, die sich zwischen die Augen hinaufzog,
+während sein winziger Mund, in dem die beiden Eckzähne gelb und einsam
+ragten, zu zerreißen drohte. Seine kleinen, roten Hände ruderten in der
+Luft, seine Flaumfedern flatterten, sein gänzlich verschobenes und vor
+übermäßiger Fröhlichkeit verzerrtes Gesicht mit dem weißen, geschorenen
+Backenbart war zinnoberfarben ...
+
+»A-aha!« schrie er, daß seine Stimme sich überschlug ... »Das finde ich
+höchst ... höchst spaßhaft! Aber Sie sollten es sich überlegen, Herr
+Konsul Buddenbrook, ein solch allerliebstes, ein solch köstliches
+Exemplar von einem Schwiegersöhnchen in den Graben zu werfen!... So
+etwas von Regsamkeit und Findigkeit gibt es auf Gottes weiter, lieber
+Erdenwelt nicht zum zweiten Male! Aha! schon vor vier Jahren, als uns
+schon einmal das Messer an der Kehle stand ... der Strick um den Hals
+lag ... wie wir da plötzlich die Verlobung mit Mademoiselle Buddenbrook
+an der Börse ausschreien ließen, noch bevor sie wirklich stattgefunden
+hatte ... jederlei Achtung! Na-hein, meine höchste Anerkennung ...!«
+
+»Kesselmeyer!« kreischte Herr Grünlich, machte krampfhafte Bewegungen
+mit den Händen, als ob er ein Gespenst von sich abwehrte, und lief in
+einen Winkel des Zimmers, woselbst er sich auf einen Stuhl setzte, das
+Gesicht in den Händen verbarg und sich so tief bückte, daß die Enden
+seiner Favoris auf seinen Schenkeln lagen. Einige Male zog er sogar die
+Knie empor.
+
+»Wie haben wir das eigentlich gemacht?« fuhr Herr Kesselmeyer fort. »Wie
+haben wir es eigentlich angefangen, das Töchterchen und die
+achtzigtausend Mark zu ergattern? O-ho! das arrangiert sich! Wenn man
+auch nur für einen Sechsling Regsamkeit und Findigkeit besitzt, so
+arrangiert sich das! Man legt dem rettenden Herrn Papa recht hübsche
+Bücher vor, allerliebste, reinliche Bücher, in denen alles aufs beste
+bestellt ist ... nur daß sie mit der rauhen Wirklichkeit nicht völlig
+übereinstimmen ... Denn in der rauhen Wirklichkeit sind drei Viertel der
+Mitgift schon Wechselschulden!«
+
+Der Konsul stand totenblaß an der Tür, den Griff in der Hand. Das Grauen
+rann ihm den Rücken hinunter. Befand er sich in dieser kleinen, unruhig
+beleuchteten Stube allein mit einem Gauner und einem vor Bosheit tollen
+Affen?
+
+»Herr, ich verachte Ihre Worte«, brachte er mit geringer Sicherheit
+hervor. »Ich verachte Ihre wahnsinnigen Verleumdungen um so mehr, als
+sie auch mich treffen ... mich, der ich meine Tochter nicht
+leichtfertigerweise ins Unglück gebracht habe. Ich habe sichere
+Erkundigungen über meinen Schwiegersohn eingezogen ... das übrige war
+Gottes Wille!«
+
+Er wandte sich, er =wollte= nichts mehr hören, er öffnete die Tür. Aber
+Herr Kesselmeyer schrie ihm nach: »Aha? Erkundigungen? Bei wem? Bei
+Bock? Bei Goudstikker? Bei Petersen? Bei Maßmann & Timm? Die waren ja
+alle engagiert! Die waren ja alle ganz ungeheuer engagiert! Die waren ja
+alle ungemein froh, daß sie durch die Heirat sichergestellt wurden ...«
+
+Der Konsul schlug die Tür hinter sich zu.
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Im Speisezimmer hantierte Dora, die nicht ganz ehrliche Köchin.
+
+»Bitte Madame Grünlich herunterzukommen«, befahl der Konsul.
+
+»Mach' dich fertig, mein Kind«, sagte er, als Tony erschien. Er ging mit
+ihr in den Salon hinüber. »Mach' dich in aller Eile bereit und trage
+Sorge, daß auch Erika bald reisefertig ist ... Wir fahren zur Stadt ...
+Wir werden im Gasthof übernachten und morgen nach Hause fahren.«
+
+»Ja, Papa«, sagte Tony. Ihr Gesicht war rot, verstört und ratlos. Sie
+machte unnütze und eilfertige Handbewegungen an ihrer Taille, ohne zu
+wissen, womit sie ihre Vorbereitungen beginnen sollte, und ohne noch
+recht an die Wirklichkeit dieses Erlebnisses glauben zu können.
+
+»Was soll ich mitnehmen, Papa?« fragte sie ängstlich und erregt ...
+»Alles? Alle Kleider? Einen oder zwei Koffer?... Macht Grünlich wirklich
+Bankerott?... O Gott!... Aber kann ich dann meine Schmucksachen
+mitnehmen?... Papa, die Mädchen müssen doch gehen ... ich kann sie nicht
+mehr ablohnen ... Grünlich hätte mir heute oder morgen Wirtschaftsgeld
+geben müssen ...«
+
+»Laß das, mein Kind; diese Dinge werden hier geordnet werden. Nimm nur
+das Notwendigste ... einen Koffer ... einen kleinen. Man wird dir dein
+Eigentum nachschicken. Spute dich, hörst du? Wir haben ...«
+
+In diesem Augenblicke wurden die Portieren auseinandergeschlagen und in
+den Salon kam Herr Grünlich. Mit raschen Schritten, die Arme
+ausgebreitet und den Kopf zur Seite geneigt, in der Haltung eines
+Mannes, welcher sagen will: Hier bin ich! Töte mich, wenn du willst!
+eilte er auf seine Gattin zu und sank dicht vor ihr auf beide Knie
+nieder. Sein Anblick war mitleiderregend. Seine goldgelben Favoris waren
+zerzaust, sein Leibrock war zerknittert, seine Halsbinde verschoben,
+sein Kragen stand offen, und auf seiner Stirn waren kleine Tropfen zu
+bemerken.
+
+»Antonie ...!« sagte er. »Sieh mich hier ... Hast du ein Herz, ein
+fühlendes Herz?... Höre mich an ... du siehst einen Mann vor dir, der
+vernichtet, zugrunde gerichtet ist, wenn ... ja, der vor Kummer sterben
+wird, wenn du seine Liebe verschmähst! Hier liege ich ... bringst du es
+über das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue dich --? Ich verlasse
+dich --?«
+
+Tony weinte. Es war genau wie damals im Landschaftszimmer. Wieder sah
+sie dies angstverzerrte Gesicht, diese flehenden Augen auf sich
+gerichtet, und wieder sah sie mit Erstaunen und Rührung, daß diese Angst
+und dieses Flehen ehrlich und ungeheuchelt waren.
+
+»Steh' auf, Grünlich«, sagte sie schluchzend. »Bitte, steh' doch auf!«
+Und sie versuchte, ihn an den Schultern emporzuheben. Ich verabscheue
+dich nicht! Wie kannst du dergleichen sagen!...« Ohne zu wissen, was sie
+sonst noch sprechen sollte, wandte sie sich vollkommen hilflos ihrem
+Vater zu. Der Konsul ergriff ihre Hand, verneigte sich vor seinem
+Schwiegersohn und ging mit ihr der Korridortüre zu.
+
+»Du gehst?« rief Herr Grünlich und sprang auf die Füße ...
+
+»Ich habe Ihnen schon ausgesprochen«, sagte der Konsul, »daß ich es
+nicht verantworten kann, mein Kind so ganz unverschuldet dem Unglück zu
+überlassen, und ich füge hinzu, daß auch Sie das nicht können. Nein,
+mein Herr, Sie haben den Besitz meiner Tochter verscherzt. Und danken
+Sie Ihrem Schöpfer dafür, daß er das Herz dieses Kindes so rein und
+ahnungslos erhalten hat, daß sie sich =ohne= Abscheu von Ihnen trennt!
+Leben Sie wohl.«
+
+Hier aber verlor Herr Grünlich den Kopf. Er hätte von kurzer Trennung,
+von Rückkehr und neuem Leben sprechen und vielleicht die Erbschaft
+retten können; aber es war zu Ende mit seiner Überlegung, seiner
+Regsamkeit und Findigkeit. Er hätte den großen, unzerbrechlichen,
+bronzenen Teller nehmen können, der auf der Spiegeletagere stand, aber
+er nahm die dünne, mit Blumen bemalte Vase, die sich dicht daneben
+befand, und warf sie zu Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang ...
+
+»Ha! Schön! Gut!« schrie er. »Geh' nur! Meinst du, daß ich dir
+nachheule, du Gans? Ach nein, Sie irren sich, meine Teuerste! Ich habe
+dich =nur= deines Geldes wegen geheiratet, aber da es noch lange nicht
+genug war, so mach' nur, daß du wieder nach Hause kommst! Ich bin deiner
+überdrüssig ... überdrüssig ... überdrüssig ...!«
+
+Johann Buddenbrook führte seine Tochter schweigend hinaus. Er selbst
+aber kehrte noch einmal zurück, schritt auf Herrn Grünlich zu, der, die
+Hände auf dem Rücken, am Fenster stand und in den Regen hinausstarrte,
+berührte sanft seine Schulter und sprach leise und mahnend: »Fassen Sie
+sich. =Beten= Sie.«
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+Das große Haus in der Mengstraße blieb lange Zeit von einer gedämpften
+Stimmung erfüllt, als Madame Grünlich, zusammen mit ihrer kleinen
+Tochter, dort wieder eingezogen war. Man ging behutsam umher und sprach
+nicht gerne »davon« ... ausgenommen die Hauptperson der ganzen
+Angelegenheit selbst, die im Gegenteile mit Leidenschaft davon sprach
+und sich dabei wahrhaft in ihrem Elemente fühlte.
+
+Tony bezog mit Erika im zweiten Stockwerk die Zimmer, die ehemals, zur
+Zeit der alten Buddenbrooks, ihre Eltern innegehabt hatten. Sie war ein
+wenig enttäuscht, als ihr Papa es sich keineswegs in den Sinn kommen
+ließ, ein eignes Dienstmädchen für sie zu engagieren, und sie durchlebte
+eine nachdenkliche halbe Stunde, als er ihr mit sanften Worten
+auseinandersetzte, es zieme sich vorderhand nichts anderes für sie, als
+in Zurückgezogenheit zu leben und auf die Geselligkeit in der Stadt zu
+verzichten, denn wenn sie auch an dem Geschick, das Gott als Prüfung
+über sie verhängt, nach menschlichen Begriffen unschuldig sei, so lege
+doch ihre Stellung als geschiedene Frau ihr fürs erste die äußerste
+Zurückhaltung auf. Aber Tony besaß die schöne Gabe, sich jeder
+Lebenslage mit Talent, Gewandtheit und lebhafter Freude am Neuen
+anzupassen. Sie gefiel sich bald in ihrer Rolle als eine von
+unverschuldetem Unglück heimgesuchte Frau, kleidete sich dunkel, trug
+ihr hübsches aschblondes Haar glatt gescheitelt wie als junges Mädchen
+und hielt sich für die mangelnde Geselligkeit schadlos, indem sie zu
+Hause mit ungeheurer Wichtigkeit und unermüdlicher Freude an dem Ernst
+und der Bedeutsamkeit ihrer Lage Betrachtungen über ihre Ehe, über Herrn
+Grünlich und über Leben und Schicksal im allgemeinen anstellte.
+
+Nicht jedermann bot ihr Gelegenheit dazu. Die Konsulin war zwar
+überzeugt, daß ihr Gatte korrekt und pflichtgemäß gehandelt habe; aber
+sie erhob, wenn Tony zu sprechen begann, nur leicht ihre schöne weiße
+Hand und sagte: »_Assez_, mein Kind. Ich höre nicht gern von dieser
+Affäre.«
+
+Klara, erst zwölfjährig, verstand nichts von der Sache, und Cousine
+Thilda war gleichfalls zu dumm. »O Tony, wie traurig!« war alles, was
+sie langgedehnt und erstaunt hervorzubringen wußte. Dagegen fand die
+junge Frau eine aufmerksame Zuhörerin in Mamsell Jungmann, die nun schon
+35 Jahre zählte und sich rühmen durfte, im Dienste der ersten Kreise
+ergraut zu sein. »Brauchst nicht Furcht haben, Tonychen, mein
+Kindchen«, sagte sie; »bist noch jung, wirst dich wieder verheiraten.«
+Übrigens widmete sie sich mit Liebe und Treue der Erziehung der kleinen
+Erika und erzählte ihr dieselben Erinnerungen und Geschichten, denen vor
+fünfzehn Jahren die Kinder des Konsuls gelauscht hatten: von einem Onkel
+im besonderen, der zu Marienwerder am Schluckauf gestorben war, weil er
+»sich das Herz abgestoßen« hatte.
+
+Am liebsten und längsten aber plauderte Tony, nach dem Mittagessen oder
+morgens beim ersten Frühstück, mit ihrem Vater. Ihr Verhältnis zu ihm
+war mit einem Schlage weit inniger geworden als früher. Sie hatte
+bislang, bei seiner Machtstellung in der Stadt, bei seiner emsigen,
+soliden, strengen und frommen Tüchtigkeit, mehr ängstliche Ehrfurcht als
+Zärtlichkeit für ihn empfunden; während jener Auseinandersetzung aber in
+ihrem Salon war er ihr menschlich nahegetreten, und es hatte sie mit
+Stolz und Rührung erfüllt, daß er sie eines vertrauten und ernsten
+Gespräches über diese Sache gewürdigt, daß er die Entscheidung ihr
+selbst anheim gestellt und daß er der Unantastbare, ihr fast mit Demut
+gestanden, er fühle sich nicht schuldlos ihr gegenüber. Es ist sicher,
+daß Tony selbst niemals auf diesen Gedanken gekommen wäre; da er es aber
+sagte, so glaubte sie es, und ihre Gefühle für ihn wurden weicher und
+zarter dadurch. Was den Konsul selbst anging, so änderte er seine
+Anschauungsweise nicht und glaubte seiner Tochter mit verdoppelter Liebe
+ihr schweres Geschick entgelten zu müssen.
+
+Johann Buddenbrook war in keiner Weise persönlich gegen seinen
+betrügerischen Schwiegersohn vorgegangen. Zwar hatten Tony und ihre
+Mutter aus dem Verlaufe einiger Gespräche erfahren, zu welch unredlichen
+Mitteln Herr Grünlich gegriffen hatte, um 80000 Mark zu erlangen; aber
+der Konsul hütete sich wohl, die Sache der Öffentlichkeit oder gar der
+Justiz zu übergeben. Er fühlte in seinem Stolz als Geschäftsmann sich
+bitter gekränkt und verwand schweigend die Schmach, so plump übers Ohr
+gehauen worden zu sein.
+
+Jedenfalls strengte er, sobald der Konkurs des Hauses B. Grünlich
+erfolgt -- der übrigens in Hamburg verschiedenen Firmen nicht
+unerhebliche Verluste bereitete --, mit Entschlossenheit den
+Scheidungsprozeß an ... und dieser Prozeß war es hauptsächlich, der
+Gedanke, daß sie, sie selbst den Mittelpunkt eines wirklichen Prozesses
+bildete, der Tony mit einem unbeschreiblichen Würdegefühl erfüllte.
+
+»Vater«, sagte sie; denn in solchen Gesprächen nannte sie den Konsul
+niemals »Papa«. »Vater, wie geht unsere Sache vorwärts? Du meinst doch,
+daß alles gut gehen wird? Der Paragraph ist vollkommen klar; ich habe
+ihn genau studiert! `Unfähigkeit des Mannes, seine Familie zu
+ernähren ...´ Die Herren müssen das einsehen. Wenn ein Sohn da wäre,
+würde Grünlich ihn behalten ...«
+
+Ein anderes Mal sagte sie: »Ich habe noch viel über die Jahre meiner Ehe
+nachgedacht, Vater. Ha! also =deshalb= wollte der Mensch durchaus nicht,
+daß wir in der Stadt wohnten, was ich doch so sehr wünschte. Also
+=deshalb= sah er es niemals gern, daß ich überhaupt in der Stadt
+verkehrte und Gesellschaften besuchte! Die Gefahr war dort wohl größer
+als in Eimsbüttel, daß ich auf irgendeine Weise erfuhr, wie es
+eigentlich um ihn bestellt war!... Was für ein Filou!«
+
+»Wir sollen nicht richten, mein Kind«, erwiderte der Konsul.
+
+Oder sie begann, als die Ehescheidung ausgesprochen war, mit wichtiger
+Miene: »Du hast es doch schon in die Familienpapiere eingetragen, Vater?
+Nein? Oh, dann darf ich es wohl tun ... Bitte, gib mir den Schlüssel zum
+Sekretär.«
+
+Und emsig und stolz schrieb sie unter die Zeilen, die sie vor vier
+Jahren hinter ihren Namen gesetzt: »Diese Ehe ward _anno_ 1850 im
+Februar rechtskräftig wieder aufgelöst.«
+
+Dann legte sie die Feder fort und dachte einen Augenblick nach.
+
+»Vater«, sagte sie, »ich weiß wohl, daß dies Ereignis einen Flecken in
+unserer Familiengeschichte bildet. Ja, ich habe schon viel darüber
+nachgedacht. Es ist genau, als wäre hier ein Tintenklecks in diesem
+Buche. Aber sei ruhig ... es ist meine Sache, ihn wieder fortzuradieren!
+Ich bin noch jung ... findest du nicht, daß ich noch ziemlich hübsch
+bin? Obgleich Madame Stuht, als sie mich wiedersah, zu mir sagte: `O
+Gott, Madame Grünlich, wie sind Sie alt geworden!´ Nun, man kann
+unmöglich sein Lebtag eine solche Gans bleiben, wie ich vor vier Jahren
+war ... das Leben nimmt einen natürlich mit ... Kurz, nein, ich werde
+mich wieder verheiraten! Du sollst sehen, alles wird durch eine neue
+vorteilhafte Partie wieder gut gemacht werden! Meinst du nicht?«
+
+»Das steht in Gottes Hand, mein Kind. Aber es schickt sich durchaus
+nicht, jetzt über solche Dinge zu sprechen.«
+
+Im übrigen begann Tony um diese Zeit sich sehr oft der Redewendung »Wie
+es im Leben so geht ...« zu bedienen, und bei dem Worte »Leben« hatte
+sie einen hübschen und ernsten Augenaufschlag, welcher zu ahnen gab,
+welch tiefe Blicke sie in Menschenleben und -schicksal getan ...
+
+Der Tisch im Eßsaale vergrößerte sich noch mehr, und Tony erhielt neue
+Gelegenheit, sich auszusprechen, als Thomas im August dieses Jahres von
+Pau nach Hause zurückkehrte. Sie liebte und verehrte diesen Bruder, der
+ja auch damals bei der Abreise von Travemünde ihren Schmerz gekannt und
+gewürdigt hatte und in dem sie den zukünftigen Firmenchef, das
+einstmalige Familienhaupt erblickte, von ganzem Herzen.
+
+»Ja, ja«, sagte er, »wir beide haben schon allerhand durchgemacht,
+Tony ...« Dann zog er eine Braue empor, ließ die russische Zigarette in
+den anderen Mundwinkel wandern und dachte wahrscheinlich an das kleine
+Blumenmädchen mit dem malaiischen Gesichtstypus, das vor kurzer Zeit den
+Sohn ihrer Brotgeberin geheiratet hatte und nun auf eigene Hand das
+Blumengeschäft in der Fischergrube fortführte.
+
+Thomas Buddenbrook, noch ein wenig blaß, war eine auffallend elegante
+Erscheinung. Es schien, daß diese letzten Jahre seine Erziehung durchaus
+vollendet hatten. Mit seiner über den Ohren zu kleinen Hügeln
+zusammengebürsteten Frisur, mit seinen nach französischer Mode sehr
+spitz gedrehten und mit der Brennzange waagerecht ausgezogenen
+Schnurrbart und seiner untersetzten, ziemlich breitschulterigen Gestalt
+machte seine Figur einen beinahe militärischen Eindruck. Aber das
+bläuliche, allzu sichtbare Geäder an seinen schmalen Schläfen, von denen
+das Haar in zwei Einbuchtungen zurücktrat, sowie eine leichte Neigung
+zum Schüttelfrost, die der gute Doktor Grabow vergebens bekämpfte,
+deutete an, daß seine Konstitution nicht besonders kräftig war. Was
+Einzelheiten der Körperbildung, wie das Kinn, die Nase und besonders die
+Hände ... wunderbar echt Buddenbrooksche Hände! betraf, so war seine
+Ähnlichkeit mit dem Großvater noch größer geworden.
+
+Er sprach ein mit spanischen Lauten untermischtes Französisch und setzte
+jedermann durch seine Liebhaberei für gewisse moderne Schriftsteller
+satirischen und polemischen Charakters in Erstaunen ... Nur bei dem
+finsteren Makler, Herrn Gosch, fand er in der Stadt für diese Neigung
+Verständnis; sein Vater verurteilte sie aufs strengste.
+
+Das hinderte nicht, daß der Stolz und das Glück, das der Konsul über
+seinen ältesten Sohn empfand, ihm in den Augen zu lesen war. Mit Rührung
+und Freude begrüßte er ihn alsbald nach seiner Ankunft aufs neue als
+Mitarbeiter in seinen Kontors, in denen er selbst jetzt wieder mit
+größerer Genugtuung zu wirken begann: und zwar nach dem Tode der alten
+Madame Kröger, der am Ende des Jahres erfolgte.
+
+Man mußte den Verlust der alten Dame mit Fassung ertragen. Sie war
+steinalt geworden und hatte zuletzt ganz einsam gelebt. Sie ging zu
+Gott, und Buddenbrooks bekamen eine Menge Geld, volle runde 100000 Taler
+Kurant, die das Betriebskapital der Firma in wünschenswertester Weise
+verstärkten.
+
+Eine weitere Folge dieses Sterbefalles war diejenige, daß des Konsuls
+Schwager Justus, sobald er den Rest seines Erbteiles in Händen hatte,
+müde seiner beständigen geschäftlichen Mißerfolge, liquidierte und sich
+zur Ruhe setzte. Justus Kröger, der Suitier, des _à la mode_-Kavaliers
+lebensfroher Sohn, war kein sehr glücklicher Mensch. Er hatte, mit
+seiner Kulanz und seiner heiteren Leichtlebigkeit, es niemals zu einer
+sicheren, soliden und zweifellosen Position in der Kaufmannswelt bringen
+können, er hatte einen bedeutenden Teil seines elterlichen Erbes im
+voraus eingebüßt, und neuerdings kam hinzu, daß Jakob, sein ältester
+Sohn, ihm schwere Kümmernisse bereitete.
+
+Der junge Mann, der in dem großen Hamburg sich sittenlose Gesellschaft
+gewählt zu haben schien, hatte seinem Vater mit den Jahren eine
+ungebührliche Menge Kurantmark gekostet, und da, wenn Konsul Kröger
+sich weigerte, noch mehr zu leisten, seine Gattin, eine schwache und
+zärtliche Frau, dem lockeren Sohne heimlich weitere Geldsummen zukommen
+ließ, so waren zwischen dem Ehepaar traurige Mißhelligkeiten entstanden.
+Um allem die Krone aufzusetzen, war fast zur selben Zeit, als B.
+Grünlich seine Zahlungen einstellte, in Hamburg, wo Jakob Kröger bei den
+Herren Dalbeck & Comp. arbeitete, noch etwas anderes, Unheimliches
+vorgefallen ... Ein Übergriff, eine Unredlichkeit hatte stattgefunden
+... Man sprach nicht davon und richtete keine Fragen an Justus Kröger;
+aber es hieß, daß Jakob in Neuyork eine Stellung als Reisender gefunden
+habe und demnächst zu Schiff gehen werde. Einmal, vor seiner Fahrt,
+wurde er in der Stadt gesehen, wohin er wahrscheinlich gekommen war, um
+außer dem Reisegelde, das sein Vater ihm zugeschickt, von seiner Mutter
+noch mehr zu erlangen: ein geckenhaft gekleideter Jüngling von
+ungesundem Aussehen.
+
+Kurz, es war dahin gekommen, daß Konsul Justus, als ob er nur einen
+Leibeserben besäße, ausschließlich von »meinem Sohne« sprach ... womit
+er Jürgen meinte, der sich zwar niemals eines Vergehens schuldig
+gemacht, aber geistig allzu beschränkt erschien. Er hatte das Gymnasium
+mit großer Mühe absolviert und befand sich seit einiger Zeit in Jena, wo
+er sich, ohne viel Freude und Erfolg, wie es den Anschein hatte, der
+Jurisprudenz widmete.
+
+Johann Buddenbrook empfand aufs schmerzlichste die wenig ehrenvolle
+Entwicklung der Familie seiner Frau und blickte mit desto ängstlicherer
+Erwartung auf seine eigenen Kinder. Er war berechtigt, die vollste
+Zuversicht in die Tüchtigkeit und den Ernst seines ältesten Sohnes zu
+setzen; was aber Christian betraf, so hatte Mr. Richardson geschrieben,
+der junge Mann habe sich zwar mit entschiedener Begabung die englische
+Sprache zu eigen gemacht, zeige aber im Geschäft nicht immer
+hinreichendes Interesse und lege eine allzu große Schwäche für die
+Zerstreuungen der Weltstadt, zum Beispiel für das Theater, an den Tag.
+Christian selbst bewies in seinen Briefen ein lebhaftes Wanderbedürfnis
+und bat eifrig um die Erlaubnis, »drüben«, das heißt in Südamerika,
+vielleicht in Chile, eine Stellung annehmen zu dürfen. »Aber das ist
+Abenteuerlust«, sagte der Konsul und befahl ihm, vorerst während eines
+vierten Jahres seine merkantilen Kenntnisse bei Mr. Richardson zu
+vervollständigen. Es wurden dann noch einige Briefe über seine Pläne
+gewechselt, und im Sommer 1851 segelte Christian Buddenbrook in der Tat
+nach Valparaiso, wo er sich eine Position verschafft hatte. Er reiste
+direkt von England, ohne vorher in die Heimat zurückzukehren.
+
+Abgesehen aber von den beiden Söhnen, bemerkte der Konsul zu seiner
+Genugtuung, mit welcher Entschiedenheit und welchem Selbstgefühle Tony
+ihre Stellung als eine geborene Buddenbrook in der Stadt verteidigte ...
+obgleich man hatte vorhersehen müssen, daß sie in ihrer Eigenschaft als
+geschiedene Frau allerlei Schadenfreude und Voreingenommenheiten auf
+seiten der anderen Familien werde zu überwinden haben.
+
+»Ha!« sagte sie, als sie mit gerötetem Gesicht von einem Spaziergang
+zurückkam, und warf ihren Hut auf das Sofa im Landschaftszimmer ...
+»Diese Möllendorpf, diese geborene Hagenström, diese Semmlinger, dieses
+Julchen, dieses Geschöpf ... was meinst du wohl, Mama! Sie grüßt mich
+nicht ... nein, sie grüßt mich nicht! Sie wartet, daß ich sie zuerst
+grüße! Was sagst du dazu! Ich bin in der Breiten Straße mit erhobenem
+Kopfe an ihr vorübergegangen und habe ihr gerade ins Gesicht
+gesehen ...«
+
+»Du gehst zu weit, Tony ... Nein, alles hat seine Grenzen. Warum
+konntest du Madame Möllendorpf nicht zuerst grüßen? Ihr seid
+gleichaltrig, und sie ist eine verheiratete Frau so gut wie du es
+warst ...«
+
+»Niemals, Mama! O Gott, das Geschmeiß!«
+
+»_Assez_, meine Liebe! So undelikate Worte ...«
+
+»Oh, man kann sich hinreißen lassen!«
+
+Ihr Haß gegen diese »hergelaufene Familie« wurde durch die bloße
+Vorstellung genährt, daß die Hagenströms sich nun vielleicht berechtigt
+fühlen könnten, auf sie herabzusehen, und nicht minder durch das Glück,
+mit dem dies Geschlecht emporblühte. Der alte Hinrich starb zu Anfang
+des Jahres 51, und sein Sohn Hermann ... Hermann mit den Zitronensemmeln
+und der Ohrfeige, führte nun an der Seite des Herrn Strunck das glänzend
+gehende Exportgeschäft fort und heiratete ein kurzes Jahr später die
+Tochter des Konsuls Huneus, des reichsten Mannes der Stadt, der es mit
+seinem Holzhandel dahin gebracht hatte, jedem seiner drei Kinder zwei
+Millionen hinterlassen zu können. Sein Bruder Moritz hatte trotz seiner
+Brustschwächlichkeit ein ungewöhnlich erfolgreiches Studium hinter sich
+und ließ sich in der Stadt als Rechtsgelehrter nieder. Er galt für einen
+hellen, schlauen, witzigen, ja sogar schöngeistigen Kopf und zog rasch
+eine beträchtliche Praxis an sich. Er hatte nichts Semlingersches in
+seinem Äußern, besaß aber ein gelbes Gesicht und spitzige, lückenhafte
+Zähne.
+
+Sogar in der Familie selbst galt es den Kopf hochzuhalten. Seit Onkel
+Gotthold fern den Geschäften lebte, mit seinen kurzen Beinen und weiten
+Hosen sorglos in seiner bescheidenen Wohnung umherging und aus einer
+Blechbüchse Brustbonbons aß, denn er liebte sehr die Süßigkeiten ... war
+seine Stimmung gegen den bevorzugten Stiefbruder mit den Jahren immer
+milder und resignierter geworden, was freilich nicht ausschloß, daß er
+angesichts seiner drei unverheirateten Töchter einige stille Genugtuung
+über Tonys mißglückte Ehe empfand. Um aber vor seiner Frau, der
+geborenen Stüwing, und besonders von den drei nun schon sechs-, sieben-
+und achtundzwanzig Jahre alten Mädchen zu reden, so bewiesen sie für das
+Unglück ihrer Cousine und den Scheidungsprozeß ein beinahe
+übertriebenes, ein weitaus lebhafteres Interesse, als sie damals für die
+Verlobung und Hochzeit selbst offenbart hatten. An den »Kindertagen«,
+die seit dem Tode der alten Madame Kröger Donnerstags wieder in der
+Mengstraße abgehalten wurden, hatte Tony keinen leichten Stand ihnen
+gegenüber ...
+
+»O Gott, du Ärmste!« sagte Pfiffi, die Jüngste, die klein und beleibt
+war und eine drollige Art hatte, sich bei jedem Worte zu schütteln und
+Feuchtigkeit in die Mundwinkel zu bekommen. »Nun ist es also
+ausgesprochen? Nun bist du also gerade so weit wie vorher?«
+
+»Ach, im Gegenteile!« sagte Henriette, die wie ihre ältere Schwester von
+außerordentlich langer und dürrer Gestalt war. »Du bist sehr viel
+trauriger daran, als wenn du dich überhaupt nicht verheiratet hättest.«
+
+»Das muß ich sagen«, bestätigte Friederike. »=Dann= ist es ja
+unvergleichlich viel besser, =niemals= zu heiraten.«
+
+»O nein, liebe Friederike!« sagte Tony, indem sie den Kopf zurücklegte
+und sich eine recht schlagkräftige und formgewandte Erwiderung
+ausdachte. »Da dürftest du denn doch wohl in einem Irrtum befangen sein,
+nicht wahr?! Man hat doch immerhin das Leben kennengelernt, weißt du!
+Man ist doch keine Gans mehr! Und dann habe ich ja immer noch mehr
+Aussicht, mich wieder zu verheiraten, als so manche andere, es zum
+ersten Male zu tun.«
+
+»Zo?« sagten die Kusinen einstimmig ... Sie sagten »Zo« mit einem Z, was
+sich desto spitziger und ungläubiger ausnahm.
+
+Sesemi Weichbrodt aber war viel zu gut und taktvoll, um die Sache auch
+nur zu erwähnen. Tony besuchte ihre ehemalige Pflegerin zuweilen in dem
+roten Häuschen, am Mühlenbrink Nr. 7, das noch immer von einer Anzahl
+junger Mädchen belebt wurde, obgleich die Pension anfing, langsam aus
+der Mode zu kommen; und auch das tüchtige alte Mädchen ward hie und da
+in die Mengstraße auf einen Rehrücken oder eine gefüllte Gans gebeten.
+Dann erhob sie sich auf die Zehenspitzen und küßte Tony gerührt,
+ausdrucksvoll und mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. Was ihre
+ungelehrte Schwester, Madame Kethelsen anging, so begann sie neuerdings
+mit großer Schnelligkeit taub zu werden und hatte fast nichts von Tonys
+Geschichte verstanden. Sie stieß bei immer unpassenderen Gelegenheiten
+ihr unwissendes und vor unbefangener Herzlichkeit fast klagendes Lachen
+aus, so daß Sesemi sich beständig genötigt sah, auf den Tisch zu pochen
+und »Nally!« zu rufen ...
+
+Die Jahre schwanden dahin. Der Eindruck, den das Erlebnis von Konsul
+Buddenbrooks Tochter in der Stadt und in der Familie hervorgerufen
+hatte, verwischte sich mehr und mehr. Tony selbst wurde an ihre Ehe nur
+dann und wann erinnert, wenn sie im Gesicht der gesund heranwachsenden
+kleinen Erika diese oder jene Ähnlichkeit mit Bendix Grünlich bemerkte.
+Aber sie kleidete sich wieder hell, trug ihr Haar wieder über die Stirn
+gekraust und besuchte wie ehemals Gesellschaften in ihrem
+Bekanntenkreise.
+
+Immerhin war sie recht froh, daß ihr Gelegenheit geboten wurde, jährlich
+im Sommer die Stadt auf längere Zeit zu verlassen ... denn leider machte
+das Befinden des Konsuls jetzt weitere Kurreisen notwendig.
+
+»Man weiß nicht, was es heißt, alt zu werden!« sagte er. »Ich bekomme
+einen Kaffeefleck in mein Beinkleid und kann nicht kaltes Wasser
+daraufbringen, ohne sofort den heftigsten Rheumatismus davonzutragen ...
+Was konnte man sich früher erlauben?« Auch litt er manchmal an
+Schwindelanfällen.
+
+Man ging nach Obersalzbrunn, nach Ems und Baden-Baden, nach Kissingen,
+man machte von dort aus sogar eine so bildende wie unterhaltende Reise
+über Nürnberg nach München, durchs Salzburgische über Ischl nach Wien,
+über Prag, Dresden, Berlin nach Hause ... und obgleich Madame Grünlich
+wegen einer nervösen Magenschwäche, die sich neuerdings bei ihr
+bemerkbar zu machen begann, in den Bädern gezwungen war, sich einer
+strengen Kur zu unterwerfen, empfand sie diese Reisen als eine höchst
+erwünschte Abwechselung, denn sie verhehlte durchaus nicht, daß sie sich
+zu Hause ein wenig langweilte.
+
+»Oh, mein Gott, weißt du, wie es im Leben so geht, Vater!« sagte sie,
+indem sie gedankenvoll die Zimmerdecke betrachtete ... »Gewiß, ich habe
+das Leben kennengelernt ... aber gerade darum ist es eine etwas trübe
+Aussicht für mich, hier nun immer zu Hause sitzen zu müssen wie ein
+dummes Ding. Du glaubst hoffentlich nicht, daß ich nicht gern bei euch
+bin, Papa ... ich müßte ja Schläge haben, es wäre die höchste
+Undankbarkeit! Aber wie es im Leben so ist, weißt du ...«
+
+Hauptsächlich aber ärgerte sie sich über den immer religiöseren Geist,
+der ihr weitläufiges Vaterhaus erfüllte, denn des Konsuls fromme
+Neigungen traten in dem Grade, in welchem er betagt und kränklich wurde,
+immer stärker hervor, und seitdem die Konsulin alterte, begann auch sie
+an dieser Geistesrichtung Geschmack zu finden. Die Tischgebete waren
+stets im Buddenbrookschen Hause üblich gewesen; jetzt aber bestand seit
+längerer Zeit das Gesetz, daß sich morgens und abends die Familie
+gemeinsam mit den Dienstboten im Frühstückszimmer versammelte, um aus
+dem Munde des Hausherrn einen Bibelabschnitt zu vernehmen. Außerdem
+mehrten die Besuche von Pastoren und Missionaren sich von Jahr zu Jahr,
+denn das würdige Patrizierhaus in der Mengstraße, wo man, nebenbei
+bemerkt, so vorzüglich speiste, war in der Welt der lutherischen und
+reformierten Geistlichkeit, der inneren und äußeren Mission längst als
+ein gastlicher Hafen bekannt, und aus allen Teilen des Vaterlandes kamen
+gelegentlich schwarzgekleidete und langhaarige Herren herbei, um ein
+paar Tage hier zu verweilen ... gottgefälliger Gespräche, einiger
+nahrhafter Mahlzeiten und klingender Unterstützung zu heiligen Zwecken
+gewiß. Auch die Prediger der Stadt gingen als Hausfreunde aus und
+ein ...
+
+Tom war viel zu diskret und verständig, um auch nur ein Lächeln sichtbar
+werden zu lassen, aber Tony mokierte sich ganz einfach, ja, sie ließ es
+sich leider angelegen sein, die geistlichen Herren lächerlich zu machen,
+sobald sich ihr Gelegenheit dazu bot.
+
+Zuweilen, wenn die Konsulin an Migräne litt, war es Madame Grünlichs
+Sache, die Wirtschaft zu besorgen und das Menü zu bestimmen. Eines
+Tages, als eben ein fremder Prediger, dessen Appetit die allgemeine
+Freude erregte, im Hause zu Gast war, ordnete sie heimtückisch
+Specksuppe an, das städtische Spezialgericht, eine mit säuerlichem
+Kraute bereitete Bouillon, in die man das ganze Mittagsmahl: Schinken,
+Kartoffeln, saure Pflaumen, Backbirnen, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen,
+Rüben und andere Dinge mitsamt der Fruchtsauce hineinrührte, und die
+niemand auf der Welt genießen konnte, der nicht von Kindesbeinen daran
+gewöhnt war.
+
+»Schmeckt es? Schmeckt es, Herr Pastor?« fragte Tony beständig ...
+»Nein? O Gott, wer hätte das gedacht!« Und dabei machte sie ein wahrhaft
+spitzbübisches Gesicht und ließ ihre Zungenspitze, wie sie es zu tun
+pflegte, wenn sie einen Streich erdachte oder ausführte, ganz leicht an
+der Oberlippe spielen.
+
+Der dicke Herr legte mit Ergebung den Löffel nieder und sagte arglos:
+»Ich werde mich an das nächste Gericht halten.«
+
+»Ja, es gibt noch ein kleines Apres«, sagte die Konsulin hastig ... denn
+ein »nächstes Gericht« war nach dieser Suppe undenkbar, und trotz
+einiger Armeritter mit Apfelgelee, welche nachfolgten, mußte der
+betrogene Geistliche, während Tony vor sich hin kicherte und Tom mit
+Selbstüberwindung eine Braue emporzog, sich ungesättigt vom Tische
+erheben ...
+
+Ein anderes Mal stand Tony mit der Köchin Stina in häuslichem Gespräche
+auf der Diele, als Pastor Mathias aus Kannstatt, der wieder einmal
+während einiger Tage im Hause weilte, von einem Ausgang zurückkehrte und
+an der Windfangtür klingelte. Mit ländlich watschelnden Schritten ging
+Trina zu öffnen, und der Pastor, in der Absicht, ein leutseliges Wort an
+sie zu richten und sie ein wenig zu prüfen, fragte freundlich: »Liebscht
+den Herrn?« ... Vielleicht war er willens, ihr etwas zu schenken, wenn
+sie sich treu zu ihrem Heiland bekannte.
+
+»Je, Herr Paster« ... sagte Trine zögernd, errötend und mit großen
+Augen. »Wekken meenen's denn? den Ollen oder den Jungen?«
+
+Madame Grünlich verfehlte nicht, diese Geschichte bei Tische mit lauter
+Stimme zu erzählen, so daß selbst die Konsulin in ihr pruschendes
+Krögersches Lachen ausbrach.
+
+Der Konsul freilich sah ernst und indigniert auf seinen Teller nieder.
+
+»Ein Mißverständnis ...« sagte Pastor Mathias verwirrt.
+
+
+Elftes Kapitel
+
+Was folgt, geschah im Spätsommer des Jahres fünfundfünfzig, an einem
+Sonntagnachmittage. Buddenbrooks saßen im Landschaftszimmer und warteten
+auf den Konsul, der sich unten noch ankleidete. Man hatte mit der
+Familie Kistenmaker ein Festtagsunternehmen, einen Spaziergang zu einem
+Vergnügungsgarten vorm Tore, verabredet. Ausgenommen Klara und
+Klothilde, die jeden Sonntagabend im Hause einer Freundin für kleine
+Negerkinder Strümpfe strickten, wollte man dort Kaffee trinken und
+vielleicht, wenn das Wetter es erlaubte, eine Ruderpartie auf dem Flusse
+unternehmen ...
+
+»Mit Papa ist es zum Heulen«, sagte Tony, indem sie nach ihrer
+Gewohnheit starke Worte wählte. »Kann er jemals zur festgesetzten Zeit
+fertig sein? Er sitzt an seinem Pult und sitzt ... und sitzt ... dies
+und das =muß= noch fertig werden ... großer Gott, vielleicht ist es
+wirklich notwendig, ich will nichts gesagt haben ... obgleich ich nicht
+glaube, daß wir geradezu Bankerott ansagen müßten, wenn er die Feder
+eine Viertelstunde früher weggelegt hätte. Gut ... wenn es schon zehn
+Minuten zu spät ist, fällt ihm sein Versprechen ein, und er kommt die
+Treppen herauf, indem er immer zwei Stufen überspringt, obgleich er
+weiß, daß er oben Kongestionen und Herzklopfen bekommt ... So ist es vor
+jeder Gesellschaft, vor jedem Ausgang! Kann er sich nicht Zeit lassen?
+Kann er nicht rechtzeitig aufbrechen und langsam gehen? Es ist
+unverantwortlich. Ich würde meinem Manne einmal ernstlich ins Gewissen
+reden, Mama ...«
+
+Sie saß, nach der Mode in changierende Seide gekleidet, auf dem Sofa bei
+der Konsulin, die ihrerseits eine schwerere Robe aus grauer, gerippter,
+mit schwarzen Spitzen besetzter Seide trug. Die Enden ihrer aus Spitzen
+und steifem Tüll gefertigten Haube, die unterm Kinn mit einer
+Atlasschleife zusammengefaßt waren, fielen auf die Brust hinab. Ihr
+glattgescheiteltes Haar war unveränderlich rotblond. Sie hielt einen
+Pompadour in ihren beiden weißen und zartblau geäderten Händen. Neben
+ihr im Fauteuil lehnte Tom und rauchte seine Zigarette, während am
+Fenster Klara und Thilda einander gegenübersaßen. Es war unfaßlich, wie
+völlig erfolglos die arme Klothilde täglich so gute und reichliche
+Nahrung zu sich nahm. Sie wurde beständig magerer, und ihr schwarzes
+Kleid, welches überhaupt gar keinen Schnitt hatte, beschönigte diese
+Tatsache nicht. In ihrem langen, stillen, grauen Gesicht unter dem
+glatten, aschfarbenen Scheitel stand eine gerade und poröse Nase, die
+sich vorn verdickte ...
+
+»Meint ihr, daß es =nicht= regnen wird!« sagte Klara. Das junge Mädchen
+hatte die Gewohnheit, bei einer Frage niemals die Stimme zu erheben, und
+sah mit einem bestimmten und ziemlich strengen Blick jedem einzelnen ins
+Gesicht. Ihr braunes Kleid war lediglich mit einem kleinen, weißen,
+gestärkten Fallkragen und ebensolchen Manschetten geschmückt. Sie saß
+aufrecht, die Hände im Schoße zusammengelegt. Die Dienstboten fürchteten
+sie am meisten, und sie hielt morgens und abends die Andacht ab, denn
+der Konsul konnte nicht mehr vorlesen, ohne sich Beschwerden im Kopf zu
+verursachen.
+
+»Nimmst du für heute abend deinen =Baschlik= mit, Tony!« fragte sie
+wieder. »Er wird verregnen. Schade um den neuen Baschlik. Ich halte es
+für richtiger, daß ihr euren Spaziergang verschiebt ...«
+
+»Nein«, erwiderte Tom; »Kistenmakers kommen. Es macht nichts ... das
+Barometer ist zu plötzlich gefallen ... Es gibt irgendeine kleine
+Katastrophe, einen Guß ... nichts Dauerndes. Papa ist noch nicht fertig,
+schön. Wir können ruhig warten, bis es vorüber ist.«
+
+Die Konsulin erhob abwehrend eine Hand. »Du glaubst, daß ein Gewitter
+kommt, Tom? Ach, du weißt, ich ängstige mich.«
+
+»Nein«, sagte Tom. »Ich habe heute morgen am Hafen mit Kapitän Kloot
+gesprochen. Er ist unfehlbar. Es gibt bloß einen Platzregen ... nicht
+einmal stärkeren Wind.«
+
+Verspätete Hundstage hatte diese zweite Septemberwoche gebracht. Bei
+Süd-Süd-Ostwind hatte der Sommer schwerer als im Juli auf der Stadt
+gelastet. Ein fremdartig dunkelblauer Himmel hatte über den Giebeln
+geleuchtet, fahl am Horizonte, wie in der Wüste; und nach
+Sonnenuntergang hatten in den schmalen Straßen Häuser und Bürgersteige
+wie Öfen eine dumpfe Wärme ausgestrahlt. Heute war der Wind ganz nach
+Westen hin umgeschlagen, und gleichzeitig hatte dieser plötzliche
+Barometersturz stattgefunden ... Noch war ein großer Teil des Himmels
+blau, aber langsam zog ein Komplex von graublauen Wolken daran herauf,
+dick und weich wie Kissen.
+
+Tom fügte hinzu: »Ich finde auch, der Regen käme höchst erwünscht. Wir
+würden verschmachten, wenn wir in dieser Luft marschieren müßten. Es ist
+eine unnatürliche Wärme. Ich habe dergleichen in Pau nicht gehabt ...«
+
+In diesem Augenblick trat Ida Jungmann, die kleine Erika an der Hand,
+ins Zimmer. Das Kind stak in einem frisch gesteiften Kattunkleidchen,
+verbreitete einen Geruch von Stärke und Seife und sah sehr drollig aus.
+Es hatte ganz die rosige Gesichtsfarbe und die Augen des Herrn Grünlich;
+aber die Oberlippe war diejenige Tonys.
+
+Die gute Ida war schon ganz grau, beinahe weiß, obgleich sie kaum die
+Vierzig überschritten hatte. Aber das lag in ihrer Familie; auch der
+Onkel, welcher am Schluckauf zugrunde gegangen war, hatte mit dreißig
+Jahren schon weißes Haar gehabt; übrigens blickten ihre kleinen braunen
+Augen treu, frisch und aufmerksam. Sie war nun zwanzig Jahre bei
+Buddenbrooks und empfand mit Stolz ihre Unentbehrlichkeit. Sie führte
+die Aufsicht über Küche, Speisekammer, Wäscheschränke und Porzellan, sie
+machte die wichtigeren Einkäufe, sie las der kleinen Erika vor, machte
+ihr Puppenkleider, arbeitete mit ihr und holte sie, bewaffnet mit einem
+Paket von belegtem Franzbrot, mittags von der Schule ab, um mit ihr auf
+dem Mühlenwall spazieren zu gehen. Jede Dame sagte zur Konsulin
+Buddenbrook oder ihrer Tochter: »Was für eine Mamsell haben Sie, Liebe!
+Gott, die Person ist goldeswert, was ich Ihnen sage! Zwanzig Jahre!...
+und sie wird mit sechzig und länger noch rüstig sein! Diese knochigen
+Leute ... und dann die treuen Augen! Ich beneide Sie, -- Liebe!« Aber
+Ida Jungmann hielt auch auf sich. Sie wußte, wer sie war, und wenn auf
+dem Mühlenwall sich ein gewöhnliches Dienstmädchen mit ihrem Zögling auf
+derselben Bank niederließ und von gleich zu gleich ein Gespräch beginnen
+wollte, so sagte Mamsell Jungmann: »Erikachen, hier zieht's«, und ging
+von dannen.
+
+Tony zog ihre kleine Tochter zu sich heran und küßte sie auf eine der
+rosigen Bäckchen, worauf die Konsulin ihr mit etwas zerstreutem Lächeln
+die Handfläche entgegenstreckte ... denn sie beobachtete ängstlich den
+Himmel, der dunkler und dunkler wurde. Ihre linke Hand fingerte nervös
+auf dem Sofapolster, und ihre hellen Augen wanderten unruhig seitwärts
+zum Fenster.
+
+Erika durfte sich neben die Großmutter setzen, und Ida nahm, ohne die
+Rückenlehne zu benützen, auf einem Sessel Platz und begann zu häkeln. So
+saßen alle eine Weile schweigend und warteten auf den Konsul. Die Luft
+war dumpf. Draußen war das letzte Stück Blau verschwunden, und tief,
+schwer und trächtig hing der dunkelgraue Himmel hernieder. Die Farben
+des Zimmers, die Tinten der Landschaften auf den Tapeten, das Gelb der
+Möbel und der Vorhänge, waren erloschen, die Nuancen in Tonys Kleide
+spielten nicht mehr, und die Augen der Menschen waren ohne Glanz. Und
+der Wind, der Westwind, der eben noch drüben in den Bäumen auf dem
+Marienkirchhof gespielt hatte und den Staub auf der dunklen Straße in
+kleinen Wirbeln umhergetrieben hatte, regte sich nicht mehr. Es war
+einen Augenblick vollkommen still.
+
+Da, plötzlich, trat dieser Moment ein ... ereignete sich etwas
+Lautloses, Erschreckendes. Die Schwüle schien verdoppelt, die Atmosphäre
+schien einen, sich binnen einer Sekunde rapide steigernden Druck
+auszuüben, der das Gehirn beängstigte, das Herz bedrängte, die Atmung
+verwehrte ... drunten flatterte eine Schwalbe so dicht über der Straße,
+daß ihre Flügel das Pflaster schlugen ... Und dieser unentwirrbare
+Druck, diese Spannung, diese wachsende Beklemmung des Organismus wäre
+unerträglich geworden, wenn sie den geringsten Teil eines Augenblicks
+länger gedauert hätte, wenn nicht auf ihrem sofort erreichten Höhepunkt
+eine Abspannung, ein Überspringen stattgefunden hätte ... ein kleiner,
+erlösender Bruch, der sich unhörbar irgendwo ereignete und den man
+gleichwohl zu hören glaubte ... wenn nicht in demselben Moment, fast
+ohne daß ein Tropfenfall vorhergegangen wäre, der Regen
+herniedergebrochen wäre, daß das Wasser im Rinnstein schäumte und auf
+dem Bürgersteig hoch emporsprang ...
+
+Thomas, durch Krankheit daran gewöhnt, die Kundgebungen seiner Nerven zu
+beobachten, hatte sich in dieser seltsamen Sekunde vorgebeugt, eine
+Handbewegung nach dem Kopfe gemacht und die Zigarette fortgeworfen. Er
+sah im Kreise umher, ob auch die anderen es gefühlt und beachtet hätten.
+Er glaubte etwas bei seiner Mutter bemerkt zu haben; den übrigen schien
+nichts bewußt geworden zu sein. Jetzt blickte die Konsulin in den dicken
+Regen hinaus, der die Marienkirche völlig verhüllte, und seufzte: »Gott
+sei Dank.«
+
+»So«, sagte Tom. »Das kühlt in zwei Minuten. Nun werden draußen die
+Tropfen an den Bäumen hängen, und wir werden in der Veranda Kaffee
+trinken. Thilda, mach' mal das Fenster auf.«
+
+Das Geräusch des Regens drang stärker herein. Er lärmte förmlich. Alles
+rauschte, plätscherte, rieselte und schäumte. Der Wind war wieder
+aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerriß ihn
+und trieb ihn umher. Jede Minute brachte neue Kühlung.
+
+Da kam Line, das Folgmädchen Line im Laufschritt durch die Säulenhalle
+und fuhr so heftig ins Zimmer herein, daß Ida Jungmann beschwichtigend
+und vorwurfsvoll ausrief: »Gott, ich sage!...«
+
+Lines ausdruckslose blaue Augen waren weit aufgerissen, und ihre
+Kinnbacken arbeiteten eine Weile vergebens ...
+
+»Ach, Fru Konsulin, ach nee, nu kamen's man flink ... ach Gottes nee,
+wat heww ick mi verfiert ...!«
+
+»Gut«, sagte Tony, »nun hat sie wieder Stücke gemacht! Wahrscheinlich
+aus gutem Porzellan! Nein, Mama, dein Personal ...!«
+
+Aber das Mädchen stieß geängstigt hervor: »Ach nee, Ma'm' Grünlich ...
+un wenn es dat man wier ... öäwer dat is mit den Herrn, und ick wollt
+man die Stiefel bringen, un doar sitt Herr Kunsel doar upp'm Lehnstaul
+und kann nich reden und kiemt man immer bloß so, un ick glöw, dat geht
+nich gaut, denn Herr Kunsel is ook goar tau geel ...«
+
+»Zu Grabow!« schrie Thomas und drängte sie zur Tür hinaus.
+
+»Mein Gott! O mein Gott!« rief die Konsulin, indem sie die Hände neben
+ihrem Gesichte faltete und hinauseilte ...
+
+»Zu Grabow ... mit einem Wagen ... sofort!« wiederholte Tony atemlos.
+
+Man flog die Treppe hinunter, durchs Frühstückszimmer, ins Schlafzimmer.
+
+Aber Johann Buddenbrook war schon tot.
+
+
+
+
+Fünfter Teil
+
+
+Erstes Kapitel
+
+»Guten Abend, Justus«, sagte die Konsulin. »Geht es dir gut? Nimm
+Platz.«
+
+Konsul Kröger umarmte sie zart und flüchtig und schüttelte seiner
+ältesten Nichte die Hand, die gleichfalls im Eßsaale zugegen war. Er
+zählte nun ungefähr fünfundfünfzig Jahre und hatte sich zu seinem
+kleinen Schnurrbart einen starken runden Backenbart wachsen lassen, der
+das Kinn frei ließ und ganz grau war. Über seine breite und rosige
+Glatze waren sorgfältig ein paar spärliche Haarstreifen frisiert. Ein
+breiter Trauerflor saß an dem Ärmel seines eleganten Leibrockes.
+
+»Weißt du das Neueste, Bethsy?« fragte er. »Ja, Tony, dich wird es
+besonders interessieren. Kurz, unser Grundstück vorm Burgtor ist nun
+verkauft ... an wen? Nicht etwa an =einen= Mann, sondern an zwei, denn
+es wird geteilt, das Haus wird abgebrochen, ein Zaun quer
+hindurchgezogen, und dann baut sich rechts Kaufmann Benthien und links
+Kaufmann Sörenson eine Hundehütte ... nun, Gott befohlen.«
+
+»Unerhört«, sagte Frau Grünlich, indem sie die Hände im Schoße faltete
+und zum Plafond emporblickte ... »Großvaters Grundstück! Gut, damit ist
+das Besitztum verpfuscht. Der Reiz bestand gerade in der Weitläufigkeit
+... die eigentlich überflüssig war ... aber das war das Vornehme. Der
+große Garten ... bis zur Trave hinunter ... und das zurückliegende Haus
+mit der Auffahrt, der Kastanienallee ... Nun wird es also geteilt.
+Benthien wird vor der einen Tür stehen und seine Pfeife rauchen, und
+Sörenson vor der anderen. Ja, ich sage auch `Gott befohlen´, Onkel
+Justus. Es ist wohl niemand mehr vornehm genug, um das Ganze zu
+bewohnen. Gut, daß Großpapa es nicht mehr zu sehen bekommt ...«
+
+Die Trauerstimmung lag noch zu schwer und ernst in der Luft, als daß
+Tony ihrer Entrüstung in lauteren und stärkeren Worten hätte Ausdruck
+geben mögen. Es war am Tage der Testamentseröffnung, zwei Wochen nach
+des Konsuls Ableben, nachmittags halb sechs Uhr. Die Konsulin
+Buddenbrook hatte ihren Bruder in die Mengstraße gebeten, damit er sich
+mit Thomas und Herrn Marcus, dem Prokuristen, an einer Unterredung über
+die Verfügungen des Verstorbenen und die Vermögensverhältnisse
+beteilige, und Tony hatte den Entschluß kundgetan, gleichfalls an den
+Auseinandersetzungen teilzunehmen. Dieses Interesse, hatte sie gesagt,
+sei sie der Firma sowohl wie der Familie schuldig, und sie trug Sorge,
+dieser Zusammenkunft den Charakter einer Sitzung, eines Familienrates zu
+verleihen. Sie hatte die Fenstervorhänge geschlossen und trotz der
+beiden Paraffinlampen, die auf dem ausgezogenen, grüngedeckten
+Speisetisch brannten, zum Überfluß sämtliche Kerzen auf den großen
+vergoldeten Kandelabern entzündet. Außerdem hatte sie auf der Tafel eine
+Menge Schreibpapiers und gespitzter Bleistifte verteilt, von denen
+niemand wußte, wozu sie eigentlich gebraucht werden sollten.
+
+Das schwarze Kleid gab ihrer Gestalt eine mädchenhafte Schlankheit, und
+obgleich sie den Tod des Konsuls, dem sie während der letzten Zeit so
+herzlich nahegestanden, vielleicht von allen am schmerzlichsten empfand,
+obgleich sie noch heute bei dem Gedanken an ihn zweimal in bittere
+Tränen ausgebrochen war, vermochte die Aussicht auf diesen kleinen
+Familienrat, diese kleine ernsthafte Unterredung, an der sie mit Würde
+teilzunehmen gedachte, ihre hübschen Wangen zu röten, ihren Blick zu
+beleben, ihren Bewegungen Freude und Wichtigkeit zu geben ... Die
+Konsulin dagegen, ermattet vom Schrecken, vom Schmerz, von tausend
+Trauerformalitäten und den Begräbnisfeierlichkeiten, sah leidend aus.
+Ihr Gesicht, von den schwarzen Spitzen der Haubenbänder umrahmt,
+erschien noch bleicher dadurch, und ihre hellblauen Augen blickten matt.
+In ihrem glattgescheitelten, rotblonden Haar aber war noch immer kein
+einziges weißes Fädchen zu sehen ... War auch dies noch die Pariser
+Tinktur oder schon die Perücke? Das wußte Mamsell Jungmann allein, und
+sie würde es nicht einmal den Damen des Hauses verraten haben.
+
+Man saß am Ende des Speisetisches und wartete, daß Thomas und Herr
+Marcus aus dem Kontor kämen. Weiß und stolz hoben sich die gemalten
+Götterbilder auf ihren Sockeln von dem himmelblauen Hintergrunde ab.
+
+Die Konsulin sagte: »Die Sache ist diese, mein lieber Justus ... ich
+habe dich bitten lassen ... kurz zu sein, es handelt sich um Klara, das
+Kind. Mein lieber seliger Jean hat die Wahl eines Vormundes, dessen die
+Dirn noch während dreier Jahre bedarf, mir überlassen ... Ich weiß, du
+liebst es nicht, mit Verpflichtungen überhäuft zu werden; du hast
+Pflichten gegen deine Frau, gegen deine Söhne ...«
+
+»Gegen meinen Sohn, Bethsy.«
+
+»Gut, gut, wir sollen christlich und barmherzig sein, Justus. Wie wir
+vergeben unseren Schuldigern, heißt es. Gedenke unseres gnädigen Vaters
+im Himmel.«
+
+Ihr Bruder sah sie ein wenig verwundert an. Man hatte bisher nur aus des
+verstorbenen Konsuls Munde solche Redewendungen vernommen ...
+
+»Genug!« fuhr sie fort, »es sind so gut wie keine Mühseligkeiten mit
+diesem Liebesamte verbunden ... Ich möchte dich bitten, die
+Vormundschaft zu übernehmen.«
+
+»Gern, Bethsy, wahrhaftig, das tu ich gern. Darf ich mein Mündel nicht
+sehen? Ein bißchen zu ernst das gute Kind ...«
+
+Klara ward gerufen. Schwarz und bleich erschien sie langsam, mit traurig
+zurückhaltenden Bewegungen. Sie hatte die Zeit nach ihres Vaters Tode
+fast unaufhörlich mit Beten auf ihrem Zimmer verbracht. Ihre dunklen
+Augen waren unbeweglich; sie schien erstarrt in Schmerz und
+Gottesfurcht.
+
+Onkel Justus, galant wie er war, schritt ihr entgegen und verbeugte sich
+beinahe, als er ihr die Hand drückte; dann richtete er einige
+wohlgesetzte Worte an sie, und sie ging wieder, nachdem sie von der
+Konsulin einen Kuß auf ihre unbeweglichen Lippen entgegengenommen hatte.
+
+»Wie geht es dem guten Jürgen?« begann die Konsulin aufs neue. »Wie
+fühlt er sich in Wismar?«
+
+»Gut«, antwortete Justus Kröger, indem er sich mit einem Achselzucken
+wieder niedersetzte ... »Ich glaube, er hat nun seinen Platz gefunden.
+Er ist ein braver Junge, Bethsy, ein Junge von Ehre; aber ... nachdem
+ihm das Examen zweimal mißglückt, war es das beste ... Die Jurisprudenz
+machte ihm selbst keinen Spaß, und die Position an der Post in Wismar
+ist ganz akzeptabel ... Sage mal, ich höre, dein Christian kommt?«
+
+»Ja, Justus, er wird kommen, und Gott behüte ihn auf der See! Ach, es
+dauert so fürchterlich lange! Obgleich ich ihm am nächsten Tage nach
+Jeans Tode geschrieben habe, hat er den Brief noch lange nicht, und dann
+braucht er mit dem Segelschiff noch ungefähr zwei Monate. Aber er muß
+kommen, ich habe so sehr das Bedürfnis, Justus! Tom sagte zwar, Jean
+würde es niemals zugegeben haben, daß er seine Stelle in Valparaiso
+fahren läßt ... aber ich bitte dich: acht Jahre beinahe, daß ich ihn
+nicht gesehen habe! Und dann unter diesen Umständen! Nein, ich will sie
+alle um mich haben in dieser schweren Zeit ... das ist natürlich für
+eine Mutter ...«
+
+»Sicherlich, sicherlich!« sagte Konsul Kröger, denn ihr kamen die
+Tränen.
+
+»Jetzt ist auch Thomas einverstanden«, fuhr sie fort, »denn wo ist
+Christian besser aufgehoben als in dem Geschäft seines seligen Vaters,
+in Toms Geschäft? Er kann hierbleiben, hier arbeiten ... ach, ich bin
+auch beständig in Angst, daß ihm dort drüben das Klima ein Übel tut ...«
+
+Nun kam, begleitet von Herrn Marcus, Thomas Buddenbrook in den Saal.
+Friedrich Wilhelm Marcus, des verstorbenen Konsuls langjähriger
+Prokurist, war ein hochgewachsener Mann in braunem Schoßrock mit
+Trauerflor. Er sprach sehr leise, zögernd, ein wenig stotternd, jedes
+Wort eine Sekunde lang überlegend, und pflegte mit dem gerade
+ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger seiner Linken langsam und
+vorsichtig über seinen rotbraunen, ungepflegt den Mund bedeckenden
+Schnurrbart zu streichen oder sich mit Sorgfalt die Hände zu reiben,
+wobei er seine runden, braunen Augen so bedächtig zur Seite wandern
+ließ, daß er den Eindruck völliger Konfusion und Abwesenheit machte,
+obgleich er stets aufmerksam prüfend bei der Sache war.
+
+Thomas Buddenbrook, in so jungen Jahren bereits der Chef des großen
+Handelshauses, legte in Miene und Haltung ein ernstes Würdegefühl an
+den Tag; aber er war bleich, und seine Hände im besonderen, an deren
+einer nun der große Erbsiegelring mit grünem Steine glänzte, waren weiß
+wie die Manschetten, die aus den schwarzen Tuchärmeln hervorsahen, von
+einer frostigen Blässe, die erkennen ließ, daß sie vollkommen trocken
+und kalt waren. Diese Hände, deren schön gepflegte ovale Fingernägel
+dazu neigten, eine bläuliche Färbung zu zeigen, konnten in gewissen
+Augenblicken, in gewissen, ein wenig krampfhaften und unbewußten
+Stellungen einen unbeschreiblichen Ausdruck von abweisender
+Empfindsamkeit und einer beinahe ängstlichen Zurückhaltung annehmen,
+einen Ausdruck, der den ziemlich breiten und bürgerlichen, wenn auch
+fein gegliederten Händen der Buddenbrooks bis dahin fremd gewesen war
+und wenig zu ihnen paßte ... Toms erste Sorge war, die Flügeltür zum
+Landschaftszimmer zu öffnen, um die Wärme des Ofens, der dort hinter dem
+schmiedeeisernen Gitter brannte, dem Saale zugute kommen zu lassen.
+
+Dann wechselte er einen Händedruck mit Konsul Kröger und nahm, Herrn
+Marcus gegenüber, Platz an der Tafel, wobei er seine Schwester Tony mit
+erhobener Augenbraue ziemlich verwundert ansah. Aber sie legte in einer
+Weise den Kopf zurück und das Kinn auf die Brust, daß er jede Bemerkung
+über ihre Gegenwart unterdrückte.
+
+»Also man darf noch nicht `Herr Konsul´ sagen?« fragte Justus Kröger ...
+»Die Niederlande hoffen vergebens auf deine Vertretung, alter Tom?«
+
+»Ja, Onkel Justus; ich habe es für besser gehalten ... sieh mal, ich
+hätte das Konsulat sofort übernehmen können, mit so manch anderer
+Verpflichtung; aber erstens bin ich noch ein bißchen jung ... und dann
+habe ich mit Onkel Gotthold gesprochen; er freute sich und akzeptierte.«
+
+»Sehr vernünftig, mein Junge. Sehr politisch ... Vollkommen
+_gentlemanlike_.«
+
+»Herr Marcus«, sagte die Konsulin, »mein lieber Herr Marcus!« Und sie
+reichte ihm die Hand, deren Fläche sie ganz weit herumdrehte, und die er
+langsam, mit einem bedächtigen und verbindlichen Seitenblick
+entgegennahm. »Ich habe Sie heraufgebeten ... Sie wissen, um was es
+sich handelt, und ich weiß, daß Sie einig mit uns sind. Mein seliger
+Mann hat in seinen letztwilligen Verfügungen den Wunsch ausgesprochen,
+Sie möchten nach seinem Heimgang Ihre treue, bewährte Kraft nicht länger
+als fremder Mitarbeiter, sondern als Teilhaber in den Dienst der Firma
+stellen ...«
+
+»Gewiß, allerdings Frau Konsulin«, sprach Herr Marcus. »Ich bitte
+ergebenst, überzeugt zu sein, daß ich die Ehrung meiner Person, welche
+in diesem Anerbieten liegt, mit Dankbarkeit zu schätzen weiß, denn die
+Mittel, welche ich der Firma entgegenzubringen vermag, sind nur allzu
+geringe. Ich weiß vor Gott und den Menschen nichts Besseres zu tun, als
+Ihre und Ihres Herrn Sohnes Offerte dankbarst zu akzeptieren.«
+
+»Ja, Marcus, dann danke ich Ihnen herzlich für Ihre Bereitwilligkeit,
+einen Teil der großen Verantwortlichkeit zu übernehmen, die für mich
+vielleicht zu schwer wäre.« Dies sprach Thomas schnell und leichthin,
+indem er seinem Associé über den Tisch hinüber die Hand reichte, denn
+die beiden waren längst einig, und dies alles war Formalität.
+
+»Kumpanie is Lumperie ... na, Sie beide werden den Schnack ja wohl
+zuschanden machen!« sagte Konsul Kröger. »Und nun wollen wir die
+Verhältnisse mal durchgehen, Kinder. Ich habe hier bloß auf die Mitgift
+meines Mündels zu achten; das übrige ist mir egal. Hast du eine Kopie
+des Testamentes da, Bethsy? Und du, Tom, einen kleinen Überschlag?«
+
+»Den habe ich im Kopf«, sagte Thomas und begann, während er sein goldnes
+Crayon auf der Tischplatte hin und her bewegte und, zurückgelehnt,
+ins Landschaftszimmer hinüberblickte, den Stand der Dinge
+auseinanderzusetzen ...
+
+Die Sache war die, daß des Konsuls hinterlassenes Vermögen
+beträchtlicher war, als irgendein Mensch geglaubt hatte. Die Mitgift
+seiner ältesten Tochter freilich war verlorengegangen, die Einbuße, die
+die Firma gelegentlich des Bremer Konkurses im Jahre 51 erlitten, war
+ein schwerer Schlag gewesen. Und auch das Jahr 48 sowie das gegenwärtige
+Jahr 55 mit ihren Unruhen und Kriegsläuften hatten Verluste gebracht.
+Aber der Buddenbrooksche Anteil an der Krögerschen Hinterlassenschaft
+von 400000 Kurantmark hatte, da Justus eine Menge im voraus verbraucht,
+volle 300000 betragen, und obgleich Johann Buddenbrook nach Kaufmannsart
+beständig geklagt hatte, war den Verlusten doch durch einen etwa
+fünfzehnjährigen Verdienst von 30000 Talern Kurant die Waage gehalten
+worden. Das Vermögen also betrug, abgesehen von jedem Grundbesitz, in
+runder Zahl 750000 Mark Kurant.
+
+Selbst Thomas war, bei aller Einsicht in den Geschäftsgang, von seinem
+Vater über diese Höhe im unklaren gelassen worden, und während die
+Konsulin mit ruhiger Diskretion die Zahl entgegennahm, während Tony mit
+einer allerliebsten und verständnislosen Würde geradeaus blickte und
+dennoch einen ängstlichen Zweifel aus ihrer Miene nicht verbannen
+konnte, welcher ausdrückte: Ist das auch viel? Sehr viel? Sind wir auch
+reiche Leute?... während Herr Marcus sich langsam und anscheinend
+zerstreut die Hände rieb und Konsul Kröger sich ersichtlich langweilte,
+erfüllte ihn selbst diese Zahl, die er aussprach, mit einem nervösen und
+treibenden Stolz, der sich beinahe wie Unmut ausnahm.
+
+»Wir müßten längst die Million erreicht haben!« sagte er mit vor
+Erregung gepreßter Stimme, indes seine Hände zitterten ... »Großvater
+hat in seiner besten Zeit schon 900000 zur Verfügung gehabt ... Und
+welche Anstrengungen seitdem, welch hübscher Erfolg, welche guten Coups
+hie und da! Und Mamas Mitgift! Mamas Erbe! Ach, aber die beständige
+Zersplitterung ... Mein Gott, sie liegt in der Natur der Dinge;
+verzeiht, wenn ich in diesem Augenblick allzu ausschließlich im Sinne
+der Firma rede und wenig familiär ... Diese Mitgiften, diese
+Auszahlungen an Onkel Gotthold und nach Frankfurt, diese
+Hunderttausende, die dem Betrieb entzogen werden mußten ... Und das
+waren damals nur =zwei= Geschwister des Firmenchefs ... Genug, wir
+werden zu tun bekommen, Marcus!«
+
+Die Sehnsucht nach Tat, Sieg und Macht, die Begier, das Glück auf die
+Knie zu zwingen, flammte kurz und heftig in seinen Augen auf. Er fühlte
+die Blicke aller Welt auf sich gerichtet, erwartungsvoll, ob er das
+Prestige der Firma, der alten Familie zu fördern und auch nur zu wahren
+wissen werde. An der Börse begegnete er diesen musternden Seitenblicken
+aus alten jovialen, skeptischen und ein bißchen mokanten
+Geschäftsmannsaugen, welche zu fragen schienen: »Wirst de Saak ook
+unnerkregen, min Söhn?« Ich werde es, dachte er ...
+
+Friedrich Wilhelm Marcus rieb sich bedächtig die Hände, und Justus
+Kröger sagte:
+
+»Na, ruhig Blut, alter Tom! Die Zeiten sind nicht mehr wie damals, als
+dein Großpapa preußischer Heereslieferant war.« --
+
+Und nun begann ein ausführliches Gespräch über die großen und kleinen
+Anordnungen des Testamentes, ein Gespräch, an dem sich alle beteiligten,
+und in welchem Konsul Kröger die gute Laune vertrat, indem er von Thomas
+beständig als von »Seiner Hoheit dem nunmehr regierenden Fürsten«
+sprach. »Der Speicher-Grundbesitz bleibt der Tradition gemäß ohne
+weiteres bei der Krone«, sagte er.
+
+Im übrigen gingen, wie sich versteht, die Bestimmungen dahin, daß alles
+nach Möglichkeit beisammengelassen werden sollte, daß Frau Elisabeth
+Buddenbrook im Prinzip Universalerbin sei und das ganze Vermögen im
+Geschäfte verbleibe, wobei Herr Marcus konstatierte, daß er das
+Betriebskapital als Teilhaber um 120000 Kurant verstärke. Für Thomas
+waren als vorläufiges Privatvermögen 50000 ausgesetzt und die gleiche
+Summe für Christian, in dem Falle, daß er sich selbständig etabliere.
+Justus Kröger war eifrig bei der Sache, als der Passus verlesen ward:
+»Die Fixierung der Mitgiftsumme für meine inniggeliebte jüngere Tochter
+Klara im Falle ihrer Verehelichung überlasse ich dem Ermessen meiner
+inniggeliebten Frau« ... »Sagen wir 100000!« schlug er vor, indem er
+sich zurücklehnte, ein Bein über das andere schlug und mit beiden Händen
+seinen kurzen grauen Schnurrbart empordrehte. Er war die Kulanz selbst.
+Aber man setzte die hergebrachte Summe von 80000 Kurantmark fest.
+
+»Im Falle einer abermaligen Verheiratung meiner inniggeliebten ältesten
+Tochter Antonie«, hieß es weiter, »darf, angesichts der Tatsache, daß
+bereits an ihre erste Ehe 80000 Kurantmark gewendet worden, als
+Aussteuer die Summe von 17000 Talern Kurant nicht überschritten
+werden ...« Frau Antonie bewegte mit ebenso graziöser wie erregter Geste
+die Arme nach vorn, um die Ärmel der Taille zurückzuschieben, und sie
+blickte zur Decke empor, indem sie ausrief: »=Grünlich -- ha!=« Es klang
+wie ein Kriegsruf, wie ein kleiner Trompetenstoß. »Wissen Sie
+eigentlich, wie es sich mit dem Manne verhält, Herr Marcus?« fragte sie.
+»Wir sitzen eines harmlosen Nachmittags im Garten ... vorm Portal ...
+Sie wissen, Herr Marcus: unser Portal. -- Gut! Wer erscheint? Eine
+Person mit einem goldfarbenen Backenbart ... Was für ein Filou!...«
+
+»So«, sagte Thomas. »Wir reden nachher von Herrn Grünlich, nicht wahr?«
+
+»Gut, gut; aber das wirst du mir zugeben, Tom, du bist ein kluger
+Mensch, und die Erfahrung habe ich gemacht, weißt du, obgleich ich vor
+kurzer Zeit noch so sehr einfältig war, nämlich daß im Leben nicht alles
+immer mit ehrlichen und gerechten Dingen zugeht« ...
+
+»Ja ...«, sagte Tom. Und man fuhr fort, man ging ins Detail, man nahm
+Kenntnis von den Bestimmungen über die große Familienbibel, über des
+Konsuls Diamantknöpfe, über viele einzelne Dinge ... Justus Kröger und
+Herr Marcus blieben zum Abendbrot.
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Zu Beginn des Februar 1856, nach achtjähriger Abwesenheit, kehrte
+Christian Buddenbrook in die Vaterstadt zurück. Er kam, in einem gelben
+und großkarierten Anzug, der durchaus etwas Tropisches an sich hatte,
+mit der Postkutsche von Hamburg, brachte den Schnabel eines
+Schwertfisches und ein großes Zuckerrohr mit und nahm in halb
+zerstreuter, halb verlegener Haltung die Umarmungen der Konsulin
+entgegen.
+
+Diese Haltung bewahrte er auch, als gleich am nächsten Vormittag nach
+seiner Ankunft die Familie vors Burgtor hinaus zum Friedhofe ging, um
+auf dem Grabe einen Kranz niederzulegen. Sie standen alle beieinander
+auf dem verschneiten Wege vor der umfangreichen Platte, auf welcher die
+Namen der hier Ruhenden das in Stein gearbeitete Wappen der Familie
+umgaben ... vor dem aufrechten Marmorkreuz, das sich an den Rand des
+kleinen, winterlich kahlen Friedhofgehölzes lehnte: Alle, ausgenommen
+Klothilde, die auf »Ungnade« weilte, um ihren kranken Vater zu pflegen.
+
+Tony legte den Kranz auf den in goldenen Buchstaben frisch in die Platte
+eingelassenen Namen des Vaters und kniete dann trotz des Schnees am
+Grabe nieder, um leise zu beten; der schwarze Schleier umspielte sie,
+und ihr weiter Kleiderrock lag ein wenig malerisch schwungvoll neben ihr
+ausgebreitet. Gott allein wußte, wieviel Schmerz und Religiosität, und
+andererseits wieviel Selbstgefälligkeit einer hübschen Frau in dieser
+hingegossenen Stellung lag. Thomas war nicht in der Stimmung, darüber
+nachzudenken. Christian aber blickte seine Schwester mit einem
+Mischausdruck von Moquerie und Ängstlichkeit von der Seite an, als
+wollte er sagen: »Wirst du das auch verantworten können? Wirst du auch
+nicht verlegen werden, wenn du aufstehst? Wie unangenehm!« Tony fing
+diesen Blick auf, als sie sich erhob; aber sie geriet durchaus nicht in
+Verlegenheit. Sie legte den Kopf zurück, ordnete Schleier und Rock und
+wandte sich mit würdevoller Sicherheit zum Gehen, was Christian
+sichtlich erleichterte.
+
+War der verstorbene Konsul, mit seiner schwärmerischen Liebe zu Gott und
+dem Gekreuzigten, der erste seines Geschlechtes gewesen, der
+unalltägliche, unbürgerliche und differenzierte Gefühle gekannt und
+gepflegt hatte, so schienen seine beiden Söhne die ersten Buddenbrooks
+zu sein, die vor dem freien und naiven Hervortreten solcher Gefühle
+empfindlich zurückschreckten. Sicherlich hatte Thomas mit reizbarerer
+Schmerzfähigkeit den Tod seines Vaters erlebt, als etwa sein Großvater
+den Verlust des seinen. Dennoch pflegte er nicht am Grabe in die Knie zu
+sinken, hatte er sich niemals, wie seine Schwester Tony, über den Tisch
+geworfen, um zu schluchzen wie ein Kind, empfand er als im höchsten
+Grade peinlich, die großen, mit Tränen gemischten Worte, mit denen
+Madame Grünlich zwischen Braten und Nachtisch die Charaktereigenschaften
+und die Person des toten Vaters zu feiern liebte. Solchen Ausbrüchen
+gegenüber hatte er einen taktvollen Ernst, ein gefaßtes Schweigen, ein
+zurückhaltendes Kopfnicken ... und gerade dann, wenn niemand des
+Verstorbenen erwähnt oder gedacht hatte, füllten sich, ohne daß sein
+Gesichtsausdruck sich verändert hätte, langsam seine Augen mit Tränen.
+
+Es war anders mit Christian. Er vermochte bei den naiven und kindlichen
+Ergüssen seiner Schwester schlechterdings nicht, seine Haltung zu
+bewahren; er bückte sich über seinen Teller, wandte sich ab, zeigte das
+Bedürfnis, sich zu verkriechen und unterbrach sie mehrere Male sogar mit
+einem leisen und gequälten: »Gott ... Tony ...«, wobei seine große Nase
+in unzählige Fältchen gezogen war.
+
+Ja, er legte Unruhe und Verlegenheit an den Tag, sobald das Gespräch
+sich dem Verstorbenen zuwandte, und es schien, als ob er nicht nur die
+undelikaten Äußerungen tiefer und feierlicher Gefühle, sondern auch die
+Gefühle selbst fürchtete und mied.
+
+Man hatte ihn noch keine Träne über den Tod des Vaters vergießen sehen.
+Die lange Entwöhnung allein erklärte dies nicht. Das Merkwürdige aber
+war, daß er, im Gegensatze zu seinem sonstigen Widerwillen gegen
+derartige Gespräche, immer wieder seine Schwester Tony ganz allein
+beiseite nahm, um sich von ihr die Vorgänge jenes fürchterlichen
+Sterbenachmittages so recht anschaulich und im einzelnen erzählen zu
+lassen: denn Madame Grünlich erzählte am lebhaftesten.
+
+»Also gelb sah er aus?« fragte er zum fünften Male ... »Was schrie das
+Mädchen, als es zu euch hereinstürzte?... Er sah also ganz gelb aus?...
+Und hat nichts mehr sagen können, bevor er starb?... Was sagte das
+Mädchen? Wie hat er nur noch machen können? `Ua ... ua´?...« Er schwieg,
+schwieg lange Zeit, indes seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen
+schnell und gedankenvoll im Zimmer umherirrten. »=Gräßlich=«, sagte er
+plötzlich, und man sah, daß ein Schauer ihn überlief, während er
+aufstand. Und immer mit unruhigen und grübelnden Augen ging er auf und
+nieder, während Tony sich wunderte, daß ihr Bruder, der sich aus
+unbegreiflichen Gründen zu schämen schien, wenn sie laut den Vater
+betrauerte, mit einer Art schauerlicher Nachdenklichkeit ganz laut die
+Todeslaute desselben wiederholen mochte, die er mit vieler Mühe von
+Line, dem Mädchen, erfragt hatte ...
+
+Christian hatte sich durchaus nicht verschönt. Er war hager und bleich.
+Die Haut umspannte überall straff seinen Schädel, zwischen den
+Wangenknochen sprang die große, mit einem Höcker versehene Nase scharf
+und fleischlos hervor, und das Haupthaar war schon merklich gelichtet.
+Sein Hals war dünn und zu lang, und seine mageren Beine zeigten eine
+starke Krümmung nach außen ... Übrigens schien sein Londoner Aufenthalt
+ihn am nachhaltigsten beeinflußt zu haben, und da er auch in Valparaiso
+am meisten mit Engländern verkehrt hatte, so hatte seine ganze
+Erscheinung etwas Englisches angenommen, was nicht übel zu ihr paßte. Es
+lag etwas davon in dem bequemen Schnitt und dem wolligen, durablen Stoff
+seines Anzuges, in der breiten und soliden Eleganz seiner Stiefel und in
+der Art, wie sein rotblonder, starker Schnurrbart mit etwas säuerlichem
+Ausdruck ihm über den Mund hing. Ja selbst seine Hände, die von jenem
+matten und porösen Weiß waren, wie die Hitze es hervorbringt, machten
+mit ihren rund und kurz geschnittenen sauberen Nägeln aus irgendwelchen
+Gründen einen englischen Eindruck.
+
+»Sage mal ...« fragte er unvermittelt, »kennst du das Gefühl ... es ist
+schwer zu beschreiben ... wenn man einen harten Bissen verschluckt und
+es tut hinten den ganzen Rücken hinunter weh?« Dabei war wieder seine
+ganze Nase in straffe kleine Fältchen gezogen.
+
+»Ja«, sagte Tony, »das ist etwas ganz Gewöhnliches. Man trinkt einen
+Schluck Wasser ...«
+
+»So?« erwiderte er unbefriedigt. »Nein, ich glaube nicht, daß wir
+dasselbe meinen.« Und ein unruhiger Ernst bewegte sich auf seinem
+Gesichte hin und her ...
+
+Dabei war er der erste, der im Hause eine freie und der Trauer
+abgewandte Stimmung vertrat. Er hatte von der Kunst, den verstorbenen
+Marcellus Stengel nachzuahmen, nichts verlernt und redete oft
+stundenlang in seiner Sprache. Bei Tische erkundigte er sich nach dem
+Stadttheater ... ob eine gute Truppe dort sei, was gespielt werde ...
+
+»Ich weiß nicht«, sagte Tom mit einer Betonung, die übertrieben
+gleichgültig war, um nicht ungeduldig zu sein. »Ich kümmere mich jetzt
+nicht darum.«
+
+Christian aber überhörte dies völlig und fing an, vom Theater zu
+sprechen ... »Ich kann gar nicht sagen, wie gern ich im Theater bin!
+Schon das Wort `Theater´ macht mich geradezu glücklich ... Ich weiß
+nicht, ob jemand von euch dies Gefühl kennt? Ich könnte stundenlang
+stillsitzen und den geschlossenen Vorhang ansehen ... Dabei freue ich
+mich wie als Kind, wenn wir hier herein zur Weihnachtsbescherung gingen
+... Schon das Stimmen der Orchesterinstrumente! Ich würde ins Theater
+gehen, nur um =das= zu hören!... Besonders gern habe ich die
+Liebesszenen ... Einige Liebhaberinnen verstehen es, den Kopf des
+Liebhabers so zwischen beide Hände zu nehmen ... Überhaupt die
+Schauspieler ... ich habe in London und auch in Valparaiso viel mit
+Schauspielern verkehrt. Zu Anfang war ich wahrhaftig stolz, mit ihnen so
+im ganz gewöhnlichen Leben sprechen zu können. Im Theater achte ich auf
+jede ihrer Bewegungen ... das ist sehr interessant! Einer sagt sein
+letztes Wort, dreht sich in aller Ruhe um und geht ganz langsam und
+sicher und ohne Verlegenheit zur Tür, obgleich er weiß, daß die Augen
+des ganzen Theaters auf seinem Rücken liegen ... wie man das kann!...
+Früher habe ich mich fortwährend gesehnt, einmal hinter die Kulissen zu
+kommen -- ja, jetzt bin ich da ziemlich zu Hause, das kann ich sagen.
+Stellt euch vor ... in einem Operettentheater -- es war in London --
+ging eines Abends der Vorhang auf, als ich noch auf der Bühne stand ...
+Ich unterhielt mich mit Miß Watercloose ... einem Fräulein Watercloose
+... ein sehr hübsches Mädchen! Genug! plötzlich öffnet sich der
+Zuschauerraum ... mein Gott, ich weiß nicht, wie ich von der Bühne
+heruntergekommen bin!«
+
+Madame Grünlich lachte so ziemlich allein in der kleinen Tafelrunde;
+aber Christian fuhr mit umherwandernden Augen zu sprechen fort. Er
+sprach von englischen Kaffee-Konzertsängerinnen, er erzählte von einer
+Dame, die mit einer gepuderten Perücke aufgetreten sei, mit einem langen
+Stock auf die Erde gestoßen und ein Lied namens »_That's Maria_«!
+gesungen habe ... »_Maria_, wißt ihr, _Maria_ ist die Schändlichste von
+allen ... Wenn eine das Sündhafteste begangen hat: _that's Maria!_
+_Maria_ ist die =Allerschlimmste=, wißt ihr ... das Laster ...« Und das
+letzte Wort sprach er mit abscheulichem Ausdruck, indem er die Nase
+krauste und die rechte Hand mit gekrümmten Fingern erhob.
+
+»_Assez_, Christian!« sagte die Konsulin. »Dies interessiert uns
+durchaus nicht.«
+
+Allein Christians Blick schweifte abwesend über sie hin, und er hätte
+auch wohl ohne ihren Einwurf zu sprechen aufgehört, denn, während seine
+kleinen, runden, tiefliegenden Augen rastlos wanderten, schien er in ein
+tiefes, unruhiges Nachdenken über _Maria_ und das Laster versunken.
+
+Plötzlich sagte er: »Sonderbar ... manchmal kann ich nicht schlucken!
+Nein, da ist nichts zu lachen; ich finde es furchtbar ernst. Mir fällt
+ein, daß ich vielleicht nicht schlucken kann, und dann kann ich es
+wirklich nicht. Der Bissen sitzt schon ganz hinten, aber dies hier, der
+Hals, die Muskeln ... es versagt ganz einfach ... Es gehorcht dem Willen
+nicht, wißt ihr. Ja, die Sache ist: ich wage nicht einmal, es ordentlich
+zu wollen.«
+
+Tony rief ganz außer sich: »Christian! mein Gott, was für dummes Zeug!
+Du wagst nicht, schlucken zu wollen ... Nein, du machst dich ja
+lächerlich! Was erzählst du uns eigentlich alles ...!«
+
+Thomas schwieg. Die Konsulin aber sagte: »Das sind die Nerven,
+Christian, ja, es war höchste Zeit, daß du nach Hause kamst; das Klima
+drüben hätte dich noch krank gemacht.« --
+
+Nach Tische setzte er sich an das kleine Harmonium, das im Eßsaale
+stand, und machte einen Klaviervirtuosen. Er tat, als ob er sein Haar
+zurückwürfe, rieb sich die Hände und blickte von unten herauf ins
+Zimmer; dann, lautlos, ohne die Bälge zu treten, denn er konnte durchaus
+nicht spielen und war überhaupt unmusikalisch wie die meisten
+Buddenbrooks, begann er, emsig vornübergebeugt, den Baß zu bearbeiten,
+vollführte wahnsinnige Passagen, warf sich zurück, blickte entzückt nach
+oben und griff mit beiden Händen machtvoll und sieghaft in die Tasten
+... Selbst Klara geriet ins Lachen. Sein Spiel war täuschend, voll von
+Leidenschaft und Charlatanerie, voll von unwiderstehlicher Komik, die
+den burlesken und exzentrischen englisch-amerikanischen Charakter trug
+und weit entfernt war, einen Augenblick unangenehm zu berühren, denn er
+selbst fühlte sich allzu wohl und sicher darin.
+
+»Ich bin immer sehr häufig in Konzerte gegangen«, sagte er; »ich sehe es
+gar zu gern, wie die Leute sich mit ihren Instrumenten benehmen!... Ja,
+es ist wahrhaftig wunderschön, ein Künstler zu sein!«
+
+Dann begann er von neuem. Plötzlich jedoch brach er ab. Ganz
+unvermittelt wurde er ernst: so überraschend, daß es aussah, als ob eine
+Maske von seinem Gesicht hinunterfiel; er stand auf, strich mit der Hand
+durch sein spärliches Haar, begab sich an einen anderen Platz und blieb
+dort, schweigsam, übellaunig, mit unruhigen Augen und einem
+Gesichtsausdruck, als horche er auf irgendein unheimliches Geräusch.
+
+... »Manchmal finde ich Christian ein bißchen sonderbar«, sagte Madame
+Grünlich eines Abends zu ihrem Bruder Thomas, als sie allein waren ...
+»Wie spricht er eigentlich? Er geht so merkwürdig ins Detail, dünkt mich
+... oder wie soll ich sagen! Er sieht die Dinge von einer so
+fremdartigen Seite an, wie?...«
+
+»Ja«, sagte Tom, »ich verstehe recht wohl, was du meinst, Tony.
+Christian ist herzlich indiskret ... es ist schwer, es auszudrücken. Ihm
+fehlt etwas, was man das Gleichgewicht, das persönliche Gleichgewicht
+nennen kann. Einerseits ist er nicht imstande, taktlosen Naivitäten
+anderer Leute gegenüber die Fassung zu bewahren ... Er ist dem nicht
+gewachsen, er versteht nicht, es zu vertuschen, er verliert ganz und gar
+die Contenance ... Aber andererseits kann er auch in =der= Weise die
+Contenance verlieren, daß er selbst in das unangenehmste Ausplaudern
+gerät und sein Intimstes nach außen kehrt. Das mutet manchmal geradezu
+unheimlich an. Ist es nicht, wie wenn einer im Fieber spricht? Dem
+Phantasierenden fehlt in ganz derselben Weise die Haltung und die
+Rücksicht ... Ach, die Sache ist ganz einfach die, daß Christian sich zu
+viel mit sich selbst beschäftigt, mit den Vorgängen in seinem eignen
+Inneren. Manchmal ergreift ihn eine wahre Manie, die kleinsten und
+tiefsten dieser Vorgänge ans Licht zu ziehen und auszusprechen ...
+Vorgänge, um die ein verständiger Mensch sich gar nicht bekümmert, von
+denen er gar nichts wissen will, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil
+er sich genieren würde, sie mitzuteilen. Es liegt so viel Schamlosigkeit
+in solcher Mitteilerei, Tony!... Siehst du: auch ein anderer Mensch als
+Christian mag sagen, daß er das Theater liebt; aber er wird es mit einem
+anderen Akzent, beiläufiger, kurz: bescheidener sagen. Christian aber
+sagt es mit einer Betonung, die bedeutet: Ist meine Schwärmerei für die
+Bühne nicht etwas ungeheuer Merkwürdiges und Interessantes? Er kämpft
+mit den Worten dabei, er tut, als ringe er danach, etwas ausbündig
+Feines, Verborgenes und Seltsames zum Ausdruck zu bringen ...«
+
+»Ich will dir eines sagen«, fuhr er nach einer Pause fort, indem er
+seine Zigarette durch die schmiedeeiserne Gittertür in den Ofen warf ...
+»Ich selbst habe manchmal über diese ängstliche, eitle und neugierige
+Beschäftigung mit sich selbst nachgedacht, denn ich habe früher
+ebenfalls dazu geneigt. Aber ich habe gemerkt, daß sie zerfahren,
+untüchtig und haltlos macht ... und die Haltung, das Gleichgewicht ist
+für mich meinerseits die Hauptsache. Es wird immer Menschen geben, die
+zu diesem Interesse an sich selbst, diesem eingehenden Beobachten ihrer
+Empfindungen berechtigt sind, Dichter, die ihr bevorzugtes Innenleben
+mit Sicherheit und Schönheit auszusprechen vermögen und damit die
+Gefühlswelt der anderen Leute bereichern. Aber wir sind bloß einfache
+Kaufleute, mein Kind; unsere Selbstbeobachtungen sind verzweifelt
+unbeträchtlich. Wir können zur Not hervorbringen, daß das Stimmen von
+Orchesterinstrumenten uns ein merkwürdiges Vergnügen macht, und daß wir
+manchmal nicht wagen, schlucken zu wollen ... Ach, wir sollen uns
+hinsetzen, zum Teufel, und etwas leisten, wie unsere Vorfahren etwas
+geleistet haben ...«
+
+»Ja, Tom, du sprichst meine Ansicht aus. Wenn ich bedenke, daß diese
+Hagenströms sich immer mehr aufnehmen ... O Gott, das =Geschmeiß=, weißt
+du ... Mutter will das Wort nicht hören, aber es ist das einzig
+richtige. Glauben sie vielleicht, daß es außer ihnen keine vornehmen
+Familien mehr gibt in der Stadt? Ha! ich muß lachen, weißt du, ich muß
+laut lachen ...!«
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Der Chef der Firma »Johann Buddenbrook« hatte seinen Bruder bei dessen
+Ankunft mit einem längeren, prüfenden Blick gemessen, er hatte ihm
+während der ersten Tage eine ganz unauffällige und beiläufige
+Beobachtung zugewandt, und dann, ohne daß ein Urteil auf seinem ruhigen
+und diskreten Gesicht zu lesen gewesen wäre, schien seine Neugier
+befriedigt, seine Meinung abgeschlossen zu sein. Er sprach mit ihm im
+Familienkreise mit gleichgültigem Tone über gleichgültige Dinge und
+amüsierte sich wie die übrigen, wenn Christian irgendeine Vorstellung
+gab ...
+
+Nach acht Tagen etwa sagte er zu ihm: »Wir werden also zusammen
+arbeiten, mein Junge?... Soviel ich weiß, bist du mit Mamas Wunsch im
+Einverständnis, nicht wahr?... Na, wie du weißt, ist Marcus mein
+Kompagnon geworden, gegen die Quote, die seinem eingezahlten Vermögen
+entspricht. Ich denke mir, daß du äußerlich, als mein Bruder, ungefähr
+seinen früheren Platz einnehmen wirst, eine Prokuristenstellung ...
+wenigstens repräsentativ ... Was deine Beschäftigung betrifft, so weiß
+ich ja nicht, wie weit deine kaufmännischen Kenntnisse vorgeschritten
+sind. Ich denke mir, daß du bislang ein bißchen gebummelt hast, wie?...
+Jedenfalls wird dir in der Hauptsache die englische Korrespondenz am
+meisten zusagen ... Dann aber muß ich dich um eines bitten, mein Lieber!
+In deiner Eigenschaft als Bruder des Chefs nimmst du natürlich
+tatsächlich unter den übrigen Angestellten eine bevorzugte Stellung ein
+... aber ich brauche dir nicht zu sagen, nicht wahr, daß du ihnen viel
+mehr durch Gleichstellung und energische Pflichterfüllung imponierst,
+als indem du von Vorrechten Gebrauch machst und dir Freiheiten nimmst.
+Also die Kontorstunden innehalten und immer die _dehors_ wahren,
+wie?...«
+
+Und dann machte er ihm einen Vorschlag in betreff der Prokura, den
+Christian ohne Besinnen und Handeln akzeptierte: mit einem verlegenen
+und zerstreuten Gesicht, das von sehr wenig Habsucht und einem eifrigen
+Bestreben zeugte, die Sache rasch zu erledigen.
+
+Am folgenden Tage führte Thomas ihn in die Kontors ein, und Christians
+Tätigkeit im Dienste der alten Firma begann ...
+
+Die Geschäfte hatten nach dem Tode des Konsuls ihren ununterbrochenen
+und soliden Gang genommen. Aber bald wurde bemerkbar, daß, seitdem
+Thomas Buddenbrook die Zügel in Händen hielt, ein genialerer, ein
+frischerer und unternehmenderer Geist den Betrieb beherrschte. Hie und
+da ward etwas gewagt, hie und da ward der Kredit des Hauses, der unter
+dem früheren _régime_ eigentlich bloß ein Begriff, eine Theorie, ein
+Luxus gewesen war, mit Selbstbewußtsein angespannt und ausgenützt ...
+Die Herren an der Börse nickten einander zu. »Buddenbrook will mit
+_avec_ Geld verdienen«, sagten sie. Aber sie fanden es doch ganz gut,
+daß Thomas den ehrenfesten Herrn Friedrich Wilhelm Marcus wie eine
+Bleikugel am Fuße hinter sich drein zu ziehen hatte. Herrn Marcus'
+Einfluß bildete das retardierende Moment im Gang der Geschäfte. Er
+strich mit zwei Fingern sorgsam über seinen Schnurrbart, rückte mit
+peinlicher Ordnungsliebe seine Schreibutensilien und das Glas Wasser
+zurecht, das stets auf seinem Pulte stand, prüfte eine Sache mit
+abwesendem Gesichtsausdruck von mehreren Seiten und hatte übrigens die
+Gewohnheit, fünf- oder sechsmal während der Kontorzeit hinaus auf den
+Hof und in die Waschküche zu gehen, um seinen ganzen Kopf unter den
+Strahl der Wasserleitung zu halten und sich so zu erfrischen.
+
+»Die beiden ergänzen sich«, sagten die Chefs der größeren Häuser
+zueinander: Konsul Huneus vielleicht zu Konsul Kistenmaker; und unter
+Schiffsleuten und Speichereiarbeitern wie in den kleinen Bürgersfamilien
+wiederholte man sich dieses Urteil, denn die Stadt nahm Anteil daran,
+wie der junge Buddenbrook »de Saak woll befingern« werde ... Auch Herr
+Stuht in der Glockengießerstraße sagte zu seiner Frau, welche in den
+ersten Kreisen verkehrte: »Die beiden ergänzen sich ganz gaut, will 'k
+di man vertellen!«
+
+Die »Persönlichkeit« im Geschäfte aber, darüber bestand kein Zweifel,
+war dennoch der jüngere der beiden Kompagnons. Das zeigte sich schon
+darin, daß er es war, der mit den Bediensteten des Hauses, mit den
+Kapitänen, den Geschäftsführern in den Speicherkontors, den Fuhrleuten
+und den Lagerarbeitern zu verkehren wußte. Er verstand es, mit
+Ungezwungenheit ihre Sprache zu reden und sich dennoch in unnahbarer
+Entfernung zu halten ... Wenn aber Herr Marcus zu einem biederen
+Arbeitsmann: »Verstahn Sie mich?« sagte, so klang dies so völlig
+unmöglich, daß sein Sozius, ihm gegenüber am Pulte, einfach anfing zu
+lachen, auf welches Zeichen das ganze Kontor sich der Heiterkeit
+überließ.
+
+Thomas Buddenbrook, ganz voll von dem Wunsche, der Firma den Glanz zu
+wahren und zu mehren, der ihrem alten Namen entsprach, liebte es
+überhaupt, im täglichen Kampf um den Erfolg seine Person einzusetzen,
+denn er wußte wohl, daß er seinem sicheren und eleganten Auftreten,
+seiner gewinnenden Liebenswürdigkeit, seinem gewandten Takt im Gespräche
+manch gutes Geschäft verdankte.
+
+»Ein Geschäftsmann darf kein Bürokrat sein!« sagte er zu Stephan
+Kistenmaker -- von »Kistenmaker & Söhne« -- seinem ehemaligen
+Schulkameraden, dessen geistig überlegener Freund er geblieben war, und
+der auf jedes seiner Worte horchte, um es dann als seine eigene Meinung
+weiterzugeben ... »Es gehört Persönlichkeit dazu, das ist =mein=
+Geschmack. Ich glaube nicht, daß ein großer Erfolg vom Kontorbock aus zu
+erkämpfen ist ... wenigstens würde er mir nicht viel Freude machen. Der
+Erfolg will nicht bloß am Pulte berechnet sein ... Ich habe stets das
+Bedürfnis, den Gang der Dinge ganz gegenwärtig mit Blick, Mund und Geste
+zu dirigieren ... ihn mit dem unmittelbaren Einfluß meines Willens,
+meines Talentes, meines Glückes, wie du es nennen willst, zu
+beherrschen. Aber das kommt leider allmählich aus der Mode, dies
+persönliche Eingreifen des Kaufmannes ... Die Zeit schreitet fort, aber
+sie läßt, wie mich dünkt, das Beste zurück ... Der Verkehr erleichtert
+sich immer mehr, die Kurse sind immer schneller bekannt ... Das Risiko
+verringert sich und mit ihm auch der Profit ... Ja, die alten Leute
+hatten es anders. Mein Großvater zum Beispiel ... er kutschierte
+vierspännig nach Süddeutschland, der alte Herr mit seinem Puderkopf und
+seinen Eskarpins, als preußischer Heereslieferant. Und dann scharmierte
+er umher und ließ seine Künste spielen und machte ein unglaubliches
+Geld, Kistenmaker! -- Ach, ich fürchte beinahe, daß der Kaufmann eine
+immer banalere Existenz wird, mit der Zeit ...«
+
+So klagte er manchmal, und darum waren es im Grunde seine liebsten
+Geschäfte, wenn er ganz gelegentlich, auf einem Familienspaziergange
+vielleicht, in eine Mühle eintrat, mit dem Besitzer, der sich geehrt
+fühlte, plauderte und leichthin, _en passant_, in guter Laune, einen
+guten Kontrakt mit ihm abschloß ... Dergleichen lag seinem Sozius fern.
+
+... Was Christian betraf, so schien er sich zunächst mit wirklichem
+Eifer und Vergnügen seiner Tätigkeit zu widmen; ja, er schien sich
+ausnehmend wohl und zufrieden darin zu befinden und hatte während
+mehrerer Tage eine Art, mit Appetit zu essen, seine kurze Pfeife zu
+rauchen und seine Schultern in dem englischen Jackett zurechtzuschieben,
+die seiner behaglichen Genugtuung Ausdruck gab. Er ging morgens ungefähr
+gleichzeitig mit Thomas ins Kontor hinunter und nahm neben Herrn Marcus
+und seinem Bruder schräg gegenüber in seinem verstellbaren Armsessel
+Platz, denn er hatte wie die beiden Chefs einen Armsessel. Zunächst las
+er die »Anzeigen«, wobei er in Gemütlichkeit seine Morgenzigarette zu
+Ende rauchte. Dann holte er sich aus dem unteren Pultschranke einen
+alten Kognak, streckte die Arme aus, um sich Bewegungsfreiheit zu
+verschaffen, sagte »Na!« und ging, während er die Zunge zwischen den
+Zähnen umherwandern ließ, guten Mutes zur Arbeit über. Seine englischen
+Briefe waren ganz außerordentlich gewandt und wirksam, denn wie er das
+Englische sprach, schlechthin, ungewählt, gleichgültig und mühelos
+dahinplätschernd, so schrieb er es auch.
+
+Seiner Art gemäß verlieh er im Familienkreise der Stimmung Worte, die
+ihn erfüllte.
+
+»Der Kaufmannsstand ist doch ein schöner, wirklich beglückender Beruf!«
+sagte er. »Solide, genügsam, emsig, behaglich ... ich bin wahrhaftig
+ganz dafür geboren! Und so als Angehöriger des Hauses, wißt ihr ...
+kurz, ich fühle mich so wohl wie nie. Man kommt morgens frisch ins
+Kontor, man sieht die Zeitung durch, raucht, denkt an dies und jenes und
+wie gut man es hat, nimmt seinen Kognak und arbeitet mal eben ein
+bißchen. Es kommt die Mittagszeit, man ißt mit seiner Familie, ruht sich
+aus, und dann geht's wieder an die Arbeit ... Man schreibt, man hat
+gutes, glattes, reinliches Firmenpapier, eine gute Feder ... Lineal,
+Papiermesser, Stempel, alles ist prima Sorte, ordentlich ... und damit
+erledigt man alles, emsig, nach der Reihe, eins nach dem anderen, bis
+man schließlich zusammenpackt. Morgen ist wieder ein Tag. Und wenn man
+zum Abendbrot hinaufgeht, fühlt man sich so durchdringend zufrieden ...
+jedes Glied fühlt sich zufrieden ... die Hände fühlen sich
+zufrieden ...!«
+
+»Gott, Christian!« rief Tony. »Du machst dich ja lächerlich! Die Hände
+fühlen sich zufrieden ...«
+
+»Doch! Ja! Das kennst du also nicht? Ich meine ...« Und ereiferte sich
+in dem Bestreben, dies auszudrücken, dies zu erklären ... »Man schließt
+die Faust, weißt du ... sie ist nicht besonders kräftig, denn man ist
+müde von der Arbeit. Aber sie ist nicht feucht ... sie ärgert einen
+nicht ... Sie fühlt sich selbst gut und behaglich an ... Es ist ein
+Gefühl von Selbstgenügsamkeit ... Man kann ganz stillsitzen, ohne sich
+zu langweilen ...«
+
+Alle schwiegen. Dann sagte Thomas ganz gleichgültig, um seinen
+Widerwillen zu verbergen: »Mir scheint, daß man nicht arbeitet,
+damit ...« Aber er brach ab, er wiederholte nichts. »Ich wenigstens habe
+andere Ziele dabei vor Augen«, fügte er hinzu.
+
+Christian jedoch, dessen Augen wanderten, überhörte dies, denn er befand
+sich in Gedanken, und alsbald begann er eine Geschichte aus Valparaiso
+zu erzählen, eine Mord- und Totschlagaffäre, bei der er persönlich
+zugegen gewesen war ... »Aber da reißt der Kerl das Messer heraus -- --«
+Aus irgendwelchen Gründen wurden solche Erzählungen, an denen Christian
+reich war, und über die Madame Grünlich sich köstlich amüsierte, während
+die Konsulin, Klara und Klothilde sich entsetzten und Mamsell Jungmann
+nebst Erika mit offenem Munde zuhörten, von Thomas stets ohne Beifall
+aufgenommen. Er pflegte sie mit kühlen und spöttischen Bemerkungen zu
+begleiten und sich den deutlichen Anschein zu geben, als glaube er, daß
+Christian übertreibe und blagiere ... was sicherlich nicht der Fall war;
+aber er erzählte mit Verve und Farbe. Erfuhr Thomas es nicht gern, daß
+sein jüngerer Bruder weiter herumgekommen sei und mehr gesehen habe als
+er? Oder empfand er mit Widerwillen ein Lob der Unordnung und der
+exotischen Gewalttätigkeit in diesen Messer- und Revolvergeschichten?...
+Feststeht, daß Christian sich durchaus nicht um die Ablehnung seiner
+Erzählungen von seiten seines Bruders bekümmerte; er selbst war
+allzusehr in Anspruch genommen von seinen Schilderungen, als daß er auf
+Erfolg oder Mißerfolg bei anderen geachtet hätte, und wenn er geendet
+hatte, so blickte er nachdenklich und abwesend im Zimmer um.
+
+Wenn überhaupt das Verhältnis der beiden Buddenbrooks zueinander mit der
+Zeit sich nicht zum Guten gestaltete, so war Christian dabei nicht
+derjenige, der es sich beifallen ließ, irgendwelche Gehässigkeit gegen
+seinen Bruder zu zeigen oder zu hegen, sich irgendeine Meinung, ein
+Urteil, eine Abschätzung desselben anzumaßen. Er ließ mit
+stillschweigender Selbstverständlichkeit keinen Zweifel darüber, daß er
+die Überlegenheit, den größeren Ernst, die größere Fähigkeit,
+Tüchtigkeit und Respektabilität des Älteren anerkannte. Aber gerade
+diese unbegrenzte, gleichgültige und kampflose Unterordnung reizte
+Thomas, denn Christian ging bei jeder Gelegenheit leichten Herzens so
+weit darin, daß es den Anschein gewann, als lege er überhaupt gar keinen
+Wert auf Überlegenheit, Tüchtigkeit, Respektabilität und Ernst.
+
+Er schien es durchaus nicht zu bemerken, daß der Firmenchef ihm mehr und
+mehr mit stillem Unwillen entgegenkam ... wozu derselbe Gründe hatte, denn
+leider begann Christians geschäftlicher Eifer bereits nach der ersten
+Woche, mehr noch jedoch nach der zweiten, sich erheblich zu verringern.
+Dies äußerte sich zuerst darin, daß die Vorbereitungen zur Arbeit,
+die anfangs wie eine künstlich und raffiniert verlängerte Vorfreude
+ausgesehen hatten: das Zeitunglesen, Frühstückszigarettenrauchen und
+Kognaktrinken immer mehr Zeit in Anspruch nahmen und sich schließlich
+über den ganzen Vormittag erstreckten. Dann aber machte es sich ganz
+von selbst, daß Christian sich über den Zwang der Kontorstunden
+hinwegzusetzen begann, daß er des Morgens immer später mit seiner
+Frühstückszigarette erschien, um Vorbereitungen zur Arbeit zu treffen,
+daß er mittags zum Essen in den Klub ging und zu spät, zuweilen erst
+abends, zuweilen auch gar nicht zurückkehrte ...
+
+Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angehörten, besaß
+im ersten Stock eines Weinrestaurants ein paar komfortable Lokalitäten,
+woselbst man seine Mahlzeiten nahm und sich zu zwanglosen und oft nicht
+ganz harmlosen Unterhaltungen zusammenfand: denn es gab eine Roulette.
+Auch einige ein wenig flatterhafte Familienväter, wie Konsul Kröger und
+selbstverständlicherweise Peter Döhlmann, waren Mitglieder, und der
+Polizeisenator Cremer war hier »der erste Mann an der Spritze«. So
+drückte Doktor Gieseke, Andreas Gieseke, Sohn des Branddirektors,
+sich aus, Christians alter Schulkamerad, der in der Stadt sich als
+Rechtsanwalt niedergelassen hatte, und dem sich, trotzdem er für
+einen ziemlich wüsten Suitier galt, der junge Buddenbrook alsbald in
+erneuerter Freundschaft anschloß.
+
+Christian oder, wie er schlecht und recht meistens genannt wurde,
+Krischan, der aus früherer Zeit mit allen mehr oder weniger bekannt oder
+befreundet war -- denn die meisten waren Schüler des seligen Marcellus
+Stengel --, ward hier mit offenen Armen empfangen, denn wenn auch weder
+Kaufleute noch Gelehrte seine Geistesfähigkeiten für groß hielten, so
+kannte man doch seine amüsante, gesellschaftliche Begabung. In der Tat
+gab er hier seine besten Vorstellungen, erzählte er hier seine besten
+Geschichten. Er machte am Klubklavier einen Virtuosen, er ahmte
+englische und transatlantische Schauspieler und Opernsänger nach, er gab
+in der harmlosesten und unterhaltendsten Art Weiberaffären aus
+verschiedenen Gegenden zum besten -- denn kein Zweifel: Christian
+Buddenbrook war ein »Suitier« --, er berichtete Abenteuer, die er auf
+Schiffen, auf Eisenbahnen, in St. Pauli, in Whitechapel, im Urwald
+erlebt hatte ... Er erzählte bezwingend, hinreißend, in mühelosem Fluß,
+mit leicht klagender und schleppender Aussprache, burlesk und harmlos
+wie ein englischer Humorist. Er erzählte die Geschichte eines Hundes,
+der in einer Schachtel von Valparaiso nach San Franzisko geschickt
+worden und obendrein räudig war. Gott weiß, worin eigentlich die Pointe
+der Anekdote bestand; aber in seinem Munde war sie von ungeheurer Komik.
+Und wenn dann ringsumher sich niemand vor Lachen zu lassen wußte, so saß
+er selbst, mit seiner großen, gebogenen Nase, seinem dünnen, zu langen
+Halse und seinem rötlichblonden, schon spärlichen Haar und ließ, einen
+unruhigen und unerklärlichen Ernst auf dem Gesichte, eins seiner
+mageren, nach außen gekrümmten Beine über das andere geschlagen, seine
+kleinen, runden, tiefliegenden Augen nachdenklich umherschweifen ...
+Beinahe schien es, als lache man auf seine Kosten, als lache man über
+ihn ... Aber daran dachte er nicht.
+
+Zu Hause erzählte er mit besonderer Vorliebe von seinem Kontor in
+Valparaiso, von der unmäßigen Temperatur, die dort geherrscht, und von
+einem jungen Londoner namens Johnny Thunderstorm, einem Bummelanten,
+einem unglaublichen Kerl, den er, »Gott verdamm' mich, niemals hatte
+arbeiten sehen«, und der doch ein sehr gewandter Kaufmann gewesen sei
+... »Du lieber Gott!« sagte er. »Bei der Hitze! Na, der Chef kommt ins
+Kontor ... wir liegen, acht Mann, wie die Fliegen umher und rauchen
+Zigaretten, um wenigstens die Moskitos wegzujagen. Du lieber Gott!
+`Nun´, sagt der Chef, `Sie arbeiten nicht, meine Herren?!´ ... `_No,
+Sir!_´ sagt Johnny Thunderstorm. `Wie Sie sehen, Sir!´ Und dabei blasen
+wir ihm alle unseren Zigarettenrauch ins Gesicht. Du lieber Gott!«
+
+»Warum sagst du eigentlich fortwährend `Du lieber Gott´?« fragte Thomas
+gereizt. Aber das war es nicht, was ihn ärgerte. Sondern er fühlte, daß
+Christian diese Geschichte nur deshalb mit soviel Freude erzählte, weil
+sie ihm eine Gelegenheit bot, mit Spott und Verachtung von der Arbeit zu
+sprechen.
+
+Dann ging ihre Mutter diskret zu etwas anderem über.
+
+Es gibt viele häßliche Dinge auf Erden, dachte die Konsulin Buddenbrook,
+geborene Kröger. Auch Brüder können sich hassen und verachten; das kommt
+vor, so schauerlich es klingt. Aber man spricht nicht davon. Man
+vertuscht es. Man braucht nichts davon zu wissen.
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Im Mai geschah es, daß Onkel Gotthold, Konsul Gotthold Buddenbrook, nun
+sechzigjährig, in einer traurigen Nacht von Herzkrämpfen befallen ward
+und in den Armen seiner Gattin, der geborenen Stüwing, eines schweren
+Todes starb.
+
+Der Sohn der armen Madame Josephine, der, gegenüber seiner nachgeborenen
+und mächtigeren Geschwisterschaft von seiten Madame Antoinettens, im
+Leben zu kurz gekommen war, hatte sich längst mit seinem Geschicke
+beschieden und in den letzten Jahren, besonders nachdem ihm sein Neffe
+das niederländische Konsulat überlassen, ganz ohne Ranküne aus seiner
+Blechdose Brustbonbons gegessen. Wer den alten Familienzwist in Form
+einer allgemeinen und unbestimmten Animosität hegte und bewahrte, das
+waren vielmehr seine Damen: seine gutmütige und beschränkte Gattin nicht
+sowohl, wie die drei ältlichen Mädchen, die weder die Konsulin, noch
+Antonie, noch Thomas ohne ein kleines giftiges Flämmchen in den Augen
+anzublicken vermochten ...
+
+Donnerstags, an den überlieferungsgemäßen »Kindertagen«, um vier Uhr,
+fand man sich in dem großen Hause in der Mengstraße zusammen, um dort zu
+Mittag zu speisen und den Abend zuzubringen -- manchmal erschienen auch
+Konsul Krögers oder Sesemi Weichbrodt mit ihrer ungelehrten Schwester --
+und hier war es, wo die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße mit
+ungezwungener Vorliebe die Rede auf Tonys verflossene Ehe brachten, um
+Madame Grünlich zu einigen großen Worten zu veranlassen und sich dabei
+kurze, spitzige Blicke zuzusenden ... oder wo sie allgemeine
+Betrachtungen darüber anstellten, welche unwürdige Eitelkeit es doch
+sei, sich das Haar zu färben, und allzu anteilnehmende Erkundigungen
+über Jakob Kröger, den Neffen der Konsulin, einzogen. Sie gaben der
+armen, unschuldigen und geduldigen Klothilde, der einzigen, die sich in
+der Tat auch ihnen noch unterlegen fühlen mußte, einen Spott zu kosten,
+der durchaus nicht so harmlos war wie der, den das mittellose und
+hungrige Mädchen alltäglich von Tom oder Tony mit gedehnter und
+erstaunter Freundlichkeit entgegennahm. Sie mokierten sich über Klaras
+Strenge und Bigotterie, sie fanden schnell heraus, daß Christian mit
+Thomas sich nicht zum besten stand, und daß sie ihn überhaupt, Gott sei
+Dank, nicht zu achten brauchten, denn er war ein Hans Quast, ein
+lächerlicher Mensch. Was Thomas selbst betraf, an dem durchaus keine
+Schwäche erfindlich war, und der ihnen seinerseits mit einem
+nachsichtigen Gleichmut entgegenkam, welcher andeutete: Ich verstehe
+euch, und ihr tut mir leid ... so behandelten sie ihn mit leicht
+vergifteter Hochachtung. Von der kleinen Erika aber, rosig und
+wohlgepflegt, wie sie war, mußte denn doch gesagt werden, daß sie in
+beunruhigender Weise im Wachstum zurückgeblieben sei. Worauf Pfiffi,
+indem sie sich schüttelte und Feuchtigkeit in die Mundwinkel bekam, zum
+Überfluß auf die erschreckende Ähnlichkeit des Kindes mit dem Betrüger
+Grünlich aufmerksam machte ...
+
+Nun umstanden sie weinend mit ihrer Mutter das Sterbebett des Vaters,
+und trotzdem es ihnen schien, als ob selbst dieser Tod noch von der
+Verwandtschaft in der Mengstraße verschuldet sei, ward doch ein Bote
+dorthin entsandt.
+
+Mitten in der Nacht hallte die Haustürglocke über die große Diele, und
+da Christian spät nach Hause gekommen war und sich leidend fühlte,
+machte Thomas sich allein auf den Weg, in den Frühlingsregen hinaus.
+
+Er kam nur zur rechten Zeit, um die letzten konvulsivischen Zuckungen
+des alten Herrn zu sehen, und dann stand er lange mit gefalteten Händen
+im Sterbezimmer und blickte auf diese kurze Gestalt, die sich unter den
+Umhüllungen abzeichnete, in dieses tote Gesicht mit den etwas
+weichlichen Zügen und den weißen Koteletts ...
+
+»Du hast es nicht sehr gut gehabt, Onkel Gotthold«, dachte er. »Du hast
+es zu spät gelernt, Zugeständnisse zu machen, Rücksicht zu nehmen ...
+Aber das ist nötig ... Wenn ich wäre wie du, hätte ich vor Jahr und Tag
+bereits einen Laden geheiratet ... Die _dehors_ wahren!... Wolltest du
+es überhaupt anders, als du es gehabt hast? Obgleich du trotzig warst
+und wohl glaubtest, dieser Trotz sei etwas Idealistisches, besaß dein
+Geist wenig Schwungkraft, wenig Phantasie, wenig von dem Idealismus, der
+jemanden befähigt, mit einem stillen Enthusiasmus, süßer, beglückender,
+befriedigender als eine heimliche Liebe, irgendein abstraktes Gut, einen
+alten Namen, ein Firmenschild zu hegen, zu pflegen, zu verteidigen, zu
+Ehren und Macht und Glanz zu bringen. Der Sinn für Poesie ging dir ab,
+obgleich du so tapfer warst, trotz dem Befehl deines Vaters zu lieben
+und zu heiraten. Du besaßest auch keinen Ehrgeiz, Onkel Gotthold.
+Freilich, der alte Name ist bloß ein Bürgername, und man pflegt ihn,
+indem man einer Getreidehandlung zum Flor verhilft, indem man seine
+eigene Person in einem kleinen Stück Welt geehrt, beliebt und mächtig
+macht ... Dachtest du: Ich heirate die Stüwing, die ich liebe, und
+schere mich um keine praktischen Rücksichten, denn sie sind Kleinkram
+und Pfahlbürgertum?... Oh, auch wir sind gerade gereist und gebildet
+genug, um recht gut zu erkennen, daß die Grenzen, die unserem Ehrgeize
+gesteckt sind, von außen und oben gesehen nur eng und kläglich sind.
+Aber alles ist bloß ein Gleichnis auf Erden, Onkel Gotthold! Wußtest du
+nicht, daß man auch in einer kleinen Stadt ein großer Mann sein kann?
+Daß man ein Cäsar sein kann an einem mäßigen Handelsplatz an der Ostsee?
+Freilich, dazu gehört ein wenig Phantasie, ein wenig Idealismus ... und
+den besaßest du nicht, was du auch von dir selbst gedacht haben magst.«
+
+Und Thomas Buddenbrook wandte sich ab. Er trat ans Fenster und blickte,
+die Hände auf dem Rücken, ein Lächeln auf seinem intelligenten Gesicht,
+zu der schwachbeleuchteten und in Regen gehüllten gotischen Fassade des
+Rathauses hinüber.
+
+ * * * * *
+
+Wie es in der Natur der Dinge lag, gingen Amt und Titel des königlich
+niederländischen Konsulats, das Thomas sofort nach dem Tode seines
+Vaters hätte für sich in Anspruch nehmen können, zu Tony Grünlichs
+maßlosem Stolze jetzt an ihn über, und das gewölbte Schild mit Löwen,
+Wappen und Krone war nunmehr wieder an der Giebelfront in der Mengstraße
+unter dem »_Dominus providebit_« zu sehen.
+
+Gleich nach Erledigung dieser Angelegenheit, im Juni bereits desselben
+Jahres, trat der junge Konsul eine Reise an, eine Geschäftsreise nach
+Amsterdam, von der er nicht wußte, wieviel Zeit sie in Anspruch nehmen
+werde.
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Todesfälle pflegen eine dem Himmlischen zugewandte Stimmung
+hervorzubringen, und niemand wunderte sich, aus dem Munde der Konsulin
+Buddenbrook nach dem Dahinscheiden ihres Gatten diese oder jene
+hochreligiöse Wendung zu vernehmen, die man früher nicht an ihr gewohnt
+gewesen war.
+
+Bald jedoch zeigte es sich, daß dies nichts Vorübergehendes war, und
+rasch war in der Stadt die Tatsache bekannt, daß die Konsulin gewillt
+war, das Andenken des Verewigten in erster Linie dadurch zu ehren, daß
+sie, die schon in den letzten Jahren seines Lebens, und zwar seit sie
+alterte, mit seinen geistlichen Neigungen sympathisiert hatte, nun seine
+fromme Weltanschauung vollends zu der ihren machte.
+
+Sie strebte danach, das weitläufige Haus mit dem Geiste des
+Heimgegangenen zu erfüllen, mit dem milden und christlichen Ernst, der
+eine vornehme Herzensheiterkeit nicht ausschloß. Die Morgen- und
+Abendandachten wurden in ausgedehnterem Umfange fortgesetzt. Die Familie
+versammelte sich im Eßsaale, während das Dienstpersonal in der
+Säulenhalle stand, und die Konsulin oder Klara verlasen aus der großen
+Familienbibel mit den ungeheuren Lettern einen Abschnitt, worauf man aus
+dem Gesangbuch ein paar Verse zum Harmonium sang, das die Konsulin
+spielte. Auch trat oft an die Stelle der Bibel eines der Predigt- und
+Erbauungsbücher mit schwarzem Einband und Goldschnitt, dieser
+Schatzkästchen, Psalter, Weihestunden, Morgenklänge und Pilgerstäbe,
+deren beständige Zärtlichkeit für das süße, wonnesame Jesulein ein wenig
+widerlich anmutete und von denen allzu viele im Hause vorhanden waren.
+
+Christian erschien nicht oft zu den Andachten. Ein Einwand, den Thomas
+bei Gelegenheit ganz vorsichtig und halb im Scherze gegen die Übungen
+erhoben hatte, war mit Milde und Würde zurückgewiesen worden. Was Madame
+Grünlich anging, so benahm sie sich leider nicht immer völlig korrekt
+dabei. Eines Morgens -- es war gerade ein fremder Prediger bei
+Buddenbrooks zu Gast -- war man genötigt, zu einer feierlichen,
+glaubensfesten und innigen Melodie die Worte zu singen:
+
+ »Ich bin ein rechtes Rabenaas,
+ Ein wahrer Sündenkrüppel,
+ Der seine Sünden in sich fraß,
+ Als wie der Rost den Zwippel.
+ Ach Herr, so nimm mich Hund beim Ohr,
+ Wirf mir den Gnadenknochen vor
+ Und nimm mich Sündenlümmel
+ In deinen Gnadenhimmel!«
+
+... worauf Frau Grünlich vor innerlicher Zerknirschung das Buch von sich
+warf und den Saal verließ.
+
+Die Konsulin selbst aber verlangte weit mehr noch von sich, als von
+ihren Kindern. Sie richtete zum Beispiel eine Sonntagsschule ein. Am
+Sonntagvormittag klingelten lauter kleine Volksschulmädchen in der
+Mengstraße, und Stine Voß, die an der Mauer, und Mike Stuht, die in der
+Glockengießerstraße, und Fike Snut, die an der Trave oder in der Kleinen
+Gröpelgrube oder im Engelswisch zu Hause waren, wanderten mit ihrem
+semmelblonden, mit Wasser gekämmtem Haar über die große Diele in das
+helle Gartenzimmer, dort hinten, das als Kontor seit längerer Zeit nicht
+mehr benutzt wurde, wo Sitzbänke aufgeschlagen waren und wo die Konsulin
+Buddenbrook, geborene Kröger, mit ihrem Kleid aus schwerem schwarzem
+Atlas, ihrem weißen, vornehmen Gesicht und ihrer noch weißeren
+Spitzenhaube, ihnen an einem Tischchen, auf welchem ein Glas
+Zuckerwasser stand, gegenübersaß und sie eine Stunde lang katechisierte.
+
+Auch begründete sie den »Jerusalemsabend«, und an diesem mußte außer
+Klara und Klothilde auch Tony sich wohl oder übel beteiligen. Einmal
+wöchentlich saßen an der langausgezogenen Tafel im Eßsaale beim Scheine
+von Lampen und Kerzen etwa zwanzig Damen, die in dem Alter standen, wo
+es an der Zeit ist, sich nach einem guten Platze im Himmel umzusehen,
+tranken Tee oder Bischof, aßen fein belegtes Butterbrot und Pudding,
+lasen sich geistliche Lieder und Abhandlungen vor und fertigten
+Handarbeiten an, die am Ende des Jahres in einem Basar verkauft wurden
+und deren Erlös zu Missionszwecken nach Jerusalem geschickt ward.
+
+Der fromme Verein ward in der Hauptsache von Damen aus der
+Gesellschaftssphäre der Konsulin gebildet, und die Senatorin Langhals,
+die Konsulin Möllendorpf und die alte Konsulin Kistenmaker gehörten ihm
+an, während andere alte Damen, die weltlicher und profaner angelegt
+waren, wie Madame Köppen, sich über ihre Freundin Bethsy mokierten. Auch
+die Predigersgattinnen der Stadt sowie die verwitwete Konsulin
+Buddenbrook, geborene Stüwing, und Sesemi Weichbrodt nebst ihrer
+ungelehrten Schwester waren Mitglieder. Vor Jesu jedoch ist kein Rang
+und kein Unterschied, und so nahmen am Jerusalemsabend auch armseligere
+und seltsamere Gestalten teil, wie zum Beispiel ein kleines, runzeliges
+Geschöpf, reich an Gottgefälligkeit und Häkelmustern, das im
+Heiligen-Geist-Hospitale wohnte, Himmelsbürger hieß und die Letzte ihres
+Geschlechtes war ... »Die letzte Himmelsbürgern« nannte sie sich
+wehmütig, und dabei fuhr sie mit der Stricknadel unter ihre Haube, um
+sich zu krauen.
+
+Weit bemerkenswerter aber waren zwei andere Mitglieder, ein
+Zwillingspaar, zwei sonderbare alte Mädchen, die mit Schäferhüten aus
+dem achtzehnten Jahrhundert und seit manchem Jahr schon verblichenen
+Kleidern Hand in Hand in der Stadt umhergingen und Gutes taten. Sie
+hießen Gerhardt und beteuerten, in gerader Linie von Paul Gerhardt
+abzustammen. Man sagte, daß sie durchaus nicht mittellos seien; aber sie
+lebten aufs jämmerlichste und gaben alles den Armen ... »Liebe!«
+bemerkte die Konsulin Buddenbrook, die sich ihrer zuweilen ein bißchen
+schämte, »Gott sieht ins Herze, aber Ihre Kleider sind wenig adrett ...
+Man muß auf sich halten ...« Aber dann küßten sie ihre elegante
+Freundin, welche die Weltdame nicht verleugnen konnte, nur auf die Stirn
+... mit der ganzen nachsichtigen, liebevollen und mitleidigen
+Überlegenheit des Geringen über den Vornehmen, der das Heil sucht. Es
+waren keineswegs dumme Geschöpfe, und in ihren kleinen, häßlichen,
+verschrumpften Papageiköpfen saßen blanke, sanft verschleierte braune
+Augen, die mit einem seltsamen Ausdruck von Milde und Wissen in die Welt
+schauten ... Ihre Herzen waren voll von wunderbaren und geheimnisvollen
+Kenntnissen. Sie wußten, daß in unserer letzten Stunde all unsere zu
+Gott vorangegangenen Lieben in Sang und Seligkeit kommen, uns abzuholen.
+Sie sprachen das Wort »der Herr« mit der Leichtigkeit und
+Ursprünglichkeit von ersten Christen, die aus des Meisters eigenem Munde
+noch das »Über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen« vernommen haben.
+Sie besaßen die merkwürdigsten Theorien über innere Lichter und
+Ahnungen, über Gedankenübertragung und -wanderungen ... denn Lea, die
+eine von ihnen, war taub und wußte gleichwohl fast immer, wovon die Rede
+war.
+
+Da Lea Gerhardt taub war, war sie es gewöhnlich, die an den
+Jerusalemsabenden vorlas; auch fanden die Damen, daß sie schön und
+ergreifend läse. Sie nahm aus ihrem Beutel ein uraltes Buch, welches
+lächerlich und unverhältnismäßig viel höher als breit war und vorn, in
+Kupfer gestochen, das übermenschlich pausbäckige Bildnis ihres Ahnherrn
+enthielt, nahm es in beide Hände und las, damit sie selbst sich ein
+wenig hören konnte, mit fürchterlicher Stimme, die klang, wie wenn der
+Wind sich im Ofenrohre verfängt:
+
+ »Will Satan mich verschlingen ...«
+
+Nun! dachte Tony Grünlich. Welcher Satan möchte die wohl verschlingen!
+Aber sie sagte nichts, hielt sich ihrerseits an den Pudding und dachte
+darüber nach, ob sie wohl auch dermaleinst so häßlich sein werde wie die
+beiden Fräulein Gerhardt.
+
+Sie war nicht glücklich, sie empfand Langeweile und ärgerte sich über
+die Pastoren und Missionare, deren Besuche nach dem Tode des Konsuls
+sich vielleicht noch vermehrt hatten und die nach Tonys Meinung im Hause
+allzusehr das Regiment führten und allzuviel Geld bekamen. Der letztere
+Punkt ging Thomas an; aber er schwieg darüber, während seine Schwester
+hie und da etwas von Leuten vor sich hin murmelte, die der Witwen Häuser
+fressen und lange Gebete vorwenden.
+
+Sie haßte diese schwarzen Herren aufs bitterlichste. Als gereifte Frau,
+die das Leben kennengelernt hatte und kein dummes Ding mehr war, sah sie
+sich nicht in der Lage, an ihre unbedingte Heiligkeit zu glauben.
+»Mutter!« sagte sie; »o Gott, man soll seinem Nächsten nichts Übles
+nachsagen ... gut, ich weiß es! Aber das eine muß ich denn doch
+aussprechen, und ich würde mich wundern, wenn das Leben dich das nicht
+gelehrt hätte, nämlich, daß nicht alle, die einen langen Rock tragen und
+`Herr, Herr!´ sagen, immer ganz makellos sind!«
+
+Es blieb unaufgeklärt, wie Thomas sich zu solchen Wahrheiten verhielt,
+die seine Schwester mit ungeheurem Nachdruck vertrat. Christian aber
+hatte gar keine Meinung; er beschränkte sich darauf, die Herren mit
+krauser Nase zu beobachten, um hernach im Klub oder in der Familie ihre
+Kopie zu liefern ...
+
+Aber es ist wahr, daß Tony am meisten von den geistlichen Gästen zu
+leiden hatte. Eines Tages geschah es wahr und wahrhaftig, daß ein
+Missionar namens Jonathan, der sowohl in Syrien als auch in Arabien
+gewesen war, ein Mann mit großen, vorwurfsvollen Augen und betrübt
+herniederhängenden Wangen, vor sie hintrat und sie mit trauriger Strenge
+zur Entscheidung der Frage aufforderte, ob ihre gebrannten Stirnlocken
+sich eigentlich mit der wahren christlichen Demut vereinbaren ließen ...
+Ach! er hatte nicht mit Tony Grünlichs spitzig sarkastischer
+Redegewandtheit gerechnet. Sie schwieg während einiger Augenblicke, und
+man sah, wie ihr Hirn arbeitete. Dann aber kam es: »=Darf ich Sie
+bitten, mein Herr Pastor, sich um Ihre eigenen Locken zu bekümmern?!=«
+... Und hinaus rauschte sie, indem sie die Schultern ein wenig emporzog,
+den Kopf zurückwarf und trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken
+suchte. -- Und Pastor Jonathan besaß äußerst wenig Haupthaar, ja, sein
+Schädel war nackt zu nennen!
+
+Einst aber wurde ihr ein noch größerer Triumph zuteil. Pastor Trieschke
+nämlich, Tränen-Trieschke aus Berlin, der diesen Beinamen führte, weil
+er allsonntäglich einmal inmitten seiner Predigt an geeigneter Stelle zu
+weinen begann ... Tränen-Trieschke, der sich durch ein bleiches Gesicht,
+rote Augen und wahre Pferdekinnbacken auszeichnete und acht oder zehn
+Tage lang bei Buddenbrooks wechselweise mit der armen Klothilde um die
+Wette aß und Andachten abhielt, verliebte sich bei dieser Gelegenheit in
+Tony ... nicht etwa in ihre unsterbliche Seele, o nein, sondern in ihre
+Oberlippe, ihr starkes Haar, ihre hübschen Augen und ihre blühende
+Gestalt! Und dieser Gottesmann, der zu Berlin ein Weib und viele Kinder
+besaß, entblödete sich nicht, durch den Bedienten Anton in Madame
+Grünlichs Schlafzimmer im zweiten Stock einen Brief niederlegen zu
+lassen, der aus Bibelextrakten und einer sonderbar anschmiegsamen
+Zärtlichkeit wirksam gemischt war ... Sie fand ihn beim Zubettegehen,
+sie las ihn und ging festen Schrittes die Treppen hinunter ins
+Zwischengeschoß und ins Schlafzimmer der Konsulin, woselbst sie ihrer
+Mutter beim Kerzenscheine das Schreiben des Seelsorgers völlig ungeniert
+und mit lauter Stimme vortrug, so daß Tränen-Trieschke fortan in der
+Mengstraße unmöglich war.
+
+»So sind sie alle!« sagte Madame Grünlich ... »Ha! so sind sie alle! O
+Gott, ich war eine Gans früher, ein dummes Ding, Mama, aber das Leben
+hat mir das Vertrauen zu den Menschen genommen. Die meisten sind Filous
+... ja, das ist leider wahr. =Grünlich -- --!=« Und der Name klang wie
+eine Fanfare, wie ein kleiner Trompetenstoß, den sie mit etwas erhobenen
+Schultern und emporgerichteten Augen in die Luft hinein ertönen ließ.
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Sievert Tiburtius war ein kleiner schmaler Mann mit großem Kopfe und
+trug einen dünnen, aber langen blonden Backenbart, der geteilt war und
+dessen Enden er manchmal, der Bequemlichkeit halber, nach beiden Seiten
+hin über die Schultern legte. Seinen runden Schädel bedeckte eine Unzahl
+ganz kleiner wolliger Ringellöckchen. Seine Ohrmuscheln waren groß,
+äußerst abstehend, an den Rändern weit nach innen zusammengerollt und
+oben so spitz, wie die eines Fuchses. Seine Nase saß wie ein kleiner
+platter Knopf in seinem Gesicht, seine Wangenknochen standen hervor, und
+seine grauen Augen, die gemeinhin eng zusammengekniffen ein wenig blöde
+umherblinzelten, konnten in gewissen Momenten sich in ungeahnter Weise
+erweitern, größer und größer werden, hervorquellen, beinahe
+herausspringen ...
+
+Dies war der Pastor Tiburtius, welcher aus Riga stammte, einige Jahre in
+Mitteldeutschland amtiert hatte und nun, auf der Reise nach seiner
+Heimat, wo eine Predigersstelle ihm zugefallen war, die Stadt berührte.
+Versehen mit der Empfehlung eines Amtsbruders, der ebenfalls einst in
+der Mengstraße Mockturtlesuppe und Schinken mit Schalottensauce gegessen
+hatte, machte er der Konsulin seine Aufwartung, ward für die Dauer
+seines Aufenthaltes, der einige wenige Tage in Anspruch nehmen sollte,
+zu Gaste geladen und bewohnte das geräumige Fremdenzimmer im ersten
+Stockwerk am Korridor.
+
+Aber er verweilte länger, als er erwartet hatte. Es vergingen acht Tage,
+und noch immer hatte er diese oder jene Sehenswürdigkeit, den Totentanz
+und das Aposteluhrwerk in der Marienkirche, das Rathaus, die
+»Schiffergesellschaft« oder die Sonne mit den beweglichen Augen im Dom
+nicht besucht. Es vergingen zehn Tage, und er sprach wiederholt von
+seiner Abreise; infolge des ersten Wörtchens jedoch, das ihn zum Bleiben
+aufforderte, verzog er aufs neue.
+
+Er war ein besserer Mensch als die Herren Jonathan und Tränen-Trieschke.
+Er bekümmerte sich durchaus nicht um Frau Antoniens gebrannte
+Stirnlöckchen und schrieb ihr keinerlei Briefe. Desto aufmerksamer aber
+beschäftigte er sich mit Klara, ihrer jüngeren und ernsthafteren
+Schwester. In =ihrer= Gegenwart, wenn =sie= sprach, ging oder kam,
+konnte es geschehen, daß seine Augen sich in ungeahnter Weise
+erweiterten, größer und größer wurden, hervorquollen, fast
+heraussprangen ... und beinahe den ganzen Tag hielt er sich bei ihr auf,
+indem er geistliche und weltliche Gespräche mit ihr pflog oder ihr
+vorlas ... mit seiner hohen, sich überschlagenden Stimme und in der
+drollig hüpfenden Aussprache seiner baltischen Heimat.
+
+Gleich am ersten Tage hatte er gesagt: »Erbarmen Sie sich, Frau
+Konsulin! Welch einen Schatz und Gottessegen besitzen Sie an Ihrer
+Tochter Klara. Das ist wohl ein herrliches Kind!«
+
+»Sie haben recht«, erwiderte die Konsulin. Aber er wiederholte es so
+oft, daß sie ihre hellen blauen Augen in diskreter Prüfung zu ihm
+hinschweifen ließ und ihn veranlaßte, ein wenig eingehender von seiner
+Herkunft, seinen Verhältnissen, seinen Aussichten zu erzählen. Es ergab
+sich, daß er aus einer Kaufmannsfamilie stammte, daß seine Mutter bei
+Gott sei, daß er Geschwister nicht besitze und daß sein alter Vater zu
+Riga als Privatier mit einem auskömmlichen Vermögen lebe, welches
+einstmals ihm selbst, dem Pastor Tiburtius, gehören werde; übrigens
+sichere sein Amt ihm ein hinreichendes Einkommen.
+
+Was Klara Buddenbrook betraf, so stand sie nun im neunzehnten Jahre und
+war, mit ihrem dunklen, glattgescheitelten Haar, ihren strenge und
+dennoch träumerisch blickenden braunen Augen, ihrer leicht gebogenen
+Nase, ihrem ein wenig zu fest geschlossenen Munde und ihrer hohen,
+schlanken Gestalt, zu einer jungen Dame von herber und eigentümlicher
+Schönheit erwachsen. Im Hause hielt sie am festesten mit ihrer armen und
+ebenfalls frommen Cousine Klothilde zusammen, deren Vater kürzlich
+gestorben war und die mit dem Gedanken umging, sich demnächst einmal zu
+»etablieren«, das heißt, mit einigen Groschen und Möbeln, die sie
+ererbt, sich irgendwo in Pension zu begeben ... Von Thildas gedehnter,
+geduldiger und hungriger Demut freilich kannte Klara nichts. Im
+Gegenteil eignete ihr im Verkehr mit den Dienstboten, ja, auch mit ihren
+Geschwistern und ihrer Mutter ein etwas herrischer Ton, und ihre
+Altstimme schon, die sich nur mit Bestimmtheit zu senken, nie aber
+fragend zu heben verstand, trug einen befehlshaberischen Charakter und
+konnte oft eine kurze, harte, unduldsame und hochfahrende Klangfarbe
+annehmen: an Tagen nämlich, wo Klara an Kopfschmerzen litt.
+
+Sie hatte, bevor der Tod des Konsuls die Familie in Trauer hüllte, mit
+unnahbarer Würde die Gesellschaften im Elternhause und den Häusern von
+gleicher Rangstufe mitgemacht ... Die Konsulin betrachtete sie, und sie
+konnte sich nicht verhehlen, daß es trotz der stattlichen Mitgift und
+Klaras häuslicher Tüchtigkeit schwer halten werde, dies Kind zu
+verehelichen. Keinen der skeptischen, rotspontrinkenden und jovialen
+Kaufherren ihrer Umgebung, wohl aber einen Geistlichen konnte sie sich
+an der Seite des ernsten und gottesfürchtigen Mädchens vorstellen, und
+da dieser Gedanke die Konsulin freudig bewegte, so fanden des Pastors
+Tiburtius zarte Einleitungen von ihrer Seite ein maßvolles und
+freundliches Entgegenkommen.
+
+Und wahrhaftig entwickelte sich die Angelegenheit mit großer Präzision.
+An einem warmen und wolkenlosen Julinachmittag machte die Familie einen
+Spaziergang. Die Konsulin, Antonie, Christian, Klara, Thilda, Erika
+Grünlich mit Mamsell Jungmann und in ihrer Mitte Pastor Tiburtius zogen
+weit vors Burgtor hinaus, um bei einem ländlichen Wirte im Freien an
+Holztischen Erdbeeren, Sattenmilch oder Rote Grütze zu essen, und nach
+der Vespermahlzeit erging man sich in dem großen Nutzgarten, der bis zum
+Flusse sich hinzog, im Schatten von allerlei Obstbäumen zwischen
+Johannis- und Stachelbeerbüschen, Spargel- und Kartoffelfeldern.
+
+Sievert Tiburtius und Klara Buddenbrook blieben ein wenig zurück. Er,
+sehr viel kleiner als sie, den geteilten Backenbart über beiden
+Schultern, hatte den geschweiften schwarzen Strohhut von seinem großen
+Kopfe genommen und führte, indem er sich hie und da mit dem Tuche die
+Stirn trocknete, mit großen Augen ein langes und sanftes Gespräch mit
+ihr, in dessen Verlaufe sie beide einmal stehenblieben und Klara mit
+ernster und ruhiger Stimme ein Ja sprach.
+
+Dann, nach der Rückkehr, als die Konsulin, ein wenig ermüdet und
+erhitzt, allein im Landschaftszimmer saß, setzte sich Pastor Tiburtius
+-- draußen lag die nachdenkliche Stille des Sonntagnachmittags -- zu ihr
+in den sommerlichen Abendglanz und begann auch mit ihr ein langes und
+sanftes Gespräch, an dessen Ende die Konsulin sagte: »Genug, mein lieber
+Herr Pastor ... Ihr Antrag entspricht meinen mütterlichen Wünschen, und
+Sie Ihrerseits haben nicht schlecht gewählt, dessen kann ich Sie
+versichern. Wer hätte gedacht, daß Ihr Eingang und Aufenthalt in unserem
+Hause so wunderbar gesegnet sein werde!... Ich will heute mein letztes
+Wort noch nicht sprechen, denn es gehört sich, daß ich zuvor meinem
+Sohne, dem Konsul, schreibe, der sich augenblicklich, wie Sie wissen, im
+Auslande befindet. Sie reisen bei Leben und Gesundheit morgen nach Riga
+ab, um Ihr Amt anzutreten, und wir gedenken, uns für einige Wochen an
+die See zu begeben ... Sie werden in Bälde Nachricht von mir empfangen,
+und der Herr gebe, daß wir uns glücklich wiedersehen.«
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+ Amsterdam, den 20. Juli 56.
+ Hotel »Het Haasje«
+
+Meine liebe Mutter!
+
+Soeben in den Besitz Deines inhaltreichen Schreibens gelangt, beeile ich
+mich, Dir auf das herzlichste für die Aufmerksamkeit zu danken, die
+darin liegt, daß Du in der bewußten Angelegenheit meine Zustimmung
+einziehst; ich erteile selbstverständlicherweise nicht nur sie, sondern
+füge auch meine freudigsten Glückwünsche hinzu, vollauf überzeugt, daß
+Ihr, Du und Klara, eine gute Wahl werdet getroffen haben. Der schöne
+Name Tiburtius ist mir bekannt, und ich glaube bestimmt, daß Papa mit
+dem Alten in geschäftlicher Verbindung stand. Klara kommt jedenfalls in
+angenehme Verhältnisse, und die Position als Pastorin wird ihrem
+Temperamente zusagen.
+
+Tiburtius ist also nach Riga abgereist und wird seine Braut im August
+noch einmal besuchen? Nun, es wird wahrhaftig munter zugehen alsdann bei
+uns in der Mengstraße -- munterer noch, als Ihr alle vorausseht, denn
+Ihr wißt nicht, aus welchen absonderlichen Gründen ich so überaus froh
+erstaunt über Mademoiselle Klaras Verlobung bin und um welches
+allerliebste Zusammentreffen es sich dabei handelt. Ja, meine
+ausgezeichnete Frau Mama, wenn ich mich heute bequeme, meinen
+gravitätischen Konsens zu Klaras irdischem Glücke von der Amstel zur
+Ostsee zu senden, so geschieht es ganz einfach unter der Bedingung, daß
+ich mit wendender Post aus Deiner Feder einen ebensolchen Konsens in
+betreff einer ebensolchen Angelegenheit zurückempfange! Drei harte
+Gulden würde ich dafür geben, könnte ich Dein Gesicht, besonders aber
+dasjenige unserer wackeren Tony sehen, wenn Ihr diese Zeilen lest ...
+Aber ich will zur Sache reden.
+
+Mein kleines, reinliches Hotel ist mit hübscher Aussicht auf den Kanal,
+inmitten der Stadt, unweit der Börse gelegen, und die Geschäfte, denen
+zuliebe ich hierher gekommen (es handelte sich um die Anknüpfung einer
+neuen, wertvollen Verbindung: Du weißt, ich besorge dergleichen mit
+Vorliebe persönlich), entwickelten sich vom ersten Tage an in
+erwünschter Weise. Von meiner Lehrzeit her aber wohlbekannt in der
+Stadt, war ich, obgleich viele Familien sich in den Seebädern befinden,
+auch gesellschaftlich sofort sehr lebhaft in Anspruch genommen. Ich habe
+kleinere Abendgesellschaften bei Van Henkdoms und Moelens mitgemacht,
+und schon am dritten Tage meines Hierseins mußte ich mich in Gala
+werfen, um einem Diner bei meinem ehemaligen Prinzipale Herrn van der
+Kellen beizuwohnen, das er so außerhalb der Saison, ersichtlich mir zu
+Ehren, arrangierte. Zu Tische aber führte ich ... habt Ihr Lust zu
+raten? Fräulein Arnoldsen, Gerda Arnoldsen, Tonys ehemalige
+Pensionsgenossin, deren Vater, der große Kaufmann, und beinahe noch
+größere Geigenvirtuos, sowie seine verheiratete Tochter und ihr Gatte
+ebenfalls zugegen waren.
+
+Ich erinnere mich sehr wohl, daß Gerda -- gestattet, daß ich mich
+bereits ausschließlich des Vornamens bediene -- schon als ganz junges
+Mädchen, als sie noch bei Mademoiselle Weichbrodt am Mühlenbrink zur
+Schule ging, einen starken und nie ganz verlöschten Eindruck auf mich
+gemacht hat. Jetzt aber sah ich sie wieder: größer, entwickelter,
+schöner, geistreicher ... Erlaßt mir, da sie leicht ein wenig ungestüm
+ausfallen könnte, die Beschreibung ihrer Persönlichkeit, die Ihr bald
+von Angesicht zu Angesicht werdet schauen können!
+
+Ihr könnt Euch denken, daß sich eine Menge von Ausgangspunkten zu einem
+guten Tischgespräche darboten; aber wir verließen schon nach der Suppe
+das Gebiet der alten Anekdoten und gingen zu ernsteren und fesselnderen
+Dingen über. In der Musik konnte ich ihr nicht Widerpart halten, denn
+wir bedauernswerten Buddenbrooks wissen allzuwenig davon; aber in der
+niederländischen Malerei war ich schon besser zu Hause, und in der
+Literatur verstanden wir uns durchaus.
+
+Wahrlich, die Zeit verging im Fluge. Nach Tische ließ ich mich dem alten
+Arnoldsen präsentieren, der mir mit ausgesuchter Verbindlichkeit
+entgegenkam. Später, im Salon, trug er mehrere Konzertpiecen vor, und
+auch Gerda produzierte sich. Sie sah prachtvoll dabei aus, und obgleich
+ich keine Ahnung vom Violinspiel habe, so weiß ich, daß sie auf ihrem
+Instrument (einer echten Stradivari) zu singen verstand, daß einem
+beinahe die Tränen in die Augen traten.
+
+Am folgenden Tage machte ich Besuch bei Arnoldsens, Buitenkant. Ich
+wurde zunächst von einer alten Gesellschaftsdame empfangen, mit der ich
+mich französisch unterhalten mußte; dann aber kam Gerda hinzu, und wir
+plauderten wie tagszuvor wohl eine Stunde lang: nur daß wir uns diesmal
+noch mehr einander näherten, uns noch mehr bestrebten, einander zu
+verstehen und kennenzulernen. Es war wieder von Dir, Mama, von Tony, von
+unserer guten, alten Stadt und meiner Tätigkeit daselbst die Rede ...
+
+Schon an diesem Tage stand mein Entschluß fest, welcher lautete: Diese
+oder keine, jetzt oder niemals! Ich traf mit ihr noch gelegentlich eines
+Gartenfestes bei meinem Freunde van Svindren zusammen, ich ward zu einer
+kleinen musikalischen Soiree bei Arnoldsens selbst gebeten, in deren
+Verlauf ich der jungen Dame gegenüber das Experiment einer halben und
+sondierenden Erklärung machte, die ermutigend beantwortet wurde ... und
+nun ist es fünf Tage her, daß ich mich vormittags zu Herrn Arnoldsen
+begab, um mir die Erlaubnis zu erbitten, um die Hand seiner Tochter zu
+werben. Er empfing mich in seinem Privatkontor. »Mein lieber Konsul«,
+sagte er, »Sie sind mir aufs höchste willkommen, so schwer es mir altem
+Witwer fallen würde, mich von meiner Tochter zu trennen! Aber sie? Sie
+hat bislang ihren Entschluß, niemals zu heiraten, mit Festigkeit
+aufrechterhalten. Haben Sie denn Chancen?« Und er war äußerst erstaunt,
+als ich ihm erwiderte, daß Fräulein Gerda mir in der Tat Veranlassung zu
+einiger Hoffnung gegeben habe.
+
+Er hat ihr einige Tage Zeit zum Besinnen gelassen, und ich glaube, er
+hat ihr aus argem Egoismus sogar abgeraten. Aber es hilft nichts: ich
+bin der Auserwählte, und seit gestern Nachmittag ist die Verlobung
+perfekt.
+
+Nein, meine liebe Mama, ich bitte Dich jetzt nicht um Deinen
+schriftlichen Segen zu dieser Verbindung, denn schon übermorgen reise
+ich ab; aber ich nehme das Versprechen der Arnoldsens mit, daß sie uns,
+der Vater, Gerda und auch ihre verheiratete Schwester, im August
+besuchen werden, und dann wirst Du nicht umhin können zuzugestehen, daß
+dies die Rechte für mich ist. Denn es liegt für Dich doch kein Einwand
+darin, daß Gerda nur drei Jahr jünger ist als ich? Du wirst wohl niemals
+angenommen haben, hoffe ich, daß ich irgendeinen Backfisch aus dem
+Kreise Möllendorpf-Langhals-Kistenmaker-Hagenström heimführen würde.
+
+Und was die »Partie« betrifft?... Ach, ich ängstige mich beinahe davor,
+daß Stephan Kistenmaker und Hermann Hagenström und Peter Döhlmann und
+Onkel Justus und die ganze Stadt mich pfiffig anblinzeln wird, wenn man
+von der Partie erfährt; denn mein zukünftiger Schwiegervater ist
+Millionär ... Mein Gott, was läßt sich darüber sagen? Es gibt so viel
+Halbes in uns, das so oder so gedeutet werden kann. Ich verehre Gerda
+Arnoldsen mit Enthusiasmus, aber ich bin durchaus nicht gesonnen, tief
+genug in mich selbst hinabzusteigen, um zu ergründen, ob und inwiefern
+die hohe Mitgift, die man mir gleich bei der ersten Vorstellung in
+ziemlich zynischer Weise ins Ohr flüsterte, zu diesem Enthusiasmus
+beigetragen hat. Ich liebe sie, aber es macht mein Glück und meinen
+Stolz desto größer, daß ich, indem sie mein eigen wird, gleichzeitig
+unserer Firma einen bedeutenden Kapitalzufluß erobere.
+
+Ich schließe, liebe Mutter, diesen Brief, der in Anbetracht des
+Umstandes, daß wir uns in wenigen Tagen schon mündlich über mein Glück
+werden bereden können, schon allzulang geworden ist. Ich wünsche dir
+einen angenehmen und erholsamen Badeaufenthalt und bitte Dich, alle die
+Unsrigen auf das Herzlichste von mir zu grüßen.
+
+ In treuer Liebe
+ Dein gehorsamer Sohn
+ T.
+
+
+Achtes Kapitel
+
+In der Tat, es gab dieses Jahr einen lebhaften und festlichen Hochsommer
+im Buddenbrookschen Hause.
+
+Am Ende des Juli traf Thomas wieder in der Mengstraße ein und besuchte,
+gleich den übrigen Herren, die in der Stadt geschäftlich in Anspruch
+genommen waren, seine Familie einige Male am Meere, während Christian
+sich daselbst vollkommene Ferien gemacht hatte, denn er klagte über
+einen unbestimmten Schmerz im linken Bein, mit dem Doktor Grabow
+durchaus nichts anzufangen wußte, und über den Christian daher desto
+eingehender nachdachte ...
+
+»Es ist kein Schmerz ... so kann man es nicht nennen«, erklärte er
+mühsam, indem er mit der Hand an dem Beine auf und nieder fuhr, seine
+große Nase krauste und die Augen wandern ließ. »Es ist eine Qual, eine
+fortwährende, leise, beunruhigende Qual im ganzen Bein ... und an der
+linken Seite, an der Seite, wo das Herz sitzt ... Sonderbar ... ich
+finde es sonderbar! Was denkst du eigentlich darüber, Tom ...«
+
+»Ja, ja ...« sagte Tom. »Du hast nun Ruhe und Seebäder ...«
+
+Und dann ging Christian an die See hinunter, um der Badegesellschaft
+Geschichten zu erzählen, daß der Strand von Lachen widerhallte, oder in
+den Kursaal, um mit Peter Döhlmann, Onkel Justus, Doktor Gieseke und
+einigen Hamburger Suitiers Roulette zu spielen.
+
+Und Konsul Buddenbrook besuchte mit Tony, wie immer, wenn man in
+Travemünde war, die alten Schwarzkopfs in der Vorderreihe ... »Good'n
+Dag ook, Ma'm' Grünlich!« sagte der Lotsenkommandeur und redete vor
+Freude platt. »Na, weetens woll noch? Dat's nu all bangig lang her,
+öäwer dat wier ne verdammt nette Tied ... Un uns Morten, de is nu all
+lang Dokter in Breslau, un hei hett ook all ne ganz staatsche Praxis,
+der Bengel ...« Dann lief Frau Schwarzkopf umher und machte Kaffee, und
+sie vesperten in der grünen Veranda wie ehemals ... nur daß alle um
+volle zehn Jahre älter waren nunmehr, daß Morten und die kleine Meta,
+die den Ortsvorsteher von Haffkrug geheiratet hatte, fern waren, daß der
+Kommandeur, schon ganz weiß und ziemlich taub, im Ruhestand lebte, daß
+seine Frau in ihrem Netze ebenfalls sehr graues Haar trug und Madame
+Grünlich keine Gans mehr war, sondern das Leben kennengelernt hatte, was
+sie aber nicht hinderte, eine Menge Scheibenhonig zu essen, denn sie
+sagte: »Das ist reines Naturprodukt; da weiß man doch, was man
+verschluckt!«
+
+Zu Anfang des August jedoch kehrten Buddenbrooks wie die meisten anderen
+Familien in die Stadt zurück, und dann kam der große Augenblick, wo,
+fast gleichzeitig, Pastor Tiburtius von Rußland und die Arnoldsens von
+Holland her zu längerem Besuche in der Mengstraße eintrafen.
+
+Es war eine sehr schöne Szene, als der Konsul zum ersten Male seine
+Braut ins Landschaftszimmer und zu seiner Mutter führte, die ihr mit
+ausgebreiteten Armen, den Kopf zur Seite geneigt, entgegenkam. Gerda,
+die mit freier und stolzer Anmut auf dem hellen Teppich dahinschritt,
+war hoch und üppig gewachsen. Mit ihrem schweren dunkelroten Haar, ihren
+nahe beieinander liegenden, braunen, von feinen bläulichen Schatten
+umlagerten Augen, ihren breiten, schimmernden Zähnen, die sie lächelnd
+zeigte, ihrer geraden, starken Nase und ihrem wundervoll edel geformten
+Munde war dieses siebenundzwanzigjährige Mädchen von einer eleganten,
+fremdartigen, fesselnden und rätselhaften Schönheit. Ihr Gesicht war
+mattweiß und ein wenig hochmütig; aber sie neigte es dennoch, als die
+Konsulin ihr Haupt mit sanfter Innigkeit zwischen beide Hände nahm und
+ihr die schneeige, makellose Stirne küßte ... »Ja, nun heiße ich dich
+willkommen in unserem Hause und unserer Familie, du liebe, schöne,
+gesegnete Tochter«, sagte sie. »Du wirst ihn glücklich machen ... sehe
+ich es nicht schon, wie glücklich du ihn machst?« Und sie zog mit dem
+rechten Arme Thomas herbei, um ihn ebenfalls zu küssen.
+
+Niemals, höchstens vielleicht zu Großvaters Zeiten, war es heiterer und
+geselliger zugegangen in dem großen Hause, das mit Leichtigkeit die
+Gäste aufnahm. Nur Pastor Tiburtius hatte aus Bescheidenheit sich im
+Rückgebäude beim Billardsaale ein Zimmer erwählt; die übrigen, Herr
+Arnoldsen, ein beweglicher, witziger Mann am Ende der Fünfziger mit
+grauem Spitzbart und einem liebenswürdigen Elan in jeder Bewegung, seine
+ältere Tochter, eine leidend aussehende Dame, sein Schwiegersohn, ein
+eleganter Lebemann, der sich von Christian in der Stadt umher und in den
+Klub führen ließ, und Gerda verteilten sich in den überflüssigen Räumen
+zu ebener Erde, bei der Säulenhalle, im ersten Stock ...
+
+Antonie Grünlich war froh, daß Sievert Tiburtius zur Zeit der einzige
+Geistliche im elterlichen Hause war ... sie war mehr als froh! Die
+Verlobung ihres verehrten Bruders, die Tatsache, daß ausgemacht ihre
+Freundin Gerda die Erwählte war, das Glänzende dieser Partie, die den
+Familiennamen und die Firma mit neuem Schimmer bestrahlte, die 300000
+Kurantmark Mitgift, von der sie hatte munkeln hören, der Gedanke, was
+die Stadt, was die anderen Familien, was im besonderen Hagenströms dazu
+sagen würden ... das alles trug dazu bei, sie in einen Zustand
+beständiger Entzückung zu versetzen. Dreimal stündlich zum wenigsten
+umarmte sie ihre zukünftige Schwägerin mit Leidenschaft ...
+
+»Oh, Gerda!« rief sie. »Ich liebe dich, weißt du, ich habe dich immer
+geliebt! Ich weiß ja, du kannst mich nicht leiden, du hast mich immer
+gehaßt, aber ...«
+
+»Aber ich bitte dich, Tony!« sagte Fräulein Arnoldsen. »Wie sollte ich
+wohl dazu gekommen sein, dich zu hassen? Darf ich fragen, was du mir
+eigentlich Greuliches angetan hast?«
+
+Aus irgendwelchen Gründen jedoch, wahrscheinlich ganz allein aus
+übermäßiger Freude und bloßer Lust am Reden, beharrte Tony störrisch
+dabei, daß Gerda sie immer gehaßt habe, daß sie aber ihrerseits -- und
+ihre Augen füllten sich mit Tränen -- diesen Haß stets mit Liebe
+vergolten habe. Hierauf nahm sie Thomas beiseite und sagte zu ihm: »Das
+hast du gut gemacht, Tom, o Gott, wie hast du das gut gemacht! Nein, daß
+=Vater= dies nicht mehr erlebt ... es ist zum Heulen, weißt du! Ja,
+hiermit wird manches ausgewetzt ... nicht zuletzt die Sache mit jener
+Persönlichkeit, deren Namen ich nicht gern in den Mund nehme ...« Worauf
+es ihr einfiel, Gerda in ein leeres Zimmer zu ziehen und ihr ihre ganze
+Ehe mit Bendix Grünlich in fürchterlicher Ausführlichkeit zu erzählen.
+Auch plauderte sie lange Stunden mit ihr von der Pensionszeit, von ihren
+abendlichen Gesprächen damals, von Armgard von Schilling in Mecklenburg
+und Eva Ewers in München ... Um Sievert Tiburtius und seine Verlobung
+mit Klara bekümmerte sie sich beinahe gar nicht; aber die beiden
+trachteten auch nicht danach. Sie saßen meist stille Hand in Hand und
+sprachen sanft und ernst von einer schönen Zukunft.
+
+Da das Trauerjahr der Buddenbrooks noch nicht abgelaufen war, so wurden
+die beiden Verlobungen nur in der Familie gefeiert; Gerda Arnoldsen aber
+war dennoch rasch genug berühmt in der Stadt, ja, ihre Person bildete
+den hauptsächlichen Gesprächsstoff an der Börse, im Klub, im
+Stadttheater, in Gesellschaft ... »Tipptopp«, sagten die Suitiers und
+schnalzten mit der Zunge, denn das war der neueste hamburgische Ausdruck
+für etwas auserlesen Feines, handelte es sich nun um eine Rotweinmarke,
+um eine Zigarre, um ein Diner oder um geschäftliche Bonität. Aber unter
+den soliden, biederen und ehrenfesten Bürgern waren viele, die den Kopf
+schüttelten ... »Sonderbar ... diese Toiletten, dieses Haar, diese
+Haltung, dieses Gesicht ... ein bißchen reichlich sonderbar.« Kaufmann
+Sörensen drückte es aus: »Sie hat ein bißchen was Gewisses ...«, und
+dabei wand er sich und machte ein krauses Gesicht, wie wenn ihm an der
+Börse eine faule Offerte gemacht wurde. Aber es war Konsul Buddenbrook
+... es sah ihm ähnlich. Ein bißchen prätentiös, dieser Thomas
+Buddenbrook, ein bißchen ... anders: anders auch als seine Vorfahren.
+Man wußte, besonders der Tuchhändler Benthien wußte es, daß er nicht nur
+seine sämtlichen feinen und neumodischen Kleidungsstücke -- und er besaß
+deren ungewöhnlich viele: Pardessus, Röcke, Hüte, Westen, Beinkleider
+und Krawatten -- ja auch seine Wäsche aus Hamburg bezog. Man wußte
+sogar, daß er tagtäglich, manchmal sogar zweimal am Tage, das Hemd
+wechselte und sich das Taschentuch und den _à la_ Napoleon _III._
+ausgezogenen Schnurrbart parfümierte. Und das alles tat er nicht der
+Firma und der Repräsentation zuliebe -- das Haus »Johann Buddenbrook«
+hatte das nicht nötig --, sondern aus einer persönlichen Neigung zum
+Superfeinen und Aristokratischen ... wie sollte man das ausdrücken,
+Teufel noch mal! Und dann diese Zitate aus Heine und anderen Dichtern,
+die er manchmal bei den praktischsten Gelegenheiten, bei geschäftlichen
+oder städtischen Fragen in seine Rede einfließen ließ ... Und nun diese
+Frau ... Nein, auch an ihm selbst, an Konsul Buddenbrook war »ein
+bißchen was Gewisses« -- -- was selbstverständlich mit jederlei Respekt
+bemerkt werden sollte, denn die Familie war hoch achtbar, und die Firma
+war von höchster Bonität, und der Chef war ein gescheuter,
+liebenswürdiger Mann, der die Stadt liebte und ihr sicher noch
+erfolgreich dienen würde ... Und es war ja auch eine höllisch feine
+Partie, man sprach von runden 100000 Talern Kurant ... Indessen ... Und
+unter den Damen befanden sich manche, die Gerda Arnoldsen ganz einfach
+»=albern=« fanden; wobei daran zu erinnern ist, daß »albern« einen sehr
+harten Ausdruck der Verurteilung bedeutete.
+
+Wer aber, seitdem er sie zum ersten Male auf der Straße erschaut,
+Thomas Buddenbrooks Braut mit einer ingrimmigen Begeisterung verehrte,
+das war der Makler Gosch. »Ha!« sagte er im Klub oder in der
+»Schiffergesellschaft«, indem er sein Punschglas emporhielt und sein
+Intrigantengesicht in greulicher Mimik verzerrte ... »Welch ein Weib,
+meine Herren! Here und Aphrodite, Brünhilde und Melusine in einer Person
+... Ha, das Leben ist doch schön!« fügte er unvermittelt hinzu; und
+keiner der Bürger, die um ihn her auf den schweren geschnitzten
+Holzbänken des alten Schifferhauses unter den Seglermodellen und großen
+Fischen, die von der Decke herabhingen, saßen und ihren Schoppen
+tranken, keiner verstand, welches Ereignis das Erscheinen Gerda
+Arnoldsens in dem bescheidenen und nach Außerordentlichem sehnsüchtigen
+Leben des Maklers Gosch bedeutete ...
+
+Nicht verpflichtet, wie gesagt, zu größeren Festlichkeiten, hatte die
+kleine Gesellschaft in der Mengstraße desto bessere Muße, vertraut
+miteinander zu werden. Sievert Tiburtius erzählte, Klaras Hand in der
+seinen, von seinen Eltern, seiner Jugend und seinen Zukunftsplänen; die
+Arnoldsens erzählten von ihrem Stammbaum, der in Dresden zu Hause war,
+und von dem nur dieser eine Zweig in die Niederlande verpflanzt worden
+sei; und dann verlangte Madame Grünlich nach dem Schlüssel zum Sekretär
+im Landschaftszimmer und schleppte ernsthaft die Mappe mit den
+Familienpapieren herbei, in denen Thomas auch die neuesten Daten bereits
+vermerkt hatte. Sie kündete mit Wichtigkeit von der Geschichte der
+Buddenbrooks, von dem Gewandschneider zu Rostock an, der sich bereits so
+sehr gut gestanden, sie las alte Festgedichte vor:
+
+ »Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne
+ Sich vor unsrem Blick verband:
+ Venus Anadyomene
+ Und Vulcani fleiß'ge Hand ...«
+
+wobei sie Tom und Gerda anblinzelte und die Zunge an der Oberlippe
+spielen ließ; und aus Achtung vor der Historie überging sie keineswegs
+das Eingreifen in die Familiengeschichte von seiten einer
+Persönlichkeit, deren Namen sie eigentlich nicht gern in den Mund
+nahm ...
+
+Donnerstags um vier Uhr aber kamen die gewohnten Gäste: Justus Kröger kam
+mit seiner schwachen Gattin, mit der er sehr in Unfrieden lebte, weil sie
+selbst nach Amerika noch dem ungeratenen und enterbten Jakob Geld über
+Geld sandte ... sie ersparte es ganz einfach vom Wirtschaftsgelde und aß
+mit ihrem Manne beinahe nichts als Buchweizengrütze, da war nichts zu
+machen. Es kamen die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße, die denn
+doch der Wahrheit die Ehre geben und feststellen mußten, daß Erika
+Grünlich wieder nicht zugenommen habe, daß sie ihrem Vater, dem
+Betrüger, noch ähnlicher geworden sei, und daß des Konsuls Braut eine
+=ziemlich= auffällige Frisur trage ... Und auch Sesemi Weichbrodt kam,
+stellte sich auf die Zehenspitzen, küßte Gerda mit leise knallendem
+Geräusch auf die Stirn und sagte bewegt: »Sei glöcklich, du gutes Kend!«
+
+Dann sprach bei Tische Herr Arnoldsen einen seiner witzigen und
+phantasievollen Toaste zu Ehren der Brautpaare, und hernach, während man
+den Kaffee nahm, spielte er die Geige wie ein Zigeuner, mit einer
+Wildheit, einer Leidenschaft, einer Fertigkeit ... aber auch Gerda holte
+ihre Stradivari herbei, von der sie sich niemals trennte, und griff mit
+ihrer süßen Cantilene in seine Passagen ein, und sie spielten pompöse
+Duos, im Landschaftszimmer, beim Harmonium, an derselben Stelle, wo
+einstmals des Konsuls Großvater seine kleinen, sinnigen Melodien auf der
+Flöte geblasen hatte.
+
+»Erhaben!« sagte Tony, die weit zurückgebeugt in ihrem Lehnsessel saß
+... »O Gott, wie finde ich es erhaben!« Und ernst, langsam und
+gewichtig, mit aufwärts gerichteten Augen fuhr sie fort, ihre lebhaften
+und aufrichtigen Empfindungen auszudrücken ... »Nein, wißt ihr, wie es
+im Leben so geht ... nicht jedem wird ja immer eine solche Gabe zuteil!
+Mir hat der Himmel dergleichen versagt, wißt ihr, obgleich ich ihn in
+mancher Nacht darum angefleht ... Ich bin eine Gans, ein dummes Ding ...
+Ja, Gerda, laß dir sagen ... ich bin die Ältere und habe das Leben
+kennengelernt .... Du solltest täglich deinem Schöpfer auf den Knien
+dafür danken, ein solch gottbegnadigtes Geschöpf zu sein ...!«
+
+»... Begnadetes«, sagte Gerda und zeigte lachend ihre schönen, weißen,
+breiten Zähne.
+
+Später aber rückten alle zusammen, um gemeinsam über die nächste Zukunft
+das Nötige zu beratschlagen und Weingelee dazu zu essen. Am Ende des
+Monats oder Anfang September, so ward beschlossen, würden Sievert
+Tiburtius sowohl wie Arnoldsens in die Heimat zurückkehren. Gleich nach
+der Weihnacht sollte Klaras Trauung in der Säulenhalle mit allem Aufwand
+gefeiert werden, während die Hochzeit in Amsterdam, der »bei Leben und
+Gesundheit« auch die Konsulin beizuwohnen gedachte, bis zum Beginn des
+nächsten Jahres verschoben werden mußte: damit eine Ruhepause
+vorherginge. Es half nichts, daß Thomas sich widersetzte. »Bitte!« sagte
+die Konsulin und legte die Hand auf seinen Arm ... »Sievert hat das
+_prévenir_!«
+
+Der Pastor und seine Braut verzichteten auf eine Hochzeitsreise. Gerda
+und Thomas aber wurden sich einig über eine Route durch Oberitalien nach
+Florenz. Sie würden etwa zwei Monate abwesend sein; unterdessen aber
+sollte Antonie, zusammen mit dem Tapezierer Jacobs aus der Fischstraße,
+das hübsche kleine Haus in der Breiten Straße bereitmachen, das einem
+nach Hamburg verzogenen Junggesellen gehörte, und dessen Ankauf der
+Konsul bereits betrieb. Oh, Tony würde das schon zur Zufriedenheit
+ausführen! »Ihr sollt es =vornehm= haben!« sagte sie; und davon waren
+alle überzeugt.
+
+Christian aber ging mit seinen dünnen, gebogenen Beinen und seiner
+großen Nase in diesem Zimmer umher, in dem zwei Brautpaare sich an den
+Händen hielten, und in dem von nichts anderem als von Trauung, Aussteuer
+und Hochzeitsreisen die Rede war. Er empfand eine Qual, eine unbestimmte
+Qual in seinem linken Bein und sah alle aus seinen kleinen, runden,
+tiefliegenden Augen ernst, unruhig und nachdenklich an. Schließlich
+sagte er in der Aussprache Marcellus Stengels zu seiner armen Kusine,
+die ältlich, still, dürr und selbst nach Tische noch hungrig inmitten
+der Glücklichen saß: »Na, Thilda, nun heiraten wir auch bald; das heißt
+... jeder für sich!«
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Ungefähr sieben Monate später kehrte Konsul Buddenbrook mit seiner
+Gattin aus Italien zurück. Märzschnee lag in der Breiten Straße, als
+fünf Uhr nachmittags die Droschke an der schlichten, mit Ölfarbe
+gestrichenen Fassade ihres Hauses vorfuhr. Ein paar Kinder und
+erwachsene Bürger blieben stehen, um die Ankömmlinge aussteigen zu
+sehen. Frau Antonie Grünlich stand, stolz auf die Vorbereitungen, die
+sie getroffen, in der Haustür, und hinter ihr hielten sich, gleichfalls
+zum Empfange bereit, mit weißen Mützen, nackten Armen und dicken,
+gestreiften Röcken, die beiden Dienstmädchen, die sie ihrer Schwägerin
+kundig erwählt hatte.
+
+Eilfertig und erhitzt von Arbeit und Freude lief sie die flachen Stufen
+hinunter und zog Gerda und Thomas, die in ihren Pelzen den mit Koffern
+bepackten Wagen verließen, unter Umarmungen in den Hausflur hinein ...
+
+»Da seid ihr! Da seid ihr, ihr Glücklichen, die ihr so weit
+herumgekommen seid! Habt ihr das Haus gesehen: auf Säulen ruht sein
+Dach?... Gerda, du bist noch schöner geworden, komm, laß mich dich
+küssen ... nein, auch auf den Mund ... so! Guten Tag, alter Tom, ja, du
+bekömmst auch einen Kuß. Marcus hat gesagt, es sei hier alles sehr gut
+gegangen unterdessen. Mutter erwartet euch in der Mengstraße; aber zuvor
+macht ihr es euch bequem ... Wollt ihr Tee haben? Ein Bad nehmen? Es ist
+alles bereit. Ihr werdet euch nicht zu beklagen haben. Jacobs hat sich
+angestrengt, und ich habe auch getan, was ich konnte ...«
+
+Sie gingen zusammen auf den Vorplatz, während die Mädchen mit dem
+Kutscher das Gepäck hereinschleppten. Tony sagte: »Die Zimmer hier im
+Parterre werdet ihr vorläufig nicht viel gebrauchen ... vorläufig«,
+wiederholte sie und ließ die Zungenspitze an der Oberlippe spielen.
+»Dies hier ist hübsch« -- und sie öffnete gleich rechts beim Windfang
+eine Tür. -- »Da ist Efeu vor den Fenstern ... einfache Holzmöbel ...
+Eiche ... Dort hinten, jenseits des Korridors, liegt ein anderes,
+größeres. Hier rechts sind Küche und Speisekammer ... Aber wir wollen
+hinaufgehen; oh, ich will euch alles zeigen!«
+
+Sie stiegen auf dem breiten, dunkelroten Läufer die bequeme Treppe
+empor. Droben, hinter einer gläsernen Etagentür, war ein schmaler
+Korridor. Es lag das Speisezimmer daran, mit einem schweren runden
+Tisch, auf dem der Samowar kochte, und dunkelroten, damastartigen
+Tapeten, an denen geschnitzte Nußholzstühle mit Rohrsitzen und ein
+massives Büfett standen. Ein behagliches Wohnzimmer in grauem Tuche war
+da, nur durch Portieren getrennt von einem schmalen Salon mit
+grüngestreiften Ripsfauteuils und einem Erker. Ein Viertel des ganzen
+Stockwerkes aber nahm ein Saal von drei Fenstern ein. Dann gingen sie
+ins Schlafzimmer hinüber.
+
+Es lag zur rechten Hand am Korridor, mit geblümten Gardinen und
+mächtigen Mahagonibetten. Tony aber ging zu der kleinen, durchbrochenen
+Pforte dort hinten, drückte die Klinke und legte den Zugang zu einer
+Wendeltreppe frei, deren Windungen ins Souterrain hinabführten: ins
+Badezimmer und die Mädchenkammern.
+
+»Hier ist es hübsch. Hier will ich bleiben«, sagte Gerda und sank
+aufatmend in den Lehnsessel an einem der Betten.
+
+Der Konsul beugte sich zu ihr und küßte ihr die Stirne. »Müde? Aber es
+ist wahr, ich habe auch Lust, mich ein bißchen zu säubern ...«
+
+»Und ich werde nach dem Teewasser sehen«, sagte Frau Grünlich; »ich
+erwarte euch im Eßzimmer ...« Und sie ging dorthin.
+
+Der Tee stand dampfend in Meißener Tassen bereit, als Thomas herüberkam.
+»Da bin ich«, sagte er, »Gerda möchte noch eine halbe Stunde ruhen. Sie
+hat Kopfschmerzen. Wir wollen nachher in die Mengstraße ... Alles
+wohlauf, meine liebe Tony? Mutter, Erika, Christian?... Aber nun«, fuhr
+er mit seiner liebenswürdigsten Bewegung fort, »unseren herzlichsten
+Dank, auch Gerdas, für all deine Mühen, du Gute! Wie hübsch du das alles
+gemacht hast! Es fehlt nichts, als daß meine Frau ein paar Palmen für
+ihren Erker bekommt, und daß ich mich nach einigen brauchbaren
+Ölgemälden umsehe ... Aber nun erzähle mal! Wie geht es dir, was hast du
+getrieben unterdessen!«
+
+Er hatte seiner Schwester einen Stuhl zu sich herangezogen, trank
+langsam seinen Tee und aß ein Biskuit, während sie sprachen.
+
+»Ach, Tom«, antwortete sie. »Was soll ich treiben? Mein Leben liegt
+hinter mir ...«
+
+»Unsinn, Tony! Du mit deinem Leben ... Aber wir langweilen uns wohl
+ziemlich stark?«
+
+»Ja, Tom, ich langweile mich ganz ungemein. Manchmal heule ich vor
+Langerweile. Die Beschäftigung mit diesem Hause hat mir Freude gemacht,
+und du glaubst nicht, wie glücklich ich über eure Rückkehr bin ... Aber
+ich bin nicht gern zu Hause, weißt du; Gott strafe mich, wenn das eine
+Sünde ist. Ich bin nun im Dreißigsten, aber das ist noch nicht das
+Alter, um mit der letzten Himmelsbürgern oder den Damen Gerhardt oder
+einem von Mutters Dunkelmännern, die der Witwen Häuser fressen,
+Busenfreundschaft zu schließen ... Ich glaube nicht an sie, Tom, es sind
+Wölfe in Schafspelzen ... Otterngezücht ... Wir sind alle schwache
+Menschen mit sündigen Herzen, und wenn sie mitleidig auf mich armes
+Weltkind herabsehen wollen, so lache ich sie aus. Ich bin immer der
+Meinung gewesen, daß alle Menschen gleich sind, und daß es keiner
+Mittlerschaft bedarf zwischen uns und dem lieben Gott. Du kennst auch
+meine politischen Grundsätze. Ich will, daß der Bürger zum Staate ...«
+
+»Also du fühlst dich ein wenig vereinsamt, wie?« fragte Thomas, um sie
+wieder auf den Weg zu bringen. »Aber höre, du hast doch Erika?«
+
+»Ja, Tom, und ich liebe das Kind von ganzem Herzen, obgleich eine
+gewisse Persönlichkeit behauptete, ich sei nicht kinderlieb ... Aber,
+siehst du ... ich bin offen zu dir, ich bin ein ehrliches Weib, ich
+rede, wie's mir ums Herz ist und halte nichts vom Wortemachen ...«
+
+»Was sehr hübsch von dir ist, Tony.«
+
+»Kurz, das traurige ist, daß das Kind mich allzusehr an Grünlich
+erinnert ... auch Buddenbrooks in der Breiten Straße sagen, daß es ihm
+so sehr ähnlich ist ... Und dann, wenn ich es vor mir habe, muß ich
+beständig denken: Du bist eine alte Frau mit einer großen Tochter und
+das Leben liegt hinter dir. Du hast einmal während einiger Jahre
+daringestanden, aber nun kannst du siebzig und achtzig Jahre alt werden
+und wirst hier sitzen bleiben und Lea Gerhardt vorlesen hören. Der
+Gedanke ist mir so traurig, Tom, daß er mir hier in der Kehle sitzt und
+drückt. Denn ich empfinde noch so jugendlich, weißt du, und sehne mich
+danach, noch einmal ins Leben hinauszukommen ... Und schließlich: nicht
+bloß im Hause, auch in der ganzen Stadt fühle ich mich nicht ganz wohl,
+denn du mußt nicht glauben, daß ich mit Blindheit geschlagen bin für die
+Verhältnisse, ich bin keine Gans mehr und habe meine Augen im Kopfe. Ich
+bin eine geschiedene Frau und bekomme es zu fühlen, das ist sehr klar.
+Du kannst mir glauben, Tom, daß es mir immer schwer auf dem Herzen
+liegt, unseren Namen, wenn auch ohne eigene Schuld, so befleckt zu
+haben. Du kannst tun, was du willst, du kannst Geld verdienen und der
+erste Mann in der Stadt werden, -- die Leute werden immer noch sagen:
+`Ja ... seine Schwester ist übrigens eine geschiedene Frau.´ Julchen
+Möllendorpf, geborene Hagenström, grüßt mich nicht ... nun, sie ist eine
+Gans! Aber so geht es bei allen Familien ... Und doch, ich =kann= die
+Hoffnung nicht aufgeben, Tom, daß alles noch wieder gutzumachen ist! Ich
+bin noch jung ... Bin ich nicht noch ziemlich hübsch? Mama kann mir
+nicht mehr viel mitgeben, aber es ist immerhin ein annehmbares Stück
+Geld. Wenn ich mich wieder verheiratete? Offen gestanden, Tom, es ist
+mein lebhaftester Wunsch! Damit wäre alles in Ordnung, der Fleck wäre
+ausgelöscht ... O Gott, wenn ich eine unseres Namens würdige Partie
+machen, mich wieder einrichten könnte --! Glaubst du, daß es so völlig
+ausgeschlossen ist?«
+
+»Bewahre, Tony! Oh, keineswegs! Ich habe niemals aufgehört, damit zu
+rechnen. Aber vor allem scheint es mir nötig, daß du mal ein bißchen
+hinauskommst, dich ein wenig aufmunterst, Abwechselung hast ...«
+
+»Das ist es eben!« sagte sie eifrig. »Nun muß ich dir mal eine
+Geschichte erzählen.«
+
+Sehr befriedigt von diesem Vorschlage lehnte sich Thomas zurück. Er war
+schon bei der zweiten Zigarette. Die Dämmerung begann vorzuschreiten.
+
+»Also während euerer Abwesenheit hätte ich beinahe eine Stelle
+angenommen, eine Stelle als Gesellschafterin in Liverpool! Hättest du
+es empörend gefunden?... Aber immerhin etwas fragwürdig?... Ja, ja, es
+wäre wahrscheinlich unwürdig gewesen. Aber es war mein so dringender
+Wunsch, fortzukommen ... Kurz, es hat sich zerschlagen. Ich schickte der
+Missis meine Photographie, und sie mußte auf meine Dienste verzichten,
+weil ich zu hübsch sei; es sei ein erwachsener Sohn im Hause. `Sie sind
+zu hübsch´, schrieb sie ... ha, ich habe mich niemals so amüsiert!«
+
+Die beiden lachten sehr herzlich.
+
+»Aber nun habe ich etwas anderes in Aussicht genommen«, fuhr Tony fort.
+»Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach München von Eva Ewers
+... ja, sie heißt übrigens nun Eva Niederpaur, und ihr Mann ist
+Brauereidirektor. Genug, sie hat mich gebeten, sie zu besuchen, und ich
+denke demnächst von der Aufforderung Gebrauch zu machen. Freilich, Erika
+könnte nicht mitgehen. Ich würde sie zu Sesemi Weichbrodt in Pension
+geben. Dort wäre sie ausgezeichnet aufgehoben. Hättest du etwas dagegen
+einzuwenden?«
+
+»Gar nichts. Jedenfalls ist es nötig, daß du einmal wieder in neue
+Verhältnisse kommst.«
+
+»Ja, das ist es!« sagte sie dankbar. »Aber nun du, Tom! Ich spreche
+beständig von mir, ich bin ein eigennütziges Weib! Nun erzähle du. O
+Gott, wie glücklich du sein mußt!«
+
+»Ja, Tony!« sagte er nachdrücklich. Es entstand eine Pause. Er atmete
+den Rauch über den Tisch hinüber und fuhr fort: »Zunächst bin ich sehr
+froh, verheiratet zu sein und einen eigenen Hausstand begründet zu
+haben. Du kennst mich: ich hätte schlecht zum Garçon getaugt. Alles
+Junggesellentum hat einen Beigeschmack von Isoliertheit und Bummelei,
+und ich besitze einigen Ehrgeiz, wie du weißt. Ich halte meine Karriere
+weder geschäftlich, noch, sagen wir scherzeshalber: politisch für
+beendigt ... aber das rechte Vertrauen der Welt gewinnt man erst, wenn
+man Hausherr und Familienvater ist. Dennoch hat es an einem Haar
+gehangen, Tony ... Ich bin ein bißchen wählerisch. Ich habe es lange
+Zeit nicht für möglich gehalten, auf der Welt eine Passende zu finden.
+Aber Gerdas Anblick gab den Ausschlag. Ich sah sofort, daß sie die
+einzige sei, ausgemacht sie ... obgleich ich weiß, daß viele Leute in
+der Stadt mir böse sind ob meines Geschmackes. Sie ist ein wundervolles
+Wesen, wie es deren sicher wenige gibt auf Erden. Freilich ist sie
+sehr anders als du, Tony. Du bist einfacher von Gemüt, du bist auch
+natürlicher ... Meine Frau Schwester ist ganz einfach temperamentvoller«,
+fuhr er fort, indem er plötzlich zu einem leichteren Tone überging. »Daß
+übrigens auch Gerda Temperament besitzt, das beweist wahrhaftig ihr
+Geigenspiel; aber sie kann manchmal ein bißchen kalt sein ... Kurz, es
+ist nicht der gewöhnliche Maßstab an sie zu legen. Sie ist eine
+Künstlernatur, ein eigenartiges, rätselhaftes, entzückendes Geschöpf.«
+
+»Ja, ja«, sagte Tony. Sie hatte ihrem Bruder ernst und aufmerksam
+zugehört. Ohne an die Lampe zu denken, hatten sie den Abend
+hereinbrechen lassen.
+
+Da öffnete sich die Korridortür, und von der Dämmerung umgeben stand vor
+den beiden, in einem faltig hinabwallenden Hauskleide aus schneeweißem
+Pikee, eine aufrechte Gestalt. Das schwere, dunkelrote Haar umrahmte das
+weiße Gesicht, und in den Winkeln der nahe beieinander liegenden braunen
+Augen lagerten bläuliche Schatten.
+
+Es war Gerda, die Mutter zukünftiger Buddenbrooks.
+
+
+
+
+Sechster Teil
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Thomas Buddenbrook nahm das erste Frühstück in seinem hübschen
+Speisezimmer fast immer allein, denn seine Gattin pflegte sehr spät das
+Schlafzimmer zu verlassen, da sie während des Vormittags oft einer
+Migräne und allgemeiner Mißstimmung unterworfen war. Der Konsul begab
+sich dann sofort in die Mengstraße, wo die Kontors der Firma verblieben
+waren, nahm das zweite Frühstück im Zwischengeschoß gemeinsam mit seiner
+Mutter, Christian und Ida Jungmann und traf mit Gerda erst wieder um
+vier Uhr beim Mittagessen zusammen.
+
+Das geschäftliche Treiben bewahrte dem Erdgeschoß Leben und Bewegung;
+die Stockwerke aber des großen Mengstraßenhauses lagen nun recht leer
+und vereinsamt da. Die kleine Erika war von Mademoiselle Weichbrodt als
+interner Zögling aufgenommen worden, die arme Klothilde hatte sich mit
+ihren vier oder fünf Möbeln bei der Witwe eines Gymnasiallehrers, einer
+Doktorin Krauseminz, in wohlfeile Pension begeben, selbst der Bediente
+Anton hatte das Haus verlassen, um zu den jungen Herrschaften
+überzugehen, wo er nötiger war, und wenn Christian im Klub weilte, so
+saßen um vier Uhr die Konsulin und Mamsell Jungmann an dem runden Tisch,
+in den kein einziges Brett mehr eingelassen war, und der sich in dem
+weiten Speisetempel mit seinen Götterbildern verlor, nun ganz allein
+beieinander.
+
+Mit dem Tode des Konsuls Johann Buddenbrook war das gesellschaftliche
+Leben in der Mengstraße erloschen, und die Konsulin sah, abgesehen von
+dem Besuche dieses oder jenes Geistlichen, keine anderen Gäste mehr um
+sich als am Donnerstag die Glieder ihrer Familie. Ihr Sohn aber und
+seine Gattin hatten bereits ihr erstes Diner hinter sich, ein Diner, bei
+dem im Speise- und Wohnzimmer gedeckt worden war, ein Diner mit
+Kochfrau, Lohndienern und Kistenmakerschen Weinen, eine
+Mittagsgesellschaft, die um fünf Uhr begonnen, und deren Gerüche und
+Geräusche um elf Uhr noch fortgeherrscht hatten, bei der alle Langhals',
+Hagenströms, Huneus', Kistenmakers, Överdiecks und Möllendorpfs zugegen
+gewesen waren, Kaufleute und Gelehrte, Ehepaare und Suitiers, die mit
+Whist und ein paar Ohren voll Musik geschlossen hatte, und von der man
+an der Börse noch acht Tage lang in den lobendsten Ausdrücken sprach.
+Wahrhaftig, es hatte sich gezeigt, daß die junge Frau Konsulin zu
+repräsentieren verstand ... Der Konsul hatte an jenem Abend, allein
+geblieben mit ihr in den von hinabgebrannten Kerzen erleuchteten Räumen,
+zwischen den durcheinandergerückten Möbeln, in dem dichten, süßen und
+schweren Dunst von feinen Speisen, Parfüms, Weinen, Kaffee, Zigarren und
+den Blumen der Toiletten und Tafelaufsätze, ihre Hände gedrückt und
+gesagt: »Sehr brav, Gerda! Wir haben uns nicht zu schämen brauchen.
+Dergleichen ist sehr wichtig ... Ich habe gar keine Lust, mich viel mit
+Bällen abzugeben und die jungen Leute hier umherspringen zu lassen; dazu
+reicht auch der Raum nicht. Aber den gesetzten Leuten muß es schmecken
+bei uns. So ein Diner kostet ein wenig mehr ... aber das ist nicht übel
+angelegt.«
+
+»Du hast recht«, hatte sie geantwortet und die Spitzen geordnet, durch
+die ihre Brust wie Marmor hindurchschimmerte. »Auch ich ziehe durchaus
+die Diners den Bällen vor. Ein Diner wirkt so außerordentlich beruhigend
+... Ich hatte heute nachmittag musiziert und fühlte mich ein wenig
+merkwürdig ... Jetzt ist mein Gehirn so tot, daß hier der Blitz
+einschlagen könnte, ohne daß ich bleich oder rot würde.«
+
+ * * * * *
+
+Als um halb zwölf Uhr heute der Konsul sich neben seiner Mutter am
+Frühstückstische niederließ, las sie ihm folgenden Brief vor:
+
+ München, den 2. April 1857.
+ Am Marienplatz Nr. 5.
+
+Meine liebe Mama,
+
+ich bitte um Verzeihung, denn es ist eine Schande, daß ich noch nicht
+geschrieben habe, während ich doch schon acht Tage hier bin; ich bin zu
+sehr in Anspruch genommen worden von allem, was es hier zu sehen gibt --
+aber davon später. Nun frage ich erst einmal, ob es Euch Lieben, Dir und
+Tom und Gerda und Erika und Christian und Thilda und Ida und allen gut
+geht; das ist das Wichtigste.
+
+Ach, was habe ich in diesen Tagen nicht zu sehen bekommen! Da ist die
+Pinakothek und die Glyptothek und das Hofbräuhaus und das Hoftheater und
+die Kirchen und viele andere Dinge. Ich muß davon mündlich erzählen,
+sonst schreibe ich mich tot. Auch eine Wagenfahrt im Isartal haben wir
+schon gemacht, und für morgen ist ein Ausflug an den Würmsee in Aussicht
+genommen. Das geht immer so weiter; Eva ist sehr lieb zu mir, und Herr
+Niederpaur, der Brauereidirektor, ist ein gemütlicher Mann. Wir wohnen
+an einem sehr hübschen Platz inmitten der Stadt, mit einem Brunnen in
+der Mitte, wie bei uns auf dem Markt, und unser Haus steht ganz in der
+Nähe des Rathauses. Ich habe niemals ein solches Haus gesehen! Es ist
+von oben bis unten ganz kunterbunt bemalt, mit heiligen Georgs, die den
+Drachen töten, und alten bayerischen Fürsten in vollem Ornat und Wappen.
+Stellt Euch vor!
+
+Ja, München gefällt mir ganz ausnehmend. Die Luft soll sehr
+nervenstärkend sein, und mit meinem Magen ist es im Augenblick ganz in
+Ordnung. Ich trinke mit großem Vergnügen sehr viel Bier, um so mehr, als
+das Wasser nicht ganz gesund ist; aber an das Essen kann ich mich noch
+nicht recht gewöhnen. Es gibt zuwenig Gemüse und zuviel Mehl, zum
+Beispiel in den Soßen, deren sich Gott erbarmen möge. Was ein
+ordentlicher Kalbsrücken ist, das ahnt man hier gar nicht, denn die
+Schlachter zerschneiden alles aufs jämmerlichste. Und mir fehlen sehr
+die Fische. Und dann ist es doch ein Wahnsinn, beständig Gurken- und
+Kartoffelsalat mit Bier durcheinander zu schlucken! Mein Magen gibt Töne
+von sich dabei.
+
+Überhaupt muß man ja an mancherlei sich erst gewöhnen, könnt Ihr Euch
+denken, man befindet sich eben in einem fremden Lande. Da ist die
+ungewohnte Münze, da ist die Schwierigkeit, sich mit den einfachen
+Leuten, dem Dienstpersonal zu verständigen, denn ich spreche ihnen zu
+rasch und sie mir zu kauderwelsch -- und dann ist da der Katholizismus;
+ich hasse ihn, wie Ihr wißt, ich halte gar nichts davon ...
+
+Hier fing der Konsul an zu lachen, indem er, ein Stück Butterbrot mit
+geriebenem Kräuterkäse in der Hand, sich in das Sofa zurücklehnte.
+
+»Ja, Tom, du lachst ...«, sagte seine Mutter, und ließ ein paarmal den
+Mittelfinger ihrer Hand auf das Tischtuch fallen. »Aber mir gefällt es
+völlig an ihr, daß sie an dem Glauben ihrer Väter festhält und die
+unevangelischen Schnurrpfeifereien verabscheut. Ich weiß, daß du in
+Frankreich und Italien eine gewisse Sympathie für die päpstliche Kirche
+gefaßt hast, aber das ist nicht Religiosität bei dir, Tom, sondern etwas
+anderes, und ich verstehe auch, was; aber obgleich wir duldsam sein
+sollen, ist Spielerei und Liebhaberei in diesen Dingen in hohem Grade
+strafbar, und ich muß Gott bitten, daß er dir und deiner Gerda -- denn
+ich weiß, sie gehört ebenfalls nicht gerade zu den Gefesteten, mit den
+Jahren den nötigen Ernst darin gibt. Diese Bemerkung wirst du deiner
+Mutter verzeihen.«
+
+»Oben auf dem Brunnen«, las sie weiter, »den ich von meinem Fenster aus
+sehen kann, steht eine Maria, und manchmal wird er bekränzt, und dann
+knien dort Leute aus dem Volke mit Rosenkränzen und beten, was ja recht
+hübsch aussieht, aber es steht geschrieben: Gehe in dein Kämmerlein. Oft
+sieht man hier Mönche auf der Straße, und sie sehen recht ehrwürdig aus.
+Aber stelle Dir vor, Mama, gestern fuhr in der Theatinerstraße irgendein
+höherer Kirchenmann in seiner Kutsche an mir vorüber, vielleicht war es
+der Erzbischof, ein älterer Herr -- genug, und dieser Herr wirft mir aus
+dem Fenster ein paar Augen zu wie ein Gardeleutnant! Du weißt, Mutter,
+ich halte nicht so sehr große Stücke auf Deine Freunde, die Missionare
+und Pastoren, aber Tränen-Trieschke ist sicherlich nichts gegen diesen
+Suitier von einem Kirchenfürsten ...«
+
+»Pfui!« schaltete die Konsulin bekümmert ein.
+
+»Echt Tony!« sagte der Konsul.
+
+»Wieso, Tom?«
+
+»Na, sollte sie ihn nicht ein bißchen provoziert haben ... zur Prüfung?
+Ich kenne doch Tony! Und jedenfalls hat dieses `Paar Augen´ sie köstlich
+amüsiert ... was wohl die Absicht des alten Herrn gewesen ist.«
+
+Hierauf ging die Konsulin nicht ein, sondern fuhr zu lesen fort:
+»Vorgestern hatten Niederpaurs Abendgesellschaft, was wunderhübsch war,
+obgleich ich der Unterhaltung nicht immer folgen konnte und den Ton
+manchmal ziemlich _équivoque_ fand. Sogar ein Hofopernsänger war da,
+welcher Lieder sang, und ein junger Kunstmaler, der mich bat, mich von
+ihm porträtieren zu lassen, was ich aber ablehnte, weil ich es nicht für
+passend halte. Am besten habe ich mich mit einem Herrn =Permaneder=
+unterhalten -- hättest Du jemals gedacht, daß jemand so heißen
+könnte? --, Hopfenhändler, ein netter, spaßhafter Mann in gesetzten
+Jahren und Junggeselle. Ich hatte ihn zu Tische und hielt mich an ihn,
+weil er der einzige Protestant in der Gesellschaft war, denn obgleich er
+ein guter Münchener Bürger ist, stammt seine Familie aus Nürnberg. Er
+versicherte, daß er unsere Firma dem Namen nach sehr wohl kenne, und Du
+kannst Dir denken, Tom, welche Freude mir der respektvolle Ton machte,
+in welchem er das sagte. Auch erkundigte er sich genau nach uns, wie
+viele Geschwister wir seien und dergleichen mehr. Auch nach Erika und
+sogar nach Grünlich fragte er. Er kommt manchmal zu Niederpaurs und wird
+wohl morgen mit uns zum Würmsee fahren.
+
+Nun adieu, liebe Mama, ich kann nicht mehr schreiben. Bei Leben und
+Gesundheit, wie Du immer sagst, bleibe ich noch drei oder vier Wochen
+hier, und dann kann ich Euch mündlich von München erzählen, denn
+brieflich weiß ich nicht, womit ich anfangen soll. Aber es gefällt mir
+sehr gut, das kann ich sagen, nur müßte man sich eine Köchin auf
+anständige Saucen dressieren. Siehst Du, ich bin eine alte Frau, die das
+Leben hinter sich hat, und habe nichts mehr zu erwarten auf Erden, aber
+wenn zum Beispiel Erika später bei Leben und Gesundheit sich hierher
+verheiratete, so würde ich nichts dagegen haben, das muß ich sagen ...«
+
+Hier mußte der Konsul wieder aufhören, zu essen, und sich lachend in das
+Sofa zurücklegen.
+
+»Sie ist unbezahlbar, Mutter! Wenn sie heucheln will, ist sie
+unvergleichlich! Ich schwärme für sie, weil sie einfach nicht imstande
+ist, sich zu verstellen, nicht über tausend Meilen weg ...«
+
+»Ja, Tom«, sagte die Konsulin; »sie ist ein gutes Kind, das alles Glück
+verdient.«
+
+Dann las sie den Brief zu Ende ...
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Am Ende des April zog Frau Grünlich wieder im Elternhause ein, und
+obgleich nun abermals ein Stück Leben hinter ihr lag, obgleich das alte
+Dasein wieder begann, sie wieder den Andachten beiwohnen und am
+Jerusalemsabend Lea Gerhardt vorlesen hören mußte, befand sie sich ganz
+augenscheinlich in froher und hoffnungsvoller Stimmung.
+
+Gleich als ihr Bruder, der Konsul, sie vom Bahnhofe abgeholt hatte --
+sie war von Büchen gekommen -- und mit ihr durch das Holstentor in die
+Stadt gefahren war, hatte er nicht umhin gekonnt, ihr das Kompliment zu
+machen, daß -- nächst Klothilden -- sie doch noch immer die Schönste in
+der Familie sei, worauf sie geantwortet hatte: »O Gott, Tom, ich hasse
+dich! Eine alte Frau in dieser Weise zu verhöhnen ...«
+
+Aber es hatte trotzdem seine Richtigkeit: Madame Grünlich konservierte
+sich aufs vorteilhafteste, und angesichts ihres starken, aschblonden
+Haares, das zu beiden Seiten des Scheitels gepolstert, über den kleinen
+Ohren zurückgestrichen und auf der Höhe des Kopfes mit einem breiten
+Schildkrotkamm zusammengefaßt war -- angesichts des weichen Ausdrucks,
+der ihren graublauen Augen blieb, ihrer hübschen Oberlippe, des feinen
+Ovals und der zarten Farben ihres Gesichtes hätte man nicht auf dreißig,
+sondern auf dreiundzwanzig Jahre geraten. Sie trug höchst elegante
+herabhängende Ohrringe von Gold, die in etwas anderer Form schon ihre
+Großmutter getragen hatte. Eine lose sitzende Taille aus leichtem,
+dunklem Seidenstoff mit Atlasrevers und flachen Epaulettes von Spitzen
+gab ihrer Büste einen entzückenden Ausdruck von Weichheit ...
+
+Sie befand sich in bester Laune, wie gesagt, und erzählte Donnerstags,
+wenn Konsul Buddenbrooks und die Damen Buddenbrook aus der
+Breitenstraße, Konsul Krögers, Klothilde und Sesemi Weichbrodt mit Erika
+zu Tische kamen, aufs anschaulichste von München, von dem Biere, den
+Dampfnudeln, dem Kunstmaler, der sie hatte porträtieren wollen, und den
+Hofequipagen, die ihr den größten Eindruck gemacht hatten. Sie erwähnte
+im Vorübergehen auch des Herrn Permaneder, und gesetzt den Fall, daß
+Pfiffi Buddenbrook eine oder die andere Bemerkung darüber fallen ließ,
+daß so eine Reise ja recht angenehm sei, daß jedoch irgendein
+praktischer Erfolg sich nicht scheine eingestellt zu haben, so überhörte
+Frau Grünlich das mit einer unsäglichen Würde, indem sie den Kopf
+zurücklegte und trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken suchte ...
+
+Übrigens eignete sie sich die Gewohnheit an, immer, wenn die Glocke der
+Windfangtür über die große Diele schallte, auf den Treppenabsatz zu
+eilen, um zu sehen, wer käme ... Was mochte dies zu bedeuten haben? Das
+wußte wohl nur Ida Jungmann, Tonys Erzieherin und langjährige Vertraute,
+die hier und da etwas zu ihr sagte, wie: »Tonychen, mein Kindchen,
+sollst sehen, er wird kommen! Er wird doch kein Dujak sein wollen ...«
+
+Die einzelnen Familienglieder wußten der heimgekehrten Antonie Dank für
+ihre Heiterkeit; die Stimmung im Hause bedurfte dringend der
+Aufmunterung, und zwar aus dem Grunde, weil das Verhältnis zwischen dem
+Firmenchef und seinem jüngeren Bruder sich im Verlaufe der Zeit nicht
+gebessert, sondern in trauriger Weise verschlimmert hatte. Ihre Mutter,
+die Konsulin, die diesen Gang der Dinge mit Kummer verfolgte, hatte
+genug zu tun, zwischen den beiden notdürftig zu vermitteln ... Ihren
+Ermahnungen, das Kontor mit größerer Regelmäßigkeit zu besuchen, war
+Christian mit zerstreutem Schweigen begegnet, und diejenigen seines
+Bruders selbst hatte er mit einer ernsten, unruhigen und nachdenklichen
+Beschämung ohne Widerspruch über sich ergehen lassen, um dann während
+weniger Tage der englischen Korrespondenz mit etwas mehr Eifer
+obzuliegen. Mehr und mehr aber entwickelte sich in dem Älteren eine
+gereizte Verachtung gegen den Jüngeren, die dadurch nicht beeinträchtigt
+wurde, daß Christian ihre gelegentlichen Äußerungen ohne Gegenwehr und
+mit nachdenklich umherwandernden Augen entgegennahm.
+
+Thomas' angestrengte Tätigkeit, der Zustand seiner Nerven gestattete ihm
+nicht, mit Teilnahme oder Gelassenheit Christians eingehende
+Mitteilungen über seine wechselnden Krankheitserscheinungen anzuhören,
+und seiner Mutter oder Schwester gegenüber nannte er sie mit Unwillen
+»die albernen Ergebnisse einer widerwärtigen Selbstbeobachtung«.
+
+Die Qual, die unbestimmte Qual in Christians linkem Beine, war seit
+einiger Zeit mehreren äußerlichen Mitteln gewichen; die
+Schluckbeschwerden aber kehrten noch oft bei Tische wieder, und
+neuerdings war eine zeitweilige Atemnot, ein asthmatisches Übel
+hinzugetreten, das Christian während längerer Wochen für
+Lungenschwindsucht hielt und dessen Wesen und Wirkungen er seiner
+Familie mit gekrauster Nase in ausführlichen Beschreibungen mitzuteilen
+bemüht war. Doktor Grabow wurde zu Rate gezogen. Er stellte fest, daß
+Herz und Lunge recht kräftig arbeiteten, daß aber der gelegentliche
+Atemmangel auf eine gewisse Trägheit gewisser Muskeln zurückzuführen
+sei, und verordnete zur Erleichterung der Respiration erstens den
+Gebrauch eines Fächers, zweitens ein grünliches Pulver, das man
+entzünden und dessen Rauch man einatmen mußte. Des Fächers bediente
+Christian sich auch im Kontor, und auf einen Vorhalt des Chefs
+antwortete er, daß in Valparaiso jeder Kontorist schon der Hitze wegen
+einen Fächer besessen habe: »Johnny Thunderstorm ... du lieber Gott!«
+Als er aber eines Tages, nachdem er längere Zeit ernst und unruhig auf
+seinem Sessel hin und her gerückt, auch sein Pulver im Kontor aus der
+Tasche zog und einen so starken und übelriechenden Qualm entwickelte,
+daß mehrere Leute heftig zu husten begannen und Herr Marcus sogar ganz
+blaß wurde ... da gab es einen öffentlichen Eklat, einen Skandal, eine
+fürchterliche Auseinandersetzung, die zum sofortigen Bruch geführt haben
+würde, hätte nicht die Konsulin noch einmal alles vertuscht, mit
+Vernunft besprochen und zum Guten gewandt ...
+
+Es war nicht dies allein. Auch das Leben, das Christian außerhalb des
+Hauses, und zwar meistens gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Doktor Gieseke,
+seinem Schulkameraden, führte, verfolgte der Konsul mit Widerwillen. Er
+war kein Mucker und Spielverderber. Er erinnerte sich wohl seiner
+eigenen Jugendsünden. Er wußte wohl, daß seine Vaterstadt, diese Hafen-
+und Handelsstadt, in der die geschäftlich hochachtbaren Bürger mit so
+unvergleichlich ehrenfester Miene das Trottoir mit ihren Spazierstöcken
+stießen, keineswegs die Heimstätte makelloser Moralität sei. Man
+entschädigte sich hier für seine auf dem Kontorbock seßhaft verbrachten
+Tage nicht nur mit schweren Weinen und schweren Gerichten ... Aber ein
+dicker Mantel von biederer Solidität bedeckte diese Entschädigungen, und
+wenn es Konsul Buddenbrooks erstes Gesetz war, »die Dehors zu wahren«,
+so zeigte er sich in dieser Beziehung durchdrungen von der
+Weltanschauung seiner Mitbürger. Der Rechtsanwalt Gieseke gehörte zu den
+»Gelehrten«, die sich der Daseinsform der »Kaufleute« behaglich
+anpaßten, und zu den notorischen »Suitiers«, was ihm übrigens jedermann
+ansehen konnte. Aber wie die übrigen behäbigen Lebemänner verstand er
+es, die richtige Miene dazu zu machen, Ärgernis zu vermeiden und seinen
+politischen und beruflichen Grundsätzen den Ruf unanfechtbarer Solidität
+zu wahren. Seine Verlobung mit einem Fräulein Huneus war soeben publik
+geworden. Er erheiratete also einen Platz in der ersten Gesellschaft und
+eine bedeutende Mitgift. Er war mit stark unterstrichenem Interesse in
+städtischen Angelegenheiten tätig, und man sagte sich, daß er sein
+Augenmerk auf einen Sitz im Rathause und zuletzt wohl auf den Sessel des
+alten Bürgermeisters Doktor Överdieck gerichtet halte.
+
+Christian Buddenbrook aber, sein Freund, derselbe, der einst
+entschlossenen Schrittes zu Mademoiselle Meyer-de la Grange gegangen
+war, ihr sein Blumenbukett gegeben und zu ihr gesagt hatte: »O Fräulein,
+wie schön haben Sie gespielt!« -- Christian hatte sich infolge seines
+Charakters und seiner langen Wanderjahre zu einem Suitier von viel zu
+naiver und unbekümmerter Art entwickelt und war in Herzenssachen so
+wenig wie im übrigen geneigt, seinen Empfindungen Zwang anzutun,
+Diskretion zu üben, die Würde zu wahren. Über sein Verhältnis zu einer
+Statistin vom Sommertheater zum Beispiel amüsierte sich die ganze Stadt,
+und Frau Stuht aus der Glockengießerstraße, dieselbe, die in den ersten
+Kreisen verkehrte, erzählte es jeder Dame, die es hören wollte, daß
+»Krischan« wieder einmal mit der vom »Tivoli« auf offener, hellichter
+Straße gesehen worden sei.
+
+Auch das nahm man nicht übel ... Man war von einer zu biderben Skepsis,
+um ernstlich moralische Entrüstung an den Tag zu legen. Christian
+Buddenbrook und etwa Konsul Peter Döhlmann, den sein gänzlich
+darniederliegendes Geschäft veranlaßte, in ähnlich harmloser Weise zu
+Werke zu gehen, waren als Amüseurs beliebt und in Herrengesellschaft
+geradezu unentbehrlich. Aber sie waren eben nicht ernst zu nehmen; sie
+zählten in ernsthaften Angelegenheiten nicht mit; es war bezeichnend,
+daß in der ganzen Stadt, im Klub, an der Börse, am Hafen, nur ihre
+Vornamen genannt wurden: »Krischan« und »Peter«, und Übelwollenden, wie
+den Hagenströms, stand es frei, nicht über Krischans Geschichten und
+Späße, sondern über Krischan selbst zu lachen.
+
+Er dachte daran nicht oder ging, seiner Art gemäß, nach einem Augenblick
+seltsam unruhigen Nachdenkens darüber hinweg. Sein Bruder, der Konsul,
+aber wußte es; er wußte, daß Christian den Widersachern der Familie
+einen Angriffspunkt bot, und ... es waren der Angriffspunkte bereits zu
+viele. Die Verwandtschaft mit den Överdiecks war weitläufig und würde
+nach dem Tode des Bürgermeisters ganz wertlos sein. Die Krögers spielten
+gar keine Rolle mehr, lebten zurückgezogen und hatten arge Geschichten
+mit ihrem Sohne ... Des seligen Onkel Gotthold Mißheirat blieb etwas
+Unangenehmes ... Des Konsuls Schwester war eine geschiedene Frau, wenn
+man auch die Hoffnung auf ihre Wiedervermählung nicht fahren zu lassen
+brauchte -- und sein Bruder sollte ein lächerlicher Mensch sein, durch
+dessen Clownerien sich tätige Herren mit wohlwollendem oder höhnischem
+Lachen die Mußestunden ausfüllen ließen, der zu alledem Schulden machte
+und am Ende des Quartals, wenn er kein Geld mehr hatte, sich ganz
+offenkundig von Doktor Gieseke freihalten ließ ... eine unmittelbare
+Blamage der Firma.
+
+Die gehässige Verachtung, die Thomas auf seinem Bruder ruhen ließ und
+die dieser mit einer nachdenklichen Indifferenz ertrug, äußerte sich in
+all den feinen Kleinlichkeiten, wie sie nur zwischen Familiengliedern,
+die aufeinander angewiesen sind, zutage treten. Kam zum Beispiel das
+Gespräch auf die Geschichte der Buddenbrooks, so konnte Christian in die
+Stimmung geraten, die ihm allerdings nicht sehr gut zu Gesichte stand,
+mit Ernst, Liebe und Bewunderung von seiner Vaterstadt und seinen
+Vorfahren zu reden. Alsbald beendete der Konsul mit einer kalten
+Bemerkung das Gespräch. Er ertrug das nicht. Er verachtete seinen Bruder
+so sehr, daß er ihm nicht gestattete, dort zu lieben, wo er selbst
+liebte. Er hätte es viel lieber gehört, wenn Christian im Dialekte
+Marcellus Stengels davon gesprochen hätte. Er hatte ein Buch gelesen,
+irgendein historisches Werk, das starken Eindruck auf ihn gemacht und
+das er mit bewegten Worten rühmte. Christian, ein unselbständiger Kopf,
+der das Buch allein gar nicht ausfindig gemacht haben würde, aber
+eindrucksfähig und jeder Beeinflussung zugänglich, las es, in dieser
+Weise vorbereitet und empfänglich gemacht, nun gleichfalls, fand es ganz
+herrlich, gab seinen Empfindungen möglichst genauen Ausdruck ... und
+fortan war das Buch für Thomas erledigt. Er sprach mit Gleichgültigkeit
+und Kälte davon. Er tat, als habe er es kaum gelesen. Er überließ seinem
+Bruder, es allein zu bewundern ...
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Konsul Buddenbrook kehrte aus der »Harmonie«, dem Lesezirkel für Herren,
+in dem er nach dem zweiten Frühstück eine Stunde verbracht hatte, in die
+Mengstraße zurück. Er durchschritt das Grundstück von hinten, kam rasch
+zur Seite des Gartens über den gepflasterten Gang, der, zwischen
+bewachsenen Mauern hinlaufend, den hinteren Hof mit dem vorderen
+verband, ging über die Diele und rief in die Küche hinein, ob sein
+Bruder zu Hause sei; man solle ihn benachrichtigen, wenn er käme. Dann
+schritt er durch das Kontor, wo die Leute an den Pulten bei seinem
+Erscheinen sich tiefer über die Rechnungen beugten, in sein
+Privatbureau, legte Hut und Stock beiseite, zog den Arbeitsrock an und
+begab sich an seinen Fensterplatz, Herrn Marcus gegenüber. Zwei Falten
+standen zwischen seinen auffallend hellen Brauen. Das gelbe Mundstück
+einer aufgerauchten russischen Zigarette wanderte unruhig von einem
+Mundwinkel in den anderen. Die Bewegungen, mit denen er Papier und
+Schreibzeug zur Hand nahm, waren so kurz und schroff, daß Herr Marcus
+sich mit zwei Fingern bedächtig den Schnurrbart strich und einen ganz
+langsamen, prüfenden Blick zu seinem Sozius gleiten ließ, während die
+jungen Leute sich mit erhobenen Augenbrauen ansahen. Der Chef war im
+Zorn.
+
+Nach Verlauf einer halben Stunde, während der man nichts als das Kratzen
+der Federn und das bedächtige Räuspern des Herrn Marcus vernommen hatte,
+blickte der Konsul über den grünen Fenstervorsatz hinweg und sah
+Christian die Straße daherkommen. Er rauchte. Er kam aus dem Klub, wo er
+gefrühstückt und ein kleines Jeu gemacht hatte. Er trug den Hut ein
+wenig schief in der Stirn und schwenkte seinen gelben Stock, der »von
+drüben« stammte und dessen Knopf die in Ebenholz geschnitzte Büste einer
+Nonne darstellte. Ersichtlich war er bei guter Gesundheit und bester
+Laune. Irgendeinen _song_ vor sich hinsummend, kam er ins Kontor, sagte
+»Morgen, meine Herren!«, wiewohl es ein heller Frühlingsnachmittag war,
+und schritt auf seinen Platz zu, um »mal eben ein bißchen zu arbeiten«.
+Aber der Konsul erhob sich, und im Vorübergehen sagte er, ohne ihn
+anzublicken: »Ach ... auf zwei Worte, mein Lieber.«
+
+Christian folgte ihm. Sie gingen ziemlich rasch über die Diele. Thomas
+hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und unwillkürlich tat Christian
+dasselbe, wobei er dem Bruder seine große Nase zuwandte, die oberhalb
+des englisch über den Mund hängenden rotblonden Schnurrbartes scharf,
+knochig und gebogen zwischen den hohlen Wangen hervortrat. Während sie
+über den Hof gingen, sagte Thomas: »Du mußt mich mal ein paar Schritte
+durch den Garten begleiten, mein Freund.«
+
+»Schön«, antwortete Christian. Und dann folgte wieder ein längeres
+Schweigen, während sie, links herum, auf dem äußeren Wege, an der
+Rokokofassade des »Portals« vorbei, den Garten umschritten, der die
+ersten Knospen trieb. Schließlich sagte der Konsul nach einem schnellen
+Aufatmen mit lauter Stimme: »Ich habe eben schweren Ärger gehabt, und
+zwar infolge deines Betragens.«
+
+»Meines ...«
+
+»Ja. -- Man hat mir in der `Harmonie´ von einer Bemerkung erzählt, die
+du gestern abend im Klub hast fallen lassen, und die so deplaziert, so
+über alle Begriffe taktlos war, daß ich keine Worte finde ... Die
+Blamage hat nicht auf sich warten lassen. Es ist dir eine klägliche
+Abfertigung zuteil geworden. Hast du Lust, dich zu erinnern?«
+
+»Ach ... nun weiß ich, was du meinst. -- Wer hat dir denn das erzählt?«
+
+»Was tut das zur Sache. -- Döhlmann. -- Mit einer Stimme
+selbstverständlich, daß die Leute, die die Geschichte etwa noch nicht
+kannten, sich nun ebenfalls darüber freuen können ...«
+
+»Ja, Tom, ich muß dir sagen ... Ich habe mich für Hagenström geschämt!«
+
+»Du hast dich für ... Aber das ist denn doch ... Höre mal!« rief der
+Konsul, indem er beide Hände, die Innenflächen nach oben, vor sich
+ausstreckte und sie, mit seitwärts geneigtem Kopfe, erregt
+demonstrierend schüttelte. »Du sagst in einer Gesellschaft, die sowohl
+aus Kaufleuten als aus Gelehrten besteht, daß alle es hören können:
+Eigentlich und bei Lichte besehen sei doch jeder Geschäftsmann ein
+Gauner ... du, selbst ein Kaufmann, Angehöriger einer Firma, die aus
+allen Kräften nach absoluter Integrität, nach makelloser Solidität
+strebt ...«
+
+»Lieber Himmel, Thomas, ich machte Spaß!... Obgleich ... eigentlich ...«
+fügte Christian hinzu, indem er die Nase krauste und den Kopf ein wenig
+schräge nach vorne schob ... In dieser Haltung machte er mehrere
+Schritte.
+
+»Spaß! Spaß!« rief der Konsul. »Ich bilde mir ein, einen Spaß zu
+verstehen, aber du hast ja gesehen, wie der Spaß verstanden worden ist!
+`Ich meinerseits halte meinen Beruf =sehr= hoch´, hat Hermann Hagenström
+dir geantwortet ... Und da saßest du nun, ein verbummelter Mensch, der
+von seinem eignen Beruf nichts hält ...«
+
+»Ja, Tom, ich bitte dich, was sagst du dazu! Ich versichere dich, die
+ganze Gemütlichkeit war plötzlich zum Teufel. Die Leute lachten, als ob
+sie mir recht gaben. Und da sitzt dieser Hagenström und sagt
+fürchterlich ernst: `Ich meinerseits ...´ Der dumme Kerl. Ich habe mich
+wahrhaftig für ihn geschämt. Noch gestern abend im Bett habe ich lange
+darüber nachgedacht und hatte ein ganz sonderbares Gefühl dabei ... Ich
+weiß nicht, ob du das kennst ...«
+
+»Schwatze nicht, ich bitte dich, schwatze nicht!« unterbrach ihn der
+Konsul. Er zitterte am ganzen Körper vor Unwillen. »Ich gebe ja zu ...
+ich gebe dir ja zu, daß die Antwort vielleicht nicht der Stimmung
+entsprach, daß sie geschmacklos war. Aber man sucht sich eben die Leute
+aus, zu denen man dergleichen sagt ... wenn es schon einmal durchaus
+gesagt werden muß ... und setzt sich nicht in seiner Albernheit einer so
+schnöden Abfertigung aus! Hagenström hat die Gelegenheit benutzt, uns
+... ja, nicht nur dir, sondern =uns= eins zu versetzen, denn weißt du,
+was sein `Ich meinerseits´ bedeutete? `Solche Erkenntnisse verschaffen
+Sie sich wohl im Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook?´ =Das=
+bedeutete es, du Esel!«
+
+»Na ... Esel ...«, sagte Christian und machte ein verlegenes und
+unruhiges Gesicht ...
+
+»Schließlich gehörst du nicht dir allein an«, fuhr der Konsul fort,
+»aber trotzdem soll es mir gleichgültig sein, wenn du dich persönlich
+lächerlich machst ... und womit machst du dich =nicht= lächerlich!« rief
+er. Er war blaß, und die blauen Äderchen an seinen schmalen Schläfen,
+von denen das Haar in zwei Einbuchtungen zurücktrat, waren deutlich zu
+sehen. Eine seiner hellen Brauen hielt er emporgezogen, und selbst die
+steifen, lang ausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes hatten etwas
+Zorniges, während er mit hinwerfenden Handbewegungen seine Worte
+seitwärts vor Christians Füße hin auf den Kiesweg niedersprach ... »Du
+machst dich lächerlich mit deinen Liebschaften, mit deinen
+Harlekiniaden, mit deinen Krankheiten, mit deinen Mitteln dagegen ...«
+
+»Oh, Thomas«, sagte Christian, schüttelte ganz ernsthaft den Kopf und
+hob in etwas ungeschickter Weise einen Zeigefinger empor ... »Was das
+betrifft, das kannst du nicht so ganz verstehen, siehst du ... Die Sache
+ist die ... Man muß sozusagen sein Gewissen in Ordnung halten ... Ich
+weiß nicht, ob du das kennst ... Grabow hat mir eine Salbe für die
+Halsmuskeln verordnet ... gut! Gebrauche ich sie nicht, unterlasse ich
+es, sie zu gebrauchen, so komme ich mir ganz verloren und hilflos vor,
+bin unruhig und unsicher und ängstlich und in Unordnung und kann nicht
+schlucken. Habe ich sie aber gebraucht, so fühle ich, daß ich meine
+Pflicht getan habe und in Ordnung bin; dann habe ich ein gutes Gewissen,
+bin still und zufrieden, und das Schlucken geht herrlich. Die Salbe tut
+es, glaube ich, nicht, weißt du ... aber die Sache ist, daß so eine
+Vorstellung, versteh mich recht, nur durch eine andere Vorstellung, eine
+Gegenvorstellung aufgehoben werden kann ... Ich weiß nicht, ob du das
+kennst ...«
+
+»Ach ja --! Ach ja --!« rief der Konsul und hielt einen Augenblick
+seinen Kopf mit beiden Händen fest ... »Tue es doch! Handele doch
+danach! Aber rede nicht darüber! Schwatze nicht darüber! Laß andere
+Leute mit deinen widerlichen Finessen in Ruhe! Auch mit dieser
+unanständigen Geschwätzigkeit machst du dich lächerlich vom Morgen bis
+zum Abend! Aber das sage ich dir, das wiederhole ich dir: Es soll mich
+kalt lassen, wie sehr du dich persönlich zum Narren machst; aber ich
+verbiete dir, hörst du mich wohl? ich =verbiete= es dir, die Firma in
+einer Weise zu kompromittieren, wie du es gestern abend getan hast!«
+
+Hierauf antwortete Christian nicht, sondern fuhr langsam mit der Hand
+über sein schon spärliches rötlichblondes Haar und ließ, einen unruhigen
+Ernst auf dem Gesichte, seine Augen haltlos und abwesend umherschweifen.
+Ohne Zweifel beschäftigte er sich noch mit dem, was er zuletzt gesagt
+hatte. Es herrschte eine Pause. Thomas schritt in stiller Verzweiflung
+daher.
+
+»Alle Kaufleute sind Schwindler, sagst du«, begann er von neuem ...
+»Gut! bist du deines Berufes überdrüssig? Bereust du es, Kaufmann
+geworden zu sein? Du hast damals die Erlaubnis von Vater erwirkt ...«
+
+»Ja, Tom«, sagte Christian nachdenklich; »ich würde wahrhaftig lieber
+studieren! Auf der Universität, weißt du, das muß sehr nett sein ... Man
+geht hin, wenn man Lust hat, ganz freiwillig, setzt sich und hört zu,
+wie im Theater ...«
+
+»Wie im Theater ... Ach, ins _Café chantant_ gehörst du als Possenreißer
+... Ich scherze nicht! Es ist meine vollkommen ernsthafte Überzeugung,
+daß das dein heimliches Ideal ist!« beteuerte der Konsul, und Christian
+widersprach dem durchaus nicht; er blickte gedankenvoll in der Luft
+umher.
+
+»Und du erfrechst dich, eine solche Bemerkung von dir zu geben, du, der
+du keine Ahnung ... nicht einmal eine Ahnung davon hast, was Arbeit ist,
+der du dein Leben ausfüllst, indem du dir mit Theater und Bummelei und
+Narreteien eine Reihe von Gefühlen und Empfindungen und Zuständen
+verschaffst, mit denen du dich beschäftigen, die du beobachten und
+pflegen, über die du in schamloser Weise schwatzen kannst ...«
+
+»Ja, Tom«, sagte Christian ein wenig betrübt und strich wieder mit der
+Hand über seinen Schädel. »Das ist wahr; das hast du ganz richtig
+ausgedrückt. Das ist der Unterschied zwischen uns, siehst du. Du siehst
+auch gern ein Theaterstück an und hast früher, unter uns gesagt, auch
+deine Techtelmechtel gehabt und lasest eine Zeitlang mal mit Vorliebe
+Romane und Gedichte und dergleichen ... Aber du hast es immer so gut
+verstanden, das alles mit der ordentlichen Arbeit und dem Ernst des
+Lebens zu verbinden ... Das geht mir ab, siehst du. Ich werde von dem
+anderen, von dem Kram, ganz und gar aufgebraucht, weißt du, und behalte
+für das Ordentliche gar nichts übrig ... Ich weiß nicht, ob du mich
+verstehst ...«
+
+»Also, das siehst du ein!« rief Thomas, indem er stehenblieb und die
+Arme auf der Brust kreuzte. »Das gibst du kleinlaut zu, und dennoch läßt
+du alles beim alten! Bist du denn ein Hund, Christian?! Man hat doch
+seinen Stolz, Herrgott im Himmel! Man führt doch nicht ein Leben fort,
+das man selbst nicht einmal zu verteidigen wagt! Aber so bist du! =Das=
+ist dein Wesen! Wenn du eine Sache nur einsiehst und verstehst und sie
+beschreiben kannst ... Nein, meine Geduld ist zu Ende, Christian!« Und
+der Konsul tat einen raschen Schritt rückwärts, wobei er mit dem Arme
+waagrecht eine heftige Bewegung machte ... »Sie ist zu Ende, sage ich
+dir! Du beziehst deine Prokura, aber du kommst niemals ins Kontor ...
+das ist es nicht, was mich aufbringt. Gehe hin und verjökele dein Leben,
+wie du es bisher getan! Aber du kompromittierst uns, uns alle, wo du
+gehst und stehst! Du bist ein Auswuchs, eine ungesunde Stelle am Körper
+unserer Familie! Du bist vom Übel hier in dieser Stadt, und wenn dies
+Haus mein eigen wäre, so würde ich dich hinausweisen, da hinaus, zur
+Türe hinaus!« schrie er, indem er eine wilde und weite Bewegung über den
+Garten, den Hof, die große Diele hin vollführte ... Er hielt nicht mehr
+an sich. Eine lange aufgespeicherte Menge von Wut entlud sich ...
+
+»Was fällt dir ein, Thomas!« sagte Christian. Er hatte einen Anfall von
+Entrüstung, was sich ziemlich sonderbar ausnahm. Er stand da in der
+Haltung, die oft Krummbeinigen eigen ist, ein wenig geknickt, ein wenig
+fragezeichenartig, Kopf, Bauch und Knie nach vorn geschoben, und seine
+runden, tiefliegenden Augen, die er so groß wie möglich machte, hatten
+sich, wie bei seinem Vater, wenn er zornig war, mit roten Rändern
+umgeben, die bis zu den Wangenknochen liefen. »Wie sprichst du zu mir!«
+sagte er. »Was habe ich dir getan! Ich gehe schon von selbst, du
+brauchst mich nicht hinauszuwerfen. -- =Pfui!=« fügte er mit
+aufrichtigem Vorwurf hinzu, und dieses Wort begleitete er mit einer
+kurzen, schnappenden Handbewegung nach vorn, als finge er eine Fliege.
+
+Merkwürdigerweise entgegnete Thomas hierauf durchaus nicht noch
+heftiger, sondern senkte schweigend den Kopf und nahm dann langsam den
+Weg um den Garten wieder auf. Es schien ihn zu befriedigen, ihm geradezu
+wohlzutun, seinen Bruder endlich in Zorn gebracht ... ihn endlich zu
+einer energischen Erwiderung, einem Protest vermocht zu haben.
+
+»Du kannst mir glauben«, sagte er ruhig, indem er die Hände wieder auf
+dem Rücken zusammenlegte, »daß diese Unterredung mir aufrichtig leid
+tut, Christian, aber sie mußte einmal stattfinden. Solche Szenen
+innerhalb der Familie sind etwas Fürchterliches, aber aussprechen mußten
+wir uns einmal ... und wir können ganz gelassen über die Dinge reden,
+mein Junge. Du gefällst dir nicht in deiner jetzigen Position, wie ich
+sehe, nicht wahr ...?«
+
+»Nein, Tom, das hast du richtig erkannt. Siehst du: zu Anfang war ich ja
+außerordentlich zufrieden ... und ich habe es hier ja auch besser, als
+in einem fremden Geschäft. Aber was mir fehlt, ist die Selbständigkeit,
+glaube ich ... Ich habe dich immer beneidet, wenn ich dich sitzen sah
+und arbeiten, denn es ist eigentlich gar keine Arbeit für dich; du
+arbeitest nicht, weil du mußt, sondern als Herr und Chef, und läßt
+andere für dich arbeiten und machst deine Berechnungen und regierst und
+bist frei ... Das ist ganz etwas anderes ...«
+
+»Gut, Christian; hättest du das nicht schon früher sagen können? Es
+steht dir doch frei, dich selbständig oder selbständiger zu machen. Du
+weißt, daß Vater dir so gut wie mir ein vorläufiges Erbteil von 50000
+Kurantmark ausgesetzt hat und daß ich selbstverständlicherweise in jeder
+Sekunde bereit bin, dir diese Summe zu einer vernünftigen und soliden
+Verwertung auszuzahlen. Es gibt, in Hamburg oder wo auch immer, sichere,
+aber beschränkte Geschäfte genug, die einen Kapitalzufluß gebrauchen
+können und in denen du als Teilhaber eintreten könntest ... Laß uns,
+jeder für sich, die Sache mal überlegen und gelegentlich auch mit Mutter
+darüber sprechen. Ich habe jetzt zu tun, und du könntest in diesen Tagen
+die englische Korrespondenz noch erledigen, bitte ...«
+
+»Wie denkst du zum Beispiel über H. C. F. Burmeester & Comp. in
+Hamburg?« fragte er noch auf der Diele ... »Import und Export ... Ich
+kenne den Mann. Ich bin überzeugt, daß er zugreifen würde ...«
+
+ * * * * *
+
+Das war Ende Mai des Jahres siebenundfünfzig. Zu Beginn des Juni bereits
+reiste Christian über Büchen nach Hamburg ab ... ein schwerer Verlust
+für den Klub, das Stadttheater, das »Tivoli« und die ganze freiere
+Geselligkeit der Stadt. Sämtliche »Suitiers«, darunter Doktor Gieseke
+und Peter Döhlmann, verabschiedeten ihn am Bahnhofe und überbrachten ihm
+Blumen und sogar Zigarren, wobei sie aus Leibeskräften lachten ... in
+der Erinnerung ohne Zweifel an all die Geschichten, die Christian ihnen
+erzählt hatte. Zum Schlusse befestigte Rechtsanwalt Doktor Gieseke unter
+allgemeinem Hallo einen großen Kotillonorden aus Goldpapier an
+Christians Paletot. Dieser Orden stammte aus einem Hause in der Nähe des
+Hafens, einem Gasthause, das abends eine rote Laterne über der Haustür
+führte, einem Orte zwangloser Zusammenkunft, an dem es stets heiter
+herging ... und war dem scheidenden Krischan Buddenbrook für
+hervorragende Verdienste verliehen worden.
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Es klingelte am Windfang, und ihrer neuen Gewohnheit gemäß erschien Frau
+Grünlich auf dem Treppenabsatz, um über das weißlackierte Geländer
+hinweg auf die Diele hinabzulugen. Kaum aber war drunten geöffnet
+worden, als sie sich mit einem jähen Ruck noch weiter hinabbeugte, dann
+zurückprallte, dann mit der einen Hand ihr Taschentuch vor den Mund
+drückte, mit der anderen ihre Röcke zusammenfaßte und in etwas gebückter
+Haltung nach oben eilte ... Auf der Treppe zur zweiten Etage begegnete
+ihr Mamsell Jungmann, der sie mit ersterbender Stimme etwas zuflüsterte,
+worauf Ida vor freudigem Schreck etwas Polnisches antwortete, das klang
+wie: »Meiboschekochhanne!« --
+
+Zur selben Zeit saß die Konsulin Buddenbrook im Landschaftszimmer und
+häkelte mit zwei großen hölzernen Nadeln einen Schal, eine Decke oder
+etwas Ähnliches. Es war elf Uhr vormittags.
+
+Plötzlich kam das Folgmädchen durch die Säulenhalle, pochte an die
+Glastür und überbrachte der Konsulin watschelnden Schrittes eine
+Visitenkarte. Die Konsulin nahm die Karte, rückte ihre Brille zurecht,
+denn sie trug bei der Handarbeit eine Brille, und las. Dann blickte sie
+wieder zu dem roten Gesichte des Mädchens empor, las abermals und sah
+aufs neue das Mädchen an. Schließlich sagte sie freundlich, aber
+bestimmt: »Was soll dies, Liebe? Was bedeutet dies, du?«
+
+Auf der Karte stand gedruckt: »X. Noppe & Comp.« X. Noppe aber sowohl
+wie das &-Zeichen waren mit einem Blaustift stark durchstrichen, so daß
+nur das »Comp.« übrigblieb.
+
+»Je, Fru Kunsel«, sagte das Mädchen, »doar wier'n Herr, öäwer hei red'
+nich dütsch un is ook goar tau snaksch ...«
+
+»Bitte den Herrn«, sagte die Konsulin, denn sie begriff nun, daß es die
+»Comp.« sei, die Einlaß begehrte. Das Mädchen ging. Gleich darauf
+öffnete es die Glastür aufs neue und ließ eine untersetzte Gestalt
+eintreten, die im schattigen Hintergrunde des Zimmers einen Augenblick
+stehenblieb und etwas Langgezogenes verlauten ließ, das klang wie: »Hab'
+die Ähre ...«
+
+»Guten Morgen!« sagte die Konsulin. »Wollen Sie nicht nähertreten?«
+Dabei stützte sie sich leicht mit der Hand auf das Sofapolster und erhob
+sich ein wenig, denn sie wußte noch nicht, ob es angezeigt sei, sich
+ganz zu erheben ...
+
+»I bin so frei ...«, antwortete der Herr wiederum mit einer gemütlich
+singenden und gedehnten Betonung, indem er, höflich gebückt, zwei
+Schritte vorwärts tat, worauf er abermals stehenblieb und sich suchend
+umblickte: sei es nun nach einer Sitzgelegenheit oder nach einem
+Aufbewahrungsort für Hut und Stock, denn beides, auch den Stock, dessen
+klauenartig gebogene Hornkrücke gut und gern anderthalb Fuß maß, hatte
+er mit ins Zimmer gebracht.
+
+Es war ein Mann von vierzig Jahren. Kurzgliedrig und beleibt, trug er
+einen weit offenstehenden Rock aus braunem Loden, eine helle und
+geblümte Weste, die in weicher Wölbung seinen Bauch bedeckte und auf der
+eine goldene Uhrkette mit einem wahren Bukett, einer ganzen Sammlung von
+Anhängseln aus Horn, Knochen, Silber und Korallen prangte -- ein
+Beinkleid ferner von unbestimmter graugrüner Farbe, welches zu kurz war
+und aus ungewöhnlich steifem Stoff gearbeitet schien, denn seine Ränder
+umstanden unten kreisförmig und faltenlos die Schäfte der kurzen und
+breiten Stiefel. -- Der hellblonde, spärliche, fransenartig den Mund
+überhängende Schnurrbart gab dem kugelrunden Kopfe mit seiner
+gedrungenen Nase und seinem ziemlich dünnen und unfrisierten Haar etwas
+Seehundartiges. Die »Fliege«, die der fremde Herr zwischen Kinn und
+Unterlippe trug, stand im Gegensatze zum Schnurrbart ein wenig borstig
+empor. Die Wangen waren außerordentlich dick, fett, aufgetrieben und
+gleichsam hinaufgeschoben zu den Augen, die sie zu zwei ganz schmalen,
+hellblauen Ritzen zusammenpreßten und in deren Winkeln sie Fältchen
+bildeten. Dies gab dem solcherart verquollenen Gesicht einen
+Mischausdruck von Ergrimmtheit und biederer, unbeholfener, rührender
+Gutmütigkeit. Unterhalb des kleinen Kinnes lief eine steile Linie in die
+schmale weiße Halsbinde hinein ... die Linie eines kropfartigen Halses,
+der keine Vatermörder geduldet haben würde. Untergesicht und Hals,
+Hinterkopf und Nacken, Wangen und Nase, alles ging ein wenig formlos und
+gepolstert ineinander über ... Die ganze Gesichtshaut war infolge aller
+dieser Schwellungen über die Gebühr straff gespannt und zeigte an
+einzelnen Stellen, wie am Ansatz der Ohrläppchen und zu beiden Seiten
+der Nase, eine spröde Rötung ... In der einen seiner kurzen, weißen und
+fetten Hände hielt der Herr seinen Stock, in der anderen ein grünes
+Tirolerhütchen, geschmückt mit einem Gemsbart.
+
+Die Konsulin hatte die Brille abgenommen und stützte sich noch immer in
+halb stehender Haltung auf das Sofapolster.
+
+»Wie kann ich Ihnen dienen«, sagte sie höflich, aber bestimmt.
+
+Da legte der Herr mit einer entschlossenen Bewegung Hut und Stock auf
+den Deckel des Harmoniums, rieb sich dann befriedigt die freigewordenen
+Hände, blickte die Konsulin treuherzig aus seinen hellen, verquollenen
+Äuglein an und sagte: »I bitt' die gnädige Frau um Verzeihung von wegen
+dem Kartl; i hob kei onderes zur Hond k'habt. Mei Name ist Permaneder;
+Alois Permaneder aus München. Vielleicht hat die gnädige Frau schon von
+der Frau Tochter meinen Namen k'hert --«
+
+Dies alles sagte er laut und mit ziemlich grober Betonung, in seinem
+knorrigen Dialekt voller plötzlicher Zusammenziehungen, aber mit einem
+vertraulichen Blinzeln seiner Augenritzen, welches andeutete: »Wir
+verstehen uns schon ...«
+
+Die Konsulin hatte sich nun völlig erhoben und trat mit seitwärts
+geneigtem Kopfe und ausgestreckten Händen auf ihn zu ...
+
+»Herr Permaneder! Sie sind es? Gewiß hat meine Tochter uns von Ihnen
+erzählt. Ich weiß, wie sehr Sie dazu beigetragen haben, ihr den
+Aufenthalt in München angenehm und unterhaltend zu machen ... Und Sie
+sind in unsere Stadt verschlagen worden?«
+
+»Geltn's, da schaun's!« sagte Herr Permaneder, indem er sich bei der
+Konsulin in einem Lehnsessel niederließ, auf den sie mit vornehmer
+Bewegung gedeutet hatte, und begann, mit beiden Händen behaglich seine
+kurzen und runden Oberschenkel zu reiben ...
+
+»Wie beliebt?« fragte die Konsulin ...
+
+»Geltn's, da spitzen's!« antwortete Herr Permaneder, indem er aufhörte,
+seine Knie zu reiben.
+
+»Nett!« sagte die Konsulin verständnislos und lehnte sich, die Hände im
+Schoß, mit erheuchelter Befriedigung zurück. Aber Herr Permaneder merkte
+das; er beugte sich vor, beschrieb, Gott weiß warum, mit der Hand Kreise
+in der Luft und sagte mit großer Kraftanstrengung: »Da tun sich die
+gnädige Frau halt ... wundern!«
+
+»Ja, ja, mein lieber Herr Permaneder, das ist wahr!« erwiderte die
+Konsulin freudig, und nachdem dies erledigt war, trat eine Pause ein. Um
+aber diese Pause auszufüllen, sagte Herr Permaneder mit einem ächzenden
+Seufzer: »Es is halt a Kreiz!«
+
+»Hm ... wie beliebt?« fragte die Konsulin, indem sie ihre hellen Augen
+ein wenig beiseite gleiten ließ ...
+
+»A Kreiz is'!« wiederholte Herr Permaneder außerordentlich laut und
+grob.
+
+»Nett«, sagte die Konsulin begütigend; und somit war auch dieser Punkt
+abgetan.
+
+»Darf man fragen«, fuhr sie fort, »was Sie so weit hergeführt hat,
+lieber Herr? Es ist eine tüchtige Reise von München ...«
+
+»A G'schäfterl«, sagte Herr Permaneder, indem er seine kurze Hand in der
+Luft hin und her drehte, »a kloans G'schäfterl, gnädige Frau, mit der
+Brauerei zur Walkmühle!«
+
+»Oh, richtig, Sie sind Hopfenhändler, mein lieber Herr Permaneder! Noppe
+& Comp., nicht wahr? Seien Sie überzeugt, ich habe von meinem Sohne, dem
+Konsul, hie und da viel Vorteilhaftes über Ihre Firma gehört«, sagte die
+Konsulin höflich. Aber Herr Permaneder wehrte ab: »Is scho recht. Davon
+is koa Red'. Ah, naa, die Hauptsach' is halt, daß i allweil den Wunsch
+k'habt hob, der gnädigen Frau amol mei Aufwartung z' mochn und die Frau
+Grünlich wiederzusehn! Dös is Sach' gnua, um die Reis' net z' scheun!«
+
+»Ich danke Ihnen«, sagte die Konsulin herzlich, indem sie ihm nochmals
+die Hand reichte, deren Fläche sie ganz weit herumwandte. »Aber nun soll
+man meine Tochter benachrichtigen!« fügte sie hinzu, stand auf und
+schritt auf den gestickten Klingelzug zu, der neben der Glastür hing.
+
+»Ja, Himmi Sakrament, werd' i a Freid' ha'm!« rief Herr Permaneder und
+drehte sich mitsamt seinem Lehnsessel der Tür zu.
+
+Die Konsulin befahl dem Mädchen: »Bitte Madame Grünlich herunter,
+Liebe.«
+
+Dann kehrte sie zum Sofa zurück, worauf auch Herr Permaneder seinen
+Sessel wieder herumdrehte.
+
+»Werd' i a Freid' ha'm ...« wiederholte er abwesend, indem er die
+Tapeten, das große Sevrestintenfaß auf dem Sekretär und die Möbel
+betrachtete. Dann sagte er mehrere Male: »Is dös a Kreiz!... Es is halt
+a Kreiz!...« wobei er sich die Knie rieb und ohne ersichtlichen Grund
+schwer seufzte. Dies füllte ungefähr die Zeit bis zu Frau Grünlichs
+Erscheinen aus.
+
+Sie hatte entschieden ein wenig Toilette gemacht, eine helle Taille
+angelegt, ihre Frisur geordnet. Ihr Gesicht war frischer und hübscher
+denn je. Ihre Zungenspitze spielte verschmitzt in einem Mundwinkel ...
+
+Kaum war sie eingetreten, als Herr Permaneder emporsprang und ihr mit
+einer ungeheuren Begeisterung entgegenkam. Alles an ihm geriet in
+Bewegung. Er ergriff ihre beiden Hände, schüttelte sie und rief: »Ja,
+die Frau Grünlich! Ja, grüß Eana Gott! Ja, wie hat's denn derweil
+gegangen? was haben's denn allweil g'macht, da heroben? Jessas, hab' i a
+narrische Freid'! Denken's denn noch amol an d' Münchnerstadt und an
+unsre Berg'? O mei, ham wir a Gaudi k'habt, geltn's ja?! Kruzi Türken
+nei! und da san mer wieder! Jetzt wer hätt' denn des glaubt ...«
+
+Auch Tony ihrerseits begrüßte ihn mit großer Lebhaftigkeit, zog einen
+Stuhl herbei und begann, mit ihm von ihren Münchener Wochen zu plaudern
+... Die Unterhaltung floß nun ohne Hindernis dahin, und die Konsulin
+folgte ihr, indem sie Herrn Permaneder nachsichtig und ermunternd
+zunickte, diese oder jene seiner Redewendungen ins Schriftdeutsche
+übersetzte und sich dann jedesmal, zufrieden, daß sie es verstanden, ins
+Sofa zurücklehnte.
+
+Herr Permaneder mußte auch Frau Antonien nochmals den Grund seines
+Hierseins erklären, aber er legte diesem »G'schäfterl« mit der Brauerei
+ersichtlich so wenig Bedeutung bei, daß es den Anschein gewann, als habe
+er eigentlich gar nichts in der Stadt zu suchen. Dagegen erkundigte er
+sich mit Interesse nach der zweiten Tochter sowie nach den Söhnen der
+Konsulin und bedauerte laut die Abwesenheit Klaras und Christians, da er
+»allweil den Wunsch k'habt« habe, »die gonze Famili« kennenzulernen ...
+
+Über die Dauer seines Aufenthaltes in der Stadt äußerte er sich überaus
+unbestimmt; als aber die Konsulin bemerkte: »Ich erwarte in jedem
+Augenblick meinen Sohn zum Frühstück, Herr Permaneder; machen Sie uns
+das Vergnügen, ein Butterbrot mit uns zu essen ...?« -- da nahm er diese
+Einladung, noch ehe sie ausgesprochen war, mit einer Bereitwilligkeit
+an, als habe er darauf gewartet.
+
+Der Konsul kam. Er hatte das Frühstückszimmer leer gefunden und erschien
+im Kontorrock, eilig, ein wenig abgespannt und überhäuft, um zu einem
+flüchtigen Imbiß zu mahnen ... Aber kaum war er der fremden Erscheinung
+des Gastes mit seinen ungeheuren Uhrgehängen und seiner Lodenjacke sowie
+des Gemsbartes auf dem Harmonium gewahr geworden, als er aufmerksam den
+Kopf erhob, und kaum war der Name genannt worden, den er aus Frau
+Antoniens Munde oft genug gehört hatte, als er einen raschen Blick zu
+seiner Schwester hinüberwarf und Herrn Permaneder mit seiner
+gewinnendsten Liebenswürdigkeit begrüßte ... Er nahm nicht erst Platz.
+Man ging sofort ins Zwischengeschoß hinunter, wo Mamsell Jungmann den
+Tisch gedeckt hatte und den Samowar summen ließ -- einen echten Samowar,
+ein Geschenk des Pastors Tiburtius und seiner Gattin.
+
+»Ös tuats enk leicht!« sagte Herr Permaneder, als er sich niederließ und
+die Auswahl an kalter Küche auf dem Tische überblickte ... Hie und da,
+in der Mehrzahl wenigstens, bediente er sich mit dem harmlosesten
+Gesichtsausdruck der zweiten Person bei der Anrede.
+
+»Es ist nicht gerade Hofbräu, Herr Permaneder, aber immerhin
+genießbarer, als unser einheimisches Gebräu.« Und der Konsul schenkte
+ihm von dem braun schäumenden Porter ein, den er selbst um diese Zeit zu
+trinken pflegte.
+
+»I donk scheen, Herr Nachbohr!« sagte Herr Permaneder kauend und merkte
+nichts von dem entsetzten Blick, den Mamsell Jungmann ihm zuwarf. Von
+dem Porter aber genoß er mit solcher Zurückhaltung, daß die Konsulin
+eine Bouteille Rotwein heraufkommen ließ, worauf er merklich munterer
+wurde und wieder mit Frau Grünlich zu plaudern begann. Er saß, des
+Bauches wegen, ziemlich weit vom Tische entfernt, hielt seine Beine weit
+voneinander entfernt und ließ meistens den einen seiner kurzen Arme mit
+der feisten, weißen Hand senkrecht an der Stuhllehne hinunterhängen,
+während er, den dicken Kopf mit dem Seehundsschnurrbart ein wenig zur
+Seite gelegt, mit dem Ausdruck einer verdrießlichen Behaglichkeit und
+einem treuherzigen Blinzeln seiner Augenritzen, Tonys Reden und
+Antworten anhörte.
+
+Mit zierlichen Bewegungen zerlegte sie ihm Brätlinge, worin er gar keine
+Übung besaß, und hielt nicht mit dieser oder jener Betrachtung über das
+Leben zurück ...
+
+»O Gott, wie traurig ist es doch, Herr Permaneder, daß alles Gute und
+Schöne im Leben so schnell vorübergeht!« sagte sie mit Bezug auf ihren
+Münchener Aufenthalt, legte für einen Augenblick Messer und Gabel fort
+und sah ernst zur Decke empor. Übrigens machte sie dann und wann ebenso
+drollige wie talentlose Versuche, in bayerischer Mundart zu sprechen ...
+
+Während der Mahlzeit pochte es, und der Kontorlehrling überbrachte ein
+Telegramm. Der Konsul las es, indem er die lange Spitze seines
+Schnurrbartes langsam durch die Finger gleiten ließ, und obgleich man
+sah, daß er angestrengt mit dem Inhalt der Depesche beschäftigt war,
+fragte er dabei im leichtesten Tone: »Wie gehen die Geschäfte, Herr
+Permaneder?...«
+
+»Es ist gut«, sagte er gleich darauf zu dem Lehrling, und der junge
+Mensch verschwand.
+
+»O mei, Herr Nachbohr!« antwortete Herr Permaneder und wandte sich mit
+der Unbeholfenheit eines Mannes, der einen dicken und steifen Hals hat,
+nach des Konsuls Seite, um nun den anderen Arm an der Stuhllehne
+hinunterhängen zu lassen. »Do is nix'n z'red'n, dös is halt a Plog!
+Schaun's, München« -- er sprach den Namen seiner Vaterstadt stets in
+einer Weise aus, daß man nur erraten konnte, was gemeint war -- »München
+is koane G'schäftsstadt ... Da will an jeder sei' Ruh' und sei' Maß ...
+Und a Depeschen tuat ma fei nöt lesen beim Essen, dös fei net. Jetzt da
+haben's daheroben an onderen Schneid, Sakrament!... I donk scheen, i
+nehm' scho noch a Glaserl ... Es is a Kreiz! Mei' Kompagnon, der Noppe,
+hat allweil nach Nürnberg g'wollt, weil's da die Börs' ham und an
+Unternehmungsgeist ... aber i verloß mei München nöt ... Dös fei nöt! --
+Es is halt a Kreiz!... Schaun's, da hamer dö damische Konkurrenz, dö
+damische ... und der Export, dös is scho z'm Lochen ... Sogar in Rußland
+werden's nächstens anfangen, selber a Pflanzen z' bauen ...«
+
+Plötzlich aber warf er dem Konsul einen ungewöhnlich hurtigen Blick zu
+und sagte: »Übrigens ... i will nixen g'sagt ham, Herr Nachbohr! Dös is
+fei a nett's G'schäfterl! Mer machen a Geld mit der Aktien-Brauerei,
+wovon der Niederpaur Direktor is, wissen's. Dös is a ganz a kloane
+G'sellschaft g'wesen, aber mer ham eahna an Kredit geben und a bares
+Göld ... zu 4 Prozent, auf Hypothek ... damit's eahnere Gebäud' ham
+vergreßern können ... Und jatzt mochen's an G'schäft, und mer ham an
+Umsatz und a Jahreseinnahm' -- dös haut scho!« schloß Herr Permaneder,
+lehnte dankend Zigarette und Zigarre ab, zog, mit Verlaub, seine Pfeife
+mit langem Hornkopf aus der Tasche und ließ sich, von Qualm umhüllt, mit
+dem Konsul in ein geschäftliches Gespräch ein, welches sodann auf das
+politische Gebiet hinüberglitt und von Bayerns Verhältnis zu Preußen,
+vom Könige Max und dem Kaiser Napoleon handelte ... ein Gespräch, das
+Herr Permaneder hie und da mit vollkommen unverständlichen Redewendungen
+würzte, und dessen Pausen er ohne erkennbare Beziehung mit Stoßseufzern
+ausfüllte, wie: »Is dös a Hetz!« oder: »Des san G'schichten!« ...
+
+Mamsell Jungmann vergaß vor Erstaunen, auch wenn sie einen Bissen im
+Munde hatte, beständig zu kauen und blickte den Gast sprachlos aus ihren
+blanken, braunen Augen an, wobei sie, ihrer Gewohnheit nach, Messer und
+Gabel senkrecht auf dem Tische hielt, und beides leicht hin und her
+bewegte. Solche Laute hatten diese Räume noch nicht vernommen, solcher
+Pfeifenrauch hatte sie noch nicht erfüllt, solche verdrossen behagliche
+Formlosigkeit des Benehmens war ihnen fremd ... Die Konsulin verharrte,
+nachdem sie eine besorgte Erkundigung über die Anfechtungen eingezogen,
+denen eine so kleine evangelische Gemeinde unter lauter Papisten
+ausgesetzt sein mußte, in freundlicher Verständnislosigkeit, und Tony
+schien im Verlauf der Mahlzeit ein wenig nachdenklich und unruhig
+geworden zu sein. Der Konsul aber amüsierte sich ganz vortrefflich,
+bewog sogar seine Mutter, eine zweite Flasche Rotwein heraufkommen zu
+lassen und lud Herrn Permaneder lebhaft zu einem Besuche in der
+Breitenstraße ein; seine Frau werde außerordentlich erfreut sein ...
+
+Volle drei Stunden nach seiner Ankunft begann der Hopfenhändler
+Anstalten zum Aufbruch zu treffen, klopfte seine Pfeife aus, leerte sein
+Glas, erklärte irgend etwas für ein »Kreiz« und erhob sich.
+
+»I hob die Ähre, gnädige Frau ... Pfüaht Ihna Gott, Frau Grünlich ...
+Pfüaht Gott, Herr Buddenbrook ...« Bei dieser Anrede zuckte Ida Jungmann
+sogar zusammen und verfärbte sich ... »Guten Tag, Freilein ...« Er sagte
+beim Fortgehen »Guten Tag«!...
+
+Die Konsulin und ihr Sohn wechselten einen Blick ... Herr Permaneder
+hatte die Absicht kundgegeben, nun in den bescheidenen Gasthof an der
+Trave zurückzukehren, woselbst er abgestiegen war ...
+
+»Die Münchener Freundin meiner Tochter und ihr Gatte«, sagte die alte
+Dame, indem sie noch einmal auf Herrn Permaneder zutrat, »sind fern, und
+wir werden wohl nicht so bald Gelegenheit haben, uns für ihre
+Gastfreundschaft erkenntlich zu erweisen. Aber wenn Sie, lieber Herr,
+uns die Freude machen würden, solange Sie in unserer Stadt sind, bei uns
+vorlieb zu nehmen ... Sie würden uns herzlich willkommen sein ...«
+
+Sie hielt ihm die Hand hin, und siehe da: Herr Permaneder schlug ohne
+Bedenken ein; ebenso rasch und bereitwillig wie diejenige zum Frühstück
+nahm er auch diese Einladung an, küßte den beiden Damen die Hand, was
+ihm ziemlich merkwürdig zu Gesichte stand, holte Hut und Stock aus dem
+Landschaftszimmer, versprach nochmals, sogleich seinen Koffer
+herbeischaffen zu lassen und um vier Uhr, nach Erledigung seiner
+Geschäfte, wieder zur Stelle zu sein und ließ sich vom Konsul die Treppe
+hinunterbegleiten. Am Windfang aber wendete er sich noch einmal um und
+sprach mit einem stillbegeisterten Kopfschütteln: »Nix für ungut, Herr
+Nachbohr, Ihre Frau Schwester, dös is scho a liaber Kerl! Pfüaht Ihna
+Gott!« ... Und immer noch kopfschüttelnd verschwand er.
+
+Der Konsul empfand das dringendste Bedürfnis, sich nochmals hinauf zu
+begeben und nach den Damen umzusehen. Ida Jungmann lief bereits mit
+Bettwäsche im Hause umher, um eine Stube am Korridor herzurichten.
+
+Die Konsulin saß noch am Frühstückstisch, hielt ihre hellen Augen auf
+einen Fleck der Zimmerdecke gerichtet und trommelte mit ihren weißen
+Fingern leicht auf das Tischtuch. Tony saß am Fenster, hielt die Arme
+verschränkt und blickte weder rechts noch links, sondern mit würdiger
+und sogar strenger Miene geradeaus. Es herrschte Schweigen.
+
+»Nun?« fragte Thomas, indem er in der Tür stehenblieb und der Dose mit
+der Troika eine Zigarette entnahm ... Seine Schultern bewegten sich auf
+und ab vor Lachen.
+
+»Ein angenehmer Mann«, erwiderte die Konsulin harmlos.
+
+»Ganz meine Ansicht!« Dann machte der Konsul eine schnelle und überaus
+galante humoristische Wendung nach Tonys Seite, als befragte er
+ehrerbietigst auch sie um ihre Meinung. Sie schwieg. Sie blickte streng
+geradeaus.
+
+»Aber mich dünkt, Tom, er sollte das Fluchen lassen«, fuhr die Konsulin
+ein wenig bekümmert fort. »Verstand ich ihn recht, so sprach er in einer
+Weise vom Sakramente und vom Kreuze ...«
+
+»Oh, das macht nichts, Mutter, dabei denkt er nichts Böses ...«
+
+»Und vielleicht ein wenig zu viel Nonchalance im Benehmen, Tom, wie?«
+
+»Ja, lieber Gott, das ist süddeutsch!« sagte der Konsul, atmete langsam
+den Rauch in die Stube hinein, lächelte seiner Mutter zu und ließ
+verstohlen seine Augen auf Tony ruhen. Die Konsulin bemerkte das
+durchaus nicht.
+
+»Du kommst heute mit Gerda zu Tische, nicht wahr, Tom? Tut mir die
+Liebe.«
+
+»Gern, Mutter; mit dem größten Vergnügen. Ehrlich gesagt, ich verspreche
+mir viel Vergnügen von diesem Hausbesuch. Du nicht auch? Das ist doch
+einmal etwas anderes, als deine Geistlichen ...«
+
+»Jeder nach seiner Art, Tom.«
+
+»Einverstanden! Ich gehe ... Apropos!« sagte er, den Türgriff in der
+Hand. »Du hast entschiedenen Eindruck auf ihn gemacht, Tony! Nein, ganz
+ohne Zweifel! Weißt du, wie er dich eben da unten genannt hat? `Ein
+lieber Kerl´ -- das sind seine Worte ...«
+
+Hier aber wandte Frau Grünlich sich um und sagte mit lauter Stimme:
+»Gut, Tom, du erzählst mir dies ... er wird es dir wohl nicht verboten
+haben, aber trotzdem weiß ich nicht, ob es passend ist, daß du es mir
+hinterbringst. Das aber weiß ich, und das möchte ich denn doch
+aussprechen, daß es in diesem Leben nicht darauf ankommt, wie etwas
+ausgesprochen und ausgedrückt wird, sondern wie es im Herzen gemeint und
+empfunden ist, und wenn du dich über Herrn Permaneders Ausdrucksweise
+mokierst ... wenn du ihn etwa lächerlich findest ...«
+
+»Wen?! Aber Tony, ich denke gar nicht daran! Worüber ereiferst du
+dich ...«
+
+»_Assez!_« sagte die Konsulin und warf ihrem Sohne einen ernsten und
+bittenden Blick zu, welcher bedeutete: Schone sie!
+
+»Na, nicht böse sein, Tony!« sagte er. »Ich habe dich nicht ärgern
+wollen. So, und nun gehe ich und gebe Order, daß jemand von den
+Speicherleuten den Koffer hierherbesorgt ... Auf Wiedersehn!«
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Herr Permaneder zog in der Mengstraße ein, er speiste am folgenden Tage
+bei Thomas Buddenbrook und seiner Gattin und machte am dritten, einem
+Donnerstag, die Bekanntschaft Justus Krögers und seiner Frau, der Damen
+Buddenbrook aus der Breitenstraße, die ihn forchtbar komisch fanden --
+sie sagten »forchtbar« ... Sesemi Weichbrodts, die ihn ziemlich streng
+behandelte, sowie diejenige der armen Klothilde und der kleinen Erika,
+welcher er eine Tüte mit »Gutzeln«, das heißt: Bonbons, überreichte ...
+
+Er war von unverwüstlich gemütlicher Laune mit seinen verdrießlichen
+Stoßseufzern, die nichts bedeuteten und aus einem Überfluß mit
+Behaglichkeit hervorzugehen schienen, seiner Pfeife, seiner kuriosen
+Sprache, der unverdrossenen Seßhaftigkeit, mit der er lange nach den
+Mahlzeiten in bequemster Haltung an seinem Platze verharrte, rauchte,
+trank und plauschte, und obgleich er dem stillen Leben in dem alten
+Hause einen ganz neuen und fremden Ton hinzufügte, obgleich sein ganzes
+Wesen gleichsam etwas Stilwidriges in diese Räume brachte, störte er
+doch keine der herrschenden Gewohnheiten. Er wohnte treu den Morgen- und
+Abendandachten bei, erbat sich die Erlaubnis, einmal der Sonntagsschule
+der Konsulin zuzuhören und erschien sogar am »Jerusalemsabend« auf einen
+Augenblick im Saale, um sich den Damen vorstellen zu lassen, worauf er
+sich freilich, als Lea Gerhardt vorzulesen begann, verstört zurückzog.
+
+Seine Erscheinung war rasch bekannt in der Stadt, und in den großen
+Häusern sprach man mit Neugier von dem Buddenbrookschen Gaste aus
+Bayern; aber weder in den Familien noch an der Börse besaß er
+Verbindungen, und da die Jahreszeit vorgeschritten war, da man zum
+großen Teile sich anschickte, an die See zu gehen, nahm der Konsul
+Abstand von einer Einführung Herrn Permaneders in die Gesellschaft. Er
+selbst widmete sich dem Gaste lebhaft und angelegentlich. Trotz allen
+geschäftlichen und städtischen Pflichten nahm er sich Zeit, ihn in der
+Stadt umherzuführen, ihm alle mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten, die
+Kirchen, die Tore, die Brunnen, den Markt, das Rathaus, die
+»Schiffergesellschaft«, zu zeigen, ihn in all und jeder Weise zu
+unterhalten, ihn immerhin auch an der Börse mit seinen nächsten Freunden
+bekannt zu machen ... und als die Konsulin, seine Mutter, Gelegenheit
+nahm, ihm für seine Opferwilligkeit Dank zu sagen, bemerkte er trocken:
+»Tja, Mutter, was tut man nicht alles ...«
+
+Dieses Wort ließ die Konsulin so unbeantwortet, daß sie nicht einmal
+lächelte, nicht einmal die Lider bewegte, sondern ihre hellen Augen
+still beiseitegleiten ließ und irgendeine Frage in anderer Beziehung
+tat ...
+
+Sie war von gleichmäßig herzlicher Freundlichkeit gegen Herrn
+Permaneder, was so unbedingt von ihrer Tochter nicht gesagt werden
+konnte. Zwei »Kindertagen« hatte der Hopfenhändler schon angewohnt --
+denn, obgleich er bereits am dritten oder vierten Tage nach seiner
+Ankunft beiläufig zu erkennen gegeben hatte, daß sein Geschäft mit der
+hiesigen Brauerei erledigt sei, waren allgemach anderthalb Wochen
+seitdem verflossen -- und an jedem dieser Donnerstagabende hatte Frau
+Grünlich mehrmals, wenn Herr Permaneder sprach und agierte, hurtige und
+scheue Blicke auf den Familienkreis, auf Onkel Justus, die Cousinen
+Buddenbrook oder Thomas geworfen, war errötet, hatte sich während
+längerer Minuten steif und stumm verhalten oder sogar das Zimmer
+verlassen ...
+
+ * * * * *
+
+Die grünen Stores in Frau Grünlichs Schlafzimmer im zweiten Stockwerk
+wurden sacht von dem lauen Atem einer klaren Juninacht bewegt, denn die
+beiden Fenster standen offen. Auf dem Nachttischchen zur Seite des
+Himmelbettes brannten in einem Glase auf einer Ölschicht, die ihrerseits
+auf dem Wasser schwamm, mit dem das Glas zur Hälfte gefüllt war, mehrere
+kleine Dochte und gaben dem großen Zimmer mit seinen gradlinigen
+Armstühlen, deren Polster zum Schutze mit grauer Leinwand bezogen waren,
+ein stilles, ebenmäßiges und schwaches Licht. Frau Grünlich ruhte im
+Bette. Ihr hübscher Kopf war weich in die von breiten Spitzenborten
+umgebenen Kissen gesunken, und ihre Hände lagen gefaltet auf der
+Steppdecke. Aber ihre Augen, zu nachdenklich, um sich zu schließen,
+folgten langsam den Bewegungen eines großen Insektes mit langem Leibe,
+das standhaft mit Millionen lautloser Flügelschwingungen das helle Glas
+umkreiste ... Neben dem Bett an der Wand, zwischen zwei alten
+Kupferstichen, Ansichten der Stadt aus dem Mittelalter, war eingerahmt
+der Spruch zu lesen: »Befiehl dem Herrn deine Wege ...« aber ist das ein
+Trost, wenn man um Mitternacht mit offenen Augen liegt und sich
+entschließen, sich entscheiden, ganz allein und ohne Rat mit Ja oder
+Nein über sein Leben und nicht nur darüber entscheiden soll?
+
+Es war sehr still. Nur die Wanduhr tickte, und dann und wann erklang im
+Nebenzimmer, das von Tonys Schlafzimmer nur durch Portieren getrennt
+war, das Räuspern Mamsell Jungmanns. Dort war noch helles Licht. Die
+treue Preußin saß noch aufrecht am Ausziehtische unter der Hängelampe
+und stopfte Strümpfe für die kleine Erika, deren tiefe und friedliche
+Atemzüge man vernehmen konnte, denn Sesemi Weichbrodts Zöglinge hatten
+nun Sommerferien, und das Kind wohnte in der Mengstraße.
+
+Frau Grünlich richtete sich mit einem Seufzer ein wenig empor und
+stützte den Kopf in die Hand.
+
+»Ida?« fragte sie mit verhaltener Stimme, »sitzest du noch da und
+stopfst?«
+
+»Ja, ja, Tonychen, mein Kindchen«, ließ sich Idas Stimme hören ...
+»Schlaf nur, wirst morgen früh aufstehen müssen, wirst nicht
+ausgeschlafen haben.«
+
+»Schon gut, Ida ... Du weckst mich also morgen um sechs?«
+
+»Halb sieben ist früh genug, mein Kindchen. Der Wagen ist auf acht
+bestellt. Schlaf nun weiter, daß du wirst hübsch frisch sein ...«
+
+»Ach, ich habe noch gar nicht geschlafen!«
+
+»Ei, ei, Tonychen, das ist nicht recht; wirst doch in Schwartau nicht
+marode sein wollen? Trink sieben Schluck Wasser, leg' dich rechts und
+zähl' bis tausend ...«
+
+»Ach, Ida, bitte, komm doch noch ein bißchen herüber! Ich kann nicht
+schlafen, will ich dir sagen, ich muß so viel denken, daß der Kopf mir
+weh tut ... sieh mal, ich glaube, ich habe Fieber, und dann ist es
+wieder der Magen; oder es ist Bleichsucht, denn die Adern an meinen
+Schläfen sind ganz geschwollen und pulsieren, daß es weh tut, so voll
+sind sie, was ja nicht ausschließt, daß trotzdem zu wenig Blut im Kopfe
+ist ...«
+
+Ein Stuhl ward gerückt, und Ida Jungmanns knochige, rüstige Gestalt in
+ihrem schlichten und unmodernen braunen Kleid erschien zwischen den
+Portieren.
+
+»Ei, ei, Tonychen, Fieber? Laß mal fühlen, mein Kindchen ... Woll'n mal
+ein Kompreßchen machen ...«
+
+Und mit ihren ein wenig männlich langen und festen Schritten ging sie
+zur Kommode und holte ein Taschentuch, tauchte es in die Waschschüssel,
+trat wieder ans Bett und legte es behutsam auf Tonys Stirn, worauf sie
+es noch ein paarmal mit beiden Händen glatt strich.
+
+»Danke, Ida, das tut gut ... Ach, setz' dich noch ein bißchen zu mir,
+gute alte Ida, hier, auf den Bettrand. Sieh mal, ich muß beständig an
+morgen denken ... Was soll ich bloß tun? Bei mir dreht sich alles im
+Kopfe herum.«
+
+Ida hatte sich zu ihr gesetzt, hatte ihre Nadel und den über die
+Stopfkugel gezogenen Strumpf wieder zur Hand genommen, und während sie
+den glatten grauen Scheitel neigte und mit ihren unermüdlich blanken
+braunen Augen die Stiche verfolgte, sagte sie: »Meinst du, daß er wird
+fragen, morgen?«
+
+»Sicher, Ida! Da ist gar kein Zweifel. Die Gelegenheit wird er nicht
+verpassen. Wie war's mit Klara? Auch auf solcher Partie ... Ich könnte
+es ja vermeiden, siehst du. Ich könnte mich ja zu den anderen halten und
+ihn nicht herankommen lassen ... Aber damit ist es dann auch vorbei! Er
+reist übermorgen, das hat er gesagt, und er kann auch unmöglich länger
+bleiben, wenn morgen nichts daraus wird ... Es =muß= sich morgen
+entscheiden ... Aber was soll ich nur sagen, Ida, wenn er fragt?! Du
+bist noch nie verheiratet gewesen und kennst daher das Leben eigentlich
+nicht, aber du bist ein ehrliches Weib und hast deinen Verstand und bist
+zweiundvierzig Jahre alt. Kannst du mir nicht raten? Ich hab' es so
+nötig ...«
+
+Ida Jungmann ließ den Strumpf in den Schoß sinken.
+
+»Ja, ja, Tonychen, hab' auch schon viel drüber nachjedacht. Aber was ich
+finde, das ist, daß da gar nichts mehr zu raten ist, mein Kindchen. Er
+kann gar nicht mehr weg« -- Ida sagte, »weck« -- »ohne mit dir und
+deiner Mama zu sprechen, und wenn du nicht wirst wollen, ja, da hätt'st
+ihn müssen früher weckschicken ...«
+
+»Da hast du recht, Ida; aber das konnte ich doch nicht, denn es soll ja
+schließlich doch sein! Ich muß nur immer denken: Noch kann ich zurück,
+noch ist es nicht zu spät! Und da liege ich nun und quäle mich ...«
+
+»Magst ihn leiden, Tonychen? Sag' mal ehrlich!«
+
+»Ja, Ida. Da müßte ich lügen, wenn ich das leugnen wollte. Er ist nicht
+schön, aber darauf kommt es nicht an in diesem Leben, und er ist ein
+grundguter Mann und keiner Bosheit fähig, das glaube mir. Wenn ich an
+Grünlich denke ... o Gott! er sagte beständig, daß er rege und findig
+sei, und bemäntelte in tückischer Weise seine Filouhaftigkeit ... So ist
+Permaneder nicht, siehst du. Er ist, möchte ich sagen, zu bequem dazu,
+und nimmt das Leben zu gemütlich dazu, was übrigens andererseits auch
+wieder ein Vorwurf ist, denn Millionär wird er sicher nicht werden und
+neigt, glaube ich, ein bißchen dazu, sich gehen zu lassen und so
+weiterzuwursteln, wie sie da unten sagen ... Denn sie sind alle so dort
+unten, und das ist es, was ich sagen wollte, Ida, das ist die Sache.
+Nämlich in München, wo er unter seinesgleichen war, unter Leuten, die so
+sprachen und so waren wie er, da liebte ich ihn geradezu, so nett fand
+ich ihn, so treuherzig und behaglich. Und ich merkte auch gleich, daß es
+gegenseitig war, -- wozu vielleicht beitrug, daß er mich für eine reiche
+Frau hält, für reicher, fürchte ich, als ich bin, denn Mutter kann mir
+nicht mehr viel mitgeben, wie du weißt ... Aber das wird ihm nichts
+ausmachen, bin ich überzeugt. So sehr viel Geld, das ist gar nicht nach
+seinem Sinn ... Genug ... was wollte ich sagen, Ida?«
+
+»In München, Tonychen; aber hier?«
+
+»Aber hier, Ida! Du merkst schon, was ich sagen will. Hier, wo er so
+ganz aus seiner eigentlichen Umgebung herausgerissen ist, wo alle anders
+sind, strenger und ehrgeiziger und würdiger, sozusagen ... hier muß ich
+mich oft für ihn genieren, ja, ich gestehe es dir offen, Ida, ich bin
+ein ehrliches Weib, ich geniere mich für ihn, obgleich es vielleicht
+eine Schlechtigkeit von mir ist! Siehst du ... mehrere Male ist es ganz
+einfach vorgekommen, daß er im Gespräche »mir« statt »mich« gesagt hat.
+Das tut man da unten, Ida, das kommt vor, das passiert den gebildetsten
+Menschen, wenn sie guter Laune sind, und tut keinem weh und kostet
+nichts und läuft so mit unter, und niemand wundert sich. Aber hier sieht
+Mutter ihn von der Seite an, und Tom zieht die Augenbraue hoch, und
+Onkel Justus gibt sich einen Ruck und pruscht beinahe, wie die Krögers
+immer tun, und Pfiffi Buddenbrook wirft ihrer Mutter oder Friederike
+oder Henriette einen Blick zu, und dann schäme ich mich so sehr, daß ich
+am liebsten aus der Stube laufen möchte, und kann mir nicht denken, daß
+ich ihn heiraten könnte ...«
+
+»Ach wo, Tonychen! Sollst ja auch in München mit ihm leben.«
+
+»Da hast du recht, Ida. Aber nun kommt die Verlobung, und die wird
+gefeiert, und nun bitte ich dich, wenn ich mich vor der Familie und vor
+Kistenmakers und Möllendorpfs und den anderen beständig schämen muß,
+weil er so wenig vornehm ist ... ach, Grünlich war vornehmer, wofür er
+allerdings innerlich schwarz war, wie Herr Stengel seinerzeit immer
+gesagt haben soll ... Ida, der Kopf dreht sich mir, bitte, tauch' die
+Kompresse ein.«
+
+»Schließlich soll es ja doch sein«, sagte sie wieder, indem sie
+aufatmend den kalten Umschlag entgegennahm, »denn die Hauptsache ist und
+bleibt, daß ich wieder unter die Haube komme und hier nicht länger als
+geschiedene Frau herumliege ... Ach, Ida, ich muß soviel zurückdenken in
+diesen Tagen, an damals, als Grünlich zuerst erschien, und an die
+Auftritte, die er mir machte -- skandalös, Ida! -- und dann Travemünde,
+Schwarzkopfs ...«, sagte sie langsam, und ihre Augen ruhten eine Weile
+träumerisch auf der gestopften Stelle von Erikas Strumpf ... »und dann
+die Verlobung und Eimsbüttel, und unser Haus -- es war vornehm, Ida;
+wenn ich an meine Schlafröcke denke ... So werde ich es nicht wieder
+haben, mit Permaneder; das Leben macht einen immer bescheidener, weißt
+du -- und Doktor Klaaßen, und das Kind, und Bankier Kesselmeyer ... und
+dann das Ende -- es war entsetzlich, du machst dir keinen Begriff, und
+wenn man so grauenhafte Erfahrungen gemacht hat im Leben ... Aber
+Permaneder wird sich nicht auf schmutzige Sachen einlassen; -- das ist
+das letzte, was ich ihm zutraue, und geschäftlich können wir uns gut auf
+ihn verlassen, denn ich glaube wirklich, daß er mit Noppe bei der
+Niederpaurschen Brauerei ziemlich viel verdient. Und wenn ich seine Frau
+bin, Ida, das sollst du sehen, dann will ich schon dafür sorgen, daß er
+ehrgeiziger wird und uns weiterbringt und sich anstrengt und mir und
+uns allen Ehre macht, denn =die= Verpflichtung übernimmt er schließlich,
+wenn er eine Buddenbrook heiratet!«
+
+Sie faltete die Hände unterm Kopf und sah zur Decke hinauf.
+
+»Ja, das ist nun gut und gern seine zehn Jahre her, seit ich Grünlich
+nahm ... Zehn Jahre! Und nun bin ich wieder so weit und soll wieder
+jemandem mein Jawort erteilen. Weißt du, Ida, das Leben ist furchtbar
+ernst!... Aber der Unterschied ist, daß damals ein großes Wesen gemacht
+wurde und alle mich drängten und quälten, und daß sich jetzt alle ganz
+still verhalten und es als selbstverständlich nehmen, daß ich Ja sage;
+denn du mußt wissen, Ida, diese Verlobung mit Alois -- ich sage schon
+Alois, denn es soll ja schließlich doch sein -- ist gar nichts
+Festliches und Freudiges, und um mein Glück handelt es sich eigentlich
+gar nicht dabei, sondern, indem ich diese zweite Ehe eingehe, mache ich
+nur in aller Ruhe und Selbstverständlichkeit meine erste Ehe wieder gut,
+denn das ist meine Pflicht unserem Namen gegenüber. So denkt Mutter, und
+so denkt Tom ...«
+
+»Ach wo, Tonychen! wenn ihn nicht wirst wollen, und wenn er dich nicht
+wird glücklich machen ...«
+
+»Ida, ich kenne das Leben und bin keine Gans mehr und habe meine Augen
+im Kopf. Mutter ... das mag sein, die würde nicht geradezu darauf
+dringen, denn über fragwürdige Dinge geht sie hinweg und sagt _Assez_.
+Aber Tom, der will es. Lehre du mich Tom kennen! Weißt du, wie Tom
+denkt? Er denkt: `Jeder! Jeder, der nicht absolut unwürdig ist. Denn es
+handelt sich diesmal nicht um eine glänzende Partie, sondern nur darum,
+daß die Scharte von damals durch eine zweite Ehe so ungefähr wieder
+ausgewetzt wird.´ So denkt er. Und sobald Permaneder angekommen war, hat
+Tom in aller Stille geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, da
+sei überzeugt, und als die ziemlich günstig und sicher lauteten, da war
+es beschlossene Sache bei ihm ... Tom ist ein Politiker und weiß, was er
+will. Wer hat Christian an die Luft gesetzt?... Obgleich das ein hartes
+Wort ist, Ida, aber es verhält sich so. Und warum? Weil er die Firma und
+die Familie kompromittierte, und das tue ich in seinen Augen auch, Ida,
+nicht mit Taten und Worten, sondern mit meiner bloßen Existenz als
+geschiedene Frau. Das, will er, soll aufhören, und damit hat er recht,
+und ich liebe ihn darum bei Gott nicht weniger und hoffe auch, daß das
+auf Gegenseitigkeit beruht. Schließlich habe ich mich in all diesen
+Jahren immer danach gesehnt, wieder ins Leben hinauszutreten, denn ich
+langweile mich bei Mutter, Gott strafe mich, wenn das eine Sünde ist,
+aber ich bin kaum dreißig und fühle mich jung. Das ist verschieden
+verteilt im Leben, Ida; du hattest mit dreißig schon graues Haar, das
+liegt in eurer Familie, und dein Onkel Prahl, der am Schluckauf
+starb ...«
+
+Sie stellte noch mehrere Betrachtungen an in dieser Nacht, sagte hie und
+da noch einmal: »Schließlich soll es ja doch so sein«, und schlummerte
+dann fünf Stunden lang sanft und tief.
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Dunst lag über der Stadt, aber Herr Longuet, Mietkutschenbesitzer in der
+Johannisstraße, der um acht Uhr in eigener Person einen gedeckten, aber
+an allen Seiten offenen Gesellschaftswagen in der Mengstraße vorfuhr,
+sagte: »In 'ner lütten Stund' is de Sünn durch«, und somit konnte man
+beruhigt sein.
+
+Die Konsulin, Antonie, Herr Permaneder, Erika und Ida Jungmann hatten
+miteinander gefrühstückt und fanden sich nun einer nach dem anderen
+reisefertig auf der großen Diele ein, um Gerda und Tom zu erwarten. Frau
+Grünlich, in cremefarbenem Kleide mit einer Atlaskrawatte unterm Kinn,
+sah trotz der verkürzten Nachtruhe ganz vortrefflich aus; Zagen und
+Fragen schienen in ihr ein Ende gefunden zu haben, denn ihre Miene,
+während sie im Gespräch mit dem Gaste langsam die Knöpfe ihrer leichten
+Handschuhe schloß, war ruhig, sicher, fast feierlich ... Sie hatte die
+Stimmung wiedergefunden, die ihr aus früheren Zeiten her wohlbekannt
+war. Das Gefühl ihrer Wichtigkeit, der Bedeutsamkeit der Entscheidung,
+die ihr anheimgestellt war, das Bewußtsein, daß abermals ein Tag
+gekommen sei, der es ihr zur Pflicht mache, mit ernstem Entschluß in die
+Geschichte ihrer Familie einzugreifen, erfüllte sie und machte ihr Herz
+höher schlagen. Diese Nacht hatte sie im Traume die Stelle in den
+Familienpapieren vor Augen gesehen, an der sie die Tatsache ihrer
+zweiten Verlobung zu vermerken gedachte ... diese Tatsache, die jenen
+schwarzen Flecken, den die Blätter enthielten, tilgte und bedeutungslos
+machte, und nun freute sie sich mit Spannung auf den Augenblick, wo Tom
+erscheinen und sie ihn mit ernsthaftem Nicken begrüßen würde ...
+
+Etwas verspätet, denn die junge Konsulin Buddenbrook war nicht gewohnt,
+so früh ihre Toilette zu beenden, traf der Konsul mit seiner Gattin ein.
+Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarierten Anzug,
+dessen breite Reverse den Rand der Sommerweste sehen ließen, und seine
+Augen lächelten, als er Tonys unvergleichlich würdevolle Miene gewahrte.
+Aber Gerda, deren ein wenig morbide und rätselhafte Schönheit einen
+seltsamen Gegensatz zu der hübschen Gesundheit ihrer Schwägerin bildete,
+zeigte durchaus keine Sonntags- und Ausflugsstimmung. Wahrscheinlich
+hatte sie nicht ausgeschlafen. Das satte Lila, das die Grundfarbe ihrer
+Robe ausmachte und in höchst eigenartiger Weise mit dem Dunkelrot ihres
+schweren Haares zusammenklang, ließ ihren Teint noch weißer, noch matter
+erscheinen; tiefer und dunkler als sonst lagerten in den Winkeln ihrer
+nahe beieinander liegenden braunen Augen bläuliche Schatten ... Kalt bot
+sie ihrer Schwiegermutter die Stirn zum Kusse, reichte Herrn Permaneder
+mit ziemlich ironischem Ausdruck die Hand, und als Frau Grünlich bei
+ihrem Anblick die Hände zusammenschlug und mit lauter Stimme ausrief:
+»Gerda, o Gott, wie =schön= bist du wieder --!« antwortete sie lediglich
+mit einem ablehnenden Lächeln.
+
+Sie hegte eine tiefe Abneigung gegen Unternehmungen wie die heutige:
+zumal im Sommer, und nun gar am Sonntag. Sie, deren Wohnräume meistens
+verhängt, im Dämmerlicht lagen, und die selten ausging, fürchtete die
+Sonne, den Staub, die festtäglich gekleideten Kleinbürger, den Geruch
+von Kaffee, Bier, Tabak ... und über alles in der Welt verabscheute sie
+die Erhitzung, das Derangement. »Mein lieber Freund«, hatte sie
+beiläufig zu Thomas gesagt, als die Ausfahrt nach Schwartau und dem
+»Riesebusch« verabredet worden war, damit der Münchener Gast auch ein
+wenig von der Umgebung der alten Stadt kennenlerne -- »du weißt: wie
+Gott mich gemacht hat, bin ich auf Ruhe und Alltag angewiesen ... In
+diesem Falle ist man für Anregung und Abwechselung nicht geschaffen.
+Nicht wahr, ihr dispensiert mich ...«
+
+Sie würde ihn nicht geheiratet haben, wenn sie nicht bei solchen Dingen
+im wesentlichen seiner Zustimmung sicher gewesen wäre.
+
+»Ja, lieber Gott, du hast natürlich recht, Gerda. Daß man sich bei
+derartigen Sachen amüsiert, ist meistens bloß Einbildung ... Aber man
+macht sie eben mit, weil man vor den anderen und sich selbst nicht gern
+als Sonderling erscheinen möchte. Diese Eitelkeit hegt jeder, du
+nicht?... Man gerät sonst leicht in einen Schein von Vereinsamung und
+Unglück und büßt an Achtung ein. Und dann noch eins, liebe Gerda ... Wir
+alle haben Ursache, dem Herrn Permaneder ein bißchen den Hof zu machen.
+Ich zweifle nicht, daß du die Situation übersiehst. Es entwickelt sich
+da etwas, und es wäre schade, ganz einfach schade, käme es nicht
+zustande ...«
+
+»Ich sehe nicht ein, lieber Freund, inwiefern meine Gegenwart ... aber
+gleichviel. Da du es wünschest, so sei es. Lassen wir dies Vergnügen
+über uns ergehen.«
+
+»Ich werde dir aufrichtig verbunden sein.« --
+
+Man trat auf die Straße hinaus ... Wahrhaftig, schon jetzt begann die
+Sonne durch den Morgendunst zu dringen; sonntäglich läuteten die Glocken
+von Sankt Marien, und Vogelgezwitscher erfüllte die Luft. Der Kutscher
+zog den Hut, und mit dem patriarchalischen Wohlwollen, das Thomas
+manchmal ein bißchen in Verlegenheit brachte, nickte die Konsulin ein
+überaus herzliches »Guten Morgen, lieber Mann!« zu ihm hinauf. »Also
+eingestiegen denn nun, ihr Lieben! Es wäre Zeit zur Frühpredigt, aber
+heut' wollen wir Gott in seiner freien Natur mit unseren Herzen loben,
+nicht wahr, Herr Permaneder?«
+
+»Is scho recht, Frau Konsul.«
+
+Und man kletterte nacheinander über die beiden Blechstufen durch das
+schmale Hintertürchen in den Wagen hinein, der zehn Personen gefaßt
+haben würde, und machte es sich auf den Polstern bequem, die -- ohne
+Zweifel zu Ehren Herrn Permaneders -- blau und weiß gestreift waren.
+Dann klinkte das Türchen ins Schloß, Herr Longuet schnalzte mit der
+Zunge und stieß unterschiedliche Ho- und Hürufe aus, seine muskulösen
+Braunen zogen an, und das Gefährt rollte die Mengstraße hinunter,
+entlang der Trave, am Holstentore vorbei, und später nach rechts auf der
+Schwartauer Landstraße dahin ...
+
+Felder, Wiesen, Baumgruppen, Gehöfte ... und man suchte in dem immer
+höheren, dünneren, blaueren Dunst nach den Lerchen, deren Stimmen man
+vernahm. Thomas, der Zigaretten rauchte, sah aufmerksam um sich, wenn
+man an Getreide vorüberkam, und zeigte Herrn Permaneder, wie es stand.
+Der Hopfenhändler war in einer wahrhaft jugendlichen Laune, hatte seinen
+grünen Hut mit dem Gemsbart ein wenig schief gesetzt, balancierte seinen
+Stock mit dem ungeheuren Horngriff auf seiner weißen und breiten
+Handfläche und sogar auf der Unterlippe, ein Kunststück, welchem,
+obgleich es beständig mißlang, besonders von seiten der kleinen Erika
+lauter Beifall zuteil ward, und wiederholte mehrere Male: »Die Zugspitz'
+wird's halt net sein, aber a weng kraxeln wermer doch, und a Hetz wermer
+ham, a Gaudi a sakrisches, gelten's, Frau Grünlich?!«
+
+Dann begann er mit vielem Temperament von Bergpartien mit Rucksack und
+Eispickel zu erzählen, wofür ihn die Konsulin mit mehreren bewundernden
+»Dausend!« belohnte, und bedauerte dann aus irgendeinem Gedankengange
+heraus mit bewegten Worten die Abwesenheit Christians, von dem er gehört
+habe, daß er gar so ein lustiger Herr sei.
+
+»Unterschiedlich«, sagte der Konsul. »Aber bei solchen Gelegenheiten ist
+er unvergleichlich, das ist wahr. -- Wir werden Krebse essen, Herr
+Permaneder!« rief er aufgeräumt. »Krebse und Ostseekrabben! Sie haben
+schon bei meiner Mutter ein paarmal davon gekostet, aber mein Freund
+Dieckmann, der Besitzer der Restauration `Zum Riesebusch´, führt sie
+stets in hervorragender Qualität. Und Pfeffernüsse, die berühmten
+Pfeffernüsse dieser Gegend! Oder ist ihr Ruf bis an die Isar noch nicht
+gedrungen? Nun, Sie werden sehen.«
+
+Frau Grünlich ließ zwei- oder dreimal den Wagen halten, um am
+Chausseerande Mohn- und Kornblumen zu pflücken, und jedesmal beteuerte
+Herr Permaneder mit wahrer Wildheit, ihr dabei behilflich sein zu
+wollen; da er sich aber vor dem Ein- und Aussteigen ein wenig fürchtete,
+so unterließ er es dennoch.
+
+Erika jubelte über jede Krähe, die aufflog, und Ida Jungmann, die wie
+immer beim sichersten Wetter einen langen, offenen Regenmantel nebst
+Regenschirm trug, stimmte als eine richtige Kinderpflegerin, die auf die
+kindlichen Stimmungen nicht nur äußerlich eingeht, sondern sie ebenso
+kindlich mitempfindet, mit ihrem ungenierten und etwas wiehernden Lachen
+ein, so daß Gerda, die sie nicht hatte in der Familie grau werden sehen,
+sie wiederholt einigermaßen kalt und erstaunt betrachtete ...
+
+Man war im Oldenburgischen. Buchenwaldungen kamen in Sicht, der Wagen
+fuhr durch den Ort, über das Marktplätzchen mit seinem Ziehbrunnen,
+gelangte wieder ins Freie, rollte über die Brücke, die über das Flüßchen
+Au führt und hielt endlich vor dem einstöckigen Wirtshaus »Zum
+Riesebusch«. Dies war an der einen Seite eines flachen Platzes mit
+Grasflächen, sandigen Wegen und ländlichen Beeten gelegen, und jenseits
+dieses Platzes erhob sich amphitheatralisch aufsteigend der Wald. Die
+einzelnen Stufen waren durch rauh angelegte Treppen verbunden, zu denen
+man hochliegende Baumwurzeln und vorspringendes Gestein benutzt hatte,
+und auf den Etagen, zwischen den Bäumen, waren weiß gestrichene Tische,
+Bänke und Stühle aufgeschlagen.
+
+Buddenbrooks waren keineswegs die ersten Gäste. Ein paar wohlgenährte
+Mägde und sogar ein Kellner in fettigem Frack marschierten eilfertig
+über den Platz und trugen kalte Küche, Limonaden, Milch und Bier zu den
+Tischen hinauf, an denen, wenn auch in weiteren Abständen, schon mehrere
+Familien mit Kindern Platz genommen hatten.
+
+Herr Dieckmann, der Wirt, in gelbgesticktem Käppchen und Hemdärmeln,
+trat persönlich an den Schlag, um den Herrschaften beim Aussteigen
+behilflich zu sein, und während Longuet beiseite fuhr, um auszuspannen,
+sagte die Konsulin: »Wir machen nun also zunächst einen Spaziergang,
+guter Mann, und möchten dann, nach einer Stunde oder anderthalb, ein
+Frühstück haben. Bitte, lassen Sie uns drüben servieren ... aber nicht
+zu hoch; auf dem zweiten Absatz dünkt mich ...«
+
+»Strengen Sie sich an, Dieckmann«, fügte der Konsul hinzu. »Wir haben
+einen verwöhnten Gast ...«
+
+Herr Permaneder protestierte. »I ka Spur! A Bier und a Kaas ...«
+
+Allein das verstand Herr Dieckmann nicht, sondern er begann mit großer
+Geläufigkeit: »Allens, was da is, Herr Kunsel ... Krebse, Krabben,
+diverse Wurst, diverse Käse, geräucherten Aal, geräucherten Lachs,
+geräucherten Stör ...«
+
+»Schön, Dieckmann, Sie werden das schon machen. Und dann geben Sie uns
+-- sechs Gläser Milch und ein Seidel Bier, wenn ich nicht irre, Herr
+Permaneder, wie?...«
+
+»Einmal Bier, sechsmal Milch ... Süße Milch, Buttermilch, dicke Milch,
+Sattenmilch, Herr Kunsel ...«
+
+»Halb und halb, Dieckmann; süße Milch und Buttermilch. In einer Stunde
+also.«
+
+Und sie gingen über den Platz.
+
+»Zunächst liegt es uns nun ob, die Quelle zu besuchen, Herr Permaneder«,
+sagte Thomas. »Die Quelle: das heißt die Quelle der Au, und die Au ist
+das kleine Flüßchen, daran Schwartau liegt und daran im grauen
+Mittelalter ursprünglich unsere Stadt gelegen war, bis sie niederbrannte
+-- sie wird wohl nicht sehr durabel gewesen sein, wissen Sie -- und an
+der Trave wieder aufgebaut wurde. Übrigens knüpfen sich schmerzliche
+Erinnerungen an den Namen des Flüßchens. Als Jungen fanden wir es
+witzig, uns einander in den Arm zu kneifen und zu fragen: Wie heißt der
+Fluß bei Schwartau? Worauf man natürlich, weil's wehtat, wider Willen
+den Namen rief ... Da!« unterbrach er sich plötzlich, zehn Schritte von
+dem Anstieg entfernt; »wir sind überholt worden. Möllendorpfs und
+Hagenströms.«
+
+In der Tat, dort oben auf der dritten Etage der waldigen Terrasse saßen
+die hauptsächlichsten Mitglieder dieser beiden vorteilhaft liierten
+Familien an zwei zusammengerückten Tischen und speisten unter angeregten
+Gesprächen. Der alte Senator Möllendorpf präsidierte, ein blasser Herr
+mit weißen, dünnen, spitzen Kotelettes; er war zuckerkrank. Seine
+Gattin, geborene Langhals, hantierte mit ihrer langgestielten Lorgnette,
+und nach wie vor umstand das graue Haar unordentlich ihren Kopf. Ihr
+Sohn war da, August, ein blonder junger Mann von wohlsituiertem Äußeren
+und Gatte Julchens, der geborenen Hagenström, welche, klein, lebhaft,
+mit großen, blanken, schwarzen Augen und beinahe ebenso großen
+Brillanten an den Ohrläppchen, zwischen ihren Brüdern Hermann und Moritz
+saß. Konsul Hermann Hagenström begann sehr stark zu werden, denn er
+lebte vortrefflich und man sagte sich, daß er gleich morgens mit
+Gänseleberpastete beginne. Er trug einen rötlich blonden kurzgehaltenen
+Vollbart, und seine Nase -- die Nase seiner Mutter -- lag auffallend
+platt auf der Oberlippe. Doktor Moritz, mit flacher Brust und gelblichem
+Teint, zeigte in lebhaftem Gespräch seine spitzigen, lückenhaften Zähne.
+Beide Brüder hatten ihre Damen bei sich, denn auch der Rechtsgelehrte
+war seit mehreren Jahren verheiratet, und zwar mit einem Fräulein
+Puttfarken aus Hamburg, einer Dame mit butterfarbenem Haar und übermäßig
+leidenschaftslosen, augenscheinlich anglisierenden, aber außerordentlich
+schönen und regelmäßigen Gesichtszügen, denn Doktor Hagenström hätte es
+mit seinem Rufe als Schöngeist nicht vereinbaren können, ein häßliches
+Mädchen zu ehelichen. Schließlich waren noch die kleine Tochter von
+Hermann Hagenström und der kleine Sohn von Moritz Hagenström zugegen,
+zwei weißgekleidete Kinder, die schon jetzt sogut wie miteinander
+verlobt waren, denn das Huneus-Hagenströmsche Vermögen sollte nicht
+verzettelt werden. -- Alle aßen Rührei mit Schinken.
+
+Man grüßte sich erst, als Buddenbrooks in geringer Entfernung an der
+Gesellschaft vorüberstiegen. Die Konsulin neigte ein wenig zerstreut und
+gleichsam verwundert den Kopf, Thomas lüftete den Hut, indem er die
+Lippen bewegte, als sagte er irgend etwas Verbindliches und Kühles, und
+Gerda verbeugte sich fremd und formell. Herr Permaneder aber, angeregt
+durch das Steigen, schwenkte unbefangen seinen grünen Hut und rief mit
+lauter und fröhlicher Stimme: »Wünsch' recht an guat'n Morg'n!« --
+Worauf die Senatorin Möllendorpf ihr Lorgnon zur Hand nahm ... Tony
+ihrerseits zog ein wenig die Schultern empor, legte den Kopf zurück,
+suchte trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken und grüßte gleichsam
+von einer unabsehbaren Höhe herab, wobei sie genau über Julchen
+Möllendorpfs breitrandigen und eleganten Hut hinwegblickte ... In dieser
+Minute setzte sich ihr Entschluß endgültig und unerschütterlich in ihr
+fest ...
+
+»Gott sei Lob und tausend Dank, Tom, daß wir erst in einer Stunde
+frühstücken! Ich möchte mir von diesem Julchen nicht gern auf den Bissen
+sehen lassen, weißt du ... Hast du beachtet, wie sie grüßte? Beinahe gar
+nicht. Dabei war meiner unmaßgeblichen Ansicht nach ihr Hut ganz unmäßig
+geschmacklos ...«
+
+»Na, was den Hut betrifft ... Und mit dem Grüßen warst du wohl auch
+nicht viel entgegenkommender, meine Liebe. Übrigens ärgere dich nicht;
+das macht Falten.«
+
+Ȁrgern, Tom? Ach nein! Wenn diese Leute meinen, sie seien die ersten an
+der Spritze, so ist das zum Lachen und weiter nichts. Was ist für ein
+Unterschied zwischen diesem Julchen und mir, wenn ich fragen darf? Daß
+sie keinen Filou, sondern bloß einen `Duschack´ zum Manne bekommen hat,
+wie Ida sagen würde, und wenn sie einmal in meiner Lage wäre im Leben,
+so würde es sich ja erweisen, ob sie einen zweiten finden würde ...«
+
+»Was besagt, daß du deinerseits einen finden wirst?«
+
+»Einen Duschack, Thomas?«
+
+»Sehr viel besser als ein Filou.«
+
+»Es braucht weder das eine noch das andere zu sein. Aber darüber spricht
+man nicht.«
+
+»Richtig. Wir bleiben auch zurück. Herr Permaneder steigt mit Elan ...«
+
+Der schattige Waldweg wurde eben, und es dauerte gar nicht lange, bis
+sie die »Quelle« erreicht hatten, einen hübschen, romantischen Punkt mit
+einer hölzernen Brücke über einem kleinen Abgrund, zerklüfteten Abhängen
+und überhängenden Bäumen, deren Wurzeln bloßlagen. Sie schöpften mit
+einem silbernen, zusammenschiebbaren Becher, den die Konsulin
+mitgebracht hatte, aus dem kleinen, steinernen Bassin gleich unterhalb
+der Austrittsstelle und erquickten sich mit dem frischen, eisenhaltigen
+Wasser, wobei Herr Permaneder einen kleinen Anfall von Galanterie hatte,
+indem er darauf bestand, daß Frau Grünlich ihm den Trunk kredenzte. Er
+war voll Dankbarkeit, wiederholte mehrmals: »A, des is fei nett!« und
+plauderte umsichtig und aufmerksam sowohl mit der Konsulin und Thomas
+als mit Gerda und Tony und sogar mit der kleinen Erika ... Selbst Gerda,
+die bislang unter fliegender Hitze gelitten und in einer Art von
+stummer und starrer Nervosität einhergegangen war, begann nun
+aufzuleben, und als man nach einem beschleunigten Rückwege wieder vor
+dem Wirtshause anlangte und sich auf der zweiten Stufe der Waldterrasse
+an einem überreichlich besetzten Tische niederließ, war sie es, die es
+in liebenswürdigen Wendungen bedauerte, daß Herrn Permaneders Abreise so
+nahe bevorstehe: jetzt, wo man einander ein wenig kennengelernt, wo es
+zum Beispiel ganz leicht zu beobachten sei, daß auf beiden Seiten immer
+seltener Miß- und Nichtverständnisse des Dialektes wegen unterliefen ...
+Sie könne die Behauptung vertreten, daß ihre Freundin und Schwägerin
+Tony zwei- oder dreimal mit Virtuosität »Pfüaht Gott!« gesagt habe ...
+
+Herr Permaneder unterließ es, auf das Wort »Abreise« irgendeine
+bestätigende Antwort zu geben, sondern widmete sich vorderhand den
+Leckerbissen, von denen die Tafel strotzte, und die er jenseits der
+Donau nicht alle Tage bekam.
+
+Sie verzehrten die guten Sachen mit Muße, wobei die kleine Erika sich
+beinahe am meisten über die Servietten aus Seidenpapier freute, die ihr
+unvergleichlich schöner schienen als die großen leinenen zu Hause, und
+von denen sie mit Erlaubnis des Kellners sogar einige zum Andenken in
+die Tasche steckte; und dann saß, während Herr Permaneder mehrere
+tiefschwarze Zigarren zum Biere und der Konsul seine Zigaretten rauchte,
+die Familie mit ihrem Gaste noch längere Zeit beisammen und plauderte;
+-- bemerkenswert aber war, daß niemand mehr der Abreise des Herrn
+Permaneder gedachte und daß überhaupt die Zukunft völlig unberührt
+gelassen ward. Vielmehr tauschte man Erinnerungen aus, besprach die
+politischen Ereignisse der letzten Jahre, und Herr Permaneder
+berichtete, nachdem er über einige achtundvierziger Anekdoten, die die
+Konsulin ihrem verstorbenen Gatten nacherzählte, sich vor Lachen
+geschüttelt hatte, von der Revolution in München und von Lola Montez,
+für welche Frau Grünlich sich unbändig interessierte. Dann aber, als
+allgemach die erste Stunde nach Mittag vorüber war, als Erika, ganz
+erhitzt und bepackt mit Gänseblumen, Wiesenschaumkraut und Gräsern, von
+einem Streifzug mit Ida zurückkehrte und die Pfeffernüsse in Erinnerung
+brachte, die noch einzukaufen seien, brach man zu einem Gang in den Ort
+hinunter auf ... nicht bevor die Konsulin, deren Gäste heut alle waren,
+mit einem gar nicht kleinen Goldstück die Rechnung beglichen hatte.
+
+Vorm Gasthaus ward Order gegeben, daß in einer Stunde der Wagen
+bereitstehen solle, denn man wollte in der Stadt vor Tisch noch ein
+wenig ruhen können; und dann wanderten sie langsam, denn die Sonne
+brannte auf den Staub, den niedrigen Häusern des Fleckens zu.
+
+Gleich nach der Au-Brücke ordnete sich ungezwungen und von selbst die
+Reihenfolge, die dann während des Weges innegehalten ward: Voran nämlich
+war Mamsell Jungmann, vermöge ihrer langen Schritte, neben der
+unermüdlich springenden und nach Kohlweißlingen jagenden Erika, dann
+folgten miteinander die Konsulin, Thomas und Gerda und zuletzt, in
+einigem Abstande sogar, Frau Grünlich mit Herrn Permaneder. Vorn war es
+laut, denn das kleine Mädchen jubelte, und Ida stimmte mit ihrem
+eigentümlich tiefen, gutmütigen Wiehern ein. In der Mitte schwiegen alle
+drei, denn Gerda war wegen des Staubes aufs neue in eine nervöse
+Verzagtheit verfallen, und die alte Konsulin sowohl wie ihr Sohn waren
+in Gedanken. Auch hinten war es still ... aber nur scheinbar, denn Tony
+und der Gast aus Bayern unterhielten sich gedämpft und intim. -- Wovon
+sprachen sie? Von Herrn Grünlich ...
+
+Herr Permaneder hatte die treffende Bemerkung gemacht, daß Erika »fei«
+ein gar zu liebes und hübsches Kind sei, daß sie aber trotzdem der Frau
+Mama fast gar nicht ähnlich sehe; worauf Tony geantwortet hatte: »Sie
+ist ganz der Vater, und man kann sagen: nicht zu ihrem Schaden, denn
+äußerlich war Grünlich ein Gentleman -- alles, was wahr ist! So hatte er
+goldfarbene Favoris; völlig originell; ich habe nie wieder dergleichen
+gesehen ...«
+
+Und dann erkundigte er sich, obgleich Tony ihm schon bei Niederpaurs in
+München die Geschichte ihrer Ehe ziemlich genau erzählt hatte, noch
+einmal genau nach allem und erfragte eingehend und mit einem ängstlich
+teilnehmenden Blinzeln alle Einzelheiten bei dem Bankerott ...
+
+»Er war ein böser Mensch, Herr Permaneder, sonst hätte Vater mich ihm
+nicht wieder weggenommen, das können Sie mir glauben. Nicht alle
+Menschen haben auf Erden immer ein gutes Herz, das hat das Leben mich
+gelehrt, wissen Sie, so jung wie ich für eine Person, die seit zehn
+Jahren Witwe oder etwas Ähnliches ist, noch bin. Er war böse, und
+Kesselmeyer, sein Bankier, der obendrein so albern war wie ein junger
+Hund, war noch böser. Aber das soll nicht heißen, daß ich mich selbst
+für einen Engel halte und aller Schuld bar erachte ... mißverstehen Sie
+mich nicht! Grünlich vernachlässigte mich, und wenn er einmal bei mir
+saß, so las er die Zeitung, und er hinterging mich und ließ mich
+beständig in Eimsbüttel sitzen, weil ich in der Stadt von dem Morast
+hätte erfahren können, darin er steckte ... Aber ich bin auch nur eine
+schwache Frau und habe meine Fehler und bin ganz sicher nicht immer
+richtig zu Werke gegangen. Zum Beispiel gab ich meinem Mann durch
+Leichtsinn und Verschwendungssucht und neue Schlafröcke Grund zu Sorge
+und Klage ... Aber eins darf ich hinzufügen: ich habe eine
+Entschuldigung, und die besteht darin, daß ich ein Kind war, als ich
+heiratete, eine Gans war ich, ein dummes Ding. Glauben Sie zum Beispiel,
+daß ich ganz kurze Zeit vor meiner Verlobung auch nur gewußt hätte, daß
+vier Jahre früher die Bundesgesetze über die Universitäten und die
+Presse erneuert worden seien? Schöne Gesetze übrigens!... Ach, ja, es
+ist wahrhaftig so sehr traurig, daß man nur einmal lebt, Herr
+Permaneder, daß man das Leben nicht noch einmal anfangen kann; man würde
+so manches geschickter anfassen ...«
+
+Sie schwieg und blickte gespannt auf den Weg nieder; sie hatte ihm,
+nicht ohne Geschick, einen Anhaltspunkt gegeben, denn die Erwägung lag
+gar nicht fern, daß ein ganz neues Leben zu beginnen zwar unmöglich, der
+Wiederbeginn einer neuen, besseren Ehe aber doch nicht ausgeschlossen
+sei. Allein Herr Permaneder ließ die Gelegenheit vorübergehen und
+beschränkte sich darauf, mit heftigen Worten auf Herrn Grünlich zu
+schelten, wobei die Fliege über seinem kleinen, runden Kinn sich
+sträubte ...
+
+»Der fade Kerl, der z'widre! Den wann i dahier hätt', den Hund, den
+ausg'schamten, der wann net a Watschen dawischen tät' ...«
+
+»Pfui, Herr Permaneder! Nein, damit müssen Sie aufhören. Wir sollen
+vergeben und vergessen, und die Rache ist mein, spricht der Herr ...
+fragen Sie nur Mutter. Bewahre ... ich weiß nicht, wo Grünlich sich
+aufhält, und wie es ihm ergangen ist im Leben; aber ich wünsche ihm
+alles Gute, wenn er es auch vielleicht nicht verdient hat ...«
+
+Sie waren im Ort und standen vor dem kleinen Häuschen, in dem der
+Bäckerladen sich befand. Beinahe, ohne es zu wissen, waren sie
+stehengeblieben, und ohne sich Rechenschaft davon zu geben, hatten sie
+mit ernsten und abwesenden Augen Erika, Ida, die Konsulin, Thomas und
+Gerda gebückt durch die lächerlich niedrige Ladentür verschwinden sehen:
+so vertieft waren sie in ihr Gespräch, obgleich sie bis jetzt nichts als
+überflüssige und alberne Dinge geredet hatten.
+
+Neben ihnen war ein Zaun, und daran lief ein langes, schmales Beet
+entlang, auf dem ein paar Reseden wuchsen und dessen lockere, schwarze
+Erde Frau Grünlich, geneigten und etwas erhitzten Hauptes, ungeheuer
+eifrig mit der Spitze ihres Sonnenschirms pflügte. Herr Permaneder,
+dessen grünes Hütchen mit dem Gemsbart in die Stirn geglitten war, stand
+dicht bei ihr und beteiligte sich hie und da vermittels seines
+Spazierstockes an dem Umgraben des Beetes. Auch er ließ den Kopf hängen;
+aber seine kleinen, hellblauen, verquollenen Augen, die ganz blank
+geworden und sogar ein wenig gerötet waren, blickten von unten herauf
+mit einem Gemisch von Ergebenheit, Betrübtheit und Spannung zu ihr
+empor, und mit ebendemselben Ausdruck überhing der ausgefranste
+Schnauzbart seinen Mund ...
+
+»Und da haben's jetzt wohl«, sagte er, »a damische Furcht vor der Eh'
+und wollen's nimmer noch amal versuchen, gelten's nei, Frau
+Grünlich ...?«
+
+Wie ungeschickt! dachte sie. Das muß ich ja bestätigen?... Sie
+antwortete: »Ja, lieber Herr Permaneder, ich bekenne Ihnen offen, daß es
+mir schwer fallen würde, noch einmal jemandem mein Jawort fürs Leben zu
+erteilen, denn ich bin belehrt worden, wissen Sie, was für ein furchtbar
+ernster Entschluß das ist ... und dazu bedürfte es der festen
+Überzeugung, daß es sich um einen wirklich braven, einen edlen, einen
+herzensguten Mann handelt ...«
+
+Hierauf erlaubte er sich die Frage, ob sie ihn für einen solchen Mann
+halte, worauf sie antwortete: »Ja, Herr Permaneder, dafür halte ich
+Sie.«
+
+Und dann folgten noch ganz wenige leise und kurze Worte, in denen das
+Verlöbnis enthalten war, und für Herrn Permaneder die Erlaubnis, sich zu
+Hause an die Konsulin und Thomas zu wenden ...
+
+Als die übrigen Mitglieder der Gesellschaft, bepackt mit mehreren großen
+Düten voll Pfeffernüssen, wieder im Freien erschienen, ließ der Konsul
+seine Augen diskret über die Köpfe der beiden hinwegschweifen, denn sie
+waren in starker Verlegenheit: Herr Permaneder ohne Versuch, das zu
+verbergen, Tony unter der Maske einer fast majestätischen Würde.
+
+Man beeilte sich, den Wagen zu gewinnen, denn der Himmel hatte sich
+bedeckt und Tropfen fielen.
+
+ * * * * *
+
+Wie Tony angenommen, hatte ihr Bruder bald nach Herrn Permaneders
+Erscheinen genaue Erkundigungen über seine Lebensstellung eingezogen,
+die als Resultat ergeben hatten, daß X. Noppe & Comp. eine etwas
+beschränkte aber durchaus solide Firma sei, die im gemeinsamen Wirken
+mit der Aktienbrauerei, der Herr Niederpaur als Direktor vorstand, einen
+hübschen Gewinn erzielte, und daß, im Verein mit Tonys 17000
+Kuranttalern, Herrn Permaneders Anteil für ein gutbürgerliches
+Zusammenleben ohne Luxus ausreichen würde. Die Konsulin war unterrichtet
+darüber, und in einem ausführlichen Gespräche zwischen ihr, Herrn
+Permaneder, Antonie und Thomas, welches gleich am Abend des
+Verlobungstages im Landschaftszimmer stattfand, wurden ohne Hindernis
+alle Fragen geregelt: auch in betreff der kleinen Erika, welche auf
+Tonys Wunsch und mit dem gerührten Einverständnis ihres Verlobten
+ebenfalls nach München übersiedeln sollte.
+
+Zwei Tage später reiste der Hopfenhändler ab -- »weil der Noppe sonst
+schimpfen tät'« --, aber schon im Monat Juli traf Frau Grünlich
+wiederum in seiner Vaterstadt mit ihm zusammen: gemeinsam mit Tom und
+Gerda, die sie für vier oder fünf Wochen nach Bad Kreuth begleitete,
+während die Konsulin mit Erika und der Jungmann an der Ostsee verblieb.
+Übrigens hatten die beiden Paare in München bereits Gelegenheit, das
+Haus zu besichtigen, das Herr Permaneder in der Kaufinger Straße -- ganz
+in der Nähe also der Niederpaurs -- anzukaufen im Begriffe war, und
+dessen größten Teil er zu vermieten gedachte; ein ganz merkwürdiges,
+altes Haus, mit einer schmalen Treppe, die gleich hinter der Haustür
+schnurgerade und ohne Absatz und Biegung wie eine Himmelsleiter in den
+ersten Stock hinanführte, woselbst man erst nach beiden Seiten über den
+Korridor zurückschreitend zu den nach vorn gelegenen Zimmern
+gelangte ...
+
+Mitte August kehrte Tony nach Hause zurück, um sich während der nächsten
+Wochen der Sorge für ihre Aussteuer zu widmen. Vieles zwar war noch aus
+der Zeit ihrer ersten Ehe vorhanden, aber es mußte durch Neuankäufe
+ergänzt werden, und eines Tages langte aus Hamburg, woher manches
+bezogen ward, sogar ein Schlafrock an ... nicht mit Sammet freilich,
+sondern diesmal nur mit Tuchschleifen garniert.
+
+Zu vorgeschrittener Herbstzeit traf Herr Permaneder wieder in der
+Mengstraße ein; man wollte die Sache nicht länger verzögern ...
+
+Was die Hochzeitsfeierlichkeiten anging, so verliefen sie genau, wie
+Tony es erwartet und nicht anders gewünscht hatte: Es wurde nicht viel
+Aufhebens davon gemacht. »Lassen wir den Pomp«, sagte der Konsul; »du
+bist wieder verheiratet, und es ist ganz einfach, als hättest du niemals
+aufgehört, es zu sein.« Nur wenige Verlobungskarten waren versandt
+worden -- daß aber Julchen Möllendorpf, geborene Hagenström, eine
+erhalten hatte, dafür hatte Madame Grünlich gesorgt --, von einer
+Hochzeitsreise ward abgesehen, weil Herr Permaneder »so a Hetz'«
+verabscheute und Tony, vor kurzem vom Sommeraufenthalt zurückgekehrt,
+schon die Reise nach München zu weit fand, und die Trauung, die diesmal
+nicht die Säulenhalle, sondern die Marienkirche zum Schauplatze hatte,
+fand in engem Familienkreise statt. Tony trug mit Würde die
+Orangeblüten statt der Myrten, und Hauptpastor Kölling predigte mit
+etwas schwächerer Stimme als ehemals, aber noch immer in starken
+Ausdrücken über =Mäßigkeit=.
+
+Christian kam von Hamburg, sehr elegant gekleidet und ein wenig
+angegriffen, aber lustig aussehend, erzählte, daß sein Geschäft mit
+Burmeester »tip-top« sei, erklärte, daß Klothilde und er sich wohl erst
+»da oben« verheiraten würden -- »das heißt: Jeder für sich!...« und kam
+viel zu spät zur Kirche, weil er dem Klub einen Besuch abgestattet
+hatte. Onkel Justus war sehr gerührt und zeigte sich so kulant wie
+stets, indem er den Neuvermählten einen außerordentlich schönen,
+schwersilbernen Tafelaufsatz verehrte ... Er und seine Frau hungerten zu
+Hause beinahe, denn die schwache Mutter bezahlte dem längst enterbten
+und verstoßenen Jakob, der sich, wie verlautete, augenblicklich in Paris
+aufhielt, nach wie vor von ihrem Wirtschaftsgelde die Schulden. -- Die
+Damen Buddenbrook aus der Breitenstraße bemerkten: »Nun, hoffentlich
+hält es diesmal.« Wobei das Unangenehme der allgemeine Zweifel war, ob
+sie dies wirklich hofften ... Sesemi Weichbrodt jedoch erhob sich auf
+die Zehenspitzen, küßte ihren Zögling, die nunmehrige Frau Permaneder,
+mit leicht knallendem Geräusch auf die Stirn und sagte mit ihren
+herzlichsten Vokalen: »Sei glöcklich, du =gutes= Kend!«
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Gleich morgens um acht Uhr, sobald er das Bett verlassen hatte, über die
+Wendeltreppe hinter der kleinen Pforte ins Souterrain hinabgestiegen
+war, ein Bad genommen und seinen Schlafrock wieder angelegt hatte,
+begann Konsul Buddenbrook sich mit öffentlichen Dingen zu beschäftigen.
+Dann nämlich erschien, mit seinen roten Händen und seinem intelligenten
+Gesicht, mit einem Topfe warmen Wassers, den er sich aus der Küche
+geholt, und den übrigen Utensilien, Herr Wenzel, Barbier und Mitglied
+der Bürgerschaft, in der Badestube, und während der Konsul sich,
+zurückgebeugten Hauptes, in einem großen Lehnstuhle niederließ und Herr
+Wenzel Schaum zu schlagen begann, entspann sich fast immer ein
+Gespräch, das, mit Nachtruhe und Witterung beginnend, alsbald zu
+Ereignissen in der großen Welt überging, sich hierauf mit intim
+städtischen Angelegenheiten beschäftigte und mit ganz eng geschäftlichen
+und familiären Gegenständen zu schließen pflegte ... Dies alles zog die
+Prozedur sehr in die Länge, denn immer, wenn der Konsul sprach, mußte
+Herr Wenzel das Messer von seinem Gesicht entfernen.
+
+»Wohl geruht, Herr Konsul?«
+
+»Danke, Wenzel. Gutes Wetter heute?«
+
+»Frost und ein bißchen Schneenebel, Herr Konsul. Vor der Jacobikirche
+haben die Jungens schon wieder 'ne Schleisterbahn, zehn Meter lang, daß
+ich beinah' hingeschlagen wär', als ich vom Bürgermeister kam. Hol' sie
+der Düwel ...«
+
+»Schon Zeitungen gesehen?«
+
+»Die Anzeigen und die Hamburger Nachrichten, ja. Nichts als Orsinibomben
+... Schauderhaft. Auf dem Weg in die Oper ... Eine nette Gesellschaft da
+drüben ...«
+
+»Na, es hat nichts zu bedeuten, denke ich. Mit dem Volke hat das nichts
+zu tun, und der Effekt ist nun bloß, daß die Polizei und der Druck auf
+die Presse und all das verdoppelt wird. Er ist auf seiner Hut ... Ja, es
+ist eine ewige Unruhe, das muß wahr sein, denn er ist immer auf
+Unternehmungen angewiesen, um sich zu halten. Aber meinen Respekt hat er
+-- ganz einerlei. Mit =den= Traditionen kann man wenigstens kein Dujack
+sein, wie Mamsell Jungmann sagt, und das mit der Bäckereikasse und den
+billigen Brotpreisen zum Beispiel hat mir wahrhaftig imponiert. Er tut
+ohne Zweifel eine Menge fürs Volk ...«
+
+»Ja, das sagte Herr Kistenmaker vorhin auch schon.«
+
+»Stephan? Wir sprachen gestern darüber.«
+
+»Und mit Friedrich Wilhelm von Preußen, das steht schlimm, Herr Konsul,
+das wird nichts mehr. Man sagt schon, daß der Prinz endgültig Regent
+werden soll ...«
+
+»Oh, darauf muß man gespannt sein. Er hat sich schon jetzt als ein
+liberaler Kopf gezeigt, dieser Wilhelm, und steht sicher der
+Konstitution nicht mit dem geheimen Ekel seines Bruders gegenüber ... Es
+ist doch am Ende nur der Gram, der ihn aufreibt, den armen Mann ... Was
+Neues aus Kopenhagen?«
+
+»Gar nichts, Herr Konsul. Sie wollen nicht. Da hat der Bund gut
+erklären, daß die Gesamtverfassung für Holstein und Lauenburg
+rechtswidrig ist ... Sie sind da oben ganz einfach nicht dafür zu haben,
+sie aufzuheben ...«
+
+»Ja, es ist ganz unerhört, Wenzel. Sie fordern den Bundestag ja zur
+Exekution heraus, und wenn er ein bißchen alerter wäre ... Ach ja, diese
+Dänen! Ich erinnere mich lebhaft, wie ich mich schon als ganz kleiner
+Junge beständig über einen Gesangvers ärgerte, der anfing: `Gib mir, gib
+allen denen, die sich von Herzen sehnen ...´ wobei ich `denen´ im Geiste
+immer mit `ä´ schrieb und nicht begriff, daß der Herrgott auch den Dänen
+irgend etwas geben sollte ...«
+
+»Sehen Sie sich mit der spröden Stelle vor, Wenzel, Sie lachen ... Nun,
+und jetzt wieder mit unserer direkten Hamburger Eisenbahn! Das hat schon
+diplomatische Kämpfe gekostet und wird noch welche kosten, bis sie in
+Kopenhagen die Konzession geben ...«
+
+»Ja, Herr Konsul, und das Dumme ist, daß die Altona-Kieler
+Eisenbahngesellschaft und genau besehen ganz Holstein dagegen ist; das
+sagte Bürgermeister Doktor Överdieck vorhin auch schon. Sie haben eine
+verfluchte Angst für den Aufschwung von Kiel ...«
+
+»Versteht sich, Wenzel. Solche neue Verbindung zwischen Ost- und Nordsee
+... Und Sie sollen sehn, die Altona-Kieler wird nicht aufhören, zu
+intriguieren. Sie sind imstande, eine Konkurrenzbahn zu bauen:
+Ostholsteinisch, Neumünster-Neustadt, ja, das ist nicht ausgeschlossen.
+Aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen, und direkte Fahrt nach
+Hamburg müssen wir haben.«
+
+»Herr Konsul nehmen sich der Sache warm an.«
+
+»Tja ... soweit das in meinen Kräften steht, und soweit mein bißchen
+Einfluß reicht ... Ich interessiere mich für unsere Eisenbahnpolitik,
+und das ist Tradition bei uns, denn mein Vater hat schon seit 51 dem
+Vorstand der Büchener Bahn angehört, und daran liegt es denn auch wohl,
+daß ich mit meinen zweiunddreißig Jahren hineingewählt bin; meine
+Verdienste sind ja noch nicht beträchtlich ...«
+
+»Oh, Herr Konsul; nach Herrn Konsuls Rede damals in der
+Bürgerschaft ...«
+
+»Ja, damit habe ich wohl etwas Eindruck gemacht, und der gute Wille ist
+jedenfalls vorhanden. Ich kann nur dankbar sein, wissen Sie, daß mein
+Vater, Großvater und Urgroßvater mir die Wege geebnet haben, und daß
+viel von dem Vertrauen und dem Ansehen, das sie sich in der Stadt
+erworben haben, ohne weiteres auf mich übertragen wird, denn sonst
+könnte ich mich gar nicht so regen ... Was hat zum Beispiel nach 48 und
+zu Anfang dieses Jahrzehnts mein Vater nicht alles für die Reformation
+unseres Postwesens getan! Denken Sie mal, Wenzel, wie er in der
+Bürgerschaft gemahnt hat, die Hamburger Diligencen mit der Post zu
+vereinigen, und wie er _anno_ 50 beim Senate, der damals ganz
+unverantwortlich langsam war, mit immer neuen Anträgen zum Anschluß an
+den deutsch-österreichischen Postverein getrieben hat ... Wenn wir jetzt
+einen niedrigen Portosatz für Briefe haben und die Kreuzbandsendungen
+und die Freimarken und Briefkasten und die telegraphischen Verbindungen
+mit Berlin und Travemünde, er ist nicht der Letzte, dem wir dafür zu
+danken haben, und wenn er und ein paar andere Leute den Senat nicht
+immer wieder gedrängt hätten, so wären wir wohl ewig hinter der
+dänischen und der Thurn- und Taxischen Post zurückgeblieben. Nun, und
+wenn ich jetzt in solchen Sachen meine Meinung sage, so hört man
+darauf ...«
+
+»Das weiß Gott, Herr Konsul, da sagen Herr Konsul ein wahres Wort. Und
+was die Hamburger Bahn betrifft: Das ist keine drei Tage her, daß
+Bürgermeister Doktor Överdieck zu mir gesagt hat: `Wenn wir erst so weit
+sind, daß wir in Hamburg ein geeignetes Terrain für den Bahnhof ankaufen
+können, dann schicken wir Konsul Buddenbrook mit; Konsul Buddenbrook ist
+bei solchen Verhandlungen besser zu gebrauchen als mancher Jurist´ ...
+Das waren seine Worte ...«
+
+»Na, das ist mir sehr schmeichelhaft, Wenzel. Aber geben Sie da überm
+Kinn noch ein bißchen Schaum; das muß da noch sauberer werden.«
+
+»Ja, kurz und gut, wir müssen uns regen! Nichts gegen Överdieck, aber er
+ist eben bei Jahren, und wenn ich Bürgermeister wäre, so ginge alles ein
+wenig schneller, meine ich. Ich kann nicht sagen, welche Genugtuung ich
+empfinde, daß nun die Arbeiten für die Gasbeleuchtung begonnen haben
+und endlich die fatalen Öllampen mit ihren Ketten verschwinden; ich darf
+mir gestehen, daß ich auch nicht ganz unbeteiligt an diesem Erfolge bin
+... Ach, was gibt es nicht noch alles zu tun! Denn, Wenzel, die Zeiten
+ändern sich, und wir haben eine Menge von Verpflichtungen gegen die neue
+Zeit. Wenn ich an meine erste Jugend denke ... Sie wissen besser, als
+ich, wie es damals bei uns aussah. Die Straßen ohne Trottoirs und
+zwischen den Pflastersteinen fußhoher Graswuchs und die Häuser mit
+Vorbauten und Beischlägen und Bänken ... Und unsere Bauten aus dem
+Mittelalter waren durch Anbauten verhäßlicht und bröckelten nur so
+herunter, denn die einzelnen Leute hatten wohl Geld, und niemand
+hungerte; aber der Staat hatte gar nichts, und alles wurstelte so
+weiter, wie mein Schwager Permaneder sagt, und an Reparaturen war nicht
+zu denken. Das waren ganz behäbige und glückliche Generationen damals,
+und der Intimus meines Großvaters, wissen Sie, der gute Jean Jacques
+Hoffstede, spazierte umher und übersetzte kleine unanständige Gedichte
+aus dem Französischen ... aber beständig so weiter konnte es nicht
+gehen; es hat sich vieles geändert und wird sich noch immer mehr ändern
+müssen ... Wir haben nicht mehr 37000 Einwohner, sondern schon über 50,
+wie Sie wissen, und der Charakter der Stadt ändert sich. Da haben wir
+Neubauten, und die Vorstädte, die sich ausdehnen, und gute Straßen und
+können die Denkmäler aus unserer großen Zeit restaurieren. Aber das ist
+am Ende bloß äußerlich. Das meiste vom Wichtigsten steht noch aus, mein
+lieber Wenzel; und nun bin ich wieder bei dem _ceterum censeo_ meines
+seligen Vaters angelangt: der Zollverein, Wenzel, wir müssen in den
+Zollverein, das sollte gar keine Frage mehr sein, und Sie müssen mir
+alle helfen, wenn ich dafür kämpfe ... Als Kaufmann, glauben Sie mir,
+weiß ich da besser Bescheid als unsere Diplomaten, und die Angst, an
+Selbständigkeit und Freiheit einzubüßen, ist lächerlich in diesem Falle.
+Das Inland, die Mecklenburg und Schleswig-Holstein, würde sich uns
+erschließen, und das ist um so wünschenswerter, als wir den Verkehr mit
+dem Norden nicht mehr so vollständig beherrschen wie früher ... genug
+... bitte, das Handtuch, Wenzel«, schloß der Konsul, und wenn dann noch
+über den augenblicklichen Kurs des Roggens ein Wort gesagt worden war,
+der auf 55 Taler stehe und noch immer verflucht zum Fallen inkliniere,
+wenn vielleicht noch eine Bemerkung über irgendein Familienereignis in
+der Stadt gefallen war, so verschwand Herr Wenzel durch das Souterrain,
+um auf der Straße sein blankes Schaumgefäß aufs Pflaster zu entleeren,
+und der Konsul stieg über die Wendeltreppe ins Schlafzimmer hinauf, wo
+er Gerda, die unterdessen erwacht war, auf die Stirn küßte und sich
+ankleidete.
+
+Diese kleinen Morgengespräche mit dem aufgeweckten Barbier bildeten die
+Einleitung zu den lebhaftesten und tätigsten Tagen, über und über
+ausgefüllt mit Denken, Reden, Handeln, Schreiben, Berechnen, Hin- und
+Widergehen ... Dank seinen Reisen, seinen Kenntnissen, seinen Interessen
+war Thomas Buddenbrook in seiner Umgebung der am wenigsten bürgerlich
+beschränkte Kopf, und sicherlich war er der erste, die Enge und
+Kleinheit der Verhältnisse zu empfinden, in denen er sich bewegte. Aber
+draußen in seinem weiteren Vaterlande war auf den Aufschwung des
+öffentlichen Lebens, den die Revolutionsjahre gebracht hatten, eine
+Periode der Erschlaffung, des Stillstandes und der Umkehr gefolgt, zu
+öde, um einen lebendigen Sinn zu beschäftigen, und so besaß er denn
+Geist genug, um den Spruch von der bloß symbolischen Bedeutung alles
+menschlichen Tuns zu seiner Lieblingswahrheit zu machen und alles, was
+an Wollen, Können, Enthusiasmus und aktivem Schwung sein eigen war, in
+den Dienst des kleinen Gemeinwesens zu stellen, in dessen Bezirk sein
+Name zu den ersten gehörte -- sowie in den Dienst dieses Namens und des
+Firmenschildes, das er ererbt ... Geist genug, seinen Ehrgeiz, es im
+kleinen zu Größe und Macht zu bringen, gleichzeitig zu belächeln und
+ernst zu nehmen.
+
+Kaum hatte er, von Anton bedient, im Speisezimmer das Frühstück
+genommen, so machte er Straßentoilette und begab sich in sein Kontor an
+der Mengstraße. Er verweilte dort nicht viel länger als eine Stunde. Er
+schrieb zwei oder drei dringende Briefe und Telegramme, erteilte diese
+oder jene Weisung, gab gleichsam dem großen Triebrade des Geschäftes
+einen kleinen Stoß und überließ dann die Überwachung des Fortganges dem
+bedächtigen Seitenblick des Herrn Marcus.
+
+Er zeigte sich und sprach in Sitzungen und Versammlungen, verweilte an
+der Börse unter den gotischen Arkaden am Marktplatz, tat
+Inspektionsgänge an den Hafen, in die Speicher, verhandelte als Reeder
+mit Kapitänen ... und es folgten, unterbrochen nur durch ein flüchtiges
+Frühstück mit der alten Konsulin und das Mittagessen mit Gerda, nach
+welchem er eine halbe Stunde auf dem Diwan mit einer Zigarre und der
+Zeitung verbrachte, bis in den Abend hinein eine Menge von Arbeiten:
+handelte es sich nun um sein eigenes Geschäft oder um Zoll, Steuer, Bau,
+Eisenbahn, Post, Armenpflege; auch in Gebiete, die ihm eigentlich
+fernlagen und in der Regel den »Gelehrten« zustanden, verschaffte er
+sich Einsicht, und besonders in Finanzangelegenheiten bewies er rasch
+eine glänzende Begabung ...
+
+Er hütete sich, das gesellige Leben zu vernachlässigen. Zwar ließ in
+dieser Beziehung seine Pünktlichkeit zu wünschen übrig, und beständig
+erst in der letzten Sekunde, wenn seine Gattin, in großer Toilette, und
+der Wagen unten schon eine halbe Stunde gewartet hatten, erschien er mit
+einem »Pardon, Gerda; Geschäfte ...« um sich hastig in den Frack zu
+werfen. Aber an Ort und Stelle, bei Diners, Bällen und Abendgesellschaften
+verstand er es doch, ein lebhaftes Interesse an den Tag zu legen, sich
+als liebenswürdigen Causeur zu zeigen ... und er und seine Gattin
+standen den anderen reichen Häusern an Repräsentation nicht nach; seine
+Küche, sein Keller galten für »tip-top«, er war als verbindlicher,
+aufmerksamer und umsichtiger Gastgeber geschätzt, und der Witz seiner
+Toaste erhob sich über das Durchschnittsniveau. Stille Abende aber
+verbrachte er in Gerdas Gesellschaft, indem er rauchend ihrem
+Geigenspiel lauschte oder ein Buch mit ihr las, deutsche, französische
+und russische Erzählungen, die sie auswählte ...
+
+So arbeitete er und zwang den Erfolg, denn sein Ansehen wuchs in der
+Stadt, und trotz der Kapitalsentziehungen durch Christians Etablierung
+und Tonys zweite Heirat hatte die Firma vortreffliche Jahre. Bei alledem
+aber gab es manches, was für Stunden seinen Mut lähmte, die Elastizität
+seines Geistes beeinträchtigte, seine Stimmung trübte.
+
+Da war Christian in Hamburg, dessen Sozius, Herr Burmeester, im Frühling
+dieses Jahres 58 ganz plötzlich einem Schlaganfalle erlag. Seine Erben
+entzogen der Firma das Kapital des Verstorbenen, und der Konsul
+widerriet es seinem Bruder dringend, sie mit seinen eigenen Mitteln
+fortzuführen, denn er wisse wohl, wie schwer es sei, ein größer
+zugeschnittenes Geschäft mit plötzlich stark vermindertem Kapital zu
+halten. Aber Christian drang auf die Fortdauer seiner Selbständigkeit,
+er übernahm Aktiva und Passiva von H. C. F. Burmeester & Comp. ... und
+Unannehmlichkeiten standen zu befürchten.
+
+Da war ferner des Konsuls Schwester Klara in Riga ... Daß ihre Ehe mit
+dem Pastor Tiburtius ohne Kindersegen geblieben war, mochte hingehen,
+denn Klara Buddenbrook hatte sich niemals Kinder gewünscht und besaß
+ohne Zweifel höchst wenig mütterliches Talent. Aber ihre Gesundheit
+ließ, ihren und ihres Mannes Briefen zufolge, allzuviel zu wünschen
+übrig, und die Gehirnschmerzen, an denen sie schon als junges Mädchen
+gelitten, traten, so hieß es, neuerdings periodisch in fast
+unerträglichem Grade auf.
+
+Das war beunruhigend. Eine dritte Sorge aber bestand darin, daß auch
+hier, an Ort und Stelle selbst, für das Fortleben des Familiennamens
+noch immer keine Sicherheit gegeben war. Gerda behandelte diese Frage
+mit einem souveränen Gleichmut, der einer degoutierten Ablehnung äußerst
+nahe kam. Thomas verschwieg seinen Kummer. Die alte Konsulin aber nahm
+die Sache in die Hand und zog Grabow beiseite. »Doktor, unter uns, da
+muß endlich etwas geschehen, nicht wahr? Ein bißchen Bergluft in Kreuth
+und ein bißchen Seeluft in Glücksburg oder Travemünde scheint da nicht
+anzuschlagen. Was meinen Sie ...« Und Grabow, weil sein angenehmes
+Rezept: »Strenge Diät; ein wenig Taube, ein wenig Franzbrot« in diesem
+Falle doch wohl wieder einmal nicht energisch genug eingegriffen haben
+würde, verordnete Pyrmont und Schlangenbad ...
+
+Das waren drei Bedenken. Und Tony? -- Arme Tony!
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Sie schrieb: »Und wenn ich `Frikadellen´ sage, so begreift sie es nicht,
+denn es heißt hier `Pflanzerln´; und wenn sie `Karfiol´ sagt, so findet
+sich wohl nicht so leicht ein Christenmensch, der darauf verfällt, daß
+sie Blumenkohl meint; und wenn ich sage: `Bratkartoffeln´, so schreit
+sie so lange `Wahs!´, bis ich `Geröhste Kartoffeln´ sage, denn so heißt
+es hier, und mit `Wahs´ meint sie `Wie beliebt´. Und das ist nun schon
+die zweite, denn die erste Person, welche Kathi hieß, habe ich mir
+erlaubt, aus dem Hause zu schicken, weil sie immer gleich grob wurde;
+oder wenigstens schien es mir so, denn ich kann mich auch geirrt haben,
+wie ich nachträglich einsehe, denn man weiß hier nicht recht, ob die
+Leute eigentlich grob oder freundlich reden. Diese jetzige, welche
+Babette heißt, was Babett auszusprechen ist, hat übrigens ein recht
+angenehmes Exterieur und schon etwas ganz Südliches, wie es hier manche
+gibt, mit schwarzem Haar und schwarzen Augen und Zähnen, um die man sie
+beneiden könnte. Auch sie ist willig und bereitet unter meiner Anleitung
+manches von unseren heimatlichen Gerichten, so gestern zum Beispiel
+Sauerampfer mit Korinthen, aber davon habe ich großen Kummer gehabt,
+denn Permaneder nahm mir dies Gemüse so übel (obgleich er die Korinthen
+mit der Gabel herauspickte), daß er den ganzen Nachmittag nicht mit mir
+sprach, sondern nur murrte, und kann ich sagen, Mutter, daß das Leben
+nicht immer leicht ist.«
+
+Allein, es waren nicht nur die »Pflanzerln« und der Sauerampfer, die ihr
+das Leben verbitterten ... Gleich in den Flitterwochen hatte ein Schlag
+sie getroffen, ein Unvorhergesehenes, Ungeahntes, Unfaßliches war über
+sie hereingebrochen, ein Ereignis, das ihr alle Freudigkeit genommen
+hatte und das sie nicht zu verwinden vermochte. Dieses Ereignis war
+folgendes.
+
+Erst als das Ehepaar Permaneder bereits einige Wochen in München lebte,
+hatte Konsul Buddenbrook die testamentarisch fixierte Mitgift seiner
+Schwester, das heißt 51000 Mark Kurant, flüssig machen können, und diese
+Summe war hierauf, in Gulden umgesetzt vollkommen richtig in Herrn
+Permaneders Hände gelangt. Herr Permaneder hatte sie sicher und nicht
+ungünstig deponiert. Was er aber dann, ohne Zögern und Erröten, seiner
+Gattin gesagt hatte, war dies: »Tonerl« -- er nannte sie Tonerl --
+»Tonerl, mir war's gnua. Mehr brauchen mer nimmer. I hab' mi allweil
+g'schunden, und jetzt will i mei Ruh, Himmi Sakrament. Mer vermieten's
+Parterre und die zwoate Etasch, und dahier hamer a guate Wohnung und
+können a Schweinshaxen essen und brauchen uns net allweil gar so nobi
+z'sammrichten und aufdrahn ... und am Abend hab' i 's Hofbräuhaus. I bin
+ka Prozen net und mag net allweil a Göld z'ammscharrn; i mag mei
+G'müatlichkeit! Von morgen ab mach' i Schluß und werd' Privatier!«
+
+»Permaneder!« hatte sie ausgerufen, und zwar zum ersten Male mit dem
+ganz besonderen Kehllaut, mit dem sie Herrn Grünlichs Namen zu nennen
+pflegte. Er aber hatte nur geantwortet: »A geh, sei stad!« und dann
+hatte ein Streit sich entsponnen, wie er, so früh, so ernst und heftig,
+das Glück einer Ehe für alle Zeit erschüttern muß ... Er war Sieger
+geblieben. Ihr leidenschaftlicher Widerstand war an seinem Drang nach
+»G'müatlichkeit« gescheitert, das Ende war gewesen, daß Herr Permaneder
+sein in dem Hopfengeschäft steckendes Kapital liquidiert hatte, so daß
+nun Herr Noppe seinerseits das »Komp.« auf seiner Karte blau
+durchstreichen konnte ... und wie die Mehrzahl seiner Freunde, mit denen
+er abends am Stammtische im Hofbräuhause Karten spielte und seine
+regelmäßigen drei Liter trank, beschränkte Tonys Gatte nun seine
+Tätigkeit auf Mietesteigern als Hausbesitzer und ein bescheidenes und
+friedliches Kuponschneiden.
+
+Der Konsulin war dies ganz einfach mitgeteilt worden. In den Briefen
+aber, die Frau Permaneder darüber an ihren Bruder geschrieben hatte, war
+der Schmerz zu erkennen gewesen, den sie empfand ... arme Tony! ihre
+schlimmsten Befürchtungen waren weitaus übertroffen worden. Sie hatte
+zuvor gewußt, daß Herr Permaneder nichts von der »Regsamkeit« besaß, von
+der ihr erster Gatte zu viel an den Tag gelegt hatte; daß er aber so
+gänzlich die Erwartungen zuschanden machen werde, die sie noch am
+Vorabend ihrer Verlobung gegen Mamsell Jungmann ausgesprochen hatte, daß
+er so völlig die Verpflichtungen verkennen werde, die er übernahm,
+indem er eine Buddenbrook ehelichte, das hatte sie nicht geahnt ...
+
+Es mußte verwunden werden, und ihre Familie zu Hause ersah aus ihren
+Briefen, wie sie resignierte. Ziemlich einförmig lebte sie mit ihrem
+Manne und Erika, welche die Schule besuchte, dahin, besorgte ihren
+Hausstand, verkehrte freundschaftlich mit den Leuten, die für das
+Parterre und den ersten Stock sich als Mieter gefunden hatten, sowie mit
+der Familie Niederpaur am Marienplatz und berichtete dann und wann von
+Hoftheaterbesuchen, die sie mit ihrer Freundin Eva vornahm, denn Herr
+Permaneder liebte dergleichen nicht, und es erwies sich, daß er, der in
+seinem »liaben« München mehr als vierzig Jahre alt geworden war, noch
+niemals das Innere der Pinakothek erblickt hatte.
+
+Die Tage gingen ... Die rechte Freude aber an ihrem neuen Leben war für
+Tony dahin, seit Herr Permaneder sich sofort nach dem Empfang ihrer
+Mitgift zur Ruhe gesetzt hatte. Die Hoffnung fehlte. Niemals würde sie
+einen Erfolg, einen Aufschwung nach Hause berichten können. So wie es
+jetzt war, sorglos aber beschränkt und so herzlich wenig »vornehm«, so
+sollte es unabänderlich bleiben bis an ihr Lebensende. Das lastete auf
+ihr. Und aus ihren Briefen ging ganz deutlich hervor, daß gerade diese
+nicht sehr gehobene Stimmung ihr die Eingewöhnung in die süddeutschen
+Verhältnisse erschwerte. Es ging ja im einzelnen. Sie lernte es, sich
+mit den Dienstmädchen und Lieferanten zu verständigen, »Pflanzerln«
+statt »Frikadellen« zu sagen und ihrem Manne keine Fruchtsuppe mehr
+vorzusetzen, nachdem er dergleichen als »a G'schlamp, a z'widres«
+bezeichnet hatte. Aber im großen ganzen blieb sie stets eine Fremde in
+ihrer neuen Heimat, denn die Empfindung, daß eine geborene Buddenbrook
+zu sein hier unten durchaus nichts Bemerkenswertes war, bedeutete eine
+beständige, eine unaufhörliche Demütigung für sie, und wenn sie
+brieflich erzählte, irgendein Maurersmann habe sie, in der einen Hand
+einen Maßkrug und in der anderen einen Radi am Schwanze, auf der Straße
+angeredet und gesagt: »I bitt', wiea spät is', Frau Nachborin?«, so war
+trotz aller Scherzhaftigkeit ein sehr starker Unterton von Entrüstung
+fühlbar, und man konnte überzeugt sein, daß sie den Kopf zurückgelegt
+und den Mann weder einer Antwort noch eines Blickes gewürdigt hatte ...
+Übrigens war es nicht diese Formlosigkeit und dieser geringe Sinn für
+Distanz allein, was ihr fremd und unsympathisch blieb: Sie drang nicht
+tief in das Münchener Leben und Treiben ein, aber es umgab sie doch die
+Münchener Luft, die Luft einer großen Stadt, voller Künstler und Bürger,
+die nichts taten, eine ein wenig demoralisierte Luft, die mit Humor
+einzuatmen ihre Stimmung ihr oft verwehrte.
+
+Die Tage gingen ... Dann aber schien doch ein Glück kommen zu wollen,
+und zwar dasjenige, welches man in der »Breiten Straße« und der
+»Mengstraße« vergeblich ersehnte, denn nicht lange nach dem Neujahrstage
+1859 ward die Hoffnung zur Gewißheit, daß Tony zum zweiten Male Mutter
+werden sollte.
+
+Die Freude zitterte nun gleichsam in ihren Briefen, die so voll von
+übermütigen, kindlichen und gewichtigen Redewendungen waren, wie lange
+nicht mehr. Die Konsulin, welche, abgesehen von ihren Sommerfahrten, die
+sich übrigens mehr und mehr auf den Ostseestrand beschränkten, das
+Reisen nicht mehr liebte, bedauerte, ihrer Tochter in dieser Zeit
+fernbleiben zu müssen und versicherte sie nur schriftlich des göttlichen
+Beistandes; Tom aber sowohl wie Gerda meldeten sich zur Taufe an, und
+Tonys Kopf war erfüllt von Plänen in betreff eines =vornehmen= Empfanges
+... Arme Tony! Dieser Empfang sollte sich unendlich traurig gestalten,
+und diese Taufe, die ihr als ein entzückendes kleines Fest mit Blumen,
+Konfekt und Schokolade vor Augen geschwebt hatte, sollte überhaupt nicht
+stattfinden, -- denn das Kind, ein kleines Mädchen, sollte nur ins Leben
+treten, um nach einer armen Viertelstunde, während welcher der Arzt sich
+vergeblich bemühte, den unfähigen kleinen Organismus in Gang zu halten,
+dem Dasein schon nicht mehr anzugehören ...
+
+Konsul Buddenbrook und seine Gattin fanden, als sie in München
+eintrafen, Tony selbst nicht außer Gefahr. Weit schwerer als das
+erstemal lag sie danieder, und während mehrerer Tage verweigerte ihr
+Magen, an dessen nervöser Schwäche sie schon vorher hie und da gelitten
+hatte, die Annahme fast jeder Nahrung. Indessen, sie genas, und die
+Buddenbrooks konnten in dieser Beziehung beruhigt abreisen, -- wenn auch
+andererseits nicht ohne Nachdenklichkeit, denn es hatte sich ihnen
+allzu deutlich gezeigt und besonders der Beobachtung des Konsuls war es
+nicht entgangen, daß nicht einmal das gemeinsame Leid imstande gewesen
+war, die beiden Gatten einander erheblich zu nähern.
+
+Nichts gegen Herrn Permaneders gutes Herz ... Er war aufrichtig
+erschüttert gewesen, dicke Tränen waren angesichts seines leblosen
+Kindes aus den verquollenen Äuglein über die zu aufgetriebenen Wangen in
+den ausgefransten Schnauzbart geflossen, und er hatte mehrere Male mit
+schwerem Seufzen hervorgebracht: »Es is halt a Kreiz! A Kreiz is'! O
+mei!« Aber seine »G'müatlichkeit« hatte nach Tonys Begriffen nicht lange
+genug darunter gelitten, seine Abendstunden im Hofbräuhaus hatten ihn
+bald darüber hinweggebracht, und mit dem bequemen, gutmütigen, ein
+bißchen mürrischen und ein bißchen stumpfsinnigen Fatalismus, der in
+seinem »Es is halt a Kreiz!« enthalten war, »wurstelte« er fort.
+
+Tonys Briefe aber verloren von nun an nicht mehr den Ton von
+Hoffnungslosigkeit und selbst von Anklage ... »Ach, Mutter«, schrieb
+sie, »was kommt auch alles auf mich herab! Erst Grünlich und der
+Bankerott und dann Permaneder als Privatier und dann das tote Kind.
+Womit habe ich soviel Unglück verdient!«
+
+Der Konsul, zu Hause, wenn er solche Äußerungen las, konnte sich eines
+Lächelns nicht erwehren, denn trotz alles Schmerzes, der in den Zeilen
+steckte, verspürte er einen Unterton von beinahe drolligem Stolz, und er
+wußte, daß Tony Buddenbrook als Madame Grünlich sowohl wie als Madame
+Permaneder immer ein Kind blieb, daß sie alle ihre sehr erwachsenen
+Erlebnisse fast ungläubig, dann aber mit kindlichem Ernst, kindlicher
+Wichtigkeit und -- vor allem -- kindlicher Widerstandsfähigkeit erlebte.
+
+Sie begriff nicht, womit sie Leid verdient habe; denn, obgleich sie sich
+über die große Frömmigkeit ihrer Mutter mokierte, war sie selbst so voll
+davon, daß sie an Verdienst und Gerechtigkeit auf Erden inbrünstig
+glaubte ... arme Tony! Der Tod ihres zweiten Kindes war weder der letzte
+noch der härteste Schlag, der sie treffen sollte ...
+
+Als das Jahr 1859 sich zu Ende neigte, geschah etwas Fürchterliches ...
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Es war ein Tag gegen Ende des Novembers, ein kalter Herbsttag mit
+dunstigem Himmel, der beinahe schon Schnee versprach, und wallendem
+Nebel, den hie und da die Sonne durchdrang, einer von den Tagen, an
+denen in der Hafenstadt der scharfe Nordost mit einem tückischen Pfeifen
+um die massigen Ecken der Kirchen sauste und eine Lungenentzündung
+wohlfeil zu haben war.
+
+Als gegen Mittag Konsul Thomas Buddenbrook ins »Frühstückszimmer« trat,
+fand er seine Mutter, die Brille auf der Nase, am Tische über ein Papier
+gebeugt.
+
+»Tom«, sagte sie, indem sie ihn anblickte und das Papier mit beiden
+Händen beiseitehielt, als zögere sie, es ihm zu zeigen ... »Erschrick
+nicht ... Etwas Unangenehmes ... Ich begreife nicht ... Es ist aus
+Berlin ... Es muß etwas geschehen sein ...«
+
+»Bitte!« sagte er kurz. Er verfärbte sich, und einen Augenblick traten
+die Muskeln an seinen Schläfen hervor, denn er biß die Zähne zusammen.
+Er streckte mit einer äußerst entschiedenen Bewegung die Hand aus, als
+wollte er sagen: »Nur schnell, bitte, das Unangenehme, nur keine
+Vorbereitungen!«
+
+Stehend las er die Zeilen auf dem Papier, indem er eine seiner hellen
+Brauen emporzog und langsam die lange Spitze seines Schnurrbartes durch
+die Finger zog. Es war ein Telegramm und lautete: »Erschreckt nicht.
+Komme umgehend mit Erika. Alles ist zu Ende. Eure unglückliche Antonie.«
+
+»Umgehend ... umgehend«, sagte er gereizt und sah die Konsulin mit
+schnellem Kopfschütteln an. »Was heißt umgehend ...«
+
+»Das ist nur so eine Redensart, Tom, das hat nichts zu bedeuten. Sie
+meint: `Sogleich´ oder etwas Ähnliches ...«
+
+»Und aus Berlin? Was tut sie in Berlin? Wie kommt sie nach Berlin?«
+
+»Ich weiß es nicht, Tom, ich begreife es noch nicht; die Depesche ist
+vor zehn Minuten gekommen. Aber es muß etwas geschehen sein, und wir
+müssen abwarten, was es ist. Gott wird geben, daß alles sich zum Guten
+wendet. Setze dich, mein Sohn, und iß.«
+
+Er nahm Platz und schenkte sich mechanisch Porter in das dicke, hohe
+Glas.
+
+»Alles ist zu Ende«, wiederholte er. »Und dann `Antonie´. --
+Kindereien ...«
+
+Dann aß und trank er schweigend.
+
+Nach einer Weile wagte die Konsulin zu bemerken: »Sollte es etwas mit
+Permaneder sein, Tom?«
+
+Er zuckte nur die Achseln, ohne aufzusehen.
+
+Beim Weggehen, den Türgriff in der Hand, sagte er: »Ja, Mutter, wir
+müssen sie erwarten. Da sie dir vermutlich nicht spät in der Nacht ins
+Haus fallen will, wird es wohl morgen im Laufe des Tages sein. Daß man
+mich benachrichtigt, bitte ...«
+
+ * * * * *
+
+Die Konsulin wartete von Stunde zu Stunde. Sie ruhte höchst ungenügend
+in der Nacht, klingelte nach Ida Jungmann, die jetzt neben ihr im
+hintersten Zimmer des Zwischengeschosses schlief, ließ sich Zuckerwasser
+bereiten und saß sogar während längerer Zeit mit einer Handarbeit
+aufrecht im Bett. Auch der nächste Vormittag verstrich in ängstlicher
+Spannung. Beim zweiten Frühstück erklärte der Konsul, daß Tony, wenn sie
+käme, nur drei Uhr dreiunddreißig Minuten nachmittags von Büchen
+eintreffen könne. Um diese Zeit saß die Konsulin im »Landschaftszimmer«
+am Fenster und versuchte, in einem Buche zu lesen, auf dessen schwarzem
+Lederdeckel ein in Gold gepreßter Palmzweig zu sehen war.
+
+Es war ein Tag wie gestern: Kälte, Dunst und Wind; hinter dem blanken
+Schmiedeeisengitter knisterte der Ofen. Die alte Dame erbebte und
+blickte hinaus, sobald Wagenräder vernehmbar wurden. Und dann, um vier
+Uhr, als sie eben nicht achtgegeben und beinahe ihrer Tochter vergessen
+hatte, entstand eine Bewegung unten im Hause ... Sie wandte hastig den
+Oberkörper zum Fenster, sie wischte mit dem Spitzentuch den tropfenden
+Beschlag von der Scheibe: in der Tat, eine Droschke hielt drunten, und
+schon kam man die Treppe herauf!
+
+Sie erfaßte mit den Händen die Armlehnen des Stuhles, um aufzustehen;
+aber sie besann sich eines Besseren, ließ sich wieder zurücksinken und
+drehte nur mit beinahe abwehrendem Ausdruck den Kopf ihrer Tochter
+entgegen, die, während Erika Grünlich an Ida Jungmanns Hand bei der
+Glastür stehenblieb, mit schnellen und fast stürzenden Schritten durch
+das Zimmer kam.
+
+Frau Permaneder trug einen pelzbesetzten Überwurf und einen länglichen
+Filzhut mit Schleier. Sie sah sehr bleich und angegriffen aus, ihre
+Augen waren gerötet, und ihre Oberlippe bebte wie früher, wenn Tony als
+Kind geweint hatte. Sie erhob die Arme, ließ sie wieder sinken und glitt
+alsdann bei ihrer Mutter auf die Knie nieder, indem sie das Gesicht in
+den Kleiderfalten der alten Dame verbarg und bitterlich aufschluchzte.
+Dies alles machte den Eindruck, als sei sie in dieser Weise geraden
+Weges von München in einem Atem dahergestürmt -- und da lag sie nun, am
+Ziele ihrer Flucht, erschöpft und gerettet. Die Konsulin schwieg einen
+Augenblick.
+
+»Tony!« sagte sie dann mit zärtlichem Vorwurf, zog vorsichtig die große
+Nadel hervor, die Frau Permaneders Hut an ihrer Frisur befestigte, legte
+den Hut auf die Fensterbank und streichelte liebevoll und beruhigend mit
+beiden Händen das starke, aschblonde Haar ihrer Tochter ...
+
+»Was ist, mein Kind ... Was ist geschehen?«
+
+Aber man mußte sich mit Geduld waffnen, denn es dauerte noch ziemlich
+lange, bis dieser Frage eine Antwort zuteil wurde.
+
+»Mutter«, brachte Frau Permaneder hervor ... »Mama!« Allein dabei blieb
+es.
+
+Die Konsulin erhob den Kopf nach der Glastür, und während sie mit einem
+Arm ihre Tochter umfing, streckte sie die freie Hand ihrer Enkelin
+entgegen, die dort, einen Zeigefinger am Munde, verlegen stand.
+
+»Komm, Kind; komm her und sage guten Tag. Du bist groß geworden und
+siehst frisch und wohl aus, wofür wir Gott danken wollen. Wie alt bist
+du nun, Erika?«
+
+»Dreizehn, Großmama ...«
+
+»Tausend! Eine Dame ...«
+
+Und über Tonys Kopf hinweg küßte sie das kleine Mädchen, worauf sie
+fortfuhr: »Geh' nun mit Ida hinauf, mein Kind, wir werden bald essen.
+Aber jetzt hat Mama mit mir zu reden, weißt du.«
+
+Sie blieben allein.
+
+»Nun, meine liebe Tony? Willst du nicht aufhören zu weinen? Wenn Gott
+uns eine Prüfung schickt, so sollen wir sie mit Fassung ertragen. Nimm
+dein Kreuz auf dich, heißt es ... Aber hast du vielleicht den Wunsch,
+ebenfalls erst hinaufzugehen, ein wenig zu ruhen und dich zu erfrischen
+und dann zu mir herunterzukommen? Unsere gute Jungmann hat dein Zimmer
+vorbereitet ... Ich danke dir für dein Telegramm. Es hat uns recht sehr
+erschreckt ...« Sie unterbrach sich, denn Laute drangen bebend und
+gedämpft aus ihren Kleiderfalten hervor: »Er ist ein verworfener Mensch
+... ein verworfener Mensch ist er ... ein verworfener ...«
+
+Über dieses starke Wort kam Frau Permaneder nicht hinweg. Es schien sie
+völlig zu beherrschen. Sie preßte ihr Gesicht dabei fester in den Schoß
+der Konsulin und machte neben dem Stuhle sogar eine Faust.
+
+»Solltest du etwa deinen Mann damit meinen, mein Kind?« fragte die alte
+Dame nach einer Pause. »Ich sollte nicht auf diesen Gedanken kommen, ich
+weiß es; aber es bleibt mir nichts anderes zu denken übrig, Tony. Hat
+Permaneder dir Leid zugefügt? Hast du dich über ihn zu beklagen?«
+
+»Babett ...!« stieß Frau Permaneder hervor ... »Babett ...!«
+
+»Babette?« wiederholte die Konsulin fragend ... Dann lehnte sie sich
+zurück und ließ ihre hellen Augen durchs Fenster schweifen. Sie wußte
+nun, um was es sich handelte. Eine Pause trat ein, die dann und wann von
+Tonys allmählich seltener werdendem Schluchzen unterbrochen ward.
+
+»Tony«, sagte die Konsulin nach einer Weile, »ich sehe nun, daß dir in
+der Tat ein Kummer zugefügt worden ist ... daß dir Grund zur Klage
+gegeben wurde ... Aber war es nötig, diese Klage so stürmisch zu äußern?
+War diese Reise von München hierher notwendig, zusammen mit Erika, so
+daß es für weniger verständige Leute als ich und du beinahe den Anschein
+haben könnte, als wolltest du niemals zu deinem Manne zurückkehren ...?«
+
+»Das will ich auch nicht!... Nie ...!« rief Frau Permaneder, indem sie
+mit einem Ruck den Kopf erhob, ihrer Mutter aus weinenden Augen ganz
+wild ins Gesicht blickte und dann ebenso plötzlich ihr Antlitz wieder
+in den Kleiderfalten verbarg. Die Konsulin überhörte diesen Ausruf.
+
+»-- Nun aber«, setzte sie mit erhöhter Stimme ein und wandte langsam
+ihren Kopf von einer Seite zur anderen ... »nun aber, da du hier bist,
+ist es gut so. Denn nun wirst du dein Herz erleichtern können und wirst
+mir alles erzählen, und dann wollen wir sehen, wie mit Liebe, Nachsicht
+und Bedacht der Schaden zu korrigieren ist.«
+
+»Nie!« sagte Tony noch einmal. »Nie!« Aber dann erzählte sie, und
+obgleich man nicht jedes Wort verstand, denn sie sprach in den faltigen
+Tuchrock der Konsulin hinein, und ihr Bericht war explosiv und von
+Ausrufen der äußersten Entrüstung zerrissen, so ward doch klar, daß ganz
+einfach folgender Sachverhalt bestand.
+
+Um die Mitternacht zwischen dem 24. und 25. des laufenden Monats war
+Madame Permaneder, die während des Tages an Störungen der Magennerven
+gelitten und sehr spät Ruhe gefunden hatte, aus einem leichten Schlummer
+geweckt worden. Ein anhaltendes Geräusch dort vorn an der Treppe war
+schuld daran gewesen, ein schlecht unterdrückter, geheimnisvoller Lärm,
+in dem man das Knarren der Stufen, ein hustendes Gekicher, gepreßte
+Worte der Abwehr und ganz sonderbare knurrende und ächzende Laute
+unterschied ... Nicht einen Augenblick konnte man über das Wesen dieses
+Geräusches im Zweifel sein. Frau Permaneder hatte nicht sobald, mit noch
+schlaftrunkenen Sinnen, etwas davon aufgefangen, als sie es auch schon
+begriffen, als sie auch schon das Blut hatte aus ihren Wangen weichen
+fühlen und zum Herzen strömen, das sich zusammengezogen und mit
+schweren, beklemmenden Schlägen fortgearbeitet hatte. Während einer
+langen, grausamen Minute hatte sie wie betäubt, wie gelähmt in den
+Kissen gelegen; dann aber, als dieses schamlose Geräusch nicht
+verstummte, hatte sie mit bebenden Händen Licht gemacht, hatte voll
+Verzweiflung, Grimm und Abscheu das Bett verlassen, hatte die Tür
+aufgerissen und war in Pantoffeln, das Licht in der Hand, nach vorn bis
+in die Nähe der Treppe geeilt: jener schnurgeraden »Himmelsleiter«, die
+von der Haustür direkt in das erste Stockwerk heraufführte. Und dort,
+auf den oberen Stufen eben dieser Himmelsleiter, hatte sich ihr das
+Bild in voller Körperlichkeit dargeboten, das sie drinnen im
+Schlafzimmer, beim Lauschen auf das unzweideutige Geräusch, mit Augen,
+die das Entsetzen erweiterte, schon im Geiste hatte erblicken müssen ...
+Es war eine Balgerei gewesen, ein unerlaubter und unsittlicher Ringkampf
+zwischen der Köchin Babette und Herrn Permaneder. Das Mädchen, ein
+Schlüsselbund und ebenfalls eine Kerze in der Hand, denn sie mußte so
+spät noch irgendwo im Hause beschäftigt gewesen sein, hatte sich hin und
+her gewunden und den Hausherrn abzuwehren gestrebt, der seinerseits, den
+Hut auf dem Hinterkopfe, sie umschlungen gehalten und beständig versucht
+hatte, seinen Seehundsschnauzbart in ihr Gesicht zu drücken, was ihm hie
+und da auch gelungen war ... Bei Antoniens Erscheinen hatte Babette
+etwas wie »Jessas, Maria und Joseph!« hervorgestoßen, »Jessas, Maria und
+Joseph!« hatte Herr Permaneder wiederholt, hatte sie fahren lassen --
+und während das Mädchen im selben Augenblick auf geschickte Weise
+spurlos verschwunden gewesen war, hatte er mit hängenden Armen,
+hängendem Kopfe und hängendem Schnauzbart vor seiner Gattin gestanden
+und irgend etwas ausgemacht Unsinniges wie: »Is dös a Hetz!... Es is
+halt a Kreiz!« gestammelt ... Sie war nicht mehr dagewesen, als er die
+Augen aufzuschlagen gewagt hatte; drinnen im Schlafzimmer hatte er sie
+gefunden: in halb sitzender, halb liegender Haltung, auf dem Bette, wie
+sie unter verzweifeltem Schluchzen immer wieder das Wort »Schande«
+wiederholt hatte. Er war, in schlaffer Haltung an die Tür gelehnt,
+stehengeblieben, hatte eine ruckartige Schulterbewegung nach vorn
+gemacht, als erteilte er ihr einen aufmunternden Rippenstoß, und hatte
+gesagt: »Sei stad! A, geh, sei stad, Tonerl! Schau, der Ramsauer Franzl
+hat halt sei Namenstag g'feiert heit abend ... Wir san alle a weng
+schwar ...« Aber der stark alkoholische Geruch, den er im Zimmer
+verbreitet, hatte ihre Exaltation zum Gipfel gebracht. Sie hatte nicht
+mehr geschluchzt, sie war nicht länger hinfällig und schwach gewesen,
+ihr Temperament hatte sie emporgerissen, und mit der Maßlosigkeit der
+Verzweiflung hatte sie ihm laut ihren ganzen Ekel, ihren ganzen Abscheu,
+ihre fundamentale Verachtung seines ganzen Seins und Wesens ins Gesicht
+geschleudert ... Herr Permaneder war nicht stillgeblieben. Sein Kopf
+war heiß gewesen, denn er hatte seinem Freunde Ramsauer zu Ehren nicht
+nur viele »Maß«, sondern auch »Schampaninger« getrunken; er hatte
+geantwortet, wild geantwortet, ein Streit hatte sich entsponnen, weit
+schrecklicher als derjenige bei Herrn Permaneders Rückzug in den
+Ruhestand, Frau Antonie hatte ihre Kleider zusammengerafft, um sich ins
+Wohnzimmer zurückzuziehen ... Da aber war, zum Schlusse, ein Wort ihr
+nachgeklungen, ein Wort seinerseits, ein Wort, das sie nicht wiederholen
+würde, das über ihre Lippen niemals kommen würde, ein Wort ... ein
+Wort ...
+
+Dies alles war der hauptsächlichste Inhalt der Geständnisse, die Madame
+Permaneder in die Kleiderfalten ihrer Mutter hinein verlauten ließ. Über
+das »Wort« aber, dieses »Wort«, das sie in jener fürchterlichen Nacht
+bis in ihr Innerstes hinein hatte erstarren lassen, kam sie nicht
+hinweg, sie wiederholte es nicht, oh, bei Gott, sie wiederholte es
+nicht, beteuerte sie, obgleich die Konsulin durchaus nicht in sie drang,
+sondern nur, kaum merklich, langsam und nachdenklich mit dem Kopfe
+nickte, während sie auf Tonys schönes, aschblondes Haar herniedersah.
+
+»Ja, ja«, sagte sie, »da habe ich traurige Dinge hören müssen, Tony. Und
+ich verstehe alles ganz gut, meine arme kleine Dirn, denn ich bin nicht
+bloß deine Mama, sondern auch eine Frau wie du ... Ich sehe nun, wie
+sehr berechtigt dein Schmerz ist, wie völlig dein Mann während eines
+Augenblickes der Schwäche vergessen hat, was er dir schuldet ...«
+
+»Während eines Augenblickes?!« rief Tony. Sie sprang auf. Sie trat zwei
+Schritte zurück und trocknete fieberhaft ihre Augen. »Während eines
+Augenblickes, Mama?!... Was er mir und unserem Namen schuldig ist, das
+hat er vergessen ... das hat er nicht gewußt von Anfang an! Ein Mann,
+der sich mit der Mitgift seiner Frau ganz einfach zur Ruhe setzt! Ein
+Mann ohne Ehrgeiz, ohne Streben, ohne Ziele! Ein Mann, der statt des
+Blutes einen dickflüssigen Malz- und Hopfenbrei in den Adern hat ... ja,
+davon bin ich überzeugt!... der sich dann noch zu solchen Niedrigkeiten
+herbeiläßt, wie dies mit der Babett, und, wenn man ihm seine
+Nichtswürdigkeit vorhält, mit einem Worte antwortet ... einem
+Worte ...«
+
+Sie war wieder bei dem Worte angelangt, diesem Worte, das sie nicht
+wiederholte. Plötzlich aber tat sie einen Schritt vorwärts und sagte mit
+unvermittelt ruhiger und sanft interessierter Stimme: »Wie allerliebst.
+Woher ist das, Mama?«
+
+Sie wies mit dem Kinn auf einen kleinen Behälter, einen rohrgeflochtenen
+Korb, einen zierlichen kleinen Ständer, mit Atlasschleifen geschmückt,
+in dem die Konsulin seit einiger Zeit ihre Handarbeit zu bewahren
+pflegte.
+
+»Ich habe ihn mir zugelegt«, antwortete die alte Dame; »ich hatte ihn
+nötig.«
+
+»Vornehm!« ... sagte Tony, indem sie das Gestell mit seitwärts geneigtem
+Kopfe betrachtete. Auch die Konsulin ließ ihre Augen auf dem Gegenstande
+ruhen, aber ohne ihn zu sehen, in tiefen Gedanken.
+
+»Nun, meine liebe Tony«, sagte sie endlich, indem sie ihrer Tochter noch
+einmal die Hände entgegenstreckte, »wie die Dinge auch liegen mögen: du
+bist da, und so sei mir denn aufs herzlichste willkommen, mein Kind. Mit
+ruhigerem Gemüte wird sich alles besprechen lassen ... Lege ab, in
+deinem Zimmer, mach' es dir bequem ... Ida!?« rief sie mit erhobener
+Stimme in den Eßsaal hinein. »Daß Kuverts aufgelegt werden für Madame
+Permaneder und Erika, Liebe!«
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+Tony hatte sich gleich nach Tische in ihr Schlafzimmer zurückgezogen,
+denn während des Essens war ihr durch die Konsulin die Vermutung
+bestätigt worden, daß Thomas um ihre Ankunft wisse ... und sie schien
+auf das Zusammentreffen mit ihm nicht sonderlich begierig zu sein.
+
+Um sechs Uhr nachmittags kam der Konsul herauf. Er begab sich ins
+Landschaftszimmer, woselbst er eine lange Unterredung mit seiner Mutter
+hatte.
+
+»Und wie ist sie?« fragte er. »Wie benimmt sie sich?«
+
+»Ach, Tom, ich fürchte, sie ist unversöhnlich ... Mein Gott, sie ist so
+sehr gereizt ... Und dann dieses Wort ... wenn ich nur das Wort wüßte,
+das er gesagt hat ...«
+
+»Ich gehe zu ihr.«
+
+»Tu' das, Tom. Aber klopfe leise, daß sie nicht erschrickt, und bleibe
+ruhig, hörst du? Ihre Nerven sind in Unordnung ... Sie hat fast nichts
+gegessen ... Es ist ihr Magen, weißt du ... Sprich mit Ruhe zu ihr.«
+
+Rasch, mit gewohnheitsmäßiger Eile immer eine Stufe überspringend, stieg
+er die Treppe zur zweiten Etage empor, indem er sinnend an seinem
+Schnurrbart drehte. Aber schon während er pochte, hellte sein Gesicht
+sich auf, denn er war entschlossen, die Angelegenheit so lange wie nur
+möglich mit Humor zu behandeln.
+
+Er öffnete auf ein leidend klingendes Herein und fand Frau Permaneder
+vollständig angekleidet auf dem Bette liegend, dessen Vorhänge
+zurückgeschlagen waren, das Plumeau hinter dem Rücken, ein Fläschchen
+mit Magentropfen neben sich auf dem Nachttischchen. Sie wandte sich ein
+wenig, stützte den Kopf auf die Hand und sah ihm mit einem schmollenden
+Lächeln entgegen. Er verbeugte sich sehr tief, indem er mit
+ausgebreiteten Händen eine feierliche Geste beschrieb.
+
+»Gnädige Frau ...! Was verschafft uns die Ehre, diese Haupt- und
+Residenzstädterin ...«
+
+»Gib mir einen Kuß, Tom«, sagte sie und richtete sich auf, um ihm ihre
+Wange darzubieten und sich dann wieder zurücksinken zu lassen. »Guten
+Tag, mein guter Junge! Du bist ganz unverändert, wie ich sehe, seit
+euren Münchener Tagen!«
+
+»Na, darüber kannst du hier bei geschlossenen Rouleaus wohl kein Urteil
+haben, meine Teure. Und jedenfalls hättest du mir das Kompliment nicht
+vor der Nase wegnehmen dürfen, denn es gebührt natürlich dir ...«
+
+Er hatte, während er ihre Hand in der seinen hielt, einen Stuhl
+herbeigezogen und sich zu ihr gesetzt.
+
+»Wie schon so oft ausgesprochen: du und Klothilde ...«
+
+»Pfui, Tom!... Wie geht es Thilda?«
+
+»Gut, versteht sich! Madame Krauseminz sorgt für sie und daß sie nicht
+hungert. Was aber nicht hindert, daß Thilda hier Donnerstags ganz
+ausnehmend schlingt, als wäre es für die nächste Woche im voraus ...«
+
+Sie lachte so herzlich wie seit langer Zeit nicht mehr, brach dann aber
+mit einem Seufzer ab und fragte: »Und was machen die Geschäfte?«
+
+»Tja ... man schlägt sich durch. Man muß zufrieden sein ...«
+
+»Oh, Gott sei Dank, daß =hier= wenigstens alles steht, wie es stehen
+soll! Ach, ich bin gar nicht aufgelegt, vergnügt zu schwatzen ...«
+
+»Schade. Den Humor soll man sich, _quand même_, bewahren.«
+
+»Nein, damit ist es aus, Tom. -- Du weißt alles?«
+
+»Du weißt alles ...!« wiederholte er, ließ ihre Hand fahren und setzte
+mit einem Ruck seinen Stuhl ein Stück rückwärts. »Heiliger Gott, wie das
+klingt! `Alles!´ Was liegt alles in diesem `alles´ begraben! `Ich senkt'
+auch meine Liebe und meinen Schmerz hinein´, wie? Nein, höre mal ...«
+
+Sie schwieg. Sie streifte ihn mit einem tief erstaunten und tief
+gekränkten Blick.
+
+»Ja, dies Gesicht habe ich erwartet«, sagte er, »denn ohne dieses
+Gesicht wärest du ja nicht hier. Aber erlaube mir, meine gute Tony, daß
+ich die Sache um ebensoviel zu leicht nehme, als du sie zu schwer
+nimmst, und du wirst sehen, daß wir uns vorteilhaft ergänzen ...«
+
+»Zu schwer, Thomas, zu schwer ...?«
+
+»Ja; Herrgott, spielen wir doch nicht Tragödie! Reden wir ein bißchen
+bescheiden und nicht mit `Alles ist zu Ende´ und `Eure unglückliche
+Antonie´! Versteh' mich recht, Tony; du weißt gut, daß ich der erste
+bin, der sich so herzlich über dein Kommen freut. Ich habe schon lange
+gewünscht, du möchtest einmal zu Besuch kommen, ohne deinen Mann, daß
+wir wieder einmal so ganz _en famille_ beieinander sitzen könnten. Aber,
+daß du =jetzt= kommst und =so= kommst, pardon, das ist eine Dummheit,
+mein Kind!... Ja ... laß mich zu Ende sprechen! -- Permaneder hat sich
+reichlich mangelhaft betragen, das muß wahr sein, und das werde auch ich
+ihm zu verstehen geben, sei überzeugt ...«
+
+»=Wie= er sich betragen hat, Thomas«, unterbrach sie ihn, indem sie sich
+aufrichtete und eine Hand auf ihre Brust legte, »das habe ich ihm schon
+zu verstehen gegeben und nicht nur `zu verstehen gegeben´, will ich dir
+sagen. Weitere Auseinandersetzungen mit dem Manne halte ich, meinem
+Taktgefühle nach, für vollkommen unangebracht!« Damit ließ sie sich
+wieder zurückfallen und blickte streng und unbewegt zur Decke empor.
+
+Er neigte sich, wie unter dem Gewichte ihrer Worte, und dabei blickte er
+lächelnd auf seine Knie nieder.
+
+»Na, so werde ich ihm denn also =keinen= groben Brief schreiben: ganz
+wie du befiehlst. Zuletzt ist es ja deine Angelegenheit, und es genügt
+durchaus, daß du selbst ihm den Kopf zurechtsetzest; als seine Frau bist
+du berufen dazu. Bei Lichte besehen, sind ihm ja übrigens die mildernden
+Umstände nicht abzusprechen. Ein Freund hat Namenstag gefeiert, er kommt
+in festlicher Stimmung, in etwas zu guter Laune nach Hause und läßt sich
+einen kleinen Übergriff, einen kleinen unziemlichen Seitensprung
+zuschulden kommen ...«
+
+»Thomas«, sagte sie, »ich verstehe dich nicht. Ich verstehe nicht den
+Ton, in dem du redest! Du ... Ein Mann von deinen Grundsätzen ... Aber
+du hast ihn nicht gesehen! Wie er sie anfaßte in seiner Betrunkenheit,
+wie er aussah ...«
+
+»Komisch genug, wie ich mir denken kann. Aber das ist es ja, Tony: du
+nimmst die Sache nicht komisch genug, und daran ist natürlich dein Magen
+schuld. Du hast deinen Mann auf einer Schwäche ertappt, du hast ihn ein
+wenig lächerlich gesehen ... aber das sollte dich nicht so fürchterlich
+empören, sondern dich eher ein bißchen amüsieren und ihn dir menschlich
+noch näher bringen ... Ich will dir eines sagen: du konntest sein
+Betragen natürlich nicht ohne weiteres mit Lächeln und Stillschweigen
+billigen, bewahre. Du bist abgereist: das war eine Demonstration, etwas
+lebhaft vielleicht, vielleicht eine zu strenge Strafe -- denn wie
+betrübt er in diesem Augenblick dasitzt, das möchte ich nicht sehen --
+aber immerhin gerecht. Meine Bitte geht nur dahin, du möchtest die Dinge
+etwas weniger entrüstet und wenig mehr vom politischen Standpunkte aus
+betrachten ... wir reden ja unter uns. Ich muß dir einmal andeuten, daß
+es doch in einer Ehe keineswegs gleichgültig ist, auf welcher Seite sich
+das ... moralische Übergewicht befindet ... versteh' mich, Tony! Dein
+Mann hat sich eine Blöße gegeben, darüber besteht kein Zweifel. Er hat
+sich kompromittiert, sich ein bißchen lächerlich gemacht ... lächerlich
+gerade darum, weil sein Vergehen so harmlos, so wenig ernsthaft zu
+nehmen ist ... Kurz, seine Würde ist nicht mehr unantastbar, eine
+gewisse Überlegenheit ist jetzt entschieden auf deiner Seite, und
+gesetzt, daß du sie geschickt zu nutzen verstehst, so ist dein Glück
+gewiß. Wenn du nun in ... sagen wir vierzehn Tagen -- ja, bitte, so
+lange muß ich dich =mindestens= für uns in Anspruch nehmen! -- in
+vierzehn Tagen nach München zurückkehrst, so wirst du sehen ...«
+
+»Ich werde nicht nach München zurückkehren, Thomas.«
+
+»Wie beliebt?« fragte er, indem er sein Gesicht verzog, eine Hand ans
+Ohr legte und sich vorwärts beugte ...
+
+Sie lag auf dem Rücken, den Hinterkopf fest in die Kissen gedrückt, so
+daß das Kinn mit einer gewissen Strenge vorgeschoben schien.
+»=Niemals=«, sagte sie; worauf sie lang und geräuschvoll ausatmete und
+sich räusperte: langsam und ausdrücklich -- ein trockenes Räuspern, das
+anfing, bei ihr zur nervösen Gewohnheit zu werden und wahrscheinlich mit
+ihrem Magenleiden zusammenhing. -- Eine Pause trat ein.
+
+»Tony«, sagte er plötzlich, indem er aufstand und seine Hand fest auf
+die Lehne des Empirestuhles niedersinken ließ, »du machst mir keinen
+Skandal!...«
+
+Ein Seitenblick belehrte sie, daß er bleich war, und daß die Muskeln an
+seinen Schläfen arbeiteten. Ihre Lage war nicht länger haltbar. Auch sie
+geriet in Bewegung, und, um die Furcht zu verbergen, die sie vor ihm
+empfand, ward sie laut und zornig. Sie schnellte empor, sie ließ die
+Füße vom Bette hinuntergleiten, und mit hitzigen Wangen,
+zusammengezogenen Brauen und raschen Kopf- und Handbewegungen fing sie
+an: »Skandal, Thomas ...?! Du magst mir befehlen, keinen Skandal zu
+machen, wenn man mich mit Schande bedeckt, mir ganz einfach ins Gesicht
+speit?! Ist das eines Bruders würdig?... Ja, diese Frage mußt du mir
+gefälligst erlauben! Rücksicht und Takt sind gute Sachen, bewahre! Aber
+es gibt eine Grenze im Leben, Tom -- und ich kenne das Leben, so gut wie
+du -- wo die Angst vor dem Skandale anfängt, Feigheit zu heißen, ja! Und
+ich wundere mich, daß ich dir das sagen muß, die ich bloß eine Gans und
+ein dummes Ding bin ... Ja, das bin ich und verstehe es gut, wenn
+Permaneder mich nie geliebt hat, denn ich bin alt und ein häßliches
+Weib, das mag sein, und Babett ist sicherlich hübscher. Aber das enthob
+ihn nicht der Rücksicht, die er meiner Herkunft und meiner Erziehung und
+meinem Empfinden schuldete! Du hast nicht gesehen, Tom, in welcher Weise
+er diese Rücksicht vergaß, und wer es nicht gesehen hat, der weiß gar
+nichts, denn erzählen läßt es sich nicht, wie widerlich er war in seinem
+Zustande ... Und du hast das Wort nicht gehört, das er mir, mir, deiner
+Schwester, nachgerufen hat, als ich meine Sachen nahm und das Zimmer
+verließ, um im Wohnzimmer auf dem Sofa zu schlafen ... Ja! da habe ich
+hinter mir aus seinem Munde ein Wort anhören müssen ... ein Wort ... ein
+Wort ...! ... Kurz, Thomas, dies Wort war es ganz eigentlich, daß du es
+weißt, was mich veranlaßt, =gezwungen= hat, während der ganzen Nacht zu
+packen und in aller Frühe Erika zu wecken und davonzugehen, denn bei
+einem Manne, in dessen Nähe ich solcher Worte gewärtig sein muß, konnte
+ich nicht bleiben, und zu einem solchen Manne werde ich, wie gesagt,
+niemals zurückkehren ... oder ich müßte verkommen und könnte mich nicht
+mehr achten und hätte keinen Halt mehr im Leben!«
+
+»Willst du nun die Güte haben, mir dieses gottverdammte Wort
+mitzuteilen, ja oder nein?«
+
+»Niemals, Thomas! Niemals werde ich es mit meinen Lippen wiederholen!
+Ich weiß, was ich mir und dir in diesen Räumen schuldig bin ...«
+
+»Dann ist nicht mit dir zu reden!«
+
+»Das mag sein; und ich wollte, wir redeten auch gar nicht mehr
+darüber ...«
+
+»Was willst du tun? Willst du dich scheiden lassen?«
+
+»Das will ich, Tom. Das ist mein fester Entschluß. Das ist die
+Handlungsweise, die ich mir selbst und meinem Kinde und euch allen
+schuldig bin.«
+
+»Na, das ist also Unsinn«, sagte er gelassen, drehte sich auf dem
+Absatze um und ging von ihr fort, als ob damit überhaupt das Ganze
+erledigt sei. »Zum Scheidenlassen gehören zwei, mein Kind; und daß
+Permaneder sich so ohne weiteres mit Vergnügen dazu bereit finden wird,
+der Gedanke ist doch wohl bloß belustigend ...«
+
+»Oh, das laß meine Sorge sein«, sagte sie, ohne sich einschüchtern zu
+lassen. »Du meinst, daß er sich widersetzen wird, und zwar wegen meiner
+17000 Taler Kurant; aber Grünlich hat auch nicht gewollt, und man hat
+ihn gezwungen, da gibt es Mittel, und ich gehe zu Doktor Gieseke; das
+ist Christians Freund, und der wird mir beistehen ... Gewiß, es war
+etwas anderes damals, ich weiß, was du sagen willst. Damals war es
+`Unfähigkeit des Mannes, seine Familie zu ernähren´ ja! Du siehst
+übrigens, daß ich sehr wohl Bescheid weiß in diesen Dingen, während du
+wahrhaftig tust, als wäre es das erstemal im Leben, daß ich mich
+scheiden lasse!... Aber das ist ganz gleich, Tom. Vielleicht geht es
+nicht an und ist unmöglich -- das mag sein; du kannst gern recht haben.
+Aber das ändert nichts. Das ändert nichts an meinen Entschlüssen. Dann
+mag er die Groschen behalten -- es gibt höhere Dinge im Leben! Aber mich
+sieht er niemals wieder.«
+
+Und darauf räusperte sie sich. Sie hatte das Bett verlassen, hatte sich
+in dem Armsessel niedergelassen, einen Ellenbogen auf die Seitenlehne
+gestemmt und das Kinn so fest in die Hand vergraben, daß vier gekrümmte
+Finger die Unterlippe gepackt hielten. So, den Oberkörper seitwärts
+gewandt, blickte sie mit erregten und geröteten Augen starr durchs
+Fenster hinaus.
+
+Der Konsul schritt im Zimmer auf und ab, seufzte, schüttelte den Kopf
+und zuckte die Achseln. Schließlich blieb er mit gerungenen Händen vor
+ihr stehen.
+
+»Du bist ja ein Kindskopf, Tony!« sagte er verzagt und flehend. »Jedes
+Wort, das du sprichst, ist ja eine Kinderei! Willst du dich nun nicht,
+wenn ich dich bitte, dazu bequemen, die Dinge während eines einzigen
+Augenblicks wie ein Erwachsener anzusehen?! Merkst du denn nicht, daß du
+dich benimmst, als hättest du etwas Ernstes und Schweres erlebt, als
+hätte dein Mann dich grausam betrogen, dich vor aller Welt mit Schmach
+überhäuft!? Aber so bedenke doch nur, daß ja nichts geschehen ist! Daß
+von diesem albernen Vorkommnis auf eurer Himmelsleiter in der
+Kaufingerstraße ja keines Menschen Seele etwas weiß! Daß du deiner und
+unserer Würde durchaus keinen Abbruch tust, wenn du in aller Ruhe und
+höchstens mit einer etwas mokanten Miene zu Permaneder zurückkehrst ...
+im Gegenteil! daß du unserer Würde erst schadest, indem du das =nicht=
+tust, denn erst dadurch machst du etwas aus dieser Bagatelle, erst
+dadurch erregst du Skandal ...«
+
+Sie ließ rasch ihr Kinn los und sah ihm ins Gesicht.
+
+»Jetzt sei still, Thomas! Jetzt bin ich an der Reihe! Jetzt höre zu!
+Wie? ist nur das Schande und Skandal im Leben, was laut wird und unter
+die Leute kommt? Ach nein! Der heimliche Skandal, der im stillen an
+einem zehrt und die Selbstachtung wegfrißt, der ist viel schlimmer! Sind
+wir Buddenbrooks Leute, die nach außen hin `tip-top´ sein wollen, wie
+ihr hier immer sagt, und zwischen unseren vier Wänden dafür Demütigungen
+hinunterwürgen? Tom, ich muß mich wundern über dich! Stelle dir Vater
+vor, wie er sich heute verhalten würde, und dann urteile in seinem
+Sinne! Nein, Sauberkeit und Offenheit muß herrschen ... Du kannst
+täglich aller Welt deine Bücher zeigen und sagen: Da ... Anders darf es
+mit keinem von uns sein. Ich weiß, wie Gott mich gemacht hat. Ich
+fürchte mich gar nicht! Laß Julchen Möllendorpf nur an mir vorübergehen
+und mich nicht grüßen! Und laß Pfiffi Buddenbrook nur Donnerstags hier
+sitzen und sich vor Schadenfreude schütteln und sagen: `Nun, das ist ja
+leider schon das zweitemal, aber es hat =natürlich= beide Male an den
+Männern gelegen!´ Ich bin so unsäglich erhaben darüber, Thomas! Ich
+weiß, daß ich getan habe, was ich für gut hielt. Aber aus Angst vor
+Julchen Möllendorpf und Pfiffi Buddenbrook Beleidigungen
+hinunterzuschlucken und mich in einem ungebildeten Bierdialekt
+beschimpfen zu lassen ... aus Angst vor ihnen bei einem Manne, in einer
+Stadt auszuhalten, wo ich mich an solche Worte, an solche Szenen, wie
+die auf der Himmelsleiter, gewöhnen müßte, wo ich mich und meine
+Herkunft und meine Erziehung und alles in mir ganz und gar verleugnen
+lernen müßte, nur um glücklich und zufrieden zu erscheinen, -- das nenne
+=ich= unwürdig, das nenne =ich= skandalös, will ich dir sagen ...!«
+
+Sie brach ab, warf das Kinn wieder in die Hand und starrte erregt auf
+die Fensterscheiben. Er stand vor ihr, auf ein Bein gestützt, die Hände
+in den Hosentaschen, und ließ seine Augen auf ihr ruhen, ohne sie zu
+sehen, in Gedanken, und indem er langsam den Kopf hin und her bewegte.
+
+»Tony«, sagte er, »du machst mir nichts weis. Ich habe es schon vorher
+gewußt, aber in deinen letzten Worten hast du dich verraten. Es ist gar
+nicht der Mann. Es ist die Stadt. Es ist gar nicht diese Albernheit auf
+der Himmelsleiter. Es ist das Ganze überhaupt. Du hast dich nicht
+akklimatisieren können. Sei aufrichtig.«
+
+»Da hast du recht, Thomas!« rief sie. Sie sprang sogar empor dabei und
+wies ihm mit ausgestreckter Hand gerade ins Gesicht hinein. Ihr Gesicht
+war rot. Sie blieb in einer kriegerischen Haltung stehen, mit der einen
+Hand den Stuhl erfaßt, gestikulierte mit der anderen und hielt eine
+Rede, eine leidenschaftlich bewegte Rede, die unaufhaltsam
+hervorsprudelte. Der Konsul betrachtete sie tief erstaunt. Kaum, daß sie
+sich Zeit ließ, Atem zu schöpfen, so brausten und brodelten schon wieder
+neue Worte hervor. Ja, sie fand Worte, sie drückte alles aus, was sich
+während dieser Jahre an Widerwillen in ihr gesammelt hatte: ein bißchen
+ungeordnet und verworren, aber sie drückte es aus. Es war eine
+Explosion, ein Ausbruch voll verzweifelter Ehrlichkeit ... Hier entlud
+sich etwas, gegen das es keine Widerrede gab, etwas Elementares, worüber
+nicht mehr zu streiten war ...
+
+»Da hast du recht, Thomas! Das sage du nur noch einmal! Ha, ich bemerke
+dir ausdrücklich, daß ich kein dummes Ding mehr bin und weiß, was ich
+vom Leben zu halten habe. Ich erstarre nicht mehr, wenn ich erfahre, daß
+es nicht immer ganz säuberlich zugeht darin. Ich habe Leute wie
+Tränen-Trieschke gekannt und bin mit Grünlich verheiratet gewesen und
+kenne unsere Suitiers hier in der Stadt. Ich bin keine Unschuld vom
+Lande, will ich dir sagen, und die Sache mit Babett an und für sich und
+aus dem Zusammenhang genommen, hätte mich nicht auf und davon gejagt,
+das glaube mir! Sondern die Sache ist die, Thomas, daß es das Maß voll
+gemacht hat ... und dazu gehörte nicht viel, denn es war eigentlich
+schon voll ... schon lange voll ... schon lange voll! Ein Nichts hätte
+es überfließen lassen und nun gar dies! Nun gar die Erkenntnis, daß ich
+mich nicht einmal in diesem Punkte auf Permaneder verlassen konnte! Das
+hat allem die Krone aufgesetzt! Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen!
+Das hat meinen Entschluß, von München auf und davon zu gehen, mit einem
+Schlage zur Reife gebracht, und der war lange, lange im Reifen begriffen
+gewesen, Tom, denn ich kann dort unten nicht leben, bei Gott und seinen
+heiligen Heerscharen, ich kann es nicht! =Wie= unglücklich ich gewesen
+bin, du weißt es nicht, Thomas, denn auch, als du zu Besuch kamst, habe
+ich nichts merken lassen, nein, denn ich bin eine Frau von Takt, die
+andere nicht mit Klagen belästigt und ihr Herz nicht an jedem Wochentage
+auf der Zunge trägt, und habe immer zur Verschlossenheit geneigt. Aber
+ich habe gelitten, Tom, gelitten mit allem, was in mir ist, und
+sozusagen mit meiner ganzen Persönlichkeit. Wie eine Pflanze, um mich
+dieses Bildes zu bedienen, wie eine Blume, die in fremdes Erdreich
+verpflanzt worden ... obgleich du den Vergleich wohl unpassend findest,
+denn ich bin ein häßliches Weib ... aber in fremderes Erdreich konnte
+ich nicht kommen, und lieber ginge ich in die Türkei! Oh, wir sollten
+niemals fortgehen, wir hier oben! Wir sollten an unserer Seebucht
+bleiben und uns redlich nähren ... Ihr habt euch zuweilen über meine
+Vorliebe für den Adel mokiert ... ja, ich habe in diesen Jahren oft an
+einige Worte gedacht, die mir vor längerer Zeit einmal jemand gesagt
+hat, ein gescheuter Mensch. `Sie haben Sympathie für die Adligen ...´
+sagte er, `soll ich Ihnen sagen, warum? Weil Sie selbst eine Adlige
+sind! Ihr Vater ist ein großer Herr und Sie sind eine Prinzeß. Ein
+Abgrund trennt Sie von uns anderen, die wir nicht zu Ihrem Kreise von
+herrschenden Familien gehören ...´ Ja, Tom, wir fühlen uns als Adel und
+fühlen einen Abstand und wir sollten nirgend zu leben versuchen, wo man
+nichts von uns weiß und uns nicht einzuschätzen versteht, denn wir
+werden nichts als Demütigungen davon haben, und man wird uns lächerlich
+hochmütig finden. Ja, -- alle haben mich lächerlich hochmütig gefunden.
+Man hat es mir nicht gesagt, aber gefühlt habe ich es zu jeder Stunde
+und auch darunter habe ich gelitten. Ha! In einem Lande, wo man Torte
+mit dem Messer ißt, und wo die Prinzen falsches Deutsch reden, und wo es
+als eine verliebte Handlungsweise auffällt, wenn ein Herr einer Dame
+den Fächer aufhebt, in einem solchen Lande ist es leicht, hochmütig zu
+scheinen, Tom! Akklimatisieren? Nein, bei Leuten ohne Würde, Moral,
+Ehrgeiz, Vornehmheit und Strenge, bei unsoignierten, unhöflichen und
+saloppen Leuten, bei Leuten, die zu gleicher Zeit träge und
+leichtsinnig, dickblütig und oberflächlich sind ... bei solchen Leuten
+kann ich mich nicht akklimatisieren und würde es niemals können, so wahr
+ich deine Schwester bin! Eva Ewers hat es gekonnt ... gut! Aber eine
+Ewers ist noch keine Buddenbrook, und dann hat sie ihren Mann, der zu
+etwas nütze ist im Leben. Wie aber habe ich es gehabt? Denke nach,
+Thomas, fang' von vorne an und erinnere dich! Ich bin von hier, aus
+diesem Hause, wo es etwas gilt, wo man sich regt und Ziele hat, dorthin
+gekommen, zu Permaneder, der sich mit meiner Mitgift zur Ruhe gesetzt
+hat ... ha, es war echt, es war wahrhaftig kennzeichnend, aber das war
+auch das einzig Erfreuliche daran. Was weiter? Ein Kind soll kommen! Wie
+habe ich mich gefreut! Es hätte mir alles entgolten! Was geschieht? Es
+stirbt. Es ist tot. Das war nicht Permaneders Schuld, behüte, nein. Er
+hatte getan, was er konnte, und ist sogar zwei bis drei Tage nicht ins
+Wirtshaus gegangen, bewahre! Aber es gehörte doch dazu, Thomas. Es
+machte mich nicht glücklicher, kannst du dir denken. Ich habe
+ausgehalten und nicht gemurrt. Ich bin allein und unverstanden und als
+hochmütig verschrien umhergegangen und habe mir gesagt: Du hast ihm dein
+Jawort fürs Leben erteilt. Er ist ein bißchen plump und träge und hat
+deine Hoffnungen getäuscht; aber er meint es gut, und sein Herz ist
+rein. Und dann habe ich dies erleben müssen und ihn in diesem
+widerlichen Augenblick gesehen. Dann habe ich erfahren: so gut versteht
+er mich und um so viel besser weiß er mich zu respektieren als die
+anderen, daß er mir ein Wort nachruft, ein Wort, das keiner deiner
+Speicherarbeiter einem Hunde zuwerfen würde! Und da habe ich gesehen,
+daß nichts mich hielt, und daß es eine Schande gewesen wäre, zu bleiben.
+Und als ich hier vom Bahnhof die Holstenstraße herauffuhr, ging der
+Träger Nielsen vorüber und nahm tief seinen Zylinder ab, und ich habe
+wiedergegrüßt: durchaus nicht hochmütig, sondern wie Vater die Leute
+grüßte ... so ... mit der Hand. Und jetzt bin ich hier. Und du kannst
+zwei Dutzend Arbeitspferde anspannen, Tom: nach München bekömmst du
+mich nicht wieder. Und morgen gehe ich zu Gieseke! --«
+
+Dies war die Rede, die Tony hielt, worauf sie sich ziemlich erschöpft in
+den Stuhl zurücksinken ließ, das Kinn in die Hand vergrub und auf die
+Fensterscheiben starrte.
+
+Ganz erschrocken, benommen, beinahe erschüttert stand der Konsul vor ihr
+und schwieg. Dann atmete er auf, erhob die Arme bis zur Höhe der
+Schultern und ließ sie auf die Oberschenkel hinabfallen.
+
+»Ja, da ist nichts zu machen!« sagte er leise, drehte sich still auf dem
+Absatz um und ging zur Tür.
+
+Sie sah ihm mit demselben Ausdruck nach, mit dem sie ihn empfangen
+hatte: leidend und schmollend.
+
+»Tom?« fragte sie. »Bist du mir böse?«
+
+Er hielt den ovalen Türgriff in der einen und machte eine müde Bewegung
+der Abwehr mit der anderen Hand. »Ach nein. Keineswegs.«
+
+Sie streckte die Hand nach ihm aus und legte den Kopf auf die Schulter.
+
+»Komm her, Tom ... Deine Schwester hat es nicht sehr gut im Leben. Alles
+kommt auf sie herab ... Und sie hat in diesem Augenblick wohl niemanden,
+der zu ihr steht ...«
+
+Er kehrte zurück und nahm ihre Hand: von der Seite, einigermaßen
+gleichgültig und matt, ohne sie anzusehen.
+
+Plötzlich begann ihre Oberlippe zu zittern ...
+
+»Du mußt nun allein arbeiten«, sagte sie. »Mit Christian, das ist wohl
+nichts Rechtes, und ich bin nun fertig ... ich habe abgewirtschaftet ...
+ich kann nichts mehr ausrichten ... ja, ihr müßt mir nun schon das
+Gnadenbrot geben, mir unnützem Weibe. Ich hätte nicht gedacht, daß es
+mir so gänzlich mißlingen würde, dir ein wenig zur Seite zu stehen, Tom!
+Nun mußt du ganz allein zusehen, daß wir Buddenbrooks den Platz
+behaupten ... Und Gott sei mit dir.«
+
+Es rollten zwei Tränen, große, helle Kindertränen über ihre Wangen
+hinunter, deren Haut anfing, kleine Unebenheiten zu zeigen.
+
+
+Elftes Kapitel
+
+Tony ging nicht müßig, sie nahm ihre Sache in die Hand. In der Hoffnung,
+sie möchte sich beruhigen, besänftigen, anderen Sinnes werden, hatte der
+Konsul vorläufig nur eines von ihr verlangt: sich still zu verhalten
+und, sowie auch Erika, das Haus nicht zu verlassen. Alles konnte sich
+zum besten wenden ... Fürs erste sollte nichts in der Stadt bekannt
+werden. Der Familientag, am Donnerstag, ward abgesagt.
+
+Aber schon am ersten Tage nach Frau Permaneders Ankunft ward
+Rechtsanwalt Doktor Gieseke durch ein Schreiben von ihrer Hand in die
+Mengstraße entboten. Sie empfing ihn allein, in dem Mittelzimmer am
+Korridor der ersten Etage, wo geheizt worden war und wo sie zu
+irgendeinem Behufe auf einem schweren Tische ein Tintenfaß, Schreibzeug
+und eine Menge weißen Papiers in Folioformat, das von unten aus dem
+Kontor stammte, geordnet hatte. Man nahm in zwei Lehnstühlen Platz ...
+
+»Herr Doktor!« sagte sie, indem sie die Arme kreuzte, den Kopf
+zurücklegte und zur Decke emporblickte. »Sie sind ein Mann, der das
+Leben kennt, sowohl als Mensch wie von Berufs wegen; ich darf offen zu
+Ihnen sprechen!« Und dann eröffnete sie ihm, wie sich mit Babett und im
+Schlafzimmer alles begeben habe, worauf Doktor Gieseke bedauerte, ihr
+erklären zu müssen, daß weder der betrübende Vorfall auf der Treppe,
+noch die gewisse, ihr zuteil gewordene Beschimpfung, über die des Nähern
+sich zu äußern sie sich weigere, einen hinlänglichen Scheidungsgrund
+darstelle.
+
+»Gut«, sagte sie. »Ich danke Ihnen.«
+
+Dann ließ sie sich eine Übersicht der zu Recht bestehenden
+Scheidungsgründe liefern und nahm daranschließend mit offenem Kopf und
+eindringlichem Interesse einen längeren dotalrechtlichen Vortrag
+entgegen, worauf sie den Doktor Gieseke vorläufig mit ernster
+Freundlichkeit entließ.
+
+Sie begab sich ins Erdgeschoß hinab und nötigte den Konsul in sein
+Privatkontor.
+
+»Thomas«, sagte sie, »ich bitte dich, dem Manne nun unverzüglich zu
+schreiben ... ich nenne nicht gern seinen Namen. Was mein Geld
+betrifft, so bin ich aufs genaueste unterrichtet. Er soll sich erklären.
+So oder so, mich sieht er nicht wieder. Willigt er in die rechtskräftige
+Scheidung, gut, so betreiben wir Rechnungslegung sowie Erstattung meiner
+_dos_. Weigert er sich, so brauchen wir ebenfalls nicht zu verzagen,
+denn du mußt wissen, Tom, daß Permaneders Recht an meiner _dos_ nach
+seiner juristischen Gestalt allerdings Eigentum ist, -- gewiß, das ist
+zuzugeben! -- daß ich aber materiell immerhin auch meine Befugnisse
+habe, Gottseidank ...«
+
+Der Konsul ging, die Hände auf dem Rücken, umher und bewegte nervös die
+Schultern, denn das Gesicht, mit dem sie das Wort »_dos_« hervorbrachte,
+war gar zu unsäglich stolz.
+
+Er hatte keine Zeit. Er war bei Gott überhäuft. Sie sollte sich gedulden
+und sich gefälligst noch fünfzigmal besinnen! Ihm stand jetzt zunächst,
+und zwar morgenden Tages, eine Fahrt nach Hamburg bevor: zu einer
+Konferenz, einer leidigen Unterredung mit Christian. Christian hatte
+geschrieben, um Unterstützung, um Aushilfe geschrieben, welche die
+Konsulin seinem dereinstigen Erbe entnehmen mußte. Um seine Geschäfte
+stand es jammervoll, und obgleich er beständig einer Reihe von
+Beschwerden unterlag, schien er sich im Restaurant, im Zirkus, im
+Theater doch königlich zu amüsieren, und, den Schulden nach zu urteilen,
+die jetzt zutage kamen und die er auf seinen gut klingenden Namen hin
+hatte machen können, weit über seine Verhältnisse zu leben. Man wußte in
+der Mengstraße, wußte es im »Klub« und in der ganzen Stadt, wer vor
+allem schuld daran war. Es war eine weibliche Person, eine
+alleinstehende Dame, die Aline Puvogel hieß und zwei hübsche Kinder
+besaß. Von den Hamburger Kaufherren stand nicht Christian Buddenbrook
+allein zu ihr in engen und kostspieligen Beziehungen ...
+
+Kurz, es gab außer Tonys Scheidungswünschen der widerwärtigen Dinge
+noch mehr, und die Fahrt nach Hamburg war dringlich. Übrigens war es
+wahrscheinlich, daß Permaneder seinerseits zunächst selbst von sich
+hören lassen würde ...
+
+Der Konsul reiste, und er kehrte in zorniger und trüber Stimmung zurück.
+Da aber aus München noch immer keine Nachricht gekommen war, so sah er
+sich genötigt, den ersten Schritt zu tun. Er schrieb; schrieb kühl,
+sachlich und ein wenig von oben herab: Unleugbar sei Antonie im
+Zusammenleben mit Permaneder schweren Enttäuschungen ausgesetzt gewesen
+... auch abgesehen von Einzelheiten habe sie im großen und ganzen das
+erhoffte Glück in dieser Ehe nicht finden können ... ihr Wunsch, das
+Bündnis gelöst zu sehen, müsse dem billig Denkenden berechtigt
+erscheinen ... leider scheine ihr Entschluß, nicht nach München
+zurückzukehren, unerschütterlich festzustehen ... Und es folgte die
+Frage, wie Permaneder sich diesen Tatsachen gegenüber verhalte ...
+
+Tage der Spannung!... Dann antwortete Herr Permaneder.
+
+Er antwortete, wie niemand, wie weder Doktor Gieseke, noch die Konsulin,
+noch Thomas, noch selbst Antonie es erwartet hatte. Er willigte mit
+schlichten Worten in die Scheidung.
+
+Er schrieb, daß er das Vorgefallene herzlich bedaure, daß er aber
+Antoniens Wünsche respektiere, denn er sähe ein: sie und er paßten »doch
+halt nimmer so recht zueinand'«. Wenn er ihr schwere Jahre bereitet
+habe, so möge sie versuchen, sie zu vergessen und ihm zu verzeihen ...
+Da er sie und Erika wohl nicht wiedersehen werde, so wünsche er ihr und
+dem Kinde für immer alles erdenkliche Glück ... Alois Permaneder. --
+Ausdrücklich erbot er sich in einer Nachschrift zur sofortigen
+Restituierung der Mitgift. Er für sein Teil könne mit dem Seinen sorglos
+leben. Er brauche keine Frist, denn Geschäfte seien nicht abzuwickeln,
+das Haus sei seine Sache, und die Summe sei sofort liquid. --
+
+Tony war fast ein wenig beschämt und fühlte sich zum ersten Male
+geneigt, Herrn Permaneders geringe Leidenschaft in Geldangelegenheiten
+lobenswert zu finden.
+
+Nun trat Doktor Gieseke aufs neue in Funktion, er setzte sich mit dem
+Gatten in betreff des Scheidungsgrundes in Verbindung, »beiderseitige
+unüberwindliche Abneigung« ward festgesetzt, und der Prozeß begann --
+Tonys zweiter Scheidungsprozeß, dessen Phasen sie mit Ernst,
+Sachkenntnis und ungeheurem Eifer verfolgte. Sie sprach davon, wo sie
+ging und stand, so daß der Konsul mehrere Male ärgerlich wurde. Sie war
+fürs erste nicht imstande, seinen Kummer zu teilen. Sie war in Anspruch
+genommen von Wörtern wie »Früchte«, »Erträgnisse«, »Akzessionen«,
+»Dotalsachen«, »Tangibilien«, die sie, den Kopf zurückgelegt und die
+Schultern ein wenig emporgezogen, mit würdevoller Geläufigkeit beständig
+hervorbrachte. Den tiefsten Eindruck von Doktor Giesekes
+Auseinandersetzungen hatte ihr ein Paragraph gemacht, der von einem
+etwaigen im Dotalgrundstück gefundenen »Schatze« handelte, welcher als
+Bestandteil des Dotalvermögens anzusehen und nach Beendigung der Ehe
+herauszugeben sei. Von diesem Schatze, der gar nicht vorhanden war,
+erzählte sie aller Welt: Ida Jungmann, Onkel Justus, der armen
+Klothilde, den Damen Buddenbrook in der Breiten Straße, die übrigens,
+als ihnen die Ereignisse bekanntgeworden waren, die Hände im Schoße
+zusammengeschlagen und sich angeblickt hatten: starr vor Erstaunen, daß
+ihnen auch diese Genugtuung noch zuteil wurde ... Therese Weichbrodt,
+deren Unterricht Erika Grünlich nun wieder genoß, und sogar der guten
+Madame Kethelsen, die aus mehr als einem Grunde nicht das geringste
+davon begriff ...
+
+Dann kam der Tag, an dem die Scheidung rechtskräftig und endgültig
+ausgesprochen wurde, an dem Tony die letzte notwendige Formalität
+erledigte, indem sie sich von Thomas die Familienpapiere erbat und
+eigenhändig das neue Faktum verzeichnete ... und nun galt es, sich an
+die Sachlage zu gewöhnen.
+
+Sie tat es mit Tapferkeit. Sie überhörte mit unberührbarer Würde die
+wunderbar hämischen kleinen Pointen der Damen Buddenbrook, sie übersah
+auf der Straße mit unaussprechlicher Kälte die Köpfe der Hagenströms und
+Möllendorpfs, die ihr begegneten, und sie verzichtete gänzlich auf das
+gesellschaftliche Leben, das ja übrigens seit Jahren nicht mehr in ihrem
+elterlichen Hause, sondern in dem ihres Bruders sich abspielte. Sie
+hatte ihre nächsten Angehörigen: die Konsulin, Thomas, Gerda; sie hatte
+Ida Jungmann, Sesemi Weichbrodt, ihre mütterliche Freundin, Erika, auf
+deren =vornehme= Erziehung sie Sorgfalt verwandte und in deren Zukunft
+sie vielleicht letzte heimliche Hoffnungen setzte ... So lebte sie, und
+so entschwand die Zeit.
+
+Später, auf irgendeine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen
+Familiengliedern das »Wort« bekanntgeworden, dieses desperate Wort, das
+in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlüpfen lassen. Was hatte
+er gesagt? -- »Geh zum Deifi, =Saulud'r dreckats=!«
+
+So schloß Tony Buddenbrooks zweite Ehe.
+
+
+
+
+Siebenter Teil
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Taufe!... Taufe in der Breiten Straße!
+
+Alles ist vorhanden, was Mme. Permaneder in Tagen der Hoffnung träumend
+vor Augen sah, alles: Denn im Eßzimmer am Tische -- behutsam und ohne
+Geklapper, das drüben im Saale die Feier stören würde -- füllt das
+Folgmädchen Schlagsahne in viele Tassen mit kochend heißer Schokolade,
+die dicht gedrängt auf einem ungeheuren runden Teebrett mit vergoldeten,
+muschelförmigen Griffen beieinander stehen ... während der Diener Anton
+einen ragenden Baumkuchen in Stücke schneidet und Mamsell Jungmann
+Konfekt und frische Blumen in silbernen Dessertschüsseln ordnet, wobei
+sie prüfend den Kopf auf die Schulter legt und die beiden kleinen Finger
+weit von den übrigen entfernt hält ...
+
+Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten werden, wenn die Herrschaften
+sich's im Wohnzimmer und Salon bequem gemacht haben, umhergereicht
+werden, und hoffentlich werden sie ausreichen, denn es ist die Familie
+im weiteren Sinne versammelt, wenn auch nicht geradezu im weitesten,
+denn durch die Överdiecks ist man auch mit den Kistenmakers ein wenig
+verwandt, durch diese mit den Möllendorpfs und so fort. Es wäre
+unmöglich, eine Grenze zu ziehen!... Die Överdiecks aber sind vertreten,
+und zwar durch das Haupt, den mehr als achtzigjährigen Doktor Kaspar
+Överdieck, regierender Bürgermeister.
+
+Er ist zu Wagen gekommen und, gestützt auf seinen Krückstock und den Arm
+Thomas Buddenbrooks, die Treppe heraufgestiegen. Seine Anwesenheit
+erhöht die Würde der Feier ... und ohne Zweifel: Diese Feier ist aller
+Würde würdig!
+
+Denn dort im Saale, vor einem als Altar verkleideten, mit Blumen
+geschmückten Tischchen, hinter dem in schwarzem Ornat und schneeweißer,
+gestärkter, mühlsteinartiger Halskrause ein junger Geistlicher spricht,
+hält eine reich in Rot und Gold gekleidete, große, stämmige, sorgfältig
+genährte Person ein kleines, unter Spitzen und Atlasschleifen
+verschwindendes Etwas auf ihren schwellenden Armen ... ein Erbe! Ein
+Stammhalter! Ein Buddenbrook! Begreift man, was das bedeutet?
+
+Begreift man das stille Entzücken, mit dem die Kunde, als das erste,
+leise, ahnende Wort gefallen, von der Breiten in die Mengstraße getragen
+worden? Den stummen Enthusiasmus, mit dem Frau Permaneder bei dieser
+Nachricht ihre Mutter, ihren Bruder und -- behutsamer -- ihre Schwägerin
+umarmt hat? Und nun, da der Frühling gekommen, der Frühling des Jahres
+einundsechzig, nun ist er da und empfängt das Sakrament der heiligen
+Taufe, er, auf dem längst so viele Hoffnungen ruhen, von dem längst so
+viel gesprochen, der seit langen Jahren erwartet, ersehnt worden, den
+man von Gott erbeten und um den man Doktor Grabow gequält hat ... er ist
+da und sieht ganz unscheinbar aus.
+
+Die kleinen Hände spielen mit den Goldlitzen an der Taille der Amme, und
+der Kopf, der mit einem hellblau garnierten Spitzenhäubchen bedeckt ist,
+liegt ein wenig seitwärts und unachtsam vom Pastor abgewandt, auf dem
+Kissen, so daß die Augen mit einem beinahe altklug prüfenden Blinzeln in
+den Saal hinein und auf die Verwandten blicken. In diesen Augen, deren
+obere Lider sehr lange Wimpern haben, ist das Hellblau der väterlichen
+und das Braun der mütterlichen Iris zu einem lichten, unbestimmten, nach
+der Beleuchtung wechselnden Goldbraun geworden; die Winkel aber zu
+beiden Seiten der Nasenwurzel sind tief und liegen in bläulichem
+Schatten. Das gibt diesem Gesichtchen, das noch kaum eines ist, etwas
+vorzeitig Charakteristisches und kleidet ein vier Wochen altes nicht zum
+besten; aber Gott wird geben, daß es nichts Ungünstiges bedeutet, denn
+auch bei der Mutter, die doch wohlauf ist, verhält es sich so ... und
+gleichviel: er lebt, und daß es ein Knabe ist, das war vor vier Wochen
+die eigentliche Freude.
+
+Er lebt, und es könnte anders sein. Der Konsul wird niemals den
+Händedruck vergessen, mit dem der gute Doktor Grabow, als er vor vier
+Wochen Mutter und Kind verlassen konnte, zu ihm gesagt hat: »Seien Sie
+dankbar, lieber Freund, es hätte nicht viel gefehlt ...« Der Konsul hat
+nicht zu fragen gewagt, woran nicht viel gefehlt hätte. Er weist den
+Gedanken, daß es mit diesem lange vergebens ersehnten, winzigen
+Geschöpfe, das so sonderbar lautlos zur Welt kam, beinahe gegangen wäre
+wie mit Antoniens zweitem Töchterchen, mit Entsetzen von sich ... Aber
+er weiß, daß es für Mutter und Kind eine verzweifelte Stunde gewesen
+ist, vor vier Wochen, und er beugt sich glücklich und zärtlich zu Gerda
+nieder, welche, die Lackschuhe auf einem Sammetkissen gekreuzt, vor ihm
+und neben der alten Konsulin in einem Armsessel lehnt.
+
+Wie bleich sie noch ist! Und wie fremdartig schön in ihrer Blässe, mit
+ihrem schweren, dunkelroten Haar und ihren rätselhaften Augen, die mit
+einer gewissen verschleierten Moquerie auf dem Prediger ruhen. Es ist
+Herr Andreas Pringsheim, _pastor marianus_, der nach des alten Kölling
+plötzlichem Tode in jungen Jahren schon zum Hauptpastor aufgerückt ist.
+Er hält die Hände inbrünstig, dicht unter dem erhobenen Kinn gefaltet.
+Er hat blondes, kurzgelocktes Haar und ein knochiges, glattrasiertes
+Gesicht, dessen Mimik zwischen fanatischem Ernst und heller Verklärung
+wechselt und ein wenig theatralisch erscheint. Er stammt aus Franken,
+woselbst er während einiger Jahre inmitten von lauter Katholiken eine
+kleine lutherische Gemeinde gehütet hat, und sein Dialekt ist unter dem
+Streben nach reiner und pathetischer Aussprache zu einer völlig
+eigenartigen Redeweise, mit langen und dunklen oder jäh akzentuierten
+Vokalen und einem an den Zähnen rollenden r geworden ...
+
+Er lobt Gott mit leiser, schwellender oder starker Stimme, und die
+Familie hört ihm zu: Frau Permaneder, gehüllt in würdevollen Ernst, der
+ihr Entzücken und ihren Stolz verbirgt; Erika Grünlich, nun schon fast
+fünfzehnjährig, ein kräftiges, junges Mädchen mit aufgestecktem Zopf und
+dem rosigen Teint ihres Vaters, und Christian, der heute morgen von
+Hamburg eingetroffen ist und seine tiefliegenden Augen von einer zur
+anderen Seite schweifen läßt ... Pastor Tiburtius und seine Gattin haben
+die Reise von Riga nicht gescheut, um bei der Feier zugegen sein zu
+können: Sievert Tiburtius, der die Enden seines langen, dünnen
+Backenbartes über beide Schultern gelegt hat, und dessen kleine, graue
+Augen sich hie und da in ungeahnter Weise erweitern, größer und größer
+werden, hervorquellen, beinahe herausspringen ... und Klara, die dunkel,
+ernst und streng dareinblickt und manchmal eine Hand zum Kopfe führt,
+denn dort schmerzt es ... Übrigens haben sie den Buddenbrooks ein
+prachtvolles Geschenk mitgebracht: einen mächtigen, aufrechten,
+ausgestopften, braunen Bären mit offenem Rachen, den ein Verwandter des
+Pastors irgendwo im inneren Rußland geschossen, und der jetzt, eine
+Visitenkartenschale zwischen den Tatzen, drunten auf dem Vorplatz steht.
+
+Krögers haben ihren Jürgen zu Besuch, den Postbeamten aus Rostock: ein
+einfach gekleideter, stiller Mensch. Wo Jakob sich aufhält, weiß niemand
+außer seiner Mutter, der geborenen Överdieck, der schwachen Frau, die
+heimlich Silberzeug verkauft, um dem Enterbten Geld zu senden ... Auch
+die Damen Buddenbrook sind anwesend, und sie sind tief erfreut über das
+glückliche Familienereignis, was aber Pfiffi nicht gehindert hat, zu
+bemerken, das Kind sehe ziemlich ungesund aus; und das haben die
+Konsulin, geborene Stüwing, sowohl wie Friederike und Henriette leider
+bestätigen müssen. Die arme Klothilde jedoch, grau, hager, geduldig und
+hungrig, ist bewegt von Pastor Pringsheims Worten und der Hoffnung auf
+Baumkuchen mit Schokolade ... Von nicht zur Familie gehörigen Personen
+sind Herr Friedrich Wilhelm Marcus und Sesemi Weichbrodt zugegen.
+
+Nun wendet der Pastor sich an die Paten und spricht ihnen von ihrer
+Pflicht. Justus Kröger ist der eine ... Konsul Buddenbrook hat sich
+anfangs geweigert, ihn zu bitten. »Fordern wir den alten Mann nicht zu
+Torheiten heraus!« sagte er. »Täglich hat er die furchtbarsten Szenen
+mit seiner Frau wegen des Sohnes, und sein bißchen Vermögen verfällt,
+und er fängt wahrhaftig vor Kummer schon an, ein bißchen salopp in
+seinem Äußern zu werden! Aber was meint ihr? Bitten wir ihn zu Gevatter,
+so schenkt er dem Kinde ein ganzes Service aus schwerem Golde und nimmt
+keinen Dank dafür!« Onkel Justus indessen ist, als er von einem anderen
+Paten hörte -- Stephan Kistenmaker, des Konsuls Freund, wurde genannt
+-- in so hohem Grade pikiert gewesen, daß man ihn dennoch herangezogen
+hat; und der goldene Becher, den er gespendet, ist zu Thomas
+Buddenbrooks Befriedigung nicht übertrieben schwer.
+
+Und der zweite Pate? Es ist dieser schneeweiße, würdige, alte Herr, der
+hier mit seiner hohen Halsbinde und seinem weichen, schwarzen Tuchrock,
+aus dessen hinterer Tasche stets der Zipfel eines roten Schnupftuches
+hervorhängt, sich in dem bequemsten Lehnstuhl über seinen Krückstock
+beugt: Bürgermeister Doktor Överdieck. Es ist ein Ereignis, ein Sieg!
+Manche Leute begreifen nicht, wie es zugegangen ist. Guter Gott, es ist
+doch kaum eine Verwandtschaft! Die Buddenbrooks haben den Alten an den
+Haaren herbeigezogen ... Und in der Tat: es ist ein Streich, eine kleine
+Intrige, die der Konsul zusammen mit Mme. Permaneder eingefädelt hat.
+Eigentlich, in der ersten Freude, als Mutter und Kind in Sicherheit
+waren, ist es bloß ein Scherz gewesen. »Ein Junge, Tony! -- Der soll den
+Bürgermeister zum Gevatter haben!« hat der Konsul gerufen; aber sie hat
+es aufgegriffen und ist mit Ernst darauf eingegangen, worauf auch er
+sich die Sache wohl überlegt und dann in einen Versuch gewilligt hat. So
+haben sie sich hinter Onkel Justus gesteckt, der seine Frau zu ihrer
+Schwägerin, der Gattin des Holzhändlers Överdieck, geschickt hat, die
+ihrerseits ihren greisen Schwiegervater ein wenig hat präparieren
+müssen. Dann hat ein ehrerbietiger Besuch Thomas Buddenbrooks bei dem
+Staatsoberhaupte das Seine getan ...
+
+Und nun sprengt, während die Amme die Haube des Kindes lüftet, der
+Pastor vorsichtig zwei oder drei Tropfen aus der silbernen, innen
+vergoldeten Schale, die vor ihm steht, auf das spärliche Haar des
+kleinen Buddenbrook und nennt langsam und nachdrücklich die Namen, auf
+die er ihn tauft: -- =Justus=, =Johann=, =Kaspar=. Dann folgt ein kurzes
+Gebet, und die Verwandten gehen vorbei, um dem stillen und gleichmütigen
+Wesen einen glückwünschenden Kuß auf die Stirn zu drücken ... Therese
+Weichbrodt kommt zuletzt, und die Amme muß ihr das Kind ein wenig
+hinunterreichen; dafür aber gibt Sesemi ihm =zwei= Küsse, die leise
+knallen und zwischen denen sie sagt: »Du gutes Kend!«
+
+Drei Minuten später hat man sich im Salon und im Wohnzimmer gruppiert,
+und die Süßigkeiten machen die Runde. Auch Pastor Pringsheim in seinem
+langen Ornat, unter dem die breiten, blankgewichsten Stiefel
+hervorsehen, und seiner Halskrause sitzt da, nippt die kühle Schlagsahne
+von seiner heißen Schokolade und plaudert mit verklärtem Gesicht in
+einer ganz leichten Art, die im Gegensatze zu seiner Rede von besonderer
+Wirksamkeit ist. In jeder seiner Bewegungen liegt ausgedrückt: Seht, ich
+kann auch den Priester ablegen und ein ganz harmlos fröhliches Weltkind
+sein! Er ist ein gewandter, anschmiegsamer Mann. Er spricht mit der
+alten Konsulin ein wenig salbungsvoll, mit Thomas und Gerda weltmännisch
+und mit glatten Gebärden, mit Frau Permaneder im Tone einer herzlichen,
+schalkhaften Heiterkeit ... Hie und da, wenn er sich besinnt, kreuzt er
+die Hände im Schoß, legt den Kopf zurück, verfinstert die Brauen und
+macht ein langes Gesicht. Beim Lachen zieht er die Luft stoßweise und
+zischend durch die geschlossenen Zähne ein.
+
+Plötzlich entsteht draußen auf dem Korridor Bewegung, man hört die
+Dienstboten lachen, und in der Tür erscheint ein sonderbarer Gratulant.
+Es ist Grobleben: Grobleben, an dessen magerer Nase zu jeder Jahreszeit
+beständig ein länglicher Tropfen hängt, ohne jemals hinunterzufallen.
+Grobleben ist ein Speicherarbeiter des Konsuls, und sein Brotherr hat
+ihm einen Nebenverdienst als Stiefelwichser angewiesen. Frühmorgens
+erscheint er in der Breiten Straße, nimmt das vor die Tür gestellte
+Schuhwerk und reinigt es unten auf der Diele. Bei Familienfestlichkeiten
+aber stellt er sich feiertäglich gekleidet ein, bringt Blumen und hält,
+während der Tropfen an seiner Nase balanciert, mit weinerlicher und
+salbungsvoller Stimme eine Ansprache, worauf er ein Geldgeschenk
+entgegennimmt. Aber er tut es nicht =darum=!
+
+Er hat einen schwarzen Rock angezogen -- es ist ein abgelegter des
+Konsuls -- trägt aber Schmierstiefel mit Schäften und einen blauwollenen
+Schal um den Hals. In der Hand, einer dürren, roten Hand, hält er ein
+großes Bukett von blassen, ein wenig zu weit erblühten Rosen, die sich
+zum Teil langsam auf den Teppich entblättern. Seine kleinen, entzündeten
+Augen blinzeln umher, scheinbar ohne etwas zu sehen ... Er bleibt in
+der Tür stehen, hält den Strauß vor sich hin und beginnt sofort zu
+reden, während die alte Konsulin ihm nach jedem Worte ermunternd zunickt
+und kleine, erleichternde Einwürfe macht, der Konsul ihn betrachtet,
+indem er eine seiner hellen Brauen emporzieht, und einige
+Familienmitglieder, wie zum Beispiel Frau Permaneder, den Mund mit dem
+Taschentuch bedecken.
+
+»Ick bün man 'n armen Mann, mine Herrschaften, öäwer ick hew 'n
+empfindend Hart, un dat Glück und de Freud von min Herrn, Kunsel
+Buddenbrook, welcher ümmer gaut tau mi west is, dat geiht mi nah, und so
+bün ick kamen, um den Hern Kunsel un die Fru Kunsulin un die ganze
+hochverehrte Fomili ut vollem Harten tau gratuleern, un dat dat Kind
+gedeihen mög', denn dat verdeinen sei vor Gott un den Minschen, un so'n
+Herr, as Kunsel Buddenbrook, giwt dat nich veele, dat is 'n edeln Herrn,
+un uns Herrgott wird ihn das allens lohnen ...«
+
+»So, Grobleben! Dat hewn Sei schön segt! Veelen Dank ook, Grobleben! Wat
+wolln Sei denn mit de Rosen?«
+
+Aber Grobleben ist noch nicht zu Ende, er strengt seine weinerliche
+Stimme an und übertönt die des Konsuls.
+
+»... uns Herrgott wird ihn das allens lohnen, segg ick, ihn un die ganze
+hochverehrte Fomili, wenn dat so wid is, un wenn wi vor sinen Staul
+stahn, denn eenmal müssen all in de Gruw fahrn, arm un riek, dat is sin
+heiliger Will' un Ratschluß, un eener krigt 'nen finen polierten Sarg ut
+düern Holz, un de andere krigt 'ne oll Kist', öäwer tau Moder müssen wi
+alle warn, wi müssen all tau Moder warn, tau Moder ... tau Moder ...!«
+
+»Nee, Grobleben! Wi hebb'm 'ne Tauf' hüt, un Sei mit eern Moder!...«
+
+»Un düs wärn einige Blumens«, schließt Grobleben.
+
+»Dank Ihnen, Grobleben! Dat is öäwer tau veel! Wat hebb'm Sei sik dat
+kosten laten, Minsch! Un so 'ne Red' hew ick all lang nich hürt!... Na,
+hier! Maken Sei sik 'nen vergneugten Dag!« Und der Konsul legt ihm die
+Hand auf die Schulter, indem er ihm einen Taler gibt.
+
+»Da, guter Mann!« sagt die alte Konsulin. »Haben Sie auch Ihren Heiland
+lieb?«
+
+»Den hew ick von Harten leiw, Fru Kunselin, dat is so woahr ...!« Und
+Grobleben nimmt auch von ihr einen Taler in Empfang, und dann einen
+dritten von Madame Permaneder, worauf er sich unter Kratzfüßen
+zurückzieht und die Rosen, soweit sie noch nicht auf dem Teppich liegen,
+in Gedanken wieder mitnimmt ...
+
+... Nun ist der Bürgermeister aufgebrochen -- der Konsul hat ihn
+hinunter zum Wagen geleitet -- und das ist das Zeichen zum Abschiede
+auch für die übrigen Gäste, denn Gerda Buddenbrook bedarf der Schonung.
+Es wird still in den Zimmern. Die alte Konsulin mit Tony, Erika und
+Mamsell Jungmann sind die letzten.
+
+»Ja, Ida«, sagt der Konsul, »ich habe mir gedacht -- und meine Mutter
+ist einverstanden -- Sie haben uns alle einmal gepflegt, und wenn der
+kleine Johann ein bißchen größer ist ... jetzt hat er noch die Amme, und
+nach ihr wird wohl eine Kinderfrau nötig sein, aber haben Sie Lust, dann
+zu uns überzusiedeln?«
+
+»Ja, ja, Herr Konsul, und wenn's Ihrer Frau Gemahlin wird recht
+sein ...«
+
+Auch Gerda ist zufrieden mit diesem Plan, und so wird der Vorschlag
+schon jetzt zum Beschluß.
+
+Beim Weggehen aber, schon in der Tür, wendet Frau Permaneder sich noch
+einmal um. Sie kehrt zu ihrem Bruder zurück, küßt ihn auf beide Wangen
+und sagt: »Das ist ein schöner Tag, Tom, ich bin so glücklich, wie seit
+manchem Jahr nicht mehr! Wir Buddenbrooks pfeifen noch nicht aus dem
+letzten Loch, Gott sei Dank, wer das glaubt, der irrt im höchsten Grade!
+Jetzt, wo der kleine Johann da ist -- es ist so schön, daß wir ihn
+wieder Johann genannt haben -- jetzt ist mir, als ob noch einmal eine
+ganz neue Zeit kommen muß!«
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Christian Buddenbrook, Inhaber der Firma H. C. F. Burmeester & Comp. zu
+Hamburg, seinen modischen grauen Hut und seinen gelben Stock mit der
+Nonnenbüste in der Hand, kam in das Wohnzimmer seines Bruders, der mit
+Gerda lesend beisammen saß. Es war halb zehn Uhr am Abend des
+Tauftages.
+
+»Guten Abend«, sagte Christian. »Ach, Thomas, ich muß dich mal dringend
+sprechen ... Entschuldige, Gerda ... Es eilt, Thomas.«
+
+Sie gingen in das dunkle Speisezimmer hinüber, woselbst der Konsul eine
+der Gaslampen an der Wand entzündete und seinen Bruder betrachtete. Ihm
+ahnte nichts Gutes. Er hatte, abgesehen von der ersten Begrüßung, noch
+nicht Gelegenheit gehabt, mit Christian zu sprechen; aber er hatte ihn
+heute während der Feierlichkeit aufmerksam beobachtet und gesehen, daß
+er ungewöhnlich ernst und unruhig gewesen war, ja, daß er im Verlaufe
+von Pastor Pringsheims Rede einmal sogar aus irgendwelchen Gründen den
+Saal für mehrere Minuten verlassen hatte ... Thomas hatte ihm keine
+Zeile mehr geschrieben seit jenem Tage in Hamburg, an dem Christian
+zehntausend Mark Kurant von seinem Erbe im voraus aus seinen Händen zur
+Deckung von Schulden empfangen. »Fahre nur so fort!« hatte der Konsul
+gesagt. »Dann werden deine Groschen rasch vertan sein. Was mich
+betrifft, ich hoffe, daß du künftig recht wenig meine Wege kreuzen
+wirst. Du hast meine Freundschaft während all der Jahre auf zu harte
+Proben gestellt« ... Warum kam er jetzt? Etwas Dringendes mußte ihn
+treiben ...
+
+»Nun?« fragte der Konsul.
+
+»Ich kann es nun nicht mehr«, antwortete Christian, indem er sich, Hut
+und Stock zwischen den mageren Knien, seitwärts auf einen der
+hochlehnigen Stühle niederließ, die den Eßtisch umstanden.
+
+»Darf ich fragen, was du nun nicht mehr kannst, und was dich zu mir
+führt?« sagte der Konsul, der stehenblieb.
+
+»Ich kann es nun nicht mehr«, wiederholte Christian, drehte mit
+fürchterlich unruhigem Ernst seinen Kopf hin und her und ließ seine
+kleinen, runden, tiefliegenden Augen schweifen. Er zählte jetzt 33
+Jahre, aber er sah weit älter aus. Sein rötlichblondes Haar war so stark
+gelichtet, daß fast schon die ganze Schädeldecke freilag. Über den tief
+eingefallenen Wangen traten die Knochen scharf hervor; dazwischen aber
+buckelte sich, nackt, fleischlos, hager, in ungeheurer Wölbung seine
+große Nase ...
+
+»Wenn es nur dies wäre«, fuhr er fort, indem er mit der Hand an seiner
+linken Seite hinunterstrich, ohne seinen Körper zu berühren ... »Es ist
+kein Schmerz, es ist eine Qual, weißt du, eine beständige, unbestimmte
+Qual. Doktor Drögemüller in Hamburg hat mir gesagt, daß an dieser Seite
+alle Nerven zu kurz sind ... Stelle dir vor, an der ganzen linken Seite
+sind alle Nerven zu kurz bei mir! Es ist so sonderbar ... manchmal ist
+mir, als ob hier an der Seite irgendein Krampf oder eine Lähmung
+stattfinden müßte, eine Lähmung für immer ... Du hast keine Vorstellung
+... Keinen Abend schlafe ich ordentlich ein. Ich fahre auf, weil
+plötzlich mein Herz nicht mehr klopft und ich einen ganz entsetzlichen
+Schreck bekomme ... Das geschieht nicht einmal, sondern zehnmal, bevor
+ich einschlafe. Ich weiß nicht, ob du es kennst ... ich will es dir ganz
+genau beschreiben ... Es ist ...«
+
+»Laß nur«, sagte der Konsul kalt. »Ich nehme nicht an, daß du
+hierhergekommen bist, um mir dies zu erzählen?«
+
+»Nein, Thomas, wenn es nur =das= wäre; aber =das= ist es nicht allein!
+Es ist mit dem Geschäft ... Ich kann es nun nicht mehr.«
+
+»Du bist wieder in Unordnung?« Der Konsul fuhr nicht einmal auf, er
+wurde nicht mehr laut. Er fragte es ganz ruhig, während er seinen Bruder
+von der Seite mit einer müden Kälte ansah.
+
+»Nein, Thomas. Und um die Wahrheit zu sagen -- es ist ja nun doch gleich
+-- ich bin niemals recht in Ordnung gekommen, auch durch die
+Zehntausende damals nicht, wie du selbst weißt ... Die waren eigentlich
+nur, damit ich nicht gleich zuzumachen brauchte. Die Sache ist die ...
+Ich habe gleich darauf noch Verluste gehabt, in Kaffee ... und bei dem
+Bankerott in Antwerpen ... Das ist wahr. Aber dann habe ich eigentlich
+gar nichts mehr getan und mich still verhalten. Aber man muß doch leben
+... und nun sind da Wechsel und andere Schulden ... fünftausend Taler
+... Ach, du weißt nicht, wie sehr ich herunter bin! Und zu allem diese
+Qual ...«
+
+»Also, du hast dich still verhalten!« schrie der Konsul außer sich. In
+diesem Augenblick verlor er dennoch die Fassung. »Du hast die Karre im
+Dreck gelassen und dich anderweitig unterhalten! Meinst du, daß ich
+nicht vor Augen sehe, wie du gelebt hast, im Theater und im Zirkus und
+in Klubs und mit minderwertigen Frauenzimmern.«
+
+»Du meinst Aline ... Ja, für diese Dinge hast du wenig Sinn, Thomas, und
+es ist vielleicht mein Unglück, daß ich zuviel Sinn dafür habe; denn
+darin hast du recht, daß es mich zuviel gekostet hat und noch immer
+ziemlich viel kosten wird, denn ich will dir eines sagen ... wir sind
+hier unter uns Brüdern ... Das dritte Kind, das kleine Mädchen, das seit
+einem halben Jahre da ist ... es ist von mir.«
+
+»Esel.«
+
+»Sage das nicht, Thomas. Du mußt gerecht sein, auch im Zorne, gegen sie
+und gegen ... warum sollte es nicht von mir sein. Was aber Aline
+betrifft, so ist sie durchaus nicht minderwertig; so etwas darfst du
+nicht sagen. Es ist ihr keineswegs gleichgültig, mit wem sie lebt, und
+sie hat meinetwegen mit Konsul Holm gebrochen, der viel mehr Geld hat
+als ich, so gut ist sie gesinnt ... Nein, du hast keinen Begriff,
+Thomas, was für ein prachtvolles Geschöpf das ist! Sie ist so gesund ...
+so =gesund= ...!« wiederholte Christian, indem er eine Hand, ihren
+Rücken nach außen, mit gekrümmten Fingern vors Gesicht hielt, ähnlich
+wie er zu tun pflegte, wenn er von »_That's Maria_« und dem Laster in
+London erzählte. »Du solltest nur ihre Zähne sehen, wenn sie lacht! Ich
+habe solche Zähne auf der ganzen Welt noch nicht gefunden, in Valparaiso
+nicht und in London nicht ... Ich werde nie den Abend vergessen, als ich
+sie kennenlernte ... bei Uhlich in der Austernstube ... Sie hielt es
+damals mit Konsul Holm; aber ich erzählte ein bißchen und war ein
+bißchen nett mit ihr ... Und als ich sie dann nachher bekam ... tja,
+Thomas! Das ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn man ein gutes Geschäft
+macht ... Aber du hörst nicht gern von solchen Dingen, ich sehe es dir
+auch jetzt wieder an, und es ist nun ja auch zu Ende. Ich werde ihr nun
+Adieu sagen, obgleich ich ja, wegen des Kindes, mit ihr in Verbindung
+bleiben werde ... Ich will in Hamburg alles bezahlen, was ich schuldig
+bin, verstehst du, und dann zumachen. Ich kann es nun nicht mehr. Mit
+Mutter habe ich gesprochen, und sie will mir auch die fünftausend Taler
+im voraus geben, damit ich Ordnung machen kann, und damit wirst du
+einverstanden sein, denn es ist doch besser, man sagt ganz einfach:
+Christian Buddenbrook liquidiert und geht ins Ausland ... als wenn
+ich Bankerott mache, darin wirst du mir recht geben. Ich will nämlich
+wieder nach London gehen, Thomas, in London eine Stelle annehmen. Die
+Selbständigkeit ist so gar nichts für mich, das merke ich mehr und mehr.
+Diese Verantwortlichkeit ... Als Angestellter geht man abends sorglos
+nach Hause ... Und in London bin ich gern gewesen ... Hast du etwas
+dagegen?«
+
+Der Konsul hatte während dieser ganzen Auseinandersetzung seinem Bruder
+den Rücken zugewandt und, die Hände in den Hosentaschen, mit einem Fuße
+Figuren auf dem Boden beschrieben.
+
+»Schön, gehe also nach London«, sagte er ganz einfach. Und ohne sich
+auch nur halbwegs noch einmal nach Christian umzuwenden, ließ er ihn
+hinter sich und schritt zum Wohnzimmer zurück.
+
+Aber Christian folgte ihm. Er ging auf Gerda zu, die dort allein bei der
+Lektüre saß, und gab ihr die Hand.
+
+»Gute Nacht, Gerda. Ja, Gerda, ich gehe nun also demnächst wieder nach
+London. Merkwürdig, wie man umhergeworfen wird. Nun wieder so ins
+Ungewisse, weißt du, in solche große Stadt, wo es bei jedem dritten
+Schritt ein Abenteuer gibt und man soviel erleben kann. Sonderbar ...
+kennst du das Gefühl? Es sitzt hier, ungefähr im Magen ... ganz
+sonderbar ...«
+
+
+Drittes Kapitel
+
+James Möllendorpf, der älteste kaufmännische Senator, starb auf groteske
+und schauerliche Weise. Diesem diabetischen Greise waren die
+Selbsterhaltungsinstinkte so sehr abhanden gekommen, daß er in den
+letzten Jahren seines Lebens mehr und mehr einer Leidenschaft für Kuchen
+und Torten unterlegen war. Doktor Grabow, der auch bei Möllendorpfs
+Hausarzt war, hatte mit aller Energie, deren er fähig war, protestiert,
+und die besorgte Familie hatte ihrem Oberhaupte das süße Gebäck mit
+sanfter Gewalt entzogen. Was aber hatte der Senator getan? Geistig
+gebrochen, wie er war, hatte er sich irgendwo in einer unstandesgemäßen
+Straße, in der Kleinen Gröpelgrube, An der Mauer oder im Engelswisch ein
+Zimmer gemietet, eine Kammer, ein wahres Loch, wohin er sich heimlich
+geschlichen hatte, um Torte zu essen ... und dort fand man auch den
+Entseelten, den Mund noch voll halb zerkauten Kuchens, dessen Reste
+seinen Rock befleckten und auf dem ärmlichen Tische umherlagen. Ein
+tödlicher Schlaganfall war der langsamen Auszehrung zuvorgekommen.
+
+Die widerlichen Einzelheiten dieses Todesfalles wurden von der Familie
+nach Möglichkeit geheimgehalten; aber sie verbreiteten sich rasch in der
+Stadt und bildeten den Gesprächsstoff an der Börse, im »Klub«, in der
+»Harmonie«, in den Kontors, in der Bürgerschaft und auf den Bällen,
+Diners und Abendgesellschaften, denn das Ereignis fiel in den Februar --
+den Februar des Jahres 62 -- und das gesellschaftliche Leben war noch in
+vollem Gange. Selbst die Freundinnen der Konsulin Buddenbrook erzählten
+sich am »Jerusalemsabend« von Senator Möllendorpfs Tode, wenn Lea
+Gerhardt im Vorlesen eine Pause machte, selbst die kleinen
+Sonntagsschülerinnen flüsterten davon, wenn sie ehrfürchtig über die
+große Buddenbrooksche Diele gingen, und Herr Stuht in der
+Glockengießerstraße hatte mit seiner Frau, die in den ersten Kreisen
+verkehrte, eine ausführliche Unterredung darüber.
+
+Allein das Interesse konnte nicht lange auf das Zurückliegende gerichtet
+bleiben. Gleich mit dem ersten Gerücht von dem Ableben dieses alten
+Ratsherrn war die eine große Frage aufgetaucht ... als aber die Erde ihn
+deckte, war es diese Frage allein, die alle Gemüter beherrschte: Wer ist
+der Nachfolger?
+
+Welche Spannung und welche unterirdische Geschäftigkeit! Der Fremde, der
+gekommen ist, die mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten und die anmutige
+Umgebung der Stadt in Augenschein zu nehmen, merkt nichts davon; aber
+welch Treiben unter der Oberfläche! Welche Agitation! Ehrenfeste,
+gesunde, von keiner Skepsis angekränkelte Meinungen platzen aufeinander,
+poltern vor Überzeugung, prüfen einander und verständigen sich langsam,
+langsam. Die Leidenschaften sind aufgeregt. Ehrgeiz und Eitelkeit wühlen
+im stillen. Eingesargte Hoffnungen regen sich, stehen auf und werden
+enttäuscht. Der alte Kaufmann Kurz in der Bäckergrube, der bei jeder
+Wahl drei oder vier Stimmen erhält, wird wiederum am Wahltage bebend in
+seiner Wohnung sitzen und des Rufes harren; aber er wird auch diesmal
+nicht gewählt werden, er wird fortfahren, mit einer Miene voll
+Biedersinn und Selbstzufriedenheit, das Trottoir mit seinem Spazierstock
+zu stoßen, und er wird sich mit diesem heimlichen Grame ins Grab legen,
+nicht Senator geworden zu sein ...
+
+Als James Möllendorpfs Tod am Donnerstage beim Buddenbrookschen
+Familienmittagessen besprochen worden war, hatte Frau Permaneder nach
+einigen Ausdrücken des Bedauerns begonnen, ihre Zungenspitze an der
+Oberlippe spielen zu lassen und verschlagen zu ihrem Bruder
+hinüberzublicken, was die Damen Buddenbrook veranlaßt hatte,
+unbeschreiblich spitzige Blicke zu tauschen und dann sämtlich, wie auf
+Kommando, während einer Sekunde Augen und Lippen ganz fest zu schließen.
+Der Konsul hatte einen Moment das listige Lächeln seiner Schwester
+erwidert und dann dem Gespräche eine andere Richtung gegeben. Er wußte,
+daß man in der Stadt den Gedanken aussprach, den Tony glückselig in sich
+bewegte ...
+
+Namen wurden genannt und verworfen. Andere tauchten auf und wurden
+gesichtet. Henning Kurz in der Bäckergrube war zu alt. Eine frische
+Kraft war endlich vonnöten. Konsul Huneus, der Holzhändler, dessen
+Millionen übrigens nicht leicht ins Gewicht gefallen wären, war
+verfassungsmäßig ausgeschlossen, weil sein Bruder dem Senate angehörte.
+Konsul Eduard Kistenmaker, der Weinhändler, und Konsul Hermann
+Hagenström behaupteten sich auf der Liste. Von Anfang an aber klang
+beständig dieser Name mit: Thomas Buddenbrook. Und je mehr der Wahltag
+sich näherte, desto klarer ward es, daß er zusammen mit Hermann
+Hagenström die meisten Chancen besaß.
+
+Kein Zweifel, Hermann Hagenström hatte Anhänger und Bewunderer. Sein
+Eifer in öffentlichen Angelegenheiten, die frappierende Schnelligkeit,
+mit der die Firma Strunck & Hagenström emporgeblüht war und sich
+entfaltet hatte, des Konsuls luxuriöse Lebensführung, das Haus, das er
+führte, und die Gänseleberpastete, die er frühstückte, verfehlten nicht,
+ihren Eindruck zu machen. Dieser große, ein wenig zu fette Mann mit
+seinem rötlichen, kurzgehaltenen Vollbart und seiner ein wenig zu platt
+auf der Oberlippe liegenden Nase, dieser Mann, dessen Großvater noch
+niemand und er selbst nicht gekannt hatte, dessen Vater infolge seiner
+reichen, aber zweifelhaften Heirat gesellschaftlich noch beinahe
+unmöglich gewesen war und der dennoch, verschwägert sowohl mit den
+Huneus als mit den Möllendorpfs, seinen Namen denjenigen der fünf oder
+sechs herrschenden Familien angereiht und gleichgestellt hatte, war
+unleugbar eine merkwürdige und respektable Erscheinung in der Stadt. Das
+Neuartige und damit Reizvolle seiner Persönlichkeit, das, was ihn
+auszeichnete und ihm in den Augen vieler eine führende Stellung gab, war
+der liberale und tolerante Grundzug seines Wesens. Die legere und
+großzügige Art, mit der er Geld verdiente und verausgabte, war etwas
+anderes als die zähe, geduldige und von streng überlieferten Prinzipien
+geleitete Arbeit seiner kaufmännischen Mitbürger. Dieser Mann stand frei
+von den hemmenden Fesseln der Tradition und der Pietät auf seinen
+eigenen Füßen, und alles Altmodische war ihm fremd. Er bewohnte keines
+der alten, mit unsinniger Raumverschwendung gebauten Patrizierhäuser, um
+deren ungeheure Steindielen sich weißlackierte Galerien zogen. Sein Haus
+in der Sandstraße -- der südlichen Verlängerung der Breiten Straße --,
+mit schlichter Ölfassade, praktisch ausgebeuteten Raumverhältnissen und
+reicher, eleganter, bequemer Einrichtung, war neu und jedes steifen
+Stiles bar. Übrigens hatte er in dieses sein Haus noch vor kurzem,
+gelegentlich einer seiner größeren Abendgesellschaften, eine ans
+Stadttheater engagierte Sängerin geladen, hatte sie nach Tische vor
+seinen Gästen, unter denen sich auch sein kunstliebender und
+schöngeistiger Bruder, der Rechtsgelehrte, befand, singen lassen und die
+Dame aufs glänzendste honoriert. Er war nicht der Mann, in der
+Bürgerschaft die Bewilligung größerer Geldsummen zur Restaurierung und
+Erhaltung der mittelalterlichen Denkmäler zu befürworten. Daß er aber
+der erste, absolut in der ganzen Stadt der erste gewesen war, der seine
+Wohnräume und seine Kontors mit Gas beleuchtet hatte, war Tatsache.
+Gewiß, wenn Konsul Hagenström irgendeiner Tradition lebte, so war es die
+von seinem Vater, dem alten Hinrich Hagenström, übernommene
+unbeschränkte, fortgeschrittene, duldsame und vorurteilsfreie
+Denkungsart, und hierauf gründete sich die Bewunderung, die er genoß.
+
+Das Prestige Thomas Buddenbrooks war anderer Art. Er war nicht nur er
+selbst; man ehrte in ihm noch die unvergessenen Persönlichkeiten seines
+Vaters, Großvaters und Urgroßvaters, und abgesehen von seinen eigenen
+geschäftlichen und öffentlichen Erfolgen war er der Träger eines
+hundertjährigen Bürgerruhmes. Die leichte, geschmackvolle und bezwingend
+liebenswürdige Art freilich, in der er ihn repräsentierte und
+verwertete, war wohl das Wichtigste; und was ihn auszeichnete, war ein
+selbst unter seinen gelehrten Mitbürgern ganz ungewöhnlicher Grad
+formaler Bildung, der, wo er sich äußerte, ebensoviel Befremdung wie
+Respekt erregte ...
+
+Donnerstags, bei Buddenbrooks, war von der bevorstehenden Wahl in
+Gegenwart des Konsuls meist nur in Form von kurzen und fast
+gleichgültigen Bemerkungen die Rede, bei denen die alte Konsulin diskret
+ihre hellen Augen beiseiteschweifen ließ. Hie und da aber konnte Frau
+Permaneder sich trotzdem nicht entbrechen, ein wenig mit ihrer
+erstaunlichen Kenntnis der Staatsverfassung zu prunken, deren Satzungen
+sie, soweit sie die Wahl eines Senatsmitgliedes betrafen, ebenso
+eingehend studiert hatte wie vor Jahr und Tag die Scheidungsparagraphen.
+Sie sprach dann von Wahlkammern, Wahlbürgern und Stimmzetteln, erwog
+alle denkbaren Eventualitäten, zitierte wörtlich und ohne Anstoß den
+feierlichen Eid, der von den Wählern zu leisten ist, erzählte von der
+»freimütigen Besprechung«, die verfassungsmäßig von den einzelnen
+Wahlkammern über alle diejenigen vorgenommen wird, deren Namen auf der
+Kandidatenliste stehen, und gab dem lebhaften Wunsche Ausdruck, an der
+»freimütigen Besprechung« der Persönlichkeit Hermann Hagenströms
+teilnehmen zu dürfen. Einen Augenblick später beugte sie sich vor und
+begann, die Pflaumenkerne auf dem Kompotteller ihres Bruders zu zählen:
+»Edelmann -- Bedelmann -- Doktor -- Pastor -- -- Ratsherr!« sagte sie
+und schnellte mit ihrer Messerspitze den fehlenden Kern auf den kleinen
+Teller hinüber ... Nach Tische aber, unfähig, an sich zu halten, zog sie
+den Konsul am Arme beiseite, in eine Fensternische.
+
+»O Gott, Tom! wenn du es wirst ... wenn unser Wappen in die Kriegsstube
+im Rathause kommt ... ich sterbe vor Freude! ich falle um und bin tot,
+du sollst sehen!«
+
+»So, liebe Tony! Nun etwas mehr Haltung und Würde, wenn ich dich bitten
+darf! Das pflegt dir doch sonst nicht abzugehen? Gehe ich umher wie
+Henning Kurz? Wir sind auch ohne `Senator´ was ... Und du wirst
+hoffentlich am Leben bleiben, im einen wie im anderen Falle.«
+
+Und die Agitation, die Beratungen, die Kämpfe der Meinungen nahmen ihren
+Fortgang. Konsul Peter Döhlmann, der Suitier, mit seinem gänzlich
+verkommenen Geschäft, das nur noch dem Namen nach existierte, und seiner
+27jährigen Tochter, deren Erbe er verfrühstückte, beteiligte sich daran,
+indem er bei einem Diner, das Thomas Buddenbrook gab, und bei einem
+ebensolchen, das Hermann Hagenström veranstaltete, jedesmal den
+betreffenden Wirt mit schallender und lärmender Stimme »Herr Senator«
+nannte. Siegismund Gosch aber, der alte Makler Gosch, ging umher wie ein
+brüllender Löwe und machte sich anheischig, ohne Umschweife jeden zu
+erdrosseln, der nicht gewillt sei, für Konsul Buddenbrook zu stimmen.
+
+»Konsul Buddenbrook, meine Herren ... ha! welch ein Mann! Ich habe an
+der Seite seines Vaters gestanden, als er _anno_ 48 mit einem Worte die
+Wut des entfesselten Pöbels zähmte ... Gäbe es eine Gerechtigkeit auf
+Erden, so hätte schon sein Vater, schon der Vater seines Vaters dem
+Senate angehören müssen ...«
+
+Im Grunde jedoch war es nicht sowohl Konsul Buddenbrook selbst, dessen
+Persönlichkeit das Innere des Herrn Gosch in Flammen setzte, als
+vielmehr die junge Frau Konsulin, geborene Arnoldsen. Nicht als ob der
+Makler jemals ein Wort mit ihr gewechselt hätte. Er gehörte nicht zu dem
+Kreise der reichen Kaufleute, speiste nicht an ihren Tafeln und tauschte
+nicht Visiten mit ihnen. Aber, wie schon erwähnt, Gerda Buddenbrook war
+nicht sobald in der Stadt erschienen, als der immer sehnsüchtig nach
+Außerordentlichem schweifende Blick des finsteren Maklers sie auch schon
+erspäht hatte. Mit sicherem Instinkte hatte er alsbald erkannt, daß
+diese Erscheinung geeignet sei, seinem unbefriedigten Dasein ein wenig
+mehr Inhalt zu verleihen, und mit Leib und Seele hatte er sich ihr, die
+ihn kaum dem Namen nach kannte, als Sklave ergeben. Seitdem umkreiste er
+in Gedanken diese nervöse und aufs äußerste reservierte Dame, der
+niemand ihn vorstellte, wie der Tiger den Bändiger: mit demselben
+verbissenen Mienenspiel, derselben tückisch-demütigen Haltung, in der er
+auf der Straße, ohne daß sie das erwartet hätte, seinen Jesuitenhut vor
+ihr zog ... Diese Welt der Mittelmäßigkeit bot ihm keine Möglichkeit,
+für diese Frau eine Tat von gräßlicher Ruchlosigkeit zu begehen, welche
+er, bucklig, düster und kalt in seinen Mantel gehüllt, mit teuflischem
+Gleichmut verantwortet haben würde! Ihre langweiligen Gewohnheiten
+gestatteten ihm nicht, diese Frau durch Mord, Verbrechen und blutige
+Listen auf einen Kaiserthron zu erhöhen. Nichts ließ sie ihm übrig, als
+im Rathause für die Wahl ihres ingrimmig verehrten Gatten zu stimmen und
+ihr, vielleicht, dereinst, die Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen
+Dramen zu widmen.
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Jede im Senate erledigte Stelle muß binnen vier Wochen wieder besetzt
+werden; so will es die Verfassung. Drei Wochen sind seit James
+Möllendorpfs Hintritt verflossen, und nun ist der Wahltag herangekommen,
+ein Tauwettertag am Ende des Februar.
+
+In der Breiten Straße, vor dem Rathause mit seiner durchbrochenen
+Glasurziegelfassade, seinen spitzen Türmen und Türmchen, die gegen den
+grauweißlichen Himmel stehen, seinem auf vorgeschobenen Säulen ruhenden
+gedeckten Treppenaufgang, seinen spitzen Arkaden, die den Durchblick auf
+den Marktplatz und seinen Brunnen gewähren ... vorm Rathause drängen
+sich mittags um 1 Uhr die Leute. Sie stehen unentwegt in dem
+schmutzig-wässerigen Schnee der Straße, der unter ihren Füßen vollends
+zergeht, sehen sich an, sehen wieder geradeaus und recken die Hälse.
+Denn dort, hinter jenem Portale, im Ratssaale, mit seinen vierzehn im
+Halbkreise stehenden Armsesseln, erwartet noch zu dieser Stunde die aus
+Mitgliedern des Senates und der Bürgerschaft bestehende Wahlversammlung
+die Vorschläge der Wahlkammern ...
+
+Die Sache hat sich in die Länge gezogen. Es scheint, daß die Debatten in
+den Kammern sich nicht beruhigen wollen, daß der Kampf hart ist, und
+daß, bis jetzt, der Versammlung im Ratssaale keineswegs ein und dieselbe
+Person vorgeschlagen wurde, denn sie würde vom Bürgermeister sofort als
+gewählt erklärt werden ... Sonderbar! Niemand begreift, woher sie
+kommen, wo und wie sie entstehen, aber Gerüchte dringen aus dem Portale
+auf die Straße heraus und verbreiten sich. Steht dort drinnen Herr
+Kaspersen, der ältere der beiden Ratsdiener, der sich selbst nie anders
+als »Staatsbeamter« nennt, und dirigiert, was er erfährt, mit
+geschlossenen Zähnen und abgewandten Augen durch einen Mundwinkel nach
+draußen? Jetzt heißt es, daß die Vorschläge im Sitzungssaale eingelaufen
+sind, und daß von jeder der drei Kammern ein anderer vorgeschlagen
+wurde: Hagenström, Buddenbrook, Kistenmaker! Gott gebe, daß nun
+wenigstens die allgemeine Wahl durch geheime Abstimmung mittels
+Stimmzettel eine unbedingte Stimmenmehrheit ergibt! Wer nicht warme
+Überschuhe trägt, fängt an, die Beine zu heben und zu stampfen, denn die
+Füße schmerzen vor Kälte.
+
+Es sind Leute aus allen Volksklassen, die hier stehen und warten. Man
+sieht Seeleute mit bloßem, tätowiertem Halse, die Hände in den weiten,
+niedrigen Hosentaschen, Kornträger mit ihren Blusen und Kniehosen aus
+schwarzem Glanzleinen und ihrem unvergleichlich biederen
+Gesichtsausdruck; Fuhrleute, die von ihren zu Hauf geschichteten
+Getreidesäcken geklettert sind, um, die Peitsche in der Hand, des
+Wahlergebnisses zu harren; Dienstmädchen mit Halstuch, Schürze und
+dickem, gestreiftem Rock, die kleine, weiße Mütze auf dem Hinterkopf und
+den großen Henkelkorb am nackten Arme; Fisch- und Gemüsefrauen mit ihren
+Strohschuten; sogar ein paar hübsche Gärtnermädchen mit holländischen
+Hauben, kurzen Röcken und langen, faltigen, weißen Ärmeln, die aus dem
+buntgestickten Mieder hervorquellen ... Dazwischen Bürger, Ladenbesitzer
+aus der Nähe, die ohne Hut herausgetreten sind und ihre Meinungen
+tauschen, junge, gutgekleidete Kaufleute, Söhne, die im Kontor ihres
+Vaters oder eines seiner Freunde ihre drei- oder vierjährige Lehrzeit
+erledigen, Schuljungen mit Ränzeln und Bücherpaketen ...
+
+Hinter zwei tabakkauenden Arbeitsleuten mit harten Schifferbärten steht
+eine Dame, die in großer Erregung den Kopf hin und her wendet, um
+zwischen den Schultern der beiden vierschrötigen Kerle hindurch auf das
+Rathaus sehen zu können. Sie trägt eine Art von langem, mit braunem Pelz
+besetzten Abendmantel, den sie von innen mit beiden Händen zusammenhält,
+und ihr Gesicht ist gänzlich von einem dichten, braunen Schleier
+verhüllt. Ihre Gummischuhe trippeln rastlos in dem Schneewasser
+umher ...
+
+»Bi Gott, hei ward dat wedder nich, din Herr Kurz«, sagt der eine
+Arbeitsmann zum andern.
+
+»Nee, du Döhsbartel, dat brukst mi nich mehr tau vertellen. Sei stimmen
+nu je all öwer Hagenström, Kistenmaker un Buddenbrook af.«
+
+»Je, un nu is dat de Frag', wekker von de dre die annern öwer is.«
+
+»Je, dat seg du man noch mal.«
+
+»Weitst wat? Ick glöw, sei wählen Hagenström.«
+
+»Je, du Klaukscheeter ... Red' du un de Düwel.«
+
+Dann speit er seinen Tabak vor sich nieder, denn das Gedränge erlaubt
+ihm nicht, ihn im Bogen von sich zu geben, zieht mit beiden Händen die
+Hosen höher unter den Leibriemen hinauf und fährt fort: »Hagenström,
+dat's so'n Freßsack, un krigt nich mal Luft durch die Näs, so fett is
+hei all ... Nee, wo min Herr Kurz dat nu wedder nich warden daut, nu bün
+ick vör Buddenbrook. Dat's 'n fixen Kierl ...«
+
+»Je, dat segst du wull; öäwer Hagenström is all veel rieker ...«
+
+»Doar kömmp es nich auf an. Dat steiht nich in Frag'.«
+
+»Un denn is Buddenbrook ook ümmer so höllschen fien mit sin Manschetten
+un sin sieden Krawatt un sin pielen Snurrboart ... Hest em gehen seihn?
+Hei huppt ümmer so'n beeten as 'n Vagel ...«
+
+»Je, du Dömelklaas, doarvon is nich de Red'.«
+
+»Hei het je woll 'ne Swester, die von twe Männern wedder aff kamen is?«
+
+... Die Dame im Abendmantel erbebt ...
+
+»Je, dat's so'n' Saak. Öäwer doar weiten wi nix von, un denn kann der
+Kunsel doar ook nix för.«
+
+Nein, nicht wahr?! denkt die Dame im Schleier, indem sie ihre Hände
+unterm Mantel zusammenpreßt ... Nicht wahr? Oh, Gott sei Dank!
+
+»Un denn«, fügt der Mann hinzu, der zu Buddenbrook hält, »un denn hat
+ook Bürgermeester Överdieck Gevadder bi sinen Söhn standen; dat will wat
+bedüden, will 'k di man vertellen ...«
+
+Nicht wahr? denkt die Dame. Ja, Gott sei Dank, es hat gewirkt!... Sie
+zuckt zusammen. Ein neues Gerücht ist herausgedrungen, läuft im
+Zick-Zack nach hinten und gelangt zu ihr. Die allgemeine Wahl hat keine
+Entscheidung gebracht. Eduard Kistenmaker, der die wenigsten Stimmen
+erhalten, ist ausrangiert worden. Der Kampf zwischen Hagenström und
+Buddenbrook dauert fort. Ein Bürger bemerkt mit gewichtiger Miene, daß,
+wenn sich Stimmengleichheit ergibt, es nötig sein wird, fünf »Obmänner«
+zu erwählen, die nach Stimmenmehrheit zu entscheiden haben ...
+
+Plötzlich ruft ganz vorn am Portal eine Stimme: »Heine Seehas is wählt!«
+
+Und dabei ist Seehase ein immer und ewig betrunkener Mensch, der
+Dampfbrot auf einem Handwagen herumfährt! Alles lacht und stellt sich
+auf die Zehenspitzen, um sich den Witzbold anzusehen. Auch die Dame im
+Schleier wird von einem nervösen Lachen ergriffen, das einen Augenblick
+ihre Schultern erschüttert. Dann jedoch, mit einer Bewegung, die
+ausdrückt: Ist dies die Stunde, Späße zu machen?... nimmt sie sich
+ungeduldig zusammen und lugt wieder leidenschaftlich zwischen den beiden
+Arbeitsmännern hindurch zum Rathaus hinüber. Aber in demselben
+Augenblick läßt sie die Hände sinken, daß ihr Abendmantel sich vorne
+öffnet, und steht da, mit hinabgefallenen Schultern, erschlafft,
+vernichtet ...
+
+=Hagenström!= -- Die Nachricht ist da, niemand weiß woher. Sie ist da,
+wie aus dem Erdboden hervorgekommen oder vom Himmel gefallen und ist
+überall zugleich. Es gibt keinen Widerspruch. Es ist entschieden.
+Hagenström! -- Ja, ja, er ist es nun also. Da ist nichts mehr zu
+erwarten. Die Dame im Schleier hätte es vorher wissen können. So geht es
+immer im Leben. Man kann nun ganz einfach nach Hause gehen. Sie fühlt,
+wie das Weinen in ihr aufsteigt ...
+
+Und kaum hat dieser Zustand eine Sekunde lang gedauert, als ein
+plötzlicher Stoß, eine ruckartige Bewegung durch die ganze
+Menschenansammlung geht, ein Schub, der sich von vorn nach hinten
+fortsetzt und die Vorderen gegen ihre Hintermänner lehnt, während zu
+gleicher Zeit dort hinten im Portale etwas Hellrotes aufblitzt ... Die
+roten Röcke der beiden Ratsdiener, Kaspersen und Uhlefeldt, welche in
+Gala, mit Dreispitz, weißen Reithosen, gelben Stulpen und
+Galanteriedegen, Seite an Seite erscheinen und durch die zurückweichende
+Menge hindurch ihren Weg gehen.
+
+Sie gehen wie das Schicksal: ernst, stumm, verschlossen, ohne nach
+rechts oder links zu sehen, mit gesenkten Augen ... und schlagen mit
+unerbittlicher Entschiedenheit die Richtung ein, die ihnen das Ergebnis
+der Wahl, von dem sie unterrichtet sind, gewiesen hat. Und es ist
+=nicht= die Richtung der Sandstraße, sondern sie gehen nach rechts die
+Breite Straße hinunter!
+
+Die Dame im Schleier traut ihren Augen nicht. Aber rings um sie her
+sieht man es gleich ihr. Die Leute schieben sich in eben derselben
+Richtung den Ratsdienern nach, sie sagen einander: »Nee, nee,
+Buddenbrook! nich Hagenström!« ... und schon kommen in angeregten
+Gesprächen allerlei Herren aus dem Portale, biegen um und gehen
+geschwinden Schrittes die Breite Straße hinunter, um die ersten bei der
+Gratulation zu sein.
+
+Da nimmt die Dame ihren Abendmantel zusammen und läuft davon. Sie läuft,
+wie eine Dame sonst eigentlich nicht läuft. Ihr Schleier verschiebt sich
+und läßt ihr erhitztes Gesicht sehen; aber das ist gleichgültig. Und
+obgleich einer ihrer pelzbesetzten Überschuhe in dem wässerigen Schnee
+beständig ausschlappt und sie in der boshaftesten Weise behindert,
+überholt sie alle Welt. Sie erreicht zuerst das Eckhaus an der
+Bäckergrube, sie schellt am Windfang Feuer und Mordio, sie ruft dem
+öffnenden Mädchen zu: »Sie kommen, Kathrin, sie kommen!« sie nimmt die
+Treppe, stürmt droben ins Wohnzimmer, woselbst ihr Bruder, der
+wahrhaftig ein bißchen bleich ist, die Zeitung beiseite legt und ihr
+eine etwas abwehrende Handbewegung entgegen macht ... sie umarmt ihn
+und wiederholt: »Sie kommen, Tom, sie kommen! Du bist es, und Hermann
+Hagenström ist durchgefallen!«
+
+ * * * * *
+
+Das war ein Freitag. Schon am folgenden Tage stand Senator Buddenbrook
+im Ratssaale vor dem Stuhle des verstorbenen James Möllendorpf, und in
+Gegenwart der versammelten Väter sowie des Bürgerausschusses leistete er
+diesen Eid: »Ich will meinem Amte gewissenhaft vorstehen, das Wohl des
+Staates nach allen meinen Kräften erstreben, die Verfassung desselben
+getreu befolgen, das öffentliche Gut redlich verwalten und bei meiner
+Amtsführung, namentlich auch bei allen Wahlen, weder auf eigenen Vorteil
+noch auf Verwandtschaft oder Freundschaft Rücksicht nehmen. Ich will die
+Gesetze des Staates handhaben und Gerechtigkeit üben gegen jeden, er sei
+reich oder arm. Ich will auch verschwiegen sein in allem, was
+Verschwiegenheit erfordert, besonders aber will ich geheimhalten, was
+geheimzuhalten mir geboten wird. So wahr mir Gott helfe!«
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Unsere Wünsche und Unternehmungen gehen aus gewissen Bedürfnissen
+unserer Nerven hervor, die mit Worten schwer zu bestimmen sind. Das, was
+man Thomas Buddenbrooks »Eitelkeit« nannte, die Sorgfalt, die er seinem
+Äußeren zuwandte, der Luxus, den er mit seiner Toilette trieb, war in
+Wirklichkeit etwas gründlich anderes. Es war ursprünglich um nichts
+mehr, als das Bestreben eines Menschen der Aktion, sich vom Kopf bis zur
+Zehe stets jener Korrektheit und Intaktheit bewußt zu sein, die Haltung
+gibt. Die Anforderungen aber wuchsen, die er selbst und die Leute an
+seine Begabung und seine Kräfte stellten. Er war mit privaten und
+öffentlichen Pflichten überhäuft. Bei der »Ratssetzung«, der Verteilung
+der Ämter an die Mitglieder des Senates, war ihm als Hauptressort das
+Steuerwesen zugefallen. Aber auch Eisenbahn-, Zoll- und andere
+staatliche Geschäfte nahmen ihn in Anspruch, und in tausend Sitzungen
+von Verwaltungs- und Aufsichtsräten, in denen ihm seit seiner Wahl das
+Präsidium zufiel, bedurfte es seiner ganzen Umsicht, Liebenswürdigkeit
+und Elastizität, um beständig die Empfindlichkeit weit bejahrterer Leute
+zu berücksichtigen, sich scheinbar ihrer älteren Erfahrung unterzuordnen
+und dennoch die Macht in Händen zu behalten. Wenn das Merkwürdige zu
+beobachten war, daß gleichzeitig seine »Eitelkeit«, das heißt dieses
+Bedürfnis, sich körperlich zu erquicken, zu erneuern, mehrere Male am
+Tage die Kleidung zu wechseln, sich wiederherzustellen und morgenfrisch
+zu machen, in auffälliger Weise zunahm, so bedeutete das, obgleich
+Thomas Buddenbrook kaum 37 Jahre zählte, ganz einfach ein Nachlassen
+seiner Spannkraft, eine raschere Abnützbarkeit ...
+
+Bat der gute Doktor Grabow ihn, sich ein wenig mehr Ruhe zu gönnen, so
+antwortete er: »Oh, mein lieber Doktor! Soweit bin ich noch nicht.« Er
+wollte damit sagen, daß er noch unabsehbar viel an sich zu arbeiten
+habe, bevor er, dermaleinst vielleicht, sich einen Zustand erobert haben
+würde, den er, fertig und am Ziele, nun in Behagen würde genießen
+können. In Wahrheit glaubte er kaum an diesen Zustand. Es trieb ihn
+vorwärts und ließ ihm keinen Frieden. Auch wenn er scheinbar ruhte, nach
+Tisch vielleicht, mit den Zeitungen, arbeiteten, während er mit einer
+gewissen langsamen Leidenschaftlichkeit die ausgezogene Spitze seines
+Schnurrbartes drehte und an seinen blassen Schläfen die Adern sichtbar
+wurden, tausend Pläne in seinem Kopf durcheinander. Und sein Ernst war
+gleich heftig beim Ersinnen eines geschäftlichen Manövers oder einer
+öffentlichen Rede, wie bei dem Vorhaben, nun endlich einmal kurzerhand
+seinen gesamten Vorrat an Leibwäsche zu erneuern, um wenigstens in
+dieser Beziehung für einige Zeit fertig und in Ordnung zu sein!
+
+Wenn solche Anschaffungen und Restaurierungen ihm vorübergehend eine
+gewisse Befriedigung und Beruhigung gewährten, so mochte er die Ausgaben
+dafür sich skrupellos gestatten, denn seine Geschäfte gingen in diesen
+Jahren so ausgezeichnet wie ehemals nur zur Zeit seines Großvaters. Der
+Name der Firma gewann nicht nur in der Stadt, sondern auch draußen an
+Klang, und innerhalb des Gemeinwesens wuchs noch immer sein Ansehen.
+Jedermann anerkannte mit Neid oder freudiger Teilnahme seine Tüchtigkeit
+und Geschicklichkeit, während er selbst vergeblich danach rang, mit
+Behagen in Reihe und Ordnung zu schaffen, weil er hinter seiner
+planenden Phantasie sich beständig zum Verzweifeln im Rückstande fühlte.
+
+So war es nicht Übermut, daß Senator Buddenbrook im Sommer dieses Jahres
+63 umherging und über dem Plane sann, sich ein großes, neues Haus zu
+bauen. Wer glücklich ist, bleibt am Platze. Seine Rastlosigkeit trieb
+ihn dazu, und seine Mitbürger hätten dies Unternehmen seiner »Eitelkeit«
+zurechnen können, denn es gehörte dazu. Ein neues Haus, eine radikale
+Veränderung des äußeren Lebens, Aufräumen, Umzug, Neuinstallierung mit
+Ausscheidung alles Alten und Überflüssigen, des ganzen Niederschlages
+vergangener Jahre: diese Vorstellungen gaben ihm ein Gefühl von
+Sauberkeit, Neuheit, Erfrischung, Unberührtheit, Stärkung ... und er
+mußte alles dessen wohl bedürftig sein, denn er griff mit Eifer danach
+und hatte sein Augenmerk schon auf eine bestimmte Stelle gerichtet.
+
+Es war ein ziemlich umfangreiches Grundstück in der unteren
+Fischergrube. Ein altersgraues, schlecht unterhaltenes Haus stand dort
+zum Verkaufe, dessen Besitzerin, eine steinalte Jungfer, die es als ein
+Überbleibsel einer vergessenen Familie ganz allein bewohnt hatte,
+kürzlich gestorben war. An diesem Platze wollte der Senator sein Haus
+erstehen lassen, und auf seinen Gängen zum Hafen passierte er ihn oft
+mit prüfenden Blicken. Die Nachbarschaft war sympathisch: gute
+Bürgerhäuser mit Giebeln; am bescheidensten unter ihnen erschien das
+_vis-à-vis_: ein schmales Ding mit einem kleinen Blumenladen im
+Erdgeschoß.
+
+Er beschäftigte sich angestrengt mit diesem Unternehmen. Er machte einen
+ungefähren Überschlag der Kosten, und obgleich die Summe, die er
+vorläufig festsetzte, nicht gering war, fand er, daß er sie ohne
+Überanstrengung zu leisten vermochte. Dennoch erblaßte er bei dem
+Gedanken, daß das Ganze vielleicht ein unnützer Streich sein könne, und
+gestand sich, daß sein jetziges Haus für ihn, seine Frau, sein Kind und
+die Dienerschaft ja eigentlich Raum in Fülle hatte. Aber seine
+halbbewußten Bedürfnisse waren stärker, und in dem Wunsche, von außen
+her in seinem Vorhaben bekräftigt und berechtigt zu werden, eröffnete er
+sich zunächst seiner Schwester.
+
+»Kurz, Tony, was hältst du von der Sache! Die Wendeltreppe zum
+Badezimmer ist ja ganz spaßhaft, aber im Grunde ist das Ganze doch bloß
+eine Schachtel. Es ist so wenig repräsentabel, wie? Und jetzt, wo du es
+richtig dahin gebracht hast, daß ich Senator geworden bin ... Mit einem
+Worte: Bin ich's mir schuldig ...?«
+
+Ach, mein Gott, was war er sich in Madame Permaneders Augen nicht
+schuldig! Sie war voll ernster Begeisterung. Sie kreuzte die Arme auf
+der Brust und ging mit etwas erhobenen Schultern und zurückgelegtem
+Kopfe im Zimmer umher.
+
+»Da hast du recht, Tom! O Gott, wie recht du hast! Da gibt es gar keinen
+Einwand, denn wer zum Überfluß eine Arnoldsen mit 100000 Talern hat ...
+Übrigens bin ich stolz, daß du mich zuerst ins Vertrauen ziehst, das ist
+schön von dir!... Und =wenn= schon, Tom, dann auch =vornehm=, das sage
+ich dir ...!«
+
+»Nun ja, der Meinung bin ich auch. Ich will etwas daranwenden. Voigt
+soll es machen, und ich freue mich schon darauf, den Riß mit dir zu
+besehen. Voigt hat viel Geschmack ...«
+
+Die zweite Zustimmung, die Thomas sich einholte, war diejenige Gerdas.
+Sie lobte den Plan durchaus. Das Getümmel des Umzuges würde nichts
+Angenehmes sein, aber die Aussicht auf ein großes Musikzimmer mit guter
+Akustik stimmte sie glücklich. Und was die alte Konsulin betraf, so war
+sie sofort bereit, den Bau als logische Folge der übrigen Glücksfälle zu
+betrachten, die sie mit Genugtuung und Dank gegen Gott erlebte. Seit der
+Geburt des Erben und des Konsuls Wahl in den Rat äußerte sich ihr
+Mutterstolz noch unverhohlener als früher; sie hatte eine Art, »mein
+Sohn, der Senator« zu sagen, die die Damen Buddenbrook aus der Breiten
+Straße aufs höchste irritierte.
+
+Die alternden Mädchen fanden wahrhaftig allzu wenig Ablenkung von dem
+Anblick des eklatanten Aufschwunges, den Thomas' äußeres Leben nahm. Am
+Donnerstag die arme Klothilde zu verhöhnen, bereitete wenig Genugtuung,
+und über Christian, der durch Vermittlung Mr. Richardsons, seines
+ehemaligen Prinzipals, in London eine Stellung gefunden und von dort aus
+ganz kürzlich den aberwitzigen Wunsch herübertelegraphiert hatte,
+Fräulein Puvogel als Gattin sich zu nehmen, worauf er allerdings von der
+Konsulin aufs strengste zurückgewiesen war ... über Christian, der ganz
+einfach zur Rangordnung Jakob Krögers gehörte, waren die Akten
+geschlossen. So entschädigte man sich ein wenig an den kleinen Schwächen
+der Konsulin und Frau Permaneders, indem man zum Beispiel das Gespräch
+auf Haartrachten brachte; denn die Konsulin war imstande, mit der
+sanftesten Miene zu sagen, sie trage »ihr« Haar schlicht ... während
+doch alle von Gott mit Verstand begabten Menschen, vor allen aber die
+Damen Buddenbrook sich sagen mußten, daß der unveränderlich
+rötlichblonde Scheitel unter der Haube der alten Dame längst nicht mehr
+»ihr« Haar genannt werden könne. Noch lohnender aber war es, Kusine Tony
+zu veranlassen, sich ein wenig über die Personen zu äußern, die ihr
+bisheriges Leben in hassenswerter Weise beeinflußt hatten.
+Tränen-Trieschke! Grünlich! Permaneder! Hagenströms!... Diese Namen, die
+Tony, wenn sie gereizt ward, wie ebenso viele kleine Trompetenstöße des
+Abscheus mit etwas emporgezogenen Schultern in die Luft hinein verlauten
+ließ, klangen den Töchtern Onkel Gottholds recht angenehm in die Ohren.
+
+Übrigens verhehlten sie sich nicht -- und übernahmen keineswegs die
+Verantwortung, es zu verschweigen --, daß der kleine Johann zum
+Erschrecken langsam gehen und sprechen lerne ... Sie waren im Rechte
+damit, und es ist zuzugeben, daß Hanno -- dies war der Rufname, den Frau
+Senator Buddenbrook für ihren Sohn eingeführt hatte -- zu einer Zeit,
+als er alle Mitglieder seiner Familie mit ziemlicher Korrektheit zu
+nennen vermochte, noch immer außerstande war, die Namen Friederike,
+Henriette und Pfiffi in verständlicher Weise zu bilden. Was das Gehen
+betraf, so war ihm jetzt, im Alter von fünf Vierteljahren, noch kein
+selbständiger Schritt gelungen, und es war um diese Zeit, daß die Damen
+Buddenbrook mit hoffnungslosem Kopfschütteln erklärten, dieses Kind
+werde stumm und lahm bleiben für sein ganzes Leben.
+
+Sie durften später diese traurige Prophezeiung als Irrtum erkennen; aber
+niemand leugnete, daß Hanno in seiner Entwicklung ein wenig zurückstand.
+Er hatte gleich in der frühesten Zeit seines Lebens schwere Kämpfe zu
+bestehen gehabt und seine Umgebung in beständiger Furcht gehalten. Als
+ein stilles und wenig kräftiges Kind war er zur Welt gekommen, und bald
+nach der Taufe hatte ein nur drei Tage dauernder Anfall von
+Brechdurchfall beinahe genügt, sein mit Mühe in Gang gebrachtes kleines
+Herz endgültig stillstehen zu lassen. Er blieb am Leben, und der gute
+Doktor Grabow traf nun, mit der sorgfältigsten Ernährung und Pflege,
+Vorkehrungen gegen die drohenden Krisen des Zahnens. Kaum aber wollte
+die erste weiße Spitze den Kiefer durchbrechen, als auch schon die
+Krämpfe sich einstellten, um sich dann stärker und einige Male in
+Entsetzen erregender Weise zu wiederholen. Wieder kam es dahin, daß der
+alte Arzt den Eltern nur noch wortlos die Hände drückte ... Das Kind lag
+in tiefster Erschöpfung, und der stiere Seitenblick der tief
+umschatteten Augen deutete auf eine Gehirnaffektion. Das Ende schien
+fast wünschenswert.
+
+Dennoch gelangte Hanno wieder zu einigen Kräften, sein Blick begann die
+Dinge zu fassen, und wenn auch die überstandenen Strapazen seine
+Fortschritte im Sprechen und Gehen verlangsamten, so gab es nun doch
+keine unmittelbare Gefahr mehr zu fürchten.
+
+Hanno war schlankgliedrig und ziemlich lang für sein Alter. Sein
+hellbraunes, sehr weiches Haar begann in dieser Zeit ungemein schnell zu
+wachsen und fiel bald, kaum merklich gewellt, auf die Schultern seines
+faltigen, schürzenartigen Kleidchens nieder. Schon begannen die
+Familienähnlichkeiten sich vollkommen erkennbar bei ihm auszuprägen. Von
+Anbeginn besaß er ganz ausgesprochen die Hände der Buddenbrooks: breit,
+ein wenig zu kurz, aber fein gegliedert; und seine Nase war genau die
+seines Vaters und Urgroßvaters, wenn auch die Flügel noch zarter bleiben
+zu wollen schienen. Das ganze längliche und schmale Untergesicht jedoch
+gehörte weder den Buddenbrooks noch den Krögers, sondern der
+mütterlichen Familie -- wie auch vor allem sein Mund, der frühzeitig --
+schon jetzt -- dazu neigte, sich in zugleich wehmütiger und ängstlicher
+Weise verschlossen zu halten ... mit diesem Ausdruck, dem später der
+Blick seiner eigenartig goldbraunen Augen mit den bläulichen Schatten
+sich immer mehr anpaßte ...
+
+Unter den Blicken voll verhaltener Zärtlichkeit, die sein Vater ihm
+schenkte, unter der Sorgfalt, mit der seine Mutter seine Kleidung und
+Pflege überwachte, angebetet von seiner Tante Antonie, mit Reitern und
+Kreiseln beschenkt von der Konsulin und Onkel Justus -- begann er zu
+leben, und wenn sein hübscher kleiner Wagen auf der Straße erschien,
+blickten die Leute ihm mit Interesse und Erwartung nach. Was aber die
+würdige Kinderfrau Madame Decho betraf, die zunächst noch den Dienst
+versah, so war es beschlossene Sache, daß in das neue Haus nicht mehr
+sie, sondern an ihrer Statt Ida Jungmann einziehen sollte, während die
+Konsulin sich nach anderer Hilfe umsehen würde ...
+
+Senator Buddenbrook verwirklichte seine Pläne. Der Ankauf des
+Grundstückes in der Fischergrube machte keinerlei Schwierigkeiten, und
+das Haus in der Breiten Straße, zu dessen Übernahme der Makler Gosch
+sich sofort mit Ingrimm bereit erklärt hatte, brachte Herr Stephan
+Kistenmaker, dessen Familie wuchs und der mit seinem Bruder in Rotspohn
+gutes Geld verdiente, unmittelbar käuflich an sich. Herr Voigt übernahm
+den Bau, und bald schon konnte man Donnerstags im Familienkreise seinen
+sauberen Riß entrollen und die Fassade im voraus schauen: ein prächtiger
+Rohbau mit Sandstein-Karyatiden, die den Erker trugen, und einem flachen
+Dache, über welches Klothilde gedehnt und freundlich bemerkte, daß man
+nachmittags Kaffee darauf trinken könne ... Selbst in betreff der
+Parterreräumlichkeiten des Mengstraßenhauses, die nun leer stehen
+würden, denn auch seine Kontors gedachte der Senator in die Fischergrube
+zu verlegen, ordnete sich rasch alles zum besten, denn es erwies sich,
+daß die städtische Feuer-Versicherungsgesellschaft gewillt war, die
+Stuben mietweise als Büros zu übernehmen.
+
+Der Herbst kam, graues Gemäuer stürzte zu Schutt zusammen, und über
+geräumigen Kellern erwuchs, während der Winter hereinbrach und wieder an
+Kraft verlor, Thomas Buddenbrooks neues Haus. Kein Gesprächsstoff in der
+Stadt, der anziehender gewesen wäre! Es wurde tipptopp, es wurde das
+schönste Wohnhaus weit und breit! Gab es etwa in Hamburg schönere?...
+Mußte aber auch verzweifelt teuer sein, und der alte Konsul hätte solche
+Sprünge sicherlich nicht gemacht ... Die Nachbarn, die Bürgersleute in
+den Giebelhäusern, lagen in den Fenstern, sahen den Arbeiten der Männer
+auf den Gerüsten zu, freuten sich, wie der Bau emporstieg, und suchten
+den Zeitpunkt des Richtfestes zu bestimmen.
+
+Es kam heran und ward mit allen Umständlichkeiten begangen. Droben auf
+dem flachen Dache hielt ein alter Maurerpolier eine Rede, an deren Ende
+er eine Champagnerflasche über seine Schulter schleuderte, während
+zwischen den Fahnen die großmächtige Richtkrone aus Rosen, grünem Laub
+und bunten Blättern schwerfällig im Winde schwankte. Dann aber ward in
+einem nahen Wirtshause den sämtlichen Arbeitern an langen Tischen ein
+Festmahl mit Bier, belegtem Butterbrot und Zigarren gegeben, und mit
+seiner Gattin und seinem kleinen Sohne, den Madame Decho auf dem Arme
+trug, schritt Senator Buddenbrook in dem niedrigen Raume zwischen den
+Reihen der Tafelnden hindurch und nahm dankend die Hochrufe entgegen,
+die man ihm darbrachte.
+
+Draußen ward Hanno wieder in seinen Wagen gesetzt, und Thomas
+überschritt mit Gerda den Fahrdamm, um noch einen Blick an der roten
+Fassade mit den weißen Karyatiden hinaufgleiten zu lassen. Drüben, vor
+dem kleinen Blumenladen mit der schmalen Tür und dem dürftigen
+Schaufensterchen, in welchem ein paar Töpfe mit Zwiebelgewächsen
+nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe paradierten, stand Iwersen,
+der Besitzer des Geschäftes, ein blonder, riesenstarker Mann, in
+wollener Jacke, neben seiner Frau, die weit schmächtiger war und einen
+dunklen, südlichen Gesichtstypus zeigte. Sie hielt einen vier- oder
+fünfjährigen Jungen an der einen Hand, schob mit der andern ein
+Wägelchen, in dem ein kleineres Kind schlummerte, langsam hin und her
+und befand sich ersichtlich in guter Hoffnung.
+
+Iwersen verbeugte sich ebenso tief wie ungeschickt, während seine Frau,
+die nicht aufhörte, das Kinderwägelchen hin und her zu rollen, aus ihren
+schwarzen, länglich geschnittenen Augen ruhig und aufmerksam die
+Senatorin betrachtete, die am Arme ihres Gatten auf sie zukam.
+
+Thomas blieb stehen und wies mit dem Stock nach der Richtkrone hinauf.
+
+»Das haben Sie schön gemacht, Iwersen!«
+
+»Kömmt nich mir zu, Herr Senator. Dat's min Fru eer Saak.«
+
+»Ah!« sagte der Senator kurz, wobei er mit einem kleinen Ruck den Kopf
+erhob und eine Sekunde lang hell, fest und freundlich in das Gesicht
+Frau Iwersens blickte. Und ohne ein Wort hinzuzufügen, verabschiedete er
+sich mit einer verbindlichen Handbewegung.
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Eines Sonntags, zu Beginn des Juli -- Senator Buddenbrook hatte seit
+etwa vier Wochen sein neues Haus bezogen -- erschien Frau Permaneder
+noch gegen Abend bei ihrem Bruder. Sie überschritt den kühlen,
+steinernen Flur, der mit Reliefs nach Thorwaldsen geschmückt war und von
+dem zur Rechten eine Tür in die Kontors führte, schellte an der
+Windfangtür, die von der Küche aus durch den Druck auf einen Gummiball
+geöffnet werden konnte, und erfuhr auf dem geräumigen Vorplatz, wo, am
+Fuße der Haupttreppe, der Bär, das Geschenk der Tiburtius', stand, von
+Anton, dem Bedienten, daß der Senator noch bei der Arbeit sei.
+
+»Schön«, sagte sie, »danke, Anton; ich gehe zu ihm.«
+
+Aber sie schritt zuvor noch am Kontoreingang vorbei, ein wenig nach
+rechts, dorthin, wo über ihr das kolossale Treppenhaus sich auftat,
+dieses Treppenhaus, das im ersten Stockwerk von der Fortsetzung des
+gußeisernen Treppengeländers gebildet ward, in der Höhe der zweiten
+Etage aber zu einer weiten Säulengalerie in Weiß und Gold wurde, während
+von der schwindelnden Höhe des »einfallenden Lichtes« ein mächtiger,
+goldblanker Lustre herniederschwebte ... »Vornehm!« sagte Frau
+Permaneder leise und befriedigt, indem sie in diese offene und helle
+Pracht hineinblickte, die ihr ganz einfach die Macht, den Glanz und
+Triumph der Buddenbrooks bedeutete. Dann aber fiel ihr ein, daß sie in
+einer betrübenden Angelegenheit hierhergekommen sei, und sie wandte sich
+langsam dem Kontoreingang zu.
+
+Thomas war ganz allein dort drinnen; er saß an seinem Fensterplatz und
+schrieb einen Brief. Er blickte auf, indem er eine seiner hellen Brauen
+emporzog, und streckte seiner Schwester die Hand entgegen.
+
+»'n Abend, Tony. Was bringst du Gutes.«
+
+»Ach, nicht viel Gutes, Tom!... Nein, das Treppenhaus ist gar zu
+herrlich!... Übrigens sitzest du hier im Halbdunkeln und schreibst.«
+
+»Ja ... ein eiliger Brief. -- Also nichts Gutes? Jedenfalls wollen wir
+ein bißchen im Garten herumgehen dabei; das ist angenehmer. Komm.«
+
+Ein Geigenadagio tönte tremolierend aus der ersten Etage herab, während
+sie über die Diele gingen.
+
+»Horch!« sagte Frau Permaneder und blieb einen Augenblick stehen ...
+»Gerda spielt. Wie himmlisch! O Gott, dieses Weib ... sie ist eine Fee!
+Wie geht es Hanno, Tom?«
+
+»Er wird gerade mit der Jungmann zu Abend essen. Schlimm, daß es mit
+seinem Gehen noch immer nicht so recht vorwärts will ...«
+
+»Das wird schon kommen, Tom, wird schon kommen! Wie seid ihr mit Ida
+zufrieden?«
+
+»Oh, wie sollten wir nicht zufrieden sein ...«
+
+Sie passierten den rückwärts gelegenen steinernen Flur, indem sie die
+Küche zur Rechten ließen, und traten durch eine Glastür über zwei Stufen
+in den zierlichen und duftenden Blumengarten hinaus.
+
+»Nun?« fragte der Senator.
+
+Es war warm und still. Die Düfte der reinlich abgezirkelten Beete lagen
+in der Abendluft, und der von hohen lilafarbenen Iris umstandene
+Springbrunnen sandte seinen Strahl mit friedlichem Plätschern dem
+dunklen Himmel entgegen, an dem die ersten Sterne zu erglimmen begannen.
+Im Hintergrunde führte eine kleine, von zwei niedrigen Obelisken
+flankierte Freitreppe zu einem erhöhten Kiesplatze empor, auf welchem
+ein offener, hölzerner Pavillon stand, der mit seiner herabgelassenen
+Markise einige Gartenstühle beschirmte. Zur Linken ward das Grundstück
+durch eine Mauer vom Nachbargarten abgegrenzt; rechts aber war die
+Seitenwand des Nebenhauses in ihrer ganzen Höhe mit einem hölzernen
+Gerüst verkleidet, das bestimmt war, mit der Zeit von Schlinggewächsen
+bedeckt zu werden. Es gab zu den Seiten der Freitreppe und des
+Pavillonplatzes ein paar Johannis- und Stachelbeersträucher; aber nur
+=ein= großer Baum war da, ein knorriger Walnußbaum, der links an der
+Mauer stand.
+
+»Die Sache ist die«, antwortete Frau Permaneder zögernd, während die
+Geschwister auf dem Kieswege langsam den vorderen Platz zu umschreiten
+begannen ... »Tiburtius schreibt ...«
+
+»Klara?!« fragte Thomas ... »Bitte, kurz und ohne Umstände!«
+
+»Ja, Tom, sie liegt, es steht schlimm mit ihr, und der Doktor fürchtet,
+daß es Tuberkeln sind ... Gehirntuberkulose ... so schwer es mir fällt,
+es auszusprechen. Sieh her: dies ist der Brief, den ihr Mann mir
+schreibt. Diese Einlage, die an Mutter adressiert ist und in der, sagt
+er, dasselbe steht, sollen wir ihr geben, nachdem wir sie ein bißchen
+vorbereitet haben. Und dann ist hier noch diese zweite Einlage: auch an
+Mutter und von Klara selbst sehr unsicher mit Bleistift geschrieben. Und
+Tiburtius erzählt, daß sie selbst dabei gesagt hat, es seien ihre
+letzten Zeilen, denn es sei das Traurige, daß sie sich gar keine Mühe
+gäbe, zu leben. Sie hat sich ja immer nach dem Himmel gesehnt ...«
+schloß Frau Permaneder und trocknete ihre Augen.
+
+Der Senator ging schweigend, die Hände auf dem Rücken und mit tief
+gesenktem Kopfe neben ihr.
+
+»Du bist so still, Tom ... Und du hast recht; was soll man sagen? Und
+dies grade jetzt, wo auch Christian krank in Hamburg liegt ...«
+
+Denn so verhielt es sich. Christians »Qual« in der linken Seite war in
+letzter Zeit zu London so stark geworden, hatte sich in so reelle
+Schmerzen verwandelt, daß er alle seine kleineren Beschwerden darüber
+vergessen hatte. Er hatte sich nicht mehr zu helfen gewußt, hatte seiner
+Mutter geschrieben, er müsse nach Hause kommen, um sich von ihr pflegen
+zu lassen, hatte seinen Platz in London fahren lassen und war abgereist.
+Kaum aber in Hamburg angelangt, hatte er zu Bette gehen müssen, der
+Arzt hatte Gelenkrheumatismus festgestellt und Christian aus dem Hotel
+ins Krankenhaus schaffen lassen, da eine Weiterreise fürs erste
+unmöglich sei. Da lag er nun und diktierte seinem Wärter höchst
+trübselige Briefe ...
+
+»Ja«, antwortete der Senator leise; »es scheint, daß eins zum andern
+kommen soll.«
+
+Sie legte einen Augenblick den Arm um seine Schultern.
+
+»Aber du mußt nicht verzagt sein, Tom! Dazu hast du noch lange kein
+Recht! Du hast guten Mut nötig ...«
+
+»Ja, bei Gott, den hätte ich nötig!«
+
+»Wieso, Tom?... Sage mal: Warum warst du eigentlich vorgestern,
+Donnerstag, den ganzen Nachmittag so schweigsam, wenn ich das wissen
+darf?«
+
+»Ach ... Geschäfte, mein Kind. Ich habe eine nicht ganz kleine Partie
+Roggen nicht sehr vorteilhaft ... na, kurz und gut: eine große Partie
+sehr unvorteilhaft verkaufen müssen ...«
+
+»Oh, das kommt vor, Tom! Das passiert heute, und morgen bringst du's
+wieder ein. Sich dadurch gleich die Stimmung verderben zu lassen ...«
+
+»Falsch, Tony«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Meine Stimmung ist
+nicht unter Null, weil ich Mißerfolg habe. =Umgekehrt.= Das ist mein
+Glaube, und darum trifft es auch zu.«
+
+»Aber, was ist denn mit deiner Stimmung?!« fragte sie erschreckt und
+erstaunt. »Man sollte annehmen ... du solltest fröhlich sein, Tom! Klara
+ist am Leben ... alles wird gut gehen mit Gottes Hilfe! Und im übrigen?
+Hier gehen wir in deinem Garten umher, und alles duftet nur so. Dort
+liegt dein Haus, ein Traum von einem Haus; Hermann Hagenström bewohnt
+eine Kate im Vergleiche damit! Das alles hast du zuwege gebracht ...«
+
+»Ja, es ist fast zu schön, Tony. Ich will sagen: es ist noch zu neu. Es
+verstört mich noch ein wenig, und daher mag die üble Stimmung kommen,
+die mir zusetzt und mir in allen Dingen schadet. Ich habe mich sehr auf
+dies alles gefreut, aber diese Vorfreude war, wie ja immer, das Beste,
+denn das Gute kommt immer zu spät, immer wird es zu spät fertig, wenn
+man sich nicht mehr recht darüber freuen kann ...«
+
+»Nicht mehr freuen, Tom! Jung wie du bist!«
+
+»Man ist so jung oder alt wie man sich fühlt. -- Und =wenn= es kommt,
+das Gute und Erwünschte, schwerfällig und verspätet, so kommt es,
+behaftet mit allem kleinlichen, störenden, ärgerlichen Beiwerk, allem
+Staube der Wirklichkeit, mit dem man in der Phantasie nicht gerechnet
+hat, und der einen reizt ... reizt ...«
+
+»Ja, ja ... Aber so jung oder alt wie man sich =fühlt=, Tom --?«
+
+»Ja, Tony. Es mag vorübergehen ... eine Verstimmung -- gewiß. Aber ich
+fühle mich in dieser Zeit älter, als ich bin. Ich habe geschäftliche
+Sorgen, und im Aufsichtsrat der Büchener Eisenbahn hat mich Konsul
+Hagenström gestern ganz einfach zu Boden geredet, widerlegt, beinahe dem
+allgemeinen Lächeln ausgesetzt ... Mir ist, als ob mir dergleichen
+früher nicht hätte geschehen können. Mir ist, als ob mir etwas zu
+entschlüpfen begönne, als ob ich dieses Unbestimmte nicht mehr so fest
+in Händen hielte, wie ehemals ... Was ist der Erfolg? Eine geheime,
+unbeschreibliche Kraft, Umsichtigkeit, Bereitschaft ... das Bewußtsein,
+einen Druck auf die Bewegungen des Lebens um mich her durch mein bloßes
+Vorhandensein auszuüben ... Der Glaube an die Gefügigkeit des Lebens zu
+meinen Gunsten ... Glück und Erfolg sind in uns. Wir müssen sie halten:
+fest, tief. Sowie hier drinnen etwas nachzulassen beginnt, sich
+abzuspannen, müde zu werden, alsbald wird alles frei um uns her,
+widerstrebt, rebelliert, entzieht sich unserem Einfluß ... Dann kommt
+eines zum andern, Schlappe folgt auf Schlappe, und man ist fertig. Ich
+habe in den letzten Tagen oft an ein türkisches Sprichwort gedacht, das
+ich irgendwo las: `Wenn das Haus fertig ist, so kommt der Tod´. Nun, es
+braucht noch nicht grade der Tod zu sein. Aber der Rückgang ... der
+Abstieg ... der Anfang vom Ende ... Siehst du, Tony«, fuhr er fort,
+indem er den Arm unter den seiner Schwester schob, und seine Stimme
+wurde noch leiser: »Als wir Hanno tauften, erinnerst du dich? Da sagtest
+du zu mir: `Mir ist, als ob jetzt noch eine ganz neue Zeit beginnen
+müsse!´ Ich höre es noch ganz deutlich, und es schien dann, als solltest
+du recht bekommen, denn es kam die Senatswahl, und ich hatte Glück, und
+hier wuchs das Haus aus dem Erdboden. Aber `Senator´ und Haus sind
+Äußerlichkeiten, und ich weiß etwas, woran du noch nicht gedacht hast,
+ich weiß es aus Leben und Geschichte. Ich weiß, daß oft die äußeren,
+sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glückes und
+Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder abwärts
+geht. Diese äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das Licht
+eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht
+schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am
+hellsten strahlt ...«
+
+Er verstummte, und sie gingen eine Weile schweigend, während der
+Springbrunnen in der Stille plätscherte und es in der Krone des
+Walnußbaumes flüsterte. Dann atmete Frau Permaneder so mühsam auf, daß
+es wie Schluchzen klang.
+
+»Wie traurig du sprichst, Tom! So traurig wie noch nie! Aber es ist gut,
+daß du dich ausgesprochen hast, und nun wird es dir leichter werden, dir
+alles das aus dem Sinn zu schlagen.«
+
+»Ja, Tony, das muß ich, so gut es geht, versuchen. Und nun gib mir die
+beiden Einlagen von Klara und dem Pastor. Es wird dir recht sein, wenn
+ich dir die Sache abnehme und morgen vormittag selbst mit Mutter
+spreche. Die gute Mutter! Aber wenn es Tuberkeln sind, so muß man sich
+ergeben.«
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+»Und du fragst mich nicht?! Du gehst über mich hinweg?!«
+
+»Ich habe gehandelt, wie ich handeln mußte!«
+
+»Du hast über alle Grenzen verwirrt und vernunftlos gehandelt!«
+
+»Vernunft ist nicht das Höchste auf Erden!«
+
+»Oh, keine Phrasen!... Es handelt sich um die einfachste Gerechtigkeit,
+die du in empörender Weise außer acht gelassen hast!«
+
+»Ich bemerke dir, mein Sohn, daß du deinerseits in deinem Tone die
+Ehrfurcht außer acht läßt, die du mir schuldest!«
+
+»Und ich entgegne dir, meine liebe Mutter, daß ich diese Ehrfurcht noch
+niemals vergessen habe, daß aber meine Eigenschaft als Sohn zu Null
+wird, sobald ich dir in Sachen der Firma und der Familie als männliches
+Oberhaupt und an der Stelle meines Vaters gegenüberstehe!« ...
+
+»Ich will nun, daß du schweigst, Thomas!«
+
+»O nein! ich werde nicht schweigen, bis du deine maßlose Torheit und
+Schwäche erkennst!«
+
+»Ich disponiere über mein Vermögen wie es mir beliebt!«
+
+»Billigkeit und Vernunft setzen deinem Belieben Schranken!«
+
+»Nie hätte ich gedacht, daß du mich so zu kränken vermöchtest!«
+
+»Nie hätte ich gedacht, daß du mir so rücksichtslos ins Gesicht zu
+schlagen vermöchtest ...!«
+
+»Tom!... Aber Tom!« ließ sich Frau Permaneders verängstigte Stimme
+vernehmen. Sie saß, die Hände ringend, am Fenster des Landschaftszimmers,
+während ihr Bruder mit furchtbar erregten Schritten den Raum durchmaß
+und die Konsulin, aufgelöst in Zorn und Schmerz, auf dem Sofa saß, indem
+sie sich mit einer Hand auf das Polster stützte und die andere bei einem
+heftigen Wort auf die Tischplatte niederfallen ließ. Alle drei trugen
+Trauer um Klara, die nicht mehr auf Erden weilte, und alle drei waren
+bleich und außer sich ...
+
+Was ging vor? Etwas Entsetzliches, Grauenerregendes, etwas, was den
+Beteiligten selbst als monströs und unglaublich erschien! Ein Streit,
+eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn!
+
+Es war im August, an einem schwülen Nachmittage. Zehn Tage schon,
+nachdem der Senator seiner Mutter mit aller Vorsicht die beiden Briefe
+von Sievert und Klara Tiburtius überreicht hatte, war ihm die schwere
+Aufgabe geworden, die alte Dame mit der Todesnachricht zu treffen. Dann
+war er zum Begräbnis nach Riga gereist, war zusammen mit seinem Schwager
+Tiburtius zurückgekehrt, der einige Tage bei der Familie seiner
+entschlafenen Gattin verbracht, und auch Christian im Hamburger
+Krankenhause besucht hatte ... und jetzt, da der Pastor seit zwei Tagen
+sich wieder in seiner Heimat befand, hatte die Konsulin ihrem Sohne mit
+ersichtlichem Zögern diese Eröffnung gemacht ...
+
+»Hundertsiebenundzwanzigtausendfünfhundert Kurantmark!« rief er und
+schüttelte die gefalteten Hände vor seinem Gesicht. »Sei's um die
+Mitgift! Hätte er doch die Achtzigtausend behalten mögen, obgleich kein
+Kind vorhanden ist! Aber das Erbe! Klaras Erbe ihm zuzusprechen! Und du
+fragst mich nicht! Du gehst über mich hinweg!« ...
+
+»Thomas, um Christi willen, laß mir Gerechtigkeit widerfahren! Konnte
+ich denn anders? Konnte ich es denn?!... Sie, die nun bei Gott, und all
+dem entrückt ist, sie schreibt mir von ihrem Sterbebette aus ... mit
+Bleistift ... mit zitternder Hand ... `Mutter´, schreibt sie, `wir
+werden uns hier unten niemals wiedersehen, und dies sind, das fühle ich
+so deutlich, meine letzten Zeilen ... Mit meinem letzten Bewußtsein
+schreibe ich sie, das meinem Manne gilt ... Gott hat uns nicht mit
+Kindern gesegnet; aber was =mein= gewesen wäre, wenn ich Dich überlebt
+hätte, laß es, wenn Du mir dereinst =dorthin= nachfolgst -- laß es =ihm=
+zufallen, damit er es zu seinen Lebzeiten genieße! Mutter, es ist meine
+letzte Bitte ... die Bitte einer Sterbenden ... Du wirst sie mir nicht
+abschlagen ...´ Nein, Thomas! ich habe sie ihr nicht abgeschlagen; ich
+konnte es nicht! Ich habe ihr depeschiert, und sie ist in Frieden
+hinübergegangen ...« Die Konsulin weinte heftig.
+
+»Und man gönnt mir nicht eine Silbe! Man verheimlicht mir alles! Man
+geht über mich hinweg!« wiederholte der Senator.
+
+»Ja, ich =habe= geschwiegen, Thomas; denn ich fühlte, daß ich die letzte
+Bitte meines sterbenden Kindes erfüllen =mußte= ... und ich weiß, daß du
+versucht hättest, es mir zu verbieten!«
+
+»Ja! bei Gott! Das hätte ich!«
+
+»Und du hättest das Recht nicht dazu gehabt, denn drei meiner Kinder
+sind einig mit mir!«
+
+»Oh, mich dünkt, meine Meinung wiegt die zweier Damen und eines maroden
+Narren auf ...«
+
+»Du sprichst so lieblos von deinen Geschwistern, wie hart zu mir!«
+
+»Klara war eine fromme aber unwissende Frau, Mutter! Und Tony ist ein
+Kind, -- das übrigens bis zur Stunde ebenfalls nichts gewußt hat, denn
+es hätte ja zur Unzeit geplaudert, nicht wahr? Und Christian?... Ja, er
+hat sich Christians Einwilligung verschafft, dieser Tiburtius ... Wer
+hätte dergleichen von ihm erwartet?!... Weißt du noch nicht, begreifst
+du noch nicht, was er ist, dieser ingeniöse Pastor? Ein Wicht ist er!
+Ein Erbschleicher ...!«
+
+»Schwiegersöhne sind immer Filous«, sagte Frau Permaneder mit dumpfer
+Stimme.
+
+»Ein Erbschleicher! Was tut er? Er fährt nach Hamburg, er setzt sich an
+Christians Bett und redet auf ihn ein. `Ja!´ sagt Christian. `Ja,
+Tiburtius. Gott befohlen. Haben Sie einen Begriff von der Qual in meiner
+linken Seite?...´ Oh, Dummheit und Schlechtigkeit sind gegen mich
+verschworen --!« Und der Senator -- außer sich, an das Schmiedeeisengitter
+der Ofennische gelehnt -- drückte seine beiden verschlungenen Hände
+gegen die Stirn.
+
+Dieser Paroxysmus von Entrüstung entsprach nicht den Umständen! Nein, es
+waren nicht diese 127500 Kurantmark, die ihn in einen Zustand
+versetzten, wie ihn noch niemals irgend jemand an ihm beobachtet hatte!
+Es war vielmehr dies, daß in seinem vorher schon gereizten Empfinden
+sich auch dieser Fall noch der Kette von Niederlagen und Demütigungen
+anreihte, die er während der letzten Monate im Geschäft und in der Stadt
+hatte erfahren müssen ... Nichts fügte sich mehr! Nichts ging mehr nach
+seinem Willen! War es so weit gekommen, daß man im Hause seiner Väter in
+den wichtigsten Angelegenheiten »über ihn hinwegging« ...? Daß ein
+Rigaer Pastor ihn rücklings übertölpelte?... Er hätte es verhindern
+können, aber sein Einfluß war gar nicht erprobt worden! Die Ereignisse
+waren ohne ihn ihren Gang gegangen! Aber ihm schien, daß das früher
+nicht hätte geschehen können, daß es früher nicht =gewagt= haben würde,
+zu geschehen! Es war eine neue Erschütterung des eigenen Glaubens an
+sein Glück, seine Macht, seine Zukunft ... Und es war nichts als seine
+innere Schwäche und Verzweiflung, die vor Mutter und Schwester während
+dieses Auftrittes hervorbrach.
+
+Frau Permaneder stand auf und umarmte ihn.
+
+»Tom«, sagte sie, »beruhige dich doch! Komm doch zu dir! Ist es so
+schlimm? Du machst dich ja krank! Tiburtius braucht ja nicht gar so
+lange zu leben ... und nach seinem Tode fällt ja das Erbteil an uns
+zurück! Und es soll ja auch geändert werden, wenn du willst! Kann es
+nicht geändert werden, Mama?«
+
+Die Konsulin antwortete nur mit Schluchzen.
+
+»Nein ... ach nein!« sagte der Senator, indem er sich zusammenraffte und
+mit der Hand eine schwach ablehnende Geste beschrieb. »Es ist, wie es
+ist. Meint ihr, ich werde in die Gerichte laufen und gegen meine Mutter
+prozessieren, um dem internen Skandal einen öffentlichen hinzuzufügen?
+Es gehe wie es will ...« schloß er und ging mit erschlafften Bewegungen
+zur Glastür, wo er noch einmal stehenblieb.
+
+»Nur glaubt nicht, daß es zum besten mit uns steht«, sagte er gedämpft.
+»Tony hat 80000 Kurantmark verloren ... und Christian hat außer seiner
+Mitgift von 50000, die er vertan, schon an die 30000 Vorschuß verbraucht
+... die sich vermehren werden, da er ohne Verdienst ist und eine Kur in
+Öynhausen gebrauchen wird ... Nun fällt nicht nur Klaras Mitgift für
+immer, sondern dereinst auch ihr ganzer Vermögensanteil für
+unbestimmbare Zeit aus der Familie hinaus ... Und die Geschäfte gehen
+schlecht, sie gehen zum Verzweifeln, genau seit der Zeit, daß ich mehr
+als Hunderttausend an mein Haus gewandt habe ... Nein, es steht nicht
+gut um eine Familie, in der Veranlassung gegeben wird zu Auftritten wie
+dieser hier. Glaubt mir -- glaubt mir das eine: Wäre Vater am Leben,
+wäre er hier bei uns zugegen: er würde die Hände falten und uns alle der
+Gnade Gottes empfehlen.«
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Krieg und Kriegsgeschrei, Einquartierung und Geschäftigkeit: Preußische
+Offiziere bewegen sich in der parkettierten Zimmerflucht der Bel-Etage
+von Senator Buddenbrooks neuem Hause, küssen der Hausdame die Hände und
+werden von Christian, der von Öynhausen zurückgekehrt ist, in den Klub
+eingeführt, während im Mengstraßenhause Mamsell Severin, Riekchen
+Severin, der Konsulin neue Jungfer, zusammen mit den Mädchen eine Menge
+Matratzen in das »Portal«, das alte Gartenhaus, schleppt, das voll von
+Soldaten ist.
+
+Gewimmel, Verstörung und Spannung überall! Die Mannschaften ziehen zum
+Tore hinaus, neue rücken ein, überfluten die Stadt, essen, schlafen,
+erfüllen die Ohren der Bürger mit Trommelwirbeln, Trompetensignalen und
+Kommandorufen und marschieren wieder ab. Königliche Prinzen werden
+begrüßt; Durchmarsch folgt auf Durchmarsch. Dann Stille und Erwartung.
+
+Im Spätherbst und Winter kehren die Truppen siegreich zurück, werden
+wiederum einquartiert und ziehen unter den Hochrufen der aufatmenden
+Bürger nach Hause. -- Friede. Der kurze, ereignisschwangere Friede von
+fünfundsechzig.
+
+Und zwischen zwei Kriegen, unberührt und ruhevoll in den Falten seines
+Schürzenkleidchens und dem Gelock seines weichen Haares, spielt der
+kleine Johann im Garten am Springbrunnen oder auf dem »Altan«, der
+eigens für ihn durch eine kleine Säulenestrade vom Vorplatz der zweiten
+Etage abgetrennt ist, die Spiele seiner 4½ Jahre ... Diese Spiele, deren
+Tiefsinn und Reiz kein Erwachsener mehr zu verstehen vermag, und zu
+denen nichts weiter nötig ist als drei Kieselsteine oder ein Stück Holz,
+das vielleicht eine Löwenzahnblüte als Helm trägt: vor allem aber die
+reine, starke, inbrünstige, keusche, noch unverstörte und
+uneingeschüchterte Phantasie jenes glückseligen Alters, wo das Leben
+sich noch scheut, uns anzutasten, wo noch weder Pflicht noch Schuld Hand
+an uns zu legen wagt, wo wir sehen, hören, lachen, staunen und träumen
+dürfen, ohne daß noch die Welt Dienste von uns verlangt ... wo die
+Ungeduld derer, die wir doch lieben möchten, uns noch nicht nach
+Anzeichen und ersten Beweisen quält, daß wir diese Dienste mit
+Tüchtigkeit werden leisten können ... Ach, nicht lange mehr, und mit
+plumper Übermacht wird alles über uns herfallen, um uns zu
+vergewaltigen, zu exerzieren, zu strecken, zu kürzen, zu verderben ...
+
+Große Dinge geschahen, während Hanno spielte. Der Krieg entbrannte, der
+Sieg schwankte und entschied sich, und Hanno Buddenbrooks Vaterstadt,
+die klug zu Preußen gestanden hatte, blickte nicht ohne Genugtuung auf
+das reiche Frankfurt, das seinen Glauben an Österreich bezahlen mußte,
+indem es aufhörte, eine freie Stadt zu sein.
+
+Bei dem Fallissement einer Frankfurter Großfirma aber, im Juli,
+unmittelbar vor Eintritt des Waffenstillstandes, verlor das Haus Johann
+Buddenbrook mit einem Schlage die runde Summe von zwanzigtausend Talern
+Kurant.
+
+
+
+
+Achter Teil
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Wenn Herr Hugo Weinschenk, seit einiger Zeit Direktor im Dienste der
+städtischen Feuerversicherungsgesellschaft, mit seinem geschlossenen
+Leibrock, seinem schmalen, schwarzen, auf männliche und ernste Art in
+die Mundwinkel hineingewachsenen Schnurrbart und seiner etwas hängenden
+Unterlippe, wiegenden und selbstbewußten Schrittes über die große Diele
+schritt, um sich von den vorderen Büros in die hinteren zu begeben,
+wobei er seine beiden Fäuste vor sich hertrug und die Ellenbogen in
+legerer Weise an den Seiten bewegte, bot er das Bild eines tätigen,
+wohlsituierten und imponierenden Mannes.
+
+Andererseits war Erika Grünlich, nun zwanzigjährig: ein großes,
+erblühtes Mädchen, frischfarbig und hübsch vor Gesundheit und Kraft.
+Führte der Zufall sie die Treppe hinab oder an das obere Geländer, wenn
+eben Herr Weinschenk des Weges kam -- und der Zufall tat dies nicht
+selten -- so nahm der Direktor den Zylinder von seinem kurzen, schwarzen
+Haupthaar, das an den Schläfen schon zu ergrauen begann, wiegte sich
+stärker in der Taille seines Gehrockes und begrüßte das junge Mädchen
+mit einem erstaunten und bewundernden Blick seiner kühn
+umherschweifenden, braunen Augen ... worauf Erika davonlief, sich
+irgendwo auf eine Fensterbank setzte und vor Ratlosigkeit und Verwirrung
+eine Stunde lang weinte.
+
+Fräulein Grünlich war unter Therese Weichbrodts Obhut in Züchten
+herangewachsen, und ihre Gedanken gingen nicht weit. Sie weinte über
+Herrn Weinschenks Zylinder, die Art, mit der er bei ihrem Anblick seine
+Brauen emporzucken und wieder fallen ließ, seine höchst königliche
+Haltung und seine balancierenden Fäuste. Ihre Mutter inzwischen, Frau
+Permaneder, sah weiter.
+
+Die Zukunft ihrer Tochter bekümmerte sie seit Jahren, denn Erika war,
+verglichen mit anderen heiratsfähigen Mädchen, ja im Nachteile. Frau
+Permaneder verkehrte nicht nur nicht in der Gesellschaft, sie lebte in
+Feindschaft mit ihr. Die Annahme, daß man sie in den ersten Kreisen auf
+Grund ihrer zweimaligen Scheidung als minderwertig betrachte, war ihr
+ein wenig zur fixen Idee geworden, und sie sah Verachtung und
+Gehässigkeit da, wo wahrscheinlich oft nichts als Gleichgültigkeit
+vorhanden war. Wahrscheinlich zum Beispiel würde Konsul Hermann
+Hagenström, dieser freisinnige und loyale Kopf, den der Reichtum heiter
+und wohlwollend machte, sie auf der Straße gegrüßt haben, wenn der
+Blick, mit dem sie zurückgeworfenen Hauptes an seinem Gesichte
+vorbeisah, diesem »Gänseleberpastetengesicht«, das sie, mit einem ihrer
+starken Worte, »haßte wie die Pest«, es ihm nicht aufs strengste
+verboten hätte. So kam es, daß auch Erika der Sphäre ihres Onkels, des
+Senators, durchaus fern stand, daß sie keine Bälle besuchte und,
+Herrenbekanntschaften zu machen, sich ihr wenig Gelegenheit bot.
+
+Dennoch war es, besonders seit sie selbst, wie sie sagte,
+»abgewirtschaftet« hatte, Frau Antonies heißester Wunsch, daß ihre
+Tochter die Hoffnungen erfüllen möge, die ihr, der Mutter,
+fehlgeschlagen, und eine Heirat machen, welche, vorteilhaft und
+glücklich, der Familie zur Ehre gereichen, und die Schicksale der Mutter
+vergessen lassen würde. In erster Linie ihrem älteren Bruder gegenüber,
+der in letzter Zeit so geringe Hoffnungsfreudigkeit an den Tag legte,
+sehnte Tony sich nach einem Beweise, daß das Glück der Familie noch
+nicht erschöpft, daß sie keineswegs schon am Ende angelangt sei ... Ihre
+zweite Mitgift, die 17000 Taler, die Herr Permaneder mit so viel Kulanz
+wieder herausgegeben hatte, lagen für Erika bereit, und kaum hatte Frau
+Antonie, scharfäugig und erfahren, die zarte Verbindung bemerkt, die
+sich zwischen ihrer Tochter und dem Direktor angesponnen hatte, als sie
+schon den Himmel mit Gebeten anzugehen begann, Herr Weinschenk möge
+Visite machen.
+
+Er tat es. Er erschien in der ersten Etage, ward von den drei Damen,
+Großmutter, Tochter und Enkelin, empfangen, plauderte zehn Minuten lang
+und versprach, nachmittags um die Kaffeezeit einmal zu zwangloser
+Unterhaltung wiederzukommen.
+
+Auch das geschah, und man lernte einander kennen. Der Direktor war aus
+Schlesien gebürtig, woselbst sein alter Vater noch lebte; seine Familie
+indes schien nicht in Betracht zu kommen, und Hugo Weinschenk vielmehr
+ein _self-made man_ zu sein. Er besaß das nicht angeborene, nicht ganz
+sichere, etwas übertriebene und etwas mißtrauische Selbstbewußtsein
+eines solchen, seine Formen waren nicht eben vollkommen, und seine
+Konversation von Herzen ungewandt. Übrigens zeigte sein etwas
+kleinbürgerlich geschnittener Gehrock einige blanke Stellen, seine
+Manschetten mit den großen Jettknöpfen waren nicht ganz frisch und
+sauber, und am Mittelfinger der linken Hand war infolge irgendeines
+Unglücksfalles der Nagel völlig verdorrt und kohlschwarz ... ein
+ziemlich unerfreulicher Anblick, der aber nicht hinderte, daß Hugo
+Weinschenk ein hochachtungswerter, fleißiger, energischer Mensch mit
+12000 Kurantmark jährlicher Einkünfte und in Erika Grünlichs Augen sogar
+ein schöner Mann war.
+
+Frau Permaneder hatte rasch die Lage überblickt und abgeschätzt. Sie
+sprach sich gegen die Konsulin und den Senator offen darüber aus. Es war
+klar, daß die Interessen sich entgegenkamen und sich ergänzten. Direktor
+Weinschenk war, wie Erika, ohne jegliche gesellschaftliche Verbindung;
+die beiden waren geradezu aufeinander angewiesen und von Gott
+ersichtlich füreinander bestimmt. Wollte der Direktor, der sich den
+Vierzig näherte, und dessen Haupthaar sich zu melieren begann, einen
+Hausstand gründen, was seiner Stellung zukam und seinen Verhältnissen
+entsprach, so eröffnete ihm die Verbindung mit Erika Grünlich den
+Eintritt in eine der ersten Familien der Stadt und war geeignet, ihn in
+seinem Berufe zu fördern, in seiner Position zu befestigen. Was aber
+Erikas Wohlfahrt betraf, so durfte Frau Permaneder sich sagen, daß
+wenigstens ihre eigenen Schicksale in diesem Falle ausgeschlossen seien.
+Mit Herrn Permaneder wies Hugo Weinschenk nicht die geringste
+Ähnlichkeit auf, und von Bendix Grünlich unterschied er sich durch seine
+Eigenschaft als solid situierter Beamter mit festem Gehalt, die eine
+weitere Karriere nicht ausschloß.
+
+Mit einem Worte: es war auf beiden Seiten viel guter Wille vorhanden,
+die Nachmittagsbesuche Direktor Weinschenks wiederholten sich in rascher
+Folge, und im Januar -- dem Januar des Jahres 1867 -- gestattete er
+sich, mit einigen kurzen, männlichen und geraden Worten um Erika
+Grünlichs Hand zu bitten.
+
+Von nun an gehörte er zur Familie, begann an den »Kindertagen«
+teilzunehmen und ward von den Angehörigen seiner Braut mit
+Zuvorkommenheit aufgenommen. Ohne Zweifel empfand er sofort, daß er
+unter ihnen nicht recht am Platze war; aber er verkleidete dies Gefühl
+mit einer desto kühneren Haltung, und die Konsulin, Onkel Justus,
+Senator Buddenbrook -- wenn auch nicht gerade die Damen Buddenbrook aus
+der Breiten Straße -- waren gegenüber diesem tüchtigen Büromenschen,
+diesem gesellschaftlich unerfahrenen Manne der harten Arbeit zu
+taktvoller Nachsicht bereit.
+
+Sie war vonnöten; denn immer wieder galt es, mit einem belebenden und
+ablenkenden Worte eine Stille zu verscheuchen, die sich an der
+Familientafel im Eßsaale ausbreitete, wenn etwa der Direktor sich in
+allzu neckischer Art mit Erikas Wangen und Armen beschäftigte, wenn er
+sich gesprächsweise erkundigte, ob Orangemarmelade eine Mehlspeise sei,
+-- »Mehlschpeis'« sagte er mit kecker Betonung -- oder wenn er der
+Meinung Ausdruck gab, »Romeo und Julia« sei ein Stück von Schiller ...
+Dinge, die er unter sorglosem Händereiben, den Oberkörper schräg gegen
+die Stuhllehne zurückgeworfen, mit vieler Frische und Festigkeit
+hervorbrachte.
+
+Am besten verständigte er sich mit dem Senator, der über Politik und
+Geschäftliches hin eine Unterhaltung mit ihm sicher zu steuern wußte,
+ohne daß ein Unglück geschah. Vollkommen verzweifelt aber gestaltete
+sich sein Verhältnis zu Gerda Buddenbrook. Die Persönlichkeit dieser
+Dame befremdete ihn in solchem Grade, daß er außerstande war, einen auch
+nur für zwei Minuten ausreichenden Gesprächsstoff für sie zu finden. Da
+er wußte, daß sie die Violine spielte, und diese Tatsache starken
+Eindruck auf ihn gemacht hatte, so beschränkte er sich darauf, bei jedem
+Zusammentreffen am Donnerstag aufs neue die scherzhafte Frage an sie zu
+richten: »Wie geht's der Geige?« -- Nach dem dritten Male aber bereits
+enthielt die Senatorin sich jeder Antwort hierauf.
+
+Christian seinerseits pflegte seinen neuen Verwandten mit gekrauster
+Nase zu beobachten und am nächsten Tage sein Benehmen und seine
+Sprechweise eingehend nachzuahmen. Der zweite Sohn des seligen Konsul
+Johann Buddenbrook war in Öynhausen von seinem Gelenkrheumatismus
+genesen; aber eine gewisse Steifheit der Glieder dauerte noch fort, und
+die periodische »Qual« in seiner linken Seite -- dort, wo »alle Nerven
+zu kurz« waren -- sowie die sonstigen Störungen, denen er sich
+ausgesetzt fühlte: Atmungs- und Schluckbeschwerden, Unregelmäßigkeiten
+des Herzens und Neigung zu Lähmungserscheinungen oder Furcht davor --
+waren keineswegs aus der Welt geschafft. Auch war sein Äußeres kaum
+dasjenige eines Mannes, der erst am Ende der Dreißiger steht. Sein
+Schädel war vollständig entblößt; nur am Hinterkopf und an den Schläfen
+stand noch ein wenig seines dünnen, rötlichen Haares, und seine kleinen,
+runden Augen, die mit unruhigem Ernste umherschweiften, lagen tiefer als
+jemals in ihren Höhlen. Gewaltiger aber auch und knochiger, als jemals,
+sprang seine große, gehöckerte Nase zwischen den hageren und fahlen
+Wangen hervor, über dem dichten, rotblonden Schnurrbart, der den Mund
+überhing ... Und die Hose aus durablem und elegantem englischen Stoff
+umschlotterte seine dürren, gekrümmten Beine.
+
+Seit seiner Heimkehr bewohnte er wie ehemals ein Zimmer am Korridor der
+ersten Etage im Hause seiner Mutter, hielt sich jedoch mehr im »Klub«
+als in der Mengstraße auf, denn dort wurde ihm das Leben nicht sehr
+angenehm gemacht. Riekchen Severin nämlich, Ida Jungmanns Nachfolgerin,
+die nun die Dienstboten der Konsulin regierte und den Hausstand führte,
+ein untersetztes, 27jähriges Geschöpf vom Lande, mit roten, gesprungenen
+Wangen und aufgeworfenen Lippen, hatte mit bäuerlichem Sinn für Tatsachen
+erkannt, daß auf diesen beschäftigungslosen Geschichtenerzähler, der
+abwechselnd albern und elend war, und über den die Respektsperson, der
+Senator, mit erhobener Augenbraue hinwegsah, nicht viel Rücksicht zu
+nehmen sei, und sie vernachlässigte ganz einfach seine Bedürfnisse. »Je,
+Herr Buddenbrook!« sagte sie. »Ich hab' nu keine Zeit für Ihnen!« Worauf
+Christian sie mit krauser Nase anblickte, als wollte er sagen: Schämst
+du dich gar nicht?... und mit steifen Gelenken seines Weges ging.
+
+»Meinst du, ich habe immer eine Kerze?« sagte er zu Tony ... »Selten!
+Meistens muß ich mit einem Streichholz zu Bette gehen ...« Oder er
+erklärte auch -- denn das Taschengeld, das seine Mutter ihm noch
+bewilligen konnte, war gering --: »Schlechte Zeiten!... Ja, das war
+früher alles anders! Was meinst du wohl?... ich muß mir jetzt oft fünf
+Schillinge für Zahnpulver leihen!«
+
+»Christian!« rief Frau Permaneder. »Wie unwürdig! Mit einem Streichholz!
+Fünf Schillinge! Sprich doch wenigstens nicht davon!« Sie war entrüstet,
+empört, in ihren heiligsten Gefühlen beleidigt; allein das änderte
+nichts ...
+
+Die fünf Schillinge für Zahnpulver entlieh Christian von seinem alten
+Freunde Andreas Gieseke, Doktor beider Rechte. Er hatte Glück mit dieser
+Freundschaft, und sie ehrte ihn; denn der Rechtsanwalt Gieseke, dieser
+Suitier, der die Würde zu wahren wußte, war im vergangenen Winter, als
+der alte Kaspar Överdieck sanft entschlummert und Doktor Langhals an
+seine Stelle gerückt war, zum Senator erwählt worden. Seinen
+Lebenswandel aber beeinflußte das nicht. Man wußte, daß ihm, der seit
+seiner Verheiratung mit einem Fräulein Huneus inmitten der Stadt ein
+geräumiges Haus besaß, auch in der Vorstadt St. Gertrud jene kleine,
+grünbewachsene und behaglich ausgestattete Villa gehörte, die von einer
+noch jungen und außerordentlich hübschen Dame unbestimmter Herkunft ganz
+allein bewohnt ward. Über der Haustür prangte in zierlich vergoldeten
+Buchstaben das Wort »_=Quisisana=_«, und in der ganzen Stadt war das
+friedliche Häuschen bekannt unter diesem Namen, den man übrigens mit
+sehr weichen S- und sehr getrübten A-Lauten sprach. Christian
+Buddenbrook aber, als bester Freund des Senators Gieseke, hatte sich
+Zutritt verschafft in Quisisana, und er hatte dort auf die nämliche Art
+reüssiert wie zu Hamburg bei Aline Puvogel und bei ähnlichen
+Gelegenheiten in London, in Valparaiso und an so vielen anderen Punkten
+der Erde. Er hatte »ein bißchen erzählt«, er war »ein bißchen nett«
+gewesen, und er verkehrte nun in dem grünen Häuschen mit der gleichen
+Regelmäßigkeit wie Senator Gieseke selbst. Ob dies mit dem Wissen und
+Einverständnis des letzteren geschah, das steht dahin; sicher aber ist,
+daß Christian Buddenbrook in Quisisana ganz kostenlos dieselbe
+freundliche Zerstreuung fand, die Senator Gieseke mit dem schweren Gelde
+seiner Gattin bezahlen mußte.
+
+Kurze Zeit nach der Verlobung Hugo Weinschenks mit Erika Grünlich machte
+der Direktor seinem Schwager den Vorschlag, in das Versicherungsbüro
+einzutreten, und in der Tat arbeitete Christian vierzehn Tage lang im
+Dienste der Brandkasse. Leider jedoch zeigte sich dann, daß nicht allein
+die Qual in seiner linken Seite, sondern auch seine übrigen, schwer
+bestimmbaren Übel sich hierdurch verstärkten, daß übrigens der Direktor
+ein überaus heftiger Vorgesetzter war, der gelegentlich eines Mißgriffes
+keinen Anstand genommen hatte, seinen Schwager einen »Seehund« zu nennen
+... und Christian war genötigt, diesen Posten wieder zu verlassen.
+
+Was aber Madame Permaneder anging, so war sie glücklich, so äußerte ihre
+lichte Gemütsstimmung sich in Aperçus wie dieses, daß das irdische Leben
+doch hin und wieder auch seine guten Seiten habe. Wahrhaftig, sie
+erblühte aufs neue in diesen Wochen, die, mit ihrer belebenden
+Geschäftigkeit, ihren vielfältigen Plänen, ihren Wohnungssorgen und
+ihrem Ausstattungsfieber, sie allzu deutlich an die Zeit ihres eignen
+ersten Verlöbnisses gemahnten, als daß sie sie nicht verjüngt und mit
+grenzenloser Hoffnungsfreudigkeit erfüllt hätten. Viel von dem graziösen
+Übermut ihrer Mädchentage kehrte in ihre Mienen und ihre Bewegungen
+zurück, ja, die Stimmung eines ganzen Jerusalemsabends entweihte sie
+durch eine so ausgelassene Fröhlichkeit, daß selbst Lea Gerhardt das
+Buch ihres Vorfahren sinken ließ und mit den großen, unwissenden und
+mißtrauischen Augen der Tauben im Saale umherblickte ...
+
+Erika sollte sich von ihrer Mutter nicht trennen. Mit dem Einverständnis
+des Direktors, ja, auf seinen Wunsch hin, war beschlossen worden, daß
+Frau Antonie -- wenigstens vorderhand -- bei den Weinschenks wohnen, daß
+sie der unerfahrenen Erika im Haushalte zur Seite stehen sollte ... und
+dies grade war es, was in ihr die köstliche Empfindung hervorrief, als
+hätte niemals ein Bendix Grünlich, niemals ein Alois Permaneder gelebt,
+als zergingen alle Mißerfolge, Enttäuschungen und Leiden ihres Lebens zu
+nichts, und als dürfe sie mit frischen Hoffnungen nun noch einmal von
+vorne beginnen. Zwar ermahnte sie Erika zur Dankbarkeit gegen Gott, der
+ihr den einzig geliebten Mann beschere, während sie selbst, die Mutter,
+ihre erste und herzliche Neigung mit Pflicht und Vernunft habe ertöten
+müssen; zwar war es Erikas Name, den sie zusammen mit dem des Direktors
+mit vor Freude unsicherer Hand in die Familienpapiere schrieb ... aber
+sie, sie selbst, Tony Buddenbrook, war die eigentliche Braut. Sie war
+es, die noch einmal mit kundiger Hand Portieren und Teppiche prüfen,
+noch einmal Möbel- und Ausstattungsmagazine durchstöbern, noch einmal
+eine =vornehme= Wohnung besichtigen und mieten durfte! Sie war es, die
+noch einmal das fromme und weitläufige Elternhaus verlassen und aufhören
+sollte, bloß eine geschiedene Frau zu sein; der noch einmal die
+Möglichkeit sich auftat, ihr Haupt zu erheben und ein neues Leben zu
+beginnen, geeignet, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erwecken und das
+Ansehen der Familie zu fördern ... Ja, war es ein Traum? Schlafröcke
+erschienen auf der Bildfläche! Zwei Schlafröcke für sie und Erika, aus
+weichem, gewirktem Stoff, mit breiten Schleppen und dichten Reihen von
+Sammetschleifen, vom Halsverschluß bis zum Saume hinunter!
+
+Die Wochen aber verstrichen, und Erika Grünlichs Brautzeit neigte sich
+ihrem Ende entgegen. Das junge Paar hatte in einigen wenigen Häusern
+Besuche gemacht, denn der Direktor, ernster und in geselligen Dingen
+unerfahrener Arbeitsmensch, wie er war, gedachte seine Mußestunden der
+intimen Häuslichkeit zu widmen ... ein Verlobungsdiner hatte Thomas,
+Gerda, das Brautpaar, Friederike, Henriette und Pfiffi Buddenbrook mit
+der nächsten Freundschaft des Senators in dem großen Saale des
+Fischergrubenhauses vereint, wobei es wiederum befremdete, daß der
+Direktor nicht aufhörte, Erikas dekolletierten Hals zu klopfen ... und
+die Hochzeit nahte heran.
+
+Die Säulenhalle war, wie einst, als Frau Grünlich die Myrten trug, der
+Schauplatz der Trauung. Frau Stuht aus der Glockengießerstraße,
+dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, war der Braut beim
+Faltenarrangement ihres weißen Atlaskleides und beim Anlegen des grünen
+Schmuckes behilflich gewesen, Senator Buddenbrook war erster, und
+Christians Freund, Senator Gieseke, zweiter Brautführer, zwei ehemalige
+Pensionsfreundinnen Erikas fungierten als Brautjungfern, Direktor Hugo
+Weinschenk sah stattlich und männlich aus und trat, auf dem Wege zum
+improvisierten Altar, nur =ein=mal auf Erikas herabwallenden Schleier,
+Pastor Pringsheim, die Hände unterm Kinn gefaltet, zelebrierte mit aller
+verklärten Feierlichkeit, die ihm eigen, und alles verlief nach Brauch
+und Würde. Als die Ringe gewechselt wurden, und das tiefe und das helle
+»Ja« -- beide ein wenig heiser -- in der Stille erklangen, brach Frau
+Permaneder, überwältigt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in
+lautes Weinen aus -- es war noch immer ihr unbedenkliches und
+unverhohlenes Kinderweinen -- während die Damen Buddenbrook, von denen
+Pfiffi zur Feier des Tages eine goldene Kette an ihrem Pincenez trug,
+wie immer bei solchen Gelegenheiten ein wenig säuerlich dareinlächelten
+... Mlle. Weichbrodt jedoch, Therese Weichbrodt, die in den letzten
+Jahren noch sehr viel kleiner geworden war, als früher, Sesemi, die
+ovale Brosche mit dem Porträt ihrer Mutter an ihrem dünnen Hälschen,
+sprach mit jener übergroßen Festigkeit, welche eine tiefe innere Rührung
+verbergen soll: »Sei glöcklich, du =gutes= Kend!«
+
+Dann folgte, im Kreise der weißen Götterfiguren, welche in
+unveränderlich gelassenen Stellungen aus der blauen Tapete hervortraten,
+ein ebenso solennes, wie solides Festmahl, gegen dessen Ende die
+Neuvermählten verschwanden, um ihre Reise durch einige Großstädte
+anzutreten ... Das war um die Mitte des April; und während der folgenden
+vierzehn Tage vollbrachte Frau Permaneder, unterstützt vom Tapezierer
+Jacobs, eines ihrer Meisterstücke: die vornehme Herrichtung jener
+geräumigen ersten Etage, die in einem Hause der mittleren Bäckergrube
+gemietet worden war, und deren mit Blumen reichlich geputzte Räume dann
+das heimkehrende Paar umfingen.
+
+Und es begann Tony Buddenbrooks dritte Ehe.
+
+Ja, diese Bezeichnung war zutreffend, und der Senator selbst hatte eines
+Donnerstags, als Weinschenks nicht zugegen waren, die Sache bei diesem
+Namen genannt, was Frau Permaneder sich mit Behagen hatte gefallen
+lassen. In der Tat, alle Sorgen des Hausstandes fielen auf sie, aber
+auch Freude und Stolz nahm sie für sich in Anspruch, und eines Tages,
+als sie unversehens mit der Konsulin Julchen Möllendorpf geb. Hagenström
+auf der Straße zusammentraf, blickte sie ihr mit einem so
+triumphierenden und herausfordernden Ausdruck ins Gesicht, daß Frau
+Möllendorpf sich dazu verstand, zuerst zu grüßen ... Stolz und Freude
+wurden in ihrer Miene und Haltung zur ernsten Feierlichkeit, wenn sie
+die Verwandten, die kamen, das neue Heim zu besichtigen, darin
+umherführte, während Erika Weinschenk selbst fast ebenfalls wie ein
+bewundernder Gast dabei erschien.
+
+Die Schleppe ihres Schlafrockes hinter sich herziehend, die Schultern
+ein wenig emporgezogen, den Kopf zurückgelehnt und am Arme den mit
+Atlasschleifen besetzten Schlüsselkorb -- sie schwärmte für
+Atlasschleifen -- zeigte Frau Antonie den Besuchern die Möbel, die
+Portieren, das durchsichtige Porzellan, das blitzende Silberzeug, die
+großen Ölgemälde, die der Direktor angeschafft hatte: lauter Stilleben
+von Eßwaren und unbekleidete Frauengestalten, denn dies war Hugo
+Weinschenks Geschmack -- und ihre Bewegungen schienen zu sagen: Seht,
+dahin habe ich es noch einmal gebracht im Leben. Es ist fast so vornehm
+wie bei Grünlich und sicherlich vornehmer als bei Permaneder!
+
+Die alte Konsulin kam, in grau und schwarz gestreifter Seide, einen
+diskreten Patschuliduft um sich verbreitend, ließ ihre hellen Augen
+geruhig über alles hingleiten und legte, ohne laute Bewunderung zu
+äußern, eine anerkennende Befriedigung an den Tag. Der Senator kam mit
+Frau und Kind, amüsierte sich mit Gerda über Tonys glückselige
+Überheblichkeit und verhinderte mit Mühe, daß sie ihren angebeteten
+kleinen Hanno mit Korinthenbrot und Portwein erstickte ... Es kamen die
+Damen Buddenbrook, welche einstimmig bemerkten, alles sei so schön, daß
+sie ihrerseits, bescheidene Mädchen wie sie seien, nicht darin wohnen
+möchten ... Die arme Klothilde kam, grau, geduldig und hager, ließ sich
+auslachen und trank vier Tassen Kaffee, worauf sie auch alles übrige in
+gedehnten und freundlichen Worten belobte ... Dann und wann, wenn im
+»Klub« niemand anwesend gewesen war, erschien auch Christian, nahm ein
+Gläschen Benediktiner, erzählte, daß er jetzt willens sei, die Agentur
+für eine Champagner- und Kognakfirma zu übernehmen -- darauf verstehe er
+sich, und es sei eine leichte, angenehme Arbeit, man sei sein eigner
+Herr, schreibe sich hie und da ein bißchen in sein Notizbuch und habe im
+Handumdrehen dreißig Taler verdient -- lieh sich hierauf vierzig
+Schilling von Frau Permaneder, um der ersten Liebhaberin vom
+Stadttheater ein Bukett überreichen zu können, kam, Gott weiß, infolge
+welcher Ideenverbindung, auf »Maria« und das »Laster« in London zu
+sprechen, verfiel in die Geschichte des räudigen Hundes, der in einer
+Schachtel von Valparaiso nach San Franzisko gereist war, und erzählte
+nun, da er im Zuge war, mit einer solchen Fülle, Schwunghaftigkeit und
+Komik, daß er einen Saal voll Menschen hätte unterhalten können.
+
+Er geriet in Begeisterung, er redete in Zungen. Er sprach Englisch,
+Spanisch, Plattdeutsch und Hamburgisch, er schilderte chilenische
+Messerabenteurer und Diebsaffären aus Whitechapel, verfiel darauf, einen
+Blick in seinen Vorrat von Couplets tun zu lassen und sang oder sprach
+mit mustergültigem Mienenspiel und einem pittoresken Talent in den
+Handbewegungen:
+
+ »Ick güng so ganz pomad'
+ So up de Esplanad',
+ Da güng so'n lüttje Deern
+ So vor mir up;
+ Die hatt' so'n feinen Pli
+ Mi so'n französ'schen _cu_
+ Und 'n groten Deller achter up'm Kopp
+ Ick seg: `Mein liebes Kind,
+ Wei Sie so nüdlich sind,
+ Erlauben Sie mir Ihren Arm vielleicht?´
+ Sie dreit sik um so recht
+ Und -- kiekt -- mi an -- und segt -- --:
+ `Ga man na Hus, mi Jung, und si vergneugt!´«
+
+Und kaum war er hiermit fertig, als er zu Berichten aus dem Zirkus Renz
+überging und die ganze Entree eines englischen Sprechclowns in einer Art
+wiederzugeben begann, daß man sich einbilden konnte, vor der Manege zu
+sitzen. Man vernahm das übliche Geschrei schon hinter der Gardine, das
+»Machen Sie mich die Türe auf!«, die Streitigkeiten mit dem Stallmeister
+und dann, in breitem und jammerndem Englisch-Deutsch, eine Reihe von
+Erzählungen. Es war die Geschichte von dem Manne, der im Schlafe eine
+Maus verschluckt und sich deshalb zum Tierarzt begibt, welcher ihm
+seinerseits rät, nunmehr auch eine Katze zu verschlucken ... Die
+Geschichte von »Meiner Großmutter, frisch und gesund wie die Frau war«,
+in welcher ebendieser Großmutter auf dem Wege zum Bahnhofe tausend
+Abenteuer begegnen und ihr schließlich, frisch und gesund wie die Frau
+war, der Zug vor der Nase davonfährt ... worauf Christian die Pointe mit
+einem triumphierenden »Musik, Herr Kapellmeister!« abbrach und selbst,
+wie erwachend, ganz erstaunt schien, daß die Musik nicht einsetzte ...
+
+Und dann, ganz plötzlich, verstummte er, veränderte sich sein Gesicht,
+erschlafften seine Bewegungen. Seine kleinen, runden, tiefliegenden
+Augen begannen mit unruhigem Ernst nach allen Richtungen zu wandern, er
+strich mit der Hand an seiner linken Seite hinunter, es war, als horche
+er in sein Inneres hinein, woselbst Seltsames geschah ... Er trank noch
+ein Gläschen Likör, ward noch einmal ein wenig aufgeräumter, versuchte
+noch eine Geschichte zu erzählen und brach dann in ziemlich deprimierter
+Stimmung auf.
+
+Frau Permaneder, die in dieser Zeit ausnehmend lachlustig war und sich
+köstlich amüsiert hatte, begleitete ihren Bruder in ausgelassener Laune
+zur Treppe. »Adieu, Herr Agent!« sagte sie. »Minnesänger! Mädchenfänger!
+Altes Schaf! Komm bald mal wieder!« Und sie lachte aus vollem Halse
+hinter ihm drein und kehrte in ihre Wohnung zurück.
+
+Aber Christian Buddenbrook focht das nicht an; er überhörte es, denn er
+war in Gedanken. Na, dachte er, nun will ich mal ein bißchen nach
+Quisisana gehen. Und den Hut etwas schief auf dem Kopf, gestützt auf
+seinen Stock mit der Nonnenbüste, langsam, steif und ein wenig lahmend
+ging er die Treppe hinab.
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Es war im Frühling des Jahres achtundsechzig, als Frau Permaneder eines
+Abends gegen zehn Uhr sich in der ersten Etage des Fischergrubenhauses
+einstellte. Senator Buddenbrook saß allein im Wohnzimmer, das mit
+olivenfarbenen Ripsmöbeln ausgestattet war, an dem runden Mitteltisch im
+Lichte der großen Gaslampe, die vom Plafond herabhing. Er hatte die
+»Berliner Börsenzeitung« vor sich ausgebreitet und las, leicht über den
+Tisch gebeugt, seine Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der
+Linken und auf der Nase ein goldenes Pincenez, dessen er sich seit
+einiger Zeit bei der Arbeit bedienen mußte. Er hörte die Schritte seiner
+Schwester durch das Eßzimmer kommen, nahm das Glas von den Augen und
+blickte gespannt in das Dunkel hinein, bis Tony zwischen den Portieren
+und im Lichtbereich auftauchte.
+
+»Oh, du bist es. Guten Abend. Schon zurück von Pöppenrade? Wie geht es
+deinen Freunden?«
+
+»Guten Abend, Tom! Danke, Armgard ist wohlauf ... Du bist hier ganz
+einsam?«
+
+»Ja, du kommst mir sehr erwünscht. Ich habe heute abend so allein essen
+müssen, wie der Papst; denn Fräulein Jungmann kommt als Gesellschaft
+nicht recht in Betracht, weil sie jeden Augenblick aufspringt und
+hinaufläuft, um nach Hanno zu sehen ... Gerda ist im Kasino. Tamayo
+geigt dort. Christian hat sie abgeholt ...«
+
+»Dausend! um wie Mutter zu reden. -- Ja, ich habe in letzter Zeit
+bemerkt, Tom, daß Gerda und Christian sich gut vertragen.«
+
+»Ich auch. Seit er dauernd hier ist, fängt sie an, Geschmack an ihm zu
+gewinnen. Sie hört auch ganz aufmerksam zu, wenn er seine Leiden
+beschreibt ... Mein Gott, er amüsiert sie. Neulich sagte sie zu mir: `Er
+ist kein Bürger, Thomas! Er ist noch weniger ein Bürger, als du!´ ...«
+
+»Bürger ... Bürger, Tom?! Ha, mir scheint, daß es auf Gottes weiter Welt
+keinen besseren Bürger als du ...«
+
+»Nun ja; nicht gerade so zu verstehen!... Leg' ein bißchen ab, mein
+Kind. Dein Aussehen ist süperb. Die Landluft hat dir gut getan?«
+
+»Vortrefflich!« sagte sie, indem sie ihre Mantille und den Kapotthut mit
+lilaseidenen Bändern beiseitelegte und sich in majestätischer Haltung
+auf einem der Fauteuils am Tische niederließ ... »Magen und Nachtruhe,
+alles hat sich gebessert in dieser kurzen Zeit. Diese kuhwarme Milch und
+diese Würste und Schinken ... man gedeiht, wie das Vieh und das Korn.
+Und dieser frische Honig, Tom, ich habe ihn immer für eines der besten
+Nahrungsmittel gehalten. Das ist reines Naturprodukt! Da weiß man doch,
+was man verschluckt! Ja, es war wahrhaftig liebenswürdig von Armgard,
+daß sie sich unserer alten Pensionsfreundschaft erinnerte und mich
+einlud. Und Herr von Maiboom war gleichfalls von einer Zuvorkommenheit
+... Sie baten mich so inständig, doch noch ein paar Wochen zu bleiben,
+aber du weißt: Erika behilft sich nur schwer ohne mich, und besonders
+jetzt, da die kleine Elisabeth auf der Welt ist ...«
+
+»_A propos_, wie geht es dem Kinde?«
+
+»Danke, Tom, es macht sich; es ist gottlob recht gut bei Schick für
+seine vier Monate, obgleich Friederike, Henriette und Pfiffi es nicht
+für lebensfähig hielten ...«
+
+»Und Weinschenk? Wie fühlt er sich als Vater? Ich sehe ihn ja eigentlich
+nur Donnerstags ...«
+
+»Oh, der ist unverändert! Siehst du: er ist ein so braver und fleißiger
+Mann, und in gewisser Weise ja auch das Muster eines Ehegatten, denn er
+verachtet die Wirtshäuser, kommt vom Büro geraden Weges nach Hause und
+verbringt seine Freistunden bei uns. Aber nun ist die Sache die, Tom --
+unter uns können wir ja offen darüber reden --: Er verlangt von Erika,
+daß sie beständig heiter ist, beständig spricht und scherzt, denn wenn
+er abgearbeitet und verstimmt nach Hause kommt, sagt er, dann will er,
+daß seine Frau ihn in leichter und fröhlicher Weise unterhält, ihn
+amüsiert und aufheitert; dazu, sagt er, sei die Frau auf der Welt ...«
+
+»Dummkopf!« murmelte der Senator.
+
+»Wie?... Nun, das Schlimme ist, daß Erika ein wenig zur Melancholie
+neigt, Tom, sie muß es von mir haben. Sie ist hier und da ernst und
+schweigsam und gedankenvoll, und dann schilt er sie und braust auf, in
+Worten, die, ehrlich gesagt, nicht immer ganz zartfühlend sind. Man
+merkt es eben allzu häufig, daß er eigentlich kein Mann von Familie ist
+und das, was man eine vornehme Erziehung nennt, leider nicht genossen
+hat. Ja, ich gestehe dir offen: noch ein paar Tage vor meiner Abreise
+nach Pöppenrade ist es vorgekommen, daß er den Deckel der Suppenterrine
+am Boden zerschlagen hat, weil die Suppe versalzen war ...«
+
+»Allerliebst!«
+
+»Nein, im Gegenteil. Aber wir wollen ihn deshalb nicht verurteilen. Mein
+Gott, wir sind alle mit Mängeln behaftet, und ein so tüchtiger,
+gediegener und arbeitsamer Mann ... behüte ... Nein, Tom, eine rauhe
+Außenseite und ein guter Kern, das ist noch nicht das Schlimmste im
+irdischen Leben. Ich komme soeben aus Verhältnissen, will ich dir sagen,
+die trauriger sind. Armgard hat, wenn sie mit mir allein war, bitterlich
+geweint ...«
+
+»Was du sagst! -- Herr von Maiboom?...«
+
+»Ja, Tom; und darauf wollte ich hinaus. Wir sitzen hier und plaudern,
+aber in Wirklichkeit bin ich heute abend in einer sehr ernsten und
+wichtigen Angelegenheit gekommen.«
+
+»Nun? Was ist denn mit Herrn von Maiboom?«
+
+»Ralf von Maiboom ist ein liebenswürdiger Mann, Thomas, aber er ist ein
+Junker Leichtfuß, ein Daus. Er spielt in Rostock, er spielt in
+Warnemünde, und seine Schulden sind wie Sand am Meer. Man sollte es
+nicht glauben, wenn man ein paar Wochen auf Pöppenrade lebt! Das
+Herrenhaus ist vornehm, und alles ringsumher gedeiht, und an Milch und
+Wurst und Schinken ist kein Mangel. Man hat auf so einem Gute manchmal
+keinen Maßstab für die tatsächlichen Verhältnisse ... Kurz, sie sind in
+Wahrheit aufs jämmerlichste zerrüttet, Tom, was Armgard mir unter
+herzbrechendem Schluchzen gestanden hat.«
+
+»Traurig, traurig.«
+
+»Das sage du nur noch einmal. Aber die Sache ist nun diese, daß, wie
+sich mir herausgestellt hat, die Leute mich nicht aus ganz
+uneigennützigem Antriebe zu sich eingeladen haben.«
+
+»Wieso?«
+
+»Das will ich dir sagen, Tom. Herr von Maiboom braucht Geld, er braucht
+sofort eine größere Summe, und da er die alte Freundschaft kannte, die
+zwischen seiner Frau und mir besteht, und wußte, daß ich deine Schwester
+bin, so hat er in seiner Bedrängnis sich hinter seine Frau gesteckt, die
+ihrerseits sich hinter mich gesteckt hat ... verstehst du?«
+
+Der Senator bewegte die Fingerspitzen seiner Rechten auf seinem Scheitel
+hin und her und verzog ein wenig das Gesicht.
+
+»Ich glaube, ja«, sagte er. »Deine ernste und wichtige Angelegenheit
+scheint mir auf einen Vorschuß auf die Pöppenrader Ernte hinauszulaufen,
+wenn ich nicht irre? Aber da habt ihr euch, du und deine Freunde, nicht
+an den richtigen Mann gewandt, wie mich dünkt. Erstens nämlich habe ich
+noch niemals ein Geschäft mit Herrn von Maiboom gemacht, und dies wäre
+denn doch wohl eine ziemlich sonderbare Anknüpfung von Beziehungen.
+Zweitens haben wir, Urgroßvater, Großvater, Vater und ich, wohl hie und
+da den Landleuten Vorschüsse gezahlt, wenn anders sie durch ihre
+Persönlichkeit und sonstigen Verhältnisse eine gewisse Sicherheit boten
+... Wie du selbst mir aber vor zwei Minuten Herrn von Maibooms
+Persönlichkeit und Verhältnisse charakterisiert hast, kann doch von
+solcher Sicherheit hier kaum die Rede sein ...«
+
+»Du bist im Irrtum, Tom. Ich habe dich ausreden lassen, aber du bist im
+Irrtum. Es kann sich hier nicht um irgendeinen Vorschuß handeln. Maiboom
+braucht fünfunddreißigtausend Kurantmark ...«
+
+»Donnerwetter!«
+
+»Fünfunddreißigtausend Kurantmark, die binnen knapper zwei Wochen fällig
+sind. Das Messer steht ihm an der Kehle, und, um deutlich zu sein: er
+muß zusehen, schon jetzt, sofort, zu verkaufen.«
+
+»Auf dem Halm? Oh, o der arme Kerl!« Und der Senator, der mit dem
+Pincenez auf der Tischdecke spielte, schüttelte den Kopf. »Aber das
+scheint mir für unsere Verhältnisse ein ziemlich ungewöhnlicher Fall zu
+sein«, sagte er. »Ich habe von solchen Geschäften hauptsächlich aus
+Hessen gehört, wo ein nicht kleiner Teil der Landleute in den Händen von
+Juden ist ... Wer weiß, in das Netz welches Halsabschneiders der arme
+Herr von Maiboom gerät ...«
+
+»Juden? Halsabschneider?« rief Frau Permaneder überaus verwundert ...
+»Aber es ist von dir die Rede, Tom, von =dir=!«
+
+Plötzlich warf Thomas Buddenbrook das Pincenez vor sich hin auf den
+Tisch, so daß es ein Stück auf der Zeitung entlang glitt, und wandte mit
+einem Ruck den ganzen Oberkörper seiner Schwester zu.
+
+»Von -- mir?« fragte er mit den Lippen, ohne einen Ton von sich zu
+geben; und dann setzte er laut hinzu: »Geh schlafen, Tony! Du bist ja
+übermüde.«
+
+»Ja, Tom, so sagte Ida Jungmann abends zu uns, wenn wir gerade anfingen,
+vergnügt zu werden. Aber ich versichere dich, daß ich niemals wacher und
+munterer gewesen bin als jetzt, wo ich bei Nacht und Nebel zu dir komme,
+um dir Armgards -- also, indirekt, Ralf von Maibooms Vorschlag zu
+machen ...«
+
+»Nun, ich halte diesen Vorschlag deiner Naivität und der Ratlosigkeit
+der Maibooms zugute.«
+
+»Ratlosigkeit? Naivität? Ich verstehe dich nicht, Thomas, ich bin leider
+weit entfernt davon! Dir wird Gelegenheit geboten, eine gute Tat zu tun
+und gleichzeitig das beste Geschäft deines Lebens zu machen ...«
+
+»Ach was, meine Liebe, du redest lauter Unsinn!« rief der Senator und
+warf sich sehr ungeduldig zurück. »Verzeih, aber du kannst einen mit
+deiner Unschuld in Harnisch jagen! Du begreifst also nicht, daß du mir
+zu etwas höchst Unwürdigem, zu unreinlichen Manipulationen rätst? Ich
+soll im Trüben fischen? Einen Menschen brutal ausbeuten? Die Bedrängnis
+dieses Gutsbesitzers benützen, um den Wehrlosen übers Ohr zu hauen? Ihn
+zwingen, mir die Ernte eines Jahres gegen den halben Preis abzutreten,
+damit ich einen Wucherprofit einstreichen kann?«
+
+»Ach, so siehst du die Sache an«, sagte Frau Permaneder eingeschüchtert
+und nachdenklich. Und wieder lebhaft fuhr sie fort: »Aber es ist nicht
+nötig, durchaus nicht nötig, Tom, es von dieser Seite zu nehmen! Ihn
+zwingen? Aber er kommt ja zu dir. Er benötigt das Geld, und er möchte
+die Sache auf dem Wege der Freundschaft erledigen; unter der Hand, in
+aller Stille. Darum hat er die Verbindung mit uns aufgespürt, und darum
+bin ich eingeladen worden!«
+
+»Kurz, er täuscht sich über mich und den Charakter meiner Firma. Ich
+habe meine Überlieferungen. Ein solches Geschäft ist von uns in hundert
+Jahren nicht gemacht worden, und ich bin nicht gesonnen, mit derartigen
+Manövern den Anfang zu machen.«
+
+»Gewiß, du hast deine Überlieferungen, Tom, und jederlei Achtung davor!
+Sicherlich, Vater hätte sich hierauf nicht eingelassen; bewahre; wer
+behauptet das?... Aber, so dumm ich bin, das weiß ich, daß du ein ganz
+anderer Mensch bist als Vater, und daß, als du die Geschäfte übernahmst,
+du einen ganz anderen Wind wehen ließest als er, und daß du unterdessen
+manches getan hast, was er nicht getan haben würde. Dafür bist du jung
+und ein unternehmender Kopf. Aber ich fürchte immer, du hast dich in
+letzter Zeit durch ein und das andere Mißgeschick einschüchtern lassen
+... und wenn du jetzt nicht mehr mit so gutem Erfolge arbeitest wie
+früher, so liegt das daran, daß du dir aus lauter Vorsicht und
+ängstlicher Gewissenhaftigkeit die Gelegenheit zu guten Coups
+entschlüpfen läßt ...«
+
+»Ach, ich bitte dich, liebes Kind, du reizest mich!« sagte der Senator
+mit scharfer Stimme und wandte sich hin und her. »Sprechen wir doch von
+etwas anderem!«
+
+»Ja, du bist gereizt, Thomas, ich sehe es wohl. Du warst es von Anfang
+an, und gerade darum habe ich weitergeredet, um dir zu beweisen, daß du
+dich zu Unrecht beleidigt fühlst. Wenn ich mich aber frage, warum du
+gereizt bist, so kann ich mir nur sagen, daß du im Grunde doch nicht so
+ganz abgeneigt bist, dich mit der Sache zu beschäftigen. Denn ein so
+dummes Weib ich bin, das weiß ich aus mir selbst und von anderen Leuten,
+daß man im Leben über einen Vorschlag nur dann erregt und böse wird,
+wenn man sich in seinem Widerstande nicht ganz sicher fühlt und
+innerlich sehr versucht ist, darauf einzugehen.«
+
+»Sehr fein«, sagte der Senator, zerbiß das Mundstück seiner Zigarette
+und schwieg.
+
+»Fein? Ha, nein, das ist die einfachste Erfahrung, die das Leben mich
+gelehrt hat. Aber laß es gut sein, Tom. Ich will nicht in dich dringen.
+Kann ich dich zu einer solchen Sache überreden? Nein, dazu fehlen mir
+die Kenntnisse. Ich bin bloß ein dummes Ding ... Schade ... Nun,
+gleichviel. Es hat mich sehr interessiert. Ich war einerseits
+erschrocken und betrübt für Maibooms, andererseits aber froh für dich.
+Ich habe mir gedacht: Tom geht seit einiger Zeit ein bißchen freudelos
+umher. Früher klagte er, und jetzt klagt er schon nicht einmal mehr. Er
+hat hie und da Geld verloren, die Zeiten sind schlecht, und das grade
+jetzt, da =meine= Lage sich eben wieder durch Gottes Güte verbessert hat
+und ich mich glücklich fühle. Und dann habe ich mir gedacht: Dies ist
+etwas für ihn, ein Coup, ein guter Fang. Damit kann er manche Scharte
+auswetzen und den Leuten zeigen, daß bis heute die Firma Johann
+Buddenbrook noch nicht gänzlich vom Glücke verlassen ist. Und wenn du
+darauf eingegangen wärest, so wäre ich sehr stolz gewesen, die Sache
+vermittelt zu haben, denn du weißt, daß es immer mein Traum und meine
+Sehnsucht gewesen ist, unserem Namen dienstlich zu sein ... Genug ...
+nun ist also die Frage wohl erledigt. -- Was mich aber ärgert, das ist
+der Gedanke, daß Maiboom ja dennoch und in jedem Falle auf dem Halm
+verkaufen muß, Tom, und wenn er hier in der Stadt sich umsieht, so wird
+er schon Käufer finden ... er wird schon einen finden ... und das wird
+Hermann Hagenström sein, ha, der Filou ...«
+
+»Oh, ja, man darf zweifeln, ob er die Sache von der Hand weisen würde«,
+sagte der Senator mit Bitterkeit; und Frau Permaneder antwortete dreimal
+hintereinander: »Siehst du wohl, siehst du wohl, siehst du wohl?!«
+
+Plötzlich begann Thomas Buddenbrook den Kopf zu schütteln und ärgerlich
+zu lachen.
+
+»Es ist albern ... Wir sprechen hier, mit einem großen Aufwand von
+Ernst, -- wenigstens deinerseits -- über etwas ganz Unbestimmtes,
+vollständig in der Luft Stehendes! Meines Wissens habe ich dich noch
+nicht einmal gefragt, um was es sich eigentlich handelt, was Herr von
+Maiboom eigentlich zu verkaufen hat ... Ich kenne ja Pöppenrade gar
+nicht ...«
+
+»Oh, du hättest natürlich hinfahren müssen!« sagte sie eifrig. »Es ist
+ein Katzensprung bis Rostock, und von dort aus ist es gar nichts mehr!
+Was er zu verkaufen hat? Pöppenrade ist ein großes Gut. Ich weiß
+positiv, daß es mehr als tausend Sack Weizen bringt ... Aber mir ist
+nichts Genaueres bekannt. Wie es mit Roggen, Hafer und Gerste bestellt?
+Sind es 500 Sack von jedem? Mehr oder weniger? Ich weiß es nicht. Es
+steht alles herrlich, das kann ich sagen. Aber ich kann dir nicht mit
+Zahlen dienen, Tom, ich bin eine Gans. Du müßtest natürlich
+hinfahren ...«
+
+Eine Pause entstand.
+
+»Nun, es ist nicht der Mühe wert, zwei Worte darüber zu verlieren«,
+sagte der Senator kurz und fest, ergriff sein Pincenez, schob es in die
+Westentasche, knöpfte seinen Rock zu, erhob sich und fing an, mit
+raschen, starken und freien Bewegungen, die jedes Zeichen von
+Nachdenklichkeit geflissentlich ausschlossen, im Zimmer hin und her zu
+gehen.
+
+Dann blieb er am Tische stehen, und während er sich ein wenig darüber
+hin seiner Schwester entgegenbeugte und mit der Spitze des gekrümmten
+Zeigefingers leicht auf die Platte schlug, sagte er: »Ich werde dir mal
+eine Geschichte erzählen, meine liebe Tony, die dir zeigen soll, wie ich
+mich zu dieser Sache verhalte. Ich kenne dein _faible_ für den Adel im
+allgemeinen und die mecklenburgische Noblesse im besonderen, und darum
+bitte ich dich um Geduld, wenn in meiner Geschichte einer dieser Herren
+einen Denkzettel erhält ... Du weißt, unter ihnen ist dieser und jener,
+der den Kaufleuten, obgleich sie ihm doch so nötig sind wie er ihnen,
+nicht allzuviel Hochachtung entgegenbringt, die -- bis zu einem gewissen
+Grade anzuerkennende -- Überlegenheit des Produzenten über den
+Zwischenhändler im geschäftlichen Verkehre allzusehr betont und, kurz,
+den Kaufmann mit nicht sehr anderen Augen ansieht als den hausierenden
+Juden, dem man, mit dem Bewußtsein, übervorteilt zu werden, getragene
+Kleider überläßt. Ich schmeichle mir, im allgemeinen den Eindruck eines
+moralisch minderwertigen Ausbeuters auf die Herren nicht gemacht zu
+haben, und habe unter ihnen weit zähere Händler angetroffen, als ich
+bin. Bei einem aber bedurfte es erst des folgenden kleinen
+Gewaltstreichs, um mich ihm gesellschaftlich ein wenig näher zu bringen
+... Es war der Herr von Groß-Poggendorf, von dem du gewiß gehört hast,
+und mit dem ich vor Jahr und Tag vielfach zu tun hatte: Graf Strelitz,
+ein höchst feudaler Mann mit einem viereckigen Glas im Auge ... ich
+begriff niemals, daß er sich nicht schnitt ... lackierten Stulpstiefeln
+und einer Reitpeitsche mit goldenem Griff. Er hatte die Gewohnheit, mit
+halb geöffnetem Munde und halb geschlossenen Augen von einer
+unbegreiflichen Höhe auf mich herabzublicken ... Mein erster Besuch bei
+ihm war bedeutsam. Nach einer einleitenden Korrespondenz fuhr ich zu ihm
+und trat, vom Bedienten gemeldet, ins Arbeitszimmer. Graf Strelitz saß
+am Schreibtisch. Er erwidert meine Verbeugung, indem er sich halbwegs
+vom Sessel erhebt, schreibt die letzte Zeile eines Briefes, wendet sich
+dann zu mir, indem er über mich hinwegsieht, und beginnt die
+Unterhandlungen über seine Ware. Ich lehne am Sofatische, kreuze Arme
+und Beine und bin amüsiert. Ich stehe fünf Minuten lang im Gespräche.
+Nach weiteren fünf Minuten setze ich mich auf den Tisch und lasse ein
+Bein in der Luft schaukeln. Unsere Verhandlungen nehmen ihren Fortgang,
+und nach Verlauf einer Viertelstunde sagt er mit einer wirklich gnädigen
+Handbewegung leichthin: »Wollen Sie nicht übrigens einen Stuhl nehmen?«
+-- »Wie?« sagte ich ... »Oh, nicht nötig! Ich sitze längst.«
+
+»Sagtest du? Sagtest du es?« rief Frau Permaneder entzückt ... Sofort
+hatte sie alles Vorhergehende beinahe vergessen und lebte vollständig in
+dieser Anekdote. »Du saßest längst! Es ist ausgezeichnet!...«
+
+»Nun ja; und ich versichere dich, daß der Graf von diesem Augenblick an
+sein Benehmen durchaus änderte, daß er mir die Hand reichte, wenn ich
+kam, mich zum Sitzen nötigte ... und daß wir in der Folge geradezu
+befreundet geworden sind. Warum aber erzähle ich dir das? Um dich zu
+fragen: Würde ich wohl das Herz, das Recht, die innere Sicherheit haben,
+auch Herrn von Maiboom in dieser Weise zu belehren, wenn er, mit mir
+über den Pauschalpreis für seine Ernte verhandelnd, vergessen sollte,
+mir -- einen Stuhl anzubieten ...?«
+
+Frau Permaneder schwieg. »Gut«, sagte sie dann und stand auf. »Du sollst
+recht haben, Tom, und wie ich schon sagte, ich will nicht in dich
+dringen. Du mußt wissen, was du zu tun und zu lassen hast, und damit
+Punktum. Wenn du mir nur glaubst, daß ich in guter Absicht gesprochen
+habe ... Abgemacht! Gute Nacht, Tom!... Oder nein, warte. Ich muß zuvor
+deinem Hanno einen Kuß geben und die gute Ida begrüßen ... Ich gucke
+dann hier noch einmal herein ...«
+
+Und damit ging sie.
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Sie stieg die Treppe zur zweiten Etage hinan, ließ den »Altan« zur
+Rechten liegen, ging an dem weißgoldenen Geländer der Galerie entlang
+und durchschritt ein Vorzimmer, dessen Tür zum Korridor offenstand und
+von dem ein zweiter Ausgang linkerseits in das Ankleidezimmer des
+Senators führte. Dann drückte sie vorsichtig auf den Griff der geradeaus
+gelegenen Tür und trat ein.
+
+Es war eine außerordentlich geräumige Stube, deren Fenster mit faltigen,
+großgeblümten Vorhängen verhüllt waren. Die Wände waren ein wenig kahl.
+Abgesehen von einem sehr großen schwarzgerahmten Stich, der über
+Fräulein Jungmanns Bett hing und Giacomo Meyerbeer, umgeben von den
+Gestalten seiner Opern, darstellte, gab es nur noch eine Anzahl von
+englischen Buntdrucken, die Kinder mit gelbem Haar und roten
+Babykleidern darstellten und mit Stecknadeln an der hellen Tapete
+befestigt waren. Ida Jungmann saß in der Mitte des Zimmers an dem großen
+Ausziehtisch und stopfte Hannos Strümpfchen. Die treue Preußin stand nun
+am Anfang der Fünfziger, aber obgleich sie sehr früh begonnen hatte, zu
+ergrauen, war ihr glatter Scheitel doch noch immer nicht weiß geworden,
+sondern in einem bestimmten Zustande der Melierung verblieben, und ihre
+aufrechte Gestalt war so starkknochig und rüstig, ihre braunen Augen
+waren so frisch, klar und unermüdlich wie vor zwanzig Jahren.
+
+»Guten Abend, Ida, du gute Seele!« sagte Frau Permaneder gedämpft aber
+fröhlich, denn die kleine Erzählung ihres Bruders hatte sie in die beste
+Stimmung versetzt. »Wie geht es dir, du altes Möbel?«
+
+»Ei, ei, Tonychen; Möbel, mein Kindchen? So spät noch hier?«
+
+»Ja, ich war bei meinem Bruder ... in Geschäften, die keinen Aufschub
+duldeten ... Leider hat sich die Sache zerschlagen ... Schläft er?«
+fragte sie und wies mit dem Kinn nach dem kleinen Bette, welches an der
+linken Seitenwand stand, das grünverhüllte Kopfende hart an der hohen
+Tür, die zum Schlafzimmer Senator Buddenbrooks und seiner Gattin
+führte ...
+
+»Pst«, sagte Ida; »ja, er schläft.« Und Frau Permaneder trat auf den
+Zehenspitzen an das Bettchen, lüftete vorsichtig die Gardinen und lugte
+gebückt in das Gesicht ihres schlafenden Neffen.
+
+Der kleine Johann Buddenbrook lag auf dem Rücken, hatte aber sein von
+dem langen, hellbraunen Haar umrahmtes Gesichtchen dem Zimmer zugewandt
+und atmete mit einem leichten Geräusch in das Kopfkissen hinein. Von
+seinen Händen, deren Finger kaum aus den viel zu langen und weiten
+Ärmeln seines Nachthemdes hervorsahen, lag die eine auf seiner Brust,
+die andere neben ihm auf der Steppdecke, und dann und wann zuckten die
+gekrümmten Finger leise. Auch an den halb geöffneten Lippen war eine
+schwache Bewegung bemerkbar, als versuchten sie, Worte zu bilden. Von
+Zeit zu Zeit ging, von unten nach oben, etwas Schmerzliches über dieses
+ganze Gesichtchen, das, mit einem Erzittern des Kinnes beginnend, sich
+über die Mundpartie fortpflanzte, die zarten Nüstern vibrieren ließ und
+die Muskeln der schmalen Stirn in Bewegung versetzte ... Die langen
+Wimpern vermochten nicht die bläulichen Schatten zu verdecken, die in
+den Augenwinkeln lagerten.
+
+»Er träumt«, sagte Frau Permaneder gerührt. Dann beugte sie sich über
+das Kind, küßte behutsam seine schlafwarme Wange, ordnete mit Sorgfalt
+die Gardine und trat wieder an den Tisch, wo Ida, im gelben Schein der
+Lampe, einen neuen Strumpf über die Stopfkugel zog, das Loch prüfte und
+es zu schließen begann.
+
+»Du stopfst, Ida. Merkwürdig, ich kenne dich eigentlich gar nicht
+anders!«
+
+»Ja, ja, Tonychen ... Was das Jungchen alles zerreißt, seit er zur
+Schule geht!«
+
+»Aber er ist doch ein so stilles und sanftes Kind?«
+
+»Ja, ja ... Aber doch.«
+
+»Geht er denn gern zur Schule?«
+
+»Nein, nein, Tonychen! Hätt' lieber noch bei mir weiterlernen wollen.
+Und ich hätt's auch gewünscht, mein Kindchen, denn die Herren kennen ihn
+ja nicht so von klein auf wie ich und wissen es nicht so, wie man ihn
+nehmen muß beim Lernen ... Das Aufmerken wird ihm oft schwer, und er
+wird rasch müde ...«
+
+»Der Arme! Hat er schon Schläge bekommen?«
+
+»Aber nein! Mei boje kochhanne ... sie werden doch nicht so hartherz'g
+sein wollen! Wenn das Jungchen sie ansieht ...«
+
+»Wie war's denn eigentlich, als er zum ersten Male hinging? Hat er
+geweint?«
+
+»Ja, das hat er. Er weint so leicht ... Nicht laut, aber so in sich
+hinein ... Und dann hat er deinen Herrn Bruder am Rock festhalten wollen
+und immer wieder gebeten, er möchte dableiben ...«
+
+»So, hat mein Bruder ihn hingebracht?... Ja, das ist ein schwerer
+Moment, Ida, glaube mir. Ha, ich weiß es wie gestern! Ich heulte ... ich
+versichere dich, ich heulte wie ein Kettenhund, es wurde mir entsetzlich
+schwer. Und warum? Weil ich es zu Hause so gut gehabt hatte, gerade wie
+Hanno. Die Kinder aus vornehmen Häusern weinten alle, das ist mir sofort
+aufgefallen, während die anderen sich gar nichts daraus machten und uns
+anglotzten und grinsten ... Gott! was ist ihm, Ida --?!«
+
+Sie vollendete ihre Handbewegung nicht und wandte sich erschrocken nach
+dem Bettchen um, von wo ein Schrei ihr Plaudern unterbrochen hatte, ein
+Angstschrei, der sich im nächsten Augenblick mit noch gequälterem, noch
+entsetzterem Ausdruck wiederholte und dann drei-, vier-, fünfmal rasch
+nacheinander erklang ... »Oh! oh! oh!« ein vor Grauen überlauter,
+entrüsteter und verzweifelter Protest, der sich gegen etwas
+Abscheuliches richten mußte, was sich zeigte oder geschah ... Im
+nächsten Augenblick stand der kleine Johann aufrecht im Bette, und
+während er unverständliche Worte stammelte, blickten seine
+weitgeöffneten, so eigenartig goldbraunen Augen, ohne etwas von der
+Wirklichkeit wahrzunehmen, starr in eine gänzlich andere Welt hinein ...
+
+»Nichts«, sagte Ida. »Der _pavor_. Ach, das ist manchmal noch viel
+ärger.« Und in aller Ruhe legte sie die Arbeit beiseite, ging mit ihren
+langen, schweren Schritten auf Hanno zu und legte ihn, während sie mit
+tiefer, beruhigender Stimme zu ihm sprach, wieder unter die Decke.
+
+»Ja, so, der _pavor_ ...« wiederholte Frau Permaneder. »Wacht er nun?«
+
+Aber Hanno wachte keineswegs, obgleich seine Augen weit und starr
+blieben und seine Lippen fortfuhren, sich zu bewegen ...
+
+»Wie? So ... so ... Nun hören wir auf zu plappern ... =Was= sagst du?«
+fragte Ida; und auch Frau Permaneder trat näher, um auf dies unruhige
+Murmeln und Stammeln zu horchen.
+
+»Will ich ... in mein ... Gärtlein gehn ...«, sagte Hanno mit schwerer
+Zunge, »will mein' Zwiebeln gießen ...«
+
+»Er sagt seine Gedichte her«, erklärte Ida Jungmann mit Kopfschütteln.
+»So, so! Genug, schlaf nun, mein Jungchen!...«
+
+»Steht ein ... bucklicht Männlein da, ... fängt als an zu niesen ...«,
+sagte Hanno und seufzte dann. Plötzlich aber veränderte sich sein
+Gesichtsausdruck, seine Augen schlossen sich halb, er bewegte den Kopf
+auf dem Kissen hin und her, und mit leiser, schmerzlicher Stimme fuhr er
+fort:
+
+ »Der Mond der scheint,
+ Das Kindlein weint,
+ Die Glock schlägt zwölf,
+ Daß Gott doch allen Kranken helf!...«
+
+Bei diesen Worten aber schluchzte er tief auf, Tränen traten hinter
+seinen Wimpern hervor, liefen langsam über seine Wangen ... und hiervon
+erwachte er. Er umarmte Ida, sah sich mit nassen Augen um, murmelte
+befriedigt etwas von »Tante Tony«, schob sich ein wenig zurecht und
+schlief dann ruhig weiter.
+
+»Sonderbar!« sagte Frau Permaneder, als Ida sich wieder an den Tisch
+setzte. »Was für Gedichte waren das, Ida?«
+
+»Sie stehen in seinem Lesebuch«, antwortete Fräulein Jungmann, »und
+darunter ist gedruckt: `Des Knaben Wunderhorn´. Sie sind kurios ... Er
+hat sie in diesen Tagen lernen müssen, und über das mit dem Männlein hat
+er viel gesprochen. Kennst du es?... Recht graulich ist es. Dies
+bucklige Männlein steht überall, zerbricht den Kochtopf, ißt das Mus,
+stiehlt das Holz, läßt das Spinnrad nicht gehen, lacht einen aus ... und
+dann, zum Schlusse, bittet es auch noch, man möge es in sein Gebet
+einschließen! Ja, das hat es dem Jungchen nun angetan. Er hat tagein --
+tagaus darüber nachgedacht. Weißt du, was er sagte? Zwei-, dreimal hat
+er gesagt: `Nicht wahr, Ida, es tut es nicht aus Schlechtigkeit, nicht
+aus Schlechtigkeit!... Es tut es aus Traurigkeit und ist dann noch
+trauriger darüber ... Wenn man betet, so braucht es das alles nicht mehr
+zu tun.´ Und heute abend noch, als seine Mama ihm Gute Nacht sagte,
+bevor sie ins Konzert ging, hat er sie gefragt, ob er auch für das
+bucklige Männlein beten solle ...«
+
+»Und hat es auch getan?«
+
+»Nicht laut, aber wahrscheinlich im stillen ... Aber über das andere
+Gedicht, das `Ammenuhr´ heißt, hat er gar nicht gesprochen, sondern nur
+geweint. Er gerät so leicht ins Weinen, das Jungchen, und kann dann
+lange nicht aufhören ...«
+
+»Aber was ist denn so traurig darin?«
+
+»Weiß =ich= ... Über den Anfang, die Stelle, bei der er sogar eben im
+Schlafe schluchzte, kam er beim Aufsagen nie hinweg ... und auch nachher
+über den Fuhrmann, der sich schon um drei von der Streu erhebt, hat er
+geweint ...«
+
+Frau Permaneder lachte gerührt und machte dann ein ernstes Gesicht.
+
+»Aber ich will dir sagen, Ida, es ist nicht gut, ich halte es nicht für
+gut, daß ihm alles so nahe geht. Der Fuhrmann steht um drei Uhr auf --
+nun, mein lieber Gott, dafür ist er ein Fuhrmann! Das Kind -- soviel
+weiß ich schon -- neigt dazu, alle Dinge mit zu eindringlichen Augen
+anzusehen und sich alles zu sehr zu Herzen zu nehmen ... Das muß an ihm
+zehren, glaube mir. Man sollte einmal ernstlich mit Grabow sprechen ...
+Aber das ist es eben«, fuhr sie fort, indem sie die Arme verschränkte,
+den Kopf zur Seite neigte und mißmutig mit der Fußspitze auf dem Boden
+trommelte; »Grabow wird alt, und, abgesehen davon: so herzensgut er ist,
+ein Biedermann, ein wirklich braver Mensch ... was seine Eigenschaften
+als Arzt betrifft, so halte ich nicht gerade große Stücke auf ihn, Ida,
+Gott verzeihe mir, wenn ich mich in ihm täusche. So zum Beispiel mit
+Hannos Unruhe, seinem Auffahren bei Nacht, seinen Angstanfällen im
+Traume ... Grabow weiß es, und alles, was er tut, ist, daß er uns sagt,
+was es ist, uns einen lateinischen Namen nennt: _pavor nocturnus_ ...
+ja, lieber Gott, das ist sehr belehrend ... Nein, er ist ein lieber
+Mann, ein guter Hausfreund, alles; aber ein Licht ist er nicht. Ein
+bedeutender Mensch sieht anders aus und zeigt schon in der Jugend, daß
+etwas an ihm ist. Grabow hat die Zeit von Achtundvierzig mit erlebt; er
+war ein junger Mann damals. Aber meinst du, daß er sich jemals erregt
+hat -- über die Freiheit und die Gerechtigkeit und den Umsturz von
+Privilegien und Willkür? Er ist ein Gelehrter, aber ich bin überzeugt,
+daß die unerhörten Bundesgesetze von damals über die Universitäten und
+die Presse ihn vollständig kalt gelassen haben. Er hat sich niemals ein
+wenig wild gebärdet, niemals ein wenig über die Schnur gehauen ... Er
+hat immer sein langes, mildes Gesicht gehabt, und nun verordnet er Taube
+und Franzbrot und, wenn der Fall ernst ist, einen Eßlöffel Altheesaft
+... Gute Nacht, Ida ... Ach nein, ich glaube, da gibt es ganz andere
+Ärzte!... Schade, daß ich Gerda nicht mehr sehe ... Ja, danke, es ist
+noch Licht auf dem Korridor ... Gute Nacht.«
+
+Als Frau Permaneder im Vorübergehen die Tür zum Eßzimmer öffnete, um,
+ins Wohnzimmer hinein, auch ihrem Bruder gute Nacht zuzurufen, sah sie,
+daß in der ganzen Flucht Licht war und daß Thomas, die Hände auf dem
+Rücken, darin hin und wider ging.
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Allein geblieben, hatte der Senator seinen Platz am Tische wieder
+eingenommen, sein Pincenez hervorgezogen und in der Lektüre seiner
+Zeitung fortfahren wollen. Aber nach zwei Minuten schon hatten seine
+Augen sich von dem bedruckten Papier erhoben, und ohne die Haltung
+seines Körpers zu verändern, hatte er lange Zeit geradeaus, zwischen den
+Portieren hindurch, unverwandt in das Dunkel des Salons geblickt.
+
+Wie bis zur Unkenntlichkeit verändert sein Gesicht sich ausnahm, wenn er
+sich allein befand! Die Muskeln des Mundes und der Wangen, sonst
+diszipliniert und zum Gehorsam gezwungen, im Dienste einer
+unaufhörlichen Willensanstrengung, spannten sich ab, erschlafften; wie
+eine Maske fiel die längst nur noch künstlich festgehaltene Miene der
+Wachheit, Umsicht, Liebenswürdigkeit und Energie von diesem Gesichte ab,
+um es in dem Zustande einer gequälten Müdigkeit zurückzulassen; die
+Augen, mit trübem und stumpfem Ausdruck auf einen Gegenstand gerichtet,
+ohne ihn zu umfassen, röteten sich, begannen zu tränen -- und ohne Mut
+zu dem Versuche, auch sich selbst noch zu täuschen, vermochte er von
+allen Gedanken, die schwer, wirr und ruhelos seinen Kopf erfüllten, nur
+den einen, verzweifelten festzuhalten, daß Thomas Buddenbrook mit
+zweiundvierzig Jahren ein ermatteter Mann war.
+
+Er strich langsam und tief aufatmend mit der Hand über Stirn und Augen,
+entzündete mechanisch eine neue Zigarette, obgleich er wußte, daß es ihm
+schadete, und fuhr fort, durch den Rauch ins Dunkel zu blicken ... Welch
+ein Gegensatz zwischen der leidenden Schlaffheit seiner Züge und der
+eleganten, beinahe martialischen Toilette, die diesem Kopfe gewidmet war
+-- dem parfümierten, lang ausgezogenen Schnurrbart, der peinlich
+rasierten Glätte von Kinn und Wangen, der sorgfältigen Frisur des
+Haupthaares, dessen beginnende Lichtung am Wirbel nach Möglichkeit
+verdeckt war, das, in zwei länglichen Einbuchtungen von den zarten
+Schläfen zurücktretend, einen schmalen Scheitel bildete und über den
+Ohren nicht mehr lang und gekraust, wie einst, sondern sehr kurz
+gehalten war, damit man nicht sehe, daß es an dieser Stelle ergraute ...
+Er selbst empfand ihn, diesen Gegensatz, und er wußte wohl, daß
+niemandem draußen in der Stadt der Widerstreit entgehen konnte, der
+zwischen seiner beweglichen, elastischen Aktivität und der matten Blässe
+seines Gesichtes bestand.
+
+Nicht, daß er in geringerem Maße als ehemals dort draußen eine wichtige
+und unentbehrliche Persönlichkeit gewesen wäre. Die Freunde wiederholten
+es, und die Neider konnten es nicht leugnen, daß Bürgermeister Doktor
+Langhals mit weit vernehmbarer Stimme den Ausspruch seines Vorgängers
+Oeverdieck bestätigt hatte: Senator Buddenbrook sei des Bürgermeisters
+rechte Hand. Daß aber die Firma Johann Buddenbrook nicht mehr das war,
+was sie vorzeiten gewesen, das schien eine so gassenläufige Wahrheit,
+daß Herr Stuht in der Glockengießerstraße es seiner Frau erzählen
+konnte, wenn sie mittags zusammen ihre Specksuppe verzehrten ... und
+Thomas Buddenbrook stöhnte darüber.
+
+Gleichwohl war er selbst es, der zur Entstehung dieser Anschauungsweise
+am meisten beigetragen hatte. Er war ein reicher Mann, und keiner der
+Verluste, die er erlitten, auch den schweren des Jahres sechsundsechzig
+nicht ausgenommen, hatte die Existenz der Firma ernstlich in Frage
+stellen können. Aber obgleich er, wie selbstverständlich, fortfuhr, in
+angemessener Weise zu repräsentieren und seinen Diners die Anzahl von
+Gängen zu geben, die seine Gäste von ihnen erwarteten, hatte doch die
+Vorstellung, sein Glück und Erfolg sei dahin, diese Vorstellung, die
+mehr eine innere Wahrheit war, als daß sie auf äußere Tatsachen
+gegründet gewesen wäre, ihn in einen Zustand so argwöhnischer
+Verzagtheit versetzt, daß er, wie niemals zuvor, das Geld an sich zu
+halten und in seinem Privatleben in fast kleinlicher Weise zu sparen
+begann. Hundertmal hatte er den kostspieligen Bau seines neuen Hauses
+verwünscht, das ihm, so empfand er, nichts als Unheil gebracht hatte.
+Die Sommerreisen wurden eingestellt, und der kleine Stadtgarten mußte
+den Aufenthalt am Strande oder im Gebirge ersetzen. Die Mahlzeiten, die
+er gemeinsam mit seiner Gattin und dem kleinen Hanno einnahm, waren auf
+sein wiederholtes und strenges Geheiß von einer Einfachheit, die im
+Gegensatze zu dem weiten, parkettierten Speisezimmer mit seinem hohen
+und luxuriösen Plafond und seinen prachtvollen Eichenmöbeln komisch
+wirkte. Während längerer Zeit war Dessert nur für den Sonntag gestattet
+... Die Eleganz seines Äußeren blieb dieselbe; aber Anton, der
+langjährige Bediente, wußte doch in der Küche zu erzählen, daß der
+Senator jetzt nur noch jeden zweiten Tag das weiße Hemd wechsele, da die
+Wäsche das feine Linnen allzusehr ruiniere ... Er wußte noch mehr. Er
+wußte auch, daß er entlassen werden sollte. Gerda protestierte. Drei
+Dienstboten seien zur Instandhaltung eines so großen Hauses kaum genug.
+Es half nichts: mit einem angemessenen Geldgeschenk ward Anton, der so
+lange den Bock eingenommen hatte, wenn Thomas Buddenbrook in den Senat
+fuhr, verabschiedet.
+
+Solchen Maßregeln entsprach das freudlose Tempo, das der Geschäftsgang
+angenommen hatte. Nichts war mehr zu verspüren von dem neuen und
+frischen Geiste, mit dem der junge Thomas Buddenbrook einst den Betrieb
+belebt hatte -- und sein Sozius, Herr Friedrich Wilhelm Marcus, welcher,
+nur mit geringem Kapitale beteiligt, in keinem Falle bedeutenden Einfluß
+besessen hätte, war von Natur und Temperament jeder Initiative bar.
+
+Im Laufe der Jahre hatte seine Pedanterie zugenommen und war zur
+vollständigen Wunderlichkeit geworden. Er brauchte eine Viertelstunde,
+um sich, unter Schnurrbartstreichen, Räuspern und bedächtigen
+Seitenblicken, eine Zigarre anzuschneiden und die Spitze in seinen
+Geldbeutel zu versenken. Des Abends, wenn die Gaslampen jeden Winkel des
+Kontors taghell erleuchteten, unterließ er es niemals, noch eine
+brennende Stearinkerze auf sein Pult zu stellen. Nach jeder halben
+Stunde erhob er sich, um sich zur Wasserleitung zu begeben und seinen
+Kopf zu begießen. Eines Vormittags lag unordentlicherweise ein leerer
+Getreidesack unter seinem Pult, den er für eine Katze hielt und zum
+Gaudium des gesamten Personals unter lauten Verwünschungen zu verjagen
+suchte ... Nein, er war nicht der Mann, der jetzigen Mattigkeit seines
+Kompagnons zum Trotz, fördernd in die Geschäfte einzugreifen, und oft
+erfaßte den Senator, wie jetzt, während er matten Blickes in die
+Finsternis des Salons hinüberstarrte, die Scham und eine verzweifelte
+Ungeduld, wenn er sich den unbeträchtlichen Kleinbetrieb, das
+pfennigweise Geschäftemachen vergegenwärtigte, zu dem sich in letzter
+Zeit die Firma Johann Buddenbrook erniedrigt hatte.
+
+Aber, war es nicht gut so? Auch das Unglück, dachte er, hat seine Zeit.
+War es nicht weise, sich still zu verhalten, während es in uns herrscht,
+sich nicht zu rühren, abzuwarten und in Ruhe innere Kräfte zu sammeln?
+Warum mußte man jetzt mit diesem Vorschlag an ihn herantreten, ihn aus
+seiner klugen Resignation vor der Zeit aufstören und ihn mit Zweifeln
+und Bedenken erfüllen! War die Zeit gekommen? War dies ein Fingerzeig?
+Sollte er ermuntert werden, aufzustehen und einen Schlag zu führen? Mit
+aller Entschiedenheit, die er seiner Stimme zu geben vermocht, hatte er
+das Ansinnen zurückgewiesen; aber war, seit Tony aufgebrochen, wirklich
+das Ganze erledigt? Es schien nicht, denn er saß hier und grübelte. »Man
+begegnet einem Vorschlage nur dann mit Erregtheit, wenn man sich in
+seinem Widerstande nicht sicher fühlt ...« Eine verteufelt schlaue
+Person, diese kleine Tony!
+
+Was hatte er ihr entgegengehalten? Er hatte es sehr gut und eindringlich
+gesagt, wie er sich erinnerte. »Unreinliche Manipulation ... Im Trüben
+fischen ... Brutale Ausbeutung ... Einen Wehrlosen übers Ohr hauen ...
+Wucherprofit ...« ausgezeichnet! Allein es fragte sich, ob dies die
+Gelegenheit war, so laute Worte ins Gefecht zu führen. Konsul Hermann
+Hagenström würde sie nicht gesucht und würde sie nicht gefunden haben.
+War Thomas Buddenbrook ein Geschäftsmann, ein Mann der unbefangenen Tat
+oder ein skrupulöser Nachdenker?
+
+O ja, das war die Frage; das war von jeher, so lange er denken konnte,
+seine Frage gewesen! Das Leben war hart, und das Geschäftsleben war in
+seinem rücksichtslosen und unsentimentalen Verlaufe ein Abbild des
+großen und ganzen Lebens. Stand Thomas Buddenbrook mit beiden Beinen
+fest wie seine Väter in diesem harten und praktischen Leben? Oft genug,
+von jeher, hatte er Ursache gehabt, daran zu zweifeln! Oft genug, von
+Jugend an, hatte er diesem Leben gegenüber sein Fühlen korrigieren
+müssen ... Härte zufügen, Härte erleiden und es nicht als Härte, sondern
+als etwas Selbstverständliches =empfinden= -- würde er das niemals
+vollständig erlernen?
+
+Er erinnerte sich des Eindruckes, den die Katastrophe des Jahres 66 auf
+ihn hervorgebracht hatte, und er rief sich die unaussprechlich
+schmerzlichen Empfindungen zurück, die ihn damals überwältigt hatten. Er
+hatte eine große Summe Geldes verloren ... ach, nicht das war das
+Unerträglichste gewesen! Aber er hatte zum ersten Male in vollem Umfange
+und am eigenen Leibe die grausame Brutalität des Geschäftslebens
+verspüren müssen, in dem alle guten, sanften und liebenswürdigen
+Empfindungen sich vor dem einen rohen, nackten und herrischen Instinkt
+der Selbsterhaltung verkriechen und in dem ein erlittenes Unglück bei
+den Freunden, den besten Freunden, nicht Teilnahme, nicht Mitgefühl,
+sondern -- »Mißtrauen«, kaltes, ablehnendes Mißtrauen hervorruft. Hatte
+er das nicht gewußt? War er berufen, sich darüber zu verwundern? Wie
+sehr hatte er sich später in besseren und stärkeren Stunden darüber
+geschämt, daß er in den schlaflosen Nächten von damals sich empört, voll
+Ekel und unheilbar verletzt gegen die häßliche und schamlose Härte des
+Lebens aufgelehnt hatte!
+
+Wie albern das gewesen war! Wie lächerlich jedesmal diese Regungen
+gewesen waren, wenn er sie empfunden hatte! Wie war es überhaupt
+möglich, daß sie in ihm entstanden? Denn nochmals gefragt: War er ein
+praktischer Mensch oder ein zärtlicher Träumer?
+
+Ach, diese Frage hatte er sich schon tausendmal gestellt, und er hatte
+sie, in starken und zuversichtlichen Stunden, bald so und -- in müden --
+bald so beantwortet. Aber er war zu scharfsinnig und ehrlich, als daß er
+sich nicht schließlich die Wahrheit hätte gestehen müssen, daß er ein
+Gemisch von beidem sei.
+
+Zeit seines Lebens hatte er sich den Leuten als tätiger Mann
+präsentiert; aber soweit er mit Recht dafür galt -- war er es nicht, mit
+seinem gern zitierten Goetheschen Wahl- und Wahrspruch -- aus bewußter
+Überlegung gewesen? Er hatte ehemals Erfolge zu verzeichnen gehabt ...
+aber waren sie nicht nur aus dem Enthusiasmus, der Schwungkraft
+hervorgegangen, die er der Reflexion verdankte? Und da er nun
+daniederlag, da seine Kräfte -- wenn auch, Gott gebe es, nicht für immer
+-- erschöpft schienen: war es nicht die notwendige Folge dieses
+unhaltbaren Zustandes, dieses unnatürlichen und aufreibenden
+Widerstreites in seinem Innern?... Ob sein Vater, sein Großvater, sein
+Urgroßvater die Pöppenrader Ernte auf dem Halme gekauft haben würden?
+Gleichviel!... Gleichviel!... Aber daß sie praktische Menschen gewesen,
+daß sie es voller, ganzer, stärker, unbefangener, natürlicher gewesen
+waren, als er, das war es, was feststand!...
+
+Eine große Unruhe ergriff ihn, ein Bedürfnis nach Bewegung, Raum und
+Licht. Er schob seinen Stuhl zurück, ging hinüber in den Salon und
+entzündete mehrere Gasflammen des Lüsters über dem Mitteltische. Er
+blieb stehen, drehte langsam und krampfhaft an der langen Spitze seines
+Schnurrbartes und blickte, ohne etwas zu sehen, in diesem luxuriösen
+Gemache umher. Es nahm zusammen mit dem Wohnzimmer die ganze
+Frontbreite des Hauses ein, war mit hellen, geschweiften Möbeln
+ausgestattet und trug, mit seinem großen Konzertflügel, auf dem Gerdas
+Geigenkasten stand, seiner mit Notenbüchern beladenen Etagere daneben,
+dem geschnitzten Stehpult und den Basreliefs von musizierenden Amoretten
+über den Türen, den Charakter eines Musikzimmers. Der Erker war mit
+Palmen angefüllt.
+
+Senator Buddenbrook stand zwei oder drei Minuten, ohne sich zu bewegen.
+Dann raffte er sich auf, ging ins Wohnzimmer zurück, trat ins
+Speisezimmer und erleuchtete auch dies. Er machte sich am Büffett zu
+schaffen, trank, um sein Herz zu beruhigen, oder um überhaupt etwas zu
+tun, ein Glas Wasser und ging dann rasch, die Hände auf dem Rücken,
+weiter in die Tiefe des Hauses hinein. Das »Rauchzimmer« war dunkel
+möbliert und mit Holz getäfelt. Er öffnete mechanisch den
+Zigarrenschrank, verschloß ihn sofort wieder und erhob, am Spieltische,
+den Deckel einer kleinen eichenen Truhe, die Kartenspiele, Notizblocks
+und ähnliche Dinge enthielt. Er ließ eine Anzahl knöcherner Anlegemarken
+klappernd durch seine Hand gleiten, warf den Deckel zu und wandte sich
+abermals zum Gehen.
+
+Ein kleines Kabinett mit einem buntfarbigen Fensterchen grenzte an das
+Rauchzimmer. Es war leer bis auf einige ganz leichte »Servanten«, die
+ineinander geschoben waren und auf denen ein Likörkasten stand. Von hier
+aus aber betrat man den Saal, welcher, mit seiner ungeheuren
+Parkettfläche und seinen vier hohen, weinrot verhangenen Fenstern, die
+auf den Garten hinausblickten, wiederum die ganze Breite des Hauses in
+Anspruch nahm. Er war ausgestattet mit einem Paar schwerer, niedriger
+Sofas von dem Rot der Portieren und einer Anzahl von Stühlen, die
+hochlehnig und ernst an den Wänden standen. Ein Kamin war dort, hinter
+dessen Gitter falsche Kohlen lagen und mit ihren Streifen von
+rotgoldenem Glanzpapier zu glühen schienen. Auf der Marmorplatte, vor
+dem Spiegel, ragten zwei mächtige chinesische Vasen ...
+
+Nun lag die ganze Zimmerflucht im Lichte einzelner Gasflammen, wie nach
+einem Feste, wenn der letzte Gast soeben davongefahren. Der Senator
+durchmaß den Saal einmal der Länge nach, blieb dann an dem Fenster
+stehen, das dem Kabinett gegenüber lag, und blickte in den Garten
+hinaus.
+
+Der Mond stand hoch und klein zwischen flockigen Wolken, und der
+Springbrunnen ließ seinen Strahl in der Stille unter den überhängenden
+Zweigen des Walnußbaumes plätschern. Thomas sah hinüber auf den
+Pavillon, der das Ganze abschloß, auf die kleine, weiß glänzende
+Terrasse mit den beiden Obelisken, auf die regelmäßigen Kieswege, die
+frisch umgegrabenen, abgezirkelten Beete und Rasenplätze ... aber diese
+ganze zierliche und ungestörte Symmetrie, weit entfernt, ihn zu
+beruhigen, verletzte und reizte ihn. Er erfaßte mit der Hand die Klinke
+des Fensters, legte seine Stirn darauf und ließ seine Gedanken ihren
+qualvollen Gang wieder antreten.
+
+Wo wollte es mit ihm hinaus? Er erinnerte sich einer Bemerkung, die er
+vorhin seiner Schwester gegenüber hatte fallen lassen und über die er
+selbst sich, sobald sie ausgesprochen, als über etwas höchst
+Überflüssiges geärgert hatte. Er hatte vom Grafen Strelitz gesprochen,
+vom Landadel, und hatte bei dieser Gelegenheit klar und deutlich die
+Meinung ausgedrückt, daß eine soziale Überlegenheit des Produzenten über
+den Zwischenhändler anzuerkennen sei. War das zutreffend? Ach, mein
+Gott, es war so unsäglich gleichgültig, ob es zutreffend war! Aber war
+=er= berufen, diesen Gedanken auszusprechen, ihn in Erwägung zu ziehen,
+überhaupt darauf zu verfallen? War er imstande, sich seinen Vater,
+seinen Großvater, irgendeinen seiner Mitbürger vorzustellen, wie er
+diesem Gedanken nachhing und ihm Ausdruck verlieh? Ein Mann, der fest
+und zweifellos in seinem Berufe steht, kennt nur diesen, weiß nur von
+diesem, schätzt nur diesen ...
+
+Plötzlich fühlte er, wie das Blut ihm heiß zum Kopfe stieg, wie er
+errötete bei einer zweiten Erinnerung, die weiter zurücklag. Er sah sich
+mit seinem Bruder Christian im Garten des Mengstraßen-Hauses umhergehen,
+begriffen in einem Streite, einer dieser so tief bedauernswerten
+erregten Auseinandersetzungen ... Christian hatte, in seiner indiskreten
+und kompromittierenden Art, vor vielen Ohren eine liederliche Äußerung
+getan, über welche er ihn, wütend, empört, aufs äußerste gereizt, zur
+Rede gestellt hatte. Eigentlich, hatte Christian gesagt, eigentlich und
+im Grunde sei doch jeder Geschäftsmann ein Betrüger ... Wie? war diese
+insipide und nichtswürdige Redensart ihrem Wesen nach so weit entfernt
+von derjenigen, die er selbst sich soeben noch seiner Schwester
+gegenüber gestattet hatte? Er hatte sich darüber entrüstet, hatte
+wutentbrannt dagegen protestiert ... Aber wie hatte diese schlaue,
+kleine Tony, gesagt? Wer sich ereifert ...
+
+»Nein!« sagte der Senator plötzlich mit lauter Stimme, erhob mit einem
+Ruck den Kopf, ließ den Fenstergriff fahren, stieß sich förmlich davon
+zurück und sagte ebenso laut: »Dies ist zu Ende!« Dann räusperte er
+sich, um über die unangenehme Empfindung hinwegzukommen, die seine
+eigene, einsame Stimme ihm verursachte, wandte sich und begann, schnell
+gesenkten Kopfes, die Hände auf dem Rücken, hin und her durch alle
+Zimmer zu gehen.
+
+»Dies ist zu Ende!« wiederholte er. »Es muß ein Ende gemacht werden! Ich
+verbummele, ich versumpfe, ich werde alberner als Christian!« Oh, es war
+unendlich dankenswert, daß er sich nicht in Unwissenheit darüber befand,
+wie es mit ihm stand! Nun war es in seine Hand gegeben, sich zu
+korrigieren! Mit Gewalt!... Laß sehen ... laß sehen ... was war es für
+ein Angebot, das ihm da gemacht worden war? Die Ernte ... Die
+Pöppenrader Ernte auf dem Halm? »Ich werde es tun!« sagte er mit
+leidenschaftlichem Flüstern und schüttelte sogar eine Hand mit
+ausgestrecktem Zeigefinger. »Ich werde es tun!«
+
+Es war ja wohl das, was man einen Coup nennt? Eine Gelegenheit, ein
+Kapital von, sagen wir einmal, vierzigtausend Kurantmark ganz einfach --
+und ein wenig übertrieben ausgedrückt -- zu verdoppeln?... Ja, es war
+ein Fingerzeig, ein Wink, sich zu erheben! Es handelte sich um einen
+Anfang, einen ersten Streich, und das Risiko, das damit verbunden war,
+ergab nur eine Widerlegung mehr aller moralischen Skrupeln. Gelang es,
+dann war er wieder hergestellt, dann würde er wieder wagen, dann würde
+er das Glück und die Macht wieder mit diesen inneren elastischen
+Klammern halten ...
+
+Nein, den Herren Strunck & Hagenström würde dieser Fang leider entgehen!
+Es gab am Orte eine Firma, die in diesem Falle infolge von persönlichen
+Verbindungen denn doch die Vorhand hatte!... In der Tat, das Persönliche
+war hier das Entscheidende. Es war kein gewöhnliches Geschäft, das man
+kühl und in den üblichen Formen erledigt. Es trug vielmehr, wie es durch
+Tonys Vermittlung eingeleitet worden, halbwegs den Charakter einer
+Privatangelegenheit, die mit Diskretion und Verbindlichkeit zu behandeln
+war. Ach nein, Hermann Hagenström wäre wohl kaum der Mann dafür
+gewesen!... Thomas benutzte als Kaufmann die Konjunktur und auch beim
+Verkaufe, nachher, würde er sie bei Gott zu benutzen wissen! Andererseits
+aber erwies er dem bedrängten Gutsherrn einen Dienst, zu dem er, durch
+die Freundschaft Tonys mit Frau von Maiboom, ganz allein berufen
+war. Schreiben also ... heute abend noch schreiben -- nicht auf dem
+Geschäftspapier mit Firmendruck, sondern auf einem Privatbriefbogen, auf
+dem nur »Senator Buddenbrook« gedruckt stand -- in rücksichtsvollster
+Weise schreiben und fragen, ob ein Besuch in den nächsten Tagen genehm
+sei. Eine heikle Sache immerhin. Ein etwas glatter Grund und Boden, auf
+dem man sich mit einiger Grazie bewegen mußte ... Desto mehr etwas für
+ihn!
+
+Und seine Schritte wurden noch geschwinder, sein Atem tiefer. Er setzte
+sich einen Augenblick, sprang auf und wanderte aufs neue durch alle
+Zimmer. Er durchdachte das Ganze noch einmal, er dachte an Herrn Marcus,
+an Hermann Hagenström, Christian und Tony, sah die gelbreife Ernte von
+Pöppenrade im Winde schwanken, phantasierte von dem allgemeinen
+Aufschwung der Firma, der diesem Coup folgen würde, verwarf zornig alle
+Bedenken, schüttelte seine Hand und sagte: »Ich werde es tun!«
+
+Frau Permaneder öffnete die Tür zum Speisezimmer und rief: »Gute Nacht!«
+Er antwortete, ohne es zu wissen. Gerda, von der sich Christian an der
+Haustür verabschiedet hatte, trat ein, und in ihren seltsamen, nahe
+beieinanderliegenden braunen Augen lag der rätselhafte Schimmer, den die
+Musik ihnen zu geben pflegt. Der Senator blieb mechanisch vor ihr
+stehen, fragte mechanisch nach dem spanischen Virtuosen und dem Verlaufe
+seines Konzertes und versicherte dann, sogleich sich ebenfalls zur Ruhe
+begeben zu wollen.
+
+Aber er ging nicht zur Ruhe, sondern nahm seine Wanderung wieder auf. Er
+dachte an die Säcke mit Weizen, Roggen, Hafer und Gerste, welche die
+Böden des »Löwen«, des »Walfisches«, der »Eiche« und der »Linde« füllen
+sollten, sann über dem Preise, dem -- oh, durchaus nicht unanständigen
+Preise, den er zu bieten beabsichtigte, stieg um Mitternacht leise ins
+Kontor hinunter und schrieb bei Herrn Marcus' Stearinkerze in einem Zuge
+einen Brief an Herrn von Maiboom auf Pöppenrade, einen Brief, der, als
+er ihn mit fieberheißem und schwerem Kopfe durchlas, ihm als der beste
+und taktvollste seines Lebens erschien.
+
+Das war in der Nacht vor dem 27. Mai. Am nächsten Tage eröffnete er
+seiner Schwester in leichter und humoristischer Weise, daß er die Sache
+nun von allen Seiten betrachtet habe und daß er Herrn von Maiboom nicht
+einfach einen Korb geben und an den nächsten Beutelschneider verweisen
+könne. Am 30. des Monats unternahm er eine Reise nach Rostock und fuhr
+von dort mit einem Mietswagen über Land.
+
+Seine Laune war vortrefflich in den nächsten Tagen, sein Gang elastisch
+und frei, sein Mienenspiel verbindlich. Er neckte Klothilde, lachte
+herzlich über Christian, scherzte mit Tony, spielte am Sonntag eine
+ganze Stunde lang mit Hanno auf dem »Altan« in der zweiten Etage, indem
+er seinem Sohne half, winzige Getreidesäcke an einem kleinen,
+ziegelroten Speicher hinaufzuwinden und dabei die hohlen und gedehnten
+Rufe der Arbeiter nachahmte ... und hielt in der Bürgerschaftssitzung
+vom 3. Juni über den langweiligsten Gegenstand von der Welt, über
+irgendeine Steuerfrage, eine so ausgezeichnete und witzige Rede, daß er
+in allen Stücken Recht bekam und Konsul Hagenström, der ihm opponiert
+hatte, der allgemeinen Heiterkeit anheimfiel.
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+War es Unachtsamkeit oder Absicht von des Senators Seite -- es fehlte
+nicht viel, so wäre er über eine Tatsache hinweggegangen, die nun durch
+Frau Permaneder, welche sich am treuesten und hingebendsten mit den
+Familienpapieren beschäftigte, aller Welt verkündet ward: die Tatsache,
+daß in den Dokumenten der 7. Juli des Jahres 1768 als Gründungstag der
+Firma angenommen war, und daß die hundertste Wiederkehr dieses Tages
+bevorstand.
+
+Fast schien es, daß Thomas sich unangenehm berührt fühlte, als Tony ihn
+mit bewegter Stimme darauf aufmerksam machte. Der Aufschwung seiner
+Laune war nicht von Dauer gewesen. Allzubald war er wieder still
+geworden, stiller vielleicht als vorher. Mitten in der Arbeit konnte er
+das Kontor verlassen, um, von Unruhe erfaßt, einsam im Garten
+umherzugehen, dann und wann wie gehemmt und aufgehalten stehenzubleiben
+und seufzend die Augen mit der Hand zu bedecken. Er sagte nichts, er
+sprach sich nicht aus ... Gegen wen auch? Herr Marcus war -- ein
+erstaunlicher Anblick -- zum ersten Male in seinem Leben heftig
+geworden, als sein Kompagnon ihm kurzerhand von dem Geschäfte mit
+Pöppenrade Mitteilung gemacht hatte, und hatte jede Verantwortung und
+jede Beteiligung abgelehnt. Seiner Schwester, Frau Permaneder, aber
+verriet sich Thomas an einem Donnerstagabend auf der Straße, als sie
+sich mit einer Anspielung auf die Ernte von ihm verabschiedete, durch
+einen einzigen kurzen Händedruck, dem er hastig und leise die Worte
+hinzufügte: »Ach, Tony, ich wollte, ich hätte schon wieder verkauft!«
+Dann wandte er sich, jäh abbrechend, zum Gehen und ließ Frau Antonie
+verdutzt und ergriffen zurück ... Dieser plötzliche Händedruck hatte
+etwas von ausbrechender Verzweiflung, dieses geflüsterte Wort so viel
+von lange verhaltener Angst gehabt ... Als aber Tony bei der nächsten
+Gelegenheit versucht hatte, auf die Sache zurückzukommen, hatte er sich
+in desto ablehnenderes Schweigen gehüllt, voll Scham über die Schwäche,
+mit der er sich einen Augenblick hatte gehen lassen, voll Erbitterung
+über seine Untauglichkeit, dies Unternehmen vor sich selbst zu
+verantworten ...
+
+Nun sagte er schwerfällig und verdrießlich: »Ach, meine Liebe, ich
+wollte, wir könnten das ganz einfach ignorieren!«
+
+»Ignorieren, Tom? Unmöglich! Undenkbar! Meinst du, du könntest diese
+Tatsache unterschlagen? Meinst du, die ganze Stadt könnte die Bedeutung
+dieses Tages vergessen?«
+
+»Ich sage nicht, daß es möglich ist; ich sage, daß es mir lieber wäre,
+wir könnten den Tag mit Stillschweigen begehen. Die Vergangenheit zu
+feiern, ist hübsch, wenn man, was Gegenwart und Zukunft betrifft, guter
+Dinge ist ... Sich seiner Väter zu erinnern ist angenehm, wenn man sich
+einig mit ihnen weiß und sich bewußt ist, immer in ihrem Sinne gehandelt
+zu haben ... Käme das Jubiläum zu gelegenerer Zeit ... Kurz, ich bin
+wenig aufgelegt, Feste zu feiern.«
+
+»Du mußt so nicht reden, Tom. Du meinst es auch nicht so und weißt wohl,
+daß es eine Schande, eine Schande wäre, das hundertjährige Jubiläum der
+Firma Johann Buddenbrook sang- und klanglos vorübergehen zu lassen! Du
+bist jetzt nur ein bißchen nervös, und ich weiß auch warum ... obgleich
+eigentlich gar keine Ursache dafür vorhanden ist ... Aber wenn der Tag
+da ist, dann wirst du so freudig bewegt sein, wie wir alle ...«
+
+Sie hatte recht, der Tag war nicht mit Stillschweigen zu übergehen.
+Nicht lange, so tauchte in den »Anzeigen« eine vorbereitende Notiz auf,
+die eine ausführliche Rekapitulation der Geschichte des altangesehenen
+Handelshauses für den Festtag selbst in Aussicht stellte -- und es hätte
+ihrer kaum bedurft, um die wohllöbliche Kaufmannschaft aufmerksam zu
+machen. Was aber die Familie betraf, so war Justus Kröger der erste, der
+am Donnerstag das Bevorstehende zur Sprache brachte, und Frau Permaneder
+sorgte dafür, daß, war das Dessert abgetragen, die ehrwürdige Ledermappe
+mit den Familiendokumenten feierlich aufgelegt ward, und daß man als
+Vorfeier sich mit den Daten, die aus dem Leben des seligen Johan
+Buddenbrook, Hannos Ur-Ur-Großvater, des Gründers der Firma, bekannt
+waren, eingehend beschäftigte. Wann er die Frieseln und wann die echten
+Blattern gehabt, wann er vom dritten Boden auf die Darre gestürzt und
+wann in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen, verlas sie mit einem
+religiösen Ernste. Sie konnte sich nicht genug tun, sie griff zurück
+bis ins 16. Jahrhundert zu dem ältesten Buddenbrook, der bekannt, zu
+dem, der zu Grabau Ratsherr gewesen und zu dem Gewandschneider in
+Rostock, der sich »sehr gut gestanden« -- was unterstrichen war -- und
+so außerordentlich viele lebendige und tote Kinder gehabt ... »Was für
+ein prächtiger Mensch!« rief sie aus und machte sich daran, alte
+vergilbte und eingerissene Briefe und Festpoeme vorzutragen ...
+
+ * * * * *
+
+Herr Wenzel war, wie sich versteht, am Morgen des siebenten Juli der
+erste Gratulant.
+
+»Ja, Herr Senater, hundert Jahr!« sagte er und ließ Messer und
+Streichriemen behende in seinen roten Händen spielen ... »Und ungefähr
+die Hälfte davon, das darf ich woll sagen, hab' ich in der werten
+Familie rasiert, und da erlebt man manches mit, wenn man immer der erste
+ist, der den Chef zu sprechen kriegt ... Der selige Herr Konsul war auch
+immer des Morgens am gesprächigsten, und dann fragte er mich woll:
+Wenzel, fragt' er, was halten Sie von dem Roggen? Soll ich verkaufen
+oder meinen Sie, daß er noch steigt?...«
+
+»Ja, Wenzel, ich kann mir das Ganze auch ohne Sie nicht denken. Ihr
+Beruf, wie ich Ihnen schon manchmal sagte, hat wirklich sehr viel
+Reizvolles. Wenn Sie morgens mit Ihrer Tour fertig sind, dann sind Sie
+klüger als alle, denn dann haben Sie die Chefs von ungefähr allen großen
+Häusern unter dem Messer gehabt und kennen die Laune von jedem
+einzelnen, und darum kann Sie jeder einzelne beneiden, denn das ist sehr
+interessant.«
+
+»Da is was Wahres dran, Herr Senater. Was aber Herrn Senater seine eigne
+Laune betrifft, wenn ich so sagen darf ... Herr Senater sind heut'
+morgen wieder ein bißchen blaß?«
+
+»So? Ja, ich habe Kopfschmerzen, und die werden nach menschlicher
+Voraussicht nicht so schnell vorübergehen, denn ich glaube, man wird
+mich heute etwas in Anspruch nehmen.«
+
+»Glaub' ich auch, Herr Senater. Die Teilnahme ist groß, die Teilnahme
+ist sehr groß. Sehen Herr Senater nachher man gleich mal aus dem
+Fenster. Eine Menge Fahnen! Und unten vor der Fischergrube liegen der
+`Wullenwewer´ und die `Friederike Oeverdieck´ mit allen Wimpeln ...«
+
+»Na, machen Sie also schnell, Wenzel, ich habe keine Zeit zu
+verlieren.« --
+
+Der Senator nahm heute nicht erst die Kontorjacke, sondern zog zu seinem
+hellen Beinkleid sofort einen schwarzen, offenen Rock an, der die weiße
+Pikeeweste sehen ließ. Besuche waren für den Vormittag zu erwarten. Er
+warf einen letzten Blick in den Toilettespiegel, ließ noch einmal die
+langen Spitzen des Schnurrbartes durch die Brennschere gleiten und
+wandte sich mit einem kurzen Seufzer zum Gehen. Der Tanz begann ... Wäre
+erst dieser Tag vorüber! Würde er einen Augenblick allein sein, einen
+Augenblick seine Gesichtsmuskeln abspannen können? Empfänge während des
+ganzen Tages, bei denen es galt, den Gratulationen von hundert Menschen
+mit Takt und Würde zu begegnen, nach allen Seiten mit Umsicht und
+sicherer Nuancierung passende Worte zu finden, ehrerbietige, ernste,
+freundliche, ironische, scherzhafte, nachsichtige, herzliche ... und vom
+Nachmittag bis in die Nacht hinein ein Herrendiner im Ratsweinkeller ...
+
+Es war nicht wahr, daß er Kopfschmerzen hatte. Er war nur müde und
+fühlte wieder, kaum daß der erste Morgenfriede der Nerven vorbei, diesen
+unbestimmten Gram auf sich lasten ... Warum hatte er gelogen? War es
+nicht beständig, als hätte er seinem Übelbefinden gegenüber ein
+schlechtes Gewissen? Warum? Warum?... Aber es war jetzt keine Zeit,
+darüber nachzudenken.
+
+Als er ins Eßzimmer trat, kam Gerda ihm lebhaft entgegen. Auch sie war
+schon in Empfangstoilette. Sie trug einen glatten Rock aus schottischem
+Stoff, eine weiße Bluse und ein dünnes, seidenes Zuavenjäckchen darüber,
+von der dunkelroten Farbe ihres schweren Haares. Sie zeigte lächelnd
+ihre breiten, ebenmäßigen Zähne, die noch weißer waren als ihr schönes
+Gesicht, und auch ihre Augen, diese nahe beisammen liegenden,
+rätselhaften, braunen Augen mit den bläulichen Schatten, lächelten
+heute.
+
+»Ich bin schon stundenlang auf den Füßen; woraus du schließen kannst,
+wie enthusiastisch meine Glückwünsche sind.«
+
+»Sieh da! Die hundert Jahre machen Eindruck auf dich?«
+
+»Den allertiefsten!... Aber es ist auch möglich, daß es nur das
+Festliche überhaupt ist ... Was für ein Tag! Dies da, zum Beispiel«, und
+sie wies auf den Frühstückstisch, der mit Blumen aus dem Garten bekränzt
+war, »ist Fräulein Jungmanns Werk ... Übrigens irrst du, wenn du denkst,
+du könntest jetzt Tee trinken. Im Salon erwarten dich schon die
+wichtigsten Mitglieder der Familie, und zwar mit einer Festgabe, an der
+ich ebenfalls nicht ganz unbeteiligt bin ... Höre, Thomas, dies ist
+natürlich nur der Anfang des Reigens von Visiten, der sich entwickeln
+wird. Zu Anfang will ich aushalten, aber gegen Mittag ziehe ich mich
+zurück, das sage ich dir. Der Himmel ist, obgleich das Barometer ein
+wenig gefallen ist, noch immer von einem unverschämten Blau -- was zwar
+zu den Flaggen ... denn die ganze Stadt ist beflaggt ... sehr gut
+aussieht -- aber es wird eine fürchterliche Hitze geben ... Komm jetzt
+hinüber. Dein Frühstück muß warten. Du hättest früher aufstehen sollen.
+Nun mußt du die erste Rührung auf deinen leeren Magen wirken lassen ...«
+
+Die Konsulin, Christian, Klothilde, Ida Jungmann, Frau Permaneder und
+Hanno befanden sich im Salon, und die beiden letzteren hielten, nicht
+ohne Anstrengung, die Festgabe der Familie, eine große Gedenktafel,
+aufrecht ... Die Konsulin umarmte ihren Ältesten in tiefer Bewegung.
+
+»Mein lieber Sohn, das ist ein schöner Tag ... ein schöner Tag ...«
+wiederholte sie. »Wir dürfen niemals aufhören, Gott in unseren Herzen zu
+preisen für alle Gnade ... für alle Gnade ...« Sie weinte.
+
+Den Senator befiel eine Schwäche in dieser Umarmung. Es war, als ob in
+seinem Inneren sich etwas löste und ihn verließ. Seine Lippen bebten.
+Ein hinfälliges Bedürfnis erfüllte ihn, in den Armen seiner Mutter, an
+ihrer Brust, in dem zarten Parfüm, das von der weichen Seide ihres
+Kleides ausging, mit geschlossenen Augen zu verharren, nichts mehr sehen
+und nichts mehr sagen zu müssen ... Er küßte sie und richtete sich auf,
+um seinem Bruder die Hand zu reichen, der sie mit der halb zerstreuten
+und halb verlegenen Miene drückte, die ihm bei Feierlichkeiten eigen
+war. Klothilde sagte etwas Gedehntes und Freundliches. Was Fräulein
+Jungmann betraf, so beschränkte sie sich darauf, sich sehr tief zu
+verbeugen, wobei ihre Hand mit der silbernen Uhrkette spielte, die an
+ihrem flachen Busen hing ...
+
+»Komm her, Tom«, sagte Frau Permaneder mit wankender Stimme; »wir können
+es nun nicht mehr halten, Hanno und ich.« Sie trug die Tafel beinahe
+allein, da Hannos Arme nicht viel vermochten, und bot in ihrer
+begeisterten Überanstrengung das Bild einer verzückten Märtyrerin. Ihre
+Augen waren feucht, ihre Wangen hoch gerötet, und ihre Zungenspitze
+spielte mit einem halb verzweifelten, halb spitzbübischen Ausdruck an
+der Oberlippe ...
+
+»Ja, nun zu euch!« sagte der Senator. »Was ist denn das? Kommt, laßt
+los, wir wollen sie anlehnen.« Er stellte die Tafel neben dem Flügel
+aufrecht gegen die Wand und blieb, umgeben von den Seinen, davor stehen.
+
+Der schwere, geschnitzte Nußholzrahmen umspannte einen Karton, welcher
+unter Glas die Porträts der vier Inhaber der Firma Johann Buddenbrook
+zeigte; Name und Jahreszahl standen in Golddruck unter jedem. Da war,
+nach einem alten Ölgemälde angefertigt, das Bild Johan Buddenbrooks, des
+Gründers, ein langer und ernster alter Herr, der mit festgeschlossenen
+Lippen streng und willensfest über sein Jabot hinwegblickte; da war das
+breite und joviale Angesicht Johann Buddenbrooks, Jean Jacques
+Hoffstedes Freund; da hielt, mit seinem in die Vatermörder geschobenen
+Kinn, seinem breiten und faltigen Munde und seiner großen, stark
+gebogenen Nase, der Konsul Johann Buddenbrook die geistvollen, von
+religiöser Schwärmerei sprechenden Augen auf den Beschauer gerichtet;
+und endlich war da Thomas Buddenbrook selbst, in etwas jüngeren Jahren
+... Eine stilisierte, goldene Kornähre zog sich zwischen den Bildern
+hin, unter denen, ebenfalls in Golddruck, die Zahlen 1768 und 1868
+bedeutsam nebeneinander prangten. Zu Häupten des Ganzen aber war in
+hohen gotischen Lettern und in der Schreibart dessen, der ihn seinen
+Nachfahren überliefert, der Spruch zu lesen: »Mein Sohn, sey mit Lust
+bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht
+ruhig schlafen können.«
+
+Die Hände auf dem Rücken betrachtete der Senator die Tafel längere Zeit.
+
+»Ja, ja«, sagte er plötzlich mit ziemlich spöttischem Akzent, »eine
+ungestörte Nachtruhe ist eine gute Sache ...« Dann, ernst, wenn auch ein
+wenig flüchtig, sagte er an alle Anwesenden gewandt: »Ich dank' euch
+herzlich, meine Lieben! Das ist ein sehr schönes und sinniges
+Geschenk!... Was meint ihr -- wohin hängen wir es? Ins Privatkontor?«
+
+»Ja, Tom, über deinen Schreibtisch im Privatkontor!« antwortete Frau
+Permaneder und umarmte ihren Bruder; dann zog sie ihn in den Erker und
+wies hinaus.
+
+Unter dem tiefblauen Sommerhimmel flatterten die zweifarbigen Flaggen
+von allen Häusern -- die ganze Fischergrube hinunter, von der
+Breitenstraße bis zum Hafen, woselbst der »Wullenwewer« und die
+»Friederike Oeverdieck« ihrem Reeder zu Ehren unter vollem Wimpelschmuck
+lagen.
+
+»So ist die ganze Stadt!« sagte Frau Permaneder, und ihre Stimme bebte
+... »Ich bin schon spazieren gegangen, Tom. Auch Hagenströms haben
+geflaggt! Ha, sie können nicht anders ... Ich würde ihnen die Fenster
+einwerfen ...«
+
+Er lächelte, und sie zog ihn ins Zimmer zurück an den Tisch.
+
+»Und hier sind Telegramme, Tom ... nur die ersten, persönlichen
+natürlich, von der auswärtigen Familie. Die von den Geschäftsfreunden
+gehen ans Kontor ...«
+
+Sie öffneten ein paar Depeschen: von den Hamburgern, von den
+Frankfurtern, von Herrn Arnoldsen und seinen Angehörigen in Amsterdam,
+von Jürgen Kröger in Wismar ... Plötzlich errötete Frau Permaneder tief.
+
+»Er ist in seiner Art ein guter Mensch«, sagte sie und schob ihrem
+Bruder ein Telegramm zu, das sie erbrochen. Es war gezeichnet:
+»=Permaneder=«.
+
+»Aber die Zeit vergeht«, sagte der Senator und ließ den Deckel seiner
+Taschenuhr springen. »Ich möchte Tee trinken. Wollt ihr mir Gesellschaft
+leisten? Das Haus wird nachher wie ein Taubenschlag ...«
+
+Seine Gattin, der Ida Jungmann ein Zeichen gegeben hatte, hielt ihn
+zurück.
+
+»Einen Augenblick, Thomas ... Du weißt, Hanno muß gleich in die
+Privatstunde ... Er möchte dir ein Gedicht hersagen ... Komm her, Hanno.
+Und nun als ob niemand da wäre. Keine Aufregung!«
+
+Der kleine Johann mußte auch während der Ferien -- denn im Juli waren
+Sommerferien -- Privatunterricht im Rechnen nehmen, um in diesem Fache
+mit seiner Klasse Schritt halten zu können. Irgendwo in der Vorstadt
+Sankt Gertrud, in einer heißen Stube, in der es nicht zum besten roch,
+erwartete ihn ein Mann mit rotem Bart und unreinlichen Fingernägeln, um
+mit ihm dies verzweifelte Einmaleins zu exerzieren. Zuvor aber galt es,
+dem Papa das Gedicht aufzusagen, das Gedicht, das er mit Ida auf dem
+Altan in der zweiten Etage sorgfältig erlernt ...
+
+Er lehnte am Flügel, in seinem Kopenhagener Matrosenanzug mit dem
+breiten Leinwandkragen, dem weißen Halseinsatz und dem dicken
+Schifferknoten, der unter dem Kragen hervorquoll, die zarten Beine
+gekreuzt, Kopf und Oberkörper ein wenig abgewandt, in einer Haltung voll
+scheuer und unbewußter Grazie. Vor zwei oder drei Wochen war sein langes
+Haar ihm abgeschnitten worden, weil in der Schule nicht nur seine
+Kameraden, sondern auch seine Lehrer sich darüber lustig gemacht hatten.
+Aber auf dem Kopfe war es noch stark und weich gelockt und wuchs tief in
+die Schläfen und in die zarte Stirn hinein. Er hielt seine Lider
+gesenkt, daß die langen, braunen Wimpern auf die bläuliche Umschattung
+seiner Augen fielen, und seine geschlossenen Lippen waren ein wenig
+verzerrt.
+
+Er wußte wohl, was geschehen würde. Er würde weinen müssen, vor Weinen
+dies Gedicht nicht beenden können, bei dem sich einem das Herz
+zusammenzog, wie wenn am Sonntag in der Marienkirche Herr Pfühl, der
+Organist, die Orgel auf eine gewisse, durchdringend feierliche Weise
+spielte ... weinen, wie es immer geschah, wenn man von ihm verlangte,
+daß er sich produziere, ihn examinierte, ihn auf seine Fähigkeit und
+Geistesgegenwart prüfte, wie Papa das liebte. Hätte nur Mama lieber
+nichts von Aufregung gesagt! Es sollte eine Ermutigung sein, aber sie
+war verfehlt, das fühlte er. Da standen sie und sahen ihn an. Sie
+fürchteten und erwarteten, daß er weinen werde ... war es da möglich,
+=nicht= zu weinen? Er hob die Wimpern und suchte die Augen Idas, die mit
+ihrer Uhrkette spielte und ihm in ihrer säuerlich-biderben Art mit dem
+Kopfe zunickte. Ein übergroßes Bedürfnis befiel ihn, sich an sie zu
+schmiegen, sich von ihr fortbringen zu lassen und nichts zu hören, als
+ihre tiefe, beruhigende Stimme, die da sagte: Sei still, Hannochen, mein
+Jungchen, brauchst nichts hersagen ...
+
+»Nun, mein Sohn, laß hören«, sagte der Senator kurz. Er hatte sich in
+einen Lehnsessel am Tische niedergelassen und wartete. Er lächelte
+durchaus nicht -- heute so wenig wie sonst bei ähnlichen Gelegenheiten.
+Ernst, die eine Braue emporgezogen, maß er die Gestalt des kleinen
+Johann mit prüfendem, ja sogar kaltem Blick.
+
+Hanno richtete sich auf. Er strich mit der Hand über das glattpolierte
+Holz des Flügels, ließ einen scheuen Rundblick über die Anwesenden
+hingleiten, und ein wenig ermutigt durch die Milde, die ihm aus den
+Augen Großmamas und Tante Tonys entgegenleuchtete, sagte er mit leiser,
+ein wenig harter Stimme: »Schäfers Sonntagslied ... Von Uhland.«
+
+»Oh, mein Lieber, das ist nichts!« rief der Senator. »Man hängt dort
+nicht am Klavier und faltet die Hände auf dem Bauche ... Frei stehen!
+Frei sprechen! Das ist das Erste. Hier stelle dich mal zwischen die
+Portieren! Und nun den Kopf hoch ... und die Arme ruhig hängen
+lassen ...«
+
+Hanno stellte sich auf die Schwelle zum Wohnzimmer und ließ die Arme
+hängen. Gehorsam erhob er den Kopf, aber die Wimpern hielt er so tief
+gesenkt, daß nichts von seinen Augen zu sehen war. Wahrscheinlich
+schwammen schon Tränen darin.
+
+»Das ist der Tag des Herrn«, sagte er ganz leise, und desto stärker
+klang die Stimme seines Vaters, der ihn unterbrach: »Einen Vortrag
+beginnt man mit einer Verbeugung, mein Sohn! Und dann viel lauter. Noch
+einmal, bitte! `Schäfers Sonntagslied´ ...«
+
+Das war grausam, und der Senator wußte wohl, daß er dem Kinde damit den
+letzten Rest von Haltung und Widerstandskraft raubte. Aber der Junge
+sollte ihn sich nicht rauben lassen! Er sollte sich nicht beirren
+lassen! Er sollte Festigkeit und Männlichkeit gewinnen ... »Schäfers
+Sonntagslied ...!« wiederholte er unerbittlich und aufmunternd ...
+
+Aber mit Hanno war es zu Ende. Sein Kopf hing tief auf der Brust, und
+seine kleine Rechte, die blaß und mit bläulichen Pulsadern aus dem unten
+ganz engen, dunkelblauen, mit einem Anker bestickten Matrosenärmel
+hervorsah, zerrte krampfhaft an dem Brokatstoff der Portiere. »Ich bin
+allein auf weiter Flur«, sagte er noch, und dann war es endgültig aus.
+Die Stimmung des Verses ging mit ihm durch. Ein übergewaltiges Mitleid
+mit sich selbst machte, daß die Stimme ihm ganz und gar versagte, und
+daß die Tränen unwiderstehlich unter den Lidern hervorquollen. Eine
+Sehnsucht nach gewissen Nächten überkam ihn plötzlich, in denen er, ein
+wenig krank, mit Halsschmerzen und leichtem Fieber im Bette lag und Ida
+kam, um ihm zu trinken zu geben und liebevoll eine frische Kompresse auf
+seine Stirn zu legen ... Er beugte sich seitwärts, legte den Kopf auf
+die Hand, mit der er sich an der Portiere hielt, und schluchzte.
+
+»Nun, das ist kein Vergnügen!« sagte der Senator hart und gereizt und
+stand auf. »Worüber weinst du? Weinen könnte man darüber, daß du selbst
+an einem Tage, wie heute, nicht genug Energie aufbringen kannst, um mir
+eine Freude zu machen. Bist du denn ein kleines Mädchen? Was soll aus
+dir werden, wenn du so fortfährst? Gedenkst du dich später immer in
+Tränen zu baden, wenn du zu den Leuten sprechen sollst?...«
+
+Nie, dachte Hanno verzweifelt, nie werde ich zu den Leuten sprechen!
+
+»Überlege dir die Sache bis heute nachmittag«, schloß der Senator; und
+während Ida Jungmann bei ihrem Pflegling kniete, ihm die Augen trocknete
+und halb vorwurfsvoll, halb zärtlich tröstend auf ihn einsprach, ging er
+ins Eßzimmer hinüber.
+
+Während er eilig frühstückte, verabschiedeten sich die Konsulin, Tony,
+Klothilde und Christian von ihm. Sie sollten heute zusammen mit den
+Krögers, den Weinschenks und den Damen Buddenbrook hier bei Gerda zu
+Mittag speisen, indes der Senator wohl oder übel bei dem Diner im
+Ratskeller zugegen sein mußte, aber nicht so lange dort zu bleiben
+gedachte, als daß er nicht hoffte, die Familie abends noch in seinem
+Hause vorzufinden.
+
+Er trank an dem bekränzten Tische den heißen Tee aus der Untertasse, aß
+hastig ein Ei und tat auf der Treppe ein paar Züge aus der Zigarette.
+Grobleben, seinen wollenen Schal auch zu dieser Sommerszeit um den Hals,
+einen Stiefel über den linken Unterarm gezogen, die Wichsbürste in der
+Rechten und einen länglichen Tropfen an der Nase, kam vom Gartenflur auf
+die vordere Diele und trat seinem Herrn am Fuße der Haupttreppe
+entgegen, wo jetzt der aufrechte Braunbär mit seiner Visitkartenschale
+seinen Platz hatte ...
+
+»Je, Herr Senater, hunnert Jahr' ... un de Ein is arm, und de Anner is
+riek ...«
+
+»Schön, Grobleben, is all gaut!« Und der Senator ließ ein Geldstück in
+die Hand mit der Wichsbürste gleiten, worauf er über die Diele und durch
+das Empfangskontor schritt, das ihr zunächst lag. Im Hauptkontor kam der
+Kassierer, ein langer Mann mit treuen Augen, ihm entgegen, um ihm in
+sorgfältigen Redewendungen die Glückwünsche des gesamten Personals zu
+übermitteln. Der Senator dankte in zwei Worten und ging an seinen Platz
+am Fenster. Aber kaum hatte er begonnen, einen Blick in die
+bereitliegenden Zeitungen zu tun und die Post zu öffnen, als an die Tür
+gepocht wurde, die zum vorderen Flur führte, und Gratulanten erschienen.
+
+Es war eine Abordnung der Speicher-Arbeiterschaft, sechs Männer, die
+breitbeinig und schwer wie Bären hereinkamen, mit ungeheurer Biederkeit
+ihre Mundwinkel nach unten zogen und ihre Mützen in den Händen drehten.
+Ihr Wortführer spie den braunen Saft seines Kautabaks in die Stube, zog
+seine Hose empor und redete mit wildbewegter Stimme von »hunnert Jahren«
+und »noch veelen hunnert Jahren« ... Der Senator stellte ihnen eine
+beträchtliche Lohnerhöhung für diese Woche in Aussicht und entließ sie.
+
+Steuerbeamte kamen, um im Namen des Ressorts ihren Chef zu
+beglückwünschen. Als sie gingen, trafen sie in der Tür mit einer Anzahl
+Matrosen zusammen, welche, unter der Führung zweier Steuermänner, von
+den beiden zur Reederei gehörigen Schiffen »Wullenwewer« und »Friederike
+Oeverdieck« gesandt waren, die augenblicklich im Hafen lagen. Und es kam
+eine Deputation der Kornträger in schwarzen Blusen, Kniehosen und
+Zylindern. Dazwischen meldeten sich einzelne Bürger. Schneidermeister
+Stuht aus der Glockengießerstraße erschien, einen schwarzen Rock über
+dem wollenen Hemd. Dieser oder jener Nachbar, Blumenhändler Iwersen
+gratulierte. Ein alter Briefträger, mit weißem Bart, Ringen in den Ohren
+und Triefaugen, ein origineller Kauz, den der Senator an guten Tagen auf
+der Straße anzureden und »Herr Oberpostmeister« zu nennen pflegte, rief
+schon in der Tür: »Es is nich =da=rum, Herr Senator, ick komm nich
+=da=rum! Ick weet wull, de Lüd vertellen sick dat all, dat hier hüt
+jeder wat schenkt kriegt ... öäwer dat is nicht darum ...!« Dennoch nahm
+er dankbar sein Geldstück entgegen ... Das fand kein Ende. Als es halb
+elf Uhr war, meldete das Folgmädchen, daß die Senatorin im Salon die
+ersten Gäste empfange.
+
+Thomas Buddenbrook verließ das Kontor und eilte die Haupttreppe hinan.
+Droben am Eingang zum Salon verweilte er eine halbe Minute vorm Spiegel,
+ordnete seine Krawatte und sog einen Augenblick den Eau-de-Cologne-Duft
+seines Taschentuches ein. Er war bleich, obgleich sein Körper sich in
+Transpiration befand; seine Hände und Füße aber waren kalt. Die Empfänge
+im Kontor hatten ihn beinahe schon abgenutzt ... Er atmete auf und trat
+ein, um in dem von Sonnenlicht erfüllten Gemach den Konsul Huneus,
+Holzgroßhändler und fünffacher Millionär, seine Gemahlin, ihre Tochter
+und deren Gatten, Herrn Senator Doktor Gieseke, zu begrüßen. Die
+Herrschaften waren zusammen von Travemünde hereingekommen, woselbst sie,
+wie mehrere der ersten Familien, die nur dem Buddenbrookschen
+Geschäftsjubiläum zu Ehren ihre Badekur unterbrachen, den Juli
+verbrachten.
+
+Man saß nicht drei Minuten auf den hellen, geschweiften Fauteuils
+beieinander, als Konsul Oeverdieck, Sohn des verstorbenen
+Bürgermeisters, mit seiner Gattin, der geborenen Kistenmaker, eintraf;
+und als Konsul Huneus sich verabschiedete, begegnete er seinem Bruder,
+der eine Million weniger besaß, aber dafür Senator war.
+
+Nun war der Reigen eröffnet. Die große, weiße Tür mit dem Relief von
+musizierenden Amoretten darüber blieb kaum einen Augenblick geschlossen
+und gewährte beständig den Ausblick auf das vom einfallenden Licht
+durchflutete Treppenhaus, sowie auf die Haupttreppe selbst, auf der sich
+unaufhörlich die Gäste herauf- und hinunterbewegten. Da aber der Salon
+geräumig war und die Gruppen, die sich bildeten, von Gesprächen
+zusammengehalten wurden, so waren die Kommenden weit zahlreicher als die
+Gehenden, und bald beschränkte man sich nicht mehr auf das Zimmer,
+sondern überhob das Dienstmädchen des Öffnens und Schließens der Tür,
+ließ sie offen und stand auch auf dem parkettierten Korridor beisammen.
+Schwirrendes und dröhnendes Gespräch von Damen- und Männerstimmen,
+Händeschütteln, Verbeugungen, Scherzworte und lautes, behagliches
+Lachen, das sich zwischen den Säulen des Treppenhauses emporschwingt und
+von der Decke, der großen Glasscheibe des »Einfallenden Lichtes«,
+widerhallt. Senator Buddenbrook nimmt bald zu Häupten der Treppe, bald
+drinnen an der Schwelle des Erkers ernst und formell gemurmelte oder
+kordial hervorgestoßene Glückwünsche entgegen. Bürgermeister Doktor
+Langhals, ein vornehm untersetzter Herr, der sein rasiertes Kinn in der
+weißen Binde birgt, mit kurzen, grauen Koteletts und müdem
+Diplomatenblick, wird mit allgemeiner Ehrerbietung empfangen. Der
+Weinhändler Konsul Eduard Kistenmaker nebst seiner Gattin, der geborenen
+Möllendorpf, sowie sein Bruder und Teilhaber Stephan, Senator
+Buddenbrooks treuester Anhänger und Freund, mit seiner Frau, einer
+außerordentlich gesunden Gutsbesitzerstochter, sind eingetroffen. Die
+verwitwete Senatorin Möllendorpf thront im Salon inmitten des Sofas,
+während ihre Kinder, Herr Konsul August Möllendorpf mit seiner Gemahlin
+Julchen, geborene Hagenström, soeben anlangen, ihre Gratulation
+erledigen und sich grüßend durch die Versammlung bewegen. Konsul Hermann
+Hagenström hat für seinen schweren Körper eine Stütze am Treppengeländer
+gefunden und plaudert, während seine platt auf der Oberlippe liegende
+Nase ein wenig mühsam in den rötlichen Bart hineinatmet, mit Herrn
+Senator Doktor Cremer, dem Polizeichef, dessen braungrau melierter
+Backenbart sein mit einer gewissen milden Schlauheit lächelndes Gesicht
+umrahmt. Staatsanwalt Doktor Moritz Hagenström, dessen schöne Gattin,
+die geborene Puttfarken aus Hamburg, ebenfalls anwesend ist, zeigt
+irgendwo lächelnd seine spitzigen, lückenhaften Zähne. Einen Augenblick
+sieht man, wie der alte Doktor Grabow Senator Buddenbrooks Rechte
+zwischen seinen beiden Händen hält, um gleich darauf vom Baumeister
+Voigt verdrängt zu werden. Pastor Pringsheim, in bürgerlicher Kleidung
+und nur durch die Länge seines Gehrockes seine Würde andeutend, kommt
+mit ausgebreiteten Armen und gänzlich verklärtem Angesicht die Treppe
+herauf. Auch Friedrich Wilhelm Marcus ist zugegen. Diejenigen Herren,
+die irgendeine Körperschaft, den Senat, die Bürgerschaft, die
+Handelskammer repräsentieren, sind im Frack erschienen. -- Halb zwölf
+Uhr. Die Hitze ist sehr stark geworden. Die Dame des Hauses hat sich vor
+einer Viertelstunde zurückgezogen ...
+
+Plötzlich wird drunten am Windfang ein stampfendes und schlürfendes
+Geräusch laut, wie wenn viele Leute auf einmal die Diele beträten, und
+gleichzeitig klingt eine lärmende und schallende Stimme auf, die das
+ganze Haus erfüllt ... Alles drängt zum Geländer; man staut sich auf dem
+ganzen Korridor, vor den Türen zum Salon, zum Eßzimmer und Rauchzimmer,
+und lugt hinunter. Dort unten ordnet sich eine Schar von fünfzehn oder
+zwanzig Männern mit Musikinstrumenten, kommandiert von einem Herrn mit
+brauner Perücke, grauem Schifferbart und einem künstlichen Gebiß von
+breiten gelben Zähnen, das er lautredend zeigt ... Was geschieht? Konsul
+Peter Döhlmann hält mit der Kapelle vom Stadttheater seinen Einzug!
+Schon steigt er selbst im Triumphe die Treppe herauf, ein Paket mit
+Programmen in der Hand schwingend!
+
+Und nun beginnt in dieser unmöglichen und maßlosen Akustik, in der die
+Töne zusammenfließen, die Akkorde einander verschlingen und sinnlos
+machen, und in der das überlaut knarrende Grunzen der großen Baßtrompete,
+in welche ein dicker Mann mit verzweifeltem Gesichtsausdruck stößt,
+alles übrige dominiert, das Ständchen, das man dem Hause Buddenbrook zu
+seinem Jubiläum bringt -- es beginnt mit dem Chorale »Nun danket alle
+Gott«, dem alsbald eine Paraphrase über Offenbachs »Schöne Helena«
+folgt, worauf zunächst ein Potpourri von Volksliedern erklingen wird
+... Es ist ein ziemlich umfangreiches Programm.
+
+Ein hübscher Einfall von Döhlmann! Man beglückwünscht den Konsul, und
+niemand ist nun geneigt, aufzubrechen, bevor das Konzert zu Ende. Man
+steht und sitzt im Salon und auf dem Korridor, hört zu und plaudert ...
+
+Thomas Buddenbrook hielt sich, zusammen mit Stephan Kistenmaker, Senator
+Doktor Gieseke und Baumeister Voigt jenseits der Haupttreppe auf, bei
+der äußeren Tür zum Rauchzimmer und unweit des Aufganges zur zweiten
+Etage. Er stand an die Wand gelehnt, warf hier und da ein Wort in das
+Gespräch seiner Gruppe und blickte im übrigen schweigsam über das
+Geländer hinweg ins Leere. Die Hitze hatte noch zugenommen, sie war noch
+drückender geworden; aber Regen war nun nicht mehr ausgeschlossen, denn
+den Schatten nach zu urteilen, die über das »Einfallende Licht«
+hinwegzogen, waren Wolken am Himmel. Ja, diese Schatten waren so häufig
+und folgten einander so schnell, daß die beständig wechselnde, zuckende
+Beleuchtung des Treppenhauses schließlich die Augen schmerzen machte.
+Jeden Augenblick erlosch der Glanz des vergoldeten Stucks, des
+Messingkronleuchters und der Blechinstrumente dort unten, um gleich
+darauf wieder aufzublitzen ... Nur einmal verweilte der Schatten ein
+wenig länger als gewöhnlich, und unterdessen hörte man mit leicht
+prasselndem Geräusch und in längeren Pausen fünf-, sechs- oder siebenmal
+etwas Hartes auf die Scheibe des »Einfallenden Lichtes« niederprallen:
+ein paar Hagelkörner ohne Zweifel. Dann erfüllte wieder Sonnenlicht das
+Haus von oben bis unten.
+
+Es gibt einen Zustand der Depression, in dem alles, was uns unter
+normalen Umständen ärgert und eine gesunde Reaktion unseres Unwillens
+hervorruft, uns mit einem matten, dumpfen und schweigsamen Grame
+niederdrückt ... So grämte Thomas sich über das Benehmen des kleinen
+Johann, so grämte er sich über die Empfindungen, die diese ganze
+Feierlichkeit in ihm bewirkte, und noch mehr über diejenigen, deren er
+sich beim besten Willen unfähig fühlte. Mehrere Male versuchte er sich
+aufzuraffen, seinen Blick zu erhellen und sich zu sagen, daß dies ein
+schöner Tag sei, der ihn notwendig mit gehobener und freudiger Stimmung
+erfüllen müsse. Aber, obgleich der Lärm der Instrumente, das
+Stimmengewirr und der Anblick der vielen Menschen seine Nerven
+erschütterten und zusammen mit der Erinnerung an die Vergangenheit, an
+seinen Vater, oftmals eine schwache Rührung in ihm aufsteigen ließen, so
+überwog doch der Eindruck des Lächerlichen und Peinlichen, das für ihn
+dem Ganzen anhaftete, dieser minderwertigen, akustisch verzerrten Musik,
+dieser banalen, von Kursen und Diners schwatzenden Versammlung ... und
+dieses Gemisch von Rührung und Widerwillen gerade versetzte ihn in eine
+matte Verzweiflung ...
+
+Um 12¼ Uhr, als das Programm des Stadttheater-Orchesters anfing, seinem
+Ende entgegenzugehen, trat ein Zwischenfall ein, der die herrschende
+Festlichkeit in keiner Weise berührte oder unterbrach, der aber, seinem
+geschäftlichen Charakter zufolge, den Hausherrn nötigte, seine Gäste für
+kurze Minuten zu verlassen. Die Haupttreppe herauf nämlich kam, als die
+Musik eben pausierte, in völliger Verwirrung ob der vielen Herrschaften,
+der jüngste Lehrling des Kontors, ein kleiner, stark verwachsener
+Mensch, der seinen schamroten Kopf noch tiefer als nötig zwischen den
+Schultern trug, den einen seiner unnatürlich langen, dünnen Arme in
+übertriebener Weise hin und her schlenkerte, um sich das Ansehen
+zuversichtlicher Lässigkeit zu geben, und mit dem anderen ein gefaltetes
+Papier vor sich her trug, ein Telegramm. Im Heraufsteigen suchte er mit
+scheu umherspringenden Blicken nach seinem Chef, und als er ihn dort
+drüben entdeckt hatte, wand er sich mit hastig gemurmelten
+Entschuldigungen durch die Menge der Gäste, die ihm den Weg versperrte.
+
+Seine Verschämtheit war ganz überflüssig, denn niemand achtete seiner.
+Ohne ihn anzusehen, und indem man fortfuhr, zu plaudern, machte man ihm
+mit einer kleinen Bewegung Platz und bemerkte kaum mit einem flüchtigen
+Blick, daß er dem Senator Buddenbrook das Telegramm mit einem Bückling
+überreichte, und daß dieser hierauf von Kistenmaker, Gieseke und Voigt
+weg mit ihm beiseite trat, um zu lesen. Auch heute, da doch die weitaus
+meisten Drahtnachrichten in bloßen Glückwünschen bestanden, mußte
+während der Geschäftszeit jede Depesche sofort und unter allen Umständen
+überbracht werden.
+
+Beim Aufgang zur zweiten Etage bildete der Korridor ein Knie, um sich
+nun in der Richtung der Saallänge bis zur Gesindetreppe hinzuziehen, bei
+der sich ein Nebeneingang zum Saale befand. Der Treppe zum zweiten
+Stockwerk gegenüber war die Öffnung zum Schacht der Winde, mit der die
+Speisen aus der Küche heraufbefördert wurden, und dabei stand an der
+Wand ein größerer Tisch, an welchem das Folgmädchen Silberzeug zu putzen
+pflegte. Hier blieb der Senator stehen, indem er dem buckligen Lehrling
+den Rücken zuwandte, und erbrach die Depesche.
+
+Plötzlich erweiterten sich seine Augen so sehr, daß jeder, der es
+gesehen hätte, entsetzt zurückgefahren wäre, und mit einem einzigen,
+kurzen, krampfhaften Ruck zog er die Luft so heftig ein, daß sie im Nu
+seine Kehle austrocknete und ihn husten machte.
+
+Er vermochte zu sagen: »Es ist gut.« Aber das Stimmengeräusch hinter ihm
+machte ihn unverständlich. »Es ist gut«, wiederholte er; aber nur die
+beiden ersten Wörter hatten Ton; das letzte war ein Flüstern.
+
+Da der Senator sich nicht bewegte, sich nicht umwandte, nicht einmal
+andeutungsweise eine Bewegung rückwärts machte, so wiegte der bucklige
+Lehrling sich noch einen Augenblick unsicher und zögernd von einem Fuß
+auf den andern. Dann vollführte er abermals seinen bizarren Bückling und
+begab sich die Gesindetreppe hinunter.
+
+Senator Buddenbrook blieb an dem Tische stehen. Seine Hände, in denen er
+die entfaltete Depesche hielt, hingen schlaff vor ihm nieder, und
+während er noch immer mit halb offenem Munde kurz, mühsam und schnell
+atmete, wobei sein Oberkörper sich arbeitend vor- und rückwärts bewegte,
+schüttelte er, verständnislos und wie vom Schlage gerührt, unaufhörlich
+seinen Kopf hin und her. »Das bißchen Hagel ... das bißchen Hagel ...«
+wiederholte er sinnlos. Dann aber ward sein Atem tiefer und ruhiger, die
+Bewegung seines Körpers langsamer; seine halbgeschlossenen Augen
+verschleierten sich mit einem müden und fast gebrochenen Ausdruck, und
+mit schwerem Kopfnicken wandte er sich zur Seite.
+
+Er öffnete die Tür zum Saale und trat ein. Langsam, gesenkten Hauptes,
+schritt er über die spiegelnde Fußbodenfläche des weiten Raumes und
+ließ sich ganz hinten am Fenster auf einem der dunkelroten Ecksofas
+nieder. Es war still und kühl hier. Man vernahm das Plätschern des
+Springbrunnens im Garten, eine Fliege stieß summend gegen die
+Fensterscheibe, und nur ein gedämpftes Geräusch drang vom Vorplatze zu
+ihm.
+
+Er legte ermattet den Kopf auf das Polster und schloß die Augen. »Es ist
+gut so, es ist gut so«, murmelte er halblaut; und dann, ausatmend,
+befriedigt, befreit, wiederholte er noch einmal: »Es ist ganz gut so!«
+
+Mit gelösten Gliedern und friedevollem Gesichtsausdruck ruhte er fünf
+Minuten lang. Dann richtete er sich auf, faltete das Telegramm zusammen,
+schob es in die Brusttasche seines Rockes und stand auf, um zu seinen
+Gästen zu gehen.
+
+Aber in demselben Augenblick sank er mit einem Ächzen des Ekels auf das
+Polster zurück. Die Musik ... die Musik setzte wieder ein, mit einem
+albernen Lärm, der einen Galopp bedeuten sollte und in welchem Pauke und
+Becken einen Rhythmus markierten, den die übrigen voreilig und verspätet
+ineinander hallenden Schallmassen nicht innehielten, einem
+aufdringlichen und in seiner naiven Unbefangenheit unerträglich
+aufreizenden Tohuwabohu von Knarren, Schmettern und Quinquilieren,
+zerrissen von den aberwitzigen Pfiffen der Pikkoloflöte. --
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+»O Bach! Sebastian Bach, verehrteste Frau!« rief Herr Edmund Pfühl,
+Organist von Sankt Marien, der in großer Bewegung den Salon
+durchschritt, während Gerda lächelnd, den Kopf in die Hand gestützt, am
+Flügel saß, und Hanno, lauschend in einem Sessel, eins seiner Knie mit
+beiden Händen umspannte ... »Gewiß ... wie Sie sagen ... er ist es,
+durch den das Harmonische über das Kontrapunktische den Sieg
+davongetragen hat ... er hat die moderne Harmonik erzeugt, gewiß! Aber
+wodurch? Muß ich Ihnen sagen, wodurch? Durch die vorwärtsschreitende
+Entwicklung des kontrapunktischen Stiles -- Sie wissen es so gut wie
+ich! Was also ist das treibende Prinzip dieser Entwicklung gewesen? Die
+Harmonik? O nein! Keineswegs! Sondern die Kontrapunktik, verehrteste
+Frau! Die Kontrapunktik!... Wozu, frage ich Sie, hätten wohl die
+absoluten Experimente der Harmonik geführt? Ich warne ... solange meine
+Zunge mir gehorcht, warne ich vor den bloßen Experimenten der Harmonik!«
+
+Sein Eifer war groß bei solchen Gesprächen, und er ließ ihm freien Lauf,
+denn er fühlte sich zu Hause in diesem Salon. Jeden Mittwoch, am
+Nachmittage, erschien seine große, vierschrötige und ein wenig
+hochschultrige Gestalt, in einem kaffeebraunen Leibrock, dessen Schöße
+die Kniekehlen bedeckten, auf der Schwelle, und in Erwartung seiner
+Partnerin öffnete er liebevoll den Bechstein-Flügel, ordnete die
+Violinstimmen auf dem geschnitzten Stehpult und präludierte dann einen
+Augenblick leicht und kunstvoll, indem er seinen Kopf wohlgefällig von
+einer Schulter auf die andere sinken ließ.
+
+Ein erstaunlicher Haarwuchs, eine verwirrende Menge von kleinen, festen,
+fuchsbraun und graumelierten Löckchen ließ diesen Kopf ungewöhnlich dick
+und schwer erscheinen, obgleich er frei auf dem langen, mit einem sehr
+großen Kehlkopfknoten versehenen Halse thronte, der aus dem Klappkragen
+hervorragte. Der unfrisierte, gebauschte Schnurrbart, von der Farbe des
+Haupthaares, trat weiter aus dem Gesichte hervor, als die kleine,
+gedrungene Nase ... Unter seinen runden Augen, die braun und blank
+waren, und deren Blick beim Musizieren die Dinge träumerisch zu
+durchschauen und jenseits ihrer Erscheinung zu ruhen schien, war die
+Haut ein wenig beutelartig geschwollen ... Dies Gesicht war nicht
+bedeutend, es trug zum mindesten nicht den Stempel einer starken und
+wachen Intelligenz. Seine Lider waren meist halb gesenkt, und oft hing
+sein rasiertes Kinn, ohne daß sich doch die Unterlippe von der oberen
+trennte, schlaff und willenlos abwärts, was dem Munde einen weichen,
+innig verschlossenen, stupiden und hingebenden Ausdruck verlieh, wie ihn
+derjenige eines süß Schlummernden zeigt ...
+
+Übrigens kontrastierte mit dieser Weichheit seines äußeren Wesens ganz
+seltsam die Strenge und Würde seines Charakters. Edmund Pfühl war ein
+weithin hochgeschätzter Organist, und der Ruf seiner kontrapunktischen
+Gelehrsamkeit hatte sich nicht innerhalb der Mauern seiner Vaterstadt
+gehalten. Das kleine Buch über die Kirchentonarten, das er hatte drucken
+lassen, wurde an zwei oder drei Konservatorien zum Privatstudium
+empfohlen, und seine Fugen und Choralbearbeitungen wurden hie und da
+gespielt, wo zu Gottes Ehre eine Orgel erklang. Diese Kompositionen,
+sowie auch die Phantasien, die er Sonntags in der Marienkirche zum
+besten gab, waren unangreifbar, makellos, erfüllt von der
+unerbittlichen, imposanten, moralisch-logischen Würde des Strengen
+Satzes. Ihr Wesen war fremd aller irdischen Schönheit, und was sie
+ausdrückten, berührte keines Laien rein menschliches Empfinden. Es
+sprach aus ihnen, es triumphierte sieghaft in ihnen die zur asketischen
+Religion gewordene Technik, das zum Selbstzweck, zur absoluten
+Heiligkeit erhobene Können. Edmund Pfühl dachte gering von aller
+Wohlgefälligkeit und sprach ohne Liebe von der schönen Melodie, das ist
+wahr. Aber so rätselhaft es sein mag: dennoch war er kein trockener
+Mensch und kein verknöcherter Gesell. »Palestrina!« sagte er mit einer
+kategorischen und furchteinflößenden Miene. Aber gleich darauf, während
+er am Instrumente eine Reihe von archaistischen Kunststücken ertönen
+ließ, war sein Gesicht eitel Weichheit, Entrücktheit und Schwärmerei,
+und als sähe er die letzte Notwendigkeit alles Geschehens unmittelbar an
+der Arbeit, ruhte sein Blick in einer heiligen Ferne ... Dieser
+Musikantenblick, der vag und leer erscheint, weil er in dem Reiche einer
+tieferen, reineren, schlackenloseren und unbedingteren Logik weilt, als
+dem unserer sprachlichen Begriffe und Gedanken.
+
+Seine Hände waren groß, weich, scheinbar knochenlos und mit
+Sommersprossen bedeckt -- und weich und hohl, gleichsam als stäke ein
+Bissen in seiner Speiseröhre, war die Stimme, mit welcher er Gerda
+Buddenbrook begrüßte, wenn sie die Portieren zurückschlug und vom
+Wohnzimmer aus eintrat: »Ihr Diener, gnädige Frau!«
+
+Während er sich ein wenig von dem Sessel erhob und mit gesenktem Kopfe
+ehrerbietig die Hand entgegennahm, die sie ihm reichte, ließ er mit der
+Linken schon fest und klar die Quinten erklingen, worauf Gerda die
+Stradivari ergriff und rasch, mit sicherem Gehör die Saiten stimmte.
+
+»Das _G_-Moll-Konzert von Bach, Herr Pfühl. Mich dünkt, das ganze Adagio
+ging noch ziemlich mangelhaft ...«
+
+Und der Organist intonierte. Kaum aber waren die ersten Akkorde einander
+gefolgt, so pflegte es zu geschehen, daß langsam, ganz vorsichtig die
+Tür zum Korridor geöffnet ward und mit lautloser Behutsamkeit der kleine
+Johann über den Teppich zu einem Lehnsessel schlich. Dort ließ er sich
+nieder, umfaßte seine Knie mit beiden Händen, verhielt sich still und
+lauschte: auf die Klänge sowohl, wie auf das, was gesprochen wurde.
+
+»Nun, Hanno, ein bißchen Musik naschen?« fragte Gerda in einer Pause und
+ließ ihre nahe beieinander liegenden, umschatteten Augen, in denen das
+Spiel einen feuchten Glanz entzündet hatte, zu ihm hinübergleiten ...
+
+Dann stand er auf und reichte mit einer stummen Verbeugung Herrn Pfühl
+die Hand, der sacht und liebevoll über Hannos hellbraunes Haar strich,
+das sich so weich und graziös um Stirn und Schläfen schmiegte.
+
+»Horche du nur, mein Sohn!« sagte er mit mildem Nachdruck, und das Kind
+betrachtete ein wenig scheu des Organisten großen, beim Sprechen in die
+Höhe wandernden Kehlkopfapfel, worauf es sich leise und schnell an
+seinen Platz zurückbegab, als könne es die Fortsetzung des Spieles und
+der Gespräche kaum erwarten.
+
+Ein Satz Haydn, einige Seiten Mozart, eine Sonate von Beethoven wurden
+durchgeführt. Dann jedoch, während Gerda, die Geige unterm Arm, neue
+Noten herbeisuchte, geschah das Überraschende, daß Herr Pfühl, Edmund
+Pfühl, Organist an Sankt Marien, mit seinem freien Zwischenspiel
+allgemach in einen sehr seltsamen Stil hinüberglitt, wobei in seinem
+fernen Blick eine Art verschämten Glückes erglänzte ... Unter seinen
+Fingern hub ein Schwellen und Blühen, ein Weben und Singen an, aus
+welchem sich, leise zuerst und wieder verwehend, dann immer klarer und
+markiger, in kunstvoller Kontrapunktik ein altväterisch grandioses,
+wunderlich pomphaftes Marschmotiv hervorhob ... Eine Steigerung, eine
+Verschlingung, ein Übergang ... und mit der Auflösung setzte im
+_fortissimo_ die Violine ein. Das Meistersinger-Vorspiel zog vorüber.
+
+Gerda Buddenbrook war eine leidenschaftliche Verehrerin der neuen Musik.
+Was aber Herrn Pfühl betraf, so war sie bei ihm auf einen so wild
+empörten Widerstand gestoßen, daß sie anfangs daran verzweifelt hatte,
+ihn für sich zu gewinnen.
+
+Am Tage, da sie ihm zum ersten Male Klavierauszüge aus »Tristan und
+Isolde« aufs Pult gelegt und ihn gebeten hatte, ihr vorzuspielen, war er
+nach fünfundzwanzig Takten aufgesprungen und mit allen Anzeichen des
+äußersten Ekels zwischen Erker und Flügel hin und wider geeilt.
+
+»Ich spiele dies nicht, gnädige Frau, ich bin Ihr ergebenster Diener,
+aber ich spiele dies nicht! Das ist keine Musik ... glauben Sie mir doch
+... ich habe mir immer eingebildet, ein wenig von Musik zu verstehen!
+Dies ist das Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies
+ist ein parfümierter Qualm, in dem es blitzt! Dies ist das Ende aller
+Moral in der Kunst! Ich spiele es nicht!« Und mit diesen Worten hatte er
+sich wieder auf den Sessel geworfen und, während sein Kehlkopf auf und
+nieder wanderte, unter Schlucken und hohlem Husten weitere
+fünfundzwanzig Takte hervorgebracht, um dann das Klavier zu schließen
+und zu rufen:
+
+»Pfui! Nein, Herr du mein Gott, dies geht zu weit! Verzeihen Sie mir,
+verehrteste Frau, ich rede offen ... Sie honorieren mich, Sie bezahlen
+mich seit Jahr und Tag für meine Dienste ... und ich bin ein Mann in
+bescheidener Lebenslage. Aber ich lege mein Amt nieder, ich verzichte
+darauf, wenn Sie mich zu diesen Ruchlosigkeiten zwingen ...! Und das
+Kind, dort sitzt das Kind auf seinem Stuhle! Es ist leise
+hereingekommen, um Musik zu hören! Wollen Sie seinen Geist denn ganz und
+gar vergiften?« ...
+
+Aber so fürchterlich er sich gebärdete, -- langsam und Schritt für
+Schritt, durch Gewöhnung und Zureden, zog sie ihn zu sich herüber.
+
+»Pfühl«, sagte sie, »seien Sie billig und nehmen Sie die Sache mit Ruhe.
+Seine ungewohnte Art im Gebrauch der Harmonien verwirrt Sie ... Sie
+finden, im Vergleich damit, Beethoven rein, klar und natürlich. Aber
+bedenken Sie, wie Beethoven seine nach alter Weise gebildeten
+Zeitgenossen aus der Fassung gebracht hat ... und Bach selbst, mein
+Gott, man warf ihm Mangel an Wohlklang und Klarheit vor!... Sie sprechen
+von Moral ... aber was verstehen Sie unter Moral in der Kunst? Wenn ich
+nicht irre, ist sie der Gegensatz zu allem Hedonismus? Nun gut, den
+haben Sie hier. So gut wie bei Bach. Großartiger, bewußter, vertiefter
+als bei Bach. Glauben Sie mir, Pfühl, diese Musik ist Ihrem innersten
+Wesen weniger fremd, als Sie annehmen!«
+
+»Gaukelei und Sophismen -- um Vergebung«, murrte Herr Pfühl. Aber sie
+behielt recht: diese Musik war ihm im Grunde weniger fremd, als er
+anfangs glaubte. Zwar mit dem Tristan söhnte er sich niemals vollständig
+aus, obgleich er Gerdas Bitte, den »Liebestod« für Violine und
+Pianoforte zu setzen, schließlich mit vielem Geschick erfüllte. Gewisse
+Partien der »Meistersinger« waren es, für die er zuerst ein oder das
+andere Wort der Anerkennung fand ... und nun begann unwiderstehlich
+erstarkend die Liebe zu dieser Kunst sich in ihm zu regen. Er gestand
+sie nicht, er erschrak fast darüber und verleugnete sie mit Murren. Aber
+seine Partnerin brauchte nun nicht mehr in ihn zu dringen, damit er,
+hatten die alten Meister ihr Recht erhalten, seine Griffe kompliziere
+und, mit jenem Ausdrucke eines verschämten und fast ärgerlichen Glückes
+im Blick, in das Leben und Weben der Leitmotive hinüberführe. Nach dem
+Spiele aber entspann sich vielleicht eine Auseinandersetzung über die
+Beziehungen dieses Kunststiles zu dem des Strengen Satzes, und eines
+Tages erklärte Herr Pfühl, er sähe sich, obgleich das Thema ihn
+persönlich ja nicht berühre, nun doch verpflichtet, seinem Buche über
+den Kirchenstil einen Anhang ȟber die Anwendung der alten Tonarten in
+Richard Wagners Kirchen- und Volksmusik« hinzuzufügen.
+
+Hanno saß ganz still, die kleinen Hände um sein Knie gefaltet und, wie
+er zu tun pflegte, die Zunge an einem Backenzahn scheuernd, wodurch sein
+Mund ein wenig verzogen wurde. Mit großen, unverwandten Augen
+beobachtete er seine Mutter und Herrn Pfühl. Er lauschte auf ihr Spiel
+und auf ihre Gespräche, und so geschah es, daß, nach den ersten
+Schritten, die er auf seinem Lebenswege getan, er der Musik als einer
+außerordentlich ernsten, wichtigen und tiefsinnigen Sache gewahr wurde.
+Kaum hie und da verstand er ein Wort von dem, was gesprochen wurde, und
+was erklang, ging meist weit über sein kindliches Verständnis hinaus.
+Wenn er dennoch immer wiederkam und ohne sich zu langweilen Stunde für
+Stunde reglos an seinem Platze ausharrte, so waren es Glaube, Liebe und
+Ehrfurcht, die ihn dazu vermochten.
+
+Er war erst sieben Jahre alt, als er mit Versuchen begann, gewisse
+Klangverbindungen, die Eindruck auf ihn gemacht, auf eigene Hand am
+Flügel zu wiederholen. Seine Mutter sah ihm lächelnd zu, verbesserte
+seine mit stummem Eifer zusammengesuchten Griffe und unterwies ihn
+darin, warum gerade dieser Ton nicht fehlen dürfe, damit sich aus diesem
+Akkord der andere ergäbe. Und sein Gehör bestätigte ihm, was sie ihm
+sagte.
+
+Nachdem Gerda Buddenbrook ihn ein wenig hatte gewähren lassen, beschloß
+sie, daß er Klavierunterricht bekommen sollte.
+
+»Ich glaube, er inkliniert nicht zum Solistentum«, sagte sie zu Herrn
+Pfühl, »und ich bin eigentlich froh darüber, denn es hat seine
+Schattenseiten. Ich rede nicht über die Abhängigkeit des Solisten von
+der Begleitung, obgleich sie unter Umständen sehr empfindlich werden
+kann, und wenn ich Sie nicht hätte ... Aber dann besteht immer die
+Gefahr, daß man in mehr oder minder vollendetes Virtuosentum gerät ...
+Sehen Sie, ich weiß ein Lied davon zu singen. Ich bekenne Ihnen offen,
+ich bin der Ansicht, daß für den Solisten eigentlich die Musik erst mit
+einem sehr hohen Grade von Können beginnt. Die angestrengte
+Konzentration auf die Oberstimme, ihre Phrasierung und Tonbildung, wobei
+die Polyphonie nur als etwas sehr Vages und Allgemeines zum Bewußtsein
+kommt, kann bei mittelmäßig Begabten ganz leicht eine Verkümmerung des
+harmonischen Sinnes und des Gedächtnisses für Harmonien zur Folge haben,
+die später schwer zu korrigieren ist. Ich liebe meine Geige und habe es
+ziemlich weit mit ihr gebracht, aber eigentlich steht das Klavier mir
+höher ... Ich sage nur dies: die Vertrautheit mit dem Klavier, als mit
+einem Mittel, die vielfältigsten und reichsten Tongebilde zu resümieren,
+einem unübertrefflichen Mittel zur musikalischen Reproduktion, bedeutet
+für mich ein intimeres, klareres und umfassenderes Verhältnis zur Musik
+... Hören Sie, Pfühl, ich möchte Sie gleich selbst für ihn in Anspruch
+nehmen, seien Sie so gut! Ich weiß wohl, es gibt hier in der Stadt noch
+zwei oder drei Leute -- ich glaube, weiblichen Geschlechts --, die
+Unterricht geben; aber das sind eben Klavierlehrerinnen ... Sie
+verstehen mich ... Es kommt so wenig darauf an, auf ein Instrument
+dressiert zu werden, sondern vielmehr darauf, ein wenig von Musik zu
+verstehen, nicht wahr?... Auf Sie verlasse ich mich. Sie nehmen die
+Sache ernster. Und Sie sollen sehen, Sie werden ganz guten Erfolg mit
+ihm haben. Er hat die Buddenbrookschen Hände ... Die Buddenbrooks können
+alle Nonen und Dezimen greifen. -- Aber sie haben noch niemals Gewicht
+darauf gelegt«, schloß sie lachend, und Herr Pfühl erklärte sich bereit,
+den Unterricht zu übernehmen.
+
+Von nun an kam er auch am Montagnachmittag, um sich, während Gerda im
+Wohnzimmer saß, mit dem kleinen Johann zu beschäftigen. Er ging in nicht
+gewöhnlicher Art dabei vor, denn er fühlte, daß er dem stummen und
+leidenschaftlichen Eifer des Kindes mehr schuldig war, als es ein
+bißchen auf dem Klavier spielen zu lehren. Kaum war das Erste und
+Elementarste überwunden, als er schon anfing, in leicht faßlicher Form
+zu theoretisieren und seinen Schüler die Grundlagen der Harmonielehre
+sehen zu lassen. Und Hanno verstand; denn man bestätigte ihm nur, was er
+eigentlich von jeher schon gewußt hatte.
+
+Soweit wie nur immer möglich, trug Herr Pfühl dem sehnsüchtigen
+Vorwärtsdrängen des Kindes Rechnung. Mit liebevoller Sorgfalt war er
+darauf bedacht, die Bleigewichte zu erleichtern, mit denen die Materie
+die Füße der Phantasie und des eifernden Talentes beschwert. Er
+verlangte nicht allzu streng eine große Fingerfertigkeit beim Üben der
+Tonleitern, oder sie war ihm doch nicht der Zweck dieser Übungen. Was er
+bezweckte und schnell erreichte, war vielmehr eine klare, umfassende und
+eindringliche Übersicht über alle Tonarten, eine innere und
+überblickende Vertrautheit mit ihren Verwandtschaften und Verbindungen,
+aus welcher nach gar nicht langer Zeit sich jener rasche Blick für viele
+Kombinationsmöglichkeiten, jenes intuitive Herrschaftsgefühl über die
+Klaviatur ergab, das zur Phantasie und Improvisation verführt ... Mit
+einer rührenden Feinfühligkeit würdigte er die geistigen Bedürfnisse
+dieses kleinen, vom Hören verwöhnten Schülers, die auf einen ernsten
+Stil gerichtet waren. Er ernüchterte die Tiefe und Feierlichkeit seiner
+Stimmung nicht mit dem Üben banaler Liedchen. Er ließ ihn Choräle
+spielen und ließ keinen Akkord sich aus dem anderen ergeben, ohne auf
+die Gesetzmäßigkeit dieses Ergebnisses hinzuweisen.
+
+Bei ihrer Stickerei oder ihrem Buche verfolgte Gerda jenseits der
+Portieren den Gang des Unterrichtes.
+
+»Sie übertreffen alle meine Erwartungen«, sagte sie gelegentlich zu
+Herrn Pfühl. »Aber gehen Sie nicht zu weit? Gehen Sie nicht zu
+außerordentlich vor? Ihre Methode ist, wie mir scheint, eminent
+schöpferisch ... Manchmal fängt er wahrhaftig schon mit Versuchen an, zu
+phantasieren. Aber wenn er Ihre Methode nicht verdient, wenn er nicht
+begabt genug dafür ist, so lernt er gar nichts ...«
+
+»Er verdient sie«, sagte Herr Pfühl und nickte. »Manchmal betrachte ich
+seine Augen ... es liegt so vieles darin, aber seinen Mund hält er
+verschlossen. Später einmal im Leben, das vielleicht seinen Mund immer
+fester verschließen wird, muß er eine Möglichkeit haben, zu reden ...«
+
+Sie sah ihn an, diesen vierschrötigen Musikanten mit seiner
+Fuchsperücke, seinen Beuteln unter den Augen, seinem gebauschten
+Schnurrbart und seinem großen Kehlkopf -- und dann reichte sie ihm die
+Hand und sagte: »Haben Sie Dank, Pfühl. Sie meinen es gut, und wir
+können noch gar nicht wissen, wieviel Sie an ihm tun.« --
+
+Und Hannos Dankbarkeit für diesen Lehrer, seine Hingabe an seine
+Führerschaft war ohnegleichen. Er, der trotz aller Nachhilfestunden in
+der Schule dumpf und ohne Hoffnung auf Verständnis über seiner
+Rechentafel brütete, er begriff am Flügel alles, was Herr Pfühl ihm
+sagte, er begriff es und eignete es sich an, wie man nur das sich
+aneignen kann, was einem schon von jeher gehört hat. Edmund Pfühl aber,
+in seinem braunen Schoßrock, erschien ihm wie ein großer Engel, der ihn
+jeden Montag Nachmittag in die Arme nahm, um ihn aus aller alltäglichen
+Misere in das klingende Reich eines milden, süßen und trostreichen
+Ernstes zu entführen ...
+
+Manchmal fand der Unterricht in Herrn Pfühls Hause statt, einem
+geräumigen alten Giebelhause mit vielen kühlen Gängen und Winkeln, das
+der Organist ganz allein mit einer alten Wirtschafterin bewohnte.
+Manchmal auch, am Sonntag, durfte der kleine Buddenbrook dem
+Gottesdienst in der Marienkirche droben an der Orgel beiwohnen, und das
+war etwas anderes als unten mit den anderen Leuten im Schiff zu sitzen.
+Hoch über der Gemeinde, hoch noch über Pastor Pringsheim auf seiner
+Kanzel saßen die beiden inmitten des Brausens der gewaltigen
+Klangmassen, die sie gemeinsam entfesselten und beherrschten, denn mit
+glückseligem Eifer und Stolz durfte Hanno seinem Lehrer manchmal beim
+Handhaben der Register behilflich sein. Wenn aber das Nachspiel zum
+Chorgesang zu Ende war, wenn Herr Pfühl langsam alle Finger von den
+Tasten gelöst hatte und nur den Grund- und Baßton noch leise und
+feierlich hatte verhallen lassen -- wenn dann nach einer stimmungsvollen
+Kunstpause unter dem Schalldeckel der Kanzel Pastor Pringsheims
+modulierende Stimme hervorzudringen begann, so geschah es gar nicht
+selten, daß Herr Pfühl ganz einfach sich über die Predigt zu mokieren,
+über Pastor Pringsheims stilisiertes Fränkisch, seine langen, dunklen
+oder scharf akzentuierten Vokale, seine Seufzer und den jähen Wechsel
+zwischen Finsternis und Verklärung auf seinem Angesicht zu lachen
+anfing. Dann lachte auch Hanno, leise und tiefbelustigt, denn ohne sich
+anzusehen und ohne es sich zu sagen, waren die beiden dort oben der
+Ansicht, daß diese Predigt ein ziemlich albernes Geschwätz und der
+eigentliche Gottesdienst vielmehr das sei, was der Pastor und seine
+Gemeinde wohl nur für eine Beigabe zur Erhöhung der Andacht hielten:
+nämlich die Musik.
+
+Ja, das geringe Verständnis, das er unten im Schiff, unter diesen
+Senatoren, Konsuln und Bürgern und ihren Familien, für seine Leistungen
+vorhanden wußte, war Herrn Pfühls beständige Kümmernis, und eben darum
+hatte er gern seinen kleinen Schüler bei sich, den er wenigstens leise
+darauf aufmerksam machen konnte, daß das, was er soeben gespielt, etwas
+außerordentlich Schwieriges gewesen sei. Er erging sich in den
+sonderbarsten technischen Unternehmungen. Er hatte eine »rückgängige
+Imitation« angefertigt, eine Melodie komponiert, welche vorwärts und
+rückwärts gelesen gleich war, und hierauf eine ganze »krebsgängig« zu
+spielende Fuge gegründet. Als er fertig war, legte er mit trübem
+Gesichtsausdruck die Hände in den Schoß. »Es merkt es niemand«, sagte er
+mit hoffnungslosem Kopfschütteln. Und dann flüsterte er, während Pastor
+Pringsheim predigte: »Das war eine krebsgängige Imitation, Johann. Du
+weißt noch nicht, was das ist ... es ist die Nachahmung eines Themas von
+hinten nach vorn, von der letzten Note zur ersten ... etwas ziemlich
+Schwieriges. Später wirst du erfahren, was die Nachahmung im strengen
+Satze bedeutet ... Mit dem Krebsgang werde ich dich niemals quälen, dich
+nicht dazu zwingen ... Man braucht ihn nicht zu können. Aber glaube nie
+denen, die dergleichen als Spielerei ohne musikalischen Wert bezeichnen.
+Du findest den Krebsgang bei den großen Komponisten aller Zeiten. Nur
+die Lauen und Mittelmäßigen verwerfen solche Übungen aus Hochmut.
+=Demut= ziemt sich; das merke dir, Johann.« --
+
+-- Am 15. April 1869, seinem achten Geburtstage, spielte Hanno der
+versammelten Familie zusammen mit seiner Mutter eine kleine, eigene
+Phantasie vor, ein einfaches Motiv, das er ausfindig gemacht, merkwürdig
+gefunden und ein wenig ausgebaut hatte. Natürlich hatte Herr Pfühl, dem
+er es anvertraut, mancherlei daran auszusetzen gehabt.
+
+»Was ist das für ein theatralischer Schluß, Johann! Das paßt ja gar
+nicht zum übrigen? Zu Anfang ist alles ganz ordentlich, aber wie
+verfällst du hier plötzlich aus _H_-Dur in den Quart-Sext-Akkord der
+vierten Stufe mit erniedrigter Terz, möchte ich wissen? Das sind Possen.
+Und du tremolierst ihn auch noch. Das hast du irgendwo aufgeschnappt ...
+Woher stammt es? ich weiß es schon. Du hast zu gut zugehört, wenn ich
+deiner Frau Mama gewisse Sachen vorspielen mußte ... Ändere den Schluß,
+Kind, dann ist es ein ganz sauberes kleines Ding.«
+
+Aber gerade auf diesen Mollakkord und diesen Schluß legte Hanno das
+allergrößte Gewicht, und seine Mutter amüsierte sich so sehr darüber,
+daß es dabei blieb. Sie nahm die Geige, spielte die Oberstimme mit und
+variierte dann, während Hanno den Satz ganz einfach wiederholte, den
+Diskant bis zum Schluß in Läufen von Zweiunddreißigsteln. Das klang ganz
+großartig, Hanno küßte sie vor Glück, und so trugen sie es am 15. April
+der Familie vor.
+
+Die Konsulin, Frau Permaneder, Christian, Klothilde, Herr und Frau
+Konsul Kröger, Herr und Frau Direktor Weinschenk, sowie die Damen
+Buddenbrook aus der Breiten Straße und Fräulein Weichbrodt hatten zur
+Feier von Hannos Geburtstag um vier Uhr beim Senator und seiner Frau zu
+Mittag gegessen; nun saßen sie im Salon und blickten lauschend auf das
+Kind, das in seinem Matrosenanzug am Flügel saß, und auf die fremdartige
+und elegante Erscheinung Gerdas, die zuerst auf der _g_-Saite eine
+prachtvolle Kantilene entwickelte und dann, mit unfehlbarer Virtuosität,
+eine Flut von perlenden und schäumenden Kadenzen entfesselte. Der
+Silberdraht am Griff ihres Bogens blitzte im Licht der Gasflammen.
+
+Hanno, bleich vor Erregung, hatte bei Tische fast nichts essen können;
+aber jetzt war die Hingebung an sein Werk, das, ach, nach zwei Minuten
+schon wieder zu Ende sein sollte, so groß in ihm, daß er in
+vollständiger Entrücktheit alles um sich her vergessen hatte. Dies
+kleine melodische Gebilde war mehr harmonischer als rhythmischer Natur,
+und ganz seltsam mutete der Gegensatz an, der zwischen den primitiven,
+fundamentalen und kindlichen musikalischen Mitteln und der gewichtigen,
+leidenschaftlichen und fast raffinierten Art bestand, in welcher diese
+Mittel betont und zur Geltung gebracht wurden. Mit einer schrägen und
+ziehenden Bewegung des Kopfes nach vorn hob Hanno bedeutsam jeden
+Übergangston hervor, und, ganz vorn auf dem Sessel sitzend, suchte er
+durch Pedal und Verschiebung jedem neuen Akkord einen empfindlichen Wert
+zu verleihen. In der Tat, wenn der kleine Hanno einen Effekt erzielte --
+und beschränkte sich derselbe auch ganz allein auf ihn selbst --, so war
+der Effekt weniger empfindsamer als empfindlicher Natur. Irgendein ganz
+einfacher harmonischer Kunstgriff ward durch gewichtige und verzögernde
+Akzentuierung zu einer geheimnisvollen und preziösen Bedeutung erhoben.
+Irgendeinem Akkord, einer neuen Harmonie, einem Einsatz wurde, während
+Hanno die Augenbrauen emporzog und mit dem Oberkörper eine hebende,
+schwebende Bewegung vollführte, durch eine plötzlich eintretende, matt
+hallende Klanggebung eine nervös überraschende Wirkungsfähigkeit zuteil
+... Und nun kam der Schluß, Hannos geliebter Schluß, der an primitiver
+Gehobenheit dem Ganzen die Krone aufsetzte. Leise und glockenrein
+umperlt und umflossen von den Läufen der Violine, tremolierte
+_pianissimo_ der _E_-Mollakkord ... Er wuchs, er nahm zu, er schwoll
+langsam, langsam an, im _forte_ zog Hanno das dissonierende, zur
+Grundtonart leitende _Cis_ herzu, und während die Stradivari wogend und
+klingend auch dieses _Cis_ umrauschte, steigerte er die Dissonanz mit
+aller seiner Kraft bis zum _fortissimo_. Er verweigerte sich die
+Auflösung, er enthielt sie sich und den Hörern vor. Was würde sie sein,
+diese Auflösung, dieses entzückende und befreite Hineinsinken in
+_H_-Dur? Ein Glück ohnegleichen, eine Genugtuung von überschwänglicher
+Süßigkeit. Der Friede! Die Seligkeit! Das Himmelreich!... Noch nicht ...
+noch nicht! Noch einen Augenblick des Aufschubs, der Verzögerung, der
+Spannung, die unerträglich werden mußte, damit die Befriedigung desto
+köstlicher sei ... Noch ein letztes, allerletztes Auskosten dieser
+drängenden und treibenden Sehnsucht, dieser Begierde des ganzen Wesens,
+dieser äußersten und krampfhaften Anspannung des Willens, der sich
+dennoch die Erfüllung und Erlösung noch verweigerte, weil er wußte: Das
+Glück ist nur ein Augenblick ... Hannos Oberkörper reckte sich langsam
+empor, seine Augen wurden ganz groß, seine geschlossenen Lippen
+zitterten, mit einem stoßweisen Beben zog er die Luft durch die Nase ein
+... und dann war die Wonne nicht mehr zurückzuhalten. Sie kam, kam über
+ihn, und er wehrte ihr nicht länger. Seine Muskeln spannten sich ab,
+ermattet und überwältigt sank sein Kopf auf die Schulter nieder, seine
+Augen schlossen sich, und ein wehmütiges, fast schmerzliches Lächeln
+unaussprechlicher Beseligung umspielte seinen Mund, während mit
+Verschiebung und Pedal, umflüstert, umwoben, umrauscht und umwogt von
+den Läufen der Violine, sein Tremolo, dem er nun Baßläufe gesellte, nach
+_H_-Dur hinüberglitt, sich ganz rasch zum _fortissimo_ steigerte und
+dann mit einem kurzen, nachhallosen Aufbrausen abbrach. --
+
+Es war unmöglich, daß die Wirkung, die dieses Spiel auf Hanno selbst
+ausübte, sich auch auf die Zuhörer erstreckte. Frau Permaneder zum
+Beispiel hatte von dem ganzen Aufwand nicht das allermindeste
+verstanden. Wohl aber hatte sie des Kindes Lächeln gesehen, die Bewegung
+seines Oberkörpers, das selige Zur-Seite-Sinken seines kleinen, zärtlich
+geliebten Kopfes ... und dieser Anblick hatte sie in den Tiefen ihrer
+leicht gerührten Gutmütigkeit ergriffen.
+
+»Wie spielt der Junge! Wie spielt das Kind!« rief sie aus, indem sie
+beinahe weinend auf ihn zueilte und ihn in die Arme schloß ... »Gerda,
+Tom, er wird ein Mozart, ein Meyerbeer, ein ...« und in Ermangelung
+eines dritten Namens von ähnlicher Bedeutung, der ihr nicht sogleich
+einfiel, beschränkte sie sich darauf, ihren Neffen, der, die Hände im
+Schoße, noch ganz ermattet und mit abwesenden Augen dasaß, mit Küssen zu
+bedecken.
+
+»Genug, Tony, genug!« sagte der Senator leise. »Ich bitte dich, was
+setzest du ihm in den Kopf ...«
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Thomas Buddenbrook war in seinem Herzen nicht einverstanden mit dem
+Wesen und der Entwicklung des kleinen Johann.
+
+Er hatte einst, allem Kopfschütteln schnell verblüffter Philister zum
+Trotz, Gerda Arnoldsen heimgeführt, weil er sich stark und frei genug
+gefühlt hatte, unbeschadet seiner bürgerlichen Tüchtigkeit einen
+distinguierteren Geschmack an den Tag zu legen als den allgemein
+üblichen. Aber sollte nun das Kind, dieser lange vergebens ersehnte
+Erbe, der doch äußerlich und körperlich manche Abzeichen seiner
+väterlichen Familie trug, so ganz und gar dieser Mutter gehören? Sollte
+er, von dem er erhofft hatte, daß er einst mit glücklicherer und
+unbefangenerer Hand die Arbeit seines Lebens fortführen werde, der
+ganzen Umgebung, in der er zu leben und zu wirken berufen, ja seinem
+Vater selbst, innerlich und von Natur aus fremd und befremdend
+gegenüberstehen?
+
+Gerdas Geigenspiel hatte für Thomas bislang, übereinstimmend mit ihren
+seltsamen Augen, die er liebte, zu ihrem schweren dunkelroten Haar und
+ihrer ganzen außerordentlichen Erscheinung, eine reizvolle Beigabe mehr
+zu ihrem eigenartigen Wesen bedeutet; jetzt aber, da er sehen mußte, wie
+die Leidenschaft der Musik, die ihm fremd war, so früh schon, so von
+Anbeginn und von Grund aus sich auch seines Sohnes bemächtigte, wurde
+sie ihm zu einer feindlichen Macht, die sich zwischen ihn und das Kind
+stellte, aus dem seine Hoffnungen doch einen echten Buddenbrook, einen
+starken und praktisch gesinnten Mann mit kräftigen Trieben nach außen,
+nach Macht und Eroberung machen wollten. Und in der reizbaren
+Verfassung, in der er sich befand, schien es ihm, als drohe diese
+feindselige Macht ihn zu einem Fremden in seinem eigenen Hause zu
+machen.
+
+Er war nicht imstande, sich der Musik, wie Gerda und ihr Freund, dieser
+Herr Pfühl, sie betrieben, zu nähern, und Gerda, exklusiv und unduldsam
+in Dingen der Kunst, erschwerte ihm noch diese Annäherung in wirklich
+grausamer Weise.
+
+Nie hatte er geglaubt, daß das Wesen der Musik seiner Familie so
+gänzlich fremd sei, wie es jetzt den Anschein gewann. Sein Großvater
+hatte gern ein wenig die Flöte geblasen, und er selbst hatte immer mit
+Wohlgefallen auf hübsche Melodien, die entweder eine leichte Grazie oder
+einige beschauliche Wehmut oder eine munterstimmende Schwunghaftigkeit
+an den Tag legten, gelauscht. Gab er aber seinem Geschmack an
+irgendeinem derartigen Gebilde Ausdruck, so konnte er gewärtig sein, daß
+Gerda die Achseln zuckte und mit einem mitleidigen Lächeln sagte: »Wie
+ist es möglich, mein Freund! Ein Ding so ganz ohne musikalischen
+Wert ...«
+
+Er haßte diesen »musikalischen Wert«, dieses Wort, mit dem sich für ihn
+kein anderer Begriff verband als der eines kalten Hochmutes. Es trieb
+ihn, sich, während Hanno dabeisaß, dagegen zu erheben. Mehr als einmal
+geschah es, daß er bei solchen Gelegenheiten aufbegehrte und ausrief:
+»Ach, Liebste, das Trumpfen auf diesen `musikalischen Wert´ scheint mir
+eine ziemlich dünkelhafte und geschmacklose Sache zu sein!«
+
+Und sie erwiderte ihm: »Thomas, ein für allemal, von der Musik als Kunst
+wirst du niemals etwas verstehen, und so intelligent du bist, wirst du
+niemals einsehen, daß sie mehr ist als ein kleiner Nachtischspaß und
+Ohrenschmaus. In der Musik geht dir der Sinn für das Banale ab, der dir
+doch sonst nicht fehlt ... und er ist das Kriterium des Verständnisses
+in der Kunst. Wie fremd dir die Musik ist, kannst du schon daraus
+ersehen, daß dein musikalischer Geschmack deinen übrigen Bedürfnissen
+und Anschauungen ja eigentlich gar nicht entspricht. Was freut dich in
+der Musik? Der Geist eines gewissen faden Optimismus, den du, wäre er in
+einem Buche eingeschlossen, empört oder ärgerlich belustigt in die Ecke
+werfen würdest. Schnelle Erfüllung jedes kaum erregten Wunsches ...
+Prompte, freundliche Befriedigung des kaum ein wenig aufgestachelten
+Willens ... Geht es in der Welt etwa zu wie in einer hübschen
+Melodie?... Das ist läppischer Idealismus ...«
+
+Er verstand sie, er verstand, was sie sagte. Aber er vermochte ihr mit
+dem Gefühl nicht zu folgen und nicht zu begreifen, warum Melodien, die
+ihn ermunterten oder rührten, null und nichtig sein -- und Musikstücke,
+die ihn herb und verworren anmuteten, den höchsten musikalischen Wert
+besitzen sollten. Er stand vor einem Tempel, von dessen Schwelle Gerda
+ihn mit unnachsichtiger Gebärde verwies ... und kummervoll sah er, wie
+sie mit dem Kinde darin verschwand.
+
+Er ließ nichts merken von der Sorge, mit der er die Entfremdung
+beobachtete, die zwischen ihm und seinem kleinen Sohne zuzunehmen
+schien, und der Anschein, als bewürbe er sich um des Kindes Gunst, wäre
+ihm furchtbar gewesen. Er hatte ja während des Tages nur wenig Muße, mit
+dem Kleinen zusammenzutreffen; gelegentlich der Mahlzeiten aber
+behandelte er ihn mit einer freundschaftlichen Kordialität, die einen
+Anflug von ermunternder Härte besaß. »Nun, Kamerad«, sagte er, indem er
+ihn ein paarmal auf den Hinterkopf klopfte und sich, seiner Frau
+gegenüber, neben ihn an den Speisetisch setzte ... »Wie geht's! Was
+haben wir getrieben! Gelernt?... Und Klavier gespielt? Das ist recht!
+Aber nicht zu viel, sonst haben wir keine Lust mehr zum übrigen und
+bleiben Ostern sitzen!« Keine Muskel in seinem Gesicht verriet dabei die
+besorgte Spannung, mit der er erwartete, wie Hanno seine Begrüßung
+aufnehmen, wie sie erwidern werde; nichts verriet etwas von dem
+schmerzlichen Sichzusammenziehen seines Inneren, wenn das Kind einfach
+einen scheuen Blick aus seinen goldbraunen, umschatteten Augen zu ihm
+hingleiten ließ, der nicht einmal sein Gesicht erreichte, -- und sich
+stumm über seinen Teller beugte.
+
+Ungeheuerlich wäre es gewesen, sich über diese kindische Unbeholfenheit
+zu bekümmern. Während des Beisammenseins, in den Pausen etwa, beim
+Wechseln des Geschirrs, war es seine Pflicht, sich ein wenig mit dem
+Jungen zu beschäftigen, ihn ein bißchen zu prüfen, seinen praktischen
+Sinn für Tatsachen herauszufordern ... Wieviel Einwohner besaß die
+Stadt? Welche Straßen führten von der Trave zur oberen Stadt hinauf? Wie
+hießen die zum Geschäft gehörigen Speicher? Frisch und schlagfertig
+hergesagt! -- Aber Hanno schwieg. Nicht aus Trotz gegen seinen Vater,
+nicht um ihm wehe zu tun. Aber die Einwohner, die Straßen und selbst die
+Speicher, die ihm unter gewöhnlichen Umständen unendlich gleichgültig
+waren, flößten ihm, zum Gegenstand eines Examens erhoben, einen
+verzweifelten Widerwillen ein. Er mochte vorher ganz munter gewesen
+sein, mochte sogar mit seinem Vater geplaudert haben -- sowie das
+Gespräch auch nur annähernd den Charakter einer kleinen Prüfung annahm,
+sank seine Stimmung unter Null, brach seine Widerstandskraft vollständig
+zusammen. Seine Augen verschleierten sich, sein Mund nahm einen
+verzagten Ausdruck an, und was ihn beherrschte, war ein großes
+schmerzliches Bedauern über die Unvorsichtigkeit, mit welcher Papa, der
+doch wissen mußte, daß solche Versuche zu nichts Gutem führten, nun sich
+selbst und allen die Mahlzeit verdorben habe. Mit Augen, die in Tränen
+schwammen, sah er auf seinen Teller nieder. Ida stieß ihn an und
+flüsterte ihm zu ... die Straßen, die Speicher. Aber ach, das war ja
+unnütz, ganz unnütz! Sie mißverstand ihn. Er wußte ja die Namen, zum
+Teile wenigstens, ganz gut, und so leicht wäre es gewesen, Papas
+Wünschen bis zu einem gewissen Grade wenigstens entgegenzukommen, wenn
+es eben möglich gewesen wäre, wenn ihn nicht eben etwas unüberwindlich
+Trauriges daran gehindert hätte ... Ein strenges Wort, ein Klopfen mit
+der Gabel auf den Messerblock von seiten seines Vaters schreckte ihn
+auf. Er warf einen Blick auf seine Mutter und Ida und versuchte zu
+sprechen; aber schon die ersten Silben wurden von Schluchzen erstickt;
+es ging nicht. »Genug!« rief der Senator zornig. »Schweig! Ich will gar
+nichts mehr hören! Du brauchst nichts herzusagen! Du darfst stumm und
+dumm vor dich hinbrüten dein Lebtag!« Und in schweigsamer Mißstimmung
+ward die Mahlzeit zu Ende geführt.
+
+Diese träumerische Schwäche aber, dieses Weinen, dieser vollständige
+Mangel an Frische und Energie war der Punkt, an dem der Senator
+einsetzte, wenn er gegen Hannos leidenschaftliche Beschäftigung mit der
+Musik Bedenken erhob.
+
+Hannos Gesundheit war immer zart gewesen. Besonders seine Zähne hatten
+von jeher die Ursache von mancherlei schmerzhaften Störungen und
+Beschwerden ausgemacht. Das Hervorbrechen der Milchzähne mit seiner
+Gefolgschaft von Fieber und Krämpfen hatte ihm beinah das Leben
+gekostet, und dann hatte sein Zahnfleisch stets zur Entzündung und zur
+Bildung von Geschwüren geneigt, die Mamsell Jungmann, wenn sie reif
+waren, mit einer Stecknadel zu öffnen pflegte. Jetzt, zur Zeit des
+Zahnwechsels, waren die Leiden noch größer. Schmerzen kamen, die fast
+über Hannos Kräfte gingen, und schlaflos, unter leisem Stöhnen und
+Weinen in einem matten Fieber, das keine andere Ursache als eben den
+Schmerz hatte, verbrachte er ganze Nächte. Die Zähne, die äußerlich so
+schön und weiß wie die seiner Mutter, dabei aber außerordentlich weich
+und verletzlich waren, wuchsen falsch, sie bedrängten einander, und
+damit allen diesen Übelständen gesteuert würde, mußte der kleine Johann
+einen furchtbaren Menschen in sein junges Leben eintreten sehen: Herrn
+Brecht, den Zahnarzt Brecht in der Mühlenstraße ...
+
+Schon der Name dieses Mannes gemahnte gräßlich an jenes Geräusch, das im
+Kiefer entsteht, wenn mit Ziehen, Drehen und Heben die Wurzeln eines
+Zahnes herausgebrochen werden, und ließ Hannos Herz sich in der Angst
+zusammenziehen, die er erlitt, wenn er, gegenüber der treuen Ida
+Jungmann, im Wartezimmer des Herrn Brecht in einem Lehnstuhl kauerte
+und, während er die scharf riechende Luft dieser Räumlichkeiten atmete,
+illustrierte Journale besah, bis der Zahnarzt mit seinem ebenso
+höflichen wie grauenerregenden »Bitte« in der Tür des Operationszimmers
+erschien ...
+
+Eine Anziehungskraft, einen seltsamen Reiz besaß dieses Wartezimmer, und
+das war ein stattlicher bunter Papagei mit giftigen kleinen Augen, der
+in einem Winkel inmitten eines Messingbauers saß und aus unbekannten
+Gründen Josephus hieß. Mit der Stimme eines wütenden alten Weibes
+pflegte er zu sagen: »Nehmen Sie Platz ... Einen Momang ...« und
+obgleich dies unter den obwaltenden Umständen wie ein abscheulicher Hohn
+klang, war Hanno Buddenbrook ihm mit einem Gemisch von Liebe und Grauen
+zugetan. Ein Papagei ... ein großer, bunter Vogel, welcher Josephus hieß
+und reden konnte! War er nicht wie entwischt aus einem Zauberwalde, aus
+einem der Grimmschen Märchen, die Ida zu Hause vorlas?... Auch das
+»Bitte«, mit dem Herr Brecht die Tür öffnete, wiederholte Josephus aufs
+eindringlichste, und so geschah es, daß man seltsamerweise lachend das
+Operationszimmer betrat und sich auf den großen, unheimlich
+konstruierten Stuhl am Fenster setzte, neben dem die Tretmaschine stand.
+
+Was Herrn Brecht persönlich betraf, so sah er ganz ähnlich aus wie
+Josephus, denn ebenso hart und krumm bog seine Nase sich auf den schwarz
+und grau melierten Schnurrbart hinab, wie der Schnabel des Papageis. Das
+Schlimme aber, das eigentlich Entsetzliche an ihm bestand darin, daß er
+nervös und selbst den Qualen nicht gewachsen war, die zuzufügen sein Amt
+ihn zwang. »Wir müssen zur Extraktion schreiten, Fräulein«, sagte er zu
+Ida Jungmann und erblich. Dann, wenn Hanno in einem matten, kalten
+Schweiße und mit übergroßen Augen, unfähig, zu protestieren, unfähig,
+davonzulaufen, in einem Seelenzustand, der sich absolut durch nichts von
+dem eines hinzurichtenden Delinquenten unterschied, Herrn Brecht, die
+Zange im Ärmel, auf sich zukommen sah, so konnte er bemerken, daß auf
+der kahlen Stirn des Zahnarztes kleine Schweißtropfen perlten, und daß
+sein Mund ebenfalls von Angst verzogen war ... Und wenn der abscheuliche
+Vorgang vorüber, wenn Hanno, bleich, zitternd, mit tränenden Augen und
+entstelltem Gesicht, sein Blut in die blaue Schale zu seiner Seite
+spie, so mußte Herr Brecht einen Augenblick irgendwo Platz nehmen, sich
+die Stirn trocknen und ein wenig Wasser trinken ...
+
+Man versicherte den kleinen Johann, daß dieser Mann ihm viel Gutes tue
+und ihn vor vielen noch größeren Schmerzen bewahre; aber wenn Hanno die
+Pein, die Herr Brecht ihm zugefügt, mit dem positiven und fühlbaren
+Vorteil verglich, den er ihm verdankte, so überwog die erstere zu sehr,
+als daß er nicht alle diese Besuche in der Mühlenstraße zu den
+schlimmsten aller unnützen Qualen hätte rechnen müssen. Im Hinblick auf
+die Weisheitszähne, die dermaleinst kommen würden, mußten vier
+Backzähne, die soeben, weiß, schön und noch vollkommen gesund
+herangewachsen waren, entfernt werden, und das nahm, da man das Kind
+nicht überanstrengen wollte, vier Wochen in Anspruch. Was für eine Zeit!
+Diese langgezogene Marter, in der schon die Angst vor dem Bevorstehenden
+wieder einsetzte, wenn noch die Erschöpfung nach dem Überstandenen
+herrschte, ging zu weit. Als der letzte Zahn gezogen war, lag Hanno acht
+Tage lang krank, und zwar aus reiner Ermattung.
+
+Übrigens beeinflußten diese Zahnbeschwerden nicht nur seine
+Gemütsstimmung, sondern auch die Funktionen einzelner Organe. Die
+Behinderungen beim Kauen hatten immer wieder Verdauungsstörungen, ja
+auch Anfälle von gastrischem Fieber zur Folge, und diese
+Magenverstimmungen standen im Zusammenhange mit vorübergehenden Anfällen
+von verstärktem oder geschwächtem unregelmäßigen Herzschlag und
+Schwindelgefühlen. Bei all dem bestand unvermindert, ja verstärkt, das
+seltsame Leiden fort, das Doktor Grabow »_pavor nocturnus_« nannte. Kaum
+eine Nacht verging, ohne daß der kleine Johann ein- oder zweimal
+emporfuhr und händeringend, mit allen Anzeichen der unerträglichsten
+Angst nach Hilfe oder Erbarmen rief, als stände er in Flammen, als
+wollte man ihn erwürgen, als geschähe etwas unsäglich Grauenhaftes ...
+Am Morgen wußte er nichts mehr von allem. -- Doktor Grabow suchte dieses
+Leiden mit einem abendlichen Trunk von Heidelbeersaft zu behandeln;
+allein das half ganz und gar nichts.
+
+Die Hemmungen, denen Hannos Körper unterworfen war, die Schmerzen, die
+er erlitt, verfehlten nicht, in ihm jenes ernsthafte Gefühl vorzeitiger
+Erfahrenheit hervorzurufen, das man Altklugheit nennt, und wenn es
+auch, gleichsam als würde es von einer überwiegenden Begabung mit gutem
+Geschmacke niedergehalten, nicht oft und durchaus nicht aufdringlich
+zutage trat, so äußerte es sich doch hie und da in Form einer wehmütigen
+Überlegenheit ... »Wie geht es dir, Hanno?« fragte jemand von seinen
+Verwandten, seine Großmutter, die Damen Buddenbrook aus der Breiten
+Straße ... und ein kleines, resigniertes Emporziehen des Mundes, ein
+Zucken seiner vom blauen Matrosenkragen bedeckten Achseln war die ganze
+Antwort.
+
+»Gehst du gern zur Schule?«
+
+»Nein«, antwortete Hanno ruhig und mit einer Offenheit, welche
+angesichts ernsterer Dinge es nicht der Mühe wert erachtet, in solchen
+Angelegenheiten zu lügen.
+
+»Nicht? Oh! Man muß aber doch lernen: Schreiben, Rechnen, Lesen ...«
+
+»Und so weiter«, sagte der kleine Johann.
+
+Nein, er ging nicht gern in die alte Schule, diese ehemalige
+Klosterschule mit Kreuzgängen und gotisch gewölbten Klassenzimmern.
+Fehlen wegen Unwohlseins und gänzliche Unaufmerksamkeit, wenn seine
+Gedanken bei irgendeiner harmonischen Verbindung oder den noch
+unenträtselten Wundern eines Musikstückes weilten, das er von seiner
+Mutter und Herrn Pfühl gehört, förderten ihn nicht eben in den
+Wissenschaften, und die Hilfslehrer und Seminaristen, die ihn in diesen
+unteren Klassen unterrichteten, und deren gesellschaftliche
+Unterlegenheit, geistige Gedrücktheit und körperliche Ungepflegtheit er
+empfand, flößten ihm neben der Furcht vor Strafe eine heimliche
+Mißachtung ein. Herr Tietge, der Rechenlehrer, ein kleiner Greis in
+fettigem schwarzen Rock, der schon zur Zeit des verstorbenen Marcellus
+Stengel im Dienste der Anstalt gewirkt hatte, und der auf eine
+unmögliche Weise in sich hineinschielte, was er durch Brillengläser,
+rund und dick wie Schiffsluken, zu korrigieren suchte, -- Herr Tietge
+gemahnte den kleinen Johann in jeder Stunde, wie fleißig und
+scharfsinnig sein Vater stets beim Rechnen gewesen sei ... Beständig
+nötigten Herrn Tietge starke Hustenanfälle, den Boden des Katheders mit
+seinem Auswurf zu bedecken.
+
+Hannos Verhältnis zu seinen kleinen Kameraden war im allgemeinen ganz
+fremder und äußerlicher Natur; nur mit einem von ihnen verknüpfte ihn,
+und zwar seit den ersten Schultagen, ein festes Band, und das war ein
+Kind von vornehmer Herkunft, aber gänzlich verwahrlostem Äußeren, ein
+Graf Mölln mit dem Vornamen Kai.
+
+Es war ein Junge von Hannos Statur, aber nicht wie dieser mit einem
+dänischen Matrosenhabit, sondern mit einem ärmlichen Anzug von
+unbestimmter Farbe bekleidet, an dem hie und da ein Knopf fehlte, und
+der am Gesäß einen großen Flicken zeigte. Seine Hände, die aus den zu
+kurzen Ärmeln hervorsahen, erschienen imprägniert mit Staub und Erde und
+von unveränderlich hellgrauer Farbe, aber sie waren schmal und
+außerordentlich fein gebildet, mit langen Fingern und langen, spitz
+zulaufenden Nägeln. Und diesen Händen entsprach der Kopf, welcher,
+vernachlässigt, ungekämmt und nicht sehr reinlich, von Natur mit allen
+Merkmalen einer reinen und edlen Rasse ausgestattet war. Das flüchtig in
+der Mitte gescheitelte, rötlichgelbe Haar war von einer alabasterweißen
+Stirn zurückgestrichen, unter welcher, tief und scharf zugleich,
+hellblaue Augen blitzten. Die Wangenknochen traten ein wenig hervor, und
+die Nase, mit zarten Nüstern und schmalem, ganz leicht gebogenem Rücken,
+war, wie der Mund mit etwas geschürzter Oberlippe, schon jetzt von
+charakteristischem Gepräge.
+
+Hanno Buddenbrook hatte den kleinen Grafen schon vor Beginn der
+Schulzeit zwei- oder dreimal ganz flüchtig zu sehen bekommen, und zwar
+auf Spaziergängen, die er mit Ida gen Norden durchs Burgtor hinaus
+gemacht. Dort nämlich, weit draußen, unfern des ersten Dorfes, war
+irgendwo ein kleines Gehöft, ein winziges, fast wertloses Anwesen, das
+überhaupt keinen Namen hatte. Man gewann, blickte man hin, den Eindruck
+eines Misthaufens, einer Anzahl Hühner, einer Hundehütte und eines
+armseligen, katenartigen Gebäudes, mit tief hinunterreichendem, rotem
+Dache. Dies war das Herrenhaus, und dort wohnte Kais Vater, Eberhard
+Graf Mölln.
+
+Er war ein Sonderling, den selten jemand zu sehen bekam, und der,
+beschäftigt mit Hühner-, Hunde- und Gemüsezucht, abgeschieden von aller
+Welt auf seinem kleinen Gehöfte hauste: ein großer Mann mit
+Stulpenstiefeln, einer grünen Friesjoppe, kahlem Kopfe, einem ungeheuren
+ergrauten Rübezahlbarte, einer Reitpeitsche in der Hand, obgleich er
+durchaus kein Pferd besaß, und einem unter der buschigen Braue ins Auge
+geklemmten Monokel. Es gab, außer ihm und seinem Sohne, weit und breit
+keinen Grafen Mölln mehr im Lande. Die einzelnen Zweige der ehemals
+reichen, mächtigen und stolzen Familie waren nach und nach verdorrt,
+abgestorben und vermodert, und nur eine Tante des kleinen Kai, mit der
+sein Vater aber nicht in Korrespondenz stand, war noch am Leben. Sie
+veröffentlichte unter einem abenteuerlichen Pseudonym Romane in
+Familienblättern. -- Was den Grafen Eberhard betraf, so erinnerte man
+sich, daß er, um sich vor allen Störungen durch Anfragen, Angebote und
+Bettelei zu schützen, während längerer Zeit, nachdem er das Anwesen vorm
+Burgtor bezogen, ein Schild an seiner niedrigen Haustür geführt hatte,
+auf dem zu lesen gewesen: »Hier wohnt Graf Mölln ganz allein, braucht
+nichts, kauft nichts und hat nichts zu verschenken.« Als das Schild
+seine Wirkung getan und niemand ihn mehr belästigte, hatte er es wieder
+entfernt.
+
+Mutterlos -- denn die Gräfin war an seiner Geburt gestorben, und
+irgendein ältliches Frauenzimmer führte das Hauswesen -- war der kleine
+Kai hier wild wie ein Tier unter den Hühnern und Hunden herangewachsen,
+und hier hatte -- von fern und mit großer Scheu -- Hanno Buddenbrook ihn
+gesehen, wie er gleich einem Kaninchen im Kohle umhersprang, sich mit
+jungen Hunden balgte und mit seinen Purzelbäumen die Hühner erschreckte.
+
+In der Schulstube hatte er ihn wiedergefunden, und seine Scheu vor dem
+verwilderten Äußeren des kleinen Grafen hatte wohl anfangs
+fortbestanden. Aber nicht lange, so hatte ein sicherer Instinkt ihn die
+unsoignierte Hülle durchschauen lassen, hatte ihn auf diese weiße Stirn,
+diesen schmalen Mund, diese länglich geschnittenen, hellblauen Augen
+achten lassen, die mit einer Art zorniger Befremdung dareingeblickt
+hatten, und eine große Sympathie für diesen Kameraden unter allen
+übrigen hatte ihn ganz erfüllt. Dennoch war er viel zu zurückhaltend,
+als daß er den Mut gefunden hätte, die Freundschaft einzuleiten, und
+ohne die rücksichtslose Initiative des kleinen Kai wären die beiden
+einander wohl fremd geblieben. Ja, das leidenschaftliche Tempo, mit dem
+Kai sich ihm genähert, hatte den kleinen Johann anfangs sogar
+erschreckt. Dieser kleine, verwahrloste Gesell hatte mit einem Feuer,
+einer stürmisch aggressiven Männlichkeit um die Gunst des stillen,
+elegant gekleideten Hanno geworben, der gar nicht zu widerstehen gewesen
+war. Zwar konnte er ihm beim Unterricht nicht behilflich sein, denn
+seinem ungezähmten und frei umherschweifenden Sinn war das Einmaleins
+etwas ebenso Abscheuliches wie dem träumerisch abwesenden des kleinen
+Buddenbrook; aber er hatte ihn mit allem beschenkt, was sein gewesen
+war, mit Glaskugeln, Holzkreiseln und sogar mit einer kleinen,
+verbogenen Blechpistole, obgleich sie das Beste war, was er besaß ...
+Hand in Hand mit ihm, in den Pausen, hatte er ihm von seinem Heim, von
+den jungen Hunden und Hühnern erzählt, und hatte ihn mittags, obgleich
+stets Ida Jungmann, ein Päckchen belegten Butterbrotes in der Hand,
+ihren Pflegling vor der Schultür zum Spazierengehen erwartete, so weit
+wie möglich begleitet. Bei dieser Gelegenheit hatte er erfahren, daß der
+kleine Buddenbrook zu Hause Hanno genannt wurde, und sofort hatte er
+sich dieses Kosenamens bemächtigt, um seinen Freund nun nie mehr anders
+zu nennen.
+
+Eines Tages hatte er verlangt, daß Hanno, statt nach dem Mühlenwall, mit
+ihm nach seines Vaters Besitz spazierengehe, um neugeborene
+Meerschweinchen zu besehen, und Fräulein Jungmann hatte endlich den
+Bitten der beiden nachgegeben. Sie waren nach dem gräflichen Anwesen
+hinausgewandert, hatten den Misthaufen, das Gemüse, die Hunde, Hühner
+und Meerschweinchen in Augenschein genommen und waren schließlich auch
+in das Haus eingetreten, woselbst in einem niedrigen, langgestreckten
+Raume zu ebener Erde Graf Eberhard, ein Bild trotziger Vereinsamung,
+lesend an einem schweren Bauerntisch gesessen und unwirsch nach dem
+Begehren gefragt hatte ...
+
+Ida Jungmann war nicht zu bewegen gewesen, diesen Besuch zu wiederholen;
+vielmehr hatte sie darauf bestanden, daß, wollten die beiden beieinander
+sein, Kai lieber Hanno besuchen sollte, und so hatte der kleine Graf
+denn zum ersten Male mit aufrichtiger Bewunderung, aber doch ohne Scheu
+das prachtvolle Vaterhaus seines Freundes betreten. Von da an hatte er
+oft und öfter sich eingestellt, und nun konnte nur im Winter hoch
+liegender Schnee ihn hindern, den weiten Weg am Nachmittage noch einmal
+zurückzulegen, um ein paar Stunden bei Hanno Buddenbrook zu verbringen.
+
+Man saß in dem großen Kinderzimmer im zweiten Stockwerk zusammen und
+erledigte seine Schularbeiten. Es gab da lange Rechenaufgaben zu lösen,
+die, nachdem man beide Seiten der Schiefertafel mit Additionen,
+Subtraktionen, Multiplikationen und Divisionen bedeckt hatte, am Ende
+und als Resultat ganz einfach Null ergeben mußten -- wo nicht, so
+steckte irgendwo ein Fehler, der gesucht, gesucht werden mußte, bis man
+das kleine bösartige Tier gefunden hatte und vertilgen konnte: und
+hoffentlich steckte er nicht zu hoch, weil sonst beinahe das Ganze noch
+einmal geschrieben werden mußte. Ferner galt es, sich mit deutscher
+Grammatik zu beschäftigen, die Kunst der Komparation zu erlernen und
+ganz reinlich und gradlinig Betrachtungen untereinander zu schreiben,
+wie zum Beispiel: »Horn ist durchsichtig, Glas ist durchsichtiger, Luft
+ist am durchsichtigsten.« Worauf man sein Diktatheft zur Hand nahm, um
+Sätze zu studieren wie diesen: »Unsere Hedwig ist zwar sehr willig, aber
+den Kehricht auf dem Estrich fegt sie niemals ordentlich zusammen.« Bei
+dieser Übung voller Versuchungen und Fußangeln hatte die Absicht
+bestanden, daß man Hedwig, willig und fegt mit einem ch, Estrich mit g
+und Kehricht womöglich ebenfalls mit einem g schreiben sollte, und das
+hatte man denn auch gründlich besorgt, weshalb nun die Korrektur
+vorgenommen werden mußte. War aber alles fertig, so packte man ein und
+setzte sich auf das Fensterbrett, um Ida vorlesen zu hören.
+
+Die gute Seele las vom Katerlieschen, von dem, der auszog, das Fürchten
+zu lernen, von Rumpelstilzchen, Rapunzel und Froschkönig -- mit tiefer,
+geduldiger Stimme und halb geschlossenen Augen, denn sie sagte die
+Märchen, die sie in ihrem Leben schon allzuoft gelesen, beinahe ganz aus
+dem Kopfe her, und dabei schlug sie mechanisch die Blätter mit dem
+benetzten Zeigefinger um.
+
+Bei dieser Unterhaltung aber geschah das Merkwürdige, daß in dem kleinen
+Kai sich das Bedürfnis zu regen und auszubilden begann, es dem Buche
+gleichzutun und selbst etwas zu erzählen, und das war um so erwünschter,
+als man die gedruckten Märchen allmählich alle kannte, und auch Ida sich
+dann und wann ein wenig ausruhen mußte. Kais Geschichten waren anfangs
+kurz und einfach, wurden dann aber kühner und komplizierter und gewannen
+an Interesse dadurch, daß sie nicht gänzlich in der Luft standen,
+sondern von der Wirklichkeit ausgingen und diese in ein seltsames und
+geheimnisvolles Licht rückten ... Besonders gern vernahm Hanno die
+Erzählung von einem bösen, aber außerordentlich mächtigen Zauberer, der
+einen schönen und hochbegabten Prinzen mit Namen Josephus in der Gestalt
+eines bunten Vogels bei sich gefangen halte und alle Menschen mit seinen
+tückischen Künsten quäle. Schon aber wachse in der Ferne der Auserwählte
+heran, welcher dereinst an der Spitze einer unwiderstehlichen Armee von
+Hunden, Hühnern und Meerschweinchen gegen den Zauberer furchtlos zu
+Felde ziehen und den Prinzen, sowie die ganze Welt, besonders aber Hanno
+Buddenbrook vermittels eines Schwertstreiches von ihm erlösen werde.
+Dann werde, befreit und entzaubert, Josephus in sein Reich zurückkehren,
+König werden und Hanno sowohl wie Kai zu sehr hohen Würden emporsteigen
+lassen ...
+
+Senator Buddenbrook, der hie und da, wenn er das Kinderzimmer passierte,
+die Freunde beisammen sah, hatte gegen diesen Verkehr nichts
+einzuwenden, denn es war leicht zu beobachten, daß die beiden einander
+vorteilhaft beeinflußten. Hanno wirkte besänftigend, zähmend und
+geradezu veredelnd auf Kai, der ihn zärtlich liebte, die Weiße seiner
+Hände bewunderte und sich ihm zuliebe die seinen von Fräulein Jungmann
+mit Bürste und Seife behandeln ließ. Und wenn Hanno seinerseits ein
+wenig Frische und Wildheit von dem kleinen Grafen empfing, so war das
+mit Freude zu begrüßen, denn Senator Buddenbrook verhehlte sich nicht,
+daß die beständige weibliche Obhut, unter welcher der Junge stand, nicht
+eben geeignet war, die Eigenschaften der Männlichkeit in ihm anzureizen
+und zu entwickeln.
+
+Die Treue und Hingebung der guten Ida Jungmann, die nun schon länger als
+drei Jahrzehnte den Buddenbrooks diente, war ja mit Gold nicht zu
+bezahlen. Sie hatte die vorhergehende Generation mit Aufopferung gehegt
+und gepflegt: Hanno aber trug sie auf Händen, sie hüllte ihn gänzlich in
+Zärtlichkeit und Sorgfalt ein, sie liebte ihn abgöttisch und ging in
+ihrem naiven und unerschütterlichen Glauben an seine absolut bevorzugte
+und bevorrechtigte Stellung in der Welt oftmals bis zum Absurden. Sie
+war, galt es, für ihn zu handeln, von erstaunlicher und manchmal
+peinlicher Unverfrorenheit. Gelegentlich eines Einkaufs beim Konditor
+zum Beispiel unterließ sie es niemals, sehr ungeniert in die
+ausgestellten Schalen hineinzugreifen, um ihm diese oder jene Süßigkeit
+zuzustecken, ohne dafür zu bezahlen -- denn konnte der Mann sich nicht
+nur geehrt fühlen? Und vor einem umlagerten Schaufenster war sie sofort
+bei der Hand, die Leute in ihrem westpreußischen Dialekt freundlich,
+aber entschieden um Platz für ihren Schützling zu ersuchen. Ja, er war
+in ihren Augen etwas so ganz Besonderes, daß sie kaum je ein anderes
+Kind würdig gehalten hatte, mit ihm in Berührung zu kommen. Was den
+kleinen Kai betraf, so war die beiderseitige Zuneigung stärker gewesen
+als ihr Mißtrauen; auch hatte der Name sie ein wenig bestochen.
+Gesellten sich aber auf dem Mühlenwall, wenn sie sich mit Hanno auf
+einer Bank niedergelassen hatte, andere Kinder mit ihrer Begleitung zu
+ihnen, so erhob Fräulein Jungmann sich beinahe sogleich und ging unter
+irgendeinem Vorwande von Verspätung oder Zugwind von dannen. Die
+Erklärungen, die sie dem kleinen Johann dafür zuteil werden ließ, waren
+geeignet, in ihm die Vorstellung zu erwecken, als seien alle seine
+Altersgenossen mit Skrofeln und »Bösen Säften« schwer behaftet, -- nur
+er nicht. Und das trug nicht gerade dazu bei, seine sowieso schon
+mangelnde Zutraulichkeit und Unbefangenheit zu stärken.
+
+Senator Buddenbrook wußte von solchen Einzelheiten nicht; aber er sah,
+daß die Entwicklung seines Sohnes von Natur und infolge äußerer
+Einflüsse vorläufig keineswegs die Richtung einschlug, die er ihr zu
+geben wünschte. Hätte er seine Erziehung in die Hand nehmen, täglich und
+stündlich auf seinen Geist wirken können! Aber die Zeit fehlte ihm
+dazu, und mit Schmerz mußte er sehen, wie gelegentliche Versuche dazu
+kläglich mißlangen und das Verhältnis zwischen Vater und Kind nur kälter
+und fremder machten. Ein Bild schwebte ihm vor, nach dem er seinen Sohn
+zu modeln sich sehnte: das Bild von Hannos Urgroßvater, wie er selbst
+ihn als Knabe gekannt -- ein heller Kopf, jovial, einfach, humoristisch
+und stark ... Konnte er so nicht werden? War das unmöglich? Und
+warum?... Hätte er wenigstens die Musik unterdrücken und verbannen
+können, die den Jungen dem praktischen Leben entfremdete, seiner
+körperlichen Gesundheit sicherlich nicht nützlich war und seine
+Geisteskräfte absorbierte! Grenzte sein träumerisches Wesen nicht
+manchmal geradezu an Unzurechnungsfähigkeit?
+
+Eines Nachmittags war Hanno drei Viertelstunden vorm Essen, das um vier
+Uhr stattfand, allein in die erste Etage hinabgestiegen. Er hatte eine
+Zeitlang am Flügel geübt und hielt sich nun müßig im Wohnzimmer auf.
+Halb liegend saß er auf der Chaiselongue, nestelte an dem Schifferknoten
+auf seiner Brust, und indem seine Augen, ohne etwas zu suchen, seitwärts
+glitten, gewahrte er auf dem zierlichen Nußholzschreibtisch seiner
+Mutter eine offene Ledermappe -- die Mappe mit den Familienpapieren. Er
+stützte den Ellbogen auf das Rückenpolster und das Kinn in die Hand und
+betrachtete die Sachen ein Weilchen aus der Ferne. Ohne Zweifel hatte
+Papa sich heute nach dem zweiten Frühstück damit beschäftigt und sie zu
+weiterem Gebrauche liegenlassen. Eines stak in der Mappe, lose Blätter,
+die draußen lagen, waren vorläufig mit einem metallenen Lineal
+beschwert, das große Schreibheft mit goldnem Schnitt und
+verschiedenartigem Papier lag offen da.
+
+Hanno glitt nachlässig von der Ottomane hinunter und ging zum
+Schreibtisch. Das Buch war an jener Stelle aufgeschlagen, wo in den
+Handschriften mehrerer seiner Vorfahren und zuletzt in der seines Vaters
+der ganze Stammbaum der Buddenbrooks mit Klammern und Rubriken in
+übersichtlichen Daten geordnet war. Mit einem Bein auf dem Schreibsessel
+kniend, das weichgewellte hellbraune Haar in die flache Hand gestützt,
+musterte Hanno das Manuskript ein wenig von der Seite, mit dem
+mattkritischen und ein bißchen verächtlichen Ernste einer vollkommenen
+Gleichgültigkeit und ließ seine freie Hand mit Mamas Federhalter
+spielen, der halb aus Gold und halb aus Ebenholz bestand. Seine Augen
+wanderten über all diese männlichen und weiblichen Namen hin, die hier
+unter- und nebeneinander standen, zum Teile in altmodisch
+verschnörkelter Schrift mit weit ausladenden Schleifen, in gelblich
+verblaßter oder stark aufgetragener schwarzer Tinte, an der Reste von
+Goldstreusand klebten ... Er las auch, ganz zuletzt, in Papas winziger,
+geschwind über das Papier eilender Schrift, unter denen seiner Eltern
+seinen eigenen Namen -- Justus, =Johann=, Kaspar, geb. d. 15. April
+1861 --, was ihm einigen Spaß machte, richtete sich dann ein wenig auf,
+nahm mit nachlässigen Bewegungen Lineal und Feder zur Hand, legte das
+Lineal unter seinen Namen, ließ seine Augen noch einmal über das ganze
+genealogische Gewimmel hingleiten: und hierauf, mit stiller Miene und
+gedankenloser Sorgfalt, mechanisch und verträumt, zog er mit der
+Goldfeder einen schönen, sauberen Doppelstrich quer über das ganze Blatt
+hinüber, die obere Linie ein wenig stärker als die untere, so, wie er
+jede Seite seines Rechenheftes verzieren mußte ... Dann legte er einen
+Augenblick prüfend den Kopf auf die Seite und wandte sich ab.
+
+Nach Tische rief der Senator ihn zu sich und herrschte ihn mit
+zusammengezogenen Brauen an.
+
+»Was ist das. Woher kommt das. Hast du das getan?«
+
+Er mußte sich einen Augenblick besinnen, ob er es getan habe, und dann
+sagte er schüchtern und ängstlich: »Ja.« »Was heißt das! Was ficht dich
+an! Antworte! Wie kommst du zu dem Unfug!« rief der Senator, indem er
+mit dem leicht zusammengerollten Heft auf Hannos Wange schlug.
+
+Und der kleine Johann, zurückweichend, stammelte, indem er mit der Hand
+nach seiner Wange fuhr: »Ich glaubte ... ich glaubte ... es käme nichts
+mehr ...«
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Donnerstags, wenn die Familie, umgeben von den ruhevoll lächelnden
+Götterstatuen der Tapete, beim Essen saß, gab es seit kurzem einen
+neuen, sehr ernsten Gesprächsgegenstand, der auf den Gesichtern der
+Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße den Ausdruck kalter
+Zurückhaltung, in den Mienen und Gesten Frau Permaneders aber eine
+außerordentliche Erregung hervorrief. Sie sprach zurückgelegten Hauptes
+und indem sie beide Arme zugleich vorwärts oder nach oben streckte, mit
+Zorn, mit Entrüstung, mit aufrichtiger, tiefgefühlter Empörung. Sie ging
+von dem besonderen Falle, um den es sich handelte, zum allgemeinen über,
+sprach über schlechte Menschen überhaupt und ließ, unterbrochen von dem
+trockenen nervösen Räuspern, das mit ihrer Magenschwäche zusammenhing,
+mit einer gewissen Kehlkopfstimme, die ihr eigen war, wenn sie zürnte,
+kleine Trompetenstöße des Abscheus ertönen, die etwa klangen wie
+»Tränen-Trieschke --!« »Grünlich --!« »Permaneder --!« ... Das
+Sonderbare aber war der neue Ruf, der hinzugekommen war, und den sie mit
+unbeschreiblicher Verachtung und Gehässigkeit hervorbrachte. Er lautete:
+»=Der Staatsanwalt --!=«
+
+Wenn dann Direktor Hugo Weinschenk, verspätet wie immer, denn er war mit
+Geschäften überhäuft, den Saal betrat und, mit balancierenden Fäusten
+sich ungewöhnlich lebhaft in der Taille seines Gehrockes wiegend, zu
+seinem Platze schritt, wobei seine Unterlippe unter dem schmalen
+Schnurrbart mit keckem Ausdruck hinabhing, so verstummte das Gespräch,
+so lagerte sich eine peinliche, schwüle Stille über der Tafel, bis der
+Senator allen aus der Verlegenheit half, indem er ganz leichthin und als
+handle es sich um irgendein Geschäft, sich bei dem Direktor nach dem
+Stande der Angelegenheit erkundigte. Und Hugo Weinschenk antwortete, die
+Sachen ständen sehr gut, sie ständen, wie das nicht anders möglich sei,
+vortrefflich ... worauf er leicht und fröhlich von etwas anderem sprach.
+Er war viel aufgeräumter als früher, ließ seine Augen mit einer gewissen
+wilden Unbefangenheit umherschweifen und fragte viele Male, ohne Antwort
+zu erhalten, nach dem Befinden von Gerda Buddenbrooks Geige. Überhaupt
+plauderte er viel und munter, und unangenehm war nur der Umstand, daß
+er in seinem Freimut nicht immer genügend nach seinen Worten sah und vor
+übermäßig guter Laune hie und da Geschichten vorbrachte, die nicht ganz
+am Platze waren. Eine Anekdote zum Beispiel, die er erzählte, handelte
+von einer Amme, welche die Gesundheit des ihr anvertrauten Kindes
+dadurch beeinträchtigt hatte, daß sie an Blähungen litt; in einer Weise,
+die er ohne Zweifel für humoristisch hielt, ahmte er den Hausarzt nach,
+der gerufen hatte: »Wer stinkt hier so! Wer ist es, der hier so stinkt!«
+und spät oder nie bemerkte er, daß seine Gattin heftig errötet war, daß
+die Konsulin, Thomas und Gerda unbewegt dasaßen, die Damen Buddenbrook
+durchbohrende Blicke tauschten, selbst Riekchen Severin am unteren
+Tischende beleidigt dareinblickte und höchstens der alte Konsul Kröger
+leise pruschte ...
+
+Was war es mit dem Direktor Weinschenk? Dieser ernste, tätige und
+kernhafte Mann, dieser Mann, der, abhold aller Geselligkeit und von
+rauher Außenseite, mit zäher Pflichttreue nur seiner Arbeit zugetan war,
+-- dieser Mann sollte nicht =ein=mal, nein, wiederholt sich eines
+schweren Fehltrittes schuldig gemacht haben, ja, er war angeklagt,
+gerichtlich angeklagt, mehrere Male ein geschäftliches Manöver
+ausgeführt zu haben, das nicht fragwürdig, sondern unreinlich und
+verbrecherisch zu nennen war, und ein Prozeß, dessen Ausgang nicht
+abzusehen, war gegen ihn im Gange! -- Was wurde ihm zur Last gelegt? --
+Brände hatten an verschiedenen Orten stattgefunden, größere
+Feuersbrünste, die der Gesellschaft, welche den damit Betroffenen
+kontraktlich verbunden gewesen, große Summen gekostet haben würden.
+Direktor Weinschenk aber sollte, erst nachdem er durch seine Agenten
+rasche vertrauliche Mitteilung von den Unglücksfällen empfangen, also
+bewußt betrügerischerweise, die Rückversicherungen bei einer anderen
+Gesellschaft vorgenommen und dieser so den Schaden zugeschoben haben.
+Nun lag die Sache in den Händen des Staatsanwaltes, des Staatsanwaltes
+Doktor Moritz Hagenström ...
+
+»Thomas«, sagte die Konsulin unter vier Augen zu ihrem Sohne, »ich bitte
+dich ... ich verstehe nichts. Was soll ich von der Sache halten!«
+
+Und er antwortete: »Ja, meine liebe Mutter ... Was läßt sich da sagen!
+Daß alles ganz in Ordnung ist, muß man leider bezweifeln. Aber daß
+Weinschenk in dem Umfange schuldig ist, wie gewisse Leute es wollen,
+halte ich ebenfalls für unwahrscheinlich. Es gibt im Geschäftsleben
+moderneren Stiles etwas, was man Usance nennt ... Eine Usance, verstehst
+du, das ist ein Manöver, das nicht ganz einwandfrei ist, sich nicht ganz
+mit dem geschriebenen Gesetze verträgt und für den Laienverstand schon
+unredlich aussieht, das aber dennoch nach stillschweigender Übereinkunft
+in der Geschäftswelt gang und gäbe ist. Die Grenzlinie zwischen Usance
+und Schlimmerem ist sehr schwer zu ziehen ... Einerlei ... Wenn
+Weinschenk sich vergangen hat, so hat er es höchstwahrscheinlich nicht
+ärger getrieben als viele seiner Kollegen, die ungestraft davongekommen
+sind. Aber ... für einen günstigen Ausgang des Prozesses stehe ich
+deshalb durchaus nicht. Vielleicht würde er in einer großen Stadt
+freigesprochen werden; aber hier, wo alles auf Cliquenwesen und
+persönliche Motive hinausläuft ... Das hätte er bei der Wahl seines
+Verteidigers besser bedenken sollen. Wir haben hier in der Stadt keinen
+hervorragenden Anwalt, keinen eminenten Kopf mit überlegenem und
+überzeugendem Rednertalent, der mit allen Hunden gehetzt und in den
+bedenklichsten Sachen versiert wäre. Dafür aber hängen unsere Herren
+Juristen untereinander zusammen, sie sind einander verbunden durch
+gemeinsame Interessen, durch Mittagessen, womöglich durch
+Verwandtschaft, und haben aufeinander Rücksicht zu nehmen. Meiner
+Ansicht nach wäre es klug gewesen, wenn Weinschenk einen hier ansässigen
+Advokaten genommen hätte. Aber was hat er getan? Er hat es für nötig
+befunden -- ich sage für nötig befunden, und das gibt zuletzt über sein
+gutes Gewissen zu denken --, sich einen Verteidiger aus Berlin zu
+verschreiben, den Doktor Breslauer, einen rechten Teufelsbraten, einen
+geriebenen Redner, einen raffinierten Rechtsvirtuosen, dem der Ruhm
+vorangeht, soundso vielen betrügerischen Bankerottiers am Zuchthause
+vorbeigeholfen zu haben. Der wird nun ohne Zweifel die Sache gegen ein
+sehr großes Honorar mit ebenso großer Schlauheit führen ... Aber ob das
+von Nutzen sein wird? Ich sehe es kommen, daß unsere wackeren
+Rechtsgelehrten sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben werden, sich
+von dem fremden Herrn imponieren zu lassen, und daß der Gerichtshof für
+Doktor Hagenströms Plaidoyer ein sehr viel willigeres Ohr haben wird ...
+Und die Zeugen? Was sein eigenes Geschäftspersonal betrifft, so glaube
+ich nicht, daß es ihm besonders liebevoll zur Seite stehen wird. Das,
+was wir Wohlwollenden -- und, ich glaube, auch er selbst -- seine rauhe
+Außenseite nennen, hat ihm nicht viel Freunde gemacht ... Kurz, Mutter,
+mir ahnt Arges. Es wäre ja schlimm für Erika, wenn es ein Unglück gäbe,
+aber am wehesten sollte es mir um Tony tun. Siehst du, sie hat ja recht,
+wenn sie sagt, daß Hagenström die Sache mit Genugtuung in die Hand
+genommen hat. Sie geht uns alle an, und ein schmählicher Ausgang würde
+uns insgesamt betreffen, denn Weinschenk gehört einmal zur Familie und
+sitzt an unserem Tische. Was mich angeht, ich komme darüber hinweg. Ich
+weiß, wie ich mich zu benehmen habe. Ich muß in der Öffentlichkeit der
+Sache ganz fremd gegenüberstehen, darf nicht die Verhandlungen besuchen
+-- obgleich Breslauer mich interessieren würde -- und darf mich, schon
+um mich vor dem Vorwurf irgendwelcher Beeinflussungsgelüste zu wahren,
+überhaupt um nichts bekümmern. Aber Tony? Ich mag nicht ausdenken, wie
+traurig eine Verurteilung für sie wäre. Man muß hören, wie aus ihren
+lauten Protesten gegen Verleumdung und neidische Intrigen die Angst
+herausklingt ... die Angst, nach allem Malheur, das sie erduldet, auch
+dieser letzten, ehrenvollen Position, des würdigen Hausstandes ihrer
+Tochter noch verlustig zu gehen. Ach, paß auf, sie wird immer lauter
+Weinschenks Unschuld beteuern, je mehr sie zu Zweifeln daran gedrängt
+werden wird ... Aber er kann ja auch unschuldig sein, gewiß, ganz
+unschuldig sein ... Wir müssen es abwarten, Mutter, und ihn und Tony und
+Erika taktvoll behandeln. Aber mir ahnt nichts Gutes ...«
+
+ * * * * *
+
+Unter solchen Umständen kam diesmal das Weihnachtsfest heran, und der
+kleine Johann verfolgte mit Hilfe des Abreißkalenders, den Ida ihm
+angefertigt, und auf dessen letztem Blatte ein Tannenbaum gezeichnet
+war, pochenden Herzens das Nahen der unvergleichlichen Zeit.
+
+Die Vorzeichen mehrten sich ... Schon seit dem ersten Advent hing in
+Großmamas Eßsaal ein lebensgroßes, buntes Bild des Knecht Ruprecht an
+der Wand. Eines Morgens fand Hanno seine Bettdecke, die Bettvorlage und
+seine Kleider mit knisterndem Flittergold bestreut. Dann, wenige Tage
+später, nachmittags im Wohnzimmer, als Papa mit der Zeitung auf der
+Chaiselongue lag und Hanno gerade in Geroks »Palmblättern« das Gedicht
+von der Hexe zu Endor las, wurde wie alljährlich und doch auch diesmal
+ganz überraschenderweise ein »alter Mann« gemeldet, welcher »nach dem
+Kleinen frage«. Er wurde hereingebeten, dieser alte Mann, und kam
+schlürfenden Schrittes, in einem langen Pelze, dessen rauhe Seiten nach
+außen gekehrt, und der mit Flittergold und Schneeflocken besetzt war,
+ebensolcher Mütze, schwarzen Zügen im Gesicht und einem ungeheuren
+weißen Barte, der wie die übernatürlich dicken Augenbrauen mit
+glitzernder Lametta durchsetzt war. Er erklärte, wie jedes Jahr, mit
+eherner Stimme, daß =dieser= Sack -- auf seiner linken Schulter -- für
+gute Kinder, welche beten könnten, Äpfel und goldene Nüsse enthalte, daß
+aber andererseits =diese= Rute -- auf seiner rechten Schulter -- für die
+bösen Kinder bestimmt sei ... Es war Knecht Ruprecht. Das heißt,
+natürlich nicht so ganz und vollkommen der echte und im Grunde
+vielleicht bloß Barbier Wenzel in Papas gewendetem Pelz; aber soweit ein
+Knecht Ruprecht überhaupt möglich, war er dies, und Hanno sagte auch
+dieses Jahr wieder, aufrichtig erschüttert und nur ein- oder zweimal von
+einem nervösen und halb unbewußten Aufschluchzen unterbrochen, sein
+Vaterunser her, worauf er einen Griff in den Sack für die guten Kinder
+tun durfte, den der alte Mann dann überhaupt wieder mit sich zu nehmen
+vergaß ...
+
+Es setzten die Ferien ein, und der Augenblick ging ziemlich glücklich
+vorüber, da Papa das Zeugnis las, das auch in der Weihnachtszeit
+notwendig ausgestellt werden mußte ... Schon war der große Saal
+geheimnisvoll verschlossen, schon waren Marzipan und braune Kuchen auf
+den Tisch gekommen, schon war es Weihnacht draußen in der Stadt. Schnee
+fiel, es kam Frost, und in der scharfen, klaren Luft erklangen durch
+die Straßen die geläufigen oder wehmütigen Melodien der italienischen
+Drehorgelmänner, die mit ihren Sammetjacken und schwarzen Schnurrbärten
+zum Feste herbeigekommen waren. In den Schaufenstern prangten die
+Weihnachtsausstellungen. Um den hohen gotischen Brunnen auf dem
+Marktplatze waren die bunten Belustigungen des Weihnachtsmarktes
+aufgeschlagen. Und wo man ging, atmete man mit dem Duft der zum Kauf
+gebotenen Tannenbäume das Aroma des Festes ein.
+
+Dann endlich kam der Abend des dreiundzwanzigsten Dezembers heran und
+mit ihm die Bescherung im Saale zu Haus, in der Fischergrube, eine
+Bescherung im engsten Kreise, die nur ein Anfang, eine Eröffnung, ein
+Vorspiel war, denn den Heiligen Abend hielt die Konsulin fest in Besitz,
+und zwar für die ganze Familie, so daß am Spätnachmittage des
+Vierundzwanzigsten die gesamte Donnerstagstafelrunde, und dazu noch
+Jürgen Kröger aus Wismar, sowie Therese Weichbrodt mit Madame Kethelsen,
+im Landschaftszimmer zusammentrat.
+
+In schwerer, grau und schwarz gestreifter Seide, mit geröteten Wangen
+und erhitzten Augen, in einem zarten Duft von Patschuli, empfing die
+alte Dame die nach und nach eintretenden Gäste, und bei den wortlosen
+Umarmungen klirrten ihre goldenen Armbänder leise. Sie war in
+unaussprechlicher stummer und zitternder Erregung an diesem Abend. »Mein
+Gott, du fieberst ja, Mutter!« sagte der Senator, als er mit Gerda und
+Hanno eintraf ... »Alles kann doch ganz gemütlich vonstatten gehen.«
+Aber sie flüsterte, indem sie alle drei küßte: »Zu Jesu Ehren ... Und
+dann mein lieber seliger Jean ...«
+
+In der Tat, das weihevolle Programm, das der verstorbene Konsul für die
+Feierlichkeit festgesetzt hatte, mußte aufrechterhalten werden, und das
+Gefühl ihrer Verantwortung für den würdigen Verlauf des Abends, der von
+der Stimmung einer tiefen, ernsten und inbrünstigen Fröhlichkeit erfüllt
+sein mußte, trieb sie rastlos hin und her -- von der Säulenhalle, wo
+schon die Marien-Chorknaben sich versammelten, in den Eßsaal, wo
+Riekchen Severin letzte Hand an den Baum und die Geschenktafel legte,
+hinaus auf den Korridor, wo scheu und verlegen einige fremde alte
+Leutchen umherstanden, Hausarme, die ebenfalls an der Bescherung
+teilnehmen sollten, und wieder ins Landschaftszimmer, wo sie mit einem
+stummen Seitenblick jedes überflüssige Wort und Geräusch strafte. Es war
+so still, daß man die Klänge einer entfernten Drehorgel vernahm, die
+zart und klar wie die einer Spieluhr aus irgendeiner beschneiten Straße
+den Weg hierher fanden. Denn obgleich nun an zwanzig Menschen im Zimmer
+saßen und standen, war die Ruhe größer als in einer Kirche, und die
+Stimmung gemahnte, wie der Senator ganz vorsichtig seinem Onkel Justus
+zuflüsterte, ein wenig an die eines Leichenbegängnisses.
+
+Übrigens war kaum Gefahr vorhanden, diese Stimmung möchte durch einen
+Laut jugendlichen Übermutes zerrissen werden. Ein Blick hätte genügt, zu
+bemerken, daß fast alle Glieder der hier versammelten Familie in einem
+Alter standen, in welchem die Lebensäußerungen längst gesetzte Formen
+angenommen haben. Senator Thomas Buddenbrook, dessen Blässe den wachen,
+energischen und sogar humoristischen Ausdruck seines Gesichtes Lügen
+strafte; Gerda, seine Gattin, welche, unbeweglich in einem Sessel
+zurückgelehnt und das schöne, weiße Gesicht nach oben gewandt, ihre nahe
+beieinanderliegenden, bläulich umschatteten, seltsam schimmernden Augen
+von den flimmernden Glasprismen des Kronleuchters bannen ließ; seine
+Schwester, Frau Permaneder; Jürgen Kröger, sein Kousin, der stille,
+schlicht gekleidete Beamte; seine Kusinen Friederike, Henriette und
+Pfiffi, von denen die beiden ersteren noch magerer und länger geworden
+waren und die letztere noch kleiner und beleibter erschien als früher,
+denen aber ein stereotyper Gesichtsausdruck durchaus gemeinsam war, ein
+spitziges und übelwollendes Lächeln, das gegen alle Personen und Dinge
+mit einer allgemeinen medisanten Skepsis gerichtet war, als sagten sie
+beständig: »Wirklich? Das möchten wir denn doch fürs erste noch
+bezweifeln« ...; schließlich die arme, aschgraue Klothilde, deren
+Gedanken wohl direkt auf das Abendessen gerichtet waren: -- sie alle
+hatten die Vierzig überschritten, während die Hausherrin mit ihrem
+Bruder Justus und seiner Frau gleich der kleinen Therese Weichbrodt
+schon ziemlich weit über die Sechzig hinaus war, und die alte Konsulin
+Buddenbrook, geborene Stüwing, sowie die gänzlich taube Madame
+Kethelsen, sich schon in den Siebzigern befanden.
+
+In der Blüte ihrer Jugend stand eigentlich nur Erika Weinschenk; aber
+wenn ihre hellblauen Augen -- die Augen Herrn Grünlichs -- zu ihrem
+Manne, dem Direktor, hinüberglitten, dessen geschorener, an den Schläfen
+ergrauter Kopf mit dem schmalen, in die Mundwinkel hineingewachsenen
+Schnurrbart sich dort neben dem Sofa von der idyllischen
+Tapetenlandschaft abhob, so konnte man bemerken, daß ihr voller Busen
+sich in lautlosem aber schwerem Atemzuge hob ... Ängstliche und wirre
+Gedanken an Usancen, Buchführung, Zeugen, Staatsanwalt, Verteidiger und
+Richter mochten sie bedrängen, ja, es war wohl keiner im Zimmer, dem
+diese unweihnachtlichen Gedanken nicht im Sinne gelegen hätten. Der
+angeklagte Zustand von Frau Permaneders Schwiegersohn, das Bewußtsein
+der gesamten Familie von der Gegenwart eines Mitgliedes, das eines
+Verbrechens gegen die Gesetze, die bürgerliche Ordnung und die
+geschäftliche Ehrenhaftigkeit geziehen und vielleicht der Schande und
+dem Gefängnis verfallen war, gab der Versammlung ein vollständig
+fremdes, ungeheuerliches Gepräge. Ein Weihnachtsabend der Familie
+Buddenbrook mit einem Angeklagten in ihrer Mitte! Frau Permaneder lehnte
+sich mit strengerer Majestät in ihren Sessel zurück, das Lächeln der
+Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße ward um noch eine Nüance
+spitziger ...
+
+Und die Kinder? Der ein wenig spärliche Nachwuchs? War auch er für das
+leis Schauerliche dieses so ganz neuen und ungekannten Umstandes
+empfänglich? Was die kleine Elisabeth betraf, so war es unmöglich, über
+ihren Gemütszustand zu urteilen. In einem Kleidchen, an dessen
+reichlicher Garnitur mit Atlasschleifen man Frau Permaneders Geschmack
+erkannte, saß das Kind auf dem Arm seiner Bonne, hielt seine Daumen in
+die winzigen Fäuste geklemmt, sog an seiner Zunge, blickte mit etwas
+hervortretenden Augen starr vor sich hin und ließ dann und wann einen
+kurzen, knarrenden Laut vernehmen, worauf das Mädchen es ein wenig
+schaukeln ließ. Hanno aber saß still auf seinem Schemel zu den Füßen
+seiner Mutter und blickte gerade wie sie zu einem Prisma des
+Kronleuchters empor ...
+
+Christian fehlte! Wo war Christian? Erst jetzt im letzten Augenblick
+bemerkte man, daß er noch nicht anwesend sei. Die Bewegungen der
+Konsulin, die eigentümliche Manipulation, mit der sie vom Mundwinkel zur
+Frisur hinaufzustreichen pflegte, als brächte sie ein hinabgefallenes
+Haar an seine Stelle zurück, wurden noch fieberhafter ... Sie
+instruierte eilig Mamsell Severin, und die Jungfer begab sich an den
+Chorknaben vorbei durch die Säulenhalle, zwischen den Hausarmen hin über
+den Korridor und pochte an Herrn Buddenbrooks Tür.
+
+Gleich darauf erschien Christian. Er kam mit seinen mageren, krummen
+Beinen, die seit dem Gelenkrheumatismus etwas lahmten, ganz gemächlich
+ins Landschaftszimmer, indem er sich mit der Hand die kahle Stirne rieb.
+
+»Donnerwetter, Kinder«, sagte er, »das hätte ich beinahe vergessen!«
+
+»Du hättest es ...« wiederholte seine Mutter und erstarrte ...
+
+»Ja, beinah vergessen, daß heut Weihnacht ist ... Ich saß und las ... in
+einem Buch, einem Reisebuch über Südamerika ... Du lieber Gott, ich habe
+schon andere Weihnachten gehabt ...« fügte er hinzu und war soeben im
+Begriff, mit der Erzählung von einem Heiligen Abend anzufangen, den er
+zu London in einem Tingeltangel fünfter Ordnung verlebt, als plötzlich
+die im Zimmer herrschende Kirchenstille auf ihn zu wirken begann, so daß
+er mit krausgezogener Nase und auf den Zehenspitzen zu seinem Platze
+ging.
+
+»Tochter Zion, freue dich!« sangen die Chorknaben, und sie, die eben
+noch da draußen so hörbare Allotria getrieben, daß der Senator sich
+einen Augenblick an die Tür hatte stellen müssen, um ihnen Respekt
+einzuflößen, -- sie sangen nun ganz wunderschön. Diese hellen Stimmen,
+die sich, getragen von den tieferen Organen, rein, jubelnd und
+lobpreisend aufschwangen, zogen aller Herzen mit sich empor, ließen das
+Lächeln der alten Jungfern milder werden und machten, daß die alten
+Leute in sich hineinsahen und ihr Leben überdachten, während die, welche
+mitten im Leben standen, ein Weilchen ihrer Sorgen vergaßen.
+
+Hanno ließ sein Knie los, das er bislang umschlungen gehalten hatte. Er
+sah ganz blaß aus, spielte mit den Fransen seines Schemels und scheuerte
+seine Zunge an einem Zahn, mit halbgeöffnetem Munde und einem
+Gesichtsausdruck, als fröre ihn. Dann und wann empfand er das Bedürfnis,
+tief aufzuatmen, denn jetzt, da der Gesang, dieser glockenreine
+_a-cappella_-Gesang die Luft erfüllte, zog sein Herz sich in einem fast
+schmerzhaften Glück zusammen. Weihnachten ... Durch die Spalten der
+hohen, weißlackierten, noch fest geschlossenen Flügeltür drang der
+Tannenduft und erweckte mit seiner süßen Würze die Vorstellung der
+Wunder dort drinnen im Saale, die man jedes Jahr aufs neue mit pochenden
+Pulsen als eine unfaßbare, unirdische Pracht erharrte ... Was würde dort
+drinnen für ihn sein? Das, was er sich gewünscht hatte, natürlich, denn
+das bekam man ohne Frage, gesetzt, daß es einem nicht als eine
+Unmöglichkeit zuvor schon ausgeredet worden war. Das Theater würde ihm
+gleich in die Augen springen und ihm den Weg zu seinem Platze weisen
+müssen, das ersehnte Puppentheater, das dem Wunschzettel für Großmama
+stark unterstrichen zu Häupten gestanden hatte, und das seit dem
+»Fidelio« beinahe sein einziger Gedanke gewesen war.
+
+Ja, als Entschädigung und Belohnung für einen Besuch bei Herrn Brecht
+hatte Hanno kürzlich zum ersten Male das Theater besucht, das
+Stadttheater, wo er im ersten Range an der Seite seiner Mutter atemlos
+den Klängen und Vorgängen des »Fidelio« hatte folgen dürfen. Seitdem
+träumte er nichts als Opernszenen, und eine Leidenschaft für die Bühne
+erfüllte ihn, die ihn kaum schlafen ließ. Mit unaussprechlichem Neide
+betrachtete er auf der Straße die Leute, die, wie ja auch sein Onkel
+Christian, als Theaterhabitués bekannt waren, Konsul Döhlmann, Makler
+Gosch ... War das Glück ertragbar, wie sie fast jeden Abend dort
+anwesend sein zu dürfen? Könnte er nur einmal in der Woche vor Beginn
+der Aufführung einen Blick in den Saal tun, das Stimmen der Instrumente
+hören und ein wenig den geschlossenen Vorhang ansehen! Denn er liebte
+alles im Theater: den Gasgeruch, die Sitze, die Musiker, den Vorhang ...
+
+Wird sein Puppentheater groß sein? Groß und breit? Wie wird der Vorhang
+aussehen? Man muß baldmöglichst ein kleines Loch hineinschneiden, denn
+auch im Vorhang des Stadttheaters war ein Guckloch ... Ob Großmama oder
+Mamsell Severin -- denn Großmama konnte nicht alles besorgen -- die
+nötigen Dekorationen zum »Fidelio« gefunden hatte? Gleich morgen wird er
+sich irgendwo einschließen und ganz allein eine Vorstellung geben ...
+Und schon ließ er seine Figuren im Geiste singen; denn die Musik hatte
+sich ihm mit dem Theater sofort aufs engste verbunden ...
+
+»Jauchze laut, Jerusalem!« schlossen die Chorknaben, und die Stimmen,
+die fugenartig nebeneinander hergegangen waren, fanden sich in der
+letzten Silbe friedlich und freudig zusammen. Der klare Akkord
+verhallte, und tiefe Stille legte sich über Säulenhalle und
+Landschaftszimmer. Die Mitglieder der Familie blickten unter dem Drucke
+der Pause vor sich nieder; nur Direktor Weinschenks Augen schweiften
+keck und unbefangen umher, und Frau Permaneder ließ ihr trocknes
+Räuspern vernehmen, das ununterdrückbar war. Die Konsulin aber schritt
+langsam zum Tische und setzte sich inmitten ihrer Angehörigen auf das
+Sofa, das nun nicht mehr wie in alter Zeit unabhängig und abgesondert
+vom Tische dastand. Sie rückte die Lampe zurecht und zog die große Bibel
+heran, deren altersbleiche Goldschnittfläche ungeheuerlich breit war.
+Dann schob sie die Brille auf die Nase, öffnete die beiden ledernen
+Spangen, mit denen das kolossale Buch geschlossen war, schlug dort auf,
+wo das Zeichen lag, daß das dicke, rauhe, gelbliche Papier mit dem
+übergroßen Druck zum Vorschein kam, nahm einen Schluck Zuckerwasser und
+begann, das Weihnachtskapitel zu lesen.
+
+Sie las die altvertrauten Worte langsam und mit einfacher, zu Herzen
+gehender Betonung, mit einer Stimme, die sich klar, bewegt und heiter
+von der andächtigen Stille abhob. »Und den Menschen ein Wohlgefallen!«
+sagte sie. Kaum aber schwieg sie, so erklang in der Säulenhalle
+dreistimmig das »Stille Nacht, heilige Nacht«, in das die Familie im
+Landschaftszimmer einstimmte. Man ging ein wenig vorsichtig zu Werke
+dabei, denn die meisten der Anwesenden waren unmusikalisch, und hie und
+da vernahm man in dem Ensemble einen tiefen und ganz ungehörigen Ton ...
+Aber das beeinträchtigte nicht die Wirkung dieses Liedes ... Frau
+Permaneder sang es mit bebenden Lippen, denn am süßesten und
+schmerzlichsten rührt es an dessen Herz, der ein bewegtes Leben hinter
+sich hat und im kurzen Frieden der Feierstunde Rückblick hält ... Madame
+Kethelsen weinte still und bitterlich, obgleich sie von allem fast
+nichts vernahm.
+
+Und dann erhob sich die Konsulin. Sie ergriff die Hand ihres Enkels
+Johann und die ihrer Urenkelin Elisabeth und schritt durch das Zimmer.
+Die alten Herrschaften schlossen sich an, die jüngeren folgten, in der
+Säulenhalle gesellten sich die Dienstboten und die Hausarmen hinzu, und
+während alles einmütig »O Tannebaum« anstimmte und Onkel Christian vorn
+die Kinder zum Lachen brachte, indem er beim Marschieren die Beine hob
+wie ein Hampelmann und albernerweise »O Tantebaum« sang, zog man mit
+geblendeten Augen und ein Lächeln auf dem Gesicht durch die
+weitgeöffnete hohe Flügeltür direkt in den Himmel hinein.
+
+Der ganze Saal, erfüllt von dem Dufte angesengter Tannenzweige,
+leuchtete und glitzerte von unzähligen kleinen Flammen, und das
+Himmelblau der Tapete mit ihren weißen Götterstatuen ließ den großen
+Raum noch heller erscheinen. Die Flämmchen der Kerzen, die dort hinten
+zwischen den dunkelrot verhängten Fenstern den gewaltigen Tannenbaum
+bedeckten, welcher, geschmückt mit Silberflittern und großen, weißen
+Lilien, einen schimmernden Engel an seiner Spitze und ein plastisches
+Krippenarrangement zu seinen Füßen, fast bis zur Decke emporragte,
+flimmerten in der allgemeinen Lichtflut wie ferne Sterne. Denn auf der
+weißgedeckten Tafel, die sich lang und breit, mit den Geschenken
+beladen, von den Fenstern fast bis zur Türe zog, setzte sich eine Reihe
+kleinerer, mit Konfekt behängter Bäume fort, die ebenfalls von
+brennenden Wachslichtchen erstrahlten. Und es brannten die Gasarme, die
+aus den Wänden hervorkamen, und es brannten die dicken Kerzen auf den
+vergoldeten Kandelabern in allen vier Winkeln. Große Gegenstände,
+Geschenke, die auf der Tafel nicht Platz hatten, standen nebeneinander
+auf dem Fußboden. Kleinere Tische, ebenfalls weiß gedeckt, mit Gaben
+belegt und mit brennenden Bäumchen geschmückt, befanden sich zu den
+Seiten der beiden Türen: Das waren die Bescherungen der Dienstboten und
+der Hausarmen.
+
+Singend, geblendet und dem altvertrauten Raume ganz entfremdet umschritt
+man einmal den Saal, defilierte an der Krippe vorbei, in der ein
+wächsernes Jesuskind das Kreuzeszeichen zu machen schien, und blieb
+dann, nachdem man Blick für die einzelnen Gegenstände bekommen hatte,
+verstummend an seinem Platze stehen.
+
+Hanno war vollständig verwirrt. Bald nach dem Eintritt hatten seine
+fieberhaft suchenden Augen das Theater erblickt ... ein Theater, das,
+wie es dort oben auf dem Tische prangte, von so extremer Größe und
+Breite erschien, wie er es sich vorzustellen niemals erkühnt hatte. Aber
+sein Platz hatte gewechselt, er befand sich an einer der vorjährigen
+entgegengesetzten Stelle, und dies bewirkte, daß Hanno in seiner
+Verblüffung ernstlich daran zweifelte, ob dies fabelhafte Theater für
+ihn bestimmt sei. Hinzu kam, daß zu den Füßen der Bühne, auf dem Boden,
+etwas Großes, Fremdes aufgestellt war, etwas, was nicht auf seinem
+Wunschzettel gestanden hatte, ein Möbel, ein kommodenartiger Gegenstand
+... war er für ihn?
+
+»Komm her, Kind, und sieh dir dies an«, sagte die Konsulin und öffnete
+den Deckel. »Ich weiß, du spielst gern Choräle ... Herr Pfühl wird dir
+die nötigen Anweisungen geben ... Man muß immer treten ... manchmal
+schwächer und manchmal stärker ... und dann die Hände nicht aufheben,
+sondern immer nur so _peu à peu_ die Finger wechseln ...«
+
+Es war ein Harmonium, ein kleines, hübsches Harmonium, braun poliert,
+mit Metallgriffen an beiden Seiten, bunten Tretbälgen und einem
+zierlichen Drehsessel. Hanno griff einen Akkord ... ein sanfter
+Orgelklang löste sich los und ließ die Umstehenden von ihren Geschenken
+aufblicken ... Hanno umarmte seine Großmutter, die ihn zärtlich an sich
+preßte und ihn dann verließ, um die Danksagungen der anderen
+entgegenzunehmen.
+
+Er wandte sich dem Theater zu. Das Harmonium war ein überwältigender
+Traum, aber er hatte doch fürs erste noch keine Zeit, sich näher damit
+zu beschäftigen. Es war der Überfluß des Glückes, in dem man, undankbar
+gegen das Einzelne, alles nur flüchtig berührt, um erst einmal das Ganze
+übersehen zu lernen ... Oh, ein Souffleurkasten war da, ein
+muschelförmiger Souffleurkasten, hinter dem breit und majestätisch in
+Rot und Gold der Vorhang emporrollte. Auf der Bühne war die Dekoration
+des letzten Fidelio-Aktes aufgestellt. Die armen Gefangenen falteten die
+Hände. Don Pizarro, mit gewaltig gepufften Ärmeln, verharrte irgendwo in
+fürchterlicher Attitüde. Und von hinten nahte im Geschwindschritt und
+ganz in schwarzem Sammet der Minister, um alles zum Besten zu kehren. Es
+war wie im Stadttheater und beinahe noch schöner. In Hannos Ohren
+widerhallte der Jubelchor, das Finale, und er setzte sich vor das
+Harmonium, um ein Stückchen daraus, das er behalten, zum Erklingen zu
+bringen ... Aber er stand wieder auf, um das Buch zur Hand zu nehmen,
+das erwünschte Buch der griechischen Mythologie, das ganz rot gebunden
+war und eine goldene Pallas Athene auf dem Deckel trug. Er aß von seinem
+Teller mit Konfekt, Marzipan und Braunen Kuchen, musterte die kleineren
+Dinge, die Schreibutensilien und Schulhefte und vergaß einen Augenblick
+alles übrige über einem Federhalter, an dem sich irgendwo ein winziges
+Glaskörnchen befand, das man nur vors Auge zu halten brauchte, um wie
+durch Zauberspiel eine weite Schweizerlandschaft vor sich zu sehen ...
+
+Jetzt gingen Mamsell Severin und das Folgmädchen mit Tee und Biskuits
+umher, und während Hanno eintauchte, fand er ein wenig Muße, von seinem
+Platze aufzusehen. Man stand an der Tafel oder ging daran hin und her,
+plauderte und lachte, indem man einander die Geschenke zeigte und die
+des anderen bewunderte. Es gab da Gegenstände aus allen Stoffen: aus
+Porzellan, aus Nickel, aus Silber, aus Gold, aus Holz, Seide und Tuch.
+Große mit Mandeln und Suckade symmetrisch besetzte Braune Kuchen lagen
+abwechselnd mit massiven Marzipanbroten, die innen naß waren vor
+Frische, in langer Reihe auf dem Tische. Diejenigen Geschenke, die Frau
+Permaneder angefertigt oder dekoriert hatte, ein Arbeitsbeutel, ein
+Untersatz für Blattpflanzen, ein Fußkissen, waren mit großen
+Atlasschleifen geziert.
+
+Dann und wann besuchte man den kleinen Johann, legte den Arm um seinen
+Matrosenkragen und nahm seine Geschenke mit der ironisch übertriebenen
+Bewunderung in Augenschein, mit der man die Herrlichkeiten der Kinder zu
+bestaunen pflegt. Nur Onkel Christian wußte nichts von diesem
+Erwachsenenhochmut, und seine Freude an dem Puppentheater, als er,
+einen Brillantring am Finger, den er von seiner Mutter beschert bekommen
+hatte, an Hannos Platz vorüberschlenderte, unterschied sich gar nicht
+von der seines Neffen.
+
+»Donnerwetter, das ist drollig!« sagte er, indem er den Vorhang auf- und
+niederzog und einen Schritt zurücktrat, um das szenische Bild zu
+betrachten. »Hast du dir das gewünscht? -- So, das hast du dir also
+gewünscht«, sagte er plötzlich, nachdem er eine Weile mit sonderbarem
+Ernst und voll unruhiger Gedanken seine Augen hatte wandern lassen.
+»Warum? Wie kommst du auf den Gedanken? Bist du schon mal im Theater
+gewesen?... Im Fidelio? Ja, das wird gut gegeben ... Und nun willst du
+das nachmachen, wie? nachahmen, selbst Opern aufführen?... Hat es
+solchen Eindruck auf dich gemacht?... Hör' mal, Kind, laß dir raten,
+hänge deine Gedanken nur nicht zu sehr an solche Sachen ... Theater ...
+und sowas ... Das taugt nichts, glaube deinem Onkel. Ich habe mich auch
+immer viel zu sehr für diese Dinge interessiert, und darum ist auch
+nicht viel aus mir geworden. Ich habe große Fehler begangen, mußt du
+wissen ...«
+
+Er hielt das seinem Neffen ernst und eindringlich vor, während Hanno
+neugierig zu ihm aufsah. Dann jedoch, nach einer Pause, während welcher
+in Betrachtung des Theaters sein knochiges und verfallenes Gesicht sich
+aufhellte, ließ er plötzlich eine Figur sich auf der Bühne vorwärts
+bewegen und sang mit hohl krächzender und tremolierender Stimme: »Ha,
+welch gräßliches Verbrechen!« worauf er den Sessel des Harmoniums vor
+das Theater schob, sich setzte und eine Oper aufzuführen begann, indem
+er, singend und gestikulierend, abwechselnd die Bewegungen des
+Kapellmeisters und der agierenden Personen vollführte. Hinter seinem
+Rücken versammelten sich mehrere Familienglieder, lachten, schüttelten
+den Kopf und amüsierten sich. Hanno sah ihm mit aufrichtigem Vergnügen
+zu. Nach einer Weile aber, ganz überraschend, brach Christian ab. Er
+verstummte, ein unruhiger Ernst überflog sein Gesicht, er strich mit der
+Hand über seinen Schädel und an seiner linken Seite hinab und wandte
+sich dann mit krauser Nase und sorgenvoller Miene zum Publikum.
+
+»Ja, seht ihr, nun ist es wieder aus«, sagte er; »nun kommt wieder die
+Strafe. Es rächt sich immer gleich, wenn ich mir mal einen Spaß erlaube.
+Es ist kein Schmerz, wißt ihr, es ist eine Qual ... eine unbestimmte
+Qual, weil hier alle Nerven zu kurz sind. Sie sind ganz einfach alle zu
+kurz ...«
+
+Aber die Verwandten nahmen diese Klagen ebensowenig ernst wie seine
+Späße und antworteten kaum. Sie zerstreuten sich gleichgültig, und so
+saß denn Christian noch eine Zeitlang stumm vor dem Theater, betrachtete
+es mit schnellem und gedankenvollem Blinzeln und erhob sich dann.
+
+»Na, Kind, amüsiere dich damit«, sagte er, indem er über Hannos Haar
+strich. »Aber nicht zu viel ... und vergiß deine ernsten Arbeiten nicht
+darüber, hörst du? Ich habe viele Fehler gemacht ... Jetzt will ich aber
+in den Klub ... Ich gehe ein bißchen in den Klub!« rief er den
+Erwachsenen zu. »Da feiern sie auch Weihnachten heut. Auf Wiedersehn.«
+Und mit steifen, krummen Beinen ging er durch die Säulenhalle von
+dannen.
+
+Alle hatten heute früher als sonst zu Mittag gegessen und sich daher mit
+Tee und Biskuits ausgiebig bedient. Aber man war kaum damit fertig, als
+große Kristallschüsseln mit einem gelben, körnigen Brei zum Imbiß
+herumgereicht wurden. Es war Mandelcreme, ein Gemisch aus Eiern,
+geriebenen Mandeln und Rosenwasser, das ganz wundervoll schmeckte, das
+aber, nahm man ein Löffelchen zuviel, die furchtbarsten Magenbeschwerden
+verursachte. Dennoch, und obgleich die Konsulin bat, für das Abendbrot
+»ein kleines Loch offen zu lassen«, tat man sich keinen Zwang an. Was
+Klothilde betraf, so vollführte sie Wunderdinge. Still und dankbar
+löffelte sie die Mandelcreme, als wäre es Buchweizengrütze. Zur
+Erfrischung gab es auch Weingelee in Gläsern, wozu englischer Plumkake
+gegessen wurde. Nach und nach zog man sich ins Landschaftszimmer hinüber
+und gruppierte sich mit den Tellern um den Tisch.
+
+Hanno blieb allein im Saale zurück, denn die kleine Elisabeth Weinschenk
+war nach Hause gebracht worden, während er dieses Jahr zum ersten Male
+zum Abendessen in der Mengstraße bleiben durfte, die Dienstmädchen und
+die Hausarmen hatten sich mit ihren Geschenken zurückgezogen, und Ida
+Jungmann plauderte in der Säulenhalle mit Riekchen Severin, obgleich
+sie, als Erzieherin, der Jungfer gegenüber gewöhnlich eine strenge
+gesellschaftliche Distanz innehielt. Die Lichte des großen Baumes waren
+herabgebrannt und ausgelöscht, so daß die Krippe nun im Dunkel lag; aber
+einzelne Kerzen an den kleinen Bäumen auf der Tafel brannten noch, und
+hie und da geriet ein Zweig in den Bereich eines Flämmchens, sengte
+knisternd an und verstärkte den Duft, der im Saale herrschte. Jeder
+Lufthauch, der die Bäume berührte, ließ die Stücke Flittergoldes, die
+daran befestigt waren, mit einem zart metallischen Geräusch erschauern.
+Es war nun wieder still genug, die leisen Drehorgelklänge zu vernehmen,
+die von einer fernen Straße durch den kalten Abend daherkamen.
+
+Hanno genoß die weihnachtlichen Düfte und Laute mit Hingebung. Er las,
+den Kopf in die Hand gestützt, in seinem Mythologiebuch, aß mechanisch
+und weil es zur Sache gehörte, Konfekt, Marzipan, Mandelcreme und
+Plumkake, und die ängstliche Beklommenheit, die ein überfüllter Magen
+verursacht, vermischte sich mit der süßen Erregung des Abends zu einer
+wehmütigen Glückseligkeit. Er las von den Kämpfen, die Zeus zu bestehen
+hatte, um zur Herrschaft zu gelangen, und horchte dann und wann einen
+Augenblick ins Wohnzimmer hinüber, wo man Tante Klothildens Zukunft
+eingehend besprach.
+
+Klothilde war weitaus die Glücklichste von allen an diesem Abend und
+nahm die Gratulationen und Neckereien, die ihr von allen Seiten zuteil
+wurden, mit einem Lächeln entgegen, das ihr aschgraues Gesicht
+verklärte; ihre Stimme brach sich beim Sprechen vor freudiger Bewegung.
+-- Sie war in das »Johanniskloster« aufgenommen worden. Der Senator
+hatte ihr die Aufnahme unter der Hand im Verwaltungsrat erwirkt,
+obgleich gewisse Herren heimlich über Nepotismus gemurrt hatten. Man
+unterhielt sich über diese dankenswerte Institution, die den adeligen
+Damenklöstern in Mecklenburg, Dobberthien und Ribnitz entsprach und die
+würdige Altersversorgung mittelloser Mädchen aus verdienter und
+alteingesessener Familie bezweckte. Der armen Klothilde war nun zu einer
+kleinen, aber sicheren Rente verholfen, die sich mit den Jahren
+steigern würde, und für ihr Alter, wenn sie in die höchste Klasse
+aufgerückt sein würde, sogar zu einer friedlichen und reinlichen Wohnung
+im Kloster selbst ...
+
+Der kleine Johann verweilte ein wenig bei den Erwachsenen, aber er
+kehrte bald in den Saal zurück, der nun, da er weniger licht erstrahlte
+und mit seiner Herrlichkeit keine so verblüffte Scheu mehr hervorrief
+wie anfangs, einen Reiz von neuer Art ausübte. Es war ein ganz seltsames
+Vergnügen, wie auf einer halbdunklen Bühne nach Schluß der Vorstellung
+darin umherzustreifen und ein wenig hinter die Kulissen zu sehen: die
+Lilien des großen Tannenbaumes mit ihren goldnen Staubfäden aus der Nähe
+zu betrachten, die Tier- und Menschenfiguren des Krippenaufbaus in die
+Hand zu nehmen, die Kerze ausfindig zu machen, die den transparenten
+Stern über Bethlehems Stall hatte leuchten lassen, und das lang
+herabhängende Tafeltuch zu lüften, um der Menge von Kartons und
+Packpapieren gewahr zu werden, die unter dem Tisch aufgestapelt waren.
+
+Auch gestaltete sich die Unterhaltung im Landschaftszimmer immer weniger
+anziehend. Mit unentrinnbarer Notwendigkeit war allmählich die eine,
+unheimliche Angelegenheit Gegenstand des Gespräches geworden, über die
+man bislang dem festlichen Abend zu Ehren geschwiegen, die aber fast
+keinen Augenblick aufgehört hatte, alle Gemüter zu beschäftigen:
+Direktor Weinschenks Prozeß. Hugo Weinschenk selbst hielt Vortrag
+darüber, mit einer gewissen wilden Munterkeit in Miene und Bewegungen.
+Er berichtete über Einzelheiten der nun durch das Fest unterbrochenen
+Zeugenvernehmung, tadelte lebhaft die allzu bemerkbare Voreingenommenheit
+des Präsidenten Doktor Philander und kritisierte mit souveränem Spott
+den höhnischen Ton, den der Staatsanwalt Doktor Hagenström gegen ihn und
+die Entlastungszeugen anzuwenden für passend erachte. Übrigens habe
+Breslauer verschiedene belastende Aussagen sehr witzig entkräftet und
+ihn aufs bestimmteste versichert, daß an eine Verurteilung vorläufig gar
+nicht zu denken sei. -- Der Senator warf hie und da aus Höflichkeit eine
+Frage ein, und Frau Permaneder, die mit emporgezogenen Schultern auf dem
+Sofa saß, murmelte manchmal einen furchtbaren Fluch gegen Moritz
+Hagenström. Die übrigen aber schwiegen. Sie schwiegen so tief, daß auch
+der Direktor allmählich verstummte; und während drüben im Saale dem
+kleinen Hanno die Zeit schnell wie im Himmelreiche verging, lagerte im
+Landschaftszimmer eine schwere, beklommene, ängstliche Stille, die noch
+fortherrschte, als um halb 9 Uhr Christian aus dem Klub, von der
+Weihnachtsfeier der Junggesellen und Suitiers zurückkehrte.
+
+Ein erkalteter Zigarrenstummel stak zwischen seinen Lippen, und seine
+hageren Wangen waren gerötet. Er kam durch den Saal und sagte, als er
+ins Landschaftszimmer trat: »Kinder, der Saal ist doch wunderhübsch!
+Weinschenk, wir hätten heute eigentlich Breslauer mitbringen sollen; so
+was hat er sicher noch gar nicht gesehen.«
+
+Ein stiller, strafender Seitenblick traf ihn aus den Augen der Konsulin.
+Er erwiderte ihn mit unbefangener und verständnislos fragender Miene. --
+Um neun Uhr ging man zu Tische.
+
+Wie alljährlich an diesem Abend war in der Säulenhalle gedeckt worden.
+Die Konsulin sprach mit herzlichem Ausdruck das hergebrachte Tischgebet:
+
+ »Komm, Herr Jesus, sei unser Gast
+ Und segne, was du uns bescheret hast.«
+
+woran sie, wie an diesem Abend ebenfalls üblich, eine kleine, mahnende
+Ansprache schloß, die hauptsächlich aufforderte, aller derer zu
+gedenken, die es an diesem heiligen Abend nicht so gut hätten, wie die
+Familie Buddenbrook ... Und als dies erledigt war, setzte man sich mit
+gutem Gewissen zu einer nachhaltigen Mahlzeit nieder, die alsbald mit
+Karpfen in aufgelöster Butter und mit altem Rheinwein ihren Anfang nahm.
+
+Der Senator schob ein paar Schuppen des Fisches in sein Portemonnaie,
+damit während des ganzen Jahres das Geld nicht darin ausgehe; Christian
+aber bemerkte trübe, das helfe ja doch nichts, und Konsul Kröger
+entschlug sich solcher Vorsichtsmaßregeln, da er ja keine
+Kursschwankungen mehr zu fürchten habe und mit seinen anderthalb
+Schillingen längst im Hafen sei. Der alte Herr saß möglichst weit
+entfernt von seiner Frau, mit der er seit Jahr und Tag beinahe kein Wort
+mehr sprach, weil sie nicht aufhörte, dem enterbten Jakob, der in
+London, Paris oder Amerika -- nur sie wußte das bestimmt -- sein
+entwurzeltes Abenteurerleben führte, heimlich Geld zufließen zu lassen.
+Er runzelte finster die Stirn, als beim zweiten Gange sich das Gespräch
+den abwesenden Familienmitgliedern zuwandte und als er sah, wie die
+schwache Mutter sich die Augen trocknete. Man erwähnte die in Frankfurt
+und die in Hamburg, man gedachte auch ohne Übelwollen des Pastors
+Tiburtius in Riga, und der Senator stieß in aller Stille mit seiner
+Schwester Tony auf die Gesundheit der Herren Grünlich und Permaneder an,
+die in gewissem Sinne doch auch dazu gehörten ...
+
+Der Puter, gefüllt mit einem Brei von Maronen, Rosinen und Äpfeln fand
+das allgemeine Lob. Vergleiche mit denen früherer Jahre wurden
+angestellt, und es ergab sich, daß dieser seit langer Zeit der größte
+war. Es gab gebratene Kartoffeln, zweierlei Gemüse und zweierlei Kompott
+dazu, und die kreisenden Schüsseln enthielten Portionen, als ob es sich
+bei jeder einzelnen von ihnen nicht um eine Beigabe und Zutat, sondern
+um das Hauptgericht handelte, an dem alle sich sättigen sollten. Es
+wurde alter Rotwein von der Firma Möllendorpf getrunken.
+
+Der kleine Johann saß zwischen seinen Eltern und verstaute mit Mühe ein
+weißes Stück Brustfleisch nebst Farce in seinem Magen. Er konnte nicht
+mehr soviel essen wie Tante Thilda, sondern fühlte sich müde und nicht
+sehr wohl; er war nur stolz darauf, daß er mit den Erwachsenen tafeln
+durfte, daß auch auf =seiner= kunstvoll gefalteten Serviette eins von
+diesen köstlichen, mit Mohn bestreuten Milchbrötchen gelegen hatte, daß
+auch vor =ihm= drei Weingläser standen, während er sonst aus dem kleinen
+goldenen Becher, dem Patengeschenk Onkel Krögers, zu trinken pflegte ...
+Aber als dann, während Onkel Justus einen ölgelben, griechischen Wein in
+die kleinsten Gläser zu schenken begann, die Eisbaisers erschienen --
+rote, weiße und braune -- wurde auch sein Appetit wieder rege. Er
+verzehrte, obgleich es ihm fast unerträglich weh an den Zähnen tat, ein
+rotes, dann die Hälfte eines weißen, mußte schließlich doch auch von den
+braunen, mit Schokoladeeis gefüllten, ein Stück probieren, knusperte
+Waffeln dazu, nippte an dem süßen Wein und hörte auf Onkel Christian,
+der ins Reden gekommen war.
+
+Er erzählte von der Weihnachtsfeier im Klub, die sehr fidel gewesen sei.
+»Du lieber Gott!« sagte er in jenem Tone, in dem er von Johnny
+Thunderstorm zu sprechen pflegte. »Die Kerls tranken Schwedischen Punsch
+wie Wasser!«
+
+»Pfui«, bemerkte die Konsulin kurz und schlug die Augen nieder.
+
+Aber er beachtete das nicht. Seine Augen begannen zu wandern, und
+Gedanken und Erinnerungen waren so lebendig in ihm, daß sie wie Schatten
+über sein hageres Gesicht huschten.
+
+»Weiß jemand von euch«, fragte er, »wie es ist, wenn man zu viel
+Schwedenpunsch getrunken hat? Ich meine nicht die Betrunkenheit, sondern
+das, was am nächsten Tage kommt, die Folgen ... sie sind sonderbar und
+widerlich ... ja, sonderbar und widerlich zu gleicher Zeit.«
+
+»Grund genug, sie genau zu beschreiben«, sagte der Senator.
+
+»_Assez_, Christian, dies interessiert uns durchaus nicht«, sagte die
+Konsulin.
+
+Aber er überhörte es. Es war seine Eigentümlichkeit, daß in solchen
+Augenblicken keine Einrede zu ihm drang. Er schwieg eine Weile, und dann
+plötzlich schien das, was ihn bewegte, zur Mitteilung reif zu sein.
+
+»Du gehst umher und fühlst dich übel«, sagte er und wandte sich mit
+krauser Nase an seinen Bruder. »Kopfschmerzen und unordentliche
+Eingeweide ... nun ja, das gibt es auch bei anderen Gelegenheiten. Aber
+du fühlst dich =schmutzig= --« und Christian rieb mit gänzlich
+verzerrtem Gesicht seine Hände -- »du fühlst dich schmutzig und
+ungewaschen am ganzen Körper. Du wäschst deine Hände, aber es nützt
+nichts, sie fühlen sich feucht und unsauber an, und deine Nägel haben
+etwas Fettiges ... Du badest dich, aber es hilft nichts, dein ganzer
+Körper scheint dir klebrig und unrein. Dein ganzer Körper ärgert dich,
+reizt dich, du bist dir selbst zum Ekel ... Kennst du es, Thomas, kennst
+du es?«
+
+»Ja, ja!« sagte der Senator mit abwehrender Handbewegung. Aber mit der
+seltsamen Taktlosigkeit, die mit den Jahren immer mehr an Christian
+hervortrat und ihn nicht daran denken ließ, daß diese Auseinandersetzung
+von der ganzen Tafelrunde peinlich empfunden wurde, daß sie in dieser
+Umgebung und an diesem Abend nicht am Platze war, fuhr er fort, den
+üblen Zustand nach übermäßigem Genuß von Schwedischem Punsch zu
+schildern, bis er glaubte, ihn erschöpfend charakterisiert zu haben und
+allmählich verstummte.
+
+Bevor man zu Butter und Käse überging, ergriff die Konsulin noch einmal
+das Wort zu einer kleinen Ansprache an die Ihrigen. Wenn auch nicht
+alles, sagte sie, im Laufe der Jahre sich so gestaltet habe, wie man es
+kurzsichtig und unweise erwünscht habe, so bleibe doch immer noch
+übergenug des sichtbarlichen Segens übrig, um die Herzen mit Dank zu
+erfüllen. Gerade der Wechsel von Glück und strenger Heimsuchung zeige,
+daß Gott seine Hand niemals von der Familie gezogen, sondern daß er ihre
+Geschicke nach tiefen und weisen Absichten gelenkt habe und lenke, die
+ungeduldig ergründen zu wollen man sich nicht erkühnen dürfe. Und nun
+wolle man, mit hoffenden Herzen, einträchtig anstoßen auf das Wohl der
+Familie, auf ihre Zukunft, jene Zukunft, die da sein werde, wenn die
+Alten und Älteren unter den Anwesenden längst in kühler Erde ruhen
+würden ... auf die Kinder, denen das heutige Fest ja recht eigentlich
+gehöre ...
+
+Und da Direktor Weinschenks Töchterchen nicht mehr anwesend war, mußte
+der kleine Johann, während die Großen auch untereinander sich zutranken,
+allein einen Umzug um die Tafel halten, um mit allen, von der Großmutter
+bis zu Mamsell Severin hinab, anzustoßen. Als er zu seinem Vater kam,
+hob der Senator, indem er sein Glas dem des Kindes näherte, sanft Hannos
+Kinn empor, um ihm in die Augen zu sehen ... Er fand nicht seinen Blick;
+denn Hannos lange, goldbraune Wimpern hatten sich tief, tief, bis auf
+die zart bläuliche Umschattung seiner Augen gesenkt.
+
+Therese Weichbrodt aber ergriff seinen Kopf mit beiden Händen, küßte ihn
+mit leise knallendem Geräusch auf jede Wange und sagte mit einer
+Betonung, so herzlich, daß Gott ihr nicht widerstehen konnte: »Sei
+glöcklich, du gutes Kend!«
+
+-- Eine Stunde später lag Hanno in seinem Bett, das jetzt in dem
+Vorzimmer stand, welches man vom Korridor der zweiten Etage aus betrat,
+und an das zur Linken das Ankleidekabinett des Senators stieß. Er lag
+auf dem Rücken, aus Rücksicht auf seinen Magen, der sich mit all dem,
+was er im Laufe des Abends hatte in Empfang nehmen müssen, noch
+keineswegs ausgesöhnt hatte, und sah mit erregten Augen der guten Ida
+entgegen, die, schon in der Nachtjacke, aus ihrem Zimmer kam und mit
+einem Wasserglase vor sich in der Luft umrührende Kreisbewegungen
+beschrieb. Er trank das kohlensaure Natron rasch aus, schnitt eine
+Grimasse und ließ sich wieder zurückfallen.
+
+»Ich glaube, nun muß ich mich erst recht übergeben, Ida.«
+
+»Ach wo, Hannochen. Nur still auf dem Rücken liegen ... Aber siehst du
+wohl? Wer hat dir mehrmals zugewinkt? Und wer nicht folgen wollt', war
+das Jungchen ...«
+
+»Ja, ja, vielleicht geht es auch gut ... Wann kommen die Sachen, Ida?«
+
+»Morgen früh, mein Jungchen.«
+
+»Daß sie hier hereingesetzt werden! Daß ich sie gleich habe!«
+
+»Schon gut, Hannochen, aber erst mal ausschlafen.« Und sie küßte ihn,
+löschte das Licht und ging.
+
+Er war allein, und während er still liegend sich der segenvollen Wirkung
+des Natrons überließ, entzündete sich vor seinen geschlossenen Augen der
+Glanz des Bescherungssaales aufs neue. Er sah sein Theater, sein
+Harmonium, sein Mythologiebuch und hörte irgendwo in der Ferne das
+»Jauchze laut, Jerusalem« der Chorknaben. Alles flimmerte. Ein mattes
+Fieber summte in seinem Kopfe, und sein Herz, das von dem revoltierenden
+Magen ein wenig beengt und beängstigt wurde, schlug langsam, stark und
+unregelmäßig. In einem Zustand von Unwohlsein, Erregtheit,
+Beklommenheit, Müdigkeit und Glück lag er lange und konnte nicht
+schlafen.
+
+Morgen kam der dritte Weihnachtsabend an die Reihe, die Bescherung bei
+Therese Weichbrodt, und er freute sich darauf als auf ein kleines
+burleskes Spiel. Therese Weichbrodt hatte im vorigen Jahre ihr Pensionat
+gänzlich aufgegeben, so daß nun Madame Kethelsen das Stockwerk und sie
+selbst das Erdgeschoß des kleinen Hauses am Mühlenbrink allein bewohnte.
+Die Beschwerden nämlich, die ihr mißglückter und gebrechlicher kleiner
+Körper ihr verursachte, hatten mit den Jahren zugenommen, und in aller
+Sanftmut und christlichen Bereitwilligkeit nahm Sesemi Weichbrodt an,
+daß ihre Abberufung nahe bevorstehe. Daher hielt sie auch seit mehreren
+Jahren schon jedes Weihnachtsfest für ihr letztes und suchte der Feier,
+die sie in ihren kleinen, fürchterlich überheizten Stuben veranstaltete,
+so viel Glanz zu verleihen, wie in ihren schwachen Kräften stand. Da sie
+nicht viel zu kaufen vermochte, so verschenkte sie jedes Jahr einen
+neuen Teil ihrer bescheidenen Habseligkeiten und baute unter dem Baume
+auf, was sie nur entbehren konnte: Nippsachen, Briefbeschwerer,
+Nadelkissen, Glasvasen und Bruchstücke ihrer Bibliothek, alte Bücher in
+drolligen Formaten und Einbänden, das »Geheime Tagebuch von einem
+Beobachter Seiner Selbst«, Hebels Alemannische Gedichte, Krummachers
+Parabeln ... Hanno besaß schon von ihr eine Ausgabe der »_Pensées de
+Blaise Pascal_«, die so winzig war, daß man nicht ohne Vergrößerungsglas
+darin lesen konnte.
+
+»Bischof« gab es in unüberwindlichen Mengen und die mit Ingwer
+bereiteten braunen Kuchen Sesemis waren ungeheuer schmackhaft. Niemals
+aber, dank der bebenden Hingabe, mit der Fräulein Weichbrodt jedesmal
+ihr letztes Weihnachtsfest beging, niemals verfloß dieser Abend, ohne
+daß eine Überraschung, ein Malheur, irgendeine kleine Katastrophe sich
+ereignet hätte, die die Gäste zum Lachen brachte und die stumme
+Leidenschaftlichkeit der Wirtin noch erhöhte. Eine Kanne mit Bischof
+stürzte und überschwemmte alles mit der roten, süßen, würzigen
+Flüssigkeit ... Oder es fiel der geputzte Baum von seinen hölzernen
+Füßen, genau in dem Augenblick, wenn man feierlich das Bescherungszimmer
+betrat ... Im Einschlafen sah Hanno den Unglücksfall des vorigen Jahres
+vor Augen: Es war unmittelbar vor der Bescherung. Therese Weichbrodt
+hatte mit soviel Nachdruck, daß alle Vokale ihre Plätze gewechselt
+hatten, das Weihnachtskapitel verlesen und trat nun von ihren Gästen
+zurück zur Tür, um von hier aus eine kleine Ansprache zu halten. Sie
+stand auf der Schwelle, bucklig, winzig, die alten Hände vor ihrer
+Kinderbrust zusammengelegt; die grünseidnen Bänder ihrer Haube fielen
+auf ihre zerbrechlichen Schultern, und zu ihren Häupten, über der Tür,
+ließ ein mit Tannenzweigen umkränztes Transparent die Worte leuchten.
+»Ehre sei Gott in der Höhe!« Und Sesemi sprach von Gottes Güte, sie
+erwähnte, daß dies ihr letztes Weihnachtsfest sei und schloß damit, daß
+sie alle mit des Apostels Worten zur Fröhlichkeit aufforderte, wobei sie
+von oben bis unten erzitterte, so sehr nahm ihr ganzer kleiner Körper
+Anteil an dieser Mahnung. »Freuet euch!« sagte sie, indem sie den Kopf
+auf die Seite legte und ihn heftig schüttelte. »Und abermals sage ich:
+Freuet euch!« In diesem Augenblick aber ging über ihr mit einem
+puffenden, fauchenden und knisternden Geräusch das ganze Transparent
+in Flammen auf, so daß Mademoiselle Weichbrodt mit einem kleinen
+Schreckenslaut und einem Sprunge von ungeahnter und pittoresker
+Behendigkeit sich dem Funkenregen entziehen mußte, der auf sie
+herniederging ...
+
+Hanno erinnerte sich dieses Sprunges, den das alte Mädchen vollführt
+hatte, und während mehrerer Minuten lachte er ganz ergriffen, irritiert
+und nervös belustigt, leise und unterdrückt in sein Kissen hinein.
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Frau Permaneder ging die Breite Straße entlang, sie ging in großer Eile.
+Etwas Aufgelöstes lag in ihrer Haltung, und nur flüchtig war mit
+Schultern und Haupt die majestätische Würde angedeutet, die sonst auf
+der Straße ihre Gestalt umgab. Bedrängt, gehetzt und in höchster Eile,
+hatte sie gleichsam nur ein wenig davon zusammengerafft, wie ein
+geschlagener König den Rest seiner Truppen an sich zieht, um sich mit
+ihm in die Arme der Flucht zu werfen ...
+
+Ach, sie sah nicht gut aus! Ihre Oberlippe, diese etwas hervorstehende
+und gewölbte Oberlippe, die ehemals dazu beigetragen hatte, ihr Gesicht
+so hübsch zu machen, bebte jetzt, ihre Augen waren angstvoll vergrößert
+und blickten mit einem exaltierten Zwinkern, gleichsam vorwärts hastend,
+geradeaus ... ihre Frisur kam sichtlich zerzaust unter dem Kapotthut
+hervor, und ihr Antlitz zeigte jene mattgelbliche Färbung, die es
+annahm, wenn der Zustand ihres Magens sich verschlechterte.
+
+Ja, es stand schlecht um ihren Magen in dieser Zeit; an den Donnerstagen
+konnte die gesamte Familie die Verschlimmerung beobachten. Wie man die
+Klippe zu vermeiden suchte -- das Gespräch strandete an dem Prozeß Hugo
+Weinschenks, Frau Permaneder selbst führte es unwiderstehlich darauf zu;
+und dann begann sie zu fragen, Gott und alle Welt furchtbar erregt um
+Antwort anzugehen, wie es möglich sei, daß Staatsanwalt Moritz
+Hagenström nachts ruhig schlafen könne! Sie begriff es nicht, sie würde
+es niemals fassen ... und dabei wuchs ihre Aufregung bei jedem Worte.
+»Ich danke, ich esse nichts«, sagte sie und schob alles von sich, indem
+sie die Schultern erhob, den Kopf zurücklegte und sich einsam auf die
+Höhe ihrer Entrüstung zurückzog, um nichts als Bier zu sich zu nehmen,
+kaltes, bayerisches Bier, das sie seit der Zeit ihrer Münchener Ehe zu
+trinken gewöhnt war, in ihren leeren Magen hinabzugießen, dessen Nerven
+in Aufruhr waren, und der sich bitter rächte. Denn gegen Ende der
+Mahlzeit mußte sie sich erheben, in den Garten oder den Hof hinuntergehen
+und dort, gestützt auf Ida Jungmann oder Riekchen Severin, die
+fürchterlichsten Übelkeiten erdulden. Ihr Magen entledigte sich seines
+Inhaltes und fuhr dann fort, sich qualvoll zusammenzuziehen, um in
+diesem Krampfzustande minutenlang zu verharren; unfähig, noch etwas von
+sich zu geben, würgte und litt sie so lange Zeit ...
+
+Es war etwa 3 Uhr nachmittags, ein windiger, regnerischer Januartag. Als
+Frau Permaneder zur Ecke der Fischergrube gelangt war, bog sie ein und
+eilte die abschüssige Straße hinunter und in das Haus ihres Bruders.
+Nach hastigem Klopfen trat sie vom Flur aus in das Kontor, ließ ihren
+Blick über die Pulte hin zu dem Fensterplatz des Senators fliegen und
+machte eine so bittende Kopfbewegung, daß Thomas Buddenbrook
+unverzüglich die Feder beiseite legte und ihr entgegenging.
+
+»Nun?« fragte er, indem er eine Braue emporzog ...
+
+»Einen Augenblick, Thomas ... etwas Dringendes ... es duldet keinen
+Aufschub ...«
+
+Er öffnete ihr die gepolsterte Tür zu seinem Privatbüro, zog sie hinter
+sich zu, als sie beide eingetreten waren, und sah seine Schwester
+fragend an.
+
+»Tom«, sagte sie mit wankender Stimme und rang die Hände in ihrer
+Pelzmuff, »du mußt es hergeben ... vorläufig auslegen ... du mußt sie,
+bitte, stellen, die Kaution ... Wir haben sie nicht ... Woher sollten
+wir jetzt fünfundzwanzigtausend Kurantmark nehmen?... Du wirst sie voll
+und ganz zurückbekommen ... ach, wohl nur zu bald ... du verstehst
+... es ist eingetreten, daß ... kurz, der Prozeß ist auf dem
+Punkte, daß Hagenström sofortige Verhaftung oder eine Kaution von
+fünfundzwanzigtausend Kurantmark beantragt hat. Und Weinschenk gibt dir
+sein Ehrenwort, an Ort und Stelle zu bleiben ...«
+
+»Ist es wirklich so weit gekommen«, sagte der Senator kopfschüttelnd.
+
+»Ja, dahin haben sie es gebracht, die Schurken, die Elenden ...!« Und
+mit einem Aufschluchzen ohnmächtigen Zornes sank Frau Permaneder in den
+mit Wachstuch überzogenen Sessel, der neben ihr stand. »Und sie werden
+es noch weiterbringen, Tom, sie werden es bis ans Ende führen ...«
+
+»Tony«, sagte er und setzte sich schräg vor den Mahagonischreibtisch,
+schlug ein Bein über das andere und stützte den Kopf in die Hand ...
+»Sprich aufrichtig, glaubst du noch an seine Unschuld?«
+
+Sie schluchzte ein paarmal und antwortete dann leise und verzweifelt:
+»Ach, nein, Tom ... Wie könnte ich das wohl? Gerade ich, die soviel
+Böses erleben mußte? Ich habe es von Anfang an nicht recht gekonnt,
+obgleich ich mich so ehrlich bemüht habe. Das Leben, weißt du, macht es
+einem so furchtbar schwer, an die Unschuld irgendeines Menschen zu
+glauben ... Ach nein, mich haben schon seit langem Zweifel an seinem
+guten Gewissen gequält, und Erika selbst ... sie ist irre an ihm
+geworden ... sie hat es mir mit Weinen gestanden ... irre an ihm
+geworden durch sein Betragen zu Hause. Wir haben natürlich geschwiegen
+... Seine Außenseite wurde immer rauher ... und dabei verlangte er immer
+strenger, daß Erika heiter sein und seine Sorgen zerstreuen sollte und
+zerschlug Geschirr, wenn sie ernst war. Du weißt nicht, wie es war, wenn
+er sich spät abends noch stundenlang mit seinen Akten einschloß ... und
+wenn man klopfte, so hörte man, wie er aufsprang und rief: `Wer ist da!
+Was ist da!´ ...«
+
+Sie schwiegen.
+
+»Aber möge er doch schuldig sein! Möge er sich doch vergangen haben!«
+begann Frau Permaneder aufs neue, und hierbei schwoll ihre Stimme an.
+»Er hat nicht für seine Tasche gearbeitet, sondern für die der
+Gesellschaft; und dann ... Herr du mein Gott, es gibt doch Rücksichten
+zu beobachten in diesem Leben, Tom! Er hat nun einmal in unsere Familie
+hineingeheiratet ... er gehört nun einmal zu uns ... Man kann einen von
+uns doch nicht ins Gefängnis sperren, grundgütiger Himmel!...«
+
+Er zuckte die Achseln.
+
+»Du zuckst die Achseln, Tom ... Du bist also willens, es zu dulden, es
+hinzunehmen, daß dieses Geschmeiß sich erfrecht, der Sache die Krone
+aufzusetzen? Man muß doch irgend etwas tun! Er darf doch nicht
+verurteilt werden!... Du bist doch des Bürgermeisters rechte Hand ...
+mein Gott, kann der Senat ihn denn nicht sofort begnadigen?... Ich will
+dir sagen ... eben, bevor ich zu dir kam, war ich im Begriffe, zu Cremer
+zu gehen und ihn auf alle Weise anzuflehen, er möge intervenieren, möge
+in die Sache eingreifen ... Er ist Polizeichef ...«
+
+»Oh, Kind, was für Torheiten.«
+
+»Torheiten, Tom? -- Und Erika? Und das Kind?« sagte sie und hob ihm
+flehend die Muff entgegen, in der ihre beiden Hände steckten. Dann
+schwieg sie einen Augenblick und ließ die Arme sinken; ihr Mund
+verbreiterte sich, ihr Kinn, das sich kraus zusammenzog, geriet in
+zitternde Bewegung, und während unter ihren gesenkten Lidern zwei große
+Tränen hervorquollen, fügte sie ganz leise hinzu: »Und ich ...?«
+
+»Oh, Tony, Courage!« sagte der Senator, und gerührt und ergriffen von
+ihrer Hilflosigkeit rückte er ihr nahe, um ihr tröstend das Haar
+zurückzustreichen. »Noch ist nicht aller Tage Abend. Noch ist er ja
+nicht verurteilt. Es kann ja alles gut gehen. Jetzt stelle ich erst
+einmal die Kaution, ich sage natürlich nicht nein dazu. Und dann ist
+Breslauer ja ein schlauer Mensch ...«
+
+Sie schüttelte weinend den Kopf.
+
+»Nein, Tom, es wird nicht gut gehen, ich glaube nicht daran. Sie werden
+ihn verurteilen und einstecken, und dann kommt eine schwere Zeit für
+Erika und das Kind und mich. Ihre Mitgift ist nicht mehr da, sie steckt
+in der Ausstattung, in den Möbeln und den Bildern ... und beim Verkaufe
+bekommt man kaum ein Viertel heraus ... Und das Gehalt haben wir immer
+verbraucht ... Weinschenk hat nichts zurückgelegt. Wir werden wieder zu
+Mutter ziehen, wenn sie es erlaubt, bis er wieder auf freiem Fuße ist
+... und dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und
+uns?... Wir können einfach auf den Steinen sitzen«, sagte sie
+schluchzend.
+
+»Auf den Steinen?«
+
+»Nun ja, das ist eine Redewendung ... eine bildliche ... Ach nein, es
+wird nicht gut gehen. Auf mich ist zu vieles herabgekommen ... ich weiß
+nicht, womit ich es verdient habe ... aber ich kann nicht mehr hoffen.
+Nun wird es Erika ergehen, wie es mir mit Grünlich und Permaneder
+ergangen ist ... Aber jetzt kannst du es sehen, jetzt kannst du es aus
+nächster Nähe beurteilen, wie es ist, wie es kommt, wie es über einen
+hereinbricht! Kann man nun etwas dafür? Tom, ich bitte dich, kann man
+nun etwas dafür!« wiederholte sie und nickte ihm trostlos fragend, mit
+großen, tränenvollen Augen zu. »Alles ist fehlgeschlagen und hat sich
+zum Unglück gewandt, was ich unternommen habe ... Und ich habe so gute
+Absichten gehabt, Gott weiß es!... Ich habe immer so innig gewünscht, es
+zu etwas zu bringen im Leben und ein bißchen Ehre einzulegen ... Nun
+bricht auch dies zusammen. So muß es enden ... Das Letzte ...«
+
+Und an seinen Arm gelehnt, den er besänftigend um sie gelegt hatte,
+weinte sie über ihr verfehltes Leben, in dem nun die letzten Hoffnungen
+erloschen waren.
+
+ * * * * *
+
+Eine Woche später ward Direktor Hugo Weinschenk zu einer Gefängnisstrafe
+von drei Jahren und einem halben verurteilt und sofort in Haft genommen.
+
+Der Andrang zu der Sitzung, welche die Plaidoyers gebracht hatte, war
+sehr groß gewesen, und Rechtsanwalt Doktor Breslauer aus Berlin hatte
+geredet, wie man niemals einen Menschen hatte reden hören. Der Makler
+Sigismund Gosch ging wochenlang zischend vor Begeisterung über diese
+Ironie, dieses Pathos, diese Rührung umher, und Christian Buddenbrook,
+der ebenfalls zugegen gewesen war, stellte sich im Klub hinter einen
+Tisch, legte ein Paket Zeitungen als Akten vor sich hin und lieferte
+eine vollendete Kopie des Verteidigers. Übrigens erklärte er zu Hause,
+die Jurisprudenz sei der schönste Beruf, ja, das wäre ein Beruf für ihn
+gewesen ... Selbst Staatsanwalt Doktor Hagenström, der ja ein Schöngeist
+war, tat private Äußerungen, die dahin gingen, daß Breslauers Rede ihm
+einen wirklichen Genuß bereitet habe. Aber das Talent des berühmten
+Advokaten hatte nicht gehindert, daß die Juristen der Stadt ihm auf die
+Schulter geklopft und ihm in aller Bonhomie mitgeteilt hatten, sie
+ließen sich nichts weis machen ...
+
+Dann, nachdem die Verkäufe, die nach des Direktors Verschwinden
+notwendig wurden, beendet waren, begann man in der Stadt Hugo Weinschenk
+zu vergessen. Aber die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße
+bekannten nun Donnerstags an der Familientafel: sofort, beim ersten
+Anblicke dieses Mannes hätten sie es ihm an den Augen angesehen, daß mit
+ihm nicht alles in Ordnung sei, daß sein Charakter voller Makel sein
+müsse, und daß es kein gutes Ende mit ihm nehmen werde. Rücksichten, die
+nicht lieber außer acht gelassen zu haben sie jetzt bedauerten, hätten
+sie veranlaßt, über diese traurige Erkenntnis Stillschweigen zu
+beobachten.
+
+
+
+
+Neunter Teil
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Hinter den beiden Herren, dem alten Doktor Grabow und dem jungen Doktor
+Langhals, einem Angehörigen der Familie Langhals, der etwa seit einem
+Jahre in der Stadt praktizierte, trat Senator Buddenbrook aus dem
+Schlafzimmer der Konsulin in das Frühstückszimmer und schloß die Tür.
+
+»Darf ich Sie bitten, meine Herren ... auf einen Augenblick«, sagte er
+und führte sie die Treppe hinauf, über den Korridor und durch die
+Säulenhalle ins Landschaftszimmer, wo des feuchten und kalten
+Herbstwetters wegen schon geheizt war. »Meine Spannung wird Ihnen
+begreiflich sein ... nehmen Sie Platz! Beruhigen Sie mich, wenn es
+irgend möglich ist!«
+
+»Potztausend, mein lieber Senator!« antwortete Doktor Grabow, der sich,
+das Kinn in der Halsbinde, bequem zurückgelehnt hatte und die Hutkrempe
+mit beiden Händen gegen seinen Magen gestemmt hielt, während Doktor
+Langhals, ein untersetzter, brünetter Herr mit spitzgeschnittenem Bart,
+aufrecht stehendem Haar, schönen Augen und einem eitlen
+Gesichtsausdruck, seinen Zylinder neben sich auf den Teppich gestellt
+hatte und seine außerordentlich kleinen, schwarzbehaarten Hände
+betrachtete ... »Für irgendwelche ernstliche Beunruhigung ist natürlich
+fürs erste platterdings keine Ursache vorhanden; ich bitte Sie ... eine
+Patientin von der verhältnismäßigen Widerstandskraft unserer verehrten
+Frau Konsulin ... Meiner Treu, als gedienter Ratgeber kenne ich diese
+Widerstandskraft. Für ihre Jahre wirklich erstaunlich ... was ich Ihnen
+sage ...«
+
+»Ja, eben, in ihren Jahren ...«, sagte der Senator unruhig und drehte an
+der langen Spitze seines Schnurrbartes.
+
+»Ich sage natürlich nicht, daß Ihre liebe Frau Mutter wird morgen wieder
+spazierengehen können«, fuhr Doktor Grabow sanftmütig fort. »Diesen
+Eindruck wird die Patientin nicht auf Sie gemacht haben, lieber Senator.
+Es ist ja nicht zu leugnen, daß der Katarrh seit vierundzwanzig Stunden
+eine ärgerliche Wendung genommen hat. Der Schüttelfrost gestern abend
+gefiel mir nicht recht, und heute gibt es da nun wahrhaftig ein bißchen
+Seitenstechen und Kurzluftigkeit. Etwas Fieber ist auch vorhanden -- oh,
+unbedeutend, aber es ist Fieber. Kurz, lieber Senator, man muß sich wohl
+mit der vertrakten Tatsache abfinden, daß die Lunge ein bißchen
+affiziert ist ...«
+
+»Lungenentzündung also?« fragte der Senator und blickte von einem Arzte
+zum andern ...
+
+»Ja, -- _Pneumonia_«, sagte Doktor Langhals mit ernster und korrekter
+Verbeugung.
+
+»Allerdings, eine kleine, rechtsseitige Lungenentzündung«, antwortete
+der Hausarzt, »die wir sehr sorgfältig zu lokalisieren trachten
+müssen ...«
+
+»Danach ist immerhin Grund zu ernster Besorgnis vorhanden?« Der Senator
+saß ganz still und sah dem Sprechenden unverwandt ins Gesicht.
+
+»Besorgnis? O ... wir müssen, wie gesagt, darum besorgt sein, die
+Erkrankung einzuschränken, den Husten zu mildern, dem Fieber zu Leibe zu
+gehen ... nun, das Chinin wird seine Schuldigkeit tun ... Und dann noch
+eins, lieber Senator ... Keine Schreckhaftigkeit den einzelnen Symptomen
+gegenüber, nicht wahr? Sollte sich die Atemnot ein wenig verstärken,
+sollte in der Nacht vielleicht etwas Delirium stattfinden, oder morgen
+ein bißchen Auswurf sich einstellen ... wissen Sie, so ein
+rotbräunlicher Auswurf, wenn auch Blut dabei ist ... Das ist alles
+durchaus logisch, durchaus zur Sache gehörig, durchaus normal. Bereiten
+Sie, bitte, auch unsere liebe, verehrte Madame Permaneder darauf vor,
+die ja die Pflege mit soviel Hingebung leitet ... _A propos_, wie geht
+es ihr? Ich habe ganz und gar zu fragen vergessen, wie es in den letzten
+Tagen mit ihrem Magen gewesen ist ...«
+
+»Wie gewöhnlich. Ich weiß nichts Neues. Die Sorge um ihr Befinden tritt
+ja jetzt naturgemäß etwas zurück ...«
+
+»Versteht sich. Übrigens ... mir kommt dabei ein Gedanke. Ihre Frau
+Schwester hat Ruhe nötig, besonders in der Nacht, und Mamsell Severin
+allein dürfte doch wohl nicht ausreichen ... wie wäre es mit einer
+Pflegerin, lieber Senator? Wir haben da unsere guten katholischen Grauen
+Schwestern, für die Sie immer so wohlwollend eintreten ... Die Schwester
+Oberin wird sich freuen, Ihnen dienen zu können.«
+
+»Sie halten das also für nötig?«
+
+»Ich bringe es in Vorschlag. Es ist so angenehm ... Die Schwestern sind
+unschätzbar. Sie wirken mit ihrer Erfahrenheit und Besonnenheit so
+beruhigend auf die Kranken ... gerade bei diesen Krankheiten, die, wie
+gesagt, mit einer Reihe von etwas unheimlichen Symptomen verbunden sind
+... Also, um es zu wiederholen: ruhig Blut, nicht wahr, mein lieber
+Senator? Übrigens werden wir ja sehen ... wir werden ja sehen ... Wir
+sprechen ja heute abend noch einmal vor ...«
+
+»Zuversichtlich«, sagte Doktor Langhals, nahm seinen Zylinder und erhob
+sich gleichzeitig mit seinem älteren Kollegen. Aber der Senator blieb
+noch sitzen, er war noch nicht fertig, hatte noch eine Frage im Sinne,
+wollte noch eine Probe machen ...
+
+»Meine Herren«, sagte er, »ein Wort noch ... Mein Bruder Christian ist
+nervös, kurz, verträgt nicht viel ... Raten Sie mir, ihm von der
+Erkrankung Mitteilung zu machen? Ihm vielleicht ... die Rückkehr
+nahezulegen --?«
+
+»Ihr Bruder Christian ist nicht in der Stadt?«
+
+»Nein, in Hamburg. Vorübergehend. In Geschäften, soviel ich weiß ...«
+
+Doktor Grabow warf seinem Kollegen einen Blick zu; dann schüttelte er
+dem Senator lachend die Hand und sagte: »Also lassen wir ihn ruhig bei
+seinen Geschäften! Warum ihn unnütz erschrecken? Sollte irgendeine
+Wendung in dem Befinden eintreten, die seine Anwesenheit wünschenswert
+macht, sagen wir: um die Patientin zu beruhigen, ihre Stimmung zu heben
+... nun, so wird ja immer noch Zeit sein ... immer noch Zeit ...«
+
+Während die Herren über Säulenhalle und Korridor zurückgingen und auf
+dem Treppenabsatz ein Weilchen stehenblieben, sprachen sie über andere
+Dinge, über Politik, über die Erschütterungen und Umwälzungen des kaum
+beendeten Krieges ...
+
+»Nun, jetzt kommen gute Zeiten, wie, Herr Senator? Geld im Lande ... Und
+frische Stimmung weit und breit ...«
+
+Und der Senator stimmte dem halb und halb bei. Er bestätigte, daß der
+Ausbruch des Krieges den Verkehr in Getreide von Rußland zu großem
+Aufschwung gebracht habe und erwähnte der großen Dimensionen, die damals
+der Haferimport, zum Zwecke der Armeelieferung angenommen habe. Aber der
+Profit habe sich sehr ungleich verteilt ...
+
+Die Ärzte gingen, und Senator Buddenbrook wandte sich, um noch einmal in
+das Krankenzimmer zurückzukehren. Er überlegte, was Grabow gesagt hatte
+... Es hatte soviel Hinterhältiges darin gelegen ... Man hatte gefühlt,
+wie er sich vor einer entschiedenen Äußerung hütete. Das einzige klare
+Wort war »Lungenentzündung« gewesen, und dieses Wort wurde nicht
+tröstlicher dadurch, daß Doktor Langhals es in die Sprache der
+Wissenschaft übersetzt hatte. Lungenentzündung in den Jahren der
+Konsulin ... Schon, daß es zwei Ärzte waren, die kamen und gingen, gab
+der Sache einen beunruhigenden Aspekt. Grabow hatte das ganz leichthin
+und fast unmerklich arrangiert. Er gedenke, sich über kurz oder lang zur
+Ruhe zu setzen, hatte er gesagt, und da der junge Langhals berufen sei,
+seine Praxis zu übernehmen, so mache er -- Grabow -- sich ein Vergnügen
+daraus, ihn hie und da schon jetzt heranzuziehen und einzuführen ...
+
+Als der Senator in das halbdunkle Schlafzimmer trat, war seine Miene
+munter und seine Haltung energisch. Er war so gewöhnt daran, Sorge und
+Müdigkeit unter einem Ausdruck von überlegener Sicherheit zu verbergen,
+daß beim Öffnen der Tür diese Maske beinahe von selbst infolge eines
+ganz kurzen Willensaktes über sein Gesicht geglitten war.
+
+Frau Permaneder saß an dem Himmelbett, dessen Vorhänge zurückgeschlagen
+waren, und hielt die Hand ihrer Mutter, die, von Kissen gestützt, den
+Kopf dem Eintretenden zuwandte und ihm mit ihren hellblauen Augen
+forschend ins Gesicht sah. Es war ein Blick voll beherrschter Ruhe und
+von angespannter, unausweichlicher Eindringlichkeit, der, da er ein
+wenig von der Seite kam, beinahe etwas Lauerndes hatte. Abgesehen von
+der Blässe der Haut, die auf den Wangen ein paar Flecke von fieberiger
+Röte hervortreten ließ, zeigte dies Gesicht durchaus keine Mattigkeit
+und Schwäche. Die alte Dame war sehr aufmerksam bei der Sache,
+aufmerksamer noch als ihre Umgebung, denn am Ende war sie die zunächst
+Beteiligte. Sie mißtraute dieser Krankheit und war ganz und gar nicht
+gewillt, sich aufs Ohr zu legen und den Dingen nachgiebig ihren Lauf zu
+lassen ...
+
+»Was haben sie gesagt, Thomas?« fragte sie mit so bestimmter und
+lebhafter Stimme, daß sich sofort ein heftiger Husten einstellte, den
+sie mit geschlossenen Lippen zurückzuhalten suchte, der aber hervorbrach
+und sie zwang, die Hand gegen ihre rechte Seite zu pressen.
+
+»Sie haben gesagt«, antwortete der Senator, als der Anfall vorüber war,
+und streichelte ihre Hand ... »Sie haben gesagt, daß unsere gute Mutter
+in ein paar Tagen wieder auf den Füßen sein wird. Daß du das noch nicht
+kannst, weißt du, das liegt daran, daß dieser dumme Husten natürlich die
+Lunge ein bißchen angegriffen hat ... es ist nicht gerade
+Lungenentzündung«, sagte er, da er sah, daß ihr Blick noch
+eindringlicher wurde ... »obgleich ja auch das noch nicht das Ende aller
+Dinge wäre, ach, da gibt es Schlimmeres! Kurz, die Lunge ist etwas
+gereizt, sagen die beiden, und damit mögen sie wohl recht haben ... Wo
+ist denn die Severin?«
+
+»Zur Apotheke«, sagte Frau Permaneder.
+
+»Seht ihr, die ist schon wieder in der Apotheke, und du, Tony, siehst
+aus, als wolltest du jeden Augenblick einschlafen. Nein, das geht nicht
+länger. Wenn es auch nur für ein paar Tage ist ... wir müssen eine
+Pflegerin hier haben, meint ihr nicht auch? Wartet, ich lasse jetzt
+gleich bei meiner Grauen-Schwester-Oberin anfragen, ob eine disponibel
+ist ...«
+
+»Thomas«, sagte die Konsulin jetzt mit behutsamer Stimme, um den
+Hustenreiz nicht wieder zu entfesseln, »glaube mir, du erregst Anstoß
+mit deiner beständigen Protektion der Katholischen gegenüber den
+Schwarzen Protestantischen. Du hast den einen direkte Vorteile
+verschafft und tust nichts für die anderen. Ich versichere dich, Pastor
+Pringsheim hat sich neulich mit deutlichen Worten bei mir darüber
+beklagt ...«
+
+»Ja, das nützt ihm gar nichts. Ich bin überzeugt, daß die Grauen
+Schwestern treuer, hingebender, aufopferungsfähiger sind als die
+Schwarzen. Diese Protestantinnen, das ist nicht das Wahre. Das will sich
+alles bei erster Gelegenheit verheiraten ... Kurzum, sie sind irdisch,
+egoistisch, ordinär ... Die Grauen sind degagierter, ja, ganz sicher,
+sie stehen dem Himmel näher. Und gerade, weil sie mir Dank schulden,
+sind sie vorzuziehen. Was ist Schwester Leandra uns nicht gewesen, als
+Hanno Zahnkrämpfe hatte! Ich will nur hoffen, daß sie frei ist ...«
+
+Und Schwester Leandra kam. Sie legte still ihre kleine Handtasche, ihren
+Umhang und die graue Haube ab, die sie über der weißen trug, und ging,
+während der Rosenkranz, der an ihrem Gürtel hing, leise klapperte, mit
+sanften und freundlichen Worten und Bewegungen an ihre Arbeit. Sie
+pflegte die verwöhnte und nicht immer geduldige Kranke Tag und Nacht und
+zog sich dann stumm und fast beschämt über die menschliche Schwäche, der
+sie unterlag, zurück, um sich von einer anderen Schwester ablösen zu
+lassen, zu Hause ein wenig zu schlafen und dann zurückzukehren.
+
+Denn die Konsulin verlangte beständigen Dienst an ihrem Bette. Je mehr
+sich ihr Zustand verschlimmerte, desto mehr wandte sich ihr ganzes
+Denken, ihr ganzes Interesse ihrer Krankheit zu, die sie mit Furcht und
+einem offenkundigen, naiven Haß beobachtete. Sie, die ehemalige
+Weltdame, mit ihrer stillen, natürlichen und dauerhaften Liebe zum
+Wohlleben und zum Leben überhaupt, hatte ihre letzten Jahre mit
+Frömmigkeit und Wohltätigkeit erfüllt ... warum? Vielleicht nicht nur
+aus Pietät gegen ihren verstorbenen Gatten, sondern auch aus dem
+unbewußten Triebe, den Himmel mit ihrer starken Vitalität zu versöhnen
+und ihn zu veranlassen, ihr dereinst trotz ihrer zähen Anhänglichkeit an
+das Leben einen sanften Tod zu vergönnen? Aber sie konnte nicht sanft
+sterben. Manches schmerzlichen Erlebnisses ungeachtet war ihre Gestalt
+vollständig ungebeugt und ihr Auge klar geblieben. Sie liebte es, gute
+Mahlzeiten zu halten, sich vornehm und reich zu kleiden, das
+Unerfreuliche, was um sie her bestand oder geschah, zu übersehen, zu
+vertuschen und wohlgefällig an dem hohen Ansehen teilzunehmen, das ihr
+ältester Sohn sich weit und breit verschafft hatte. Diese Krankheit,
+diese Lungenentzündung war in ihren aufrechten Körper eingebrochen, ohne
+daß irgendwelche seelische Vorarbeit ihr das Zerstörungswerk erleichtert
+hätte ... jene Minierarbeit des Leidens, die uns langsam und unter
+Schmerzen dem Leben selbst oder doch den Bedingungen entfremdet, unter
+denen wir es empfangen haben, und in uns die süße Sehnsucht nach einem
+Ende, nach anderen Bedingungen oder nach dem Frieden erweckt ... Nein,
+die alte Konsulin fühlte wohl, daß sie trotz der christlichen
+Lebensführung ihrer letzten Jahre nicht eigentlich bereit war, zu
+sterben, und der unbestimmte Gedanke, daß, sollte dies ihre letzte
+Krankheit sein, diese Krankheit ganz selbständig, in letzter Stunde und
+in gräßlicher Eile, mit Körperqualen ihren Widerstand zerbrechen und die
+Selbstaufgabe herbeiführen müsse, erfüllte sie mit Angst.
+
+Sie betete viel; aber fast noch mehr überwachte sie, sooft sie bei
+Besinnung war, ihren Zustand, fühlte selbst ihren Puls, maß ihr Fieber,
+bekämpfte ihren Husten ... Der Puls aber ging schlecht, das Fieber stieg
+desto höher, nachdem es ein wenig gefallen war und warf sie aus
+Schüttelfrösten in hitzige Delirien, der Husten, der mit inneren
+Schmerzen verbunden war und blutigen Auswurf zutage förderte, nahm zu,
+und Atemnot ängstigte sie. Das alles aber kam daher, daß jetzt nicht
+mehr nur ein Lappen der rechten Lunge, sondern die ganze rechte Lunge in
+Mitleidenschaft gezogen war, ja, daß, wenn nicht alles täuschte, auch
+schon an der linken Seite Spuren des Vorganges bemerkbar waren, den
+Doktor Langhals, indem er seine Fingernägel besah, »Hepatisation« nannte
+und über den Doktor Grabow sich lieber gar nicht weiter ausließ ... Das
+Fieber zehrte unablässig. Der Magen begann zu versagen. Unaufhaltsam,
+mit zäher Langsamkeit, schritt der Kräfteverfall vorwärts.
+
+Sie verfolgte ihn, nahm, wenn sie irgend dazu imstande war, eifrig die
+konzentrierte Nahrung, die man ihr bot, hielt sorglicher noch als ihre
+Pflegerinnen die Stunden des Medizinierens inne und war von all dem so
+in Anspruch genommen, daß sie beinahe nur noch mit den Ärzten sprach und
+wenigstens nur im Gespräche mit ihnen aufrichtiges Interesse an den Tag
+legte. Besuche, die anfänglich vorgelassen wurden, Freundinnen,
+Mitglieder des »Jerusalemsabend«, alte Damen aus der Gesellschaft und
+Pastorsgattinnen, empfing sie apathisch oder mit zerstreuter
+Herzlichkeit und entließ sie rasch. Ihre Angehörigen empfanden peinlich
+die Gleichgültigkeit, mit der die alte Dame ihnen begegnete; sie nahm
+sich wie eine Art Geringschätzung aus, die besagte: »Ihr könnt mir ja
+doch nicht helfen.« Selbst dem kleinen Hanno, der in einer erträglichen
+Stunde eingelassen wurde, strich sie nur flüchtig über die Wange und
+wandte sich dann ab. Es war, als wollte sie sagen: »Kinder, ihr seid
+alle liebe Leute, aber ich -- ich muß vielleicht sterben!« Die beiden
+Ärzte dagegen empfing sie mit lebhafter und interessierter Wärme, um
+eingehend mit ihnen zu konferieren ...
+
+Eines Tages erschienen die alten Damen Gerhardt, die Nachkommen Paul
+Gerhardts. Sie kamen mit ihren Mantillen, ihren tellerartigen Hüten und
+ihren Provianttaschen von Armenbesuchen, und man konnte ihnen nicht
+verwehren, ihre kranke Freundin zu sehen. Man ließ sie allein mit ihr,
+und Gott allein weiß, was sie zu ihr sprachen, während sie an ihrem
+Bette saßen. Als sie aber gingen, waren ihre Augen und Gesichtszüge noch
+klarer, noch milder und selig verschlossener als vorher, und drinnen lag
+die Konsulin mit ebensolchen Augen und ebensolchem Gesichtsausdruck, lag
+ganz still, ganz friedlich, friedlicher als jemals, ihr Atem ging selten
+und sanft, und sie fiel ersichtlich von Schwäche zu Schwäche. Frau
+Permaneder, die den Damen Gerhardt ein starkes Wort nachmurmelte,
+schickte sofort zu den Ärzten, und kaum erschienen die beiden Herren im
+Rahmen der Tür, als eine vollständige, eine verblüffende Veränderung mit
+der Konsulin vor sich ging. Sie erwachte, sie geriet in Bewegung, sie
+richtete sich beinahe auf. Der Anblick dieser Männer, dieser beiden
+notdürftig unterrichteten Mediziner gab sie mit einem Schlage der Erde
+wieder. Sie streckte ihnen die Hände entgegen, beide Hände, und fing an:
+»Seien Sie mir willkommen, meine Herren! Die Sachen stehen nun so, daß
+heute im Lauf des Tages ...«
+
+Aber es war längst der Tag gekommen, da die doppelseitige
+Lungenentzündung nicht mehr wegzuleugnen gewesen war.
+
+»Ja, mein lieber Herr Senator«, hatte Doktor Grabow gesagt und Thomas
+Buddenbrooks Hände genommen ... »Wir haben es nicht verhindern können,
+es ist nun doppelseitig, und das ist immer bedenklich, wie Sie so gut
+wissen wie ich, ich mache Ihnen kein X für ein U ... Es ist, ob der
+Patient nun zwanzig oder siebenzig Jahre alt ist, in jedem Falle eine
+Sache, die man ernst nehmen muß, und wenn Sie mich daher heute noch
+einmal fragten, ob Sie Ihrem Herrn Bruder Christian schreiben, ihm
+vielleicht ein kleines Telegramm schicken sollten, so würde ich nicht
+abraten, ich würde mich besinnen, Sie davon abzuhalten ... Wie geht es
+ihm übrigens? Ein spaßhafter Mann; ich habe ihn immer herzlich gern
+gehabt ... Um Gottes willen, ziehen Sie keine übertriebenen Folgerungen
+aus meinen Worten, lieber Senator! Nicht als ob nun eine unmittelbare
+Gefahr vorläge ... ach was, ich bin töricht, das Wort in den Mund zu
+nehmen! Aber unter diesen Verhältnissen, wissen Sie, muß man immer aus
+der Ferne mit unvorhersehbaren Zufälligkeiten rechnen ... Mit Ihrer
+verehrten Frau Mutter als Patientin sind wir ja ganz außerordentlich
+zufrieden. Sie hilft uns wacker, sie läßt uns nicht im Stich ... nein,
+ohne Kompliment, als Patientin ist sie unübertrefflich! Und darum
+hoffen, mein lieber Herr Senator, hoffen! Lassen Sie uns immer das Beste
+hoffen!«
+
+Aber es kommt ein Augenblick, von dem an die Hoffnung der Angehörigen
+etwas Künstliches und Unaufrichtiges ist. Schon hat sich eine
+Veränderung mit dem Kranken vollzogen, und etwas der Person Fremdes, die
+er im Leben darstellte, ist in seinem Benehmen. Gewisse, seltsame Worte
+kommen aus seinem Munde, auf die wir nicht zu antworten verstehen und
+die ihm gleichsam den Rückweg abschneiden und ihn dem Tode verpflichten.
+Und wäre er uns der Liebste, wir können nach all dem nicht mehr wollen,
+daß er aufstehe und wandle. Würde er es dennoch tun, so würde er Grauen
+um sich verbreiten wie einer, der dem Sarge entstiegen ...
+
+Gräßliche Merkmale der beginnenden Auflösung zeigten sich, während die
+Organe, von einem zähen Willen in Gang gehalten, noch arbeiteten. Da,
+seit die Konsulin sich mit einem Katarrh hatte zu Bette legen müssen,
+Wochen vergangen waren, so hatten sich durch das Liegen an ihrem Körper
+mehrere Wunden gebildet, die sich nicht mehr schlossen und in einen
+fürchterlichen Zustand übergingen. Sie schlief nicht mehr; erstens, weil
+Schmerz, Husten und Atemnot sie daran hinderten, dann aber, weil sie
+selbst sich gegen den Schlaf auflehnte und sich an das Wachsein
+klammerte. Nur für Minuten ging ihr Bewußtsein im Fieber unter; aber
+auch bei bewußten Sinnen sprach sie laut mit Personen, die längst
+gestorben waren. Eines Nachmittags in der Dämmerung sagte sie plötzlich
+mit lauter, etwas ängstlicher, aber inbrünstiger Stimme: »Ja, mein
+lieber Jean, ich komme!« Und die Unmittelbarkeit dieser Antwort war so
+täuschend, daß man nachträglich die Stimme des verstorbenen Konsuls zu
+hören glaubte, der sie gerufen hatte.
+
+Christian traf ein; er kam von Hamburg, woselbst er, wie er sagte,
+Geschäfte gehabt hatte, und verweilte übrigens nur kurze Zeit im
+Krankenzimmer; dann verließ er es, indem er sich über die Stirn strich,
+die Augen wandern ließ und sagte: »Das ist ja furchtbar ... Das ist ja
+furchtbar ... Ich kann es nun nicht mehr.«
+
+Auch Pastor Pringsheim erschien, streifte Schwester Leandra mit einem
+kalten Blick und betete mit modulierender Stimme am Bette der Konsulin.
+
+Und dann kam die kurze Besserung, das Aufflackern, ein Nachlassen des
+Fiebers, eine täuschende Rückkehr der Kräfte, ein Stillewerden der
+Schmerzen, ein paar klare und hoffnungsvolle Äußerungen, die den
+Umstehenden Tränen der Freude in die Augen treiben ...
+
+»Kinder, wir behalten sie, ihr sollt sehen, wir behalten sie trotz
+alledem!« sagte Thomas Buddenbrook. »Wir haben sie Weihnachten bei uns
+und erlauben nicht, daß sie sich dabei aufregt wie sonst ...«
+
+Aber schon in der nächstfolgenden Nacht, kurze Zeit nachdem Gerda und
+ihr Gatte zu Bette gegangen waren, wurden sie von seiten Frau
+Permaneders in die Mengstraße berufen, da die Kranke mit dem Tode
+kämpfe. Der Wind fuhr in den kalten Regen, der herniederging, und trieb
+ihn prasselnd gegen die Fensterscheiben.
+
+Als der Senator und seine Frau das Zimmer betraten, das von den Kerzen
+zweier Armleuchter erhellt war, die auf dem Tische brannten, waren die
+beiden Ärzte schon zugegen. Auch Christian war aus seinem Zimmer
+heruntergeholt worden und saß irgendwo, indem er dem Himmelbette den
+Rücken zuwandte und die Stirn, tief gebückt, in beide Hände stützte.
+Man erwartete den Bruder der Kranken, Konsul Justus Kröger, nach dem
+ebenfalls geschickt worden war. Frau Permaneder und Erika Weinschenk
+hielten sich leise schluchzend am Fußende des Bettes. Schwester Leandra
+und Mamsell Severin hatten nichts mehr zu tun und blickten betrübt in
+das Gesicht der Sterbenden.
+
+Die Konsulin lag, von mehreren Kissen gestützt, auf dem Rücken, und ihre
+beiden Hände, diese schönen, mattblau geäderten Hände, die nun so mager,
+so ganz abgezehrt waren, streichelten hastig und unaufhörlich, mit
+zitternder Eilfertigkeit die Steppdecke. Ihr Kopf, mit einer weißen
+Nachthaube bedeckt, wandte sich ohne Unterlaß, mit entsetzenerregender
+Taktmäßigkeit, von einer Seite zur anderen. Ihr Mund, dessen Lippen
+einwärts gezogen zu sein schienen, öffnete und schloß sich schnappend
+bei jedem qualvollen Atmungsversuch, und ihre eingesunkenen Augen irrten
+hilfesuchend umher, um hie und da mit einem erschütternden Ausdruck von
+Neid auf einer der anwesenden Personen haften zu bleiben, die
+angekleidet waren und atmen konnten, denen das Leben gehörte und die
+nichts weiter zu tun vermochten, als das Liebesopfer zu bringen, das
+darin bestand, den Blick auf dieses Bild gerichtet zu halten. Und die
+Nacht rückte vor, ohne daß eine Veränderung eingetreten wäre.
+
+»Wie lange kann es noch dauern?« fragte Thomas Buddenbrook leise und zog
+den alten Doktor Grabow in den Hintergrund des Zimmers, während Doktor
+Langhals gerade irgendeine Injektion an der Kranken vornahm. Auch Frau
+Permaneder, das Taschentuch am Munde, trat herzu.
+
+»Ganz unbestimmt, lieber Senator«, antwortete Doktor Grabow. »Ihre Frau
+Mutter kann in fünf Minuten erlöst sein, und sie kann noch stundenlang
+leben ... ich kann Ihnen nichts sagen. Es handelt sich um das, was man
+Stickfluß nennt ... ein Ödem ...«
+
+»Ich weiß es«, sagte Frau Permaneder und nickte in ihr Taschentuch,
+während die Tränen über ihre Wangen rannen. »Es kommt bei
+Lungenentzündungen oft vor ... Es hat sich dann so eine wässerige
+Flüssigkeit in den Lungenbläschen angesammelt, und wenn es schlimm wird,
+so kann man nicht mehr atmen ... Ja, ich weiß es ...«
+
+Die Hände vor sich gefaltet, blickte der Senator zum Himmelbette
+hinüber.
+
+»Wie furchtbar sie leiden muß!« flüsterte er.
+
+»Nein!« sagte Doktor Grabow ebenso leise, aber mit ungeheurer Autorität
+und legte sein langes, mildes Gesicht in entschiedene Falten ... »Das
+täuscht, glauben Sie mir, liebster Freund, das täuscht! Das Bewußtsein
+ist sehr getrübt ... Es sind allergrößten Teiles Reflexbewegungen, was
+Sie da sehen ... Glauben Sie mir ...«
+
+Und Thomas antwortete: »Gott gebe es!« -- Aber jedes Kind hätte es an
+den Augen der Konsulin sehen können, daß sie ganz und gar bei Bewußtsein
+war und alles empfand ...
+
+Man nahm seine Plätze wieder ein ... Auch Konsul Kröger war eingetroffen
+und saß, über die Krücke seines Stockes gebeugt, mit geröteten Augen am
+Bette.
+
+Die Bewegungen der Kranken hatten zugenommen. Eine schreckliche Unruhe,
+eine unsägliche Angst und Not, ein unentrinnbares Verlassenheits- und
+Hilflosigkeitsgefühl ohne Grenzen mußte diesen, dem Tode ausgelieferten
+Körper vom Scheitel bis zur Sohle erfüllen. Ihre Augen, diese armen,
+flehenden, wehklagenden und suchenden Augen schlossen sich bei den
+röchelnden Drehungen des Kopfes manchmal mit brechendem Ausdruck oder
+erweiterten sich so sehr, daß die kleinen Adern des Augapfels blutrot
+hervortraten. Und keine Ohnmacht kam!
+
+Kurz nach drei Uhr sah man, wie Christian aufstand. »Ich kann es nun
+nicht mehr«, sagte er und ging, indem er sich auf die Möbelstücke
+stützte, die an seinem Wege standen, lahmend zur Tür hinaus. -- Übrigens
+waren Erika Weinschenk sowohl wie Mamsell Severin, eingelullt
+wahrscheinlich von den einförmigen Schmerzenslauten, auf ihren Stühlen
+eingeschlafen und blühten rosig im Schlummer.
+
+Um vier Uhr ward es schlimmer und schlimmer. Man stützte die Kranke und
+trocknete ihr den Schweiß von der Stirn. Die Atmung drohte gänzlich zu
+versagen, und die Ängste nahmen zu. »Etwas zu schlafen ...!« brachte sie
+hervor. »Ein Mittel ...!« Aber man war weit entfernt davon, ihr etwas zu
+schlafen zu geben.
+
+Plötzlich begann sie wieder zu antworten, auf etwas, was die anderen
+nicht hörten, wie sie es schon einmal getan hatte. »Ja, Jean, nicht
+lange mehr!« ... Und gleich darauf: »Ja, liebe Klara, ich komme!...«
+
+Und dann begann der Kampf aufs neue ... War es noch ein Kampf mit dem
+Tode? Nein, sie rang jetzt mit dem Leben um den Tod. »Ich will
+gerne ...«, keuchte sie ... »ich kann nicht ... Was zu schlafen!...
+Meine Herren, aus Barmherzigkeit! was zu schlafen ...!«
+
+Dieses »aus Barmherzigkeit« machte, daß Frau Permaneder laut aufweinte
+und Thomas leise stöhnte, indem er einen Augenblick seinen Kopf mit den
+Händen erfaßte. Aber die Ärzte kannten ihre Pflicht. Es galt unter allen
+Umständen, dieses Leben den Angehörigen so lange wie nur irgend möglich
+zu erhalten, während ein Betäubungsmittel sofort ein widerstandsloses
+Aufgeben des Geistes bewirkt haben würde. Ärzte waren nicht auf der
+Welt, den Tod herbeizuführen, sondern das Leben um jeden Preis zu
+konservieren. Dafür sprachen außerdem gewisse religiöse und moralische
+Gründe, von denen sie auf der Universität sehr wohl gehört hatten, wenn
+sie ihnen im Augenblick auch nicht gegenwärtig waren ... Sie stärkten im
+Gegenteil mit verschiedenen Mitteln das Herz und brachten durch
+Brechreiz mehrere Male eine momentane Erleichterung hervor.
+
+Um fünf Uhr konnte der Kampf nicht mehr furchtbarer werden. Die
+Konsulin, im Krampfe aufgerichtet und mit weit geöffneten Augen, stieß
+mit den Armen um sich, als griffe sie nach einem Haltepunkt oder nach
+Händen, die sich ihr entgegenstreckten, und antwortete nun unaufhörlich
+in die Luft hinein nach allen Seiten auf Rufe, die nur sie vernahm, und
+die immer zahlreicher und dringlicher zu werden schienen. Es war, als ob
+nicht nur ihr verstorbener Gatte und ihre Tochter, sondern auch ihre
+Eltern, Schwiegereltern und mehrere andere, ihr im Tode vorangegangene
+Anverwandte irgendwo anwesend waren, und sie nannte Vornamen, von denen
+niemand im Zimmer sofort hätte sagen können, welche Verstorbenen damit
+gemeint seien. »Ja!« rief sie und wandte sich nach verschiedenen
+Richtungen ... »Jetzt komme ich ... Sofort ... Diesen Augenblick noch
+... So ... Ich kann nicht ... Ein Mittel, meine Herren ...«
+
+Um halb sechs Uhr trat ein Augenblick der Ruhe ein. Und dann, ganz
+plötzlich, ging über ihre gealterten und vom Leiden zerrissenen Züge ein
+Zucken, eine jähe, entsetzte Freude, eine tiefe, schauernde, furchtsame
+Zärtlichkeit, blitzschnell breitete sie die Arme aus, und mit einer so
+stoßartigen und unvermittelten Schnelligkeit, daß man fühlte: zwischen
+dem, was sie gehört, und ihrer Antwort lag nicht ein Augenblick -- rief
+sie laut mit dem Ausdruck des unbedingtesten Gehorsams und einer
+grenzenlosen angst- und liebevollen Gefügigkeit und Hingebung: »Hier bin
+ich!« ... und verschied.
+
+Alle waren zusammengeschrocken. Was war das gewesen? Wer hatte gerufen,
+daß sie sofort gefolgt war?
+
+Jemand zog den Fenstervorhang zurück und löschte die Kerzen, während
+Doktor Grabow mit mildem Gesicht der Toten die Augen schloß.
+
+Alle fröstelten in dem fahlen Herbstmorgen, der nun das Zimmer erfüllte.
+Schwester Leandra verkleidete den Toilettenspiegel mit einem Tuche.
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Durch die offene Tür sah man im Sterbezimmer Frau Permaneder im Gebete
+liegen. Sie befand sich allein und kniete, ihre Trauergewänder um sich
+her auf dem Boden ausgebreitet, in der Nähe des Bettes, an einem Stuhle,
+indem sie die fest gefalteten Hände auf dem Sitze ruhen ließ und
+gebeugten Hauptes murmelte ... Sie hörte sehr wohl, daß ihr Bruder und
+ihre Schwägerin das Frühstückszimmer betraten, in dessen Mitte sie
+unwillkürlich stehen blieben, um das Ende der Andacht zu erwarten; aber
+sie beeilte sich deswegen nicht sonderlich, ließ zum Schlusse ihr
+trockenes Räuspern ertönen, nahm mit langsamer Feierlichkeit ihr Kleid
+zusammen, erhob sich und ging ihren Verwandten ohne eine Spur von
+Verwirrung in vollkommen würdiger Haltung entgegen.
+
+»Thomas«, sagte sie nicht ohne Härte, »was die Severin betrifft, so
+scheint es mir, daß die selige Mutter eine Natter an ihrem Busen genährt
+hat.«
+
+»Wieso?«
+
+»Ich bin voll Ärger über sie. Man könnte die Fassung verlieren und sich
+vergessen ... Hat dies Weib ein Recht, einem den Schmerz dieser Tage in
+so ordinärer Weise zu vergällen?«
+
+»Aber was ist es denn?«
+
+»Erstens einmal ist sie von einer empörenden Habsucht. Sie geht an den
+Schrank, nimmt Mutters seidene Kleider heraus, packt sie über den Arm
+und will sich zurückziehen. `Riekchen´, sage ich, `wohin damit?´ -- `Das
+hat Frau Konsul mir versprochen!´ -- `Liebe Severin!´ sage ich und gebe
+ihr in aller Zurückhaltung das Voreilige ihrer Handlungsweise zu
+bedenken. Meinst du, daß es etwas nützt? Sie nimmt nicht nur die
+seidenen Kleider, sie nimmt auch noch ein Paket Wäsche und geht. Ich
+kann mich doch nicht mit ihr prügeln, nicht wahr?... Und nicht sie
+allein ... auch die Mädchen ... Waschkörbe voll Kleider und Leinenzeug
+werden aus dem Hause geschafft ... Das Personal teilt sich unter meinen
+Augen in die Sachen, denn die Severin hat die Schlüssel zu den
+Schränken. `Fräulein Severin!´ sage ich, `ich wünsche die Schlüssel.´
+Was antwortet sie mir? Sie erklärt mir mit deutlichen und gewöhnlichen
+Worten, ich hätte ihr nichts zu sagen, sie stände nicht bei mir in
+Dienst, ich hätte sie nicht engagiert, sie werde die Schlüssel behalten,
+bis sie gehe!«
+
+»Hast du die Schlüssel zum Silberzeug? -- Gut. Laß dem übrigen seinen
+Lauf. Dergleichen ist unvermeidlich, wenn ein Haushalt aufgelöst wird,
+in dem zuletzt sowieso schon ein bißchen lax regiert wurde. Ich will
+jetzt keinen Lärm machen. Das Weißzeug ist alt und defekt ... Übrigens
+werden wir ja sehen, was noch da ist. Hast du die Verzeichnisse? Auf dem
+Tische? Gut. Wir werden ja gleich sehen.«
+
+Und sie traten in das Schlafzimmer, um ein Weilchen still nebeneinander
+an dem Bette stehenzubleiben, nachdem Frau Antonie das weiße Tuch vom
+Gesicht der Toten genommen hatte. Die Konsulin war schon in dem seidenen
+Gewand, in welchem sie heute nachmittag im Saale droben aufgebahrt
+werden sollte; es war achtundzwanzig Stunden nach ihrem letzten
+Atemzuge. Mund und Wangen waren, da die künstlichen Zähne fehlten,
+greisenhaft eingefallen, und das Kinn schob sich schroff und eckig
+aufwärts. Alle drei bemühten sich schmerzlich, während sie auf diese
+unerbittlich tief und fest geschlossenen Augenlider blickten, in diesem
+Antlitz das ihrer Mutter wiederzuerkennen. Aber unter der Haube, die die
+alte Dame Sonntags getragen, saß wie im Leben das rötlichbraune,
+glattgescheitelte Toupet, über das die Damen Buddenbrook aus der Breiten
+Straße sich sooft lustig gemacht hatten ... Blumen lagen verstreut auf
+der Steppdecke.
+
+»Es sind schon die prachtvollsten Kränze gekommen«, sagte Frau
+Permaneder leise. »Von allen Familien ... ach, einfach von aller Welt!
+Ich habe alles auf den Korridor hinaufschaffen lassen; ihr müßt es euch
+später ansehen, Gerda und Tom. Es ist traurigschön. Atlasschleifen von
+dieser Größe ...«
+
+»Wie weit ist es mit dem Saal?« fragte der Senator.
+
+»Bald fertig, Tom. Fast bereit. Tapezierer Jacobs hat sich alle Mühe
+gegeben. Auch der ...«, und sie schluckte einen Augenblick ... »auch der
+Sarg ist vorhin gekommen. Aber ihr müßt nun ablegen, ihr Lieben«, fuhr
+sie fort und zog behutsam das weiße Tuch an seinen Platz zurück. »Hier
+ist es kalt, aber im Frühstückszimmer ist ein bißchen geheizt ... Laß
+dir helfen, Gerda; mit einem so prachtvollen Umhang muß man vorsichtig
+umgehen ... Darf ich dir einen Kuß geben? Du weißt, ich liebe dich, wenn
+du mich auch immer verabscheut hast ... Nein, ich verderbe dir nicht die
+Frisur, wenn ich dir den Hut abnehme ... Dein schönes Haar! Solches Haar
+hat Mutter auch in ihrer Jugend gehabt. Sie war ja niemals so herrlich
+wie du, aber es hat doch eine Zeit gegeben, und ich war schon auf der
+Welt, wo sie eine wirklich schöne Erscheinung gewesen ist. Und nun ...
+Ist es nicht wahr, was euer Grobleben immer sagt: Wir müssen alle zu
+Moder werden --? Ein so einfacher Mann er ist ... Ja, Tom, das sind die
+hauptsächlichsten Verzeichnisse.«
+
+Sie waren ins Nebenzimmer zurückgekehrt und setzten sich an den runden
+Tisch, während der Senator die Papiere zur Hand nahm, auf welchen die
+Gegenstände verzeichnet standen, die unter die nächsten Erben verteilt
+werden sollten ... Frau Permaneder ließ das Gesicht ihres Bruders nicht
+aus den Augen, sie beobachtete es mit erregtem und gespanntem Ausdruck.
+Es gab etwas, eine schwere unabwendbare Frage, auf die ihr ganzes
+Denken ängstlich gerichtet war, und die in der nächsten Stunde zur
+Sprache kommen mußte ...
+
+»Ich denke«, fing der Senator an, »wir halten den üblichen Grundsatz
+fest, daß Geschenke zurückgehen, so daß also ...«
+
+Seine Frau unterbrach ihn.
+
+»Verzeih, Thomas, mir scheint ... Christian ... wo ist er denn?«
+
+»Ja, mein Gott, Christian!« rief Frau Permaneder. »Wir vergessen ihn
+ja!«
+
+»Richtig«, sagte der Senator und ließ die Papiere sinken. »Wird er denn
+nicht gerufen?«
+
+Und Frau Permaneder ging zum Glockenzug. Aber in demselben Augenblick
+öffnete schon Christian selbst die Tür und trat ein. Er kam ziemlich
+rasch ins Zimmer, schloß die Tür nicht ganz geräuschlos und blieb mit
+zusammengezogenen Brauen stehen, indem er seine kleinen, runden,
+tiefliegenden Augen ohne jemanden anzublicken von einer Seite zur
+anderen wandern ließ und seinen Mund unter dem buschigen, rötlichen
+Schnurrbart in unruhiger Bewegung öffnete und schloß ... Er schien sich
+in einer Art trotziger und gereizter Stimmung zu befinden.
+
+»Ich höre, daß ihr da seid«, sagte er kurz. »Wenn über die Sachen
+gesprochen werden soll, so muß ich doch benachrichtigt werden.«
+
+»Wir waren im Begriffe«, antwortete der Senator gleichgültig. »Nimm nur
+Platz.«
+
+Dabei aber blieben seine Augen auf den weißen Knöpfen haften, mit denen
+Christians Hemd geschlossen war. Er selbst war in tadelloser
+Trauerkleidung, und auf seinem Hemdeinsatz, welcher, am Kragen von der
+breiten, schwarzen Schleife abgeschlossen, blendend weiß aus der
+Umrahmung des schwarzen Tuchrockes hervortrat, saßen statt der goldenen,
+die er zu tragen pflegte, schwarze Knöpfe. Christian bemerkte den Blick,
+denn während er einen Stuhl herbeizog und sich setzte, berührte er mit
+der Hand seine Brust und sagte: »Ich weiß, daß ich weiße Knöpfe trage.
+Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir schwarze zu kaufen, oder vielmehr,
+ich habe es unterlassen. Ich habe mir in den letzten Jahren oft fünf
+Schillinge für Zahnpulver leihen und mit einem Streichholz zu Bette
+gehen müssen ... ich weiß nicht, ob ich so ausschließlich schuld daran
+bin. Übrigens sind schwarze Knöpfe in der Welt ja nicht die Hauptsache.
+Ich liebe die Äußerlichkeiten nicht. Ich habe nie Wert darauf gelegt.«
+
+Gerda betrachtete ihn, während er sprach, und lachte nun leise. Der
+Senator bemerkte: »Die letzte Behauptung kannst du wohl auf die Dauer
+nicht vertreten, mein Lieber.«
+
+»So? Vielleicht weißt du es besser, Thomas. Ich sage nur dies, daß ich
+auf solche Sachen kein Gewicht lege. Ich habe zuviel von der Welt
+gesehen, habe unter zu verschiedenen Menschen mit zu verschiedenen
+Sitten gelebt, als daß ich ... Übrigens bin ich ein erwachsener Mensch«,
+sagte er plötzlich laut, »ich bin dreiundvierzig Jahre alt, ich bin mein
+eigener Herr und darf jedem verwehren, sich in meine Angelegenheiten zu
+mischen.«
+
+»Mir scheint, du hast etwas auf dem Herzen, mein Freund«, sagte der
+Senator erstaunt. »Was die Knöpfe betrifft, so habe ich ja, wenn mich
+nicht alles täuscht, noch kein Wort darüber verloren. Regle deine
+Trauertoilette ganz nach Geschmack; nur glaube nicht, daß du mit deiner
+billigen Vorurteilslosigkeit Eindruck auf mich machst ...«
+
+»Ich will gar keinen Eindruck auf dich machen ...«
+
+»Tom ... Christian ...«, sagte Frau Permaneder. »Wir wollen doch keinen
+gereizten Ton anschlagen ... heute ... und hier, wo nebenan ... Fahr'
+fort, Thomas. Geschenke gehen also zurück? Das ist nicht mehr als
+billig.«
+
+Und Thomas fuhr fort. Er fing mit den größeren Gegenständen an und
+schrieb sich diejenigen zu, die er für sein Haus gebrauchen konnte: die
+Kandelaber des Eßsaales, die große geschnitzte Truhe, die auf der Diele
+stand. Frau Permaneder war mit außerordentlichem Eifer bei der Sache und
+hatte, sobald der künftige Besitzer irgendeines Dinges nur ein wenig
+zweifelhaft war, eine unvergleichliche Art zu sagen: »Nun, ich bin
+bereit, es zu übernehmen« ... mit einer Miene, als verpflichte sie sich
+mit ihrer Opferwilligkeit die ganze Welt zu Danke. Sie erhielt für sich,
+ihre Tochter und ihre Enkelin weitaus den größten Teil des
+Ameublements.
+
+Christian hatte einige Möbelstücke, eine Empire-Stutzuhr und sogar das
+Harmonium bekommen, und er zeigte sich zufrieden damit. Als aber die
+Verteilung sich dem Silber- und Weißzeug, sowie dem verschiedenen
+Speiseservice zuwandte, begann er zu dem Erstaunen aller einen Eifer
+merken zu lassen, der sich fast wie Habsucht ausnahm.
+
+»Und ich? Und ich?« fragte er ... »Ich bitte doch, mich nicht ganz und
+gar zu vergessen ...«
+
+»Wer vergißt dich denn? Ich habe dir ja ... sieh doch her, ich habe dir
+ja schon ein ganzes Teeservice mit silbernem Tablett zugeschrieben. Für
+das Sonntagsservice mit der Vergoldung haben doch wohl nur wir
+Verwendung, und ...«
+
+»Das alltägliche mit Zwiebelmuster bin ich bereit zu übernehmen«, sagte
+Frau Permaneder.
+
+»Und ich?!« rief Christian mit jener Entrüstung, die ihn zuweilen
+befallen konnte, seine Wangen noch hagerer erscheinen ließ und ihm so
+seltsam zu Gesichte stand ... »Ich möchte doch an dem Eßgeschirr
+beteiligt werden! Wie viele Löffeln und Gabeln bekomme ich denn? Ich
+sehe, ich bekomme beinahe nichts!...«
+
+»Aber Bester, was willst du denn mit den Sachen anfangen! Du wirst ja
+gar keine Verwendung dafür haben! Ich begreife nicht ... Es ist doch
+besser, solche Dinge bleiben im Familiengebrauch ...«
+
+»Und wenn es auch nur als Andenken an Mutter wäre«, sagte Christian
+trotzig.
+
+»Lieber Freund«, erwiderte der Senator ziemlich ungeduldig ... »ich bin
+nicht aufgelegt, zu scherzen ... aber deinen Worten nach zu urteilen,
+scheint es, als wolltest du dir als Andenken an Mutter eine
+Suppenterrine auf die Kommode stellen? Ich bitte, doch nicht anzunehmen,
+daß wir dich übervorteilen wollen. Was du an Effekten weniger erhältst,
+wird dir natürlich demnächst in anderer Form ersetzt werden. Es ist mit
+dem Weißzeug ebenso ...«
+
+»Ich wünsche kein Geld, ich wünsche Wäsche und Eßgeschirr.«
+
+»Aber wozu denn, um alles in der Welt?«
+
+Jetzt aber gab Christian eine Antwort, die bewirkte, daß Gerda
+Buddenbrook sich ihm eilig zuwandte und ihn mit einem rätselhaften
+Ausdruck in ihren Augen musterte, der Senator sehr rasch das Pincenez
+von der Nase nahm und ihm starr ins Gesicht blickte, und Frau Permaneder
+sogar die Hände faltete. Er sagte nämlich: »Na, mit einem Worte, ich
+denke, mich über kurz oder lang zu verheiraten.«
+
+Er tat diesen Ausspruch ziemlich leise und schnell, mit einer kurzen
+Handbewegung, als würfe er seinem Bruder über den Tisch hin etwas zu,
+worauf er sich zurücklehnte und mit einer mürrischen, gleichsam
+beleidigten und merkwürdig zerstreuten Miene seine Augen haltlos
+umherschweifen ließ. Eine längere Pause trat ein. Endlich sagte der
+Senator: »Man muß gestehen, Christian, diese Pläne kommen etwas spät ...
+gesetzt natürlich, daß es reelle und ausführbare Pläne sind, nicht von
+der Art derer, die du aus Unüberlegtheit früher schon einmal der seligen
+Mutter vorgelegt hast ...«
+
+»Meine Absichten sind dieselben geblieben«, sagte Christian, immer ohne
+jemanden anzusehen und immer mit dem gleichen Gesichtsausdruck.
+
+»Das ist doch wohl unmöglich. Du hättest Mutters Tod abgewartet, um ...«
+
+»Ich habe diese Rücksicht genommen, ja. Du scheinst der Ansicht
+zuzuneigen, Thomas, daß du allein alles Takt- und Feingefühl der Welt in
+Pacht hast ...«
+
+»Ich weiß nicht, was dich zu dieser Redensart berechtigt. Übrigens muß
+ich den Umfang deiner Rücksichtnahme bewundern. Am Tage nach Mutters
+Tode machst du Miene, den Ungehorsam gegen sie zu proklamieren ...«
+
+»Weil das Gespräch darauf kam. Und dann ist die Hauptsache die, daß
+Mutter sich über meinen Schritt nicht mehr alterieren kann. Das kann sie
+heute so wenig wie in einem Jahre ... Herr Gott, Thomas, Mutter hatte
+doch nicht unbedingt recht, sondern nur von ihrem Standpunkt aus, auf
+den ich Rücksicht genommen habe, solange sie lebte. Sie war eine alte
+Frau, eine Frau aus einer anderen Zeit, mit einer anderen
+Anschauungsweise ...«
+
+»Nun, so bemerke ich dir, daß diese Anschauungsweise in dem Punkte, der
+hier in Frage kommt, durchaus auch die meine ist.«
+
+»Darum kann ich mich nicht kümmern.«
+
+»Du =wirst= dich darum kümmern, mein Freund.«
+
+Christian sah ihn an.
+
+»Nein --!« rief er. »Ich kann es nicht! Wenn ich dir sage, daß ich es
+nicht kann?!... Ich muß wissen, was ich zu tun habe. Ich bin ein
+erwachsener Mensch ...«
+
+»Ach, das mit dem `erwachsenen Menschen´ ist etwas sehr Äußerliches bei
+dir! Du weißt durchaus nicht, was du zu tun hast ...«
+
+»Doch!... Ich handle erstens als Ehrenmann ... Du bedenkst ja nicht, wie
+die Sache liegt, Thomas! Hier sitzen Tony und Gerda ... wir können nicht
+ausführlich darüber reden. Aber ich habe dir doch gesagt, daß ich
+Verpflichtungen habe! Das letzte Kind, die kleine Gisela ...«
+
+»Ich weiß von keiner kleinen Gisela und will von keiner wissen! Ich bin
+überzeugt, daß man dich belügt. Jedenfalls aber hast du einer Person
+gegenüber, wie der, die du im Sinne hast, keine andere Verpflichtung als
+die gesetzliche, die du wie bisher weitererfüllen magst ...«
+
+»Person, Thomas? Person? Du täuschst dich über sie! Aline ...«
+
+»Schweig!« rief Senator Buddenbrook mit Donnerstimme. Die beiden Brüder
+starrten einander jetzt über den Tisch hinweg ins Gesicht, Thomas blaß
+und zitternd vor Zorn, Christian, indem er seine kleinen, runden,
+tiefliegenden Augen, deren Lider sich plötzlich entzündet hatten,
+gewaltsam aufriß und auch seinen Mund in Entrüstung geöffnet hielt, so
+daß seine hageren Wangen ganz ausgehöhlt erschienen. Ein Stückchen unter
+den Augen zeigten sich ein paar rote Flecken ... Gerda blickte mit
+ziemlich spöttischer Miene von einem zum anderen, und Tony rang die
+Hände und sagte flehend: »Aber Tom ... Aber Christian ... Und Mutter
+liegt nebenan!«
+
+»Du bist so sehr jeden Schamgefühles bar«, fuhr der Senator fort, »daß
+du es über dich gewinnst ... nein, daß es dich gar keine Überwindung
+kostet, an dieser Stelle und unter diesen Umständen diesen Namen zu
+nennen! Dein Mangel an Takt ist abnorm, er ist krankhaft ...«
+
+»Ich begreife nicht, warum ich Alines Namen nicht nennen soll!«
+Christian war so außerordentlich erregt, daß Gerda ihn mit wachsender
+Aufmerksamkeit betrachtete. »Ich nenne ihn gerade, wie du hörst, Thomas,
+ich gedenke, sie zu heiraten -- denn ich sehne mich nach einem Heim,
+nach Ruhe und Frieden -- und ich verbitte mir, hörst du, das ist das
+Wort, das ich gebrauche, ich =verbitte= mir jede Einmischung von deiner
+Seite! Ich bin frei, ich bin mein eigener Herr ...«
+
+»Ein Narr bist du! Der Tag der Testamentseröffnung wird dich lehren, wie
+weit du dein eigener Herr bist! Es ist dafür gesorgt, verstehst du mich,
+daß du nicht Mutters Erbe verlotterst, wie du bereits dreißigtausend
+Kurantmark im voraus verlottert hast. Ich werde den Rest deines
+Vermögens verwalten, und du wirst nie mehr als ein Monatsgeld in die
+Hände bekommen, das schwöre ich dir ...«
+
+»Nun, du selbst wirst wohl am besten wissen, wer Mutter zu dieser
+Maßregel veranlaßt hat. Aber wundern muß ich mich doch, daß Mutter mit
+dem Amte nicht jemanden betraut hat, der mir nähersteht und mir
+brüderlicher zugetan ist als du ...« Christian war nun ganz und gar
+außer sich; er fing an, Dinge zu sagen, wie er sie noch niemals hatte
+laut werden lassen. Er hatte sich über den Tisch gebeugt, pochte
+unaufhörlich mit der Spitze des gekrümmten Zeigefingers auf die Platte
+und starrte mit gesträubtem Schnurrbart und geröteten Augen zu seinem
+Bruder empor, der seinerseits aufrecht, bleich und mit halb gesenkten
+Lidern auf ihn hinabblickte.
+
+»Dein Herz ist so voll von Kälte und Übelwollen und Mißachtung gegen
+mich«, fuhr Christian fort, und seine Stimme war zugleich hohl und
+krächzend ... »Solange ich denken kann, hast du eine solche Kälte auf
+mich ausströmen lassen, daß mich in deiner Gegenwart beständig gefroren
+hat ... ja, das mag ein sonderbarer Ausdruck sein, aber wenn ich es doch
+so empfinde?... Du weisest mich ab ... Du weisest mich ab, wenn du mich
+nur ansiehst, und auch das tust du beinahe nie. Und was gibt dir das
+Recht dazu? Du bist doch auch ein Mensch und hast deine Schwächen! Du
+bist unseren Eltern immer der bessere Sohn gewesen, aber wenn du ihnen
+wirklich so viel näherstehst als ich, so solltest du dir doch auch ein
+wenig von ihrer christlichen Denkungsart aneignen, und wenn dir schon
+alle geschwisterliche Liebe fremd ist, so sollte man doch eine Spur von
+christlicher Liebe von dir erwarten dürfen. Aber du bist so lieblos, daß
+du mich nicht einmal besucht ... nicht ein einziges Mal im Krankenhause
+besucht hast, als ich in Hamburg mit Gelenkrheumatismus daniederlag ...«
+
+»Ich habe Ernsteres zu bedenken als deine Krankheiten. Übrigens ist
+meine eigene Gesundheit ...«
+
+»Nein, Thomas, deine Gesundheit ist prächtig! Du säßest hier nicht als
+der, der du bist, wenn sie nicht im Verhältnis zu meiner ganz
+ausgezeichnet wäre ...«
+
+»Ich bin vielleicht kränker als du.«
+
+»Du wärest ... Nein, das ist stark! Tony! Gerda! Er sagt, er sei kränker
+als ich! Was! Hast =du= vielleicht in Hamburg mit Gelenkrheumatismus auf
+dem Tode gelegen?! Hast =du= nach jeder kleinsten Unregelmäßigkeit eine
+Qual in deinem Körper auszuhalten, die ganz unbeschreiblich ist?! Sind
+vielleicht an =deiner= linken Seite alle Nerven zu kurz?! Autoritäten
+haben mich versichert, daß es bei mir der Fall ist! Passieren =dir=
+vielleicht solche Dinge, daß, wenn du in der Dämmerung in dein Zimmer
+kommst, du auf deinem Sofa einen Mann sitzen siehst, der dir zunickt und
+dabei überhaupt gar nicht vorhanden ist?!...«
+
+»Christian!« stieß Frau Permaneder entsetzt hervor. »Was sprichst du!...
+Mein Gott, worüber streitet ihr euch eigentlich? Ihr tut, als sei es
+eine Ehre, der Kränkere zu sein! Wenn es =da=rauf ankäme, so hätten
+leider Gerda und ich auch noch ein Wörtchen mitzureden!... Und Mutter
+liegt nebenan ...!«
+
+»Und du begreifst nicht, Mensch«, rief Thomas Buddenbrook
+leidenschaftlich, »daß alle diese Widrigkeiten Folgen und Ausgeburten
+deiner Laster sind, deines Nichtstuns, deiner Selbstbeobachtung?!
+Arbeite! Höre auf, deine Zustände zu hegen und zu pflegen und darüber zu
+reden!... Wenn du verrückt wirst -- und ich sage dir ausdrücklich, daß
+das nicht unmöglich ist -- ich werde nicht imstande sein, eine Träne
+darüber zu vergießen, denn es wird deine Schuld sein, deine allein ...«
+
+»Nein, du wirst auch keine Träne vergießen, wenn ich sterbe.«
+
+»Du stirbst ja nicht«, sagte der Senator verächtlich.
+
+»Ich sterbe nicht? Gut, ich sterbe also nicht! Wir werden ja sehen, wer
+von uns beiden früher stirbt!... Arbeite! Wenn ich aber nicht kann? Wenn
+ich es nun aber auf die Dauer nicht kann, Herr Gott im Himmel?! Ich kann
+nicht lange Zeit dasselbe tun, ich werde elend davon! Wenn du es gekonnt
+hast und kannst, so freue dich doch, aber sitze nicht zu Gericht, denn
+ein Verdienst ist nicht dabei ... Gott gibt dem einen Kraft und dem
+anderen nicht ... Aber so bist du, Thomas«, fuhr er fort, indem er sich
+mit immer verzerrterem Gesicht über den Tisch beugte und immer heftiger
+auf die Platte pochte ... »Du bist selbstgerecht ... ach, warte nur, das
+ist es nicht, was ich sagen wollte und was ich gegen dich vorzubringen
+habe ... Aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, und das, was ich
+werde sagen können, ist nur der tausendste ... ach, es ist nur der
+millionste Teil von dem, was ich gegen dich auf dem Herzen habe! Du hast
+dir einen Platz im Leben erobert, eine geehrte Stellung, und da stehst
+du nun und weisest kalt und mit Bewußtsein alles zurück, was dich einen
+Augenblick beirren und dein Gleichgewicht stören könnte, denn das
+Gleichgewicht, das ist dir das Wichtigste. Aber es ist nicht das
+Wichtigste, Thomas, es ist vor Gott nicht die Hauptsache! Du bist ein
+Egoist, ja, das bist du! Ich liebe dich noch, wenn du schiltst und
+auftrittst und einen niederdonnerst. Aber am schlimmsten ist dein
+Schweigen, am schlimmsten ist es, wenn du auf etwas, was man gesagt hat,
+plötzlich verstummst und dich zurückziehst und jede Verantwortung
+ablehnst, vornehm und intakt, und den anderen hilflos seiner Beschämung
+überläßt ... Du bist so ohne Mitleid und Liebe und Demut ... Ach!« rief
+er plötzlich, indem er beide Hände hinter seinen Kopf bewegte und sie
+dann weit vorwärts stieß, als wehrte er die ganze Welt von sich ab ...
+»Wie satt ich das alles habe, dies Taktgefühl und Feingefühl und
+Gleichgewicht, diese Haltung und Würde ... wie sterbenssatt!...« Und
+dieser letzte Ruf war in einem solchen Grade echt, er kam so sehr von
+Herzen und brach mit einem solchen Nachdruck von Widerwillen und
+Überdruß hervor, daß er tatsächlich etwas Niederschmetterndes hatte, ja,
+daß Thomas ein wenig zusammensank und eine Weile wortlos und mit müder
+Miene vor sich niederblickte.
+
+»Ich bin geworden wie ich bin«, sagte er endlich, und seine Stimme klang
+bewegt, »weil ich nicht werden wollte wie du. Wenn ich dich innerlich
+gemieden habe, so geschah es, weil ich mich vor dir hüten muß, weil dein
+Sein und Wesen eine Gefahr für mich ist ... ich spreche die Wahrheit.«
+
+Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann in kürzerem und befestigtem
+Tone fort: Ȇbrigens haben wir uns weit von unserem Gegenstande
+entfernt. Du hast mir eine Rede über meinen Charakter gehalten ... eine
+etwas verworrene Rede, die vielleicht einen Kern von Wahrheit enthielt.
+Aber es handelt sich jetzt nicht um mich, sondern um dich. Du trägst
+dich mit Heiratsgedanken, und ich möchte dich möglichst gründlich davon
+überzeugen, daß die Ausführung in der Weise, wie du sie planst,
+unmöglich ist. Erstens werden die Zinsen, die ich dir werde auszahlen
+können, von keiner sehr ermutigenden Höhe sein ...«
+
+»Aline hat manches zurückgelegt.«
+
+Der Senator schluckte hinunter und bezwang sich.
+
+»Hm ... zurückgelegt. Du gedenkst also Mutters Erbe mit den Ersparnissen
+dieser Dame zu vermischen ...«
+
+»Ja. Ich sehne mich nach einem Heim und nach jemandem, der Mitleid mit
+mir hat, wenn ich krank bin. Übrigens passen wir ganz gut zusammen. Wir
+sind beide ein bißchen verfahren ...«
+
+»Du gedenkst ferner, die vorhandenen Kinder zu adoptieren,
+beziehungsweise zu ... legitimieren?«
+
+»Jawohl.«
+
+»So daß also dein Vermögen nach deinem Tode an jene Leute überginge?« --
+Als der Senator dies sagte, legte Frau Permaneder ihre Hand auf seinen
+Arm und flüsterte beschwörend: »Thomas!... Mutter liegt nebenan!...«
+
+»Ja«, antwortete Christian, »das gehört sich doch so.«
+
+»Nun, du wirst das alles =nicht= tun!« rief der Senator und sprang auf.
+Auch Christian erhob sich, trat hinter seinen Stuhl, erfaßte ihn mit
+einer Hand, drückte das Kinn auf die Brust und sah seinen Bruder halb
+scheu und halb entrüstet an.
+
+»Du wirst es nicht tun ...«, wiederholte Thomas Buddenbrook beinahe
+sinnlos vor Zorn, blaß, bebend und mit zuckenden Bewegungen. »Solange
+ich über der Erde bin, geschieht dies nicht ... ich schwöre es dir!...
+Hüte dich ... nimm dich in acht ...! Es ist genug Geld durch Unglück,
+Torheit und Niedertracht verloren gegangen, als daß du dich unterstehen
+dürftest, ein Viertel von Mutters Vermögen diesem Frauenzimmer und ihren
+Bastarden in den Schoß zu werfen!... Und das, nachdem schon ein anderes
+Viertel von Tiburtius erschlichen worden!... Du hast der Familie genug
+der Blamage zugefügt, Mensch, als daß es noch nötig wäre, uns mit einer
+Kurtisane zu verschwägern und ihren Kindern unseren Namen zu geben. Ich
+verbiete es dir, hörst du? ich verbiete es dir!« rief er mit einer
+Stimme, daß das Zimmer erdröhnte und Frau Permaneder sich weinend in
+einen Winkel des Sofas drückte. »Und wage es nicht, gegen dies Verbot zu
+handeln, das rate ich dir! Ich habe dich bis jetzt bloß verachtet, ich
+habe über dich hinweggesehen ... aber forderst du mich heraus, läßt du
+es zum Äußersten kommen, so werden wir sehen, wer den kürzeren zieht!
+Ich sage dir, hüte dich! Ich kenne keine Rücksicht mehr! Ich lasse dich
+für kindisch erklären, ich lasse dich einsperren, ich mache dich
+zunichte! Zunichte! Verstehst du mich?!...«
+
+»Und ich sage dir ...«, fing Christian an ... Und nun ging das Ganze in
+einen Wortstreit über, einen abgerissenen, nichtigen, beklagenswerten
+Wortstreit ohne ein eigentliches Thema, ohne einen anderen Zweck als
+den, zu beleidigen, einander mit Worten bis aufs Blut zu verwunden.
+Christian kam auf den Charakter seines Bruders zurück und suchte aus
+alter Vergangenheit einzelne Züge, peinliche Anekdoten hervor, die
+Thomas' Egoismus belegen sollten und die Christian nicht hatte vergessen
+können, sondern mit sich umhergetragen und mit Bitterkeit durchtränkt
+hatte. Und der Senator antwortete ihm in übertriebenen Worten der
+Verachtung und der Drohung, die er zehn Minuten später bereute. Gerda
+hatte das Haupt leicht in die Hand gestützt und beobachtete die beiden
+mit verschleierten Augen und einem nicht bestimmbaren Gesichtsausdruck.
+Frau Permaneder wiederholte beständig in Verzweiflung: »Und Mutter liegt
+nebenan ... Und Mutter liegt nebenan ...«
+
+Christian, der sich schon während der letzten Repliken im Zimmer hin und
+her bewegt hatte, räumte endlich den Kampfplatz.
+
+»Es ist gut! Wir werden ja sehen!« rief er, und mit verwildertem
+Schnurrbart und roten Augen, den Rock offen, das Taschentuch in der
+herabhängenden Hand, hitzig und exaltiert, ging er zur Tür und ließ sie
+hinter sich ins Schloß fallen.
+
+In der plötzlichen Stille stand der Senator noch einen Augenblick
+aufrecht und sah dorthin, wo sein Bruder verschwunden war. Dann setzte
+er sich schweigend, nahm mit kurzen Bewegungen die Papiere wieder zur
+Hand und erledigte mit trockenen Worten, was noch zu erledigen war,
+worauf er sich zurücklehnte, die Spitzen seines Bartes durch die Finger
+gleiten ließ und in Gedanken versank.
+
+Frau Permaneders Herz pochte so voller Angst! Die Frage, die große Frage
+war nun nicht länger hinauszuschieben; sie mußte zur Sprache kommen, er
+mußte sie beantworten ... aber ach, war er jetzt in der Stimmung, Pietät
+und Milde walten zu lassen?
+
+»Und ... Tom --«, fing sie an, indem sie zuerst in ihren Schoß blickte
+und dann einen zagen Versuch machte, in seiner Miene zu lesen ... »Die
+Möbel ... Du hast natürlich schon alles in Erwägung gezogen ... Die
+Sachen, die uns gehören, ich meine Erika, der Kleinen und mir ... sie
+bleiben hier ... mit uns ... kurz ... das Haus, wie ist es damit?«
+fragte sie und rang heimlich die Hände.
+
+Der Senator antwortete nicht sogleich, sondern fuhr eine Weile fort, den
+Schnurrbart zu drehen und mit trüber Nachdenklichkeit in sich
+hineinzublicken. Dann atmete er auf und richtete sich empor.
+
+»Das Haus?« sagte er ... »Es gehört natürlich uns allen, dir, Christian
+und mir ... und komischerweise auch dem Pastor Tiburtius, denn der
+Anteil gehört zu Klaras Erbe. Ich allein habe nichts darüber zu
+entscheiden, sondern bedarf eurer Zustimmung. Aber das Gegebene ist
+selbstverständlich, so bald als möglich zu verkaufen«, schloß er
+achselzuckend. Dennoch ging etwas dabei über sein Gesicht, als erschräke
+er über seine eigenen Worte.
+
+Frau Permaneders Kopf sank tief herab; ihre Hände hörten auf, einander
+zu pressen und erschlafften plötzlich in allen Gliedern.
+
+»Unserer Zustimmung!« wiederholte sie nach einer Pause, traurig und
+sogar mit einiger Bitterkeit. »Lieber Gott, du weißt gut, Tom, daß du
+tun wirst, was du für richtig hältst, und daß wir anderen dir unsere
+Zustimmung nicht lange versagen können!... Aber wenn wir ein Wort
+einlegen ... dich bitten dürfen«, fuhr sie beinahe tonlos fort, und ihre
+Oberlippe begann zu beben ... »Das Haus! Mutters Haus! Unser Elternhaus!
+In dem wir so glücklich gewesen sind! Wir sollen es verkaufen ...!«
+
+Der Senator zuckte wieder die Achseln.
+
+»Du wirst mir glauben, Kind, daß alles, was du mir vorhalten kannst,
+mich ohnehin so sehr bewegt wie dich ... Aber Gegengründe sind das
+nicht, sondern Sentiments. Was zu tun ist, steht fest. Da haben wir dies
+große Grundstück ... was sollen wir jetzt damit beginnen? Seit langen
+Jahren, schon seit Vaters Tode, verfällt das ganze Rückgebäude. Im
+Billardsaal lebt eine freie Katzenfamilie, und tritt man näher, so läuft
+man Gefahr, durch den Fußboden zu brechen ... Ja, hätte ich nicht mein
+Haus in der Fischergrube! Aber ich habe es, und wohin damit? Soll ich
+vielleicht lieber =das= verkaufen? Urteile doch selbst ... an wen? Ich
+würde ungefähr die Hälfte des Geldes verlieren, das ich hineingesteckt.
+Ach Tony, wir haben Grundstücke genug, wir haben viel zuviel davon! Die
+Speicher und zwei große Häuser! Der Wert der Grundstücke steht ja kaum
+noch in einem Verhältnis zu dem beweglichen Kapital! Nein, verkaufen,
+verkaufen!...«
+
+Aber Frau Permaneder hörte nicht. Niedergebeugt und in sich gekehrt saß
+sie da und blickte mit feuchten Augen ins Leere.
+
+»Unser Haus!« murmelte sie ... »Ich weiß noch, wie wir es einweihten ...
+Wir waren nicht größer als =so= damals. Die ganze Familie war da. Und
+Onkel Hoffstede trug ein Gedicht vor ... Es liegt in der Mappe ... Ich
+weiß es auswendig ... Venus Anadyomene ... Das Landschaftszimmer! Der
+Eßsaal! Fremde Leute ...!«
+
+»Ja, Tony, so werden damals die auch gedacht haben, die das Haus
+verlassen mußten, als Großvater es kaufte. Sie hatten ihr Geld verloren
+und mußten davonziehen und sind gestorben und verdorben. Alles hat seine
+Zeit. Freuen wir uns und danken wir Gott, daß es mit uns noch nicht so
+weit ist, wie es damals mit Ratenkamps war, und daß wir noch unter
+günstigeren Umständen von hier Abschied nehmen als sie ...«
+
+Schluchzen, ein langsames, schmerzliches Aufschluchzen unterbrach ihn.
+Frau Permaneders Hingebung an ihren Kummer war so groß, daß sie nicht
+einmal daran dachte, die Tränen zu trocknen, die über ihre Wangen
+rannen. Sie saß vornüber gebeugt und zusammengesunken, und ein warmer
+Tropfen fiel auf ihre matt im Schoße ruhenden Hände hinab, ohne daß sie
+dessen achtete.
+
+»Tom«, sagte sie und gewann ihrer Stimme, die die Tränen zu ersticken
+drohten, eine leise, rührende Festigkeit ab. »Du weißt nicht, wie mir
+zumute ist in dieser Stunde, du weißt es nicht. Es ist deiner Schwester
+nicht gut ergangen im Leben, es hat ihr übel mitgespielt. Alles ist auf
+mich herabgekommen, was sich nur ausdenken ließ ... ich weiß nicht,
+womit ich es verdient habe. Aber ich habe alles hingenommen, ohne zu
+verzagen, Tom, das mit Grünlich und das mit Permaneder und das mit
+Weinschenk. Denn immer, wenn Gott mein Leben wieder in Stücke gehen
+ließ, so war ich doch nicht ganz verloren. Ich wußte einen Ort, einen
+sicheren Hafen, sozusagen, wo ich zu Hause und geborgen war, wohin ich
+mich flüchten konnte, vor allem Ungemach des Lebens ... Auch jetzt noch,
+als doch alles zu Ende war, und als sie Weinschenk ins Gefängnis fuhren
+... `Mutter´, sagte ich, `dürfen wir zu dir ziehen?´ `Ja, Kinder, kommt´
+... Als wir klein waren und `Kriegen´ spielten, Tom, da gab es immer ein
+`Mal´, ein abgegrenztes Fleckchen, wohin man laufen konnte, wenn man in
+Not und Bedrängnis war, und wo man nicht abgeschlagen werden durfte,
+sondern in Frieden ausruhen konnte. Mutters Haus, dies Haus hier war
+mein `Mal´ im Leben, Tom ... Und nun ... und nun ... verkaufen ...«
+
+Sie lehnte sich zurück, verbarg ihr Gesicht im Schnupftuch und weinte
+bitterlich.
+
+Er zog eine ihrer Hände herunter und nahm sie in die seinen.
+
+»Ich weiß es ja, liebe Tony, ich weiß es ja alles! Aber wollen wir nun
+nicht ein wenig vernünftig sein? Die gute Mutter ist dahin ... wir rufen
+sie nicht zurück. Was nun? Es ist unsinnig geworden, dies Haus als totes
+Kapital zu behalten ... ich muß das wissen, nicht wahr. Sollen wir eine
+Mietskaserne daraus machen?... Der Gedanke ist dir schwer, daß fremde
+Leute hier wohnen sollen; aber da ist es doch besser, du siehst es
+nicht mit an, sondern nimmst dir und den Deinen ein kleines, hübsches
+Haus oder eine Etage irgendwo vorm Tore zum Beispiel ... Oder wäre es
+dir lieber, hier mit einer Anzahl von Mietsparteien zusammen zu
+hausen?... Und deine Familie hast du doch immer noch, Gerda und mich und
+Buddenbrooks in der Breiten Straße und Krögers und auch Mademoiselle
+Weichbrodt ... ohne von Klothilde zu reden, von der ich nicht weiß, ob
+ihr der Umgang mit uns genehm ist; seit sie Klosterdame geworden, ist
+sie ein wenig exklusiv ...«
+
+Sie stieß einen Seufzer aus, der halb ein Lachen war, wandte sich ab und
+drückte das Taschentuch fester gegen die Augen, schmollend wie ein Kind,
+das man mit einem Spaß seinem Leide abwendig zu machen sucht. Dann aber
+enthüllte sie mit Entschlossenheit ihr Gesicht und setzte sich zurecht,
+indem sie, wie immer, wenn es galt, Charakter und Würde zu zeigen, den
+Kopf zurücklegte und dennoch versuchte, das Kinn auf die Brust zu
+drücken.
+
+»Ja, Tom«, sagte sie, und ihre verweinten Augen zwinkerten mit ernstem
+und gefaßtem Ausdruck zum Fenster hinüber, »ich will auch verständig
+sein ... ich bin es schon. Du mußt verzeihen ... und du auch, Gerda ...
+daß ich geweint habe. Das kann einem ankommen ... es ist eine Schwäche.
+Aber es ist nur äußerlich, glaubt mir. Ihr wißt sehr wohl, daß ich im
+Grunde eine vom Leben gestählte Frau bin ... Ja, Tom, das mit dem toten
+Kapital leuchtet mir ein, so viel Verstand habe ich. Ich kann nur
+wiederholen, daß du tun mußt, was du für richtig hältst. Du mußt für uns
+denken und handeln, denn Gerda und ich sind Weiber, und Christian ...
+nun, Gott sei mit ihm!... Wir können dir nicht Widerpart halten, denn
+was wir vorbringen können, sind keine Gegengründe, sondern Sentiments,
+das liegt auf der Hand. An wen wirst du es wohl verkaufen, Tom? Meinst
+du, daß es bald vonstatten gehen wird?«
+
+»Ja, Kind, wenn ich das wüßte ... Immerhin ... ich habe schon heute
+morgen ein paar Worte mit Gosch, dem alten Makler Gosch, gewechselt; er
+schien nicht abgeneigt, die Sache in die Hand zu nehmen ...«
+
+»Das wäre gut, ja, das wäre sehr gut. Sigismund Gosch hat natürlich
+seine Schwächen ... Das mit seinen Übersetzungen aus dem Spanischen,
+wovon man erzählt -- ich kann nicht wissen, wie der Dichter heißt -- ist
+etwas sonderbar, das mußt du zugeben, Tom. Aber er war schon ein Freund
+vom Vater und ist ein grundehrlicher Mann. Und dann hat er Herz, dafür
+ist er bekannt. Er wird begreifen, daß es sich hier nicht um irgendeinen
+Kauf handelt, um irgendein beliebiges Haus ... Was denkst du, Tom, was
+wirst du verlangen? Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste,
+wie?...«
+
+»Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste, Tom!« sagte sie noch,
+die Tür in der Hand, als ihr Bruder und seine Frau schon die Treppe
+hinunterstiegen. Dann, allein geblieben, stand sie inmitten des Zimmers
+still, und die hinabhängenden Hände vor sich gefaltet, derart, daß die
+Flächen nach unten gewandt waren, blickte sie mit großen, ratlosen Augen
+rund um sich her. Ihr mit einem Häubchen aus schwarzen Spitzen
+geschmückter Kopf, den sie unaufhörlich leise schüttelte, sank, von
+Gedanken beschwert, langsam tiefer und tiefer auf eine Schulter hinab.
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Der kleine Johann war gehalten, sich von der sterblichen Hülle seiner
+Großmutter zu verabschieden; sein Vater ordnete dies an, und er ließ
+keinen Laut des Widerspruches vernehmen, obgleich er sich fürchtete. Am
+Tage nach dem schweren Todeskampfe der Konsulin hatte der Senator, bei
+Tische und, wie es schien, geflissentlich in Gegenwart seines Sohnes,
+gegen seine Gattin mit ein paar harten Worten das Betragen Onkel
+Christians verurteilt, der, als es der Kranken am schlimmsten ging,
+davongeschlichen und zu Bette gegangen war. »Das sind die Nerven,
+Thomas«, hatte Gerda geantwortet; aber mit einem Blick auf Hanno, der
+dem Kinde keineswegs entgangen war, hatte er ihr in fast strengem Tone
+zurückgegeben, daß hier kein Wort der Entschuldigung am Platze sei. Die
+selige Mutter habe so sehr gelitten, daß man sich hätte schämen müssen,
+allzu schmerzlos dabei zu sitzen, und sich nicht feige dem bißchen
+Leiden entziehen, das der Anblick ihrer Kämpfe in einem hervorgerufen
+hätte. Hieraus hatte Hanno geschlossen, daß er es nicht wagen dürfe,
+gegen den Besuch am offenen Sarge etwas einzuwenden.
+
+Wie beim weihnachtlichen Einzuge war ihm der große Raum entfremdet, als
+er ihn am Tage vorm Begräbnisse zwischen Vater und Mutter von der
+Säulenhalle aus betrat. Geradeaus, weiß leuchtend gegen das dunkle Grün
+großer Topfgewächse, die, mit hohen, silbernen Armleuchtern abwechselnd,
+einen Halbkreis bildeten, stand auf schwarzem Postamente die Kopie von
+Thorwaldsens Segnendem Christus, die draußen auf dem Korridor ihren
+Platz gehabt hatte. Überall an den Wänden bewegte sich im Luftzuge
+schwarzer Flor und verhüllte das Himmelblau der Tapete sowohl wie das
+Lächeln der weißen Götterstatuen, die zugeschaut hatten, wenn man in
+diesem Saale wohlgemut tafelte. Und umgeben von seinen ganz in Schwarz
+gekleideten Anverwandten, den breiten Trauerflor um den Ärmel seines
+Matrosenanzuges, den Sinn umnebelt von den Düften, welche den Mengen von
+Blumengebinden und Kränzen entströmten, und mit denen sich, ganz leise
+und nur bei diesem oder jenem Atemzug bemerkbar, ein anderer fremder und
+doch auf seltsame Art vertrauter Duft vermengte, stand der kleine Johann
+zur Seite der Bahre und blickte auf die regungslose Gestalt, die vor ihm
+zwischen weißem Atlas streng und feierlich ausgestreckt lag ...
+
+Dies war nicht Großmama. Es war ihre Gesellschaftshaube mit den
+weißseidenen Bändern und ihr rotbrauner Scheitel darunter. Aber diese
+spitze Nase, diese nach innen gezogenen Lippen, dieses hervorgeschobene
+Kinn, diese gelben, durchsichtigen, gefalteten Hände, denen man Kälte
+und Steifheit ansah, gehörten nicht ihr. Dies war eine fremde, wächserne
+Puppe, die in dieser Weise aufzubauen und zu feiern, etwas Grauenhaftes
+hatte. Und er blickte zum Landschaftszimmer hinüber, als müßte dort im
+nächsten Augenblick die wirkliche Großmama erscheinen ... Aber sie kam
+nicht. Sie war tot. Der Tod hatte sie für immer mit dieser wächsernen
+Figur vertauscht, die ihre Lider und Lippen so unerbittlich, so unnahbar
+fest geschlossen hielt ...
+
+Er stand, auf dem linken Beine ruhend, das rechte Knie so gebogen, daß
+der Fuß leicht auf der Spitze balancierte, und hielt mit einer Hand den
+Schifferknoten auf seiner Brust umfaßt, während die andere schlaff
+hinabhing. Sein Kopf mit dem lockig in die Schläfen fallenden
+hellbraunen Haar war zur Seite geneigt, und unter zusammengezogenen
+Brauen blickten seine goldbraunen, von bläulichen Schatten umlagerten
+Augen blinzelnd, mit einem abgestoßenen und grüblerischen Ausdruck in
+das Antlitz der Leiche. Er atmete langsam und zögernd, denn bei jedem
+Atemzuge erwartete er den Duft, jenen fremden und doch so seltsam
+vertrauten Duft, den die Wolken von Blumengerüchen nicht immer zu
+übertäuben vermochten. Und wenn er kam, wenn er ihn verspürte, so zogen
+sich seine Brauen fester zusammen, und seine Lippen gerieten einen
+Augenblick in zitternde Bewegung ... Schließlich seufzte er; aber es
+klang so sehr wie ein tränenloses Schluchzen, daß Frau Permaneder sich
+zu ihm niederbeugte, ihn küßte und ihn fortführte.
+
+Und nachdem der Senator und seine Frau, zusammen mit Frau Permaneder und
+Erika Weinschenk, während langer Stunden im Landschaftszimmer die
+Kondolationen der Stadt entgegengenommen hatten, ward Elisabeth
+Buddenbrook, geborene Kröger, zur Erde bestattet. Auswärtige Verwandte
+waren aus Frankfurt und Hamburg dazu eingetroffen und hatten zum letzten
+Male gastliche Aufnahme im Mengstraßenhause gefunden. Und die Menge der
+Leidtragenden füllte Saal und Landschaftszimmer, Säulenhalle und
+Korridor, als bei brennenden Kerzen, in aufrechter Majestät zu Häupten
+des Sarges, das rasierte Antlitz, dessen Ausdruck zwischen düsterem
+Fanatismus und milder Verklärung wechselte, über der breiten, gefalteten
+Halskrause gegen Himmel gewandt und die Hände dicht unterm Kinn
+gefaltet, Pastor Pringsheim von St. Marien die Trauerrede hielt.
+
+Er lobpries in schwellenden und verhallenden Lauten die Eigenschaften
+der Dahingeschiedenen, ihre Vornehmheit und Demut, ihre Heiterkeit und
+Frömmigkeit, ihre Wohltätigkeit und Milde. Er erwähnte des
+»Jerusalemsabends« und der »Sonntagsschule«, er ließ das ganze lange,
+reiche und glückselige Erdenleben der Verewigten noch einmal im Glanz
+seiner Dialektik erstrahlen ... und da das Wort »Ende« ein Beiwort haben
+muß, so sprach er zuletzt von ihrem sanften Ende.
+
+Frau Permaneder wußte wohl, was sie in dieser Stunde sich selbst und der
+ganzen Versammlung an Würde und repräsentativer Haltung schuldete. Sie
+hatte, zusammen mit ihrer Tochter Erika und ihrer Enkelin Elisabeth, die
+sichtbarsten Ehrenplätze dicht beim Pastor, neben dem Kopfende des mit
+Kränzen bedeckten Sarges, in Besitz genommen, während Thomas, Gerda,
+Christian, Klothilde und der kleine Johann, sowie der alte Konsul
+Kröger, der auf einem Stuhle saß, gleich den Verwandten zweiten Grades
+es sich gefallen ließen, der Feier an minder ausgezeichneten Plätzen
+beizuwohnen. Hochaufgerichtet, mit ein wenig emporgezogenen Schultern,
+das schwarzgeränderte Batisttuch zwischen den zusammengelegten Händen,
+stand sie da, und ihr Stolz über die erste Rolle, die ihr bei dieser
+Feierlichkeit zufiel, war so groß, daß er manchmal den Schmerz
+vollständig zurückdrängte und in Vergessenheit geraten ließ. Ihre Augen,
+die sie in dem Bewußtsein, den beobachtenden Blicken der ganzen Stadt
+ausgesetzt zu sein, meistens gesenkt hielt, konnten es sich hie und da
+nicht versagen, über die Menge hinzuschweifen, in der sie auch Julchen
+Möllendorpf, geborene Hagenström, und ihren Gatten gewahrte ... Ja, sie
+hatten alle kommen müssen, die Möllendorpfs, Kistenmakers, Langhals und
+Oeverdiecks! Bevor Tony Buddenbrook ihr Elternhaus räumte, hatten sie
+sich noch einmal hier zusammenscharen müssen, um ihr, trotz Grünlich,
+trotz Permaneder und trotz Hugo Weinschenk, ihre mittrauernde
+Ehrerbietung zu erweisen ...!
+
+Und Pastor Pringsheim bohrte mit seiner Trauerrede in der Wunde herum,
+die der Tod geschlagen hatte, er führte mit Berechnung einem jeden vor
+Augen, was er verloren, er verstand es, Tränen auch dort
+hervorzupressen, wo von selbst keine geflossen wären, und dafür waren
+die Gerührten ihm dankbar. Als er den »Jerusalemsabend« zur Sprache
+brachte, begannen alle alten Freundinnen der Verstorbenen zu schluchzen,
+mit Ausnahme von Madame Kethelsen, die nichts vernahm und mit der
+verschlossenen Miene der Tauben geradeaus blickte, und der Schwestern
+Gerhardt, der Nachkommen Paul Gerhardts, die Hand in Hand mit klaren
+Augen in einem Winkel standen; denn sie waren fröhlich über den Tod
+ihrer Freundin, und beneideten sie nur deshalb nicht, weil Neid und
+Mißgunst ihren Herzen fremd war.
+
+Was Mademoiselle Weichbrodt betraf, so putzte sie unaufhörlich ihre Nase
+mit einem kurzen und energischen Akzent. Aber die Damen Buddenbrook aus
+der Breiten Straße weinten nicht; dies war nicht ihre Gewohnheit. Ihre
+Mienen, weniger spitz immerhin als gewöhnlich, drückten eine milde
+Genugtuung über die unparteiische Gerechtigkeit des Todes aus ...
+
+Dann, als Pastor Pringsheims letztes Amen verklungen, kamen mit ihren
+schwarzen Dreispitzen, leise und dennoch so schnell, daß die schwarzen
+Mäntel hinter ihnen sich bauschten, die vier Träger herein und legten
+Hand an den Sarg. Es waren vier Lakaiengesichter, die jedermann kannte,
+Lohndiener, die bei jedem Diner in den ersten Kreisen die schweren
+Schüsseln reichten und auf den Korridoren Möllendorpfschen Rotwein aus
+den Karaffen tranken. Aber auch bei jedem Begräbnis erster und zweiter
+Klasse waren sie unentbehrlich, und ihre Gewandtheit bei dieser Arbeit
+war groß. Sie wußten wohl, daß dieser Augenblick, da der Sarg, aus der
+Mitte der Verbliebenen heraus, von Fremden ergriffen und für immer
+davongeschleppt wird, durch Takt und Behendigkeit überwunden werden muß.
+Mit zwei oder drei hurtigen, geräuschlosen und kräftigen Bewegungen
+hatten sie die Last von der Bahre auf ihre Schultern gehoben, und kaum,
+daß jemand Zeit hatte, sich das Schreckliche des Augenblicks klar zu
+machen, so schwankte der blumenbedeckte Schrein schon ohne Verzögerung
+und dennoch gemessenen Tempos davon und verschwand durch die
+Säulenhalle.
+
+Die Damen drängten sich behutsam zum Händedruck um Frau Permaneder und
+ihre Tochter, wobei sie mit niedergeschlagenen Augen nicht mehr und
+nicht weniger murmelten, als was bei dieser Gelegenheit gemurmelt werden
+mußte, während die Herren sich anschickten, zu den Wagen
+hinunterzusteigen ...
+
+Und es kam, in langem, schwarzem Zuge, die lange, langsame Fahrt durch
+die grauen und feuchten Straßen, durchs Burgtor hinaus, die
+entblätterte, im kalten Sprühregen schauernde Allee entlang bis zum
+Friedhof, woselbst man, während hinter einem halbkahlen Gesträuch ein
+Trauermarsch erklang, zu Fuß dem Sarge über die aufgeweichten Wege
+folgte, bis dorthin, wo am Rande des Gehölzes das Buddenbrooksche
+Erbbegräbnis seine von dem großen Sandsteinkreuz gekrönte gotische
+Namensplatte emporragen ließ ... Der steinerne Deckel des Grabes, mit
+dem plastisch gearbeiteten Familienwappen geziert, lag neben der
+schwarzen, von feuchtem Grün umrahmten Gruft.
+
+Der Platz war dort unten dem neuen Ankömmling bereitet. Unter der
+Aufsicht des Senators war dort in den letzten Tagen ein wenig geräumt
+und Überreste alter Buddenbrooks waren beiseite geschafft worden. Nun
+schwebte, während die Musik verklang, der Sarg an den Stricken der
+Träger über der ausgemauerten Tiefe; mit einem leisen Gepolter glitt er
+hinab, und Pastor Pringsheim, welcher Pulswärmer angezogen hatte, begann
+aufs neue zu sprechen. Seine geschulte Stimme klang klar, beweglich und
+fromm über das offene Grab und die gebeugten oder wehmütig zur Seite
+gelegten Köpfe der anwesenden Herren hin in die kühle und stille
+Herbstluft hinein. Schließlich beugte er sich über die Gruft, redete die
+Tote mit ihrem vollständigen Namen an und segnete sie mit dem Zeichen
+des Kreuzes. Als er verstummte und alle Herren mit ihren schwarz
+bekleideten Händen den Zylinder vor das Gesicht hielten, um still zu
+beten, kam ein wenig Sonne hervor. Es regnete nicht mehr, und in das
+Geräusch der Tropfen, die vereinzelt von Bäumen und Sträuchern fielen,
+klang hie und da ein kurzes, feines und fragendes Vogelzwitschern
+hinein.
+
+Und dann machte sich ein jeder daran, den Söhnen und dem Bruder der
+Toten noch einmal die Hand zu drücken.
+
+Thomas Buddenbrook, den dicken und dunklen Stoff seines Überziehers mit
+feinen, silbernen Regentropfen betaut, stand zwischen seinem Bruder
+Christian und seinem Onkel Justus bei diesem Defilee. Er begann in
+letzter Zeit ein wenig stark zu werden -- das einzige Anzeichen des
+Alterns an seinem sorgfältig gepflegten Äußeren. Seine Wangen, über die
+der spitz ausgezogene Schnurrbart hinausragte, rundeten sich; aber sie
+waren weißlich, bleich, ohne Blut und Leben. Seine leicht geröteten
+Augen blickten jedem Herrn, dessen Hand er während eines Augenblicks in
+der seinen hielt, mit einer matten Höflichkeit ins Gesicht.
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Acht Tage später saß in Senator Buddenbrooks Privatkontor, auf dem
+Ledersessel zur Seite des Schreibtisches, ein kleiner, glattrasierter
+Greis mit tief in Stirn und Schläfen gestrichenem, schlohweißem Haar. In
+gebückter Haltung stützte er sich mit beiden Händen auf die weiße Krücke
+seines Stockes, ließ das spitz hervorspringende Kinn auf den Händen
+ruhen und hielt mit bösartig zusammengepreßten Lippen und abwärts
+gezogenen Mundwinkeln von unten herauf einen so abscheulichen und
+durchdringend tückischen Blick auf den Senator gerichtet, daß es
+unbegreiflich erschien, warum dieser die Gemeinschaft mit einem solchen
+Menschen nicht lieber mied. Aber Thomas Buddenbrook saß ohne merkliche
+Unruhe zurückgelehnt und sprach zu dieser hämischen und dämonischen
+Erscheinung wie zu einem harmlosen Bürger ... Zwischen dem Chef der
+Firma Johann Buddenbrook und dem Makler Sigismund Gosch ward über die
+Kaufsumme für das alte Haus in der Mengstraße beratschlagt.
+
+Das nahm eine lange Zeit in Anspruch, denn das Angebot von 28000 Talern
+Kurant, das Herr Gosch gemacht hatte, schien dem Senator zu niedrig,
+während der Makler sich zur Hölle verschwur, wenn dieser Summe auch nur
+einen Silbergroschen hinzuzufügen nicht eine Tat des Wahnwitzes wäre.
+Thomas Buddenbrook sprach von der zentralen Lage und dem ungewöhnlichen
+Umfange des Grundstückes, aber Herr Gosch hielt mit zischender,
+gepreßter und verbissener Stimme, verzerrten Lippen und grauenerregenden
+Gesten einen Vortrag über das erdrückende Risiko, das er übernähme, eine
+Explikation, die in ihrer lebensvollen Eindringlichkeit beinahe ein
+Gedicht zu nennen war ... Ha! Wann, an wen, für wieviel er dieses Haus
+wohl wieder würde absetzen können? Wie oft im Rollen der Jahrhunderte
+denn eine Nachfrage nach einem solchen Grundstück laut würde? Ob sein
+hochverehrter Freund und Gönner ihm etwa versprechen könne, daß morgen
+mit dem Zuge von Büchen ein Nabob aus Indien eintreffen werde, um sich
+im Buddenbrookschen Hause einzurichten? Er -- Sigismund Gosch -- werde
+damit sitzenbleiben ... damit sitzenbleiben werde er, und dann sei er
+ein geschlagener, ein endgültig vernichteter Mensch, der nicht mehr die
+Zeit haben werde, sich zu erheben, denn seine Uhr sei abgelaufen, sein
+Grab sei geschaufelt, geschaufelt sei es ... Und da diese Wendung ihn
+fesselte, so fügte er noch etwas von schlotternden Lemuren und dumpf auf
+den Sargdeckel fallenden Erdschollen hinzu.
+
+Dennoch gab der Senator sich nicht zufrieden. Er sprach über die
+vortreffliche Teilbarkeit des Grundstückes, betonte die Verantwortung,
+die er seinen Geschwistern gegenüber trage, und beharrte bei dem Preise
+von 30000 Talern Kurant, um dann aufs neue mit einem Gemisch von
+Nervosität und Wohlgefallen eine wohlpointierte Entgegnung des Herrn
+Gosch anzuhören. Das dauerte wohl zwei Stunden lang, in deren Verlaufe
+Herr Gosch Gelegenheit hatte, alle Register seiner Charakterkunst zu
+ziehen. Er spielte gleichsam ein doppeltes Spiel, er spielte einen
+heuchelnden Bösewicht. »Schlagen Sie ein, Herr Senator, mein
+jugendlicher Gönner ... 84000 Kurantmark ... es ist das Angebot eines
+alten, ehrlichen Mannes!« sagte er mit süßer Stimme, indem er den Kopf
+auf die Seite legte, sein von Grimassen verwüstetes Gesicht zu einem
+Lächeln der treuherzigen Einfalt verzog und seine Hand, eine große,
+weiße Hand, mit langen und zitternden Fingern, von sich streckte. Aber
+das war Lüge und Verräterei! Ein Kind hätte diese heuchlerische Maske
+durchschauen müssen, unter welcher die tiefinnere Schurkenhaftigkeit
+dieses Menschen gräßlich hervorgrinste ...
+
+Endlich erklärte Thomas Buddenbrook, daß er sich eine Bedenkzeit
+erbitten und jedenfalls mit seinen Geschwistern Rücksprache nehmen
+müsse, bevor er die 28000 Taler akzeptiere, was wohl kaum jemals
+geschehen könne. Er brachte vorderhand das Gespräch auf ein neutrales
+Gebiet, erkundigte sich nach den geschäftlichen Erfolgen des Herrn
+Gosch, nach seinem persönlichen Wohlergehen ...
+
+Herrn Gosch ging es schlecht; mit einer schönen und großen Armbewegung
+wies er die Annahme zurück, er könne zu den Glücklichen gehören. Das
+beschwerliche Greisenalter nahte heran, es war da, wie gesagt, seine
+Grube war geschaufelt. Er konnte abends kaum noch sein Glas Grog zum
+Munde führen, ohne die Hälfte zu verschütten, so machte der Teufel
+seinen Arm zittern. Da nützte kein Fluchen ... Der Wille triumphierte
+nicht mehr ... Immerhin! Er hatte ein Leben hinter sich, ein nicht ganz
+armes Leben. Mit wachen Augen hatte er in die Welt gesehen. Revolutionen
+und Kriege waren vorübergebraust, und ihre Wogen waren auch durch sein
+Herz gegangen ... sozusagen. Ha, verdammt, das waren andere Zeiten
+gewesen, als er während jener historischen Bürgerschaftssitzung an der
+Seite von des Senators Vater, neben Konsul Johann Buddenbrook dem
+Ansturm des wütenden Pöbels getrotzt hatte! Der schrecklichste der
+Schrecken ... Nein, sein Leben war nicht arm gewesen, auch innerlich
+nicht so ganz. Verdammt, er hatte Kräfte verspürt, und wie die Kraft, so
+das Ideal -- sagt Feuerbach. Und auch jetzt noch, auch jetzt ... seine
+Seele war nicht verarmt, sein Herz war jung geblieben, es hatte nie
+aufgehört, würde nie aufhören, grandioser Erlebnisse fähig zu sein,
+seine Ideale warm und treu zu umschließen ... Er würde sie mit ins Grab
+nehmen, gewiß! Aber waren Ideale dazu da, erreicht und verwirklicht zu
+werden? Keineswegs! Die Sterne, die begehrt man nicht, aber die Hoffnung
+... oh, die Hoffnung, nicht die Erfüllung, die Hoffnung war das beste im
+Leben. _L'espérance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins à nous
+mener à la fin de la vie par un chemin agréable._ Das hatte
+Larochefoucauld gesagt, und es war schön, nicht wahr?... Ja, sein
+hochverehrter Freund und Gönner brauchte dergleichen nicht zu wissen!
+Wen die Wogen des realen Lebens hoch auf ihre Schultern genommen hatten,
+daß das Glück seine Stirn umspielte, der brauchte solche Dinge nicht im
+Kopfe zu haben. Aber wer einsam tief unten im Dunkel träumte, der hatte
+dergleichen nötig!...
+
+»Sie sind glücklich«, sagte er plötzlich, indem er eine Hand auf des
+Senators Knie legte und mit schwimmendem Blick zu ihm emporsah. »... O
+doch! Versündigen Sie sich nicht, indem Sie das leugnen! Sie sind
+glücklich! Sie halten das Glück in den Armen! Sie sind ausgezogen und
+haben es sich mit starkem Arm erobert ... mit starker Hand!« verbesserte
+er sich, weil er die zu schnelle Wiederholung des Wortes »Arm« nicht
+ertragen konnte. Dann verstummte er, und ohne ein Wort von des Senators
+abwehrender und resignierter Antwort zu vernehmen, fuhr er fort, ihm mit
+einer dunklen Träumerei ins Gesicht zu blicken. Plötzlich richtete er
+sich auf.
+
+»Aber wir plaudern«, sagte er, »und doch sind wir in Geschäften
+zusammengekommen. Die Zeit ist kostbar -- verlieren wir sie nicht mit
+Bedenken! Hören Sie mich an ... Weil =Sie= es sind ... verstehen Sie
+mich? Weil ...« Es sah aus, als wollte Herr Gosch aufs neue in ein
+schönes Sinnen versinken, aber er raffte sich auf und rief mit einer
+weiten, schwungvollen und enthusiastischen Geste: »Neunundzwanzigtausend
+Taler ... Siebenundachtzigtausend Mark Kurant für das Haus Ihrer Mutter!
+Top?...«
+
+Und Senator Buddenbrook schlug ein.
+
+Frau Permaneder fand, wie zu erwarten stand, den Kaufpreis zum Lachen
+gering. Würde jemand, in Anbetracht der Erinnerungen, die sich für sie
+daran knüpften, eine Million für das Haus auf den Tisch gezählt haben,
+sie hätte dies als eine anständige Handlungsweise empfunden -- weiter
+nichts. Indessen gewöhnte sie sich rasch an die Zahl, die ihr Bruder ihr
+genannt hatte, besonders, da ihr Denken und Trachten von Zukunftsplänen
+in Anspruch genommen war.
+
+Sie freute sich von Herzen über die vielen guten Möbel, die ihr
+zugefallen waren, und obgleich fürs erste niemand daran dachte, sie aus
+ihrem Elternhause zu verjagen, betrieb sie das Auffinden und Mieten
+einer neuen Wohnung für sich und die Ihren mit vielem Eifer. Der
+Abschied würde schwer sein ... gewiß, der Gedanke daran trieb ihr die
+Tränen in die Augen. Aber andererseits hatte die Aussicht auf Neuerung
+und Veränderung doch ihren Reiz ... War es nicht fast wie eine neue,
+eine vierte Etablierung? Wieder besichtigte sie Wohnräume, wieder nahm
+sie Rücksprache mit dem Tapezierer Jacobs, wieder unterhandelte sie in
+den Läden über Portieren und Läuferstoffe ... Ihr Herz pochte,
+wahrhaftig, das Herz dieser alten, vom Leben gestählten Frau schlug
+höher!
+
+So vergingen Wochen, vier, fünf und sechs Wochen. Der erste Schnee kam,
+der Winter war da, die Öfen prasselten, und Buddenbrooks überlegten
+traurig, wie diesmal das Weihnachtsfest vergehen werde ... Da plötzlich
+geschah etwas, etwas Dramatisches, etwas über alle Maßen Überraschendes;
+der Lauf der Dinge nahm eine Wendung, die das allgemeinste Interesse
+verdiente und auch erhielt; ein Ereignis trat ein ... es =schlug= ein,
+es machte, daß Frau Permaneder inmitten ihrer Geschäfte stille stand und
+erstarrte!
+
+»Thomas«, sagte sie, »bin ich verrückt? Phantasiert vielleicht Gosch? Es
+kann nicht möglich sein! Es ist zu absurd, zu undenkbar, zu ...« Sie
+verstummte und hielt ihre Schläfen mit beiden Händen erfaßt. Aber der
+Senator zuckte die Achseln.
+
+»Liebes Kind, noch ist nichts entschieden; aber der Gedanke, die
+Möglichkeit ist aufgetaucht, und bei einiger ruhigen Überlegung wirst du
+finden, daß an der Sache gar nichts Undenkbares ist. Ein bißchen
+frappierend ist es, gewiß. Ich trat auch einen Schritt zurück, als Gosch
+es mir sagte. Aber undenkbar? Was steht denn im Wege?...«
+
+»Ich überlebe es nicht«, sagte sie, setzte sich in einen Stuhl und blieb
+regungslos.
+
+Was ging vor? -- Schon hatte sich ein Käufer für das Haus gefunden oder
+doch eine Person, die Interesse für den Fall an den Tag legte und
+bereits dem Wunsche Ausdruck gegeben hatte, das feilstehende Besitztum
+behufs weiterer Unterhandlungen einmal gründlich in Augenschein zu
+nehmen. Und diese Person war Herr Hermann Hagenström, Großhändler und
+Königlich Portugiesischer Konsul.
+
+Als das erste Gerücht Frau Permaneder erreicht hatte, war sie gelähmt
+gewesen, verblüfft, vor den Kopf geschlagen, ungläubig, unfähig, den
+Gedanken in seiner Tiefe zu erfassen. Nun aber, da die Frage mehr und
+mehr an Form und Gestalt gewann, da der Besuch Konsul Hagenströms in der
+Mengstraße ganz einfach schon vor der Türe stand, nun raffte sie sich
+zusammen, und es kam Leben in sie. Sie protestierte nicht, sie bäumte
+sich auf. Sie fand Worte, glühende und scharfschneidige Worte, und sie
+schwang sie wie Brandfackeln und Kriegsbeile.
+
+»Dies geschieht nicht, Thomas! So lange ich lebe, geschieht dies nicht!
+Wenn man seinen Hund verkauft, so sieht man danach, was für einen Herrn
+er bekommt. Und Mutters Haus! Unser Haus! Das Landschaftszimmer!...«
+
+»Aber ich frage dich ja, was denn eigentlich im Wege steht?«
+
+»Was im Wege steht? Grundgütiger Gott, was im Wege steht! Berge sollten
+ihm im Wege stehen, diesem dicken Menschen, Thomas! Berge! Aber er sieht
+sie nicht! Er kümmert sich nicht darum! Er hat kein Gefühl dafür! Ist er
+denn ein Vieh?... Seit Urzeiten sind Hagenströms unsere Widersacher ...
+Der alte Hinrich hat Großvater und Vater schikaniert, und wenn Hermann
+dir noch nichts Ernstliches hat antun können, wenn er dir noch keinen
+Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, so geschah es, weil sich ihm
+noch keine Gelegenheit dazu bot ... Als wir Kinder waren, habe ich ihn
+auf offener Straße geohrfeigt, wozu ich meine Gründe hatte, und seine
+holdselige Schwester Julchen hat mich dafür beinahe zuschanden gekratzt.
+Das sind Kindereien ... gut! Aber sie haben voll Hohn und Freude
+zugesehen, wenn wir Unglück hatten, und meistens war ich diejenige, die
+ihnen dies Vergnügen verschaffte ... Gott hat es so gewollt ... Aber
+inwiefern der Konsul dir geschäftlich geschadet, und mit welcher
+Unverschämtheit er dich überflügelt hat, das mußt du selbst am besten
+wissen, Tom, darüber kann ich dich nicht belehren. Und als zu guter
+Letzt noch Erika eine gute Heirat machte, da hat es sie gewurmt, so
+lange, bis sie es fertig gebracht hatten, den Direktor aus der Welt zu
+schaffen und einzusperren, durch die Hand ihres Bruders, dieses Katers,
+dieses Satans von Staatsanwalt ... Und nun wollen sie sich erfrechen ...
+sie entblöden sich nicht ...«
+
+»Höre, Tony, erstens haben wir in der Sache ja ernstlich gar nicht mehr
+mitzureden, denn wir haben mit Gosch abgeschlossen, und es ist nun an
+ihm, das Geschäft zu machen mit wem er will. Ich gebe dir ja zu, daß
+eine gewisse Ironie des Schicksals darin läge ...«
+
+»Ironie des Schicksals? Ja, Tom, das ist nun =deine= Art, dich
+auszudrücken! Ich aber nenne es eine Schmach, einen Faustschlag mitten
+ins Gesicht, und das wäre es!... Bedenkst du denn nicht, was es
+bedeutet? So bedenke doch, was es bedeuten würde, Thomas! Es würde
+bedeuten: Buddenbrooks sind fertig, sie sind endgültig abgetan, sie
+ziehen ab, und Hagenströms rücken mit Kling und Klang an ihre Stelle ...
+Nie, Thomas, niemals wirke ich mit bei diesem Schauspiele! Niemals biete
+ich die Hand zu dieser Niederträchtigkeit! Mag er nur kommen, laß ihn
+nur sich unterstehen, hierher zu kommen, um das Haus zu besichtigen. Ich
+empfange ihn nicht, das glaube mir! Ich setze mich mit meiner Tochter
+und meiner Enkelin in ein Zimmer und drehe den Schlüssel um und verwehre
+ihm den Eintritt, das tue ich ...«
+
+»Du wirst das machen, wie du es für klug hältst, meine Liebe, und vorher
+überlegen, ob es nicht ratsam sein wird, den gesellschaftlichen Anstand
+aufmerksam zu wahren. Vermutlich glaubst du, daß Konsul Hagenström sich
+durch dein Benehmen tief getroffen fühlen würde? Nein, weit gefehlt,
+mein Kind. Er würde sich weder erfreuen noch erbosen darüber, sondern er
+würde erstaunt sein, kühl und gleichgültig erstaunt ... Die Sache ist
+die, daß du bei ihm dieselben Gefühle gegen dich und uns voraussetzest,
+die du gegen ihn hegst. Irrtum, Tony! Er haßt dich ja gar nicht. Warum
+sollte er dich hassen? Er haßt keinen Menschen. Er sitzt in Erfolg und
+Glück und ist voll Heiterkeit und Wohlwollen, glaube mir das eine. Ich
+habe dir schon mehr als zehnmal versichert, daß er dich auf der Straße
+in der liebenswürdigsten Weise grüßen würde, wenn du dich überwinden
+könntest, einmal nicht gar zu kriegerisch und hochmütig in die Luft zu
+blicken. Er wundert sich darüber, zwei Minuten lang empfindet er ein
+ruhevolles und etwas mokantes Erstaunen, unfähig, einen Mann, dem
+niemand etwas anhaben kann, aus dem Gleichgewicht zu bringen ... Was
+wirfst du ihm vor? Wenn er mich geschäftlich weit überflügelt hat und
+mir hie und da mit Erfolg in öffentlichen Angelegenheiten entgegentritt
+-- schön und gut, so muß er denn wohl ein tüchtigerer Kaufmann und ein
+besserer Politiker sein als ich ... Durchaus kein Grund, so sonderbar
+wütend zu lachen, wie du da tust! Um aber auf das Haus zurückzukommen,
+so hat ja das alte längst kaum noch eine tatsächliche Bedeutung für die
+Familie, sondern die ist allmählich ganz auf das meine übergegangen ...
+ich sage das, um dich für jeden Fall zu trösten. Andererseits ist es ja
+klar, wodurch Konsul Hagenström auf Kaufgedanken gebracht worden ist.
+Die Leute sind emporgekommen, ihre Familie wächst, sie sind mit
+Möllendorpfs verschwägert und an Geld und Ansehen den Ersten gleich.
+Aber es fehlt ihnen etwas, etwas Äußerliches, worauf sie bislang mit
+Überlegenheit und Vorurteilslosigkeit verzichtet haben ... Die
+historische Weihe, sozusagen das Legitime ... Sie scheinen jetzt Appetit
+danach bekommen zu haben, und sie verschaffen sich etwas davon, indem
+sie ein Haus beziehen wie dieses hier ... Paß auf, der Konsul wird hier
+alles möglichst konservieren, er wird nichts umbauen, er wird auch das
+`_Dominus providebit_´ über der Haustür stehen lassen, obgleich man
+billig sein und ihm zugestehen muß, daß nicht der Herr, sondern er ganz
+allein der Firma Strunck & Hagenström zu einem so erfreulichen
+Aufschwung verholfen hat ...«
+
+»Bravo, Tom! Ach, wie das wohltut, einmal von dir eine Bosheit über ihn
+zu hören! Das ist ja eigentlich alles, was ich will! Mein Gott, hätte
+ich deinen Kopf, wie wollte ich ihm zusetzen! Aber da stehst du nun ...«
+
+»Du siehst ja, daß mein Kopf mir tatsächlich wenig nützt.«
+
+»Aber da stehst du nun, sage ich, und sprichst über die Sache mit dieser
+unfaßlichen Gelassenheit und erklärst mir Hagenströms Handlungsweise ...
+Ach, rede wie du willst, du hast ein Herz im Leibe so gut wie ich, und
+ich glaube einfach nicht, daß es dich innerlich so ruhig läßt, wie du
+tust! Du antwortest mir auf meine Klagen ... vielleicht willst du dich
+selbst nur trösten ...«
+
+»Jetzt wirst du vorlaut, Tony. Wie ich `tue´, das gilt -- bitte ich mir
+aus! Alles übrige geht niemanden etwas an.«
+
+»Sage nur das eine, Tom, ich flehe dich an: Wäre es nicht ein
+Fiebertraum?«
+
+»Vollkommen.«
+
+»Ein Alpdrücken?«
+
+»Warum nicht.«
+
+»Eine Katzenkomödie zum Heulen?«
+
+»Genug! Genug!« --
+
+-- Und Konsul Hagenström erschien in der Mengstraße, er erschien
+zusammen mit Herrn Gosch, der, seinen Jesuitenhut in der Hand, gebückt
+und verräterisch um sich blickend, an dem Folgmädchen vorbei, das die
+Karten überbracht hatte und die Glastür offen hielt, hinter dem Konsul
+ins Landschaftszimmer trat ...
+
+Hermann Hagenström, in einem fußlangen, dicken und schweren Pelze, der
+vorne offen stand und einen grüngelben, faserigen und durablen
+englischen Winteranzug sehen ließ, war eine großstädtische Figur, ein
+imposanter Börsentypus. Er war so außerordentlich fett, daß nicht nur
+sein Kinn, sondern sein ganzes Untergesicht doppelt war, was der
+kurzgehaltene, blonde Vollbart nicht verhüllte, ja, daß die geschorene
+Haut seiner Schädeldecke bei gewissen Bewegungen der Stirn und der
+Augenbrauen dicke Falten warf. Seine Nase lag platter als jemals auf der
+Oberlippe und atmete mühsam in den Schnurrbart hinein; dann und wann
+aber mußte der Mund ihr zu Hilfe kommen, indem er sich zu einem
+ergiebigen Atemzuge öffnete. Und das war noch immer mit einem gelinde
+schmatzenden Geräusch verbunden, hervorgerufen durch ein allmähliches
+Loslösen der Zunge vom Oberkiefer und vom Schlunde.
+
+Frau Permaneder verfärbte sich, als sie dieses altbekannte Geräusch
+vernahm. Eine Vision von Zitronensemmeln mit Trüffelwurst und von
+Straßburger Gänseleberpastete suchte sie heim dabei und hätte beinahe
+für einen Augenblick die steinerne Würde ihrer Haltung erschüttert ...
+Das Trauerhäubchen auf dem glattgescheitelten Haar, in einem
+vortrefflich sitzenden schwarzen Kleid, dessen Rock mit Volants bis oben
+hinauf besetzt war, saß sie mit gekreuzten Armen und etwas
+emporgezogenen Schultern auf dem Sofa und richtete noch beim Eintritt
+der beiden Herren eine gleichgültige und ruhevolle Bemerkung an ihren
+Bruder, den Senator, der es nicht hätte verantworten können, sie in
+dieser Stunde im Stiche zu lassen ... Sie blieb auch noch sitzen,
+während der Senator, der den Gästen bis zur Mitte des Zimmers
+entgegengeschritten war, eine herzliche Begrüßung mit dem Makler Gosch
+und eine korrekt höfliche mit dem Konsul tauschte, erhob sich dann auch
+ihrerseits, vollführte eine gemessene Verbeugung vor beiden zugleich und
+beteiligte sich dann ohne jedweden Übereifer mit Wort und Hand an den
+Aufforderungen ihres Bruders, gefälligst Platz zu nehmen. Übrigens hielt
+sie hierbei vor unberührter Gleichgültigkeit ihre Augen beinahe ganz
+geschlossen.
+
+Während man sich setzte und im Verlaufe der ersten darauf folgenden
+Minuten sprachen abwechselnd der Konsul und der Makler. Herr Gosch bat
+mit abstoßend falscher Demut, hinter der allen sichtbar die Tücke
+lauerte, gütigst die Störung zu entschuldigen, doch hege Herr Konsul
+Hagenström den Wunsch, einen Rundgang durch die Räumlichkeiten des
+Hauses zu tun, da er eventuell als Käufer darauf reflektiere ... Und
+dann wiederholte der Konsul mit einer Stimme, die Frau Permaneder
+wiederum an belegte Zitronensemmeln gemahnte, dasselbe noch einmal in
+anderen Worten. Ja, in der Tat, der Gedanke sei ihm gekommen, und er sei
+schnell zum Wunsche geworden, den er sich und den Seinen erfüllen zu
+können hoffe, gesetzt, daß nicht Herr Gosch ein gar zu gutes Geschäft
+dabei zu machen beabsichtige, ha, ha!... nun, er zweifle nicht, daß sich
+die Angelegenheit zur allseitigen Zufriedenheit werde ordnen lassen.
+
+Sein Gehaben war frei, sorglos, behaglich und weltmännisch, was seinen
+Eindruck auf Frau Permaneder nicht verfehlte, besonders da er aus
+Courtoisie sich mit seinen Worten fast immer an sie wandte. Er ließ sich
+sogar darauf ein, seinen Wunsch in beinahe entschuldigendem Ton
+ausführlich zu begründen. »Raum! Mehr Raum!« sagte er. »Mein Haus in der
+Sandstraße ... Sie glauben es nicht, gnädige Frau, und Sie, Herr Senator
+... es wird uns effektiv zu eng, wir können uns manchmal nicht mehr
+darin rühren. Ich rede nicht einmal von Gesellschaft ... bewahre. Es ist
+effektiv nur die Familie nötig, Huneus', Möllendorpfs, die Angehörigen
+meines Bruders Moritz ... und wir befinden uns effektiv wie die Heringe.
+Also warum -- nicht wahr?«
+
+Er sprach in dem Tone einer leichten Entrüstung, mit einem Ausdruck und
+mit Handbewegungen, welche besagten: Sie werden das einsehen ... ich
+brauche mir das nicht gefallen zu lassen ... ich wäre ja dumm ... da es
+doch, Gott sei Dank, am Nötigsten nicht fehlt, der Sache abzuhelfen ...
+
+»Nun habe ich warten wollen«, fuhr er fort, »ich habe warten wollen, bis
+Zerline und Bob ein Haus gebrauchen würden, um ihnen erst dann das meine
+abzutreten und mich nach etwas Größerem umzutun; aber ... Sie wissen«,
+unterbrach er sich, »daß meine Tochter Zerline und Bob, der Älteste
+meines Bruders, des Staatsanwaltes, seit langen Jahren verlobt sind ...
+Die Hochzeit soll nun nicht allzu lange mehr hinausgeschoben werden.
+Zwei Jahre höchstens noch ... Sie sind jung -- desto besser! Aber kurz
+und gut, warum soll ich auf sie warten und mir die günstige Gelegenheit
+entgehen lassen, die sich mir augenblicklich bietet? Es läge effektiv
+kein vernünftiger Sinn darin ...«
+
+Zustimmung herrschte im Zimmer, und die Unterhaltung blieb ein wenig bei
+dieser Familienangelegenheit, dieser bevorstehenden Verehelichung
+stehen; denn da vorteilhafte Heiraten zwischen Geschwisterkindern in der
+Stadt nichts Ungewöhnliches waren, so nahm niemand Anstoß daran. Man
+erkundigte sich nach den Plänen der jungen Herrschaften, Pläne, die
+sogar schon die Hochzeitsreise betrafen ... Sie gedachten an die Riviera
+zu gehen, nach Nizza usw. Sie hatten Lust dazu -- und warum also nicht,
+nicht wahr?... Auch der jüngeren Kinder wurde erwähnt, und der Konsul
+sprach mit Behagen und Wohlgefallen von ihnen, leichthin und mit
+Achselzucken. Er selbst besaß fünf Kinder und sein Bruder Moritz deren
+vier: Söhne und Töchter ... ja, danke sehr, sie waren alle wohlauf.
+Warum sollten sie übrigens nicht wohlauf sein -- nicht wahr? Kurzum, es
+ging ihnen gut. Und dann kam er wieder auf das Anwachsen der Familie und
+die Enge in seinem Hause zu sprechen ... »Ja, dies hier ist etwas
+anderes!« sagte er. »Das habe ich schon auf dem Wege hier herauf sehen
+können -- das Haus ist eine Perle, eine Perle ohne Frage, gesetzt, daß
+der Vergleich bei diesen Dimensionen haltbar ist, ha! ha!... Schon die
+Tapeten hier ... ich gestehe Ihnen, gnädige Frau, ich bewundere, während
+ich spreche, beständig die Tapeten. Ein scharmantes Zimmer effektiv!
+Wenn ich denke ... hier haben Sie bislang Ihr Leben verbringen
+dürfen ...«
+
+»Mit einigen Unterbrechungen -- ja«, sprach Frau Permaneder mit jener
+besonderen Kehlkopfstimme, die ihr manchmal zu Gebote stand.
+
+»Unterbrechungen -- ja«, wiederholte der Konsul mit zuvorkommendem
+Lächeln. Dann warf er einen Blick auf Senator Buddenbrook und Herrn
+Gosch, und da die beiden Herren im Gespräche begriffen waren, rückte er
+seinen Sessel näher zu Frau Permaneders Sofasitz heran und beugte sich
+zu ihr, so daß nun das schwere Pusten seiner Nase dicht unter der ihren
+ertönte. Zu höflich, sich abzuwenden und sich seinem Atem zu entziehen,
+saß sie steif und möglichst hoch aufgerichtet und blickte mit gesenkten
+Lidern auf ihn nieder. Aber er bemerkte durchaus nicht das Gezwungene
+und Unangenehme ihrer Lage.
+
+»Wie ist es, gnädige Frau«, sagte er ... »Mir scheint, wir haben früher
+schon einmal Geschäfte miteinander gemacht? Damals handelte es sich
+freilich nur ... um was noch gleich? Leckereien, Zuckerwerk, wie?... Und
+jetzt um ein ganzes Haus ...«
+
+»Ich erinnere mich nicht«, sagte Frau Permaneder und steifte ihren Hals
+noch mehr, denn sein Gesicht war ihr unanständig und unerträglich
+nahe ...
+
+»Sie erinnern sich nicht?«
+
+»Nein, ich weiß, ehrlich gesagt, nichts von Zuckerwerk. Mir schwebt
+etwas vor von Zitronensemmeln mit fetter Wurst belegt ... einem recht
+widerlichen Frühstücksbrot ... Ich weiß nicht, ob es mir oder Ihnen
+gehörte ... Wir waren Kinder damals ... Aber das mit dem Hause heute ist
+ja ganz und gar Sache des Herrn Gosch ...«
+
+Sie warf ihrem Bruder einen raschen, dankbaren Blick zu, denn er hatte
+ihre Not gesehen und kam ihr zu Hilfe, indem er sich die Frage erlaubte,
+ob es den Herren genehm sei, vorerst einmal den Gang durchs Haus zu
+unternehmen. Man war bereit dazu, man verabschiedete sich vorläufig von
+Frau Permaneder, denn man hoffte, später noch einmal das Vergnügen zu
+haben ... und dann führte der Senator die beiden Gäste durch den Eßsaal
+hinaus.
+
+Er führte sie treppauf, treppab und zeigte ihnen die Zimmer der zweiten
+Etage sowie diejenigen, die am Korridor des ersten Stockwerks gelegen
+waren, und die Parterreräumlichkeiten, ja selbst Küche und Keller. Was
+die Büros betraf, so nahm man Abstand davon, einzutreten, da der
+Rundgang in die Arbeitszeit der Versicherungsbeamtenschaft fiel. Ein
+paar Bemerkungen über den neuen Direktor wurden gewechselt, den Konsul
+Hagenström zweimal hintereinander für einen grundehrlichen Mann
+erklärte, worauf der Senator verstummte.
+
+Sie gingen dann durch den kahlen, in halbgeschmolzenem Schnee liegenden
+Garten, taten einen Blick in das »Portal« und kehrten auf den vorderen
+Hof zurück, dorthin, wo die Waschküche lag, um sich von hier aus den
+schmalen gepflasterten Gang zwischen den Mauern entlang über den
+hinteren Hof, wo der Eichbaum stand, nach dem Rückgebäude zu begeben.
+Hier gab es nichts als vernachlässigte Altersschwäche. Zwischen den
+Pflastersteinen des Hofes wucherte Gras und Moos, die Treppen des Hauses
+waren in vollem Verfall, und die freie Katzenfamilie im Billardsaale
+konnte man nur flüchtig beunruhigen, indem man die Tür öffnete, ohne
+einzutreten, denn der Fußboden war hier nicht sicher.
+
+Konsul Hagenström war schweigsam und ersichtlich mit Erwägungen und
+Plänen beschäftigt. »Nun ja --«, sagte er beständig, gleichgültig
+abwehrend, und deutete damit an, daß, sollte er hier Herr werden, dies
+alles natürlich nicht so bleiben könne. Mit der gleichen Miene stand er
+auch ein Weilchen auf dem harten Lehmboden zu ebener Erde und blickte zu
+den öden Speicherböden empor. »Nun ja --«, wiederholte er, setzte das
+dicke und schadhafte Windetau, das hier, mit seinem verrosteten
+Eisenhaken am Ende, während langer Jahre regungslos inmitten des Raumes
+gehangen hatte, ein wenig in Pendelbewegung und wandte sich dann auf dem
+Absatze um.
+
+»Ja, nehmen Sie besten Dank für Ihre Bemühungen, Herr Senator; wir sind
+wohl zu Ende«, sagte er, und dann blieb er beinahe stumm, auf dem rasch
+zurückgelegten Wege zum Vordergebäude sowie auch später, als die beiden
+Gäste sich im Landschaftszimmer, ohne noch einmal Platz zu nehmen, bei
+Frau Permaneder empfohlen hatten und Thomas Buddenbrook sie die Treppe
+hinunter und über die Diele geleitete. Kaum aber war die Verabschiedung
+erledigt, und kaum wandte sich Konsul Hagenström, auf die Straße
+hinaustretend, seinem Begleiter, dem Makler, zu, als zu bemerken war,
+daß ein überaus lebhaftes Gespräch zwischen den beiden begann ...
+
+Der Senator kehrte ins Landschaftszimmer zurück, woselbst Frau
+Permaneder, ohne sich anzulehnen und mit strenger Miene, an ihrem
+Fensterplatze saß, mit zwei großen Holznadeln an einem schwarzwollenen
+Röckchen für ihre Enkelin, die kleine Elisabeth, strickte und hie und da
+einen Blick seitwärts in den »Spion« warf. Thomas ging eine Weile, die
+Hände in den Hosentaschen, schweigend auf und nieder.
+
+»Ja, ich habe ihn nun dem Makler überlassen«, sagte er dann; »man muß
+abwarten, was daraus wird. Ich denke, er wird das Ganze kaufen, hier
+vorne wohnen und das hintere Terrain anderweitig verwerten ...«
+
+Sie sah ihn nicht an, sie veränderte auch nicht die aufrechte Haltung
+ihres Oberkörpers und hörte nicht auf, zu stricken; im Gegenteile, die
+Schnelligkeit, mit der die Nadeln sich in ihren Händen umeinander
+bewegten, nahm merklich zu.
+
+»O gewiß, er wird es kaufen, er wird das Ganze kaufen«, sagte sie, und
+es war die Kehlkopfstimme, deren sie sich bediente. »Warum sollte er es
+nicht kaufen, nicht wahr? Es läge effektiv kein vernünftiger Sinn
+darin.«
+
+Und mit emporgezogenen Brauen blickte sie durch das Pincenez, das sie
+jetzt bei Handarbeiten gebrauchen mußte, aber durchaus nicht richtig
+aufzusetzen verstand, steif und fest auf ihre Nadeln, die mit
+verwirrender Geschwindigkeit und leisem Geklapper umeinanderwirbelten.
+
+ * * * * *
+
+Weihnachten kam, das erste Weihnachtsfest ohne die Konsulin. Der Abend
+des vierundzwanzigsten Dezembers wurde im Hause des Senators begangen,
+ohne die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße und ohne die alten
+Krögers; denn wie es nun mit den regelmäßigen »Kindertagen« ein Ende
+hatte, so war Thomas Buddenbrook auch nicht geneigt, alle Teilnehmer an
+den Weihnachtsabenden der Konsulin nun seinerseits zu versammeln und zu
+beschenken. Nur Frau Permaneder mit Erika Weinschenk und der kleinen
+Elisabeth, Christian, Klothilde, die Klosterdame und Mademoiselle
+Weichbrodt waren gebeten, welch letztere ja nicht abließ, am
+fünfundzwanzigsten in ihren heißen Stübchen die übliche, mit
+Unglücksfällen verbundene Bescherung abzuhalten.
+
+Es fehlte der Chor der »Hausarmen«, die in der Mengstraße Schuhzeug und
+wollene Sachen in Empfang genommen hatten, und es gab keinen
+Knabengesang. Man stimmte im Salon ganz einfach das »Stille Nacht,
+heilige Nacht« an, worauf Therese Weichbrodt aufs exakteste das
+Weihnachtskapitel verlas, an Stelle der Senatorin, die das nicht
+sonderlich liebte; und dann ging man, indem man mit halber Stimme die
+erste Strophe des »O Tannebaum« sang, durch die Zimmerflucht in den
+großen Saal hinüber.
+
+Es lag kein besonderer Grund vor zu freudigen Veranstaltungen. Die
+Gesichter waren nicht eben glückstrahlend und die Unterhaltung nicht
+eben heiter bewegt. Worüber sollte man plaudern? Es gab nicht viel
+Erfreuliches in der Welt. Man gedachte der seligen Mutter, sprach über
+den Hausverkauf, über die helle Etage, die Frau Permaneder vorm
+Holstentore in einem freundlichen Hause angesichts der Anlagen des
+»Lindenplatzes« gemietet hatte, und über das, was geschehen werde, wenn
+Hugo Weinschenk wieder auf freiem Fuße wäre ... Inzwischen spielte der
+kleine Johann auf dem Flügel einiges, was er mit Herrn Pfühl geübt
+hatte, und begleitete seiner Mutter, etwas fehlerhaft, aber mit schönem
+Klange, eine Sonate von Mozart. Er wurde belobt und geküßt, mußte dann
+aber von Ida Jungmann zur Ruhe gebracht werden, da er heute abend, noch
+infolge einer kaum überstandenen Darmaffektion, sehr blaß und matt
+aussah.
+
+Selbst Christian, welcher, da er nach jenem Zusammenstoße im
+Frühstückszimmer von Heiratsgedanken nichts mehr hatte verlautbaren
+lassen, mit seinem Bruder in dem alten, für ihn nicht sehr ehrenvollen
+Verhältnis fortlebte, war gänzlich ungesprächig und zu keinem Spaße
+aufgelegt. Er machte mit wandernden Augen einen kurzen Versuch, bei den
+Anwesenden ein wenig Verständnis für die »Qual« in seiner linken Seite
+zu erwecken und ging früh in den Klub, um erst zum Abendessen
+zurückzukehren, das in der hergebrachten Weise zusammengesetzt war ...
+Dann hatten Buddenbrooks diesen Weihnachtsabend hinter sich, und sie
+waren beinahe froh darüber.
+
+Zu Beginn des Jahres 72 ward der Hausstand der verstorbenen Konsulin
+aufgelöst. Die Dienstmädchen zogen davon, und Frau Permaneder lobte
+Gott, als auch Mamsell Severin, die ihr bislang im Wirtschaftswesen aufs
+unerträglichste die Autorität streitig gemacht hatte, sich mit den
+übernommenen Seidenkleidern und Wäschestücken verabschiedete. Dann
+standen Möbelwagen in der Mengstraße, und die Räumung des alten Hauses
+begann. Die große geschnitzte Truhe, die vergoldeten Kandelaber und die
+übrigen Dinge, die dem Senator und seiner Gattin zugefallen waren,
+wurden nun in die Fischergrube geschafft, Christian bezog mit den Seinen
+eine Garçonwohnung von drei Zimmern in der Nähe des Klubs, und die
+kleine Familie Permaneder-Weinschenk hielt ihren Einzug in dem hellen
+und nicht ohne Anspruch auf Vornehmheit eingerichteten Stockwerk am
+Lindenplatze. Es war eine hübsche kleine Wohnung, und an der Etagentür
+stand auf einem blanken Kupferschilde in zierlicher Schrift zu lesen:
+=A. Permaneder-Buddenbrook, Witwe=.
+
+Kaum aber stand das Haus in der Mengstraße leer, als auch schon eine
+Schar von Arbeitern am Platze erschien, die das Rückgebäude abzubrechen
+begannen, daß der alte Mörtelstaub die Luft verfinsterte ... Das
+Grundstück war nun endgültig in den Besitz Konsul Hagenströms
+übergegangen. Er hatte es gekauft, er schien seinen Ehrgeiz darein
+gesetzt zu haben, es zu kaufen, denn ein Angebot, das Herrn Sigismund
+Gosch von Bremen aus zugegangen war, hatte er unverzüglich überboten,
+und er begann nun, sein Eigentum in der ingeniösen Art zu verwerten, die
+man seit langer Zeit an ihm bewunderte. Schon im Frühjahr bezog er mit
+seiner Familie das Vorderhaus, indem er dort nach Möglichkeit alles beim
+alten beließ, vorbehaltlich kleiner gelegentlicher Renovierungen und
+abgesehen von einigen sofortigen, der Neuzeit entsprechenden Änderungen;
+zum Beispiel wurden alle Glockenzüge abgeschafft und das Haus durchaus
+mit elektrischen Klingeln versehen ... Schon aber war das Rückgebäude
+vom Boden verschwunden, und an seiner Statt stieg ein neues empor, ein
+schmucker und luftiger Bau, dessen Front der Bäckergrube zugekehrt war
+und der für Magazine und Läden hohe und weite Räume bot.
+
+Frau Permaneder hatte ihrem Bruder Thomas gegenüber wiederholt eidlich
+beteuert, daß fortan keine Macht der Erde sie werde bewegen können, ihr
+Elternhaus auch nur mit einem Blicke wiederzusehen. Allein es war
+unmöglich, dies innezuhalten, und hie und da führte ihr Weg sie
+notwendig an den rasch aufs vorteilhafteste vermieteten Läden und
+Schaufenstern des Rückgebäudes oder der ehrwürdigen Giebelfassade
+andererseits vorüber, wo nun unter dem »_Dominus providebit_« der Name
+Konsul Hermann Hagenströms zu lesen war. Dann aber begann Frau
+Permaneder-Buddenbrook auf offener Straße und angesichts noch so vieler
+Menschen einfach laut zu weinen. Sie legte den Kopf zurück, ähnlich
+einem Vogel, der zu singen anhebt, drückte das Schnupftuch gegen die
+Augen und stieß wiederholt einen Wehelaut hervor, dessen Ausdruck aus
+Protest und Klage gemischt war, worauf sie, ohne sich um irgendeinen
+Vorübergehenden noch um die Mahnungen ihrer Tochter zu bekümmern, sich
+ihren Tränen überließ.
+
+Es war noch ganz ihr unbedenkliches, erquickendes Kinderweinen, das ihr
+in allen Stürmen und Schiffbrüchen des Lebens treugeblieben war.
+
+
+
+
+Zehnter Teil
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Oftmals, wenn die trüben Stunden kamen, fragte sich Thomas Buddenbrook,
+was er eigentlich noch sei, was ihn eigentlich noch berechtige, sich
+auch nur ein wenig höher einzuschätzen als irgendeiner seiner einfach
+veranlagten, biderben und kleinbürgerlich beschränkten Mitbürger. Die
+phantasievolle Schwungkraft, der muntere Idealismus seiner Jugend war
+dahin. Im Spiele zu arbeiten und mit der Arbeit zu spielen, mit einem
+halb ernst, halb spaßhaft gemeinten Ehrgeiz nach Zielen zu streben,
+denen man nur einen Gleichniswert zuerkennt -- zu solchen
+heiter-skeptischen Kompromissen und geistreichen Halbheiten gehört viel
+Frische, Humor und guter Mut; aber Thomas Buddenbrook fühlte sich
+unaussprechlich müde und verdrossen.
+
+Was für ihn zu erreichen gewesen war, hatte er erreicht, und er wußte
+wohl, daß er den Höhepunkt seines Lebens, wenn überhaupt, wie er bei
+sich hinzufügte, bei einem so mittelmäßigen und niedrigen Leben von
+einem Höhepunkte die Rede sein konnte, längst überschritten hatte.
+
+Was das rein Geschäftliche betraf, so galt im allgemeinen sein Vermögen
+für stark reduziert und die Firma für im Rückgange begriffen. Dennoch
+war er, sein mütterliches Erbe, den Anteil am Mengstraßenhause und den
+Grundbesitz eingerechnet, ein Mann von mehr als sechsmalhunderttausend
+Mark Kurant. Das Betriebskapital aber lag brach seit langen Jahren, mit
+dem pfennigweisen Geschäftemachen, dessen sich der Senator zur Zeit der
+Pöppenrader Ernteangelegenheit angeklagt hatte, war es seit dem Schlage,
+den er damals empfangen, nicht besser, sondern schlimmer geworden, und
+jetzt, in einer Zeit, da alles sich frisch und siegesfroh regte, da seit
+dem Eintritt der Stadt in den Zollverband kleine Krämergeschäfte
+imstande waren, sich binnen weniger Jahre zu angesehenen Großhandlungen
+zu entwickeln, jetzt ruhte die Firma Johann Buddenbrook, ohne
+irgendeinen Vorteil aus den Errungenschaften der Zeit zu ziehen, und
+über den Gang der Geschäfte befragt, antwortete der Chef mit matt
+abwehrender Handbewegung: »Ach, dabei ist nicht viel Freude ...« Ein
+lebhafterer Konkurrent, der ein naher Freund der Hagenströms war, tat
+die Äußerung, daß Thomas Buddenbrook an der Börse eigentlich nur noch
+dekorativ wirke, und dieser Scherz, der auf das sorgfältig gepflegte
+Äußere des Senators anspielte, wurde von den Bürgern als eine unerhörte
+Leistung gewandter Dialektik bewundert und belacht.
+
+War aber der Senator im Fortwirken für das alte Firmenschild, dem er
+ehemals mit soviel Enthusiasmus gedient hatte, durch erlittenes
+Mißgeschick und innere Mattigkeit gelähmt, so waren seinem Emporstreben
+im städtischen Gemeinwesen äußere Grenzen gezogen, die unüberschreitbar
+waren. Seit Jahren, schon seit seiner Berufung in den Senat, hatte er
+auch hier erlangt, was für ihn zu erlangen war. Es gab nur noch
+Stellungen innezuhalten und Ämter zu bekleiden, aber nichts mehr zu
+erobern; es gab nur noch Gegenwart und kleinliche Wirklichkeit, aber
+keine Zukunft und keine ehrgeizigen Pläne mehr. Zwar hatte er seine
+Macht in der Stadt umfänglicher zu gestalten gewußt, als ein anderer an
+seiner Stelle das vermocht hätte, und seinen Feinden wurde es schwer, zu
+leugnen, daß er »des Bürgermeisters rechte Hand« sei. Bürgermeister aber
+konnte Thomas Buddenbrook nicht werden, denn er war Kaufmann und nicht
+Gelehrter, er hatte kein Gymnasium absolviert, war nicht Jurist und
+überhaupt nicht akademisch ausgebildet. Er aber, der von jeher seine
+Mußestunden mit historischer und literarischer Lektüre ausgefüllt hatte,
+der sich seiner gesamten Umgebung an Geist, Verstand und innerer wie
+äußerer Bildung überlegen fühlte, er verwand nicht den Ärger darüber,
+daß das Fehlen der ordnungsmäßigen Qualifikationen es ihm unmöglich
+machte, in dem kleinen Reich, in das er hineingeboren, die erste Stelle
+einzunehmen. »Wie dumm sind wir gewesen«, sagte er zu seinem Freunde und
+Bewunderer Stephan Kistenmaker -- aber mit dem »wir« meinte er nur sich
+allein --, »daß wir so früh ins Kontor gelaufen sind und nicht lieber
+die Schule beendigt haben!« Und Stephan Kistenmaker antwortete: »Ja, da
+hast du wahrhaftig recht!... Warum übrigens?«
+
+Der Senator arbeitete jetzt meistens allein an dem großen
+Mahagonischreibtisch in seinem Privatbüro; erstens, weil dort niemand es
+sah, wenn er den Kopf in die Hand stützte und mit geschlossenen Augen
+grübelte, hauptsächlich aber, weil die haarsträubende Pedanterie, mit
+der sein Sozius, Herr Friedrich Wilhelm Marcus, ihm gegenüber immer aufs
+neue seine Utensilien ordnete und seinen Schnurrbart strich, ihn von
+seinem Fensterplatz im Hauptkontor verjagt hatte.
+
+Die bedächtige Umständlichkeit des alten Herrn Marcus war im Laufe der
+Jahre zur vollständigen Manie und Wunderlichkeit geworden; was sie aber
+in letzter Zeit für Thomas Buddenbrook zu etwas unerträglich
+Aufreizendem und Beleidigendem machte, war der Umstand, daß er selbst zu
+seinem Entsetzen oftmals etwas Ähnliches an sich beobachten mußte. Ja,
+auch in ihm, der ehemals aller Kleinlichkeit so abhold gewesen war,
+hatte sich eine Art von Pedanterie entwickelt, wenn auch aus einer
+anderen Konstitution und einer anderen Gemütsverfassung heraus.
+
+In ihm war es leer, und er sah keinen anregenden Plan und keine
+fesselnde Arbeit, der er sich mit Freude und Befriedigung hätte hingeben
+können. Sein Tätigkeitstrieb aber, die Unfähigkeit seines Kopfes, zu
+ruhen, seine Aktivität, die stets etwas gründlich anderes gewesen war
+als die natürliche und durable Arbeitslust seiner Väter: etwas
+Künstliches nämlich, ein Drang seiner Nerven, ein Betäubungsmittel im
+Grunde, so gut wie die kleinen, scharfen russischen Zigaretten, die er
+beständig dazu rauchte ... sie hatte ihn nicht verlassen, er war ihrer
+weniger Herr als jemals, sie hatte überhandgenommen und wurde zur
+Marter, indem sie sich an eine Menge von Nichtigkeiten verzettelte. Er
+war gehetzt von fünfhundert nichtswürdigen Bagatellen, die zum großen
+Teil nur die Instandhaltung seines Hauses und seiner Toilette betrafen,
+die er aus Überdruß verschob, die sein Kopf nicht beieinander zu halten
+vermochte und mit denen er nicht in Ordnung kam, weil er
+unverhältnismäßig viel Nachdenken und Zeit daran verschwendete.
+
+Das, was man in der Stadt seine »Eitelkeit« nannte, hatte in einer Weise
+zugenommen, deren er selbst längst begonnen hatte sich zu schämen, ohne
+daß er imstande gewesen wäre, sich der Gewohnheiten zu entschlagen, die
+sich in dieser Beziehung entwickelt hatten. Von dem Augenblicke an, da
+er nach einer nicht unruhig aber in dumpfem und unerquicklichem Schlafe
+verbrachten Nacht im Schlafrock zu Herrn Wenzel, dem alten Barbier, ins
+Ankleidezimmer trat -- es war 9 Uhr, und er hatte sich früher viel
+zeitiger erhoben -- verbrauchte er volle anderthalb Stunden bei seinem
+Anzuge, bis er sich fertig und entschlossen fühlte, den Tag zu beginnen,
+indem er sich zum Tee ins erste Stockwerk hinunterbegab. Seine Toilette
+war so umständlich und dabei in der Reihenfolge ihrer Einzelheiten, von
+der kalten Dusche im Badezimmer bis zum Schluß, wenn das letzte
+Stäubchen vom Rocke entfernt war und die Bartenden zum letzten Male
+durch die Brennschere glitten, so fest und unabänderlich geregelt, daß
+die beständig wiederholte Abhaspelung dieser zahllosen kleinen
+Handgriffe und Arbeiten ihn jeden Augenblick zur Verzweiflung brachte.
+Dennoch hätte er es nicht vermocht, das Kabinett mit dem Bewußtsein zu
+verlassen, irgend etwas davon unterlassen oder nur flüchtig erledigt zu
+haben, aus Furcht, dieses Gefühls von Frische, Ruhe und Intaktheit
+verlustig zu gehen, das doch nach einer einzigen Stunde wieder verloren
+war und notdürftig erneuert werden mußte.
+
+Er sparte in allen Dingen, soweit das, ohne sich dem Gerede auszusetzen,
+tunlich war, -- nur nicht in betreff seiner Garderobe, die er durchaus
+bei dem elegantesten Schneider von Hamburg anfertigen ließ und für deren
+Erhaltung und Ergänzung er keine Kosten scheute. Eine Tür, die in ein
+anderes Zimmer zu führen schien, verschloß die geräumige Nische, die in
+eine Wand des Ankleidekabinetts eingemauert war, und in der an langen
+Reihen von Haken, über gebogene Holzleisten ausgespannt, die Jacketts,
+Smokings, Gehröcke, Fräcke für alle Jahreszeiten und in allen
+Gradabstufungen der gesellschaftlichen Feierlichkeit hingen, während auf
+mehreren Stühlen die Beinkleider, sorgfältig in die Falten gelegt,
+aufgestapelt waren. In der Kommode aber, mit dem gewaltigen
+Spiegelaufsatz, dessen Platte mit Kämmen, Bürsten und Präparaten für
+die Pflege des Haupthaares und Bartes bedeckt war, lagerte der Vorrat
+von verschiedenartiger Leibwäsche, die beständig gewechselt, gewaschen,
+verbraucht und ergänzt wurde ...
+
+In diesem Kabinett verbrachte er nicht nur am Morgen eine lange Zeit,
+sondern auch vor jedem Diner, jeder Senatssitzung, jeder öffentlichen
+Versammlung, kurz, immer, bevor es galt, sich unter Menschen zu zeigen
+und zu bewegen, ja selbst vor den alltäglichen Mahlzeiten zu Hause, bei
+denen außer ihm selbst nur seine Frau, der kleine Johann und Ida
+Jungmann zugegen waren. Und wenn er hinaustrat, so verschaffte die
+frische Wäsche an seinem Körper, die tadellose und diskrete Eleganz
+seines Anzuges, sein sorgfältig gewaschenes Gesicht, der Geruch der
+Brillantine in seinem Schnurrbart und der herb-kühle Geschmack des
+gebrauchten Mundwassers ihm das Befriedigungs- und Bereitschaftsgefühl,
+mit dem ein Schauspieler, der seine Maske in allen Einzelheiten
+vollendet hergestellt hat, sich zur Bühne begibt ... Wirklich! Thomas
+Buddenbrooks Dasein war kein anderes mehr als das eines Schauspielers,
+eines solchen aber, dessen ganzes Leben bis auf die geringste und
+alltäglichste Kleinigkeit zu einer einzigen Produktion geworden ist,
+einer Produktion, die mit Ausnahme einiger weniger und kurzer Stunden
+des Alleinseins und der Abspannung beständig alle Kräfte in Anspruch
+nimmt und verzehrt ... Der gänzliche Mangel eines aufrichtig feurigen
+Interesses, das ihn in Anspruch genommen hätte, die Verarmung und
+Verödung seines Inneren -- eine Verödung, so stark, daß sie sich fast
+unablässig als ein unbestimmt lastender Gram fühlbar machte -- verbunden
+mit einer unerbittlichen inneren Verpflichtung und zähen
+Entschlossenheit, um jeden Preis würdig zu repräsentieren, seine
+Hinfälligkeit mit allen Mitteln zu verstecken und die »Dehors« zu
+wahren, hatte dies aus seinem Dasein gemacht, hatte es künstlich,
+bewußt, gezwungen gemacht und bewirkt, daß jedes Wort, jede Bewegung,
+jede geringste Aktion unter Menschen zu einer anstrengenden und
+aufreibenden Schauspielerei geworden war.
+
+Seltsame Einzelheiten traten dabei zutage, eigenartige Bedürfnisse, die
+er selbst mit Erstaunen und Widerwillen an sich wahrnahm. Im Gegensatze
+zu Leuten, die selbst keine Rolle spielen, sondern nur unbeachtet und
+den Blicken unzugänglich in aller Stille ihre Beobachtungen anstellen
+wollen, liebte er es nicht, das Tageslicht im Rücken zu haben, sich
+selbst im Schatten zu wissen und die Leute in heller Beleuchtung vor
+sich zu sehen; halb geblendet vielmehr das Licht in den Augen zu fühlen
+und die Leute, sein Publikum, die, auf die er als liebenswürdiger
+Gesellschafter oder als lebhafter Geschäftsmann und repräsentierender
+Firmenchef oder als öffentlicher Redner zu wirken hatte, als eine bloße
+Masse im Schatten vor sich zu sehen ... nur dies gab ihm das Gefühl der
+Separation und Sicherheit, jenen blinden Rausch des Sich-Produzierens,
+in dem er seine Erfolge erzielte. Ja, eben dieser rauschartige Zustand
+der Aktion war es, der ihm allgemach zu dem weitaus erträglichsten
+geworden war. Wenn er, das Weinglas zur Hand, am Tische stand und mit
+liebenswürdigem Mienenspiele, gefälligen Gesten und geschickt
+vorgebrachten Redewendungen, welche einschlugen und beifällige
+Heiterkeit entfesselten, einen Toast ausbrachte, so konnte er trotz
+seiner Blässe als der Thomas Buddenbrook von ehedem erscheinen; viel
+schwerer war es ihm, in untätigem Stillesitzen die Herrschaft über sich
+selbst zu bewahren. Dann stiegen Müdigkeit und Überdruß in ihm empor,
+trübten seine Augen und nahmen ihm die Gewalt über seine Gesichtsmuskeln
+und die Haltung seines Körpers. Nur =ein= Wunsch erfüllte ihn dann:
+dieser matten Verzweiflung nachzugeben, sich davonzustehlen und zu Hause
+seinen Kopf auf ein kühles Kissen zu legen.
+
+ * * * * *
+
+Frau Permaneder hatte in der Fischergrube zu Abend gegessen und zwar
+allein; denn ihre Tochter, die gleichfalls gebeten worden war, hatte
+nachmittags ihrem Gatten im Gefängnis einen Besuch gemacht und fühlte
+sich, wie stets in diesem Falle, ermüdet und unwohl, weshalb sie zu
+Hause geblieben war.
+
+Frau Antonie hatte bei Tische über Hugo Weinschenk gesprochen, dessen
+Gemütszustand äußerst traurig sein sollte, und dann war die Frage
+erörtert worden, wann man wohl, mit einiger Aussicht auf Erfolg, dem
+Senate ein Gnadengesuch werde einreichen können. Nun hatten sich die
+drei Verwandten im Wohnzimmer um den runden Mitteltisch unter der
+großen Gaslampe niedergelassen. Gerda Buddenbrook und ihre Schwägerin
+saßen, mit Handarbeiten beschäftigt, einander gegenüber. Die Senatorin
+hielt ihr schönes weißes Gesicht über eine Seidenstickerei gebeugt, daß
+ihr schweres Haar, vom Lichte beschienen, dunkel zu erglühen schien, und
+Frau Permaneder, den Klemmer gänzlich schief und zweckwidrig auf der
+Nase, befestigte mit sorglichen Fingern eine große, wunderbar rote
+Atlasschleife an einem winzigen gelben Körbchen. Das wurde ein
+Geburtstagsgeschenk für irgendeine Bekannte. Der Senator aber saß
+seitwärts vom Tische in einem breiten Polsterfauteuil mit schräger
+Rückenlehne und las mit gekreuzten Beinen die Zeitung, während er dann
+und wann den Rauch seiner russischen Zigarette einzog und ihn als einen
+hellgrauen Strom durch den Schnurrbart wieder ausatmete ...
+
+Es war ein warmer Sommer-Sonntagabend. Das hohe Fenster stand offen und
+ließ die laue, ein wenig feuchte Luft das Zimmer erfüllen. Vom Tische
+aus konnte man, über den grauen Giebeln der gegenüberliegenden Häuser,
+zwischen ganz langsam ziehenden Wolken die Sterne sehen. Drüben, in dem
+kleinen Blumenladen von Iwersen, war noch Licht. Weiter oben in der
+stillen Straße ward unter allerhand Mißgriffen eine Handharmonika
+gespielt, wahrscheinlich von einem Knechte des Fuhrmannes Dankwart. Dann
+und wann wurde es laut dort draußen. Ein Trupp von Matrosen zog vorüber,
+die singend, rauchend und Arm in Arm aus einer zweifelhaften
+Hafenwirtschaft kamen und sich in Feierstimmung nach einer noch
+zweifelhafteren umtaten. Ihre rauhen Stimmen und wiegenden Schritte
+verhallten in einer Querstraße.
+
+Der Senator legte die Zeitung neben sich auf den Tisch, schob sein
+Pincenez in die Westentasche und strich mit der Hand über Stirn und
+Augen.
+
+»Schwach, sehr schwach, diese `Anzeigen´!« sagte er. »Mir fällt jedesmal
+dabei ein, was Großvater von faden und konsistenzlosen Gerichten sagte:
+Es schmeckt, als ob man die Zunge zum Fenster hinaushängt ... In drei
+langweiligen Minuten ist man mit dem Ganzen fertig. Es steht einfach gar
+nichts darin ...«
+
+»Ja, Gott weiß es, das darfst du getrost wiederholen, Tom!« sagte Frau
+Permaneder, indem sie ihre Arbeit sinken ließ und an dem Klemmer vorbei
+auf ihren Bruder sah ... »Was soll auch wohl darin stehen? Ich habe es
+von jeher gesagt, schon als ganz junges, dummes Ding: Diese Städtischen
+Anzeigen sind ein klägliches Blättchen! Ich lese sie ja auch, gewiß,
+weil eben meistens nichts anderes zur Hand ist ... Aber daß der
+Großhändler Konsul so und so seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt,
+finde ich meinesteils nicht allzu erschütternd. Man sollte andere
+Blätter lesen, die Königsberger Hartungsche Zeitung oder die Rheinische
+Zeitung. Da würde man ...«
+
+Sie unterbrach sich. Sie hatte die Zeitung zur Hand genommen, hatte sie
+noch einmal entfaltet und, während sie sprach, ihre Augen geringschätzig
+über die Spalten gleiten lassen. Nun aber blieb ihr Blick an einer
+Stelle haften, einer kurzen Notiz von vier oder fünf Zeilen ... Sie
+verstummte, sie griff mit einer Hand nach ihrem Augenglas, las, während
+ihr Mund sich langsam öffnete, die Notiz zu Ende und stieß dann zwei
+Schreckensrufe aus, wobei sie beide Handflächen gegen die Wangen preßte
+und die Ellenbogen weit vom Körper entfernt hielt.
+
+»Unmöglich!... Es ist nicht möglich!... Nein, Gerda ... Tom ... Das
+konntest du übersehen!... Es ist entsetzlich ... Die arme Armgard! So
+mußte es für sie kommen ...«
+
+Gerda hatte den Kopf von ihrer Arbeit erhoben und Thomas sich erschreckt
+seiner Schwester zugewandt. Und heftig ergriffen, mit bebender
+Kehlstimme jedes Wort schicksalsschwer betonend, las Frau Permaneder
+laut diese Nachricht, die aus Rostock kam und dahinging, daß gestern
+nacht der Rittergutsbesitzer Ralf von Maiboom im Arbeitszimmer des
+Herrenhauses von Pöppenrade sich vermittels eines Revolverschusses
+entleibt habe. »Pekuniäre Bedrängnis scheint der Beweggrund zur Tat
+gewesen zu sein. Herr von Maiboom hinterläßt eine Frau mit drei
+Kindern.« So schloß sie, und dann ließ sie die Zeitung in den Schoß
+sinken, lehnte sich zurück und sah Bruder und Schwägerin schweigend und
+fassungslos mit klagenden Augen an.
+
+Thomas Buddenbrook hatte sich, schon während sie las, wieder von ihr
+abgekehrt und blickte an ihr vorbei, zwischen den Portieren hindurch, in
+das Dunkel des Salons hinüber.
+
+»Mit einem Revolver?« fragte er, nachdem wohl zwei Minuten lang Stille
+geherrscht hatte. -- Und wiederum nach einer Pause sprach er leise,
+langsam und spöttisch: »Ja, ja, so ein Rittersmann!...«
+
+Dann versank er aufs neue in Sinnen. Die Schnelligkeit, mit der er die
+eine Spitze seines Schnurrbartes zwischen den Fingern drehte, stand in
+sonderbarem Gegensatz zu der verschwommenen, starren und ziellosen
+Unbeweglichkeit seines Blickes.
+
+Er achtete nicht auf die Klagereden seiner Schwester und auf die
+Mutmaßungen, die sie in betreff des ferneren Lebens ihrer Freundin
+Armgard anstellte, noch bemerkte er, daß Gerda, ohne den Kopf ihm
+zuzuwenden, ihre nahe beieinanderliegenden braunen Augen, in deren
+Winkeln bläuliche Schatten lagerten, fest und spähend auf ihn gerichtet
+hielt.
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Niemals vermochte Thomas Buddenbrook mit dem Blicke matten Mißmutes, mit
+dem er den Rest seines eigenen Lebens erwartete, auch in die Zukunft des
+kleinen Johann zu sehen. Sein Familiensinn, dieses ererbte und
+anerzogene, rückwärts sowohl wie vorwärts gewandte, pietätvolle
+Interesse für die intime Historie seines Hauses hinderte ihn daran, und
+die liebevolle oder neugierige Erwartung, mit der seine Freundschaft und
+Bekanntschaft in der Stadt, seine Schwester und selbst die Damen
+Buddenbrook in der Breiten Straße seinen Sohn betrachteten, beeinflußte
+seine Gedanken. Er sagte sich mit Genugtuung, daß, wie aufgerieben und
+hoffnungslos auch immer er selbst für seine Person sich fühlte, er
+angesichts seines kleinen Erbfolgers stets belebender Zukunftsträume von
+Tüchtigkeit, praktischer und unbefangener Arbeit, Erfolg, Erwerb, Macht,
+Reichtum und Ehren fähig war ... ja, daß an dieser einen Stelle sein
+erkaltetes und künstliches Leben zu warmem und aufrichtigem Sorgen,
+Fürchten und Hoffen wurde.
+
+Wie, wenn er selbst noch dereinst auf seine alten Tage, von einem
+Ruhewinkel aus, den Wiederbeginn der alten Zeit, der Zeit von Hannos
+Urgroßvater, erblicken dürfte? War diese Hoffnung denn so gänzlich
+unmöglich? Er hatte die Musik als seine Feindin empfunden; aber hatte es
+denn in Wirklichkeit eine so ernste Bewandtnis damit? Zugegeben, daß die
+Liebe des Jungen zum freien Spiele ohne Noten von einer nicht ganz
+gewöhnlichen Veranlagung Zeugnis gab, -- im regelrechten Unterrichte bei
+Herrn Pfühl war er keineswegs außerordentlich weit vorgeschritten. Die
+Musik, das war keine Frage, war der Einfluß seiner Mutter, und kein
+Wunder, daß während der ersten Kinderjahre dieser Einfluß überwogen
+hatte. Aber die Zeit begann, da einem Vater Gelegenheit gegeben wird,
+auch seinerseits auf seinen Sohn zu wirken, ihn ein wenig auf seine
+Seite zu ziehen und mit männlichen Gegeneindrücken die bisherigen
+weiblichen Einflüsse zu neutralisieren. Und der Senator war
+entschlossen, keine solche Gelegenheit unbenutzt zu lassen.
+
+Hanno, nun elfjährig, war zu Ostern ebenso wie sein Freund, der kleine
+Graf Mölln, mit genauer Not und zwei Nachprüfungen, im Rechnen und in
+der Geographie, nach Quarta versetzt worden. Es stand fest, daß er die
+Realklassen besuchen sollte, denn daß er Kaufmann werden und dereinst
+die Firma übernehmen mußte, war selbstverständlich, und Fragen seines
+Vaters, ob er Lust zu seinem künftigen Berufe in sich verspüre,
+beantwortete er mit Ja ... einem einfachen, etwas scheuen Ja ohne
+Zusatz, das der Senator durch weitere drängende Fragen ein wenig
+lebhafter und ausführlicher zu machen suchte -- und zwar meistens
+vergebens.
+
+Hätte Senator Buddenbrook zwei Söhne besessen, so hätte er den Jüngeren
+ohne Frage das Gymnasium absolvieren und studieren lassen. Aber die
+Firma verlangte einen Erben, und abgesehen hiervon glaubte er dem
+Kleinen eine Wohltat zu erweisen, wenn er ihn der unnötigen Mühen mit
+dem Griechischen überhob. Er war der Meinung, daß das Realpensum
+leichter zu bewältigen sei, und daß Hanno, mit seiner oft schwerfälligen
+Auffassung, seiner träumerischen Unaufmerksamkeit und seiner
+körperlichen Zartheit, die ihn allzuoft nötigte, die Schule zu
+versäumen, in den Realklassen ohne Überanstrengung schneller und
+ehrenvoller vorwärts kommen werde. Sollte der kleine Johann Buddenbrook
+einstmals das leisten, wozu er berufen war und was die Seinen von ihm
+erhofften, so mußte man vor allem darauf bedacht sein, seine nicht eben
+kräftige Konstitution durch Rücksichtnahme einerseits und durch
+rationelle Pflege und Abhärtung andererseits zu festigen und zu heben ...
+
+Mit seinem braunen Haar, das er jetzt seitwärts gescheitelt und schräg
+von seiner weißen Stirn zurückgebürstet trug, das aber dennoch danach
+strebte, sich in weichen Locken tief über die Schläfen zu schmiegen, mit
+seinen langen, braunen Wimpern und seinen goldbraunen Augen stach Johann
+Buddenbrook auf dem Schulhof und auf der Straße trotz seines
+Kopenhagener Matrosenanzuges stets ein wenig fremdartig unter den
+hellblonden und stahlblauäugigen, skandinavischen Typen seiner Kameraden
+hervor. Er war in letzter Zeit ziemlich stark gewachsen, aber seine
+Beine in den schwarzen Strümpfen und seine Arme in den dunkelblauen,
+bauschigen und gesteppten Ärmeln waren schmal und weich wie die eines
+Mädchens, und noch immer lagen, wie bei seiner Mutter, die bläulichen
+Schatten in den Winkeln seiner Augen, -- dieser Augen, die, besonders
+wenn sie seitwärts gerichtet waren, mit einem so zagen und ablehnenden
+Ausdruck dareinblickten, während sein Mund sich noch immer auf jene
+wehmütige Art geschlossen hielt, oder während Hanno nachdenklich die
+Zungenspitze an einem Zahne scheuerte, dem er mißtraute, mit
+leichtverzerrten Lippen und einer Miene, als fröre ihn ...
+
+Wie man von Doktor Langhals erfuhr, der jetzt die Praxis des alten
+Doktor Grabow gänzlich übernommen hatte und Hausarzt bei Buddenbrooks
+war, hatte Hannos unzulänglicher Kräftezustand sowie die Blässe seiner
+Haut ihren triftigen Grund, und dieser bestand darin, daß der Organismus
+des Kleinen leider die so wichtigen roten Blutkörperchen in nicht
+genügender Anzahl produzierte. Dieser Unzuträglichkeit zu steuern aber
+gab es ein Mittel, ein ganz vortreffliches Mittel, das Doktor Langhals
+in großen Mengen verordnete: Lebertran, guter, gelber, fetter,
+dickflüssiger Dorschlebertran, der aus einem Porzellanlöffel zweimal
+täglich zu nehmen war; und auf entschiedenen Befehl des Senators sorgte
+Ida Jungmann mit liebevoller Strenge dafür, daß dies pünktlich geschah.
+Anfangs zwar erbrach sich Hanno nach jedem Löffel, und sein Magen schien
+den guten Dorschlebertran nicht beherbergen zu können; aber er gewöhnte
+sich daran, und wenn man gleich nach dem Niederschlucken ein Stück
+Roggenbrot mit angehaltenem Atem im Munde zerkaute, so ward der Ekel ein
+wenig beruhigt.
+
+Alle übrigen Beschwerden waren ja nur Folgeerscheinungen dieses Mangels
+an roten Blutkörperchen, »sekundäre Erscheinungen«, wie Doktor Langhals
+sagte, indem er seine Fingernägel besah. Allein auch diesen sekundären
+Erscheinungen mußte unnachsichtig zu Leibe gegangen werden. Um die Zähne
+zu behandeln, zu füllen und gegebenen Falles zu extrahieren, dazu wohnte
+Herr Brecht mit seinem Josephus in der Mühlenstraße; und um die
+Verdauung zu regulieren, gab es Rizinusöl auf der Welt, gutes, dickes,
+silberblankes Rizinusöl, welches, aus einem Eßlöffel genommen, wie ein
+schlüpfriger Molch durch die Kehle glitschte und das man drei Tage lang
+roch, schmeckte, im Schlunde spürte, wo man ging und stand ... Ach,
+warum war das alles doch so unüberwindlich widerlich? Ein einziges Mal
+-- Hanno hatte recht krank zu Bette gelegen, und sein Herz hatte sich
+besondere Unregelmäßigkeiten zuschulden kommen lassen -- war Doktor
+Langhals mit einer gewissen Nervosität zur Verschreibung eines Mittels
+geschritten, das dem kleinen Johann Freude gemacht und ihm so
+unvergleichlich wohlgetan hatte: und das waren Arsenikpillen gewesen.
+Hanno fragte in der Folge oftmals danach, von einem beinahe zärtlichen
+Bedürfnis nach diesen kleinen, süßen, beglückenden Pillen getrieben.
+Aber er erhielt sie nicht mehr.
+
+Lebertran und Rizinusöl waren gute Dinge, aber darin war Doktor Langhals
+vollständig mit dem Senator einig, daß sie allein nicht hinreichten, den
+kleinen Johann zu einem tüchtigen und wetterfesten Manne zu machen, wenn
+er selbst nicht das Seine dazu täte. Da waren zum Beispiel, geleitet von
+dem Turnlehrer Herrn Fritsche, die Turnspiele, die zur Sommerszeit
+allwöchentlich draußen auf dem »Burgfelde« veranstaltet wurden und der
+männlichen Jugend der Stadt Gelegenheit gaben, Mut, Kraft, Gewandtheit
+und Geistesgegenwart zu zeigen und zu pflegen. Aber zum Zorne seines
+Vaters legte Hanno nichts als Widerwillen, einen stummen, reservierten,
+beinahe hochmütigen Widerwillen gegen solche gesunde Unterhaltungen an
+den Tag ... Warum hatte er so gar keine Fühlung mit seinen Klassen- und
+Altersgenossen, mit denen er später zu leben und zu wirken haben würde?
+Warum hockte er beständig nur mit diesem kleinen, halb gewaschenen Kai
+zusammen, der ja ein gutes Kind, aber immerhin eine etwas zweifelhafte
+Existenz und kaum eine Freundschaft für die Zukunft war? Auf irgendeine
+Weise muß ein Knabe sich das Vertrauen und den Respekt seiner Umgebung,
+die mit ihm aufwächst und auf deren Schätzung er für sein ganzes Leben
+angewiesen ist, von Anfang an zu gewinnen wissen. Da waren die beiden
+Söhne des Konsuls Hagenström: vierzehn- und zwölfjährig, zwei
+Prachtkerle, dick, stark und übermütig, die in den Gehölzen der Umgegend
+regelrechte Faustduelle veranstalteten, die besten Turner der Schule
+waren, schwammen wie Seehunde, Zigarren rauchten und zu jeder Schandtat
+bereit waren. Sie waren gefürchtet, beliebt und respektiert. Ihre
+Cousins, die beiden Söhne des Staatsanwaltes Doktor Moritz Hagenström
+andererseits, von zarterer Konstitution und sanfteren Sitten, zeichneten
+sich auf geistigem Gebiete aus und waren Musterschüler, ehrgeizig,
+devot, still und bienenfleißig, bebend aufmerksam und beinahe verzehrt
+von der Begier, stets Primus zu sein und das Zeugnis Numero Eins zu
+erhalten. Sie erhielten es und genossen die Achtung ihrer dümmeren und
+fauleren Genossen. Was aber mochten, ganz abgesehen von seinen Lehrern,
+seine Mitschüler von Hanno halten, der ein höchst mittelmäßiger Schüler
+war und obendrein ein Weichling, welcher allem, wozu ein wenig Mut,
+Kraft, Gewandtheit und Munterkeit gehörte, scheu aus dem Wege zu gehen
+suchte? Und wenn Senator Buddenbrook, auf dem Wege zu seinem
+Ankleidezimmer, an dem »Altan« in der zweiten Etage vorüberging, so
+hörte er aus dem mittleren der drei dort oben gelegenen Zimmer, das
+Hannos war, seitdem er zu groß geworden, bei Ida Jungmann zu schlafen,
+die Töne des Harmoniums oder Kais halblaute und geheimnisvolle Stimme,
+die eine Geschichte erzählte ...
+
+Was Kai betraf, so mied er die »Turnspiele«, weil er die Disziplin und
+gesetzmäßige Ordnung verabscheute, die dabei beobachtet werden mußte.
+»Nein, Hanno«, sagte er, »ich gehe nicht hin. Du vielleicht? Hol's der
+Geier ... Alles, was einem Spaß dabei machen würde, das gilt nicht.«
+Solche Redewendungen wie »Hol's der Geier« hatte er von seinem Vater;
+Hanno aber antwortete: »Wenn Herr Fritsche =einen= Tag nach etwas
+anderem röche als nach Schweiß und Bier, so ließe sich über die Sache
+reden ... Ja, nun laß das nur, Kai, und erzähle weiter. Das mit dem
+Ringe, den du aus dem Sumpfe holtest, war noch lange nicht fertig ...«
+»Gut«, sagte Kai; »aber wenn ich winke, so mußt du spielen.« Und Kai
+fuhr fort zu erzählen.
+
+Durfte man ihm glauben, so war er vor einiger Zeit bei schwüler Nacht
+und in fremder, unkenntlicher Gegend einen schlüpfrigen und unermeßlich
+tiefen Abhang hinabgeglitten, an dessen Fuße er im fahlen und
+flackernden Schein von Irrlichtern ein schwarzes Sumpfgewässer gefunden
+hatte, aus dem mit hohl glucksendem Geräusch unaufhörlich silberblanke
+Blasen aufgestiegen waren. Eine aber davon, die, nahe dem Ufer,
+beständig wiedergekehrt war, sooft sie zersprungen, hatte die Form eines
+Ringes gehabt, und diese hatte er nach langen, gefahrvollen Bemühungen
+mit der Hand zu erhaschen verstanden, worauf sie nicht mehr zerplatzt
+war, sondern sich als glatter und fester Reif hatte an den Finger
+stecken lassen. Er aber, der mit Recht diesem Ringe ungewöhnliche
+Eigenschaften zugetraut hatte, war mit seiner Hilfe den steilen und
+schlüpfrigen Abhang wieder emporgelangt und hatte unweit davon in
+rötlichem Nebel ein schwarzes, totenstilles und ungeheuerlich bewachtes
+Schloß gefunden, in das er eingedrungen war und in dem er, immer mit
+Hilfe des Ringes, die dankenswertesten Entzauberungen und Erlösungen
+vorgenommen hatte ... In den seltsamsten Augenblicken aber griff Hanno
+auf seinem Harmonium süße Akkordfolgen ... Auch wurden, standen nicht
+unüberwindliche szenische Schwierigkeiten im Wege, diese Erzählungen mit
+Musikbegleitung auf dem Puppentheater dargestellt ... Zu den
+»Turnspielen« aber ging Hanno nur auf ausdrücklichen und strengen Befehl
+seines Vaters, und dann begleitete ihn der kleine Kai.
+
+Es war nicht anders mit dem Schlittschuhlaufen zur Winterszeit und mit
+dem Baden in der hölzernen Anstalt des Herrn Asmussen, unten am Fluß, im
+Sommer ... »Baden! Schwimmen!« hatte Doktor Langhals gesagt. »Der Junge
+muß baden und schwimmen!« Und der Senator war vollständig damit
+einverstanden gewesen. Was aber hauptsächlich Hanno veranlaßte, sich vom
+Baden sowohl wie vom Schlittschuhlaufen und von den »Turnspielen«,
+sobald es nur immer anging, fernzuhalten, war der Umstand, daß die
+beiden Söhne des Konsuls Hagenström, die sich an allen diesen Dingen
+ehrenvoll beteiligten, es auf ihn abgesehen hatten und, obgleich sie
+doch in dem Hause seiner Großmutter wohnten, keine Gelegenheit
+versäumten, ihn mit ihrer Stärke zu demütigen und zu quälen. Sie kniffen
+und verhöhnten ihn bei den »Turnspielen«, sie stießen ihn in den
+Schneekehricht auf der Eisbahn, sie kamen im Schwimmbassin mit
+bedrohlichen Lauten durch das Wasser auf ihn zu ... Hanno versuchte
+nicht zu entfliehen, was übrigens wenig nützlich gewesen wäre. Er stand
+da, mit seinen Mädchenarmen, bis zum Bauche in dem ziemlich trüben
+Wasser, auf dessen Oberfläche hie und da grüne Gebilde von Pflanzen,
+sogenanntes Gänsefutter, umhertrieben, und sah mit zusammengezogenen
+Brauen, einem finsteren Senkblick und leicht verzerrten Lippen den
+beiden entgegen, die, sicher ihrer Beute, mit langen, schäumenden
+Sprungschritten daherkamen. Sie hatten Muskeln an den Armen, die beiden
+Hagenströms, und damit umklammerten sie ihn und tauchten ihn, tauchten
+ihn recht lange, so daß er ziemlich viel von dem unreinlichen Wasser
+schluckte und lange nachher, sich hin und her wendend, nach Atem rang
+... Ein einziges Mal ward er ein wenig gerächt. Gerade als ihn nämlich
+eines Nachmittags die beiden Hagenströms unter die Wasserfläche hielten,
+stieß der eine von ihnen plötzlich einen Wut- und Schmerzensschrei aus
+und hob sein eines fleischiges Bein empor, von dem das Blut in großen
+Tropfen rann. Neben ihm aber kam Kai Graf Mölln zum Vorschein, welcher
+sich auf irgendeine Weise das Eintrittsgeld verschafft hatte,
+unversehens unter Wasser herbeigeschwommen war und den jungen Hagenström
+gebissen -- mit allen Zähnen ins Bein gebissen hatte, wie ein kleiner
+wütender Hund. Seine blauen Augen blitzten durch das rötlich-blonde
+Haar, das naß darüber hing ... Ach, es erging ihm schlecht für seine
+Tat, dem kleinen Grafen, und übel zugerichtet stieg er aus dem Bassin.
+Allein Konsul Hagenströms starker Sohn hinkte doch beträchtlich, als er
+nach Hause ging ...
+
+Nährende Mittel und körperliche Übungen aller Art -- das war die
+Grundlage von Senator Buddenbrooks sorgenden Bemühungen um seinen Sohn.
+Nicht minder aufmerksam aber trachtete er danach, ihn geistig zu
+beeinflussen und ihn mit lebendigen Eindrücken aus der praktischen Welt
+zu versehen, für die er bestimmt war.
+
+Er fing an, ihn ein wenig in das Bereich seiner zukünftigen Tätigkeit
+einzuführen, er nahm ihn mit sich auf Geschäftsgänge, zum Hafen hinunter
+und ließ ihn dabeistehen, wenn er am Kai mit den Löscharbeitern in einem
+Gemisch von Dänisch und Plattdeutsch plauderte, in den kleinen,
+finsteren Speicherkontoren mit den Geschäftsführern konferierte oder
+draußen den Männern einen Befehl erteilte, die mit hohlen und
+langgezogenen Rufen die Kornsäcke zu den Böden hinaufwanden ... Für
+Thomas Buddenbrook selbst war dieses Stück Welt am Hafen, zwischen
+Schiffen, Schuppen und Speichern, wo es nach Butter, Fischen, Wasser,
+Teer und geöltem Eisen roch, von klein auf der liebste und
+interessanteste Aufenthalt gewesen; und da Freude und Teilnahme daran
+sich bei seinem Sohne von selbst nicht äußerten, so mußte er darauf
+bedacht sein, sie zu wecken ... Wie hießen nun die Dampfer, die mit
+Kopenhagen verkehrten? Najaden ... Halmstadt ... Friederike Oeverdieck
+... »Nun, daß du wenigstens diese weißt, mein Junge, das ist schon
+=etwas=. Auch die anderen wirst du dir noch merken ... Ja, von den
+Leuten, die da die Säcke hinaufwinden, heißen manche wie du, mein
+Lieber, weil sie nach deinem Großvater getauft sind. Und unter ihren
+Kindern kommt häufig mein Name vor ... und auch der von Mama ... Man
+schenkt ihnen dann jährlich eine Kleinigkeit ... So, an diesem Speicher
+gehen wir vorüber und reden nicht mit den Männern; da haben wir nichts
+zu sagen; das ist ein Konkurrent ...«
+
+»Willst du mitkommen, Hanno?« sagte er ein andermal ... »Ein neues
+Schiff, das zu unserer Reederei gehört, läuft heute nachmittag vom
+Stapel. Ich taufe es ... Hast du Lust?«
+
+Und Hanno gab an, daß er Lust habe. Er ging mit und hörte die Taufrede
+seines Vaters, sah zu, wie er eine Champagnerflasche am Bug zerschellte
+und blickte mit fremden Augen dem Schiffe nach, welches die gänzlich mit
+grüner Seife beschmierte schiefe Ebene hinab und in das hoch
+aufschäumende Wasser glitt ...
+
+An gewissen Tagen des Jahres, am Palmsonntag, wenn die Konfirmationen
+stattfanden, oder am Neujahrstage, unternahm Senator Buddenbrook zu
+Wagen eine Tournee von Visiten in einer Reihe von Häusern, denen er
+gesellschaftlich verpflichtet war, und da seine Gattin es vorzog, sich
+bei solchen Gelegenheiten mit Nervosität und Migräne zu entschuldigen,
+so forderte er Hanno auf, ihn zu begleiten. Und Hanno hatte auch hierzu
+Lust. Er stieg zu seinem Vater in die Droschke und saß stumm an seiner
+Seite in den Empfangszimmern, indem er mit stillen Augen sein leichtes,
+taktsicheres und so verschiedenartiges, so sorgfältig abgetöntes
+Benehmen gegen die Leute beobachtete. Er sah zu, wie er dem
+Oberstleutnant und Bezirkskommandanten Herrn von Rinnlingen, welcher
+beim Abschied betonte, er wisse die Ehre dieses Besuches sehr wohl zu
+schätzen, mit liebenswürdiger Erschrockenheit einen Augenblick den Arm
+um die Schulter legte; wie er an anderer Stelle eine ähnliche Bemerkung
+ruhig und ernst entgegennahm und sie an einer dritten mit einem ironisch
+übertriebenen Gegenkompliment abwehrte ... Alles mit einer formalen
+Versiertheit des Wortes und der Gebärde, die er ersichtlich gern der
+Bewunderung seines Sohnes produzierte und von der er sich unterrichtende
+Wirkung versprach.
+
+Aber der kleine Johann sah mehr, als er sehen sollte, und seine
+Augen, diese schüchternen, goldbraunen, bläulich umschatteten Augen
+beobachteten zu gut. Er sah nicht nur die sichere Liebenswürdigkeit,
+die sein Vater auf alle wirken ließ, er sah auch -- sah es mit einem
+seltsamen, quälenden Scharfblick --, wie furchtbar schwer sie zu
+=machen= war, wie sein Vater nach jeder Visite wortkarger und bleicher,
+mit geschlossenen Augen, deren Lider sich gerötet hatten, in der
+Wagenecke lehnte, und mit Entsetzen im Herzen erlebte er es, daß auf der
+Schwelle des nächsten Hauses eine Maske über ebendieses Gesicht glitt,
+immer aufs neue eine plötzliche Elastizität in die Bewegungen ebendieses
+ermüdeten Körpers kam ... Das Auftreten, Reden, Sichbenehmen, Wirken und
+Handeln unter Menschen stellte sich dem kleinen Johann nicht als ein
+naives, natürliches und halb unbewußtes Vertreten praktischer Interessen
+dar, die man mit anderen gemein hat und gegen andere durchsetzen will,
+sondern als eine Art von Selbstzweck, eine bewußte und künstliche
+Anstrengung, bei welcher, anstatt der aufrichtigen und einfachen inneren
+Beteiligung, eine furchtbar schwierige und aufreibende Virtuosität für
+Haltung und Rückgrat aufkommen mußte. Und bei dem Gedanken, man erwarte,
+daß auch er dereinst in öffentlichen Versammlungen auftreten und unter
+dem Druck aller Blicke mit Wort und Gebärde tätig sein sollte, schloß
+Hanno mit einem Schauder angstvollen Widerstrebens seine Augen ...
+
+Ach, das war die Wirkung nicht, die Thomas Buddenbrook von dem Einfluß
+seiner Persönlichkeit auf seinen Sohn erhoffte! Unbefangenheit vielmehr,
+Rücksichtslosigkeit und einen einfachen Sinn für das praktische Leben in
+ihm zu erwecken, auf nichts anderes waren all seine Gedanken gerichtet.
+
+»Du scheinst gern gut zu leben, mein Lieber«, sagte er, wenn Hanno eine
+zweite Portion Dessert oder eine halbe Tasse Kaffee nach dem Essen erbat
+... »Da mußt du ein tüchtiger Kaufmann werden und viel Geld verdienen!
+Willst du das?« Und der kleine Johann antwortete: »Ja.«
+
+Dann und wann, wenn die Familie beim Senator zu Tische gebeten war und
+Tante Antonie oder Onkel Christian nach alter Gewohnheit sich über die
+arme Tante Klothilde lustig zu machen und in der ihr eigenen
+langgedehnten und demütig-freundlichen Sprache mit ihr zu reden
+begannen, so konnte es geschehen, daß Hanno, unter der Einwirkung des
+unalltäglich schweren Rotweines, einen Augenblick auch seinerseits in
+diesen Ton geriet und sich mit irgendeiner Mokerie an Tante Klothilde
+wandte. Dann lachte Thomas Buddenbrook -- ein lautes, herzliches,
+ermunterndes, fast dankbares Lachen, wie ein Mensch, dem eine
+hocherfreuliche, heitere Genugtuung zuteil geworden ist, ja, er fing an,
+seinen Sohn zu unterstützen und selbst in die Neckerei einzustimmen: und
+doch hatte er sich eigentlich seit Jahr und Tag dieses Tones gegen die
+arme Verwandte begeben. Es war so billig, so gänzlich gefahrlos, seine
+Überlegenheit über die beschränkte, demütige, magere und immer hungrige
+Klothilde geltend zu machen, daß er es trotz aller Harmlosigkeit, die
+dabei herrschte, als gemein empfand. Mit Widerstreben empfand er es so,
+mit jenem verzweifelten Widerstreben, das er alltäglich im praktischen
+Leben seiner skrupulösen Natur entgegensetzen mußte, wenn er es wieder
+einmal nicht fassen, nicht darüber hinwegkommen konnte, wie es möglich
+sei, eine Situation zu erkennen, zu durchschauen und sie dennoch ohne
+Schamempfindung auszunutzen ... Aber die Situation ohne Schamgefühl
+auszunutzen, sagte er sich, das ist Lebenstüchtigkeit!
+
+Ach, wie froh, wie glücklich, wie hoffnungsvoll entzückt er über jedes
+geringste Anzeichen dieser Lebenstüchtigkeit war, das der kleine Johann
+an den Tag legte!
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Seit manchem Jahr hatten Buddenbrooks sich der weiteren sommerlichen
+Reisen entwöhnt, die ehemals üblich gewesen waren, und selbst als im
+vorigen Frühling die Senatorin dem Wunsche gefolgt war, ihren alten
+Vater in Amsterdam zu besuchen und nach so langer Zeit einmal wieder ein
+paar Duos mit ihm zu geigen, hatte ihr Gatte nur in ziemlich wortkarger
+Weise seine Einwilligung gegeben. Daß aber Gerda, der kleine Johann und
+Fräulein Jungmann alljährlich für die Dauer der Sommerferien ins Kurhaus
+von Travemünde übersiedelten, war hauptsächlich Hannos Gesundheit wegen
+die Regel geblieben ...
+
+Sommerferien an der See! Begriff wohl irgend jemand weit und breit, was
+für ein Glück das bedeutete? Nach dem schwerflüssigen und sorgenvollen
+Einerlei unzähliger Schultage vier Wochen lang eine friedliche und
+kummerlose Abgeschiedenheit, erfüllt von Tanggeruch und dem Rauschen der
+sanften Brandung ... Vier Wochen, eine Zeit, die an ihrem Beginne nicht
+zu übersehen und ermessen war, an deren Ende zu glauben unmöglich und
+von deren Ende zu sprechen eine lästerliche Roheit war. Niemals verstand
+es der kleine Johann, wie dieser oder jener Lehrer es über sich gewann,
+am Schlusse des Unterrichts Redewendungen laut werden zu lassen wie
+etwa: »Hier werden wir nach den Ferien fortfahren und zu dem und dem
+übergehen ...« Nach den Ferien! Er schien sich noch darauf zu freuen,
+dieser unbegreifliche Mann im blanken Kammgarnrock! Nach den Ferien! War
+das überhaupt ein Gedanke! So wundervoll weit in graue Ferne entrückt
+war alles, was jenseits dieser vier Wochen lag!
+
+In einem der beiden Schweizerhäuser, welche, durch einen schmalen
+Mittelbau verbunden, mit der »Konditorei« und dem Hauptgebäude des
+Kurhauses eine gerade Linie bildeten: welch ein Erwachen, am ersten
+Morgen, nachdem tags zuvor ein Vorzeigen des Zeugnisses wohl oder übel
+überstanden und die Fahrt in der bepackten Droschke zurückgelegt war!
+Ein unbestimmtes Glücksgefühl, das in seinem Körper emporstieg und sein
+Herz sich zusammenziehen ließ, schreckte ihn auf ... er öffnete die
+Augen und umfaßte mit einem gierigen und seligen Blick die
+altfränkischen Möbel des reinlichen kleinen Zimmers ... Eine Sekunde
+schlaftrunkener, wonniger Verwirrung -- und dann begriff er, daß er in
+Travemünde war, für vier unermeßliche Wochen in Travemünde! Er regte
+sich nicht; er lag still auf dem Rücken in dem schmalen gelbhölzernen
+Bette, dessen Linnen vor Alter außerordentlich dünn und weich waren,
+schloß hie und da aufs neue seine Augen und fühlte, wie seine Brust in
+tiefen, langsamen Atemzügen vor Glück und Unruhe erzitterte.
+
+Das Zimmer lag in dem gelblichen Tageslicht, das schon durch das
+gestreifte Rouleau hereinfiel, während doch ringsum noch alles still war
+und Ida Jungmann sowohl wie Mama noch schliefen. Nichts war zu vernehmen
+als das gleichmäßige und friedliche Geräusch, mit dem drunten der
+Hausknecht den Kies des Kurgartens harkte, und das Summen einer Fliege,
+die zwischen Rouleau und Fenster beharrlich gegen die Scheibe stürmte
+und deren Schatten man auf der gestreiften Leinwand in langen
+Zickzacklinien umherschießen sah ... Stille! Das einsame Geräusch der
+Harke und monotones Summen! Und dieser sanft belebte Friede erfüllte den
+kleinen Johann alsbald mit der köstlichen Empfindung jener ruhigen,
+wohlgepflegten und distinguierten Abgeschiedenheit des Bades, die er so
+über alles liebte. Nein, Gott sei gepriesen, hierher kam keiner der
+blanken Kammgarnröcke, die auf Erden Regeldetrie und Grammatik
+vertraten, hierher nicht, denn es war ziemlich kostspielig hier
+draußen ...
+
+Ein Anfall von Freude machte, daß er aus dem Bette sprang und auf
+nackten Füßen zum Fenster lief. Er zog das Rouleau empor, öffnete den
+einen Flügel, indem er den weißlackierten Haken löste, und blickte der
+Fliege nach, die über die Kieswege und Rosenbeete des Kurgartens hin
+davonflog. Der Musiktempel, im Halbkreise von Buchsbaum umwachsen, stand
+noch leer und still den Hotelgebäuden gegenüber. Das »Leuchtenfeld«, das
+seinen Namen nach dem Leuchtturm trug, der irgendwo zur Rechten
+aufragte, dehnte sich unter dem weißlich bezogenen Himmel aus, bis sein
+kurzes, von kahlen Erdflecken unterbrochenes Gras in hohe und harte
+Strandgewächse und dann in Sand überging, dort, wo man die Reihen der
+kleinen hölzernen Privatpavillons und der Sitzkörbe unterschied, die auf
+die See hinausblickten. Sie lag da, die See, in Frieden und Morgenlicht,
+in flaschengrünen und blauen, glatten und gekrausten Streifen, und ein
+Dampfer kam zwischen den rotgemalten Tonnen, die ihm das Fahrwasser
+bezeichneten, von Kopenhagen daher, ohne daß man zu wissen brauchte, ob
+er »Najaden« oder »Friederike Oeverdieck« hieß. Und Hanno Buddenbrook
+zog wieder tief und mit stiller Seligkeit den würzigen Atem ein, den die
+See zu ihm herübersandte, und grüßte sie zärtlich mit den Augen, mit
+einem stummen, dankbaren und liebevollen Gruße.
+
+Und dann begann der Tag, der erste dieser armseligen achtundzwanzig
+Tage, die anfangs wie eine ewige Seligkeit erschienen und, waren die
+ersten vorüber, so verzweifelt schnell zerrannen ... Es wurde auf dem
+Balkon oder unter dem großen Kastanienbaum gefrühstückt, der drunten vor
+dem Kinderspielplatze stand, dort, wo die große Schaukel hing -- und
+alles, der Geruch, den das eilig gewaschene Tischtuch ausströmte, wenn
+der Kellner es ausbreitete, die Servietten aus Seidenpapier, das
+fremdartige Brot, der Umstand, daß man die Eier nicht wie zu Hause mit
+knöchernen, sondern mit gewöhnlichen Teelöffeln und aus metallenen
+Bechern aß -- alles entzückte den kleinen Johann.
+
+Und was folgte, war alles frei und leicht geordnet, ein wunderbar
+müßiges und pflegsames Wohlleben, das ungestört und kummerlos verging:
+der Vormittag am Strande, während droben die Kurkapelle ihr
+Morgenprogramm erledigte, dieses Liegen und Ruhen zu Füßen des
+Sitzkorbes, dieses zärtliche und träumerische Spielen mit dem weichen
+Sande, der nicht beschmutzt, dieses mühe- und schmerzlose Schweifen und
+Sichverlieren der Augen über die grüne und blaue Unendlichkeit hin, von
+welcher, frei und ohne Hindernis, mit sanftem Sausen ein starker,
+frisch, wild und herrlich duftender Hauch daherkam, der die Ohren
+umhüllte und einen angenehmen Schwindel hervorrief, eine gedämpfte
+Betäubung, in der das Bewußtsein von Zeit und Raum und allem Begrenzten
+still selig unterging ... Das Baden dann, das hier eine erfreulichere
+Sache war als in Herrn Asmussens Anstalt, denn es gab hier kein
+»Gänsefutter«, das hellgrüne, kristallklare Wasser schäumte weithin,
+wenn man es aufrührte, statt eines schleimigen Bretterbodens
+schmeichelte der weich gewellte Sandboden den Sohlen, und Konsul
+Hagenströms Söhne waren weit, sehr weit, in Norwegen oder Tirol. Der
+Konsul liebte es, im Sommer eine ausgedehntere Erholungsreise zu
+unternehmen -- und warum also nicht, nicht wahr ... Ein Spaziergang, zur
+Erwärmung, den Strand entlang, bis zum »Mövenstein« oder zum
+»Seetempel«, ein Imbiß, am Sitzkorbe eingenommen -- und die Stunde
+näherte sich, da man hinauf in die Zimmer ging, um vor der Toilette zur
+Table d'hote eine kleine Stunde zu ruhen. Die Table d'hote war lustig,
+das Bad stand in Flor, viele Leute, Familien, die den Buddenbrooks
+befreundet waren, sowohl wie Hamburger und sogar englische und russische
+Herrschaften füllten den großen Saal des Kurhauses, an einem feierlichen
+Tischchen kredenzte ein schwarz gekleideter Herr die Suppe aus einer
+silberblanken Terrine, es gab vier Gänge, die schmackhafter, würziger
+und jedenfalls auf irgendeine festlichere Weise zubereitet waren als zu
+Hause, und an vielen Stellen der langen Tafeln ward Champagner
+getrunken. Oftmals kamen einzelne Herren aus der Stadt, die sich von
+ihren Geschäften nicht während der ganzen Woche fesseln ließen, die sich
+amüsieren und nach dem Essen die Roulette ein wenig in Bewegung setzen
+wollten: Konsul Peter Döhlmann, der seine Tochter zu Hause gelassen
+hatte und mit schallender Stimme auf Plattdeutsch so ungenierte
+Geschichten erzählte, daß die Hamburger Damen vor Lachen husteten und um
+einen Augenblick Pause baten; Senator Doktor Cremer, der alte
+Polizeichef; Onkel Christian und sein Schulfreund, Senator Gieseke, der
+ebenfalls ohne Familie war und alles für Christian Buddenbrook bezahlte
+... Später, wenn die Erwachsenen zu den Klängen der Musik unter dem
+Zeltdache der Konditorei den Kaffee tranken, saß Hanno auf einem Stuhle
+unermüdlich vor den Stufen des Tempels und lauschte ... Es war gesorgt
+für den Nachmittag. Es gab eine Schießbude im Kurgarten, und zur Rechten
+der Schweizerhäuser standen die Stallgebäude mit Pferden, Eseln und den
+Kühen, deren Milch man warm, schaumig und duftend zur Vesperstunde
+trank. Man konnte einen Spaziergang machen, in das Städtchen, die
+»Vorderreihe« entlang; man konnte von dort aus mit einem Boote zum
+»Priwal« übersetzen, an dessen Strande es Bernstein zu finden gab,
+konnte sich auf dem Kinderspielplatze an einer Krocketpartie beteiligen
+oder sich auf einer Bank des bewaldeten Hügels, der hinter den Hotels
+gelegen war und auf dem die große Table-d'hote-Glocke hing, von Ida
+Jungmann vorlesen lassen ... Und doch war das Klügste stets, zur See
+zurückzukehren und noch im Zwielicht, das Gesicht dem offenen Horizonte
+zugewandt, auf der Spitze des Bollwerks zu sitzen, den großen Schiffen,
+die vorüberglitten, mit dem Taschentuch zuzuwinken und zu horchen, wie
+die kleinen Wellen mit leisem Plaudern wider die Steinblöcke klatschten
+und die ganze Weite ringsum von diesem gelinden und großartigen Sausen
+erfüllt war, das dem kleinen Johann gütevoll zusprach und ihn beredete,
+in ungeheurer Zufriedenheit seine Augen zu schließen. Dann aber sagte
+Ida Jungmann: »Komm, Hannochen; müssen gehen; Abendbrotzeit; wirst dir
+den Tod holen, wenn du hier wirst schlafen wollen ...« Welch ein
+beruhigtes, befriedigtes und in wohltätiger Ordnung arbeitendes Herz er
+immer mitnahm vom Meere! Und wenn er sein Abendbrot mit Milch oder stark
+gemalztem Braunbier im Zimmer gegessen hatte, während seine Mutter
+später in der Glasveranda des Kurhauses in größerer Gesellschaft
+speiste, so senkte sich, kaum daß er wieder zwischen dem altersdünnen
+Linnen seines Bettes lag, zu den sanften und vollen Schlägen eben
+dieses befriedigten Herzens und den gedämpften Rhythmen des
+Abendkonzertes ganz ohne Schrecken und Fieber der Schlaf über ihn ...
+
+Am Sonntag erschien, gleich einigen anderen Herren, die während der
+Woche von ihren Geschäften in der Stadt zurückgehalten wurden, der
+Senator bei den Seinen und blieb bis zum Montagmorgen. Aber obgleich
+dann Eis und Champagner an der Table d'hote serviert ward, obgleich
+Eselritte und Segelpartien in die offene See hinaus veranstaltet wurden,
+liebte der kleine Johann diese Sonntage nicht sehr. Die Ruhe und
+Abgeschlossenheit des Bades war gestört. Eine Menge von Leuten aus der
+Stadt, die gar nicht hierher gehörten, »Eintagsfliegen aus dem guten
+Mittelstande«, wie Ida Jungmann sie mit wohlwollender Geringschätzung
+nannte, bevölkerte am Nachmittage Kurgarten und Strand, um Kaffee zu
+trinken, Musik zu hören, zu baden, und Hanno hätte am liebsten im
+geschlossenen Zimmer den Abfluß dieser festlich geputzten Störenfriede
+erwartet ... Nein, er war froh, wenn am Montag alles wieder ins
+alltägliche Geleise kam, wenn auch die Augen seines Vaters, diese Augen,
+denen er sechs Tage lang fern gewesen war und die, er hatte es wohl
+gefühlt, während des ganzen Sonntages wieder kritisch und forschend auf
+ihm geruht hatten, nicht mehr da waren ...
+
+Und vierzehn Tage waren vorbei, und Hanno sagte sich und beteuerte es
+jedem, der es hören wollte, daß jetzt noch eine Zeit komme, so lang wie
+die Michaelisferien. Allein das war ein trügerischer Trost, denn war die
+Höhe der Ferien erreicht, so ging es abwärts und gegen Ende, schnell, so
+fürchterlich schnell, daß er sich an jede Stunde hätte klammern mögen,
+um sie nicht vorüberzulassen, und jeden Seeluftatemzug verlangsamen, um
+das Glück nicht achtlos zu vergeuden.
+
+Aber die Zeit verging unaufhaltsam im Wechsel von Regen und
+Sonnenschein, See- und Landwind, stiller, brütender Wärme und lärmenden
+Gewittern, die nicht über das Wasser konnten und kein Ende nehmen zu
+wollen schienen. Es gab Tage, an denen der Nordostwind die Bucht mit
+schwarzgrüner Flut überfüllte, welche den Strand mit Tang, Muscheln und
+Quallen bedeckte und die Pavillons bedrohte. Dann war die trübe,
+zerwühlte See weit und breit mit Schaum bedeckt. Große, starke Wogen
+wälzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflößenden Ruhe heran,
+neigten sich majestätisch, indem sie eine dunkelgrüne, metallblanke
+Rundung bildeten, und stürzten tosend, krachend, zischend, donnernd über
+den Sand ... Es gab andere Tage, an denen der Westwind die See
+zurücktrieb, daß der zierlich gewellte Grund weit hinaus freilag und
+überall nackte Sandbänke sichtbar waren, während der Regen in Strömen
+herniederging, Himmel, Erde und Wasser ineinander verschwammen und der
+Stoßwind in den Regen fuhr und ihn gegen die Fensterscheiben trieb, daß
+nicht Tropfen, sondern Bäche daran hinunterflossen und sie
+undurchsichtig machten. Dann hielt Hanno sich meistens im Kursaale auf,
+am Pianino, das zwar bei den Reunions von Walzern und Schottischen ein
+wenig zerhämmert war und auf dem sich nicht so wohllautend phantasieren
+ließ wie zu Haus auf dem Flügel, aber mit dessen gedeckter und
+glucksender Klangart doch recht unterhaltende Wirkungen zu erzielen
+waren ... Und wieder kamen andere Tage, träumerische, blaue, ganz
+windstille und brütend warme, an denen die blauen Fliegen summend in der
+Sonne über dem »Leuchtenfeld« standen und die See stumm und spiegelnd,
+ohne Hauch und Regung lag. Und waren noch drei Tage übrig, so sagte sich
+Hanno und machte es jedem klar, daß jetzt noch eine Zeit komme, so lang
+wie die ganzen Pfingstferien. Aber so unanfechtbar diese Rechnung war,
+glaubte er doch selbst nicht daran, und seines Herzens hatte sich längst
+die Erkenntnis bemächtigt, daß der Mann im blanken Kammgarnrock dennoch
+recht gehabt, daß die vier Wochen dennoch ein Ende nahmen und daß man
+nun dennoch da fortfahren, wo man aufgehört, und zu dem und dem
+übergehen werde ...
+
+Die bepackte Droschke hielt vorm Kurhause, der Tag war da. Hanno hatte
+frühmorgens der See und dem Strande sein Adieu gesagt; er sagte es nun
+den Kellnern, die ihre Trinkgelder entgegennahmen, dem Musiktempel, den
+Rosenbeeten und dieser ganzen Sommerszeit. Und dann, unter den
+Verbeugungen des Hotelpersonals, setzte sich der Wagen in Bewegung.
+
+Er passierte die Allee, die zum Städtchen führte, und fuhr die
+»Vorderreihe« entlang ... Hanno drückte den Kopf in die Wagenecke und
+sah, an Ida Jungmann vorbei, die frischäugig, weißhaarig und knochig ihm
+gegenüber auf dem Rückplatze saß, zum Fenster hinaus. Der Morgenhimmel
+war weißlich bedeckt, und die Trave warf kleine Wellen, die schnell vor
+dem Winde dahereilten. Dann und wann prickelten Regentropfen gegen die
+Scheiben. Am Ausgange der »Vorderreihe« saßen Leute vor ihren Haustüren
+und flickten Netze; barfüßige Kinder kamen herbeigelaufen und
+betrachteten neugierig den Wagen. =Die= blieben hier ...
+
+Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Hanno sich vor, um
+noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte er sich zurück und
+schloß die Augen. »Nächst's Jahr wieder, Hannochen«, sagte Ida Jungmann
+mit tiefer, tröstender Stimme; aber dieser Zuspruch hatte nur gefehlt,
+um sein Kinn in zitternde Bewegung zu setzen und die Tränen unter seinen
+langen Wimpern hervorquellen zu lassen.
+
+Sein Gesicht und seine Hände waren von der Seeluft gebräunt; aber wenn
+man mit diesem Badeaufenthalt den Zweck verfolgt hatte, ihn härter,
+energischer, frischer und widerstandsfähiger zu machen, so war man
+jämmerlich fehlgegangen; von dieser hoffnungslosen Wahrheit war er ganz
+erfüllt. Sein Herz war durch diese vier Wochen voll Meeresandacht und
+eingehegtem Frieden nur noch viel weicher, verwöhnter, träumerischer,
+empfindlicher geworden und nur noch viel unfähiger, bei dem Ausblick auf
+Herrn Tiedges Regeldetri tapfer zu bleiben und bei dem Gedanken an das
+Auswendiglernen der Geschichtszahlen und grammatischen Regeln, an das
+verzweifelt leichtsinnige Wegwerfen der Bücher und den tiefen Schlaf, um
+allem zu entgehen, an die Angst am Morgen und vor den Stunden, die
+Katastrophen, die feindlichen Hagenströms und die Anforderungen, die
+sein Vater an ihn stellte, nicht vollständig zu verzagen.
+
+Dann aber ermunterte die morgendliche Fahrt ihn ein wenig, die, zwischen
+dem Gezwitscher der Vögel, durch die wassererfüllten Geleise der
+Landstraße dahinging. Er dachte an Kai und das Wiedersehen mit ihm, an
+Herrn Pfühl, die Klavierstunden, den Flügel und sein Harmonium. Übrigens
+war morgen Sonntag, und der erste Schultag, übermorgen, war noch
+gefahrlos. Ach, er fühlte noch ein wenig Sand vom Strande in seinen
+Knöpfstiefeln ... er wollte den alten Grobleben bitten, ihn immer darin
+zu lassen ... Mochte es nur alles wieder beginnen, das mit den
+Kammgarnröcken und das mit Hagenströms und das andere. Er hatte, was er
+hatte. Er wollte sich der See und des Kurgartens erinnern, wenn alles
+wieder auf ihn einstürmte, und ein ganz kurzer Gedanke an das Geräusch,
+mit dem abends in der Stille die kleinen Wellen, weither, aus der in
+geheimnisvollem Schlummer liegenden Ferne kommend, gegen das Bollwerk
+geplanscht hatten, sollte ihn so getrost, so unberührbar gegen alle
+Widrigkeiten machen ...
+
+Dann kam die Fähre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg,
+das Burgfeld, der Wagen erreichte das Burgtor, neben dem zur Rechten die
+Mauern des Gefängnisses aufragten, wo Onkel Weinschenk saß, er rollte
+die Burgstraße entlang und über den Koberg, ließ die Breite Straße
+zurück und fuhr bremsend die stark abfallende Fischergrube hinunter ...
+Da war die rote Fassade mit dem Erker und den weißen Karyatiden, und als
+sie von der mittagwarmen Straße in die Kühle des steinernen Flures
+traten, kam der Senator, die Feder in der Hand, aus dem Kontor heraus,
+um sie zu begrüßen ...
+
+Und langsam, langsam, mit heimlichen Tränen, lernte der kleine Johann
+wieder, die See zu missen, sich zu ängstigen und ungeheuerlich zu
+langweilen, stets der Hagenströms gewärtig zu sein und sich mit Kai,
+Herrn Pfühl und der Musik zu trösten.
+
+Die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße und Tante Klothilde
+richteten, sobald sie seiner ansichtig wurden, die Frage an ihn, wie
+nach den Ferien die Schule schmecke -- mit einem neckischen Blinzeln,
+das ein überlegenes Verständnis für seine Lage vorgab, und jenem
+sonderbaren Erwachsenen-Hochmut, der alles, was Kinder angeht, möglichst
+spaßhaft und oberflächlich behandelt; und Hanno hielt diesen Fragen
+stand.
+
+Drei oder vier Tage nach der Rückkehr in die Stadt erschien der Hausarzt
+Doktor Langhals in der Fischergrube, um die Wirkungen des Bades
+festzustellen. Nachdem er eine längere Konferenz mit der Senatorin
+gehabt, ward Hanno vorgeführt, um sich, halb entkleidet, einer
+eingehenden Prüfung zu unterziehen -- seines _status praesens_, wie
+Doktor Langhals sagte, indem er seine Fingernägel besah. Er untersuchte
+Hannos spärliche Muskulatur, die Breite seiner Brust und die Funktion
+seines Herzens, ließ sich über alle seine Lebensäußerungen Bericht
+erstatten, nahm schließlich vermittels einer Nadelspritze einen
+Blutstropfen aus Hannos schmalem Arm, um zu Hause eine Analyse
+vorzunehmen, und schien im allgemeinen wieder nicht recht befriedigt.
+
+»Wir sind ziemlich braun geworden«, sagte er, indem er Hanno, der vor
+ihm stand, umarmte, die kleine schwarzbehaarte Hand auf seiner Schulter
+gruppierte und zur Senatorin und Fräulein Jungmann emporsah, »aber ein
+allzu betrübtes Gesicht machen wir immer noch.«
+
+»Er hat Heimweh nach der See«, bemerkte Gerda Buddenbrook.
+
+»So, so ... also dort bist du so gern!« fragte Doktor Langhals, indem er
+dem kleinen Johann mit seinen eitlen Augen ins Gesicht blickte ... Hanno
+verfärbte sich. Was bedeutete diese Frage, auf die Doktor Langhals
+ersichtlich eine Antwort erwartete? Eine wahnwitzige und phantastische
+Hoffnung, möglich gemacht durch die schwärmerische Überzeugung, daß
+allen Kammgarnmännern der Welt zum Trotz vor Gott nichts unmöglich sei,
+stieg in ihm auf.
+
+»Ja ...«, brachte er hervor, seine erweiterten Augen starr auf den
+Doktor gerichtet. Aber Doktor Langhals hatte gar nichts Besonderes bei
+seiner Frage im Sinne gehabt.
+
+»Nun, der Effekt der Bäder und der guten Luft wird schon noch nachkommen
+... schon noch nachkommen!« sagte er, indem er dem kleinen Johann auf
+die Schulter klopfte, ihn von sich schob und mit einem Kopfnicken gegen
+die Senatorin und Ida Jungmann -- dem überlegenen, wohlwollenden und
+ermunternden Kopfnicken des wissenden Arztes, an dessen Augen und Lippen
+man hängt -- sich erhob und die Konsultation beendete ...
+
+Das bereitwilligste Verständnis noch für seinen Schmerz um die See,
+diese Wunde, die so langsam vernarbte und, von der geringsten Härte des
+Alltages berührt, wieder zu brennen und zu bluten begann, fand Hanno bei
+Tante Antonie, die ihn mit ersichtlichem Vergnügen vom Travemünder Leben
+erzählen hörte und auf seine sehnsüchtigen Lobpreisungen lebhaften
+Herzens einging.
+
+»Ja, Hanno«, sagte sie, »was wahr ist, bleibt ewig wahr, und Travemünde
+ist ein schöner Aufenthalt! Bis ich den Fuß ins Grab setze, weißt du,
+werde ich mich mit Freuden an die Sommerwochen erinnern, die ich dort
+als junges, dummes Ding einmal erlebte. Ich wohnte bei Leuten, die ich
+gern hatte und die mich auch wohl leiden konnten, wie es schien, denn
+ich war ein hübscher Springinsfeld damals -- jetzt kann ich altes Weib
+es ja aussprechen -- und fast immer guter Dinge. Es waren brave Leute,
+will ich dir sagen, bieder, gutherzig und gradsinnig und außerdem so
+gescheit, gelehrt und begeistert, wie ich später im Leben überhaupt
+keine mehr gefunden habe. Ja, es war ein außerordentlich anregender
+Verkehr mit ihnen. Ich habe da, was Anschauungen und Kenntnisse
+betrifft, weißt du, für mein ganzes Leben viel gelernt, und wenn nicht
+anderes dazwischen gekommen wäre, allerhand Ereignisse ... kurz, wie es
+im Leben so geht ... so hätte ich dummes Ding wohl noch manches
+profitiert. Willst du wissen, wie dumm ich damals war? Ich wollte die
+bunten Sterne aus den Quallen heraushaben. Ich trug eine ganze Menge
+Quallen im Taschentuche nach Hause und legte sie säuberlich auf den
+Balkon in die Sonne, damit sie verdunsteten ... Dann mußten die Sterne
+doch übrigbleiben! Ja, gut ... als ich nachsah, war da ein ziemlich
+großer nasser Fleck. Es roch nur ein bißchen nach faulem Seetang ...«
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Zu Beginn des Jahres 1873 ward dem Gnadengesuch Hugo Weinschenks vom
+Senate stattgegeben und der ehemalige Direktor ein halbes Jahr vor
+Ablauf der ihm zugemessenen Strafzeit auf freien Fuß gesetzt.
+
+Würde Frau Permaneder ehrlich gesprochen haben, so hätte sie zugeben
+müssen, daß dieses Ereignis sie gar nicht sehr freudig berührte und daß
+sie es lieber gesehen hätte, wenn alles nun auch bis ans Ende geblieben
+wäre, wie es einmal war. Sie lebte mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin
+friedlich am Lindenplatze, im Verkehr mit dem Hause in der Fischergrube
+und mit ihrer Pensionsfreundin Armgard von Maiboom, geb. von Schilling,
+die seit dem Ableben ihres Gatten in der Stadt wohnte. Sie wußte längst,
+daß sie außerhalb der Mauern ihrer Vaterstadt eigentlich nirgends am
+richtigen und würdigen Platze war und verspürte mit ihren Münchener
+Erinnerungen, ihrem beständig schwächer und reizbarer werdenden Magen
+und ihrem wachsenden Ruhebedürfnis durchaus keine Neigung, auf ihre
+alten Tage noch einmal in eine große Stadt des geeinten Vaterlandes oder
+gar ins Ausland überzusiedeln.
+
+»Liebes Kind«, sagte sie zu ihrer Tochter, »ich muß dich nun etwas
+fragen, etwas Ernstes!... Du liebst deinen Mann doch noch immer von
+ganzem Herzen? Du liebst ihn doch so, daß du ihm, wohin er sich jetzt
+auch wenden möge, mit eurem Kinde folgen willst, da seines Bleibens hier
+ja leider nicht ist?«
+
+Und da Frau Erika Weinschenk, geb. Grünlich, hierauf unter Tränen, die
+alles mögliche bedeuten konnten, genau so pflichtgemäß antwortete, wie
+Tony selbst einstmals unter ähnlichen Umständen in ihrer Villa bei
+Hamburg ihrem Vater geantwortet hatte, so fing man an, mit einer nahen
+Trennung zu rechnen ...
+
+Es war ein Tag, beinahe so schauerlich wie der, an dem Direktor
+Weinschenk in Haft genommen war, als Frau Permaneder ihren Schwiegersohn
+in einer geschlossenen Droschke vom Gefängnisse abholte. Sie brachte ihn
+in ihre Wohnung am Lindenplatze, und dort blieb er, nachdem er verwirrt
+und ratlos Frau und Kind begrüßt, in dem Zimmer, das man ihm eingeräumt,
+und rauchte von früh bis spät Zigarren, ohne es zu wagen, auf die Straße
+zu gehen, ja meistens ohne die Mahlzeiten mit den Seinen gemeinsam zu
+nehmen, ein ergrauter und vollständig kopfscheuer Mensch.
+
+Das Gefängnisleben hatte seiner körperlichen Gesundheit nichts anhaben
+können, denn Hugo Weinschenk war stets von durabler Konstitution
+gewesen; aber es stand doch äußerst traurig um ihn. Es war entsetzlich,
+zu sehen, wie dieser Mann -- der höchstwahrscheinlich nichts anderes
+begangen hatte, als was die meisten seiner Kollegen ringsum mit gutem
+Mut alle Tage begingen, und der, wäre er nicht ertappt worden, ohne
+Zweifel erhobenen Hauptes und unberührt heiteren Gewissens seinen Pfad
+gewandert wäre -- durch seinen bürgerlichen Fall, durch die Tatsache der
+gerichtlichen Verurteilung und diese drei Gefängnisjahre nun moralisch
+so vollkommen gebrochen war. Er hatte vor Gericht aus tiefster
+Überzeugung beteuert, und von Sachverständigen war es ihm bestätigt
+worden, daß das kecke Manöver, welches er seiner Gesellschaft und sich
+selbst zu Ehr' und Vorteil unternommen, in der Geschäftswelt als Usance
+gelte. Die Juristen aber, Herren, die nach seiner eigenen Meinung von
+diesen Dingen gar nichts verstanden, die unter ganz anderen Begriffen
+und in einer ganz anderen Weltanschauung lebten, hatten ihn wegen
+Betruges verurteilt, und dieser Spruch, dem die staatliche Macht zur
+Seite stand, hatte seine Selbstschätzung dermaßen zu erschüttern
+vermocht, daß er niemandem mehr ins Angesicht zu blicken wagte. Sein
+federnder Gang, die unternehmende Art, mit der er sich in der Taille
+seines Gehrockes gewiegt, mit den Fäusten balanciert und die Augen
+gerollt hatte, die ungemeine Frische, mit der er von der Höhe seiner
+Unwissenheit und Unbildung herab seine Fragen und Erzählungen zum besten
+gegeben hatte -- alles war dahin! Es war so sehr dahin, daß den Seinen
+vor so viel Gedrücktheit, Feigheit und dumpfer Würdelosigkeit graute.
+
+Nachdem Herr Hugo Weinschenk acht oder zehn Tage lang sich lediglich mit
+Rauchen beschäftigt hatte, fing er an, Zeitungen zu lesen und Briefe zu
+schreiben. Und dies hatte nach dem Verlaufe weiterer acht oder zehn Tage
+zur Folge, daß er in unbestimmten Wendungen erklärte, in London scheine
+sich ihm eine neue Position zu bieten, doch wolle er zunächst allein
+dorthin reisen, um die Sache persönlich zu regeln und erst, wenn alles
+in Richtigkeit sei, Frau und Kind zu sich rufen.
+
+Er fuhr, von Erika begleitet, in geschlossenem Wagen zum Bahnhof und
+reiste ab, ohne irgendeinen seiner übrigen Verwandten noch einmal
+gesehen zu haben.
+
+Einige Tage später traf, noch aus Hamburg, ein an seine Gattin
+gerichtetes Schreiben ein, in welchem er zu wissen tat, er sei
+entschlossen, sich keinesfalls eher mit Frau und Kind zu vereinigen
+oder auch nur von sich hören zu lassen, als bis er ihnen eine
+angemessene Existenz werde bieten können. Und dies war Hugo Weinschenks
+letztes Lebenszeichen. Niemand vernahm seitdem das geringste von ihm.
+Obgleich später Frau Permaneder, versiert in solchen Dingen und voll
+umsichtiger Tatkraft wie sie war, mehrere Aufrufe nach ihrem
+Schwiegersohn ergehen ließ, um, wie sie mit wichtiger Miene erklärte,
+der Scheidungsklage wegen böswilligen Verlassens eine volle Begründung
+zu geben, war und blieb er verschollen, und so kam es, daß Erika
+Weinschenk mit der kleinen Elisabeth nach wie vor bei ihrer Mutter in
+der hellen Etage am »Lindenplatze« verblieb.
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Die Ehe, aus welcher der kleine Johann hervorgegangen war, hatte, als
+Gesprächsgegenstand genommen, in der Stadt niemals an Reiz verloren. So
+gewiß wie jedem der beiden Gatten etwas Extravagantes und Rätselhaftes
+eigen war, so gewiß trug diese Ehe selbst den Charakter des
+Ungewöhnlichen und Fragwürdigen. Hier ein wenig hinters Licht zu kommen
+und, abgesehen von den dürftigen, äußeren Tatsachen, dem Verhältnis ein
+wenig auf den Grund zu gehen, schien eine schwierige, aber lohnende
+Aufgabe ... Und in Wohn- und Schlafstuben, in Klubs und Kasinos, ja
+selbst an der Börse sprachen die Leute über Gerda und Thomas Buddenbrook
+desto mehr, je weniger sie von ihnen wußten.
+
+Wie hatten diese beiden sich gefunden, und wie standen sie zueinander?
+Man erinnerte sich der jähen Entschlossenheit, mit der vor achtzehn
+Jahren der damals dreißigjährige Thomas Buddenbrook zu Werke gegangen
+war. »Diese oder keine«, das war sein Wort gewesen, und es mußte sich
+mit Gerda wohl ähnlich verhalten haben, denn sie hatte in Amsterdam bis
+zu ihrem siebenundzwanzigsten Jahre Körbe ausgeteilt und diesen Bewerber
+alsbald erhört. Eine Liebesheirat also, dachten die Leute in ihrem
+Sinne; denn so schwer es ihnen wurde, mußten sie einräumen, daß Gerdas
+Dreihunderttausend doch wohl nur eine Rolle zweiten Ranges bei der
+Sache gespielt hatten. Allein von Liebe wiederum, von dem, was man unter
+Liebe verstand, war zwischen den beiden von Anbeginn höchst wenig zu
+spüren gewesen. Von Anbeginn vielmehr hatte man nichts als Höflichkeit
+in ihrem Umgang konstatiert, eine zwischen Gatten ganz außerordentliche,
+korrekte und respektvolle Höflichkeit, die aber unverständlicherweise
+nicht aus innerer Fernheit und Fremdheit, sondern aus einer sehr
+eigenartigen, stummen und tiefen gegenseitigen Vertrautheit und
+Kenntnis, einer beständigen gegenseitigen Rücksicht und Nachsicht
+hervorzugehen schien. Daran hatten die Jahre nicht das geringste
+geändert. Die Änderung, die sie hervorgebracht hatten, bestand nur
+darin, daß jetzt der Altersunterschied der beiden, so selten geringfügig
+er den Jahren nach war, anfing, in auffälliger Weise hervorzutreten ...
+
+Man sah die beiden an und fand, daß dies ein stark alternder, schon ein
+bißchen beleibter Mann, mit einer jungen Frau zur Seite, war. Man fand,
+daß Thomas Buddenbrook verfallen aussah -- ja, dies war trotz der
+nachgerade ein wenig komisch wirkenden Eitelkeit, mit der er sich
+zurechtstutzte, das einzig richtige Wort für ihn -- während Gerda sich
+in diesen achtzehn Jahren fast gar nicht verändert hatte. Sie erschien
+gleichsam konserviert in der nervösen Kälte, in der sie lebte und die
+sie ausströmte. Ihr dunkelrotes Haar hatte genau seine Farbe behalten,
+ihr schönes, weißes Gesicht genau sein Ebenmaß und die Gestalt ihre
+schlanke und hohe Vornehmheit. In den Winkeln ihrer etwas zu kleinen und
+etwas zu nahe beieinander liegenden braunen Augen lagerten immer noch
+die bläulichen Schatten ... Man traute diesen Augen nicht. Sie blickten
+seltsam, und was etwa in ihnen geschrieben stand, vermochten die Leute
+nicht zu entziffern. Diese Frau, deren Wesen so kühl, so eingezogen,
+verschlossen, reserviert und ablehnend war und die nur an ihre Musik ein
+wenig Lebenswärme zu verausgaben schien, erregte unbestimmte Verdächte.
+Die Leute holten ihr bißchen verstaubte Menschenkenntnis hervor, um sie
+gegen Senator Buddenbrooks Gattin anzuwenden. Stille Wasser waren oft
+tief. Mancher hatte es faustdick hinter den Ohren. Und da sie doch
+wünschten, sich die ganze Sache ein Stückchen näher zu bringen und
+überhaupt irgend etwas davon zu wissen und zu verstehen, so führte ihre
+bescheidene Phantasie sie zu der Annahme, es könne wohl nicht anders
+sein, als daß die schöne Gerda ihren alternden Mann nun ein wenig
+betröge.
+
+Sie gaben wohl acht, und es dauerte nicht lange, bis sie einig darüber
+waren, daß Gerda Buddenbrook in ihrem Verhältnis zu Herrn Leutnant von
+Throta gelinde gesagt die Grenzen des Sittsamen überschritt.
+
+Renee Maria von Throta, aus den Rheinlanden gebürtig, stand als
+Sekondeleutnant bei einem der Infanteriebataillone, die in der Stadt
+garnisonierten. Der rote Kragen nahm sich gut aus zu seinem schwarzen
+Haar, das seitwärts gescheitelt und rechts in einem hohen, dichten und
+gelockten Kamm von der weißen Stirn zurückgestrichen war. Aber obwohl er
+groß und stark von Gestalt erschien, rief seine ganze Erscheinung, seine
+Bewegungen sowohl wie seine Art zu sprechen und zu schweigen, einen
+äußerst unmilitärischen Eindruck hervor. Er liebte es, eine Hand
+zwischen die Knöpfe seines halb offenen Interimsrockes zu schieben oder
+dazusitzen, indem er die Wange gegen den Handrücken lehnte; seine
+Verbeugungen entbehrten jeglicher Strammheit, man hörte nicht einmal
+seine Absätze dabei zusammenschlagen, und er behandelte die Uniform an
+seinem muskulösen Körper genau so nachlässig und launisch wie einen
+Zivilanzug. Selbst sein schmales, schräg zu den Mundwinkeln
+hinablaufendes Jünglings-Schnurrbärtchen, dem nicht Spitze noch Schwung
+hätte gegeben werden können, trug dazu bei, diesen unmartialischen
+Gesamteindruck zu verstärken. Das merkwürdigste an ihm aber waren die
+Augen: große, außerordentlich glänzende und so schwarze Augen, daß sie
+wie unergründliche, glühende Tiefen erschienen, Augen, welche
+schwärmerisch, ernst und schimmernd auf Dingen und Gesichtern ruhten ...
+
+Ohne Zweifel war er wider Willen oder doch ohne Liebe zur Sache in die
+Armee eingetreten, denn trotz seiner Körperstärke war er untüchtig im
+Dienste und unbeliebt bei seinen Kameraden, deren Interessen und
+Vergnügungen -- die Interessen und Vergnügungen junger Offiziere, die
+vor kurzem von einem siegreichen Feldzuge zurückgekehrt waren -- er zu
+wenig teilte. Er galt für einen unangenehmen und extravaganten
+Sonderling unter ihnen, der einsame Spaziergänge machte, der weder
+Pferde noch Jagd, noch Spiel, noch Frauen liebte, und dessen ganzer Sinn
+der Musik zugewandt war, denn er spielte mehrere Instrumente und war,
+mit seinen glühenden Augen und seiner unmilitärischen, zugleich saloppen
+und schauspielerhaften Haltung, in allen Opern und Konzerten zu sehen,
+während er Klub und Kasino mißachtete.
+
+Wohl oder übel erledigte er die notwendigsten Visiten in den
+hervorragenden Familien; aber er lehnte beinahe alle Einladungen ab und
+verkehrte eigentlich nur im Hause Buddenbrook ... zuviel, wie die Leute
+meinten, zuviel, wie auch der Senator selber meinte ...
+
+Niemand ahnte, was in Thomas Buddenbrook vorging, niemand durfte es
+ahnen, und gerade dies: alle Welt über seinen Gram, seinen Haß, seine
+Ohnmacht in Unwissenheit zu erhalten, war so fürchterlich schwer! Die
+Leute fingen an, ihn ein wenig lächerlich zu finden, aber vielleicht
+hätten sie Mitleid verspürt und solche Gefühle unterdrückt, wenn sie im
+entferntesten vermutet hätten, mit welcher angstvollen Reizbarkeit er
+vor dem Lächerlichen auf der Hut war, wie er es längst von weitem hatte
+nahen sehen und es vorausempfunden hatte, bevor noch ihnen irgend etwas
+davon in den Sinn gekommen war. Auch seine Eitelkeit, diese vielfach
+bespöttelte »Eitelkeit«, war ja zum guten Teile aus dieser Sorge
+hervorgegangen. Er war der erste gewesen, der das beständig
+hervortretende Mißverhältnis zwischen seiner eigenen Erscheinung und
+Gerdas sonderbarer Unberührtheit, der die Jahre nichts anhatten, mit
+Argwohn ins Auge gefaßt hatte, und jetzt, seit Herr von Throta in sein
+Haus gekommen war, mußte er seine Besorgnis mit dem Rest seiner Kräfte
+bekämpfen und verstecken, mußte es, um nicht durch das Kundwerden dieser
+Besorgnis schon seinen Namen dem allgemeinen Lächeln preiszugeben.
+
+Gerda Buddenbrook und der junge, eigenartige Offizier hatten einander,
+wie sich versteht, auf dem Gebiete der Musik gefunden. Herr von Throta
+spielte Klavier, Geige, Bratsche, Violoncell und Flöte -- alles
+vortrefflich -- und oft ward dem Senator der kommende Besuch im voraus
+angekündigt, dadurch, daß Herr von Throtas Bursche, den Cellokasten auf
+dem Rücken schleppend, an den grünen Fenstervorsätzen des Privatkontors
+vorüberging und im Hause verschwand ... Dann saß Thomas Buddenbrook an
+seinem Schreibtisch und wartete, bis er auch ihn selbst, den Freund
+seiner Frau, in sein Haus eintreten sah, bis über ihm im Salon die
+Harmonien aufwogten, die unter Singen, Klagen und übermenschlichem
+Jubeln gleichsam mit krampfhaft ausgestreckten, gefalteten Händen
+emporrangen und nach allen irren und vagen Ekstasen in Schwäche und
+Schluchzen hinsanken in Nacht und Schweigen. Mochten sie doch rollen und
+brausen, weinen und jauchzen, einander aufschäumend umschlingen und sich
+so übernatürlich gebärden wie sie nur wollten! Das Schlimme, das
+eigentlich Qualvolle war die Lautlosigkeit, die ihnen folgte, die dann
+dort oben im Salon =so= lange, lange herrschte, und die zu tief und
+unbelebt war, um nicht Grauen zu erregen. Kein Schritt erschütterte die
+Decke, kein Stuhl ward gerückt; es war eine unlautere, hinterhältige,
+schweigende, =ver=schweigende Stille ... Dann saß Thomas Buddenbrook und
+ängstigte sich so sehr, daß er manchmal leise ächzte.
+
+Was fürchtete er? Wieder hatten die Leute Herrn von Throta in das Haus
+eintreten sehen, und mit ihren Augen gleichsam, so, wie es sich ihnen
+darstellte, sah er dies Bild: sich selbst, den alternden, abgenutzten
+und übellaunigen Mann unten im Kontor am Fenster sitzen, während droben
+seine schöne Frau mit ihrem Galan musizierte und nicht nur musizierte
+... Ja, so erschienen ihnen die Dinge, er wußte es. Und dennoch wußte er
+auch, daß das Wort »Galan« für Herrn von Throta eigentlich sehr wenig
+bezeichnend war. Ach, er wäre beinahe glücklich gewesen, wenn er ihn so
+hätte nennen und auffassen dürfen, ihn als einen windigen, unwissenden
+und ordinären Jungen hätte verstehen und verachten können, der seine
+normale Portion von Übermut in ein wenig Kunst ausströmen läßt und damit
+Frauenherzen gewinnt. Er ließ nichts unversucht, ihn zu einer solchen
+Figur zu stempeln. Er rief einzig und allein zu diesem Behufe die
+Instinkte seiner Väter in sich wach: das ablehnende Mißtrauen des
+seßhaften und sparsamen Kaufmannes gegenüber der abenteuerlustigen,
+leichtfertigen und geschäftlich unsicheren Kriegerkaste. In Gedanken
+sowohl wie in Gesprächen nannte er Herrn von Throta beständig mit
+geringschätziger Betonung »der Leutnant«; und dabei fühlte er allzu gut,
+daß dieser Titel nach allen am schlechtesten geeignet war, das Wesen
+dieses jungen Mannes auszudrücken ...
+
+Was fürchtete Thomas Buddenbrook? Nichts ... Nichts Nennbares. Ach,
+hätte er sich gegen etwas Handgreifliches, Einfaches und Brutales zur
+Wehr setzen dürfen! Er neidete den Leuten dort draußen die Schlichtheit
+des Bildes, das sie sich von der Sache machten; aber während er hier saß
+und, den Kopf in den Händen, qualvoll horchte, wußte er allzu wohl, daß
+»Betrug« und »Ehebruch« nicht Laute waren, um die singenden und
+abgründig stillen Dinge bei Namen zu nennen, die sich dort oben begaben.
+
+Manchmal, wenn er hinaus auf die grauen Giebel und die vorübergehenden
+Bürger blickte, wenn er seine Augen auf der vor ihm hängenden
+Gedenktafel, dem Jubiläumsgeschenk, den Porträts seiner Väter ruhen ließ
+und der Geschichte seines Hauses gedachte, so sagte er sich, daß all
+dies das Ende von allem sei, und daß nur dies, was jetzt vorgehe, noch
+gefehlt habe. Ja, es hatte nur gefehlt, daß seine Person zum Gespött
+werde und sein Name, sein Familienleben in das Geschrei der Leute komme,
+damit allem die Krone aufgesetzt würde ... Aber dieser Gedanke tat ihm
+fast wohl, weil er ihm einfach, faßlich und gesund, ausdenkbar und
+aussprechbar erschien im Vergleich mit dem Brüten über diesem
+schimpflichen Rätsel, diesem mysteriösen Skandal zu seinen Häupten ...
+
+Er ertrug es nicht länger, er schob den Sessel zurück, verließ das
+Kontor und stieg in das Haus hinauf. Wohin sollte er sich wenden? In den
+Salon, um Herrn von Throta unbefangen und ein wenig von oben herab zu
+begrüßen, ihn zum Abendessen zu bitten und, wie schon mehrere Male, eine
+abschlägige Antwort entgegenzunehmen? Denn es war das eigentlich
+Unerträgliche, daß der Leutnant ihn vollständig mied, fast alle
+offiziellen Einladungen ablehnte und nur an dem privaten und freien
+Verkehr mit der Senatorin festzuhalten beliebte ...
+
+Warten? Irgendwo, vielleicht im Rauchzimmer, warten, bis er fortginge,
+und dann vor Gerda treten und sich mit ihr aussprechen, sie zur Rede
+stellen? -- Man stellte Gerda nicht zur Rede, man sprach sich mit ihr
+nicht aus. Worüber? Das Bündnis mit ihr war auf Verständnis, Rücksicht
+und Schweigen gegründet. Es war nicht nötig, sich auch vor ihr noch
+lächerlich zu machen. Den Eifersüchtigen spielen, hieße den Leuten dort
+draußen recht geben, den Skandal proklamieren, ihn laut werden lassen
+... Empfand er Eifersucht? Auf wen? Auf was? Ach, weit entfernt! Etwas
+so Starkes weiß Handlungen hervorzubringen, falsche, törichte
+vielleicht, aber eingreifende und befreiende. Ach nein, nur ein wenig
+Angst empfand er, ein wenig quälende und jagende Angst vor dem
+Ganzen ...
+
+Er ging in sein Ankleidekabinett hinauf, um sich die Stirn mit Eau de
+Cologne zu waschen, und stieg dann wieder zum ersten Stockwerk hinunter,
+entschlossen, das Schweigen im Salon um jeden Preis zu brechen. Aber als
+er den schwarzgoldenen Griff der weißen Tür schon erfaßt hielt, setzte
+mit einem stürmischen Aufbrausen die Musik wieder ein, und er wich
+zurück.
+
+Er ging über die Gesindetreppe ins Erdgeschoß hinab, über die Diele und
+den kalten Flur bis zum Garten, kehrte wieder zurück und machte sich auf
+der Diele mit dem ausgestopften Bären und auf dem Absatz der Haupttreppe
+mit dem Goldfischbassin zu schaffen, unfähig, irgendwo zur Ruhe zu
+kommen, horchend und lauernd, voll Scham und Gram, niedergedrückt und
+umhergetrieben von dieser Furcht vor dem heimlichen und vor dem
+öffentlichen Skandal ...
+
+Einstmals, in solcher Stunde, als er im zweiten Stockwerk an der Galerie
+lehnte und durch das lichte Treppenhaus hinunterblickte, wo alles
+schwieg, kam der kleine Johann aus seinem Zimmer, die Stufen des
+»Altans« herab und über den Korridor, um sich in irgendeiner
+Angelegenheit zu Ida Jungmann zu begeben. Er wollte, indem er mit dem
+Buche, das er trug, die Wand entlangstrich, mit gesenkten Augen und
+einem leisen Gruße an seinem Vater vorübergehen; aber der Senator redete
+ihn an.
+
+»Nun, Hanno, was treibst du?«
+
+»Ich arbeite, Papa; ich will zu Ida, um ihr vorzuübersetzen ...«
+
+»Wie geht es? Was hast du auf?«
+
+Und immer mit gesenkten Wimpern, aber rasch und sichtlich angestrengt,
+mit einer korrekten, klaren und geistesgegenwärtigen Antwort
+aufzuwarten, erwiderte Hanno, nachdem er eilig hinuntergeschluckt hatte:
+»Wir haben eine Nepos-Präparation, eine kaufmännische Rechnung ins reine
+zu schreiben, französische Grammatik, die Flüsse von Nordamerika ...
+deutsche Aufsatzkorrektur ...«
+
+Er schwieg, unglücklich darüber, daß er zuletzt nicht »und« gesagt und
+die Stimme mit Entschiedenheit gesenkt hatte; denn nun wußte er nicht
+mehr zu nennen, und die ganze Antwort war wieder abrupt und
+ungeschlossen hervorgebracht. -- »Mehr nicht«, sagte er, so bestimmt er
+konnte, wenn auch ohne aufzublicken. Aber sein Vater schien nicht darauf
+zu achten. Er hielt Hannos freie Hand in seinen Händen und spielte
+damit, zerstreut und augenscheinlich ohne etwas von dem Gesagten
+aufgefangen zu haben, fingerte unbewußt und langsam an den zarten
+Gelenken und schwieg.
+
+Und dann, plötzlich, vernahm Hanno über sich etwas, was in gar keinem
+Zusammenhange mit dem eigentlichen Gespräche stand, eine leise,
+angstvoll bewegte und beinahe beschwörende Stimme, die er noch nie
+gehört, die Stimme seines Vaters dennoch, welche sagte: »Nun ist der
+Leutnant schon zwei Stunden bei Mama ... Hanno ...«
+
+Und siehe da, bei diesem Klange schlug der kleine Johann seine
+goldbraunen Augen auf und richtete sie so groß, klar und liebevoll wie
+noch niemals auf seines Vaters Gesicht, dieses Gesicht mit den geröteten
+Lidern unter den hellen Brauen und den weißen, ein wenig gedunsenen
+Wangen, die von den lang ausgezogenen Spitzen des Schnurrbartes starr
+überragt wurden. Gott weiß, wieviel er begriff. Das eine aber war
+sicher, und sie fühlten es beide, daß in diesen Sekunden, während ihre
+Blicke ineinander ruhten, jede Fremdheit und Kälte, jeder Zwang und
+jedes Mißverständnis zwischen ihnen dahinsank, daß Thomas Buddenbrook,
+wie hier, so überall, wo es sich nicht um Energie, Tüchtigkeit und
+helläugige Frische, sondern um Furcht und Leiden handelte, des
+Vertrauens und der Hingabe seines Sohnes gewiß sein konnte.
+
+Er achtete dessen nicht, er sträubte sich, dessen zu achten. Strenger
+als jemals zog er Hanno in dieser Zeit zu praktischen Vorübungen für
+sein künftiges, tätiges Leben heran, examinierte er seine
+Geisteskräfte, drang er in ihn nach entschlossenen Äußerungen der Lust
+zu dem Beruf, der seiner harrte, und brach in Zorn aus bei jedem Zeichen
+des Widerstrebens und der Mattigkeit ... Denn es war an dem, daß Thomas
+Buddenbrook, achtundvierzig Jahre alt, seine Tage mehr und mehr als
+gezählt betrachtete und mit seinem nahen Tode zu rechnen begann.
+
+Sein körperliches Befinden hatte sich verschlechtert. Appetit- und
+Schlaflosigkeit, Schwindel und jene Schüttelfröste, zu denen er immer
+geneigt hatte, zwangen ihn mehrere Male, Doktor Langhals zu Rate zu
+ziehen. Aber er gelangte nicht dazu, des Arztes Verordnungen zu
+befolgen. Seine Willenskraft, in Jahren voll geschäftiger und gehetzter
+Tatenlosigkeit angegriffen, reichte nicht aus dazu. Er hatte begonnen,
+am Morgen sehr lange zu schlafen, obgleich er jeden Abend den zornigen
+Entschluß faßte, sich früh zu erheben, um den anbefohlenen Spaziergang
+vorm Tee zu machen. In Wirklichkeit führte er dies zwei- oder dreimal
+aus ... und so ging es in all und jeder Sache. Die beständige Anspannung
+des Willens ohne Erfolg und Genugtuung zehrte an seiner Selbstachtung
+und stimmte ihn verzweifelt. Er war weit entfernt, sich den betäubenden
+Genuß der kleinen, scharfen, russischen Zigaretten zu versagen, die er,
+seit seiner Jugend schon, täglich in Massen rauchte. Er sagte dem Doktor
+Langhals ohne Umschweife in sein eitles Gesicht hinein: »Sehen Sie,
+Doktor, mir die Zigaretten zu verbieten, ist Ihre Pflicht ... eine sehr
+leichte und sehr angenehme Pflicht, wahrhaftig! Das Verbot innezuhalten,
+ist meine Sache! dabei dürfen Sie zusehen ... Nein, wir wollen zusammen
+an meiner Gesundheit arbeiten, aber die Rollen sind zu ungerecht
+verteilt, mir fällt ein zu großer Anteil an dieser Arbeit zu! Lachen Sie
+nicht ... Das ist kein Witz ... Man ist so fürchterlich allein ... Ich
+rauche. Darf ich bitten?«
+
+Und er präsentierte ihm sein Tula-Etui ...
+
+Alle seine Kräfte nahmen ab; was sich in ihm verstärkte, war allein die
+Überzeugung, daß dies alles nicht lange währen könne, und daß sein
+Hintritt nahe bevorstehe. Es kamen ihm seltsame und ahnungsvolle
+Vorstellungen. Einige Male befiel ihn bei Tische die Empfindung, daß er
+schon nicht mehr eigentlich mit den Seinen zusammensitze, sondern, in
+eine gewisse, verschwommene Ferne entrückt, zu ihnen hinüberblicke ...
+Ich werde sterben, sagte er sich, und er rief abermals Hanno zu sich und
+sprach auf ihn ein: »Ich kann früher dahingehen, als wir denken, mein
+Sohn. Du mußt dann am Platze sein! Auch ich bin früh berufen worden ...
+Begreife doch, daß deine Indifferenz mich quält! Bist du nun
+entschlossen?... Ja -- ja -- das ist keine Antwort, das ist wieder keine
+Antwort! Ob du mit Mut und Freudigkeit entschlossen bist, frage ich ...
+Glaubst du, daß du Geld genug hast und nichts wirst zu tun brauchen? Du
+hast nichts, du hast bitterwenig, du wirst gänzlich auf dich selbst
+gestellt sein! Wenn du leben willst, und sogar gut leben, so wirst du
+arbeiten müssen, schwer, hart, härter noch als ich ...«
+
+Aber es war nicht nur dies; es war nicht mehr allein die Sorge um die
+Zukunft seines Sohnes und seines Hauses, unter der er litt. Etwas
+anderes, Neues kam über ihn, bemächtigte sich seiner und trieb seine
+müden Gedanken vor sich her ... Sobald er nämlich sein zeitliches Ende
+nicht mehr als eine ferne, theoretische und unbeträchtliche
+Notwendigkeit, sondern als etwas ganz Nahes und Greifbares betrachtete,
+für das es unmittelbare Vorbereitungen zu treffen galt, begann er zu
+grübeln, in sich zu forschen, sein Verhältnis zum Tode und den
+unirdischen Fragen zu prüfen ... und bereits bei den ersten derartigen
+Versuchen ergab sich ihm als Resultat eine heillose Unreife und
+Unbereitschaft seines Geistes, zu sterben.
+
+Der Buchstabenglaube, das schwärmerische Bibelchristentum, das sein
+Vater mit einem sehr praktischen Geschäftssinn zu verbinden gewußt, und
+das später auch seine Mutter übernommen hatte, war ihm immer fremd
+gewesen. Seit Lebtag vielmehr hatte er den ersten und letzten Dingen die
+weltmännische Skepsis seines Großvaters entgegengebracht; zu tief aber,
+zu geistreich und zu metaphysisch bedürftig, um in der behaglichen
+Oberflächlichkeit des alten Johann Buddenbrook Genüge zu finden, hatte
+er sich die Fragen der Ewigkeit und Unsterblichkeit historisch
+beantwortet und sich gesagt, daß er in seinen Vorfahren gelebt habe und
+in seinen Nachfahren leben werde. Dies hatte nicht allein mit seinem
+Familiensinn, seinem Patrizierselbstbewußtsein, seiner geschichtlichen
+Pietät übereingestimmt, es hatte ihn auch in seiner Tätigkeit, seinem
+Ehrgeiz, seiner ganzen Lebensführung unterstützt und bekräftigt. Nun
+aber zeigte sich, daß es vor dem nahen und durchdringenden Auge des
+Todes dahinsank und zunichte ward, unfähig, auch nur eine Stunde der
+Beruhigung und Bereitschaft hervorzubringen.
+
+Obgleich Thomas Buddenbrook in seinem Leben hie und da mit einer kleinen
+Neigung zum Katholizismus gespielt hatte, war er doch ganz erfüllt von
+dem ernsten, tiefen, bis zur Selbstpeinigung strengen und unerbittlichen
+Verantwortlichkeitsgefühl des echten und leidenschaftlichen
+Protestanten. Nein, dem Höchsten und Letzten gegenüber gab es keinen
+Beistand von außen, keine Vermittlung, Absolution, Betäubung und
+Tröstung! Ganz einsam, selbständig und aus eigener Kraft mußte man in
+heißer und emsiger Arbeit, ehe es zu spät war, das Rätsel entwirren und
+sich klare Bereitschaft erringen, oder in Verzweiflung dahinfahren ...
+Und Thomas Buddenbrook wandte sich enttäuscht und hoffnungslos von
+seinem einzigen Sohne ab, in dem er stark und verjüngt fortzuleben
+gehofft hatte, und fing an, in Hast und Furcht nach der Wahrheit zu
+suchen, die es irgendwo für ihn geben mußte ...
+
+Es war der Hochsommer des Jahres vierundsiebenzig. Silberweiße,
+rundliche Wolken zogen am tiefblauen Himmel über die zierliche Symmetrie
+des Stadtgartens hin, in den Zweigen des Walnußbaumes zwitscherten die
+Vögel mit fragender Betonung, der Springbrunnen plätscherte inmitten des
+Kranzes von hohen, lilafarbenen Schwertlilien, der ihn umgab, und der
+Duft des Flieders vermischte sich leider mit dem Sirupgeruch, den ein
+warmer Luftzug von der nahen Zuckerbrennerei herübertrug. Zum Erstaunen
+des Personals verließ der Senator jetzt oftmals in voller Arbeitszeit
+das Kontor, um sich, die Hände auf dem Rücken, in seinem Garten zu
+ergehen, den Kies zu harken, den Schlamm vom Springbrunnen zu fischen
+oder einen Rosenzweig zu stützen ... Sein Gesicht, mit den hellen
+Brauen, von denen eine ein wenig emporgezogen war, schien ernst und
+aufmerksam bei diesen Beschäftigungen; aber seine Gedanken gingen weit
+fort im Dunklen, ihre eigenen, mühseligen Pfade.
+
+Manchmal setzte er sich, auf der Höhe der kleinen Terrasse, in den von
+Weinlaub gänzlich eingehüllten Pavillon und blickte, ohne etwas zu
+sehen, über den Garten hin auf die rote Rückwand seines Hauses. Die Luft
+war warm und süß, und es war, als ob die friedlichen Geräusche rings
+umher ihm besänftigend zusprächen und ihn einzulullen trachteten. Müde
+vom Ins-Leere-Starren, von Einsamkeit und Schweigen, schloß er dann und
+wann die Augen, um sich alsbald wieder aufzuraffen und hastig den
+Frieden von sich zu scheuchen. Ich muß denken, sagte er beinahe laut ...
+Ich muß alles ordnen, ehe es zu spät ist ...
+
+Hier aber war es, in diesem Pavillon, in dem kleinen Schaukelstuhl aus
+gelbem Rohr, wo er eines Tages vier volle Stunden lang mit wachsender
+Ergriffenheit in einem Buche las, das halb gesucht, halb zufällig in
+seine Hände geraten war ... Nach dem zweiten Frühstück, die Zigarette im
+Munde, hatte er es im Rauchzimmer, in einem tiefen Winkel des
+Bücherschrankes, hinter stattlichen Bänden versteckt, gefunden und sich
+erinnert, daß er es einst vor Jahr und Tag beim Buchhändler zu einem
+Gelegenheitspreise achtlos erstanden hatte: ein ziemlich umfangreiches,
+auf dünnem und gelblichem Papier schlecht gedrucktes und schlecht
+geheftetes Werk, der zweite Teil nur eines berühmten metaphysischen
+Systems ... Er hatte es mit sich in den Garten genommen und wandte nun,
+in tiefer Versunkenheit, Blatt um Blatt ...
+
+Eine ungekannte, große und dankbare Zufriedenheit erfüllte ihn. Er
+empfand die unvergleichliche Genugtuung, zu sehen, wie ein gewaltig
+überlegenes Gehirn sich des Lebens, dieses so starken, grausamen und
+höhnischen Lebens, bemächtigt, um es zu bezwingen und zu verurteilen ...
+die Genugtuung des Leidenden, der vor der Kälte und Härte des Lebens
+sein Leiden beständig schamvoll und bösen Gewissens versteckt hielt und
+plötzlich aus der Hand eines Großen und Weisen die grundsätzliche und
+feierliche Berechtigung erhält, an der Welt zu leiden -- dieser besten
+aller denkbaren Welten, von der mit spielendem Hohne bewiesen ward, daß
+sie die schlechteste aller denkbaren sei.
+
+Er begriff nicht alles; Prinzipien und Voraussetzungen blieben ihm
+unklar, und sein Sinn, in solcher Lektüre ungeübt, vermochte gewissen
+Gedankengängen nicht zu folgen. Aber gerade der Wechsel von Licht und
+Finsternis, von dumpfer Verständnislosigkeit, vagem Ahnen und
+plötzlicher Hellsicht hielt ihn in Atem, und die Stunden schwanden, ohne
+daß er vom Buche aufgeblickt oder auch nur seine Stellung im Stuhle
+verändert hätte.
+
+Er hatte anfänglich manche Seite ungelesen gelassen und rasch
+vorwärtsschreitend, unbewußt und eilig nach der Hauptsache, nach dem
+eigentlich Wichtigen verlangend, sich nur diesen oder jenen Abschnitt zu
+eigen gemacht, der ihn fesselte. Dann aber stieß er auf ein umfängliches
+Kapitel, das er vom ersten bis zum letzten Buchstaben durchlas, mit
+festgeschlossenen Lippen und zusammengezogenen Brauen, ernst, mit einem
+vollkommenen, beinahe erstorbenen, von keiner Regung des Lebens um ihn
+her beeinflußbaren Ernst in der Miene. Es trug aber dieses Kapitel den
+Titel: »Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres
+Wesens an sich.« --
+
+Ihm fehlten wenige Zeilen, als um vier Uhr das Folgmädchen durch den
+Garten kam und ihn zu Tische bat. Er nickte, las die übrigen Sätze,
+schloß das Buch und blickte um sich ... Er fühlte sein ganzes Wesen auf
+ungeheuerliche Art geweitet und von einer schweren, dunklen Trunkenheit
+erfüllt; seinen Sinn umnebelt und vollständig berauscht von irgend etwas
+unsäglich Neuem, Lockendem und Verheißungsvollem, das an erste, hoffende
+Liebessehnsucht gemahnte. Aber als er mit kalten und unsicheren Händen
+das Buch in der Schublade des Gartentisches verwahrte, war sein
+glühender Kopf, in dem ein seltsamer Druck, eine beängstigende Spannung
+herrschte, als könnte irgend etwas darin zerspringen, nicht eines
+vollkommenen Gedankens fähig.
+
+Was war dies? fragte er sich, während er ins Haus ging, die Haupttreppe
+erstieg und sich im Eßzimmer zu den Seinen setzte ... Was ist mir
+geschehen? Was habe ich vernommen? Was ist zu mir gesprochen worden, zu
+mir, Thomas Buddenbrook, Ratsherr dieser Stadt, Chef der Getreidefirma
+Johann Buddenbrook ...? War dies für mich bestimmt? Kann ich es
+ertragen? Ich weiß nicht, was es war ... ich weiß nur, daß es zu viel,
+zu viel ist für mein Bürgerhirn ...
+
+In diesem Zustande eines schweren, dunklen, trunkenen und gedankenlosen
+Überwältigtseins verblieb er den ganzen Tag. Dann aber kam der Abend,
+und unfähig, seinen Kopf länger auf den Schultern zu halten, ging er
+frühzeitig zu Bette. Er schlief drei Stunden lang, tief, unerreichbar
+tief, wie noch niemals in seinem Leben. Dann erwachte er, so jäh, so
+köstlich erschrocken, wie man einsam erwacht, mit einer keimenden Liebe
+im Herzen.
+
+Er wußte sich allein in dem großen Schlafgemach, denn Gerda schlief
+jetzt in Ida Jungmanns Zimmer, die kürzlich, um näher beim kleinen
+Johann zu sein, eines der drei Altan-Zimmer bezogen hatte. Es herrschte
+dichte Nacht um ihn her, da die Vorhänge der beiden hohen Fenster fest
+geschlossen waren. In tiefer Stille und sacht lastender Schwüle lag er
+auf dem Rücken und blickte in das Dunkel empor.
+
+Und siehe da: plötzlich war es, wie wenn die Finsternis vor seinen Augen
+zerrisse, wie wenn die samtne Wand der Nacht sich klaffend teilte und
+eine unermeßlich tiefe, eine ewige Fernsicht von Licht enthüllte ...
+=Ich werde leben!= sagte Thomas Buddenbrook beinahe laut und fühlte, wie
+seine Brust dabei vor innerlichem Schluchzen erzitterte. Dies ist es,
+daß ich leben werde! Es wird leben ... und daß dieses Es nicht ich bin,
+das ist nur eine Täuschung, das war nur ein Irrtum, den der Tod
+berichtigen wird. So ist es, so ist es!... Warum? -- Und bei dieser
+Frage schlug die Nacht wieder vor seinen Augen zusammen. Er sah, er
+wußte und verstand wieder nicht das geringste mehr und ließ sich tiefer
+in die Kissen zurücksinken, gänzlich geblendet und ermattet von dem
+bißchen Wahrheit, das er soeben hatte erschauen dürfen.
+
+Und er lag stille und wartete inbrünstig, fühlte sich versucht, zu
+beten, daß es noch einmal kommen und ihn erhellen möge. Und es kam. Mit
+gefalteten Händen, ohne eine Regung zu wagen, lag er und durfte
+schauen ...
+
+Was war der Tod? Die Antwort darauf erschien ihm nicht in armen und
+wichtigtuerischen Worten: er fühlte sie, er besaß sie zuinnerst. Der Tod
+war ein Glück, so tief, daß es nur in begnadeten Augenblicken, wie
+dieser, ganz zu ermessen war. Er war die Rückkunft von einem unsäglich
+peinlichen Irrgang, die Korrektur eines schweren Fehlers, die Befreiung
+von den widrigsten Banden und Schranken -- einen beklagenswerten
+Unglücksfall machte er wieder gut.
+
+Ende und Auflösung? Dreimal erbarmungswürdig jeder, der diese nichtigen
+Begriffe als Schrecknisse empfand! Was würde enden und was sich
+auflösen? Dieser sein Leib ... Diese seine Persönlichkeit und
+Individualität, dieses schwerfällige, störrische, fehlerhafte und
+hassenswerte =Hindernis, etwas anderes und Besseres zu sein=!
+
+War nicht jeder Mensch ein Mißgriff und Fehltritt? Geriet er nicht in
+eine peinvolle Haft, sowie er geboren ward? Gefängnis! Gefängnis!
+Schranken und Bande überall! Durch die Gitterfenster seiner
+Individualität starrt der Mensch hoffnungslos auf die Ringmauern der
+äußeren Umstände, bis der Tod kommt und ihn zu Heimkehr und Freiheit
+ruft ...
+
+Individualität!... Ach, was man ist, kann und hat, scheint arm, grau,
+unzulänglich und langweilig; was man aber nicht ist, nicht kann und
+nicht hat, das eben ist es, worauf man mit jenem sehnsüchtigen Neide
+blickt, der zur Liebe wird, weil er sich fürchtet, zum Haß zu werden.
+
+Ich trage den Keim, den Ansatz, die Möglichkeit zu allen Befähigungen
+und Betätigungen der Welt in mir ... Wo könnte ich sein, wenn ich nicht
+hier wäre! Wer, was, wie könnte ich sein, wenn ich nicht ich wäre, wenn
+diese meine persönliche Erscheinung mich nicht abschlösse und mein
+Bewußtsein von dem aller derer trennte, die nicht ich sind! Organismus!
+Blinde, unbedachte, bedauerliche Eruption des drängenden Willens!
+Besser, wahrhaftig, dieser Wille webt frei in raum- und zeitloser Nacht,
+als daß er in einem Kerker schmachtet, der von dem zitternden und
+wankenden Flämmchen des Intellektes notdürftig erhellt wird!
+
+In meinem Sohne habe ich fortzuleben gehofft? In einer noch
+ängstlicheren, schwächeren, schwankenderen Persönlichkeit? Kindische,
+irregeführte Torheit! Was soll mir ein Sohn? Ich brauche keinen Sohn!...
+Wo ich sein werde, wenn ich tot bin? Aber es ist so leuchtend klar, so
+überwältigend einfach! In allen denen werde ich sein, die je und je Ich
+gesagt haben, sagen und sagen werden: =besonders aber in denen, die es
+voller, kräftiger, fröhlicher sagen= ...
+
+Irgendwo in der Welt wächst ein Knabe auf, gut ausgerüstet und
+wohlgelungen, begabt, seine Fähigkeiten zu entwickeln, gerade gewachsen
+und ungetrübt, rein, grausam und munter, einer von diesen Menschen,
+deren Anblick das Glück der Glücklichen erhöht und die Unglücklichen zur
+Verzweiflung treibt: -- Das ist mein Sohn. =Das bin ich=, bald ... bald
+... sobald der Tod mich von dem armseligen Wahne befreit, ich sei nicht
+sowohl er wie ich ...
+
+Habe ich je das Leben gehaßt, dies reine, grausame und starke Leben?
+Torheit und Mißverständnis! Nur mich habe ich gehaßt, dafür, daß ich es
+nicht ertragen konnte. Aber ich liebe euch ... ich liebe euch alle, ihr
+Glücklichen, und bald werde ich aufhören, durch eine enge Haft von euch
+ausgeschlossen zu sein; bald wird das in mir, was euch liebt, wird meine
+Liebe zu euch frei werden und bei und in euch sein ... bei und in euch
+allen! -- --
+
+Er weinte; preßte das Gesicht in die Kissen und weinte, durchbebt und
+wie im Rausche emporgehoben von einem Glück, dem keins in der Welt an
+schmerzlicher Süßigkeit zu vergleichen. Dies war es, dies alles, was ihn
+seit gestern nachmittag trunken und dunkel erfüllt, was sich inmitten
+der Nacht in seinem Herzen geregt und ihn geweckt hatte wie eine
+keimende Liebe. Und während er es nun begreifen und erkennen durfte --
+nicht in Worten und aufeinanderfolgenden Gedanken, sondern in
+plötzlichen, beseligenden Erhellungen seines Inneren --, war er schon
+frei, war er ganz eigentlich schon erlöst und aller natürlichen wie
+künstlichen Schranken und Bande entledigt. Die Mauern seiner Vaterstadt,
+in denen er sich mit Willen und Bewußtsein eingeschlossen, taten sich
+auf und erschlossen seinem Blicke die Welt, die ganze Welt, von der er
+in jungen Jahren dies und jenes Stückchen gesehen, und die der Tod ihm
+ganz und gar zu schenken versprach. Die trügerischen Erkenntnisformen
+des Raumes, der Zeit und also der Geschichte, die Sorge um ein
+rühmliches, historisches Fortbestehen in der Person von Nachkommen, die
+Furcht vor irgendeiner endlichen historischen Auflösung und Zersetzung,
+-- dies alles gab seinen Geist frei und hinderte ihn nicht mehr, die
+stete Ewigkeit zu begreifen. Nichts begann und nichts hörte auf. Es gab
+nur eine unendliche Gegenwart, und diejenige Kraft in ihm, die mit einer
+so schmerzlich süßen, drängenden und sehnsüchtigen Liebe das Leben
+liebte, und von der seine Person nur ein verfehlter Ausdruck war -- sie
+würde die Zugänge zu dieser Gegenwart immer zu finden wissen.
+
+Ich werde leben! flüsterte er in das Kissen, weinte und ... wußte im
+nächsten Augenblick nicht mehr, worüber. Sein Gehirn stand still, sein
+Wissen erlosch, und in ihm gab es plötzlich wieder nichts mehr als
+verstummende Finsternis. Aber es wird wiederkehren! versicherte er sich.
+Habe ich es nicht besessen?... Und während er fühlte, wie Betäubung und
+Schlaf ihn unwiderstehlich überschatteten, schwor er sich einen teuren
+Eid, dies ungeheure Glück niemals fahren zu lassen, sondern seine Kräfte
+zu sammeln und zu lernen, zu lesen und zu studieren, bis er sich fest
+und unveräußerlich die ganze Weltanschauung zu eigen gemacht haben
+würde, aus der dies alles hervorgegangen war.
+
+Allein das konnte nicht sein, und schon am nächsten Morgen, als er mit
+einem ganz kleinen Gefühl von Geniertheit über die geistigen
+Extravaganzen von gestern erwachte, ahnte er etwas von der
+Unausführbarkeit dieser schönen Vorsätze.
+
+Er stand spät auf und hatte sich sogleich an den Debatten einer
+Bürgerschaftssitzung zu beteiligen. Das öffentliche, geschäftliche,
+bürgerliche Leben in den giebeligen und winkeligen Straßen dieser
+mittelgroßen Handelsstadt nahm seinen Geist und seine Kräfte wieder in
+Besitz. Immer noch mit dem Vorsatz beschäftigt, die wunderbare Lektüre
+wieder aufzunehmen, fing er doch an, sich zu fragen, ob die Erlebnisse
+jener Nacht in Wahrheit und auf die Dauer etwas für ihn seien und ob
+sie, träte der Tod ihn an, praktisch standhalten würden. Seine
+bürgerlichen Instinkte regten sich dagegen. Auch seine Eitelkeit regte
+sich: die Furcht vor einer wunderlichen und lächerlichen Rolle. Standen
+ihm diese Dinge zu Gesicht? Ziemten sie ihm, ihm, Senator Thomas
+Buddenbrook, Chef der Firma Johann Buddenbrook?...
+
+Er gelangte niemals wieder dazu, einen Blick in das seltsame Buch zu
+werfen, das so viele Schätze barg, geschweige denn sich die übrigen
+Bände des großen Werkes zu verschaffen. Die nervöse Pedanterie, die sich
+mit den Jahren seiner bemächtigt, verzehrte seine Tage. Gehetzt von
+fünfhundert nichtswürdigen und alltäglichen Bagatellen, die in Ordnung
+zu halten und zu erledigen sein Kopf sich plagte, war er zu
+willensschwach, um eine vernünftige und ergiebige Einteilung seiner Zeit
+zu erreichen. Und zwei Wochen ungefähr nach jenem denkwürdigen
+Nachmittage war er so weit, daß er alles aufgab und dem Dienstmädchen
+befahl, ein Buch, das unordentlicherweise in der Schublade des
+Gartentisches umherliege, sofort hinaufzutragen und in den Bücherschrank
+zu stellen.
+
+So aber geschah es, daß Thomas Buddenbrook, der die Hände verlangend
+nach hohen und letzten Wahrheiten ausgestreckt hatte, matt zurücksank zu
+den Begriffen und Bildern, in deren gläubigem Gebrauch man seine
+Kindheit geübt hatte. Er ging umher und erinnerte sich des einigen und
+persönlichen Gottes, des Vaters der Menschenkinder, der einen
+persönlichen Teil seines Selbst auf die Erde entsandt hatte, damit er
+für uns leide und blute, der am Jüngsten Tage Gericht halten würde, und
+zu dessen Füßen die Gerechten im Laufe der dann ihren Anfang nehmenden
+Ewigkeit für die Kümmernisse dieses Jammertales entschädigt werden
+würden ... Dieser ganzen, ein wenig unklaren und ein wenig absurden
+Geschichte, die aber kein Verständnis, sondern nur gehorsamen Glauben
+beanspruchte, und die in feststehenden und kindlichen Worten zur Hand
+sein würde, wenn die letzten Ängste kamen ... Wirklich?
+
+Ach, auch hierin gelangte er nicht zum Frieden. Dieser Mann mit seiner
+nagenden Sorge um die Ehre seines Hauses, um seine Frau, seinen Sohn,
+seinen Namen, seine Familie, dieser abgenutzte Mann, der seinen Körper
+mit Mühe und Kunst elegant, korrekt und aufrecht erhielt, er plagte sich
+mehrere Tage mit der Frage, wie es nun eigentlich bestellt sei: ob nun
+eigentlich die Seele unmittelbar nach dem Tode in den Himmel gelange,
+oder ob die Seligkeit erst mit der Auferstehung des Fleisches beginne
+... Und wo blieb die Seele bis dahin? Hatte ihn jemals jemand in der
+Schule oder der Kirche darüber belehrt? Wie war es verantwortbar, den
+Menschen in einer solchen Unwissenheit zu lassen? -- Und er war darauf
+und daran, Pastor Pringsheim zu besuchen und ihn um Rat und Trost
+anzugehen, bis er es im letzten Augenblick aus Furcht vor der
+Lächerlichkeit unterließ.
+
+Endlich gab er alles auf und stellte alles Gott anheim. Da er aber mit
+der Ordnung seiner ewigen Angelegenheiten zu einem so unbefriedigenden
+Schluß gekommen war, so beschloß er, zum wenigsten einmal seine
+irdischen gewissenhaft zu bestellen, womit er einen lange gehegten
+Vorsatz zur Ausführung bringen würde.
+
+Eines Tages vernahm der kleine Johann nach dem Mittagessen, im
+Wohnzimmer, wo die Eltern ihren Kaffee tranken, wie sein Vater der Mama
+die Mitteilung machte, er erwarte heute den Rechtsanwalt Doktor Soundso,
+um mit ihm sein Testament zu machen, dessen Fixierung er nicht beständig
+ins Ungewisse hinausschieben dürfe. Später übte Hanno im Salon eine
+Stunde lang auf dem Flügel. Als er aber dann über den Korridor gehen
+wollte, traf er mit seinem Vater und einem Herrn in langem, schwarzem
+Überrock zusammen, welche die Haupttreppe heraufkamen.
+
+»Hanno!« sagte der Senator kurz. Und der kleine Johann blieb stehen,
+schluckte hinunter und antwortete leise und eilig: »Ja, Papa ...«
+
+»Ich habe mit diesem Herrn Wichtiges zu arbeiten«, fuhr sein Vater fort.
+»Du stellst dich, wenn ich bitten darf, vor diese Tür« -- er wies auf
+den Eingang zum Rauchzimmer -- »und gibst acht, daß niemand, hörst du?
+absolut niemand uns stört.«
+
+»Ja, Papa«, sagte der kleine Johann und stellte sich vor die Tür, die
+sich hinter den beiden Herren schloß.
+
+Er stand dort, hielt mit einer Hand den Schifferknoten auf seiner Brust
+erfaßt, scheuerte seine Zunge an einem Zahne, dem er mißtraute, und
+horchte auf die ernsten und gedämpften Stimmen, die aus dem Inneren des
+Zimmers zu ihm drangen. Sein Kopf mit dem lockig in die Schläfen
+fallenden hellbraunen Haar war zur Seite geneigt, und unter
+zusammengezogenen Brauen blickten seine goldbraunen, von bläulichen
+Schatten umlagerten Augen blinzelnd, mit einem abgestoßenen und
+grüblerischen Ausdruck zur Seite, einem Ausdruck, ganz ähnlich
+demjenigen, mit dem er an der Bahre seiner Großmutter den Blumengeruch
+und jenen anderen, fremden und doch so seltsam vertrauten Duft
+eingeatmet hatte.
+
+Ida Jungmann kam und sagte: »Hannochen, mein Jungchen, wo bleibst du,
+was wirst du hier herumzustehen haben!«
+
+Der bucklige Lehrling kam aus dem Kontor, eine Depesche in der Hand und
+fragte nach dem Senator.
+
+Und jedesmal streckte der kleine Johann seinen Arm in dem blauen mit
+einem Anker bestickten Matrosenärmel waagerecht vor der Tür aus,
+schüttelte den Kopf und sagte nach einem Augenblicke des Schweigens
+leise und fest: »Niemand darf hinein. -- Papa macht sein Testament.«
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Im Herbst sagte Doktor Langhals, indem er seine schönen Augen spielen
+ließ wie eine Frau: »Die Nerven, Herr Senator ... an allem sind bloß die
+Nerven schuld. Und hie und da läßt auch die Blutzirkulation ein wenig zu
+wünschen übrig. Darf ich mir einen Ratschlag erlauben? Sie sollten sich
+dieses Jahr noch ein bißchen ausspannen! Diese paar Seeluft-Sonntage im
+Sommer haben natürlich nicht viel vermocht ... Wir haben Ende September,
+Travemünde ist noch in Betrieb, es ist noch nicht vollständig
+entvölkert. Fahren Sie hin, Herr Senator, und setzen Sie sich noch ein
+wenig an den Strand. Vierzehn Tage oder drei Wochen reparieren schon
+manches ...«
+
+Und Thomas Buddenbrook sagte Ja und Amen hierzu. Als aber die Seinen von
+dem Entschlusse erfuhren, erbot sich Christian, ihn zu begleiten.
+
+»Ich gehe mit, Thomas«, sagte er einfach. »Du hast wohl nichts dagegen.«
+Und obgleich der Senator eigentlich eine Menge dagegen hatte, sagte er
+abermals Ja und Amen.
+
+Die Sache war die, daß Christian jetzt mehr als jemals Herr seiner Zeit
+war, denn wegen schwankender Gesundheit hatte er sich genötigt gesehen,
+auch seine letzte kaufmännische Tätigkeit, die Champagner- und
+Kognakagentur, fahren zu lassen. Das Trugbild eines Mannes, der in der
+Dämmerung auf seinem Sofa saß und ihm zunickte, hatte sich
+erfreulicherweise nicht wiederholt. Aber mit der periodischen »Qual« in
+seiner linken Seite war es womöglich noch schlimmer geworden, und Hand
+in Hand mit ihr ging eine große Anzahl anderer Unzuträglichkeiten, die
+Christian sorgfältig beobachtete und mit krauser Nase schilderte, wo er
+ging und stand. Oftmals, wie schon früher, versagten beim Essen seine
+Schluckmuskeln, so daß er, den Bissen im Halse, dasaß und seine kleinen,
+runden, tiefliegenden Augen wandern ließ. Oftmals, wie schon früher,
+litt er an dem unbestimmten aber unbesiegbaren Furchtgefühl vor einer
+plötzlichen Lähmung seiner Zunge, seines Schlundes, seiner Extremitäten,
+ja sogar seines Denkvermögens. Zwar wurde nichts an ihm gelähmt; aber
+war nicht die Furcht davor beinahe noch schlimmer? Er erzählte
+ausführlich, wie er eines Tages, als er sich Tee bereitete, das
+brennende Zündholz statt über den Kochapparat über die offene
+Spiritusflasche gehalten habe, so daß beinahe nicht nur er selbst,
+sondern auch die übrigen Hausbewohner, ja, vielleicht auch die der
+Nachbarhäuser auf fürchterliche Weise umgekommen wären ... Dies ging zu
+weit. Was er aber mit besonderer Ausführlichkeit, Eindringlichkeit und
+Anstrengung, sich ganz verständlich zu machen, beschrieb, war eine
+scheußliche Anomalie, die er in letzter Zeit an sich wahrgenommen hatte
+und die darin bestand, daß er an gewissen Tagen, das heißt bei gewisser
+Witterung und Gemütsverfassung, kein offenes Fenster sehen konnte, ohne
+von dem gräßlichen und durch nichts gerechtfertigten Drange befallen zu
+werden, hinauszuspringen ... einem wilden und kaum unterdrückbaren
+Triebe, einer Art von unsinnigem und verzweifeltem Übermut! Eines
+Sonntages, als die Familie in der Fischergrube speiste, beschrieb er,
+wie er unter Aufbietung aller moralischen Kräfte auf Händen und Füßen
+habe zum offenen Fenster kriechen müssen, um es zu schließen ... Hier
+aber schrie alles auf, und niemand wollte ihm weiter zuhören.
+
+Diese und ähnliche Dinge konstatierte er mit einer gewissen
+schauerlichen Genugtuung. Was er aber nicht beobachtete und nicht
+feststellte, was ihm unbewußt blieb und sich darum beständig
+verschlimmerte, war der sonderbare Mangel an Taktgefühl, der ihm mit
+den Jahren immer mehr zu eigen geworden war. Es war schlimm, daß er im
+Familienkreise Anekdoten erzählte, so geartet, daß er sie höchstens im
+Klub hätte vorbringen dürfen. Aber es gab auch direkte Anzeichen dafür,
+daß sein Sinn für körperliche Schamhaftigkeit im Erlahmen begriffen war.
+In der Absicht, seiner Schwägerin Gerda, mit der er auf
+freundschaftlichem Fuße stand, zu zeigen, wie durabel gearbeitet seine
+englischen Socken seien, und wie mager er übrigens geworden sei, gewann
+er es über sich, vor ihren Augen sein weites, kariertes Beinkleid bis
+hoch über das Knie zurückzuziehen ... »Da sieh, wie mager ich werde ...
+Ist es nicht auffällig und sonderbar?« sagte er bekümmert, indem er mit
+krauser Nase auf sein knochiges und stark nach außen gekrümmtes Bein in
+der weißwollenen Unterhose zeigte, unter der sich das hagere Knie
+trübselig abzeichnete ...
+
+Er hatte, wie gesagt, jetzt jede kaufmännische Tätigkeit fahren lassen;
+aber diejenigen Stunden am Tage, die er nicht im »Klub« verbrachte,
+suchte er doch auf verschiedene Weise auszufüllen, und er liebte es,
+ausdrücklich hervorzuheben, daß er trotz aller Behinderungen niemals
+vollständig aufgehört habe zu arbeiten. Er erweiterte seine
+Sprachkenntnisse und hatte, der Wissenschaft halber und ohne praktischen
+Endzweck, kürzlich begonnen, Chinesisch zu lernen, worauf er vierzehn
+Tage lang viel Fleiß verwendet hatte. Zur Zeit war er damit beschäftigt,
+ein englisch-deutsches Lexikon, das ihm unzulänglich schien, zu
+»ergänzen«; aber, da eine kleine Luftveränderung ihm sowieso einmal
+wieder not tat und da es schließlich ja wünschenswert war, daß der
+Senator irgendwelche Begleitung hatte, so vermochte dies Geschäft jetzt
+nicht, ihn in der Stadt festzuhalten ...
+
+Die beiden Brüder fuhren an die See; sie fuhren, indes der Regen auf das
+Verdeck des Wagens trommelte, auf der Landstraße dahin, die nur eine
+Pfütze war, und sprachen beinahe kein Wort. Christian ließ seine Augen
+wandern, als horche er auf irgend etwas Verdächtiges; Thomas saß
+fröstelnd in seinen Mantel gehüllt, mit müde blickenden, geröteten
+Augen, und die langausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes überragten
+starr seine weißlichen Wangen. So fuhren sie nachmittags in den
+Kurgarten ein, in dessen verschwemmtem Kies die Räder knirschten. Der
+alte Makler Sigismund Gosch saß in der Glasveranda des Hauptgebäudes und
+trank Grog von Rum. Er stand auf, indem er durch die Zähne zischte, und
+dann setzten sie sich zu ihm, um, während die Koffer hinaufgetragen
+wurden, auch ihrerseits etwas Warmes zu genießen.
+
+Herr Gosch war ebenfalls noch Kurgast, gleich einigen wenigen Leuten,
+einer englischen Familie, einer ledigen Holländerin und einem ledigen
+Hamburger, die jetzt mutmaßlich ihr Schläfchen vor der Table d'hote
+hielten, denn es war überall totenstill, und nur der Regen planschte.
+Mochten sie schlafen. Herr Gosch schlief am Tage nicht. Er war froh,
+wenn er sich zur Nacht ein paar Stunden Bewußtlosigkeit erobern konnte.
+Es ging ihm nicht gut, er gebrauchte diese späte Luftkur gegen das
+Zittern, das Zittern in seinen Gliedmaßen ... verflucht! er konnte kaum
+noch das Grogglas halten, und -- teuflischer! -- er konnte nur selten
+noch schreiben, so daß es mit der Übersetzung von Lope de Vegas
+sämtlichen Dramen jämmerlich langsam vorwärts ging. Er war in sehr
+gedrückter Stimmung, und seine Gotteslästerungen waren ohne die rechte
+Freudigkeit. »Laß fahren dahin!« sagte er, und dies schien seine
+Lieblingsredensart geworden zu sein, denn er wiederholte sie beständig
+und oftmals ganz außer dem Zusammenhange.
+
+Und der Senator? Was war es mit ihm? Wie lange gedachten die Herren zu
+bleiben?
+
+Ach, Doktor Langhals habe ihn der Nerven wegen hergeschickt, antwortete
+Thomas Buddenbrook. Er habe natürlich gehorcht, trotz dieses
+Hundewetters, denn was tue man nicht aus Furcht vor seinem Arzte! Er
+fühlte sich ja wirklich ein wenig miserabel. Sie würden eben bleiben,
+bis es ihm besser gehe ...
+
+»Ja, übrigens geht es auch mir sehr schlecht«, sagte Christian voll Neid
+und Erbitterung, daß Thomas nur von sich sprach; und er war im Begriffe,
+von dem nickenden Manne, der Spiritusflasche und dem offenen Fenster zu
+berichten, als sein Bruder aufbrach, um die Zimmer in Besitz zu nehmen.
+
+Der Regen ließ nicht nach. Er zerwühlte den Boden und tanzte in
+springenden Tropfen auf der See, die, vom Südwest überschauert, vom
+Strande zurückwich. Alles war in Grau gehüllt. Die Dampfer zogen wie
+Schatten und Geisterschiffe vorüber und verschwanden am verwischten
+Horizont.
+
+Mit den fremden Gästen traf man nur beim Essen zusammen. Der Senator
+ging mit dem Makler Gosch in Gummimantel und Galoschen spazieren, indes
+Christian droben in der Konditorei mit der Büfettdame schwedischen
+Punsch trank.
+
+Zwei- oder dreimal, an Nachmittagen, da es aussah, als ob die Sonne
+hervorkommen wollte, erschienen zur Table d'hote ein paar Bekannte aus
+der Stadt, die sich gern ein wenig unabhängig von ihren Angehörigen
+unterhielten: Senator Doktor Gieseke, Christians Schulkamerad, und
+Konsul Peter Döhlmann, der übrigens schlecht aussah, weil er sich durch
+maßlosen Gebrauch von Hunyadi-Janos-Wasser verdarb. Dann setzten sich
+die Herren in ihren Paletots unter das Zeltdach der Konditorei,
+gegenüber dem Musiktempel, in dem nicht mehr musiziert wurde, tranken
+ihren Kaffee und verdauten ihre fünf Gänge, indem sie in den
+herbstlichen Kurgarten hinausblickten und plauderten ...
+
+Die Ereignisse der Stadt, das letzte Hochwasser, das in viele Keller
+gedrungen, und bei dem man in den unteren Gruben mit Booten gefahren
+war, eine Feuersbrunst, ein Schuppenbrand am Hafen, eine Senatswahl
+wurden besprochen ... Alfred Lauritzen, in Firma Stürmann & Lauritzen,
+Kolonialwaren _en gros & en détail_, war vorige Woche gewählt worden,
+und Senator Buddenbrook war nicht einverstanden damit. Er saß in seinen
+Kragenmantel gehüllt, rauchte Zigaretten und warf nur an diesem Punkte
+des Gespräches ein paar Bemerkungen ein. Er habe Herrn Lauritzen seine
+Stimme nicht gegeben, sagte er, soviel sei sicher. Lauritzen sei ein
+ehrenfester Mensch und ein vortrefflicher Kaufmann, ohne Frage; aber er
+sei Mittelstand, guter Mittelstand, sein Vater habe noch eigenhändig den
+Dienstmädchen die sauren Heringe aus der Tonne geholt und eingewickelt
+... und jetzt habe man den Inhaber eines Detailgeschäftes im Senate.
+Sein, Thomas Buddenbrooks, Großvater habe sich mit seinem ältesten Sohne
+überworfen, weil dieser einen Laden erheiratet habe; so seien die Dinge
+damals gewesen. »Aber das Niveau sinkt, ja, das gesellschaftliche
+Niveau des Senates ist im Sinken begriffen, der Senat wird
+demokratisiert, lieber Gieseke, und das ist nicht gut. Kaufmännische
+Tüchtigkeit tut es doch nicht so ganz, meiner Meinung nach sollte man
+nicht aufhören, ein wenig mehr zu verlangen. Alfred Lauritzen mit seinen
+großen Füßen und seinem Bootsmannsgesicht im Ratssaal zu denken,
+beleidigt mich ... ich weiß nicht, was in mir. Es ist gegen alles
+Stilgefühl, kurzum, eine Geschmacklosigkeit.«
+
+Aber Senator Gieseke war etwas pikiert. Schließlich war er auch nur der
+Sohn eines Branddirektors ... Nein, dem Verdienste seine Krone. Dafür
+sei man Republikaner. Ȇbrigens sollten Sie nicht so viele Zigaretten
+rauchen, Buddenbrook, Sie haben ja gar nichts von der Seeluft.«
+
+»Ja, nun höre ich auf«, sagte Thomas Buddenbrook, warf das Mundstück
+fort und schloß die Augen.
+
+Träge, während der Regen, der unausbleiblich wieder einsetzte, die
+Aussicht verschleierte, glitt das Gespräch dahin. Man kam auf den
+letzten Skandal der Stadt, eine Wechselfälschung, auf Großkaufmann
+Kaßbaum, P. Philipp Kaßbaum & Co., der nun hinter Schloß und Riegel saß.
+Man ereiferte sich durchaus nicht; man nannte Herrn Kaßbaums Tat eine
+Dummheit, lachte kurz und zuckte die Achseln. Senator Doktor Gieseke
+erzählte, daß der Großkaufmann übrigens bei gutem Humor geblieben sei.
+An seinem neuen Aufenthaltsort habe er sogleich einen Toilette-Spiegel
+verlangt, der in seiner Zelle gefehlt habe. »Ich sitze hier ja nicht
+Jahre, sondern Jahren«, hatte er gesagt; »da muß ich doch einen Spiegel
+haben!« -- Er war, wie Christian Buddenbrook und Andreas Gieseke, ein
+Schüler des seligen Marcellus Stengel gewesen.
+
+Ohne die Miene zu verziehen, lachten die Herren wieder kurz durch die
+Nase. Sigismund Gosch bestellte Grog von Rum, mit einer Betonung, als
+wollte er ausdrücken: Was soll das schlechte Leben nützen?... Konsul
+Döhlmann sprach einer Flasche Aquavit zu, und Christian war wieder beim
+schwedischen Punsch angelangt, den Senator Gieseke für sich und ihn
+hatte kommen lassen. Es dauerte nicht lange, bis Thomas Buddenbrook
+wieder zu rauchen begann.
+
+Und immer in einem trägen, wegwerfenden und skeptisch fahrlässigen Ton,
+gleichgültig und schwer gesinnt vom Essen, vom Trinken und vom Regen,
+sprach man von Geschäften, den Geschäften jedes einzelnen; aber auch
+dies Thema belebte niemanden.
+
+»Ach, dabei ist nicht viel Freude«, sagte Thomas Buddenbrook mit
+schwerer Brust und legte angewidert den Kopf über die Stuhllehne zurück.
+
+»Nun, und Sie, Döhlmann?« erkundigte sich Senator Gieseke und gähnte ...
+»Sie haben sich gänzlich dem Aquavit ergeben, wie?«
+
+»Wovon soll der Schornstein rauchen«, sagte der Konsul. »Ich gucke alle
+paar Tage mal ins Kontor. Kurze Haare sind bald gekämmt.«
+
+»Und alles Wichtige haben ja doch Strunck & Hagenström in Händen«,
+bemerkte trübe der Makler Gosch, der seinen Ellenbogen weit vor sich hin
+auf den Tisch gestützt hatte und den bösartigen Greisenkopf in der Hand
+ruhen ließ.
+
+»Gegen einen Haufen Mist kann man nicht anstinken«, sagte Konsul
+Döhlmann mit einer so geflissentlich ordinären Aussprache, daß jedermann
+wie durch einen hoffnungslosen Zynismus trübe gestimmt werden mußte.
+»Na, und Sie, Buddenbrook, tun Sie noch was?«
+
+»Nein«, antwortete Christian; »ich kann es nun nicht mehr.« Und ohne
+Übergang, lediglich aus seinem Verständnis der herrschenden Stimmung
+heraus, und aus dem Bedürfnis, sie zu vertiefen, begann er plötzlich,
+den Hut schräg in die Stirn geschoben, von seinem Kontor in Valparaiso
+und von Johnny Thunderstorm zu sprechen ... »Ha, bei =der= Hitze. Du
+lieber Gott!... Arbeiten? _No, Sir_, wie Sie sehen, _Sir_!« Und dabei
+hatten sie dem Chef ihren Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen. Du
+lieber Gott!... Seine Mienen und Bewegungen drückten unübertrefflich
+eine zugleich frech herausfordernde und gutmütig verbummelte Trägheit
+aus. Sein Bruder rührte sich nicht.
+
+Herr Gosch versuchte, seinen Grog zum Munde zu führen, stellte ihn
+zischend auf den Tisch zurück und hieb sich selbst mit der Faust auf
+den widerspenstigen Arm, worauf er das Glas aufs neue an seine schmalen
+Lippen riß, mehreres verschüttete und den Rest in Wut auf einmal
+hinuntergoß.
+
+»Ach, Sie mit Ihrem Zittern, Gosch!« sagte Döhlmann. »Sie sollten sich's
+mal gehen lassen wie mir. Dies verfluchte Hunyadi-János ... Ich
+krepiere, wenn ich nicht täglich meinen Liter trinke, soweit bin ich,
+und wenn ich ihn trinke, so krepiere ich erst recht. Wissen Sie, wie es
+tut, wenn man niemals, nicht einen Tag, mit seinem Mittagessen fertig
+werden kann ... ich meine, wenn man es im Magen hat?...« Und er gab
+einige widerliche Einzelheiten seines Befindens zum besten, die
+Christian Buddenbrook mit schauerlichem Interesse und kraus gezogener
+Nase anhörte und mit einer kleinen eindringlichen Beschreibung seiner
+»Qual« beantwortete.
+
+Der Regen hatte sich wieder verstärkt. Dicht und senkrecht ging er
+hernieder, und sein Rauschen erfüllte unabänderlich, öde und
+hoffnungslos die Stille des Kurgartens.
+
+»Ja, das Leben ist faul«, sagte Senator Gieseke, der sehr viel getrunken
+hatte.
+
+»Ich mag gar nicht mehr auf der Welt sein«, sagte Christian.
+
+»Laß fahren dahin!« sagte Herr Gosch.
+
+»Da kommt Fiken Dahlbeck«, sagte Senator Gieseke.
+
+Dies war die Besitzerin des Kuhstalles, die mit einem Milcheimer
+vorüberging und den Herren zulächelte. Sie war an die vierzig, korpulent
+und frech.
+
+Senator Gieseke sah sie mit verwilderten Augen an.
+
+»Was für ein Busen!« sagte er; und hieran knüpfte Konsul Döhlmann einen
+übermäßig unflätigen Witz, der nur bewirkte, daß die Herren wieder kurz
+und wegwerfend durch die Nase lachten.
+
+Dann ward der aufwartende Kellner herangerufen.
+
+»Ich bin mit der Flasche fertig geworden, Schröder«, sagte Döhlmann.
+»Wir können auch ebensogut mal bezahlen. Einmal muß es ja sein ... Und
+Sie, Christian? Na, für Sie zahlt wohl Gieseke.«
+
+Hier aber belebte sich Senator Buddenbrook. Er hatte, in seinen
+Kragenmantel gehüllt, die Hände im Schoße und die Zigarette im
+Mundwinkel, fast ohne Teilnahme dagesessen; plötzlich aber richtete er
+sich auf und sagte scharf: »Hast du kein Geld bei dir, Christian? Dann
+erlaubst du, daß =ich= die Kleinigkeit auslege.«
+
+Man spannte die Regenschirme auf und trat unter dem Zeltdach hervor, um
+ein bißchen zu promenieren ...
+
+-- Hie und da besuchte Frau Permaneder ihren Bruder. Dann gingen die
+beiden zum »Mövenstein« oder zum »Seetempel« spazieren, wobei Tony
+Buddenbrook aus unbekannten Gründen jedesmal in eine begeisterte und
+unbestimmt aufrührerische Stimmung geriet. Sie betonte wiederholt die
+Freiheit und Gleichheit aller Menschen, verwarf kurzerhand jede
+Rangordnung der Stände, ließ harte Worte gegen Privilegien und Willkür
+fallen und verlangte ausdrücklich, daß dem Verdienste seine Krone werde.
+Und dann kam sie auf ihr Leben zu sprechen. Sie sprach gut, sie
+unterhielt ihren Bruder aufs beste. Dieses glückliche Geschöpf hatte,
+solange sie auf Erden wandelte, nichts, nicht das geringste
+hinunterzuschlucken und stumm zu verwinden gebraucht. Auf keine
+Schmeichelei und keine Beleidigung, die ihr das Leben gesagt, hatte sie
+geschwiegen. Alles, jedes Glück und jeden Kummer, hatte sie in einer
+Flut von banalen und kindisch wichtigen Worten, die ihrem
+Mitteilungsbedürfnis vollkommen genügten, wieder von sich gegeben. Ihr
+Magen war nicht ganz gesund, aber ihr Herz war leicht und frei -- sie
+wußte selbst nicht, wie sehr. Nichts Unausgesprochenes zehrte an ihr;
+kein stummes Erlebnis belastete sie. Und darum hatte sie auch gar nichts
+an ihrer Vergangenheit zu tragen. Sie wußte, daß sie bewegte und arge
+Schicksale gehabt, aber all das hatte ihr keinerlei Schwere und
+Müdigkeit hinterlassen, und im Grunde glaubte sie gar nicht daran.
+Allein, da es allseitig anerkannte Tatsache schien, so nutzte sie es
+aus, indem sie damit prahlte und mit gewaltig ernsthafter Miene darüber
+redete ... Sie geriet ins Schelten, sie rief voll ehrlicher Entrüstung
+die Personen bei Namen, die ihr Leben -- und folglich das der Familie
+Buddenbrook -- schädlich beeinflußt hatten und deren Zahl mit der Zeit
+recht stattlich geworden war. »Tränen-Trieschke!« rief sie. »Grünlich!
+Permaneder! Tiburtius! Weinschenk! Hagenströms! Der Staatsanwalt! Die
+Severin! Was für Filous, Thomas, Gott wird sie strafen dereinst, =den=
+Glauben bewahre ich mir!«
+
+Als sie hinauf zum »Seetempel« kamen, brach schon die Dämmerung herein;
+der Herbst war vorgeschritten. Sie standen in einer der nach der Bucht
+zu sich öffnenden Kammern, in denen es nach Holz roch, wie in den
+Kabinen der Badeanstalt, und deren roh gezimmerte Wände mit Inschriften,
+Initialen, Herzen, Versen bedeckt waren. Nebeneinander blickten sie über
+den feuchtgrünen Abhang und den schmalen, steinigen Strandstreifen
+hinweg auf die trübbewegte See hinaus.
+
+»Breite Wellen ...«, sagte Thomas Buddenbrook. »Wie sie daherkommen und
+zerschellen, daherkommen und zerschellen, eine nach der anderen, endlos,
+zwecklos, öde und irr. Und doch wirkt es beruhigend und tröstlich, wie
+das Einfache und Notwendige. Mehr und mehr habe ich die See lieben
+gelernt ... vielleicht zog ich ehemals das Gebirge nur vor, weil es in
+weiterer Ferne lag. Jetzt möchte ich nicht mehr dorthin. Ich glaube, daß
+ich mich fürchten und schämen würde. Es ist zu willkürlich, zu
+unregelmäßig, zu vielfach ... sicher, ich würde mich allzu unterlegen
+fühlen. Was für Menschen es wohl sind, die der Monotonie des Meeres den
+Vorzug geben? Mir scheint, es sind solche, die zu lange und tief in die
+Verwicklungen der innerlichen Dinge hineingesehen haben, um nicht
+wenigstens von den äußeren vor allem eins verlangen zu müssen:
+Einfachheit ... Es ist das wenigste, daß man tapfer umhersteigt im
+Gebirge, während man am Meere still im Sande ruht. Aber ich kenne den
+Blick, mit dem man dem einen, und jenen, mit dem man dem andern huldigt.
+Sichere, trotzige, glückliche Augen, die voll sind von Unternehmungslust,
+Festigkeit und Lebensmut, schweifen von Gipfel zu Gipfel; aber auf der
+Weite des Meeres, das mit diesem mystischen und lähmenden Fatalismus
+seine Wogen heranwälzt, träumt ein verschleierter, hoffnungsloser und
+wissender Blick, der irgendwo einstmals tief in traurige Wirrnisse sah
+... Gesundheit und Krankheit, das ist der Unterschied. Man klettert keck
+in die wundervolle Vielfachheit der zackigen, ragenden, zerklüfteten
+Erscheinungen hinein, um seine Lebenskraft zu erproben, von der noch
+nichts verausgabt wurde. Aber man ruht an der weiten Einfachheit der
+äußeren Dinge, müde wie man ist von der Wirrnis der inneren.«
+
+Frau Permaneder verstummte so eingeschüchtert und unangenehm berührt,
+wie harmlose Leute verstummen, wenn in Gesellschaft plötzlich etwas
+Gutes und Ernstes ausgesprochen wird. Dergleichen sagt man doch nicht!
+dachte sie, indem sie fest ins Weite sah, um seinen Augen nicht zu
+begegnen. Und um ihm in der Stille abzubitten, daß sie sich für ihn
+schämte, zog sie seinen Arm in den ihrigen.
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Es war Winter geworden, Weihnacht war vorüber, man schrieb Januar,
+Januar 1875. Der Schnee, der die Bürgersteige als eine festgetretene,
+mit Sand und Asche untermischte Masse bedeckte, lagerte zu beiden Seiten
+der Fahrdämme in hohen Haufen, die beständig grauer, zerklüfteter und
+poröser wurden, denn es waren Wärmegrade in der Luft. Das Pflaster war
+naß und schmutzig, und von den grauen Giebeln troff es. Aber darüber
+spannte sich der Himmel zartblau und makellos, und Milliarden von
+Lichtatomen schienen wie Kristalle in dem Azur zu flimmern und zu
+tanzen ...
+
+Im Zentrum der Stadt war es lebendig, denn es war Sonnabend und
+Markttag. Unter den Spitzbogen der Rathaus-Arkaden hatten die Fleischer
+ihre Stände und wogen mit blutigen Händen ihre Ware ab. Auf dem
+Marktplatze selbst aber, um den Brunnen herum, war Fischmarkt. Dort
+saßen, die Hände in halb enthaarten Pelzmüffen und die Füße an
+Kohlenbecken wärmend, beleibte Weiber, die ihre naßkalten Gefangenen
+hüteten und die umherwandernden Köchinnen und Hausfrauen mit breiten
+Worten zum Kaufe einluden. Es war keine Gefahr, betrogen zu werden. Man
+konnte sicher sein, etwas Frisches zu erhandeln, denn die Fische lebten
+fast alle noch, die fetten, muskulösen Fische ... Einige hatten es gut.
+Sie schwammen, in einiger Enge zwar, aber doch guten Mutes, in
+Wassereimern umher und hatten nichts auszustehen. Andere aber lagen mit
+fürchterlich glotzenden Augen und arbeitenden Kiemen, zählebig und
+qualvoll auf ihrem Brett und schlugen hart und verzweifelt mit dem
+Schwanze, bis man sie endlich packte und ein spitzes, blutiges Messer
+ihnen mit Knirschen die Kehle zerschnitt. Lange und dicke Aale wanden
+und schlängelten sich zu abenteuerlichen Figuren. In tiefen Bütten
+wimmelte es schwärzlich von Ostseekrabben. Manchmal zog ein starker Butt
+sich krampfhaft zusammen und schnellte sich in seiner tollen Angst weit
+vom Brette fort auf das schlüpfrige, von Abfällen verunreinigte
+Pflaster, so daß seine Besitzerin ihm nachlaufen und ihn unter harten
+Worten der Mißbilligung seiner Pflicht wieder zuführen mußte ...
+
+In der Breiten Straße herrschte um Mittag reger Verkehr. Schulkinder,
+die Ränzel auf dem Rücken, kamen daher, erfüllten die Luft mit Lachen
+und Geplapper und warfen einander mit dem halb zertauten Schnee. Junge
+Kaufmannslehrlinge aus guter Familie, mit dänischen Schiffermützen oder
+elegant nach englischer Mode gekleidet, Portefeuilles in den Händen,
+gingen nicht ohne Würde vorüber, stolz, dem Realgymnasium entronnen zu
+sein. Gesetzte, graubärtige und höchlichst verdiente Bürger stießen mit
+dem Gesichtsausdruck unerschütterlich nationalliberaler Gesinnung ihre
+Spazierstöcke vor sich her und blickten aufmerksam zu der
+Glasurziegelfassade des Rathauses hinüber, an dessen Portal die
+Doppelwache aufgezogen war. Denn der Senat war versammelt. Die beiden
+Infanteristen schritten in ihren Mänteln, das Gewehr auf der Schulter,
+die ihnen zugemessene Strecke ab, indem sie kaltblütig durch die kotige
+und halbflüssige Schneemasse am Boden stampften. Sie begegneten sich in
+der Mitte vorm Eingang, sahen sich an, wechselten ein Wort und gingen
+nach beiden Seiten wieder auseinander. Manchmal, wenn mit
+emporgeklapptem Paletotkragen und beide Hände in den Taschen, ein
+Offizier sich näherte, der den Spuren irgendeines Mamsellchens folgte
+und sich gleichzeitig von den jungen Damen aus großem Hause bewundern
+ließ, stellte sich jeder vor sein Schilderhaus, besah sich selbst von
+oben bis unten und präsentierte ... Es hatte noch gute Weile, bis sie
+den Senatoren beim Herauskommen zu salutieren haben würden. Die Sitzung
+dauerte erst drei Viertelstunden. Sie würden wohl vorher noch abgelöst
+werden ...
+
+Da aber, plötzlich, vernahm der eine der beiden Soldaten ein kurzes,
+diskretes Zischen im Innern des Gebäudes, und im selben Augenblick
+leuchtete im Portal der rote Frack des Ratsdieners Uhlefeldt auf,
+welcher mit Dreispitz und Galanteriedegen, in äußerster Geschäftigkeit
+zum Vorschein kam, ein leises »Achtung!« hervorstieß und sich eilfertig
+wieder zurückzog, während drinnen auf den hallenden Fliesen schon
+nahende Schritte sich hören ließen ...
+
+Die Infanteristen machten Front, sie zogen die Absätze zusammen,
+steiften das Genick, blähten die Brust, setzten das Gewehr bei Fuß und
+präsentierten es mit ein paar prompt zusammenklappenden Griffen.
+Zwischen ihnen hindurch schritt ziemlich geschwind, mit gelüftetem
+Zylinder, ein kaum mittelgroßer Herr, der eine seiner hellen Brauen ein
+wenig emporgezogen hielt, und dessen weißliche Wangen von den lang
+ausgezogenen Schnurrbartspitzen überragt wurden. Senator Thomas
+Buddenbrook verließ heute lange vor Schluß der Sitzung das Rathaus.
+
+Er bog rechts ab und schlug also nicht den Weg zu seinem Hause ein.
+Korrekt, tadellos sauber und elegant ging er mit dem etwas hüpfenden
+Schritte, der ihm eigen war, die Breite Straße entlang, indem er
+beständig nach allen Seiten zu grüßen hatte. Er trug weiße
+Glacéhandschuhe und hielt seinen Stock mit silberner Krücke unter dem
+linken Arm. Hinter den dicken Revers seines Pelzes sah man die weiße
+Frackkrawatte. Aber sein sorgfältig hergerichteter Kopf sah übernächtig
+aus. Verschiedene Leute bemerkten im Vorübergehen, daß ihm plötzlich die
+Tränen in die geröteten Augen stiegen, und daß er die Lippen auf eine
+ganz sonderbare, behutsame und verzerrte Weise geschlossen hielt.
+Manchmal schluckte er hinunter, als habe sein Mund sich mit Flüssigkeit
+gefüllt; und dann konnte man an den Bewegungen der Muskeln an Wangen und
+Schläfen beobachten, daß er die Kiefer zusammenbiß.
+
+»Was nun, Buddenbrook, du schwänzst die Sitzung? Das ist mal was Neues!«
+sagte am Anfang der Mühlenstraße jemand zu ihm, den er nicht hatte
+kommen sehen. Es war Stephan Kistenmaker, der plötzlich vor ihm stand,
+sein Freund und Bewunderer, der sich in öffentlichen Fragen jede seiner
+Meinungen zu eigen machte. Er besaß einen rundgeschnittenen,
+ergrauenden Vollbart, furchtbar dicke Augenbrauen und eine lange, poröse
+Nase. Vor ein paar Jahren hatte er sich, nachdem er ein gutes Stück Geld
+verdient, von dem Weingeschäft zurückgezogen, das nun sein Bruder Eduard
+auf eigene Hand weiterführte. Seitdem lebte er als Privatier; da er sich
+dieses Standes im Grunde aber ein wenig schämte, so tat er beständig,
+als habe er unüberwindlich viel zu tun. »Ich reibe mich auf!« sagte er
+und strich mit der Hand über seinen grauen, mit der Brennschere
+gewellten Scheitel. »Aber wozu ist der Mensch auf der Welt, als um sich
+aufzureiben?« Stundenlang stand er mit wichtigen Gebärden an der Börse,
+ohne dort das geringste zu suchen zu haben. Er bekleidete eine Menge von
+gleichgültigen Ämtern. Kürzlich hatte er sich zum Direktor der
+Städtischen Badeanstalt gemacht. Er fungierte emsig als Geschworener,
+als Makler, als Testamentsvollstrecker und wischte sich den Schweiß von
+der Stirn ...
+
+»Es ist doch Sitzung, Buddenbrook«, wiederholte er, »und du gehst
+spazieren?«
+
+»Ach, du bist es«, sagte der Senator leise und mit widerwillig sich
+bewegenden Lippen ... »Ich kann minutenlang nichts sehen. Ich habe
+wahnsinnige Schmerzen.«
+
+»Schmerzen? Wo?«
+
+»Zahnschmerzen. Seit gestern schon. Ich habe in der Nacht kein Auge
+zugetan ... Ich war noch nicht beim Arzt, weil ich heute vormittag im
+Geschäft zu tun hatte und dann die Sitzung nicht versäumen wollte. Nun
+konnte ich es doch nicht aushalten und bin auf dem Wege zu Brecht ...«
+
+»Wo sitzt es denn?«
+
+»Hier unten links ... Ein Backenzahn ... Er ist natürlich hohl ... Es
+ist unerträglich ... Adieu, Kistenmaker! Du begreifst, daß ich Eile
+habe ...«
+
+»Ja, meinst du, daß ich =keine= habe? Fürchterlich viel zu tun ...
+Adieu! Gute Besserung übrigens! Laß ihn ausziehen! Immer gleich raus
+damit, das ist das beste ...«
+
+Thomas Buddenbrook ging weiter und biß die Kiefer zusammen, obgleich
+dies die Sache nur verschlimmerte. Es war ein wilder, brennender und
+bohrender Schmerz, eine boshafte Pein, die sich von einem kranken
+Backenzahn aus der ganzen linken Seite des Unterkiefers bemächtigt
+hatte. Die Entzündung pochte darin mit glühenden Hämmerchen und machte,
+daß ihm die Fieberhitze ins Gesicht und die Tränen in die Augen
+schossen. Die schlaflose Nacht hatte seine Nerven schrecklich
+angegriffen. Er hatte sich eben beim Sprechen zusammennehmen müssen,
+damit seine Stimme sich nicht breche.
+
+In der Mühlenstraße betrat er ein mit gelbbrauner Ölfarbe gestrichenes
+Haus und stieg zum ersten Stockwerk empor, woselbst an der Tür auf einem
+Messingschild »Zahnarzt Brecht« zu lesen war. Er sah das Dienstmädchen
+nicht, das ihm öffnete. Auf dem Korridor roch es warm nach Beefsteak und
+Blumenkohl. Dann plötzlich atmete er die scharfriechende Luft des
+Wartezimmers, in das man ihn nötigte. »Nehmen Sie Platz ... einen
+Momang!« schrie die Stimme eines alten Weibes. Es war Josephus, der im
+Hintergrunde des Raumes in seinem blanken Bauer saß und ihm mit kleinen,
+giftigen Augen schief und tückisch entgegenstarrte.
+
+Der Senator setzte sich an den runden Tisch und versuchte, die Witze in
+einem Band »Fliegender Blätter« auf sich wirken zu lassen, schlug dann
+aber das Buch mit Ekel zu, drückte das kühle Silber seiner Stockkrücke
+gegen die Wange, schloß seine brennenden Augen und stöhnte. Rings war
+alles still, und nur Josephus biß mit Knacken und Knirschen in das ihn
+umgebende Gitter. Herr Brecht war es sich schuldig, auch wenn er
+unbeschäftigt war, eine Weile warten zu lassen.
+
+Thomas Buddenbrook stand hastig auf und trank an einem Tischchen aus
+einer dort aufgestellten Karaffe ein Glas Wasser, das nach Chloroform
+roch und schmeckte. Dann öffnete er die Tür zum Korridor und rief mit
+gereizter Betonung hinaus, wenn nicht dringende Abhaltung vorhanden sei,
+möge Herr Brecht die Güte haben, sich ein wenig zu beeilen. Er habe
+Schmerzen.
+
+Gleich darauf erschien der graumelierte Schnurrbart, die Hakennase und
+die kahle Stirn des Zahnarztes in der Tür zum Operationszimmer. »Bitte«,
+sagte er. »Bitte!« schrie auch Josephus. Der Senator folgte der
+Einladung ohne zu lachen. Ein schwerer Fall! dachte Herr Brecht und
+verfärbte sich ...
+
+Sie gingen beide rasch durch das helle Zimmer zu dem großen,
+verstellbaren Stuhl mit Kopfpolster und grünplüschenen Armlehnen, der
+vor einem der beiden Fenster stand. Während er sich niederließ, erklärte
+Thomas Buddenbrook kurz, um was es sich handele, legte den Kopf zurück
+und schloß die Augen.
+
+Herr Brecht schrob ein wenig an dem Stuhle und machte sich dann mit
+einem Spiegelchen und einem Stahlstäbchen an dem Zahne zu schaffen.
+Seine Hand roch nach Mandelseife, sein Atem nach Beefsteak und
+Blumenkohl.
+
+»Wir müssen zur Extraktion schreiten«, sagte er nach einer Weile und
+erblich noch mehr.
+
+»Schreiten Sie nur«, sagte der Senator und schloß die Lider noch fester.
+
+Nun trat eine Pause ein. Herr Brecht präparierte an einem Schranke
+irgend etwas und suchte Instrumente hervor. Dann näherte er sich dem
+Patienten aufs neue.
+
+»Ich werde ein bißchen pinseln«, sagte er. Und sogleich begann er,
+diesen Entschluß zur Tat zu machen, indem er das Zahnfleisch ausgiebig
+mit einer scharf riechenden Flüssigkeit bestrich. Hierauf bat er leise
+und herzlich, stille zu halten und den Mund sehr weit zu öffnen, und
+begann sein Werk.
+
+Thomas Buddenbrook hielt mit beiden Händen die Sammetarmpolster fest
+erfaßt. Er empfand kaum das Ansetzen und Zugreifen der Zange, bemerkte
+dann aber an dem Knirschen in seinem Munde sowie an dem wachsenden,
+immer schmerzhafter und wütender werdenden Druck, dem sein ganzer Kopf
+ausgesetzt war, daß alles auf dem besten Wege sei. Gott befohlen! dachte
+er. Nun muß es seinen Gang gehen. Dies wächst und wächst bis ins Maßlose
+und Unerträgliche, bis zur eigentlichen Katastrophe, bis zu einem
+wahnsinnigen, kreischenden, unmenschlichen Schmerz, der das ganze Gehirn
+zerreißt ... Dann ist es überstanden; ich muß es nun abwarten.
+
+Es dauerte drei oder vier Sekunden. Herrn Brechts bebende
+Kraftanstrengung teilte sich Thomas Buddenbrooks ganzem Körper mit, er
+wurde ein wenig auf seinem Sitze emporgezogen und hörte ein leise
+piependes Geräusch in der Kehle des Zahnarztes ... Plötzlich gab es
+einen furchtbaren Stoß, eine Erschütterung, als würde ihm das Genick
+gebrochen, begleitet von einem kurzen Knacken und Krachen. Er öffnete
+hastig die Augen ... Der Druck war fort, aber sein Kopf dröhnte, der
+Schmerz tobte heiß in dem entzündeten und mißhandelten Kiefer, und er
+fühlte deutlich, daß dies nicht das Bezweckte, nicht die wahre Lösung
+der Frage, sondern eine verfrühte Katastrophe sei, die die Sachlage nur
+verschlimmerte ... Herr Brecht war zurückgetreten. Er lehnte am
+Instrumentenschrank, sah aus wie der Tod und sagte: »Die Krone ... Ich
+dachte mir's.«
+
+Thomas Buddenbrook spie ein wenig Blut in die blaue Schale zu seiner
+Seite, denn das Zahnfleisch war verletzt. Dann fragte er halb bewußtlos:
+»Was dachten Sie sich? Was ist mit der Krone?«
+
+»Die Krone ist abgebrochen, Herr Senator ... Ich fürchtete es ... Der
+Zahn ist außerordentlich defekt ... Aber es war meine Pflicht, das
+Experiment zu wagen ...«
+
+»Was nun?«
+
+»Überlassen Sie alles mir, Herr Senator ...«
+
+»Was muß geschehen?«
+
+»Die Wurzeln müssen entfernt werden. Vermittels des Hebels ... Es sind
+vier an der Zahl ...«
+
+»Vier? Also ist viermaliges Ansetzen und Ziehen nötig?«
+
+»Leider.«
+
+»Nun, für heute ist es genug!« sagte der Senator und wollte sich rasch
+erheben, blieb aber trotzdem sitzen und legte den Kopf zurück.
+
+»Lieber Herr, Sie dürfen nur Menschliches verlangen«, sagte er. »Ich
+stehe nicht auf den festesten Füßen ... Für diesmal bin ich jedenfalls
+fertig ... Wollen Sie die Güte haben, das Fenster da einen Augenblick zu
+öffnen.«
+
+Dies tat Herr Brecht und dann erwiderte er: »Es wäre mir vollkommen
+lieb, Herr Senator, wenn Sie morgen oder übermorgen zu einer beliebigen
+Stunde wieder vorsprechen möchten und wir die Operation bis dahin
+verschöben. Ich muß gestehen, ich selbst ... Ich werde mir jetzt
+erlauben, noch eine Spülung und eine Pinselung vorzunehmen, um den
+Schmerz vorläufig zu lindern ...«
+
+Er nahm die Spülung und die Pinselung vor, und dann ging der Senator,
+begleitet von dem bedauernden Achselzucken, an das der schneebleiche
+Herr Brecht seine letzten Kräfte verausgabte.
+
+»Einen Momang ... bitte!« schrie Josephus, als sie das Wartezimmer
+passierten, und er schrie es noch, als Thomas Buddenbrook schon die
+Treppe hinunterstieg.
+
+Vermittels des Hebels ... ja, ja, das war morgen. Was nun? Nach Hause
+und ruhen, zu schlafen versuchen. Der eigentliche Nervenschmerz schien
+betäubt; es war nur ein dunkles, schweres Brennen in seinem Munde. Nach
+Hause also ... Und er ging langsam durch die Straßen, mechanisch Grüße
+erwidernd, die ihm dargebracht wurden, mit sinnenden und ungewissen
+Augen, als dächte er darüber nach, wie ihm eigentlich zumute sei.
+
+Er gelangte zur Fischergrube und begann das linke Trottoir
+hinunterzugehen. Nach zwanzig Schritten befiel ihn eine Übelkeit. Ich
+werde dort drüben in die Schänke treten und einen Kognak trinken müssen,
+dachte er, und beschritt den Fahrdamm. Als er etwa die Mitte desselben
+erreicht hatte, geschah ihm folgendes. Es war genau, als würde sein
+Gehirn ergriffen und von einer unwiderstehlichen Kraft mit wachsender,
+fürchterlich wachsender Geschwindigkeit in großen, kleineren und immer
+kleineren konzentrischen Kreisen herumgeschwungen und schließlich mit
+einer unmäßigen, brutalen und erbarmungslosen Wucht gegen den
+steinharten Mittelpunkt dieser Kreise geschmettert ... Er vollführte
+eine halbe Drehung und schlug mit ausgestreckten Armen vornüber auf das
+nasse Pflaster.
+
+Da die Straße stark abfiel, befand sich sein Oberkörper ziemlich viel
+tiefer als seine Füße. Er war aufs Gesicht gefallen, unter dem sofort
+eine Blutlache sich auszubreiten begann. Sein Hut rollte ein Stück des
+Fahrdammes hinunter. Sein Pelz war mit Kot und Schneewasser bespritzt.
+Seine Hände, in den weißen Glacéhandschuhen, lagen ausgestreckt in einer
+Pfütze.
+
+So lag er und so blieb er liegen, bis ein paar Leute herangekommen waren
+und ihn umwandten.
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Frau Permaneder kam die Haupttreppe herauf, indem sie vorn mit der Hand
+ihr Kleid emporraffte und mit der anderen die große, braune Muff gegen
+ihre Wange drückte. Sie stürzte und stolperte mehr als daß sie ging, ihr
+Kapotthut war unordentlich aufgesetzt, ihre Wangen waren hitzig, und auf
+ihrer ein wenig vorgeschobenen Oberlippe standen kleine Schweißtropfen.
+Obgleich ihr niemand begegnete, sprach sie unaufhörlich im
+Vorwärtshasten, und aus ihrem Flüstern löste sich dann und wann mit
+plötzlichem Vorstoße ein Wort los, dem die Angst lauten Ton verlieh ...
+»Es ist nichts ...« sagte sie. »Es hat gar nichts zu bedeuten ... Der
+liebe Gott wird das nicht wollen ... Er weiß, was er tut; =den= Glauben
+bewahre ich mir ... Es hat ganz sicherlich nichts zu sagen ... Ach, du
+Herr, tagtäglich will ich beten ...« Sie plapperte einfach Unsinn vor
+Angst, stürzte die Treppe zur zweiten Etage hinauf und über den
+Korridor ...
+
+Die Tür zum Vorzimmer stand offen, und dort kam ihre Schwägerin ihr
+entgegen.
+
+Gerda Buddenbrooks schönes, weißes Gesicht war in Grauen und Ekel ganz
+und gar verzogen, und ihre nahe beieinanderliegenden, braunen, von
+bläulichen Schatten umlagerten Augen blickten blinzelnd, zornig,
+verstört und angewidert. Als sie Frau Permaneder erkannte, winkte sie
+ihr rasch mit ausgestrecktem Arme und umarmte sie, indem sie den Kopf an
+ihrer Schulter verbarg.
+
+»Gerda, Gerda, was ist!« rief Frau Permaneder. »Was ist geschehen!...
+Was bedeutet dies!... Gestürzt, sagen sie? Bewußtlos?... Wie ist es mit
+ihm?... Der liebe Gott wird das Schlimmste nicht wollen ... Sage mir
+doch um aller Barmherzigkeit willen ...«
+
+Aber sie erhielt nicht sogleich eine Antwort, sondern fühlte nur, wie
+Gerdas ganze Gestalt sich in einem Schauer dehnte. Und dann vernahm sie
+an ihrer Schulter ein Flüstern ...
+
+»Wie er aussah«, verstand sie, »als sie ihn brachten! Sein ganzes Leben
+lang hat man nicht ein Staubfäserchen an ihm sehen dürfen ... Es ist ein
+Hohn und eine Niedertracht, daß das Letzte =so= kommen muß ...!«
+
+Gedämpftes Geräusch drang zu ihnen. Die Tür zum Ankleidekabinett hatte
+sich geöffnet, und Ida Jungmann stand in ihrem Rahmen, in weißer
+Schürze, eine Schüssel in den Händen. Ihre Augen waren gerötet. Sie
+erblickte Frau Permaneder und trat mit gesenktem Kopfe zurück, um den
+Weg freizugeben. Ihr Kinn zitterte in Falten.
+
+Die hohen, geblümten Fenstervorhänge bewegten sich im Luftzuge, als
+Tony, gefolgt von ihrer Schwägerin, ins Schlafzimmer trat. Der Geruch
+von Karbol, Äther und anderen Medikamenten wehte ihnen entgegen. In dem
+breiten Mahagonibett, unter der roten Steppdecke lag Thomas Buddenbrook
+ausgekleidet und im gestickten Nachthemd auf dem Rücken. Seine halb
+offenen Augen waren gebrochen und verdreht, unter dem zerzausten
+Schnurrbart bewegten seine Lippen sich lallend, und gurgelnde Laute
+drangen dann und wann aus seiner Kehle. Der junge Doktor Langhals beugte
+sich über ihn, nahm einen blutigen Verband von seinem Gesicht und
+tauchte einen neuen in ein Schälchen, das auf dem Nachttische stand.
+Dann horchte er an der Brust des Kranken und fühlte den Puls ... Auf dem
+Wäschepuff, zu Füßen des Bettes, saß der kleine Johann, drehte an seinem
+Schifferknoten und horchte mit grüblerischem Gesichtsausdruck hinter
+sich auf die Laute, die sein Vater ausstieß. Die besudelten
+Kleidungsstücke hingen irgendwo über einem Stuhle.
+
+Frau Permaneder kauerte sich zur Seite des Bettes nieder, ergriff die
+Hand ihres Bruders, die kalt und schwer war, und starrte in sein Gesicht
+... Sie begann zu begreifen, daß, wußte der liebe Gott nun, was er tat,
+oder nicht, er jedenfalls dennoch »das Schlimmste« wollte.
+
+»Tom!« jammerte sie. »Erkennst du mich nicht? Wie ist dir? Willst du von
+uns gehen? Du willst doch nicht von uns gehen?! Ach, es =darf= nicht
+sein ...!«
+
+Nichts erfolgte, was einer Antwort ähnlich gewesen wäre. Sie blickte
+hilfesuchend zu Doktor Langhals auf. Er stand da, hielt seine schönen
+Augen gesenkt und drückte in seiner Miene, nicht ohne einige
+Selbstgefälligkeit, den Willen des lieben Gottes aus ...
+
+Ida Jungmann kam wieder herein, um zu helfen, wo es zu helfen gab. Der
+alte Doktor Grabow erschien persönlich, drückte mit langem und mildem
+Gesichte allen die Hand, betrachtete kopfschüttelnd den Kranken und tat
+genau, was auch Doktor Langhals schon getan hatte ... Die Kunde hatte
+sich mit Windeseile in der ganzen Stadt verbreitet. Beständig schellte
+es drunten am Windfang, und Fragen nach dem Befinden des Senators
+drangen ins Schlafzimmer. Es war unverändert, unverändert ... jeder
+bekam die gleiche Antwort.
+
+Die beiden Ärzte hielten dafür, daß auf jeden Fall für die Nacht eine
+barmherzige Schwester herbeigeschafft werden müsse. Es wurde nach
+Schwester Leandra geschickt, und sie kam. Es war keine Spur von
+Überraschung und Schrecken in ihrem Gesicht, als sie eintrat. Sie legte
+auch diesmal still ihr Ledertäschchen, ihre Haube und ihren Umhang
+beiseite und ging mit sanften und freundlichen Bewegungen an ihre
+Arbeit.
+
+Der kleine Johann saß Stunde für Stunde auf seinem Puff, sah alles an
+und horchte auf die gurgelnden Laute. Er hätte sich eigentlich zum
+Privatunterricht im Rechnen begeben müssen, aber er begriff, daß dies
+Ereignisse waren, vor denen die Kammgarnröcke verstummen mußten. Auch
+seiner Schulaufgaben gedachte er nur kurz und mit Spott ... Manchmal,
+wenn Frau Permaneder zu ihm trat und ihn an sich preßte, vergoß er
+Tränen; aber meistens blinzelte er trockenen Auges mit einem
+abgestoßenen und grüblerischen Gesichtsausdruck darein, unregelmäßig und
+vorsichtig atmend, als erwarte er den Duft, den fremden und doch so
+seltsam vertrauten Duft ...
+
+Gegen vier Uhr faßte Frau Permaneder einen Entschluß. Sie veranlaßte den
+Doktor Langhals, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, verschränkte die Arme
+und legte den Kopf zurück, wobei sie trotzdem versuchte, das Kinn auf
+die Brust zu drücken.
+
+»Herr Doktor«, sagte sie, »eines steht in Ihrer Macht, und darum bitte
+ich Sie! Schenken Sie mir reinen Wein ein, tun Sie es! Ich bin eine vom
+Leben gestählte Frau ... Ich habe gelernt, die Wahrheit zu ertragen,
+glauben Sie mir!... Wird mein Bruder morgen am Leben sein? Reden Sie
+offen!«
+
+Und Doktor Langhals wandte seine schönen Augen ab, besah seine
+Fingernägel und sprach von menschlicher Ohnmacht, sowie von der
+Unmöglichkeit, die Frage zu entscheiden, ob Frau Permaneders Herr Bruder
+die Nacht überleben werde oder in der nächsten Minute abberufen werden
+würde ...
+
+»Dann weiß ich, was ich zu tun habe«, sagte sie, ging hinaus und
+schickte zu Pastor Pringsheim.
+
+In halbem Ornat, ohne Halskrause, aber in langem Talar, erschien er,
+streifte Schwester Leandra mit einem kalten Blick und ließ sich am Bette
+auf den Stuhl nieder, den man ihm zuschob. Er bat den Kranken, ihn zu
+erkennen und ihm ein wenig Gehör zu schenken; da dieser Versuch aber
+fruchtlos blieb, so wandte er sich direkt an Gott, redete ihn in
+stilisiertem Fränkisch an und sprach zu ihm mit modulierender Stimme in
+bald dunklen, bald jäh akzentuierten Lauten, indes finsterer Fanatismus
+und milde Verklärung auf seinem Gesichte wechselten ... Während er das R
+auf eine eigenartig fette und gewandte Art am Gaumen rollte, gewann der
+kleine Johann die deutliche Vorstellung, daß er soeben Kaffee und
+Buttersemmeln zu sich genommen haben müsse.
+
+Er sagte, daß er und die hier Anwesenden nicht mehr um das Leben dieses
+Lieben und Teuren bäten, denn sie sähen, daß es des Herrn heiliger Wille
+sei, ihn zu sich zu nehmen. Nur um die Gnade einer sanften Erlösung
+flehten sie noch ... Und dann sprach er mit wirksamer Pointierung noch
+zwei in solchen Fällen übliche Gebete und erhob sich. Er drückte Gerda
+Buddenbrooks und Frau Permaneders Hand, nahm den Kopf des kleinen Johann
+zwischen beide Hände und blickte ihm eine Minute lang zitternd vor
+Wehmut und Innigkeit auf die gesenkten Wimpern, grüßte Fräulein
+Jungmann, streifte Schwester Leandra nochmals mit einem kalten Blick und
+hielt seinen Abgang.
+
+Als Doktor Langhals zurückkehrte, der ein wenig nach Hause gegangen war,
+fand er alles beim alten. Er nahm nur eine kurze Rücksprache mit der
+Pflegerin und empfahl sich wieder. Auch Doktor Grabow sprach noch einmal
+vor, sah mit mildem Gesicht nach dem Rechten und ging. Thomas
+Buddenbrook fuhr fort, gebrochenen Auges die Lippen zu bewegen und
+gurgelnde Laute auszustoßen. Die Dämmerung fiel ein. Draußen gab es ein
+wenig winterliches Abendrot, und es beschien durchs Fenster sanft die
+besudelten Kleidungsstücke, die irgendwo über einem Stuhle hingen.
+
+Um fünf Uhr ließ Frau Permaneder sich zu einer Unbedachtsamkeit
+hinreißen. Ihrer Schwägerin gegenüber am Bette sitzend, begann sie
+plötzlich, unter Anwendung ihrer Kehlkopfstimme sehr laut und mit
+gefalteten Händen, einen Gesang zu sprechen ... »Mach' End', o Herr«,
+sagte sie, und alles hörte ihr regungslos zu -- »mach' Ende mit aller
+seiner Not; stärk' seine Füß' und Hände und laß bis in den Tod ...« Aber
+sie betete so sehr aus Herzensgrund, daß sie sich immer nur mit dem
+Worte beschäftigte, welches sie gerade aussprach, und nicht erwog, daß
+sie die Strophe gar nicht zu Ende wisse und nach dem dritten Verse
+jämmerlich stecken bleiben müsse. Das tat sie, brach mit erhobener
+Stimme ab und ersetzte den Schluß durch die erhöhte Würde ihrer Haltung.
+Jedermann im Zimmer wartete und zog sich zusammen vor Geniertheit. Der
+kleine Johann räusperte sich so schwer, daß es wie Ächzen klang. Und
+dann war in der Stille nichts als das agonierende Gurgeln Thomas
+Buddenbrooks zu vernehmen.
+
+Es war eine Erlösung, als das Folgmädchen meldete, nebenan sei etwas
+Essen aufgetragen. Als man aber in Gerdas Schlafzimmer anfing, ein wenig
+Suppe zu genießen, erschien Schwester Leandra in der Tür und winkte
+freundlich.
+
+Der Senator starb. Er schluchzte zwei- oder dreimal leise, verstummte
+und hörte auf, die Lippen zu bewegen. Das war die ganze Veränderung, die
+mit ihm vor sich ging; seine Augen waren schon vorher tot gewesen.
+
+Doktor Langhals, der wenige Minuten später zur Stelle war, setzte sein
+schwarzes Hörrohr auf die Brust der Leiche, horchte längere Zeit und
+sprach nach gewissenhafter Prüfung: »Ja, es ist zu Ende.«
+
+Und mit dem Ringfinger ihrer blassen, sanftmütigen Hand schloß Schwester
+Leandra behutsam dem Toten die Augenlider.
+
+Da warf sich Frau Permaneder an dem Bett in die Knie, drückte das
+Gesicht in die Steppdecke und weinte laut, gab sich rückhaltlos und ohne
+irgend etwas in sich zu dämpfen und zu unterdrücken, einem dieser
+erfrischenden Gefühlsausbrüche hin, die ihrer glücklichen Natur zu
+Gebote standen ... Mit gänzlich nassem Gesicht, aber gestärkt,
+erleichtert und vollkommen im seelischen Gleichgewicht, erhob sie sich
+und war sofort imstande, der Todesanzeigen zu gedenken, die unverzüglich
+und in höchster Eile hergestellt werden mußten, -- ein ungeheurer Posten
+vornehm gedruckter Todesanzeigen ...
+
+Christian betrat die Bildfläche. Es verhielt sich so mit ihm, daß er die
+Nachricht von dem Sturz des Senators im Klub erhalten hatte und auch
+sogleich aufgebrochen war. Aus Furcht jedoch vor irgendeinem gräßlichen
+Anblick hatte er einen weiten Spaziergang vors Tor unternommen, so daß
+niemand ihn hatte finden können. Nun stellte er sich dennoch ein und
+erfuhr schon auf der Diele, daß sein Bruder verschieden sei.
+
+»Ist doch wohl nicht möglich!« sagte er und ging lahmend und mit
+wandernden Augen die Treppen hinauf.
+
+Dann stand er, zwischen Schwester und Schwägerin, am Sterbebette. Er
+stand dort, mit seinem kahlen Schädel, seinen eingefallenen Wangen,
+seinem hängenden Schnurrbart und seiner ungeheuren, gehöckerten Nase,
+auf krummen und mageren Beinen, ein wenig geknickt, ein wenig
+fragezeichenartig, und seine kleinen, tiefliegenden Augen blickten in
+des Bruders Gesicht, das so schweigsam, kalt, ablehnend und einwandfrei,
+so sehr jedem menschlichen Urteil unzugänglich erschien ... Thomas'
+Mundwinkel waren mit beinahe verächtlichem Ausdruck nach unten gezogen.
+Er, dem Christian vorgeworfen hatte, daß er bei seinem Tode nicht weinen
+werde, er war seinerseits tot, er war ohne ein Wort zu sagen ganz
+einfach gestorben, hatte sich vornehm und intakt ins Schweigen
+zurückgezogen und überließ den andern mitleidlos der Beschämung, wie so
+oft im Leben! Hatte er nun gut oder schnöde gehandelt, indem er den
+Leiden Christians, seiner »Qual«, dem nickenden Manne, der
+Spiritusflasche, dem offenen Fenster, stets nur kalte Verachtung
+entgegengesetzt hatte? Diese Frage fiel dahin, sie war sinnlos geworden,
+da der Tod in eigensinniger und unberechenbarer Parteilichkeit ihn, ihn
+ausgezeichnet und gerechtfertigt, ihn angenommen und aufgenommen, ihn
+ehrwürdig gemacht und ihm befehlshaberisch das allgemeine, scheue
+Interesse verschafft hatte, während er Christian verschmähte und nur
+fortfahren würde, ihn mit fünfzig Mätzchen und Schikanen zu hänseln, vor
+denen niemand Respekt hatte. Nie hatte Thomas Buddenbrook seinem Bruder
+mehr imponiert, als zu dieser Stunde. Der Erfolg ist ausschlaggebend.
+Der anderen Achtung vor unseren Leiden verschafft uns nur der Tod, und
+auch die kläglichsten Leiden werden ehrwürdig durch ihn. Du hast recht
+bekommen, ich beuge mich, dachte Christian, und mit einer raschen,
+unbeholfenen Bewegung ließ er sich auf ein Knie nieder und küßte die
+kalte Hand auf der Steppdecke. Dann trat er zurück und begann mit
+schweifenden Augen im Zimmer umherzugehen.
+
+Andere Besucher, die alten Krögers, die Damen Buddenbrook aus der
+Breiten Straße, der alte Herr Marcus, stellten sich ein. Auch die arme
+Klothilde kam, stand mager und aschgrau am Bette und faltete apathischen
+Angesichts ihre mit Zwirnhandschuhen bekleideten Hände. »Ihr müßt nicht
+glauben, Tony und Gerda«, sagte sie unendlich gedehnt und klagend, »daß
+ich kalten Herzens bin, weil ich nicht weine. Ich habe keine Tränen
+mehr ...« Und jedermann glaubte ihr das aufs Wort, so hoffnungslos
+verstaubt und ausgedörrt wie sie dastand ...
+
+Schließlich räumten alle das Feld vor einer Frauensperson, einem
+unsympathischen alten Geschöpf mit kauendem, zahnlosem Munde, die
+angekommen war, um zusammen mit Schwester Leandra die Leiche zu waschen
+und umzukleiden.
+
+ * * * * *
+
+Zu vorgerückter Abendstunde noch saßen im Wohnzimmer Gerda Buddenbrook,
+Frau Permaneder, Christian und der kleine Johann unter der großen
+Gaslampe um den runden Mitteltisch und arbeiteten emsig. Es galt die
+Liste derjenigen Leute zusammenzustellen, die Todesanzeigen bekommen
+mußten, und die Adressen auf die Briefumschläge zu schreiben. Alle
+Federn knirschten. Dann und wann hatte jemand einen Einfall und setzte
+einen neuen Namen auf die Liste ... Auch Hanno mußte helfen, denn er
+schrieb reinlich, und die Zeit drängte.
+
+Es war still im Hause und auf der Straße. Selten wurden Schritte laut
+und verhallten. Die Gaslampe puffte leise, ein Name ward gemurmelt, das
+Papier knisterte. Zuweilen blickten alle einander an und erinnerten sich
+dessen, was geschehen war.
+
+Frau Permaneder kritzelte in höchster Geschäftigkeit. Aber wie
+ausgerechnet in jeder fünften Minute legte sie die Feder fort, erhob die
+zusammengelegten Hände bis zur Höhe des Mundes und brach in Klagerufe
+aus. »Ich fasse es nicht!« rief sie und deutete damit an, daß sie
+allmählich zu fassen beginne, was eigentlich vor sich gegangen war.
+»Aber es ist ja nun alles aus!« rief sie ganz unerwartet in heller
+Verzweiflung und schlang laut weinend die Arme um den Hals ihrer
+Schwägerin, worauf sie gestärkt ihre Tätigkeit wieder aufnahm.
+
+Mit Christian stand es ähnlich wie mit der armen Klothilde. Er hatte
+noch nicht eine Träne vergossen und schämte sich dessen ein wenig. Das
+Gefühl der Blamiertheit überwog in ihm jegliche andere Empfindung. Auch
+hatte die beständige Beschäftigung mit den eigenen Zuständen und
+Sonderbarkeiten ihn abgenutzt und stumpf gemacht. Hie und da richtete er
+sich auf, strich mit der Hand über seine kahle Stirn und sagte mit
+gepreßter Stimme: »Ja, es ist furchtbar traurig!« Er sagte dies zu sich
+selbst, hielt es sich gewaltsam vor und nötigte seine Augen, ein wenig
+feucht zu werden ...
+
+Plötzlich geschah etwas, was alle verstörte. Der kleine Johann geriet
+ins Lachen. Er war beim Schreiben auf einen Namen gestoßen, irgendeinen
+kuriosen Klang, dem er nicht widerstehen konnte. Er wiederholte ihn,
+schnob durch die Nase, beugte sich vornüber, zitterte, schluchzte und
+konnte nicht an sich halten. Anfangs konnte man glauben, daß er weine;
+aber es war nicht an dem. Die Erwachsenen sahen ihn ungläubig und
+fassungslos an. Dann schickte seine Mutter ihn schlafen ...
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+An einem Zahne ... Senator Buddenbrook war an einem Zahne gestorben,
+hieß es in der Stadt. Aber, zum Donnerwetter, daran starb man doch
+nicht! Er hatte Schmerzen gehabt, Herr Brecht hatte ihm die Krone
+abgebrochen, und daraufhin war er auf der Straße einfach umgefallen. War
+dergleichen erhört?...
+
+Aber das war nun gleich, es war seine Angelegenheit. Was man zunächst in
+der Sache zu tun hatte, war dies, daß man Kränze schickte, große Kränze,
+teure Kränze, Kränze, mit denen man Ehre einlegen konnte, die in den
+Zeitungsartikeln erwähnt werden würden, und denen man ansah, daß sie von
+loyalen und zahlungsfähigen Leuten kamen. Sie wurden geschickt, sie
+strömten von allen Seiten herbei, von den Körperschaften sowohl wie von
+den Familien und Privatpersonen; Kränze aus Lorbeer, aus starkriechenden
+Blumen, aus Silber, mit schwarzen Schleifen und solchen in den Farben
+der Stadt, mit schwarzgedruckten Widmungen und solchen in goldenen
+Buchstaben. Und Palmenwedel, ungeheure Palmenwedel ...
+
+Alle Blumenhandlungen machten Geschäfte großen Stils, nicht zum
+wenigsten diejenige von Iwersen, gegenüber dem Buddenbrookschen Hause.
+Frau Iwersen schellte mehrmals des Tages am Windfang und brachte
+Arrangements in verschiedenen Gestalten, von Senator Soundso, von Konsul
+Soundso, von der und der Beamtenschaft ... Einmal fragte sie, ob sie
+nicht vielleicht ein wenig hinauf dürfe und den Senator sehen? Ja, das
+dürfe sie, wurde ihr geantwortet, und sie folgte dem Fräulein Jungmann
+über die Haupttreppe, indem sie stumme Blicke in das glänzende
+Treppenhaus hinaufgleiten ließ.
+
+Sie ging schwer, denn sie war guter Hoffnung wie gewöhnlich. Ihre
+Erscheinung im allgemeinen war mit den Jahren ein bißchen gemein
+geworden, aber die schmalgeschnittenen schwarzen Augen sowie die
+malaiischen Wangenknochen waren reizvoll, und man sah wohl, daß sie
+einstmals außerordentlich hübsch gewesen sein mußte. -- Sie wurde in den
+Salon eingelassen, denn dort lag Thomas Buddenbrook aufgebahrt.
+
+Er lag inmitten des weiten und lichten Gemaches, dessen Möbel
+fortgeschafft waren, in den weißseidenen Polstern des Sarges, in weiße
+Seide gekleidet und mit weißer Seide bedeckt, in einem strengen und
+betäubenden Duftgemisch von Tuberosen, Veilchen und hundert anderen
+Gewächsen. Zu seinen Häupten, in einem Halbkreise von silbernen
+Armleuchtern, auf umflorten Postamenten, stand Thorwaldsens Segnender
+Christus. Die Blumengebinde, die Kränze, Körbe und Sträuße, standen und
+lagen an den Wänden entlang, auf dem Fußboden und auf der Steppdecke;
+Palmenwedel lehnten an der Bahre und neigten sich über des Toten Füße.
+-- Sein Gesicht war stellenweise zerschunden, und besonders die Nase
+zeigte Quetschungen. Aber sein Haupthaar war wie im Leben frisiert, und
+der Schnurrbart, von dem alten Herrn Wenzel noch einmal mit der
+Brennschere ausgezogen, überragte lang und starr seine weißen Wangen.
+Sein Kopf war ein wenig zur Seite gewandt, und zwischen seinen
+zusammengefalteten Händen stak ein Elfenbeinkreuz.
+
+Frau Iwersen blieb beinahe an der Tür stehen und blickte von dort aus
+blinzelnd zur Bahre hinüber; erst als Frau Permaneder, ganz in Schwarz
+gehüllt und verschnupft vom Weinen, vom Wohnzimmer aus, zwischen den
+Portieren erschien und sie mit sanften Worten zum Nähertreten einlud,
+wagte sie sich ein Stückchen weiter auf der parkettierten Fußbodenfläche
+vorwärts. Sie stand, die Hände auf ihrem hervortretenden Leibe gefaltet,
+und blickte mit ihren schmalen, schwarzen Augen auf die Pflanzen, die
+Armleuchter, die Schleifen, all die weiße Seide und in Thomas
+Buddenbrooks Angesicht. Es wäre schwer gewesen, den Ausdruck ihrer
+bleichen und verwischten Wöchnerinnenzüge bei Namen zu nennen.
+Schließlich sagte sie »Ja ...«, schluchzte einmal -- ein einziges Mal --
+ganz kurz und undeutlich auf und wandte sich zum Gehen.
+
+Frau Permaneder liebte solche Besuche. Sie wich nicht aus dem Hause und
+überwachte mit unermüdlichem Eifer die Huldigungen, die man der
+sterblichen Hülle ihres Bruders darzubringen sich drängte. Unter
+Anwendung ihrer Kehlkopfstimme verlas sie viele Male die
+Zeitungsartikel, in denen, wie zur Zeit des Geschäftsjubiläums, seine
+Verdienste gefeiert, der unersetzliche Verlust seiner Persönlichkeit
+beklagt wurde. Sie war im Wohnzimmer zugegen bei allen Kondolenzvisiten,
+die Gerda im Salon entgegennahm; und die fanden kein Ende, ihre Zahl war
+Legion. Sie hielt mit verschiedenen Personen Konferenzen ab in betreff
+des Begräbnisses, das sich unsäglich vornehm gestalten mußte. Sie
+arrangierte Abschiedsszenen. Sie ließ das Kontorpersonal heraufkommen,
+damit es seinem Chef ein letztes Lebewohl sage. Und dann mußten die
+Speicherarbeiter kommen. Sie schoben sich auf ihren kolossalen Füßen
+über das Parkett, zogen mit ungeheurer Biederkeit ihre Mundwinkel
+abwärts und verbreiteten einen Geruch von Branntwein, Kautabak und
+körperlicher Arbeit. Sie sahen sich die prunkhafte Aufbahrung an, indem
+sie ihre Mützen drehten, wunderten sich zuerst und langweilten sich
+dann, bis einer den Mut hatte, wieder aufzubrechen, worauf ihm
+schlürfend die ganze Schar auf den Fersen folgte ... Frau Permaneder war
+entzückt. Sie behauptete, mehreren seien die Tränen in die harten Bärte
+geronnen. Das war einfach nicht wahr. Dergleichen war nicht vorgekommen.
+Aber wenn sie es doch so gesehen hatte und wenn es sie glücklich machte?
+
+Und der Tag der Beisetzung kam heran. Der Metallsarg war luftdicht
+verschlossen und mit Blumen bedeckt, die Kerzen auf den Armleuchtern
+brannten, das Haus füllte sich mit Menschen, und umgeben von den
+Leidtragenden, den einheimischen und auswärtigen, stand in aufrechter
+Majestät Pastor Pringsheim zu Häupten des Sarges, indem er seinen
+ausdrucksvollen Kopf auf der breiten Halskrause ruhen ließ, wie auf
+einem Teller.
+
+Ein hochgeschulter Lohndiener, ein behendes Mittelding zwischen
+Aufwärter und Festordner, hatte die äußere Leitung der Feierlichkeit
+übernommen. Er lief, den Zylinder in der Hand, auf leisen Sohlen die
+Haupttreppe hinunter und rief mit durchdringender Flüsterstimme über die
+Diele hin, die soeben von Steuerbeamten in Uniform und Kornträgern in
+Blusen, Kniehosen und Zylindern überflutet wurde: »Die Zimmer sind voll,
+aber auf dem Korridor ist noch ein wenig Platz ...«
+
+Dann verstummte alles; Pastor Pringsheim begann zu reden, und sein
+kunstvolles Organ erfüllte tönend und modulierend das ganze Haus.
+Während er aber dort oben neben der Christusfigur die Hände vorm Gesicht
+rang und sie segnend spreizte, hielt drunten vorm Hause unter dem weißen
+Winterhimmel die vierspännige Leichenkutsche, an die sich die übrigen
+Wagen in langer Folge die Straße hinab bis zum Flusse reihten. Der
+Haustür gegenüber aber stand, Gewehr bei Fuß, in zwei Reihen
+aufgestellt, eine Kompanie Soldaten, mit Leutnant von Throta an ihrer
+Front, welcher, den gezogenen Degen im Arm, mit seinen glühenden Augen
+zum Erker hinaufblickte ... Viele Leute reckten in den Fenstern ringsum
+und auf dem Pflaster die Hälse.
+
+Schließlich entstand Bewegung im Vestibül, des Leutnants leise
+hervorgestoßenes Kommandowort klang auf, die Soldaten präsentierten
+klappend, Herr von Throta senkte seinen Degen, der Sarg erschien. Von
+den vier Männern in schwarzen Mänteln und Dreispitzen getragen,
+schwankte er behutsam zur Haustür heraus, und der Wind führte den
+Blumenduft über die Köpfe der Neugierigen hin, indes er zugleich den
+schwarzen Federbusch auf dem Dache des Leichenwagens zerzauste, in den
+Mähnen aller Pferde spielte, die bis zum Flusse hinunter standen, und an
+den schwarzen Hutschleiern des Trauerkutschers und der Stallknechte
+zerrte. Einzelne, ganz seltene Schneeflocken kamen in großen, langsamen
+Bogenlinien vom Himmel herab.
+
+Die Pferde des Leichenwagens, ganz in Schwarz gehüllt, daß nur die
+unruhigen Augen sichtbar waren, setzten sich, von den vier schwarzen
+Knechten geführt, langsam in Bewegung, das Militär schloß sich an, und
+eine nach der anderen fuhren die übrigen Kutschen vor. Christian
+Buddenbrook stieg mit dem Pastor in die erste. Der kleine Johann folgte
+zusammen mit einem wohlgenährt aussehenden Verwandten aus Hamburg. Und
+langsam, langsam, lang ausgedehnt, betrübt und feierlich, wand sich
+Thomas Buddenbrooks Leichenzug dahin, während an allen Häusern der Wind
+mit den auf Halbmast gezogenen Fahnen klatschte ... Die Beamtenschaft
+und die Kornträger schritten zu Fuß.
+
+Als draußen, über die Wege des Friedhofes hin, der Sarg, gefolgt von der
+Schar der Leidtragenden, vorbei an Kreuzen, Statuen, Kapellen und
+nackten Trauerweiden, dem Buddenbrookschen Erbbegräbnis sich näherte,
+stand schon die Ehrenkompanie bereit und präsentierte aufs neue. Hinter
+einem Gebüsch erklang in gedämpften und schweren Rhythmen ein
+Trauermarsch.
+
+Und wieder war die große Grabplatte mit dem plastisch gearbeiteten
+Familienwappen beiseitegeschafft worden, und wieder umstanden am Saume
+des kahlen Gehölzes die Herren der Stadt den ausgemauerten Schlund, in
+den nun Thomas Buddenbrook zu seinen Eltern hinabgelassen ward. Sie
+standen da, die Herren von Verdienst und Vermögen, mit gesenkten oder
+wehmütig zur Seite geneigten Köpfen, und unter ihnen waren die
+Ratsherren an ihren weißen Handschuhen und Krawatten erkenntlich.
+Weithin aber drängten sich die Beamten, die Kornträger, die Kontoristen,
+die Speicherarbeiter.
+
+Die Musik verstummte, Pastor Pringsheim sprach. Und als seine
+Segenssprüche in der kühlen Luft verhallten, schickte sich alles an, dem
+Bruder und dem Sohne des Verblichenen noch einmal die Hand zu drücken.
+
+Es gab ein langwieriges Defilee. Christian Buddenbrook nahm alle
+Beileidsbezeugungen mit dem halb zerstreuten, halb verlegenen
+Gesichtsausdruck entgegen, der ihm bei Feierlichkeiten eigen war. Der
+kleine Johann stand in seiner dicken Seemannsjacke mit goldenen Knöpfen
+neben ihm, hielt seine bläulich umschatteten Augen zu Boden gesenkt,
+ohne irgend jemanden anzublicken, und neigte den Kopf mit einer
+empfindlichen Grimasse schräg rückwärts gegen den Wind.
+
+
+
+
+Elfter Teil
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Man erinnert sich dieser oder jener Person, man denkt nach, wie es ihr
+gehen mag, und plötzlich fällt einem ein, daß sie nicht mehr auf den
+Trottoirs umherspaziert, daß ihre Stimme nicht mehr in dem allgemeinen
+Stimmenkonzert mitklingt, sondern daß sie einfach auf immer vom
+Schauplatz verschwunden ist und irgendwo draußen vorm Tore unter der
+Erde liegt.
+
+Die Konsulin Buddenbrook, geborene Stüwing, die Witwe Onkel Gottholds,
+war tot. Auch ihr, die ehemals die Ursache so heftigen Zwists in der
+Familie gewesen war, hatte der Tod seine sühnende und verklärende Krone
+aufgesetzt, und ihre drei Töchter, Friederike, Henriette und Pfiffi,
+fühlten nun das Recht, den Kondolationen ihrer Verwandten eine
+beleidigte Miene entgegenzusetzen, als wollten sie sagen: »Da seht, eure
+Verfolgungen haben sie in die Grube gebracht!« ... Obgleich die Konsulin
+steinalt geworden war ...
+
+Auch Madame Kethelsen hatte den Frieden. Nachdem sie sich während der
+letzten Jahre mit der Gicht hatte plagen müssen, war sie sanft,
+einfältig und kindergläubig dahingegangen, beneidet von ihrer gelehrten
+Schwester, die immer noch hie und da gegen kleine rationalistische
+Anfechtungen zu kämpfen hatte und, obgleich sie beständig buckliger und
+winziger wurde, durch eine zähere Konstitution an diese schlechte Erde
+gebannt war.
+
+Konsul Peter Döhlmann war abgerufen worden. Er hatte sein ganzes
+Vermögen verfrühstückt, war schließlich dem Hunyadi-Janos erlegen und
+hinterließ seiner Tochter eine Rente von zweihundert Mark jährlich,
+indem er es der öffentlichen Pietät gegen den Namen Döhlmann anheimgab,
+sie durch Aufnahme in das Johanniskloster zu versorgen.
+
+Justus Kröger war ebenfalls abgeschieden, und das war schlimm; denn nun
+hinderte niemand mehr seine schwache Gattin, das letzte Silberzeug zu
+verkaufen, um dem entarteten Jakob Geld schicken zu können, der irgendwo
+draußen in der Welt sein Lotterleben führte ...
+
+Was Christian Buddenbrook betrifft, so hätte man ihn vergebens in der
+Stadt gesucht; er weilte nicht mehr in ihren Mauern. Ein knappes Jahr
+nach dem Tode seines Bruders, des Senators, war er nach Hamburg
+übergesiedelt, woselbst er sich mit einer Dame, der er längst schon
+nahegestanden, mit Fräulein Aline Puvogel, vor Gott und den Menschen
+vermählt hatte. Niemand hatte ihm wehren können. Sein mütterliches Erbe
+zwar, dessen Zinsen übrigens schon immer zur Hälfte nach Hamburg
+gewandert waren, wurde, soweit es noch nicht im voraus verbraucht war,
+von Herrn Stephan Kistenmaker verwaltet, der dazu durch seines toten
+Freundes Testament bestellt worden war; aber Christian war im übrigen
+Herr seines Willens ... Sobald seine Verehelichung ruchbar wurde,
+richtete Frau Permaneder an Frau Aline Buddenbrook zu Hamburg einen
+langen und außerordentlich feindseligen Brief, der mit der Anrede
+»Madame!« begann und in sorgfältig vergifteten Worten die Erklärung
+enthielt, daß Frau Permaneder weder die Adressatin noch ihre Kinder
+jemals als Verwandte anzuerkennen gesonnen sei.
+
+Herr Kistenmaker war Testamentsvollstrecker, Verwalter des
+Buddenbrookschen Vermögens und Vormund des kleinen Johann, und er hielt
+diese Ämter in Ehren. Sie verschafften ihm eine höchst wichtige
+Tätigkeit, sie berechtigten ihn, an der Börse mit allen Anzeichen der
+Überarbeitung sein Haupthaar zu streichen und zu versichern, daß er sich
+aufreibe ... nicht zu vergessen, daß er für seine Mühewaltung mit großer
+Pünktlichkeit zwei Prozent der Revenüen bezog. Im übrigen aber hatte er
+nicht viel Glück bei den Geschäften und zog sich sehr bald die
+Unzufriedenheit Gerda Buddenbrooks zu.
+
+Die Dinge lagen so, daß liquidiert werden, daß die Firma verschwinden
+sollte, und zwar binnen eines Jahres; dies war des Senators letztwillige
+Bestimmung. Frau Permaneder zeigte sich heftig bewegt hierüber. »Und
+Johann, und der kleine Johann, und Hanno?!« fragte sie ... Die Tatsache,
+daß ihr Bruder über seinen Sohn und einzigen Erben hinweggegangen war,
+daß er für ihn nicht hatte die Firma am Leben erhalten wollen,
+enttäuschte und schmerzte sie sehr. Manche Stunde weinte sie darüber,
+daß man sich des ehrwürdigen Firmenschildes, dieses durch vier
+Generationen überlieferten Kleinods, entäußern, daß man seine Geschichte
+abschließen sollte, während doch ein natürlicher Erbfolger vorhanden
+war. Aber dann tröstete sie sich damit, daß das Ende der Firma ja nicht
+geradezu dasjenige der Familie sei, und daß ihr Neffe eben ein junges
+und neues Werk werde beginnen müssen, um seinem hohen Berufe
+nachzukommen, der ja darin bestand, dem Namen seiner Väter Glanz und
+Klang zu erhalten und die Familie zu neuer Blüte zu bringen. Nicht
+umsonst besaß er soviel Ähnlichkeit mit seinem Urgroßvater ...
+
+Die Abwicklung der Geschäfte also begann unter der Leitung Herrn
+Kistenmakers und des alten Herrn Marcus und sie nahm einen
+außerordentlich kläglichen Verlauf. Die gegebene Frist war kurz, sie
+sollte mit buchstäblicher Genauigkeit innegehalten werden, die Zeit
+drängte. Die schwebenden Angelegenheiten wurden in übereilter und
+ungünstiger Weise erledigt. Ein überstürzter und unvorteilhafter Verkauf
+folgte dem anderen. Das Lager, die Speicher wurden mit großem Schaden zu
+Gelde gemacht. Und was Herrn Kistenmakers Übereifer nicht verdarb, das
+vollbrachte die Saumseligkeit des alten Herrn Marcus, von dem man sich
+in der Stadt erzählte, daß er zur Winterszeit, bevor er ausgehe, nicht
+nur seinen Paletot und Hut, sondern auch seinen Spazierstock sorgfältig
+am Ofen wärme, und der, bot sich einmal eine günstige Konjunktur,
+sicherlich die Gelegenheit vorübergehen ließ ... Kurzum, die Verluste
+häuften sich. Thomas Buddenbrook hatte auf dem Papiere ein Vermögen von
+sechsmalhundertundfünfzigtausend Mark hinterlassen; ein Jahr nach der
+Testamentseröffnung stellte sich heraus, daß mit dieser Summe im
+entferntesten nicht zu rechnen war ...
+
+Unbestimmte und übertriebene Gerüchte über die ungünstige Liquidation
+gingen um, und sie wurden genährt durch die Nachricht, daß Gerda
+Buddenbrook das große Haus zu verkaufen gedenke. Man erzählte sich
+Wunderdinge über das, was sie dazu nötigte, über das bedenkliche
+Zusammenschmelzen des Buddenbrookschen Vermögens, und so konnte es
+geschehen, daß allgemach in der Stadt eine Stimmung Platz zu greifen
+begann, die die verwitwete Senatorin anfangs mit Erstaunen und
+Befremdung, dann mit wachsendem Unwillen in ihrem Haushalt empfinden
+mußte ... Als sie eines Tages ihrer Schwägerin berichtete, daß mehrere
+Handwerker und Lieferanten in unanständiger Weise auf die Berichtigung
+größerer Rechnungen gedrungen hatten, blieb Frau Permaneder lange Zeit
+erstarrt und brach dann in ein fürchterliches Gelächter aus ... Gerda
+Buddenbrook war so indigniert, daß sie sogar etwas wie einen halben
+Entschluß laut werden ließ, mit dem kleinen Johann die Stadt zu
+verlassen, zu ihrem alten Vater nach Amsterdam zu ziehen und wieder Duos
+mit ihm zu geigen. Aber dies rief einen solchen Sturm des Entsetzens von
+seiten Frau Permaneders hervor, daß sie den Plan fürs erste fahren
+lassen mußte.
+
+Wie zu erwarten stand, erstreckten sich Frau Permaneders Proteste auch
+auf den Verkauf des von ihrem Bruder erbauten Hauses. Sie jammerte laut
+über den üblen Eindruck, den dies hervorrufen könne, und klagte, daß es
+für den Namen der Familie eine neue Einbuße an Prestige bedeuten werde.
+Aber sie mußte doch einräumen, daß es unpraktisch gewesen wäre, das
+weitläufige und prächtige Haus, das Thomas Buddenbrooks kostspielige
+Liebhaberei gewesen war, fernerhin zu bewohnen und instand zu halten,
+und daß Gerdas Wunsch nach einer bequemen kleinen Villa, vorm Tore, im
+Grünen, seine Berechtigung hatte ...
+
+Herrn Gosch, dem Makler Sigismund Gosch, dämmerte ein erhabener Tag. Ein
+Erlebnis verklärte sein Greisenalter, das seinen Gliedern sogar für
+mehrere Stunden das Zittern nahm. Es geschah, daß er sich in Gerda
+Buddenbrooks Salon erblicken durfte, ihr gegenüber in einem Fauteuil,
+Aug' in Auge mit ihr über den Preis ihres Hauses verhandelnd. Das
+schlohweiße Haar von allen Seiten ins Gesicht gestrichen, starrte er ihr
+mit gräßlich vorgeschobenem Kinn von unten herauf ins Angesicht und
+erreichte es, vollkommen bucklig auszusehen. Seine Stimme zischte, aber
+er sprach kalt und geschäftlich, und nichts verriet die Erschütterung
+seiner Seele. Er machte sich anheischig, das Haus zu übernehmen, streckte
+die Hand aus und bot mit tückischem Lächeln fünfundachtzigtausend
+Mark. Das war annehmbar, denn ein Verlust war bei diesem Verkaufe
+unvermeidlich. Allein Herrn Kistenmakers Meinung mußte gehört werden,
+Gerda Buddenbrook mußte Herrn Gosch entlassen, ohne mit ihm abgeschlossen
+zu haben, und es zeigte sich, daß Herr Kistenmaker nicht gesonnen war,
+irgendwelche Eingriffe in seine Tätigkeit zu gestatten. Er mißachtete
+das Angebot des Herrn Gosch, er lachte darüber und schwor, daß man weit
+mehr bekommen werde. Und er beschwor dies so lange, bis er sich, um
+überhaupt einmal ein Ende zu machen, genötigt sah, das Haus für
+fünfundsiebenzigtausend Mark an einen alternden Junggesellen abzugeben,
+der, von weiten Reisen zurückkehrend, sich in der Stadt niederzulassen
+gedachte ...
+
+Herr Kistenmaker besorgte auch den Ankauf des neuen Hauses, einer
+angenehmen kleinen Villa, die vielleicht ein wenig zu teuer erstanden
+wurde, die aber, vorm Burgtore an einer alten Kastanienallee gelegen und
+von einem hübschen Zier- und Nutzgarten umgeben, den Wünschen Gerda
+Buddenbrooks entsprach ... Dorthin zog die Senatorin, im Herbst des
+Jahres sechsundsiebenzig, mit ihrem Sohne, ihren Dienstboten und einem
+Teile ihres Hausrates, während ein anderer Teil davon unter dem
+Wehklagen Frau Permaneders zurückgelassen werden und in den Besitz des
+alternden Junggesellen übergehen mußte.
+
+Nicht genug der Veränderungen! Mamsell Jungmann, Ida Jungmann, seit
+vierzig Jahren im Buddenbrookschen Hause, trat aus den Diensten der
+Familie und kehrte in ihre westpreußische Heimat zurück, um bei
+Verwandten den Feierabend ihres Lebens zu verbringen. Die Wahrheit zu
+sagen, so wurde sie von der Senatorin entlassen. Die gute Seele hatte,
+als die vorige Generation ihr entwachsen war, alsbald den kleinen Johann
+vorgefunden, den sie hegen und pflegen, dem sie Grimmsche Märchen
+vorlesen und die Geschichte des Onkels erzählen konnte, welcher am
+Schluckauf gestorben war. Nun aber war der kleine Johann eigentlich gar
+nicht mehr klein, er war ein fünfzehnjähriger Junge, dem sie trotz
+seiner Zartheit nicht mehr beträchtlich nützen konnte ... und zu seiner
+Mutter stand sie, lange schon, in einem ziemlich unangenehmen
+Verhältnis. Sie hatte diese Frau, die weit später in die Familie
+eingetreten war als sie, eigentlich niemals recht als zugehörig und
+vollwertig angesehen und begann andererseits in vorgerückten Jahren mit
+dem Dünkel einer alten Dienerin sich selbst übertriebene Befugnisse
+anzumaßen. Sie erregte Anstoß, indem sie ihre Person als allzu wichtig
+betrachtete, indem sie sich im Haushalte dieses oder jenes Übergriffes
+schuldig machte ... Die Lage ward unhaltbar, erregte Auftritte fanden
+statt, und obgleich Frau Permaneder mit der nämlichen Beredsamkeit für
+sie bat, mit der sie für die großen Wohnhäuser und die Möbel gebeten
+hatte, erhielt die alte Ida den Abschied.
+
+Sie weinte bitterlich, als die Stunde herankam, da sie dem kleinen
+Johann Lebewohl zu sagen hatte. Er umarmte sie, legte dann die Hände auf
+den Rücken, stützte sich auf sein eines Bein, indem er den anderen
+Fuß auf die Zehenspitzen stellte, und sah zu, wie sie davonging, mit
+demselben grüblerischen und nach innen gekehrten Blick, den seine
+goldbraunen, bläulich umschatteten Augen an der Leiche seiner
+Großmutter, beim Tode seines Vaters, bei der Auflösung der großen
+Haushalte und so manchem weniger äußerlichen Erlebnis ähnlicher Art
+angenommen hatten ... Der alten Ida Verabschiedung schloß sich in seiner
+Anschauung folgerichtig den anderen Vorgängen des Abbröckelns, des
+Endens, des Abschließens, der Zersetzung an, denen er beigewohnt hatte.
+Dergleichen befremdete ihn nicht mehr; es hatte ihn seltsamerweise
+niemals befremdet. Manchmal, wenn er seinen Kopf mit dem gelockten
+hellbraunen Haar und den immer ein wenig verzerrten Lippen erhob und die
+feinen Flügel seiner Nase sich empfindlich öffneten, war es, als
+schnuppere er behutsam in die Atmosphäre und Lebensluft, die ihn umgab,
+gewärtig, den Duft, den seltsam vertrauten Duft zu verspüren, den an der
+Bahre seiner Großmutter alle Blumengerüche nicht zu übertäuben vermocht
+hatten ...
+
+Immer, wenn Frau Permaneder bei ihrer Schwägerin vorsprach, zog sie
+ihren Neffen an sich, um ihm von der Vergangenheit und jener Zukunft zu
+erzählen, welche Buddenbrooks, nächst der Gnade Gottes, ihm, dem kleinen
+Johann, zu verdanken haben sollten. Je unerquicklicher die Gegenwart
+sich darstellte, desto weniger konnte sie sich genug tun in
+Schilderungen, wie vornehm das Leben in den Häusern ihrer Eltern und
+Großeltern gewesen und wie Hannos Urgroßvater vierspännig über Land
+gefahren sei ... Eines Tages erlitt sie einen heftigen Anfall von
+Magenkrampf, infolge davon, daß Friederike, Henriette und Pfiffi
+Buddenbrook einstimmig behauptet hatten, Hagenströms seien die Creme der
+Gesellschaft ...
+
+Über Christian lagen betrübende Nachrichten vor. Die Ehe schien sein
+Befinden nicht günstig beeinflußt zu haben. Unheimliche Wahnideen und
+Zwangsvorstellungen hatten sich bei ihm in verstärktem Maße wiederholt,
+und auf Veranlassung seiner Gattin und eines Arztes hatte er sich
+nunmehr in eine Anstalt begeben. Er war nicht gern dort, schrieb
+lamentierende Briefe an die Seinen und gab dem heftigen Wunsche
+Ausdruck, aus dieser Anstalt, in der man ihn sehr streng zu behandeln
+schien, wieder befreit zu werden. Aber man hielt ihn fest, und das war
+wohl das beste für ihn. Jedenfalls setzte es seine Gemahlin in den
+Stand, unbeschadet der praktischen und ideellen Vorteile, die sie der
+Heirat verdankte, ihr früheres unabhängiges Leben ohne Rücksicht und
+Behinderung fortzuführen.
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Das Werk der Weckuhr schnappte ein und rasselte pflichttreu und grausam.
+Es war ein heiseres und geborstenes Geräusch, ein Klappern mehr als ein
+Klingeln, denn sie war altgedient und abgenutzt; aber es dauerte lange,
+hoffnungslos lange, denn sie war gründlich aufgezogen.
+
+Hanno Buddenbrook erschrak zuinnerst. Wie jeden Morgen zogen sich bei
+dem jähen Einsetzen dieses zugleich boshaften und treuherzigen Lärmes,
+auf dem Nachttische, dicht neben seinem Ohre, vor Grimm, Klage und
+Verzweiflung seine Eingeweide zusammen. Äußerlich aber blieb er ganz
+ruhig, veränderte seine Lage im Bette nicht und riß nur rasch, aus
+irgendeinem verwischten Morgentraume gejagt, die Augen auf.
+
+Es war vollkommen finster in der winterkalten Stube; er unterschied
+keinen Gegenstand und konnte die Zeiger der Uhr nicht sehen. Aber er
+wußte, daß es sechs Uhr war, denn er hatte gestern abend den Wecker auf
+diese Stunde gestellt ... Gestern ... gestern ... Während er mit
+angespannten Nerven, um den Entschluß kämpfend, Licht zu machen und das
+Bett zu verlassen, regungslos auf dem Rücken lag, kehrte ihm nach und
+nach alles ins Bewußtsein zurück, was ihn gestern erfüllt hatte ...
+
+Es war Sonntag gewesen, und nachdem er sich mehrere Tage hintereinander
+von Herrn Brecht hatte malträtieren lassen müssen, hatte er zur
+Belohnung seine Mutter ins Stadttheater begleiten dürfen, um den
+»Lohengrin« zu hören. Die Freude auf diesen Abend hatte seit einer Woche
+schon sein Leben ausgemacht. Beklagenswert war nur, daß stets vor
+solcherlei Festen soviel des Widerwärtigen lagerte und bis zum letzten
+Augenblick die freie und freudige Aussicht darauf verdarb. Aber endlich
+war doch am Sonnabend die Schulzeit überstanden gewesen, und die
+Tretmaschine hatte zum letzten Male in seinem Munde mit schmerzhaftem
+Summen gebohrt ... Nun war alles beiseite geschafft und überwunden
+gewesen, denn die Schulaufgaben hatte er kurz entschlossen jenseits des
+Sonntagabends geschoben. Was hatte der Montag bedeutet? War es
+wahrscheinlich gewesen, daß er jemals anbrechen würde? Man glaubt an
+keinen Montag, wenn man am Sonntag abend den »Lohengrin« hören soll ...
+Er hatte am Montag frühzeitig aufstehen wollen und diese albernen Sachen
+erledigen -- damit genug! Nun war er frei umhergegangen, hatte die
+Freude seines Herzens gepflegt, am Flügel geträumt und alle Widrigkeiten
+vergessen.
+
+Und dann war das Glück zur Wirklichkeit geworden. Es war über ihn
+gekommen mit seinen Weihen und Entzückungen, seinem heimlichen
+Erschauern und Erbeben, seinem plötzlichen innerlichen Schluchzen,
+seinem ganzen überschwänglichen und unersättlichen Rausche ... Freilich,
+die billigen Geigen des Orchesters hatten beim Vorspiel ein wenig
+versagt, und ein dicker, eingebildeter Mensch mit brotblondem Vollbarte
+war im Nachen ein wenig ruckweise herangeschwommen. Auch war in der
+Nachbarloge sein Vormund Herr Stephan Kistenmaker zugegen gewesen und
+hatte gemurrt, daß man den Jungen auf solche Weise zerstreue und von
+seinen Pflichten ablenke. Aber darüber hatte ihn die süße und verklärte
+Herrlichkeit, auf die er lauschte, hinweggehoben ...
+
+Und endlich war doch das Ende gekommen. Das singende, schimmernde Glück
+war verstummt und erloschen, mit fiebrigem Kopfe hatte er sich daheim in
+seinem Zimmer wiedergefunden und war gewahr worden, daß nur ein paar
+Stunden des Schlafes dort in seinem Bett ihn von grauem Alltag trennten.
+Da hatte ihn ein Anfall jener gänzlichen Verzagtheit überwältigt, die er
+so wohl kannte. Er hatte wieder empfunden, wie wehe die Schönheit tut,
+wie tief sie in Scham und sehnsüchtige Verzweiflung stürzt und doch auch
+den Mut und die Tauglichkeit zum gemeinen Leben verzehrt. So
+fürchterlich hoffnungslos und bergeschwer hatte es ihn niedergedrückt,
+daß er sich wieder einmal gesagt hatte, es müsse mehr sein als seine
+persönlichen Kümmernisse, was auf ihm laste, eine Bürde, die von
+Anbeginn seine Seele beschwert habe und sie irgendwann einmal ersticken
+müsse ...
+
+Dann hatte er den Wecker gerichtet und geschlafen, so tief und tot, wie
+man schläft, wenn man niemals wieder erwachen möchte. Und nun war der
+Montag da, und es war sechs Uhr, und er hatte für keine Stunde
+gearbeitet!
+
+Er richtete sich auf und entzündete die Kerze auf dem Nachttische. Da
+aber in der eiskalten Luft seine Arme und Schultern sofort heftig zu
+frieren begannen, ließ er sich rasch wieder zurücksinken und zog die
+Decke über sich.
+
+Die Zeiger wiesen auf zehn Minuten nach sechs Uhr ... Ach, es war
+sinnlos, nun aufzustehen und zu arbeiten, es war zuviel, es gab beinahe
+für jede Stunde etwas zu lernen, es lohnte nicht, damit anzufangen, und
+der Zeitpunkt, den er sich festgesetzt, war sowieso überschritten ...
+War es denn so sicher, wie es ihm gestern erschienen war, daß er heute
+sowohl im Lateinischen wie in der Chemie an die Reihe kommen würde? Es
+war anzunehmen, ja, nach menschlicher Voraussicht war es wahrscheinlich.
+Was den Ovid betraf, so waren neulich die Namen ausgerufen worden, die
+mit den letzten Buchstaben des Alphabetes begannen, und mutmaßlich würde
+es heute mit A und B von vorn anfangen. Aber es war doch nicht unbedingt
+sicher, nicht ganz und gar zweifellos! Es kamen doch Abweichungen von
+der Regel vor! Was bewirkte nicht manchmal der Zufall, du lieber
+Gott!... Und während er sich mit diesen trügerischen und gewaltsamen
+Erwägungen beschäftigte, verschwammen seine Gedanken ineinander, und er
+entschlief aufs neue.
+
+Das kleine Schülerzimmer, kalt und kahl, mit seiner Sixtinischen Madonna
+als Kupferstich über dem Bette, seinem Ausziehtisch in der Mitte, seinem
+unordentlich vollgepfropften Bücherbord, einem steifbeinigen
+Mahagonipult, dem Harmonium und dem schmalen Waschtisch, lag stumm in
+dem wankenden Schein der Kerze. Eisblumen blühten am Fenster, dessen
+Rouleau nicht hinabgelassen war, damit das Tageslicht früher
+hereindringe. Und Hanno Buddenbrook schlief, die Wange in das Kissen
+geschmiegt. Er schlief mit getrennten Lippen und tief und fest gesenkten
+Wimpern, mit dem Ausdruck einer inbrünstigen und schmerzlichen Hingabe
+an den Schlaf, und sein weiches, hellbraunes Haar bedeckte gelockt seine
+Schläfen. Und langsam verlor das Flämmchen auf dem Nachttische seinen
+rotgelben Schein, da durch die Eiskruste der Fensterscheibe der matte
+Morgen starr und fahl ins Zimmer blickte.
+
+Als es sieben Uhr war, erwachte er wieder mit Schrecken. Nun war auch
+diese Frist abgelaufen. Aufstehen und den Tag auf sich nehmen -- es gab
+nichts, um das abzuwenden. Eine kurze Stunde nur noch bis zum
+Schulanfang ... Die Zeit drängte, von den Arbeiten nun ganz zu
+schweigen. Trotzdem blieb er noch liegen, voll von Erbitterung, Trauer
+und Anklage dieses brutalen Zwanges wegen, in frostigem Halbdunkel das
+warme Bett zu verlassen und sich hinaus unter strenge und übelwollende
+Menschen in Not und Gefahr zu begeben. Ach, noch zwei armselige Minuten,
+nicht wahr? fragte er sein Kopfkissen mit überquellender Zärtlichkeit.
+Und dann, in einem Anfall von Trotz, schenkte er sich fünf volle
+Minuten, um noch ein wenig die Augen zu schließen, von Zeit zu Zeit das
+eine zu öffnen und verzweiflungsvoll auf den Zeiger zu starren, der
+stumpfsinnig, unwissend und korrekt seines Weges vorwärts ging ...
+
+Zehn Minuten nach sieben Uhr riß er sich los und fing an, sich in
+höchster Hast im Zimmer hin und her zu bewegen. Die Kerze brannte fort,
+denn das Tageslicht allein genügte noch nicht. Als er eine Eisblume
+zerhauchte, sah er, daß draußen dichter Nebel herrschte.
+
+Ihn fror über alle Maßen. Der Frost schüttelte manchmal mit
+schmerzhaftem Schauder seinen ganzen Körper. Seine Fingerspitzen
+brannten und waren so geschwollen, daß mit der Nagelbürste nichts
+anzufangen war. Als er sich den Oberkörper wusch, ließ seine beinah
+erstorbene Hand den Schwamm zu Boden fallen, und er stand einen
+Augenblick starr und hilflos da, qualmend wie ein schwitzendes Pferd.
+
+Und endlich, mit gehetztem Atem und trüben Augen, stand er dennoch
+fertig am Ausziehtische, ergriff die Ledermappe und raffte die
+Geisteskräfte zusammen, welche die Verzweiflung ihm übrig ließ, um für
+die Stunden von heute die nötigen Bücher hineinzupacken. Er stand, sah
+angestrengt in die Luft, murmelte angstvoll: »Religion ... Lateinisch
+... Chemie ...« und stopfte die defekten und mit Tinte befleckten
+Pappbände zueinander ...
+
+Ja, er war nun schon ziemlich lang, der kleine Johann. Er war mehr als
+fünfzehnjährig und trug kein Kopenhagener Matrosenhabit mehr, sondern
+einen hellbraunen Jackettanzug mit blauer, weißgesprenkelter Krawatte.
+Auf seiner Weste war die lange und dünne goldene Uhrkette zu sehen, die
+von seinem Urgroßvater auf ihn gekommen war, und an dem vierten Finger
+seiner ein wenig zu breiten, aber zartgegliederten Rechten stak der alte
+Erbsiegelring mit grünem Stein, der nun ebenfalls ihm gehörte ... Er zog
+die dicke, wollige Winterjacke an, setzte den Hut auf, riß die Mappe an
+sich, löschte die Kerze und stürzte die Treppe hinunter ins Erdgeschoß,
+an dem ausgestopften Bären vorbei, zur Rechten ins Speisezimmer.
+
+Fräulein Clementine, die neue Jungfer seiner Mutter, ein mageres Mädchen
+mit Stirnlocken, spitzer Nase und kurzsichtigen Augen, war bereits zur
+Stelle und machte sich am Frühstückstische zu schaffen.
+
+»Wie spät ist es eigentlich?« fragte er zwischen den Zähnen, obgleich er
+es sehr genau wußte.
+
+»Viertel vor acht«, antwortete sie und wies mit ihrer dünnen, roten
+Hand, die aussah wie gichtisch, auf die Wanduhr. »Sie müssen wohl
+zusehen, daß Sie fortkommen, Hanno ...« Damit setzte sie die dampfende
+Tasse an seinen Platz und schob ihm Brotkorb und Butter, Salz und
+Eierbecher zu.
+
+Er sagte nichts mehr, griff nach einer Semmel und begann im Stehen, den
+Hut auf dem Kopfe und die Mappe unterm Arm, den Kakao zu schlucken. Das
+heiße Getränk tat entsetzlich weh an einem Backenzahn, den gerade Herr
+Brecht in Behandlung gehabt hatte ... Er ließ die Hälfte stehen,
+verschmähte auch das Ei, ließ mit verzerrtem Munde einen leisen Laut
+vernehmen, den man als Adieu deuten mochte, und lief aus dem Hause.
+
+Es war zehn Minuten vor acht Uhr, als er den Vorgarten passierte, die
+kleine rote Villa zurückließ und nach rechts die winterliche Allee
+entlang zu hasten begann ... Zehn, neun, acht Minuten nur noch. Und der
+Weg war weit. Und man konnte vor Nebel kaum sehen, wie weit man gekommen
+war! Er zog ihn ein und stieß ihn wieder aus, diesen dicken, eiskalten
+Nebel, mit der ganzen Kraft seiner schmalen Brust, stemmte die Zunge
+gegen den Zahn, der vom Kakao noch brannte, und tat den Muskeln seiner
+Beine eine unsinnige Gewalt an. Er war in Schweiß gebadet und fühlte
+sich dennoch erfroren in jedem Gliede. In seinen Seiten fing es an zu
+stechen. Das bißchen Frühstück revoltierte in seinem Magen bei diesem
+Morgenspaziergang, ihm ward übel, und sein Herz war nur noch ein
+bebendes und haltlos flatterndes Ding, das ihm den Atem nahm.
+
+Das Burgtor, das Burgtor erst, und dabei war es vier Minuten vor acht!
+Während er sich in kalter Transpiration, in Schmerz, Übelkeit und Not
+durch die Straßen kämpfte, spähte er nach allen Seiten, ob nicht
+vielleicht noch andre Schüler zu sehen seien ... Nein, nein, es kam
+niemand mehr. Alle waren an Ort und Stelle, und da begann es auch schon
+acht Uhr zu schlagen! Die Glocken klangen durch den Nebel von allen
+Türmen, und diejenigen von Sankt Marien spielten zur Feier des
+Augenblicks sogar »Nun danket alle Gott« ... Sie spielten es
+grundfalsch, wie Hanno rasend vor Verzweiflung konstatierte, sie hatten
+keine Ahnung von Rhythmus und waren höchst mangelhaft gestimmt ... Aber
+das war nun das wenigste, das wenigste! Ja, er kam zu spät, es war wohl
+keine Frage mehr. Die Schuluhr war ein wenig im Rückstande, aber er kam
+dennoch zu spät, es war sicher. Er starrte den Leuten ins Gesicht, die
+an ihm vorübergingen. Sie begaben sich in ihre Kontore und an ihre
+Geschäfte, sie eilten gar nicht sehr, und nichts drohte ihnen. Manche
+erwiderten seinen neidischen und klagenden Blick, musterten seine
+aufgelöste Erscheinung und lächelten. Er war außer sich über dieses
+Lächeln. Was dachten sie sich und wie beurteilten diese Ungeängstigten
+die Sachlage? Es beruht auf Roheit, hätte er ihnen zuschreien mögen, Ihr
+Lächeln, meine Herrschaften! Sie könnten bedenken, daß es innig
+wünschenswert wäre, vor dem geschlossenen Hoftore tot umzufallen ...
+
+Das anhaltend gellende Klingeln, das Zeichen zum Beginne der
+Montagsandacht, schlug an sein Ohr, als er noch zwanzig Schritte von der
+langen, roten, von zwei gußeisernen Pforten unterbrochenen Mauer
+entfernt war, die den vorderen Schulhof von der Straße trennte. Ohne
+über irgendwelche Kräfte zum Ausschreiten und Laufen mehr zu verfügen,
+ließ er seinen Oberkörper einfach nach vorne fallen, wobei die Beine
+wohl oder übel das Hinstürzen verhindern mußten, indem sie sich
+stolpernd und schlotternd ebenfalls vorwärts bewegten, und gelangte so
+vor die erste Pforte, als das Klingeln schon verstummt war.
+
+Herr Schlemiel, der Kustos, ein untersetzter Mann mit rauhbärtigem
+Arbeitergesicht, war eben im Begriff, sie zu verschließen. »Na ...«
+sagte er und ließ den Schüler Buddenbrook hindurchschlüpfen ...
+Vielleicht, vielleicht war er gerettet. Es galt, sich ungesehen ins
+Klassenzimmer zu stehlen, dort heimlich das Ende der Andacht abzuwarten,
+die in der Turnhalle abgehalten wurde, und zu tun, als ob alles in
+Ordnung sei. Und mit Keuchen nach Luft ringend, aufgerieben und in
+kaltem Schweiße erstarrt, schleppte er sich über den mit roten Klinkern
+gepflasterten Hof und durch eine der hübschen, mit bunten Glasscheiben
+versehenen Klapptüren ins Innere ...
+
+Es war alles neu, reinlich und schön hier in der Anstalt. Der Zeit war
+ihr Recht geworden, und die grauen und altersmorschen Teile der
+ehemaligen Klosterschule, in denen noch die Väter der jetzigen
+Generation der Wissenschaft gepflogen hatten, waren der Erde
+gleichgemacht, um neue, luftige, prächtige Baulichkeiten an ihrer Stelle
+erstehen zu lassen. Der Stil des Ganzen war gewahrt worden, und über
+Korridoren und Kreuzgängen spannten sich feierlich die gotischen
+Gewölbe. Was aber die Beleuchtung und Heizung, was die Geräumigkeit und
+Helligkeit der Klassen, die Behaglichkeit der Lehrerzimmer, die
+praktische Einrichtung der Säle für Chemie-, Physik- und
+Zeichenunterricht betraf, so herrschte der vollste Komfort der
+Neuzeit ...
+
+Der erschöpfte Hanno Buddenbrook drückte sich an der Wand entlang und
+blickte um sich ... Nein, gepriesen sei Gott, es sah ihn niemand. Von
+fernen Korridoren hallte das Gewühl der Schüler- und Lehrermasse zu ihm
+her, die sich zur Turnhalle wälzte, um dort für die Arbeit der Woche
+eine kleine religiöse Stärkung zu sich zu nehmen. Hier vorn lag alles
+tot und still, und auch der Weg über die breite, mit Linoleum gedeckte
+Treppe war frei. Behutsam, auf den Zehenspitzen, verhaltenen Atems und
+angespannt lauschend, schlich er hinauf. Sein Klassenzimmer, die
+Realuntersekunda, war im ersten Stockwerk, der Treppe gegenüber gelegen;
+die Tür stand offen. Auf der obersten Stufe spähte er, vorgebeugt, den
+langen Wandelgang entlang, an dessen beiden Seiten sich die mit
+Porzellanschildern versehenen Eingänge zu den verschiedenen Klassen
+reihten, tat drei rasche, geräuschlose Schritte vorwärts und befand sich
+im Zimmer.
+
+Es war leer. Die drei breiten Fenster waren noch verhangen, und die
+brennenden Gaslampen, die von der Decke niederhingen, kochten leise in
+der Stille. Grüne Schirme breiteten das Licht über die drei Kolonnen
+zweisitziger Pultbänke aus hellem Holze hin, denen dunkel, lehrhaft und
+reserviert, mit einer Wandtafel zu seinen Häupten, das Katheder
+gegenüber stand. Eine gelbe Holztäfelung bekleidete den unteren Teil der
+Wände, und darüber waren die nackten Kalkflächen mit ein paar Landkarten
+geschmückt. Eine zweite Tafel lehnte auf einer Staffelei zur Seite des
+Katheders.
+
+Hanno ging zu seinem Platz, der sich ungefähr inmitten des Zimmers
+befand, schob die Mappe ins Fach, sank auf den harten Sitz, legte die
+Arme auf die schräge Platte und bettete seinen Kopf darauf. Ein
+unsägliches Wohlgefühl durchrieselte ihn. Diese kahle und harte Stube
+war häßlich und hassenswert, und auf seinem Herzen lastete der ganze
+drohende Vormittag mit tausend Gefahren. Aber er war doch fürs erste in
+Sicherheit, war körperlich geborgen und konnte die Dinge an sich
+herankommen lassen. Auch war die erste, die Religionsstunde bei Herrn
+Ballerstedt ziemlich harmloser Natur ... An dem Vibrieren des
+Papierzüngleins dort oben vor der kreisrunden Öffnung in der Wand sah
+man, wie die warme Luft hereinströmte, und auch die Gasflammen heizten
+den Raum. Ach, man konnte sich strecken und die starr-feuchten Glieder
+langsam sich lösen und auftauen lassen. Eine wohlige und ungesunde Hitze
+stieg in seinen Kopf hinauf, summte in seinen Ohren und verschleierte
+seine Augen ...
+
+Plötzlich vernahm er hinter sich ein Geräusch, das ihn zusammenzucken
+und sich jäh herumwenden ließ ... Und siehe da, hinter der hintersten
+Bank kam der Oberkörper Kais, des Grafen Mölln, zum Vorschein. Er kroch
+hervor, der junge Herr, er arbeitete sich heraus, stellte sich auf die
+Füße, schlug leicht und schnell die Hände gegeneinander, um den Staub
+davon abzustreifen, und schritt strahlenden Angesichts auf Hanno
+Buddenbrook zu.
+
+»Ach, du bist es, Hanno!« sagte er. »Und ich zog mich =dort=hin zurück,
+weil ich dich für ein Stück Lehrkörper hielt, als du kamst!«
+
+Seine Stimme brach sich beim Sprechen, merklich im Wechseln begriffen,
+was bei seinem Freunde noch nicht der Fall war. Er war in gleichem Maße
+gewachsen wie dieser, aber sonst war er ganz und gar derselbe geblieben.
+Immer noch trug er einen Anzug von unbestimmter Farbe, an dem hie und da
+ein Knopf fehlte, und dessen Gesäß von einem großen Flicken gebildet
+ward. Immer noch waren seine Hände nicht ganz reinlich, aber schmal und
+außerordentlich edel gebildet, mit langen, schlanken Fingern und spitz
+zulaufenden Nägeln. Und immer noch fiel sein flüchtig in der Mitte
+gescheiteltes, rötlich gelbes Haar in eine alabasterweiße und makellose
+Stirn, unter welcher, tief und scharf zugleich, die hellblauen Augen
+blitzten ... Der Gegensatz zwischen seiner arg vernachlässigten Toilette
+und der Rassereinheit dieses zartknochigen Gesichts mit der ganz leicht
+gebogenen Nase und der ein wenig geschürzten Oberlippe sprang jetzt noch
+mehr in die Augen als ehemals.
+
+»Nein, Kai«, sagte Hanno mit verzogenem Munde und indem er eine Hand in
+der Gegend des Herzens umherbewegte, »wie kannst du mich dermaßen
+erschrecken! Warum bist du hier oben? Warum hast du dich versteckt? Bist
+du auch zu spät gekommen?«
+
+»Bewahre«, antwortete Kai. »Ich bin schon lange hier ... Am Montagmorgen
+kann man es ja nicht erwarten, endlich wieder in die Anstalt zu
+gelangen, wie du selbst am besten weißt, mein Lieber ... Nein, ich bin
+nur zum Spaß hier oben geblieben. Der tiefe Oberlehrer hatte die
+Aufsicht und achtete es nicht für Raub, das Volk zur Andacht
+hinunterzutreiben. Da machte ich es so, daß ich mich immer dicht hinter
+seinem Rücken hielt ... Wie er sich auch drehte und um sich lugte, der
+Mystiker, ich war immer dicht hinter seinem Rücken, bis er wegging, und
+so konnte ich oben bleiben ... Aber du«, sagte er mitleidig und setzte
+sich mit einer zärtlichen Bewegung neben Hanno auf die Bank ... »Du hast
+rennen müssen, wie? Armer! Du siehst ganz verhetzt aus. Das Haar klebt
+dir ja an den Schläfen ...« Und er nahm ein Lineal vom Tische und
+lockerte damit, ernst und sorgsam, das Haar des kleinen Johann. »Du hast
+also die Zeit verschlafen?... Übrigens sitze ich hier auf Adolf
+Todtenhaupts Platz«, unterbrach er sich und blickte um sich, »auf des
+Primus geweihtem Platze! Nun, für diesmal macht es wohl nichts ... Du
+hast also die Zeit verschlafen?«
+
+Hanno hatte sein Gesicht wieder auf die gekreuzten Arme gebettet. »Ich
+war ja im Theater gestern Abend«, sagte er nach einem schweren Seufzer.
+
+»Oh, richtig, das hatte ich vergessen!... War es so schön?«
+
+Kai bekam keine Antwort.
+
+»Du hast es doch gut«, fuhr er überredend fort, »das solltest du
+bedenken, Hanno. Sieh, ich bin noch nie im Theater gewesen, und es
+besteht auf lange Jahre hinaus nicht die geringste Aussicht, daß ich
+jemals hineinkomme ...«
+
+»Wenn nur der Katzenjammer nicht wäre«, sagte Hanno gepreßt.
+
+»Ja, den Zustand kenne ich ohnehin.« Und Kai bückte sich nach dem Hut
+und dem Überzieher seines Freundes, die neben der Bank auf dem Boden
+lagen, nahm die Sachen und trug sie leise auf den Korridor hinaus.
+
+»Dann hast du die Metamorphosenverse wohl nicht sehr genau im Kopfe?«
+fragte er, als er wieder hereinkam.
+
+»Nein«, sagte Hanno.
+
+»Oder bist du vielleicht auf das Geographie-Extemporale präpariert?«
+
+»Ich bin gar nichts und kann gar nichts«, sagte Hanno.
+
+»Also auch nicht Chemie und Englisch! _All right!_ Wir sind
+Herzensfreunde und Waffenbrüder!« Kai war sichtlich erleichtert. »Ich
+bin in genau derselben Lage«, erklärte er munter. »Ich habe am Sonnabend
+nicht gearbeitet, weil morgen Sonntag war, und am Sonntag nicht, aus
+Pietät ... Nein, Unsinn ... hauptsächlich, weil ich etwas Besseres zu
+arbeiten hatte, natürlich«, sagte er mit plötzlichem Ernst, indem eine
+leichte Röte sein Gesicht überflog. »Ja, heute kann es vergnüglich
+werden, Hanno.«
+
+»Wenn ich noch einen Tadel bekomme«, sagte der kleine Johann, »so bleibe
+ich sitzen; und den bekomme ich sicher, wenn er mich im Lateinischen
+darannimmt. Der Buchstabe B ist an der Reihe, Kai, das ist nicht aus der
+Welt zu schaffen ...«
+
+»Warten wir's ab! Ha, Cäsar geht aus. Mir haben stets Gefahren im Rücken
+nur gedroht; wenn sie die Stirn des Cäsar werden sehen ...« Aber Kai kam
+mit seiner Deklamation nicht zu Ende. Es war ihm ebenfalls sehr schlecht
+zumute. Er ging zum Katheder, setzte sich darauf und fing an, sich mit
+finsterer Miene in dem Armstuhl zu schaukeln. Hanno Buddenbrook ließ
+seine Stirn noch immer auf den gekreuzten Armen ruhen. So saßen sie sich
+eine Weile schweigend gegenüber.
+
+Plötzlich klang irgendwo in weiter Ferne ein dumpfes Summen auf, das
+schnell zum Brausen ward und sich binnen einer halben Minute bedrohlich
+heranwälzte ...
+
+»Das Volk«, sagte Kai erbittert. »Herr, mein Gott, wie rasch sie fertig
+sind! Nicht einmal um zehn Minuten ist die Stunde kürzer geworden ...«
+
+Er stieg vom Katheder hinab und begab sich zur Tür, um sich unter die
+Hereinkommenden zu mischen. Was Hanno betraf, so erhob er nur einen
+Augenblick den Kopf, verzog den Mund und blieb einfach sitzen.
+
+Es kam heran, mit Schlürfen, Stampfen und einem Gewirr von männlichen
+Stimmen, Diskanten und sich überschlagenden Wechselorganen, flutete über
+die Treppen herauf, ergoß sich über den Korridor und strömte auch in
+dieses Zimmer, das plötzlich von Leben, Bewegung und Geräusch erfüllt
+ward. Sie kamen herein, die jungen Leute, die Kameraden Hannos und Kais,
+die Realuntersekundaner, etwa fünfundzwanzig an der Zahl, schlenderten,
+die Hände in den Hosentaschen oder mit den Armen schlenkernd an ihre
+Plätze und schlugen ihre Bibeln auf. Es waren da angenehme und
+konfiszierte Physiognomien, solche, die wohl und gesund, und andere, die
+bedenklich aussahen, lange, starke Schlingel, die demnächst Kaufleute
+werden oder gar zur See gehen wollten und sich um gar nichts mehr
+kümmerten, und kleine, über ihr Alter hinaus vorgeschrittene Streber,
+die in den Fächern brillierten, in denen es auswendig zu lernen galt.
+Adolf Todtenhaupt aber, der Primus, wußte alles; er war seiner Lebtage
+noch nicht eine Antwort schuldig geblieben. Das lag zum Teil an seinem
+stillen, leidenschaftlichen Fleiße, zum Teil daran, daß die Lehrer sich
+hüteten, ihn etwas zu fragen, was er vielleicht nicht hätte wissen
+können. Es hätte sie schmerzlich berührt und beschämt, es hätte sie in
+ihrem Glauben an menschliche Vollkommenheit erschüttert, ein Verstummen
+Adolf Todtenhaupts zu erleben ... Er besaß einen merkwürdig gebuckelten
+Schädel, dem das blonde Haar spiegelglatt angeklebt war, graue, schwarz
+umringte Augen und lange, braune Hände, die aus den zu kurzen Ärmeln
+seiner sauber gebürsteten Jacke hervorsahen. Er setzte sich neben Hanno
+Buddenbrook, lächelte sanft und ein wenig tückisch und bot dem Nachbar
+einen Guten Morgen, wobei er sich dem herrschenden Jargon anbequemte,
+der das Wort zu einem kecken und nachlässigen Laute verzerrte. Dann
+begann er, während um ihn her alles halblaut plauderte, sich
+präparierte, gähnte und lachte, stillschweigend in dem Klassenbuch zu
+arbeiten, indem er die Feder auf unvergleichlich korrekte Art mit
+schlank und gerade ausgestreckten Fingern handhabte.
+
+Nach Verlauf von zwei Minuten wurden draußen Schritte laut, die Inhaber
+der vorderen Bänke erhoben sich ohne Eile von ihren Plätzen, und weiter
+hinten folgte dieser und jener ihrem Beispiel, während andere sich in
+ihren Beschäftigungen nicht stören ließen und kaum Notiz davon nahmen,
+daß Herr Oberlehrer Ballerstedt ins Zimmer kam, seinen Hut an die Tür
+hängte und sich zum Katheder begab.
+
+Er war ein Vierziger von sympathischem Embonpoint, mit großer Glatze,
+rötlichgelbem, kurz gehaltenem Vollbart, rosigem Teint und einem
+Mischausdruck von Salbung und behaglicher Sinnlichkeit um die feuchten
+Lippen. Er nahm sein Notizbuch zur Hand und blätterte schweigend darin;
+da aber die Ruhe in der Klasse vieles zu wünschen übrig ließ, erhob er
+den Kopf, streckte den Arm auf der Pultplatte aus und bewegte, während
+sein Gesicht langsam so dunkelrot anschwoll, daß sein Bart hellgelb
+erschien, seine schwache und weiße Faust ein paarmal kraftlos auf und
+nieder, wobei seine Lippen eine halbe Minute lang krampfhaft und
+fruchtlos arbeiteten, um schließlich nichts hervorzubringen als ein
+kurzes, gepreßtes und ächzendes »Nun ...« Dann rang er noch eine Weile
+nach ferneren Ausdrücken des Tadels, wandte sich schließlich wieder
+seinem Notizbuch zu, schwoll ab und gab sich zufrieden. Dies war so
+Oberlehrer Ballerstedts Art und Weise.
+
+Er hatte ehemals Prediger werden wollen, war dann jedoch durch seine
+Neigung zum Stottern wie durch seinen Hang zu weltlichem Wohlleben
+bestimmt worden, sich lieber der Pädagogik zuzuwenden. Er war
+Junggeselle, besaß einiges Vermögen, trug einen kleinen Brillanten am
+Finger und war dem Essen und Trinken herzlich zugetan. Er war derjenige
+Oberlehrer, der nur dienstlich mit seinen Standesgenossen, im übrigen
+aber vorwiegend mit der unverheirateten kaufmännischen Lebewelt der
+Stadt, ja auch mit den Offizieren der Garnison verkehrte, täglich
+zweimal im ersten Gasthause speiste und Mitglied des »Klubs« war.
+Begegnete er größeren Schülern nachts um zwei oder drei Uhr irgendwo in
+der Stadt, so schwoll er an, brachte einen »Guten Morgen« zustande und
+ließ die Sache für beide Teile auf sich beruhen ... Hanno Buddenbrook
+hatte nichts von ihm zu befürchten und wurde fast nie von ihm gefragt.
+Der Oberlehrer hatte sich mit seinem Onkel Christian allzuoft in
+allzurein menschlicher Weise zusammengefunden, als daß es ihn hätte
+freuen können, mit dem Neffen in dienstliche Konflikte zu geraten ...
+
+»Nun ...« sagte er abermals, sah in der Klasse umher, bewegte wieder
+seine schwach geballte Faust mit dem kleinen Brillanten und blickte in
+sein Notizbuch. »Perlemann. Die Übersicht.«
+
+Irgendwo in der Klasse erhob sich Perlemann. Man merkte es kaum, daß er
+emporstieg. Es war einer von den Kleinen, Vorgeschrittenen. »Die
+Übersicht«, sagte er leise und artig, indem er mit ängstlichem Lächeln
+den Kopf vorstreckte. »Das Buch Hiob zerfällt in drei Teile. Erstens der
+Zustand Hiobs, ehe er in das Kreuz oder Züchtigung des Herrn geraten;
+Kapitel _I_, Vers eins bis sechs. Zweitens das Kreuz selbst und was sich
+dabei zugetragen; Kapitel ...«
+
+»Es war richtig, Perlemann«, unterbrach ihn Herr Ballerstedt, gerührt
+von soviel zager Willfährigkeit, und schrieb eine gute Note in sein
+Taschenbuch. »Heinricy, fahren Sie fort.«
+
+Heinricy war einer von den langen Schlingeln, die sich um gar nichts
+mehr kümmerten. Er schob das griffeste Messer, mit dem er sich
+beschäftigt hatte, in die Hosentasche, stand geräuschvoll auf, ließ die
+Unterlippe hängen und räusperte sich mit rauher und roher Männerstimme.
+Alle waren unzufrieden, daß nun er statt des sanften Perlemann an die
+Reihe kam. Die Schüler träumten und brüteten in der warmen Stube unter
+den leise sausenden Gasflammen im Halbschlafe vor sich hin. Alle waren
+müde vom Sonntag, und alle waren an dem kalten Nebelmorgen seufzend und
+mit klappernden Zähnen aus den warmen Betten gekrochen. Jedem wäre es
+lieb gewesen, wenn der kleine Perlemann die ganze Stunde lang
+weitergesäuselt hätte, während Heinricy nun sicherlich Streit machen
+würde ...
+
+»Ich habe gefehlt, als dies durchgenommen wurde«, sagte er mit grober
+Betonung.
+
+Herr Ballerstedt schwoll an, er bewegte seine schwache Faust, arbeitete
+mit den Lippen und starrte dem jungen Heinricy mit emporgezogenen
+Augenbrauen ins Gesicht. Sein dunkelroter Kopf zitterte vor ringender
+Anstrengung, bis er schließlich ein »Nun ...« hervorzustoßen vermochte,
+womit der Bann gebrochen und das Spiel gewonnen war. »Von Ihnen ist nie
+eine Leistung zu erlangen«, fuhr er mit Leichtigkeit und Redegewandtheit
+fort, »und immer haben Sie eine Entschuldigung bei der Hand, Heinricy.
+Wenn Sie vorige Stunde krank waren, so hätten Sie sich doch in diesen
+Tagen sehr wohl über das durchgenommene Pensum unterrichten können, und
+wenn der erste Teil vom Zustande vor dem Kreuze und der zweite vom
+Kreuze selbst handelt, so könnten Sie sich am Ende an den Fingern
+abzählen, daß der dritte Teil den Zustand =nach= vorbesagtem Jammer
+betrifft. Aber es fehlt Ihnen an der rechten Hingebung, und Sie sind
+nicht allein ein schwacher Mensch, Sie sind auch immer bereit, ihre
+Schwäche zu beschönigen und zu verteidigen. Merken Sie sich aber, daß,
+solange dies der Fall, an eine Erhebung und Besserung nicht zu denken
+ist, Heinricy. Setzen Sie sich. Wasservogel, fahren Sie fort.«
+
+Heinricy, dickfellig und trotzig, setzte sich mit Scharren und Knarren,
+raunte seinem Nachbar eine Frechheit zu und zog sein griffestes Messer
+wieder hervor. Der Schüler Wasservogel stand auf, ein Junge mit
+entzündeten Augen, aufgestülpter Nase, abstehenden Ohren und zerkauten
+Fingernägeln. Er vollendete mit weichlicher Quetschstimme die
+»Übersicht« und fing an, von Hiob, dem Manne im Lande Uz, zu erzählen,
+und was sich mit ihm begeben. Er hatte das Alte Testament hinter dem
+Rücken seines Vordermannes aufgeschlagen, las darin mit dem Ausdruck
+vollendeter Unschuld und hingebender Nachdenklichkeit, starrte dann auf
+einen Punkt der Wand und sprach, indem er das Erschaute unter Stocken
+und quäkendem Husten in ein hilfloses, modernes Deutsch übersetzte ...
+Er hatte etwas äußerst Widerliches an sich, aber Herr Ballerstedt lobte
+ihn sehr für alle seine Bemühungen. Der Schüler Wasservogel hatte es
+insofern gut im Leben, als die meisten Lehrer ihn gern und über seine
+Verdienste lobten, um ihm, sich selbst und den anderen zu zeigen, daß
+sie sich durch seine Häßlichkeit keineswegs zur Ungerechtigkeit
+verführen ließen ...
+
+Und die Religionstunde nahm ihren Fortgang. Verschiedene junge Leute
+wurden noch aufgerufen, um sich über ihr Wissen um Hiob, den Mann im
+Lande Uz, auszuweisen, und Gottlieb Kaßbaum, Sohn des verunglückten
+Großkaufmanns Kaßbaum, erhielt trotz seiner zerrütteten
+Familienverhältnisse eine vorzügliche Note, weil er mit Genauigkeit
+feststellen konnte, daß Hiob an Vieh siebentausend Schafe, dreitausend
+Kamele, fünfhundert Joch Rinder, fünfhundert Esel und sehr viel Gesindes
+besessen habe.
+
+Dann durften die Bibeln aufgeschlagen werden, die meistens schon
+aufgeschlagen waren, und man fuhr mit Lesen fort. Kam eine Stelle, die
+Herrn Ballerstedt der Erläuterung bedürftig erschien, so schwoll er an,
+sagte »Nun ...« und hielt nach den üblichen Vorbereitungen einen kleinen
+mit allgemeinen moralischen Betrachtungen untermischten Vortrag über den
+fraglichen Punkt. Kein Mensch hörte ihm zu. Friede und Schläfrigkeit
+herrschten im Zimmer. Die Hitze war durch die beständig arbeitende
+Heizung und die Gaslampen schon ziemlich stark geworden und die Luft
+durch diese fünfundzwanzig atmenden und dünstenden Körper schon ziemlich
+verdorben. Die Wärme, das gelinde Sausen der Flammen und die monotone
+Stimme des Vorlesenden legten sich um die gelangweilten Gehirne und
+lullten sie in dumpfe Traumseligkeit. Kai Graf Mölln hatte außer seiner
+Bibel auch die »Unbegreiflichen Ereignisse und geheimnisvollen Taten«
+von Edgar Allan Poe vor sich aufgeschlagen und las darin, den Kopf in
+die aristokratische und nicht ganz saubere Hand gestützt. Hanno
+Buddenbrook saß zurückgelehnt und zusammengesunken und blickte mit
+schlaffem Munde und schwimmenden, heißen Augen auf das Buch Hiob, dessen
+Zeilen und Buchstaben zu einem schwärzlichen Gewimmel verschwammen.
+Manchmal, wenn er sich des Gralmotives oder des Ganges zum Münster
+erinnerte, senkte er langsam die Lider und fühlte ein innerliches
+Schluchzen. Und sein Herz betete, es möchte möglich sein, daß diese
+gefahrlose und friedevolle Morgenstunde niemals ein Ende nähme.
+
+Und dennoch kam es, wie es in der Ordnung der Dinge lag, und der schrill
+heulende Klang der Kustosglocke, der durch die Korridore gellte und
+hallte, riß die fünfundzwanzig Gehirne aus ihrem warmen Dämmern.
+
+»So weit!« sagte Herr Ballerstedt und ließ sich das Klassenbuch reichen,
+um darin mit seinem Namenszeichen zu bescheinigen, daß er diese Stunde
+seines Amtes gewaltet.
+
+Hanno Buddenbrook schloß seine Bibel und reckte sich zitternd und mit
+nervösem Gähnen; als er aber die Arme senkte und die Glieder abspannte,
+mußte er eilig und mühsam aufatmen, um sein Herz, das einen Augenblick
+schwach und wankend den Dienst versagte, ein wenig in Takt zu bringen.
+Jetzt kam das Lateinische ... Er warf einen hilfesuchenden Seitenblick
+zu Kai hinüber, der das Ende der Stunde gar nicht bemerkt zu haben
+schien und immer noch in Versunkenheit seiner Privatlektüre oblag, zog
+den in marmorierte Pappe gebundenen Ovid aus seiner Mappe und schlug die
+Verse auf, die für heute auswendig zu lernen waren ... Nein, es gab
+keine Hoffnung, diese schwarzen Zeilen, die sich, mit Bleistiftzeichen
+versehen, schnurgerade und zu fünfen numeriert aneinanderreihten und ihn
+so hoffnungslos dunkel und unbekannt anstarrten, sich jetzt noch ein
+wenig vertraut zu machen. Er verstand kaum ihren Sinn, geschweige denn
+hätte er eine einzige davon aus dem Kopfe hersagen können. Und von
+denjenigen, die sich daran schlossen und die für heute zu präparieren
+waren, enträtselte er nicht ein Sätzchen.
+
+»Was heißt denn `_deciderant, patula Jovis arbore, glandes_´?« wandte er
+sich mit verzweifelter Stimme an Adolf Todtenhaupt, der neben ihm im
+Klassenbuch arbeitete. »Das ist ja alles Unsinn! Nur um einen zu
+schikanieren ...«
+
+»Wie?« sagte Todtenhaupt und fuhr fort, zu schreiben ... »Die Eicheln
+vom Baum des Jupiter ... Das ist die Eiche ... Ja, ich weiß selbst nicht
+recht ...«
+
+»Sage mir nur ein bißchen zu, Todtenhaupt, wenn ich darankomme!« bat
+Hanno und schob das Buch von sich. Dann, nachdem er mit düsterem Blick
+des Primus unachtsames und unverbindliches Nicken betrachtet hatte,
+schob er sich seitwärts aus der Bank hinaus und stand auf.
+
+Die Situation hatte sich verändert. Herr Ballerstedt hatte das Zimmer
+verlassen, und statt seiner stand jetzt am Katheder, ganz gerade und
+stramm, ein kleines, schwaches und ausgemergeltes Männchen mit dünnem
+weißen Bart, dessen rotes Hälschen aus einem engen Klappkragen
+hervorragte, und das mit dem einen seiner weißbehaarten Händchen seinen
+Zylinder, die Öffnung nach oben, vor sich hinhielt. Es führte bei den
+Schülern den Namen »die Spinne« und hieß in Wirklichkeit Professor
+Hückopp. Da ihm während dieser Pause auf dem Korridor die Aufsicht
+zuerteilt war, hatte es auch in den Klassenzimmern nach dem Rechten zu
+sehen ... »Die Lampen aus! Die Vorhänge auf! Die Fenster auf!« sagte es,
+indem es seinem Stimmchen soviel Kommandokraft wie möglich gab und mit
+unbeholfen energischer Geste seinen Arm in der Luft bewegte, als drehe
+es eine Kurbel ... »Und alles hinunter, hinaus in die frische Luft,
+potztausendnochmal dazu!«
+
+Die Lampen verloschen, die Vorhänge flogen empor, das fahle Tageslicht
+erfüllte das Zimmer, und die kalte Nebelluft stürzte durch die breiten
+Fenster herein, während die Untersekundaner sich an Professor Hückopp
+vorbei zum Ausgange schoben; nur der Primus durfte hier oben bleiben.
+
+Hanno und Kai trafen an der Tür zusammen und gingen nebeneinander die
+komfortable Treppe hinunter und drunten über die stilvollen Vorplätze.
+Sie schwiegen beide. Hanno sah jämmerlich elend aus und Kai war in
+Gedanken. Auf dem großen Hofe angelangt, begannen sie auf und nieder zu
+wandern, inmitten der Menge von Kameraden verschiedenen Alters, die sich
+auf den feuchtroten Fliesen geräuschvoll durcheinander bewegten.
+
+Ein noch jugendlicher Herr mit blondem Spitzbart führte hier unten die
+Aufsicht. Dies war der feine Oberlehrer. Er hieß Doktor Goldener und
+unterhielt ein Knabenpensionat, das von reichen und adeligen
+Gutsbesitzerssöhnen aus Holstein und Mecklenburg besucht war. Beeinflußt
+von den feudalen jungen Leuten, die seiner Hut empfohlen waren, pflegte
+er sein Äußeres in einer Weise, wie sie unter seinen Kollegen gänzlich
+ungebräuchlich war. Er trug buntseidene Krawatten, ein stutzerhaftes
+Röckchen, zartfarbene Beinkleider, die mit Strippen unter den Sohlen
+befestigt waren, und parfümierte Taschentücher mit farbigen Borten.
+Bescheidener Leute Kind wie er war, stand ihm solcher Prunk eigentlich
+gar nicht zu Gesicht, und seine großmächtigen Füße zum Beispiel nahmen
+sich in den spitz zulaufenden Knöpfstiefeln ziemlich lächerlich aus.
+Unbegreiflicherweise war er eitel auf seine plumpen und roten Hände, die
+er unaufhörlich aneinanderrieb, ineinanderschlang und liebevoll prüfend
+betrachtete. Er pflegte seinen Kopf schräg zurückgelehnt zu tragen und
+mit blinzelnden Augen, gekrauster Nase und halboffenem Munde beständig
+ein Gesicht zu schneiden, als sei er im Begriffe, zu sagen: »Was ist
+denn nun schon wieder los?« ... Dennoch war er zu vornehm, um nicht alle
+kleinen Unerlaubtheiten auf distinguierte Art zu übersehen, die sich
+etwa auf dem Hofe ereigneten. Er übersah, daß dieser oder jener Schüler
+ein Buch mit sich heruntergebracht hatte, um sich im letzten Augenblick
+ein wenig zu präparieren, übersah, daß seine Pensionäre Herrn Schlemiel,
+dem Kustos, Geld einhändigten, um sich Bäckereien holen zu lassen, daß
+hier eine kleine Kraftprobe zwischen zwei Tertianern in eine Prügelei
+ausartete, um die sich sofort ein Ring von Sachverständigen bildete,
+und daß dort hinten jemand, der auf irgendeine Weise eine
+unkameradschaftliche, feige oder unehrenhafte Gesinnung an den Tag
+gelegt hatte, von seinen Klassengenossen zwangsweise zur Pumpe befördert
+wurde, um zu seiner Schande mit Wasser begossen zu werden ...
+
+Es war ein wackeres und ein bißchen ungehobeltes Geschlecht, die laute
+Menge, in der Kai und Hanno hin und wider wanderten. Herangewachsen in
+der Luft eines kriegerisch siegreichen und verjüngten Vaterlandes,
+huldigte man Sitten von rauher Männlichkeit. Man redete in einem Jargon,
+der zugleich salopp und schneidig war und von technischen Ausdrücken
+wimmelte. Trink- und Rauchtüchtigkeit, Körperstärke und Turnertugend
+standen sehr hoch in der Schätzung, und die verächtlichsten Laster waren
+Weichlichkeit und Geckenhaftigkeit. Wer mit emporgeklapptem Rockkragen
+getroffen wurde, durfte der Pumpe gewärtig sein. Wer sich aber gar auf
+der Straße mit einem Spazierstock hatte sehen lassen, an dem wurde in
+der Turnhalle auf ebenso schimpfliche wie schmerzhafte Art eine
+öffentliche Züchtigung vollzogen ...
+
+Das, was Hanno und Kai miteinander sprachen, ging fremd und sonderbar in
+dem Stimmengewirr unter, das die kalte und feuchte Luft erfüllte. Diese
+Freundschaft war seit langem in der ganzen Schule bekannt. Die Lehrer
+duldeten sie mit Übelwollen, weil sie Unrat und Opposition dahinter
+vermuteten, und die Kameraden, außerstande, ihr Wesen zu enträtseln,
+hatten sich gewöhnt, sie mit einem gewissen scheuen Widerwillen gelten
+zu lassen und diese beiden Genossen als _outlaws_ und fremdartige
+Sonderlinge zu betrachten, die man sich selbst überlassen mußte ...
+Übrigens genoß Kai Graf Mölln eines gewissen Respekts wegen der Wildheit
+und zügellosen Unbotmäßigkeit, die man an ihm kannte. Was aber Hanno
+Buddenbrook betraf, so konnte selbst der große Heinricy, der doch alle
+Welt prügelte, sich nicht entschließen, wegen Geckenhaftigkeit und
+Feigheit Hand an ihn zu legen, aus unbestimmter Furcht vor der Weichheit
+seines Haares, vor der Zartheit seiner Glieder, vor seinem trüben,
+scheuen und kalten Blick ...
+
+»Ich habe Angst«, sagte Hanno zu Kai, indem er an der einen Seitenwand
+des Hofes stehenblieb, sich gegen die Mauer lehnte und mit fröstelndem
+Gähnen seine Jacke fester zusammenzog ... »Ich habe eine unsinnige
+Angst, Kai, sie tut mir überall weh im Körper. Ist nun Herr Mantelsack
+der Mann, vor dem man sich derartig fürchten dürfte? Sage selbst! Wenn
+diese widerliche Ovidstunde erst vorüber wäre! Wenn ich meinen Tadel im
+Klassenbuch hätte und sitzenbliebe und alles in Ordnung wäre! Ich
+fürchte mich nicht =davor=, ich fürchte mich vor dem Eklat, der damit
+verbunden ist ...«
+
+Kai verfiel in Gedanken. »Dieser Roderich Usher ist die wundervollste
+Figur, die je erfunden worden ist!« sagte er schnell und unvermittelt.
+»Ich habe eben die ganze Stunde gelesen ... Wenn ich jemals eine so gute
+Geschichte schreiben könnte!«
+
+Die Sache war die, daß Kai sich mit Schreiben abgab. Dies war es auch,
+was er heute morgen gemeint hatte, als er sagte, er habe besseres zu
+tun, als Schularbeiten zu machen, und Hanno hatte ihn wohl verstanden.
+Aus der Neigung zum Geschichtenerzählen, die er als kleiner Junge an den
+Tag gelegt hatte, hatten sich schriftstellerische Versuche entwickelt,
+und kürzlich hatte er eine Dichtung vollendet, ein Märchen, ein
+rücksichtslos phantastisches Abenteuer, in dem alles in einem dunklen
+Schein erglühte, das unter Metallen und geheimnisvollen Gluten in den
+tiefsten und heiligsten Werkstätten der Erde und zugleich in denen der
+menschlichen Seele spielte, und in dem die Urgewalten der Natur und der
+Seele auf eine sonderbare Art vermischt, gewandt, gewandelt und
+geläutert wurden, -- geschrieben in einer innerlichen, deutsamen, ein
+wenig überschwenglichen und sehnsüchtigen Sprache von zarter
+Leidenschaftlichkeit ...
+
+Hanno kannte diese Geschichte wohl und liebte sie sehr; aber er war
+jetzt nicht aufgelegt, von Kais Arbeiten oder von Edgar Poe zu sprechen.
+Er gähnte wieder und seufzte dann, indem er gleichzeitig ein Motiv vor
+sich hinsang, das er kürzlich am Flügel erfunden hatte. Dies war so
+seine Gewohnheit. Er pflegte oft zu seufzen, tief aufzuatmen aus dem
+dringenden Bedürfnis, sein unzulänglich arbeitendes Herz in einen etwas
+munteren Gang zu bringen, und er hatte sich gewöhnt, das Ausatmen nach
+einem musikalischen Thema, irgendeinem Stück Melodie eigener oder
+fremder Erfindung, geschehen zu lassen ...
+
+»Siehe, da kommt der liebe Gott!« sagte Kai. »Er lustwandelt in seinem
+Garten.«
+
+»Ein netter Garten«, sagte Hanno und geriet ins Lachen. Er lachte nervös
+und konnte nicht aufhören, hielt sein Taschentuch vor den Mund und
+blickte darüber hinweg auf den, welchen Kai als den »lieben Gott«
+bezeichnet hatte.
+
+Es war Direktor Doktor Wulicke, der Leiter der Schule, der auf dem Hofe
+erschienen war: ein außerordentlich langer Mann mit schwarzem
+Schlapphut, kurzem Vollbart, einem spitzen Bauche, viel zu kurzen
+Beinkleidern und trichterförmigen Manschetten, die stets sehr unsauber
+waren. Er ging mit einem Gesicht, das vor Zorn beinahe leidend aussah,
+schnell über die Steinfliesen, indem er mit ausgestrecktem Arme auf die
+Pumpe wies ... Das Wasser floß! Eine Anzahl Schüler liefen vor ihm her
+und überstürzten sich, dem Schaden dadurch abzuhelfen, daß sie die
+Leitung schlossen. Aber auch dann standen sie noch lange und
+betrachteten mit verstörten Gesichtern abwechselnd die Pumpe und den
+Direktor, der sich an den mit rotem Antlitz herbeigeeilten Doktor
+Goldener gewandt hatte und mit tiefer, dumpfer und bewegter Stimme auf
+ihn einsprach. Seine Rede war mit brummenden und unartikulierten
+Lippenlauten durchsetzt ...
+
+Dieser Direktor Wulicke war ein furchtbarer Mann. Er war der Nachfolger
+des jovialen und menschenfreundlichen alten Herrn, unter dessen
+Regierung Hannos Vater und Onkel studiert hatten, und der bald nach dem
+Jahre einundsiebzig gestorben war. Damals war Doktor Wulicke, bislang
+Professor an einem preußischen Gymnasium, berufen worden, und mit ihm
+war ein anderer, ein neuer Geist in die alte Schule eingezogen. Wo
+ehemals die klassische Bildung als ein heiterer Selbstzweck gegolten
+hatte, den man mit Ruhe, Muße und fröhlichem Idealismus verfolgte, da
+waren nun die Begriffe Autorität, Pflicht, Macht, Dienst, Karriere zu
+höchster Würde gelangt, und der »kategorische Imperativ unseres
+Philosophen Kant« war das Banner, das Direktor Wulicke in jeder Festrede
+bedrohlich entfaltete. Die Schule war ein Staat im Staate geworden, in
+dem preußische Dienststrammheit so gewaltig herrschte, daß nicht allein
+die Lehrer, sondern auch die Schüler sich als Beamte empfanden, die um
+nichts als ihr Avancement und darum besorgt waren, bei den Machthabern
+gut angeschrieben zu stehen ... Bald nach dem Einzug des neuen Direktors
+war auch unter den vortrefflichsten hygienischen und ästhetischen
+Gesichtspunkten mit dem Umbau und der Neueinrichtung der Anstalt
+begonnen und alles aufs glücklichste fertiggestellt worden. Allein es
+blieb die Frage, ob nicht früher, als weniger Komfort der Neuzeit und
+ein bißchen mehr Gutmütigkeit, Gemüt, Heiterkeit, Wohlwollen und Behagen
+in diesen Räumen geherrscht hatte, die Schule ein sympathischeres und
+segenvolleres Institut gewesen war ...
+
+Was Direktor Wulicke persönlich betraf, so war er von der rätselhaften,
+zweideutigen, eigensinnigen und eifersüchtigen Schrecklichkeit des
+alttestamentlichen Gottes. Er war entsetzlich im Lächeln wie im Zorne.
+Die ungeheure Autorität, die in seinen Händen lag, machte ihn
+schauerlich launenhaft und unberechenbar. Er war imstande, etwas
+Scherzhaftes zu sagen und fürchterlich zu werden, wenn man lachte. Keine
+seiner zitternden Kreaturen wußte Rat, wie man sich ihm gegenüber zu
+benehmen habe. Es blieb nichts übrig, als ihn im Staub zu verehren und
+durch eine wahnsinnige Demut vielleicht zu verhüten, daß er einen nicht
+dahinraffe in seinem Grimm und nicht zermalme in seiner großen
+Gerechtigkeit ...
+
+Der Name, den Kai ihm gegeben hatte, wurde nur von ihm selbst und Hanno
+Buddenbrook gebraucht, und sie hüteten sich, ihn vor den Kameraden laut
+werden zu lassen, aus Scheu vor dem starren und kalten Blick des
+Unverständnisses, den sie so wohl kannten ... Nein, es gab nicht einen
+Punkt, in dem diese beiden sich mit ihren Genossen verstanden. Es war
+ihnen sogar die Art von Opposition und Rache fremd, an der die anderen
+sich genügen ließen, und sie mißachteten die üblichen Spottnamen, weil
+ein Humor daraus sprach, der sie nicht berührte und sie nicht einmal zum
+Lächeln brachte. Es war so billig, so nüchtern und unwitzig, den dünnen
+Professor Hückopp »die Spinne« und Oberlehrer Ballerstedt »Kakadu« zu
+nennen, eine so armselige Schadloshaltung für den Zwang des
+Staatsdienstes! Nein, Kai Graf Mölln war ein wenig bissiger! Für seine
+und Hannos Person hatte er den Brauch eingeführt, von den Lehrern nur
+vermittels ihres richtigen bürgerlichen Namens unter Hinzufügung des
+Wortes »Herr« zu sprechen: »Herr Ballerstedt«, »Herr Mantelsack«, »Herr
+Hückopp« ... Das ergab gleichsam eine ablehnende und ironische Kälte,
+eine spöttische Distanz und Fremdheit ... Sie sprachen von dem
+»Lehrkörper« und amüsierten sich während ganzer Pausen damit, sich ein
+wirklich vorhandenes Geschöpf, eine Art Ungeheuer von widerlicher und
+phantastischer Gestaltung darunter vorzustellen. Und sie sprachen im
+allgemeinen von der »Anstalt« mit einer Betonung, als handele es sich um
+eine solche wie die, in der Hannos Onkel Christian sich aufhielt ...
+
+Durch den Anblick des lieben Gottes, der noch eine Weile alles in
+bleichen Schrecken versetzte, indem er mit fürchterlichem Brummen nach
+verschiedenen Richtungen auf das Butterbrotpapier zeigte, das hie und da
+auf den Fliesen lag, war Kai in vorzügliche Laune geraten. Er zog Hanno
+mit sich fort, zu einem der Tore, durch das die Lehrer, die zur zweiten
+Stunde eintrafen, den Hof beschritten, und fing an, sich ungeheuer tief
+vor den rotäugigen, blassen und dürftigen Seminaristen zu verbeugen, die
+vorübergingen, um sich zu ihren Sextanern und Septimanern auf die
+hinteren Höfe zu begeben. Er bückte sich übermäßig, ließ die Arme hängen
+und blickte von unten herauf hingebungsvoll zu den armen Gesellen
+empor. Als jedoch der greise Rechenlehrer, Herr Tietge, erschien,
+einige Bücher mit zitternder Hand auf dem Rücken haltend, auf unmögliche
+Art in sich hineinschielend, krumm, gelb und speiend, da sagte er mit
+klangvoller Stimme: »Guten Tag, du Leiche.« Worauf er klaren und
+scharfen Blickes irgendwo hin in die Luft sah .....
+
+Es schellte gellend in diesem Augenblick, und sofort begannen die
+Schüler von allen Seiten zu den Eingängen zusammenzuströmen. Aber Hanno
+hörte nicht auf zu lachen; er lachte noch auf der Treppe so sehr, daß
+seine Klassengenossen, die ihn und Kai umgaben, ihm kalt, befremdet und
+sogar ein wenig angewidert von soviel Albernheit ins Gesicht
+blickten ...
+
+Es ward still in der Klasse, und alles stand einmütig auf, als
+Oberlehrer Doktor Mantelsack eintrat. Er war der Ordinarius, und es war
+Sitte, vor dem Ordinarius Respekt zu haben. Er zog die Tür hinter sich
+zu, indem er sich bückte, reckte den Hals, um zu sehen, ob alle standen,
+hing seinen Hut an den Nagel und ging dann rasch zum Katheder, wobei er
+seinen Kopf in schnellem Wechsel hob und senkte. Hier nahm er
+Aufstellung und sah ein wenig zum Fenster hinaus, indem er seinen
+ausgestreckten Zeigefinger, an dem ein großer Siegelring saß, zwischen
+Kragen und Hals hin und her bewegte. Er war ein mittelgroßer Mann mit
+dünnem, ergrautem Haar, einem krausen Jupiterbart und kurzsichtig
+hervortretenden saphirblauen Augen, die hinter den scharfen
+Brillengläsern glänzten. Er war gekleidet in einen offenen Gehrock aus
+grauem, weichem Stoff, den er in der Taillengegend mit seiner
+kurzfingerigen und runzeligen Hand sanft zu betasten liebte. Seine
+Beinkleider waren, wie bei allen Lehrern, bis auf den feinen Doktor
+Goldener, zu kurz und ließen die Schäfte von einem Paar außerordentlich
+breiter und marmorblank gewichster Stiefel sehen.
+
+Plötzlich wandte er den Kopf vom Fenster weg, stieß einen kleinen
+freundlichen Seufzer aus, indem er in die lautlose Klasse hineinblickte,
+sagte »Ja, ja!« und lächelte mehrere Schüler zutraulich an. Er war guter
+Laune, es war offenbar. Eine Bewegung der Erleichterung ging durch den
+Raum. Es kam so viel, es kam alles darauf an, ob Doktor Mantelsack guter
+Laune war oder nicht, denn man wußte, daß er sich seinen Stimmungen
+unbewußt und ohne die geringste Selbstkritik überließ. Er war von einer
+ganz ausnehmenden, grenzenlos naiven Ungerechtigkeit, und seine Gunst
+war hold und flatterhaft wie das Glück. Stets hatte er ein paar
+Lieblinge, zwei oder drei, die er »Du« und mit Vornamen nannte, und die
+es gut hatten wie im Paradiese. Sie konnten beinahe sagen, was sie
+wollten, und es war dennoch richtig; und nach der Stunde plauderte
+Doktor Mantelsack aufs menschlichste mit ihnen. Eines Tages jedoch,
+vielleicht nach den Ferien, Gott allein wußte, warum, war man gestürzt,
+vernichtet, abgeschafft, verworfen, und ein anderer wurde mit Vornamen
+genannt ... Diesen Glückseligen pflegte er die Fehler in den
+Extemporalien ganz leicht und zierlich anzustreichen, so daß ihre
+Arbeiten auch bei großer Mangelhaftigkeit einen reinlichen Aspekt
+behielten. In anderen Heften aber fuhr er mit breiter und zorniger Feder
+umher und überschwemmte sie mit Rot, so daß sie einen abschreckenden und
+verwahrlosten Eindruck machten. Und da er die Fehler nicht zählte,
+sondern die Zensuren je nach der Menge von roter Tinte erteilte, so
+gingen seine Günstlinge mit großem Vorteil aus der Sache hervor. Bei
+diesem Verfahren dachte er sich nicht das geringste, sondern fand es
+vollständig in der Ordnung und ahnte nichts von Parteilichkeit. Hätte
+jemand den traurigen Mut besessen, dagegen zu protestieren, so wäre er
+der Aussicht verlustig gegangen, jemals geduzt und mit Vornamen genannt
+zu werden. Und diese Hoffnung ließ niemand fahren ...
+
+Nun kreuzte Doktor Mantelsack im Stehen die Beine und blätterte in
+seinem Notizbuch. Hanno Buddenbrook saß vornüber gebeugt und rang unter
+dem Tische die Hände. Das B, der Buchstabe B war an der Reihe! Gleich
+würde sein Name ertönen, und er würde aufstehen und nicht eine Zeile
+wissen, und es würde einen Skandal geben, eine laute, schreckliche
+Katastrophe, so guter Laune der Ordinarius auch sein mochte ... Die
+Sekunden dehnten sich martervoll. »Buddenbrook« ... jetzt sagte er
+»Buddenbrook« ...
+
+»Edgar!« sagte Doktor Mantelsack, schloß sein Notizbuch, indem er seinen
+Zeigefinger darin stecken ließ, und setzte sich aufs Katheder, als ob
+nun alles in bester Ordnung sei.
+
+Was? Wie war das? Edgar ... Das war Lüders, der dicke Lüders dort, am
+Fenster, der Buchstabe L, der nicht im entferntesten an der Reihe war!
+Nein, war es möglich? Doktor Mantelsack war so guter Laune, daß er
+einfach einen Liebling herausgriff und sich gar nicht darum kümmerte,
+wer heute ordnungsmäßig vorgenommen werden mußte ...
+
+Der dicke Lüders stand auf. Er hatte ein Mopsgesicht und braune
+apathische Augen. Obgleich er einen vorzüglichen Platz innehatte und mit
+Bequemlichkeit hätte ablesen können, war er auch hierzu zu träge. Er
+fühlte sich zu sicher im Paradiese und antwortete einfach: »Ich habe
+gestern wegen Kopfschmerzen nicht lernen können.«
+
+»Oh, du lässest mich im Stich, Edgar?« sagte Doktor Mantelsack betrübt
+... »Du willst mir die Verse vom goldenen Zeitalter nicht sprechen? Wie
+jammerschade, mein Freund! Hattest du Kopfschmerzen? Aber mich dünkt, du
+hättest mir das zu Beginn der Stunde sagen sollen, bevor ich dich
+aufrief ... Hattest du nicht schon neulich Kopfschmerzen gehabt? Du
+solltest etwas dagegen tun, Edgar, denn sonst ist die Gefahr nicht
+ausgeschlossen, daß du Rückschritte machst ... Timm, wollen Sie ihn
+vertreten.«
+
+Lüders setzte sich. In diesem Augenblick war er allgemein verhaßt. Man
+sah deutlich, daß des Ordinarius Laune beträchtlich gesunken war, und
+daß Lüders vielleicht schon in der nächsten Stunde würde mit Nachnamen
+genannt werden ... Timm stand auf, in einer der hintersten Bänke. Es war
+ein blonder Junge von ländlichem Äußeren, mit einer hellbraunen Jacke
+und kurzen, breiten Fingern. Er hielt seinen Mund mit eifrigem und
+törichtem Ausdruck trichterförmig geöffnet und rückte hastig sein
+offenes Buch zurecht, indem er angestrengt geradeaus blickte. Dann
+senkte er den Kopf und begann vorzulesen, langgezogen, stockend und
+monoton, wie ein Kind aus der Fibel: »_Aurea prima sata est aetas ..._«
+
+Es war klar, daß Doktor Mantelsack heute außerhalb jeder Ordnung fragte
+und sich gar nicht darum kümmerte, wer am längsten nicht examiniert
+worden war. Es war jetzt nicht mehr so drohend wahrscheinlich, daß Hanno
+aufgerufen wurde, es konnte nur noch durch einen unseligen Zufall
+geschehen. Er wechselte einen glücklichen Blick mit Kai und fing an,
+seine Glieder ein wenig abzuspannen und auszuruhen ...
+
+Plötzlich ward Timm in seiner Lektüre unterbrochen. Sei es nun, daß
+Doktor Mantelsack den Rezitierenden nicht recht verstand, oder daß er
+sich Bewegung zu machen wünschte: er verließ das Katheder, lustwandelte
+gemächlich durch die Klasse und stellte sich, seinen Ovid in der Hand,
+dicht neben Timm, der mit kurzen unsichtbaren Bewegungen sein Buch
+beiseitegeräumt hatte und nun vollkommen hilflos war. Er schnappte mit
+seinem trichterförmigen Munde, blickte den Ordinarius mit blauen,
+ehrlichen, verstörten Augen an und brachte nicht eine Silbe mehr
+zustande.
+
+»Nun, Timm«, sagte Doktor Mantelsack ... »Jetzt geht es auf einmal nicht
+mehr?«
+
+Und Timm griff sich nach dem Kopf, rollte die Augen, atmete heftig und
+sagte schließlich mit einem irren Lächeln: »Ich bin so verwirrt, wenn
+Sie bei mir stehen, Herr Doktor.«
+
+Auch Doktor Mantelsack lächelte; er lächelte geschmeichelt und sagte:
+»Nun, sammeln Sie sich und fahren Sie fort.« Damit wandelte er zum
+Katheder zurück.
+
+Und Timm sammelte sich. Er zog sein Buch wieder vor sich hin, öffnete
+es, indem er, sichtlich nach Fassung ringend, im Zimmer umherblickte,
+senkte dann den Kopf und hatte sich wiedergefunden.
+
+»Ich bin befriedigt«, sagte der Ordinarius, als Timm geendet hatte. »Sie
+haben gut gelernt, das steht außer Zweifel. Nur entbehren Sie zu sehr
+des rhythmischen Gefühles, Timm. Über die Bindungen sind Sie sich klar,
+und dennoch haben Sie nicht eigentlich Hexameter gesprochen. Ich habe
+den Eindruck, als ob Sie das Ganze wie Prosa auswendig gelernt hätten
+... Aber wie gesagt, Sie sind fleißig gewesen, Sie haben Ihr Bestes
+getan, und wer immer strebend sich bemüht ... Sie können sich setzen.«
+
+Timm setzte sich stolz und strahlend, und Doktor Mantelsack schrieb eine
+wohl befriedigende Note hinter seinen Namen. Das Merkwürdige aber war,
+daß in diesem Augenblick nicht allein der Lehrer, sondern auch Timm
+selbst und seine sämtlichen Kameraden der aufrichtigen Ansicht waren,
+daß Timm wirklich und wahrhaftig ein guter und fleißiger Schüler sei,
+der seine gute Note vollauf verdient hatte. Auch Hanno Buddenbrook war
+außerstande, sich diesem Eindruck zu entziehen, obgleich er fühlte, wie
+etwas in ihm sich mit Widerwillen dagegen wehrte ... Wieder horchte er
+angespannt auf den Namen, der nun ertönen würde ...
+
+»Mumme!« sagte Doktor Mantelsack. »Noch einmal! _Aurea prima ...?_«
+
+Also Mumme! Gott sei gelobt, nun war Hanno wohl in Sicherheit! Zum
+drittenmal würden die Verse kaum rezitiert werden müssen, und bei der
+Neupräparation war der Buchstabe B erst kürzlich an der Reihe
+gewesen ...
+
+Mumme erhob sich. Er war ein langer, bleicher Mensch mit zitternden
+Händen und außerordentlich großen, runden Brillengläsern. Er war
+augenleidend und so kurzsichtig, daß es ihm unmöglich war, im Stehen aus
+einem vor ihm liegenden Buche zu lesen. Er mußte lernen, und er hatte
+gelernt. Da er aber herzlich unbegabt war und außerdem nicht geglaubt
+hatte, heute aufgerufen zu werden, so wußte er dennoch nur wenig und
+verstummte schon nach den ersten Worten. Doktor Mantelsack half ihm ein,
+er half ihm zum zweiten Male mit schärferer Stimme und zum dritten Male
+mit äußerst gereiztem Tone ein; als aber Mumme dann ganz und gar
+festsaß, wurde der Ordinarius von heftigem Zorne ergriffen.
+
+»Das ist vollständig ungenügend, Mumme! Setzen Sie sich hin! Sie sind
+eine traurige Figur, dessen können Sie versichert sein, Sie Kretin! Dumm
+=und= faul ist zuviel des Guten ...«
+
+Mumme versank. Er sah aus wie das Unglück, und es gab in diesem
+Augenblicke niemanden im Zimmer, der ihn nicht verachtet hätte. Abermals
+stieg ein Widerwille, eine Art von Brechreiz in Hanno Buddenbrook auf
+und schnürte ihm die Kehle zusammen. Gleichzeitig aber beobachtete er
+mit entsetzlicher Klarheit, was vor sich ging. Doktor Mantelsack malte
+heftig ein Zeichen von böser Bedeutung hinter Mummes Namen und sah sich
+dann mit finsteren Brauen in seinem Notizbuch um. Aus Zorn ging er zur
+Tagesordnung über, sah nach, wer eigentlich an der Reihe war, es war
+klar! Und als Hanno von dieser Erkenntnis gerade gänzlich überwältigt
+war, hörte er auch schon seinen Namen, hörte ihn wie in einem bösen
+Traum.
+
+»Buddenbrook!« -- Doktor Mantelsack hatte »Buddenbrook« gesagt, der
+Schall war noch in der Luft, und dennoch glaubte Hanno nicht daran. Ein
+Sausen war in seinen Ohren entstanden. Er blieb sitzen.
+
+»=Herr= Buddenbrook!« sagte Doktor Mantelsack und starrte ihn mit seinen
+saphirblauen, hervorquellenden Augen an, die hinter den scharfen
+Brillengläsern glänzten .... »Wollen Sie die Güte haben?«
+
+Gut, also es sollte so sein. So hatte es kommen müssen. Ganz anders, als
+er es sich gedacht hatte, aber nun war dennoch alles verloren. Er war
+nun gefaßt. Ob es wohl ein sehr großes Gebrüll geben würde? Er stand auf
+und war im Begriffe, eine unsinnige und lächerliche Entschuldigung
+vorzubringen, zu sagen, daß er »vergessen« habe, die Verse zu lernen,
+als er plötzlich gewahrte, daß sein Vordermann ihm das offene Buch
+hinhielt.
+
+Sein Vordermann, Hans Hermann Kilian, war ein Kleiner, Brauner, mit
+fettem Haar und breiten Schultern. Er wollte Offizier werden und war so
+beseelt von Kameradschaftlichkeit, daß er selbst Johann Buddenbrook, den
+er doch nicht leiden mochte, nicht im Stiche ließ. Er wies sogar mit dem
+Zeigefinger auf die Stelle, wo anzufangen war ...
+
+Und Hanno starrte dorthin und fing an zu lesen. Mit wankender Stimme und
+verzogenen Brauen und Lippen las er von dem goldenen Zeitalter, das
+zuerst entsprossen war und ohne Rächer, aus freiem Willen, ohne
+Gesetzesvorschrift, Treue und Recht gepflegt hatte. »Strafe und Furcht
+waren nicht vorhanden«, sagte er auf Lateinisch. »Es wurden weder
+drohende Worte auf angehefteter eherner Tafel gelesen, noch scheute die
+bittende Schar das Antlitz ihres Richters ...« Er las mit gequältem und
+angeekeltem Gesichtsausdruck, las mit Willen schlecht und
+unzusammenhängend, vernachlässigte absichtlich einzelne Bindungen, die
+in Kilians Buch mit Bleistift angegeben waren, sprach fehlerhafte Verse,
+stockte und arbeitete sich scheinbar nur mühsam vorwärts, immer
+gewärtig, daß der Ordinarius alles entdecken und sich auf ihn stürzen
+werde ... Der diebische Genuß, das offene Buch vor sich zu sehen,
+verursachte ein Prickeln in seiner Haut; aber er war voll Widerwillen
+und betrog mit Absicht so schlecht wie möglich, nur um den Betrug
+dadurch weniger gemein zu machen. Dann schwieg er, und es entstand eine
+Stille, in der er nicht aufzublicken wagte. Diese Stille war
+entsetzlich; er war überzeugt, daß Doktor Mantelsack alles gesehen habe,
+und seine Lippen waren ganz weiß. Schließlich aber seufzte der
+Ordinarius und sagte:
+
+»O Buddenbrook, _si tacuisses_! Sie entschuldigen wohl ausnahmsweise das
+klassische Du!... Wissen Sie, was Sie getan haben? Sie haben die
+Schönheit in den Staub gezogen, Sie haben sich benommen wie ein Vandale,
+wie ein Barbar, Sie sind ein amusisches Geschöpf, Buddenbrook, man sieht
+es Ihnen an der Nase an! Wenn ich mich frage, ob Sie die ganze Zeit
+gehustet oder erhabene Verse gesprochen haben, so neige ich mehr der
+ersteren Ansicht zu. Timm hat wenig rhythmisches Gefühl entwickelt, aber
+gegen Sie ist er ein Genie, ein Rhapsode ... Setzen Sie sich, Unseliger.
+Sie haben gelernt, gewiß, Sie haben gelernt. Ich kann Ihnen kein
+schlechtes Zeugnis geben. Sie haben sich wohl nach Kräften bemüht ...
+Hören Sie, erzählt man sich nicht, daß Sie musikalisch sind, daß Sie
+Klavier spielen? Wie ist das möglich?... Nun, es ist gut, setzen Sie
+sich, Sie mögen fleißig gewesen sein, es ist gut.«
+
+Er schrieb eine befriedigende Note in sein Taschenbuch, und Hanno
+Buddenbrook setzte sich. Wie es vorhin bei dem Rhapsoden Timm gewesen
+war, so war es auch jetzt. Er konnte nicht umhin, sich durch das Lob,
+das in Doktor Mantelsacks Worten enthalten gewesen war, aufrichtig
+getroffen zu fühlen. Er war in diesem Augenblick ernstlich der Meinung,
+daß er ein etwas unbegabter, aber fleißiger Schüler sei, der
+verhältnismäßig mit Ehren aus der Sache hervorgegangen war, und er
+empfand deutlich, daß seine sämtlichen Klassengenossen, Hans Hermann
+Kilian nicht ausgeschlossen, ebenderselben Anschauung huldigten. Wieder
+regte sich etwas wie Übelkeit in ihm; aber er war zu ermattet, um über
+die Vorgänge nachzudenken. Bleich und zitternd schloß er die Augen und
+versank in Lethargie ...
+
+Doktor Mantelsack aber setzte den Unterricht fort. Er ging zu den Versen
+über, die für heute neu zu präparieren waren, und rief Petersen auf.
+Petersen erhob sich, frisch, munter und zuversichtlich, in tapferer
+Attitüde, streitbar und bereit, den Strauß zu wagen. Und dennoch war ihm
+heute der Untergang bestimmt! Ja, die Stunde sollte nicht vorübergehen,
+ohne daß eine Katastrophe eintrat, weit schrecklicher als diejenige mit
+dem armen, kurzsichtigen Mumme ...
+
+Petersen übersetzte, indem er dann und wann einen Blick auf die andere
+Seite seines Buches warf, dorthin, wo er eigentlich gar nichts zu suchen
+hatte. Er trieb dies mit Geschick. Er tat, als störe ihn dort etwas,
+fuhr mit der Hand darüber hin und blies darauf, als gelte es, ein
+Staubfäserchen oder dergleichen zu entfernen, das ihn inkommodierte. Und
+doch erfolgte nun das Entsetzliche.
+
+Doktor Mantelsack nämlich vollführte plötzlich eine heftige Bewegung,
+die Petersen mit einer ebensolchen Bewegung beantwortete. Und in
+demselben Augenblick verließ der Ordinarius das Katheder, er stürzte
+sich förmlich kopfüber hinab und ging mit langen, unaufhaltsamen
+Schritten auf Petersen zu.
+
+»Sie haben einen Schlüssel im Buche, eine Übersetzung«, sagte er, als er
+bei ihm stand.
+
+»Einen Schlüssel ... ich ... nein ...«, stammelte Petersen. Es war ein
+hübscher Junge, mit einem blonden Haarwulst über der Stirn und
+außerordentlich schönen blauen Augen, die jetzt angstvoll flackerten.
+
+»Sie haben keinen Schlüssel im Buche?«
+
+»Nein ... Herr Oberlehrer ... Herr Doktor ... Einen Schlüssel?... Ich
+habe wahrhaftig keinen Schlüssel ... Sie befinden sich im Irrtum ... Sie
+haben mich in einem falschen Verdacht ...« Petersen redete, wie man
+eigentlich nicht zu reden pflegte. Die Angst bewirkte, daß er ordentlich
+gewählt sprach, in der Absicht, dadurch den Ordinarius zu erschüttern.
+»Ich betrüge nicht«, sagte er aus übergroßer Not. »Ich bin immer ehrlich
+gewesen ... mein Lebtag!«
+
+Aber Doktor Mantelsack war seiner traurigen Sache allzu sicher.
+
+»Geben Sie mir Ihr Buch«, sagte er kalt.
+
+Petersen klammerte sich an sein Buch, er hob es beschwörend mit beiden
+Händen empor und fuhr fort, mit halb gelähmter Zunge zu deklamieren:
+»Glauben Sie mir doch ... Herr Oberlehrer ... Herr Doktor ... Es ist
+nichts im Buche ... Ich habe keinen Schlüssel .... Ich habe nicht
+betrogen ... Ich bin immer ehrlich gewesen ...«
+
+»Geben Sie mir das Buch«, wiederholte der Ordinarius und stampfte mit
+dem Fuße.
+
+Da erschlaffte Petersen, und sein Gesicht wurde ganz grau.
+
+»Gut«, sagte er und lieferte das Buch aus, »hier ist es. Ja, es ist ein
+Schlüssel darin! Sehen Sie selbst, da steckt er!... Aber ich habe ihn
+nicht gebraucht!« schrie er plötzlich in die Luft hinein.
+
+Allein Doktor Mantelsack überhörte diese unsinnige Lüge, die der
+Verzweiflung entsprang. Er zog den »Schlüssel« hervor, betrachtete ihn
+mit einem Gesicht, als hätte er stinkenden Unrat in der Hand, schob ihn
+in die Tasche und warf den Ovid verächtlich auf Petersens Platz zurück.
+»Das Klassenbuch«, sagte er dumpf.
+
+Adolf Todtenhaupt brachte dienstbeflissen das Klassenbuch herbei, und
+Petersen erhielt einen Tadel wegen versuchten Betruges, was ihn auf
+lange Zeit hinaus vernichtete und die Unmöglichkeit seiner Versetzung zu
+Ostern besiegelte. »Sie sind der Schandfleck der Klasse«, sagte Doktor
+Mantelsack noch und kehrte dann zum Katheder zurück.
+
+Petersen setzte sich und war gerichtet. Man sah deutlich, wie sein
+Nebenmann ein Stück von ihm wegrückte. Alle betrachteten ihn mit einem
+Gemisch von Ekel, Mitleid und Grauen. Er war gestürzt, einsam und
+vollkommen verlassen, darum, daß er ertappt worden war. Es gab nur
+=eine= Meinung über Petersen, und das war die, daß er wirklich »der
+Schandfleck der Klasse« sei. Man anerkannte und akzeptierte seinen Fall
+ebenso widerstandslos, wie man Timms und Buddenbrooks Erfolge und das
+Unglück des armen Mumme anerkannt und akzeptiert hatte ... Und er selbst
+tat desgleichen.
+
+Wer unter diesen fünfundzwanzig jungen Leuten von rechtschaffener
+Konstitution, stark und tüchtig für das Leben war, wie es ist, der nahm
+in diesem Augenblicke die Dinge völlig wie sie lagen, fühlte sich nicht
+durch sie beleidigt und fand, daß alles selbstverständlich und in der
+Ordnung sei. Aber es gab auch Augen, die sich in finsterer
+Nachdenklichkeit auf einen Punkt richteten ... Der kleine Johann starrte
+auf Hans Hermann Kilians breiten Rücken, und seine goldbraunen,
+bläulich umschatteten Augen waren ganz voll von Abscheu, Widerstand und
+Furcht ... Doktor Mantelsack aber fuhr fort zu unterrichten. Er rief
+einen anderen Schüler auf, irgendeinen, Adolf Todtenhaupt, weil er für
+heute ganz und gar die Lust verloren hatte, die Zweifelhaften zu prüfen.
+Und dann kam noch einer daran, der mäßig vorbereitet war und nicht
+einmal wußte, was »_patula Jovis arbore, glandes_« hieß, weshalb
+Buddenbrook es sagen mußte ... Er sagte es leise und ohne aufzublicken,
+weil Doktor Mantelsack ihn fragte, und erhielt ein Kopfnicken dafür.
+
+Und als es mit den Produktionen der Schüler zu Ende war, hatte die
+Stunde auch jedes Interesse verloren. Doktor Mantelsack ließ einen
+Hochbegabten auf eigene Faust weiter übersetzen und hörte ebensowenig zu
+wie die anderen vierundzwanzig, die anfingen, sich für die nächste
+Stunde zu präparieren. Dies war nun gleichgültig. Man konnte niemandem
+ein Zeugnis dafür geben, noch überhaupt den dienstlichen Eifer darnach
+beurteilen ... Auch war die Stunde nun gleich zu Ende. Sie war zu Ende;
+es schellte. So hatte es kommen sollen für Hanno. Sogar ein Kopfnicken
+hatte er bekommen.
+
+»Nun«, sagte Kai, als sie inmitten der Kameraden über die gotischen
+Korridore ins Chemiezimmer gingen ... »Was sagst du jetzt, Hanno! Wenn
+sie die Stirn des Cäsar werden sehen ... Du hast ein unerhörtes Glück
+gehabt!«
+
+»Mir ist übel, Kai«, sagte der kleine Johann. »Ich will es gar nicht,
+das Glück, es macht mir übel ...«
+
+Und Kai wußte, daß er in Hannos Lage genau so empfunden haben würde.
+
+Das Chemiezimmer war ein Gewölbe mit amphitheatralisch aufsteigenden
+Bänken, einem langen Experimentiertisch und zwei Glasschränken voller
+Phiolen. Die Luft war in der Klasse zuletzt wieder sehr heiß und
+schlecht gewesen, aber hier war sie gesättigt mit Schwefelwasserstoff,
+mit dem soeben experimentiert worden war, und stank über alle Maßen. Kai
+riß das Fenster auf, stahl dann Adolf Todtenhaupts Reinschriftheft und
+begann in großer Eile das Pensum abzuschreiben, das heute vorzuweisen
+war. Hanno und mehrere andere Schüler taten dasselbe. Das nahm die
+ganze Pause in Anspruch, bis es schellte und Doktor Marotzke erschien.
+
+Dies war der tiefe Oberlehrer, wie Kai und Hanno ihn nannten. Es war ein
+mittelgroßer, brünetter Mann, mit außerordentlich gelbem Teint, zwei
+Wulsten an der Stirn, einem harten und schmierigen Bart und ebensolchem
+Haupthaar. Er sah beständig übernächtig und ungewaschen aus, was aber
+wohl auf Täuschung beruhte. Er unterrichtete in den Naturwissenschaften,
+aber sein Hauptgebiet war die Mathematik, und er galt für einen
+bedeutenden Denker in diesem Fache. Er liebte es, von den
+philosophischen Stellen der Bibel zu sprechen, und zuweilen, in guter
+und träumerischer Stimmung, ließ er sich vor Sekundanern und Primanern
+herab, seltsame Auslegungen geheimnisvoller Schriftstellen zu liefern
+... Außerdem aber war er Reserveoffizier, und zwar mit Begeisterung. Als
+Beamter, der zugleich Militär war, stand er bei Direktor Wulicke aufs
+beste angeschrieben. Er hielt von allen Lehrern am meisten auf
+Disziplin, musterte die Front der strammstehenden Schüler mit kritischem
+Blick und verlangte kurze und scharfe Antworten. Diese Mischung von
+Mystizismus und Schneidigkeit war ein wenig abstoßend ...
+
+Die Reinschriften wurden vorgezeigt, und Doktor Marotzke ging umher und
+tippte auf jedes Heft mit dem Finger, wobei gewisse Schüler, die nichts
+geschrieben hatten, ihm ganz andere Bücher oder alte Arbeiten vorlegten,
+ohne daß er dies bemerkte.
+
+Dann begann er den Unterricht; und wie soeben gelegentlich des Ovid, so
+hatten die fünfundzwanzig jungen Leute sich jetzt mit Rücksicht auf Bor,
+Chlor oder Strontium über ihren Diensteifer auszuweisen. Hans Hermann
+Kilian ward belobigt, weil er wußte, daß _BaSO4_ oder Schwerspat das
+gebräuchlichste Fälschungsmittel sei. Überhaupt war er der Beste, darum,
+weil er Offizier werden wollte. Hanno und Kai wußten gar nichts, und in
+Doktor Marotzkes Notizbuch erging es ihnen übel.
+
+Und als es mit dem Prüfen, Verhören und Zeugnisgeben zu Ende war, war
+auch das Interesse an der Chemiestunde allerseits so gut wie erschöpft.
+Doktor Marotzke fing an, ein paar Experimente zu machen, ein wenig zu
+knallen und farbige Dämpfe zu entwickeln, aber das war gleichsam nur,
+um den Rest der Stunde auszufüllen. Schließlich diktierte er das Pensum,
+das fürs nächste Mal zu lernen war. Dann klingelte es, und auch die
+dritte Stunde war vorüber.
+
+Alle waren vergnügt, bis auf Petersen, den es heute getroffen hatte,
+denn jetzt kam eine lustige Stunde, vor der sich keine Seele zu fürchten
+brauchte und die nichts als Unfug und Amüsement versprach. Es war das
+Englische bei dem Kandidaten Modersohn, einem jungen Philologen, der
+seit ein paar Wochen probeweise in der Anstalt wirkte oder, wie Kai Graf
+Mölln es ausdrückte, ein Gastspiel auf Engagement absolvierte. Aber er
+hatte wenig Aussicht, engagiert zu werden; es ging allzu fröhlich in
+seinen Stunden zu ...
+
+Einige blieben im Chemiesaale, und andere gingen ins Klassenzimmer
+hinauf; aber auf dem Hofe brauchte jetzt niemand zu frieren, denn droben
+auf dem Korridor hatte schon während der Pause Herr Modersohn die
+Aufsicht, und der wagte keinen hinunterzuschicken. Auch galt es,
+Vorbereitungen zu seinem Empfange zu treffen ...
+
+Es wurde nicht einmal ein wenig stiller in der Klasse, als es zur
+vierten Stunde schellte. Alles schwatzte und lachte, voll Freude auf den
+Tanz, der nun bevorstand. Graf Mölln, den Kopf in beide Hände gestützt,
+fuhr fort, sich mit Roderich Usher zu beschäftigen, und Hanno saß still
+und sah dem Spektakel zu. Einige ahmten Tierstimmen nach. Ein
+Hahnenschrei zerriß die Luft, und dort hinten saß Wasservogel und
+grunzte genau wie ein Schwein, ohne daß man sehen konnte, daß diese
+Laute aus seinem Innern kamen. An der Wandtafel prangte eine große
+Kreidezeichnung, eine schielende Fratze, die der Rhapsode Timm
+vollbracht hatte. Und als dann Herr Modersohn eintrat, konnte er trotz
+der heftigsten Anstrengungen die Tür nicht hinter sich schließen, weil
+ein dicker Tannenzapfen in der Spalte stak, der erst von Adolf
+Todtenhaupt entfernt werden mußte ...
+
+Der Kandidat Modersohn war ein kleiner, unansehnlicher Mann, der beim
+Gehen eine Schulter schräg voranschob, mit einem säuerlich verzogenen
+Gesicht und sehr dünnem schwarzen Bart. Er war in furchtbarer
+Verlegenheit. Immer zwinkerte er mit seinen blanken Augen, zog den Atem
+ein und öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen. Aber er fand nicht
+die Worte, die nötig waren. Nach drei Schritten, die er von der Tür aus
+zurückgelegt, trat er auf eine Knallerbse, eine Knallerbse von seltener
+Qualität, die einen Lärm verursachte, als habe er auf Dynamit getreten.
+Er fuhr heftig zusammen, lächelte dann in seiner Not, tat, als sei
+nichts geschehen und stellte sich vor die mittlere Bankreihe, indem er
+sich nach seiner Gewohnheit, schief gebückt, mit einer Handfläche auf
+die vorderste Pultplatte stützte. Aber man kannte diese seine
+Lieblingsstellung, und darum hatte man diese Stelle des Tisches mit
+Tinte beschmiert, so daß Herr Modersohn sich nun seine ganze kleine,
+ungeschickte Hand besudelte. Er tat, als bemerke er es nicht, legte die
+nasse und geschwärzte Hand auf den Rücken, blinzelte und sagte mit
+weicher und schwacher Stimme: »Die Ordnung in der Klasse läßt zu
+wünschen übrig.«
+
+Hanno Buddenbrook liebte ihn in diesem Augenblick und blickte
+unbeweglich in sein hilflos verzogenes Gesicht. Aber Wasservogels
+Grunzen ward immer lauter und natürlicher, und plötzlich prasselten eine
+Menge Erbsen gegen die Fensterscheibe, prallten ab und fielen rasselnd
+ins Zimmer zurück.
+
+»Es hagelt«, sagte jemand laut und deutlich; und Herr Modersohn schien
+dies zu glauben, denn er zog sich ohne weiteres aufs Katheder zurück und
+verlangte nach dem Klassenbuche. Dies tat er nicht, um jemanden
+einzuschreiben; sondern, obgleich er bereits fünf oder sechs
+Unterrichtsstunden in dieser Klasse erteilt hatte, kannte er doch die
+Schüler bis auf einige wenige noch nicht und war genötigt, die Namen
+aufs Geratewohl aus dem schriftlichen Verzeichnis abzulesen.
+
+»Feddermann«, sagte er, »wollen Sie, bitte, das Gedicht aufsagen.«
+
+»Fehlt!« schrie eine Menge verschiedenartiger Stimmen. Und dabei saß
+Feddermann groß und breit an seinem Platze und schnellte mit
+unglaublicher Geschicklichkeit Erbsen durch die ganze Stube.
+
+Herr Modersohn blinzelte und buchstabierte sich einen neuen Namen
+zusammen.
+
+»Wasservogel«, sagte er.
+
+»Verstorben!« rief Petersen, der vom Galgenhumor ergriffen worden war.
+Und unter Füßescharren, Gegrunz, Gekräh und Hohngelächter wiederholten
+alle, daß Wasservogel tot sei.
+
+Herr Modersohn blinzelte abermals, er blickte um sich, verzog säuerlich
+den Mund und sah dann wieder ins Klassenbuch, indem er mit seiner
+kleinen, ungeschickten Hand auf den Namen zeigte, den er nun aufrufen
+wollte.
+
+»Perlemann«, sagte er ohne viel Zuversicht.
+
+»Leider dem Wahnsinn verfallen«, sprach Kai Graf Mölln klar und fest;
+und unter wachsendem Hallo wurde auch dies bestätigt.
+
+Da stand Herr Modersohn auf und rief in den Lärm hinein: »Buddenbrook,
+Sie werden mir eine Strafarbeit anfertigen. Wiederholt sich Ihr Lachen,
+so werde ich Sie tadeln müssen.«
+
+Dann setzte er sich wieder. -- In der Tat, Buddenbrook hatte gelacht, er
+war über Kais Witz in ein leises und heftiges Lachen geraten, dem er
+nicht Einhalt gebieten konnte. Er fand ihn gut, und besonders das
+»Leider« erschütterte ihn mit Komik. Als aber Herr Modersohn ihn
+anherrschte, wurde er ruhig und blickte still und finster auf den
+Kandidaten. Er sah in diesem Augenblick alles an ihm, jedes jämmerliche
+Härchen seines Bartes, der überall die Haut durchscheinen ließ, und
+seine braunen, blanken, hoffnungslosen Augen; sah, daß er gleichsam zwei
+Paar Manschetten an seinen kleinen, ungeschickten Händen trug, weil
+seine Hemdärmel an den Gelenken ebenso lang und breit waren, wie die
+eigentlichen Manschetten, sah seine ganze armselige und verzweifelte
+Gestalt. Er sah auch in sein Inneres hinein. Hanno Buddenbrook war
+beinahe der einzige, den Herr Modersohn schon mit Namen kannte, und das
+benutzte er dazu, ihn beständig zur Ordnung zu rufen, ihm Strafarbeiten
+zu diktieren und ihn zu tyrannisieren. Er kannte den Schüler Buddenbrook
+nur deshalb, weil er sich durch stilles Verhalten von den anderen
+unterschieden hatte, und diese Sanftmut nützte er dazu aus, ihn
+unaufhörlich die Autorität fühlen zu lassen, die er den Lauten und
+Frechen gegenüber nicht geltend zu machen wagte. Selbst das Mitleid wird
+einem auf Erden durch die Gemeinheit unmöglich gemacht, dachte Hanno.
+Ich nehme nicht daran teil, Sie zu quälen und auszubeuten, Kandidat
+Modersohn, weil ich das brutal, häßlich und gewöhnlich finde, und wie
+antworten Sie mir? Aber so ist es, so ist es, so wird es immer und
+überall sich verhalten, dachte er, und Furcht und Übelkeit stiegen
+wieder in ihm auf. Und daß ich Sie obendrein so widerlich deutlich
+durchschauen muß!...
+
+Endlich fand sich einer, der weder tot noch wahnsinnig war und es
+übernehmen wollte, die englischen Verse aufzusagen. Es handelte sich um
+ein Gedicht, das »_The monkey_« hieß, ein kindisches Machwerk, das man
+diesen jungen Leuten, die sich großenteils aufs Meer, ins Geschäft, ins
+ernsthafte Lebensgetriebe sehnten, zugemutet hatte, auswendig zu lernen.
+
+ »_Monkey, little merry fellow,
+ Thou art nature's punchinello ..._«
+
+Es gab eine Menge Strophen, und der Schüler Kaßbaum las sie aus seinem
+Buche vor. Herrn Modersohn gegenüber brauchte man sich nicht den
+geringsten Zwang anzutun. Und der Lärm war immer noch ärger geworden.
+Alle Füße waren in Bewegung und scharrten den staubigen Boden. Der Hahn
+krähte, das Schwein grunzte, die Erbsen flogen. Die Zügellosigkeit
+berauschte die fünfundzwanzig. Die ungeordneten Instinkte ihrer
+sechzehn, siebzehn Jahre wurden wach. Blätter mit den obszönsten
+Bleistiftzeichnungen wurden emporgehoben, umhergeschickt und gierig
+belacht ...
+
+Auf einmal verstummte alles. Der Rezitierende unterbrach sich. Herr
+Modersohn selbst richtete sich auf und lauschte. Etwas Liebliches
+geschah. Feine und glockenreine Klänge drangen aus dem Hintergrunde des
+Zimmers und flossen süß, sinnig und zärtlich in die plötzliche Stille.
+Es war eine Spieluhr, die jemand mitgebracht hatte, und die »Du, du
+liegst mir am Herzen« spielte, mitten in der englischen Stunde. Genau
+aber in dem Augenblick, da die zierliche Melodie verklang, vollzog sich
+etwas Fürchterliches ... es brach über alle Anwesenden herein, grausam,
+unerwartet, übergewaltig und lähmend.
+
+Ohne daß nämlich geklopft worden wäre, öffnete sich mit einem Ruck die
+Tür sperrangelweit, etwas Langes und Ungeheures kam herein, stieß einen
+brummenden Lippenlaut aus und stand mit einem einzigen Seitenschritt
+mitten vor den Bänken ... Es war der liebe Gott.
+
+Herr Modersohn war aschfahl geworden und zerrte den Armstuhl vom
+Katheder herunter, indem er ihn mit seinem Schnupftuche abwischte. Die
+Schüler waren emporgeschnellt wie ein Mann. Sie preßten die Arme an die
+Flanken, stellten sich auf die Zehenspitzen, beugten die Köpfe und
+bissen sich auf die Zungen vor rasender Devotion. Es herrschte tiefe
+Lautlosigkeit. Jemand seufzte vor Anstrengung, und dann war alles wieder
+still.
+
+Direktor Wulicke musterte eine Weile die salutierenden Kolonnen, worauf
+er die Arme mit den trichterförmigen schmutzigen Manschetten erhob und
+sie mit weitgespreizten Fingern senkte, wie jemand, der voll in die
+Tasten greift. »Setzt euch«, sagte er dabei mit seinem Kontrabaßorgan.
+Er duzte jedermann.
+
+Die Schüler versanken. Herr Modersohn zog mit zitternden Händen den
+Armstuhl herbei, und der Direktor setzte sich zur Seite des Katheders.
+»Bitte, nur fortzufahren«, sagte er; und das klang genau so entsetzlich,
+als hätte er gesagt: »Wir werden ja sehen, und wehe demjenigen ...!«
+
+Es war klar, warum er erschienen war. Herr Modersohn sollte vor ihm eine
+Probe seiner Unterrichtskunst ablegen, sollte zeigen, was die
+Real-Untersekunda in sechs oder sieben Stunden bei ihm gelernt hatte; es
+galt Herrn Modersohns Existenz und Zukunft. Der Kandidat bot einen
+traurigen Anblick, als er wieder auf dem Katheder stand und jemanden zur
+Wiederholung des Gedichtes »_The monkey_« aufrief. Und wie bislang nur
+die Schüler geprüft und begutachtet worden waren, so geschah es nun
+gleichzeitig auch mit dem Lehrer ... Ach, es erging beiden Teilen
+schlecht! Das Erscheinen Direktor Wulickes war eine Überrumpelung, und
+niemand, bis auf zwei oder drei, war vorbereitet. Herr Modersohn konnte
+unmöglich die ganze Stunde lang Adolf Todtenhaupt fragen, der alles
+wußte. Da »_The monkey_« in Gegenwart des Direktors nicht mehr abgelesen
+werden konnte, so ging es jammervoll, und als die Lektüre von
+»_Ivanhoe_« an die Reihe kam, konnte eigentlich nur der junge Graf
+Mölln ein wenig übersetzen, weil bei ihm ein privates Interesse für den
+Roman vorhanden war. Die übrigen stocherten hustend und hilflos zwischen
+den Vokabeln umher. Auch Hanno Buddenbrook ward aufgerufen und kam nicht
+über eine Zeile hinweg. Direktor Wulicke stieß einen Laut aus, wie wenn
+die tiefste Saite des Kontrabasses heftig angestrichen wird. Herr
+Modersohn rang seine kleinen, ungeschickten, mit Tinte besudelten Hände
+und wiederholte jammernd: »Und sonst ging es immer so gut! Und sonst
+ging es immer so gut!«
+
+Dies wiederholte er noch, als es schellte, verzweiflungsvoll halb an die
+Schüler und halb an den Direktor gewendet. Aber der liebe Gott stand
+fürchterlich aufgerichtet, mit verschränkten Armen vor seinem Stuhle und
+blickte mit abweisendem Kopfnicken starr über die Klasse hinweg ... Und
+dann befahl er das Klassenbuch und schrieb langsam allen denjenigen,
+deren Leistungen soeben mangelhaft oder gleich Null gewesen waren, einen
+Tadel wegen Trägheit hinein, sechs oder sieben Schülern auf einmal. Herr
+Modersohn konnte nicht eingeschrieben werden, aber er war schlimmer
+daran als alle; er stand da, fahl, gebrochen und abgetan. Hanno
+Buddenbrook aber war ebenfalls unter den Getadelten. -- »Ich will euch
+eure Karriere schon verderben«, sagte Direktor Wulicke noch. Und dann
+verschwand er.
+
+Es schellte, die Stunde war aus. So hatte es kommen sollen. Ja, so war
+es immer. Wenn man sich am meisten ängstigte, so ging es einem, wie aus
+Hohn, beinahe gut; aber wenn man nichts Übles gewärtigte, so kam das
+Unglück. Hannos Avancement zu Ostern war nun endgültig unmöglich. Er
+stand auf und ging mit müden Augen aus dem Zimmer, indem er seine Zunge
+an dem kranken Backenzahne scheuerte.
+
+Kai kam zu ihm, legte den Arm um ihn und ging mit ihm, inmitten der
+erregten Kameraden, die über die außerordentlichen Ereignisse
+disputierten, auf den Hof hinunter. Er blickte ängstlich und liebevoll
+in Hannos Gesicht und sagte: »Verzeih, Hanno, daß ich eben übersetzt
+habe und nicht lieber stillschwieg und mich auch einschreiben ließ! Es
+ist so gemein ...«
+
+»Habe ich vorhin nicht auch gesagt, was `_patula Jovis arbore, glandes_´
+heißt?« antwortete Hanno. »Das ist nun schon so, Kai, laß es gut sein.
+Man muß es gut sein lassen.«
+
+»Ja, das muß man wohl. -- Also der liebe Gott will dir die Karriere
+verderben. Dann mußt du dich wohl darein ergeben, Hanno; denn wenn es
+sein unerforschlicher Wille ist ... Die Karriere, was für ein liebes
+Wort! Herrn Modersohns Karriere ist nun auch dahin. Er wird nie
+Oberlehrer werden, der Arme! Ja, es gibt Hilfslehrer und es gibt
+Oberlehrer, mußt du wissen, aber Lehrer gibt es nicht. Dies ist nun
+etwas, was man nicht so leicht verstehen kann, weil es nur für ganz
+Erwachsene ist und solche, die vom Leben gereift sind. Man könnte sagen:
+Jemand ist ein Lehrer oder er ist keiner; wie jemand ein Oberlehrer sein
+kann, das verstehe ich nicht. Man könnte damit vor den lieben Gott oder
+Herrn Marotzke hintreten und es ihnen auseinandersetzen. Was würde
+geschehen? Sie würden es als Beleidigung nehmen und dich wegen
+Unbotmäßigkeit vernichten, während du doch eine sehr viel höhere Meinung
+von ihrem Beruf an den Tag gelegt hättest, als sie selber besitzen
+können ... Na, laß sie, komm, es sind lauter Nashörner.«
+
+Sie gingen auf dem Hofe spazieren, und Hanno horchte wohlgefällig auf
+das, was Kai zum besten gab, um ihn seinen Tadel vergessen zu lassen.
+
+»Sieh, hier ist eine Tür, eine Hoftür, sie ist offen, da draußen ist die
+Straße. Wie wäre es, wenn wir hinausträten und ein bißchen auf dem
+Trottoir umhergingen? Es ist Pause, wir haben noch sechs Minuten; und
+wir könnten ja pünktlich zurückkehren. Aber die Sache ist die: es ist
+unmöglich. Verstehst du das? Hier ist die Tür, sie ist offen, es ist
+kein Gitter davor, nichts, kein Hindernis, hier ist die Schwelle. Und
+dennoch ist es unmöglich, schon der Gedanke ist unmöglich, auch nur auf
+eine Sekunde hinauszutreten ... Nun, sehen wir davon ab! Aber nehmen wir
+ein anderes Beispiel. Es wäre gänzlich verkehrt, zu sagen, daß die Uhr
+jetzt ungefähr halb zwölf ist. Nein, es kommt jetzt die Geographiestunde
+an die Reihe: so verhält es sich! Nun frage ich aber jedermann: ist dies
+ein Leben? Alles ist verzerrt ... Ach, Herr Gott, wollte die Anstalt
+uns erst aus ihrer liebenden Umarmung entlassen!«
+
+»Ja, und was dann? Nein, laß nur, Kai, dann wäre es auch noch so: Was
+soll man anfangen? Hier ist man wenigstens aufgehoben. Seit mein Vater
+tot ist, haben Herr Stephan Kistenmaker und Pastor Pringsheim es
+übernommen, mich tagtäglich zu fragen, was ich werden will. Ich weiß es
+nicht. Ich kann nichts antworten. Ich kann nichts werden. Ich fürchte
+mich vor dem Ganzen ...«
+
+»Nein, wie kann man so verzagt reden! Du mit deiner Musik ...«
+
+»Was ist mit meiner Musik, Kai? Es ist nichts damit. Soll ich
+umherreisen und spielen? Erstens würden sie es mir nicht erlauben, und
+zweitens werde ich nie genug dazu können. Ich kann beinahe nichts, ich
+kann nur ein bißchen phantasieren, wenn ich allein bin. Und dann stelle
+ich mir das Umherreisen auch schrecklich vor ... Mit dir ist es so
+anders. Du hast mehr Mut. Du gehst hier herum und lachst über das Ganze
+und hast ihnen etwas entgegenzuhalten. Du willst schreiben, willst den
+Leuten Schönes und Merkwürdiges erzählen, gut: das ist etwas. Und du
+wirst sicher berühmt werden, du bist so geschickt. Woran liegt es? Du
+bist lustiger. Manchmal in der Stunde sehen wir uns an, wie vorhin einen
+Augenblick, bei Herrn Mantelsack, als Petersen unter allen, die
+abgelesen hatten, einen Tadel bekam. Wir denken dasselbe, aber du
+schneidest eine Fratze und bist stolz ... Ich kann das nicht. Ich werde
+so müde davon. Ich möchte schlafen und nichts mehr wissen. Ich möchte
+sterben, Kai!... Nein, es ist nichts mit mir. Ich kann nichts wollen.
+Ich will nicht einmal berühmt werden. Ich habe Angst davor, genau als
+wäre ein Unrecht dabei! Es kann nichts aus mir werden, sei sicher.
+Neulich nach der Konfirmationsstunde hat Pastor Pringsheim zu jemandem
+gesagt, man müsse mich aufgeben, ich stammte aus einer verrotteten
+Familie ...«
+
+»Hat er das gesagt?« fragte Kai mit angespanntem Interesse ...
+
+»Ja, er meint meinen Onkel Christian damit, der in Hamburg in einer
+Anstalt sitzt. -- Er hat sicher recht. Man sollte mich nur aufgeben. Ich
+wäre so dankbar dafür!... Ich habe so vielerlei Sorgen, und alles fällt
+mir so schwer. Nehmen wir an, ich schneide mich in den Finger, tue mir
+irgendwo weh ... es ist eine Wunde, die bei einem anderen in acht Tagen
+geheilt wäre. Bei mir dauert es vier Wochen. Es will nicht heilen, es
+entzündet sich, es wird schlimm und macht mir unmäßige Beschwerden ...
+Neulich sagte mir Herr Brecht, um meine Zähne sähe es jämmerlich aus,
+fast alle seien schon unterminiert und verbraucht, nicht zu reden von
+denen, die ausgezogen sind. So steht es jetzt. Und womit werde ich
+beißen, wenn ich dreißig, vierzig Jahre alt bin? Ich habe gar keine
+Hoffnung ...«
+
+»So«, sagte Kai und schlug eine schnellere Gangart an; »nun erzählst du
+mir ein bißchen von deinem Klavierspiel. Ich will nämlich jetzt etwas
+Wunderbares schreiben, etwas Wunderbares ... Vielleicht fange ich
+nachher in der Zeichenstunde an. Willst du heute nachmittag spielen?«
+
+Hanno schwieg einen Augenblick. Etwas Trübes, Verwirrtes und Heißes war
+in seinen Blick gekommen.
+
+»Ja, ich werde wohl spielen«, sagte er, »obgleich ich es nicht tun
+sollte. Ich sollte meine Etüden und Sonaten üben und dann aufhören. Aber
+ich werde wohl spielen, ich kann es nicht lassen, obgleich es alles noch
+schlimmer macht.«
+
+»Schlimmer?«
+
+Hanno schwieg.
+
+»Ich weiß, wovon du spielst«, sagte Kai. Und dann schwiegen beide.
+
+Sie waren in einem seltsamen Alter. Kai war sehr rot geworden und
+blickte zu Boden, ohne den Kopf zu senken. Hanno sah blaß aus. Er war
+furchtbar ernst und hielt seine verschleierten Augen seitwärts
+gerichtet.
+
+Dann schellte Herr Schlemiel und sie gingen hinauf.
+
+Es kam die Geographiestunde und mit ihr das Extemporale, ein sehr
+wichtiges Extemporale über das Gebiet von Hessen-Nassau. Ein Mann mit
+rotem Bart und braunem Schoßrock trat ein. Sein Gesicht war bleich, und
+auf seinen Händen, deren Poren weit offen standen, wuchs nicht ein
+einziges Härchen. Dies war der geistreiche Oberlehrer, Herr Doktor
+Mühsam. Er litt zuweilen an Lungenblutungen und sprach beständig in
+ironischem Tone, weil er sich für ebenso witzig wie leidend hielt. Zu
+Hause besaß er eine Art Heine-Archiv, eine Sammlung von Papieren und
+Gegenständen, die sich auf den frechen und kranken Poeten bezogen. Jetzt
+fixierte er die Grenzen von Hessen-Nassau auf der Wandtafel und bat dann
+mit einem zugleich melancholischen und höhnischen Lächeln, die Herren
+möchten in ihre Hefte zeichnen, was das Land an Merkwürdigem biete. Er
+schien sowohl die Schüler wie das Land Hessen-Nassau verspotten zu
+wollen; und doch war es ein sehr wichtiges Extemporale, vor dem alle
+sich fürchteten.
+
+Hanno Buddenbrook wußte nichts von Hessen-Nassau, nicht viel, so gut wie
+nichts. Er wollte ein wenig auf Adolf Todtenhaupts Heft hinübersehen,
+aber Heinrich Heine, der trotz seiner überlegenen und leidenden Ironie
+mit gespanntester Aufmerksamkeit jede Bewegung überwachte, bemerkte es
+sofort und sagte: »Herr Buddenbrook, ich bin versucht, Sie Ihr Buch
+schließen zu lassen, aber ich fürchte allzusehr, Ihnen eine Wohltat
+damit zu erweisen. Fahren Sie fort.«
+
+Diese Bemerkung enthielt zwei Witze. Erstens denjenigen, daß Doktor
+Mühsam Hanno mit »Herr« anredete, und zweitens den mit der »Wohltat«.
+Hanno Buddenbrook aber fuhr fort, über seinem Heft zu brüten und
+lieferte schließlich ein beinahe leeres Blatt ab, worauf er wieder mit
+Kai hinausging.
+
+Für heute war nun alles überstanden. Wohl dem, der glücklich
+davongekommen war und dessen Bewußtsein von keinem Tadel beschwert
+wurde. Er konnte nun frei und wohlgemut bei Herrn Drägemüller im hellen
+Saale sitzen und zeichnen ...
+
+Der Zeichensaal war weit und licht. Gipsabgüsse nach der Antike standen
+auf den Wandborden, und in einem großen Schranke gab es allerhand
+Holzklötze und Puppenmöbel, die ebenfalls als Modelle dienten. Herr
+Drägemüller war ein untersetzter Mann mit rundgeschnittenem Vollbart und
+einer braunen, glatten, billigen Perücke, die im Nacken verräterisch
+abstand. Er besaß zwei Perücken, eine mit längerem und eine mit kürzerem
+Haar; hatte er sich den Bart scheren lassen, so setzte er die kürzere
+auf ... Auch sonst war er ein Mann von einigen drolligen
+Eigentümlichkeiten. Statt »der Bleistift« sagte er »die Blei«. Außerdem
+verbreitete er einen ölig-spirituösen Geruch wo er ging und stand, und
+einige sagten, er tränke Petroleum. Seine schönsten Stunden kamen, wenn
+er vertretungsweise einmal in einem anderen Fache als im Zeichnen
+unterrichten durfte. Dann hielt er Vorträge über Bismarcks Politik, die
+er mit eindringlichen, spiralförmigen Bogenbewegungen von der Nase zur
+Schulter begleitete, und sprach mit Haß und Furcht von der
+Sozialdemokratie ... »Wir müssen zusammenhalten!« pflegte er zu
+schlechten Schülern zu sagen, indem er sie am Arme packte. »Die
+Sozialdemokratie steht vor der Tür!« Er hatte etwas krampfhaft
+Geschäftiges an sich. Er setzte sich neben einen, verbreitete einen
+heftigen Spiritusgeruch, schlug einem mit seinem Siegelring vor die
+Stirn, stieß einzelne Wörter hervor, wie »Perspektive!«
+»Schlagschatten!« »Die Blei!« »Sozialdemokratie!« »Zusammenhalten!« und
+enteilte ...
+
+Kai schrieb an seiner neuen literarischen Arbeit in dieser Stunde, und
+Hanno beschäftigte sich damit, daß er in Gedanken eine Orchester-Ouvertüre
+aufführte. Dann war es aus, man holte seine Sachen herunter, der Weg
+durch die Hoftore war freigegeben, man ging nach Hause.
+
+Hanno und Kai hatten denselben Weg, und bis zu der kleinen, roten Villa
+draußen in der Vorstadt gingen sie zusammen, ihre Bücher unterm Arm.
+Dann hatte der junge Graf Mölln noch eine weite Strecke bis zu dem
+väterlichen Wohnsitz allein zu wandern. Er trug nicht einmal einen
+Paletot.
+
+Der Nebel, der am Morgen geherrscht hatte, war zu Schnee geworden, der
+in großen weichen Flocken herniedersank und sich in Kot verwandelte. An
+der Buddenbrookschen Gartenpforte trennten sie sich; aber als Hanno
+schon den Vorgarten zur Hälfte durchschritten hatte, kam Kai noch einmal
+zurück und legte den Arm um seinen Hals. »Sei nicht verzweifelt ... Und
+spiele lieber nicht!« sagte er leise; dann verschwand seine schlanke,
+verwahrloste Gestalt im Schneegestöber.
+
+Hanno ließ seine Bücher auf dem Korridor in der Schale zurück, die der
+Bär vor sich hinstreckte, und ging ins Wohnzimmer, um seine Mutter zu
+begrüßen. Sie saß auf der Chaiselongue und las in einem gelb gehefteten
+Buche. Während er über den Teppich schritt, blickte sie ihm mit ihren
+braunen, nahe beieinanderliegenden Augen entgegen, in deren Winkeln
+bläuliche Schatten lagerten. Als er vor ihr stand, nahm sie seinen Kopf
+zwischen die Hände und küßte ihn auf die Stirn.
+
+Er ging in sein Zimmer hinauf, wo Fräulein Clementine ein wenig
+Frühstück für ihn bereitgestellt hatte, wusch sich und aß. Als er fertig
+war, nahm er aus dem Pulte ein Päckchen jener kleinen, scharfen
+russischen Zigaretten, die ihm ebenfalls nicht mehr unbekannt waren, und
+begann zu rauchen. Dann setzte er sich ans Harmonium und spielte etwas
+sehr Schwieriges, Strenges, Fugiertes, von Bach. Und schließlich faltete
+er die Hände hinter dem Kopf und blickte zum Fenster hinaus in den
+lautlos niedertaumelnden Schnee. Es gab da sonst nichts zu sehen. Es lag
+kein zierlicher Garten mit plätscherndem Springbrunnen mehr unter seinem
+Fenster. Die Aussicht wurde durch die graue Seitenwand der benachbarten
+Villa abgeschnitten.
+
+Um vier Uhr wurde zu Mittag gegessen. Gerda Buddenbrook, der kleine
+Johann und Fräulein Clementine waren allein. Später traf Hanno im Salon
+die Vorbereitungen zum Musizieren und erwartete am Flügel seine Mutter.
+Sie spielten die Sonate Opus 24 von Beethoven. Bei dem Adagio sang die
+Geige wie ein Engel; aber Gerda nahm dennoch unbefriedigt das Instrument
+vom Kinn, betrachtete es mißmutig und sagte, daß es nicht in Stimmung
+sei. Sie spielte nicht weiter und ging hinauf, um zu ruhen.
+
+Hanno blieb im Salon zurück. Er trat an die Glastür, die auf die schmale
+Veranda führte, und blickte ein paar Minuten lang in den aufgeweichten
+Vorgarten hinaus. Plötzlich aber trat er einen Schritt rückwärts, zog
+heftig den cremefarbenen Vorhang vor die Tür, so daß das Zimmer in einem
+gelblichen Halbdunkel lag, und ging in Bewegung zum Flügel. Dort stand
+er abermals eine Weile, und sein Blick, starr und unbestimmt auf einen
+Punkt gerichtet, verdunkelte sich langsam, verschleierte sich,
+verschwamm ... Er setzte sich und begann eine seiner Phantasien.
+
+Es war ein ganz einfaches Motiv, das er sich vorführte, ein Nichts, das
+Bruchstück einer nicht vorhandenen Melodie, eine Figur von anderthalb
+Takten, und als er sie zum erstenmal mit einer Kraft, die man ihm nicht
+zugetraut hätte, in tiefer Lage als einzelne Stimme ertönen ließ, wie
+als sollte sie von Posaunen einstimmig und befehlshaberisch als Urstoff
+und Ausgang alles Kommenden verkündigt werden, war gar nicht abzusehen,
+was eigentlich gemeint sei. Als er sie aber im Diskant, in einer
+Klangfarbe von mattem Silber, harmonisiert wiederholte, erwies sich, daß
+sie im wesentlichen aus einer einzigen Auflösung bestand, einem
+sehnsüchtigen und schmerzlichen Hinsinken von einer Tonart in die andere
+... eine kurzatmige, armselige Erfindung, der aber durch die preziöse
+und feierliche Entschiedenheit, mit der sie hingestellt und vorgebracht
+wurde, ein seltsamer, geheimnis- und bedeutungsvoller Wert verschafft
+ward. Und nun begannen bewegte Gänge, ein rastloses Kommen und Gehen von
+Synkopen, suchend, irrend und von Aufschreien zerrissen, wie als sei
+eine Seele voll Unruhe über das, was sie vernommen, und was doch nicht
+verstummen wollte, sondern in immer anderen Harmonien, fragend, klagend,
+ersterbend, verlangend, verheißungsvoll sich wiederholte. Und immer
+heftiger wurden die Synkopen, ratlos umhergedrängt von hastigen Triolen;
+die Schreie der Furcht jedoch, die hineinklangen, nahmen Gestalt an, sie
+schlossen sich zusammen, sie wurden zur Melodie, und der Augenblick kam,
+da sie wie ein inbrünstig und flehentlich hervortretender Gesang des
+Bläserchores stark und demütig zur Herrschaft gelangten. Das haltlos
+Drängende, das Wogende, Irrende und Entgleitende war verstummt und
+besiegt, und in unbeirrbar einfachem Rhythmus erscholl dieser
+zerknirschte und kindlich betende Choral ... Mit einer Art von
+Kirchenschluß endete er. Eine Fermate kam, und eine Stille. Und siehe,
+plötzlich war, ganz leise, in einer Klangfarbe von mattem Silber, das
+erste Motiv wieder da, diese armselige Erfindung, diese dumme oder
+geheimnisvolle Figur, dieses süße, schmerzliche Hinsinken von einer
+Tonart in die andere. Da entstand ein ungeheurer Aufruhr und wild
+erregte Geschäftigkeit, beherrscht von fanfarenartigen Akzenten,
+Ausdrücken einer wilden Entschlossenheit. Was geschah? Was war in
+Vorbereitung? Es scholl wie Hörner, die zum Aufbruch riefen. Und dann
+trat etwas ein wie eine Sammlung und Konzentration, festere Rhythmen
+fügten sich zusammen, und eine neue Figur setzte ein, eine kecke
+Improvisation, eine Art Jagdlied, unternehmend und stürmisch. Aber es
+war nicht fröhlich, es war im Innersten voll verzweifelten Übermuts, die
+Signale, die darein tönten, waren gleich Angstrufen, und immer wieder
+war zwischen allem, in verzerrten und bizarren Harmonien, quälend,
+irrselig und süß, das Motiv, jenes erste, rätselhafte Motiv zu vernehmen
+... Und nun begann ein unaufhaltsamer Wechsel von Begebenheiten, deren
+Sinn und Wesen nicht zu erraten war, eine Flucht von Abenteuern des
+Klanges, des Rhythmus und der Harmonie, über die Hanno nicht Herr war,
+sondern die sich unter seinen arbeitenden Fingern gestalteten, und die
+er erlebte, ohne sie vorher zu kennen ... Er saß, ein wenig über die
+Tasten gebeugt, mit getrennten Lippen und fernem, tiefem Blick, und sein
+braunes Haar bedeckte in weichen Locken seine Schläfen. Was geschah? Was
+wurde erlebt? Wurden hier furchtbare Hindernisse bewältigt, Drachen
+getötet, Felsen erklommen, Ströme durchschwommen, Flammen
+durchschritten? Und wie ein gellendes Lachen oder wie eine unbegreiflich
+selige Verheißung schlang sich das erste Motiv hindurch, dies nichtige
+Gebilde, dies Hinsinken von einer Tonart in die andere ... ja, es war,
+als reize es auf zu immer neuen, gewaltsamen Anstrengungen, rasende
+Anläufe in Oktaven folgten ihm, die in Schreie ausklangen, und dann
+begann ein Aufschwellen, eine langsame, unaufhaltsame Steigerung, ein
+chromatisches Aufwärtsringen von wilder, unwiderstehlicher Sehnsucht,
+jäh unterbrochen durch plötzliche, erschreckende und aufstachelnde
+Pianissimi, die wie ein Weggleiten des Bodens unter den Füßen und wie
+ein Versinken in Begierde waren ... Einmal war es, als ob fern und leise
+mahnend die ersten Akkorde des flehenden, zerknirschten Gebetes
+vernehmbar werden wollten; alsbald aber stürzte die Flut der
+empordrängenden Kakophonien darüber her, die sich zusammenballten, sich
+vorwärts wälzten, zurückwichen, aufwärts klommen, versanken und wieder
+einem unaussprechlichen Ziele entgegenrangen, das kommen mußte, nun
+kommen mußte, in diesem Augenblick, an diesem furchtbaren Höhepunkt, da
+die lechzende Drangsal zur Unerträglichkeit geworden war ... Und es kam,
+es war nicht mehr hintanzuhalten, die Krämpfe der Sehnsucht hätten nicht
+mehr verlängert werden können, es kam, gleichwie wenn ein Vorhang
+zerrisse, Tore aufsprängen, Dornenhecken sich erschlossen, Flammenmauern
+in sich zusammensänken ... Die Lösung, die Auflösung, die Erfüllung, die
+vollkommene Befriedigung brach herein, und mit entzücktem Aufjauchzen
+entwirrte sich alles zu einem Wohlklang, der in süßem und sehnsüchtigem
+Ritardando sogleich in einen anderen hinübersank ... es war das Motiv,
+das erste Motiv, was erklang! Und was nun begann, war ein Fest, ein
+Triumph, eine zügellose Orgie ebendieser Figur, die in allen
+Klangschattierungen prahlte, sich durch alle Oktaven ergoß, aufweinte,
+im Tremolando verzitterte, sang, jubelte, schluchzte, angetan mit allem
+brausenden, klingelnden, perlenden, schäumenden Prunk der orchestralen
+Ausstattung sieghaft daherkam ... Es lag etwas Brutales und
+Stumpfsinniges und zugleich etwas asketisch Religiöses, etwas wie Glaube
+und Selbstaufgabe in dem fanatischen Kultus dieses Nichts, dieses Stücks
+Melodie, dieser kurzen, kindischen, harmonischen Erfindung von
+anderthalb Takten ... etwas Lasterhaftes in der Maßlosigkeit und
+Unersättlichkeit, mit der sie genossen und ausgebeutet wurde, und etwas
+zynisch Verzweifeltes, etwas wie Wille zu Wonne und Untergang in der
+Gier, mit der die letzte Süßigkeit aus ihr gesogen wurde, bis zur
+Erschöpfung, bis zum Ekel und Überdruß, bis endlich, endlich in
+Ermattung nach allen Ausschweifungen ein langes, leises Arpeggio in Moll
+hinrieselte, um einen Ton emporstieg, sich in Dur auflöste und mit einem
+wehmütigen Zögern erstarb.
+
+Hanno saß noch einen Augenblick still, das Kinn auf der Brust, die Hände
+im Schoß. Dann stand er auf und schloß den Flügel. Er war sehr blaß, in
+seinen Knien war gar keine Kraft, und seine Augen brannten. Er ging ins
+Nebenzimmer, streckte sich auf der Chaiselongue aus und blieb so lange
+Zeit, ohne ein Glied zu rühren.
+
+Später wurde zu Abend gegessen, worauf er mit seiner Mutter eine Partie
+Schach spielte, bei der niemand gewann. Aber nach Mitternacht noch saß
+er in seinem Zimmer bei einer Kerze vor dem Harmonium und spielte, weil
+nichts mehr erklingen durfte, in Gedanken, obgleich er gewillt war,
+morgen um halb sechs Uhr aufzustehen, um die wichtigsten Schularbeiten
+anzufertigen.
+
+Dies war ein Tag aus dem Leben des kleinen Johann.
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt.
+
+Der Mensch fühlt eine seelische Mißstimmung in sich entstehen, die sich
+rasch vertieft und zu einer hinfälligen Verzweiflung wird. Zu gleicher
+Zeit bemächtigt sich seiner eine physische Mattigkeit, die sich nicht
+allein auf Muskeln und Sehnen, sondern auch auf die Funktionen aller
+inneren Organe erstreckt, und nicht zuletzt auf die des Magens, der die
+Aufnahme von Speise mit Widerwillen verweigert. Es besteht ein starkes
+Schlafbedürfnis, allein trotz äußerster Müdigkeit ist der Schlaf
+unruhig, oberflächlich, beängstigt und unerquicklich. Das Gehirn
+schmerzt; es ist dumpf, befangen, wie von Nebeln umhüllt, und von
+Schwindel durchzogen. Ein unbestimmter Schmerz sitzt in allen Gliedern.
+Hie und da fließt ohne jedwede besondere Veranlassung Blut aus der Nase.
+-- Dies ist die Introduktion.
+
+Dann gibt ein heftiger Frostanfall, der den ganzen Körper durchrüttelt
+und die Zähne gegeneinander wirbelt, das Zeichen zum Einsatze des
+Fiebers, das sofort die höchsten Grade erreicht. Auf der Haut der Brust
+und des Bauches werden nun einzelne linsengroße, rote Flecken sichtbar,
+die durch den Druck eines Fingers entfernt werden können, aber sofort
+zurückkehren. Der Puls rast; er hat bis zu hundert Schläge in einer
+Minute. So vergeht, bei einer Körpertemperatur von vierzig Grad, die
+erste Woche.
+
+In der zweiten Woche ist der Mensch von Kopf- und Gliederschmerzen
+befreit; dafür aber ist der Schwindel bedeutend heftiger geworden, und
+in den Ohren ist ein solches Sausen und Brausen, daß es geradezu
+Schwerhörigkeit hervorruft. Der Ausdruck des Gesichtes wird dumm. Der
+Mund fängt an, offen zu stehen, die Augen sind verschleiert und ohne
+Teilnahme. Das Bewußtsein ist verdunkelt; Schlafsucht beherrscht den
+Kranken, und oft versinkt er, ohne wirklich zu schlafen, in eine
+bleierne Betäubung. Dazwischen erfüllen seine Irreden, seine lauten,
+erregten Phantasien das Zimmer. Seine schlaffe Hilflosigkeit hat sich
+bis zum Unreinlichen und Widerwärtigen gesteigert. Auch sind sein
+Zahnfleisch, seine Zähne und seine Zunge mit einer schwärzlichen Masse
+bedeckt, die den Atem verpestet. Mit aufgetriebenem Unterleibe liegt er
+regungslos auf dem Rücken. Er ist im Bette hinabgesunken und seine Knie
+sind gespreizt. Alles an ihm arbeitet hastig, jagend und oberflächlich,
+seine Atmung sowohl wie der Puls, der an hundertundzwanzig flüchtig
+zuckende Schläge in einer Minute vollführt. Die Augenlider sind halb
+geschlossen, und die Wangen glühen nicht mehr wie zu Anfang rot vor
+Fieberhitze, sondern haben eine bläuliche Färbung angenommen. Die
+linsengroßen, roten Flecke auf der Brust und dem Bauche haben sich
+vermehrt. Die Temperatur des Körpers erreicht einundvierzig Grad ...
+
+In der dritten Woche ist die Schwäche auf ihrem Gipfel. Die lauten
+Delirien sind verstummt, und niemand kann sagen, ob der Geist des
+Kranken in leere Nacht versunken ist, oder ob er, fremd und abgewandt
+dem Zustande des Leibes, in fernen, tiefen, stillen Träumen weilt, von
+denen kein Laut und kein Zeichen Kunde gibt. Der Körper liegt in
+grenzenloser Unempfindlichkeit. -- Dies ist der Zeitpunkt der
+Entscheidung ...
+
+Bei gewissen Individuen wird die Diagnose durch besondere Umstände
+erschwert. Gesetzt zum Beispiel, daß die Anfangssymptome der Krankheit,
+Verstimmung, Mattigkeit, Appetitlosigkeit, unruhiger Schlaf,
+Kopfschmerzen, schon meistens vorhanden waren, als der Patient noch, die
+Hoffnung der Seinen, in völliger Gesundheit umherging? Daß sie sich,
+auch bei plötzlich verstärktem Auftreten, kaum als etwas
+Außergewöhnliches bemerkbar machen? -- Ein tüchtiger Arzt von soliden
+Kenntnissen, wie, um einen Namen zu nennen, Doktor Langhals, der hübsche
+Doktor Langhals, mit den kleinen, schwarzbehaarten Händen, wird
+gleichwohl bald in der Lage sein, die Sache bei ihrem richtigen Namen zu
+nennen, und das Erscheinen der fatalen roten Flecke auf der Brust und
+dem Bauche gibt ja völlige Gewißheit. Er wird über die Maßregeln, die zu
+treffen, die Mittel, die anzuwenden, nicht in Zweifel sein. Er wird für
+ein möglichst großes, oft gelüftetes Krankenzimmer sorgen, dessen
+Temperatur siebenzehn Grad nicht übersteigen darf. Er wird auf äußerste
+Sauberkeit dringen und auch durch immer erneutes Ordnen des Bettes den
+Körper, solange dies irgend möglich, -- in gewissen Fällen ist es nicht
+lange möglich -- vor dem »Wundliegen« zu schützen suchen. Er wird eine
+beständige Reinigung der Mundhöhle mit nassen Leinwandläppchen
+veranlassen, wird, was die Arzneien betrifft, sich einer Mischung von
+Jod und Jodkalium bedienen, Chinin und Antipyrin verschreiben und, vor
+allem, da der Magen und die Gedärme schwer in Mitleidenschaft gezogen
+sind, eine äußerst leichte und äußerst kräftigende Diät verordnen. Er
+wird das zehrende Fieber durch Bäder bekämpfen, durch Vollbäder, in die
+der Kranke oft, jede dritte Stunde, ohne Unterlaß, bei Tag und Nacht
+hineinzutragen ist, und die vom Fußende der Wanne aus langsam zu
+erkälten sind. Und nach einem jeden Bade wird er rasch etwas Stärkendes
+und Anregendes, Kognak, auch Champagner verabreichen ...
+
+Alle diese Mittel aber gebraucht er durchaus aufs Geratewohl, für den
+Fall gleichsam nur, daß sie überhaupt von irgendeiner Wirkung sein
+können, unwissend darüber, ob ihre Anwendung nicht jedes Wertes, Sinnes
+und Zweckes entbehrt. Denn =eines= weiß er nicht, was =eine= Frage
+betrifft, so tappt er im Dunkel, über ein Entweder-Oder schwebt er bis
+zur dritten Woche, bis zur Krisis und Entscheidung in völliger
+Unentschiedenheit. Er weiß nicht, ob die Krankheit, die er »Typhus«
+nennt, in diesem Falle ein im Grunde belangloses Unglück bedeutet, die
+unangenehme Folge einer Infektion, die sich vielleicht hätte vermeiden
+lassen, und der mit den Mitteln der Wissenschaft entgegenzuwirken ist --
+oder ob sie ganz einfach eine Form der Auflösung ist, das Gewand des
+Todes selbst, der ebensogut in einer anderen Maske erscheinen könnte,
+und gegen den kein Kraut gewachsen ist.
+
+Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt: In die fernen
+Fieberträume, in die glühende Verlorenheit des Kranken wird das Leben
+hineingerufen mit unverkennbarer, ermunternder Stimme. Hart und frisch
+wird diese Stimme den Geist auf dem fremden, heißen Wege erreichen, auf
+dem er vorwärts wandelt, und der in den Schatten, die Kühle, den Frieden
+führt. Aufhorchend wird der Mensch diese helle, muntere, ein wenig
+höhnische Mahnung zur Umkehr und Rückkehr vernehmen, die aus jener
+Gegend zu ihm dringt, die er so weit zurückgelassen und schon vergessen
+hatte. Wallt es dann auf in ihm, wie ein Gefühl der feigen
+Pflichtversäumnis, der Scham, der erneuten Energie, des Mutes und der
+Freude, der Liebe und Zugehörigkeit zu dem spöttischen, bunten und
+brutalen Getriebe, das er im Rücken gelassen: wie weit er auch auf dem
+fremden, heißen Pfade fortgeirrt sein mag, er wird umkehren und leben.
+Aber zuckt er zusammen vor Furcht und Abneigung bei der Stimme des
+Lebens, die er vernimmt, bewirkt diese Erinnerung, dieser lustige,
+herausfordernde Laut, daß er den Kopf schüttelt und in Abwehr die Hand
+hinter sich streckt und sich vorwärts flüchtet auf dem Wege, der sich
+ihm zum Entrinnen eröffnet hat ... nein, es ist klar, dann wird er
+sterben. --
+
+
+Viertes Kapitel
+
+»Es ist nicht recht, es ist nicht recht, Gerda!« sagte das alte Fräulein
+Weichbrodt wohl zum hundertsten Male bekümmert und vorwurfsvoll. Sie
+nahm heute abend im Wohnzimmer ihrer ehemaligen Schülerin einen
+Sofaplatz in dem Kreise ein, der von Gerda Buddenbrook, Frau Permaneder,
+ihrer Tochter Erika, der armen Klothilde und den drei Damen Buddenbrook
+aus der Breiten Straße um den runden Mitteltisch gebildet ward. Die
+grünen Bänder ihrer Haube fielen auf ihre Kinderschultern hinab, von
+denen sie die eine ganz hoch emporziehen mußte, um den Oberarm auf der
+Tischplatte gestikulieren lassen zu können; so winzig war sie mit ihren
+fünfundsiebenzig Jahren geworden.
+
+»Es ist nicht recht, laß dir sagen, daß es nicht wohlgetan ist, Gerda!«
+wiederholte sie mit eifernder und zitternder Stimme. »Ich stehe mit
+einem Fuße im Grabe, mir bleibt nur eine kurze Frist, und du willst mich
+... Du willst uns verlassen, willst dich auf immer von uns trennen ...
+fortziehen ... Wenn es eine Reise, einen Besuch in Amsterdam gälte ...
+allein auf immer!« Und sie schüttelte ihren alten Vogelkopf mit den
+braunen, gescheuten, betrübten Augen. »Es ist wahr, daß du vieles
+verloren hast ...«
+
+»Nein, sie hat alles verloren«, sagte Frau Permaneder. »Wir dürfen nicht
+egoistisch sein, Therese. Gerda will gehen und sie geht, da ist nichts
+zu tun. Sie ist mit Thomas gekommen, vor einundzwanzig Jahren, und wir
+haben sie alle geliebt, obgleich wir ihr wohl immer widerwärtig waren
+... ja, das waren wir, Gerda, keine Widerrede! Aber Thomas ist nicht
+mehr, und ... niemand ist mehr. Was sind wir ihr? Nichts. Uns tut es
+weh, aber reise mit Gott, Gerda, und Dank, daß du nicht schon früher
+reistest, damals, als Thomas starb ...«
+
+Es war nach dem Abendbrot, im Herbst; der kleine Johann (Justus, Johann,
+Kaspar) lag ungefähr seit sechs Monaten, mit den Segnungen Pastor
+Pringsheims wohl versehen, dort draußen am Rande des Gehölzes unter dem
+Sandsteinkreuz und dem Familienwappen. Vorm Hause rauschte der Regen in
+den halbentblätterten Bäumen der Allee. Manchmal kamen Windstöße und
+trieben ihn gegen die Fensterscheiben. Alle acht Damen waren schwarz
+gekleidet.
+
+Es war eine kleine Familienzusammenkunft, um Abschied zu nehmen,
+Abschied von Gerda Buddenbrook, die im Begriff stand, die Stadt zu
+verlassen und nach Amsterdam zurückzukehren, um wie ehemals mit ihrem
+alten Vater Duos zu spielen. Keine Verpflichtung hielt sie mehr zurück.
+Frau Permaneder hatte diesem Entschlusse nichts mehr entgegenzuhalten.
+Sie ergab sich darein, aber in ihrem Inneren war sie tief unglücklich
+darüber. Wäre die Witwe des Senators in der Stadt verblieben, hätte sie
+sich Platz und Rang in der Gesellschaft gewahrt und ihr Vermögen am
+Platze gelassen, so wäre dem Namen der Familie doch ein wenig Prestige
+erhalten geblieben ... Mochte dem nun wie immer sein, Frau Antonie war
+gewillt, den Kopf hoch zu tragen, solange sie über der Erde weilte und
+Menschen auf sie blickten. Ihr Großvater war vierspännig über Land
+gefahren ...
+
+Trotz des bewegten Lebens, das hinter ihr lag, und trotz der Schwäche
+ihres Magens sah man ihr ihre fünfzig Jahre nicht an. Ihr Teint war ein
+wenig flaumig und matt geworden, und auf ihrer Oberlippe -- der hübschen
+Oberlippe Tony Buddenbrooks -- wuchsen die Härchen reichlicher; aber in
+dem glatten Scheitel unter dem Trauerhäubchen war nicht ein einziger
+weißer Faden zu sehen.
+
+Ihre Kusine, die arme Klothilde, nahm Gerdas Abreise, wie man alle Dinge
+im Diesseits zu nehmen hat, gleichmütig und sanft. Sie hatte vorhin beim
+Abendessen still und gewaltig zugelangt und saß nun da, aschgrau und
+mager wie stets, mit gedehnten und freundlichen Worten.
+
+Erika Weinschenk, nun einunddreißigjährig, war ebenfalls nicht die Frau,
+sich über den Abschied von ihrer Tante zu erregen. Sie hatte Schwereres
+erlebt und sich frühzeitig ein resigniertes Wesen zu eigen gemacht. In
+ihren müde blickenden, wasserblauen Augen -- den Augen Herrn Grünlichs
+-- las man Ergebenheit in ein fehlgeschlagenes Leben, und aus ihrer
+gelassenen und manchmal ein wenig klagenden Stimme klang dasselbe.
+
+Was die drei Damen Buddenbrook, die Töchter Onkel Gottholds, betraf, so
+waren ihre Mienen pikiert und voll Kritik, wie gewöhnlich. Friederike
+und Henriette, die älteren, waren mit den Jahren immer hagerer und
+spitziger geworden, während Pfiffi, die dreiundfünfzigjährige jüngste,
+allzu klein und beleibt erschien ...
+
+Auch die alte Konsulin Kröger, die Witwe Onkel Justus', war geladen
+worden; aber sie war unpäßlich und hatte vielleicht auch kein
+präsentables Kleid anzuziehen; das war nicht zu entscheiden.
+
+Es war von Gerdas Reise die Rede, von dem Zuge, mit dem sie zu fahren
+gedachte, und dem Verkaufe der Villa samt den Möbeln, den der Makler
+Gosch übernommen hatte. Denn Gerda nahm nichts mit und ging fort wie sie
+gekommen war.
+
+Dann kam Frau Permaneder auf das Leben zu sprechen, nahm es von seiner
+wichtigsten Seite und stellte Betrachtungen an über Vergangenheit und
+Zukunft, obgleich über die Zukunft fast gar nichts zu sagen war.
+
+»Ja, wenn ich tot bin, kann Erika meinetwegen auch davonziehen«, sagte
+sie, »aber ich halte es sonst nirgends aus, und solange ich am Leben
+bin, wollen wir hier zusammenhalten, wir paar Leute, die wir
+übrigbleiben ... Einmal in der Woche kommt ihr zu mir zum Essen ... Und
+dann lesen wir in den Familienpapieren --« Sie berührte die Mappe, die
+vor ihr lag. »Ja, Gerda, ich übernehme sie mit Dank. -- Das ist
+abgemacht ... Hörst du Thilda?... Obgleich nun eigentlich ebensogut du
+es sein könntest, die uns einlüde, denn im Grunde stehst du dich ja gar
+nicht mehr schlechter als wir. Ja, so geht es. Man müht sich und nimmt
+Anläufe und kämpft ... und du hast dagesessen und geduldig alles
+abgewartet. Aber darum bist du doch ein Kamel, Thilda, das nimm mir
+nicht übel ...«
+
+»Oh, Tony?« sagte Klothilde lächelnd.
+
+»Es tut mir leid, daß ich mich von Christian nicht verabschieden kann«,
+sagte Gerda, und so kam die Rede auf Christian. Es war wenig Aussicht
+vorhanden, daß er je aus der Anstalt, in der er saß, wieder hervorgehen
+würde, obgleich es wohl nicht so schlimm mit ihm stand, daß er nicht
+hätte in Freiheit umhergehen können. Aber seiner Gattin war der
+gegenwärtige Zustand allzu angenehm, sie war, wie Frau Permaneder
+behauptete, mit dem Arzte im Bunde, und voraussichtlich würde Christian
+seine Tage in der Anstalt beschließen.
+
+Dann entstand eine Pause. Leise und zögernd wandte das Gespräch sich den
+jüngst vergangenen Ereignissen zu, und als der Name des kleinen Johann
+gefallen war, ward es wieder stumm in der Stube, und nur den Regen vorm
+Hause hörte man stärker rauschen.
+
+Es lag wie ein schweres Geheimnis über Hannos letzter Krankheit, die in
+außerordentlich schrecklicher Weise vor sich gegangen sein mußte. Man
+blickte sich nicht an, während man, gedämpften Tones, in Andeutungen und
+halben Worten davon sprach. Und dann rief man sich jene letzte Episode
+ins Gedächtnis zurück ... den Besuch dieses kleinen, abgerissenen
+Grafen, der sich beinahe mit Gewalt den Weg zum Krankenzimmer gebahnt
+hatte ... Hanno hatte gelächelt, als er seine Stimme vernahm, obgleich
+er sonst niemanden mehr erkannte, und Kai hatte ihm unaufhörlich beide
+Hände geküßt.
+
+»Er hat ihm die Hände geküßt?« fragten die Damen Buddenbrook.
+
+»Ja, viele Male.«
+
+Hierüber dachten alle eine Weile nach.
+
+Plötzlich brach Frau Permaneder in Tränen aus.
+
+»Ich habe ihn so geliebt«, schluchzte sie ... »Ihr wißt nicht, wie sehr
+ich ihn geliebt habe ... mehr als ihr alle ... ja, verzeih Gerda, du
+bist die Mutter ... Ach, er war ein Engel ...«
+
+»Nun ist er ein Engel«, verbesserte Sesemi.
+
+»Hanno, kleiner Hanno«, fuhr Frau Permaneder fort, und die Tränen
+flossen über die flaumige, matte Haut ihrer Wangen ... »Tom, Vater,
+Großvater und die anderen alle! Wo sind sie hin? Man sieht sie nicht
+mehr. Ach, es ist so hart und traurig!«
+
+»Es gibt ein Wiedersehen«, sagte Friederike Buddenbrook, wobei sie die
+Hände fest im Schoße zusammenlegte, die Augen niederschlug und mit ihrer
+Nase in die Luft stach.
+
+»Ja, so sagt man ... Ach, es gibt Stunden, Friederike, wo es kein Trost
+ist, Gott strafe mich, wo man irre wird an der Gerechtigkeit, an der
+Güte ... an allem. Das Leben, wißt ihr, zerbricht so manches in uns, es
+läßt so manchen Glauben zuschanden werden ... Ein Wiedersehen ... Wenn
+es so wäre ...«
+
+Da aber kam Sesemi Weichbrodt am Tische in die Höhe, so hoch sie nur
+irgend konnte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, reckte den Hals,
+pochte auf die Platte, und die Haube zitterte auf ihrem Kopfe.
+
+»=Es ist so!=« sagte sie mit ihrer ganzen Kraft und blickte alle
+herausfordernd an.
+
+Sie stand da, eine Siegerin in dem guten Streite, den sie während der
+Zeit ihres Lebens gegen die Anfechtungen von seiten ihrer
+Lehrerinnenvernunft geführt hatte, bucklig, winzig und bebend vor
+Überzeugung, eine kleine, strafende, begeisterte Prophetin.
+
+ =Ende=
+
+
+
+
+ Dieses Werk ist eine Veröffentlichung der
+ Deutschen Buch-Gemeinschaft
+ Wien Berlin SW 68 New York
+ Alte Jakobstraße 156/157
+
+Guten und doch billigen Büchern in vorbildlicher Formgebung und bester
+Ausstattung den Weg in alle Schichten unseres Volkes zu bahnen, ist die
+Aufgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft. Sie erreicht dies durch
+Herstellung und Vertrieb in eigenem Wirkungsbereich
+
+Jedermann wird durch Beitritt zur Deutschen Buch-Gemeinschaft die
+vorteilhafteste Gelegenheit gegeben, sich unter neuen Bezugsformen eine
+eigene und wertvolle Hausbibliothek anzuschaffen.
+
+ Ausführliche, reich illustrierte Werbeschrift wird auf
+ Wunsch kostenlos zugesandt
+
+
+
+
+ Druck von
+ A. Seydel & Cie. Aktiengesellschaft
+ Berlin _SW_ 61
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ der Welt gesehen, war Anno 13 vierspännig nach Süddeutschland
+ der Welt gesehen, war _anno_ 13 vierspännig nach Süddeutschland
+
+ verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht in seinen
+ verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht in seinem
+
+ =Johann=, bei Ihnen mietweise wohnhaf ist und nach Ihrem Tode mit
+ =Johann=, bei Ihnen mietweise wohnhaft ist und nach Ihrem Tode mit
+
+ einem Töchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Clara
+ einem Töchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Klara
+
+ irdisches kleines schwaches Herz ... Nach drei Seiten schrieb der
+ irdisches kleines schwaches Herz ...« Nach drei Seiten schrieb der
+
+ nachgewiesen; daß ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte Bibel zugehöre,
+ nachgewiesen, daß ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte Bibel zugehöre,
+
+ denken, während in der Mengsstraße der Großvater und die Mama wohl
+ denken, während in der Mengstraße der Großvater und die Mama wohl
+
+ »Na«, sagte er, hier ist »eine Zitronensemmel mit Gänsebrust; es ist
+ »Na«, sagte er, »hier ist eine Zitronensemmel mit Gänsebrust; es ist
+
+ März, ein paar Monate nur und nach dem Tode seiner Frau, irgendein
+ März, ein paar Monate nur nach dem Tode seiner Frau, irgendein
+
+ Gerda war ein wenig appart und hatte etwas Fremdes und Ausländisches an
+ Gerda war ein wenig apart und hatte etwas Fremdes und Ausländisches an
+
+ durchaus nicht glauben, daß ich es drängen und quällen will ... Das alles
+ durchaus nicht glauben, daß ich es drängen und quälen will ... Das alles
+
+ Allein auch Herr Grünlich erhob sich. Er trat einen Schritt urück, er
+ Allein auch Herr Grünlich erhob sich. Er trat einen Schritt zurück, er
+
+ ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines
+ Ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines
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+ als dächte er: Ich wäre jawohl ein Hundsfott ...!
+ als dächte er: Ich wäre ja wohl ein Hundsfott ...!
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+ und der Rest in den »Wallfisch«, den »Löwen« oder die »Eiche« wandern ...
+ und der Rest in den »Walfisch«, den »Löwen« oder die »Eiche« wandern ...
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+ sich empo und küßte sie mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. --
+ sich empor und küßte sie mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. --
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+ daß er sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat
+ daß er Sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat
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+ »=Wohin= willst, Jean?«
+ »=Wohin= willst du, Jean?«
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+ hängenden und blöden Greisengrimmasse verzerrt ... Der Wagen hielt an der
+ hängenden und blöden Greisengrimasse verzerrt ... Der Wagen hielt an der
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+ Tony. Aber nicht länger, und in der dickeren Jacke, hörst du?... Es
+ Tony. »Aber nicht länger, und in der dickeren Jacke, hörst du?... Es
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+ dem längst vernichtet n Grünlich zwar fort und fort Kredit gewährt, ihn
+ dem längst vernichteten Grünlich zwar fort und fort Kredit gewährt, ihn
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+ aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerrieß ihn
+ aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerriß ihn
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+ es wird geteilt, das Haus wird abgeb rochen, ein Zaun quer
+ es wird geteilt, das Haus wird abgebrochen, ein Zaun quer
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+ Buddenbrooks, begann er, emsig vorübergebeugt, den Baß zu bearbeiten,
+ Buddenbrooks, begann er, emsig vornübergebeugt, den Baß zu bearbeiten,
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+ Christian jedoch, dessen Augen wanderten, überhörten dies, denn er befand
+ Christian jedoch, dessen Augen wanderten, überhörte dies, denn er befand
+
+ Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angegehörten, besaß
+ Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angehörten, besaß
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+ es zu spät gelernt, Zugeständnisse zu machen, Rücksicht zu nehmen . .
+ es zu spät gelernt, Zugeständnisse zu machen, Rücksicht zu nehmen ...
+
+ machen. Es kamen die Damen Buddenbrooks aus der Breiten Straße, die denn
+ machen. Es kamen die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße, die denn
+
+ einem von Mutters Dunkelmännern, die der Witwen Häuser fressen.
+ einem von Mutters Dunkelmännern, die der Witwen Häuser fressen,
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+ Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach München von Eva Ewers
+ »Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach München von Eva Ewers
+
+ sie sich wohl im Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook?´ =Das=
+ Sie sich wohl im Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook?´ =Das=
+
+ uns die Freude machen würden, solange sie in unserer Stadt sind, bei uns
+ uns die Freude machen würden, solange Sie in unserer Stadt sind, bei uns
+
+ vorlieb zu nehmen ... sie würden uns herzlich willkommen sein ...«
+ vorlieb zu nehmen ... Sie würden uns herzlich willkommen sein ...«
+
+ Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarrierten Anzug,
+ Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarierten Anzug,
+
+ »Ja, das sagte Herr Kistenmaaker vorhin auch schon.«
+ »Ja, das sagte Herr Kistenmaker vorhin auch schon.«
+
+ ... bitte, das Handtuch. Wenzel«, schloß der Konsul, und wenn dann noch
+ ... bitte, das Handtuch, Wenzel«, schloß der Konsul, und wenn dann noch
+
+ »Tony«, sagte er, »du machst mir nichts weiß. Ich habe es schon vorher
+ »Tony«, sagte er, »du machst mir nichts weis. Ich habe es schon vorher
+
+ Kurz es gab außer Tonys Scheidungswünschen der widerwärtigen Dinge
+ Kurz, es gab außer Tonys Scheidungswünschen der widerwärtigen Dinge
+
+ Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten reden, wenn die Herrschaften
+ Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten werden, wenn die Herrschaften
+
+ die Damen Buddenbrooks sind anwesend, und sie sind tief erfreut über das
+ die Damen Buddenbrook sind anwesend, und sie sind tief erfreut über das
+
+ bin, verstehst du, und dann zumachen Ich kann es nun nicht mehr. Mit
+ bin, verstehst du, und dann zumachen. Ich kann es nun nicht mehr. Mit
+
+ Abenteurer begegnen und ihr schließlich, frisch und gesund wie die Frau
+ Abenteuer begegnen und ihr schließlich, frisch und gesund wie die Frau
+
+ um dir Armgards -- also, indirekt, Rolf von Maibooms Vorschlag zu
+ um dir Armgards -- also, indirekt, Ralf von Maibooms Vorschlag zu
+
+ »Oh, du hättest natürlich hinfahren müssen!« sagte sie eifrig. Es ist
+ »Oh, du hättest natürlich hinfahren müssen!« sagte sie eifrig. »Es ist
+
+ mir -- einen Stuhl anzubieten ...«?
+ mir -- einen Stuhl anzubieten ...?«
+
+ ausgestrecktem Zeigezinger. »Ich werde es tun!«
+ ausgestrecktem Zeigefinger. »Ich werde es tun!«
+
+ folgt, worauf zunächst ein Poutpourri von Volksliedern erklingen wird
+ folgt, worauf zunächst ein Potpourri von Volksliedern erklingen wird
+
+ Am Tage, da sie ihn zum ersten Male Klavierauszüge aus »Tristan und
+ Am Tage, da sie ihm zum ersten Male Klavierauszüge aus »Tristan und
+
+ gegenüber, neben ihn an den Speisetisch setzte ... »Wie gehts! Was
+ gegenüber, neben ihn an den Speisetisch setzte ... »Wie geht's! Was
+
+ durchbohrende Blicke tauschten, selbst Rieckchen Severin am unteren
+ durchbohrende Blicke tauschten, selbst Riekchen Severin am unteren
+
+ erfüllen. Gerade der Wechsel von Gück und strenger Heimsuchung zeige,
+ erfüllen. Gerade der Wechsel von Glück und strenger Heimsuchung zeige,
+
+ ihr letztes Weihnachsfest beging, niemals verfloß dieser Abend, ohne
+ ihr letztes Weihnachtsfest beging, niemals verfloß dieser Abend, ohne
+
+ und dort, gestützt auf Ida Jungmann oder Rieckchen Severin, die
+ und dort, gestützt auf Ida Jungmann oder Riekchen Severin, die
+
+ .. und dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und
+ ... und dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und
+
+ Schwestern, für die Sie immer so wohlwollend eintreten .. Die Schwester
+ Schwestern, für die Sie immer so wohlwollend eintreten ... Die Schwester
+
+ dabei überhaupt gar nicht vorhanden ist?!...
+ dabei überhaupt gar nicht vorhanden ist?!...«
+
+ waren weißlich, belich, ohne Blut und Leben. Seine leicht geröteten
+ waren weißlich, bleich, ohne Blut und Leben. Seine leicht geröteten
+
+ Leben. _L'esperance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins à nous
+ Leben. _L'espérance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins à nous
+
+ effektiv nur di Familie nötig, Huneus', Möllendorpfs, die Angehörigen
+ effektiv nur die Familie nötig, Huneus', Möllendorpfs, die Angehörigen
+
+ erste Strophe des »O Tannenbaum« sang, durch die Zimmerflucht in den
+ erste Strophe des »O Tannebaum« sang, durch die Zimmerflucht in den
+
+ Gemütszustand äußerst traurig sein sollte, und dann wa rdie Frage
+ Gemütszustand äußerst traurig sein sollte, und dann war die Frage
+
+ rationelle Pflege und Abhärtung andererseits zu festigen und zu heben ..
+ rationelle Pflege und Abhärtung andererseits zu festigen und zu heben ...
+
+ Wagenecke lehnte, und Entsetzen im Herzen erlebte er es, daß auf der
+ Wagenecke lehnte, und mit Entsetzen im Herzen erlebte er es, daß auf der
+
+ Hamburg ihren Vater geantwortet hatte, so fing man an, mit einer nahen
+ Hamburg ihrem Vater geantwortet hatte, so fing man an, mit einer nahen
+
+ werden kann ... ich meine, wenn man es im Magen hat?... Und er gab
+ werden kann ... ich meine, wenn man es im Magen hat?...« Und er gab
+
+ wenigsten diejenigen von Iwersen, gegenüber dem Buddenbrookschen Hause.
+ wenigsten diejenige von Iwersen, gegenüber dem Buddenbrookschen Hause.
+
+ überhaupt einmal eine Ende zu machen, genötigt sah, das Haus für
+ überhaupt einmal ein Ende zu machen, genötigt sah, das Haus für
+
+ den Rücken, stützte sich auf sein eines Beines, indem er den anderen
+ den Rücken, stützte sich auf sein eines Bein, indem er den anderen
+
+ Ausdruck, aus dieser Anstalt, in der man ihn sehr str ng zu behandeln
+ Ausdruck, aus dieser Anstalt, in der man ihn sehr streng zu behandeln
+
+ Chlor oder Strontium über ihren Diensteifer aufzuweisen. Hans Hermann
+ Chlor oder Strontium über ihren Diensteifer auszuweisen. Hans Hermann
+
+ »Habe ich vorhin nicht auch gesagt, was `_patula Jovis arbore, glandos_´
+ »Habe ich vorhin nicht auch gesagt, was `_patula Jovis arbore, glandes_´
+
+
+ Folgende inkonsistente Schreibweisen wurden wie gedruckt beibehalten:
+
+ Breite Straße/Breitestraße
+ Comp./Komp.
+ gentlemanlike/gentleman like
+ Hunyadi-Janos/Hunyadi-János
+ Kotelettes/Koteletts
+ Kurantmark/Kurant-Mark
+ Oeverdieck/Överdieck
+ Portieren/Portièren
+ Regeldetri/Regeldetrie
+ Religionsstunde/Religionstunde
+ Rotspohn/Rotspon
+ Table d'hote-Glocke/Table-d'hote-Glocke
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Buddenbrooks, by Thomas Mann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BUDDENBROOKS ***
+
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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