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+The Project Gutenberg EBook of Arnold Beer, by Max Brod
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Arnold Beer
+ Das Schicksal eines Juden
+
+Author: Max Brod
+
+Release Date: December 29, 2010 [EBook #34782]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ARNOLD BEER ***
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+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
+ Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+ Und Simson sprach:
+
+ »Mit dem Kinnbacken eines Esels einen
+ Haufen, zwei Haufen -- mit dem Kinnbacken
+ schlug ich tausend Mann. Und als er vollendet
+ zu reden, da warf er den Kinnbacken
+ aus seiner Hand und nannte selbigen Ort:
+ Ramath-Lechi.«
+ Die Richter, 15
+
+
+
+
+ Max Brod
+
+ Arnold Beer
+
+ Das Schicksal eines Juden
+
+ Roman
+
+
+ Axel Juncker Verlag
+
+ Berlin/Charlottenburg
+
+
+
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+I.
+
+
+Arnold Beer war ein hübscher junger Mann, nicht einmal sehr
+elegant, aber da er in der Stadt häufig mit den elegantesten
+Leuten zusammen -- überdies auch oft mit anderen -- angetroffen
+wurde, nannte man ihn den Eleganten. »Aha, da kommt das Gigerl«, --
+oder »Die Parta ist da. Ich erkläre den Bummel für eröffnet«, hieß
+es am Abend auf dem Korso, wenn in den Reihen der gewohnten
+Spaziergänger und Nichtstuer Arnold samt seiner Freundschaft
+erschien; denn schon hatte man hier und dort begonnen, sein
+unnützes Treiben mit einigem Mißwollen zu beobachten. -- Was überdies
+seine Eleganz anbelangt, so irrten die Leute ganz entschieden.
+Näher betrachtet, bestand Arnolds so effektvolle Kleidung durchaus
+nicht aus den tadellosesten Stücken, war vielmehr häufig betupft
+mit einzelnen großen und mit vielen kleinen Flecken und Tropfen,
+manchmal auch leicht angerissen und zerfasert, der Strohhut vom Regen
+mattbraun überflossen und weichgedrückt, die Stiefel ohne den
+rechten Glanz. Alle diese Fehler erschienen nun freilich niemals
+beisammen, sondern sie führten ein einsames Dasein, jeder für sich
+und an einem andern Tag, konnten aber dem aufmerksamen Beobachter
+auch in dieser gleichsam fluchtartigen Abwechslung nicht entgehen.
+Übrigens war Arnold selbst der letzte, der sich den merkwürdigen und
+komischen Einzelheiten seines Anzugs verschlossen hätte; im Gegenteil,
+er pflegte laut und ungeniert, vor Damen und Herren, auf solche
+gelegentliche Schönheitsmängel hinzuweisen und sich selbst
+auszulachen, um desto sicherer alle, die über ihn erschraken,
+auslachen zu können. Er nannte sich -- denn er hielt für alles
+Worte bereit und hatte besonders über seine so fragwürdige
+Wesensart schon oft und unter Schmerzen nachgegrübelt -- »eine
+typische Fernwirkung« und hob hervor, daß er diese »gute Sache«
+seiner schlanken Gestalt, seinem vorzüglichen blassen Teint und seinen
+feinen Händen verdanke, lauter Dingen, »für die er natürlich gar
+nichts könne«, wie er in einem Anflug pessimistischer und unklarer
+Philosophie hinzuzusetzen pflegte. Dann versank er, noch anschließend,
+über das Thema »Kleider machen Leute« in ausgedehnte trübe
+Betrachtungen. »Ja, meine Eltern haben das Geld dazu, mein Papa
+ist eine gute alte Firma. Also gelange ich, wie von selbst, an den
+ersten Schneider der Stadt, und der macht mir Röcke und Hosen, ohne
+daß ich ihn darum bitten muß, ja bitten darf, aus den teuersten Stoffen
+und nach den neuesten Schnitten. Kann ich dafür, nun bekommt sogleich
+mein Anblick einen reizenden Schwung und Schmiß, ohne mein Mitarbeiten,
+und ich biege ein in eine Richtung des Angeschautwerdens und sogar
+des Michselbstfühlens von innen her, die mir gar nicht so besonders
+paßt. Wie machtlos ist man dagegen. Schließlich würde mir ja diese
+Richtung auch passen, warum nicht, hätte ich nur Zeit dazu. Aber wie
+kann ich mich mit solchen Kleinigkeiten abgeben! Es geht einfach
+nicht. Stärker wie Löschpapier bin ich eben nicht. Und daher auch
+meine schlechte primitive Frisur, meine ungepflegten Nägel, meine
+Schnalle nur am Schuh links und nicht auch rechts.« Er pflegte sich
+die Haare zu scheiteln, aber aus Unlust, die richtige Teilungsstelle
+zu suchen, wurde oft, wenn der erste Hieb mißlang, nur ein Gestrüpp
+hängender Strähnen aus den schönen Wellen.
+
+Derselbe äußere Schwung nun, den er mit einiger Selbstgehässigkeit an
+seinen Kleidern bemerkt hatte, wallte durch seine ganze Person und mit
+so gewaltigem unwiderstehlichem Antrieb, daß er nach allen Seiten
+hin sein Schicksal aufbauschte, aber auch begrenzte. -- Arnold war
+eine überaus lebhafte Natur. Schon in der Volksschule hatten alle
+Lehrer darüber geklagt, daß er »kein Sitzfleisch« habe, und einige
+hatten später, bei aller Anerkennung seiner Intelligenz, durch mindere
+Noten ihn für sein Übermaß an Temperament strafen zu müssen geglaubt.
+Er antwortete auf Fragen, die niemand an ihn gerichtet hatte; er
+schrie plötzlich laut auf, rannte aus der Bank und aus der Klasse
+hinaus, weil er draußen einen so komischen großen Schmetterling
+gesehn hatte, der sich später als eine langsam aus dem dritten Stock
+herabflatternde alte Kravatte erweisen mußte. -- Einmal rief ihn
+der Lehrer zum Weiterlesen auf; »Bitte, die Übung ist hier zu Ende«
+meldete mit hoher Stimme der Kleine, statt in dem gewöhnlichen
+dumpfen Tonfall der Schüler fortzuspinnen. Da bekam er seine erste
+Strafe. »Ich soll nicht vorlaut sein«, zehnmal abzuschreiben. Seine
+Lebhaftigkeit und Naseweisheit hatten ihn nämlich schon in der ganzen
+Schule so berühmt gemacht, daß man immer geneigt war, in seinem
+Benehmen einen kleinen Unfug zu sehn, auch wenn, wie in diesem Fall,
+gar nichts daran war. Denn die Übung war wirklich zu Ende, und obwohl
+die nächste Übung ja in unmittelbarem Zusammenhang mit der eben
+gelesenen anschloß, wäre wohl auch ein anderer Schüler geneigt und
+vielleicht kouragiert genug gewesen, mit dem Herrn Lehrer sich in einen
+näheren, gleichsam kameradschaftlichen Zusammenhang durch eine
+solche höfliche Frage nach dessen weiterer Absicht zu setzen statt
+mechanisch einfach die leere Zeile zu überspringen und sich im Text
+als armseliger Lernknabe fortzuhaspeln. Einen Pfiffigen gar wie
+Arnold mußte die Situation reizen, und es soll nicht verschwiegen
+werden, daß er sich schon oft genug mit aller Sehnsucht in sie
+hineingewünscht hatte, als in die einzige, wo er einmal dem
+hochverehrten Herrn Lehrer ebenbürtig, sozusagen als Mensch,
+gegenübertreten könnte, daß er oft im voraus die Zeilen abzuzählen
+pflegte, um herauszubringen, ob diesmal, nach der Sitzordnung, bei der
+entscheidenden Übergangsstelle die Reihe an ihn kommen würde. Und
+nun war der Moment da und Arnold hatte mit Anstand und stolzer
+Gefaßtheit, vollkommen richtig, seine oft vorbereiteten Worte
+herausgesungen, hatte sich ausgezeichnet ... mit diesem traurigen
+Erfolg leider. Er weinte die ganze Stunde lang, denn er war sehr
+ehrgeizig. Und als die liebe Mama sorgfältig um elf Uhr ihn abholen
+kam und ihm das Schultäschchen abnahm, weinte er wieder, kaum
+beruhigt, und erzählte alles. Nun mußte er gar noch in das schöne
+verehrte Papiergeschäft eintreten, wo er sonst nur die ausgestellten
+»Münchener Bilderbogen« sich anzuschaun pflegte, zufrieden und
+heiter nach der Schultätigkeit, oder zaghaft die imponierenden
+Schatzhaufen verschiedenartiger Klaps-, Glocken-, Kuhn-, und
+Aluminiumfedern, mußte eintreten und um einen Bogen liniierten Papiers
+kaufend bitten. Schon dieser Umstand, daß er einen einzelnen
+gottverlassenen losen Bogen kaufen mußte statt wie sonst ein
+ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm so sehr
+schlampig, heruntergekommen und Sache eines schlechten Schülers, daß er
+sich schämte, -- und als ihn gar noch der Kommis mit irgend einer
+gleichgiltigen Frage nach der Zeilenbreite beunruhigte, brach er aufs
+neue in Tränen aus und erklärte heulend: »Es ist für eine Strafe.« Er
+weinte so bitterlich, daß alle im Geschäft stockten und auf den Knirps
+hinsahn. Zwei in Schwarz gekleidete Damen traten näher und, tief zu ihm
+herabgebeugt, begannen sie, ihm zuzusprechen. Er aber hielt die Händchen
+in Fäusten vor den Augen, so daß er nichts sah und auch gar keine
+Anstalten machte, zu zahlen und den Laden wieder zu verlassen. Sondern
+rücksichtslos und ohne Verlegenheit ergab er sich seiner Reue und seinem
+tiefen Schmerze, bis die Mutter, der das lange Ausbleiben draußen
+verdächtig wurde, hereinkam und ihr Kind, dem sich inzwischen das
+allgemeine Mitleid der Angestellten und Kunden, der Kassiererin, des
+Geschäftsinhabers sogar zugewendet hatte, energisch herausholte.
+
+Natürlich konnten Strafen und schlechte Klassen dieser Lust des
+lebendigen Gemüts wenig anhaben. In der Schule lernte er allmählich
+die kalte Ordnung respektieren, nun warf er sich aber auf Eltern
+und Verwandte. Der Vater mußte ihm schon Ohrfeigen androhn, um sein
+ewig erregtes »Papa, schau ...« auf den Spaziergängen zum Schweigen
+zu bringen. Niemand wollte mit ihm ausgehn, denn er war gefürchtet
+wegen seiner unaufhörlichen bohrenden Fragen, die sich mit keinerlei
+Ausweichen abstellen ließen. Eine Gouvernante nahm ausdrücklich
+deshalb ihren Abschied. Und noch in späteren Jahren pflegte ihn
+Frau Direktor Wahlberg, mit der seine Eltern verkehrten, mit einem
+seiner Aussprüche zu necken: »Tante, bitte, erkläre mir, ist der Mond
+ein Fixstern oder ein Planet«, das hatte er in großer öffentlicher
+Prachtgesellschaft ihrer damenhaften Glätte zugemutet.
+
+Es kam eine Zeit, in der er von den Menschen, die seinen reißenden und
+dabei so liebevollen Ansturm nicht aushalten mochten, sich abwandte
+und nichts tat als stille vertrauliche Bücher lesen. Nachmittags auf
+dem Sopha, wenn er aus der Schule kam; nicht liegend, nicht
+sitzend, sondern zusammengekauert, den ganzen Körper zwischen Polster
+und Lehne gedrängt, während das Buch frei auf dem Sopha lag -- so
+ruhte seine Wange über den beiden verschränkten Armen, und nur wenn er
+umblättern mußte, langte er unter Verrenkungen eine Hand aus dem
+Knäuel hervor ... sonst rührte er das Buch nicht an, er hatte es
+gern in einiger Entfernung von sich, selbstständig wie ein
+lebendiges Wesen, mit dem man sich unterredete, vom Polster her
+blickte es ihn an, gab seine schrägen tiefen Blicke atmend zurück. Und
+er las so ziemlich alles, was sein angebeteter Vater, ein in jüngeren
+Jahren kunstbeflissener Mann, im Bücherkasten hatte. Dieser Kasten
+war versperrt. Arnold mußte jeden Mittag, in der knappen Zeit
+zwischen der Beendigung der Mahlzeit und dem Mittagsschläfchen des
+Vaters, sein Anliegen vorbringen, um dieses oder jenes Buch: »Papa, gib
+mir heraus ...« Dann wurde der rätselhafte Kasten mit den
+undurchsichtigen Scheiben geöffnet, und nur in diesem Augenblick
+durfte der Sohn die Verlockung all dieser mannigfachen Goldrücken
+empfinden und, schnell einige Titel überfliegend, bei sich die
+Bücher feststellen, die er die nächsten Male herausverlangen
+wollte. Niemals wurde ihm erlaubt, einer seltsamen Pedanterie des
+Vaters zufolge, alle Bücher der Reihe nach durchzusehen und in Ruhe
+auszuwählen. Niemals wurde ihm auch mehr als ein Buch geborgt. Und so
+rasch ging der Vater dabei vor, militärisch mit Wunsch und Ausführung,
+Hinzeigen und Herausnehmen, daß manchmal ein Fingerlein oder die
+Nase des in all die Pracht versunkenen Knaben Gefahr lief, an der
+Kante der wieder zuklappenden Türe eingeklemmt zu werden. Allmählich
+kam er daher auf Listen; er sagte um »Kleist« und zeigte dabei auf
+die oberste Reihe, obwohl er gut wußte, daß die Kleist-Bände rechts
+unten aufmarschiert waren. Aber in der Zwischenzeit, während der
+Vater vergeblich oben kramte, hatte er Zeit, einen Überblick über
+andere nie gesehene Partien des großen Büchergartens zu erwischen. Oft
+allerdings nützte alles nichts, und er sah sich mit einem Buch,
+das er nur des fremden Titels oder des hübschen Einbandes wegen
+gewählt hatte und das ihn bei näherem Durchblättern gar nicht
+interessierte, enttäuscht und leer vor den wieder gesperrten
+Kasten gestellt, in einen steinigen leeren Nachmittag verschlagen
+wie ein Schiffbrüchiger auf eine öde Insel, wo der ersten Freude des
+Gerettetseins eine umfassendere Angst vor der Zukunft folgen muß.
+Denn niemals nahm der Papa ein schon herausgegebenes Buch noch an
+demselben Tag zurück, das war eherne Regel ... Im Verlauf der Zeit
+nun las Arnold alles, von der Bibel und Goethe an bis zu dicken
+staubigen Lieferungsromanen wie »Die Geheimnisse der Bastille«, die
+noch uneingebunden in den untersten Schubläden lagen. Sein Kopf
+füllte sich mit den Gestalten Schillers und Heines, mit den
+Kreuzfahrern und Schillschen Offizieren der Weltgeschichte, mit
+Lokomotiven aller Konstruktionen aus einer vielbändigen »Geschichte
+der Erfindungen und Industrien«, mit den Jägergeschichten und
+rührenden Affen-Szenen der Gefangenschaft aus »Brehms Tierleben«. Und
+nur eines hatte ihm der Vater verboten, in den Shakespearebänden
+den Othello. Arnold befolgte auch getreu diese Absperrung, ängstlich
+wich er dem Stück aus, obwohl seine Neugierde aufs höchste erregt
+war und niemand ihn überwachte, und nur die Vorrede mit der
+Inhaltsangabe las er einmal doch, indem er sich sagte, daß die ja
+nicht eigentlich zu dem gebannten Stück gehöre. Welch ein Geheimnis,
+diese überblätterten und stets wie mit Leim zusammengehaltenen
+Seiten hie und da, wie durch Zufall, aufzuschlagen, vom Wind
+aufblättern zu lassen, unbeachtet ein Wort, einen Satz aus dem
+Zusammenhang zu packen, eine Abbildung vorbeiträumen zu sehn,
+niemals aber dem lieben strengen Vater durch wirkliches Lesen der
+Reihe nach ungehorsam zu werden. Wie peinigte das sein pochendes
+Herz!... Überdies hatte der Vater dieses Verbot nur einmal und nur
+beiläufig fallen lassen, nie mehr wiederholt, vielleicht selbst nicht
+so wichtig genommen und längst vergessen. Und als Arnold, zu
+Jahren gekommen, später einmal diesen fürchterlichen »Othello«
+durchnahm, fand er zwar gleich in der ersten Szene eine obszöne
+Phrase, im Ganzen aber nichts, was dieses Stück vor den vielen, die
+er lesen gedurft hatte, ausgezeichnet hätte. Derartige Phrasen hatte er
+ja als Kind zu hunderten unverstanden eingeschluckt. Und so blieb
+ihm dieses Verbot seiner Kinderjahre weiterhin ein Geheimnis, über das
+er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszuforschen
+sich getraute.
+
+Indessen kam der Hausarzt einmal, anläßlich einer Masernerkrankung
+-- man mußte dem Kerlchen mit den verklebten Augen unermüdlich von
+früh an bis in die späte Nacht vorlesen -- auf Arnolds überreichen
+Bücherkonsum. »Ihr Junge ist mit achtzehn Jahren ein Idiot«, schrie
+er die tödlich erschrockene Mutter an, und von nun an war es mit
+der Lektüre zu Ende. Furchtsam wachte die Mutter darüber, daß
+Arnold keine Zeile mehr außer den Schulaufgaben zur Hand nahm. Auf
+vielfaches Jammern und als sich die Folgen der Langweile in seiner
+gesteigerten Wildheit zu zeigen begannen (er stach der Köchin mit
+ihrer Hutnadel den Daumen durch), wurde ihm endlich jeder dritte Tag
+als Lesetag eingeräumt ... Arnold erinnerte sich überdies später
+oft mit Vergnügen daran, wie großen Eindruck der Schrei des erzürnten
+Arztes auf ihn gemacht hatte. Bis zu seinem achtzehnten Jahre erwartete
+er allen Ernstes mit Grausen täglich das Eintreten der prophezeiten
+Verblödung, erst nachher fiel es ihm plötzlich als Erlösung ein,
+daß der Arzt vielleicht nur in einer Metapher geredet hatte. Ja, als
+Kind pflegte er eben Aussprüche älterer Leute unauslöschlich ernst zu
+nehmen ...
+
+Die Lesewut machte zu Beginn des Gymnasiums einer unbändigen
+Sammelfreude Platz. Arnold besaß bald, wie ein Onkel sich ausdrückte,
+eine »Sammlung von Sammlungen«, er hob alte Tramwayzettel auf, flehte
+alle Abreisenden an, ihn in fremden Städten auf Zahnradbahnen und
+Elektrischen ja nicht zu vergessen, ferner ordnete er in
+Schachteln und Kistchen abgesondert: Knöpfe, alle Arten von
+Zündholzschachteln, Zigarrenbinden, Ansichtskarten mit und ohne Marke
+auf der Bildseite, Bleistifte, Autogramme, Münzen, Vereinsmarken,
+Siegelabdrücke, Mineralien, hinter Glas spannte er Schmetterlinge
+und Käfer auf, in Mappen hatte er bald mehrere Tausende von
+Bildern, aus alten Zeitschriften ausgeschnitten und sauber auf dünne
+Pappendeckel aufgeklebt. Er brannte um diese Zeit auf derartige alte
+Bände der »Gartenlaube«, der »Guten Stunde«, und unzerschnitten
+schienen ihm diese Hefte ihren wahren Zweck vollständig verfehlt zu
+haben, so daß ihm bei ihrem Anblick und wenn er sie nicht in seine
+Sphäre ziehen konnte, das Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er
+solchen Sport mit dem ganzen Eifer seiner ganzen Natur, und wenig
+fruchtete da die stereotype Warnung des Vaters: »Arnold, du
+übertreibst alles.« Dem Kinde, das zwei oder drei Sachen derselben
+Art beisammen sah, lag nichts näher als der Gedanke, solcher Dinge
+noch mehr auf einen Haufen oder in schöne Reihen zusammenzukriegen,
+und namentlich bestärkte ihn in diesem immer neu wiederholten und
+dadurch schon ganz geläufigen schnellen Gedankengang die Beobachtung,
+daß es ja so leicht war, eine Sammlung irgendwelcher Manier
+anzufangen, ja, daß eigentlich die Sammlungen schon um ihn herumlagen,
+nur freilich noch unentdeckt, ungeordnet, daher unwirksam. Es
+bedurfte aber jedenfalls keiner schöpferischen Tätigkeit, keines
+Hervorstampfens. Er mußte nur, wenn er beispielshalber auf die Idee
+gekommen war, Stahlfedern zu sammeln, seine alte Liebe, zuerst
+einmal seine Pennale ausleeren. Da lagen sie ja schon beisammen,
+halbverbraucht, aber immer noch Muster ihrer Art, er brauchte nur die
+besten herauszuklauben. Dann ging es über die Vorräte des Vaters
+im Comptoir her, wo die seltenen großen Stücke, wie Kolumbusfedern,
+oder die komisch verkrümmten Soennecken oder die zierlich-spitzen
+Stenographiefedern, die fast wie Nadeln aussahen, eiligst
+zusammengerafft wurden. Und mit dem Taschengeld, das ihm zum Ankauf
+von Schreibzeug übergeben wurde, ging nur eine kleine Verschiebung
+vor, er kaufte, statt wie bisher gedankenlos Federn immer derselben
+Art, möglichst verschiedenartige und exotische, natürlich nicht
+zum Schreiben, sondern zum Aufheben, während zum Schreiben
+möglichst lange derselbe Invalide herhielt. So rückte die Sammlung
+feurig vorwärts, es war gar keine Unmöglichkeit, tausend Stück
+zusammenzubekommmen oder die größte Sammlung von Europa überhaupt, es
+galt nur die richtigen Stege und Zuflüsse zu graben, durch rein
+geistige Überlegungen, denn der Rohstoff war ja vorhanden. Nur ihn
+gescheit in die Grube zu leiten, das war das Problem, ihn nicht
+unnütz an den Seiten abrinnen zu lassen. So hatte er beim Sammeln das
+Gefühl, nicht nur sich durch nützliche Tätigkeit auszuzeichnen, sondern
+auch irgendwie der ganzen Welt zu dienen -- und übersah er dann an
+einem der ersten Abende, da alle Quellen noch munter der neuen Sammlung
+zuflossen, seinen sauber geschlichteten Reichtum, so überfiel ihn
+ein beinahe schwindelndes Glück von Größe, Schönheit und Triumph, und
+der Wunsch, mit dem er einschlief, die Sammlung möge so weiter und
+weiter gedeihn, war um nichts weniger innig als das Nachtgebet ...
+Freilich nahm sein Interesse bald ab, wenn in seiner Nähe keine neuen
+Höhlen mehr zu sprengen waren, in denen schon große Haufen der
+gewünschten Dinge wie vorbereitet dalagen und auf ihn warteten;
+wenn es galt, nun ein Stück ums andere mühsam heranzulocken. Dann
+wurde die Sammlung aus den Kasten ins Dunkle gestellt, halb vergessen,
+eine andere trat mit neuen Hoffnungen ans Licht. So ging es zwei
+Jahre lang, bis endlich sein Streben an einer Briefmarkensammlung
+hängen blieb und sich gewitterwolkenähnlich verdichtete, da hier
+nebst dem Reiz der Ausdehnung und Vollständigkeit nun auch der des
+nicht mehr bloß kindischen Wertes in Aussicht gestellt wurde. Nun
+begann er in den Zehnuhrpausen zu »tauschen«, nicht ohne Streit und
+Schwindel, nun wußte er bald alle Wasserzeichen, Fehldrucke,
+Zahnungsunterschiede und Farbennüancen auswendig, niemand kam ihm
+darin gleich, ja sein stürmisches Interesse für alles, was mit Marken
+zusammenhing, ging so weit, daß er sogar den Flächeninhalt, die
+Hauptstadt und die Münzsorten jedes Landes wie dies in seinem Album
+angegeben war, schnell und genau erlernte. Mit seinem »Senf« in der
+Tasche, den er stets sorgfältig nach der neuesten Ausgabe korrigiert
+hatte, galt er unter den Kollegen als Autorität, wurde in
+schwierigen Fällen befragt und entschied unwidersprochen. Und nur
+etwas unterschied ihn von einem kühlen Fachmann: während er die
+verlockendsten Stücke fremder Sammlungen nachsichtslos, von
+ängstlichen Blicken ungerührt, als »falsch« oder »Neudruck«
+verurteilte, konnte er selbst sich von den Fälschungen, die ihm
+gehörten und die er als solche längst erkannt hatte, in einer
+seltsamen grundlosen Zärtlichkeit nicht trennen. Er glich da dem
+glühenden Liebhaber, der seine Leidenschaft nicht bezwingen kann,
+obwohl er die triftigsten Gründe hat, von dem Unwert des geliebten
+Gegenstandes überzeugt zu sein. So besaß Arnold, beispielsweise, eine
+alte Schweiz »mit der sitzenden Helvetia« -- nachgemacht, ganz
+plump nachgemacht. »Ich weiß ja, daß sie falsch ist« pflegte er zu
+sagen und sah die Marke mit stillverliebten, unendlich traurigen
+Blicken an, »aber ich laß sie doch drin, sie schadet ja doch
+nichts«, während er einen Kameraden in gleichem Fall unfehlbar mit
+den Worten: »So ein Stück ist eine _Schmach_ für jedes anständige
+Album« ausgescholten hätte ... Ja es gab sogar Zeiten, allerdings nur
+zu Anfang der Markenperiode, in denen Arnold selbst fälschte, sich
+selbst betrog, indem er aus einem alten Album einfach die vorgedruckten
+Markenbilder, sofern sie mit »grau« oder »schwarz« bezeichnet waren,
+ausschnitt und als wirkliche Marken in sein Album einklebte. Davon
+ließ er bald, konnte aber von den einmal gewonnenen Exemplaren auch in
+der Folge nicht Abschied nehmen, in einer ganz unbestimmten,
+sinnlosen Hoffnung, wie sie eben den Ekstatiker auszeichnet: diese
+Scheinmarken könnten eines Tages doch vielleicht, wie durch ein
+alchymistisches Wunder, in echte und allgemein anerkennenswerte
+verwandelt werden. Ebensowenig mochte er sich entschließen,
+beschmutzte oder lädierte Stücke auszuscheiden. »Sie fehlt mir ja
+gerade zum Satz,« dieses Zauberwort hielt ihn fest. O welche Freude war
+das, welcher Anblick konnte schöner sein als der einer Albumseite,
+deren vorgezeichnete Reihen --, manche sind länger, manche kürzer,
+mancher seltsame »Satz« besteht nur aus zwei oder drei Stück --
+komplett mit Marken besteckt waren; »komplett«, das war das Wort, das
+er mit scheinbarer Flüchtigkeit, mit leichter stolzer Handbewegung
+dem Kollegen zurief, vor dem er eben die Sammlung durchblätterte,
+»Belgien komplett«, o wie das klang! Und dabei wurde schon
+umgeblättert, mit selbstverständlichem Besitzergleichmut, während
+des andern Augen bewundernd umherschossen; da flatterten wie kleine
+bunte Regenbogenwimpel die Marken, jede sauber gewaschen, jede von
+ihrem geknickten Spannleisten lustig getragen. Manchmal blies Arnold
+unter eine Reihe, um die Wasserzeichen, Netz oder Posthorn,
+Gummierungsfeinheiten oder die Stampiglie »Geprüft« einer großen
+Firma zu zeigen -- dann drückte er sanft wieder mit weichen
+Fingerballen die kostbaren Papierchen nieder. Sie waren leuchtend
+wie sein Ehrgeiz, vielfältig wie seine Träume, leicht erregbar in
+ihren Reihen wie sein junges Gemüt. Seinen einzigen Schatz machten sie
+aus, beinahe seine Religion. Markensammler zu sein schien ihm,
+wenn er sich selbst ernstlich bewertete, seine beste Eigenschaft
+und jeden Burschen, den er kennen lernte, fragte er sofort: »Was ist
+mit dir? Sammelst du?« ... An langen Nachmittagen grübelte er über
+Auswahlsendungen nach, verglich die Vorteile und Preise der
+heimatlichen Markenhändler, studierte Katalog oder Sammlerzeitung,
+oder er ließ leise Glücksschauer über seinen Kopf kräuseln, indem
+er sich einbildete, er käme durch Zufall, Fund oder glücklichen Tausch,
+zu den gepriesenen Glanzstücken der Philatelisten, Mecklenburg
+oder Bergedorf, Mauritius, Kirchenstaat, alte Sachsen. Für die kleinen
+verschollenen Staaten, deren Marken in seinem Album sämtlich den
+hochzuverehrenden Vermerk =R= oder =GR= trugen, was »Rarität« oder
+»Große Rarität« bedeutete, hegte er eine schwärmerische Verehrung, die
+sich auf ihre längstverstorbenen Regenten und Tyrannen, auf ihre
+ganze Historie ausdehnte. Schon vor =S=, das ist: Seltenheiten,
+erzitterte er in Glücksfieber. Denn seine Sammlung war ja leider,
+trotz aller Anspannungen und theoretischen Kenntnisse, nur klein
+... Allmählich erweiterte er sie, übertrug sie, nach Art großer
+Sammler, aus dem festen Album auf lose Pappendeckelblätter, gab dann
+hochmütig die »Ganzsachen« und alle außereuropäischen Länder auf. Nur
+Europa sammeln, das war die Devise eines soliden vornehmen Kenners;
+diese exotischen Gschnasstückerl sind ja nur schön fürs Auge, nichts
+wert. Mit wachsendem Taschengeld stiegen seine Ankäufe und so blieben
+die Marken, zu Zeiten vergessen, dann wieder einmal hervorgeholt und
+gestreichelt, immer aber wohlbehütet, seine liebste Spielerei bis in
+die Mannesjahre hinein.
+
+Diese Sammlung führte ihn auf dem Wege des Verkehrs und der
+allgemeinen Schätzungen wieder zu den Kameraden zurück, denen er
+eine Zeit lang eigensinnig ausgewichen war. Gegen das Obergymnasium
+hin wurde er wieder kollegialer und bald entwickelte sich als erste
+Frucht dieses menschlichen Umgangs eine neue Eigenschaft aufs höchste
+in ihm ... die unbezähmbare Schwatzhaftigkeit. Es war, als müsse er
+für jahrelanges stilles Vorsichhinspielen auf einmal sich
+entschädigen. Angepfropft mit Zitaten, mit Bücherereignissen, wie
+er war, begann er zunächst in den Pausen, auf den Korridoren vor den
+Kollegen lange Reden zu führen, in denen keiner ihn unterbrechen
+konnte, denn er hatte die lauteste müheloseste Stimme, die selbst, wenn
+er gemütlich sprach, zu zanken und zu drohn schien. Man hörte ihm in
+einer Mischung von Spott und Bewunderung zu, wenn er einen Professor
+mit Don Quixote und die andern mit den Pickwickiern spaßhaft verglich.
+So gezierte ausgewählte Scherze klangen allen ungewohnt, ja
+unbehaglich; da er aber in seinem Eifer die frostige Wirkung, die er
+hervorbrachte, selbst nicht zu bemerken schien, vielmehr immer in
+derselben Richtung sich steigerte, sich überbot, berauscht von
+eigenem Beifall immer freundliche Zurufe der andern um sich zu
+hören glaubte und so sich noch mehr erhitzte, begann er zu imponieren.
+Jedenfalls bereicherte er den seit langer Zeit festgewordenen
+Gesprächsstoff, brachte ein paar neue Redensarten auf. Man ahmte ihn
+nach, eine Partei bildete sich um ihn. Einige begleiteten ihn
+täglich nach Hause. Auf offener Straße nun entfaltete sich seine neue
+Kunst, denn anders als in den öden glatten Gängen gab es hier
+tausend Dinge, an die er seine effektvollen Betrachtungen anknüpfen
+konnte. Von der Tramway kam er auf Elektrizität zu sprechen,
+brachte verworrenes Zeug vor, das er sich selbst nach wenigen
+Andeutungen seiner Erfahrung zurechtgemacht hatte und von dem die
+andern nur wußten, daß sie »das noch nicht genommen hatten.« Wie
+erbebte er vor Entzücken, wenn ihn nun einer seiner Anhänger um
+Erklärung einer Sache bat, wie begann er gleich mit sanftem Anstand,
+ernsthaft, auch wenn er gar nichts wußte, zu erklären. »Das ist a sehr
+einfach« waren immer die ersten Worte. Allen Ernstes glaubte er,
+daß es nur eines recht guten innigen Drauflossprechens bedürfte, um
+alle Dinge der Welt klar zu machen. Und wenn er es dann nur
+aushielt, recht lange bei dieser einen Sache zu bleiben, recht
+ausführlich und immer verwickelter über sie zu reden, meinte er,
+seine Aufgabe aufs beste vollführt zu haben. Er glaubte nämlich,
+auch in den sogenannten wissenschaftlichen Büchern einigemal
+bemerkt zu haben, daß das Erklären nur in einem recht langen,
+mannigfachen und undurchsichtigen Brei bestehe, den man um die
+Dinge gieße, und diese Regel bewahrte er als ein Schlauer, der nun
+dahintergekommen war und der sich von dem allgemeinen Vorgeben nicht
+mehr täuschen ließ, wohl im Gedächtnis. Wenn er aber an seine
+Kindheit zurückdachte und an die Mühe, die seine Erzieher angeblich
+mit seiner Wißbegierde gehabt, so lachte er sie noch nachträglich
+aus. Was für Kunststücke! Nur ein wenig Geistesgewandtheit gehörte
+dazu und man hatte die ganze Welt in der Hand, wie ein Ausleger die
+Bibel. -- So moralisierte er auch nicht schlecht, hatte Gedanken
+über den Staat, über Religion, Gott, Theater, Mode, gute und böse
+Menschen. Darin vornehmlich war er Meister: wenn er ein Sprichwort
+irgendwo oder einen Satz aufgegabelt hatte, diesen zum Motto langer
+Erörterungen zu nehmen, beständig in neuer und überraschender Form
+zu wiederholen, hin- und herzuschrauben, so daß ohne viel inneres
+Wissen ein verwunderliches farbenreiches Getön und Hohlwerk aus
+großartigen Worten entstand. -- Widersprach ihm jemand, so kam ihm
+das gerade recht, denn nun konnte er gar erst mit aller Kraft
+losbrechen, an die fremden Worte wie an Kähne sich anklammern und
+sich von ihnen durch das Wasser obenauf mitschleppen lassen. Ganz
+naiv munterte er auch manchmal solche, die ihm dazu geeignet
+schienen, auf: »Du, komm, debattier ein bißl mit mir.« Und das war
+ein Herumirren in den Straßen, ein Begleiten hin und zurück, die Gasse
+hinunter und nochmals hinauf bis zur Ecke, ehe er nach so einem
+Schulweg endlich zu Hause anlangte. Gewöhnlich war es eine ganze Gruppe
+von Burschen, jeder seinen Pack Bücher lose unter dem Arm (denn
+Riemen oder gar Schutzleder waren als unmännlich und schülerhaft
+längst verworfen), Arnold immer in der Mitte, neben ihm die
+Bevorzugten, die auch schon etwas verstanden, und an den Seiten
+unbedeutende Flügelmänner, die sich abwechselnd immer wieder bis zum
+Zentrum der Gruppe durchzuquetschen suchten, immer um die
+Mittleren mit unbeachteten Fragen und unbegehrten Antworten
+herumtanzten und immer wieder, wie nach einem Naturgesetz, an die
+kühlen äußeren Enden der Reihe gedrängt wurden, wo sie gelangweilt
+mitstolperten. Vor dem Haus sammelte Arnold nochmals alle um sich, gab
+gleichsam die Parole aus, irgend eine Schlußpointe, aus dem
+allgemeinen Lachen aber gerieten die Zurückgelassenen, sobald Arnolds
+Licht verschwunden war, schnell in die gewohnte Balgerei; »wo bist du
+wieder so lange gewesen?« empfingen indessen oben den Helden die
+besorgten Eltern. -- Nicht zufrieden mit diesen Heimschlendereien
+ging Arnold bald dazu über, die Freunde zu sich zu laden, am liebsten
+gleich rottenweise, erzürnte die sparsame Mutter mit seinen ewigen
+Kaffee- und Kuchenbestellungen und gab ihr, da er nicht immer die
+Saubersten sich aussuchte, Anlaß zu häufiger Wiederholung ihrer
+beliebten Grußformel: »Guten Tag. Bitte, putzen Sie sich die Stiefel
+ordentlich ab, aber ordentlich!« Er gründete einen Lesezirkel für die
+»Intelligenz der Klasse«, der sich im Sommer als Fußballklub
+fortsetzen sollte; denn Stubenhocker wollten sie ja nicht sein. Da er
+um diese Zeit mit einigen Genossen das Schachbuch von Dufresne
+studierte, war man auch von einem Schachklub nicht mehr weit
+entfernt ... Aber auch sonst noch, auf den Gassen, hielt er die
+Kollegen fest, führte sie mit sich oder schloß sich an ihre
+Besorgungswege an, oft auch setzte er sie in Verlegenheit, indem
+er aus einer Quergasse wie aus einem Hinterhalt hervorstürzte: »Da
+bin ich. Jetzt aber laß ich dich nicht los, ob du willst oder nicht
+willst. Jetzt bist du mein.« Und zärtlich eingehängt überströmte er den
+Zuhörer mit seinen neuesten rhetorischen Eingebungen. Da half kein
+Abschied, keine Eile, kein Zugversäumen. Denn es galt ja auch
+allgemein als interessant, ihm zuzuhören, und nur ungern und
+lässig wurden höhere Pflichten gegen ihn geltend gemacht. Bis ins Tor
+der Häuser, bis an die Wohnungstür vor die Glocke folgte er den
+Geduckten, geschmeichelt Gepeinigten, eifrig redend, nach und es hatte
+gar nicht den Anschein, als sei er der Spender und gieße aus seinem
+Innern etwas in den Krug des andern aus; sondern so war es, als
+spende der andere, als hinge Arnold mit den Lippen saugend an dem
+Zuhörer wie an einem Gefäß mit süßem Wein, das man von ihm wegziehn
+wolle und dem er deshalb in Abhängigkeit, immer saugend, nachfolgen
+müsse. Rufend entfernte er sich um einen Schritt, machte aber
+plötzlich noch einmal einen zwei Schritte langen Sprung nach vorn,
+um aus dem Mann an der Türklinke noch das Anhören von sieben oder
+acht Sätzen auszupressen.
+
+Es konnte nicht fehlen, daß ein Jüngling solcher Vorzüge bald auch
+echte Freunde an sich zog, nebst dem Schwarm geringerer Mitläufer.
+Der erste, der sich näher ihm zugesellte, war Philipp Eisig und
+dieser Seelenbund blieb fest durch viele Altersstufen hindurch, obwohl
+er nur dem kleinen Zufall das Entstehen verdankte, daß die Eisigsche
+Familie eines schönen Tages übersiedelt war und nun dem Hause Beer
+gerade gegenüber wohnte. Jetzt war ein ständiger Gefährte für die
+Heimwege gefunden -- und das genügte als Grundstein einer so langen
+und folgenreichen Freundschaft, wie sich überhaupt Arnolds Beziehungen
+oft durch ganz geringe Fügungen und gleichsam ohne seinen Willen
+anknüpften, in aller Hast. Arnold stürzte sich nun gleich mit wahrer
+Glut in das neue Gefühl, seine Redeströme bekamen einen Inhalt, zum
+erstenmal ein heimliches inneres Zittern zu ihrem glatten äußeren
+Schimmer, enthusiastisch schwärmte er vom Bund fürs Leben, von
+Intimität und Herzensgemeinschaft, er machte sogar kleine witzige
+Gedichtchen und ein Akrostichon auf den Namen seines Auserwählten.
+Alles erzählte er ihm, was er sich bei allen Gelegenheiten dachte,
+und sorgsam trug er nach, woran er sich aus der noch nicht
+gemeinsamen Vergangenheit erinnerte. Offenheit und Mitteilsamkeit waren
+ihm die selbstverständlichsten Freundespflichten, ja eine gewisse
+Kühnheit im Aussprechen von Dingen, die man sonst nur mit einer
+gewissen Scheu nennt, schmeichelte ihm wie ein Opfer, das er dem
+andern brachte, dem Freunde, der mit seinem großen dicken gelben
+Gesicht still neben ihm ging, schaukelnd über dem breiten Bauch.
+Denn ein Umstand kam dem Verkehr vornehmlich zustatten: Eisig
+stotterte ein wenig, daher war es dem lebhaften Arnold leicht
+möglich, ihm geschickt in die Rede zu schnellen, während er selbst in
+seinem Hinstürmen nie unterbrochen werden konnte. Arnold schien ihn
+förmlich mit seiner Zunge zu regieren, sowie er auch mit den Händen
+oft durch einen kleinen starken Ruck dem großen, aber haltlos
+wankenden Körper des Freundes schnell die richtige Wendung gab, um
+ihn auf irgend eine flüchtige Erscheinung aufmerksam zu machen oder
+um ihn in die gewünschte Gasse einzubiegen. Und dieses angenehme Gefühl
+des sofortigen Befolgtwerdens, der Ungehemmtheit, das er übrigens nicht
+durchschaute -- so natürlich und triebhaft entströmten ihm die Befehle
+-- verschmolz ihm in eins mit den zärtlichen Aufwallungen der
+ersten Zuneigung, mit den Geheimnissen, die die beiden einander
+mitteilten, mit dem erhabenen Beispiel von Orest und Pylades, das ihn
+seit jeher begeistert hatte. Er fühlte sich zu jeder Heldentat bereit,
+hätte gern stoisch Folterungen ausgehalten, um den andern in nichts
+zu verraten. Abends gingen sie manchmal, eingeschlossener trotz der
+ungleichen Statur und mit seltsam gezwungenem Schritthalten, auf den
+Feldern draußen vor der Stadt spazieren, sie starrten in die Sonne
+oder vom reinlichen Quai hinab in den großen tiefen Fluß, dann
+sprachen sie wieder etwas, und obwohl es nur ein Witz oder
+Schultratsch war, kam oft eine ahnungsvolle Verworrenheit in ihre
+Worte, wie Wind in die Seiten einer Äolsharfe, und solche Innigkeit
+verklärte noch ihr geringstes Gespräch, daß Arnold nicht selten
+die Tränen in seinen Augen aufsteigen fühlte. Dann wischte er sie
+mit dem Rockärmel ab, während der Dicke in feinfühligem Verständnis
+sich zur Seite wegwandte, um ihn nicht beschämen zu müssen. Erst zur
+Nachtmahlzeit schieden sie voneinander und am nächsten Morgen, während
+des Ankleidens, brannte Arnold unbändig schon wieder auf die nächste
+Zusammenkunft, denn es hatten sich ihm noch am Abend vor dem
+Einschlafen so viele Dinge aufgehäuft, die er dem Freund auf dem
+Schulweg mitzuteilen hatte und die er nun sorgsam ordnete, das minder
+Wichtige voran, das Schönste zuletzt, um alles in der richtigen
+Reihenfolge und mit der richtigen Wirkung an den Mann zu bringen ...
+Indessen war Eisig bei all der aufgedrängten Schweigsamkeit der
+Überlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon
+hie und da Kaffeehäuser besuchte und den Frauen nicht mehr ganz ferne
+stand; was alles er dem Muttersöhnchen Arnold binnen kurzem beibrachte.
+Welch neue interessante Blütenwelt! Arnold war bald bis über die Ohren
+in sie versunken, bestrebt, den Lehrer womöglich zu übertreffen. Denn
+kein Ding machte ihm eigentliches Vergnügen, wenn er nicht andere darin
+übertreffen konnte. Nur Geld fehlte ihm, Eisig borgte willig die Hälfte
+seiner Taschenbezüge, was Arnold übrigens als selbstverständlich
+auffaßte und in Eisigs Lage genau so gemacht hätte. Dafür half er dem
+Geliebten bei Hausübungen nach. Eisig war nämlich einer der Schwächsten
+und Faulsten in der Klasse, Arnold natürlich Primus, was ihn jedoch
+nicht hinderte, auch bei den gröberen, untergeordneten Naturen, die
+sonst das Fleißige und Erfolgreiche hassen, sehr beliebt zu sein,
+an allen ihren Streichen teilzunehmen und bald sogar ihre Führung an
+sich zu reißen, während er trotzdem bei den Lehrern das Ansehen
+eines willigen Glanzes behielt.
+
+Besonders schlecht stand Eisig beim Professor des Griechischen,
+Schleiderer mit Namen, dessen Laufbahn auch sonst von vielen
+Verwünschungen der unruhigen Schüler widerhallte, als eines
+unglücklichen Menschen übrigens, der er war. Seine Bosheit war
+berüchtigt. Und sollte man da nicht wild werden, wenn er dem Eisig
+die griechische Schularbeitstheke süßlächelnd mit den Worten reichte:
+»Eisig Philipp -- diesmal etwas besser gearbeitet. -- -- Nicht
+genügend«. Eisigs gewöhnliche Note bei Schleiderer war nämlich
+»Ganz ungenügend« ... Da trat Arnold als Vertreter eines Gedankens
+auf, der schon lange ungesprochen durch die Klasse gebebt hatte:
+»Wir müssen einen Anti-Schleiderer-Verein gründen!« Der Name
+machte allen alles klar, nun wurde die längst vorbereitete Bewegung
+grausam organisiert und als alleiniger Zweck des Vereins wurde die
+Losung ausgegeben: den Schleiderer heraus- oder totzuärgern. Während
+aber die schlechten und eingeübten Randalierer zu unfeinen Mitteln,
+wie: Knallerbsen, Stinkbomben -- rieten, war Arnold erfinderisch. Er
+leitete es ein, daß einmal während der Griechischstunde hier und dort
+einer von seinem Platz aus langsam und allmählich sich erhob, das Buch
+in der Hand, an verschiedenen Stellen der Klasse, so daß es zunächst
+nicht auffiel. Die Ängstlichen standen in geknickter Verrenkung, als
+sei ihnen nur das Sitzen für ein Weilchen unbequem geworden und als
+wollten sie sich in halb aufrechter Stellung ein wenig ausruhn;
+andere hielten ihre Hefte oder Bücher dem Lichte zu, als hätten
+sie unten nicht Licht genug für ihre Arbeit; manche kratzten sich,
+wie geistesabwesend, verlegen in den Haaren. Unbemerkt standen nun
+andere wieder auf, immer mehr, bis entsetzt der Professor plötzlich
+die ganze niegesehene Veränderung rätselhaft aufgestellter, gleichsam
+gespensterhafter Schülerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das
+»Bänkerücken« an; langsam schoben die in der ersten Bank ihre Sitze
+vor, die nächsten folgten, möglichst ohne Geräusch, nur ein kleines
+Knarren oder Seufzen des Holzes manchmal, angestrengt arbeitete die
+ganze Klasse dem gemeinsamen tückischen Ziel entgegen, keiner paßte auf
+den Homer auf, den der Professor wie über aller Köpfe und Ohren hinweg
+in die Luft vortrug, -- und schließlich erschreckte den nichtsahnenden
+Feind wieder ein so ungewohnter Anblick, als er vom Katheder
+herabsteigen wollte und keinen Zwischenraum wie sonst zwischen dem
+Podium und der ersten Bank vorfand, da die Bänke bis an die Erhöhung,
+wie Belagerer, vorgerückt standen. Und alle machten ein möglichst
+unschuldiges dummes Gesicht dazu, ja sie schienen nicht einmal etwas
+Auffallendes zu bemerken, so daß sein Blick ratlos an ihren kalten
+teuflischen Gesichtern hin wanderte. -- Oder die Derbsten in den
+letzten Flegelbänken rauchten gar -- auf Arnolds Anreiz --, verborgen
+hinter Büchern, bliesen den Rauch in ihre Hüte, die sie immer wieder
+sorgfältig umklappten, bis endlich diese Sammelbüchsen voll waren und
+nun schlugen sie sie um, daß ein weißes dampfendes Gewölk unbekannten
+Ursprungs langsam zur Decke emporstieg, eindrucksvoll qualmend wie zum
+Aktschluß einer Zauberposse ... Jetzt war Arnold Liebling und Stolz der
+Klasse; und immer noch brav, immer noch: »Sittliches Betragen:
+musterhaft« auf dem Zeugnis. Der Verein hätte ihn aber doch vielleicht
+entschiedener in den Unfug gezogen: da ereignete es sich eines Tages,
+daß Professor Schleiderer, der Verhaßte, wie von selbst auf der
+Schloßtreppe hinstürzte und sich den Schädel brach. War es Wahnsinn?
+Selbstmord? Niemand erfuhr es, auch in der Folge nicht. Die jungen
+Sieger aber standen nicht an, dies als Folge ihrer gutgelungenen
+sinnverwirrenden Quälereien zu erklären und an demselben Tage ein
+fröhliches Zusammentreffen in der Eisigschen Wohnung einzurichten, das
+ohne Reue als eine Art von kannibalischem Triumphfest geplant war, in
+das sich aber unvermerkt mit immer bedenklicheren Reden und gar nicht
+mehr knabenhafter Unfrische ein geheimes Todesgrauen einzuschleichen
+begann -- viele von den Burschen hatten überhaupt noch nie einen
+Todesfall in ihrer näheren Umgebung erlebt -- und das schließlich ganz
+appetitlos, ernsthaft, ja mit dem Entsetzen, das in Erfüllung gegangene
+Flüche und Orakel umwittert, und in Angst vor allen unberechenbaren
+Zufällen des Lebens zu Ende ging -- des Lebens, das auf alle diese
+Kinder draußen lauernd wartete.
+
+Die Mutter sah es nicht gern, wenn ihr Arnold in das Eisigsche Haus
+hinüber ging. Das ganze Treiben dort gefiel ihr nicht. Schon den
+dicken Philipp mochte sie nicht besonders leiden und ermahnte ihn
+immer, wenn er sie verlegen anstotterte: »Langsam sprechen, nur
+hübsch langsam«, sie hegte nämlich den Wahn, daß alle Krankheiten
+und üblen Zustände, die sie nicht verstand, nur schlechte Gewohnheiten
+seien ... Arnold aber, der gemach in das Alter kam, in dem man die
+Freunde über die Eltern setzt und überhaupt die Ansichten der Eltern
+mit einigem Trotz und Mißtrauen prüft, ging nun erst recht zu Eisigs.
+Dort konnte sich ein gewisser toller bubenhafter Zug seines Charakters
+zu üppiger Entwicklung durchringen, dort hatte alles einen Strich von
+ungebundener Räuberromantik, schon die ungeheuerliche Unordnung und
+Verwüstung in den großen hohen, dabei nicht hellen Sälen des alten
+Gebäudes: all dies mit der ordentlichen Sparsamkeit zu Hause
+kontrastierend ... Die Eisigskinder, fünf Söhne recht verschiedener
+Altersstufen, bekamen alles, was sie nur wünschten, in Verschwendung,
+sie hatten, außer dem besonders auffallenden Billard, in ihrer
+Wohnung eine =Laterna magica=, ein herrliches Puppentheater mit
+zahllosen Kulissen, Turngeräte, sämtliche Bände von Jules Verne,
+Gerstäcker und Karl May, und überdies durften sie nach Herzenslust
+alles zerreißen, verborgen und verbrauchen, wobei ihre lustigen
+Eltern noch spitzbübisch mitlachten, während bei Beers alles
+abgezirkelt und wie am Schnürchen gehn mußte. Schon daß die
+Eisigsjungen fünf waren und so mannigfache Talente -- einer konnte
+Karikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem
+Mund das Geräusch einer Säge nachmachen u. s. f. --, mußte dem einzigen
+Sohn Arnold imponieren. Welche Kombinationen gab es da, welche von
+altersher eingelebten Scherze und Neckereien, welche Wirkungen vereint
+und gegeneinander, und wieviel Gerümpel und altes Spielzeug, da jeder
+von den ersten Jahren an seine eigenen Sachen hatte! Besonders aber
+fand Arnold an dem Ältesten Gefallen, an dem Herrn Gottfried, der
+allerdings, wie er sich recht wohl eingestand, eigentlich »noch nichts
+für ihn war«, der ihm aber trotzdem hie und da ein Stündchen traulichen
+Geplauders gewährte, in unbegreiflicher Herablassung. Arnold bewunderte
+den Studenten schrankenlos, der, wie er häufig erklärte, die
+Schauspielerei studierte, eigentlich schon alles irgendwie Nötige
+gelernt hatte und nur vorläufig, da er ohne Engagement blieb, Gedichte
+»im modernsten Genre« schrieb, selbst verfertigte Verse, die sich nicht
+reimten und in denen häufig Worte wie »Glast, Sehnsüchte, kranke Finger,
+geistern, Silber, Onyx, Chysopras« vorkamen. Gottfried rezitierte sie
+selbst gelegentlich im Familienkreise und vor Gästen, nicht ohne Anflug
+eines kleinen Familien-Stotterns ... O hier gab es Anregung, hier waren
+die neuen Sachen, hierher verlegte Arnold bald das ganze Leben seiner
+freien Zeit, und da schließlich das Etablissement Eisig als gewaltiges
+Hutexportunternehmen in ansehnlicher Blüte stand, hatten die Eltern
+Beer nach näheren Erkundigungen gegen diesen Umgang im Grunde nichts
+mehr einzuwenden.
+
+Eisigs besaßen auch einen Fußball. Dieses an Körperinhalt so
+geringfügige Ding bewirkte, daß für Arnold eine neue Ära und
+Leidenschaft anbrach, ein Fußballjahr ... Schon vorher hatte er
+das Spiel geliebt, das als »roh und gesundheitsschädlich« von der
+Schule aus und gleichfalls von den Eltern verboten war. Man wies
+gern auf Unglücksfälle hin, man las den Kindern aus der Zeitung vor,
+daß der oder jener hoffnungsvolle junge Mann durch einen unglücklichen
+Fall oder gar infolge eines Tritts beim Fußballspiel unheilbaren
+Schaden genommen hatte. Indes verklärten solche Nachrichten in den
+Augen Arnolds den gefährlichen Sport, munterten ihn nur auf, und
+obwohl man ihm strafweise das kleine Taschengeld entzog, wußte er
+sich doch immer wieder einen Ball zu verschaffen und eilte dann mit
+Gleichgesinnten in den Stadtpark, um sich für zwei, drei Stunden
+am »Kicken« und »Rempeln« gütlich zu tun. Im Stadtpark drohte freilich
+eine neue Gefahr, denn dort war auf allen Wegen das Fußballspiel
+ebenfalls verboten, und wenn die Buben mit glühenden Wangen gerade im
+besten Laufen waren, erschien manchmal der Parkwächter mit Tschako
+und Säbel, ein alter Mann, ergriff wortlos den rollenden Ball, den
+Puls des Spieles, den Ball, den man mit so viel Schwierigkeiten einem
+Mäderl abgeschwatzt oder irgendwo gestohlen hatte, und steckte ihn,
+den teuren Ball, in die Tasche, worauf er wortlos hinter den Gebüschen
+wieder verschwand; denn mit den unverbesserlichen Sportfreunden zu
+zanken oder ihnen die Vorschriften einzuschärfen, hatte er längst wegen
+Aussichtslosigkeit aufgegeben ... Man wählte daher, um vor seinen
+räuberischen Überfällen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen
+er seine Rundgänge nicht mehr so eifrig einhielt und die auch alles
+leicht verhüllten hinter Nebeln über den Wiesen und langen Schatten.
+Dann tauchte die Gesellschaft vorsichtig auf, ganz nach Art verfolgter
+Gottesdienste im Anfang einer Religion wurden abgelegene Plätzchen
+ausgesucht, Vorposten ausgestellt, ängstlich wurde das Heiligtum, der
+Ball, hervorgeholt, doch erst, wenn alles sicher schien. Dieser Ball
+... o mit welchen bejammernswerten Surrogaten mußten sich die
+Enthusiasten manchmal begnügen. Einmal war es ein leichter roter
+Gasballon, der zu hoch sprang und der die ganze wohlgeübte Fußtechnik
+der Mannschaft störte, einmal ein großer, ganz weicher, mit kindischen
+Bildern, dann ein kleiner billiger weißer Gummiball, der jeden Moment
+ins Buschwerk lief und kaum mehr aufzufinden war, ein anderes Mal hatte
+der Ball schon Luft verloren, das heißt er bekam an einer Seite eine
+kleine rätselhafte Einsenkung -- und mochte man ihn nun streicheln und
+drücken, wie man wollte, mochte man mit aller Vorsicht die Vertiefung
+langsam in weicher Hand aufzurunden suchen, immer zeigte sich die
+tückische Grube an einer anderen Stelle, immer wieder genau so tief
+wie vorher, eher noch tiefer. War einmal ein Ball so weit, so war er
+unrettbar verloren. Man erkannte das an seinem hohlen scheppernden Ton
+beim Laufen, man konstatierte es mit einem wahren Todesschreck in
+den Gliedern. Denn nun war das richtige Vergnügen vorbei. Trotzdem
+hörte man natürlich nicht auf zu spielen, wenn auch der Ball nur
+schlecht sprang und von der graden Bahn abwich. Einige Künstler
+behaupteten sogar ganz stolz, sie spielten nicht ungern mit so einem
+zerkickten Balle, denn sie könnten seine »Fälsche« berechnen. Indes
+vergrößerte sich unaufhaltsam mit jedem Stoß der Fehler, schließlich
+hatte sich die Senkung über die halbe Fläche schlapp ausgebreitet.
+Doch nicht einmal das war ein Hindernis. Man schob nun den Ball
+zusammen, machte eine hohle Halbkugel aus ihm, einen Klumpen und in
+diesen Überrest stieß man eifrig, trug ihn mehr auf der Fußspitze als
+man ihn warf, verzichtete auf jede Elastizität, auf den Fernkampf, so
+daß das Spiel endlich in Nahkampf d. h. in eine Prügelei
+ausartete ... Primitiv wie der Ball war auch das Goal eingerichtet,
+zwischen zwei Bäumen, die man durch eine mit dem Stiefelabsatz
+gezogene Linie im Sand verband. Fehlten die Bäume, so legte man
+Kleider in zwei Bündeln auf die Erde und bestimmte die Linie
+zwischen ihnen als Goal, wobei dann allerdings die Streitfrage
+entstand, ob es als Goal zu betrachten sei, wenn der Ball über die
+Kleiderbündel fliege oder sie streife. Man nannte das »Stange«,
+denn die Röcke vertraten ja die Goalstangen, und belästigte nun die
+älteren Spieler, sogar die Sportzeitungen mit diesem Problem. Und
+nun gar, wenn es immer dunkler wurde, wer konnte noch entscheiden,
+ob ein Schuß richtig getroffen hatte oder nicht! Man spielte
+einfach in die Nacht hinein, erstickend, keuchend, man bewegte sich,
+es galt auszugleichen oder den Sieg zu entscheiden, in höchster
+Spannung und Anstrengung -- und dabei mußte man sich zurückhalten,
+durfte nicht schrein, nicht anfeuern und jauchzen, alles mußte lautlos
+vor sich gehn, sonst hätte man sich dem Wächter verraten. Erst bei
+völliger Finsternis hörte man auf. Die Feinde und Freunde hinkten nach
+Hause, hungrig, durstig, zerschunden -- das aber fühlten sie nicht
+-- nein für Arnold, wie für alle, lag ein süßer Zusammenhang
+zwischen ihrer Abgeschlagenheit, dem Schweiß, den Schuhtritten, die
+sie an ihren Waden schmerzten, an den Schienbeinen, längs derer
+vielleicht ein gegnerischer Schuhabsatz herabgeglitten war oder
+sich eingehackt hatte, daß innen die Sehnen brummten, zwischen all
+dem und dem süßen Fliederduft des Parkes, dem nächtlichen Blühn
+und einem leisen, eben entschlafenden Vogelgezwitscher -- o ein
+Zusammenhang, in dem diese Knaben stärker als jemals ihre Jugend
+und die heldenmütige Kraft des Blutes und eine sich weitende Freude
+spürten bis an das schwarze Himmelsgewölbe hinauf. Sie marschierten in
+die Gassen hinein, sie fürchteten sich nicht vor den Eltern, nicht
+vor der morgigen Schularbeit, sie summten ein Lied. -- So weit
+stand die Sache, als Arnold mit Eisigs näher bekannt wurde. Damit
+erhielt er plötzlich, nach all den dilettantischen Versuchen,
+Anteil an einem Fußball, an einem wirklichen englischen Fußball,
+der seine hohe Verehrungswürdigkeit schon dadurch bekundete, daß er
+wie ein belebtes Wesen eine »Seele« besaß. Nun überstieg die
+Fußballbegeisterung alle Grenzen. Täglich nach der Schule zogen die
+fünf Eisigs mit Arnold auf die Wiesen, drei gegen drei teilten sie sich
+dort und los gings. Nicht genug damit, man übte auch in der kurzen Zeit
+zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht, und da war der große
+Hof im Eisigschen Haus der geeignetste Platz dazu, dieser Hof mit
+seinen Kisten, Handkarren, Holzschuppen, alten Bäumen, Kellertüren,
+dieser Hof in glühender Mittagssonne. Nichts konnte die Passionierten
+abhalten, nicht, daß der Hof gepflastert war und daher jedes Hinstürzen
+hart spüren ließ, auch nicht daß der Ball einmal bei einem Hochkick
+ein Fenster im ersten Stock zerschmetterte, was zu großen
+Mißhelligkeiten zwischen Papa Eisig und seinem Mieter führte. Es
+wurde nur einfach ausgemacht, von nun an keine Hochkicks mehr zu
+machen. Und unverdrossen kroch man zwischen Fässern durch, wenn der
+Ball sich zwischen sie verloren hatte, kletterte ihm nach durch die
+Fenster in die versperrten Keller und Schuppen, breitete sich immer
+weiter aus, spielte bei Regenwetter im Vorzimmer der Wohnung, zerbrach
+Lampen und Spiegel, umging immer wieder die elterlichen Verbote. Ja
+man ging zum Angriff auf ihre Herzen über, suchte sie für den
+Fußballsport zu gewinnen, indem man sie überredete, Sonntags sich
+einmal ein Wettspiel anzuschaun. Unterwegs wurde ihnen alles auf das
+Fachlichste erläutert: die Aufstellung, Goal, Hand, Ecke, der
+Elfjardstoß, die Rätsel des Offside. Angesichts des Spieles machte
+man sie auf hygienische Nützlichkeiten aufmerksam, zog die
+Olympischen Spiele der Griechen zum Vergleich heran, deutete auf die
+moralischen Werte gerade dieses Sports hin, der es dem einzelnen
+verbiete, »egoistisch« zu spielen und das Gesamtinteresse seiner
+Partei auch nur einen Moment aus dem Auge zu lassen ... Um diese
+Zeit erschien zum erstenmal eine englische Mannschaft in der Stadt.
+Es war eine Umwälzung! Man hatte ein ganz neues Zusammenspiel zu
+erlernen, das Zuspielen auf der Erde, Kopfstöße. Die sechs Helden
+trainierten unverdrossen, jeder mit dem festen Vorsatz, ein Champion zu
+werden. Sie kannten alle Wettspielresultate der letzten Jahre, alle
+Meisterschaften auswendig, sie umgaben die berühmten Spieler mit
+schwärmerischer Verehrung. Sich selbst photographierten sie im Hof,
+in verliebten Stellungen, mit dem Ball im Arm, oder in gestellten
+Gruppen, wie einer dribbelte und den Gegner dabei »täuschte« oder
+wie er im letzten Augenblick »rettete« oder wie er im Goal dem Schuß
+entgegensah, die Hände auf den Schenkeln, den Kopf gesenkt mit
+spähendem Blick. Sie schafften sich »Treter« an und hatten dabei ein
+an Verbrecherlust grenzendes Gefühl von Grausamkeit und Mut. Ihr
+Traum war, sich zu einer Mannschaft auszubilden und siegreich den
+Kontinent zu bereisen ... Arnold hatte sich unbestritten zum Kapitän
+aufgeworfen. Er trug auch immer den Ball zum Spielplatz, was ein
+besonderes Ehrenamt war und außerdem dem Träger Gelegenheit gab,
+schon unterwegs einige Kicke in den Ball zu tun. Dies jedoch wurde
+ihm von den andern stets mit lautem eifersüchtigen Geschrei
+untersagt. Es war verpönt. Der Ball sollte getragen, aber nicht
+gekickt werden. Auf das Kicken behielten sich alle das gleiche Recht
+vor und wachten streng darüber, so überirdisch schien ihnen dieses
+Vergnügen, dieser geschickte Anstoß an die stählern klingende Rundung,
+diese Kraft und Richtung ... Ging Arnold allein durch die Gassen, so
+phantasierte er sich auch stets einen Ball vor die Fußspitzen, den er
+kunstvoll lenkte und an den Spaziergängern knapp vorbeitrieb. Das war
+seine liebste Unterhaltung. Und abends konnte man ihn wild, die Mütze
+in der Hand, durch leere Gassen rennen sehn. Dann war er in seiner
+Vorstellung mitten im Wettspiel, draußen auf dem rechten Flügel
+Forward -- dies war sein Posten, wenn er mit Eisigs spielte --,
+dann überholte er Feinde, die mit ihm zurückliefen, wich den
+Mittelstürmern, die ihm entgegenkamen, gewandt aus. Seine ganze
+Mannschaft sah er im gleichen Tempo mitrennen, über das grüne Feld
+hin wie einen riesigen Fächer, der sich verlängert, sah aller Augen auf
+sich gerichtet, denn er hatte den Ball, -- knapp an der weißen
+Outline lief er, während das Publikum mit »Hipp, hipp« ihn anspornte
+und erregte Köpfe über die Holzstangen ihm sich nachbogen -- sah
+sich als Teil eines Ganzen, als Anführer, all dies in wenige Sekunden
+zusammengepreßt -- endlich spielt er den Ball in die Mitte, der
+Centre hat ihn und läßt ihn mit der Wucht beinah eines senkrechten
+Falles durch das feindliche Goal in das heftig aufzitternde Netz
+stürzen, ... während der tapfere unegoistische Flügel langsamer
+heranläuft, alles überblickend. Und nun wird applaudiert, es rauscht,
+es schreit. Sieg! Sieg!
+
+Eine Zeit lang verkehrte Arnold mit niemandem als den Eisigbuben. Bald
+aber wuchs sein Bekanntenkreis und wurde schließlich ihm selbst
+unübersehbar und unheimlich. Während er in der Schule voran blieb,
+öffentlich und im Geheimen, auch in der Kommerskassa zum Obmann
+anstieg, die Kneipzeitung nicht nur redigierte, sondern auch auf einem
+selbstgekochten und selbst in die Blechpfanne eingegossenen
+Hektographen abzog (welche Schmerzen, wenn schließlich mitten in der
+immer dünneren und durchscheinenderen Masse der Blechgrund durchsah
+oder wenn die Gelatine in kleinen Kandiszuckertröpfchen an die
+feuchten Abziehbogen abbröckelte), während er sogar eine kleine
+verbotene Lotterie für die Maturakneipe unter den Kameraden und
+deren möglichst weit herangegriffenen Angehörigen veranstaltete,
+begann er doch auch noch außerdem ein schwungvolles Privatleben zu
+führen. Gottfried Eisig, der Schauspieler, brachte ihn in eine
+Gesellschaft von Konservatoristen, in dunkle Hofzimmer, wo es von
+Violinskalen und Nässe seufzte; bei einem von ihnen, Waldesau, der
+durch besondern Ernst ihn ansprach, lernte er mit reißenden
+Fortschritten Klavier. Nebstbei trat er in einen Tennisklub ein
+und erwählte auch dort, in der vornehmen Welt, seine Freunde. Dies
+alles steigerte sich noch, als er nach glücklich mit allgemeiner
+Auszeichnung abgelegten Prüfungen die Hochschule bezog. Eigentlich
+sollte er in das Geschäft seines Vaters eintreten, doch zog er dies
+durch unschlüssiges Studium und Berufsprobieren noch einige Jahre
+hinaus. Er inskribierte dort und da, klaubte aus allen Gegenständen
+die üppigen Mandeln heraus, ließ sich von Gefährten zur rechten und
+zur linken Seite bald in die »gerichtliche Medizin«, bald zu
+»Experimentalphysik« oder »Sanskrit« oder den »Versmaßen des Horaz«
+ziehn. Er gewann zu ganz intimen Brüdern: Löb, den sachlich
+strebenden Bakteriologen, der zunächst im Schul-Mikroskopieren, bald
+auch mit eigenen Ideen Geschicktes leistete -- ferner den ruhigen
+kleinen Krause, der mit Jusstudium eine gründliche Erforschung des
+jüdischen Wesens und zionistische Propaganda verband. Arnold selbst
+trat einem deutschen Studentenverein bei und war dort eine Zeit lang
+der Vertraute des in politischen Dingen jugendlich-energischen und
+wohlvertrauten Technikers Grünbaum. Grünbaum nahm Malstunden,
+natürlich teilte sie Arnold mit ihm ... Das Seltsame nun bei diesen
+nach allen Seiten umsichgreifenden Beziehungen war, daß Arnold mit
+Sicherheit für jeden seiner Freunde den richtigen Ton traf, daß er
+niemals dem Waldesau, sondern immer nur dem eleganten Preisruderer
+Bobenheim unanständige Witze erzählte, daß er mit Grünbaum ebenso
+schwärmerisch von Rodin, wie mit Löb von »Ehrlich 606« sprach, und
+wieder daß ihm Professor Ehrlich für Löb den großen Arzt und für
+Krause den großen Juden bedeutete ... Natürlich war er längst klug
+geworden und hatte die schwadronierende Art seiner Gymnasiasten-Reden
+längst aufgegeben; aber die prächtige und beflügelte Sprechweise, der
+strömende Schwall von Ideen, der auch den Hörer in einen Zustand
+angenehmer Leichtigkeit versetzte, war geblieben. Hierzu gab nun
+sein wirklich übermenschlicher Eifer in allen Bestrebungen, der
+Mut, mit dem er immer seine ganze Person, seinen edelfunkelnden Geist
+einsetzte, mit dem er immer furchtlos sofort das Herz der Probleme
+attackierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines
+unverwüstlichen Gedächtnisses -- gab Untergrund und Quadersteine für
+blendende Bauwerke ... Kein Wunder, daß ihn alle Freunde für ein
+vielseitiges Genie hielten. Als bedeutender oder, wie man unter ältern
+Leuten sagt, als »gescheiter« Mensch war er allgemein bekannt. Er war
+jetzt von ziemlich großer Statur, seine Augen lagen unter hohen Knollen
+der trotzdem freundlichen Stirne, in tiefen bläulichen Höhlungen also,
+aus denen sie wie schattige Gebirgsseen, klar und doch von
+unergründlicher Färbung, hervorsahn. Diese großen verfinsterten Flächen
+teilten zugleich mit dem Nasenschatten, der über der glattrasierten
+Oberlippe spielte, mit den weißen ebenmäßigen Wangen sein Gesicht
+überblickbar ein, machten es leicht einprägsam. Dazu der flache
+breitgerandete Strohhut, der niedrige Umlegkragen, dem der Hals frei
+und künstlerhaft entstieg, der weite gutgeschnittene Überzieher -- und
+die markante Persönlichkeit, der angesehene Mitbürger war beinahe
+fertig ... Auf solche Äußerlichkeit, die sich ja mit der Zeit von
+selbst einstellte, gab jedoch Arnold wenig; sein Flammenstreben
+richtete sich vielmehr nur darauf, mit jedem einzelnen der Freunde zu
+wetteifern und alle zu überflügeln. Er stieg einfach in alles hinein,
+ohne Berechnung, aus purer Lust. Wenn Löb zu wissenschaftlichen
+Lektürzwecken Englisch und Französisch erlernte, so begann er
+gleich noch Italienisch dazu. Las Krause die Bibel im hebräischen
+Urtext, so verschaffte sich Arnold schon Auszüge aus dem Talmud.
+
+Dies jedoch hätte die Verehrung, die ihm diese so verschiedenartigen
+jungen Leute zollten, noch nicht erklärt. Es muß noch gesagt
+werden, daß er alle nicht nur begleitete, sondern auch stieß und
+antrieb und tröstete. Tröstete, indem er sie stieß -- nirgends
+Schwierigkeiten sehend und mit der ihm angeborenen nebelhaften Energie
+gleich nach Erfüllung aller Wünsche langend. Es war eben seine
+eigentümlichste Eigenschaft, daß er, in Gesellschaft mit einem
+Freunde, ganz und freudig erfüllt von dessen Liebhaberei, unter
+allen Umständen weiterdrängte und in hellstem Optimismus sich und den
+andern für fähig zu allem hielt. War etwas in den Lehrbüchern
+beiden unverständlich, so war es falsch, eventuell ein Druckfehler.
+Stimmte eine Theorie nicht zu eigenen Beobachtungen, so verwarf er
+jedesmal ohne Gewissensbisse die Theorie, niemals die noch so
+flüchtige Beobachtung ... So kam es, daß er überall nichts als
+Reformbedürftigkeit sah. Die Philosophie sollte von Grund aus
+umgeformt werden, die Physik war lächerlich, die Welt des öffentlichen
+Lebens beruhte ebenso auf falschen Prinzipien wie das Rudertraining.
+Wieviel gab es da zu arbeiten, wie zum Verzweifeln wenig war eigentlich
+fertig! Und wie schön war diese Verzweiflung!... Arnold hielt sich nie
+mit Details auf, nur die großen Grundideen warf er über den Haufen und
+schrie: »Das ist überwunden. Da müßte so und so weitergebaut werden!«
+Mit erhobener Hand stand er über den Freunden, die in ihrem mühsamen
+ehrlichen Kleingewerbe befangen den großen Zug verlernt hatten und gern
+den frischen Hauch so freimütiger Weltgedanken hörten, wenn sie auf dem
+ersten Schritt zu diesem Luftzug hin über irgend ein ernsthaftes
+Kramzeug stolperten. Hatten sie aber auch nur einen kleinen
+vorsichtigen Schritt nach vorn getan, gleich war Arnold da und lobte,
+nannte das eine »tüchtige Leistung« und ließ das Kommende hochleben.
+Er verstand sich besonders darauf, gut und einschmeichelnd zuzuhören;
+und dies wieder, weil er das Zuhören nicht affektierte, sondern weil er
+ernstlich glaubte, von seinen in die Spezialstudien detachierten
+Freunden die reinste Essenz der Wissenschaft einziehn zu können, die
+fertigen Resultate, zu deren Erarbeitung er selbst keine Zeit hatte.
+So saß er andächtig, behielt immer die Einteilung ihrer ganzen Arbeit
+sicher im Kopf, wußte, wie weit man neulich gekommen war, konnte durch
+Ausbessern kleiner Flüchtigkeitsfehler oder Dispositionsabweichungen
+seine Aufmerksamkeit wohltuend dem andern beweisen ... Natürlich war er
+nicht so unliebenswürdig, mit der Türe ins Haus zu fallen, sondern nahm
+auch an den Familienverhältnissen der Freunde einen Anteil, an ihren
+Liebschaften und Verdrießlichkeiten. Immer aber wußte er, ihre
+fortschreitenden Fachkenntnisse und die besondere Richtung ihres
+Denkens als das Wichtigste an ihnen und an ihrem Verkehr mit ihm zu
+behandeln, wie es ja seiner Überzeugung entsprach, auf diese Facharbeit
+kam er nach jeder Einleitung zu sprechen, und da die Freunde bald
+merkten, daß aus ihrer Umgebung nur er stets und wirklich aus dem
+Herzen auf dem bestand, was sie selbst als das Edelste an sich, wenn
+auch manchmal als etwas Unbequemes, ansehn mußten, zogen sie ihn bald
+allen übrigen Kameraden vor. Zumindest hatte er eine Sonderstellung.
+Man plauschte mit ihm, aber es war kein leerer Zeitvertreib, es war
+eine Anspannung, seinem impulsiven Andrücken immer genügen zu können,
+man mußte sein Bestes geben. Abschweifungen in andere Gebiete lehnte
+er ab, indem er sich plötzlich (und ebenso ehrlich wie vorher
+interessiert) uninteressiert verhielt. Solche Laienhaftigkeit schien er
+nur sich selbst vorbehalten zu haben ... Doch arbeitete er auch selbst,
+vertiefte sich manche Tage lang in irgend eine Frage, die ihm im
+Gespräch mit einem Freunde gekommen war, schrieb er ein paar
+Klavierstücke, einen »Abriß einer neuen Werttheorie«, einen »Entwurf
+zur Kritik Spinozas vom Standpunkte der Rasse aus« -- lauter kleine
+Heftchen, vollgeschmiert mit flüchtigen, oft klecksartigen
+Schriftzeichen, Abkürzungen, Symbolen -- und mit großem Vergnügen las
+er dann die noch unfertigen Darlegungen dem betreffenden Freunde vor,
+für den er eigentlich die Arbeit unternommen hatte. Das Vorlesen war
+nämlich das Ziel der ganzen Arbeit; Arnold arbeitete mit Unlust und
+Ungeduld, unter tausend Ablenkungen, und was ihn während dieser Mühsale
+emporhielt, war nichts anderes als der Gedanke an die herannahende
+geisterfüllte Vorlesestunde. Und war sie da, dann erschütterte die
+Leidenschaft sein blasses Gesicht, seine zuckenden Hände mit
+aufschießenden Blutwellen, dann erst begann seine eigene Arbeit ihm
+sich zu färben und zu beleben, dann schrie er in melodischen
+Akzenten, hielt nur still, um neue Ausblicke einzufügen,
+entschuldigte sich, daß dies ja noch nicht die endgiltige Fassung sei,
+man möge mehr auf die Absicht sehn als auf das, was wirklich
+dastehe, schloß dann mit leuchtenden Augen in einer ausführlichen
+Skizze, was und wie es nun weiter zu machen sei: »also, lieber
+Krause, das überlasse ich jetzt dir. Da leg dich hinein und schau,
+daß was draus wird. Es ist ja so einfach ...« -- Wie er aber selbst
+gern vorlas, so verlangte er auch von den Freunden rückhaltlos die
+Produkte ihrer Tätigkeit, selbst wenn diese mutlos und schamhaft
+lieber ihre halbausgereiften Pläne verborgen hätten. Er brach in ihre
+Schreibtische ein, er zwang sie durch flehentliches Bitten, ihm
+doch etwas, was sie gerade im Kopf wälzten, zu erzählen. Daß sie in der
+letzten Zeit nicht gearbeitet hätten, ließ er einfach nicht gelten.
+Ausreden wie: Zweifel an ihrer eignen Tüchtigkeit, Unwohlsein,
+Müdigkeit -- schob er mit burschikosen Flüchen weg. Schließlich
+schämte man sich, mit leeren Händen vor ihm zu erscheinen. Arnold
+verlangte einfach, daß rings um ihn geleistet wurde; als hätte er
+selbst das dunkle Gefühl, daß er für seine Person mit seiner
+Zersplitterung nichts Nennenswertes hinterlassen würde, suchte er seine
+Spannkraft wenigstens durch das Medium anderer Gehirne hindurch
+wirken zu lassen. Der starke Wille, der in ihm lebte, in ihm
+selbst unfruchtbar, wurde auch tatsächlich die Stütze und der
+Sauerteig vieler Arbeiten seiner Freunde. Der verwickelte Ausbau
+seiner vielfachen Bedürfnisse und natürlichen Triebkräfte stand wie
+ein Turm da, an den sie sich lehnten ... Waldesau zum Beispiel, der
+Musiker, der in einem beständigen Ekel vor sich selbst lebte,
+gestand oft, daß er keine Note schreiben würde, wenn ihm Arnold
+nicht immer wieder mit kollegialen Schimpfreden den Teufel aus dem
+Leib triebe. So aber lieferte er Kompositionen, Lieder und Sonaten, die
+zwar er selbst erbärmlich, verbrecherisch fand, die aber das
+enthusiastische Lob nicht nur Arnolds, auch älterer Musikkenner
+hervorriefen.
+
+Arnold ging weiter. Er liebte es -- all dies instinktiv, nicht aus
+Überlegung -- seine Freunde, die einander noch nicht kannten, mit
+einander zusammenzubringen, falls er sich davon gegenseitige
+Anregung und Förderung ihrer Arbeiten versprach. Er hatte seine
+Freude an den neuen Konstellationen, er verfolgte mit einer Art von
+Zärtlichkeit die weitere innige Verflechtung der Fäden, die er selbst
+neben einander gelegt hatte und die jetzt ohne ihn lustig und oft
+mit einer in seinem Anstoß gar nicht zu ahnenden Bedeutsamkeit sich
+fortspannen. Zu vielen tiefgreifenden Beziehungen legte er so den
+Grund, nur selten tat er einen Mißgriff. Kein Wunder, daß ihn Liebe und
+Begeisterung der ganzen Gruppe, die er so hübsch organisiert
+hatte, umgab. Selbst der spitzige vielüberlegende Grünbaum, der jede
+körperliche Berührung mit Menschen scheute, drückte ihm wärmer die
+Hand. Alle fühlten, wenn auch undeutlich, daß die zartgebauten
+Wurzeln ihres Daseins aus den strömenden übervollen Bächen dieses
+Verschwenders immer neue Bewässerung zogen und daß dabei gar kein
+Schwindel oder eine Willkürlichkeit Arnolds mitspielte; daß vielmehr
+dies alles nach Naturgesetzen so geschehn mußte -- und gerade
+dieses Unbedingte, Automatische, Gesetzmäßige war die Ursache, aus der
+man ihm vertraute, ihm doppelt verpflichtet war ... An seinem
+Geburtstage empfing er nun auch glühende Briefe sonst ruhiger
+Genossen, Danksagungen in klugen, nicht alltäglichen Worten, selbst
+Geschenke, und wiewohl er selbst sich der Repräsentation so
+außergewöhnlicher Beliebtheit nicht ohne Würde und Rührung
+unterzog, sagte er sich doch auch manchmal, daß es eigentlich
+komisch sei, wie selbstverständlich er diese Opfergaben, den Tribut
+gleichsam, einkassierte. Er selbst schenkte keinem seiner Freunde
+etwas zum Geburtstage; das fiel ihm auf, die andern schienen es
+selbstverständlich zu finden. Es beunruhigte ihn ... Überhaupt
+wurde ihm, wenn er einmal allein mit sich zu Rate ging, nicht wohl
+nach all dem metallischen Getöse rings um ihn. Kam er zur Ruhe, so
+fand er, daß er eigentlich nichts zu Ende führte und nichts ganz von
+vorne begann. Eine beklemmende Traurigkeit legte sich auf seine
+Lunge. Was interessierte ihn eigentlich? Was wollte er auf der Welt?
+Was hatte er geleistet? Daß er der Gschaftlhuber nicht war, als den
+ihn Mißgünstige gern ausgeschrieen hätten, fühlte er sehr wohl. Seiner
+Redlichkeit und einer gewissen Tüchtigkeit im Kern blieb er sich ja
+stets bewußt. Aber mindestens ebensoweit wie vom Gschaftlhuber war der
+Abstand zu der »modernen Goethenatur«, für die ihn manche Anhänger aus
+ehrlicher Überzeugung hielten. War er allein, so fühlte er sehr
+wohl, daß er nicht Goethe war, nicht die in sich ruhende und daher so
+wirksame Vollkommenheit. Was war er also eigentlich?... Nun, eben
+der Arnold Beer, ein einmaliges Individuum, so und so eingerichtet,
+mit den und den Fehlern und Vorzügen, die man noch näher studieren,
+entwickeln mußte. Also mit Vorzügen auch -- heraus damit!... Er
+dachte nach ... Ihm fiel nichts ein ... Mit warmem Kopf rutschte
+er vom Diwan zum Schreibtischsessel, vom Schreibtischsessel zum
+Diwan, und vergebens suchte er, während sein Blick über die Dächer
+hin in den fernen Himmel, in die rotglänzenden Wolkenkelche
+einschlüpfte, beim Anblick dieser leuchtenden Gebilde auch nur einen
+jener befeuernden und frischen Einfälle selbst zu empfinden, wie er
+sie am Nachmittag seinen Freunden zu Tausenden um die Köpfe
+geschlagen hatte ... Ja, wenn er neben ihnen ging, neben Löb zum
+Beispiel ins Kolleg, oder neben Eisig in der Weinstube saß, dann
+konnte er sich die Wonnen der gedankenreichen Einsamkeit wohl
+vorstellen. Einsamkeit -- wie eine Fata Morgana schwebte sie vor ihm,
+eine Stadt mit flachen quadratischen Dächern, alle menschenleer, doch
+alle wohnlich eingerichtet mit kleinen rauschenden Springbrunnen,
+seidenen grünen Kissen am Geländer, süßen Speisen und Limonaden in
+elfenbeinernen Kästchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen
+Leitern, ruhte hier und dort aus, sah über die Treppen hinunter in
+Wohnungen, in denen Stimmen klangen, freute sich -- o Einsamkeit -- über
+die Straßen und Bazare unten, lebendiges Wimmeln, die große Aussicht in
+den Abendhimmel ... So vertieft war er in dieses Bild, daß er die Reden
+des Gefährten nicht mehr hörte, und verriet sich eine von ihnen durch
+die erhobene Stimme als Frage, so mußte er geschwind die letzten Worte,
+die der andere gesprochen hatte, aus seinem unbewußten Gedächtnis, in
+dem sie eben beinahe verschwanden, zurückholen, um irgend etwas Kleines
+erwidern zu können. O wie wünschte er da den Störer seiner Einsamkeit
+hinweg, wie hätten, ohne den, diese Bäume oder dieser Wohlgeschmack
+eines französischen Weins zu seinem treuen, auf sich allein
+gefüllten Herzen gesprochen! War er aber wirklich einsam, so wurde
+ihm sofort bang und verlassen zu Mute. Die Gestalten dieser fühllosen
+unüberwindlichen Natur, die Blumen und Gräser, erschreckten ihn durch
+ihre rohe Gesundheit, die er nicht trösten und nicht anfeuern konnte,
+in der es keine Bravourstückchen gab; einsames Trinken gar erschien
+ihm langweilig und tierisch ... Also lief er schnell wieder unter
+die Menschen, mit denen man reden konnte, begann dies und jenes in
+seiner intensiven, aber kurzatmigen Art und brachte sich auch
+wirklich, wenn er die Zahl der von ihm bepflügten Gebiete überblickte,
+seine Jugend, seine Pläne, nach allen Richtungen ausstrahlend,
+seine halbausgeführten Werke, seine Talente, seine Hoffnungen und
+die Hoffnungen, die seine Freunde auf ihn setzten, in einen
+schönen Rausch von Selbstzufriedenheit. -- Klagte er einmal, in einer
+kleinen Erinnerung an seine einsamen Prüfungsstunden, den Freunden,
+daß seine Seele so zerrissen sei, so lachte man ihn immer aber mit der
+allergrößten Entschiedenheit aus: »Du unglücklich? Und was soll ich
+dann sagen? Du machst das und das. Und ganz vergißt Du an das und das.
+Solche Erfolge! So eine Arbeitskraft, das ist ja etwas ganz
+Abnormales! Und du wirst dich noch beklagen! Das wäre aber eine
+Frechheit ...« Man ahmte die Art seiner gutgemeinten Scheltreden
+nach. Er aber wandte sich, mit einer kleinen Träne im Auge, ab: »Ich
+könnte ja etwas leisten, wenn ich nur Zeit hätte.«
+
+Daß er keine Zeit hatte, war eigentlich für Fernerstehende das
+hervorstechendste Merkmal seines Lebens. Und meist befand ja auch er
+selbst sich, dank seiner fortreißenden Strudeleien, in der Lage dieser
+Fernerstehenden. Dann fiel ihm auf, daß er sich zu viel aufgebürdet
+hatte; an einem Tage ein Rudermatch, vier Vorlesungsstunden, Besuch
+bei zwei Freunden, bei einer Familie Tee, Klavierüben, und dazu die
+vielen angefangenen Bücher mit winkenden Lesezeichen auf dem
+Schreibtischregale, das ging entschieden über Menschenkraft. Und da
+ja die meisten dieser Verpflichtungen in langvergangene Zeit
+zurückreichten, zu denen er sprunghaft immer wieder zurückkehrte,
+ohne sie je durch Beendigung loszuwerden, wurde er sich immer nur
+bewußt, daß er Verpflichtungen zurückwies, nur selten neue aufnahm.
+Also erschien er sich als armer Verfolgter, Begehrter, Bedrängter,
+vergaß bald den eigenen Leichtsinn, mit dem er sich nach einander
+auf so verschiedene Dinge gestürzt hatte, und begann einen geheimen
+Groll gegen seine Freunde insgesamt zu nähren, die ihn in Anspruch
+nahmen und ausnützten, ja ausnützten und zu keiner eigenen Arbeit
+kommen ließen. Was half es, daß er stets einen Zettel bei sich
+trug, mit den wichtigsten Pflichten für die nächsten Tage, daß er ein
+Tagebuch begann, in das er die Dinge schrieb, um sie keinem Freund
+erzählen zu müssen und um also auf diesem Wege einen Verkehr mit sich
+selbst anzubahnen, was halfen alle Anstrengungen, Ordnung in sein so
+hinausgestreutes Leben zu bringen ... Und grimmig ging er die Schwächen
+seiner Freunde durch, die sie an ihn fesselten, die Blutarmut Waldesaus,
+die diesen melancholisch machte und auf lindernden Zuspruch angewiesen,
+die Armut Krauses, die ihm den Verkehr mit Arnold als mit dem
+gesellschaftlich Höheren unentbehrlich erscheinen ließ, die Dummheit
+Bobenheims, der, durch den intelligenten Umgang geschmeichelt, zu
+einiger Selbstachtung gekommen war, während er sich vordem nur als einen
+»trostlosen Wüstling« gekannt hatte. Und er verfluchte sein gutes Herz,
+das ihn aus Mitleid an diese fehlerhaften Menschen klemmte. Zugleich war
+er erbost über seine grübelnde Scharfsichtigkeit, seine Lieblosigkeit
+gegen so gut verhüllte Schwächen der Freunde. In einem allgemeinen
+Katzenjammer fand er dieses Leben erbärmlich, nicht länger zu ertragen.
+War dies gemeines Menschenlos, oder nur vielleicht typisches Schicksal
+eines jungen Juden? So weit hatten ihn Krauses Ideen schon beeinflußt,
+daß er dies in Erwägung zog. Schließlich aber blieb er, ohne
+Zusammenhang mit Gott, oder mit irgend einem Volk, in der
+zusammenschlagenden Dunkelheit allein, von allen Teilnehmenden
+verlassen, verzweifelnd und unsympathisch ... Da traf er den nächsten
+auf der Gasse. Sofort heiterte sich sein Antlitz auf, sein Herz
+zugleich, er fand schnell wieder die freundlichen Worte, die Fragen
+voll Interesse und Ermunterung, und dabei war dies durchaus keine
+Heuchelei, sondern die bloße Gegenwart des Freundes eben bewirkte in
+ihm jene schnellere Zirkulation von Ideen, die ihn sprudelnd auf
+Flammenpfeilen in die Höhe schoß und ihm den Zusammenhang mit einer
+glücklichen Menschheit und ihrem wohlwollenden Wirken zurückgab ... Am
+wärmsten aber wurde es ihm, wenn er mit Lambert und Genossen (dies war
+wieder eine andere Partei besonders eleganter internationaler
+Nichtstuer, die aus unbekannten Mitteln glänzend in den Tag lebten) auf
+dem Corso erscheinen konnte, auf dem Bummel, den diese Herren nie
+versäumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arroganten
+Hütelüpfen. Auch bei ihnen war Arnold beliebt, durch seine schussige
+Munterkeit und Originalität, und obwohl er weder der fescheste
+noch der witzigste unter ihnen war, räumte man ihm gern eine
+beherrschende Stellung ein. Wenn es nur anging, machte er sich
+täglich eine Abendstunde dafür frei, und dies nannte er seine
+Erholung, mitten in einer dunklen Schar befreundeter Köpfe sich
+geschützt und gemütlich zu fühlen, wie in einer Herde auf- und
+abzurollen die Gasse entlang, gestoßen werden, stehen bleiben und
+ungerührt in die Vorbeigehenden starren wie in die beleuchteten
+Auslagen, durch lustiges Flüstern und Blicken fest mit der
+Genossenschaft verbunden, beinahe bewußtlos. --
+
+Und gar wenn er sich niedersetzte und Briefe an seine Freunde aller
+Heerlager schrieb, in die Ferien hinaus zu Dutzenden! Denn das liebte
+er, diese Bulletins waren wieder eine Sache, in der er sein ganzes
+Orkantemperament austoben lassen konnte. So wie es Leute gibt,
+denen alle Sorgen einfallen, wenn sie einen Brief schreiben und deren
+Briefe daher ein wesentlich zu trauriges Abbild ihrer Situation
+geben: so wurde im Gegenteil vor Arnolds Blick, wenn er ihn auf das
+weiße geradebegrenzte Papier richtete, alles rosig und in gute
+Linien geklärt. Ihm war Briefeschreiben eine gesteigerte Form
+menschlicher Unterhaltung und alle seine Vorzüge flossen ihm willig
+in die Feder, ein Goldglanz ohne irdische Schwere, wenn er seine
+strammen, beinahe militärischen Loblieder auf das, was ihn gerade
+erregte, losließ. Gern beschrieb er Kunstgenüsse oder gefiel sich
+in rückhaltslosen Offenheiten oder schwelgte in gigantischen
+Vorsätzen, zu deren Ausführung es Jahre ernsthafter Arbeit bedurft
+hätte, in seinem feurigsten Stil, tat sie damit gleichsam für sich
+ab, obwohl er sich während des Schreibens gar nicht bewußt war, daß er
+sie nie werde in Taten verwandeln können, daß gerade dieser Brief
+als Energieableiter zwischen Plan und Ausführung trat. Nein, die
+Wahrheit selbst, hinreißende Tatkraft und ansteckend gute Laune
+sprachen aus solchen Episteln, die unmittelbar, ohne zu überlegen,
+mit allen Quersprüngen und den schlechtesten Witzen, die ihm gerade
+einfielen, hingerissen waren; und so verfehlten sie natürlich nicht,
+seine Freunde zu rühren und zu neuem Schaffen anzustacheln, während
+Arnold mit ausgeschöpftem trockenem Herzen zurückblieb. Überdies
+schwankten diese Ergüsse in ihrer Länge von der dreißigseitigen
+Dissertation, deren Erscheinen schon im Kuvert beim Adressaten
+Erstaunen und ehrfürchtige Schauer hervorrief, bis zum kurzen Zettel
+voll mit Gedankenstrichen, Rufzeichen, humoristischen Symbolen,
+verschiedenen Buchstabengrößen und Schriftarten, kurz allen Mitteln
+einer aufs Höchste gesteigerten Anschaulichkeit, wie sie aus seinem
+Hitzkopf explodierte. Die Schrift hatte pomphafte Schnörkel, große
+Bäuche, starke Schatten und weit auseinandergezogene Haarstriche, so
+daß manchmal ein etwas längeres Wort eine ganze Zeile einnahm. -- Hier
+eine der unbedeutenderen Noten an Waldesau:
+
+»Lieber Kerl,
+
+Ich bin durch ununterbrochenes =BACH=-Spielen in den letzten Wochen
+endlich dahintergekommen, daß ich -- ein Schöps bin, wenn ich nicht
+-- endlich einmal -- und zwar soforrrrrrt -- die _ganze_ Musiktheorie
+gründlich durchnehme!! Mein Buchhändler bietet mir ein großes Werk
+zum Selbstunterricht, solche Hefte, weißt Du -- mit hübschen Fragen
+und Antworten -- Ermahnungen an den faulen Schüler u. s. f. -- bißl
+kindisch, aber es gefällt mir vor-Leipzig -- 60 Hefte, 50 Mark
+(!!!!) -- Soll ich es kaufen. Bitte, schreibe soforrrrrt, genau und
+viel, empfiehl anderes! Ich muß =ALLES= haben, das ganze Gebiet --
+also Elementarlehre, Generalbaß, Formen -- Du weißt ja -- ich hab
+es satt, so ungebildet weiterzutrotteln -- Also, auf, sattle den
+Hippogryphen, schicke mir Pläne -- auch Instrumentation natürlich --
+Wenn schon, denn schon -- Ich habe jetzt riesige Lust. Also schreib
+nur schnell, damit das Feuer net auskühlt, Du kennst doch -- Deinen
+Dichliebenden u. s. f. -- Momentan fühle ich mich so stark, daß ich
+Berge bewegen könnte. Und Du auf Deinem Jeschkenberg? (Ein gebirgiger
+Brief!) -- Ich arbeite täglich 9 Stunden, kann Abends nie einschlafen
+vor _Ideen_. Habe etwas merkwürdiges angefangen, eine neue Art von
+Kontrapunkt. =Sei neugierig!= Es steht dafür -- Schrecklich glücklich
+bin ich dabei. Und Du? Und Du? Und Du? -- Wieder mal die Flinte ins
+Korn geworfen? =Porco maledetto!= Wenn jetzt nicht bald mal eine
+fette =Notensendung= (Manuskript!!) von Dir kommt, so treffe ich Dich
+wie der Blitz -- der immer die Nabelbeschauer trifft -- wo? Im Popo
+-- weil sie so gebückt sitzen. Aber Spaß bei Seite: Was treibst Du --
+Ich bin sehr besorgt. -- Servus!«
+
+Ein Bildchen, die rauchende Jagdflinte, vervollständigte diesen
+auf einer halbzerrissenen Kuvert-Innenseite in schrägen Zeilen
+hingedonnerten Aufruf. Darunter eine Wolke, aus der zwei zackige
+Blitze schlagen; alles mit der Feder gekritzelt, beim Abtrocknen
+etwas verwischt ...
+
+Gottfried Eisig, der inzwischen (man mußte doch etwas machen) in die
+Redaktion eines heimatlichen Blattes eingetreten war, munterte nach
+solch einem Brief Arnold auf, doch einmal etwas »Selbstständiges« zu
+schreiben. Arnold brachte ein paar »Reisebriefe.« Sie wurden gedruckt,
+ohne aber besonderes Aufsehn zu erregen, außer in Arnolds nächster
+Umgebung; übrigens waren sie auch, da ihnen der persönliche Anlaß
+fehlte, ziemlich matt, ja schablonenhaft ausgefallen.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Eines Tages erklärte der Vater, das Söhnchen habe nun genug gebummelt
+-- und am nächsten Morgen schon ging Arnold in dem großen Geschäft auf
+und ab, die Schachteln an den Wänden mit neugierigen Blicken musternd.
+
+Der Abschied von der Universität wurde ihm nicht schwer. Daß aus
+den allenthalben verzettelten Kollegien nichts Gescheites werden
+könne, war ihm längst klar geworden. Nun hoffte er, durch eine
+vollständige Umwandlung seines Lebens, wie sie der Eintritt ins
+Geschäft bedeutete, sich zu konzentrieren; Dinge, die er nur aus Treue
+gegen das einmal Begonnene mit Unlust weiterbetrieb, abzuschütteln;
+ein Mann zu werden. Vielleicht im Geschäft. Doch täuschte er sich
+da nicht in der Voraussicht, daß der Vater in seinem pedantischen
+Geschäftseifer keinen wichtigen Teil des Betriebs selbst aus der Hand
+lassen würde. Zunächst versuchte Arnold allerdings Einfluß zu
+gewinnen, das Geschäft umzudrehn, da er natürlich sofort, noch ehe
+er den naturgemäßen Lauf der Sache kannte, schon Umwälzungsideen im
+Kopf hatte. Aber da war er an den Unrechten gekommen; mit nicht
+mißzuverstehender Verwunderung wehrte der Alte ab. Und so gewöhnte
+sich Arnold bald daran, Vormittags im Kontor Bücher seines Geschmacks
+zu lesen und an Nachmittagen sich überhaupt nicht mehr im Geschäft
+blicken zu lassen. Auf dem einförmigen Boden des Geschäfts- und
+Familienlebens wucherten seine Launen nun noch üppiger und bunter als
+vordem.
+
+Doch stand er bei seinen Eltern nicht minder hoch als bei seinen
+Freunden im Wert. Schon seit seiner Jugend, da er als »Wunderkind«
+frühzeitig aufsagen, lesen und schreiben gelernt, hatte sich ein
+großer Stolz auf ihn in ihren Herzen eingebürgert. Dann war er der
+Einzige geblieben, und immer lebhaft, bei den Mahlzeiten gesprächig,
+heiter und ausgelassen, was den Eltern Freude machen mußte. Auch
+zärtlich wurde er zu angemessenen Zeiten. Sie lobten ihn überall
+deshalb, in den nahen Familien wurde sein Beispiel als eines
+hochbegabten Musterknaben im Munde geführt. Einen Zirkel älterer Damen,
+der sich an regelmäßigen Nachmittagen bei Frau Beer einfand,
+entzückte er durch sein Klavierspiel. Die Freunde seines Vaters
+unterhielt er, bei ihren Kartenabenden manchmal, mit den letzten
+Kuplets, die in seinem Jugendkreise eben aufkamen. Er war der Liebling,
+die Hoffnung aller. Und Arnold fragte sich vergebens, wodurch er so
+viel Enthusiasmus erregt haben konnte. Ja es nützte auch gar
+nichts, wenn er einmal sich vornahm unliebenswürdig zu sein. Ein Besuch
+kam aus Berlin, eine Geheimratswitwe, schwarzgekleidet, überlaut und
+temperamentvoll, vor der er in einem fort seine Arme, Beine und
+Wangen in Sicherheit bringen mußte. Zur Strafe sprach er kein Wort
+mit ihr, erwiderte ihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst
+gleichgiltigen. Es half nichts, einige Tage nachher schickte sie ihm, in
+einem Brief an Frau Beer, spezielle Grüße, zerschmelzende: »Dem lieben
+lieben liebenswürdigen Sohn, den ich so schnell liebgewonnen habe.«
+»Aber warum denn? -- Ich hab sie gar nicht liebgewonnen. Ich war doch
+auch gar nicht lieb zu ihr« fragte er die Mama. »Du hast sie an ihren
+Sohn erinnert« war die Antwort. Er seufzte, sein guter Ruf war stärker
+als er ... Nur einmal, erinnerte er sich, in frühester Jugend war diese
+Weihrauchwolke um ihn zerrissen worden -- durch die Großmutter, die
+sonst in Wintertal lebte und nach einer von Spektakeln erfüllten kurzen
+Besuchszeit dahin wieder abreisen mußte. Sie hatte an allem etwas
+auszusetzen gefunden, auch ihm einmal einen Stoß vor die Brust gegeben,
+weil er ihr nicht schnell genug auswich, das wußte er noch genau ...
+Doch da sie als unverträglich bekannt war, man sprach von ihr als von
+einer »Furie«, dem »bösen Geist der Familie«, tröstete er sich schnell
+über diesen Mißerfolg und die alte Glorie war bald wieder hergestellt.
+-- Besondere Triumphe feierte er im Musikzimmer der Kurorte. Oder beim
+Kurkonzert, wo er in Potpourris die neuen, aber auch die altmodischen
+Opern wie »Zampa«, »Wasserträger« vom weiten erkannte, zum allgemeinen
+bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfüllte. Von
+solchen Philistern gelobt werden, pfui! Beschämt gestand er sich selbst,
+daß das nur daher komme, weil er seinen Mund nicht halten könne, immer
+gleich sagte, was er wußte. Er überlegte eben nicht, vor wem er sprach;
+jedes Publikum war ihm recht. Dann fiel ihm ein, daß ja wiederum solche
+Leute in keine andere als eine höchst bewundernde Stellung ihm gegenüber
+gehörten. Wenngleich er selbst sich für nichts Besonderes halte, diese
+dürften schon von ihrem Standpunkt aus ruhig es tun, ja sie müßten es,
+und kniefällig dazu. So mischte sich bei ihm Stolz und Ekelgefühl,
+Schmeichelei und Überdruß, und diese Mischung beschwingte ihn zwar
+nicht, doch drückte sie ihn auch nicht nieder, sie wurde seine
+gewöhnliche Atmosphäre ... Von allen Anfechtungen unbesiegt blieb er
+der charmante junge Mann, der gute Gesellschafter, die Seele des Heims,
+und selbst der Bruder der Mama, Poldi Goldberg, der als armer
+Verwandter mit der ganzen Familie zerfallen war, machte ihm gegenüber
+eine Ausnahme, dankte ihm freundlich auf seinen Gruß ... So hätte nicht
+viel gefehlt, daß er ganz in der Sphäre häuslichen Wohlgefallens
+eingeschlossen geblieben wäre, in der er so viel Beifall erntete; aber
+seine Eltern waren zu schwach, um ihn andauernd zu fesseln. Die Mutter
+eine sanfte Hausfrau, die alles in peinlichster Ordnung hielt, ohne daß
+man je ein lautes Wort aus ihrem Munde gehört hätte; der Vater mit
+all seiner nicht unbeträchtlichen Energie im Geschäft, sein
+einziges Glück »sich zu vergrößern«, daß heißt: den Laden jedes Jahr
+umzubauen, Wände durchzubrechen, Keller des Nachbarhauses mit
+seinem Hof zu verbinden oder wegen der Portale mit der Stadt zu
+prozessieren. Beide waren ordentliche gute gewissenhafte Leute,
+aber ohne jede Spur von Romantik, beide alt; und so wurde eben Arnold
+zunächst ins Eisigsche Haus, dann in die Kolonnen seiner Freunde
+getrieben, wo es so viel Resonanz für sein lautes Geschrei gab.
+
+Sein Kreis hatte sich indessen in den wenigen Jahren nach dem Austritt
+aus der Hochschule einigermaßen geändert; Arnold wußte selbst nicht
+recht, wie es gekommen war. Da er nicht mehr in die Vorlesungen
+ging, hatte er die regelmäßigen Treffpunkte mit einigen verloren.
+Andere blieben aus, weil er die studentischen Vereine nicht mehr
+besuchte. Mit Krause, der immer fanatischer das Jüdische
+herauskehrte und gegen die »Assimilanten« loszog, hatte er sich nach
+einem Wortwechsel ganz zerschlagen. Dafür war Philipp Eisig nach
+mehrjährigem Aufenthalt in Amerika wieder aufgetaucht, gänzlich
+verändert in seinem Äußern, einem eingeborenen Ur-Chicagoer nicht
+nur in der Kleidung, sondern zum Erstaunen auch in den Gesichtszügen
+gleich, als hätte das fremde Land ihn von Grund aus umgeboren. Die
+alte Jugendliebe blühte unverwandelt wieder auf und mit ihr auch das
+alte Pumpverhältnis. Während nämlich Eisig für die väterliche Firma
+große Reisen unternahm und jedesmal mit einem dicken Haufen von
+Banknoten, die er sich angeblich erspart hatte, in die Stadt
+zurückkam, wurde Arnold für seine kärgliche Betätigung mit einem
+schmalen Taschengeldchen abgefunden und hatte immer unbefriedigte
+Bedürfnisse. Eisig stotterte nun auch nur unbedeutend, das hatte
+er in einer Anstalt drüben sich abgewöhnt, und behauptete überhaupt in
+allem die Oberhand, mit seiner tiefen mürrischen, aber sehr
+entschiedenen Stimme, seinem wankenden Korpus, dem sich der breite
+Kopf nur ungern nachschob, so daß er manchmal in der Luft
+zurückzubleiben schien, unsicher schwebend. Er hatte jetzt breite
+Schultern, ein reines Gesicht mit flachem braunem Haar in Wellen, das
+in der Mitte gescheitelt war, fast wagrechte Augenbrauen, helle mutige
+Augen, den Mund regelmäßig, die Stirn kindlich. Und dieses neue
+Gesicht trug er mit derselben Selbstverständlichkeit wie die neue
+überseeische Tracht, den niedrigen, wie ein weißer Ring ganz
+zusammenschließenden Kragen, die schön hellgelben Stiefel, die
+nach vorn in Keulen statt in Spitzen ausliefen. Unter seinem sehr
+langen Rock -- er fiel bis fast ans Knie, ein unscheinbarer Stoff,
+doch von vollendetem Schnitt -- konnte man keine Weste vermuten,
+eher den Leibgurt eines Trappers oder Patronenreihen. Und ebenso
+bequem wallten die Hosen herab, oben breit, am Fußgelenk schmal,
+wallten wie Fahnen im Wind und man hatte das Gefühl, darunter müsse
+gleich das Fleisch nackt und gesund sich regen. So zog er mit Arnold
+durch die Nachtlokale der Stadt, von denen keines ihm wüst genug war,
+und statt diesen alltäglichen Dingen zuzuschauen, gab er lieber
+selbst einen Tanz zum Besten, einen lustigen Niggertanz, der ihm
+lauten Beifall eintrug. Da trappelte er mit kleinen Schritten,
+fast auf demselben Fleck, während die Arme aufwärts schwebten, sein
+Kopf sich langsam senkte, wie um den immer schnelleren Schritten immer
+genauer zuzusehn; dann warf sich der Kopf wieder empor, während
+die Füße abwechselnd im Cakewalk mit Spitze oder Absatz aufklopften;
+dann waren in die Hände plötzlich fremdartige Matrosenbewegungen
+gefahren, sie hoben ruckweise ein Tau oder sie schleuderten es
+unsichtbar in den Saal; zum Schluß glitten die Beine aus, ganz steif
+fiel der Körper hin, lag schon ganz schief dem Boden nah, hupfte aber
+unvermutet wieder gerade in die Höhe ... Der Clown verwandelt sich in
+einen Gentleman, der, die Hände in den Taschen, ohne Lächeln, ja mit
+trüben Augen an seinen Tisch sich zurückbegab, den Applaus
+überhaupt nicht hörend. Er beklagte sich darüber, daß es hier kein
+starkes Bier gebe. Er probierte die schwersten dunklen Sorten.
+Nichts. Er hatte sich eben, Gott verdamme es, an Ale gewöhnt ...
+Arnold war entzückt von solchen Kraftausbrüchen. Nun ließ er sich
+von Philipp in die Gesellschaft anderer Geschäftsleute und junger
+Börsengrößen führen, die Nachmittags in matten Glaszellen, hinten
+in einem großen Kaffeehause, an kleinen grünen Tischchen Karten
+spielten. Bald beteiligte sich Arnold, verbrachte mit dem größten Eifer
+Stunden um Stunden mit Mischen, Abheben und Aufschlagen, mit den
+lustigen Zwischenreden dabei, die überlaut klangen, weil sie kurz
+waren, fühlte sich gemütlich und doch kampflustig in den Hemdärmeln,
+schloß sich von keiner noch so gewagten Kombination aus. Er verliebte
+sich ganz in die schlechte aufregende Kaffeeluft; gab es keinen
+Tarock, so las er nächtelang Zeitungen. Alle Kellner kannten ihn
+schon und schütteten gleich Stöße von Tagesblättern neben ihn auf das
+Plüschsopha, wenn er sich niedersetzte. Eisig starrte neben ihm in
+die Luft oder malte Zahlen auf den Tisch, wie es überhaupt seine Art
+war, sich lange Weilen schweigsamen Berechnungen hinzugeben, über die
+er nie etwas Näheres verlautete, die aber den Eindruck von Verwicklung
+und oft auch Ärgerlichkeit machten, nach seinen dicken Falten auf der
+Stirn zu schließen. Oft kam auch Lambert und die Bummelclique ins
+Kaffeehaus, Arnold wunderte sich, wie bekannt Eisig mit allen war
+... Diese Art von Geselligkeit nahm ihn nun fast vollständig in
+Anspruch; dazu noch Bobenheims Ruderklub, dann Söhne von
+Geschäftsfreunden, die sich ihm nach und nach angeschlossen
+hatten, jeder mit irgend einer Passion, sei es Okkultismus oder
+Weiber oder Jagden, und die Arnold natürlich in der gewohnten Weise
+regierte. In Börsekreisen lernte er damals auch den jungen Walder
+Nornepygge kennen, einen Chemiker, der sich erfolgreich mit
+Erfindungen und Börsenspekulation befaßte. Die gemeinsamen
+Freunde, die das Zusammentreffen der beiden arrangiert hatten,
+waren überzeugt, daß die beiden so ähnlichen Charaktere, beide so
+tätig und so vielseitig, einander schnell verstehn würden. Doch
+unerwarteterweise stießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge
+äußerte später, daß er Arnold roh gefunden habe, und Arnold nannte
+den andern im vertrauten Kreise »einen eingebildeten melancholischen
+Narren«. Überdies, so setzte er fort, habe er keine Zeit und Lust zu
+neuen Bekanntschaften. Und wirklich war er immer noch außerordentlich
+beschäftigt, in Anspruch genommen, und davon war noch lange keine Rede,
+daß er endlich einmal Zeit zu seinen eigenen Arbeiten gefunden hätte.
+Schon die paar Stunden im Geschäft, nicht viele, aber regelmäßig
+einzuhalten, nicht nach Belieben zu schwänzen wie die Universität,
+fielen ihm lästig, behinderten ihn aller Ende. Im Geschäft machte er
+übrigens bald gar nichts mehr, auch für sich nichts, schon der bloße
+Gedanke, daß er dort Gelegenheit habe, allein zu sein und seine innere
+Tüchtigkeit und wirkliche Arbeitskraft also zu erproben, reizte und
+verdroß ihn, -- daß dies gewissermaßen ein Prüfstein sein könnte. Er
+erfand also allerlei Ausreden, wie den Lärm und die unziemliche
+Örtlichkeit, und nur in Briefen raffte er sich dazu auf, nebst
+schmetternden und daher eigentlich glanzvollen Klagen über den jetzigen
+Zustand baldige Änderungen in Aussicht zu stellen. Und im Anschluß an
+diese leeren Vormittagsstunden floß der ganze Tag wie von selbst
+schnell und lustig dahin, ohne daß Arnold jemals das ausgeführt hätte,
+was ihm im Sinne lag. »Ja, stärker wie Löschpapier bin ich eben nicht«
+seufzte er manchmal, in humoristischer und doch selbstanklägerischer
+Weise ... Im ganzen war sein Umgang jetzt um einiges weniger geistig
+als vorher, doch er selbst war genau derselbe geblieben, immer tätig
+und befeuernd, auch mit großer Behaglichkeit, wenn er unter
+Menschen war; immer auf dem Sprung, sich in ein neues Abenteuer zu
+werfen, immer unterwegs, im Wagen oder zu Fuß, wie er sich denn auch
+eine eigene, besonders schnelle Gangart angewöhnte, mit weit
+gespreizten Beinen, um den vielfachen Rendezvous halbwegs zu genügen
+-- und da hatte die Mutter gut sagen: »Kleine Schritte machen,
+Arnold, kleine Schritte.« Sie fand nämlich, daß seine schöne aufrechte
+Statur unter diesem Galoppieren litt ... Welches Vergnügen fand er nun,
+beispielsweise, daran, eine regnerische Abendstunde bei seinem Schneider
+zu verbringen, in der hübschen und wohlgeheizten Probierstube, die eng
+wurde durch allseits anrückende Stellagen, behangen mit Röcken und
+Hosen. Lässig an den Pult gelehnt sah er dem alten Herrn zu, der
+mit geübter Hand die scharfe Kante seiner Talgkreide, dieser
+angenehm-klebrigen gelblichen Fläche, über die Stoffe wandern ließ und
+dann eine Schere -- sie war so schwer, daß sie bei jedem Schnitt
+herabzusinken schien -- die schnell geschwungenen Linien entlang in das
+Dunkel der hingebreiteten Stofflagen führte. Arnold bewunderte ihn, wie
+jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, aufs innigste. Und dann kamen so viele
+Bekannte hin, um sich Maß nehmen zu lassen oder zu probieren wie er,
+man plauderte, der Schneider erzählte die neuesten Anekdoten, empfing
+neue von den Kunden dafür, es war ein heiteres erbauliches
+Stelldichein, in dem man doch immer durch den Anblick des Chefs, der
+bei aller Artigkeit und allen Scherzen eifrig sein ruhiges Geschäft
+weiter besorgte, vor dem Gedanken völligen Faulenzens, wie etwa im
+Kaffeehaus, bewahrt blieb. Man ging auf und ab, setzte sich auf die
+roten Holzsophas, die mit ihren dünnen Stäbchen (wie Möbel beim
+Photographen) einen zerbrechlichen Eindruck machten, stellte sich in
+Gruppen oder wandte sich in einer zierlichen Langweile ab, um ein
+Modegruppenbild an der Wand zum hundertstenmal zu studieren, über
+die Ideen und möglichen Beziehungen dieser Leute zu einander
+nachzudenken, die doch nur jeder wegen eines andern Kleidungsschnittes
+auf dasselbe Blatt gemalt waren, also im Grunde ebenso zufällig und
+ohne innern Trieb beisammen wie die wirklichen Menschen in diesem Raum;
+plötzlich aber lachte man auf über einen Witz, der hinter dem Rücken
+einem andern erzählt wurde, schwang sich wieder zu ihnen herum,
+fühlte wieder einen wärmenden menschlichen Zusammenhang in der
+beinahe starren Brust. O diese leisen Stimmen, das feine Kommen und
+Gehn über Teppiche hin, die gebeugten Köpfe, von denen der schöne Hut
+sich entfernt, diese Blicke, still und verbindlich, mit denen ein
+geeigneter Platz für den Schirm im Schirmständer gesucht wird, o diese
+Wunder einer zivilisierten Gegenwart, einer vornehmen reichen
+Stadt, diese laue Luftströmung unserer gefühlvollen Höflichkeiten!
+Und dazu klatschte der Regen an die Scheiben, es war nicht ratsam
+fortzugehn, man sah hinaus auf die belebte Gasse mit eilenden
+Menschen, deren Schirme im Wechsel der Beleuchtung sich unaufhörlich
+zu drehn schienen und wie schwarzes Glas funkelten, und in die
+gelberleuchteten Auslagen gegenüber, die mit all ihrer Pracht im Kot
+zu zerfließen drohten ...
+
+Arnold liebte jetzt solche Orte, an denen man viele Leute sah und
+Anregung hatte. Er besuchte alle Bälle, die Rennbahnen, die
+Tennisturniere. Ohne irgendwo als Mittelpunkt aufzufallen, eignete er
+sich schnell die entsprechenden Umgangsformen und Gewohnheiten an,
+entwickelte dann in ihrem Rahmen einen solchen Enthusiasmus, eine
+solche lustige Unbekümmertheit, daß stets ein Kreis bedürftiger und
+weniger erfinderischer Köpfe ihm Gefolgschaft leistete. Der
+harmlose Leichtsinn, mit dem er alles mitmachte, hatte von außen
+gesehn etwas Sympathisches, und graue würdevolle Herren klopften ihm
+manchmal auf die Schulter als einer Zierde und Hoffnung der Stadt,
+erfreut über sein frisches Gesicht, das gesunde Aussehn, die
+flotte Konversation, sie machten träumerische Augen, als dächten
+sie an ihre Jugend, als hätten sie eine Erinnerung ihm mitzuteilen,
+gerade ihm: daß sie früher mal es auch so getrieben, ach lange
+lange vorbei --, als unterdrückten sie eben das alles, um ihn nicht
+aufzuhalten und weil das ja keinen Zweck habe. Das alles lag
+manchmal in solch einem anerkennenden Auf-die-Schulter-Klopfen, mit
+dem sie ihn zugleich wegschoben, wieder in das Fest hinein ... Arnold
+kannte bald alle wichtigeren Personen der Stadt, mehr oder weniger
+flüchtig. Einigen Spaßvögeln gegenüber, die ihm besonders gefielen
+und die ihn nicht minder schätzten, hatte er die Gewohnheit
+angenommen, sich gegenseitig in scheinbarer Rührung um den Hals zu
+fallen, so oft sie einander trafen. Dabei begleitete ihn immer noch der
+Ruf besonderer Bildung, besonderer Begabung; und wenn er hie und da ein
+kleines Klatsch- und Unterhaltungsfeuilleton im lokalen Blatt
+veröffentlichte, gleich hieß es: »Sie sind aber fleißig! Wo nehmen Sie
+nur all die Zeit her?« und neidisch fast: »Na, ich gratuliere.« Er
+erschrak immer bei so billigem Lob, fand aber zugleich etwas
+Angenehmes dabei, wie Betäubung, wie Halbschlaf. Selbst dachte er
+immer unlieber über sich nach. »Ich bin halt eine Fernwirkung«
+stellte er bei sich fest »von fern schaut's nach was aus, was ich
+treibe. Aber wenn man's näher anschaut ...« Nun näherte er sich bald
+dem Dreißigerjahr und eigentlich hatte er noch immer keine irgendwie
+begründete Lebensstellung, frettete sich so im Nebenberuf als
+Anhängsel seines Vaters durch, dessen Geschäft er ja später einmal
+erben würde -- ja, aber eben so sicher auch ruinieren. Seine einzige
+Hoffnung, sein Rückzug gleichsam auf sich selbst, war in dieser Zeit
+-- nichts anderes als seine Markensammlung, die er auf Lamberts Rat
+und mit dessen Vermittlung durch beträchtliche Ankäufe vermehrte.
+Die gedachte er gelegentlich vorteilhaft loszuschlagen, nach Senff
+besaß sie jetzt schon einen Wert von fünfzehntausend Mark, und mit
+dem auf diese Art selbstverdienten kleinen Kapital wollte er
+sodann etwas Selbständiges und Ehrenvolles beginnen, in irgend
+einem fremden Land, eine Buchdruckerei in Amerika vielleicht, endlich
+einmal Ruhe und wirkliche Unternehmungsfreude haben. Liebevoll pflegte
+er also diese Sammlung, mit großem Ernst schrieb er alljährlich in
+kleinen Bleistiftziffern den erfreulich steigenden Wert unter jede
+Marke; wobei er sich natürlich nicht verhehlte, daß der wirkliche
+Verkaufswert kaum mehr als die Hälfte des angegebenen Katalogwerts
+ausmachte. Aber auch er hatte ja die Marken nicht teurer als zum
+halben Wert gekauft, noch dazu bei niedrigeren Preisen, gegen diese
+Art von Kapitalsanlage war also nichts einzuwenden. Und mochte auch
+der Vater diese ganze Sammlerei als dumme Verschwendung, als
+hinausgeworfenes Geld beschimpfen, Arnold konnte mit gutem Recht
+einwenden: »Und wo wäre das Geld, wenn ich es nicht für Marken
+ausgegeben hätte? Ich hätte es für andere Dinge ausgegeben und jetzt
+hätte ich gar nichts davon.« »Und was hast du jetzt davon! Großartig!
+Du meinst doch nicht, daß dir irgendwer für die Papierl etwas gibt?«
+Arnold bestand darauf, daß Marken ein Wert wie jeder andere sei. »Aber
+die Zinsen?« jammerte der Vater, in die Enge getrieben. Arnold
+lachte ihn aus: »Vierzig Knöpfe jährlich!« und wußte überhaupt für
+jeden Grund Gegengründe in Masse, da war er ja in seinem Element. --
+
+Einmal vertrat ihm Eisig den Weg, dessen Gewohnheit es war, von der
+Seite plötzlich heranzukommen und mit der ganzen Masse seines Leibes
+sich dem Angeredeten in den Weg zu stellen: »Du, was sagst du zu
+Blériot?«
+
+Es war die Zeit, in der die Aviatik ihre ersten Erfolge zum Staunen der
+ganzen Welt errang. Die Brüder Wright hatten sich mit ihren Apparaten
+in beträchtliche Höhen erhoben, Zeppelin war mit seiner ersten Reise
+glücklich gewesen, Blériot hatte den Ärmelkanal überflogen ... Eisig,
+der eben von einer Tour aus Frankreich kam, wußte Wunderdinge zu
+erzählen. Er hatte zum ersten Mal Aeroplane gesehn, ja es war so weit
+gekommen, daß er einmal in Reims, als man in die Restauration von
+der Gasse hereinrief, draußen fliege eben ein Luftschiff über die
+Stadt hin, gar nicht vom Tisch aufgestanden war, so sehr war er an
+diesen Anblick schon gewohnt. Er hatte auch bereits ein Projekt:
+man müsse Blériot einmal in der Heimatstadt fliegen lassen, wenn nicht
+ihn, so doch wenigstens einen Schüler. Das koste nicht viel und man
+könne damit ein gutes Geschäft machen.
+
+Arnold wäre nicht er selbst gewesen, wenn ihn die Neuheit dieser Idee
+nicht sofort gepackt hätte. Er geriet in Entzückung, beschwor den
+Freund um nähere Einzelheiten. Wie sehe so ein Aeroplan aus? Wie
+ein Vogel? Sei er groß, so groß wie die Gasse, größer, nein kleiner?
+Eisig antwortete, mit seiner tiefen Stimme, der die Langsamkeit der
+Aussprache stets einen Beiklang von Verdrossenheit gab, und damit
+kontrastierte merkwürdig genug die Zielbewußtheit, die List, die aus
+den Worten selbst sprach. Auch war sein Hals kurz und dick, beinahe
+null, so daß das dicke Kinn an die Brust stieß, und wollte er einmal
+lauter reden, ein Wort besonders betonen, so hob er nicht den Kopf,
+sondern senkte, um den Mund besser zu öffnen, mit fauler Miene das Kinn
+noch mehr, so daß es sich in Falten und mehreren Lagen über einander
+über die Kravatte hin ausbreitete. Für Arnold hatte dieses Stockende,
+Langsame, ihm so Entgegensetzte von jeher einen besondern Reiz
+gehabt ... Heute bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des
+»Bürgerklubs« ausließ, obwohl er dort neulich als jüngstes Mitglied in
+den Ausschuß gewählt worden war. Er nachtmahlte mit Eisig im »Schweizer
+Keller« und schon zwischen Vorspeise und Braten war der Plan fertig:
+ein Konsortium zu bilden, zwecks Veranstaltung des ersten hiesigen
+Schaufluges.
+
+Am nächsten Nachmittag konstituierte man sich. Eisig hatte noch
+einige Herren mitgebracht, von denen Arnold nur Lambert näher kannte.
+Es wurden sofort Listen angelegt, um die reichsten Mitbürger zu einem
+Garantiefond heranzuziehn. Man mußte nun von einem zum andern fahren,
+ihm die Wichtigkeit, kulturelle und andere, des Unternehmens vorhalten,
+den sichern Gewinn, mußte die Regierung einladen, das Militär.
+Arnold überlegte gerade für sich, daß er sich da wieder in eine
+hübsch zeitraubende Geschichte verwickelt habe; da schlug Eisig vor,
+ihn zum Obmann zu wählen. Es geschah mit freudiger Akklamation.
+
+Unser Held hatte, wiewohl er sich darüber nicht klar war, im Grunde
+nichts anderes erwartet; pflegte er sich selbst doch manchmal in
+ironischer Laune den »geborenen Vereinsobmann« zu nennen. Wie vielen
+Ballkomitees, wie vielen Versammlungen hatte er schon präsidiert!...
+Nun rannte er in die Sache gleich mit dem frischesten, und doch
+gleichsam auch schon geübten Anlauf hinein. Zunächst die Presse. Man
+beherrschte sie durch Gottfried Eisig und da machte Arnold doch noch
+einmal eine Anleihe bei seiner ehemaligen jugendlich-gegenstandslosen
+Beredsamkeit, indem er gänzlich ohne Fachkenntnis, nur aus ein paar
+andern Zeitungsartikeln und dem Rest der Gymnasialbildung einen
+neuen Artikel zusammenkochte, und was für einen strahlenden, über die
+»Eroberung der Luft«. Er begann mit Ikarus, selbstverständlich,
+widmete sich in aller Kürze den Brüdern Montgolfier, wobei die drei in
+die Gondel mitgenommenen Tiere zu leichthumoristischer Wirkung
+gelangten, entfaltete sich behaglich über das Los der unglücklichen
+Erfinder von ehemals, über das Unmögliche und unmöglich Scheinende
+(Quadratur des Zirkels, Stein der Weisen, Röntgenstrahlen, drahtlose
+Telegraphie), gewann allgemach Donnerkräfte, besang in sparsamer
+Daten-Melodie, aber mit einer Begleitung rauschender vollgriffiger
+Begeisterungs-Akkorde die letzten Fortschritte der Menschheit,
+wobei einige Impressionen Eisigs zu geschickter Wirkung kamen,
+schüttete nun, oben angelangt, fast ohne Atem, wie aus einem
+Füllhorn auf die staunenden Heimatsgenossen die Verheißung nieder,
+daß man derartiges vielleicht bald auch in allernächster Nähe zu sehen
+bekommen werde, gipfelte aber klugerweise nicht in diesem Effekt,
+sondern in einer kurzen farblosen Bemerkung über die Flugwoche in
+Brescia. -- An anderer Stelle des Blattes wurden sachlich die Namen
+der Arrangeure und ihr Programm bekannt gegeben. Anfragen und
+Nachrichten an die Adresse: Arnold Beer u. s. f.
+
+In den nun hereinbrechenden Konferenzen bewies sich Arnold als fest
+und schlagfertig, geduldig und kühn, ja mit der Größe der
+Veranstaltung schienen sich seine Kräfte zu vervielfachen. Man hatte
+mit den Fliegern in Frankreich zu korrespondieren, die von allem
+Anfang die unverschämtesten Preise verlangten, wie beleidigt und
+zugleich stolz gemacht als echte Franzosen durch die Zumutung, daß
+sie ins Ausland sollten. Dagegen drängten sich Deputationen der
+Vororte heran, von denen jeder den schönen Vorrang und Profit des
+ersten heimatlichen Fluges einheimsen und jeder daher den
+geeignetsten Platz zur Verfügung stellen wollte. Indessen wählte das
+Komitee, um dieser Eifersucht auszuweichen und auch aus technischen
+Gründen angeblich, eine weite Wiesenfläche in der Nähe von Waldbrunn,
+dem kleinen Kurort nahe der Stadt. Jede Etappe der fortschreitenden
+Verhandlungen veröffentlichte Arnold in handfertigen Artikelchen;
+es wurde bald zum Stadtgespräch, daß die Eisenbahndirektion in
+entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte,
+während sonst die Züge nur in der nahegelegenen Stadt Bischofstein
+hielten, daß sogar ein Nebengeleise zum Flugplatz gelegt wurde, daß
+die Postverwaltung ebenso liebenswürdig die Aktivierung eines eigenen
+Post- und Telegraphenamtes mit der Stampiglie »Waldbrunn-Aerodrom« für
+die Dauer der Aufstiege zugesagt hatte. Die städtischen Omnibuslinien
+nahmen Sonderfahrten in Aussicht, die Hotels erwarteten großen Zuzug
+vom Lande und sicherten sich Privatzimmer, die Polizei entwarf Pläne
+für diese neue schwierige Aufgabe, auch die Militärbehörde wurde
+unruhig. An den Straßenecken, in den Wagen der Straßenbahnen machten
+sich die ersten Plakate bemerkbar, Witze begannen zu kursieren.
+
+Und all dies im Zuge erhalten, bewegen, treiben und wieder
+beruhigen, war Arnolds Aufgabe. Eisig und die andern besorgten das
+Geschäftliche, die Verrechnungen, den Kampf mit den Lieferanten, das
+Engagement des Aviatikers, den Kern der Sache gleichsam, alles
+hingegen, was das Äußere betraf, Repräsentation und ehrenvolle Fassade
+gegen die Mitbürger, oblag Arnold, und es zeigte sich bald, daß das
+Komitee allen Grund gehabt hatte, ihm diesen Verkehr mit der Welt zu
+übertragen, denn an vielen Stellen, wo er vorfuhr und Anhänger
+warb, sagte man ihm: »Wir tun's nur Ihretwegen. Sonst scheint uns
+ja die ganze Sache nicht sehr reell.« Man fragte ihn nach der
+Solidität dieses und jenes Mitglieds, einer wollte sogar wissen, daß
+der Grund, den das Aerodrom beanspruchte, vorher von Lambert gekauft
+und durch einen Vormann dem eigenen Konsortium gegen gehörigen
+Preisaufschlag weiterverkauft worden sei. Entrüstet wies Arnold
+derartige Anwürfe zurück, was für Verleumdungen, und in seinem Innern
+war er eigentlich nur darüber verwundert, daß diese jungen Leute,
+die mir ihrem Schliff die vornehmsten Gesellschaften in Erstaunen
+zu setzen pflegten, doch irgendwie aus rätselhaften Gründen nicht für
+voll angesehen wurden, wie sich jetzt herausstellte, während er,
+Arnold, ein redliches Ansehn genoß. Doch dachte er darüber nicht
+weiter nach, nahm solches nur für die üblichen Schwierigkeiten,
+die sich großen unvorhergesehenen Unternehmungen seit jeher in den Weg
+stellen müßten, und nicht etwa in seinem Vertrauen machte es ihn
+wankend, sondern wie ein leises Prickeln der Gefahr drängte es ihn
+nur noch ungeduldiger vorwärts, trieb ihn noch mehr, alle Kräfte
+aufzubieten, das Zerbröckelnde zu stützen mit den Armen eines Atlas,
+und zu leisten, was nur zu leisten war, in eigener Person. Er kam
+nun oft von früh bis Abend nicht aus dem Automobil. Das Telephon
+hörte nicht auf zu klingeln. Mittag war er einmal bei Tisch so
+zerstreut, daß er die Suppe mit der Gabel zu essen versuchte.
+Ängstlich sahn ihm die Eltern zu. »Ich warne dich«, sagte der
+Vater, »aber du machst ja doch nur immer, was du willst.« -- »Er ärgert
+sich, weil ich jetzt überhaupt nicht mehr ins Geschäft komme,«
+registrierte der Sohn und war im Grunde seines Herzens froh, daß er
+nun auch die Vormittage mit geistsprühender geselliger Tätigkeit
+anfüllen konnte. Er schlief jetzt nur wenige Stunden, so daß er
+morgens vor dem Spiegel manchmal erstaunte, gleich nach dem Aufstehn,
+wie unversehrt noch seine Nachtfrisur auf dem Kopfe stand, noch
+gescheitelt und noch wie zusammengepreßt vom Rauch der Weinlokale.
+Aber unter der Stirn ging es wirr und polternd, die Ideen wie
+Steinlawinen. Er überredete Bobenheim und seine Sportsfreunde dem
+Komitee beizutreten und durch das Ansehn dieser wirklich patrizischen
+Familien, nicht solcher Windbeutel, befestigte sich nun die allgemeine
+Neigung, mit ihr die Sicherheit des Unternehmens. Die Beiträge liefen
+jetzt beträchtlicher ein. Der Landesausschuß gab eine Subvention.
+Man trug sich mit Unerhörtem, nach dem ersten Flug sollte ein
+ganzer Zyklus veranstaltet werden, ein Wettbewerb der verschiedenen
+Systeme, ein Rundflug über viele Städte hin, man wollte die
+Maschinen kaufen und eine Schule gründen, das Aerodrom sollte
+jedenfalls für ständige Veranstaltungen stehen bleiben. Kurz, Arnold
+glaubte endlich den Beruf gefunden zu haben, für den er paßte. Wer
+weiß, vielleicht lernte er selbst fliegen, vielleicht gelang ihm
+eine epochemachende Verbesserung, und, von dort aus gesehn, würde dann
+sein ganzes Leben bisher einen Sinn bekommen, alle seine mannigfachen
+Kenntnisse und Beziehungen würden ihn dann wie nach einem Plan zu
+diesem großen Ziel hingeleitet haben. Er hatte jetzt nichts im Kopf
+wie diese ungeheure Zusammenfassung seines Seins in einer nahen
+stürmisch-blitzenden Zukunft, und nur wie ein dunkler Wind wälzte sich
+noch der Schwall anderer Lebensverknüpfungen hinter ihm her, die
+Vergangenheit mit ihren Ansprüchen, die er möglichst schnell und
+nebenher abtat.
+
+Draußen in Waldbrunn erhoben sich schon die gelben rohen Holzplanken
+des Aerodroms, und für Arnold, der auch die ganze Korrespondenz
+besorgte, war aus ein paar Brettern mitten im Bauplatz ein kleines
+Zimmer errichtet worden, sein Bureau. Er arbeitete zwar das Wichtigste
+in der Stadt, im Palasthotel, in dem das Komitee über einige Zimmer
+verfügte, doch fuhr er gegen Abend täglich auf den Rennplatz
+hinaus, um sich vom Fortgang der Arbeiten selbst zu überzeugen, oft
+brachte er auch Journalisten, Offiziere, Sportsleute, Gönner mit.
+Und da fand er, daß ihm manchmal da draußen, im kühlen Abend, aus
+der wehenden duftenden Waldluft, die besten Gedanken kamen --
+sofort schreiben, Brief aufgeben, das war ihm Bedürfnis, und da man
+ja im Kleinen das Geld nicht sparte, das ganze Komitee vielmehr die
+herrlichsten Dinge je nach Geschmack der einzelnen, in Erwartung
+des sichern Glücks, herunterschluckte, hatte er eiligst dieses
+»Wigwam«, wie er es nannte, sich bauen lassen. Nirgends noch hatte er
+sich so wohl gefühlt wie zwischen diesen schnell zusammengenagelten,
+groben, harzig-riechenden Brettern, die man nicht anrühren durfte,
+ohne einen Span in die Finger zu kriegen, und die nicht einmal bis
+ganz auf den Boden reichten, so daß man untendurch den Wiesenboden
+sah, die Schuhe der Vorbeigehenden. Herein klangen unaufhörlich
+Hammerschläge und Kommandorufe, ein rhythmisches Pfeifen, schwache
+Stimmen verwirrt. Man fühlte förmlich das Werk, wie es rüstig
+wuchs, wie es mit wonnevollem Gebraus aus dem Tal gegen die
+Waldanhöhen hin emporstieg, und Arnold, der sich als das Herz dieses
+Lebens fühlte, seinen Willen im entferntesten Maurerjungen noch,
+schrieb auf elegantem bläulichen Briefpapier, das eine Art Wappen
+des Konsortiums in Reliefpressung trug, seine befehlshaberischen
+oder einschmeichelnden Manifeste. O hier war er zu Hause, hier hatte
+sein Leben, das fühlte er wohl, zum erstenmal einen Höhepunkt
+erreicht. O Gott, hier sich einklammern, dachte er, um diesen
+Mittelpunkt Zellen ansetzen, sonst komme ich nie zum Eigentlichen.
+Aber was ist es denn, das Eigentliche im Menschenleben, das,
+weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr eine
+Phantasie von mir? Vielleicht habe ich dieses Eigentliche schon einmal
+in der Hand gehabt und habe es nicht gewußt. Vielleicht geht es allen
+Menschen so wie mir. O nein, vielleicht erlebe ich eben jetzt das
+Eigentliche oder marschiere geradeaus darauf los ... Seine Angst
+verschwand, er atmete tief und kühl, er schaute einen Augenblick durch
+das kleine Fensterchen in die Sonne, die dem Untergang entgegenzitterte.
+»Die ist doch das größte Etablissement hier in der Nähe« sagte er leise
+vor sich hin, wie einen kleinen verliebten Witz, ein Kompliment, als
+stünde er auf du und du mit dem roten Gestirn, als streichle er diese
+Fläche, von der jetzt wie von einer ungeheuren Pfanne aus die letzte
+Hitze emporschlug. Und er errötete bei diesem Gedanken, als fühle er
+sich heute, in der Blüte seiner Energie, einer solchen Freundin nicht
+unwürdig. Man konnte jetzt den Glanz dieser Sonne mit dem Blick schon
+aushalten, man sah ihre Kreiseinfassung deutlich als dünne zitternde
+Linie, und die gelbe glänzende Fläche schien gleichsam tiefer in den
+Himmel hineingedrückt, wie eine Münze mit scharfem Rand ...
+
+Abends nach getaner Arbeit überfiel ihn ein ruhiger tiefer
+Glücksrausch. Er kreuzte die Arme und trat aus seiner Brettertüre ins
+Freie, fühlte den schwachen Waldwind an seinen Schläfen, in die
+Haare hinein, und obwohl er gar nicht wußte, wohin mit all der
+Kraft, machte er keine Bewegung, sie abzuleiten, ließ gleichsam den
+Deckel über seine inwendige Zufriedenheit stürzen und sie sorgsam gar
+kochen in ihrem eigenen Dunst ... Manchmal rief er auch die Kinder zu
+sich, die von der Straße her dem bewegten Arbeitstreiben zusahn, und
+begann mit ihnen zu spielen. Es waren Dorfkinder und Kinder von
+Waldbrunner Kurgästen, alle freuten sich über das, was da gebaut
+wurde, waren gespannt auf das Kommende, verstanden am Ende mehr
+davon als ihre erwachsenen blasierten Eltern. Arnold liebte Kinder;
+unter ihnen erwachte seine noch kaum verschwundene Lust am
+Fußballspielen aufs neue, sein Vergnügen an jedem tollen
+Herumschrein und Vorwärtsstürmen, sein oft sinnloses Kommandieren und
+Kommandiertwerden. Von Zeit zu Zeit, wenn er zufällig in eine
+Kindergesellschaft geriet, fühlte er sich auch immer schnell als
+einer der ihren, fand unter ihnen Trost gegenüber dieser langsam
+klebrigen Welt, ohne jedoch ein Prinzip daraus zu machen, sondern
+von einem zum andern Mal vergaß er diesen Eindruck und war immer aufs
+neue überrascht ... Einmal arrangierte er jetzt, in Waldbrunn, ein
+Wettrennen längs des Waldsaums. Der blonde Gerhart, ein großer Junge
+von etwa fünf Jahren, fiel über jede Baumwurzel hin, endlich aber
+so derb, daß er zu schrein anfing ...
+
+Eine Dame eilte heran und Arnold begann sich bei ihr zu entschuldigen.
+
+»Im Gegenteil, sie haben ganz recht, Wichse verdient er, tüchtige.«
+
+Jetzt erst, erstaunt über diese in devotem Ton hervorgebrachte und,
+wie ihm gleich auffiel, ziemlich unsinnige Rede, blickte Arnold die
+Dame an, während er bisher nur an dem kleinen quäkenden Kerlchen
+herumgearbeitet hatte, um ihm einen Schmutzfleck von der Nase zu
+wischen ... Es war eine große auffallende Blondine, die er schon
+mehrmals gesehn haben mochte, und nun wußte er auch, wo: sie hatte ihm
+einigemal, wenn er hier auf Bauplätzen und Gerüsten herumregierte,
+mit einer Andacht zugesehn, die ihm zugleich schmeichelhaft und
+widerlich vorgekommen war, ohne daß er sich übrigens viel um sie
+bekümmert hätte.
+
+»Aber verzeihn Sie, gnädige Frau ...«
+
+»Ich bin nur die Gouvernante« entgegnete sie in einem Ton, als könne
+sie sich nicht schnell genug demütigen. »Im Gegenteil, ich habe Ihnen
+zu danken, Herr Beer ...«
+
+»Sie kennen mich ...«
+
+Sie lächelte und nickte: »Par Renommée! Ich war einige Jahre bei
+Grünbaum, bei der jüngeren Schwester des Herrn Technikers Grünbaum. Da
+hat man so oft von Ihnen geredet und immer nur das beste ...«
+
+Etwas, was nicht oft geschah: Arnold wurde verlegen, errötete sogar
+ein wenig. Er konnte sich im Augenblick absolut nicht vorstellen,
+welches Gute denn die Schwester Grünbaums mit ihrer Gouvernante von ihm
+gesprochen haben dürfte ... Als müsse er so unverdientes Lob abwehren,
+stotterte er: »Dafür treffen Sie mich jetzt in einer Situation ...«
+
+»O nein, ich bewundere Sie ja -- wie Sie sich auch noch mit Kindern
+abgeben können, ein so beschäftigter Mann ...«
+
+»Ja, ich treibe viel unnützes Zeug,« seufzte er.
+
+»Unnütz? O wer dürfte das sagen. Im Gegenteil ...« Sie stockte, und
+Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon
+zweimal in der kurzen Weile gebraucht hatte, ein wenig zappeln zu
+lassen. Endlich fuhr sie fort: »Was Sie leisten, davon erzählt ja die
+ganze Stadt.«
+
+»Was man erzählt, das ist nicht immer wahr.«
+
+»Sie sind zu bescheiden, Herr Beer, ich habe es ja auch selbst gesehn
+... nur in den letzten Tagen zum Beispiel ...«
+
+»Das war ein hübscher Oberleutnant neulich ... was?«
+
+»Wollen Sie mich auslachen?« Sie machte ein beinah beleidigtes
+Gesicht, mit gerunzelter Stirn, doch etwas störte die Wirkung des
+Gekränkt-Aussehens: die Wichtigkeit und der durch nichts geforderte,
+allzu liebevolle Ernst, mit dem sie das Folgende erklärte: »Sie
+meinen, daß ich auf buntes Tuch fliege? O nein, das imponiert mir gar
+nicht ...«
+
+»So, so ...« Arnold schüttelte den Kopf. Obwohl ihn diese Beobachtung
+wenig interessierte, fand er bei sich, daß das Fräulein allerdings so
+aussehe, wie er sich im allgemeinen Frauen oder Geliebte von Offizieren
+vorstellte. Sie war groß, blondhaarig, eine »Fernwirkung«. Ihr
+starker, doch nicht mehr als anmutig geschwellter Busen zog die
+Blicke auf sich. Im Gesicht aber lag eine eigentümliche Disharmonie.
+Arnold durchforschte es, kam jedoch zu keiner Erklärung dieses
+Eindrucks ... Dabei hatte er sich langsam neben dem Mädchen, das den
+Knaben an der Hand führte, in Bewegung gesetzt. Er redete etwas vom
+Militär, ganz unklare Dinge, denen ein aufmerksames Lauschen seitens
+der Dame begegnete. Er wußte kaum, was er sprach. Vielmehr war er
+einzig damit beschäftigt, unter dem Vorwande, daß er die Mütze des
+Knaben studierte -- der Knabe ging zwischen ihm und dem Fräulein --
+zu bemerken, wie bei jedem Schritte des Knaben über dem roten Bummerl
+der Mütze die schöne weibliche Hüftenrundung im blauen Rock
+auftauchte und wie eine Welle wieder versank, er sah das mit jenem
+Anflug willenloser Schläfrigkeit, die den Beginn sinnlicher Erregungen
+zu begleiten pflegt. Dabei hörte ein Widerstand, eine Art von
+Ekel, nicht auf, sich in seinem Innern fühlbar zu machen. Plötzlich
+hatte der Widerstand gesiegt, Arnold wachte auf, und begann nun die
+Scheinbeschäftigung mit dem Knaben in eine wirkliche umzuwandeln. Er
+brach mitten im Satz ab, neigte sich wieder, und während sie durch
+den Wald weiter dem Kurörtchen zuschritten, kitzelte er das Kind
+links am Ohr, indes er sich rechts von ihm hielt. Gerhart sah zum
+Fräulein auf. Nun zupfte ihn Arnold geschwind am rechten Ohr und
+schaute sofort in die Luft. Der Knabe aber verstand schon den Witz und
+drehte sich mit wütendem Gelächter gegen Arnold, um ihn ins Knie zu
+boxen. »Wirst du nicht unartig sein!« ermahnte die Bonne und wollte
+ihm in die Hand fallen. Inzwischen hatte aber auch Arnold eine
+Abwehrbewegung gemacht und so trafen sich vor seinem Bein plötzlich
+die drei Hände. Die des Kindes löste sich gleich wieder los, um mit
+aller Gewalt auf Arnolds zweites ungeschütztes Knie loszuschlagen;
+aber die Finger des Fräuleins und Arnolds blieben fest beisammen,
+verschlangen sich einen Augenblick lang ineinander, während auch
+ihre Blicke offen ineinander tauchten. Beide waren still; eine
+herrliche Gelegenheit für den kleinen Rangen, mit beiden Fäusten auf
+Arnolds Knie sich der Rache hinzugeben. Und er trommelte, bis Arnold
+mit gleichgültigem, gar nicht mehr kinderfreundlichem Schub ihn
+abschüttelte ...
+
+Sie hieß Feistnig und stammte aus Deutschböhmen, aus dem Erzgebirge.
+Ihre Eltern waren sehr arm, er solle nur ja nichts anderes dahinter
+vermuten, ein armer Bauer, eine arme Spitzenklöpplerin; und deshalb
+mußte sie dienen. Übrigens hatte sie die Lehrerinnenbildungsanstalt
+absolviert, ja gelernt hatte sie etwas, Gott sei Dank. Einer ihrer
+Lehrer habe sie heiraten wollen, aber das hatte sie ausgeschlagen,
+weil er ein Witwer war. »Ein Wittmann hat zwei Herzen.« Nein, das
+mochte sie nicht. An Heiratsanträgen war kein Mangel. Mochte Gott
+wissen, was die Leute an ihr fanden ... Arnold machte ihr ein
+Kompliment ... Sie erzählte schon etwas von einem Berg und einem
+Bach bei ihrem Heimatsdorfe. Wenn sich ein Mädchen in einer
+Märznacht in diesem Bach wasche, dann werde sie schön. »Und das
+habe ich ein paar Jahre hinter einander gemacht, so dumm war ich. Ja,
+wenn man jung ist. Ja die Heimat ...« Diese sanfte Poesie fand
+Arnold unausstehlich, diese schwärmerischen Augen. Zudem bemerkte er
+mit Mißvergnügen, daß das Gespräch immer wieder stockte, daß es ihn
+solche Mühe kostete, als müsse er jeden Augenblick es von neuem
+anknüpfen. Er hatte das Gefühl, als mache er mit jeder seiner Fragen
+eine wichtige und schwierige Erfindung, die indes von seiner Partnerin
+nur ganz oberflächlich ausgeschöpft wurde; und im nächsten Moment
+stand er schon wieder vor der Notwendigkeit, etwas Neues zu erfinden.
+Also los, er gab sich einen Anlauf und fragte sie nach ihrem
+Vornamen. Sie wollte ihn nicht sagen. Er bestand darauf. Nun aber
+blieb sie seltsamerweise eigensinnig, gerade den Vornamen wollte sie
+nicht sagen. »Warum denn nicht?« »Sie müssen nicht so neugierig sein.«
+Er bat sie: »Nein, das ist aber nicht nett von Ihnen« und dachte
+dabei: Endlich ein Gesprächsstoff gefunden! Sie lachte: »Muß ich
+denn immer nett sein?« »Aber jetzt haben Sie mir schon so hübsch
+erzählt.« »Wer zu viel weiß, wird bald alt.« Endlich gab sie es
+ihm frei, zu raten. Er riet: Anna, Toni. »Das i wär richtig.« Er
+strengte sich an und jetzt erst zum erstenmal empfand er eine Art
+geistiger Erregung ihr gegenüber. Plötzlich wandte sie sich dem
+Kleinen zu, der auch beschäftigt sein wollte und unaufhörlich an
+ihrem Kleid riß. »Du, fang mich!« ... Sie lief voraus. Ihre Gestalt
+war mächtig und dabei schlank in der Taille. Einfach, aber gerade
+infolge der Glätte wie durchsichtig zeichnete der Rock, in der
+Bewegung jetzt, ein reizendes Spiel langer Beine, das sich im
+Ungegliederten fast geheimnisvoll verlor und erst an den sich
+drehenden Hüften eine Fortsetzung fand. Der volle Busen lehnte sich
+wie ein kleiner Polster neben den Baumstamm, an den sie sich
+schmiegte, um sich umzudrehn und aus dem Versteck hervorzugucken, und
+zugleich wirbelte es unten am Rocksaum weiß wie Wellenschaum aus dem
+Innern hervor, um leichte spitze Füßchen. Dazu strömte der gewaltige
+Geruch der Tannen im Abendwind, als verstreue ihn das Mädchen mit
+ihren lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn
+bald lief sie davon, bald stand sie und rief das Kind, machte einen
+Tanzschritt zur Seite. Arnold konnte es nicht lassen, er beteiligte
+sich am Spiel. Zunächst stellte er dem Knaben die Wahl, ihn oder das
+Fräulein zu fangen, und jauchzend trieb sich Gerhart hinter beiden her,
+ohne sich zu entschließen. Er war noch zu jung für vernünftiges Spiel,
+er wollte nur strampeln und schrein. Dann schrie Arnold -- mehr um sich
+mit ihr als mit dem Knirps zu verständigen --: nun würden sie also
+beide das Fräulein fangen, und jagte schon hinter ihr drein. Und dabei
+hatte er eigentlich nur die Absicht, das Gespräch fortzusetzen, ihren
+Widerstand wegen des Namens zu brechen. Aber schnell blieb Gerhart
+zurück, das Fräulein floh immer entschiedener, Arnold bekam immer mehr
+Lust sie einzuholen, sie bog, da er schon ganz nahe bei ihr war, mit
+einem geschickten weiblichen Ruck zur Seite, ins Gehölz, er verfitzte
+sich zwischen den Ästen, ihr nach, die ihm ins Gesicht schlugen, -- da
+öffnete sich eine freiere Stelle und sie konnte ihm nicht mehr
+entrinnen. Von hinten her umklammerte er sie, drückte sich an sie:
+»Also wie heißen Sie, schnell, wie heißen Sie?« Sie suchte sich
+loszumachen, ermattete und seufzte: »Lina,« wie besiegt ... damit fiel
+ihr Rücken an seine Brust zurück, ihr Köpfchen hob sich, das bisher
+wild geduckte, während der seine über ihre Schulter herüberkam. Das
+hatte kaum eine Sekunde gedauert. Schon spürte er den fremdartigen
+Geruch ihrer Haare, ihres Atems, und in demselben Augenblick erschien
+es ihm widerstrebend bis zur Unmöglichkeit, einem unbekannten Menschen
+plötzlich, unvermittelt so nahe an die Haut zu geraten. Eine bittere
+Wolke schien ihm aus ihren dunkelroten, halbgeöffneten Lippen
+emporzuquellen, die er jetzt knapp vor den seinen hatte, und allem
+Widerstreben zum Trotz zog ihn dieser warme unangenehme ungesunde Dampf
+in sich hinein, wie man manchmal Freude daran findet, die Fingernägel
+über die eignen Finger schneidend und immer tiefer zu ziehn, vom
+Schmerz nicht ablassen kann ... Er hatte sie auf den Mund geküßt. Sie
+stieß ihn zurück, nun energisch und mit einer ganz erstaunlichen
+Unfreundlichkeit, eilte wieder auf den Weg zurück ... Arnold glaubte,
+sie beleidigt zu haben, folgte ihr langsam. Sie tat ihm leid. Eben
+hatte er noch in einer leichten Stimmung von Verführungskünsten und von
+Gedanken wie: »Na, man muß dem Mädel den Gefallen tun« herrschaftlich
+geschwelgt, jetzt sagte er sich: Ich bin ein Barbar, was mag sie sich
+von mir denken ... Sie führte nun den kleinen Gerhart an der Hand
+und sprach kein Wort, die Augen niedergeschlagen. Er neckte wieder
+den Knaben, ziemlich geistesabwesend, nur weil es ihm peinlich war,
+ganz stumm zu sein. Allmählich redete auch sie: »Nun also, wirst du dem
+Herrn die Hand geben, wirst du hübsch artig sein?« Ein Stein fiel
+Arnold von Herzen, da er ihre unveränderte, etwas zu blendendweiche
+Stimme wieder hörte; er erhob den Kopf: »Er ist artiger als Sie,
+Fräulein Lina ... Lina« wiederholte er leiser und fuhr fort »er hat
+keine Launen, benimmt sich artig, nicht war, du?« und bückte sich
+zu dem Gesicht des Kleinen herab. »O Sie sollten ihn nur sonst kennen,
+was, Geri? Er kann schon sein Stückl bestehn« ... So kam das
+Gespräch wieder in Gang, ganz ruhig, als ob nichts geschehen wäre.
+Es war so dunkel geworden, daß man einander nicht mehr die
+Gemütszustände vom Gesicht ablesen konnte, das gab einen guten
+Übergang zur Unbefangenheit, in die sich übrigens das Fräulein, so
+schnell ging es, auch ohne Dunkelheit bald hinübergedreht hätte. Nun
+klang ihr Lachen wieder wie vorhin, etwas übertrieben und künstlich,
+bei jeder Wortwendung Arnolds, die nur ein wenig von der geraden
+Ausdrucksweise abwich. Es war ein gewissermaßen tiefernstes, beinahe
+tragisches Lachen und verwandt jenem speichelleckerischen, das
+Schulkinder bei den kleinen Witzen des Lehrers hervorstoßen. In seiner
+Pedanterie blieb es niemals aus, kroch einem wie ein Hund nach.
+Arnold, der sich durch Linas Zurückweichen nach dem Kuß angezogen
+gefühlt hatte, wurde wieder verdrießlich ... Endlich mündete die
+Waldchaussee auf die Landstraße mit ihren Obstbäumen, bald war man
+bei den ersten Häuschen von Waldbrunn angelangt, wo sich Arnold mit
+einem Handkuß vom Fräulein, von Gerhart mit einem Backenzwickerl
+verabschiedete.
+
+Am nächsten Tag dachte er nur mit Unlust an diesen Vorfall. Was
+für eine neue Störung!... Arnold war von wenig sinnlicher Anlage,
+sein rasches Leben schien tieferen Eindrücken der Frauenschönheit
+gleichsam zu entgleiten, so wie etwa ein reißender Bergbach von der
+Sonne nicht bis auf den Grund durchwärmt werden kann. Es sind ja meist
+die schwerblütigen Naturen, nicht, wie man meinen sollte, die
+lebhaften, die an den Frauen untröstlich kleben bleiben ... Er
+hatte zwar die ganze nicht eben umfangreiche Skala großstädtischer
+Verderbtheit mitgemacht, mit den Freunden eben, war eine Zeit lang von
+einer Dirne mit mehr als bezahlter Liebe geliebt worden, hatte
+Stubenmädchen und Weinstubenkellnerinnen Sonntags ins Hotel geführt,
+oder hatte in der Garderobe eines Klubhauses ein Familienmädchen
+eilig abgeküßt, aber all dies ohne rechten inneren Anteil, nur
+schnell und stundenweise und mit dem stets wachen Bewußtsein, daß
+daran nicht viel sei. Das Vergnügen überhaupt war seine Sache nicht, er
+strebte nach Anstrengungen, Leistungen, Wirkungsmöglichkeiten. --
+Diesmal aber schien er an ein anständiges Mädchen geraten, die die
+Sache ernst nahm, und das machte ihn unruhig. Ein langes Verhältnis
+konnte etwa daraus entstehn, mit Zärtlichkeiten, Verpflichtungen,
+gebundenen Rendezvous, kurz all den Dingen, zu denen er keine Zeit
+und Lust hatte. Sie gefiel ihm auch nicht besonders. Er sagte
+sich, indem er ernst wie ein Kaufmann Aktiva und Passiva gegen
+einander hielt: No ja, ein fesches G'stell, aber das Gesicht mutet
+mich nicht an, eine typische Fernwirkung ... Den Fehler ihres
+Gesichtes hatte er allerdings noch nicht herausgefunden, konnte sich
+überhaupt nichts mehr an ihr genau vorstellen, nur noch die feine dünne
+Empfindung seiner Fingerspitzen an ihrer leise aufrauschenden
+Seidenbluse, als er sie umfaßt hatte, und diese Erinnerung regte ihn
+freilich doch ein wenig auf. Ueberdies war sie ja so dumm, so
+simpel. Arnold hielt die Weiber überhaupt für unfeine inferiore
+Geschöpfe; lächerlich, mit ihnen sich abzugeben. Und mehrmals kam er
+erleichtert auf den Gedanken zurück, daß ja nichts Großes zwischen
+ihnen vorgefallen war, Gott sei Dank. Er stellte sich erschauernd sein
+Gefühl heute vor, wenn ... Nein, das auf keinen Fall! Und doch
+wußte er, daß es dazu gekommen wäre; gut, daß der kleine Junge
+dabei war, o, er segnete ihn nachträglich. Und die ganze Sache wurde
+ihm mehr und mehr unheimlich, da er fand, daß sie ihn doch von seinen
+wichtigeren würdigeren Geschäften mehrfach in Träumereien abzog.
+
+Am Nachmittag blieb er in seinem Wigwam, schrieb und kümmerte sich
+um nichts anderes ... Da stand sie in der Tür, den Jungen an der Hand:
+»Ich mußte mir doch mal ansehn, wie Sie wohnen«. Er fand kein Mittel
+unhöflich zu sein, auch nicht die Neigung dazu. Mit einem gewissen
+Stolz (wie ehemals vor den Kurkapellen) setzte er sich zwanglos vor ihr
+in Szene, zeigte ihr den beladenen Tisch, den riesigen Einlauf, das
+ganze einfache Gehäuse, das so recht seine eigene Schöpfung war, die
+einzige bisher. »Hier möchte ich ganz gerne wohnen« knüpfte er
+bedeutungsvoll an ihren Scherz an, mit einem tiefsinnigen Blick
+gleichsam in die eigene Seele »hier ist der einzige Ort auf Gottes
+weiter Welt, wo ich mich zu Hause fühle ...« Sie fürchtete zu stören,
+er hatte so viel zu tun, nicht wahr. Diese Zurückhaltung rührte ihn, er
+erklärte, daß es nicht so arg sei, und las den halbfertigen Brief vor,
+der auf dem Tisch lag, um ihr zu zeigen, förmlich herablassend, daß das
+alles doch gar kein so besonderes Kunststück sei. »Das würde ich auch
+zusammenbringen«, lachte sie. Er ermunterte zu einer Probe. »Gerhart,
+spiel da draußen«, sie führte das Kind vor die Tür, wo noch große
+Sandlöcher um die eingerammten Pflöcke offen lagen, »da hast du Mehl
+und Zucker.« Und schnell kehrte sie zurück, entwarf ein paar Briefe,
+nach kurzen Andeutungen, die Arnold machte. Ihre Intelligenz
+überraschte ihn. »Da hätte ich ja einen perfekten Sekretär, das wünsche
+ich mir schon lange, nur hab ich's bisher nicht so weit gebracht.« »Ich
+komme jeden Nachmittag, wenn Sie wollen,« stimmte sie erfreut zu und
+eifrig schrieb sie weiter, sorgfältige Buchstaben, wobei sie ihre
+ohnedies großen hellgrauen Augen noch mehr herauswälzte. Arnold ging
+zuerst auf und ab, blieb aber dann stehen und betrachte sie von der
+Seite, irgend etwas fesselte seine Aufmerksamkeit, ohne daß er sich
+darüber Rechenschaft ablegte, erst nach geraumer Weile bemerkte er, daß
+es wieder diese im Verhältnis zur dünnen Taille reizend sich
+vorbiegende weiche Linie ihrer Brust war. Er bemerkte es ärgerlich,
+trat aber, noch halb im Taumel, hinter ihren Sessel und prüfte mit
+schwerem Ernst, ja mit Bekümmernis, die Wölbung ihres Rocks um die
+Hüften, dann die Falten der Bluse, denen man es anmerkte, daß darunter
+der Leib eng geschnürt war, betrachtete voll Interesse die scharfe,
+wenn auch nur wenig gehobene Kante, die der obere Rand des Mieders
+deutlich in den Blusenrücken preßte, glitt zum Gürtel mit seinem Blick
+und tiefer hinab, wo ihn das in jedem der zart eingewebten Rockstreifen
+ausgedrückte Anschwellen und dann das im finstersten Schatten ganz
+undeutliche Abschwellen zur Verzweiflung brachte. Endlich raffte er
+sich auf; ein Coupletrefrain, oder war es nur ein Spottvers, ging
+ihm im Kopf herum, immer lauter: »Er regt soch auf, hat nichts
+davon.« O pfui, wie ordinär war das, wie ordinär erschien er sich,
+ordinär, ordinär, und welch ein erbärmlicher Kontrast zu diesem
+Mädchen, die in ihrem Eifer und Schülerschreiben im Grunde einen so
+netten Anblick bieten mußte. -- »... regt soch auf, hat nichts
+davon.« Wie ordinär! Die Schamröte stieg ihm ins Gesicht. Und so sind
+also die Männer. O wenn sie wüßte ... Wahrscheinlich hatte sie gar
+keine Ahnung davon, welche ihr gewiß ganz entlegene Wirkung die
+Profilansicht ihres Körpers, ihr Rücken auf diesen -- gebildeten
+jungen Mann ausübte. Sie arbeitete da, zeigte voll harmloser
+Beglücktheit, was für ein kluges Mädchen sie war ... Oder wußte
+sie es? Verstellte sie sich so gut? In diesem Gedanken legte ihr
+Arnold teuflische Krallenhände zu, Hörner unter der blonden,
+welligen Frisur. Er entfernte sich von ihr, bis in die entfernteste
+Ecke der Hütte, von wo aus er sie anrief: »Nun, sind Sie bald fertig?«
+-- Jetzt erst bemerkte er, wie lange er nichts gesprochen hatte.
+Was war denn vorgegangen? Wieder stieg der Coupletrefrain in seinem
+Kopfe auf, so daß er sich schüttelte. -- Sie nahm es für Ärger und
+beeilte sich noch mehr: »Ja, ja, gleich«, dabei legte sie eine Wange
+auf den linken Arm, schob das Papier weit nach rechts und jagte
+mit schräger Feder darüber hin. Als sie fertig war, bewegte sie den
+kleinen Finger der rechten Hand hin und her: »... tut weh.«
+»... regt soch auf«, dachte er unwillkürlich in demselben Moment,
+durch den Rhythmus ihres kurzen Sätzchens aufgestachelt, wie ein
+höhnisches Echo. »Bin's halt nicht gewöhnt«, setzte sie fort. Ihm
+fiel der zweite Teil des Couplets ein, unaufhaltsam. »Wird das so
+weitergehn?«, dachte er wütend. Zugleich spürte er eine kindliche
+Wichtigtuerei aus ihren Worten heraus, die ihm gefiel, aber
+nichtsdestoweniger seine Überlegenheit zurückgab. »Rufen Sie Gerhart«,
+befahl er und hütete sich, ein »Bitte« dazuzusetzen. Er sah sie
+streng an, mit einer energischen Miene, die eigentlich ihm selbst
+galt. Sie ging an ihm vorbei, durch die Türe hinaus. An seinem
+gespannten untätigen Stehnbleiben in diesem Moment merkte er, daß er,
+wieder verlockt, sie blöde anstarrte ... Erst unterwegs dankte er
+ihr für die Mühe. »Jetzt sind Sie so lange gesessen, da müssen Sie
+Bewegung machen.« Das war natürlich der Übergang zu derselben
+Fang- und Kußszene wie gestern, nur erleichtert dadurch, daß Lina
+sofort von der Chaussee bereitwillig zwischen die Baumstämme einbog.
+
+Sie wurde ihm von nun an unentbehrlich. Sie schrieb seine Memoranden
+ins Reine, die er in flüchtiger Stenographie skizzierte, sie
+übersetzte Französisches, sie machte ihm die Korrespondenz so weit
+fertig, daß er nur noch lesen und unterschreiben mußte. So einen
+Diener, einen Ausführer konnte er gerade brauchen, dem er nur die
+Keime seiner zahllosen Ideen hinwarf, und schon wurden sie sorgsam
+aufgelesen, gereinigt, aufgezogen. Alles ging richtig, der kleine
+Gerhart spielte indessen draußen vor der Baracke, sie konnte sich mit
+einem Blick durch die Türe oder unten durch die Bretterluken durch
+schnell davon überzeugen ... Doch mit all ihrer Dienstfertigkeit war
+sie Arnold nicht angenehm. Gerade dieses Nutzbringende an ihr,
+diese Sklavennatur stieß ihn ab, weil er fühlte, daß er dadurch an
+sie gefesselt war. Die Verehrung, mit der sie ihn umgab, fand er
+unsinnig, ganz anders als die Anbetung der Freunde, die er doch zu
+verdienen geglaubt hatte. Wie sie ihm von fern himmelnd mit den
+Blicken folgte, wenn er die Gerüste inspizierte oder Besichtigenden
+flink zur Hand war: das lähmte ihn fast. Ihre Kugelaugen waren wohl
+auch das entscheidend Häßliche im Gesicht, diese wässrigen,
+ausdruckslosen Glasbäuche, doch nicht minder mißfiel ihm, daß ihre
+Nase und die Kinnwölbung rot waren, die Backen derb und, aus der Nähe
+gesehn, nicht ganz glatt. Dafür entschädigte das reiche blonde Haar
+und die auffallend volle, doch biegsame Figur; jedoch, weiter
+betrachtet, war es gerade diese unlösliche Verbindung eines
+weichen, anmutigen Leibes mit einem so durchaus ungraziösen Gesicht,
+eines dämonisch Anziehenden mit einem eiskalt Abstoßenden, was
+Arnold unheimlich und widerwärtig wie eine ätzende übelriechende
+Flüssigkeit vorkam. Und mit diesem heillosen Eindruck wieder verbunden
+ihre offenbare Sanftmut, die Ergebenheit: o es war eine Disharmonie in
+allem. Und hatte er denn Zeit, das zu ordnen und zu entschuldigen,
+wie ein Verliebter etwa?... O, diese Liebe machte ihn ganz und gar
+nicht glücklich, nein, nur unruhig und niedergeschlagen. Er fühlte
+sich schwach gegen dieses Mädchen, er beneidete sie manchmal, denn
+sie war gewiß beseligt in ihrer aufrichtigen Neigung zu ihm. Sie
+sprachen überdies nie über Liebessachen, es fiel ihm nicht einmal ein,
+sie zu duzen. Als sie ihm gestand, sie sei einmal schon getäuscht
+worden, der Bräutigam habe sie nach schmählichem Tun im Stiche
+gelassen, erschrak er heftig. Zwar nicht wegen einer etwaigen Heirat,
+dieser Gedanke lag wohl beiden gleich fern; aber daß sie schon einem
+angehört hatte, mußte ihre Eroberung beschleunigen, und er selbst
+war, das wußte er, im gegebenen Moment zu unbesonnen, um aus eigenem
+Willen einzuhalten. So sah er die Gefahr vor sich und keine
+Möglichkeit, ihr auszuweichen ... Zudem peinigte ihn der Gedanke,
+daß dieses Verhältnis wenig standesgemäß sei, daß er es zu wichtig
+nehme, und nur wenn ein Freund ihn neidisch fragte: »Du, wer war
+denn gestern diese Fesche?« beruhigte er sich ein wenig. Von außen her,
+durch die Wirkung auf andere mußte er sich ihre Schönheit und
+Begehrenswürdigkeit deutlich zu machen suchen. Auf ihn selbst blieb
+diese Wirkung erstaunlich oft aus. Dann mußte er sich ins Gedächtnis
+rufen, wie er sich gestern oder vorgestern in ihrer Nähe in
+Erregung wohlgefühlt hatte; sonst hätte er sie überhaupt nicht
+ertragen. Oder er hörte gern zu, wenn sie erzählte, wie ihr einer
+nachgegangen war, sie vergebens angesprochen hatte. Er forderte sie
+selbst zu solchen Berichten auf, die ihm ihren Wert ins Bewußtsein
+brachten. Daher hielt sie ihn für eifersüchtig, freute sich darüber,
+wenn sie auch viel zu demütig war, um diese seine Schwäche irgendwie
+auszunützen. Sie verschwieg ihm also lieber solche Begebenheiten; er,
+der beinahe das Gegenteil von eifersüchtig war, mußte sie mit List
+hervorlocken. So war ein versteckter Krieg entbrannt, ohne daß sie
+es wußten ... Es war nicht zu vermeiden, daß seine Leidenschaft, die
+auf bloße Sinnlichkeit ohne die leiseste Spur eines seelischen
+Anteils gestellt war, in ihrer Stärke heftige Schwankungen zeigte, je
+nach dem Wetter oder seinem Ausgeschlafensein. Sank sein Feuer, so war
+es ihm schmerzlich, denn dann kannte er sich in diesem Verhältnis
+überhaupt nicht mehr aus, wußte nicht, was er wollte und was das Ganze
+bedeutete. Deshalb geriet er auch jedesmal in Unruhe, wenn Lina hie
+und da schlecht aussah oder wenn ihr ein Kleid nicht paßte. Es
+verdroß ihn, wenn ihre Gestalt in gewissen Stellungen nicht vorteilhaft
+wirkte, er konnte dann den Gedanken nicht abweisen: Am Ende ist gar
+nichts an ihr -- er fühlte sich wie betrogen. Manche Tage erschien
+sie ihm zur Verzweiflung unscheinbar, eine Pustel entstellte den
+Mundwinkel. Sorgsam kontrollierte er ihr Abmagern oder Zunehmen, bat
+sie, nun in dieser Fasson innezuhalten, scheinbar scherzhaft, mit
+verhülltem innerstem Ernst. Er fragte sie, ob sie gut schlafe, wie
+viel sie gegessen habe -- alles nur zu dem einen Zwecke: um auf dem
+Umwege über ihre Schönheit seine Behaglichkeit zu erlangen. Er hatte
+auch einen gewissen zärtlichen unmerklichen Griff, um sie gleich beim
+Kommen an der Taille anzurühren und rasch festzustellen, ob die
+diesmalige gute Wirkung mit oder ohne Zuhilfenahme eines Korsetts
+zustande gebracht sei. Dabei geriet er halb unbewußt in inbrünstige
+Gedankengänge wie diese: »Da sie heute so wenig fesch aussieht, so
+hat sie doch hoffentlich wenigstens kein Mieder an« -- oder: »Mein
+Glück wäre vollständig, wenn der heutige süße Effekt ohne Mieder
+hervorgebracht wäre.«
+
+So kam es, daß er niemals an dem, was sie war, an ihrer natürlichen
+und begrenzten Organisation ein endgiltiges Wohlgefallen fand.
+Sondern oft, wenn er sie in Muße beobachten konnte (sie schrieb, er
+diktierte) stellte er sich vor, wie ihre Nase oder die Hände etwas
+besser zu machen wären, er probierte in Gedanken, ob ihre Brust
+noch etwas voller reizend wäre oder schon unschicklich und übertrieben,
+ob man ihr nicht mit Brillantohrgehängen oder mit einer Brille (o
+diese Augen!) beispringen könnte. Er kleidete sie in Trachten
+verschiedener Zeit, er operierte sie. Wie schwer war es doch, sich
+in die Liebe hineinzureden. Da er den naturgemäßen Zusammenhang
+ihrer Eigenschaften nicht kannte, auch sich keine Zeit dazu nahm,
+über ihn nachzudenken, hatte er Angst, es könnte eines Tages ihre ganze
+Schönheit plötzlich verschwunden sein. So war er stets angespannt,
+stets auf dem Posten, nervös und erregt. Sie jedoch, natürlich
+ohne jedes Verständnis für seine Qualen, störte ihn obendrein durch
+Reden wie: »An mir ist ja nichts« oder »Ich weiß, daß ich nicht
+schön bin«. Das war immer wie ein Fußtritt in seinen kunstvollen
+Ameisenbau, dann kribbelten schnell seine Ideen und Reden heran, um
+den Schaden wieder gut zu machen. Er stellte ihr vor, daß er
+solche Selbsterniedrigung hasse, daß sie ja damit ihn selbst angreife
+und blamiere, denn was sei er, wenn er mit einer, »an der nicht viel
+sei«, so viel verkehre. Sie versprach zerknirscht es nie mehr
+wieder zu tun, vergaß das aber schnell, da sie es im Grunde nicht
+begriff, lobte ihn: »Was bin ich gegen Sie?«, sehr erstaunt, daß ihn
+das ärgerte. Dann weinte sie. Er mußte sie trösten, doch wiederum
+fand er bald den Unterschied gegenüber seiner früheren Trostwirkung
+auf Freunde: Damals hatte es sich um Taten und Ermutigungen zur
+Arbeit gehandelt, hier umfaßte der Trost die ganze Person und war eben
+deshalb ein leeres Gerede ... Alles in allem empfand er ein Gemisch
+von Mitleid, Dankbarkeit, Neugierde, Unmut, Eitelkeit, auch ein
+wenig Hingezogenheit und starken Kitzel, all dies wechselnd und heftig,
+wie es sich für sein unstetes Gemüt eben schickte.
+
+Inzwischen war auch das Flugunternehmen an einen kritischen Punkt
+gelangt. Aus nichtswürdigen Quellen häuften sich die Angriffe, anonyme
+Briefe flogen, die Sicherheitsbehörden schritten ein. Ein
+radikales Blatt sprach offen von »Schwindel und Bankrott«. Farman,
+Blériot sagten ab und so hatte sich der Ausschuß an den jungen
+hoffnungsvollen Aviatiker Ponterret gewendet, einen Belgier, der
+einen Apparat eigener Konstruktion vorführen sollte. Er war
+einverstanden und bald sah man in den Auslagen Photographien eines
+hübschen Herrn, frisiert und schlank, der aus dem Hohlsitz seines
+Monoplans die Mütze schwenkte oder kühn wie Latham Zigaretten
+rauchte oder aus kriegerischer Schutzbrille in die Luft starrte,
+die Hand am Lenkhebel. Die Zeitungen brachten seine Biographie, er
+hatte sich öffentlich noch wenig hervorgetan, umso mehr privat,
+auch zitierte man einen Ausspruch Paulhams, daß dieser junge Mann der
+Einzige sei, der ihm jemals gefährlich werden könnte. Auf den
+Plakaten führte er daher das ehrende Attribut »Der Rivale
+Paulhams«, und bald war sein Name so sehr in aller Munde, daß man
+ganz vergaß, ihn vor einer Woche noch gar nicht gekannt zu haben,
+daß man beim Aussprechen schon jenen illustren unbeschreiblichen
+Beiklang herausschmeckte, den die Namen der großen Helden und
+Meister haben: Ponterret!... Der Apparat kam, per Sonderzug, wurde
+ausgestellt, photographiert, erklärt, von Mittelschülern
+klassenweise offiziell besichtigt, unter sachverständiger Führung
+des Physikprofessors. Endlich traf der Champion selbst ein, von der
+Stadtvertretung begrüßt, übrigens sehr bescheiden und sympathisch,
+nur auf seine Arbeit bedacht. Man beschrieb ihn in den Zeitungen,
+wie er eigenhändig, selbst geschickter als seine Monteure, die
+niedrigsten Dienste an seiner Maschine zu leisten sich nicht
+scheute, keinen Bestandteil für unwichtig hielt, jede Schraube
+tausendmal ausprobierte. Schon am nächsten Tag versuchte er einen
+Flug, der Motor ging nicht, das Benzin war schuld daran. Bei der
+nächsten Probe geriet die wertvolle Dogge des Fliegers in die Schraube,
+die gerade angelassen wurde, die Schraube brach, die Dogge blieb
+auf der Stelle tot. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ Ponterret
+sofort eine neue Schraube anmontieren, doch setzte der Motor bald
+darauf aus, die Probe mußte abgebrochen werden. Die Journalisten
+konnten nichts tun als immer wieder den »Piloten« beschreiben, der nach
+solchem Mißgeschick mit kaltblütigem Lächeln vor dem Hangar auf- und
+abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im
+blauen Arbeitermantel, unter dem die gelben Lackstiefelspitzen
+hervorschauten, unverdrossen ans Werk ging, die Verbindungsdrähte
+wechselte oder das Traggestell ausbalanzierte. Ponterret plagte sich
+unermüdlich, er setzte sein Leben bei den fortgesetzten Proben mehrmals
+aufs Spiel, er war zugleich liebenswürdig und energisch, mutig und auf
+das Schlimmste gefaßt, er bot eine Vereinigung sämtlicher
+Heroentugenden; trotzdem erzielte er nicht den mindesten Erfolg, der
+Apparat funktionierte einfach nicht. Kurz und gut, Ponterret bot das
+unserer Zeit schon etwas entfremdete, aber für die damalige
+Kinderstammelperiode der Flugtechnik typische Bild des
+hingebungsvollen, tüchtigen, durchaus ehrenwerten Aviatikers, dem trotz
+aller Anstrengungen und Aufopferungen ein leiser Hauch von Komik
+anhaftet, weil ihm so gar nichts gelingt, dem vielleicht nur ein
+kleiner Handgriff fehlt oder am Ende gar nur unglückliche Zufälle im
+Weg stehn. Man wünscht ihm ja das Beste, man wünscht aber zugleich,
+peinlich berührt, der beweinenswerte Held wäre hübsch zu Hause
+geblieben, da man ja nicht die Möglichkeit hat, seine Handgriffe oder
+Zufälle irgendwie günstig zu beeinflussen. Er stellt, man mag ihn
+entschuldigen wie man will, das konzentrierteste Symbol menschlicher
+Unsicherheit und Machtlosigkeit dar; und das kann man ihm nie verzeihn
+... Drei Tage vor dem angesetzten Schauflug brach Ponterret einen
+Flügel seines Aeroplans, nun mußte man Ersatz aus Paris
+herantelegraphieren, den Flugtag um vierzehn Tage verschieben. Das
+Publikum wurde allmählig ungeduldig. Zwei Holzhändler ließen es aber
+bei akademischer Ungeduld nicht bewenden, sondern führten Exekution
+gegen das Konsortium, das sie auf den Flugtag vertröstet hatte, und
+ließen den Apparat mit Beschlag belegen. Die Pfändung mußte natürlich
+aufgehoben werden, denn der Apparat war Privateigentum des Fliegers.
+Die Sache aber machte Aufsehn, und nur wer finanziell nicht beteiligt
+war, lachte.
+
+Jetzt erst begann Arnold stutzig zu werden. Er stürmte zu Philipp
+Eisig um Aufklärung. »Was für Aufklärungen« erklärte heiter der Dicke.
+»Es wird natürlich ein Reinfall.« -- »Was, du meinst, Ponterret wird
+nicht aufsteigen.« -- »Aufsteigen muß er, das steht im Kontrakt,
+das heißt: starten. Aber fliegen? Du hast es ja gesehn.« -- »Du
+glaubst, nein?« -- »Was willst du von mir. _Ich_ kann nicht an
+seiner Stelle fliegen.« -- »Aber wir sind doch verantwortlich, vor
+der Öffentlichkeit. Man wird das Entree zurückgeben müssen, dann
+liegen wir drin.« -- »Keine Idee. Man wird natürlich das Entree
+nicht zurückgeben.« -- »Man wird es. Das verlangt der Anstand.« --
+»Du bist ein Narr.« -- »So, dann trete ich aus. Einem betrügerischen
+Unternehmen stehe ich nicht vor, das ist nicht meine Art.« -- Nun
+aber wurde Eisig ganz ernst und kühl, während man das Bisherige
+immerhin noch als Ausdruck seiner spöttisch-mürrischen Sitten
+hätte erklären können: »Das wirst du nicht.« -- »Ich werde es.« --
+»So, dann bitte ich doch, du Gerechtigkeitsprotz, zunächst auch einmal
+deine Verbindlichkeiten gegen mich zu erfüllen. Ich denke,« er
+blätterte in einem Notizbuch, das er merkwürdig schnell zur Hand
+hatte, »es sind jetzt bald tausend Gulden«. -- »Nur achthundert«
+erwiderte Arnold betroffen, halb mechanisch. -- »Ohne Zinsen!« --
+»Du weißt, daß ich momentan kein Geld ...« -- »Ach was, momentan,
+immer momentan ...« -- »Du hast mich doch heute zum erstenmal
+gemahnt.« -- »Nun, und was folgt daraus? Ich brauche momentan Geld,
+das ist die Sache, verstehst du. Alles andere ist mir ganz wurscht.
+Sonst erfährt nämlich mein Alter, daß ich dort drüben Wechsel für
+ihn einkassiert und für mich behalten habe. Lange genug schieb ich's
+von einer Seite auf die andre, einmal muß das Loch zugeklebt werden.
+Und da wird man aufs Entree verzichten, schöner Gedanke!...« --
+Arnold erschauerte; je länger und begründeter Eisig sprach, desto
+klarer wurde ihm, daß es sich da um sehr schmutzige Geschäfte
+handelte. Jetzt erst sah er, in was er sich eingelassen hatte. Ja,
+hätte er's nicht gewußt, jetzt hätte er es an Philipps Gesicht
+erkannt, an diesen wulstigen Lippen, den breit wie gelbe Wandteller
+hinausgezogenen Wangen und den allzu dichten Haaren darüber, durch
+den Scheitel zu zwei gleichmäßigen dicken Polstern aufgeschichtet.
+Was Jahre dichtesten Umgangs nicht entschleiert hatten, entdeckte
+er jetzt: den verbrecherischen Zug in diesem Kropfgesicht, und
+verstand in einem Blitz den gründlichen Unterschied zwischen seinem
+eigenen Abenteuerwesen und dem des Freundes. Wütend machte er sich
+davon ...
+
+An diesem Nachmittag erschien ihm Lina angenehmer als sonst. Ihre
+Güte und Unterwürfigkeit tat ihm wohl, schon die weiche klagende
+Stimme verscheuchte ein wenig seine Sorgen. Das war doch ein
+befreundeter Mensch, auf den man sich verlassen konnte. O, ein
+Glück, daß er die hatte, so ein braves anständiges Mädchen! Er
+drückte ihr warm die Hand, doch eilig, denn heute hatte er ihr
+besonders viel zu diktieren und anzuregen, ihre Feder flog nur so.
+Es fiel ihm zugleich ein, daß er Unrecht tat, ihre Liebe so
+auszubeuten, sein moralischer Sinn war gleichsam durch die
+Unterredung mit Philipp geschärft. Sie tat ihm leid. Doch heftiger
+erfüllte ihn wie ein Nebel die Angst um die eigene nächste Zukunft,
+tausend Rettungspläne, das Notwendigste für den Moment. Es war, als
+entfache das drohende Fiasko nun noch die letzten Reserven seiner
+Willenskraft und Anspannung, seine äußersten Gedanken. Heute
+bewunderte er sich selbst, und als er gegen Abend den Haufen der
+fertiggestellten Briefe überschaute, darunter ein paar wirklich
+gelungene, -- um vorzubeugen, Rückzug zu sichern -- atmete er
+zufrieden auf ... Ein Schrei Linas erschreckte ihn. Der kleine
+Gerhart war nicht da, verschwunden. Sie suchte vor der Hütte,
+überblickte von den Stufen des Amphitheaters aus die Rennbahn,
+vergebens. Verzweifelnd gab sie sich, nur sich selbst alle Schuld an
+dem gräßlichen Unfall, sie hatte heute weniger aufgepaßt als sonst,
+das Kind mochte sich verirrt haben, ins Wasser gefallen sein, Gott
+im Himmel, was war da zu tun! -- Arnold forschte indessen die Arbeiter
+in der Nähe aus. Ja, man hatte den Kleinen auf dem Wege zum
+Weidengestrüpp gesehn, das auf der andern Seite der Flugwiese in
+menschenleerer Öde sich erstreckte, gegen den Fluß zu. Schon eilte
+Lina in dieser Richtung, Arnold ihr nach. Sie kreuzten durch die
+niedrige Wildnis, bückten sich unter verflochtenen Ästen durch,
+rissen sich wund, schwitzten. Der Boden wurde schwarz und fett; setzte
+man den Fuß auf ihn, so quoll kotiges Wasser hervor. Die Weiden
+standen dicht wie ein Kornfeld beisammen, Lina bog sie auseinander,
+hielt sie fest, um dem Nachfolgenden Raum zu geben, ließ sie aber
+doch noch einen Augenblick zu früh los, so daß sie ihm gerade recht ins
+Gesicht peitschten. Gereizt bat er sie umzukehren. Sie waren über
+glitschrige Steine an das Schilfufer des Flusses gelangt. Man sah
+fast gar nichts mehr, denn der Tag war regnerisch gewesen und jetzt
+gegen Abend erfüllte warmer aufsteigender Dunst die Luft. Nun wateten
+sie durch Binsen und Röhricht zurück, gerieten wieder in die Bäume ...
+plötzlich erblickten sie, beide zugleich, durch eine dichte
+Brombeerhecke von ihnen getrennt, das Kind, das arglos ruhig auf einem
+steinigen Plätzchen einen Sandturm aufbaute. Ein Anblick, so voll
+Kontrast zu der angstzerrissenen Stimmung der beiden, daß sie trotz
+Ärgers und Kopfschüttelns und Hastens wie auf einen Schlag stehn
+blieben und, wie man es einer Vision gegenüber tun mag, unter
+langsamem Händeaufheben beide die Lippen zu einem notwendigen, gar
+nicht lustigen Lächeln dehnten ... Den Sand hatte das Kind offenbar
+in seinem kleinen Blechkübel vom Flugplatz hierhergetragen,
+beschwerlich, in mehrmaligen Gängen, und es gefiel ihm so gut, in
+dieser neuen Umgebung zu schippen, wo es eigentlich von rechtswegen
+gar keinen Sand gab, als ein kleiner Herrgott also, daß es Augen
+und Ohren an sein Spiel verloren hatte ... Lina, aus dem Bann
+erwachend, unterdrückte einen Jubelschrei, ihre Augen glänzten
+dankbar gegen Arnold, als schulde sie ihm den glücklichen Ausgang
+dieses Zwischenfalls. Einen Moment lang fand er sie wirklich schön, in
+diesem feuchten dunklen grünen Laubwerk, mit ihren glänzenden
+roten Wangen, der klopfenden Brust. Lau brodelte es aus dem Moos,
+den alten Stämmen, wie ein Bad, das alle Glieder in Wohlbehagen löst.
+Dicke Fliegen setzten sich ihm auf die Stirn, die Augenlider, und wenn
+er sie verscheuchte, fielen sie wie besinnungslos wieder auf ihn
+zurück, berührten ihn heftig zitternd, kleinen schweren Händchen
+gleich. Es schien ihm, als trügen sie ihm Linas Körperduft näher,
+als balle er sich um diese schwarzen Körperchen, ja als seien die
+Fliegen nichts als kompakte Pillen dieses betäubenden Geruches, o
+dieses gar nicht mehr fremden, nein wohlvertrauten Geruches einer Frau,
+die er schon oft geküßt, geküßt, aber nur geküßt hatte, ... die jetzt
+so dicht bei ihm war, wie in einem Zimmer bei ihm. Und das spielende
+gerettete Kind so nah, so nichts ahnend, so unwissend, blind gegen
+das, was jetzt sofort neben ihm geschehn wird: diese eigentümliche
+Vorstellung, die ihn wie mit der allerdurchtriebensten Freude
+erfüllte, entschied. Vielleicht wirkten auch die vielen überstandenen
+Aufregungen dieses Tages mit. Plötzlich fühlte er sich sicher, nicht
+wie sonst im Kurwäldchen von Menschen bedrängt. Eine seltsam qualvolle
+Lust ergriff ihn, wie ein letzter Ausläufer der raschen Gehbewegungen
+vorhin, die nicht unvermittelt abbrechen wollten, er strauchelte
+vorwärts, über eine Wurzel, er faßte mit beiden Händen geradeaus
+langend, die beiden Brüste des Mädchens, diese vorstehenden
+nachgiebig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, faßte sie
+mit einem Griff, dem man hätte anmerken können, daß er ihn in eben
+dieser Art und mit dem glühendsten Feuer in Gedanken oft schon
+ausgeführt hatte, er drückte sie wie Ballons, wie um sie auszupressen,
+wie um sich an ihnen festzuhalten, über einem Abgrund schwebend
+gleichsam, und nun, keuchend, heiß, außer sich, mit hüpfenden Augen,
+die Haare gesträubt, singend, matt, verzückt, drängte er Lina an den
+nächsten Baum, dessen trockene Rinde in kleinen Stückchen
+herabsplitterte. Einen Augenblick später war sie sein.
+
+Seine Empfindung sofort nachher war ohne jeden Übergang: eine maßlose
+Wut gegen sich selbst. Also doch, also doch war es geschehn, trotz
+allen Inachtnehmens, also doch, also doch ... Er war still,
+während Lina sich abwandte und nach einer Weile, da nichts mehr
+geschah, das Kind holte. Das Geschrei des kleinen Lausbuben, der
+seine Bauten nicht verlassen wollte, zergellte ihm die Ohren. Er
+begleitete sie nach Hause, niedergeschlagen, doch so weit gefaßt,
+daß er noch einiges sprach, was sanft klang, weil seine Wut sich
+inzwischen in eine unsägliche Traurigkeit verwandelt hatte. Lina
+flößte ihm mit jeder ihrer Bewegungen Furcht ein, sie war ihm
+unheimlich, bald weil sie nach seiner Meinung eine Wendung ins
+Zärtliche machte, bald weil er sich von ihr verachtet glaubte. Und
+dieses Kind, dieses Teufelskind war schuld an allem, diesen Gerhart
+hätte er kaltsinnig erwürgen mögen. Los werden die zwei, das war
+sein einziger Wunsch, den er durch Rücksichtnahme und galante,
+dankbare Anwandlungen verfälschte, der aber zum Schluß den Abschied
+doch bedeutend abkürzte. Arnold hatte das Gefühl, als müsse er auf die
+Erde stampfen und mit gerecktem Arm die beiden weit von sich
+wegschicken. Er zwang sich noch zu einigen Phrasen; als aber Lina
+immer noch nicht ging, drehte er sich auf dem Absatz herum und geriet
+rasch in immer schnelleren Schritt ... über die dunkle Ebene jagte er
+seiner Baracke zu. Dort stürzte er nieder, konnte nicht mehr weiter.
+O ein Wigwam, fragte er sich höhnisch, nein ein Brettersarg ist das!
+Er trat ein. Ohnmacht und Reue erfüllten seine Seele, doch zugleich
+erschienen wie von einem tieferen Grunde herauf unzusammenhängende
+Bilder, halb vergessene, ungerufen zogen sie vorbei und lenkten den
+armen wirren Geist in ihre Träumerei ... Da sah er sich, sah sich
+als kleinen Knaben, an der Hand der teuren Mama im Schulsaal zum
+erstenmal, bei der Aufnahme in die Schule. Und während ihn der
+Lehrer für die erste Klasse einschrieb, hatte das Knirpschen schon den
+Mund offen: warum hier zwei Tafeln übereinander seien, nicht eine,
+wie er es in Puppenschulen bisher gesehn. Freundlich belehrte ihn
+der Herr Lehrer: »Ja, wenn die eine vollgeschrieben ist, dann ziehn wir
+eben die obere leere hinunter, nichtwahr. Siehst du, so macht man das,
+so ...« und hatte es ihm gezeigt, während er sich zugleich lobend
+zur Mutter wandte: »Ein aufgeweckter Junge.« O Gott, warum hatte ihn
+denn damals jeder lieb gehabt und jeder gestreichelt, sich über ihn
+gefreut, und so unschuldig, spielend alles -- und jetzt war es doch
+nur derselbe Trieb, der ihn in Schuld und Schande verstrickt
+hatte, genau ebendieselbe Glut, die damals allen so wohl getan
+hatte, er konnte gar nicht mehr dafür als damals für seinen
+kindlichen Reiz ... Zum erstenmal überblickte er sein ganzes Leben
+und fand es erschreckend wie ein Gewitter in der Nacht, fand es
+sinnlos, trostlos und sich selbst immer unter demselben Stachel
+ungerecht leidend, preisgegeben, verschmachtend, ein Spielzeug
+übermächtigen himmlischen Zorns. O wer kannte seine Qualen! Wer stand
+ihm bei! Wer hatte Mitleid mit der Unbesonnenheit des verblendeten
+Kindes, mit dem Unseligen Mitleid!... Hätte er nur ein Herz
+gehabt, einen Freund, Eltern, die ihn verständen! O auf die Berge
+hätte er steigen mögen und wie Gießbäche seine Arme ausstrecken nach
+einem guten menschlichen Herzen ... Doch nein, da hatte man ihn
+immer weiter rennen lassen, zurück übersah er es bis hinab zu seiner
+dunklen Fußballeidenschaft, zu den ersten Tollheiten, immer weiter
+hatte man ihn rennen lassen, den Hitzigen, und so war er bis
+hierher gerannt, niemand hatte ihn gewarnt, bis hierher auf diesen
+Fleck und auf diese Stunde, wie blind, während von allen Seiten die
+Wände des Engpasses immer näher und drohender zusammenrückten, aber
+blind immer weitergerannt, bis hierher, wo es kein Zurück mehr gab ...
+Tränen entströmten ihm bei diesem Gedanken, er weinte, ein tiefes
+Erbarmen mit sich selbst hatte ihn erfaßt, mit seiner reinen
+verlorenen Jugend, ja mit der ganzen Welt ... Nur eine Weile. Dann
+kehrte der Zorn zurück. Er erinnerte sich -- o war das nicht Warnung
+genug gewesen? -- daß er schon mitten in dem kurzen Genuß vorhin den
+Widerwillen gespürt hatte, den dieses verdammte Weib ihm einflößte,
+einen Ekel und eine Notwendigkeit zugleich, wie wenn man etwa früh in
+den noch ungespülten Mund ein Glas Wasser aus Durst hinunterschlucken
+muß. Er spie aus ... Da lagen ja noch die Briefe, ein ganzes
+Paket. Er verfluchte seine Energie, sie war zu nichts nutze. Und mit
+einem gewaltigen Druck riß er mitten an dem Stoß, es ging nicht, da
+teilte er ihn in zwei Lagen, hierin wenigstens konsequent, und
+zerfetzte jede in kleine Stücke. Mochte alles werden, wie es wollte, er
+gab's auf ...
+
+Eine Idee kam ihm. Die Markensammlung verkaufen, und nach
+Amerika!... Da waren doch fünfzehntausend Mark nach Senff, ein
+Kapital, ein Anfang!... Er fuhr in die Stadt, und obwohl schon bald
+zehn Uhr war, beschloß er, Lambert zu besuchen. Der hatte
+kommissionsweise die Einkäufe vermittelt, sicher wußte er einen Käufer,
+vielleicht war er sogar selbst geneigt ... Er klingelte. Jetzt erst
+bemerkte er, wie unschicklich es war, mitten in der Nacht mit dieser
+Verkaufsangelegenheit einzudringen; er faßte schnell den Plan, seine
+Absicht zu maskieren. »Ich habe da ein Angebot«, rief er, »es muß
+sofort entschieden werden, telegraphisch. Soll ich zwanzig Sätze
+Jubiläumsmarken bestellen? Das macht so etwa fünfhundert Kronen.«
+Lambert, geschmeichelt durch dieses Zutraun zu seiner Fachkenntnis,
+rückte sich zurecht. In seinem taubengrauen Schlafrock mit
+dunkleren Schnüren, im Lederfauteuil, jetzt Zigaretten anbietend und
+der Sitte gemäß sofort sich erhebend, um einen Likör aus dem Kästchen
+zu holen, war er ein Musterbild reifer, gesetzter Jugend, ein
+Beispiel für jene merkwürdige Leichtigkeit und Unbedingtheit, mit der
+gewisse Naturen (es sind nicht immer die wertvollsten) den Übergang
+von unverantwortlichem Knabentum zur würdigen repräsentativen
+Mannheit vollziehn. Arnold, so tief unterlegen gerade in diesem
+wirren Moment er dem Gefestigten war, fühlte doch eine gewisse
+lächerliche Schwäche an ihm heraus, in der er sich instinktiv sofort
+festnistete: »Ich komme zu Ihnen als einem Kenner, Sie wissen
+ja ...« »Nun, ich glaube«, holte Lambert aus, »das ist ein gutes
+Geschäft. Die Verwaltung gibt nur eine sehr beschränkte Anzahl aus.
+Schließlich ist doch Bayern kein Costa Rica oder sonst ein exotischer
+Staat, der an Jubiläen Geld verdienen will.« ... Wie langweilig
+waren für Arnold diese selbstverständlichen Gedankengänge, mit denen
+Lambert sich ein Ansehen gab. Seine aufgeregte Hast kämpfte mit der
+Klugheit, den Schwätzer ausreden zu lassen, endlich fiel er doch ein:
+»Ich weiß. Gut, aber das hat man bei der vorigen Emission auch gesagt.
+Und da kamen Nachträge. Von Raritäten ist nicht viel zu spüren ...
+Schlechte Spekulation. Ich hab's überhaupt satt. Wissen Sie nicht,
+wie ich die ganze Sammlung loswerden könnte?« ... Lambert blieb noch
+eine Weile im alten Geleise, sei es, daß er Arnolds Wendung für
+eine bloße Gesprächslaune hielt, sei es, daß er auf eine so
+fernliegende Abschweifung überhaupt nicht aufgepaßt hatte. Er
+redete also weiter von steigenden Werten, Neudrucken, Facsimilien,
+bis ihn ein nochmaliges Andrängen Arnolds aufhielt. Nun erst ging er
+mit gleichgiltiger Miene (auch Arnold blieb äußerlich ruhig) auf das
+neue Thema ein: »Ja, das ist eine schwere Sache. Man müßte die
+Sammlung ausschreiben, in Fachzeitungen, das dauert lang und dann
+werden Ihnen die besten Stücke herausgeklaubt und der Schund
+bleibt. Oder Sie tragen das Ganze zum Händler, der gibt Ihnen gar
+einen Pappenstiel. Es bleibt also nur irgend ein großer Privatsammler.«
+... »Ja, ein Privatsammler«, wiederholte Arnold gierig. »Wissen Sie
+also einen?« ... Lambert überlegte ... »Für zehntausend,« begann
+Arnold, und da Lambert überrascht lächelnd aufblickte, fuhr er
+fort: »Für zweitausend Kronen gebe ich alles. Denken Sie, Altsachsen
+vollständig.« ... Lambert machte ein spitzfindiges Gesicht, wie am
+Schlusse seiner Überlegung angelangt, als habe er es jetzt
+herausgebracht: »Ja, wer legt aber so leicht zweitausend Kronen
+auf den Tisch? Das ist ein schönes Geld. Das tut einem weh.« ... »Wie
+kommt das aber?« fragte Arnold betrübt und kindlich ... Lambert
+erging sich in Vergleichen. Sammelwert sei etwas anderes als Wert im
+Allgemeinen. Und wenn man einen neuen Pelz kaufe oder ein
+Schmuckstück, ein Möbelstück, wieviel bekomme man beim Weiterverkauf,
+auch für die besten, wie neuen Stücke ... Das Gespräch verlor sich
+ins Allgemeine, Arnold lobte Lamberts Einrichtung, eine echte
+Junggesellenwohnung, dabei sah er im Innern ein, daß hier nichts zu
+holen war. Erschöpft und bleich blieb er noch ein Weilchen sitzen,
+fand nicht die Kraft, aufzustehn und wegzugehn, seine Gewandtheit
+hatte eben auch ihre Grenzen. Endlich empfahl er sich. Lambert
+meinte im Weggehen: »Also wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz
+unbesorgt sein. Dabei riskieren Sie nichts. Eventuell beteilige ich
+mich.« ... Arnold hätte am liebsten laut aufgelacht. »Und unser Meeting
+morgen«, fügte er noch hinzu, probierend, »das wird ein schöner Humbug,
+was?« Er zwinkerte dabei. Auch Lambert lächelte verschmitzt und kniff
+ein Auge halb zu, mit kleinen Fältchen: »No, das glaub ich.« Sie
+schüttelten einander die Hände, wie in vergnügtem Einverständnis ...
+»Und gegen dieses niederträchtige Leben«, sagte sich Arnold, indem er
+Stufe um Stufe hinunterschritt -- Lambert leuchtete, über die
+Geländerbrüstung gebeugt, klingelte dem Hausmeister, im finstern Gang
+unten erschien etwas Undeutliches, Warmhauchendes, Mann oder Weib,
+führte Arnold ans große Eisentor, stellte die Laterne auf den
+Steinboden, steckte den Schlüssel ein und gab endlich mit leichter Hand
+der massiven Pforte einen ganz kleinen Stoß -- »und gegen dieses
+niederträchtige durchdachte kolossale Leben habe ich mit Spielereien
+ankämpfen wollen, mit Papierschnitzeln. Da seh' ich erst, wie
+ahnungslos ich war ... ein Kind, in allem ...« Von neuem traten ihm
+Tränen in die Augen.
+
+Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der
+vor einigen Tagen einen Journalistenposten in Berlin angenommen hatte,
+schrieb ihm begeistert (Arnold erkannte den eigenen Stil darin) von
+seinem jetzigen Leben, von der Weltstadt. Ob er nicht hinkommen wolle?
+Ein dritter Feuilletonredakteur werde eben gesucht. -- Ärgerlich warf
+Arnold den Brief weg. Ja, neue Wirren, neue Verlockungen, das wäre so
+das Rechte! Man kannte ihn ja, man hielt ihn schon für fähig zu jeder
+Dummheit.
+
+Da trat sein Vater herein: »Weißt du es schon? Die Großmutter liegt
+im Sterben ... Pst! Die Mama darf es nicht wissen. Ich hab sie nur ein
+bißchen vorbereitet. Da lies die Karte von Lichtnegger.«
+
+Arnold las, ohne Bewegung, gedankenlos.
+
+»Den letzten Satz hab ich ihr gar nicht gezeigt. Trotzdem fährt sie
+morgen Nachmittag nach Wintertal. Ich kann nicht mit, jetzt in der
+Hochsaison. Wenn sie sich nur nicht zu sehr aufregt ...«
+
+So viel Lärm wegen einer alten Frau, dachte Arnold. Plötzlich fiel ihm
+ein: »Wenn du willst, begleite ich die Mama ...«
+
+»Du wolltest?... Aber morgen ist ja euer Schauflug.«
+
+»Ja richtig, der Schauflug!« Arnold machte, als ob er sich erst jetzt
+darauf besänne. Dann zog er mit dem letzten Rest seiner Energie den
+Mund männlich zusammen: »Das kommt nicht in Betracht. Ich fahre mit
+der Mama nach Wintertal.«
+
+Der Vater sprach noch eine Weile, bereitete nun auch ihn gleichsam
+auf das Unvermeidliche vor: Die Großmutter sei ja schon vierundneunzig
+Jahre alt, was für ein Leben ... man könne sich denken ... man müsse
+froh sein ... einmal wäre sie jetzt so wie so eingeschlafen, aus
+Altersschwäche ... nun diese Lungenentzündung, das würde sie wohl nicht
+überstehn. -- Und in allem Sanftmut schien er dieses baldige Ende
+förmlich von der Natur zu fordern, als Bestätigung seiner regelmäßigen
+Ansichten ... »Sie wird sich freun, wenn sie dich noch einmal sehn
+kann« schloß er »du bist ja ihr besonderer Liebling.«
+
+Arnold wich zurück: »Ich -- ihr Liebling? Ist das ein Witz?«
+
+»Natürlich. Wie sie vor fünfzehn Jahren hier war, hat sie sich mit
+niemandem vertragen, nur mit dir. Sie ist ja, unter uns gesagt, eine
+wahre Furie ... Immer noch erzählt sie von dir, was für ein braver
+Junge du warst.«
+
+Um Arnold sauste es. Er mußte die Fäuste ballen, um diesem Sturmwind
+standzuhalten. »Die auch,« murmelte er und seine gleißnerische Stellung
+in der Welt, all der lügenhafte gute Ruf, der so ungerechtfertigt sein
+hirnloses Zappeln umgab, fiel ihm wie höhnischer Vorwurf auf die Seele.
+
+Der Vater trat besorgt näher. »Was sagst du?«
+
+»Nichts, Papa. Gute Nacht also. Ich bin todmüde. Morgen weiter.«
+
+
+
+
+III.
+
+
+Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur ein dunkler Mißmut
+blieb ihm zurück, unten auf dem Grund, den auch die Stöße des Zuges
+nicht aufrüttelten und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu forschen
+er sich wohl hütete.
+
+Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, die er tätig
+ins Netz schlichten half: Obst und Buttersemmeln als Reisekost, für
+die treue Frau Lichtnegger Würste und einen großen Schinken, für die
+Großmutter Magenlikör, den sie immer verlangte, Brustbonbons und
+andere Kleinigkeiten ... Erst als sie alles in Ordnung wußte, heiterte
+sich ihr Gesicht auf, und indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab
+sie Arnold Anweisungen, wie er sich verhalten müsse. Laut reden,
+natürlich -- und sich nichts draus machen, wenn er manches nicht
+verstehe, die Mutter spreche eben noch wie die alten Leute -- er
+solle nur recht lustig sein, ihr Witze erzählen, auch sagen, daß
+er schon Geld erspart habe, das sei die Hauptsache -- und warum er
+so eine schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich
+eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, letzthin habe
+sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant genug gefunden.
+
+»Auf solche Sachen gibt sie noch acht?« meinte Arnold zerstreut. Jetzt
+etwa begann der Flug in Waldbrunn.
+
+»O sie gibt auf alles acht. Du würdest staunen. Überhaupt, gescheit
+ist sie ...« Es klang so wie: Ja wenn alles an ihr so gut wäre ...
+
+»Ist sie wirklich so bös?« fragte Arnold gleich, etwas übereilt, da
+er eben nicht ganz bei der Sache war, trotz innerer Anstrengung.
+
+Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm zu sein; sie
+begann gleich von ihrer Jugend zu erzählen, als gingen ihr alle
+diese Dinge schon recht eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre
+Heimatstadt war die Vergangenheit näher an sie herangerückt. Was
+für Qualen!... Sie hatten eine Glasperlenerzeugung gehabt, die Mutter
+am Platz, der Vater immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die
+Hölle. Oft mußten die Kinder Nächte und Tage lang Knöpfe auf kleine
+Kartons befestigen, bis ihnen die Augen zufielen. Wenn nicht so und so
+viel Gros fertig waren, mußten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten.
+»Wir haben mehr Schläge gekriegt als zu essen.« Und dabei war solcher
+Fleiß gar nicht nötig, denn das Geschäft ging ja damals noch sehr gut,
+sie kauften sogar später ein eigenes Haus. Aber die Kinder mußten
+weiter arbeiten, nur aus Geiz, daß ihnen die Finger wund wurden,
+auf einem Schammerl stehn und große Kisten packen und wehe, wenn etwas
+zerbrach! Dann auf den Markt fahren, nach Pilsen. Und immer Lärm,
+Schimpf, Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal
+wurde die älteste Schwester, die Marie, im Hemd hinausgejagt, mitten im
+Winter, weil sie geantwortet hatte. Und niemand da, um die Kinder zu
+schützen. Nur der Vater sandte manchmal aus der Ferne zehn Kreuzer, ein
+Papierzehnerl an jedes Kind, das war alles. Marie lief denn auch bald
+fort in die Fremde, sie wollte Kindergärtnerin werden, war gebildet, an
+einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu Hause Bücher gelesen --
+anderswo, das wäre ihr schlecht bekommen! Aber unbehütet, unerfahren,
+wie sie war, geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur -- nie
+hatte sie mit einem Mann reden dürfen, immer zu Hause eingesperrt, kein
+Tanz, kein Vergnügen, jetzt war sie natürlich von dem ersten besten
+entzückt -- der hatte sie geheiratet, in Not und Elend, und so war sie
+untergegangen, gestorben -- so schöne Zähne, schöne Haare, alles weg
+-- und wie oft hatten die Geschwister, auch der Bruder, der Poldi,
+die Alte auf den Knien gebeten, mit aufgehobenen Händen, ihr doch mit
+etwas beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre Flüche
+waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. Und ebenso der Ehe
+des Poldi. Indessen hatte auch der Vater das Heim verlassen, eine
+andere Frau in Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt,
+wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, dann hatte
+man vom Vater nichts mehr gehört; verschollen. Die Hütte aber in
+Wintertal hatten irgendwelche Feinde angezündet, so sagte wenigstens
+die Großmutter, kurz sie war abgebrannt. Das ganze Vermögen ging zu
+Grunde, nur noch Herr Beer als Bräutigam, der das gänzlich hilflose
+Mädchen nahm, rettete etwas. Denn auch sie -- Mama, als letzte -- war
+einmal auf dem Pilsner Markt der Großmutter entwichen: »Und wenn du
+jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf den Kopf stellst,
+ich gehe nicht mehr mit nach Hause« ... Sie hatte zuerst bei Marie
+gewohnt und mittags, statt zu essen, hatten die zwei armen Mädchen
+halt ein bißl geweint. Mit Näharbeiten auf der Maschine sich das Brot
+verdienen, das ging nicht so leicht. Glücklich waren sie, wenn sie
+täglich fünf Kreuzer auf eine Wurst hatten. Und drei Jahre lang
+kümmerte sich niemand um sie, nicht Vater, nicht Mutter, Waisen
+waren sie in der großen Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte,
+ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen hätten, ob sie noch
+anständig seien. Jetzt freilich, wenn man der Großmutter zuhöre,
+habe sie sich den Kopf für sie ausgesorgt. »Meine süße Marie, was hast
+du sterben müssen.« Sie könne solche Reden gar nicht anhören ...
+Bestürzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus dem er selbst
+emporgetaucht war, zu rätselhaftem Geschick. Er kannte ja diese
+Familiengeschichte, aber nur unvollständig, nur aus dritter Hand. Nie
+noch hatte er die Mutter so erzählen gehört, jetzt war er ergriffen,
+und während der Zug an reizenden Wäldchen, heiteren Villen vorbeilief,
+tappte er wie im Finstern nach ihrer Hand.
+
+Auch die Mutter meinte: »Nun, das ist ja alles jetzt vorbei und
+ich trag ihr's nicht nach. Kann sie denn dafür? Schließlich ist sie
+ja doch nur die Mutter. -- Wenn man nur mit ihr auskommen könnt.
+Neulich, vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch auch im Bösen
+fortgefahren ...«
+
+»Warum denn?« Arnold bewunderte immer mehr die unendliche Güte
+seiner Mama, die er ja kannte, die sich ihm aber noch nie in so
+ausführlicher Entwicklung gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen,
+seine Großmutter, verspürte er immer entschiedenere Abneigung, ja Haß.
+
+»Sie ärgert sich halt vielleicht, daß wir sie nicht zu uns nehmen.
+Aber geht das denn? Könnte das ein Mensch aushalten?... Und dann
+spricht so vieles dagegen. Der Doktor meint, daß nur die Landluft
+da draußen sie so lang gesund erhält; sie würde nicht einmal mehr
+die lange Fahrt vertragen.« Sie schloß in einiger Verlegenheit.
+
+Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes Thema zu kommen, aber
+nicht auffällig, erkundigte er sich, wovon denn die Frau da draußen
+lebe.
+
+Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie
+eigensinnig keins angenommen und sich selbständig ernährt, Gott
+weiß, womit. Sie mache Geschäfte unter den Leuten, verborge Geld,
+kaufe und verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch,
+unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich
+beschwindelten sie ja auch die Leute, sie könne ja weder lesen, noch
+schreiben, noch rechnen, für sich selbst stelle sie an der Stubentür
+mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- Überdies habe sie
+Geld in der Sparkasse, fünf Büchel zu zweihundert Gulden, aber das
+rühre sie um keinen Preis der Welt an, das sei ihr größter Stolz, daß
+sie einmal jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen würde,
+was nach ihren Begriffen eine enorme Summe sei. »Besonders dir, Arnold,
+du bist ja ihr Liebling.«
+
+Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm berührt. Er beichtete
+der Mutter seine Erinnerung, den Streit mit der Großmutter vor Jahren.
+
+»Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen macht sie hundert im Tag.
+Das hat sie längst vergessen. -- Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott.
+Und dein Papa, das ist der Obergott.«
+
+»Warum?«
+
+»Ich weiß nicht. O ja, er war ja die gute Partie. Marie und Poldi haben
+arm geheiratet ... Nicht hören kann sie noch jetzt von ihren Familien.
+Und wie sie schimpft.«
+
+Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt durch die schöne
+Landschaft draußen, den Tiergarten und das Schloß von Sichrov,
+erinnerte sie sich an heitere Dinge ihrer Jugend, an die spärlichen
+Lichtblicke -- einmal hatte sie an einer Dilettantenbühne mitgewirkt.
+»Der Herr Registrator auf Reisen«, das war der Titel des Stückes.
+O, sie könne noch die Rolle auswendig, das würde sie wohl nie
+vergessen. Was für Mühen waren das aber gewesen, um die Großmutter
+zur Zustimmung zu überreden. Das ganze Dorf mußte bitten kommen. Der
+Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Großmutter überhaupt sehr viel
+gegeben, und daß einmal einer, der selige Herr Schmidt, die kleine
+Schülerin gerühmt, das vergesse sie niemals zu erzählen. Nun, er
+werde ja diese Anekdote morgen selbst hören. -- Diese Wendung
+brachte sie auf die nahe Zukunft zurück. Sie äußerte Besorgnisse. »Wie
+werden wir sie antreffen.« Und Arnold, der besser unterrichtet war,
+dachte im Stillen, ohne besondere Regung, nur um die Mutter besorgt,
+man werde diesmal wohl gerade zum Begräbnis zurechtkommen.
+
+Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man kaum das Gepäck im
+Hotel untergebracht hatte, gingen sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte
+so, voll Ängstlichkeit, und Arnold, der sie nur als friedliches und
+ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch geglättete Zimmer wandeln gesehn
+hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier und dort auftauchenden
+Lauten des schlesischen Dialekts nachlauschte: »Ai der Bohne --
+hörst du -- das heißt: an der Bahn -- ja, so spricht man bei uns,
+ich kann's aber nicht mehr, ich versteh's nur.« Sie sprach von der
+Heimat, den Örtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. Alles kannte sie
+genau, auch die letzten Veränderungen, da sie mindestens alle
+Vierteljahre einmal hierher zu Besuch kam. Sie erklärte Arnold, wer
+diese Lichtnegger eigentlich seien, eine Maurerfamilie hier,
+Jugendfreunde, Christen, nur aus Gefälligkeit hätten sie den schweren
+Dienst übernommen, täglich bei der Großmutter nachzusehn und von Zeit
+zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke es ihnen schlecht, es
+sei ein Malheur halt. So habe sie neulich in der Stadt herumerzählt,
+Frau Lichtnegger komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das
+kleine Seifengeschäft eingerichtet habe. Eine vollständige Lüge,
+solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich selbst zusammen.
+Und diese Launen ... Nun, er solle nur bei Lichtneggers recht
+freundlich sein, man könne ihnen gar nicht genug danken ... Und
+Arnold fand ganz erstaunt, mit was für Dingen, die er noch gar nicht
+kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit einer Maurersfamilie.
+Davor hatte er doch einen kleinen aristokratischen Abscheu und
+fragte: warum Mama nicht lieber gleich zur Großmutter nachschauen
+gehe. -- »Nein, ich muß mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht
+im Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und auf dem Berg,
+hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie in unserer Stadt, alles
+hübsch gradaus, in Wintertal geht's bergauf, bergab.« Und als hätte
+sie damit etwas sehr Lobendes gesagt, in großem Stolz zeigte sie die
+Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne hoch oben
+zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel gestochen. Sie
+standen in einer Richtung, in der man Sterne, nicht Häuser vermutet
+hätte, auf hohen Bergen rings um den Kessel. Und auch die Straße,
+die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an vielen Ecken
+führten Stiegen zum Trottoir empor, um die Steigung auszugleichen,
+der kalte Gebirgswind ergoß sich wie durch eine Röhre längs der
+Häuserwände herab. Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold
+ihre Liebe zu dieser alten bösen Frau unbegreiflich fand, sagte er
+sich, daß er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen Weg bergauf
+nicht gescheut hätte. Diese Halbheit, diese Mäßigung in der
+Besorgtheit verstand er nicht.
+
+Er konnte sich nicht überwinden und, vor dem Haus der Familie
+Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, warten zu dürfen. Seine
+goldenen Manschettenknöpfe raschelten, und irgend ein hoher adeliger
+Offizier, mit dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten
+hatte, trat ihm vor die Augen ... Die Mutter kam bald wieder: »Mir
+scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat Schmerzen, hat auch
+schon heute zweimal nach mir gefragt, warum ich noch immer nicht komme
+und man soll nur noch einmal schreiben.« ... Arnold dachte: Also sie
+lebt noch, wirklich unverwüstlich ... »Aber denk dir nur. Gestern
+noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich so um sie bemüht und
+sie pflegt, einen Skandal gemacht. Die hat geweint, die Ärmste, wie
+sie mir's erzählt hat. Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie
+haben da eine schöne Schürze, genau so eine ist mir vor ein paar
+Tagen gestohlen worden ... Was soll man da sagen?... Und dabei
+würde sie doch elend zugrunde gehn, wenn sie die Frau nicht hätte,
+kein Mensch wüßte was davon.« -- »Hast du ihnen den Schinken und das
+andere gegeben?« -- »Sie wollten nichts nehmen, erst nach langen
+Reden. Es sind so anständige gute Menschen.« -- Arnold bekam aufs
+Neue Wut gegen die Alte: »Gehn wir jetzt noch hin?« Er wollte ihr
+mal seine Meinung sagen. -- »Nein, sie schläft jetzt. Und das ist
+recht, da soll man sie nicht stören. Frau Lichtnegger ist eben
+dortgewesen ...«
+
+Im eisigen Hotelbett erst überfielen ihn die eigenen Sorgen.
+Unruhig träumend sah er den mißglückenden Flug, die ganze Stadt
+hinausgelockt nach Waldbrunn, die Regierung, die Spitzen der
+Vornehmheit, und alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut;
+dann eine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, in
+großen Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, und sein Gesicht mit
+emporgehobener Handfläche vor dem Photographen schützend, wie er dies
+bei Bildern von Prozeßberühmtheiten gesehn hatte --, in diesem
+Schreck wurde er ein wenig wach, haderte mit sich wegen aller Dinge,
+aber noch ganz besonders wegen seines phantastischen Rückhalts an
+Lambert und der Sammlung -- jetzt war der Flug längst entschieden
+-- ein ganz klarer Gedanke: morgen früh gleich die Zeitung lesen,
+nicht vergessen -- er schlummerte wieder ein wenig, da trat Lina ins
+Zimmer, sie hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchen
+Glotzaugen, wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern,
+so groß wie Gerhart, dieser dumme Bursch, auch ihm ziemlich ähnlich,
+wenn man's recht nahm -- von neuem riß es Arnold empor, und die
+einsamen kahlen Wände anstarrend, die sich schon im Morgengrauen
+erhellten, überlegte er hastig, wozu er eigentlich nach Wintertal
+gekommen sei, wieder so ein unsinniger Streich, denn hier sich
+verbergen, bis zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das ginge
+doch nicht -- aber vielleicht ins Gebirge fliehn -- er begann von
+Lawinen zu träumen, die sich in Stöße blauen Briefpapiers verwandelten,
+auf seine Baracke losstürmend; nun war das Hüttchen überschüttet, ein
+paar Schnörkel einer Mädchenhandschrift stiegen aus dem Papier, tanzten
+wie Rauch über den Trümmern, sie wollten sich zu Worten ordnen, ein
+Wind aber trieb sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr,
+nein, ein Fußball fuhr zwischen sie, ein roter, die Sonnenkugel ... Am
+Morgen erwachte Arnold ganz gedemütigt und sanft; fast ohne zu reden,
+folgte er der Mutter durch die sonnigen kühlen Straßen.
+
+Sie bog hinter einem zweistöckigen Häuschen ein, das, in einer
+Nebenstraße gelegen, noch ganz das Aussehn eines Großstadthauses
+hatte, mit Fensterkrönungen, Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert.
+Dahinter lief ein grasiger Fußpfad steil bergab, zwischen freien
+und bewachsenen Erdhügeln, wie man sie auf Bauplätzen sieht. Eine
+Ziege, an einen Baumstamm gebunden, weidete da. Links führte ein
+Nebenweg zu einem verzäunten Garten, der auf einem Hügel lag,
+neben ihm die stattliche Hütte. Eine unansehnlichere trat quer gegen
+den Fußpfad vor, so daß sie ihn mit einer Spitze berührte. Zu dieser
+bog die Mutter ein ... »Hier also?« fragte er beklommen. Er zitterte
+ein wenig, in so etwas dörfisch Armem, Zusammengeducktem lebte
+also etwas wie sein eigen Fleisch und Blut. »Warte ein bißchen« sagte
+die Mutter »ich will sie doch vorbereiten.« Während sie vorausging,
+betrachtete Arnold, fast mitfühlend, den dunklen niedrigen Holzbau, die
+Wände aus Balken und Latten, in denen nur die kleinen Fensterchen,
+weiß eingerahmt und mit Blumen, eine Farbe hatten, darüber dann das
+große, mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, rußig und wie
+zerfallen; wie eine faltige Haube, höher als das ganze übrige
+Gebäude, drückte es mit unverhältnismäßiger Kraft herab und armselig
+sah eben deshalb solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem
+unwohnlichen, sich verjüngenden Dache liegt. Und die kurze Treppe, die
+zu einer Art Plattform vor der Türe heraufführte, o diese Plattform
+aus großen rohen Steinen, mit einem ureinfachen Geländer -- wie
+wenig bequem, wie ländlich das alles!... Die Mutter stand nun
+wieder in der engen Türe, in ihrer Stadtjacke und im Hut seltsam
+abstechend. Sie winkte. Arnold betrat die Treppe, durchschritt ein
+von dunklem Gerät verstelltes modriges Vorhaus, durch das eine mächtige
+Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporführte; etwas Helles und
+Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine Augen, jetzt eine wie mit einem
+Sofapolster verlegte Tür, an der ein Anklopfen unhörbar geblieben
+wäre und die die Mutter vor ihm öffnete, während sie ihm nochmals
+zuflüsterte: »Sei nur hübsch lustig ...«
+
+Er trat ein, sich bückend.
+
+Im Bett der Tür gegenüber, unterschied er ein winziges gelbes, von
+Falten unendlich tief zerdrücktes Gesicht, das der Zimmerdecke
+zugekehrt auf dem Kissen lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine
+leise deutliche Stimme sagte, während er zögernd sich näherte:
+»Arnoldele, mei Gold, gesünd sollst de sein bis über hündert Jahr.
+Soll dir Gott geben, was du werst brauchen, mei Gold ...« Er beugte
+sich, um eine kleine Hand zu küssen, die warm war. Da sah er nebenan
+seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell an die Augen pressen.
+Und auch die Augen der Großmutter veränderten sich, diese beinahe
+hundert Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen wurden
+trübe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus -- und dieser Anblick
+rührte ihn so, daß er seine Kehle, den Hals noch tiefer unten sich
+zusammenziehn fühlte ... Wie ein Gebet murmelte die Großmutter leise
+fort, aber durchaus nicht erregt: »Groß bist de geworden, unberufen,
+e Gewure von e Menschen, Gott soll ...« Er verstand einige Worte
+nicht und sagte nun selbst: »Küß die Hand, Großmutter, no du siehst ja
+gut aus, es fehlt dir also nichts, nichtwahr ...« Sie flüsterte
+weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte sie mit einem ganz
+schwach singenden, einschmeichelnden Ton: »Was tu ich dir nur für
+e Kowed an, Arnoldele?...«
+
+Die Mutter soufflierte ihm die Übersetzung: »Kowed -- Ehre --«, und
+während er sich an sie wandte: »Ich weiß ja«, steckte sie ihm die Düte
+mit Brustzelteln in die Hand.
+
+»Ich bin froh, daß ich bei dir bin« sagte Arnold laut und seine
+reine Aussprache erschien ihm gegenüber dem stets modulierten,
+undeutlichen Herzensmurmeln der Greisin hart und geziert: »Schau, was
+ich dir mitgebracht hab. Ich hab gehört, daß du das gern hast ...«
+Er wollte sagen: »magst«, doch erschien es ihm plötzlich notwendig,
+die einfachsten Worte zu gebrauchen.
+
+»Ich hob immer gewüßt, daß du e braves Kind bist ...« Auf mehrere
+deutliche Worte folgten immer ein paar unverständliche. Dann, an die
+Mama gewendet, erhob sie ein wenig den Kopf: »Ich sog dir, Regie, von
+dem Kind wirst de ka Herzlad haben und immer Freiden sollst de erleben.
+Er hat Herz und Gemüt.«
+
+Arnold reichte ihr die Düte.
+
+»Nimm dir, du wirst doch jetzt etwas essen, von deinem Enkerl« sagte
+die Mutter, die Gelegenheit benützend, und zu Arnold leise: »Sie hat
+zwei Tage lang nichts zu sich genommen.«
+
+»Ich hab ka Appetit.«
+
+»No eine Kleinigkeit« schmeichelte er »wenn ich dich schön drum bitt.«
+
+Sie kam mit ihrer Hand der seinen, die das Bonbon reichte, schwach
+entgegen und steckte es in den Mund. Resigniert schloß sie die Augen,
+wie eben ein Wohlerfahrener, der dem minder Erfahrenen zum Spaß einmal
+nachgibt. Darauf fiel ihre Hand langsam wieder auf die Decke zurück:
+»E Mensch soll nix essen, wo er ka Appetit hat ... für e kranken
+Menschen is das nix ...« Sie seufzte auf. »Nur herümgehn wenn ich
+könnt ...«
+
+»Es wird schon wieder werden« tröstete die Mutter. »Nur Geduld. Eine
+gute Patientin, was? Noch ein bißchen Fieber?« Sie tastete ihr auf die
+Stirn. »Nicht so arg.«
+
+»Das verfluchte Fieber, ja ja ...« Die Kranke keuchte wieder und
+hustete ein wenig, wobei es den Anschein hatte, als übertreibe sie, aus
+Zorn, nicht völlig gesund zu sein oder als spiele sie die Wehleidige,
+wie ein Kind, um sich interessant zu machen. Dieses regelmäßige
+Keuchen erweckte jedenfalls keine Besorgnis. »Wie ich voriges Jahr
+operiert bin worden, hab ich gar ka Fieber gehabt, und jetzt diese
+Geseres. Alle Kränk auf krumm Gitel ...«
+
+»Das ist die Medizin, nichtwahr.« Die Mutter kramte am Fensterbrett
+»wo ist aber das Löfferl?«
+
+»Ich hab ka Löfferl -- ich trink mir e bissel aus dem Fläschel.«
+
+»Aber da kannst du doch nie wissen, wie viel.«
+
+»Mei Deige! Bis ich halt genug hab.«
+
+Die Mutter kramte weiter: »Und das Thermometer, zerbrochen!«
+
+»Mit dem Stückele Glas wird er mich gesünd machen, soll er so leben.«
+Die Großmutter, die immer erregter gesprochen hatte, faltete bei
+diesen Worten die Stirne mit einer Energie, die Arnolds Herz wie ein
+Glockenton ganz erfüllte. Wie magisch angezogen legte nun auch er die
+Hand auf ihre Stirn, drängte die Hand der Mutter zart weg ... Da war
+Wärme wie unter einer dünnen Schichte, und dieselben wohlgerundeten
+Knollen über den Augen, die er auch an sich wußte ... Ein Gefühl
+unbeschreiblichen Behagens erfüllte ihn, vielleicht verstärkt durch
+das stete Pochen der Adern an seiner Hand, durch die Fieberwärme oder
+die Ahnung, daß er hier etwas wie ärztliche Hilfe leiste, ganz
+entfernt etwas Liebendes, Sachverständiges. »Hitze, ein bißchen
+Hitze« nickte er wie im Traum. Die Großmutter schloß die Augen
+wieder. »Was hat der Doktor gesagt?...«
+
+Die Mutter hatte sich indessen im Zimmer weiter umgeschaut: »Was
+für eine Wirtschaft, Gott im Himmel ... Mutter, ein bißl Kaffee,
+nicht?« und näherte sich mit einer Tasse, die sie vom Ofen nahm,
+schmeichlerisch: »Koffi, nicht?«
+
+Die Großmutter nahm eben das nur ein wenig verkleinerte, jetzt
+glänzende Bonbon aus dem Mund, und legte es aufs Federbett. Ein
+Schleimfaden zog sich daran. »Geh loß mich, wenn ich dir schon emol
+gesagt hab« und ihre Augen bekamen plötzlich zwei glänzende scharfe
+Punkte wie Dolchspitzen. Dann wandte sie sich an Arnold, der noch
+immer, die Hand an ihrer Stirn, dastand: »Nü, setz dich henidder,
+mei Kind, was tu ich dir nur für e Kowed an.« Er zog den groben
+Stuhl aus weißem Holz ans Bett.
+
+»Brauchst dich nicht zu kümmern, Mutter, wir haben uns schon alles
+selbst mitgebracht.« Die Mutter entfaltete aus Papieren kleine
+Würstchen. »Ich muß nur Feuer machen. Hab nur keine Angst, wir
+sorgen schon für uns.«
+
+Arnold wiederholte, halb zur Mutter gekehrt: »Wann kommt der Doktor,«
+da er darauf noch keine Antwort hatte. -- »Um zwei Uhr, hat Frau
+Lichtnegger versprochen.« -- Und nun beugte er sich, beruhigt,
+zärtlich, zu der alten Frau nieder, scherzhaft: »Nun also, was gibt es
+denn? Schöne Geschichten! Krank sein, das würde dir so passen,
+nichtwahr ...«
+
+»Ich kann nimmer gehn« jammerte sie schwach. »Ich hab mr ja gewünscht,
+ich könnt zwa Täge vor mei Tod hausieren gehn. Aber jetzt dos daliggen
+... Ich kömm scho gar nicht mehr vom Fleck. Wenn ich üm zehn weggeh,
+bin ich umme zwölf dort, wo ich hab hingewellt ...«
+
+»No es wird schon wieder besser werden. Natürlich es kann nicht immer
+so sein wie neulich. Da hast du uns geschrieben, die Mama soll nur
+schnell kommen. Und wie sie gekommen ist, war das Zimmer zugesperrt
+und du bist erst Mittag gesund von irgend einem weiten Weg nach Haus
+spaziert ...«
+
+»Sei haben geschrieben« sagte die Alte still. »Ich hab ihnen nix
+gesagt.«
+
+Die Mutter, die beim Ofen kniete, machte ihm ein Zeichen. Er erinnerte
+sich, daß sie ihn schon unterwegs auf diese Eigenheit aufmerksam
+gemacht hatte, und schwieg ...
+
+»Sei haben geschrieben« wiederholte die Großmutter »Aber jetzt geh i
+nimmer aus ... Jetzt bin ich echtfärbig.«
+
+»Echtfärbig?« Er hatte vielleicht falsch gehört.
+
+Ein ganz schwaches Lächeln suchte die Falten zu durchbrechen: »No ja,
+weil's nicht ausgeht ...«
+
+Er lachte auf und lachte dann noch einmal, um ihr eine Freude zu
+machen. Wie dieser Funke von Geist ihm entgegenleuchtete, er begriff
+es kaum. Aber sie sah schon wieder ruhig vor sich hin. Nur ihre Wangen
+röteten sich, war es Fieber oder schon Erholung? Jedenfalls keine
+Spur eines erregten Wiedersehns, nein, erregt war sie nicht, während
+er sich immer noch nicht fassen konnte, und diese ihre Ruhe, vereint
+mit ihrer Frische, machte den Eindruck verhaltener Kraft und einer
+Weisheit, die schon jenseits der menschlichen Zeit stand.
+
+»Ich sog immer, sei sollen nicht schreiben. Haben sei enk leicht wieder
+geschrieben, diesmal, die Ludern. Was sie nur wollen ...«
+
+»Nein, wir sind von selbst gekommen, Großmutter. Oder bist du
+vielleicht nicht froh, daß wir da sind, no schau ...«
+
+Sie antwortete nicht, vielleicht weil die Antwort selbstverständlich
+war. Doch hatte er manchmal die Empfindung, daß sie ihn nicht verstehe
+oder er sie nicht. Auch ihre Müdigkeit schien da mitzuspielen, die
+Krankheit, wie eine Wand fühlte er das manchen Moment lang. Hatte er
+doch, beispielsweise, einen Vorwurf gefürchtet, daß er noch nie zu
+ihr zu Besuch gekommen war. Doch in diesen Bahnen bewegte sich ihr
+Denken eben nicht. Er staunte; aber das Bewußtsein einer Verständigung
+war ihm so süß, wenn es ihm wieder kam, daß er alles andere übersah,
+so wie man etwa bei kleinen Kindern nur ihre Zeichen von Vernunft
+bemerkt und daher alle für gescheit hält. »Schau an« meinte sie
+plötzlich und ihm schwoll das Herz »dei Mutter, wie se den Hut nicht
+auszieht bei mir ... no er paßt ihr auch gut, was nur wahr is.«
+
+»Wenn ich Dir nur gefall« erwiderte die Mutter, und Arnold fand ihren
+überlegenen Ton nicht ganz berechtigt. Sie nahm übrigens den Hut ab.
+
+»Schöne Frisur.« Ganz schwach kamen die Bemerkungen und doch mit der
+intelligentesten Deutlichkeit, die aus diesem verfallenen Gesicht
+erstaunlich tönte wie eine Prophezeiung.
+
+»Gott sei Dank, ich gefall Dir heut ...« Auch etwas Eigensinniges lag
+in diesem Ton, wie wenn ein halbwüchsiges Mäderl gegen ihre Eltern die
+Erfahrene machen wollte.
+
+»Aber dick biste geworden, eppes dick, Regieleben.«
+
+»Paß nur auf, gleich wird ihr etwas nicht recht sein«, wandte sich die
+Mutter an Arnold, doch mit lauter Stimme.
+
+»Die Dicke taugt nischt. Das ist ungesund ... Ich war ach emol so
+dick, haben do die Kinderl e Freid gehabt, daß ich dick bin. So die
+Ärme haben sie mr gedrückt. Aber es war nix gut ... Und e dörre
+Nachbarin haben wir gehabt, die hat gesogt damals: Mei Mo tut mich
+auslachen, weil ich so dörr bin. Ich will Dich mit e Zündholz anzünden,
+sogt er. Da könnten Sie mir eppes abgeben, Frau Goldberger, hat sie
+gesogt, Na ja, wenns geht, so nehmen Se sich nur e Stückele, hab ich
+gesogt. Do wär uns beiden recht ...« Die Großmutter wurde zusehends
+munter. Sie plauderte mit sichtlicher Lust. Arnold, der immer nur
+einige Worte verstand, labte sich an ihrem Feuer, den ausdrucksvollen
+Biegungen der Stimme, die jetzt, ohne stärker geworden zu sein,
+ohne sich geändert zu haben, wie ihm schien, etwas Metallisches, Helles
+wie bei guten Schauspielern hatte und etwas so Jugendliches, wenn sie
+Freundliches schildern wollte. Diese Stimme mochte aus dem Halse
+kommen, obenhin, nicht aus den Tiefen der Brust, und dennoch klang
+sie stark, mannigfaltig, mühelos, sie war süß.
+
+»Es brennt schon« rief die Mutter vom Ofen her. »Das ist halt Dein
+Kuksöwile, was, Mutter.« Sie wollte der Großmutter einen Gefallen
+machen, indem sie ihren Ausdruck gebrauchte. Die Großmutter merkte
+es aber gar nicht, sondern meinte nur ganz ernst: »Ja das is mei
+Kuksöwile, e guts Öwile.« -- »Da brauchst Du Dich wenigstens mit
+keinem Dienstmädchen abzuärgern.«
+
+»Willst Du Dich nicht auch hersetzen, Mama?«
+
+»Loß se gehn« sagte die Großmutter, mit einem vertraulichen klugen
+Zwinkern zu ihm »sei is doch glücklich mit ihrem Gegeh und
+Geschwindel und Geputz. Das hat se von der Tante Lise noch. Die hat
+auch allemal geputzt und geramt. Wenn man is zu der gekommen, hat alles
+geblinkt und gefinkelt und der Fußboden war genau eso rein wie das
+Tischtüchele. Meschugge, metorf. Hat ihr emol der alte Schlojme
+gesagt, aus Petschau der, kannst Dich erinnern, Regie, -- sei soll
+emol die Zimmerdeck ach abwaschen, aber da is ihr das Wasser über
+den Kopf geschütt ...« Arnold verlor den Faden von hier an, doch
+glücklich, als sehe er sein eigenes Anekdoten- und Unterhaltungswesen
+leibhaftig vor sich, blickte er ihr ins Gesicht, aus dem das Kinn
+scharf hervortrat. Dieses Kinn war mit vielen großen Poren besetzt,
+wie durchlöchert, als hätten die Falten auf dem Kinn die Gestalt von
+Löchern angenommen, diese Falten, die auf der Stirn in gleichmäßigen
+Krümmungen hinzogen und über die Wangen hin nach allen Richtungen wie
+ein Netz lagen, das sich um die Mundwinkel herum undurchdringlich
+zusammenschnürte. Hier drängten die Linien so dicht an einander, daß
+die schwächeren von den tieferen durchschnitten oder als Hügel an
+die Oberfläche gedrängt wurden, und diese tieferen schienen gar
+keine Hügel mehr, sondern Einschnitte ins Fleisch, unbeweglich. Die
+Nase dagegen hob sich ziemlich glatt und schön gebogen aus dem
+Wirrwarr. Mit unendlicher Wehmut betrachtete Arnold diesen
+beredten Mund, der keine Zähne mehr hatte; seine Lippen bildeten
+dafür zackige Erhöhungen und Ausbuchtungen, die sich an einander
+schlossen und wieder auseinander zogen, je nachdem der Mund sich schloß
+oder öffnete. Die Augen blitzten. Das Schönste jedoch war das
+schneeweiße Haar, reich und ohne jede Beimischung von Gelb an der Stirn
+beginnend, übrigens vom Liegen jetzt ein wenig zerrauft ... Arnold
+begann es leise zu streicheln; eine Ruhe, noch nie empfunden, eine
+gänzliche Sorglosigkeit beschlich ihn dabei, wie am Ende aller Dinge,
+er hörte nicht mehr genau zu und doch war ihm, als verstehe er
+alles, sein Ohr füllte sich mit verworrenen Tönen, mit Erzählungen
+ohne Ende, deren Zusammenhang ihm fragwürdig war, deren Ausgang in
+nichts verlief, ohne Pointe, die aber so lebhaft klangen und auch
+offenbar der Erzählerin die Erinnerung an so lebhafte Dinge
+nahebrachten, daß ein jugendliches warmes Licht durch das ganze
+Zimmer aufzustrahlen schien. Plötzlich unterbrach ein stärkerer Husten
+und die Großmutter drehte sich der Wand zu ...
+
+»Was ist?« rief die Mutter und kam herbei.
+
+Die Großmutter klagte, mit heftigen Zuckungen des Gesichts, über
+Schmerzen. Der Husten reize ihr altes Leiden wieder. Arnold, der
+wußte, daß sie einen neulich operierten Bruch habe -- auch schmutzige
+Bandagen, unter dem Kopfpolster zusammengerollt, erinnerten ihn
+daran -- wandte sich ab, seinen Sitz der Mutter überlassend. Während
+die beiden Frauen mit einander flüsterten, ging er durch das Zimmer. Es
+war so schmal und klein, daß das Bett beinahe ein Viertel des
+Raumes wegnahm. Gleich an die Türe stieß ein Küchenofen, dessen Platte,
+mit einem Gewirr von Schüsseln und Töpfchen, dennoch nie benützt zu
+werden schien, denn auch alte Papiere, Kleider wälzten sich über sie
+und dicht daneben hing an einer Schnur ein Bündel neuer Schürzen,
+das Warenlager vielleicht. Über ihn weg ging überdies zu dem
+wirklich benützten, kleinen, so beliebten Eisenöfchen, das auch jetzt
+brannte, ein schwarzes Rohr, das in zwei herabhängenden wackligen
+Drahtschlingen wie etwas Schlafendes schwebte. Und schlafend lagen
+auch, in angemessener Entfernung dem Ofen gegenüber, mehrere Koffer
+und Kisten auf der Erde, alle in Eisenreifen mit Schlössern, aber alt
+und verfallen. Seltsam genug machte sich neben ihnen die Pracht eines
+ganz neuen Kanapees, das zwischen sich und dem Bett nur einen ganz
+schmalen Durchgang ließ, so breit war es mit seinem roten Leder,
+den gepolsterten Armlehnen, den zum Schmuck tief eingenähten
+Knöpfen. Es paßte gar nicht herein und, als werde dies auch gefühlt,
+stand es mit der Rücklehne nicht ganz an der Wand, sondern
+fremdartig suchte es nach Stützpunkten ... Arnold erinnerte sich denn
+auch, daß die Mutter es erst neulich angeschafft hatte, damit die
+Großmutter zu Mittag darauf ausruhn könne, zum großen Ärger der
+Sparsamen übrigens, die alle Geldausgaben verabscheute ... Nur noch
+ein Möbelstück außer dem Kanapee gab es in dem kahlen und doch
+überfüllten Zimmer: ein mageres Glaskästchen, wieder mit Geschirr
+gefüllt; obenauf lagen viele Brillen (Arnold nahm sich vor zu fragen,
+warum so viele, vergaß es aber) und Gebetbücher (Also konnte sie doch
+lesen. Oder nur hebräisch?). Die Kleider dagegen hingen nicht in
+Kästen, sondern frei an der Wand, nur von einem schmutzigen weißen
+Tuch, das oben mit zwei Nägeln befestigt war, verhüllt. Das war das
+Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen
+quadratischen Fensterchen nur, deren Bretter wieder allerlei
+Porzellanzeug füllte -- und die niedrige Decke, nicht glatt, sondern
+mit offenem Gebälk, mit Spinnweben und Gott weiß was noch -- und alle
+Gegenstände hier nicht etwa Mann für Mann und sauber hingestellt,
+sondern durcheinandergeworfen, wie in Schwächeanfällen, mit einander
+verbunden durch hingestreute Haufen von Gerümpel, durch Fliegen mit
+ihrem unerträglichen Gesumm und Niedersitzen und wieder Kreisen, durch
+zerbrochenes Holz, Fetzen, Abfälle, noch hinter dem Bett lugte ein
+ganzer Sack mit abgetragener Wäsche hervor. Und dieses Bett, ganz eng,
+schwachfüßig, die Federbettdecke grau statt weiß, mit großen
+eingesetzten Flecken von andern Leinwandsorten, betropft mit rötlichen
+Spuren ... Wenn Arnold an seine Wohnung zu Hause dachte, mit ihren
+aufgeputzten hübschen großen Stuben, Palasträumlichkeiten förmlich,
+erschrak er. Und wie mochte es im Winter hier aussehn, im Schnee. Oder
+die langen einsamen Nächte einer Kranken ... Und kein Mittel, dem
+abzuhelfen, denn die alte Frau duldete aus Mißtrauen (alle Leute
+bestahlen sie, in dieser Einrichtung!) keine Bedienung, holte sich
+lieber selbst das Wasser und wusch sogar noch den Fußboden allein auf
+... In sein Graun mischte sich Bewunderung für diesen heißen
+eigensinnigen Kopf, und Liebe, Mitleid. Wie fremd und wie vertraut dies
+alles. Was mochte sie machen, während er die elektrische Lampe an
+seinem schönen Schreibtisch spielen ließ oder wenn er im Ruderboot
+saß, mit Millionärssöhnen, in demselben Moment, was tat da die
+Großmutter? Gab es gar keine Fäden? War es seine Schuld? Irgend
+jemandes Schuld?... O er hing doch mit dieser Bettlerin zusammen
+und war stolzer darauf als auf seinen Umgang mit allen Bürgern der
+Stadt. Wie kam das alles? So wahr und so sagenhaft. Er hätte weinen
+mögen, in seinem Herzen zitterte und klang eine ganze Harfe von
+Zärtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte
+er sich mit jenem tief schweigsamen Blick, der manchmal in einem
+einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt.
+
+»Setz dich nur hernidder« seufzte die Großmutter vom Bett her »auf
+dei Kanapee. Das ist doch enkerer Kanapee, das gehört enk und ich
+will's nicht. Setz dich nur auf dei Kanapee. Wenn ich nicht mehr bin,
+so nehmts enk nur wieder, den Dingerich do.«
+
+Er setzte sich wieder auf den Küchensessel, während die Mutter an ihre
+Arbeit zurücklief: »Aber was redest du denn? Davon redet man nicht.
+Was fällt dir ein.«
+
+Sie murmelte etwas.
+
+»Ich sitz lieber so bei dir, recht nahe, Großmutter. Das ist mir
+lieber.« Obwohl er alles, was er sagte, herzlich fühlte, ja herzlicher,
+als er es aussprach, kam ihm doch vor, als rede er nur, um ihr das
+Stichwort zu geben.
+
+Sie wandte ihm denn auch das Gesicht zu, in dem wieder der Zug von
+Schmerz, eigentlich mehr von Ungeduld, sich zeigte: »Ich möcht scho
+gern unten sei, unter der Erd. Oben war ich halt scho genüg, es freut
+mich nimmer, ich hob genüg gehabt, glaub mir. E Sof möcht ich machen.«
+Plötzlich aber erhob sie sich aus dem Klageton und ein wenig stärker,
+für die Mutter berechnet, begann sie zu schelten: »Awere, mit den
+Würstlach wärech scho lang fertig. Das is e Kocherei.«
+
+»Ich bin ja auch schon fertig« antwortete die Mama, sichtlich stolz
+darauf, daß sie ihren Humor nicht verlor »deine Kocherei natürlich,
+da hast du's leicht. Immer Koffi und Koffi noch und wieder.« Wie ein
+Dolmetsch wandte sie sich an Arnold: »Die Mutter trinkt nichts als
+Kaffee, das ist ihr Liebstes ...« und leiser »Gut, daß sie uns heut
+keinen kochen kann. Mich ekelt's, aus dem Zeug da zu trinken.«
+
+Arnold, der die Reden seiner Mutter überflüssig fand und diesen Ton
+eigentlich weniger verstand als den der Großmutter -- offenbar lagen
+da Verhältnisse zu Grunde, die er nicht kannte, noch aus alten Zeiten
+her -- sagte ihr leise scherzend ins Ohr, wie ein Verbündeter: »Daraus
+machen wir uns nichts, was?«
+
+Die Alte drehte ihr Händchen, das auf dem Federbett lag, um, mit der
+Handfläche nach oben und dann wieder zurück -- eine stumme Verachtung
+oder Hoffnungslosigkeit.
+
+»Was macht denn Deine Maus, Mutter, tanzt sie Dir immer noch
+zwischen den Kochtöpfen« spottete die Mama weiter, offenbar um zu
+belustigen. »Da ist ja die Falle ...« Sie zog aus einem der für
+Arnold unergründlichen Haufen ein Gitterwerk: »Leer ...«
+
+»Das Mäusile« lächelte die Großmutter, fast gutmütig. »Was macht denn
+mei Mäusile. Do hab ich 'r Speck 'reigetue und sie frißt en weg und
+läuft heraus. Is sie nicht drin?... Hast e Chutzpe gehabt.«
+
+»Auf Dich wird sie warten, wenn Du ihr so altes Zeug hinstellst. Aber
+ich hab Dir doch unlängst eine ganz neue gekauft, wo ist sie denn?«
+Sie stieß Arnold leise an, aber doch so, daß die Großmutter es hören
+mußte: »Sie wird sie verkauft haben ...«
+
+»Der Maurer hat mir geraten« schwenkte diese mit natürlicher
+Überlegenheit ab »ich soll ihr Glas vor das Loch streuen. Also hab
+ich Glas gesammelt und ihr gestrien, do stechen se sich herch.«
+Sie ächzte. »Wenn ich nur wieder gesünd wär und aufstehn könnt.
+Das is ka Naches, so zu liegen. Nur gesünd sein, wenn mir Gott
+gibt.« --
+
+Es klopfte.
+
+Herein trat Frau Lichtnegger, eine große hellblonde Frau im Kopftuch,
+mit ihrem Buben, der schnell beim Eintritt den Finger in den Mund
+steckte. Sie wollte sich, wie täglich, nach dem Befinden der Frau
+Goldberg erkundigen; vorsichtig und bescheiden kam sie näher, stieß
+aber plötzlich einen Freudenschrei aus: »Nein, das ist ja unmöglich.
+Wenn Sie sie gestern gesehn hätten, Frau Beer. Das ist ja gar kein
+Vergleich. No geh's nicht besser, Frau Goldbergen ... Sie hat halt
+Freude, daß Sie da sind ... Und das ist der Herr Sohn, nichtwahr.«
+Arnold verbeugte sich befangen. Die Großmutter sprach zu ihr wie zu
+etwas Fremdem, nicht ganz auf gleicher Stufe Stehendem: »Nehmen Sie
+doch Platz, liebe Frau ...« und redete überhaupt so still und
+sanft mit ihr, daß man sich ein Zanken von diesem Ton aus gar nicht
+recht vorstellen konnte »wie geht's denn?« Und zum Buben: »No, mei
+kleins Schekitzele.« Auf die wiederholte Frage der Frau Lichtnegger,
+wie sie sich heute fühle, antwortete sie mit einem traurigen, sehr
+absichtlich scheinenden Kopfschütteln. »Kein Vergleich mit gestern«
+flüsterte die Maurersfrau der Mutter zu.
+
+Die Mutter brachte eben die warmen Würstchen vom Herd, lud auch die
+Gäste ein. Man aß von einem ausgebreiteten Papier weg ... »Nun, Mutter,
+was wirst du essen?«
+
+»Ich hab ka Appetit.«
+
+»Ein bißchen Himbeersaft mit Kuchen.«
+
+»Ich hab ka Appetit.«
+
+»Aber du mußt doch etwas essen, -- eine Grieskasch?«
+
+»Vielleicht eine Omelette« mischte sich Frau Lichtnegger ein und die
+zwei Frauen bedrängten mit wohlgemeintem Eifer die Greisin, so daß
+Arnold sie bemitleidete, doch zugleich, da sie fest blieb, anstaunte.
+Sie hatte nun einmal keinen Hunger, als Fieberkranke. Er sagte es laut.
+
+Die Mutter war bös: »Hat man dich gefragt?«
+
+»Eppes hat mir heint geträumt« sagte die Großmutter, an so
+unvermittelte Übergänge mußte man sich hier gewöhnen »Sie können
+auch zuhören, Frau Lichtneggern, von dei seligen Lehrer Schmidt,
+nebbich, daß er mir hat erzählt, wie damals, von dir, Regie ...«
+
+»Das ist es« machte ihn die Mutter lachend aufmerksam.
+
+»Er hat gerechnet auf der großen Tafel und gesagt, keiner soll jetzt
+reden von die Schüler. Da is die kleine Goldberg aufgestanden: Derf
+ich nicht aber doch etwas sagen? -- Aber was willst du denn sagen,
+Kind? -- Ich möcht Ihnen was ins Ohr sagen, Herr Lehrer -- Aber
+jetzt sagt man nichts -- Derf ich aber nicht doch e kleins bißl
+was sagen?... und sagt ihm, die Regie, daß irgendwo e Fehler is, auf
+der Tafel. Also hast du ihm einen Fehler ausgebessert, dem Herrn
+Lehrer Schmidt, und warst doch die jüngste in der Klasse. Er hat
+sich aber dann auch gewundert: Mir hat se selbst e Fehler gezeigt,
+so e Tam von e Kind -- derf ich aber nicht doch e kleins bißl was
+sagen, so hat er dir nachgemacht ... Und hat es dem hochwürdigen
+Herrn selber erzählt, wie sie do zusammsitzen auf die Bierbänk, und
+der hochwürdige Herr hats dann mir erzählt.«
+
+Die Mutter hatte nicht zugehört und erkundigte sich, während Arnold
+der Großmutter die Hand drückte, bei Frau Lichtnegger, was denn der
+Doktor gestern gesagt habe ... Er war eine halbe Stunde geblieben,
+so gut habe er sich mit dem Mutterl unterhalten. Was sie denn für
+Schätze in all den Kisten hat, habe er gefragt ... »Ja, das mußt du
+dir anschaun« sagte die Mutter zu Arnold, wie in einem Museum, indem
+sie unter dem Kopfpolster einen Schlüsselbund hervorzog. »Acht
+Schlüssel und nur drei ganze Schlösser im ganzen Zimmer« sie zeigte
+auf die Kisten »und was ist drin: ein bißchen stinkige Kohle --
+und das glaubst du, Mutter, daß dir irgendjemand wegtragen wird --
+und dabei kannst du die Kisten nur so aufheben, daß dir der Deckel
+in der Hand bleibt, so alt sind sie -- aber wenn sie nur hübsch
+zugesperrt sind ...«
+
+Arnold, nun wirklich neugierig, glaubte die Gelegenheit gekommen,
+in einem Einzelfall zu sehn, wie es mit diesem Wahn stehe, und
+fragte ganz harmlos die Großmutter: »Wozu hast du denn die hübschen
+Schlüssel?«
+
+Sie hatte, es schien ihre Gewohnheit, nicht gehört oder beachtet, was
+über sie gesprochen wurde, und zählte nun langsam, aber präzis auf:
+»Der is für die Almer, der für das Fach in enkerem Kanapee ...« bis
+alle acht richtig herum waren. »Nun also« warf er den Kopf gegen die
+Mutter auf »Was redest du also? Nichtwahr, Großmama ...«
+
+Indessen fuhr Frau Lichtnegger fort, zu erzählen, wie beschäftigt
+dieser Arzt sei, Herr Heiger, er mache nirgends hier Besuche, nur
+der alten Frau Goldberg zu Liebe ...
+
+»Er kommt ja bald ... Wir müssen, ich muß aufräumen, das ist ein
+Skandal« fuhr die Mutter verzweifelt in die Höhe, sie hatte jetzt
+schon zu lange geplauscht »die Betten überziehn ...«
+
+Leise erwiderte die Großmutter, obwohl man sie diesmal nicht direkt
+angeredet hatte: »Mei Deige is der Doktor. Er wird zu Haus auch nicht
+alles so akrat haben.« -- Trotzdem stimmte sie, ganz wonniglich
+sanft, zu, als die Frauen ihr nahelegten, sich zu kämmen. Nur allein
+wollte sie es machen. Sie setzte sich im Bett auf, man rückte ihr als
+Stütze die Kissen an den Rücken. Vom nahen Fensterbrett nahm sie
+den gelben, fast zahnlosen Kamm und fuhr sich heftig, ihre Hand
+zitterte nicht, ins Haar. Es war noch voll und ziemlich lang und
+ordnete sich schnell. Dann teilte sie es in zwei Teile und flocht
+aus jedem einen Zopf, dessen letzte, ganz enge Maschen sie offen ließ,
+so daß sie sich wie kleine Fingerchen emporkrümmten. Arnold wußte
+nicht, was ihn bewegte, beim Anblick dieser zarten Flechten, deren
+äußerste Enden nun doch einen gelblichen Schimmer zeigten ...
+Mühevoll legte nun die Großmutter ihre schwarze dicke Winterjacke ab,
+die sie bisher angehabt hatte, alle drei mußten sie halten, an dem
+gebrechlichen krummen Rücken, unter den weichen Schultern, und endlich
+die vielfach Seufzende wieder hinlegen. Indessen erging sich Frau
+Lichtnegger in Beschreibungen von Großmutters Krankheitszuständen, als
+sei sie gar nicht anwesend. »Wenn nur der Schüttel nicht wiederkommt.«
+Damit meinte sie den Schüttelfrost. »Gestern hat sie wieder so
+einen Schüttel gehabt« und die immerwährende, selbstverständliche
+Wiederholung dieses Wortes dünkte Arnold sehr einfältig, keines der
+komischen Worte, die er heute von der Großmutter gehört, zum
+erstenmal in seinem Leben, hatte diesen kindischen unernsten Eindruck
+auf ihn gemacht. -- Frau Lichtnegger fuhr fort: No Mutterle, habe
+der Doktor gesagt, ich seh, Sie sind eine saubere Frau, -- als ihm die
+Großmutter erzählt hatte, zur Entschuldigung, sie habe sich heute
+nicht waschen können ... Und wieviel er zu tun habe, noch einmal. »Bis
+zehn Uhr nachts, von früh sieben. So beliebt ist er. Wenn er nicht
+bald von hier wegzieht, so vergeht er.« -- Plötzlich legte sie den
+Finger an den Mund und hielt ein. Die Großmutter atmete langsam, sie
+war eingeschlafen. Leise schloß sie: »Das tut sie gern, wenn man
+vor ihr spricht. Das tut ihr wohl.« -- Und die beiden Frauen
+berieten, eine Suppe mußte für die Kranke gekocht werden, eine
+kräftige Fleischsuppe. Arnold, der erst jetzt den Sessel am Bett
+verließ, trat auf Fußspitzen zu ihnen. Ob sie nicht lieber zum
+Doktor sehn wollten, daß er recht bald komme. Er werde schon kommen,
+war die Antwort, und der Husten sei ja nur heilsam, weil er den
+Schleim entferne, und nun dieser gute Schlaf, -- es sei nicht mehr so
+gefährlich. Frau Beer beschloß, ein gutes Stück Rindfleisch kaufen zu
+gehn. Frau Lichtnegger wollte ihr einen billigen guten Laden zeigen.
+Sie winkte dem Jungen, der lautlos in der Ecke gesessen war.
+Arnold reichte ihm ein paar Zuckerl. Der Bursch nahm sie verlegen und
+wollte ihm, ohne Worte, seine bunte Holzflöte dafür schenken, die er
+fest in der Hand hielt. Arnold schob ihn lächelnd hinaus.
+
+Nun allein mit der Schlafenden schlich er wieder zum Sessel zurück,
+wagte aber nicht, sich zu setzen ... Sie war schön. Das Alter
+hatte nichts Entstellendes, Unregelmäßiges in ihre verschrumpfenden
+Züge bringen können. Man sah förmlich noch durch die Runzeln hindurch,
+wie durch viele matte Glasschichten, unten das schöne junge
+lebensfrische Mädchen -- und Arnold dachte daran, was ihm die
+Mutter manchmal erzählt hatte: daß die Großmutter viele Verehrer
+gehabt, aber aus Trotz, vielmehr Gleichgiltigkeit alle abgewiesen habe,
+von Jugend an nur auf Gelderwerb bedacht, endlich hatte sie den
+reichsten genommen, der aber um zehn Jahre jünger war als sie, den
+Großvater, und mit ihm so unglücklich gelebt ... Was lag an all
+dem, dachte er. Nach so viel Kampf, nach so viel Leidenschaften,
+jetzt lag sie ruhig und schlief nicht anders, als sie in ihrer Jugend
+vor all den wilden Erlebnissen geschlafen haben mochte, und wie er
+sie ansah, die Unberührte, überfiel ihn auf einmal der Gedanke, wie
+leicht eigentlich das Leben sei und wie es so von selbst und allen
+Anfechtungen zum Trotz bis ans Ende fortschreite, ganz einerlei, was
+man treibe. Nichts ist da, als daß die Zeit vergeht, mehr kann ja
+überhaupt nicht geschehn!... Und von hier aus gesehn, schien ihm nun
+auch plötzlich die so verwirrte und trostlose Situation, in der er
+sich augenblicklich befand, gar nicht mehr so wichtig und so trostlos
+-- er nannte sich feig, weil er den kleinen Unannehmlichkeiten durch
+diese Reise, diese Flucht besser gesagt, ausgewichen war, das war es --
+beim Anblick dieser arbeitsamen wilden Greisin bekam er aufs Neue
+Lust, sich ins Leben zu stürzen, aus dem er mit vorschneller
+Erfahrung schon hatte entweichen wollen; bekam Lust, wieder zu toben
+und zu schaffen, wie es in seiner Art lag. Ein süßes verlockendes
+Gefühl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als würde er aus einem
+Hohlweg blitzschnell vor eine riesige Aussicht fruchtbarer Ebenen
+entrafft und als lenke sich ihm doch alles zum Schluß ehrbar ein,
+moralisch beinahe, in allem Ausschweifen sinnvoll begrenzt wie diese
+Dorfstube. Denn wohl fühlte er sich der Schlummernden verwandt, das
+verstand er nun, dieselben Stürme pochten auch in seinem Blut. Mochten
+sie losbrechen und ihre verderblichen Ziele suchen, was lag daran --
+nach allen Verwüstungen würde man seinem ergrauten Haar doch nichts
+anderes nachsagen als: er ist ein Original, und nicht einmal mehr recht
+bös auf ihn sein -- so wie bei der Großmutter -- und die Ruhe in seinem
+Innern dann, o wie auf dem Gesicht dieser schlafenden lieben Frau, wie
+ohne Gedächtnis ... Nun erfüllte ihn Stolz sogar, daß er auf seine
+lebensvolle Manier die Zeit verbrachte. Er mußte nur nach dem Vergleich
+mit der Großmutter zu solchen halbtoten Puppen zurückkehren wie diese
+Frau Lichtnegger eine war, wie sein Bobenheim zu Hause. ... Ehrlich
+waren sie, aber das ist ja keine Kunst, ehrlich zu sein ... Diese
+dagegen, dieser Starrkopf, war eine bedeutende Person, die Bedeutendste
+der Familie nannte er sie, nach seiner intensiven Art fast schon
+verliebt in das neue Erlebnis, -- etwas Großes fühlte er aus ihr
+strahlen, etwas bis zum letzten Tropfen Selbstständiges und Unbewußtes
+dabei. -- Sie mochte eine Heldin sein, eine Deborah, aus jener alten
+Zeit noch, in der es so viele Helden gab, in der jeder Mensch den Kopf
+so hoch trug, daß man aus ein bißchen Heldentum gar nicht so viel
+machte wie jetzt und daß das Andenken der Starken unter tausend andern,
+ebenso Starken vergessen ward. -- Nein, die langen einsamen Nächte
+konnten diesem furchtlosen Geist nichts anhaben, der Tod hatte keinen
+Schrecken für sie, so erfüllt von ihrem eigentümlichen Leben war sie,
+von ihrer leuchtenden Gescheitheit, die alle ihre Fehler von Grund aus
+verklärte, o noch viel mehr als ein paar Schwächen gutgemacht hätte.
+Und Arnold sagte sich, in einer leichten Freude: »Ja, ja, dem Klugen
+wird vieles vergeben, Klugheit ist ja das Licht der Welt« -- und wie
+in einem glänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem
+Selbstbewußtsein löste sich seine Schmach auf ... Plötzlich fand er
+sich selbst wieder ganz passabel, all dem Bösen in ihm zum Trotz,
+fand sich beschwingt und leuchtend. Aus dieser Wendung heraus
+betrachtete er noch einmal das Gesicht der Schlafenden, wie um sich
+jeden ihrer Züge zu merken. Die Lippen waren in den Mund tief
+hineingesogen, so daß an Stelle der Mundöffnung in einer dunklen
+Vertiefung die senkrecht verlaufenden Runzeln unter der Nase und
+die über dem Kinn aneinanderstießen und sie paßten auch zu einander,
+schienen einander fortzusetzen, die kleinen Rinnen. Der Hals, jetzt
+entblößt, da die Großmutter nur eine lose Nachtjacke anhatte, war
+nichts als eine Reihe welker fallender Hautlappen, deren Anblick
+den jungen Mann tief erschütterte. Und das Erschrecklichste: die
+Augen waren nicht ganz geschlossen, sondern starrten halboffen, wie
+etwas Schleimigtrübes, geradeaus ... Arnold bekam Angst; die Nase
+erschien ihm spitz, vom tiefeingepreßten Mund aus aufragend, ...
+vielleicht war die Großmutter tot. Er beugte sich über ihr Gesicht, sie
+atmete. Zugleich spürte er den dumpfen Geruch, den er im ganzen Zimmer
+bemerkt hatte, gepreßt, schmutzig, lebensvoll -- und wie ein Verbrechen
+erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie
+wird einmal einschlafen ... Und was würde er jetzt sagen, der Vater von
+seinem Komptoirtisch her: Du übertreibst alles ... Nun natürlich, er
+übertrieb, Gott sei Dank ... Er pries die Großmutter schon wie eine
+Heilige. Seit er hier eingetreten war, hatte sich sein Schmerz
+beruhigt, -- vielleicht auch deshalb, weil es hier so viel Neues zu
+sehn, zu bemerken gab, gemütvoll zu umfassen -- oder nein, nicht
+deshalb, das Überquellende war ja vielmehr diese Wurzelliebe, dieses
+Gefühl -- Seine Vorstellungen begannen sich zu verwirren, so viel hatte
+er zu überlegen. Es war ihm, als sitze er an diesem Bett bei der
+Schlafenden, seit er überhaupt begonnen habe zu denken, seit
+frühester Kindheit, als habe er nie etwas anderes erlebt als immer
+nur dies eine, als gebe es kein Vorher und kein Nachher mehr für
+ihn ...
+
+Die Mutter trat ein, wieder mit Paketen beladen, die Gute. Fleisch
+trug sie, Wein, eine Sardinenbüchse, -- das wünschte die Großmutter
+immer -- sie trat ans Bett, musterte es mit einem nachdenklichen
+Blick: »Flöhe mag es da geben, nicht wenig ...« Dann war sie wieder
+durch ein Bündel mit Strümpfen beleidigt, das vom Sofa fiel, als sie
+sich setzte. »Wo nur die neuen Hemden hin sind, die ich ihr gekauft
+hab. -- Ich muß ihr wieder ein paar alte Hadern verbrennen, sonst
+trägt sie sie ewig. Ihre Blusen mußt du mal sehn. Geflickt, wie ein
+Regenbogen ...« Unter solchen Reden begann sie, auf dem kleinen Ofen
+eine Suppe zu kochen.
+
+Arnold wagte es: »Mir scheint, Mama, du behandelst sie nicht ganz
+richtig. So alte Leute haben ihren eigenen Kopf. Sie möchte sich halt
+lieber mit dir ruhig aussprechen, wenn du schon herkommst, als daß du
+ihr die Ordnung störst ...«
+
+»Aber wer soll's denn machen! Sie würde ja im Schmutz ersticken«
+erwiderte die Mutter mit viel Berechtigung.
+
+Da erwachte die Großmutter: »Ich hab e Naches, daß se fort is.«
+
+»Wer denn?«
+
+»Die Orlte, die dumme, die Reschainte ...«
+
+Die Mutter nahm alle ihre Geduld zusammen: »Aber so darfst du doch
+nicht reden. Was fällt dir ein. -- Frau Lichtnegger ist so gut zu dir.«
+
+»Der Schlag soll sie treffen« zürnte die Greisin, jetzt lauter als
+bisher während des ganzen Tages. »Was kommt se her und redt und redt!
+Lauter Stuß. E Patsch von e Chochem is m'r lieber wie e Kisch von
+e Chamer. Das Gebitz nemmt se einem heraus mit ihrem Gebember und
+Geschmus.« Sie griff sich jammernd an den Kopf: »Mei Seide-Möach.«
+
+»Mir scheint, es geht dir schon wieder gut. Du wirst schon wieder
+lustig.« Die Mutter fühlte ihr den Puls. »Das Fieber hat nachgelassen.
+No, geht's nicht besser?«
+
+Die Großmutter schüttelte den Kopf, obwohl man es ihrem strahlenden
+Blick ansah, wie sie sich im Schlaf erquickt hatte, -- sie war gegen
+ihren Willen gleichsam krank geworden, sie dankte jetzt auch niemandem
+für ihr Besserbefinden. Nur trotzig meinte sie: »Wenn ünser Herrgott
+mich nix gesünd sei loßt und nix verdienen loßt, so soll er mich ach
+nix leben lassen.«
+
+»No das mußt du ihm schon selbst sagen« lachte die Mutter »per Telephon
+vielleicht. Vielleicht hast du eine bessere Verbindung mit ihm als
+ich. Er folgt halt meist genau so wie du folgst.«
+
+Arnold befürchtete Zank. Die Großmutter aber hatte ihre Schlaflosigkeit
+überwunden und meinte liebenswürdig mit einem ironischen Lächeln, für
+das man sie hätte küssen mögen: »Güt, nächsten Schabbes wer ich's ihm
+sagen.«
+
+»Da hab ich dir was feines gemacht.« Das Süppchen, das die Mutter im
+Topf heranbrachte, duftete. »Willst du nicht einmal versuchen ...«
+
+Eine gnädige Antwort mit zimperlicher Stimme: »No jo, e bißl ...«
+Offenbar hatte sie einen tüchtigen Hunger, denn sie schnupperte schon
+in den Dampf, wie ein freudig erregtes Baby.
+
+»Bißl Salz hinein.«
+
+»Nein -- ka Salz -- Salz reizt doch.« Und sie hustete affektiert.
+
+»Aber es wird keinen Geschmack haben.«
+
+Statt der Antwort nahm die Großmutter das Töpfchen und führte mit
+sicherer Hand, ohne zu zittern, den Löffel an den Mund, nachdem die
+Mama nochmals geblasen und gekostet hatte. »Was is dos für e Supp?«
+fragte sie, nach dem ersten Schluck einhaltend.
+
+»O je, wieder was nicht recht.«
+
+»Aber Mama« wandte Arnold ein »du verstehst das schlecht. Die
+Großmutter fragt doch nur, was das für eine Suppe ist, den Namen
+möchte sie gern wissen, sonst nichts.«
+
+»Du wirst mir die Großmutter zu erkennen geben ... Nichtwahr, es
+schmeckt dir nicht?«
+
+»Aber ja ...« sagte die Großmutter einfach und löffelte weiter »Was
+für Flasch is das denn? Wo hast es denn gekauft?«
+
+»No Rindfleisch, vom Körbelwirt. Das ganze Stück« sie brachte es vom
+Ofen »kostet zehn Kreuzer ... Die Mutter ist nämlich noch aus dem
+billigen Land, mußt du wissen« wandte sie sich an Arnold.
+
+»Wirklich nich teier« lächelte die Alte, sichtlich erfreut »Ja man muß
+sparen mit dem Geld ... Waßt de, Geld wenn wär nur Geld -- aber Geld
+is alles ...«
+
+Arnold erinnerte sich plötzlich, da die Großmutter aß und die Mama
+ihr freudig zusah, daß er ja Witze erzählen sollte, unterhalten, --
+bisher hatte er eigentlich nur wie bezaubert herumgeschaut und
+zugehört, ganz gegen seine Gewohnheit. Jetzt setzte er sich in Bewegung
+und begann von seinen fabelhaften Ersparnissen zu berichten, was
+die Großmutter sehr zu freuen schien. Nur durch sachgemäße Fragen, ob
+das Geld auch in der Bank liege u. s. f., unterbrach sie ihn ...
+Das Gespräch wurde nun immer lebhafter, während die Großmutter immer
+wieder nach einer Pause den Suppentopf vornahm; ja Arnold, der diesen
+Besuch bisher als ganz außerhalb seiner Welt und städtischer
+Konversationsmanieren liegend angesehn hatte, fühlte sich jetzt fast
+wie in Gesellschaft, ohne Besonderheit, jedenfalls auf einem Niveau,
+das mit dem Küchensessel und den Dorffensterchen nicht das Mindeste zu
+tun hatte. Die Großmutter erzählte von ihrem Beruf und wie man sie
+überall gern sah. »Frau Goldbergen« rief man ihr zu wenn sie vorbei
+ging »was kümmen Sie nit a bißl zu uns rein. Wir brauchen Scherzen,
+Ticher. Bleibens ock doue. Es kummt Ra'n.« Eine Bemerkung Arnolds
+aber, daß sie also recht viel verdiene, schien ihr zu mißfallen. »Ja,
+viel Meloche, wenig Broche« antwortete sie. Nach einer Weile fuhr sie
+fort: »Häst e Geschmack von e Supp gehabt!«
+
+»Sie schmeckt dir nicht gut?« rief Arnold besorgt.
+
+Sie antwortete nicht, ihr Gesicht wurde finster.
+
+Nun hielt er den Moment für gekommen, sein Gedächtnis nach Witzen
+zu durchsuchen. »Was ist das? Es ist weiß und hat keinen Kopf, und
+trotzdem schaut es« gab er auf. Die Großmutter dachte nach, ernstlich.
+»Ich werde es dir also ...« »Ich möchte sagen« unterbrach sie »e Kopf
+von e Gans.« Er lachte: »Aber nein, es soll ja eben keinen Kopf haben.
+Ein Unterhosenbandl ist es.« Sie nickte ihm freundlich zu, schien aber
+den Sinn nicht zu verstehn: »Ja in der Stadt, do habts ihr so
+verschiedene Wörtlach. -- E komische Supp, was das is. Habts ihr immer
+solchene Suppen?«
+
+»Es ist eben kein Salz drin. Du wolltest keins« erklärte die Mama.
+
+Arnold vermittelte: »Du siehst, es geht uns trotzdem gut. Wir sehn ganz
+beruhigend aus.«
+
+Sie sah ihn näher an und jetzt erst fiel ihm ein, daß er nach
+halbschlafloser Nacht nicht eben sehr blühend sein mochte. »E bißl
+schmal« sagte auch sofort die Alte »Schlafst du denn genüg? Schlaf is e
+Wohltätigkeit für e schwachen Menschen. Regieleben« als bemerkte
+sie es jetzt zum erstenmal »eppes dick biste geworden. Dicker
+mußte nix werden, das ist nicht gesünd. So kannste bleiben.«
+
+»Die Mutter meint, ich bin noch ein Kind, ich werde ewig jung bleiben«
+sagte Mama, mit niedergeschlagenem Blick; und Arnold sah sich plötzlich
+mit einer Deutlichkeit in den Gedanken irdischen Vergänglichseins
+versetzt, hier in dieser Stellung von drei Generationen, wie er es nie
+vorher auch nur als Andeutung gefühlt hatte, ohne daß ihm übrigens
+dabei irgend ein neuer, in Worte faßlicher Einfall kam.
+
+Indessen aber, während er wie in ein Bassin von Schwermut untertauchte,
+hatte die Großmutter zu erzählen begonnen: »Marie nebbich hat ach immer
+eso gelesen in der Nacht bei der Lampen, ich hab längst gemant se
+schläft. Is Poldi emol nach Haus gekommen, e bißl schücker war er
+vielleicht und sogt ihr: No was weinst du denn da. Was lieste denn?
+-- Von Genofeva, sogt sie ...«
+
+Die Mutter flüsterte: »Genofeva. Schöne Lektüre haben wir gehabt,
+was?« -- Aber Arnold, der aus einer Zeit stammte, in der man solche
+Kinderbücher und Märchen überhaupt wieder für wertvoll hielt, fand ihre
+Bemerkung unverständig. Dagegen überraschte ihn dieser fremde Name im
+Munde der Großmutter, was lebte alles noch in diesem Gehirn!
+
+»Sogt sie -- von der Hirschkuh, wie sie ihr Milch zügetragen hat.
+-- No warüm hat sie ihr denn Milch zügetragen, sagt Poldi.« Und die
+Großmutter machte es nach, wie der Bruder die weinerliche Stimme der
+Schwester spöttisch nachmachte. »Aber mir scheints, wenn du nicht
+bald schlafen gehst und aufhörst zu wanen und die Lampe auslöschst,
+so hau ich dir das Buch aufn Schädel nauf.« Die Stimme brach ab, in
+einem kleinen Gelächter.
+
+»Und was hat sie gesagt?« fragte Arnold, obwohl er fühlte, daß nichts
+mehr zu erzählen sei, nur um diesen angenehmen Fluß der Erzählung
+weiter zu hören.
+
+»Nu, was soll se gesagt habn« setzte die Großmutter wie improvisierend
+fort »Was liegt daran? Wenn du schlafst, steh i halt wieder auf und
+les weiter von der Hirschkuh ...« Jetzt hatte sie die Suppe zu Ende
+gegessen und rief plötzlich, ganz laut: »Pfui Teixel!« wie einen
+herzhaft erleichternden Fluch, indem sie den leeren Topf mit einem
+Ruck aufs Fensterbrett stellte.
+
+»Aber was ist denn?« die Mutter eilte herbei. Als das Gespräch auf die
+verstorbene Schwester Marie gekommen war, hatte sie sich abgewendet.
+
+Zornig fuhr die Großmutter auf: »E schöne Supp haste mir gekocht! Aus
+Ferdeflasch? Was?«
+
+Also hat doch die Mama Recht behalten, dachte Arnold. Aber mit den
+Schlüsseln hatte sie Unrecht gehabt. -- Und er beeilte sich: »Was fällt
+dir ein, die Mama wird dir doch nicht Pferdefleisch kaufen, wie kannst
+du nur so etwas denken!« Indem er es aussprach, schien es ihm immer
+unerhörter.
+
+»E guter Omensager biste« fuhr ihn die Großmutter an, dann schwieg
+sie eine Weile. »Was kafste ach beim Körbel. Der hat doch lauter
+verschimmelte Sachen. Wenn ich ihn aber emol anzeig bei der Polizei,
+den Ganef, dann 's Kri iber den Goi.«
+
+»Laß sie nur« scherzte die Mutter, etwas bitter. »Sie wird sich schon
+wieder beruhigen. Also Adieu, Frau Goldberg, wir gehn jetzt essen, Sie
+können sich inzwischen ein bißchen allein so weiter unterhalten, wenn
+Sie Lust haben.«
+
+Aber Arnold war indessen mit der Hand des alten Frauchens, die er
+ergriffen hatte, schon wieder so gut geworden, daß er den Wunsch nach
+einem bessern Abschied nicht unterdrücken konnte: »Schön hast du es
+da, Großmutter, gleich möcht ich bei dir dableiben, für immer, nur
+noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn
+vorn ...«
+
+Sie lächelte ihn an, als sei gar nichts vorgefallen, als gingen in
+ihrem Innern eben die zärtlichsten Dinge vor: »Ich bin ka
+Blumenverehrerin. Aber die Kinderl, wie se noch klein waren, die
+habn immer Blumen gehabt und gegossen, daß die Stub voll war. Mit
+ihre neie Hüte haben se das Wasser getragen von der Pump.«
+
+»Da haben sie wohl Schläge bekommen.« Er reichte ihr noch einmal die
+Hand.
+
+Sie drückte sie und machte dabei ein gutmütiges, aber erzieherisches
+Gesicht: »Das muß sei.« Die Mutter war schon hinausgegangen. »Also
+Adieu, wir kommen bald wieder.« »Eßt nicht beim Körbel« rief ihnen die
+Großmutter noch nach »dort is groß Jackeres.«
+
+Als er auf die Gasse trat, mußte er ein wenig die Augen schließen, so
+fremd erschien ihm alles, was ihn umgab: Wie konnte der Zugang zu
+etwas so innig Bekanntem so unbekannt sein! Gab es denn wirklich noch
+eine Welt außer dieser grauen alten Stube? Die Straße mißfiel ihm. Das
+Bild der alten Frau im Bett, zu Riesengrößen aufwachsend, stellte
+sich wie ein Schatten überallhin, vor jedes Haus. Um wie viel wichtiger
+war sie, ja nichts auf der Welt erschien ihm jetzt in gleicher Weise
+wichtig. Er hätte für sie sterben mögen, so begeistert war er ...
+Die Mutter redete neben ihm her: »Nicht zuhören kann ich, wenn sie
+von der seligen Marie spricht und Nebbich dazu sagt, oder von unsern
+Hüten. Ich glaube, wir haben überhaupt nie Hüte gehabt. Immer spricht
+sie so, als ob sie uns alles in Überfluß gegeben hätte. Gute Schläge,
+ja. Du darfst dir das nicht so vorstellen wie zu Hause, Arnold. Aber
+das hab ich ihr damals gesagt, bei Maries trauriger Hochzeit, wie sie
+uns alle mit so fürchterlichen Worten verflucht hat: -- daß sich alle
+dir abwenden und daß du allein und einsam sterben wirst, das wird
+dein Fluch sein ... Und so wird es und muß es ja kommen, Gott im
+Himmel. Das sind Sorgen, einmal wird sie auslöschen ...«
+
+Arnold fand solche Reden übertrieben, sagte sich aber, daß die Mama
+Recht haben mochte. Er kannte ja so wenig von diesen über lange Zeiten
+und Räume verteilten Ereignissen, er hatte wohl deshalb einen andern
+Eindruck. Ohne diese Erinnerungen der Mama hätte er die Großmutter
+vielleicht überhaupt nur für eine fidele gute, etwas wetterwendische
+alte Frau gehalten, eine spassige Grobianin, -- und nun, unter Mitwirken
+der Mama, entstand etwas ganz Verschwommenes, Widersprechendes und doch,
+so weit es ihn betraf, ganz Greifbares. Das war das Verlockende daran.
+»Siehst du, der Doktor ist nicht gekommen -- warum habt ihr denn gerade
+den genommen, der am meisten zu tun hat?«
+
+Die Mutter erklärte, die Großmutter habe vorgegeben, zu keinem
+andern habe sie Vertraun. Indessen erriet wohl Frau Lichtnegger ganz
+richtig, woher dieses Vertrauen rühre: Heiger war der billigste
+Doktor im Ort, der Armenarzt ... Überhaupt habe sie schöne Dinge
+erzählt ... neulich einmal seien einige reiche Leute des Ortes, die die
+alte Frau Goldberg immer mühsam mit ihrem Pack die Straßen hatten
+hinaufstöhnen sehn, auf die Idee gekommen, für sie eine Kollekte zu
+machen, zu Purim, eine Idee, die von der Großmutter mit wahrhaftiger
+Begeisterung begrüßt worden sei. Und erst die Drohung der Frau
+Lichtnegger, sie werde es der Frau Beer und dem Herrn Schwiegersohn
+schreiben, habe sie aus ihrer verstellten Bedürftigkeitsrolle
+aufgeschreckt. Daher auch der tiefe Haß ... Überhaupt liebte es die
+Großmutter, sich als ganz arm und almosenwürdig hinzustellen, die
+Besuche ihrer Tochter kamen ihr daher auch zuzeiten ungelegen, wenn
+sie nicht so krank war wie jetzt, und deshalb verbreite sie, diese
+elegante Dame sei eine Liqueurfabrikantin und bringe ihr die Flaschen
+aus der Hauptstadt mit, eine ganz besondere Spezialität; denn von dem
+Magenliqueur trank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn
+zu den höchsten Preisen ihres Kopfes, die indessen für die neue junge
+Welt ringsum noch so mäßige waren, daß sie überraschend viele Käufer
+fand. Lauter solche Sachen, über die man lachen müßte, wenn sie nicht
+so traurig wären. An Markttagen bewache sie das Geschäft einer gewissen
+Frau Heller, nur um einen »Gülden« nebenher zu verdienen, und wenn sie
+dort sei, komme nichts weg, habe Frau Lichtnegger gesagt, da paßt sie
+gut auf ... aber im Laden, in dieser grimmigen Kälte habe sie sich
+neulich eben diese Halsentzündung, den Husten zugezogen. »Viel braucht
+es ja nicht, ich bitt dich, bei so einem Alter.« Und von hier aus
+kehrte die Mutter zu ihren Sorgen zurück, ob man nicht die Stube bald
+weißen lassen müsse, und wie das anstellen ...
+
+Indessen waren Mutter und Sohn in das Restaurant eingetreten und Arnold
+hätte sich gern diese Dinge, die ihn bis ins innerste Mark
+interessierten, weitererzählen lassen, wäre ihm nicht sogar in dieser
+provinzialen gebirgsstädtischen Gaststube die Erinnerung an seine
+Schandtat von der Wand entgegengesprungen, -- auch hier das große
+Plakat des »Rivalen Paulhans« in den primitivsten ergreifendsten
+Farben. So kam es, daß er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung
+bestellte, an die er bis zum Augenblick nicht gedacht hatte. Nun schien
+es ihm plötzlich, als müsse der Flug in Waldbrunn doch gut ausgefallen
+sein, gleichsam zur Belohnung, weil er nicht mehr darauf gerechnet und
+sich immer nur so selbstverständlich auf das Schlimmste gefaßt gemacht
+hatte. Und dann: niemand hatte ihn angerempelt, auch nur verdächtig
+angeschaut, hier saß er doch, der Obmann des schönen Konsortiums, nein,
+es konnte nichts geschehn sein. Dies war vielleicht der erste Erfolg
+seines neuen, von der Großmutter beschützten Lebens ... Herr Körbel
+selbst brachte das Blatt, freundlich lächelnd. Gleich oben das
+Telegramm: Ponterrets Flug mißglückt. Der Aviatiker landet nach einem
+Flug (Sprung) von 13 Sekunden. Pöbelausschreitungen an der Kassa. --
+Das eingeklammerte Wort »Sprung« verdroß Arnold ganz besonders, wie
+eine persönliche Unbill, konnte man denn nicht ein bißchen
+menschenfreundlicher sein! Ja ja, dazu hatte man die guten Freunde in
+der Redaktion! -- Er legte das Blatt weg, nur unten fiel ihm noch ein
+fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schätze sich
+glücklich, daß er durch einen geschickten Griff am Lenkrad ein großes
+Unglück vermieden habe. Die Tribünen seien in Gefahr gewesen ... »Mama,
+ich fahre heute abend nach Hause.« Er war plötzlich mutig geworden,
+sah der Gefahr ins Auge wie einer hübschen Aufgabe. »Natürlich, was
+sollst du hier machen! Ich hab mir's gleich gedacht, daß du's nicht
+lange aushalten wirst.« Er aß schnell auf: »Jetzt geh ich aber
+zunächst zum Doktor, ihn treiben. Sag der Großmama, daß ich bald
+wiederkomme.« -- »Du willst noch einmal hingehn? Interessiert dich das
+denn? Ich könnte dirs nicht verdenken, wenn nicht. Und eine Luft ist
+dort.« -- Mit Unlust sah sich Arnold unerwarteterweise vor die
+Notwendigkeit gestellt, seiner Mutter all das, was er seit dem
+heutigen Morgen durchempfunden hatte, zu erklären -- und recht
+schnell. Nein, es ging nicht. Also rief er nur, etwas grell: »Von
+Interesse ist da gar keine Rede mehr. Ich habe mich in die
+Großmutter verliebt, förmlich verliebt. Kannst es ihr sagen. Sie
+ist ja so brav ...«
+
+Die Mutter seufzte tief auf, wie vom Mittelpunkt ihres Gedächtnisses
+her: »Ja, vor dir nimmt sie sich noch ein bißchen zusammen.«
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Er war enteilt. Auf der Gasse erst, in frischer Luft, durch die
+hindurch man nahe Wälder zu spüren glaubte, fiel ihm ein, daß er
+heute den ganzen Tag bisher in der Familie verlebt hatte, noch
+keinen Augenblick allein. Das war ihm seit Jahren nicht mehr geschehn,
+noch gestern hätte er es für unmöglich gehalten. Vielleicht hing auch
+seine eigentümliche Verwirrung damit zusammen, die ihn förmlich
+hinderte, klar geradeaus zu sehn und sich über das, was er sah,
+Gedanken zu machen. Die Häuserfronten liefen nur so wie lange
+Gartenmauern, ohne Abwechslung, an ihm vorbei und er bemerkte es
+nicht, ob er über breite Plätze schritt oder durch einen Park, an einem
+goldglänzenden Kaiser-Josef-Denkmal vorbei. Nur, daß hier und da,
+mitten zwischen eleganten Häusern, auch noch solche Schindelhütten
+standen, wie die der Großmutter, fiel ihm auf, dann daß die meisten
+Firmatafeln kleine schwarze Glasplatten mit eingeritzten Buchstaben
+waren, was einen zierlichen sauberen Eindruck machte. Doch
+beschäftigte ihn dies nicht weiter. Nur die eine Frage hatte er im Sinn
+und wiederholte sie oft an Vorübergehende: »Wie komm ich hier zu
+Doktor Heiger?« Mechanisch folgte er ausgestreckten Fingern,
+eindringlich undeutlichen Worten, ging bergauf bergab, die zweite
+Gasse hinter der Ecke wieder geradeaus. Endlich fand er das Haus,
+immer mit summendem Geräusch im Kopf, stieg Steinstufen hinauf,
+die ihn daran erinnerten, daß er noch in Österreich war, wenn auch
+nahe der Grenze (in Deutschland gibt es nur Holztreppen, dachte
+er), an einem Kontor vorbei, vor dem Kisten beinahe den Weg versperrten
+(aha, der Export). Dann trat er in ein menschengefülltes Wartezimmer
+ein. Im Arm einer Frau schrie ein schwarz verbundenes Kind leise auf.
+Manche von den Leuten standen in stumpfsinnigem Brüten direkt vor
+der Tür ins Ordinationszimmer, wie bereit, sofort mit höchster
+Aufregung hineinzuspringen. Andere seufzten auf dem Kanapee, in
+bequemen Fauteuils saßen sie in unbequemen Haltungen, gelbe Zettelchen
+in der Hand, vielleicht von einer Krankenkasse. Arnold erkundigte sich,
+er lief ungeduldig wieder hinaus, jemand sagte ihm: »Ja, bei Doktor
+Heiger da muß man sich in Geduld fassen«. »Ist er drin?« fragte
+Arnold. »Ich weiß nicht.« -- Was für idiotische fischblütige Leute, sie
+kamen ihm wie seiner unwürdig vor, er hatte das Gefühl, als errege
+er hier allgemeines Aufsehn, als schlage er mit Armen und Beinen um
+sich, obwohl er äußerlich ruhig blieb. -- Wie ein Labsal, eine
+Zuflucht erschien ihm nun die Erinnerung an die Großmutter. Was war es
+denn eigentlich, was ihn an ihr so entzückte, diesen Bürgern hier so
+Entgegengesetztes? Ihr Charakter doch nicht? Es fiel ihm ein, daß
+ihm manche ihrer Eigenschaften an einem andern Menschen förmlich
+widerlich gewesen wären. Man konnte es auch nicht als Tüchtigkeit
+oder als Ehrwürdigkeit bezeichnen, als die Weisheit des Alters, nicht
+so und nicht so. Vielleicht ein Zug von Freiheit, von unbewußter und
+derber Hoheit? Eine Figur aus dem Alten Testament? Nein auch das
+wollte nicht ganz stimmen. Und was hätte sie gesagt, wenn er
+Ähnliches zu ihr selbst geäußert hätte? Was für Augen hätte sie
+gemacht? Wofür hielt sie eigentlich sich selbst? Dachte sie je
+darüber nach? Glaubte sie an Gott?... O da war etwas, wofür es in
+keiner Menschensprache noch ein Wort gab! Er verstand es nicht --,
+nur dunkel fühlte er, daß sie unterhalb der Zuckungen seines
+forschenden Verstandes, tief irgendwo in Regionen dunkler Instinkte,
+Vererbungen, Verwandtschaften ihn wie mit gebietender Stahlhand ergriff
+und seine Eingeweide in eine neue Ordnung zurechtzerrte. Unklare
+Pläne stiegen in ihm auf, mit denen seinem ganzen Leben bisher und
+von hier an ein neuer Sinn zu geben wäre, Funken ins Pulverfaß, ja
+selbst genaue Entschlüsse für die nächste Zukunft, an die er aber
+sofort wieder vergaß im Bewußtsein, daß sie ihm auch so unverloren
+nahe blieben. Im ganzen befand er sich in einem Zustand äußerster
+Verwirrung und Ordnung zugleich, ähnlich einem guten Schüler vor dem
+Examen, in dessen Kopf alles gegenwärtig ist und doch nichts
+faßbar, und dieses nicht Faßbare, nicht Sichtbare wieder nicht in
+starrer Ruhe, sondern in unaufhörlicher Bewegung wie unter einer dünnen
+Hülle kreisend und in solcher Menge, daß nichts vortreten kann außer
+auf einen äußern Anlaß hin, aber dann wird schon das Richtige in Hülle
+und Fülle aus dem Chaos herausmarschieren, und diese Zuversicht gibt
+dem dumpfen satten Kopf schon jetzt eine Art von schöpferischer
+Einheit, wenn er auch vorderhand noch zerstreut andern Dingen
+nachtaumelt, die er gerade vor sich sieht ... In dieser Verfassung
+starrte unser Mann durch das Fenster in einen benachbarten Garten und
+nur ganz oberflächlich, ohne daß es seine Seele in der eigentlichen
+Arbeit störte, kamen ihm Gedanken wie der etwa, daß diese Aussicht
+nicht sehr schön sei -- oder daß das Bild dort an der Zimmerwand
+»Apollo und die Musen« oder den »Athenäenzug« vorstellen möge, kurz
+etwas Klassisches und daß es wohl ein Gymnasialkollege dem Doktor
+gemalt und geschenkt habe, vielleicht als Pfand für ein Darlehn
+gegeben; denn kaufe ein Landarzt Bilder? Was für Dinge übrigens!
+Was ging ihn dieses Bild an, die Griechen, die andere Welt, die fremde
+Kultur ... Plötzlich dauerte es ihm zu lange. Er stürzte wieder aus
+dem Zimmer, in die Küche, gab der Köchin ein Billett für den Doktor und
+lief weg.... Ein Festzug hielt ihn auf. Was, da gab es ja auch
+dekorierte Häuser, Musik. Das Schützenfest, ach so! Was für ein
+naiver Unsinn! Deutlich fühlte er, daß dieses helle, blonde,
+einfache Treiben nicht seine und seiner Großmutter Welt war. Für
+Bobenheim hätte das gepaßt. Auch Fahnen hatten sie im Zug, bunte,
+wirklich komisch ... Er suchte durchzukommen. Mit Gewalt drängte er
+sich in die Menschenmassen wie in etwas Feindliches und war erstaunt,
+als man ihm höflich Platz machte. Dann fiel ihm ein, daß er sich
+eine neue Krawatte hatte kaufen wollen, der Großmutter zu Ehren. Er
+kaufte eine, die violett und blau changierte. Wie wenig hatte er
+die Frau überhaupt geehrt, nicht einmal etwas mitgebracht aus
+eigenem Antrieb. Er kaufte beschämt Pfirsiche, Kirschen, Schoten ...
+das alles nur, während im Innern seine Seele nach ganz andern
+grundlegenderen Dingen suchte ... Je mehr er sich aber der Wohnung
+der Greisin näherte, desto mehr klärten sich seine bis zur Qual
+verfitzten Ideen, sie senkten sich gleichsam aus den Wolken zur Erde
+herab, kristallisierten sich und verwandelten sich eben in den steilen
+Fußpfad und Großmutters Hütte in demselben Augenblick, in dem er
+an dem eleganten Zweistock vorbei diesen Fußpfad und die Hütte
+erblickte.
+
+Er stieg die Treppe hinauf und sah dabei flüchtig zur Seite in die
+Vorderwohnung, wie anständig und rein konnte es also in so einer
+Hütte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern
+Gang, wo überall leere rötlich durchscheinende Lagerbierflaschen
+standen, klopfte ihm das Herz, alles war so anheimelnd und doch
+unbekannt, so von Zärtlichkeitswolken erfüllt. Er stieß an ein großes
+umgestürztes Holzschaff, endlich fand er die Türe.
+
+Ein überraschender Anblick bot sich ihm. Drei alte Frauen saßen und
+standen am Bett der Großmutter und plauderten mit ihr in einem solchen
+Schwall von Jargon und schlesischem Dialekt, daß nichts zu verstehn
+war. Sie sah jetzt viel besser aus, das Gesicht war größer, die Wangen
+in einem natürlichen Rosa, die Falten milder. »Nu, kommste doch, jech
+hab scho gemant, dü kommst nix mehr.«
+
+Er mußte sich entschuldigen: daß er beim Doktor gewesen war und Obst
+gekauft hatte. Die Großmutter nahm seine Hand und schaute ihn
+liebevoll an: »Ganz schön wär's doch, wenn du ach noch dazü e
+Madele hättst, Regie.« Dabei wandte sie sich, etwas furchtsam, an
+Arnolds Mutter, die auf dem Kanapee saß. -- »Ich dank dir« war die
+unfreundliche Antwort. Jetzt erst bemerkte Arnold, daß die Mutter
+rote Augen hatte. Er setzte sich neben sie und erfuhr alles. Natürlich,
+sie hatten die kurze Zeit, die sie unter vier Augen allein waren, zu
+einem ausgiebigen Zank benützt. Zuerst war die Großmutter ohne
+sichtbaren Anlaß, aus sich selbst heraus, in Aufregung geraten,
+hatte geweint und sie tausendmal um Verzeihung gebeten, sie solle
+ihr nur, ehe sie sterbe, alles verzeihn, was sie ihr angetan habe.
+Darüber natürlich war die gute Mama in Rührung und unendliche Tränen
+geraten. Nach einer Weile, bei einer geringfügigen Sache, die Mama
+wollte ihr eine Schüssel mit Sand ausreiben, habe die Großmutter wie
+verrückt geschrien: »Ich waß, du willst, ich soll sterben, und just
+tu ich dir nicht den Gefallen.« Darauf seien die Freundinnen gekommen
+... Es sei wirklich nicht mehr auszuhalten ... Aber Gott sei Dank,
+die Sardinenbüchse habe sie über Mittag fast leer gegessen, sie
+esse eben am liebsten nur, wenn sie allein sei ... Arnold tröstete
+sie, er fühlte eine tiefe Liebe zu dieser netten friedlichen Dame,
+seinem Mamachen, die in ihrem weichen Herzen alles so ganz anders
+auffaßte als er selbst, doch zugleich empfand er freilich auch über
+diesen neuen Vorfall eine schwer erklärliche Freude an der Großmutter,
+wie an einem seltsamen Naturschauspiel, einem Nordlicht vielleicht.
+-- Und daß sie in diesem Alter noch Freundinnen anzog, jüngere
+rüstigere Weiber, die von ihr beherrscht, kaum neugierig nach ihm
+zu blicken wagten, daß ihre enge Stube menschengefüllt war: riß
+ihn zur Bewunderung hin. Also war sie doch nicht so verlassen. Und
+nun mahnte sie sogar die drei zum Aufbruch: »Es is Wochenmarkt heunt«
+und stellte sich damit selbst mitten in ihre Unternehmungen, in das
+regelmäßige tätige Leben. Gar nichts von einer Ausgedingerin hatte
+sie, das war schnell zu sehn, gar nichts von der humpelnden lästigen
+Halbtoten, die sich hinter dem Ofen wärmt.
+
+Die Mutter wollte die drei mit städtischer Höflichkeit hinausbegleiten,
+knüpfte ein Gespräch an, aber vom Bett her flüsterte es: »Loß se
+geihn. Gib ihnen ka Tschüwe«, -- auch im leisen Reden wurden die
+betonten Worte gesungen, manchmal mit zwei oder drei verschiedenen
+Noten gleichsam.
+
+»Also der Doktor kommt gegen fünf Uhr« sagte Arnold, als sie allein
+waren.
+
+Aber kaum hatte sich die Türe geschlossen, so begann die Großmutter
+in den erbittertsten Tönen von diesen Frauen zu sprechen, von der
+einen besonders, die sie soeben noch mit »mei goldene Frau Keller«
+angeredet hatte. »Verschwarzt soll se gehn« rief sie, auf Arnolds
+Erkundigungen. Flüchtig erinnerte er sich an seine unwillkürliche
+Doppelzüngigkeit gegen seine Freunde, der Vergleich mochte wohl nicht
+zutreffen?... Die Mutter aber war über dieses Benehmen entrüstet:
+»Schämst du dich nicht.« Aber der alte trockene harte Körper schämte
+sich nicht, er erklärte im Gegenteil, aufstehn zu wollen, es sei ihm
+schon ganz gut und das Faulenzen habe keinen Zweck. Als man dies
+abgewendet hatte, erneuerten sich die Klagen des Vormittags: »Mei
+Zores, mei Kopf« ... »Was für Sorgen« wandte sich die Mama ziemlich
+derb an die Großmutter »du hast ausgesorgt. Was du brauchst, schicken
+wir dir. Wenn du mehr willst, mußt du uns nur zwei Worte schreiben.
+Du hast nichts zu tun als zu essen, zu trinken und spazieren zu
+gehn.« Ein Projekt kam zur Sprache, das die Großmutter schon einmal
+vorübergehend gebilligt hatte, nämlich: sie solle ganz zur Frau
+Fischmann, zu einer der drei Freundinnen übersiedeln, dort zur
+Miete wohnen. »Die Klafte« schrie sie, daß die Kissen sich bewegten
+»die rotzedige Klafte!« Nicht herauszubringen, woher dieser Groll
+sich schrieb. Kurz, sie lehnte es ab, sie geniere sich (dieses
+Fremdwort brachte sie vor) unter fremden Leuten, einmal wolle sie spät
+schlafen gehn und einmal bald und einmal nach Bequemlichkeit den
+Topf benützen und einmal etwas verdienen, mit einem Wort sie wolle
+selbständig bleiben. Und sie fügte hinzu, wie erdichtend, um ihren
+Worten mehr Nachdruck zu geben: »Die Fischmann, die is doch gechitzt.
+Die is doch plem-plem« und fuhr mit der Hand, mit gekrümmten vier
+Fingern nahe an der eigenen Stirn auf und ab.
+
+Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erzählte ihr Arnold, daß er bald
+nach Berlin fahren werde. Wirklich war einmal die Rede davon gewesen,
+daß er in ein Konfektionshaus in Berlin als Volontär für ein Jahr
+eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger hatte ihn
+wieder daran erinnert. Zugleich aber fiel ihm jetzt im Reden ein, daß
+er ja in Berlin zugleich diesen von Eisig angebotenen Journalistenposten
+annehmen könne und, obwohl er das nicht aussprach, verließ ihn der
+Gedanke nicht mehr. »Gib nur schön acht und sei gesund. Da is ach zü
+der Hausfrau neilich e Mädel zugezogen aus Wien und nebbich nach e paar
+Täg is se gestorben.«
+
+Arnold verstand wieder den Zusammenhang nicht, erst später, als von
+etwas anderem die Rede war, fiel ihm ein, daß »Luftveränderung« das
+Bindeglied gewesen sein mochte.
+
+Denn nun ging es in einem Zuge weiter. Die Großmutter, gesprächig
+und bei allen Kräften, schien nur Anlässe zu neuen Erzählungen zu
+suchen und all dies machte nicht etwa den Eindruck, als ob sie Arnold
+als Gast unterhalten wollte, sondern die reine Freude, sich
+mitzuteilen, sprach aus der klangvollen und ruhigen Stimme, die
+mühelos ihrem ungetrübten Geiste, ihrer Lebenskraft zu entströmen
+schien und dadurch den Hörer unmittelbar einnahm. Arnold verglich
+sich freudig mit ihr. »Seh ich der Großmutter nicht ähnlich?« fragte er
+die Mutter. Ja, es sei auffallend. »Aber wie willste mir ähnlich sei«
+lachte die Großmutter. »Ich bin doch bald iber hündert Jahr und du
+nur e Ableger noch.« »Wie alt bist du eigentlich?« mischte sich die
+Mutter ein »die Großmutter macht sich immer älter als sie ist, auch so
+eine Laune.« Aber die Großmutter wußte gar nicht, wie alt sie sei, es
+war ihr auch gleichgiltig. »Ich möcht scho gern weg. I war lang genüg
+do. Ich bin so nur allen zur Last und mir ach.« Seltsam, daß solche
+Reden den Eindruck ihrer Lebensfreude nicht abschwächten, eher
+verstärkten. Ob sie noch einmal jung sein wolle, fragte Arnold. Ohne
+direkt zu antworten, begann sie von einem Onkel Jermige zu erzählen
+»der hat mich emol im Theater aufgeführt, der gute Jermige, alles hat
+er verschenkt aus Rachmonis, an die Arme, und selbst is er im
+Dalles gestorben, nebbich Jermige. Selig, habn se geschrien, damals
+in dem Stück, selig, wenn man noch jung is. Warüm denn, hat man
+gefragt. No da tragen se einen auf den Armen. Willste eppes noch
+auf den Armen getragen werden, so haben se ihn ausgespott', wie
+halt Theater is.« »Du interessierst dich also auch für das Theater«
+fragte Arnold, innerlich erbebend; was für eine verschollene
+Operette mochte da eben in dieser Stube zum letztenmal zu einem kleinen
+Leben erwacht sein! »Die Großmutter! Na und ob sie sich dafür
+interessiert« lobte die Mutter. »Das hab ich per Jerusche« und sie
+kam auf ihre Eltern zu sprechen, auf ganze Familienverzweigungen
+mit ihren Leidenschaften, von denen längst keine Spur mehr auf der
+Erde lebte, und sie zogen vorbei, diese seltsamen Namen wie Moische,
+Srole, Peierl, Haschele, und ein Zusammenhang mit fremden Ortschaften
+ergab sich, von dem Arnold nie etwas geahnt hatte und der ihn
+mächtig aufwühlte, ja in Lichtenstadt hatten ihre Großeltern, die
+Großeltern der Großmutter, gewohnt und dort in dem Packerl müßte noch
+ein Stück Tuch aus Lichtenstadt sein. »Ihre Einbildungen« flüsterte
+die Mutter ihm zu. Auf einmal war diese uralte, eben dem Tode
+entrissene Person selbst ein Kind und erzählte, wie sie einmal auf dem
+gefrorenen Dorfteiche »geklitscht« hatte und dafür Schläge bekommen.
+Wie das Haus ihres Vaters abgebrannt war, der schon damals zehn
+Kinder hatte, neun Söhne darunter, und trotzdem sei die Mutter
+hundertunddrei Jahre alt geworden, und wie die Bauern der Umgebung
+damals für ihn zusammengeschossen hatten, um ihm fürs erste zu
+helfen, aber ein Jahr darauf war schon wieder ein Kind da, in all dem
+Schmerz. »Die Lait habn damals gemeint, das muß so sein.« Und mit
+einer Art von Aufklärung erzählte sie die damaligen Sitten, wie man am
+Samstag kein Geld bei sich getragen habe, weil das als eine Art von
+Arbeit gedeutet wurde, eine »Newere«, ja die ganz Frommen trugen ihr
+Taschentuch um die Hand gewickelt, um es nicht aus der Tasche ziehn zu
+müssen. »Aber gewuchert haben sie dabei« tadelte die Mutter, ernst
+und modern. Nicht einmal eine Beere habe man abreißen dürfen, fuhr
+die Großmutter fort, und da sei einmal jemand (Arnold verstand
+diese Geschichte nicht ganz, viele Ausdrücke kannte er nicht, erst
+später stellte er es sich so zusammen, daß dieser »jemand« die
+Mutter der Großmutter gewesen sein müsse) in den Tempel gegangen,
+durch den Wald, damals habe man noch so weit her zum Tempel gehn
+müssen, und da habe sie der Versuchung nicht widerstehn können,
+eine »Rotbeere« zu pflücken, trotz der Ermahnung des Rabbiners. Und
+darauf sei sie, die Großmutter, mit einem häßlichen Muttermal in
+Gestalt einer roten Beere zur Welt gekommen. Und einmal habe sie
+sich eine Schere genommen, weil man sie auslachte, sei ins Nebenzimmer
+gegangen und habe sich die Beere abgeschnitten. »Davon hast du mir
+aber noch nie erzählt« wurde die Mutter mißtrauisch. Arnold zeigte
+auf einen roten Fleck an ihrer Hand: »Ist es das?«, aus Respekt wies
+er nicht mit dem Zeigefinger, sondern schlug alle Finger bis auf
+den kleinen ein und streckte diesen vor. »Nein, das hob ich mich
+verbrennt, neilich.« Sie wurde nicht irre, und kam nun in der
+Reihenfolge der Generationen auf ihre eigenen Kinder. »Marie, mei
+guts Schof« rief sie plötzlich und Tränen standen ihr im Aug »Nebbich
+hat sie vor mir heruntergemußt. Was hätt ich nicht getan für das
+Kind!« Auch von ihrem Zank mit Poldi wußte sie nichts. Er war zwar
+ein »ungehachelter Kerl«, ein »Parchköppele«, aber was lag daran, einen
+Jux wußte er zu machen und lustig war er, das war doch die
+Hauptsache. Sie schrieb ihm den Einfall zu, daß er beim Alcheten, dem
+Sündengebet, bei dem man sich als Büßer zeilenweise auf die Brust
+klopfte, zu seinem Nebenmann, der besonders heftig klopfte, gesagt
+habe: »Sie, mit Gewalt werden Sie da nix ausrichten.« -- Sie lachte
+hell wie Glöckchen, während sie das erzählte. -- Ja, einmal habe er
+ihr geraten, mit ihrer Stubentür aufs Gericht zu gehn, weil das ihr
+Haupt- und Kassabuch sei. -- Überhaupt, wenn er nur Zeit hätte, er
+würde schon kommen, er würde sie besuchen, sicher. -- Die Mutter
+senkte traurig den Kopf. -- »Poldile, wie haben se den gern gehabt.
+Zu jeder Huxt und Kirmes und Gvatterschaft haben se 'n geloden. Wie
+gefreckt is er mir immer nach Haus gekommen, wie so ein Babinski.
+Einmal aber hab ich gedacht, ich muß ihn holen und hab mer 'n Löffel
+genommen, den großen zum Auswinden für die Wäsch und hab gedacht,
+ich zerschlug ihn an ihm. Frau Goldbergen, habn se mir dort gesagt,
+bleiben's ock do und trinkens Wein mit uns. No so hab ich den
+Löffel unter die Bank gelegt und mitgetanzt.« ... »Was, du bist
+geblieben« Arnold riß die Augen auf ... »Nur e paar Stücklach«
+entschuldigte sich die Großmutter »Jo, das war nicht so wie die
+heutige Welt.« -- »So du glaubst auch, daß es früher besser war« fragte
+Arnold, zart, wie man etwa einen Professor, mit dem man spazieren
+geht, also außer der Stunde, ohne Recht auf Unterricht zu fragen
+wagt, ohne eigentliche Hoffnung belehrt zu werden; nur um ihm
+Gelegenheit zu geben, ihn zu erfreun, riskiert man es, ihn zu
+belästigen. -- »No, es waren halt zugetanere Lait.« -- Als er aber
+weiter drang, mit »Wie« und »Wieso«, schnitt sie ab: »Was, ich hab mir
+nix den Kopf damit eingenommen.« -- Aber oben auf dem Boden habe sie
+einmal einen Korb voll durchgetanzter Schuhe gefunden, alle von Poldi
+und Regieleben ... Die Mutter zuckte die Achseln ... Ein Schuster habe
+sie darauf aufmerksam gemacht, daß Poldi sich jede Woche frische
+Schuhe anmessen lasse. Überhaupt habe er lauter solche »Tipplach und
+Sterzlach« gemacht. Auch Ware über die Grenze geschwärzt, und das
+ausgezeichnet! -- Arnold meinte, auch heutzutage sei man lustig,
+es werde ja eben in Wintertal ein Schützenfest gefeiert: »Nun,
+möchtest du nicht auch mit dabei sein, Großmama?« -- »Es wird ohne mir
+ach gehn.« -- »Aber es ist zu Ehren unseres Kaisers. Liebst du nicht
+unsern Kaisern? Ich habe ihn sehr gern?« -- Ziemlich gleichgiltig
+wandte sie sich ab: »Warüm nicht. Er soll immer gut zu die Jehudim
+gewesen sein.« Vergebens suchte ihr die Mama klarzumachen, daß das
+jetzt nicht mehr so sei, mit dieser Scheidung von Juden und
+Christen. »Laß mich gehn. Wenn's emol zu etwas kommt, so geht's doch
+nur wieder über die Jehudim her. Es hat immer noch für uns e miesen
+Ausbruch genommen.« -- Sie wurde ganz traurig. Um sie zu erheitern,
+erzählte ihr Arnold, daß er in einem Komitee sei (verstand sie das
+Wort? Ja, sie nickte), mit vielen Christen beisammen und daß man sich
+da sehr gut vertrage. Man habe ein lustiges Festessen gefeiert,
+alle mit einander. »Ja, das können se, fressen und saufen, die
+Chaserim.« Er verzweifelte, doch machte er noch einen Versuch,
+indem er ihr von einer Freikarte erzählte, die er als Mitglied des
+Komitees habe, für alle Bahnen. Also auch hierher sei er umsonst
+gefahren. Er zeigte die Legitimation. (Tatsächlich hatte die
+Eisenbahndirektion den Ausschußleuten Ermäßigungen für die Strecke
+nach Waldbrunn gewährt.) »Nu, das is schön« er hatte das Richtige
+getroffen »da erspart man eppes. Da nimmste de ach die Mama mit, nicht
+wahr.« Er lachte: »Nein, das geht nicht.« Und die Großmutter
+erzählte, wie ihr einmal fünf Kreuzer an der Bahnkassa gefehlt
+hätten und der Beamte dort sie nicht habe mitfahren lassen wollen.
+»So e Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das geworden, in dem
+Gedränge, sie habe sich aber nicht wegdrängen lassen, bis ein Herr
+hinter ihr gesagt habe: So ein Skandal wegen fünf Kreuzern -- die alte
+Frau -- und ihr das Geld geschenkt habe. -- Die Mama zuckte nervös
+zusammen, Arnold amüsierte sich, dabei fühlte er aber, daß er etwas
+vergessen habe, bei einer schon vergangenen Wendung des Gesprächs, so
+schnell ging es jetzt. Während die Großmutter weiterplauderte und
+immer so vergnügt, als entschädige sie sich jetzt für langes
+Alleinsein, fiel es ihm ein: »Aber hier hast du dich ja nicht zu
+beklagen. Hier in der Gegend scheinen ja lauter so freundliche offene
+Leute zu sein, und alle so schön.« »No ja« meinte sie »selten sieht
+man so e Larvengesicht. Aber jetzt sind ach Böhmacken hier, so ein
+Haderlumpgesindel, Zorbechol. Was, die verkafen for e Kraizer, was
+früher hat e Gülden gekost.« Sie entfesselte laute Anklagen gegen die
+Konkurrenz. Arnold erinnerte sich indessen wieder an etwas, was er
+vorher hatte fragen wollen: »Du hast schon mehrere Kaiser, erlebt,
+was?« Zuerst verstand sie ihn nicht. »Mehrere Regierungen von
+Österreich.« Das wußte sie nicht. Aber einmal hatte sie eine Krönung
+gesehn: »Do war ich in Prag, und da hat sich was angetan mit Wagen
+und Neugierigkeiten.« Der Krieg von Sechsundsechzig fiel ihr ein,
+dann die Türken und Russen. »Meinthalben sollen se sich die Köppe
+herunterschlagen«, als sei dies alles gestern oder heute geschehn. Sie
+wußte alles, sie verstand alles und man konnte daher nicht sagen, ihr
+Blick sei beschränkt. Wie kam es trotzdem, daß alles, wie es in ihren
+Kreis trat, das Merkmal ihrer eigentümlichen Anschauungsart trug.
+Arnold hätte es gern an dem Naheliegendsten erforscht. Er machte sie
+also auf seine neue Krawatte aufmerksam. »Sehr schön« war das Urteil,
+nach einer strengen Pause jedoch folgte: »aber so verwändlich.« »Ja,
+da mußt du dich in Acht nehmen« lachte ihn die Mutter aus. -- »Tut
+nichts, wir haben uns doch gern« rief er und strich ihr über das Haar,
+das jetzt zu einer runden festen Frisur aus den Zöpfen geschlichtet
+war »Ich hab eine schöne Großmutter.«
+
+Jetzt verlangte sie aber schon dringend, aus dem Bett zu steigen.
+Dabei rief sie die Mama zu sich und sagte ihr etwas ins Ohr, was
+diese sehr zu freuen und umzustimmen schien, denn sie half ihr
+sofort auf. Auch Arnold unterstützte und es war eine ziemlich schwere
+Sache, die Beine der Greisin von der hohen Bettkante allmählich
+vorsichtig auf den Boden zu stellen ... Arnold sah sie nun zum
+erstenmal ganz vor sich. Sie stand da, in ihrer zerknitterten
+Nachtjacke und im roten Unterrock, viel kleiner noch als er sich sie
+aus der liegenden Stellung heraus vorgestellt hatte, mit ganz
+gewölbtem Rücken, den Hals verfallen, mit einer tiefen Rinne zwischen
+den schlaffen Muskeln. Langsam atmete sie und ging, indem sie sich
+zu beiden Seiten am Bett und am Sessel stützte, nur so fortschob. Man
+brachte ihr Pantoffeln. Ihre Beine waren dünn, doch an manchen
+Stellen geschwollen, die Adern hervortretend wie hartes rotblaues
+Holzgeflecht. Und wenn sie ihren Ärmel aufstreifte, sah man die Haut
+bis zum Ellbogen in zahllosen regelmäßigen Furchen, einem
+schwachgewellten braunen Meere ähnlich, dünn, beinahe durchgewetzt
+und so lose, über dem mageren Fleisch, daß sich diese Faltenwellen
+zusammenzogen und wieder abflachten, wenn sie den Arm rieb. Sie
+keuchte und bückte sich immer tiefer. »De Füß, de woll'n halt
+nimmer.« Die Mutter hielt sie fest, hüllte sie in die schwarze Jacke
+ein und führte sie hinaus. Da hatte Arnold, gerade wie ihr Rücken in
+der Türe verschwand, einen Moment lang, nur einen Moment, ein
+flüchtiges unklares unnatürliches Gefühl wie von Sinnlichkeit, diesem
+widerstandsfähigen Körper gegenüber, dieser historischen Schönheit in
+all dem Ruin, wunderliches Zeug fiel ihm ein und er lachte keck auf,
+um es zu verscheuchen.
+
+Nach einer Weile kehrten die beiden zurück. Die Großmutter setzte sich
+auf das Kanapee, dort sitze sie immer am liebsten. »Aber du willst es
+doch nicht haben, das Kanapee« widersprach Arnold. Sie hielt es nicht
+für nötig, ihn aufzuklären, obwohl ihre Miene sehr verständig, gar
+nicht zerstreut, blieb. Von hier aus konnte sie durch die beiden
+Guckfensterchen hinaussehn, das eine führte gegen ein mehrstöckiges
+Hofgebäude, auf der andern Seite war gleichfalls das Licht beinahe ganz
+durch einen Gartenzaun abgeschnitten, hinter dem man eine grüne Pumpe,
+ein Gärtchen und einen jener nicht sehr reinlichen engen Wege sah, wie
+sie seitlich zwischen Hausmauer und Zaun zu führen pflegen ... Über
+jedes Fenster wußte die Großmutter Auskunft. Dort wohnte ein Koch,
+ein geschickter Mensch, und dort die Witwe hatte drei Töchter, von
+denen die älteste an einen Juden verheiratet war und so glücklich, daß
+die zwei ledigen Schwestern auch nur Juden heiraten wollten. Die
+Schusterin dort dagegen hatte sie im Verdacht, daß sie ihr ein
+Pulver gestreut habe, »aus Asis«, wovon sie eben den jetzigen Husten
+habe. Es war eben eine Freundin von Frau Keller. »Oine mit Moine.« Ihr
+Schwager habe neulich das Hotel gekauft, in dem jener Koch angestellt
+war, und so billig ... Der Besitzer war damals betrunken gewesen
+und habe es ja auch nachträglich zurücknehmen wollen, aber da war es
+schon »mit Zeugen festgemacht. Ja so ist's in der Welt. Der eine
+kommt dazü, der andere davon« ... Arnold flocht ein, was er ihr schon
+vormittags erzählt hatte, daß auch einer seiner Freunde jüngst ein
+großes Geschäft gekauft habe. »So?« Das hatte sie schon wieder
+vergessen. Aber mit erstaunlichem Gedächtnis kam sie wieder auf
+frühere Dinge zurück. Einmal, bei irgend einem Besuch, habe ihr Poldis
+Frau nur »Nickelsupp« vorgesetzt (womit sie »Kaninchensuppe«
+meinte), während die Familie selbst Torte zum Mittagmahl hatte.
+Nickelsupp, so was!... Lauter Erfindungen, kopfschüttelte die Mama ...
+Ein Fleischhacker habe die kleine Regie heiraten wollen, als sie erst
+siebzehn Jahre alt war. Die Eltern des Herrn Beer wollten ihr einmal
+sechshundert Gulden geben, wenn sie die Partie zurückgehn lasse.
+Aber da sei sie, die Großmutter selbst, aus Wintertal herangefahren
+und habe ihnen den Kopf zurechtgesetzt: die Hauptsache sei, daß ein
+Mädel koscher kochen könne, das Fleisch tüchtig einsalzen und da
+sei ihre Regie die Richtige ... »Eine Idee hast du gehabt, daß ich
+überhaupt verlobt bin! Ja viel gekümmert hast du dich um uns« sagte
+die Mutter, mit zärtlicher Bitterkeit, indem sie ein Glas mit
+Himbeersaft vom Kästchen nahm »Willst du nicht ein bißchen? Sonst
+trocknet dir noch die Kehle, von dem vielen Erzählen.« -- »Hast e
+Geruschber! Stell das Tippele hin.« -- »No ein bißchen.« -- »Aber
+Mama, du mußt doch deiner Mama folgen. Wirst du gleich das Tipfel
+hinstellen« befahl Arnold mit komischem Ernst.
+
+Ohne zu klopfen war der Doktor eingetreten, ein stattlicher Mann
+mit blondem rundgeschnittenem Vollbart, er lächelte: »No, Mutterle,
+wieder ganz beinand.« -- Arnold machte sich ihm bekannt, die Mama
+kannte ihn schon von früheren Krankheitsfällen her: »Nicht sagen
+läßt sich die Mutter, sie folgt halt nicht.« -- »No, wir werden sehn«
+erwiderte der Doktor, fühlte den Puls: »fieberfrei.« -- »Die Mutter
+will die Medizin nicht nehmen« klatschte ihm die Mama. -- »Medizin
+müssen Sie nehmen, Frau Goldberg, das geht nicht«. Er sprach laut und
+eindringlich zu ihr, wie man gewöhnlich zu ganz alten Leuten spricht,
+er drohte beinahe »das geht nicht«, doch, wie es schien, ohne auf
+besondere Wirkung zu rechnen. Sie nickte, ängstlich und folgsam.
+Indessen hatte man ihm einen Sessel gebracht, mit einer Geberde, als
+sei dies ein Vorzugssessel, obwohl nur zwei ganz gleiche da waren. Er
+ließ sich nieder, indem er auf seine breiten Schenkel klatschte: »No,
+hammer uns wieder aufgerappelt, was?« und legte seinen Kopf an ihren
+Rücken. Nach vorn gebeugt saß die alte Frau auf dem Kanapee, die Augen
+ins Ungewisse, geduldig wie ein Lammerl, während der Doktor, immer den
+Kopf an ihrem Rücken, mit dumpferer Stimme redete: »Was wollen Sie
+haben, gnädige Frau Beer, man muß sie lassen, sie weiß schon selbst
+was ihr am besten taugt ... Tut es Ihnen hier weh« fuhr er in
+veränderter Stimmlage fort, während er den Rücken der Großmutter mit
+einem Finger beklopfte, dessen Spitze er aus der Krümmung
+hervorschnellen ließ »Nein? und hier? Ein bißchen. Und hier?... Wie
+viel Kinder haben Sie gehabt.« »Vier« war die Antwort mit schwacher
+befangener Stimme. Die Mutter war erschrocken, machte Zeichen gegen
+Arnold hin, nein, was sich diese Großmutter schon alles einbildete, sie
+waren doch nur drei gewesen. »Ans is tot zur Welt gekommen« sagte die
+alte Frau, ihre Gedanken erratend. »Davon hab ich aber bisher kein Wort
+gewußt« flüsterte Mama, doch schien sie diesmal eher zum Glauben
+geneigt. Der Doktor pochte weiter. Nun als schiebe er die Patientin
+beiseite, richtete er sich auf: »Ein Vergnügen, das Mutterl zu sehn. In
+meiner Praxis sind mir noch nicht viele solcher Fälle vorgekommen, was
+glauben Sie. Keine Spur von Altersschwäche. Gehör, Gedächtnis, Augen,
+alles intakt. Sie können von Glück reden.« Was spricht er, dachte
+Arnold, er tut, als wäre die Großmama gar nicht vorhanden, und
+trotz all seiner Gemütlichkeit und Freundlichkeit schien ihm der
+Doktor dumm und unfein, eben mit dieser alten Frau verglichen. Und nun
+gar, als er abschweifte und von seiner Praxis zu reden anfing, sich
+breit machte mit Sechs-Uhr-früh-Aufstehn und Arbeiten-bis-zehn-Uhr,
+und dann noch die Gutachten für Gerichte, Versicherungsanstalten,
+das Geschmiere, was glauben Sie ... Arnold fragte ihn, wie lange
+es mit der Krankheit noch dauern könne. »Husten Sie noch?« wandte
+sich der Arzt an die Großmutter, der die Mama indessen wieder ins
+Bett geholfen hatte. »Ja, e bissele.« »Ich werde Ihnen ein anderes
+Mittel aufschreiben« sagte der Doktor und zog auf einen Ruck die
+Füllfeder und sein Ledertäschchen mit dem Rezeptblock hervor, legte
+es aufs Knie und schrieb. »E Mittel mecht ich habn, unter die Erd
+zu kommen« sagte die Großmutter, wie aus einer andern Welt her, und
+schaute ihn dabei mit einer gewissen überlegenen Schalkhaftigkeit
+an. »Aber Mutterle, über der Erde ist's doch viel schöner ... Nicht?«
+wandte er sich breitspurig an Arnold und die Mama Ȇber der Erde
+ist's doch viel schöner, was glauben Sie.« Er zeigte lachend seine
+großen weißen Zähne und meinte noch, sachlich: »So lange sie hustet,
+ist's gut. Der Schleim muß heraus ... Ja, gestern wie ich hier
+war, da hab ich nicht gemeint, daß sie sich so schnell wieder
+herausmachen wird. Aber das ist es halt, dieses Fieber tritt
+manchmal auf, es ist noch nicht genügend beobachtet worden, in den
+medizinischen Fachschriften finden Sie nichts darüber, nur ein
+Praktiker kann Ihnen das sagen, dieses Fieber also tritt bei
+älteren Leuten mit einer enormen Heftigkeit auf, achtunddreißig,
+vierzig Grad, man meint, jetzt muß die schönste Influenza kommen,
+mindestens ein Typhus. Und dann ist's auf einmal nichts. Reines
+Fieber und vorbei, aus.« In Arnold erwachte für einen Moment die
+Erinnerung an zahlreiche ermunternde Gespräche mit seinem Freund Löb:
+»Nun, werden Sie das nicht genauer beobachten? Werden Sie nicht
+darüber schreiben?« -- Der Arzt sah ihn förmlich mitleidig an: »Ich
+und schreiben! Wo hab ich denn Zeit« und er kam auf seinen seltsamen
+Studiengang zurück, beinahe wäre er Dozent geworden, nun, man
+wisse nicht, ob es so nicht besser sei. Die Arbeit sei sein größtes
+Vergnügen, da fühle sich der Mann. Von früh bis Abend zu tun.... Die
+Mama war beunruhigt: warum er bei so einem großen Einkommen nicht
+heiratete ... Er lachte kräftig: wozu er das nötig habe, ihm fehle
+ja nichts, er sei zufrieden ... »Dos da« mischte sich jetzt die
+Großmutter ein, die nur scheinbar teilnahmslos dagelegen war »Dos da
+is e Köppile, mei Arnoldele, der is ach tüchtig, der hat Chochme, er
+schreibt ach in Zeitungen.« Das hatte ihr die Mutter erzählt und
+jetzt brachte sie es instinktiv gegen die Protzereien des Doktors
+vor. »So, das interessiert mich aber sehr« wandte sich der Doktor
+an ihn und redete längere Zeit darüber, daß er sich nicht oder
+doch erinnere, seinen Namen einmal gelesen zu haben, und: »Was für
+ein Genre kultivieren Sie?« Er werde von nun an achtgeben. Bei der
+Erwähnung von Arnolds Reisebriefen kam er auf seine Reisen zu
+sprechen, jedes Jahr zwei Monate lang -- was glauben Sie, einmal im
+Jahr muß man tüchtig ausspannen. Er gab sich in diesem Zusammenhang
+auch noch als »Nimrod« zu erkennen. So blieb er beinahe eine Stunde
+und Arnold sagte sich, daß er freilich auf diese Art mit seinen
+Patienten bis Abend nicht fertig sein könne. Doch sofort korrigierte
+er sich innerlich: es ist dies ja seine einzige Visite, das
+betrachtet er wohl nur als Erholung, ich habe ja den Andrang in seiner
+Wohnung gesehn -- nur nicht ungerecht sein -- so ein netter Mensch.
+Die Großmutter schien er allerdings über seinen Erzählungen etwas
+vergessen zu haben, nur als sie hustend seufzte, rief er ihr zu:
+»Was wollen Sie! Sie sind die Gesündeste hier im Zimmer. Sie werden
+uns noch alle überleben.« Im Weggehn stieß er an die Kohlenkisten
+und, als müsse er alles wiederholen, was Frau Lichtnegger über ihn
+berichtet hatte, ließ er zum Abschied den Witz fallen: »Nun, was
+für Schätze haben S' denn da eingesperrt, Mutterle. Das ist ja wie im
+Märchen.«
+
+Sie atmete auf, als er draußen war: »Hast e Kol gehabt. Alles nur was
+wahr is.« Dann wurde sie stiller, da gegen Abend ein leichter
+Fieberrückfall sich wieder einstellte ... Arnold mußte ans Weggehn
+denken, es war spät geworden, und in einer angstvollen Unruhe fragte
+er sich, ob er noch einmal im Leben dieses liebe Gesicht, den
+eingesenkten Mund, den er küßte, wiedersehn würde, ob das nicht
+ein Abschied für immer sei ... Er konnte nichts herausbekommen, was
+ihren Anschauungsformen entsprochen hätte. Und doch, wie gern hätte er
+etwa vorgebracht, daß dieses Wintertal, bisher ein ihm gänzlich
+gleichgiltiger Flecken, von nun an eine ungeheure Bedeutung für ihn
+habe -- daß er es stets in seinem Rücken wie eine Festung spüren werde
+-- oder was für eine seltsame Reise hierher das eigentlich gewesen
+sei, da er von der Stadt aber nicht den geringsten Eindruck gewonnen
+habe, nicht einmal wisse, wo der Marktplatz sei, daß diesmal sich alles
+nur zu ihrem Bilde verdichtet habe und alle Straßen nur Linien waren,
+die durch farblose Luft zu diesem Bilde hinführten ... Er stammelte
+und, während er rot wurde, fühlte er, daß seine Wangen schon von
+früher her heiß waren, daß er wohl seit dem Morgen mit dieser Röte
+gezeichnet herumging. Und plötzlich brach ihm ein Strom von Tränen
+wie aus dem Innern des Kopfes hervor, in die Augen, während er sich
+zu ihr niederbeugte: »Großmutter, liebe, liebe ...« -- Die
+Großmutter indessen schien sich über den Abschied weniger aufzuregen,
+als er gefürchtet hatte. Nur ihre Hände zitterten, die sie ein Weilchen
+auf seinem Kopf hielt, um ihn zu segnen.... Die Mutter blieb wohl
+noch zwei Tage lang hier, sie trug ihm auf, einiges dem Papa und den
+Dienstmädchen auszurichten ... In der Stube war es nun ganz dunkel.
+Die Mutter hatte eine neue Petroleumlampe gekauft und schickte sich
+an, sie anzuzünden, während Arnold langsam hinausschritt. In der
+Türe blickte er sich um, fing aber keinen letzten Blick der
+Großmutter mehr auf, da sie gerade der Mama angelegentlich, mit
+gespanntem Gesicht in die Hand schaute. Der Docht flammte auf und
+beleuchtete ihre Stirn, auf der die zwei Halbkugeln über den
+Augenbrauen je einen blitzenden Punkt bekamen, wie selbstleuchtende
+kleine Sonnen. --
+
+Beinahe verfehlte er den Zug. Welchen Zug denn? -- Natürlich nicht
+den in seine Heimat, sondern über Dresden nach Berlin. -- Sowie er
+die Hütte verlassen, hatte ihn nämlich dasselbe Gewirr wie zu
+Mittag befallen. Auf dem Bahnhof aber war mit einem Mal sein Plan
+fertig, wurde ihm wie auf einem Teller von unsichtbarer Hand vor das
+Gesicht geschoben: sofort an Gottfried Eisig telegraphieren, daß er
+den Journalistenposten in Berlin annehme, den Eltern dasselbe, und
+sofort nach Berlin abreisen, obwohl es dort nur hölzerne Treppen,
+keine steinernen gab. -- Plötzlich sah er sich aus den kleinen
+Verwicklungen seiner Heimatstadt herausgehoben, vor ein neues
+Leben gestellt, als hätte ihm die Großmutter erst gezeigt, wie groß
+die Welt sei und wie verschiedenartig die Möglichkeit zu wirken für
+den Energischen. Und zwischen den glatten hellerleuchteten Wänden
+des Eisenbahnkoupees, den Blick auf das schwarze Viereck des
+Fensters geheftet, auf die Nacht da draußen, überkam ihn eine schier
+übermenschliche Freude ... Was lag ihm am Komitee, was an Lina! Es
+würde schon nicht das Ärgste geschehn, es würde sich schon irgendwie
+aussitzen. Was war denn eigentlich dabei. Ihre Worte klangen ihm im
+Ohr: An Heiratsanträgen habe ich keinen Mangel. Und dann, sie
+hatte sich ihm an den Hals geworfen, mochte sie dafür büßen. Ebenso
+dieses Komitee, genau so ... Er spürte in sich den bisher nie
+geahnten Willen, hart und rücksichtslos vorzugehn, über die Köpfe
+dieser unbedeutenden Menschen, die sich an ihn hängten, mit
+Gleichgiltigkeit hinweg. Und lustig noch dazu, ohne viele Umstände.
+Diese Lina -- den ganzen Tag hatte er an sie nicht gedacht -- jetzt
+erinnerte sie ihn mit ihrem Gerhart an der Hand an die klägliche
+Frau Lichtnegger mit ihrem einfältigen Jungen, nur daß sie noch
+außerdem diesen Exophthalmus hatte, den ekligen, diese kupplerischen
+Rollaugen, die ihm sogar krankhaft schienen, da er sich nun auf den
+medizinischen Namen besonnen hatte. Es war ihm fast, als hätte sie
+ihn beleidigt, als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg
+damit! Es war nicht die Hauptsache ... Vielmehr dies: tüchtig sein,
+endlich etwas leisten, mit sich selbst zufrieden sein, so lange man
+lebt, und wenn man schon die unglückliche Gabe der Vielseitigkeit und
+Gewandtheit in sich hat, diese Üppigkeit in den einzig hierfür
+möglichen Beruf leiten: den Journalismus. Er hatte die bescheidene
+Idee, daß dies allerdings nicht das Letzte, Tiefste, für die Menschheit
+Wichtigste sei -- und doch, nun da er erkannt hatte, daß darin seine
+eigentliche Begabung lag und daß sein Leben eigentlich von Jugend an
+darauf hingezielt hatte, nun fühlte er eine Liebe zu dieser
+Öffentlichkeit und allseitigen Bewegung in sich, ein Feuer, das selbst
+einen geringeren Gegenstand geadelt hätte. Es war ja so schön: reden,
+schreiben, heiß sein, immer im Galopp, aus der weißen kreidigen
+Asphaltwüste einer ungeheuren Stadt Lorbeerhaine und grüne duftende
+Zedern aufreißen, alles mit sich ziehn, Bühnen gründen, Vereine, neue
+Stile, Warenhäuser, Reichtümer -- o, es mußte glücken! Denn nun liebte
+er auch sich selbst -- zum erstenmal in seinem Leben -- sich selbst und
+alles, was aus ihm herausdrang. Er war allein mit sich und doch nicht
+unzufrieden wie sonst immer, er fand sich selbst sympathisch, so wie er
+sich als Resultat der Wanderungen und Untaten seiner Väter erkannt
+hatte, ihrer Jahrtausende alten Verblendungen, ihres Blutes, ihrer
+Tugend und ihres Überschwangs. In seinem unmäßigen Temperament faßte er
+heute zum erstenmal das Erbe jenes biblischen Zornes, mit dem ein Volk
+von Raubtieren aus der Wüste sich über den Jordan schüttet und die
+Städte unbekannter Stämme mit der Schärfe des Schwertes austilgt, jenes
+Zornes, den Simson in lachenden, vor Lachen beinahe sinnlosen
+Heldentaten ausübt. Arnold fühlte Boden unter seinen Füßen, das war es,
+zum erstenmal ... und wie sich ihm eine ganze Nation, eine Reihe von
+klotzstirnigen gewalttätigen aufdringlichen Ahnen erschloß, zu deren
+Füßen unglückliche Opfer, häßlich schreiend, verbluteten: so spürte
+er doch zugleich auch in sich all ihre in die Luft verhauchten
+Zärtlichkeiten, ihre feinnervige Sehnsucht, ihr Klagen wie das
+Rauschen eines Waldes, ihr freundliches und gescheites Aufpassen
+mit Lichtpunkten in den Augen, ihre kühnen unerschrockenen Würfe,
+ihr natürliches Führertum und Erzählertum, ihren selbstverständlichen
+Lebenswandel, den man fast fromm nennen konnte, und ihre Ergebung
+in das große Schicksal aller Menschlichkeit, nicht zu ergründen und
+deshalb nicht zu beklagen.
+
+So saß er und bald beschäftigte ihn, da die Erregung nachließ und
+endlich der feste Entschluß wie ein starrer Goldklumpen zurückblieb,
+nur der Gedanke, ob er auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin rechts oder
+links aussteigen werde. Das heißt: er wußte, nach der Fahrtrichtung,
+daß der Zug von Südosten in den Bahnhof einfahren müsse und daß also
+zur rechten Hand auszusteigen sei, denn auch die Lokalität dieses
+Bahnhofs war ihm von früheren Berliner Aufenthalten her wohlbekannt.
+Beim Einsteigen in Wintertal mochte er aber irgendwie die Richtungen
+verwirrt haben, kurz, nun hatte er immer das Gefühl, daß der Bahnhof
+links kommen werde. Er rückte von einer Bank auf die andere, versuchte
+gleichsam seinen Kopf umzudrehen, umzustülpen, vergebens, die
+richtige Orientierung wollte sich nicht mehr einstellen. Endlich ergab
+er sich in seinen Wahn, lächelnd, da die Lösung bei der Einfahrt
+sich sowieso von selbst einstellen mußte, und nahm die seltsame, ja
+geheimnisvolle Unordnung dieser Nachtfahrt für den letzten Ausklang
+seiner jugendlichen Ziellosigkeit, die jetzt für immer abgetan war.
+
+
+
+
+Nachwort
+
+
+Dem geneigten Leser wird es nicht entgehn, daß der Dichter in diesem
+Buche mit verstärkter Entschlossenheit in einer Richtung fortschreitet,
+die er in seinem letzten Roman »Jüdinnen« begonnen hat.
+
+Da also Vorwürfe und Einwände, die gegen die »Jüdinnen« erhoben
+wurden, das neue Buch wiederum treffen dürften, und zwar verdoppelt
+-- denn man wird mit Recht dem Dichter vorhalten, daß er auch
+wohlwollende Ausstellungen sich nicht zu Nutze hat machen wollen, man
+wird ihn engherzig und verstockt nennen --: so wird es wohl nicht
+müßig scheinen, wenn ich auf einige dieser Vorwürfe an dieser
+Stelle eingehe, nicht um sie zu entkräften -- denn kann ehrlich aus
+dem Herzen Geschleudertes jemals entkräftet werden --, sondern nur,
+um zu zeigen, wie ich diese Vorwürfe in meinem Innern geordnet,
+gruppiert, teilweise mit meinem Willen in Übereinstimmung gebracht
+und teilweise der allgemeinen Harmonie der Welt zum Ausgleichen
+überlassen habe.
+
+Nun an die Sache!
+
+Da sei zunächst für das vorige Buch, wie für dieses und für alle
+meine zukünftigen das Mißverständnis, als seien in den hier handelnden
+Personen irgendwelche lebende Menschen meiner Umgebung porträtiert
+worden, weit zurückgewiesen. Wohl haben Beobachtungen des Wirklichen
+und Gedanken, die mir das Leben selbst eingab, in meine aufbauende
+Arbeit bewußt und unbewußt eingespielt; doch hat jedes, auch das
+geringste tatsächliche Detail durch seine Einfügung in ein ganz
+andern Gesetzen und höheren Zielen folgendes Ganzes so gründlich
+seine Wesenheit geändert, daß ein Rückschluß von dem Kunstwerk auf den
+verarbeiteten Rohstoff zu den willkürlichsten Irrungen führen muß --
+wie denn überhaupt der Satz, daß alle in einem Kunstwerk irgendwie
+vermutete handgreifliche Wirklichkeit sich letzten Endes als eine
+Wirklichkeit höheren Ranges, mithin für den gemeinen Kopf als ein
+bloßer Schein darstellen muß, hier durchaus und im strengsten Sinne
+statthat.
+
+Ein ebenso entschiedenes »Nein« kann ich der zweiten Gruppe der
+Unzufriedenen nicht entgegensetzen: denen, die die Figuren meines
+Romans »Jüdinnen« oder doch ihre Mehrzahl als »unsympathisch«
+bezeichnet haben. Zwar liegt auch diesem Urteil eine allzu enge
+Anschmiegung von Lebens-Maßstäben an das Kunstwerk zu Grunde und das
+Beiwort »unsympathisch« gehört eher in die Schule des täglichen
+Verkehrs als in den Mund eines Kunstrichters: doch will ich mich auf
+diesen frostigen Standpunkt nicht zurückziehn, lieber gestehn, daß
+ich selbst mit den erfundenen Gestalten der »Jüdinnen«, mit Irene,
+Olga, Hugo und den andern, nicht nur durch literarische Gefühle,
+auch durch menschliche Parteinahme und Liebe mich verbunden fühle.
+Durch Liebe: damit habe ich ausgesprochen, was ich auf den Vorwurf
+des »Unsympathischen« zu erwidern habe. Ich gebe zu, daß meine
+Gestalten, als Menschen betrachtet, böse Züge und Charakterfehler
+aufweisen; aber eben ihr Fehlerhaftes und damit das Fehlerhafte eines
+ganzen Menschentypus, zum Beispiel aller Jüdinnen wie Irene, als
+etwas durch ungünstige Lebensumstände Bedingtes, als Krankhaftes,
+Unverschuldetes, Notwendiges, durch besondere Zufälle sogar Heilbares
+anzusehn, das wollte ich lehren. Für mich ist Irene weit eher
+bemitleidenswert als unsympathisch. Der flüchtige Betrachter nur wird
+bei einem Verdammungsurteil über unglückliche Wesen stehn bleiben,
+deren Aufschreie, deren tüchtigen Kern und bis an das Himmelsgewölbe
+reichende Wichtigkeiten meine eindringendere Darstellung aufdecken
+wollte, die freilich ohne eindringenderes Lesen, ja Studium des
+Buches wirkungslos bleibt.
+
+Von hier ist nur ein kleiner Schritt zu machen, um dem Tadel, diesen
+Büchern fehle die »Handlung«, entgegenzutreten. In ihnen ist freilich
+keine Kaiserkrone zu vergeben, auch Mord und Raub kommt nicht vor. Es
+werden Vorgänge geschildert, die einem Nichtbeteiligten oft als
+geringfügig erscheinen mögen. Aber eben nur dem Nichtbeteiligten. Daß
+aber die Geschehnisse die ganze Seele der handelnden Personen, ihr
+Edelstes und ihr Niedrigstes, aufwühlen, daß nur von außen gesehn
+alltägliche und langsam fortschreitende Tatsachen, aus dem Herzen
+der Betroffenen gesehn aber schnelle Umstürze, Überraschungen,
+Verwicklungen, Mord und Raub vor sich gehn: das haben fühlende Leser
+wohl nicht unbemerkt gelassen und das weiter auseinanderzusetzen,
+würde mir wenig anstehn.
+
+Noch zwei Gegenstimmen. Mein Buch sei zu ausgeprägt jüdisch, sagt die
+eine und die andere, es sei nicht jüdisch genug. Nun könnte ich
+mit einer nicht einmal sophistischen Wendung diese beiden Sätze gegen
+einander ausspielen und gegenseitig für widerlegt erklären. Doch
+würde mich eine solche ausweichende Art der Möglichkeit, mich mit
+meinen Lesern rechtschaffen zu verständigen, berauben und ohne die
+ehrliche Hoffnung auf eine solche Verständigung hätte ich ja diese
+ganze Ausführung ungeschrieben lassen können. Ich will also lieber
+annehmen, daß hinter diesen beiden schnellen Einwänden ein dritter,
+wenn auch nur dunkel gedacht, verborgen liegt und daß er etwa darauf
+abzielt: meine Bücher hätten keine entschiedene Tendenz, kein Ethos,
+sie äußerten trotz ihrer Titel keine eigentliche Meinung über das
+Wesen und die Zukunft des Judentums. -- Wie nun aber, wenn gerade
+in diesem Nichtäußern ein Stück meiner Meinung über das Judentum, ja
+meines ganzen weltanschaulichen Wollens läge! Ich habe es nirgends
+unternommen, den Typus des Juden oder der Jüdin zu schildern, weil
+ich einen solchen Typus genau gesprochen nicht anerkenne. Vielmehr
+scheint mir die Mannigfaltigkeit und das Umfassen vieler Gegensätze
+dem Judentum sehr wesentlich zu sein, und ich habe dementsprechend
+meine Aufgabe darin gesehn, zunächst für kleinere Gruppen von Juden
+einen Typ zu bilden. Als solcher Typ einer immerhin ziemlich
+umfassenden Menschheitsgruppe wollen Irene, Olga u. s. f. angesehn
+werden, und auch das vorliegende Buch stellt »das Schicksal _eines_
+Juden«, _vieler_ Juden vielleicht, aber nicht einmal andeutungsweise
+_aller_ dar. Es sollen vielmehr in einem Zyklus weiterer Romane
+ganz andere, zum Teil entgegengesetzte, ergänzende Typen so lange
+auftreten, bis ein Aufsteigen von dieser Typenreihe zu einem höheren
+Typus vielleicht möglich erscheint, vielleicht als undenkbar für
+immer abgelehnt wird. In diesem erhofften Zeitpunkt wird sich das Bild
+des Gesamtjudentums allerdings, wie ich schon jetzt voraussehe,
+wesentlich komplizierter, kräftereicher, fließender, vor allem auch
+harmonischer darbieten als es seinen jetzigen wohl allzu einseitigen,
+wenn auch in manchem Hinblick vortrefflichen Theoretikern wie
+Birnbaum, Sombart, Buber, Zollschan u. a. erscheinen kann.
+
+Albert Ullrich Buchdruckerei
+Berlin SW68/Hollmannstr. 22
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ werden, daß er sich schon oft genug mit aller Sehn ucht in sie
+ werden, daß er sich schon oft genug mit aller Sehnsucht in sie
+
+ ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm o sehr
+ ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm so sehr
+
+ er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszu orschen
+ er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszuforschen
+
+ Sphäre ziehen konnte, daß Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er
+ Sphäre ziehen konnte, das Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er
+
+ mit dir? Sammelst du?« .. An langen Nachmittagen grübelte er über
+ mit dir? Sammelst du?« ... An langen Nachmittagen grübelte er über
+
+ Üeberlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon
+ Überlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon
+
+ gespensterheaftr Schülerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das
+ gespensterhafter Schülerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das
+
+ Karrikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem
+ Karikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem
+
+ »im modernsten Genre« schrieb, selbst verfertigte, Verse, die sich nicht
+ »im modernsten Genre« schrieb, selbst verfertigte Verse, die sich nicht
+
+ räuberischen Üeberfällen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen
+ räuberischen Überfällen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen
+
+ es schreit. Sieg! Sieg
+ es schreit. Sieg! Sieg!
+
+ attakierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines
+ attackierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines
+
+ elfenbeinenen Kästchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen
+ elfenbeinernen Kästchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen
+
+ hinausgestreutes Leben zu bringen .. Und grimmig ging er die
+ hinausgestreutes Leben zu bringen ... Und grimmig ging er die
+
+ versäumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arrogaten
+ versäumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arroganten
+
+ Arnold mit ausgeschöpften trockenem Herzen zurückblieb. Überdies
+ Arnold mit ausgeschöpftem trockenem Herzen zurückblieb. Überdies
+
+ mit ihr, erwiederte ihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst
+ mit ihr, erwiderte ihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst
+
+ Opern wie »Zampa« »Wasserträger« vom weiten erkannte, zum allgemeinen
+ Opern wie »Zampa«, »Wasserträger« vom weiten erkannte, zum allgemeinen
+
+ bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mitAbscheu erfüllte. Von
+ bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfüllte. Von
+
+ unerwarterweise stießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge
+ unerwarteterweise stießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge
+
+ Statur unter diesem Galloppieren litt ... Welches Vergnügen fand er nun,
+ Statur unter diesem Galoppieren litt ... Welches Vergnügen fand er nun,
+
+ gehabt .. Heute bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des
+ gehabt ... Heute bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des
+
+ endgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte,
+ entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte,
+
+ weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr eine eine
+ weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr eine
+
+ Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort, daß sie jetzt schon
+ Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon
+
+ ihrem lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn
+ ihren lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn
+
+ »Ich mußte mir doch mal ansehn, wie sie wohnen«. Er fand kein Mittel
+ »Ich mußte mir doch mal ansehn, wie Sie wohnen«. Er fand kein Mittel
+
+ abspazierte, winzige Zigarretten rauchte, dann aber gleich wieder im
+ abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im
+
+ nachgibig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, faßte sie
+ nachgiebig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, faßte sie
+
+ meinte im Weggeben: »Also wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz
+ meinte im Weggehen: »Also wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz
+
+ Auf seinen Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der
+ Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der
+
+ Schimpf Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal
+ Schimpf, Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal
+
+ Man schickte ihr Geld, doch erst sei heuer, bis dahin hatte sie
+ Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie
+
+ mit Kreide irgendwelche selsame Zeichen zusammen. -- Überdies habe sie
+ mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- Überdies habe sie
+
+ Glotzaugen wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern,
+ Glotzaugen, wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern,
+
+ »Ich kann nimmer gehn« jammerte sie schwach »Ich hab mr ja gewünscht,
+ »Ich kann nimmer gehn« jammerte sie schwach. »Ich hab mr ja gewünscht,
+
+ »Sei haben geschrieben« sagte die Alte still »Ich hab ihnen nix
+ »Sei haben geschrieben« sagte die Alte still. »Ich hab ihnen nix
+
+ Armseligte, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen
+ Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen
+
+ Zärtlichkeiten und Kosennamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte
+ Zärtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte
+
+ einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Sckicksale erkennt.
+ einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt.
+
+ Gäste ein. Man aß von einem ausgebrriteten Papier weg ... »Nun, Mutter,
+ Gäste ein. Man aß von einem ausgebreiteten Papier weg ... »Nun, Mutter,
+
+ Schüssel?«
+ Schlüssel?«
+
+ Gefühl von Unverantwortlichkeit befiehl ihn, als würde er aus einem
+ Gefühl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als würde er aus einem
+
+ im einem glänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem
+ in einem glänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem
+
+ vielleicht war die Großmutter tot. Er beugte sich über Gesicht, sie
+ vielleicht war die Großmutter tot. Er beugte sich über ihr Gesicht, sie
+
+ eeschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie
+ erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie
+
+ Das Gespräch wurde nun immer lehhafter, während die Großmutter immer
+ Das Gespräch wurde nun immer lebhafter, während die Großmutter immer
+
+ «Ich werde es dir also ...« »Ich möchte sagen« unterbrach sie »e Kopf
+ »Ich werde es dir also ...« »Ich möchte sagen« unterbrach sie »e Kopf
+
+ noch Blumen sollten in den Fenster stehn, wie bei den Nachbarn
+ noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn
+
+ Magenliqeur trank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn
+ Magenliqueur trank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn
+
+ Farben. So kam es, daß er mit er der Speisekarte zugleich die Zeitung
+ Farben. So kam es, daß er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung
+
+ fettgedruckte Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schätze sich
+ fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schätze sich
+
+ Hütte anssehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern
+ Hütte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern
+
+ standen am Bett der Großmutter und plauderte mit ihr in einem solchen
+ standen am Bett der Großmutter und plauderten mit ihr in einem solchen
+
+ ein Jahr eintreten sollte, die steinere Treppe bei Doktor Heiger
+ ein Jahr eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger
+
+ «So e Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das geworden, in dem
+ »So e Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das geworden, in dem
+
+ Holzgeflecht. Und wenn sie ihren Ärmel- aufstreifte, sah man die Haut
+ Holzgeflecht. Und wenn sie ihren Ärmel aufstreifte, sah man die Haut
+
+ erwiderte der Doktor, fühlte den Puls. »fieberfrei.« -- »Die Mutter
+ erwiderte der Doktor, fühlte den Puls: »fieberfrei.« -- »Die Mutter
+
+ ihn be eidigt, als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg
+ ihn beleidigt, als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg
+
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Arnold Beer, by Max Brod
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ARNOLD BEER ***
+
+***** This file should be named 34782-8.txt or 34782-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/4/7/8/34782/
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
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