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diff --git a/34782-h/34782-h.htm b/34782-h/34782-h.htm new file mode 100644 index 0000000..ed40197 --- /dev/null +++ b/34782-h/34782-h.htm @@ -0,0 +1,6674 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> +<title>Arnold Beer, by Max Brod—A Project Gutenberg eBook</title> +<style type="text/css"> +<!-- +#tnote +{ + width: 26em; + max-width: 90%; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #fafafa; + text-align: justify; + padding: 0 0.75em; + margin: 120px auto 120px auto; +} + +p +{ + text-align: justify; + text-indent: 1.5em; +} + +p.center, +p.right, +#tnote p, +p.no-indent, +p.drop-cap +{ + text-indent: 0; +} + +a[title].pagenum +{ + position: absolute; + right: 3%; +} + +a[title].pagenum:after +{ + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + font-family: Georgia, Serif; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0; + letter-spacing: 0; +} + +h1, +h2 +{ + text-align:center; + clear: both; + margin-top: 0; + font-weight:normal; +} + +h2 +{ + margin: 3em auto 1.5em auto; +} + +ins +{ + text-decoration: none; + border-bottom: 1px dashed #add8e6; +} + +.center +{ + text-align: center; +} + +.right +{ + text-align: right; +} + +.figcenter +{ + margin: 2em auto; + text-align: center; +} + +.gesperrt +{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +em.gesperrt +{ + font-weight: normal; + font-style: normal; +} + +.antiqua +{ + font-family: Sans-Serif; +} + +.drop-cap:first-letter +{ + font-size: 3em; +} + +@page +{ + margin: 0.25em; +} + +@media screen +{ + body + { + width: 80%; + max-width: 45em; + margin: 120px auto; + } + + p + { + margin: 0.75em auto; + } +} + +@media screen, print +{ + .drop-cap:first-letter + { + float: left; + margin: -0.1em 0.1em -0.1em 0; + } +} + +@media print, handheld +{ + p + { + margin: 0 auto; + } + + #tnote, + pre, + .pagenum + { + display: none; + } + + ins + { + text-decoration: none; + border: none; + color: black; + } + + h2, + .page-break + { + page-break-before: always; + } +} + +@media handheld +{ + body + { + margin: 0; + padding: 0; + width: 95%; + } + + h2 + { + margin-top: 4em; + } + + .gesperrt + { + letter-spacing: 0; + margin-right: 0; + } + + em.gesperrt + { + font-style: italic; + } +} +--> +</style> +<!--[if lt IE 8]> +<style type="text/css"> +a[title].pagenum +{ + position: static; +} +</style> +<![endif]--> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Arnold Beer, by Max Brod + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Arnold Beer + Das Schicksal eines Juden + +Author: Max Brod + +Release Date: December 29, 2010 [EBook #34782] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ARNOLD BEER *** + + + + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>, +der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p> +</div> + +<div class="figcenter" style="width: 391px; margin: 3em auto 6em auto;"> +<img src="images/cover.jpg" id="coverpage" width="391" height="600" alt="Buchtitel"/> +</div> + +<blockquote class="page-break" style="max-width: 20em; margin: 10em auto;"> +<p class="no-indent">Und Simson sprach:</p> + +<p class="no-indent">»Mit dem Kinnbacken eines Esels einen +Haufen, zwei Haufen – mit dem Kinnbacken +schlug ich tausend Mann. Und als er vollendet +zu reden, da warf er den Kinnbacken +aus seiner Hand und nannte selbigen Ort: +Ramath-Lechi.« +<span style="float: right;"><small>Die Richter, 15</small></span></p> +</blockquote> + +<p class="center page-break" style="font-size: x-large;">Max Brod</p> + +<h1>Arnold Beer<br/> +<small>Das Schicksal eines Juden</small></h1> + +<p class="center" style="font-size: large;">Roman</p> + +<div class="figcenter" style="width: 100px; margin: 3em auto 6em auto;"> +<img src="images/logo.png" width="100" height="100" alt=""/> +</div> + +<p class="center" style="font-size: x-large; margin-bottom: 8em;">Axel Juncker Verlag<br/> +<small>Berlin/Charlottenburg</small></p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a>I.</h2> + +<p class="drop-cap">Arnold Beer war ein hübscher junger Mann, nicht +einmal sehr elegant, aber da er in der Stadt häufig +mit den elegantesten Leuten zusammen – überdies auch +oft mit anderen – angetroffen wurde, nannte man ihn +den Eleganten. »Aha, da kommt das Gigerl«, – oder +»Die Parta ist da. Ich erkläre den Bummel für eröffnet«, +hieß es am Abend auf dem Korso, wenn in +den Reihen der gewohnten Spaziergänger und Nichtstuer +Arnold samt seiner Freundschaft erschien; denn +schon hatte man hier und dort begonnen, sein unnützes +Treiben mit einigem Mißwollen zu beobachten. – Was +überdies seine Eleganz anbelangt, so irrten die Leute +ganz entschieden. Näher betrachtet, bestand Arnolds +so effektvolle Kleidung durchaus nicht aus den tadellosesten +Stücken, war vielmehr häufig betupft mit einzelnen +großen und mit vielen kleinen Flecken und +Tropfen, manchmal auch leicht angerissen und zerfasert, +der Strohhut vom Regen mattbraun überflossen und +weichgedrückt, die Stiefel ohne den rechten Glanz. Alle +diese Fehler erschienen nun freilich niemals beisammen, +sondern sie führten ein einsames Dasein, jeder für sich +und an einem andern Tag, konnten aber dem aufmerksamen +Beobachter auch in dieser gleichsam fluchtartigen +Abwechslung nicht entgehen. Übrigens war Arnold +selbst der letzte, der sich den merkwürdigen und komischen +Einzelheiten seines Anzugs verschlossen hätte; im Gegenteil, +er pflegte laut und ungeniert, vor Damen und +Herren, auf solche gelegentliche Schönheitsmängel hinzuweisen +und sich selbst auszulachen, um desto sicherer +alle, die über ihn erschraken, auslachen zu können. Er +nannte sich – denn er hielt für alles Worte bereit und +hatte besonders über seine so fragwürdige Wesensart +<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a> +schon oft und unter Schmerzen nachgegrübelt – »eine +typische Fernwirkung« und hob hervor, daß er diese +»gute Sache« seiner schlanken Gestalt, seinem vorzüglichen +blassen Teint und seinen feinen Händen verdanke, +lauter Dingen, »für die er natürlich gar nichts +könne«, wie er in einem Anflug pessimistischer und unklarer +Philosophie hinzuzusetzen pflegte. Dann versank +er, noch anschließend, über das Thema »Kleider machen +Leute« in ausgedehnte trübe Betrachtungen. »Ja, +meine Eltern haben das Geld dazu, mein Papa ist +eine gute alte Firma. Also gelange ich, wie von selbst, +an den ersten Schneider der Stadt, und der macht mir +Röcke und Hosen, ohne daß ich ihn darum bitten muß, +ja bitten darf, aus den teuersten Stoffen und nach den +neuesten Schnitten. Kann ich dafür, nun bekommt +sogleich mein Anblick einen reizenden Schwung und +Schmiß, ohne mein Mitarbeiten, und ich biege ein in +eine Richtung des Angeschautwerdens und sogar des +Michselbstfühlens von innen her, die mir gar nicht so +besonders paßt. Wie machtlos ist man dagegen. +Schließlich würde mir ja diese Richtung auch passen, +warum nicht, hätte ich nur Zeit dazu. Aber wie kann +ich mich mit solchen Kleinigkeiten abgeben! Es geht +einfach nicht. Stärker wie Löschpapier bin ich eben +nicht. Und daher auch meine schlechte primitive Frisur, +meine ungepflegten Nägel, meine Schnalle nur am +Schuh links und nicht auch rechts.« Er pflegte sich +die Haare zu scheiteln, aber aus Unlust, die richtige +Teilungsstelle zu suchen, wurde oft, wenn der erste Hieb +mißlang, nur ein Gestrüpp hängender Strähnen aus +den schönen Wellen.</p> + +<p>Derselbe äußere Schwung nun, den er mit einiger +Selbstgehässigkeit an seinen Kleidern bemerkt hatte, wallte +<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a> +durch seine ganze Person und mit so gewaltigem unwiderstehlichem +Antrieb, daß er nach allen Seiten hin +sein Schicksal aufbauschte, aber auch begrenzte. – Arnold +war eine überaus lebhafte Natur. Schon in der Volksschule +hatten alle Lehrer darüber geklagt, daß er »kein +Sitzfleisch« habe, und einige hatten später, bei aller +Anerkennung seiner Intelligenz, durch mindere Noten +ihn für sein Übermaß an Temperament strafen zu müssen +geglaubt. Er antwortete auf Fragen, die niemand an +ihn gerichtet hatte; er schrie plötzlich laut auf, rannte +aus der Bank und aus der Klasse hinaus, weil er +draußen einen so komischen großen Schmetterling gesehn +hatte, der sich später als eine langsam aus dem +dritten Stock herabflatternde alte Kravatte erweisen +mußte. – Einmal rief ihn der Lehrer zum Weiterlesen +auf; »Bitte, die Übung ist hier zu Ende« meldete mit +hoher Stimme der Kleine, statt in dem gewöhnlichen +dumpfen Tonfall der Schüler fortzuspinnen. Da +bekam er seine erste Strafe. »Ich soll nicht vorlaut +sein«, zehnmal abzuschreiben. Seine Lebhaftigkeit und +Naseweisheit hatten ihn nämlich schon in der ganzen +Schule so berühmt gemacht, daß man immer geneigt +war, in seinem Benehmen einen kleinen Unfug zu sehn, +auch wenn, wie in diesem Fall, gar nichts daran war. +Denn die Übung war wirklich zu Ende, und obwohl +die nächste Übung ja in unmittelbarem Zusammenhang +mit der eben gelesenen anschloß, wäre wohl auch ein +anderer Schüler geneigt und vielleicht kouragiert genug +gewesen, mit dem Herrn Lehrer sich in einen näheren, +gleichsam kameradschaftlichen Zusammenhang durch eine +solche höfliche Frage nach dessen weiterer Absicht zu +setzen statt mechanisch einfach die leere Zeile zu überspringen +und sich im Text als armseliger Lernknabe +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a> +fortzuhaspeln. Einen Pfiffigen gar wie Arnold mußte +die Situation reizen, und es soll nicht verschwiegen +werden, daß er sich schon oft genug mit aller <ins title="Sehn ucht">Sehnsucht</ins> +in sie hineingewünscht hatte, als in die einzige, +wo er einmal dem hochverehrten Herrn Lehrer ebenbürtig, +sozusagen als Mensch, gegenübertreten könnte, +daß er oft im voraus die Zeilen abzuzählen pflegte, um herauszubringen, +ob diesmal, nach der Sitzordnung, bei der +entscheidenden Übergangsstelle die Reihe an ihn +kommen würde. Und nun war der Moment da und +Arnold hatte mit Anstand und stolzer Gefaßtheit, vollkommen +richtig, seine oft vorbereiteten Worte herausgesungen, +hatte sich ausgezeichnet … mit diesem +traurigen Erfolg leider. Er weinte die ganze Stunde +lang, denn er war sehr ehrgeizig. Und als die liebe +Mama sorgfältig um elf Uhr ihn abholen kam und +ihm das Schultäschchen abnahm, weinte er wieder, +kaum beruhigt, und erzählte alles. Nun mußte er +gar noch in das schöne verehrte Papiergeschäft eintreten, +wo er sonst nur die ausgestellten »Münchener Bilderbogen« +sich anzuschaun pflegte, zufrieden und heiter +nach der Schultätigkeit, oder zaghaft die imponierenden +Schatzhaufen verschiedenartiger Klaps-, Glocken-, Kuhn-, +und Aluminiumfedern, mußte eintreten und um einen +Bogen liniierten Papiers kaufend bitten. Schon dieser +Umstand, daß er einen einzelnen gottverlassenen losen +Bogen kaufen mußte statt wie sonst ein ordentliches +Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm <ins title="o">so</ins> sehr +schlampig, heruntergekommen und Sache eines schlechten +Schülers, daß er sich schämte, – und als ihn gar noch +der Kommis mit irgend einer gleichgiltigen Frage nach +der Zeilenbreite beunruhigte, brach er aufs neue in +Tränen aus und erklärte heulend: »Es ist für eine Strafe.« +<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a> +Er weinte so bitterlich, daß alle im Geschäft stockten +und auf den Knirps hinsahn. Zwei in Schwarz gekleidete +Damen traten näher und, tief zu ihm herabgebeugt, +begannen sie, ihm zuzusprechen. Er aber hielt +die Händchen in Fäusten vor den Augen, so daß er +nichts sah und auch gar keine Anstalten machte, zu +zahlen und den Laden wieder zu verlassen. Sondern +rücksichtslos und ohne Verlegenheit ergab er sich seiner +Reue und seinem tiefen Schmerze, bis die Mutter, der +das lange Ausbleiben draußen verdächtig wurde, hereinkam +und ihr Kind, dem sich inzwischen das allgemeine +Mitleid der Angestellten und Kunden, der Kassiererin, +des Geschäftsinhabers sogar zugewendet hatte, energisch +herausholte.</p> + +<p>Natürlich konnten Strafen und schlechte Klassen +dieser Lust des lebendigen Gemüts wenig anhaben. In +der Schule lernte er allmählich die kalte Ordnung respektieren, +nun warf er sich aber auf Eltern und Verwandte. +Der Vater mußte ihm schon Ohrfeigen androhn, um +sein ewig erregtes »Papa, schau …« auf den Spaziergängen +zum Schweigen zu bringen. Niemand wollte +mit ihm ausgehn, denn er war gefürchtet wegen seiner +unaufhörlichen bohrenden Fragen, die sich mit keinerlei +Ausweichen abstellen ließen. Eine Gouvernante nahm +ausdrücklich deshalb ihren Abschied. Und noch in späteren +Jahren pflegte ihn Frau Direktor Wahlberg, mit +der seine Eltern verkehrten, mit einem seiner Aussprüche +zu necken: »Tante, bitte, erkläre mir, ist der Mond +ein Fixstern oder ein Planet«, das hatte er in großer +öffentlicher Prachtgesellschaft ihrer damenhaften Glätte +zugemutet.</p> + +<p>Es kam eine Zeit, in der er von den Menschen, +die seinen reißenden und dabei so liebevollen Ansturm +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +nicht aushalten mochten, sich abwandte und nichts tat +als stille vertrauliche Bücher lesen. Nachmittags auf +dem Sopha, wenn er aus der Schule kam; nicht liegend, +nicht sitzend, sondern zusammengekauert, den ganzen +Körper zwischen Polster und Lehne gedrängt, während +das Buch frei auf dem Sopha lag – so ruhte seine +Wange über den beiden verschränkten Armen, und nur +wenn er umblättern mußte, langte er unter Verrenkungen +eine Hand aus dem Knäuel hervor … sonst rührte er +das Buch nicht an, er hatte es gern in einiger Entfernung +von sich, selbstständig wie ein lebendiges Wesen, +mit dem man sich unterredete, vom Polster her blickte +es ihn an, gab seine schrägen tiefen Blicke atmend zurück. +Und er las so ziemlich alles, was sein angebeteter Vater, +ein in jüngeren Jahren kunstbeflissener Mann, im Bücherkasten +hatte. Dieser Kasten war versperrt. Arnold mußte +jeden Mittag, in der knappen Zeit zwischen der Beendigung +der Mahlzeit und dem Mittagsschläfchen des +Vaters, sein Anliegen vorbringen, um dieses oder jenes +Buch: »Papa, gib mir heraus …« Dann wurde der +rätselhafte Kasten mit den undurchsichtigen Scheiben +geöffnet, und nur in diesem Augenblick durfte der Sohn +die Verlockung all dieser mannigfachen Goldrücken empfinden +und, schnell einige Titel überfliegend, bei sich +die Bücher feststellen, die er die nächsten Male herausverlangen +wollte. Niemals wurde ihm erlaubt, einer +seltsamen Pedanterie des Vaters zufolge, alle Bücher +der Reihe nach durchzusehen und in Ruhe auszuwählen. +Niemals wurde ihm auch mehr als ein Buch geborgt. +Und so rasch ging der Vater dabei vor, militärisch mit +Wunsch und Ausführung, Hinzeigen und Herausnehmen, +daß manchmal ein Fingerlein oder die Nase +des in all die Pracht versunkenen Knaben Gefahr lief, +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a> +an der Kante der wieder zuklappenden Türe eingeklemmt +zu werden. Allmählich kam er daher auf Listen; +er sagte um »Kleist« und zeigte dabei auf die oberste +Reihe, obwohl er gut wußte, daß die Kleist-Bände +rechts unten aufmarschiert waren. Aber in der Zwischenzeit, +während der Vater vergeblich oben kramte, hatte +er Zeit, einen Überblick über andere nie gesehene Partien +des großen Büchergartens zu erwischen. Oft allerdings +nützte alles nichts, und er sah sich mit einem +Buch, das er nur des fremden Titels oder des hübschen +Einbandes wegen gewählt hatte und das ihn bei näherem +Durchblättern gar nicht interessierte, enttäuscht und leer +vor den wieder gesperrten Kasten gestellt, in einen steinigen +leeren Nachmittag verschlagen wie ein Schiffbrüchiger +auf eine öde Insel, wo der ersten Freude des +Gerettetseins eine umfassendere Angst vor der Zukunft +folgen muß. Denn niemals nahm der Papa ein schon +herausgegebenes Buch noch an demselben Tag zurück, +das war eherne Regel … Im Verlauf der Zeit nun +las Arnold alles, von der Bibel und Goethe an bis +zu dicken staubigen Lieferungsromanen wie »Die Geheimnisse +der Bastille«, die noch uneingebunden in den +untersten Schubläden lagen. Sein Kopf füllte sich mit +den Gestalten Schillers und Heines, mit den Kreuzfahrern +und Schillschen Offizieren der Weltgeschichte, +mit Lokomotiven aller Konstruktionen aus einer vielbändigen +»Geschichte der Erfindungen und Industrien«, +mit den Jägergeschichten und rührenden Affen-Szenen +der Gefangenschaft aus »Brehms Tierleben«. Und nur +eines hatte ihm der Vater verboten, in den Shakespearebänden +den Othello. Arnold befolgte auch getreu +diese Absperrung, ängstlich wich er dem Stück aus, obwohl +seine Neugierde aufs höchste erregt war und niemand +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a> +ihn überwachte, und nur die Vorrede mit der +Inhaltsangabe las er einmal doch, indem er sich sagte, +daß die ja nicht eigentlich zu dem gebannten Stück gehöre. +Welch ein Geheimnis, diese überblätterten und +stets wie mit Leim zusammengehaltenen Seiten hie und +da, wie durch Zufall, aufzuschlagen, vom Wind aufblättern +zu lassen, unbeachtet ein Wort, einen Satz aus +dem Zusammenhang zu packen, eine Abbildung vorbeiträumen +zu sehn, niemals aber dem lieben strengen +Vater durch wirkliches Lesen der Reihe nach ungehorsam +zu werden. Wie peinigte das sein pochendes Herz!… +Überdies hatte der Vater dieses Verbot nur einmal und +nur beiläufig fallen lassen, nie mehr wiederholt, vielleicht +selbst nicht so wichtig genommen und längst vergessen. +Und als Arnold, zu Jahren gekommen, später +einmal diesen fürchterlichen »Othello« durchnahm, fand +er zwar gleich in der ersten Szene eine obszöne Phrase, +im Ganzen aber nichts, was dieses Stück vor den vielen, +die er lesen gedurft hatte, ausgezeichnet hätte. Derartige +Phrasen hatte er ja als Kind zu hunderten unverstanden +eingeschluckt. Und so blieb ihm dieses Verbot seiner +Kinderjahre weiterhin ein Geheimnis, über das er seinen +Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter <ins title="auszu orschen">auszuforschen</ins> +sich getraute.</p> + +<p>Indessen kam der Hausarzt einmal, anläßlich einer +Masernerkrankung – man mußte dem Kerlchen mit den +verklebten Augen unermüdlich von früh an bis in die +späte Nacht vorlesen – auf Arnolds überreichen Bücherkonsum. +»Ihr Junge ist mit achtzehn Jahren ein +Idiot«, schrie er die tödlich erschrockene Mutter an, und +von nun an war es mit der Lektüre zu Ende. Furchtsam +wachte die Mutter darüber, daß Arnold keine Zeile +mehr außer den Schulaufgaben zur Hand nahm. Auf +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a> +vielfaches Jammern und als sich die Folgen der Langweile +in seiner gesteigerten Wildheit zu zeigen begannen +(er stach der Köchin mit ihrer Hutnadel den Daumen +durch), wurde ihm endlich jeder dritte Tag als Lesetag +eingeräumt … Arnold erinnerte sich überdies +später oft mit Vergnügen daran, wie großen Eindruck +der Schrei des erzürnten Arztes auf ihn gemacht hatte. +Bis zu seinem achtzehnten Jahre erwartete er allen +Ernstes mit Grausen täglich das Eintreten der prophezeiten +Verblödung, erst nachher fiel es ihm plötzlich als +Erlösung ein, daß der Arzt vielleicht nur in einer Metapher +geredet hatte. Ja, als Kind pflegte er eben +Aussprüche älterer Leute unauslöschlich ernst zu nehmen …</p> + +<p>Die Lesewut machte zu Beginn des Gymnasiums +einer unbändigen Sammelfreude Platz. Arnold besaß +bald, wie ein Onkel sich ausdrückte, eine »Sammlung +von Sammlungen«, er hob alte Tramwayzettel auf, +flehte alle Abreisenden an, ihn in fremden Städten auf +Zahnradbahnen und Elektrischen ja nicht zu vergessen, +ferner ordnete er in Schachteln und Kistchen abgesondert: +Knöpfe, alle Arten von Zündholzschachteln, +Zigarrenbinden, Ansichtskarten mit und ohne Marke +auf der Bildseite, Bleistifte, Autogramme, Münzen, +Vereinsmarken, Siegelabdrücke, Mineralien, hinter Glas +spannte er Schmetterlinge und Käfer auf, in Mappen +hatte er bald mehrere Tausende von Bildern, aus +alten Zeitschriften ausgeschnitten und sauber auf dünne +Pappendeckel aufgeklebt. Er brannte um diese Zeit auf +derartige alte Bände der »Gartenlaube«, der »Guten +Stunde«, und unzerschnitten schienen ihm diese Hefte +ihren wahren Zweck vollständig verfehlt zu haben, so +daß ihm bei ihrem Anblick und wenn er sie nicht in +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a> +seine Sphäre ziehen konnte, <ins title="daß">das</ins> Herz zerbrach. – Wie +alles, betrieb er solchen Sport mit dem ganzen Eifer +seiner ganzen Natur, und wenig fruchtete da die stereotype +Warnung des Vaters: »Arnold, du übertreibst +alles.« Dem Kinde, das zwei oder drei Sachen derselben +Art beisammen sah, lag nichts näher als der +Gedanke, solcher Dinge noch mehr auf einen Haufen +oder in schöne Reihen zusammenzukriegen, und namentlich +bestärkte ihn in diesem immer neu wiederholten +und dadurch schon ganz geläufigen schnellen Gedankengang +die Beobachtung, daß es ja so leicht war, eine +Sammlung irgendwelcher Manier anzufangen, ja, daß +eigentlich die Sammlungen schon um ihn herumlagen, +nur freilich noch unentdeckt, ungeordnet, daher unwirksam. +Es bedurfte aber jedenfalls keiner schöpferischen +Tätigkeit, keines Hervorstampfens. Er mußte nur, wenn +er beispielshalber auf die Idee gekommen war, Stahlfedern +zu sammeln, seine alte Liebe, zuerst einmal seine +Pennale ausleeren. Da lagen sie ja schon beisammen, +halbverbraucht, aber immer noch Muster ihrer Art, er +brauchte nur die besten herauszuklauben. Dann ging +es über die Vorräte des Vaters im Comptoir her, wo +die seltenen großen Stücke, wie Kolumbusfedern, oder +die komisch verkrümmten Soennecken oder die zierlich-spitzen +Stenographiefedern, die fast wie Nadeln aussahen, +eiligst zusammengerafft wurden. Und mit dem +Taschengeld, das ihm zum Ankauf von Schreibzeug +übergeben wurde, ging nur eine kleine Verschiebung vor, +er kaufte, statt wie bisher gedankenlos Federn immer +derselben Art, möglichst verschiedenartige und exotische, +natürlich nicht zum Schreiben, sondern zum Aufheben, +während zum Schreiben möglichst lange derselbe Invalide +herhielt. So rückte die Sammlung feurig vorwärts, +<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a> +es war gar keine Unmöglichkeit, tausend Stück zusammenzubekommmen +oder die größte Sammlung von Europa +überhaupt, es galt nur die richtigen Stege und Zuflüsse zu +graben, durch rein geistige Überlegungen, denn der Rohstoff +war ja vorhanden. Nur ihn gescheit in die Grube +zu leiten, das war das Problem, ihn nicht unnütz an +den Seiten abrinnen zu lassen. So hatte er beim +Sammeln das Gefühl, nicht nur sich durch nützliche +Tätigkeit auszuzeichnen, sondern auch irgendwie der +ganzen Welt zu dienen – und übersah er dann an +einem der ersten Abende, da alle Quellen noch munter +der neuen Sammlung zuflossen, seinen sauber geschlichteten +Reichtum, so überfiel ihn ein beinahe schwindelndes +Glück von Größe, Schönheit und Triumph, +und der Wunsch, mit dem er einschlief, die Sammlung +möge so weiter und weiter gedeihn, war um nichts +weniger innig als das Nachtgebet … Freilich nahm +sein Interesse bald ab, wenn in seiner Nähe keine +neuen Höhlen mehr zu sprengen waren, in denen schon +große Haufen der gewünschten Dinge wie vorbereitet +dalagen und auf ihn warteten; wenn es galt, nun +ein Stück ums andere mühsam heranzulocken. Dann +wurde die Sammlung aus den Kasten ins Dunkle +gestellt, halb vergessen, eine andere trat mit neuen +Hoffnungen ans Licht. So ging es zwei Jahre lang, +bis endlich sein Streben an einer Briefmarkensammlung +hängen blieb und sich gewitterwolkenähnlich verdichtete, +da hier nebst dem Reiz der Ausdehnung und Vollständigkeit +nun auch der des nicht mehr bloß kindischen +Wertes in Aussicht gestellt wurde. Nun begann er +in den Zehnuhrpausen zu »tauschen«, nicht ohne Streit +und Schwindel, nun wußte er bald alle Wasserzeichen, +Fehldrucke, Zahnungsunterschiede und Farbennüancen +<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a> +auswendig, niemand kam ihm darin gleich, ja sein +stürmisches Interesse für alles, was mit Marken zusammenhing, +ging so weit, daß er sogar den Flächeninhalt, +die Hauptstadt und die Münzsorten jedes Landes +wie dies in seinem Album angegeben war, schnell +und genau erlernte. Mit seinem »Senf« in der Tasche, +den er stets sorgfältig nach der neuesten Ausgabe +korrigiert hatte, galt er unter den Kollegen als Autorität, +wurde in schwierigen Fällen befragt und entschied +unwidersprochen. Und nur etwas unterschied ihn von +einem kühlen Fachmann: während er die verlockendsten +Stücke fremder Sammlungen nachsichtslos, von ängstlichen +Blicken ungerührt, als »falsch« oder »Neudruck« +verurteilte, konnte er selbst sich von den Fälschungen, die +ihm gehörten und die er als solche längst erkannt hatte, +in einer seltsamen grundlosen Zärtlichkeit nicht trennen. +Er glich da dem glühenden Liebhaber, der seine Leidenschaft +nicht bezwingen kann, obwohl er die triftigsten +Gründe hat, von dem Unwert des geliebten Gegenstandes +überzeugt zu sein. So besaß Arnold, beispielsweise, +eine alte Schweiz »mit der sitzenden Helvetia« – +nachgemacht, ganz plump nachgemacht. »Ich weiß ja, +daß sie falsch ist« pflegte er zu sagen und sah die Marke +mit stillverliebten, unendlich traurigen Blicken an, »aber +ich laß sie doch drin, sie schadet ja doch nichts«, während +er einen Kameraden in gleichem Fall unfehlbar mit den +Worten: »So ein Stück ist eine <em class="gesperrt">Schmach</em> für jedes anständige +Album« ausgescholten hätte … Ja es gab +sogar Zeiten, allerdings nur zu Anfang der Markenperiode, +in denen Arnold selbst fälschte, sich selbst betrog, +indem er aus einem alten Album einfach die vorgedruckten +Markenbilder, sofern sie mit »grau« oder »schwarz« bezeichnet +waren, ausschnitt und als wirkliche Marken in +<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a> +sein Album einklebte. Davon ließ er bald, konnte aber +von den einmal gewonnenen Exemplaren auch in der +Folge nicht Abschied nehmen, in einer ganz unbestimmten, +sinnlosen Hoffnung, wie sie eben den Ekstatiker auszeichnet: +diese Scheinmarken könnten eines Tages doch +vielleicht, wie durch ein alchymistisches Wunder, in echte +und allgemein anerkennenswerte verwandelt werden. +Ebensowenig mochte er sich entschließen, beschmutzte oder +lädierte Stücke auszuscheiden. »Sie fehlt mir ja gerade +zum Satz,« dieses Zauberwort hielt ihn fest. O welche +Freude war das, welcher Anblick konnte schöner sein als +der einer Albumseite, deren vorgezeichnete Reihen –, +manche sind länger, manche kürzer, mancher seltsame +»Satz« besteht nur aus zwei oder drei Stück – komplett +mit Marken besteckt waren; »komplett«, das war das +Wort, das er mit scheinbarer Flüchtigkeit, mit leichter +stolzer Handbewegung dem Kollegen zurief, vor dem +er eben die Sammlung durchblätterte, »Belgien komplett«, +o wie das klang! Und dabei wurde schon umgeblättert, +mit selbstverständlichem Besitzergleichmut, während des +andern Augen bewundernd umherschossen; da flatterten +wie kleine bunte Regenbogenwimpel die Marken, jede +sauber gewaschen, jede von ihrem geknickten Spannleisten +lustig getragen. Manchmal blies Arnold unter +eine Reihe, um die Wasserzeichen, Netz oder Posthorn, +Gummierungsfeinheiten oder die Stampiglie »Geprüft« +einer großen Firma zu zeigen – dann drückte er sanft wieder +mit weichen Fingerballen die kostbaren Papierchen nieder. +Sie waren leuchtend wie sein Ehrgeiz, vielfältig wie +seine Träume, leicht erregbar in ihren Reihen wie sein +junges Gemüt. Seinen einzigen Schatz machten sie aus, +beinahe seine Religion. Markensammler zu sein schien +ihm, wenn er sich selbst ernstlich bewertete, seine beste +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a> +Eigenschaft und jeden Burschen, den er kennen lernte, +fragte er sofort: »Was ist mit dir? Sammelst du?« <ins title="..">…</ins> +An langen Nachmittagen grübelte er über Auswahlsendungen +nach, verglich die Vorteile und Preise der +heimatlichen Markenhändler, studierte Katalog oder +Sammlerzeitung, oder er ließ leise Glücksschauer über +seinen Kopf kräuseln, indem er sich einbildete, er käme +durch Zufall, Fund oder glücklichen Tausch, zu den gepriesenen +Glanzstücken der Philatelisten, Mecklenburg +oder Bergedorf, Mauritius, Kirchenstaat, alte Sachsen. +Für die kleinen verschollenen Staaten, deren Marken +in seinem Album sämtlich den hochzuverehrenden Vermerk +<span class="antiqua">R</span> oder <span class="antiqua">GR</span> trugen, was »Rarität« oder »Große +Rarität« bedeutete, hegte er eine schwärmerische Verehrung, +die sich auf ihre längstverstorbenen Regenten +und Tyrannen, auf ihre ganze Historie ausdehnte. +Schon vor <span class="antiqua">S</span>, das ist: Seltenheiten, erzitterte er in +Glücksfieber. Denn seine Sammlung war ja leider, trotz +aller Anspannungen und theoretischen Kenntnisse, nur +klein … Allmählich erweiterte er sie, übertrug sie, nach +Art großer Sammler, aus dem festen Album auf lose +Pappendeckelblätter, gab dann hochmütig die »Ganzsachen« +und alle außereuropäischen Länder auf. Nur +Europa sammeln, das war die Devise eines soliden vornehmen +Kenners; diese exotischen Gschnasstückerl sind +ja nur schön fürs Auge, nichts wert. Mit wachsendem +Taschengeld stiegen seine Ankäufe und so blieben die +Marken, zu Zeiten vergessen, dann wieder einmal hervorgeholt +und gestreichelt, immer aber wohlbehütet, seine +liebste Spielerei bis in die Mannesjahre hinein.</p> + +<p>Diese Sammlung führte ihn auf dem Wege des +Verkehrs und der allgemeinen Schätzungen wieder zu +den Kameraden zurück, denen er eine Zeit lang eigensinnig +<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> +ausgewichen war. Gegen das Obergymnasium +hin wurde er wieder kollegialer und bald entwickelte sich +als erste Frucht dieses menschlichen Umgangs eine neue +Eigenschaft aufs höchste in ihm … die unbezähmbare +Schwatzhaftigkeit. Es war, als müsse er für jahrelanges +stilles Vorsichhinspielen auf einmal sich entschädigen. +Angepfropft mit Zitaten, mit Bücherereignissen, wie er +war, begann er zunächst in den Pausen, auf den Korridoren +vor den Kollegen lange Reden zu führen, in denen +keiner ihn unterbrechen konnte, denn er hatte die lauteste +müheloseste Stimme, die selbst, wenn er gemütlich sprach, +zu zanken und zu drohn schien. Man hörte ihm in einer +Mischung von Spott und Bewunderung zu, wenn er +einen Professor mit Don Quixote und die andern mit +den Pickwickiern spaßhaft verglich. So gezierte ausgewählte +Scherze klangen allen ungewohnt, ja unbehaglich; +da er aber in seinem Eifer die frostige Wirkung, +die er hervorbrachte, selbst nicht zu bemerken schien, vielmehr +immer in derselben Richtung sich steigerte, sich überbot, +berauscht von eigenem Beifall immer freundliche +Zurufe der andern um sich zu hören glaubte und so sich +noch mehr erhitzte, begann er zu imponieren. Jedenfalls +bereicherte er den seit langer Zeit festgewordenen +Gesprächsstoff, brachte ein paar neue Redensarten auf. +Man ahmte ihn nach, eine Partei bildete sich um ihn. +Einige begleiteten ihn täglich nach Hause. Auf offener +Straße nun entfaltete sich seine neue Kunst, denn anders +als in den öden glatten Gängen gab es hier tausend +Dinge, an die er seine effektvollen Betrachtungen +anknüpfen konnte. Von der Tramway kam er auf Elektrizität +zu sprechen, brachte verworrenes Zeug vor, das +er sich selbst nach wenigen Andeutungen seiner Erfahrung +zurechtgemacht hatte und von dem die andern nur +<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a> +wußten, daß sie »das noch nicht genommen hatten.« +Wie erbebte er vor Entzücken, wenn ihn nun einer seiner +Anhänger um Erklärung einer Sache bat, wie begann +er gleich mit sanftem Anstand, ernsthaft, auch wenn er +gar nichts wußte, zu erklären. »Das ist a sehr einfach« +waren immer die ersten Worte. Allen Ernstes +glaubte er, daß es nur eines recht guten innigen Drauflossprechens +bedürfte, um alle Dinge der Welt klar zu +machen. Und wenn er es dann nur aushielt, recht lange +bei dieser einen Sache zu bleiben, recht ausführlich und +immer verwickelter über sie zu reden, meinte er, seine +Aufgabe aufs beste vollführt zu haben. Er glaubte +nämlich, auch in den sogenannten wissenschaftlichen Büchern +einigemal bemerkt zu haben, daß das Erklären +nur in einem recht langen, mannigfachen und undurchsichtigen +Brei bestehe, den man um die Dinge gieße, +und diese Regel bewahrte er als ein Schlauer, der nun +dahintergekommen war und der sich von dem allgemeinen +Vorgeben nicht mehr täuschen ließ, wohl im Gedächtnis. +Wenn er aber an seine Kindheit zurückdachte +und an die Mühe, die seine Erzieher angeblich mit seiner +Wißbegierde gehabt, so lachte er sie noch nachträglich +aus. Was für Kunststücke! Nur ein wenig Geistesgewandtheit +gehörte dazu und man hatte die ganze Welt +in der Hand, wie ein Ausleger die Bibel. – So moralisierte +er auch nicht schlecht, hatte Gedanken über den +Staat, über Religion, Gott, Theater, Mode, gute und +böse Menschen. Darin vornehmlich war er Meister: +wenn er ein Sprichwort irgendwo oder einen Satz aufgegabelt +hatte, diesen zum Motto langer Erörterungen +zu nehmen, beständig in neuer und überraschender Form +zu wiederholen, hin- und herzuschrauben, so daß ohne +viel inneres Wissen ein verwunderliches farbenreiches +<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a> +Getön und Hohlwerk aus großartigen Worten entstand. +– Widersprach ihm jemand, so kam ihm das gerade recht, +denn nun konnte er gar erst mit aller Kraft losbrechen, +an die fremden Worte wie an Kähne sich anklammern +und sich von ihnen durch das Wasser obenauf mitschleppen +lassen. Ganz naiv munterte er auch manchmal +solche, die ihm dazu geeignet schienen, auf: »Du, +komm, debattier ein bißl mit mir.« Und das war ein +Herumirren in den Straßen, ein Begleiten hin und zurück, +die Gasse hinunter und nochmals hinauf bis zur +Ecke, ehe er nach so einem Schulweg endlich zu Hause +anlangte. Gewöhnlich war es eine ganze Gruppe von +Burschen, jeder seinen Pack Bücher lose unter dem Arm +(denn Riemen oder gar Schutzleder waren als unmännlich +und schülerhaft längst verworfen), Arnold +immer in der Mitte, neben ihm die Bevorzugten, die +auch schon etwas verstanden, und an den Seiten unbedeutende +Flügelmänner, die sich abwechselnd immer +wieder bis zum Zentrum der Gruppe durchzuquetschen +suchten, immer um die Mittleren mit unbeachteten Fragen +und unbegehrten Antworten herumtanzten und immer +wieder, wie nach einem Naturgesetz, an die kühlen +äußeren Enden der Reihe gedrängt wurden, wo sie gelangweilt +mitstolperten. Vor dem Haus sammelte Arnold +nochmals alle um sich, gab gleichsam die Parole +aus, irgend eine Schlußpointe, aus dem allgemeinen +Lachen aber gerieten die Zurückgelassenen, sobald Arnolds +Licht verschwunden war, schnell in die gewohnte +Balgerei; »wo bist du wieder so lange gewesen?« empfingen +indessen oben den Helden die besorgten Eltern. – +Nicht zufrieden mit diesen Heimschlendereien ging Arnold +bald dazu über, die Freunde zu sich zu laden, am +liebsten gleich rottenweise, erzürnte die sparsame Mutter +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a> +mit seinen ewigen Kaffee- und Kuchenbestellungen und +gab ihr, da er nicht immer die Saubersten sich aussuchte, +Anlaß zu häufiger Wiederholung ihrer beliebten +Grußformel: »Guten Tag. Bitte, putzen Sie sich die +Stiefel ordentlich ab, aber ordentlich!« Er gründete +einen Lesezirkel für die »Intelligenz der Klasse«, der +sich im Sommer als Fußballklub fortsetzen sollte; denn +Stubenhocker wollten sie ja nicht sein. Da er um diese +Zeit mit einigen Genossen das Schachbuch von Dufresne +studierte, war man auch von einem Schachklub nicht +mehr weit entfernt … Aber auch sonst noch, auf den +Gassen, hielt er die Kollegen fest, führte sie mit sich +oder schloß sich an ihre Besorgungswege an, oft auch +setzte er sie in Verlegenheit, indem er aus einer Quergasse +wie aus einem Hinterhalt hervorstürzte: »Da bin +ich. Jetzt aber laß ich dich nicht los, ob du willst oder +nicht willst. Jetzt bist du mein.« Und zärtlich eingehängt +überströmte er den Zuhörer mit seinen neuesten +rhetorischen Eingebungen. Da half kein Abschied, keine +Eile, kein Zugversäumen. Denn es galt ja auch allgemein +als interessant, ihm zuzuhören, und nur ungern +und lässig wurden höhere Pflichten gegen ihn geltend +gemacht. Bis ins Tor der Häuser, bis an die Wohnungstür +vor die Glocke folgte er den Geduckten, geschmeichelt +Gepeinigten, eifrig redend, nach und es hatte +gar nicht den Anschein, als sei er der Spender und +gieße aus seinem Innern etwas in den Krug des andern +aus; sondern so war es, als spende der andere, +als hinge Arnold mit den Lippen saugend an dem Zuhörer +wie an einem Gefäß mit süßem Wein, das man +von ihm wegziehn wolle und dem er deshalb in Abhängigkeit, +immer saugend, nachfolgen müsse. Rufend +entfernte er sich um einen Schritt, machte aber plötzlich +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a> +noch einmal einen zwei Schritte langen Sprung nach +vorn, um aus dem Mann an der Türklinke noch das +Anhören von sieben oder acht Sätzen auszupressen.</p> + +<p>Es konnte nicht fehlen, daß ein Jüngling solcher +Vorzüge bald auch echte Freunde an sich zog, nebst dem +Schwarm geringerer Mitläufer. Der erste, der sich +näher ihm zugesellte, war Philipp Eisig und dieser +Seelenbund blieb fest durch viele Altersstufen hindurch, +obwohl er nur dem kleinen Zufall das Entstehen verdankte, +daß die Eisigsche Familie eines schönen Tages +übersiedelt war und nun dem Hause Beer gerade gegenüber +wohnte. Jetzt war ein ständiger Gefährte für die +Heimwege gefunden – und das genügte als Grundstein +einer so langen und folgenreichen Freundschaft, wie sich +überhaupt Arnolds Beziehungen oft durch ganz geringe +Fügungen und gleichsam ohne seinen Willen anknüpften, +in aller Hast. Arnold stürzte sich nun gleich mit wahrer +Glut in das neue Gefühl, seine Redeströme bekamen +einen Inhalt, zum erstenmal ein heimliches inneres +Zittern zu ihrem glatten äußeren Schimmer, enthusiastisch +schwärmte er vom Bund fürs Leben, von Intimität +und Herzensgemeinschaft, er machte sogar kleine witzige +Gedichtchen und ein Akrostichon auf den Namen seines +Auserwählten. Alles erzählte er ihm, was er sich bei +allen Gelegenheiten dachte, und sorgsam trug er nach, +woran er sich aus der noch nicht gemeinsamen Vergangenheit +erinnerte. Offenheit und Mitteilsamkeit +waren ihm die selbstverständlichsten Freundespflichten, +ja eine gewisse Kühnheit im Aussprechen von Dingen, +die man sonst nur mit einer gewissen Scheu nennt, +schmeichelte ihm wie ein Opfer, das er dem andern +brachte, dem Freunde, der mit seinem großen dicken +gelben Gesicht still neben ihm ging, schaukelnd über +<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a> +dem breiten Bauch. Denn ein Umstand kam dem Verkehr +vornehmlich zustatten: Eisig stotterte ein wenig, +daher war es dem lebhaften Arnold leicht möglich, +ihm geschickt in die Rede zu schnellen, während er selbst +in seinem Hinstürmen nie unterbrochen werden konnte. +Arnold schien ihn förmlich mit seiner Zunge zu regieren, +sowie er auch mit den Händen oft durch einen kleinen +starken Ruck dem großen, aber haltlos wankenden Körper +des Freundes schnell die richtige Wendung gab, um ihn +auf irgend eine flüchtige Erscheinung aufmerksam zu +machen oder um ihn in die gewünschte Gasse einzubiegen. +Und dieses angenehme Gefühl des sofortigen +Befolgtwerdens, der Ungehemmtheit, das er übrigens +nicht durchschaute – so natürlich und triebhaft entströmten +ihm die Befehle – verschmolz ihm in eins mit den zärtlichen +Aufwallungen der ersten Zuneigung, mit den Geheimnissen, +die die beiden einander mitteilten, mit dem +erhabenen Beispiel von Orest und Pylades, das ihn +seit jeher begeistert hatte. Er fühlte sich zu jeder Heldentat +bereit, hätte gern stoisch Folterungen ausgehalten, +um den andern in nichts zu verraten. Abends gingen +sie manchmal, eingeschlossener trotz der ungleichen Statur +und mit seltsam gezwungenem Schritthalten, auf den +Feldern draußen vor der Stadt spazieren, sie starrten +in die Sonne oder vom reinlichen Quai hinab in den +großen tiefen Fluß, dann sprachen sie wieder etwas, +und obwohl es nur ein Witz oder Schultratsch war, +kam oft eine ahnungsvolle Verworrenheit in ihre Worte, +wie Wind in die Seiten einer Äolsharfe, und solche +Innigkeit verklärte noch ihr geringstes Gespräch, daß +Arnold nicht selten die Tränen in seinen Augen aufsteigen +fühlte. Dann wischte er sie mit dem Rockärmel +ab, während der Dicke in feinfühligem Verständnis sich +<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a> +zur Seite wegwandte, um ihn nicht beschämen zu müssen. +Erst zur Nachtmahlzeit schieden sie voneinander und am +nächsten Morgen, während des Ankleidens, brannte +Arnold unbändig schon wieder auf die nächste Zusammenkunft, +denn es hatten sich ihm noch am Abend +vor dem Einschlafen so viele Dinge aufgehäuft, die er +dem Freund auf dem Schulweg mitzuteilen hatte und +die er nun sorgsam ordnete, das minder Wichtige voran, +das Schönste zuletzt, um alles in der richtigen Reihenfolge +und mit der richtigen Wirkung an den Mann +zu bringen … Indessen war Eisig bei all der aufgedrängten +Schweigsamkeit der <ins title="Üeberlegene">Überlegene</ins> in diesem +Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon hie +und da Kaffeehäuser besuchte und den Frauen nicht +mehr ganz ferne stand; was alles er dem Muttersöhnchen +Arnold binnen kurzem beibrachte. Welch neue +interessante Blütenwelt! Arnold war bald bis über die +Ohren in sie versunken, bestrebt, den Lehrer womöglich +zu übertreffen. Denn kein Ding machte ihm eigentliches +Vergnügen, wenn er nicht andere darin übertreffen +konnte. Nur Geld fehlte ihm, Eisig borgte willig die +Hälfte seiner Taschenbezüge, was Arnold übrigens als +selbstverständlich auffaßte und in Eisigs Lage genau so +gemacht hätte. Dafür half er dem Geliebten bei Hausübungen +nach. Eisig war nämlich einer der Schwächsten +und Faulsten in der Klasse, Arnold natürlich Primus, +was ihn jedoch nicht hinderte, auch bei den gröberen, +untergeordneten Naturen, die sonst das Fleißige und +Erfolgreiche hassen, sehr beliebt zu sein, an allen ihren +Streichen teilzunehmen und bald sogar ihre Führung +an sich zu reißen, während er trotzdem bei den Lehrern +das Ansehen eines willigen Glanzes behielt.</p> + +<p>Besonders schlecht stand Eisig beim Professor des +<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a> +Griechischen, Schleiderer mit Namen, dessen Laufbahn +auch sonst von vielen Verwünschungen der unruhigen +Schüler widerhallte, als eines unglücklichen Menschen +übrigens, der er war. Seine Bosheit war berüchtigt. Und +sollte man da nicht wild werden, wenn er dem Eisig die +griechische Schularbeitstheke süßlächelnd mit den Worten +reichte: »Eisig Philipp – diesmal etwas besser gearbeitet. +– – Nicht genügend«. Eisigs gewöhnliche Note +bei Schleiderer war nämlich »Ganz ungenügend« … +Da trat Arnold als Vertreter eines Gedankens auf, der +schon lange ungesprochen durch die Klasse gebebt hatte: +»Wir müssen einen Anti-Schleiderer-Verein gründen!« +Der Name machte allen alles klar, nun wurde die längst +vorbereitete Bewegung grausam organisiert und als +alleiniger Zweck des Vereins wurde die Losung ausgegeben: +den Schleiderer heraus- oder totzuärgern. +Während aber die schlechten und eingeübten Randalierer +zu unfeinen Mitteln, wie: Knallerbsen, Stinkbomben +– rieten, war Arnold erfinderisch. Er leitete es +ein, daß einmal während der Griechischstunde hier und +dort einer von seinem Platz aus langsam und allmählich +sich erhob, das Buch in der Hand, an verschiedenen +Stellen der Klasse, so daß es zunächst nicht auffiel. Die +Ängstlichen standen in geknickter Verrenkung, als sei +ihnen nur das Sitzen für ein Weilchen unbequem geworden +und als wollten sie sich in halb aufrechter Stellung +ein wenig ausruhn; andere hielten ihre Hefte oder +Bücher dem Lichte zu, als hätten sie unten nicht Licht +genug für ihre Arbeit; manche kratzten sich, wie geistesabwesend, +verlegen in den Haaren. Unbemerkt standen +nun andere wieder auf, immer mehr, bis entsetzt der +Professor plötzlich die ganze niegesehene Veränderung +rätselhaft aufgestellter, gleichsam <ins title="gespensterheaftr">gespensterhafter</ins> Schülerreihen +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +vor sich hatte. – Oder er gab das »Bänkerücken« +an; langsam schoben die in der ersten Bank ihre Sitze +vor, die nächsten folgten, möglichst ohne Geräusch, nur +ein kleines Knarren oder Seufzen des Holzes manchmal, +angestrengt arbeitete die ganze Klasse dem gemeinsamen +tückischen Ziel entgegen, keiner paßte auf den Homer +auf, den der Professor wie über aller Köpfe und Ohren +hinweg in die Luft vortrug, – und schließlich erschreckte +den nichtsahnenden Feind wieder ein so ungewohnter +Anblick, als er vom Katheder herabsteigen wollte und +keinen Zwischenraum wie sonst zwischen dem Podium +und der ersten Bank vorfand, da die Bänke bis an die +Erhöhung, wie Belagerer, vorgerückt standen. Und alle +machten ein möglichst unschuldiges dummes Gesicht dazu, +ja sie schienen nicht einmal etwas Auffallendes zu bemerken, +so daß sein Blick ratlos an ihren kalten teuflischen +Gesichtern hin wanderte. – Oder die Derbsten +in den letzten Flegelbänken rauchten gar – auf Arnolds +Anreiz –, verborgen hinter Büchern, bliesen den Rauch +in ihre Hüte, die sie immer wieder sorgfältig umklappten, +bis endlich diese Sammelbüchsen voll waren und nun +schlugen sie sie um, daß ein weißes dampfendes Gewölk +unbekannten Ursprungs langsam zur Decke emporstieg, +eindrucksvoll qualmend wie zum Aktschluß einer Zauberposse +… Jetzt war Arnold Liebling und Stolz der +Klasse; und immer noch brav, immer noch: »Sittliches +Betragen: musterhaft« auf dem Zeugnis. Der Verein +hätte ihn aber doch vielleicht entschiedener in den Unfug +gezogen: da ereignete es sich eines Tages, daß Professor +Schleiderer, der Verhaßte, wie von selbst auf der +Schloßtreppe hinstürzte und sich den Schädel brach. +War es Wahnsinn? Selbstmord? Niemand erfuhr es, +auch in der Folge nicht. Die jungen Sieger aber standen +<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a> +nicht an, dies als Folge ihrer gutgelungenen sinnverwirrenden +Quälereien zu erklären und an demselben +Tage ein fröhliches Zusammentreffen in der Eisigschen +Wohnung einzurichten, das ohne Reue als eine Art +von kannibalischem Triumphfest geplant war, in das +sich aber unvermerkt mit immer bedenklicheren Reden +und gar nicht mehr knabenhafter Unfrische ein geheimes +Todesgrauen einzuschleichen begann – viele von den +Burschen hatten überhaupt noch nie einen Todesfall in +ihrer näheren Umgebung erlebt – und das schließlich +ganz appetitlos, ernsthaft, ja mit dem Entsetzen, das in +Erfüllung gegangene Flüche und Orakel umwittert, und +in Angst vor allen unberechenbaren Zufällen des Lebens +zu Ende ging – des Lebens, das auf alle diese Kinder +draußen lauernd wartete.</p> + +<p>Die Mutter sah es nicht gern, wenn ihr Arnold in +das Eisigsche Haus hinüber ging. Das ganze Treiben +dort gefiel ihr nicht. Schon den dicken Philipp mochte +sie nicht besonders leiden und ermahnte ihn immer, wenn +er sie verlegen anstotterte: »Langsam sprechen, nur +hübsch langsam«, sie hegte nämlich den Wahn, daß alle +Krankheiten und üblen Zustände, die sie nicht verstand, +nur schlechte Gewohnheiten seien … Arnold aber, der +gemach in das Alter kam, in dem man die Freunde über +die Eltern setzt und überhaupt die Ansichten der Eltern +mit einigem Trotz und Mißtrauen prüft, ging nun erst +recht zu Eisigs. Dort konnte sich ein gewisser toller +bubenhafter Zug seines Charakters zu üppiger Entwicklung +durchringen, dort hatte alles einen Strich von +ungebundener Räuberromantik, schon die ungeheuerliche +Unordnung und Verwüstung in den großen hohen, dabei +nicht hellen Sälen des alten Gebäudes: all dies mit +der ordentlichen Sparsamkeit zu Hause kontrastierend … +<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a> +Die Eisigskinder, fünf Söhne recht verschiedener Altersstufen, +bekamen alles, was sie nur wünschten, in Verschwendung, +sie hatten, außer dem besonders auffallenden Billard, +in ihrer Wohnung eine <span class="antiqua">Laterna magica</span>, ein herrliches +Puppentheater mit zahllosen Kulissen, Turngeräte, sämtliche +Bände von Jules Verne, Gerstäcker und Karl +May, und überdies durften sie nach Herzenslust alles +zerreißen, verborgen und verbrauchen, wobei ihre lustigen +Eltern noch spitzbübisch mitlachten, während bei Beers +alles abgezirkelt und wie am Schnürchen gehn mußte. +Schon daß die Eisigsjungen fünf waren und so mannigfache +Talente – einer konnte <ins title="Karrikaturen">Karikaturen</ins> zeichnen, einer +photographierte, einer konnte mit dem Mund das +Geräusch einer Säge nachmachen u. s. f. –, mußte dem +einzigen Sohn Arnold imponieren. Welche Kombinationen +gab es da, welche von altersher eingelebten +Scherze und Neckereien, welche Wirkungen vereint und +gegeneinander, und wieviel Gerümpel und altes Spielzeug, +da jeder von den ersten Jahren an seine eigenen +Sachen hatte! Besonders aber fand Arnold an dem +<ins title="[im Original steht das erste e auf dem Kopf]">Ältesten</ins> Gefallen, an dem Herrn Gottfried, der allerdings, +wie er sich recht wohl eingestand, eigentlich »noch +nichts für ihn war«, der ihm aber trotzdem hie und da +ein Stündchen traulichen Geplauders gewährte, in unbegreiflicher +Herablassung. Arnold bewunderte den Studenten +schrankenlos, der, wie er häufig erklärte, die +Schauspielerei studierte, eigentlich schon alles irgendwie +Nötige gelernt hatte und nur vorläufig, da er ohne Engagement +blieb, Gedichte »im modernsten Genre« schrieb, +selbst <ins title="verfertigte,">verfertigte</ins> Verse, die sich nicht reimten und in +denen häufig Worte wie »Glast, Sehnsüchte, kranke +Finger, geistern, Silber, Onyx, Chysopras« vorkamen. +Gottfried rezitierte sie selbst gelegentlich im Familienkreise +<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a> +und vor Gästen, nicht ohne Anflug eines kleinen Familien-Stotterns +… O hier gab es Anregung, hier waren +die neuen Sachen, hierher verlegte Arnold bald das ganze +Leben seiner freien Zeit, und da schließlich das Etablissement +Eisig als gewaltiges Hutexportunternehmen in +ansehnlicher Blüte stand, hatten die Eltern Beer nach +näheren Erkundigungen gegen diesen Umgang im Grunde +nichts mehr einzuwenden.</p> + +<p>Eisigs besaßen auch einen Fußball. Dieses an +Körperinhalt so geringfügige Ding bewirkte, daß für +Arnold eine neue Ära und Leidenschaft anbrach, ein +Fußballjahr … Schon vorher hatte er das Spiel geliebt, +das als »roh und gesundheitsschädlich« von der +Schule aus und gleichfalls von den Eltern verboten +war. Man wies gern auf Unglücksfälle hin, man las +den Kindern aus der Zeitung vor, daß der oder jener +hoffnungsvolle junge Mann durch einen unglücklichen +Fall oder gar infolge eines Tritts beim Fußballspiel +unheilbaren Schaden genommen hatte. Indes verklärten +solche Nachrichten in den Augen Arnolds den +gefährlichen Sport, munterten ihn nur auf, und obwohl +man ihm strafweise das kleine Taschengeld entzog, wußte +er sich doch immer wieder einen Ball zu verschaffen und +eilte dann mit Gleichgesinnten in den Stadtpark, um +sich für zwei, drei Stunden am »Kicken« und »Rempeln« +gütlich zu tun. Im Stadtpark drohte freilich eine neue +Gefahr, denn dort war auf allen Wegen das Fußballspiel +ebenfalls verboten, und wenn die Buben mit glühenden +Wangen gerade im besten Laufen waren, erschien manchmal +der Parkwächter mit Tschako und Säbel, ein alter +Mann, ergriff wortlos den rollenden Ball, den Puls +des Spieles, den Ball, den man mit so viel Schwierigkeiten +einem Mäderl abgeschwatzt oder irgendwo gestohlen +<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a> +hatte, und steckte ihn, den teuren Ball, in die +Tasche, worauf er wortlos hinter den Gebüschen wieder +verschwand; denn mit den unverbesserlichen Sportfreunden +zu zanken oder ihnen die Vorschriften einzuschärfen, hatte +er längst wegen Aussichtslosigkeit aufgegeben … Man +wählte daher, um vor seinen räuberischen <ins title="Üeberfällen">Überfällen</ins> +sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen er seine +Rundgänge nicht mehr so eifrig einhielt und die auch +alles leicht verhüllten hinter Nebeln über den Wiesen +und langen Schatten. Dann tauchte die Gesellschaft +vorsichtig auf, ganz nach Art verfolgter Gottesdienste +im Anfang einer Religion wurden abgelegene Plätzchen +ausgesucht, Vorposten ausgestellt, ängstlich wurde das +Heiligtum, der Ball, hervorgeholt, doch erst, wenn alles +sicher schien. Dieser Ball … o mit welchen bejammernswerten +Surrogaten mußten sich die Enthusiasten manchmal +begnügen. Einmal war es ein leichter roter Gasballon, +der zu hoch sprang und der die ganze wohlgeübte +Fußtechnik der Mannschaft störte, einmal ein +großer, ganz weicher, mit kindischen Bildern, dann ein +kleiner billiger weißer Gummiball, der jeden Moment +ins Buschwerk lief und kaum mehr aufzufinden war, +ein anderes Mal hatte der Ball schon Luft verloren, +das heißt er bekam an einer Seite eine kleine rätselhafte +Einsenkung – und mochte man ihn nun streicheln +und drücken, wie man wollte, mochte man mit aller +Vorsicht die Vertiefung langsam in weicher Hand aufzurunden +suchen, immer zeigte sich die tückische Grube +an einer anderen Stelle, immer wieder genau so tief +wie vorher, eher noch tiefer. War einmal ein Ball +so weit, so war er unrettbar verloren. Man erkannte +das an seinem hohlen scheppernden Ton beim Laufen, +man konstatierte es mit einem wahren Todesschreck in +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a> +den Gliedern. Denn nun war das richtige Vergnügen +vorbei. Trotzdem hörte man natürlich nicht auf zu spielen, +wenn auch der Ball nur schlecht sprang und von der +graden Bahn abwich. Einige Künstler behaupteten +sogar ganz stolz, sie spielten nicht ungern mit so einem +zerkickten Balle, denn sie könnten seine »Fälsche« berechnen. +Indes vergrößerte sich unaufhaltsam mit jedem +Stoß der Fehler, schließlich hatte sich die Senkung über +die halbe Fläche schlapp ausgebreitet. Doch nicht einmal +das war ein Hindernis. Man schob nun den Ball +zusammen, machte eine hohle Halbkugel aus ihm, einen +Klumpen und in diesen Überrest stieß man eifrig, trug +ihn mehr auf der Fußspitze als man ihn warf, verzichtete +auf jede Elastizität, auf den Fernkampf, so daß das Spiel +endlich in Nahkampf d. h. in eine Prügelei ausartete … +Primitiv wie der Ball war auch das Goal eingerichtet, +zwischen zwei Bäumen, die man durch eine mit dem +Stiefelabsatz gezogene Linie im Sand verband. Fehlten +die Bäume, so legte man Kleider in zwei Bündeln auf +die Erde und bestimmte die Linie zwischen ihnen als +Goal, wobei dann allerdings die Streitfrage entstand, +ob es als Goal zu betrachten sei, wenn der Ball über +die Kleiderbündel fliege oder sie streife. Man nannte +das »Stange«, denn die Röcke vertraten ja die Goalstangen, +und belästigte nun die älteren Spieler, sogar +die Sportzeitungen mit diesem Problem. Und nun gar, +wenn es immer dunkler wurde, wer konnte noch entscheiden, +ob ein Schuß richtig getroffen hatte oder nicht! +Man spielte einfach in die Nacht hinein, erstickend, +keuchend, man bewegte sich, es galt auszugleichen oder +den Sieg zu entscheiden, in höchster Spannung und +Anstrengung – und dabei mußte man sich zurückhalten, +durfte nicht schrein, nicht anfeuern und jauchzen, alles +<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a> +mußte lautlos vor sich gehn, sonst hätte man sich dem +Wächter verraten. Erst bei völliger Finsternis hörte man +auf. Die Feinde und Freunde hinkten nach Hause, +hungrig, durstig, zerschunden – das aber fühlten sie +nicht – nein für Arnold, wie für alle, lag ein süßer +Zusammenhang zwischen ihrer Abgeschlagenheit, dem +Schweiß, den Schuhtritten, die sie an ihren Waden +schmerzten, an den Schienbeinen, längs derer vielleicht +ein gegnerischer Schuhabsatz herabgeglitten war oder +sich eingehackt hatte, daß innen die Sehnen brummten, +zwischen all dem und dem süßen Fliederduft des Parkes, +dem nächtlichen Blühn und einem leisen, eben entschlafenden +Vogelgezwitscher – o ein Zusammenhang, +in dem diese Knaben stärker als jemals ihre Jugend +und die heldenmütige Kraft des Blutes und eine sich +weitende Freude spürten bis an das schwarze Himmelsgewölbe +hinauf. Sie marschierten in die Gassen hinein, +sie fürchteten sich nicht vor den Eltern, nicht vor der +morgigen Schularbeit, sie summten ein Lied. – So +weit stand die Sache, als Arnold mit Eisigs näher +bekannt wurde. Damit erhielt er plötzlich, nach all +den dilettantischen Versuchen, Anteil an einem Fußball, +an einem wirklichen englischen Fußball, der seine +hohe Verehrungswürdigkeit schon dadurch bekundete, +daß er wie ein belebtes Wesen eine »Seele« besaß. +Nun überstieg die Fußballbegeisterung alle Grenzen. +Täglich nach der Schule zogen die fünf Eisigs mit Arnold +auf die Wiesen, drei gegen drei teilten sie sich +dort und los gings. Nicht genug damit, man übte auch +in der kurzen Zeit zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht, +und da war der große Hof im Eisigschen +Haus der geeignetste Platz dazu, dieser Hof mit +seinen Kisten, Handkarren, Holzschuppen, alten Bäumen, +<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a> +Kellertüren, dieser Hof in glühender Mittagssonne. +Nichts konnte die Passionierten abhalten, nicht, daß der +Hof gepflastert war und daher jedes Hinstürzen hart +spüren ließ, auch nicht daß der Ball einmal bei einem +Hochkick ein Fenster im ersten Stock zerschmetterte, was +zu großen Mißhelligkeiten zwischen Papa Eisig und +seinem Mieter führte. Es wurde nur einfach ausgemacht, +von nun an keine Hochkicks mehr zu machen. +Und unverdrossen kroch man zwischen Fässern durch, wenn +der Ball sich zwischen sie verloren hatte, kletterte ihm +nach durch die Fenster in die versperrten Keller und +Schuppen, breitete sich immer weiter aus, spielte bei +Regenwetter im Vorzimmer der Wohnung, zerbrach +Lampen und Spiegel, umging immer wieder die elterlichen +Verbote. Ja man ging zum Angriff auf ihre +Herzen über, suchte sie für den Fußballsport zu gewinnen, +indem man sie überredete, Sonntags sich einmal +ein Wettspiel anzuschaun. Unterwegs wurde ihnen +alles auf das Fachlichste erläutert: die Aufstellung, +Goal, Hand, Ecke, der Elfjardstoß, die Rätsel des Offside. +Angesichts des Spieles machte man sie auf hygienische +Nützlichkeiten aufmerksam, zog die Olympischen +Spiele der Griechen zum Vergleich heran, deutete auf +die moralischen Werte gerade dieses Sports hin, der +es dem einzelnen verbiete, »egoistisch« zu spielen und +das Gesamtinteresse seiner Partei auch nur einen Moment +aus dem Auge zu lassen … Um diese Zeit erschien +zum erstenmal eine englische Mannschaft in der +Stadt. Es war eine Umwälzung! Man hatte ein ganz +neues Zusammenspiel zu erlernen, das Zuspielen auf +der Erde, Kopfstöße. Die sechs Helden trainierten unverdrossen, +jeder mit dem festen Vorsatz, ein Champion +zu werden. Sie kannten alle Wettspielresultate der +<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a> +letzten Jahre, alle Meisterschaften auswendig, sie umgaben +die berühmten Spieler mit schwärmerischer Verehrung. +Sich selbst photographierten sie im Hof, in +verliebten Stellungen, mit dem Ball im Arm, oder in gestellten +Gruppen, wie einer dribbelte und den Gegner +dabei »täuschte« oder wie er im letzten Augenblick +»rettete« oder wie er im Goal dem Schuß entgegensah, +die Hände auf den Schenkeln, den Kopf gesenkt +mit spähendem Blick. Sie schafften sich »Treter« an +und hatten dabei ein an Verbrecherlust grenzendes Gefühl +von Grausamkeit und Mut. Ihr Traum war, sich +zu einer Mannschaft auszubilden und siegreich den Kontinent +zu bereisen … Arnold hatte sich unbestritten zum +Kapitän aufgeworfen. Er trug auch immer den Ball +zum Spielplatz, was ein besonderes Ehrenamt war und +außerdem dem Träger Gelegenheit gab, schon unterwegs +einige Kicke in den Ball zu tun. Dies jedoch +wurde ihm von den andern stets mit lautem eifersüchtigen +Geschrei untersagt. Es war verpönt. Der Ball +sollte getragen, aber nicht gekickt werden. Auf das +Kicken behielten sich alle das gleiche Recht vor und +wachten streng darüber, so überirdisch schien ihnen dieses +Vergnügen, dieser geschickte Anstoß an die stählern +klingende Rundung, diese Kraft und Richtung … Ging +Arnold allein durch die Gassen, so phantasierte er sich +auch stets einen Ball vor die Fußspitzen, den er kunstvoll +lenkte und an den Spaziergängern knapp vorbeitrieb. +Das war seine liebste Unterhaltung. Und abends +konnte man ihn wild, die Mütze in der Hand, durch +leere Gassen rennen sehn. Dann war er in seiner Vorstellung +mitten im Wettspiel, draußen auf dem rechten +Flügel Forward – dies war sein Posten, wenn er mit +Eisigs spielte –, dann überholte er Feinde, die mit ihm +<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a> +zurückliefen, wich den Mittelstürmern, die ihm entgegenkamen, +gewandt aus. Seine ganze Mannschaft sah er +im gleichen Tempo mitrennen, über das grüne Feld hin +wie einen riesigen Fächer, der sich verlängert, sah aller +Augen auf sich gerichtet, denn er hatte den Ball, – +knapp an der weißen Outline lief er, während das +Publikum mit »Hipp, hipp« ihn anspornte und erregte +Köpfe über die Holzstangen ihm sich nachbogen – sah +sich als Teil eines Ganzen, als Anführer, all dies in +wenige Sekunden zusammengepreßt – endlich spielt er +den Ball in die Mitte, der Centre hat ihn und läßt +ihn mit der Wucht beinah eines senkrechten Falles durch +das feindliche Goal in das heftig aufzitternde Netz +stürzen, … während der tapfere unegoistische Flügel +langsamer heranläuft, alles überblickend. Und nun wird +applaudiert, es rauscht, es schreit. Sieg! <ins title="Sieg">Sieg!</ins></p> + +<p>Eine Zeit lang verkehrte Arnold mit niemandem +als den Eisigbuben. Bald aber wuchs sein Bekanntenkreis +und wurde schließlich ihm selbst unübersehbar und +unheimlich. Während er in der Schule voran blieb, +öffentlich und im Geheimen, auch in der Kommerskassa +zum Obmann anstieg, die Kneipzeitung nicht nur +redigierte, sondern auch auf einem selbstgekochten und +selbst in die Blechpfanne eingegossenen Hektographen +abzog (welche Schmerzen, wenn schließlich mitten in +der immer dünneren und durchscheinenderen Masse der +Blechgrund durchsah oder wenn die Gelatine in kleinen +Kandiszuckertröpfchen an die feuchten Abziehbogen abbröckelte), +während er sogar eine kleine verbotene Lotterie +für die Maturakneipe unter den Kameraden und +deren möglichst weit herangegriffenen Angehörigen veranstaltete, +begann er doch auch noch außerdem ein +schwungvolles Privatleben zu führen. Gottfried Eisig, +<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a> +der Schauspieler, brachte ihn in eine Gesellschaft von +Konservatoristen, in dunkle Hofzimmer, wo es von +Violinskalen und Nässe seufzte; bei einem von ihnen, +Waldesau, der durch besondern Ernst ihn ansprach, +lernte er mit reißenden Fortschritten Klavier. Nebstbei +trat er in einen Tennisklub ein und erwählte auch +dort, in der vornehmen Welt, seine Freunde. Dies +alles steigerte sich noch, als er nach glücklich mit allgemeiner +Auszeichnung abgelegten Prüfungen die Hochschule +bezog. Eigentlich sollte er in das Geschäft +seines Vaters eintreten, doch zog er dies durch unschlüssiges +Studium und Berufsprobieren noch einige +Jahre hinaus. Er inskribierte dort und da, klaubte +aus allen Gegenständen die üppigen Mandeln heraus, +ließ sich von Gefährten zur rechten und zur linken +Seite bald in die »gerichtliche Medizin«, bald zu »Experimentalphysik« +oder »Sanskrit« oder den »Versmaßen +des Horaz« ziehn. Er gewann zu ganz intimen +Brüdern: Löb, den sachlich strebenden Bakteriologen, +der zunächst im Schul-Mikroskopieren, bald auch mit +eigenen Ideen Geschicktes leistete – ferner den ruhigen +kleinen Krause, der mit Jusstudium eine gründliche Erforschung +des jüdischen Wesens und zionistische Propaganda +verband. Arnold selbst trat einem deutschen +Studentenverein bei und war dort eine Zeit lang der +Vertraute des in politischen Dingen jugendlich-energischen +und wohlvertrauten Technikers Grünbaum. Grünbaum +nahm Malstunden, natürlich teilte sie Arnold mit ihm … +Das Seltsame nun bei diesen nach allen Seiten umsichgreifenden +Beziehungen war, daß Arnold mit Sicherheit +für jeden seiner Freunde den richtigen Ton traf, +daß er niemals dem Waldesau, sondern immer nur +dem eleganten Preisruderer Bobenheim unanständige +<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a> +Witze erzählte, daß er mit Grünbaum ebenso schwärmerisch +von Rodin, wie mit Löb von »Ehrlich 606« +sprach, und wieder daß ihm Professor Ehrlich für Löb +den großen Arzt und für Krause den großen Juden +bedeutete … Natürlich war er längst klug geworden +und hatte die schwadronierende Art seiner Gymnasiasten-Reden +längst aufgegeben; aber die prächtige und beflügelte +Sprechweise, der strömende Schwall von Ideen, +der auch den Hörer in einen Zustand angenehmer +Leichtigkeit versetzte, war geblieben. Hierzu gab nun +sein wirklich übermenschlicher Eifer in allen Bestrebungen, +der Mut, mit dem er immer seine ganze Person, seinen +edelfunkelnden Geist einsetzte, mit dem er immer furchtlos +sofort das Herz der Probleme <ins title="attakierte">attackierte</ins>, all diese +Zauberei einer schnellen Auffassung und eines unverwüstlichen +Gedächtnisses – gab Untergrund und Quadersteine +für blendende Bauwerke … Kein Wunder, +daß ihn alle Freunde für ein vielseitiges Genie hielten. +Als bedeutender oder, wie man unter ältern Leuten +sagt, als »gescheiter« Mensch war er allgemein bekannt. +Er war jetzt von ziemlich großer Statur, seine Augen +lagen unter hohen Knollen der trotzdem freundlichen +Stirne, in tiefen bläulichen Höhlungen also, aus denen +sie wie schattige Gebirgsseen, klar und doch von unergründlicher +Färbung, hervorsahn. Diese großen verfinsterten +Flächen teilten zugleich mit dem Nasenschatten, +der über der glattrasierten Oberlippe spielte, mit den +weißen ebenmäßigen Wangen sein Gesicht überblickbar +ein, machten es leicht einprägsam. Dazu der flache +breitgerandete Strohhut, der niedrige Umlegkragen, +dem der Hals frei und künstlerhaft entstieg, der weite +gutgeschnittene Überzieher – und die markante Persönlichkeit, +der angesehene Mitbürger war beinahe fertig … +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a> +Auf solche Äußerlichkeit, die sich ja mit der Zeit von +selbst einstellte, gab jedoch Arnold wenig; sein Flammenstreben +richtete sich vielmehr nur darauf, mit jedem +einzelnen der Freunde zu wetteifern und alle zu überflügeln. +Er stieg einfach in alles hinein, ohne Berechnung, +aus purer Lust. Wenn Löb zu wissenschaftlichen +Lektürzwecken Englisch und Französisch erlernte, +so begann er gleich noch Italienisch dazu. Las Krause +die Bibel im hebräischen Urtext, so verschaffte sich +Arnold schon Auszüge aus dem Talmud.</p> + +<p>Dies jedoch hätte die Verehrung, die ihm diese so +verschiedenartigen jungen Leute zollten, noch nicht erklärt. +Es muß noch gesagt werden, daß er alle nicht nur +begleitete, sondern auch stieß und antrieb und tröstete. +Tröstete, indem er sie stieß – nirgends Schwierigkeiten +sehend und mit der ihm angeborenen nebelhaften Energie +gleich nach Erfüllung aller Wünsche langend. Es war +eben seine eigentümlichste Eigenschaft, daß er, in Gesellschaft +mit einem Freunde, ganz und freudig erfüllt +von dessen Liebhaberei, unter allen Umständen weiterdrängte +und in hellstem Optimismus sich und den andern +für fähig zu allem hielt. War etwas in den Lehrbüchern +beiden unverständlich, so war es falsch, eventuell ein +Druckfehler. Stimmte eine Theorie nicht zu eigenen +Beobachtungen, so verwarf er jedesmal ohne Gewissensbisse +die Theorie, niemals die noch so flüchtige Beobachtung +… So kam es, daß er überall nichts als Reformbedürftigkeit +sah. Die Philosophie sollte von Grund +aus umgeformt werden, die Physik war lächerlich, die +Welt des öffentlichen Lebens beruhte ebenso auf falschen +Prinzipien wie das Rudertraining. Wieviel gab es da +zu arbeiten, wie zum Verzweifeln wenig war eigentlich +fertig! Und wie schön war diese Verzweiflung!… +<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a> +Arnold hielt sich nie mit Details auf, nur die großen +Grundideen warf er über den Haufen und schrie: »Das +ist überwunden. Da müßte so und so weitergebaut +werden!« Mit erhobener Hand stand er über den +Freunden, die in ihrem mühsamen ehrlichen Kleingewerbe +befangen den großen Zug verlernt hatten und gern den +frischen Hauch so freimütiger Weltgedanken hörten, +wenn sie auf dem ersten Schritt zu diesem Luftzug hin +über irgend ein ernsthaftes Kramzeug stolperten. Hatten +sie aber auch nur einen kleinen vorsichtigen Schritt nach +vorn getan, gleich war Arnold da und lobte, nannte das +eine »tüchtige Leistung« und ließ das Kommende hochleben. +Er verstand sich besonders darauf, gut und einschmeichelnd +zuzuhören; und dies wieder, weil er das +Zuhören nicht affektierte, sondern weil er ernstlich glaubte, +von seinen in die Spezialstudien detachierten Freunden +die reinste Essenz der Wissenschaft einziehn zu können, +die fertigen Resultate, zu deren Erarbeitung er selbst +keine Zeit hatte. So saß er andächtig, behielt immer +die Einteilung ihrer ganzen Arbeit sicher im Kopf, wußte, +wie weit man neulich gekommen war, konnte durch Ausbessern +kleiner Flüchtigkeitsfehler oder Dispositionsabweichungen +seine Aufmerksamkeit wohltuend dem +andern beweisen … Natürlich war er nicht so unliebenswürdig, +mit der Türe ins Haus zu fallen, sondern +nahm auch an den Familienverhältnissen der Freunde +einen Anteil, an ihren Liebschaften und Verdrießlichkeiten. +Immer aber wußte er, ihre fortschreitenden Fachkenntnisse +und die besondere Richtung ihres Denkens +als das Wichtigste an ihnen und an ihrem Verkehr mit +ihm zu behandeln, wie es ja seiner Überzeugung entsprach, +auf diese Facharbeit kam er nach jeder Einleitung +zu sprechen, und da die Freunde bald merkten, daß aus +<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a> +ihrer Umgebung nur er stets und wirklich aus dem +Herzen auf dem bestand, was sie selbst als das Edelste +an sich, wenn auch manchmal als etwas Unbequemes, +ansehn mußten, zogen sie ihn bald allen übrigen Kameraden +vor. Zumindest hatte er eine Sonderstellung. Man +plauschte mit ihm, aber es war kein leerer Zeitvertreib, +es war eine Anspannung, seinem impulsiven Andrücken +immer genügen zu können, man mußte sein Bestes geben. +Abschweifungen in andere Gebiete lehnte er ab, indem +er sich plötzlich (und ebenso ehrlich wie vorher interessiert) +uninteressiert verhielt. Solche Laienhaftigkeit schien er +nur sich selbst vorbehalten zu haben … Doch arbeitete +er auch selbst, vertiefte sich manche Tage lang in irgend +eine Frage, die ihm im Gespräch mit einem Freunde gekommen +war, schrieb er ein paar Klavierstücke, einen +»Abriß einer neuen Werttheorie«, einen »Entwurf zur +Kritik Spinozas vom Standpunkte der Rasse aus« – +lauter kleine Heftchen, vollgeschmiert mit flüchtigen, oft +klecksartigen Schriftzeichen, Abkürzungen, Symbolen – +und mit großem Vergnügen las er dann die noch unfertigen +Darlegungen dem betreffenden Freunde vor, für +den er eigentlich die Arbeit unternommen hatte. Das +Vorlesen war nämlich das Ziel der ganzen Arbeit; +Arnold arbeitete mit Unlust und Ungeduld, unter tausend +Ablenkungen, und was ihn während dieser Mühsale +emporhielt, war nichts anderes als der Gedanke an die +herannahende geisterfüllte Vorlesestunde. Und war sie +da, dann erschütterte die Leidenschaft sein blasses Gesicht, +seine zuckenden Hände mit aufschießenden Blutwellen, +dann erst begann seine eigene Arbeit ihm sich zu färben +und zu beleben, dann schrie er in melodischen Akzenten, +hielt nur still, um neue Ausblicke einzufügen, entschuldigte +sich, daß dies ja noch nicht die endgiltige Fassung sei, +<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a> +man möge mehr auf die Absicht sehn als auf das, was +wirklich dastehe, schloß dann mit leuchtenden Augen in +einer ausführlichen Skizze, was und wie es nun weiter +zu machen sei: »also, lieber Krause, das überlasse ich +jetzt dir. Da leg dich hinein und schau, daß was draus +wird. Es ist ja so einfach …« – Wie er aber selbst +gern vorlas, so verlangte er auch von den Freunden rückhaltlos +die Produkte ihrer Tätigkeit, selbst wenn diese +mutlos und schamhaft lieber ihre halbausgereiften Pläne +verborgen hätten. Er brach in ihre Schreibtische ein, er +zwang sie durch flehentliches Bitten, ihm doch etwas, +was sie gerade im Kopf wälzten, zu erzählen. Daß sie +in der letzten Zeit nicht gearbeitet hätten, ließ er einfach +nicht gelten. Ausreden wie: Zweifel an ihrer eignen +Tüchtigkeit, Unwohlsein, Müdigkeit – schob er mit +burschikosen Flüchen weg. Schließlich schämte man sich, +mit leeren Händen vor ihm zu erscheinen. Arnold verlangte +einfach, daß rings um ihn geleistet wurde; als +hätte er selbst das dunkle Gefühl, daß er für seine +Person mit seiner Zersplitterung nichts Nennenswertes +hinterlassen würde, suchte er seine Spannkraft wenigstens +durch das Medium anderer Gehirne hindurch wirken zu +lassen. Der starke Wille, der in ihm lebte, in ihm selbst +unfruchtbar, wurde auch tatsächlich die Stütze und der +Sauerteig vieler Arbeiten seiner Freunde. Der verwickelte +Ausbau seiner vielfachen Bedürfnisse und natürlichen +Triebkräfte stand wie ein Turm da, an den sie +sich lehnten … Waldesau zum Beispiel, der Musiker, +der in einem beständigen Ekel vor sich selbst lebte, gestand +oft, daß er keine Note schreiben würde, wenn ihm +Arnold nicht immer wieder mit kollegialen Schimpfreden +den Teufel aus dem Leib triebe. So aber lieferte er Kompositionen, +Lieder und Sonaten, die zwar er selbst erbärmlich, +<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a> +verbrecherisch fand, die aber das enthusiastische +Lob nicht nur Arnolds, auch älterer Musikkenner hervorriefen.</p> + +<p>Arnold ging weiter. Er liebte es – all dies instinktiv, +nicht aus Überlegung – seine Freunde, die einander +noch nicht kannten, mit einander zusammenzubringen, +falls er sich davon gegenseitige Anregung und +Förderung ihrer Arbeiten versprach. Er hatte seine +Freude an den neuen Konstellationen, er verfolgte mit +einer Art von Zärtlichkeit die weitere innige Verflechtung +der Fäden, die er selbst neben einander gelegt +hatte und die jetzt ohne ihn lustig und oft mit einer +in seinem Anstoß gar nicht zu ahnenden Bedeutsamkeit +sich fortspannen. Zu vielen tiefgreifenden Beziehungen +legte er so den Grund, nur selten tat er +einen Mißgriff. Kein Wunder, daß ihn Liebe und +Begeisterung der ganzen Gruppe, die er so hübsch organisiert +hatte, umgab. Selbst der spitzige vielüberlegende +Grünbaum, der jede körperliche Berührung mit +Menschen scheute, drückte ihm wärmer die Hand. Alle +fühlten, wenn auch undeutlich, daß die zartgebauten +Wurzeln ihres Daseins aus den strömenden übervollen +Bächen dieses Verschwenders immer neue Bewässerung +zogen und daß dabei gar kein Schwindel oder eine +Willkürlichkeit Arnolds mitspielte; daß vielmehr dies +alles nach Naturgesetzen so geschehn mußte – und gerade +dieses Unbedingte, Automatische, Gesetzmäßige +war die Ursache, aus der man ihm vertraute, ihm +doppelt verpflichtet war … An seinem Geburtstage +empfing er nun auch glühende Briefe sonst ruhiger Genossen, +Danksagungen in klugen, nicht alltäglichen Worten, +selbst Geschenke, und wiewohl er selbst sich der Repräsentation +so außergewöhnlicher Beliebtheit nicht ohne +<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a> +Würde und Rührung unterzog, sagte er sich doch auch +manchmal, daß es eigentlich komisch sei, wie selbstverständlich +er diese Opfergaben, den Tribut gleichsam, +einkassierte. Er selbst schenkte keinem seiner Freunde +etwas zum Geburtstage; das fiel ihm auf, die andern +schienen es selbstverständlich zu finden. Es beunruhigte +ihn … Überhaupt wurde ihm, wenn er einmal +allein mit sich zu Rate ging, nicht wohl nach all +dem metallischen Getöse rings um ihn. Kam er zur +Ruhe, so fand er, daß er eigentlich nichts zu Ende +führte und nichts ganz von vorne begann. Eine beklemmende +Traurigkeit legte sich auf seine Lunge. Was +interessierte ihn eigentlich? Was wollte er auf der +Welt? Was hatte er geleistet? Daß er der Gschaftlhuber +nicht war, als den ihn Mißgünstige gern ausgeschrieen +hätten, fühlte er sehr wohl. Seiner Redlichkeit +und einer gewissen Tüchtigkeit im Kern blieb +er sich ja stets bewußt. Aber mindestens ebensoweit +wie vom Gschaftlhuber war der Abstand zu der »modernen +Goethenatur«, für die ihn manche Anhänger +aus ehrlicher Überzeugung hielten. War er allein, so +fühlte er sehr wohl, daß er nicht Goethe war, nicht +die in sich ruhende und daher so wirksame Vollkommenheit. +Was war er also eigentlich?… Nun, eben +der Arnold Beer, ein einmaliges Individuum, so und +so eingerichtet, mit den und den Fehlern und Vorzügen, +die man noch näher studieren, entwickeln mußte. +Also mit Vorzügen auch – heraus damit!… Er +dachte nach … Ihm fiel nichts ein … Mit warmem +Kopf rutschte er vom Diwan zum Schreibtischsessel, +vom Schreibtischsessel zum Diwan, und vergebens suchte +er, während sein Blick über die Dächer hin in den +fernen Himmel, in die rotglänzenden Wolkenkelche einschlüpfte, +<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a> +beim Anblick dieser leuchtenden Gebilde auch +nur einen jener befeuernden und frischen Einfälle selbst +zu empfinden, wie er sie am Nachmittag seinen Freunden +zu Tausenden um die Köpfe geschlagen hatte … Ja, +wenn er neben ihnen ging, neben Löb zum Beispiel +ins Kolleg, oder neben Eisig in der Weinstube saß, +dann konnte er sich die Wonnen der gedankenreichen +Einsamkeit wohl vorstellen. Einsamkeit – wie eine Fata +Morgana schwebte sie vor ihm, eine Stadt mit flachen +quadratischen Dächern, alle menschenleer, doch alle +wohnlich eingerichtet mit kleinen rauschenden Springbrunnen, +seidenen grünen Kissen am Geländer, süßen +Speisen und Limonaden in <ins title="elfenbeinenen">elfenbeinernen</ins> Kästchen. +Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen Leitern, +ruhte hier und dort aus, sah über die Treppen hinunter +in Wohnungen, in denen Stimmen klangen, freute sich – +o Einsamkeit – über die Straßen und Bazare unten, +lebendiges Wimmeln, die große Aussicht in den Abendhimmel +… So vertieft war er in dieses Bild, daß +er die Reden des Gefährten nicht mehr hörte, und +verriet sich eine von ihnen durch die erhobene Stimme +als Frage, so mußte er geschwind die letzten Worte, +die der andere gesprochen hatte, aus seinem unbewußten +Gedächtnis, in dem sie eben beinahe verschwanden, +zurückholen, um irgend etwas Kleines erwidern zu +können. O wie wünschte er da den Störer seiner +Einsamkeit hinweg, wie hätten, ohne den, diese Bäume +oder dieser Wohlgeschmack eines französischen Weins +zu seinem treuen, auf sich allein gefüllten Herzen gesprochen! +War er aber wirklich einsam, so wurde ihm +sofort bang und verlassen zu Mute. Die Gestalten +dieser fühllosen unüberwindlichen Natur, die Blumen +und Gräser, erschreckten ihn durch ihre rohe Gesundheit, +<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a> +die er nicht trösten und nicht anfeuern konnte, in +der es keine Bravourstückchen gab; einsames Trinken +gar erschien ihm langweilig und tierisch … Also lief +er schnell wieder unter die Menschen, mit denen man +reden konnte, begann dies und jenes in seiner intensiven, +aber kurzatmigen Art und brachte sich auch wirklich, +wenn er die Zahl der von ihm bepflügten Gebiete +überblickte, seine Jugend, seine Pläne, nach allen +Richtungen ausstrahlend, seine halbausgeführten Werke, +seine Talente, seine Hoffnungen und die Hoffnungen, +die seine Freunde auf ihn setzten, in einen schönen +Rausch von Selbstzufriedenheit. – Klagte er einmal, +in einer kleinen Erinnerung an seine einsamen Prüfungsstunden, +den Freunden, daß seine Seele so zerrissen +sei, so lachte man ihn immer aber mit der allergrößten +Entschiedenheit aus: »Du unglücklich? Und +was soll ich dann sagen? Du machst das und das. +Und ganz vergißt Du an das und das. Solche Erfolge! +So eine Arbeitskraft, das ist ja etwas ganz Abnormales! +Und du wirst dich noch beklagen! Das wäre +aber eine Frechheit …« Man ahmte die Art seiner +gutgemeinten Scheltreden nach. Er aber wandte sich, +mit einer kleinen Träne im Auge, ab: »Ich könnte +ja etwas leisten, wenn ich nur Zeit hätte.«</p> + +<p>Daß er keine Zeit hatte, war eigentlich für Fernerstehende +das hervorstechendste Merkmal seines Lebens. +Und meist befand ja auch er selbst sich, dank seiner +fortreißenden Strudeleien, in der Lage dieser Fernerstehenden. +Dann fiel ihm auf, daß er sich zu viel +aufgebürdet hatte; an einem Tage ein Rudermatch, +vier Vorlesungsstunden, Besuch bei zwei Freunden, bei +einer Familie Tee, Klavierüben, und dazu die vielen +angefangenen Bücher mit winkenden Lesezeichen auf dem +<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a> +Schreibtischregale, das ging entschieden über Menschenkraft. +Und da ja die meisten dieser Verpflichtungen +in langvergangene Zeit zurückreichten, zu denen er +sprunghaft immer wieder zurückkehrte, ohne sie je durch +Beendigung loszuwerden, wurde er sich immer nur bewußt, +daß er Verpflichtungen zurückwies, nur selten +neue aufnahm. Also erschien er sich als armer Verfolgter, +Begehrter, Bedrängter, vergaß bald den eigenen +Leichtsinn, mit dem er sich nach einander auf so +verschiedene Dinge gestürzt hatte, und begann einen +geheimen Groll gegen seine Freunde insgesamt zu +nähren, die ihn in Anspruch nahmen und ausnützten, +ja ausnützten und zu keiner eigenen Arbeit kommen +ließen. Was half es, daß er stets einen Zettel bei +sich trug, mit den wichtigsten Pflichten für die nächsten +Tage, daß er ein Tagebuch begann, in das er die +Dinge schrieb, um sie keinem Freund erzählen zu müssen +und um also auf diesem Wege einen Verkehr mit sich +selbst anzubahnen, was halfen alle Anstrengungen, +Ordnung in sein so hinausgestreutes Leben zu bringen <ins title="..">…</ins> +Und grimmig ging er die Schwächen seiner Freunde +durch, die sie an ihn fesselten, die Blutarmut Waldesaus, +die diesen melancholisch machte und auf lindernden +Zuspruch angewiesen, die Armut Krauses, die ihm den +Verkehr mit Arnold als mit dem gesellschaftlich Höheren +unentbehrlich erscheinen ließ, die Dummheit Bobenheims, +der, durch den intelligenten Umgang geschmeichelt, +zu einiger Selbstachtung gekommen war, während er +sich vordem nur als einen »trostlosen Wüstling« gekannt +hatte. Und er verfluchte sein gutes Herz, das +ihn aus Mitleid an diese fehlerhaften Menschen klemmte. +Zugleich war er erbost über seine grübelnde Scharfsichtigkeit, +seine Lieblosigkeit gegen so gut verhüllte +<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a> +Schwächen der Freunde. In einem allgemeinen Katzenjammer +fand er dieses Leben erbärmlich, nicht länger +zu ertragen. War dies gemeines Menschenlos, oder +nur vielleicht typisches Schicksal eines jungen Juden? +So weit hatten ihn Krauses Ideen schon beeinflußt, +daß er dies in Erwägung zog. Schließlich aber blieb +er, ohne Zusammenhang mit Gott, oder mit irgend +einem Volk, in der zusammenschlagenden Dunkelheit +allein, von allen Teilnehmenden verlassen, verzweifelnd +und unsympathisch … Da traf er den nächsten auf +der Gasse. Sofort heiterte sich sein Antlitz auf, sein +Herz zugleich, er fand schnell wieder die freundlichen +Worte, die Fragen voll Interesse und Ermunterung, +und dabei war dies durchaus keine Heuchelei, sondern +die bloße Gegenwart des Freundes eben bewirkte in +ihm jene schnellere Zirkulation von Ideen, die ihn +sprudelnd auf Flammenpfeilen in die Höhe schoß und +ihm den Zusammenhang mit einer glücklichen Menschheit +und ihrem wohlwollenden Wirken zurückgab … +Am wärmsten aber wurde es ihm, wenn er mit Lambert +und Genossen (dies war wieder eine andere Partei +besonders eleganter internationaler Nichtstuer, die aus +unbekannten Mitteln glänzend in den Tag lebten) auf +dem Corso erscheinen konnte, auf dem Bummel, den +diese Herren nie versäumten, mit ihren siegesgewissen +Mienen, ihrem <ins title="arrogaten">arroganten</ins> Hütelüpfen. Auch bei ihnen +war Arnold beliebt, durch seine schussige Munterkeit +und Originalität, und obwohl er weder der fescheste +noch der witzigste unter ihnen war, räumte man ihm +gern eine beherrschende Stellung ein. Wenn es nur +anging, machte er sich täglich eine Abendstunde dafür +frei, und dies nannte er seine Erholung, mitten in +einer dunklen Schar befreundeter Köpfe sich geschützt +<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a> +und gemütlich zu fühlen, wie in einer Herde auf- und +abzurollen die Gasse entlang, gestoßen werden, stehen +bleiben und ungerührt in die Vorbeigehenden starren +wie in die beleuchteten Auslagen, durch lustiges Flüstern +und Blicken fest mit der Genossenschaft verbunden, +beinahe bewußtlos. –</p> + +<p>Und gar wenn er sich niedersetzte und Briefe an +seine Freunde aller Heerlager schrieb, in die Ferien +hinaus zu Dutzenden! Denn das liebte er, diese Bulletins +waren wieder eine Sache, in der er sein ganzes +Orkantemperament austoben lassen konnte. So wie +es Leute gibt, denen alle Sorgen einfallen, wenn sie +einen Brief schreiben und deren Briefe daher ein wesentlich +zu trauriges Abbild ihrer Situation geben: so +wurde im Gegenteil vor Arnolds Blick, wenn er ihn +auf das weiße geradebegrenzte Papier richtete, alles +rosig und in gute Linien geklärt. Ihm war Briefeschreiben +eine gesteigerte Form menschlicher Unterhaltung +und alle seine Vorzüge flossen ihm willig in die +Feder, ein Goldglanz ohne irdische Schwere, wenn +er seine strammen, beinahe militärischen Loblieder auf +das, was ihn gerade erregte, losließ. Gern beschrieb +er Kunstgenüsse oder gefiel sich in rückhaltslosen Offenheiten +oder schwelgte in gigantischen Vorsätzen, zu +deren Ausführung es Jahre ernsthafter Arbeit bedurft +hätte, in seinem feurigsten Stil, tat sie damit gleichsam +für sich ab, obwohl er sich während des Schreibens +gar nicht bewußt war, daß er sie nie werde in Taten +verwandeln können, daß gerade dieser Brief als Energieableiter +zwischen Plan und Ausführung trat. Nein, +die Wahrheit selbst, hinreißende Tatkraft und ansteckend +gute Laune sprachen aus solchen Episteln, die +unmittelbar, ohne zu überlegen, mit allen Quersprüngen +<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a> +und den schlechtesten Witzen, die ihm gerade einfielen, +hingerissen waren; und so verfehlten sie natürlich nicht, +seine Freunde zu rühren und zu neuem Schaffen anzustacheln, +während Arnold mit <ins title="ausgeschöpften">ausgeschöpftem</ins> trockenem +Herzen zurückblieb. Überdies schwankten diese Ergüsse +in ihrer Länge von der dreißigseitigen Dissertation, +deren Erscheinen schon im Kuvert beim Adressaten Erstaunen +und ehrfürchtige Schauer hervorrief, bis zum +kurzen Zettel voll mit Gedankenstrichen, Rufzeichen, +humoristischen Symbolen, verschiedenen Buchstabengrößen +und Schriftarten, kurz allen Mitteln einer aufs +Höchste gesteigerten Anschaulichkeit, wie sie aus seinem +Hitzkopf explodierte. Die Schrift hatte pomphafte +Schnörkel, große Bäuche, starke Schatten und weit +auseinandergezogene Haarstriche, so daß manchmal ein +etwas längeres Wort eine ganze Zeile einnahm. – +Hier eine der unbedeutenderen Noten an Waldesau:</p> + +<p>»Lieber Kerl,</p> + +<p>Ich bin durch ununterbrochenes <span class="antiqua">BACH</span>-Spielen +in den letzten Wochen endlich dahintergekommen, daß +ich – ein Schöps bin, wenn ich nicht – endlich einmal +– und zwar soforrrrrrt – die <em class="gesperrt">ganze</em> Musiktheorie +gründlich durchnehme!! Mein Buchhändler bietet mir +ein großes Werk zum Selbstunterricht, solche Hefte, +weißt Du – mit hübschen Fragen und Antworten – +Ermahnungen an den faulen Schüler u. s. f. – bißl +kindisch, aber es gefällt mir vor-Leipzig – 60 Hefte, +50 Mark (!!!!) – Soll ich es kaufen. Bitte, schreibe +soforrrrrt, genau und viel, empfiehl anderes! Ich muß +<span class="antiqua">ALLES</span> haben, das ganze Gebiet – also Elementarlehre, +Generalbaß, Formen – Du weißt ja – ich hab +es satt, so ungebildet weiterzutrotteln – Also, auf, +sattle den Hippogryphen, schicke mir Pläne – auch Instrumentation +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a> +natürlich – Wenn schon, denn schon – +Ich habe jetzt riesige Lust. Also schreib nur schnell, +damit das Feuer net auskühlt, Du kennst doch – Deinen +Dichliebenden u. s. f. – Momentan fühle ich mich so +stark, daß ich Berge bewegen könnte. Und Du auf +Deinem Jeschkenberg? (Ein gebirgiger Brief!) – Ich +arbeite täglich 9 Stunden, kann Abends nie einschlafen +vor <em class="gesperrt">Ideen</em>. Habe etwas merkwürdiges angefangen, +eine neue Art von Kontrapunkt. <span class="antiqua">Sei neugierig!</span> Es +steht dafür – Schrecklich glücklich bin ich dabei. Und Du? +Und Du? Und Du? – Wieder mal die Flinte ins +Korn geworfen? <span class="antiqua">Porco maledetto!</span> Wenn jetzt nicht +bald mal eine fette <span class="antiqua">Notensendung</span> (Manuskript!!) +von Dir kommt, so treffe ich Dich wie der Blitz – +der immer die Nabelbeschauer trifft – wo? Im Popo – +weil sie so gebückt sitzen. Aber Spaß bei Seite: +Was treibst Du – Ich bin sehr besorgt. – Servus!«</p> + +<p>Ein Bildchen, die rauchende Jagdflinte, vervollständigte +diesen auf einer halbzerrissenen Kuvert-Innenseite +in schrägen Zeilen hingedonnerten Aufruf. Darunter +eine Wolke, aus der zwei zackige Blitze schlagen; +alles mit der Feder gekritzelt, beim Abtrocknen etwas +verwischt …</p> + +<p>Gottfried Eisig, der inzwischen (man mußte doch +etwas machen) in die Redaktion eines heimatlichen +Blattes eingetreten war, munterte nach solch einem +Brief Arnold auf, doch einmal etwas »Selbstständiges« +zu schreiben. Arnold brachte ein paar »Reisebriefe.« +Sie wurden gedruckt, ohne aber besonderes Aufsehn +zu erregen, außer in Arnolds nächster Umgebung; +übrigens waren sie auch, da ihnen der persönliche Anlaß +fehlte, ziemlich matt, ja schablonenhaft ausgefallen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>II.</h2> + +<p class="drop-cap">Eines Tages erklärte der Vater, das Söhnchen habe +nun genug gebummelt – und am nächsten Morgen +schon ging Arnold in dem großen Geschäft auf und +ab, die Schachteln an den Wänden mit neugierigen +Blicken musternd.</p> + +<p>Der Abschied von der Universität wurde ihm nicht +schwer. Daß aus den allenthalben verzettelten Kollegien +nichts Gescheites werden könne, war ihm längst klar +geworden. Nun hoffte er, durch eine vollständige Umwandlung +seines Lebens, wie sie der Eintritt ins Geschäft +bedeutete, sich zu konzentrieren; Dinge, die er +nur aus Treue gegen das einmal Begonnene mit Unlust +weiterbetrieb, abzuschütteln; ein Mann zu werden. +Vielleicht im Geschäft. Doch täuschte er sich da nicht +in der Voraussicht, daß der Vater in seinem pedantischen +Geschäftseifer keinen wichtigen Teil des Betriebs +selbst aus der Hand lassen würde. Zunächst versuchte +Arnold allerdings Einfluß zu gewinnen, das Geschäft +umzudrehn, da er natürlich sofort, noch ehe er den +naturgemäßen Lauf der Sache kannte, schon Umwälzungsideen +im Kopf hatte. Aber da war er an +den Unrechten gekommen; mit nicht mißzuverstehender +Verwunderung wehrte der Alte ab. Und so gewöhnte +sich Arnold bald daran, Vormittags im Kontor Bücher +seines Geschmacks zu lesen und an Nachmittagen sich +überhaupt nicht mehr im Geschäft blicken zu lassen. +Auf dem einförmigen Boden des Geschäfts- und Familienlebens +wucherten seine Launen nun noch üppiger und +bunter als vordem.</p> + +<p>Doch stand er bei seinen Eltern nicht minder hoch +als bei seinen Freunden im Wert. Schon seit seiner +Jugend, da er als »Wunderkind« frühzeitig aufsagen, +<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a> +lesen und schreiben gelernt, hatte sich ein großer Stolz +auf ihn in ihren Herzen eingebürgert. Dann war er +der Einzige geblieben, und immer lebhaft, bei den +Mahlzeiten gesprächig, heiter und ausgelassen, was +den Eltern Freude machen mußte. Auch zärtlich wurde +er zu angemessenen Zeiten. Sie lobten ihn überall +deshalb, in den nahen Familien wurde sein Beispiel +als eines hochbegabten Musterknaben im Munde geführt. +Einen Zirkel älterer Damen, der sich an regelmäßigen +Nachmittagen bei Frau Beer einfand, entzückte +er durch sein Klavierspiel. Die Freunde seines +Vaters unterhielt er, bei ihren Kartenabenden manchmal, +mit den letzten Kuplets, die in seinem Jugendkreise +eben aufkamen. Er war der Liebling, die +Hoffnung aller. Und Arnold fragte sich vergebens, +wodurch er so viel Enthusiasmus erregt haben konnte. +Ja es nützte auch gar nichts, wenn er einmal sich vornahm +unliebenswürdig zu sein. Ein Besuch kam aus +Berlin, eine Geheimratswitwe, schwarzgekleidet, überlaut +und temperamentvoll, vor der er in einem fort seine +Arme, Beine und Wangen in Sicherheit bringen mußte. +Zur Strafe sprach er kein Wort mit ihr, <ins title="erwiederte">erwiderte</ins> +ihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst gleichgiltigen. +Es half nichts, einige Tage nachher schickte +sie ihm, in einem Brief an Frau Beer, spezielle Grüße, +zerschmelzende: »Dem lieben lieben liebenswürdigen +Sohn, den ich so schnell liebgewonnen habe.« »Aber +warum denn? – Ich hab sie gar nicht liebgewonnen. +Ich war doch auch gar nicht lieb zu ihr« fragte er +die Mama. »Du hast sie an ihren Sohn erinnert« +war die Antwort. Er seufzte, sein guter Ruf war +stärker als er … Nur einmal, erinnerte er sich, in +frühester Jugend war diese Weihrauchwolke um ihn +<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a> +zerrissen worden – durch die Großmutter, die sonst in +Wintertal lebte und nach einer von Spektakeln erfüllten +kurzen Besuchszeit dahin wieder abreisen mußte. Sie +hatte an allem etwas auszusetzen gefunden, auch ihm +einmal einen Stoß vor die Brust gegeben, weil er ihr +nicht schnell genug auswich, das wußte er noch genau +… Doch da sie als unverträglich bekannt war, +man sprach von ihr als von einer »Furie«, dem »bösen +Geist der Familie«, tröstete er sich schnell über diesen +Mißerfolg und die alte Glorie war bald wieder hergestellt. +– Besondere Triumphe feierte er im Musikzimmer +der Kurorte. Oder beim Kurkonzert, wo er +in Potpourris die neuen, aber auch die altmodischen Opern +wie <ins title="»Zampa«">»Zampa«,</ins> »Wasserträger« vom weiten erkannte, zum +allgemeinen bewundernden Erstaunen, das ihn dann +immer <ins title="mitAbscheu">mit Abscheu</ins> erfüllte. Von solchen Philistern gelobt +werden, pfui! Beschämt gestand er sich selbst, daß das nur +daher komme, weil er seinen Mund nicht halten könne, +immer gleich sagte, was er wußte. Er überlegte eben +nicht, vor wem er sprach; jedes Publikum war ihm +recht. Dann fiel ihm ein, daß ja wiederum solche +Leute in keine andere als eine höchst bewundernde +Stellung ihm gegenüber gehörten. Wenngleich er selbst +sich für nichts Besonderes halte, diese dürften schon +von ihrem Standpunkt aus ruhig es tun, ja sie müßten +es, und kniefällig dazu. So mischte sich bei ihm Stolz +und Ekelgefühl, Schmeichelei und Überdruß, und diese +Mischung beschwingte ihn zwar nicht, doch drückte sie +ihn auch nicht nieder, sie wurde seine gewöhnliche Atmosphäre +… Von allen Anfechtungen unbesiegt blieb +er der charmante junge Mann, der gute Gesellschafter, +die Seele des Heims, und selbst der Bruder der Mama, +Poldi Goldberg, der als armer Verwandter mit der +<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a> +ganzen Familie zerfallen war, machte ihm gegenüber +eine Ausnahme, dankte ihm freundlich auf seinen +Gruß … So hätte nicht viel gefehlt, daß er ganz +in der Sphäre häuslichen Wohlgefallens eingeschlossen +geblieben wäre, in der er so viel Beifall erntete; aber +seine Eltern waren zu schwach, um ihn andauernd zu +fesseln. Die Mutter eine sanfte Hausfrau, die alles +in peinlichster Ordnung hielt, ohne daß man je ein +lautes Wort aus ihrem Munde gehört hätte; der Vater +mit all seiner nicht unbeträchtlichen Energie im Geschäft, +sein einziges Glück »sich zu vergrößern«, daß +heißt: den Laden jedes Jahr umzubauen, Wände +durchzubrechen, Keller des Nachbarhauses mit seinem +Hof zu verbinden oder wegen der Portale mit der +Stadt zu prozessieren. Beide waren ordentliche gute +gewissenhafte Leute, aber ohne jede Spur von Romantik, +beide alt; und so wurde eben Arnold zunächst +ins Eisigsche Haus, dann in die Kolonnen seiner Freunde +getrieben, wo es so viel Resonanz für sein lautes Geschrei +gab.</p> + +<p>Sein Kreis hatte sich indessen in den wenigen Jahren +nach dem Austritt aus der Hochschule einigermaßen +geändert; Arnold wußte selbst nicht recht, wie es gekommen +war. Da er nicht mehr in die Vorlesungen +ging, hatte er die regelmäßigen Treffpunkte mit einigen +verloren. Andere blieben aus, weil er die studentischen +Vereine nicht mehr besuchte. Mit Krause, der immer +fanatischer das Jüdische herauskehrte und gegen die +»Assimilanten« loszog, hatte er sich nach einem Wortwechsel +ganz zerschlagen. Dafür war Philipp Eisig +nach mehrjährigem Aufenthalt in Amerika wieder aufgetaucht, +gänzlich verändert in seinem Äußern, einem +eingeborenen Ur-Chicagoer nicht nur in der Kleidung, +<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a> +sondern zum Erstaunen auch in den Gesichtszügen +gleich, als hätte das fremde Land ihn von Grund aus +umgeboren. Die alte Jugendliebe blühte unverwandelt +wieder auf und mit ihr auch das alte Pumpverhältnis. +Während nämlich Eisig für die väterliche Firma große +Reisen unternahm und jedesmal mit einem dicken +Haufen von Banknoten, die er sich angeblich +erspart hatte, in die Stadt zurückkam, wurde Arnold +für seine kärgliche Betätigung mit einem schmalen +Taschengeldchen abgefunden und hatte immer unbefriedigte +Bedürfnisse. Eisig stotterte nun auch nur unbedeutend, +das hatte er in einer Anstalt drüben sich +abgewöhnt, und behauptete überhaupt in allem die +Oberhand, mit seiner tiefen mürrischen, aber sehr entschiedenen +Stimme, seinem wankenden Korpus, dem +sich der breite Kopf nur ungern nachschob, so daß er +manchmal in der Luft zurückzubleiben schien, unsicher +schwebend. Er hatte jetzt breite Schultern, ein reines +Gesicht mit flachem braunem Haar in Wellen, das +in der Mitte gescheitelt war, fast wagrechte Augenbrauen, +helle mutige Augen, den Mund regelmäßig, +die Stirn kindlich. Und dieses neue Gesicht trug er +mit derselben Selbstverständlichkeit wie die neue überseeische +Tracht, den niedrigen, wie ein weißer Ring +ganz zusammenschließenden Kragen, die schön hellgelben +Stiefel, die nach vorn in Keulen statt in Spitzen ausliefen. +Unter seinem sehr langen Rock – er fiel bis +fast ans Knie, ein unscheinbarer Stoff, doch von vollendetem +Schnitt – konnte man keine Weste vermuten, +eher den Leibgurt eines Trappers oder Patronenreihen. +Und ebenso bequem wallten die Hosen herab, oben +breit, am Fußgelenk schmal, wallten wie Fahnen +im Wind und man hatte das Gefühl, darunter +<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a> +müsse gleich das Fleisch nackt und gesund sich regen. +So zog er mit Arnold durch die Nachtlokale der Stadt, +von denen keines ihm wüst genug war, und statt diesen +alltäglichen Dingen zuzuschauen, gab er lieber selbst +einen Tanz zum Besten, einen lustigen Niggertanz, +der ihm lauten Beifall eintrug. Da trappelte er mit +kleinen Schritten, fast auf demselben Fleck, während +die Arme aufwärts schwebten, sein Kopf sich langsam +senkte, wie um den immer schnelleren Schritten immer +genauer zuzusehn; dann warf sich der Kopf wieder +empor, während die Füße abwechselnd im Cakewalk +mit Spitze oder Absatz aufklopften; dann waren in +die Hände plötzlich fremdartige Matrosenbewegungen +gefahren, sie hoben ruckweise ein Tau oder sie schleuderten +es unsichtbar in den Saal; zum Schluß glitten +die Beine aus, ganz steif fiel der Körper hin, lag +schon ganz schief dem Boden nah, hupfte aber unvermutet +wieder gerade in die Höhe … Der Clown +verwandelt sich in einen Gentleman, der, die Hände +in den Taschen, ohne Lächeln, ja mit trüben Augen +an seinen Tisch sich zurückbegab, den Applaus überhaupt +nicht hörend. Er beklagte sich darüber, daß es +hier kein starkes Bier gebe. Er probierte die schwersten +dunklen Sorten. Nichts. Er hatte sich eben, Gott +verdamme es, an Ale gewöhnt … Arnold war entzückt +von solchen Kraftausbrüchen. Nun ließ er sich +von Philipp in die Gesellschaft anderer Geschäftsleute +und junger Börsengrößen führen, die Nachmittags in +matten Glaszellen, hinten in einem großen Kaffeehause, +an kleinen grünen Tischchen Karten spielten. +Bald beteiligte sich Arnold, verbrachte mit dem größten +Eifer Stunden um Stunden mit Mischen, Abheben +und Aufschlagen, mit den lustigen Zwischenreden dabei, +<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a> +die überlaut klangen, weil sie kurz waren, fühlte +sich gemütlich und doch kampflustig in den Hemdärmeln, +schloß sich von keiner noch so gewagten Kombination +aus. Er verliebte sich ganz in die schlechte aufregende +Kaffeeluft; gab es keinen Tarock, so las er nächtelang +Zeitungen. Alle Kellner kannten ihn schon und schütteten +gleich Stöße von Tagesblättern neben ihn auf +das Plüschsopha, wenn er sich niedersetzte. Eisig starrte +neben ihm in die Luft oder malte Zahlen auf den +Tisch, wie es überhaupt seine Art war, sich lange Weilen +schweigsamen Berechnungen hinzugeben, über die er +nie etwas Näheres verlautete, die aber den Eindruck +von Verwicklung und oft auch Ärgerlichkeit machten, +nach seinen dicken Falten auf der Stirn zu schließen. +Oft kam auch Lambert und die Bummelclique ins +Kaffeehaus, Arnold wunderte sich, wie bekannt Eisig +mit allen war … Diese Art von Geselligkeit nahm +ihn nun fast vollständig in Anspruch; dazu noch Bobenheims +Ruderklub, dann Söhne von Geschäftsfreunden, +die sich ihm nach und nach angeschlossen +hatten, jeder mit irgend einer Passion, sei es Okkultismus +oder Weiber oder Jagden, und die Arnold +natürlich in der gewohnten Weise regierte. In Börsekreisen +lernte er damals auch den jungen Walder Nornepygge +kennen, einen Chemiker, der sich erfolgreich +mit Erfindungen und Börsenspekulation befaßte. Die +gemeinsamen Freunde, die das Zusammentreffen der +beiden arrangiert hatten, waren überzeugt, daß die +beiden so ähnlichen Charaktere, beide so tätig und so +vielseitig, einander schnell verstehn würden. Doch <ins title="unerwarterweise">unerwarteterweise</ins> +stießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge +äußerte später, daß er Arnold roh gefunden +habe, und Arnold nannte den andern im vertrauten +<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a> +Kreise »einen eingebildeten melancholischen Narren«. +Überdies, so setzte er fort, habe er keine Zeit und Lust +zu neuen Bekanntschaften. Und wirklich war er immer +noch außerordentlich beschäftigt, in Anspruch genommen, +und davon war noch lange keine Rede, daß er endlich +einmal Zeit zu seinen eigenen Arbeiten gefunden +hätte. Schon die paar Stunden im Geschäft, nicht +viele, aber regelmäßig einzuhalten, nicht nach Belieben +zu schwänzen wie die Universität, fielen ihm lästig, +behinderten ihn aller Ende. Im Geschäft machte er +übrigens bald gar nichts mehr, auch für sich nichts, +schon der bloße Gedanke, daß er dort Gelegenheit habe, +allein zu sein und seine innere Tüchtigkeit und wirkliche +Arbeitskraft also zu erproben, reizte und verdroß ihn, – +daß dies gewissermaßen ein Prüfstein sein könnte. Er +erfand also allerlei Ausreden, wie den Lärm und die +unziemliche Örtlichkeit, und nur in Briefen raffte er +sich dazu auf, nebst schmetternden und daher eigentlich +glanzvollen Klagen über den jetzigen Zustand baldige +Änderungen in Aussicht zu stellen. Und im Anschluß +an diese leeren Vormittagsstunden floß der ganze Tag +wie von selbst schnell und lustig dahin, ohne daß Arnold +jemals das ausgeführt hätte, was ihm im Sinne lag. +»Ja, stärker wie Löschpapier bin ich eben nicht« seufzte +er manchmal, in humoristischer und doch selbstanklägerischer +Weise … Im ganzen war sein Umgang +jetzt um einiges weniger geistig als vorher, doch er +selbst war genau derselbe geblieben, immer tätig und +befeuernd, auch mit großer Behaglichkeit, wenn er +unter Menschen war; immer auf dem Sprung, sich in +ein neues Abenteuer zu werfen, immer unterwegs, im +Wagen oder zu Fuß, wie er sich denn auch eine eigene, +besonders schnelle Gangart angewöhnte, mit weit gespreizten +<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a> +Beinen, um den vielfachen Rendezvous halbwegs +zu genügen – und da hatte die Mutter gut +sagen: »Kleine Schritte machen, Arnold, kleine Schritte.« +Sie fand nämlich, daß seine schöne aufrechte Statur +unter diesem <ins title="Galloppieren">Galoppieren</ins> litt … Welches Vergnügen +fand er nun, beispielsweise, daran, eine regnerische +Abendstunde bei seinem Schneider zu verbringen, in +der hübschen und wohlgeheizten Probierstube, die eng +wurde durch allseits anrückende Stellagen, behangen +mit Röcken und Hosen. Lässig an den Pult gelehnt +sah er dem alten Herrn zu, der mit geübter Hand die +scharfe Kante seiner Talgkreide, dieser angenehm-klebrigen +gelblichen Fläche, über die Stoffe wandern ließ und +dann eine Schere – sie war so schwer, daß sie bei +jedem Schnitt herabzusinken schien – die schnell geschwungenen +Linien entlang in das Dunkel der hingebreiteten +Stofflagen führte. Arnold bewunderte ihn, +wie jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, aufs innigste. Und +dann kamen so viele Bekannte hin, um sich Maß +nehmen zu lassen oder zu probieren wie er, man plauderte, +der Schneider erzählte die neuesten Anekdoten, +empfing neue von den Kunden dafür, es war ein +heiteres erbauliches Stelldichein, in dem man doch +immer durch den Anblick des Chefs, der bei aller Artigkeit +und allen Scherzen eifrig sein ruhiges Geschäft +weiter besorgte, vor dem Gedanken völligen Faulenzens, +wie etwa im Kaffeehaus, bewahrt blieb. Man ging +auf und ab, setzte sich auf die roten Holzsophas, die +mit ihren dünnen Stäbchen (wie Möbel beim Photographen) +einen zerbrechlichen Eindruck machten, stellte +sich in Gruppen oder wandte sich in einer zierlichen Langweile +ab, um ein Modegruppenbild an der Wand zum +hundertstenmal zu studieren, über die Ideen und möglichen +<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a> +Beziehungen dieser Leute zu einander nachzudenken, +die doch nur jeder wegen eines andern Kleidungsschnittes +auf dasselbe Blatt gemalt waren, also +im Grunde ebenso zufällig und ohne innern Trieb +beisammen wie die wirklichen Menschen in diesem +Raum; plötzlich aber lachte man auf über einen Witz, +der hinter dem Rücken einem andern erzählt wurde, +schwang sich wieder zu ihnen herum, fühlte wieder +einen wärmenden menschlichen Zusammenhang in der +beinahe starren Brust. O diese leisen Stimmen, das +feine Kommen und Gehn über Teppiche hin, die gebeugten +Köpfe, von denen der schöne Hut sich entfernt, +diese Blicke, still und verbindlich, mit denen ein +geeigneter Platz für den Schirm im Schirmständer gesucht +wird, o diese Wunder einer zivilisierten Gegenwart, +einer vornehmen reichen Stadt, diese laue Luftströmung +unserer gefühlvollen Höflichkeiten! Und dazu +klatschte der Regen an die Scheiben, es war nicht +ratsam fortzugehn, man sah hinaus auf die belebte Gasse +mit eilenden Menschen, deren Schirme im Wechsel +der Beleuchtung sich unaufhörlich zu drehn schienen +und wie schwarzes Glas funkelten, und in die gelberleuchteten +Auslagen gegenüber, die mit all ihrer +Pracht im Kot zu zerfließen drohten …</p> + +<p>Arnold liebte jetzt solche Orte, an denen man viele +Leute sah und Anregung hatte. Er besuchte alle Bälle, +die Rennbahnen, die Tennisturniere. Ohne irgendwo +als Mittelpunkt aufzufallen, eignete er sich schnell die +entsprechenden Umgangsformen und Gewohnheiten an, +entwickelte dann in ihrem Rahmen einen solchen Enthusiasmus, +eine solche lustige Unbekümmertheit, daß +stets ein Kreis bedürftiger und weniger erfinderischer +Köpfe ihm Gefolgschaft leistete. Der harmlose Leichtsinn, +<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a> +mit dem er alles mitmachte, hatte von außen +gesehn etwas Sympathisches, und graue würdevolle +Herren klopften ihm manchmal auf die Schulter als +einer Zierde und Hoffnung der Stadt, erfreut über +sein frisches Gesicht, das gesunde Aussehn, die flotte +Konversation, sie machten träumerische Augen, als +dächten sie an ihre Jugend, als hätten sie eine Erinnerung +ihm mitzuteilen, gerade ihm: daß sie früher +mal es auch so getrieben, ach lange lange vorbei –, +als unterdrückten sie eben das alles, um ihn nicht aufzuhalten +und weil das ja keinen Zweck habe. Das +alles lag manchmal in solch einem anerkennenden Auf-die-Schulter-Klopfen, +mit dem sie ihn zugleich wegschoben, +wieder in das Fest hinein … Arnold kannte +bald alle wichtigeren Personen der Stadt, mehr oder +weniger flüchtig. Einigen Spaßvögeln gegenüber, die +ihm besonders gefielen und die ihn nicht minder schätzten, +hatte er die Gewohnheit angenommen, sich gegenseitig +in scheinbarer Rührung um den Hals zu fallen, so +oft sie einander trafen. Dabei begleitete ihn immer +noch der Ruf besonderer Bildung, besonderer Begabung; +und wenn er hie und da ein kleines Klatsch- und +Unterhaltungsfeuilleton im lokalen Blatt veröffentlichte, +gleich hieß es: »Sie sind aber fleißig! Wo nehmen Sie +nur all die Zeit her?« und neidisch fast: »Na, ich +gratuliere.« Er erschrak immer bei so billigem Lob, +fand aber zugleich etwas Angenehmes dabei, wie Betäubung, +wie Halbschlaf. Selbst dachte er immer +unlieber über sich nach. »Ich bin halt eine Fernwirkung« +stellte er bei sich fest »von fern schaut's nach +was aus, was ich treibe. Aber wenn man's näher +anschaut …« Nun näherte er sich bald dem Dreißigerjahr +und eigentlich hatte er noch immer keine irgendwie +<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a> +begründete Lebensstellung, frettete sich so im Nebenberuf +als Anhängsel seines Vaters durch, dessen Geschäft +er ja später einmal erben würde – ja, aber eben +so sicher auch ruinieren. Seine einzige Hoffnung, sein +Rückzug gleichsam auf sich selbst, war in dieser Zeit – +nichts anderes als seine Markensammlung, die er auf +Lamberts Rat und mit dessen Vermittlung durch beträchtliche +Ankäufe vermehrte. Die gedachte er gelegentlich +vorteilhaft loszuschlagen, nach Senff besaß +sie jetzt schon einen Wert von fünfzehntausend Mark, +und mit dem auf diese Art selbstverdienten kleinen +Kapital wollte er sodann etwas Selbständiges und +Ehrenvolles beginnen, in irgend einem fremden Land, +eine Buchdruckerei in Amerika vielleicht, endlich einmal +Ruhe und wirkliche Unternehmungsfreude haben. Liebevoll +pflegte er also diese Sammlung, mit großem Ernst +schrieb er alljährlich in kleinen Bleistiftziffern den erfreulich +steigenden Wert unter jede Marke; wobei er +sich natürlich nicht verhehlte, daß der wirkliche Verkaufswert +kaum mehr als die Hälfte des angegebenen +Katalogwerts ausmachte. Aber auch er hatte ja die +Marken nicht teurer als zum halben Wert gekauft, +noch dazu bei niedrigeren Preisen, gegen diese Art von +Kapitalsanlage war also nichts einzuwenden. Und +mochte auch der Vater diese ganze Sammlerei als +dumme Verschwendung, als hinausgeworfenes Geld +beschimpfen, Arnold konnte mit gutem Recht einwenden: +»Und wo wäre das Geld, wenn ich es nicht für Marken +ausgegeben hätte? Ich hätte es für andere Dinge +ausgegeben und jetzt hätte ich gar nichts davon.« »Und +was hast du jetzt davon! Großartig! Du meinst doch +nicht, daß dir irgendwer für die Papierl etwas gibt?« +Arnold bestand darauf, daß Marken ein Wert wie +<a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a> +jeder andere sei. »Aber die Zinsen?« jammerte der +Vater, in die Enge getrieben. Arnold lachte ihn aus: +»Vierzig Knöpfe jährlich!« und wußte überhaupt für +jeden Grund Gegengründe in Masse, da war er ja +in seinem Element. –</p> + +<p>Einmal vertrat ihm Eisig den Weg, dessen Gewohnheit +es war, von der Seite plötzlich heranzukommen +und mit der ganzen Masse seines Leibes sich +dem Angeredeten in den Weg zu stellen: »Du, was +sagst du zu Blériot?«</p> + +<p>Es war die Zeit, in der die Aviatik ihre ersten +Erfolge zum Staunen der ganzen Welt errang. Die +Brüder Wright hatten sich mit ihren Apparaten in +beträchtliche Höhen erhoben, Zeppelin war mit seiner +ersten Reise glücklich gewesen, Blériot hatte den Ärmelkanal +überflogen … Eisig, der eben von einer Tour +aus Frankreich kam, wußte Wunderdinge zu erzählen. +Er hatte zum ersten Mal Aeroplane gesehn, ja es +war so weit gekommen, daß er einmal in Reims, +als man in die Restauration von der Gasse hereinrief, +draußen fliege eben ein Luftschiff über die Stadt hin, +gar nicht vom Tisch aufgestanden war, so sehr war +er an diesen Anblick schon gewohnt. Er hatte auch +bereits ein Projekt: man müsse Blériot einmal in der +Heimatstadt fliegen lassen, wenn nicht ihn, so doch +wenigstens einen Schüler. Das koste nicht viel und +man könne damit ein gutes Geschäft machen.</p> + +<p>Arnold wäre nicht er selbst gewesen, wenn ihn die +Neuheit dieser Idee nicht sofort gepackt hätte. Er +geriet in Entzückung, beschwor den Freund um nähere +Einzelheiten. Wie sehe so ein Aeroplan aus? Wie +ein Vogel? Sei er groß, so groß wie die Gasse, +größer, nein kleiner? Eisig antwortete, mit seiner tiefen +<a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a> +Stimme, der die Langsamkeit der Aussprache stets +einen Beiklang von Verdrossenheit gab, und damit +kontrastierte merkwürdig genug die Zielbewußtheit, die +List, die aus den Worten selbst sprach. Auch war +sein Hals kurz und dick, beinahe null, so daß das +dicke Kinn an die Brust stieß, und wollte er einmal +lauter reden, ein Wort besonders betonen, so hob er +nicht den Kopf, sondern senkte, um den Mund besser +zu öffnen, mit fauler Miene das Kinn noch mehr, so +daß es sich in Falten und mehreren Lagen über einander +über die Kravatte hin ausbreitete. Für Arnold +hatte dieses Stockende, Langsame, ihm so Entgegensetzte +von jeher einen besondern Reiz gehabt <ins title="..">…</ins> Heute +bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des +»Bürgerklubs« ausließ, obwohl er dort neulich als +jüngstes Mitglied in den Ausschuß gewählt worden +war. Er nachtmahlte mit Eisig im »Schweizer Keller« +und schon zwischen Vorspeise und Braten war der +Plan fertig: ein Konsortium zu bilden, zwecks Veranstaltung +des ersten hiesigen Schaufluges.</p> + +<p>Am nächsten Nachmittag konstituierte man sich. +Eisig hatte noch einige Herren mitgebracht, von denen +Arnold nur Lambert näher kannte. Es wurden sofort +Listen angelegt, um die reichsten Mitbürger zu einem +Garantiefond heranzuziehn. Man mußte nun von +einem zum andern fahren, ihm die Wichtigkeit, kulturelle +und andere, des Unternehmens vorhalten, den +sichern Gewinn, mußte die Regierung einladen, das +Militär. Arnold überlegte gerade für sich, daß er sich +da wieder in eine hübsch zeitraubende Geschichte verwickelt +habe; da schlug Eisig vor, ihn zum Obmann +zu wählen. Es geschah mit freudiger Akklamation.</p> + +<p>Unser Held hatte, wiewohl er sich darüber nicht klar +<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a> +war, im Grunde nichts anderes erwartet; pflegte er sich +selbst doch manchmal in ironischer Laune den »geborenen +Vereinsobmann« zu nennen. Wie vielen Ballkomitees, +wie vielen Versammlungen hatte er schon präsidiert!… +Nun rannte er in die Sache gleich mit dem frischesten, +und doch gleichsam auch schon geübten Anlauf hinein. +Zunächst die Presse. Man beherrschte sie durch Gottfried +Eisig und da machte Arnold doch noch einmal eine Anleihe +bei seiner ehemaligen jugendlich-gegenstandslosen +Beredsamkeit, indem er gänzlich ohne Fachkenntnis, nur +aus ein paar andern Zeitungsartikeln und dem Rest der +Gymnasialbildung einen neuen Artikel zusammenkochte, +und was für einen strahlenden, über die »Eroberung der +Luft«. Er begann mit Ikarus, selbstverständlich, widmete +sich in aller Kürze den Brüdern Montgolfier, wobei +die drei in die Gondel mitgenommenen Tiere zu +leichthumoristischer Wirkung gelangten, entfaltete sich +behaglich über das Los der unglücklichen Erfinder von +ehemals, über das Unmögliche und unmöglich Scheinende +(Quadratur des Zirkels, Stein der Weisen, Röntgenstrahlen, +drahtlose Telegraphie), gewann allgemach +Donnerkräfte, besang in sparsamer Daten-Melodie, aber +mit einer Begleitung rauschender vollgriffiger Begeisterungs-Akkorde +die letzten Fortschritte der Menschheit, +wobei einige Impressionen Eisigs zu geschickter +Wirkung kamen, schüttete nun, oben angelangt, fast ohne +Atem, wie aus einem Füllhorn auf die staunenden +Heimatsgenossen die Verheißung nieder, daß man derartiges +vielleicht bald auch in allernächster Nähe zu +sehen bekommen werde, gipfelte aber klugerweise nicht +in diesem Effekt, sondern in einer kurzen farblosen Bemerkung +über die Flugwoche in Brescia. – An anderer +Stelle des Blattes wurden sachlich die Namen der Arrangeure +<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a> +und ihr Programm bekannt gegeben. Anfragen +und Nachrichten an die Adresse: Arnold Beer u. s. f.</p> + +<p>In den nun hereinbrechenden Konferenzen bewies +sich Arnold als fest und schlagfertig, geduldig und kühn, +ja mit der Größe der Veranstaltung schienen sich seine +Kräfte zu vervielfachen. Man hatte mit den Fliegern +in Frankreich zu korrespondieren, die von allem Anfang +die unverschämtesten Preise verlangten, wie beleidigt und +zugleich stolz gemacht als echte Franzosen durch die Zumutung, +daß sie ins Ausland sollten. Dagegen drängten +sich Deputationen der Vororte heran, von denen jeder +den schönen Vorrang und Profit des ersten heimatlichen +Fluges einheimsen und jeder daher den geeignetsten +Platz zur Verfügung stellen wollte. Indessen wählte +das Komitee, um dieser Eifersucht auszuweichen und +auch aus technischen Gründen angeblich, eine weite +Wiesenfläche in der Nähe von Waldbrunn, dem kleinen +Kurort nahe der Stadt. Jede Etappe der fortschreitenden +Verhandlungen veröffentlichte Arnold in handfertigen +Artikelchen; es wurde bald zum Stadtgespräch, +daß die Eisenbahndirektion in <ins title="endgegenkommendster">entgegenkommendster</ins> +Weise eine eigene neue Station errichten wollte, während +sonst die Züge nur in der nahegelegenen Stadt +Bischofstein hielten, daß sogar ein Nebengeleise zum +Flugplatz gelegt wurde, daß die Postverwaltung ebenso +liebenswürdig die Aktivierung eines eigenen Post- und +Telegraphenamtes mit der Stampiglie »Waldbrunn-Aerodrom« +für die Dauer der Aufstiege zugesagt hatte. +Die städtischen Omnibuslinien nahmen Sonderfahrten +in Aussicht, die Hotels erwarteten großen Zuzug vom +Lande und sicherten sich Privatzimmer, die Polizei entwarf +Pläne für diese neue schwierige Aufgabe, auch die +Militärbehörde wurde unruhig. An den Straßenecken, +<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a> +in den Wagen der Straßenbahnen machten sich die +ersten Plakate bemerkbar, Witze begannen zu kursieren.</p> + +<p>Und all dies im Zuge erhalten, bewegen, treiben +und wieder beruhigen, war Arnolds Aufgabe. Eisig +und die andern besorgten das Geschäftliche, die Verrechnungen, +den Kampf mit den Lieferanten, das Engagement +des Aviatikers, den Kern der Sache gleichsam, +alles hingegen, was das Äußere betraf, Repräsentation +und ehrenvolle Fassade gegen die Mitbürger, +oblag Arnold, und es zeigte sich bald, daß das +Komitee allen Grund gehabt hatte, ihm diesen Verkehr +mit der Welt zu übertragen, denn an vielen Stellen, +wo er vorfuhr und Anhänger warb, sagte man ihm: +»Wir tun's nur Ihretwegen. Sonst scheint uns ja die +ganze Sache nicht sehr reell.« Man fragte ihn nach +der Solidität dieses und jenes Mitglieds, einer wollte +sogar wissen, daß der Grund, den das Aerodrom beanspruchte, +vorher von Lambert gekauft und durch einen +Vormann dem eigenen Konsortium gegen gehörigen +Preisaufschlag weiterverkauft worden sei. Entrüstet wies +Arnold derartige Anwürfe zurück, was für Verleumdungen, +und in seinem Innern war er eigentlich nur +darüber verwundert, daß diese jungen Leute, die mir +ihrem Schliff die vornehmsten Gesellschaften in Erstaunen +zu setzen pflegten, doch irgendwie aus rätselhaften +Gründen nicht für voll angesehen wurden, wie sich jetzt +herausstellte, während er, Arnold, ein redliches Ansehn +genoß. Doch dachte er darüber nicht weiter nach, nahm +solches nur für die üblichen Schwierigkeiten, die sich +großen unvorhergesehenen Unternehmungen seit jeher in +den Weg stellen müßten, und nicht etwa in seinem +Vertrauen machte es ihn wankend, sondern wie ein leises +Prickeln der Gefahr drängte es ihn nur noch ungeduldiger +<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a> +vorwärts, trieb ihn noch mehr, alle Kräfte aufzubieten, +das Zerbröckelnde zu stützen mit den Armen +eines Atlas, und zu leisten, was nur zu leisten war, +in eigener Person. Er kam nun oft von früh bis Abend +nicht aus dem Automobil. Das Telephon hörte nicht +auf zu klingeln. Mittag war er einmal bei Tisch so +zerstreut, daß er die Suppe mit der Gabel zu essen versuchte. +Ängstlich sahn ihm die Eltern zu. »Ich warne +dich«, sagte der Vater, »aber du machst ja doch nur +immer, was du willst.« – »Er ärgert sich, weil ich jetzt +überhaupt nicht mehr ins Geschäft komme,« registrierte +der Sohn und war im Grunde seines Herzens froh, +daß er nun auch die Vormittage mit geistsprühender +geselliger Tätigkeit anfüllen konnte. Er schlief jetzt nur +wenige Stunden, so daß er morgens vor dem Spiegel +manchmal erstaunte, gleich nach dem Aufstehn, wie unversehrt +noch seine Nachtfrisur auf dem Kopfe stand, +noch gescheitelt und noch wie zusammengepreßt vom +Rauch der Weinlokale. Aber unter der Stirn ging es +wirr und polternd, die Ideen wie Steinlawinen. Er +überredete Bobenheim und seine Sportsfreunde dem +Komitee beizutreten und durch das Ansehn dieser wirklich +patrizischen Familien, nicht solcher Windbeutel, befestigte +sich nun die allgemeine Neigung, mit ihr die Sicherheit +des Unternehmens. Die Beiträge liefen jetzt beträchtlicher +ein. Der Landesausschuß gab eine Subvention. +Man trug sich mit Unerhörtem, nach dem +ersten Flug sollte ein ganzer Zyklus veranstaltet werden, +ein Wettbewerb der verschiedenen Systeme, ein Rundflug +über viele Städte hin, man wollte die Maschinen +kaufen und eine Schule gründen, das Aerodrom sollte +jedenfalls für ständige Veranstaltungen stehen bleiben. +Kurz, Arnold glaubte endlich den Beruf gefunden zu +<a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a> +haben, für den er paßte. Wer weiß, vielleicht lernte +er selbst fliegen, vielleicht gelang ihm eine epochemachende +Verbesserung, und, von dort aus gesehn, würde +dann sein ganzes Leben bisher einen Sinn bekommen, +alle seine mannigfachen Kenntnisse und Beziehungen +würden ihn dann wie nach einem Plan zu diesem großen +Ziel hingeleitet haben. Er hatte jetzt nichts im Kopf +wie diese ungeheure Zusammenfassung seines Seins in +einer nahen stürmisch-blitzenden Zukunft, und nur wie +ein dunkler Wind wälzte sich noch der Schwall anderer +Lebensverknüpfungen hinter ihm her, die Vergangenheit +mit ihren Ansprüchen, die er möglichst schnell und +nebenher abtat.</p> + +<p>Draußen in Waldbrunn erhoben sich schon die gelben +rohen Holzplanken des Aerodroms, und für Arnold, +der auch die ganze Korrespondenz besorgte, war aus +ein paar Brettern mitten im Bauplatz ein kleines +Zimmer errichtet worden, sein Bureau. Er arbeitete +zwar das Wichtigste in der Stadt, im Palasthotel, in +dem das Komitee über einige Zimmer verfügte, doch +fuhr er gegen Abend täglich auf den Rennplatz hinaus, +um sich vom Fortgang der Arbeiten selbst zu überzeugen, +oft brachte er auch Journalisten, Offiziere, +Sportsleute, Gönner mit. Und da fand er, daß +ihm manchmal da draußen, im kühlen Abend, aus +der wehenden duftenden Waldluft, die besten Gedanken +kamen – sofort schreiben, Brief aufgeben, das war ihm +Bedürfnis, und da man ja im Kleinen das Geld nicht +sparte, das ganze Komitee vielmehr die herrlichsten +Dinge je nach Geschmack der einzelnen, in Erwartung +des sichern Glücks, herunterschluckte, hatte er eiligst +dieses »Wigwam«, wie er es nannte, sich bauen lassen. +Nirgends noch hatte er sich so wohl gefühlt wie zwischen +<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a> +diesen schnell zusammengenagelten, groben, harzig-riechenden +Brettern, die man nicht anrühren durfte, ohne einen +Span in die Finger zu kriegen, und die nicht einmal +bis ganz auf den Boden reichten, so daß man untendurch +den Wiesenboden sah, die Schuhe der Vorbeigehenden. +Herein klangen unaufhörlich Hammerschläge +und Kommandorufe, ein rhythmisches Pfeifen, schwache +Stimmen verwirrt. Man fühlte förmlich das Werk, +wie es rüstig wuchs, wie es mit wonnevollem Gebraus +aus dem Tal gegen die Waldanhöhen hin emporstieg, +und Arnold, der sich als das Herz dieses Lebens +fühlte, seinen Willen im entferntesten Maurerjungen +noch, schrieb auf elegantem bläulichen Briefpapier, das +eine Art Wappen des Konsortiums in Reliefpressung +trug, seine befehlshaberischen oder einschmeichelnden +Manifeste. O hier war er zu Hause, hier hatte sein +Leben, das fühlte er wohl, zum erstenmal einen Höhepunkt +erreicht. O Gott, hier sich einklammern, dachte +er, um diesen Mittelpunkt Zellen ansetzen, sonst komme +ich nie zum Eigentlichen. Aber was ist es denn, das +Eigentliche im Menschenleben, das, weshalb man lebt? +Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr <ins title="eine eine">eine</ins> +Phantasie von mir? Vielleicht habe ich dieses +Eigentliche schon einmal in der Hand gehabt und habe +es nicht gewußt. Vielleicht geht es allen Menschen +so wie mir. O nein, vielleicht erlebe ich eben jetzt das +Eigentliche oder marschiere geradeaus darauf los … +Seine Angst verschwand, er atmete tief und kühl, er +schaute einen Augenblick durch das kleine Fensterchen +in die Sonne, die dem Untergang entgegenzitterte. +»Die ist doch das größte Etablissement hier in der +Nähe« sagte er leise vor sich hin, wie einen kleinen +verliebten Witz, ein Kompliment, als stünde er auf du +<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a> +und du mit dem roten Gestirn, als streichle er diese +Fläche, von der jetzt wie von einer ungeheuren Pfanne +aus die letzte Hitze emporschlug. Und er errötete bei +diesem Gedanken, als fühle er sich heute, in der Blüte +seiner Energie, einer solchen Freundin nicht unwürdig. +Man konnte jetzt den Glanz dieser Sonne mit dem +Blick schon aushalten, man sah ihre Kreiseinfassung +deutlich als dünne zitternde Linie, und die gelbe glänzende +Fläche schien gleichsam tiefer in den Himmel +hineingedrückt, wie eine Münze mit scharfem Rand …</p> + +<p>Abends nach getaner Arbeit überfiel ihn ein ruhiger +tiefer Glücksrausch. Er kreuzte die Arme und trat aus +seiner Brettertüre ins Freie, fühlte den schwachen Waldwind +an seinen Schläfen, in die Haare hinein, und +obwohl er gar nicht wußte, wohin mit all der Kraft, +machte er keine Bewegung, sie abzuleiten, ließ gleichsam +den Deckel über seine inwendige Zufriedenheit stürzen +und sie sorgsam gar kochen in ihrem eigenen Dunst … +Manchmal rief er auch die Kinder zu sich, die von der +Straße her dem bewegten Arbeitstreiben zusahn, und +begann mit ihnen zu spielen. Es waren Dorfkinder +und Kinder von Waldbrunner Kurgästen, alle freuten +sich über das, was da gebaut wurde, waren gespannt +auf das Kommende, verstanden am Ende mehr davon +als ihre erwachsenen blasierten Eltern. Arnold liebte +Kinder; unter ihnen erwachte seine noch kaum verschwundene +Lust am Fußballspielen aufs neue, sein Vergnügen +an jedem tollen Herumschrein und Vorwärtsstürmen, +sein oft sinnloses Kommandieren und Kommandiertwerden. +Von Zeit zu Zeit, wenn er zufällig +in eine Kindergesellschaft geriet, fühlte er sich auch +immer schnell als einer der ihren, fand unter ihnen +Trost gegenüber dieser langsam klebrigen Welt, ohne +<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a> +jedoch ein Prinzip daraus zu machen, sondern von einem +zum andern Mal vergaß er diesen Eindruck und war +immer aufs neue überrascht … Einmal arrangierte er +jetzt, in Waldbrunn, ein Wettrennen längs des Waldsaums. +Der blonde Gerhart, ein großer Junge von +etwa fünf Jahren, fiel über jede Baumwurzel hin, +endlich aber so derb, daß er zu schrein anfing …</p> + +<p>Eine Dame eilte heran und Arnold begann sich +bei ihr zu entschuldigen.</p> + +<p>»Im Gegenteil, sie haben ganz recht, Wichse verdient +er, tüchtige.«</p> + +<p>Jetzt erst, erstaunt über diese in devotem Ton hervorgebrachte +und, wie ihm gleich auffiel, ziemlich unsinnige +Rede, blickte Arnold die Dame an, während +er bisher nur an dem kleinen quäkenden Kerlchen herumgearbeitet +hatte, um ihm einen Schmutzfleck von der +Nase zu wischen … Es war eine große auffallende +Blondine, die er schon mehrmals gesehn haben mochte, +und nun wußte er auch, wo: sie hatte ihm einigemal, +wenn er hier auf Bauplätzen und Gerüsten herumregierte, +mit einer Andacht zugesehn, die ihm zugleich +schmeichelhaft und widerlich vorgekommen war, ohne +daß er sich übrigens viel um sie bekümmert hätte.</p> + +<p>»Aber verzeihn Sie, gnädige Frau …«</p> + +<p>»Ich bin nur die Gouvernante« entgegnete sie in +einem Ton, als könne sie sich nicht schnell genug demütigen. +»Im Gegenteil, ich habe Ihnen zu danken, +Herr Beer …«</p> + +<p>»Sie kennen mich …«</p> + +<p>Sie lächelte und nickte: »Par Renommée! Ich war +einige Jahre bei Grünbaum, bei der jüngeren Schwester +des Herrn Technikers Grünbaum. Da hat man so oft +von Ihnen geredet und immer nur das beste …«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>Etwas, was nicht oft geschah: Arnold wurde verlegen, +errötete sogar ein wenig. Er konnte sich im +Augenblick absolut nicht vorstellen, welches Gute denn +die Schwester Grünbaums mit ihrer Gouvernante von +ihm gesprochen haben dürfte … Als müsse er so unverdientes +Lob abwehren, stotterte er: »Dafür treffen Sie +mich jetzt in einer Situation …«</p> + +<p>»O nein, ich bewundere Sie ja – wie Sie sich +auch noch mit Kindern abgeben können, ein so beschäftigter +Mann …«</p> + +<p>»Ja, ich treibe viel unnützes Zeug,« seufzte er.</p> + +<p>»Unnütz? O wer dürfte das sagen. Im Gegenteil +…« Sie stockte, und Arnold fand es grausam +süß, sie bei diesem Wort, <ins title="daß">das</ins> sie jetzt schon zweimal +in der kurzen Weile gebraucht hatte, ein wenig zappeln +zu lassen. Endlich fuhr sie fort: »Was Sie leisten, +davon erzählt ja die ganze Stadt.«</p> + +<p>»Was man erzählt, das ist nicht immer wahr.«</p> + +<p>»Sie sind zu bescheiden, Herr Beer, ich habe es +ja auch selbst gesehn … nur in den letzten Tagen zum +Beispiel …«</p> + +<p>»Das war ein hübscher Oberleutnant neulich … +was?«</p> + +<p>»Wollen Sie mich auslachen?« Sie machte ein +beinah beleidigtes Gesicht, mit gerunzelter Stirn, doch +etwas störte die Wirkung des Gekränkt-Aussehens: +die Wichtigkeit und der durch nichts geforderte, allzu +liebevolle Ernst, mit dem sie das Folgende erklärte: +»Sie meinen, daß ich auf buntes Tuch fliege? O +nein, das imponiert mir gar nicht …«</p> + +<p>»So, so …« Arnold schüttelte den Kopf. Obwohl +ihn diese Beobachtung wenig interessierte, fand er bei +sich, daß das Fräulein allerdings so aussehe, wie er sich +<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a> +im allgemeinen Frauen oder Geliebte von Offizieren +vorstellte. Sie war groß, blondhaarig, eine »Fernwirkung«. +Ihr starker, doch nicht mehr als anmutig +geschwellter Busen zog die Blicke auf sich. Im Gesicht +aber lag eine eigentümliche Disharmonie. Arnold durchforschte +es, kam jedoch zu keiner Erklärung dieses Eindrucks +… Dabei hatte er sich langsam neben dem +Mädchen, das den Knaben an der Hand führte, in +Bewegung gesetzt. Er redete etwas vom Militär, ganz +unklare Dinge, denen ein aufmerksames Lauschen seitens +der Dame begegnete. Er wußte kaum, was er sprach. +Vielmehr war er einzig damit beschäftigt, unter dem +Vorwande, daß er die Mütze des Knaben studierte – +der Knabe ging zwischen ihm und dem Fräulein – zu +bemerken, wie bei jedem Schritte des Knaben über dem +roten Bummerl der Mütze die schöne weibliche Hüftenrundung +im blauen Rock auftauchte und wie eine Welle +wieder versank, er sah das mit jenem Anflug willenloser +Schläfrigkeit, die den Beginn sinnlicher Erregungen +zu begleiten pflegt. Dabei hörte ein Widerstand, eine +Art von Ekel, nicht auf, sich in seinem Innern fühlbar +zu machen. Plötzlich hatte der Widerstand gesiegt, +Arnold wachte auf, und begann nun die Scheinbeschäftigung +mit dem Knaben in eine wirkliche umzuwandeln. +Er brach mitten im Satz ab, neigte sich +wieder, und während sie durch den Wald weiter dem +Kurörtchen zuschritten, kitzelte er das Kind links am +Ohr, indes er sich rechts von ihm hielt. Gerhart sah +zum Fräulein auf. Nun zupfte ihn Arnold geschwind +am rechten Ohr und schaute sofort in die Luft. Der +Knabe aber verstand schon den Witz und drehte sich +mit wütendem Gelächter gegen Arnold, um ihn ins +Knie zu boxen. »Wirst du nicht unartig sein!« ermahnte +<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a> +die Bonne und wollte ihm in die Hand fallen. +Inzwischen hatte aber auch Arnold eine Abwehrbewegung +gemacht und so trafen sich vor seinem Bein plötzlich +die drei Hände. Die des Kindes löste sich gleich wieder +los, um mit aller Gewalt auf Arnolds zweites ungeschütztes +Knie loszuschlagen; aber die Finger des Fräuleins +und Arnolds blieben fest beisammen, verschlangen +sich einen Augenblick lang ineinander, während auch +ihre Blicke offen ineinander tauchten. Beide waren +still; eine herrliche Gelegenheit für den kleinen Rangen, +mit beiden Fäusten auf Arnolds Knie sich der Rache +hinzugeben. Und er trommelte, bis Arnold mit gleichgültigem, +gar nicht mehr kinderfreundlichem Schub +ihn abschüttelte …</p> + +<p>Sie hieß Feistnig und stammte aus Deutschböhmen, +aus dem Erzgebirge. Ihre Eltern waren sehr arm, er +solle nur ja nichts anderes dahinter vermuten, ein armer +Bauer, eine arme Spitzenklöpplerin; und deshalb mußte +sie dienen. Übrigens hatte sie die Lehrerinnenbildungsanstalt +absolviert, ja gelernt hatte sie etwas, Gott sei +Dank. Einer ihrer Lehrer habe sie heiraten wollen, +aber das hatte sie ausgeschlagen, weil er ein Witwer +war. »Ein Wittmann hat zwei Herzen.« Nein, das +mochte sie nicht. An Heiratsanträgen war kein Mangel. +Mochte Gott wissen, was die Leute an ihr fanden … +Arnold machte ihr ein Kompliment … Sie erzählte +schon etwas von einem Berg und einem Bach bei ihrem +Heimatsdorfe. Wenn sich ein Mädchen in einer Märznacht +in diesem Bach wasche, dann werde sie schön. +»Und das habe ich ein paar Jahre hinter einander gemacht, +so dumm war ich. Ja, wenn man jung ist. +Ja die Heimat …« Diese sanfte Poesie fand Arnold +unausstehlich, diese schwärmerischen Augen. Zudem bemerkte +<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a> +er mit Mißvergnügen, daß das Gespräch immer +wieder stockte, daß es ihn solche Mühe kostete, als +müsse er jeden Augenblick es von neuem anknüpfen. +Er hatte das Gefühl, als mache er mit jeder seiner +Fragen eine wichtige und schwierige Erfindung, die +indes von seiner Partnerin nur ganz oberflächlich ausgeschöpft +wurde; und im nächsten Moment stand er +schon wieder vor der Notwendigkeit, etwas Neues zu +erfinden. Also los, er gab sich einen Anlauf und +fragte sie nach ihrem Vornamen. Sie wollte ihn nicht +sagen. Er bestand darauf. Nun aber blieb sie seltsamerweise +eigensinnig, gerade den Vornamen wollte +sie nicht sagen. »Warum denn nicht?« »Sie müssen +nicht so neugierig sein.« Er bat sie: »Nein, das ist +aber nicht nett von Ihnen« und dachte dabei: Endlich +ein Gesprächsstoff gefunden! Sie lachte: »Muß ich +denn immer nett sein?« »Aber jetzt haben Sie mir +schon so hübsch erzählt.« »Wer zu viel weiß, wird +bald alt.« Endlich gab sie es ihm frei, zu raten. Er +riet: Anna, Toni. »Das i wär richtig.« Er strengte +sich an und jetzt erst zum erstenmal empfand er eine +Art geistiger Erregung ihr gegenüber. Plötzlich wandte +sie sich dem Kleinen zu, der auch beschäftigt sein wollte +und unaufhörlich an ihrem Kleid riß. »Du, fang mich!« … +Sie lief voraus. Ihre Gestalt war mächtig und dabei +schlank in der Taille. Einfach, aber gerade infolge +der Glätte wie durchsichtig zeichnete der Rock, in der +Bewegung jetzt, ein reizendes Spiel langer Beine, +das sich im Ungegliederten fast geheimnisvoll verlor +und erst an den sich drehenden Hüften eine Fortsetzung +fand. Der volle Busen lehnte sich wie ein +kleiner Polster neben den Baumstamm, an den sie sich +schmiegte, um sich umzudrehn und aus dem Versteck +<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a> +hervorzugucken, und zugleich wirbelte es unten am Rocksaum +weiß wie Wellenschaum aus dem Innern hervor, +um leichte spitze Füßchen. Dazu strömte der gewaltige +Geruch der Tannen im Abendwind, als verstreue +ihn das Mädchen mit <ins title="ihrem">ihren</ins> lebhaft hin und +hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn +bald lief sie davon, bald stand sie und rief das Kind, +machte einen Tanzschritt zur Seite. Arnold konnte +es nicht lassen, er beteiligte sich am Spiel. Zunächst +stellte er dem Knaben die Wahl, ihn oder das Fräulein +zu fangen, und jauchzend trieb sich Gerhart hinter +beiden her, ohne sich zu entschließen. Er war noch +zu jung für vernünftiges Spiel, er wollte nur strampeln +und schrein. Dann schrie Arnold – mehr um sich mit +ihr als mit dem Knirps zu verständigen –: nun würden +sie also beide das Fräulein fangen, und jagte schon +hinter ihr drein. Und dabei hatte er eigentlich nur +die Absicht, das Gespräch fortzusetzen, ihren Widerstand +wegen des Namens zu brechen. Aber schnell +blieb Gerhart zurück, das Fräulein floh immer entschiedener, +Arnold bekam immer mehr Lust sie einzuholen, +sie bog, da er schon ganz nahe bei ihr war, mit einem +geschickten weiblichen Ruck zur Seite, ins Gehölz, er +verfitzte sich zwischen den Ästen, ihr nach, die ihm ins +Gesicht schlugen, – da öffnete sich eine freiere Stelle +und sie konnte ihm nicht mehr entrinnen. Von hinten +her umklammerte er sie, drückte sich an sie: »Also wie +heißen Sie, schnell, wie heißen Sie?« Sie suchte +sich loszumachen, ermattete und seufzte: »Lina,« wie +besiegt … damit fiel ihr Rücken an seine Brust zurück, +ihr Köpfchen hob sich, das bisher wild geduckte, +während der seine über ihre Schulter herüberkam. Das +hatte kaum eine Sekunde gedauert. Schon spürte er +<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a> +den fremdartigen Geruch ihrer Haare, ihres Atems, +und in demselben Augenblick erschien es ihm widerstrebend +bis zur Unmöglichkeit, einem unbekannten +Menschen plötzlich, unvermittelt so nahe an die Haut +zu geraten. Eine bittere Wolke schien ihm aus ihren +dunkelroten, halbgeöffneten Lippen emporzuquellen, die +er jetzt knapp vor den seinen hatte, und allem Widerstreben +zum Trotz zog ihn dieser warme unangenehme +ungesunde Dampf in sich hinein, wie man manchmal +Freude daran findet, die Fingernägel über die eignen +Finger schneidend und immer tiefer zu ziehn, vom Schmerz +nicht ablassen kann … Er hatte sie auf den Mund geküßt. +Sie stieß ihn zurück, nun energisch und mit einer +ganz erstaunlichen Unfreundlichkeit, eilte wieder auf den +Weg zurück … Arnold glaubte, sie beleidigt zu haben, +folgte ihr langsam. Sie tat ihm leid. Eben hatte er noch +in einer leichten Stimmung von Verführungskünsten und +von Gedanken wie: »Na, man muß dem Mädel den Gefallen +tun« herrschaftlich geschwelgt, jetzt sagte er sich: Ich +bin ein Barbar, was mag sie sich von mir denken … +Sie führte nun den kleinen Gerhart an der Hand und +sprach kein Wort, die Augen niedergeschlagen. Er neckte +wieder den Knaben, ziemlich geistesabwesend, nur weil +es ihm peinlich war, ganz stumm zu sein. Allmählich +redete auch sie: »Nun also, wirst du dem Herrn die Hand +geben, wirst du hübsch artig sein?« Ein Stein fiel Arnold +von Herzen, da er ihre unveränderte, etwas zu blendendweiche +Stimme wieder hörte; er erhob den Kopf: »Er +ist artiger als Sie, Fräulein Lina … Lina« wiederholte +er leiser und fuhr fort »er hat keine Launen, benimmt sich +artig, nicht war, du?« und bückte sich zu dem Gesicht des +Kleinen herab. »O Sie sollten ihn nur sonst kennen, +was, Geri? Er kann schon sein Stückl bestehn« … +<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a> +So kam das Gespräch wieder in Gang, ganz ruhig, +als ob nichts geschehen wäre. Es war so dunkel geworden, +daß man einander nicht mehr die Gemütszustände +vom Gesicht ablesen konnte, das gab einen +guten Übergang zur Unbefangenheit, in die sich übrigens +das Fräulein, so schnell ging es, auch ohne Dunkelheit +bald hinübergedreht hätte. Nun klang ihr Lachen wieder +wie vorhin, etwas übertrieben und künstlich, bei jeder +Wortwendung Arnolds, die nur ein wenig von der +geraden Ausdrucksweise abwich. Es war ein gewissermaßen +tiefernstes, beinahe tragisches Lachen und verwandt +jenem speichelleckerischen, das Schulkinder bei +den kleinen Witzen des Lehrers hervorstoßen. In seiner +Pedanterie blieb es niemals aus, kroch einem wie ein +Hund nach. Arnold, der sich durch Linas Zurückweichen +nach dem Kuß angezogen gefühlt hatte, wurde wieder +verdrießlich … Endlich mündete die Waldchaussee auf +die Landstraße mit ihren Obstbäumen, bald war man +bei den ersten Häuschen von Waldbrunn angelangt, +wo sich Arnold mit einem Handkuß vom Fräulein, von +Gerhart mit einem Backenzwickerl verabschiedete.</p> + +<p>Am nächsten Tag dachte er nur mit Unlust an diesen +Vorfall. Was für eine neue Störung!… Arnold +war von wenig sinnlicher Anlage, sein rasches Leben +schien tieferen Eindrücken der Frauenschönheit gleichsam +zu entgleiten, so wie etwa ein reißender Bergbach +von der Sonne nicht bis auf den Grund durchwärmt +werden kann. Es sind ja meist die schwerblütigen Naturen, +nicht, wie man meinen sollte, die lebhaften, die an den +Frauen untröstlich kleben bleiben … Er hatte zwar die +ganze nicht eben umfangreiche Skala großstädtischer Verderbtheit +mitgemacht, mit den Freunden eben, war eine +Zeit lang von einer Dirne mit mehr als bezahlter Liebe +<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a> +geliebt worden, hatte Stubenmädchen und Weinstubenkellnerinnen +Sonntags ins Hotel geführt, oder hatte +in der Garderobe eines Klubhauses ein Familienmädchen +eilig abgeküßt, aber all dies ohne rechten inneren Anteil, +nur schnell und stundenweise und mit dem stets wachen +Bewußtsein, daß daran nicht viel sei. Das Vergnügen +überhaupt war seine Sache nicht, er strebte nach Anstrengungen, +Leistungen, Wirkungsmöglichkeiten. – Diesmal +aber schien er an ein anständiges Mädchen geraten, +die die Sache ernst nahm, und das machte ihn +unruhig. Ein langes Verhältnis konnte etwa daraus +entstehn, mit Zärtlichkeiten, Verpflichtungen, gebundenen +Rendezvous, kurz all den Dingen, zu denen er keine +Zeit und Lust hatte. Sie gefiel ihm auch nicht besonders. +Er sagte sich, indem er ernst wie ein Kaufmann +Aktiva und Passiva gegen einander hielt: No ja, ein +fesches G'stell, aber das Gesicht mutet mich nicht an, +eine typische Fernwirkung … Den Fehler ihres Gesichtes +hatte er allerdings noch nicht herausgefunden, konnte +sich überhaupt nichts mehr an ihr genau vorstellen, nur +noch die feine dünne Empfindung seiner Fingerspitzen +an ihrer leise aufrauschenden Seidenbluse, als er sie +umfaßt hatte, und diese Erinnerung regte ihn freilich +doch ein wenig auf. Ueberdies war sie ja so dumm, +so simpel. Arnold hielt die Weiber überhaupt für unfeine +inferiore Geschöpfe; lächerlich, mit ihnen sich abzugeben. +Und mehrmals kam er erleichtert auf den Gedanken +zurück, daß ja nichts Großes zwischen ihnen vorgefallen +war, Gott sei Dank. Er stellte sich erschauernd sein +Gefühl heute vor, wenn … Nein, das auf keinen Fall! +Und doch wußte er, daß es dazu gekommen wäre; gut, +daß der kleine Junge dabei war, o, er segnete ihn +nachträglich. Und die ganze Sache wurde ihm mehr +<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a> +und mehr unheimlich, da er fand, daß sie ihn doch von +seinen wichtigeren würdigeren Geschäften mehrfach in +Träumereien abzog.</p> + +<p>Am Nachmittag blieb er in seinem Wigwam, schrieb +und kümmerte sich um nichts anderes … Da stand sie +in der Tür, den Jungen an der Hand: »Ich mußte mir +doch mal ansehn, wie <ins title="sie">Sie</ins> wohnen«. Er fand kein Mittel +unhöflich zu sein, auch nicht die Neigung dazu. Mit +einem gewissen Stolz (wie ehemals vor den Kurkapellen) +setzte er sich zwanglos vor ihr in Szene, zeigte ihr den +beladenen Tisch, den riesigen Einlauf, das ganze einfache +Gehäuse, das so recht seine eigene Schöpfung war, +die einzige bisher. »Hier möchte ich ganz gerne wohnen« +knüpfte er bedeutungsvoll an ihren Scherz an, mit einem +tiefsinnigen Blick gleichsam in die eigene Seele »hier ist +der einzige Ort auf Gottes weiter Welt, wo ich mich zu +Hause fühle …« Sie fürchtete zu stören, er hatte so viel +zu tun, nicht wahr. Diese Zurückhaltung rührte ihn, +er erklärte, daß es nicht so arg sei, und las den halbfertigen +Brief vor, der auf dem Tisch lag, um ihr zu +zeigen, förmlich herablassend, daß das alles doch gar kein +so besonderes Kunststück sei. »Das würde ich auch +zusammenbringen«, lachte sie. Er ermunterte zu einer +Probe. »Gerhart, spiel da draußen«, sie führte das Kind +vor die Tür, wo noch große Sandlöcher um die eingerammten +Pflöcke offen lagen, »da hast du Mehl und +Zucker.« Und schnell kehrte sie zurück, entwarf ein paar +Briefe, nach kurzen Andeutungen, die Arnold machte. +Ihre Intelligenz überraschte ihn. »Da hätte ich ja einen +perfekten Sekretär, das wünsche ich mir schon lange, +nur hab ich's bisher nicht so weit gebracht.« »Ich komme +jeden Nachmittag, wenn Sie wollen,« stimmte sie erfreut +zu und eifrig schrieb sie weiter, sorgfältige Buchstaben, +<a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a> +wobei sie ihre ohnedies großen hellgrauen Augen noch +mehr herauswälzte. Arnold ging zuerst auf und ab, blieb +aber dann stehen und betrachte sie von der Seite, irgend +etwas fesselte seine Aufmerksamkeit, ohne daß er sich +darüber Rechenschaft ablegte, erst nach geraumer Weile +bemerkte er, daß es wieder diese im Verhältnis zur dünnen +Taille reizend sich vorbiegende weiche Linie ihrer Brust +war. Er bemerkte es ärgerlich, trat aber, noch halb im +Taumel, hinter ihren Sessel und prüfte mit schwerem +Ernst, ja mit Bekümmernis, die Wölbung ihres Rocks +um die Hüften, dann die Falten der Bluse, denen man +es anmerkte, daß darunter der Leib eng geschnürt war, +betrachtete voll Interesse die scharfe, wenn auch nur wenig +gehobene Kante, die der obere Rand des Mieders deutlich +in den Blusenrücken preßte, glitt zum Gürtel mit +seinem Blick und tiefer hinab, wo ihn das in jedem der +zart eingewebten Rockstreifen ausgedrückte Anschwellen +und dann das im finstersten Schatten ganz undeutliche +Abschwellen zur Verzweiflung brachte. Endlich raffte +er sich auf; ein Coupletrefrain, oder war es nur ein +Spottvers, ging ihm im Kopf herum, immer lauter: +»Er regt soch auf, hat nichts davon.« O pfui, wie +ordinär war das, wie ordinär erschien er sich, ordinär, +ordinär, und welch ein erbärmlicher Kontrast zu diesem +Mädchen, die in ihrem Eifer und Schülerschreiben im +Grunde einen so netten Anblick bieten mußte. – »… regt +soch auf, hat nichts davon.« Wie ordinär! Die Schamröte +stieg ihm ins Gesicht. Und so sind also die Männer. +O wenn sie wüßte … Wahrscheinlich hatte sie gar keine +Ahnung davon, welche ihr gewiß ganz entlegene Wirkung +die Profilansicht ihres Körpers, ihr Rücken auf +diesen – gebildeten jungen Mann ausübte. Sie arbeitete +da, zeigte voll harmloser Beglücktheit, was für ein kluges +<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a> +Mädchen sie war … Oder wußte sie es? Verstellte +sie sich so gut? In diesem Gedanken legte ihr Arnold +teuflische Krallenhände zu, Hörner unter der blonden, +welligen Frisur. Er entfernte sich von ihr, bis in die +entfernteste Ecke der Hütte, von wo aus er sie anrief: +»Nun, sind Sie bald fertig?« – Jetzt erst bemerkte er, +wie lange er nichts gesprochen hatte. Was war denn +vorgegangen? Wieder stieg der Coupletrefrain in seinem +Kopfe auf, so daß er sich schüttelte. – Sie nahm es für +Ärger und beeilte sich noch mehr: »Ja, ja, gleich«, +dabei legte sie eine Wange auf den linken Arm, schob +das Papier weit nach rechts und jagte mit schräger Feder +darüber hin. Als sie fertig war, bewegte sie den kleinen +Finger der rechten Hand hin und her: »… tut weh.« +»… regt soch auf«, dachte er unwillkürlich in demselben +Moment, durch den Rhythmus ihres kurzen Sätzchens +aufgestachelt, wie ein höhnisches Echo. »Bin's halt nicht +gewöhnt«, setzte sie fort. Ihm fiel der zweite Teil des +Couplets ein, unaufhaltsam. »Wird das so weitergehn?«, +dachte er wütend. Zugleich spürte er eine kindliche +Wichtigtuerei aus ihren Worten heraus, die ihm gefiel, +aber nichtsdestoweniger seine Überlegenheit zurückgab. +»Rufen Sie Gerhart«, befahl er und hütete sich, ein +»Bitte« dazuzusetzen. Er sah sie streng an, mit einer +energischen Miene, die eigentlich ihm selbst galt. Sie +ging an ihm vorbei, durch die Türe hinaus. An seinem +gespannten untätigen Stehnbleiben in diesem Moment +merkte er, daß er, wieder verlockt, sie blöde anstarrte … +Erst unterwegs dankte er ihr für die Mühe. »Jetzt sind +Sie so lange gesessen, da müssen Sie Bewegung machen.« +Das war natürlich der Übergang zu derselben Fang- +und Kußszene wie gestern, nur erleichtert dadurch, daß +Lina sofort von der Chaussee bereitwillig zwischen die +<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a> +Baumstämme einbog.</p> + +<p>Sie wurde ihm von nun an unentbehrlich. Sie schrieb +seine Memoranden ins Reine, die er in flüchtiger Stenographie +skizzierte, sie übersetzte Französisches, sie machte +ihm die Korrespondenz so weit fertig, daß er nur noch +lesen und unterschreiben mußte. So einen Diener, einen +Ausführer konnte er gerade brauchen, dem er nur die +Keime seiner zahllosen Ideen hinwarf, und schon wurden +sie sorgsam aufgelesen, gereinigt, aufgezogen. Alles ging +richtig, der kleine Gerhart spielte indessen draußen vor +der Baracke, sie konnte sich mit einem Blick durch die +Türe oder unten durch die Bretterluken durch schnell +davon überzeugen … Doch mit all ihrer Dienstfertigkeit +war sie Arnold nicht angenehm. Gerade dieses +Nutzbringende an ihr, diese Sklavennatur stieß ihn ab, +weil er fühlte, daß er dadurch an sie gefesselt war. Die +Verehrung, mit der sie ihn umgab, fand er unsinnig, ganz +anders als die Anbetung der Freunde, die er doch zu +verdienen geglaubt hatte. Wie sie ihm von fern himmelnd +mit den Blicken folgte, wenn er die Gerüste inspizierte +oder Besichtigenden flink zur Hand war: das lähmte +ihn fast. Ihre Kugelaugen waren wohl auch das entscheidend +Häßliche im Gesicht, diese wässrigen, ausdruckslosen +Glasbäuche, doch nicht minder mißfiel ihm, daß +ihre Nase und die Kinnwölbung rot waren, die Backen +derb und, aus der Nähe gesehn, nicht ganz glatt. Dafür +entschädigte das reiche blonde Haar und die auffallend +volle, doch biegsame Figur; jedoch, weiter betrachtet, +war es gerade diese unlösliche Verbindung eines weichen, +anmutigen Leibes mit einem so durchaus ungraziösen +Gesicht, eines dämonisch Anziehenden mit einem eiskalt +Abstoßenden, was Arnold unheimlich und widerwärtig +wie eine ätzende übelriechende Flüssigkeit vorkam. Und +<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a> +mit diesem heillosen Eindruck wieder verbunden ihre +offenbare Sanftmut, die Ergebenheit: o es war eine +Disharmonie in allem. Und hatte er denn Zeit, das +zu ordnen und zu entschuldigen, wie ein Verliebter +etwa?… O, diese Liebe machte ihn ganz und gar +nicht glücklich, nein, nur unruhig und niedergeschlagen. +Er fühlte sich schwach gegen dieses Mädchen, er beneidete +sie manchmal, denn sie war gewiß beseligt in +ihrer aufrichtigen Neigung zu ihm. Sie sprachen überdies +nie über Liebessachen, es fiel ihm nicht einmal +ein, sie zu duzen. Als sie ihm gestand, sie sei einmal +schon getäuscht worden, der Bräutigam habe sie nach +schmählichem Tun im Stiche gelassen, erschrak er heftig. +Zwar nicht wegen einer etwaigen Heirat, dieser Gedanke +lag wohl beiden gleich fern; aber daß sie schon +einem angehört hatte, mußte ihre Eroberung beschleunigen, +und er selbst war, das wußte er, im gegebenen Moment +zu unbesonnen, um aus eigenem Willen einzuhalten. +So sah er die Gefahr vor sich und keine Möglichkeit, +ihr auszuweichen … Zudem peinigte ihn der Gedanke, +daß dieses Verhältnis wenig standesgemäß sei, daß er +es zu wichtig nehme, und nur wenn ein Freund ihn +neidisch fragte: »Du, wer war denn gestern diese Fesche?« +beruhigte er sich ein wenig. Von außen her, durch die +Wirkung auf andere mußte er sich ihre Schönheit und +Begehrenswürdigkeit deutlich zu machen suchen. Auf +ihn selbst blieb diese Wirkung erstaunlich oft aus. Dann +mußte er sich ins Gedächtnis rufen, wie er sich gestern oder +vorgestern in ihrer Nähe in Erregung wohlgefühlt hatte; +sonst hätte er sie überhaupt nicht ertragen. Oder er hörte +gern zu, wenn sie erzählte, wie ihr einer nachgegangen war, +sie vergebens angesprochen hatte. Er forderte sie selbst +zu solchen Berichten auf, die ihm ihren Wert ins Bewußtsein +<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a> +brachten. Daher hielt sie ihn für eifersüchtig, +freute sich darüber, wenn sie auch viel zu demütig war, +um diese seine Schwäche irgendwie auszunützen. Sie +verschwieg ihm also lieber solche Begebenheiten; er, der +beinahe das Gegenteil von eifersüchtig war, mußte sie +mit List hervorlocken. So war ein versteckter Krieg entbrannt, +ohne daß sie es wußten … Es war nicht zu +vermeiden, daß seine Leidenschaft, die auf bloße Sinnlichkeit +ohne die leiseste Spur eines seelischen Anteils +gestellt war, in ihrer Stärke heftige Schwankungen zeigte, +je nach dem Wetter oder seinem Ausgeschlafensein. Sank +sein Feuer, so war es ihm schmerzlich, denn dann kannte +er sich in diesem Verhältnis überhaupt nicht mehr aus, +wußte nicht, was er wollte und was das Ganze bedeutete. +Deshalb geriet er auch jedesmal in Unruhe, +wenn Lina hie und da schlecht aussah oder wenn ihr +ein Kleid nicht paßte. Es verdroß ihn, wenn ihre Gestalt +in gewissen Stellungen nicht vorteilhaft wirkte, er konnte +dann den Gedanken nicht abweisen: Am Ende ist gar +nichts an ihr – er fühlte sich wie betrogen. Manche +Tage erschien sie ihm zur Verzweiflung unscheinbar, eine +Pustel entstellte den Mundwinkel. Sorgsam kontrollierte +er ihr Abmagern oder Zunehmen, bat sie, nun in dieser +Fasson innezuhalten, scheinbar scherzhaft, mit verhülltem +innerstem Ernst. Er fragte sie, ob sie gut schlafe, wie +viel sie gegessen habe – alles nur zu dem einen Zwecke: +um auf dem Umwege über ihre Schönheit seine Behaglichkeit +zu erlangen. Er hatte auch einen gewissen +zärtlichen unmerklichen Griff, um sie gleich beim Kommen +an der Taille anzurühren und rasch festzustellen, ob die +diesmalige gute Wirkung mit oder ohne Zuhilfenahme +eines Korsetts zustande gebracht sei. Dabei geriet er +halb unbewußt in inbrünstige Gedankengänge wie diese: +<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a> +»Da sie heute so wenig fesch aussieht, so hat sie doch +hoffentlich wenigstens kein Mieder an« – oder: »Mein +Glück wäre vollständig, wenn der heutige süße Effekt +ohne Mieder hervorgebracht wäre.«</p> + +<p>So kam es, daß er niemals an dem, was sie war, +an ihrer natürlichen und begrenzten Organisation ein +endgiltiges Wohlgefallen fand. Sondern oft, wenn er +sie in Muße beobachten konnte (sie schrieb, er diktierte) +stellte er sich vor, wie ihre Nase oder die Hände etwas +besser zu machen wären, er probierte in Gedanken, ob +ihre Brust noch etwas voller reizend wäre oder schon +unschicklich und übertrieben, ob man ihr nicht mit Brillantohrgehängen +oder mit einer Brille (o diese Augen!) +beispringen könnte. Er kleidete sie in Trachten verschiedener +Zeit, er operierte sie. Wie schwer war es +doch, sich in die Liebe hineinzureden. Da er den naturgemäßen +Zusammenhang ihrer Eigenschaften nicht kannte, +auch sich keine Zeit dazu nahm, über ihn nachzudenken, +hatte er Angst, es könnte eines Tages ihre ganze Schönheit +plötzlich verschwunden sein. So war er stets angespannt, +stets auf dem Posten, nervös und erregt. Sie +jedoch, natürlich ohne jedes Verständnis für seine Qualen, +störte ihn obendrein durch Reden wie: »An mir ist ja +nichts« oder »Ich weiß, daß ich nicht schön bin«. Das +war immer wie ein Fußtritt in seinen kunstvollen Ameisenbau, +dann kribbelten schnell seine Ideen und Reden +heran, um den Schaden wieder gut zu machen. Er +stellte ihr vor, daß er solche Selbsterniedrigung hasse, +daß sie ja damit ihn selbst angreife und blamiere, denn +was sei er, wenn er mit einer, »an der nicht viel sei«, +so viel verkehre. Sie versprach zerknirscht es nie mehr +wieder zu tun, vergaß das aber schnell, da sie es im +Grunde nicht begriff, lobte ihn: »Was bin ich gegen +<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a> +Sie?«, sehr erstaunt, daß ihn das ärgerte. Dann weinte +sie. Er mußte sie trösten, doch wiederum fand er bald den +Unterschied gegenüber seiner früheren Trostwirkung auf +Freunde: Damals hatte es sich um Taten und Ermutigungen +zur Arbeit gehandelt, hier umfaßte der Trost +die ganze Person und war eben deshalb ein leeres +Gerede … Alles in allem empfand er ein Gemisch +von Mitleid, Dankbarkeit, Neugierde, Unmut, Eitelkeit, +auch ein wenig Hingezogenheit und starken Kitzel, all +dies wechselnd und heftig, wie es sich für sein unstetes +Gemüt eben schickte.</p> + +<p>Inzwischen war auch das Flugunternehmen an einen +kritischen Punkt gelangt. Aus nichtswürdigen Quellen +häuften sich die Angriffe, anonyme Briefe flogen, die +Sicherheitsbehörden schritten ein. Ein radikales Blatt +sprach offen von »Schwindel und Bankrott«. Farman, +Blériot sagten ab und so hatte sich der Ausschuß an +den jungen hoffnungsvollen Aviatiker Ponterret gewendet, +einen Belgier, der einen Apparat eigener Konstruktion +vorführen sollte. Er war einverstanden und bald sah +man in den Auslagen Photographien eines hübschen +Herrn, frisiert und schlank, der aus dem Hohlsitz seines +Monoplans die Mütze schwenkte oder kühn wie Latham +Zigaretten rauchte oder aus kriegerischer Schutzbrille in +die Luft starrte, die Hand am Lenkhebel. Die Zeitungen +brachten seine Biographie, er hatte sich öffentlich noch +wenig hervorgetan, umso mehr privat, auch zitierte man +einen Ausspruch Paulhams, daß dieser junge Mann +der Einzige sei, der ihm jemals gefährlich werden könnte. +Auf den Plakaten führte er daher das ehrende Attribut +»Der Rivale Paulhams«, und bald war sein Name +so sehr in aller Munde, daß man ganz vergaß, ihn +vor einer Woche noch gar nicht gekannt zu haben, daß +<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a> +man beim Aussprechen schon jenen illustren unbeschreiblichen +Beiklang herausschmeckte, den die Namen der +großen Helden und Meister haben: Ponterret!… Der +Apparat kam, per Sonderzug, wurde ausgestellt, photographiert, +erklärt, von Mittelschülern klassenweise offiziell +besichtigt, unter sachverständiger Führung des Physikprofessors. +Endlich traf der Champion selbst ein, von +der Stadtvertretung begrüßt, übrigens sehr bescheiden +und sympathisch, nur auf seine Arbeit bedacht. Man +beschrieb ihn in den Zeitungen, wie er eigenhändig, selbst +geschickter als seine Monteure, die niedrigsten Dienste +an seiner Maschine zu leisten sich nicht scheute, keinen +Bestandteil für unwichtig hielt, jede Schraube tausendmal +ausprobierte. Schon am nächsten Tag versuchte er +einen Flug, der Motor ging nicht, das Benzin war schuld +daran. Bei der nächsten Probe geriet die wertvolle +Dogge des Fliegers in die Schraube, die gerade angelassen +wurde, die Schraube brach, die Dogge blieb auf +der Stelle tot. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ +Ponterret sofort eine neue Schraube anmontieren, doch +setzte der Motor bald darauf aus, die Probe mußte abgebrochen +werden. Die Journalisten konnten nichts tun +als immer wieder den »Piloten« beschreiben, der nach +solchem Mißgeschick mit kaltblütigem Lächeln vor dem +Hangar auf- und abspazierte, winzige <ins title="Zigarretten">Zigaretten</ins> rauchte, +dann aber gleich wieder im blauen Arbeitermantel, unter +dem die gelben Lackstiefelspitzen hervorschauten, unverdrossen +ans Werk ging, die Verbindungsdrähte +wechselte oder das Traggestell ausbalanzierte. Ponterret +plagte sich unermüdlich, er setzte sein Leben bei den fortgesetzten +Proben mehrmals aufs Spiel, er war zugleich +liebenswürdig und energisch, mutig und auf das +Schlimmste gefaßt, er bot eine Vereinigung sämtlicher +<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a> +Heroentugenden; trotzdem erzielte er nicht den mindesten +Erfolg, der Apparat funktionierte einfach nicht. Kurz +und gut, Ponterret bot das unserer Zeit schon etwas +entfremdete, aber für die damalige Kinderstammelperiode +der Flugtechnik typische Bild des hingebungsvollen, +tüchtigen, durchaus ehrenwerten Aviatikers, dem trotz +aller Anstrengungen und Aufopferungen ein leiser Hauch +von Komik anhaftet, weil ihm so gar nichts gelingt, +dem vielleicht nur ein kleiner Handgriff fehlt oder am +Ende gar nur unglückliche Zufälle im Weg stehn. Man +wünscht ihm ja das Beste, man wünscht aber zugleich, +peinlich berührt, der beweinenswerte Held wäre hübsch +zu Hause geblieben, da man ja nicht die Möglichkeit +hat, seine Handgriffe oder Zufälle irgendwie günstig zu +beeinflussen. Er stellt, man mag ihn entschuldigen wie +man will, das konzentrierteste Symbol menschlicher Unsicherheit +und Machtlosigkeit dar; und das kann man +ihm nie verzeihn … Drei Tage vor dem angesetzten +Schauflug brach Ponterret einen Flügel seines Aeroplans, +nun mußte man Ersatz aus Paris herantelegraphieren, +den Flugtag um vierzehn Tage verschieben. Das +Publikum wurde allmählig ungeduldig. Zwei Holzhändler +ließen es aber bei akademischer Ungeduld nicht +bewenden, sondern führten Exekution gegen das Konsortium, +das sie auf den Flugtag vertröstet hatte, und +ließen den Apparat mit Beschlag belegen. Die Pfändung +mußte natürlich aufgehoben werden, denn der Apparat +war Privateigentum des Fliegers. Die Sache aber +machte Aufsehn, und nur wer finanziell nicht beteiligt +war, lachte.</p> + +<p>Jetzt erst begann Arnold stutzig zu werden. Er +stürmte zu Philipp Eisig um Aufklärung. »Was für +Aufklärungen« erklärte heiter der Dicke. »Es wird +<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a> +natürlich ein Reinfall.« – »Was, du meinst, Ponterret +wird nicht aufsteigen.« – »Aufsteigen muß er, das +steht im Kontrakt, das heißt: starten. Aber fliegen? +Du hast es ja gesehn.« – »Du glaubst, nein?« – +»Was willst du von mir. <em class="gesperrt">Ich</em> kann nicht an seiner +Stelle fliegen.« – »Aber wir sind doch verantwortlich, +vor der Öffentlichkeit. Man wird das Entree zurückgeben +müssen, dann liegen wir drin.« – »Keine Idee. +Man wird natürlich das Entree nicht zurückgeben.« – +»Man wird es. Das verlangt der Anstand.« – »Du +bist ein Narr.« – »So, dann trete ich aus. Einem +betrügerischen Unternehmen stehe ich nicht vor, das ist +nicht meine Art.« – Nun aber wurde Eisig ganz ernst +und kühl, während man das Bisherige immerhin noch +als Ausdruck seiner spöttisch-mürrischen Sitten hätte +erklären können: »Das wirst du nicht.« – »Ich werde +es.« – »So, dann bitte ich doch, du Gerechtigkeitsprotz, +zunächst auch einmal deine Verbindlichkeiten +gegen mich zu erfüllen. Ich denke,« er blätterte in +einem Notizbuch, das er merkwürdig schnell zur Hand +hatte, »es sind jetzt bald tausend Gulden«. – »Nur +achthundert« erwiderte Arnold betroffen, halb mechanisch. +– »Ohne Zinsen!« – »Du weißt, daß ich momentan +kein Geld …« – »Ach was, momentan, immer +momentan …« – »Du hast mich doch heute zum +erstenmal gemahnt.« – »Nun, und was folgt daraus? +Ich brauche momentan Geld, das ist die Sache, verstehst +du. Alles andere ist mir ganz wurscht. Sonst +erfährt nämlich mein Alter, daß ich dort drüben Wechsel +für ihn einkassiert und für mich behalten habe. Lange +genug schieb ich's von einer Seite auf die andre, einmal +muß das Loch zugeklebt werden. Und da wird +man aufs Entree verzichten, schöner Gedanke!…« +<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a> +– Arnold erschauerte; je länger und begründeter Eisig +sprach, desto klarer wurde ihm, daß es sich da um +sehr schmutzige Geschäfte handelte. Jetzt erst sah er, +in was er sich eingelassen hatte. Ja, hätte er's nicht +gewußt, jetzt hätte er es an Philipps Gesicht erkannt, +an diesen wulstigen Lippen, den breit wie gelbe Wandteller +hinausgezogenen Wangen und den allzu dichten +Haaren darüber, durch den Scheitel zu zwei gleichmäßigen +dicken Polstern aufgeschichtet. Was Jahre +dichtesten Umgangs nicht entschleiert hatten, entdeckte +er jetzt: den verbrecherischen Zug in diesem Kropfgesicht, +und verstand in einem Blitz den gründlichen +Unterschied zwischen seinem eigenen Abenteuerwesen +und dem des Freundes. Wütend machte er sich davon …</p> + +<p>An diesem Nachmittag erschien ihm Lina angenehmer +als sonst. Ihre Güte und Unterwürfigkeit +tat ihm wohl, schon die weiche klagende Stimme verscheuchte +ein wenig seine Sorgen. Das war doch ein +befreundeter Mensch, auf den man sich verlassen konnte. +O, ein Glück, daß er die hatte, so ein braves anständiges +Mädchen! Er drückte ihr warm die Hand, +doch eilig, denn heute hatte er ihr besonders viel zu +diktieren und anzuregen, ihre Feder flog nur so. Es +fiel ihm zugleich ein, daß er Unrecht tat, ihre Liebe +so auszubeuten, sein moralischer Sinn war gleichsam +durch die Unterredung mit Philipp geschärft. Sie tat +ihm leid. Doch heftiger erfüllte ihn wie ein Nebel +die Angst um die eigene nächste Zukunft, tausend +Rettungspläne, das Notwendigste für den Moment. +Es war, als entfache das drohende Fiasko nun noch +die letzten Reserven seiner Willenskraft und Anspannung, +seine äußersten Gedanken. Heute bewunderte er sich +<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a> +selbst, und als er gegen Abend den Haufen der fertiggestellten +Briefe überschaute, darunter ein paar wirklich +gelungene, – um vorzubeugen, Rückzug zu sichern – +atmete er zufrieden auf … Ein Schrei Linas erschreckte +ihn. Der kleine Gerhart war nicht da, verschwunden. +Sie suchte vor der Hütte, überblickte von +den Stufen des Amphitheaters aus die Rennbahn, +vergebens. Verzweifelnd gab sie sich, nur sich selbst +alle Schuld an dem gräßlichen Unfall, sie hatte heute +weniger aufgepaßt als sonst, das Kind mochte sich +verirrt haben, ins Wasser gefallen sein, Gott im Himmel, +was war da zu tun! – Arnold forschte indessen die +Arbeiter in der Nähe aus. Ja, man hatte den Kleinen +auf dem Wege zum Weidengestrüpp gesehn, das auf +der andern Seite der Flugwiese in menschenleerer Öde +sich erstreckte, gegen den Fluß zu. Schon eilte Lina +in dieser Richtung, Arnold ihr nach. Sie kreuzten +durch die niedrige Wildnis, bückten sich unter verflochtenen +Ästen durch, rissen sich wund, schwitzten. +Der Boden wurde schwarz und fett; setzte man den +Fuß auf ihn, so quoll kotiges Wasser hervor. Die +Weiden standen dicht wie ein Kornfeld beisammen, +Lina bog sie auseinander, hielt sie fest, um dem +Nachfolgenden Raum zu geben, ließ sie aber doch noch +einen Augenblick zu früh los, so daß sie ihm gerade recht +ins Gesicht peitschten. Gereizt bat er sie umzukehren. +Sie waren über glitschrige Steine an das Schilfufer des +Flusses gelangt. Man sah fast gar nichts mehr, denn der +Tag war regnerisch gewesen und jetzt gegen Abend erfüllte +warmer aufsteigender Dunst die Luft. Nun wateten +sie durch Binsen und Röhricht zurück, gerieten wieder in +die Bäume … plötzlich erblickten sie, beide zugleich, durch +eine dichte Brombeerhecke von ihnen getrennt, das Kind, +<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a> +das arglos ruhig auf einem steinigen Plätzchen einen +Sandturm aufbaute. Ein Anblick, so voll Kontrast zu +der angstzerrissenen Stimmung der beiden, daß sie trotz +Ärgers und Kopfschüttelns und Hastens wie auf einen +Schlag stehn blieben und, wie man es einer Vision gegenüber +tun mag, unter langsamem Händeaufheben beide die +Lippen zu einem notwendigen, gar nicht lustigen Lächeln +dehnten … Den Sand hatte das Kind offenbar in seinem +kleinen Blechkübel vom Flugplatz hierhergetragen, beschwerlich, +in mehrmaligen Gängen, und es gefiel ihm +so gut, in dieser neuen Umgebung zu schippen, wo es +eigentlich von rechtswegen gar keinen Sand gab, als +ein kleiner Herrgott also, daß es Augen und Ohren an +sein Spiel verloren hatte … Lina, aus dem Bann erwachend, +unterdrückte einen Jubelschrei, ihre Augen +glänzten dankbar gegen Arnold, als schulde sie ihm den +glücklichen Ausgang dieses Zwischenfalls. Einen Moment +lang fand er sie wirklich schön, in diesem feuchten dunklen +grünen Laubwerk, mit ihren glänzenden roten Wangen, +der klopfenden Brust. Lau brodelte es aus dem Moos, +den alten Stämmen, wie ein Bad, das alle Glieder in +Wohlbehagen löst. Dicke Fliegen setzten sich ihm auf die +Stirn, die Augenlider, und wenn er sie verscheuchte, +fielen sie wie besinnungslos wieder auf ihn zurück, berührten +ihn heftig zitternd, kleinen schweren Händchen +gleich. Es schien ihm, als trügen sie ihm Linas Körperduft +näher, als balle er sich um diese schwarzen Körperchen, +ja als seien die Fliegen nichts als kompakte Pillen +dieses betäubenden Geruches, o dieses gar nicht mehr +fremden, nein wohlvertrauten Geruches einer Frau, die +er schon oft geküßt, geküßt, aber nur geküßt hatte, … +die jetzt so dicht bei ihm war, wie in einem Zimmer bei +ihm. Und das spielende gerettete Kind so nah, so nichts +<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a> +ahnend, so unwissend, blind gegen das, was jetzt sofort +neben ihm geschehn wird: diese eigentümliche Vorstellung, +die ihn wie mit der allerdurchtriebensten Freude erfüllte, +entschied. Vielleicht wirkten auch die vielen überstandenen +Aufregungen dieses Tages mit. Plötzlich fühlte er sich +sicher, nicht wie sonst im Kurwäldchen von Menschen +bedrängt. Eine seltsam qualvolle Lust ergriff ihn, wie +ein letzter Ausläufer der raschen Gehbewegungen vorhin, +die nicht unvermittelt abbrechen wollten, er strauchelte +vorwärts, über eine Wurzel, er faßte mit beiden Händen +geradeaus langend, die beiden Brüste des Mädchens, +diese vorstehenden <ins title="nachgibig">nachgiebig</ins>-festen Brüste, die ihn immer +so gelockt hatten, faßte sie mit einem Griff, dem man +hätte anmerken können, daß er ihn in eben dieser Art +und mit dem glühendsten Feuer in Gedanken oft schon +ausgeführt hatte, er drückte sie wie Ballons, wie um sie +auszupressen, wie um sich an ihnen festzuhalten, über +einem Abgrund schwebend gleichsam, und nun, keuchend, +heiß, außer sich, mit hüpfenden Augen, die Haare gesträubt, +singend, matt, verzückt, drängte er Lina an den +nächsten Baum, dessen trockene Rinde in kleinen Stückchen +herabsplitterte. Einen Augenblick später war sie sein.</p> + +<p>Seine Empfindung sofort nachher war ohne jeden +Übergang: eine maßlose Wut gegen sich selbst. Also +doch, also doch war es geschehn, trotz allen Inachtnehmens, +also doch, also doch … Er war still, +während Lina sich abwandte und nach einer Weile, +da nichts mehr geschah, das Kind holte. Das Geschrei +des kleinen Lausbuben, der seine Bauten nicht +verlassen wollte, zergellte ihm die Ohren. Er begleitete +sie nach Hause, niedergeschlagen, doch so weit +gefaßt, daß er noch einiges sprach, was sanft klang, +weil seine Wut sich inzwischen in eine unsägliche +<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a> +Traurigkeit verwandelt hatte. Lina flößte ihm mit +jeder ihrer Bewegungen Furcht ein, sie war ihm unheimlich, +bald weil sie nach seiner Meinung eine +Wendung ins Zärtliche machte, bald weil er sich von +ihr verachtet glaubte. Und dieses Kind, dieses Teufelskind +war schuld an allem, diesen Gerhart hätte er +kaltsinnig erwürgen mögen. Los werden die zwei, +das war sein einziger Wunsch, den er durch Rücksichtnahme +und galante, dankbare Anwandlungen verfälschte, +der aber zum Schluß den Abschied doch bedeutend +abkürzte. Arnold hatte das Gefühl, als müsse er auf +die Erde stampfen und mit gerecktem Arm die beiden +weit von sich wegschicken. Er zwang sich noch zu +einigen Phrasen; als aber Lina immer noch nicht ging, +drehte er sich auf dem Absatz herum und geriet rasch +in immer schnelleren Schritt … über die dunkle Ebene +jagte er seiner Baracke zu. Dort stürzte er nieder, konnte +nicht mehr weiter. O ein Wigwam, fragte er sich höhnisch, +nein ein Brettersarg ist das! Er trat ein. Ohnmacht und +Reue erfüllten seine Seele, doch zugleich erschienen wie +von einem tieferen Grunde herauf unzusammenhängende +Bilder, halb vergessene, ungerufen zogen sie vorbei und +lenkten den armen wirren Geist in ihre Träumerei … +Da sah er sich, sah sich als kleinen Knaben, an der Hand +der teuren Mama im Schulsaal zum erstenmal, bei der +Aufnahme in die Schule. Und während ihn der Lehrer +für die erste Klasse einschrieb, hatte das Knirpschen schon +den Mund offen: warum hier zwei Tafeln übereinander +seien, nicht eine, wie er es in Puppenschulen bisher gesehn. +Freundlich belehrte ihn der Herr Lehrer: »Ja, +wenn die eine vollgeschrieben ist, dann ziehn wir eben +die obere leere hinunter, nichtwahr. Siehst du, so macht +man das, so …« und hatte es ihm gezeigt, während er +<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a> +sich zugleich lobend zur Mutter wandte: »Ein aufgeweckter +Junge.« O Gott, warum hatte ihn denn damals jeder +lieb gehabt und jeder gestreichelt, sich über ihn gefreut, +und so unschuldig, spielend alles – und jetzt war es doch +nur derselbe Trieb, der ihn in Schuld und Schande verstrickt +hatte, genau ebendieselbe Glut, die damals allen +so wohl getan hatte, er konnte gar nicht mehr dafür als +damals für seinen kindlichen Reiz … Zum erstenmal +überblickte er sein ganzes Leben und fand es erschreckend +wie ein Gewitter in der Nacht, fand es sinnlos, trostlos +und sich selbst immer unter demselben Stachel ungerecht +leidend, preisgegeben, verschmachtend, ein Spielzeug +übermächtigen himmlischen Zorns. O wer kannte seine +Qualen! Wer stand ihm bei! Wer hatte Mitleid mit +der Unbesonnenheit des verblendeten Kindes, mit dem +Unseligen Mitleid!… Hätte er nur ein Herz gehabt, +einen Freund, Eltern, die ihn verständen! O auf die +Berge hätte er steigen mögen und wie Gießbäche seine +Arme ausstrecken nach einem guten menschlichen Herzen +… Doch nein, da hatte man ihn immer weiter rennen +lassen, zurück übersah er es bis hinab zu seiner dunklen +Fußballeidenschaft, zu den ersten Tollheiten, immer weiter +hatte man ihn rennen lassen, den Hitzigen, und so war +er bis hierher gerannt, niemand hatte ihn gewarnt, bis +hierher auf diesen Fleck und auf diese Stunde, wie blind, +während von allen Seiten die Wände des Engpasses +immer näher und drohender zusammenrückten, aber blind +immer weitergerannt, bis hierher, wo es kein Zurück mehr +gab … Tränen entströmten ihm bei diesem Gedanken, +er weinte, ein tiefes Erbarmen mit sich selbst hatte ihn erfaßt, +mit seiner reinen verlorenen Jugend, ja mit der ganzen +Welt … Nur eine Weile. Dann kehrte der Zorn zurück. +Er erinnerte sich – o war das nicht Warnung genug gewesen? +<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a> +– daß er schon mitten in dem kurzen Genuß vorhin den +Widerwillen gespürt hatte, den dieses verdammte Weib +ihm einflößte, einen Ekel und eine Notwendigkeit zugleich, +wie wenn man etwa früh in den noch ungespülten Mund +ein Glas Wasser aus Durst hinunterschlucken muß. Er +spie aus … Da lagen ja noch die Briefe, ein ganzes +Paket. Er verfluchte seine Energie, sie war zu nichts +nutze. Und mit einem gewaltigen Druck riß er mitten +an dem Stoß, es ging nicht, da teilte er ihn in zwei +Lagen, hierin wenigstens konsequent, und zerfetzte jede +in kleine Stücke. Mochte alles werden, wie es wollte, +er gab's auf …</p> + +<p>Eine Idee kam ihm. Die Markensammlung verkaufen, +und nach Amerika!… Da waren doch fünfzehntausend +Mark nach Senff, ein Kapital, ein Anfang!… +Er fuhr in die Stadt, und obwohl schon bald +zehn Uhr war, beschloß er, Lambert zu besuchen. Der +hatte kommissionsweise die Einkäufe vermittelt, sicher +wußte er einen Käufer, vielleicht war er sogar selbst +geneigt … Er klingelte. Jetzt erst bemerkte er, wie unschicklich +es war, mitten in der Nacht mit dieser Verkaufsangelegenheit +einzudringen; er faßte schnell den +Plan, seine Absicht zu maskieren. »Ich habe da ein +Angebot«, rief er, »es muß sofort entschieden werden, +telegraphisch. Soll ich zwanzig Sätze Jubiläumsmarken +bestellen? Das macht so etwa fünfhundert Kronen.« +Lambert, geschmeichelt durch dieses Zutraun zu seiner +Fachkenntnis, rückte sich zurecht. In seinem taubengrauen +Schlafrock mit dunkleren Schnüren, im Lederfauteuil, +jetzt Zigaretten anbietend und der Sitte gemäß sofort +sich erhebend, um einen Likör aus dem Kästchen zu +holen, war er ein Musterbild reifer, gesetzter Jugend, +ein Beispiel für jene merkwürdige Leichtigkeit und Unbedingtheit, +<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a> +mit der gewisse Naturen (es sind nicht immer +die wertvollsten) den Übergang von unverantwortlichem +Knabentum zur würdigen repräsentativen Mannheit vollziehn. +Arnold, so tief unterlegen gerade in diesem wirren +Moment er dem Gefestigten war, fühlte doch eine gewisse +lächerliche Schwäche an ihm heraus, in der er sich instinktiv +sofort festnistete: »Ich komme zu Ihnen als einem Kenner, +Sie wissen ja …« »Nun, ich glaube«, holte Lambert +aus, »das ist ein gutes Geschäft. Die Verwaltung gibt +nur eine sehr beschränkte Anzahl aus. Schließlich ist +doch Bayern kein Costa Rica oder sonst ein exotischer +Staat, der an Jubiläen Geld verdienen will.« … +Wie langweilig waren für Arnold diese selbstverständlichen +Gedankengänge, mit denen Lambert sich ein Ansehen +gab. Seine aufgeregte Hast kämpfte mit der Klugheit, +den Schwätzer ausreden zu lassen, endlich fiel er doch +ein: »Ich weiß. Gut, aber das hat man bei der vorigen +Emission auch gesagt. Und da kamen Nachträge. Von +Raritäten ist nicht viel zu spüren … Schlechte Spekulation. +Ich hab's überhaupt satt. Wissen Sie nicht, +wie ich die ganze Sammlung loswerden könnte?« … +Lambert blieb noch eine Weile im alten Geleise, sei +es, daß er Arnolds Wendung für eine bloße Gesprächslaune +hielt, sei es, daß er auf eine so fernliegende Abschweifung +überhaupt nicht aufgepaßt hatte. Er redete +also weiter von steigenden Werten, Neudrucken, Facsimilien, +bis ihn ein nochmaliges Andrängen Arnolds +aufhielt. Nun erst ging er mit gleichgiltiger Miene (auch +Arnold blieb äußerlich ruhig) auf das neue Thema ein: +»Ja, das ist eine schwere Sache. Man müßte die Sammlung +ausschreiben, in Fachzeitungen, das dauert lang +und dann werden Ihnen die besten Stücke herausgeklaubt +und der Schund bleibt. Oder Sie tragen das +<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a> +Ganze zum Händler, der gibt Ihnen gar einen Pappenstiel. +Es bleibt also nur irgend ein großer Privatsammler.« +… »Ja, ein Privatsammler«, wiederholte +Arnold gierig. »Wissen Sie also einen?« … Lambert +überlegte … »Für zehntausend,« begann Arnold, und +da Lambert überrascht lächelnd aufblickte, fuhr er fort: +»Für zweitausend Kronen gebe ich alles. Denken Sie, +Altsachsen vollständig.« … Lambert machte ein spitzfindiges +Gesicht, wie am Schlusse seiner Überlegung +angelangt, als habe er es jetzt herausgebracht: »Ja, +wer legt aber so leicht zweitausend Kronen auf den Tisch? +Das ist ein schönes Geld. Das tut einem weh.« … +»Wie kommt das aber?« fragte Arnold betrübt und +kindlich … Lambert erging sich in Vergleichen. Sammelwert +sei etwas anderes als Wert im Allgemeinen. Und +wenn man einen neuen Pelz kaufe oder ein Schmuckstück, +ein Möbelstück, wieviel bekomme man beim Weiterverkauf, +auch für die besten, wie neuen Stücke … Das +Gespräch verlor sich ins Allgemeine, Arnold lobte Lamberts +Einrichtung, eine echte Junggesellenwohnung, dabei +sah er im Innern ein, daß hier nichts zu holen war. +Erschöpft und bleich blieb er noch ein Weilchen sitzen, +fand nicht die Kraft, aufzustehn und wegzugehn, seine +Gewandtheit hatte eben auch ihre Grenzen. Endlich +empfahl er sich. Lambert meinte im <ins title="Weggeben">Weggehen</ins>: »Also +wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz unbesorgt +sein. Dabei riskieren Sie nichts. Eventuell beteilige +ich mich.« … Arnold hätte am liebsten laut aufgelacht. +»Und unser Meeting morgen«, fügte er noch hinzu, +probierend, »das wird ein schöner Humbug, was?« Er +zwinkerte dabei. Auch Lambert lächelte verschmitzt und +kniff ein Auge halb zu, mit kleinen Fältchen: »No, das +glaub ich.« Sie schüttelten einander die Hände, wie +<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a> +in vergnügtem Einverständnis … »Und gegen dieses +niederträchtige Leben«, sagte sich Arnold, indem er Stufe +um Stufe hinunterschritt – Lambert leuchtete, über die +Geländerbrüstung gebeugt, klingelte dem Hausmeister, +im finstern Gang unten erschien etwas Undeutliches, +Warmhauchendes, Mann oder Weib, führte Arnold ans +große Eisentor, stellte die Laterne auf den Steinboden, +steckte den Schlüssel ein und gab endlich mit leichter +Hand der massiven Pforte einen ganz kleinen Stoß – +»und gegen dieses niederträchtige durchdachte kolossale +Leben habe ich mit Spielereien ankämpfen wollen, mit +Papierschnitzeln. Da seh' ich erst, wie ahnungslos ich +war … ein Kind, in allem …« Von neuem traten +ihm Tränen in die Augen.</p> + +<p>Auf <ins title="seinen">seinem</ins> Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. +Gottfried Eisig, der vor einigen Tagen einen Journalistenposten +in Berlin angenommen hatte, schrieb ihm +begeistert (Arnold erkannte den eigenen Stil darin) von +seinem jetzigen Leben, von der Weltstadt. Ob er nicht +hinkommen wolle? Ein dritter Feuilletonredakteur werde +eben gesucht. – Ärgerlich warf Arnold den Brief weg. +Ja, neue Wirren, neue Verlockungen, das wäre so das +Rechte! Man kannte ihn ja, man hielt ihn schon für fähig +zu jeder Dummheit.</p> + +<p>Da trat sein Vater herein: »Weißt du es schon? +Die Großmutter liegt im Sterben … Pst! Die Mama +darf es nicht wissen. Ich hab sie nur ein bißchen vorbereitet. +Da lies die Karte von Lichtnegger.«</p> + +<p>Arnold las, ohne Bewegung, gedankenlos.</p> + +<p>»Den letzten Satz hab ich ihr gar nicht gezeigt. Trotzdem +fährt sie morgen Nachmittag nach Wintertal. Ich +kann nicht mit, jetzt in der Hochsaison. Wenn sie sich nur +nicht zu sehr aufregt …«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a>So viel Lärm wegen einer alten Frau, dachte Arnold. +Plötzlich fiel ihm ein: »Wenn du willst, begleite ich die +Mama …«</p> + +<p>»Du wolltest?… Aber morgen ist ja euer Schauflug.«</p> + +<p>»Ja richtig, der Schauflug!« Arnold machte, als ob +er sich erst jetzt darauf besänne. Dann zog er mit dem letzten +Rest seiner Energie den Mund männlich zusammen: »Das +kommt nicht in Betracht. Ich fahre mit der Mama nach +Wintertal.«</p> + +<p>Der Vater sprach noch eine Weile, bereitete nun auch +ihn gleichsam auf das Unvermeidliche vor: Die Großmutter +sei ja schon vierundneunzig Jahre alt, was für ein +Leben … man könne sich denken … man müsse froh +sein … einmal wäre sie jetzt so wie so eingeschlafen, aus +Altersschwäche … nun diese Lungenentzündung, das +würde sie wohl nicht überstehn. – Und in allem Sanftmut +schien er dieses baldige Ende förmlich von der Natur +zu fordern, als Bestätigung seiner regelmäßigen Ansichten +… »Sie wird sich freun, wenn sie dich noch einmal +sehn kann« schloß er »du bist ja ihr besonderer +Liebling.«</p> + +<p>Arnold wich zurück: »Ich – ihr Liebling? Ist das +ein Witz?«</p> + +<p>»Natürlich. Wie sie vor fünfzehn Jahren hier war, +hat sie sich mit niemandem vertragen, nur mit dir. Sie +ist ja, unter uns gesagt, eine wahre Furie … Immer +noch erzählt sie von dir, was für ein braver Junge du +warst.«</p> + +<p>Um Arnold sauste es. Er mußte die Fäuste ballen, +um diesem Sturmwind standzuhalten. »Die auch,« murmelte +er und seine gleißnerische Stellung in der Welt, +all der lügenhafte gute Ruf, der so ungerechtfertigt sein +<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a> +hirnloses Zappeln umgab, fiel ihm wie höhnischer Vorwurf +auf die Seele.</p> + +<p>Der Vater trat besorgt näher. »Was sagst du?«</p> + +<p>»Nichts, Papa. Gute Nacht also. Ich bin todmüde. +Morgen weiter.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a>III.</h2> + +<p class="drop-cap">Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur +ein dunkler Mißmut blieb ihm zurück, unten auf +dem Grund, den auch die Stöße des Zuges nicht aufrüttelten +und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu +forschen er sich wohl hütete.</p> + +<p>Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, +die er tätig ins Netz schlichten half: Obst und +Buttersemmeln als Reisekost, für die treue Frau Lichtnegger +Würste und einen großen Schinken, für die +Großmutter Magenlikör, den sie immer verlangte, Brustbonbons +und andere Kleinigkeiten … Erst als sie alles +in Ordnung wußte, heiterte sich ihr Gesicht auf, und +indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab sie Arnold Anweisungen, +wie er sich verhalten müsse. Laut reden, +natürlich – und sich nichts draus machen, wenn er +manches nicht verstehe, die Mutter spreche eben noch +wie die alten Leute – er solle nur recht lustig sein, ihr +Witze erzählen, auch sagen, daß er schon Geld erspart +habe, das sei die Hauptsache – und warum er so eine +schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich +eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, +letzthin habe sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant +genug gefunden.</p> + +<p>»Auf solche Sachen gibt sie noch acht?« meinte Arnold +zerstreut. Jetzt etwa begann der Flug in Waldbrunn.</p> + +<p>»O sie gibt auf alles acht. Du würdest staunen. +Überhaupt, gescheit ist sie …« Es klang so wie: Ja +wenn alles an ihr so gut wäre …</p> + +<p>»Ist sie wirklich so bös?« fragte Arnold gleich, +etwas übereilt, da er eben nicht ganz bei der Sache +war, trotz innerer Anstrengung.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a>Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm +zu sein; sie begann gleich von ihrer Jugend +zu erzählen, als gingen ihr alle diese Dinge schon recht +eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre Heimatstadt +war die Vergangenheit näher an sie herangerückt. +Was für Qualen!… Sie hatten eine Glasperlenerzeugung +gehabt, die Mutter am Platz, der Vater +immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die Hölle. +Oft mußten die Kinder Nächte und Tage lang Knöpfe +auf kleine Kartons befestigen, bis ihnen die Augen +zufielen. Wenn nicht so und so viel Gros fertig waren, +mußten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten. »Wir +haben mehr Schläge gekriegt als zu essen.« Und dabei +war solcher Fleiß gar nicht nötig, denn das Geschäft +ging ja damals noch sehr gut, sie kauften sogar später +ein eigenes Haus. Aber die Kinder mußten weiter +arbeiten, nur aus Geiz, daß ihnen die Finger wund +wurden, auf einem Schammerl stehn und große Kisten +packen und wehe, wenn etwas zerbrach! Dann auf den +Markt fahren, nach Pilsen. Und immer Lärm, <ins title="Schimpf">Schimpf,</ins> +Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. +Einmal wurde die älteste Schwester, die Marie, im +Hemd hinausgejagt, mitten im Winter, weil sie geantwortet +hatte. Und niemand da, um die Kinder zu +schützen. Nur der Vater sandte manchmal aus der +Ferne zehn Kreuzer, ein Papierzehnerl an jedes Kind, +das war alles. Marie lief denn auch bald fort in die +Fremde, sie wollte Kindergärtnerin werden, war gebildet, +an einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu +Hause Bücher gelesen – anderswo, das wäre ihr schlecht +bekommen! Aber unbehütet, unerfahren, wie sie war, +geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur – nie +hatte sie mit einem Mann reden dürfen, immer zu Hause +<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a> +eingesperrt, kein Tanz, kein Vergnügen, jetzt war sie +natürlich von dem ersten besten entzückt – der hatte sie +geheiratet, in Not und Elend, und so war sie untergegangen, +gestorben – so schöne Zähne, schöne Haare, +alles weg – und wie oft hatten die Geschwister, auch +der Bruder, der Poldi, die Alte auf den Knien gebeten, +mit aufgehobenen Händen, ihr doch mit etwas +beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre +Flüche waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. +Und ebenso der Ehe des Poldi. Indessen hatte auch +der Vater das Heim verlassen, eine andere Frau in +Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt, +wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, +dann hatte man vom Vater nichts mehr gehört; verschollen. +Die Hütte aber in Wintertal hatten irgendwelche +Feinde angezündet, so sagte wenigstens die Großmutter, +kurz sie war abgebrannt. Das ganze Vermögen +ging zu Grunde, nur noch Herr Beer als Bräutigam, +der das gänzlich hilflose Mädchen nahm, rettete etwas. +Denn auch sie – Mama, als letzte – war einmal auf +dem Pilsner Markt der Großmutter entwichen: »Und +wenn du jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf +den Kopf stellst, ich gehe nicht mehr mit nach Hause« … +Sie hatte zuerst bei Marie gewohnt und mittags, statt +zu essen, hatten die zwei armen Mädchen halt ein bißl +geweint. Mit Näharbeiten auf der Maschine sich das +Brot verdienen, das ging nicht so leicht. Glücklich waren +sie, wenn sie täglich fünf Kreuzer auf eine Wurst hatten. +Und drei Jahre lang kümmerte sich niemand um sie, +nicht Vater, nicht Mutter, Waisen waren sie in der +großen Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte, +ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen hätten, +ob sie noch anständig seien. Jetzt freilich, wenn man +<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a> +der Großmutter zuhöre, habe sie sich den Kopf für sie +ausgesorgt. »Meine süße Marie, was hast du sterben +müssen.« Sie könne solche Reden gar nicht anhören … +Bestürzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus +dem er selbst emporgetaucht war, zu rätselhaftem Geschick. +Er kannte ja diese Familiengeschichte, aber nur +unvollständig, nur aus dritter Hand. Nie noch hatte er +die Mutter so erzählen gehört, jetzt war er ergriffen, +und während der Zug an reizenden Wäldchen, heiteren +Villen vorbeilief, tappte er wie im Finstern nach ihrer +Hand.</p> + +<p>Auch die Mutter meinte: »Nun, das ist ja alles +jetzt vorbei und ich trag ihr's nicht nach. Kann sie +denn dafür? Schließlich ist sie ja doch nur die Mutter. +– Wenn man nur mit ihr auskommen könnt. Neulich, +vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch +auch im Bösen fortgefahren …«</p> + +<p>»Warum denn?« Arnold bewunderte immer mehr +die unendliche Güte seiner Mama, die er ja kannte, +die sich ihm aber noch nie in so ausführlicher Entwicklung +gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen, +seine Großmutter, verspürte er immer entschiedenere +Abneigung, ja Haß.</p> + +<p>»Sie ärgert sich halt vielleicht, daß wir sie nicht +zu uns nehmen. Aber geht das denn? Könnte das +ein Mensch aushalten?… Und dann spricht so +vieles dagegen. Der Doktor meint, daß nur die Landluft +da draußen sie so lang gesund erhält; sie würde +nicht einmal mehr die lange Fahrt vertragen.« Sie +schloß in einiger Verlegenheit.</p> + +<p>Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes +Thema zu kommen, aber nicht auffällig, erkundigte er +sich, wovon denn die Frau da draußen lebe.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a>Man schickte ihr Geld, doch erst <ins title="sei">seit</ins> heuer, bis +dahin hatte sie eigensinnig keins angenommen und sich +selbständig ernährt, Gott weiß, womit. Sie mache +Geschäfte unter den Leuten, verborge Geld, kaufe und +verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch, +unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich +beschwindelten sie ja auch die Leute, sie +könne ja weder lesen, noch schreiben, noch rechnen, +für sich selbst stelle sie an der Stubentür mit Kreide +irgendwelche <ins title="selsame">seltsame</ins> Zeichen zusammen. – Überdies +habe sie Geld in der Sparkasse, fünf Büchel zu zweihundert +Gulden, aber das rühre sie um keinen Preis +der Welt an, das sei ihr größter Stolz, daß sie einmal +jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen +würde, was nach ihren Begriffen eine enorme +Summe sei. »Besonders dir, Arnold, du bist ja ihr +Liebling.«</p> + +<p>Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm +berührt. Er beichtete der Mutter seine Erinnerung, +den Streit mit der Großmutter vor Jahren.</p> + +<p>»Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen +macht sie hundert im Tag. Das hat sie längst vergessen. +– Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott. Und dein +Papa, das ist der Obergott.«</p> + +<p>»Warum?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht. O ja, er war ja die gute Partie. +Marie und Poldi haben arm geheiratet … Nicht hören +kann sie noch jetzt von ihren Familien. Und wie sie +schimpft.«</p> + +<p>Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt +durch die schöne Landschaft draußen, den Tiergarten +und das Schloß von Sichrov, erinnerte sie sich an heitere +Dinge ihrer Jugend, an die spärlichen Lichtblicke – einmal +<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a> +hatte sie an einer Dilettantenbühne mitgewirkt. »Der +Herr Registrator auf Reisen«, das war der Titel des +Stückes. O, sie könne noch die Rolle auswendig, das +würde sie wohl nie vergessen. Was für Mühen waren +das aber gewesen, um die Großmutter zur Zustimmung +zu überreden. Das ganze Dorf mußte bitten kommen. +Der Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Großmutter +überhaupt sehr viel gegeben, und daß einmal einer, der +selige Herr Schmidt, die kleine Schülerin gerühmt, das +vergesse sie niemals zu erzählen. Nun, er werde ja diese +Anekdote morgen selbst hören. – Diese Wendung brachte +sie auf die nahe Zukunft zurück. Sie äußerte Besorgnisse. +»Wie werden wir sie antreffen.« Und Arnold, +der besser unterrichtet war, dachte im Stillen, ohne besondere +Regung, nur um die Mutter besorgt, man werde +diesmal wohl gerade zum Begräbnis zurechtkommen.</p> + +<p>Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man +kaum das Gepäck im Hotel untergebracht hatte, gingen +sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte so, voll Ängstlichkeit, +und Arnold, der sie nur als friedliches und +ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch geglättete Zimmer +wandeln gesehn hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier +und dort auftauchenden Lauten des schlesischen Dialekts +nachlauschte: »Ai der Bohne – hörst du – das heißt: +an der Bahn – ja, so spricht man bei uns, ich kann's +aber nicht mehr, ich versteh's nur.« Sie sprach von der +Heimat, den Örtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. +Alles kannte sie genau, auch die letzten Veränderungen, +da sie mindestens alle Vierteljahre einmal hierher zu Besuch +kam. Sie erklärte Arnold, wer diese Lichtnegger eigentlich +seien, eine Maurerfamilie hier, Jugendfreunde, Christen, +nur aus Gefälligkeit hätten sie den schweren Dienst übernommen, +täglich bei der Großmutter nachzusehn und von +<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a> +Zeit zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke +es ihnen schlecht, es sei ein Malheur halt. So habe +sie neulich in der Stadt herumerzählt, Frau Lichtnegger +komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das +kleine Seifengeschäft eingerichtet habe. Eine vollständige +Lüge, solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich +selbst zusammen. Und diese Launen … Nun, er solle +nur bei Lichtneggers recht freundlich sein, man könne +ihnen gar nicht genug danken … Und Arnold fand +ganz erstaunt, mit was für Dingen, die er noch gar nicht +kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit +einer Maurersfamilie. Davor hatte er doch einen kleinen +aristokratischen Abscheu und fragte: warum Mama nicht +lieber gleich zur Großmutter nachschauen gehe. – »Nein, +ich muß mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht im +Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und +auf dem Berg, hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie +in unserer Stadt, alles hübsch gradaus, in Wintertal +geht's bergauf, bergab.« Und als hätte sie damit etwas +sehr Lobendes gesagt, in großem Stolz zeigte sie die +Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne +hoch oben zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel +gestochen. Sie standen in einer Richtung, in +der man Sterne, nicht Häuser vermutet hätte, auf hohen +Bergen rings um den Kessel. Und auch die Straße, +die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an +vielen Ecken führten Stiegen zum Trottoir empor, um +die Steigung auszugleichen, der kalte Gebirgswind ergoß +sich wie durch eine Röhre längs der Häuserwände herab. +Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold ihre +Liebe zu dieser alten bösen Frau unbegreiflich fand, sagte +er sich, daß er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen +Weg bergauf nicht gescheut hätte. Diese Halbheit, diese +<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a> +Mäßigung in der Besorgtheit verstand er nicht.</p> + +<p>Er konnte sich nicht überwinden und, vor dem Haus +der Familie Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, +warten zu dürfen. Seine goldenen Manschettenknöpfe +raschelten, und irgend ein hoher adeliger Offizier, mit +dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten hatte, +trat ihm vor die Augen … Die Mutter kam bald wieder: +»Mir scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat +Schmerzen, hat auch schon heute zweimal nach mir gefragt, +warum ich noch immer nicht komme und man soll +nur noch einmal schreiben.« … Arnold dachte: Also +sie lebt noch, wirklich unverwüstlich … »Aber denk dir +nur. Gestern noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich +so um sie bemüht und sie pflegt, einen Skandal gemacht. +Die hat geweint, die Ärmste, wie sie mir's erzählt hat. +Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie haben +da eine schöne Schürze, genau so eine ist mir vor ein +paar Tagen gestohlen worden … Was soll man da +sagen?… Und dabei würde sie doch elend zugrunde +gehn, wenn sie die Frau nicht hätte, kein Mensch wüßte +was davon.« – »Hast du ihnen den Schinken und das +andere gegeben?« – »Sie wollten nichts nehmen, erst +nach langen Reden. Es sind so anständige gute Menschen.« +– Arnold bekam aufs Neue Wut gegen die Alte: »Gehn +wir jetzt noch hin?« Er wollte ihr mal seine Meinung +sagen. – »Nein, sie schläft jetzt. Und das ist recht, da +soll man sie nicht stören. Frau Lichtnegger ist eben dortgewesen …«</p> + +<p>Im eisigen Hotelbett erst überfielen ihn die eigenen +Sorgen. Unruhig träumend sah er den mißglückenden +Flug, die ganze Stadt hinausgelockt nach Waldbrunn, +die Regierung, die Spitzen der Vornehmheit, und +alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut; dann +<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a> +eine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, +in großen Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, +und sein Gesicht mit emporgehobener Handfläche +vor dem Photographen schützend, wie er dies bei +Bildern von Prozeßberühmtheiten gesehn hatte –, in +diesem Schreck wurde er ein wenig wach, haderte +mit sich wegen aller Dinge, aber noch ganz besonders +wegen seines phantastischen Rückhalts an Lambert +und der Sammlung – jetzt war der Flug längst entschieden +– ein ganz klarer Gedanke: morgen früh +gleich die Zeitung lesen, nicht vergessen – er schlummerte +wieder ein wenig, da trat Lina ins Zimmer, sie +hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchen +<ins title="Glotzaugen">Glotzaugen,</ins> wie sie sie hatte, große gesunde +rote Kerle von Kindern, so groß wie Gerhart, dieser +dumme Bursch, auch ihm ziemlich ähnlich, wenn man's +recht nahm – von neuem riß es Arnold empor, und +die einsamen kahlen Wände anstarrend, die sich schon +im Morgengrauen erhellten, überlegte er hastig, wozu +er eigentlich nach Wintertal gekommen sei, wieder so +ein unsinniger Streich, denn hier sich verbergen, bis +zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das +ginge doch nicht – aber vielleicht ins Gebirge fliehn – +er begann von Lawinen zu träumen, die sich in Stöße +blauen Briefpapiers verwandelten, auf seine Baracke +losstürmend; nun war das Hüttchen überschüttet, ein +paar Schnörkel einer Mädchenhandschrift stiegen aus +dem Papier, tanzten wie Rauch über den Trümmern, +sie wollten sich zu Worten ordnen, ein Wind aber trieb +sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr, +nein, ein Fußball fuhr zwischen sie, ein roter, die +Sonnenkugel … Am Morgen erwachte Arnold ganz +gedemütigt und sanft; fast ohne zu reden, folgte er der +<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a> +Mutter durch die sonnigen kühlen Straßen.</p> + +<p>Sie bog hinter einem zweistöckigen Häuschen ein, +das, in einer Nebenstraße gelegen, noch ganz das Aussehn +eines Großstadthauses hatte, mit Fensterkrönungen, +Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert. Dahinter +lief ein grasiger Fußpfad steil bergab, zwischen freien +und bewachsenen Erdhügeln, wie man sie auf Bauplätzen +sieht. Eine Ziege, an einen Baumstamm gebunden, +weidete da. Links führte ein Nebenweg zu +einem verzäunten Garten, der auf einem Hügel lag, +neben ihm die stattliche Hütte. Eine unansehnlichere +trat quer gegen den Fußpfad vor, so daß sie ihn mit +einer Spitze berührte. Zu dieser bog die Mutter +ein … »Hier also?« fragte er beklommen. Er zitterte +ein wenig, in so etwas dörfisch Armem, Zusammengeducktem +lebte also etwas wie sein eigen Fleisch und +Blut. »Warte ein bißchen« sagte die Mutter »ich +will sie doch vorbereiten.« Während sie vorausging, +betrachtete Arnold, fast mitfühlend, den dunklen niedrigen +Holzbau, die Wände aus Balken und Latten, in denen +nur die kleinen Fensterchen, weiß eingerahmt und mit +Blumen, eine Farbe hatten, darüber dann das große, +mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, rußig und +wie zerfallen; wie eine faltige Haube, höher als das +ganze übrige Gebäude, drückte es mit unverhältnismäßiger +Kraft herab und armselig sah eben deshalb +solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem unwohnlichen, +sich verjüngenden Dache liegt. Und die +kurze Treppe, die zu einer Art Plattform vor der Türe +heraufführte, o diese Plattform aus großen rohen Steinen, +mit einem ureinfachen Geländer – wie wenig bequem, +wie ländlich das alles!… Die Mutter stand nun +wieder in der engen Türe, in ihrer Stadtjacke und +<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a> +im Hut seltsam abstechend. Sie winkte. Arnold betrat +die Treppe, durchschritt ein von dunklem Gerät verstelltes +modriges Vorhaus, durch das eine mächtige +Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporführte; etwas +Helles und Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine +Augen, jetzt eine wie mit einem Sofapolster verlegte +Tür, an der ein Anklopfen unhörbar geblieben wäre +und die die Mutter vor ihm öffnete, während sie ihm +nochmals zuflüsterte: »Sei nur hübsch lustig …«</p> + +<p>Er trat ein, sich bückend.</p> + +<p>Im Bett der Tür gegenüber, unterschied er ein +winziges gelbes, von Falten unendlich tief zerdrücktes +Gesicht, das der Zimmerdecke zugekehrt auf dem Kissen +lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine leise deutliche +Stimme sagte, während er zögernd sich näherte: +»Arnoldele, mei Gold, gesünd sollst de sein bis über +hündert Jahr. Soll dir Gott geben, was du werst +brauchen, mei Gold …« Er beugte sich, um eine +kleine Hand zu küssen, die warm war. Da sah er +nebenan seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell +an die Augen pressen. Und auch die Augen der +Großmutter veränderten sich, diese beinahe hundert +Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen +wurden trübe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus – +und dieser Anblick rührte ihn so, daß er seine Kehle, +den Hals noch tiefer unten sich zusammenziehn fühlte … +Wie ein Gebet murmelte die Großmutter leise fort, +aber durchaus nicht erregt: »Groß bist de geworden, +unberufen, e Gewure von e Menschen, Gott soll …« +Er verstand einige Worte nicht und sagte nun selbst: +»Küß die Hand, Großmutter, no du siehst ja gut aus, +es fehlt dir also nichts, nichtwahr …« Sie flüsterte +weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte sie +<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a> +mit einem ganz schwach singenden, einschmeichelnden +Ton: »Was tu ich dir nur für e Kowed an, Arnoldele?…«</p> + +<p>Die Mutter soufflierte ihm die Übersetzung: »Kowed – +Ehre –«, und während er sich an sie wandte: »Ich +weiß ja«, steckte sie ihm die Düte mit Brustzelteln in +die Hand.</p> + +<p>»Ich bin froh, daß ich bei dir bin« sagte Arnold +laut und seine reine Aussprache erschien ihm gegenüber +dem stets modulierten, undeutlichen Herzensmurmeln +der Greisin hart und geziert: »Schau, was ich dir +mitgebracht hab. Ich hab gehört, daß du das gern +hast …« Er wollte sagen: »magst«, doch erschien +es ihm plötzlich notwendig, die einfachsten Worte zu +gebrauchen.</p> + +<p>»Ich hob immer gewüßt, daß du e braves Kind +bist …« Auf mehrere deutliche Worte folgten immer +ein paar unverständliche. Dann, an die Mama gewendet, +erhob sie ein wenig den Kopf: »Ich sog dir, +Regie, von dem Kind wirst de ka Herzlad haben und +immer Freiden sollst de erleben. Er hat Herz und +Gemüt.«</p> + +<p>Arnold reichte ihr die Düte.</p> + +<p>»Nimm dir, du wirst doch jetzt etwas essen, von +deinem Enkerl« sagte die Mutter, die Gelegenheit +benützend, und zu Arnold leise: »Sie hat zwei Tage +lang nichts zu sich genommen.«</p> + +<p>»Ich hab ka Appetit.«</p> + +<p>»No eine Kleinigkeit« schmeichelte er »wenn ich +dich schön drum bitt.«</p> + +<p>Sie kam mit ihrer Hand der seinen, die das +Bonbon reichte, schwach entgegen und steckte es in den +Mund. Resigniert schloß sie die Augen, wie eben +ein Wohlerfahrener, der dem minder Erfahrenen zum +<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a> +Spaß einmal nachgibt. Darauf fiel ihre Hand langsam +wieder auf die Decke zurück: »E Mensch soll nix essen, +wo er ka Appetit hat … für e kranken Menschen +is das nix …« Sie seufzte auf. »Nur herümgehn +wenn ich könnt …«</p> + +<p>»Es wird schon wieder werden« tröstete die Mutter. +»Nur Geduld. Eine gute Patientin, was? Noch ein +bißchen Fieber?« Sie tastete ihr auf die Stirn. »Nicht +so arg.«</p> + +<p>»Das verfluchte Fieber, ja ja …« Die Kranke +keuchte wieder und hustete ein wenig, wobei es den +Anschein hatte, als übertreibe sie, aus Zorn, nicht völlig +gesund zu sein oder als spiele sie die Wehleidige, wie +ein Kind, um sich interessant zu machen. Dieses regelmäßige +Keuchen erweckte jedenfalls keine Besorgnis. +»Wie ich voriges Jahr operiert bin worden, hab ich +gar ka Fieber gehabt, und jetzt diese Geseres. Alle +Kränk auf krumm Gitel …«</p> + +<p>»Das ist die Medizin, nichtwahr.« Die Mutter +kramte am Fensterbrett »wo ist aber das Löfferl?«</p> + +<p>»Ich hab ka Löfferl – ich trink mir e bissel aus +dem Fläschel.«</p> + +<p>»Aber da kannst du doch nie wissen, wie viel.«</p> + +<p>»Mei Deige! Bis ich halt genug hab.«</p> + +<p>Die Mutter kramte weiter: »Und das Thermometer, +zerbrochen!«</p> + +<p>»Mit dem Stückele Glas wird er mich gesünd +machen, soll er so leben.« Die Großmutter, die immer +erregter gesprochen hatte, faltete bei diesen Worten die +Stirne mit einer Energie, die Arnolds Herz wie ein +Glockenton ganz erfüllte. Wie magisch angezogen legte +nun auch er die Hand auf ihre Stirn, drängte die Hand +der Mutter zart weg … Da war Wärme wie unter einer +<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a> +dünnen Schichte, und dieselben wohlgerundeten Knollen +über den Augen, die er auch an sich wußte … Ein +Gefühl unbeschreiblichen Behagens erfüllte ihn, vielleicht +verstärkt durch das stete Pochen der Adern an +seiner Hand, durch die Fieberwärme oder die Ahnung, +daß er hier etwas wie ärztliche Hilfe leiste, ganz entfernt +etwas Liebendes, Sachverständiges. »Hitze, ein +bißchen Hitze« nickte er wie im Traum. Die Großmutter +schloß die Augen wieder. »Was hat der Doktor gesagt?…«</p> + +<p>Die Mutter hatte sich indessen im Zimmer weiter +umgeschaut: »Was für eine Wirtschaft, Gott im Himmel … +Mutter, ein bißl Kaffee, nicht?« und näherte sich mit +einer Tasse, die sie vom Ofen nahm, schmeichlerisch: +»Koffi, nicht?«</p> + +<p>Die Großmutter nahm eben das nur ein wenig +verkleinerte, jetzt glänzende Bonbon aus dem Mund, +und legte es aufs Federbett. Ein Schleimfaden zog sich +daran. »Geh loß mich, wenn ich dir schon emol gesagt +hab« und ihre Augen bekamen plötzlich zwei glänzende +scharfe Punkte wie Dolchspitzen. Dann wandte sie sich +an Arnold, der noch immer, die Hand an ihrer Stirn, +dastand: »Nü, setz dich henidder, mei Kind, was tu +ich dir nur für e Kowed an.« Er zog den groben Stuhl +aus weißem Holz ans Bett.</p> + +<p>»Brauchst dich nicht zu kümmern, Mutter, wir haben +uns schon alles selbst mitgebracht.« Die Mutter entfaltete +aus Papieren kleine Würstchen. »Ich muß nur +Feuer machen. Hab nur keine Angst, wir sorgen schon +für uns.«</p> + +<p>Arnold wiederholte, halb zur Mutter gekehrt: »Wann +kommt der Doktor,« da er darauf noch keine Antwort +hatte. – »Um zwei Uhr, hat Frau Lichtnegger versprochen.« – +<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a> +Und nun beugte er sich, beruhigt, zärtlich, zu der alten +Frau nieder, scherzhaft: »Nun also, was gibt es denn? +Schöne Geschichten! Krank sein, das würde dir so +passen, nichtwahr …«</p> + +<p>»Ich kann nimmer gehn« jammerte sie <ins title="schwach">schwach.</ins> »Ich +hab mr ja gewünscht, ich könnt zwa Täge vor mei +Tod hausieren gehn. Aber jetzt dos daliggen … Ich +kömm scho gar nicht mehr vom Fleck. Wenn ich üm +zehn weggeh, bin ich umme zwölf dort, wo ich hab +hingewellt …«</p> + +<p>»No es wird schon wieder besser werden. Natürlich +es kann nicht immer so sein wie neulich. Da hast +du uns geschrieben, die Mama soll nur schnell kommen. +Und wie sie gekommen ist, war das Zimmer zugesperrt +und du bist erst Mittag gesund von irgend einem weiten +Weg nach Haus spaziert …«</p> + +<p>»Sei haben geschrieben« sagte die Alte <ins title="still">still.</ins> »Ich +hab ihnen nix gesagt.«</p> + +<p>Die Mutter, die beim Ofen kniete, machte ihm ein +Zeichen. Er erinnerte sich, daß sie ihn schon unterwegs +auf diese Eigenheit aufmerksam gemacht hatte, und +schwieg …</p> + +<p>»Sei haben geschrieben« wiederholte die Großmutter +»Aber jetzt geh i nimmer aus … Jetzt bin +ich echtfärbig.«</p> + +<p>»Echtfärbig?« Er hatte vielleicht falsch gehört.</p> + +<p>Ein ganz schwaches Lächeln suchte die Falten zu +durchbrechen: »No ja, weil's nicht ausgeht …«</p> + +<p>Er lachte auf und lachte dann noch einmal, um ihr +eine Freude zu machen. Wie dieser Funke von Geist +ihm entgegenleuchtete, er begriff es kaum. Aber sie sah +schon wieder ruhig vor sich hin. Nur ihre Wangen +röteten sich, war es Fieber oder schon Erholung? Jedenfalls +<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a> +keine Spur eines erregten Wiedersehns, nein, erregt +war sie nicht, während er sich immer noch nicht +fassen konnte, und diese ihre Ruhe, vereint mit ihrer +Frische, machte den Eindruck verhaltener Kraft und einer +Weisheit, die schon jenseits der menschlichen Zeit stand.</p> + +<p>»Ich sog immer, sei sollen nicht schreiben. Haben +sei enk leicht wieder geschrieben, diesmal, die Ludern. +Was sie nur wollen …«</p> + +<p>»Nein, wir sind von selbst gekommen, Großmutter. Oder +bist du vielleicht nicht froh, daß wir da sind, no schau …«</p> + +<p>Sie antwortete nicht, vielleicht weil die Antwort +selbstverständlich war. Doch hatte er manchmal die +Empfindung, daß sie ihn nicht verstehe oder er sie nicht. +Auch ihre Müdigkeit schien da mitzuspielen, die Krankheit, +wie eine Wand fühlte er das manchen Moment +lang. Hatte er doch, beispielsweise, einen Vorwurf gefürchtet, +daß er noch nie zu ihr zu Besuch gekommen +war. Doch in diesen Bahnen bewegte sich ihr Denken +eben nicht. Er staunte; aber das Bewußtsein einer Verständigung +war ihm so süß, wenn es ihm wieder kam, +daß er alles andere übersah, so wie man etwa bei +kleinen Kindern nur ihre Zeichen von Vernunft bemerkt +und daher alle für gescheit hält. »Schau an« meinte +sie plötzlich und ihm schwoll das Herz »dei Mutter, +wie se den Hut nicht auszieht bei mir … no er paßt +ihr auch gut, was nur wahr is.«</p> + +<p>»Wenn ich Dir nur gefall« erwiderte die Mutter, +und Arnold fand ihren überlegenen Ton nicht ganz berechtigt. +Sie nahm übrigens den Hut ab.</p> + +<p>»Schöne Frisur.« Ganz schwach kamen die Bemerkungen +und doch mit der intelligentesten Deutlichkeit, +die aus diesem verfallenen Gesicht erstaunlich tönte wie +eine Prophezeiung.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a>»Gott sei Dank, ich gefall Dir heut …« Auch +etwas Eigensinniges lag in diesem Ton, wie wenn ein +halbwüchsiges Mäderl gegen ihre Eltern die Erfahrene +machen wollte.</p> + +<p>»Aber dick biste geworden, eppes dick, Regieleben.«</p> + +<p>»Paß nur auf, gleich wird ihr etwas nicht recht +sein«, wandte sich die Mutter an Arnold, doch mit +lauter Stimme.</p> + +<p>»Die Dicke taugt nischt. Das ist ungesund … +Ich war ach emol so dick, haben do die Kinderl e Freid +gehabt, daß ich dick bin. So die Ärme haben sie mr +gedrückt. Aber es war nix gut … Und e dörre Nachbarin +haben wir gehabt, die hat gesogt damals: Mei +Mo tut mich auslachen, weil ich so dörr bin. Ich will +Dich mit e Zündholz anzünden, sogt er. Da könnten +Sie mir eppes abgeben, Frau Goldberger, hat sie gesogt, +Na ja, wenns geht, so nehmen Se sich nur e Stückele, +hab ich gesogt. Do wär uns beiden recht …« Die +Großmutter wurde zusehends munter. Sie plauderte mit +sichtlicher Lust. Arnold, der immer nur einige Worte +verstand, labte sich an ihrem Feuer, den ausdrucksvollen +Biegungen der Stimme, die jetzt, ohne stärker geworden +zu sein, ohne sich geändert zu haben, wie ihm schien, +etwas Metallisches, Helles wie bei guten Schauspielern +hatte und etwas so Jugendliches, wenn sie Freundliches +schildern wollte. Diese Stimme mochte aus dem Halse +kommen, obenhin, nicht aus den Tiefen der Brust, und +dennoch klang sie stark, mannigfaltig, mühelos, sie +war süß.</p> + +<p>»Es brennt schon« rief die Mutter vom Ofen her. +»Das ist halt Dein Kuksöwile, was, Mutter.« Sie +wollte der Großmutter einen Gefallen machen, indem +sie ihren Ausdruck gebrauchte. Die Großmutter merkte +<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a> +es aber gar nicht, sondern meinte nur ganz ernst: »Ja +das is mei Kuksöwile, e guts Öwile.« – »Da brauchst +Du Dich wenigstens mit keinem Dienstmädchen abzuärgern.«</p> + +<p>»Willst Du Dich nicht auch hersetzen, Mama?«</p> + +<p>»Loß se gehn« sagte die Großmutter, mit einem +vertraulichen klugen Zwinkern zu ihm »sei is doch glücklich +mit ihrem Gegeh und Geschwindel und Geputz. +Das hat se von der Tante Lise noch. Die hat auch +allemal geputzt und geramt. Wenn man is zu der gekommen, +hat alles geblinkt und gefinkelt und der Fußboden +war genau eso rein wie das Tischtüchele. Meschugge, +metorf. Hat ihr emol der alte Schlojme gesagt, +aus Petschau der, kannst Dich erinnern, Regie, – sei +soll emol die Zimmerdeck ach abwaschen, aber da is +ihr das Wasser über den Kopf geschütt …« Arnold +verlor den Faden von hier an, doch glücklich, als sehe +er sein eigenes Anekdoten- und Unterhaltungswesen leibhaftig +vor sich, blickte er ihr ins Gesicht, aus dem das +Kinn scharf hervortrat. Dieses Kinn war mit vielen +großen Poren besetzt, wie durchlöchert, als hätten die +Falten auf dem Kinn die Gestalt von Löchern angenommen, +diese Falten, die auf der Stirn in gleichmäßigen +Krümmungen hinzogen und über die Wangen +hin nach allen Richtungen wie ein Netz lagen, das sich +um die Mundwinkel herum undurchdringlich zusammenschnürte. +Hier drängten die Linien so dicht an einander, +daß die schwächeren von den tieferen durchschnitten oder +als Hügel an die Oberfläche gedrängt wurden, und +diese tieferen schienen gar keine Hügel mehr, sondern +Einschnitte ins Fleisch, unbeweglich. Die Nase dagegen +hob sich ziemlich glatt und schön gebogen aus dem +Wirrwarr. Mit unendlicher Wehmut betrachtete Arnold +<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a> +diesen beredten Mund, der keine Zähne mehr hatte; +seine Lippen bildeten dafür zackige Erhöhungen und +Ausbuchtungen, die sich an einander schlossen und +wieder auseinander zogen, je nachdem der Mund sich +schloß oder öffnete. Die Augen blitzten. Das Schönste +jedoch war das schneeweiße Haar, reich und ohne jede +Beimischung von Gelb an der Stirn beginnend, übrigens +vom Liegen jetzt ein wenig zerrauft … Arnold begann +es leise zu streicheln; eine Ruhe, noch nie empfunden, +eine gänzliche Sorglosigkeit beschlich ihn dabei, wie am +Ende aller Dinge, er hörte nicht mehr genau zu und +doch war ihm, als verstehe er alles, sein Ohr füllte +sich mit verworrenen Tönen, mit Erzählungen ohne +Ende, deren Zusammenhang ihm fragwürdig war, deren +Ausgang in nichts verlief, ohne Pointe, die aber so +lebhaft klangen und auch offenbar der Erzählerin die +Erinnerung an so lebhafte Dinge nahebrachten, daß ein +jugendliches warmes Licht durch das ganze Zimmer +aufzustrahlen schien. Plötzlich unterbrach ein stärkerer +Husten und die Großmutter drehte sich der Wand zu …</p> + +<p>»Was ist?« rief die Mutter und kam herbei.</p> + +<p>Die Großmutter klagte, mit heftigen Zuckungen des +Gesichts, über Schmerzen. Der Husten reize ihr altes +Leiden wieder. Arnold, der wußte, daß sie einen neulich +operierten Bruch habe – auch schmutzige Bandagen, +unter dem Kopfpolster zusammengerollt, erinnerten ihn +daran – wandte sich ab, seinen Sitz der Mutter überlassend. +Während die beiden Frauen mit einander +flüsterten, ging er durch das Zimmer. Es war so schmal +und klein, daß das Bett beinahe ein Viertel des Raumes +wegnahm. Gleich an die Türe stieß ein Küchenofen, +dessen Platte, mit einem Gewirr von Schüsseln und +Töpfchen, dennoch nie benützt zu werden schien, denn +<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a> +auch alte Papiere, Kleider wälzten sich über sie und +dicht daneben hing an einer Schnur ein Bündel neuer +Schürzen, das Warenlager vielleicht. Über ihn weg +ging überdies zu dem wirklich benützten, kleinen, so beliebten +Eisenöfchen, das auch jetzt brannte, ein schwarzes +Rohr, das in zwei herabhängenden wackligen Drahtschlingen +wie etwas Schlafendes schwebte. Und schlafend +lagen auch, in angemessener Entfernung dem Ofen gegenüber, +mehrere Koffer und Kisten auf der Erde, alle in +Eisenreifen mit Schlössern, aber alt und verfallen. Seltsam +genug machte sich neben ihnen die Pracht eines +ganz neuen Kanapees, das zwischen sich und dem Bett +nur einen ganz schmalen Durchgang ließ, so breit +war es mit seinem roten Leder, den gepolsterten Armlehnen, +den zum Schmuck tief eingenähten Knöpfen. +Es paßte gar nicht herein und, als werde dies auch +gefühlt, stand es mit der Rücklehne nicht ganz an der +Wand, sondern fremdartig suchte es nach Stützpunkten … +Arnold erinnerte sich denn auch, daß die +Mutter es erst neulich angeschafft hatte, damit die Großmutter +zu Mittag darauf ausruhn könne, zum großen +Ärger der Sparsamen übrigens, die alle Geldausgaben +verabscheute … Nur noch ein Möbelstück außer dem +Kanapee gab es in dem kahlen und doch überfüllten +Zimmer: ein mageres Glaskästchen, wieder mit Geschirr +gefüllt; obenauf lagen viele Brillen (Arnold nahm +sich vor zu fragen, warum so viele, vergaß es aber) +und Gebetbücher (Also konnte sie doch lesen. Oder +nur hebräisch?). Die Kleider dagegen hingen nicht in +Kästen, sondern frei an der Wand, nur von einem +schmutzigen weißen Tuch, das oben mit zwei Nägeln +befestigt war, verhüllt. Das war das <ins title="Armseligte">Armseligste</ins>, diese +nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen +<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a> +quadratischen Fensterchen nur, deren Bretter wieder +allerlei Porzellanzeug füllte – und die niedrige Decke, +nicht glatt, sondern mit offenem Gebälk, mit Spinnweben +und Gott weiß was noch – und alle Gegenstände +hier nicht etwa Mann für Mann und sauber +hingestellt, sondern durcheinandergeworfen, wie in +Schwächeanfällen, mit einander verbunden durch hingestreute +Haufen von Gerümpel, durch Fliegen mit +ihrem unerträglichen Gesumm und Niedersitzen und +wieder Kreisen, durch zerbrochenes Holz, Fetzen, Abfälle, +noch hinter dem Bett lugte ein ganzer Sack mit abgetragener +Wäsche hervor. Und dieses Bett, ganz eng, +schwachfüßig, die Federbettdecke grau statt weiß, mit +großen eingesetzten Flecken von andern Leinwandsorten, +betropft mit rötlichen Spuren … Wenn Arnold an +seine Wohnung zu Hause dachte, mit ihren aufgeputzten +hübschen großen Stuben, Palasträumlichkeiten förmlich, +erschrak er. Und wie mochte es im Winter hier aussehn, +im Schnee. Oder die langen einsamen Nächte einer +Kranken … Und kein Mittel, dem abzuhelfen, denn +die alte Frau duldete aus Mißtrauen (alle Leute bestahlen +sie, in dieser Einrichtung!) keine Bedienung, +holte sich lieber selbst das Wasser und wusch sogar noch +den Fußboden allein auf … In sein Graun mischte +sich Bewunderung für diesen heißen eigensinnigen Kopf, +und Liebe, Mitleid. Wie fremd und wie vertraut dies +alles. Was mochte sie machen, während er die elektrische +Lampe an seinem schönen Schreibtisch spielen ließ oder +wenn er im Ruderboot saß, mit Millionärssöhnen, in +demselben Moment, was tat da die Großmutter? Gab +es gar keine Fäden? War es seine Schuld? Irgend +jemandes Schuld?… O er hing doch mit dieser Bettlerin +zusammen und war stolzer darauf als auf seinen Umgang +<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a> +mit allen Bürgern der Stadt. Wie kam das alles? +So wahr und so sagenhaft. Er hätte weinen mögen, +in seinem Herzen zitterte und klang eine ganze Harfe +von Zärtlichkeiten und <ins title="Kosennamen">Kosenamen</ins>. Namentlich aber +dem Prunkkanapee näherte er sich mit jenem tief schweigsamen +Blick, der manchmal in einem einzigen Gegenstand +das Symbol ganzer <ins title="Sckicksale">Schicksale</ins> erkennt.</p> + +<p>»Setz dich nur hernidder« seufzte die Großmutter +vom Bett her »auf dei Kanapee. Das ist doch enkerer +Kanapee, das gehört enk und ich will's nicht. Setz +dich nur auf dei Kanapee. Wenn ich nicht mehr bin, +so nehmts enk nur wieder, den Dingerich do.«</p> + +<p>Er setzte sich wieder auf den Küchensessel, während +die Mutter an ihre Arbeit zurücklief: »Aber was redest +du denn? Davon redet man nicht. Was fällt dir ein.«</p> + +<p>Sie murmelte etwas.</p> + +<p>»Ich sitz lieber so bei dir, recht nahe, Großmutter. +Das ist mir lieber.« Obwohl er alles, was er sagte, +herzlich fühlte, ja herzlicher, als er es aussprach, kam +ihm doch vor, als rede er nur, um ihr das Stichwort +zu geben.</p> + +<p>Sie wandte ihm denn auch das Gesicht zu, in +dem wieder der Zug von Schmerz, eigentlich mehr von +Ungeduld, sich zeigte: »Ich möcht scho gern unten sei, +unter der Erd. Oben war ich halt scho genüg, es freut +mich nimmer, ich hob genüg gehabt, glaub mir. E Sof +möcht ich machen.« Plötzlich aber erhob sie sich aus +dem Klageton und ein wenig stärker, für die Mutter +berechnet, begann sie zu schelten: »Awere, mit den +Würstlach wärech scho lang fertig. Das is e Kocherei.«</p> + +<p>»Ich bin ja auch schon fertig« antwortete die Mama, +sichtlich stolz darauf, daß sie ihren Humor nicht verlor +»deine Kocherei natürlich, da hast du's leicht. Immer +<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a> +Koffi und Koffi noch und wieder.« Wie ein Dolmetsch +wandte sie sich an Arnold: »Die Mutter trinkt nichts +als Kaffee, das ist ihr Liebstes …« und leiser »Gut, +daß sie uns heut keinen kochen kann. Mich ekelt's, +aus dem Zeug da zu trinken.«</p> + +<p>Arnold, der die Reden seiner Mutter überflüssig +fand und diesen Ton eigentlich weniger verstand als +den der Großmutter – offenbar lagen da Verhältnisse +zu Grunde, die er nicht kannte, noch aus alten +Zeiten her – sagte ihr leise scherzend ins Ohr, wie ein +Verbündeter: »Daraus machen wir uns nichts, was?«</p> + +<p>Die Alte drehte ihr Händchen, das auf dem Federbett +lag, um, mit der Handfläche nach oben und dann +wieder zurück – eine stumme Verachtung oder Hoffnungslosigkeit.</p> + +<p>»Was macht denn Deine Maus, Mutter, tanzt sie +Dir immer noch zwischen den Kochtöpfen« spottete die +Mama weiter, offenbar um zu belustigen. »Da ist ja +die Falle …« Sie zog aus einem der für Arnold unergründlichen +Haufen ein Gitterwerk: »Leer …«</p> + +<p>»Das Mäusile« lächelte die Großmutter, fast gutmütig. +»Was macht denn mei Mäusile. Do hab ich +'r Speck 'reigetue und sie frißt en weg und läuft heraus. +Is sie nicht drin?… Hast e Chutzpe gehabt.«</p> + +<p>»Auf Dich wird sie warten, wenn Du ihr so altes +Zeug hinstellst. Aber ich hab Dir doch unlängst eine +ganz neue gekauft, wo ist sie denn?« Sie stieß Arnold +leise an, aber doch so, daß die Großmutter es hören +mußte: »Sie wird sie verkauft haben …«</p> + +<p>»Der Maurer hat mir geraten« schwenkte diese mit +natürlicher Überlegenheit ab »ich soll ihr Glas vor das +Loch streuen. Also hab ich Glas gesammelt und ihr +gestrien, do stechen se sich herch.« Sie ächzte. »Wenn +<a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a> +ich nur wieder gesünd wär und aufstehn könnt. Das +is ka Naches, so zu liegen. Nur gesünd sein, wenn +mir Gott gibt.« –</p> + +<p>Es klopfte.</p> + +<p>Herein trat Frau Lichtnegger, eine große hellblonde +Frau im Kopftuch, mit ihrem Buben, der schnell beim +Eintritt den Finger in den Mund steckte. Sie wollte +sich, wie täglich, nach dem Befinden der Frau Goldberg +erkundigen; vorsichtig und bescheiden kam sie näher, +stieß aber plötzlich einen Freudenschrei aus: »Nein, das +ist ja unmöglich. Wenn Sie sie gestern gesehn hätten, +Frau Beer. Das ist ja gar kein Vergleich. No geh's +nicht besser, Frau Goldbergen … Sie hat halt Freude, +daß Sie da sind … Und das ist der Herr Sohn, +nichtwahr.« Arnold verbeugte sich befangen. Die Großmutter +sprach zu ihr wie zu etwas Fremdem, nicht ganz +auf gleicher Stufe Stehendem: »Nehmen Sie doch +Platz, liebe Frau …« und redete überhaupt so still +und sanft mit ihr, daß man sich ein Zanken von diesem +Ton aus gar nicht recht vorstellen konnte »wie geht's +denn?« Und zum Buben: »No, mei kleins Schekitzele.« +Auf die wiederholte Frage der Frau Lichtnegger, wie +sie sich heute fühle, antwortete sie mit einem traurigen, +sehr absichtlich scheinenden Kopfschütteln. »Kein Vergleich +mit gestern« flüsterte die Maurersfrau der +Mutter zu.</p> + +<p>Die Mutter brachte eben die warmen Würstchen +vom Herd, lud auch die Gäste ein. Man aß von +einem <ins title="ausgebrriteten">ausgebreiteten</ins> Papier weg … »Nun, Mutter, +was wirst du essen?«</p> + +<p>»Ich hab ka Appetit.«</p> + +<p>»Ein bißchen Himbeersaft mit Kuchen.«</p> + +<p>»Ich hab ka Appetit.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a>»Aber du mußt doch etwas essen, – eine Grieskasch?«</p> + +<p>»Vielleicht eine Omelette« mischte sich Frau Lichtnegger +ein und die zwei Frauen bedrängten mit wohlgemeintem +Eifer die Greisin, so daß Arnold sie bemitleidete, doch +zugleich, da sie fest blieb, anstaunte. Sie hatte nun +einmal keinen Hunger, als Fieberkranke. Er sagte es laut.</p> + +<p>Die Mutter war bös: »Hat man dich gefragt?«</p> + +<p>»Eppes hat mir heint geträumt« sagte die Großmutter, +an so unvermittelte Übergänge mußte man sich +hier gewöhnen »Sie können auch zuhören, Frau Lichtneggern, +von dei seligen Lehrer Schmidt, nebbich, daß +er mir hat erzählt, wie damals, von dir, Regie …«</p> + +<p>»Das ist es« machte ihn die Mutter lachend aufmerksam.</p> + +<p>»Er hat gerechnet auf der großen Tafel und +gesagt, keiner soll jetzt reden von die Schüler. Da is +die kleine Goldberg aufgestanden: Derf ich nicht aber +doch etwas sagen? – Aber was willst du denn sagen, +Kind? – Ich möcht Ihnen was ins Ohr sagen, Herr +Lehrer – Aber jetzt sagt man nichts – Derf ich aber +nicht doch e kleins bißl was sagen?… und sagt +ihm, die Regie, daß irgendwo e Fehler is, auf der Tafel. +Also hast du ihm einen Fehler ausgebessert, dem Herrn +Lehrer Schmidt, und warst doch die jüngste in der +Klasse. Er hat sich aber dann auch gewundert: Mir +hat se selbst e Fehler gezeigt, so e Tam von e Kind – +derf ich aber nicht doch e kleins bißl was sagen, so +hat er dir nachgemacht … Und hat es dem hochwürdigen +Herrn selber erzählt, wie sie do zusammsitzen +auf die Bierbänk, und der hochwürdige Herr hats dann +mir erzählt.«</p> + +<p>Die Mutter hatte nicht zugehört und erkundigte sich, +während Arnold der Großmutter die Hand drückte, bei Frau +<a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a> +Lichtnegger, was denn der Doktor gestern gesagt habe … +Er war eine halbe Stunde geblieben, so gut habe er +sich mit dem Mutterl unterhalten. Was sie denn für +Schätze in all den Kisten hat, habe er gefragt … +»Ja, das mußt du dir anschaun« sagte die Mutter zu +Arnold, wie in einem Museum, indem sie unter dem +Kopfpolster einen Schlüsselbund hervorzog. »Acht +Schlüssel und nur drei ganze Schlösser im ganzen +Zimmer« sie zeigte auf die Kisten »und was ist drin: +ein bißchen stinkige Kohle – und das glaubst du, +Mutter, daß dir irgendjemand wegtragen wird – und +dabei kannst du die Kisten nur so aufheben, daß dir +der Deckel in der Hand bleibt, so alt sind sie – aber +wenn sie nur hübsch zugesperrt sind …«</p> + +<p>Arnold, nun wirklich neugierig, glaubte die Gelegenheit +gekommen, in einem Einzelfall zu sehn, wie es +mit diesem Wahn stehe, und fragte ganz harmlos die +Großmutter: »Wozu hast du denn die hübschen <ins title="Schüssel">Schlüssel</ins>?«</p> + +<p>Sie hatte, es schien ihre Gewohnheit, nicht gehört +oder beachtet, was über sie gesprochen wurde, und zählte +nun langsam, aber präzis auf: »Der is für die Almer, +der für das Fach in enkerem Kanapee …« bis alle +acht richtig herum waren. »Nun also« warf er den +Kopf gegen die Mutter auf »Was redest du also? +Nichtwahr, Großmama …«</p> + +<p>Indessen fuhr Frau Lichtnegger fort, zu erzählen, +wie beschäftigt dieser Arzt sei, Herr Heiger, er mache +nirgends hier Besuche, nur der alten Frau Goldberg +zu Liebe …</p> + +<p>»Er kommt ja bald … Wir müssen, ich muß aufräumen, +das ist ein Skandal« fuhr die Mutter verzweifelt +in die Höhe, sie hatte jetzt schon zu lange geplauscht +»die Betten überziehn …«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a>Leise erwiderte die Großmutter, obwohl man sie +diesmal nicht direkt angeredet hatte: »Mei Deige is +der Doktor. Er wird zu Haus auch nicht alles +so akrat haben.« – Trotzdem stimmte sie, ganz wonniglich +sanft, zu, als die Frauen ihr nahelegten, sich zu +kämmen. Nur allein wollte sie es machen. Sie setzte +sich im Bett auf, man rückte ihr als Stütze die Kissen +an den Rücken. Vom nahen Fensterbrett nahm sie den +gelben, fast zahnlosen Kamm und fuhr sich heftig, ihre Hand +zitterte nicht, ins Haar. Es war noch voll und ziemlich +lang und ordnete sich schnell. Dann teilte sie es in zwei +Teile und flocht aus jedem einen Zopf, dessen letzte, +ganz enge Maschen sie offen ließ, so daß sie sich wie +kleine Fingerchen emporkrümmten. Arnold wußte nicht, +was ihn bewegte, beim Anblick dieser zarten Flechten, +deren äußerste Enden nun doch einen gelblichen Schimmer +zeigten … Mühevoll legte nun die Großmutter ihre +schwarze dicke Winterjacke ab, die sie bisher angehabt +hatte, alle drei mußten sie halten, an dem gebrechlichen +krummen Rücken, unter den weichen Schultern, und +endlich die vielfach Seufzende wieder hinlegen. Indessen +erging sich Frau Lichtnegger in Beschreibungen von +Großmutters Krankheitszuständen, als sei sie gar nicht +anwesend. »Wenn nur der Schüttel nicht wiederkommt.« +Damit meinte sie den Schüttelfrost. »Gestern hat sie +wieder so einen Schüttel gehabt« und die immerwährende, +selbstverständliche Wiederholung dieses Wortes +dünkte Arnold sehr einfältig, keines der komischen Worte, +die er heute von der Großmutter gehört, zum erstenmal +in seinem Leben, hatte diesen kindischen unernsten Eindruck +auf ihn gemacht. – Frau Lichtnegger fuhr fort: +No Mutterle, habe der Doktor gesagt, ich seh, Sie +sind eine saubere Frau, – als ihm die Großmutter erzählt +<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a> +hatte, zur Entschuldigung, sie habe sich heute nicht +waschen können … Und wieviel er zu tun habe, noch +einmal. »Bis zehn Uhr nachts, von früh sieben. So +beliebt ist er. Wenn er nicht bald von hier wegzieht, +so vergeht er.« – Plötzlich legte sie den Finger an den +Mund und hielt ein. Die Großmutter atmete langsam, +sie war eingeschlafen. Leise schloß sie: »Das tut sie +gern, wenn man vor ihr spricht. Das tut ihr wohl.« – +Und die beiden Frauen berieten, eine Suppe mußte +für die Kranke gekocht werden, eine kräftige Fleischsuppe. +Arnold, der erst jetzt den Sessel am Bett verließ, +trat auf Fußspitzen zu ihnen. Ob sie nicht lieber +zum Doktor sehn wollten, daß er recht bald komme. +Er werde schon kommen, war die Antwort, und der +Husten sei ja nur heilsam, weil er den Schleim entferne, +und nun dieser gute Schlaf, – es sei nicht mehr +so gefährlich. Frau Beer beschloß, ein gutes Stück +Rindfleisch kaufen zu gehn. Frau Lichtnegger wollte +ihr einen billigen guten Laden zeigen. Sie winkte dem +Jungen, der lautlos in der Ecke gesessen war. Arnold +reichte ihm ein paar Zuckerl. Der Bursch nahm sie +verlegen und wollte ihm, ohne Worte, seine bunte +Holzflöte dafür schenken, die er fest in der Hand hielt. +Arnold schob ihn lächelnd hinaus.</p> + +<p>Nun allein mit der Schlafenden schlich er wieder +zum Sessel zurück, wagte aber nicht, sich zu setzen … +Sie war schön. Das Alter hatte nichts Entstellendes, Unregelmäßiges +in ihre verschrumpfenden Züge bringen +können. Man sah förmlich noch durch die Runzeln +hindurch, wie durch viele matte Glasschichten, unten +das schöne junge lebensfrische Mädchen – und Arnold +dachte daran, was ihm die Mutter manchmal erzählt +hatte: daß die Großmutter viele Verehrer gehabt, aber +<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a> +aus Trotz, vielmehr Gleichgiltigkeit alle abgewiesen +habe, von Jugend an nur auf Gelderwerb bedacht, +endlich hatte sie den reichsten genommen, der aber um +zehn Jahre jünger war als sie, den Großvater, und mit +ihm so unglücklich gelebt … Was lag an all dem, +dachte er. Nach so viel Kampf, nach so viel Leidenschaften, +jetzt lag sie ruhig und schlief nicht anders, als +sie in ihrer Jugend vor all den wilden Erlebnissen geschlafen +haben mochte, und wie er sie ansah, die Unberührte, +überfiel ihn auf einmal der Gedanke, wie +leicht eigentlich das Leben sei und wie es so von selbst +und allen Anfechtungen zum Trotz bis ans Ende fortschreite, +ganz einerlei, was man treibe. Nichts ist +da, als daß die Zeit vergeht, mehr kann ja überhaupt +nicht geschehn!… Und von hier aus gesehn, schien +ihm nun auch plötzlich die so verwirrte und trostlose +Situation, in der er sich augenblicklich befand, gar nicht +mehr so wichtig und so trostlos – er nannte sich feig, +weil er den kleinen Unannehmlichkeiten durch diese Reise, +diese Flucht besser gesagt, ausgewichen war, das war +es – beim Anblick dieser arbeitsamen wilden Greisin +bekam er aufs Neue Lust, sich ins Leben zu stürzen, +aus dem er mit vorschneller Erfahrung schon hatte entweichen +wollen; bekam Lust, wieder zu toben und zu +schaffen, wie es in seiner Art lag. Ein süßes verlockendes +Gefühl von Unverantwortlichkeit <ins title="befiehl">befiel</ins> ihn, +als würde er aus einem Hohlweg blitzschnell vor eine +riesige Aussicht fruchtbarer Ebenen entrafft und als +lenke sich ihm doch alles zum Schluß ehrbar ein, +moralisch beinahe, in allem Ausschweifen sinnvoll begrenzt +wie diese Dorfstube. Denn wohl fühlte er sich +der Schlummernden verwandt, das verstand er nun, +dieselben Stürme pochten auch in seinem Blut. Mochten +<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a> +sie losbrechen und ihre verderblichen Ziele suchen, was +lag daran – nach allen Verwüstungen würde man +seinem ergrauten Haar doch nichts anderes nachsagen +als: er ist ein Original, und nicht einmal mehr recht +bös auf ihn sein – so wie bei der Großmutter – und +die Ruhe in seinem Innern dann, o wie auf dem +Gesicht dieser schlafenden lieben Frau, wie ohne Gedächtnis +… Nun erfüllte ihn Stolz sogar, daß er +auf seine lebensvolle Manier die Zeit verbrachte. Er +mußte nur nach dem Vergleich mit der Großmutter zu +solchen halbtoten Puppen zurückkehren wie diese Frau +Lichtnegger eine war, wie sein Bobenheim zu Hause. +… Ehrlich waren sie, aber das ist ja keine Kunst, +ehrlich zu sein … Diese dagegen, dieser Starrkopf, +war eine bedeutende Person, die Bedeutendste der Familie +nannte er sie, nach seiner intensiven Art fast schon verliebt +in das neue Erlebnis, – etwas Großes fühlte er +aus ihr strahlen, etwas bis zum letzten Tropfen Selbstständiges +und Unbewußtes dabei. – Sie mochte eine +Heldin sein, eine Deborah, aus jener alten Zeit noch, +in der es so viele Helden gab, in der jeder Mensch +den Kopf so hoch trug, daß man aus ein bißchen +Heldentum gar nicht so viel machte wie jetzt und daß +das Andenken der Starken unter tausend andern, ebenso +Starken vergessen ward. – Nein, die langen einsamen +Nächte konnten diesem furchtlosen Geist nichts anhaben, +der Tod hatte keinen Schrecken für sie, so erfüllt von +ihrem eigentümlichen Leben war sie, von ihrer leuchtenden +Gescheitheit, die alle ihre Fehler von Grund aus verklärte, +o noch viel mehr als ein paar Schwächen gutgemacht +hätte. Und Arnold sagte sich, in einer leichten +Freude: »Ja, ja, dem Klugen wird vieles vergeben, +Klugheit ist ja das Licht der Welt« – und wie <ins title="im">in</ins> einem +<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a> +glänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und +neuem Selbstbewußtsein löste sich seine Schmach auf … +Plötzlich fand er sich selbst wieder ganz passabel, all +dem Bösen in ihm zum Trotz, fand sich beschwingt und +leuchtend. Aus dieser Wendung heraus betrachtete er +noch einmal das Gesicht der Schlafenden, wie um sich +jeden ihrer Züge zu merken. Die Lippen waren in den +Mund tief hineingesogen, so daß an Stelle der Mundöffnung +in einer dunklen Vertiefung die senkrecht verlaufenden +Runzeln unter der Nase und die über dem +Kinn aneinanderstießen und sie paßten auch zu einander, +schienen einander fortzusetzen, die kleinen Rinnen. Der +Hals, jetzt entblößt, da die Großmutter nur eine lose +Nachtjacke anhatte, war nichts als eine Reihe welker +fallender Hautlappen, deren Anblick den jungen Mann +tief erschütterte. Und das Erschrecklichste: die Augen +waren nicht ganz geschlossen, sondern starrten halboffen, +wie etwas Schleimigtrübes, geradeaus … Arnold bekam +Angst; die Nase erschien ihm spitz, vom tiefeingepreßten +Mund aus aufragend, … vielleicht war die Großmutter +tot. Er beugte sich über <ins title="[fehlt im Original]">ihr</ins> Gesicht, sie atmete. +Zugleich spürte er den dumpfen Geruch, den er im +ganzen Zimmer bemerkt hatte, gepreßt, schmutzig, lebensvoll +– und wie ein Verbrechen <ins title="eeschien">erschien</ins> ihm nun in +momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: +Sie wird einmal einschlafen … Und was würde er +jetzt sagen, der Vater von seinem Komptoirtisch her: +Du übertreibst alles … Nun natürlich, er übertrieb, +Gott sei Dank … Er pries die Großmutter schon wie +eine Heilige. Seit er hier eingetreten war, hatte sich +sein Schmerz beruhigt, – vielleicht auch deshalb, weil +es hier so viel Neues zu sehn, zu bemerken gab, gemütvoll +zu umfassen – oder nein, nicht deshalb, das Überquellende +<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a> +war ja vielmehr diese Wurzelliebe, dieses +Gefühl – Seine Vorstellungen begannen sich zu verwirren, +so viel hatte er zu überlegen. Es war ihm, +als sitze er an diesem Bett bei der Schlafenden, seit +er überhaupt begonnen habe zu denken, seit frühester +Kindheit, als habe er nie etwas anderes erlebt als +immer nur dies eine, als gebe es kein Vorher und kein +Nachher mehr für ihn …</p> + +<p>Die Mutter trat ein, wieder mit Paketen beladen, +die Gute. Fleisch trug sie, Wein, eine Sardinenbüchse, +– das wünschte die Großmutter immer – sie trat ans +Bett, musterte es mit einem nachdenklichen Blick: »Flöhe +mag es da geben, nicht wenig …« Dann war sie +wieder durch ein Bündel mit Strümpfen beleidigt, das +vom Sofa fiel, als sie sich setzte. »Wo nur die neuen +Hemden hin sind, die ich ihr gekauft hab. – Ich muß +ihr wieder ein paar alte Hadern verbrennen, sonst trägt +sie sie ewig. Ihre Blusen mußt du mal sehn. Geflickt, +wie ein Regenbogen …« Unter solchen Reden begann +sie, auf dem kleinen Ofen eine Suppe zu kochen.</p> + +<p>Arnold wagte es: »Mir scheint, Mama, du behandelst +sie nicht ganz richtig. So alte Leute haben +ihren eigenen Kopf. Sie möchte sich halt lieber mit dir +ruhig aussprechen, wenn du schon herkommst, als daß +du ihr die Ordnung störst …«</p> + +<p>»Aber wer soll's denn machen! Sie würde ja im +Schmutz ersticken« erwiderte die Mutter mit viel Berechtigung.</p> + +<p>Da erwachte die Großmutter: »Ich hab e Naches, +daß se fort is.«</p> + +<p>»Wer denn?«</p> + +<p>»Die Orlte, die dumme, die Reschainte …«</p> + +<p>Die Mutter nahm alle ihre Geduld zusammen: +<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a> +»Aber so darfst du doch nicht reden. Was fällt dir +ein. – Frau Lichtnegger ist so gut zu dir.«</p> + +<p>»Der Schlag soll sie treffen« zürnte die Greisin, +jetzt lauter als bisher während des ganzen Tages. +»Was kommt se her und redt und redt! Lauter Stuß. +E Patsch von e Chochem is m'r lieber wie e Kisch von +e Chamer. Das Gebitz nemmt se einem heraus mit +ihrem Gebember und Geschmus.« Sie griff sich jammernd +an den Kopf: »Mei Seide-Möach.«</p> + +<p>»Mir scheint, es geht dir schon wieder gut. Du +wirst schon wieder lustig.« Die Mutter fühlte ihr den +Puls. »Das Fieber hat nachgelassen. No, geht's nicht +besser?«</p> + +<p>Die Großmutter schüttelte den Kopf, obwohl man +es ihrem strahlenden Blick ansah, wie sie sich im Schlaf +erquickt hatte, – sie war gegen ihren Willen gleichsam +krank geworden, sie dankte jetzt auch niemandem für ihr +Besserbefinden. Nur trotzig meinte sie: »Wenn ünser +Herrgott mich nix gesünd sei loßt und nix verdienen +loßt, so soll er mich ach nix leben lassen.«</p> + +<p>»No das mußt du ihm schon selbst sagen« lachte +die Mutter »per Telephon vielleicht. Vielleicht hast du +eine bessere Verbindung mit ihm als ich. Er folgt halt +meist genau so wie du folgst.«</p> + +<p>Arnold befürchtete Zank. Die Großmutter aber +hatte ihre Schlaflosigkeit überwunden und meinte liebenswürdig +mit einem ironischen Lächeln, für das man sie +hätte küssen mögen: »Güt, nächsten Schabbes wer ich's +ihm sagen.«</p> + +<p>»Da hab ich dir was feines gemacht.« Das +Süppchen, das die Mutter im Topf heranbrachte, +duftete. »Willst du nicht einmal versuchen …«</p> + +<p>Eine gnädige Antwort mit zimperlicher Stimme: +<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a> +»No jo, e bißl …« Offenbar hatte sie einen tüchtigen +Hunger, denn sie schnupperte schon in den Dampf, wie +ein freudig erregtes Baby.</p> + +<p>»Bißl Salz hinein.«</p> + +<p>»Nein – ka Salz – Salz reizt doch.« Und sie +hustete affektiert.</p> + +<p>»Aber es wird keinen Geschmack haben.«</p> + +<p>Statt der Antwort nahm die Großmutter das +Töpfchen und führte mit sicherer Hand, ohne zu zittern, +den Löffel an den Mund, nachdem die Mama nochmals +geblasen und gekostet hatte. »Was is dos für e Supp?« +fragte sie, nach dem ersten Schluck einhaltend.</p> + +<p>»O je, wieder was nicht recht.«</p> + +<p>»Aber Mama« wandte Arnold ein »du verstehst +das schlecht. Die Großmutter fragt doch nur, was das +für eine Suppe ist, den Namen möchte sie gern wissen, +sonst nichts.«</p> + +<p>»Du wirst mir die Großmutter zu erkennen geben +… Nichtwahr, es schmeckt dir nicht?«</p> + +<p>»Aber ja …« sagte die Großmutter einfach und +löffelte weiter »Was für Flasch is das denn? Wo +hast es denn gekauft?«</p> + +<p>»No Rindfleisch, vom Körbelwirt. Das ganze +Stück« sie brachte es vom Ofen »kostet zehn Kreuzer … +Die Mutter ist nämlich noch aus dem billigen Land, +mußt du wissen« wandte sie sich an Arnold.</p> + +<p>»Wirklich nich teier« lächelte die Alte, sichtlich erfreut +»Ja man muß sparen mit dem Geld … Waßt de, +Geld wenn wär nur Geld – aber Geld is alles …«</p> + +<p>Arnold erinnerte sich plötzlich, da die Großmutter +aß und die Mama ihr freudig zusah, daß er ja Witze +erzählen sollte, unterhalten, – bisher hatte er eigentlich +nur wie bezaubert herumgeschaut und zugehört, ganz +<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a> +gegen seine Gewohnheit. Jetzt setzte er sich in Bewegung +und begann von seinen fabelhaften Ersparnissen +zu berichten, was die Großmutter sehr zu freuen schien. +Nur durch sachgemäße Fragen, ob das Geld auch in +der Bank liege u. s. f., unterbrach sie ihn … Das +Gespräch wurde nun immer <ins title="lehhafter">lebhafter</ins>, während die +Großmutter immer wieder nach einer Pause den Suppentopf +vornahm; ja Arnold, der diesen Besuch bisher +als ganz außerhalb seiner Welt und städtischer Konversationsmanieren +liegend angesehn hatte, fühlte sich +jetzt fast wie in Gesellschaft, ohne Besonderheit, jedenfalls +auf einem Niveau, das mit dem Küchensessel +und den Dorffensterchen nicht das Mindeste zu +tun hatte. Die Großmutter erzählte von ihrem Beruf +und wie man sie überall gern sah. »Frau Goldbergen« +rief man ihr zu wenn sie vorbei ging »was kümmen +Sie nit a bißl zu uns rein. Wir brauchen Scherzen, +Ticher. Bleibens ock doue. Es kummt Ra'n.« Eine +Bemerkung Arnolds aber, daß sie also recht viel verdiene, +schien ihr zu mißfallen. »Ja, viel Meloche, wenig +Broche« antwortete sie. Nach einer Weile fuhr sie +fort: »Häst e Geschmack von e Supp gehabt!«</p> + +<p>»Sie schmeckt dir nicht gut?« rief Arnold besorgt.</p> + +<p>Sie antwortete nicht, ihr Gesicht wurde finster.</p> + +<p>Nun hielt er den Moment für gekommen, sein +Gedächtnis nach Witzen zu durchsuchen. »Was ist das? +Es ist weiß und hat keinen Kopf, und trotzdem schaut +es« gab er auf. Die Großmutter dachte nach, ernstlich. +<ins title="«Ich">»Ich</ins> werde es dir also …« »Ich möchte sagen« unterbrach +sie »e Kopf von e Gans.« Er lachte: »Aber +nein, es soll ja eben keinen Kopf haben. Ein Unterhosenbandl +ist es.« Sie nickte ihm freundlich zu, schien +aber den Sinn nicht zu verstehn: »Ja in der Stadt, +<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a> +do habts ihr so verschiedene Wörtlach. – E komische +Supp, was das is. Habts ihr immer solchene Suppen?«</p> + +<p>»Es ist eben kein Salz drin. Du wolltest keins« +erklärte die Mama.</p> + +<p>Arnold vermittelte: »Du siehst, es geht uns trotzdem +gut. Wir sehn ganz beruhigend aus.«</p> + +<p>Sie sah ihn näher an und jetzt erst fiel ihm ein, +daß er nach halbschlafloser Nacht nicht eben sehr +blühend sein mochte. »E bißl schmal« sagte auch sofort +die Alte »Schlafst du denn genüg? Schlaf is e Wohltätigkeit +für e schwachen Menschen. Regieleben« als +bemerkte sie es jetzt zum erstenmal »eppes dick biste geworden. +Dicker mußte nix werden, das ist nicht gesünd. +So kannste bleiben.«</p> + +<p>»Die Mutter meint, ich bin noch ein Kind, ich +werde ewig jung bleiben« sagte Mama, mit niedergeschlagenem +Blick; und Arnold sah sich plötzlich mit +einer Deutlichkeit in den Gedanken irdischen Vergänglichseins +versetzt, hier in dieser Stellung von drei Generationen, +wie er es nie vorher auch nur als Andeutung +gefühlt hatte, ohne daß ihm übrigens dabei +irgend ein neuer, in Worte faßlicher Einfall kam.</p> + +<p>Indessen aber, während er wie in ein Bassin von +Schwermut untertauchte, hatte die Großmutter zu erzählen +begonnen: »Marie nebbich hat ach immer eso +gelesen in der Nacht bei der Lampen, ich hab längst +gemant se schläft. Is Poldi emol nach Haus gekommen, +e bißl schücker war er vielleicht und sogt ihr: No was +weinst du denn da. Was lieste denn? – Von Genofeva, +sogt sie …«</p> + +<p>Die Mutter flüsterte: »Genofeva. Schöne Lektüre +haben wir gehabt, was?« – Aber Arnold, der aus einer +Zeit stammte, in der man solche Kinderbücher und +<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a> +Märchen überhaupt wieder für wertvoll hielt, fand ihre +Bemerkung unverständig. Dagegen überraschte ihn dieser +fremde Name im Munde der Großmutter, was lebte +alles noch in diesem Gehirn!</p> + +<p>»Sogt sie – von der Hirschkuh, wie sie ihr Milch +zügetragen hat. – No warüm hat sie ihr denn Milch +zügetragen, sagt Poldi.« Und die Großmutter machte +es nach, wie der Bruder die weinerliche Stimme der +Schwester spöttisch nachmachte. »Aber mir scheints, +wenn du nicht bald schlafen gehst und aufhörst zu +wanen und die Lampe auslöschst, so hau ich dir das +Buch aufn Schädel nauf.« Die Stimme brach ab, in +einem kleinen Gelächter.</p> + +<p>»Und was hat sie gesagt?« fragte Arnold, obwohl +er fühlte, daß nichts mehr zu erzählen sei, nur um +diesen angenehmen Fluß der Erzählung weiter zu hören.</p> + +<p>»Nu, was soll se gesagt habn« setzte die Großmutter +wie improvisierend fort »Was liegt daran? +Wenn du schlafst, steh i halt wieder auf und les +weiter von der Hirschkuh …« Jetzt hatte sie die Suppe +zu Ende gegessen und rief plötzlich, ganz laut: »Pfui +Teixel!« wie einen herzhaft erleichternden Fluch, indem +sie den leeren Topf mit einem Ruck aufs Fensterbrett +stellte.</p> + +<p>»Aber was ist denn?« die Mutter eilte herbei. +Als das Gespräch auf die verstorbene Schwester Marie +gekommen war, hatte sie sich abgewendet.</p> + +<p>Zornig fuhr die Großmutter auf: »E schöne Supp +haste mir gekocht! Aus Ferdeflasch? Was?«</p> + +<p>Also hat doch die Mama Recht behalten, dachte +Arnold. Aber mit den Schlüsseln hatte sie Unrecht +gehabt. – Und er beeilte sich: »Was fällt dir ein, die +Mama wird dir doch nicht Pferdefleisch kaufen, wie +<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a> +kannst du nur so etwas denken!« Indem er es aussprach, +schien es ihm immer unerhörter.</p> + +<p>»E guter Omensager biste« fuhr ihn die Großmutter +an, dann schwieg sie eine Weile. »Was kafste +ach beim Körbel. Der hat doch lauter verschimmelte +Sachen. Wenn ich ihn aber emol anzeig bei der Polizei, +den Ganef, dann 's Kri iber den Goi.«</p> + +<p>»Laß sie nur« scherzte die Mutter, etwas bitter. +»Sie wird sich schon wieder beruhigen. Also Adieu, +Frau Goldberg, wir gehn jetzt essen, Sie können sich +inzwischen ein bißchen allein so weiter unterhalten, +wenn Sie Lust haben.«</p> + +<p>Aber Arnold war indessen mit der Hand des alten +Frauchens, die er ergriffen hatte, schon wieder so gut +geworden, daß er den Wunsch nach einem bessern Abschied +nicht unterdrücken konnte: »Schön hast du es +da, Großmutter, gleich möcht ich bei dir dableiben, für +immer, nur noch Blumen sollten in den <ins title="Fenster">Fenstern</ins> stehn, +wie bei den Nachbarn vorn …«</p> + +<p>Sie lächelte ihn an, als sei gar nichts vorgefallen, +als gingen in ihrem Innern eben die zärtlichsten Dinge +vor: »Ich bin ka Blumenverehrerin. Aber die Kinderl, +wie se noch klein waren, die habn immer Blumen gehabt +und gegossen, daß die Stub voll war. Mit ihre +neie Hüte haben se das Wasser getragen von der Pump.«</p> + +<p>»Da haben sie wohl Schläge bekommen.« Er reichte +ihr noch einmal die Hand.</p> + +<p>Sie drückte sie und machte dabei ein gutmütiges, +aber erzieherisches Gesicht: »Das muß sei.« Die Mutter +war schon hinausgegangen. »Also Adieu, wir kommen +bald wieder.« »Eßt nicht beim Körbel« rief ihnen die +Großmutter noch nach »dort is groß Jackeres.«</p> + +<p>Als er auf die Gasse trat, mußte er ein wenig die +<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a> +Augen schließen, so fremd erschien ihm alles, was ihn +umgab: Wie konnte der Zugang zu etwas so innig +Bekanntem so unbekannt sein! Gab es denn wirklich +noch eine Welt außer dieser grauen alten Stube? Die +Straße mißfiel ihm. Das Bild der alten Frau im Bett, +zu Riesengrößen aufwachsend, stellte sich wie ein Schatten +überallhin, vor jedes Haus. Um wie viel wichtiger +war sie, ja nichts auf der Welt erschien ihm jetzt in +gleicher Weise wichtig. Er hätte für sie sterben mögen, +so begeistert war er … Die Mutter redete neben ihm +her: »Nicht zuhören kann ich, wenn sie von der seligen +Marie spricht und Nebbich dazu sagt, oder von unsern +Hüten. Ich glaube, wir haben überhaupt nie Hüte gehabt. +Immer spricht sie so, als ob sie uns alles in +Überfluß gegeben hätte. Gute Schläge, ja. Du darfst +dir das nicht so vorstellen wie zu Hause, Arnold. Aber +das hab ich ihr damals gesagt, bei Maries trauriger +Hochzeit, wie sie uns alle mit so fürchterlichen Worten +verflucht hat: – daß sich alle dir abwenden und daß +du allein und einsam sterben wirst, das wird dein Fluch +sein … Und so wird es und muß es ja kommen, +Gott im Himmel. Das sind Sorgen, einmal wird sie +auslöschen …«</p> + +<p>Arnold fand solche Reden übertrieben, sagte sich +aber, daß die Mama Recht haben mochte. Er kannte +ja so wenig von diesen über lange Zeiten und Räume +verteilten Ereignissen, er hatte wohl deshalb einen +andern Eindruck. Ohne diese Erinnerungen der Mama +hätte er die Großmutter vielleicht überhaupt nur für +eine fidele gute, etwas wetterwendische alte Frau gehalten, +eine spassige Grobianin, – und nun, unter Mitwirken +der Mama, entstand etwas ganz Verschwommenes, +Widersprechendes und doch, so weit es ihn betraf, ganz +<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a> +Greifbares. Das war das Verlockende daran. »Siehst +du, der Doktor ist nicht gekommen – warum habt ihr +denn gerade den genommen, der am meisten zu tun hat?«</p> + +<p>Die Mutter erklärte, die Großmutter habe vorgegeben, +zu keinem andern habe sie Vertraun. Indessen +erriet wohl Frau Lichtnegger ganz richtig, woher +dieses Vertrauen rühre: Heiger war der billigste Doktor +im Ort, der Armenarzt … Überhaupt habe sie schöne +Dinge erzählt … neulich einmal seien einige reiche +Leute des Ortes, die die alte Frau Goldberg immer +mühsam mit ihrem Pack die Straßen hatten hinaufstöhnen +sehn, auf die Idee gekommen, für sie eine +Kollekte zu machen, zu Purim, eine Idee, die von der +Großmutter mit wahrhaftiger Begeisterung begrüßt +worden sei. Und erst die Drohung der Frau Lichtnegger, +sie werde es der Frau Beer und dem Herrn +Schwiegersohn schreiben, habe sie aus ihrer verstellten +Bedürftigkeitsrolle aufgeschreckt. Daher auch der tiefe +Haß … Überhaupt liebte es die Großmutter, sich als +ganz arm und almosenwürdig hinzustellen, die Besuche +ihrer Tochter kamen ihr daher auch zuzeiten ungelegen, +wenn sie nicht so krank war wie jetzt, und deshalb verbreite +sie, diese elegante Dame sei eine Liqueurfabrikantin +und bringe ihr die Flaschen aus der Hauptstadt +mit, eine ganz besondere Spezialität; denn von dem +<ins title="Magenliqeur">Magenliqueur</ins> trank sie natürlich keinen Schluck, sondern +verkaufte ihn zu den höchsten Preisen ihres Kopfes, +die indessen für die neue junge Welt ringsum noch +so mäßige waren, daß sie überraschend viele Käufer +fand. Lauter solche Sachen, über die man lachen müßte, +wenn sie nicht so traurig wären. An Markttagen bewache +sie das Geschäft einer gewissen Frau Heller, +nur um einen »Gülden« nebenher zu verdienen, und +<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a> +wenn sie dort sei, komme nichts weg, habe Frau Lichtnegger +gesagt, da paßt sie gut auf … aber im Laden, +in dieser grimmigen Kälte habe sie sich neulich eben +diese Halsentzündung, den Husten zugezogen. »Viel +braucht es ja nicht, ich bitt dich, bei so einem Alter.« +Und von hier aus kehrte die Mutter zu ihren Sorgen +zurück, ob man nicht die Stube bald weißen lassen +müsse, und wie das anstellen …</p> + +<p>Indessen waren Mutter und Sohn in das Restaurant +eingetreten und Arnold hätte sich gern diese Dinge, die +ihn bis ins innerste Mark interessierten, weitererzählen +lassen, wäre ihm nicht sogar in dieser provinzialen +gebirgsstädtischen Gaststube die Erinnerung an seine +Schandtat von der Wand entgegengesprungen, – auch +hier das große Plakat des »Rivalen Paulhans« in +den primitivsten ergreifendsten Farben. So kam es, +daß er mit <ins title="er der">der</ins> Speisekarte zugleich die Zeitung +bestellte, an die er bis zum Augenblick nicht gedacht +hatte. Nun schien es ihm plötzlich, als müsse der Flug +in Waldbrunn doch gut ausgefallen sein, gleichsam zur +Belohnung, weil er nicht mehr darauf gerechnet und +sich immer nur so selbstverständlich auf das Schlimmste +gefaßt gemacht hatte. Und dann: niemand hatte ihn +angerempelt, auch nur verdächtig angeschaut, hier saß +er doch, der Obmann des schönen Konsortiums, nein, +es konnte nichts geschehn sein. Dies war vielleicht +der erste Erfolg seines neuen, von der Großmutter +beschützten Lebens … Herr Körbel selbst brachte das +Blatt, freundlich lächelnd. Gleich oben das Telegramm: +Ponterrets Flug mißglückt. Der Aviatiker landet nach +einem Flug (Sprung) von 13 Sekunden. Pöbelausschreitungen +an der Kassa. – Das eingeklammerte Wort +»Sprung« verdroß Arnold ganz besonders, wie eine +<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a> +persönliche Unbill, konnte man denn nicht ein bißchen +menschenfreundlicher sein! Ja ja, dazu hatte man die +guten Freunde in der Redaktion! – Er legte das Blatt +weg, nur unten fiel ihm noch ein <ins title="fettgedruckte">fettgedruckter</ins> Ausspruch +des Aviatikers selbst auf: Er schätze sich glücklich, +daß er durch einen geschickten Griff am Lenkrad ein +großes Unglück vermieden habe. Die Tribünen seien +in Gefahr gewesen … »Mama, ich fahre heute abend +nach Hause.« Er war plötzlich mutig geworden, sah +der Gefahr ins Auge wie einer hübschen Aufgabe. +»Natürlich, was sollst du hier machen! Ich hab mir's +gleich gedacht, daß du's nicht lange aushalten wirst.« +Er aß schnell auf: »Jetzt geh ich aber zunächst zum +Doktor, ihn treiben. Sag der Großmama, daß ich +bald wiederkomme.« – »Du willst noch einmal hingehn? +Interessiert dich das denn? Ich könnte dirs +nicht verdenken, wenn nicht. Und eine Luft ist dort.« – +Mit Unlust sah sich Arnold unerwarteterweise vor die +Notwendigkeit gestellt, seiner Mutter all das, was er +seit dem heutigen Morgen durchempfunden hatte, zu +erklären – und recht schnell. Nein, es ging nicht. Also +rief er nur, etwas grell: »Von Interesse ist da gar +keine Rede mehr. Ich habe mich in die Großmutter +verliebt, förmlich verliebt. Kannst es ihr sagen. Sie +ist ja so brav …«</p> + +<p>Die Mutter seufzte tief auf, wie vom Mittelpunkt +ihres Gedächtnisses her: »Ja, vor dir nimmt sie sich +noch ein bißchen zusammen.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a>IV.</h2> + +<p class="drop-cap">Er war enteilt. Auf der Gasse erst, in frischer Luft, +durch die hindurch man nahe Wälder zu spüren +glaubte, fiel ihm ein, daß er heute den ganzen Tag +bisher in der Familie verlebt hatte, noch keinen Augenblick +allein. Das war ihm seit Jahren nicht mehr geschehn, +noch gestern hätte er es für unmöglich gehalten. +Vielleicht hing auch seine eigentümliche Verwirrung damit +zusammen, die ihn förmlich hinderte, klar geradeaus zu +sehn und sich über das, was er sah, Gedanken zu machen. +Die Häuserfronten liefen nur so wie lange Gartenmauern, +ohne Abwechslung, an ihm vorbei und er bemerkte es nicht, +ob er über breite Plätze schritt oder durch einen Park, an +einem goldglänzenden Kaiser-Josef-Denkmal vorbei. Nur, +daß hier und da, mitten zwischen eleganten Häusern, auch +noch solche Schindelhütten standen, wie die der Großmutter, +fiel ihm auf, dann daß die meisten Firmatafeln +kleine schwarze Glasplatten mit eingeritzten Buchstaben +waren, was einen zierlichen sauberen Eindruck machte. +Doch beschäftigte ihn dies nicht weiter. Nur die eine +Frage hatte er im Sinn und wiederholte sie oft an Vorübergehende: +»Wie komm ich hier zu Doktor Heiger?« +Mechanisch folgte er ausgestreckten Fingern, eindringlich +undeutlichen Worten, ging bergauf bergab, die zweite +Gasse hinter der Ecke wieder geradeaus. Endlich fand er +das Haus, immer mit summendem Geräusch im Kopf, +stieg Steinstufen hinauf, die ihn daran erinnerten, daß +er noch in Österreich war, wenn auch nahe der Grenze +(in Deutschland gibt es nur Holztreppen, dachte er), an +einem Kontor vorbei, vor dem Kisten beinahe den Weg +versperrten (aha, der Export). Dann trat er in ein menschengefülltes +Wartezimmer ein. Im Arm einer Frau schrie +ein schwarz verbundenes Kind leise auf. Manche von +<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a> +den Leuten standen in stumpfsinnigem Brüten direkt vor +der Tür ins Ordinationszimmer, wie bereit, sofort mit +höchster Aufregung hineinzuspringen. Andere seufzten +auf dem Kanapee, in bequemen Fauteuils saßen sie in +unbequemen Haltungen, gelbe Zettelchen in der Hand, +vielleicht von einer Krankenkasse. Arnold erkundigte sich, +er lief ungeduldig wieder hinaus, jemand sagte ihm: »Ja, +bei Doktor Heiger da muß man sich in Geduld fassen«. +»Ist er drin?« fragte Arnold. »Ich weiß nicht.« – Was +für idiotische fischblütige Leute, sie kamen ihm wie seiner +unwürdig vor, er hatte das Gefühl, als errege er hier +allgemeines Aufsehn, als schlage er mit Armen und Beinen +um sich, obwohl er äußerlich ruhig blieb. – Wie ein +Labsal, eine Zuflucht erschien ihm nun die Erinnerung +an die Großmutter. Was war es denn eigentlich, was +ihn an ihr so entzückte, diesen Bürgern hier so Entgegengesetztes? +Ihr Charakter doch nicht? Es fiel ihm +ein, daß ihm manche ihrer Eigenschaften an einem andern +Menschen förmlich widerlich gewesen wären. Man konnte +es auch nicht als Tüchtigkeit oder als Ehrwürdigkeit bezeichnen, +als die Weisheit des Alters, nicht so und nicht +so. Vielleicht ein Zug von Freiheit, von unbewußter und +derber Hoheit? Eine Figur aus dem Alten Testament? +Nein auch das wollte nicht ganz stimmen. Und was hätte +sie gesagt, wenn er Ähnliches zu ihr selbst geäußert hätte? +Was für Augen hätte sie gemacht? Wofür hielt sie eigentlich +sich selbst? Dachte sie je darüber nach? Glaubte sie +an Gott?… O da war etwas, wofür es in keiner +Menschensprache noch ein Wort gab! Er verstand es +nicht –, nur dunkel fühlte er, daß sie unterhalb der +Zuckungen seines forschenden Verstandes, tief irgendwo +in Regionen dunkler Instinkte, Vererbungen, Verwandtschaften +ihn wie mit gebietender Stahlhand ergriff und +<a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a> +seine Eingeweide in eine neue Ordnung zurechtzerrte. +Unklare Pläne stiegen in ihm auf, mit denen seinem ganzen +Leben bisher und von hier an ein neuer Sinn zu geben +wäre, Funken ins Pulverfaß, ja selbst genaue Entschlüsse +für die nächste Zukunft, an die er aber sofort +wieder vergaß im Bewußtsein, daß sie ihm auch so +unverloren nahe blieben. Im ganzen befand er sich in +einem Zustand äußerster Verwirrung und Ordnung zugleich, +ähnlich einem guten Schüler vor dem Examen, +in dessen Kopf alles gegenwärtig ist und doch nichts +faßbar, und dieses nicht Faßbare, nicht Sichtbare wieder +nicht in starrer Ruhe, sondern in unaufhörlicher Bewegung +wie unter einer dünnen Hülle kreisend und +in solcher Menge, daß nichts vortreten kann außer auf +einen äußern Anlaß hin, aber dann wird schon das +Richtige in Hülle und Fülle aus dem Chaos herausmarschieren, +und diese Zuversicht gibt dem dumpfen +satten Kopf schon jetzt eine Art von schöpferischer Einheit, +wenn er auch vorderhand noch zerstreut andern +Dingen nachtaumelt, die er gerade vor sich sieht … +In dieser Verfassung starrte unser Mann durch das +Fenster in einen benachbarten Garten und nur ganz +oberflächlich, ohne daß es seine Seele in der eigentlichen +Arbeit störte, kamen ihm Gedanken wie der +etwa, daß diese Aussicht nicht sehr schön sei – oder daß +das Bild dort an der Zimmerwand »Apollo und die +Musen« oder den »Athenäenzug« vorstellen möge, kurz +etwas Klassisches und daß es wohl ein Gymnasialkollege +dem Doktor gemalt und geschenkt habe, vielleicht +als Pfand für ein Darlehn gegeben; denn kaufe +ein Landarzt Bilder? Was für Dinge übrigens! Was +ging ihn dieses Bild an, die Griechen, die andere Welt, +die fremde Kultur … Plötzlich dauerte es ihm zu lange. +<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a> +Er stürzte wieder aus dem Zimmer, in die Küche, gab +der Köchin ein Billett für den Doktor und lief weg.… +Ein Festzug hielt ihn auf. Was, da gab es ja +auch dekorierte Häuser, Musik. Das Schützenfest, ach +so! Was für ein naiver Unsinn! Deutlich fühlte er, +daß dieses helle, blonde, einfache Treiben nicht seine +und seiner Großmutter Welt war. Für Bobenheim +hätte das gepaßt. Auch Fahnen hatten sie im Zug, +bunte, wirklich komisch … Er suchte durchzukommen. +Mit Gewalt drängte er sich in die Menschenmassen +wie in etwas Feindliches und war erstaunt, als man +ihm höflich Platz machte. Dann fiel ihm ein, daß er +sich eine neue Krawatte hatte kaufen wollen, der Großmutter +zu Ehren. Er kaufte eine, die violett und blau +changierte. Wie wenig hatte er die Frau überhaupt +geehrt, nicht einmal etwas mitgebracht aus eigenem +Antrieb. Er kaufte beschämt Pfirsiche, Kirschen, Schoten +… das alles nur, während im Innern seine Seele +nach ganz andern grundlegenderen Dingen suchte … +Je mehr er sich aber der Wohnung der Greisin näherte, +desto mehr klärten sich seine bis zur Qual verfitzten +Ideen, sie senkten sich gleichsam aus den Wolken zur +Erde herab, kristallisierten sich und verwandelten sich eben +in den steilen Fußpfad und Großmutters Hütte in +demselben Augenblick, in dem er an dem eleganten +Zweistock vorbei diesen Fußpfad und die Hütte erblickte.</p> + +<p>Er stieg die Treppe hinauf und sah dabei flüchtig +zur Seite in die Vorderwohnung, wie anständig und +rein konnte es also in so einer Hütte <ins title="anssehn">aussehn</ins>, bei +einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern +Gang, wo überall leere rötlich durchscheinende Lagerbierflaschen +standen, klopfte ihm das Herz, alles war +so anheimelnd und doch unbekannt, so von Zärtlichkeitswolken +<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a> +erfüllt. Er stieß an ein großes umgestürztes +Holzschaff, endlich fand er die Türe.</p> + +<p>Ein überraschender Anblick bot sich ihm. Drei alte +Frauen saßen und standen am Bett der Großmutter +und <ins title="plauderte">plauderten</ins> mit ihr in einem solchen Schwall von +Jargon und schlesischem Dialekt, daß nichts zu verstehn +war. Sie sah jetzt viel besser aus, das Gesicht war +größer, die Wangen in einem natürlichen Rosa, die +Falten milder. »Nu, kommste doch, jech hab scho gemant, +dü kommst nix mehr.«</p> + +<p>Er mußte sich entschuldigen: daß er beim Doktor +gewesen war und Obst gekauft hatte. Die Großmutter +nahm seine Hand und schaute ihn liebevoll an: »Ganz +schön wär's doch, wenn du ach noch dazü e Madele hättst, +Regie.« Dabei wandte sie sich, etwas furchtsam, an +Arnolds Mutter, die auf dem Kanapee saß. – »Ich +dank dir« war die unfreundliche Antwort. Jetzt erst +bemerkte Arnold, daß die Mutter rote Augen hatte. +Er setzte sich neben sie und erfuhr alles. Natürlich, +sie hatten die kurze Zeit, die sie unter vier Augen +allein waren, zu einem ausgiebigen Zank benützt. Zuerst +war die Großmutter ohne sichtbaren Anlaß, aus +sich selbst heraus, in Aufregung geraten, hatte geweint +und sie tausendmal um Verzeihung gebeten, sie solle +ihr nur, ehe sie sterbe, alles verzeihn, was sie ihr angetan +habe. Darüber natürlich war die gute Mama +in Rührung und unendliche Tränen geraten. Nach +einer Weile, bei einer geringfügigen Sache, die Mama +wollte ihr eine Schüssel mit Sand ausreiben, habe +die Großmutter wie verrückt geschrien: »Ich waß, du +willst, ich soll sterben, und just tu ich dir nicht den +Gefallen.« Darauf seien die Freundinnen gekommen … +Es sei wirklich nicht mehr auszuhalten … Aber Gott +<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a> +sei Dank, die Sardinenbüchse habe sie über Mittag +fast leer gegessen, sie esse eben am liebsten nur, wenn +sie allein sei … Arnold tröstete sie, er fühlte eine tiefe +Liebe zu dieser netten friedlichen Dame, seinem Mamachen, +die in ihrem weichen Herzen alles so ganz anders auffaßte +als er selbst, doch zugleich empfand er freilich +auch über diesen neuen Vorfall eine schwer erklärliche +Freude an der Großmutter, wie an einem seltsamen +Naturschauspiel, einem Nordlicht vielleicht. – Und daß +sie in diesem Alter noch Freundinnen anzog, jüngere +rüstigere Weiber, die von ihr beherrscht, kaum neugierig +nach ihm zu blicken wagten, daß ihre enge Stube +menschengefüllt war: riß ihn zur Bewunderung hin. +Also war sie doch nicht so verlassen. Und nun mahnte +sie sogar die drei zum Aufbruch: »Es is Wochenmarkt +heunt« und stellte sich damit selbst mitten in ihre Unternehmungen, +in das regelmäßige tätige Leben. Gar +nichts von einer Ausgedingerin hatte sie, das war schnell +zu sehn, gar nichts von der humpelnden lästigen Halbtoten, +die sich hinter dem Ofen wärmt.</p> + +<p>Die Mutter wollte die drei mit städtischer Höflichkeit +hinausbegleiten, knüpfte ein Gespräch an, aber +vom Bett her flüsterte es: »Loß se geihn. Gib ihnen +ka Tschüwe«, – auch im leisen Reden wurden die +betonten Worte gesungen, manchmal mit zwei oder drei +verschiedenen Noten gleichsam.</p> + +<p>»Also der Doktor kommt gegen fünf Uhr« sagte +Arnold, als sie allein waren.</p> + +<p>Aber kaum hatte sich die Türe geschlossen, so begann +die Großmutter in den erbittertsten Tönen von diesen +Frauen zu sprechen, von der einen besonders, die sie +soeben noch mit »mei goldene Frau Keller« angeredet +hatte. »Verschwarzt soll se gehn« rief sie, auf Arnolds +<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a> +Erkundigungen. Flüchtig erinnerte er sich an seine unwillkürliche +Doppelzüngigkeit gegen seine Freunde, der +Vergleich mochte wohl nicht zutreffen?… Die Mutter +aber war über dieses Benehmen entrüstet: »Schämst +du dich nicht.« Aber der alte trockene harte Körper +schämte sich nicht, er erklärte im Gegenteil, aufstehn +zu wollen, es sei ihm schon ganz gut und das Faulenzen +habe keinen Zweck. Als man dies abgewendet hatte, +erneuerten sich die Klagen des Vormittags: »Mei Zores, +mei Kopf« … »Was für Sorgen« wandte sich die +Mama ziemlich derb an die Großmutter »du hast ausgesorgt. +Was du brauchst, schicken wir dir. Wenn du +mehr willst, mußt du uns nur zwei Worte schreiben. +Du hast nichts zu tun als zu essen, zu trinken und +spazieren zu gehn.« Ein Projekt kam zur Sprache, +das die Großmutter schon einmal vorübergehend gebilligt +hatte, nämlich: sie solle ganz zur Frau Fischmann, zu +einer der drei Freundinnen übersiedeln, dort zur Miete +wohnen. »Die Klafte« schrie sie, daß die Kissen sich +bewegten »die rotzedige Klafte!« Nicht herauszubringen, +woher dieser Groll sich schrieb. Kurz, sie lehnte es +ab, sie geniere sich (dieses Fremdwort brachte sie vor) +unter fremden Leuten, einmal wolle sie spät schlafen +gehn und einmal bald und einmal nach Bequemlichkeit +den Topf benützen und einmal etwas verdienen, +mit einem Wort sie wolle selbständig bleiben. Und +sie fügte hinzu, wie erdichtend, um ihren Worten mehr +Nachdruck zu geben: »Die Fischmann, die is doch gechitzt. +Die is doch plem-plem« und fuhr mit der Hand, mit +gekrümmten vier Fingern nahe an der eigenen Stirn +auf und ab.</p> + +<p>Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erzählte +ihr Arnold, daß er bald nach Berlin fahren werde. +<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"> </a> +Wirklich war einmal die Rede davon gewesen, daß +er in ein Konfektionshaus in Berlin als Volontär für +ein Jahr eintreten sollte, die <ins title="steinere">steinerne</ins> Treppe bei Doktor +Heiger hatte ihn wieder daran erinnert. Zugleich aber +fiel ihm jetzt im Reden ein, daß er ja in Berlin zugleich +diesen von Eisig angebotenen Journalistenposten +annehmen könne und, obwohl er das nicht aussprach, +verließ ihn der Gedanke nicht mehr. »Gib nur schön +acht und sei gesund. Da is ach zü der Hausfrau +neilich e Mädel zugezogen aus Wien und nebbich nach +e paar Täg is se gestorben.«</p> + +<p>Arnold verstand wieder den Zusammenhang nicht, +erst später, als von etwas anderem die Rede war, fiel +ihm ein, daß »Luftveränderung« das Bindeglied gewesen +sein mochte.</p> + +<p>Denn nun ging es in einem Zuge weiter. Die +Großmutter, gesprächig und bei allen Kräften, schien +nur Anlässe zu neuen Erzählungen zu suchen und all +dies machte nicht etwa den Eindruck, als ob sie Arnold +als Gast unterhalten wollte, sondern die reine +Freude, sich mitzuteilen, sprach aus der klangvollen und +ruhigen Stimme, die mühelos ihrem ungetrübten Geiste, +ihrer Lebenskraft zu entströmen schien und dadurch den +Hörer unmittelbar einnahm. Arnold verglich sich freudig +mit ihr. »Seh ich der Großmutter nicht ähnlich?« +fragte er die Mutter. Ja, es sei auffallend. »Aber +wie willste mir ähnlich sei« lachte die Großmutter. +»Ich bin doch bald iber hündert Jahr und du nur e +Ableger noch.« »Wie alt bist du eigentlich?« mischte +sich die Mutter ein »die Großmutter macht sich immer +älter als sie ist, auch so eine Laune.« Aber die Großmutter +wußte gar nicht, wie alt sie sei, es war ihr auch +gleichgiltig. »Ich möcht scho gern weg. I war lang +<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"> </a> +genüg do. Ich bin so nur allen zur Last und mir ach.« +Seltsam, daß solche Reden den Eindruck ihrer Lebensfreude +nicht abschwächten, eher verstärkten. Ob sie noch +einmal jung sein wolle, fragte Arnold. Ohne direkt zu +antworten, begann sie von einem Onkel Jermige zu erzählen +»der hat mich emol im Theater aufgeführt, der +gute Jermige, alles hat er verschenkt aus Rachmonis, +an die Arme, und selbst is er im Dalles gestorben, +nebbich Jermige. Selig, habn se geschrien, damals in +dem Stück, selig, wenn man noch jung is. Warüm +denn, hat man gefragt. No da tragen se einen auf den +Armen. Willste eppes noch auf den Armen getragen +werden, so haben se ihn ausgespott', wie halt Theater +is.« »Du interessierst dich also auch für das Theater« +fragte Arnold, innerlich erbebend; was für eine verschollene +Operette mochte da eben in dieser Stube zum +letztenmal zu einem kleinen Leben erwacht sein! »Die +Großmutter! Na und ob sie sich dafür interessiert« +lobte die Mutter. »Das hab ich per Jerusche« und sie +kam auf ihre Eltern zu sprechen, auf ganze Familienverzweigungen +mit ihren Leidenschaften, von denen +längst keine Spur mehr auf der Erde lebte, und sie +zogen vorbei, diese seltsamen Namen wie Moische, +Srole, Peierl, Haschele, und ein Zusammenhang mit +fremden Ortschaften ergab sich, von dem Arnold nie +etwas geahnt hatte und der ihn mächtig aufwühlte, ja +in Lichtenstadt hatten ihre Großeltern, die Großeltern +der Großmutter, gewohnt und dort in dem Packerl +müßte noch ein Stück Tuch aus Lichtenstadt sein. +»Ihre Einbildungen« flüsterte die Mutter ihm zu. Auf +einmal war diese uralte, eben dem Tode entrissene +Person selbst ein Kind und erzählte, wie sie einmal +auf dem gefrorenen Dorfteiche »geklitscht« hatte und +<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a> +dafür Schläge bekommen. Wie das Haus ihres Vaters +abgebrannt war, der schon damals zehn Kinder hatte, +neun Söhne darunter, und trotzdem sei die Mutter +hundertunddrei Jahre alt geworden, und wie die Bauern +der Umgebung damals für ihn zusammengeschossen hatten, +um ihm fürs erste zu helfen, aber ein Jahr darauf war +schon wieder ein Kind da, in all dem Schmerz. »Die +Lait habn damals gemeint, das muß so sein.« Und +mit einer Art von Aufklärung erzählte sie die damaligen +Sitten, wie man am Samstag kein Geld bei sich getragen +habe, weil das als eine Art von Arbeit gedeutet +wurde, eine »Newere«, ja die ganz Frommen +trugen ihr Taschentuch um die Hand gewickelt, um es +nicht aus der Tasche ziehn zu müssen. »Aber gewuchert +haben sie dabei« tadelte die Mutter, ernst und modern. +Nicht einmal eine Beere habe man abreißen dürfen, +fuhr die Großmutter fort, und da sei einmal jemand +(Arnold verstand diese Geschichte nicht ganz, viele +Ausdrücke kannte er nicht, erst später stellte er es sich +so zusammen, daß dieser »jemand« die Mutter der +Großmutter gewesen sein müsse) in den Tempel +gegangen, durch den Wald, damals habe man noch +so weit her zum Tempel gehn müssen, und da habe +sie der Versuchung nicht widerstehn können, eine »Rotbeere« +zu pflücken, trotz der Ermahnung des Rabbiners. +Und darauf sei sie, die Großmutter, mit einem häßlichen +Muttermal in Gestalt einer roten Beere zur +Welt gekommen. Und einmal habe sie sich eine Schere +genommen, weil man sie auslachte, sei ins Nebenzimmer +gegangen und habe sich die Beere abgeschnitten. +»Davon hast du mir aber noch nie erzählt« wurde die +Mutter mißtrauisch. Arnold zeigte auf einen roten Fleck +an ihrer Hand: »Ist es das?«, aus Respekt wies er +<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a> +nicht mit dem Zeigefinger, sondern schlug alle Finger +bis auf den kleinen ein und streckte diesen vor. »Nein, +das hob ich mich verbrennt, neilich.« Sie wurde nicht +irre, und kam nun in der Reihenfolge der Generationen +auf ihre eigenen Kinder. »Marie, mei guts +Schof« rief sie plötzlich und Tränen standen ihr im +Aug »Nebbich hat sie vor mir heruntergemußt. Was +hätt ich nicht getan für das Kind!« Auch von ihrem +Zank mit Poldi wußte sie nichts. Er war zwar ein +»ungehachelter Kerl«, ein »Parchköppele«, aber was +lag daran, einen Jux wußte er zu machen und lustig +war er, das war doch die Hauptsache. Sie schrieb ihm den +Einfall zu, daß er beim Alcheten, dem Sündengebet, bei +dem man sich als Büßer zeilenweise auf die Brust klopfte, +zu seinem Nebenmann, der besonders heftig klopfte, +gesagt habe: »Sie, mit Gewalt werden Sie da nix +ausrichten.« – Sie lachte hell wie Glöckchen, während +sie das erzählte. – Ja, einmal habe er ihr geraten, +mit ihrer Stubentür aufs Gericht zu gehn, weil das +ihr Haupt- und Kassabuch sei. – Überhaupt, wenn er +nur Zeit hätte, er würde schon kommen, er würde sie +besuchen, sicher. – Die Mutter senkte traurig den Kopf. – +»Poldile, wie haben se den gern gehabt. Zu jeder +Huxt und Kirmes und Gvatterschaft haben se 'n geloden. +Wie gefreckt is er mir immer nach Haus gekommen, +wie so ein Babinski. Einmal aber hab ich gedacht, +ich muß ihn holen und hab mer 'n Löffel genommen, +den großen zum Auswinden für die Wäsch und hab +gedacht, ich zerschlug ihn an ihm. Frau Goldbergen, +habn se mir dort gesagt, bleiben's ock do und trinkens +Wein mit uns. No so hab ich den Löffel unter die +Bank gelegt und mitgetanzt.« … »Was, du bist geblieben« +Arnold riß die Augen auf … »Nur e paar +<a class="pagenum" name="Page_158" title="158"> </a> +Stücklach« entschuldigte sich die Großmutter »Jo, das +war nicht so wie die heutige Welt.« – »So du glaubst +auch, daß es früher besser war« fragte Arnold, zart, wie +man etwa einen Professor, mit dem man spazieren +geht, also außer der Stunde, ohne Recht auf Unterricht +zu fragen wagt, ohne eigentliche Hoffnung belehrt zu +werden; nur um ihm Gelegenheit zu geben, ihn zu +erfreun, riskiert man es, ihn zu belästigen. – »No, +es waren halt zugetanere Lait.« – Als er aber weiter +drang, mit »Wie« und »Wieso«, schnitt sie ab: »Was, +ich hab mir nix den Kopf damit eingenommen.« – Aber +oben auf dem Boden habe sie einmal einen Korb voll +durchgetanzter Schuhe gefunden, alle von Poldi und Regieleben +… Die Mutter zuckte die Achseln … Ein +Schuster habe sie darauf aufmerksam gemacht, daß Poldi +sich jede Woche frische Schuhe anmessen lasse. Überhaupt +habe er lauter solche »Tipplach und Sterzlach« gemacht. +Auch Ware über die Grenze geschwärzt, und das ausgezeichnet! +– Arnold meinte, auch heutzutage sei man +lustig, es werde ja eben in Wintertal ein Schützenfest +gefeiert: »Nun, möchtest du nicht auch mit dabei sein, +Großmama?« – »Es wird ohne mir ach gehn.« – »Aber +es ist zu Ehren unseres Kaisers. Liebst du nicht unsern +Kaisern? Ich habe ihn sehr gern?« – Ziemlich gleichgiltig +wandte sie sich ab: »Warüm nicht. Er soll +immer gut zu die Jehudim gewesen sein.« Vergebens +suchte ihr die Mama klarzumachen, daß das jetzt nicht +mehr so sei, mit dieser Scheidung von Juden und +Christen. »Laß mich gehn. Wenn's emol zu etwas +kommt, so geht's doch nur wieder über die Jehudim +her. Es hat immer noch für uns e miesen Ausbruch +genommen.« – Sie wurde ganz traurig. Um sie zu +erheitern, erzählte ihr Arnold, daß er in einem Komitee +<a class="pagenum" name="Page_159" title="159"> </a> +sei (verstand sie das Wort? Ja, sie nickte), mit vielen +Christen beisammen und daß man sich da sehr gut +vertrage. Man habe ein lustiges Festessen gefeiert, alle +mit einander. »Ja, das können se, fressen und saufen, +die Chaserim.« Er verzweifelte, doch machte er noch +einen Versuch, indem er ihr von einer Freikarte erzählte, +die er als Mitglied des Komitees habe, für +alle Bahnen. Also auch hierher sei er umsonst gefahren. +Er zeigte die Legitimation. (Tatsächlich hatte +die Eisenbahndirektion den Ausschußleuten Ermäßigungen +für die Strecke nach Waldbrunn gewährt.) +»Nu, das is schön« er hatte das Richtige getroffen +»da erspart man eppes. Da nimmste de ach die Mama +mit, nicht wahr.« Er lachte: »Nein, das geht nicht.« +Und die Großmutter erzählte, wie ihr einmal fünf +Kreuzer an der Bahnkassa gefehlt hätten und der +Beamte dort sie nicht habe mitfahren lassen wollen. +<ins title="«So">»So</ins> e Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das +geworden, in dem Gedränge, sie habe sich aber nicht +wegdrängen lassen, bis ein Herr hinter ihr gesagt habe: +So ein Skandal wegen fünf Kreuzern – die alte Frau – +und ihr das Geld geschenkt habe. – Die Mama zuckte +nervös zusammen, Arnold amüsierte sich, dabei fühlte +er aber, daß er etwas vergessen habe, bei einer schon +vergangenen Wendung des Gesprächs, so schnell ging es +jetzt. Während die Großmutter weiterplauderte und immer +so vergnügt, als entschädige sie sich jetzt für langes Alleinsein, +fiel es ihm ein: »Aber hier hast du dich ja +nicht zu beklagen. Hier in der Gegend scheinen ja +lauter so freundliche offene Leute zu sein, und alle so +schön.« »No ja« meinte sie »selten sieht man so e +Larvengesicht. Aber jetzt sind ach Böhmacken hier, so +ein Haderlumpgesindel, Zorbechol. Was, die verkafen +<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a> +for e Kraizer, was früher hat e Gülden gekost.« Sie +entfesselte laute Anklagen gegen die Konkurrenz. Arnold +erinnerte sich indessen wieder an etwas, was er vorher +hatte fragen wollen: »Du hast schon mehrere Kaiser, +erlebt, was?« Zuerst verstand sie ihn nicht. »Mehrere +Regierungen von Österreich.« Das wußte sie nicht. +Aber einmal hatte sie eine Krönung gesehn: »Do war +ich in Prag, und da hat sich was angetan mit Wagen +und Neugierigkeiten.« Der Krieg von Sechsundsechzig +fiel ihr ein, dann die Türken und Russen. »Meinthalben +sollen se sich die Köppe herunterschlagen«, als sei +dies alles gestern oder heute geschehn. Sie wußte +alles, sie verstand alles und man konnte daher nicht sagen, +ihr Blick sei beschränkt. Wie kam es trotzdem, daß +alles, wie es in ihren Kreis trat, das Merkmal ihrer +eigentümlichen Anschauungsart trug. Arnold hätte es +gern an dem Naheliegendsten erforscht. Er machte sie +also auf seine neue Krawatte aufmerksam. »Sehr schön« +war das Urteil, nach einer strengen Pause jedoch folgte: +»aber so verwändlich.« »Ja, da mußt du dich in Acht +nehmen« lachte ihn die Mutter aus. – »Tut nichts, +wir haben uns doch gern« rief er und strich ihr über das +Haar, das jetzt zu einer runden festen Frisur aus den +Zöpfen geschlichtet war »Ich hab eine schöne Großmutter.«</p> + +<p>Jetzt verlangte sie aber schon dringend, aus dem +Bett zu steigen. Dabei rief sie die Mama zu sich und +sagte ihr etwas ins Ohr, was diese sehr zu freuen +und umzustimmen schien, denn sie half ihr sofort auf. +Auch Arnold unterstützte und es war eine ziemlich schwere +Sache, die Beine der Greisin von der hohen Bettkante +allmählich vorsichtig auf den Boden zu stellen … +Arnold sah sie nun zum erstenmal ganz vor sich. Sie +stand da, in ihrer zerknitterten Nachtjacke und im roten +<a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a> +Unterrock, viel kleiner noch als er sich sie aus der +liegenden Stellung heraus vorgestellt hatte, mit ganz +gewölbtem Rücken, den Hals verfallen, mit einer tiefen +Rinne zwischen den schlaffen Muskeln. Langsam atmete +sie und ging, indem sie sich zu beiden Seiten am Bett +und am Sessel stützte, nur so fortschob. Man brachte +ihr Pantoffeln. Ihre Beine waren dünn, doch an manchen +Stellen geschwollen, die Adern hervortretend wie hartes +rotblaues Holzgeflecht. Und wenn sie ihren <ins title="Ärmel-">Ärmel</ins> +aufstreifte, sah man die Haut bis zum Ellbogen in +zahllosen regelmäßigen Furchen, einem schwachgewellten +braunen Meere ähnlich, dünn, beinahe durchgewetzt +und so lose, über dem mageren Fleisch, daß sich diese +Faltenwellen zusammenzogen und wieder abflachten, +wenn sie den Arm rieb. Sie keuchte und bückte sich +immer tiefer. »De Füß, de woll'n halt nimmer.« Die +Mutter hielt sie fest, hüllte sie in die schwarze Jacke +ein und führte sie hinaus. Da hatte Arnold, gerade +wie ihr Rücken in der Türe verschwand, einen Moment +lang, nur einen Moment, ein flüchtiges unklares unnatürliches +Gefühl wie von Sinnlichkeit, diesem widerstandsfähigen +Körper gegenüber, dieser historischen +Schönheit in all dem Ruin, wunderliches Zeug fiel +ihm ein und er lachte keck auf, um es zu verscheuchen.</p> + +<p>Nach einer Weile kehrten die beiden zurück. Die +Großmutter setzte sich auf das Kanapee, dort sitze sie +immer am liebsten. »Aber du willst es doch nicht +haben, das Kanapee« widersprach Arnold. Sie hielt +es nicht für nötig, ihn aufzuklären, obwohl ihre Miene +sehr verständig, gar nicht zerstreut, blieb. Von hier +aus konnte sie durch die beiden Guckfensterchen hinaussehn, +das eine führte gegen ein mehrstöckiges Hofgebäude, +auf der andern Seite war gleichfalls das Licht beinahe +<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"> </a> +ganz durch einen Gartenzaun abgeschnitten, hinter dem +man eine grüne Pumpe, ein Gärtchen und einen jener nicht +sehr reinlichen engen Wege sah, wie sie seitlich zwischen +Hausmauer und Zaun zu führen pflegen … Über +jedes Fenster wußte die Großmutter Auskunft. Dort +wohnte ein Koch, ein geschickter Mensch, und dort die +Witwe hatte drei Töchter, von denen die älteste an einen +Juden verheiratet war und so glücklich, daß die zwei +ledigen Schwestern auch nur Juden heiraten wollten. +Die Schusterin dort dagegen hatte sie im Verdacht, +daß sie ihr ein Pulver gestreut habe, »aus Asis«, +wovon sie eben den jetzigen Husten habe. Es war +eben eine Freundin von Frau Keller. »Oine mit Moine.« +Ihr Schwager habe neulich das Hotel gekauft, in dem +jener Koch angestellt war, und so billig … Der Besitzer +war damals betrunken gewesen und habe es ja auch +nachträglich zurücknehmen wollen, aber da war es +schon »mit Zeugen festgemacht. Ja so ist's in der Welt. +Der eine kommt dazü, der andere davon« … Arnold flocht +ein, was er ihr schon vormittags erzählt hatte, daß auch +einer seiner Freunde jüngst ein großes Geschäft gekauft +habe. »So?« Das hatte sie schon wieder vergessen. +Aber mit erstaunlichem Gedächtnis kam sie wieder +auf frühere Dinge zurück. Einmal, bei irgend einem +Besuch, habe ihr Poldis Frau nur »Nickelsupp« vorgesetzt +(womit sie »Kaninchensuppe« meinte), während +die Familie selbst Torte zum Mittagmahl hatte. Nickelsupp, +so was!… Lauter Erfindungen, kopfschüttelte +die Mama … Ein Fleischhacker habe die kleine Regie +heiraten wollen, als sie erst siebzehn Jahre alt war. +Die Eltern des Herrn Beer wollten ihr einmal sechshundert +Gulden geben, wenn sie die Partie zurückgehn +lasse. Aber da sei sie, die Großmutter selbst, aus +<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a> +Wintertal herangefahren und habe ihnen den Kopf +zurechtgesetzt: die Hauptsache sei, daß ein Mädel koscher +kochen könne, das Fleisch tüchtig einsalzen und da sei +ihre Regie die Richtige … »Eine Idee hast du gehabt, +daß ich überhaupt verlobt bin! Ja viel gekümmert +hast du dich um uns« sagte die Mutter, mit zärtlicher +Bitterkeit, indem sie ein Glas mit Himbeersaft vom +Kästchen nahm »Willst du nicht ein bißchen? Sonst +trocknet dir noch die Kehle, von dem vielen Erzählen.« – +»Hast e Geruschber! Stell das Tippele hin.« – »No ein +bißchen.« – »Aber Mama, du mußt doch deiner Mama +folgen. Wirst du gleich das Tipfel hinstellen« befahl +Arnold mit komischem Ernst.</p> + +<p>Ohne zu klopfen war der Doktor eingetreten, ein +stattlicher Mann mit blondem rundgeschnittenem Vollbart, +er lächelte: »No, Mutterle, wieder ganz beinand.« – +Arnold machte sich ihm bekannt, die Mama kannte +ihn schon von früheren Krankheitsfällen her: »Nicht +sagen läßt sich die Mutter, sie folgt halt nicht.« – »No, +wir werden sehn« erwiderte der Doktor, fühlte den <ins title="Puls.">Puls:</ins> +»fieberfrei.« – »Die Mutter will die Medizin nicht +nehmen« klatschte ihm die Mama. – »Medizin müssen +Sie nehmen, Frau Goldberg, das geht nicht«. Er +sprach laut und eindringlich zu ihr, wie man gewöhnlich +zu ganz alten Leuten spricht, er drohte beinahe »das +geht nicht«, doch, wie es schien, ohne auf besondere +Wirkung zu rechnen. Sie nickte, ängstlich und folgsam. +Indessen hatte man ihm einen Sessel gebracht, mit +einer Geberde, als sei dies ein Vorzugssessel, obwohl +nur zwei ganz gleiche da waren. Er ließ sich nieder, +indem er auf seine breiten Schenkel klatschte: »No, +hammer uns wieder aufgerappelt, was?« und legte +seinen Kopf an ihren Rücken. Nach vorn gebeugt saß +<a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a> +die alte Frau auf dem Kanapee, die Augen ins Ungewisse, +geduldig wie ein Lammerl, während der Doktor, +immer den Kopf an ihrem Rücken, mit dumpferer +Stimme redete: »Was wollen Sie haben, gnädige +Frau Beer, man muß sie lassen, sie weiß schon selbst +was ihr am besten taugt … Tut es Ihnen hier weh« +fuhr er in veränderter Stimmlage fort, während er +den Rücken der Großmutter mit einem Finger beklopfte, +dessen Spitze er aus der Krümmung hervorschnellen +ließ »Nein? und hier? Ein bißchen. Und hier?… +Wie viel Kinder haben Sie gehabt.« »Vier« war die +Antwort mit schwacher befangener Stimme. Die Mutter +war erschrocken, machte Zeichen gegen Arnold hin, nein, +was sich diese Großmutter schon alles einbildete, sie +waren doch nur drei gewesen. »Ans is tot zur Welt +gekommen« sagte die alte Frau, ihre Gedanken erratend. +»Davon hab ich aber bisher kein Wort gewußt« +flüsterte Mama, doch schien sie diesmal eher zum Glauben +geneigt. Der Doktor pochte weiter. Nun als schiebe +er die Patientin beiseite, richtete er sich auf: »Ein +Vergnügen, das Mutterl zu sehn. In meiner Praxis +sind mir noch nicht viele solcher Fälle vorgekommen, +was glauben Sie. Keine Spur von Altersschwäche. +Gehör, Gedächtnis, Augen, alles intakt. Sie können +von Glück reden.« Was spricht er, dachte Arnold, er +tut, als wäre die Großmama gar nicht vorhanden, +und trotz all seiner Gemütlichkeit und Freundlichkeit +schien ihm der Doktor dumm und unfein, eben mit dieser +alten Frau verglichen. Und nun gar, als er abschweifte +und von seiner Praxis zu reden anfing, sich breit machte +mit Sechs-Uhr-früh-Aufstehn und Arbeiten-bis-zehn-Uhr, +und dann noch die Gutachten für Gerichte, Versicherungsanstalten, +das Geschmiere, was glauben Sie … +<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"> </a> +Arnold fragte ihn, wie lange es mit der Krankheit +noch dauern könne. »Husten Sie noch?« wandte sich +der Arzt an die Großmutter, der die Mama indessen +wieder ins Bett geholfen hatte. »Ja, e bissele.« »Ich +werde Ihnen ein anderes Mittel aufschreiben« sagte +der Doktor und zog auf einen Ruck die Füllfeder und +sein Ledertäschchen mit dem Rezeptblock hervor, legte +es aufs Knie und schrieb. »E Mittel mecht ich habn, +unter die Erd zu kommen« sagte die Großmutter, wie +aus einer andern Welt her, und schaute ihn dabei +mit einer gewissen überlegenen Schalkhaftigkeit an. +»Aber Mutterle, über der Erde ist's doch viel schöner … +Nicht?« wandte er sich breitspurig an Arnold und die +Mama »Über der Erde ist's doch viel schöner, was +glauben Sie.« Er zeigte lachend seine großen weißen +Zähne und meinte noch, sachlich: »So lange sie hustet, +ist's gut. Der Schleim muß heraus … Ja, gestern +wie ich hier war, da hab ich nicht gemeint, daß sie +sich so schnell wieder herausmachen wird. Aber das +ist es halt, dieses Fieber tritt manchmal auf, es ist +noch nicht genügend beobachtet worden, in den medizinischen +Fachschriften finden Sie nichts darüber, nur +ein Praktiker kann Ihnen das sagen, dieses Fieber also +tritt bei älteren Leuten mit einer enormen Heftigkeit +auf, achtunddreißig, vierzig Grad, man meint, jetzt +muß die schönste Influenza kommen, mindestens ein +Typhus. Und dann ist's auf einmal nichts. Reines +Fieber und vorbei, aus.« In Arnold erwachte für +einen Moment die Erinnerung an zahlreiche ermunternde +Gespräche mit seinem Freund Löb: »Nun, werden Sie +das nicht genauer beobachten? Werden Sie nicht darüber +schreiben?« – Der Arzt sah ihn förmlich mitleidig an: +»Ich und schreiben! Wo hab ich denn Zeit« und er +<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a> +kam auf seinen seltsamen Studiengang zurück, beinahe +wäre er Dozent geworden, nun, man wisse nicht, ob +es so nicht besser sei. Die Arbeit sei sein größtes Vergnügen, +da fühle sich der Mann. Von früh bis Abend +zu tun.… Die Mama war beunruhigt: warum er +bei so einem großen Einkommen nicht heiratete … Er +lachte kräftig: wozu er das nötig habe, ihm fehle ja +nichts, er sei zufrieden … »Dos da« mischte sich jetzt +die Großmutter ein, die nur scheinbar teilnahmslos dagelegen +war »Dos da is e Köppile, mei Arnoldele, +der is ach tüchtig, der hat Chochme, er schreibt ach in +Zeitungen.« Das hatte ihr die Mutter erzählt und +jetzt brachte sie es instinktiv gegen die Protzereien des +Doktors vor. »So, das interessiert mich aber sehr« +wandte sich der Doktor an ihn und redete längere Zeit +darüber, daß er sich nicht oder doch erinnere, seinen +Namen einmal gelesen zu haben, und: »Was für ein +Genre kultivieren Sie?« Er werde von nun an achtgeben. +Bei der Erwähnung von Arnolds Reisebriefen +kam er auf seine Reisen zu sprechen, jedes Jahr zwei +Monate lang – was glauben Sie, einmal im Jahr +muß man tüchtig ausspannen. Er gab sich in diesem +Zusammenhang auch noch als »Nimrod« zu erkennen. +So blieb er beinahe eine Stunde und Arnold +sagte sich, daß er freilich auf diese Art mit seinen +Patienten bis Abend nicht fertig sein könne. Doch +sofort korrigierte er sich innerlich: es ist dies ja seine +einzige Visite, das betrachtet er wohl nur als Erholung, +ich habe ja den Andrang in seiner Wohnung gesehn – nur +nicht ungerecht sein – so ein netter Mensch. Die +Großmutter schien er allerdings über seinen Erzählungen +etwas vergessen zu haben, nur als sie hustend seufzte, +rief er ihr zu: »Was wollen Sie! Sie sind die Gesündeste +<a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a> +hier im Zimmer. Sie werden uns noch alle +überleben.« Im Weggehn stieß er an die Kohlenkisten +und, als müsse er alles wiederholen, was Frau Lichtnegger +über ihn berichtet hatte, ließ er zum Abschied den +Witz fallen: »Nun, was für Schätze haben S' denn +da eingesperrt, Mutterle. Das ist ja wie im Märchen.«</p> + +<p>Sie atmete auf, als er draußen war: »Hast e Kol +gehabt. Alles nur was wahr is.« Dann wurde sie +stiller, da gegen Abend ein leichter Fieberrückfall sich +wieder einstellte … Arnold mußte ans Weggehn +denken, es war spät geworden, und in einer angstvollen +Unruhe fragte er sich, ob er noch einmal im Leben +dieses liebe Gesicht, den eingesenkten Mund, den er +küßte, wiedersehn würde, ob das nicht ein Abschied für +immer sei … Er konnte nichts herausbekommen, was +ihren Anschauungsformen entsprochen hätte. Und doch, +wie gern hätte er etwa vorgebracht, daß dieses Wintertal, +bisher ein ihm gänzlich gleichgiltiger Flecken, von nun +an eine ungeheure Bedeutung für ihn habe – daß er +es stets in seinem Rücken wie eine Festung spüren +werde – oder was für eine seltsame Reise hierher das +eigentlich gewesen sei, da er von der Stadt aber nicht +den geringsten Eindruck gewonnen habe, nicht einmal +wisse, wo der Marktplatz sei, daß diesmal sich alles nur +zu ihrem Bilde verdichtet habe und alle Straßen nur +Linien waren, die durch farblose Luft zu diesem Bilde +hinführten … Er stammelte und, während er rot wurde, +fühlte er, daß seine Wangen schon von früher her heiß +waren, daß er wohl seit dem Morgen mit dieser Röte +gezeichnet herumging. Und plötzlich brach ihm ein +Strom von Tränen wie aus dem Innern des Kopfes +hervor, in die Augen, während er sich zu ihr niederbeugte: +»Großmutter, liebe, liebe …« – Die Großmutter +<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a> +indessen schien sich über den Abschied weniger +aufzuregen, als er gefürchtet hatte. Nur ihre Hände +zitterten, die sie ein Weilchen auf seinem Kopf hielt, +um ihn zu segnen.… Die Mutter blieb wohl noch zwei +Tage lang hier, sie trug ihm auf, einiges dem Papa +und den Dienstmädchen auszurichten … In der Stube +war es nun ganz dunkel. Die Mutter hatte eine neue +Petroleumlampe gekauft und schickte sich an, sie anzuzünden, +während Arnold langsam hinausschritt. In +der Türe blickte er sich um, fing aber keinen letzten +Blick der Großmutter mehr auf, da sie gerade der +Mama angelegentlich, mit gespanntem Gesicht in die +Hand schaute. Der Docht flammte auf und beleuchtete +ihre Stirn, auf der die zwei Halbkugeln über den +Augenbrauen je einen blitzenden Punkt bekamen, wie +selbstleuchtende kleine Sonnen. –</p> + +<p>Beinahe verfehlte er den Zug. Welchen Zug denn? +– Natürlich nicht den in seine Heimat, sondern über +Dresden nach Berlin. – Sowie er die Hütte verlassen, +hatte ihn nämlich dasselbe Gewirr wie zu Mittag befallen. +Auf dem Bahnhof aber war mit einem Mal sein +Plan fertig, wurde ihm wie auf einem Teller von unsichtbarer +Hand vor das Gesicht geschoben: sofort an +Gottfried Eisig telegraphieren, daß er den Journalistenposten +in Berlin annehme, den Eltern dasselbe, und +sofort nach Berlin abreisen, obwohl es dort nur hölzerne +Treppen, keine steinernen gab. – Plötzlich sah er +sich aus den kleinen Verwicklungen seiner Heimatstadt +herausgehoben, vor ein neues Leben gestellt, als hätte +ihm die Großmutter erst gezeigt, wie groß die Welt +sei und wie verschiedenartig die Möglichkeit zu wirken für +den Energischen. Und zwischen den glatten hellerleuchteten +Wänden des Eisenbahnkoupees, den Blick auf das +<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a> +schwarze Viereck des Fensters geheftet, auf die Nacht +da draußen, überkam ihn eine schier übermenschliche +Freude … Was lag ihm am Komitee, was an Lina! +Es würde schon nicht das Ärgste geschehn, es würde +sich schon irgendwie aussitzen. Was war denn eigentlich +dabei. Ihre Worte klangen ihm im Ohr: An +Heiratsanträgen habe ich keinen Mangel. Und dann, +sie hatte sich ihm an den Hals geworfen, mochte sie +dafür büßen. Ebenso dieses Komitee, genau so … +Er spürte in sich den bisher nie geahnten Willen, hart +und rücksichtslos vorzugehn, über die Köpfe dieser unbedeutenden +Menschen, die sich an ihn hängten, mit +Gleichgiltigkeit hinweg. Und lustig noch dazu, ohne +viele Umstände. Diese Lina – den ganzen Tag hatte +er an sie nicht gedacht – jetzt erinnerte sie ihn mit ihrem +Gerhart an der Hand an die klägliche Frau Lichtnegger +mit ihrem einfältigen Jungen, nur daß sie noch außerdem +diesen Exophthalmus hatte, den ekligen, diese +kupplerischen Rollaugen, die ihm sogar krankhaft +schienen, da er sich nun auf den medizinischen Namen besonnen +hatte. Es war ihm fast, als hätte sie ihn <ins title="be eidigt">beleidigt</ins>, +als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. +Weg damit! Es war nicht die Hauptsache … Vielmehr +dies: tüchtig sein, endlich etwas leisten, mit sich +selbst zufrieden sein, so lange man lebt, und wenn man +schon die unglückliche Gabe der Vielseitigkeit und Gewandtheit +in sich hat, diese Üppigkeit in den einzig +hierfür möglichen Beruf leiten: den Journalismus. Er +hatte die bescheidene Idee, daß dies allerdings nicht +das Letzte, Tiefste, für die Menschheit Wichtigste sei – +und doch, nun da er erkannt hatte, daß darin seine +eigentliche Begabung lag und daß sein Leben eigentlich +von Jugend an darauf hingezielt hatte, nun fühlte er +<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a> +eine Liebe zu dieser Öffentlichkeit und allseitigen Bewegung +in sich, ein Feuer, das selbst einen geringeren +Gegenstand geadelt hätte. Es war ja so schön: reden, +schreiben, heiß sein, immer im Galopp, aus der weißen +kreidigen Asphaltwüste einer ungeheuren Stadt Lorbeerhaine +und grüne duftende Zedern aufreißen, alles mit +sich ziehn, Bühnen gründen, Vereine, neue Stile, +Warenhäuser, Reichtümer – o, es mußte glücken! Denn +nun liebte er auch sich selbst – zum erstenmal in seinem +Leben – sich selbst und alles, was aus ihm herausdrang. +Er war allein mit sich und doch nicht unzufrieden +wie sonst immer, er fand sich selbst sympathisch, +so wie er sich als Resultat der Wanderungen und Untaten +seiner Väter erkannt hatte, ihrer Jahrtausende +alten Verblendungen, ihres Blutes, ihrer Tugend und +ihres Überschwangs. In seinem unmäßigen Temperament +faßte er heute zum erstenmal das Erbe jenes biblischen +Zornes, mit dem ein Volk von Raubtieren aus der +Wüste sich über den Jordan schüttet und die Städte +unbekannter Stämme mit der Schärfe des Schwertes +austilgt, jenes Zornes, den Simson in lachenden, vor +Lachen beinahe sinnlosen Heldentaten ausübt. Arnold +fühlte Boden unter seinen Füßen, das war es, zum +erstenmal … und wie sich ihm eine ganze Nation, +eine Reihe von klotzstirnigen gewalttätigen aufdringlichen +Ahnen erschloß, zu deren Füßen unglückliche +Opfer, häßlich schreiend, verbluteten: so spürte er doch +zugleich auch in sich all ihre in die Luft verhauchten +Zärtlichkeiten, ihre feinnervige Sehnsucht, ihr Klagen +wie das Rauschen eines Waldes, ihr freundliches und +gescheites Aufpassen mit Lichtpunkten in den Augen, +ihre kühnen unerschrockenen Würfe, ihr natürliches +Führertum und Erzählertum, ihren selbstverständlichen +<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a> +Lebenswandel, den man fast fromm nennen konnte, +und ihre Ergebung in das große Schicksal aller Menschlichkeit, +nicht zu ergründen und deshalb nicht zu beklagen.</p> + +<p>So saß er und bald beschäftigte ihn, da die Erregung +nachließ und endlich der feste Entschluß wie +ein starrer Goldklumpen zurückblieb, nur der Gedanke, +ob er auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin rechts oder +links aussteigen werde. Das heißt: er wußte, nach der +Fahrtrichtung, daß der Zug von Südosten in den Bahnhof +einfahren müsse und daß also zur rechten Hand +auszusteigen sei, denn auch die Lokalität dieses Bahnhofs +war ihm von früheren Berliner Aufenthalten her +wohlbekannt. Beim Einsteigen in Wintertal mochte er +aber irgendwie die Richtungen verwirrt haben, kurz, +nun hatte er immer das Gefühl, daß der Bahnhof +links kommen werde. Er rückte von einer Bank auf +die andere, versuchte gleichsam seinen Kopf umzudrehen, +umzustülpen, vergebens, die richtige Orientierung wollte +sich nicht mehr einstellen. Endlich ergab er sich in +seinen Wahn, lächelnd, da die Lösung bei der Einfahrt +sich sowieso von selbst einstellen mußte, und nahm die +seltsame, ja geheimnisvolle Unordnung dieser Nachtfahrt +für den letzten Ausklang seiner jugendlichen Ziellosigkeit, +die jetzt für immer abgetan war.</p> + +<div class="antiqua"> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_172" title="172"> </a>Nachwort</h2> + +<p class="drop-cap">Dem geneigten Leser wird es nicht entgehn, daß +der Dichter in diesem Buche mit verstärkter +Entschlossenheit in einer Richtung fortschreitet, die er +in seinem letzten Roman »Jüdinnen« begonnen hat.</p> + +<p>Da also Vorwürfe und Einwände, die gegen die +»Jüdinnen« erhoben wurden, das neue Buch wiederum +treffen dürften, und zwar verdoppelt – denn man +wird mit Recht dem Dichter vorhalten, daß er auch +wohlwollende Ausstellungen sich nicht zu Nutze hat +machen wollen, man wird ihn engherzig und verstockt +nennen –: so wird es wohl nicht müßig scheinen, +wenn ich auf einige dieser Vorwürfe an dieser Stelle +eingehe, nicht um sie zu entkräften – denn kann ehrlich +aus dem Herzen Geschleudertes jemals entkräftet +werden –, sondern nur, um zu zeigen, wie ich diese +Vorwürfe in meinem Innern geordnet, gruppiert, teilweise +mit meinem Willen in Übereinstimmung gebracht +und teilweise der allgemeinen Harmonie der Welt zum +Ausgleichen überlassen habe.</p> + +<p>Nun an die Sache!</p> + +<p>Da sei zunächst für das vorige Buch, wie für dieses +und für alle meine zukünftigen das Mißverständnis, +als seien in den hier handelnden Personen irgendwelche +lebende Menschen meiner Umgebung porträtiert +worden, weit zurückgewiesen. Wohl haben Beobachtungen +des Wirklichen und Gedanken, die mir das +Leben selbst eingab, in meine aufbauende Arbeit bewußt +und unbewußt eingespielt; doch hat jedes, auch +das geringste tatsächliche Detail durch seine Einfügung +in ein ganz andern Gesetzen und höheren Zielen +folgendes Ganzes so gründlich seine Wesenheit geändert, +<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a> +daß ein Rückschluß von dem Kunstwerk auf +den verarbeiteten Rohstoff zu den willkürlichsten +Irrungen führen muß – wie denn überhaupt der Satz, +daß alle in einem Kunstwerk irgendwie vermutete +handgreifliche Wirklichkeit sich letzten Endes als eine +Wirklichkeit höheren Ranges, mithin für den gemeinen +Kopf als ein bloßer Schein darstellen muß, +hier durchaus und im strengsten Sinne statthat.</p> + +<p>Ein ebenso entschiedenes »Nein« kann ich der +zweiten Gruppe der Unzufriedenen nicht entgegensetzen: +denen, die die Figuren meines Romans +»Jüdinnen« oder doch ihre Mehrzahl als »unsympathisch« +bezeichnet haben. Zwar liegt auch diesem +Urteil eine allzu enge Anschmiegung von Lebens-Maßstäben +an das Kunstwerk zu Grunde und das +Beiwort »unsympathisch« gehört eher in die Schule +des täglichen Verkehrs als in den Mund eines Kunstrichters: +doch will ich mich auf diesen frostigen Standpunkt +nicht zurückziehn, lieber gestehn, daß ich selbst +mit den erfundenen Gestalten der »Jüdinnen«, mit +Irene, Olga, Hugo und den andern, nicht nur durch +literarische Gefühle, auch durch menschliche Parteinahme +und Liebe mich verbunden fühle. Durch +Liebe: damit habe ich ausgesprochen, was ich auf +den Vorwurf des »Unsympathischen« zu erwidern +habe. Ich gebe zu, daß meine Gestalten, als Menschen +betrachtet, böse Züge und Charakterfehler aufweisen; +aber eben ihr Fehlerhaftes und damit das +Fehlerhafte eines ganzen Menschentypus, zum Beispiel +aller Jüdinnen wie Irene, als etwas durch ungünstige +Lebensumstände Bedingtes, als Krankhaftes, Unverschuldetes, +Notwendiges, durch besondere Zufälle +sogar Heilbares anzusehn, das wollte ich lehren. Für +<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a> +mich ist Irene weit eher bemitleidenswert als unsympathisch. +Der flüchtige Betrachter nur wird bei einem +Verdammungsurteil über unglückliche Wesen stehn +bleiben, deren Aufschreie, deren tüchtigen Kern und +bis an das Himmelsgewölbe reichende Wichtigkeiten +meine eindringendere Darstellung aufdecken wollte, +die freilich ohne eindringenderes Lesen, ja Studium +des Buches wirkungslos bleibt.</p> + +<p>Von hier ist nur ein kleiner Schritt zu machen, +um dem Tadel, diesen Büchern fehle die »Handlung«, +entgegenzutreten. In ihnen ist freilich keine Kaiserkrone +zu vergeben, auch Mord und Raub kommt +nicht vor. Es werden Vorgänge geschildert, die +einem Nichtbeteiligten oft als geringfügig erscheinen +mögen. Aber eben nur dem Nichtbeteiligten. Daß +aber die Geschehnisse die ganze Seele der handelnden +Personen, ihr Edelstes und ihr Niedrigstes, aufwühlen, +daß nur von außen gesehn alltägliche und +langsam fortschreitende Tatsachen, aus dem Herzen +der Betroffenen gesehn aber schnelle Umstürze, +Überraschungen, Verwicklungen, Mord und Raub +vor sich gehn: das haben fühlende Leser wohl +nicht unbemerkt gelassen und das weiter auseinanderzusetzen, +würde mir wenig anstehn.</p> + +<p>Noch zwei Gegenstimmen. Mein Buch sei zu +ausgeprägt jüdisch, sagt die eine und die andere, +es sei nicht jüdisch genug. Nun könnte ich mit einer +nicht einmal sophistischen Wendung diese beiden +Sätze gegen einander ausspielen und gegenseitig für +widerlegt erklären. Doch würde mich eine solche ausweichende +Art der Möglichkeit, mich mit meinen +Lesern rechtschaffen zu verständigen, berauben und +ohne die ehrliche Hoffnung auf eine solche Verständigung +<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a> +hätte ich ja diese ganze Ausführung ungeschrieben +lassen können. Ich will also lieber annehmen, +daß hinter diesen beiden schnellen Einwänden +ein dritter, wenn auch nur dunkel gedacht, verborgen +liegt und daß er etwa darauf abzielt: meine Bücher +hätten keine entschiedene Tendenz, kein Ethos, sie +äußerten trotz ihrer Titel keine eigentliche Meinung +über das Wesen und die Zukunft des Judentums. – +Wie nun aber, wenn gerade in diesem Nichtäußern +ein Stück meiner Meinung über das Judentum, ja +meines ganzen weltanschaulichen Wollens läge! Ich +habe es nirgends unternommen, den Typus des Juden +oder der Jüdin zu schildern, weil ich einen solchen Typus +genau gesprochen nicht anerkenne. Vielmehr scheint +mir die Mannigfaltigkeit und das Umfassen vieler +Gegensätze dem Judentum sehr wesentlich zu sein, +und ich habe dementsprechend meine Aufgabe darin +gesehn, zunächst für kleinere Gruppen von Juden +einen Typ zu bilden. Als solcher Typ einer immerhin +ziemlich umfassenden Menschheitsgruppe wollen +Irene, Olga u. s. f. angesehn werden, und auch das +vorliegende Buch stellt »das Schicksal <em class="gesperrt">eines</em> Juden«, +<em class="gesperrt">vieler</em> Juden vielleicht, aber nicht einmal andeutungsweise +<em class="gesperrt">aller</em> dar. Es sollen vielmehr in einem Zyklus +weiterer Romane ganz andere, zum Teil entgegengesetzte, +ergänzende Typen so lange auftreten, bis ein +Aufsteigen von dieser Typenreihe zu einem höheren +Typus vielleicht möglich erscheint, vielleicht als undenkbar +für immer abgelehnt wird. In diesem erhofften +Zeitpunkt wird sich das Bild des Gesamtjudentums +allerdings, wie ich schon jetzt voraussehe, +wesentlich komplizierter, kräftereicher, fließender, vor +allem auch harmonischer darbieten als es seinen jetzigen +<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a> +wohl allzu einseitigen, wenn auch in manchem Hinblick +vortrefflichen Theoretikern wie Birnbaum, Sombart, +Buber, Zollschan u. a. erscheinen kann.</p> +</div> + +<p class="right" style="margin-top: 14em; font-size: smaller;">Albert Ullrich Buchdruckerei<br/> +Berlin SW68/Hollmannstr. 22</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Arnold Beer, by Max Brod + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ARNOLD BEER *** + +***** This file should be named 34782-h.htm or 34782-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/4/7/8/34782/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/34782-h/images/cover.jpg b/34782-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b0f1115 --- /dev/null +++ b/34782-h/images/cover.jpg diff --git a/34782-h/images/logo.png b/34782-h/images/logo.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a53e839 --- /dev/null +++ b/34782-h/images/logo.png |
