diff options
Diffstat (limited to '34782-8.txt')
| -rw-r--r-- | 34782-8.txt | 5307 |
1 files changed, 5307 insertions, 0 deletions
diff --git a/34782-8.txt b/34782-8.txt new file mode 100644 index 0000000..8961c68 --- /dev/null +++ b/34782-8.txt @@ -0,0 +1,5307 @@ +The Project Gutenberg EBook of Arnold Beer, by Max Brod + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Arnold Beer + Das Schicksal eines Juden + +Author: Max Brod + +Release Date: December 29, 2010 [EBook #34782] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ARNOLD BEER *** + + + + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + Und Simson sprach: + + »Mit dem Kinnbacken eines Esels einen + Haufen, zwei Haufen -- mit dem Kinnbacken + schlug ich tausend Mann. Und als er vollendet + zu reden, da warf er den Kinnbacken + aus seiner Hand und nannte selbigen Ort: + Ramath-Lechi.« + Die Richter, 15 + + + + + Max Brod + + Arnold Beer + + Das Schicksal eines Juden + + Roman + + + Axel Juncker Verlag + + Berlin/Charlottenburg + + + + +I. + + +Arnold Beer war ein hübscher junger Mann, nicht einmal sehr +elegant, aber da er in der Stadt häufig mit den elegantesten +Leuten zusammen -- überdies auch oft mit anderen -- angetroffen +wurde, nannte man ihn den Eleganten. »Aha, da kommt das Gigerl«, -- +oder »Die Parta ist da. Ich erkläre den Bummel für eröffnet«, hieß +es am Abend auf dem Korso, wenn in den Reihen der gewohnten +Spaziergänger und Nichtstuer Arnold samt seiner Freundschaft +erschien; denn schon hatte man hier und dort begonnen, sein +unnützes Treiben mit einigem Mißwollen zu beobachten. -- Was überdies +seine Eleganz anbelangt, so irrten die Leute ganz entschieden. +Näher betrachtet, bestand Arnolds so effektvolle Kleidung durchaus +nicht aus den tadellosesten Stücken, war vielmehr häufig betupft +mit einzelnen großen und mit vielen kleinen Flecken und Tropfen, +manchmal auch leicht angerissen und zerfasert, der Strohhut vom Regen +mattbraun überflossen und weichgedrückt, die Stiefel ohne den +rechten Glanz. Alle diese Fehler erschienen nun freilich niemals +beisammen, sondern sie führten ein einsames Dasein, jeder für sich +und an einem andern Tag, konnten aber dem aufmerksamen Beobachter +auch in dieser gleichsam fluchtartigen Abwechslung nicht entgehen. +Übrigens war Arnold selbst der letzte, der sich den merkwürdigen und +komischen Einzelheiten seines Anzugs verschlossen hätte; im Gegenteil, +er pflegte laut und ungeniert, vor Damen und Herren, auf solche +gelegentliche Schönheitsmängel hinzuweisen und sich selbst +auszulachen, um desto sicherer alle, die über ihn erschraken, +auslachen zu können. Er nannte sich -- denn er hielt für alles +Worte bereit und hatte besonders über seine so fragwürdige +Wesensart schon oft und unter Schmerzen nachgegrübelt -- »eine +typische Fernwirkung« und hob hervor, daß er diese »gute Sache« +seiner schlanken Gestalt, seinem vorzüglichen blassen Teint und seinen +feinen Händen verdanke, lauter Dingen, »für die er natürlich gar +nichts könne«, wie er in einem Anflug pessimistischer und unklarer +Philosophie hinzuzusetzen pflegte. Dann versank er, noch anschließend, +über das Thema »Kleider machen Leute« in ausgedehnte trübe +Betrachtungen. »Ja, meine Eltern haben das Geld dazu, mein Papa +ist eine gute alte Firma. Also gelange ich, wie von selbst, an den +ersten Schneider der Stadt, und der macht mir Röcke und Hosen, ohne +daß ich ihn darum bitten muß, ja bitten darf, aus den teuersten Stoffen +und nach den neuesten Schnitten. Kann ich dafür, nun bekommt sogleich +mein Anblick einen reizenden Schwung und Schmiß, ohne mein Mitarbeiten, +und ich biege ein in eine Richtung des Angeschautwerdens und sogar +des Michselbstfühlens von innen her, die mir gar nicht so besonders +paßt. Wie machtlos ist man dagegen. Schließlich würde mir ja diese +Richtung auch passen, warum nicht, hätte ich nur Zeit dazu. Aber wie +kann ich mich mit solchen Kleinigkeiten abgeben! Es geht einfach +nicht. Stärker wie Löschpapier bin ich eben nicht. Und daher auch +meine schlechte primitive Frisur, meine ungepflegten Nägel, meine +Schnalle nur am Schuh links und nicht auch rechts.« Er pflegte sich +die Haare zu scheiteln, aber aus Unlust, die richtige Teilungsstelle +zu suchen, wurde oft, wenn der erste Hieb mißlang, nur ein Gestrüpp +hängender Strähnen aus den schönen Wellen. + +Derselbe äußere Schwung nun, den er mit einiger Selbstgehässigkeit an +seinen Kleidern bemerkt hatte, wallte durch seine ganze Person und mit +so gewaltigem unwiderstehlichem Antrieb, daß er nach allen Seiten +hin sein Schicksal aufbauschte, aber auch begrenzte. -- Arnold war +eine überaus lebhafte Natur. Schon in der Volksschule hatten alle +Lehrer darüber geklagt, daß er »kein Sitzfleisch« habe, und einige +hatten später, bei aller Anerkennung seiner Intelligenz, durch mindere +Noten ihn für sein Übermaß an Temperament strafen zu müssen geglaubt. +Er antwortete auf Fragen, die niemand an ihn gerichtet hatte; er +schrie plötzlich laut auf, rannte aus der Bank und aus der Klasse +hinaus, weil er draußen einen so komischen großen Schmetterling +gesehn hatte, der sich später als eine langsam aus dem dritten Stock +herabflatternde alte Kravatte erweisen mußte. -- Einmal rief ihn +der Lehrer zum Weiterlesen auf; »Bitte, die Übung ist hier zu Ende« +meldete mit hoher Stimme der Kleine, statt in dem gewöhnlichen +dumpfen Tonfall der Schüler fortzuspinnen. Da bekam er seine erste +Strafe. »Ich soll nicht vorlaut sein«, zehnmal abzuschreiben. Seine +Lebhaftigkeit und Naseweisheit hatten ihn nämlich schon in der ganzen +Schule so berühmt gemacht, daß man immer geneigt war, in seinem +Benehmen einen kleinen Unfug zu sehn, auch wenn, wie in diesem Fall, +gar nichts daran war. Denn die Übung war wirklich zu Ende, und obwohl +die nächste Übung ja in unmittelbarem Zusammenhang mit der eben +gelesenen anschloß, wäre wohl auch ein anderer Schüler geneigt und +vielleicht kouragiert genug gewesen, mit dem Herrn Lehrer sich in einen +näheren, gleichsam kameradschaftlichen Zusammenhang durch eine +solche höfliche Frage nach dessen weiterer Absicht zu setzen statt +mechanisch einfach die leere Zeile zu überspringen und sich im Text +als armseliger Lernknabe fortzuhaspeln. Einen Pfiffigen gar wie +Arnold mußte die Situation reizen, und es soll nicht verschwiegen +werden, daß er sich schon oft genug mit aller Sehnsucht in sie +hineingewünscht hatte, als in die einzige, wo er einmal dem +hochverehrten Herrn Lehrer ebenbürtig, sozusagen als Mensch, +gegenübertreten könnte, daß er oft im voraus die Zeilen abzuzählen +pflegte, um herauszubringen, ob diesmal, nach der Sitzordnung, bei der +entscheidenden Übergangsstelle die Reihe an ihn kommen würde. Und +nun war der Moment da und Arnold hatte mit Anstand und stolzer +Gefaßtheit, vollkommen richtig, seine oft vorbereiteten Worte +herausgesungen, hatte sich ausgezeichnet ... mit diesem traurigen +Erfolg leider. Er weinte die ganze Stunde lang, denn er war sehr +ehrgeizig. Und als die liebe Mama sorgfältig um elf Uhr ihn abholen +kam und ihm das Schultäschchen abnahm, weinte er wieder, kaum +beruhigt, und erzählte alles. Nun mußte er gar noch in das schöne +verehrte Papiergeschäft eintreten, wo er sonst nur die ausgestellten +»Münchener Bilderbogen« sich anzuschaun pflegte, zufrieden und +heiter nach der Schultätigkeit, oder zaghaft die imponierenden +Schatzhaufen verschiedenartiger Klaps-, Glocken-, Kuhn-, und +Aluminiumfedern, mußte eintreten und um einen Bogen liniierten Papiers +kaufend bitten. Schon dieser Umstand, daß er einen einzelnen +gottverlassenen losen Bogen kaufen mußte statt wie sonst ein +ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm so sehr +schlampig, heruntergekommen und Sache eines schlechten Schülers, daß er +sich schämte, -- und als ihn gar noch der Kommis mit irgend einer +gleichgiltigen Frage nach der Zeilenbreite beunruhigte, brach er aufs +neue in Tränen aus und erklärte heulend: »Es ist für eine Strafe.« Er +weinte so bitterlich, daß alle im Geschäft stockten und auf den Knirps +hinsahn. Zwei in Schwarz gekleidete Damen traten näher und, tief zu ihm +herabgebeugt, begannen sie, ihm zuzusprechen. Er aber hielt die Händchen +in Fäusten vor den Augen, so daß er nichts sah und auch gar keine +Anstalten machte, zu zahlen und den Laden wieder zu verlassen. Sondern +rücksichtslos und ohne Verlegenheit ergab er sich seiner Reue und seinem +tiefen Schmerze, bis die Mutter, der das lange Ausbleiben draußen +verdächtig wurde, hereinkam und ihr Kind, dem sich inzwischen das +allgemeine Mitleid der Angestellten und Kunden, der Kassiererin, des +Geschäftsinhabers sogar zugewendet hatte, energisch herausholte. + +Natürlich konnten Strafen und schlechte Klassen dieser Lust des +lebendigen Gemüts wenig anhaben. In der Schule lernte er allmählich +die kalte Ordnung respektieren, nun warf er sich aber auf Eltern +und Verwandte. Der Vater mußte ihm schon Ohrfeigen androhn, um sein +ewig erregtes »Papa, schau ...« auf den Spaziergängen zum Schweigen +zu bringen. Niemand wollte mit ihm ausgehn, denn er war gefürchtet +wegen seiner unaufhörlichen bohrenden Fragen, die sich mit keinerlei +Ausweichen abstellen ließen. Eine Gouvernante nahm ausdrücklich +deshalb ihren Abschied. Und noch in späteren Jahren pflegte ihn +Frau Direktor Wahlberg, mit der seine Eltern verkehrten, mit einem +seiner Aussprüche zu necken: »Tante, bitte, erkläre mir, ist der Mond +ein Fixstern oder ein Planet«, das hatte er in großer öffentlicher +Prachtgesellschaft ihrer damenhaften Glätte zugemutet. + +Es kam eine Zeit, in der er von den Menschen, die seinen reißenden und +dabei so liebevollen Ansturm nicht aushalten mochten, sich abwandte +und nichts tat als stille vertrauliche Bücher lesen. Nachmittags auf +dem Sopha, wenn er aus der Schule kam; nicht liegend, nicht +sitzend, sondern zusammengekauert, den ganzen Körper zwischen Polster +und Lehne gedrängt, während das Buch frei auf dem Sopha lag -- so +ruhte seine Wange über den beiden verschränkten Armen, und nur wenn er +umblättern mußte, langte er unter Verrenkungen eine Hand aus dem +Knäuel hervor ... sonst rührte er das Buch nicht an, er hatte es +gern in einiger Entfernung von sich, selbstständig wie ein +lebendiges Wesen, mit dem man sich unterredete, vom Polster her +blickte es ihn an, gab seine schrägen tiefen Blicke atmend zurück. Und +er las so ziemlich alles, was sein angebeteter Vater, ein in jüngeren +Jahren kunstbeflissener Mann, im Bücherkasten hatte. Dieser Kasten +war versperrt. Arnold mußte jeden Mittag, in der knappen Zeit +zwischen der Beendigung der Mahlzeit und dem Mittagsschläfchen des +Vaters, sein Anliegen vorbringen, um dieses oder jenes Buch: »Papa, gib +mir heraus ...« Dann wurde der rätselhafte Kasten mit den +undurchsichtigen Scheiben geöffnet, und nur in diesem Augenblick +durfte der Sohn die Verlockung all dieser mannigfachen Goldrücken +empfinden und, schnell einige Titel überfliegend, bei sich die +Bücher feststellen, die er die nächsten Male herausverlangen +wollte. Niemals wurde ihm erlaubt, einer seltsamen Pedanterie des +Vaters zufolge, alle Bücher der Reihe nach durchzusehen und in Ruhe +auszuwählen. Niemals wurde ihm auch mehr als ein Buch geborgt. Und so +rasch ging der Vater dabei vor, militärisch mit Wunsch und Ausführung, +Hinzeigen und Herausnehmen, daß manchmal ein Fingerlein oder die +Nase des in all die Pracht versunkenen Knaben Gefahr lief, an der +Kante der wieder zuklappenden Türe eingeklemmt zu werden. Allmählich +kam er daher auf Listen; er sagte um »Kleist« und zeigte dabei auf +die oberste Reihe, obwohl er gut wußte, daß die Kleist-Bände rechts +unten aufmarschiert waren. Aber in der Zwischenzeit, während der +Vater vergeblich oben kramte, hatte er Zeit, einen Überblick über +andere nie gesehene Partien des großen Büchergartens zu erwischen. Oft +allerdings nützte alles nichts, und er sah sich mit einem Buch, +das er nur des fremden Titels oder des hübschen Einbandes wegen +gewählt hatte und das ihn bei näherem Durchblättern gar nicht +interessierte, enttäuscht und leer vor den wieder gesperrten +Kasten gestellt, in einen steinigen leeren Nachmittag verschlagen +wie ein Schiffbrüchiger auf eine öde Insel, wo der ersten Freude des +Gerettetseins eine umfassendere Angst vor der Zukunft folgen muß. +Denn niemals nahm der Papa ein schon herausgegebenes Buch noch an +demselben Tag zurück, das war eherne Regel ... Im Verlauf der Zeit +nun las Arnold alles, von der Bibel und Goethe an bis zu dicken +staubigen Lieferungsromanen wie »Die Geheimnisse der Bastille«, die +noch uneingebunden in den untersten Schubläden lagen. Sein Kopf +füllte sich mit den Gestalten Schillers und Heines, mit den +Kreuzfahrern und Schillschen Offizieren der Weltgeschichte, mit +Lokomotiven aller Konstruktionen aus einer vielbändigen »Geschichte +der Erfindungen und Industrien«, mit den Jägergeschichten und +rührenden Affen-Szenen der Gefangenschaft aus »Brehms Tierleben«. Und +nur eines hatte ihm der Vater verboten, in den Shakespearebänden +den Othello. Arnold befolgte auch getreu diese Absperrung, ängstlich +wich er dem Stück aus, obwohl seine Neugierde aufs höchste erregt +war und niemand ihn überwachte, und nur die Vorrede mit der +Inhaltsangabe las er einmal doch, indem er sich sagte, daß die ja +nicht eigentlich zu dem gebannten Stück gehöre. Welch ein Geheimnis, +diese überblätterten und stets wie mit Leim zusammengehaltenen +Seiten hie und da, wie durch Zufall, aufzuschlagen, vom Wind +aufblättern zu lassen, unbeachtet ein Wort, einen Satz aus dem +Zusammenhang zu packen, eine Abbildung vorbeiträumen zu sehn, +niemals aber dem lieben strengen Vater durch wirkliches Lesen der +Reihe nach ungehorsam zu werden. Wie peinigte das sein pochendes +Herz!... Überdies hatte der Vater dieses Verbot nur einmal und nur +beiläufig fallen lassen, nie mehr wiederholt, vielleicht selbst nicht +so wichtig genommen und längst vergessen. Und als Arnold, zu +Jahren gekommen, später einmal diesen fürchterlichen »Othello« +durchnahm, fand er zwar gleich in der ersten Szene eine obszöne +Phrase, im Ganzen aber nichts, was dieses Stück vor den vielen, die +er lesen gedurft hatte, ausgezeichnet hätte. Derartige Phrasen hatte er +ja als Kind zu hunderten unverstanden eingeschluckt. Und so blieb +ihm dieses Verbot seiner Kinderjahre weiterhin ein Geheimnis, über das +er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszuforschen +sich getraute. + +Indessen kam der Hausarzt einmal, anläßlich einer Masernerkrankung +-- man mußte dem Kerlchen mit den verklebten Augen unermüdlich von +früh an bis in die späte Nacht vorlesen -- auf Arnolds überreichen +Bücherkonsum. »Ihr Junge ist mit achtzehn Jahren ein Idiot«, schrie +er die tödlich erschrockene Mutter an, und von nun an war es mit +der Lektüre zu Ende. Furchtsam wachte die Mutter darüber, daß +Arnold keine Zeile mehr außer den Schulaufgaben zur Hand nahm. Auf +vielfaches Jammern und als sich die Folgen der Langweile in seiner +gesteigerten Wildheit zu zeigen begannen (er stach der Köchin mit +ihrer Hutnadel den Daumen durch), wurde ihm endlich jeder dritte Tag +als Lesetag eingeräumt ... Arnold erinnerte sich überdies später +oft mit Vergnügen daran, wie großen Eindruck der Schrei des erzürnten +Arztes auf ihn gemacht hatte. Bis zu seinem achtzehnten Jahre erwartete +er allen Ernstes mit Grausen täglich das Eintreten der prophezeiten +Verblödung, erst nachher fiel es ihm plötzlich als Erlösung ein, +daß der Arzt vielleicht nur in einer Metapher geredet hatte. Ja, als +Kind pflegte er eben Aussprüche älterer Leute unauslöschlich ernst zu +nehmen ... + +Die Lesewut machte zu Beginn des Gymnasiums einer unbändigen +Sammelfreude Platz. Arnold besaß bald, wie ein Onkel sich ausdrückte, +eine »Sammlung von Sammlungen«, er hob alte Tramwayzettel auf, flehte +alle Abreisenden an, ihn in fremden Städten auf Zahnradbahnen und +Elektrischen ja nicht zu vergessen, ferner ordnete er in +Schachteln und Kistchen abgesondert: Knöpfe, alle Arten von +Zündholzschachteln, Zigarrenbinden, Ansichtskarten mit und ohne Marke +auf der Bildseite, Bleistifte, Autogramme, Münzen, Vereinsmarken, +Siegelabdrücke, Mineralien, hinter Glas spannte er Schmetterlinge +und Käfer auf, in Mappen hatte er bald mehrere Tausende von +Bildern, aus alten Zeitschriften ausgeschnitten und sauber auf dünne +Pappendeckel aufgeklebt. Er brannte um diese Zeit auf derartige alte +Bände der »Gartenlaube«, der »Guten Stunde«, und unzerschnitten +schienen ihm diese Hefte ihren wahren Zweck vollständig verfehlt zu +haben, so daß ihm bei ihrem Anblick und wenn er sie nicht in seine +Sphäre ziehen konnte, das Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er +solchen Sport mit dem ganzen Eifer seiner ganzen Natur, und wenig +fruchtete da die stereotype Warnung des Vaters: »Arnold, du +übertreibst alles.« Dem Kinde, das zwei oder drei Sachen derselben +Art beisammen sah, lag nichts näher als der Gedanke, solcher Dinge +noch mehr auf einen Haufen oder in schöne Reihen zusammenzukriegen, +und namentlich bestärkte ihn in diesem immer neu wiederholten und +dadurch schon ganz geläufigen schnellen Gedankengang die Beobachtung, +daß es ja so leicht war, eine Sammlung irgendwelcher Manier +anzufangen, ja, daß eigentlich die Sammlungen schon um ihn herumlagen, +nur freilich noch unentdeckt, ungeordnet, daher unwirksam. Es +bedurfte aber jedenfalls keiner schöpferischen Tätigkeit, keines +Hervorstampfens. Er mußte nur, wenn er beispielshalber auf die Idee +gekommen war, Stahlfedern zu sammeln, seine alte Liebe, zuerst +einmal seine Pennale ausleeren. Da lagen sie ja schon beisammen, +halbverbraucht, aber immer noch Muster ihrer Art, er brauchte nur die +besten herauszuklauben. Dann ging es über die Vorräte des Vaters +im Comptoir her, wo die seltenen großen Stücke, wie Kolumbusfedern, +oder die komisch verkrümmten Soennecken oder die zierlich-spitzen +Stenographiefedern, die fast wie Nadeln aussahen, eiligst +zusammengerafft wurden. Und mit dem Taschengeld, das ihm zum Ankauf +von Schreibzeug übergeben wurde, ging nur eine kleine Verschiebung +vor, er kaufte, statt wie bisher gedankenlos Federn immer derselben +Art, möglichst verschiedenartige und exotische, natürlich nicht +zum Schreiben, sondern zum Aufheben, während zum Schreiben +möglichst lange derselbe Invalide herhielt. So rückte die Sammlung +feurig vorwärts, es war gar keine Unmöglichkeit, tausend Stück +zusammenzubekommmen oder die größte Sammlung von Europa überhaupt, es +galt nur die richtigen Stege und Zuflüsse zu graben, durch rein +geistige Überlegungen, denn der Rohstoff war ja vorhanden. Nur ihn +gescheit in die Grube zu leiten, das war das Problem, ihn nicht +unnütz an den Seiten abrinnen zu lassen. So hatte er beim Sammeln das +Gefühl, nicht nur sich durch nützliche Tätigkeit auszuzeichnen, sondern +auch irgendwie der ganzen Welt zu dienen -- und übersah er dann an +einem der ersten Abende, da alle Quellen noch munter der neuen Sammlung +zuflossen, seinen sauber geschlichteten Reichtum, so überfiel ihn +ein beinahe schwindelndes Glück von Größe, Schönheit und Triumph, und +der Wunsch, mit dem er einschlief, die Sammlung möge so weiter und +weiter gedeihn, war um nichts weniger innig als das Nachtgebet ... +Freilich nahm sein Interesse bald ab, wenn in seiner Nähe keine neuen +Höhlen mehr zu sprengen waren, in denen schon große Haufen der +gewünschten Dinge wie vorbereitet dalagen und auf ihn warteten; +wenn es galt, nun ein Stück ums andere mühsam heranzulocken. Dann +wurde die Sammlung aus den Kasten ins Dunkle gestellt, halb vergessen, +eine andere trat mit neuen Hoffnungen ans Licht. So ging es zwei +Jahre lang, bis endlich sein Streben an einer Briefmarkensammlung +hängen blieb und sich gewitterwolkenähnlich verdichtete, da hier +nebst dem Reiz der Ausdehnung und Vollständigkeit nun auch der des +nicht mehr bloß kindischen Wertes in Aussicht gestellt wurde. Nun +begann er in den Zehnuhrpausen zu »tauschen«, nicht ohne Streit und +Schwindel, nun wußte er bald alle Wasserzeichen, Fehldrucke, +Zahnungsunterschiede und Farbennüancen auswendig, niemand kam ihm +darin gleich, ja sein stürmisches Interesse für alles, was mit Marken +zusammenhing, ging so weit, daß er sogar den Flächeninhalt, die +Hauptstadt und die Münzsorten jedes Landes wie dies in seinem Album +angegeben war, schnell und genau erlernte. Mit seinem »Senf« in der +Tasche, den er stets sorgfältig nach der neuesten Ausgabe korrigiert +hatte, galt er unter den Kollegen als Autorität, wurde in +schwierigen Fällen befragt und entschied unwidersprochen. Und nur +etwas unterschied ihn von einem kühlen Fachmann: während er die +verlockendsten Stücke fremder Sammlungen nachsichtslos, von +ängstlichen Blicken ungerührt, als »falsch« oder »Neudruck« +verurteilte, konnte er selbst sich von den Fälschungen, die ihm +gehörten und die er als solche längst erkannt hatte, in einer +seltsamen grundlosen Zärtlichkeit nicht trennen. Er glich da dem +glühenden Liebhaber, der seine Leidenschaft nicht bezwingen kann, +obwohl er die triftigsten Gründe hat, von dem Unwert des geliebten +Gegenstandes überzeugt zu sein. So besaß Arnold, beispielsweise, eine +alte Schweiz »mit der sitzenden Helvetia« -- nachgemacht, ganz +plump nachgemacht. »Ich weiß ja, daß sie falsch ist« pflegte er zu +sagen und sah die Marke mit stillverliebten, unendlich traurigen +Blicken an, »aber ich laß sie doch drin, sie schadet ja doch +nichts«, während er einen Kameraden in gleichem Fall unfehlbar mit +den Worten: »So ein Stück ist eine _Schmach_ für jedes anständige +Album« ausgescholten hätte ... Ja es gab sogar Zeiten, allerdings nur +zu Anfang der Markenperiode, in denen Arnold selbst fälschte, sich +selbst betrog, indem er aus einem alten Album einfach die vorgedruckten +Markenbilder, sofern sie mit »grau« oder »schwarz« bezeichnet waren, +ausschnitt und als wirkliche Marken in sein Album einklebte. Davon +ließ er bald, konnte aber von den einmal gewonnenen Exemplaren auch in +der Folge nicht Abschied nehmen, in einer ganz unbestimmten, +sinnlosen Hoffnung, wie sie eben den Ekstatiker auszeichnet: diese +Scheinmarken könnten eines Tages doch vielleicht, wie durch ein +alchymistisches Wunder, in echte und allgemein anerkennenswerte +verwandelt werden. Ebensowenig mochte er sich entschließen, +beschmutzte oder lädierte Stücke auszuscheiden. »Sie fehlt mir ja +gerade zum Satz,« dieses Zauberwort hielt ihn fest. O welche Freude war +das, welcher Anblick konnte schöner sein als der einer Albumseite, +deren vorgezeichnete Reihen --, manche sind länger, manche kürzer, +mancher seltsame »Satz« besteht nur aus zwei oder drei Stück -- +komplett mit Marken besteckt waren; »komplett«, das war das Wort, das +er mit scheinbarer Flüchtigkeit, mit leichter stolzer Handbewegung +dem Kollegen zurief, vor dem er eben die Sammlung durchblätterte, +»Belgien komplett«, o wie das klang! Und dabei wurde schon +umgeblättert, mit selbstverständlichem Besitzergleichmut, während +des andern Augen bewundernd umherschossen; da flatterten wie kleine +bunte Regenbogenwimpel die Marken, jede sauber gewaschen, jede von +ihrem geknickten Spannleisten lustig getragen. Manchmal blies Arnold +unter eine Reihe, um die Wasserzeichen, Netz oder Posthorn, +Gummierungsfeinheiten oder die Stampiglie »Geprüft« einer großen +Firma zu zeigen -- dann drückte er sanft wieder mit weichen +Fingerballen die kostbaren Papierchen nieder. Sie waren leuchtend +wie sein Ehrgeiz, vielfältig wie seine Träume, leicht erregbar in +ihren Reihen wie sein junges Gemüt. Seinen einzigen Schatz machten sie +aus, beinahe seine Religion. Markensammler zu sein schien ihm, +wenn er sich selbst ernstlich bewertete, seine beste Eigenschaft +und jeden Burschen, den er kennen lernte, fragte er sofort: »Was ist +mit dir? Sammelst du?« ... An langen Nachmittagen grübelte er über +Auswahlsendungen nach, verglich die Vorteile und Preise der +heimatlichen Markenhändler, studierte Katalog oder Sammlerzeitung, +oder er ließ leise Glücksschauer über seinen Kopf kräuseln, indem +er sich einbildete, er käme durch Zufall, Fund oder glücklichen Tausch, +zu den gepriesenen Glanzstücken der Philatelisten, Mecklenburg +oder Bergedorf, Mauritius, Kirchenstaat, alte Sachsen. Für die kleinen +verschollenen Staaten, deren Marken in seinem Album sämtlich den +hochzuverehrenden Vermerk =R= oder =GR= trugen, was »Rarität« oder +»Große Rarität« bedeutete, hegte er eine schwärmerische Verehrung, die +sich auf ihre längstverstorbenen Regenten und Tyrannen, auf ihre +ganze Historie ausdehnte. Schon vor =S=, das ist: Seltenheiten, +erzitterte er in Glücksfieber. Denn seine Sammlung war ja leider, +trotz aller Anspannungen und theoretischen Kenntnisse, nur klein +... Allmählich erweiterte er sie, übertrug sie, nach Art großer +Sammler, aus dem festen Album auf lose Pappendeckelblätter, gab dann +hochmütig die »Ganzsachen« und alle außereuropäischen Länder auf. Nur +Europa sammeln, das war die Devise eines soliden vornehmen Kenners; +diese exotischen Gschnasstückerl sind ja nur schön fürs Auge, nichts +wert. Mit wachsendem Taschengeld stiegen seine Ankäufe und so blieben +die Marken, zu Zeiten vergessen, dann wieder einmal hervorgeholt und +gestreichelt, immer aber wohlbehütet, seine liebste Spielerei bis in +die Mannesjahre hinein. + +Diese Sammlung führte ihn auf dem Wege des Verkehrs und der +allgemeinen Schätzungen wieder zu den Kameraden zurück, denen er +eine Zeit lang eigensinnig ausgewichen war. Gegen das Obergymnasium +hin wurde er wieder kollegialer und bald entwickelte sich als erste +Frucht dieses menschlichen Umgangs eine neue Eigenschaft aufs höchste +in ihm ... die unbezähmbare Schwatzhaftigkeit. Es war, als müsse er +für jahrelanges stilles Vorsichhinspielen auf einmal sich +entschädigen. Angepfropft mit Zitaten, mit Bücherereignissen, wie +er war, begann er zunächst in den Pausen, auf den Korridoren vor den +Kollegen lange Reden zu führen, in denen keiner ihn unterbrechen +konnte, denn er hatte die lauteste müheloseste Stimme, die selbst, wenn +er gemütlich sprach, zu zanken und zu drohn schien. Man hörte ihm in +einer Mischung von Spott und Bewunderung zu, wenn er einen Professor +mit Don Quixote und die andern mit den Pickwickiern spaßhaft verglich. +So gezierte ausgewählte Scherze klangen allen ungewohnt, ja +unbehaglich; da er aber in seinem Eifer die frostige Wirkung, die er +hervorbrachte, selbst nicht zu bemerken schien, vielmehr immer in +derselben Richtung sich steigerte, sich überbot, berauscht von +eigenem Beifall immer freundliche Zurufe der andern um sich zu +hören glaubte und so sich noch mehr erhitzte, begann er zu imponieren. +Jedenfalls bereicherte er den seit langer Zeit festgewordenen +Gesprächsstoff, brachte ein paar neue Redensarten auf. Man ahmte ihn +nach, eine Partei bildete sich um ihn. Einige begleiteten ihn +täglich nach Hause. Auf offener Straße nun entfaltete sich seine neue +Kunst, denn anders als in den öden glatten Gängen gab es hier +tausend Dinge, an die er seine effektvollen Betrachtungen anknüpfen +konnte. Von der Tramway kam er auf Elektrizität zu sprechen, +brachte verworrenes Zeug vor, das er sich selbst nach wenigen +Andeutungen seiner Erfahrung zurechtgemacht hatte und von dem die +andern nur wußten, daß sie »das noch nicht genommen hatten.« Wie +erbebte er vor Entzücken, wenn ihn nun einer seiner Anhänger um +Erklärung einer Sache bat, wie begann er gleich mit sanftem Anstand, +ernsthaft, auch wenn er gar nichts wußte, zu erklären. »Das ist a sehr +einfach« waren immer die ersten Worte. Allen Ernstes glaubte er, +daß es nur eines recht guten innigen Drauflossprechens bedürfte, um +alle Dinge der Welt klar zu machen. Und wenn er es dann nur +aushielt, recht lange bei dieser einen Sache zu bleiben, recht +ausführlich und immer verwickelter über sie zu reden, meinte er, +seine Aufgabe aufs beste vollführt zu haben. Er glaubte nämlich, +auch in den sogenannten wissenschaftlichen Büchern einigemal +bemerkt zu haben, daß das Erklären nur in einem recht langen, +mannigfachen und undurchsichtigen Brei bestehe, den man um die +Dinge gieße, und diese Regel bewahrte er als ein Schlauer, der nun +dahintergekommen war und der sich von dem allgemeinen Vorgeben nicht +mehr täuschen ließ, wohl im Gedächtnis. Wenn er aber an seine +Kindheit zurückdachte und an die Mühe, die seine Erzieher angeblich +mit seiner Wißbegierde gehabt, so lachte er sie noch nachträglich +aus. Was für Kunststücke! Nur ein wenig Geistesgewandtheit gehörte +dazu und man hatte die ganze Welt in der Hand, wie ein Ausleger die +Bibel. -- So moralisierte er auch nicht schlecht, hatte Gedanken +über den Staat, über Religion, Gott, Theater, Mode, gute und böse +Menschen. Darin vornehmlich war er Meister: wenn er ein Sprichwort +irgendwo oder einen Satz aufgegabelt hatte, diesen zum Motto langer +Erörterungen zu nehmen, beständig in neuer und überraschender Form +zu wiederholen, hin- und herzuschrauben, so daß ohne viel inneres +Wissen ein verwunderliches farbenreiches Getön und Hohlwerk aus +großartigen Worten entstand. -- Widersprach ihm jemand, so kam ihm +das gerade recht, denn nun konnte er gar erst mit aller Kraft +losbrechen, an die fremden Worte wie an Kähne sich anklammern und +sich von ihnen durch das Wasser obenauf mitschleppen lassen. Ganz +naiv munterte er auch manchmal solche, die ihm dazu geeignet +schienen, auf: »Du, komm, debattier ein bißl mit mir.« Und das war +ein Herumirren in den Straßen, ein Begleiten hin und zurück, die Gasse +hinunter und nochmals hinauf bis zur Ecke, ehe er nach so einem +Schulweg endlich zu Hause anlangte. Gewöhnlich war es eine ganze Gruppe +von Burschen, jeder seinen Pack Bücher lose unter dem Arm (denn +Riemen oder gar Schutzleder waren als unmännlich und schülerhaft +längst verworfen), Arnold immer in der Mitte, neben ihm die +Bevorzugten, die auch schon etwas verstanden, und an den Seiten +unbedeutende Flügelmänner, die sich abwechselnd immer wieder bis zum +Zentrum der Gruppe durchzuquetschen suchten, immer um die +Mittleren mit unbeachteten Fragen und unbegehrten Antworten +herumtanzten und immer wieder, wie nach einem Naturgesetz, an die +kühlen äußeren Enden der Reihe gedrängt wurden, wo sie gelangweilt +mitstolperten. Vor dem Haus sammelte Arnold nochmals alle um sich, gab +gleichsam die Parole aus, irgend eine Schlußpointe, aus dem +allgemeinen Lachen aber gerieten die Zurückgelassenen, sobald Arnolds +Licht verschwunden war, schnell in die gewohnte Balgerei; »wo bist du +wieder so lange gewesen?« empfingen indessen oben den Helden die +besorgten Eltern. -- Nicht zufrieden mit diesen Heimschlendereien +ging Arnold bald dazu über, die Freunde zu sich zu laden, am liebsten +gleich rottenweise, erzürnte die sparsame Mutter mit seinen ewigen +Kaffee- und Kuchenbestellungen und gab ihr, da er nicht immer die +Saubersten sich aussuchte, Anlaß zu häufiger Wiederholung ihrer +beliebten Grußformel: »Guten Tag. Bitte, putzen Sie sich die Stiefel +ordentlich ab, aber ordentlich!« Er gründete einen Lesezirkel für die +»Intelligenz der Klasse«, der sich im Sommer als Fußballklub +fortsetzen sollte; denn Stubenhocker wollten sie ja nicht sein. Da er +um diese Zeit mit einigen Genossen das Schachbuch von Dufresne +studierte, war man auch von einem Schachklub nicht mehr weit +entfernt ... Aber auch sonst noch, auf den Gassen, hielt er die +Kollegen fest, führte sie mit sich oder schloß sich an ihre +Besorgungswege an, oft auch setzte er sie in Verlegenheit, indem +er aus einer Quergasse wie aus einem Hinterhalt hervorstürzte: »Da +bin ich. Jetzt aber laß ich dich nicht los, ob du willst oder nicht +willst. Jetzt bist du mein.« Und zärtlich eingehängt überströmte er den +Zuhörer mit seinen neuesten rhetorischen Eingebungen. Da half kein +Abschied, keine Eile, kein Zugversäumen. Denn es galt ja auch +allgemein als interessant, ihm zuzuhören, und nur ungern und +lässig wurden höhere Pflichten gegen ihn geltend gemacht. Bis ins Tor +der Häuser, bis an die Wohnungstür vor die Glocke folgte er den +Geduckten, geschmeichelt Gepeinigten, eifrig redend, nach und es hatte +gar nicht den Anschein, als sei er der Spender und gieße aus seinem +Innern etwas in den Krug des andern aus; sondern so war es, als +spende der andere, als hinge Arnold mit den Lippen saugend an dem +Zuhörer wie an einem Gefäß mit süßem Wein, das man von ihm wegziehn +wolle und dem er deshalb in Abhängigkeit, immer saugend, nachfolgen +müsse. Rufend entfernte er sich um einen Schritt, machte aber +plötzlich noch einmal einen zwei Schritte langen Sprung nach vorn, +um aus dem Mann an der Türklinke noch das Anhören von sieben oder +acht Sätzen auszupressen. + +Es konnte nicht fehlen, daß ein Jüngling solcher Vorzüge bald auch +echte Freunde an sich zog, nebst dem Schwarm geringerer Mitläufer. +Der erste, der sich näher ihm zugesellte, war Philipp Eisig und +dieser Seelenbund blieb fest durch viele Altersstufen hindurch, obwohl +er nur dem kleinen Zufall das Entstehen verdankte, daß die Eisigsche +Familie eines schönen Tages übersiedelt war und nun dem Hause Beer +gerade gegenüber wohnte. Jetzt war ein ständiger Gefährte für die +Heimwege gefunden -- und das genügte als Grundstein einer so langen +und folgenreichen Freundschaft, wie sich überhaupt Arnolds Beziehungen +oft durch ganz geringe Fügungen und gleichsam ohne seinen Willen +anknüpften, in aller Hast. Arnold stürzte sich nun gleich mit wahrer +Glut in das neue Gefühl, seine Redeströme bekamen einen Inhalt, zum +erstenmal ein heimliches inneres Zittern zu ihrem glatten äußeren +Schimmer, enthusiastisch schwärmte er vom Bund fürs Leben, von +Intimität und Herzensgemeinschaft, er machte sogar kleine witzige +Gedichtchen und ein Akrostichon auf den Namen seines Auserwählten. +Alles erzählte er ihm, was er sich bei allen Gelegenheiten dachte, +und sorgsam trug er nach, woran er sich aus der noch nicht +gemeinsamen Vergangenheit erinnerte. Offenheit und Mitteilsamkeit waren +ihm die selbstverständlichsten Freundespflichten, ja eine gewisse +Kühnheit im Aussprechen von Dingen, die man sonst nur mit einer +gewissen Scheu nennt, schmeichelte ihm wie ein Opfer, das er dem +andern brachte, dem Freunde, der mit seinem großen dicken gelben +Gesicht still neben ihm ging, schaukelnd über dem breiten Bauch. +Denn ein Umstand kam dem Verkehr vornehmlich zustatten: Eisig +stotterte ein wenig, daher war es dem lebhaften Arnold leicht +möglich, ihm geschickt in die Rede zu schnellen, während er selbst in +seinem Hinstürmen nie unterbrochen werden konnte. Arnold schien ihn +förmlich mit seiner Zunge zu regieren, sowie er auch mit den Händen +oft durch einen kleinen starken Ruck dem großen, aber haltlos +wankenden Körper des Freundes schnell die richtige Wendung gab, um +ihn auf irgend eine flüchtige Erscheinung aufmerksam zu machen oder +um ihn in die gewünschte Gasse einzubiegen. Und dieses angenehme Gefühl +des sofortigen Befolgtwerdens, der Ungehemmtheit, das er übrigens nicht +durchschaute -- so natürlich und triebhaft entströmten ihm die Befehle +-- verschmolz ihm in eins mit den zärtlichen Aufwallungen der +ersten Zuneigung, mit den Geheimnissen, die die beiden einander +mitteilten, mit dem erhabenen Beispiel von Orest und Pylades, das ihn +seit jeher begeistert hatte. Er fühlte sich zu jeder Heldentat bereit, +hätte gern stoisch Folterungen ausgehalten, um den andern in nichts +zu verraten. Abends gingen sie manchmal, eingeschlossener trotz der +ungleichen Statur und mit seltsam gezwungenem Schritthalten, auf den +Feldern draußen vor der Stadt spazieren, sie starrten in die Sonne +oder vom reinlichen Quai hinab in den großen tiefen Fluß, dann +sprachen sie wieder etwas, und obwohl es nur ein Witz oder +Schultratsch war, kam oft eine ahnungsvolle Verworrenheit in ihre +Worte, wie Wind in die Seiten einer Äolsharfe, und solche Innigkeit +verklärte noch ihr geringstes Gespräch, daß Arnold nicht selten +die Tränen in seinen Augen aufsteigen fühlte. Dann wischte er sie +mit dem Rockärmel ab, während der Dicke in feinfühligem Verständnis +sich zur Seite wegwandte, um ihn nicht beschämen zu müssen. Erst zur +Nachtmahlzeit schieden sie voneinander und am nächsten Morgen, während +des Ankleidens, brannte Arnold unbändig schon wieder auf die nächste +Zusammenkunft, denn es hatten sich ihm noch am Abend vor dem +Einschlafen so viele Dinge aufgehäuft, die er dem Freund auf dem +Schulweg mitzuteilen hatte und die er nun sorgsam ordnete, das minder +Wichtige voran, das Schönste zuletzt, um alles in der richtigen +Reihenfolge und mit der richtigen Wirkung an den Mann zu bringen ... +Indessen war Eisig bei all der aufgedrängten Schweigsamkeit der +Überlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon +hie und da Kaffeehäuser besuchte und den Frauen nicht mehr ganz ferne +stand; was alles er dem Muttersöhnchen Arnold binnen kurzem beibrachte. +Welch neue interessante Blütenwelt! Arnold war bald bis über die Ohren +in sie versunken, bestrebt, den Lehrer womöglich zu übertreffen. Denn +kein Ding machte ihm eigentliches Vergnügen, wenn er nicht andere darin +übertreffen konnte. Nur Geld fehlte ihm, Eisig borgte willig die Hälfte +seiner Taschenbezüge, was Arnold übrigens als selbstverständlich +auffaßte und in Eisigs Lage genau so gemacht hätte. Dafür half er dem +Geliebten bei Hausübungen nach. Eisig war nämlich einer der Schwächsten +und Faulsten in der Klasse, Arnold natürlich Primus, was ihn jedoch +nicht hinderte, auch bei den gröberen, untergeordneten Naturen, die +sonst das Fleißige und Erfolgreiche hassen, sehr beliebt zu sein, +an allen ihren Streichen teilzunehmen und bald sogar ihre Führung an +sich zu reißen, während er trotzdem bei den Lehrern das Ansehen +eines willigen Glanzes behielt. + +Besonders schlecht stand Eisig beim Professor des Griechischen, +Schleiderer mit Namen, dessen Laufbahn auch sonst von vielen +Verwünschungen der unruhigen Schüler widerhallte, als eines +unglücklichen Menschen übrigens, der er war. Seine Bosheit war +berüchtigt. Und sollte man da nicht wild werden, wenn er dem Eisig +die griechische Schularbeitstheke süßlächelnd mit den Worten reichte: +»Eisig Philipp -- diesmal etwas besser gearbeitet. -- -- Nicht +genügend«. Eisigs gewöhnliche Note bei Schleiderer war nämlich +»Ganz ungenügend« ... Da trat Arnold als Vertreter eines Gedankens +auf, der schon lange ungesprochen durch die Klasse gebebt hatte: +»Wir müssen einen Anti-Schleiderer-Verein gründen!« Der Name +machte allen alles klar, nun wurde die längst vorbereitete Bewegung +grausam organisiert und als alleiniger Zweck des Vereins wurde die +Losung ausgegeben: den Schleiderer heraus- oder totzuärgern. Während +aber die schlechten und eingeübten Randalierer zu unfeinen Mitteln, +wie: Knallerbsen, Stinkbomben -- rieten, war Arnold erfinderisch. Er +leitete es ein, daß einmal während der Griechischstunde hier und dort +einer von seinem Platz aus langsam und allmählich sich erhob, das Buch +in der Hand, an verschiedenen Stellen der Klasse, so daß es zunächst +nicht auffiel. Die Ängstlichen standen in geknickter Verrenkung, als +sei ihnen nur das Sitzen für ein Weilchen unbequem geworden und als +wollten sie sich in halb aufrechter Stellung ein wenig ausruhn; +andere hielten ihre Hefte oder Bücher dem Lichte zu, als hätten +sie unten nicht Licht genug für ihre Arbeit; manche kratzten sich, +wie geistesabwesend, verlegen in den Haaren. Unbemerkt standen nun +andere wieder auf, immer mehr, bis entsetzt der Professor plötzlich +die ganze niegesehene Veränderung rätselhaft aufgestellter, gleichsam +gespensterhafter Schülerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das +»Bänkerücken« an; langsam schoben die in der ersten Bank ihre Sitze +vor, die nächsten folgten, möglichst ohne Geräusch, nur ein kleines +Knarren oder Seufzen des Holzes manchmal, angestrengt arbeitete die +ganze Klasse dem gemeinsamen tückischen Ziel entgegen, keiner paßte auf +den Homer auf, den der Professor wie über aller Köpfe und Ohren hinweg +in die Luft vortrug, -- und schließlich erschreckte den nichtsahnenden +Feind wieder ein so ungewohnter Anblick, als er vom Katheder +herabsteigen wollte und keinen Zwischenraum wie sonst zwischen dem +Podium und der ersten Bank vorfand, da die Bänke bis an die Erhöhung, +wie Belagerer, vorgerückt standen. Und alle machten ein möglichst +unschuldiges dummes Gesicht dazu, ja sie schienen nicht einmal etwas +Auffallendes zu bemerken, so daß sein Blick ratlos an ihren kalten +teuflischen Gesichtern hin wanderte. -- Oder die Derbsten in den +letzten Flegelbänken rauchten gar -- auf Arnolds Anreiz --, verborgen +hinter Büchern, bliesen den Rauch in ihre Hüte, die sie immer wieder +sorgfältig umklappten, bis endlich diese Sammelbüchsen voll waren und +nun schlugen sie sie um, daß ein weißes dampfendes Gewölk unbekannten +Ursprungs langsam zur Decke emporstieg, eindrucksvoll qualmend wie zum +Aktschluß einer Zauberposse ... Jetzt war Arnold Liebling und Stolz der +Klasse; und immer noch brav, immer noch: »Sittliches Betragen: +musterhaft« auf dem Zeugnis. Der Verein hätte ihn aber doch vielleicht +entschiedener in den Unfug gezogen: da ereignete es sich eines Tages, +daß Professor Schleiderer, der Verhaßte, wie von selbst auf der +Schloßtreppe hinstürzte und sich den Schädel brach. War es Wahnsinn? +Selbstmord? Niemand erfuhr es, auch in der Folge nicht. Die jungen +Sieger aber standen nicht an, dies als Folge ihrer gutgelungenen +sinnverwirrenden Quälereien zu erklären und an demselben Tage ein +fröhliches Zusammentreffen in der Eisigschen Wohnung einzurichten, das +ohne Reue als eine Art von kannibalischem Triumphfest geplant war, in +das sich aber unvermerkt mit immer bedenklicheren Reden und gar nicht +mehr knabenhafter Unfrische ein geheimes Todesgrauen einzuschleichen +begann -- viele von den Burschen hatten überhaupt noch nie einen +Todesfall in ihrer näheren Umgebung erlebt -- und das schließlich ganz +appetitlos, ernsthaft, ja mit dem Entsetzen, das in Erfüllung gegangene +Flüche und Orakel umwittert, und in Angst vor allen unberechenbaren +Zufällen des Lebens zu Ende ging -- des Lebens, das auf alle diese +Kinder draußen lauernd wartete. + +Die Mutter sah es nicht gern, wenn ihr Arnold in das Eisigsche Haus +hinüber ging. Das ganze Treiben dort gefiel ihr nicht. Schon den +dicken Philipp mochte sie nicht besonders leiden und ermahnte ihn +immer, wenn er sie verlegen anstotterte: »Langsam sprechen, nur +hübsch langsam«, sie hegte nämlich den Wahn, daß alle Krankheiten +und üblen Zustände, die sie nicht verstand, nur schlechte Gewohnheiten +seien ... Arnold aber, der gemach in das Alter kam, in dem man die +Freunde über die Eltern setzt und überhaupt die Ansichten der Eltern +mit einigem Trotz und Mißtrauen prüft, ging nun erst recht zu Eisigs. +Dort konnte sich ein gewisser toller bubenhafter Zug seines Charakters +zu üppiger Entwicklung durchringen, dort hatte alles einen Strich von +ungebundener Räuberromantik, schon die ungeheuerliche Unordnung und +Verwüstung in den großen hohen, dabei nicht hellen Sälen des alten +Gebäudes: all dies mit der ordentlichen Sparsamkeit zu Hause +kontrastierend ... Die Eisigskinder, fünf Söhne recht verschiedener +Altersstufen, bekamen alles, was sie nur wünschten, in Verschwendung, +sie hatten, außer dem besonders auffallenden Billard, in ihrer +Wohnung eine =Laterna magica=, ein herrliches Puppentheater mit +zahllosen Kulissen, Turngeräte, sämtliche Bände von Jules Verne, +Gerstäcker und Karl May, und überdies durften sie nach Herzenslust +alles zerreißen, verborgen und verbrauchen, wobei ihre lustigen +Eltern noch spitzbübisch mitlachten, während bei Beers alles +abgezirkelt und wie am Schnürchen gehn mußte. Schon daß die +Eisigsjungen fünf waren und so mannigfache Talente -- einer konnte +Karikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem +Mund das Geräusch einer Säge nachmachen u. s. f. --, mußte dem einzigen +Sohn Arnold imponieren. Welche Kombinationen gab es da, welche von +altersher eingelebten Scherze und Neckereien, welche Wirkungen vereint +und gegeneinander, und wieviel Gerümpel und altes Spielzeug, da jeder +von den ersten Jahren an seine eigenen Sachen hatte! Besonders aber +fand Arnold an dem Ältesten Gefallen, an dem Herrn Gottfried, der +allerdings, wie er sich recht wohl eingestand, eigentlich »noch nichts +für ihn war«, der ihm aber trotzdem hie und da ein Stündchen traulichen +Geplauders gewährte, in unbegreiflicher Herablassung. Arnold bewunderte +den Studenten schrankenlos, der, wie er häufig erklärte, die +Schauspielerei studierte, eigentlich schon alles irgendwie Nötige +gelernt hatte und nur vorläufig, da er ohne Engagement blieb, Gedichte +»im modernsten Genre« schrieb, selbst verfertigte Verse, die sich nicht +reimten und in denen häufig Worte wie »Glast, Sehnsüchte, kranke Finger, +geistern, Silber, Onyx, Chysopras« vorkamen. Gottfried rezitierte sie +selbst gelegentlich im Familienkreise und vor Gästen, nicht ohne Anflug +eines kleinen Familien-Stotterns ... O hier gab es Anregung, hier waren +die neuen Sachen, hierher verlegte Arnold bald das ganze Leben seiner +freien Zeit, und da schließlich das Etablissement Eisig als gewaltiges +Hutexportunternehmen in ansehnlicher Blüte stand, hatten die Eltern +Beer nach näheren Erkundigungen gegen diesen Umgang im Grunde nichts +mehr einzuwenden. + +Eisigs besaßen auch einen Fußball. Dieses an Körperinhalt so +geringfügige Ding bewirkte, daß für Arnold eine neue Ära und +Leidenschaft anbrach, ein Fußballjahr ... Schon vorher hatte er +das Spiel geliebt, das als »roh und gesundheitsschädlich« von der +Schule aus und gleichfalls von den Eltern verboten war. Man wies +gern auf Unglücksfälle hin, man las den Kindern aus der Zeitung vor, +daß der oder jener hoffnungsvolle junge Mann durch einen unglücklichen +Fall oder gar infolge eines Tritts beim Fußballspiel unheilbaren +Schaden genommen hatte. Indes verklärten solche Nachrichten in den +Augen Arnolds den gefährlichen Sport, munterten ihn nur auf, und +obwohl man ihm strafweise das kleine Taschengeld entzog, wußte er +sich doch immer wieder einen Ball zu verschaffen und eilte dann mit +Gleichgesinnten in den Stadtpark, um sich für zwei, drei Stunden +am »Kicken« und »Rempeln« gütlich zu tun. Im Stadtpark drohte freilich +eine neue Gefahr, denn dort war auf allen Wegen das Fußballspiel +ebenfalls verboten, und wenn die Buben mit glühenden Wangen gerade im +besten Laufen waren, erschien manchmal der Parkwächter mit Tschako +und Säbel, ein alter Mann, ergriff wortlos den rollenden Ball, den +Puls des Spieles, den Ball, den man mit so viel Schwierigkeiten einem +Mäderl abgeschwatzt oder irgendwo gestohlen hatte, und steckte ihn, +den teuren Ball, in die Tasche, worauf er wortlos hinter den Gebüschen +wieder verschwand; denn mit den unverbesserlichen Sportfreunden zu +zanken oder ihnen die Vorschriften einzuschärfen, hatte er längst wegen +Aussichtslosigkeit aufgegeben ... Man wählte daher, um vor seinen +räuberischen Überfällen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen +er seine Rundgänge nicht mehr so eifrig einhielt und die auch alles +leicht verhüllten hinter Nebeln über den Wiesen und langen Schatten. +Dann tauchte die Gesellschaft vorsichtig auf, ganz nach Art verfolgter +Gottesdienste im Anfang einer Religion wurden abgelegene Plätzchen +ausgesucht, Vorposten ausgestellt, ängstlich wurde das Heiligtum, der +Ball, hervorgeholt, doch erst, wenn alles sicher schien. Dieser Ball +... o mit welchen bejammernswerten Surrogaten mußten sich die +Enthusiasten manchmal begnügen. Einmal war es ein leichter roter +Gasballon, der zu hoch sprang und der die ganze wohlgeübte Fußtechnik +der Mannschaft störte, einmal ein großer, ganz weicher, mit kindischen +Bildern, dann ein kleiner billiger weißer Gummiball, der jeden Moment +ins Buschwerk lief und kaum mehr aufzufinden war, ein anderes Mal hatte +der Ball schon Luft verloren, das heißt er bekam an einer Seite eine +kleine rätselhafte Einsenkung -- und mochte man ihn nun streicheln und +drücken, wie man wollte, mochte man mit aller Vorsicht die Vertiefung +langsam in weicher Hand aufzurunden suchen, immer zeigte sich die +tückische Grube an einer anderen Stelle, immer wieder genau so tief +wie vorher, eher noch tiefer. War einmal ein Ball so weit, so war er +unrettbar verloren. Man erkannte das an seinem hohlen scheppernden Ton +beim Laufen, man konstatierte es mit einem wahren Todesschreck in +den Gliedern. Denn nun war das richtige Vergnügen vorbei. Trotzdem +hörte man natürlich nicht auf zu spielen, wenn auch der Ball nur +schlecht sprang und von der graden Bahn abwich. Einige Künstler +behaupteten sogar ganz stolz, sie spielten nicht ungern mit so einem +zerkickten Balle, denn sie könnten seine »Fälsche« berechnen. Indes +vergrößerte sich unaufhaltsam mit jedem Stoß der Fehler, schließlich +hatte sich die Senkung über die halbe Fläche schlapp ausgebreitet. +Doch nicht einmal das war ein Hindernis. Man schob nun den Ball +zusammen, machte eine hohle Halbkugel aus ihm, einen Klumpen und in +diesen Überrest stieß man eifrig, trug ihn mehr auf der Fußspitze als +man ihn warf, verzichtete auf jede Elastizität, auf den Fernkampf, so +daß das Spiel endlich in Nahkampf d. h. in eine Prügelei +ausartete ... Primitiv wie der Ball war auch das Goal eingerichtet, +zwischen zwei Bäumen, die man durch eine mit dem Stiefelabsatz +gezogene Linie im Sand verband. Fehlten die Bäume, so legte man +Kleider in zwei Bündeln auf die Erde und bestimmte die Linie +zwischen ihnen als Goal, wobei dann allerdings die Streitfrage +entstand, ob es als Goal zu betrachten sei, wenn der Ball über die +Kleiderbündel fliege oder sie streife. Man nannte das »Stange«, +denn die Röcke vertraten ja die Goalstangen, und belästigte nun die +älteren Spieler, sogar die Sportzeitungen mit diesem Problem. Und +nun gar, wenn es immer dunkler wurde, wer konnte noch entscheiden, +ob ein Schuß richtig getroffen hatte oder nicht! Man spielte +einfach in die Nacht hinein, erstickend, keuchend, man bewegte sich, +es galt auszugleichen oder den Sieg zu entscheiden, in höchster +Spannung und Anstrengung -- und dabei mußte man sich zurückhalten, +durfte nicht schrein, nicht anfeuern und jauchzen, alles mußte lautlos +vor sich gehn, sonst hätte man sich dem Wächter verraten. Erst bei +völliger Finsternis hörte man auf. Die Feinde und Freunde hinkten nach +Hause, hungrig, durstig, zerschunden -- das aber fühlten sie nicht +-- nein für Arnold, wie für alle, lag ein süßer Zusammenhang +zwischen ihrer Abgeschlagenheit, dem Schweiß, den Schuhtritten, die +sie an ihren Waden schmerzten, an den Schienbeinen, längs derer +vielleicht ein gegnerischer Schuhabsatz herabgeglitten war oder +sich eingehackt hatte, daß innen die Sehnen brummten, zwischen all +dem und dem süßen Fliederduft des Parkes, dem nächtlichen Blühn +und einem leisen, eben entschlafenden Vogelgezwitscher -- o ein +Zusammenhang, in dem diese Knaben stärker als jemals ihre Jugend +und die heldenmütige Kraft des Blutes und eine sich weitende Freude +spürten bis an das schwarze Himmelsgewölbe hinauf. Sie marschierten in +die Gassen hinein, sie fürchteten sich nicht vor den Eltern, nicht +vor der morgigen Schularbeit, sie summten ein Lied. -- So weit +stand die Sache, als Arnold mit Eisigs näher bekannt wurde. Damit +erhielt er plötzlich, nach all den dilettantischen Versuchen, +Anteil an einem Fußball, an einem wirklichen englischen Fußball, +der seine hohe Verehrungswürdigkeit schon dadurch bekundete, daß er +wie ein belebtes Wesen eine »Seele« besaß. Nun überstieg die +Fußballbegeisterung alle Grenzen. Täglich nach der Schule zogen die +fünf Eisigs mit Arnold auf die Wiesen, drei gegen drei teilten sie sich +dort und los gings. Nicht genug damit, man übte auch in der kurzen Zeit +zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht, und da war der große +Hof im Eisigschen Haus der geeignetste Platz dazu, dieser Hof mit +seinen Kisten, Handkarren, Holzschuppen, alten Bäumen, Kellertüren, +dieser Hof in glühender Mittagssonne. Nichts konnte die Passionierten +abhalten, nicht, daß der Hof gepflastert war und daher jedes Hinstürzen +hart spüren ließ, auch nicht daß der Ball einmal bei einem Hochkick +ein Fenster im ersten Stock zerschmetterte, was zu großen +Mißhelligkeiten zwischen Papa Eisig und seinem Mieter führte. Es +wurde nur einfach ausgemacht, von nun an keine Hochkicks mehr zu +machen. Und unverdrossen kroch man zwischen Fässern durch, wenn der +Ball sich zwischen sie verloren hatte, kletterte ihm nach durch die +Fenster in die versperrten Keller und Schuppen, breitete sich immer +weiter aus, spielte bei Regenwetter im Vorzimmer der Wohnung, zerbrach +Lampen und Spiegel, umging immer wieder die elterlichen Verbote. Ja +man ging zum Angriff auf ihre Herzen über, suchte sie für den +Fußballsport zu gewinnen, indem man sie überredete, Sonntags sich +einmal ein Wettspiel anzuschaun. Unterwegs wurde ihnen alles auf das +Fachlichste erläutert: die Aufstellung, Goal, Hand, Ecke, der +Elfjardstoß, die Rätsel des Offside. Angesichts des Spieles machte +man sie auf hygienische Nützlichkeiten aufmerksam, zog die +Olympischen Spiele der Griechen zum Vergleich heran, deutete auf die +moralischen Werte gerade dieses Sports hin, der es dem einzelnen +verbiete, »egoistisch« zu spielen und das Gesamtinteresse seiner +Partei auch nur einen Moment aus dem Auge zu lassen ... Um diese +Zeit erschien zum erstenmal eine englische Mannschaft in der Stadt. +Es war eine Umwälzung! Man hatte ein ganz neues Zusammenspiel zu +erlernen, das Zuspielen auf der Erde, Kopfstöße. Die sechs Helden +trainierten unverdrossen, jeder mit dem festen Vorsatz, ein Champion zu +werden. Sie kannten alle Wettspielresultate der letzten Jahre, alle +Meisterschaften auswendig, sie umgaben die berühmten Spieler mit +schwärmerischer Verehrung. Sich selbst photographierten sie im Hof, +in verliebten Stellungen, mit dem Ball im Arm, oder in gestellten +Gruppen, wie einer dribbelte und den Gegner dabei »täuschte« oder +wie er im letzten Augenblick »rettete« oder wie er im Goal dem Schuß +entgegensah, die Hände auf den Schenkeln, den Kopf gesenkt mit +spähendem Blick. Sie schafften sich »Treter« an und hatten dabei ein +an Verbrecherlust grenzendes Gefühl von Grausamkeit und Mut. Ihr +Traum war, sich zu einer Mannschaft auszubilden und siegreich den +Kontinent zu bereisen ... Arnold hatte sich unbestritten zum Kapitän +aufgeworfen. Er trug auch immer den Ball zum Spielplatz, was ein +besonderes Ehrenamt war und außerdem dem Träger Gelegenheit gab, +schon unterwegs einige Kicke in den Ball zu tun. Dies jedoch wurde +ihm von den andern stets mit lautem eifersüchtigen Geschrei +untersagt. Es war verpönt. Der Ball sollte getragen, aber nicht +gekickt werden. Auf das Kicken behielten sich alle das gleiche Recht +vor und wachten streng darüber, so überirdisch schien ihnen dieses +Vergnügen, dieser geschickte Anstoß an die stählern klingende Rundung, +diese Kraft und Richtung ... Ging Arnold allein durch die Gassen, so +phantasierte er sich auch stets einen Ball vor die Fußspitzen, den er +kunstvoll lenkte und an den Spaziergängern knapp vorbeitrieb. Das war +seine liebste Unterhaltung. Und abends konnte man ihn wild, die Mütze +in der Hand, durch leere Gassen rennen sehn. Dann war er in seiner +Vorstellung mitten im Wettspiel, draußen auf dem rechten Flügel +Forward -- dies war sein Posten, wenn er mit Eisigs spielte --, +dann überholte er Feinde, die mit ihm zurückliefen, wich den +Mittelstürmern, die ihm entgegenkamen, gewandt aus. Seine ganze +Mannschaft sah er im gleichen Tempo mitrennen, über das grüne Feld +hin wie einen riesigen Fächer, der sich verlängert, sah aller Augen auf +sich gerichtet, denn er hatte den Ball, -- knapp an der weißen +Outline lief er, während das Publikum mit »Hipp, hipp« ihn anspornte +und erregte Köpfe über die Holzstangen ihm sich nachbogen -- sah +sich als Teil eines Ganzen, als Anführer, all dies in wenige Sekunden +zusammengepreßt -- endlich spielt er den Ball in die Mitte, der +Centre hat ihn und läßt ihn mit der Wucht beinah eines senkrechten +Falles durch das feindliche Goal in das heftig aufzitternde Netz +stürzen, ... während der tapfere unegoistische Flügel langsamer +heranläuft, alles überblickend. Und nun wird applaudiert, es rauscht, +es schreit. Sieg! Sieg! + +Eine Zeit lang verkehrte Arnold mit niemandem als den Eisigbuben. Bald +aber wuchs sein Bekanntenkreis und wurde schließlich ihm selbst +unübersehbar und unheimlich. Während er in der Schule voran blieb, +öffentlich und im Geheimen, auch in der Kommerskassa zum Obmann +anstieg, die Kneipzeitung nicht nur redigierte, sondern auch auf einem +selbstgekochten und selbst in die Blechpfanne eingegossenen +Hektographen abzog (welche Schmerzen, wenn schließlich mitten in der +immer dünneren und durchscheinenderen Masse der Blechgrund durchsah +oder wenn die Gelatine in kleinen Kandiszuckertröpfchen an die +feuchten Abziehbogen abbröckelte), während er sogar eine kleine +verbotene Lotterie für die Maturakneipe unter den Kameraden und +deren möglichst weit herangegriffenen Angehörigen veranstaltete, +begann er doch auch noch außerdem ein schwungvolles Privatleben zu +führen. Gottfried Eisig, der Schauspieler, brachte ihn in eine +Gesellschaft von Konservatoristen, in dunkle Hofzimmer, wo es von +Violinskalen und Nässe seufzte; bei einem von ihnen, Waldesau, der +durch besondern Ernst ihn ansprach, lernte er mit reißenden +Fortschritten Klavier. Nebstbei trat er in einen Tennisklub ein +und erwählte auch dort, in der vornehmen Welt, seine Freunde. Dies +alles steigerte sich noch, als er nach glücklich mit allgemeiner +Auszeichnung abgelegten Prüfungen die Hochschule bezog. Eigentlich +sollte er in das Geschäft seines Vaters eintreten, doch zog er dies +durch unschlüssiges Studium und Berufsprobieren noch einige Jahre +hinaus. Er inskribierte dort und da, klaubte aus allen Gegenständen +die üppigen Mandeln heraus, ließ sich von Gefährten zur rechten und +zur linken Seite bald in die »gerichtliche Medizin«, bald zu +»Experimentalphysik« oder »Sanskrit« oder den »Versmaßen des Horaz« +ziehn. Er gewann zu ganz intimen Brüdern: Löb, den sachlich +strebenden Bakteriologen, der zunächst im Schul-Mikroskopieren, bald +auch mit eigenen Ideen Geschicktes leistete -- ferner den ruhigen +kleinen Krause, der mit Jusstudium eine gründliche Erforschung des +jüdischen Wesens und zionistische Propaganda verband. Arnold selbst +trat einem deutschen Studentenverein bei und war dort eine Zeit lang +der Vertraute des in politischen Dingen jugendlich-energischen und +wohlvertrauten Technikers Grünbaum. Grünbaum nahm Malstunden, +natürlich teilte sie Arnold mit ihm ... Das Seltsame nun bei diesen +nach allen Seiten umsichgreifenden Beziehungen war, daß Arnold mit +Sicherheit für jeden seiner Freunde den richtigen Ton traf, daß er +niemals dem Waldesau, sondern immer nur dem eleganten Preisruderer +Bobenheim unanständige Witze erzählte, daß er mit Grünbaum ebenso +schwärmerisch von Rodin, wie mit Löb von »Ehrlich 606« sprach, und +wieder daß ihm Professor Ehrlich für Löb den großen Arzt und für +Krause den großen Juden bedeutete ... Natürlich war er längst klug +geworden und hatte die schwadronierende Art seiner Gymnasiasten-Reden +längst aufgegeben; aber die prächtige und beflügelte Sprechweise, der +strömende Schwall von Ideen, der auch den Hörer in einen Zustand +angenehmer Leichtigkeit versetzte, war geblieben. Hierzu gab nun +sein wirklich übermenschlicher Eifer in allen Bestrebungen, der +Mut, mit dem er immer seine ganze Person, seinen edelfunkelnden Geist +einsetzte, mit dem er immer furchtlos sofort das Herz der Probleme +attackierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines +unverwüstlichen Gedächtnisses -- gab Untergrund und Quadersteine für +blendende Bauwerke ... Kein Wunder, daß ihn alle Freunde für ein +vielseitiges Genie hielten. Als bedeutender oder, wie man unter ältern +Leuten sagt, als »gescheiter« Mensch war er allgemein bekannt. Er war +jetzt von ziemlich großer Statur, seine Augen lagen unter hohen Knollen +der trotzdem freundlichen Stirne, in tiefen bläulichen Höhlungen also, +aus denen sie wie schattige Gebirgsseen, klar und doch von +unergründlicher Färbung, hervorsahn. Diese großen verfinsterten Flächen +teilten zugleich mit dem Nasenschatten, der über der glattrasierten +Oberlippe spielte, mit den weißen ebenmäßigen Wangen sein Gesicht +überblickbar ein, machten es leicht einprägsam. Dazu der flache +breitgerandete Strohhut, der niedrige Umlegkragen, dem der Hals frei +und künstlerhaft entstieg, der weite gutgeschnittene Überzieher -- und +die markante Persönlichkeit, der angesehene Mitbürger war beinahe +fertig ... Auf solche Äußerlichkeit, die sich ja mit der Zeit von +selbst einstellte, gab jedoch Arnold wenig; sein Flammenstreben +richtete sich vielmehr nur darauf, mit jedem einzelnen der Freunde zu +wetteifern und alle zu überflügeln. Er stieg einfach in alles hinein, +ohne Berechnung, aus purer Lust. Wenn Löb zu wissenschaftlichen +Lektürzwecken Englisch und Französisch erlernte, so begann er +gleich noch Italienisch dazu. Las Krause die Bibel im hebräischen +Urtext, so verschaffte sich Arnold schon Auszüge aus dem Talmud. + +Dies jedoch hätte die Verehrung, die ihm diese so verschiedenartigen +jungen Leute zollten, noch nicht erklärt. Es muß noch gesagt +werden, daß er alle nicht nur begleitete, sondern auch stieß und +antrieb und tröstete. Tröstete, indem er sie stieß -- nirgends +Schwierigkeiten sehend und mit der ihm angeborenen nebelhaften Energie +gleich nach Erfüllung aller Wünsche langend. Es war eben seine +eigentümlichste Eigenschaft, daß er, in Gesellschaft mit einem +Freunde, ganz und freudig erfüllt von dessen Liebhaberei, unter +allen Umständen weiterdrängte und in hellstem Optimismus sich und den +andern für fähig zu allem hielt. War etwas in den Lehrbüchern +beiden unverständlich, so war es falsch, eventuell ein Druckfehler. +Stimmte eine Theorie nicht zu eigenen Beobachtungen, so verwarf er +jedesmal ohne Gewissensbisse die Theorie, niemals die noch so +flüchtige Beobachtung ... So kam es, daß er überall nichts als +Reformbedürftigkeit sah. Die Philosophie sollte von Grund aus +umgeformt werden, die Physik war lächerlich, die Welt des öffentlichen +Lebens beruhte ebenso auf falschen Prinzipien wie das Rudertraining. +Wieviel gab es da zu arbeiten, wie zum Verzweifeln wenig war eigentlich +fertig! Und wie schön war diese Verzweiflung!... Arnold hielt sich nie +mit Details auf, nur die großen Grundideen warf er über den Haufen und +schrie: »Das ist überwunden. Da müßte so und so weitergebaut werden!« +Mit erhobener Hand stand er über den Freunden, die in ihrem mühsamen +ehrlichen Kleingewerbe befangen den großen Zug verlernt hatten und gern +den frischen Hauch so freimütiger Weltgedanken hörten, wenn sie auf dem +ersten Schritt zu diesem Luftzug hin über irgend ein ernsthaftes +Kramzeug stolperten. Hatten sie aber auch nur einen kleinen +vorsichtigen Schritt nach vorn getan, gleich war Arnold da und lobte, +nannte das eine »tüchtige Leistung« und ließ das Kommende hochleben. +Er verstand sich besonders darauf, gut und einschmeichelnd zuzuhören; +und dies wieder, weil er das Zuhören nicht affektierte, sondern weil er +ernstlich glaubte, von seinen in die Spezialstudien detachierten +Freunden die reinste Essenz der Wissenschaft einziehn zu können, die +fertigen Resultate, zu deren Erarbeitung er selbst keine Zeit hatte. +So saß er andächtig, behielt immer die Einteilung ihrer ganzen Arbeit +sicher im Kopf, wußte, wie weit man neulich gekommen war, konnte durch +Ausbessern kleiner Flüchtigkeitsfehler oder Dispositionsabweichungen +seine Aufmerksamkeit wohltuend dem andern beweisen ... Natürlich war er +nicht so unliebenswürdig, mit der Türe ins Haus zu fallen, sondern nahm +auch an den Familienverhältnissen der Freunde einen Anteil, an ihren +Liebschaften und Verdrießlichkeiten. Immer aber wußte er, ihre +fortschreitenden Fachkenntnisse und die besondere Richtung ihres +Denkens als das Wichtigste an ihnen und an ihrem Verkehr mit ihm zu +behandeln, wie es ja seiner Überzeugung entsprach, auf diese Facharbeit +kam er nach jeder Einleitung zu sprechen, und da die Freunde bald +merkten, daß aus ihrer Umgebung nur er stets und wirklich aus dem +Herzen auf dem bestand, was sie selbst als das Edelste an sich, wenn +auch manchmal als etwas Unbequemes, ansehn mußten, zogen sie ihn bald +allen übrigen Kameraden vor. Zumindest hatte er eine Sonderstellung. +Man plauschte mit ihm, aber es war kein leerer Zeitvertreib, es war +eine Anspannung, seinem impulsiven Andrücken immer genügen zu können, +man mußte sein Bestes geben. Abschweifungen in andere Gebiete lehnte +er ab, indem er sich plötzlich (und ebenso ehrlich wie vorher +interessiert) uninteressiert verhielt. Solche Laienhaftigkeit schien er +nur sich selbst vorbehalten zu haben ... Doch arbeitete er auch selbst, +vertiefte sich manche Tage lang in irgend eine Frage, die ihm im +Gespräch mit einem Freunde gekommen war, schrieb er ein paar +Klavierstücke, einen »Abriß einer neuen Werttheorie«, einen »Entwurf +zur Kritik Spinozas vom Standpunkte der Rasse aus« -- lauter kleine +Heftchen, vollgeschmiert mit flüchtigen, oft klecksartigen +Schriftzeichen, Abkürzungen, Symbolen -- und mit großem Vergnügen las +er dann die noch unfertigen Darlegungen dem betreffenden Freunde vor, +für den er eigentlich die Arbeit unternommen hatte. Das Vorlesen war +nämlich das Ziel der ganzen Arbeit; Arnold arbeitete mit Unlust und +Ungeduld, unter tausend Ablenkungen, und was ihn während dieser Mühsale +emporhielt, war nichts anderes als der Gedanke an die herannahende +geisterfüllte Vorlesestunde. Und war sie da, dann erschütterte die +Leidenschaft sein blasses Gesicht, seine zuckenden Hände mit +aufschießenden Blutwellen, dann erst begann seine eigene Arbeit ihm +sich zu färben und zu beleben, dann schrie er in melodischen +Akzenten, hielt nur still, um neue Ausblicke einzufügen, +entschuldigte sich, daß dies ja noch nicht die endgiltige Fassung sei, +man möge mehr auf die Absicht sehn als auf das, was wirklich +dastehe, schloß dann mit leuchtenden Augen in einer ausführlichen +Skizze, was und wie es nun weiter zu machen sei: »also, lieber +Krause, das überlasse ich jetzt dir. Da leg dich hinein und schau, +daß was draus wird. Es ist ja so einfach ...« -- Wie er aber selbst +gern vorlas, so verlangte er auch von den Freunden rückhaltlos die +Produkte ihrer Tätigkeit, selbst wenn diese mutlos und schamhaft +lieber ihre halbausgereiften Pläne verborgen hätten. Er brach in ihre +Schreibtische ein, er zwang sie durch flehentliches Bitten, ihm +doch etwas, was sie gerade im Kopf wälzten, zu erzählen. Daß sie in der +letzten Zeit nicht gearbeitet hätten, ließ er einfach nicht gelten. +Ausreden wie: Zweifel an ihrer eignen Tüchtigkeit, Unwohlsein, +Müdigkeit -- schob er mit burschikosen Flüchen weg. Schließlich +schämte man sich, mit leeren Händen vor ihm zu erscheinen. Arnold +verlangte einfach, daß rings um ihn geleistet wurde; als hätte er +selbst das dunkle Gefühl, daß er für seine Person mit seiner +Zersplitterung nichts Nennenswertes hinterlassen würde, suchte er seine +Spannkraft wenigstens durch das Medium anderer Gehirne hindurch +wirken zu lassen. Der starke Wille, der in ihm lebte, in ihm +selbst unfruchtbar, wurde auch tatsächlich die Stütze und der +Sauerteig vieler Arbeiten seiner Freunde. Der verwickelte Ausbau +seiner vielfachen Bedürfnisse und natürlichen Triebkräfte stand wie +ein Turm da, an den sie sich lehnten ... Waldesau zum Beispiel, der +Musiker, der in einem beständigen Ekel vor sich selbst lebte, +gestand oft, daß er keine Note schreiben würde, wenn ihm Arnold +nicht immer wieder mit kollegialen Schimpfreden den Teufel aus dem +Leib triebe. So aber lieferte er Kompositionen, Lieder und Sonaten, die +zwar er selbst erbärmlich, verbrecherisch fand, die aber das +enthusiastische Lob nicht nur Arnolds, auch älterer Musikkenner +hervorriefen. + +Arnold ging weiter. Er liebte es -- all dies instinktiv, nicht aus +Überlegung -- seine Freunde, die einander noch nicht kannten, mit +einander zusammenzubringen, falls er sich davon gegenseitige +Anregung und Förderung ihrer Arbeiten versprach. Er hatte seine +Freude an den neuen Konstellationen, er verfolgte mit einer Art von +Zärtlichkeit die weitere innige Verflechtung der Fäden, die er selbst +neben einander gelegt hatte und die jetzt ohne ihn lustig und oft +mit einer in seinem Anstoß gar nicht zu ahnenden Bedeutsamkeit sich +fortspannen. Zu vielen tiefgreifenden Beziehungen legte er so den +Grund, nur selten tat er einen Mißgriff. Kein Wunder, daß ihn Liebe und +Begeisterung der ganzen Gruppe, die er so hübsch organisiert +hatte, umgab. Selbst der spitzige vielüberlegende Grünbaum, der jede +körperliche Berührung mit Menschen scheute, drückte ihm wärmer die +Hand. Alle fühlten, wenn auch undeutlich, daß die zartgebauten +Wurzeln ihres Daseins aus den strömenden übervollen Bächen dieses +Verschwenders immer neue Bewässerung zogen und daß dabei gar kein +Schwindel oder eine Willkürlichkeit Arnolds mitspielte; daß vielmehr +dies alles nach Naturgesetzen so geschehn mußte -- und gerade +dieses Unbedingte, Automatische, Gesetzmäßige war die Ursache, aus der +man ihm vertraute, ihm doppelt verpflichtet war ... An seinem +Geburtstage empfing er nun auch glühende Briefe sonst ruhiger +Genossen, Danksagungen in klugen, nicht alltäglichen Worten, selbst +Geschenke, und wiewohl er selbst sich der Repräsentation so +außergewöhnlicher Beliebtheit nicht ohne Würde und Rührung +unterzog, sagte er sich doch auch manchmal, daß es eigentlich +komisch sei, wie selbstverständlich er diese Opfergaben, den Tribut +gleichsam, einkassierte. Er selbst schenkte keinem seiner Freunde +etwas zum Geburtstage; das fiel ihm auf, die andern schienen es +selbstverständlich zu finden. Es beunruhigte ihn ... Überhaupt +wurde ihm, wenn er einmal allein mit sich zu Rate ging, nicht wohl +nach all dem metallischen Getöse rings um ihn. Kam er zur Ruhe, so +fand er, daß er eigentlich nichts zu Ende führte und nichts ganz von +vorne begann. Eine beklemmende Traurigkeit legte sich auf seine +Lunge. Was interessierte ihn eigentlich? Was wollte er auf der Welt? +Was hatte er geleistet? Daß er der Gschaftlhuber nicht war, als den +ihn Mißgünstige gern ausgeschrieen hätten, fühlte er sehr wohl. Seiner +Redlichkeit und einer gewissen Tüchtigkeit im Kern blieb er sich ja +stets bewußt. Aber mindestens ebensoweit wie vom Gschaftlhuber war der +Abstand zu der »modernen Goethenatur«, für die ihn manche Anhänger aus +ehrlicher Überzeugung hielten. War er allein, so fühlte er sehr +wohl, daß er nicht Goethe war, nicht die in sich ruhende und daher so +wirksame Vollkommenheit. Was war er also eigentlich?... Nun, eben +der Arnold Beer, ein einmaliges Individuum, so und so eingerichtet, +mit den und den Fehlern und Vorzügen, die man noch näher studieren, +entwickeln mußte. Also mit Vorzügen auch -- heraus damit!... Er +dachte nach ... Ihm fiel nichts ein ... Mit warmem Kopf rutschte +er vom Diwan zum Schreibtischsessel, vom Schreibtischsessel zum +Diwan, und vergebens suchte er, während sein Blick über die Dächer +hin in den fernen Himmel, in die rotglänzenden Wolkenkelche +einschlüpfte, beim Anblick dieser leuchtenden Gebilde auch nur einen +jener befeuernden und frischen Einfälle selbst zu empfinden, wie er +sie am Nachmittag seinen Freunden zu Tausenden um die Köpfe +geschlagen hatte ... Ja, wenn er neben ihnen ging, neben Löb zum +Beispiel ins Kolleg, oder neben Eisig in der Weinstube saß, dann +konnte er sich die Wonnen der gedankenreichen Einsamkeit wohl +vorstellen. Einsamkeit -- wie eine Fata Morgana schwebte sie vor ihm, +eine Stadt mit flachen quadratischen Dächern, alle menschenleer, doch +alle wohnlich eingerichtet mit kleinen rauschenden Springbrunnen, +seidenen grünen Kissen am Geländer, süßen Speisen und Limonaden in +elfenbeinernen Kästchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen +Leitern, ruhte hier und dort aus, sah über die Treppen hinunter in +Wohnungen, in denen Stimmen klangen, freute sich -- o Einsamkeit -- über +die Straßen und Bazare unten, lebendiges Wimmeln, die große Aussicht in +den Abendhimmel ... So vertieft war er in dieses Bild, daß er die Reden +des Gefährten nicht mehr hörte, und verriet sich eine von ihnen durch +die erhobene Stimme als Frage, so mußte er geschwind die letzten Worte, +die der andere gesprochen hatte, aus seinem unbewußten Gedächtnis, in +dem sie eben beinahe verschwanden, zurückholen, um irgend etwas Kleines +erwidern zu können. O wie wünschte er da den Störer seiner Einsamkeit +hinweg, wie hätten, ohne den, diese Bäume oder dieser Wohlgeschmack +eines französischen Weins zu seinem treuen, auf sich allein +gefüllten Herzen gesprochen! War er aber wirklich einsam, so wurde +ihm sofort bang und verlassen zu Mute. Die Gestalten dieser fühllosen +unüberwindlichen Natur, die Blumen und Gräser, erschreckten ihn durch +ihre rohe Gesundheit, die er nicht trösten und nicht anfeuern konnte, +in der es keine Bravourstückchen gab; einsames Trinken gar erschien +ihm langweilig und tierisch ... Also lief er schnell wieder unter +die Menschen, mit denen man reden konnte, begann dies und jenes in +seiner intensiven, aber kurzatmigen Art und brachte sich auch +wirklich, wenn er die Zahl der von ihm bepflügten Gebiete überblickte, +seine Jugend, seine Pläne, nach allen Richtungen ausstrahlend, +seine halbausgeführten Werke, seine Talente, seine Hoffnungen und +die Hoffnungen, die seine Freunde auf ihn setzten, in einen +schönen Rausch von Selbstzufriedenheit. -- Klagte er einmal, in einer +kleinen Erinnerung an seine einsamen Prüfungsstunden, den Freunden, +daß seine Seele so zerrissen sei, so lachte man ihn immer aber mit der +allergrößten Entschiedenheit aus: »Du unglücklich? Und was soll ich +dann sagen? Du machst das und das. Und ganz vergißt Du an das und das. +Solche Erfolge! So eine Arbeitskraft, das ist ja etwas ganz +Abnormales! Und du wirst dich noch beklagen! Das wäre aber eine +Frechheit ...« Man ahmte die Art seiner gutgemeinten Scheltreden +nach. Er aber wandte sich, mit einer kleinen Träne im Auge, ab: »Ich +könnte ja etwas leisten, wenn ich nur Zeit hätte.« + +Daß er keine Zeit hatte, war eigentlich für Fernerstehende das +hervorstechendste Merkmal seines Lebens. Und meist befand ja auch er +selbst sich, dank seiner fortreißenden Strudeleien, in der Lage dieser +Fernerstehenden. Dann fiel ihm auf, daß er sich zu viel aufgebürdet +hatte; an einem Tage ein Rudermatch, vier Vorlesungsstunden, Besuch +bei zwei Freunden, bei einer Familie Tee, Klavierüben, und dazu die +vielen angefangenen Bücher mit winkenden Lesezeichen auf dem +Schreibtischregale, das ging entschieden über Menschenkraft. Und da +ja die meisten dieser Verpflichtungen in langvergangene Zeit +zurückreichten, zu denen er sprunghaft immer wieder zurückkehrte, +ohne sie je durch Beendigung loszuwerden, wurde er sich immer nur +bewußt, daß er Verpflichtungen zurückwies, nur selten neue aufnahm. +Also erschien er sich als armer Verfolgter, Begehrter, Bedrängter, +vergaß bald den eigenen Leichtsinn, mit dem er sich nach einander +auf so verschiedene Dinge gestürzt hatte, und begann einen geheimen +Groll gegen seine Freunde insgesamt zu nähren, die ihn in Anspruch +nahmen und ausnützten, ja ausnützten und zu keiner eigenen Arbeit +kommen ließen. Was half es, daß er stets einen Zettel bei sich +trug, mit den wichtigsten Pflichten für die nächsten Tage, daß er ein +Tagebuch begann, in das er die Dinge schrieb, um sie keinem Freund +erzählen zu müssen und um also auf diesem Wege einen Verkehr mit sich +selbst anzubahnen, was halfen alle Anstrengungen, Ordnung in sein so +hinausgestreutes Leben zu bringen ... Und grimmig ging er die Schwächen +seiner Freunde durch, die sie an ihn fesselten, die Blutarmut Waldesaus, +die diesen melancholisch machte und auf lindernden Zuspruch angewiesen, +die Armut Krauses, die ihm den Verkehr mit Arnold als mit dem +gesellschaftlich Höheren unentbehrlich erscheinen ließ, die Dummheit +Bobenheims, der, durch den intelligenten Umgang geschmeichelt, zu +einiger Selbstachtung gekommen war, während er sich vordem nur als einen +»trostlosen Wüstling« gekannt hatte. Und er verfluchte sein gutes Herz, +das ihn aus Mitleid an diese fehlerhaften Menschen klemmte. Zugleich war +er erbost über seine grübelnde Scharfsichtigkeit, seine Lieblosigkeit +gegen so gut verhüllte Schwächen der Freunde. In einem allgemeinen +Katzenjammer fand er dieses Leben erbärmlich, nicht länger zu ertragen. +War dies gemeines Menschenlos, oder nur vielleicht typisches Schicksal +eines jungen Juden? So weit hatten ihn Krauses Ideen schon beeinflußt, +daß er dies in Erwägung zog. Schließlich aber blieb er, ohne +Zusammenhang mit Gott, oder mit irgend einem Volk, in der +zusammenschlagenden Dunkelheit allein, von allen Teilnehmenden +verlassen, verzweifelnd und unsympathisch ... Da traf er den nächsten +auf der Gasse. Sofort heiterte sich sein Antlitz auf, sein Herz +zugleich, er fand schnell wieder die freundlichen Worte, die Fragen +voll Interesse und Ermunterung, und dabei war dies durchaus keine +Heuchelei, sondern die bloße Gegenwart des Freundes eben bewirkte in +ihm jene schnellere Zirkulation von Ideen, die ihn sprudelnd auf +Flammenpfeilen in die Höhe schoß und ihm den Zusammenhang mit einer +glücklichen Menschheit und ihrem wohlwollenden Wirken zurückgab ... Am +wärmsten aber wurde es ihm, wenn er mit Lambert und Genossen (dies war +wieder eine andere Partei besonders eleganter internationaler +Nichtstuer, die aus unbekannten Mitteln glänzend in den Tag lebten) auf +dem Corso erscheinen konnte, auf dem Bummel, den diese Herren nie +versäumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arroganten +Hütelüpfen. Auch bei ihnen war Arnold beliebt, durch seine schussige +Munterkeit und Originalität, und obwohl er weder der fescheste +noch der witzigste unter ihnen war, räumte man ihm gern eine +beherrschende Stellung ein. Wenn es nur anging, machte er sich +täglich eine Abendstunde dafür frei, und dies nannte er seine +Erholung, mitten in einer dunklen Schar befreundeter Köpfe sich +geschützt und gemütlich zu fühlen, wie in einer Herde auf- und +abzurollen die Gasse entlang, gestoßen werden, stehen bleiben und +ungerührt in die Vorbeigehenden starren wie in die beleuchteten +Auslagen, durch lustiges Flüstern und Blicken fest mit der +Genossenschaft verbunden, beinahe bewußtlos. -- + +Und gar wenn er sich niedersetzte und Briefe an seine Freunde aller +Heerlager schrieb, in die Ferien hinaus zu Dutzenden! Denn das liebte +er, diese Bulletins waren wieder eine Sache, in der er sein ganzes +Orkantemperament austoben lassen konnte. So wie es Leute gibt, +denen alle Sorgen einfallen, wenn sie einen Brief schreiben und deren +Briefe daher ein wesentlich zu trauriges Abbild ihrer Situation +geben: so wurde im Gegenteil vor Arnolds Blick, wenn er ihn auf das +weiße geradebegrenzte Papier richtete, alles rosig und in gute +Linien geklärt. Ihm war Briefeschreiben eine gesteigerte Form +menschlicher Unterhaltung und alle seine Vorzüge flossen ihm willig +in die Feder, ein Goldglanz ohne irdische Schwere, wenn er seine +strammen, beinahe militärischen Loblieder auf das, was ihn gerade +erregte, losließ. Gern beschrieb er Kunstgenüsse oder gefiel sich +in rückhaltslosen Offenheiten oder schwelgte in gigantischen +Vorsätzen, zu deren Ausführung es Jahre ernsthafter Arbeit bedurft +hätte, in seinem feurigsten Stil, tat sie damit gleichsam für sich +ab, obwohl er sich während des Schreibens gar nicht bewußt war, daß er +sie nie werde in Taten verwandeln können, daß gerade dieser Brief +als Energieableiter zwischen Plan und Ausführung trat. Nein, die +Wahrheit selbst, hinreißende Tatkraft und ansteckend gute Laune +sprachen aus solchen Episteln, die unmittelbar, ohne zu überlegen, +mit allen Quersprüngen und den schlechtesten Witzen, die ihm gerade +einfielen, hingerissen waren; und so verfehlten sie natürlich nicht, +seine Freunde zu rühren und zu neuem Schaffen anzustacheln, während +Arnold mit ausgeschöpftem trockenem Herzen zurückblieb. Überdies +schwankten diese Ergüsse in ihrer Länge von der dreißigseitigen +Dissertation, deren Erscheinen schon im Kuvert beim Adressaten +Erstaunen und ehrfürchtige Schauer hervorrief, bis zum kurzen Zettel +voll mit Gedankenstrichen, Rufzeichen, humoristischen Symbolen, +verschiedenen Buchstabengrößen und Schriftarten, kurz allen Mitteln +einer aufs Höchste gesteigerten Anschaulichkeit, wie sie aus seinem +Hitzkopf explodierte. Die Schrift hatte pomphafte Schnörkel, große +Bäuche, starke Schatten und weit auseinandergezogene Haarstriche, so +daß manchmal ein etwas längeres Wort eine ganze Zeile einnahm. -- Hier +eine der unbedeutenderen Noten an Waldesau: + +»Lieber Kerl, + +Ich bin durch ununterbrochenes =BACH=-Spielen in den letzten Wochen +endlich dahintergekommen, daß ich -- ein Schöps bin, wenn ich nicht +-- endlich einmal -- und zwar soforrrrrrt -- die _ganze_ Musiktheorie +gründlich durchnehme!! Mein Buchhändler bietet mir ein großes Werk +zum Selbstunterricht, solche Hefte, weißt Du -- mit hübschen Fragen +und Antworten -- Ermahnungen an den faulen Schüler u. s. f. -- bißl +kindisch, aber es gefällt mir vor-Leipzig -- 60 Hefte, 50 Mark +(!!!!) -- Soll ich es kaufen. Bitte, schreibe soforrrrrt, genau und +viel, empfiehl anderes! Ich muß =ALLES= haben, das ganze Gebiet -- +also Elementarlehre, Generalbaß, Formen -- Du weißt ja -- ich hab +es satt, so ungebildet weiterzutrotteln -- Also, auf, sattle den +Hippogryphen, schicke mir Pläne -- auch Instrumentation natürlich -- +Wenn schon, denn schon -- Ich habe jetzt riesige Lust. Also schreib +nur schnell, damit das Feuer net auskühlt, Du kennst doch -- Deinen +Dichliebenden u. s. f. -- Momentan fühle ich mich so stark, daß ich +Berge bewegen könnte. Und Du auf Deinem Jeschkenberg? (Ein gebirgiger +Brief!) -- Ich arbeite täglich 9 Stunden, kann Abends nie einschlafen +vor _Ideen_. Habe etwas merkwürdiges angefangen, eine neue Art von +Kontrapunkt. =Sei neugierig!= Es steht dafür -- Schrecklich glücklich +bin ich dabei. Und Du? Und Du? Und Du? -- Wieder mal die Flinte ins +Korn geworfen? =Porco maledetto!= Wenn jetzt nicht bald mal eine +fette =Notensendung= (Manuskript!!) von Dir kommt, so treffe ich Dich +wie der Blitz -- der immer die Nabelbeschauer trifft -- wo? Im Popo +-- weil sie so gebückt sitzen. Aber Spaß bei Seite: Was treibst Du -- +Ich bin sehr besorgt. -- Servus!« + +Ein Bildchen, die rauchende Jagdflinte, vervollständigte diesen +auf einer halbzerrissenen Kuvert-Innenseite in schrägen Zeilen +hingedonnerten Aufruf. Darunter eine Wolke, aus der zwei zackige +Blitze schlagen; alles mit der Feder gekritzelt, beim Abtrocknen +etwas verwischt ... + +Gottfried Eisig, der inzwischen (man mußte doch etwas machen) in die +Redaktion eines heimatlichen Blattes eingetreten war, munterte nach +solch einem Brief Arnold auf, doch einmal etwas »Selbstständiges« zu +schreiben. Arnold brachte ein paar »Reisebriefe.« Sie wurden gedruckt, +ohne aber besonderes Aufsehn zu erregen, außer in Arnolds nächster +Umgebung; übrigens waren sie auch, da ihnen der persönliche Anlaß +fehlte, ziemlich matt, ja schablonenhaft ausgefallen. + + + + +II. + + +Eines Tages erklärte der Vater, das Söhnchen habe nun genug gebummelt +-- und am nächsten Morgen schon ging Arnold in dem großen Geschäft auf +und ab, die Schachteln an den Wänden mit neugierigen Blicken musternd. + +Der Abschied von der Universität wurde ihm nicht schwer. Daß aus +den allenthalben verzettelten Kollegien nichts Gescheites werden +könne, war ihm längst klar geworden. Nun hoffte er, durch eine +vollständige Umwandlung seines Lebens, wie sie der Eintritt ins +Geschäft bedeutete, sich zu konzentrieren; Dinge, die er nur aus Treue +gegen das einmal Begonnene mit Unlust weiterbetrieb, abzuschütteln; +ein Mann zu werden. Vielleicht im Geschäft. Doch täuschte er sich +da nicht in der Voraussicht, daß der Vater in seinem pedantischen +Geschäftseifer keinen wichtigen Teil des Betriebs selbst aus der Hand +lassen würde. Zunächst versuchte Arnold allerdings Einfluß zu +gewinnen, das Geschäft umzudrehn, da er natürlich sofort, noch ehe +er den naturgemäßen Lauf der Sache kannte, schon Umwälzungsideen im +Kopf hatte. Aber da war er an den Unrechten gekommen; mit nicht +mißzuverstehender Verwunderung wehrte der Alte ab. Und so gewöhnte +sich Arnold bald daran, Vormittags im Kontor Bücher seines Geschmacks +zu lesen und an Nachmittagen sich überhaupt nicht mehr im Geschäft +blicken zu lassen. Auf dem einförmigen Boden des Geschäfts- und +Familienlebens wucherten seine Launen nun noch üppiger und bunter als +vordem. + +Doch stand er bei seinen Eltern nicht minder hoch als bei seinen +Freunden im Wert. Schon seit seiner Jugend, da er als »Wunderkind« +frühzeitig aufsagen, lesen und schreiben gelernt, hatte sich ein +großer Stolz auf ihn in ihren Herzen eingebürgert. Dann war er der +Einzige geblieben, und immer lebhaft, bei den Mahlzeiten gesprächig, +heiter und ausgelassen, was den Eltern Freude machen mußte. Auch +zärtlich wurde er zu angemessenen Zeiten. Sie lobten ihn überall +deshalb, in den nahen Familien wurde sein Beispiel als eines +hochbegabten Musterknaben im Munde geführt. Einen Zirkel älterer Damen, +der sich an regelmäßigen Nachmittagen bei Frau Beer einfand, +entzückte er durch sein Klavierspiel. Die Freunde seines Vaters +unterhielt er, bei ihren Kartenabenden manchmal, mit den letzten +Kuplets, die in seinem Jugendkreise eben aufkamen. Er war der Liebling, +die Hoffnung aller. Und Arnold fragte sich vergebens, wodurch er so +viel Enthusiasmus erregt haben konnte. Ja es nützte auch gar +nichts, wenn er einmal sich vornahm unliebenswürdig zu sein. Ein Besuch +kam aus Berlin, eine Geheimratswitwe, schwarzgekleidet, überlaut und +temperamentvoll, vor der er in einem fort seine Arme, Beine und +Wangen in Sicherheit bringen mußte. Zur Strafe sprach er kein Wort +mit ihr, erwiderte ihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst +gleichgiltigen. Es half nichts, einige Tage nachher schickte sie ihm, in +einem Brief an Frau Beer, spezielle Grüße, zerschmelzende: »Dem lieben +lieben liebenswürdigen Sohn, den ich so schnell liebgewonnen habe.« +»Aber warum denn? -- Ich hab sie gar nicht liebgewonnen. Ich war doch +auch gar nicht lieb zu ihr« fragte er die Mama. »Du hast sie an ihren +Sohn erinnert« war die Antwort. Er seufzte, sein guter Ruf war stärker +als er ... Nur einmal, erinnerte er sich, in frühester Jugend war diese +Weihrauchwolke um ihn zerrissen worden -- durch die Großmutter, die +sonst in Wintertal lebte und nach einer von Spektakeln erfüllten kurzen +Besuchszeit dahin wieder abreisen mußte. Sie hatte an allem etwas +auszusetzen gefunden, auch ihm einmal einen Stoß vor die Brust gegeben, +weil er ihr nicht schnell genug auswich, das wußte er noch genau ... +Doch da sie als unverträglich bekannt war, man sprach von ihr als von +einer »Furie«, dem »bösen Geist der Familie«, tröstete er sich schnell +über diesen Mißerfolg und die alte Glorie war bald wieder hergestellt. +-- Besondere Triumphe feierte er im Musikzimmer der Kurorte. Oder beim +Kurkonzert, wo er in Potpourris die neuen, aber auch die altmodischen +Opern wie »Zampa«, »Wasserträger« vom weiten erkannte, zum allgemeinen +bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfüllte. Von +solchen Philistern gelobt werden, pfui! Beschämt gestand er sich selbst, +daß das nur daher komme, weil er seinen Mund nicht halten könne, immer +gleich sagte, was er wußte. Er überlegte eben nicht, vor wem er sprach; +jedes Publikum war ihm recht. Dann fiel ihm ein, daß ja wiederum solche +Leute in keine andere als eine höchst bewundernde Stellung ihm gegenüber +gehörten. Wenngleich er selbst sich für nichts Besonderes halte, diese +dürften schon von ihrem Standpunkt aus ruhig es tun, ja sie müßten es, +und kniefällig dazu. So mischte sich bei ihm Stolz und Ekelgefühl, +Schmeichelei und Überdruß, und diese Mischung beschwingte ihn zwar +nicht, doch drückte sie ihn auch nicht nieder, sie wurde seine +gewöhnliche Atmosphäre ... Von allen Anfechtungen unbesiegt blieb er +der charmante junge Mann, der gute Gesellschafter, die Seele des Heims, +und selbst der Bruder der Mama, Poldi Goldberg, der als armer +Verwandter mit der ganzen Familie zerfallen war, machte ihm gegenüber +eine Ausnahme, dankte ihm freundlich auf seinen Gruß ... So hätte nicht +viel gefehlt, daß er ganz in der Sphäre häuslichen Wohlgefallens +eingeschlossen geblieben wäre, in der er so viel Beifall erntete; aber +seine Eltern waren zu schwach, um ihn andauernd zu fesseln. Die Mutter +eine sanfte Hausfrau, die alles in peinlichster Ordnung hielt, ohne daß +man je ein lautes Wort aus ihrem Munde gehört hätte; der Vater mit +all seiner nicht unbeträchtlichen Energie im Geschäft, sein +einziges Glück »sich zu vergrößern«, daß heißt: den Laden jedes Jahr +umzubauen, Wände durchzubrechen, Keller des Nachbarhauses mit +seinem Hof zu verbinden oder wegen der Portale mit der Stadt zu +prozessieren. Beide waren ordentliche gute gewissenhafte Leute, +aber ohne jede Spur von Romantik, beide alt; und so wurde eben Arnold +zunächst ins Eisigsche Haus, dann in die Kolonnen seiner Freunde +getrieben, wo es so viel Resonanz für sein lautes Geschrei gab. + +Sein Kreis hatte sich indessen in den wenigen Jahren nach dem Austritt +aus der Hochschule einigermaßen geändert; Arnold wußte selbst nicht +recht, wie es gekommen war. Da er nicht mehr in die Vorlesungen +ging, hatte er die regelmäßigen Treffpunkte mit einigen verloren. +Andere blieben aus, weil er die studentischen Vereine nicht mehr +besuchte. Mit Krause, der immer fanatischer das Jüdische +herauskehrte und gegen die »Assimilanten« loszog, hatte er sich nach +einem Wortwechsel ganz zerschlagen. Dafür war Philipp Eisig nach +mehrjährigem Aufenthalt in Amerika wieder aufgetaucht, gänzlich +verändert in seinem Äußern, einem eingeborenen Ur-Chicagoer nicht +nur in der Kleidung, sondern zum Erstaunen auch in den Gesichtszügen +gleich, als hätte das fremde Land ihn von Grund aus umgeboren. Die +alte Jugendliebe blühte unverwandelt wieder auf und mit ihr auch das +alte Pumpverhältnis. Während nämlich Eisig für die väterliche Firma +große Reisen unternahm und jedesmal mit einem dicken Haufen von +Banknoten, die er sich angeblich erspart hatte, in die Stadt +zurückkam, wurde Arnold für seine kärgliche Betätigung mit einem +schmalen Taschengeldchen abgefunden und hatte immer unbefriedigte +Bedürfnisse. Eisig stotterte nun auch nur unbedeutend, das hatte +er in einer Anstalt drüben sich abgewöhnt, und behauptete überhaupt in +allem die Oberhand, mit seiner tiefen mürrischen, aber sehr +entschiedenen Stimme, seinem wankenden Korpus, dem sich der breite +Kopf nur ungern nachschob, so daß er manchmal in der Luft +zurückzubleiben schien, unsicher schwebend. Er hatte jetzt breite +Schultern, ein reines Gesicht mit flachem braunem Haar in Wellen, das +in der Mitte gescheitelt war, fast wagrechte Augenbrauen, helle mutige +Augen, den Mund regelmäßig, die Stirn kindlich. Und dieses neue +Gesicht trug er mit derselben Selbstverständlichkeit wie die neue +überseeische Tracht, den niedrigen, wie ein weißer Ring ganz +zusammenschließenden Kragen, die schön hellgelben Stiefel, die +nach vorn in Keulen statt in Spitzen ausliefen. Unter seinem sehr +langen Rock -- er fiel bis fast ans Knie, ein unscheinbarer Stoff, +doch von vollendetem Schnitt -- konnte man keine Weste vermuten, +eher den Leibgurt eines Trappers oder Patronenreihen. Und ebenso +bequem wallten die Hosen herab, oben breit, am Fußgelenk schmal, +wallten wie Fahnen im Wind und man hatte das Gefühl, darunter müsse +gleich das Fleisch nackt und gesund sich regen. So zog er mit Arnold +durch die Nachtlokale der Stadt, von denen keines ihm wüst genug war, +und statt diesen alltäglichen Dingen zuzuschauen, gab er lieber +selbst einen Tanz zum Besten, einen lustigen Niggertanz, der ihm +lauten Beifall eintrug. Da trappelte er mit kleinen Schritten, +fast auf demselben Fleck, während die Arme aufwärts schwebten, sein +Kopf sich langsam senkte, wie um den immer schnelleren Schritten immer +genauer zuzusehn; dann warf sich der Kopf wieder empor, während +die Füße abwechselnd im Cakewalk mit Spitze oder Absatz aufklopften; +dann waren in die Hände plötzlich fremdartige Matrosenbewegungen +gefahren, sie hoben ruckweise ein Tau oder sie schleuderten es +unsichtbar in den Saal; zum Schluß glitten die Beine aus, ganz steif +fiel der Körper hin, lag schon ganz schief dem Boden nah, hupfte aber +unvermutet wieder gerade in die Höhe ... Der Clown verwandelt sich in +einen Gentleman, der, die Hände in den Taschen, ohne Lächeln, ja mit +trüben Augen an seinen Tisch sich zurückbegab, den Applaus +überhaupt nicht hörend. Er beklagte sich darüber, daß es hier kein +starkes Bier gebe. Er probierte die schwersten dunklen Sorten. +Nichts. Er hatte sich eben, Gott verdamme es, an Ale gewöhnt ... +Arnold war entzückt von solchen Kraftausbrüchen. Nun ließ er sich +von Philipp in die Gesellschaft anderer Geschäftsleute und junger +Börsengrößen führen, die Nachmittags in matten Glaszellen, hinten +in einem großen Kaffeehause, an kleinen grünen Tischchen Karten +spielten. Bald beteiligte sich Arnold, verbrachte mit dem größten Eifer +Stunden um Stunden mit Mischen, Abheben und Aufschlagen, mit den +lustigen Zwischenreden dabei, die überlaut klangen, weil sie kurz +waren, fühlte sich gemütlich und doch kampflustig in den Hemdärmeln, +schloß sich von keiner noch so gewagten Kombination aus. Er verliebte +sich ganz in die schlechte aufregende Kaffeeluft; gab es keinen +Tarock, so las er nächtelang Zeitungen. Alle Kellner kannten ihn +schon und schütteten gleich Stöße von Tagesblättern neben ihn auf das +Plüschsopha, wenn er sich niedersetzte. Eisig starrte neben ihm in +die Luft oder malte Zahlen auf den Tisch, wie es überhaupt seine Art +war, sich lange Weilen schweigsamen Berechnungen hinzugeben, über die +er nie etwas Näheres verlautete, die aber den Eindruck von Verwicklung +und oft auch Ärgerlichkeit machten, nach seinen dicken Falten auf der +Stirn zu schließen. Oft kam auch Lambert und die Bummelclique ins +Kaffeehaus, Arnold wunderte sich, wie bekannt Eisig mit allen war +... Diese Art von Geselligkeit nahm ihn nun fast vollständig in +Anspruch; dazu noch Bobenheims Ruderklub, dann Söhne von +Geschäftsfreunden, die sich ihm nach und nach angeschlossen +hatten, jeder mit irgend einer Passion, sei es Okkultismus oder +Weiber oder Jagden, und die Arnold natürlich in der gewohnten Weise +regierte. In Börsekreisen lernte er damals auch den jungen Walder +Nornepygge kennen, einen Chemiker, der sich erfolgreich mit +Erfindungen und Börsenspekulation befaßte. Die gemeinsamen +Freunde, die das Zusammentreffen der beiden arrangiert hatten, +waren überzeugt, daß die beiden so ähnlichen Charaktere, beide so +tätig und so vielseitig, einander schnell verstehn würden. Doch +unerwarteterweise stießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge +äußerte später, daß er Arnold roh gefunden habe, und Arnold nannte +den andern im vertrauten Kreise »einen eingebildeten melancholischen +Narren«. Überdies, so setzte er fort, habe er keine Zeit und Lust zu +neuen Bekanntschaften. Und wirklich war er immer noch außerordentlich +beschäftigt, in Anspruch genommen, und davon war noch lange keine Rede, +daß er endlich einmal Zeit zu seinen eigenen Arbeiten gefunden hätte. +Schon die paar Stunden im Geschäft, nicht viele, aber regelmäßig +einzuhalten, nicht nach Belieben zu schwänzen wie die Universität, +fielen ihm lästig, behinderten ihn aller Ende. Im Geschäft machte er +übrigens bald gar nichts mehr, auch für sich nichts, schon der bloße +Gedanke, daß er dort Gelegenheit habe, allein zu sein und seine innere +Tüchtigkeit und wirkliche Arbeitskraft also zu erproben, reizte und +verdroß ihn, -- daß dies gewissermaßen ein Prüfstein sein könnte. Er +erfand also allerlei Ausreden, wie den Lärm und die unziemliche +Örtlichkeit, und nur in Briefen raffte er sich dazu auf, nebst +schmetternden und daher eigentlich glanzvollen Klagen über den jetzigen +Zustand baldige Änderungen in Aussicht zu stellen. Und im Anschluß an +diese leeren Vormittagsstunden floß der ganze Tag wie von selbst +schnell und lustig dahin, ohne daß Arnold jemals das ausgeführt hätte, +was ihm im Sinne lag. »Ja, stärker wie Löschpapier bin ich eben nicht« +seufzte er manchmal, in humoristischer und doch selbstanklägerischer +Weise ... Im ganzen war sein Umgang jetzt um einiges weniger geistig +als vorher, doch er selbst war genau derselbe geblieben, immer tätig +und befeuernd, auch mit großer Behaglichkeit, wenn er unter +Menschen war; immer auf dem Sprung, sich in ein neues Abenteuer zu +werfen, immer unterwegs, im Wagen oder zu Fuß, wie er sich denn auch +eine eigene, besonders schnelle Gangart angewöhnte, mit weit +gespreizten Beinen, um den vielfachen Rendezvous halbwegs zu genügen +-- und da hatte die Mutter gut sagen: »Kleine Schritte machen, +Arnold, kleine Schritte.« Sie fand nämlich, daß seine schöne aufrechte +Statur unter diesem Galoppieren litt ... Welches Vergnügen fand er nun, +beispielsweise, daran, eine regnerische Abendstunde bei seinem Schneider +zu verbringen, in der hübschen und wohlgeheizten Probierstube, die eng +wurde durch allseits anrückende Stellagen, behangen mit Röcken und +Hosen. Lässig an den Pult gelehnt sah er dem alten Herrn zu, der +mit geübter Hand die scharfe Kante seiner Talgkreide, dieser +angenehm-klebrigen gelblichen Fläche, über die Stoffe wandern ließ und +dann eine Schere -- sie war so schwer, daß sie bei jedem Schnitt +herabzusinken schien -- die schnell geschwungenen Linien entlang in das +Dunkel der hingebreiteten Stofflagen führte. Arnold bewunderte ihn, wie +jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, aufs innigste. Und dann kamen so viele +Bekannte hin, um sich Maß nehmen zu lassen oder zu probieren wie er, +man plauderte, der Schneider erzählte die neuesten Anekdoten, empfing +neue von den Kunden dafür, es war ein heiteres erbauliches +Stelldichein, in dem man doch immer durch den Anblick des Chefs, der +bei aller Artigkeit und allen Scherzen eifrig sein ruhiges Geschäft +weiter besorgte, vor dem Gedanken völligen Faulenzens, wie etwa im +Kaffeehaus, bewahrt blieb. Man ging auf und ab, setzte sich auf die +roten Holzsophas, die mit ihren dünnen Stäbchen (wie Möbel beim +Photographen) einen zerbrechlichen Eindruck machten, stellte sich in +Gruppen oder wandte sich in einer zierlichen Langweile ab, um ein +Modegruppenbild an der Wand zum hundertstenmal zu studieren, über +die Ideen und möglichen Beziehungen dieser Leute zu einander +nachzudenken, die doch nur jeder wegen eines andern Kleidungsschnittes +auf dasselbe Blatt gemalt waren, also im Grunde ebenso zufällig und +ohne innern Trieb beisammen wie die wirklichen Menschen in diesem Raum; +plötzlich aber lachte man auf über einen Witz, der hinter dem Rücken +einem andern erzählt wurde, schwang sich wieder zu ihnen herum, +fühlte wieder einen wärmenden menschlichen Zusammenhang in der +beinahe starren Brust. O diese leisen Stimmen, das feine Kommen und +Gehn über Teppiche hin, die gebeugten Köpfe, von denen der schöne Hut +sich entfernt, diese Blicke, still und verbindlich, mit denen ein +geeigneter Platz für den Schirm im Schirmständer gesucht wird, o diese +Wunder einer zivilisierten Gegenwart, einer vornehmen reichen +Stadt, diese laue Luftströmung unserer gefühlvollen Höflichkeiten! +Und dazu klatschte der Regen an die Scheiben, es war nicht ratsam +fortzugehn, man sah hinaus auf die belebte Gasse mit eilenden +Menschen, deren Schirme im Wechsel der Beleuchtung sich unaufhörlich +zu drehn schienen und wie schwarzes Glas funkelten, und in die +gelberleuchteten Auslagen gegenüber, die mit all ihrer Pracht im Kot +zu zerfließen drohten ... + +Arnold liebte jetzt solche Orte, an denen man viele Leute sah und +Anregung hatte. Er besuchte alle Bälle, die Rennbahnen, die +Tennisturniere. Ohne irgendwo als Mittelpunkt aufzufallen, eignete er +sich schnell die entsprechenden Umgangsformen und Gewohnheiten an, +entwickelte dann in ihrem Rahmen einen solchen Enthusiasmus, eine +solche lustige Unbekümmertheit, daß stets ein Kreis bedürftiger und +weniger erfinderischer Köpfe ihm Gefolgschaft leistete. Der +harmlose Leichtsinn, mit dem er alles mitmachte, hatte von außen +gesehn etwas Sympathisches, und graue würdevolle Herren klopften ihm +manchmal auf die Schulter als einer Zierde und Hoffnung der Stadt, +erfreut über sein frisches Gesicht, das gesunde Aussehn, die +flotte Konversation, sie machten träumerische Augen, als dächten +sie an ihre Jugend, als hätten sie eine Erinnerung ihm mitzuteilen, +gerade ihm: daß sie früher mal es auch so getrieben, ach lange +lange vorbei --, als unterdrückten sie eben das alles, um ihn nicht +aufzuhalten und weil das ja keinen Zweck habe. Das alles lag +manchmal in solch einem anerkennenden Auf-die-Schulter-Klopfen, mit +dem sie ihn zugleich wegschoben, wieder in das Fest hinein ... Arnold +kannte bald alle wichtigeren Personen der Stadt, mehr oder weniger +flüchtig. Einigen Spaßvögeln gegenüber, die ihm besonders gefielen +und die ihn nicht minder schätzten, hatte er die Gewohnheit +angenommen, sich gegenseitig in scheinbarer Rührung um den Hals zu +fallen, so oft sie einander trafen. Dabei begleitete ihn immer noch der +Ruf besonderer Bildung, besonderer Begabung; und wenn er hie und da ein +kleines Klatsch- und Unterhaltungsfeuilleton im lokalen Blatt +veröffentlichte, gleich hieß es: »Sie sind aber fleißig! Wo nehmen Sie +nur all die Zeit her?« und neidisch fast: »Na, ich gratuliere.« Er +erschrak immer bei so billigem Lob, fand aber zugleich etwas +Angenehmes dabei, wie Betäubung, wie Halbschlaf. Selbst dachte er +immer unlieber über sich nach. »Ich bin halt eine Fernwirkung« +stellte er bei sich fest »von fern schaut's nach was aus, was ich +treibe. Aber wenn man's näher anschaut ...« Nun näherte er sich bald +dem Dreißigerjahr und eigentlich hatte er noch immer keine irgendwie +begründete Lebensstellung, frettete sich so im Nebenberuf als +Anhängsel seines Vaters durch, dessen Geschäft er ja später einmal +erben würde -- ja, aber eben so sicher auch ruinieren. Seine einzige +Hoffnung, sein Rückzug gleichsam auf sich selbst, war in dieser Zeit +-- nichts anderes als seine Markensammlung, die er auf Lamberts Rat +und mit dessen Vermittlung durch beträchtliche Ankäufe vermehrte. +Die gedachte er gelegentlich vorteilhaft loszuschlagen, nach Senff +besaß sie jetzt schon einen Wert von fünfzehntausend Mark, und mit +dem auf diese Art selbstverdienten kleinen Kapital wollte er +sodann etwas Selbständiges und Ehrenvolles beginnen, in irgend +einem fremden Land, eine Buchdruckerei in Amerika vielleicht, endlich +einmal Ruhe und wirkliche Unternehmungsfreude haben. Liebevoll pflegte +er also diese Sammlung, mit großem Ernst schrieb er alljährlich in +kleinen Bleistiftziffern den erfreulich steigenden Wert unter jede +Marke; wobei er sich natürlich nicht verhehlte, daß der wirkliche +Verkaufswert kaum mehr als die Hälfte des angegebenen Katalogwerts +ausmachte. Aber auch er hatte ja die Marken nicht teurer als zum +halben Wert gekauft, noch dazu bei niedrigeren Preisen, gegen diese +Art von Kapitalsanlage war also nichts einzuwenden. Und mochte auch +der Vater diese ganze Sammlerei als dumme Verschwendung, als +hinausgeworfenes Geld beschimpfen, Arnold konnte mit gutem Recht +einwenden: »Und wo wäre das Geld, wenn ich es nicht für Marken +ausgegeben hätte? Ich hätte es für andere Dinge ausgegeben und jetzt +hätte ich gar nichts davon.« »Und was hast du jetzt davon! Großartig! +Du meinst doch nicht, daß dir irgendwer für die Papierl etwas gibt?« +Arnold bestand darauf, daß Marken ein Wert wie jeder andere sei. »Aber +die Zinsen?« jammerte der Vater, in die Enge getrieben. Arnold +lachte ihn aus: »Vierzig Knöpfe jährlich!« und wußte überhaupt für +jeden Grund Gegengründe in Masse, da war er ja in seinem Element. -- + +Einmal vertrat ihm Eisig den Weg, dessen Gewohnheit es war, von der +Seite plötzlich heranzukommen und mit der ganzen Masse seines Leibes +sich dem Angeredeten in den Weg zu stellen: »Du, was sagst du zu +Blériot?« + +Es war die Zeit, in der die Aviatik ihre ersten Erfolge zum Staunen der +ganzen Welt errang. Die Brüder Wright hatten sich mit ihren Apparaten +in beträchtliche Höhen erhoben, Zeppelin war mit seiner ersten Reise +glücklich gewesen, Blériot hatte den Ärmelkanal überflogen ... Eisig, +der eben von einer Tour aus Frankreich kam, wußte Wunderdinge zu +erzählen. Er hatte zum ersten Mal Aeroplane gesehn, ja es war so weit +gekommen, daß er einmal in Reims, als man in die Restauration von +der Gasse hereinrief, draußen fliege eben ein Luftschiff über die +Stadt hin, gar nicht vom Tisch aufgestanden war, so sehr war er an +diesen Anblick schon gewohnt. Er hatte auch bereits ein Projekt: +man müsse Blériot einmal in der Heimatstadt fliegen lassen, wenn nicht +ihn, so doch wenigstens einen Schüler. Das koste nicht viel und man +könne damit ein gutes Geschäft machen. + +Arnold wäre nicht er selbst gewesen, wenn ihn die Neuheit dieser Idee +nicht sofort gepackt hätte. Er geriet in Entzückung, beschwor den +Freund um nähere Einzelheiten. Wie sehe so ein Aeroplan aus? Wie +ein Vogel? Sei er groß, so groß wie die Gasse, größer, nein kleiner? +Eisig antwortete, mit seiner tiefen Stimme, der die Langsamkeit der +Aussprache stets einen Beiklang von Verdrossenheit gab, und damit +kontrastierte merkwürdig genug die Zielbewußtheit, die List, die aus +den Worten selbst sprach. Auch war sein Hals kurz und dick, beinahe +null, so daß das dicke Kinn an die Brust stieß, und wollte er einmal +lauter reden, ein Wort besonders betonen, so hob er nicht den Kopf, +sondern senkte, um den Mund besser zu öffnen, mit fauler Miene das Kinn +noch mehr, so daß es sich in Falten und mehreren Lagen über einander +über die Kravatte hin ausbreitete. Für Arnold hatte dieses Stockende, +Langsame, ihm so Entgegensetzte von jeher einen besondern Reiz +gehabt ... Heute bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des +»Bürgerklubs« ausließ, obwohl er dort neulich als jüngstes Mitglied in +den Ausschuß gewählt worden war. Er nachtmahlte mit Eisig im »Schweizer +Keller« und schon zwischen Vorspeise und Braten war der Plan fertig: +ein Konsortium zu bilden, zwecks Veranstaltung des ersten hiesigen +Schaufluges. + +Am nächsten Nachmittag konstituierte man sich. Eisig hatte noch +einige Herren mitgebracht, von denen Arnold nur Lambert näher kannte. +Es wurden sofort Listen angelegt, um die reichsten Mitbürger zu einem +Garantiefond heranzuziehn. Man mußte nun von einem zum andern fahren, +ihm die Wichtigkeit, kulturelle und andere, des Unternehmens vorhalten, +den sichern Gewinn, mußte die Regierung einladen, das Militär. +Arnold überlegte gerade für sich, daß er sich da wieder in eine +hübsch zeitraubende Geschichte verwickelt habe; da schlug Eisig vor, +ihn zum Obmann zu wählen. Es geschah mit freudiger Akklamation. + +Unser Held hatte, wiewohl er sich darüber nicht klar war, im Grunde +nichts anderes erwartet; pflegte er sich selbst doch manchmal in +ironischer Laune den »geborenen Vereinsobmann« zu nennen. Wie vielen +Ballkomitees, wie vielen Versammlungen hatte er schon präsidiert!... +Nun rannte er in die Sache gleich mit dem frischesten, und doch +gleichsam auch schon geübten Anlauf hinein. Zunächst die Presse. Man +beherrschte sie durch Gottfried Eisig und da machte Arnold doch noch +einmal eine Anleihe bei seiner ehemaligen jugendlich-gegenstandslosen +Beredsamkeit, indem er gänzlich ohne Fachkenntnis, nur aus ein paar +andern Zeitungsartikeln und dem Rest der Gymnasialbildung einen +neuen Artikel zusammenkochte, und was für einen strahlenden, über die +»Eroberung der Luft«. Er begann mit Ikarus, selbstverständlich, +widmete sich in aller Kürze den Brüdern Montgolfier, wobei die drei in +die Gondel mitgenommenen Tiere zu leichthumoristischer Wirkung +gelangten, entfaltete sich behaglich über das Los der unglücklichen +Erfinder von ehemals, über das Unmögliche und unmöglich Scheinende +(Quadratur des Zirkels, Stein der Weisen, Röntgenstrahlen, drahtlose +Telegraphie), gewann allgemach Donnerkräfte, besang in sparsamer +Daten-Melodie, aber mit einer Begleitung rauschender vollgriffiger +Begeisterungs-Akkorde die letzten Fortschritte der Menschheit, +wobei einige Impressionen Eisigs zu geschickter Wirkung kamen, +schüttete nun, oben angelangt, fast ohne Atem, wie aus einem +Füllhorn auf die staunenden Heimatsgenossen die Verheißung nieder, +daß man derartiges vielleicht bald auch in allernächster Nähe zu sehen +bekommen werde, gipfelte aber klugerweise nicht in diesem Effekt, +sondern in einer kurzen farblosen Bemerkung über die Flugwoche in +Brescia. -- An anderer Stelle des Blattes wurden sachlich die Namen +der Arrangeure und ihr Programm bekannt gegeben. Anfragen und +Nachrichten an die Adresse: Arnold Beer u. s. f. + +In den nun hereinbrechenden Konferenzen bewies sich Arnold als fest +und schlagfertig, geduldig und kühn, ja mit der Größe der +Veranstaltung schienen sich seine Kräfte zu vervielfachen. Man hatte +mit den Fliegern in Frankreich zu korrespondieren, die von allem +Anfang die unverschämtesten Preise verlangten, wie beleidigt und +zugleich stolz gemacht als echte Franzosen durch die Zumutung, daß +sie ins Ausland sollten. Dagegen drängten sich Deputationen der +Vororte heran, von denen jeder den schönen Vorrang und Profit des +ersten heimatlichen Fluges einheimsen und jeder daher den +geeignetsten Platz zur Verfügung stellen wollte. Indessen wählte das +Komitee, um dieser Eifersucht auszuweichen und auch aus technischen +Gründen angeblich, eine weite Wiesenfläche in der Nähe von Waldbrunn, +dem kleinen Kurort nahe der Stadt. Jede Etappe der fortschreitenden +Verhandlungen veröffentlichte Arnold in handfertigen Artikelchen; +es wurde bald zum Stadtgespräch, daß die Eisenbahndirektion in +entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte, +während sonst die Züge nur in der nahegelegenen Stadt Bischofstein +hielten, daß sogar ein Nebengeleise zum Flugplatz gelegt wurde, daß +die Postverwaltung ebenso liebenswürdig die Aktivierung eines eigenen +Post- und Telegraphenamtes mit der Stampiglie »Waldbrunn-Aerodrom« für +die Dauer der Aufstiege zugesagt hatte. Die städtischen Omnibuslinien +nahmen Sonderfahrten in Aussicht, die Hotels erwarteten großen Zuzug +vom Lande und sicherten sich Privatzimmer, die Polizei entwarf Pläne +für diese neue schwierige Aufgabe, auch die Militärbehörde wurde +unruhig. An den Straßenecken, in den Wagen der Straßenbahnen machten +sich die ersten Plakate bemerkbar, Witze begannen zu kursieren. + +Und all dies im Zuge erhalten, bewegen, treiben und wieder +beruhigen, war Arnolds Aufgabe. Eisig und die andern besorgten das +Geschäftliche, die Verrechnungen, den Kampf mit den Lieferanten, das +Engagement des Aviatikers, den Kern der Sache gleichsam, alles +hingegen, was das Äußere betraf, Repräsentation und ehrenvolle Fassade +gegen die Mitbürger, oblag Arnold, und es zeigte sich bald, daß das +Komitee allen Grund gehabt hatte, ihm diesen Verkehr mit der Welt zu +übertragen, denn an vielen Stellen, wo er vorfuhr und Anhänger +warb, sagte man ihm: »Wir tun's nur Ihretwegen. Sonst scheint uns +ja die ganze Sache nicht sehr reell.« Man fragte ihn nach der +Solidität dieses und jenes Mitglieds, einer wollte sogar wissen, daß +der Grund, den das Aerodrom beanspruchte, vorher von Lambert gekauft +und durch einen Vormann dem eigenen Konsortium gegen gehörigen +Preisaufschlag weiterverkauft worden sei. Entrüstet wies Arnold +derartige Anwürfe zurück, was für Verleumdungen, und in seinem Innern +war er eigentlich nur darüber verwundert, daß diese jungen Leute, +die mir ihrem Schliff die vornehmsten Gesellschaften in Erstaunen +zu setzen pflegten, doch irgendwie aus rätselhaften Gründen nicht für +voll angesehen wurden, wie sich jetzt herausstellte, während er, +Arnold, ein redliches Ansehn genoß. Doch dachte er darüber nicht +weiter nach, nahm solches nur für die üblichen Schwierigkeiten, +die sich großen unvorhergesehenen Unternehmungen seit jeher in den Weg +stellen müßten, und nicht etwa in seinem Vertrauen machte es ihn +wankend, sondern wie ein leises Prickeln der Gefahr drängte es ihn +nur noch ungeduldiger vorwärts, trieb ihn noch mehr, alle Kräfte +aufzubieten, das Zerbröckelnde zu stützen mit den Armen eines Atlas, +und zu leisten, was nur zu leisten war, in eigener Person. Er kam +nun oft von früh bis Abend nicht aus dem Automobil. Das Telephon +hörte nicht auf zu klingeln. Mittag war er einmal bei Tisch so +zerstreut, daß er die Suppe mit der Gabel zu essen versuchte. +Ängstlich sahn ihm die Eltern zu. »Ich warne dich«, sagte der +Vater, »aber du machst ja doch nur immer, was du willst.« -- »Er ärgert +sich, weil ich jetzt überhaupt nicht mehr ins Geschäft komme,« +registrierte der Sohn und war im Grunde seines Herzens froh, daß er +nun auch die Vormittage mit geistsprühender geselliger Tätigkeit +anfüllen konnte. Er schlief jetzt nur wenige Stunden, so daß er +morgens vor dem Spiegel manchmal erstaunte, gleich nach dem Aufstehn, +wie unversehrt noch seine Nachtfrisur auf dem Kopfe stand, noch +gescheitelt und noch wie zusammengepreßt vom Rauch der Weinlokale. +Aber unter der Stirn ging es wirr und polternd, die Ideen wie +Steinlawinen. Er überredete Bobenheim und seine Sportsfreunde dem +Komitee beizutreten und durch das Ansehn dieser wirklich patrizischen +Familien, nicht solcher Windbeutel, befestigte sich nun die allgemeine +Neigung, mit ihr die Sicherheit des Unternehmens. Die Beiträge liefen +jetzt beträchtlicher ein. Der Landesausschuß gab eine Subvention. +Man trug sich mit Unerhörtem, nach dem ersten Flug sollte ein +ganzer Zyklus veranstaltet werden, ein Wettbewerb der verschiedenen +Systeme, ein Rundflug über viele Städte hin, man wollte die +Maschinen kaufen und eine Schule gründen, das Aerodrom sollte +jedenfalls für ständige Veranstaltungen stehen bleiben. Kurz, Arnold +glaubte endlich den Beruf gefunden zu haben, für den er paßte. Wer +weiß, vielleicht lernte er selbst fliegen, vielleicht gelang ihm +eine epochemachende Verbesserung, und, von dort aus gesehn, würde dann +sein ganzes Leben bisher einen Sinn bekommen, alle seine mannigfachen +Kenntnisse und Beziehungen würden ihn dann wie nach einem Plan zu +diesem großen Ziel hingeleitet haben. Er hatte jetzt nichts im Kopf +wie diese ungeheure Zusammenfassung seines Seins in einer nahen +stürmisch-blitzenden Zukunft, und nur wie ein dunkler Wind wälzte sich +noch der Schwall anderer Lebensverknüpfungen hinter ihm her, die +Vergangenheit mit ihren Ansprüchen, die er möglichst schnell und +nebenher abtat. + +Draußen in Waldbrunn erhoben sich schon die gelben rohen Holzplanken +des Aerodroms, und für Arnold, der auch die ganze Korrespondenz +besorgte, war aus ein paar Brettern mitten im Bauplatz ein kleines +Zimmer errichtet worden, sein Bureau. Er arbeitete zwar das Wichtigste +in der Stadt, im Palasthotel, in dem das Komitee über einige Zimmer +verfügte, doch fuhr er gegen Abend täglich auf den Rennplatz +hinaus, um sich vom Fortgang der Arbeiten selbst zu überzeugen, oft +brachte er auch Journalisten, Offiziere, Sportsleute, Gönner mit. +Und da fand er, daß ihm manchmal da draußen, im kühlen Abend, aus +der wehenden duftenden Waldluft, die besten Gedanken kamen -- +sofort schreiben, Brief aufgeben, das war ihm Bedürfnis, und da man +ja im Kleinen das Geld nicht sparte, das ganze Komitee vielmehr die +herrlichsten Dinge je nach Geschmack der einzelnen, in Erwartung +des sichern Glücks, herunterschluckte, hatte er eiligst dieses +»Wigwam«, wie er es nannte, sich bauen lassen. Nirgends noch hatte er +sich so wohl gefühlt wie zwischen diesen schnell zusammengenagelten, +groben, harzig-riechenden Brettern, die man nicht anrühren durfte, +ohne einen Span in die Finger zu kriegen, und die nicht einmal bis +ganz auf den Boden reichten, so daß man untendurch den Wiesenboden +sah, die Schuhe der Vorbeigehenden. Herein klangen unaufhörlich +Hammerschläge und Kommandorufe, ein rhythmisches Pfeifen, schwache +Stimmen verwirrt. Man fühlte förmlich das Werk, wie es rüstig +wuchs, wie es mit wonnevollem Gebraus aus dem Tal gegen die +Waldanhöhen hin emporstieg, und Arnold, der sich als das Herz dieses +Lebens fühlte, seinen Willen im entferntesten Maurerjungen noch, +schrieb auf elegantem bläulichen Briefpapier, das eine Art Wappen +des Konsortiums in Reliefpressung trug, seine befehlshaberischen +oder einschmeichelnden Manifeste. O hier war er zu Hause, hier hatte +sein Leben, das fühlte er wohl, zum erstenmal einen Höhepunkt +erreicht. O Gott, hier sich einklammern, dachte er, um diesen +Mittelpunkt Zellen ansetzen, sonst komme ich nie zum Eigentlichen. +Aber was ist es denn, das Eigentliche im Menschenleben, das, +weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr eine +Phantasie von mir? Vielleicht habe ich dieses Eigentliche schon einmal +in der Hand gehabt und habe es nicht gewußt. Vielleicht geht es allen +Menschen so wie mir. O nein, vielleicht erlebe ich eben jetzt das +Eigentliche oder marschiere geradeaus darauf los ... Seine Angst +verschwand, er atmete tief und kühl, er schaute einen Augenblick durch +das kleine Fensterchen in die Sonne, die dem Untergang entgegenzitterte. +»Die ist doch das größte Etablissement hier in der Nähe« sagte er leise +vor sich hin, wie einen kleinen verliebten Witz, ein Kompliment, als +stünde er auf du und du mit dem roten Gestirn, als streichle er diese +Fläche, von der jetzt wie von einer ungeheuren Pfanne aus die letzte +Hitze emporschlug. Und er errötete bei diesem Gedanken, als fühle er +sich heute, in der Blüte seiner Energie, einer solchen Freundin nicht +unwürdig. Man konnte jetzt den Glanz dieser Sonne mit dem Blick schon +aushalten, man sah ihre Kreiseinfassung deutlich als dünne zitternde +Linie, und die gelbe glänzende Fläche schien gleichsam tiefer in den +Himmel hineingedrückt, wie eine Münze mit scharfem Rand ... + +Abends nach getaner Arbeit überfiel ihn ein ruhiger tiefer +Glücksrausch. Er kreuzte die Arme und trat aus seiner Brettertüre ins +Freie, fühlte den schwachen Waldwind an seinen Schläfen, in die +Haare hinein, und obwohl er gar nicht wußte, wohin mit all der +Kraft, machte er keine Bewegung, sie abzuleiten, ließ gleichsam den +Deckel über seine inwendige Zufriedenheit stürzen und sie sorgsam gar +kochen in ihrem eigenen Dunst ... Manchmal rief er auch die Kinder zu +sich, die von der Straße her dem bewegten Arbeitstreiben zusahn, und +begann mit ihnen zu spielen. Es waren Dorfkinder und Kinder von +Waldbrunner Kurgästen, alle freuten sich über das, was da gebaut +wurde, waren gespannt auf das Kommende, verstanden am Ende mehr +davon als ihre erwachsenen blasierten Eltern. Arnold liebte Kinder; +unter ihnen erwachte seine noch kaum verschwundene Lust am +Fußballspielen aufs neue, sein Vergnügen an jedem tollen +Herumschrein und Vorwärtsstürmen, sein oft sinnloses Kommandieren und +Kommandiertwerden. Von Zeit zu Zeit, wenn er zufällig in eine +Kindergesellschaft geriet, fühlte er sich auch immer schnell als +einer der ihren, fand unter ihnen Trost gegenüber dieser langsam +klebrigen Welt, ohne jedoch ein Prinzip daraus zu machen, sondern +von einem zum andern Mal vergaß er diesen Eindruck und war immer aufs +neue überrascht ... Einmal arrangierte er jetzt, in Waldbrunn, ein +Wettrennen längs des Waldsaums. Der blonde Gerhart, ein großer Junge +von etwa fünf Jahren, fiel über jede Baumwurzel hin, endlich aber +so derb, daß er zu schrein anfing ... + +Eine Dame eilte heran und Arnold begann sich bei ihr zu entschuldigen. + +»Im Gegenteil, sie haben ganz recht, Wichse verdient er, tüchtige.« + +Jetzt erst, erstaunt über diese in devotem Ton hervorgebrachte und, +wie ihm gleich auffiel, ziemlich unsinnige Rede, blickte Arnold die +Dame an, während er bisher nur an dem kleinen quäkenden Kerlchen +herumgearbeitet hatte, um ihm einen Schmutzfleck von der Nase zu +wischen ... Es war eine große auffallende Blondine, die er schon +mehrmals gesehn haben mochte, und nun wußte er auch, wo: sie hatte ihm +einigemal, wenn er hier auf Bauplätzen und Gerüsten herumregierte, +mit einer Andacht zugesehn, die ihm zugleich schmeichelhaft und +widerlich vorgekommen war, ohne daß er sich übrigens viel um sie +bekümmert hätte. + +»Aber verzeihn Sie, gnädige Frau ...« + +»Ich bin nur die Gouvernante« entgegnete sie in einem Ton, als könne +sie sich nicht schnell genug demütigen. »Im Gegenteil, ich habe Ihnen +zu danken, Herr Beer ...« + +»Sie kennen mich ...« + +Sie lächelte und nickte: »Par Renommée! Ich war einige Jahre bei +Grünbaum, bei der jüngeren Schwester des Herrn Technikers Grünbaum. Da +hat man so oft von Ihnen geredet und immer nur das beste ...« + +Etwas, was nicht oft geschah: Arnold wurde verlegen, errötete sogar +ein wenig. Er konnte sich im Augenblick absolut nicht vorstellen, +welches Gute denn die Schwester Grünbaums mit ihrer Gouvernante von ihm +gesprochen haben dürfte ... Als müsse er so unverdientes Lob abwehren, +stotterte er: »Dafür treffen Sie mich jetzt in einer Situation ...« + +»O nein, ich bewundere Sie ja -- wie Sie sich auch noch mit Kindern +abgeben können, ein so beschäftigter Mann ...« + +»Ja, ich treibe viel unnützes Zeug,« seufzte er. + +»Unnütz? O wer dürfte das sagen. Im Gegenteil ...« Sie stockte, und +Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon +zweimal in der kurzen Weile gebraucht hatte, ein wenig zappeln zu +lassen. Endlich fuhr sie fort: »Was Sie leisten, davon erzählt ja die +ganze Stadt.« + +»Was man erzählt, das ist nicht immer wahr.« + +»Sie sind zu bescheiden, Herr Beer, ich habe es ja auch selbst gesehn +... nur in den letzten Tagen zum Beispiel ...« + +»Das war ein hübscher Oberleutnant neulich ... was?« + +»Wollen Sie mich auslachen?« Sie machte ein beinah beleidigtes +Gesicht, mit gerunzelter Stirn, doch etwas störte die Wirkung des +Gekränkt-Aussehens: die Wichtigkeit und der durch nichts geforderte, +allzu liebevolle Ernst, mit dem sie das Folgende erklärte: »Sie +meinen, daß ich auf buntes Tuch fliege? O nein, das imponiert mir gar +nicht ...« + +»So, so ...« Arnold schüttelte den Kopf. Obwohl ihn diese Beobachtung +wenig interessierte, fand er bei sich, daß das Fräulein allerdings so +aussehe, wie er sich im allgemeinen Frauen oder Geliebte von Offizieren +vorstellte. Sie war groß, blondhaarig, eine »Fernwirkung«. Ihr +starker, doch nicht mehr als anmutig geschwellter Busen zog die +Blicke auf sich. Im Gesicht aber lag eine eigentümliche Disharmonie. +Arnold durchforschte es, kam jedoch zu keiner Erklärung dieses +Eindrucks ... Dabei hatte er sich langsam neben dem Mädchen, das den +Knaben an der Hand führte, in Bewegung gesetzt. Er redete etwas vom +Militär, ganz unklare Dinge, denen ein aufmerksames Lauschen seitens +der Dame begegnete. Er wußte kaum, was er sprach. Vielmehr war er +einzig damit beschäftigt, unter dem Vorwande, daß er die Mütze des +Knaben studierte -- der Knabe ging zwischen ihm und dem Fräulein -- +zu bemerken, wie bei jedem Schritte des Knaben über dem roten Bummerl +der Mütze die schöne weibliche Hüftenrundung im blauen Rock +auftauchte und wie eine Welle wieder versank, er sah das mit jenem +Anflug willenloser Schläfrigkeit, die den Beginn sinnlicher Erregungen +zu begleiten pflegt. Dabei hörte ein Widerstand, eine Art von +Ekel, nicht auf, sich in seinem Innern fühlbar zu machen. Plötzlich +hatte der Widerstand gesiegt, Arnold wachte auf, und begann nun die +Scheinbeschäftigung mit dem Knaben in eine wirkliche umzuwandeln. Er +brach mitten im Satz ab, neigte sich wieder, und während sie durch +den Wald weiter dem Kurörtchen zuschritten, kitzelte er das Kind +links am Ohr, indes er sich rechts von ihm hielt. Gerhart sah zum +Fräulein auf. Nun zupfte ihn Arnold geschwind am rechten Ohr und +schaute sofort in die Luft. Der Knabe aber verstand schon den Witz und +drehte sich mit wütendem Gelächter gegen Arnold, um ihn ins Knie zu +boxen. »Wirst du nicht unartig sein!« ermahnte die Bonne und wollte +ihm in die Hand fallen. Inzwischen hatte aber auch Arnold eine +Abwehrbewegung gemacht und so trafen sich vor seinem Bein plötzlich +die drei Hände. Die des Kindes löste sich gleich wieder los, um mit +aller Gewalt auf Arnolds zweites ungeschütztes Knie loszuschlagen; +aber die Finger des Fräuleins und Arnolds blieben fest beisammen, +verschlangen sich einen Augenblick lang ineinander, während auch +ihre Blicke offen ineinander tauchten. Beide waren still; eine +herrliche Gelegenheit für den kleinen Rangen, mit beiden Fäusten auf +Arnolds Knie sich der Rache hinzugeben. Und er trommelte, bis Arnold +mit gleichgültigem, gar nicht mehr kinderfreundlichem Schub ihn +abschüttelte ... + +Sie hieß Feistnig und stammte aus Deutschböhmen, aus dem Erzgebirge. +Ihre Eltern waren sehr arm, er solle nur ja nichts anderes dahinter +vermuten, ein armer Bauer, eine arme Spitzenklöpplerin; und deshalb +mußte sie dienen. Übrigens hatte sie die Lehrerinnenbildungsanstalt +absolviert, ja gelernt hatte sie etwas, Gott sei Dank. Einer ihrer +Lehrer habe sie heiraten wollen, aber das hatte sie ausgeschlagen, +weil er ein Witwer war. »Ein Wittmann hat zwei Herzen.« Nein, das +mochte sie nicht. An Heiratsanträgen war kein Mangel. Mochte Gott +wissen, was die Leute an ihr fanden ... Arnold machte ihr ein +Kompliment ... Sie erzählte schon etwas von einem Berg und einem +Bach bei ihrem Heimatsdorfe. Wenn sich ein Mädchen in einer +Märznacht in diesem Bach wasche, dann werde sie schön. »Und das +habe ich ein paar Jahre hinter einander gemacht, so dumm war ich. Ja, +wenn man jung ist. Ja die Heimat ...« Diese sanfte Poesie fand +Arnold unausstehlich, diese schwärmerischen Augen. Zudem bemerkte er +mit Mißvergnügen, daß das Gespräch immer wieder stockte, daß es ihn +solche Mühe kostete, als müsse er jeden Augenblick es von neuem +anknüpfen. Er hatte das Gefühl, als mache er mit jeder seiner Fragen +eine wichtige und schwierige Erfindung, die indes von seiner Partnerin +nur ganz oberflächlich ausgeschöpft wurde; und im nächsten Moment +stand er schon wieder vor der Notwendigkeit, etwas Neues zu erfinden. +Also los, er gab sich einen Anlauf und fragte sie nach ihrem +Vornamen. Sie wollte ihn nicht sagen. Er bestand darauf. Nun aber +blieb sie seltsamerweise eigensinnig, gerade den Vornamen wollte sie +nicht sagen. »Warum denn nicht?« »Sie müssen nicht so neugierig sein.« +Er bat sie: »Nein, das ist aber nicht nett von Ihnen« und dachte +dabei: Endlich ein Gesprächsstoff gefunden! Sie lachte: »Muß ich +denn immer nett sein?« »Aber jetzt haben Sie mir schon so hübsch +erzählt.« »Wer zu viel weiß, wird bald alt.« Endlich gab sie es +ihm frei, zu raten. Er riet: Anna, Toni. »Das i wär richtig.« Er +strengte sich an und jetzt erst zum erstenmal empfand er eine Art +geistiger Erregung ihr gegenüber. Plötzlich wandte sie sich dem +Kleinen zu, der auch beschäftigt sein wollte und unaufhörlich an +ihrem Kleid riß. »Du, fang mich!« ... Sie lief voraus. Ihre Gestalt +war mächtig und dabei schlank in der Taille. Einfach, aber gerade +infolge der Glätte wie durchsichtig zeichnete der Rock, in der +Bewegung jetzt, ein reizendes Spiel langer Beine, das sich im +Ungegliederten fast geheimnisvoll verlor und erst an den sich +drehenden Hüften eine Fortsetzung fand. Der volle Busen lehnte sich +wie ein kleiner Polster neben den Baumstamm, an den sie sich +schmiegte, um sich umzudrehn und aus dem Versteck hervorzugucken, und +zugleich wirbelte es unten am Rocksaum weiß wie Wellenschaum aus dem +Innern hervor, um leichte spitze Füßchen. Dazu strömte der gewaltige +Geruch der Tannen im Abendwind, als verstreue ihn das Mädchen mit +ihren lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn +bald lief sie davon, bald stand sie und rief das Kind, machte einen +Tanzschritt zur Seite. Arnold konnte es nicht lassen, er beteiligte +sich am Spiel. Zunächst stellte er dem Knaben die Wahl, ihn oder das +Fräulein zu fangen, und jauchzend trieb sich Gerhart hinter beiden her, +ohne sich zu entschließen. Er war noch zu jung für vernünftiges Spiel, +er wollte nur strampeln und schrein. Dann schrie Arnold -- mehr um sich +mit ihr als mit dem Knirps zu verständigen --: nun würden sie also +beide das Fräulein fangen, und jagte schon hinter ihr drein. Und dabei +hatte er eigentlich nur die Absicht, das Gespräch fortzusetzen, ihren +Widerstand wegen des Namens zu brechen. Aber schnell blieb Gerhart +zurück, das Fräulein floh immer entschiedener, Arnold bekam immer mehr +Lust sie einzuholen, sie bog, da er schon ganz nahe bei ihr war, mit +einem geschickten weiblichen Ruck zur Seite, ins Gehölz, er verfitzte +sich zwischen den Ästen, ihr nach, die ihm ins Gesicht schlugen, -- da +öffnete sich eine freiere Stelle und sie konnte ihm nicht mehr +entrinnen. Von hinten her umklammerte er sie, drückte sich an sie: +»Also wie heißen Sie, schnell, wie heißen Sie?« Sie suchte sich +loszumachen, ermattete und seufzte: »Lina,« wie besiegt ... damit fiel +ihr Rücken an seine Brust zurück, ihr Köpfchen hob sich, das bisher +wild geduckte, während der seine über ihre Schulter herüberkam. Das +hatte kaum eine Sekunde gedauert. Schon spürte er den fremdartigen +Geruch ihrer Haare, ihres Atems, und in demselben Augenblick erschien +es ihm widerstrebend bis zur Unmöglichkeit, einem unbekannten Menschen +plötzlich, unvermittelt so nahe an die Haut zu geraten. Eine bittere +Wolke schien ihm aus ihren dunkelroten, halbgeöffneten Lippen +emporzuquellen, die er jetzt knapp vor den seinen hatte, und allem +Widerstreben zum Trotz zog ihn dieser warme unangenehme ungesunde Dampf +in sich hinein, wie man manchmal Freude daran findet, die Fingernägel +über die eignen Finger schneidend und immer tiefer zu ziehn, vom +Schmerz nicht ablassen kann ... Er hatte sie auf den Mund geküßt. Sie +stieß ihn zurück, nun energisch und mit einer ganz erstaunlichen +Unfreundlichkeit, eilte wieder auf den Weg zurück ... Arnold glaubte, +sie beleidigt zu haben, folgte ihr langsam. Sie tat ihm leid. Eben +hatte er noch in einer leichten Stimmung von Verführungskünsten und von +Gedanken wie: »Na, man muß dem Mädel den Gefallen tun« herrschaftlich +geschwelgt, jetzt sagte er sich: Ich bin ein Barbar, was mag sie sich +von mir denken ... Sie führte nun den kleinen Gerhart an der Hand +und sprach kein Wort, die Augen niedergeschlagen. Er neckte wieder +den Knaben, ziemlich geistesabwesend, nur weil es ihm peinlich war, +ganz stumm zu sein. Allmählich redete auch sie: »Nun also, wirst du dem +Herrn die Hand geben, wirst du hübsch artig sein?« Ein Stein fiel +Arnold von Herzen, da er ihre unveränderte, etwas zu blendendweiche +Stimme wieder hörte; er erhob den Kopf: »Er ist artiger als Sie, +Fräulein Lina ... Lina« wiederholte er leiser und fuhr fort »er hat +keine Launen, benimmt sich artig, nicht war, du?« und bückte sich +zu dem Gesicht des Kleinen herab. »O Sie sollten ihn nur sonst kennen, +was, Geri? Er kann schon sein Stückl bestehn« ... So kam das +Gespräch wieder in Gang, ganz ruhig, als ob nichts geschehen wäre. +Es war so dunkel geworden, daß man einander nicht mehr die +Gemütszustände vom Gesicht ablesen konnte, das gab einen guten +Übergang zur Unbefangenheit, in die sich übrigens das Fräulein, so +schnell ging es, auch ohne Dunkelheit bald hinübergedreht hätte. Nun +klang ihr Lachen wieder wie vorhin, etwas übertrieben und künstlich, +bei jeder Wortwendung Arnolds, die nur ein wenig von der geraden +Ausdrucksweise abwich. Es war ein gewissermaßen tiefernstes, beinahe +tragisches Lachen und verwandt jenem speichelleckerischen, das +Schulkinder bei den kleinen Witzen des Lehrers hervorstoßen. In seiner +Pedanterie blieb es niemals aus, kroch einem wie ein Hund nach. +Arnold, der sich durch Linas Zurückweichen nach dem Kuß angezogen +gefühlt hatte, wurde wieder verdrießlich ... Endlich mündete die +Waldchaussee auf die Landstraße mit ihren Obstbäumen, bald war man +bei den ersten Häuschen von Waldbrunn angelangt, wo sich Arnold mit +einem Handkuß vom Fräulein, von Gerhart mit einem Backenzwickerl +verabschiedete. + +Am nächsten Tag dachte er nur mit Unlust an diesen Vorfall. Was +für eine neue Störung!... Arnold war von wenig sinnlicher Anlage, +sein rasches Leben schien tieferen Eindrücken der Frauenschönheit +gleichsam zu entgleiten, so wie etwa ein reißender Bergbach von der +Sonne nicht bis auf den Grund durchwärmt werden kann. Es sind ja meist +die schwerblütigen Naturen, nicht, wie man meinen sollte, die +lebhaften, die an den Frauen untröstlich kleben bleiben ... Er +hatte zwar die ganze nicht eben umfangreiche Skala großstädtischer +Verderbtheit mitgemacht, mit den Freunden eben, war eine Zeit lang von +einer Dirne mit mehr als bezahlter Liebe geliebt worden, hatte +Stubenmädchen und Weinstubenkellnerinnen Sonntags ins Hotel geführt, +oder hatte in der Garderobe eines Klubhauses ein Familienmädchen +eilig abgeküßt, aber all dies ohne rechten inneren Anteil, nur +schnell und stundenweise und mit dem stets wachen Bewußtsein, daß +daran nicht viel sei. Das Vergnügen überhaupt war seine Sache nicht, er +strebte nach Anstrengungen, Leistungen, Wirkungsmöglichkeiten. -- +Diesmal aber schien er an ein anständiges Mädchen geraten, die die +Sache ernst nahm, und das machte ihn unruhig. Ein langes Verhältnis +konnte etwa daraus entstehn, mit Zärtlichkeiten, Verpflichtungen, +gebundenen Rendezvous, kurz all den Dingen, zu denen er keine Zeit +und Lust hatte. Sie gefiel ihm auch nicht besonders. Er sagte +sich, indem er ernst wie ein Kaufmann Aktiva und Passiva gegen +einander hielt: No ja, ein fesches G'stell, aber das Gesicht mutet +mich nicht an, eine typische Fernwirkung ... Den Fehler ihres +Gesichtes hatte er allerdings noch nicht herausgefunden, konnte sich +überhaupt nichts mehr an ihr genau vorstellen, nur noch die feine dünne +Empfindung seiner Fingerspitzen an ihrer leise aufrauschenden +Seidenbluse, als er sie umfaßt hatte, und diese Erinnerung regte ihn +freilich doch ein wenig auf. Ueberdies war sie ja so dumm, so +simpel. Arnold hielt die Weiber überhaupt für unfeine inferiore +Geschöpfe; lächerlich, mit ihnen sich abzugeben. Und mehrmals kam er +erleichtert auf den Gedanken zurück, daß ja nichts Großes zwischen +ihnen vorgefallen war, Gott sei Dank. Er stellte sich erschauernd sein +Gefühl heute vor, wenn ... Nein, das auf keinen Fall! Und doch +wußte er, daß es dazu gekommen wäre; gut, daß der kleine Junge +dabei war, o, er segnete ihn nachträglich. Und die ganze Sache wurde +ihm mehr und mehr unheimlich, da er fand, daß sie ihn doch von seinen +wichtigeren würdigeren Geschäften mehrfach in Träumereien abzog. + +Am Nachmittag blieb er in seinem Wigwam, schrieb und kümmerte sich +um nichts anderes ... Da stand sie in der Tür, den Jungen an der Hand: +»Ich mußte mir doch mal ansehn, wie Sie wohnen«. Er fand kein Mittel +unhöflich zu sein, auch nicht die Neigung dazu. Mit einem gewissen +Stolz (wie ehemals vor den Kurkapellen) setzte er sich zwanglos vor ihr +in Szene, zeigte ihr den beladenen Tisch, den riesigen Einlauf, das +ganze einfache Gehäuse, das so recht seine eigene Schöpfung war, die +einzige bisher. »Hier möchte ich ganz gerne wohnen« knüpfte er +bedeutungsvoll an ihren Scherz an, mit einem tiefsinnigen Blick +gleichsam in die eigene Seele »hier ist der einzige Ort auf Gottes +weiter Welt, wo ich mich zu Hause fühle ...« Sie fürchtete zu stören, +er hatte so viel zu tun, nicht wahr. Diese Zurückhaltung rührte ihn, er +erklärte, daß es nicht so arg sei, und las den halbfertigen Brief vor, +der auf dem Tisch lag, um ihr zu zeigen, förmlich herablassend, daß das +alles doch gar kein so besonderes Kunststück sei. »Das würde ich auch +zusammenbringen«, lachte sie. Er ermunterte zu einer Probe. »Gerhart, +spiel da draußen«, sie führte das Kind vor die Tür, wo noch große +Sandlöcher um die eingerammten Pflöcke offen lagen, »da hast du Mehl +und Zucker.« Und schnell kehrte sie zurück, entwarf ein paar Briefe, +nach kurzen Andeutungen, die Arnold machte. Ihre Intelligenz +überraschte ihn. »Da hätte ich ja einen perfekten Sekretär, das wünsche +ich mir schon lange, nur hab ich's bisher nicht so weit gebracht.« »Ich +komme jeden Nachmittag, wenn Sie wollen,« stimmte sie erfreut zu und +eifrig schrieb sie weiter, sorgfältige Buchstaben, wobei sie ihre +ohnedies großen hellgrauen Augen noch mehr herauswälzte. Arnold ging +zuerst auf und ab, blieb aber dann stehen und betrachte sie von der +Seite, irgend etwas fesselte seine Aufmerksamkeit, ohne daß er sich +darüber Rechenschaft ablegte, erst nach geraumer Weile bemerkte er, daß +es wieder diese im Verhältnis zur dünnen Taille reizend sich +vorbiegende weiche Linie ihrer Brust war. Er bemerkte es ärgerlich, +trat aber, noch halb im Taumel, hinter ihren Sessel und prüfte mit +schwerem Ernst, ja mit Bekümmernis, die Wölbung ihres Rocks um die +Hüften, dann die Falten der Bluse, denen man es anmerkte, daß darunter +der Leib eng geschnürt war, betrachtete voll Interesse die scharfe, +wenn auch nur wenig gehobene Kante, die der obere Rand des Mieders +deutlich in den Blusenrücken preßte, glitt zum Gürtel mit seinem Blick +und tiefer hinab, wo ihn das in jedem der zart eingewebten Rockstreifen +ausgedrückte Anschwellen und dann das im finstersten Schatten ganz +undeutliche Abschwellen zur Verzweiflung brachte. Endlich raffte er +sich auf; ein Coupletrefrain, oder war es nur ein Spottvers, ging +ihm im Kopf herum, immer lauter: »Er regt soch auf, hat nichts +davon.« O pfui, wie ordinär war das, wie ordinär erschien er sich, +ordinär, ordinär, und welch ein erbärmlicher Kontrast zu diesem +Mädchen, die in ihrem Eifer und Schülerschreiben im Grunde einen so +netten Anblick bieten mußte. -- »... regt soch auf, hat nichts +davon.« Wie ordinär! Die Schamröte stieg ihm ins Gesicht. Und so sind +also die Männer. O wenn sie wüßte ... Wahrscheinlich hatte sie gar +keine Ahnung davon, welche ihr gewiß ganz entlegene Wirkung die +Profilansicht ihres Körpers, ihr Rücken auf diesen -- gebildeten +jungen Mann ausübte. Sie arbeitete da, zeigte voll harmloser +Beglücktheit, was für ein kluges Mädchen sie war ... Oder wußte +sie es? Verstellte sie sich so gut? In diesem Gedanken legte ihr +Arnold teuflische Krallenhände zu, Hörner unter der blonden, +welligen Frisur. Er entfernte sich von ihr, bis in die entfernteste +Ecke der Hütte, von wo aus er sie anrief: »Nun, sind Sie bald fertig?« +-- Jetzt erst bemerkte er, wie lange er nichts gesprochen hatte. +Was war denn vorgegangen? Wieder stieg der Coupletrefrain in seinem +Kopfe auf, so daß er sich schüttelte. -- Sie nahm es für Ärger und +beeilte sich noch mehr: »Ja, ja, gleich«, dabei legte sie eine Wange +auf den linken Arm, schob das Papier weit nach rechts und jagte +mit schräger Feder darüber hin. Als sie fertig war, bewegte sie den +kleinen Finger der rechten Hand hin und her: »... tut weh.« +»... regt soch auf«, dachte er unwillkürlich in demselben Moment, +durch den Rhythmus ihres kurzen Sätzchens aufgestachelt, wie ein +höhnisches Echo. »Bin's halt nicht gewöhnt«, setzte sie fort. Ihm +fiel der zweite Teil des Couplets ein, unaufhaltsam. »Wird das so +weitergehn?«, dachte er wütend. Zugleich spürte er eine kindliche +Wichtigtuerei aus ihren Worten heraus, die ihm gefiel, aber +nichtsdestoweniger seine Überlegenheit zurückgab. »Rufen Sie Gerhart«, +befahl er und hütete sich, ein »Bitte« dazuzusetzen. Er sah sie +streng an, mit einer energischen Miene, die eigentlich ihm selbst +galt. Sie ging an ihm vorbei, durch die Türe hinaus. An seinem +gespannten untätigen Stehnbleiben in diesem Moment merkte er, daß er, +wieder verlockt, sie blöde anstarrte ... Erst unterwegs dankte er +ihr für die Mühe. »Jetzt sind Sie so lange gesessen, da müssen Sie +Bewegung machen.« Das war natürlich der Übergang zu derselben +Fang- und Kußszene wie gestern, nur erleichtert dadurch, daß Lina +sofort von der Chaussee bereitwillig zwischen die Baumstämme einbog. + +Sie wurde ihm von nun an unentbehrlich. Sie schrieb seine Memoranden +ins Reine, die er in flüchtiger Stenographie skizzierte, sie +übersetzte Französisches, sie machte ihm die Korrespondenz so weit +fertig, daß er nur noch lesen und unterschreiben mußte. So einen +Diener, einen Ausführer konnte er gerade brauchen, dem er nur die +Keime seiner zahllosen Ideen hinwarf, und schon wurden sie sorgsam +aufgelesen, gereinigt, aufgezogen. Alles ging richtig, der kleine +Gerhart spielte indessen draußen vor der Baracke, sie konnte sich mit +einem Blick durch die Türe oder unten durch die Bretterluken durch +schnell davon überzeugen ... Doch mit all ihrer Dienstfertigkeit war +sie Arnold nicht angenehm. Gerade dieses Nutzbringende an ihr, +diese Sklavennatur stieß ihn ab, weil er fühlte, daß er dadurch an +sie gefesselt war. Die Verehrung, mit der sie ihn umgab, fand er +unsinnig, ganz anders als die Anbetung der Freunde, die er doch zu +verdienen geglaubt hatte. Wie sie ihm von fern himmelnd mit den +Blicken folgte, wenn er die Gerüste inspizierte oder Besichtigenden +flink zur Hand war: das lähmte ihn fast. Ihre Kugelaugen waren wohl +auch das entscheidend Häßliche im Gesicht, diese wässrigen, +ausdruckslosen Glasbäuche, doch nicht minder mißfiel ihm, daß ihre +Nase und die Kinnwölbung rot waren, die Backen derb und, aus der Nähe +gesehn, nicht ganz glatt. Dafür entschädigte das reiche blonde Haar +und die auffallend volle, doch biegsame Figur; jedoch, weiter +betrachtet, war es gerade diese unlösliche Verbindung eines +weichen, anmutigen Leibes mit einem so durchaus ungraziösen Gesicht, +eines dämonisch Anziehenden mit einem eiskalt Abstoßenden, was +Arnold unheimlich und widerwärtig wie eine ätzende übelriechende +Flüssigkeit vorkam. Und mit diesem heillosen Eindruck wieder verbunden +ihre offenbare Sanftmut, die Ergebenheit: o es war eine Disharmonie in +allem. Und hatte er denn Zeit, das zu ordnen und zu entschuldigen, +wie ein Verliebter etwa?... O, diese Liebe machte ihn ganz und gar +nicht glücklich, nein, nur unruhig und niedergeschlagen. Er fühlte +sich schwach gegen dieses Mädchen, er beneidete sie manchmal, denn +sie war gewiß beseligt in ihrer aufrichtigen Neigung zu ihm. Sie +sprachen überdies nie über Liebessachen, es fiel ihm nicht einmal ein, +sie zu duzen. Als sie ihm gestand, sie sei einmal schon getäuscht +worden, der Bräutigam habe sie nach schmählichem Tun im Stiche +gelassen, erschrak er heftig. Zwar nicht wegen einer etwaigen Heirat, +dieser Gedanke lag wohl beiden gleich fern; aber daß sie schon einem +angehört hatte, mußte ihre Eroberung beschleunigen, und er selbst +war, das wußte er, im gegebenen Moment zu unbesonnen, um aus eigenem +Willen einzuhalten. So sah er die Gefahr vor sich und keine +Möglichkeit, ihr auszuweichen ... Zudem peinigte ihn der Gedanke, +daß dieses Verhältnis wenig standesgemäß sei, daß er es zu wichtig +nehme, und nur wenn ein Freund ihn neidisch fragte: »Du, wer war +denn gestern diese Fesche?« beruhigte er sich ein wenig. Von außen her, +durch die Wirkung auf andere mußte er sich ihre Schönheit und +Begehrenswürdigkeit deutlich zu machen suchen. Auf ihn selbst blieb +diese Wirkung erstaunlich oft aus. Dann mußte er sich ins Gedächtnis +rufen, wie er sich gestern oder vorgestern in ihrer Nähe in +Erregung wohlgefühlt hatte; sonst hätte er sie überhaupt nicht +ertragen. Oder er hörte gern zu, wenn sie erzählte, wie ihr einer +nachgegangen war, sie vergebens angesprochen hatte. Er forderte sie +selbst zu solchen Berichten auf, die ihm ihren Wert ins Bewußtsein +brachten. Daher hielt sie ihn für eifersüchtig, freute sich darüber, +wenn sie auch viel zu demütig war, um diese seine Schwäche irgendwie +auszunützen. Sie verschwieg ihm also lieber solche Begebenheiten; er, +der beinahe das Gegenteil von eifersüchtig war, mußte sie mit List +hervorlocken. So war ein versteckter Krieg entbrannt, ohne daß sie +es wußten ... Es war nicht zu vermeiden, daß seine Leidenschaft, die +auf bloße Sinnlichkeit ohne die leiseste Spur eines seelischen +Anteils gestellt war, in ihrer Stärke heftige Schwankungen zeigte, je +nach dem Wetter oder seinem Ausgeschlafensein. Sank sein Feuer, so war +es ihm schmerzlich, denn dann kannte er sich in diesem Verhältnis +überhaupt nicht mehr aus, wußte nicht, was er wollte und was das Ganze +bedeutete. Deshalb geriet er auch jedesmal in Unruhe, wenn Lina hie +und da schlecht aussah oder wenn ihr ein Kleid nicht paßte. Es +verdroß ihn, wenn ihre Gestalt in gewissen Stellungen nicht vorteilhaft +wirkte, er konnte dann den Gedanken nicht abweisen: Am Ende ist gar +nichts an ihr -- er fühlte sich wie betrogen. Manche Tage erschien +sie ihm zur Verzweiflung unscheinbar, eine Pustel entstellte den +Mundwinkel. Sorgsam kontrollierte er ihr Abmagern oder Zunehmen, bat +sie, nun in dieser Fasson innezuhalten, scheinbar scherzhaft, mit +verhülltem innerstem Ernst. Er fragte sie, ob sie gut schlafe, wie +viel sie gegessen habe -- alles nur zu dem einen Zwecke: um auf dem +Umwege über ihre Schönheit seine Behaglichkeit zu erlangen. Er hatte +auch einen gewissen zärtlichen unmerklichen Griff, um sie gleich beim +Kommen an der Taille anzurühren und rasch festzustellen, ob die +diesmalige gute Wirkung mit oder ohne Zuhilfenahme eines Korsetts +zustande gebracht sei. Dabei geriet er halb unbewußt in inbrünstige +Gedankengänge wie diese: »Da sie heute so wenig fesch aussieht, so +hat sie doch hoffentlich wenigstens kein Mieder an« -- oder: »Mein +Glück wäre vollständig, wenn der heutige süße Effekt ohne Mieder +hervorgebracht wäre.« + +So kam es, daß er niemals an dem, was sie war, an ihrer natürlichen +und begrenzten Organisation ein endgiltiges Wohlgefallen fand. +Sondern oft, wenn er sie in Muße beobachten konnte (sie schrieb, er +diktierte) stellte er sich vor, wie ihre Nase oder die Hände etwas +besser zu machen wären, er probierte in Gedanken, ob ihre Brust +noch etwas voller reizend wäre oder schon unschicklich und übertrieben, +ob man ihr nicht mit Brillantohrgehängen oder mit einer Brille (o +diese Augen!) beispringen könnte. Er kleidete sie in Trachten +verschiedener Zeit, er operierte sie. Wie schwer war es doch, sich +in die Liebe hineinzureden. Da er den naturgemäßen Zusammenhang +ihrer Eigenschaften nicht kannte, auch sich keine Zeit dazu nahm, +über ihn nachzudenken, hatte er Angst, es könnte eines Tages ihre ganze +Schönheit plötzlich verschwunden sein. So war er stets angespannt, +stets auf dem Posten, nervös und erregt. Sie jedoch, natürlich +ohne jedes Verständnis für seine Qualen, störte ihn obendrein durch +Reden wie: »An mir ist ja nichts« oder »Ich weiß, daß ich nicht +schön bin«. Das war immer wie ein Fußtritt in seinen kunstvollen +Ameisenbau, dann kribbelten schnell seine Ideen und Reden heran, um +den Schaden wieder gut zu machen. Er stellte ihr vor, daß er +solche Selbsterniedrigung hasse, daß sie ja damit ihn selbst angreife +und blamiere, denn was sei er, wenn er mit einer, »an der nicht viel +sei«, so viel verkehre. Sie versprach zerknirscht es nie mehr +wieder zu tun, vergaß das aber schnell, da sie es im Grunde nicht +begriff, lobte ihn: »Was bin ich gegen Sie?«, sehr erstaunt, daß ihn +das ärgerte. Dann weinte sie. Er mußte sie trösten, doch wiederum +fand er bald den Unterschied gegenüber seiner früheren Trostwirkung +auf Freunde: Damals hatte es sich um Taten und Ermutigungen zur +Arbeit gehandelt, hier umfaßte der Trost die ganze Person und war eben +deshalb ein leeres Gerede ... Alles in allem empfand er ein Gemisch +von Mitleid, Dankbarkeit, Neugierde, Unmut, Eitelkeit, auch ein +wenig Hingezogenheit und starken Kitzel, all dies wechselnd und heftig, +wie es sich für sein unstetes Gemüt eben schickte. + +Inzwischen war auch das Flugunternehmen an einen kritischen Punkt +gelangt. Aus nichtswürdigen Quellen häuften sich die Angriffe, anonyme +Briefe flogen, die Sicherheitsbehörden schritten ein. Ein +radikales Blatt sprach offen von »Schwindel und Bankrott«. Farman, +Blériot sagten ab und so hatte sich der Ausschuß an den jungen +hoffnungsvollen Aviatiker Ponterret gewendet, einen Belgier, der +einen Apparat eigener Konstruktion vorführen sollte. Er war +einverstanden und bald sah man in den Auslagen Photographien eines +hübschen Herrn, frisiert und schlank, der aus dem Hohlsitz seines +Monoplans die Mütze schwenkte oder kühn wie Latham Zigaretten +rauchte oder aus kriegerischer Schutzbrille in die Luft starrte, +die Hand am Lenkhebel. Die Zeitungen brachten seine Biographie, er +hatte sich öffentlich noch wenig hervorgetan, umso mehr privat, +auch zitierte man einen Ausspruch Paulhams, daß dieser junge Mann der +Einzige sei, der ihm jemals gefährlich werden könnte. Auf den +Plakaten führte er daher das ehrende Attribut »Der Rivale +Paulhams«, und bald war sein Name so sehr in aller Munde, daß man +ganz vergaß, ihn vor einer Woche noch gar nicht gekannt zu haben, +daß man beim Aussprechen schon jenen illustren unbeschreiblichen +Beiklang herausschmeckte, den die Namen der großen Helden und +Meister haben: Ponterret!... Der Apparat kam, per Sonderzug, wurde +ausgestellt, photographiert, erklärt, von Mittelschülern +klassenweise offiziell besichtigt, unter sachverständiger Führung +des Physikprofessors. Endlich traf der Champion selbst ein, von der +Stadtvertretung begrüßt, übrigens sehr bescheiden und sympathisch, +nur auf seine Arbeit bedacht. Man beschrieb ihn in den Zeitungen, +wie er eigenhändig, selbst geschickter als seine Monteure, die +niedrigsten Dienste an seiner Maschine zu leisten sich nicht +scheute, keinen Bestandteil für unwichtig hielt, jede Schraube +tausendmal ausprobierte. Schon am nächsten Tag versuchte er einen +Flug, der Motor ging nicht, das Benzin war schuld daran. Bei der +nächsten Probe geriet die wertvolle Dogge des Fliegers in die Schraube, +die gerade angelassen wurde, die Schraube brach, die Dogge blieb +auf der Stelle tot. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ Ponterret +sofort eine neue Schraube anmontieren, doch setzte der Motor bald +darauf aus, die Probe mußte abgebrochen werden. Die Journalisten +konnten nichts tun als immer wieder den »Piloten« beschreiben, der nach +solchem Mißgeschick mit kaltblütigem Lächeln vor dem Hangar auf- und +abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im +blauen Arbeitermantel, unter dem die gelben Lackstiefelspitzen +hervorschauten, unverdrossen ans Werk ging, die Verbindungsdrähte +wechselte oder das Traggestell ausbalanzierte. Ponterret plagte sich +unermüdlich, er setzte sein Leben bei den fortgesetzten Proben mehrmals +aufs Spiel, er war zugleich liebenswürdig und energisch, mutig und auf +das Schlimmste gefaßt, er bot eine Vereinigung sämtlicher +Heroentugenden; trotzdem erzielte er nicht den mindesten Erfolg, der +Apparat funktionierte einfach nicht. Kurz und gut, Ponterret bot das +unserer Zeit schon etwas entfremdete, aber für die damalige +Kinderstammelperiode der Flugtechnik typische Bild des +hingebungsvollen, tüchtigen, durchaus ehrenwerten Aviatikers, dem trotz +aller Anstrengungen und Aufopferungen ein leiser Hauch von Komik +anhaftet, weil ihm so gar nichts gelingt, dem vielleicht nur ein +kleiner Handgriff fehlt oder am Ende gar nur unglückliche Zufälle im +Weg stehn. Man wünscht ihm ja das Beste, man wünscht aber zugleich, +peinlich berührt, der beweinenswerte Held wäre hübsch zu Hause +geblieben, da man ja nicht die Möglichkeit hat, seine Handgriffe oder +Zufälle irgendwie günstig zu beeinflussen. Er stellt, man mag ihn +entschuldigen wie man will, das konzentrierteste Symbol menschlicher +Unsicherheit und Machtlosigkeit dar; und das kann man ihm nie verzeihn +... Drei Tage vor dem angesetzten Schauflug brach Ponterret einen +Flügel seines Aeroplans, nun mußte man Ersatz aus Paris +herantelegraphieren, den Flugtag um vierzehn Tage verschieben. Das +Publikum wurde allmählig ungeduldig. Zwei Holzhändler ließen es aber +bei akademischer Ungeduld nicht bewenden, sondern führten Exekution +gegen das Konsortium, das sie auf den Flugtag vertröstet hatte, und +ließen den Apparat mit Beschlag belegen. Die Pfändung mußte natürlich +aufgehoben werden, denn der Apparat war Privateigentum des Fliegers. +Die Sache aber machte Aufsehn, und nur wer finanziell nicht beteiligt +war, lachte. + +Jetzt erst begann Arnold stutzig zu werden. Er stürmte zu Philipp +Eisig um Aufklärung. »Was für Aufklärungen« erklärte heiter der Dicke. +»Es wird natürlich ein Reinfall.« -- »Was, du meinst, Ponterret wird +nicht aufsteigen.« -- »Aufsteigen muß er, das steht im Kontrakt, +das heißt: starten. Aber fliegen? Du hast es ja gesehn.« -- »Du +glaubst, nein?« -- »Was willst du von mir. _Ich_ kann nicht an +seiner Stelle fliegen.« -- »Aber wir sind doch verantwortlich, vor +der Öffentlichkeit. Man wird das Entree zurückgeben müssen, dann +liegen wir drin.« -- »Keine Idee. Man wird natürlich das Entree +nicht zurückgeben.« -- »Man wird es. Das verlangt der Anstand.« -- +»Du bist ein Narr.« -- »So, dann trete ich aus. Einem betrügerischen +Unternehmen stehe ich nicht vor, das ist nicht meine Art.« -- Nun +aber wurde Eisig ganz ernst und kühl, während man das Bisherige +immerhin noch als Ausdruck seiner spöttisch-mürrischen Sitten +hätte erklären können: »Das wirst du nicht.« -- »Ich werde es.« -- +»So, dann bitte ich doch, du Gerechtigkeitsprotz, zunächst auch einmal +deine Verbindlichkeiten gegen mich zu erfüllen. Ich denke,« er +blätterte in einem Notizbuch, das er merkwürdig schnell zur Hand +hatte, »es sind jetzt bald tausend Gulden«. -- »Nur achthundert« +erwiderte Arnold betroffen, halb mechanisch. -- »Ohne Zinsen!« -- +»Du weißt, daß ich momentan kein Geld ...« -- »Ach was, momentan, +immer momentan ...« -- »Du hast mich doch heute zum erstenmal +gemahnt.« -- »Nun, und was folgt daraus? Ich brauche momentan Geld, +das ist die Sache, verstehst du. Alles andere ist mir ganz wurscht. +Sonst erfährt nämlich mein Alter, daß ich dort drüben Wechsel für +ihn einkassiert und für mich behalten habe. Lange genug schieb ich's +von einer Seite auf die andre, einmal muß das Loch zugeklebt werden. +Und da wird man aufs Entree verzichten, schöner Gedanke!...« -- +Arnold erschauerte; je länger und begründeter Eisig sprach, desto +klarer wurde ihm, daß es sich da um sehr schmutzige Geschäfte +handelte. Jetzt erst sah er, in was er sich eingelassen hatte. Ja, +hätte er's nicht gewußt, jetzt hätte er es an Philipps Gesicht +erkannt, an diesen wulstigen Lippen, den breit wie gelbe Wandteller +hinausgezogenen Wangen und den allzu dichten Haaren darüber, durch +den Scheitel zu zwei gleichmäßigen dicken Polstern aufgeschichtet. +Was Jahre dichtesten Umgangs nicht entschleiert hatten, entdeckte +er jetzt: den verbrecherischen Zug in diesem Kropfgesicht, und +verstand in einem Blitz den gründlichen Unterschied zwischen seinem +eigenen Abenteuerwesen und dem des Freundes. Wütend machte er sich +davon ... + +An diesem Nachmittag erschien ihm Lina angenehmer als sonst. Ihre +Güte und Unterwürfigkeit tat ihm wohl, schon die weiche klagende +Stimme verscheuchte ein wenig seine Sorgen. Das war doch ein +befreundeter Mensch, auf den man sich verlassen konnte. O, ein +Glück, daß er die hatte, so ein braves anständiges Mädchen! Er +drückte ihr warm die Hand, doch eilig, denn heute hatte er ihr +besonders viel zu diktieren und anzuregen, ihre Feder flog nur so. +Es fiel ihm zugleich ein, daß er Unrecht tat, ihre Liebe so +auszubeuten, sein moralischer Sinn war gleichsam durch die +Unterredung mit Philipp geschärft. Sie tat ihm leid. Doch heftiger +erfüllte ihn wie ein Nebel die Angst um die eigene nächste Zukunft, +tausend Rettungspläne, das Notwendigste für den Moment. Es war, als +entfache das drohende Fiasko nun noch die letzten Reserven seiner +Willenskraft und Anspannung, seine äußersten Gedanken. Heute +bewunderte er sich selbst, und als er gegen Abend den Haufen der +fertiggestellten Briefe überschaute, darunter ein paar wirklich +gelungene, -- um vorzubeugen, Rückzug zu sichern -- atmete er +zufrieden auf ... Ein Schrei Linas erschreckte ihn. Der kleine +Gerhart war nicht da, verschwunden. Sie suchte vor der Hütte, +überblickte von den Stufen des Amphitheaters aus die Rennbahn, +vergebens. Verzweifelnd gab sie sich, nur sich selbst alle Schuld an +dem gräßlichen Unfall, sie hatte heute weniger aufgepaßt als sonst, +das Kind mochte sich verirrt haben, ins Wasser gefallen sein, Gott +im Himmel, was war da zu tun! -- Arnold forschte indessen die Arbeiter +in der Nähe aus. Ja, man hatte den Kleinen auf dem Wege zum +Weidengestrüpp gesehn, das auf der andern Seite der Flugwiese in +menschenleerer Öde sich erstreckte, gegen den Fluß zu. Schon eilte +Lina in dieser Richtung, Arnold ihr nach. Sie kreuzten durch die +niedrige Wildnis, bückten sich unter verflochtenen Ästen durch, +rissen sich wund, schwitzten. Der Boden wurde schwarz und fett; setzte +man den Fuß auf ihn, so quoll kotiges Wasser hervor. Die Weiden +standen dicht wie ein Kornfeld beisammen, Lina bog sie auseinander, +hielt sie fest, um dem Nachfolgenden Raum zu geben, ließ sie aber +doch noch einen Augenblick zu früh los, so daß sie ihm gerade recht ins +Gesicht peitschten. Gereizt bat er sie umzukehren. Sie waren über +glitschrige Steine an das Schilfufer des Flusses gelangt. Man sah +fast gar nichts mehr, denn der Tag war regnerisch gewesen und jetzt +gegen Abend erfüllte warmer aufsteigender Dunst die Luft. Nun wateten +sie durch Binsen und Röhricht zurück, gerieten wieder in die Bäume ... +plötzlich erblickten sie, beide zugleich, durch eine dichte +Brombeerhecke von ihnen getrennt, das Kind, das arglos ruhig auf einem +steinigen Plätzchen einen Sandturm aufbaute. Ein Anblick, so voll +Kontrast zu der angstzerrissenen Stimmung der beiden, daß sie trotz +Ärgers und Kopfschüttelns und Hastens wie auf einen Schlag stehn +blieben und, wie man es einer Vision gegenüber tun mag, unter +langsamem Händeaufheben beide die Lippen zu einem notwendigen, gar +nicht lustigen Lächeln dehnten ... Den Sand hatte das Kind offenbar +in seinem kleinen Blechkübel vom Flugplatz hierhergetragen, +beschwerlich, in mehrmaligen Gängen, und es gefiel ihm so gut, in +dieser neuen Umgebung zu schippen, wo es eigentlich von rechtswegen +gar keinen Sand gab, als ein kleiner Herrgott also, daß es Augen +und Ohren an sein Spiel verloren hatte ... Lina, aus dem Bann +erwachend, unterdrückte einen Jubelschrei, ihre Augen glänzten +dankbar gegen Arnold, als schulde sie ihm den glücklichen Ausgang +dieses Zwischenfalls. Einen Moment lang fand er sie wirklich schön, in +diesem feuchten dunklen grünen Laubwerk, mit ihren glänzenden +roten Wangen, der klopfenden Brust. Lau brodelte es aus dem Moos, +den alten Stämmen, wie ein Bad, das alle Glieder in Wohlbehagen löst. +Dicke Fliegen setzten sich ihm auf die Stirn, die Augenlider, und wenn +er sie verscheuchte, fielen sie wie besinnungslos wieder auf ihn +zurück, berührten ihn heftig zitternd, kleinen schweren Händchen +gleich. Es schien ihm, als trügen sie ihm Linas Körperduft näher, +als balle er sich um diese schwarzen Körperchen, ja als seien die +Fliegen nichts als kompakte Pillen dieses betäubenden Geruches, o +dieses gar nicht mehr fremden, nein wohlvertrauten Geruches einer Frau, +die er schon oft geküßt, geküßt, aber nur geküßt hatte, ... die jetzt +so dicht bei ihm war, wie in einem Zimmer bei ihm. Und das spielende +gerettete Kind so nah, so nichts ahnend, so unwissend, blind gegen +das, was jetzt sofort neben ihm geschehn wird: diese eigentümliche +Vorstellung, die ihn wie mit der allerdurchtriebensten Freude +erfüllte, entschied. Vielleicht wirkten auch die vielen überstandenen +Aufregungen dieses Tages mit. Plötzlich fühlte er sich sicher, nicht +wie sonst im Kurwäldchen von Menschen bedrängt. Eine seltsam qualvolle +Lust ergriff ihn, wie ein letzter Ausläufer der raschen Gehbewegungen +vorhin, die nicht unvermittelt abbrechen wollten, er strauchelte +vorwärts, über eine Wurzel, er faßte mit beiden Händen geradeaus +langend, die beiden Brüste des Mädchens, diese vorstehenden +nachgiebig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, faßte sie +mit einem Griff, dem man hätte anmerken können, daß er ihn in eben +dieser Art und mit dem glühendsten Feuer in Gedanken oft schon +ausgeführt hatte, er drückte sie wie Ballons, wie um sie auszupressen, +wie um sich an ihnen festzuhalten, über einem Abgrund schwebend +gleichsam, und nun, keuchend, heiß, außer sich, mit hüpfenden Augen, +die Haare gesträubt, singend, matt, verzückt, drängte er Lina an den +nächsten Baum, dessen trockene Rinde in kleinen Stückchen +herabsplitterte. Einen Augenblick später war sie sein. + +Seine Empfindung sofort nachher war ohne jeden Übergang: eine maßlose +Wut gegen sich selbst. Also doch, also doch war es geschehn, trotz +allen Inachtnehmens, also doch, also doch ... Er war still, +während Lina sich abwandte und nach einer Weile, da nichts mehr +geschah, das Kind holte. Das Geschrei des kleinen Lausbuben, der +seine Bauten nicht verlassen wollte, zergellte ihm die Ohren. Er +begleitete sie nach Hause, niedergeschlagen, doch so weit gefaßt, +daß er noch einiges sprach, was sanft klang, weil seine Wut sich +inzwischen in eine unsägliche Traurigkeit verwandelt hatte. Lina +flößte ihm mit jeder ihrer Bewegungen Furcht ein, sie war ihm +unheimlich, bald weil sie nach seiner Meinung eine Wendung ins +Zärtliche machte, bald weil er sich von ihr verachtet glaubte. Und +dieses Kind, dieses Teufelskind war schuld an allem, diesen Gerhart +hätte er kaltsinnig erwürgen mögen. Los werden die zwei, das war +sein einziger Wunsch, den er durch Rücksichtnahme und galante, +dankbare Anwandlungen verfälschte, der aber zum Schluß den Abschied +doch bedeutend abkürzte. Arnold hatte das Gefühl, als müsse er auf die +Erde stampfen und mit gerecktem Arm die beiden weit von sich +wegschicken. Er zwang sich noch zu einigen Phrasen; als aber Lina +immer noch nicht ging, drehte er sich auf dem Absatz herum und geriet +rasch in immer schnelleren Schritt ... über die dunkle Ebene jagte er +seiner Baracke zu. Dort stürzte er nieder, konnte nicht mehr weiter. +O ein Wigwam, fragte er sich höhnisch, nein ein Brettersarg ist das! +Er trat ein. Ohnmacht und Reue erfüllten seine Seele, doch zugleich +erschienen wie von einem tieferen Grunde herauf unzusammenhängende +Bilder, halb vergessene, ungerufen zogen sie vorbei und lenkten den +armen wirren Geist in ihre Träumerei ... Da sah er sich, sah sich +als kleinen Knaben, an der Hand der teuren Mama im Schulsaal zum +erstenmal, bei der Aufnahme in die Schule. Und während ihn der +Lehrer für die erste Klasse einschrieb, hatte das Knirpschen schon den +Mund offen: warum hier zwei Tafeln übereinander seien, nicht eine, +wie er es in Puppenschulen bisher gesehn. Freundlich belehrte ihn +der Herr Lehrer: »Ja, wenn die eine vollgeschrieben ist, dann ziehn wir +eben die obere leere hinunter, nichtwahr. Siehst du, so macht man das, +so ...« und hatte es ihm gezeigt, während er sich zugleich lobend +zur Mutter wandte: »Ein aufgeweckter Junge.« O Gott, warum hatte ihn +denn damals jeder lieb gehabt und jeder gestreichelt, sich über ihn +gefreut, und so unschuldig, spielend alles -- und jetzt war es doch +nur derselbe Trieb, der ihn in Schuld und Schande verstrickt +hatte, genau ebendieselbe Glut, die damals allen so wohl getan +hatte, er konnte gar nicht mehr dafür als damals für seinen +kindlichen Reiz ... Zum erstenmal überblickte er sein ganzes Leben +und fand es erschreckend wie ein Gewitter in der Nacht, fand es +sinnlos, trostlos und sich selbst immer unter demselben Stachel +ungerecht leidend, preisgegeben, verschmachtend, ein Spielzeug +übermächtigen himmlischen Zorns. O wer kannte seine Qualen! Wer stand +ihm bei! Wer hatte Mitleid mit der Unbesonnenheit des verblendeten +Kindes, mit dem Unseligen Mitleid!... Hätte er nur ein Herz +gehabt, einen Freund, Eltern, die ihn verständen! O auf die Berge +hätte er steigen mögen und wie Gießbäche seine Arme ausstrecken nach +einem guten menschlichen Herzen ... Doch nein, da hatte man ihn +immer weiter rennen lassen, zurück übersah er es bis hinab zu seiner +dunklen Fußballeidenschaft, zu den ersten Tollheiten, immer weiter +hatte man ihn rennen lassen, den Hitzigen, und so war er bis +hierher gerannt, niemand hatte ihn gewarnt, bis hierher auf diesen +Fleck und auf diese Stunde, wie blind, während von allen Seiten die +Wände des Engpasses immer näher und drohender zusammenrückten, aber +blind immer weitergerannt, bis hierher, wo es kein Zurück mehr gab ... +Tränen entströmten ihm bei diesem Gedanken, er weinte, ein tiefes +Erbarmen mit sich selbst hatte ihn erfaßt, mit seiner reinen +verlorenen Jugend, ja mit der ganzen Welt ... Nur eine Weile. Dann +kehrte der Zorn zurück. Er erinnerte sich -- o war das nicht Warnung +genug gewesen? -- daß er schon mitten in dem kurzen Genuß vorhin den +Widerwillen gespürt hatte, den dieses verdammte Weib ihm einflößte, +einen Ekel und eine Notwendigkeit zugleich, wie wenn man etwa früh in +den noch ungespülten Mund ein Glas Wasser aus Durst hinunterschlucken +muß. Er spie aus ... Da lagen ja noch die Briefe, ein ganzes +Paket. Er verfluchte seine Energie, sie war zu nichts nutze. Und mit +einem gewaltigen Druck riß er mitten an dem Stoß, es ging nicht, da +teilte er ihn in zwei Lagen, hierin wenigstens konsequent, und +zerfetzte jede in kleine Stücke. Mochte alles werden, wie es wollte, er +gab's auf ... + +Eine Idee kam ihm. Die Markensammlung verkaufen, und nach +Amerika!... Da waren doch fünfzehntausend Mark nach Senff, ein +Kapital, ein Anfang!... Er fuhr in die Stadt, und obwohl schon bald +zehn Uhr war, beschloß er, Lambert zu besuchen. Der hatte +kommissionsweise die Einkäufe vermittelt, sicher wußte er einen Käufer, +vielleicht war er sogar selbst geneigt ... Er klingelte. Jetzt erst +bemerkte er, wie unschicklich es war, mitten in der Nacht mit dieser +Verkaufsangelegenheit einzudringen; er faßte schnell den Plan, seine +Absicht zu maskieren. »Ich habe da ein Angebot«, rief er, »es muß +sofort entschieden werden, telegraphisch. Soll ich zwanzig Sätze +Jubiläumsmarken bestellen? Das macht so etwa fünfhundert Kronen.« +Lambert, geschmeichelt durch dieses Zutraun zu seiner Fachkenntnis, +rückte sich zurecht. In seinem taubengrauen Schlafrock mit +dunkleren Schnüren, im Lederfauteuil, jetzt Zigaretten anbietend und +der Sitte gemäß sofort sich erhebend, um einen Likör aus dem Kästchen +zu holen, war er ein Musterbild reifer, gesetzter Jugend, ein +Beispiel für jene merkwürdige Leichtigkeit und Unbedingtheit, mit der +gewisse Naturen (es sind nicht immer die wertvollsten) den Übergang +von unverantwortlichem Knabentum zur würdigen repräsentativen +Mannheit vollziehn. Arnold, so tief unterlegen gerade in diesem +wirren Moment er dem Gefestigten war, fühlte doch eine gewisse +lächerliche Schwäche an ihm heraus, in der er sich instinktiv sofort +festnistete: »Ich komme zu Ihnen als einem Kenner, Sie wissen +ja ...« »Nun, ich glaube«, holte Lambert aus, »das ist ein gutes +Geschäft. Die Verwaltung gibt nur eine sehr beschränkte Anzahl aus. +Schließlich ist doch Bayern kein Costa Rica oder sonst ein exotischer +Staat, der an Jubiläen Geld verdienen will.« ... Wie langweilig +waren für Arnold diese selbstverständlichen Gedankengänge, mit denen +Lambert sich ein Ansehen gab. Seine aufgeregte Hast kämpfte mit der +Klugheit, den Schwätzer ausreden zu lassen, endlich fiel er doch ein: +»Ich weiß. Gut, aber das hat man bei der vorigen Emission auch gesagt. +Und da kamen Nachträge. Von Raritäten ist nicht viel zu spüren ... +Schlechte Spekulation. Ich hab's überhaupt satt. Wissen Sie nicht, +wie ich die ganze Sammlung loswerden könnte?« ... Lambert blieb noch +eine Weile im alten Geleise, sei es, daß er Arnolds Wendung für +eine bloße Gesprächslaune hielt, sei es, daß er auf eine so +fernliegende Abschweifung überhaupt nicht aufgepaßt hatte. Er +redete also weiter von steigenden Werten, Neudrucken, Facsimilien, +bis ihn ein nochmaliges Andrängen Arnolds aufhielt. Nun erst ging er +mit gleichgiltiger Miene (auch Arnold blieb äußerlich ruhig) auf das +neue Thema ein: »Ja, das ist eine schwere Sache. Man müßte die +Sammlung ausschreiben, in Fachzeitungen, das dauert lang und dann +werden Ihnen die besten Stücke herausgeklaubt und der Schund +bleibt. Oder Sie tragen das Ganze zum Händler, der gibt Ihnen gar +einen Pappenstiel. Es bleibt also nur irgend ein großer Privatsammler.« +... »Ja, ein Privatsammler«, wiederholte Arnold gierig. »Wissen Sie +also einen?« ... Lambert überlegte ... »Für zehntausend,« begann +Arnold, und da Lambert überrascht lächelnd aufblickte, fuhr er +fort: »Für zweitausend Kronen gebe ich alles. Denken Sie, Altsachsen +vollständig.« ... Lambert machte ein spitzfindiges Gesicht, wie am +Schlusse seiner Überlegung angelangt, als habe er es jetzt +herausgebracht: »Ja, wer legt aber so leicht zweitausend Kronen +auf den Tisch? Das ist ein schönes Geld. Das tut einem weh.« ... »Wie +kommt das aber?« fragte Arnold betrübt und kindlich ... Lambert +erging sich in Vergleichen. Sammelwert sei etwas anderes als Wert im +Allgemeinen. Und wenn man einen neuen Pelz kaufe oder ein +Schmuckstück, ein Möbelstück, wieviel bekomme man beim Weiterverkauf, +auch für die besten, wie neuen Stücke ... Das Gespräch verlor sich +ins Allgemeine, Arnold lobte Lamberts Einrichtung, eine echte +Junggesellenwohnung, dabei sah er im Innern ein, daß hier nichts zu +holen war. Erschöpft und bleich blieb er noch ein Weilchen sitzen, +fand nicht die Kraft, aufzustehn und wegzugehn, seine Gewandtheit +hatte eben auch ihre Grenzen. Endlich empfahl er sich. Lambert +meinte im Weggehen: »Also wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz +unbesorgt sein. Dabei riskieren Sie nichts. Eventuell beteilige ich +mich.« ... Arnold hätte am liebsten laut aufgelacht. »Und unser Meeting +morgen«, fügte er noch hinzu, probierend, »das wird ein schöner Humbug, +was?« Er zwinkerte dabei. Auch Lambert lächelte verschmitzt und kniff +ein Auge halb zu, mit kleinen Fältchen: »No, das glaub ich.« Sie +schüttelten einander die Hände, wie in vergnügtem Einverständnis ... +»Und gegen dieses niederträchtige Leben«, sagte sich Arnold, indem er +Stufe um Stufe hinunterschritt -- Lambert leuchtete, über die +Geländerbrüstung gebeugt, klingelte dem Hausmeister, im finstern Gang +unten erschien etwas Undeutliches, Warmhauchendes, Mann oder Weib, +führte Arnold ans große Eisentor, stellte die Laterne auf den +Steinboden, steckte den Schlüssel ein und gab endlich mit leichter Hand +der massiven Pforte einen ganz kleinen Stoß -- »und gegen dieses +niederträchtige durchdachte kolossale Leben habe ich mit Spielereien +ankämpfen wollen, mit Papierschnitzeln. Da seh' ich erst, wie +ahnungslos ich war ... ein Kind, in allem ...« Von neuem traten ihm +Tränen in die Augen. + +Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der +vor einigen Tagen einen Journalistenposten in Berlin angenommen hatte, +schrieb ihm begeistert (Arnold erkannte den eigenen Stil darin) von +seinem jetzigen Leben, von der Weltstadt. Ob er nicht hinkommen wolle? +Ein dritter Feuilletonredakteur werde eben gesucht. -- Ärgerlich warf +Arnold den Brief weg. Ja, neue Wirren, neue Verlockungen, das wäre so +das Rechte! Man kannte ihn ja, man hielt ihn schon für fähig zu jeder +Dummheit. + +Da trat sein Vater herein: »Weißt du es schon? Die Großmutter liegt +im Sterben ... Pst! Die Mama darf es nicht wissen. Ich hab sie nur ein +bißchen vorbereitet. Da lies die Karte von Lichtnegger.« + +Arnold las, ohne Bewegung, gedankenlos. + +»Den letzten Satz hab ich ihr gar nicht gezeigt. Trotzdem fährt sie +morgen Nachmittag nach Wintertal. Ich kann nicht mit, jetzt in der +Hochsaison. Wenn sie sich nur nicht zu sehr aufregt ...« + +So viel Lärm wegen einer alten Frau, dachte Arnold. Plötzlich fiel ihm +ein: »Wenn du willst, begleite ich die Mama ...« + +»Du wolltest?... Aber morgen ist ja euer Schauflug.« + +»Ja richtig, der Schauflug!« Arnold machte, als ob er sich erst jetzt +darauf besänne. Dann zog er mit dem letzten Rest seiner Energie den +Mund männlich zusammen: »Das kommt nicht in Betracht. Ich fahre mit +der Mama nach Wintertal.« + +Der Vater sprach noch eine Weile, bereitete nun auch ihn gleichsam +auf das Unvermeidliche vor: Die Großmutter sei ja schon vierundneunzig +Jahre alt, was für ein Leben ... man könne sich denken ... man müsse +froh sein ... einmal wäre sie jetzt so wie so eingeschlafen, aus +Altersschwäche ... nun diese Lungenentzündung, das würde sie wohl nicht +überstehn. -- Und in allem Sanftmut schien er dieses baldige Ende +förmlich von der Natur zu fordern, als Bestätigung seiner regelmäßigen +Ansichten ... »Sie wird sich freun, wenn sie dich noch einmal sehn +kann« schloß er »du bist ja ihr besonderer Liebling.« + +Arnold wich zurück: »Ich -- ihr Liebling? Ist das ein Witz?« + +»Natürlich. Wie sie vor fünfzehn Jahren hier war, hat sie sich mit +niemandem vertragen, nur mit dir. Sie ist ja, unter uns gesagt, eine +wahre Furie ... Immer noch erzählt sie von dir, was für ein braver +Junge du warst.« + +Um Arnold sauste es. Er mußte die Fäuste ballen, um diesem Sturmwind +standzuhalten. »Die auch,« murmelte er und seine gleißnerische Stellung +in der Welt, all der lügenhafte gute Ruf, der so ungerechtfertigt sein +hirnloses Zappeln umgab, fiel ihm wie höhnischer Vorwurf auf die Seele. + +Der Vater trat besorgt näher. »Was sagst du?« + +»Nichts, Papa. Gute Nacht also. Ich bin todmüde. Morgen weiter.« + + + + +III. + + +Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur ein dunkler Mißmut +blieb ihm zurück, unten auf dem Grund, den auch die Stöße des Zuges +nicht aufrüttelten und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu forschen +er sich wohl hütete. + +Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, die er tätig +ins Netz schlichten half: Obst und Buttersemmeln als Reisekost, für +die treue Frau Lichtnegger Würste und einen großen Schinken, für die +Großmutter Magenlikör, den sie immer verlangte, Brustbonbons und +andere Kleinigkeiten ... Erst als sie alles in Ordnung wußte, heiterte +sich ihr Gesicht auf, und indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab +sie Arnold Anweisungen, wie er sich verhalten müsse. Laut reden, +natürlich -- und sich nichts draus machen, wenn er manches nicht +verstehe, die Mutter spreche eben noch wie die alten Leute -- er +solle nur recht lustig sein, ihr Witze erzählen, auch sagen, daß +er schon Geld erspart habe, das sei die Hauptsache -- und warum er +so eine schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich +eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, letzthin habe +sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant genug gefunden. + +»Auf solche Sachen gibt sie noch acht?« meinte Arnold zerstreut. Jetzt +etwa begann der Flug in Waldbrunn. + +»O sie gibt auf alles acht. Du würdest staunen. Überhaupt, gescheit +ist sie ...« Es klang so wie: Ja wenn alles an ihr so gut wäre ... + +»Ist sie wirklich so bös?« fragte Arnold gleich, etwas übereilt, da +er eben nicht ganz bei der Sache war, trotz innerer Anstrengung. + +Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm zu sein; sie +begann gleich von ihrer Jugend zu erzählen, als gingen ihr alle +diese Dinge schon recht eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre +Heimatstadt war die Vergangenheit näher an sie herangerückt. Was +für Qualen!... Sie hatten eine Glasperlenerzeugung gehabt, die Mutter +am Platz, der Vater immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die +Hölle. Oft mußten die Kinder Nächte und Tage lang Knöpfe auf kleine +Kartons befestigen, bis ihnen die Augen zufielen. Wenn nicht so und so +viel Gros fertig waren, mußten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten. +»Wir haben mehr Schläge gekriegt als zu essen.« Und dabei war solcher +Fleiß gar nicht nötig, denn das Geschäft ging ja damals noch sehr gut, +sie kauften sogar später ein eigenes Haus. Aber die Kinder mußten +weiter arbeiten, nur aus Geiz, daß ihnen die Finger wund wurden, +auf einem Schammerl stehn und große Kisten packen und wehe, wenn etwas +zerbrach! Dann auf den Markt fahren, nach Pilsen. Und immer Lärm, +Schimpf, Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal +wurde die älteste Schwester, die Marie, im Hemd hinausgejagt, mitten im +Winter, weil sie geantwortet hatte. Und niemand da, um die Kinder zu +schützen. Nur der Vater sandte manchmal aus der Ferne zehn Kreuzer, ein +Papierzehnerl an jedes Kind, das war alles. Marie lief denn auch bald +fort in die Fremde, sie wollte Kindergärtnerin werden, war gebildet, an +einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu Hause Bücher gelesen -- +anderswo, das wäre ihr schlecht bekommen! Aber unbehütet, unerfahren, +wie sie war, geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur -- nie +hatte sie mit einem Mann reden dürfen, immer zu Hause eingesperrt, kein +Tanz, kein Vergnügen, jetzt war sie natürlich von dem ersten besten +entzückt -- der hatte sie geheiratet, in Not und Elend, und so war sie +untergegangen, gestorben -- so schöne Zähne, schöne Haare, alles weg +-- und wie oft hatten die Geschwister, auch der Bruder, der Poldi, +die Alte auf den Knien gebeten, mit aufgehobenen Händen, ihr doch mit +etwas beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre Flüche +waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. Und ebenso der Ehe +des Poldi. Indessen hatte auch der Vater das Heim verlassen, eine +andere Frau in Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt, +wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, dann hatte +man vom Vater nichts mehr gehört; verschollen. Die Hütte aber in +Wintertal hatten irgendwelche Feinde angezündet, so sagte wenigstens +die Großmutter, kurz sie war abgebrannt. Das ganze Vermögen ging zu +Grunde, nur noch Herr Beer als Bräutigam, der das gänzlich hilflose +Mädchen nahm, rettete etwas. Denn auch sie -- Mama, als letzte -- war +einmal auf dem Pilsner Markt der Großmutter entwichen: »Und wenn du +jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf den Kopf stellst, +ich gehe nicht mehr mit nach Hause« ... Sie hatte zuerst bei Marie +gewohnt und mittags, statt zu essen, hatten die zwei armen Mädchen +halt ein bißl geweint. Mit Näharbeiten auf der Maschine sich das Brot +verdienen, das ging nicht so leicht. Glücklich waren sie, wenn sie +täglich fünf Kreuzer auf eine Wurst hatten. Und drei Jahre lang +kümmerte sich niemand um sie, nicht Vater, nicht Mutter, Waisen +waren sie in der großen Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte, +ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen hätten, ob sie noch +anständig seien. Jetzt freilich, wenn man der Großmutter zuhöre, +habe sie sich den Kopf für sie ausgesorgt. »Meine süße Marie, was hast +du sterben müssen.« Sie könne solche Reden gar nicht anhören ... +Bestürzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus dem er selbst +emporgetaucht war, zu rätselhaftem Geschick. Er kannte ja diese +Familiengeschichte, aber nur unvollständig, nur aus dritter Hand. Nie +noch hatte er die Mutter so erzählen gehört, jetzt war er ergriffen, +und während der Zug an reizenden Wäldchen, heiteren Villen vorbeilief, +tappte er wie im Finstern nach ihrer Hand. + +Auch die Mutter meinte: »Nun, das ist ja alles jetzt vorbei und +ich trag ihr's nicht nach. Kann sie denn dafür? Schließlich ist sie +ja doch nur die Mutter. -- Wenn man nur mit ihr auskommen könnt. +Neulich, vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch auch im Bösen +fortgefahren ...« + +»Warum denn?« Arnold bewunderte immer mehr die unendliche Güte +seiner Mama, die er ja kannte, die sich ihm aber noch nie in so +ausführlicher Entwicklung gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen, +seine Großmutter, verspürte er immer entschiedenere Abneigung, ja Haß. + +»Sie ärgert sich halt vielleicht, daß wir sie nicht zu uns nehmen. +Aber geht das denn? Könnte das ein Mensch aushalten?... Und dann +spricht so vieles dagegen. Der Doktor meint, daß nur die Landluft +da draußen sie so lang gesund erhält; sie würde nicht einmal mehr +die lange Fahrt vertragen.« Sie schloß in einiger Verlegenheit. + +Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes Thema zu kommen, aber +nicht auffällig, erkundigte er sich, wovon denn die Frau da draußen +lebe. + +Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie +eigensinnig keins angenommen und sich selbständig ernährt, Gott +weiß, womit. Sie mache Geschäfte unter den Leuten, verborge Geld, +kaufe und verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch, +unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich +beschwindelten sie ja auch die Leute, sie könne ja weder lesen, noch +schreiben, noch rechnen, für sich selbst stelle sie an der Stubentür +mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- Überdies habe sie +Geld in der Sparkasse, fünf Büchel zu zweihundert Gulden, aber das +rühre sie um keinen Preis der Welt an, das sei ihr größter Stolz, daß +sie einmal jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen würde, +was nach ihren Begriffen eine enorme Summe sei. »Besonders dir, Arnold, +du bist ja ihr Liebling.« + +Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm berührt. Er beichtete +der Mutter seine Erinnerung, den Streit mit der Großmutter vor Jahren. + +»Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen macht sie hundert im Tag. +Das hat sie längst vergessen. -- Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott. +Und dein Papa, das ist der Obergott.« + +»Warum?« + +»Ich weiß nicht. O ja, er war ja die gute Partie. Marie und Poldi haben +arm geheiratet ... Nicht hören kann sie noch jetzt von ihren Familien. +Und wie sie schimpft.« + +Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt durch die schöne +Landschaft draußen, den Tiergarten und das Schloß von Sichrov, +erinnerte sie sich an heitere Dinge ihrer Jugend, an die spärlichen +Lichtblicke -- einmal hatte sie an einer Dilettantenbühne mitgewirkt. +»Der Herr Registrator auf Reisen«, das war der Titel des Stückes. +O, sie könne noch die Rolle auswendig, das würde sie wohl nie +vergessen. Was für Mühen waren das aber gewesen, um die Großmutter +zur Zustimmung zu überreden. Das ganze Dorf mußte bitten kommen. Der +Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Großmutter überhaupt sehr viel +gegeben, und daß einmal einer, der selige Herr Schmidt, die kleine +Schülerin gerühmt, das vergesse sie niemals zu erzählen. Nun, er +werde ja diese Anekdote morgen selbst hören. -- Diese Wendung +brachte sie auf die nahe Zukunft zurück. Sie äußerte Besorgnisse. »Wie +werden wir sie antreffen.« Und Arnold, der besser unterrichtet war, +dachte im Stillen, ohne besondere Regung, nur um die Mutter besorgt, +man werde diesmal wohl gerade zum Begräbnis zurechtkommen. + +Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man kaum das Gepäck im +Hotel untergebracht hatte, gingen sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte +so, voll Ängstlichkeit, und Arnold, der sie nur als friedliches und +ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch geglättete Zimmer wandeln gesehn +hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier und dort auftauchenden +Lauten des schlesischen Dialekts nachlauschte: »Ai der Bohne -- +hörst du -- das heißt: an der Bahn -- ja, so spricht man bei uns, +ich kann's aber nicht mehr, ich versteh's nur.« Sie sprach von der +Heimat, den Örtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. Alles kannte sie +genau, auch die letzten Veränderungen, da sie mindestens alle +Vierteljahre einmal hierher zu Besuch kam. Sie erklärte Arnold, wer +diese Lichtnegger eigentlich seien, eine Maurerfamilie hier, +Jugendfreunde, Christen, nur aus Gefälligkeit hätten sie den schweren +Dienst übernommen, täglich bei der Großmutter nachzusehn und von Zeit +zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke es ihnen schlecht, es +sei ein Malheur halt. So habe sie neulich in der Stadt herumerzählt, +Frau Lichtnegger komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das +kleine Seifengeschäft eingerichtet habe. Eine vollständige Lüge, +solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich selbst zusammen. +Und diese Launen ... Nun, er solle nur bei Lichtneggers recht +freundlich sein, man könne ihnen gar nicht genug danken ... Und +Arnold fand ganz erstaunt, mit was für Dingen, die er noch gar nicht +kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit einer Maurersfamilie. +Davor hatte er doch einen kleinen aristokratischen Abscheu und +fragte: warum Mama nicht lieber gleich zur Großmutter nachschauen +gehe. -- »Nein, ich muß mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht +im Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und auf dem Berg, +hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie in unserer Stadt, alles +hübsch gradaus, in Wintertal geht's bergauf, bergab.« Und als hätte +sie damit etwas sehr Lobendes gesagt, in großem Stolz zeigte sie die +Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne hoch oben +zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel gestochen. Sie +standen in einer Richtung, in der man Sterne, nicht Häuser vermutet +hätte, auf hohen Bergen rings um den Kessel. Und auch die Straße, +die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an vielen Ecken +führten Stiegen zum Trottoir empor, um die Steigung auszugleichen, +der kalte Gebirgswind ergoß sich wie durch eine Röhre längs der +Häuserwände herab. Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold +ihre Liebe zu dieser alten bösen Frau unbegreiflich fand, sagte er +sich, daß er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen Weg bergauf +nicht gescheut hätte. Diese Halbheit, diese Mäßigung in der +Besorgtheit verstand er nicht. + +Er konnte sich nicht überwinden und, vor dem Haus der Familie +Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, warten zu dürfen. Seine +goldenen Manschettenknöpfe raschelten, und irgend ein hoher adeliger +Offizier, mit dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten +hatte, trat ihm vor die Augen ... Die Mutter kam bald wieder: »Mir +scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat Schmerzen, hat auch +schon heute zweimal nach mir gefragt, warum ich noch immer nicht komme +und man soll nur noch einmal schreiben.« ... Arnold dachte: Also sie +lebt noch, wirklich unverwüstlich ... »Aber denk dir nur. Gestern +noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich so um sie bemüht und +sie pflegt, einen Skandal gemacht. Die hat geweint, die Ärmste, wie +sie mir's erzählt hat. Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie +haben da eine schöne Schürze, genau so eine ist mir vor ein paar +Tagen gestohlen worden ... Was soll man da sagen?... Und dabei +würde sie doch elend zugrunde gehn, wenn sie die Frau nicht hätte, +kein Mensch wüßte was davon.« -- »Hast du ihnen den Schinken und das +andere gegeben?« -- »Sie wollten nichts nehmen, erst nach langen +Reden. Es sind so anständige gute Menschen.« -- Arnold bekam aufs +Neue Wut gegen die Alte: »Gehn wir jetzt noch hin?« Er wollte ihr +mal seine Meinung sagen. -- »Nein, sie schläft jetzt. Und das ist +recht, da soll man sie nicht stören. Frau Lichtnegger ist eben +dortgewesen ...« + +Im eisigen Hotelbett erst überfielen ihn die eigenen Sorgen. +Unruhig träumend sah er den mißglückenden Flug, die ganze Stadt +hinausgelockt nach Waldbrunn, die Regierung, die Spitzen der +Vornehmheit, und alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut; +dann eine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, in +großen Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, und sein Gesicht mit +emporgehobener Handfläche vor dem Photographen schützend, wie er dies +bei Bildern von Prozeßberühmtheiten gesehn hatte --, in diesem +Schreck wurde er ein wenig wach, haderte mit sich wegen aller Dinge, +aber noch ganz besonders wegen seines phantastischen Rückhalts an +Lambert und der Sammlung -- jetzt war der Flug längst entschieden +-- ein ganz klarer Gedanke: morgen früh gleich die Zeitung lesen, +nicht vergessen -- er schlummerte wieder ein wenig, da trat Lina ins +Zimmer, sie hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchen +Glotzaugen, wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern, +so groß wie Gerhart, dieser dumme Bursch, auch ihm ziemlich ähnlich, +wenn man's recht nahm -- von neuem riß es Arnold empor, und die +einsamen kahlen Wände anstarrend, die sich schon im Morgengrauen +erhellten, überlegte er hastig, wozu er eigentlich nach Wintertal +gekommen sei, wieder so ein unsinniger Streich, denn hier sich +verbergen, bis zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das ginge +doch nicht -- aber vielleicht ins Gebirge fliehn -- er begann von +Lawinen zu träumen, die sich in Stöße blauen Briefpapiers verwandelten, +auf seine Baracke losstürmend; nun war das Hüttchen überschüttet, ein +paar Schnörkel einer Mädchenhandschrift stiegen aus dem Papier, tanzten +wie Rauch über den Trümmern, sie wollten sich zu Worten ordnen, ein +Wind aber trieb sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr, +nein, ein Fußball fuhr zwischen sie, ein roter, die Sonnenkugel ... Am +Morgen erwachte Arnold ganz gedemütigt und sanft; fast ohne zu reden, +folgte er der Mutter durch die sonnigen kühlen Straßen. + +Sie bog hinter einem zweistöckigen Häuschen ein, das, in einer +Nebenstraße gelegen, noch ganz das Aussehn eines Großstadthauses +hatte, mit Fensterkrönungen, Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert. +Dahinter lief ein grasiger Fußpfad steil bergab, zwischen freien +und bewachsenen Erdhügeln, wie man sie auf Bauplätzen sieht. Eine +Ziege, an einen Baumstamm gebunden, weidete da. Links führte ein +Nebenweg zu einem verzäunten Garten, der auf einem Hügel lag, +neben ihm die stattliche Hütte. Eine unansehnlichere trat quer gegen +den Fußpfad vor, so daß sie ihn mit einer Spitze berührte. Zu dieser +bog die Mutter ein ... »Hier also?« fragte er beklommen. Er zitterte +ein wenig, in so etwas dörfisch Armem, Zusammengeducktem lebte +also etwas wie sein eigen Fleisch und Blut. »Warte ein bißchen« sagte +die Mutter »ich will sie doch vorbereiten.« Während sie vorausging, +betrachtete Arnold, fast mitfühlend, den dunklen niedrigen Holzbau, die +Wände aus Balken und Latten, in denen nur die kleinen Fensterchen, +weiß eingerahmt und mit Blumen, eine Farbe hatten, darüber dann das +große, mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, rußig und wie +zerfallen; wie eine faltige Haube, höher als das ganze übrige +Gebäude, drückte es mit unverhältnismäßiger Kraft herab und armselig +sah eben deshalb solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem +unwohnlichen, sich verjüngenden Dache liegt. Und die kurze Treppe, die +zu einer Art Plattform vor der Türe heraufführte, o diese Plattform +aus großen rohen Steinen, mit einem ureinfachen Geländer -- wie +wenig bequem, wie ländlich das alles!... Die Mutter stand nun +wieder in der engen Türe, in ihrer Stadtjacke und im Hut seltsam +abstechend. Sie winkte. Arnold betrat die Treppe, durchschritt ein +von dunklem Gerät verstelltes modriges Vorhaus, durch das eine mächtige +Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporführte; etwas Helles und +Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine Augen, jetzt eine wie mit einem +Sofapolster verlegte Tür, an der ein Anklopfen unhörbar geblieben +wäre und die die Mutter vor ihm öffnete, während sie ihm nochmals +zuflüsterte: »Sei nur hübsch lustig ...« + +Er trat ein, sich bückend. + +Im Bett der Tür gegenüber, unterschied er ein winziges gelbes, von +Falten unendlich tief zerdrücktes Gesicht, das der Zimmerdecke +zugekehrt auf dem Kissen lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine +leise deutliche Stimme sagte, während er zögernd sich näherte: +»Arnoldele, mei Gold, gesünd sollst de sein bis über hündert Jahr. +Soll dir Gott geben, was du werst brauchen, mei Gold ...« Er beugte +sich, um eine kleine Hand zu küssen, die warm war. Da sah er nebenan +seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell an die Augen pressen. +Und auch die Augen der Großmutter veränderten sich, diese beinahe +hundert Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen wurden +trübe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus -- und dieser Anblick +rührte ihn so, daß er seine Kehle, den Hals noch tiefer unten sich +zusammenziehn fühlte ... Wie ein Gebet murmelte die Großmutter leise +fort, aber durchaus nicht erregt: »Groß bist de geworden, unberufen, +e Gewure von e Menschen, Gott soll ...« Er verstand einige Worte +nicht und sagte nun selbst: »Küß die Hand, Großmutter, no du siehst ja +gut aus, es fehlt dir also nichts, nichtwahr ...« Sie flüsterte +weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte sie mit einem ganz +schwach singenden, einschmeichelnden Ton: »Was tu ich dir nur für +e Kowed an, Arnoldele?...« + +Die Mutter soufflierte ihm die Übersetzung: »Kowed -- Ehre --«, und +während er sich an sie wandte: »Ich weiß ja«, steckte sie ihm die Düte +mit Brustzelteln in die Hand. + +»Ich bin froh, daß ich bei dir bin« sagte Arnold laut und seine +reine Aussprache erschien ihm gegenüber dem stets modulierten, +undeutlichen Herzensmurmeln der Greisin hart und geziert: »Schau, was +ich dir mitgebracht hab. Ich hab gehört, daß du das gern hast ...« +Er wollte sagen: »magst«, doch erschien es ihm plötzlich notwendig, +die einfachsten Worte zu gebrauchen. + +»Ich hob immer gewüßt, daß du e braves Kind bist ...« Auf mehrere +deutliche Worte folgten immer ein paar unverständliche. Dann, an die +Mama gewendet, erhob sie ein wenig den Kopf: »Ich sog dir, Regie, von +dem Kind wirst de ka Herzlad haben und immer Freiden sollst de erleben. +Er hat Herz und Gemüt.« + +Arnold reichte ihr die Düte. + +»Nimm dir, du wirst doch jetzt etwas essen, von deinem Enkerl« sagte +die Mutter, die Gelegenheit benützend, und zu Arnold leise: »Sie hat +zwei Tage lang nichts zu sich genommen.« + +»Ich hab ka Appetit.« + +»No eine Kleinigkeit« schmeichelte er »wenn ich dich schön drum bitt.« + +Sie kam mit ihrer Hand der seinen, die das Bonbon reichte, schwach +entgegen und steckte es in den Mund. Resigniert schloß sie die Augen, +wie eben ein Wohlerfahrener, der dem minder Erfahrenen zum Spaß einmal +nachgibt. Darauf fiel ihre Hand langsam wieder auf die Decke zurück: +»E Mensch soll nix essen, wo er ka Appetit hat ... für e kranken +Menschen is das nix ...« Sie seufzte auf. »Nur herümgehn wenn ich +könnt ...« + +»Es wird schon wieder werden« tröstete die Mutter. »Nur Geduld. Eine +gute Patientin, was? Noch ein bißchen Fieber?« Sie tastete ihr auf die +Stirn. »Nicht so arg.« + +»Das verfluchte Fieber, ja ja ...« Die Kranke keuchte wieder und +hustete ein wenig, wobei es den Anschein hatte, als übertreibe sie, aus +Zorn, nicht völlig gesund zu sein oder als spiele sie die Wehleidige, +wie ein Kind, um sich interessant zu machen. Dieses regelmäßige +Keuchen erweckte jedenfalls keine Besorgnis. »Wie ich voriges Jahr +operiert bin worden, hab ich gar ka Fieber gehabt, und jetzt diese +Geseres. Alle Kränk auf krumm Gitel ...« + +»Das ist die Medizin, nichtwahr.« Die Mutter kramte am Fensterbrett +»wo ist aber das Löfferl?« + +»Ich hab ka Löfferl -- ich trink mir e bissel aus dem Fläschel.« + +»Aber da kannst du doch nie wissen, wie viel.« + +»Mei Deige! Bis ich halt genug hab.« + +Die Mutter kramte weiter: »Und das Thermometer, zerbrochen!« + +»Mit dem Stückele Glas wird er mich gesünd machen, soll er so leben.« +Die Großmutter, die immer erregter gesprochen hatte, faltete bei +diesen Worten die Stirne mit einer Energie, die Arnolds Herz wie ein +Glockenton ganz erfüllte. Wie magisch angezogen legte nun auch er die +Hand auf ihre Stirn, drängte die Hand der Mutter zart weg ... Da war +Wärme wie unter einer dünnen Schichte, und dieselben wohlgerundeten +Knollen über den Augen, die er auch an sich wußte ... Ein Gefühl +unbeschreiblichen Behagens erfüllte ihn, vielleicht verstärkt durch +das stete Pochen der Adern an seiner Hand, durch die Fieberwärme oder +die Ahnung, daß er hier etwas wie ärztliche Hilfe leiste, ganz +entfernt etwas Liebendes, Sachverständiges. »Hitze, ein bißchen +Hitze« nickte er wie im Traum. Die Großmutter schloß die Augen +wieder. »Was hat der Doktor gesagt?...« + +Die Mutter hatte sich indessen im Zimmer weiter umgeschaut: »Was +für eine Wirtschaft, Gott im Himmel ... Mutter, ein bißl Kaffee, +nicht?« und näherte sich mit einer Tasse, die sie vom Ofen nahm, +schmeichlerisch: »Koffi, nicht?« + +Die Großmutter nahm eben das nur ein wenig verkleinerte, jetzt +glänzende Bonbon aus dem Mund, und legte es aufs Federbett. Ein +Schleimfaden zog sich daran. »Geh loß mich, wenn ich dir schon emol +gesagt hab« und ihre Augen bekamen plötzlich zwei glänzende scharfe +Punkte wie Dolchspitzen. Dann wandte sie sich an Arnold, der noch +immer, die Hand an ihrer Stirn, dastand: »Nü, setz dich henidder, +mei Kind, was tu ich dir nur für e Kowed an.« Er zog den groben +Stuhl aus weißem Holz ans Bett. + +»Brauchst dich nicht zu kümmern, Mutter, wir haben uns schon alles +selbst mitgebracht.« Die Mutter entfaltete aus Papieren kleine +Würstchen. »Ich muß nur Feuer machen. Hab nur keine Angst, wir +sorgen schon für uns.« + +Arnold wiederholte, halb zur Mutter gekehrt: »Wann kommt der Doktor,« +da er darauf noch keine Antwort hatte. -- »Um zwei Uhr, hat Frau +Lichtnegger versprochen.« -- Und nun beugte er sich, beruhigt, +zärtlich, zu der alten Frau nieder, scherzhaft: »Nun also, was gibt es +denn? Schöne Geschichten! Krank sein, das würde dir so passen, +nichtwahr ...« + +»Ich kann nimmer gehn« jammerte sie schwach. »Ich hab mr ja gewünscht, +ich könnt zwa Täge vor mei Tod hausieren gehn. Aber jetzt dos daliggen +... Ich kömm scho gar nicht mehr vom Fleck. Wenn ich üm zehn weggeh, +bin ich umme zwölf dort, wo ich hab hingewellt ...« + +»No es wird schon wieder besser werden. Natürlich es kann nicht immer +so sein wie neulich. Da hast du uns geschrieben, die Mama soll nur +schnell kommen. Und wie sie gekommen ist, war das Zimmer zugesperrt +und du bist erst Mittag gesund von irgend einem weiten Weg nach Haus +spaziert ...« + +»Sei haben geschrieben« sagte die Alte still. »Ich hab ihnen nix +gesagt.« + +Die Mutter, die beim Ofen kniete, machte ihm ein Zeichen. Er erinnerte +sich, daß sie ihn schon unterwegs auf diese Eigenheit aufmerksam +gemacht hatte, und schwieg ... + +»Sei haben geschrieben« wiederholte die Großmutter »Aber jetzt geh i +nimmer aus ... Jetzt bin ich echtfärbig.« + +»Echtfärbig?« Er hatte vielleicht falsch gehört. + +Ein ganz schwaches Lächeln suchte die Falten zu durchbrechen: »No ja, +weil's nicht ausgeht ...« + +Er lachte auf und lachte dann noch einmal, um ihr eine Freude zu +machen. Wie dieser Funke von Geist ihm entgegenleuchtete, er begriff +es kaum. Aber sie sah schon wieder ruhig vor sich hin. Nur ihre Wangen +röteten sich, war es Fieber oder schon Erholung? Jedenfalls keine +Spur eines erregten Wiedersehns, nein, erregt war sie nicht, während +er sich immer noch nicht fassen konnte, und diese ihre Ruhe, vereint +mit ihrer Frische, machte den Eindruck verhaltener Kraft und einer +Weisheit, die schon jenseits der menschlichen Zeit stand. + +»Ich sog immer, sei sollen nicht schreiben. Haben sei enk leicht wieder +geschrieben, diesmal, die Ludern. Was sie nur wollen ...« + +»Nein, wir sind von selbst gekommen, Großmutter. Oder bist du +vielleicht nicht froh, daß wir da sind, no schau ...« + +Sie antwortete nicht, vielleicht weil die Antwort selbstverständlich +war. Doch hatte er manchmal die Empfindung, daß sie ihn nicht verstehe +oder er sie nicht. Auch ihre Müdigkeit schien da mitzuspielen, die +Krankheit, wie eine Wand fühlte er das manchen Moment lang. Hatte er +doch, beispielsweise, einen Vorwurf gefürchtet, daß er noch nie zu +ihr zu Besuch gekommen war. Doch in diesen Bahnen bewegte sich ihr +Denken eben nicht. Er staunte; aber das Bewußtsein einer Verständigung +war ihm so süß, wenn es ihm wieder kam, daß er alles andere übersah, +so wie man etwa bei kleinen Kindern nur ihre Zeichen von Vernunft +bemerkt und daher alle für gescheit hält. »Schau an« meinte sie +plötzlich und ihm schwoll das Herz »dei Mutter, wie se den Hut nicht +auszieht bei mir ... no er paßt ihr auch gut, was nur wahr is.« + +»Wenn ich Dir nur gefall« erwiderte die Mutter, und Arnold fand ihren +überlegenen Ton nicht ganz berechtigt. Sie nahm übrigens den Hut ab. + +»Schöne Frisur.« Ganz schwach kamen die Bemerkungen und doch mit der +intelligentesten Deutlichkeit, die aus diesem verfallenen Gesicht +erstaunlich tönte wie eine Prophezeiung. + +»Gott sei Dank, ich gefall Dir heut ...« Auch etwas Eigensinniges lag +in diesem Ton, wie wenn ein halbwüchsiges Mäderl gegen ihre Eltern die +Erfahrene machen wollte. + +»Aber dick biste geworden, eppes dick, Regieleben.« + +»Paß nur auf, gleich wird ihr etwas nicht recht sein«, wandte sich die +Mutter an Arnold, doch mit lauter Stimme. + +»Die Dicke taugt nischt. Das ist ungesund ... Ich war ach emol so +dick, haben do die Kinderl e Freid gehabt, daß ich dick bin. So die +Ärme haben sie mr gedrückt. Aber es war nix gut ... Und e dörre +Nachbarin haben wir gehabt, die hat gesogt damals: Mei Mo tut mich +auslachen, weil ich so dörr bin. Ich will Dich mit e Zündholz anzünden, +sogt er. Da könnten Sie mir eppes abgeben, Frau Goldberger, hat sie +gesogt, Na ja, wenns geht, so nehmen Se sich nur e Stückele, hab ich +gesogt. Do wär uns beiden recht ...« Die Großmutter wurde zusehends +munter. Sie plauderte mit sichtlicher Lust. Arnold, der immer nur +einige Worte verstand, labte sich an ihrem Feuer, den ausdrucksvollen +Biegungen der Stimme, die jetzt, ohne stärker geworden zu sein, +ohne sich geändert zu haben, wie ihm schien, etwas Metallisches, Helles +wie bei guten Schauspielern hatte und etwas so Jugendliches, wenn sie +Freundliches schildern wollte. Diese Stimme mochte aus dem Halse +kommen, obenhin, nicht aus den Tiefen der Brust, und dennoch klang +sie stark, mannigfaltig, mühelos, sie war süß. + +»Es brennt schon« rief die Mutter vom Ofen her. »Das ist halt Dein +Kuksöwile, was, Mutter.« Sie wollte der Großmutter einen Gefallen +machen, indem sie ihren Ausdruck gebrauchte. Die Großmutter merkte +es aber gar nicht, sondern meinte nur ganz ernst: »Ja das is mei +Kuksöwile, e guts Öwile.« -- »Da brauchst Du Dich wenigstens mit +keinem Dienstmädchen abzuärgern.« + +»Willst Du Dich nicht auch hersetzen, Mama?« + +»Loß se gehn« sagte die Großmutter, mit einem vertraulichen klugen +Zwinkern zu ihm »sei is doch glücklich mit ihrem Gegeh und +Geschwindel und Geputz. Das hat se von der Tante Lise noch. Die hat +auch allemal geputzt und geramt. Wenn man is zu der gekommen, hat alles +geblinkt und gefinkelt und der Fußboden war genau eso rein wie das +Tischtüchele. Meschugge, metorf. Hat ihr emol der alte Schlojme +gesagt, aus Petschau der, kannst Dich erinnern, Regie, -- sei soll +emol die Zimmerdeck ach abwaschen, aber da is ihr das Wasser über +den Kopf geschütt ...« Arnold verlor den Faden von hier an, doch +glücklich, als sehe er sein eigenes Anekdoten- und Unterhaltungswesen +leibhaftig vor sich, blickte er ihr ins Gesicht, aus dem das Kinn +scharf hervortrat. Dieses Kinn war mit vielen großen Poren besetzt, +wie durchlöchert, als hätten die Falten auf dem Kinn die Gestalt von +Löchern angenommen, diese Falten, die auf der Stirn in gleichmäßigen +Krümmungen hinzogen und über die Wangen hin nach allen Richtungen wie +ein Netz lagen, das sich um die Mundwinkel herum undurchdringlich +zusammenschnürte. Hier drängten die Linien so dicht an einander, daß +die schwächeren von den tieferen durchschnitten oder als Hügel an +die Oberfläche gedrängt wurden, und diese tieferen schienen gar +keine Hügel mehr, sondern Einschnitte ins Fleisch, unbeweglich. Die +Nase dagegen hob sich ziemlich glatt und schön gebogen aus dem +Wirrwarr. Mit unendlicher Wehmut betrachtete Arnold diesen +beredten Mund, der keine Zähne mehr hatte; seine Lippen bildeten +dafür zackige Erhöhungen und Ausbuchtungen, die sich an einander +schlossen und wieder auseinander zogen, je nachdem der Mund sich schloß +oder öffnete. Die Augen blitzten. Das Schönste jedoch war das +schneeweiße Haar, reich und ohne jede Beimischung von Gelb an der Stirn +beginnend, übrigens vom Liegen jetzt ein wenig zerrauft ... Arnold +begann es leise zu streicheln; eine Ruhe, noch nie empfunden, eine +gänzliche Sorglosigkeit beschlich ihn dabei, wie am Ende aller Dinge, +er hörte nicht mehr genau zu und doch war ihm, als verstehe er +alles, sein Ohr füllte sich mit verworrenen Tönen, mit Erzählungen +ohne Ende, deren Zusammenhang ihm fragwürdig war, deren Ausgang in +nichts verlief, ohne Pointe, die aber so lebhaft klangen und auch +offenbar der Erzählerin die Erinnerung an so lebhafte Dinge +nahebrachten, daß ein jugendliches warmes Licht durch das ganze +Zimmer aufzustrahlen schien. Plötzlich unterbrach ein stärkerer Husten +und die Großmutter drehte sich der Wand zu ... + +»Was ist?« rief die Mutter und kam herbei. + +Die Großmutter klagte, mit heftigen Zuckungen des Gesichts, über +Schmerzen. Der Husten reize ihr altes Leiden wieder. Arnold, der +wußte, daß sie einen neulich operierten Bruch habe -- auch schmutzige +Bandagen, unter dem Kopfpolster zusammengerollt, erinnerten ihn +daran -- wandte sich ab, seinen Sitz der Mutter überlassend. Während +die beiden Frauen mit einander flüsterten, ging er durch das Zimmer. Es +war so schmal und klein, daß das Bett beinahe ein Viertel des +Raumes wegnahm. Gleich an die Türe stieß ein Küchenofen, dessen Platte, +mit einem Gewirr von Schüsseln und Töpfchen, dennoch nie benützt zu +werden schien, denn auch alte Papiere, Kleider wälzten sich über sie +und dicht daneben hing an einer Schnur ein Bündel neuer Schürzen, +das Warenlager vielleicht. Über ihn weg ging überdies zu dem +wirklich benützten, kleinen, so beliebten Eisenöfchen, das auch jetzt +brannte, ein schwarzes Rohr, das in zwei herabhängenden wackligen +Drahtschlingen wie etwas Schlafendes schwebte. Und schlafend lagen +auch, in angemessener Entfernung dem Ofen gegenüber, mehrere Koffer +und Kisten auf der Erde, alle in Eisenreifen mit Schlössern, aber alt +und verfallen. Seltsam genug machte sich neben ihnen die Pracht eines +ganz neuen Kanapees, das zwischen sich und dem Bett nur einen ganz +schmalen Durchgang ließ, so breit war es mit seinem roten Leder, +den gepolsterten Armlehnen, den zum Schmuck tief eingenähten +Knöpfen. Es paßte gar nicht herein und, als werde dies auch gefühlt, +stand es mit der Rücklehne nicht ganz an der Wand, sondern +fremdartig suchte es nach Stützpunkten ... Arnold erinnerte sich denn +auch, daß die Mutter es erst neulich angeschafft hatte, damit die +Großmutter zu Mittag darauf ausruhn könne, zum großen Ärger der +Sparsamen übrigens, die alle Geldausgaben verabscheute ... Nur noch +ein Möbelstück außer dem Kanapee gab es in dem kahlen und doch +überfüllten Zimmer: ein mageres Glaskästchen, wieder mit Geschirr +gefüllt; obenauf lagen viele Brillen (Arnold nahm sich vor zu fragen, +warum so viele, vergaß es aber) und Gebetbücher (Also konnte sie doch +lesen. Oder nur hebräisch?). Die Kleider dagegen hingen nicht in +Kästen, sondern frei an der Wand, nur von einem schmutzigen weißen +Tuch, das oben mit zwei Nägeln befestigt war, verhüllt. Das war das +Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen +quadratischen Fensterchen nur, deren Bretter wieder allerlei +Porzellanzeug füllte -- und die niedrige Decke, nicht glatt, sondern +mit offenem Gebälk, mit Spinnweben und Gott weiß was noch -- und alle +Gegenstände hier nicht etwa Mann für Mann und sauber hingestellt, +sondern durcheinandergeworfen, wie in Schwächeanfällen, mit einander +verbunden durch hingestreute Haufen von Gerümpel, durch Fliegen mit +ihrem unerträglichen Gesumm und Niedersitzen und wieder Kreisen, durch +zerbrochenes Holz, Fetzen, Abfälle, noch hinter dem Bett lugte ein +ganzer Sack mit abgetragener Wäsche hervor. Und dieses Bett, ganz eng, +schwachfüßig, die Federbettdecke grau statt weiß, mit großen +eingesetzten Flecken von andern Leinwandsorten, betropft mit rötlichen +Spuren ... Wenn Arnold an seine Wohnung zu Hause dachte, mit ihren +aufgeputzten hübschen großen Stuben, Palasträumlichkeiten förmlich, +erschrak er. Und wie mochte es im Winter hier aussehn, im Schnee. Oder +die langen einsamen Nächte einer Kranken ... Und kein Mittel, dem +abzuhelfen, denn die alte Frau duldete aus Mißtrauen (alle Leute +bestahlen sie, in dieser Einrichtung!) keine Bedienung, holte sich +lieber selbst das Wasser und wusch sogar noch den Fußboden allein auf +... In sein Graun mischte sich Bewunderung für diesen heißen +eigensinnigen Kopf, und Liebe, Mitleid. Wie fremd und wie vertraut dies +alles. Was mochte sie machen, während er die elektrische Lampe an +seinem schönen Schreibtisch spielen ließ oder wenn er im Ruderboot +saß, mit Millionärssöhnen, in demselben Moment, was tat da die +Großmutter? Gab es gar keine Fäden? War es seine Schuld? Irgend +jemandes Schuld?... O er hing doch mit dieser Bettlerin zusammen +und war stolzer darauf als auf seinen Umgang mit allen Bürgern der +Stadt. Wie kam das alles? So wahr und so sagenhaft. Er hätte weinen +mögen, in seinem Herzen zitterte und klang eine ganze Harfe von +Zärtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte +er sich mit jenem tief schweigsamen Blick, der manchmal in einem +einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt. + +»Setz dich nur hernidder« seufzte die Großmutter vom Bett her »auf +dei Kanapee. Das ist doch enkerer Kanapee, das gehört enk und ich +will's nicht. Setz dich nur auf dei Kanapee. Wenn ich nicht mehr bin, +so nehmts enk nur wieder, den Dingerich do.« + +Er setzte sich wieder auf den Küchensessel, während die Mutter an ihre +Arbeit zurücklief: »Aber was redest du denn? Davon redet man nicht. +Was fällt dir ein.« + +Sie murmelte etwas. + +»Ich sitz lieber so bei dir, recht nahe, Großmutter. Das ist mir +lieber.« Obwohl er alles, was er sagte, herzlich fühlte, ja herzlicher, +als er es aussprach, kam ihm doch vor, als rede er nur, um ihr das +Stichwort zu geben. + +Sie wandte ihm denn auch das Gesicht zu, in dem wieder der Zug von +Schmerz, eigentlich mehr von Ungeduld, sich zeigte: »Ich möcht scho +gern unten sei, unter der Erd. Oben war ich halt scho genüg, es freut +mich nimmer, ich hob genüg gehabt, glaub mir. E Sof möcht ich machen.« +Plötzlich aber erhob sie sich aus dem Klageton und ein wenig stärker, +für die Mutter berechnet, begann sie zu schelten: »Awere, mit den +Würstlach wärech scho lang fertig. Das is e Kocherei.« + +»Ich bin ja auch schon fertig« antwortete die Mama, sichtlich stolz +darauf, daß sie ihren Humor nicht verlor »deine Kocherei natürlich, +da hast du's leicht. Immer Koffi und Koffi noch und wieder.« Wie ein +Dolmetsch wandte sie sich an Arnold: »Die Mutter trinkt nichts als +Kaffee, das ist ihr Liebstes ...« und leiser »Gut, daß sie uns heut +keinen kochen kann. Mich ekelt's, aus dem Zeug da zu trinken.« + +Arnold, der die Reden seiner Mutter überflüssig fand und diesen Ton +eigentlich weniger verstand als den der Großmutter -- offenbar lagen +da Verhältnisse zu Grunde, die er nicht kannte, noch aus alten Zeiten +her -- sagte ihr leise scherzend ins Ohr, wie ein Verbündeter: »Daraus +machen wir uns nichts, was?« + +Die Alte drehte ihr Händchen, das auf dem Federbett lag, um, mit der +Handfläche nach oben und dann wieder zurück -- eine stumme Verachtung +oder Hoffnungslosigkeit. + +»Was macht denn Deine Maus, Mutter, tanzt sie Dir immer noch +zwischen den Kochtöpfen« spottete die Mama weiter, offenbar um zu +belustigen. »Da ist ja die Falle ...« Sie zog aus einem der für +Arnold unergründlichen Haufen ein Gitterwerk: »Leer ...« + +»Das Mäusile« lächelte die Großmutter, fast gutmütig. »Was macht denn +mei Mäusile. Do hab ich 'r Speck 'reigetue und sie frißt en weg und +läuft heraus. Is sie nicht drin?... Hast e Chutzpe gehabt.« + +»Auf Dich wird sie warten, wenn Du ihr so altes Zeug hinstellst. Aber +ich hab Dir doch unlängst eine ganz neue gekauft, wo ist sie denn?« +Sie stieß Arnold leise an, aber doch so, daß die Großmutter es hören +mußte: »Sie wird sie verkauft haben ...« + +»Der Maurer hat mir geraten« schwenkte diese mit natürlicher +Überlegenheit ab »ich soll ihr Glas vor das Loch streuen. Also hab +ich Glas gesammelt und ihr gestrien, do stechen se sich herch.« +Sie ächzte. »Wenn ich nur wieder gesünd wär und aufstehn könnt. +Das is ka Naches, so zu liegen. Nur gesünd sein, wenn mir Gott +gibt.« -- + +Es klopfte. + +Herein trat Frau Lichtnegger, eine große hellblonde Frau im Kopftuch, +mit ihrem Buben, der schnell beim Eintritt den Finger in den Mund +steckte. Sie wollte sich, wie täglich, nach dem Befinden der Frau +Goldberg erkundigen; vorsichtig und bescheiden kam sie näher, stieß +aber plötzlich einen Freudenschrei aus: »Nein, das ist ja unmöglich. +Wenn Sie sie gestern gesehn hätten, Frau Beer. Das ist ja gar kein +Vergleich. No geh's nicht besser, Frau Goldbergen ... Sie hat halt +Freude, daß Sie da sind ... Und das ist der Herr Sohn, nichtwahr.« +Arnold verbeugte sich befangen. Die Großmutter sprach zu ihr wie zu +etwas Fremdem, nicht ganz auf gleicher Stufe Stehendem: »Nehmen Sie +doch Platz, liebe Frau ...« und redete überhaupt so still und +sanft mit ihr, daß man sich ein Zanken von diesem Ton aus gar nicht +recht vorstellen konnte »wie geht's denn?« Und zum Buben: »No, mei +kleins Schekitzele.« Auf die wiederholte Frage der Frau Lichtnegger, +wie sie sich heute fühle, antwortete sie mit einem traurigen, sehr +absichtlich scheinenden Kopfschütteln. »Kein Vergleich mit gestern« +flüsterte die Maurersfrau der Mutter zu. + +Die Mutter brachte eben die warmen Würstchen vom Herd, lud auch die +Gäste ein. Man aß von einem ausgebreiteten Papier weg ... »Nun, Mutter, +was wirst du essen?« + +»Ich hab ka Appetit.« + +»Ein bißchen Himbeersaft mit Kuchen.« + +»Ich hab ka Appetit.« + +»Aber du mußt doch etwas essen, -- eine Grieskasch?« + +»Vielleicht eine Omelette« mischte sich Frau Lichtnegger ein und die +zwei Frauen bedrängten mit wohlgemeintem Eifer die Greisin, so daß +Arnold sie bemitleidete, doch zugleich, da sie fest blieb, anstaunte. +Sie hatte nun einmal keinen Hunger, als Fieberkranke. Er sagte es laut. + +Die Mutter war bös: »Hat man dich gefragt?« + +»Eppes hat mir heint geträumt« sagte die Großmutter, an so +unvermittelte Übergänge mußte man sich hier gewöhnen »Sie können +auch zuhören, Frau Lichtneggern, von dei seligen Lehrer Schmidt, +nebbich, daß er mir hat erzählt, wie damals, von dir, Regie ...« + +»Das ist es« machte ihn die Mutter lachend aufmerksam. + +»Er hat gerechnet auf der großen Tafel und gesagt, keiner soll jetzt +reden von die Schüler. Da is die kleine Goldberg aufgestanden: Derf +ich nicht aber doch etwas sagen? -- Aber was willst du denn sagen, +Kind? -- Ich möcht Ihnen was ins Ohr sagen, Herr Lehrer -- Aber +jetzt sagt man nichts -- Derf ich aber nicht doch e kleins bißl +was sagen?... und sagt ihm, die Regie, daß irgendwo e Fehler is, auf +der Tafel. Also hast du ihm einen Fehler ausgebessert, dem Herrn +Lehrer Schmidt, und warst doch die jüngste in der Klasse. Er hat +sich aber dann auch gewundert: Mir hat se selbst e Fehler gezeigt, +so e Tam von e Kind -- derf ich aber nicht doch e kleins bißl was +sagen, so hat er dir nachgemacht ... Und hat es dem hochwürdigen +Herrn selber erzählt, wie sie do zusammsitzen auf die Bierbänk, und +der hochwürdige Herr hats dann mir erzählt.« + +Die Mutter hatte nicht zugehört und erkundigte sich, während Arnold +der Großmutter die Hand drückte, bei Frau Lichtnegger, was denn der +Doktor gestern gesagt habe ... Er war eine halbe Stunde geblieben, +so gut habe er sich mit dem Mutterl unterhalten. Was sie denn für +Schätze in all den Kisten hat, habe er gefragt ... »Ja, das mußt du +dir anschaun« sagte die Mutter zu Arnold, wie in einem Museum, indem +sie unter dem Kopfpolster einen Schlüsselbund hervorzog. »Acht +Schlüssel und nur drei ganze Schlösser im ganzen Zimmer« sie zeigte +auf die Kisten »und was ist drin: ein bißchen stinkige Kohle -- +und das glaubst du, Mutter, daß dir irgendjemand wegtragen wird -- +und dabei kannst du die Kisten nur so aufheben, daß dir der Deckel +in der Hand bleibt, so alt sind sie -- aber wenn sie nur hübsch +zugesperrt sind ...« + +Arnold, nun wirklich neugierig, glaubte die Gelegenheit gekommen, +in einem Einzelfall zu sehn, wie es mit diesem Wahn stehe, und +fragte ganz harmlos die Großmutter: »Wozu hast du denn die hübschen +Schlüssel?« + +Sie hatte, es schien ihre Gewohnheit, nicht gehört oder beachtet, was +über sie gesprochen wurde, und zählte nun langsam, aber präzis auf: +»Der is für die Almer, der für das Fach in enkerem Kanapee ...« bis +alle acht richtig herum waren. »Nun also« warf er den Kopf gegen die +Mutter auf »Was redest du also? Nichtwahr, Großmama ...« + +Indessen fuhr Frau Lichtnegger fort, zu erzählen, wie beschäftigt +dieser Arzt sei, Herr Heiger, er mache nirgends hier Besuche, nur +der alten Frau Goldberg zu Liebe ... + +»Er kommt ja bald ... Wir müssen, ich muß aufräumen, das ist ein +Skandal« fuhr die Mutter verzweifelt in die Höhe, sie hatte jetzt +schon zu lange geplauscht »die Betten überziehn ...« + +Leise erwiderte die Großmutter, obwohl man sie diesmal nicht direkt +angeredet hatte: »Mei Deige is der Doktor. Er wird zu Haus auch nicht +alles so akrat haben.« -- Trotzdem stimmte sie, ganz wonniglich +sanft, zu, als die Frauen ihr nahelegten, sich zu kämmen. Nur allein +wollte sie es machen. Sie setzte sich im Bett auf, man rückte ihr als +Stütze die Kissen an den Rücken. Vom nahen Fensterbrett nahm sie +den gelben, fast zahnlosen Kamm und fuhr sich heftig, ihre Hand +zitterte nicht, ins Haar. Es war noch voll und ziemlich lang und +ordnete sich schnell. Dann teilte sie es in zwei Teile und flocht +aus jedem einen Zopf, dessen letzte, ganz enge Maschen sie offen ließ, +so daß sie sich wie kleine Fingerchen emporkrümmten. Arnold wußte +nicht, was ihn bewegte, beim Anblick dieser zarten Flechten, deren +äußerste Enden nun doch einen gelblichen Schimmer zeigten ... +Mühevoll legte nun die Großmutter ihre schwarze dicke Winterjacke ab, +die sie bisher angehabt hatte, alle drei mußten sie halten, an dem +gebrechlichen krummen Rücken, unter den weichen Schultern, und endlich +die vielfach Seufzende wieder hinlegen. Indessen erging sich Frau +Lichtnegger in Beschreibungen von Großmutters Krankheitszuständen, als +sei sie gar nicht anwesend. »Wenn nur der Schüttel nicht wiederkommt.« +Damit meinte sie den Schüttelfrost. »Gestern hat sie wieder so +einen Schüttel gehabt« und die immerwährende, selbstverständliche +Wiederholung dieses Wortes dünkte Arnold sehr einfältig, keines der +komischen Worte, die er heute von der Großmutter gehört, zum +erstenmal in seinem Leben, hatte diesen kindischen unernsten Eindruck +auf ihn gemacht. -- Frau Lichtnegger fuhr fort: No Mutterle, habe +der Doktor gesagt, ich seh, Sie sind eine saubere Frau, -- als ihm die +Großmutter erzählt hatte, zur Entschuldigung, sie habe sich heute +nicht waschen können ... Und wieviel er zu tun habe, noch einmal. »Bis +zehn Uhr nachts, von früh sieben. So beliebt ist er. Wenn er nicht +bald von hier wegzieht, so vergeht er.« -- Plötzlich legte sie den +Finger an den Mund und hielt ein. Die Großmutter atmete langsam, sie +war eingeschlafen. Leise schloß sie: »Das tut sie gern, wenn man +vor ihr spricht. Das tut ihr wohl.« -- Und die beiden Frauen +berieten, eine Suppe mußte für die Kranke gekocht werden, eine +kräftige Fleischsuppe. Arnold, der erst jetzt den Sessel am Bett +verließ, trat auf Fußspitzen zu ihnen. Ob sie nicht lieber zum +Doktor sehn wollten, daß er recht bald komme. Er werde schon kommen, +war die Antwort, und der Husten sei ja nur heilsam, weil er den +Schleim entferne, und nun dieser gute Schlaf, -- es sei nicht mehr so +gefährlich. Frau Beer beschloß, ein gutes Stück Rindfleisch kaufen zu +gehn. Frau Lichtnegger wollte ihr einen billigen guten Laden zeigen. +Sie winkte dem Jungen, der lautlos in der Ecke gesessen war. +Arnold reichte ihm ein paar Zuckerl. Der Bursch nahm sie verlegen und +wollte ihm, ohne Worte, seine bunte Holzflöte dafür schenken, die er +fest in der Hand hielt. Arnold schob ihn lächelnd hinaus. + +Nun allein mit der Schlafenden schlich er wieder zum Sessel zurück, +wagte aber nicht, sich zu setzen ... Sie war schön. Das Alter +hatte nichts Entstellendes, Unregelmäßiges in ihre verschrumpfenden +Züge bringen können. Man sah förmlich noch durch die Runzeln hindurch, +wie durch viele matte Glasschichten, unten das schöne junge +lebensfrische Mädchen -- und Arnold dachte daran, was ihm die +Mutter manchmal erzählt hatte: daß die Großmutter viele Verehrer +gehabt, aber aus Trotz, vielmehr Gleichgiltigkeit alle abgewiesen habe, +von Jugend an nur auf Gelderwerb bedacht, endlich hatte sie den +reichsten genommen, der aber um zehn Jahre jünger war als sie, den +Großvater, und mit ihm so unglücklich gelebt ... Was lag an all +dem, dachte er. Nach so viel Kampf, nach so viel Leidenschaften, +jetzt lag sie ruhig und schlief nicht anders, als sie in ihrer Jugend +vor all den wilden Erlebnissen geschlafen haben mochte, und wie er +sie ansah, die Unberührte, überfiel ihn auf einmal der Gedanke, wie +leicht eigentlich das Leben sei und wie es so von selbst und allen +Anfechtungen zum Trotz bis ans Ende fortschreite, ganz einerlei, was +man treibe. Nichts ist da, als daß die Zeit vergeht, mehr kann ja +überhaupt nicht geschehn!... Und von hier aus gesehn, schien ihm nun +auch plötzlich die so verwirrte und trostlose Situation, in der er +sich augenblicklich befand, gar nicht mehr so wichtig und so trostlos +-- er nannte sich feig, weil er den kleinen Unannehmlichkeiten durch +diese Reise, diese Flucht besser gesagt, ausgewichen war, das war es -- +beim Anblick dieser arbeitsamen wilden Greisin bekam er aufs Neue +Lust, sich ins Leben zu stürzen, aus dem er mit vorschneller +Erfahrung schon hatte entweichen wollen; bekam Lust, wieder zu toben +und zu schaffen, wie es in seiner Art lag. Ein süßes verlockendes +Gefühl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als würde er aus einem +Hohlweg blitzschnell vor eine riesige Aussicht fruchtbarer Ebenen +entrafft und als lenke sich ihm doch alles zum Schluß ehrbar ein, +moralisch beinahe, in allem Ausschweifen sinnvoll begrenzt wie diese +Dorfstube. Denn wohl fühlte er sich der Schlummernden verwandt, das +verstand er nun, dieselben Stürme pochten auch in seinem Blut. Mochten +sie losbrechen und ihre verderblichen Ziele suchen, was lag daran -- +nach allen Verwüstungen würde man seinem ergrauten Haar doch nichts +anderes nachsagen als: er ist ein Original, und nicht einmal mehr recht +bös auf ihn sein -- so wie bei der Großmutter -- und die Ruhe in seinem +Innern dann, o wie auf dem Gesicht dieser schlafenden lieben Frau, wie +ohne Gedächtnis ... Nun erfüllte ihn Stolz sogar, daß er auf seine +lebensvolle Manier die Zeit verbrachte. Er mußte nur nach dem Vergleich +mit der Großmutter zu solchen halbtoten Puppen zurückkehren wie diese +Frau Lichtnegger eine war, wie sein Bobenheim zu Hause. ... Ehrlich +waren sie, aber das ist ja keine Kunst, ehrlich zu sein ... Diese +dagegen, dieser Starrkopf, war eine bedeutende Person, die Bedeutendste +der Familie nannte er sie, nach seiner intensiven Art fast schon +verliebt in das neue Erlebnis, -- etwas Großes fühlte er aus ihr +strahlen, etwas bis zum letzten Tropfen Selbstständiges und Unbewußtes +dabei. -- Sie mochte eine Heldin sein, eine Deborah, aus jener alten +Zeit noch, in der es so viele Helden gab, in der jeder Mensch den Kopf +so hoch trug, daß man aus ein bißchen Heldentum gar nicht so viel +machte wie jetzt und daß das Andenken der Starken unter tausend andern, +ebenso Starken vergessen ward. -- Nein, die langen einsamen Nächte +konnten diesem furchtlosen Geist nichts anhaben, der Tod hatte keinen +Schrecken für sie, so erfüllt von ihrem eigentümlichen Leben war sie, +von ihrer leuchtenden Gescheitheit, die alle ihre Fehler von Grund aus +verklärte, o noch viel mehr als ein paar Schwächen gutgemacht hätte. +Und Arnold sagte sich, in einer leichten Freude: »Ja, ja, dem Klugen +wird vieles vergeben, Klugheit ist ja das Licht der Welt« -- und wie +in einem glänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem +Selbstbewußtsein löste sich seine Schmach auf ... Plötzlich fand er +sich selbst wieder ganz passabel, all dem Bösen in ihm zum Trotz, +fand sich beschwingt und leuchtend. Aus dieser Wendung heraus +betrachtete er noch einmal das Gesicht der Schlafenden, wie um sich +jeden ihrer Züge zu merken. Die Lippen waren in den Mund tief +hineingesogen, so daß an Stelle der Mundöffnung in einer dunklen +Vertiefung die senkrecht verlaufenden Runzeln unter der Nase und +die über dem Kinn aneinanderstießen und sie paßten auch zu einander, +schienen einander fortzusetzen, die kleinen Rinnen. Der Hals, jetzt +entblößt, da die Großmutter nur eine lose Nachtjacke anhatte, war +nichts als eine Reihe welker fallender Hautlappen, deren Anblick +den jungen Mann tief erschütterte. Und das Erschrecklichste: die +Augen waren nicht ganz geschlossen, sondern starrten halboffen, wie +etwas Schleimigtrübes, geradeaus ... Arnold bekam Angst; die Nase +erschien ihm spitz, vom tiefeingepreßten Mund aus aufragend, ... +vielleicht war die Großmutter tot. Er beugte sich über ihr Gesicht, sie +atmete. Zugleich spürte er den dumpfen Geruch, den er im ganzen Zimmer +bemerkt hatte, gepreßt, schmutzig, lebensvoll -- und wie ein Verbrechen +erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie +wird einmal einschlafen ... Und was würde er jetzt sagen, der Vater von +seinem Komptoirtisch her: Du übertreibst alles ... Nun natürlich, er +übertrieb, Gott sei Dank ... Er pries die Großmutter schon wie eine +Heilige. Seit er hier eingetreten war, hatte sich sein Schmerz +beruhigt, -- vielleicht auch deshalb, weil es hier so viel Neues zu +sehn, zu bemerken gab, gemütvoll zu umfassen -- oder nein, nicht +deshalb, das Überquellende war ja vielmehr diese Wurzelliebe, dieses +Gefühl -- Seine Vorstellungen begannen sich zu verwirren, so viel hatte +er zu überlegen. Es war ihm, als sitze er an diesem Bett bei der +Schlafenden, seit er überhaupt begonnen habe zu denken, seit +frühester Kindheit, als habe er nie etwas anderes erlebt als immer +nur dies eine, als gebe es kein Vorher und kein Nachher mehr für +ihn ... + +Die Mutter trat ein, wieder mit Paketen beladen, die Gute. Fleisch +trug sie, Wein, eine Sardinenbüchse, -- das wünschte die Großmutter +immer -- sie trat ans Bett, musterte es mit einem nachdenklichen +Blick: »Flöhe mag es da geben, nicht wenig ...« Dann war sie wieder +durch ein Bündel mit Strümpfen beleidigt, das vom Sofa fiel, als sie +sich setzte. »Wo nur die neuen Hemden hin sind, die ich ihr gekauft +hab. -- Ich muß ihr wieder ein paar alte Hadern verbrennen, sonst +trägt sie sie ewig. Ihre Blusen mußt du mal sehn. Geflickt, wie ein +Regenbogen ...« Unter solchen Reden begann sie, auf dem kleinen Ofen +eine Suppe zu kochen. + +Arnold wagte es: »Mir scheint, Mama, du behandelst sie nicht ganz +richtig. So alte Leute haben ihren eigenen Kopf. Sie möchte sich halt +lieber mit dir ruhig aussprechen, wenn du schon herkommst, als daß du +ihr die Ordnung störst ...« + +»Aber wer soll's denn machen! Sie würde ja im Schmutz ersticken« +erwiderte die Mutter mit viel Berechtigung. + +Da erwachte die Großmutter: »Ich hab e Naches, daß se fort is.« + +»Wer denn?« + +»Die Orlte, die dumme, die Reschainte ...« + +Die Mutter nahm alle ihre Geduld zusammen: »Aber so darfst du doch +nicht reden. Was fällt dir ein. -- Frau Lichtnegger ist so gut zu dir.« + +»Der Schlag soll sie treffen« zürnte die Greisin, jetzt lauter als +bisher während des ganzen Tages. »Was kommt se her und redt und redt! +Lauter Stuß. E Patsch von e Chochem is m'r lieber wie e Kisch von +e Chamer. Das Gebitz nemmt se einem heraus mit ihrem Gebember und +Geschmus.« Sie griff sich jammernd an den Kopf: »Mei Seide-Möach.« + +»Mir scheint, es geht dir schon wieder gut. Du wirst schon wieder +lustig.« Die Mutter fühlte ihr den Puls. »Das Fieber hat nachgelassen. +No, geht's nicht besser?« + +Die Großmutter schüttelte den Kopf, obwohl man es ihrem strahlenden +Blick ansah, wie sie sich im Schlaf erquickt hatte, -- sie war gegen +ihren Willen gleichsam krank geworden, sie dankte jetzt auch niemandem +für ihr Besserbefinden. Nur trotzig meinte sie: »Wenn ünser Herrgott +mich nix gesünd sei loßt und nix verdienen loßt, so soll er mich ach +nix leben lassen.« + +»No das mußt du ihm schon selbst sagen« lachte die Mutter »per Telephon +vielleicht. Vielleicht hast du eine bessere Verbindung mit ihm als +ich. Er folgt halt meist genau so wie du folgst.« + +Arnold befürchtete Zank. Die Großmutter aber hatte ihre Schlaflosigkeit +überwunden und meinte liebenswürdig mit einem ironischen Lächeln, für +das man sie hätte küssen mögen: »Güt, nächsten Schabbes wer ich's ihm +sagen.« + +»Da hab ich dir was feines gemacht.« Das Süppchen, das die Mutter im +Topf heranbrachte, duftete. »Willst du nicht einmal versuchen ...« + +Eine gnädige Antwort mit zimperlicher Stimme: »No jo, e bißl ...« +Offenbar hatte sie einen tüchtigen Hunger, denn sie schnupperte schon +in den Dampf, wie ein freudig erregtes Baby. + +»Bißl Salz hinein.« + +»Nein -- ka Salz -- Salz reizt doch.« Und sie hustete affektiert. + +»Aber es wird keinen Geschmack haben.« + +Statt der Antwort nahm die Großmutter das Töpfchen und führte mit +sicherer Hand, ohne zu zittern, den Löffel an den Mund, nachdem die +Mama nochmals geblasen und gekostet hatte. »Was is dos für e Supp?« +fragte sie, nach dem ersten Schluck einhaltend. + +»O je, wieder was nicht recht.« + +»Aber Mama« wandte Arnold ein »du verstehst das schlecht. Die +Großmutter fragt doch nur, was das für eine Suppe ist, den Namen +möchte sie gern wissen, sonst nichts.« + +»Du wirst mir die Großmutter zu erkennen geben ... Nichtwahr, es +schmeckt dir nicht?« + +»Aber ja ...« sagte die Großmutter einfach und löffelte weiter »Was +für Flasch is das denn? Wo hast es denn gekauft?« + +»No Rindfleisch, vom Körbelwirt. Das ganze Stück« sie brachte es vom +Ofen »kostet zehn Kreuzer ... Die Mutter ist nämlich noch aus dem +billigen Land, mußt du wissen« wandte sie sich an Arnold. + +»Wirklich nich teier« lächelte die Alte, sichtlich erfreut »Ja man muß +sparen mit dem Geld ... Waßt de, Geld wenn wär nur Geld -- aber Geld +is alles ...« + +Arnold erinnerte sich plötzlich, da die Großmutter aß und die Mama +ihr freudig zusah, daß er ja Witze erzählen sollte, unterhalten, -- +bisher hatte er eigentlich nur wie bezaubert herumgeschaut und +zugehört, ganz gegen seine Gewohnheit. Jetzt setzte er sich in Bewegung +und begann von seinen fabelhaften Ersparnissen zu berichten, was +die Großmutter sehr zu freuen schien. Nur durch sachgemäße Fragen, ob +das Geld auch in der Bank liege u. s. f., unterbrach sie ihn ... +Das Gespräch wurde nun immer lebhafter, während die Großmutter immer +wieder nach einer Pause den Suppentopf vornahm; ja Arnold, der diesen +Besuch bisher als ganz außerhalb seiner Welt und städtischer +Konversationsmanieren liegend angesehn hatte, fühlte sich jetzt fast +wie in Gesellschaft, ohne Besonderheit, jedenfalls auf einem Niveau, +das mit dem Küchensessel und den Dorffensterchen nicht das Mindeste zu +tun hatte. Die Großmutter erzählte von ihrem Beruf und wie man sie +überall gern sah. »Frau Goldbergen« rief man ihr zu wenn sie vorbei +ging »was kümmen Sie nit a bißl zu uns rein. Wir brauchen Scherzen, +Ticher. Bleibens ock doue. Es kummt Ra'n.« Eine Bemerkung Arnolds +aber, daß sie also recht viel verdiene, schien ihr zu mißfallen. »Ja, +viel Meloche, wenig Broche« antwortete sie. Nach einer Weile fuhr sie +fort: »Häst e Geschmack von e Supp gehabt!« + +»Sie schmeckt dir nicht gut?« rief Arnold besorgt. + +Sie antwortete nicht, ihr Gesicht wurde finster. + +Nun hielt er den Moment für gekommen, sein Gedächtnis nach Witzen +zu durchsuchen. »Was ist das? Es ist weiß und hat keinen Kopf, und +trotzdem schaut es« gab er auf. Die Großmutter dachte nach, ernstlich. +»Ich werde es dir also ...« »Ich möchte sagen« unterbrach sie »e Kopf +von e Gans.« Er lachte: »Aber nein, es soll ja eben keinen Kopf haben. +Ein Unterhosenbandl ist es.« Sie nickte ihm freundlich zu, schien aber +den Sinn nicht zu verstehn: »Ja in der Stadt, do habts ihr so +verschiedene Wörtlach. -- E komische Supp, was das is. Habts ihr immer +solchene Suppen?« + +»Es ist eben kein Salz drin. Du wolltest keins« erklärte die Mama. + +Arnold vermittelte: »Du siehst, es geht uns trotzdem gut. Wir sehn ganz +beruhigend aus.« + +Sie sah ihn näher an und jetzt erst fiel ihm ein, daß er nach +halbschlafloser Nacht nicht eben sehr blühend sein mochte. »E bißl +schmal« sagte auch sofort die Alte »Schlafst du denn genüg? Schlaf is e +Wohltätigkeit für e schwachen Menschen. Regieleben« als bemerkte +sie es jetzt zum erstenmal »eppes dick biste geworden. Dicker +mußte nix werden, das ist nicht gesünd. So kannste bleiben.« + +»Die Mutter meint, ich bin noch ein Kind, ich werde ewig jung bleiben« +sagte Mama, mit niedergeschlagenem Blick; und Arnold sah sich plötzlich +mit einer Deutlichkeit in den Gedanken irdischen Vergänglichseins +versetzt, hier in dieser Stellung von drei Generationen, wie er es nie +vorher auch nur als Andeutung gefühlt hatte, ohne daß ihm übrigens +dabei irgend ein neuer, in Worte faßlicher Einfall kam. + +Indessen aber, während er wie in ein Bassin von Schwermut untertauchte, +hatte die Großmutter zu erzählen begonnen: »Marie nebbich hat ach immer +eso gelesen in der Nacht bei der Lampen, ich hab längst gemant se +schläft. Is Poldi emol nach Haus gekommen, e bißl schücker war er +vielleicht und sogt ihr: No was weinst du denn da. Was lieste denn? +-- Von Genofeva, sogt sie ...« + +Die Mutter flüsterte: »Genofeva. Schöne Lektüre haben wir gehabt, +was?« -- Aber Arnold, der aus einer Zeit stammte, in der man solche +Kinderbücher und Märchen überhaupt wieder für wertvoll hielt, fand ihre +Bemerkung unverständig. Dagegen überraschte ihn dieser fremde Name im +Munde der Großmutter, was lebte alles noch in diesem Gehirn! + +»Sogt sie -- von der Hirschkuh, wie sie ihr Milch zügetragen hat. +-- No warüm hat sie ihr denn Milch zügetragen, sagt Poldi.« Und die +Großmutter machte es nach, wie der Bruder die weinerliche Stimme der +Schwester spöttisch nachmachte. »Aber mir scheints, wenn du nicht +bald schlafen gehst und aufhörst zu wanen und die Lampe auslöschst, +so hau ich dir das Buch aufn Schädel nauf.« Die Stimme brach ab, in +einem kleinen Gelächter. + +»Und was hat sie gesagt?« fragte Arnold, obwohl er fühlte, daß nichts +mehr zu erzählen sei, nur um diesen angenehmen Fluß der Erzählung +weiter zu hören. + +»Nu, was soll se gesagt habn« setzte die Großmutter wie improvisierend +fort »Was liegt daran? Wenn du schlafst, steh i halt wieder auf und +les weiter von der Hirschkuh ...« Jetzt hatte sie die Suppe zu Ende +gegessen und rief plötzlich, ganz laut: »Pfui Teixel!« wie einen +herzhaft erleichternden Fluch, indem sie den leeren Topf mit einem +Ruck aufs Fensterbrett stellte. + +»Aber was ist denn?« die Mutter eilte herbei. Als das Gespräch auf die +verstorbene Schwester Marie gekommen war, hatte sie sich abgewendet. + +Zornig fuhr die Großmutter auf: »E schöne Supp haste mir gekocht! Aus +Ferdeflasch? Was?« + +Also hat doch die Mama Recht behalten, dachte Arnold. Aber mit den +Schlüsseln hatte sie Unrecht gehabt. -- Und er beeilte sich: »Was fällt +dir ein, die Mama wird dir doch nicht Pferdefleisch kaufen, wie kannst +du nur so etwas denken!« Indem er es aussprach, schien es ihm immer +unerhörter. + +»E guter Omensager biste« fuhr ihn die Großmutter an, dann schwieg +sie eine Weile. »Was kafste ach beim Körbel. Der hat doch lauter +verschimmelte Sachen. Wenn ich ihn aber emol anzeig bei der Polizei, +den Ganef, dann 's Kri iber den Goi.« + +»Laß sie nur« scherzte die Mutter, etwas bitter. »Sie wird sich schon +wieder beruhigen. Also Adieu, Frau Goldberg, wir gehn jetzt essen, Sie +können sich inzwischen ein bißchen allein so weiter unterhalten, wenn +Sie Lust haben.« + +Aber Arnold war indessen mit der Hand des alten Frauchens, die er +ergriffen hatte, schon wieder so gut geworden, daß er den Wunsch nach +einem bessern Abschied nicht unterdrücken konnte: »Schön hast du es +da, Großmutter, gleich möcht ich bei dir dableiben, für immer, nur +noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn +vorn ...« + +Sie lächelte ihn an, als sei gar nichts vorgefallen, als gingen in +ihrem Innern eben die zärtlichsten Dinge vor: »Ich bin ka +Blumenverehrerin. Aber die Kinderl, wie se noch klein waren, die +habn immer Blumen gehabt und gegossen, daß die Stub voll war. Mit +ihre neie Hüte haben se das Wasser getragen von der Pump.« + +»Da haben sie wohl Schläge bekommen.« Er reichte ihr noch einmal die +Hand. + +Sie drückte sie und machte dabei ein gutmütiges, aber erzieherisches +Gesicht: »Das muß sei.« Die Mutter war schon hinausgegangen. »Also +Adieu, wir kommen bald wieder.« »Eßt nicht beim Körbel« rief ihnen die +Großmutter noch nach »dort is groß Jackeres.« + +Als er auf die Gasse trat, mußte er ein wenig die Augen schließen, so +fremd erschien ihm alles, was ihn umgab: Wie konnte der Zugang zu +etwas so innig Bekanntem so unbekannt sein! Gab es denn wirklich noch +eine Welt außer dieser grauen alten Stube? Die Straße mißfiel ihm. Das +Bild der alten Frau im Bett, zu Riesengrößen aufwachsend, stellte +sich wie ein Schatten überallhin, vor jedes Haus. Um wie viel wichtiger +war sie, ja nichts auf der Welt erschien ihm jetzt in gleicher Weise +wichtig. Er hätte für sie sterben mögen, so begeistert war er ... +Die Mutter redete neben ihm her: »Nicht zuhören kann ich, wenn sie +von der seligen Marie spricht und Nebbich dazu sagt, oder von unsern +Hüten. Ich glaube, wir haben überhaupt nie Hüte gehabt. Immer spricht +sie so, als ob sie uns alles in Überfluß gegeben hätte. Gute Schläge, +ja. Du darfst dir das nicht so vorstellen wie zu Hause, Arnold. Aber +das hab ich ihr damals gesagt, bei Maries trauriger Hochzeit, wie sie +uns alle mit so fürchterlichen Worten verflucht hat: -- daß sich alle +dir abwenden und daß du allein und einsam sterben wirst, das wird +dein Fluch sein ... Und so wird es und muß es ja kommen, Gott im +Himmel. Das sind Sorgen, einmal wird sie auslöschen ...« + +Arnold fand solche Reden übertrieben, sagte sich aber, daß die Mama +Recht haben mochte. Er kannte ja so wenig von diesen über lange Zeiten +und Räume verteilten Ereignissen, er hatte wohl deshalb einen andern +Eindruck. Ohne diese Erinnerungen der Mama hätte er die Großmutter +vielleicht überhaupt nur für eine fidele gute, etwas wetterwendische +alte Frau gehalten, eine spassige Grobianin, -- und nun, unter Mitwirken +der Mama, entstand etwas ganz Verschwommenes, Widersprechendes und doch, +so weit es ihn betraf, ganz Greifbares. Das war das Verlockende daran. +»Siehst du, der Doktor ist nicht gekommen -- warum habt ihr denn gerade +den genommen, der am meisten zu tun hat?« + +Die Mutter erklärte, die Großmutter habe vorgegeben, zu keinem +andern habe sie Vertraun. Indessen erriet wohl Frau Lichtnegger ganz +richtig, woher dieses Vertrauen rühre: Heiger war der billigste +Doktor im Ort, der Armenarzt ... Überhaupt habe sie schöne Dinge +erzählt ... neulich einmal seien einige reiche Leute des Ortes, die die +alte Frau Goldberg immer mühsam mit ihrem Pack die Straßen hatten +hinaufstöhnen sehn, auf die Idee gekommen, für sie eine Kollekte zu +machen, zu Purim, eine Idee, die von der Großmutter mit wahrhaftiger +Begeisterung begrüßt worden sei. Und erst die Drohung der Frau +Lichtnegger, sie werde es der Frau Beer und dem Herrn Schwiegersohn +schreiben, habe sie aus ihrer verstellten Bedürftigkeitsrolle +aufgeschreckt. Daher auch der tiefe Haß ... Überhaupt liebte es die +Großmutter, sich als ganz arm und almosenwürdig hinzustellen, die +Besuche ihrer Tochter kamen ihr daher auch zuzeiten ungelegen, wenn +sie nicht so krank war wie jetzt, und deshalb verbreite sie, diese +elegante Dame sei eine Liqueurfabrikantin und bringe ihr die Flaschen +aus der Hauptstadt mit, eine ganz besondere Spezialität; denn von dem +Magenliqueur trank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn +zu den höchsten Preisen ihres Kopfes, die indessen für die neue junge +Welt ringsum noch so mäßige waren, daß sie überraschend viele Käufer +fand. Lauter solche Sachen, über die man lachen müßte, wenn sie nicht +so traurig wären. An Markttagen bewache sie das Geschäft einer gewissen +Frau Heller, nur um einen »Gülden« nebenher zu verdienen, und wenn sie +dort sei, komme nichts weg, habe Frau Lichtnegger gesagt, da paßt sie +gut auf ... aber im Laden, in dieser grimmigen Kälte habe sie sich +neulich eben diese Halsentzündung, den Husten zugezogen. »Viel braucht +es ja nicht, ich bitt dich, bei so einem Alter.« Und von hier aus +kehrte die Mutter zu ihren Sorgen zurück, ob man nicht die Stube bald +weißen lassen müsse, und wie das anstellen ... + +Indessen waren Mutter und Sohn in das Restaurant eingetreten und Arnold +hätte sich gern diese Dinge, die ihn bis ins innerste Mark +interessierten, weitererzählen lassen, wäre ihm nicht sogar in dieser +provinzialen gebirgsstädtischen Gaststube die Erinnerung an seine +Schandtat von der Wand entgegengesprungen, -- auch hier das große +Plakat des »Rivalen Paulhans« in den primitivsten ergreifendsten +Farben. So kam es, daß er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung +bestellte, an die er bis zum Augenblick nicht gedacht hatte. Nun schien +es ihm plötzlich, als müsse der Flug in Waldbrunn doch gut ausgefallen +sein, gleichsam zur Belohnung, weil er nicht mehr darauf gerechnet und +sich immer nur so selbstverständlich auf das Schlimmste gefaßt gemacht +hatte. Und dann: niemand hatte ihn angerempelt, auch nur verdächtig +angeschaut, hier saß er doch, der Obmann des schönen Konsortiums, nein, +es konnte nichts geschehn sein. Dies war vielleicht der erste Erfolg +seines neuen, von der Großmutter beschützten Lebens ... Herr Körbel +selbst brachte das Blatt, freundlich lächelnd. Gleich oben das +Telegramm: Ponterrets Flug mißglückt. Der Aviatiker landet nach einem +Flug (Sprung) von 13 Sekunden. Pöbelausschreitungen an der Kassa. -- +Das eingeklammerte Wort »Sprung« verdroß Arnold ganz besonders, wie +eine persönliche Unbill, konnte man denn nicht ein bißchen +menschenfreundlicher sein! Ja ja, dazu hatte man die guten Freunde in +der Redaktion! -- Er legte das Blatt weg, nur unten fiel ihm noch ein +fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schätze sich +glücklich, daß er durch einen geschickten Griff am Lenkrad ein großes +Unglück vermieden habe. Die Tribünen seien in Gefahr gewesen ... »Mama, +ich fahre heute abend nach Hause.« Er war plötzlich mutig geworden, +sah der Gefahr ins Auge wie einer hübschen Aufgabe. »Natürlich, was +sollst du hier machen! Ich hab mir's gleich gedacht, daß du's nicht +lange aushalten wirst.« Er aß schnell auf: »Jetzt geh ich aber +zunächst zum Doktor, ihn treiben. Sag der Großmama, daß ich bald +wiederkomme.« -- »Du willst noch einmal hingehn? Interessiert dich das +denn? Ich könnte dirs nicht verdenken, wenn nicht. Und eine Luft ist +dort.« -- Mit Unlust sah sich Arnold unerwarteterweise vor die +Notwendigkeit gestellt, seiner Mutter all das, was er seit dem +heutigen Morgen durchempfunden hatte, zu erklären -- und recht +schnell. Nein, es ging nicht. Also rief er nur, etwas grell: »Von +Interesse ist da gar keine Rede mehr. Ich habe mich in die +Großmutter verliebt, förmlich verliebt. Kannst es ihr sagen. Sie +ist ja so brav ...« + +Die Mutter seufzte tief auf, wie vom Mittelpunkt ihres Gedächtnisses +her: »Ja, vor dir nimmt sie sich noch ein bißchen zusammen.« + + + + +IV. + + +Er war enteilt. Auf der Gasse erst, in frischer Luft, durch die +hindurch man nahe Wälder zu spüren glaubte, fiel ihm ein, daß er +heute den ganzen Tag bisher in der Familie verlebt hatte, noch +keinen Augenblick allein. Das war ihm seit Jahren nicht mehr geschehn, +noch gestern hätte er es für unmöglich gehalten. Vielleicht hing auch +seine eigentümliche Verwirrung damit zusammen, die ihn förmlich +hinderte, klar geradeaus zu sehn und sich über das, was er sah, +Gedanken zu machen. Die Häuserfronten liefen nur so wie lange +Gartenmauern, ohne Abwechslung, an ihm vorbei und er bemerkte es +nicht, ob er über breite Plätze schritt oder durch einen Park, an einem +goldglänzenden Kaiser-Josef-Denkmal vorbei. Nur, daß hier und da, +mitten zwischen eleganten Häusern, auch noch solche Schindelhütten +standen, wie die der Großmutter, fiel ihm auf, dann daß die meisten +Firmatafeln kleine schwarze Glasplatten mit eingeritzten Buchstaben +waren, was einen zierlichen sauberen Eindruck machte. Doch +beschäftigte ihn dies nicht weiter. Nur die eine Frage hatte er im Sinn +und wiederholte sie oft an Vorübergehende: »Wie komm ich hier zu +Doktor Heiger?« Mechanisch folgte er ausgestreckten Fingern, +eindringlich undeutlichen Worten, ging bergauf bergab, die zweite +Gasse hinter der Ecke wieder geradeaus. Endlich fand er das Haus, +immer mit summendem Geräusch im Kopf, stieg Steinstufen hinauf, +die ihn daran erinnerten, daß er noch in Österreich war, wenn auch +nahe der Grenze (in Deutschland gibt es nur Holztreppen, dachte +er), an einem Kontor vorbei, vor dem Kisten beinahe den Weg versperrten +(aha, der Export). Dann trat er in ein menschengefülltes Wartezimmer +ein. Im Arm einer Frau schrie ein schwarz verbundenes Kind leise auf. +Manche von den Leuten standen in stumpfsinnigem Brüten direkt vor +der Tür ins Ordinationszimmer, wie bereit, sofort mit höchster +Aufregung hineinzuspringen. Andere seufzten auf dem Kanapee, in +bequemen Fauteuils saßen sie in unbequemen Haltungen, gelbe Zettelchen +in der Hand, vielleicht von einer Krankenkasse. Arnold erkundigte sich, +er lief ungeduldig wieder hinaus, jemand sagte ihm: »Ja, bei Doktor +Heiger da muß man sich in Geduld fassen«. »Ist er drin?« fragte +Arnold. »Ich weiß nicht.« -- Was für idiotische fischblütige Leute, sie +kamen ihm wie seiner unwürdig vor, er hatte das Gefühl, als errege +er hier allgemeines Aufsehn, als schlage er mit Armen und Beinen um +sich, obwohl er äußerlich ruhig blieb. -- Wie ein Labsal, eine +Zuflucht erschien ihm nun die Erinnerung an die Großmutter. Was war es +denn eigentlich, was ihn an ihr so entzückte, diesen Bürgern hier so +Entgegengesetztes? Ihr Charakter doch nicht? Es fiel ihm ein, daß +ihm manche ihrer Eigenschaften an einem andern Menschen förmlich +widerlich gewesen wären. Man konnte es auch nicht als Tüchtigkeit +oder als Ehrwürdigkeit bezeichnen, als die Weisheit des Alters, nicht +so und nicht so. Vielleicht ein Zug von Freiheit, von unbewußter und +derber Hoheit? Eine Figur aus dem Alten Testament? Nein auch das +wollte nicht ganz stimmen. Und was hätte sie gesagt, wenn er +Ähnliches zu ihr selbst geäußert hätte? Was für Augen hätte sie +gemacht? Wofür hielt sie eigentlich sich selbst? Dachte sie je +darüber nach? Glaubte sie an Gott?... O da war etwas, wofür es in +keiner Menschensprache noch ein Wort gab! Er verstand es nicht --, +nur dunkel fühlte er, daß sie unterhalb der Zuckungen seines +forschenden Verstandes, tief irgendwo in Regionen dunkler Instinkte, +Vererbungen, Verwandtschaften ihn wie mit gebietender Stahlhand ergriff +und seine Eingeweide in eine neue Ordnung zurechtzerrte. Unklare +Pläne stiegen in ihm auf, mit denen seinem ganzen Leben bisher und +von hier an ein neuer Sinn zu geben wäre, Funken ins Pulverfaß, ja +selbst genaue Entschlüsse für die nächste Zukunft, an die er aber +sofort wieder vergaß im Bewußtsein, daß sie ihm auch so unverloren +nahe blieben. Im ganzen befand er sich in einem Zustand äußerster +Verwirrung und Ordnung zugleich, ähnlich einem guten Schüler vor dem +Examen, in dessen Kopf alles gegenwärtig ist und doch nichts +faßbar, und dieses nicht Faßbare, nicht Sichtbare wieder nicht in +starrer Ruhe, sondern in unaufhörlicher Bewegung wie unter einer dünnen +Hülle kreisend und in solcher Menge, daß nichts vortreten kann außer +auf einen äußern Anlaß hin, aber dann wird schon das Richtige in Hülle +und Fülle aus dem Chaos herausmarschieren, und diese Zuversicht gibt +dem dumpfen satten Kopf schon jetzt eine Art von schöpferischer +Einheit, wenn er auch vorderhand noch zerstreut andern Dingen +nachtaumelt, die er gerade vor sich sieht ... In dieser Verfassung +starrte unser Mann durch das Fenster in einen benachbarten Garten und +nur ganz oberflächlich, ohne daß es seine Seele in der eigentlichen +Arbeit störte, kamen ihm Gedanken wie der etwa, daß diese Aussicht +nicht sehr schön sei -- oder daß das Bild dort an der Zimmerwand +»Apollo und die Musen« oder den »Athenäenzug« vorstellen möge, kurz +etwas Klassisches und daß es wohl ein Gymnasialkollege dem Doktor +gemalt und geschenkt habe, vielleicht als Pfand für ein Darlehn +gegeben; denn kaufe ein Landarzt Bilder? Was für Dinge übrigens! +Was ging ihn dieses Bild an, die Griechen, die andere Welt, die fremde +Kultur ... Plötzlich dauerte es ihm zu lange. Er stürzte wieder aus +dem Zimmer, in die Küche, gab der Köchin ein Billett für den Doktor und +lief weg.... Ein Festzug hielt ihn auf. Was, da gab es ja auch +dekorierte Häuser, Musik. Das Schützenfest, ach so! Was für ein +naiver Unsinn! Deutlich fühlte er, daß dieses helle, blonde, +einfache Treiben nicht seine und seiner Großmutter Welt war. Für +Bobenheim hätte das gepaßt. Auch Fahnen hatten sie im Zug, bunte, +wirklich komisch ... Er suchte durchzukommen. Mit Gewalt drängte er +sich in die Menschenmassen wie in etwas Feindliches und war erstaunt, +als man ihm höflich Platz machte. Dann fiel ihm ein, daß er sich +eine neue Krawatte hatte kaufen wollen, der Großmutter zu Ehren. Er +kaufte eine, die violett und blau changierte. Wie wenig hatte er +die Frau überhaupt geehrt, nicht einmal etwas mitgebracht aus +eigenem Antrieb. Er kaufte beschämt Pfirsiche, Kirschen, Schoten ... +das alles nur, während im Innern seine Seele nach ganz andern +grundlegenderen Dingen suchte ... Je mehr er sich aber der Wohnung +der Greisin näherte, desto mehr klärten sich seine bis zur Qual +verfitzten Ideen, sie senkten sich gleichsam aus den Wolken zur Erde +herab, kristallisierten sich und verwandelten sich eben in den steilen +Fußpfad und Großmutters Hütte in demselben Augenblick, in dem er +an dem eleganten Zweistock vorbei diesen Fußpfad und die Hütte +erblickte. + +Er stieg die Treppe hinauf und sah dabei flüchtig zur Seite in die +Vorderwohnung, wie anständig und rein konnte es also in so einer +Hütte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern +Gang, wo überall leere rötlich durchscheinende Lagerbierflaschen +standen, klopfte ihm das Herz, alles war so anheimelnd und doch +unbekannt, so von Zärtlichkeitswolken erfüllt. Er stieß an ein großes +umgestürztes Holzschaff, endlich fand er die Türe. + +Ein überraschender Anblick bot sich ihm. Drei alte Frauen saßen und +standen am Bett der Großmutter und plauderten mit ihr in einem solchen +Schwall von Jargon und schlesischem Dialekt, daß nichts zu verstehn +war. Sie sah jetzt viel besser aus, das Gesicht war größer, die Wangen +in einem natürlichen Rosa, die Falten milder. »Nu, kommste doch, jech +hab scho gemant, dü kommst nix mehr.« + +Er mußte sich entschuldigen: daß er beim Doktor gewesen war und Obst +gekauft hatte. Die Großmutter nahm seine Hand und schaute ihn +liebevoll an: »Ganz schön wär's doch, wenn du ach noch dazü e +Madele hättst, Regie.« Dabei wandte sie sich, etwas furchtsam, an +Arnolds Mutter, die auf dem Kanapee saß. -- »Ich dank dir« war die +unfreundliche Antwort. Jetzt erst bemerkte Arnold, daß die Mutter +rote Augen hatte. Er setzte sich neben sie und erfuhr alles. Natürlich, +sie hatten die kurze Zeit, die sie unter vier Augen allein waren, zu +einem ausgiebigen Zank benützt. Zuerst war die Großmutter ohne +sichtbaren Anlaß, aus sich selbst heraus, in Aufregung geraten, +hatte geweint und sie tausendmal um Verzeihung gebeten, sie solle +ihr nur, ehe sie sterbe, alles verzeihn, was sie ihr angetan habe. +Darüber natürlich war die gute Mama in Rührung und unendliche Tränen +geraten. Nach einer Weile, bei einer geringfügigen Sache, die Mama +wollte ihr eine Schüssel mit Sand ausreiben, habe die Großmutter wie +verrückt geschrien: »Ich waß, du willst, ich soll sterben, und just +tu ich dir nicht den Gefallen.« Darauf seien die Freundinnen gekommen +... Es sei wirklich nicht mehr auszuhalten ... Aber Gott sei Dank, +die Sardinenbüchse habe sie über Mittag fast leer gegessen, sie +esse eben am liebsten nur, wenn sie allein sei ... Arnold tröstete +sie, er fühlte eine tiefe Liebe zu dieser netten friedlichen Dame, +seinem Mamachen, die in ihrem weichen Herzen alles so ganz anders +auffaßte als er selbst, doch zugleich empfand er freilich auch über +diesen neuen Vorfall eine schwer erklärliche Freude an der Großmutter, +wie an einem seltsamen Naturschauspiel, einem Nordlicht vielleicht. +-- Und daß sie in diesem Alter noch Freundinnen anzog, jüngere +rüstigere Weiber, die von ihr beherrscht, kaum neugierig nach ihm +zu blicken wagten, daß ihre enge Stube menschengefüllt war: riß +ihn zur Bewunderung hin. Also war sie doch nicht so verlassen. Und +nun mahnte sie sogar die drei zum Aufbruch: »Es is Wochenmarkt heunt« +und stellte sich damit selbst mitten in ihre Unternehmungen, in das +regelmäßige tätige Leben. Gar nichts von einer Ausgedingerin hatte +sie, das war schnell zu sehn, gar nichts von der humpelnden lästigen +Halbtoten, die sich hinter dem Ofen wärmt. + +Die Mutter wollte die drei mit städtischer Höflichkeit hinausbegleiten, +knüpfte ein Gespräch an, aber vom Bett her flüsterte es: »Loß se +geihn. Gib ihnen ka Tschüwe«, -- auch im leisen Reden wurden die +betonten Worte gesungen, manchmal mit zwei oder drei verschiedenen +Noten gleichsam. + +»Also der Doktor kommt gegen fünf Uhr« sagte Arnold, als sie allein +waren. + +Aber kaum hatte sich die Türe geschlossen, so begann die Großmutter +in den erbittertsten Tönen von diesen Frauen zu sprechen, von der +einen besonders, die sie soeben noch mit »mei goldene Frau Keller« +angeredet hatte. »Verschwarzt soll se gehn« rief sie, auf Arnolds +Erkundigungen. Flüchtig erinnerte er sich an seine unwillkürliche +Doppelzüngigkeit gegen seine Freunde, der Vergleich mochte wohl nicht +zutreffen?... Die Mutter aber war über dieses Benehmen entrüstet: +»Schämst du dich nicht.« Aber der alte trockene harte Körper schämte +sich nicht, er erklärte im Gegenteil, aufstehn zu wollen, es sei ihm +schon ganz gut und das Faulenzen habe keinen Zweck. Als man dies +abgewendet hatte, erneuerten sich die Klagen des Vormittags: »Mei +Zores, mei Kopf« ... »Was für Sorgen« wandte sich die Mama ziemlich +derb an die Großmutter »du hast ausgesorgt. Was du brauchst, schicken +wir dir. Wenn du mehr willst, mußt du uns nur zwei Worte schreiben. +Du hast nichts zu tun als zu essen, zu trinken und spazieren zu +gehn.« Ein Projekt kam zur Sprache, das die Großmutter schon einmal +vorübergehend gebilligt hatte, nämlich: sie solle ganz zur Frau +Fischmann, zu einer der drei Freundinnen übersiedeln, dort zur +Miete wohnen. »Die Klafte« schrie sie, daß die Kissen sich bewegten +»die rotzedige Klafte!« Nicht herauszubringen, woher dieser Groll +sich schrieb. Kurz, sie lehnte es ab, sie geniere sich (dieses +Fremdwort brachte sie vor) unter fremden Leuten, einmal wolle sie spät +schlafen gehn und einmal bald und einmal nach Bequemlichkeit den +Topf benützen und einmal etwas verdienen, mit einem Wort sie wolle +selbständig bleiben. Und sie fügte hinzu, wie erdichtend, um ihren +Worten mehr Nachdruck zu geben: »Die Fischmann, die is doch gechitzt. +Die is doch plem-plem« und fuhr mit der Hand, mit gekrümmten vier +Fingern nahe an der eigenen Stirn auf und ab. + +Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erzählte ihr Arnold, daß er bald +nach Berlin fahren werde. Wirklich war einmal die Rede davon gewesen, +daß er in ein Konfektionshaus in Berlin als Volontär für ein Jahr +eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger hatte ihn +wieder daran erinnert. Zugleich aber fiel ihm jetzt im Reden ein, daß +er ja in Berlin zugleich diesen von Eisig angebotenen Journalistenposten +annehmen könne und, obwohl er das nicht aussprach, verließ ihn der +Gedanke nicht mehr. »Gib nur schön acht und sei gesund. Da is ach zü +der Hausfrau neilich e Mädel zugezogen aus Wien und nebbich nach e paar +Täg is se gestorben.« + +Arnold verstand wieder den Zusammenhang nicht, erst später, als von +etwas anderem die Rede war, fiel ihm ein, daß »Luftveränderung« das +Bindeglied gewesen sein mochte. + +Denn nun ging es in einem Zuge weiter. Die Großmutter, gesprächig +und bei allen Kräften, schien nur Anlässe zu neuen Erzählungen zu +suchen und all dies machte nicht etwa den Eindruck, als ob sie Arnold +als Gast unterhalten wollte, sondern die reine Freude, sich +mitzuteilen, sprach aus der klangvollen und ruhigen Stimme, die +mühelos ihrem ungetrübten Geiste, ihrer Lebenskraft zu entströmen +schien und dadurch den Hörer unmittelbar einnahm. Arnold verglich +sich freudig mit ihr. »Seh ich der Großmutter nicht ähnlich?« fragte er +die Mutter. Ja, es sei auffallend. »Aber wie willste mir ähnlich sei« +lachte die Großmutter. »Ich bin doch bald iber hündert Jahr und du +nur e Ableger noch.« »Wie alt bist du eigentlich?« mischte sich die +Mutter ein »die Großmutter macht sich immer älter als sie ist, auch so +eine Laune.« Aber die Großmutter wußte gar nicht, wie alt sie sei, es +war ihr auch gleichgiltig. »Ich möcht scho gern weg. I war lang genüg +do. Ich bin so nur allen zur Last und mir ach.« Seltsam, daß solche +Reden den Eindruck ihrer Lebensfreude nicht abschwächten, eher +verstärkten. Ob sie noch einmal jung sein wolle, fragte Arnold. Ohne +direkt zu antworten, begann sie von einem Onkel Jermige zu erzählen +»der hat mich emol im Theater aufgeführt, der gute Jermige, alles hat +er verschenkt aus Rachmonis, an die Arme, und selbst is er im +Dalles gestorben, nebbich Jermige. Selig, habn se geschrien, damals +in dem Stück, selig, wenn man noch jung is. Warüm denn, hat man +gefragt. No da tragen se einen auf den Armen. Willste eppes noch +auf den Armen getragen werden, so haben se ihn ausgespott', wie +halt Theater is.« »Du interessierst dich also auch für das Theater« +fragte Arnold, innerlich erbebend; was für eine verschollene +Operette mochte da eben in dieser Stube zum letztenmal zu einem kleinen +Leben erwacht sein! »Die Großmutter! Na und ob sie sich dafür +interessiert« lobte die Mutter. »Das hab ich per Jerusche« und sie +kam auf ihre Eltern zu sprechen, auf ganze Familienverzweigungen +mit ihren Leidenschaften, von denen längst keine Spur mehr auf der +Erde lebte, und sie zogen vorbei, diese seltsamen Namen wie Moische, +Srole, Peierl, Haschele, und ein Zusammenhang mit fremden Ortschaften +ergab sich, von dem Arnold nie etwas geahnt hatte und der ihn +mächtig aufwühlte, ja in Lichtenstadt hatten ihre Großeltern, die +Großeltern der Großmutter, gewohnt und dort in dem Packerl müßte noch +ein Stück Tuch aus Lichtenstadt sein. »Ihre Einbildungen« flüsterte +die Mutter ihm zu. Auf einmal war diese uralte, eben dem Tode +entrissene Person selbst ein Kind und erzählte, wie sie einmal auf dem +gefrorenen Dorfteiche »geklitscht« hatte und dafür Schläge bekommen. +Wie das Haus ihres Vaters abgebrannt war, der schon damals zehn +Kinder hatte, neun Söhne darunter, und trotzdem sei die Mutter +hundertunddrei Jahre alt geworden, und wie die Bauern der Umgebung +damals für ihn zusammengeschossen hatten, um ihm fürs erste zu +helfen, aber ein Jahr darauf war schon wieder ein Kind da, in all dem +Schmerz. »Die Lait habn damals gemeint, das muß so sein.« Und mit +einer Art von Aufklärung erzählte sie die damaligen Sitten, wie man am +Samstag kein Geld bei sich getragen habe, weil das als eine Art von +Arbeit gedeutet wurde, eine »Newere«, ja die ganz Frommen trugen ihr +Taschentuch um die Hand gewickelt, um es nicht aus der Tasche ziehn zu +müssen. »Aber gewuchert haben sie dabei« tadelte die Mutter, ernst +und modern. Nicht einmal eine Beere habe man abreißen dürfen, fuhr +die Großmutter fort, und da sei einmal jemand (Arnold verstand +diese Geschichte nicht ganz, viele Ausdrücke kannte er nicht, erst +später stellte er es sich so zusammen, daß dieser »jemand« die +Mutter der Großmutter gewesen sein müsse) in den Tempel gegangen, +durch den Wald, damals habe man noch so weit her zum Tempel gehn +müssen, und da habe sie der Versuchung nicht widerstehn können, +eine »Rotbeere« zu pflücken, trotz der Ermahnung des Rabbiners. Und +darauf sei sie, die Großmutter, mit einem häßlichen Muttermal in +Gestalt einer roten Beere zur Welt gekommen. Und einmal habe sie +sich eine Schere genommen, weil man sie auslachte, sei ins Nebenzimmer +gegangen und habe sich die Beere abgeschnitten. »Davon hast du mir +aber noch nie erzählt« wurde die Mutter mißtrauisch. Arnold zeigte +auf einen roten Fleck an ihrer Hand: »Ist es das?«, aus Respekt wies +er nicht mit dem Zeigefinger, sondern schlug alle Finger bis auf +den kleinen ein und streckte diesen vor. »Nein, das hob ich mich +verbrennt, neilich.« Sie wurde nicht irre, und kam nun in der +Reihenfolge der Generationen auf ihre eigenen Kinder. »Marie, mei +guts Schof« rief sie plötzlich und Tränen standen ihr im Aug »Nebbich +hat sie vor mir heruntergemußt. Was hätt ich nicht getan für das +Kind!« Auch von ihrem Zank mit Poldi wußte sie nichts. Er war zwar +ein »ungehachelter Kerl«, ein »Parchköppele«, aber was lag daran, einen +Jux wußte er zu machen und lustig war er, das war doch die +Hauptsache. Sie schrieb ihm den Einfall zu, daß er beim Alcheten, dem +Sündengebet, bei dem man sich als Büßer zeilenweise auf die Brust +klopfte, zu seinem Nebenmann, der besonders heftig klopfte, gesagt +habe: »Sie, mit Gewalt werden Sie da nix ausrichten.« -- Sie lachte +hell wie Glöckchen, während sie das erzählte. -- Ja, einmal habe er +ihr geraten, mit ihrer Stubentür aufs Gericht zu gehn, weil das ihr +Haupt- und Kassabuch sei. -- Überhaupt, wenn er nur Zeit hätte, er +würde schon kommen, er würde sie besuchen, sicher. -- Die Mutter +senkte traurig den Kopf. -- »Poldile, wie haben se den gern gehabt. +Zu jeder Huxt und Kirmes und Gvatterschaft haben se 'n geloden. Wie +gefreckt is er mir immer nach Haus gekommen, wie so ein Babinski. +Einmal aber hab ich gedacht, ich muß ihn holen und hab mer 'n Löffel +genommen, den großen zum Auswinden für die Wäsch und hab gedacht, +ich zerschlug ihn an ihm. Frau Goldbergen, habn se mir dort gesagt, +bleiben's ock do und trinkens Wein mit uns. No so hab ich den +Löffel unter die Bank gelegt und mitgetanzt.« ... »Was, du bist +geblieben« Arnold riß die Augen auf ... »Nur e paar Stücklach« +entschuldigte sich die Großmutter »Jo, das war nicht so wie die +heutige Welt.« -- »So du glaubst auch, daß es früher besser war« fragte +Arnold, zart, wie man etwa einen Professor, mit dem man spazieren +geht, also außer der Stunde, ohne Recht auf Unterricht zu fragen +wagt, ohne eigentliche Hoffnung belehrt zu werden; nur um ihm +Gelegenheit zu geben, ihn zu erfreun, riskiert man es, ihn zu +belästigen. -- »No, es waren halt zugetanere Lait.« -- Als er aber +weiter drang, mit »Wie« und »Wieso«, schnitt sie ab: »Was, ich hab mir +nix den Kopf damit eingenommen.« -- Aber oben auf dem Boden habe sie +einmal einen Korb voll durchgetanzter Schuhe gefunden, alle von Poldi +und Regieleben ... Die Mutter zuckte die Achseln ... Ein Schuster habe +sie darauf aufmerksam gemacht, daß Poldi sich jede Woche frische +Schuhe anmessen lasse. Überhaupt habe er lauter solche »Tipplach und +Sterzlach« gemacht. Auch Ware über die Grenze geschwärzt, und das +ausgezeichnet! -- Arnold meinte, auch heutzutage sei man lustig, +es werde ja eben in Wintertal ein Schützenfest gefeiert: »Nun, +möchtest du nicht auch mit dabei sein, Großmama?« -- »Es wird ohne mir +ach gehn.« -- »Aber es ist zu Ehren unseres Kaisers. Liebst du nicht +unsern Kaisern? Ich habe ihn sehr gern?« -- Ziemlich gleichgiltig +wandte sie sich ab: »Warüm nicht. Er soll immer gut zu die Jehudim +gewesen sein.« Vergebens suchte ihr die Mama klarzumachen, daß das +jetzt nicht mehr so sei, mit dieser Scheidung von Juden und +Christen. »Laß mich gehn. Wenn's emol zu etwas kommt, so geht's doch +nur wieder über die Jehudim her. Es hat immer noch für uns e miesen +Ausbruch genommen.« -- Sie wurde ganz traurig. Um sie zu erheitern, +erzählte ihr Arnold, daß er in einem Komitee sei (verstand sie das +Wort? Ja, sie nickte), mit vielen Christen beisammen und daß man sich +da sehr gut vertrage. Man habe ein lustiges Festessen gefeiert, +alle mit einander. »Ja, das können se, fressen und saufen, die +Chaserim.« Er verzweifelte, doch machte er noch einen Versuch, +indem er ihr von einer Freikarte erzählte, die er als Mitglied des +Komitees habe, für alle Bahnen. Also auch hierher sei er umsonst +gefahren. Er zeigte die Legitimation. (Tatsächlich hatte die +Eisenbahndirektion den Ausschußleuten Ermäßigungen für die Strecke +nach Waldbrunn gewährt.) »Nu, das is schön« er hatte das Richtige +getroffen »da erspart man eppes. Da nimmste de ach die Mama mit, nicht +wahr.« Er lachte: »Nein, das geht nicht.« Und die Großmutter +erzählte, wie ihr einmal fünf Kreuzer an der Bahnkassa gefehlt +hätten und der Beamte dort sie nicht habe mitfahren lassen wollen. +»So e Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das geworden, in dem +Gedränge, sie habe sich aber nicht wegdrängen lassen, bis ein Herr +hinter ihr gesagt habe: So ein Skandal wegen fünf Kreuzern -- die alte +Frau -- und ihr das Geld geschenkt habe. -- Die Mama zuckte nervös +zusammen, Arnold amüsierte sich, dabei fühlte er aber, daß er etwas +vergessen habe, bei einer schon vergangenen Wendung des Gesprächs, so +schnell ging es jetzt. Während die Großmutter weiterplauderte und +immer so vergnügt, als entschädige sie sich jetzt für langes +Alleinsein, fiel es ihm ein: »Aber hier hast du dich ja nicht zu +beklagen. Hier in der Gegend scheinen ja lauter so freundliche offene +Leute zu sein, und alle so schön.« »No ja« meinte sie »selten sieht +man so e Larvengesicht. Aber jetzt sind ach Böhmacken hier, so ein +Haderlumpgesindel, Zorbechol. Was, die verkafen for e Kraizer, was +früher hat e Gülden gekost.« Sie entfesselte laute Anklagen gegen die +Konkurrenz. Arnold erinnerte sich indessen wieder an etwas, was er +vorher hatte fragen wollen: »Du hast schon mehrere Kaiser, erlebt, +was?« Zuerst verstand sie ihn nicht. »Mehrere Regierungen von +Österreich.« Das wußte sie nicht. Aber einmal hatte sie eine Krönung +gesehn: »Do war ich in Prag, und da hat sich was angetan mit Wagen +und Neugierigkeiten.« Der Krieg von Sechsundsechzig fiel ihr ein, +dann die Türken und Russen. »Meinthalben sollen se sich die Köppe +herunterschlagen«, als sei dies alles gestern oder heute geschehn. Sie +wußte alles, sie verstand alles und man konnte daher nicht sagen, ihr +Blick sei beschränkt. Wie kam es trotzdem, daß alles, wie es in ihren +Kreis trat, das Merkmal ihrer eigentümlichen Anschauungsart trug. +Arnold hätte es gern an dem Naheliegendsten erforscht. Er machte sie +also auf seine neue Krawatte aufmerksam. »Sehr schön« war das Urteil, +nach einer strengen Pause jedoch folgte: »aber so verwändlich.« »Ja, +da mußt du dich in Acht nehmen« lachte ihn die Mutter aus. -- »Tut +nichts, wir haben uns doch gern« rief er und strich ihr über das Haar, +das jetzt zu einer runden festen Frisur aus den Zöpfen geschlichtet +war »Ich hab eine schöne Großmutter.« + +Jetzt verlangte sie aber schon dringend, aus dem Bett zu steigen. +Dabei rief sie die Mama zu sich und sagte ihr etwas ins Ohr, was +diese sehr zu freuen und umzustimmen schien, denn sie half ihr +sofort auf. Auch Arnold unterstützte und es war eine ziemlich schwere +Sache, die Beine der Greisin von der hohen Bettkante allmählich +vorsichtig auf den Boden zu stellen ... Arnold sah sie nun zum +erstenmal ganz vor sich. Sie stand da, in ihrer zerknitterten +Nachtjacke und im roten Unterrock, viel kleiner noch als er sich sie +aus der liegenden Stellung heraus vorgestellt hatte, mit ganz +gewölbtem Rücken, den Hals verfallen, mit einer tiefen Rinne zwischen +den schlaffen Muskeln. Langsam atmete sie und ging, indem sie sich +zu beiden Seiten am Bett und am Sessel stützte, nur so fortschob. Man +brachte ihr Pantoffeln. Ihre Beine waren dünn, doch an manchen +Stellen geschwollen, die Adern hervortretend wie hartes rotblaues +Holzgeflecht. Und wenn sie ihren Ärmel aufstreifte, sah man die Haut +bis zum Ellbogen in zahllosen regelmäßigen Furchen, einem +schwachgewellten braunen Meere ähnlich, dünn, beinahe durchgewetzt +und so lose, über dem mageren Fleisch, daß sich diese Faltenwellen +zusammenzogen und wieder abflachten, wenn sie den Arm rieb. Sie +keuchte und bückte sich immer tiefer. »De Füß, de woll'n halt +nimmer.« Die Mutter hielt sie fest, hüllte sie in die schwarze Jacke +ein und führte sie hinaus. Da hatte Arnold, gerade wie ihr Rücken in +der Türe verschwand, einen Moment lang, nur einen Moment, ein +flüchtiges unklares unnatürliches Gefühl wie von Sinnlichkeit, diesem +widerstandsfähigen Körper gegenüber, dieser historischen Schönheit in +all dem Ruin, wunderliches Zeug fiel ihm ein und er lachte keck auf, +um es zu verscheuchen. + +Nach einer Weile kehrten die beiden zurück. Die Großmutter setzte sich +auf das Kanapee, dort sitze sie immer am liebsten. »Aber du willst es +doch nicht haben, das Kanapee« widersprach Arnold. Sie hielt es nicht +für nötig, ihn aufzuklären, obwohl ihre Miene sehr verständig, gar +nicht zerstreut, blieb. Von hier aus konnte sie durch die beiden +Guckfensterchen hinaussehn, das eine führte gegen ein mehrstöckiges +Hofgebäude, auf der andern Seite war gleichfalls das Licht beinahe ganz +durch einen Gartenzaun abgeschnitten, hinter dem man eine grüne Pumpe, +ein Gärtchen und einen jener nicht sehr reinlichen engen Wege sah, wie +sie seitlich zwischen Hausmauer und Zaun zu führen pflegen ... Über +jedes Fenster wußte die Großmutter Auskunft. Dort wohnte ein Koch, +ein geschickter Mensch, und dort die Witwe hatte drei Töchter, von +denen die älteste an einen Juden verheiratet war und so glücklich, daß +die zwei ledigen Schwestern auch nur Juden heiraten wollten. Die +Schusterin dort dagegen hatte sie im Verdacht, daß sie ihr ein +Pulver gestreut habe, »aus Asis«, wovon sie eben den jetzigen Husten +habe. Es war eben eine Freundin von Frau Keller. »Oine mit Moine.« Ihr +Schwager habe neulich das Hotel gekauft, in dem jener Koch angestellt +war, und so billig ... Der Besitzer war damals betrunken gewesen +und habe es ja auch nachträglich zurücknehmen wollen, aber da war es +schon »mit Zeugen festgemacht. Ja so ist's in der Welt. Der eine +kommt dazü, der andere davon« ... Arnold flocht ein, was er ihr schon +vormittags erzählt hatte, daß auch einer seiner Freunde jüngst ein +großes Geschäft gekauft habe. »So?« Das hatte sie schon wieder +vergessen. Aber mit erstaunlichem Gedächtnis kam sie wieder auf +frühere Dinge zurück. Einmal, bei irgend einem Besuch, habe ihr Poldis +Frau nur »Nickelsupp« vorgesetzt (womit sie »Kaninchensuppe« +meinte), während die Familie selbst Torte zum Mittagmahl hatte. +Nickelsupp, so was!... Lauter Erfindungen, kopfschüttelte die Mama ... +Ein Fleischhacker habe die kleine Regie heiraten wollen, als sie erst +siebzehn Jahre alt war. Die Eltern des Herrn Beer wollten ihr einmal +sechshundert Gulden geben, wenn sie die Partie zurückgehn lasse. +Aber da sei sie, die Großmutter selbst, aus Wintertal herangefahren +und habe ihnen den Kopf zurechtgesetzt: die Hauptsache sei, daß ein +Mädel koscher kochen könne, das Fleisch tüchtig einsalzen und da +sei ihre Regie die Richtige ... »Eine Idee hast du gehabt, daß ich +überhaupt verlobt bin! Ja viel gekümmert hast du dich um uns« sagte +die Mutter, mit zärtlicher Bitterkeit, indem sie ein Glas mit +Himbeersaft vom Kästchen nahm »Willst du nicht ein bißchen? Sonst +trocknet dir noch die Kehle, von dem vielen Erzählen.« -- »Hast e +Geruschber! Stell das Tippele hin.« -- »No ein bißchen.« -- »Aber +Mama, du mußt doch deiner Mama folgen. Wirst du gleich das Tipfel +hinstellen« befahl Arnold mit komischem Ernst. + +Ohne zu klopfen war der Doktor eingetreten, ein stattlicher Mann +mit blondem rundgeschnittenem Vollbart, er lächelte: »No, Mutterle, +wieder ganz beinand.« -- Arnold machte sich ihm bekannt, die Mama +kannte ihn schon von früheren Krankheitsfällen her: »Nicht sagen +läßt sich die Mutter, sie folgt halt nicht.« -- »No, wir werden sehn« +erwiderte der Doktor, fühlte den Puls: »fieberfrei.« -- »Die Mutter +will die Medizin nicht nehmen« klatschte ihm die Mama. -- »Medizin +müssen Sie nehmen, Frau Goldberg, das geht nicht«. Er sprach laut und +eindringlich zu ihr, wie man gewöhnlich zu ganz alten Leuten spricht, +er drohte beinahe »das geht nicht«, doch, wie es schien, ohne auf +besondere Wirkung zu rechnen. Sie nickte, ängstlich und folgsam. +Indessen hatte man ihm einen Sessel gebracht, mit einer Geberde, als +sei dies ein Vorzugssessel, obwohl nur zwei ganz gleiche da waren. Er +ließ sich nieder, indem er auf seine breiten Schenkel klatschte: »No, +hammer uns wieder aufgerappelt, was?« und legte seinen Kopf an ihren +Rücken. Nach vorn gebeugt saß die alte Frau auf dem Kanapee, die Augen +ins Ungewisse, geduldig wie ein Lammerl, während der Doktor, immer den +Kopf an ihrem Rücken, mit dumpferer Stimme redete: »Was wollen Sie +haben, gnädige Frau Beer, man muß sie lassen, sie weiß schon selbst +was ihr am besten taugt ... Tut es Ihnen hier weh« fuhr er in +veränderter Stimmlage fort, während er den Rücken der Großmutter mit +einem Finger beklopfte, dessen Spitze er aus der Krümmung +hervorschnellen ließ »Nein? und hier? Ein bißchen. Und hier?... Wie +viel Kinder haben Sie gehabt.« »Vier« war die Antwort mit schwacher +befangener Stimme. Die Mutter war erschrocken, machte Zeichen gegen +Arnold hin, nein, was sich diese Großmutter schon alles einbildete, sie +waren doch nur drei gewesen. »Ans is tot zur Welt gekommen« sagte die +alte Frau, ihre Gedanken erratend. »Davon hab ich aber bisher kein Wort +gewußt« flüsterte Mama, doch schien sie diesmal eher zum Glauben +geneigt. Der Doktor pochte weiter. Nun als schiebe er die Patientin +beiseite, richtete er sich auf: »Ein Vergnügen, das Mutterl zu sehn. In +meiner Praxis sind mir noch nicht viele solcher Fälle vorgekommen, was +glauben Sie. Keine Spur von Altersschwäche. Gehör, Gedächtnis, Augen, +alles intakt. Sie können von Glück reden.« Was spricht er, dachte +Arnold, er tut, als wäre die Großmama gar nicht vorhanden, und +trotz all seiner Gemütlichkeit und Freundlichkeit schien ihm der +Doktor dumm und unfein, eben mit dieser alten Frau verglichen. Und nun +gar, als er abschweifte und von seiner Praxis zu reden anfing, sich +breit machte mit Sechs-Uhr-früh-Aufstehn und Arbeiten-bis-zehn-Uhr, +und dann noch die Gutachten für Gerichte, Versicherungsanstalten, +das Geschmiere, was glauben Sie ... Arnold fragte ihn, wie lange +es mit der Krankheit noch dauern könne. »Husten Sie noch?« wandte +sich der Arzt an die Großmutter, der die Mama indessen wieder ins +Bett geholfen hatte. »Ja, e bissele.« »Ich werde Ihnen ein anderes +Mittel aufschreiben« sagte der Doktor und zog auf einen Ruck die +Füllfeder und sein Ledertäschchen mit dem Rezeptblock hervor, legte +es aufs Knie und schrieb. »E Mittel mecht ich habn, unter die Erd +zu kommen« sagte die Großmutter, wie aus einer andern Welt her, und +schaute ihn dabei mit einer gewissen überlegenen Schalkhaftigkeit +an. »Aber Mutterle, über der Erde ist's doch viel schöner ... Nicht?« +wandte er sich breitspurig an Arnold und die Mama »Über der Erde +ist's doch viel schöner, was glauben Sie.« Er zeigte lachend seine +großen weißen Zähne und meinte noch, sachlich: »So lange sie hustet, +ist's gut. Der Schleim muß heraus ... Ja, gestern wie ich hier +war, da hab ich nicht gemeint, daß sie sich so schnell wieder +herausmachen wird. Aber das ist es halt, dieses Fieber tritt +manchmal auf, es ist noch nicht genügend beobachtet worden, in den +medizinischen Fachschriften finden Sie nichts darüber, nur ein +Praktiker kann Ihnen das sagen, dieses Fieber also tritt bei +älteren Leuten mit einer enormen Heftigkeit auf, achtunddreißig, +vierzig Grad, man meint, jetzt muß die schönste Influenza kommen, +mindestens ein Typhus. Und dann ist's auf einmal nichts. Reines +Fieber und vorbei, aus.« In Arnold erwachte für einen Moment die +Erinnerung an zahlreiche ermunternde Gespräche mit seinem Freund Löb: +»Nun, werden Sie das nicht genauer beobachten? Werden Sie nicht +darüber schreiben?« -- Der Arzt sah ihn förmlich mitleidig an: »Ich +und schreiben! Wo hab ich denn Zeit« und er kam auf seinen seltsamen +Studiengang zurück, beinahe wäre er Dozent geworden, nun, man +wisse nicht, ob es so nicht besser sei. Die Arbeit sei sein größtes +Vergnügen, da fühle sich der Mann. Von früh bis Abend zu tun.... Die +Mama war beunruhigt: warum er bei so einem großen Einkommen nicht +heiratete ... Er lachte kräftig: wozu er das nötig habe, ihm fehle +ja nichts, er sei zufrieden ... »Dos da« mischte sich jetzt die +Großmutter ein, die nur scheinbar teilnahmslos dagelegen war »Dos da +is e Köppile, mei Arnoldele, der is ach tüchtig, der hat Chochme, er +schreibt ach in Zeitungen.« Das hatte ihr die Mutter erzählt und +jetzt brachte sie es instinktiv gegen die Protzereien des Doktors +vor. »So, das interessiert mich aber sehr« wandte sich der Doktor +an ihn und redete längere Zeit darüber, daß er sich nicht oder +doch erinnere, seinen Namen einmal gelesen zu haben, und: »Was für +ein Genre kultivieren Sie?« Er werde von nun an achtgeben. Bei der +Erwähnung von Arnolds Reisebriefen kam er auf seine Reisen zu +sprechen, jedes Jahr zwei Monate lang -- was glauben Sie, einmal im +Jahr muß man tüchtig ausspannen. Er gab sich in diesem Zusammenhang +auch noch als »Nimrod« zu erkennen. So blieb er beinahe eine Stunde +und Arnold sagte sich, daß er freilich auf diese Art mit seinen +Patienten bis Abend nicht fertig sein könne. Doch sofort korrigierte +er sich innerlich: es ist dies ja seine einzige Visite, das +betrachtet er wohl nur als Erholung, ich habe ja den Andrang in seiner +Wohnung gesehn -- nur nicht ungerecht sein -- so ein netter Mensch. +Die Großmutter schien er allerdings über seinen Erzählungen etwas +vergessen zu haben, nur als sie hustend seufzte, rief er ihr zu: +»Was wollen Sie! Sie sind die Gesündeste hier im Zimmer. Sie werden +uns noch alle überleben.« Im Weggehn stieß er an die Kohlenkisten +und, als müsse er alles wiederholen, was Frau Lichtnegger über ihn +berichtet hatte, ließ er zum Abschied den Witz fallen: »Nun, was +für Schätze haben S' denn da eingesperrt, Mutterle. Das ist ja wie im +Märchen.« + +Sie atmete auf, als er draußen war: »Hast e Kol gehabt. Alles nur was +wahr is.« Dann wurde sie stiller, da gegen Abend ein leichter +Fieberrückfall sich wieder einstellte ... Arnold mußte ans Weggehn +denken, es war spät geworden, und in einer angstvollen Unruhe fragte +er sich, ob er noch einmal im Leben dieses liebe Gesicht, den +eingesenkten Mund, den er küßte, wiedersehn würde, ob das nicht +ein Abschied für immer sei ... Er konnte nichts herausbekommen, was +ihren Anschauungsformen entsprochen hätte. Und doch, wie gern hätte er +etwa vorgebracht, daß dieses Wintertal, bisher ein ihm gänzlich +gleichgiltiger Flecken, von nun an eine ungeheure Bedeutung für ihn +habe -- daß er es stets in seinem Rücken wie eine Festung spüren werde +-- oder was für eine seltsame Reise hierher das eigentlich gewesen +sei, da er von der Stadt aber nicht den geringsten Eindruck gewonnen +habe, nicht einmal wisse, wo der Marktplatz sei, daß diesmal sich alles +nur zu ihrem Bilde verdichtet habe und alle Straßen nur Linien waren, +die durch farblose Luft zu diesem Bilde hinführten ... Er stammelte +und, während er rot wurde, fühlte er, daß seine Wangen schon von +früher her heiß waren, daß er wohl seit dem Morgen mit dieser Röte +gezeichnet herumging. Und plötzlich brach ihm ein Strom von Tränen +wie aus dem Innern des Kopfes hervor, in die Augen, während er sich +zu ihr niederbeugte: »Großmutter, liebe, liebe ...« -- Die +Großmutter indessen schien sich über den Abschied weniger aufzuregen, +als er gefürchtet hatte. Nur ihre Hände zitterten, die sie ein Weilchen +auf seinem Kopf hielt, um ihn zu segnen.... Die Mutter blieb wohl +noch zwei Tage lang hier, sie trug ihm auf, einiges dem Papa und den +Dienstmädchen auszurichten ... In der Stube war es nun ganz dunkel. +Die Mutter hatte eine neue Petroleumlampe gekauft und schickte sich +an, sie anzuzünden, während Arnold langsam hinausschritt. In der +Türe blickte er sich um, fing aber keinen letzten Blick der +Großmutter mehr auf, da sie gerade der Mama angelegentlich, mit +gespanntem Gesicht in die Hand schaute. Der Docht flammte auf und +beleuchtete ihre Stirn, auf der die zwei Halbkugeln über den +Augenbrauen je einen blitzenden Punkt bekamen, wie selbstleuchtende +kleine Sonnen. -- + +Beinahe verfehlte er den Zug. Welchen Zug denn? -- Natürlich nicht +den in seine Heimat, sondern über Dresden nach Berlin. -- Sowie er +die Hütte verlassen, hatte ihn nämlich dasselbe Gewirr wie zu +Mittag befallen. Auf dem Bahnhof aber war mit einem Mal sein Plan +fertig, wurde ihm wie auf einem Teller von unsichtbarer Hand vor das +Gesicht geschoben: sofort an Gottfried Eisig telegraphieren, daß er +den Journalistenposten in Berlin annehme, den Eltern dasselbe, und +sofort nach Berlin abreisen, obwohl es dort nur hölzerne Treppen, +keine steinernen gab. -- Plötzlich sah er sich aus den kleinen +Verwicklungen seiner Heimatstadt herausgehoben, vor ein neues +Leben gestellt, als hätte ihm die Großmutter erst gezeigt, wie groß +die Welt sei und wie verschiedenartig die Möglichkeit zu wirken für +den Energischen. Und zwischen den glatten hellerleuchteten Wänden +des Eisenbahnkoupees, den Blick auf das schwarze Viereck des +Fensters geheftet, auf die Nacht da draußen, überkam ihn eine schier +übermenschliche Freude ... Was lag ihm am Komitee, was an Lina! Es +würde schon nicht das Ärgste geschehn, es würde sich schon irgendwie +aussitzen. Was war denn eigentlich dabei. Ihre Worte klangen ihm im +Ohr: An Heiratsanträgen habe ich keinen Mangel. Und dann, sie +hatte sich ihm an den Hals geworfen, mochte sie dafür büßen. Ebenso +dieses Komitee, genau so ... Er spürte in sich den bisher nie +geahnten Willen, hart und rücksichtslos vorzugehn, über die Köpfe +dieser unbedeutenden Menschen, die sich an ihn hängten, mit +Gleichgiltigkeit hinweg. Und lustig noch dazu, ohne viele Umstände. +Diese Lina -- den ganzen Tag hatte er an sie nicht gedacht -- jetzt +erinnerte sie ihn mit ihrem Gerhart an der Hand an die klägliche +Frau Lichtnegger mit ihrem einfältigen Jungen, nur daß sie noch +außerdem diesen Exophthalmus hatte, den ekligen, diese kupplerischen +Rollaugen, die ihm sogar krankhaft schienen, da er sich nun auf den +medizinischen Namen besonnen hatte. Es war ihm fast, als hätte sie +ihn beleidigt, als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg +damit! Es war nicht die Hauptsache ... Vielmehr dies: tüchtig sein, +endlich etwas leisten, mit sich selbst zufrieden sein, so lange man +lebt, und wenn man schon die unglückliche Gabe der Vielseitigkeit und +Gewandtheit in sich hat, diese Üppigkeit in den einzig hierfür +möglichen Beruf leiten: den Journalismus. Er hatte die bescheidene +Idee, daß dies allerdings nicht das Letzte, Tiefste, für die Menschheit +Wichtigste sei -- und doch, nun da er erkannt hatte, daß darin seine +eigentliche Begabung lag und daß sein Leben eigentlich von Jugend an +darauf hingezielt hatte, nun fühlte er eine Liebe zu dieser +Öffentlichkeit und allseitigen Bewegung in sich, ein Feuer, das selbst +einen geringeren Gegenstand geadelt hätte. Es war ja so schön: reden, +schreiben, heiß sein, immer im Galopp, aus der weißen kreidigen +Asphaltwüste einer ungeheuren Stadt Lorbeerhaine und grüne duftende +Zedern aufreißen, alles mit sich ziehn, Bühnen gründen, Vereine, neue +Stile, Warenhäuser, Reichtümer -- o, es mußte glücken! Denn nun liebte +er auch sich selbst -- zum erstenmal in seinem Leben -- sich selbst und +alles, was aus ihm herausdrang. Er war allein mit sich und doch nicht +unzufrieden wie sonst immer, er fand sich selbst sympathisch, so wie er +sich als Resultat der Wanderungen und Untaten seiner Väter erkannt +hatte, ihrer Jahrtausende alten Verblendungen, ihres Blutes, ihrer +Tugend und ihres Überschwangs. In seinem unmäßigen Temperament faßte er +heute zum erstenmal das Erbe jenes biblischen Zornes, mit dem ein Volk +von Raubtieren aus der Wüste sich über den Jordan schüttet und die +Städte unbekannter Stämme mit der Schärfe des Schwertes austilgt, jenes +Zornes, den Simson in lachenden, vor Lachen beinahe sinnlosen +Heldentaten ausübt. Arnold fühlte Boden unter seinen Füßen, das war es, +zum erstenmal ... und wie sich ihm eine ganze Nation, eine Reihe von +klotzstirnigen gewalttätigen aufdringlichen Ahnen erschloß, zu deren +Füßen unglückliche Opfer, häßlich schreiend, verbluteten: so spürte +er doch zugleich auch in sich all ihre in die Luft verhauchten +Zärtlichkeiten, ihre feinnervige Sehnsucht, ihr Klagen wie das +Rauschen eines Waldes, ihr freundliches und gescheites Aufpassen +mit Lichtpunkten in den Augen, ihre kühnen unerschrockenen Würfe, +ihr natürliches Führertum und Erzählertum, ihren selbstverständlichen +Lebenswandel, den man fast fromm nennen konnte, und ihre Ergebung +in das große Schicksal aller Menschlichkeit, nicht zu ergründen und +deshalb nicht zu beklagen. + +So saß er und bald beschäftigte ihn, da die Erregung nachließ und +endlich der feste Entschluß wie ein starrer Goldklumpen zurückblieb, +nur der Gedanke, ob er auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin rechts oder +links aussteigen werde. Das heißt: er wußte, nach der Fahrtrichtung, +daß der Zug von Südosten in den Bahnhof einfahren müsse und daß also +zur rechten Hand auszusteigen sei, denn auch die Lokalität dieses +Bahnhofs war ihm von früheren Berliner Aufenthalten her wohlbekannt. +Beim Einsteigen in Wintertal mochte er aber irgendwie die Richtungen +verwirrt haben, kurz, nun hatte er immer das Gefühl, daß der Bahnhof +links kommen werde. Er rückte von einer Bank auf die andere, versuchte +gleichsam seinen Kopf umzudrehen, umzustülpen, vergebens, die +richtige Orientierung wollte sich nicht mehr einstellen. Endlich ergab +er sich in seinen Wahn, lächelnd, da die Lösung bei der Einfahrt +sich sowieso von selbst einstellen mußte, und nahm die seltsame, ja +geheimnisvolle Unordnung dieser Nachtfahrt für den letzten Ausklang +seiner jugendlichen Ziellosigkeit, die jetzt für immer abgetan war. + + + + +Nachwort + + +Dem geneigten Leser wird es nicht entgehn, daß der Dichter in diesem +Buche mit verstärkter Entschlossenheit in einer Richtung fortschreitet, +die er in seinem letzten Roman »Jüdinnen« begonnen hat. + +Da also Vorwürfe und Einwände, die gegen die »Jüdinnen« erhoben +wurden, das neue Buch wiederum treffen dürften, und zwar verdoppelt +-- denn man wird mit Recht dem Dichter vorhalten, daß er auch +wohlwollende Ausstellungen sich nicht zu Nutze hat machen wollen, man +wird ihn engherzig und verstockt nennen --: so wird es wohl nicht +müßig scheinen, wenn ich auf einige dieser Vorwürfe an dieser +Stelle eingehe, nicht um sie zu entkräften -- denn kann ehrlich aus +dem Herzen Geschleudertes jemals entkräftet werden --, sondern nur, +um zu zeigen, wie ich diese Vorwürfe in meinem Innern geordnet, +gruppiert, teilweise mit meinem Willen in Übereinstimmung gebracht +und teilweise der allgemeinen Harmonie der Welt zum Ausgleichen +überlassen habe. + +Nun an die Sache! + +Da sei zunächst für das vorige Buch, wie für dieses und für alle +meine zukünftigen das Mißverständnis, als seien in den hier handelnden +Personen irgendwelche lebende Menschen meiner Umgebung porträtiert +worden, weit zurückgewiesen. Wohl haben Beobachtungen des Wirklichen +und Gedanken, die mir das Leben selbst eingab, in meine aufbauende +Arbeit bewußt und unbewußt eingespielt; doch hat jedes, auch das +geringste tatsächliche Detail durch seine Einfügung in ein ganz +andern Gesetzen und höheren Zielen folgendes Ganzes so gründlich +seine Wesenheit geändert, daß ein Rückschluß von dem Kunstwerk auf den +verarbeiteten Rohstoff zu den willkürlichsten Irrungen führen muß -- +wie denn überhaupt der Satz, daß alle in einem Kunstwerk irgendwie +vermutete handgreifliche Wirklichkeit sich letzten Endes als eine +Wirklichkeit höheren Ranges, mithin für den gemeinen Kopf als ein +bloßer Schein darstellen muß, hier durchaus und im strengsten Sinne +statthat. + +Ein ebenso entschiedenes »Nein« kann ich der zweiten Gruppe der +Unzufriedenen nicht entgegensetzen: denen, die die Figuren meines +Romans »Jüdinnen« oder doch ihre Mehrzahl als »unsympathisch« +bezeichnet haben. Zwar liegt auch diesem Urteil eine allzu enge +Anschmiegung von Lebens-Maßstäben an das Kunstwerk zu Grunde und das +Beiwort »unsympathisch« gehört eher in die Schule des täglichen +Verkehrs als in den Mund eines Kunstrichters: doch will ich mich auf +diesen frostigen Standpunkt nicht zurückziehn, lieber gestehn, daß +ich selbst mit den erfundenen Gestalten der »Jüdinnen«, mit Irene, +Olga, Hugo und den andern, nicht nur durch literarische Gefühle, +auch durch menschliche Parteinahme und Liebe mich verbunden fühle. +Durch Liebe: damit habe ich ausgesprochen, was ich auf den Vorwurf +des »Unsympathischen« zu erwidern habe. Ich gebe zu, daß meine +Gestalten, als Menschen betrachtet, böse Züge und Charakterfehler +aufweisen; aber eben ihr Fehlerhaftes und damit das Fehlerhafte eines +ganzen Menschentypus, zum Beispiel aller Jüdinnen wie Irene, als +etwas durch ungünstige Lebensumstände Bedingtes, als Krankhaftes, +Unverschuldetes, Notwendiges, durch besondere Zufälle sogar Heilbares +anzusehn, das wollte ich lehren. Für mich ist Irene weit eher +bemitleidenswert als unsympathisch. Der flüchtige Betrachter nur wird +bei einem Verdammungsurteil über unglückliche Wesen stehn bleiben, +deren Aufschreie, deren tüchtigen Kern und bis an das Himmelsgewölbe +reichende Wichtigkeiten meine eindringendere Darstellung aufdecken +wollte, die freilich ohne eindringenderes Lesen, ja Studium des +Buches wirkungslos bleibt. + +Von hier ist nur ein kleiner Schritt zu machen, um dem Tadel, diesen +Büchern fehle die »Handlung«, entgegenzutreten. In ihnen ist freilich +keine Kaiserkrone zu vergeben, auch Mord und Raub kommt nicht vor. Es +werden Vorgänge geschildert, die einem Nichtbeteiligten oft als +geringfügig erscheinen mögen. Aber eben nur dem Nichtbeteiligten. Daß +aber die Geschehnisse die ganze Seele der handelnden Personen, ihr +Edelstes und ihr Niedrigstes, aufwühlen, daß nur von außen gesehn +alltägliche und langsam fortschreitende Tatsachen, aus dem Herzen +der Betroffenen gesehn aber schnelle Umstürze, Überraschungen, +Verwicklungen, Mord und Raub vor sich gehn: das haben fühlende Leser +wohl nicht unbemerkt gelassen und das weiter auseinanderzusetzen, +würde mir wenig anstehn. + +Noch zwei Gegenstimmen. Mein Buch sei zu ausgeprägt jüdisch, sagt die +eine und die andere, es sei nicht jüdisch genug. Nun könnte ich +mit einer nicht einmal sophistischen Wendung diese beiden Sätze gegen +einander ausspielen und gegenseitig für widerlegt erklären. Doch +würde mich eine solche ausweichende Art der Möglichkeit, mich mit +meinen Lesern rechtschaffen zu verständigen, berauben und ohne die +ehrliche Hoffnung auf eine solche Verständigung hätte ich ja diese +ganze Ausführung ungeschrieben lassen können. Ich will also lieber +annehmen, daß hinter diesen beiden schnellen Einwänden ein dritter, +wenn auch nur dunkel gedacht, verborgen liegt und daß er etwa darauf +abzielt: meine Bücher hätten keine entschiedene Tendenz, kein Ethos, +sie äußerten trotz ihrer Titel keine eigentliche Meinung über das +Wesen und die Zukunft des Judentums. -- Wie nun aber, wenn gerade +in diesem Nichtäußern ein Stück meiner Meinung über das Judentum, ja +meines ganzen weltanschaulichen Wollens läge! Ich habe es nirgends +unternommen, den Typus des Juden oder der Jüdin zu schildern, weil +ich einen solchen Typus genau gesprochen nicht anerkenne. Vielmehr +scheint mir die Mannigfaltigkeit und das Umfassen vieler Gegensätze +dem Judentum sehr wesentlich zu sein, und ich habe dementsprechend +meine Aufgabe darin gesehn, zunächst für kleinere Gruppen von Juden +einen Typ zu bilden. Als solcher Typ einer immerhin ziemlich +umfassenden Menschheitsgruppe wollen Irene, Olga u. s. f. angesehn +werden, und auch das vorliegende Buch stellt »das Schicksal _eines_ +Juden«, _vieler_ Juden vielleicht, aber nicht einmal andeutungsweise +_aller_ dar. Es sollen vielmehr in einem Zyklus weiterer Romane +ganz andere, zum Teil entgegengesetzte, ergänzende Typen so lange +auftreten, bis ein Aufsteigen von dieser Typenreihe zu einem höheren +Typus vielleicht möglich erscheint, vielleicht als undenkbar für +immer abgelehnt wird. In diesem erhofften Zeitpunkt wird sich das Bild +des Gesamtjudentums allerdings, wie ich schon jetzt voraussehe, +wesentlich komplizierter, kräftereicher, fließender, vor allem auch +harmonischer darbieten als es seinen jetzigen wohl allzu einseitigen, +wenn auch in manchem Hinblick vortrefflichen Theoretikern wie +Birnbaum, Sombart, Buber, Zollschan u. a. erscheinen kann. + +Albert Ullrich Buchdruckerei +Berlin SW68/Hollmannstr. 22 + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + werden, daß er sich schon oft genug mit aller Sehn ucht in sie + werden, daß er sich schon oft genug mit aller Sehnsucht in sie + + ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm o sehr + ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm so sehr + + er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszu orschen + er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszuforschen + + Sphäre ziehen konnte, daß Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er + Sphäre ziehen konnte, das Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er + + mit dir? Sammelst du?« .. An langen Nachmittagen grübelte er über + mit dir? Sammelst du?« ... An langen Nachmittagen grübelte er über + + Üeberlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon + Überlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon + + gespensterheaftr Schülerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das + gespensterhafter Schülerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das + + Karrikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem + Karikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem + + »im modernsten Genre« schrieb, selbst verfertigte, Verse, die sich nicht + »im modernsten Genre« schrieb, selbst verfertigte Verse, die sich nicht + + räuberischen Üeberfällen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen + räuberischen Überfällen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen + + es schreit. Sieg! Sieg + es schreit. Sieg! Sieg! + + attakierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines + attackierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines + + elfenbeinenen Kästchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen + elfenbeinernen Kästchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen + + hinausgestreutes Leben zu bringen .. Und grimmig ging er die + hinausgestreutes Leben zu bringen ... Und grimmig ging er die + + versäumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arrogaten + versäumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arroganten + + Arnold mit ausgeschöpften trockenem Herzen zurückblieb. Überdies + Arnold mit ausgeschöpftem trockenem Herzen zurückblieb. Überdies + + mit ihr, erwiederte ihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst + mit ihr, erwiderte ihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst + + Opern wie »Zampa« »Wasserträger« vom weiten erkannte, zum allgemeinen + Opern wie »Zampa«, »Wasserträger« vom weiten erkannte, zum allgemeinen + + bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mitAbscheu erfüllte. Von + bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfüllte. Von + + unerwarterweise stießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge + unerwarteterweise stießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge + + Statur unter diesem Galloppieren litt ... Welches Vergnügen fand er nun, + Statur unter diesem Galoppieren litt ... Welches Vergnügen fand er nun, + + gehabt .. Heute bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des + gehabt ... Heute bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des + + endgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte, + entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte, + + weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr eine eine + weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr eine + + Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort, daß sie jetzt schon + Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon + + ihrem lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn + ihren lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn + + »Ich mußte mir doch mal ansehn, wie sie wohnen«. Er fand kein Mittel + »Ich mußte mir doch mal ansehn, wie Sie wohnen«. Er fand kein Mittel + + abspazierte, winzige Zigarretten rauchte, dann aber gleich wieder im + abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im + + nachgibig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, faßte sie + nachgiebig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, faßte sie + + meinte im Weggeben: »Also wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz + meinte im Weggehen: »Also wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz + + Auf seinen Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der + Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der + + Schimpf Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal + Schimpf, Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal + + Man schickte ihr Geld, doch erst sei heuer, bis dahin hatte sie + Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie + + mit Kreide irgendwelche selsame Zeichen zusammen. -- Überdies habe sie + mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- Überdies habe sie + + Glotzaugen wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern, + Glotzaugen, wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern, + + »Ich kann nimmer gehn« jammerte sie schwach »Ich hab mr ja gewünscht, + »Ich kann nimmer gehn« jammerte sie schwach. »Ich hab mr ja gewünscht, + + »Sei haben geschrieben« sagte die Alte still »Ich hab ihnen nix + »Sei haben geschrieben« sagte die Alte still. »Ich hab ihnen nix + + Armseligte, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen + Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen + + Zärtlichkeiten und Kosennamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte + Zärtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte + + einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Sckicksale erkennt. + einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt. + + Gäste ein. Man aß von einem ausgebrriteten Papier weg ... »Nun, Mutter, + Gäste ein. Man aß von einem ausgebreiteten Papier weg ... »Nun, Mutter, + + Schüssel?« + Schlüssel?« + + Gefühl von Unverantwortlichkeit befiehl ihn, als würde er aus einem + Gefühl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als würde er aus einem + + im einem glänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem + in einem glänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem + + vielleicht war die Großmutter tot. Er beugte sich über Gesicht, sie + vielleicht war die Großmutter tot. Er beugte sich über ihr Gesicht, sie + + eeschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie + erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie + + Das Gespräch wurde nun immer lehhafter, während die Großmutter immer + Das Gespräch wurde nun immer lebhafter, während die Großmutter immer + + «Ich werde es dir also ...« »Ich möchte sagen« unterbrach sie »e Kopf + »Ich werde es dir also ...« »Ich möchte sagen« unterbrach sie »e Kopf + + noch Blumen sollten in den Fenster stehn, wie bei den Nachbarn + noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn + + Magenliqeur trank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn + Magenliqueur trank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn + + Farben. So kam es, daß er mit er der Speisekarte zugleich die Zeitung + Farben. So kam es, daß er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung + + fettgedruckte Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schätze sich + fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schätze sich + + Hütte anssehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern + Hütte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern + + standen am Bett der Großmutter und plauderte mit ihr in einem solchen + standen am Bett der Großmutter und plauderten mit ihr in einem solchen + + ein Jahr eintreten sollte, die steinere Treppe bei Doktor Heiger + ein Jahr eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger + + «So e Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das geworden, in dem + »So e Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das geworden, in dem + + Holzgeflecht. Und wenn sie ihren Ärmel- aufstreifte, sah man die Haut + Holzgeflecht. Und wenn sie ihren Ärmel aufstreifte, sah man die Haut + + erwiderte der Doktor, fühlte den Puls. »fieberfrei.« -- »Die Mutter + erwiderte der Doktor, fühlte den Puls: »fieberfrei.« -- »Die Mutter + + ihn be eidigt, als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg + ihn beleidigt, als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg + + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Arnold Beer, by Max Brod + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ARNOLD BEER *** + +***** This file should be named 34782-8.txt or 34782-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/4/7/8/34782/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
